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Transpersonale Studien Jochen Adam

Herausgeber:
Prof. Dr. Wilfried Be/sehner
Prof. Dr. Dr. Peter Gottwald
Ich und das B'egehren
in den Fluch'ten:d:,er
Signifikanten
Die Reihe Transpersonale Studien versteht sich als ein Forum, in dem
Fragen der seelisch-geistigen Entwicklung behandelt werden. Ange- Eine Vernähung der
sichts der Faszination, die nach wie vor von einem materialistischen
Menschen- und Weltbild ausgeht, soll ein Ort für den Austausch über
Lacan'sehen Psychoanalyse
Grundfragen des Humanum geschaffen werden: Wer bin ich? Woher mit dem Zen-Buddhismus
komme ich? Wohin geht ich? Sie sollen aus unterschiedlichen Per-
spektiven erörtert werden. Die Beiträge werden diese Grundfragen
umkreisen, um verschiedenartige Sichtweisen gewinnen und verglei-
chen zu können. Alle diese Texte respektieren wir als Versuche, das
dem Menschen innewohnende Numinose zur Sprache zu bringen.
Und wir können uns als Forscherinnen und Forscher erleben, die auf
dem Weg sind, das menschliche Bewußtsein zu erkunden und die
eigene Wandlung zu erfahren.

BIS-Verlag der earl von Ossietzky Universität Oldenburg


Inhalt

GELEITWORT 11

1 VORWORT 17
1.1 Sich-satt-Haben und Wille zum Anderssein 17
1.1.1 "Absolute Ruhe, bitte!" 17
1.1.2 Verstrickung 19
1.2 Wissenschaft, Religion, Magie 20
1.3 Wissen und Wahrheit ; 22
1.4 Die Philosophie des Aufschubs 23
1.5 Aktivierung des Rests 24
1.6 Neurose und Depression 27
1.7 Das Fehlen des Hegemonialsignifikanten und die Schonung der
Differenzen 28
1.8 Die Wissenschaft im Dienst an den Gütern 32
1.9 Die Wissenschaft und das sich nicht wissende Wissen 36
1.10 Reisen nach Japan 38
1.11 Nullpunkt der Zeit 39

BIS-Verlag, Oldenburg 2006


2 DIE (DE)KONSTRUKTION DES ICH BEI LACAN 43
2.1 Sei nicht, der du bist! ; 43
Verlag / Druck / BIS-Verlag
Vertneb: der earl von Ossietzky Universität Oldenburg 2.2 Erinnerung an das Spiegelstadium 45
Postfach 25 41, 26015 Oldenburg
2.3 (K)Eine Spur von Selbsterkenntnis 51
TeL 0441/7982261, Telefax: 0441/7984040
E-Mail: verlag@bis.uni-oldenburg.de 2.4 Ganzheit, Mangel und die Kastration des anderen 55
Internet: www.bis.uni-oldenburg.de
2.5 Da~ Begehren , 61
ISBN 3-8142-2018-8 2.6 Lacans Ödipus auf Kolonos 67
ISBN 978-3-8142-2018-5 2.7 Wie (nicht) sprechen 72
2.8 Lacans Konzeption des Unbewussten 77 5.1 Auf- und absteigende Mystik 145
2.9 Mit dem Körper denken 82 5.2 Konjekturen zur Plotinischen Mystik gegenüber Zen und
Analyse , 148

3 VOM SYMPTOM ZUM SINTHOME 87 5.3 Die "Axiomatik der Apophasis" bei Dionysius und der
Hyperessentialismus 152
3.1 Die Destitution 87
5.4 Das Meister/Schüler-Verhältnis in der negativen Theologie 159
3.2 Die Vemähung 90
5.5 Meister Eckhart 161
3.3 Das Phantasma der Realität und das Reale 94
5.6 Der Bruch mit dem Erbe 163
3.4 Die Präsenz des anderen 98
3.4.1 Das Recht des Subjekts 100 5.7 Das Erbe als "seinsgeschichtliches Geschick" und die
analytische Wahrheit versus Welt und Realität.. 164
3.5 Die Rückverwandlung des Symbolischen ins Imaginäre 101
5.8 Das Tragische der Analyse 172
3.6 Wo das Symptom war, soll das Sinthome werden 105
3.6.1 Die Armatur der Gedanken 105 5.9 Wie das Phantasma durchqueren, ohne tragisch zu werden? 179
3.6.2 Die Kunst und das Leiden 108
3.7 Die Schönheit und der FehL 111 6 DAS LEERE SUBJEKT 183
3.7.1 Wie japanische Nonnen begehren 113
6.1 Das eigentliche Ich und die Leerheit des Subjekts 183
3.7.2 Proletarier des Seins 116
6.2 Weder Wahn noch Mythos 187
3.8 Die Philosophie als Symptom und der analytische Diskurs 117
3.8.1 Es gibt kein Wissen, das sich schließt! 117 6.3 Weder Weisheitslehre noch positive Religion 188
3.8.2 Lacans Denkweg zum Buddhismus 120
6.4 Entstehung in Abhängigkeit versus Descartes 190
6.5 Zazen 1 194
4 ZWISCHEN THERAPIE VND (LEHR)ANALYSE 123
6.6 Zazen 2 196
4.1 Konstruktionen und Rekonstruktionen 123
6.7 Das Bodhidharma-Koan 200
4.2 Analyse versus Therapie 125
6.7.1 Die Preisgabe der Logik des Opfers 205
4.2.1 Das Verfehlen des Symbolischen 125
6.7.2 Das Opfer als Form der Leugnung der Kastration des anderen bei
4.2.2 Die Therapie ist Symptom 130
Lacan und im Zen 207
4.2.3 Zwei Kennzeichen zur Unterscheidung von Psychoanalyse und
Therapie 133 6.8 Nicht-Irrende Narren, Irrende Nicht-Narren, Erleuchtete Sich-
Täuschende und Sich nicht Täuschende Nicht-Erleuchtete (Von
4.3 Das adressierte Selbstgespräch 135
Lacan zu Dögen und zurück) 213
4.4 Das Zurückgeben der Frage in umgekehrter Form 137 6.8.1 Das neue Bündnis 217
6.9 Jenseits des Spiegelbildes 221
5 DISKURS ÜBER DIE MYSTIK 145 6.10 Reden von der Erleuchtung 228
7 DIE VERBOTENE MEDITATION 237 9.2 Autorisierung und Übertragung 312

7.1 "Die Arbeit muss weitergehen!" 237 9.3 Lehre, Transmission und die natürliche Autorität.. 316
7.2 Ein anderes Paradigma: Die Topik von Mathem und Nicht- 9.4 Die Person als Maske des Nichts oder der Analytiker als Heiliger .. 320
Mathem im frühen Buddhismus 242 9.4.1 Die Moralität der Meister/Analytiker und die moralische Norm 320
9.4.2 Liebe und Lust ' 325
7.3 Das Mathem als das Design des Nicht-Mathems 245 9.4.3 Die Pause des Heiligen 325
7.3.1 Das mehr als Wissbare 245
7.3.2 Die Matheme als Koan 246 9.5 Eine Reise nach China 327
7.3.3 Zurückweisung eines Missverständnisses 249
7.4 Matheme des Nicht-Mathems und die Grenze zwischen Innen 10 LITERATURLISTE 339
und Außen 250
7.4.1 Die Inszenierung einer transformatorischen Praxis 250
7 A.2 Die Agenten der signifIkanten Konvention 251
7.4.3 Überall Polizei. 255
7.5 Die Matheme und Knoten sind keine Junggesellenmaschinen 260
7.5.1 Ist das Nicht-Mathem mathematisierbar? 260
7.5.2 Der Wissenstrieb der Zen-Schüler 262
7.5.3 Der enggefiihrte Signifikant 264
7.6 Die Versenkung, der Schmerz und die Entpsychologisierung 268
7.7 Verlust und Fehlen 271

8 DISKURS ÜBER DEN SCHMERZ 275


8.1 Der "vollendete Schmerz" und sein Anschein 275
8.2 Die Spiele des Schmerzes 279
8.3 Alles 1st Schmerz 284
8.4 Die Lehrrede ,,Furcht und Schrecken" aus der Suftapitaca 288
8.5 Vom Anfang und Ende der Angst 294
8.6 Der Totalschaden 298

9 LEERHEIT LERNEN UND LEHREN 305


9.1 Das leere Grab 305
9.1.1 Die Passe 310
Geleitwort

Die vorliegende Arbeit kann in eine Traditionslinie eingezeichnet werden,


die mit Erich Fromms Untersuchung der Beziehungen zwischen der Psycho-
analyse und dem Zen-Buddhismus begann. Während Fromm heute der Neo-
Psychoanalyse zugeordnet wird (die von Russell Jacoby als Teilbewegung
emer Revision der Freudschen Psychoanalyse angesehen wurde), muß man
Lacans ausdrückliche Anknüpfung an Freud berücksichtigen, um von daher
die Position der vorliegenden Arbeit einschätzen zu können. Von ihrer Struk-
tur her kann ich sie als "Webstück" bezeichnen, denn es ist nicht nur eine
"Vemähung", die hier geleistet wurde - zwei getrennte Stücke zu vereinen-
sondern im Text überkreuzen sich die Zitate, die überlegungen, die Bezüg-
lichkeiten derart, daß ein Ganzes entsteht, ein Ganzes, das, um im Bild zu
bleiben, als "Kleidungsstück" eine Lebensform symbolisiert, die gleicher-
maßen "im Osten" wie "im Westen" eine Stätte finden kann. Insofern klingt
hier durchaus Jaspers' Anliegen einer "Weltphilosophie" an.
Im ausführlichen Vorwort werden dementsprechend schon alle die Themen
angeschlagen, die dann ausgeführt werden: Die Gestalten und die Farben des
Begehrens in Ost und West, die Rolle von Religion und Wissenschaft bei der
Suche nach der Erfüllung des Begehrens, die Pathologie des Begehrens wie
der Suche nach dessen Stillung, die begrenzten Möglichkeiten der Sprache,
die politisch-ökonomischen Bedingungen, die das Begehren schafft - und
die das Begehren dann ihrerseits formen. Die Begegnung zwischen Ost und
West, insbesondere zwischen Japan und Europa, beginnend als gewaltsame
Erschließung, Industrialisierung und Militarisierung nach westlichem Vor-
bild, aber auch als wechselseitiges Kennenlernen der Philosophie und der
Übungswege, das wird deutlich, dauert an; sie wächst und beginnt erste
Früchte zu tragen, die in dieser Arbeit zwar noch nicht geerntet, aber doch
schon sichtbar gemacht werden können. Dabei von "Lacans Buddhismus" zu
sprechen, ist wohl etwas irreführend; Lacans Beziehungsaufuahme geschieht
ja ganz selbständig, sie ist keineswegs eine "Konversion", sondern eher eine
Anverwandlung des schon als verwandt erschauten Anderen - zu einem neu-
en Ganzen.
Die folgenden Kapitel vertiefen und variieren diese Themen. Im ersten (11.)
geht es t!m die (De)Konstruktion des Ich bei Lacan; dabei wird Nietzsehe als
ein "Vorwegnehmer" gewürdigt, das Spiegelstadium im Verlauf der kindli-
ehen Entwicklung als eine zentrale Metapher entfaltet und das Begehren als In "Das leere Subjekt", Teil VI, beginnt die Reise mit den Stationen des Zen-
die zentrale Begrifflichkeit entwickelt. Dabei werden Ganzheit, Mangel und Buddhismus, mit den drei Kostbarkeiten des Buddha, des Dharma und der
die "symbolische Kastration" diskutiert, welch letztere anzuerkennen nach Sangha, also der Gestalt des Erleuchteten, der Lehrrede und der Gemein-
Lacan eines der wesentlichen Ziele seiner Fortfiihrung der Freudschen Ana- schaft der Übenden. Bedeutsam sind hier die Beschreibungen der Übenden
lyse ist. "Die psychoanalytische Demontage des vorgeblich selbstmächtigen als "Nicht~Irrende Narren", "Irrende Nicht-Narren", "Erleuchtete Sich-
Subjekts nennt Lacan seine Destitution und die Psychoanalyse als ganze ist Täuschende" und "Sich nicht Täuschende Nicht-Erleuchtete", Von Lacan zu
gleichsam das Ritual der Anerkennung der symbolischen Kastration...Aber Dogen - so zeichnet der Verfasser hier den Weg nach. Er schließt diesen
die Destitution ist auch die Bedingung einer symbolischen Neugeburt des Teil mit einer Diskussion der Probleme, die entstehen, wenn über Erleuch-
Menschen. Denn vom Rest her erfolgt ja die Begründung des begehrenden tung gesprochen werden soll.
Subjekts." (71) Diese Bewegung, verbunden mit den Schmerzen des Ster-
Teil VII, überschrieben mit "Die verbotene Meditation", beschreibt die Prob-
bens wie des Geboren-Werdens, korrespondiert letztlich mit der Bewegung
leme und Fallen, die entstehen, wenn der Zenschüler sich um ein Wissen
des Zenschülers auf den "Spuren des Ochsen", die zum Erblicken, zur Zäh-
bemüht, um mit dessen Hilfe seine Praxis zu verbessern und zu ihrem Ziel zu
mung des Ochsen (Symbol des wahren Selbst) - und schließlich zu seinem
Vergessen fuhrt. fuhren. Die Lacanschen Begriff von Mathem und Nicht-Mathem, die von
ihm verwendeten Bilder der Knoten, die keine JunggeseUenmaschinen sind,
Im III.Teil, "Vom Symptom zum Sinthome", fuhrt der Verfasser in die La- wie der Autor betont, beleuchten an dieser Stelle klar das Leiden und Begeh-
cansche Nomenklatur ein und bespricht die drei "testamentarischen" Katego- ren der Adepten auf dem Zenweg.
rien des Realen, des Symbolischen und des Imaginären. Wie sich diese drei
Konsequenterweise eröffnet der Verfasser deshalb im VIII. Teil einen Dis-
im jeweiligen Augenblick zum "Borromäischen Knoten" schürzen, gehört zu
kurs über den Schmerz, der durchlitten werden will. "Das Erlittenhaben der
den unvergeßlichen Einsichten, die Lacan vermittelte. Daraus folgt: Es gibt
Privation, des >Totalschadens< ist im Zen die Bedingung jeden höheren Le-
kein Wissen, das sich schließt, sondern allenfalls einen Denkweg; so er-
bens, jeder höheren Geistigkeit und erst der symbolische Tod fuhrt zu einem
schließt der Autor Lacans "Denkweg zum Buddhismus" in drei Abschnitten:
Leben, das nicht mehr aus der Furcht vor dem Tod heraus bestimmt ist. Aus
"Zuerst suchte er eine freudianische Lesart der Psychiatrie, dann wurde seine
Zazen heraus zu leben, heißt aus dem Grab heraus zu leben. Aus dem Grab
Lesart Freuds eine philosophische. Schließlich durchquerte er mit dem
heraus zu leben heißt: Tod und Leben sind nicht-zwei." (262)
Freud-Signifikanten die Philosophie, als handele es sich um die >Durchque-
rung des Phantasma<. Die Philosophie als solche wird wie ein Symptom be- Von den "Lehren des Leeren" handelt dann abschließend der IX. Teil, dessen
handelt und Lacan, als >irrender Ungenarrter< (anders gesagt: als sich täu- erster Kapitel "Das leere Grab" eine christliche Erinnerung aufruft. Nicht
schender Erleuchteter) wird Meister." (99) mehr nur die "Lehren", sondern auch die Übertragung einer Lehrbefugnis
werden hier dargestellt und das Meister-Schüler-Verhältnis mit der Analyti-
"Zwischen Therapie und (Lehr)Analyse" überschreibt der Autor dann den
ker-Analysanden-Beziehung, selbst mit der Begegnung des Seelsorgers mit
IV.Teil. Darin werden die Begegnungen, die Sprachformen in der Lebens-
form Psychoanalyse aufgeschlüsselt. einer besorgten Seele, verglichen. Das jeweilige Ergebnis oder besser Ereig-
nis, das sich dann einstellen kann, ist immer ein "Akt, der dann geschieht,
Im V.Teil wird ein "Diskurs über die Mystik" vorgestellt. Hier finden die wenn die wählerische Wahl, wie es in einem Zen-Text heißt, suspendiert ist.
Leser den historischen Bezug, etwa zu Plotin, zu Dionysius und Meister Wenn er aber getan ist, so ist er deshalb auch nicht "uns" zuzurechnen. Aber
Eckhatt. "Mit der Mystik das Phantasma durchqueren" heißt, eine von Lacan wir müssen, so oder so, die Verantwortung übernehmen." (291)
errichtete Brücke zu betreten, die er zwischen Freud und der Technik der
Mit diesem Satz beschließt der Autor eine bemerkenswerte Arbeit, die über
Psychoanalyse auf der einen Seite und dem Zen-Lehrer auf der anderen Seite
viele Jahre des Übens, des Denkens und Schreibens entstanden ist und eine
konstruiert hat. In der Modeme wird, worauf der Verfasser hinweist, vielfach
kaum überschaubare Fülle von Bezügen, von Mitbringseln auf den weiten
dasjenige, das nicht verstanden wird, als "mystisch diskreditiert" und im
Wegen zwischen Religion, Philosophie und Psychologie bietet. Den Text mit
Umkehrschluß das Mystische als das Nicht-Verstehbare mißverstanden.
einer Karawane zu vergleichen, deren mitgefuhrte Waren jeweils auf Basa-
ren zur Schau und zum Verkauf gestellt werden, führt allerdings in die Irre. Für meine Tochter
Aber auch eine Sammlung in irgendeinem Museum wäre das falsche Bild.
Vielmehr ist der Text das Zeugnis einer lebendigen Bewegung, eines Le-
bensweges - damit ein Aufruf zum Leben, eine Ermutigung, im Leben eine
Möglichkeit zu sehen, die in eine "unendliche Weite" sich öffnet. Insofern ist
sie Erinnerung und Mahnung zugleich, bewegend und bewegt, wie das Werk
ist. Daß sie darüber hinaus auch als eine akademische Arbeit ihre Qualitäten
und ihre Bedeutung hat, ist meine feste Überzeugung.

Peter Gottwald
1 Vorwort

So habe ich gehört: Einstmals weilte der Erhabene im Lande der Kuru, in ei-
ner Stadt der Kuru namens Kammassadhamma. Da nun begab sich der ehr-
würdige Ananda zum Erhabenen. Dort angelangt begrüßte er den Erhabenen 1.1 Sich-satt-Haben und Wille zum Anderssein
ehrfurchtsvoll und ließ sich seitwärts nieder. Seitwärts sitzend sprach der
ehrwürdige Ananda zum Erhabenen so: 1.1.1 "Absolute Ruhe, bitte!"
"Erstaunlich, 0 Herr, wunderbar, 0 Herr, wie tief, 0 Herr, dieses Abhängig- Mit diesen drei Worten ließen sich alle Kusen I, die er je gehalten habe, zu-
gleichzeitige-Entstehen ist und wie tiefes scheint. Und doch liegt es für mich sammenfassen, so Shunryu Suzuki, ein Meister des Soto-Zen? Diesseits die-
gleichsam durch und durch offen da." ser Ruhe, die nicht die Abwesenheit von Geräusch ist, herrscht der Lärm, das
"Sprich nicht so, Ananda! Sprich nicht so, Ananda! [...]" (Suttapitaka 2, An- Durcheinanderreden und die totale Verstrickung. Auch Meister und Analyti-
fang) ker bleiben von dieser Verstrickung, Verwicklung, Verhedderung nicht ver-
schont.
,,[...] dieser Knoten, zu dem ich gelangt bin - natürlich nicht, ohne
mich genauso wie Sie darin zu verheddern [... ],,3

Die Zen-Logik der Koan, Kusen und Lehrtexte ebenso wie die Logik von
Lacans Mathemen und borromäischen Knoten entwickelt nicht, sie verwi-
ckelt. Sie zurrt die Knoten noch fester zusammen.
Dögen , der Begründer des japanischen Soto-Zen, schrieb:
,,[Das] wechselseitige Studieren und Suchen des Weges zwischen
Meister und Schüler ist Kattö [... ],,4

Der Kommentator der deutschen Ausgabe von Dögens Shöbögenzö schreibt


zu Kattö:

I Frei gehaltene Meistervorträge während der Zen-Übung, dem Zazen.


2 YgL. Suzuki, Sh.. ZEN-Geist - Anfanger-Geist. Unterweisungen m ZEN-Meditation
3 Lacan,1.. S XXII, R.S.I., S. 57. Die drei Buchstaben stehen fur "Reales", "Symbolisches",
"Imaginäres", Lacan schreibt in der "Einfuhrung m diese Publikation", nämlich die von
lA. Miller geleitete Transknption des Seminars von 1974-75: "Die ,Kategorien' des Sym-
bolischen, des Imaginären und des Realen werden hier als Testament erprobt." (ebd., S. I)
1200-1253
4 Dögen: Shöbögenzö, Bd. 2, S. 50. - Die Zitate aus dem Shöbögenzö sind, von einer Aus-
nahme abgesehen, der aus dem Englischen ms Deutsche übersetzten, im Theseus-Yerlag
erschienenen Ausgabe von 1977ff. entnommen. Die Ausnahme entstammt der neueren, di-
rekt aus dem Japamschen übersetzten und kommentierten Ausgabe, die seit 2003 im
Knstkeitz-Yerlag erscheint. Diese zeichnet sich durch größere philologische Genauigkeit
aus, es mangelt ihr aber m.E. stel1enwelse an poetischer Kraft.
18 19

,,Kattö, ,eine verschlungene Wisteria', wird gewöhnlich als abschät- Die Verstrickung ist aber im gleichen Maße verhängnisvoll, wie sie auch ein
9
ziges Wort verwendet, mit der Bedeutung von komplizierten Lehren Glück ist, eine Chance. Je mehr bonno , desto größer das Satori, orakelt das
oder weitschweifigem Zen; es ist ein Synonym für Illusion. Doch in Zen.
diesem Kapitel legt uns Dögen nahe, Kattö zu verwenden, um Kattö
abzuschneiden; Illusion zu verwenden, um Illusion abzuschneIden. Manche Träume, so Lacan, verstörten den Träumer so sehr, dass er aufwa-
che, um weiterzuschlafen. Mit der Traumdeutung gebe es viel missbräuchli-
Kattö symbolisiert auch die Beziehung zwischen Buddha und Budd- chen Umgang. Es werde gedeutet, um den Sinn nicht zu verstehen. Manch-
ha, unentwirrbar durch die Dharma-Übermittlung zusammengebun- mal sei es jedoch unabdingbar, nicht zu verstehen, um dem Sinn sich zu öff-
den."s
nen.
Es ist ähnlich wie mit dem, was in der Zen-Tradition Koan genannt wird.
Um die Wurzel der Verstrickung abzuschneiden, benütztenemige Meister,
Der Gipfel an Sinn inkarniert sich im Rätsel, sagt Lacan, aber man kann auch
so Dögen, die Verstrickungen selbst. Sie benutzen "Verstrickungen, um Ver-
herumrätseln, um dem Sinn sich gerade nicht zu öffnen. Der Sinn "hängt öf-
strickungen abzuschneiden,,6. Das ist offenbar nicht so leicht zu verstehen,
denn, so Dögen weiter: fentlich aus", doch die Schüler ziehen es vor, ihn zu suchen - um nicht zu
finden. 1O "Solange wir suchen", schreibt der Religionswissenschaftier K.
"Es ~.st s9hwer jemanden zu finden, der weiß, daß Verstrickunren von Heinrich in einem "Exkursüber den Buddhismus als Ausweg", ,,[...] flüchten
der Ubermittlung des Dharma.nicht getrennt werden können." wir vor der Erkenntnis, die wir vorgeben zu suchen"ll, Wohl dem, der wie
Picasso sagen kann: "Ich suche nicht, ich finde." Es handelt sich hierbei um
Jedoch seien Meister und Schüler einen der Lieblingssätze Lacans. 12 Aber auch der Suchende hat, ohne es zu
"wechselseitig aneinander gebunden, obwohl sie unabhängig erschei- wissen, eigentlich schon gefunden. Lacan gibt zu bedenken, dass man gar
nen [... ]"8 nicht suchen würde, wenn man nicht schon gefunden hätte. 13 Mit dem ersten
Überschreiten der Schwelle· zum Dojo, der Zen-Übungshalle, sei der ent-
scheidende Schritt, so die Meister, bereits getan.
In lacansche Termini lässt sich das folgendermaßen übersetzen: Was zum
Wissen werden kaIln: erscheint nur auf demjenigen Tableau, einer relationa- 1.1.2 Verstrickung
len Matrix, auf der die Erkenntnis des einen von der des anderen abhängt.
Die Verstrickung des Menschen, mit Lacan fortzufahren, rührt daher, dass er
Die Natur der Verstrickung bringt es mit sich, dass es kein Wissen gibt, das
konstitutiv dissoziiert ist und alieniert im anderen. Er befindet sich gleichsam
sich schließt und damit zusammenhängend: dass es keine Metasprache gibt.
in einem, um den Ausdruck Walter Benjamins zu benutzen, "permanenten
Deshalb kommt die theoretische Bemühung bei Lacan nie zu einem Versuch
Ausnahmezustand", Die konstitutive Dissoziation und Alienation des Men-
des Dozierens rein über den Gegenstand herab. Der Gegenstand wird immer
schen ist, buddhistisch gesprochen, seine Hauslosigkeit. Er ist konstitutiv
gleichzeitig praktizIert. Die Annahme eines absoluten Außen als Ort der ana-
lysierenden Betrachtung ist ebenso illusorisch wie ein betont subjektiver Zu-
gang, der nur die Verkennung des Unbewussten perpetuiert, nämlich dessen, 9 Das Japamsche Wort hat etwa die Bedeutungen von: "Weltliche Sorge, smnliche Begierde,
dass alles, was in den Bereich von Sprache und Sprechen fällt, bastardisiert Leidenschaften, unselige Wünsche, Leiden, Schmerzen" (nach: Diener, M. S.: Das LexI-
kon des Zen, S. 28)
ist, alieniert im anderen.
10 Öffentlicher Aushang" lautet die wörtliChe Übersetzung von Koan. Es ist wie mit dem
::großen Körper" Im "entwendeten Bnef', der auch am Sichtbarsten Ort am sichersten ver-
wahrt ist. VgI. hierzu Lacans Deutung der Erzählung "Der entwendete Bnef' von E.A. Poe
m: Lacan, J.. Schr. I, S. 7ff.
II Heinrich, K.. Versuch über die Schwierigkeit nein zu sagen, S. 124
5 Ebd., S. 47, Fußnote I 12 Zit. z.B. m: Lacan, J., S XI, Die vier Grundbegriffe der Psychoanalyse, S. 13
6 Ebd., S. 47 13 Ebd., wörtL "Du suchtest mich nicht, hättest du mich nicht schon gefunden." Das "Schon
7 Ebd. gefunden" sei immer bereits hinter dem Suchen, ,Jedoch geschlagen mit etwas aus der
8 Ebd., S. 50 Ordnung des Vergessens"
20 21

hauslos. Die buddhistische Übung visiert nicht, diese Hauslosigkeit aufzuhe- aufgehoben. Es gab nur noch Lehranalysen. Freimütig bekannte er, nichts
ben, vielmehr sie zu realisieren. darüber zu wissen, wie man etwa Neurosen heilt:
Wer aber ein Dojo betritt oder eine Analyse anfangt, wer ein Begehren nach "Ich muß sagen, daß in der Passe nichts dafiir steht, daß das Subjekt
Analyse hat, sucht zunächst meist ein Haus, einen Ort zum Wohnen, viel- eine Neurose zu heilen versteht. Ich warte immer noch darauf, daß
leicht ein besseres Haus. Er ist mobilisiert von einem Motiv, das Nietzsehe mir hierüber jemand ein Licht aufsteckt. [...] Trotz allem, was ich
einmal als den "Willen zum Anders-sein" auf die Formel brachte, dieser darüber gelegentlich gesagt habe, weiß ich davon nichts. Es ist eine
Wille seinerseits gründend auf einem "Sich-satt-Haben". Doch durch die Frage des richtigen Drehs.'''5
Zen-Schulung wie auch die Analyse Lacans wird die Hauslosigkeit nicht
weniger, sondern mehr. Die Zen-Übenden, ebenso wie Lacans Schüler, er- Wenn der richtige "Dreh" gelingt, heilt die Analyse und diese Heilung fUhrt
fahren radikal das Fehlen von etwas, das einem Haus gleichkäme. Und so zu einer Rückfiihrung des Subjekts gleichsam dorthin, wo es schon immer
werden die Probleme größer statt kleiner. Schwerwiegende Dinge werden war. Die Objekte sind keine anderen geworden, nur, wie schon Freud elabo-
noch schwerwiegender. Die Verstrickung wächst, statt weniger zu werden. rierte, das Triebziel. Wegen des Wechsels des Triebziels wird dort, wo das
Der Knoten, um es in Begriffen der berüchtigten Topologie Lacans auszu- Subjekt schon immer war, ,alles neu' sein. So ist die Analyse nach Lacan
drücken, weitet sich zur Flechte aus und die Tiefe, die vermeintlich den Kern Rück-bindung und nähert sich dem ureigensten Gebiet der Religion.
und das geheime Agalma des Subjekts birgt, wird nur zur Oberfläche, sicht- Die Heilung geschieht durch kein Wissen, das der Analytiker (als Subjekt
bar "wie eine Flechte, die an Festtagen im Gesicht erblüht,,14. Statt auf sein der Wissenschaft der Psychoanalyse) besitzt und das dem Analysanten l6 ver-
wahres Ich im Unterschied zu einem unechten, entfremdeten, stößt das Sub- borgen bleibt, sondern dadurch, dass es "sich als solches verbirgt, in der ope-
jekt auf das, was Lacan mit dem terminus technicus der jouissance benennt. ratorischen Überlieferung ebenso wie in (seinem) VOllzug"l7. Dadurch wie-
den schlicht mit Genießen zu übersetzen leicht zu Missverständnissen fUhrt. derum nähert sich die Analyse den magischen Praktiken an. noch ihr magi-
Auf diesen womöglich schwierigsten der Schlüsselbegriffe Lacans wird noch scher Charakter widerspricht nicht ihrem wissenschaftlichen. Die Psycho-
zurückzukommen sein. Jouissance ist in gewisser Weise ein Gegenbegriff analyse ist, wie Borch-Jacobsen zu Recht feststellt, weder nur wissenschaft-
zum Begriff Trauma, so wie ihn an der Tiefenpsychologie geschulte Autoren lich, noch wirkt sie nur durch Magie. Sie unterscheidet sich von beiden, Ma-
verwenden. Die lacansche Analyse setzt nicht auf das Gelangen zum Trauma gie und Wissenschaft, indem sie zugleich wissenschaftlich und magisch ist. 18
als dem Kern des Subjekts, dessen Wissen eine Heilung auf den Weg bringt, Hier ist zu fragen, was eigentlich Wissenschaft heißt bei Lacan? Das Er-
sondern auf die "Durchquerung des Phantasma" und in dieser Durchquerung scheinen von Wahrheit, die sich als solche immer entziehen muss, deren Ei-
gelangt es zur jouissance, gewissermaßen dem Kern oder dem Realen seines genart es gerade ist, sich zu entziehen, ist unter der Herrschaft des Mythos
Genießens. gebunden an ihre Re-Präsentation innerhalb einer narrativen Fiktionsstruk-
Aber Zen-Schulung und Psychoanalyse sind transformatorische Praktiken. tur. Die wissenschaftliche Elaboration des Signifikanten bei Lacan, die zu
Die Wahrheit, zu der sie fUhren, soll heilen. Gemeint ist jedoch keine ,letzte psychoanalytischen Zwecken gewendete saussursche Theorie der unteilbaren
Wahrheit' vielmehr gerade die Wahrheit des Fehlens von ,letzter Wahrheit', phonematischen letter, seine Implementierung von Freuds Psycho-Empiris-
die Wahrheit des Begehrens, die Wahrheit des unbewussten Wunsches und mus und Heideggers Aletheia-Diskursen in eigene Theoriebildungen nun a-
die des Sprechens.

15 Lacan, J.. "ConcluslOns [Schlußfolgerungen]" des Kongresses der Ecole freudienne über
1.2 Wissenschaft, Religion, Magie die Übertragung, m: Lettres de I'Ecole freudienne, 1979, S. 219f. - Bel der Passe handelt
es SIch um das Verfahren zur Prüfung der Eignung zum Analytiker in der von Lacan ge-
Von der Idee, dass es sich bei der Analyse um den Versuch der Heilung von gründeten Schule.
Neurosen handelt, hat man sich bei Lacan zu verabschieden. Den Unter- 16 Der gängige Begriff Analysand (Gerundivum) bezeichnet emen, der analYSIert Wird, der zu
schied zwischen therapeutischer- und Lehranalyse hatte er fUr seine Praxis analysieren ist. Wenn Lacan vom Analysanten spncht (Partizip Präsenz), so verschiebt das
den Akzent vom PassIv zum Aktiv.
17 Lacan. J.. Schr. H, S. 251
14 Laean, 1.. Sehr. 1, S. 191 18 Vgl.. Borch-Jacobsen, M.. Lacan. Der absolute Herr und Meister, S. 176-189
22 23

ber schreiben sich im Prinzip auch nicht anders fort als ehedem die mythi- ein Bestimmtsein von der Suche nach Wahrheit liegen zwar häufig dicht bei-
schen Erzählungen - "um etwas anders zu sagen" - Wissenschaft wie mythi- einander, aber auf der Suche nach Wahrheit zu sein hieße im günstigeren
sche Narration sind beides Fikttonsstrukturen. Science kommt ebenso wenig Fall, zwar das, was als Wissenschaft firmiert, zu goutieren, jedoch sich den-
wie fletion ohne Elemente des Narrtiven aus, wie umgekehrt auch schon im noch in der Dimension der Unwissenheit anzusiedeln, insofern ein Wissen
Mythos Wissen angelegt war. So narriert Lacan die großen Narrationen in (eine Ahnung) davon da ist, dass ein,wissenschafliches Wissen' niemals das
kommentierender, den Erkenntnissen von Philosophie und ,neuesten Wis- Leiden am Mangel an Wahrheit aufheben kann. Genau bei dieser Unwissen-
senschaften' angemessener Weise noch einmal neu, um zu zeigen, was sie heit bei diesem Mangel an Wahrheit, setzen die Psychoanalyse und das Zen
nicht sagen. (Das Drama des Spiegelstadiums ist dagegen der vielleicht ein- an. Die Unwissenheit, in deren Dimension das Subjekt sich ansiedelt, ist die
zige neuzeitliche Versuch der Erfmdung eines autochthonen, moder- Bereitschaft für die Übertragung. Der Wille zum Nicht-Wissen hingegen
nen/postmodernen Mythos von der Menschwerdung: eine ftlaiv/mythische (die mentale Anorexie) ist Nicht-Bereitsc~aft, Verschloss~nheit, Unzugäng-
und wissenschaftliche Narration als Spekulation über den Anfang.) lichkeit für die Übertragung. Im Seminar über die "Technlk der Psychoana-
lyse" sagt Lacan:
1.3 Wissen und Wahrheit ,,[...] Wenn das Subjekt sich auf die Suche nach der Wahrheit als sol-
Eine mentale Bulimie könnte genannt werden, sich Wissen/Informationen cher begibt, so weil es sich in der Dimension der Unwissenheit ansie-
einzuverleiben bis zum Erbrechen. Ihr Gegensatz wäre die mentale Anore- delt- gleichgültig, ob es dies weiß oder nicht. Es ist das eines der E-
xie 19 , die Verweigerung der ,geistigen Nahrung'. Sie ist eine psychische Re- lemente dessen, was die Analytiker readiness for the transference
aktion auf die Diktatur des Expertenwissens (und löst, wie der heute wort- nennen, Öffnung zur Übertragung. ,,20
mächtigste Lacanianer Slavoj Zizek feststellt, die Hysterie als Widerstand
gegen die paternale Autorität ab). Hat die mentale Askese des Zen etwas mit
mentaler Anorexie zu tun? Immerhin scheint es diesem Begehren, ohne zu 1.4 Die Philosophie des Aufschubs
denken, ohne zu wissen, dennoch einen Weg zu haben, entgegenzukommen. Vielwisserei lehrt nicht Verstand haben.
Dennoch muss die Frage mit einem klaren Nein beantwortet werden. Um ei- (Heraklit)
ne ebenso vorläufige, unzureichende wie kurze Begründung zu geben: Die
Zen-Schulung bringt wie die Psychoanalyse die Sublimierung auf den Weg Nicht nur hinter der Wissenschaft, auch hinter der Philosophie kann sich ein
und nobilitiert nicht die mentale Anorexie. Wille zum Nicht-Wissen und eine Verwerfung der Wahrheit verbergen. Die-
Das Zen kam in seinen Anfangen in China inmitten der gebildeten Stände jenige Philosophie, die sich im System schließen will, hat, so legt Lacan na-
auf also unter solchen, deren Metier das Wissen und der Wettstreit um Wor- he, sogar immer floriert als dieser Wille zum Nicht-Wissen. Der Wille zum
te ~ar, aber in den Sanghas wurde aufgefordert zu schweigen. Es herrschte Nicht-Wissen verbirgt sich hier hinter dem Willen zum Wissen. Deshalb hat
ganz offenbar ein Überdruss am Wissen bei einem gleichzeitigen Mangel an das (imaginäre) Wissen bei Lacan hinter der (symbolischen) Wahrheit zu-
Wahrheit. Auch dort hatte man sich satt und wollte anders sein. Die Situati- rückzutreten. Hier wird - und gleiches ließe sich mutatis mutandis für das
on ist mit der heutigen also insofern vergleichbar: Der Überschuss an Wissen Zen formulieren - das Erbe einer Philosophie, die Wille zum Nicht-Wissen
erzeugt Überdruss an ihm. ist, ausgeschlagen, weil sie als Symptom gedeutet wird.
\ Wichtig und grundlegend ist also die Unterscheidung von Wissen und Wahr-
Zen-Meister wissen um den für ihre transformatorische Praxis hohen Wert
heit. Nicht wissen zu wollen heißt keineswegs, nicht auf der Suche nach von Erschöpfung. Erschöpfung erlöst - auch von der Philosophie. Die Er-
Wahrheit zu sein. (Der späte Lacan meinte sogar, dass die Wissenschaft auf schöpfung durchbricht die Zensur, die ein bestimmtes (und bestimmendes)
einer Verwerfung nicht nur des Begriffs der Wahrheit gründet.) ,Nicht wis- Denken lancierte und ermöglicht andere Vorstellungsreihen. Der Körper
sen zu wollen' als Auflehnung gegen den Terror des Expertenwissens und denkt dann gewissermaßen selbst und er denkt anderes. Für Noam Chomsky

19 Lacan verwendet diesen Ausdruck "mentaie Anorexle" m: Lacan,1.. Sehr. I, S. 190


20 Lacan, 1.. S I, Freuds techmsche Schriften, S. 348
24 25

war während eines Vortrags Lacans in Massachusetts nach folgender Aussa- "[H'] immer in ein bestimmtes Kielwasser zurück, in das Kielwasser
ge der Punkt erreicht, an dem er nur noch durch das Verlassen des Hörsaals dessen, was im eigentlichen Sinn unser Affiir ist.,,24
seiner Empörung Ausdruck zu verleihen wusste:
Also geht es darum, dem Rest gleichsam aufzuhelfen. Denn
"Wir glauben, mit unserem Gehirn zu denken, ich aber denke mit
meinen Füßen. Nur dann treffe ich auf etwas Hartes. Manchmal den- ,,(d)er Rest ist, menschlicher Bestimmung nach, immer fruchtbar. Die
ke ich mit den vordersten Hautmuskeln, wenn ich mich stoße. Ich ha- Schlacke ist der erloschene Rest.,,25
be genügend Elektroenzephalogramme gesehen, um zu wissen, daß es
keinen Schatten von einem Denken gibt.,,21 Aber der Begriff des Rests lässt sich in verschiedener Weise konnotieren.
Der Rest von Lacans Analyse des Unbewussten, das können auch seine
Der Buddhismus, als nach Nietzsehe typische Erscheinungsform von ,Spät- Bonmots sein, seine griffigen Kurzformein und Definitionen, biographische
kultur' kommt immer zum Zuge, wenn die Dinge erschöpft sind, wenn, mit Details. Gerade der Rest als Fragment, desgleichen seine Inkohärenz vermö-
Lacan geredet, kein sich schließendes Wissen mehr das Loch des Realen zu gen Momente von Evidenz zu erzeugen. Isolierte Lacan-Sätze, wie etwa:
stopfen in der Lage ist, wenn, auf der Ebene des Imaginären, die Siege er- "Die Frau ist das Symptom des Mannes" oder "Die Angst ist, was nicht
rungen, die Niederlagen erlitten sind und der "große Sabbath von der Skla- täuscht", auch das eben sind gewissermaßen Reste, die solche, die rein zufal-
venarbeit des Wollens" (Schopenhauer) eingeleitet ist. Wie immer sich die- lig auf dergleichen stoßen, plötzlich in einen konkreten Bezug zu einem Sinn
ser Übertritt, den er anbietet, ereignet, er muss verbunden sein mit einem zu stellen vermögen.
Loswerden der Philosophie als einer Methode des Aufschubs. P, Gottwald ist der Auffassung, dass der Rest "das Symbol des Schöpferi-
schen schlechthin" ist. Der Rest ist, was "von der Systembildung ausge-
schlossen" bleibt, aber der "gewahrt werden kann,,26, Warum er geradezu
1.5 Aktivierung des Rests gewahrt werden muss, liest sich mit Lacan so: Es gibt nur eine Sünde im
Die Religionen haben immer die Reste, den Abfall zu ihrer Sache gemacht. Sinne der Psychoanalyse, nämlich von seinem Begehren abgelassen zu ha-
So gesehen, sind sie gerade nicht "Opium fürs Volk", denn die Droge elimi- ben. Vom Rest her aber geschieht die Begründung des begehrenden Sub-
niert zum Schein die Reste vollständig. Die Reste, das sind heute, was nicht jekts. Der Rest
aufgeht im globalen Cyberspace, der universellen Simulation, dem vollende- "[H'] ist das, was der Assimilation zur Funktion des Signifikanten wi-
ten Nihilismus und was der Begriffe mehr sind, mit denen man sich be- dersteht, [. H] das, was in der Sphäre des Signifikanten [...] sich immer
schreibend unserem Zeitalter nähert. Auch die Psychoanalyse erprobt die als verloren darstellt [...]. Nun, es ist justament dieser Abfall, dieses
Aktivierung des Rests, macht den Rest zu ihrer Sache. Vom Rest her näm- Abgefallene und der Signifika[ntisa]tion Widerstand Leistende, was,
lich kommt immer der Zug, der, um ein schönes Bild von M. Schmid anzu- wie sich herausstellt, die eigentliche Begründung des begehrenden
führen, den Angler ins Wasser reißt, um ihn an einem anderen Ort als Sub- Subjekts ausmacht.'.27
jekt wieder auftauchen zu lassen. 22
Der Rest, die Abfalle sind, was in den Denksystemen, die nach Lacan sämt- Der Rest ist auch, was dem Gesamtbild des Körpers nicht integrierbar ist,
lich von "geistiger Debilität,,23 gekennzeichnet sind, nicht vorkommt (oder was "für den Splegel unfassbar,,28 ist. Das Objekt klein a, eine der lacan-
das von ihnen reglementiert zu werden widersteht). Analytiker und Zen- sehen Algebraisierungen dieses Rests, des Abfalls, ist das, worin sich das
Meister machen sich gleichsam zu Anwälten des Rests, des Abfalls. Denn er
insistiert und führt uns 24 Lacan, J.. S VII, Die Ethik der Psychoanalyse, S. 381
25 Lacan, J.: S XI, Die vier Grundbegriffe..., S. 141
26 Gottwald, P.: Zen Im Westen, neue Lehrrede fur eine alte Übung, S. 45; zum Thema der
21 Zit. n.: Roudinesco, E.: Jaques Lacan, S. 559 ,Wahrung des Restes' vgl. auch: Gottwald, P.: In der Vorschule emer freien Psychologie,
22 VgL Schmid, M.. Vom X des Akts, m: Riss, Zeitschrift fur Psychoanalyse. Freud.Lacan., Forschungsbencht emes Hochschullehrers und Zen-Schülers, Oldenburg, 2. Auflage, 1993
Nr. 41, S. 56 27 Lacan, J.. Semmar X, Die Angst; zit. n.; Borch-Jacobsen, M.: Lacan, S. 254
23 Lacan, Jaques: S XXII, R.S.I., S. 5 28 VgL Lacan, 1.. Sehr. 11, S. 194
26 27

Subjekt selbst nicht sehen kann. Es ist die "Objektursache des Begehrens", gehrens. Diese Wahrheit und die Welt, wie sie als Realität firmiert, stehen
nicht zu verwechseln mit dem Objekt des Begehrens und korrespondiert, wie sich in einem Ausschließungsverhältnis gegenüber.
noch zu erläutern, mit dem, was Lacan das "Ding" nennt und mit seinem To- Vor diesem Hintergrund entfaltet eine Sentenz Franz Kafkas aus seinen "Be-
pos des "Realen". Wenn es in einem Zen-Koan heißt: "Zeige mir dein Ge- trachtungen über Sünde, Leid, Hoffnung und den wahren Weg" ihren vollen
sicht vor der Geburt deiner Eltern", so ist das die Aufforderung, dasjenige Sinn:
Gesicht zu zeigen, das ,man selbst' nicht und nie sehen kann. Dieses "Ge-
"Wie kann man sich über die Welt freuen, außer wenn man zu ihr
sicht" einzig gewährt den authentischen Zugang zum Begehren, den authen- flüchtet?,,32
tischen Zug des Begehrens. Das Subjekt kann sich beim Handeln, beim Spre-
chen, beim Begehren selbst nicht sehen und es kann sein Sehen nicht sehen.
(Wie sehr auch auf dem Möbiusband ein Käfer sich bemüht, auf die andere
1.6 Neurose und Depression
Seite zu gelangen, es kann nie gelingen.)
Der radikale Schritt, den Lacan für das Subjekt visiert, weil einzig in ihm Die guten alten Neurotiker sind fast schon ausgestorben. Heutzutage scheint
sich seine Freiheit bezeugen kann, ist "das Zerbrechen des Bildes, (das) den es nur noch Depressive zu geben und solche, die von Party zu Party gehen.
Schnitt der Kastration letztgültig verkörpert und verbildlicht"29. Das begeh- Neurose ist die umfassendste Bezeichnung fUr die Leiden, die aus dem Wir-
rende Subjekt ist von der Ordnung der Dinge her gesehen ein Loch oder eine ken der Dialektik von Gesetz und Begehren resultieren. Aber diese Dialektik
Leerstelle. ,Ich' ist die Lücke neben klein a. Das Subjekt des Begehrens ist nicht nur ursächlich für das Leiden, sie schreibt auch dem Subjekt die
kann sich niemals sehen als dieses Subjekt des Begehrens, ebensowenig wie Wege seines Genusses vor, denn auch der neurotische Mensch genießt, in
es sich nicht sehen kann als das Subjekt des Signifikanten. Dieses Subjekt gewissem Sinne sogar gerade er und weil sie mit dem Genuss zu tun hat, bil-
verfUgt über ein Wissen, aber das Wissen dieses begehrenden Subjekts, das det die Neurose die Stütze seines Daseins. Wird durch die Analyse der durch
Wissen des Unbewussten, ist ein Wissen, das sich selbst nicht weiß. Es gilt die Neurose gebahnte, gewohnte Weg zum Genuss verunmöglicht, so ist
also zu realisieren, was sich nicht sehen kann und was sich nicht wissen damit an den Knoten gerührt, der sein Dasein zusammenhält.
kann. Und zu dieser Realisierung bedarf es bei Lacan des Schnittes der sym- Aber das gegenwärtige, postmodern genannte Zeitalter steht trotz, nein viel-
bolischen Kastration. mehr gerade wegen der schier unüberschaubaren Angebote uneingeschränk-
ten Genusses unter dem schwarzen Stern der Depression, nicht mehr unter
Im Umkehrschluss wird dann vom Standpunkt des das begehrende Subjekt dem der Neurose. Es herrscht ein unerbittlicher Zwang, der herrührt von der
begründenden Rests aus die Zivilisation selbst zum Abfall, indem sie das despotischen Instanz des Über-Ichs, dessen ultimativer Befehl lautet: "Ge-
Produkt der verdrängten, verworfenen oder verleugneten Wahrheit des Be- nieße!".33 Denn nichts verhindert sicherer den Genuss als die gebieterische
gehrens ist. Aufforderung zu ihm. Das Ausbleiben von Genuss und Glück, trotz der Er-
fUlltheit sämtlicher Bedingungen, die vermeintlich für ihre Realisierung von-
"Die Zivilisation ist der Abfall, cloaca maxima.,,3o
nöten sind, ist das Kennzeichen unseres Zeitalters.
Die Geltung des Imperativs "Genieße!" schafft depressive Subjekte. So sind
"Die Welt ist, was der Fall ist", so lautet Wittgensteins berühmter erster Satz
zum Beispiel die um sich greifende Infantilisierung vieler Erwachsener und
aus dem "Tractatus logico - philosophicus".31 Man könnte versuchen, ihn so
der pornographische Terror Symptome oder Effekte des Über-Ich-Befehls
zu lesen: De-cadere war in römischen Zeiten ursprünglich im Gebrauch als:
"Genieße!". Als Makel wird alles empfunden, was dem uneingeschränkten
,abfallen vom Gesetz'; von decadere leitet sich Dekadenz ab. Das, was sich
Genießen Grenzen setzt, zum Beispiel die Armut. Aber es ist nicht zu über-
Welt nennt, ist der Ab-fall, der Abfall vom Gesetz, von der Wahrheit, budd-
histisch gesprochen: vom Dharma, lacanianisch: von der Wahrheit des Be-

32 Kafka, F.; Betrachtungen über Sünde, Leid, Hoffnung und den wahren Weg, S. 197
29 Borch"Jacobsen, M.: Lacan, S. 254 33 Inwiefern das Gewissen eine "offene historische Struktur" Ist und nichts AbSOlutes, Un-
30 Zit. n.: Roudinesco, E.: Jaques Lacan, S. 559 veränderbares und in semem Inhalt fixiertes, dazu vergleiche die ausgezeichnete Studie
31 Wittgenstem, 1.: Tractatus Logico - Philosophlcus. Logisch-philosOphische Abhandlung von H.D. Kittsteiner: "Die Entstehung des modemen Gewissens"
28 29

sehen, dass das Postulat des Genießen-Sollens eine Überforderung darstellt. geschahen einige Dinge. (Cees Notteboom,
Wenn die Neurose das Resultat der Dialektik von Gesetz und Begehren, Rituale)
Trieb und Triebversagung war, so stellt die Depression sich ein, wenn gerade
keine im weitesten Sinne moralischen Standards den direkten Weg des Sub- "Die Abwesenheit eines transzendentalen Signifikats", schrieb Derrida, "er-
jekts zum begehrten Objekt verunmöglichen und dadurch auf Umwege weitert das Fera und das Spiel des Bezeichnens ins Unendliche,,36, Der
zwingen, deren Unangemessenheit die Neurose hervorbringen. Skandal, der sich mit dem Namen Lacan verbindet, besteht darin, dass er es
Lacan nennt die Depression einen "moralischen Fehler"~ Sie sei "kein See- nicht beim Sagen dessen belässt, dass der sinnstiftende, hegemoniale Signi-
lenzustand".34 Der Depressive ist/handelt deshalb unmoralisch, weil er nicht fikant fehlt. Die meisten der Texte und transkribierten Seminare Lacans sind
die symbolische Kastration anerkennt, die zuerst immer die des anderen ist. ungemein schwer zu lesen. Es ist ein Fehlen, das diese Texte "durchsteppt",
Der Grund rur das Nicht-Gelingen dieser Anerkennung ist aber nur allzu ver- die das Verstehen und die ,Textverarbeitung' so schwer machen. Wo das
ständlich. Er beruht auf einem fundamentalen, aber vielleicht nicht irrever- Signifikat fehlt, ist der Signifikant gleichsam auf sich gestellt, durch nichts
siblen Irrtum. Der andere, dessen Bild wir nur wahrnehmen, ist nicht ge- verbürgt. Lacan macht Ernst mit dem, was er lehrt, insofern er Zeugnis gibt
schlossen und ganz, wie das Subjekt es ihm unterstellt, sondern erleidet die vom analytischen Diskurs. Tatsächlich nähert sich der Diskurs insbesondere
gleiche Spaltung wie dieses selbst. des späten Lacan dieser Zeugenschaft im antiken Sinne des Ausdrucks: Der
"Die Beziehung des Subjekts zu jedwedem anderen, wer dies auch martys war der ,Zeuge der Wahrheit' ~37 Lacan also gibt Zeugnis vom analy-
sei, hat etwas Lächerliches an sich. Sehen wir doch das Subjekt [...] tischen Diskurs, seine eigenen Bestimmungen zugrunde gelegt, insofern
sich auf den anderen immer als auf einen beziehen, der im Gleichge- nämlich alles Sagen adressiert ist, der Diskurs der des anderen ist, es kein
wicht lebt, in jedem Fall glücklicher ist als es, der sich keine Fragen äußeres Objekt gibt, das den Diskurs bindet, dass es folglich keine Meta-
stellt und wohl zu ruhen weiß.,,35 sprache gibt. Aber genau an der Stelle dieses Fehlens führt Lacan auch den
"Namen des Vaters" ein, der zu bestimmen wäre als der Signifikant des Feh-
In der heutigen vom Bild beherrschten (terrorisierten) Welt gilt das wohl lens eines transzendentalen Signifikats. (Anbei bemerkt stellt m.E. genau die
mehr denn je. Das Bild des anderen ist perfekt, dem anderen gelingt alles Einfiihrung des ,Namen des Vaters' den neuralgischen Punkt in der Lehre
und ,man selbst' ist gespalten, unzufrieden und ruhltsich nicht anerkannt. Lacans dar, an dem Derrida zu folgen nicht mehr bereit war.)
Zen und Jacansche Analyse als moralische Übungen sind Einübung in die Gleichwohl, alle Zitationen Lacans sind strictu sensu aus dem Zusammen-
Anerkennung der symbolischen Kastration, die, was von entscheidender Be- hang gerissen. Bei wohl kaum einem anderen Autor ergibt sich die Bedeu-
deutung ist, zuerst die des anderen ist. tung eines einzelnen Signifikanten so ausschließlich nur aus seinem Zusam-
menspiel mit anderen Signifikanten, seinem Algorithmus, wie Lacan das
nennt. 38 Alle aus dem Werk Lacans herausgelösten Sätze sind insofern Res-
1.7 Das Fehlen des Hegemonialsignifikanten und die Schonung der te - Reste eines nicht existierenden Ganzen, Bruchstücke eines Systems, das
Differenzen nicht existiert. Es gibt nichts ein fiir alle mal Feststehendes, alles ist Werden
Sein Leben hatte aus Ereignissen bestan- und Vollzug in "gleichzeitig-abhängigem Entstehen" und es w~ll scheinen,
den, und diese Ereignisse hatten keinen Zu-
sammenhalt durch diese oder jene Vorstel-
lung von seinem Leben. Es gab keinen zent-
ralen Gedanken, wie etwa eine Karriere, 36 Denida, J., in: PostmOderne und Dekonstruktion, S. 117
37 Über das ,,zeugms gebe(n) von einer Erfahrung, welche Ich bestimmt habe als die analyti-
eine Ambition. Er war einfach da, ein Sohn sche", vgl.. Lacan, J.: R.S.I., S. I - In der neueren Philosophie gab es vor Lacan meines
ohne Vater und ein Vater ohne Sohn, und es Wissens diesen expliziten Rekurs auf den martys nur bel Kierkegaard, der sich im Zuge
semer Ausemandersetzung mit Bischof Mynster als "Wahrheitszeuge" bezeichnete.
38 "Genauso spmnt Sich mein Diskurs fort - Jeder Begriff kann nur durch seine topologische
34 Vgl.: Lacan, J.. R/T, S. 77 BeZIehung zu den anderen bestehen, und auch für das SUbjekt des cogito gilt diese Bedin-
35 Lacan, J.: S VII, Die Ethik der Psychoanalyse, S. 285 gung." (Lacan, L Sem. XI, Die vier Grundbegriffe..., S. 96)
30 31

als wollte Lacan die unter diesem Namen firmierende buddhistische Lehre teren ,rechten' Visionen eines dash 0/ civilization geht, sondern auch
auf die Sprache und das Sprechen übertragen. das linke Angebot des Multikulturalismus als Intellektuellenillusion
Das Fehlen des sinnverbürgenden Signifikanten, das Fehlen dessen, was La- durchschaut, in der der Geist des Tourismus die Welt in einen Basar
can als Groß A algebraisiert, ist aber kein Verlust. Es erscheint nur als Ver- des Exotischen verwandeln möchte.,,40
lust, was von Anfang an Fehlen ist, ein nicht gewusstes Fehlen. In Wahrheit
ist jede Metastruktur (Gott, Vernunft, Politik, Demokratie etc.) immer schon Unbewusst verbindet dieser Multikulturalismus die Suche nach der ,neuen
nur das Supplement eines ursprünglichen Fehlens gewesen. Ursprung ist hier Heimat' in dieser unüberschaubaren Welt mit einer Wiederherstellung der
so zu fassen, dass nicht etwa die Vernunft an die Stelle Gottes träte, derge- ,guten, alten' Ordnung. Po Gottwald schreibt in dem Zusammenhang:
stalt, dass Gott ursprünglicher wäre als die Vernunft und die Vernunft weni- ,,[...] Auch die vielen Versuche zur Bewältigung der Probleme, die
ger ursprünglich als Gott. Beides sind gleich ursprüngliche Supplemente ei- ein ,zurück zu... ' propagieren, wie ein ,zurück zur Ethik' oder ,zu-
nes ursprünglichen Fehlens. In der Form eines lacanschen Mathems lässt sich rück zur (wahren) Religion' (vgl. dazu vor allem H. Küngs Projekt
das so ausdrücken: Der Vater war schon immer tot, nur wusste er es nicht. ,Weltethik'), halte ich fiir fragwürdig [...].,,41
Was Formen aus dem nicht-gewussten Tot-Sein des Vaters gewinnt, heißt
Tradition. Deshalb ist "eine Tradition [...] immer bescheuert", wie Lacan, in Der Buchmarkt ist überschwemmt mit Veröffentlichungen, in denen alle Dif-
seinen späten Jahren zunehmend rückhaltlos sprechend, befand. 39 Man muss ferenz zugunsten eines idealen Einen ausgelöscht wird: Buddha und Christus
sich heute eine Vergangenheit wählen, die zu einer zu antizipierenden Zu- lehren ,im Grunde' das gleiche, ebenso die Psychoanalyse und Konfuzius,
kunft passt, denn wir wissen nicht mehr, wer wir sind und "Wie mit dem aber auch Kant hat ,im Grunde' nichts anderes gelehrt. Redlicher wäre es,
Sein agieren?", um Lacans Frage aus den "Schriften I" aufzugreifen, wenn das Palimpsest oder den Flickenteppich der Enden, Anfänge, Übergänge, in
wir fragen, wo wir sind und woher wir kommen, denn Ort und Zeit sind denen wir stehen, gerade unter "Schonung der Differenzen" zu entziffern.
Sinn-Effekte der HegemonialSignifikanten und Metastrukturen. In gewisser Dabei darf man sich nicht darüber täuschen, sondern muss damit rechnen,
Weise muss man seine Vergangenheit erst erfinden. Vorrang gegenüber dem, dass diese Entzifferung erst herstellt, was sie entziffert. Vielleicht enthüllt
was wirklich gewesen ist, hat entsprechend bei Lacan, was wahr ist. So geht sich aber auch Verborgenes in diesem herstellenden Entziffern.
es in der Analyse weniger um eine Rekonstruktion dessen, was wirklich ge- Bei Slavoj Zizek, der dem Autor, was Lacan angeht, diverse Lichter aufge-
wesen ist, vielmehr um eine Annäherung an das, was wahr ist. steckt hat, sagt sich eine Treue zu den abendländischen Gründungsgesten als
Widerstand gegen das Östliche aus, versus ,das Taoistische', den Buddhis-
Bei einem Versuch wie dem hier vorliegenden, ist Vorsicht geboten. Der mus und fast im selben Atemzug gegen den Geist des New-Age. Zizeks Ab-
Medienwissenschafler N. Bolz fordert in seinem Buch "Weltkommunikati- neigung gegen den Buddhismus, die penetrant insistiert in allen seinen Bü-
on" zu Recht eine "Schonung der Differenzen"; chern und er macht leider, gegen die Gebote intellektueller Redlichkeit,kei-
"Statt der Einen Sprache: die vielen Sprachen, die aber ineinander ü- ne großen Unterschiede zwischen dem Genannten, sind für lesende Buddhis-
bersetzbar sind - das ist der Geist des Kulturvergleichs, aus dem ü- ten nahezu eine Zumutung. Denn Zizek schont die Differenzen nicht, er
berhaupt erst Kultur geboren wird. Man könnte diesen Grundgedan- spielt sie gegeneinander aus.
ken auch in die Form eines ,kategorischen Imperativs' der Weltge- Die okzidentale Überlieferung bildet die "Armatur seiner Gedanken,,42 Diese
sellschaft bringen: Schone die Differenzen! Das ist leicht formuliert, Wendung gebraucht Lacan im "Sinthome"-Seminar in Bezug auf Joyce und
aber schwer gelebt. Die Schonung der Differenzen wäre Ausdruck ei- dessen "Hereingeleimtsein" in die griechisch-jüdisch-christliche Überliefe-
ner Kultiviertheit, die nicht nur auf entschiedene Distanz zu den düs- rung. "Hereingeleimt in die Kugel und das Kreuz" wird er im R.S.I.-Seminar
mit Bezug auf Joyce, den Faden noch einmal aufnehmend, sagen. Jedoch

39 "Die Bibel ist nicht aus dem Nichts gekommen, sondern aus einer TraditJon. Eine TraditJ-
on Ist Immer bescheuert. Darum verehrt man sie sogar- es gibt keine andere Welse, Sich 40 Bolz, N.; WeltkommunikatIOn, S. 55
an sie zu binden als die Verehrung. Alles, was man von emer TraditJon erhoffen kann, das 41 Gottwald, P.: Zen 1m Westen, S. 3
ist, daß sie wemger bescheuert ist als eme andere." (Lacan, J.: S XXII, R.S.I., S. 39) 42 Lacan, J .. S XX111, Le Sinthome, S. 2
32 33

wird in unseren Zeiten der sogenannten Globalisierung, in der auch östliche Dissoziation des Menschen ist als konstitutive nicht pathologisch, aber die
Überlieferungen zur eigenen werden oder schon geworden sind, in der Jeder Nicht-Anerkennung des konstitutiven Mangels gebiert Pathologien. Der
sich auch seine Herkunft frei wählen kann, ja muss, dieses explizite Beharren Mensch kann seinen Mangel an Sein (manque d'etre) durch die Technik
suspekt. Ist es nicht das alte imperiale ,Herrenbegehren" das sich ausspricht nicht ausgleichen, nicht wettmachen, er verleugnet ihn nur und staffiert ihn
in der Subalternisierung des Buddhismus? aus mit Hilfe von Prothesen. Gottwald spekuliert auf die in Sichtweite ste-
Der Buddhismus ist die Krise jeden dogmatischen und ideologischen Den- hende "Herstellung von Mensch-Maschine-Systemen" und die "Neukon-
kens und der Kämpfe, die sich daran anschließen. Das Zen aber wird auch struktion des Menschen als eines ,Cyborg"', wenn er schreibt:
durch das Christentum hindurchgehen und "unversehrt bleiben", es wird
auch durch Lacan hindurchgehen, wie es schon durch Heidegger und andere "Der Verdacht liegt nahe, daß ,Dr. Faust' sich heute "der Technik"
als der Erbin der Magie ergibt, weil eben immer noch gesagt wird: ,...
hindurchgegangen und "unversehrt geblieben" ist. 43 Das Zen hat (wie der
es möchte kein Hund so länger leben' statt anderer möglicher Ant-
Buddhismus insgesamt) immer die Farben seiner Umgebung angenommen
worten - und sei es der Anerkennung, daß ,... auch ein Hund die
und so überlebt. Seine Form von Mimikry gewährleistet, sein Eigenstes nicht Buddhanatur hat'. ,,45
zu verlieren. So wird sich seine Urgeschichte in der Gegenwart stets neu
schreiben. "Es möchte kein Hund so länger leben", nämlich als Mangelwesen und so
wird die Leugnung des Mangels durch die Technik, dieser "Erbin der Ma-
Strukturalismus und Diskursanalyse als Methoden sind womöglich am bes- gie", ins Werk gesetzt. Allein den Mangel nicht zu leugnen, entbindet von
ten geeignet, ein"tertium datur" geltend zu machen, eine Vergleichsebene zu dem Zwang, ihn um jeden Preis prothetisch ausstaffieren zu müssen. "Form
schaffen, ohne ein ideales Eines zu präsupponieren. Vielleicht ist das der ist Leerheit und Leerheit ist Form", lautet die zentrale Formel des Zen. Wenn
bleibende Nutzen dieser Methoden, auch dann noch, wenn die "strukturalis- gewahr wird, dass das Wesentliche an der Form nicht ihre Unvollkommen-
tische Invasion" sich "eines Tages (zurückgezogen haben) und ihre Zeichen heit ist, sondern ihre Leerheit, verändern sich die Verhältnisse grundlegend.
und Werke auf den Stränden unserer Zivilisation hinterlassen,,44 haben wird. Form, ob vollkommen oder unvollkommen, ist Leerheit - und das bleibt
wahr, egal ob diejenigen, die über die nötigen Geldmittel verfugen, dem-
1.8 Die Wissenschaft im Dienst an den Gütern nächst 180 Jahre alt werden können, ob wir unsere Emotionen pharmakolo-
gisch oder per inverser Stimulation der Neurotransmitter regulieren lassen,
Letztlich ist es noch und wieder (encore) das Problem von Max Frischs ob wir genoptimiert oder als robosapiens weiterleben.
"Stiller", der sagte: "Ich bin nicht Stiller" und lieber Mr, White sein wollte,
das durch die Bio- und die Gentechnologie, die Informations- und Nanotech- Die zu erwartenden Segnungen der neuen Möglichkeiten, die Technik einzu-
nologie einer Lösung, und diesmal einer absolut sicheren, zugefuhrt werden setzen, schreiben sich nach Lacan ein in ein altes Programm, das da heißt:
soll. Nach wie vor steht hinter dem Optimismus, den die Apologeten dieser "Dienst an den Gütern", Im "Ethikseminar" von 1959/60 sagte Lacan:
neuen Techniken ausstrahlen, der Glaube an das Ideal. Aber die realen Ma- "Die Programme, die sich abzeichnen, die solche der Humanwissen-
schinen sind mangelhaft und werden es immer bleiben. Die machina wird schaften sein sollen, haben in meinen Augen keine andere Funktion,
immer nur Machwerk bleiben. Die Dissoziation des Menschen ist, so Lacan, als ein brauchbarer, eher dekorativer Zweig des Dienstes an den Gü-
konstitutiv und wenn der Mensch sich mit der Maschine assoziiert, wird es tern zu sein, anders gesagt, des Dienstes an Mächten, die mehr oder
sich immer noch um eine konstitutiv dissoziierte Organisationsform handeln weniger in der Klemme sind. Damit geht in allen Fällen eine nicht
und sogar um eine potenziert störanfaUige. Nach Lacan gibt es keinen Weg, weniger systematische Verkennung sämtlicher Gewalterscheinungen
um die Anerkennung der symbolischen Kastration herumzukommen. Die einher, an denen sich zeigt, daß nicht alles wie am Schnürchen läuft,
wenn die Güter in der Welt auftauchen. ,,46

43 "Was SIch liest", schreibt Lacan, "geht durch die Schrift hmdurch und bleibt unversehrt".
(Lacan,1.: S XI, Die vier Grundbegriffe..., S. 298) 45 Gottwald, P.: Zen Im Westen - neue Lehrrede für eme alte Übung, S. 5
44 Derrida, 1.. Die Schrift und die Differenz, S. 9 46 Lacan, 1.. S VII, Die Ethik der Psychoanalyse, S. 387
34 35

Die prometheischen Akte der Wissenschaft gründen auf dem Verbot, en so! des Genoms oder dergleichen Zuwächse des Wissens inklusive seiner An-
zu meditieren, um auf die Terminologie der Kabbala zu rekurrieren. 47 Die wendung nicht das Geringste ändern. Nur die Verkennung, Verleugnung o-
Untersagung des "Genießen Gottes", das im Abenland, wie Lacan sagt, der das Nicht-Wissen dieses Nicht-Wissens lässt den Mangel als einen nicht
"immer zu kurz gekommen"48 ist, evoziert gerade das ungeheure Sich- hinnehmbaren erscheinen und gebiert den technologischen Fortschritt. "Zer-
Ausbreiten der sogenannten exakten Wissenschaften, die mit Freud/Lacan fall an Weisheit" heißt: unser konstitutives Nicht-Wissen zu leugnen oder
auch prothetische Wissenschaften genannt werden könnten. Die Wissen- nicht zu wissen und schließlich zu vergessen. Und der Name einer solchen
schaft, sagt Lacan, schreitet voran, "indem sie die Löcher stopft. Dass ihr das Vergessenheit ist heute Wissenschaft. Lacan sagte 1960:
immer gelingt, macht sie sicher,,49, Sie will von einem "Loch" nichts wissen "Einer der amüsantesten Züge der Geschichte der Wissenschaften ist
oder existiert als solche nur, weil sie das "Loch" verstopfen will. Erforschte die Propaganda, die Gelehrte und Alchimisten in der Zeit, als sie be-
Welt und erkannte Dinge als Verstopfung des Lochs sind so Resultat eines gannen, ein wenig mit den Flügeln zu schlagen, bei den Mächtigen
zugrunde liegenden Verbots, nicht ein überschreitender Akt, der sich über ein gemacht haben, indem sie diesen sagten - Gebt uns Geld, Ihr könnt
Gebot hinwegsetzt, um zu einem Wissen zu gelangen. euch nicht vorstellen, wenn ihr uns ein wenig Geld gebt, was für Ma-
Der Widerstand, auf den die Zen-Lehre als Praxis im Westen nach wie vor schinen, was für Tricks und Sächelchen man in euren Dienst stellen
stößt, wenngleich er merklich nachlässt, hat mit eben diesem Verbot zu tun. wird. Wie konnten die Mächtigen das mit sich machen lassen? Die
Der in den Koordinaten abendländischen Denkens subjektivierte Mensch Antwort auf dieses Problem ist auf der Seite eines gewissen Zerfalls
spürt, dass die Praxis der Versenkung, das Zazen, an ein Tabu rührt. Es ist der Weisheit zu suchen.,,51
verboten, Gott zu meditieren. Der Mensch darf, schrieb Augustinus, alle
Dinge nur gebrauchen (uti), das Genießen (jrui) ist allein Gott vorbehalten. Das Begehren der Forscher (das eben kein Trieb ist, wie Lacan lehrt, Freud
Gäbe es dieses Verbot nicht, gäbe es auch diese "galoppierende Fortschritte" in dem Punkt widersprechend, sondern auf dem Verbot des "Genießen Got-
machende Wissenschaft nicht,50 Sie ist also nur zum Schein eine atheistische, tes" gründet, das das Interesse des Wissenschaftlers orientier?2) ist der
weil sie dieses Verbot uneingeschränkt akzeptiert. Nicht der Tod Gottes wäre "Dienst an den Gütern" und steht im Dienst der Macht (derer, die das Geld
so die Voraussetzung der Wissenschaft, sondern das Verbot, sich ihm zu nä- geben). So verbünden sich zwei Interessen und das, was als humaner Fort-
hern. schritt Epoche macht, gründet auf dem "Zerfall der Weisheit" und dem Kal-
Die Unters~gung, Gott zu meditieren, korrespondiert mit einer untersagten kül der Geldgeber. So ist der "Dienst an den Gütern" tief eingeschrieben in
Selbstbezüglichkeit des Begehrens. Das Begehren hat sich zu beziehen auf die arche (als Anfang und Ordnung) der abendländischen Wissenschaft und
Objekte, es darf sich nicht selbst zum Gegenstand haben. Begehren hat sich des sie lancierenden Begehrens.
um Güter zu scheren und das genau bedeutet Kapitalismus. Aber die Wis- Byung-Chul Han konstatiert für diese Wissenschaft, aber sogar für die west-
senschaftler unter den Bedingungen des Kapitalismus verkennen sich selbst liche Philosophie insgesamt bis hin zu Heidegger eine Orientierung an der
und ihre Wissenschaft. Ökonomie, am oikos und setzt hiervon die zen-buddhistische Weise, "mit
Die "Leidenschaft des Wissens", so Lacan im Ethik-Seminar, hat notwendig dem Sein zu agieren" ab. Diese sei Aufkündigung der ökonomischen Exis-
mit einem "Zerfall der Weisheit" zu tun. Die Grundbestimmung des Zen, tenz des Menschen.
dass Form Leerheit ist und Leerheit Form, bringt unser konstitutives und ra-
"Oikos ist der Ort dieser ökonomischen Existenz. So stellt das Nir-
dikales Nicht-Wissen-Können zum Ausdruck, an dem die Entschlüsselung
gends-Wohnen die Gegenfigur zum Ökonomischen, zum Haushälteri-
schen dar [00'] Auch Heideggers Daseinsanalyse formuliert im wesent-
47 Vgl. hierzu das Kapitel: "Die verbotene Meditation" In dieser Arbeit.
lichen eine ökonomische Existenz.,,53
48 VgL Lacan, J.. S XXII, R.S.I.
49 Lacan, L Sehr. IlI, S. 9
50 "Was als Tatsache von Wissenschaft gegenwärtig den Platz des Begehrens einmmmt, Ist
ganz einfach das, was man üblicherwelse Wissenschaft nennt, die, die sie derzeit so munter 51 Ebd.
gaioppieren und alle Arten von sogenannten physikalischen Eroberungen machen sehen." 52 Über die Orientiertheit des Handeins, Denkens etc. vgL Lacan, L S XXII, R.S.I., S. 61ff.
Lacan, J.. S VII, Die Ethik der Psychoanalyse, S. 387 53 Byung-Chul Han.. Philosophie des Zen-BuddhIsmus, S. 86f.
36 37

So zum Beispiel in der Figur der "Sorge um sich" und der Behauptung der stischen Polemiken gegen den sogenannten "ontologischen, indischen Idea-
Sprache als dem "Haus (oikos) des Seins". lismus". Lacanformulierte im Seminar "Freuds technische Schriften";
Wenn das "Begehren des Wissens" (die Wissenschaft) im "Dienst an den
"Wenn das Intellektuelle sich irgendwo ansiedelt, dann auf der Ebene
Gütern" steht, ist ein "Verlust an Weisheit" zwangsläufig (und bereits vor- der Phänomene des Ego, in der imaginären Projektion des Ego, einer
gängig, wegen der Akzeptanz des Meditationsverbots). Lacans Wissen- pseudoneutralisierten - pseudo im Sinne von Lüge - die die Analyse
schaftskritik geht einher mit einer Kritik an der aristotelischen Ethik mit ih- als Abwehr- und Widerstandsphänomen ausgewiesen hat.,,55
rer Ausrichtung am Guten. "Gut, aber fiir wen?", fragt Lacan. Das Maß des
Menschen zum Maß aller Dinge zu machen - Grundprogramm des Huma- Für die Psychoanalyse und für den Buddhismus ist das Leiden der grundle-
nismus - läuft zwangsläufig auf Kapitalismus und also "Dienst an den Gü- gende Daseinsfaktor und sowohl das Zen als auch die lacanianische Analyse
tern" hinaus. Forscherbegehren und Mehrwert-Interesse können sich umso gehen von einer Nicht-Referentialität dieses Leidens und des intel~ektuellen
uneingeschränkter ausbreiten, je mehr ihre Protagonisten sich auf der Seite Wissens aus, denn letzteres bleibt immer gebunden an das Ego, dIe Instanz
des Guten wissen. Heute, wo die mediale Politikinszenierung permanent die- der Verkennung schlechthin.
se Ausrichtung zelebriert, ist dieser Zusammenhang so evident wie nie zu- .Für eine Wissenschaft, fiir die das Leiden grundlegend ist, gibt es keinen i-
vor. Durch die Ausrichtung am Guten lässt sich zum Beispiel, ohne dabei in dealen Fortschritt, vielmehr sogar ein Beharren auf dem Mangel und dem
Gewissenskonflikte zu geraten, die als leidvoll erfahrene unfreiwillige Kin- Fehlgehen. Zwar ist Voranzuschreiten fiir Zen-Praktizierende eine Sache der
derlosigkeit von Paaren zum Anlass und Vorwand nehmen, das genetische täglichen Praxis, aber dieses Moment ist im strengsten Sinne akzidentell. Die
Klonen zu legitimieren, dessen eigentliche Motive nichts als Forscherinteres- Zen-Wissenschaft' schreitet fort im Verbund mit einem Wissen, das sich,
Se und "Dienst an den Gütern" sind. Wer hier Widerspruch anmeldet, läuft ~obald man es zu fassen versucht, immer entzieht, das immer woanders ist
Gefahr, das Lager der "guten Leute" zu verlassen. und das sich niemals schließt. Das Leiden ist nicht zu begreifen, ist "keine
Die "Gewissensbisse des Monsieur Oppenheimer,,54 in den sechziger Jahren Sache des Griffs". "Das Denken ist auf der Seite des Griffs und das Gedach-
des 20. Jahrhunderts vermochten diese progressive Weisheitsparalyse eben- te auf der anderen Seite,,56, wie Lacan in Anspielung auf Aristoteles sagt.
sowenig aufzuhalten wie die Bedenken derjenigen (halbabtrünnigen) Wis- Durch den Begriffdas Leiden in den Griffzu bekommen und unter Kontrolle
senschaftler, die das wohlbekannte Horrorszenarium von UnHillen und Pan- zu halten, ist eine Illusion. Im Zen werden Meister befragt, wo sonst Philo-
nen heraufbeschwören, die im Fall der Umsetzung der ,an sich guten' Pläne sophen und Wissenschaftler zum Einsatz gebeten wurden oder sich auf-
zu erwarten sind. Der analytische Diskurs in lacanschem Verständnis dem- drängten, wahrscheinlich letzteres, denn der Begriff ist, wie Lacan sagt, ur-
gegenüber visiert schlicht den "Austritt aus dem kapitalistischen Diskurs" - sprünglich Waffe, Wurfgeschoß, Mittel zu einer Unterwerfung. 57
effektiv zu vollziehen. Das Unbewusste (das in seiner ersten Bestimmung Nicht-Wissen ist) ist nun
aber nicht der Bereich eines Archaischen, Irrationalen, Instinktiven, dem sich
1.9 Die Wissenschaft und das sich nicht wissende Wissen der (wissende) Intellekt anzunähern versagt, der nicht erschlossen oder vom
Ich besetzt werden kann, vielmehr ist es einerseits zu bestimmen als ein
Wer mich befragt, der weiß mich auch zu Nicht-Wissen, das sich weiß und andererseits als ein Wissen, das sich nicht
lesen. (Lacan) weiß. Zuerst ist es ein sich wissendes Nicht-Wissen:

Trotz seiner Hingeneigtheit zur Philosophie, seinem untrüglichen Gespür fiir


Logik und einem Hang zu einer barocken Ausdrucksweise mit zum Beispiel
Paranthesen innerhalb von Paranthesen hat Lacans Eingenommenheit gegen
den routinierten Akademismus und ,Das Intellektuelle' programmatischen
Stellenwert in seinem Werk und ähnelt in seiner Stoßrichtung den zeni- 55 Lacan, L S I, Freuds technische Schriften, S. 344
56 Lacan, L S XX, Encore, S. I 15
57 Die etymOlogische Verwandtschaft von ,,Begriff" und "Wurfgeschoß" behauptet Lacan im
54 Lacan, J.: S VII, Die Ethik der Psychoanalyse, S. 388 R.S.I.-Seminar.
38 39

"Das Unbewußte in seinem eigentlichen Zyklus stellt sich fiir uns, chitektur gilt, rur die Architektur als solche: in ihrem ursprünglichsten We-
obwohl es als solches ausgemacht ist, aktuell als das Feld eines Nicht- sen ist sie einerseits Vergegenständlichung der Leere und andererseits "so
Wissens dar.,,58 etwas wie die Vergegenwärtigung des Schmerzes,,61.
Nichtverrat des Begehrens heißt, ein Begehren zu prolongieren, das auf kein
Andererseits ist es ein sich nicht-wissendes Wissen. und dieses gleichsam zu äußeres Objekt gerichtet ist, eines Begehrens, das nicht von sich selbst abge-
entbinden, darum ist es dem Zen wie der lacanschen Analyse zu tun. Die lassen hat und gerade deshalb nicht über sich hinausweist. Am Beispiel die-
Anerkennung der symbolischen Kastration, die immer zuerst die des anderen ser Statuen findet Lacan eines der Paradigmata rur sein Schlüsseltheorem
ist, ist die Bedingung, dass sich dieses Wissen gleichzeitig als die Wahrheit von der Selbstreferentialität des Begehrens, ohne das die Entwicklung seiner
des Subjekts und als ein Wissen, das sich selbst nicht weiß, sagen kann. Das "Ethik der Psychoanalyse" nicht zu verstehen ist.
Sagen des Subjekts des Unbewussten ist deshalb das Sich-Sagen eines Wis- Die Dimension der "Mühe, die es macht, da zu sein" oder, wie Lacan an an-
sens, das sich selbst nicht weiß, weil es sich selbst nicht zum Inhalt werden derer Stelle sagt, des "Schmerzes des Existierens selbst" ist nun eng ver-
kann. Nur dieses Wissen (das des Unbewussten) ist der (einzige) Garant der knüpft mit diesem Motiv der Selbstreferentialität. Die Selbstreferentialität
Authentizität des Subjekts. Die Wahrheit des Subjekts des Unbewussten sagt des Begehrens, das ist das Leben selbst. Ein Begehren, das nur sich selbst
sich im Aussagen selbst aus, kann aber nie Inhalt von Aussage sein. Diese will, das kein Objekt hat und keinen Inhalt außer sich selbst, ist nach Lacan
Wahrheit ist eine des Unterwegs-Seins, im Werden und im Vollzug sich äu- das letztlich einzig legitime Begehren. Beim Streben nach dem Guten, dem
ßernd und man kanri sie nicht besitzen. Folglich können die Wahrheit des höchsten Gut, den Gütern spielt immer eine gewisse Korrumpiertheit des
Subjekts wie die des Unbewussten mit keinem Schlüssel ,von außen' aufge- Antriebs schon mit. Im Grunde sei, sagt Lacan, die buddhistische Sache und
schlossen werden, noch kann das Subjekt sich selbst als Inhalt eines derarti- die, "die uns interessiert", ein und dieselbe:
gen Wissens begreifen. Was zum Wissen werden kann, wird durch die Sub-
jekte selbst eingebracht und es ist nicht zu trennen von seinem Auftauchen in "ein bestimmtes Verhältnis des menschlichen Subjekts zum Begeh-
ren,,62,
der Signifikantenkette, die durch die Dynamik von Übertragung und Gegen-
übertragung generiert wird.
Und der Buddhismus sei das Wissen,
,,[...] daß das Begehren Illusion ist,,63
1.10 Reisen nach Japan
Die Buddha-Statuen des Klosters von Todaj-ji in Nara, dem Ziel von Lacans
zweiter Japanreise, wo eine große und einhundert gleichaussehende kleine 1.11' Nullpunkt der Zeit
Statuen zu sehen sind, die, in bestimmter Weise gespiegelt, genau dreihun-
Wirkungen der ,buddhistischen Therapie' auf der Ebene des Ego müssen als
dertdreiunddreißigtausend Figuren ergeben, sind, so Lacan, nichts als Bilder
akzidentell betrachtet werden, als\Nebenwirkungen. Das Zen lehrt letztlich
für "die Mühe, die es macht, da zu sein,,59. Der Bau dieser riesigen Tempel-
nichts als Nirwana und Satori. Ein Sesshin64 ruhrt zum "Nullpunkt der Zeit",
anlage habe mehr als hundert Jahre gedauert. Sie bedeuten nicht nur "die
der jenseits des persönlichen Bewusstseins liegt. Es lehrt auch nur nebenbei,
Mühe, die es macht, da zu sein", sie sind diese Mühe, sie bezeugen, wie La-
was gewöhnlich mit Lebensklugheit, der Kunst zu leben bezeichnet wird und
can sich im Seminar über die "Ethik der Psychoanalyse" ausdrückt, "bis in
liegt deshalb nicht auf der Linie der antiken Philosophien a la Stoa oder Epi-
(die) Gestalt hinein die Gegenwart dessen [...], was man einen zu Stein ge-
wordenen Schmerz nennen könnte [...],,60, Bei der Betrachtung eines Bau-
werkes wie dieser Tempelanlage werde nur evident, was letztlich rur alle Ar- 61 Ebd.
62 Lacan, J.. Semmar X, Die Angst, 2. Teil, S. 69
63 Ebd., S. 76
64 "Jap., wörtl.: ,Sammeln (setsu) des Herz-Geistes (shin)'; Tage besonders intenSiver, stren-
58 Lacan, J.: S VII, Die Ethik der Psychoanalyse, S. 285 ger Übung des gesammelten Geistes, wie sie in Zen-Klöstern In regelmäßigen Abständen
59 Lacan, J.: S X, Die Angst, II. Teil, S. 73 durchgeführt werden." (Diener, M. S.: Das Lexikon des Zen, S. 181) Sesshins werden auch
60 Lacan, J.: S VII, Die Ethik der Psychoanalyse, S. 76 In den westlichen Zen-SanghaS regelmäßig durchgeführt.
40 41

kureismus. K. Heinrich schreibt zur buddhistischen Übung im Unterschied


zu einem griechisch-römischen Verständnis von askests: [...] Das ,Gehenlassen der Gedanken' ist das integrale Bewußtsein,
"Askesis, ursprünglich gerichtet auf Form, wird [in buddhistischer das auf natürliche Weise aus der Haltung und Atmung des Zazen her-
Praxis, J.A.] zu einer Praxis des leibhaftigen Entschwindens die zwar vorquillt. Aus diesem Grunde betonte Dögen Zenji, dass das ,Gehen-
unendlich viele Formen kennt, esoterische und exoterische deren lassen der Gedanken' die Essenz selbst des Zazen ist. [...] Dieses Be-
Sinn aber die Absage des Geformten an die Formen ist; nicht ~uguns­ wußtsein des Zazen ist ohne Gewinnstreben (Mushotoku) und hat
ten des Ungeformten, über das der kultivierte Asket ebenso nase- kein Objekt. Wie ein Samen in den Neuronen abgelegt, wird Praxis,
rümpfend sich erhebt wie nur ein griechischer Weiser oder dessen Erfahrung keimen und wird natürliches Bewußtsein.
modeme Nacheiferer, sondern zugunsten einer nur mühsam zu errei- Dieses Bewußtsein ist vollständiges Nirwana, Zustand der Befreiung
c~enden en4~ültige~ ~orJ?I~~igkeit. Formen, die Form-Iosigkeit
(von) der menschlichen Konditionierung, aber nicht das Zunichte-
Sichtbar machen, well sie em Ubergang sind, selbst schon entschwin- werden des Bewußtseins. Es ist das Erwachen zur wahren Natur der
dend oder die Sammlung verkörpernd vor dem Entschwinden können Erscheinungsform, Weisheit des Buddha. ,,66
die raffiniertesten Gebilde sein. [... ].,,65 ' Oftmals scheint es, als diene Lacans Analyse mutatis mutandis zur Evokati-
on einer derartigen Berührung wie der des "Nullpunkts der Zeit". Ob er über
Entsprechend geht es In Lacans Praxis weniger darum, Pathologisches (Un- de Sade spricht, auf das Zen als Technik eingeht oder auf das Kunstwerk als
geformtes, schlecht Geformtes) durch Gesundes (die vollendete Form) zu ,e- solches reflektiert, immer scheint es um etwas hiermit Vergleichbares zu ge-
xorzieren' oder Sinn an der Stelle von Nicht-Sinn zu schaffen sondern zu hen. Lacans ,Suche nach dem Absoluten' streifte nicht nur die Vorstellung
einem ;,absoluten Nullpunkt" oder einem "glühenden Zentruu:.· zu führen, einer von jeder Geschichtli.~hkeit befreiten Geschichte, die Vorstellung eines
wo jeder Dualismus endigt und die Illusionen des Sinns gerade zerbrechen. effektiv zu vollziehenden Ubertritts ließ ihn nie los. Im Zusammenhang mit
Die Praxis des Zen führt zurück zum Ursprung, wobei Ursprung zu verste- dem Kunstwerk spricht er von einer
hen ist als lebendige Zeit oder absolute Gegenwart. Der "Nullpunkt der Zeit"
ist kein historischer Anfang, sondern absolute Gegenwart, ungeachtet dessen, ,,[...] Annäherung an ein glühendes Zentrum oder einen absoluten
dass seine Berührung einen Einschnitt in die Biographie, eine historische Nullpunkt, der psychisch den Atem verschlägt. [...] Das Kunstwerk
Wendemarke einleiten kann. Ein Sesshin ist der Eintritt in die Wiederholung zeigt sich [...] als ein Experiment, das in seinem Verlauf das Subjekt
aus seinen psychosozialen Vertäuungen reißt. ,,67
der Gegenwart als der ursprünglichen Form von Alltäglichkeit.
Deshimaru Roshi spricht in dem Zusammenhang vom "integralen Bewusst- Die Auflösung (Ana-lyse) der "psychosozialen Vertäuungen" geschieht
sein"; durch' die Annäherung an ein "glühendes Zentrum", einen "absoluten Null-
punkt".
,,~ishiry? ist das Denken, das vom Nullpunkt der Zeit (dem vollstän-
digen- Hier und Jetzt) wiederkehrt, das Denken, das durch die Ver- Hier also berühren sich die Psychoanalyse und die Religion. Zen als Ana-
nunft und die persönlichen Überlegungen nicht erreicht werden kann. lyse (A.!!jlösung der "psychosozialen Vertäuungen") und die Analyse als reli-
Man kan,n es als das universale Bewußtsein betrachten, das der Be- giöse Ubung (Führung zum "glühenden Zentrum", "absolutenNullpunkt")
wegungder Natur und der Ordnung des Universums folgt. Der Geist sind Wege der re-ligio in seiner ursprünglichen Bedeutung: der Rück-
erhält. eine kraftvo~le Ruhe, und die Neuronen er~alten die gleiche bindung. Wenn in dem Zusammenhang noch vom Selbst die Rede ist, der
Schwmgung Wie die des Universums. Sie sind in Ubereinstimmung. Evokation des, wahren Selbst', so liegt ein Begriff vor, der mit den kurren-
ten westlichen Mustern nur schwer zu kompatibilisieren ist. Selbstsein ist
hier Leersein und Mitsein in einem. Lacan rekurriert zur Entwicklung eines
65 Hemnch, K.. Versuch über die Schwlengkeit nein zu sagen, S. 127 Begriffs von Selbst auf die Etymologie des französischen meme:
1914-1982; Dieser Japamsche MeisterwIrkte von Paris aus (seIt 1967 biS zu semem Tod)
und verbreitete das S~to-Zen, eme der beiden Haupt-Zen-Schulen m Japan, in Europa. La-
can und Deshlrnaru hatten Sich also durchaus über den Weg laufen können, was aber rn.W. 66 Deshirnaru Roshi, T. m: Zen-Info, Nr. 62,63/1999, S. 11
mcht geschehen ist. 67 Lacan, J.. S VII, Die Ethik der Psychoanaiyse, S. 243
42

"Die Etymologie des Begriffs meme [...] - ist keine andere als me- 2 Die (De)konstruktion des Ich bei Lacan
tipsismus, das aus dem Selbst in mir selbst eine Art Redundanz
macht. Metipsismus wird phonetisch in meme transformiert ~ das Ich-
selbstigste von Ich selbst, das, was im Innyrsten meiner selbst ist und
über mich hinaus, insofern das Ich auf defEbene dieser Wände auf-
hört, auf welche man ein Schildchen tun kann. Dieses Innere, diese 2.1 Sei nicht, der du bist!
Leere, von der ich nicht weiß, ob sie mir oder niemandem gehört, ist
das, was, im Französischen zumindest, dazu dient, den Begriff des Der größte Teil unseres Wesens ist uns unbekannt. Trotzdem lieben
Selbst zu bezeichnen. ,,68 ~ir uns, reden von uns als von etwas ganz Bekanntem, auf Grund von
ein wenig Gedächtnis. Wir haben ein Phantom vom, Ich' im Kop-
fe das uns vielfach bestimmt. Es soll Konsequenz der Entwicklung
An Stellen wie dieser wird ,Lacans Buddhismus' offenkundig. Der Begriff
von Selbst, wie hier elaboriert, untrennbar verbunden mit den Begriffen
b~kommen. Das ist die Privat-Kultur-Tat - wir wollen Einheit erzeu-
gen (aber meinen, sie sei nur zu entdecken).
Leerheit und Mitsein, ist aus abendländischen Deutungsmustern kaum herzu-
leiten. Das Unbewusste, sagt Lacan, ist ethisch, nicht ontisch verfasst. 69 Es Es existieren nicht:
ist primär als Nicht-Wissen bestimmt und dieses Nicht-Wissen ist das des I) ein Subjekt des Wollens
anderen. Nicht nur Diskurs und Begehren sind die des anderen, auch das 2) ein Subjekt des Erkennens
Unbewusste selbst ist das des anderen. Die Analyse evoziert die revelation 3) ein Ich
des Ullbewussten in seiner Verfasstheit als das des anderen. Metipsismus be- 4) eine Seele
zeichnet deshalb den Vollzug, das Sich-Ereignen des Unbewussten in seiner 5) in irgendeinem Individuum eine bleibende Mitte
ethischen Verfasstheit.
Der Bereich jeden Subjekts verändert sich ständig. Das Subjekt als
Realität oder einfach als fester Bezugspunkt ist also eine Fiktion. Von
dieser Fiktion allerdings leiten sich die metaphysischen Begriffe des
Seins und der Substanz ab. Dagegen existiert nicht einmal das ,Den-
ken,.,,7o

"Wie mit seinem Sein agieren?,,71, fragt Lacan, in dessen Schriften. und
transkribierten Seminaren sich sämtliche dieser von Nietzsehe als nicht-
gegeben und nicht-existent markierten Posten, gleichfalls behauptet als
nicht-existent, nicht-gegeben, wiederfinden. So müsste die Frage also eigent-
lich lauten: "Wie mit dem Mangel an Sein agieren?". Gleichwohl, die Psy-
choanalyse versteht sich als eine transformatorische Praxis und muss trotz
oder gerade wegen der "Fragwürdigkeit des gesamten Daseins" (Nietzsche)
irgendeine Art Antidot parat haben. Womöglich könnten folgende von
Borch-Jacobsen formulierte Sätze das Motto eines an Lacan geschulten Ana-
lytikers abgeben:

68 Ebd., S. 239 70 Nietzsehe, F.: Sämtliche Werke, Bd. 8, S. 3 2


69 VgL hierzu: Laean, J.: S XI, Die vier Grundbegriffe..., S. 39ff. 7I So der Titel eines der Essays aus: Laean, 1.. Sehr. I, S. 203
44
45

~"Identi~ziere dich nicht', ,Sei nicht, der du bist', ,Begehre dich über Es ist aber, hat es einmal einen Eintritt in die Logik Lacans gegeben, nicht
Jedes Objekt hmaus', ,Sei nichts",.72
herumzukommen um dergleichen "Gefasel" und umso mehr findet sich die-
ses: an ihn gebunden. Nichts davon wissen wollen und gleichzeitig sich ge-
Je~e~falls zeigen diese mit dem Pathos des Negativen aufgeladenen Formeln
bunden fUhlen, ein schier unlösbares Dilemma. Aber ...
~oghche Konsequenzen auf, die aus Lacans Lehre zu ziehen wären, formu-
!leren Schlussfolgerungen, die aus seiner berüchtigten Logik hervorgehen, "Das ist eben das, was macht, daß nur wenn das Ihre Ihnen ausrei-
Jener ~her ver- als entwickelnden Logik. Gerade ihretwegen wurde Lacan chend erscheint, Sie sich, wenn Sie zu meinen Analysanten gehören,
auch Immer als Guru, Wahrsager oder Weiser rezipiert, als jemand, der normalerweise von Ihrer Analyse lösen können. Ich schließe daraus,
Antworten hat. Sein Sagen, selbst in transkribierter Form, erscheint som- daß ich, im Gegensatz zu dem, was ausgestreut wird, in meiner Posi-
~ambul und gleichzeitig "mit dem Hammer", dem Wurfgeschoss des Beg- tion als Analytiker keineswegs auf einen Umweg gerate mit dem, was
nffs. .0·
ich hier mache.,,75
I~ "Sinthome"-~eminarist im Zusammenhang mit der Frage, ob Joyce ver-
ruckt war und sl~h als Erlöser geruhlt habe, die Rede von der "Evozierung
des falschen ChriStuS". Die Allüren des "falschen Messias" seien "Manie- 2.2 Erinnerung an das Spiegelstadium
rismus.un~ das Rätsel,m, s~gt Jaques Aubert im Seminar. Lacan spielt mit Es gibt eben kein Mittel, mir zu folgen, oh-
dem Slgmfikanten, dem Wissen und dem Signifikanten des Wissens aber ne durch meine Signifikanten hindurchzu-
spielt er Versteck damit? Verwischt er auf unverantwortliche W ei~e die gehen. (Lacan)
Grenze zwischen einem somnambulen Sagen und dem wissenschaftlichen
Diskurs, der, wie Descartes bestimmte, clare et distincte zu sein hat? Das Modell des Spiegelstadium ist nur dem Anschein nach ein entwick-
Lacans. Sagen ev~ziert ein Begehren zu entziffern und im selben Zug ein lungspsychologisches. Tatsächlich ist es eine durch Erfahrungstatsachen ge-
~,Ich wtll da~on mchts wissen." Der "geringste Zweitgeiger", gebunden fast stützte Spekulation über die durch die Prämaturation des Menschen beding-
m emem rehgiös (zurück-gebunden) zu nennenden Sinne an den Meister ten initialen Akte der Genese des Ich.
durch dieses doppelte Motiv, ist Das Grundschema ist hinlänglich bekannt: Das Menschenjunge erkennt sich
"animiert [...] von dem Wunsch, einen Meisterposten zu haben und in einem Alter zwischen sechs und 18 Monaten, zu einer Zeit, in der ihm das
es hat nicht einen einzigen gegeben, der nicht ich weiß nicht w~s fiir Schimpansenjunge an motorischer Intelligenz überlegen ist, selbst im Spie-
ein Gerangel fabriziert hätte über den Signifikantenmangel den Sig- gel wieder, wozu, wie Lacan 1936 in seinem Vortrag auf dem Kongreß von
nifikanten des Signifikantenmangels und anderes Gefasel zu~ Phallus Marienbad noch sagte, das Affenjunge nicht in der Lage ist.
[...]"74 Doch die höheren Affenarten (und auch Delphine) erkennen sich sehr wohl
im Spiegel wieder. Jedoch ist rur sie diese ,Selbsterkenntnis' bedeutungslos,
während das Menschenjunge die Aufnahme seines Spiegelbildes mit Jubel
goutiert. Als Lacan im späten R.S.I.-Seminar auf das Spiegelstadium zu
sprechen kommt, hält er, konzedierend, dass andere Primaten sich wie der
72 Borch-Jacobsen, M.. Lacan, Der abSOlute Herr und Meister, S. 250. - Borch-Jacobsen
nennt solch I~perativlsche Hypotaxe, die er als den Impliziten, an den Analysanten Sich Mensch im Spiegel erkennen, rur vorrangig erwähnenswert, dass dieser nar-
nChte~.den Diskurs des an Lacan geschulten Analytikers unterstellt, "eine paradoxe (Bate- zisstische Jubel, der nur beim Menschen zu beobachten ist, die spezifische
son wurde s~gen: schizophren machende) Aufforderung" (ebd., S.150) Er liefert gielch ei- Differenz zum Tierjungen darstellt.76
neganze Reihe solcher "Aufforderungen" mit varianter Schwerpunktsetzung: ",Präsentiere
deme ~bsenz (oder: Laß del~ Abwesenanwesen)!" ,Sage dein Begehren aus!" Bnnge
d~m Nichts zum Erschemen! , ,Sage deinen Tod!'" (ebd., S. 150) Oder: ",Identifizlere
dich mit memem Begehren" ,Sei (nicht) wie ICh', ,Ahme das Unnachahmliche nach'"
(ebd., S. 251)
73 Lacan, J.: S XXIII, Le Sinthome, S. 2
74 Lacan, J.: S XX, Encore, S. 80 75 Ebd., S. 7
76 Vgl.. Lacan, Jaques: S XXII, R.S.I., S. 39ff.
46 47

Vor dem Spiegelstadium verfUgt das infans über kein Bewusstsein der Ein- Gegen seine Hilflosigkeit durch die Unmöglichkeit der Kontrp,lle. der Kör-
heit seiner selbst. 77 Zwar gibt es Übereinstimmungen gewisser zerebraler perfunktionen setzt sich das infans durch eine Aufrichtung (stasis),am Bild
Aktivität mit motorischer Abfuhr, jedoch fehlt die Vorstellung der körperli- seines Körpers zur Wehr. Aus der anfänglichen Dissoziiertheit und Unkoor-
chen Einheit. Im Spiegel nun aber erblickt das infans sich erstmals als Ein- diniertheit des Körpers, der Zerstückeltheit des Körpers, geschieht plötzlich
heit. Die Aufnahme seines Bildes ist eine jubilatorische, weil es sich als die Geburt einer strukturierenden Illusion, der eine orthopädische Funktion
ganz, geschlossen und souverän imaginiert. Seine reale Abhängigkeit tauscht zukommt. J.-D. Nasio schreibt in ,,7 Hauptbegriffe der Psychoanalyse" hier-
es von dem Moment an (quasi wunschträumend) gegen eine· imaginierte zu:
Allmacht, die Ich-Illusion.
"Das Ich ist in diesem Moment, und nur in diesem Moment, nichts
Diese Erfahrung - auch der Illusion eignet das Manifeste der Erfahrung - de- anderes als der Abdruck einer Kontur des einZigartigen Bildes des
terminiert den Grundirrtum des nachfolgenden Lebensvollzugs, indem sie~ls Kindes, der Aufriß - einfach eine Linie - der menschlichen Form des
vorgegeben erscheinen lässt, was sich erst, als Resultat der Spezifität der kleinen Menschen. ,,79
menschlichen Wahrnehmung, im Moment des Auftauchens des Spiegelbil-
des bildet. Die initiale Täuschung schafft und definiert den Selbstbezug des Das Imaginäre stellt so zugleich den Rahmen und die Stütze des Subjekts
Menschen. und bildet seine Wirklichkeit. Die Wahrnehmung im Spiegel verursacht, was
Was dieses Moment der Inthronisation des Bildes bedeutet, stellt Gerome nur Bild ist, fUr den Ursprung des Abgebildeten zu halten. Die Einheit seines
Taillandier heraus, indem er, die Grundformel der Alienation ("Ich ist ein Ich, die das Menschenjunge erblickt, ist, im Wortsinn, (nur) eine Vision, da
anderer") dialektisch ihren Polen zuordnend, auf die Freudsche Unterschei- die jubilatorische Reaktion sich stets nur auf eine Identität als antizipierte
dungvon Ich- und Objektlibido abhebt: bezieht.
"Wenn der im Spiegel von mir wahrgenommene andere mir meine
Statur und Erscheinungsform gibt, so heißt dies auch, daß er 1m tran- Es erblickt seine Gestalt in einer vorweggenommenen Einheit und Vollen-
sitiven Sinn mein Ich ist: Ich ist der andere, es gibt eine imaginäre dung. Zwischen faktischer Dissoziiertheit und imaginärer Einheit entsteht ei-
Übereinstimmung zwischen i(a) und i'(a), zwischen Ichlibido (Libido ne Kluft, dergestalt, dass das Subjekt sich von ersterer weg- zu letzterer hin-
zum ei~enen Körper) und Objektlibido (insofern das Objekt der ande- zubewegen trachtet. Identität ist, so Lacan, deshalb illusionär und ein Arte-
re ist)." 8 fakt, weil SIe immer (nur) antizipativ ist. Die Spiegelidentifikation hebt die
Spaltung nicht auf, sondern überspringt sie. Es gibt ein ursprüngliches, sub-
stantielles Ich also nur in der Form der TäuschunglVerkennung. Das Subjekt
77 Wie sehr Lacan in punclo Theoriebildung tatsächlich an Freud anknüpft, lässt sich anhand projiziert in die Zukunft, was vermeintlich zu Grunde liegt. Im selben Zug,
des kurzen Überblicks ersehen, den Laplanche/Pontalis darüber geben, was bel Freud die in dem sich das Menschenjunge in der Einheit gerettet wähnt, etabliert sich
Einruhrung des Narzissmus in Hinblick auf die Theone des Ich mit Sich gebracht hat: "Das sein Einwohnen im Imaginären. An der Pforte zur Menschwerdung steht ei-
Ich erschemt mcht auf Anhieb, noch ist es das Ergebnis emer progressiven Differenzie- ne konstitutionelle Täuschung, in deren Gestell das Subjekt sich einrichtet.
rung. Damit es Sich konstitUiert, ist eine ,neue psychische AktIOn' notwendig. [...] Im Ver-
gleich mit dem anarchistischen und zerstückelten Funkt10meren der Sexualität, d~ den
AutoerotIsmus charaktenslert, Wird es als eine Einheit definiert." (Laplanche/Pontalis: Das Unmittelbar verbunden mit der Herausbildung der Ich-Instanz ist die initiale
Vokabular der Psychoanalyse, S. 193) Eroberung des anderen. Es wird erprobt, ob die Fiktion, der der Jubel gilt,
78 Gerome Tai11andier: Jaques Lacans Semmar über die Angst. Ein Überblick, m: Riss, Zeit- der Realitätsprüfung standhält. Dazu wendet sich das infans im Moment un-
schrift rur Psychoanalyse. Freud.Lacan., Nr. 42, S. 13f. - Die Onentierung Lacans an
Freud lässt sich wiederum anhand von "Das Vokabular der Psychoanalyse" aufzeigen: mittelbar nach der Sichtung seiner selbst als Einheit einer im Raum befindli-
"Ebenso wie em äußeres Objekt bietet es [das Ich, J.A.] Sich der Sexualität als Liebesob- chen 'dritten' Person zu (zum Beispiel dem Vater oder der Mutter), um von
Jekt an. [...] Diese Defimtlon des Ichs als Objekt verbietet es, das Ich der Gesamtheit der
Innenwelt des Subjekts gleichzustellen." (Laplanche/Pontalis: Das VokabulaT der PsyCho-
analyse, S. 193) - Die Imaginäre Identität von Ich-Libido und Objekt-Libido Wird zum die IdealiSierung, Überhöhung und Überschätzung des Sexualobjekts Ergebnis dieser Un-
Beispiel Wirksam m Fällen von ejaculatio präcOJ<. Lacan erklärt Sie aus der narzisstischen unterschiedenhelt von Ich- und Objektlibido zu sein.
IdentifiZierung mit dem Partner. (vgl.. Lacan, J.. Schr. I, S. 87, Fußnote) Generell schemt 79 NaslO, 1.-D.: 7 Hauptbegriffe der Psychoanalyse, S. 96
49

Die Analyse hat es letztlich immer zu tun mit den Problemen, die sich aus
der Unmöglichkeit dieses Unternehmens ergeben. Die Aufkunft der analyti-
schen Wahrheit wird die ohnehin instabile Stasis, die sich am Bild des Ich
orientiert, vollends destituieren 84 und damit letztenendes, wie noch zu zeigen
sein wird, die Realität selbst und als solche ins Phantasma zurückstoßen.
Von außerordentlicher Bedeutung bei Lacan ist stets, dass er die Dissoziation
des Subjekts als konstitutiv, nicht als pathologisch ansieht. Denn die mit der
Einrichtung der Instanz des Imaginären gleichzeitig aufklaffende fundamen-
Die Prüfung zielt darauf zu erforschen, ob der andere geneigt ist, die im tale Spaltung ist unhintergehbar. Die Psychoanalyse schafft lediglich die
Spiegel erfahrene Ich-Imagination als über jeden Zweifel erhabene :Wirk- Einsicht in das konstitutionelle Unvermögen, das antizipierte Bild der eige-
lichkeit zu beglaubigen. Der andere manifestiert die Alienation des Subjekts, nen Ganzheit je zu erreichen. In dem Zusammenhang sollte auf die Unter-
indem er in den Jubel über den im Spiegel erblickten anderen einstimmt. scheidung des lacanschen "Imaginären" und dem, was Illusion genannt wird,
Hier ist vorerst von Wichtigkeit, dass der andere - der Nebenmensch81 , der Wert gelegt werden. Das Imaginäre in der Theorie Lacans, als strukturbil-
ist wie ich - ebenso wie er die Spiegelidentität als Wirklichkeit bestätigen dendes Moment, kann nicht ,abgeschafft' werden, nur die Illusionen, deren
kann, später auch die Macht haben wird, das Ich zu Fall zu bringen, indem Begriff schon etwas von ,überflüssig' anhaftet, können ,heruntergefahren'
er dessen Phantasma die Anerkennung verweigert. 82 Der von der infantilen werden. Evans bringt das sehr klar zum Ausdruck, wenn er schreibt, dass das
Orientierung des Spiegelstadiums geleitete Versuch, den anderen zum Bür- Imaginäre, obwohl es "immer die Konnotationen von Illusion und Täu-
gen und Garanten der Existenz im Erwachsenenleben zu machen, ist für La- schung trägt,,85, doch nicht "synonym mit dem ,Illusorischen' ist, insofern
can die "Mißachtung seiner selbst und des anderen verbunden in einem ein- letzteres Unnötiges und Belangloses impliziert,,86, Das Imaginäre demgegen-
zigen Term,,83. über übe "starke Wirkungen auf das Reale aus und ist nicht etwas, das ent-
behrlich wäre oder das ,überwunden' werden könnte 87", Wie wenig entbehr-
Weitaus wichtiger als die Tatsache, dass durch die Spiegelerfahrung ein rea- lich es ist, plausibilisiert Lacan mittels seiner borromäischen Knoten. Löst
ler physischer Mangel, die Unkoordiniertheit des Körpers, behoben wird und man einen der drei miteinander verbundenen Ringe (die rur Reales, Symboli-
das infans beginnt, Herrschaft über seine Körperfunktionen auszuüben, ist sches, Imaginäres stehen) aus dem Ensemble heraus, sind auch die beiden
für die Theorie der psychoanalytischen Praxis, dass durch sie ein symboli- anderen frei. Das Ensemble f,illt auseinander.
scher Mangel mitbefriedigt wird, der Mangel an Sein.
Weil dem Bild tatsächlich keine Substanz zu Grunde liegt und folglich die Die Subjektkonstitutionstheorie des Spiegelstadium wendet sich, um Lacans
Einheit immer nur eine antizipatorische sein kann, wird Identität im selben Theorie in den philosophischen, bzw. psychoanalytischen Diskurs einzuord-
Zug, in dem sich das infans in der stasis gerettet wähnt, zu einem fundamen- nen, gegen die folgenden Auffassungen:
talen Problem, denn dem menschlichen Wesen geht es von nun an um etwas Zum einen gegen die bürgerlich-humanistische, die sich auf die nur die All-
Unmögliches, nämlich die Synthetisierung der einmal- gleichsam als Ver- tagagsverkennung perpetuierende Vorstellung gründet, das Ich sei das Ge-
sprechen einer zukünftigen Vollkommenheit in der Form absoluter Selbst- wisseste schlechthin und die aus dieser die Annahme eines freien Subjekts
identität - erblickten Einheit. hervorgehen lässt, das Urheber und Verantwortlicher seiner Handlungen ist.
Diese Grundverkennung wurde, so Lacan, durch die philosophische Traditi-
80 Lacan, 1.: Schr. I, S. 63
81 Den schon von Freud gebrauchten Ausdruck Nebenmensch übernimmt Lacan an einigen
Stellen, so in: Lacan, 1.: S VII, Die Ethik der Psychoanalyse, S. 51 u. 66 84 Die Im Spiegelstadium eriangte StasIs Wird de-stitulert. Vgl. hierzu: Zizek, S.: Die Tücke
82 Eben das wird auch der lacanlanlsche Analytiker tun, indem er sich dem Anspruch der des Subjekts, S. 365, oder: Evans, 0.: Wörterbuch der lacanschen Psychoanalyse, S. 85
Wiederherstellung des Bildes verweigert und mcht die Rolle der ,dntten Person' aus der 85 Evans, 0.: Wörterbuch der Lacanschen Psychoanalyse, S. 146
SpIegelszene zu spielen bereit ist. 86 Ebd.
83 Lacan, J.: S VII, Die Ethik der Psychoanalyse, S. 383 87 Ebd.
50 51

on, die von der Vorstellung eines einheitlichen Ich ausgeht, gestützt und sys- genannte KI-Forschung.) Allein aufgrund der verschiedensten Erkenntnisse
tematisch ausgebaut. Die Philosophie übernahm damit, so Lacan, indem sie aus den unterschiedlichsten Wissensgebieten hielt es Lacan fiir unverzeih-
von dem seiner selbst bewussten Ich als einem iw;er Grundbegriffe ausging, lich, die Substanzhaftigkeit des Ego nicht als reines Trugbild anzusehen.
der religiösen Vorstellungswelt angehörige Ideen und perpetuierte sie. Die
Annahme eines substanzhaften Ich, von der die Philosophen ausgehen, habe Zum anderen richtet sich Lacans Theorie gegen die sogenannte Ego-Psycho-
also nur logie mit dem ihr eigenen therapeutischen Ansatz, der seine Entsprechung in
"den Substantialismus perpetuiert, der im religiösen Begriff der Seele der Affirmation des von Lacan (wie schon von Freud) perhorreszierten ame-
angelegt ist als einer mit dem positiven Stigma der Unsterblichkeit rican way o/life findet. Die Ego-Psychologie baut auf Ichstärkung. Ein star-
bekleideten Substanz,,88. kes Ich soll nicht nur die Dissoziationen und Unangepasstheiten des Subjekts
unter Kontrolle halten, seine In-Aussicht-Stellung impliziert sogar das Ver-
Aus der freudschen Entdeckung des Unbewussten folgt nach Lacan, dass das sprechen totaler Sicherheit und Unantastbarkeit. 92 Der Gegensatz der Ziel-
Ich 1.) dezentriert, 2.) nicht-autonom und 3.) nicht-ewig ist. Freuds Bedeu- setzungen einerseits der lacanschen Analyse, andererseits der Ego-
tung liege deshalb nicht zuletzt in der Ausschlagung eines gewissen Erbes Psychologie könnte nicht größer sein, denn bei Lacan dreht sich die Analyse
der Denk- und Vorstellungstradition. Lacan spricht in dem Zusammenhang um die Anerkennung der symbolischen Kastration.
auch von "Begriff~verweigerung,,89. Wenn Lacan im Spiegelstadium darstellt, wie die Ich-Illusion entsteht, so
Von der Idee, dass das Ich Substanz sei, habe sich im Freudschen Feld und lautet seine Frage hinsichtlich der psychoanalytischen Praxis: Wie kann der
um dieses herum schließlich der opake Schirm des Narzissmus durchbrochen werden?
"Fortschritt des Denkens als von einem einer strikt wissenschaftlichen
Kritik zu unterwerfenden Mythos"90 2.3 (K)Eine Spur von Selbsterkenntnis

abzuwenden gehabt. Mit diesem Fortschritt verbanden sich neben den Na- Das Subjekt bei Lacan ist Produkt von Signifikantenoperationen:
men der Denker einer gewissen philosophischen Gegenaufklärung, wie dem
Nietzsches, außerdem die Aufkunft der im neunzehnten und zwanzigsten
Jahrhundert neu aufkommenden Wissenschaften, der Psychologie, Psycho-
physik, Psychopathologie und Neurowissenschaft. (Mit heutiger Erfahrung
wären des weiteren zu nennen die Hirnhemisphärenforschung9l und die so-
len läßt. Das Gehirn aber besteht umgekehrt aus einer Vielzahl von verschiedenen, mehr
oder wemger unabhängigen ,Spezialisten', die Sich ohne Plan und ohne gemeinsamen Ar-
chitekten entwickelt haben. - Schon Freud hatte mit seiner Theorie vom Ich, Es und Über-
88 Lacan, J.: S II, Das Ich m der Theone Freuds..., S. 14 Ich mit der Aufspaltung unserer ,Seele' begonnen. Heute versuchen Forscher, seine drei
89 Lacan; J.: S XI, Die vier Grundbegriffe der Psychoanalyse, S. 24 Einheiten konkreten Hirnteilen zuzuordnen, wobei sich diese Einheiten als Vielhelten er-
90 Lacan, J.: S II,Das Ich in der Theone Freuds..., S. 14. - Vg1. hierzu z.B. die m "Das Vo- weisen. Neuronencluster fiir Farbsehen exislieren neben solchen fiir Grammatik, Hunger,
kabular der Psychoanalyse" gegebene Zusammenfassung, in der von den Quellen Freuds Sex oder Bemmotorik. Es gibt keinen Homunkulus, der das ganze kontrolliert. Außerdem
fiir seine theoretischen Neuerungen die Rede Ist: "Die an den Neurosen gewonnene klim- herrscht eine große evolutlOnäre Ungleichheit im Gehirn: Archaische Teile wie das eher
sche Erfahrung veranlaßt Freud, die traditionelle Bedeutung des Ichs vollständig umzuges- unbewußte limblsche System, haben mcht Immer das evolutlOnär gleiche Ziel wie der evo-
talten. Die Psychologie und bespnders die Psychopathologie der achtZiger Jahre bnngt es lulionär neuere, eher durch Bewußtsem gekennzeichnete Neokortex. Das Hin- und Herge-
durch das Studium der ,AlteratIOnen' und Verdoppelungen der Persönlichkeit, der >zwei- nssensem ZWischen Verstand und Gefiihl findet hier seme anatomische Entsprechung." (in:
ten Zustände< etc. mit Sich, daß der Begriff eines emheltlichen und pennanenten Ichs zer- "Tagesspwgel" 27.8.2000, S. 25)
stückelt wird. Mehr noch, ein Autor wie P. Janet hebt bel der Hystene die EXistenz einer 92 Es wurde schon darauf hingewiesen, wie auch die neueste amerikanische Future-
simultanen Verdoppelung der Persönlichkeit hervor [...]." (Laplanche/Pontalis: Das Voka- Philosophie mit ihren naiv-prophelistischen Zügen (Kurzweil und sein tradilionalistischer
bular der Psychoanalyse, S. 186) Ethik verpflichteter Anlipode Joy etwa) noch diesem WunSChdenken erlegen 1St. Die Visi-
91 Bas Kast gibt emen kursonschen Überblick über den neuesten Forschungsstand der Hirn- on von der Mensch-Maschme-Synthese, die Rede von der Lebensverlängerung bis hin zur
forschung: ,,(Ein) welt verbreiteter Eindruck ist obJekliv mcht gegeben: Die Intuilion vom potenliellen Unsterblichkeit durch die Entschlüsselung des Genoms folgen unbewusst dem
einheitlichen Ich. Wir haben das Gefiihl, wir seien em ,holislisches' Ich, das Sich mcht tel- Wunsch nach totaler Sicherheit und Unantastbarkeit des Ich.
52 53

"Ein Signifikant ist, was ein Subjekt repräsentiert [...] für einen ande- fikanten' folgen zu können hat den Austritt aus dem phantasmatischen Ich-
ren Signifikanten [...]"93, Rahmen, dem Raum der Spiegel(v)erkenntnis zur Voraussetzung, die Preis-
gabe der Imagination der Einheit des Ich. Ein Signifikant ist, was das Sub-
lautet Lacans ingeniöse Definition. Der Signifikant unterhält sämtliche Be- jekt (nicht das Signifikat!) für einen anderen Signifikanten (nicht für ein an-
ziehungen des Subjekts: die der ursprünglichen Identifikation mit dem Spie- deres Subjekt!) repräsentiert. Das Spiel der Signifikanten unterminiert un"
gel-Ich, die der Selbst-Reflexion, vor allem aber auch die Beziehung zum ausgesetzt jedes präsupponierte substanzhafte Hypoketmenon und lässt es als
anderen. reines Trugbild erscheinen. Was ich bin, kann deshalb niemals im selbstre-
Lacan hatte in seiner Darlegung des Spiegelstadium gezeigt, wie es dazu flexiven Akt erfahren werden. Lacans Neufassung des Cogito kehrt den Sinn
kommt, dass das Subjekt ein vorgängig-substanzhaftes Ich supponiert, das der Formel von Descartes exakt um:
durch das Spiegelbild lediglich abgebildet werde. Tatsächlich aber gibt es
nur die ursprüngliche Bildwahrnehmung, von der aus der (Trug)Schluss auf "Ich denke, wo ich nicht bin, also bin ich, wo ich nicht denke.,,95
ein zugrundeliegendes Ich gemacht wird. Dem Bild jedoch liegt nichts Sub-
stantielles zugrunde, das ihm entspräche, wovon es Abbild wäre; das sub- Das Subjekt denkt, aber das Denken kann weder das Sein noch das Subjekt
stanzhafte Hypoketmenon ist etwas Eingebildetes. Das Subjekt imaginiert denken. Denn, wie Lacan sagt:
sich somit als Einheit gerade dort, wo es nicht ist. "Die Denkung (la cogitation) bleibt einem Imaginären auf dem Leim,
Wenn dies zu erkennen, zu gewahren den Prozess der Anaiyse ausmacht, das im Körper verwurzelt ist, das Imaginäres des Körpers ist. Die li-
dimn kann sie beendet werden, wenn das Subjekt durch alle Übertragungs- teratur gibt davon Zeugnis, die philosophische wie die künstlerische,
konstellationen der Analyse hindurch aus der Spiegelverkennung heraustritt, die literarische - die sich übrigens in nichts unterscheiden.,,96
wenn es das Phantasma durchquert hat und der Spiegel zerschlagen ist.
Lacans Analyse läuft also nicht darauf hinaus, steh im Spiegel zu erkennen, Wenn die "Denkung" sich selbst denken will, verdoppelt sie nur den "Palast
sondern sich in ihm gerade nicht oder nicht mehr zu erkennen, oder wie A- der Trugbilder,,97, Das Subjekt kann sich, wenn es sich selbst denken will,
lain Juranville schreibt, aber nicht nur niemals erreichen, es entfernt sich in diesem Versuch sogar
noch immer weiter von sich.
"ihn zu zerbrechen und, blutüberströmt, in die Leere seiner Abwesen-
heit fortzuschreiten,,94, Während in der Theologie und derjenigen Philosophie, die den Begriff der
Seele mutatis mutandis übernimmt, das Subjekt als von Gott her versichert
Wie das Bild das (vermeintlich) Abgebildete erst hervorbringt, so der Signi- oder verbürgt durch eine höhere Wesenheit vorgestellt wird, sagt Lacan, die-
fikant das Subjekt. Selbsterkenntnis, geleitet durch die Spiegelerfahrung, se Konzeptionen gleichsam ,auf Eis legend', dass das Subjekt Effekt des
heißt sich zu ver-kennen. (me connaitre = sich erkennen; meconnaitre = ver- Signifikanten ist und
kennen) Sich zu er-kennen dagegen unter analytischen Gesichtspunkten setzt ,,(d)er Signifikant weist die Kategorie des Ewigen ab und dennoch,
die analytische Situation voraus, die eine spezifische relationale Matrix er- eigentümlicherweise, ist er aus sich selbst.'<98
schaffende Engführung des Signifikanten, in der die Selbsterkenntnis des ei-
nen immer von der des anderen abhängen muss. Freuds Entdeckung des Unbewussten und Lacans Signifikantentheorie geben
(
den scholastischen Diskursen eine neue Dit-mension99 , Die Bestimmung des
Da die für das bewusste Ich stets. inoperablen Signifikantenoperationen das
Signifikat ständig auflösen - das Signifikat gleitet unter dem Signifikanten -
kann sich das Subjekt als Einheit nur imaginieren um den Preis seiner Ver- 95 Lacan, J.. Schr. II, S. 43
96 Lacan, Jaques: S XXII, R.S.I., S. 56
schlossenheit gegenüber dem Wirken der Signifikanten. Dem Zug der Signi- 97 Lacan, L S X, Die Angst, 2. Teil, S. 71
98 Lacan, J.: S XX, Encore, S. 45
99 ,,[...] em ÄqUIvok auf das Wort DimenSion, das Ich Dit"mension schreibe, Mension des Ge-
93 Lacan, J.. S XI, Die vier Grundbegriffe..., S. 208 sagten." (Lacan, L S XXII, R.S.I., S. 18) Der übersetzer merkt zu "MenslOn" an: Ja men-
94 Juranville, A.. Lacan und die Philosophie, S. 93 sion gibt es nicht, aber: lat. mensio, das Messen, (Silben(maß); em ÄqUIvok zu Ja mension
54 55

Signitikanten.als "aus sich selbst heraus und nicht-ewig" hat Lacan en pas- Der folgende Passus aus demselben Buch ist mit Lacan doppelt kompatibili-
sant m Ausemanderset?:ung mit der Trinitätsspekulation des Richard von sierbar: Erstens wegen der Theone des "Aus sich selbst-seins" des Signifi-
Sankt- Vi~tor entwickelt. 100 Dignität des Seins hat bei Richard, was ewig ist kanten bei seinem gleichzeitigen "Nicht-Ewig-Sein", die mutatis mutandis
und llus sich selbst heraus. Was nicht-ewig und nicht aus sich selbst ist, ist Jullien hier am Beispiel chinesischer Denker entfaltet, zum anderen wegen
n~cht Sein,. oder schlicht: ist nicht. Ebensowenig kann etwas zwar eWig, aber des von Allusion zu Allusion Sich fortschreibenden Stils, der Lacan ebenso
mcht aus SICh selbst, noch etwas nicht ewig, aber aus sich selbst sein. Genau eignet wie den daoistischen Denkern. 102 Aber entscheidend ist, wie diese
letzteres aber behauptet Lacan vom Signifikanten und liefert damit einen beiden Momente zusammengehören. Wir verspürten, schreibt Jullien,
~eiteren Theoriebaustein rur eme nicht-substantialistische Lesart seiner Sig-
mfikanten- und Subjektkonstitutiostheorie. Der Signifikant ist aus sich ,,[...] ein gewisses Unbehagen, wie es uns bei der Lektüre chinesi-
scher Texte öfters ergeht, doch scheint es mir hier einen Extrempunkt
selbst, das heißt: er ist nicht das Produzierte eines Subjekts, vielmehr ist das
Subjekt produziert durch ihn. zu erreichen: Man versteht nicht mehr, wovon gesprochen wird, was
der Gegenstand ist- worum ,es sich handelt' (der Beweis: der ,Ge-
Das Aus~Sich-Selbst-Sein des Signifikanten bei seinem gleichzeitigen Nicht- genstand' dieses Textes wurde von den Kommentatoren auf die unter-
Ewig-Sein korrespondiert in verblüffender Weise dem Ansatz daoistischer schiedlichste Weise interpretiert: als der ,Geist' [...] oder der ,Schöp-
Denker. Der Sinologe und Kulturwissenschaftler F. Jullien schreibt: . . fer', das ,Natürliche', das dao ...). Und ich sage: mit guten Gründen:
"Denn Folgendes muss man verstehen: Um zum ,so' Zugang zu er- Nichts ist in der Tat schwieriger, als die Immanenz des ,so' zu erfas-
halten, muss man es in seinem ,von selbst so' wahrnehmen- muss sen. Und zwar eben deshalb, weil man es nicht wie einen Gegenstand
man es in seiner Immanenz erfassen. Auf ihr nämlich beruht die Im- zu ,fassen' bekommt. Wenn sich der Text [gemeint ist hier ein Text
manenz des ,so'. [...] Wie kann man aber die Immanenz selbst erfas- Zhuangzis, J.A.] uns entzieht, dann nicht deshalb, weil er abstrakt o-
sen und sich ihrer Existenz versichern? Man kann zwar beobachten der besonders idealistisch oder sublim und von daher schwer ver-
wie sie Sich unablässig in ihren Effekten entfaltet, in ihrem Prinzip ständlich wäre, auch nicht deswegen, weil er aufgrund seiner Unbe-
aber entZieht sie Sich, und eben deshalb assoziiert man sie mit der stimmtheit vage bliebe, sondern weil sich das, wovon er handelt, nicht
Grund-Iosigkeit des ,Himmels'. Falls es einen solchen wahren Meis- im Modus des worüber behandeln lässt. In Bezug auf Gott wurde dies
ter' g~bt, von dem unablässig die ,Authentizität', bzw. "wahre Natur' immer wieder festgestellt, es gilt jedoch auch im Hinblick auf die
der l)mge hervorgeht, ,so erhält man kein Zeichen von ihm', sagt der ,Immanenz' .,, 103
DaOlst. Man kann zwar durch Erfahrung von seiner Realität über-
zeu~t' ~ein - ,wi: jemand, der ?eht,. sich sei~es Gehens sicher ist - je-
ne ,mharente Fahlgkelt aber ,ISt mcht smnhch wahrnehmbar'. Damit 2.4 Ganzheit, Mangel und die Kastration des anderen
w~r diese immanente Leistung, die wir unentwegt leben (und von der
w~runentwegt leben), deren wir uns aber nicht bewußt sind, auch ,re-
In der analytischen Situation gelangt zur Durchdringung, was ein alltäglich
ahswren', fUhrt uns der daoistische Denker vom äußerlichen Konzert zu beobachtendes Phänomen ist. Die vermeintliche Geschlossenheit des an-
der Natur zu jener Erfahrung zurück, in die wir am direktesten invol- deren erweckt den Neid des Subjekts. Es neidet dem anderen die Ganzheit,
viert und eingebunden sind: die Erfahrung unseres Körpers."101 die es vor sich sieht. Der Neid ist eine Sache des Sehens, wie aus dem Latei-
nischen ersichtlich: Ego cur invldeor = warum sieht man mich scheel an?104
~ekurs auf den Körper zu nehmen meint dann, sich aufjenes Substrat zu be-
Ziehen, von dem aus die "Denkung" sich als ,Jmaginäres des Körpers" er-
weist. 102 Mit dem Allusiven korrespondiert bel Lacan das K01yekturale und das Approximative, wo-
bei die leicht differenten KonnotatIOnen der Begriffe beachtet werden sollten, die Sich aus
größerer bzw. welliger großer Nähe zum Diskurs der Wissenschaft ergeben.
103 Jullien, F.. Der Welse hängt an kemer Idee, S. 137
wäre la mention, ..Erwähnung, Vermerk, (PlÜfungs)nole; mention zeigt zudem emen An- 104 Invidia, der Neid, kommt von videre (sehen) - VgL Der KIeme Stowasser, Lateinisch-
klang an mentlr, lugen, und mensonge, Lüge." (ebd.) Deutsches Schulwörterbuch, S. 280. - Lacan schreibt zur invidia: "So ISt der wahre Neid
100 VgJ.: Lacan, J.: S XX, Encore, S. 45f.
beschaffen. Vor was läßt er das Subjekt erbleichen? Vor dem Bild emer mSlch geschlos-
101 Jullien, F.: Der Welse hängt an kemer Idee, S. 136
senen Erfiillung und davor, daß das kIeme a, das abgetrennte a, an welches es Sich hängt,
56 57

Der andere erscheint dem unter der Kluft zwischen seiner faktischen Disso~ Die Theorie des Spiegelstadium ist nun aber nicht damit befasst, was in einer
ziiertheit und imaginären Vollendetheit leidenden SU1:>jekt als &anz, &e~ primordialen "Erfüllungs-Form" gewesen sein mag und die Unterrichtet- o-
schlossen und vollständig, denn an seinem Bild ist kein Mangel. Sein Bild der Nichtunterrichtetheit des Kindes über "die Gründe seines Enthaltenseins"
stellt die Projektionsfläche für jene antizipierte, imaginäre Einheit und Ge~ in einer solchen Form. Die Spiegelstadiumstheorie beginnt mit der Unkoor-
schlossenheit, die es selbst zu erreichen sucht, aber immer wieder verfehlt. diniertheit des Körpers und einer hieraus resultierenden Hilflosigkeit. Gegen
Es erleidet seine Kontingenz und sein Unglück als nicht hinnehmbare Män- sie setzt sich das infans durch seine Aufrichtung am Spiegelbild zur Wehr.
gel, da der andere, ganz offensichtlich, diese nicht aufweist. Hier sei noch Wegen der in diesem Moment sich bildenden Kluft ist nach Lacan die Ge-
einmal die im Vorwort bereits angeführte Stelle zitiert: spaltenheit des Subjekts konstitutiv und nicht pathologisch. Die Verwirkli-
"Die Beziehung des Subjekts zu jedwedem anderen, wer dies auch chung der Einheit, die im Bild antizipiert zu sein scheint, wird sich von die-
sei, hat etwas Lächerliches an sich. Sehen wir doch das Subjekt [...] sem initialen Moment an in Form des Versuchs einer immer unmöglich blei-
sich auf den anderen immer als auf einen beziehen, der im Gleichge- ben müssenden Identifizierung fortsetzen. Nichts anderes als dies will Lacan
wicht lebt, in jedem Fall glücklicher ist als es, der sich keine Fragen durch die Spiegelstadiumstheorie plausibilisieren. Diese Theorie, die für Slo-
stellt und wohl zu ruhen weiß.,,105 terdijk unberechtigterweise wie ein "überzeitlich gültiges anthropologisches
Dogma" einherkommt, begründet bei Lacan tatsächlich nur die Rolle einer
Der Anblick des (Bildes des) anderen und der des eigenen Spiegelbildes un- Funktion, die er später ,Das Imaginäre' nennen wird. Lacans Theorie ist Kri-
terscheiden sich am Ort des Spiegelstadiums nur dadurch, dass das Subjekt tik des Narzissmus und darüberhinaus, aber damit zusammenhängend, illust-
supponiert, im anderen bereits in Vollendung vor sich zu sehen, was beim riert sie die ,,konfliktreiche Natur der dualen Beziehung"107, Sloterdijk geht
Anblick des eigenen Spiegelbildes nur erst die Einheit verheißt. Das Spie- von einer von diesem klar definierten Schema völlig verschiedenen Voraus-
gelbild. nimmt sie vorweg. Der andere aber ist augenscheinlich bereits in setzung aus: Das Kind befinde sich vor der "spiegeleidetischen Information"
demjenigen Existenzmodus, den eS für sich erstrebt, nämlich dem der Selbst- bereits in einer "Erfüllungs-Form" und habe nicht auf den Spiegel zu warten,
identität, während das von seinem Bild gefesselte Subjekt faktisch unter dem um ganz zu werden. Nun wird durch die Täuschungen des Spiegelstadiums
Mangel an Sein leidet, das heißt permanent der Widerspruch zwischen seiner der Mensch auch gar nicht ganz, sogar im genauen Gegenteil: Das Kind be-
Nicht-Vollendetheit und der im Spiegelbild wahrgenommener Einheit auf- kommt zwar die Unkoordiniertheit des Körpers in den Griff, geht als Subjekt
klafft. jedoch als gespaltenes hervor. Das Problem beginnt hier erst, aber Sloterdijk
scheint zu meinen, Lacan entwickle seine Theorie, um zu zeigen, wie es ge-
An dieser Stelle sei auf ein (allerdings konstruktives) Missverständnis von löst sei im Moment der Aufrichtung vor dem Spiegelbild. 108
Peter Sloterdijk hingewiesen. Im Zusammenhang mit Lacans Spiegelstadi- Aufgrund dieser am Text Lacans völlig vorbeizielenden Rezeption Sloter-
umsthese schreibt er: dijks, der von einer ganz verschiedenen Voraussetzung ausgeht, gerät dann
auch alles Folgende in ein falsches Licht. Lacan überschätze die Rolle des
"Ein Kind, das in einem himeichend guten Kontinuum heranwächst, Spiegels, so Sloterdijk, der bei seinen Ausführungen stets einen gegenständ-
ist über die Gründe seines Enthaltenseins in einer Erfüllungs-Form lichen Spiegel vor Augen hat. So glaubt er, Lacan durch folgende Beobach-
längst aus anderen Quellen ausreichend unterrichtet. Sein Interesse an
tung widerlegen zu können:
Kohärenz ist weit vor der spiegeleidetischen Information mehr oder
weniger befriedigt. ,<106

107 Zit. n.. Evans, D.: Wörterbuch der Lacanschen Psychoanalyse, S. 278
108 Unter der Voraussetzung von Sioterdijk, die nicht die Lacans ist, lässt sich aber womöglich
für em anderes einen Besitz darstellen kann, an dem dieses Sich befriedigt, die Befriedi- spekulieren, ob Sioterdijk nicht selbst, wenn er diese "Erfiillungs-Form" zugrundeiegt,
Jfun$." (Lacan, J.: Sem XI, Oie vier Grundbegriffe..., S. 123) mcht genau eben jenes ursprünglich vollständige und mit sich selbst identische Ich suppo-
105 Lacan, 1.: S VII, Oie Ethik der Psychoanalyse, S. 285 mert, dessen Hervortreten mit Lacan genau erst das trügerische Ergebnis der "spiegeleide-
lOt; sloterdijk, P.: Sphären, Band I, S. 545 tIschen Information" 1St.
58
59

,,~m übrigen bleibt zu beachten, daß [...] - vor dem 19. Jahrhundert
,,[...] keine zwei gegeneinandergestellten Spiegel nötig sind, damit die
die meIsten Ha~shalte Europas keine Spiegel besaßen, so daß schon
Reflexionen des Palastes der Trugbilder bereits erschaffen sind
unter dem schlIchtesten kuturgeschichtlichen Aspekt das Lacansche [...]"113.
Theorem, ~~s sich wie ein überzeitlich gültiges anthropologisches
Dogma gebardet, gegenstandslos erscheint. ,<109
Das Auge selbst sei nämlich bereits ein Spiegel und dies zu gewahren ist
So wären denn also die den lacanschen Konjekturen über das Wesen des gleichbedeutend mit dem Austritt aus der durch das Spiegelstadium geschaf-
Spiegels so auffallend ähnelnden Betrachtungen der alten Zen-Meister 110 in fenen Verblendungsordnung. Das gleichsam philosophietheoretische Pen-
deren Klöstern und Klausen sich diese kulturgeschichtlich so spät erst in Ge- dant zur ethischen Forderung der Anerkennung der symbolischen Kastration
brauch gekommenen Gegenstände ebenfalls nicht befunden haben dürften ist bei Lacan die Einsicht in die Unmöglichkeit, über die Orientierung am
e~st recht gegenstandslos, aber auchzum Beispiel Van de Weterings auto~ Bild (sowohl dem des anderen wie dem eigenen Spiegelbild) Identität und
bIOgraphIscher Roman "Der leere Spiegel"lll wäre nichts als eine eher idio- Selbstgewissheit zu erzeugen. Jede Welt- und Wirklichkeitserkenntnis, die
synkratIsche Reflexion über ein kulturgeschichtlich sehr begrenztes Phäno- adäquat sein will, muss einer vorausgehenden Täuschung auf dem Leim
men? bleiben, die der Orientierung am Bild geschuldet ist. Lacans Theoreme zum
Es mu~s ja nicht notwendig der gegenständliche Spiegel sein, dessen Auftau- Spiegel visieren letztlich nichts geringeres als die Einsicht in die Ununter-
chen die von Lacan beschriebenen Folgen zeitigt. D. Evans schreibt wie es schiedenheit der Realität als solcher und dem, was in indischer Philosophie
SIch tatsächlich verhält: ' als Schleier der Maya bezeichnet wird. (Und in diesem Sinne wäre die Spie-
:,Au.ch.~enn es keinen Spiegel gibt, sieht der Säugling sein Verhalten gelstadiumstheorie tatsächlich etwas wie ein "überzeitliches anthropologi-
I~ Imltlerend~n Verhalten der Erwachsenen oder in dem anderer sches Dogma".) Aber die Realität ist ,nicht alles'.Wichtig ist, dass durch die
Kinder refle.ktIert. Durch diese Imitation fungiert die andere Person Aufkunft der analytischen Wahrheit die Realität, wie sie konstituiert ist
~ls SpIegelbIld. Der Mensch ist vom Spiegelbild völlig gefangen: dies durch die Verkennungen des Spiegelstadiums, ins Phantasma, dem sie ur-
IS~. dIe Grundlage der Macht des Imaginären im Subjekt und es er- sprünglich angehört, zurückgestoßen wird.
kla:t, wa~m der Mensch das Bild seines Körpers auf alle anderen Lacan und Sloterdijk unterscheiden sich in einem wesentlichen Punkt fun-
Objekte semer Umwelt projiziert." 11 2 damental: Nicht Herstellung bzw. Wiederherstellung der Ganzheit als Rück-
kehr in eine "Blase", worum es Sloterdijk eingestandener- oder uneingestan-
Abe~ selbst der andere Mensch als solcher fungiert auf der Folie des Spiegel- denermaßen stets geht, sondern die Anerkennung der symbolischen Kastrati-
stadI~ms.als Sple.gel. Er bra~cht ~icht das Verhalten des Kindes zu imitieren, on ist das Ziel der lacanschen Analyse. Während es der Ego-Psychologie um
um rur dIeses SpIegel zu sem. DIe Matrix des Spiegelstadiums dient bei La- Ich-Stärkung geht, Sloterdijk um Ganzheit oder eine "Errullungs-Form", so
can ~e~ Versuch der Plausibilisierung eines ,Verblendungszusammen- geht es Lacan um jene. Dementsprechend darf wegen der Unhintergehbarkeit
ha~gs , m ~em d;r Men~~h ,gefangen ist, solange er nicht den Spiegel des dieses Postulats psychoanalytischer Ethik das fiir die Person des Analysanten
Spiegel~tadlUms zerschlagt. Im Zusammenhang seiner Buddhismus-Re"" wirksame Paradigma der Person des Analytikers auch nicht in einer Verkör-
fleXIOn 1m Seminar über die Angst unmittelbar im Anschluss an die eine sei- perung von Ganzheit (womöglich Omnipotenz) bestehen, deren Vorspiege-
ner belden Japan-Reisen, sagt er, dass lung die Verkennung des Spiegelstadiums nur perpetuierte.

Von höchster Bedeutsamkeit ist, dass die Kastration immer zuerst als die des
anderen begriffen werden muss. Die Frage des Subjekts, bzw. die Frage, die
das Subjekt ist, denn es inkarniert sich in seiner Frage, wird vom anderen in
109 Sioterdijk, P.: Sphären, Band I, S. 546
umgekehrter Form zurückgegeben. Antworten in der analytischen Situation
110 Vgl. das Kapitel: "Jenseits des Spiegelbildes" ist das Zurückgeben der Frage in umgekehrter Form. Aber was bedeutet das?
1I1 Wetering, van de,1.. Der leere SpIegel, Hamburg 1981
112 Evans, D.: Wörterbuch der Lacanschen Psychoanalyse, S. 276
113 Lacan, J.: Semmar X, Die Angst, 2. Teil, S. 71
60 61

Nichts anderes, als dass der Mangel (an Sein) in diesem Zurückgeben aus- Ganzheit ist es Frustration. Lacan sagt, dass das Ich Frustration ist. Sein An-
gewiesen wird als ein Fehlen im anderen, zu Verstehen gegeben zum Bei- spruch ist stets überdeterminiert, da es sich ständig in der Kluft zwischen re-
spiel auch durch das Schweigen des Analytikers. Groß A, die ~om Analysa~­ alem Seinsverfehlen, realem Mangel und imaginärer Geschlossenheit und
ten präsupponierte Instanz des Wissens, antwortet nicht, bleIbt stumm. DIe Ganzheit befindet, die es zu erreichen trachtet, indym es sich mit seinem An-
Anerkennung der symbolischen Kastration ist also zuerst die Anerkennung spruch auf Anerkennung der Verkennung an den anderen wendet.
der Kastration des anderen.
Für den Prozess der Analyse bedeutet das: Wie der Analytiker sich nicht als
2.5 Das Begehren
Repräsentant eines All-Wissens über etwaige "Erfüllungs-Formen" gerieren
darf, so darf er sich auch nicht als vollständig und geschlossen darbieten, um "Was tun? "fragt nur, dessen Begehren er-
dem Analysanten seine Ganz- und Geschlossenheit als Paradigma für seine lischt (Lacan)
Person anzubieten, als einen Spiegel also, in dem das Subjekt sich nur ver-
kennen kann. Aber wenn der Analytiker etwas wie ,Mir geht es auch nicht Lacan lehrt,
besser' zu verstehen gibt, um den Analysanten zu versöhnen mit seinem
,,[...] daß, wenn das Begehren die Meton)'lllie des Seinsverfehlens ist,
Schicksal, letztlich also seine Ratlosigkeit einbekennt, ist das nach Lacan e- das Ich die Metonymie des Begehrens ist"] 14,
benfalls ein fataler Irrweg. Der Analytiker muss vielmehr den Plat~ des To-
ten einnehmen, des Groß A, das nich~ existiert. Es ist wichtig, das Begehren vom Bedürfnis zu unterscheiden und damit zu-
Das durch die Anerkennung der symbolischen Kastration formierte Begeh- sammenhängend: die Objekt-Ursache des Begehrens, die Lacan das Objekt
ren setzt das Bewusstsein der Kontingenz, der Ohnmacht, des Mangels vor- klein a nennt, von den Objekten, die unsere Bedürfnisse befriedigen. Das
aus - jenes Mangels, mit dem sich das Analyse-Subjekt nicht ins Verhältnis Begehren, als "Metonymie des Seinsverfehlens", ist nicht Beziehung zu ei-
zu setzen wagt. Es kann den Mangel nicht hinnehmen, da es die als konstitu- nem Objekt, sondern Beziehung zu einem Mangel. Das für das lacansche
tiv anzusehende Kastration des anderen anzuerkennen (zu sehen) nicht in der Begehren relevante Objekt ist überhaupt nur da wegen des fundamentalen
Lage ist. Es sieht nicht, dass Groß A nicht existiert und identifiziert den Ana- Mangels an Sein, der für das Subjekt konstitutiv ist. Das mit dem Seinsver-
lytiker mit der Instanz emes Wissens, das es als verbürgt durch eben Jenes fehlen korrespondierende Objekt ist nicht das Objekt eines biologischen Be-
Groß A unterstellt. Es präsupponiert dem Analytiker also Wissen. Dabei dürfnisses.
kann in der Analyse dem Subjekt zu Wissen erst werden, was es selbst in sie Grundlegend ist der Mangel an Sein, der ein Mangel im Symbolischen ist. Es
einbringt. Indem es aber dem Analytiker-Anderen schon im Voraus Wissen fehlt an einem Signifikanten, der das Subjekt hinreichend bezeichnet. Das
unterstellt, rechnet es auch mit dessen Ganz- und Geschlossenheit, die für Begehren bildet die Metonymie dieses Mangels, insofern es am Ort des feh-
ihn das Paradigma für das eigene Erreichen-Können abgeben. Diese Mög- lenden Zeichens, das das Subjekt als Ganzes und als ein Sein symbolisch be-
lichkeit ist umso verführerischer, da am Bild des anderen eben kein Mangel stimmt, einrückt und damit diesen Mangel aufhebt. Erst die scheiternde
ist. Es supponiert dem Analytiker-Anderen die imaginierte Allmacht und Verwirklichung des Begehrens, wobei Verwirklichung nicht EifUllung be-
Vollständigkeit, die es selbst, wie auch immer prothetisch, zu erlangen er- deutet, sondern das Hervorbringen von Begehren selbst, ruft das Ich auf den
strebt. Deshalb eben ist die Anerkennung der symbolischen Kastration stets Plan. Insofern ist das Ich die Metonymie des Begehrens.
zuerst die Anerkennung der Kastration des anderen.
Die Frustration (Ver-sagung) gehört zur Ordnung des Imaginären, die Pnva- Lacan insistiert, dass das Begehren ursprünglich leer ist und sich auf nichts
tion (Ent-sagung) zu der des Symbolischen. Die Ent-sagung ist die Rückkehr richtet, weder auf ein Objekt, noch auf das Ich als sein Objekt. Es hat kein
(oder Umkehr) zum umgangenen Mangel im anderen. Diese Rückkehr ist Objekt und schon gar kein natürliches. Lacan ,glaubt' auch weder an den Af-
gleichbedeutend mit der Anerkennung der symbolischen Kastration. Das Ich
dagegen ist auf Verleugnung des Mangels im anderen gegründet, nämlich
auf dem Bild des anderen, an dem kein Mangel ist. Wegen der SIch hieraus
ergebenden Differenz zwischen faktischer Dissoziiertheit und nur imaginärer 114 Laean, J.. Sehr. 1, S. 233
62 63

fekt als biologische .Tatsache, dem analytischerweise Rechnung zu tragen Die "absurde Hymne an die Harmonie des Genitals" ist mitverantwortlich
wäre, noch an jenen Mythos, den Freud beschwor... für die "banalsten Beschränkungen und Erniedrigungen des Liebeslebens" I 19.
,,[...] fortschreitend in einem Gewebe von Zweideutigkeiten, Meta- Es sei nicht das Ziel der Psychoanalyse, den "sexuellen Appetit bei Drüsen-
phern, Metonymie~, ei~e. Substanz j--.], einen fluidischen Mythos, gestörten anzuregen"120, um dergestalt Betroffenen die Bedingung der Mög-
den er unter dem TItel Libido faßt"1I lichkeit jener Vereinigung zu liefern, die schließlich das Ein herstellte als
den Zustand des Endes aller Plagen. Wie die Warnungen Lacans vor einem
Das ursprünglich leere, objektlose Begehren erstrebt, indem es Metonymie Fehlgehen der Analyse bis heute ungehört verhallen, lässt sich zum Beispiel
des Seinsverfehlens wird, die Vereinigung mit dem Objekt, um so dem Man- daran erkennen, dass, sobald eine ,neueste Forschung' erweist, dass rur 90%
gel zu entkommen. Doch auch Eros in der Vereinigung mit dem Objekt, der Fälle von phallischer Insuffizienz nicht psychische, sondern physische
schafft kein Ein. Ursachen maßgeblich sind, die Psychoanalytiker selbst zu zweifeln begin-
nen, ob sie nicht in 90% aller Fälle etwa falsch angesetzt hätten.
"Bleibt, daß Freud hier auch scheitert: denn er schreibt Eros, insofern
Aber die fehlgeleitete Psychoanalyse greift nicht nur auf, was in den am Ide-
er ihn als ,Prinzip des Lebens' Thanatos entgegensetzt, zu, daß er
vereine, als hätte man je gesehen, daß, abgesehen von einer kurzen al der "Harmonie des Genitals" orientierten Therapien als das non plus ultra
Koiteration, zwei Körper sich zu einem vereinigen.,,116 einer glücklichen (Objekt)Beziehung gehandelt wird, sie schreitet auch noch
eigenständig in die falsche Richtung fort, so dass es schließlich zu grotesken
Hier wird Lacans von Freud abweichender Ansatz kenntlich uncFwelcher Fehlgriffen wie dem folgenden kommt:
Art das neue Bündnis ist, das er mit der freudschen Lehre eingegangen ist. "Das Schlimmste ist, daß in natürlichster Zärtlichkeit sich ergehende
Lacan verweigert jedem Biologismus - Fryud verhielt sich hier eher ambiva- Seelen schließlich so weit kommen, daß sie sich fragen, ob sie wohl
lent - in allen seinen Spielarten die Gefolgschaft. der aberwitzigen Norm der Genitalbeziehung zu genügen vermögen -
Die Psychoanalyse verhilft dem Subjekt niemals zu einer Vereinigung mit abermals eine Bürde, die wir wie jene vom Evangelium Verfluchten
dem Objekt, vielmehr bringt sie die Sublimierung auf den Weg: den Unschuldigen auf den Rücken laden.,,121
"Eine einzige Sache spielt auf eine glückliche Möglichkeit von Trieb-
befriedigung an und das ist der Begriff der Sublimierung."117 Ein weiterer Fokus des Missverständnisses liegt dann dort vor, wo die sexu-
elle Zweierbeziehung zum Paradigma der analytischen Situation gemacht
Die Sublimierung ist die einzige Form von Triebbefriedigung ohne Verdrän- wird, wie im Fall Balint, den Lacan im Seminar zu Freuds technischen
Schriften behandelt. 122
gung. Dem Begehren fällt dabei die Rolle zu, die durch das Lustprinzip ge-
setzte Grenze zu überschreiten, es ist gerade kein Instrument zur Verwirkli- Die zuletzt zitierten Stellen stammen aus den 60er Jahren, aber Lacan kommt
chung des Ein. Lacan wird nicht müde, die Objektbeziehung missverstehen- auch in späterer Zeit immer wieder auf dergleichen Fehleinschätzungen zu
de Tendenzen der analytischen Praxis und zusammen mit diesen die Ziele
dermediokeren Therapieformen mit ihrer Orientierung am Ideal des "perfek- vom "perfekten Orgasmus" Ist auf dem Hintergrund des Einflusses, den die 68er, die Hip-
ten Orgasmus" zu verhöhnen: pie-Kultur und die PropagIerung der "sexuellen RevolutIOn" auf seine Schüler hatte, zu le-
sen. Er sagte: "Im tibetanischen Buddhismus, im tantrischen Buddhismus sowie Im traditi-
"Ist es an uns, Eros, den Schwarzen Gott, umzufrisieren zum Locken- onellen HindUismus nennt man das Symbol der fundamentalen kosmischen Kraft Shaktl.
schafdes Guten Hirten?" 118 Shakti, manchmal die Göttm Maya genannt, kann Viele Bedeutungen haben. Im tantnschen
Buddhismus bedeutet es zum Beispiel das weibliche Sexualorgan. Wenn also das männli-
che Sexualorgan m das weibliche emdnngt, geht das starke männliche Ego in den Kosmos
em, harmomslert Sich mit dem Kosmos. Und wenn der gemeinsame Orgasmus kommt, ha-
115 Lacan, J.. Rff, S. 66
ben wir Saton...Das kann Ich nicht glauben." (Deshimaru, T.. Die Stimme des Tales, S. 58)
116 Ebd., S. 78
119 Lacan, J.. Schr. I, S. 196
117 Lacan, 1.: S VII, Die Ethik der Psychoanaiyse, S. 349 120 Ebd.
118 Lacan, J.. Schr. I, S. 196 - Zum Vergleich: Folgende Einlassung von Zen-Meister TaIsen 121 Ebd.
Deshimaru zum tantnschen Buddhismus mit seiner östlichen Vanante dieser IdeOlogie 122 Lacan, J.. S I, Freuds techmsche Schriften, S. 257ff.
64 65

sprechen. In folgendem Zitat aus dem R.S.I.-Seminar liegt der Akzent auf hängt und das nicht zu verraten Lacan in der Form eines kategorischen Impe-
der Genasflihrtheit der Subjekte, die das "Drängen des Buchstaben im Un- rativs der Psychoanalyse postuliert, verlangt nicht nach seiner Erfüllung,
bewussten" als Aufforderung verstehen, einem Drang auf der Ebene des sondern nach seiner Reproduktion, der Hervorbringung von neuem Begeh-
Körpers nachgeben zu sollen mit dem Ziel der (Wieder)Ver-ein-igung zweier ren. 128 Das Genießen (die Befriedigung) ist zu zügeln, um dem Begehren
Menschen: Bahnen zu schaffen. Das Gesetz der Kastration besagt, dass das Genießen
,,Allein die Signiftkanten kopulieren miteinander im Unbewußten, zugunsten der Prolongierung des Begehrens verweigert werden muss. Denn
aber die pathematischen Subjekte, die daraus in Gestalt von Körpern nur das Begehren vermag die durch das Lustprinzip gesetzten Grenzen zu
resultieren, sind gehalten, es ebenso zu machen. - bumsen (baiser; überschreiten.
auch: küssen) nennen sie das.,,123 Wenn in der zeitgenössischen Apologie "dieses Leiber-Gereibe(s) ifrotti-
jrotta)"129 dem Ideal des "perfekten Orgasmus" als Gewährleister des Ein
Der Glaube an den Geschlechtsverkehr als Tor zum Sein, dem sich schließ- das Wort geredet wird, so sei in Wahrheit die Befriedigung des Geschlechts-
lich auch die Analytiker anschlossen, fand mit der sogenannten sexuellen triebs weit eher das "Zeichen fiir die extremste Not,,130 und beende ja in
Revolution, in deren Zeit ja auch Lacans Seminare aus den sechziger und Wirklichkeit den Genuss. Tatsächlich sorge der Mensch rur seine Fortpflan-
siebziger Jahren ftelen, die Verbreitung, die er bei einigen avantgardistischen zung, insofern er "seinen Genuß vermasselt"131 .
Schriftstellern schon früher genoss, zum Beispiel bei Henry Miller, der den
sexuellen Akt anpreist als Um das Begehren in der Struktur zu bestimmen, kontextualisiert Lacan es im
,,[...] animalischen Vorgang, der mit instinkthafter Zielsicherheit ab- Aufsatz "Die Bedeutung des Phallus,,132 mit den Posten "Appetit auf Befrie-
läuft. Man ftndet zueinander, ohne ein Wort gesprochen zu haben.,,124 digung" und "Anspruch auf Liebe". Da das (biologische) Bedüifnis sich in
der Sprache äußern muss, wird es kontamimert vom Anspruch. Der An-
H.D. Lawrence aber bereits pries das Landleben und mit ihm die natürliche spruch zielt aber immer auf Liebe und Anerkennung. So sieht Lacan, Feind
Sexualität, deren Ausübung sämtliche Zivilisationsschäden wettmachen wür- alles Romantischen, einen "Gipfel der Komik" erreicht, wenn der "Appetit
de. auf Befriedigung" im Liebesanspruch gewissermaßen ertrunken ist. Denn
Lacan widersprach von diesen Vorbereitern und Vorläufern explizit Georges "Der Anspruch an sich zielt auf etwas anderes als auf die Befriedi-
Battaille. Die "Auflösung der Ordnung" ruhre keineswegs zu einer "Auffahrt gungen, nach denen er ruft. Er ist Anspruch auf eine Gegenwart oder
des Seins,,125. Der Exzess, ob der sexuelle oder der Drogenrausch, bestätige auf eine Abwesenheit." 133
vielmehr die den Menschen entfremdenden Ordnungsrnächte. Der Exzess ist
ein Produkt der Ordnung, wie das Ich die Metonymie eines fehlgehenden Tatsächlich rebelliere im Liebesbeweis sogar etwas gegen die Bedürfnisbe-
Begehrens. Die Entfremdung aufzuheben vermag viel eher schon das friedigung. Wenn dem Anspruch auf Anerkennung stattgegeben ist, erlischt
Kunstwerk; das in seiner Wirkung, wenigstens vorübergehend, tatsächlich der Appetit auf Befriedigung. Eine phallische Insufftzienz in diesem Mo-
die "Vertäuungen des Seins,,126 löse.

Gegenüber dem neuzeitlichen Mythos eines erfUllten Sexuallebens setzt La- 128 Lacans psychoanalytIscher, gleichsam kategonscher hnperatIv Ist eben so zu lesen, dass es
can die Weisheit des Tao: "Man muß seinen Saft zurückhalten, um wohl zu mcht um die Erfullung, sondern die Hervorbnngung und Reproduktion des Begehrens
sein.,,127 Das Begehren, an dessen Verwirklichung das Wohlsein des Subjekts geht. Dieser ImperatIv, der den "Wert emes Jüngsten Genchtes" habe, lautet: "Habt ihr
konfonn mit eurem Begehren gehandelt, das euch innewohnt?!" (Lacan, 1.. S Vl1, Die E-
thik der Psychoanalyse, S. 374)
129 Lacan, Jaques: S XXl1, R.S.\., S. 51
123 Lacan, Jaques: S XXl1, R.S.\., S. 48 130 "Einen anderen Körper, den können wir noch so sehr umschlingen, das ist nur das Zeichen
124 Zit. n.; Wellershoff, D.: Der verstörte Eros, S. 238 für die extremste Not." (Lacan,1.; S XXl1, R.S.\., S. 14)
125 Vgi.. Lacan, J.. S Vl1, Die Ethik der Psychoanalyse, S. 243 131 Lacan, J.. S XX, Encore, S. 130
126 Lacan, J.: Schr. 11, S. 53 132 Lacan, 1.; Schr. 11, S. 119ff.
127 Lacan,1.; S XX, Encore, S. 124 133 Ebd., S. 127
66 67

ment ist dann jener "Gipfel an Komik", Das Begehren wird in "Die Bedeu- 2.6 Lacans Ödipus auf Kolonos
tung des Phallus" schließlich folgendermaßen bestimmt:
"Das Ausweglose (impasse) der Sexualität sondert die Fiktionen ab,
"Daher ist das Begehren weder Appetit auf Befriedigung, noch An- die das Unmögliche, das seine Ursache ist, rationalisieren. ,.137
spruch auf Liebe, sondern vielmehr die Differenz, die entsteht aus der
Subtraktion des ersten vom zweiten, ja das Phänomen ihrer Spaltung Auch die Theorie des Ödipuskomplexes selbst ist nichts als ein solcher Rati-
selbst." 134
onalisierungsversuch, der Versuch der Rationalisierung des Ausweglosen
des Sexuellen. Rationalisierung heißt hier: Übersetzung der Unmöglichkeit
Evans s~hrei~t zur Erklärung dieser mit einigen der Grundworte der Psycho- von Geschlechtsverhältnis - "es gibt kein Geschlechtsverhältnis", sagt La-
analyse Jongherenden lacanschen Konjekturen: can - in eine narrative Struktur. Lacan spricht von der Fiktionsstruktur, die
"W. enn also die im Anspruch geäußerten Bedürfnisse befriedigt sind, der Wahrheit stets eignet. Anders gesagt: die Wahrheit ist auf den Schein an-
bleIbt der andere Aspekt des Anspruchs, die Sehnsucht nach Liebe gewiesen, damit sie erscheinen kann.
unbefriedigt, und dieser Rest ist das Begehren.,,135 ' Aber sehen wir, wie Lacans Konzeptualisierung des Ödipuskomplexes funk-
tioniert. Seine Deutung weicht in wesentlichen Punkten von der ab, die
Von folgendem Evans-Zitat ausgehend lässt sich hervorragend auf Lacans Freud gibt und dies nicht nur deshalb, weil er einen Zeitindex, der den Sa-
TheoremlMathem VOn der Verewigung, bzw. Ewigkeit des Begehrens schlie- chen des Begehrens eingeschrieben ist, nicht unbeachtet lässt.
ßen, das auch in unserem Plausibilisierungsversuch bereits anklang: Die "Eroberung der symbolischen Beziehung als solcher,,138 hängt an der
Nicht-Identifizierung. Die symbolische Identifizierung bei Lacan ist nichts
"Anders als das Bedürfnis, das befriedigt werden kann und das dann
aufhört, fiir das Subjekt Motiv zu sein (bis ein neues' Bedürfnis er- anderes als die Nicht-Identifizierung. Wenn heutzutage der fortschreitende
wacht), kann das Begehren nie befriedigt werden. Es übt einen kon- Verlust des Symbolischen und umgekehrt proportional dazu der Prozess ei-
stanten u;nd i~erwährenden Druck aus. Die Verwirklichung des Be- ner Infantilisierung bei gleichzeitig zunehmender Gewaltbereitschaft der Ge-
gehrens 1st nIcht dessen ,Erfüllung', sondern das Hervorbringen von sellschaft beklagt wird, weil nicht zu verkennen ist, dass inmitten unserer auf
Begehren selbst. [...] Das Begehren ist immer ,das Begehren nach et- Technik setzenden Welt ein universaler Narzissmus waltet und das Imaginä-
was anderem', da man unmöglich etwas begehren kann, was man re herrscht, so lässt sich dies anhand der Theorien Lacans sehr gut erklären.
schon ha~. D~s Obje~t des Begehrens wird immer weiter hinausge- Die Love-Parade beispielsweise besteht genaugenommen aus einander im
schoben, m dIesem Smne ist das Begehren eine Metonymie. ,,136 Grunde feindlich gesonnenen Narzissen. Es ist leicht vorauszusehen, wie der
Liebesexzess in einen der Gewalt umschlagen würde, sobald bei einer sol-
Da~ Triebziel muss die "Prolongierung des Begehrens" sem (nicht die Ver- chen Veranstaltung Panik ausbräche. Schon Freud hatte auf diese Möglich-
eimgung mit dem Objekt), die, da der Genuss doch immer wieder vermas- keit eines Umschlags der narZisstischen Libido in aggressive in "Massenpsy-
selt" wird,' immer wieder neu erfolgen müssende Evokation eines ':,langan- chologie und Ich-Analyse" hingedeutet. Er dachte aber hierbei an Massen,
dauernden Begehrens", Der Verzicht auf Genießen, auf Befriedigung, erfolgt wie sie durch einen Führer heraufbeschworen werden. Love-Parade dagegen
zugunste~,des "langandauernden Begehrens". Von diesem "langandauernden heißt der Exzess führerloser Narzisse unter der Ägide eines "Genieße!"
Begehren wIrd weIter unten m dem Kapitel "Wie japanische Nonnen be- kommandierenden (imaginären) Groß A.
getu:en", noch di~ Rede sein., Lacan gebraucht diesen Ausdruck im ,Angst-
semmar . nach semer Japanrelse 1m Zusammenhang mit dem Besuch eines Lacan also nähert Narzissmustheorie und Theorie des Ödipuskomplex ein-
buddhistischen Klosters. ander an. Die Verwerfung des Namens des Vaters, das Verschwinden von
paternaler Autorität und die Infragestellung jedweden Gesetzes und Vertra-

134 Ebd.
135 Evans, D.: Wörterbuch der Lacanschen Psychoanalyse, S. 55 137 Lacan, J.: RfT, S. 83
136 Ebd., S. 55, 58 138 Zit. n.. Evans, D.: Wörterbuch der Lacanschen Psychoanalyse, S. 207
68 69

ges, damit einhergehend die "Anarchie der Formen,,139, sind der Identifikati- Das Begehren des mütterlichen Körpers (hier zu lesen als Genitivus objekti-
on des Subjekts mit dem imaginären Phallus der Mutter geschuldet. vus) ist bei Lacan stets zweitrangig gegenüber dem, qua IdentifIkation mit
Für die Genese desjenigen Begehrens auf Seiten des Kindes, das Lacan ein dem imaginären mütterlichen Phallus zum Sein (als zum Ein) zu kommen.
unmögliches nennt, ergibt sich durch eine Verschiebung des Akzentes von Der Streit um den Körper der Mutter als eines Objekts des Begehrens er-
der begehrten auf die begehrende Mutter, was Lacan im Seminar V folgen- scheint unter diesen Gesichtspunkten als einer, der das Begehren, der Phallus
dermaßen beschreibt: der Mutter zu sein, nur verschleiert. Das ursprüngliche Objekt ist nicht der
"Was das Kind sucht, ist [...] ,to be or not to be' das Objekt des Be- mütterliche Körper, sondern das Begehren des Begehrens der Mutter. Lacans
gehrens der Mutter, [...] Gewissermaßen im Spiegel identifiziert sich Ödipus geht es in erster Linie darum zu sein und nicht zu haben.
das Subjekt mit dem, was das Objekt des Begehrens der Mutter Die Beendigung dieses Kampfes als der Untergang des Ödipuskomplexes
ist.,o1 40 kann dann erfolgen, wenn anstelle des Signifikanten des Begehrens der Mut-
ter der SignifIkant des Namens des Vaters auftaucht. Aber der nom du pere
Seine stasis erreicht das Kind durch die Identifikation mit dem unmöglichen (der Name des Vaters) ist le non du pere (das "Nein" des Vaters). Der Name
obj ekt, .dem Phallus der Mutter. Durch die Intervention, der Analyse tritt an des Vaters, der phallische SignifIkant, ist der Signifikant des Mangels des
die Stelle der Identifikation mit diesem imaginären Objekt eine reale Privati- anderen. Er gründet auf der Nicht-IdentifIkation mit dem Objekt des Begeh-
on: die mit einer radikalen Hilflosigkeit einhergehende Einsicht in die Un- rens der Mutter. Die symbolische IdentifIkation ist demnach und insofern die
möglichkeit, dieser Phallus sein zu können. Gerhard Schmitz schreibt hierzu: Nicht-IdentifIkation.
Das Nicht-Gelingen der Bildung der Vatermetapher ist vorbereitet durch ein
"Dem imaginären Phallus der Mutter, Sitz des Genießens, [...] korres-
pondiert im Realen die Privation. Für das Kind, das bis dahin Subjekt Verfehlen der symbolischen Ebene auf Seiten der Eltern: einer Leugnung der
war als Subjekt-des-Genießens-der-Mutter [...] bedeutet die Wahr- Kastration und damit verbunden eines (hysterischen) Willens zum Nicht-
nehmung der Abwesenheit, des Fehlens des imaginären Phallus [...], Wissen bei der Mutter und einer narzisstischen Entartung der Vaterfunktion
den Entzug seiner subjektiven Basis."I4I beim Vater, der selbst seine Position qua Identifikation mit dem Begehren
des Begehrens der Mutter (der Frau) behauptet. Das Verfehlen der symboli-
Bei Lacan ist stets der Unterschied zwischen ,den Phallus haben' und ,der schen IdentifIkation korrespondiert mit einem Verfehlen der Wahrheit des
Phallus sein' zu beachten. Es ist möglich, sagt er, den Phallus zu haben oder Sprechens, was nichts zu tun hat mit ,die Wahrheit sagen' oder ,lügen'. Im
ihn nicht zu haben, es ist aber unmöglich, er zu sein. Das Begehren des Kin- Verfehlen der Wahrheit des Sprechens ist immer auch ein Verrat an der
des, der Phallus der Mutter zu sein, ist ein unmögliches, ebenso wie das der Wahrheit des Begehrens mit im Spiel, versichert uns Lacan und dieser Verrat
Mutter, im Kind den Phallus zu haben. Die Kastration, die es symbolisch an- ist die "Mißachtung seiner selbst und des anderen in einem einzigen
zuerkennen gilt, um diese Unmöglichkeiten aufzulösen, erweist sich hier Term"143 , In der Folge des Misslingens der symbolischen Identifikationen in
einmal mehr als zuerst immer die des/der anderen. Lacan zufolge defmiert den häuslichen Verhältnissen kann das Kind gewisse Symbolisierungen nicht
sie sich fundamental über die Trennung zwischen Mutter und Kind. Sie ist leisten. Es ist für es sehr schwer, einen Platz im symbolischen Netzwerk ein-
der Schnitt, der die imaginäre und narzisstische Bindung zwischen Mutter zunehmen. Es kann sich also nicht subjektivieren, nicht Subjekt werden.
und Kind durchtrennt und auflöst. Die psychoanalytische Praxis betreibe
"Entmutterung", sagt Lacan. I42 Hierzu dienlich sein kann einzig, sich zu trennen. Lacan gibt an dieser Stelle,
wo es um das geht, was in der Geschichte der Kultur immer die zweite Ge-
burt oder die Geburt im Geiste geheißen hat, bei Lacan also das Sich-selbst-
139 Lacan, 1.. S VII, Die Ethik der Psychoanalyse, S. 279 Hervorbringen durch die symbolische Identifizierung, etymologische Hin-
140 Lacan, J.. Semmar V, Les Formations de l'inconsclent (Sitzung vom 22. 1. 1958), Zlt. n. weise. Sich trennen ist im Lateinischen separere. Sich zu trennen ist nötig,
Borch-Jacobsen, M.. Lacan, Der absolute Herr und Meister, S. 246 um sich hervorzubringen: se parere. Sich zu trennen, um sich hervorzubrin-
141 SchmItz, G.. Zwischen Gemessen (SIC!) und Begehren, Anmerkungen zur Angst, m: Riss,
Zeitschrift fUr Psychoanalyse. Freud.Lacan., Nr. 42, S. 76
142 Vgi.. Lacan, J.: S XI, Die vier Grundbegriffe..., S. 300 143 Ebd.; S. 383
70 71

gen, ist unumgänglich, um pars zu werden. Diese Pars-Werdung leistet "Das letzte Wort des Ödipus, Sie wissen es, ist dieses ll~ <puvat [...].
nichts Geringeres, als dem Menschen eine aktive Teilnahme am Leben in der Das ll~ <pUVal meint - lieber nicht (zu) sein. Mit dieser Präferenz
Gemeinschaft zu ermöglichen. Um pars zu werden, schreibt Lacan, muss das muß eine menschliche Existenz enden, [...] I Triumph des Seins zum
Sprech-Wesen sich trennen, Verzicht leisten auf das imaginäre Genießen, Tode, wie es in dem ll~ <puvat des Ödipus formuliert ist, wo gestützt
darauf verzichten, sich mit dem Begehren der Mutter zu identifizieren. 144 durch den Signifikanten, dieses ll~ auftritt, die Negation, die mit dem
Durch besagte Verfehlung der Wahrheit des Sprechens seitens der Eltern a- Eintritt des Subjekts identisch ist." 147
ber kann es genau zu dieser Pars-Werdung nur sehr schwer kommen. Der
Mensch gelangt nicht zu der Unabhängigkeit, zu der er als Mensch gelangen Lacans Ödipus ist, wie Borch-Jacobsen schreibt, der
könnte. Er erfährt letztlich nicht, wer und was er ist und ebensowenig, "anti-mimetische Ödipus, das identifIkatorische Gegenvorbild, dem
wer/was die anderen sind. Nur durch die zur Pars-Werdung führende Tren- zu entsprechen der Analytiker dem Analysanten durch sein Schwei-
nung, durch die der Mensch hindurchgehen muss, kann es - inmitten einer gen gebietet: ,Identifiziere dich mit meinem Begehren', ,Sei (nicht)
Welt, in der Diskurs wie Begehren stets die des anderen sind - sich selbst er- wie ich', ,Ahme das Unnachahmliche nach' :.148
fahren als getrenntes, unabhängiges Sein, das aber dennoch und zwar radikal
mit den anderen verbunden ist. Für besagte Integration (pars zu werden) ist Dem Drama der Identifizierung folgt das der Entidentifizierung. In der Tra-
eine radikale Desidentifikation (mit dem Begehren der Mutter) vonnöten. gödie, so Lacan, bezeichnet der Bereich der ä't'll die Zeit der Blindheit des
Die Anerkennung der symbolischen Kastration meint, die Möglichkeit, der Ödipus bis ZU seinem physischen Tod. Das Streben nach dem Ein, dem
Phallus sein zu wollen, auszuschlagen, ein stetes Negieren dieser Position. Glück und das nach einem höchsten Gut (dem Sein) sind endgültig preisge-
GleichZeitig ermöglicht diese Anerkennung das Habenkännen des Phallus. geben in dem von ihm vorweg erlittenen symbolischen Tod. Die Anerken-
Die symbolische Identifizierung mit dem Phallus ist nicht die imaginäre. Sie nung der symbolischen Kastration bildet also die Schwelle zwischen Identi-
ist eine qua Nicht-Identifizierung. fizierung und Nicht-Identifizierung. In der Analyse markiert sie den Über-
gang von der endlichen zur unendlichen Analyse, denn die endliche endet
"Das ,Gesetz"', schreibt Borch-Jacobsen "ist [...] ein ontologisches
(bzw. ,me-ontologisches', denn es geht hier um eine negative Ontolo- mit dem Austritt aus dem Stellrahmen des Spiegelstadiums und der Auflö-
gie): es verbietet nicht, ein Lust- oder Genußobjekt zu haben, es ver- sung der innerhalb seiner generierten Identifizierungen. Nur durch diese An-
bietet, es zu sein. Kurz, es verbietet die Identifizierung in all ihren erkennung kann das Subjekt, das Unter-worfene - gleichsam als Nicht-Ich-
Formen, indem es dem Subjekt vorschreibt, mit nichts konform zu schließlich wirklich Subjekt werden. Es kann pars werden und eintreten in
sein."145 die die Gemeinschaft strukturierende symbolische Ordnung:

146 "Was das Subjekt in der Analyse erobert, ist nicht nur dieser Zugang,
Das Wort ll~ <puvat des Ödipus markiert für Lacan die Geburtsstunde des der, wenn einmal wiederholt, immer offen ist, es ist, in der Übertra-
Subjekts im Symbolischen. Lacans Ödipus ist nicht so sehr der Oedipus Rex, gung, ein anderes, das allem Lebendigen seine Gestalt gibt - es ist
der Rivale des Vaters im Streit um das mütterliche Objekt, sondern der Ödi- sein eigenes Gesetz, dessen Stimmzettel das Subjekt, wenn ich so sa-
pus des letzten Dramas von Sophokles. Ödipus beraubt sich darin des Au- gen kann, auszählt. Dieses Gesetz bedeutet zuerst stets die Annahme
genlichts, das heißt: verunmöglicht die Spiegelerkenntnis, gibt es auf, durch von etwas, das sich vor diesem in den vorausgehenden Generationen
die Identifikation mit dem imaginären Phallus der Mutter zum Sein kommen zu artikulieren begonnen hat und das, eigentlich gesprochen, die ä't'll
zu wollen. Das macht aus dem Oedipus Rex den Ödipus, wie er sein soll: ist. Diese ä't'll, die nicht immer an das Tragische der ä't'll der Antigo-
ne heranreicht, ist darum nicht weniger mit dem Unglück ver-
wandt.,d49

144 Vgl. zur Pars-Werdung, zum separere und se parere: Lacan, 1.. Schr. II, S. 222
145 Borch-Jacobsen, M.: Lacan, Der absolute Herr und Meister, S. 250 147 Lacan,1.. S VII, Die Ethik der PsyChOanalyse, S. 364/374
146 "Nicht geboren zu sem, das geht über alles", Oidipos auf Kolonos, Vers 1224, übersetzung 148 Borch-Jacobsen, M.: Lacan, Der absolute Herr und Meister, S. 251
von W. Willige/K. Bayer, Tusculum-Ausgabe, S. 719 149 Lacan,1.. S VII, Die Ethik der PsychOanaiyse. S. 358
72 73

Die Psychoanalyse ist so die Einübung in ein Begehren, das nicht unmöglich der Analysanten, weder Beichtvater, noch Ratgeber -, weshalb auch die In-
ist, aber nur sein kann durch eine Entidentifizierung, eine Losreißung von stitutionalisierung seiner Praxis eine so heikle Angelegenheit ist.
sich. Sich über jedes Objekt hinaus zu begehren, heißt sich nicht zu identifi- "Der Sinn des Sinns in meiner Praxis begreift sich daraus, daß er
zieren. Die Bedingung, die ermöglicht, vom Genießen zum Begehren fortzu- flieht, rinnt: gleichsam aus einem Faß undnicht,indem er Reißaus
schreiten, ist dieses Betreten der Ötll, jenes Ortes, nimmt. Dadurch, daß er rinnt (im Sinne: Faß), gewinnt ein Diskurs
,,[...] von wo der Schrei aufsteigt, daß ,das Universum einen Fehler seinen Sinn will sagen dadurch, daß seine Wirkungen unmöglich zu
, 153
(/einzigen Makel) in der Reinheit des Nicht-Seins darstellt",150 berechnen sind."

Die Gespaltenheit des parletres 154 in das am Bewusstsein orientierte, vom


Das Ich, eine Störung der Ruhe des Universums, das Universum eine Stö- Autonomiedünkel beherrschte Ich und ein abgespaltenes Subjekt des Unbe-
rung der Ruhe des Nicht-Seins...Die Privation ist fUr den Analysanten und wussten, das Subjekt des Signifikanten, plausibilisiert Lacan anhand eines
"präsupponierten Analytiker", wie Lacan dies am Beispiel des tragischen grammatikalischen Phänomens, indem er die zwei Begriffe, mit denen sich
Heros exemplifiziert, die Bedingung schlechthin zur Rückerstattung der Be- im Französischen ,Ich' sagen lässt, isoliert und gegenüberstellt. Je ist dann in
gehrensfunktion nach dem Durchlauf des analytischen Signifikanten. Priva- Lacans neuer Topik das Subjekt des Unbewussten, Moi das Subjekt des Dis-
tion bedeutet, dass das Subjekt sich nicht im Spiegel erkennt und in reiner kurses. Lacan will in seiner Praxis dem Subjekt des Unbewussten zur Spra-
Form willig, um eine Formulierung Freuds aufzugreifen, den "Trabanten des che verhelfen, bzw. dem Unbewussten erlauben zu sprechen, während die
Todestriebes,,151 folgt. Erst dem blinden Ödipus, der den Willen zum Sein sogenannte Ego-Psychologie sogar noch auf die Stärkung der gleichermaßen
radikal preisgegeben hat, gehen gleichsam die Augen auf und das, was er als bewussten wie fiktiven Mot-Instanz zielt und somit darauf, das ,Unterwegs-
Realität vorstellte, wird ihm als Phantasma als Ganzes sichtbar. Die Zer- sein-zur-Sprache' des Unbewussten, das "Drängen des Buchstaben im Un-
schlagung des Spiegels, die Suspendierung der Spiegelerkenntnis, ist die Be- bewussten" bereits im Keim zu ersticken.
dingung des Menschseins. Ödipus aufKolonos, der eigentlich kein tragischer Das Subjekt des Unbewussten zum Sprechen zu bringen heißt, einer sonst
Held mehr ist, denn seine Irrtümer, die sein Handeln hervorbrachten, sind untersagten Selbstliebe Raum zu geben, die nicht mit Narzissmus zu ver-
von ihm genommen und er übt sich, buddhistisch gesprochen, im "Nicht- wechseln ist. Die Qualität dieser Selbstliebe macht Lacan kenntlich, wenn er
Handeln", ruft aus: sagt, dass das Sprechwesen nur zwtschen den Zeilen genießen kann. Es kann
"Verhält es sich so, daß ich in dem Moment, da ich nichts bin, zu ei- sprechend genießen, nicht aber sein Sprechen genießen. Im Modus dieses
nem Menschen werde?,,152 Sagens bedeutet Ich-Sagen (je) auch nicht Ein-Ich-Haben (moi). Die "durch
das Imaginäre bewirkte Vereinzelung,,155, die die Instanz des Ich (moi) und
den Narzissmus hervorbringt, fiihrt seitens des Subjekts dazu, gewisserma-
2.7 Wie (nicht) sprechen ßen einen Käfig mit einem Palast zu verwechseln. Das Verlassen des Käfigs
der Moi-Instanz wiederum ist gleichbedeutend mit der Aktivierung des Je.
Das Spiegelstadium liefert das Schema zur Markierung des initialen Mo- Die Inswerksetzung des Begehrens, das ursprünglich leer ist und sich auf
ments der konstitutiven, nicht genetisch-nosologisch herleitbaren Spaltung kein Objekt bezieht außer sich selbst, kann nur dort gelingen, wo das Ich als
des Subjekts. Indem der analytische Diskurs dieser Spaltung Rechnung trägt, Kontrollinstanz das Subjekt nicht hindert, dem Lauf der Signifikanten zu
muss er zweideutig und gleichsam offen sein. Sein Sinneffekt kann nicht folgen und das heißt: wo es der Bürde ledig ist, sich mit sich identifizieren zu
bewusst herbeigefiihrt werden - der Analytiker ist, vielfach zum Leidwesen müssen. Weiter oben war bereits die Rede von jenen mit dem Pathos des

150 Lacan, J.: Sehr. H, S. 196 153 Lacan, J.: Sehr. H, S. 7


151 Freud, S.: Studienausgabe, Bd. III, S. 249. Die erotischen Triebe smd bekanntlich beim 154 Parletres (Sprechwesen oder Sprechsetn) ist eme Sprachschöpfung Lacans. Vgi. hierzu:
späten Freud gleIChsam nur die Agenten oder eben Trabanten des Todestriebes. Zizek, S.. Die Tücke des Subjekts, S. 212
152 Zit. n.: Lacan, J.: S H, Das Ich in der Theorie Freuds..., S. 292 155 Lacan.1.. Sehr. I, S. 87, Fußnote 10
74 75

Negativen aufgeladenen Postulaten, die aus Lacans Logik des desetre 156 (ei- der Möglichkeiten des Sprechens sein, da es dem Zug der Signifikanten zu
ne deontische, nicht modale Logik) hervorgehen und zum Nutzen dieses folgen widersteht. Volles Sprechen mag sich als Stottern realisieren, leeres
nicht-narzisstischen Selbstgenusses vorschreiben, sich mit nichts zu identifi- Sprechen kann in höchstem Maße eloquent sein. Das Ich als vermeintlich au-
zieren, nicht man selbst zu sein, nichts zu sein. tonome Instanz verfUgt über einen Vorrat von Aussagen, den es, wenn es der
Je sagt sich als ein Ich aus, das kein Ich ist. Es unterliegt nicht der imaginä- ,Druck der Lage' erfordert, im Dienste der Selbst-Identifikation aufbraucht,
ren Identifizierung. Sich zu identifizieren ist immer eine Verrücktheit. Lacan der folglich begrenzt und erschöpflich ist und notwendigerweise irgendwann
hielt dafür, dass nicht nur der Narr, der sich für einen König hält, verrückt ebenso den Sprecher im Bemühen, sich mit seinen Aussagen zu identifizie-
ist, sondern auch der König ein Narr ist, der sich rur einen König hält. 157 An ren, erschöpft. Die Funktion des leeren Sprechens ist letztenendes, den fun-
die Stelle .der imaginären Identifikation hat die symbolische zu treten. Die damentalen Mangel an Sein zu überdecken oder zu verschleiern. Demgegen-
symbolische Identifikation aber ist die Nicht-Identifikation. über ist das Sprechen, das dem Zug des Signifikanten folgt, unerschöpflich,
Für Lacans Sprechwesen gilt nicht, dass es die Sprache bewohnt, wie für eine Quelle, die nicht versiegen kann. Das Sagen des vom Unbewussten und
Heideggers Mensch die Sprache das "Haus des Seins" ist, aber ebensowenig vom Signifikanten geführten Subjekts ist so nicht willkürlich, sondern folgt
wie bei Heidegger gebietet es über die Worte. In gewisser Weise gebieten einer Notwendigkeit.
die Worte über es, nämlich besagtes Sprechwesen. Aber genauer gesagt ist es Je, das mit dem vollen Sprechen korrespondiert und dessen Merkmale gerade
der SignifIkant, der über es gebieten soll. Lacan sagt, es gehe darum zu wis- deswegen "Flüchtigkeit und Andersheit,,16°sind, ist im Unterschied zur Moi-
sen, dem Zug des Signifikanten folgen zu müssen, um die Seele zu retten. 158 Instanz nicht objektivierbar und durch keine äußere Realität zu defmieren.
Damit wird das Sub-jekt, das Unter-worfene, vom Unbewussten selbst ge- Diese wird, worauf im folgenden noch ausflihrlicher einzugehen sein wird,
stützt,seinerseits zur Stütze der Sprache, zur Stütze der symbolischen Ord- sogar überhaupt erst konstituiert durch den Ausschluss des Unbewussten,
nung. seine Verdrängung oder Verwerfung. Diese äußere Realität, als Effekt von
Das Sagen im Modus des leeren Sprechens im Unterschied zu dem des bien Verdrängung, Verwerfung, Ausschluss bildet die Basis des Sagens im Mo-
dire / bene dicere l59 des vollen Sprechens kann nie eine volle Realisierung dus des Mai. Je dagegen markiert die Leerstelle, von der das Sagen des Sub-
jekts des Unbewussten ausgeht. Zen-buddhistisch gesprochen wäre es die
personale Form der impersonalen Leerheit oder der Hintergrund der Leer-
156 Lacans Wortschöpfung desetre wäre mit Ent-Werdung wiederzugeben, was an die Sprach-
gebung der sogenannten "deutschen Mystik" ennnert.
157 K. Laermann, der Übersetzer des In Schriften 1 erschienenen Textes "Symbol und Sprache
als Struktur und Grenzbestlmmnng des psychoanalytischen Feldes" zitiert m emer Fußnote
zu semer Übersetzung Ltchtenberg wie folgt: "Ein Narr, der sich embildet, em Fürst zu gewiesen. Hier ist die discretio die Wahrnehmung und das Maß in Ununterschiedenhelt.
sem, Ist von dem Fürsten der es m der Tat ist, durch nichts unterschieden, als daß Jener em Die Wahrnehmung hat Sich bei Lacan auf den Lauf der Signifikanten zu beziehen und das
negativer Fürst, und dieser em negativer Narr Ist, ohne Zeichen betrachtet smd sie gleich." Maß ISt an diesem Lauf auszurichten. Das ISt die Dit-mension, die "Messung des Gesag-
(in: Lacan, J.: Schr. I, S. 121, Fußnote 52) ten", Mit der ,,Ethik des Gut-Sagens" schemt Lacan nur das bene-dicere des hl. Benedikt
158 Wenn Lacan als obsolet geltende Begriffe benutzt (z.B. Seele), so dient ihm solches den emzuholen. Auch hier gilt es, die Differenzen zu schonen, aber zweifellos lassen sich eine
tennmologischen Rahmen der Theone sprengendes Hinter-Freud-ZurücJifallen dazu, em Vielzahl von Lacans analytischen Begriffen m theOlogische oder onto-theologische zu-
Verstehen Im Intuitiven zu evozieren. Sprechen soll eVOZieren, nicht informieren. Inkohä- rückübersetzen. Das Beispiel schlechthin hierfür ISt natürlich der ,,Name des Vaters",-
renz im Begrifflichen, das Scheuen der ,Arbeit am Begriff, verhmderte dieses Ankommen Höchst mteressant m diesem Zusammenhang ist auch, was Elisabeth Roudinesco, Lacans
Im IntUitiven, anstatt es zu befördern. - Im Rahmen semer eigenen Theonebildung sagt er Biographm, über Lacans Jüngeren Bruder. Marc-Marie, später Marc-FrancOls, schreibt:
über Seele: "Wer sieht mCht, daß die Seele, daß dies mchts anderes ist als seine, diesem "Im Jahre 1926 faßte Marc-Marle, während Jaques Innerhalb seiner Familie aufgrund sei-
Körper, unterstellte Identität, mit allem, was man denkt, um diese zu erklären. Kurz, die nes Gefallens an der Libertmage und semer Zustimmung zu den Thesen des Antlchnst filr
Seele, das ISt, was man über den Körper denkt - auf der Seite des Griffs." (Lacan, 1.. S emen Skandal sorgte, die endgUltige Entscheidung, Mönch zu werden. Am 13. MlIl war
XX, Encore, S. 119) Da Denken eme "Sache des Griffs" Ist, ISt die Seele also das Gedachte beim Lesen der Regel des Heiligen Benedikt [die eben "ordo et discretio" überschneben
über den Körper. ,,(D)as Denken Ist auf der Seite des Griffs und das Gedachte auf der an- ist, JA] die Berufung über ihn gekommen. In demselben Moment, in dem er das Wort
deren Seite [...]" (Ebd., S. 115) "benedictin" auf das Blatt Papier schrieb, wirkte das Sehen dieser zehn Buchstaben wie ei-
159 "Was Ich tue, Ist aus memer Praxis die Ethik des Gut-Sagens ziehen [...]" (Lacan, 1.. R/T, ne Offenbarung auf ihn." (Roudinesco, E.. Jaques Lacan, S. 39) Marc-Francois Lacan
S. 91) Das bien dire ISt nach Lacan die ultimative Forderung der Ethik der PSYChoanalyse. wurde schließlich Abt des Klosters Hautecombe.
An dieser Stelle sei auf eine mteressante Parallele zur benediktmischen Ordensregel hm- 160 Lacan, Jaques: S XXII, R.S.I., S. 2
76 77

heit, der im Sagen Vordergrund wird. Das Subjekt des Unbewussten ist ein dem Analytiker nichts übrig, als den Anspruch des Analysanten auf Wieder-
Subjekt der Leerheit. herstellung zu frustrieren, also seine ohnehin schon bestehende Frustration
Menschen dazu zu bringen, "daß es ihnen Lust macht, das Wahre zu sa- noch zu verstärken.
gen,,161 - weder in der Form von Geständnis, noch als perverser Kitzel-, Das Zur-Sprache-Kommen des Subjekts des Unbewussten geschieht im Akt.
heißt, sie von der Beherrschung verheißenden Instanz des Moi zu lösen und Der Akt beim späten Lacan bezeichnet eine grundlose Lösung aus der Einge-
an die Nicht-Instanz des Je (zurück) zu binden, um sie in die Menschenge- bundenheit des Subjekts in die es auf das Ego ,verpflichtende' und seine An-
meinschaft zu reintegrieren und aktiv am Leben mit den anderen teilnehmen erkennung verlangende Verwicklung in die dualistische IchlDu-Dialektik.
zu lassen. Das ist Lacans Weise, das Religiöse (im Sinne: Rückbindung) Jedoch hat der Austritt aus dieser Dialektik und der Übertritt, der im Akt er-
durch den freudschen Diskurs hindurchgehen zu lassen. Dem ultimativen folgt, seinen Preis. Im gleichen Zug, in dem das Subjekt des Unbewussten
Postulat des "Gut-Sagens" der psychoanalytischen Ethik kann nur genügt zur Sprache kommt, ist seine Versichertheit durch etwas wie einen "zurei-
werden, wenn, mit allen Brüchen und Unterbrechungen, die der Versuch der chenden Grund", der es als vermeintlich autonomes Ego innerhalb des durch
Realisierung eines solchen Postulats mit sich bringen muss, dem Lauf des die Anerkennungsdialektik hergestellten Raums ausweist, nicht mehr gege-
Signifikanten versucht wird zu folgen und wenn im Aufgriff des Signiflkan- ben. Doch allein die Eröffnung dieses Zugangs zu einem nicht versicherten
ten durch den Sprecher die grundlegende Alienation im anderen, durch die Sprechen kann als der entscheidende Wendepunkt der Analyse angesehen
das Sprechwesen hindurchzugehen hat, anerkennt wird. werden. Beendet werden kann sie, so Lacan, wenn das Subjekt in der Lage
Gerade weil Nicht-Identität und Nicht-Allmacht beim Subjekt des Moi keine ist, "von sich zu Ihnen" zu sprechen.
Anerkennung finden, ist nach Lacan c(ilie Natur des Ego ihrem Wesen nach Damit dies gelingen kann, gibt Lacan zur Orientierung fiir die Praxis der A-
Frustration und die Begegnung mit seinesgleichen fmdet als zwanghaftes nalyse dem Analytiker folgende Richtschnur an die Hand:
Delir statt, in dem sich Zuneigung und Abneigung abwechseln. Denn hier er-
fahrt das Subjekt permanent, was es flieht. Das Geflohene kehrt aber wieder "Nichts darf [...] die Instanz des Ich (moi) im Subjekt betreffend hi-
w~e schon Freud schrieb, wohingegen das, was gehengelassen wird, nicht neingelesen werden, das nicht in diesem in der ersten Person, also in
der grammatikalischen Form des Ich Ge), übernommen werden
wiederkehrt. Dem Lauf der Signiflkanten folgen heißt aufzugreifen, was sich kann. ,,163
signifiziert und dieses wieder gehenzulassen. Dies aber setzt die Anerken-
nung_ der Alienation im anderen voraus. Denn diese besagt, die Subjekt-
Positionen willig einzunehmen und wieder zu verlassen, die das präsubjekti-
ve Spiel der Signifikanten vorschreibt. 2.8 Lacans Konzeption des Unbewussten
Insofern das Moi-Subjekt nur das Bild des anderen wahrnimmt, an dem kein Der reine Geist ist die reine Lüge. (Nietz-
Mangel ist, supponiert es den die Kastration nicht erfahren habenden ande- sehe)
ren, den der konstitutiven Subjektspaltung nicht unterworfenen anderen, also
den die Alienation im anderen nicht erleidenden anderen. Nur so kann dieser Je als das Subjekt des Unbewussten kennzeichnet, wie das Unbewusste
ihm Stütze und Garant seiner Existenz sein. Es nimmt somit den anderen Freuds, Beweglichkeit der Besetzungen und die Charakteristik der freien E-
dort wahr, wo er gerade nicht ist und sein Begehren zielt dementsprechend nergie. Bekanntlich gibt es nach Freud im Unbewussten keine Zweifel, keine
darauf, ebenfalls gerade dort wahrgenommen zu werden, wo es nicht ist. Die Negation, kein (be)rechnendes Abwägen und eine Gleichgültigkeit gegen-
Analyse nun bewegt sich aber auf einer anderen als der durch die duale Be- über der äußeren Realität.
ziehung festgelegten Bahn. Das narzisstische Ego ist fiir den anderen (hier Lacan betont jedoch, um falschen Vorstellungen über die Entdeckung, die er
den Analytiker) errichtet und damit dazu vorausbestimmt, "ihm durch einen Freud zuschreibt, vorzubeugen, immer wieder auch die Nicht-Substanz-
anderen entrissen zu werden,,162. Deshalb bleibt in der analytischen Situation haftigkeit des Unbewussten. In diesem Zusammenhang kann noch emmal
auf den verbreiteten und mittlerweile schon klassisch zu nennenden Lesefeh-
161 Laean,1.: S XXIII, Le Sinthome, S_ 2
162 Laean, J.: Sehr. I, S. 87 163 Ebd., S. 89
78 79

ler hingewiesen werden, wonach ,das Es Ich werden soll', Es soll natürlich dass sein Beispiel Schule machen würde. Seine Lehre, die den Diskurs des
,wo es war, Ich werden', Erstere Lesart hypostasiert ein Es als Substanz, ein Unbewussten monstriert und in dieser Monstration Zeugnis von ihm ab-
Unbewusstes als Substanz. Lacan kommentiert den im "Klang der Formeln legtl68, würde eines nicht femen Tages bereits fossiliertl 69 sein und dann e-
der Vorsokratiker,,164 formulierten Freud-Satz wie folgt: ben doch eXistieren. Dies würde dann der Fall sein, wenn seine· Schüler, so
"Da, wo Es im Augenblick noch war, wo Es gerade noch war, zwi- Lacan in R.S.I., "einen Schluck aus der Pulle genommen haben, ein bißehen
schen diesem Erlöschen, das noch nachleuchtet, und jenem Aufgehen, Autorität gewonnen haben"170, wenn sie genug vom lacanschen Manna ge-
das noch zögert, kann Ich zum Sein kommen, indem ich aus meiner nossen und mit seinen konjekturalen Theoremen wie mit einem verfügbaren,
Aussage verschwinde." 165 operablen Ganzen umzugehen in der Lage sein, sprich: ein lacansches Un-
bewusstes substantialisiert haben würden.
Ein ebenfalls in die substantialistische Richtung deutendes Missverständnis Genau die analytische Wahrheit bleibt aber in diesem Fall verschanzt hinter
liegt vor, wenn nicht die Traumdeutung als der Königsweg zum Unbewuss- dem "Widerstand des Analytikers". Lacan lehrt kein an "formale Kohärenz
ten gelesen wird, sondern der Traum selbst. Als verweise der Traum auf das gebundene(s) Wissen" als Referenzwissen zu einem substanzhaften Unbe-
Unbewusste, als sei der Traum das dem Unbewussten zu nächste, als gäbe es wussten, sondern den "Gebrauch des Diskurses"l7l. Lacans "neues Bündnis
eine Substanz des Unbewussten gleichsam noch unterhalb des Traums, zu mit der freudschen Lehre" visiert, in richtiger Weise vom Sprechen
der dieser der Königsweg sei. 166 Die Substantialisierung des Unbewussten Gebrauch zu machen, was voraussetzt, "den analytischen Diskurs mit sich
entwertet in der Sicht Lacans die Analysen von zum Beispiel Jung. Sie fallen selbst zu unterhalten, weder zu früh noch zu spät zu sprechen,,172, nicht die
hinter Freud zurück, sind archaisierend, remythisieren und mystifizieren. Kenntnis eines substantiellen Unbewussten als Bedingung für gemäßes
Jung habe "Begriffe des romantischen Unbewußten [...] die bei ihm Unter- Sprech-Handeln. Das Unbewusste ist nichts der ratio Entgegengesetztes, das
schlupf fanden,,167 elaboriert. Wie das UnbeWusste aber weder Substanz andere der ratio, vielmehr ist es ihr inhärent. Deshalb ist ein Diskurs wie der
noch das Subjekt des Unbewussten ein substantielles Hypokeimenon ist, s~ vom "Anderen der Vernunft,,173, mit Lacan gegengelesen, nicht so sinnvoll:
spricht ihm Lacan selbst die Qualität der Existenz ab. Das Unbewusste ist als Was den Denkgewohnheiten auch derer, die sich aus dem aristote-
nicht wirklich existierend aufzufassen. Es gehört weder der ,objektiv- lischlcartesischen Diskursparadigma zu verabschieden unternehmen, so sehr
äußeren' noch der ,subjektiv-seelischen Existenz' an. entgegensteht, ist die Annahme, dass Descartes Cogito-Subjekt und das la-
Lacans Konzeptualisierungen des Unbewussten versuchen genau derartige cansche Subjekt des Unbewussten nicht unterschieden sind. Das "Andere der
Supponierungen zu vermeiden, wenn auch er wenig Hoffnung bekundete, Vernunft" ist nichts dem Bewusstsein und der Ego-Instanz entgegengesetz-
tes, der Schnitt ist vielmehr im Signifikanten selbst anzusiedeln. Es ist ein

164 Lacan, J.. Die vier Grundbegriffe der PSYChOanalyse, S. 50 168 Die Monstration, ein durch Weglassung des Präfix de gebildeter NeologIsmus Lacans
165 Lacan, J.: Schriften II, S. 175f. (R.S.I.) macht wie das Performativ der Sprechakttheorie aus der De-Monstration ein expli-
166 Diese Falschlesung des Freud-Satzes findet Sich zum BeispIel m "Das Vokabular der Psy- zIt sprachliches Handeln. Die Monstration trägt Lacans These ReChnung, dass es keme
chOanalyse'" "Wir wissen, daß der Traum fur Freud ,der Königsweg' zur Entdeckung des Metasprache gibt. Lacan monstriert den analytischen Diskurs. - Wie m den e1eusimschen
Unbewußten war." Lap1anche/Pontalis: Das Vokabular der Psychoanalyse, S. 564. Dieser Mystenen dem Imtianten die abgeschnittene Ähre gezeigt wird im Zentrum des Heiligtums
Königsweg war selbstverständlich die Traumdeutung. In diesem Zusarmnenhang kann und wie die Monstranz bei katholischen ProzessIOnen das Allerheiligste zeigt, mdem sie
auch auf die Differenz emes hermeneutisch ausgelegten Ansatzes der Psychoanalyse, den es verbtrgt, so demonstnert Lacan Im RS.I.-Semmar auch niCht den analytischen DiSkurs,
Lacan fur falsch hält und emem, der auf die Interpretation im Sinne der lacanschen Lesart Vielmehr bewegt er Sich, wie er sagt, auf der Ebene der "Monstration", der "Zeigung".
des Begriffs setzt, hingeWiesen werden. Der Interpretation, der Deutung, eignet ein Mo- (Außerdem klingt m der Monstration auch "Monstre", "monströs" etc. an)
ment von Gewaltsamkeit msofern, als dass, sobald eme InterpretatIOn mcht mehr trägt, sie 169 "Bald werden es alle WIederholen, und es muß nur noch darauf regnen, damit es dann em
verworfen wird zugunsten emer anderen, weitgehend ungeachtet dessen, wie es vermeind- sehr hübsches Fossil gibt." Lacan, Jaques: S XXII, RS.I., S. 66
lich wirklich gewesen 1St. (Lacan unterscheidet zu analytischen Zwecken zwischen dem, 170 Lacan, Jaques: S XXII, RS.I., S. 69
was wahr ist und dem, was Wirklich gewesen ist.) Im hermeneutischen Ansatz hmgegen 171 Lacan, 1.. S II, Das Ich m der Theone Freuds..., S. 25f.
wtrd vorrangig versucht zu ermitteln, wie es WIrklich gewesen ISt, was zum Beispiel em 172 Lacan, 1.. S I, Freuds techniSChe Schriften, S. 10
Traum Wirklich bedeutet. 173 Vgl.. Böhrne,H.fBöhme,G.. Das Andere der Vernunft, Zur Entwicklung von Rationalitäts-
167 Lacan,1.. S XI, Die vier Grundbegriffe der Psychoanalyse, S. 30 strukturen am Beispiel Kants
80 81

innerer Schnitt, eine immanente Diskontinuität und es kann, wenn man mit Lacan grenzt sich auch gegen das Unbewusste eines Eduard von Hartmann
Lacan auf die Geistigkeit des Ostens schaut, nicht darum gehen, wie das ab, gegen dessen "heteroklites Gerümpel", das bei selbigem unter dem Na-
Verhältnis Unbewusstes und Vernunft ,irgendwie anders' organisiert oder men des Unbewussten firmiere und dessen Unbrauchbarkeit für die Theorie
gewichtet sei im Osten, sondern ebenso allein um die eine Organisiertheit der Psychoanalyse auch schon Freud in der "Traumdeutung" herausgestellt
und Intelligibilität des Subjekts und die Verkennungen, die hierüber beste- habe. Das Unbewusste nach Lacan ist auch kein "obskurer, für ursprünglich
hen. Der radikale Agnostizismus des Ostens lehrt, unseren Sinnen, ebenso gehaltener Wille,,177, womit Lacan wohl auf Schopenhauer anspielt. Das Un-
wie unseren Urteilen, unserer Vernunft radikal zu misstrauen, aber nicht, auf bewusste ist nichts unter oder vor dem Bewusstsein liegendes, nichts archai-
etwas anderes als auf Sinne und das Bewusstsein zu setzen. Auf dem Gipfel sches, magisches, mythisches, sondern spielt, hat seinen Ort genau dort, wo
der lacanschen Spekulation ist das descartsche Cogito-Subjekt also nicht das auch das Subjekt ist.
andere zu Lacans Subjekt des Unbewussten, sondern mit ihm vollständig i- Das Unbewusste ist so diskontinuierlich wie das Bewusstsein. Aber müssen
dentisch. Lacan drückte das in den "Vier Grundbegriffen" folgendermaßen wir, fragt Lacan, die Diskontinuität des Unbewussten vor dem Hintergrund
aus: einer Totalität sehen? Dass Lacan diese Frage verneint, ist von entscheiden-
der Bedeutung. An dieser Stelle lässt sich seine Theorie ausgesprochen leicht
"[00'] dass es auf der Ebene des Unbewußten etwas gibt, das in allen
Punkten den Geschehnissen auf der Subjektebene homolog ist - es mit den Lehren des Zen kompatibilisieren: Leerheit ist nicht hinter der Form,
spricht, es funktioniert in derselben Ausgeprägtheit wie auf der Be- sondern Leerheit ist selbst Form, so wie Form Leerheit ist. Leerheit ist nicht
wußtseinsebene, die damit ihren vermeindlichen Vorrang ein- die Totalität hinter den mannigfaltigen Formen, kein Geistkontinuum hinter
büßt ...,,174 den Erscheinungsformen. Ebenso verhält es sich nach Lacan mit der Totali-
tät, mit dem Einen....
Deutlich wird hier noch einmal die Unvergleichbark~it des lacanschen An- "Ist das Eine/ le un vor der Diskontinuität? Ich denke nicht, und alles,
satzes mit dem von Jung und dessen Elaboration eines "romantischen Unbe- was ich die letzten Jahre gelehrt habe, geschah in der Absicht, die
wussten". Der Schnitt ist dem Signifikanten immanent ist und dadurch geht Forderung nach einem geschlossenen Einen zu Fall zu bringen - es ist
das Subjekt als gespaltenes hervor. Gemeint ist immer dieses Subjekt, in je- dies eine Täuschung. An die sich der Begriff eines umhüllenden Psy-
dem Appell, der sich an es richtet. Lacan sagte im Seminar "Die vier Grund- chismus hängt, eine Art Verdoppelung des Organismus, in der jene
begriffe": falsche Einheit wohnen soll. Sie werden mir zustimmen, wenn ich sa-
ge, dass das in der Erfahrung des Unbewußten eingefUhrte un jenes
"Es ist aber wichtig zu wissen, an wen man hier appelliert. Es geht
nicht um die altbekannte ,Seele', sterblicher oder unsterblicher Art, es
un des Spalts, des Zugs, des Bruchs ist. Es zeigt sich hier plötzlich ei-
geht nicht um den Schatten, den Doppelgänger, das Gespenst, es geht ne verkannte Form des un: das Un des Unbewußten. Die Grenze des
Unbewußten ist vielmehr der Unbegriff- der nicht ein Nicht-Begriff
nicht einmal um die als Panzer funktionierende Psychosphäre, den
ist, sondern der Begriff eines Fehlens. Wo ist der Grund? Ist's die
Ort der Abwehr und _andere Schematismen. _Apgeliert wird ans Sub-
jekt, und nur das Subjekt kann auserwählt sein." 5 Abwesenheit? Wohl nicht. Bruch, Spalt, Zug der Öffnung lassen die
Abwesenheit erst entstehen - so wie der Schrei nicht vom Grund der
Stille sich abhebt, sondern die Stille erst entstehen läßt.,,178
Der Adressat des lacanschen Diskurses ist kein anderer als dieses Subjekt,
das aus Descartes Zweifel erwächst und an Descartes Gewissheit seinen Halt
Keine Totalität steht hinter der Diskontinuität, alles ist vielmehr des anderen,
nimmt. Die Psychoanalyse will, so Lacan, dieses "Subjekt heimkehren [00']
als Ereignis und Vollzug des Unbewussten. Das Unbewusste bei Lacan ist in
lassen ins Unbewusste". 176
seiner ersten Bedeutung als Nicht-Wissen bestimmt und auch dieses Nicht-
Wissen ist das des anderen. Dass sich dieses schwindelerregende Theorem

174 Lacan, 1.. S XI, Die vier Grundbegriff der Psychoanalyse, S. 30


175 Ebd. 177 Ebd., S. 30
176 Ebd., S. 53 178 Ebd., S. 32
82 83

nahtlos in Lacans Theoriegebäude einfilgt, ist sein einzigartiges Verdienst. Menschen, die etwas waren, und die meis-
Das Nicht-Wissen ist wegen der konstitutionellen Alienation des Menschen- ten fühlten sich offensichtlich nicht glück-
wesen im anderen das des anderen, wegen des Vollzugs, des Sich-Ereignens lich dabei. (Cees Nooteboom, Rituale)
des Unbewussten, das wie eine Sprache strukturiert ist. Zum Subjekt auf dem
Feld des anderen schreibt Lacan: Zur Realisierung des Sprechwesens gilt es, Rekurs auf den Körper zu neh-
men. Lacan sprtcht von einer ,Materialität des Signifikanten' und auch das
"Daß das Subjekt als solches, weil durch Sprachwirkung [...] gespal-
Unbewusste ist materieillkörperlich vorzustellen. Die Versicherung des Sub-
ten, im Ungewissen ist [...] genau das lehre ich Sie [...]. Über die
Sprechwirkung [...] realisiert sich das Subjekt stets mehr im Andern jekts aus einem Jenseits des Körpers ist keine Option. Das Unbewusste ist
[...] daß das Subjekt nur Subjekt ist als Hörigkeit, Unterwerfung auf nichts ,jenseitiges' (transzendentes) und nichts ,unter allem liegendes'
dem Feld des Andem. Das Subjekt geht aus aus seiner synchroni- (transzendentales). Die Aufgabe der Suche nach dem Sinn im Jenseits des
schen Hörigkeit, Unterwerfung im Feld des Andern.,,179 Körpers fiihrt auf das Diesseits des Körpers zurück und damit zum Begehren
und auf die symbolische Ordnung. Lacan fragt nicht nach dem Sinn, sondern
Die Alienation im anderen ist der Grund und die Bedingung fiir die funda- nach dem "Sinn des Sinns", was, möchte man meinen, fiir einen ,erwachse-
menatale Spaltung des Subjekts und das Nicht-Wissen und die Subjektspal- nen Menschen' auch die angemessenere Frage ist. Das Subjekt des Signifi-
tung gehören unmittelbar zusammen. Es handelt sich hier keineswegs um das kanten, das "ich" (je) aussagt, ist jedenfalls in seinem Aussagen ein Körper,
Nicht-Wissen sokratischer Art, da eben radikal es das des anderen ist. Viel. der in Aktion tritt.
fach ist zu lesen, dass und wie Begehren und Diskurs bei Lacan die des ande- "Das Subjekt des Unbewußten, es schließt an den Körper an.,,181
ren sind. Auch das Nicht-Wissen ist schon als das des anderen bestimmt
worden. Dass sich hier jedoch das Unbewusste selbst als das des anderen er- Dem Subjekt des Unbewussten zum Sprechen verhelfen heißt, eine Aktivität
zeigt, filhrt am weitesten. des Körpers zu evozieren. Der Buchstabe, das Wort, die letter ist ein Körper,
,,[...] wenn es ums Unbewusste geht, was in meiner Darstellung als ein subtiles körperliches Etwas. Deshalb wirkt die analytische Intervention
etwas erscheint, das gleichzeitig innen ist im Subjekt, das sich aber al- unmittelbar auf der Ebene des Körpers; sie ist ein Eingriffin die Disjunktion
lein außen verwirklicht, das heißt im Ort des Anderen, wo allein es von symbolischer Ordnung und Imaginärem, indem sie auf das Reale
seinen Status annimmt."180 wirkt.182
Dass Lacan das descartessche Cogito-Subjekt mit dem Subjekt des Unbe-
Deshalb ist das Subjekt seine Frage, inkarniert sich als Frage. Und die Rät- wussten identifiziert, heißt nun beileibe nicht, dass Lacan Cartesianer wäre.
selfrage des Begehrens, das stets das des anderen ist, lautet dementspre- Man tut generell gut daran, Lacan als Arzt, Meister, als Analytiker zU sehen,
chend: ,Was will er [der andere Mensch] mir?' ... ,Was will er von nicht als Philosophen. Im cartesianisch verstandenen cogito ist das Sein eine
mir?' .. ,.Was will er, dass ich will?' ... ,Was will er, dass ich will von ihm?'. Sache des Denkens. Das Subjekt muss denken, um sich seines Seins sicher
zu sein. Sein wird dabei zu einem ,Machwerk', einem Produkt des Denkens,
darauf reduziert, bloß Objekt zu sein, Objekt des Denkens, also Gedachtes.
2.9 Mit dem Körper denken Das Subjekt des Unbewussten demgegenüber nimmt am Körper selbst seine
Eigentlich wußte er mit Sicherheit, daß er Gewissheit und dieser verfilgt über ein Wissen, das sich selbst nicht weiß
nicht nur niemals etwas werden wollte, und das sich nicht denken lässt:
sondern auch niemals etwas werden würde.
Die Welt war doch schon übervoll von

181 Lacan, 1.. Rtf, S. 87


179 Ebd., S. 197 182 "Der vom analytIschen Diskurs zu fordernde Sinneffekt ist nicht imaginär. Er ist auch
180 Ebd., S. 154 niCht symboliSCh. Er muß real sem." (Lacan, Jaques: S XXII, R.S.I., S. 29)
84 85

"Wo ich denke zu sein, bin ich nicht und wo ich bin, denke ich Das Sein denkt nicht und das Denken denkt nicht das Sein. Die Analyse ist
nicht.,,183 die Inswerksetzung des Schnitts, der Denken und Sein voneinander trennt.
Was durch Denken erst erzeugt werden soll, bzw. wessen sich durch Denken Das Sein als Gedachtes ist Phantasma. Aber gleichzeitig ist der Konnex von
vergewissert werden soll, ist tatsächlich immer schon vorgängig vorhanden. Denken und (gedachtem) Sein die gewissermaßen magische Verbindung, die
Nicht das Denken an das, ,was ich bin', viel eher das Nicht-Denken an die- dem Subjekt den "Zusammenhang der Dinge" garantiert. Die Inswerkset-
ses gewährleistet Authentizität und schafft ein Minimum an Gewissheit. zung dieser Ablösung des Seins vom Denken und des Denkens vom Sein ist
Nichts bringt diesen Zusammenhang besser zum Ausdruck als Lacans ,Kof- damit gleichbedeutend mit einem "Rühren am Knoten, der das Subjekt an
ferwort' Ontotototautologie l84 , ein Begriff, der nichts weniger leistet, als die das Sprachzeichen. bindet.,d8 8 Die Gebundenheit an das Sftrachzeichen bil-
Meta-Physik abzuschließen oder in einem hegeischen Sinne auftuheben. Ein det nach Lacan dIe Armatur des Denkens des Subjekts. 89 Von hier aus
Sein, das sich denken will, kann im Sagen nur Tautologien produzieren und ,macht es sich die Welt untertan' indem es sie verobjektiviert. Die Destituti-
außerdem ist ein Sein, das erst zu denken ist, nicht seiend, sondern erdacht. on dieses Verhältnisses bedeutet folgerichtig den Entzug der subjektiven Ba-
Das zwischen Onto- und Tautologie stehende toto- in Ontotototautologie sis. Das Phantasma strukturiert durch diese magisch-ursprüngliche Gebun-
verweist auf den kontingenten, zeit- und umständeabhängigen Charakter denheit die Vorstellung des Subjekts von Ich und Welt und lässt ihm als
jedweden in Richtung "Denkung" (cogitation) des Seins gehenden Versuchs. wirklich, als Die Realität erscheinen, was tatsächlich nur Phantasma ist. Um
Lacans Ansatz ist ein me-ontologischer. Es geht weder darum, durch Denken die Kappung just dieses Bezuges geht es aber in der Analyse.
zum Sein zu gelangen, noch das Sein zu denken, sondern über die Anerken- Es bleibt dem Subjekt unmöglich, zu sein, was es denkt zu sein, ebenso wie
nung der symbolischen Kastration die Inswerksetzung des Begehrens auf den zu denken, was es ist, vielmehr muss es nach der Durchquerung des Phan-
Weg zu bringen. um zu verwirklichen, "was uns in einem besonderen tasmas, das ihm all diese Stützen wegnimmt, die subjektive Basis, die sich
Schicksal wurzeln läßt",185 auf Denken und Sein gründet, entzieht, in seinen durch die Objekte gestütz-
Nicht aber schlechterdings die Einstellung jeglichen Denkens, sondern nur ten phantasmatischen Vorstellungsraum, der fur es die Realität darstellt,
die Einstellung desjenigen Denkens, das durch seine Aktivität ein Sein, das zurückzukehren. Das Symbolische muss sich gewissermaßen ins Imaginäre
wirklich wäre, hervorbringen will oder aber das Sein wie etwas positiv Ge- zurückübersetzen. Denn nur durch die Täuschung vermag ein Subjekt sich in
gebenes denken will, visiert diese Analyse. 186 Lacan entwickelt seinen An- der Welt zu halten. Nach diesem Durchlauf aber, wenn das Subjekt "ein we-
satz in bewusster Abgrenzung gegen die Philosophie, zuweilen gegen die nig mehr weiß als vorher um das tiefste seiner selbst,d90, ist das Objekt, das
selbige als solche: banalste und das erhabenste, dann nur noch gleichsam eines für sein Begeh-
ren, nicht mehr ein Objekt des Begehrens. Lacans Sublimierungsbegriff ist
,,[...] Was ich vorbringe, se supporte, se s'oupire, indem es niemals doppelt geladen. Die Pointe besteht in dieser Rückverwandlung nach dem
rekurriert auf irgendeine Substanz, indem es niemals sich rückbezieht Prozess der Destituierung. Sie macht die Sublimierung erst vollständig. Die
auf irgendein Sein, und indem es ist in Bruch mit was es auch sei, das Rückverwandlung ist aber in Wahrheit eine Um- und Weiterverwandlung.
sich aussagt als Philosophie [...]",187 Denn nach jedem Signifikantendurchlauf erfahrt das Subjekt eine höhere De-

183 Lacan, 1.: Schr. II, S. 43


184 Lacan, J.: S XI, Die vier Grundbegriffe..., S. 304f. (Nachwort)
185 Lacan,1.. S VII, Die Ethik der Psychoanalyse, S. 381. Hier wäre em Begriff, den Lacan 188 "Wer am Knoten rührt", gibt F. Kittier Lacan anlässlich dessen hundertstem Geburtstag
selten benutzt hat, am Platz: nämliCh der der SelbstverwIrklichung. Wieder. "der den Menschen an das Sprachzeichen bindet, ändert damit seme GeSChichte
186 Die PerhorreSZIerung des Denkens selbst, wie es in der modischen Esoterik Im Schwange und ~as GeSChick semes Seins." ~ittler, F.: "Es ISt eine Tatsache, daß Frauen begabter
Ist, antwortet auf em tatSächliches Dilemma, auf das "Unbehagen in der Kultur", hervorge- smd. Das Treffen m Straßburg: Eme rätselvolle Begegnung mit dem Irrenarzt Jaques La-
bracht durch die Technifizierung, die Herrschaft des "Gestell", die "Zerdenkung" der can, FAZ, 12.04.2001, Nr. 87/ Seite 43)
Wirklichkeit. Das sind selbstredend Kurzschlüsse und Lacan kommt ais Zeuge hier nicht m 189 Lacan, 1.: S XXIII, Le Sinthome, S. 2. Dort spricht Lacan davon, daß Das Katholische Im
Frage. weitesten Sinne bei Joyce die ,,Armatur semer Gedanken" bilde.
187 Lacan, J.: S XX, Encore, S. 15. 190 Lacan, J.: S VII, Die Ethik der PSYChoanalyse, S. 385
86

termination. 191 Der Topos der "Durchquerung des Phantasma" korreliert dem 3 Vom Symptom zum Sinthome
des "Signifikantendurchlaufs". Der (analytische) Signifikant muss ganz und
vollständig das Phantasma durchlaufen/durchqueren, damit das Subjekt eine
"höhere Determination" erfahren kann. Wird sein Durchlauf gestoppt, sein
Lauf aufgehalten oder abgebrochen, kann es dazu nicht kommen.
3.1 Die Destitution
Lacan stellt Luthers Werk mit seinen Invektiven gegen die Selbstherrlichkei-
ten des Renaissance-Subjekts in einen Gegensatz zu den Hervorbringungen
des anthropozentrischen, bewusstseinsorientierten, sogenannten humanisti-
schen Zeitalters. Mehrmals zitierte er den Passus aus den "Reden", worin
Luther vom Menschen als dem "Abfall, der aus dem Hintern Gottes auf die
Welt fällt", spricht. Lacan hat zwischen der Psychoanalyse und dem Ansatz
Luthers gewisse Übereinstimmungen gefunden. Hier ist an die Bewertung
der Ego-Psychologie zu denken und die Vielzahl der spöttischen Bemerkun-
gen über die sicherheitsfixierte und zugleich nur über Simulacren sich her-
stellende Scheinwelt des american way oflife.
Die psychoanalytische Demontage des vorgeblich selbstmächtigen Subjekts
nennt Lacan seine Destitution und die Psychoanalyse als ganze ist gleichsam
das Ritual der Anerkennung der symbolischen Kastration. Wenn die Destitu-
tion vollständig ist, dann ist sie die totale "Selbstzurücknahme, die absolute
Kontraktion der Subjektivität"I92. Lacan schreibt über Ödipus aufKolonos:
"Ödipus, das zeigt alles von Anbeginn der Tragödie an, ist nurmehr
der Abfall der Erde, der Auswurf, der Rest, ein jedes trügerischen
Scheins entleertes Ding."193

Aber die Destitution ist auch die Bedingung einer symbolischen Neugeburt
des Menschen. Denn vom Rest her erfolgt ja die Begründung des begehren-
den Subjekts. Der "Auswurf, der Rest", der seines Sehens beraubte Ödipus,
ruft aus:
"Wenn ich ein Nichts bin, bin ich eine Macht?,,194

Die Destitution ist ein das Subjekt dezentrierendes Durchqueren des Phan-
tasmas bis zu seinem Rand und über diesen hinaus bis zu einem Ort (besser
Nicht-Ort) außerhalb seiner. Wenn das Phantasma aber ermöglicht, eine Rea-

192 Zizek, S.: Die Tücke des SubjektS, S. 209


193 Lacan,1.. S II, Das Ich m der TheOrIe Freuds..., S. 294
191 In seiner Deutung der Erzählung der "Der entschwundene Brief' von Poe versucht Lacan 194 übersetzung von: Wemstock, H., Sophokles, Oidipus auf Koionos, in: Die Tragödien,
zu plausibilisleren, "wie das Subjekt aus dem Durchlauf emes Signifikanten eme höhere Stuttgard 1962, S. 407. SchottilInder übersetzt: "Wie? Ich, zum Nichts geworden, wäre
Determmation erfährt" (Lacan, 1.: Sehr. I, S. 10) Jetzt em MamI?" (Sophokles, Werke, Berlin und Weimar, 1982, S. 183)
88 89

lität zu haben und in einer Welt mit einem ,zentralen Bewohner', dem Ich, miniertheit,,198 und in der 0't11 des cold turkey ist diese Maßlosigkeit und Hy-
zu sein, so heißt, seinen Rahmen zu verlassen, dorthin zu gelangen, wo keine pertrophie absolut auf die Spitze getrieben. DerIDie Süchtige erlebt sich dar-
Welt mehr ist. Hier erlebt das Subjekt seinfading, seine aphanisis. in als pures Objekt, als Ding, des Menschlichen vollständig beraubt, al~ ein
Die Destitution führt dorthin, wo der Mensch der Stütze der sein Weltbild Exkrement, ausgeschieden von der symbolischen Ordnung. Hier ist jeglIcher
strukturierenden Signiftkanten vollständig beraubt ist, wo er reduziert ist auf Anhalt an der Realität verlorengegangen, das heißt: das Phantasma ist auch
einen kreatürlichen Rest. Dieser Ort, sagt Lacan, ist vergleichbar der un- hier vollständig durchquert, weil das Subjekt der fundamentalen Stütze, die
heimlichen 0"11, um den die griechische Tragödie kreist, ein Ort, von dem es in der Realität hält, beraubt ist. Eine solche subjektive Destitution kann als
niemand weiß, "was in ihm wirklich geschieht", Niemand weiß, "was im eine mit dem völligen Zusammenbruch endende erste Durchquerung des
Grab Antigones geschieht,,195, Phantasmas angesehen werden. Die zweite Durchquerung erfolgt dann durch
Die Wahrheit einer Krankheit, so Lacan, ist durch kein referentielles Wissen die Analyse. _
von außen aufschließbar. Man kann nicht in das Grab Antigones hineinse- Die Erfahrung des cold turkey kann zweierlei evozieren: Zum einen kann sie,
hen. Die Wahrheit der Krankheit ist nicht in der Pathogenese oder Ätiologie wie im Fall des Verdurstenden, der nach Wasser lechzt, die Rückkehr zur
zu suchen, sondern, wie Christian Kläui herausstellt, in ihrem Verlauf, "prä- Droge als das einzig Gebotene erscheinen lassen. Der andere Weg beste~t in
zise im privilegierten Zeitpunkt der Krise, in dem es entweder zur Lyse oder einer Art BÜlldnisschluss mit jenem aufgetauchten Ding, das das Subjekt
zum fatalen Ausgang'd96 kommt. selbst ist. Es kann dieses Geschehnis als Wahrheitsereignis gelten lassen und
Hier sei zur Erläuterung dessen, worum es in der Destitution geht, ein Bei- diesem Ereignis, dieser Wahrheit die Treue halten und von hier aus einen
spiel genannt: In der Drogensucht geht das Subjekt der Konfrontation mit der Neuanfang wagen, eine neue Identiftzierung mit irgendeinem Signiftk.anten.
Unmöglichkeit eines Zusammenklangs von symbolischer Ordnung, subjekti- Es kann zum Beispiel eine Analyse machen und wird auf der symbohschen
vem Genießen und Triebbefriedigung durch einen Rückzug in das geschützte Ebene noch einmal zu dem gleichen Punkt geführt. Wenn sie gut verläuft,
Terrain eines durch die Droge bewirkten künstlichen Friedens aus dem Weg. wäre es da angekommen, wo erst, wie Lacan sagt, "die wahre Reise be-
Fehlt aber die Droge, der Stoff, der die (umnöglichen) Verbindungen her- ginnt" ,199 . . .
stellt, wird das Subjekt in einen Bereich geführt, der 0"11 vergleichbar, wo es Die lacansche Analyse - mehr Katharsis als Therapie - führt also em m et-
die erschreckende Bekanntschaft mit dem berüchtigten lacanschen Ding was wie die 0"11. Die Destitution ist der Prozess des Entzuges aller spezift-
macht, der jeden trügerischen Scheins entleerten Lebenssubstanz selbst, mit schen Komponenten, die Weltbild und Wirklichkeitssinn des Subjekts struk-
dem rohen und wunden Stück Fleisch, das es selbst ist. Der cold turkey, wie turierten. Es wird reduziert auf sein nacktes Etwas, das eins ist mit seinem
die Süchtigen diesen Zustand nennen, ist gekennzeichnet durch seinen "maß- Nichts: ein Nichts, das etwas ist, bzw. ein Etwas, das nichts ist. Dieses Zu-
losen, übertriebenen Charakter"I97, gewissermaßen durch seine "Überdeter-

verilihrte mICh dank des Gebots und hat mir durch es Todesbegehren gemacht." Bis hier-
195 Lacan, 1.: S VII, Die Ethik der Psychoanalyse, S. 356 hm der Paulus-Text Römerbrief 7, Absatz 7, variiert durch bewusste Ersetzung. Lacan
196 Kläui, Chr.: Was machen Wir, wenn wir eme Analyse machen?, m: Riss, Zeitschrift fUr fährt dann fort:
Psychoanalyse. Freud.Lacan. Nr. 41, S. 47 Ich denke, daß seit einem sehr kurzen Augenblick emlge von Ihnen zumindest die V~rmu­
197 Lacan,1.. S VII, Die Ethik der Psychoanalyse, S. 104 - Lacan zItiert wörtlich Pauius. um tung haben. es sei nicht mehr ich, der spncht. Tatsächlich ist das, bis auf eine kieme Ände-
die durch das Verbot, bzw. Gesetz herbelgefilhrte Hypertrophie der Sünde mit semen The- rung - Ding anstelle von Sünde -, die Rede des heiligen Pauius über die BeZiehung von
sen zum Ding kurzzuschließen. Dabei ersetzt er schlicht den Begriff "Sünde" bel Paulus Gesetz und Sünde, [.. .]. Das VerhältniS von Ding und Gesetz könnte nicht besser alS m die-
durch "Ding". Paulus liest Sich dann wie folgt: sen AUSdrücken defimert werden [.. .]. Das dialektische Verhältnis von Begehren und Ge-
"Ist das Gesetz das Ding? Sicher mcht. Immerhin, ICh hatte KenntniS vom Ding nur über setz läßt unser Begehren allein auflodern m emem VerhältniS zum Gesetz, durch das es
das Gesetz. In der Tat, hätte ich mcht den Gedanken gehabt, begleng auf es zu sem, hätte TOdesbegehren wird. Allein aus der TatsaChe des Gesetzes nimmt die Sünde [...] einen
das Gesetz nicht gesagt - Du sollst es mcht begehren. Doch weckt das Ding, wenn es nur maßlosen übertriebenen Charakter an. Bleiben wir durch diese fteudianische EntdeCkung,
Gelegenheit findet, m mu allerhand Begehrlichkeiten dank des Gebotes, denn ohne das die psychoanalytische Dialektik dieser TatsaChe verhaftet?" (Lacan, 1.. S VII, Die Ethik
Gesetz ISt das Ding tot. Nur, Ich war lebendig ehedem, ohne das Gesetz. Doch als das Ge- der Psychoanalyse, S. 104)
bot kam, loderte das Ding auf, kam von neuem, während ICh den Tod fand. Für mich filhrte 198 Das Symptom ist bei Freud bekanntlich "überdetermlmert"
das Gebot, das ms Leben fuhren sollte, zum Tod. denn das Ding, das Gelegenheit fand, 199 Lacan.1.. Schr. I, S. 70
90 91

Nichts-geworden-Sein ist die Voraussetzung für eine neue positive Identifi- sam dem Index ,symbolisch', wird das sein, was "aufgehört haben wird, sich
zierung. Ein dezisionistischer Akt ermöglicht dann die Identifizierung mit nicht einzuschreiben", mit welcher Formel Lacan bekanntlich das Symboli-
dem neuen Signifikanten. 2oo sche bezeichnet. Das Symbolische ist, was "aufhört, sich nicht einzuschrei-
ben".201
Das Eingeführtsein in die ä't'll, vom Subjekt alsWahrheitsereignis akzeptiert,
3.2 Die Vernähung
wird qua eines symbolischen Aktes, einer symbolischen Operation erneut
Was aber ist mit dieser neuen Identifizierung? Nach Durchlauf des analyti- vernäht mit einer fiktiven Struktur. Dieser Vorgang ist die Neu-
schen Signifikanten erfahrt das Subjekt eine neue (und höhere) Determinati- Determinierung des alten Imaginären. Lacan spricht ja von der fiktiven
on und hierbei handelt es sich um die Neu-Determinierung des alten Imagi- Struktur, die der Wahrheit stets eignet. Wie aus dem Kapitel über "Lacans
nären. (Dies ungeachtet dessen, dass das Subjekt inzwischen gelernt haben Ödipus auf Kolonos" hervorging, ist die Theorie des Ödipuskomplexes
mag, worauf es möglicherweise nicht lohnt, sein Begehren zu richten.) Eine selbst eine solche Fiktion, geleitet von dem Versuch der Rationalisierung des
direkte Umsetzung der realen Erfahrung der äTIl ins Symbolische hieße, in Ausweglosen der Sexualität. Die Theorie des Ödipuskomplexes ist also eine
ein leeres und abstraktes Nichts einzutauchen. Es bedarf der Wiederherstel- Wahrheitsfiktion, die einem Wahrheitsereignis, nämlich dem Auftauchen des
lung und Wiederaneignung des Imaginären, um das Symbolische in sein Ausweglosen, des Unmöglichen der Sexualität, entspricht. Sie ist die Über-
Recht zu versetzen. Das alte Imaginäre mit einem neuen Vorzeichen, gleich- setzung eines Wahrheitsereignisses in eine Narration.

Der Topos der "Vernähung" stammt nicht von Lacan, sondern von J. A.
200 Lacan war durch die Vermittlung KOjeves bestens mit Hegei vertraut. Auch wenn Lacans Miller, der mit der Entfaltung dieses Begriffs einen Beitrag zur Mathemisie-
Theone der Analyse als hegelianlsch zu bezeichnen danebengreift, weil sie eme radikale rung des lacanschen Nicht-Mathems leistete. 202 Was die transkribierten Se-
Absage an alle Spielarten des Idealismus Impliziert, ja m ihren Gründungsakt diese Absage
geradezu emgeschrieben ISt, so gibt es dennoch Parallelen, jedenfalls smd gewisse Voraus- minare Lacans angeht, so ist Miller der Auffassung, dass ein Original nicht
setzungen gleich. Zumindest macht Lacan Immer Wieder gern emen ,techmschen existiert. Es gibt nur Transkriptionen eines nicht existenten Originals. Das
Gebrauch' von hegeischen Begriffen und Mustern. - Bei Hegel gibt es die berühmte Stelle Nicht-Mathem ist hier das nicht existente Original und das Mathem die
über die "Nacht der Welt", die em leeres SUbJekt, em Subjekt als reme Negativltät vor- Transkription. Von Millers Gegnern werden solche Normalisierungen der la-
stellt. Sie lautet: "Der Mensch ist diese Nacht, dies leere Nichts, das alles m ihrer Einfach-
heit enthält - em Relchthum unendlich vleier Vorstellungen, Bilder, deren kemes ihm ge- canschen Lehre, die Begriffe einführen und stark machen, die so bei Lacan
rade einfällt -, oder die nicht als gegenwärtige smd. Dies die Nacht, das Innere der Natur, nicht zu finden sind, stets mit Missfallen goutiert, jedoch ist ihre Nützlichkeit
das hier eXistiert - reines Selbst, m phantasmagonschen Vorstellungen ist es nngsum kaum zu bestreiten.
Nacht, hier schießt dann em blutiger Kopf - dort eme andere weiße Gestalt plötzlich her- Miller rekurrierte in Bezug auf die Vernähung auf Gottlieb Freges Theorie
der Null203 und nähert sie Lacans Signifikantentheorie an. Den Bezug des
vor und verschwmdet ebenso - Diese Nacht erblickt man, wenn man dem Menschen ms
Auge blickt - m eme Nacht hmem, die furchtbar wird - es hängt die Nacht der Welt hier
einem entgegen." (Hegel, G.W.F.. Jenaer Systementwürfe III. Naturphilosophie und Philo- Subjekts (des Statthalters eines Mangels) zur Signifikantenkette nannte er
sophie des Geistes, Voriesungsmanusknpt zur Realphilosophie, Hamburg, 1976, S. 187) Vernähung. Die Pointe besteht eben darin, dass, wie die Null von vornherein
Diese "Nacht der Welt" hat zweifellos Ähnlichkeit mit Lacans äTT], dem "Ort ZWischen immer schon mit der Reihe der Zahlen, genauso das (leere) Subjekt mit der
zwei Toden", wo das Subjekt Im sozlO-symbolischen Netzwerk kemen Platz mehr hat, wo
es bar jeder psycho-sozIalen Vertäuung ISt, aber physisch noch am Leben. Auch bei Hegel
Kette der Signifikanten vernäht ist. Die Null, bzw. die Leerheit "durch-
ISt eine radikai negatzve Geste vonnöten, em Eintauchen m absoiute Negativltät, um Wirk-
lich Subjekt zu werden. Es genügt, das Hegel-Begriffsreglster unter "Negation, Negatives,
Negativltät" aufzuschlagen, um Sich dessen zu vergewissern. Hier zur Probe elmge Zitate 20 I Lacan defmiert, strukturalistisch VirtuOS, das Reale als das, was "nicht aufhört, Sich mcht
daraus: "Selbstbewußtsem erhebt semen Geist durch die Negation zu semer Waltrheit." emzuschreiben", das Imaginäre als das, was "mcht aufhört, Sich einzuschreiben" uno eben
(443) "Negation als das Negative des Negativen ist das Unendliche die (SIC) Affirmation." oas Symbolische als das, was "aufhört, Sich mcht einzuschreiben" Weiter unten Wird zu
(443) "das Negative des Negativen ISt das mnerste Moment des Lebens und Geistes, wo- sehen sein, inWiefern es möglich ISt, diese Definitionen als Koan oer lacanschen Lehre zu
durch em Subjekt, Person, Freies ISt" (445); "als die absolute Negativität ISt das negative lesen.
Moment der absoluten Vermittlung die Einheit, weiche die SubjektiVität und Seele 1St." 202 Miller, J.A.. La suture. Elements d'une logique ou signifiant ("Die Vernähung. Elemente
(445) (Die Seitenzahlen m Klanunern beZiehen sich auf: Hegel, G.W.F.. Werke m zwanzig emer Logik oes Signifikanten")
Bänden, Registerband) 203 Frege, G.. Die Grundlagen der Arithmetik. (1884), Hamburg, 1986
92 93

steppt" die Reihe der Zahlen, bzw. die Signiftkantenkette. Auf der Struktur- jeweiligen Rollen und Positionen identiftziert, was bei letzterem nicht der
ebene lässt sich die ä'tll der Null und dem leeren Subjekt gleichordnen und Fall ist. Das Sich-Verlieren in Rollen und Positionen entspricht der Signift-
das alte Imaginäre, in das sich ihre Erfahrung zurückübersetzen muss, ent- kantenkette, die mit der Leere, dem ,ohne Rang', je schon vernäht ist, bzw.
spricht zum einen der Reihe der Zahlen, zum anderen der SignifIkantenkette. der Null, die mit der Reihe der Zahlen je schon vernäht ist.
Ein Beispiel für das, was Vernähung auch heißen kann, lässt sich anhand der Es muss immer irgendeine Art Rückübersetzung des Symbolischen ins Ima-
Rezeption des ,Zen im Westen' verdeutlichen. Es ist kein unbekanntes Phä- ginäre geben. Der Ödipus auf Kolonos lehnte die Angebote seiner Unterred-
nomen, dass westliche Menschen, die über Jahre hinweg das Zen üben, sich ner, wichtige Funktionen in der Polis zu übernehmen, ab. Das wäre ein Bei-
zum Christentum, das sie schon fast abgelegt glaubten, zurückwenden, in spiel für das, "was man schamhaft negative therapeutische Reaktion
den meisten Fällen im übrigen, ohne sich vom Zen abzuwenden. Gewisser- nennt,,204. Ödipus Ablehnung war gewissermaßen die Ausschlagung des An-
maßen kommt nach der Durchquerung des Phantasma (denn auch die Zen- gebots von Rückübersetzung. Ein Ziel des analytischen Handelns ist aber ge-
Übung durchquert das Phantasma) die Urnaht mit der alten, narrativen Fik- rade diese Rückübersetzung. Sie wird in der Tragödie nicht erreicht. Lacan
tion, mit der die Leere von Anfang an schon vernäht ist, zum Vorschein. Das benutzt sie nur, um letzte Konsequenzen aufzuzeigen.
Zen hat keine eigene Farbe, heißt es entsprechend, vielmehr nimmt es die
Farbe der Landschaft an, in der es seine Formen entfaltet. Das Zen schafft Unabhängig von der Frage einer Psychoanalysierbarkeit der Gesellschaft, die
nur die tabula rasa für einen Neubeginn. Natürlich bewirkt es zumindest ei- ein eigenes Problem darstellt, das hier nicht behandelt werden soll, kann
ne Affmität zum Buddhismus, jedoch wäre es völlig falsch, es als das Fahr- doch grundsätzlich gesagt werden, dass die Problematik der Anerkennung
zeug für eine Konversion zu begreifen. Es besteht sogar, nicht ohne Berech- der symbolischen Kastration etwas Universal-Menschliches berührt, das in
tigung, -die Auffassung, das Zen habe im Grunde gar nichts mit Buddhismus ihrem geschichtsmächtigen Formuliertwerden jedesmal zu den großen
zu tun. Ein Missverständnis läge allerdings auch vor, fasste man die Ankunft Wahrheitsereignissen in der Geschichte zählt. Der Mensch wird dabei daran
des Zen im Westen als den Versuch einer Rückbindung des westlichen Men- erinnert, dass er nicht ganz, heil und vollständig ist, sondern Mangelwesen
schen an das spezifische religiöse E~be auf. und vom Rest her lebt und es wesentlich mit etwas zu tun hat, das sich
Mit dem Topos der Vernähung lassen sich Felder von hohem Komplexitäts- grundsätzlich seiner Verfügungsgewalt entzieht. 205 Das Subjekt ist dieser
grad variabel kompatibilisieren und dabei lässt sich die Gefahr einer die Dif- Rest, ebenso wie der neue Signifikant nach der Durchquerung des Phantasma
ferenzennicht schonenden Vereinheitlichung minimieren. Zum Zweck der auch das Subjekt ist. Es ist mit diesem Rest vernäht. Die Psychoanalyse er-
Kompatibilisierung des lacanschen Feldes mit dem des Zen, mit dem wir innert daran, dass die eigentliche Menschwerdung immer nur über die Kon-
hier langsam begonnen haben, sei noch ein weiteres Beispiel für die Vernä- frontation mit dem fundamentalen Mangel an Sein und seiner Anerkennung
hung aus dem Bereich des Zen selbst genannt. Von dem chinesischen Meis-
ter Rinzai dem Begründer der nach ihm benannten Zen"Schule, stammt der
Topos "Mensch ohne Rang". Der "Mensch ohne Rang" ist der Mensch ohne 204 Lacan, 1.: S VII, Die Ethik der Psychoanalyse, S. 373
Rollen und Positionen, der entblößte Mensch, bar jeder psycho-sozialen Ver- 205 Es lassen SIch vor dem Reflexionshonzont der Problematik der Anerkennung der symboli-
täuung. Dögen, der Gründer der japanischen Soto-Schule, übernahm diesen schen Kastration jedoch mteressante BeObachtungen aus den Bereichen von Gesellschaft
und Politik anstellen: Z.B. ISt, woraufZizek emmal hinwies, rechte Politik tmmer geketm-
Topos und behauptete aber, dass gerade der "Mensch ohne Rang" sich je- zeichnet von emem Ausgehen davon, dass der Mensch Im Grunde heil ISt, vollkommen
weils in Rollen und Positionen verlieren würde, ja müsste, ohne dass er da- und ganz. Auch die Nation ISt em organischer Körper. Linke Politik demgegenüber SIeht
durch aufhörte, eben dieser "Mensch ohne Rang" zu sein. Er ist je schon in einen Antagomsmus mitten durCh die GesellSChaft gehen, wie auch durch Jedes Einzelwe-
Rollen und Positionen verloren. Alles und jedes hält sichje schon in seiner sen. Ein gebrochenes Verhaitnis zur Macht ISt daher zwangsläufig und die SchwierigkeIten
linker Politik smd klar ersichtlich. Die Inszemerungen des FaschIsmus können vor diesem
eigenen Dharmaposition. Der Unterschied zwischen dem "Mensch nicht oh- Hintergrund als die tiefste und fundamentalste Leugnung der KastratIOn begriffen werden.
ne Rang" und dem "Mensch ohne Rang" ist der, dass ersterer sich mit seinen Der FaschIsmus Ist die Inszenierung der Leugnung der KastratIOn. Der Versuch der Ver-
nichtung der Juden schreibt sich hier ein als Versuch, das Erinnertwerden an die Kastration
zu tilgen, denn das ,JüdiSChe Begehren" ISt unter mcht-femöstlichen Himmeln, worauf La-
can an vielen Stellen hmweist, das erste mcht-heidnische Begehren, em durch die Aner-
gest. 866/67, chin.. Lin-chl kennung der symbolischen KastratIOn formiertes Begehren.
94 95

geschehen kann. Aber sie ermöglicht auch weiterzuleben, die Einsicht in den ,,[...] alles, was uns erlaubt ist anzugehen als Realität, (bleibt) einge-
Abgrund des Lebens nicht als Abbruchssignal zu interpretieren. wurzelt im Phantasma,,207,

Damit wäre die jeder Praxis der Psychoanalyse vorausgehen müssende Fra-
3.3 Das Phantasma der Realität und das Reale ge, ob die Komplexität des Phantasma ein undurchdringliches Gespinst bil-
Einer populärwissenschaftlichen Auffassung zufolge ist das Symptom der det, also nur die Kehrseite einer anderen Frage, nämlich der, ob es ein "Jen-
Knoten, der das Subjekt am Genießen hindert. Lacan behauptet das Gegen- seits des Realitätsprinzips,,208 gibt. Dies gilt es bei Lacan stets mitzudenken,
teil: Das Symptom ist gerade der Zugang des "Sprechwesens" zum Genie- wenn es um die Frage geht, ob die "Verklebung,,209 des Subjekts mit dem
ßen. Im Symptom ist diejouissance formiert. Es garantiert einerseits, dass es Phantasma unlösbar ist oder nicht.
Genuss gibt, andererseits gewährleistet es, dass er nicht unerträglich wird, Phantasma und Realität gehören bei Lacan auf dieselbe Seite, sie sind
denn das Symptom ist der Knoten, der für den Zusammenhalt des Univer- "Schleier der Maya", auf der anderen stehen das Reale und die Wahrheit.
sums des Symbolischen mit dem subjektiven Genießen, derjouissance, steht. Das Verhältnis von Realem und Phantasma liest sich bei Lacan so:
Das Symptom ist eine .verirrung', die Störung des universalen Gleichge- "Das Reale stützt das Phantasma, das Phantasma beschützt das Rea-
wichts und gleichzeitig dasjenige, wodurch sich für das Subjekt die Realität le.,,210
in ihrer subjektspezifischen Dichtigkeit formiert. Es verhindert so zwar ge-
wissermaßen die Menschwerdung, aber gleichzeitig kommt ihm eine stabili- Das Reale ist nicht die Realität, diese ist vielmehr ein Effekt der Abwehr des
sierende Funktion zu, es verbürgt eine gewisse "Selbst- und Bewegungs- Realen, dessen Erfahrung das Register des Wahren gebiert. Deshalb lautet
mächtigkeit" (K. Heinrich). Dass dem Subjekt etwas erscheint (und nicht die der analytischen Praxis vorausgehen müssende Frage: Gibt es einen Zu-
vielmehr nichts 206), dass Objekte da sind, auf die sich seine Fantasien bezie- gang zum Realen ,hinter' den Maskierungen des Phantasmas, lässt sich also
hen können, verdankt es dieser Stütze. Das Symptom gewährleistet so nichts der Schirm des Phantasma, das ununterschieden von der Realität selbst ist,
weniger als die Existenz von Welt und den Zusammenhang der Dinge. lässt sich dieser "Schleier der Maya" durchdringen, um in die Dimension des
Insofern ist es immer bereits eine Antwort, nicht nur eine Frage. Es ist Bear- ,wahr' vorzustoßen? Lacans Aufforderung an den Analytiker, sich nicht auf
beitung, also Depotenzierung des ,Schreckens der Urszene'. Deshalb ist es die "krude Frage nach dem Trauma" zu kapriZieren, supponiert das Gehören
letztlich leichter zu ertragen als sein Fehlen. Der Wille zur Heilung und der des Trauma zum Phantasma. Nur das, was Lacan das Reale nennt, gehört
Wunsch, im Phantasma zu verharren, befmden sich deshalb bei einem Sub- nicht dieser Ordnung an. Es ist wie mit den Ketten der Signifikanten, die
jekt, das nach einer Analyse verlangt, in einem instabilen und heiklen durch das Reale, bzw. seine Abwehr, generiert werden, aber es, das Reale,
Gleichgewicht. gehört selbst nicht zu ilmen. Das Objekt der Angst - Die Angst ist "nicht oh-
ne Objekt"211- ist nicht die Berührung des Traumas, sondern das Reale. Die
Es gibt keinen Wissenstrieb, lehrt Lacan (Freud widersprechend), wohl aber
einen Willen zum Nicht-Wissen. Das Wissen selbst kann eine Erscheinungs-
form des Willens zum Nicht-Wissen sein. So ist das Phantasma mit seinem 207 Lacan, J.: S XX, Encore, S. 102
inhärenten Wissen nach den Erfordernissen eines orientierten Willens ausge- 208 "Jenseits des Realitätsprinzips", so auch der Titel emes Textes von Lacan m: Lacan, J.:
Schr. III. S. 15ff.
richtet, nämlich dem, nicht wissen zu wollen. Das Symptom nun bürgt für 209 Freud benutzte den AusdruCk "Klebngkeit der Libido".
das Phantasma mit seinem inhärenten Wissen und die Realität gleicherma- 210 Lacan, 1.. Sem. XI, Die vier Grundbegriffe , S. 47
ßen,denn 211 "Die besten Autoren lassen durchblicken [ ]: dass sie nicht objektlos, daß sie mcht ohne
Objekt ist. In dem Satz [...] der dem Verweis vorausgeht, den Freud, darin der TraditIOn
folgend. auf die Unbestimmtheit. auf die Objektlosigkeit der Angst anbrmgt - und ich
müßte Sie, kUrz gesagt, nur an den Hauptteil des Aufsatzes selbst ennnem, um zu sagen,
206 Um auf Heideggers berühmten Satz anzuspielen: "Warum Ist überhaupt etwas und mcht daß dieses Kennzeichen, ohne Objekt zu sein, niCht aufrechterhalten werden kann -, in e-
Vielmehr mchts?" Eine buddhistische Variante dieses Satzes könnte lauten: "Warum ISt ben diesem Satz zuvor sagt Freud, die Angst sei Angst vor etwas." (Lacan. J.: Semmar X,
überhaupt Leiden und mcht Vielmehr nichts?" und eine lacanlanlsche: "Warum Ist über- Die Angst, Teil II, S. 5) Der Satz von Freud, auf den Lacan anspielt, lautet: "Die Angst hat
hauptjouissance und nicht Vielmehr nichts?" eme unverKennbare BeZiehung zur Erwartung; sie ISt Angst vor etwas. Es haftet ilJr ein
96 97

Analyse, die sich auf die Erforschung des Traumas spezialisiert, arbeitet Von grundlegender Bedeutung ist, dass die Analyse Lacans, indem sie den
selbst noch an der Verbergung des Objekts der Angst, des Realen und so Entzug der Stütze des Phantasmas ins Werk setzt, zugleich den Bestand der
letztlich also an der Aufrechterhaltung der Angst. Realität selbst und als solcher destituiert, denn die Existenz von Objekten in
Die Ablösung der Verklebung des Subjekts mit dem Phantasma setzt seine der Realität, auf die sich das Begehren als Metonymie jener ursprünglichen
vollständige Durchquerung voraus, was eben nicht heißt, zu einem traumati- Hilflosigkeit, jenes fundamentalen Mangels bezieht, ist nur verbürgt im
schen Kern zu gelangen, sondern zum Realen der jouissance außerhalb des Phantasma. Der Analysant erfährt in einer solchen Analyse, dass, was er für
phantasmatischen Realitätsrahmens; zu einer Konfrontation mit dem Objekt die Realität hält, um es paradoxal zu formulieren, in Wirklichkeit gar nicht
klein a, der Objektursache des Begehrens. Traumatische Bilder wie das der existiert. Die Analyse ist aber nicht als Initiation in ein solches (Ge-
Maske der Gorgo sind selbst letzte Verschleierungen, Verhüllungen des Ob- heim)Wissen anzusehen, sondern nur als der Initiator zur Anerkennung der
jekts der Angst, des Realen, also selbst bereits Depotenzierungen. Jede De- symbolischen Kastration.
maskierung enthüllt auf der Ebene des Traumas immer nur eine neue Maske Lacans Topos "Schirm des Phantasma" ist also tatsächlich sehr gut mit dem
und das Reale selbst bleibt auch hinter den schrecklichsten Bildern verbor- vedischen des "Schleier der Maya" zu vergleichen, denn dieser Topos aus
gen. Die Gorgomaske ist eben immer noch eine Maske und das Objekt der der alten indischen Philosophie besagt, dass die Realität und das Phantasma
Angst bleibt, solange noch eine Maske da ist, verschleiert, eben maskiert. in Ununterschiedenheit das schwer zu durchdringende Gespinst bilden, das
Das Reale aber ist vom Bereich des Bildes und der Maske noch durch einen die Erkenntnis der ,wahren Natur der Dinge' so schwer macht. Aber so we-
Abgrund getrennt. nig wie das Phantasma existiert die Realität wirklich. Auch Zen-Meister Tai-
Es tritt aber hervor nach der vollständigen Durchquerung des Phantasmas. sen Deshimaru hielt es für seine vordringlichste Aufgabe, seinen Schü-
Hier gibt es dann keine Bilder mehr, hinter denen es verborgen bleiben kann. ler/Innen eben dies nahe zu bringen:
Jene "fundamentale Hilflosigkeit", die nach Lacan das Objekt der Angst ist,
tritt erst hervor, wo alle Masken, die zu ihrer Verbergung dienen, abgefallen "Ihr müßt begreifen, dass es keine wirkliche Realität gibt."z13
sind. Hier ist das Subjekt in status nascendi. Deshalb gibt es nach Lacan
auch nur ein Trauma und das ist das der Geborenheit. "Da ist ursprünglich kein (einziges) Ding", heißt es in einem alten Zen-
Text,Z14 Der Entzug der Objekte in der Realität, im Phantasma führt auch im
" - es gibt kein anderes -, das Trauma der Geburt, das nicht Trennung Zen zu einer Konfrontation mit einem ursprünglichen Mangel, einer Leere,
von der Mutter ist, sondern In-sieh-einatmen dieses grundlegend an- einhergehend mit der Destitution der subjektiven Basis. Wie es bei Lacan die
deren Milieus."ZlZ
Konfrontation mit dem Realen ist, die in die Dimension des ,wahr' einführt,
Seiner Hilflosigkeit in der Welt erwehrte sich das in/ans mittels der Verken- so ist es im Zen der "große Tod", der die Tür zum Dharma öffnet. Bei die-
nungen des Spiegelstadiums. Durch sie erlangte es eine stasis und inthroni- sem Hinweis wollen wir es vorerst belassen und an dieser Stelle nur noch ei-
sierte das Phantasma und die Realität als die Maske des Realen zugleich und ne weitere Konjektur hinzufügen, um die Differenz von Realem und Reali-
als das gleiche. Deshalb ist das Durchquerthaben des Phantasma gleichbe- tät/Phantasma bei Lacan besser bestimmen zu können. Der Schirm des Phan-
deutend mit dem Entzug der subjektiven Basis in der Realität. Das Objekt tasma dient zur Abwehr des Realen und die Realität, ununterschieden vom
der Angst ist einzig ,zugänglich' in dieser fundamentalen Hilflosigkeit, in Phantasma, verdankt ihre Existenz dieser Abwehrhandlung. Zizek bringt in
dem der phantasmatische Realitätsrahmen des Subjekts vollständig zusam- dem Zusammenhang den Begriff der "Idealisierung" ins Spiel. Er schreibt,
mengebrochen, destituiert ist. Das Objekt der Angst ist so nichts positiv ge- dass die Realität
gebenes, vielmehr im Entzug jeden Objekts zu sehen, in dessen Maskierung ,,[...] durch das Minimum an Idealisierung erzeugt (wird), deren das
es verborgen bleibt. Subjekt bedarf, um das Grauen des Realen zu ertragen. [...] Wenn
sich der phantasmatische Rahmen auflöst, erlebt das Subjekt einen

Charakter von Unbestimmtheit und Objektloslgkeif an." (Freud, S.. GW, Band XIV, S.
197)
213 Deshlmaru, T.:Dökan, S. 59
212 Lacan, J.: S X, Die Angst, Ir. Teil, S. 175 214 Hui-Neng, Das Sutra des sechsten PatriarChen, S. 38
98 99

,Realitätsverlust' und beginnt die Realität als ein ,irreales'albtraum- Literatur für solche Ausflille des Universums der Repräsentationen ließen
haftes Universum zu empfmden, das kein stabiles ontologisches Fun- sich viele anführen. Walter Benjamin bringt im Protokoll der "Zweiten Ha-
dament besitzt. Dieses albtraumhafte Universum ist keine ,reine schisch-Impression" dergleichen Erfahrung in einen Zusammenhang mit
Phantasie', sondern, im Gegenteil, das, was von der Realität dem Schwinden der Aura als "Quelle der Sympathien und Antipathien, derer
übrigbleibt, wenn sie ihrer Stütze in der Phantasie beraubt wird.'<215 wir uns bewusst sind,,217.
Die Fantasie feHlt deswegen bei Lacan auf die Seite der Realität. Sie hält den Bloch wollte leise mein Knie berühren. Die Berührung wird mir
,Realitätssinn' des Subjekts aufrecht. Das Lob der ,Macht der Fantasie' steht ~chon, ehe sie mich erreicht hat,
spürbar, ich empfmde sie als höchst
so in vielen Fällen gleichzeitig mit der Realität und dem Imaginären im unangenehme Verletzung meiner Aura. Um das zu verstehen, muß
Bunde, sie ist keineswegs irgendeine Art Antidot zu den ,herrschenden Ver- man mitberucksichtigen, daß [unter dem Einfluß von Haschisch, lA]
hältnissen', als das ihre Apologeten sie gern ausgeben. alle Bewegungen an Intensität und Planmäßigkeit zu gewinnen schei-
nen und daß sie schon als solche unangenehm wahrgenommen wer-
den.'<218
3.4 Die Präsenz des anderen
Das lacansche Reale könnte auch bestimmt werden als der Sinn im Moment
Die Analyse fUhrt das Subjekt dorthin, wo es sich der reinen Präsenz des an-
deren ohne den Rahmen, den Realität und Phantasma gleicherweise stellen seines Schwindens oder als Hervortreten des Nicht-Sinns als Ereignis. Was
und innerhalb dessen ihm ein mehr oder weniger defmierter Platz im psycho- bleibt isteine reine Präsenz als unbestimmtes, durch seine Nähe zutiefst be-
fremdendes Körperhaftes. Insofern das Reale ist, "was nicht aufhört, sich
sozialen Netzwerk zugewiesen ist, ausgesetzt sieht. Das entsublimierte Auf-
tauchen des anderen stellt einen, ja vielleicht den Wendepunkt der Kur dar nicht einzuschreiben", hat es keinen positiv zu bestimmenden Ort und wenn
Lacan sagt, dass es stets an derselben Stelle wiederkehrt, so memt Stelle e-
und korrespondiert in Lacans Theorie bis zur Deckungsgleichheit mit dem
analyseinduzierteh Auftauchen des Ding. Zu einem plötzlichen Wegfall die- ben jenen Nicht-Ort, das Loch in der Struktur, eme reme Negativität, von. der
aus das Universum der Repräsentationen konstituiert ist, ohne selbst zu Ihm
ses Rahmens und zum Hervortreten des anderen als reiner Präsenz, kommt
es jedoch auch außerhalb der analytischen Situation. Zizek gibt hierfür ein zu gehören. Denn dieses Universum ist ursprünglich die Abwehr des Realen,
treffendes Beispiel: eines hilflos machenden namenlosen Schreckens. Im Zusammenhang der
Dinge selbst, der ja erst ein Effekt dieser Abwehr ist, kommt es nicht vor.
"Während des intensivsten Geschlechtsverkehrs kann es uns passie- Die massive Präsenz des anderen, sein Hervortreten außerhalb des psychoso-
ren, daß plötzlich ,der Film reißt'. Völlig unvermittelt stellt sich die zialen ,Kontexts', ist die Verkörperung einer reinen Negativität. Vom leben-
Frage: ,Was mache ich hier eigentlich, warum vollführe ich hier im digen anderen als in bedrohlicher Nähe befindlichen wie fremden Stück Flei-
Schweiße meines Angesichts all diese blödsinnigen Bewegungen?' sches geht dann eine uneinschätzbare Bedrohung aus, die die Position des
Die Lust schlägt in einem solchen Moment um in Ekel oder zumin- Subjekts von ihrem Grund her gefahrdet. .
dest in ein befremdliches Gefühl der Distanz. Entscheidend dabei ist, Bar seiner Position innerhalb des psychosozialen Repräsentationszusam-
daß sich in Wirklichkeit nichts verändert hat, außer daß sich die Posi- menhangs begegnet der andere als solcher. Die Forderung der Übertragung
tion des anderen innerhalb unseres phantasmatischen Rahmens nicht
mehr dieselbe ist. ,,216 durch die analytische Technik treibt auf jenen Umschlagpunkt zu, wo sich
der andere als mehr oder weniger umgrenzte Form (dieser Mensch mit die-
Die Präsenz des Nebenmenschen wird in einer solchen Situation unvermittelt sem Namen und diesen Eigenschaften etc.) auflöst und das Subjekt sich mit
als unerträglich und bedrohlich empfunden. Hier koinzidieren die Wahrneh- dem anderen als solchen konfrontiert sieht. Das Schweigen des Analytikers,
mung absoluter Fremdheit (Alterität) und absoluter Nähe. Beispiele aus der

217 Purucker v.. G.. Esoterische Philosophie. Wörterbuch, S. 45


215 Ziuk, S.. Liebe deinen Nächsten?..., S. 113 218 BenJamm, W.. Gesammelte Schriften, Band VI, S. 563 (protOkolle zu Drogenversuchen,
216 Ebd., S. 112 Hauptzüge der zweIten Haschischimpression)
100 101

die Nicht-Antwort und der nicht mehr stattfmdende, die gegenseitige Aner- 3.5 Die Rückverwandlung des Symbolischen ins Imaginäre
kennung visierende Worthandel evozieren diese Erfahrung:
Wie kann man stch über die Welt freuen,
"Bestimmte Momente des Schweigens in der Übertra~ung stellen die außer wenn man zu ihr flüchtet?
schärfste Wahrnehmung des anderen als solchen dar." 19 (Franz Kafka)
In dieser Art Kollaps der Übertragung erlebt das Analyse-Subjekt, was La- In Lacans Analyse geht es nicht um einen Kampf gegen das, was beim Sub-
can seinfading nennt, sein Verschwinden in den Fluchten der Signifikanten, jekt den ,normalen' Lebensvollzug hindert, um es als Störendes zu eliminie-
die keinen Anhalt mehr an irgendeiner Reziprozität mit einem Gegenüber ren. Der Sinn der Konfrontation mit dem Realen ist nicht der, die Patholo-
bieten. gien auszuschalten, damit das ,gesunde Ich' hinfort in der Lage ist, unbeläs-
tigt von solch störenden Einflüssen sein ,normales' Leben weiterleben zu
3.4.1 Das Recht des Subjekts
können. Es geht, mit den Worten Zizeks, nicht darum,
M. Sylvestre hat in einem Aufsatz zum Thema der Übertragung daran erin-
,,[...] das schmutzige Wasser (der Symptome, der pathologischen
nert, dass der Analysant, wenn er Gefahr läuft, den Boden unter den Füßen
Ticks) loszuwerden, um das Kind (den Kern des gesunden Ichs) zu
zu verlieren, das Recht auf Anmesie hat. 220 Der Abbruch der Analyse in ei- retten, sondern vielmehr das Kind auszuschütten (das Ich des Patien-
ner solchen Phase fmdet so seine Entsprechung in jenem schon angeführten ten auszuschalten), um den Patienten mit seinem ,schmutzigen Was-
Beispiel von dem verstörenden Traum, aus dem der Schläfer erwacht, um ser' zu konfrontieren, mit den Symptomen und Phantasien, die seine
weiterschlafen zu können. Der Träumer schützt sich durch das Erwachen vor jouissance strukturieren. ,,222
einem sich ankündigenden Hervortreten des Realen, indem er die stützenden
Illusionen des Wachseins wiedererichtet. Die Analyse visiert auch nicht Normalität, Glück, Wohlbefinden, ihr An-
Abbruch ist also der eine Weg, der das Subjekt wieder herausführt aus dem spruch zielt auf Wahrheit. Aber Wahrheit ist kein Wissen, über das beliebig
durch seine Psychoanalyse evozierten Dilemma der drohenden Lösung sei- zu verfugen wäre. Sie ist kein Haus, in das man einziehen könnte, um eine
ner Verklebung mit dem Phantasma, anders gesagt: des Durchlässiggewor- sichere Unterkunft zu haben und sie kann wehtun.
denseins der Realität auf das Reale hin. Die einen brechen ab, da sie zu Die Konfrontation mit dem "schmutzigen Wasser" des Symptoms, der Pa-
Recht zuerst die Verdichtung und dann die Auflösung ihrer im Schutz des thologien und Verfehlungen, hinter denen, wie zu begreifen ist, kein echter
Phantasmas wie der Realität gleichermaßen stehenden Weise, "mit dem Sein Ich-Kern schlummert, der zu erwecken wäre, ist unabdingbar, um die tabula
zu agieren", fürchten, für andere jedoch ist das Aufklaffen des Lochs kein rasa zu schaffen, von der aus dennoch ein radikaler Neuanfang möglich
Abbruchsignal. Von der von den Analytikern und Meistem, gewissermaßen werden kann, ein neuer Zugang zum Begehren. Die Betonung liegt hierbei
"Engeln des Exorzismus,,221, auf den Weg gebrachten Erfahrung geht eine auf neu. Zwar hat das Subjekt sich ,vorher' und ,nachher' mit den gleichen
Verfuhrungskraft aus, eine Verheißung, theologisch gesprochen, die den ein- Objekten herumzuschlagen, entscheidend verändert haben wird sich aber de-
geschlagenen Weg weiterzugehen, gegen alle Gebote des Wohlbefindens, als ren Status und Bedeutung.
das einzig gebotene erscheinen lässt.
Nach der vollständigen Durchquerung des Phantasmas und der Reduktion
des Subjekts auf das Nichts seines kreatürlichen Restes, ist der Erfolg der
Analyse davon abhängig, ob es gelingt, dem erneut zu integrierenden alten
Imaginären einen anderen Status zu verleihen. Das Subjekt muss sich, nach-
219 Lacan, J.: SI, Freuds technIsche Schriften, S. 356 dem es im Prozess der Desidentifikation gleichsam zu nichts geworden ist,
220 Silvestre, M.. Die übertragung in der Ausnchtung der Kur, in: Riss, Zeitschrift für Psy-
choanalyse. Freud.Lacan., Nr. 41, S. 103-133 erneut identifizieren. Die Identifikation mit dem neuen Signifikanten nach
221 Die Wendung stammt von Philippe Sollers und 1st eigentlich auf Sarnue1 Beckett gemünzt.
(Soller, Ph.., Der Leib und die Ethik, in: Lettre InternatIOnal, Heft 19, Berlin, März 1993,
S.71) 222 Zi~ek, S.. Liebe deinen Nächsten?..., S. 107:
102 103

der Durchquerung des Phantasmas kommt einer Entscheidung für das Leben unmittelbar mit seinem Symptom konfrontiert und kann sich nicht
gleich, bzw. der Entscheidung zu leben. In einem Akt der freien Wahl sich länger hinter dem Schutzschild seines Selbst zurückziehen.,,226
entscheiden zu leben, das heißt qua freiem Willen zu übernehmen, was ei-
nem ,von fernher' schon je bestimmt ist. Die Wiederholung hat hier die Be- Deshalb darf es, wie Freud schrieb, in der Analyse nicht um die Substitution
deutung, den Akt der Geburt zu wiederholen, noch einmal geboren zu wer- des Triebobjekts, sondemnur um die des Triebziels gehen. (Freud k~rrigier­
den und zwar aus freien Stücken, durch die eigene Entscheidung. Sich neu te hier seine eigene frühere Auffassung.) Bei Lacan wird das Subjekt nach
zu identifizieren heißt, sich selbst zum Leben zu bestimmen und zwar zu dem Durchlauf des analytischen Signifikanten eine neue Determination, eine
dem Leben, dass vonjeher schon das eigene ist. grundlegende Modifizierung erfahren haben und diese Modifizierung hat mit
Letztlich muss man, um den berühmt gewordenen Titel des Buches von dem Wechsel des Triebziels, nicht dem des Objekts zu tun. Denn es muss in
Zizek anzuführen, sein Symptom lieben wie sich selbsr23 • Entscheidend ist, die selbe Welt zurückkehren, eine andere bleibt für immer das "unerreichba-
dass es nur in der Liebe des Symptoms Gelingen geben kann (welches Ge- re Objekt eines vergeblichen Nachstellens".
lingen nichts mit Erfolg zu tun hat), genauso wie im Zen, um mit der begon- Im "Kompendium der fünf Leuchten", einem frühen, vielzitierten Zen-Text,
nenen allmählichen Vernähung der lacanschen Analyse mit dem Zen fortzu- wird der Gedanke, auf dem Freuds,Formel vom Wechsel des Triebziels und
fahren, nur die bonno zu Satori werden können. Hier gibt es keinen Platz für nicht dem des Triebobjekts und ihre Weiterentwicklung durch Lacan basiert,
"trotz" und "aber", einzig dieses nur zählt. Die Auswege liegen nicht in ei- folgendermaßen zum Ausdruck gebracht:
nem Jenseits des Körpers und seines Imaginären, der insistierenden bonno, "Vor dreißig Jahren, bevor ich Zen praktizierte, sah ich Berge als
der Insistenz der Leidenschaften, der Ticks und Pathologien. So ergibt sich, Berge und Flüsse als Flüsse. Dann aber erlangte ich eingehende
in zenistischem Klartext: Kenntnis und eine Ahnung davon, worum es geht; so sah ich die Ber-
"Falsch verstanden sind die bonno der Grund allen Leidens, richtig ge nicht als Berge und die Flüsse nicht als Flüsse. Jetzt aber, wo ich
verstanden sind sie der Weg selbst.,,224 einen Rastplatz gefunden habe, sehe ich wieder wie vorher Berge als
Berge und Flüsse als Flüsse.,,227
So ist die in der Analyse sich ins Werk setzende Auflösung (analuein) der
Täuschung also genaugenommen die Auflösung einer Täuschung über die Den Unterschied zwischen ,vorher' und 'nachher' macht, dass das Subjekt
Täuschung. Korrigiert wird die für den Beginn der Analyse typische Auffas- Jetzt "ein wenig mehr weiß um das Tiefste seiner selbst,,228 und außerdem:
sung, dass auf der einen Seite die Falschheit und die Pathologien im Bund was es hat an dieser, seiner Welt. Vorstellungen wie die eines illuminierten
mit der Täuschung stehen, auf der anderen eine Authentizität und Klarheit ,Alltags des wahren Selbst', ausgelöst durch eine plötzliche Erleuchtung im
verheißen seien, die sich aber letztendlich, so Lacan, als "unerreichbare(s) Zen, die eines analytischen Raptus oder eines permanent dahinschreitenden
Objekt eines vergeblichen Nachstellens,,225 erweisen. Fortschritts als linear-verzeitlichter Idee einer absoluten Wende gehören in

"Am Anfang", so schreibt Zizek, "möchte der Patient die Konsistenz


226 Zi~ek, S.: Liebe demen NäChsten?..., S. 107f. - In der Neuerzählung des Odysseus-
seines Selbst bewahren und einfach nur die peinlichen Symptome Abenteuers "Gesang der Sirenen" durch Franz Kafka hält Odysseus genau umgekehrt den
loswerden, die dieser Konsistenz im Wege stehen; doch im Verlaufe Göttern seme vermemtliche VerbiendetheIt und nicht sein "wahres Selbst" ais Schutzschild
der Analyse löst sich stattdessen das Selbst des Patienten auf. Er wird entgegen, obwohl er m diesem Moment Wirklich mehr Ist als die noch Im Imaginären ver-
hafteten Götter. Man Sieht hier, wie unterSChiedlich sich die Begriffe "Selbst", "wahres
Selbst", "Verblendung", "Imaginäres" etc. strategisch besetzen iassen, weil sie m ihren
Bedeutungen mstabil smd. Es kommt auf den Gebrauch an, den man von den Begriffen
macht, um, mit Lacan, "etwas anderes zu sagen" (zu Kafka vgl.. "Das SChweigen der Si-
renen", m: Kafka, F.. Sämtliche Erzählungen, S. 304-306)
227 Kompendium der filnf Leuchten (Wudeng hmyuan, jap. Goto egen; ZOkUzokyo Bd. 138,
223 ZiZek, S.: Liebe dein Symptom wie dich selbst!, Berlin, 1991 335a9ff.), zIt. n.: Zen-Worte vom Wolkenberg; Meister Yunmen (hg. und übersetzt von
224 Tenbreul, L.T.: I Shm Den Shm, S. 30 Urs App), S. 117, Fußnote 1
225 Lacan, J.: S XX, Encore, S. 104 228 Lacan, J.: S VII, Die Ethik der Psychoanalyse. S. 385
104 105

den Bereich der Illusion. Lacan hält die Begegnung mit dem Realen des Ge- 3.6 Wo das Symptom war, soll das Sinthome werden
nießens (jouissance) für unerlässlich, um eine gewisse Weniger-Dummheit
"Der Meister fragte einen Mönch: ,Bist du
immer mehr zu erzeugen.
der Klosterhandwerker? ' Der Mönch: ,Ja. '
In Wahrheit nämlich, wie Lacan - als Analytiker - zu den euphorisierten
Der Meister fragte: ,Das ganze Universum
Revolutionären der 68er sprach, dreht man sich zwar im Kreise, aber immer-
ist das Haus; wie steht's mit dem Haus-
hin ...
herrn?' Der Mönch wußte keine Antwort.
"Ich bin verdammt kein Fortschrittsgläubiger, denn das, was ich euch Da sagte der Meister: ,Frag du mich, dann
erkläre, ist, daß man sich im Kreise dreht. Man dreht sich im Kreise, sag ich's dir!' Da stellte der Mönch diesel-
aber man wechselt die Piste. Nur dann, wenn der Schritt effektiv voll- be Frage und der Meister antwortete: ,Sei-
zogen sein wird infolge der Intervention des analytischen Diskurses, ne Eminenz ist gestorben:' An Stelle des
kann eine neue Runde beginnen, die sicher nicht so weit geht, den Gefragten beantwortete Meister Junmen
ganzen Apparat, worauf wir unsere Demonstration stütz(\n, zum Ver- auch die erste Frage (Bist du der Kloster-
schwinden zu bringen, aber die, nach einer vollen Kreisdrehung, viel- handwerker?): ; Wievlel Leute hat wohl der
leicht eine Verschiebung bewirkt. Der Herrensigniftkant wird viel- schon hereingelegt? '''(Zen-Worte vom
leicht weniger dumm sein. Seid versichert, daß, wenn er weniger Wolkenberg: Meister Junmen)
dumm ist, auch ein wenig machtloser sein wird. Das wird kein Fort-
schritt sein. Das wird aber bedeuten, daß das, was ihr gemacht haben
werdet, einen Sinn haben wird. ,,229 3.6.1 Die Armatur der Gedanken
Elisabeth Roudinesco entschlüsselt das nach dem Vorbild von Joyce zustan-
Athanasius Lipowatz bringt zur Klärung des Begriffs von Revolution in der degebrachte ,Kofferwort' Sinthome wie folgt:
Verwendung von Lacan den Titel des Hauptwerks von Copemikus ins Spiel:
"De Revolutionibus orbium coelestium". Revolution wird hier als sich in der Der Ausdruck schloß mehrere Worte mit ein, die nach Lacan gewis-
" . -
Wiederkehr modiftzierende Kreisbewegung verstanden. Er schreibt: sermaßen die ,Signiftkanten' des Joyceschen Universums waren: sin
(die Sünde), homme oder home (home rule, das Gesetz der A~to~o­
"In gewisser Hinsicht funktionieren die vier Diskurse wie eine Spira- mie in den Kämpfen für die irische Unabhängigkeit) und schlIeßlIch
le: angefangen· beim Diskurs der Hysterie, werden nacheinander die saint Thomas (der heilige Thomas). So konnte der/das sinthome
Diskurse des Herrn, des Wissens, der Analyse ,erzeugt'. Der Prozeß (Symptom, Sündenmensch/heiliger Mensch, heilige Heimat) sint~ome
geht dann in der Form einer Spirale weiter. Es werden auf einem an- rule oder sinthomadaquin (heiliger Thomas von Aquin) geschrieben
deren Niveau dieselben Diskurse wiederholt. Es gibt keinen ,Fort- werden.,,23I
schritt' in dem Sinne, daß ein Diskurs, Z.B. des Herrn abgeschafft,
,aufgehoben' würde. Der Kreis der vier Diskurse mit der Rückkehr Ein Jahr nach dem Seminar über die "Kategorien" des Realen, des Symboli-
zum scheinbar selben Punkt gibt dem Begriff ,Revolution' eine ge- schen und des Imaginären, deren vielf!i.ltige Beziehungen Lacan, um sie als
naue Bedeutung [... ].,,130 Testament" zu erproben232 , mit Hilfe seiner borromäischen Knoten in einer
~athematischen Topologie zu verorten versuchte, erörtert er (im Sinne von:
Lacan hält stets dazu an, nicht in jenen das Unbewusste missverstehenden
Bahnen eines gedachten idealen Fortschritts steckenzubleiben, in den dialek-
tischen Sackgassen, die er als das "Wespennest des Idealismus" markiert und
231 Roudinesco, E.. Jaques Lacan, S. 584 - Auch auf <len Rebus von Adam als ~inem <ler con-
den Diskurs der "schönen Seele". lenis von sinlhomadaqutn sei hier zusatzlich noch aufmerksam gemacht. Wie unschwer zu
erkennen. fugt auch er sich sinntrachtig In <len Zusammenhang. .
232 Mit den Kategonen' des Symbolischen, des Imaginaren und des Realen, die Lacan in
229 Lacan, Jaques, Seminaue XVII: L'envers de la psychanaiyse, S. 9 R.S.I. ais' Testament erprOben will. ließen Sich schiechterdings alle psychoanalytischen
230 Lipowatz, A.. Diskurs und Macht, S. 218. Phanomene beschreiben. (vgL: Lacan, J.. S XXII, R.S.I., S. I)
106 107

in den Ort weisen), um den analytischen Diskurs zu monstrieren, im darauf schem Weltbild (Kosmos, "Kugel"). Allein der Ausfall der stützenden Signi-
folgenden Seminar anhand des Werkes von James Joyce in einem ersten fikanten dieses Paradigmas würde nicht zwangsläufig zum fading des Sub-
Schritt das Reale, bzw. das, wodurch von ihm analytischerweise Kenntnis zu jekts fiihren. Es bieten sich heute bereits andere Anhalte,. fi~tionale H~gemo­
erlangen ist, das Symptom nämlich, und in einem zweiten seine Verwand- nialstrukturen durch die der verrückte Aufmarsch der Slgmfikanten m Bah-
lung in das vom "Glanz des Seins" fluoreszierende Sinthome. nen zu lenke~ ist. Bei Joyce aber noch bildet, wie Lacan konstatiert, diese
Ausgehend davon, dass die Literatur - ursprüngliche Verleimung mit "Kugel und Kreuz" die Armatur des Denkens,
"die philosophische wie die künstlerische, die literarische - die sich die hegemoniale Fiktionsstruktur der Wahrheit, die mit dem Körper selbst
übrigens in nichts unterscheiden,,233 verleimt, bzw. vernäht ist. . .
Es ist bei Joyce noch der Entzug dieser Armatur, der in der Form einer Pn-
- davon Zeugnis gibt, dass vation die Stütze des Daseins mitentzieht, weshalb auch, wie Lacan heraus-
stellt, Joyce, der "Künstler", der ,Junge Mann", der Aufforderung eines ge-
"die Denkung (la cogitation) [...] einem Imaginären auf dem Leim wissen Cranley, eiher Figur aus dem Roman "Porträt des Künstlers als jun-
[bleibt], das im Körper verwurzelt ist, das Imaginäres des Körpers
ist,,234, ger Mann", aus seiner Abkehr von den Lehren der Kirche radikal die K~nse­
quenzen zu ziehen, nicht nachkommen wollte. Genau dieses phantasmattsche
Ursprungssupplement mit der ihm eigenen Fiktionsstruktur stützt hier noch
spricht Lacan in Bezug auf die je spezifische (libidinöse) Verklebung der
die Realität selbst. Joyce hätte das in diesem Roman "nur gespürt". Er habe
Sprechwesen Joyce und Thomas von Aquin von einem "Hereingeleimtsein"
"leider", wie Lacan sagt, nicht zu seinen Analysanten gehört, im übrigen
in die "Kugel und das Kreuz,,235. Ob er über Joyce, Thomas oder auch Marx
auch weder von Freud, noch von Jung irgendetwas gehalten. Auch der Autor
spricht, Lacan untersucht in der 'Monstration des analytischen Diskurses jede
der radikalsten Reduktion der Sprache bis fast auf das Skelett ihrer Bot-
cogitation, um zu zeigen, dass sie einem Imaginären verwurzelt bleibt, das
schaftslosigkeit bleibt so letztlich aufjene Armatur verpflichtet.
Imaginäres des Körpers ist und seiner ursprünglichen Verklebung mit einer
spezifischen phantasmatischen Struktur. Denn das Imaginäre ist per definiti-
onem, "was nicht aufhört, sich einzuschreiben". Ist nun das westliche Sub- Anders Lacan selbst der besonders in seinen späten Seminaren (zu denen ja
jekt generell hereingeleimt in die "Kugel und das Kreuz"? Sind "Kugel und das R.S.I.-Seminar, ~ie das über "Joyce, Le sinthome" gehören) verzweifelt
Kreuz" das Schicksal des westlichen Menschen? Sind es generell beim west- versuchte der Leerheit selbst eine Stimme zu geben, sich zum Sprachrohr
lichen Subjekt diese "Kugel und Kreuz", die "nicht aufhören, sich einzu- eines gleichsam acephalitischen, von keiner Fiktionsstruktur abhängigen
schreiben", die also die hegemoniale Fiktionsstruktur, die "Armatur seiner Wissens zu machen. Der Rekurs auf die Quasi-Mathematik der borromäi-
Gedanken,,236 bilden? sehen Knoten ist motiviert von dem Willen, gerade keiner solchen vorgängi-
Lacans Theorien tragen dazu bei, hier mit einem ,nein' antworten zu können, gen Struktur auf dem Leim zu bleiben. Lacans Meisterschaft erwe~st sic~
denn in unseren posthistorischen Zeiten, einerseits als Folge eines Schwin- möglicherweise genau hier, wo er diesen einen, entscheidenden SChrItt weI-
dens der symbolischen Formen, der Anarchie der Formen und der forclusion tergeht als sogar Joyce. Vielleicht macht das den Unterschied zwischen dem
der patemalen Autorität, andererseits durch die sogenannte Globalisierung Dichter und dem Analytiker aus. Der eine ver-dichtet, der andere löst auf (a-
gibt es bereits neue und andere Vemähungen mit neuen Wahrheitsfiktionen, naluetn). Ersterer bleibt verleimt auf die vorgegebene hegemoniale Fiktions-
die zwangsläufig andere Verleimungen produzieren. Das westliche Subjekt struktur.
ist heute nicht mehr ausschließlich orientiert am Diskursparadigma aus jü- Das Maß an Treue zum Geschehnis des Aufklaffens des Realen und dem
disch-christlich monotheistischer Religion (Gesetz, "Kreuz") und griechi- damit verbundenen Entzug der subjektiven Basis wird erkennbar durch die
Form in die dieses Wahrheitsereignis übersetzt, bzw. zurückübersetzt wird.
In di~sem Sinne ist die Theorie des Ödipuskomplexes eine nah am Ereignis
233 Lacan, 1.. S XXII, R.S.I., S. 56 bleibende, nichtsdestotrotz depotenzierende Übersetzung des Ausweglosen
234 Ebd.
235 Lacan, Jaques: S XXII, R.S.I., S. 56
und Unmöglichen der Sexualität in eine narrative, fiktionale Struktur. Wenn
236 Lacan,1.. S XXIII, Le Sinthome, S. 2 aber nun das Entzogensein der Armatur der Gedanken, also der subj ektiven
108 109

Basis, immer bereits vernäht ist mit einer spezifischen Fiktionsstruktur (wie Dieser Glanz eignet bei Lacan dem authentischen Kunstwerk. Das Objekt er-
die Null immer schon mit der Reihe der Zahlen), diese aber nicht "Kugel und langt durch die Kunst die "Würde des Ding"239. Dieser "Wechsel des Objekts
Kreuz" und auch nicht "Theorie des Ödipuskomplex" heißen, sondern be- in sich selbst,,240 korrespondiert mit dem zwischen dem imaginären, mythi-
reits die ,,(Theorie der) Leerheit" selbst ist, zeigt sich da nicht plötzlich und schen Genießen und einem .lacanianisch verstandenen rektifizierten Begeh-
überraschend die entscheidende Nähe Lacans zum Zen? ren. Der neue Zugang zum alten Objekt wird dann von demjenigen subli-
Es ist Zizek, der Lacan bekanntlich in ein christliches und auch noch cartesi- mierten/sublimen Begehren geschaffen, das Lacans Analyse zu entbinden vi-
anisches Koordinatenkreuz zurückverleimen, zurückvernähen will. Meines siert und kann die Form oder partikulare Gestalt haben eines Zugangs zum
Erachtens eröffnet sich noch ein anderer Weg: Die aus der Rezeption entste- Namen (Sprache, Schrift, Literatur), zur Kunst oder zur Religion.
henden Formen werden immer mit der "Denkarmatur" (nicht zu verwechseln Das Symptom hat keinen Sinn außer für das Leiden und das Genießen des
mit Ide~logie) des Autors vernäht sein, der sich mit Lacan eingelassen hat Subjekts. (Deshalb ist es leer.) Das Leiden selbst hat auch keinen Sinn, es ist
(so bei Zizek eben "Kugel und Kreuz" plus Descartes, plus Marx etc.), doch einfach der Schmerz des Existierens selbst. Im mythisch, imaginären symp-
hat diese Armatur "Leerheit" und "Nicht-Ich" zu ihren Titeln, unter denen tomalen Genießen wird dies verkannt oder verleugnet. Das Genießen des
sich die lettern sammeln, bilden diese buddhistischen Titel die hegemoniale Symptom ist geradezu die Verkennung oder Verleugnung dieses Schmerzes.
Fiktionsstruktur, so wird die Lacan-Rezeption notwendig anders ausfallen. 237 Anerkennung aber erfahren Schmerz des Existierens und Leiden dort erst,
Das soll nun nicht heißen, dass sich aus dem Steinbruch des lacanschen
Werkes jeder nehmen sollte, was ihm gerade beliebt, vielmehr dass der
Buddhismus bei Lacan bereits selbst angelegt ist. Festzustellen, dass Leere der Glanz, die clarttas, die dritte Qualität des Schönen. Daraufrekurriert Lacans Topos ,im
und 'andere aus buddhistischen Kontexten bekannte Begriffe bei· Lacan zu Sein erglänZen' .
den meistgenanntesten gehören, hat hier selbstverständlich nicht mehr als ei- 239 "Die allgemeine Formel, die ich Ihnen von der Sublimierung gebe, Ist diese - sie erhebt ein
nen sehr oberflächlichen Annäherungswert. Objekt- [...] zur Dignität des Dings." (Lacan, J.: S VII, Die Ethik der Psychoanalyse, S.
138) Im selben Seminar spricht Lacan Mvon, dass Matisse "das Objekt In einer Weise auf-
Die folgenden Konjekturen werden hier noch kryptisch, Derrida würde sa-
tauchen (lässt), die lustrativ ist, eine Erneuerung seiner Würde darstellt", (Ebd., S. 174)-
gen: in ihrem Status "instabil und changierend" erscheinen. Im weiteren Ver- Lasst Sich nicht am besten anhand der warholschen Objekte und Avatare das Objekt als zur
lauf dieser Arbeit werden sie aber hoffentlich an Kontur gewinnen: Das Ab- Würde des Dings erhobenes demonstrieren? Warhols Kunst erneuert die Würde des ernied-
solute (das Ab-gelöste) eines präontologischen Wahrheitsereignisses über- ngten Objekts als Ding. Nicht darum geht es, was die Dinge "in Wirklichkeit" sino, nicht
worauf sie verweisen, Vielmehr dass sie Sind, um ihr sonst stets verborgenes Wesen als
setzt sich zurück ins Partikular-Imaginäre einer Fiktionsstruktur aber diese
bloßes Dasein. Im ,Dass-Sein' der Dinge liegt letztlich ihre Würde, mcht in ihrem ,Was-
Fiktionsstruktur bei Lacan, der lange Jahre chinesisch lernte und zeitlebens Sein'. Alle Dinge werden zu Elementen einer undeutbaren Wirklichkeit, die ihren trauma-
dem Zen zugetan war, hat zu ihren Titeln, unter denen sich die Buchstaben tischen Kern, der mit ihrer Erscheinungsform zusammenfällt, entblößt, aber gerade da-
s~iner Reden und Schriften sammeln, zumindest auch, dass alle Dinge leer durch ihre Würoe erlangt.
Bei Beckett noch werden uns Menschen und Gegenstände unter dem Zeichen des abwe-
smd. Auch das "Kreuz", auch die "Kugel" sind leer. Die Verwandlung der senoen Gottes gezeigt. Der Gott, die Essenz, das Absolute ISt verborgen, unSichtbar uno
Leerheit in Form bei Lacan aber ist ein Erscheinen der Leerheit als Form. die Dinge "tanzen" um diesen abwesenden Kern herum. Sie Sind Verweis auf ihn und be-
stehen nur dadurch, Verweis zu sein. Bei Warhol dagegen ISt die Form selbst Leerheit. Das
3.6.2 Die Kunst und das Leiden erscheinende Ding steht ft1r mchtsanderes als Sich selbst, verbirgt nichts, offenbart nichts,
es Wird nur gezeigt. Warhollehrt ein neues Sehen: wie die Dinge nicht von einem Gruno
Das Symptom ist Form. Durch das Gewahrwerden der Leerheit seiner Form her seiend sind, vielmehr durch Leerheit verbunden. Aber diese Leerheit eXistiert nicht als
verwandelt es sich in das Sinthome. Wo das Symptom, welches es auch sei, solche. Sie ISt Form. "Form ISt Leerheit, Leerheit ist Form." (vgi. hierzu das Kapitel: "Das
zum Sinthome wird, erglänzt es im Sein, erlangt den "Glanz des Seins,,238, Opfer als Form der Leugnung der Kastration des anderen bei Lacan und Im Zen" In dieser
Arbeit.)
240 "Tatsächlich ISt das Kaninchen, das aus dem Zylinder geholt werden soll, bereits Im Trieb.
Dieses Kaninchen ist kem neues Objekt, es ist der Wechsel des Objekts in sich selbst. [...]
237Vgi. zu den Buchstaben, die sich unter Titeln sammeln: Nancy, J.-L.lLacoue-Labarthe, Es Ist der WeChsel als solcher. Ich bestehe darauf - dieses Im eigentlichen Sinne metony-
Ph.. Le Tltre de la lettre, Paris, 1973 mische VerhältniS emes SignifIkanten zu anderen, das Wlf Begehren nennen, ist nicht das
238 Z.it. n.. Roudinesco, E.. Jaques Lacan, S. 549 - In der Schöpfungstheorie des Aqumaten, neue Objekt, auch nicht das Objekt von früher, es ist der Wechsel des Objekts in sich
die Lacan respektvoll/respektlos gewissermaßen als onto-ästhetizistische Theone liest. Ist selbst." (Lacan, J.. S VII, Die Ethik der Psychoanalyse, S. 350)
110 111

wo sich das Symptom ins Sinthome verwandelt haben wird. Anlässlieh seiner Sinthome lagen zum Zeitpunkt dieser Reise noch in weiter Feme. Dennoch
Japanreise sagt Lacan überdie tausend und eine Buddha- bzw. Bodhisattwa- scheiIit er schon gesehen zu haben, was er Jahre später im R.S.I.-Seminar
Statuen im Tempel von Kamakura: und in dem über "Le Sinthome" monstrieren wird. Im Barock jedenfalls
"Da er [der große Hauptbuddha des Avatars, JA.] aber da ist - und in sieht er, was er auch bei Betrachtung der Buddhastatuen von Kamakura ge-
dieser vervielfaltigten Form, die [...] viel Mühe gemacht hat -, ist dies sehen hat:
nur das Bild der Mühe, die es ihm macht, da zu sein.,,241 Dieses Rieseln von Märtyrerdarstellungen. [...] Diese Darstellungen
~ind selbst Märtyrer - Sie wissen, daß Märtyrer Zeuge heißt - eines
Wichtig ist an dieser Stelle, dass es hier nicht um die Darstellung eines mehr oder weniger reinen Leidens.,,245
"mehr oder minder reinen Leidens,,242 geht, vielmehr die Bildhauerwerke,
über die er spricht, selbst Zeugnis eben dieses Leidens sind, der "Mühe, die Das "Rieseln", die Reihe der Statuen - Sin-thomanie, worin neben dem eng-
es macht, da zu sein". Desto weniger Darstellung ein Gegenstand der Kunst lischen Wort sin und Thomas (von Aquin) auch Manie enthalten ist - ist das
ist, desto mehr ist er Zeugnis. Zeugnis der Prolongierung eines Begehrens als der fortgesetzten Wiederauf-
Ähnlich wie die skulpturalen Werke buddhistischer Kunst bewertet Lacan nahme eines (Ver)Fehlens, das "nicht aufhört, sich nicht einzuschreiben" (in
die Bildwerke des Barock. Das Barock sei, weil diese Bildwerke das Leiden Groß A), des Realen also - und damit dieses "Zeugnis (gibt) eines mehr o-
nicht abbildeten, sondern es sind oder direktes Zeugnis von ihm sind, gerade der minder reinen Leidens".
die "Rückkehr zu den Quellen"243, nicht die denkbar weiteste Entfernung Die Kunst des Barock fuße ihrem Wesen nach in einem langandauernden
von ihnen, wie eine landläufige Auffassung über das repräsentative Barock Begehren unter der Prämisse, dass es kein Geschlechterverhältnis gibt, das
vermeint. Anamorph betrachtet, erzeigt sich dem Auge des Betrachters auf endlich das Ein herstellte. Lacans Mathem "Es gibt kein Geschlechtsverhält-
dem Holbein-Bild "Die Gesandten", das Lacan zum Gegenstand seiner Be- nis" erweist sich einmal mehr als die Formel fiir die "Verewigung des Be-
trachtung macht, ein Totenschädel in der Mitte des Gemäldes, dessen Aus- gehrens".
strahlen alle auf dem Bild dargestellten Gegenstände, die Insignien von
Macht sind, kontaminiert. 244
Es stellt ein erstaunliches Moment von Kontinuität dar, dass Lacan in seiner 3.7 Die Schönheit und der Fehl
Deutung des Barock in "Encore" (zu lesen auch als en corps, "im Körper") Sinn macht es insofern zu sagen, die Analyse nütze zu nichts, als dass nicht
in die gleiche Richtung zielt wie fast 20 Jahre zuvor bei seinem Bericht von darauf spekuliert werden soll, ihr Resultat sei Glück und Errullung, womög-
der Japanreise. Die Konzeptualisierung seiner Ideen über das Symptom! lich Erfolg, das Ende des Leidens mit dem Erscheinen eines idealen, wahren
und authentischen Ich. Weil sie die Wahrheit des Subjekts visiert, die Wahr-
heit seines Begehrens und der unbewussten Wünsche, hat sie im strengen
241 Lacan, J.: S X, Die Angst, II. Teil, S. 73 Sinne weder mit dem Glück noch dem Unglück zu tun. Statt zum Glück füh-
242 Lacan, J.: S XX, Encore, S. 125 ren zu sollen, hat sie das Ziel der Anerkennung der symbolischen Kastration
243 Ebd.
244 Vgi.. Lacan, 1.. S VII, Die Ethik der PSYChoanalyse, S. 173 und: Lacan, 1.. Sem Xl, Die
und diese korrespondiert sogar weit eher, wenn hier auch keine Gleichset-
vier Grundbegriffe..., S. 94: "Die beiden Figuren stehen steif da, erstarrt m ihrem prunk- zung erlaubt ist, mit der des Unglücks, der Unmöglichkeit, der Kontingenz,
vollen Ornat. ZWischen ihnen eme Reihe von Gegenständen, die m der Maierel Jener Zelt des "Fehls,,246. Diese Faktoren sind es, womit das Subjekt es wirklich und
als Symboie der vanttas auftreten. Agnppa von Netleshelm schreibt gerade sem De vamta-
te scientiarum, womit die Wissenschaften ll1ld die Künste gememt smd. Alle diese Gegens-
tände sind auch Symbole der Wissenschaften und der Künste, die man damais, wie sie WIS-
sen, in Tnvmm und Quadnvmm emteilte. Was aber ISt, 1111 Vordergrund dieser Monstratl- 245 Lacan,1.. S XX, Encore, S. 125.
on emer Weit des Schems m ihren faszmlerendsten Fonnen, dieses teils schwebende, teils 246 Mit "Fehl" übersetzt H. J. Metzger Lacans an einigen Stellen manque, zu iesen als manque
abwärtsgeneigte Objekt? Sie können es nicht wissen - denn sie wenden Sich ab, um der d'etre, so wie dieser Tennmus Verwendnng fmdet m Derridas ianger Behandlll1lg Lacans
Faszination des Bildes zu entgehen. Gehen Sie langsam aus dem Raum, m dem das Bild in: Derrida. 1.. Die Postkarte, von Sokrates biS an Freud und jenseits. 2. Lieferung. - In
sie gewiß lange festhielt. Dann, wenn sie Im Weggehen Sich wenden [...] erblicken Sie- "Fehl" klin~ durch den Wechsei des Artikels Im UnterSChied zum "Fehien" die personale
einen TotenschädeL" Dimension mit an. Der "Fehl" ist gewissennaßen die KonkretIOn des MangelS. Er korres-
112 113

letztlich zu tun hat, wobei dem Symptom die Rolle zufällt, die subjektspezi- läßt und trotzdem, ähnlich dem Brandmal der Erbsünde, den Tropfen
fische Dichtigkeit zu erzeugen, die sein Dasein zu einem konsistenten Gefll- Gift enthält, jenes betrügerische Element der Inkohärenz, jenes Sand-
ge macht. Der Analytiker hat dem Rechnung zu tragen, denn eben: korn, welche das ganze System zuschanden macht. [...] Zur Rechten
eine Schönheit, die unvergänglich, schön und skulptural ist; ihr ge-
~,Das S~ptom [istJ völlig implizierbar in diesem Prozeß der Sub-
jektkonstltuierung." 47 genüber das Element, düster und unheimlich im wahrsten Sinne des
Wortes, da das Linke stellvertretend steht fl1r Unglück, Zufall und
Sünde. ,mo
Liebe deshalb, um noch einmal den Titel des Zizek-Buches anzufllhren, dein
Symptom wie dich selbst. Durch diese~Liebe verwandelt es sich in das
Der Vollkommenheit ist eine irreduzible, weil nie gänzlich zu eleminierende
Sinthome, wie das Objekt durch die Kunst zur "Würde des Ding" erhoben
Unvollkommenheit, etwas von Dunkelheit und Tod, als sowohl "das ganze
wird.
System zuschanden" machendes, als auch die Vollkommenheit erst ermögli-
chendes Moment inhärent, ein ihr zugrundeliegender Fehl, ohne den sie leer
Vermutlich kannte Lacan Michel Leiris Text über Baudelaire und die ideale
und nichtssagend, eben nur "überirdisch, harmonisch, logisch" wäre. Was
Schönheit. Leiris zufolge verweigerte sich Baudelaire der
Leiris unvollkommen und hässlich nennt, was ist es anderes als das nicht zur
"Leere einer Schönheit, die absolut ist und nicht defmiert werden "Würde des Ding" sublimierte Objekt, das dieser Verwandlung harrt, ande-
kann,,248 res als das nicht ins Sinthome verwandelte Symptom? Das Hässliche ist der
Triumph des Exzesses der Existenz selbst über ihre Sublimation und das
Für Baudelaire, schreibt Leiris, Vollkommene und Schöne ist der Triumph von Repräsentation und Sublima-
"kann Schönheit nur dann zustandekommen, wenn etwas Zufälliges tion über den Exzess des Realen. Zu ihrer Realisierung bedarf es gerade der
interveniert, von dem das Schöne aus seiner eiszeitlichen Stagnation Anerkennung des Fehls, des Hässlichen und Unvollkommenen, oder einer,
gerissen wird; fl1r den Preis der Erniedrigung verwandelt sich das wie Leiris schreibt,
mumifizierte in das lebendige Viele. [00'] Der Schönheit muß ein Ele- "obligatorische(n) Unvollständigkeit, ein(es) Abgrund(s), den wir
ment innewohnen, das die Rolle des Motors der ersten Sünde über- unmöglich überbrücken können, ein(es) Zwiespalt(s), in dem sich un-
nimmt. Was die Schönheit ausmacht, ist nicht die Konfrontation von ser Verderben erschließt. ,,251
Gegensätzen, sondern der wechselseitige Antagonismus dieser Ge-
gensätze, sowie die Aktivität, mit der sie aufeinander eindringen und Weil der Triumph des Schönen über das Hässliche das Zeichen des Realen
in der sie aus dem Konflikt hervorgehen, als wären sie gekennzeich- wie ein Mal in sich trägt, ist das wahrhaft Schöne und Vollkommene immer
net von einer Wunde oder einer Verheerung.,,249
schmerzhaft schön und schmerzhaft vollkommen.
Zu beachten ist also das antagonistische, nicht substituierende Verhältnis von 3.7.1 Wie japanische Nonnen begehren
Wunde und Verheerung auf der einen Seite und Schönheit auf der anderen.
Leiris, dessen Betrachtungen dieser Beziehung Lacan fasziniert haben dürf- Zwischen dem (untersagten) imaginären Genießen mit seiner Orientierung
ten, schreibt weiter: an der Illusion des Ein und der (dem Postulat psychoanalytischer Ethik ge-
mäßen) Inswerksetzung des Begehrens als seiner Konformisierung mit dem
"Wir können ,schön' nur das nennen, was auf die Existenz t:iner idea- Handeln liegt der Schnitt der symbolischen Kastration. Innerhalb des imagi-
len - überirdischen, harmonischen, logischen - Ordnung schließen nären Genießens bürgt das Symptom fl1r das (unmögliche) Zusammenspiel
von symbolischer Ordnung undjOUiSsance. Es ist der Knoten, der beides zu-
pondiert mit de/ll Begriff der Sünde als remer Defizienzform, die aber dennoch nicht aper- sammenhält. Wird er gelöst, geht dem Subjekt der Zusammenhang der Dinge
sonal zu denken ist.
247 Lacan, J.: S X, Die Angst, 2. Teil, S. 132
248 Leins, M., zit. n.. Russel, J.: Francls Bacon, S.88 250 Ebd., S. 89
249 Ebd. 251 Ebd.
114 115

verloren. Das Symptom garantiert den Rahmen, innerhalb dessen das Dasein Wie der nicht anerkannte Mangel an Sein das Objekt des Begehrens hervor-
zu einem konsistenten, sinnhaften Gefüge wird. bringt, so bringt das Wissen um das tatsächliche Fehlen eines Objekts des
Die monastische Entsagung, der Verzicht auf (das Objekt) Geschlechtspart- Begehrens - dieses Fehlen ist radikal und endgültig - jenes Objekt für das
ner wie der auf das (Objekt) Kind, ist eine radikale Konsequenz aus dem Begehren hervor und sein Erscheinen ist das Zeichen für die "Verewigung
überdruss an der Idiotie eines imaginären Genießens, getragen von der Illu- des Begehrens" oder das Vorhandensein eines "langandauernden Begeh-
sion des Ein. Die japanischen Nonnen, deren sakrale Handlungen Lacan auf rens,,257. Sein Erscheinen ist verbunden mit etwas, das Lacan ein ,,nach innen
seiner Japanreise Gelegenheit hatte zu studieren, leisten, wie er deutet, Ver- gekehrtes Strahlen" nennt, nicht unähnlich jenem "Glanz des Seins", der das
zicht auf den Versuch der Erlangung des unmöglichen Ein zugunsten der Objekt fluoreszieren macht und zur "Würde des Ding" erhebt in der Ver-
Prolongierung des Begehrens. Die Evokation eines "langandauernden Be- wandlung des Symptoms in das Sinthome. In den Bereich der "Nicht-
gehrens" nimmt hier Gestalt an als zärtliche Hinwendung zu einem besonde- Etwasheit" (eine der Stufen der meditativen Durchdringung in den Pali-
ren Objekt als einem Objekt des Nicht-Objekts. Sutren) vorzudrmgen heißt, dorthin zu gelangen, wo es nur Objekte gleich-
Der Schnitt, der mythisches Genießen und Begehren voneinander trennt, ist samfür das Begehren gibt, aber keine Objekte des Begehrens. Das Vordrin-
die Anerkennung der symbolischen Kastration oder anders gesagt: die Ent- gen in jenen Bereich eines "absolut gestaltlose(n), abgeschiedene(n) Leuch-
sagung. Sie ist nicht mit der Ver-sagung zu verwechseln (diese korrespon- tens,,258 hat zur Bedingung die Preisgabe jeden Objekts des Begehrens, die
diert, wie oben geschrieben, mit der Frustration, die Entsagung mit der Pri- Trauer des Objekts:
vation), noch ist sie; was man Askese nennt. Die Form ihrer Realisierung, ih-
,,[~ ..]
(D)ie Antwort ist, daß die Augenspalte an dieser Statue im Laufe
rer Inswerksetzung,die jene Nonnen pflegen, besteht darin, Kannon252 , bzw. der Jahrhunderte verschwunden ist aufgrund der Massage, die ihr,
seiner hölzernen Statue, "die Tränen abwischen [zu] wollen,',253. Die "Klaus- mehr oder weniger täglich, von den Nonnen des Klosters, dessen
nerinnen" dieses Klosters täten dies "mehr oder weniger täglich"254, indem kostbarster Schatz sie ist, verpaßt wird, wenn sie dieser Gestalt der
sie der hölzernen Statue über das Antlitz streichten, besonders über die Au- göttlichen Zuflucht par excellence die Tränen abwischen wollen. üb-
genhöhlen. Kannon, das ist in lacanscher Sicht das Objekt als Nicht-Objekt rigens wird die ganze Statue von den Händen der gläubigen Frauen
und ein solches Nicht-Objekt ist das einzige Objekt, auf das sich das Begeh- auf dieselbe Weise behandelt wie dieser Augenrand und repräsentiert
ren legitimerweise beziehen darf, ohne in die orientierte Dialektik des Ein in ihrer Glattheit dieses unglaubliche Etwas, von dem das Foto [Lacan
verwickelt zu werden. Denn der Buddhismus, sagt Lacan, das ist das Wissen, hatte ein Foto im Seminar herumgehen lassen, J.A.] hier nur einen
,,[...] daß das Begehren Illusion ist,,255 schwachen Abglanz liefern kann, den Abglanz dessen, was auf ihr das
nach innen gekehrte Strahlen dessen ist, das man nicht verfehlen kann
als ein langandauerndes Begehren zu erkennen, das im Laufe der
und führt dazu aus, dass es grundsätzlich kein Objekt des Begehrens gibt und
Jahrhunderte durch diese Klausnerinnen an diese Gottheit herangetra-
dass dieses (buddhistische) Wissen das Wissen genau hiervon ist. Die Statue
gen worden ist, deren Geschlecht, psychologisch gesehen, unbe-
aber, die die Nonnen befühlen, ist ein Objekt für ihr Begehren, nicht: ihres stimmt ist. ,,259
Begehrens.
,,[...] Ich habe Ihnen [...] hinreichend gezeigt, in welchem Ausmaß das Damit das Begehren sich auf irgendetwas beziehen kann, gibt es dieses Ob-
ein Objektfür das Begehren ist.,,256 jekt für das Begehren und sein Vorhandensein als gleichsam Objekt des
Nicht-Objekts ist das reine Zeichen für die "Verewigung des Begehrens".
Die Verwandlung gleichwelchen Objekts des Begehrens in eines für das Be-
gehren, dieser "Wechsel des Objekts in sich selbst" ist für Lacan die Gewähr
252 D.i. die japanische VersIOn des Bodhisattwa Avalokitesvara, bzw, der chmeslschen Guany-
/n
253 Lacan, J: S X, Die Angst, 2, Teil, S, 76 257 EM, S. 76
254 Ebd" S, 70 258 Rinzal (chm,: Lin-chi), Talsho-Kanon, Bd, 47, 497b28-cI; zitn,: Zen-Worte vom Wolken-
255 Ebd, berg; Meister Yunmen (hg. und übersetzt von Urs App), S. 108, Fußnote
256 Ebd" S, 75 (kursiv, JA) 259 Lacan, 1., S X, Die Angst, 2. Teil, S, 76. Kursivhervorhebung durch den Autor.
117
116

dieser das Wesen des Menschen realisiert, vollständigber~ubt zu sein


eines ultimativen "Zugangs zur Schönheit", So ist auch der Preis für die Ein- und der Messias der Zukunft zu sein. Dies i.st die W ~ise, m der Marx
ftihrung in ein Handeln, das nichts über sich selbst hinaus will/begehrt und den Begriff des Symptoms analysi~rt. Es gIbt natürhch andere Sym-
deshalb konform mit sich selbst ist, die Trauer des Objekts des Begehrens ptome, aber die Beziehung von dIesem mIt emem Glauben an den
und seine Verwandlung in ein Objektjür das Begehren. Indem das (buddhis-
Menschen ist unbestreitbar.
tische) Begehren Wenn wir aus dem Menschen nicht etwas mach~n, das, was es auch
,,[...] auf ein Zentrum hin konvergiert, das seinem Wesen nach das sei, ein zukünftiges Ideal transportiert, wenn wir ihn bestImmen durch
Zentrum eines Nirgendwo ist, sehen Sie, wie hier - ich würde fast sa- die Besonderheit, in einem jeden Fall, seines Unbewußten und durch
gen: auf die am höchsten verkörperte Weise - das Lebendigste, Reals- die Art, wie er dieses genießt, bleibt das Sympto~ am selben PI~tz,
te, Beseelteste, Pathetischste wiedererscheint, wiederauftaucht, das es wo Marx es hingestellt hat, aber es bekommst emen ~~eren SInn.
in einer ersten Beziehung zur göttlichen Welt geben mochte, einer Nicht soziales Symptom, sondern besonderes ymptom.
Beziehung, die wesentlich genährt und ~leichsam interpunktiert ist
durch alle Spielarten des Begehrens [...]" 0 Auch die marxsche Vision vom "das Wesen des M.enschen realisi~ren~en"
Proletarier als Erlöser der Menschheit, prädestiniert desha~b für dIeses
Die buddhistische Zen-Übung fUhrt schließlich dorthin, egal welchen Ge- ,Amt', weil er, mit Meister Eckhart zu reden, "nichts ist, mc~ts hat un~
genstand - ob sakral oder profaner Alltagsgegenstand - als Nicht-Objekt zu nichts weiß" ebenso wie Joyce Reduktion des ,Herrschaftsmstruments
gewahren, wiedererscheinend, wiederaufiauchend als Nicht-Objekt, als Tor Sprache auf ~ine Lalangue262 , benutzt Lacan einzig. zu de,m Zweck, das, was
zur Leerheit und gleichzeitig als diese Leerheit schon selbst. Denn das Be- die Analyse visiert, zu (de )monstrieren. Der Analytiker trItt auf als der Agent
gehren ist an und./Ur sich leer und bezieht sich auf nichts. Die buddhistische der Privation, als der, der das Subjekt befreit, indem er es beraubt ';'ll~ daI~:l.1t
Ethik visiert die Unabhängigkeit vom Objekt und im selben Zuge, den Din- erlöst von sich. Er reduziert es auf das, was es jenseits semes I~agmären 1st,
gen ihre Unabhängigkeit zurückzugeben. Aber verbunden sind alle Dinge auf das "schmutzige Wasser" seines Symptoms, in dem ,Sich seme Jou~ssance
durch Leerheit. formiert. Er depraviert die zu erwartenden (präsup~omerten) A?aly~iker zu
auf ihr Nichts reduzierten Proletariern des Seins (dIe es, das Sem, mcht ha-
3.7.2 Proletarier des Seins ben stattdessen nur die erratischejouissance) und fUhrt sie so zur Anerk~n­
Auch in einem Rekurs auf Marx reflektiert Lacan den Symptom-Begriff, nun'g dieser ihrer conditio humaine als sterbliche Mängelv.:esen. Nur von ~ler
wobei es - auf dem Schauplatz des Sozialen - erneut um das geht, was aus kann eine wesentliche Modiflkation des Charakters, eme TransformatIOn
bleibt, wenn der Mensch all seiner Attribute - seiner Eigenschaften und allen des ganzen Menschenwesens erfolgen.
Eigentums - beraubt ist, auf sein Nichts reduziert. Das Symptom der grandi-
osen, selbstsicheren Aufftihrungen des Kapitalismus ist die Armut, sind E- 3.8 Die Philosophie als Symptom und der analytische Diskurs
lend und Not. Der Proletarier ist das Symptom des Kapitalismus und vom
Symptom her wird bei Marx die Verwandlung erfolgen, denn in ihm inkar- 3.8.1 Es gibt kein Wissen, das sich schließt!
niert sich der Mangel:
,,[Die] S~steme ~~r ~atur, die bisher ~~6\getaucht sind, [waren] durch
"Der Ursprung des Begriffs des Symptoms ist nicht bei Hippokrates [...] geIstige DebIlItät gekennzeIchnet.
zu suchen, sondern bei Marx, in der Verbindung, die er als erster zieht
zwischen dem Kapitalismus und was? - der guten alten Zeit, was man
das feudale Zeitalter nennt. Der Kapitalismus wird als etwas betrach-
tet, das alles in allem günstige Auswirkungen hat, da er den Vorteil
hat, den proletarischen Menschen auf nichts zu reduzieren, wodurch
261 Lacan Jaques: S XXlI, R.S.1., S. 37
262 Vgl.. Roudinesco, E.. Jaques Lacan, Bericht über ein Leben S. 532 u. 536
260 Ebd., S. 74 263 Lacan, Jaques: S XXlI, R.S.1., S. 5
119
118

Indem er orientiert ist am System, dient aus der Sicht Lacans der universitäre te geben. Ein solches Wissen bleibt ftir immer unmöglich und zwar durch die
Diskurs nur dazu, einen strukturellen Mangel zu beheben. Er überdeckt den Alienation im anderen.
Mangel an Sein. Der analytische Diskurs, so Lacan, erweist das. So haben Das Wissen des Unbewussten ist ein Wissen, das sich selbst nicht weiß. Es
kann gerade nicht jemandes Besitz sein, man kann es nur aktivieren oder
,,[...] Universitätsmenschen aus Struktur [...] die Psychoanalyse als verschlossen halten. Wer es aber aktiviert, zum "Rinnen bringt", verfügt über
Horror.,,264
ein unerschöpfliches, weil nie sich schließen könnendes Wissen.
So gewiss wir "unser Gesicht bis zum Tod nicht sehen können,,265 so gewiss Lacans Misstrauen gegen das sich schließende Wissen macht eine weitere,
gibt es kein Wissen, das sich schließt. Die Philosophie aber te~diert zum vorsichtige Vernähung mit dem Zen möglich. Der Zen-Patriarch Dögen rät
"Ge_stell,,266, wohingegen das Wissen und die Theoreme Lacans sich nir- nämlich gar generell zu Mißtrauen gegenüber allem Geschlossenen und Ab-
gends schließen.
Den analytischen im Unterschied zum wissenschaftlichen Diskurs im allge- geschlossenen. Wir sollen
meinen und zum philosophischen im besonderen trägt die Voraussetzung, "niemals annehmen [...] irgendetwas sei vollständig oder abgeschlos-
dass es keine Metasprache gibt. Die Metasprache ist der Versuch der Negati- sen",z68
on dessen, was "nichtauthört, sich nicht einzuschreiben", Die Wissenschaft
s~hreitet gerade voran, "indem sie die Löcher stopft. Das ihr das immer ge-
Aber wie der lacanianische Analytiker hat er es mit Subjekten zu tun, die
lmgt, macht sie sicher".267 hiervon nichts wissen (wollen). Die in den Texten aus alter Zeit überlieferten
Besonders im Fall des beträchtlichen Anteils des von Lacan einzig in der Fragen der Zen-Schüler zeugen in den meisten Fällen genau von jener "geis-
Form mündlicher Rede vorgetragenen Zeugnisgebens vom analytischen Dis- tigen Debilität", die Lacan als maßgeblich ftir den universitären Disku!s be-
kurs ist deswegen eine besondere Sorgfalt in der Transkriptionsarbeit und hauptet, indem sie zu erkennen geben, dass darin nach einem sich schließen-
Textherstellung vonnöten, weil nämlich diese Form der Rede nicht Löcher den Wissen verlangt wird, mit dem die "Löcher zu stopfen" sind. Wozu aber
stopft, sondern gleichsam verstopfte Löcher öffnet. Transkription müsste die Meister ihre Schüler anleiten, ist gerade die Abwesenheit eines solchen
heißen: Zeugnisgeben von diesem Zeugnisgeben, also Textherstellung ohne sicheren Wissens zu gewahren und Kurs zu nehmen auf ein Wissen, das sich
Komplexitätsreduktion und Wahrung der Treue zum Sprechereignis unter selbst nicht weiß.
Bewahrung der strukturierenden SignifIkanten. Lacan warnte davor, mit sei- Der Rekurs auf das unbewusste Wissen, das sich selbst nicht weiß, ist Kenn-
nen Theoremen eine Wissenschaft im kurrenten Sinne begründen zu wollen. zeichen des Sagens der "irrenden Ungenarrten" (les non-dupes errent), im
Die, Wissenschaft vom Unbewussten' ist eine contradictio in adjecto. Französischen homophon mit non dupere (das Nein des Vaters) und nomdu
Der analytische Diskurs, so die frohe Botschaft Lacans, bietet die Möglich- pere (der Name des Vaters),z69 Wer diesem Diskurs geöffnet ist, schreitet
keit eines Austritts aus den von "geistiger Debilität" gekennzeichneten Dis- willig und gleichsam demutsvoll fort von "Täuschung zu Täuschung", Meis-
kursen eines Wissens, das sich schließt, das negiert, "was nicht authört, sich ter sein bedeutet nach Zen-Weisheit genau dies: fortzuschreiten von "Täu-
nicht einzuschreiben". Die Bemühung des an Lacan geschulten Analytikers schung zu Täuschung". Der Zen-Meister Shunryu Suzuki unterwies genau
besteht darin, ftir das volle Sprechen und also den Diskurs des anderen ge- darin seine Schüler:
öffnet zu sein und zu bleiben und kein geschlossenes Wissen zu repräsentie- "Dögen Zenji sagte: ,Shoshaku jushaku.' Shaku bedeutet gewöhnlich
ren und darzubieten. Denn es kann kein sicheres Wissen über das Unbewuss- Fehler oder falsch. Shoshaku jushaku bedeutet, auf Falsches Falsches
folgen lassen oder ein unauthörlicher Fehler. Nach Dögen kann s~gar
264 Lacan, J.: RIT, S. 16
ein beständiger, unaufhörlicher Fehler Zen sein. Das Leben emes
265 Deshlmaru, T.. Dökan, S. 43 - Und genau dieses GeSIcht gilt es zu "zeIgen". Ein Koan lau-
tet: ,,zeIge mir dein ursprüngliches Gesicht vor der Geburt deiner Eltern." Es fordert auf,
genau das Gesicht zu zetgen, dass wir "bis zum Tod lllcht sehen können", 268 Dögen, E.: Shöbögenzö, Bd. 1, S. 87 " ",' "
269 Vgi. das Kapitel: "Nicht-Irrende Narren, Irrende Nicht-Narren. Erleuchtete Slch-
266 Das smd die "Systeme der Natur"; "Gestell" ist bekanntlich Heideggers Verdeutschung
von System. System leitet sich von gr. h,sfemat ab (Jat.: ponere). TäUSChende und Sich lllcht Täuschende NiCht-Erleuchtete. (Von Lacan zu Dögen und zu-
267 Lacan, 1.. Schr. III, S. 9 rück)"
120 121

Zen-Meisters könnte bezeichnet werden als viele Jahre von Sho shaku rückstoßen und damit aber auch das Denken selbst, jedenfalls dasjenige, das
ju shaku. Das bedeutet [...] eine einzige, jahrelange, ungeteilte Auf- sich äquivalent zur Realität zu verhalten vermeint oder diese Äquivalenz er-
merksamkeit seiner B~mühungen.,,270 strebt.

3.8.2 Lacans Denkweg zum Buddhismus Im "Angst-Seminar" spricht Lacan mit Bezug auf die fernöstlichen Zugänge
zum Wissen von einer
Lacans Denkweg, grob in drei Abschnitte geteilt, war folgender: Zuerst
suchte er eine freudianische Lesart der Psychiatrie, dann wurde seine Lesart "radikaleren Infragestellung [...] als sie in unserer abendländischen
Freuds eine philosophische. Schließlich durchquerte er mit dem Freud- Philosophie je artikuliert worden ist: die Infragestellung schlechthin
Signifikanten die Philosophie, als handele es sich um die "Durchquerung des der Funktion der Erkenntnis"z73.
Phantasma". Die Philosophie als solche wird wie ein Symptom behandelt
und Lacan, als "irrender Ungenarrter" (anders gesagt: als sich täuschender Diese Infragestellung, sagt er, sei "anderswo bereits geleistet worden", näm-
Erleuchteter), wird Meister. lich im Buddhismus, um fortzufahren:
Wie die "Systeme der Natur", die die Philosophen ersinnen, den Fehl ver- Bei uns aber kann sie nur dann beginnen, in der radikalsten Weise
schleiern, so fällt auch die Metaphysik unter "Ausstaffierung des Lochs". geleistet zu werden, wenn wir dessen gewahr werden, was die. fo~~~~­
Schon Freuds Zurückweisung des philosophischen und metaphysischen Zu- de Formel bedeutet: daß es Erkenntnis bereits im Phantasma gIbt.
gangs zum Wissen wies Ähnlichkeiten mit dem Bruch des Zen mit dem, was
ihm vorausging, auf, so mit dem sogenannten "indischen Idealismus". Lacan Was im Abendland Erkenntnis genannt wird, ist eben gerade nicht, wie es
nennt in der drastischen Sprache seiner späten Seminare, in einer eines Zen- auch eine naive Wissenschaftsgläubigkeit vermeint, was dem Phantasma
Meisters würdigen Meisterdiktion, die Philosophie unter Ignoranz des Un- entgegensteht, vielmehr ist sie ihm inhärent. Das Faktum der ursprünglichen
bewussten ein "orientiertes Scheißgequatsche,,271. Metaphysik, Wissenschaft Gebundenheit des Sprachzeichens an den Körper subvertiert alle Erkenntnis
und philosophische Erkenntnis sind nicht geeignet, den Schirm des Phantas- im Modus des kurrenten abendländischen Philosophierens, denn fiir den
ma zu durchdringen, sie gehören selbst zu ihm: Wissenschaftler wie fiir den Philosophen gilt, was fiir jeden gilt, nämlich
dass es keine Metasprache gibt.
"Für jedes sprechende Sein ist die Ursache seines Begehrens, bezüg-
lich der Struktur, streng äquivalent, wenn ich so sagen darf, seiner Und was ist die Natur dieser Erkenntnis, die es bereits im Phantasma
Umlegung, das heißt dem, was ich genannt habe seine Subjektteilung. gibt? Nichts anderes als das, was ich in diesem Augenblick feststel~e:
Das ist es, was uns erklärt, daß, so lange Zeit, das Subjekt hat glauben Der Mensch, der spricht, das Subjekt, sobald es spricht, ist, durch dIe-
S
können, daß die Welt ebensoviel wisse wie es. Die Welt ist symmet- ses Sprechen, bereits in seinen Körper verwickelt.,<27
risch zum Subjekt, die Welt dessen, was ich das letzte Mal das Den-
ken genannt habe, ist das Äquivalent, das Spiegelbild, des Denkens. Die ursprüngliche Verbundenheit von Sprache und Körper verleimt in eine
Deshalb hat es nichts gegeben als Phantasma bezüglich der Erkennt- Armatur des Denkens. Generell gilt:
nis bis zur Heraufkunft der modernsten Wissenschaft. ,<27Z
"Die Wurzel seiner (des Subjekts, lA.) Erkenntnis, das ist die Ver-
strickung seines Körpers."z76
Die Anerkennung des Unbewussten muss Wissenschaft, Metaphysik und
Philosophie und mit ihr die Realität selbst als deren Konstrukt, als Konstrukt
von Gedachtem, sich äquivalent zum Denken verhaltend, ins Phantasma zu-

273 Lacan, 1.: S X, Die Angst, Teil 11, S. 66


270 Suzuk!, Sh.. ZEN-Gelst - Anfänger-Geist, S. 41 274 Ebd.
271 Lacan, Jaques: S XXII, RS.I., S. 57. Deconnage ist die Origma1diktion. 275 Ebd.
272 Lacan, J.: S XX, Encore, S. 136 276 Ebd.
122

Lacan legt Wert aufdie. Abgrenzung dieser Art Verstrickung von derjenigen, 4 Zwischen Therapie und (Lehr)Analyse
von der die "zeitgenössische Phänomen010gie" spricht:
"Nicht jene Art von Verstrickung aber, die, sicherlich auf eine frucht-
bare, ~ine subjektive Weise die zeitgenössische Phänomenologie zu
verpflIchten versucht hat, indem sie uns daran erinnert, daß in jedwe-
de Wahrnehmung die Gesamtheit der Körperfunktion - Struktur des 4.1 Konstruktionen und Rekonstruktionen
Organismus bei Goldstein, Struktur des Verhaltens bei Merleau- Dem Subjekt, das in die Analyse kommt, schreibt Lacan, ermangelt es in der
Ponty -, die Gesamtheit der Gegenwart des Körpers verstrickt ist. ,,277 Regel nicht an positivem Wissen über sich selbst, dem gewissermaßen ande-
ren des Wissens, das sich selbst nicht weiß, dem Wissen des Unbewussten.
Es geht um etwas anderes: Die Analyse soll deshalb nicht auf die "krude Frage nach dem Trauma" re-
"Beachten Sie, daß das, was auf diesem Wege geschieht, etwas ist, duziert werden, weil es vermeintlich das Sich-Auskennen mit dem Trauma
das uns sicherlich seit jeher durchaus begehrenswert erschienen ist: ist, das dem bis dahin erst bruchstückhaften und vorläufigen Wissen über
die Auflösung des Geist/Körper-Dualismus.'<278 sich noch die entscheidende Tiefenschärfe gibt oder das disparat auseinan-
derfallende Wissen über sich von dieser Stelle aus zusammenbindet. Fast gilt
Diejenige Erkennttlis aber, die sich im System schließen will. ist grundsätz- das Umgekehrte: Das positive Wissen über die eigene Person, das durch ein
lich als Fluchtbewegung aufzufassen: Flucht vor der Möglichkeit eines Ver- in der Analyse zu erlangendes Tiefenwissen vervollständigt werden soll,
schlungenwerdens des Ich durch archaische oder magische Anteile in der muss dem Subjekt als solches zweifelhaft werden und es muss seinen trüge-
Persönlichkeit, Flucht vor dem Verschlungenwerden durch ,Unberechenba- rischen Charakter erkennen.
res', Der paranoische Wahn wie der Versuch, Wissen zu systematisieren, Solange ihm dies aber nicht möglich ist, situiert es die Gesamtheit des Wis-
sind dem Versuch geschuldet, einer Verschlingung durch die genannten sens, das mit seinem Fall zu tun hat, auf der Seite des Analytikers. Der Ana-
Kräfte auszuweichen, jeden Rest stets gründlich zu eleminieren. Die Überde- lysant präsupponiert dem Analytiker dieses Wissen, unterstellt es ihm, gibt
terminierung des Mentalen und die Inthronisation des Ich können so als reine es ihm, um es dann zurückzufordern und macht es dadurch erst recht zu ei-
Abwehrphänomene gedeutet werden. Je stärker das Ich und je größer das nem Objekt. Zeigt der Analytiker sich diesem Anspruch des Subjekts gefü-
Vertrauen auf den Intellekt, desto größer die Abwehr. Evans bringt Lacans gig, macht er sich zur "Stütze seines alter ego,,280, perpetuiert also und mani-
Konjekturen auf den Punkt: "Das Ich weist eine paranoische Struktur auf, da festiert die Verkennungen des Spiegelstadiums.
es der Ort der paranoiden Entfremdung ist. Das Wissen (connaissance) selbst Bereits Freud hatte in seinen späten Jahren einen phantasmatischen Ursprung
ist paranoid."279 des Traumas angenommen, was sich von denen, die gerade auf die Anamne-
se und ein zu erlangendes Tiefenwissen alle Hoffnung setzten, leicht als Ver-
rat an der eigenen Sache auslegen ließ. Aber die Forschungen über zum Bei-
spiel das sogenanntefalse memory syndrom scheinen ihm Recht zu geben. 28t

280 Lacan, 1.. Schr. III, S. 184


281 Lacan folgte nicht der Auffassung, die Sich post Freud immer weiter herausgebildet hatte
und derzufolge mit der Wiedererinnerung des Verdrllngten die entscheidende Wendung im
Leben des Patienten emgetreten seI. Die wiederennnerte Vergangenheit ISt noch nicht die
verwundene und nirgends ist bei Lacan davon die Rede, dass ein durch traumatische Bege-
benheiten bedingtes Leiden durch Wiedererinnenmg der entsprechenden Ereignisse ver-
schwinden würde. Ein so lautender psychoanalytischer Mythos habe sich. so Lacan, post
277 Ebd. Freud und mcht ohne dessen Schuld zum Schaden der Psychoanalyse Immer mehr heraus-
278 Ebd. gebildet. Mit einiger Bosheit wäre das fa/se memory syndrom zu mterpretleren als Befrie-
279 Evans, D.: Wörterbuch der Lacanschen Psychoanalyse, S. 215 digung des Begehrens des (falschen) Analytikers. - WelChe Rolle Lacan der Anamnese in
124 125

Durchquerung des Phantasmas heißt auch, an jenen Ort zu fUhren, an dem Lacans Analyse geht den Weg der Destitution, den Weg der Durchquerung
s~ch die Nutzlosigkeit einer Rekonstruktion der Vergangenheit mit dem Ziel, des Phantasmas, nicht den der Rekonstruktion des Traumas. Die psychoana-
eine Heilung durch Wiedererinnerung zu erreichen, zeigt. Eine solche Auf- lytische Kaprice auf den traumatischen Kern, den es zu wissen gilt, ist für
fassung kann nicht ohne Konsequenzen bleiben fiir eine Bewertung der Deu- Lacan selbst eine der Resultate der dialektischen Verwandlungen des Wil-
tung. Nicht nur das Trauma, auch der interpretatorische Zugriff, der seiner Jens zum Nicht-Wissen. Lacans Analyse setzt statt auf Wiedererinnerung
habhaft zu werden begehrt, gehören zum Phantasma. Auch hier gilt: Die und Bearbeitung auf Entzug, auf die Privation mit dem anvisierten Ergebnis
Unmöglichkeit (von Geschlechtsverhältnis, von vollem Genießen) erzeugt der Desidentiftkation mit dem narzisstischen Bild. Die rekonstruierte, aber
all jene Fiktionen, die diese Unmöglichkeit zu rationalisieren versuchen. Der eben doch immer imaginär bleibende Biographie wird hintangestellt zuguns-
an Lacan geschulte Analytiker trägt dem Rechnung, nicht indem er den Sinn ten der symbolischen Identiftkation, die nichts anderes ist als die Nicht-
wiederherzustellen unternimmt durch eine durch Interpretation zu erzeugen- IdentifIkation.
de Verbindung, eine sinnvolle Beziehung zwis9hen in der Vergangenheit des "Genau darum geht es, am Ende der Analyse, eine Dämmerung, einen
Patienten sich zugetragen habenden Vorfallen mit seinen Leiden in der Ge- imaginären Weltuntergang, und sogar um eine Erfahrung an der
genwart, sondern indem er dem Verlangen des Subjekts nach Kontinuität Grenze der Depersonalisierung. So fallt der Zweifel weS - das Akzi-
und Ich-Identität gerade widersteht und die Signiftkanten auf ihren Un-Sinn dentelle, das Trauma, die Löcher der Geschichte _ [...],,2
reduziert.
Die Nicht-mehr-IdentifIkation mit dem narzisstischen Bild, zu der auch die
,,[...] Die Deutung richtet sich nicht so sehr nach dem Sinn, sondern
will die Signiftkanten auf ihren ,Un-Sinn' reduzieren, um so die De- Preisgabe der Vorstellung gehört, das Wissen um das Trauma verschaffe den
terminanten allen Verhaltens des Subjekts zu fmden.,,282 Zugang zum Kern der Person, ist dann die Bedingung der Restitution der
Begehrensfunktion. Denn die Rektiftzierung des Begehrens ist gekoppelt an
die Nicht-IdentifIzierung mit dem Spiegelbild und an die symbolische Identi-
der Psychoanalyse zugesteht, geht aus semem Text "Leeres Sprechen und volles Sprechen fIkation. Statt weiter seine Heilung und ein Verstehen zu verlangen, das sich
m der psychoanalytischen Darstellung des Subjekts" hervor: ,,[...] Es handelt sich m der schließt, steht das Subjekt schließlich vor der Entscheidung, sich als sterbli-
psychoanalytischen Ananmese nicht um Realität, sondern um Wahrheit [...] (Die) Wirkung ches Mängel- und Begehrenswesen realisieren zu müssen. Bis zu diesem
des vollen Sprechens (ist), die Kontingenz des Vergangenen neu zu ordnen, mdem es ihr Punkt genau fUhrt die endliche Analyse. Hier ist diejenige Wendemarke er-
den Sinn einer zukünftigen Notwendigkeit gibt [...]" (Lacan, 1.. Schr. I, S. 95) Die Anam-
nese zielt also nicht unbedingt auf das Moment der übereinstimmung einer Erinnerung mit reicht, an der, wie Lacan sagt, "die wahre Reise beginnt"284. Das Leiden, um
Ereignissen, die tatsächlich stattgefunden haben. Das, was wahr ist, hat Vorrang vor dem, dessentwillen das Subjekt die Analyse antrat, hat hier aufgehört, bloß eine
was Wirklich (gewesen) ist. - Im übrigen ist das Verdrängte bei Lacan ohne seme Wieder- Frage zu sein, es stellt radikal in die Verantwortung.
kehr Überhaupt nicht zu denken. Diejenige Möglichkeit besteht nicht, dass etwas verdrängt
würde und ntcht wiederkehrte. Das Verdrängte existiert nur m semer Wiederkehr. Wäre es
anders, käme man nicht umhin, em substanzhaftes Unbewusstes zu hypostasieren, das un- 4.2 Analyse versus Therapie
terschieden wäre vom Bewusstsem. Genau deshalb auch erreicht Jede letter ihren Empfiln-
ger, wie Lacan SChreibt (Im Text "Der entschwundene Brief' m den Schr. I) und Derridas
Widerspruch In diesem Punkt ist haltlos (in "Die Postkarte, 2. Lieferung"). Es ISt nicht so, 4.2.1 Das Verfehlen des Symbolischen
dass das Verdrängte im Unbewussten "weiterlebte" und drängte und (be)drückte, alle Akte Die Analyse vereinfacht die Probleme nicht, sondern macht sie schwerer. Sie
des bewussten Menschen subvertierte, allem emen Strlch durch die Rechnung machte, da
es permanent als abwesendes anwesend wäre. Eine solche substantialislerende Vorstellung schärft das Bewusstsein fiir die Vergänglichkeit, die Kontingenz und das
vom Unbewusten hegt Lacan eben gerade nicht. Das Unbewusste ist kemfond, der belie-
big alles aufuehmen karm, was aus dem Bewussten verdrängt wird. Vielmehr bedeutet
dass das Verdrängte und seine Wiederkehr nicht vonemander zu trennen sind, dass de;
Pnmärprozess schon l1umer vom Sekundärprozess (Interpretation. Strategien der Abwehr 283 Lacan. 1.. S I, Freuds technische Schriften, S. 294. Lacan spielt an dieser Stelle auf das
etc.) kontammlert ist und das Verdrängte nie "rem", in semer Bloßhelt zu denken und berühmte Distichon von Angelus Silesius an, in dem es um die Abtrennung des Akziden-
schon gar nicht zu ergreifen möglich ist (genausowenIg wie em Unbewusstes als solches). tellen vom Wesen geht: "Mensch werde wesentliCh: denn wenn die Welt vergeht / So fllIlt
282 Lacan, J.: S XI, Die vier Grundbegriffe, zit.n.. Evans, D.: Wörterbuch der Lacanschen Psy- der Zufall weg, das Wesen, das besteht."
choanalyse, S. 73 284 Lacan. 1.. Schriften I, S. 70
126 127

Unmögliche. Anders als die Therapie, die die Beendigung der Leiden, Ge- Befand sich der ,klassische Neurotiker' zur Zeit Freuds in der Klemme zwi-
lingen und Glück verspricht, ist die Psychoanalyse, jedenfalls lacanianisch schen Gesetz und Begehren, war sein Begehren durch das Verbot behindert
verstanden, eher eine Katharsis. Sie visiert eine Läuterung des Subjekts, ein oder verunmöglicht, so steht der Zeitgenosse vor einer anderslautenden Un-
wenigstens einmaliges Loskommen (doch dann bleibt der Zugang offen) von möglichkeit, nämlich der, nicht genießen zu können, wo er genießen soll.
den "Schlacken jeder Leidenschaft", um Theodor Fontlme zu zitieren der "Genieße!" lautet der in der permissiven Gesellschaft ultimative Befehl der
diesen Ausdruck auf das Spätwerk Goethes münzte. Die
psychoanalytische Instanz des Über-Ichs. Rektifizierung des Begehrens heißt bei Lacan, dem
~atharsis soll zur Rektifizierung des Begehrens führen und es geht nicht, wie Über-Ich-Gebot des Genießen-Sollens die Gefolgschaft zu verweigern. Je
in der Therapie, um die Wiederherstellung von Genussfahigkeit. Rektifizie- mehr mit dem Imaginären verbündetes Genießen, desto weniger Gesetz und
rung aber heißt nicht Angleichung des Begehrens an ein ihm äußerliches desto unmöglicher der Zugang zum Begehren. Denn dieser Zugang stellt sich
Maß, an eine Norm, an die signifikante Konvention, sondern seine Konfor- her über das Gesetz der symbolischen Kastration.
misierung mit sich selbst, die Adäquation mit dem Akt. Wie die Über-Ich-Instanz heutzutage anderes fordert als noch zur Zeit
Bereits Adorno hatte in jenem für seinen Stil typischen, an Schopenhauers Freuds lässt sich zum Beispiel an der Tatsache ablesen, dass heutzutage die
Invektiven gegen den Ungeist der Zeit und die Geistlosigkeit der Zeitgenos- Perversionen zunehmen bei gleichzeitiger Abnahme der Neurosen. Es wird
sen erinnernden ,leichenbitteren' Raisonnement die Armseligkeit einer an folgerichtig von einer "Normalisierung der Perversionen" gesprochen. Freud
der Rückerstattung der Genussfahigkeit des (neurotischen) Subjekts orien- hatte zumindest den einen Teil dieser Entwicklung für den Fall einer Libera-
tierten Psychoanalyse in äußerst prägnanten Formeln herausgestellt. Er be- lisierung der Sexualnormen vorausgesagt, nämlich den einer Abnahme der
streitet ihr als der Agentin des "falschen Bewusstseins" die Deutungskompe- Neurosen. Wie es aber gleichzeitig zu einer Zunahme der Perversionen
tenz' im Erfassen der Misere des entfremdeten Menschen, der condition hu- kommt, erklärt Lacan. Denn nach Lacan ist die Neurose nur eine missglückte
maine des 20. Jahrhunderts. Ulrich Raulff schreibt mit Blick auf Adorno: Perversion, woraus zu schließen ist, dass die Perversion gewissermaßen ur-
"Die Vokabel der ,Genussfahigkeit', welche die Psychoanalyse ihren sprünglicher ist als die Neurose. Der Grund für diese Vorgängigkeit der Per-
Patienten rückzuerstatten sucht, genügt dem Unerbittlichen, um den version liegt in der Tatsache der konstitutiven Dissoziierthett des Menschen
Stab über di~ ganze Therapie, sofern sie Befahigung zum richtigen und seiner Alienation im anderen, durch die ihm die natürliche Sexualität
Leben sein wIll, zu brechen. ,,285 von vornherein unmöglich ist. Es kann unter der Bedingung der Existenz von
Bewusstsein und Sprache in einer Welt, in der Begehren wie Diskurs stets
Es liegt Adorno nichts an der Unterscheidung einer echten, authentischen die des anderen sind, keine ,natürliche Sexualität' geben, kein ,natürliches
Analyse und einer verflilschten, missbräuchlich gehandhabten. Bei Lacan Sexualobjekt'. Der Zugang zum Geschlechtspartner kann beim Menschen
nun freilich geht es gerade nicht um die Wiederherstellung der Genussfahig- immer nur über Simulacren erfolgen, wie zum Beispiel einem Fetisch, wes-
keit, sondern eben die Rektifizierung des Begehrens. Das Ziel einer Rücker- wegen ein ,volles Genießen' unter der Bedingung des Menschseins für im-
sta~g der Genussfahigkeit ist bei Lacan das Kennzeichen eines psychoana- mer eine Fiktion bleiben muss oder nur um den Preis eines vollständigen
lytischen Irrwegs. Dagegen hat, wie Lacan meint, Verlassens der sozio-symbolischen Ordnung möglich ist, also um den Preis
,,[...] die [echte, JA] Analyse [...] nur ein Ziel: das Genießen zu zü- des ,sozialen Todes'. Genau dies ist es, das die Avantgardisten der "sexuel-
geln".286 len Revolution" (und ihre Vorläufer, z.B. Reich) immer verkannt haben. Sie
,glaubten' folgerichtig an ein ,vollen Genießens', dessen Möglichkeit einzig
durch die restriktive Sexualrnoral verhindert würde. Aber genau dieses
Gnießen bleibt heutzutage aus, obwohl kaum noch moralische Standarts der
Freiheit des Subjekts im Wege stehen. Die für den Menschen konstitutive
285 Raulff, U.. ,,50 Jahre Mimma Moralia. Aufforderung zum Tanz", in: SüddeutsChe Zeitung und strukturelle Unmöglichkeit eines ,vollen Genießens' und folglich das
28.08.2001 ' Naheliegen der Perversion erklärt Zizek folgendermaßen:
286 Lacan, J.. Discours de clouture des Joumees sur les psychoses chez I'enfant, In Recherches.
Sonderheft "Enfance alienee", 11.Dez. 1968, S. 145/46; dt. Übersetzung der zitierten Stelle "Die Lacansche Aussage ,Es gibt kein sexuelles Verhältnis' bedeutet
in: Derrida, Jaques, Die Postkarte, 2. Lieferung, Berlin, 1987, S. 264, Fußnote 25 letztlich, daß wir, wenn wir ,es tun', wenn wir den Geschlechtsakt
128
129

vollziehen, irgendein phantasmatisches Supplement benötigen, an et- Ersetzt man im Text von Adorno den Begriff Psychoanalyse durch den der
was anderes denken (phantasieren) müssen. Wir können uns nicht Therapie, wird es leicht, die adornosche Sichtweise mit der Lacans kurzzu-
einfach der unmittelbaren Lust dessen hingeben, was wir gerade tun, schließen. Beide erfassen die Zusammengehörigkeit der scheinbar despera-
wenn wir dies tun, geht die lustvolle Spannung verloren. Dieses ,an- testen Felder. Reales und Imaginäres stehen sich unvermittelt gegenüber und
dere', welches den Akt selbst aufrechterhält, ist der Gegenstand des
wo das die Beziehung zwischen diesen beiden vermittelnde Symbolische
Phantasmas; normalerweise handelt es sich um irgendein ,perverses'
Detail (irgendein idiosynkratisch~s Merkmal des Körpers des Partners stehen müsste, klafft ein Abgrund. In Adornos Analyse gibt es auf der einen
oder irgendeine Besonderheit des Ortes, im dem wir es tun, bis hin zu Seite
dem imaginierten Blick, der uns beobachtet).,,287 ,,[...] die dezidierte Proklamation von Verschwendungssucht und
Champagnerfröhlichkeit, wie sie früher den Attaches in ungarischen
Es nimmt übrigens unter der Bedingung einer weitgehenden Unbeeinflusst- Operetten vorbehalten warf mit tierischem Ernst zur Maxime richti-
heit von christlich/abendländischer Sexualmoral auf dem Boden einer hoch- gen Lebens erhoben [...],,29
entwickelten, verfeinerten Kultur nicht Wunder, dass das heutige Japan das
Eldorado der Perversionen schlechthin ist. - Gleichwohl, die Perversion ge- und auf der anderen die
hört der Ordnung eines Willens zum Genießen an und bei Lacan ist das Ge- ,,[...] Errichtung von Menschenschlachthäusern so weit hinter Polen,
nießen, nicht das Begehren, das Untersagte. Glück kann deshalb die Analyse daß jeder der eigenen Volksgenossen sich einreden kann, er höre die
288
gerade nicht versprechen. Indem aber Adorno die Psychoanalyse mit ihrer Schmerzensschreie nicht. Das ist das Schema der ungestörten Genuß-
Verfallsform, der von Lacan perhorreszierten Ego-Psychologie, der amerika- fähigkeit. ,,292
nischen Analyse und den mediokeren Therapieformen verwechselt, bzw.
verwechseln will, wie Raulff, sicher nicht zu Unrecht; mutmaßt289, sieht er Diese Stellen aus der "Minima Moralia" müssen natürlich vor dem Hinter-
sie auf das zukünftige Glück und die Rückerstattung der Genussfahigkeit grund der Erfahrung des NS gelesen werden. Sie lassen sich jedoch mühelos
kapriziert und verwirft sie deshalb in toto. Er schreibt: in Lacans Schema einfUgen. Charakteristisch ist das Verfehlen der symboli-
"Die Psychoanalyse tut sich etwas zugute darauf, den Menschen ihre schen Ebene. Es fehlt die Ebene des Gesetzes (der symbolischen Kastration).
Genussfähigkeit wiederzugeben, wie sie durch die neurotische Er- Bei Adorno fUhrt ein "gerader Weg" vom "Evangelium der Lebensfreude"
krankung gestört sei. Als ob nicht das bloße Wort Genußfahigkeit ge- (gespeist aus dem Imaginären, dem Mythos eines vollen Genießens) zu jenen
nügte, diese, wenn es so· etwas gibt, aufs empfmdlichste herabzuset- "Menschenschlachthäusern". Dem "Evangelium der Lebensfreude" ent-
zen. Als ob nicht ein Glück, das sich der Spekulation auf Glück ver- spricht heute die Ideologie der sogenannten Spaßgesellschaft mit ihrem Hang
dankt, das Gegenteil von Glück wäre, ein weiterer Einbruch instituti- zum perversen Genießen. Im Verfehlen der symbolischen Ebene durch die
onell geplanter Verhaltensweisen ins immer mehr schrumpfende Be- Nicht-Anerkennung, Leugnung oder Verwerfung des Gesetzes der symboli-
reich der Erfahrung.,,290 schen Kastration wird die Realität, wie Lacan sagt, zur "Grimasse des Rea-
len,,293. Auf der einen Seite, als diese Grimasse, die ewige TV-Präsenz der
vom Willen zum Genuss bereits deformierten Gesichter, die imaginäre Hol-
lywood-Welt mit ihren narzisstisch-exhibitionistischen Selbstdarstellern und
287 ZiZek, S.: Die Furcht vor echten Tränen, S. 227 auf der anderen das Reale selbst, so weit weg von der westlichen Welt wie
288 Glück ereignet Sich, fasst man die Sache iacanlanlsch auf, Im Spleien mit dem Signifikan- Guantanamo Bay, wo die Gefangenen in einer Art ,rechtsfreiem Raum', mit
ten und III seinem Entziffern. Das mögliche Glück (bonheur) im Unterschied zum unmög-
lichen liest Lacan als bon heurt, d.h. "gute Begegnung", (demgegenüber: malheur = mal
heurt). Es ISt elll Zusanunentreffen mit elllem Objekt, das ,sonst' verfehlt wird. Lacan gab
seinen "präsuppomerten Analytikern" den Rat, um sie die Lust im Entziffern des Signifi-
kanten zu lehren, sich im Lösen von Kreuzworträtseln zu üben.
291 Ebd., S. 73f.
289 Raulff bringt hier Vatermordmotive versus Freud ins Spiel.
292 Ebd.. S. 75
290 Adorno, Th. W.. Mimma Moralia, S. 74
293 Zit. n.. Evans, D.: Wörterbuch der Lacanschen Psychoanaiyse, S. 253
130 131

dem Etikett ,böse' versehen, schlimmer gehalten werden als dies heutzut der ]ouissance auf und anstelle der Probleme mit dem w~hren. Ich; dem
age vol-
bei Zootieren der Fall ist. 294 len Genießen und der adäquaten Selbsterkenntnis stellt Sich plötzhch
em an-
deres. In der drastischen Sprache der alten Zen-Texte wird dieses Problem
4.2.2 Die Therapie ist Symptom einmal so zur Sprache gebracht:
Der gemeinsame Nenner der auf die Rückerstattung von Genussflihigke Ein Mönch fragte: Was ist das Problem?' Meister Junmen sagte:
it
spezialisierten Therapien ist der Wille zur Nicht-Akzeptanz der symbol "Daß du den Gestank'deiner eigenen Scheiße nicht bemerkst. ",296
schen Kastration. Wenn Lacan sagt, es gehe darum, das (mythische,
i- ,
imagi-
näre) Genießen zu zügeln und die symbolische Kastration anzuerkennen Am Ort der Wahrheit" sieht sich das Subjekt irgendwann unweigerlich
so mit
Adomo, dass . ' sein~~ joutssance konfrontiert. Das Wissen, das es hier erlangen kann, be-
"[00'] die Leute durchweg zu wenig Hemmungen haben und nicht zu stimmt Lipowatz wie folgt:
viele, ohne doch darum um ein Gran gesünd er zu sein" und es in einer Am Ort der Wahrheit ist das Wissen ein Wissen über die Verbin-
"kathartische(n) Methode, die nicht an der gelungenen Anpassung dung von Differenz, Gesetz, Sprache, Geschlecht, Begehren, Genuß
un~ dem ökonomischen Erfolg. ihr Maß fmdet" darum und Tod [...]"297
gehen müsse,
"die Menschen zum Bewusstsein des Unglücks, des allgemeinen und
des davon unablösbaren eigenen [...] zu bringen" Dagegen bedarf die Illusion eines substantiellen un~ ei?entlichen Ich
wie ~ie
der uranflinglichen Ganzheit des Subjekts der standlgen Neuko,nstruktlO
Aus der Sicht Lacans sind die Therapie und die falsch verstandene Analyse n
durch die Therapeuten. Das Subjekt, dem solche Wohltaten erwiese
selbst als Symptom zu werten. Sie stellen ein versöhntes Selbst in Aussich n ,,:e~­
t den, wird noch Probleme erfinden, wo keine sind --: das Schlagwort "Sens,lb
l-
geben einem imaginären Wunschbild die Fassung eines erreichbaren
objek~ lisierung" meint nach N. Bolz, dass man "mehr leidet, obwohl man wemge
r
tiv Wirklichen und intendieren dabei, das Subjekt zum Statthalter dieses Grund dazu hat,,298, Der "Sieg des Therapeutischen"299, von dem heute
an die
der Norm orientierten, leer-abstrakten alter ego zu machen, das es dann Rede ist meint dass die Therapie selbst der Genuss ist, zu dem sie
für führen
sein authentisches, wahres Ich halten kann. Die Therapiegläubigen sollen soll. Da~ konthtgente Herumirren der Signifikanten ist nicht so schlim~
eigentliches Dasein in einem Bild von sich manifestiert finden. Beim
ihr ,
An- wenn nur die Therapie mit dem direkten Draht zu Groß A, den zu ?ab,en
blick ihrer urbildlichen Gemeintheit sollen sie Trost fmden für ihr verleug sie
ne- den Anschein wahrt transzendental verbürgt, was der tiefsten narzisst
tes, sich aber perpetuierendes Verfehlen oder dieses sogar umdeuten ischen
in ein Sehnsucht des Subj~ktS entspricht. Zizek bringt es auf den Punkt:
Gelingen. Die Kontingenz der Existenz wird zugunsten einer imaginä
ren "Das grundsätzliche Kennzeichen der Kultur der Klage ist die Anru-
Wohlgeratenheit verdrängt und das durch die Alienation im anderen
konsti- fung des großen Anderen, verbunden mit der Aufforderung zu mter-
tutiv dissoziierte Subjekt fmdet sein Heil, seine Ganzheit in diesem therape
u- venieren und die Sache in Ordnung zu bringen" ,300
tisch gestützten Imaginären. Der Wunsch lautete, wiederhergestellt
zu be-
kommen, was geflihrdet scmen und die Reintegration der Illusion leistet
die Bezeichnenderweise ist heutzutage von Therapiesüchtigen die Rede.
Therapie. Diese
Spezies taucht auf, weil die Therapie selbst die Befriedigung li~fert,
In der Therapie "geht man nicht zu Boden", wie Lacan im Fernsehintervie die ,sie
w verspricht. Wenn sie selbst die Befriedigung schon ~st, zu de~ sie vermem
sagt.295 Im Zu-Boden-Gehen der Analyse tut sich ein Blick in den Abgrun t-
d lich erst führt, ist es notwendig, dass sie endlos ist. Sle muss Sich also
endlos

294 Hier ließe sICh Jedoch, ohne die theoretische Ebene zu wechseln, auch 296 Zen-Worte vom Wolkenberg: Meister Yunmen. S. 45
ein Diskurs über die
jeder Beschreibung spottende Haltung von Nutzvieh (auch ein ammal, em 297 L1powatz, A.: Diskurs und Macht, S. 226
schmerzempfin-
dendes Wesen) in unserer humanen Gesellschaft anschließen - die Transport 298 BOlZ, N.. Die Konformisten des An(jerssems, S. 112 .
e zu den
Schlachthöfen finden bekanntlich vornehmlich nachts statt, um der Bevölker 299 VgI. hierzu: Arokiasamy, A.M.: Warum Bodhidharma in (jen Westen ..., S.
ung den An- 118
blick und das Brüllen dieser geschundenen Kreaturen zu ersparen. 300 Zizek, S.. Liebe (jeinen Nächsten ...?, S. 158
295 Lacan, 1.. RIT, S. 64
132 133

fortsetzen in Form einer, wie Hegel sagen würde, schlechten Wiederholung. Schmerz des Existierens selbst ist und die Bearbeitung des Traumas sind
Ihrer Unbeendbarkeit entspricht die ausbleibende Ganzheit des Subjekts. verschiedene Dinge.
Ganzheit ist ja neben Genussfähigkeit das sakrosankte Ziel des zeitgemäßen Die Differenz, die die Therapeuten bearbeiten, ist die zwischen dem (imagi-
Willens zum Nicht-Wissen. I
nären) Ego und einem (imaginären) alter ego. Die Analyse demgegenüber ist
N. Bolz beschreibt das Kulturphänomen der Therapiesucht in seinem Buch befasst mit der Wende vom "imaginären Unvermögen zum Unmögli-
"Die Konformisten des Andersseins" folgendermaßen: chen,,304, Dass die Therapie das imaginäre Genießen in das Genießen der
Therapie selbst prolongiert, darüber muss sie Schweigen bewahren, anderen-
"Das Individuum entsteht in der Selbstbeobachtung seiner Leiden- falls wäre mit ihrem Abbruch zumindest zu rechnen. Psycho-Therapie ist
doch das will gelernt sein. Zum Individuum gehört deshalb der The- nicht zuletzt ein florierender Erwerbszweig.
rapeut, der Berater der Leiderfahrung, der Trainer der Selbsterlösung.
Er sorgt dafiir, dass sich die Individualität als Dauertherapiebedarf, 4.2.3 Zwei Kennzeichen zur Unterscheidung von Psychoanalyse und
als permanente Heilsbedürftigkeit deutet. In der therapeutischen Ge- Therapie
meinschaft wird jeder stimuliert, über sich selbst und seine Probleme
zu sprechen - unter der Voraussetzung, daß man nicht nicht verstan- Hier seien abschließend noch zwei zueinander in Beziehung stehende Kenn-
den werden kann. So werden wir alle immer sensibler. Sensibilisie- zeichen genannt, anhand derer sich die Psychoanalyse von den heute gängi-
rung heißt ja, .daß man mehr leidet, obwohl man weniger Grund dazu gen Therapieformen unterscheiden lässt: Die Therapien behandeln in den
hat.,,301 . meisten Fällen die frühkindliche Mutter-Kindbeziehung und die Frustration,
nicht die Privation. Borens schreibt dazu:
Nach 'solchem Deutungsschema ist die Zen-Übung keine Therapie, wenn
"Mit Frustration (frustrer - jemanden um etwas bringen) bezeichnet
doch, dann "eine wunderbare östliche Therapie"302, wie der Zen-Meister A- man den Akt, in dem die Mutter dem Kind ein Objekt eines biologi-
rokiasamy schreibt. Der Zen-Meister L. T. Tenbreul fordert zu einem ande- schen Bedürfnisses vorenthält, es ihm versagt.,,305
ren als im Phänomen der Therapiesucht zum Ausdruck kommenden Umgang
mit dem Leiden auf, indem er zwischen zwei Arten von Leiden unterschei- Die Therapie dreht sich um das Zentrum der Abwesenheit dieses Objektes
det: und die Möglichkeiten seiner (Rück)Erstattung. Die Wendung weg von der
"Der Unterschied zwischen echtem, durchdringenden Leiden und ei- Privation hin zur Frustration und mit ihr einhergehend die von der Analyse
nem albernen Leiden an sich selbst besteht darin, daß echtes Leiden der ödipalen Triangulation hin zu der der frühen Mutter-Kindbeziehung ist
die Konturen schärft, etwas klarstellt, die Schärfe und Kürze der Zeit nach Borens datierbar:
erkennen läßt und letztlich bedeutet, nicht daran zu leiden; Leiden an "Diese Wendung zur Frustration hin fand in den fünfziger Jahren
sich selbst verwischt die Sicht, man leidet an sich selbst ein Leben statt, als sich das Interesse der meisten Psychoanalytiker vom Ödi-
lang, ohne zu begreifen, was Leiden wirklich meint.,,303 puskomplex weg zu den frühen Mutter-Kindbeziehungen verlager-
te.,,306
Der strenge Formalismus der Analyse wie auch des Zen gegenüber dem
Formenwucher der Therapieformen (die sich entsprechend häufig auf die Lacans (unzeitgemäße) Programmatik der Rektifizierung des Begehrens in
,Macht der Fantasie' berufen) bringen die Distanznahme des Subjekts zum seiner Konformisierung mit dem Akt ist immer mit der Abwendung vom i-
imaginären Ich, einem imaginären, mythischen Genießen und dem diesem maginären Schaden und der Hinwendung zur symbolischen Kastration ver-
entsprechenden Leiden auf den Weg. Das Zeigen auf die Wunde, die der

304 Lacan, 1.. R/f, S. 42


301 Bolz, N.. Die KonformIsten des Andersseins, S. 112 305 Borens, R.. WiderstlInde der Psychoanalyse, m: Riss, Zeitschrift filr Psychoanalyse,
302 Arokiasarny, A.M.. Warum Bodhidharma m den Westen ..., S. 118 Freud.Lacan, Nr. 43, S. 20
303 Tenbreul, L.T., m: Zen-Info, Nr. 62,63/1999, S. 23 306 Ebd., S. 19
135
134

bunden. Dazu ein längeres Zitat aus dem Text von Borens, der seinerseits Weg zur Privation freigelegt [ist], der dann seinerseits die Ausgangs-
Lacan zitiert: basis für die symbolische Kastration sein kann. ,,308

"Nichtanalytische Therapiemethoden und psychoanalytische Strö-


mungen, die sich besonders in der imaginären Deutungsebene der
Frustration bewegen, züchten frustrierte Patienten heran, die auf die- 4.3 Das adressierte Selbstgespräch
ser Ebene der Ansptiichlichkeit, auf der sie etwas fordern, was ihnen Alles, was uns widerfährt, alles, was wir
vermeintlich zusteht, ~ionieren. Das Objekt der Frustration ist ein sagen oder was uns erzählt wird, alles, was
Objekt, das vom anderen besessen wird, das der andere entwendet wir mit unseren eigenen Augen sehen oder
hat. Das Musterbeispiel hierfür ist die Mutterbrust, die der Rivale, das was uns von den Lippen kommt oder in un-
jüngere Geschwister, bekommt. sere Ohren dringt, alles, was wir unmittel-
Frustration', schreibt Lacan, ist in ihrem Wesen der Bereich der bar erleben (und wofür wir daher ein Stück
Ansptiichlichkeit. Sie betrifft nicht eine Sache, die gewünscht und Verantwortung tragen), muß einen Adres-
nicht gehalten wird, sondern die gewünscht wird ohne irgendeinen saten außerhalb unserer selbst finden, und
Bezug zu einer Möglichkeit der Befriedigung oder des Erwerbes. Die diesen Adressaten wählen wir uns je nach
Frustration ist in sich selbst der Bereich der ungezügelten und gesetz- dem, was geschieht oder was uns gesagt
losen Forderungen. Der Kern des Konzeptes der Frustration, insofern wird oder was wir selber sagen. (Javler
sie eine der Kategorien des Mangels ist, ist ein imaginärer Schaden.' Marias, "Alle Seelen ")
Abgesehen von klinischen Anwendungen dieser Differenzierung der
Josef Beuys sitzt vor vorbeiziehenden Besuchern bewegungslos in einem
verschiedenen Formen des Mangels - es sei nur darauf hingewiesen,
leeren Raum vor einem flimmernden und rauschenden TV-Gerät auf einem
dass die Differenzierung von Privation und Frustration Unterschei-
dungen zwischen Alkoholismus und Drogensucht ermöglicht, indem Stuhl, mit einem ausgestopften Hasen auf dem Arm. Das Environment trägt
erstere der Frustration, letztere der Privation zugeordnet werden den Titel Wie erkläre ich dem toten Hasen die Bilder?" Es haftet dem etwas
kann - erlaubt sie auch der aktuellen Tendenz entgegenzuwirken, den schmerzh~ft Sinnloses an, einem "toten Hasen Bilder zu erklären". Aber al-
Analysanten immer schlimmere und frühere Störungen anzuhängen. legorisiert das Szenarium nicht genau den Normalzustand des gewö~lichen
Die Leere, das Loch, das so oft unter einer mehr oder weniger lauten heutigen Medien- und insbesondere Fernsehkonsumenten? Sem 1nneres
Symptomatologie befürchtet wird, ist tatsächlich vorhanden, ist aller- Selbstgespräch richtet sich an einen anderen, dem er "die Bilder erklärt", un-
dings für das Subjekt, für jedes Subjekt konstituierend und nicht etwa bewusst präsupponierend, dieser führe gleichsam Buch über alle' seine Ge-
Zeichen einer schweren Störung oder einer Psychose. [... ]"307 danken, Erwägungen und Schlüsse. . .. . . .
Auch das sogenannte Selbstgespräch ist also adres~lert. Urs~chhch für se~
Häufig jedoch bestehen Analysanten mit ganzem Einsatz ihrer Person gerade Stattfmden ist die für den Menschen konstitutive Ahenatlon 1m anderen. D1e
darauf, als Kranke genommen und behandelt zu werden. Der Analytiker hat Dissoziation des Menschen durch das adressierte Selbstgespräch fällt des-
hier stets sein Enthüllungsbegehren zu mäßigen, um nicht bereits halb geöff- halb in psychoanalytischer Sichtweise auch nicht in den Bereic~ der Psycho-
nete Türen wieder zuschlagen zu lassen, aber es bleibt dabei, dass erst se und ist nicht mit den Phänomenen der sogenannten DereallSlerung oder
Depersonalisation zu verwechseln. Auch muss bei einem Individuum die
,,[...] wenn die Verkennungen der Frustration, diese Verkleidungen
des ursprünglichen Mangels, aufgehoben sind, [...] der schmerzliche Trias von Imaginärem, Realem und Symbolischem nicht in bizarrer Welse
verbunden sein damit es stattfinden kann. Das adressierte Selbstgespräch ist
eine elementar~ Äußerungsweise der für das Sprechwesen konstitutiven A-

307 Ebd., S. 21 308 Ebd., S. 22


136 137

lienation im anderen. Diese kann nicht überwunden werden. "Der Andere ist geschlossenheit des "Weltinnenraums". In ~er "heuti~enCybe~~flacegemein-
für mich konstitutiv", wie Arokiasamy schreibe o9, ganz auf der Linie La- de" koexistieren demnach "globale Harmome und SolIpSIsmus .
cans. Das Fehlen eines äußeren Gegenstandes, der die Aufmerksamkeit in Die Analyse aber bewirkt den Austritt aus einem solchen Käfig, der wie ein
Anspruch nimmt, intensiviert noch die Aktivität des adressierten Selbstge- Palast scheint, indem sie zur Wahrnehmung des wirklichen anderen außer-
spräches. Während der übung des Zazen schaut man, ohne sich zu bewegen, halb des Netzwerks der totalen Kommunikation und außerhalb des "Weltin-
etwa einen Meter vor sich hin und ist in seiner Bewegungslosigkeit "geschäf- nenraums" zwingt (die eben zur Ununterscheidbarkeit tendieren). Während
tig wie ein Affe". der Begegnung mit diesem wirklichen anderen kommt es dann zu einer ande-
Um ein weiteres Beispiel zu nennen: Die meisten Menschen haben es erlebt, ren Koinzidenz, einer zutiefst verstörenden, der von absoluter Fremdheit und
sich allein auf Reisen zu befinden und allj:: Eindrücke, die sie empfangen, absoluter Nähe. Niemand ist uns fremder als der Nächste.
augenblicklich einer nicht mitreisenden anderen Person mitzuteilen, einer Das Bild des im "Weltinnenraum" totaler Kommunikation verlorenen Sub-
Freundin oder einem Freund, den Eltern, dem Lehrer oder Schüler. Ja, das jekts aber verschmilzt mit dem des Narziss. Im adressierten Selbstgespräch
Erlebte ist unmittelbar mit diesem gleichzeitigen Erzähltwerden verbunden. ist der andere als anderer, in seiner irreduziblen Alterität, geschweige denn
Das Selbstgespräch wendet sich an den anderen als einer Figur innerhalb ei- anerkannt, er ist gleichsam bereits urgetötet, so tot wie der tote Hase aus o-
ner phantasmatischen Realität. Wer der andere für das Subjekt ist, welchen bigem Beispiel. Für den Narziss ist eben nur der tote andere der gute andere.
Platz er in dessen fantasierter Realität einnimmt, kommt im Selbstgespräch Und nur als dieser urgetötete andere besetzt er einen Ort im phantasmati-
am reinsten zum Erscheinen. 310 Im alltäglichen sozialen Leben wird dieser schen "Weltinnenraum" des Subjekts, den es für die Realität nimmt. Deshalb
phantasmatische andere von Fall zu Fall durch die Realpräsenz des wirkli- wird in der Analyse das Bild des anderen vom wirklichen anderen abgelöst.
chen anderen daran gehindert, den Platz einzunehmen, den er im imaginären Hier ist noch eine wichtige Unterscheidung am Platz: Was Lacan den großen
Universum des Subjekts innehat, dem Raum des Phantasmas, in dem alles Anderen nennt, das ist der nicht der Kastration unterworfene andere. Der
vom wirklichen anderen unberührt bleibt. Das Phantasma ist nicht nur die wirkliche andere ist im Unterschied zum anderen des Phantasmas nämlich
"Armatur der Gedanken", es strukturiert auch die Subjekt-Objekt-Beziehung. der Kastration unterworfen. Der phantasmatische und also große Andere, an
Das Hervortreten des wirklichen anderen ohne das phantasmatische Schutz- den sich das Selbstgespräch richtet, ist dies nicht. Er darf es auch nicht sein,
schild, das vor seiner massiven Präsenz abschirmt, geflihrdet dann die Reali- denn nur als nicht-kastrierter anderer (und als solcher ist er tot) kann er für
tät als solche in ihrem Bestand, denn diese ist analytischerweise ja nur anzu- das Subjekt Garant und Stütze seiner Realität, seines Daseins sein. Nur als
gehen als zum Phantasma gehörig. In der Abgeschlossenheit und Verloren- anderer des Phantasmas verbürgt er ihm das In-der-Welt-sein als zwar unter
heit seines von der Alterität des anderen unberührten "Weltinnenraums" (das dem Leitstern des Imaginären stehendes, aber gerade dadurch auch sinnhaf-
Kompositum ist eine Sprachschöpfung Rilkes) aber geschieht dieses Selbst- tes Geruge, in dem tendenziell alles in eine Narration übersetzbar ist.
gespräch ohne Unterlass. In hierzu passendem Zusarnrnenhang gibt Zizek ei-
ne interessante Deutung von Leibniz Monadenlehre. Wo wir Wirklichkeit
4.4 Das Zurückgeben der Frage in umgekehrter Form
nur noch als Screen-Phänomen ,konsumieren' und es letztlich unsicher
bleibt, ob wir mit dem wirklichen anderen hinter dem Bildschirm kommuni- Jemand fragte: "Was ist Schweigen wäh-
zieren oder einfach nur mit "gespenstischen Simulacren", koexistieren die rend des Sprechens?" Der Meister antwor-
totale Kommunikation, die uns erlaubt, mit jeder beliebigen "Monade" des tete: "Da ist dir eine klare Chance durch
globalen Raums jederzeit in Kontakt treten zu können und die absolute Ab- die Finger geschlüpft!" Der Frager fuhr
fort: "Und wie steht es mit dem Sprechen
während des Schweigens?" Der Meister
schrie: "Schiaaaa! "(Aus: Meister Yunmen,
Zen-Worte vom Wolkentorberg)
309 Aroklasamy, A.M.. Warum Bodhidharma in den Westen kam, S. 156
310 Daher auch der Wert, den die Psychoanaiytiker der sogenannten "freien ASSOZiatIOn" bei-
messen, da in ihr das Selbstgespräch gieichsam öffentlich gemacht Wird. 311 Vgl.. Zizek, S.. Die gnadeniose Liebe, S. 99
138 139

Der alte chinesische Zen-Meister Yunmen bezeichnete ein Sprechen, das, la- der. Realisation der Frage als Eintritt in die Verantwortung. Antworten kann
canmäßig ausgedrückt, unter dem (imaginären) Geleit eines (imaginären) sich so gerade nicht auf letztes Wissen gründen, sondern gerade auf das Wis-
Groß A steht und von diesem versichert sich wähnt, als "Kauderwelsch" und sen des Fehlens dieses Wissens. Die besondere Art des ,abschlägigen Be-
"Traumgefasel,,3!2. Das "leere Sprechen", sagt Lacan, ist wie "Starengezwit- scheids', den in so vielen Zen-Beispielen die Meister ihren Schülern geben,
scher" oder das "Wau Wau der Hunde,,313, wie das Lallen von Kleinkindern ist die Zurückweisung der Frage, die gestellt wird, die die Schüler haben,
(lalalangue). Unter "leeres Sprechen" fallt die Rede des "man", jede konsta- zugunsten der Evokation der Frage, die sie sind. Die Verantwortung des
tive Prädikation, jede Tatsachenfeststellung, ebenso das Vorbringen von Sprechens in der analytischen Situation gründet auf dem Wissen, dass es
Vorstellungen und Meinungen, solange hinter solchen Äußerungsformen ein immer nur diese Frage ist, die die Antwort bereits enthält.
Sich-Verschanzen, In-Deckung-Gehen hinter der Wucht des Realen - des Abbruch des adressierten Selbstgesprächs bedeutet dann im Zusammenhang
Geschlechts, der Kontingenz, der Vergänglichkeit - steht. Demgegenüber mit der Frage, die das Subjekt ist: Abwendung vom imaginären, als nicht-
kann das "volle Sprechen", der performative Sprechakt, das Sprechen als ak- kastriert supponierten anderen, dem "unterstellt wird zu wissen" zugunsten
tives Handeln, als eine Art regulatives Ideal der lacanschen Analyse gelten. einer effektiven Realisierung dessen, dass der Diskurs je schon der des ande-
Nur auf der symbolischen Ebene ist es möglich, dem Realen gerecht zu wer- ren ist und es keine Metasprache gibt. So ereignet sich die Realisierung des
den. Der Psychoanalytiker muss von der Macht der Worte wissen, muss wis- Daseins als Mitsein. Den Widerstand des Analytikers macht aus, wenn er die
sen, dass Worte heilen können oder ins Unglück stürzen; sie können "Hyste- "kontinuierliche Übung" nicht aufrechterhält und das ist jedesmal dann der
rikerinnen schwanger werden lassen,,3!4, also gewissermaßen Wunder voll- Fall, wenn er der Versuchung erliegt, auf Fragen im gewöhnlichen Sinne zu
bringen (wie in den Evangelien), sie können auch einem Subjekt die "Zei- antworten; also nicht die Frage selbst in umgekehrter Form (in ihrer wahren
chen seines Schicksals übergeben; [...] die Wörter (mots) [...] die (es) treu Form) zurückzugeben, sondern ein Wissen anzubieten, das sich schließt, ein
oder abtrünnig werden lassen,,315. Ein einziges Wort oder ein Satz, aber auch Mehr-Wissen, das vermeintlich dazu taugt, die "Löcher zu stopfen". Die Un-
eine Geste, davon berichten die alten Zen-Chroniken, kann Schicksale pola- terbrechung der Übung zieht so notwendig die Verfehlung des vollen Spre-
risieren. chens nach sich.
Lacan hat in seiner Deutung der Erzählung "Der entschwundene Brief" von Lacan hat sich statt mit dem Widerstand des Analysanten nur mit dem des
Edgar Allen Poe gezeigt, wie keine letter jemals nicht ihren Empfanger er- Analytikers befasst. Seine Ablehnung der sogenannten Widerstandsanalyse
reicht. 316 Der Grund hierfür ist, dass eben der Diskurs stets der des anderen erhält von hier aus ihren Sinn.
ist. Weil der Diskurs der des anderen ist, inkarniert sich das Subjekt als Fra-
"Deshalb bin ich versucht zu sagen, daß es in der Analyse einen ande-
ge. Es ist seine Frage und dies zu wissen, stellt radikal in die Verantwortung. ren Widerstand als den des Analytikers nicht gebe. Denn dieses Vor-
Antworten im Ethos des lacanianischen Analytikers, die Verantwortung auf urteil [dass der Widerstand auf Seiten des Analysanten liegt, J.A.]
sich nehmen, kann deshalb nicht anders geschehen als durch das Zurückge- kann nur durch eine wahrhaft dialektische Umkehrung aufgelöst wer-
ben der Frage und zwar, wie Lacan sagt, in umgekehrter, in ihrer wahren den, überdies ist es nötig, daß diese sich beim Subjekt durch kontinu-
Form. Das Zurückgeben der Frage in umgekehrter Form bewahrt die Frage, ierliche Übung aufrechterhält. Das ist es, worauf in Wahrheit sämtli-
und dies ist wichtig, insofern sie selbst ja schon Antwort ist. Die Frage, die che Bedingungen der Ausbildung des Psychoanalytikers zurückge-
das Subjekt ist, ist zugleich schon Antwort. Dieses Wissen ist die Bedingung hen.,,3!?
Die Verortung des Widerstands auf der Seite des Analysanten macht die A-
312 Wenn Jemand sem Vertrauen auf die buddhistische Lehre artikulierte, habe Junmen geant- nalysepraxis zu einer Ausübung von Macht. In einer solchen Praxis hat der
wortet: "Nichts ais Traumgefasel". Über den Buddha soll er gesagt haben: "Dieser aUe m- eine die Fragen und der andere die Antworten. Die "Dialektik des Ich und
dische Knacker Ist doch schon lange tot!" (Zen-Worte vom Wolkenberg; Meister Yunmen, des anderen [ist aber gerade] die [...] Sackgasse des Neurotikers" und so
S.57)
313 Lacan, Jaques: S XXII, R.S.I., S. 68/69
verstärkt eine solche Analyse noch zusätzlich das Gefangensein des Subjekts
314 Lacan, J.: Sehr. I, S. 144
315 Ebd., S. 120
316 In: Lacan, J.: Sehr. 1, "Das Semmar über E. A. Poes ,Der entwendete Bnef, S. 7-44 317 Lacan, 1.. Sehr. III, S. 187
140 141

in der Intersubjektivität als dualer Beziehung. Macht ist immer der Verhinde- stehe immer noch nicht. Gibt es irgendwelche Worte, die das Brüllen
rungsgrund ftir eine Praxis, die Lacan eine "authentische" nennt. eines Drachen hinreichend beschreiben können?' Der Meister erwi-
derte: ,Ich verstehe die Worte auch nicht.' [...],,321
"Wir wollen zeigen, wodurch die Untahigkeit zu authentischer Praxis
wie es in der Geschichte der Menschen so geht, sich auf die Aus:
übung einer Macht reduziert.'o31s Mit der Antwort auf die erste Frage des Mönchs im zweiten Gespräch, führt
Dogen dann aus, habe Sekiso versucht,
"dem Mönch noch eine vollständigere Gestalt des brüllenden Drachen
Die folgenden Zitate aus Dogens Shöbögenzö sind Beispiele ftir Zurückwei- zu zeigen"322,
s~ng~n der Frage: die die Schüler haben zugunsten der Evokation der Frage,
dIe SIe sind und dIe sich realisieren soll. Der Meister gibt die Frage des Schü- Dogens Kommentar zur Antwort auf die zweite Frage lautet:
lers in umgekehrter Form zurück: ,
"Die zweite Antwort ,Du bewahrst noch immer das Bewußtsein', ver-
"Einst fragte ein Mönch den großen Meister Ryuto von Kyogenji: suchte, ihm den Geschmack von Freiheit zu geben.',323
,Was ist der Buddha-Weg?' Der Meister antwortete: Das Brüllen des
Drachen in einem ausgetrockneten Baum.' Der MÖnch sagte: ,Ich
verstehe nicht.' Der Meister sagte ihm: ,Es sind die glühenden Augen Antworten in der Zen-Praxis heißt auch, damit rechnen zu müssen, perma-
eines Totenschädels,,,319, nent mit Fragen konfrontiert zu werden, die sich auf Gelesenes zum Budd-
hismus, zum Zen beziehen oder die gestellt werden, um einen vermeintlich
~ieses Koan-Gespräch dient Dogen als Ausgangspunkt ftir die Wiedergabe typischen Zen-Diskurs zu provozieren. So ist es denkbar, dass ein Schüler
emes weiteren, das auf das vorige Bezug nimmt: den Meister fragt: ,Wie geht's?' und dieser antwortet schlicht: ,Danke, gut!'
anstelle der erwarteten Antwort, etwa: ,Die Hecke hinter dem Abort', Es
:,Ein anderes Mal fragte ein Mönch den großen Meister Sekiso: ,Was
1St das Brüllen des Drachen in einem ausgetrockneten Baum?' ,Du geht keineswegs darum, immer etwas besonders Merkwürdiges zu sagen.
bewahrst den Geist, der die Freude sucht', sagte der Meister zu ihm. Die zitierten Dogen-Dialoge sind auch keineswegs blanker Unsinn, als der
,Was sind die glühenden Augen eines Totenschädel?', fragte der sie auf den ersten Blick vielleicht erscheinen. Eine genaue und gründliche
Mönch nochmals. Der Meister antwortete: ,Du bewahrst noch immer Lektüre lohnt sich unbedingt. Der Meister darf mit seinen Antworten auch
das Bewußtsein. ",320 nicht um jeden Preis überraschen wollen. Er muss die Frage in umgekehrter
Form zurückgeben, um seiner Verantwortung gerecht zu werden, ansonsten
Diesem folgt in Dogens Wiederaufnahme der seinerzeit schon dem Kanon hat er am Lauf der SignifIkanten seine Orientierung.
zugehörigen Texte noch ein dritter Dialog auf der Basis der vorausgehenden: Lacan und vor ihm andere Analytiker standen vor dem Problem, wie mit
dem ständig wachsenden Wissen der Analysanten über die Theorie der Psy-
"Einst fragte ein Mönch den großen Meister Sozan Honjaku: ,Was ist choanalyse umzugehen sei, also dem Vorwissen, mit dem die Analysanten
das Brüllen eines Drachen in einem ausgetrockneten Baum?' Sozan
die Analyse bereits antraten und das sich während der Dauer der Analyse
sagte: ,Das Blut des Lebens der Buddhas und Patriarchen hat nie auf-
auch noch ständig vermehrte. Ferenczi und Rank vertraten die Auffassung,
gehört zu fließen.' ,Was sind die glühenden Augen eines Totenschä-
dels?' fragte der Mönch. ,Ein ausgetrockneter Baum trocknet nicht dass dem "Wissensüberschuß von Seiten des Patienten [...] mit größerem
a~s', war Sozans Antwort. Aber der Mönch sagte: ,Ich verstehe nicht.
Wissen von Seiten des Analytikers begegnet werden muß,,324, Wie klar ge-
GIbt es jemanden, der es versteht?' ,Jedermann auf der ganzen Welt worden sein dürfte, ist das genau die Methode, die Lacan als die falscheste
kann es verstehen', sagte Sozan zu ihm. Der Mönch sagte: ,Ich ver-

321 Ebd.
318 Zit. n. Lipowatz, A.. Diskurs und Macht, S. 219 322 Ebd. S. 135
319 Dögen, E.., Shöbögenzö, Band I, S. 134 323 Ebd.
.320 Ebd. 324 Evans, D.: Wörterbuch der Lacanschen Psychoanalyse, S. 73
142 143

markiert. Wenngleich die Mahnungen an seine Schüler, sich auch gründlich Der Analytiker hat die Deutung als Akt zu vollziehen und zwar als einen der
mit den an die Psychoanalyse angrenzenden "Konjekturalwissenschaften", Trennung. Er erweitert die "Theorien des Subjekts" nicht, er falsifiziert sie
wie er diejenigen Wissenschaften nannte, deren Name gemeinhin "Geistes- auch nicht, er stört sie vielmehr. Die Trennung ist ein Akt der Privation, er
wissenschaften" lautee 25 , zu beschäftigen, Legion sind, ist doch der Weg der schält gleichsam das Subj ekt aus seinem Phantasma heraus, dem ja Erkennt-
Aneignung immer komplexerer Deutungsmodelle durch den Analytiker, um nis' die zu ihren Referenten Wissen und Verstehen hat, inhärent ist. Die Ana~
den Analysanten in puncto psychoanalytischem Wissen zu übertreffen, für lyse könne so zu jenen Gipfeln der Selbstgewahrnis führen, sagt Lacan, die
Lacan ein fataler Irrweg. Auf genau diesen Irrweg begäbe sich auch ein Zen- in dem vedischen Tatswamast ausgedrückt ist: ,Das bist du' oder ,Du bist es'
Meister, der das Wissen des Schülers (über den Buddhismus, das Zen, die
Buddhanatur, etc.) zu übertreffen suchte. Aber Lacan opponierte auch gegen
die Tendenz (besonders der ersten Generation nach Freud), ihre Deutung
verstärkt auf Symbole zu gründen (wie vor allem Jung das tat). Der Rekurs
auf die symbolische Ordnung, die Ordnuhg des Sprechens, meint etwas hier-
von völlig verschiedenes. Die mit Symbolen arbeitende Analyse setzt den
Patienten in den Stand, bald genau vorauszuahnen, welche Deutung ein be-
stimmtes Symptom mit großer Wahrscheinlichkeit nach sich ziehen würde.
Und das wäre wohl, wie Lacan spottet, "sicherlich der ärgerlichste Streich
[...], den man einem Wahrsager spielen kann,,326, Außerdem fördert die
Symbol-Analyse die Selbstentfremdung des Patienten, insofern er sein
Trachten und Handeln stets mit Symbolen in Beziehung zu bringen nicht
umhin kann. Die Symbole fungieren als Metasprache, eine Art Groß A. E-
vans zeigt Lacans Umgang mit der Deutung gegenüber derartigen Konzeptu-
alisierungen des analytischen Handelns auf. Die womöglich größere Nähe
Lacans zum Zen als zu anderen psychoanalytischen Konzepten, selbst dem
Freuds, gewinnt hier an Plausibilität. Evans schreibt:
"So zeigt sich für Lacan die Deutung nicht als eine Frage der Einfü-
gung des Diskurses des Analysanten in eine vorgefaßte Deutungsmat-
rix oder Theorie (wie in der Dechiffriermethode), sondern im Stören
all solcher Theorien. Weit davon entfernt, dem Analysanten eine neue
Botschaft zu vermitteln, sollte die Deutung einfach den Analysanten
befähigen, die Botschaft zu vernehmen, die er unbewußt an sich
selbst richtet. [...] Der Analytiker spielt mit der Mehrdeutigkeit des
Sprechens des Analysanten und zeigt dessen vielfältige Bedeutungen
auf. Die wirksamste Methode der Deutung ist oft, selbst mehrdeutig
zu sein, indem der Analytiker die Mitteilun9: des Analysanten in ihrer
wahren, umgekehrten Form zurückschickt." 27

325 Lacan, J.. S XI, Die vier Grundbegriffe..., S. 49. Dort spncht Lacan von der Psychoanalyse
als emer "Kolljekturalwlssenschaft vom Subjekt"
326 zU. n. Evans, D.: Wörterbuch der Lacanschen Psychoanalyse, S. 73
327 Ebd., S. 74
5 Diskurs über die Mystik

5.1 Auf- und absteigende Mystik


Bis heute fIrmiert die Mystik unter ihren Verächtern als Sammelbegrifffür
eine Art Gegenaufklärung zur kurrenten Aufklärung der Philosophie. Ob
eingestuft als subaltern, unfähig, sich in rationales Handeln und vernünftige
Politik zu übersetzen oder sogar gefährlich, ihr Name steht meistfür einen
Gegensatz zur auf Klarheit und Distinktheit setzenden Bewusstseinsphiloso-
phie.
Aber schaut man genauer hin und nimmt sie nicht lediglich als all das, "was
nicht Politik ist,<328, lässt sich folgende Unterscheidung treffen: Es gibt eine
aufsteigende und eine absteigende Mystik. Eine fliehende ist die aufsteigen-
de genannt worden und eine, die nicht flieht oder die das Fliehen flieht, die
absteigende. Platonische, neuplatonische und christliche Mystik meinen, die-
se Unterscheidung zugrundegelegt, im wesentlichen Flucht, Fliehen, vom
Einzelnen (Besonderen) zum Allgemeinen, vom Körper zum Geist, vom
Vielen zum Einen. In Platons Höhlengleichnis, worin der Aufstieg des
Troglodyten aus der Höhle ans Sonnenlicht und in den Ideenhimmel be-
schrieben wird, fmdet diese Art Mystik ihr grandioses und unübertreffliches
Paradigma.
Das Zen aber lehrt den Abstieg, den Verzicht auf die Philosophie selbst: ein
Fliehen des Fliehens, den Rekurs auf den Körper, den Bezug zum Alltag. Es
lehrt, im Gewöhnlichen das Erhabene zu erkennen und das Erhabene als
,nichts besonderes' zu achten. "Deshalb gibt es Zen im Bogenschießen, Zen
im Ikebllna, Zen in der Teezeremonie. ,,329
Für G. Böhme verläuft die Grenze zwischen auf- und absteigender Mystik
zwischen West und Ost, zwischen Europa und Asien:
"Die Behauptung der Nähe von Mystik und Alltagsleben ist uns Eu-
ropäern fremd, weil wir in einer Tradition stehen, die Mystik in der
Regel mit Weitabkehr in Verbindung bringt. Es ist die Tradition der
platonischen Mystik [... ]"330

328 Lacan, 1.. S XX, Encore, S. 82


329 Arokiasamy, AM.. Warum Bodhidharma in den Westen..., S. 215
330 Böhme, G.. Anthropologie In pragmatischer Hinsicht, S. 214
146 147

An dieser hebt er die Orientierung an der Idee des Guten hervor, ohne je- nen. Obgleich die Erfahrungen dieses Weges nicht geleugnet werden
doch, wie Lacan, diese Orientierung am Guten zum "Dienst an den Gütern" sollen, muß er als ein illusionistischer Weg bezeichnet werden, weil
in Beziehung zu setzen. DafUr treten bei· Böhme zur Charakterisierung der der Mensch, der diese Erfahrungen hat, schließlich doch stirbt. Der
platonisch/aristotelischen Ausrichtung noch zwei weitere Motive hinzu, de- andere, der absteigende Weg, scheint dem menschlichen Dasein an-
ren Inkompatibilität mit sowohl der psychoanalytischen- wie auch der Zen- gemessener zu sein. Die, Differenz zwischen Bewußtsein und dem
Perspektive offenkundig sind: die "Überwindung der Leiblichkeit" und das menschlichen Dasein besteht ja darin, daß das Bewußtsein durch Re-
"Aufgehen in der Vernunft"; flektieren, Objektivieren in eine Distanz zu diesem Dasein selbst ge-
rät. Der Mensch beispielsweise, der seine Sterblichkeit denkt, setzt
"Nach Platon ist die Einheit des Ganzen in der Idee des Guten be- sich ja von sich selbst als Sterblichem ab. Wer seinen leiblichen Zu-
gründet. [...] Das mannigfaltige Viele ist eines, weil es im Prinzip ei- stand betrachtet, macht ihn zu etwas, das ihm äußerlich ist. Wenn die-
nes ist. Alle Tiere beispielsweise sind eins, weil sie Lebewesen sind, ses Verhalten allgemein darin besteht, sich das Dasein zum Bewußt-
also die Idee des Lebewesens in unterschiedlicher Weise darstellen. sein zu bringen, so hieße, die Differenz zu überwinden, das Bewußt-
Das hat zur Folge, dass man sich mit der Einheit des Ganzen in Ver- sein zum Dasein zu bringen.,,333
bindung bringen kann,jndem man die Idee oder das Prinzip des Man-
nigfaltigen erfaßt. Das ist aber nur durch Denken oder letztenendes Die aufsteigende Mystik verfUgt in der Regel über keine Praxis, bei der ab-
durch geistige Anschauung möglich. Der Weg dieser Mystik, der auf- steigenden ist Praxis gewissermaßen alles. Um den Daseins- als Mitseinsbe-
steigenden, ist also einer, der aus der bunten Mannigfaltigkeit der zug herzustellen und zu leben, bedarf es der Desidentifikation mit sich selbst
Dinge sich zu lösen und das Augenmerk auf die ewigen Ideen zu rich- und, der Identifikation mit der Gruppe. Die aufsteigende Mystik flieht die
ten versucht. Das bedeutet ftir den einzelnen, seine Leiblichkeit zu
Gründe, gerade die der Sozialität, von der das abstrahierende Interesse aus
überwinden und, soweit es geht, in der Vernunft aufzugehen. Je mehr
Furcht vor Vermischung und Beschmutzung sich femzuhalten bemüht ist.
das gelingt, desto mehr verliert sich die Individualität, und man wird
Teil der Weltvernunft oder der Weltseele. Die Einheit mit den Ideen Das Gegenteil ist im Zen der Fall. Der Zen-Weise ist sich ftir das Kontingen-
beruht darauf, daß ftir sie gilt, was schon Parmenides formuliert hat, te und den Unsinn nicht zu schade. Das zehnte der berühmten Ochsenbilder
nämlich daß Denken und Sein dasselbe sind.,,331 ist mit folgendem Vers kommentiert:
"Mit entblößter Brust kommt er barfuß zum Markte./Schmutzbedeckt
Lacan demgegenüber lehrt, sich ausdrücklich auf Heraklit als Zeugen beru- und mit Asche beschmiert,/lacht er doch breit übers ganze Ge-
fend, dessen Erbe PlatonlAristoteles gerade ausgeschlagen hatten, um der sicht/Ohne Zuflucht zu mlstischen Kräften/Bringt er verdorrte Bäu-
parmenideischen Traditionslinie zu folgen: Das Sein denkt nicht und das me schnell zum Blühen.•<33
Denken denkt nicht das Sein. 332 Lacan geht von einer Inkongruenz von Den-
ken und Sein aus. Sein und Denken als dasselbe zu denken oder eine Inkon- Wer dagegen das Dasein jenseits des Mitseinsbezugs erfiillen will, wer eine
gruenz von Denken und Sein zu behaupten, hat weitreichende Konsequen- Privaterleuchtung jenseits der Alienation im anderen zu erlangen und zu kul-
zen, die zum Beispiel an einer Formel, die Böhme zur Unterscheidung von tivieren unternimmt, ist in letzter Konsequenz schon aus den schlichtesten
ab- und aufsteigender Mystik prägt, ablesbar sind: die aufsteigende Mystik anthropologischen Gesichtspunkten, "geliefert", denn, so Lacan:
bringt das Dasein zum Bewusstsein, die absteigende das Bewusstsein zum "Es ist sicher, daß sich die Menschen mit einer Gruppe identifizieren.
Dasein. Böhme präferiert die absteigende Mystik und wertet wie folgt: Wenn sie das nicht tun, sind sie geliefert, sind sie einzusperren.,,335
"In der aufsteigenden Mystik versucht der Mensch sich mit der einen
Seite der Differenz zu identifizieren, und in der Vereinigung mit der
Ewigkeit gedanklicher Gegenstände selbst der Sterblichkeit zu entrin-

333 Böhme, G.: Anthropologie in pragmatischer Hinsicht S. 219


331 Ebd., S. 214f. 334 Suzuki, T.S.: Zazen, Die Übung des Zen, S. 206
332 Vgl.. 1. Lacan: Encore 335 Lacan,1.: S XXII, RS.I., S. 70
148 149

Das Klischee vom wahnsinnigen Genie konnte so nur unter abendländischen gen in die je verschiedenen Richtungen sind dem unbewussten Widerstand
Himmeln entstehen. gegen die fundamentale Unangepasstheit des Menschen und dem immer in-
stabilen Status des Subjekts geschuldet. Der Versuch des Hingelangens zum
sagenumwobenen traumatischen Kern als dem Schatz, dessen Wissen die
5.2 Konjekturen zur Plotinischen Mystik gegenüber Zen und Probleme löst, ist in diesem Sinne als Fluchtbewegung zu verstehen; im
Analyse Neuplatonismus ist nur die Richtung dieser Flucht die umgekehrte, nämlich
Bei Lacan, wie schon hervorging, dreht sich die Analyse nicht um die imm~r "hinweg von dieser Erde", hin zum Einen, Absoluten, wo das Unbehagen
krude bleibende Frage nach einem traumatischen Kern, sonde~ u~ dIe durch das Ausgesetztsein in besagte Alienation nicht mehr berührt.
Durchquerung des Phantasmas. Das Leben selbst ist traumatisch, dIe Ahena- Die ,weglosen Wege' von Zen und lacanscher Analyse dagegen sind nicht
tion im anderen ist konstitutiv und irreduzibel und durch keinen imaginären als Fluchtwege aufzufassen, denn sie postulieren, auszuharren am Ort des
Garanten ,Identität' oder eine ,Harmonie der Triebe' zu überbrücken. Der Schnitts, der das Menschsein konstituiert, die Kastration als (zuerst) die des
harte traumatische Kern" als supponierte gleichsam fundamental- anderen anzuerkennen und die Ausgesetztheit in die Alienation im anderen
~ntologische Basis des Subjekts gehört ebenso in die Ordnung des Im~ginä­ willig zu akzeptieren. Auch der Versuch, des traumatischen Kerns, der die
ren wie Identität und Ich als feste Bezugspunkte. Im psychoanalytIschen erlösende Wahrheit des Subjekts, sein geheimes agalma birgt, habhaft zu
Mainstream-Milieu impliziert aber das Gelangen zu diesem Kern das V. er- werden, ist in diesem Sinne Flucht vor dem Nächsten, der zugleich der
sprechen auf Heilung - so als wäre man, hätte die psycho~alytische vertIka- Fremdeste ist.
le Grabung, einem imaginären Lot folgend, erfolgreich bIS zum Trauma ge- In der fliehenden Mystik Plotins verhält es sich so: Durch einen Rest von Er-
führt, bei dem unteilbaren, letzten, nicht weiter reduzierbaren Atom ange- innerung an sich selbst wendet sich die Seele, die durch den Körper bis fast
langt, dessen Kern die Wahrheit des Subjekts birgt. . zum Vergessen ihrer selbst abgelenkt, bzw. in eine sinnlose Geschäftigkeit
Neuplatonismus und Tiefenpsychologie verhalten sich zueinander dem ers- verwickelt war, um, nämlich wieder auf sich selbst zurück, anstatt von sich
ten Anschein nach krass entgegengesetzt. bilden aber unter bestimmten Ge- selbst weg und in dieser Umkehr wird sie erneut ihrer Herkunft gewahr. Sie
sichtspunkten ein ungleiches, aber sich gut verstehen.de~ Paar. ~ie sind ver- ändert ihre Bewegungsrichtung, hinweg von falscher Zielsetzung und Rich-
bunden in der Art einer coincidentia oppositorum. WIe m der Tiefenpsycho- tung, auf sich selbst zurück und hin zum Ursprung, der als das Eine und der
logie das Gelangen zum Trauma das Versprechen auf Heil~g impliz~ert, ~o Geist, in personaler Hinsicht als die Seele, bestimmt ist. Das Ähnlicherwer-
weist der Neuplatonismus den genau umgekehrten Weg, mdem er nIcht ~n den der Seele mit dem Ursprung heißt bei Plotin 0l-lo((OO't<;. In der ekstati-
der peinlichen Tiefe den Schlüssel zum geheimen agalma sucht, sondern. m schen EVOO't<; aber wird sie vollends eins mit dem Ursprung. Alles Kontin-
genauer Umgekehrtheit der Richtung auf das Loskommen von aller .Lel~­ gente und Dissoziierte ist ausgeschieden, nur was bleibt, ist wahr und wirk-
lichkeit und das Einswerden mit der Idee setzt. Die Reise geht nicht m dIe lich, ist das eigentlich Wahre und Wirkliche. Die Seele, die ursprünglich aus
Tiefenschichten des je besonderen Menschen, sondern immer "hinweg von dem Geist ist, wird in ihrer Hinwendung zu ihn! vollends eins mit ihm, und
dieser Erde" wie es einmal bei Hölderlin heißt. Es darf vermutet werden, das heißt: eins mit sich selbst.
dass das ,B~gehren der Tiefenpsychologie' nach de~ ,T~efsten im Men- Bei Plotin ist die Näherung zu sich selbst die Entfernung vom Körper: Je
schen' auch motiviert ist vom Wunsch, sich von den Ideahstischen Maßga- weiter der Körper zurückgelassen, desto mehr Selbst. Die Wendung nach in-
ben der griechisch/christlichen Orientierung an einem unkörperlichen Höchs- nen zum wahren Selbst verfläuft als eine Bewegung des Aufstiegs, verbun-
ten dem Höchsten im Menschen' (häufig verbunden mit einer Verteufelung den mit einer durch die Geistzugewandtheit bedingte zunehmenden
de; Sexu~llen, wie besonders bei den Kirchenvätern) zu emanzipieren und Vergleichgültigung des Körpers. Bei Plotin geht es um die Vermeidung der
gerade deshalb im Gegenkonzept in principio derselben Denkungsart verhaf- Kontingenz, wohingegen es bei Lacan und im Zen gerade um ihre Anerken-
tet bleibt. nung geht. Wo die Kontingenz vollständig vermieden ist, bleibt bei Plotin
Gemeinsam ist beiden Konzepten ein Nicht-Wissen-, bzw. eine (unbewusste) kein Rest. Das Sein selbst denkt und das Denken denkt nur das Sein, also
Leugnung der Alienation im anderen, jener Alienation, ?ie von Lacan als sich selbst. Die Differenz zu Lacan könnte nicht größer sein. Er insistierte ja,
konstitutiv für das menschliche Dasein behauptet wird. DIe Fluchtbewegun-
150 151

wie oben schon bemerkt: Das Sein denkt nicht und das Denken denkt nicht Position des Ur-Buddhismus hinsichtlich des Fliehens der Gründe, das zur
das Sein und auch im Zen heißt es immer wieder, dass das Sein nicht zu unio mit dem Absoluten führen soll:
denken ist. Jeder idealistischen Totalisierung des Seins soll hier abgeschwo- ,,(Um) von der Ich-Fessel frei zu werden ... genügt nicht allein die
ren sein, ebenso wie eine idealistische Totalisierung des Subjekts a la Hegel moralische Überwindung des Egoismus, sondern bedarf es dessen all-
nicht in Frage kommt. seitiger Negation, mit eingeschlossen das von ihm ausgehende sub-
Die Vereinigung mit dem Ursprung (dem Geist, dem Einen) geschieht bei stantialisierende Denken ebenso wie die Unio-Mystik, die in Gestalt
Plotin in einem ekstatischen Moment. Wenn vorher alles das "weggetan" der Atman-Brahman-Unio-Mystik schon im Urbuddhismus als (bloß
wurde, was nicht der Geist selbst ist, dann geschieht das Einswerden mit sublimere) Ausprägung des Egoismus begriffen und abgelehnt wur-
dem Einen. Plotins Rat lautet deshalb: äq>SAS nov'W, "Tu Alles weg!,,336 de.,,339
Dann kann es geschehen. Plotin selbst ist es, so berichtet Porphyrius, sieben
Mal geschehen. (Auf ekstatische Erleuchtungszustände und ihre Zählung Im "großen Tod" des Zen soll der Egoismus gerade in seinen subtileren
wird weiter unten noch einzugehen sein.) Ausprägungen vollständig verwunden werden. Nur in Anbetracht ihrer Ver-
gänglichkeit und ihrer Kontingenz erscheinen die Dinge in Zen-Sicht dann in
Die 6q>aips(n~, der verwandelnde Aufstieg, ist Geistzugewandtheit und
ihrer wahren Form und führen den Betrachtenden ins Dasein als Mitsein,
gleichzeitig Bewegung des Freiwerdens von allem Außen. Sie operiert, von
während bei Plotin, ähnlich wie bei Platon, die vergängliche Erscheinungs-
Abstrahierung zu Abstrahierung fortschreitend, gleichsam die Seele, die ver-
form der Dinge nur ihre Wesenhaftigkeit verbirgt und deshalb eben geflohen
strickt ist in die lästigen Dinge des täglichen Lebens und Besorgens, denkend
werden soll. Im Zen steht die Endlichkeit der Formen gerade für ihre We-
aus dem Vielen und Kontingenten heraus. So wird sie eins mit dem Geist
senhaftigkeit. Das ist der Grund, weshalb Essenz und Existenz nach buddhis-
und schließlich mit dem Einen selbst. Das Eine ist das letzte, zu dem durch
tischer Logik zusammenfallen. 340 Es gilt nicht, die Endlichkeit der Formen
die plotinische Metalogik zu gelangen ist, aber zugleich ist es der Ursprung.
zu fliehen, vielmehr das Noumenale und das Phänomenale im Vollzug des
Lebens als nicht-zwei zusammenzuhalten.
Die Affinität der frühen Christen für Plotin ist nur zu verständlich. Dieses
Denken des Einen ohne Körperlichkeit machte ihn besonders für die Eremi- Bei Plotin ist der hypostasierte Gipfel der V611O't~ (der ,Denkung', cogitati-
ten der sketischen und syrischen Wüsten (die Vätergeneration, besonders 0- on) als das Gelangen zum "sich selbst denkenden Gott" gerade nur um den
rigines) so interessant. Aber der extreme Asketismus dieser Anachoreten, Preis der endlichen Form, des Körpers, der Körperlichkeit möglich: Je weni-
wie etwa zur Darstellung gebracht in den Apophtegmata patrum 337 , war Plo- ger Körper, desto mehr Gott. Sinne und Geist werden auseinandergedacht
tin bekanntlich ebenso suspekt wie der "verwegene Logos" (Beierwaltes) und letzterer führt nach dieser Trennung ein freies und autonomes Eigenle-
dieses anderen frühen Christen, nämlich Paulus, der auf die Fleischwerdung ben, unberührt von störenden Sinneseinflüssen. Die Ideen sind dann die Ge-
des Geistes, bzw. Gottes abhob, was für Plotins hellenistisch feinsinnige danken Gottes selbst, absolut und vollkommen. Gerettet ist das Menschen-
Geistigkeit wie ein Aberwitz sondergleichen geklungen haben muss. wesen nur in der Hinwendung zum Unvergänglichen und der Abwendung
Das Lassen bei Plotin bezieht sich auf das Fliehen der Gründe 338 , das Zen von körperlicher Vergängnis. In der EvOO't~ dann ist die Seele, die Geist ge-
fordert demgegenüber gerade ein Fliehen des Fliehens. Sh. Ueda schreibt zur worden ist, aus ihrem Leibgefangnis entflohen. 341

339 Ueda, Sh.: Das Nichts und das Selbst, S. 161


340 Vgl. hierzu: Shimizu, M.. Das ,Selbst' Im Mahayana-Buddhismus, S. 73ff.
336 Zu ausführlichen Stellenangaben vgl.. Plotmus: Geist - Ideen - Freiheit, S. XXVI (Einlei- 341 Als interessant will Im Nachdenken Uber die Beziehungen von Körper/Geist/Seele die fou-
tung von W. Belerwaltes) caultsche Umkehrung des platomschen/neuplatonischen Standpunkts erschemen: Die Be-
337 Die "Aussprüche der Väter" Die Sammlung von Aussprüchen, Anekdoten und KurzbIO- freIUng hat dem Körper zu gelten. Es gehe um die Befreiung des Körpers aus dem Seelen-
graphien aus dem altChristlichen Mönchtum. gefllngms. Eine weitere Möglichkeit, die BeZiehung von Seele, Geist auf der einen und
338 "Das Ist das Leben der Götter und göttlicher, seliger Menschen, Abscheiden von allem an- Körper, Erde auf der anderen vorstellig zu machen, bietet Heidegger. Trakls Satz: "Die
dem, was hlemeden ist, ein Leben, das nicht nach dem Irdischen lUstet, Flucht des Einsa- Seele ist em Fremdes auf Erden" deutet Heidegger nicht Im platomschen Sinne, als dass
men zum Einsamen." Aus: Plotm: Ausgewählte Einzelschriften, S. 65 die Seele auf Erden ihrer Heimkunft m den Ideenhimmel harrte, sondern so, dass die Seele
152 153
.
Plotin überbietet hinsichtlich des Körpers und semer Gebrech en342 d'le_ st01-
' Friedrich Heiler bemerkte:
sehe Empfehlung von ataraxia und apatheia, die erl~ubt, im ~al~ät
ie~en "Der Buddhismus hat nur den Gedanken der ,negativ en' Theologie
Körper den "Seelenfunken" zu bewahren, zugunsten, emer. vo.llsta~dlg
gels~­ zu Ende gedacht und aus der mystischen Idee epekeina die letzten
zugewandten, absoluten Ignoranz des ~~.wers. ~el Plotm 1st dIe
~ater~e Konseq uenzen gezogen.,,345
nicht-seiend oder auch das "Erste Böse ,wohm gegen "das Matene frele
[...] das Freie,,344 ist. In diesem Ausschlu~s liegt vielleicht der, ~eginn
?er In größere Nähe zum Zen wie zu Lacan führt die ,mystische Theolo
"Philosophie der schönen Seele", gegen dIe noch Lacan pole~lllsieren gie' des
,wrr~. Dionysius von Areopagita und dies schon allein deswegen, weil Dionys
ius,
Wie der Analysant in der psychoanalytischen Kur das schembar
ObjektIv was er zu sagen hat, adressiert, nämlich qua Apostrophe unterbre
Gegebene wie das vermeintlich bloß Subjektive erfahrt als ~egebe itet, qua
nes d~s personaler Zuwendung. Die Psychoanalyse ist ja gar nicht denkbar ohne
,Sprachkörpers' , so erfahrt auch der Zen-Schüler sowoh~ dIe bonno die-
(Ne~­ ses Moment, in einer elementaren Form mit dem anderen zu tun zu
gungen, Triebe, etc.), Gelingen wie Misslin~en, ~ankhelt ~d Gesun~ haben
elt und schon in den Gründungsakt des Zen ist der berühmte Inshin-D
enshin-
als zum ,ursprünglichen Wesen' gehörig. Bel Plotm dagegen 1st. der
Be~elC~ Satz (wörtL durch Geist Geist übermitteln), meistens übersetzt mit
der Materie "nicht-seiend", Nur die höheren Funktionen der seehsch-,obJekt "Über-
l- tragung von meinem Geist zu deinem Geist", eingeschrieben.
ven Substanz haben den Status von "Sein", In der Zen-Schul~g ~rrd
al~es Den Apophasen - Dionysius' am häufigsten gebrauchte rhetorische
Figur,
zu uranfanglicher Lt;:erheit, reiner Gegenwärtigkeit des So-Sems, }nklusl
~e das theo-logische Gegenstück zur logischen Negation346- sei bei
diesem,
der körperlichen Gebrechen, von ,~Kra~eit, A1t~m und Sterben
" Zen l~t schreibt Derrida, dessen Dionysius-Interpretation wir hier als Basis fiir
desillusionistisch, Plotin versucht dIe IlluSlOn zu flIehen zugunsten emer, unse-
WIe re Deutung nehmen, ein Versprechen mitgegeben, nämlich das von
Zen sagen würde, höheren Illusion. "Walrr-
heit, Überwalrrheit und Licht".347
Das Motiv eines impliziten Versprechens (ein explizites gibt es gerade
nicht)
5.3 Die "Axiomatik der Apophasis" bei Dionysius und der auf der via apophatica des Zen (denn auch hier bilden Verneinungen
das
Hyperessentialismus herausragendste Diskurselement) ist jedesm al verschlungen mit einem
ande-
ren, nämlich dem eines "Totalschadens" (Kodo Sawaki Roshi), der
Wenn ein Theoretiker seine lange Lehrzeit zu er-
leiden sei, ohne alle kompensatorischen Gegengaben. Der Widerspruch
beendet hat und weit genug auf der via ne- ver-
schwindet, wo der "Nullpunkt der Zeit", an den die Zen-Übung führt,
gativa gereist ist, die die Psychoanalyse all gleich-
zeitig das Samadhi des Zazen wie den Verlust jegliche n Objekts, ja der
denen empfiehlt, die gern Theorien kon- onto-
logischen Basis des Daseins selbst bezeichnet. Der Ort des "Totalschadens
struieren mächten, dann hat er seine Be- "
und der der Erleuchtung sind letztlich ein und derselbe.
lohnung verdient. Im Falle Lacans besteht In gewisser Hinsicht ist die Zen-Schulung eine Art negativ-theolog
sie darin, zum Autor zu werden und schrei- ische ü-
bung, nur durchläuft ein in der apophatischen Theologie nicht bekann
bend nicht nur die Vorgebirge der Wahr- ter
Signifikant ihre Diskurse. Dieser Signifikant sieht dem Realen Lacans
heit, sondern seine wahnwitzigsten Gipfel ähn-
lich. In seinem Aufklaffen zerschellt jede Logik des (negativ-) diskursi
zu entdecken. "(Malcolm Bowie) ven
Vollzugs und das ohne die Mitgabe des Versprechens eines Zugang
s in ein
Reich der hyperessentiellen Kompensationen. Jede versprochene kompen
sa-
torische Gegengabe gehört nämlich selbst noch der Ordnung der Verblen
-
noch nicht versteht, auf der Erde zu wohnen. (Vgl. hierzu d~ Kapitel "Schmerz
bel Hel-
degger" m dieser Arbeit) Beide Konzeptionen smd aber letztlich mit dem Zen
mkompati-
~
342 Wobei die Triebe für Plotin ebenso nicht zum eigentlichen und wahren W
esen ge h-oren wie
die Krankheiten der leidigen physis, Jeder Schmerzparoxysmus oder Simple 345 Heiler, F.. Die buddhiStische Versenkung, S. 40
Zahnschmerz.
343 Vgl.: Plotmus: Geist-Id een-Frei heit, S. XVIII 346 Und das mentale Gegenstück zur physischen Apotaxis
344 Ebd., S. XXXIX 347 VgJ.: Derrida, 1.: Wie mcht sprechen, Wien: Böhlau, 1989
154 155
348
dung (samsara) an. So ist es richtig zu sagen: Das Zen nimmt alles hin- Ende der Rechnung die gesamte Axiomatik dieser Apophasis auszu-
weg, ohne irgendetwas übrigzulassen. richten.,,35o
Die überaus schwierige Frage des Satori sei aber hier noch dahingestellt. Je-
denfalls gibt es keine orientierte apophatische Zen-Logik. An dieser Stelle Der Zweck der Orientierung an Gesetz und Regel im Gebrauch der Apopha-
wird eine der Weisen des Zen (wie auch schon des Ur-Buddhismus) evident, sen liegt allein in deren Vermögen, dieses göttliche Überwesen, an dem alle
mit dem, was ihm vorausging, zu brechen, nämlich mit jeder Art des Aske- Namen abprallen, zu entschleiern. Die geforderte diskursive Askese ist ein
tismus auf der einen, des Idealismus auf der anderen Seite. Das ausdrücklich Gebot, das auch hier wieder, wie schon bei Platon und auch bei Plotin, von
verneinte Angebot, die explizite Ausschlagung von Gegengaben kennzeich- einem als absolut hypostasierten Gut ausgeht und als Belohnung für die Op-
nen die spezifische Psychagogie dieses Ansatzes. Jede Idee von Wiedergut- fer und die strenge Anwendung der apophatischen Logik die Partizipation
machung ("Wahrheit, Überwahrheit, Licht") subvertiert die Auf-gabe (in ih- ermöglicht. Diesem Zweck dient die Orientierung an einer strengen logi-
rer Mehrfachbedeutung). Die Reinheit des Begehrens, die Reinheit der Gabe schen Axiomatik, einer "Axiomatik der Apophasis" (Derrida). Die Beherr-
wird instrumentalisiert und dadurch korrumpiert durch die In-Aussicht- schung ihrer Regel- und Gesetzmäßigkeit ist weder Schulung rein kognitiver
Stellung eines unübertrefflich Großartigen. Die Preisgabe der Ideologie des Fähigkeiten ist, aber schon gar nicht mit einer bloßen rhetorischen Technik
Opfers, auf die noch einzugehen sein wird, steht gerade für die Suspendie- zu verwechseln, wie sie Redner beherrschen müssen, um die Wirkung ihres
rung einer solchen Gerichtetheit der Verneinungen. Vortrags kontinuierlich zu steigern. Sie hat vielmehr einzig zum Zweck, die
Aber bei Dionysius' erklärt sich explizit gerade von der absoluten Dignität Dinge so erscheinen zu lassen, wie sie wirklich sind und das heißt: getaucht
eines Versprochenen, Verheißenen her die Verpflichtung des Gehorsams ge- in "Wahrheit, Überwahrheit und Licht", entblößt von aller Kontingenz.
gen Gesetz und Regel, insbesondere einer höchsten Verantwortlichkeit im
Gebrauch der Sprache, speziell der logisch-rhetorischen Figur der "abspre- Besonders bemerkenswert ist, dass bei Dionysius der Gebrauch der gewöhn-
chenden Verneinung"349, da sie eben der Königsweg zu "Wahrheit, Über- lichen Erkenntnismittel die Dinge in ihrem wahren, von der Kontingenz be-
wahrheit und Licht" sei. Mit Gesetz und Regel, die die negativ-theologische freiten Wesen nicht nur nicht erscheinen lässt, sondern geradezu die Ursache
Übung lancieren, sind in der Theologie des Areopagiten vor allem anderen für ihre Nicht-Erkenntnis bildet, denn hier lässt sich eine interessante Paral-
das Gesetzes- und Regelwerk einer bestimmten diskursiven Praxis gemeint. lele zum Ur-Buddhismus konstatieren. 351 In diesem zeugt nämlich gerade der
Es gilt, durch Verneinung von etwas Falschem und Täuschenden zu einem Gebrauch der sonst gepriesenen Mittel der Weltdurchdringung vom Noch-
Wahren, aber unmöglich positiv zu benennenden fortzuschreiten. Mittels Verhaftetsein der Wahrheitssucher an den äußeren Dingen und der Sinnen-
"Regel und Gesetz" wird der Zweck seiner Entschleierung verfolgt, einer welt. Der Gebrauch dieser als gewöhnlich eingestuften Mittel ist selbst die
Entblößung, die der Aufhebung einer Täuschung gleichkommt. Jenseits der subtilste Ursache für dieses Verhaftetsein. Das (gewöhnliche) Erkennen ist
Täuschung liegt das Reich von "Wahrheit, Überwahrheit und Licht", Derrida selbst nur eines der Kettenglieder in der Lehre vom "gleichzeitig-abhängigen
schreibt in Bezug aufDionysius: Entstehen".352 Auch das Bewusstsein ist nur Bestandteil dieses "die ganze
,,(Es) scheint ein gewisser Wert von Entschleierung, von Bloßstel-
lung, von Wahrheit jenseits der Bekleidung letztzweckendlieh und am 350 Derrida, J.. Wie nicht sprechen, S. 82
351 Das Zen verh!l1t sich in gewissem Sinne, in den kulturellen Kontexten gesehen, zu diesem
wie die lacanianische PSYChoanalyse zur negativen Theologie.
352 "Gerade so, wie wenn da zwei RohrbUndel an emander gelehnt stUnden, genauso entsteht
348 "Sowohl Menschen als auch hnnmlische Wesen leben Im Reich des Samsara." (Dögen, E.. aus Name und Form als Ursache das Erkennen: aus dem Erkennen als Ursache entsteht
Shöbögenzö ZUimonkl, S. 30) Name und Form, aus Name und Form als Ursache entstehen die sechs Sinnesbereiche, [...]
349 Das ist der vom deutschen Übersetzer von "Wie llIcht sprechen" gewählte AusdruCk fur aus der Geburt entsteht Alter und Tod, Schmerz, Kummer, Leid, Betrübllls und Verzweif-
Derridas Terrmnus denegation. Er merkt dazu an: "Den letztendlichen Ausschlag fur die lung [.. .]." (aus: Samyuttanikäya, 11, 112f., zit. n. Takeuchi, Y.. Probleme der Versenkung
hier gewählte Übersetzung von denegation hat die deutsche Übersetzung des Werkes von Im Ur-Buddhismus, S. 14) Die hochkomplexe Lehre vom "gleichzeitig-abhängigen Entste-
DIONYSIUS AREOPAGITA gegeben, wo Im Kapitel II der Mystischen Theologie (1025 hen" soll hier llIcht m grUndlicher Form behandelt werden. Die in dem Zitat benannten Zu-
b; dt 165) von ,absprechenden Vememungen' die Sprache 1St." (Gondek, H.-D., m: Dem- sammenhänge betreffen Jedenfalls die Seite der Entstehung der "ganzen Masse des Lei-
da, J.. Wie mcht sprechen, S. 119, Fußnote 17) dens", Durch die Gewahmis dieser Zusammenhänge Wird, wie Yoshinon Takeuchl
156 157

Leidensmasse" bildenden Zusammenhangs. Die Aufhebung des Leidens eignet sich nicht, selbigen zu durchdringen. Entsprechend gehört bei Lacan
kann ohne die Preisgabe des (gewöhnlichen) Erkennens nicht erfolgen. das ,positive Wissen' des Analysanten über sich selbst und die Weltzusam-
Denn, nach der berühmten Formel des Palikanon: menhänge zum Phantasma und es noch zu vermehren, taugt nicht, selbiges
zu durchqueren, es behindert sogar den Fortschritt der Kur, indem das Sub-
"Wenn dies ist, ist auch jenes; wenn dies entsteht, entsteht auch jenes; jekt sich dabei nicht von seinen Selbstbildern löst. Bei Dionysius nun ver-
wenn, dies nicht ist, ist auch jenes nicht; wenn dies vergeht, vergeht
auch jenes.,,353 unmöglicht das gewöhnliche Erkennen die Erkenntnis von Gottes Überwe-
sen. Im Unterschied zum Buddhismus geht es aber hier um eine qualitativ
verschiedene, potenzierte Erkenntnis des hyperessentiellen Gutes, nicht um
Das (gewöhnliche) Erkennen ist weit davon entfernt, geeignet zu sein, das
Leiden aufzuheben, vielmehr verstrickt es sogar noch tiefer in Samsara. Es die "Aufhebung der ganzen Masse des Leidens".
Oftmals erscheint es so, als werde im Zen alle Erkenntnis verworfen, die
ist integraler Bestandteil des komplexen Verblendungszusammenhangs und
gewöhnliche wie die subtile. Hier ist auch Lacan ungenau, wenn er eine vor-
geblich intendierte vollständige Preisgabe des Denkens für das Zen behaup-
tet, den "Verzicht auf das Denken selbst,,354. Aber das Zen lehnt nur ein
schreibt, ,Jene Kraft nichtIg, die uns mitten auf dem Meer des Todes und Alters schweben
läßt" (Takeuchl, Y.:Probleme der Versenkung Im Ur-Buddhismus, S. 14). Die "wechsel- Denken ab, das (ohne es zu bemerken) eine Welt konstruiert und dann die-
seltlge Abhängigkeit" von "Erkennen" und "Name und Form" mit sowohl der Entstehung sem erdachten Konstrukt wiederum durch Denken zu entkommen sucht. Tat-
als auch der Aufhebung der "ganzen Masse des Leidens" macht die "verborgene Dynamik sächlich geht das Zen genau davon aus, wovon auch Lacan ausgeht, nämlich
unseres mneren Gefüges" aus (Takeuchl, Y.. Probleme. der Versenkung Im Ur-
dass, was denkt, nicht das Sein ist und das Denken nicht das Sein denken
Buddhismus, S. 14). - Shlmizu erklärt die "Entstehung in RelatIon" folgendermaßen: ,,En-
gt ist ein Grundbegriff des Buddhismus, der die m der Buddhas eigener Erleuchtung eXIs- kann und außerdem: dass kein referentielles Wissen das Leiden aufheben
tentiell erfahrene letzte Wirklichkeit, die Entstehung m RelatIon, zum Ausdruck bringt, die kann. Die nahe Verwandtschaft der ,Denkungsarten' von Lacan und Zen
Sich m Worten nICht adäquat Wiedergeben läßt. hinsichtlich dieser allerdings auch von Dionysius, nur zu einem anderen
Das Wort engl Wird zusammengesetzt aus zwei Schriftzeichen, en (RelatIon) und ki (Ent-
Zweck, geleisteten Problematisierung der ,gewöhnlichen Erkenntnismittel'
stehung), Es bedeutet das Entstehen und EXistieren der Wirklichen Welt in unermesslichen
BeZiehungen, emmal von Noumenon und Phamomenon und em andermal von allen Phal- tritt deutlich hervor, wo bei Lacan die Philosophie als solche und ganze und
nomena. Anders gesagt: Alle Dinge der Welt stehen m BeZiehung zuemander und eXistIe- dort das komplette (und so komplexe) Systemwerk des "indischen Idealis-
ren erst dadurch. mus" als Quasi-Symptom gehandelt werden, mit der die Wahrheitssucher be-
En hat noch eme andere Bedeutung,Verbmden' und dies Ist gerade WichtIg. Die Verbm-
lastet sind, um die wahre Erkenntnis nicht aufkommen zu lassen. Denn
dungswelse: die als en bezeichnet wird, bezieht Sich auf die IdentItät des SICh Widerspre-
chenden. Diese Identität bringt die ursprüngliche Bedeutung des engt zum Ausdruck. Sie nichts kann letztlich adäquat ,erklärt' werden und das Leiden verschwindet
ISt keme substantIelle Verbindung oder GlelchmachUng, sondern begreift die konkrete Da- nicht durch seine Erklärung. Deshalb gibt es im Zen den Rückgriff auf die
semswelse der Wirklichkeit als soku-hl ,Identät durch Nicht-IdentItät' " (Shlmlzu, M.. Das den Verstand übersteigenden Koan und bei Lacan den auf die Matheme und
,Selbst' im Mahayana-Buddhismus, S. 193) Knoten. Im Unterschied zur negativen Theologie evoziert aber hier die Aus-
Shlmlzu referiert Sh. Ueda, um hmslchtlich des "Entstehens in Abhängigkeit" auszuführen,
dass,. da das Ich ohne SUbstanz ISt, das Selbst m der "RelatIon zu anderem grenzenlos of- schlagung der ,gewöhnlichen' Erkenntnismittel nicht das Vordringen zu
fen" ist: Gottes "Hyperessentialität" sondern ,nur' die Gewahrnis der Vergänglichkeit
"Sh. Ueda bemerkt m semem Buch Zen-bukkyo (Zen-Buddhismus), daß die grundlegende und der Leerheit aller Formen. Deshalb heißt es: "Wenn du den Buddha
Kategorie des Buddhismus nicht die ,Substanz', sondern die ,Beziehung' 1St. Der Budd- triffst, töte ihn." Die Verfeinerung dieser (gewöhnlichen) Erkenntnismittel
hismus vernemt seiner AnSicht nach grundsätzlich sowohl das Absolute als auch das Rela-
tIve mit der Kategorie Substanz als etwas Seiendes aufzufassen. Alles, was Ist, ISt m Sich erscheint dann geradezu als Verfall der Weisheit.
selbst ein Nichts, und gerade dadurch ereignet es Sich als em Sem m RelatIon zu anderem.
Das bedeutet nicht emfach, dass es zuerst zwei selbständige Dinge gibt, die dann als solche In der Behandlung des Dionysius befmdet sich nach Derrida diese den Zu-
gegenseitIg in ,RelatIon' treten, sondern dass das, was in ,Relation' steht erst aus der Re-
latIon' entsteht und m die ,Relation' aufgelöst wird. [...] Ein Jedes ist 'in sich selbst em
gang zu "Wahrheit und Licht" eröffnende Axiomatik in einer für sie maß-
Nichts und dadurch für die RelatIon zu anderem grenzenlos offen. Gerade m diesem Nichts geblichen Spannung, die insgesamt typisch sei für den Diskurs über die
sammelt sich die grenzenlose RelatIOn." (Shlmlzu, M.. Das ,Selbst' Im Mahayana-
Buddhismus, S. 20)
353 Zit.n.: Tak:euchl, Y.. Probleme der Versenkung im Ur-Buddhismus, S. 13 354 Lacan, J.: S XX, Encore, S. 125
158 159

christliche Offenbarung einerseits und Regel und Gesetz andererseits. Diese wird er zum Verbündeten seines alter ego. Rekurrierte Dionysius auf die
Spannung wird dadurch erzeugt, dass das Verheißene (die Offenbarung) gewöhnliche Erkenntnis, wäre er bloß etwas wie ein Tugendlehrer. Wie in
selbst das Geheiß kommandiert, also die "Axiomatik der Apophasis" mit ih- der negativen Theologie der Gebrauch der gewöhnlichen Erkenntnismittel
rer spezifischen Diskursivität und Regelhaftigkeit. Das, was offenbart wer- ein Weniger an gleichermaßen Hingabe und Standhalten erfordert als die
den soll, Gottes Über-Wesen, ist also selbst die bewegende Kraft, die zu ih- strenge Axiomatik der apophatischen Logik, so ist das Symptom nach La-
rer eigenen Entschleierung Regel und Gesetz (und die bewusste Axiomatik) cans Verständnis leichter zu ertragen als das Wissen, das es verdrängt.
auf den Plan ruft, die sie zuerst verschleiern. Derartige Vorgaben nun, ein
kommunizierendes und kommandierendes Groß A, fehlen zwar im Zen, aber
auch an diesem Punkt ist eine gewisse Nähe der negativen Theologie des A- 5.4 Das Meister/Schüler-Verhältnis in der negativen Theologie
reopagiten wenigstens zum Rinzai-Zen und seiner zentralen Koan-Übung Die prototypische christlich-esoterische Sozialität, die der Autor Dionysius
zum Zweck der Evokation des kensho, dem Sich-Zeigen der Dinge, wie ,sie allein mit seinem Leser Timotheus bildet, nimmt sich Regel und Gesetz einer
wirklich sind', aber auch mit Lacan und seinen Mathemen zu konstatieren. apophatischen Praxis zum Maß, stellt sich einer "Axiomatik der Apophasis"
Das, was entschleiert werden soll, bedarf vorzugsweise der Verschleierung, anheim, die zum Zweck hat, die Dinge in ihrer Eigentlichkeit erscheinen zu
um erkannt werden zu können. Was dekryptiert, in seiner Bloßheit erkannt lassen. Der Zugang zu dieser Eigentlichkeit jenseits des falschen Scheins,
werden soll, muss zunächst in kryptischer Form erscheinen. Das zu Entzif- der durch die gewöhnliche Sicht um die Dinge liegt, ist der ultimative Hori-
fernde ist vor-zu-verziffern. 355 Die Unterschiede zeigen sich dort, wo es dar- zont dieser diskursiven Askese, die nicht schweigt, sondern auf das Schwei-
um geht, was zu entziffern ist, was in seiner Bloßheit erscheinen soll. gen hinweist und sich durch Negationen fortschreibt. Die Eigentlichkeit des
Gegenstands tritt hervor, wo er aller Kontingenz entblößt ist. Aber die Ei-
Es dürfte deutlich geworden sein, wie Übereinstimmungen und Abweichun- gentlichkeit der Dinge verhält sich resistent gegen jede Benennung.
gen der an Lacan>geschulten Praxis mit den Konzeptualisierungen der nega- Es geht bei Dionysius um eine bestimmte Sicht, eine bestimmte Kontempla-
tiven Theologie sich genauso gewinnbringend feststellen lassen, wie diese tion, die zwischen den (platonisch-altphilosophischen) ,Sphären' von Schein
gewisse Nähe der apophatischen Diskurspraxis mit dem Ansatz des Zen: Es und Sein zu unterscheiden weiß, dabei aber auch noch das Sein unter Schein-
ist nicht so, wie oben bereits angemerkt, dass es dem Analysanten an positi- kriterien zu nehmen wissen wird. Die negative Theologie ist eben deshalb
vem Wissen über sich selbst gebräche. Es gebricht ihm gewissermaßen an nicht Essentialismus, vielmehr diese Art Hyperessentialismus (Überwesen,
negativem Wissen. Er verfügt in der Regel über positives Wissen über sich Übersein), also erst recht der aufsteigenden Mystik zu subsumieren. Ein
selbst, noch bevor er die Analyse antritt. Aber dieses positive Wissen bildet Höchstes, dessen Namen wir nicht kennen, lenkt dabei jeden Fortgang des
nur den Schleier, der sich über ein anderes Wissen legt: eines, das sich selbst Diskurses. Dieses Höchste ist gleichzeitig Verheißung wie Geheiß und als
nicht weiß. solches maßgeblich für jede Wendung des diskursiven Fortgangs. Um den
Der Analysant mag sein Symptom bis in alle Einzelheiten wissen (wie der Akt der Zuwendung an den anderen zu einem legitimen zu machen, bedarf es
"Mann vom Lande" in Katkas Gesetzesparabeljede einzelne Laus im Mantel dieser transzendenten Ursache. Transzendente Ursache und Adressiertheit
des Türhüters weiß), aber genau dieses Wissen legt sich als Schleier über das des Sagens, das sind die wesentlichen Merkmale dieses Diskurses.
eigentliche Problem, so dass es nicht zum Vorschein kommen kann. Da sein Gerade wegen dieses doppelten Motivs steht die negative Theologie dem
Genießen an das Symptom gebunden ist und das positive Wissen zum Sym- Zen näher als die Mystik Plotins und den Grund hierfür bildet neben der mit
ptom gehört, fürchtet er nichts mehr, wie schon Freud auffiel, als seine Hei- der zenistischen Logik formale Ähnlichkeiten aufweisenden apophatischen
lung. Der Analytiker wird, wenn er mit dem Patienten am Symptom arbeitet, Rhetorik eben dieser explizite Einschluss des anderen, des Schülers.
leicht zu dessen Komplizen, zu einem Bürgen seiner Verkennungen. Ent- Derrida stellt folgende Fragen, die Diskursgemeinschaft von Dionysius
sprechend schlägt Dionysius die gewöhnlichen Erkenntnismittel als inadä- (mystagogischer Lehrer) und Timotheus (Schüler) betreffend:
quat aus. Wenn der Analytiker sich auf das Ego des Analysanten einlässt, "Wo hält sich, in dieser Hierarchie, derjenige, der spricht? Derjenige,
der zuhört und empfangt? Derjenige, der spricht, während er emp-
355 Vgl.. Lacan, 1.. SChriften III, Olten, S. 8 fängt, was seinen Anfang in der Ursache (Cause) hat, die auch die
160 161

Ursache für diese Gemeinschaft ist? Wo halten sich Dionysios und das zu zeigen ist wohl der Sinn der negativen Theologie des Dionysius, der
Timotheus [...]"356 seine Rede als Ansprache an einen Schüler inszeniert.

Das ,Doppelsubjekt' Dionysius/Timotheus steht paradigmatisch für ein be-


stimmtes Format des diskursiven Vollzugs. Ihr Gespräch, das keine duale 5.5 Meister Eckhart
Beziehung darstellt oder widerspiegelt, bildet den Raum einer ganz besonde- Was Lacan an Freud hervorhob, dass nämlich sein Denken eines in Bewe-
ren mystagogischen Psychagogie. Weil Dionysius sich nicht von Gott ab- gung sei und nicht auf abgenutzte Begriffe zu reduzieren, gilt in höherem
wendet, derweil er sich Timotheus zuwendet, ist seine Zuwendung ein legi- Maße von seinem eigenen. Über Meister Eckhart lässt sich Vergleichbares
timer Akt, seine Apostrophe eine rechtmäßige. Der Grund für die quasi- sagen: Im Unterschied zu den systematischen Zugängen von Neu-Plato-
kerygmatische Autorität von Dionysius ist seine Nicht-von-Gott-Abgewandt- nismus und Negativer Theologie haben wir es im Predigtwerk Eckharts mit
heit in seiner Zugewandtheit. Gegenüber Gottes "Hyperessentialität" verhält einem Denken zu tun, das sich nirgends schließen lässt, nur mit variabel
sich Dionysius wie ein Empfangender ihrer GabenlEingebungen, die Verhei- verwendbaren Theoriebausteinen, die zum System sich schließen zu lassen
ßungen sind und als solche Geheiß, Weisung. Und nur weil er sich in dieser zwar möglich wäre, aber wohl nur an Eckharts Intention vorbei. Ein weiteres
Hinsicht rein passiv verhält, kann er andererseits Meister sein, nämlich aktiv, unterscheidendes Merkmal kommt beim Eckhart der Predigten und Traktate
Geber von Gaben. Sein Meistersein ist also in tieferem Sinn durch sein Schü- hinzu, nämlich dass es sich bei dem uns überlieferten Textkorpus um
lersein begründet und legitimiert sich nur durch dieses. Dionysius ist Gott Transkriptionen handelt. Eckharts Worten hatte also, wie das Sagen Lacans
zugewandt, um sich von ihm fUhren zu lassen. Dieses Gefiihrtsein ist der in den Seminaren und wie das der Zen-Meister im Dojo (und ein Gutteil der
Grund für seine Ausgerichtetheit auf einer "geraden Linie,,357 Ohne aber auf- Überlieferungen sind Transkriptionen von kusen), nicht nur einen unbewuss-
zuhören, zugewandt zu sein, wendet sich Dionysius um. um seinerseits Ti- ten oder aber fIktiven Adressaten, wie bei Dionysius. Eckharts Sprechen war
motheus zu führen, auf die gerade Linie auszurichten, den 6p9-o~ A.6yo~ 358, im vollsten Sinne ein Sprech-Handeln.
den seine eigene Bewegung bereits beschreibt. Diese Umwendung, ohne sich Philosophie und Theologie, soweit sie als scholastische rudimentär in Eck-
abzuwenden, ermöglicht und legitimiert den psychagogischen Akt. Nur durch harts Predigten noch auftauchen, erfahren eine Instrumentalisierung inner-
seine Nicht-Abgewandtheit von der ,transzendenten Ursache' kann sich Di- halb einer transformatorischen Praxis. Nachdem er als Sorbonne-Professor
onysius erlauben, die Psyche des anderen zu führen. einer der anerkanntesten Gelehrten seiner Zeit geworden war, sah er sich
durch Anordnung der Kurie mit der Aufgabe konfrontiert, volkssprachlich
Es ist ersichtlich, wie hier das Ich, das spricht, nicht das Subjekt der Rede ist, statt lateinisch vor allem in Nonnenklöstern zu sprechen und zwar - fast
vielmehr ist es gewissermaßen die transzendente Ursache, die sprechen schon wie ein Psychoanalytiker - mit dem Ziel, die zur ekstatischen Aus-
macht, die selbst aber namenlos ist und die sich als ein Nichts zeigt, ein ,lau- schweifung hin tendierende Spiritualität der Ordensfrauen zu bemeistern, mit
teres Nichts', wie es bei Meister Eckhart heißen wird. sobald man sich ihr Lacan zu sprechen: ihr "Genießen zu zügeln", (Eben als dieser Prediger, zu
mit den groben menschlichen Erkenntnismitteln nähert. Aber auch die subti- dem er bestimmt worden war, geriet er dann ja auch mit der Amtskirche in
len Mittel können diese Ursache nicht einholen. Durch vorsichtige Näherung
Konflikt.)
aber lanciert sie ein Sprechen, das sie entblößt und erscheinen macht in ihrer Der Unterschied zwischen Eckharts Predigt und Dionysius Apostrophe be-
Unscheinbarkeit, ursächlich für die Rede des Psychagogen. Wie die Rede ei- steht darin, dass Eckharts adressiertes Sprechen jede Ver- und Entschleie-
ne legitime werden kann unter Wahrung des höchsten, namenlosen Gutes, rungsdialektik letztlich übersteigt (was ihn wiederum in einen gewissen Ge-
gensatz zu den Kryptierungen der Matheme Lacans und den Koan des Zen
stellt) und in der Bloßlegung oder Entblößung des logos, des lebendigen
christlichen Wortes selbst kulminiert. So ist die hohe Emphase solcher Rede
356 Derrida, 1.. Wie mcht sprechen, S. 40 zu erklären; Eckhart bezeichnete sie selbst als locutio emphatica und ihr pa-
357 Man denkt an Lacans "rektifizIertes Begehren"
radoxes Merkmal ist gerade Nüchternheit, ein kristalliner Stil. Gleichzeitig
358 Vom ,,6p9-6~ Aöyo~ des Unbewußten" spricht Lacan im: S VII, Die Ethik der Psychoanaly-
se, S. 92. Vergieichbare Stellen finden sIch des weiteren: Ebd., S. 31. 40 u. 44
aber nun mit dieser Entblößtheit ist Eckharts Rede (und deshalb vor allem
162 163

wohl wurde sie als skandalös empfunden) explizit adressiert, jedoch weder in habe, so der Soto-Meister S. Suzuki, ließe sich auf eine einzige kurze Formel
der Art, wie sie Intersubjektivität als duale Beziehung ins Werk setzt, noch bringen. Wir erinnern an die bereits zitierte order:
eben auch in Form eines impliziten Adressaten, dem Leser, wie bei Dionysi-
"Absolute Ruhe, bitte!"
uso
Gerade deshalb, weil es entblößt und adressiert ist, ist dieses Sprechen mit
dem Schweigen im Bunde. Oder umgekehrt: gerade weil es mit dem
Schweigen im Bunde ist, kann es nicht anders als entblößt und adressiert
5.6 Der Bruch mit dem Erbe
sein. Jenes kommandierende Groß A, das bei Dionysius als Verheißung Was in den vorigen drei Kapiteln elaboriert wurde, sollte zeigen, inwiefern
gleichzeitig Geheiß ist, fehlt bei Eckhart radikal. Wir paraphrasieren hierzu es in der abendländischen Philosophie und Theologie Anknüpfungspunkte
Derrida, der mit Blick auf Eckharts Gottesbegriff fragt: Wie Gott aussagen fiir das ,Zen im Westen' gibt. Die doppelte Motivik des ,Bruch mit dem Er-
und wie auch Gott lieben, wenn er im Sein, wo wir sind, gar nirgends anzu- be' und ,Rekurs auf das Erbe' finden sich im Zen wie in der Psychoanalyse.
treffen ist? - Die Antwort, die Derrida Eckhart geben lässt ist etwa folgen- Bei Freud, aber mehr noch bei Lacan, ist stets eine starke Spannung zwi-
de: Gott eben gar nicht aussagen, sogar nicht einmal lieben wollen. Seinem schen dem Rekurs auf die philosophisch/theologische Tradition und gleich-
unseren Vostellungen und unserem Denken vollständigen Entrücktsein ge- zeitig dem Bruch mit diesem Erbe zu bemerken. Dem Spannungsverhältnis
genüber ist Schweigen die einzig redliche und angemessene Weise. Er ist zwischen Freuds Psychoanalyse und seinem Rekurs auf die Philosophie, und
kein Objekt und insofern soll er weder Gegenstand unseres Diskurses noch zwar insbesondere der Schopenhauers und Nietzsches, widmet Jaques Derri-
unserer Liebe sein. da eine subtile Reflexion in "Die Postkarte, 2. Lieferung", die weit über das
Das mystagogische Sprechen mit dem Ziel. die Psyche des anderen "auf eine hinausgeht, was gewöhnlich gesagt wird, nämlich dass Freud sich von einem
gerade Linie" auszurichten, kommandiert damit zuallererst, nicht zu spre- bestimmten Zeitpunkt an die Lektüre Nietzsches untersagt habe, um sich
chen. Nur aus dem geforderten Schweigen heraus kann ein anderes Spre- nicht philosophisch vorwegnehmen zu lassen, was er empirisch und eben
chen anheben. Derrida paraphrasiert hierzu Eckhart, der seinerseits Augusti- psycho-analytisch zu ermitteln sich vorgenommen hatte. Derrida schreibt
nus paraphrasiert: über Freud:
"Von diesem ,überhervorragenden Sein', welches auch eine ,übersei- ,,[...] Ebensowenig wie Nietzsehe, ist Schopenhauer etwas geschuldet.
ende Nichtheit' ist, muß man vermeiden zu sprechen. Eckhart läßt Als solche schuldet die psychoanalytische Theorie ihm nichts. Sie hat
den hl. Aug. sprechen: ,Das Schönste, was der Mensch über Gott aus- von ihm ebensowenig geerbt, wie man begriffliche Trugbilder erbt,
zusagen vermag, besteht darin, daß er aus der Weisheit des inneren was soviel heißt wie Falschgeld, Scheine, emittiert ohne Wertgaran-
(göttlichen) Reichtums schweigen könne.' ,Schweig daher .. .' , tie. Die Worte und ,Begriffe' Schopenhauers und Nietzsches ähneln
schließt Eckhart an. ,Ohne dies lügst du und tust Sünde.' [...] ,Du zum Verwechseln dem psychoanalytischen Diskurs. Aber es fehlt ih-
sollst ihn lieben, wie er ist ein Nicht-Gott, ein Nicht-Geist, eine nen das Äquivalent eines eigenen Inhalts, der allein ihren Wert,
Nicht-Person, ein Nicht-Bild, mehr noch: wie er ein lauteres klares Gebrauch und Austausch garantieren kann. Man darf vor allem nicht
Eines ist, abgesondert von aller Zweiheit. Und in diesem Einen sollen erben von solchen Assignaten, ja von einer derartigen Geldscheindru-
wir ewig versinken vom Etwas zum Nichts. [... ]"<359 ckerei, oder von einer Maschine, die, mehr oder minder betrügerisch,
in unkontrollierbarster Leichtigkeit, solche ,Aktien' emittiert. Und
Sprechen, um zu kommandieren zu schweigen. Auch das Sprechen der Zen- wegen der Ähnlichkeit, wegen einer nur zu natürlichen Imputation
Meister dient dazu, das Schweigen herzustellen und zu bewahren. Die be- von Erbschaft, muß man um jeden Preis diese Filiation vermeiden.
rühmten Schreie der alten Zen-Meister unterbrechen so auch nicht die Stille, Man muß brechen mit ihr im Augenblick, wo die Identifikation droht
sie stellen sie vielmehr erst her. Alles, was er je während des Zazen gesagt in nächster Nähe. Man darf nicht übernehmen die Schuld: nicht allein,
weil sie die eines anderen ist, sondern weil der andere sich verschul-
det hat in insolventer (nicht zu vergebender) Weise, indem er Trug-
bilder von Begriffen emittierte. Das ist wie eine andere Geschichte
359 Derrida, J.. Wie nicht sprechen, S. 93
164 165

von kollektiver Verantwortung: ob er sie analysiert oder nicht, Freud doch man scheitert, bekommt· ihn nicht in
unterwirft sich einem Imperativ, der ihm vorschreibt, zu unterbrechen den Griff; doch eben durch dieses Scheitern
die Kette und auszuschlagen das Erbe. Zu gründen so eine andere wird der Ort des anvisierten Objekts einge-
Genealogie. Ich behaupte, daß fiir das, was er schreibt zur (philoso- kreist, und seme Konturen zeichnen sich
phischen und nicht-philosophischen) Spekulation, etwas in Betracht ab. (Slavoj 2izek)
kommt bei dieser Szene des unerträglichen Erbes. Etwas kommt in
Betracht, anders gesagt, ist nicht zu betrachten. [...] Ebensowenig wie Lacans verzifferte Konjekturen zur Entzifferung des, mit Heidegger zu spre-
Nietzsehe [...] ebensowenig wie der Philosophie im allgemeinen, ge- chen, "seinsgeschichtlichen Geschicks" des abendländischen Menschen ruh-
gen die er sich wehrt, indem er sie meidet, beabsichtigt Freud,_ Scho- ren zu folgender Dialektik, die hier kurz vorgefiihrt werden soll: Parmenides
penhauer etwas zu schulden. Die Anerkennung der Schuld wird an- schließt das Nicht-Seiende aus, aber es wird, wie alles Ausgeschlossene, zu-
nulliert oder [...], verneint [...].,,360
rückkehren. Das Christentum setzt auf dieses Ausgeschlossene und dabei
mutiert es zur Wahrhelt, die so, psychoanalytisch gesprochen, zwangsläufig
Gleichsam unterminiert wird jeder trotz alldem unvermeidbare Rekurs auf
den Status einer Wiederkehr des Verdrängten hat (und in gewisser Weise ü-
das Erbe also immer durch seine gleichzeitige Ausschlagung, die bei Freud
berdeterminiert ist wie das Symptom). Das Christentum quartiert dann das
und erst recht bei Lacan mehr ist als nur Geste. Wie das Zen den ontologi-
aus, was Parmenides gelten ließ: das Seiende. Aber dieses bleibt sich ebenso
schen Idealismus der alten indischen Schulen, einbeschlossen die buddhisti-
nicht selbst gleich durch seinen Ausschluss, es depraViert im Durchlauf des
schen, wirkungsmächtig erzittern ließ, so erschütterten die Theorien des Un-
christlichen Signifikanten zur ,Welt'. Von grundsätzlicher Bedeutung fiir
bewussten die durch die Philosophie und die philosophische Tradition ge-
Lacans Konzeptualisierung ist, wie schon hervorging, der Schritt von Hera-
stützten Selbstgewissheiten des abendländischen Subjekts. Der Abstand. den
klit zu Parmenides:
das Zen zu den auf den Schriften fußenden, insbesondere hinayanistischen
Heraklit sagte:
Schulen des Buddhismus (dem "ontologischen" oder "indischen" Idealis-
mus) behauptet, ist dem Freuds zum philosophischen Diskurs des Abend- "In dieselben Flüsse steigen wir und steigen wir nicht, wir sind es und
lands vergleichbar. wir sind es nicht."
Lacans "Aufhebung,,?61 der freudschen Lehre findet seine Entsprechung aber
dort, wo das Zen auch den Rekurs auf die eigene Tradition explizit aus- Doch dann kommt Parmenides und markiert apodiktisch den Bruch:
schlägt. Wie bei Lacan die Rückkehr zu Freud eigentlich die Aufhebung des "Das Sein ist und das Nicht-Sein ist nicht."
Freudianismus zugunsten einer tatsächlichen, effektiven Realisierung der re-
velation des Unbewussten visiert, so situiert sich das Zen dort, wo jeder Be- Weil er Dichter war, so Lacan, habe Parmenides, was er zu sagen hatte, auf
zug zum kurrenten buddhistischen Diskurs gekappt ist und der Sinn der Ü- die "am wenigsten blöde Weise" gesagt. Aber was er zu sagen hatte, war an
berlieferung im vollsten Sinne sich erst dort enthüllt, wo sie preisgegeben sich "blöde genug":
wird.
,,[...]üü daß das Sein sei und das Nichtsein nicht sei, was das Ihnen
sagt, jedenfalls ich, ich fmde das blöde. Und man soll nicht glauben,
5.7 Das Erbe als "seinsgeschichtliches Geschick" und die es mache mir Spaß, das zu sagen.,,362
analytische Wahrheit versus Welt und Realität
Nach Heidegger, an dessen geschichtsphilosophischem (resp. seinsgeschick-
Man versucht, den Gegenstand des Den- lichem) Schema Lacan zweifellos orientiert ist, ohne ihm aber im geringsten
kens zu begreifen/begrifflich zu fassen, ,verfallen' zu sein, fiihrte Parmenides apodiktischer Ausschluss des Nicht-
Seins zur entfesselten Technik und zur Herrschaft des "Gestell" oder, um ei-
360 Derrida, J.: Die Postkarte, von Sokrates biS an Freud und Jenseits, 2. Lieferung, S. 16f
361 Wenn von Lacans "Aufhebung" die Rede ISt, sollte dieser Begriff in der hegeischen Drei-
fachbedeutung verstanden werden. 362 Lacan, J.. S XX, Encore, S. 27
166 167

nen Topos von Hans Blumenberg zu gebrauchen, zum "Absolutismus der nisch/1acanianisch verstanden, einmal mehr Zeugnis von einem Unverständ~
Wirklichkeit,,363. Es folgten im Zuge dieser Ausschließung, der gewisserma- nis dessen, was das Unbewusste überhaupt ist.364
ßen griechischen Variante des peccatum origninale, der jüdisch-christlichen Auch Lacans Einlassungen auf Parmenides und Heraklit in dieser an Hei-
Erbsünde, weitere Verwerfungen und Weichenstellungen: Bewusstsein ver- degger angelehnten Leseweise werden immer wieder relevant im Zuge sei-
sus Unbewusstes, Wissen versus Nicht-Wissen, Handeln versus Nicht- nes Anti-Aristotelismus. Entscheidend hierbei ist, dass seine Zurückweisung
Handeln, Arbeit (gerichtet, orientiert) statt Begehren (selbstreflexiv), effi- des Aristotelismus selbst nicht aristotelisch sein will. Wichtig ist nicht die
zienter Umgang mit den Dingen anstatt Betrachtung, Aktivismus statt Kon- Substitution des einen höchsten Gutes durch ein anderes, sondern die Preis-
templation. Als Folge dieser Ausschlüsse tritt auch das behauptete Orien- gabe der Orientierung am "Gut" selbst, letztlich eben die Preisgabe jeder O-
tiertseins des· Handeins an einem höchsten Gut auf den Plan: an Gott, am rientierung des Begehrens überhaupt. Das Begehren soll sich auf kein Gut
Sein, am Guten bei Platon/Aristoteles, in, nach Lacan, verhänghisvoller Ver- beziehen, worin es seine Selbstentfremdnung erleidet. Das soll den seinen, so
quickung dieser Orientiertheit mit der Inthronisation der Wirklichkeit als ka- Lacan, grundlegend von schon dagewesenen anti-aristotelischen Ansätzen,
pitalistischer zu Ungunsten all dessen, was von nun an als nicht-seiend und die dem Großmeister abendländischer Wissenschaftslehre und Methodologie
folglich irrelevant zu gelten hatte. auch im Widerspruch nicht entkommen, unterscheiden. 365 Aristoteles beginnt
Stets hat Lacan die aristotelische Wissenschaft mit ihren Klassen, Arten und bei Lacan mit Parmenides und teilt mit diesem die ,Überwindung' Heraklits:
Unterarten von Seiendem im polemischen Visier: Aristoteles hierarchisier-
"Daß der Gedanke nur agiere im Sinn einer Wissenschaft, indem er
enden, alles in den Griff bekommenden "Klassizismus", wie er kalauert.
dem Denken supponiert wird, das heißt, das das Sein Denken solle,
Dem "rechnenden Wesen" droht aber in Permanenz die Gefahr durch ein
das ist, was die philosophische Tradition von Parmenides an begrün-
strukturell Unwissbares und folglich Unberechenbares, das ihm das Nächste det. Parmenides hatte unrecht und Heraklit recht.,,366
und Fremdeste zugleich ist. Der vermeintlich alles im Griff habende Mensch
(der begreifende Mensch) leidet ebenso wie der vormals allein Gottes All- Die Lehre Lacans lautet: In der Analyse - "Die Analyse ist der Austritt aus
macht und unverständlichem Ratschluss ausgelieferte und wahrscheinlich dem kapitalistischen Diskurs,,367 - reduziert sich das, was als seiend und als
sogar noch tiefer. Dem Er-kennen des homo scientificus wohnt beunruhig- wirklich gelten darf, weil es denkbar ist, als ein Produkt von Ausschluss, von
enderweise ein spezifisches Ver-kennen inne, das alle seine Akte subvertiert. Urverdrängung, aufs Phantasma. Die Realität ist nichts uranfanglieh, an und
Der Optimismus der neuzeitlichen Wissenschaft, ob nun schon angelegt bei fiir sich bestehendes, vielmehr ein Produkt jener frühen Weichenstellungen.
PlatoniAristoteles oder erst mit Descartes begründet, von einem von den Na- Sie existiert eben gewissermaßen "nicht wirklich", Die Realität (als solche)
turmächten, Gott oder kosmischen Zyklen dem Menschen implantierten Wil- ist das Produkt jener ursprünglichen Verwerfung. Vom analytischen Stand-
len frei werden zu können, wird unterhöhlt durch ein strukturell nicht Wiss- punkt aus reduziert sie sich darauf, ein phantasmatisches Konstrukt zu sein,
bares. Seit Freuds Forschung hat dieses Nicht-Wissbare einen Namen: das auf einer Urverdrängung gründend.
per definitionem nicht berechenbare Unbewusste.
Ausgerechnet der an der Empirie orientierte und Gott nur noch als einen Pos- Wie die analytische Wahrheit die Realität zurückstößt ins Phantasma, so ge-
ten im "psychischen Apparat" akzeptierende Freud reintegrierte also eine schieht diese Zurückweisung, so deutet Lacan, ganz ebenso durch den Dis-
Größe, die das Un(be)greifbare wieder in sein Recht versetzt. Seit Freud kurs innerhalb eines anderen "Genres", wie er sich ausdrückt, nämlich dem
führt kein Weg mehr vorbei an der Anerkennung dessen, was nie "aufhört, der Evangelien.
sich nicht einzuschreiben", der Selbstermächtigung des Subjekts zu wider-
stehen und seine Akte zu subvertieren und der gegenwärtige Optimismus,
sich an Biochemie und Computertechnologie orientierend, gibt, freudia-
364 Dieser zweite Optimismus wllre nach Heidegger der absolute Gipfel der Semsvergessen-
heit m der Herrschaft des Ge-Stell.
365 So, nach Lacan, von z.B. dem Batesons, vg1.: Lacan, 1.: S XX, Encore, S. 150f.
366 Lacan, 1.: S XX, Encore, S. 123f
363 Blumenberg, H.: Arbeit am Mythos, S. 9 367 Lacan, J.: Rtr. S. 71f.
168 169

Diese Texte sind [...] das, was ins Innerste der Wahrheit geht, der kUnden in radikaler Weise eben von der Wahrheit. Mit ihrer Aufkunft ist die
" - als solcher [...]", 368
Wahrheit Philosophie an ihrem Ende angelangt.
Das eben ist auch die Sichtweise Heideggers, der sagte, dass er selbst, wenn
Denn man könne nicht besser als in ihnen er wirklich und wahrhaft Christ sein würde, seine "Werkstatt" würde schlie-
"[00'] die Dimension der Wahrheit spielen lassen, das heißt besser die ßen müssen: "Philosophie ist dem ursprünglich christlichen Glauben eine
Realität zurückstoßen ins Phantasma.,,369 Torheit [...] ein hölzernes Eisen und ein Mißverständnis,,373, philosophisch
gesprochen: eine contradictio in ac!jecto. 374 Heidegger, der Philosoph bleibt
So nimmt es nicht Wunder, dass dieser Wahrheit und die Lichtung und das Seinsgeschick denkt und nicht die christliche Of-
fenbarung (denn diese ist eben nicht denkbar), befmdet sich so keineswegs
"ganz nahe nur zu kommen (ist) im Licht der Kategorien, die ich aus im Selbstwiderspruch, wenn er das Ende der Philosophie durch Aufkunft der
der analytischen Praxis zu gewinnen versucht habe, nämlich das evangelischen Wahrheit behauptet. Allein, dass er seine "Werkstatt" nicht
Symbolische, das Imaginäre und das Reale,,370,
geschlossen hat, kUndet davon, dass er den radikalen Schnitt, der durch die
Aufkunft der christlichen Wahrheit gemacht ist, für seine Person nicht mit-
Wie in der Analyse die Realität aufs Phantasma reduziert wird, so wird in
vollzieht. Er fühlte sich letztlich nicht angesprochen.
den Evangelien die Welt als "Gemeinheit" ausquartiert und "die Wahrheit an
Entsprechend gilt, dass ontologische Einlassungen, vom Standpunkt der
ihren Platz,,371 gestellt. Die "Historioie des Christus"
geoffenbarten Wahrheit aus gesehen, das sind, was Derrida im Zuge seiner
"[00'] hat das überflutet, was man die Welt nennt, indem sie diese zu Dionysius-Auseinandersetzung für den Fall des Fortbestehens der Philoso-
ihrer Kehrrichtwahrheit restituiert hat. Sie hat das abgelöst, was das phie unter dem Licht der christlichen Offenbarung einen "subtile(n) oder
Römische, Maurer ohnegleichen, gegründet hatte in einem wunderba- perverse(n) Götzendienst,,375 nennt. Er schreibt im Zuge dieser Auseinan-
ren, universalen Gleichgewicht, mit Bädern an Genuß dazu, die hin- dersetzung, die sich um das (unmögliche) Verhältnis von geoffenbarter
länglich symbolisiert werden von jenen sagenhaften Thermen, von Wahrheit und Philosophie dreht, einerseits gäbe es die "vulgären Profanen,
denen uns eingestürzte Stücke geblieben sind. Wir können uns welche die Attribution als naive Götzenanbeter handhaben,,376, aber es gäbe
schlechterdings keine Vorstellung mehr machen, wie, was Genießen auch anders geartete Anhänger, die Philosophen nämlich oder die "Experten
angeht, pompös das war. Das Christentum hat all das verworfen als in Ontologie,,377, die im Licht der offenbarten Wahrheit ebenfalls nichts als
verächtliche Gemeinheit, die man als Welt ansah. So besteht das Götzendienst leisteten.
Christentum fort nicht ohne eine intime Affinität zum Problem des
Wahren.,<37Z Der authentische Zen-Meister gehört ganz ohne Zweifel zu denjenigen, die
ihre "Werkstatt geschlossen" haben. Deshalb allein ist es falsch, in Heideg-
Der historische Schnitt, den Lacan hier in blumiger Prosa ausschmückt, be-
deutet aber nicht nur, dass, wie in den Evangelien, jene "verächtliche Ge-
meinheit", die Welt, in den Orkus zuruckschießt, aus dem sie gekommen ist, 373 Heidegger, M.: Einfilhrung in die Metaphysik, Tübmgen 1976, S. 6. - Vgi. zum Thema des
Verhältnisses von Philosophie, Theologie und christlicher Offenbarung bei Heidegger:
dieser Schnitt bringt es auch mit sich, dass die Philosophie (als solche) mit Haffner, Gerd SJ.. "Chflstsem im Denken. Zu Heideggers KrItik des ,christlichen Philo-
der Aufkunft dieser Wahrheit ihr Existenzrecht einbüßt. Die Evangelien sind sophie"\ m: Theoiogle und PhilosophIe, Freiburg.BaseI.Wien, 68. Jahrgang, 1993, S. Iff.
nicht eine neue Weisheitslehre, erst recht keine neue Philosophie, sondern 374 Es gibt weItere Stellen, die diese Einstellung Heldeggers beiegen: "Innerhalb des Denkens
kann nIchts vollzogen werden, was vorbereitend oder mitbestimmend wäre filr das, was Im
Glauben und m der Gnade geschieht. Wenn ich vom Glauben so angesprochen wäre, wür-
de ich die Werkstatt schließen. - Innerhalb der Gläubigkeit denkt man wohi noch; aber das
Denken hat als solches keine Aufgabe mehr." (Bericht eIner Tagung der evangelischen
368 Lacan, J.: S XX, Encore, S. 116 AkademIe Hofgelsmar, Dez., 1953, "Gespräch mit Martin Heidegger", in: Anstöße. Be-
369 Ebd. flcht der evangelischen Akademie Hofgelsmar, Nr. 2, März 1954, S. 33)
370 Ebd. 375 Derrida, 1.. Wie nIcht sprechen. S. 38
371 Ebd., S. 117 376 Ebd.
372 Ebd., S. 116 377 Ebd.
170 171

ger eine Art europäischen Zen-Meister zu sehen, denn er hat seine "Werk- rigen, von dem Dögen reichlich Gebrauch macht, aber einen technischen
statt" eben nicht geschlossen. Philosophisch-ontologische Spekulationen o- Gebrauch im Dienst einer transformatorischen Praxis, so wie Lacan Philo-
der seien es "fundamental-ontologische" Erörterungen des Seinsgeschicks sopheme, Theologumena, Mytheme, etc. technisch gebraucht, "weil es näm-
unter der Prämisse einer zu erlangenden adäquaten Welt- oder Wahrheitser- lich anderes sagt,,381,
kenntnis nehmen sich vom Standpunkt der buddhistischen Leerheit ebenso
wie von der christlichen Offenbarung. her gesehen generell wie Blasphemie Avanciert die Psychoanalyse bei Lacan so also zur Heilslehre? Eingeschrie-
und Unernst aus. Heidegger ist seine eigenen Wege gegangen, hat aber zu- ben in die Theorie seiner Praxis ist, dass der analytischen Wahrheit der Vor-
mindest die Dinge an ihren richtigen Platz zu stellen gewusst. Eine ,christli- zug zu geben ist vor jeder durch die Philosophie erzeugten (Richtigkeit). Die
che Philosophie' betreffend (und zweifellos ebenso eine buddhistische), (philosophischen, hermeneutischen) Mittel zur Durchdringung von Welt und
greift sein Vorwurf eines "wesenhafte(n) Nicht-Denken(s) an das Wesen des Wirklichkeit, ja in gewissem Sinne sogar die Psychoanalyse selbst, gehören
Nichts,,378 (gegenüber Nietzsche als Einwand formuliert, ob zu Recht oder zu selbst zur Ordnung der Welt und also des Phantasma. Eine Wahrheit, die er
Unrecht sei dahingestellt; er bildet im übrigen auch Heideggers Formel für die analytische nennt, hat auch Lacan in einer Weise berührt, die es unmög-
den "vollendeten Nihilismus" ). Die alten Koan und Koan-Kommentare las- lich macht, zum Gewohnten zurückzukehren. Bei ihm wird die Nennung der
sen bereits keine Täuschung darüber zu, was der Schritt des Zen gegenüber Namen der Philosophie zu einer "Anrufung der Leere" zur Evokation des
allen Formen jedes indischen und postindischen Idealismus, einer bloßen wahren, vollen, authentischen Sprechens.
Philosophie des Buddhismus, gegenüber buddhologischen Studien jeder Art, Dennoch sind Philosophie, Ontologie, Theologie etc. die privilegierten Mittel
wirklich bedeutet. Entsprechend wird im Christentum die Ontologie im Licht zur Durchquerung des Phantasmas. Sie taugen paradoxerweise dazu, gerade
einer' geoffenbarten Wahrheit zu einem "perversen Götzendienst" und die weil sie selbst zu ihm gehören, seine Ausstaffierung bilden. Wenn Philo-
Philosophie post Christum zu einem "hölzernen Eisen", sopheme, Mytheme etc. also selbst zum Phantasma gehören, so verwandelt
Lacan sie in seiner seminaranalytischen Praxis in Matheme, ausgelegt (wie
Ontologie, Metaphysik, Philosophie, Onto-Theologie - aus der hier be- Köder) für präsupponierte Analytiker, um selbige dorthin vordringen zu las-
schriebenen Perspektive ist all dies strictu sensu nicht mehr möglich, es ist, sen, wo von der Realität, inclusive der Mittel zu ihrer Durchdringung, nichts
in der drastischen Diktion des späten Lacan: "orientiertes Scheißgequat- mehr übrigbleibt als die "Kehrrichtwahrheit" der analytischen Wahrheit zu
sche,,379, Shunryu Suzuki, als Zen-Meister einer derer, die "die Werkstatt ge- sein. Die Realität wird zum Phantasma, zu einem komplexen Truggebilde.
schlossen" haben, sagte: Lacans Analyse fUhrt also tatsächlich in die Dit-mension des wahr ein. Des-
halb ist sie eine transformatorische Praxis. Es genügt nicht zu sagen, Lacan
"Es ist irgendwie eine Lästerung, wenn man davon spricht, wie voll-
endet der Buddhismus als Philosophie oder als Lehre ist, ohne zu wis- rate seiner Klientel, bei ihren Pathologien zu bleiben, weil diese ohnehin un-
sen, was er tatsächlich ist [...] Unsere Praxis in ihrer reinen Form zu abänderlich mit unauslöschlicher Schrift auf ihren Leib gezeichnet seien.
erhalten, das ist unser Ziel. Manchmal habe ich das Gefiihl, daß etwas Nach dem Durchlauf des analytischen Signifikanten, in der Aufkunft der a-
Blasphemisches darin liegt, wenn man darüber spricht, wie vollkom- nalytischen Wahrheit erfährt das Subjekt eine radikal neue Determination.
men der Buddhismus als Philosophie oder als Lehre ist, ohne daß man Der alles verändernden und doch alles an seinem Platz lassenden Aufkunft
weiß, was er eigentlich ist.,,380 der analytischen Wahrheit entspricht im Zen die Unterscheidung eines Welt-
lichen vom Buddha-Dharma:
So werden also die wahren Häresien kenntlich. Zen-mäßig gesprochen be- "Wenn man glaubt, weltliche Beschäftigung störe das Buddha-
deutet Shikantaza (Nur-Sitzen), jede Art "indischen Idealismus" allenfalls Dharma, dann weiß man nur, daß es kein Buddha-Dharma im Weltli-
noch zu Demonstrationszwecken gebrauchen zu können - ein Mittel im üb-

378 Heidegger, M.: Nietzsche, Band H, S. 53f.


379 Lacan, Jaques: S XXII, R.S.I., S. 57
380 Suzuki, Sh.. ZEN-Geist - Anfänger-Geist..., S. 132 381 Lacan,1.. S XI, Die vier Grundbegriffe..., S. 297 (Nachwort)
172 173

ehen gibt, aber man weiß noch nicht, daß es kein Weltliches im der Macht, und zwar welcher Macht immer, in allen Umständen, in
Buddha-Dharma gibt."382 jeder Wirkung, historischer oder nicht, immer dieselbe gewesen.

Hier ist mutatis mutandis genau der Schnitt markiert, den Lacan zwischen Was proklamiert Alexander, als er in Persepolis, was Hitler, als er in
Welt/Realität = Phantasma auf der einen und der Wahrheit auf der anderen Paris ist? Die Präambel besagt wenig - Ich bin gekommen, um euch
ansetzt. Eine ,buddhistische Philosophie' ist mit Beginn des Dharma streng- von diesem oder jenem zu befreien Das Wesentliche besteht darin-
genommen genauso unmöglich wie eine christliche mit Autkunft der offen- Arbeiten Sie weiter. Die Arbeit darf nicht unterbrochen werden. Was
barten Wahrheit und Dögen (wie die gesamte Koan-Literatur) bestätigt dies heißt - Eines muß klar sein, es ist in keinem Fall eine Gelegenheit,
mit jedem der überlieferten Texte. das geringste Begehren zu zeigen.
Die Moral der Macht, des Dienstes an den Gütern ist - Was die Be-
gierden angeht, da werden sie nochmals vorbeikommen müssen. Die
5.8 Das Tragische der Analyse können warten. [...] Ein Teil der Welt hat sich entschieden am Dienst
Don't believe in yourself, don't deceive with an den Gütern orientiert und hat alles verworfen, was das Verhältnis
believe / knowledge comes with death's re- des Menschen zum Begehren betrifft [...] Das einzige, was man da
sagen kann, ist, daß es nicht so aussieht, als würde man sich Rechen-
lease (David Bowie, "Quicksand")
schaft davon geben, daß man, wenn man die Dinge so formuliert, nur
die ewige Tradition der Macht perpetuiert, nämlich das - Fahren wir
Die analytische Bewertung des Handeins, wie sie Lacan vornimmt und die
fort zu arbeiten, und was das Begehren betrifft, kommen Sie nochmals
durch eine Ethik, die er die traditionelle nennt, sind stark voneinander unter- vorbei.,,386
schieden. Gegen die geforderte Orientierung des Handelns am Objekt des
"höchsten Gut", die in Wahrheit der "Dienst an den Gütern" sei, richtet La- Das Begehren in den "Dienst an den Gütern" zu stellen, ist dann gleichbe-
can seine Konzeptualisierung von der Konformität von Handeln und Begeh- deutend mit: vom Begehren abzulassen. Lacans Umwertung der Sache mit
ren, spricht aber in dem Zusammenhang auch von der "tragische(n) Dimen- dem Begehren impliziert eine Umwertung des Begriffs der Schuld:
sion der psychoanalytischen Erfahrung,,383, Im Dienst am Gut, an den Gü-
tern, erleidetdas Subjekt seine Selbstentfremdung, entgeht aber auch der Ge- "Ich behaupte, daß es nur eines gibt, dessen man schuldig sein kann,
fahr, in die Dimension des Tragischen zu geraten. zumindest in analytischer Perspektive, und das ist, abgelassen zu ha-
Die Werte der traditionellen Ethik, die Aristoteles, so Lacan, bis über Kant ben von seinem Begehren. [...] Letztlich besteht das, wessen sich das
hinaus vorformuliert habe, seien etwa "Schmälerung des Begehrens, Be- Subjekt wirklich schuldig ilihlt, wenn es Schuld auf sich lädt, es mag
scheidenheit, Mäßigung"384, Die "Ordnung der Dinge", auf die sie sich grün- dem Beichtvater gefallen oder nicht, im Grunde darin, daß es von sei-
nem Begehren abgelassen hat." 387
den, sei aber letztlich die "Ordnung der Macht", die einer "menschlichen,
allzu menschlichen Macht,,385, Die Macht verlangt die Instrumentalisierung
Dass dem so ist, dafiir beruft sich Lacan auf die Erfahrung, auf die des Psy-
des Begehrens, das ursprünglich leer ist und keine Objekte hat, seine Orien-
choanalytikers. Da die Christen nach dem Guten strebten als dem obersten
tierung an einem Gut, am ,höchsten Gut', am ,Guten' und letztlich verpflich-
Gut, kehrte bei denen "der gewöhnlichen Observanz nie wirklich Ruhe
tet sie das Subjekt dabei auf den "Dienst an den Gütern", ein,,388,
"In Bezug auf das, worum es geht, nämlich das, was sich auf das Be-
"Die Dinge im Namen des Guten zu tun und mehr noch, im Namen
gehren, seinen Aufzug und seine Verwirrung, bezieht, ist die Position
des Wohls des anderen, ist weit davon entfernt, nicht allein vor
Schuld, sondern vor allen Arten inneren Katastrophen Schutz zu bie-
382 Dögen, E.. Shöbögenzö ZUlmonkl, S. 14
383 Lacan, J.: S VII, Die Ethik der PsychOanaiyse, S. 347ff. 386 Ebd., S. 375f. u. 379f.
384 Ebd., S.375 387 Ebd., S. 380f.
385 Ebd. 388 Ebd., S. 381
175

ten. Insbesondere schützt es uns nicht vor der Neurose und deren Fol- tragischen HeIdin. Vom Begehren ablassen und das Tragische zu vermeiden
gen."389 demgegenüber heißt, es zu befriedigen im "Dienst an den Gütern" unter
Preisgabe dieser authentischen Vision. 394
Weil das Begehren so sehr verknüpft ist mit dem, was als "Kern der Person" Was not-tut, ist die Realisierung dessen, was "uns in einem besonderen
von Lacan als der schwierigste Topos der Freudschen Lehre bezeichnet wird, Schicksal wurzeln läßt", gestützt vom unbewussten Thema, der "authenti-
steht im Ablassen vom Begehren mehr auf dem Spiel als nur die Versagung schen Vision unseres Lebens", einer Art Leitmotiv des Individuums, dessen
einer Befriedigung. Was auf dem Spiel steht, ist nichts weniger als das "See- Vernehmbarkeit die Anerkennung des unbewussten Wunsches voraussetzt.
lenheil", Denn das Begehren ist das, "was das unbewusste Thema stützt,,390. Im Fall der Verfehlung der Inswerksetzung des Begehrens kehrt wie bei den
In der Preisgabe des Begehrens um eines höheren Gutes willen, bzw. der In- "Christen gewöhnlicher Observanz", die ihr Handeln in den Dienst des Gu-
dienstnahme des Begehrens um dieses Höheren willen, steht die Realisierung ten stellen (und also in den der Macht, die letztlich nur den "Dienst an den
dessen auf dem Spiel, Gütern" fordert), "niemals wirklich Ruhe ein", In puncto Inswerksetzung des
"was uns in einem besonderen Schicksal wurzeln läßt, welches nach- Begehrens geht es in letzter Konsequenz nicht darum, besser leben zu kön-
drücklich fordert, dass die Schuld beglichen werde,,391, nen, sondern darum, sterben zu können. Das symbolische Gesetz zu erfiillen
in der Übernahme des symbolischen Mandats ermöglicht dieses Sterben-
Der Aufgriff dieses "unbewussten Themas" ist notwendig. Man verrät sein Können. Es ist wie bei den Protagonisten der (meisten) Opern von Richard
Begehren nämlich nicht ungestraft: Wagner. Sie müssen eine bestimmte Aufgabe erfiillen, um sterben zu kön-
nen. Solange sie diese nicht bewältigt haben, wandeln sie als ,Untote' wie
"Es kommt wieder und führt uns immer in ein bestimmtes Kielwasser Gespenster über die Erde. Diese Aufgabe aber, aufs engste zusammenhän-
zurück, in das Kielwasser dessen, was im eigentlichen Sinn unser Af- gend mit dem, was "uns in einem besonderen Schicksal wurzeln läßt", ver-
far ist. ,,392
langt gebieterisch nach ihrer Inswerksetzung.
Zur Plausibilisierung seiner analytischen Konjekturen zum Tragischen zieht
Schuld empfmdet derjenige, der von seinem Begehren ablässt, der außerhalb
Lacan noch das Beispiel eines weiteren tragischen Heros heran, das Philok-
seines "Kielwassers" sein Glück zu machen versucht. Lacans Gegenbeispiel
tets. Der "Philoktet" eignet sich deshalb besonders, weil bei diesem seine
ist immer wieder Antigone, die in unnachgiebiger, kompromissloser Weise
Vorgeschichte eine so besondere Rolle spielt. Lacan kann hier zeigen, wie
nicht von ihrem Begehren ablässt. Dafür nimmt sie sogar ihren physischen
einer wurde, was er ist. Ein geschichtliches Moment, ein gewisser biographi-
Tod in Kauf. Hätte sie dem Drängen Kreons nachgegeben, würde sie zwar
scher Wendepunkt in Philoktets ,Denkungsart' ist in seinem Fall, anders als
am Leben geblieben sein, aber als ,Untote', nämlich um den Preis, nicht
bei Antigone, von entscheidender Bedeutung.
sterben zu können. Antigones Begehren ist deshalb nicht Begehren nach et-
Lacan erzählt also Philoktets Geschichte nach und setzt folgende Schwer-
was, nach einem Objekt, nach dem Guten, es ist auch nicht die hegeische
93 punkte: Zu Beginn ist Philoktet ein Jedermann, der "wie so viele" für sein
Pietät, die dieser der Weiblichkeit zuordnee , sondern, wie Lacan sagt, "rei-
Vaterland in den Krieg zu ziehen und zu sterben bereit ist. Er ist "voll Hitze,
nes Todesbegehren", Sie weiß, dass sie nur sterben kann, wenn sie dieses
ungeschriebene Gesetz erfiillt, das heißt: der ursprünglichen, "authentischen
Vision ihres Lebens" (Arokiasamy) treu bleibt und diese Vision verlangt ge-
bieterisch nach Erfiillung des symbolischen Auftrags. Dadurch wird sie zur
394 Ein weiteres Beispiel wäre hier die Person Christi, so wie sie Martm Scorcese m semem
Film "Die letzte VerSUChung Christi" m Szene setzt. Jesus wlfd, bereits ans Kreuz gena-
gelt, von emem SChutzengel ,gerettet' Er steigt herab, heiratet Mana Magdalena und er-
389 Ebd. greift den Beruf semes (irdischen) Vaters. An seinem Sterbebett erschemen die Jünger und
390 Ebd., S. 381 werfen ihm Verrat vor. Aber Verrat woran? An seiner MiSSIOn, an semem symbolischen
391 Ebd. Auftrag, wenn man so will: an der "authentischen Vision semes Lebens", deren Inswerk-
392 Ebd. setzung die Treue zum sybolischen Auftrag erfordert. Hat er so also nicht "von seinem Be-
393 Vgl.. Hegel, G.W.F.. Phänomenologie des Geistes, dann: "Die Sittliche Welt. Das mensch- gehren abgelassen"? Und dieses Begehren war nichts anderes als Todesbegehren m seiner
liche und das göttliChe Gesetz, der Mann und das Weib''. S. 328-342 reinsten Form. Der Schutzengel erweist sich schließlich als der Satan.
176 177

voll Verlangen,,395, sich im "Dienst an den Gütern" aufzuopfern. Zwischen Einlassungen . sollten selbstredend nicht als Apologie des Hasses gelesen
sich und seine Vollendung stellt er sein Begehren in den Dienst, das heißt: er werden.
gibt es preis, er verrät es, er überschreibt es dem Vaterland, zu dessen (ver- Lacan weist dann noch auf Möglichkeiten hin, mit einem Verrat umzugehen,
meintlicher) Rettung er sich anstellen lässt. die das Subjekt nicht in die Dimension des Tragischen einführen, sondern es
Aber dann geschieht folgendes: Er wird verraten: fortfahren lassen, sein Begehren im Dienst an den Gütern zu opfern. Die tra-
gischen Heroen sind Ausnahmen, der Normalfall im Umgang mit einem Ver-
"Weil er zu übel roch, hat man ihn auf der Insel ausgesetzt. Zehn Jah-
rat sei, dass das Subjekt sich in sein vermeintliches Schicksal begibt und, auf
re verzehrt er sich dort in Haß.,,396
einem verminderten, aber womöglich sogar effizienteren Energieniveau fort-
ftl.hrt in der illusionären, selbstverräterischen Arbeit im Dienst der Güter.
Das ist besagter Wendepunkt in der Biographie Philoktets: Zu unterscheiden
Zwei Abschnitte aus der betreffenden Seminarstunde seien hier zitiert. Para-
sind eine Zeit, in der er, wie die anderen Krieger, bereit war, um eines frag-
digmatischen Wert haben die subjektiven Begründungen für das Nachgeben
würdigen Gutes willen sein Leben hinzugeben, in der er, von sich selbst ent-
in puncto Begehren. Sie schreiben sich ein ins Register der "traditionellen
fremdet, einem äußeren Gut verpflichtet sich glaubte und dieser Verpflich-
Moral":
tung vollständig verhaftet war. Eine neue Zeit hebt an (ein anderer Anfang)
wegen des Verrats, der an ihm geübt wurde. Denn: "Was ich ablassen von seinem Begehren nenne, ist im Schicksal des
Subjekts - Sie können es in jedem Fall beobachten, merken Sie sich
,,(S)ein Irrtum (wird) über die Tatsache des Verrats von ihm genom-
men,,397, die Dimension davon - immer von irgendwelchem Verrat begleitet.
Entweder begeht das Subjekt Verrat an seinem Weg, verrät sich also
selbst und bekommt es zu spüren. Oder einfacher, es nimmt hin, dass
Worin bestand dieser Irrtum? In der Preisgabe seines Begehrens zugunsten
jemand, mit dem zusammen es sich mehr oder weniger einer Sache
des Dienstes an den Gütern. Wenn dieser Irrtum nun von ihm genommen ist, hingegeben hat, seine Erwartung enttäuscht und ihm gegenüber nicht
so ist ihm im selben Zug sein Begehren zurückerstattet. Es hat kein Objekt das getan hat, was in ihrem Pakt verlangt war - was für ein Pakt es
mehr, es ist eins mit dem Hass. Man darf sich hier nicht täuschen und den auch sei, ein glücklicher oder ein unglücklicher, ein heikler, ein kurz-
Hass, der sich auf die, die ihn verraten haben, richtet, für einen zu halten, der sichtiger, der Pakt einer Revolte oder zu einer Flucht, es ist ganz
eben doch ein Objekt hat. Sein Begehren steht nicht im Dienst dieses Hasses, gleich.
es ist vielmehr vollkommen eins mit ihm. Worauf es Lacan ankommt, ist zu Irgend etwas spielt sich ab um den Verrat, wenn man ihn hinnimmt,
zeigen, wie Philoktets Handeln vom Moment des Verrats an unmittelbar vom wenn man, getrieben von der Idee des Guten - ich meine des Wohls
Begehren durchwirkt ist, wie es ihm innewohnt. Philoktet gerät in diesem dessen, der in diesem Moment den Verrat begangen hat -, so weit
Hass, in dem seine Selbstentfremdung im Begehren wettgemacht wird, ,au- nachgibt, dass man auf seine eigenen Ansprüche verzichtet und sich
ßer Konkurrenz' im Kampf um die Güter, die imaginären Dinge wie Ruhm, sagt - Nun gut, wenn's so ist, verzichten wir auf unsere Aussichten,
Ehre, GlÜCk, Wohlleben etc. Der Hass dient nur akzidentell dazu, Rache zu von uns beiden ist keiner mehr wert, sicher nicht ich, kehren wir also
nehmen, vor allem hält er ihn in einem Leben, das nicht ,untot' ist und das auf den gewohnten Weg zurück. Sie können sicher sein, dass es da
gerade dadurch, dass er sich gegenüber den Dingen, mit denen der gewöhnli- um die Struktur geht, die ablassen von seinem Begehren heißt.,,398
che Mensch befasst ist, wie ein Toter verhält, vollständig indifferent. Das ist
die traditioneller Rezeption und gewöhnlichem moralischem Empfinden Das Subjekt begeht Verrat "an seinem Weg...um des Guten willen...und
krass zuwiderlaufende, zweifellos heuristische Deutung Lacans, denn Lacans kehrt auf den gewohnten Weg zurück". Wegen der Unmöglichkeit einer Ver-
wechslung von Philoktets Motiven mit einer Orientierung am Guten, wie sie
im Fall Antigones gegeben ist, wird hier noch deutlicher als in ihrem Fall,
wie die von Lacan entwickelte Ethik der Psychoanalyse konträr zu dem
395 Lacan, 1.: S VII, Die Ethik der Psychoanalyse, S. 382
396 Ebd., S. 382
397 Ebd. 398 Ebd., S. 383
178 179

steht, was von der christlich/aristotelischen Morallehre, von der Philosophie "Darin ist die Psychoanalyse eine Technik, die die menschliche Per-
gestützt, gefordert wird. son respektiert [...] die sie nicht allein respektiert, sondern überhaupt
nicht anders möglich ist, als indem sie sie respektiert.,,401
Aber zweifellos können - dies sollte nicht ungesagt bleiben - die Handlungs-
weisen der beiden Tragödienhelden nur als das bezeichnet werden, was die
Analytiker "etwas schamhaft negativ-therapeutische Reaktionen,,399 nennen. 5.9 Wie das Phantasma durchqueren, ohne tragisch zu werden?
Sie geben nur das Paradigma für die Nicht-Orientiertheit der lacanschen
Es geht in der Zen-Schulung nicht darum, ein,bewusstloses', nur an seinen
Psychoanalyse an der Idee des Guten und damit dem Dienst an den Gütern
Instinkten oder Trieben orientiertes Subjekt zu erzeugen, vielmehr dieses in
ab.
den Stand zu versetzen, konform mit seinem Begehren handeln zu können.
Nach der Entfremdung im Dienst der Güter "verzweifelt man selbst sein"
An Sätze wie die folgenden muss Lacan im Zusammenhang seiner Seminar-
wollen ist auch nicht die Lösung. Der Weg ist wohl, wie Sören Kierkegaard
reflexion über "Freuds technische Schriften" gedacht haben.
dies einmal schrieb, zu finden zwischen zwei Vermeidungen: Weder "ver-
zweifelt man selbst sein" wollen, noch "verzweifelt nicht man selbst sein" "Dreißig Hiebe, wenn du sprichst; dreißig Hiebe, wenn du
wollen. Wenn letzteres die Verzweiflung der Schwachheit ist, defmiert Kier- schweigst".
kegaard, ist ersteres die des tragischen Trotzes. Aber es ist eben auch über "Sprich ein schnelles Wort!,,402
das Tragische hinauszugehen. Die Dimension, wo man weder "verzweifelt
man selbst sein", noch "verzweifelt nicht man selbst sein" will, ist bei Kier- Lacan schlägt in besagtem Passus die Brücke zwischen Freud und der Tech-
kegaard die religiöse 400 und bei Lacan derjenige Existenzmodus, wo Handeln nik der Psychoanalyse auf der einen Seite und dem Zen-Lehrer "auf der Su-
und Begehren nicht auseinandergelegt sind, sondern sich konform verhalten, che nach einem Sinn" auf der anderen:
wo das Begehren unmittelbar dem Handeln innewohnt, oder, wenn man so "Der Lehrer unterbricht das Schweigen durch gleichgültig was, einen
will: wo es genügt, dem Lauf der Signifikanten zu folgen, um gemäß zu han- Sarkasmus, einen Fußtritt. So geht auf der Suche nach einem Sinn ein
deln. Das Selbst ist hier kein Etwas mehr, das verneint oder bejaht werden buddhistischer Lehrer vor, entsprechend der Technik des Zen. Es ist
könnte, es ist kein Objekt mehr. Der Preis für den Gewinn eines Selbstes, das Sache der Schüler selbst, die Antwort auf ihre eigenen Fragen zu su-
kein Objekt mehr ist, ist ein wenigstens einmaliges Losgekommensein von chen. Der Lehrer trägt nicht ex kathedra eine abgeschlossene Wissen-
den "Schlacken jeder Leidenschaft", eine wenigstens einmalige Lösung der schaft vor; er bringt die Antwort bei, wenn die Schüler in der Lage
psychosozialen Vertäuungen. Aber dieses wenigstens einmal macht, dass der sind, sie selbst zu fmden.
Zugang offen bleibt. Der psychoanalytische Akt evoziert die Geburt des Sub- Diese Lehre ist eine Absage an jedes System. Sie deckt ein Denken in
jekts im Symbolischen. Die Trennung von sich befreit aus dem circulus viti- Bewegung auf - gleichwohl fahig zum System, denn es zeigt notwen-
osus, entweder man selbst oder nicht man selbst sein zu wollen. Die Lösung digerweise ein dogmatisches Gesicht [...].
der ursprünglichen Bindung als ethischer Akt, so wie sie die Analyse ins Freuds Denken hält sich durchweg geöffnet für Überprüfung und ü-
Werk setzt, die Trennung vom Liebsten, was man hat, ist dann gerade nicht berarbeitung. Ein Irrtum, es auf abgenutzte Worte zu reduzieren. Je-
der Begriff besitzt in ihm sein eigenes Leben. Und genau das heißt
als "Ablassen vom Begehren" zu verstehen, vielmehr als die Bedingung sei- Dialektik.,,403
ner Inswerksetzung.
Lacan selbst stellt die Grenze zwischen der Praxis, die ihn verpflichtet und
dem, was sie nach der Meinung gewisser Epigonen konstituiert, nämlich ihre
Abgrenzung gegenüber dem, was solchen als mystisch gilt, gleichsam von

401 Lacan,1.. SI, Freuds techmsche Schriften, S. 41


399 Ebd., S. 373 402 Zit. n.: SUZUkI, T.S .. Zazen, Die Übung des Zen, S. 89
400 VgL Kierkegaard, S.. Die Krankheit zum Tode, S. 73ff. 403 Lacan, J.: Sehr. I
180 181

innen her in Frage. Es ließen sich jede Menge Gründe dafür beibringen, je- logie, gleichwie, mit Nietzsehe zu sprechen, auf einem "Basiliskenei" sit-
nes von Freud entdeckte Unbewusste mit Begriffen der mystischen Texturen zend, hat geradezu schon eine eigene Tradition ausgebildet. Interdisziplinari-
in Beziehung zu setzen. Freuds vielzitiertes Statement, demzufolge ihm "o- tät und interkulturelle Forschung lassen nach der Meinung ihrer Verächter
zeanische Gefühle" abgingen, verhinderte hier auf lange eine angemessene den Blick auf das, was ist, nur durch Milchglasscheiben zu, nicht cartesia-
Rezeption. So gibt es denn, was vielleicht sogar einer gewissen Komik nicht nisch, wie es sich gehört, "clare et distincte", Das Zen demgegenüber sprach,
entbehrt, kaum eine gemeinsame Schnittmenge von Freudianern/L~canianern seit es in den Westen gelangte, immer sein Wort zur westlichen Philosophie,
und mit Themen aus dem Umkreis der Mystik Befassten. 404 Die Mystik ist auch zur Psychoanalyse, um, nicht zuletzt, in dieser Annäherung einen Ab-
eine ernste Angelegenheit, so jedenfalls Lacan, sie sei eben nicht nur alles, stand zu markieren.
"was nicht Politik ist,,405,
Es ist eine mit der Regelmäßigkeit rezeptionsgeschichlicher Wiederholung
auftauchende Merkwürdigkeit und verdiente eigens analysiert zu werden,
dass gewisse Rezipienten speziell stets das, was sie nicht verstehen, als mys-
tisch diskreditieren und im Umkehrschluss das Mystische als das Nicht-
Verstehbare. "Sie bewerten alles als Irrtum, was sie nicht verstehen...,,406,
hielt auch Meister Eckhart seinen Anklägern in seinem sogenannten Lehr-
zuchtsverfahren entgegen.
Gerome Taillandier spürt einen "Zeitgeist, der über der Psychoanalyse
weht'" Lacans Bericht über seine "Reise nach Japan", schreibt er in einem
Artikel über das "Angst-Seminar", "interessiert nicht weiter", Dennoch hät-
ten, fährt er in diesem für einen gewissen akademischen Stil, der herablas-
send und ausgrenzend in einem ist, typischen Duktus fort, "diese Ferien La-
can offenbar viel gebracht":
"Er kommt mit nichts weniger als den ersten Hinweisen auf die Stim-
me und den Blick als Objekte a zurück. Wenig fehlte übrigens, und er
hätte auch den Atem als Objekt isoliert, wenn er ihn nicht im letzten
Moment auf... ein anales Objekt reduziert hätte!,,407

"Buddhismus, Japan, Gott und einige andere Universalien" bestehen für


Taillandier allesamt "aus ähnlichem Teig"408, Die westliche Borniertheit im
Beharren auf der Exklusivität abendländischer Wissenschaft und Epistemo-

404 Derrida schreibt sehr treffend, dass viele Psychoanaiytiker, die Sich m der Nachfoige
Freuds verstanden, "die Schultern gezuckt und verschamt den BlicK abgewandt (haben) vor
der Anwandlung von Mystizismus, der speKulativen Verirrung oder der mythologischen
Träumerei: der Meister hat gespielt, er ISt mcht ernst gewesen usf." (Derrida, 1.. Die Post-
karte, von Sokrates biS an Freud undjeriseus, 2. Lieferung, S. 144)
405 Lacan, J.: S XX, Encore, S. 82
406 Zit. n.: Derrida, 1.. Wie nicht sprechen, S. 81
407 Taillandier, G.. Jaques Lacans Semmar über die Angst, m: Riss, Zeitschrift filr Psychoana-
lyse. Freud.Lacan. Nr. 42, S. 28
408 Ebd.
6 Das leere Subjekt

6.1 Das eigentliche Ich und die Leerheit des Subjekts


Das Satori gleicht dem Geist eines Diebes,
der in ein leeres Haus eindringt. Es gibt
nichts zu stehlen. (Taisen Deshimaru Ros-
hi)
Wenn Lacan in einer Sitzung seines Seminars über die Angst auszuloten ver-
sucht, was
"vielleicht noch lebendig ist von den buddhistischen Praktiken, und
zwar insbesondere denen des Zen,,409,

so gilt ihm dieser Versuch als


"nicht unpassend [...] in Bezug auf das, was wir hier zu defmieren
versuchen hinsichtlich des Verhältnisses des Subjekts zum Signifi-
kanten,,410,

denn im Grunde sei ja die buddhistische Sache und die, "die uns interes-
siert", ein und dieselbe:
"ein bestimmtes Verhältnis des menschlichen Subjekts zum Begeh-
ren,,411.

In den fühesten buddhistischen Schriften gibt es das bekannte Gleichnis vom


Rad. Es besagt, dass selbiges, wenn es zerlegt wird, aus nichts als aus einzel-
nen Holzstückchen besteht. Entsprechend sei das Ich nur ein Bündel hetero-
nomer Triebfedern und Eigenschaften, einzig durch den Körper zusammen-
gehalten. An dieses Gleichnis nun schließen sich zwei naheliegende, typi-
sche Fehlinterpretationen an: die substantialistische, die zwar die Nicht-
Substanzhaftigkeit des empirischen Ich konzediert, jedoch gegenüber diesem
das Vorhandensein eines wahren, eigentlichen Ich behauptet - und die nihi-
listische, die bei der Verneinung der Einheit des Ich stehenbleibt. Beide

409 .Lacan, J.. Seminar X, Die Angst, 2. Teil, S. 69


410 Ebd.
411 Ebd.
184 185

Missverständnisse gründen darin, dass hier nicht die Leerheit des Ich erkannt nes Ich nur diese einzelnen Stückehen des Rades gäbe, also nur einen in
und in den Blick genommen wird. Hierin liegt aber gerade das Unterschie- nichts verankerten losen Verbund flüchtiger und heterogener (mentaler) Er-
dene des Buddhismus und ruht, wenn man so will, sein Geheimnis. Leerheit eignisse, haften entgegen ihrer Intention vielmehr genau am Bestand eines
ist Dasein ohne bleibende Substanz und das Nicht-Ich (anattat 12 die Be- Ich, das sie nur als zersplittertes fassen. Ihre Forschungen korrespondieren
wusstseinsform, die der Universalität des kosmischen Gesetzes vom Nicht- weniger mit dem Buddhismus als etwa mit den Theorien von Deleuze/Guat-
Bestand Rechnung trägt. Der Standpunkt, der die Nicht-Substanzhaftigkeit taii, wie unterbreitet im "Anti-Ödipus", in denen es auch nicht um die Leer-
des Ich behauptet, sein Bestehen aus heterogenen Bestandteilen, wurde heit oder wenigstens Negativität des Selbst geht, sondern seine Zersplitte-
schon zu Zeiten des historischen Buddha von konkurrierenden Schulen ge- rung in inkonsistente, heteronome Vielheiten. Solche Theorien, aufgenom-
lehrt und entspricht den Forschungsergebnissen der heutigen Kognitionswis- men und weitergedacht, münden dann in die modische Annahme der Exis-
senschaftler. Dass unter dieser heterogenen Masse aber ein eigentliches Ich tenz von "multiplen Persönlichkeiten", die in Wahrheit wohl nur von der
vorhanden sei, entspricht eher einer (platonisch/christlichen) Philosophie der Verlegenheit der Analytiker und Therapeuten zeugt, gewisse schwerwiegen-
Seele. de Probleme, die bei bestimmten Individuen aus der Unmöglichkeit des Ein-
Von den Vertretern des letzteren Standpunkts wird behauptet, dass der klangs der subjektivenjouissance und der Forderung des symbolischen Ge-
Buddha gar nicht eine solche ,furchtbare Theorie' vom Nicht-Ich gelehrt ha- setzes resultieren, zu erklären und in den Griff zu bekommen. Nie dürfen im
ben könne, er habe, gleichsam im Sub-Text, vielmehr die ,Theorie vom ei- Buddhismus und ebensowenig bei Lacan das Subjekt, das leer ist und das
gentlichen Ich' gelehrt. Dieses Missverständnis ist leicht zu erklären als ge- nicht existente einheitliche Ich verwechselt werden. Die auf die Himhemi-
gründet im Widerstand gegen das erste, nämlich eine Gleichsetzung des sphärenforschung sich stützenden Kognitionswissenschaften verschleiern
Buddhismus mit den ,materialistischen' Kognitionswissenschaften. Es er- letztlich mit ihrem Expertenwissen vom nichtexistenten Selbst geradezu die
klärt sich also aus dem Widerstand gegen eine nihilistische Deutung und Leerstelle, die das Subjekt ist. Ihre Forschung ist die Verschleierung des lee-
reintegriert mutatis mutandis den Begriff der Seele als ,eigentliches Ich', um ren Subjekts. Sie wissen nichts von der symbolischen Kastration und ebenso
dem Dilemma zu entkommen. nichts von der symbolischen Identifikation, die die Nicht-Identifikation ist.
Sowohl die Auslegung vom ,eigentlichen Ich', wie auch die nihilistische, Eine der unzählige Male wiederkehrenden Formeln für die Nicht-Identifi-
derzufolge es kein Selbst gibt außer in einer kontingenten, momentanen Zu- zierung im Palikanon lautet:
sammensetzung, verfehlen aber den Sinn der buddhistischen Lehre. Auf- "Das gehört mir nicht, das bin ich nicht, das ist nicht mein Selbst."
grund der Tatsache, dass das Ich nichts ist als ein grundloses Bündel flüchti-
ger und heteronomer (nur mentaler) Ereignisse, ist der buddhistische Stand- Lacan sagt: "Es gibt keine Objekte." Die symbolische Identifikation setzt die
punkt weder gleichzusetzen mit dem nihilistischen, kognitionswissenschaft- Nicht-Identifikation voraus und sie gründet das Universum des Symboli-
lichen der Leugnung eines einheitlichen, stabilen, mit sich selbst identischen schen auf dem Fehlen eines wirklich existierenden Objekts des Begehrens,
Selbst, der den menschlichen Geist in der Konsequenz in einen mit dem "he- einem Mangel an sicherem Wissen und einem Fehlen von ursprünglicher
teroklitesten Gerümpel" vollgestopften Spielort verwandelt, an dem sich die Ichselbstheit. Anatta, das Nicht-Ich, ist dieser Mangel, dieses Fehlen, es ist
Dämonen begegnen, noch mit derjenigen Lehre, die ,unter' der Heterogenität eine Leerstelle.
ein ,eigentliches Ich' supponiert. Die Aufkunft der analytischen Wahrheit, wie Lacan sie versteht, genau wie
Die sich mit dem Buddhismus auf Augenhöhe vermeinenden Kognitionswis- das Sichtbarwerden der Dharma-Welt, die gewissermaßen die Sphäre des
senschaftler, die den Begriff des Selbst loszuwerden trachten, da es statt ei- Nicht-Ich ist, stürzen dann das Ich und die Realität (die Objekte, die Gedan-
ken) zurück ins Phantasma, ins Reich des Samsara. Die kognitionswissen-
412 "Die Bedeutung der grundlegenden Begriffe wie atta (SkI.." atrnan) oder anatta (Skt.: a- schaftliche Zerlegung des Ich dagegen weiß nichts vom Dharma, wie auch
natman) festzustellen ist schwieng." (Shlmlzu, M.. Das ,Selbst' Im Mahayana- nichts von der symbolischen Ordnung und dem Gesetz der Kastration und
Buddhismus, S. 12f) - Für die Fälle, in denen im Pali anattan als Pradikat gebraucht Wird, das rührt letztlich daher, dass sie nicht vom Leiden ausgeht, wie das sowohl
wertet G. Herbert die Übersetzungen ,ist mcht das Ich' uno ,Ist mcht das Selbst' für nch-
tlg, die auch vorkommenden Wiedergaben durch ,1st ohne Selbst' und ,wesenlos' aber für in der Psychoanalyse als auch im Buddhismus der Fall ist. Nicht-Ich (anatta)
mcht haltbar. (Herbert, G.. Das Seelenproblem im älteren Buddhismus, S. 14f.) ist, paradoxal formuliert, das Selbstbewusstsein eines Fehlens oder die "per-
186 187

sonale Form einer impersonalen Leerheit" (Nishitani). Dem vorstellenden, vielmehr eben eine Theorie vom ,eigentlichen Ich', Das Zen wie auch Lacan
begrifflich operierenden Bewusstsein ist wegen der Untauglichkeit des Wis- kommen ohne Rekurs auf irgendeine Spielart von Substantialismus aus. We-
sens- und Verstehensreferenten, auch nicht desjenigen, der die Nicht-Ein- der die überwucherte Stadt aus dem buddhistischen Gleichnis noch das Es
heitlichkeit des Ich konzediert, dieses Nicht-Ich nicht zugänglich. NichHch der psychoanalytischen Theorie sind substantielle Dinge.
als Nicht-Sein von Ich ist im Wesentlichen Realisierung der Interdependenz Bei Lacan wird die Leerstelle (Nicht-Ich), die das Subjekt ist, als zu realisie-
allen lebendigen Wesens auf der Ebene des Dharma. rende markiert durch den Übergang vom mythischen Subjekt des Genießens
zum ,gebarrten' oder ,ausgestrichenen', zum leeren Subjekt des Begehrens.
Noch ein weiteres Missverständnis kann an dieser Stelle ausgeräumt werden: Das genau bezeichnet den Schnitt der symbolischen Kastration. Diesen Ü"
Genauso wenig wie das ES bei Freud/Lacan ein "Unbewußtes als archaische bergang zu schaffen, das eben ist die harte Initiation ins Begehren.
Funktion [ist], auf der Ebene des Seins anzusetzen [...], bevor es sich enthül-
len SOll,,413, ist Leerheit im Buddhismus etwas wie das ,Grauen der Leere',
von der die Existentialisten angegriffen sind. Nicht-Ich ist weder einer Leere 6.2 Weder Wahn noch Mythos
ausgeliefert, noch macht es sich eine Leere zu eigen, so wenig wie das Ich Die Natur im Buddhismus ist keine Mischform aus Realität, Wahn und My-
bei Freud, jedenfalls in der lacanschen Lesart, ein dämonisches, irrationales thos und sie ist auch nicht beseelt. Ein Unterschied zum Pantheismus oder
und instinkthaftes . ES zu domestizieren hat, weil es von ihm angegriffen auch Schintoismus ist gerade dies, dass die Natur nicht beseelt, vielmehr al"
wird. Einmal mehr ist darauf hinzuweisen, dass der Freud-Satz vom Ich, das les Leerheit ist. Der große Pan ist auch hier tot. Folglich zählen nicht kosmi-
werden soll, wo es war, nach Lacan "im Klang der Formeln der Vorsokrati- sche Symbole, vielmehr das Dharma oder die symbolische Ordnung. Der
ker,,414 gesprochen, nicht in diesem Sinne aufzufassen ist. Byung-Chul Han Mythos hat auch hier, wie es im Christentum durch das Zerreißen des Jerusa-
richtet sich in seiner "Philosophie des Zen-Buddhismus" gegen eine vulgär- lerner Tempelvorhangs im Moment des Todes Christi signalisiert wird, end-
freudianische Lesart des Zen, wenn er schreibt: gültig ausgespielt. Es gilt, radikal ohne Mythen zu leben. Darin eben bestand
"Kein dämonisches ES überflutet das Ich und die Welt.,,415 ja nach Freud/Lacan der Irrtum Jungs, der der Versuchung durch den Mythos
nicht widerstehen konnte. Seine Analyse stellte den Versuch seiner Wieder-
In genau dieselbe Richtung zielt Lacan, wenn er gegen archaisierende Lesar- einführung durch die Hintertür der Archetypen dar. Remythisierung im Sin-
ten des Unbewussten wie die Jungs polemisiert. Wenn Ich wird, wo es war, ne Jungs ist unmöglich, die Archetypen fallen auf die Seite der Illusion. Hier
geschieht also keine Öffnung eines Zugangs zum dunklen, amorphen Be- wäre Karl Jaspers ,Achsenzeitthheorie' am Platz, denn für das Christentum
reich eines Archaischen oder Instinktiven, vielmehr ist es die Realisierung wie für den Buddhismus gilt gleichermaßen, dass sich durch sie die Zerstö-
desjenigen, was im Ur-Buddhismus anatta heißt. Der Buddha der frühen rung der Welt der Götter und der Mythen vollendet. Götter und Mythen sind,
Gleichnisse behauptet auch nicht in irgendeinem archaisierenden Sinne wie der Wahn, in die Struktur des Subjekts zurückgenommen und gehören
- und die zenistische Lesart unterstreicht dies mit Nachdruck -, seine Lehre zum Phantasma als seine Ausstaffierung, als der Versuch der (unmöglichen)
vom Dharma sei wie die Wiederentdeckung eines von einem Urwald über- Verbindung von symbolischer Ordnung undjouissance. Auch die Philoso-
wucherten Weges zu einer vergessenen Stadt. Substantialistische Lesarten phie hat mit diesen Ankünften strictu sensu ausgespielt, wie wir schon weiter
sind an dieses und ähnliche Gleichnisse ja ebenfalls angeschlossen worden, oben anhand von Heideggers Reflexion über das ,Schließen der Werkstatt'
so als ginge es darum, das wahre Ich zu entdecken unter dem "überwucher- zu zeigen versuchten.
ten Weg" oder wenigstens die Geheimnisse des Es. Solche Lesarten ent- Jedoch sollten in dem Zusammenhang zwei Punkte nicht außer Acht gelas-
springen aus dem Widerwillen gegen die unverstandene ,furchtbare Theorie' sen werden: einmal der, dass das Subjekt der "Philosophie nach ihrem En-
vom Nicht-Ich und behaupten, der Buddha habe sie auch gar nicht gelehrt, de,,416 dennoch weiterhin ihrer und auch des Mythos, der kosmischen Sym-
bole, der Wahrheit als (narrativer) Fiktionsstruktur bedarf, auch wenn all
dies längst als ,Formen der Leerheit' erkannt ist. Eine Vemähung der nicht
413 Lacan, J.. Die vier Grundbegriffe der PsyChoanalyse, S. 132
414 Ebd., S. 50
415 Byung-Chul Han: PhilosophIe des Zen-Buddhismus, S. 79 416 So der Titel emes Buches von N. Bolz. (vgl.. Literaturliste)
188 189

abbildbaren und nicht konstativ prädizierbaren Leerheit mit einer begriffli- Widerspruch noch Zustimmung ist, jedoch ist diese epoche doch auch wieder
chen oder narrativen Fiktionsstruktur ist unverzichtbar, oder besser noch: die nur akzidenteller Natur. Das Desinteresse des Buddha an Schulstreitigkeiten
Vernähtheit dieser Leerheit mit Begriffen und Fiktionen ist immer, je schon, wie seine Zurückweisung von Fragen der philosophischen Spekulation421 hat
vorauszusetzen. Aber die Lehre des Buddha, an der nicht festzuhalten diese wenig gemein mit der stoischen epoche, da es in der Stoa doch stets ein be-
Lehre selbst auffordert (sie ist zum Hinübergehen da), fungiert dann, um ein drängtes Ich ist, das sich gegen die Ansprüche des anarchischen Triebwe-
häufig gebrauchtes Zen-Beispiel anzuführen, nur wie der Finger, der auf den sens, eines weltlichen imperium oder die Zumutungen des Kultes zur Wehr
Mond deutet. Jedoch darf sie keinesfalls mit dem Mond selbst verwechselt setzt und sich in ataraxia und apatheia übt, um loskommend sich zu erhal-
werden. 417 Wenn Lacan sagt, dass er spricht, ,,(w)eil es nämlich anderes ten.
sagt,,418, so deutet das genau auf diesen Zusammenhang. Und wenn die alten Auch Lacan rückt ja die Ziele der Psychoanalyse nicht in die Nähe der Aus-
Zen-Meister auf egal welche Einlassungen der Schüler stets nur mit dieser bildung einer etwaigen stoischen Haltung. Die Theorie vom rektifizierten
Art ,abschlägigem Bescheid' antworten, von welcher Diskurstechnik wir be- Begehren korrespondiert mit dem Theorem, dass das Begehren' ursprünglich
reits Beispiele nannten, so steht das in eben diesem Bezug. leer ist und sich auf keine Objekte bezieht. Es meint nicht Sammlung oder
Mythos und Philosophie sind also nie endgültig und restlos überwunden. Bezähmung der anarchischen elementarsten Triebe und ist auch nicht des-
Zwar tötet der Buchstabe und der Geist befreit, wie Augustinus schrieb, aber halb zu erstreben, weil dann Schicksalsschläge, Beleidigungen und Krän-
manchmal bedarf es des Buchstaben, um den Geist zu befreien. Ebenso be- kungen nicht mehr zählten. Das Analysezielliegt also nicht auf der Linie der
darf es manchmal des Mythos, um etwas klarzustellen. Auch durch ihn ver- stoischen ataraxia oder apatheia, das Ideal der Analyse
mögen wir zu erfahren, dass e~ der Geist ist, der befreit und nicht der Buch- ,,[...] ist nicht vollkommene Selbstbeherrschung, Absenz der Leiden-
stabe oder eine Geschichte. Es bedarf nur tagtäglich neuerlicher Anstrengun- schaft. Ihr Ziel ist die Fähigkeit des Subjekts, den analytischen Dis-
gen, nicht auf die eigenen Begriffe und Mythenbildungen gewissermaßen he- kurs mit sich selbst zu unterhalten, weder zu früh noch zu spät zu
reinzufallen, mithin den Finger nicht für den Mond zu nehmen. sprechen. Diese Fähigkeit ist es auch, die von einer Lehranalyse vi-
siert wird. ,,422
6.3 Weder Weisheitslehre noch positive Religion
Weder die Zen-Schulung, noch auch die lacansche Analyse suggerieren ir-
Die Ankunft ,des Buddhismus, schrieb Heinrich Zimmer, ist zwangsläufig, gendwelche normativen Ziele, etwa in der Ausbildung von Tugenden,
wo immer sie sich ereignet, die eines "großen Bruders,,419, Ohne sich von der gleichwohl ihre Etablierung als Nebenprodukt der Intervention selbstredend
Stelle zu bewegen, ist er stets, wie der Igel in dem bekannten Märchen, im- nicht anders als erwünscht sein kann. Lacan formulierte das so:
mer schon da. Dabei bedarf die Lehre von der Leerheit aller Dinge und auch
"Denn in Wahrheit kann man nicht sagen, wir würden je auf dem Feld
des Ich nicht einmal einer Verteidigung, wie die positiven Inhalte der bürger-
irgendwelcher Tugend intervenieren. Wir räumen Bahnen und Wege
lichen Grundrechte der Verteidigung bedürfen.
In Fragen, so wie sie die Spekulationsgegenstände der konkurrierenden
Schulen und Lehrsysteme bildeten, übte sich der Buddha bekanntlich in Ur- unendlich?" ,Ist die Welt sowohl endlich als unendlich?" ,Ist die Weit weder endlich
noch unendlich?', ,Sind Seele und Körper identisch?'. ,Sind Körper und Seeje unterschIed-
teilsenthaltung. 420 Es ist zwar charakteristisch für seine Lehre, dass sie weder
lich?', ,EXIstiert der Vollendete nach dem Tode?" ,Ob der Vollendete nach dem Tode so-
wohl existiert als auch mcht existiert?" ,Ob der Vollendete nach dem Tode weder eXIstiert
noch mcht eXistiert?" smd Fragen, die man beIseite jassen kann. [...] Aber aus welchem
417 Vgl.: z.B.. Zen-Worte vom Wolkenberg; MeIster Yunmen, S. 89 (Fußnote 2) Grund 1st diese Frage beIseIte zu jassen? Weil es ftlr ihre Erklärung keme Ursache, keme
418 Lacan,J.: S XI, Die vier Grundbegriffe..., S. 297 (NaChwort) Begründung gibt. [...] Nicht gibt es ftlr die erhabenen Buddhas ohne Grund, ohne Ursache
419 Vgi.: Zimmer, H.. Yoga und BuddhIsmus, S. 257ff. - Allem die Lehre des Tatagata (des em Erheben der StIlnme." (Gautama Buddha, Die vier edlen Wahrheiten, IV, 2, 4f., S. 385)
So-Kommenden und So-Gehenden) Uber die wahre BeschaffenheIt des Ich mache den 421 WobeI diese Zurückweisung oft die Gestalt emer Widerlegung hat und mcht ohne ausfuhr-
BuddhIsmus, bemerkt der bedeutende Indologe des ersten Dnttels des 20. Jahrhunderts, liche und genaue Darlegung des ZurückgeWIesenen ausKommt.
zum "großen Bruder der PsychologIe", 422 Lacan. 1.. S I, Freuds techniSChe Schriften, S. 10 - MöglicherweIse ließe sich zeigen, WIe
420 "Was 1st eme Frage, die man beIseite lassen Kann? ,Ist die Welt eWIg?' 1st eme Frage, die die römische Stoa m der Antike den Platz eInnahm, den heute die amerikanische Ego-
man beIseite jassen kann. ,Ist die Welt nicht ewig?" ,Ist die Welt endlich?" ,Ist die Welt PsychologIe emmmmt.
190 191

frei, und da eben hoffen wir, daß das, was Tugend heißt, blühen Gegenteil von der These aus, daß das Subjekt durch die fragliche Fi-
wird.,,423 gur [hier eine Variante der borromäischen Knotens, J.A.] festgelegt
wird. Nicht, daß es deren Doppel wäre. Sondern durch die Verzurrun-
Bahnen und Wege freiräumen... - Tatsächlich lehren die zen-buddhistischen gen des Knotens, [...] durch das Festziehen des Knotens bedingt/kon-
Meister nichts als Satori und Nirwana und das heißt: dass alle Dinge leer ditioniert sich das Subjekt. ,,425
sind; keine praktische Lebensklugheit, nicht etwas wie Stoizismus, weder
Zügelung der Triebe noch die Entbindung unterdrückter vitaler Kräfte und Dem Willen, bis in die Grammatik hinein diesem Faktum des "Entstehens in
auch keine philosophische Erkenntnis der Weltzusammenhänge. Ganz von Abhängigkeit" nachzuspüren, ist es geschuldet, dass die Seminare des späten
selbst wird dann auch hier das sich einstellen, "was Tugend heißt", Lacan sich kaum lesen lassen, so erratisch und exzentrisch sie sich gegen-
über dem kurrenten wissenschaftlichen Diskurs verhalten. Lacan monstriert
eben den analytischen Diskurs. Die SignifIkantentheorie und mehr noch die
6.4 Entstehung in Abhängigkeit versus Descartes Theorie der Knoten monstrieren die Nicht-Substanzhaftigkeit des Subjekts
Der buddhistische Gelehrte Shimizu schreibt: und seines Entstandenseins in Abhängigkeit und das klingt zuweilen monst-
rös. 426
"Es ist nicht so, daß Ich und Du von vornherein als substantielle Per-
sonen vorhanden sind und dadurch gegenseitige Beziehungen entste- Gleichwohl, wie in buddhistischer Theorie treten bei Lacanjedes Ich und je-
hen können, sondern die Beziehung erst läßt Ich und Du als solche des Du nur in Erscheinung, indem sie bedingt werden durch anderes, aber
entstehen.,,424 gerade nicht in Form eines Subjekt-Objekt-Dualismus, denn das Subjekt
selbst ist Bedingtes durch anderes. (Ein SignifIkat ist, was einem anderen
Lacans topologische Bemühungen dienen nicht anders als die buddhistischen SignifIkanten das Subjekt repräsentiert.) Shimizu setzt die Anatta-Lehre (die
Klärungsversuche zur "Zeigung", "Monstration" eines "Entstehens in Ab- Lehre vom Nicht-Ich) vom Cartesianismus ab:
hängigkeit", Die "Verzurrungen des Knotens" generieren das Subjekt erst, es "Diese Bewußtseinsform ist völlig andersartig als die des cartesia-
ist nicht so, dass ein Subjekt da wäre, das Zustände annähme. Ein Subjekt nisch denkenden Menschen, der bei allem von sich selbst als Mittel-
hat folglich keine Seelenzustände, vielmehr legt das Spiel der SignifIkanten punkt ausgehen muß. ,,427
das Subjekt erst fest. Verhielte es sich umgekehrt, hieße das, das metonymi-
sche Verhältnis von Seinsverfehlen, Begehren und Ich umzukehren. Aber Bei Descartes vergewissert sich der Mensch der Substantialität des unsiche-
das Begehren ist die Metonymie eines Mangels und das Ich die Metonymie ren und instabilen Status des Ich und der dahinschwindenden Dinge durch
des Begehrens. Die Reihe umzukehren hieße: Ein Ich weicht durch ein Be- Denken. Er vergewissert sich des gesunden Menschenverstandes (versus den
gehren von sich selbst ab und im Misslingen des Begehrens, dem Verfehlen deus malignus), der nach Sicherheit und Selbstgewissheit verlangt, durch den
des Objekts, stellt sich der Mangel ein. Das wäre die substantialistische Auf- philosophisch-spekulativen Initialakt des "Ich denke", Im Buddhismus geht
fassung, der die Ego-Psychologie anhängt, weshalb sie auch auf Ich-Stär- es genau umgekehrt darum, die Verkennungen des gewöhnlichen Bewusst-
kung setzt, um dem als substanzhaft hypostasierten Ich das Erreichen des seins bloßzulegen und nicht noch philosophisch zu perpetuieren. Das ge-
Objekts zu ermöglichen. Dem Faktum des Entstandenseins in Abhängigkeit wöhnliche Bewusstsein ist die Instanz der Verkennung und nicht mit ihr be-
aber selbst des sub-jeetum will Lacan bis in die Grammatik hinein Rechnung ginnt der Buddhismus, vielmehr
tragen.
"Den Knoten darzustellen ist nicht leicht. Ich sage nicht, ihn steh vor-
zustellen, weil ich das Subjekt vollständig eliminiere. Ich gehe im
425 Lacan, Jaques: S XXII, R.S.I., S. 49
426 Diese monströse SpraChe ennnert teilweise tatsächlich an die des Adnan Leverkühn In
Thomas Manns "Doktor Faustus" Dies zeigt, wohIn es fuhren kann, wenn eIner nicht nur
423 Lacan, J.: S VII, Die Ethik der Psychoanalyse, S. 17 etwas demonstrieren will, sondern eben monstrleren, unmittelbar Zeugnis ablegen.
424 Shimizu, M.: Das ,Selbst' Im Mahayana-Buddhismus..., S. 22 427 Shimizu, M.. Das ,Selbst' Im Mahayana-Buddhismus..., S. 22
192 193

,,[...] mit der bereits existierenden dynamischen Welt, die in unendli- verwandelt sich die konstitutive Ausgesetztheit in die Alienation im anderen,
chen Relationen entsteht,,428. ohne sie zu eliminieren, in Mitsein. Buddha-Dharma und Daseinsvollzug
stehen sich nicht weiter sich gegenseitig ausschließend gegenüber, sobald die
Im "Bussho", dem 22. Kapitel des Shöbögenzö, gibt Dögen, gewissermaßen Ruhe des Buddha-Dharma nicht mehr vom ex-zentrischen Ego gestört
versus Descartes avant la lettre, eine Deutung der buddhistischen Anatta- 432
wird.
Lehre: Unsere wahre Schuld und der Schuldkomplex, der von der Unmöglichkeit
"Wer die Buddha-Natur erkennen will, soll zuerst das Festhalten an herrührt, alle Bewegungen der Differenz auf ein vermeintlich vom Grund her
seinem ,ga' und ,man' aufgeben."429 existierendes Ich aufzuladen, sind etwas völlig verschiedenes. Nishitani
schreibt:
Shimizu erklärt folgendermaßen: "Ferner sagen wir, dass nur dann, wenn die für unser Dasein wesen-
"Unter dem ga wird hier etwas verstanden, von dem man irrtümli- hafte Form am Standort der Leere aufgehoben ist, unsere wahre
cherweise annimmt, daß es im Zentrum des Selbst vorhanden sei, und Schuld zutage tritt."433
unter man etwas, das aufrund des ga gegenüber anderen Menschen
als Hochmut erscheint.,,43 Erinnert das nicht an Lacans Ödipus auf Kolonos, der erst das volle Maß sei-
ner Schuld erkennt, nachdem er sich der Kastration ausgesetzt hatte, indem
Dögen geht es stets darum, die Illusion einer ursprünglichen IchSelbstheit als er sich selbst des Augenlichts beraubte und so die "für sein Dasein wesen-
eines Seins unter allem Seienden zu zerstören, damit die ständigem Wandel hafte Form am Standort der Leere" erkennt? In diesem Sinne spricht Lacan
unterworfene ,denkende Substanz', derart entblößt vom Eigendünkel- was von einem "Universum der Schuld,,434, das nur von der Leere aus sichtbar
nicht heißt, wie Hegel es versteht, dass ein Eigenes (als Selbstbewusstsein) wird. Anders gesagt: Dieses "Universum der Schuld", der "Schuldzusam-
von Dünkel frei sein sollte, sondern dass das Eigene selbst ein Dünkel ist- menhang alles Lebendigen", wie Fichte sich einmal ausdrückte, wird erst
zur Wahrnahme ihres ,ursRrünglichen Wesens' gelangt, das "weder Ich noch von der Welt des Dharma aus sichtbar. Doch es sind nicht zwei Welten, von
ein anderer Mensch" ist. 4 1 Das ,ursprüngliche Wesen' ist Leerheit. Die In- denen hier die Rede ist. Das Dharma ist, wie Dögen und andere schreiben,
terdependenz aller Dinge und die Präsupponierung eines substanzhaften Ich "wunderbar", "unübertrefflich", "mit nichts zu vergleichen", aber es ist nicht
sind unvereinbar. so, dass es jenseits der Schuld wäre. Aber dass es diesseits der Schuld ist,
dass es ,hier und jetzt' ist, ändert nichts daran, dass es unbeschreiblich
Der Buddhismus ist gerade kein Nihilismus. Sein Wesen erschöpft sich nicht "wunderbar" ist. Es ist zu spüren, wie der Schuldbegriff hier ein anderer ist
im Verneinen. Wenn das Rad zerlegt ist, bleiben zwar nur einzelne Holz- als der christliche. Die Sphäre des Dharma ist im übrigen auch nicht jenseits
stückehen, aber es gibt das Dharma. Im Dharma, das üblicherweise mit den des Schmerzes, wovon weiter unten noch ausführlich die Rede sein wird.
drei Begriffen Dasein, Lehre und Gesetz übersetzt wird, als gleichsam der Das Dharma ist einfach,ultimative Wirklichkeit'.
Sphäre des formlosen Selbst oder des Nicht-Ich, wird, wie geschrieben wur-
de, in Ausübung der Lehre der Daseinsvollzug selbst zur Gesetzeshandlung.
Das Gesetz ist Leerheit, Vergänglichkeit und Nicht-Substanz. Im Dharma
432 Der Begriff des Dharma kann, wie schon hervorgIng, gut mit der symbolischen Ordnung
bei Lacan vergleichen werden. Der Mensch bel Lacan Ist deshalb konstitutiv unangepasst,
dissoziiert, weil die symbolische Ordnung eXistiert, zu der er SICh ex-zentrisch verhält. Die
428 Ebd. EXistenz der symbolischen Ordnung macht die menschliche Unangepasstheit konstitutiv.
429 Zit. n. Shimizu, M.. Das ,Selbst' Im Mahayana·Buddhismus.... S. 56 Jedoch ISt sie die einzig mögliche Onentierung. Sich am Dharma zu onentieren und nicht
430 Ebd. am Ego-Willen meInt genau dies. Je größer die Preisgabe des Ego-Willens, desto mehr
431 Die Sphare von weder Ich noch du kommt m folgendem Zen-Gedicht von Gasan Joseki kann das Dasem Im Sinne der Interdependenz alles erscheInenden Wesen, als Mitsem rea·
zum Ausdruck: "Der bewußte Sinn dieses Phantom-Menschen / Ist mir allerorts höchst lisiert werden.
vertraut / Seit jeher geheimnishaft wunderbar / Weder Ich noch em anderer Mensch." (zIt. 433 Nishltanl, K.. Was ISt ReligIOn?, S. 388
n.. Nishitani, K.. Was ist Religion?, S. 178) 434 Lacan, J.. S VII, Die Ethik der Psychoanalyse, S. 8
194 195

In ihm ist der Maßstab ftir das Handeln und alle Erwägungen weder der ei- zweierlei: zum einen den unfruchtbaren Diskurs, den das Subjekt mit sich
gene Nutzen noch der der anderen. Deshalb heißt, den Daseinsvollzug zur selbst unterhält, zu unterbrechen. Zum anderen sind sie immer ein Fingerzeig
Gesetzeshandlung zu machen keineswegs, den Egoismus schlicht gegen ei- auf das Dharma hin. Solche Statements ftir sich selbst zu betrachten, als ent-
nen Altruismus einzutauschen. Der Altruismus ist letztlich egoistischer Na- hielten sie irgendeine ,letzte Wahrheit', macht nicht den geringsten Sinn.
tur, ein egoistischer Altruismus. Nutzen, Funktionalität, ebenso wie Interesse Nur auf dem Nährboden der "Drei Kostbarkeiten" (Buddha, Dharma, Sang-
und Wille, egal in welche Richtung sie orientiert sind, gehören der Welt des ha) erweisen sie ihre Nützlichkeit. Sie isoliert zu betrachten, ist etwa so un-
Ego an. Das Dharma eröffnet einen ganz anderen Spielraum. Das Gewahr- ergiebig wie, ohne· in die lacansche Lehre eingefiihrt zu sein, darüber nach-
werden des Fehlens eines SignifIkanten, der unsere Existenz von einem zudenken, was Lacan meint, wenn er lehrt, dass das Reale das Unmögliche
Groß A her verbürgt und uns sagt, ,wer wir sind' und die Anerkennung der ist.
Ausgesetztheit in die Alienation im anderen sind Wegleiter in diese Welt.
In der WeltlRealität ist deshalb kein Dharma, weil Welt und Realität nichts
anderes sind als die Verstrickung des Subjekts in sein Phantasma, das Reich
6.5 Zazen 1
des Samsara. Im Dharma ist deshalb keine Welt/Realität, weil in ihm kein
Es gibt einen Punkt, von dem aus es kein Denken ist, das sich auf phantasmatische Objekte bezieht und so erst Welt
Zurück gibt. Dieser Punkt ist zu erreichen. und Realität hervorbringt, die dann folgerichtig in strenger Äquivalenz zum
(Kafka) Denken stehen, dem Denken im Phantasma freilich. Dennoch ist es richtig zu
sagen, dass das Dharma in dieser Welt ist, genauso wie es richtig ist zu sa-
Obwohl das ohne Berufung auf die Autorität des Schriftbuchstaben aus- gen, dass der Buddhismus den Austritt aus dem Kreislauf der Wiedergebur-
kommende Zen in seinen chinesischen Anfangen ausgerechnet bei den Ge- ten lehrt. Das sind sehr tiefsinnige und subtile Dinge, die nicht einfach durch
bildeten innerhalb der höheren Stände rasche Verbreitung fand, ist vom ho- die Konstatierung eines Widerspruchs aus den Angeln zu heben sind. Die
hen Ton,· der locutio emphatica, dem repetitiven Sakral-Stil der alten Pali- Regeln der ,weltlichen' Ordnung mit ihrer Logik zählen in der Dit-mension
Sutras in den Zen-Dialogen nichts mehr übrig geblieben. 435 Urs App des wahr nicht. Dennoch ist es genauso richtig zu sagen, dass im Dharma das
schreibt: "Gesetz von Ursache und Wirkung" nicht außer Kraft ist. 437 Lacans ethische
"Statt hehrer Worte und Begriffsspalterei vom Lehrstuhl hagelt es Forderung des "bon dire" (zu sprechen und zu schweigen an den richtigen
plötzlich Vulgaritäten, Schreie, Schläge. Der salbungsvolle Predigtstil Stellen) erhebt mutatis mutandis auch das Zen, wobei es nicht darum geht,
weicht einer deftigen, umgangssprachlichen Ausdrucksweise.,,436 wenig durchdrungene Angelegenheiten durch ein "Gut-Sagen" zu nobilitie-
ren. Das "Gut-Sagen" setzt vielmehr ein Wissen darum voraus, dass der Dis-
Die Dharma-Rede der Zen-Meister soll einerseits eine Abkoppelung vom kurs der des anderen ist und es keine Metasprache gibt. Das buddhistische
gewohnten Denken, Meinen und Vorstellen bewirken, andererseits der Sagen ,sagt' weder auf dem Hintergrund der Dit-mension von Welt (Le-
Wahrnehmung einer höchsten Möglichkeit von Realisierung des Daseins den bensklugheit) noch der von Denken (Philosophie).
Weg bereiten. Dabei ist die Wirkung solcher Rede umso nachhaltiger, je we- Diejenigen, die Zazen praktizieren, erfahren die Kluft, die zwischen der Welt
niger Referentialität zu irgendeinem äußeren Objekt besteht. Die überliefer- der Gegenstände und den Gegenständen der Gedanken liegt, unmittelbar. Es
ten ,unsinnigen' Statements der Zen-Meister und die Koan bezwecken also gibt kein Kontinuum zwischen den Vorstellungsreihen im Bewusstsein und
der Welt der Dinge. Selbst wenn, wie beim Zazen, die Wahrnehmungsein-
drücke auf ein absolutes Minimum reduziert sind, laufen die Repräsentad-
onsketten weiter.
435 Das Charaktenstische des Zen WInI häufig m den vier kurzen Aussagen zusammengefaßt:
,,1. (Eine) besondere überlieferung außerhalb der (orthOdoxen) Lehre [...], 2. Unabhängig
von (heiligen) SChriften [...] 3. Unmittelbare(s) Deuten (auf des) Menschen Herz [...] (filh-
ren zur) 4. Schau des (eigenen) Wesens (und zur) Buddha-Werdung [...]" (Diener, M. S.:
Das Lexikon des Zen, S. 243)
436 In: App, U. (Hrg. und Übersetzer): Zen-Worte vom Wolkenberg; Meister Yunmen, S. 18 437 Vgi. hierzu das Koan Nr. 2: Mumonkan, Die torlose SChranke, S. 35f.
196 197

Denn Worte ,nisten' (ex_tim438) am Körper und diese Worte fmden andere Das institutionalisierte, japanische Zen sei teilweise, schreibt Arokiasamy, zu
Worte oder insistieren hartnäckig - völlig unsinnige Worte (Signifikanten- einer "nahezu sadistischen Hlirte,,440 entartet. Freilich erfordert es auch ab-
müll) oder scheinbar irgendwie bedeutsame. Der Mensch wird vom Signifi- seits von solchen Degenerationserscheinungen ein gewisses Maß an Hinga-
kanten bewohnt39 , was nicht heißt, dass die Sprache das Haus des Seins ist, be. 441 Nur das Durch-den-Schmerz-Hindurchgehen evoziert die große Be-
wie bei Heidegger. Es darf wohl gesagt werden, dass der lacansche freiung zur Leerheit aller Dinge. der höchsten und niedrigsten, der heiligsten
"Mensch" hauslos ist, wie der buddhistische. Eine Orientierung hat er zwar und der profansten und vor allem des Ich.
am Lauf der Signifikanten und der symbolischen Ordnung, aber das bedeutet Die Haltung des Zazen öffnet das Tor zum Nirwana, zum Satori und ist
nichts wie ,eine Unterkunft haben'. gleichzeitig dieses Nirwana und Satori schon selbst. Pathos und Heroismus
Die Aufforderung zu schweigen hält die Zazen-Übenden an, das auftauchen- aber werden absolut überstiegen. Diese Haltung entspricht weder dem einem
de (Signifikanten)Material, ähnlich wie bei der "freien Assoziation" in der starken Ich verhaftet bleibenden stoischen Gleichmut, intendiert nicht eine
Psychoanalyse, weder zurückzuweisen, noch an ihm zu haften, vielmehr ge- "Harmonie der Triebe" und auch nicht ein amorphes und wegen seiner Un-
hen zu lassen und nicht zusätzlich noch zu unterhalten. Das Gehengelassene, bekanntheit irgendwie gefiihrlich scheinendes Es unter Kontrolle zu bringen.
so heißt es, gibt Ruhe, nur das Geflohene kehrt stets wieder. Was man aber Kein Es ist durch ein Ich zu domestizieren (nach Art der falschen Lesart des
festhalten will, das entflieht. Durch die nicht nachlassende Konzentration auf Freud-Satzes), kein rastloses Triebwesen ist in Form zu bringen. Die Haltung
die korrekte Haltung (aufrecht, unbeweglich) und die Atmung (natürlich, die des Zazen intendiert im Grunde gar nichts, denn sie ist bereits ,letztendliehe
Ausatmung ist länger als die Einatmung) gelingt dieses Gehenlassen zuneh- Wirklichkeit'. Nach Soto-Auffassung fiihrt sie nicht zum Satori, weil sie die-
mend besser. Im Rinzai-Zen kommt als die Konzentration fokussierendes ses selbst schon ist. Sie ermöglicht nur den Eintritt in einen leeren Raum, in
Element noch die Beschäftigung mit dem Koan hinzu. dem es "nichts zu stehlen gibt": Die Haltung des Zazen ist die wundersame
Das Tun von Zazen übt auch ein, die Beziehung von Ding und Wort nicht als große Befreiung vom Ich und seinen Objekten, das Hingelangen und Schon-
natürlichen Konnex aufzufassen. Es besteht keine Verbindung des Wortes zu Angelangt-Sein beim Leben selbst.
442
einem transzendentalen Signifikat, das eine geheime, aber verlässliche Be- Ein Sesshin dient weniger dazu, die Erleuchtung zu erlangen, vielmehr ist
ziehung zum Signifikanten unterhielte. Das "Drängen des Buchstaben im es die Verwirklichung der ursprünglichen Erleuchtung. Wenn das Zazen
Unbewussten" geht von keinem Groß A aus, dessen Text wir, wenn wir nur selbst das Satori schon ist, muss, was es bewirkt, strikt als ,Nebenwirkung'
aufmerksam genug wären, nur gleichsam mhzulesen bräuchten und in dessen betrachtet werden. Die Erlernung der Haltung des Buddha ist so nur neben-
Spur wir uns dann sicher bewegen könnten. Die Übung hilft nicht dazu, die bei auch jene "Ausrichtung auf eine gerade Linie" (6p9-6~ A.öyo~), gewisserma-
Beziehung von Ding und Wort in ein ,richtiges' Verhältnis zu setzen, son- ßen das, was Lacan für die Kunst des Barock behauptet, nämlich die "Regu-
dern den Diskurs als den des anderen zu realisieren und das heißt, das Da- lierung der Seele durch die Körperschau". Vor allem aber evoziert sie eine
sein als Mitsein aktiv zu gestalten. Lösung aus den "psycho-sozialen Vertäuungen" und knüpft das intersubjek-
tive Band als dharmisches neu. Von der Wirkung her betrachtet ist sie jedoch
6.6 Zazen2
440 Arokmsarny, A.M.. Warum Bodhidharma m den Westen, S. 68
Zazen tun ist wie das Schauen in einen lee- 441 "Es klingt sehr einfach, sich nur auf das Sitzen zu konzentrieren, es Ist daran nIchts Beson-
ren Eimer. (Ein Zen-Schüler) deres oder Extravagantes. Aber wenn man es versucht, bemerkt man, daß es sehr schWierig
1St. Am Anfang weiß man gar nIcht, wie man SICh konzentneren soll und nach filnf Minu-
ten Willensanstrengung ISt man müde. Man weiß dann eigentlich überhaupt nichts, ISt völ-
lig entwaffnet, man weiß gar nicht, was man tun soll m dieser unbequemen Haltung. -
Darm beginnt man, es Millimeter fur Millimeter zu erforschen. Es gibt em paar Regeln,
Anweisungen, em paar Ratschläge, aber das ändert nIchts daran, daß man es selbst erfor-
schen muß [...]" (Tenbreul, Heft XIII, S. 14) Eine Zazenperiode dauert gewöhnlich zwi-
438 Diese Wortbildung Lacans bezeichnet den Gegensatz zu tntim und kennzeichnet das Mo- schen 25 und 40 Minuten, danach gibt es für fünf bis zehn Minuten kinhtn (Gehen) und es
ment der Unabhängigkeit, fur das Subjekt m gewissem Sinne Fremde der Welt der Worte. folgt die zweite Penode.
439 Vgl.. Lacan, 1.. Schr. I, S. 35 442 D.l. eme mehrtägige intenSive Übungsperiode.
198 199

genau wie Lacans Analyse eher als Katharsis, als eine "Reinigung des Be- Das Zazen versammelt das disparat Auseinanderfallende und transformiert
gehrens,,443, denn als Therapie aufzufassen. es in Leerheit. Die Haltung des Buddha ist so der Durchgang zur Leerheit
Die Betrachtung des Stoffes, aus dem das Phantasma ist (also der, von die- und gleichzeitig diese Leerheit schon selbst.
sem ununterschiedenen, Realität, denn "alles was uns anzugehen erlaubt als Zazen zu üben ist, wie Deshimaru Roshi sagt, "wie in seinen Sarg zu stei-
Realität, bleibt im Phantasma verwurzelt"), bringt eine Transformation auf gen,,447, vergleichbar also jener oben erwähnten Ö't'll, deren Theorie Lacan im
den Weg, die nicht mehr als Wirkung zu betrachten ist. Diese Betrachtung Ethik-Seminar entwickelt, jenes Raumes "zwischen zwei Toden", von dem
erfordert Geduld und zwar Geduld mit sich selbst, denn, wie Dögen sagte, niemand weiß, was in ihm wirklich geschieht. 448 In diesem Raum schwinden
den Buddhaweg zu erfoschen heißt, sich selbst zu erforschen. Zen-Meister die Illusionen, wie im ,durchdringenden Sitzen' die Illusionen schwinden.
Arokiasamy schreibt: Aufgetaucht aus diesem Grab wird die Leerheit aller Dinge und auch des Ich
"Geduld zu haben, heißt zu leiden, sich selbst zu erleiden.,,444 gewahr und Dasein kann sich als Mitsein realisieren. Aber ohne dieses Sich-
dem-Grab-Aussetzen kann diese höchste Realisierung des Daseins nicht
Doch im geduldigen Betrachten der Illusionen, welcher Vorgang bei Lacan verwirklicht werden.
die "Durchquerung des Phantasmas" heißt, wird aus einer aus heterogensten Es ist der Schmerz, der wesentlich dazu beiträgt, die imaginären Posten der
Antrieben gesteuerten Person eine, die sich vornimmt. Über jedes Objekt Persönlichkeit in Leerheit zu verwandeln und einem Eintritt in die Dharma-
hinaus (sich) zu begehren heißt, sich vor-zu-nehmen, vornehm zu sein. Die Welt den Weg zu ebnen. Zen ist, nach Arokiasamy,
Haltung des Zazen, des Buddha, ist, fernab von jedem Dünkel, die vornehme "Selbstverlust, Sterben, Verwandlung. (Zen) ist plötzlich und subver-
:tIaltung schlechthin. Aus vulgären Personen (vulgus = gemischt, durch- siv, es ist das Zerbrechen der Struktur, von Kontinuität und Wohlbe-
kreuzt) können so solche werden, die sich vornehmen, die sich nicht identifi- finden. Das Herz des Zen ist dieses Zerbrechen [...] Sterben und Sich-
zieren und so nicht von den Schlägen der Signifikanten hin- und hergewor- selbst-hingeben. Gesetz, Institution, Selbst-Identität werden [...] weg-
fen werden, ohne irgendeine Ruhe zu finden. Der vornehme Mensch weiß genommen oder versagen.,,449
von seiner Kreatürlichkeit und von der Kontingenz, während der ,natürliche
Mensch' sich daruberstehend wähnt. Dögen hat das folgendermaßen formu- Zazen zu tun heißt nicht, sich in die Untiefen des Imaginären zu versenken,
liert: sich leidlich in ihm einzurichten, um einen besseren Stand in der Welt zu ha-
ben. Es ist vielmehr ein Hinausgehen über die Grenzen dieser Welt. Aber die
"Wenn der Dharma den Körper und Geist noch nicht ausfüllt, glauben
Übung des Zazen zerstört auch nicht das Imaginäre, sondern bringt nur die
wir dass es schon genüge. Wenn der Körper und Geist ~anz vom
Verwindung des Haftens an ihm auf den Weg. Das ,Darüberhinausgehen' als
Dharma erfüllt sind, empfmden wir, dass noch etwas fehle." 45
leere Form eines Gesetzes, dem es zu folgen gilt, ist ein anderer Ausdruck
Das Nicht-Haften auch an der menschlichen Form bewirkt, dass schließlich für das Nicht-Haften.
eine Art Eintritt in die Welt des Buddha geschehen kann. "Körper und Geist
fallen ab", wie es bei Dögen heißt. Hier versagt auch die Sprache.
"Die Körper aller Buddhas sind golden, bedeckt mit hundert Freuden
und wundervoll geschmückt.,,446

447 "Wenn Sie Zazen üben, gehen Sie zu Grabe. Aufhören Zazen zu üben heißt: das Satori be-
enden. [...] <las vollständige Satori ist in unserem Grab. Der Körper selbst Ist Illusion von
<lern Moment an, wo man ihn in die EWe legt. Es gibt lllchts zu fürchten. Wenn Wlf das
443 Lacan, 1.. S VII, Die Ethik <ler Psychoanalyse, S. 385 verstehen, erlangt unser Leben neue Kraft, und alles Wlf<l friedlich und frei um uns herum.
444 Aroklasamy, A.M.. Warum Bodhidharma in den Westen..., S. 56 Das Ist <ler Sinn <les Saton." (Deshimaru, T.. Zazen, Die Praxis des Zen, S. 91)
445 Dögen, E.: Shöbögenzö, Die Schatzkammer <les wahren Dharma-Auges, Band I, Heidel- 448 "Von einem bestimmten Augenblick an wissen wir [...] nicht mehr, was Im Grab Antlgo-
berg-Leimen, 2003, S. 59 nes geschieht." (Lacan, J.: S VII, Die Ethik der Psychoanalyse, S. 356)
446 Dögen, E.: Shöbögenzö, Bd. 2, S. 160 449 Aroklasamy, A.M.. Warum Bodhidharma in den Westen..., S. 76
200 201

6.7 Das Bodhidharma-Koan Der Zen-Meister antwortete: ,Es gibt keinen Geist, der in Haltung zu
bringen wäre, noch irgendeine Wahrheit, in der man sich üben könn-
"Die Person oder das Selbst kann nicht te.'
durch Begriffe oder Bilder eingefangen ,Wenn es keinen Geist gibt, der zu erziehen, noch eine Wahrheit, die
werden. - Es ist nicht eins, es ist nicht zwei, zu üben wäre, warum hast du dann täglich eine Versammlung von
es ist nicht nicht-dual; es ist nicht gleich, es Mönchen um dich, die Zen studieren und sich in der Wahrheit üben?'
ist nicht unterschiedlich, weder das Glei-
che-in-Verschiedenheit noch Verschieden- Der Meister antwortete: ,Ich habe nicht einen Zoll Raum zu vergeben,
heit-in Gleichheit. " (Arokiasamy) wo sollte ich eine Versammlung von Mönchen unterbringen? Ich ha-
be keine Zunge, wie wäre es mir möglich, andere zu veranlassen, zu
Koan müssen gelöst werden. Es geht nicht um Verstehen. Verstehen ist al- mir zu kommen?'
lenfalls ein Nebenresultat besagten Lösens. Zur Lösung fUhrt kein Weg über Der Philosoph rief aus: ,Wie kannst du mir eine solche Lüge ins Ge-
das Wissen. Es besteht keinerlei Referentialität irgendeiner Wissensform sicht sagen?'
zum Lösen eines Koan, so wenig wie eine Verbindung besteht zwischen dem ,Wenn ich keine Zunge habe, um andere zu unterweisen, wie wäre es
Wissen und dem Leiden am Dasein, dem Schmerz des Existterens selbst. Es mir möglich, eine Lüge auszusprechen?'
geht im Folgenden um das, was annäherungsweise die ,religiöse Grundope- Worauf Doko verzweifelt ausrief: ,Ich kann eurer Rede nicht folgen.'
ration' genannt werden könnte und diese ist, so wenig wie die ,mystische Er-
faht:ung', ungeachtet der strittigen Frage, ob denn das Zen überhaupt unter ,Ich verstehe mich selbst ebensowenig', schloß der Zen-Meister.,,451
das, was man Mystik nennt, subsumiert werden sollte, nicht mit den Instru-
mentarien der kurrenten Wissenschaften zu erfassen, nicht in die Wissen- Nach Lacan ergibt sich im Kontext der Zurückweisung der hermeneutischen
schaft zurückholbar, Methode für die Praxis der Psychoanalyse betreffs der Position des Analyti-
kers folgendes:
"Ganz offensichtlich können wir f. ..] die mystische Erfahrung nicht in
die Wissenschaft zurückholen. ,,450 ,,[...]Der Analytiker muß gewisse Sachen wissen. Er muß besonders
wissen, daß das Kriterium seiner Position nicht darin besteht, zu ver-
Auch die ,angewandte Hermeneutik', eine Hermeneutik der Existenz, er- stehen oder nicht zu verstehen.
möglicht in Koan-Dingen letztlich immer nur, sich in Illusionen besser aus- Es ist absolut nicht wesentlich, daß er versteht. Bis zu einem gewissen
zukennen/einzurichten. Demgegenüber sagt Lacan, dass es nicht darum gehe, Punkt ist es vielleicht besser nicht zu verstehen als ein zu großes Ver-
trauen in das Verstehen zu haben. Mit anderen Worten,er muß das,
sich mit Illusionen auskennen, nicht einmal im Realen/mit dem Realen,
was er versteht, ständig in Zweifel ziehen und sich sagen, daß das,
vielmehr selbiges darzutun - etwas darzutun, das vorher nicht dargetan war.
was er zu erreichen sucht, gerade das ist, was er prinzipiell nicht ver-
Koan tun etwas dar, sie geben es nicht zu verstehen, denn man kann es nicht steht. ,,452
verstehen. Das folgende Zwiegespräch aus der Überlieferung des Zen führt
schlagend vor, wie weder Wissen noch Verstehen nützen, die "große Sache, R. Borens trägt den im Zen und bei Lacan diskreditierten Verstehensan-
d.i. Leben und Tod" (Dögen) zu klären. Die Unterredenden sind Doko (Ta- spruch in die Koordinaten von Frustration und Privation ein:
okwang), ein buddhistischer Philosoph und Anhänger der Lehren des Vijnap-
timatra ("absoluter Idealismus") und ein (ungenannt bleibender) Zen- "Verstehen, der Anspruch der Hermeneutik, ist eine Maßnahme, eine
Meister: Finte der Frustration, gegen die Faktizität der Privation. Das Aushal-
ten des Nicht-Wissens und das Respektieren des Sinn-losen bedeuten,
"Mit welcher geistigen Haltung sollte einer sich in der Wahrheit ü-
ben?"
451 Zit. n. Suzuld, T.S.. Die große BefreIUng, S. 77
452 Lacan,J.. S VIII, Le Transfert, S. 229 (ZIt. n.. Borens, R.. Widerstände der Psychoanalyse,
450 Lacan, 1.: S XI, Die vier Grundbegriffe der Psychoanaiyse, S. 15 S.22)
202 203

sich der Privation nicht entziehen zu wollen. Praxis aus diesem Ver- "Indem sie [die PA; lA.] auf deren Unzulfulglichkeit [von Wissen
stfuldnis heraus ist eine Praxis des Nicht-Verstehens.,,453 und Verstehen; J.A.] hinwies, menschliches Leiden zu erklären und
zu beheben, legte sie zugleich die Überheblichkeit des Wissensan-
Genausowenig also wie die Matheme und Knoten der lacanschen Analyse spruchs (dieses Wissens, das sich als Referenz schlechthin präsen-
sind die Koan Teil einer hermeneutischen Strategie. In jedweder hermeneuti- tiert) bloss. In ihren besten Ausprägungen ist Psychoanalyse bis heute
schen Annäherung bleibt das Subjekt sich selbst, und das heißt: dem Realen dieser Kritik des überheblich auftretenden Wissens verbunden geblie-
seiner Nicht-Identität, der Faktizität der Privation, entfremdet. Das Lösen ei- ben.,,455
nes Koan korrespondiert dagegen, weder Verstehen noch Wissen zu seiner
Sache machend, aufs engste mit dem Leiden wie mit dem Genießen des Sub- Die Koan sind also nicht mit der hermeneutischen Methode zu lösen, eben-
jekts. sowenig aber mit Rekursen auf die Lehrüberlieferung. Im Gegenteil sogar:
So lassen sich folgende Sätze von Borens als Warnung davor lesen, wie sich durch Zugfulge wie diese wird ihre Lösung vermieden und aufgeschoben.
den Koan nicht zu nähern ist: Das Aufkeimen der wahren Erkenntnis und die Ausschlagung des Umwegs
(des Un-wegs) der hermeneutischen Methoden (im weitesten Sinne) fallen
"Dieses Unbenennbare (hier klein a; lA.) versucht man zu benennen, sogar zusammen. Die Erkenntnis der Wissenschaft, die hermeneutische Me-
dieses Unsagbare versucht man zu sagen (damit wird aus der Privati- thode und der Rekurs auf die Lehrtradition müssen hier dergestalt aufgefasst
on eine Frustration), aber darüber sprechen läßt sich nur in Annähe-
werden, dass sie die Gewahrnis des konstitutionellen Fehlens einer letzten
rungen und Metaphern. Die Objekte, in denen man das Objekt a wie-
Versicherung des Daseins und im selben Zuge der Leerheit aller Dinge und
derzufmden glaub?, sind metonymische Ersatzbildungen fiir das end-
gültig verlorene.,,4 4 des Ich verschleiern und also verhindern. Sie verschleiern die Dinge noch
einmal zusätzlich, anstatt sie zu enthüllen.
Nicht das Unnennbare, das Unsagbare zu benennen, zu sagen versuchen, Einmal mehr: Der Finger (Wissen und intellektuelles Verstehen) darf nicht
sondern eben das Reale dartun, zeigen, monstrieren. Die Koan künden von mit dem Mond (Unwissenheit, Leiden und Genießen, das Sinn-lose) ver"
einem Fehlen von letzter Versicherung des Daseins und ihre Lösung führt wechselt werden. Intellektualistisches Zen wie intellektualistische Analyse
zur Ent-sagung (die der Ebene der Privation angehört), nämlich zum Ver- neigen dazu, den Finger fiir den Mond zu nehmen.
zicht darauf, das niemals Besessene, endgültig verloren zu Gebende, doch
noch (wieder)anzueignen. Kein Wissen, auch nicht das sogenannte Tiefen- Wie die Privation als Zustand des Fehlens eines das Subjekt als Ganzes be~
wissen, das aus dieser Perspektive nur Vertiefung der Verkennung ist, flillt zeichnenden und versichernden Signiftkanten weder durch Verstehen und
die Lücke dieses konstitutionellen Fehlens. Der Fehl selbst verlangt vielmehr Wissen, noch insbesondere von dem imaginären Garanten Identität über-
nach seiner Anerkennung; gefordert wird gerade nicht seine Überbrückung brückt werden kann, das ist der Gegenstand des im folgenden behandelten,
durch Wissen, weder durch philosophisches, noch durch tiefenpsychologi- berühmten ersten Koan der Sammlung "Niederschrift von der smaragdenen
sches Wissen. Bei Lacan kann auch das psychoanalytische Wissen diese ü- Felswand", Zuerst sein Text:
berbrückung niemals leisten. Die Ansprüche des Wissens und des Verste- " Wir legen vor:
hens sind überheblich und naiv in einem. Was im folgenden Passus aus dem Wu-Di von Liang fragte den Großmeister Bodhidharma: Welches ist
Text von Borens über die Möglichkeit, "menschliches Leiden zu erklären" der höchste Sinn der Heiligen Wahrheit?
und dem Anspruch, durch Wissen, der Referenz schlechthin, seine Beendi- Bodhidharma sagte: Offene Weite - nichts von heilig.
gung auf den Weg zu bringen, ausgesagt wird, gilt ebenso fiir die Praxis des Der Kaiser fragte weiter: Wer ist das uns gegenüber?
Zen: Bodhidharma erwiderte: Ich weiß es nicht.
Der Kaiser konnte sich nicht in ihn fmden.
Bodhidharma setzte dann über den Strom und kam nach We.
453 Borens, R., Widerstllnde der Psychoanalyse, m: Riss, Zeitschrift für Psychoanalyse.
Freud.Lacan. Nr. 43, S. 23
454 Ebd., S.ll 455 Ebd.
204 205

Später wandte sich der Kaiser an den edlen Bau-dsch'i und befragte rung der Psychoanalyse einer Prüfung unterzogen hatte. Denn, wie Schmid
ihn. schreibt:
Der edle Bau-Dsch'i sagte: Aber Eure Majestät wissen doch wohl, wer
das ist? Oder nicht? "Das höchste Gut ist kein erreichbares Ziel. Es fehlt, bzw. schreibt
Der Kaiser erwiderte: Ich weiß es nicht. sich dem Subjekt als Verlust ein.,,458
Da sagte der edle Bau-Dsch'i: Das ist der große Held Avalokiteshvara,
der das Siegel des Buddhageistes weitergibt. Das reine Begehren, darüber belehre die psychoanalytische Praxis, ist in sei-
Da reute es den Kaiser und schließlich sandte er einen Boten ab, um nem Grunde auf nichts ausgerichtet, auf kein Objekt hin, auch eben nicht auf
Bodhidharma zurückzubitten. Das Gute und ebenso nicht auf Das Nichts. Seine Orientierung kommt viel-
Der edle Bau-Dsch'i aber riet: Sagen eure Majestät es lieber niemand, mehr seinem Verrat gleich.
daß sie einen Boten schicken wollten, ihn zurückzuholen! Dem könn- Die okzidentalen Subjektkonstitutionstheorien sind aus dieser Perspektive
te das ganze Land nachlaufen: er kehrte doch nicht wieder um.,,456 Versuche, um die Anerkennung dieses dem Subjekt sich als reines Fehlen
Einschreibende herumzukommen. Durch die Ankoppelung des Begehrens an
In einer abweichenden Überlieferung wird Bodhidharma vom Kaiser noch das Gut soll hier das Selbst seine Würde erlangen, während in psychoanaly-
eine weitere Frage gestellt: tischer Theorie und ebenso im Zen dieses Gut gerade als Fehlen markiert
"Ich habe eine große Anzahl von Tempeln bauen lassen, ich habe vie- wird. So enträt das Zen jeder idealistischen Zielsetzung, durch orientiere
le Mönche bestätigt, ich habe viele Sutras übersetzen lassen. Ich habe Handlungen die Würde des Selbst zu erlangen. Es gibt keine Objekte, die
mir doch sicher viele Verdienste erworben?" angeeignet werden können und kein Subjekt, dem etwas zugeeignet werden
kann.
Bodhidharma antwortet: "Kein einziges Verdienst" 457
6. 7.1 Die Preisgabe der Logik des Opfers
Das disponierende Denken, das "rechnende Wesen" (Heidegger) geht nicht
absichtslos vor, auch und gerade nicht, wenn es sich in den Dienst des Guten Im westlichen Denken ist das Selbst entweder die Alltagsverkennung perpe-
stellt, wie im vorliegenden Fall. Verborgen hinter den Aufzählungen seiner tuierendes Konstrukt von im weitesten Sinne idealistischer Spekulation oder
guten Taten (seiner Leistungen, modem gesprochen) ist der Wunsch des es hat einen anderen, aber damit zusammenhängenden Preis: nicht einen, den
Kaisers, sich seiner selbst zu vergewissern. Ein zunächst unsicherer und un- das Denken zu entrichten hätte, sondern das Opfer des Triebes. Der Preis ft1r
gewisser Status des Existierens erhält vermeintlich dann die Dignität wirkli- das Selbst, das zu gewinnen, zu finden oder wiederzufinden ist, ist der des
chen Seins, wenn der andere die Leistung würdigt. So kommen Tat und Leis- Triebverzichts. Das Opfer des Triebes ist zu erbringen, damit ein Selbst zum
tung zu blindem Aktivismus herab, einzig dazu angetan, sich seiner selbst zu Vorschein kommen kann, das die Dignität von Sein besitzt. Die "Auffahrt
vergewissern und den Fehl zu annihilieren, die "Löcher zu stopfen", des Seins" beginnt jedesmal dort, wo vorher die Triebe ausgetrieben wurden.
Es bleibt aber derjenige gebunden, der nicht absichtslos handelt, vielmehr Nietzsches Studie über die "Büßer des Geistes" war im Westen eine der ers-
sein Handeln orientiert. Leicht ließe sich also hier die Kritik Lacans an der ten mit großem psychologischem Scharfsinn angestellten Analyse dieser
aristotelischen Ethik mit ihrer Ausrichtung am höchsten Gut noch einmal zur Spezies, die der Logik des Opfers erliegt. 459 Im Zen heißt es von dieser Art
Anwendung bringen. Die Orientierung des Handels an einem vermeintlich Mensch, dass er "vor Erleuchtung stinkt"460.
existierenden höchsten Gut ermöglicht alle Arten von Lebenslügen. Anhand K. Heinrich spricht in Bezug auf das Zen gerade von der Preisgabe der Ideo-
speziell dieser Orientierung am Guten ließ sich ja die Stelle markieren, an logie des Opfers, von einem "Opfer des Opfers,,461, Tatsächlich hat das Zen
der Lacan mit der aristotelischen Ethik bricht, nachdem er sie mit der Erfah-

458 Schmid, M., Vom X des Akts, m: Riss, Zeitschrift ftlr Psychoanalyse. Freud.Lacan. Nr. 41,
S. 53
459 Nietzsche, F.. Sämtliche Werke, Bd. 4, "Von den Erhabenen", S. 150ff.
456 Bi-Yän-Lu, Meister Yüan-wu's Niederschrift von der smaragdenen Felswand, Bd.l, S. 37 460 Zit. n.: Suzuki, T.S.. Zazen, Die Übung des Zen, S. 96
457 Zit. n.: Deshimaru, T.: Zazen, Die Praxis des Zen, S. 51 461 Hemnch, K.. Versuch über die SchWierigkeit nem zu sagen, S. 125
206 207

sich immer dagegen verwahrt, als asketische Praxis missverstanden zu wer- Welt und mit den anderen zu ermöglichen, den Verrat am Begehren fordert,
den. In allen Formen des Asketismus ist letztlich das Opfer des Triebes der das ursprünglich leer ist und sich auf kein Objekt bezieht.
zu zahlende Preis für den Gewinn eines/des Selbst, das vor einer imaginären So bildet das zen-buddhistische nirgends wohnen die Gegenfigur zur Dimen-
obersten Richterinstanz (bei Freud: dem Über-Ich) bestehen darf und das sion des oikos, der ökonomischen Existenz des Menschen. Die Suspension
Subjekt zu einem der Anerkennung werten Objekt macht. Aber der Mensch der Opferlogik und die Ausschlagung der idealistischen Identitätskonstrukti-
gewinnt sich nicht, indem er auf sich verzichtet. onen antizipieren damit gewissermaßen den "Austritt aus dem kapitalisti-
Zen ist weder die (für das Philosophen-Subjekt des römischen Reichs zur schen Diskurs", den Lacan als Analyseziel visiert und zwar als effektiv zu
Zeit des Späthellenismus relevante) asketische Zuspitzung des stoischen Ide- vollziehen, nicht als Idee oder Ideal für die Zukunft.
als und es verlangt nicht, die elementaren, vitalen Bedürfnisse auf ein anima-
lisches Minimum zu reduzieren. Desgleichen scheidet jede Form von Anbe- 6.7.2 Das Opfer als Form der Leugnung der Kastration des anderen bei
tung und Verehrung eines allmächtigen Gottes aus, der im Gegenzug (für die Lacan und im Zen
Opfer) das Subjekt weltlich gewähren und trotz seiner Fehler und Sünden Mit Lacan wäre zwischen einer neurotischen und einer nicht-neurotischen
weiterbestehen lässt. Auslegung der Kastration zu unterscheiden. Erstere ist die mit der Logik des
Das Zen bricht radikal mit der fatalen Dialektik von Trieb und Triebverzicht Opfers verhängnisvoll zusammenhängende. In ihr wird durch das falsche
und lehnt jeden W~g zur Erlangung personaler Würde und Integrität qua Op- Opfer eine falsche Metapher des Subjekts geschaffen. Die Anerkennung der
fer ab. Erst die Preisgabe der Versuchung durch das Opfer führt auf den symbolischen Kastration auf der einen Seite und das Eingestelltsein in die
Weg, den das Zen lehrt. Die Zen-Übung zielt gerade auf einen Austritt aus Dialektik von Trieb und Triebverzicht auf der anderen dürfen nicht mitein-
der dilemmatischen Opferlogik, des Aufgespanntseins auf das Streckbrett der ander verwechselt werden. Die Ideologie des Opfers beruht auf der falschen
Dialektik von Opfer und Gewinn, Trieb und Triebversagung, Schuld und Auslegung der Kastration. Sie hypostasiert den existierenden Großen Ande-
Vergebung, schließlich Askese mit seinem notwendigen, kompensatorischen ren, der die Kastration verlangt und im Gegenzug dem Subjekt die Würde
Pendant der Ausschweifung. des Selbst zuträgt. Nur der als existierend hypostasierte Große Andere kann
Das Vertrauen auf die Kompetenz des Körpers selbst, nicht die eines imagi- dem Subjekt als der Garant seiner Versichertheit im Dasein nützen. Dazu
nären Doppelgängers, führt gleichsam in ein Jenseits des Sinns (der in der muss dieser der Spaltung nicht unterworfene Andere das Opfer verlangen.
Logik des Opfers inuner Funktion des Imaginären ist) und in das sublime Das erbrachte Opfer, als verlangt unterstellt, soll in letzter Konsequenz das
Diesseits dieses Körpers selbst. Der Austritt aus der Dialektik von Opfer und Subjekt zuerst der Existenz dieses Großen Anderen selbst versichern, um im
Gewinn ist jedoch nicht gleichbedeutend mit einem Setzen auf die Aufgabe nächsten Schritt von diesem in seiner eigenen Existenz versichert zu werden.
des Aufgebens. Es ist eine Illusion zu glauben, etwas aufzugeben führe zu So dient das Opfer zwei unmittelbar miteinander verbundenen Zwecken,
Gewinn, es ist aber ebenso eine Illusion zu glauben, das Aufgeben des Auf- zum einen der Selbstversicherung, zum anderen zur Versicherung des Gro-
gebens bringe endlich die ersehnte Ruhe. Letzteres bedeutete nur, in eine ßen Anderen, dem unterstellt wird, das er das Opfer verlangt. Dieser Art ist
nächste dialektische Schleife der Opferlogik geraten zu sein. Es geht um et- der Tauschhandel mit einem imaginären Groß A. ZiZek, dem der Autor in
was anderes: die Beendigung des Tauschhandels mit einem imaginären puncto Opferdialektik wesentliche Anregungen verdankt, schreibt hierzu,
GroßA. den Akzent auf den Ausgleich des Mangels im Anderen setzend:
Der Sinn darf nicht außerhalb der Handlung liegen. Die Zen-Übung ist die
Initiation in ein Begehren, das gerade nichts über sich hinaus will. Die orien- "In seiner elementarsten Form bietet das Subjekt sein Opfer nicht
tierte Handlung, deren Prototyp vielleicht die Opferhandlung ist, hat nur mit- deswegen an, um selbst davon zu profitieren, sondern um den Mangel
telbaren Wert, die reine Handlung hat Wert für und in sich selbst, hat aber im Anderen zu füllen, um den Schein der Allmacht, oder zumindest
der Konsistenz des Anderen zu wahren. ,,462
keinen Sinn. Die Arbeit im modemen Verständnis und die Leistung, vor de-
ren Altären heutzutage die Opfer für den Erhalt eines Selbst und die hiermit
zusammenhängende Anerkennung der anderen zu erbringen sind, sind die
tragenden Säulen einer Ökonomie, die, um dem Subjekt ein Wohnen in der
462 Zizek, S.. Die gnadeniose Liebe, S. 28
209
208

Die Konsistenz des Anderen... Es muss diesen geben, denn an seiner Existenz Der Sinn der Aktivität Bodhidharmas leitet sich nicht aus einem imaginären
hängt die Versichertheit des Subjekts selbst. Die Präsupponierung des exis- Jenseits seines Körpers ab, das er durch sein Tun als existierend supponiert,
tierenden Großen Anderen und die Unterstellung des ,konsistierenden' Sub- um im Gegenzug von diesem als konsistentes Selbst bestätigt zu werden.
jekts gehören jedoch genauso zusammen, wie, nach einem qu~litativen Seine Aktivität ist eine die symbolische Kastration anerkennende (zuerst,
Sprung, die Gewahmis des Schweigens des Großen Anderen und dIe der In- wie stets, die des anderen, hier die des Kaisers, zu dessen Erstaunen und
konsistenz des Subjekts. Im Moment der Gewahmis der Gespaltenheit des Verdruss), aber jede Dialektik des Opfers zurückweisende und also nicht
wirklichen anderen und dem Schweigen eines unterstellten Groß A, kann der neurotische Aktivität des Subjekts des Unbewussten. Damit ist er aber ironi-
Mensch in seine wirkliche Verantwortung eintreten. Die Nicht-Anerkennung scherweise, worüber der "edle Bau-Tschi" den Kaiser aufklärt, eben genau
der symbolischen Kastration, inszeniert durch die Geste des Opfers, ist dem- der "Dharma-Träger, der das Buddhasiegel weitergibt",
gegenüber die Leugnung der transzendentalen Nicht-Versichertheit und im
selben Zug die Leugnung der Kastration des wirklichen anderen. Dem Subjekt des Unbewussten (Bodhidharma) bleibt, zur Selbstaussage ge-
So geht es im Opfer auch erst in zweiter Linie um die Sicherstellung des Ge- nötigt ("Wer bist du?"), einzig zu sagen: "Ich weiß es nicht", Bodhidharma
nusses des Subjekts auf verschobener Ebene, vorrangig geht es um die Ver- wird nach dem Namen für ein Wesen gefragt, das weder einen benennbaren
bürgung einer fundamentalen Versichertheit durch einen ultimativen Signifi- Inhalt hat, noch eine Form, über die verfügt werden kann. Sein Wesen selbst
kanten, der dem Leben-Sinn gibt und dem Subjekt Konsistenz und Identität ist Aussagen, Vollzug, Entäußerung, weder Inhalt, noch Form, noch Na-
verleiht. Wichtig ist deshalb, dass, um das Opfer als verlangt unterstellen zu melBenennung. Im Moment des Auftauehens dieses Wesens, in dem gewis-
können, es zuerst noch einer vorgängigen Präsupponierung bedarf, der eines sermaßen Produktivität und Objektlosigkeit konvergieren, ist es auch schon
Groß A nämlich, welches eben das Opfer fordert. entschwunden, es ist nicht festhaltbar und fixierbar, eine flüchtige Erschei-
nung:
Bodhidharma fungiert in der psychischen Ökonomie ~es Kaisers als der "Dem könnte das ganze Land nachlaufen: er kehrte doch nicht wieder
Statthalter dieses als existierend unterstellten Groß A. Uber Bodhidharmas um."
Vermittlung will in dem Koan der Kaiser sich des Sinns des Opfers versi-
chern. Bodhidharma soll damit zum Garanten und Bürgen seines Selbst wer- Denn er hinterlässt keine Spur. Keine Spuren zu hinterlassen ist für Lacan
den. Wenn die Opfer und Anstrengungen des Kaisers, wie er selbst meint, eines der Kennzeichen des Heiligen. 464 Wer aber keine Spuren hinterlässt, ist
darauf zielen den Buddhismus verbreiten zu helfen, so dienen sie in Wahr- nicht identifizierbar. Avant la lettre kommentiert das Koan Lacans Theorem,
heit dazu di~ Illusion der Existenz des existierenden Groß A zu stützen, die demzufolge die symbolische Identifikation die Nicht-Identifikation ist. La-
ihrerseits' das Subjekt, den Kaiser also, versichert. Der Hegemonialsignifi- can schrieb:
kant Buddhismus fungiert hier ironischerweise ausgerechnet als Ermöglicher
"Ich bin für euch das Rätsel derjenigen, kaum daß sie erschienen,
der Inswerksetzung der Leugnung des konstitutiven Mangels des Anderen.
verschwindet, ihr Menschen, die ihr euch so gut darauf versteht, mich
Deshalb ist das Opfer des Kaisers falsch. Das falsche Opfer kommt, wie unter dem Flitterkram eurer Wohlanständigkeit nachzuäffen. ,,465
Zizek schreibt,
"keineswegs einer freiwilligen Akzeptanz der Kastration gleich, son-
dern ist vielmehr die raffmierteste Form, sie zu leugnen, also so zu
464 Vgl. das Kapitel: "Die Person als Maske des Nichts oder der Analytiker als Heiliger"
tun, als besäße ich den verborgenen Schatz, der mich zu einem lie- 465 Diese skandalöse Rede Lacans, der das Zitat entstammt, sei m der Fußnote m etwas größe-
b enswerten Ob~e' kt macht ... ,,463 rem Zusammenhang wiedergegeben. Lacan spricht hier mit dem Ich Freuds. Es soll Freuds
Rede sein, die Lacan m dieser Welse mszeniert. Hier mcht wemgstens den Erfinder der
Psychoanalyse als Autor unterzuschieben, hätte allem der gute Geschmack verboten, je-
doch spricht Lacan tatsächlich von niemand anderem als von sich. "Ich bin fur euch das
Rätsel derjenigen, kaum daß sie erschienen, verschwmdet, ihr Menschen, die ihr euch so
gut darauf versteht, mich unter dem Flitterkram eurer Wohlanständigkeit nachzuäffen.
Dennoch will Ich euch zugestehen, daß eure Verlegenheit echt ISt, denn selbst, wo ihr euch
463 Ebd., S. 31
210 211

Im Erscheinen verschwinden und einzig als Verschwindendes erscheinen- Noch eine weitere Konjektur sei hier angeschlossen: Der Gründer des Zen ist
aberauf die Frage: "Wer bist du?" kann die Antwort nur lauten: "Ich weiß es gewissermaßen Lacans Ding als Person. Das lässt sich so begründen: Die
nicht", In dieser negativ-performativen Selbstaussage (die, was nicht unbe- postmoderne Umschrift von Becketts (modernem) Godot müsste, wie Zizek
achtet bleiben will, im Text des Koan zweimal auftaucht) drückt sich die ra- schreibt, diesen zeigen als
dikal-ethische Haltung aus, die anerkennt, dass es kein Groß A gibt, mit dem
in einen Tauschhandel zu treten möglich wäre und das Subjekt von außen "stunlpfsinnigen Kerl, der sich über uns lustig macht, der genauso ist
wie wir, der dasselbe sinnlose Leben voller Langeweile und dumpfer
oder aus einem sublimen Innen versichert und ihm ein der Anerkennung
Vergnügungen fuhrt - mit dem einzigen Unterschied, daß er sich rein
wertes Selbst verschafft.
zufällig, ohne es selbst zu wissen, an der Stelle des ,Dings' wieder-
Die zuletzt zitierte Stelle kann auch noch zu einer weiterreichenden Interpre-
fIndet, zur Inkarnation des Dings geworden ist, auf dessen Ankunft
tation Anlass geben: Da, was die überlieferten Seminare Lacans angeht, wir warten. ,,467
,kein Original existiert', wie J.A. Miller herausstellt, und sämtliche seiner
Begriffe, bei allem bestechenden Sinn für Logik und die signifIkante Struk- Kurzum: als einen Bodhidharma-Godot. Manche bildlichen Darstellungen
tur, konjektural sind, das Allusive und Approximative den Diskurs insofern Bodhidharmas, die einen in seiner Gewöhnlichkeit fast hässlich zu nennen-
bestimmen, als sie ihn unbestimmt lassen, wird, was zu Lacan geschrieben den Mann zeigen, weisen genau in diese Richtung. Der Godot Becketts ge-
wird, notwendig, aber nicht immer offenkundig die Züge des Rezipienten hört der Modeme an, die das furchterregende und im selben Zuge Ehrfurcht
tragen. Lacan ist als. Instanz Groß A ebenso ungeeignet wie Bodhidharma. gebietende, kurz: erhabene Objekt im Modus seiner Abwesenheit, als ver-
Beide sind sogar, beschäftigt man sich eingehend mit dem einen oder ande- borgene Präsenz im Kern der Dinge und Geschehnisse zeigt oder besser:
ren, gleichsam der Beweis der Illusionshaftigkeit einer Versichertheit ~urch vielmehr eben gerade nicht zeigt. Das postmoderne, lacansche Ding haust
ein Groß A und zwingen das Subjekt, "sich selbst zu erforschen", In dIesem nicht als abwesendes im leeren Zentrum des Seins, wird vielmehr als ganz
Sinne spricht Dögen davon, dass den Buddhismus zu erforschen nichts ande- gewöhnliche und banale ,Sache' gezeigt. In diesem Sinne sind die sinn-losen
res heiße als sich selbst zu erforschen. Im lacanschen "Handele konform mit bonno das Satori, sie umkreisen nicht den zu erreichenden Kern als abwe-
deinem Begehren!" ist dem Subjekt gerade vorgeschrieben, mit nichts kon- senden, sie sind dieser Kern, die Sache selbst. Es gibt nach Lacan kein ande-
form zu sein, mit keiner Konvention und keinem Vorbild. res Trauma als das der Geborenheit. Alle Dinge des Lebens sind somit letzt-
Wenn der Autor des Koan den "edlen Bau-Tschi" dem staunenden Kaiser lich traumatische Dinge. Das niedere Schein-Ding und sein traumatischer
mitteilen lässt, dass dieser, der da eben entschwand, der Träger des Dharma Kern fallen in eins zusammen. Die Oberfläche selbst ist der Abgrund und der
war, so will die hintergründige Ironie, die hierin liegt und die zu dieser Art Abgrund ist auch nur Oberfläche. Was bedeuten die Bilder des hässlichen
slapstickhafter Komik des Dialogs beiträgt, nicht unbeachtet bleiben. Bod- Bodhidharma, wenn nicht folgendes: ,Dieses jeder psychosozialen Vertäu-
hidharma, resp. der Autor des Koan, scheinen ihren Spott mit guten Leuten ung mit ihren Spiegeleffekten entbößte Unwesen, das bist du, tat swam asi.
zu treiben. Wie in so vielen Zen-Texten, erzeugen hier gerade der Witz, das Hier musst du ansetzen und neubeginnen! Von hier aus wird sich dein Be-
-
Unerwartete und das Rätse I einen G'Ip~e
~ I an S'Inn. 466
gehren begründen lassen!'
Andy Warhol wäre als der Künstler des lacanschen Ding zu nennen. Das
niederste, banalste Schein-Ding wird zum traumatischen Ding an sich und
die heiligsten Dinge zeigen sich in ihrer Banalität. Warhols "Distaster"-
Serien unterscheiden sich in ihrem traumatischen Charakter nicht von der
zu meinen Herolden aufwerft, seid ihr nicht wert, meine Farben zu tragen mit diesen Klei-
dern, die euer smd und euch gleich, Gespenster, die ihr seid. Wohin gehe iCh, nach<lem ich
massiven, ebenfalls traumatischen Präsenz seiner als Kunst präsentierten all-
unter euch hindurchgegangen bin? Wo war ich vor diesem Durchgang? Soll ich es euch ei- täglichsten Gebrauchsgegenstände (Suppendosen, Cola-Flaschen) und die
nes Tages sagen? Vielleicht. Aber auf daß ihr mich, wo Ich bm, findet, will Ich euch leh- zugleich vom "Glanz des Seins" fluoreszierenden und widerwärtig abge-
ren, an welchem Zeichen ihr mich erkennt. Hört, ihr Menschen, ich gebe euch sem Ge-
hemmis preis. Ich, die Wahrheit, ich rede." (Zit. n.. Borch-Jacobsen, M.: Lacan, Der abso-
lute Herr und Meister, S. 125.)
466 ,,Die Spitze an Sinn [...] Ist das Rätsel." (Lacan, 1.. Schriften II, S. 7) 467 Zizek, S.. Liebe demen Nächsten?..., S. 99
212 213

klatscht wirkenden Reproduktionen der Ikonen des Medienzeitalters (Mon- chen Perspektive als Verschleierungsgeschichte des lacanschen Ding. Ihre
roe, E. Taylor etc.) bilden hier erst recht keine Ausnahme. letzte Station vor seinem Erscheinen ist die Modeme mit dem Szenario des
Bei Warhol gibt es eine mit der buddhistischen Leerheit korrespondierende abwesenden Gottes im Zentrum alles Geschehens wie bei Beckett in "War-
Art Homophonie alles Seienden. Warhol zeigt, dass es vollkommen gleich- ten auf Godot".
gültig ist, was ein Maler malt: Schuhe, Zwiebeln, Unfälle, Starletts - solange
das Dargestellte nicht Abbildung ist, die einen Verweis auf sein verborgenes,
wahres Wesen enthält, sondern das Ding. (Wobei es um so mehr nicht Ab- 6.8 Nicht-Irrende Narren, Irrende Nicht-Narren, Erleuchtete
bildung sein kann, desto getreuer der Gegenstand getroffen ist.) In Zen-Sicht Sich-Täuschende und Sich nicht Täuschende Nicht-Erleuchtete
ist analog hierzu der erhabenste (sakralste) wie der banalste Gegenstand vom
(Von Lacan zu Dögen und zurück)
selben Nichts, von dem alles Seiende ist. Es gibt schließlich gar keine Hie- Mit dem Text des R.S.I.-Seminars lassen sich die unterschiedlichen Ansätze
rarchie von Gegenständen mehr. Es ist vielmehr so, wie Lacan sagt, von Freud und Lacan in der folgenden Weise schematisieren: Freuds Text
,,[...] daß egal welcher Gegenstand als SignifIkant auftreten kann, schreibt sich ein in das Feld von: ,Die Genarrten, die nicht irren.' Freud sei,
durch den dieser Widerschein, dieses Wunder, dieser mehr oder min- so Lacan, "genarrt, aber auf die gute Weise, die nicht irrt',471
der unerträgliche Glanz vibriert, der das Schöne heißt,,468, Lacans Sprechen dagegen steht unter dem Zeichen von: ,Die Nicht-
Genarrten, die irren. '
Schön ist zu nennen, wenn die sich fremden Dinge plötzlich ganz unerwartet "Das ist [bei Freud,J.A.] nicht so wie bei mir, der ich nur bezeugen
harmonieren oder der sonst unmögliche Zusammenklang menschlicher Lei- kann, daß ich irre:,,472
denschaften doch zustandekommt.
"Das heftige Licht, der Schimmer der Schönheit fallen zusammen mit Nicht-Narr sein und irren oder Narr sein und nicht irren. Es handelt sich
dem Moment, in dem Antigone die äT1l übertritt und realisiert.,,469 hierbei um eine Variante von Lacans Sophisma, das mit der Homophonie
von "Le non-dupes erre" und "Nom-du-pere" spielt. 473 Der Nicht-Narr, der
Aber dieses "Wunder" kann nur eintreten mit jenem "Wechsel des Objekts in irrt (Le non-dupe erre) ist durch Homophonie im Französischen der Name
sich selbst", einem Übertretenhaben der Schwelle, die das Reich der Leben- des Vaters (nom du pere).
den von dem der Toten trennt. Es handelt sich hier nicht um Ästhetizismus, ,,[...] Der Ungenarrte geht in die Irre ohne das, ins Blaue hinein oder
eine neue oder andere ästhetische Theorie, sondern um die Bereitschaft fiir aufs Ewigkeits-Geratewohl. ,,474
ein Sich-Einlassen auf eine Erfahrung, die dann die Dinge in einem Glanz
vibrieren lässt, einem Schimmer, der von ihrer absoluten Fragilität und ihrer Das Irren ist durch den "Namen des Vaters" (nicht "ohne das") kein ,In die
Vergänglichkeit herrührt. Die Bedingung fiir ein ,neues Leben' ist der Ein- Irre gehen', sondern, in abweichender Konnotation, "Umherirren" im Gehe-
tritt "in die Zone zwischen Leben und Tod,,470, Die Lösung besteht nicht im ge eines Gesetzes (das der Kastration) oder "Auslauf innerhalb der Diszip-
Austausch des Objekts, der Rückkehr eines ,ursprünglichen Objekts', die lin", der Lehre.
Hinwendung zu einem neuen oder gar seine Ausquartierung und Hinwen-
"Ich irre umher in diesen Intervallen, die ich versuche, fiir sie zu situ-
dung zu einem leeren, abstrakten Nichts. Aber schließlich lehren Zen und ieren, des Sinns, des phallischen Genießens, und eben des dritten
Psychoanalyse auch, worauf es möglicherweise nicht lohnt, sein Begehren zu
richten.
Überall hier sind die Dinge durch Leerheit verbunden und auch der harte
traumatische Kern selbst ist Leerheit. Die Geschichte erscheint aus einer sol-
471 Lacan, Jaques: S XXII, R.S.I., S. 14
468 Lacan, 1.: S VII, Die Ethik der Psychoanaiyse, S. 355 472 Ebd.
469 Ebd., S. 336 473 Vgl. den Titel des Semmars XXI (1973/74), Les non-dupes errent (nicht erschienen)
470 Ebd. 474 Lacan, Jaques: S XXII, R.S.I., S. 41
214 215

Terms r...] der uns den Schlüssel zum Loch gibt [...] das Genie- Wahrheit des Sprechens, sondern die Wahrheit des Sprechens selbst setzt
ßen...,,4"'S sich mit dieser Bewusstwerdung ins Werk als "Fortschreiten von Fehler zu
Fehler", Das Fortschreiten des bastardisierten, die Alienation im anderen er-
Wird versucht zu "fossilieren", was dieses "Umherirren" ergibt, kehrt sich leidenden und anerkennenden Diskurses ist die Wahrhaftigkeit des Spre-
das Verhältnis zwangsläufig wieder um und es ergibt sich erneut: "Der Narr, chens selbst.
der nicht irrt", so wie ihn im Bodhidharma-Koan der Kaiser und in geringe- Diejenigen, die von der Unmöglichkeit von idealer Selbstaussage wissen und
rem Maße Bau Tschi repräsentieren. Wer ist es, fragen sich diese beiden generell von der Unmöglichkeit, irgendein Ding adäquat auszusagen, sind
"Genarrten, die nicht irren", der dort, in dieser Weise, "umherirrt"? Sie fiin- "die Nicht-Genarrten, die irren", Wo sich dieses Wissen verbindet mit der
den selbst die Lösung, ließen sie sich "mehr narren", Für sie gilt, was Lacan Anerkennung der Kastration des anderen, produziert sich die Vatermetapher.
angelegentlich am Beispiel Maupertius exemplifiziert: "Die Genarrten, die nicht irren" hingegen, diejenigen die festhalten an der
"Hätte er [Maupertius, J.A.] sich mehr narren lassen, würde er weni- Möglichkeit von Selbstaussage und adäquater Aussage der Dinge, produzie-
ger in die Irre gehen. [...] Er ist Nicht-Narr - er bildet Hypothesen." ren das Expertenwissen und den Moraldiskurs.
476
Den präsupponierten Analytikern/Meistern "Lust zu machen, die Wahrheit
zu sagen" heißt nicht, sie aufzufordern, sich im Sagen von ,letzten Wahrhei-
Das "wirkliche Ich" sagt sich selbst aus im kontinuierlichen Verfehlen beim ten' zu üben, auch nicht, ,,[...] alles zu sagen (denn) man kann nicht alles sa-
Versuch ,zu sagen "wer ich bin" und "was es ist". Der Zen-Mönch Ejo gen - sondern Blödheiten zu sagen, darauf kommt es an,,478, Sich nicht nar-
brauchte acht Jahre (eine Analysedauer?) um folgenden Satz hervorzubrin- ren lassen zu wollen heißt, prädisponiert zu sein für die Irre; nicht in die Irre
gen: zu gehen aEer, im Bündnis mit dem Unbewussten (Signifikantenkette, Dy-
namik der Ubertragung) und der symbolischen Ordnung sich willig narren zu
"Was immer ich sage, daß ich bin, wird den Punkt verfehlen - das
lassen.
genau ist das wirkliche ,Ich",477 .

Besser als in dieser Aussage ließen sich Lacans Konjekturen über das Ich Bei Dogen ist die Täuschung der "großen Erleuchtung" inhärent und die
und seine (Un)Möglichkeit, sich selbst auszusagen, kaum formulieren. In E- "große Erleuchtung" der Täuschung.
jos Satz koinzidieren Lacans "Subjekt des Aussagens" und das "Subjekt der "Die große Erleuchtung existiert immer. Sie sollte nicht nur als Ab-
Aussage". Es ist ein Sagen (im Sinne: Subjekt des Aussagens) über die Un- wesenheit der Täuschung aufgefaßt werden. Denke auch nicht, daß es
möglichkeit einer adäquaten Selbstaussage, in den Kategorien des lingutsttc die große Täuschung gibt, weil es die große Erleuchtung gibt. Nicht
turn: ein negativ performativer Akt. Selbstaussage ist nicht die ideale Reprä- nur ein großer Erleuchteter vertieft seine Erleuchtung, auch ein
sentation eines Signifikats im Signifikanten, sondern das perrinnierende ,Mensch voller Illusionen' vertieft sie.,,479
Scheitern von Selbstaussage, das Verfehlen im Sich-Sagen einer (unmögli-
chen) Selbstbeziehung. Die diesem Passus folgenden Fragen kreisen avant la lettre um das Verhält-
Im Verfehlen der idealen Selbstaussage ("das bin ich", "das bin ich nicht") nis von Täuschung und Erleuchtung auf einer Lacans Diskurs analogen Um-
spricht sich das Subjekt des Unbewussten ohne Unterlass selbst aus. In die- lautbahn. Dogen greift zuerst die von einem früheren Zen-Meister aufgewor-
ser sich fortsetzenden Täuschung tut sich sein Wesen kund. Das Bewusst- fene Frage auf:
werden des Scheitemmüssens von Selbstaussage als Repräsentation des "Was geschieht, wenn ein großer Erleuchteter der Täuschung unter-
Signifikats im Signifikanten führt gerade nicht in die Sackgasse eines nicht liegt?,,'480,
zu umgehenden Dilemmas eines konstitutionellen Verfehlen-Müssens der

475 Ebd., S. 14 478 Lacan, 1.. S XX, Encore, S. 26


476 Ebd., S. 12 479 Dögen, E.. Shöbögenzö, Band I, S. 58
477 Zit. n. Arokiasamy, AM.. Warum Bodhidhanna In den Westen..., S. 74 480 Ebd.
216
217

um sie, statt sie zu beantworten, mit weiteren Fragen zu kommentieren: die Irre zu gehen. Meister sein heißt "Fortzuschreiten von Fehler zu Fehler"
"Ist ein großer Erleuchteter, der der Täuschung unterliegt, der gleiche und nicht, aus der Unerleuchtetheit in die Erleuchtetheit übergewechselt zu
wie eine unerleuchtete Person? Ist es möglich, daß ein großer Er- h~ben. ~ber genau das zu gewahren, muss wohl die Erleuchtung sein. Diese
leuchteter der Täuschung unterliegt? [...] Kann er seine Täuschung zu Dialektiken kommen erst im Zazen zur Ruhe. Das Zazen selbst ist das Satori.
Erleuchtung wandeln, oder befleckt die Täuschung seine Erleuch- "Erlangt" werden kann Erleuchtung nicht:
tung? Falls er seine Täuschung zu Erleuchtung wandeln kann, ist es
"Diese Erleuchtung existiert frei in den Buddha- und Dharmahallen
dann immer noch Täuschung?"481
aber sie kann nicht von einem alten Novizen erlangt werden.,,486 '
Das erneute Hervortreten der entscheidenden Frage wird dann mit dem Ziel
Erleuchtung ist kein Objekt, das erlangt werden könnte und Nicht-
der übung gleichgesetzt:
Er,leuchtung kein bedauernswerter Zustand. In "Beständige Entwicklung jen-
"Das letzte Ziel unserer übung ist es herauszufinden, ob ein großer seits von Buddha" sagt Dögen:
Erleuchteter der Täuschung unterliegen kann. ,,482
"Wir können nicht behaupten, daß es keine heiligen Wahrheiten ü-
bung ~d Erl.~uchtung gibt, noch können wir sagen, daß es heilige
Er kommt zu folgendem Resümee:
WahrheIten, Ubung und Erleuchtun~ gibt. Nichts kann erlangt wer-
"Die große Erleuchtung schließt die Täuschung ein und kümmert sich den, nichts kann ergriffen werden.,,48
nicht um groß oder klein. ,,483
Do~entieren nicht die, Aussagen Dögens ganz ebenso wie die der späten
Schließlich ist die Täuschung sogar die Bedingung für die Erleuchtung, aber Semmare Lacans den (nie vollständig vollziehbaren) übertritt dorthin, wo
nicht in einem Ablösungsverhältnis, sondern einem der gegenseitigen ein Subjekt in der Dit-mension von Unbewusstem und symbolischer Ord-
Durchdringung. Wer sich hier täuscht, wäre der Narr, der nicht irren will. nung, in der Mo?stration des analytischen Diskurses, resp. der Darlegung
Die Erwägungen gipfeln in dem Satz: des Dharma, gleIChsam spielend mit den konstituierenden Begriffen, sein
"Nur die Täuschung kann die große Erleuchtung suchen, außerhalb perrinierendes, "wie aus einem Faß rinnendes" Maß findet?
der Täuschung können wir niemals die große Erleuchtung fmden.,,484 "Um .au~ eine treffende Weise mit diesem Knoten zu operieren, müs-
sen SIe Ihn blöde gebrauchen. Lassen Sie sich von ihm zum Narren
Das Verhältnis von Täuschung und Erleuchtung ist keines des gegenseitigen halten. Geraten sie über ihn nicht in den zwanghaften Zweifel. Knau-
Ausschlusses. Beide sind untrennbar miteinander verbunden: sern Sie nicht zuviel.,,488
"Die Priester der heutigen Zeit denken, daß es zwei getrennte Stadien
gibt: unerleuchtet und erleuchtet. Sie glauben, daß das Unerleuchtete Wenn dieses Fass, die black box des Unbewussten, aus der jenes Wissen
von irgendwoher oder von irgendwem erleuchtet wird. Aber sogar rinnt, das sich selbst nicht weiß, angestochen ist, kann Vertrauen entwickelt
diese Vorstellung ist nichts als die große Erleuchtung. ,,485 ,":erden, jenseits des Normativen, diesseits der Täuschung, wo ein Nicht-in-
dIe-Irre-Gehen unweigerlich mit dem Sich-narren-Lassen verbunden ist.
dass das Unerleuchtete von irgendwoher oder von irgendwem erleuchtet 6.8.1 Das neue Bündnis
wird... Da dem nicht so ist, bleibt nur das Sich-narren-Lassen, um nicht in
Lacans ,neue~ Bündnis' mit der Lehre Freuds modifiziert das ,alte Testa-
ment' von Tneb- und Neurosenlehre und evoziert einen Übertritt in das ,E-
481 Ebd.
482 Ebd.
483 Ebd. 486 Ebd., S. 58
484 Ebd. 487 Dogen, E.. Shobogenzö, Band II, S. 15
485 Ebd., S. 60 488 Lacan, Jaques: S XXII, R.S.I., S. 11
218 219

schaton' einer ,ultimativen Wirklichkeit', dargestellt mittels der,borromäi- ,,[...] dann hat er nach oben hin nicht mehr die Haltung sehnsüchtigen
schen Beziehungen' von Realem, Imaginärem und Symbolischem. Die Sichanklammerns, hat nach unten hin sich selber aufgegeben und ist
Wahrheit zu sagen in diesem ,neuen Reich' bedeutet, im Sprechen zu reali- die ganze Zeit wie närrisch und verbohrt. ,,490
sieren, dass Diskurs wie Begehren stets die des anderen sind. Das Nennen
der Namen der Gegenstände der äußeren Realität wird hier zu nichts als ei- Die ,beiden Seiten' sind: einmal die Annahme, es gäbe Objekte des Begeh-
nem "Durchstreifen der Leerheit" zur Realisierung des "bon dire" als neuem rens ("nach unten hin"); zum anderen das Vertrauen auf die Versichertheit
ethischen Postulat, das dazu auffordert, an den richtigen Stellen zu schwei- durch Buddha, seinen himmlischen Willen, irgendein Groß A ("nach oben
gen und an den richtigen zu sprechen, was voaraussetzt, der Dynamik der hin"). Die Supponierung einer Versichertheit des Subjekts durch Groß A
Übertragung geöffnet sein, denn nur so ist dem Lauf der SignifIkanten zu produziert Subjekte wie den Kaiser aus dem Bodhidharma-Koan: Narren,
folgen möglich. Die ,letzte Wahrheit' innerhalb dieser ,ultimativen Wirk- die nicht irren. Die Nicht-Narren, die irren, erscheinen, wie Bodhidharma
lichkeit' haben der authentische Analytiker und der Meister des Zen zum selbst, wie Idioten:
gemeinsamen Feind. Zu diesem Thema lässt sich Dögen wie folgt verneh-
"Auch solche, die im WEG sich üben, bringen es nur schwer soweit,
men:
daß sie wie närrische Idioten werden. [...] Die närrische Idiotenart, die
"Es [das Prinzip der erleuchteten Meister,J.A.] ist wie ein zerbroche- gibt es so leicht nicht.,,491
ner Schöpflöffel. Sie töten Buddha, wenn sie Buddha begegnen, weil
sie dann, wenn sie Buddha begegnen, Buddha töten. Wenn sie versu- Hier ist Vorsicht geboten. Deshimaru Roshi sagte, Bezug nehmend auf eine
chen, in den Himmel zu kommen, wird der Himmel zerbrechen; wenn gewisse emphatische Rezeption des ,Zen im Westen' und der Statements der
sie sich zur Hölle bewegen, wird die Hölle zerschmettert. Wann im- Meister, die der abendländischen ratio, derer man überdrüssig war, anschei-
mer sie jemandem begegnen, lächeln sie dumm; sie tun nichts ande- nend spotteten:
res, als in Verwirrung umherzuwandern und reden dumm im "Daher wird man nicht durch Bildung, Gelehrsamkeit, logisches, rati-
Schlaf.,,489 onales Denken oder den Intellekt ein wahrer Meister. Idiotie ist (aber)
auch kein Kriterium.,,492
Das volle Sprechen, das stets das des anderen ist, ,bricht' jede ,letzte Wahr-
heit' und zwar aus Prinzip, weil es nicht anders kann. Es realisiert in seiner Das erratische Sprechen der "närrischen und verbohrten" Meister ist nicht
Rede, dass Gott tot ist, es ist nicht (nur) Sagen, dass Gott tot ist, sondern tötet das von Schwachsinnigen oder dem Einfluß von zu viel Alkohol zuzuschrei-
493
Gott im Sagen, dass Gott tot ist zu seiner eigenen Realisierung, basierend auf ben , sondern resultiert aus dem Wissen der Kastration und ihrer Anerken-
und zugunsten der Anerkennung der symbolischen Kastration des anderen. nung. Die Realisierung dieses ethischen Motivs erscheint nur zuweilen wie
Sein Sagen ist diese Realisierung in actu. An die Stelle der Orientierung der eine Hybris. Indem es aber zugleich zum Gegenstand der Rede macht, was
Rede an Groß A tritt die Realisierung dessen, dass der Diskurs der des ande- sie ermöglicht (die Nicht-Versichertheit, das Loch), stellt sie die "Geburt der
ren ist. Wahrheit im Sprechen,,494 dar. Im Meister-Diskurs, anders als bei den Hyste-
Aber es werden, nicht nur bei Dögen, stets ausdrücklich Warnungen ausge- rischen, für deren Diskurs Lacan ja diese berühmte Formel ersann, ist,
sprochen. Der Weg der "offenen Weite" ist gleichzeitig ein schmaler Grad.
Das ,Loslassen' muss ,zu beiden Seiten hin' in einem Höchstmaß erfolgt
490 Bi-Yän-Lu, Meister Yüan-wu's Niederschrift von der smaragdenen Felswand, Band I S.
sein. Ein chinesischer Meister, noch ein paar Generationen vor Dögen, sagte 433 '
folgendes: Wenn der "Schöpflöffel zerbrochen" ist (dieses Instrument, mit 491 Ebd.
dem man Weisheiten aus dem Himmel schöpft), 492 Deshimaru, T.. I Shm Den Shin, S. 7
493 Eine Betrachtung solcher Fälle, die auch vorkommen, fmdet sich (mit den entsprechenden
Literaturverweisen), ~n.: Gottwald, P.: Zen im Westen - neue Lehrrede für eme alte übung,
darm das Kapitel: "über Licht und Schatten, Gutes und Böses, Gott und Teufel als von
Menschen Ersonnenes - ebenso viele Versuche, Sich in der Welt zurecht zu fmden und
emzunchten" (S. 178f.)
489 Dogens, E.. ShObogenzo, Band H, S. 14 494 Vgl.. Lacan, 1.: Schr. I, S. 94f.
221
220

gleichgültig was er artikuliert, stets die Markierung eines Fehlens inhärent, 6.9 Jenseits des Spiegelbildes
eines Fehlens von dem er Zeugnis gibt und eines Fehlens, das, fehlte es War das eine schleichende Krankheit oder
nicht, ein sich~res Wissen verbürgte. Bei den Hysterischen aber fehlt die An- der Beginn der Heilung?(Dieter Wellers-
erkennung dieses Fehlens, eines Mangels, der hier genau zu erkennen 1st als hofJ)
der Mangel im anderen.
Weder das Dharma noch das Unbewusste und die symbolische Ordnung, zu Der (sich narren lassende) erleuchtete Mensch sieht nicht in den Spiegel des
denen der Zugang ~eöffnet wird durch die Anerkennung der symbolischen Spiegelstadiums, denn es sind, mit den Worten Lacans,
Kastration, sind ein Wohnort, ein Habitat. Das Unbewusste ist "struktunert
,,[...] keine zwei gegeneinandergestellten Spiegel nötig [...], damit die
wie eine Sprache", aber die Sprache ist nicht, wie schon betont, das ,,~aus
Reflexionen des Palastes der Trugbilder bereits erschaffen sind
des Seins", wie bei Heidegger. Rekurs auf das Unbewusste bedeutet bel La- [ ... ]"496,
can vielmehr, wie M. Bowie schreibt, die
,,[...] Bereitschaft, sich damit abzufmden, dass ~lles, was in den ,Be- Das Auge selbst ist nämlich schon ein Spiegel; in sich leer, nimmt dieser
reich der Rede fällt, bastardisiert wird, sowie [die] Bereitschaft, emen Spiegel, der das Auge ist, alle Bilder in sich auf. Die sogenannte Buddhana-
P~ zu schließ~n ~it d~n .-:~~paltlillgen und Unvollkommenheiten, tur wird häufig mit einem leeren Spiegel verglichen. 497 Wie dieser bleibt sie
die jede Rede mit Sich brmgt. von den Bildern, die sich in ihr spiegeln, unberührt. Was im leeren Spiegel
sichtbar wird, ist weder das ,wahre Sein' im Unterschied zur Täuschung,
Da die Konturen des Unbewussten beweglich sind und es auch ungleich nicht die Wahrheit im Unterschied zur Lüge, sondern die Welt, wie sie sich
mehr Konzentration Ernst und Disziplin erfordert, ihnen zu folgen, als sich zeigt jenseits solcher Dualismen und Oppositionspaare. Es ist die Welt der
innerhalb der Koordinaten einer Wissenschaft zu bewegen, die den Diskurs Leerheit.
von sich aus konstituiert, ist also Lacans Ansatz streng genommen genau wie Der "große, alte Spiegel", von dem Dogen spricht, ist der "leere Spiegel".
der der Zen-Meister mit dem der kurrenten Wissenschaften vom Menschen Das Erscheinen der Dinge im "alten Spiegel" der Buddhanatur setzt das Ver-
schlicht inkompatibel. Das Unbewusste, anders als die Gegenstandsbereiche lassen, das Zurücklassen des Raumes des Spiegelstadiums voraus. Das
und Objekte der Wissenschaft, ist nichts Festes, fest Umrissenes. Man, karm Schwinden dieses Raumes, das Verschwinden aus diesem Raum und das Er-
es nicht besitzen. Ebensowenig ist es möglich, in das Dharma wie m em scheinen des "leeren Spiegels" eröffnen einen neuen, anderen Spielraum.
Haus einzuziehen. . . Wo der Narzissmus vorwaltet, wird die Rettlillg in der Reinhaltlillg des Spie-
Das Sprechhandeln des späten Lacan wie das der alten Zen-Meister s~d ~in gels gewähnt und seine Beschmutzung mutet an wie der Ernstfall der Exis-
nahezu oppositionsloses Sagen, produzieren gleichwohl pe~anent die Dif- tenz. Lacans Invektiven gegen den ,Diskurs der schönen Seele' markieren
ferenz, die allerdings auf keine neue Identität projezierbar 1St, weshalb a~ch hier die Differenz. Gegen die Zumutlillgen der Epoche stellen die ,Schön-
die Diskurse über Lacan und über das Zen so leicht fehlgehen. In semer
Wirkung bewegt sich ein solches Sprechen in der Sparmung von ,die W~­
heit sagen', ,verführen', ,zur Wahrheit verführen' un~ nicht zuletzt ,Z~U~lllS 496 Lacan, 1.. Semmar X, Die Angst, 2. Teil, S. 71
:m
ablegen', Sein Sinn erzeugt sich in Jedem A~genbhck neu d es nsklert, 497 "Buddhanatur" Ist die Übersetzung von buddhatä aus dem Sanskrit. Eigentlich heißt es Be-
Unsinn zu produzieren, "Stuss", wie Lac~ im R.S.I.-.Se~m~ sagt. Aber schaffenheit: chineSisch scheng Gap. sM) W. Gundert schreibt dazu: "Vielfach übersetzt
man diesen Ausdruck mit ,Natur' Ihn wählten die chmeslschen Buddhisten zur überset-
diesen "Stuss" produziert zu haben, heißt nicht notwendig, m die Irre gegan- zung der Endsilbe -tä in abstrakten Begriffen der Sanskntsprache wie buddhatä, dharmatä,
gen zu sein. tathätä, d.h. Buddhaschaft, Dharma-Eigenschaft, Sosein. Da sich dieses scheng (im Unter-
schied zu der mdogermanlschen Substantivierung) vom vorausgehenden Begriff ablösen
läßt, so erhielten sie damit emen selbständigen Ausdruck ftlr den Begriff »wahre, eigentli-
che Natur oder Beschaffenheit« des sogenarmten Seienden und des Ich. So z.B. m dem
Ausdruck djiän-scheng Gapanlsch ken-shö), EinSICht m die eigene, ursprüngliche Natur,
die wahre Beschaffenheit memer selbst." (in: Bi-Yän-Lu, Meister Yüan-wu's Niederschrift
von der smaragdenen Felswand, Band 1)
495 BOWle, M.: Lacan, S. 111
222 223

geister' die Reinheit ihrer höheren, eigentlichen Bestimmung. Also wenden sich auf ihre Art aus dem "Wespennest des Idealismus"so3 herauszuwinden
sie sich ihrem Bild zu, einem Bild von sich. versucht, so hat sich auch das echte Zen immer als Medizin gegen jede Ver-
N. Bolz hat in einem inspirierten frühen Essay über die "Verwindung des suchung der Huldigung an dieses Ideal verstanden. Viele privatistische Zen-
Erhabenen,,498 mit Hilfe nietzschescher Formeln gezeigt, wie es keine Ver- Zirkel, durch Bücher oder zweifelhafte Proselytenmacher inspiriert, reüssie-
windung des Traumas der Geborenheit im Zeichen der ,schönen Seele' ge- ren jedoch mit unvermindertem Erfolg auf dem Gebiet des Schöngeistigen.
ben kann. Das Erhabene, schreibt er, ist die Verwindung des Schrecklichen, Auf diesem Niveau aber sinkt das Zen auf die Höhe der vielen Derivate des
der "Gorgomaske der Urszene". Aber auch das Erhabene selbst verlange Willens zur Ganzheit und Unversehrtheit im Selbstverwirklichungsmilieu,
noch nach seiner Verwindung und dies geschehe im ,schönen Schein', der die als Reparaturunternehmen mit den Zivilisationsschäden auch gleich die
bei Nietzsehe als Antidot zur ,schönen Seele' fungiere, weder als ihr Aus- konstitutive Unangepasstheit des Menschen wegzudelirieren sich anheischig
druck, noch als ein Gegensatz zur Wahrheit. Die Wahrheit hat den Schein machen. Dem schöngeistigen Ideal zu huldigen, dem ,Ideal der schönen See-
nötig, um erscheinen zu können. Damit die Schönheit erscheinen kann- le', das eigentlich nur eines des Willens zur ,schönen Seele' ist, denn ihm
nach Nietzsehe ist sie "das gnädige Herabkommen der Macht ins Sichtba- zugrunde liegt, wie auch Nietzsehe erkannte, eine monströse Hässlichkeit,
re,,499 - muss der Erhabene entspannen lernen. Nietzsches Bilder vom "Na- hat für das echte, authentische Zen etwas Ridikulöses. Wie die folgenden
cken des Stiers" mit dem "Auge des Engels" oder dem "römische(n) Cäsar Beispiele zeigen werden.
mit Christi Seele"soo huldigen einem anderen Ideal als dem der ,schönen
Seele' und dienen sogar noch dazu, genau dieses zu ridikülisieren. Ein Un- Die zwei berühmten Spiegelgedichte, in eine der Legendenbildung zugute
terscheidungsmerkmal ist, dass der Erhabene nicht lacht. Wer aber nicht zu kommende Narration eingewoben, die die denkwürdigen Umstände einer
lachen lernt, wird ridikül. Weitergabe des Dharma-Siegels an den sechsten Dharmaerben Eno zum Ge-
Nietzsches und Lacans Invektiven gegen das ,Ideal der schönen Seele' sind genstand hat, markieren paradigmatisch die Grenzlinie. so4 Das erste Gedicht,
leicht auf ein idealistisches, schöngeistiges Zen zu münzen, das ganz mit sich das des vermeintlichen ,Zen-Musterschülers' Schen-hsiu, der bezeichnen-
selbst beschäftigt ist und das Ideal nirgends als im Spiegel erblickt. Persona- derweise immer mit dem Epitheton ,Dichter' genannt wird, lautet fol-
le Würde und Integrität stellen sich hier her über die narzisstische Projektion, gendermaßen:
über das Spiegelbild. Das Subjekt vergewissert sich seiner selbst über sein
Bild und bleibt unbefleckt von den Zumutungen der Epoche und herausge- "Der Leib, das ist der Bodhi-Baum,
der Geist, er gleicht dem klaren Ständer-Spiegel.
nommen aus den Sackgassen des Sozialen. Ein solches Zen findet leicht sei-
Wisch ihn denn immer wieder rein,
nen Platz in einer vom Bedürfnis nach Wiederherstellung fundamentaler Be- Laß keinen Staub sich darauf sammeln!"sos
schädigungen umgetriebenen Moderne und Postmoderne, deren Ichs als
"schöne Seelen" Form annehmen wollen. Lacan schreibt:
Das Gegengedicht des (der Legende nach) des Schreibens unkundigen Hsüä-
,;Das Ich des modernen Menschen hat [...] in der schönen Seele als feng, jap. Eno (er hatte einen Mönch gebeten, es nach seinem Diktat zu
einer dialektischen Sackgasse seine Form angenommen."SOI schreiben), lautet:

Die schöngeistige Gegenwelt ist Domäne und Refugium des intellektuellen "Im Grunde gibt es keinen Bodhi-Baum,
noch gibt es Spiegel und Gestell.
Narziss, "in der sein Diskurs deliriert"So2. Wie die Psychoanalyse Lacans

498 Bolz, N.: Die Verwindung des Erhabenen, S. 165ff. 503 Ebd.
499 Zit. n.: Ebd, S. 168 504 Vgi. hierzu: Bi-Yän-Lu, Meister Yüan-wu's Niederschrift von der smaragdenen Felswand,
500 Nietzsehe, F.: Sämtliche Werke, Band 11, S. 289 Bd.l, S. 143f.
501 Lacan, 1.: Sehr. I, S. 123 505 HUI-Neng, Das Sutra des sechsten Patriarchen, S. 30
502 Ebd. 638-713
224 225

Da ist ursprünglich kein (einzigeu Ding - heißt es dort. 507 Die tagtägliche Arbeit der Wiederherstellung, die der Beam-
wo heftete sich Staub denn hin?" 06 te der Pflicht leistet, dient der steten Erneuerung der Illusion. Die Arbeit des
pflichttreuen Beamten und das Bild des Narziss verschmelzen so überra-
Shen-hsiu's Spiegel ist das Objekt der Verehrung in einem schöngeistigen schenderweise in eins. Diese Haltung wird getragen von einer fiir den Pseu-
Zen. Es ist der Spiegel des Spiegelstadiums, sein ,Besitzer' ist der Narziss doheiligen wie fiir den Beamten der Pflicht typischen Hypertrophie.
par excellence, der hier die Ich-Obsession auf eine nicht alltägliche Höhe Die Zen-Übung zielt jedoch gerade nicht auf eine Rekonstruktion und Wie-
treibt. Hervorsticht die geradezu kosmische Opazität dieses Geräts seines derherstellung des Bildes, sondern gerade auf die Destruktion des
(masturbatorischen) Selbstgenusses. Hsüä-feng's Spiegel dagegen ist nichts, (Schutz)Schirms des Narzissmus und damit auf die der imaginären Einheit
was man besitzen könnte, nichts, was verunreinigt werden könnte, also auch des Ich. Der Schreiber des ersten Gedichts aber missversteht sie als eine Me-
nichts, was der Reinigung bedürfte. Hier ist der Schirm des Narzissmus thode zur Erlangung von reiner Vollkommenheit, resp. vollkommener Rein-
durchbrochen. Hsüä-feng haftet nicht am Bild se