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SERIE: Einführung in den Buddhismus

Nirvana – hier bin ich!


Frank Zechner

I n vielen religiösen Systemen begegnen wir der Idee


eines Zustandes vollkommener Harmonie: Bekannt
sind das Paradies, der Garten Eden, das goldene Zeitalter
te so und so sein. Das sollte ich nicht denken. All diese
drängenden, ängstlichen, kleinen gierigen Stimmen ma-
chen uns das Leben schwer. Alles, was uns in den Sinn
oder das Nirvana. Alles befindet sich in Balance, die kommt, wird durch unsere Selbstbezogenheit als ange-
Dinge sind so, wie sie sind, in Ordnung. Egal, ob wir in nehm, unangenehm und egal bewertet. Wir sind Meister
der Bibel lesen oder den Erzählungen der nordamerikani- der Bewertung und Verurteilung geworden. In unserer Ge-
schen Hopi-Indianer lauschen, überall erfahren wir, daß schäftigkeit merken wir überhaupt nicht mehr, wie wir
wir durch unser unheilsames Handeln aus diesem para- durch unsere Fixierung auf unsere eigenen Urteile uns
diesischen Zustand herausgefallen sind. Irgendwie haben immer mehr Unannehmlichkeiten schaffen. Wir wissen
wir es verloren und leben seit undenklichen Zeiten in nicht, daß durch jede neue Erwartung und jedes neue Fest-
einem mehr oder weniger verwirrten Geisteszustand. Ver- halten der Berg unserer inneren Frustrationen immer
wirrt darüber, woher wir kommen und wer wir wirklich höher wird. Wir irren in einem endlosen Kreislauf von un-
sind, irren wir durch die Welt. erfüllten Wünsche umher. Dieses Umherirren nennen wir
Es ergeht uns ähnlich wie einem Menschen, der nach im Buddhismus Samsara, seine Ursachen werden in den
einem schweren Verkehrsunfall auf der Intensivstation ersten beiden Edlen Wahrheiten beschrieben (siehe U&W
eines Krankenhauses aufwacht und sich an nichts mehr er- Nr. 26).
innern kann. Sein Gedächtnisverlust ist so vollkommen, Im Prinzip liegt die Ursache für unser Unbefriedigtsein
daß er nicht mehr weiß, wer er ist, wer er war und was er und unsere Frustrationen in unserer starken Selbstbezo-
sein könnte. Aus dieser Hilflosigkeit und Verwirrung her- genheit, die sich in Gier, Anhaften, Abneigung und Ver-
aus klammert er sich an alles, was ihm etwas Sicherheit wirrtheit ausdrückt. Genau mit diesem Problem der Ent-
geben könnte. Jede noch so vage Identität ist ihm will- stehung unseres Leidens beschäftigte sich der Buddha.
kommen. Doch er blieb nicht dabei stehen, sondern er zeigte auch
Obwohl wir schon aus dem Physikunterricht unserer den Weg zur Aufhebung unseres Leidens. Thema dieses
Schulzeit wissen, daß sich alles in jedem Moment verän- Artikels ist die Dritte Edle Wahrheit, die der frohen Bot-
dert, leben wir doch in der Vorstellung einer mehr oder schaft gewidmet ist, daß es ein Ende dieses leidvollen Um-
weniger stabilen Welt. Unser intellektuelles Wissen herirrens gibt. Im Original der Lehrreden des Buddha liest
schützt uns nicht davor, die Dinge als solide und von ein- es sich folgendermaßen:
ander getrennt wahrzunehmen und entsprechend dieser
Sichtweise zu handeln. Aus einem eher vagen Selbstgefühl “Was nun, ihr Mönche, ist die edle Wahrheit von
heraus beginnen wir, uns mit bestimmten Geistesinhalten der Aufhebung des Leidens? Eben jenes Begehrens
zu identifizieren und andere abzulehnen. Obwohl uns nie restlose Vernichtung und Aufhebung, sein Auf-
ein ewig lebendes und eigenständiges Selbst begegnet ist, geben, seine Entäußerung, die Befreiung davon,
glauben wir zu wissen, daß es existiert. Wir sind so ver- das Nichthaften daran.” (D 22)
narrt in unsere aus vielen Vorlieben und Abneigungen zu-
sammengebastelte Plastikpersönlichkeit, daß es uns ko- Beseitigen wir die Ursache dieses Umherirrens, unsere
misch vorkommt, wenn jemand unser schönes und heiles Gier, so beseitigen wir damit auch die unangenehmen Fol-
Selbstbild in Frage stellt. gen. Als Sakka, der Herrscher der Götter, den Buddha be-
Wohlgemerkt besteht unser Problem nicht darin, daß suchte und ihn fragte, ob er seine Lehre in einem Satz zu-
wir ein Selbstgefühl erfahren, sondern darin, daß wir mit sammenfassen könne, antwortete der Buddha: “Es gibt
unseren Vorlieben und Abneigungen so stark identifiziert nichts, an was es sich anzuklammern lohnt.” An-
sind, daß wir, sobald etwas nicht so läuft, wie wir es uns schließend betonte der Buddha, wer immer dies gehört
vorstellen, sehr leicht frustriert sind. Dieses Haften an un- habe, habe alles von der Lehre gehört; wer immer es in die
seren Vorlieben und Abneigungen und die daraus resul- Tat umsetzt, praktiziere die ganze Lehre, wer immer die
tierende Selbstbezogenheit verursacht alle möglichen leid- daraus entstehenden Früchte erntet, ernte die Früchte der
vollen Zustände. ganzen Lehre.
Unwissend über unsere wahre Natur leben wir in einer Doch bevor wir die Früchte ernten können, müssen wir
Welt der Vorlieben, des Haben-Wollens, der Gleichgültig- heilsame Samen pflanzen und all das Unkraut beseitigen.
keit und der Aversionen. In diesem Zustand sind wir mit Unkraut jäten oder, buddhistisch ausgedrückt, die Arbeit
nichts zufrieden, irgend etwas stört immer. Immer wie- mit den Hindernissen wie Gier, Haß, Verblendung, Stolz
derkehrende Gedanken wandern durch unseren Kopf: Ich und Neid und anderen unheilsamen Gewohnheitsmu-
wünsche mir, daß dieses Problem endlich verschwindet. stern ist die Hauptbeschäftigung eines buddhistisch Prak-
Ich mag das ... nicht. Ich habe vor dem ... Angst. Ich soll- tizierenden. Hilfsmittel für diese Arbeit sind heilsames

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U r s a c h e
Wirkung

DER BEFREITE MENSCH

Handeln, Mitgefühl, Wohlwollen und meditatives Trai- “Das Erlöschen der Leidenschaft, das Erlöschen des
ning. Die regelmäßige Anwendung dieser Hilfsmittel Hasses, das Erlöschen der Verblendung ist es, mein
führt auf der einen Seite zu immer tieferen Einsichten in Freund, was man Nirvana nennt.” (S 38, 1)
die Mechanismen, durch die wir durch unser Anklam-
mern Leid produzieren, und auf der anderen Seite erfah- Das Verlöschen der Verwirrung wird als Einsicht in das
ren wir Geisteszustände, in denen wir frei von Leid, Gier Nichtvorhandenseins eines unabhängigen, in sich selbst
und Ablehnung sind, wir erleben Geisteszustände der bestehenden, ewigen Seelenkerns verstanden. Nie ging es
vollkommenen Verbundenheit allen Seins und der unbe- um die Auflösung unserer Person, in dem Sinne, daß es,
grenzten Liebe ... wenn wir eine Erleuchtungserfahrung machen, “blob”
macht und wir weg sind. Vernichtungsideen dieser Art
Der Leser merkt schon, daß wir hier an eine begriffliche entstanden erst im letzten Jahrhundert durch Mißver-
Grenze stoßen. Unsere Sprache mit all ihren Begriffen ist ständnisse einiger gelehrter Indologen und christlich ori-
nur sehr eingeschränkt geeignet, Geisteszustände und Er- entierter Schriftsteller. Vom buddhistischen Standpunkt
fahrungen zu beschreiben. Klappt dies bei Erfahrungen, aus gesehen gibt es gar nichts, was sich auflösen könnte.
die allgemein üblich sind, noch einigermaßen, so versagt Das einzige, was sich auflöst, ist unsere Idee, daß so etwas
unsere Sprache dann vollkommen, wenn es sich um existiert.
außergewöhnliche Erfahrungen handelt. Und außerge- Neuere Untersuchungen bringen noch einen anderen
wöhnliche Erfahrungen sind die sogenannten Erleuch- Aspekt in die Diskussion des Begriffs Nirvana als Verlö-
tungserlebnisse im Buddhismus allemal. Sie sind mit un- schen ein, und zwar ausgehend von der Feststellung, daß
seren Begriffen nur sehr unzureichend zu erfassen. nach altindischer Auffassung das Feuer auch nach dem
Nach seinem Erleuchtungserlebnis kam dem Buddha Ausgehen nicht aufhört zu existieren, sondern frei von
folgender Gedanke: “Gefunden habe ich diese Lehre, die Aufgeregtheit, doch weiterhin existent ist. So liegt auch
tiefe, schwer ersichtliche, schwer begreifbare, vollkomme- hier die Betonung auf Befreiung, d. h. wir hören nicht auf
ne, nicht durch Schlußfolgern zu erreichende, nur für zu existieren, sondern wir sind von unseren Befleckungen
Weise zu verwirklichende” (M 26). Folgerichtig hält sich und Verblendungen befreit. Entsprechend der Kommen-
der Buddha im Pali-Kanon, der ältesten Sammlung budd- tare wurde Nirvana im englischsprachigen Raum mit “un-
histischer Texte, in der Beschreibung dieses Zustandes binding” oder “uncraving” übersetzt, was so viel wie
stark zurück, da wir ihn ja nicht verstehen, sondern nur “Nicht-Bindung” oder “Nicht-Festhalten” bedeutet.
verwirklichen können. Dies hielt aber die späteren Kom- Ajahn Sumedho schreibt dazu, daß Verlöschen sehr nach
mentatoren nicht davon ab, immer wieder zu versuchen, Vernichtung klingt. Doch es geht nicht um die Vernich-
diese Erfahrung aus den unterschiedlichsten Perspektiven tung von Dingen, sondern einzig und allein um das Los-
zu beschreiben. Auch wir werden uns diesen Versuchen lassen unserer Verhaftungen an ihnen. Wenn wir dieses
anschließen und einige der wesentlichen Aspekte dieser Nichtanhaften wirklich erleben, erfahren wir Nirvana.
befreienden Erfahrung darstellen.
Im Buddhismus wird diese Erfahrung, die frei von Fru- Dieser positive, befreiende Aspekt des Nirvana findet
strationen, Verlangen und Abneigungen ist, mit dem seinen Ausdruck in Stellen wie:
Sanskrit-Begriff “Nirvana” bezeichnet. Doch was bedeu-
tet eigentlich dieses Wort, das sogar schon durch die “Das Nirwana ist allerhöchstes Glück.” (Dp 203/204)
Charts der internationalen Hitparaden geistert?
Unsere Suche nach der Bedeutung des Nirvana führt “Glück, ihr Brüder, ist dieses Nirvana,
uns ins Dickicht der deutschen Sprache, genauer ins Jahr Glück, ihr Brüder, ist dieses Nirvana.” (A 9, 34)
1928. In diesem Jahr veröffentlichte der erste deutsche
buddhistische Mönch Nyanatiloka seine Pali-Anthologie. Und doch bezieht sich Glück hier nicht auf unser all-
Dort finden wir eine Erklärung, daß sich Nirvana aus zwei tägliches Glück, sondern auf ein Glück, das jenseits unse-
Worten zusammensetzt. Aus “nir” und “vana”, wobei er res begrifflichen Denkens liegt. Es ist ein Zustand, in dem
“nir” mit “nicht” und “vana” mit “Wahn” oder “Erlö- unsere alltägliche Sprache, die die Welt in “ich” und “die
schen” übersetzte. Das Erlöschen wurde mit dem Ausge- anderen” aufteilt, nicht mehr greift. Jenseits unserer Ego-
hen einer Lampe oder eines Feuers verglichen. Aus dieser zentrik wird dieses Erleben oft in Paradoxen beschrieben,
Herleitung hat sich im Deutschen die Übersetzung des die logisch gesehen wenig Sinn machen. Nur wenn wir
Nirvana als “Erlöschen” eingebürgert. Wobei sich Erlö- unser Herz öffnen, können wir erahnen, was damit ge-
schen immer auf die drei Geistesgifte Gier, Abneigung meint ist.
und Verwirrung bezieht.

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U r s a c h e
Wirkung

NIRVANA – HIER BIN ICH!

“Es besteht, Mönche, bevoller, gleichmütiger und mitfühlender Umgang mit


das Ungeborene, Ungewordene, allen Wesen. Anstatt zu einem gefühlskalten, einsamen
Ungeschaffene, Unzusammengesetzte. “Erleuchteten” zu werden, erwachen wir aus unserer ge-
Wenn dieses Ungeborene, Ungeschaffene, wohnheitsmäßigen Identifikation mit unseren egozentri-
Unzusammengesetzte nicht bestünde, schen Gefühlen. Selbst für einen verwirklichten Yogi ent-
– nicht wäre dann ein Entrinnen stehen Schmerz und Freude, Hoffnung und Furcht wie
aus dem Geborenen, Gewordenen, zuvor, doch er ist befreit von Identifikation und Reagie-
Geschaffenen, Zusammengesetzten zu erkennen. renmüssen. Aus diesem inneren Freiraum entfaltet sich
Weil aber dieses Ungeborene, unser ganzes Potential von unbegrenzter Liebe und Mit-
Ungewordene, Ungeschaffene, gefühl. Dilgo Khyentse beschreibt diesen Zustand folgen-
Unzusammengesetzte besteht, Mönche, dermaßen:”… wie wenn ein Yogi durch einen Garten wan-
deshalb ist ein Entrinnen für das delt. Er ist vollkommen offen für die Pracht und Schön-
Geborene, Gewordene, Geschaffene, heit der Blumen und genießt ihre Farben, Formen und
Zusammengesetzte zu erkennen.” (U 8.3) Düfte. Das Wunderbare aber ist, daß es keine Spur eines
Festhaltens in seinem Geist gibt.” (Sogyal, S. 201).
Auch diese Beschreibung ist nur ein Versuch, etwas Doch genug der langen Worte, denn der Buddha sagte
schwer Faßbares in Worte zu fassen. Zwar handelt es sich schon, Nirvana ist nichts zum Verstehen, es ist etwas zum
bei dieser Erfahrung um etwas nicht wirklich Beschreibba- Verwirklichen.
res, doch gleichzeitig ist sie sehr konkret. Je nach Intensität
und Tiefe kann diese Erfahrung unserem gesamten Leben Frank Zechner ist Diplompsychologe und arbeitet als Supervi-
eine neue Ausrichtung geben. Die buddhistische Überlie- sor und Kommunikationstrainer mit Pflegekräften aus dem
ferung ist reich an Geschichten von Menschen, die durch Gesundheitsbereich. Außerdem lehrt er seit einigen Jahren
diese Erfahrungen vollkommen verwandelt wurden. Der Meditation in der Theravada-Schule der Österreichischen
Räuber und Mörder Angulimala, ein Zeitgenosse des Buddhistischen Religionsgesellschaft.
Buddha, ist nur ein Beispiel dafür, daß wir, egal wo wir an-
fangen, dieses höchste Ziel in diesem Leben erreichen kön-
nen. Auch Milarepa, der ein halbes Dorf durch schwarze
Magie auslöschte, verwirklichte durch Umkehr und fort-
dauernde spirituelle Praxis die Essenz der Lehre. Heute ist
er eine der beliebtesten buddhistischen Gestalten inner-
halb des tibetischen Buddhismus.
Dies sind nur extreme Beispiele der ungeheuren Kraft
dieser Erfahrung, die uns am eigenen Leib spüren läßt, daß LITERATURHINWEISE:
unsere erlebte Trennung vom Rest der Welt nur relative A.= Anguttara Nikaya 9.34, in: Nyanatiloka/Nyanaponi-
Gültigkeit hat. Es gibt eine Ebene der Verbundenheit, die ka: Die Lehrreden des Buddha aus der Angereihten
jenseits der Begriffe liegt. Aus dieser Erfahrung der Ver- Sammlung, Aurum Verlag, Freiburg 1984, S. 220
bundenheit mit allem Leben fließt heitere Gelassenheit, D = Digha Nikaya 22, in: Nyanaponika: Geistestraining
unbegrenzte Liebe und Mitgefühl für alle Wesen. Voll- durch Achtsamkeit, Christiani, Konstanz 1979, S. 186
kommen spontan und natürlich haben wir den Zugang zu Dp = Dhammapada 203/204, in: Nyanatiloka, Dhamma-
unserem Potential gefunden. Der Dalai Lama beschreibt pada, Jhana Verlag, Uttenbühl 1995
diese Erfahrung als Weisheit, die von Mitgefühl durch- S = Samyutta Nikaya 38.1, in: Winternitz: Der ältere
drungen ist, und als Mitgefühl, das von Weisheit durch- Buddhismus. Mohr Verlag, Tübingen 1929, S. 106
drungen ist. U = Udana 8.3, in: F. Schäfer, Udana, Beyerlein-Stein-
Heutzutage sind diese tiefgreifenden Erfahrungen eher schulte, Herrnschrot 1998, S. 120
selten, der spirituelle Alltag besteht in einer Fülle kleine- Nyanatiloka: Pali-Anthologie und Wörterbuch, Schloss
rer, nicht so intensiver Erfahrungen. Und doch beinhaltet Verlag, München 1928
jede dieser Erfahrungen das Potential, uns vollkommen zu Sogyal Rinpoche: Das tibetische Buch vom Leben und
verändern. vom Sterben, Barth-Verlag, München: 1993
Ein guter Maßstab dafür, wie echt dieses Erlebnis ist, ist Sumedho: The Mind and The Way, Rider, London 1995,
seine Auswirkung auf unser alltägliches Handeln. Aus S. 71 - 78
einer tiefen Erfahrung der Verbundenheit und der Einsicht Vimalo, Kulbarz: Jeder Tag ein guter Tag, Theseus Verlag,
in die Illusion unseres Ichs resultiert zwangsläufig ein lie- Berlin 1996

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