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BM

Gerhard Konzett · Otto Merki · Sara Janesch

ed
Enhanc
Fokus Sprache Book

Deutsch © 2018 Verlag SKV AG: Fokus Sprache, Fokus Sprache BM

für Berufsmatura Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden

und Weiterbildung
Geschätzte Lehrende und Lernende
Die digitale Ausgabe von Fokus Sprache BM ermög-
licht das Arbeiten und Lernen am Bildschirm. Aller-
dings setzen die üblichen PDF-Reader gewisse
technische Grenzen: Das Unterstreichen und Über-
schreiben von Wörtern sowie das Einsetzen von
Kommas ist nicht möglich. In diesen Fällen ist es
sinnvoll, die einzelnen Aufgaben auszudrucken und
«analog» zu bearbeiten bzw. die entsprechenden
Übungen in eFokus Sprache zu lösen.
Besten Dank für Ihr Verständnis und viel Erfolg mit
Fokus Sprache.

© 2018 Verlag SKV AG: Fokus Sprache, Fokus Sprache BM


Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
Vielen Dank,
dass Sie sich für «Fokus Sprache»
entschieden haben. Sie haben damit ein qualitativ
hochwertiges Produkt mit grossem Mehrwert erworben.

Alles in einem Paket


• Theorie- und Aufgabenbuch Das Bundle mit Lösungen enthält zusätzlich:
• Enhanced Book (PDF) • Theorie- und Aufgabenbuch (PDF)
• Online-Tool eFokus Sprache • Digitale Lösungen (PDF)
• Musterprüfungen zu jedem Modul
«Grammatik und Rechtschreibung»

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Die Begleitmaterialien inkl. Enhanced Book sind über den auf dem Beiblatt aufgedruckten Lizenzschlüssel im
Bookshelf unter www.bookshelf.verlagskv.ch erhältlich.

Enhanced Book eFokus Sprache


Mehr als nur ein PDF: Die digitale © 2018 Verlag SKV AG: Fokus Sprache,
Ausgabe Das neue FokusOnline-Tool
Sprache BM für den
Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
des Lehrmittels bietet Ihnen eine Unterstützung digitalisierten Unterricht.
für ein attraktives Lehren und Lernen.
Das Lernprogramm mit vielseitigen
Übungen zu Grammatik,
Rechtschreibung und Sprach-
betrachtung unterstützt die
Digitalisierung Ihres Unter-
richts und ermöglicht Ihren
Lernenden, mit Computer,
Laptop oder Tablet zu üben.

Der Zugriff erfolgt unabhängig von


Betriebssystem und installiertem
Browser über eine Internetverbindung.

Video- und
Arbeitsblätter
Audiodateien

Vorteile auf einen Blick


Links zu Websites LearningApps
• Noch mehr Übungen als vormals auf CD-ROM
• Neue Funktionalitäten
Vorteile auf einen Blick • Ausgebauter Theorieteil
• Enhanced Books sind mit eFokus Sprache verlinkt
• Downloaden und offline arbeiten
• Inhalte individualisieren
• Markieren und kommentieren
Support-Hotline
Unsere Mitarbeitenden sind gerne für Sie da.

Tel. +41 (0)44 283 45 21


support@verlagskv.ch

© 2018 Verlag SKV AG: Fokus Sprache, Fokus Sprache BM


Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
BM

Gerhard Konzett · Otto Merki · Sara Janesch

Fokus Sprache

Deutsch
für Berufsmatura
und Weiterbildung
© 2018 Verlag SKV AG: Fokus Sprache, Fokus Sprache BM
Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden

© 2018 Verlag SKV AG: Fokus Sprache, Fokus Sprache BM


Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
Autoren
Gerhard Konzett, Dr. phil. I, war Professor für
Wirtschaftskommunikation an der Hochschule
für Wirtschaft FHNW in Basel. Von 1981 bis 2000
unterrichtete er an der KV Zürich Business School
Deutsch, Literatur und Psychologie und leitete
mehrere Jahre als Prorektor die Sprachakademie.
Er wirkte in verschiedenen Kommissionen zur
Berufsbildung mit.

Otto Merki, lic. phil. I, war Fachvorstand und


Lehrer an der KV Zürich Business School. Er unter-
richtete Deutsch, Literatur und Kulturkunde in der
Grund- und Weiterbildung und war Mitglied ver-
schiedener Prüfungs- und Fachkommissionen.
Beide Autoren schreiben seit Jahren erfolgreiche
Deutsch-Lehrmittel für die berufliche Grund- und
Weiterbildung.

Sara Janesch, lic. phil. I, unterrichtet seit 1996 an


der KV Zürich Business School Deutsch, Geschichte
und Staatslehre und ist seit 2014 Fachvorsteherin.
© 2018
Sie ist Mitglied in der Verlag SKV
Fachgruppe AG:
für dieFokus Sprache, Fokus Sprache BM
Abschluss-
prüfung im M-Profil Persönliches
und in der Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
Zentralprüfungs-
kommission Deutsch fürs E-/B-Profil.

3. Auflage 2018 Gerhard Konzett, Otto Merki, Sara Janesch: Fokus Sprache BM

ISBN 978-3-286-34153-1 – Theorie und Aufgaben


ISBN 978-3-286-34163-0 – Theorie und Aufgaben mit Lösungen
und Begleitmaterial für Lehrpersonen

© Verlag SKV AG, Zürich


www.verlagskv.ch

Alle Rechte vorbehalten.


Ohne Genehmigung des Verlages ist es nicht gestattet,
das Buch oder Teile daraus in irgendeiner Form
zu reproduzieren.

Projektleitung: Yvonne Vafi-Obrist


Illustrationen: Daniela Hauser
Konzept: Hans Rudolf Ziegler

Haben Sie Fragen, Anregungen oder Rückmeldungen?


Wir nehmen diese gerne per E-Mail an feedback@verlagskv.ch entgegen.

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Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
Es ist nicht unsere Aufgabe, die Zukunft vorauszusagen,
sondern auf sie gut vorbereitet zu sein.
Perikles, griechischer Staatsmann, 490 – 429 v. Chr.

Kein Lehrmittel vermag vorauszusagen, was die Zukunft den Lernenden bringen wird. Jedoch
bietet die Überarbeitung von Fokus Sprache BM den Lehrenden und den Lernenden neue
Möglichkeiten, die Vorteile der Digitalisierung fürs Lehren und Lernen zu nutzen – und somit
auf die Zukunft sehr gut vorbereitet zu sein.
Das «Textwissen» – Kommunikation, Rhetorik und Medien, Textanalyse und Interpretation –
erfährt mit dem Enhanced Book zahlreiche Verknüpfungen zum Internet. Es eröffnet ergän-
zende Informationen, andere Zugänge zum Stoff und mitunter auch neue Perspektiven.
Das «Literaturwissen» schafft historisches Bewusstsein und das Verständnis für gesellschaft-
liche sowie kulturelle Veränderungen. Literatur ist sowohl Widerspiegelung als auch Ausein-
andersetzung mit der Gesellschaft ihrer Zeit. Mit Links ins Internet lassen sich jetzt zusätzliche
Materialien finden, die das Verständnis erhöhen, die Anschaulichkeit fördern und die Lust auf
Literatur wecken.
Das «Sprachwissen» – Rechtschreibung, Zeichensetzung, Grammatik und Stilistik – erfährt
durch das Online -Tool eFokus Sprache interaktive Übungsmöglichkeiten, die zeit- und orts-
unabhängiges Lernen und Trainieren erlauben.
Auf die Zukunft vorbereitet zu sein, heisst auch, die richtigen Fertigkeiten zu erwerben, vor-
handene Fähigkeiten zu trainieren, persönliche Kompetenzen zu entwickeln und adäquate
Methoden zu nutzen, um neuen Situationen zu begegnen und Herausforderungen zu meis-
tern. In diesem© 2018 Verlag SKV AG: Fokus Sprache, Fokus Sprache BM
Sinne vermittelt Fokus Sprache BM den gesamten Deutsch-Stoff der Berufs-
Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
maturität und fördert das notwendige praktische Sprachwissen für den Beruf sowie das
Studium an der Fachhochschule. Zudem erfüllt das Lehrmittel die Bedürfnisse vieler Lernenden
und Lehrenden: Es enthält alles Wesentliche und Wichtige für BM 1 und BM 2 in einem Band.
Das Gesamtpaket von Buch, Enhanced Book und eFokus bietet die ideale Grundlage für Kurse
in der Weiter- bzw. Erwachsenenbildung und erlaubt erweiterte Lehr- und Lernformen.
Zum Gelingen von Fokus Sprache haben viele beigetragen. In erster Linie danken wir dem
Verlag SKV, vor allem unserer Lektorin Yvonne Vafi, für die gute Zusammenarbeit. eFokus
Sprache ist von Fabian Merki programmiert worden; für das Enhanced Book zeichnet Stefan
Lang verantwortlich, die Neugestaltung hat René Schmid übernommen, und die Illustrationen
stammen von Daniela Hauser. Ferner gilt der Dank zahlreichen kritischen Kolleginnen und
Kollegen für ihre konstruktiven Anregungen sowie die engagierte Unterstützung.
Wir hoffen und wünschen, dass Lernende neben ihrem Schulerfolg auch Freude an der
Sprache erleben, die neuen digitalen Möglichkeiten sinnvoll nutzen und dass Lehrende in
ihrem Wirken unterstützt und zu einem anregenden Unterricht motiviert werden.

Zürich, im Mai 2018 Gerhard Konzett


Otto Merki
Sara Janesch

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Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
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Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden

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Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
Inhaltsverzeichnis

Kommunikation und Literatur

9 Modul A Kommunikation und Zeichen

25 Modul B Textanalyse und Interpretation

41 Modul C Schreibformen

57 Modul D Medien und Rhetorik

75 Modul E Argumentieren und erörtern

91 Modul F Literaturatelier

Methodenkoffer (www.verlagskv.ch)

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Sprachreflexion
Persönlichesund Sprachbeherrschung
Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden

159 Modul 1 Wortlehre und Wortschatz

173 Modul 2 Rechtschreibung

189 Modul 3 Satzlehre

203 Modul 4 Zeichensetzung

213 Modul 5 Verb

231 Modul 6 Nomen, Pronomen und Adjektiv

249 Modul 7 Partikeln

259 Modul 8 Schlussprüfung

267 Anhang
Quellenverzeichnis
Stichwortverzeichnis

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Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
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Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden

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Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
MODUL A
Kommunikation und Zeichen
Lernziele

• Ich kenne den Zusammenhang von Zeichen,


Kommunikation und Sprache.

• Ich kann einfache Kommunikationsprozesse


mit dem Vier-Seiten- und Vier-Ohren-Modell
analysieren.

• Ich überprüfe mein Leseverhalten und ver-


bessere meine Lesemethode.

• Ich unterscheide verschiedene Textsorten und


kann die wichtigsten erläutern.
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Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden

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Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
1 Impuls

Die folgende kurze Szene führt ins Thema Kommunikation ein: Lesen Sie «mit allen Sinnen».

E l k E H E i d E n r E i c H , 1943
Mutter lernt Englisch
Ein Drama
Mutter sitzt am Tisch vor einem Buch, liest sehr gedehnt vor. Die Tochter im Sessel, Füsse
auf dem Tisch, raucht.
Dialog MuttEr Sag, wenn was falsch ist, ich muss ja üben. Oooohh – Henry … what are you
do-ing? Sie sieht hoch.
tocHtEr schüttelt den Kopf Es heisst du-ing.
MuttEr schiebt ihr das Buch hin Nein. Es schreibt sich mit o.
tocHtEr Trotzdem. Man sagt du-ing.
MuttEr Ach. Und warum schreiben sie es mit o, wenn sie u meinen?
tocHtEr Weiss ich nicht, ist aber so.
MuttEr Hm. Na gut. Oooohh – Henry ... what are you du-ing. Richtig?
tocHtEr Richtig. Weiter.
MuttEr Ooooh – Elizabeth ... where are you ... Pause. Where are you ... gu-ing.
tocHtEr Jetzt heisst es go-ing.
Die Mutter sieht sie lange an, klappt das Buch zu, steht auf.
MuttEr Wenn man dich schon mal um was bittet. Nur blöde Antworten. 1987

Aufgabe
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• Was geschieht in diesem
Persönliches Dialog
Exemplar offensichtlich?
von Petra Formulieren Sie zwei bis drei Sätze.
Trostel, 8570 Weinfelden
• Was läuft zwischen Mutter und Tochter unausgesprochen ab?
• Was erwarten die beiden Frauen voneinander?
• Wie reagieren die Frauen aufeinander?
• Was erfahren Sie über das Verhalten der Mutter und der Tochter?
• Was erfahren Sie nicht?
• Spielen Sie die kurze Szene, variieren Sie Ihre Stimme, den Ton, das Lese- bzw. Sprech-
tempo, die Mimik und die Bewegungen. Was heisst für Sie «sehr gedehnt lesen» und
«lange ansehen»?

10 Kommunikation und Zeichen


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Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
2 Kommunikation – Was ist das?

MODUL A
Wer mit anderen kommuniziert, tauscht sich aus. Das Verb «kommunizieren» kommt aus dem
Lateinischen und bedeutet «gemeinschaftlich tun; mitteilen» oder «sich verständigen, mit-
einander sprechen; in Verbindung stehen». Ausgetauscht werden dabei – sehr abstrakt und
allgemein gesagt – Zeichen.

2.1 Zeichen als Träger der Kommunikation


In den Dreissigerjahren des vorigen Jahrhunderts hat der Sprachforscher Karl Bühler ein grund-
legendes Kommunikationsmodell entwickelt. Daran lässt sich die Bedeutung der Zeichen
erkennen.
Ein Sender übermittelt Zeichen an einen Empfänger; die Zeichen beziehen sich auf Gegen-
stände, Sachverhalte, Ideen. Entscheidend für die «gute» Kommunikation ist, wie der Empfän-
ger die Zeichen aufnimmt, sie deutet und versteht. Mit anderen Worten: Der Empfänger
macht die Botschaft.

Zeichenmodell

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Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden

Solche Zeichen, mit denen und über die wir kommunizieren, können «sprachliche Zeichen», Zeichen
aber auch Gesten, ein Lächeln, ferner die Körperhaltung, Musik, Bilder und Piktogramme
sowie bestimmte Gegenstände und Verkehrszeichen sein (vgl. Modul D, «Rhetorik»).
Zeichen weisen auf etwas hin, das sich vom Zeichen selbst unterscheidet; der Gegenstand, der
Zustand, der Begriff oder das Ereignis, worauf das Zeichen verweist, dient «nur» als Quelle
der Bedeutung; der eigentliche Träger der Bedeutung ist das Zeichen selbst. Wer also das Logo
einer Lieblingsmarke oder die Farbe des Sportvereins entdeckt, verbindet seine Gefühle, Ein-
stellungen und anderes mit diesen Zeichen. Wer weder das Logo noch die Farben des Vereins
kennt, verbindet damit nichts.

Kommunikation und Zeichen 11


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2.2 Arten von Zeichen
• Wie unterscheiden sich die folgenden vier Zeichen?
• Ordnen Sie die Beispiele den Definitionen zu.

Natürliche Zeichen: Die natürlichen Zeichen, auch «Anzeichen» oder «Indizien» (Beispiel –––)
Anzeichen
lassen Rückschlüsse (Kausalzusammenhänge) auf das Bezeichnete, Gemeinte zu. So lässt zum
Beispiel Rauch auf Feuer schliessen, das Lächeln auf Freude und ein bestimmter Dialekt auf die
Herkunft aus einer bestimmten Region. In der Medizin deuten Symptome auf bestimmte
Krankheiten hin; in der Kriminalistik werden Indizien gesucht, um Täter zu überführen (aller-
dings sind Indizien keine unmittelbar beweisbaren Tatsachen).

Ergänzen Sie eigene Beispiele:

Die Signale (Beispiel –––)


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wirken auf unser Verhalten.
Persönliches Sievondrängen
Exemplar zu8570
Petra Trostel, Aktivitäten,
Weinfelden lösen Reaktionen aus; wer gegen
Signale verstösst, hat häufig mit Konsequenzen zu rechnen, z.B. bei Verkehrszeichen oder
Warnsignalen an einem See (Sturmwarnung). Wir lernen im Laufe unseres Lebens, auf be-
Signal stimmte Signale korrekt zu reagieren.

Ergänzen Sie eigene Beispiele:

Icon Die Icons (Beispiel –––)


bilden den Gegenstand (das Bezeichnete) ab oder lassen Ähnlichkeiten erkennen. Im öffent-
lichen Raum, an Flughäfen und Bahnhöfen begegnen wir täglich vielen Orientierungszeichen,
den sogenannten Piktogrammen; Handys und Computer sind über Icons zu steuern. Im Unter-
schied zu den Signalen informieren sie uns, verlangen aber nicht, dass etwa Kaffee getrunken,
ein Baby gewickelt oder jemand angerufen wird.

Ergänzen Sie eigene Beispiele:

12 Kommunikation und Zeichen


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Die Symbole (Beispiel –––)

MODUL A
Symbol
sind Stellvertreterzeichen. Sie vertreten einen Gegenstand, ein Ereignis, sie stehen für das
Bezeichnete; die Bedeutung des Symbols beruht auf Übereinkunft, Absprache und ist gelernt
worden. Symbole sind willkürlich gewählt; während die einen ihre Nationalflagge oder das
Staatswappen verehren, haben andere keine Ahnung, was diese Symbole bedeuten oder für
welches Land sie stehen.
Symbole sind eine nahezu unüberschaubare Gruppe von Zeichen; sie reichen von Schriftzei-
chen über Farben und Bilder, religiöse und nationale Symbole bis hin zu Gesten und Marken
sowie Logos. Ein Ziel von Werbung und Marketing ist es, das Logo und den Slogan einer
Marke im Bewusstsein der Menschen positiv zu verankern.
Sprachen sind Zeichensysteme mit Symbolcharakter; so gibt es keinen «natürlichen» oder
logischen Grund, warum ein «Hund» im Englischen «dog» heisst.
Symbole haben eine objektive und eine subjektive Seite: Objektiv ist die sachliche Beschrei- Bedeutung
bung, z.B. in einem Lexikon; subjektiv ist die persönliche Bewertung des Symbols. Wer einmal der Symbole
von einem Hund gebissen worden ist, empfindet und reagiert auf das Wort anders als jemand,
der Hunde liebt, trainiert oder züchtet. Wer einen Hund zeichnen soll, wird die persönliche
Sicht einfliessen lassen.
Ähnlich verhält es sich mit den Symbolen von Sportvereinen, Markenprodukten oder politi-
schen «Zeichen». Was bei den einen Gefühle der Verehrung und Bewunderung weckt, stösst
oder schreckt die anderen ab.

Ergänzen Sie eigene Beispiele:

Nicht immer lassen sich die Zeichen eindeutig unterscheiden oder zuordnen. Das Läuten
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der Kirchenglocken kann für Gläubige der AufrufExemplar
Persönliches (Signal)
von zum Kirchenbesuch
Petra Trostel, sein, während
8570 Weinfelden
andere sich gestört fühlen und auf keinen Fall in die Nähe einer Kirche ziehen wollen
(vgl. auch Modul 3, «Satzlehre»: «Wie schreibt man ‹Gefahr› in 10 000 Jahren»?).

Aufgabe
• Sprache ist ein Zeichensystem mit Symbolcharakter. Wenn Symbole unterschiedlich gedeu-
tet, verstanden und gefühlsmässig bewertet werden können – welche Konsequenzen
ergeben sich daraus für das Verstehen anderer Menschen?

• Notieren Sie drei Symbole oder Begriffe, die je nach Weltanschauung oder Generations-
zugehörigkeit unterschiedlich gedeutet werden.

• Informieren Sie sich, mit welchen Zeichensystemen oder Sprachen sich Menschen verstän-
digen, die gehörlos, stumm, blind oder taubblind sind. Notieren Sie sich die wichtigsten
Informationen in Ihrem Arbeitsheft.

Kommunikation und Zeichen 13


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• Die folgende Kolumne spielt mit den Bedeutungen von Redensarten in verschiedenen
Sprachen. Kolumnen sind regelmässig erscheinende Meinungsbeiträge in Tages- oder
Wochenzeitungen – immer unter der gleichen Überschrift, hier: «Besserwissen».
• Lesen Sie den Text aufmerksam durch, kennzeichnen Sie die deutschen Redensarten.
• Erklären Sie deren Bedeutung, z.B. «Dreck am Stecken haben», «Eulen nach Athen
tragen».

M a t H i a s P l ü s s , 19 73
BEssErwissEn
Pfeffer nach Hindustan
Redensarten sind Glückssache. Sie in verschiedenen Sprachen zu vergleichen aber ist lustig.
Kolumne 1 Etwas vom Vergnüglichsten beim Sprachenlernen sind Redensarten. Ich versuche es der-
zeit mit Tschechisch und amüsiere mich köstlich: «Er hat Butter auf dem Kopf» («má
M¶SLONAHLAVEv SAGTMAN WENNJEMAND$RECKAM3TECKENHAT3TATTIHRE3IEBEN
SACHENPACKENDIE4SCHECHENIHREFÌNF0FLAUMENhSBALITSISVY{CHPETSVESTEKv STATT
5 h0USTEKUCHENÏvRUFENSIEh0ILZEMIT%SSIGÏhHOUBYSOCTEMÏv UNDUNSERE-ADEIM3PECK
ISTBEIIHNENDAS3CHWEINIM2OGGENhPRASEVZITEv 
Steckt eine tiefere Weisheit dahinter? Ich glaube nicht. Gewiss, ein bisschen Lokal-
KOLORITMAGDABEISEIN7ASDEN&RANZOSENUND$EUTSCHENIHR3ANDAM-EERUNDDEN
%NGL¸NDERNIHRE"ROMBEERENhPLENTIFULASBLACKBERRIESv ISTDEN4SCHECHENDERBEI
10 IHNENTATS¸CHLICHSEHRVERBREITETE-OHNhJEJAKOM¶KUv 5NDSTATTGEBRATENE4AUBEN
REGNETESDEN)TALIENERN,ASAGNENICHT INS-AULh!NESSUNOPIOVONOLELASAGNEIN
bocca.»
  $EN!USDRUCKh%ULENNACH!THENTRAGENvKANNTENSCHONDIEALTEN'RIECHENESGAB
damals wirklich sehr viele Eulen an den Hängen der Akropolis. Heute gibt es in den
15 meisten Ländern zusätzlich eine Regionvariante: Wir tragen Wasser in den Rhein, die
Tschechen Holz in den Wald, die Engländer Kohlen nach Newcastle, die Holländer Tan-
nen nach Norwegen und die Inder Pfeffer nach Hindustan. Auch Vorurteile mögen
manchmal ©mitspielen: «Sich französisch verabschieden» heisst in England wie bei uns
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«to take French leave»,
Persönliches in Frankreich
Exemplar von Petra Trostel,aber
8570 «filer à l’anglaise» («auf englische Art ver-
Weinfelden
20 SCHWINDENv %INE2ETOURKUTSCHE!LSDIEERSTEN+ONDOMEAUFKAMEN NANNTENDIE%NG-
L¸NDERSIEh&RENCHLETTERSvUNDDIE&RANZOSENhCAPOTESANGLAISESvhENGLISCHE-¸NTELv 
Meist sind Redensarten aber total willkürlich: Wir sprechen frisch von der Leber weg,
DIE4SCHECHENVONDER,UNGEhMLUVITODPLICv DIE%NGL¸NDERVONDER3CHULTERhTO
SPEAKSTRAIGHTFROMTHESHOULDERv DIE&RANZOSENMITOFFENEM(ERZENhPARLER¹CUR
25 OUVERTv UNDDIE)TALIENERGARMITDEM(ERZINDER(ANDhPARLARECOLCUOREINMANOv 
!UCHDASSWIRAUS-ÌCKEN%LEFANTENMACHEN ISTABARTIG$IE4SCHECHENMACHENSTATT-
DESSEN+AMELEhDLATZKOM¶RAVELBLOUDAv &RANZOSENUND3PANIERSTELLENZWAR%LEFAN-
TENHER ALLERDINGSAUS&LIEGENhFAIREDUNEMOUCHEUN¼L¼PHANTv RESPEKTIVEAUS&LÇHEN
hHACERDEUNAPULGAUNELEFANTEv !NDERE3PRACHENHABENN¸HERLIEGENDE!USDRÌCKE
30 Auf Englisch macht man aus einem Maulwurfhügel einen Berg («to make a mountain
OUTOFAMOLEHILLv AUF0OLNISCHAUSEINER.ADELEINE(EUGABELhROBIC{ZIGÓYWIDÓYv 
und auf Italienisch verwechselt man Glühwürmchen mit Laternen («prendere lucciole
PERLANTERNEv 
  6ERGLEICHESINDOFT'LÌCKSSACHE$ASSMANEINENGUTEN3CHL¸FERMITEINEM7INTER
35 schlaf haltenden Tier vergleicht, liegt einigermassen nahe. «Schlafen wie ein Murmel-
tier» oder «schlafen wie eine Haselmaus» heisst es in manchen europäischen Sprachen.
Aber wer zum Teufel ist denn auf Folgendes gekommen: Schlafen wie ein Stein, schla-
FENWIEEIN"AUMSTAMMhTOSLEEPLIKEALOGv ENGLISCH SCHLAFENWIEEIN3CHUHhDORMIR
COMMEUNSABOTv FRANZÇSISCH SCHLAFENWIEDIE-ILCHhALSZIKMINTATEJv UNGARISCH 
40 oder – das schiesst den Vogel ab – schlafen wie ein Wiedehopf («spát jako dudek»,
TSCHECHISCH 
Wenn Ihnen das alles spanisch vorkommt, so sei abschliessend gesagt: den Spaniern
KOMMTESCHINESISCHVORhESTOMESUENAACHINOv DEN)TALIENERNARABISCHhPER
 MEQUESTO¿ARABOv UNDDEN%NGL¸NDERNDOPPELTHOLL¸NDISCHhITS$OUBLE$UTCHv 
45 "ÇHMISCHE$ÇRFER.EIN SPANISCHE WÌRDENDIE4SCHECHENSAGENh4OJEPROME
SPANELSK¶VESNICEvmhDASISTEINSPANISCHES$ORFFÌRMICHv 2008

14 Kommunikation und Zeichen


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3 Die vier Seiten einer Nachricht

MODUL A
Aus Zeichen werden Zeichenketten, diese wiederum zu Botschaften, Nachrichten, Informatio-
nen, die wir übermitteln.
Friedemann Schulz von Thun zeigt in seinem Kommunikationsquadrat anschaulich, dass jede
Nachricht, jeder Satz viel mehr vermittelt als nur Sachinformationen.
Dabei gilt es zu berücksichtigen, dass Sender und Empfänger häufig unterschiedliche Seiten
betonen, d.h. die eine oder andere Seite als wichtiger erachten.

Kommunikations-
modell

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Rufen Sie sich nochmals die Szene im «Impuls» zwischen Mutter und Tochter in Erinnerung.
Folgendes zeigt die Analyse des Dialogs:

Sachebene (blau): Worüber ich informiere Sache

Auf der Sachebene eines Gesprächs steht die klare, nüchterne Information im Vordergrund,
also Daten und Fakten. Dabei geht es zum einen darum, ob etwas zutrifft oder nicht; zum an-
deren ist der Stellenwert entscheidend: Sind die aufgeführten Sachverhalte für das Thema von
Belang?
Für den Sender gilt es also, den Sachverhalt klar und verständlich zu vermitteln.

$IE-UTTERWÌNSCHTZUERFAHREN WENNETWASFALSCHIST

Ergänzen Sie: $IE4OCHTER –––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––

Kommunikation und Zeichen 15


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Selbstkundgabe Selbstkundgabe (grün): Was ich von mir selbst kundgebe
Jede Äusserung enthält – ob gewollt oder nicht – eine Selbstkundgabe. Dies ist ein Hinweis
darauf, was in mir vorgeht, wie mir ums Herz ist, wofür ich stehe und wie ich meine Rolle
auffasse. Die Selbstkundgabe kann direkt («Ich-Botschaft») oder indirekt geschehen. Dieser
Umstand macht jede Nachricht zu einer kleinen Kostprobe der Persönlichkeit.
$IE-UTTERSTELLTSICHALShKORREKTURBEDÌRFTIGvDAR)HR%NGLISCHISTUNZUREICHEND SIEVER-
steht unter «Sag, wenn was falsch ist» mehr als Kopfschütteln oder die richtige Aussprache.
Sie erwartet die Unterstützung der Tochter. Vielleicht sucht sie auch Anerkennung dafür,
dass sie noch Englisch lernt.

Ergänzen Sie: $IE4OCHTER –––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––

Beziehung Beziehungsseite (gelb): Was ich von dir halte, und wie wir zueinander stehen
Ob ich will oder nicht: Wenn ich jemanden anspreche, gebe ich – durch Formulierung, Tonfall,
Begleitmimik – auch zu erkennen, wie ich zum anderen stehe. Dabei kann deutlich werden,
was ich von ihm halte – jedenfalls im Zusammenhang mit dem aktuellen Gesprächsthema.
Die Beziehungsseite ist besonders wichtig: Wenn sie nicht «stimmt», folgen grosse Probleme
auf der Sachebene. Positiv gesagt: Je besser die Beziehung läuft, desto besser sind meist auch
Sachprobleme zu lösen. Das lässt sich in vielen Teamsportarten einfach nachweisen: Gut funk-
tionierende Teams mit schwächeren Einzelspielern können Mannschaften mit Stars ohne
Weiteres überlegen sein.
$IE-UTTERISTERSTVERUNSICHERThDU INGv GLAUBTDER4OCHTERDANNUNDFÌHLTSICHGEKR¸NKT 
als die Tochter «gu-ing» zu «go-ing» korrigiert. Mit Englischlernen lässt sich die Beziehung
nicht verbessern.

Ergänzen Sie:©$IE4OCHTER
2018 Verlag SKV AG: Fokus Sprache, Fokus Sprache BM
–––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––
Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden

Die Beziehung wird noch deutlicher, wenn man sich die Situation («Regieanweisungen»)
vor Augen hält: Die Füsse der Tochter liegen auf dem Tisch, an dem die Mutter im Buch liest.
Und was für ein Zeichen ist das Rauchen?

Appell Appell (rot): Wozu ich dich veranlassen möchte


Wer das Wort ergreift und sich an andere wendet, will in der Regel auch etwas bewirken,
Einfluss nehmen – bei ihnen etwas erreichen. Offen oder verdeckt geht es auf dieser Ebene um
Wünsche, Appelle, Ratschläge, Handlungsanweisungen oder Effekte.
$IE-UTTERWILL(ILFEUND%RKL¸RUNGENmUNDNICHTNURhRICHTIGvODERhFALSCHv

Ergänzen Sie: $IE4OCHTER –––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––

16 Kommunikation und Zeichen


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4 Hören mit vier Ohren

MODUL A
Wir hören unterschiedlich zu; dies kann von der persönlichen Haltung, von den Interessen oder
von der Situation abhängig sein.

• Das blaue Sachohr: • Das grüne Selbstkundgabeohr: Sache und


Wie ist der Sachverhalt zu verstehen? Was ist das für eine? Was ist mit ihr? Selbstkundgabe
Der Empfänger, der das Sachohr aufgesperrt hat, Während der Sender also Informationen über
hört auf die Daten und Fakten; ihm bieten sich sich preisgibt, nimmt der Empfänger diese mit
zahlreiche Möglichkeiten einzuhaken. dem Selbstkundgabeohr auf: Was sagt mir das
über den anderen? Was
$IE4OCHTERBESCHR¸NKTDIE3ACHINFORMA
ist das für einer? Wie ist
tionen auf die Korrektur der Aussagen
er gestimmt?
mOHNE%RKL¸RUNG$IE-UTTTER
empfängt die Sachinformatio- $IE4OCHTERGIBTWENIGVON
nen als verwirrend, irritie- sich preis – die Mutter empfängt «nur
rend – eben «blöd». blöde Antworten» und ist enttäuscht.

• Das gelbe Beziehungsohr: • Das rote Appellohr: Beziehung und


Wie redet die mit mir? Wen Was soll ich aufgrund ihrer Mitteilung Appell
glaubt sie vor sich zu tun, denken, fühlen?
haben?
Das Appellohr ist folglich besonders emp-
In jeder Äusserung steckt fangsbereit für die Frage: Was soll ich
somit auch ein Beziehungs- jetzt machen, denken oder fühlen? Wir
hinweis, für den der Empfänger wollen etwas wissen, eine Reaktion
oft ein besonders sensibles (über-)emp- hervorrufen, eine Antwort erfahren.
findliches Beziehungsohr besitzt. Dieses Ohr
$IE-UTTERhHÇRTv!BLEHNUNG $ESINTERESSE WAS
entscheidet: «Wie fühle ich mich behandelt
durch die Haltung der Tochter verstärkt auf sie
durch die Art, in der der andere mit mir spricht? © 2018 Verlag SKV AG: Fokus Sprache, Fokus Sprache BM
Persönliches Exemplar wirkt.
von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
Was hält der andere von mir, und wie steht er zu
mir?»
$IE-UTTERNIMMTDIE"EZIEHUNGALSGESTÇRT 
ja als verletzend wahr.

Das Modell der vier Seiten und vier Ohren kennt kein «Richtig» oder «Falsch» der einzelnen
Seiten: Je nach Sender und Empfänger sowie der Situation nutzen beide die gleichen Seiten
und sind zufrieden mit der Kommunikation – oder sie liegen völlig auseinander und reden
aneinander vorbei. Wenn beispielsweise Männer dazu neigen, die Sachebene überzubetonen,
und Frauen vor allem um die Beziehungsseite bemüht sind, so wird das Gespräch kaum har-
monisch gelingen.

Umkehrbare Kommunikation Wie ich dir,


so du mir!
Gelungene Kommunikation ist umkehrbar: Wie A mit B spricht, sollte auch umgekehrt möglich
sein. Selbstverständlich verfügt eine Vorgesetzte oder eine Lehrperson über ein grösseres Fach-
wissen. Die Art und Weise des Miteinander-Redens kann immer respektvoll sein. Dies gilt auch
für Lernende, die mit einer Note unzufrieden, am Morgen mürrisch oder von einer Freundin,
einem Kollegen enttäuscht sind: Höflichkeit und Stil schaffen eine gute Beziehung, in der sich
Sachprobleme einfacher und gut lösen lassen.

Kommunikation und Zeichen 17


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Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
5 Lesen – informieren und geniessen

Lesen Definiert wird der Begriff «Lesen» als visuelle Umformung von Symbolen (Schriftzeichen) in
Gedanken oder Sprachlaute. Der Wortsinn von «Lesen» umfasst das «Ein- oder Aufsammeln»
von Zeichen.
Der eigentliche Lesevorgang basiert auf dem Erkennen von Wörtern und Wortgruppen, die
Lesende als ein Bild und dessen Bedeutung abgespeichert haben. Neue Wörter werden
zunächst durch Wahrnehmung der einzelnen Buchstaben aufgenommen. Nachdem das Wort
verstanden und in einen Bedeutungszusammenhang gebracht wurde, speichert das Gehirn
dieses Wort als Bild ab. Da viele Wörter in anderen Kontexten eine andere Bedeutung haben,
werden diese mehrfach gespeichert. Beim Abrufen von Wörtern gleicht man die (bildhaften)
Wörter mit dem vorhandenen Wörtervorrat («Wissen») ab und stellt den Verständniszusam-
menhang her.
Wir lesen umso schneller, je gleichmässiger der Blick über den Text gleitet, je weniger er an
einzelnen Wörtern hängen bleibt und je weniger er auf bereits gelesene Wörter oder Zeilen
zurückspringt.

Beruflicher Erfolg ist eng mit Lesen verbunden: Hand- und Lehrbücher, Lexika und Wörter-
bücher, PDF-Dateien, Internetseiten, Gebrauchsanweisungen – überall begegnen uns Texte,
deren Informationen wir brauchen und die wir – möglichst schnell und genau – lesen müssen.
Drei Lesehaltungen und drei Lesetechniken können unterschieden werden:

Lesehaltung und Drei Lesehaltungen Drei Lesetechniken


Lesetechnik
• Informieren • Punktuell
Ich suche Informationen, die mir er- Ich suche bestimmte Informationen
möglichen, eine Aufgabe zu erfüllen. und lese nur einzelne Seiten, Kapitel,
Abschnitte.
• Analysieren und
© 2018 interpretieren
Verlag SKV AG: Fokus Sprache, Fokus Sprache BM
Ich vertiefePersönliches
mich inExemplar
einen Text, um
von Petra • Systematisch
ihn 8570 Weinfelden
Trostel,

besser zu verstehen, das Wesentliche Ich lese den Text mehrmals und bear-
zu erfassen, eine Meinung zu bilden beite ihn, z. B. mit Bleistift oder Leucht-
und Stellung zu beziehen. Ich versuche, stiften (vgl. Modul B, «Textanalyse und
die einzelnen Teile zu einer differen- Interpretation»).
zierten Gesamtaussage zusammen-
zufügen.
• Diagonal
Ich blättere die Seiten durch, überfliege
Sowohl oberflächliche Leichtgläubigkeit
sie und bleibe dort länger, wo ich
als auch übertriebene Kritiksucht ver-
etwas Interessantes oder Wichtiges
meide ich.
finde.
• Unterhalten und geniessen
Ich lese, um mich zu unterhalten, zu
entspannen oder mich einzufühlen.

Schlüsselwörter Schlüsselwörter (-begriffe) sind die «Zeichen» in einem Text, die unsere Aufmerksamkeit
wecken und die auf einen grösseren Zusammenhang innerhalb des Textes hinweisen.
Sie lassen sich näher bestimmen und interpretieren. Je aufmerksamer und geübter wir lesen,
desto mehr Schlüsselwörter erkennen wir, desto interessanter wird die Lektüre und desto
besser verstehen wir den Text.

18 Kommunikation und Zeichen


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Besser lesen

MODUL A
• Grundvoraussetzungen sind mein Interesse und meine Neugier, das Thema, den Inhalt und
die Textintention verstehen zu wollen. Desinteresse und Abneigung blockieren das Denken.
• Ich formuliere einen persönlichen Nutzen und persönliche Ziele, die sich mit Lesen des Tex-
tes erreichen lassen.
• Ich stelle mich darauf ein, den Text mehrmals zu lesen.
• Ich stelle eine gute Leseumgebung her: ausreichend Zeit, konzentrierte Stimmung, gute
Beleuchtung, kein Lärm, keine Ablenkung durch andere oder Handy oder Computer usw.
• Ich lese ruhig weiter, um den Gesamtzusammenhang eines Textabschnittes zu verstehen; Lesetipps
ständiges Zurückspringen auf vorherige Textstellen stört den Lesefluss und die Konzentra-
tion.
• Ich lese möglichst nur mit den Augen und spreche nur wenige wichtige oder fremde Wör-
ter mit. Das innere Sprechen benötigt mehr Zeit als die direkte Verbindung vom Auge zum
Speicherplatz im Gehirn (rasche Ermüdung kann auf eine eingeschränkte Sehleistung hin-
weisen: Augen überprüfen lassen).
• Ich markiere nur sehr wenige Stellen mit bunten Leuchtstiften – grelle Farben lenken vom
Text ab! Stichworte am Textrand und Markierungen mit Bleistift sind aussagekräftiger.
• Ich versuche meine Geschwindigkeit zu erhöhen – und mir mehr zu merken.
• Lesen! Lesen! Lesen!

SQ3R-Methode
Die folgende Methode des Amerikaners Francis P. Robinson ist in erster Linie für längere Sach-
texte entwickelt worden. Sie lässt sich vereinfacht auch auf kurze Texte anwenden.

Lange Texte Kurze Texte


Survey Ich mache mich mit dem Text Was verspricht oder deutet der
Überblick oder Buch vertraut und gewinne Titel an (Untertitel, Zwischen-
einen ersten Überblick: Titel, titel)?
Klappentext, Inhaltsverzeichnis, Ich stelle W-Fragen.
Register. © 2018 Verlag SKV AG: Fokus Sprache, Fokus Sprache BM
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Questions Ich stelle W-Fragen: Wer? Was?


Fragen Wann? Wo? Warum? Wie?
Mit welchen Konsequenzen?
Ich aktiviere mein Vorwissen.

Read Über Schlüsselbegriffe komme Ich kennzeichne die Schlüssel- SQ3R


Lesen ich an den Inhalt und die Kern- begriffe sowie Fach- oder Fremd-
aussagen der einzelnen Ab- wörter, Definitionen u. a.
schnitte oder Kapitel.
Ich achte auf Fach- und Fremd-
wörter, Definitionen und Illustra-
tionen (Schemata) u.Ä.

Recite Ich wiederhole und erinnere Ich versuche eine Gliederung


Rekapitulieren, mich, was ich gelesen habe und zu erkennen oder erstelle ein
erinnern wie sich die Fragen beantworten Mindmap.
lassen. Ich bringe den Inhalt, das
Ich arbeite abschnitt- oder kapi- Thema, die Handlung auf den
telweise. Punkt.
Ich erläutere anhand der Schlüs-
Review Ich stelle den gesamten Inhalt selwörter, wie ich das Gelesene
Repetieren, dar; eventuell schreibe ich eine verstanden habe.
überarbeiten Zusammenfassung oder erläu-
tere anderen den Text.

Jede Methode verlangt Training und Ausdauer – und bringt nach kurzer Zeit Erfolg.

Kommunikation und Zeichen 19


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Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
6 Textsorten

Texte lassen sich in literarische oder fiktionale Texte sowie in Sach- oder Gebrauchstexte
unterscheiden. Eine scharfe Trennung der verschiedenen Textsorten ist nicht immer möglich;
im Einzelfall kann es notwendig sein zu begründen, warum es Überlappungen gibt.

6.1 Literarische oder fiktionale Texte


Diese klassische Unterscheidung literarischer oder fiktionaler Texte in Epik, Dramatik und Lyrik
lässt sich mit folgender «Regel» einfach merken:
• Wo uns etwas erzählt wird, handelt es sich um Epik;
• wo verkleidete Menschen auf einem Schauplatz agieren, um Dramatik; und
• wo ein Zustand empfunden und von einem Ich ausgesprochen wird, um Lyrik.
Anders gesagt: Epik entwickelt den anschaulichen Ausdruck, das Bildliche; Dramatik lebt
etwas vor, stellt eine Logik auf der Bühne dar; und die Lyrik weckt Emotionen.
Überprüfen Sie bei der Lektüre literarischer Texte, ob diese Unterscheidung immer und überall
zutrifft und wie Schreibende mit diesen Formen «spielen». Die moderne Literatur und die
Medien erschweren manchmal die Einteilung, dennoch bildet sie ein brauchbares Gerüst.
In Modul F, «Literaturatelier», wird auf einzelne Begriffe und Textsorten näher eingegangen.

Fiktionale Textsorten Epik Dramatik Lyrik


Roman Komödie (Volks-)Lied
Novelle Tragödie Song und Schlager
Märchen – Bürgerliches Trauerspiel Ballade
Sage – Historisches Drama Sonett
Erzählung – Soziales Drama Hymne
Kurzgeschichte © 2018 Verlag SKV AG: Fokus
Episches Theater
Sprache, Fokus Sprache BM Ode
Anekdote Persönliches Exemplar vonSketch und Boulevard
Petra Trostel, 8570 Weinfelden Elegie
Kalendergeschichte Oper
Fabel Musical und andere
Gleichnis Hörspiel lyrische Formen
Parabel Film
«Tagebuch» Soap und Doku-Soap

Aufgabe
Die folgende Parabel Bertolt Brechts gilt als typisch für diese Textsorte. Das Verständnis lässt
sich über die Analyse der «Zeichen» gut erschliessen. Worum geht’s hier?

Herrn K.s Lieblingstier


Parabel Als Herr K. gefragt wurde, welches Tier er vor allen schätze, nannte er den Elefanten und
BEGRÌNDETEDIESSO$ER%LEFANTVEREINT,ISTMIT3T¸RKE$ASISTNICHTDIEKÌMMERLICHE,IST 
die ausreicht, einer Nachstellung zu entgehen oder ein Essen zu ergattern, indem man nicht
auffällt, sondern die List, welcher die Stärke für grosse Unternehmungen zur Verfügung
STEHT7ODIESES4IERWAR FÌHRTEINEBREITE3PUR$ENNOCHISTESGUTMÌTIG ESVERSTEHT3PASS
Es ist ein guter Freund, wie es ein guter Feind ist. Sehr gross und schwer, ist es doch auch
sehr schnell. Sein Rüssel führt einem enormen Körper auch die kleinsten Speisen zu, auch
Nüsse. Seine Ohren sind verstellbar: Er hört nur, was ihm passt. Er wird auch sehr alt. Er ist
auch gesellig, und dies nicht nur zu Elefanten. Überall ist er sowohl beliebt als auch ge-
fürchtet. Eine gewisse Komik macht es möglich, dass er sogar verehrt werden kann. Er hat
EINEDICKE(AUT DARINZERBRECHENDIE-ESSERABERSEIN'EMÌTISTZART%RKANNTRAURIGWER-
DEN%RKANNZORNIGWERDEN%RTANZTGERN%RSTIRBTIM$ICKICHT%RLIEBT+INDERUNDANDERE
kleine Tiere. Er ist grau und fällt nur durch seine Masse auf. Er ist nicht essbar. Er kann gut
arbeiten. Er trinkt gern und wird fröhlich. Er tut etwas für die Kunst: Er liefert Elfenbein. 1930

20 Kommunikation und Zeichen


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Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
MODUL A
6.2 Sach- und Gebrauchstexte
Auf der anderen Seite lassen sich die Sach- und Gebrauchstexte in fünf Gruppen unterteilen:
• Privattexte (die auch erfunden sein können), die nur bedingt für andere verfasst sind;
• didaktische Texte, die mit Belehrung und Schule zu tun haben;
• berufsbezogene Texte, die sich um Arbeit, Kunden, Image und Information drehen;
• journalistische Texte, die in den Medien erscheinen und sich gezielt an eine grosse Öffent- Sachtexte
lichkeit wenden, sowie
• wissenschaftliche Texte, in denen es um Forschung und Erkenntnis geht.

Privattexte Didaktische Texte Berufsbezogene Texte Journalistische Texte Wissenschaftliche Texte


SMS Vortrag (Geschäfts-)Brief Meldung Lexikonartikel
E-Mail Vorlesung E-Mail Nachricht wissenschaftlicher Aufsatz
Brief Sachbuch Fax Bericht Monografie
Ansichtskarte Lehrbuch (Akten-)Notiz Reportage Forschungsbericht
Tagebuch (Schul-)Aufsätze Protokoll Rezension Dissertation
Fach- oder Projektarbeit Bericht Interview
Referat Statement
Präsentation Leserbrief
Leitbild Editorial
Konzept Porträt
Businessplan Homestory
Kommuniqué Kolumne
Dokumentation Kommentar
Gebrauchsanleitung Blogs
Dossier Social-Media-Texte
Onlinedokumente

Trennschärfe
Die Einteilung in Textsorten erleichtert das Gespräch über Texte und Inhalte, ermöglicht eine
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klare Ordnung von Texten und setzt Ansprüche
Persönliches an die Schreibenden.
Exemplar Wer
von Petra Trostel, 8570 ein Protokoll führt,
Weinfelden
lässt keine persönliche Meinung einfliessen; wer einen Lexikonartikel liest, erwartet präzise
Sachinformationen. Abgrenzungen
Moderne Literatur bricht «strenge» Regeln auf und spielt mit inhaltlichen sowie formalen
Elementen der Textsorten. Die «Tagebücher» des Schweizer Schriftstellers Max Frisch sind von
Beginn an für die Öffentlichkeit geschrieben worden und unterscheiden sich deutlich von Ta-
gebüchern, die Jugendliche führen. Die kreativen Berichte einzelner Boulevardmedien lassen
sich manchmal eher als fiktional denn als sachbezogen einordnen.

Aufgabe

• Wählen Sie drei Textsorten aus, die Sie nicht kennen oder über die Sie mehr erfahren
wollen. Suchen Sie entsprechende Informationen in Lexika, Wörterbüchern und im Internet.
Verwenden Sie Ihr Arbeitsheft.
• Suchen Sie auch Beispiele für diese Textsorten.

Kommunikation und Zeichen 21


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Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
Modultest

1. Beantworten Sie die folgenden Fragen in Ihrem Arbeitsheft.


• Was unterscheidet Signale und Symbole?
• Erläutern Sie, warum die Sprache ein Zeichensystem mit Symbolcharakter ist.
• Um die zwischenmenschliche Kommunikation zu erleichtern, ist eine der vier Seiten des
Kommunikationsquadrats besonders wichtig. Erläutern Sie den Grund.
• Sie erhalten folgende SMS: «I chumme später :–)!» – Was setzt der Sender voraus,
damit er verstanden wird? Wenden Sie das Kommunikationsquadrat an.
• Eine Vorgesetzte sagt: «Können Sie diese Daten bis Mittag in einer Excel-Tabelle darstel-
len?» – Was hören die vier Ohren in dieser Frage?
• Was heisst «umkehrbare Kommunikation»? Und warum ist sie wichtig?
• Was sind Schlüsselwörter?
• Wofür steht die Abkürzung «SQ3R»?
• Erläutern Sie die Begriffe «Anekdote», «Märchen» und «Komödie», die Ihnen sicher aus
Ihrer Schulzeit bekannt sind.
• Erklären Sie die Textsorten «Leitbild», «Homestory» und «Kolumne».

2. Lesen Sie die folgende Kalendergeschichte aufmerksam durch, kennzeichnen Sie


die Schlüsselwörter, und lösen Sie anschliessend die Aufgaben.

J o H a n n P E t E r H E B E l , 1 7 6 0 –1 8 2 6
Kannitverstan
1 $ER-ENSCHHATWOHLT¸GLICH'ELEGENHEIT IN%MMENDINGENUND'UNDELFINGEN SOGUT
ALSIN!MSTERDAM"ETRACHTUNGENÌBERDEN5NBESTANDALLERIRDISCHEN$INGEANZUSTELLEN 
wenn er will, und zufrieden zu werden mit seinem Schicksal, wenn auch nicht viel ge-
bratene Tauben für ihn in der Luft herumfliegen. Aber auf dem seltsamsten Umweg kam
5 ein deutscher Handwerksbursche
© 2018 in Amsterdam
Verlag SKV AG: Fokus Sprache, Fokus Sprache durch
BM den Irrtum zur Wahrheit und zu
IHRER%RKENNTNIS$ENNALSERINDIESEGROSSEUNDREICHE(ANDELSSTADT VOLLPR¸CHTIGER
Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden

Häuser, wogender Schiffe und geschäftiger Menschen, gekommen war, fiel ihm sogleich
ein grosses und schönes Haus in die Augen, wie er auf seiner ganzen Wanderschaft von
$UTTLINGENBISNACH!MSTERDAMNOCHKEINESERLEBTHATTE,ANGEBETRACHTETEERMIT6ER
10 WUNDERUNGDIESKOSTBARE'EB¸UDE DIE+AMINEAUFDEM$ACH DIESCHÇNEN'ESIMSE
und die hohen Fenster, grösser als an des Vaters Haus daheim die Tür. Endlich konnte er
sich nicht entbrechen, einen Vorübergehenden anzureden. «Guter Freund», redete er ihn
an, «könnt Ihr mir nicht sagen, wie der Herr heisst, dem dieses wunderschöne Haus ge-
HÇRTMITDEN&ENSTERNVOLL4ULIPANEN 3TERNENBLUMENUND,EVKOJENvm$ER-ANNABER 
15 der vermutlich etwas Wichtigeres zu tun hatte, und zum Unglück gerade so viel von der
deutschen Sprache verstand, als der Fragende von der holländischen, nämlich nichts,
sagte kurz und schnauzig: «Kannitverstan»;UNDSCHNURRTEVORÌBER$IESWAREINHOLL¸N-
disches Wort, oder drei, wenn man’s recht betrachtet, und heisst auf deutsch soviel, als:
Ich kann Euch nicht verstehn. Aber der gute Fremdling glaubte, es sei der Name des
20 -ANNES NACHDEMERGEFRAGTHATTE$ASMUSSEINGRUNDREICHER-ANNSEIN DER(ERR
Kannitverstan, dachte er, und ging weiter. Gass aus Gass ein kam er endlich an den
-EERBUSEN DERDAHEISST(ET%Y ODERAUFDEUTSCHDAS9PSILON$ASTANDNUN3CHIFFAN
3CHIFF UND-ASTBAUMAN-ASTBAUMUNDERWUSSTEANF¸NGLICHNICHT WIEERESMITSEI-
nen zwei einzigen Augen durchfechten werde, alle diese Merkwürdigkeiten genug zu
25 sehen und zu betrachten, bis endlich ein grosses Schiff seine Aufmerksamkeit an sich
zog, das vor kurzem aus Ostindien angelangt war, und jetzt eben ausgeladen wurde.
Schon standen ganze Reihen von Kisten und Ballen auf- und nebeneinander am Lande.
Noch immer wurden mehrere herausgewälzt, und Fässer voll Zucker und Kaffee, voll
Reis und Pfeffer, und salveni1 Mausdreck darunter. Als er aber lange zugesehn hatte,

1 «salveni» kommt aus dem Lateinischen, ist ein zusammengezogener Ausdruck und heisst «salva venia», auf
Deutsch «Entschuldigung». Der Erzähler entschuldigt sich also bei den Lesenden für das Wort «Mausdreck».

22 Kommunikation und Zeichen


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Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
fragte er endlich einen, der eben eine Kiste auf der Achsel heraustrug, wie der glückliche

MODUL A
30
Mann heisse, dem das Meer alle diese Waren an das Land bringe. «Kannitverstan», war
DIE!NTWORT$ADACHTEER(AHA SCHAUTSDAHERAUS+EIN7UNDER WEMDAS-EER
solche Reichtümer an das Land schwemmt, der hat gut solche Häuser in die Welt stellen,
und solcherlei Tulipanen vor die Fenster in vergoldeten Scherben. Jetzt ging er wieder
35 zurück, und stellte eine recht traurige Betrachtung bei sich selbst an, was er für ein
armer Mensch sei unter so viel reichen Leuten in der Welt. Aber als er eben dachte:
Wenn ich’s doch nur auch einmal so gut bekäme, wie dieser Herr Kannitverstan es hat,
kam er um eine Ecke, und erblickte einen grossen Leichenzug. Vier schwarz vermummte
Pferde zogen einen ebenfalls schwarz überzogenen Leichenwagen langsam und traurig,
40 als ob sie wüssten, dass sie einen Toten in seine Ruhe führten. Ein langer Zug von
Freunden und Bekannten des Verstorbenen folgte nach, Paar und Paar, verhüllt in
schwarze Mäntel, und stumm. In der Ferne läutete ein einsames Glöcklein. Jetzt ergriff
unsern Fremdling ein wehmütiges Gefühl, das an keinem guten Menschen vorübergeht,
wenn er eine Leiche sieht, und blieb mit dem Hut in den Händen andächtig stehen, bis
45 ALLESVORÌBERWAR$OCHMACHTEERSICHANDENLETZTENVOM:UG DEREBENINDER3TILLE
ausrechnete, was er an seiner Baumwolle gewinnen könnte, wenn der Zentner um
10 Gulden aufschlüge, ergriff ihn sachte am Mantel, und bat ihn treuherzig um Exküse.
h$ASMUSSWOHLAUCHEINGUTER&REUNDVON%UCHGEWESENSEINv SAGTEER hDEMDAS
Glöcklein läutet, dass Ihr so betrübt und nachdenklich mitgeht.» «Kannitverstan!» war
50 DIE!NTWORT$AFIELENUNSERMGUTEN$UTTLINGEREINPAARGROSSE4R¸NENAUSDEN!UGEN 
und es ward ihm auf einmal schwer und wieder leicht ums Herz. «Armer Kannitverstan»,
rief er aus, «was hast du nun von allem deinem Reichtum? Was ich einst von meiner
Armut auch bekomme: ein Totenkleid und ein Leintuch, und von allen deinen schönen
Blumen vielleicht einen Rosmarin auf die kalte Brust, oder eine Raute.» Mit diesen
55 Gedanken begleitete er die Leiche, als wenn er dazu gehörte, bis ans Grab, sah den ver-
meinten Herrn Kannitverstan hinabsenken in seine Ruhestätte, und ward von der hol-
ländischen Leichenpredigt, von der er kein Wort verstand, mehr gerührt, als von man-
cher deutschen, auf die er nicht achtgab. Endlich ging er leichten Herzens mit den
ANDERNWIEDERFORT VERZEHRTEINEINER(ERBERGE WOMAN$EUTSCHVERSTAND MITGUTEM
60 Appetit ein Stück Limburger Käse, und, wenn es ihm wieder einmal schwerfallen wollte,
© 2018 Verlag SKV AG: Fokus Sprache, Fokus Sprache BM
dass so viele Leute in der Welt so reich seien,
Persönliches und von
Exemplar er Petra
so arm,
Trostel,so dachte
8570 er nur an den
Weinfelden
Herrn Kannitverstan in Amsterdam, an sein grosses Haus, an sein reiches Schiff, und an
sein enges Grab. 1809

Aufgabe

• Schlagen Sie Wörter oder Wendungen nach, die Ihnen unbekannt oder unklar sind.
• Gliedern Sie den Text in vier bis fünf sinnvolle Abschnitte.
• Mit wem kommuniziert der Handwerksbursche?
• Welche Zeichen nimmt der Handwerksbursche wahr? Wie deutet oder versteht er die
Zeichen? Und zu welchen Schlüssen gelangt er?
• Beschreiben Sie die Unterschiede dieser 200 Jahre alten Sprache zum heutigen Deutsch.
• Wie müsste die Geschichte für unsere Zeit umgeschrieben werden? Was ändert sich?

Kommunikation und Zeichen 23


© 2018 Verlag SKV AG: Fokus Sprache, Fokus Sprache BM
Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
3. Der Satiriker F. W. Bernstein (Fritz Weigle, 1938) hat sich mit Hebels «Kannitverstan»
auseinandergesetzt.
• Wie verändert er das Original?
• Worum geht es in Bernsteins Text?

Nachdenkliches und Kritisches


Betrachtungen anlässlich einer Reise
1 6ORKURZEMFÌHRTEMICHEINE2EISENACH!MSTERDAM$¸MMERLAGÌBERDEN'RACHTEN ALS
ich ankam – eine schöne Stadt, früher nur ein altes Fischerstädtchen. Im Hafen eine be-
triebsame Atmosphäre. Eine grosse Jacht fiel mir sofort auf – ein Schiff mit acht Segeln.
Es lag am Kai vertäut. Neugierig näherte ich mich und sprach ein paar Umstehende an:
5 «Welch schönes Schiff!» Und ich äusserte meine Gedanken über den unermesslichen
Reichtum, von dem ein solches Schiff künde, und ich fragte mich und meine Gesprächs-
partner, ob überhaupt heutzutage solch Luxus noch ein Einzelner sein eigen nennen
dürfe …?
«Kannitverstan», meinten die Umstehenden übereinstimmend.
10 Auch sie verstanden nicht, wie dergleichen eigentlich noch möglich sein konnte.
Man muss seine Mitmenschen nur ansprechen, damit ihnen das Alltägliche plötzlich neu
und bedenkenswert erscheint. Schon kurz darauf zog etwas Neues meine Aufmerksam-
keit auf sich: Ein prunkvolles Haus in einem luxuriösen Park. Welcher Aufwand, welche
Pracht, dachte ich – und die Strumpfwirker von Apolda hungern. Und auch dieses
15 schlossartige Gebäude war Privatbesitz!
Sinnend ging ich weiter, als aus einer Nebenstrasse ein kleiner, aber sehr ärmlicher
Trauerzug meinen Weg kreuzte. Nicht einmal ein Geistlicher begleitete ihn. Ich zog mei-
nen Hut, und da der Kondukt gerade an einer Verkehrsampel hielt, fragte ich einen der
Trauernden, wem man hier die letzte Ehre erweise, und ich kondolierte höflich. «Johann
20 Peter Hoytenklouten ist gestorben», ward mir zur Antwort. «Er hat’s nicht leicht gehabt.»
Wieviel Menschenschicksal in einer Stadt! Jetzt, da ich diese Beobachtungen nieder-
schreibe im kleinen Hotel an der Harmenz-Gracht, geben sie mir wieder zu denken. Um
wieviel schöner hat man’s doch in einem grossen schönen Haus, wieviel Annehmlich-
© 2018 Verlag SKV AG: Fokus Sprache, Fokus Sprache BM
keiten verschafft nicht
Persönliches einevonFahrt
Exemplar auf einer
Petra Trostel, schnittigen Jacht – auch wenn’s mir unver-
8570 Weinfelden
25 ständlich bleibt, wie man zu dergleichen kommt –, verglichen mit dem ärmlichen Sarg
in der Nebenstrasse.
Sicher – wer wäre nicht fröhlich und dankbar, wenn er eine Menge Geld hätte? Aber
ob die Reichen auch so denken? Vielleicht, vielleicht auch nicht. 1979

24 Kommunikation und Zeichen


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Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
MODUL B
Textanalyse und Interpretation
Lernziele

• Ich kann anspruchsvollere literarische und


Sachtexte verstehen und mich mit ihnen syste-
matisch auseinandersetzen.

• Ich berücksichtige für das Textverstehen in


erster Linie das Thema, die Figuren, die sprach-
liche Gestaltung sowie die Gliederung (Struktur)
des Textes.

• Weitere Elemente – z. B. Biografie, Wirkung aufs


Publikum sowie das historisch gesellschaftliche
Umfeld oder die Textsorte u.a. – vermag ich zu
© 2018 Verlag SKV AG: Fokus Sprache, Fokus Sprache BM
recherchieren;
Persönliches Exemplar auch weiss ich, dass sich Texte
von Petra Trostel, 8570 Weinfelden

aus verschiedenen Sichtweisen deuten und ver-


stehen lassen.

• Ich kann meine persönlichen Eindrücke und


Wertungen am Text belegen und bemühe mich
um Verständlichkeit meiner Aussagen. Anderen
Deutungen (Interpretationen) begegne ich offen
und versuche, sie auf ihre Gültigkeit zu über-
prüfen.

25
© 2018 Verlag SKV AG: Fokus Sprache, Fokus Sprache BM
Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
1 Impuls

EricH FriEd, 1921–1988


Das Missverständnis
Lesen Sie den Text 1 $IEJUNGEN(ÌHNERHATTENKEINEGUTE"EZIEHUNGZUDERROTNASIGEN&RAU DIESIEFÌTTERTE
aufmerksam durch, Zwar kamen sie, angelockt vom Futter und vom kreischenden Futtergepiepse der alten
und markieren Sie die Bäuerin, immer rasch zu ihr hin, aber wenn sie bemerkten, dass sie dabei zufällig in ihre
Schlüsselwörter. unmittelbare Nähe geraten waren, ergriffen sie Hals über Kopf die Flucht. Es waren so-
5 GENANNTEGLÌCKLICHE FREILEBENDE(ÌHNER$IE-UTTERHENNEKLAGTEOFTÌBERDASGESTÇRTE
Verhältnis der Küken zu ihrer aller Wohltäterin und versuchte die Ursachen dieses in
ihren Augen krankhaften Misstrauens – Hühnerhofverdrossenheit nannte sie es manch-
mal – zu ergründen.
 IEJUNGEN(ÌHNERWARENFREILICHKEINE+ÌKENMEHR SONDERNSCHONRECHTGROSSUND
$
10 stattlich. Sie hatten gerade lesen gelernt und waren auf ihre Kenntnisse nicht wenig
STOLZ$ENNOCHFLOGENDIESMALNOCHDIELETZTEN&LAUMFEDERN UNDSIEKOLLERTENEINES
über das andere, als wären sie eben erst aus dem Ei gekrochen, – so verstört flohen sie
zu ihrer Mutter zurück.
Als das Gekreisch sich unter dem begütigenden Gackern der alten Glucke gelegt hatte,
15 gelang es ihr, den Grund des allgemeinen Entsetzens zu erfahren.
«Auf dem Hof liegt sie! – links hinter dem grossen Futternapf! – Vor dem Küchen-
fenster.»
«Wir haben es selbst gesehen, mit eigenen Augen!» – «Und ich hab schon immer gesagt,
sie sind grässlich – die Menschen.»
20 «Ja! ja!», kreischte es rundum zustimmend. «Ärger als der rote Fuchs, von dem du uns
immer erzählt hast.» – «Herzlos!» – «Grausam!» – «Wenn man nur richtig fortfliegen
könnte!»
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Persönliches
Wieder musste Exemplar von PetraRuhe
die Mutterhenne Trostel, schaffen.
8570 Weinfelden
«Genug! Genug! Wie oft soll ich euch
noch sagen, ihr könnt die Menschen nicht so mir nichts, dir nichts schlecht machen! –
25 Sorgen sie nicht für unsere Sicherheit? Gibt euch die Bäuerin – die Frau mit dem rot-
blauen Schnabel – nicht täglich zweimal Futter und reines Wasser? – Aber wenn ihr
immer nur zetert und ihnen alles Böse zutraut, dann werdet ihr sie eines Tages noch zur
6ERZWEIFLUNGTREIBEN$ANNHABTIHRESÏ+EIN,EBEWESENKANNESERTRAGEN WENNMAN
ihm immer alles nur schlecht auslegt.»
30 «Schlecht auslegt?! Wie würdest denn du das auslegen? Wir haben es selbst gesehen!
Sie liegt draussen auf dem Hof!»
«Wer denn?», fragte die Henne, die, um sicherzugehen, ihre Junghühner schnell noch-
MALSHEIMLICHGEZ¸HLTHATTEh)HRSEIDDOCHALLEDADASISTALLES WORAUFESANKOMMTvm
Und dann wiederholte sie, wider Willen, doch ein wenig besorgt, ihre Frage: «Wer liegt
35 denn schon wieder auf dem Hof?»
 h$IE:EITUNGÏm%INE:EITUNGv ANTWORTETEESVONALLEN3EITENh7IRHABENESSELBSTGELE-
sen! Grauenhaft! Es wird einem ganz schwarz vor den Augen.»
«Ach was, eine Zeitung! – Erstens dürft ihr nicht alles glauben, was ihr in der Zeitung
 LEST$ASISTOFTNICHTSALS3PREUUNDFLIEGENDE&EDERNÏ5NDAUSSERDEM(ABEICHESEUCH
40 nicht schon tausendmal gegackert?! Unser Wohlergehen beruht auf der Einhaltung un-
seres Haustierabkommens mit den Menschen über die Eierlieferung bei gleichzeitiger
grundsätzlicher Nichteinmischung in ihre internen Menschereien. Kein Hahn kräht da-
nach, was sie untereinander tun. Jeder scharre auf seinem eigenen Mist!»
 h!BERSIETUNESDOCHUNS -UTTERmESWARAUCHKEIN"ERICHTINDIESER:EITUNG SONDERN
45 ESSTANDGANZGROSSIM!NZEIGENTEIL3IEMACHENUNSBLINDÏ$IE-ENSCHENREISSENUNS
DIE!UGENAUS -UTTERÏ$IE!UGENÏ3IEHABENSOGARSCHON3PEZIALISTENDAFÌRÏv
 h7ASv FRAGTEDIE(ENNEVERDUTZTmh*A JA JA$ORTSTEHTESSCHWARZAUFWEISSm‹Hüh-
neraugen – rasch und einfach entfernt. Billigste neueste Methode aufgrund langjähriger
Erfahrung.›»

26 Textanalyse und Interpretation


© 2018 Verlag SKV AG: Fokus Sprache, Fokus Sprache BM
Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
50 $IEALTE(ENNEWIPPTEUNDGLUCKSTEVOR,ACHEN SODASSDIE*UNGHÌHNERFÌRCHTETEN DER

MODUL B
3
3CHRECKHABEIHRDEN6ERSTANDGERAUBTh)HRDUMMEN0UTEN IHRÏmÏ$ASEHTIHRWIEDER 
wie Unrecht ihr den Menschen tut!» Und sie erklärte den aufhorchenden Nachwuchs-
hühnern ihr Missverständnis.
Zuerst zweifelten noch einige und hielten die Erklärung der alten Henne über die verun-
55 stalteten Krallen und Klauen der Menschen, denen sie zu Ehren der Hühner einen be-
schönigenden Namen gegeben hatten, für etwas weithergeholt, ja vielleicht sogar nur
für künstlich zusammengescharrt, um sie zu beschwichtigen. Aber die Wahrheit hat ihre
eigene Überzeugungskraft: Zuletzt glaubten es doch alle.
Stillgeworden hockten sie im Kreis um die alte Glucke, bis in den letzten Federkiel
60 durchströmt von einem wohligen Gefühl der Erleichterung und der Sicherheit, aber zu-
gleich auch ein wenig beschämt über ihr Misstrauen, besonders wenn sie an die Bäuerin
mit dem rotblauen Schnabel dachten, die sie sich zuvor in ihrer Erregung als wahres
5NGEHEUERVORGESTELLTHATTEN TRIEFENDVOR(ÌHNERBLUT$ABEIWARDIEALTE&RAUNICHTNUR
wirklich nützlich, sondern hatte gerade erst heute am Morgen, als sie ihnen Futter
65 brachte und das Wasser wechselte, mit freundlich ermunternden Worten ihre Grösse und
Stattlichkeit gerühmt.
Still wie es nun, da sie sich ausser Gefahr wussten, in ihren Herzen war, war es auch
DRAUSSENAUFDEM(OF$URCHSOFFENE+ÌCHENFENSTERKONNTENSIEDIE&RAUSEHENUND
hören, wie sie geduldig ein grosses Messer schärfte. Es war ein angenehmes Geräusch,
70 das ein wenig an lebhaftes Scharren auf rauhem Grund erinnerte, mehr noch aber ein
weit entferntes Krähen. 1982

2 Textanalyse

Analyse heisst – nach Duden – Auflösung, Zergliederung


© 2018 und Sprache,
Verlag SKV AG: Fokus meint Fokus«die Sprache
systematische
BM Unter-
Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
suchung eines Gegenstandes oder Sachverhalts hinsichtlich aller einzelnen Komponenten oder
Faktoren, die ihn bestimmen». Wir analysieren also Erich Frieds Text «Das Missverständnis»,
weil es darin leicht erkennbar um mehr geht als das Gegacker auf einem Hühnerhof.
Unser Ziel ist ein vertieftes Verständnis des Textes. Welche Wirkungen erzeugt der Text, und
worauf zielt er ab?

2.1 Erstes Lesen und Schlüsselwörter Schlüsselwörter

Beim ersten Lesen haben wir einige Schlüsselwörter angestrichen, zum Beispiel:

• junge Hühner – keine gute Beziehung – ––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––

• keine Küken mehr – gross und stattlich – ––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––

• Hühneraugen – rasch und einfach entfernt – –––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––

• Missverständnis – –––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––

• die Bäuerin, alte Frau: Grösse und Stattlichkeit gerühmt – –––––––––––––––––––––––––––––––––––

Textanalyse und Interpretation 27


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Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
2.2 Systematisches Fragen
Wir überziehen den Text mit einem Netz von W-Fragen. Die leeren Linien ermöglichen Ihnen,
noch weitere Fragen zu formulieren. Beantworten Sie die Fragen in Ihrem Arbeitsheft.

• Der Einfachheit halber beginnen wir bei diesem Text mit den Figuren. Die Literatur kennt
keine Personen, sondern Figuren. Dies schafft mehr kritische Distanz und weist auf den
fiktiven Charakter hin.
Wer? • Welche Figuren kommen vor?
• Wie sind die Figuren charakterisiert? Welche Adjektive, Beschreibungen, Formulierungen
werden verwendet?
• Wie verändern, entwickeln sich die Figuren?

• Wir fragen nach der Handlung:


Was? • Was geschieht?
Wann? • Wann und wo spielt die Handlung?
Wo? • Ist der Raum ein wirklicher oder erfundener?
• Wie stimmen Erzählzeit (Lesezeit) und erzählte Zeit (Dauer der Handlung) zusammen?

• Aus der Handlung lässt sich das Thema, das Problem erschliessen:
Worum? • Worauf beruht der Irrtum der Küken?
• Wie hängen der Irrtum der Küken und die Erklärungen der Mutterhenne zusammen?
• Welches Thema, welche Probleme werden in der Handlung dargestellt?

• Figuren, Handlung undSKV


© 2018 Verlag Thema lassen
AG: Fokus sehr
Sprache, schnell
Fokus Sprache auf
BM Menschen und Gesellschaft schlies-
Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
sen; somit stellt sich die Frage nach der Intention:
Wozu? • Was bewirkt die «Verkleidung» der Aussage in eine Tiergeschichte (Fabel) oder Parabel?
• Was will uns der Text – nicht unbedingt der Autor! – sagen?
• Wie kann die Intention unser Alltagsleben beeinflussen?

• Entscheidend für die Qualität eines Textes ist die sprachliche Vermittlung.
Wie? • Wie lässt sich der Text sinnvoll in grössere Einheiten gliedern?
• Wie können wir die Sprache beschreiben?
• Wie sprechen die Figuren (Mundart, Hochsprache, Rollensprache)?
• Wer spricht zu uns? Wer kommentiert das Geschehen, z.B. im drittletzten Abschnitt,
Z 57/58?
• Wie entsteht Spannung – oder Langeweile?
• Wo ist der Höhepunkt?
• Wie stehen Anfang und Schluss zueinander?

28 Textanalyse und Interpretation


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Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
MODUL B
3
2.3 Text und Kontext
Je nach Interesse oder Aufgabe lässt sich die Analyse des Textes vertiefen, wenn noch weitere
Elemente «erforscht» werden. Neben der Biografie und dem sozial- und kulturgeschichtlichen
Hintergrund interessieren auch die Wirkung eines Werkes auf das Publikum und die Kritik.
Die Besprechung eines literarischen Werkes heisst Rezension (Verb: rezensieren; Person:
Rezensent/in).
Der Reiz literarischer Werke liegt gerade darin, dass mehrfache Lektüre und der Austausch
der Meinungen zu einem vertieften Verständnis führen. Auch das Lesen eines Romans in ver-
schiedenen Lebensaltern kann zu neuen Einsichten und Erkenntnissen führen. Literarische
Texte erzeugen ihre Wirkung vor allem über die sprachliche Gestaltung eines Themas, den
Kontext, in dem sie entstanden sind und in dem sie heute stehen (können).

Die folgenden Fragen regen an zum Weitersuchen.

• Biografie
• Wer ist die Autorin/der Autor? Unter welchen Bedingungen hat sie/er gearbeitet? Lebensgeschichte
• Gibt es konkrete Bezüge zwischen Privatleben und Werk – oder ist alles reine Erfindung?
• Kennen wir persönliche Dokumente, vor allem zum Werk (Tagebücher, Briefe, Zeichnun-
gen, Interviews, Begegnungen)?

• Historischer Kontext
• Was wissen wir über die Zeit, die sozialen Umstände, in denen der Text entstanden ist? Zeitgeschichte
• Wie wird die Gesellschaft im Werk «abgebildet»?
• Wie passt das Werk in die Epoche – im Vergleich mit anderen Büchern?

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• Kultureller Kontext Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
• Woher kommt das Thema? Kultur
• Gibt es Anregungen, die zu diesem Werk geführt haben?
• Gibt es Bezüge zu verwandten Motiven in anderen Werken oder Kunstformen?

• Publikum (Rezeption)
• Wie hat das zeitgenössische Publikum das Werk aufgenommen? Gesellschaft
• Was steht in den Rezensionen der Zeit? Was schreibt man heute noch darüber?
• Was spricht uns heute noch an? Warum hat der Text «überlebt?». Wo liegen Schwierig-
keiten, um ihn heute zu verstehen?
• Was fasziniert mich – oder schreckt mich ab?

Textanalyse und Interpretation 29


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Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
3 Ein Modell zur Analyse literarischer Texte

Das folgende Modell vermittelt einen Überblick, wie sich literarische Texte analysieren lassen;
je nach Text und Aufgabe kann das Modell vereinfacht oder erweitert werden. Im Mittelpunkt
stehen immer das genaue Lesen und die präzise Kenntnis des Textes.
Bis zu einem gewissen Grad lässt sich das Vorgehen auch auf Filme oder Werke der bildenden
Kunst übertragen. Was sich ändert, sind die «Sprache» (Bildsprache) und einzelne Begriffe
(Strukturelemente).

– B i o g r a
c h f i e
b r u –
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b Handlung e
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T Was geschieht? c
r Was wird beschrieben? h
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Geschehen statt?

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K o
M o d

Sprache des Textes


– Gliederung (Struktur) Autorintention

n t e x t
Welche Absicht
– Wortwahl und Satzbau
Figuren verfolgte der/die
– Stil und rhetorische Figuren

Wer ist am Schreibende zur Zeit


Geschehen beteiligt? – Erzähl- und Zeitperspektive der Entstehung?
f e l d

Textintention: Was be-


© 2018 Verlag SKV AG: Fokus–Sprache,
Motive Fokus Sprache BM


– Symbole
Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
wirkt der Text heute?
– Textsorte

ö f f
U m

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Thema, Problem
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Worum dreht sich die
u

Handlung eigentlich?
lt

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– u
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d e r –
g
i l K r i
V o r b t i k –

Genaueres zu Stil, Erzähl- und Zeitperspektive sowie Motiven und Textsorten findet sich in
Modul F, «Literaturatelier».
Je nach Art des Textes – ob Gedicht, Novelle oder Komödie – variieren die Fragen und auch der
Umfang der Antworten. So gehören zur Struktur eines Gedichts die Gedichtform, die Strophen
sowie das Versmass. Zur Dramenstruktur zählen die Form des Dramas, die Akte und Szenen,
aber auch der Raum und die Zeitdimension. Die Romanstruktur wird neben den Kapiteln von
der Handlung, den Räumen, der Zeit und anderen Elementen geprägt.

30 Textanalyse und Interpretation


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Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
4 Methoden der literarischen Textinterpretation

MODUL B
3
Wenn sich professionelle Leserinnen und Leser (Literaturwissenschaftlerinnen oder Literaturkri-
tiker) einem literarischen Werk widmen, so stellen sie die gleichen oder ähnliche Fragen wie im
Analyse-Modell, allerdings meist um einiges genauer und mit ausführlicheren Antworten. Je
nach Interesse und persönlichem Literaturverständnis werden unterschiedliche Gewichtungen
vorgenommen. Wir sprechen dann von Methodenlehre oder Interpretationsschulen.
Erich Frieds Text «Das Missverständnis» erlaubt verschiedene Fragen – und damit verschiedene
Zugänge zum Text.

Das Interesse am Text Sichtweise: Methode

Mich interessiert, wie in einer spannenden Handlung Hermeneutik (Lehre


den Lesenden ein Problem vermittelt wird. Wie passen des Deutens oder Verste-
Sprache, Stil, Handlung, Problem zueinander? hens von Sinnzusam-
Text im Fokus

Welche Botschaft soll vermittelt werden? menhängen)


Mich interessiert, in welchem symbolischen Zusammen-
hang dieser Text steht. Wofür stehen die Hühner?
Warum gerade Hühner? Was bedeuten die «Sprüche»
und Floskeln, wie z.B. Hühnerhofverdrossenheit,
Nichteinmischung?

Mich interessiert in erster Linie, wer dieser Autor ist, Biografische


im Fokus
Autor/in

was er sonst geschrieben hat und was er mit dieser Methode


Parabel bewirken wollte.

Mich interessiert der soziale Hintergrund: Worauf Sozialgeschichte


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spielt der Autor an, wenn er 1982 so eine «Hühner- (auch Kulturgeschichte,
Geschichte
im Fokus

Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden


geschichte» veröffentlicht. Wie lebten die Menschen – Philosophie sowie der
als Hühner? Wie erlebten sie in den Achtzigern ihren «Zeitgeist» werden
Alltag, ihre Arbeit? Welche Machtverhältnisse bestan- miteinbezogen)
den?

Wie werden und wurden solche Geschichten (in diesem Rezeption des Textes
Publikum
im Fokus

Falle eine Parabel) in der Öffentlichkeit aufgenommen? in der Öffentlichkeit:


Waren oder sind diese Geschichten Bestseller – oder Publikums- und/oder
Flops? Was trifft den Zeitgeist, das Interesse des Publi- Kritiker-Erfolg (Wirkung
kums, der Kritik? des Textes)

Ich möchte wissen, wie Missverständnisse, Vorurteile, Psychologische


aber auch Gehorsam und Unterwerfung entstehen. Deutung
Möglichkeiten

Warum wieder einmal Hühner – und nicht Gockel? Feministische Methode


Weitere

Und Ihr Blick auf den Text?

Textanalyse und Interpretation 31


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Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
5 Ein Modell zur Analyse von Sachtexten

Das grundsätzliche Vorgehen bleibt weitgehend gleich wie bei der Analyse literarischer Texte,
allerdings müssen einige Fragen den Sachtexten angepasst werden (dazu zählen auch Medien-
texte).

Lesen Sie den folgen- You are not alone ...


den Sachtext auf-
merksam durch, und tHoMas angEli
markieren Sie die
Schlüsselwörter. … if you don’t understand English advertising claims. Den meisten Schweizern geht es
nämlich gleich: Sie verstehen englische Werbesprüche nicht, wie eine repräsentative Um-
frage ergab.
1 Vor langer, langer Zeit, als man Briefe noch mit der PTT verschickte statt mit «Postmail»,
als ein Geländewagen bestenfalls ein «Jeep» war und sicher kein «Sport Utility Vehicle»,
DAVERSTANDENDIE-ENSCHENINDIESEM,ANDDIE3PRACHEDER7ERBUNGNOCHw
Good old times waren das. Heute lockt die «Railcity», die früher unter dem Namen
5 «Hauptbahnhof» bekannt war, mit «Shop & Go», wer mit einem Kleinkredit liebäugelt,
dem hilft die GE Money Bank mit «Imagination at work» auf die Sprünge, und die
Zukunft mobiler Telefonkunden ist angeblich «bright» und «orange».
Fragt sich bloss, ob das derart mit englischen Werbesprüchen eingedeckte Publikum
ÌBERHAUPTVERSTEHT WASIHMDAVERMITTELTWERDENSOLL$ER"EOBACHTERHATDURCHDAS
10 Basler Institut Konso die Probe aufs Exempel machen lassen. 700 Personen aus der
deutschen Schweiz wurden nach der Bedeutung von englischen Werbesprüchen – in der
7ERBERSPRACHE#LAIMSGENANNTmGEFRAGT$AS2ESULTAT7ERDENIHNEN0RODUKTEODER
$IENSTLEISTUNGENIM)DIOM3HAKESPEARESANS(ERZGELEGT VERSTEHEN(ERRUND&RAU
Schweizer sehr oft bloss «railway station». Sorry: Bahnhof.
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15 Bei neun der zehn ausgewählten
Persönliches Claims
Exemplar von Petra Trostel, gab
8570 die grösste Gruppe der Antwortenden an,
Weinfelden
den englischen Text nicht übersetzen zu können. Lediglich «Always a smile» der Tele-
komfirma Sunrise schaffte es, fast der Hälfte der Befragten die korrekte Antwort –
«Immer ein Lächeln» – und damit der Medienstelle einen selbstbewussten Kommentar zu
ENTLOCKENh$IESES2ESULTATDECKTSICHMITUNSERENEIGENEN%RKENNTNISSENv SAGT3PRECHER
20 Konrad Stokar. Kleiner Wermutstropfen für das Telekomunternehmen: Immerhin ein
 0ROZENTDER"EFRAGTENDACHTENBEIM3LOGANh!LWAYSASMILEvZUALLERERSTAN$AMEN
binden.
Mit einer Verwechslung müssen auch die Verantwortlichen von Adidas leben: «Impossi-
ble is nothing» konnten zwar knapp 38 Prozent der Befragten mit «Nichts ist unmöglich»
25 korrekt übersetzen, knapp zwei Prozent gaben aber an, dass es sich dabei um eine Wer-
 BUNGVON4OYOTAHANDELT!LLZUWEITHERGEHOLTISTDASNICHT$ERJAPANISCHE!UTOHER-
steller warb einst mit «Everything is possible» – was das Gleiche heisst wie der Adidas-
Slogan, bloss positiv ausgedrückt.
«Englischer Sprachimperialismus»
30 Alles oder nichts, möglich oder unmöglich: «Wer sich auf Englisch an ein deutschspra-
chiges Publikum richtet, offenbart oft auch eine kommunikative Schwäche», sagt Frank
 "ODIN 0R¸SIDENTDES6ERBANDSDERFÌHRENDEN7ERBEAGENTURENDER3CHWEIZw
 $ERhENGLISCHE3PRACHIMPERIALISMUSvIST"ODINALLESANDEREALSGEHEUER SELBSTWENNIHM
7ÇRTERWIE#LAIMODER3HOOTINGFÌR&OTOAUFNAHMEN BERUFSBEDINGTLEICHTÌBERDIE
35 Lippen gehen: «Wir wissen aus eigenen Studien, dass die Leute bei englischsprachiger
Werbung oft nicht verstehen, was gemeint ist.» Als Werber habe man zudem eine gesell-
 SCHAFTLICHEUNDKULTURELLE6ERANTWORTUNG SAGTERh$ER-ENSCHUNTERSCHEIDETSICHVOM
Affen durch eine anständige Sprache.» Und darunter versteht der vielfach ausgezeich-
NETE7ERBERFÌRDIE$EUTSCHSCHWEIZWENNIMMERMÇGLICHGUTES$EUTSCHSTATTFRAGWÌRDI
40 ges Englisch.

32 Textanalyse und Interpretation


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Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
Andere versuchen es einfach mit einer Mischung: «Was ist Excellence?», will die Bank

MODUL B
Julius Bär in ihrer neusten Kampagne wissen. Eine gute Frage. Für knapp drei Viertel
der von Konso Interviewten bleibt nämlich schleierhaft, was der Bär-Claim «Committed
TOEXCELLENCEvh(ERAUSRAGENDER,EISTUNGVERPFLICHTETv BEDEUTET$AS2ESULTATDER5M
45 frage habe keine Aussagekraft, weil der Claim sowieso nie allein stehe, erklärt Bankspre-
CHER-ARTIN3OMOGYIKNAPP5NDh%SLIEGTKEINEDEUTSCHE³BERSETZUNGVORvw
Hauptsache, es klingt gut
«Viele Menschen ‹lernen› Englisch, indem sie Wort- oder Satzfetzen aufschnappen»,
ERKL¸RTDAZU5RS$ÌRMÌLLER %NGLISCHPROFESSORANDER0¸DAGOGISCHEN(OCHSCHULE"ERN
50 «Sie können dann zwar oft erahnen, was ein englischer Ausdruck in etwa bedeuten
könnte, aber für ein richtiges, analytisches Verständnis der Aussage fehlt ihnen das
Wissen.» Ein Wissen, das allerdings bei
manchen Werbekampagnen auch über- So viele Schweizer wissen nicht, was folgende Werbesprüche bedeuten:
haupt nicht zwingend notwendig ist, wie
Fidelity Choose wisely 80%
55 $ÌRMÌLLERVERMUTETh7ENNWIRKLICHEINE
Intel Dual-care. Do more. 77%
Botschaft übermittelt werden sollte, dann
Kent Distinct by design / true: impression 76%
WÌRDENDIE&IRMENAUF$EUTSCHKOMMU-
Julius Bär Committed to excellence 74%
nizieren.»
Cablecom Touch your worlds 56%
 $ER6ERDACHTKOMMTDEM3PRACHWISSEN Sony Colour like.no.other 51%
60 SCHAFTLERETWABEIh$ISTINCTBYDESIGN Hyundai Drive your way 47%
TRUEIMPRESSIONv$ER#LAIM DERFÌR Adidas Impossible is nothing 46%
Zigaretten der Marke Kent Futura auf Schweiz Tourismus Switzerland. Get natural. 45%
den Plakatwänden prangt, verwendet Sunrise Always a smile 38%
NACH5RS$ÌRMÌLLERS!NSICHThEINSEHR Quelle: Institut für Konsumenten und Sozialanalysen AG (Konso); Befragungszeitraum: 19. bis 31. März
65 anspruchsvolles Vokabular. Möglicher- 2007; Telefonbefragung bei 701 für die deutsche Schweiz repräsentativen Personen im Alter von über
14 Jahren.
weise geht das Unternehmen gar nicht
davon aus, dass man die Textbotschaft
versteht.» Womit das Ziel in diesem Fall erreicht wäre. 76 Prozent der Befragten hatten
KEINENBLASSEN$UNST WASIHNENMITDIESEN7ORTENVERMITTELTWERDENSOLLTEw
70 $UMMISTBLOSS WENNDAS0UBLIKUMDAS'EGENTEILVONDEMVERSTEHT WASEIGENTLICHGE-
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Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
MEINTISTh#OLOURLIKENOOTHERvWÇRTLICHh&AR BEWIEKEINEANDEREv MITDEM3ONY
EINEN,#$ &ERNSEHERBEWIRBT WURDEVONDEN"EFRAGTENUNTERANDEREMMITh&ARBEIST
was anderes» übersetzt. Sony-Mediensprecherin Marie-Françoise Ruesch sieht darin kein
Problem: Indem der beworbene Fernseher eine führende Marktposition habe, habe der
75 Schweizer Konsument bestätigt, «dass er den Claim verstanden hat und Wert auf ein un-
vergleichliches Farberlebnis legt».
Leider falsch verbunden
 $AGEHTMANANDERNORTSLIEBERAUF.UMMERSICHERh3WITZERLAND'ETNATURALv WARB
Schweiz Tourismus noch vor kurzem selbst um einheimisches Publikum. «Get natural»
80 ZU$EUTSCHETWAh7ERDENATÌRLICHv SEIHALTKURZUNDPR¸GNANTUNDDAShGETvALS!UF-
forderung gedacht. Seit Neustem kommt die Bevölkerung wieder in den Genuss von
heimischen Sprachschöpfungen: «Schweiz. Ganz natürlich» wirbt jetzt für Ferien im
eigenen Land.
 $EN7EGZURÌCKZUDENSPRACHLICHEN7URZELNÌBERLEGTSICHNACHDER"EOBACHTER
85 Umfrage auch Cablecom: Wenn fünf Jahre nach Einführung des Claims 56 Prozent der
Befragten keine Ahnung hätten, wofür «Touch your worlds» («Berühre deine Welten»
ODEROFFIZIELLh7IRVERBINDENDIE-ENSCHENMITIHREN7ELTENv STEHE SEIDAShNICHTSEHR
aufbauend», sagt Kommunikationschef Hans-Peter Nehmer.
Ähnliche Erfahrungen machte auch schon die Cablecom-Konkurrentin Swisscom: «Go
90 far, come close», der frühere Claim von Swisscom Mobile, «wurde von vielen Kunden
nicht verstanden», wie Swisscom-Sprecher Carsten Roetz eingesteht. Nun wirbt man –
auch im Sinne eines einheitlichen Auftritts – mit dem gleichen Spruch wie auch für
Swisscom Fixnet: «Einfach verbunden» in den drei Landessprachen. Bloss für den eng-
lischsprachigen Auftritt im Internet musste man diesen anpassen und – für einmal in
95 DERUMGEKEHRTEN2ICHTUNGmÌBERSETZENLASSEN$ORTHEISSTESJETZTh3IMPLYCONNECTEDv
«Aber», so Roetz, «wer dorthin klickt, versteht meist Englisch.»
(Beobachter, Nr. 10, 2007)

Textanalyse und Interpretation 33


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5.1 Systematisches Fragen
Analog zur Analyse literarischer Texte beginnen wir mit W-Fragen. Die leere Linie ermöglicht
Ihnen, noch weitere Fragen zu formulieren. Lösen Sie die Aufgaben in Ihrem Arbeitsheft.

• Wir fragen nach dem Sachverhalt:


• Wovon ist in diesem Text die Rede?
• Welche Fakten erfahren die Lesenden?
• Was erfahren Sie Neues?

• Wir fragen nach den Personen:


• Wer kommt hier zu Wort?
• Wer wird zitiert – und warum?
• Welche Ansichten vertreten die einzelnen Personen?

• Wir fragen nach dem Thema oder dem Problem, das der Text diskutiert:
• Welches Problem kommt zur Sprache?
• Welche Schlüsse ziehen die zitierten Personen aus dem Problem?
• Zu welchen Ergebnissen kommt der Autor?

• Wir fragen nach dem Autor und der Textintention:


• Was erfahren Sie über den Autor? Wie wichtig ist er – in diesem Text – für das Ver-
ständnis?
• Was will er den Lesenden vermitteln?
• Wie wirkt der Verlag
© 2018 Text SKV
möglicherweise
AG: Fokus Sprache,auf Achtzehnjährige
Fokus Sprache BM und auf Achtundsechzigjährige?
Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden

• Wir fragen nach Sprache, Struktur und Textsorte:


• Was fällt spontan auf?
• Wie lässt sich der Text in grössere Abschnitte gliedern?
• Welche sprachlichen Mittel und rhetorischen Figuren finden Sie im Text? Eine Hilfe:
– Z 1: Vor langer, langer Zeit, als man Briefe noch …
– Z 4: Good old times waren das.
– Z 13/14: Herr und Frau Schweizer verstehen sehr oft bloss «railway station». Sorry:
Bahnhof.
– Z 37/38: «Der Mensch unterscheidet sich vom Affen durch eine anständige
Sprache.»
– Z 62/68/69: Zigaretten der Marke Kent Futura – 76 Prozent der Befragten hatten
keinen blassen Dunst, was …
• Welche Wirkung lässt sich am deutlichsten erkennen: Ist der Text informierend,
argumentierend oder appellativ (Adjektiv zu Appell)? Belegen Sie Ihre Entscheidung mit
Textstellen.

34 Textanalyse und Interpretation


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MODUL B
5.2 Text und Kontext
Fragen nach dem Kontext können bei Sachtexten sehr unterschiedlich ausfallen: Mal ist viel,
mal eher wenig Hintergrundwissen fürs Textverständnis notwendig. Meist genügt zu wissen,
wann und wo der Text erschienen ist.
Bei Medientexten ist es nicht immer entscheidend, wer sie geschrieben hat; andererseits kom-
men gerade in Fach- oder renommierten Nachrichtenmagazinen prominente Autorinnen oder
Autoren zu Wort, z.B. Nobelpreisträger, Schriftstellerinnen oder Wirtschaftsfachleute.
Interessante ältere Texte können schwer nachvollziehbar sein, wenn nicht die gesellschaftlichen
oder kulturellen Umstände bekannt sind. Gleiches gilt für die Aufnahme in der Öffentlichkeit:
Hintergrundwissen macht erst verständlich, warum das Publikum so und nicht anders reagiert
hat. Auf kritische Sach- bzw. Medientexte reagieren Betroffene oft heftig, z.B. mit Leserbriefen
und E-Mails an die Redaktionen oder gar mit Demonstrationen.
Eine Diskussion um das Tragen von Jeans in der Schule kann heutzutage nur vor dem Zeitgeist
der Fünfzigerjahre verstanden werden. Und Leserbriefe zum Verkaufsverbot von Red Bull in
den Neunzigern des vorigen Jahrhunderts wirken aus heutiger Sicht mehr als seltsam.
Das folgende Modell fasst die wichtigsten Fragen zur Analyse und Interpretation von Sach-
texten anschaulich zusammen.

iografie
n – B – g
i sio es
V ch
e
hn Situation und ic
h
ü Sachverhalt tl
k
r Was ist geschehen? i
e Wann und wo ist etwas c
h
d

geschehen? e
o

Woher stammen die r


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Informationen (Quellen)?
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© 2018 Verlag SKV AG: Fokus Sprache, Fokus Sprache BM
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Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
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ab
odethema, T

– ö

Sprache des Textes


Autorintention
ffentliche W

– Gliederung (Struktur) Welche Absicht verfolgte


Personen der/die Schreibende zur
– Wortwahl und Satzbau
Wer ist am Geschehen Zeit der Entstehung?
beteiligt? – Fachsprache und Fach- Textintention: Was be-
Wer ist betroffen? bezug wirkt der Text heute?
– Stil und rhetorische Figuren
– M

– Textsorte und -funktion


irk
ld

u
fe

ng
m
U

Thema, Problem
u
n

Welches Thema wird ab-


s

d
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gehandelt? Wo liegt der


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Kern des Problems?


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– –
Kr n
itik sio
und .Diskus

Textanalyse und Interpretation 35


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Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
6 Leitfaden zur schriftlichen Textanalyse und -interpretation

Auf den Punkt gebracht, geht es um folgende drei Fragen:


• Was steht im Text?
• Was sagt er mir?
• Welche Einsichten kann er Lesenden vermitteln?
Dabei ist es leichter, einen Text im Unterricht mit der Klasse oder in einer Kleingruppe zu be-
sprechen, als sich allein schriftlich damit auseinanderzusetzen. Im gegenseitigen Austausch
fliessen die Gedanken und Ideen, ein Flipchart oder Ähnliches kann als Protokoll der Interpre-
tation entstehen.
Die schriftliche Form zwingt zu einer klaren Sprache, einem geordneten Nacheinander der
Gedanken sowie einer guten Leserführung. Anzustreben ist eine interessante oder gar überra-
schende Interpretation, die ein vertieftes Textverständnis der Schreibenden offenbart. In jeweils
unterschiedlichem Umfang werden die fünf Aspekte der literarischen Textanalyse oder der
Sachtextanalyse berücksichtigt (vgl. Modelle). Mit Textstellen ist zu begründen, wie die Aus-
sagen zu verstehen sind und die Interpretation zustande gekommen ist.
Folgende Gliederungsmöglichkeiten verhindern ein Durcheinander. Zudem erzeugt das Prinzip
Steigerung der Steigerung einen roten Faden und hält Lesende «bei der Stange». Was sich im Einzelfall
am besten eignet, ist vom Text abhängig.
• Vom Naheliegenden zum Entlegenen
• Vom Nebensächlichen zum Wichtigen
• Vom Unwesentlichen zum Wesentlichen
• Vom Offensichtlichen zum Hintergründigen
• Vom Speziellen zum Allgemeinen
• Vom Allgemeinen zum Besonderen
• Vom Einfachen zum Schwierigen
Fünf Schritte zur schriftlichen
© 2018 Textanalyse
Verlag SKV AG: Fokus Sprache, Fokus Sprache BM
1. Ich lese denPersönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
Text mehrfach durch und kennzeichne die Schlüsselwörter sowie andere wich-
tige Elemente, z. B. Namen, Orte, Zahlen oder auch rhetorische Figuren (Stilmittel).
Vorgehen 2. Ich lege in der Gliederung fest, womit ich beginne, welche Abschnitte der Mittel- oder
Hauptteil umfasst und wie ich schliesslich ende.
Bei literarischen Texten stelle ich eine kurze Inhaltsangabe voran (vgl. Modul C, Schreib-
formen), bei Sachtexten weise ich aufs allgemeine Thema hin.
3. Ich notiere mir in Stichworten, Halbsätzen und Wortgruppen, wie ich den Text verstehe und
worauf ich in den einzelnen Abschnitten hinaus will.
4. Ich schreibe den Text nieder und begründe meine Interpretation mit Hinweisen auf Text-
stellen oder baue Zitate ein. Ich formuliere weitgehend sachlich; erst gegen Ende der Arbeit
fliesst die Bewertung in meine Interpretation ein.
5. Je nach Zeitaufwand und Umfang lasse ich die Arbeit von anderen lesen und hole deren
Feedback ein. Eine ausführliche Liste zum Korrigieren und Überarbeiten (Redigieren) findet
sich in Modul E, «Argumentieren und erörtern».
Als mögliche Muster oder Vorbilder für Textinterpretationen können Buch- und Filmbespre-
chungen in Qualitätszeitungen gelten (vgl. Modul C, «Schreibformen»).

Aufgabe
Wagen Sie sich an eine schriftliche Textanalyse und -interpretation. Wählen Sie eine Kurz-
geschichte oder einen interessanten Sachtext, und setzen Sie sich eine bestimmte Zeitdauer.
Wenn zwei oder drei Lernende den gleichen Text wählen, können Sie sich anschliessend über
die Schwierigkeiten und das Endergebnis austauschen.

36 Textanalyse und Interpretation


© 2018 Verlag SKV AG: Fokus Sprache, Fokus Sprache BM
Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
Modultest

MODUL B
1. Beantworten Sie die folgenden Wissensfragen in Ihrem Arbeitsheft.
• Was sind Schlüsselwörter? Warum sind sie wichtig?
• In literarischen Texten wird von Figuren, nicht von Personen gesprochen: Worin liegt der
Unterschied?
• Was heisst Figurensprache?
• Wie unterscheiden sich Handlung und Problem in einem literarischen Text?
• Warum unterscheiden wir zwischen Autor- und Textintention?
• Was bedeuten die Begriffe «Rezeption» und «Sozialgeschichte»?
• Was ist in einem Sachtext mit Quellen gemeint?
• Wo können die Grenzen zwischen Sachtext und literarischem (fiktionalem) Text mitunter
verschwimmen?
• Nach welchen drei Funktionen lassen sich Sachtexte unterscheiden?

2. Lesen Sie den Text aufmerksam durch; kennzeichnen Sie die Schlüsselwörter. Anschliessend
beantworten Sie die Fragen, die Sie im Modell Seite 30 finden. Beschreiben Sie auch die
Sprache des Textes nach den Stichworten des Modells. Verwenden Sie Ihr Arbeitsheft.
Tipp: Wenn Sie sich einer «Lektürehilfe» oder irgendwelcher «Erläuterungen» bedienen,
so fragen Sie kritisch, ob das alles auch stimmt.

Z o ë J E n n y (197 4)
Das Blütenstaubzimmer
1 Wir sitzen in der Kirche wie in einem Käfig, der Regen scheint nicht mehr aufhören zu
wollen.
«Wir könnten deine Mutter im Krankenhaus besuchen, bevor wir abhauen», sage ich
zu Rea, weil ich plötzlich wirklich Lust dazu habe. Überrascht zuckt sie zusammen.
5 Abscheu flackert in ihren Augen, in© die
2018 ich
Verlag SKV AG:
jetzt zum Fokus Sprache, Fokus
erstenmal SpracheAbscheu,
blicke, BM die
Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
ausstrahlt auf ihre Stirn und den Mund, ein dünner Strich, die Lippen wie eingesogen.
 h$UBISTWOHLKRANK *Ov
 $IE3KORPIONESINDVONDEN7¸NDENINS$ECKENGEWÇLBEZURÌCKGEKEHRT"ISN¸CHSTEN
Sommer werden sie nicht mehr herauskommen. Ich ziehe den Koffer unter dem Bett her-
10 vor und packe die Kleider und Bücher und die nie abgeschickten Postkarten ein. Es ist
NOCHFRISCH SOFRÌHAM-ORGENDIE"UCHSTABENDES.OVA0ARK(OTELSSCHWEBENÌBER
den Pappeln. Aber man ahnt schon die Hitze, die in wenigen Stunden hereinbrechen
wird. Rea hat gesagt, dass ich zu ihr ziehen soll, bis wir einen Flug nach Milwaukee
HABEN)CHSTELLEDEN+OFFERIM%SSZIMMERABUNDGEHEEINLETZTES-ALUMDIE$ORF
15 mauer. Als ich beim Tor um die Ecke biege, sehe ich von hinten die Gestalt des alten
Ehepaares mit dem Hund. Sie spazieren neben den Bäumen, bleiben stehen, stützen sich
AM'EL¸NDERABUNDBLICKENAUFDIE3TADT DIEINBL¸ULICHEM$UNSTLIEGT$ER(UND
SCHNÌFFELTANDEN7URZELNEINES"AUMESUNDHEBTDAS"EIN$IE&RAUZIEHTPLÇTZLICHAN
der Leine, so dass der Hund am Boden entlangschleift. Er jault auf, die Alte bückt sich
20 und zieht ihn an beiden Ohren. Sie sagt etwas, das wie eine Zurechtweisung klingt.
Und dann beginnen sie von beiden Seiten auf den Hund einzutreten. In kurzen, heftigen
4RITTENSTOSSENDIE&ÌSSEDES%HEPAARESINDEN(UNDEKÇRPER$ER!USBRUCHDAUERT
wenige Sekunden. Erst als sie weitergehen, kommt mir der Gedanke, dass ich etwas
sagen müsste. Rasch gehe ich auf sie zu. Als ich dann aber ihren säuerlichen Geruch
25 atme und in ihre ängstlichen und zugleich brutalen Gesichter blicke, überwältigt mich
ein Ekel, der mich schweigen und schnell davongehen lässt. An der Busstation studiere
ich den Fahrplan. Eine halbe Stunde habe ich Zeit, meine Sachen zu holen. Ich versuche
an Milwaukee und Rea zu denken, damit sich die Alten in meinem Kopf auflösen. Im
Haus schliesse ich alle Läden. Ich möchte jetzt so schnell wie möglich von hier fort.
30 Im Badezimmer steht noch die geöffnete Flasche Roberts-Shampoo. Ich schraube den
$ECKELDRAUF ALSESKLINGELT2EAS3TIMMEFLÌSTERTAUSDEM(ÇRERh(ÇRMAL ESISTSOWEIT
MITMEINER-UTTER$UKANNSTJETZTNICHTKOMMEN7IRMÌSSENDIE2EISEVERSCHIEBEN
Ich ruf dich wieder an, wenn hier alles vorbei ist.» 1997

Textanalyse und Interpretation 37


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Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
Je nach Interesse kann zu diesem Text weiter recherchiert werden; hier folgen einige
Anregungen:
• Biografie und Publikum (Rezeption): Recherchieren Sie, wer Zoë Jenny ist und was
sie seither geschrieben hat.
Als Information sei vorausgeschickt, dass die Literaturkritik 1997 hingerissen war vom
Roman – und vor allem von der Autorin. «Es ist einer der ersten und radikalsten Romane
der Technogeneration, adressiert in aller Härte an die 68er Eltern» (Facts, Schweizer
Wochenmagazin bis 2007).
Die Autorin in einem Interview der SonntagsZeitung: «‹Wenn ich solche Sachen lese,
staune ich vorerst einmal. Und dann stelle ich fest, dass ich mein Buch aufgrund dieser
Beurteilung eigentlich neu kennenlerne …› (lacht).»
Und im Brückenbauer, seit 2004 Migros-Magazin, war zu lesen: «Mir geht es nicht
darum, zu psychologisieren, zu moralisieren oder zu erklären, sondern einfach nur ums
Darstellen. Und das Dargestellte sollte Lesende dazu bringen, etwas über sich selbst zu
erfahren.»
Und wie hat die Literaturkritik die späteren Werke der Autorin aufgenommen?
• Historischer Kontext: Informieren Sie sich, was mit den «68ern» gemeint ist.
• Kultureller Kontext: In welchem kulturellen Umfeld ist der Text entstanden?

3. Vergleichen Sie die folgenden drei Medientexte. Alle drei handeln vom gleichen Thema.
Notieren Sie die Ergebnisse in Ihrem Arbeitsheft. Wenden Sie das Analysemodell an, und
suchen Sie möglichst viele Unterschiede zwischen den Texten. Folgende Stichworte dienen
als Anregung:
• Inhalt und Wirkung der Überschrift
• Länge und Verständlichkeit (Wie viel Vorwissen ist notwendig?)
• Anzahl und Qualität der Sachinformationen
• Hintergrundinformationen, Zusammenhänge und Wertung
• Stil und rhetorische Mittel: Was unterscheidet die Texte stilistisch?

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McMatura: Berufsmatur bei McDonald’s
In Grossbritannien ist es bald möglich, bei McDonald’s eine Berufsmatura zu absolvieren.
1 *UNGE"RITENKÇNNENIHRE(OCHSCHULREIFEKÌNFTIGBEI-C$ONALD’s erwerben. Ebenso wie
der Billigflieger Flybe und das Bahnunternehmen Network Rail kann die Schnellimbiss-
Kette ihren Mitarbeitern jetzt eine Ausbildung angedeihen lassen, die vom britischen
Staat als Abiturersatz anerkannt wird und zur Aufnahme eines Studiums berechtigt.
5 $IENEUEN2ICHTLINIENDES"ILDUNGSMINISTERIUMSIN,ONDON DIEAM-ONTAGVERÇFFENT-
licht wurden, stiessen umgehend auf Kritik. «Wir glauben nicht, dass höhere Bildungs-
einrichtungen sich um Leute mit einem ‹McAbitur› reissen», erklärte die Generalsekretä-
rin der Gewerkschaft für Universitäten und Hochschulen, Sally Hunt.
 $AS"ILDUNGSMINISTERIUMBETONTE ESWOLLE,ÌCKENZWISCHENSCHULISCHERUNDBETRIEB
10 licher Hinführung zum Studium schliessen und jungen Leuten mehr Chancen bieten.
 !LSERSTESDERDREI5NTERNEHMENWILL-C$ONALD’s im kommenden Monat in Grossbritan-
nien mit einer zum betrieblichen Abitur führenden Ausbildung als Schnellimbiss-Filial-
LEITERBEGINNEN$IE4EILNEHMERLERNENDABEIALLES WASERFORDERLICHIST UMEIN(AMBUR-
ger-Restaurant zu führen, einschliesslich Marketing, Personalführung und Kunden-
15 betreuung.
20 Minuten Online, 28. Januar 2008

38 Textanalyse und Interpretation


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Briten können Matur bald bei McDonald’s machen

MODUL B
Auf den Britischen Inseln dürfen künftig auch Burger-Firmen und Billigflug-Gesellschaften
Prüfungen abnehmen – und staatlich anerkannte Zeugnisse ausstellen.

Von PEtEr nonnEnMacHEr, london


1 Grossbritannien macht vorwärts mit der Privatisierung und hat die Nase wieder einmal
VORN$IESMALTRIFFTESDIE!USBILDUNG7ERBEI-C$ONALDSWOHLBEKANNTER"URGER +ETTE
die Kunst des Burger-Managements, der Burger-Betriebsführung und der optimalen Be-
dienung der Burger-Kundschaft erlernt, soll statt mit einem betriebsinternen Papierchen
5 in Zukunft mit einer staatlichen anerkannten Zeugnisnote belohnt werden – mit einer
Note, die einer Maturanote entspricht und den Benoteten zusammen mit anderen Quali-
fikationen den Weg freigibt für Weiterbildung und gegebenenfalls auch den Zugang zu
einer Universität ermöglichen soll.
Die Insel liberalisiert die Zeugnisse
10 $ASHATDIEBRITISCHE2EGIERUNGBESCHLOSSEN3IEWILLMITDIESEM%XPERIMENTDASALTE
Staatsmonopol für Schulabschlusszeugnisse im Vereinigten Königreich endgültig preis-
GEBEN!USSER-C$ONALDSERHALTENINEINERERSTEN6ERSUCHSPHASEAUCHDIE"ILLIGFLUG 
Gesellschaft FlyBe und das für das britische Schienennetz verantwortliche Eisenbahn-
Unternehmen Network Rail das Recht, die entsprechenden Weiterbildungskurse anzu-
15 BIETENUNDDIENÇTIGEN$IPLOMEAUSZUSTELLEN&ALLSSICHDAS0ROJEKTBEW¸HRT SOLLENDEN
drei Pionieren schon in Kürze eine Vielzahl anderer Firmen folgen.
 $ENERSTEN3CHRITTZUR³BEREIGNUNGDERSTAATLICHEN0RÌFUNGSLIZENZENANDIE0RIVATWIRT-
SCHAFTWAGTEDIE2EGIERUNG"ROWNBEREITSIMVERGANGENEN3EPTEMBER$AMALSGESTAND
sie der privat finanzierten Hochschule «BPP College» das Recht zu, Jura- und Betriebs-
20 WIRTSCHAFTSTITELZUVERTEILEN-ITDEM-C$ONALDS 0ROJEKTHOFFTMANIN,ONDONNUN AUF
breiter Basis mehr Interesse an Fachausbildung zu schaffen.
Breite Ausbildungsinitiative
 $ABEIGEHTESDERBRITISCHEN2EGIERUNGUMDIELANGFRISTIGE"EK¸MPFUNGDER!RBEITSLOSIG-
KEITh$ASGRÇSSTE(INDERNISAUFDEM7EGZUR6OLLBESCH¸FTIGUNGISTN¸MLICHNICHTEIN
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25 Mangel an Jobs, sondern der Mangel an fachlichen Fertigkeiten bei den Arbeitslosen
und Unbeschäftigten», erklärte Premier Brown die neue Regierungsinitiative.
 %SISTNUREINERSTEREXPERIMENTELLER3CHRITT-C$ONALDS &LY"EUND.ETWORK2AILSOLLEN
INEINERERSTEN0HASE%RFAHRUNGENSAMMELN$IE2EFORMSOLLDANNIM%INZELNENAUSGE-
TÌFTELTWERDEN$IE'RUNDIDEEISTABERKLAR"ETRIEBEWIE-C$ONALDSSOLLENINTERESSIERTEN
30 Mitarbeitern Schulungskurse anbieten, sie mit selbst erstellten Examen prüfen und
IHNENHERNACHALLGEMEINGÌLTIGE.OTENODER$IPLOMEVERLEIHEN
 $ASJEWEILIGE.IVEAUDER$IPLOMESOLLDEMJENIGENVON3CHULABSCHLÌSSENENTSPRECHENm
im Fall von Network Rails sollen Bahnexperten sogar – auf der Ingenieursschiene – mit
DER$OKTORWÌRDEBEDACHTWERDENKÇNNEN$ERSTAATLICHE!USSCHUSS DERDIEBETREFFENDEN
35 Lizenzen vergibt, soll für die Einhaltung strikter Qualität bei sämtlichen Kursen und
Examen sorgen.
McQualifikationen genügen Unis nicht
Wirtschaft und Labour-Regierung verbinden mit den neuen Qualifikationen grosse Er-
WARTUNGEN$ERBRITISCHE)NDUSTRIELLENVERBANDISTDAVONÌBERZEUGT DASSDIE-ASSNAHME
40 «aus der schon laufenden guten Arbeit» in schulungsfreundlichen Betrieben «endlich den
richtigen Nutzen» ziehe.
 $ER-INISTERFÌR"ERUFSAUSBILDUNG *OHN$ENHAM SIEHTDIE:EITGEKOMMENFÌREINEN
«Abschied von der alten Teilung in betriebliche Ausbildungsprogramme und nationale
Qualifikationen». Premier Brown selbst ist zuversichtlich, dass etwa die Absolventen
45 EINES-ANAGEMENTKURSESBEI-C$ONALDShANSCHLIESSENDWOHLÌBERALLHINGEHENKÇNNEN 
wenn sie erst einmal ihren Abschluss haben».
 $ASWIRDALLERDINGSVONDEN!UFNAHMEGREMIENDERBRITISCHEN5NIVERSIT¸TENBEREITSSTARK
in Zweifel gezogen. So haben schon 40 Prozent der sogenannten «Zulassungs-Tutoren»
AUFDER)NSELDEUTLICHGEMACHT DASSSIE-C$ONALDS %XAMENNICHTFÌRAUSREICHENDE
50 Qualifikationen halten und die betreffenden Absolventen an ihren Universitäten nicht
aufnehmen würden. Sally Hunt, die Generalsekretärin des britischen Universitäts- und

Textanalyse und Interpretation 39


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College-Verbandes, hat zu den bespöttelten «McQualifikationen» erklärt, sie würden sich
als «viel zu eng und viel zu spezifisch an einen einzelnen Betrieb gebunden» erweisen.
Auch Professor Alan Smithers, Bildungsdirektor an der Universität von Buckingham,
55 WARNTPOTENZIELLE+URSABSOLVENTENBEI-C$ONALDSDAVOR DASSIHRE!BSCHLÌSSENUR
WENIG!NERKENNUNGFINDENWÌRDENAUSSERHALBDESEIGENEN"ETRIEBSh$IE1UALIFIKATIO-
nen wären für ihre Träger mehr wert, wenn sie von einer unabhängigen Körperschaft
verliehen würden», kritisiert der Professor.
Tages-Anzeiger, 29. Januar 2008

«Fast-Food-Matur» in Grossbritannien
%IN!RMUTSZEUGNISDER"ERUFS !USBILDUNG
Die britische Regierung ermächtigt die Hamburgerkette McDonald’s, eigene Maturzeugnisse
auszustellen. Dies ist ein weiterer Schritt im allgemeinen Niedergang der Sekundar- und
Mittelschulstufe in Grossbritannien. Die Regierung verstrickt sich dabei in Widersprüche.

Mr. london, EndE Januar


1 Aus purer Verzweiflung über das Schicksal analphabetischer Schulabgänger und den
Mangel an qualifizierten Berufsleuten hat die britische Regierung jetzt der Hamburger-
KETTE-C$ONALDSDAS2ECHTEINGER¸UMT IHRENINTERNAUSGEBILDETENJUNGEN-ANAGERNIN
Filialen mit bis zu 50 Angestellten und 2 Millionen Pfund Umsatz eigene Berufsmatur-
5 $IPLOMEAUSZUSTELLEN DIENATIONALANERKANNTWERDENSOLLEN$IE"AHNGESELLSCHAFT.ET-
work Rail, die Billigfluggesellschaft Flybe sowie das Verteidigungsministerium haben
DASGLEICHE2ECHT DASVONDERDISKREDITIERTENNATIONALEN$IPLOMAUFSICHTSBEHÇRDE1#! 
die bisher das Matur-Niveau stets gesenkt hat, gewährt und notfalls überwacht wird.
 -ITEINEMGEFRORENEN,¸CHELNUNDVIEL:YNISMUSh-C-ATURv HABENDIE"RITENUNDIHRE
10 -EDIENAUFDIESEN!USVERKAUFDER"ERUFSMATURREAGIERT$AEINE,EHRLINGSAUSBILDUNG
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oder kaufmännische Schulen, die diesen Namen verdienen, nicht existieren (oder nur als
TEURE0RIVATINSTITUTE BEGRÌSSTENDIEh4IMESvUNDDIEh&INANCIAL4IMESvMITIHREMLIBERA-
LEN#REDODIESEPRODUKTIVE$IVERSIFIZIERUNGLEBHAFT!NDEREBEFÌRCHTENMÇGLICHERWEISE
F¸LSCHLICH DASSSOLCHE$IPLOMEAUSSERHALBDER&IRMAKEINEN7ERTHABENESISTAUCH
15 -C$ONALDSBEKANNT DASSIHRE$IPLOMANDENNACHZWEI*AHRENBESSERE*OBSSUCHENWER-
den – dies vor allem angesichts der berüchtigten Niedriglöhne der Hamburgerkette.
 $IE2EGIERUNGVERSTRICKTSICHDAGEGENIN7IDERSPRÌCHE$IE$IPLOMEVON-C$ONALDS
passen schlecht zu ihrem Kreuzzug gegen das Fast Food, das die Briten immer überge-
wichtiger macht. In den Sekundarschulen wird der Kochkurs nun auch für Knaben obli-
20 gatorisch, damit sie gesundes Essen kennenlernen, was in Grossbritannien trotz unüber-
sehbaren kulinarischen Fortschritten offenbar immer noch schwierig ist. Im Weiteren
SCHLIESSTDIE2EGIERUNGZUKLEINE$ORFSCHULEN WILLABERST¸DTISCHE+ONFESSIONSSCHULEN
fördern, wovon heute vor allem islamische Schulen profitieren. Umgekehrt hat Premier-
minister Brown den pakistanischen Präsidenten Musharraf aufgefordert, mehr öffentli-
25 che Schulen zu bauen und die Koranschulen mit ihrem extremistischen Curriculum zu
schliessen.
 $IEVORALLEMVON'ORDON"ROWNS6ORG¸NGER4ONY"LAIRBETRIEBENE$IVERSIFIZIERUNGDER
Ausbildungslehrgänge – Firmen, Kirchen, Organisationen können mit einer kleinen
Spende eigene, hochtrabend City-Academy genannte Mittelschulen führen – ist letztlich
30 eine Abdankung der überforderten öffentlichen Schule, obwohl der Staat die neuen pri-
VATEN)NSTITUTIONENLETZTLICHDOCHSELBSTFINANZIERT$IEEINFACHE)DEE GUTEÇFFENTLICHE
Schulen anzubieten, ist wegen der privaten Konkurrenz und der konfliktuellen multikul-
TURELLEN$URCHMISCHUNGSCHLICHTAUFGEGEBENWORDEN
Neue Zürcher Zeitung, 31. Januar 2008

40 Textanalyse und Interpretation


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MODUL C
Schreibformen
Lernziele

• Ich unterscheide zwischen persönlich-kreativen


und sachlich-objektiven Schreibformen.

• Ich orientiere mich beim Schreiben an den Zielen


und den Adressaten sowie am Inhalt und an der
Funktion der Texte.

• Ich kann Texte planen, strukturieren sowie


schreiben; auch kenne ich die Ansprüche, die
einzelne Schreibformen erfüllen müssen.

• Ich achte auf Stil und Sprache und benutze die


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entsprechenden Hilfsmittel beim Schreiben.
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41
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1 Impuls

Grossereignisse beherrschen die Medien: Journalisten berichten über das Ereignis und
kommentieren es, lassen Betroffene zu Wort kommen; das Publikum reagiert auf die Medien-
berichte, z. B. mit Leserbriefen oder E-Mails an die Redaktionen.
Vergleichen Sie die folgenden Schreibformen, und untersuchen Sie die jeweiligen Adressaten,
die Intention (Absicht), die sprachlichen Unterschiede sowie den Aufbau der Texte. Nutzen Sie
den breiten Rand, und schreiben Sie Ihre Notizen – vorzugsweise mit Bleistift – ins Buch.
Im Vorfeld der Zürcher Street Parade 2007 wurde über die Finanzierung mit Steuergeldern
diskutiert.

Text 1 Nicht zu Tode hätscheln


Von Edgar scHulEr
1 Schon heute unterstützt die Stadt Zürich die Street Parade massiv. Mehr Subventionen
machen den Anlass nur noch langweiliger. Und damit überflüssig.
Jetzt machen sie die hohle Hand. Kaum rollt der Sponsoren-Rubel nicht mehr so rund
WIEAUCHSCHON BEKOMMENDIE/RGANISATORENDER3TREET0ARADEKALTE&ÌSSE$ARUMVER
5 sprechen sie treuherzig, ein paar Hunderttausend Franken aus der Steuerkasse würden
genügen, um das sommerliche Technospektakel über Wasser zu halten. Sie reden von
«Wertschöpfung» und «Standortvorteil». Sie dienen sich damit dem Stadtrat an, von dem
sie glauben, dass er nur diese Marketingsprache versteht.
Formulieren Sie A ––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––
aussagekräftige
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Zwischentitel. Welche Enttäuschung. Vorvon
15Petra
Jahren
Persönliches Exemplar Trostel,[1992] hatte die Street Parade begonnen als bunt-
8570 Weinfelden
10 lauter Umzug von ein paar verrückten Techno-Freaks. Halbnackte, maskierte Leute ver-
anstalteten einen Umzug, bei dem es nicht um politische Parolen ging, sondern schlicht
UNDSIMPELUMDEN3PASSAM4ANZENw $ASVOM3TADTRATANGEDROHTE6ERBOT
adelte die Street Parade zur Gegenveranstaltung im Vollversorgerstaat. Unverkrampft
war und ist auch das Verhältnis zum Kommerz: Ein Zigarettenfabrikant bezahlt ein Love
15 Mobile? Why not. Ein Bierhersteller sponsert den ganzen Anlass? Let’s do it.
B ––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––

Nur scheint die Lust der Sponsoren einzuschlafen. Sie wieder zu wecken, müsste das
Ziel der Street Parade sein. Aber indem sie jetzt unverhohlen auf die dampfenden Sup-
PENTÇPFEDES3TAATESSCHIELT VERR¸TSIEDENLETZTENIHRNOCHVERBLIEBENEN#HARME$ABEI
unterstützt Zürich die Parade schon längst mit Leistungen von Polizei, Entsorgung,
20 3ANIT¸TUND3IGNALISIERUNG$ASGEHTINDIE(UNDERTTAUSENDE7ENNDIE/RGANISATOREN
jetzt noch mehr verlangen, zeigen sie nur, dass ihr Hunger nach bequemem Geld zum
Unersättlichen tendiert.
C ––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––

 $ASISTSCHEINHEILIG7ENNSICHDIE3TREET0ARADEVONDER3TADTNOCHMEHRH¸TSCHELN
lässt, erreicht sie das Gegenteil dessen, was sie eigentlich will. Sie besiegelt die eigene
25 Überflüssigkeit.
Tages-Anzeiger, 9. 8. 2007

42 Schreibformen
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Nach der Street Parade dominierte ein tragisches Ereignis die Frontseite des Tages-Anzeigers.

MODUL C
Tödliche Messerattacke überschattete Street Parade 2007 Text 2

1 Zürich. – Zwei Messerstechereien trüben das Bild der diesjährigen Street Parade in
Zürich. Ein junger Mann starb, und zwei weitere Männer wurden verletzt. In beiden Kennzeichnen Sie die
&¸LLENSINDDIE4¸TERFLÌCHTIG$IETÇDLICHVERLAUFENE-ESSERATTACKEEREIGNETESICHAM Fakten dieser Nachricht.
Samstag gegen 21.30 Uhr auf der Rathausbrücke. Ein 18-jähriger Schweizer erlitt
5 schwere Verletzungen im Brustbereich. Trotz sofortiger Betreuung durch Rettungssani-
T¸TERVERSTARBDERJUNGE-ANNNOCHAM4ATORT$IE3ANIT¸TERBEHANDELTENMEHRERE
Hundert Personen wegen Schnittverletzungen, Kreislaufproblemen und übermässigen
!LKOHOL UND$ROGENKONSUMS$IE0OLIZEIVERHAFTETEMUTMASSLICHE$ROGENH¸NDLER
Laut den Organisatoren nahmen rund 800000 Personen am Umzug teil. Eine Zahl, die
10 der ehemalige Stadtpolizist Peter Iseli in der «SonntagsZeitung» in Zweifel zog.
Auf Grund des von ihm entwickelten Berechnungssystems kommt er auf höchstens
300000 Teilnehmer.
Auf der 2,4 Kilometer langen Strecke rund ums Seebecken verkehrten 23 Love Mobiles.
$ER6EREIN3TREET0ARADE¸USSERTESICHSEHRZUFRIEDENÌBERDIEDIESJ¸HRIGE6ERANSTALTUNG
Tages-Anzeiger, 13. August 2007

Der Tod des 18-Jährigen rief deutliche Reaktionen der Leserinnen und Leser hervor:

Auch schwer Verletzte nach der Street Parade Text 3


Tödliche Messerattacke überschattete Street Parade 2007, TA vom 13. August
1 Plattform für Gewaltbereite. Ich möchte der Familie des 18-jährigen Opfers mein tief
EMPFUNDENES"EILEIDAUFDIESEM7EGAUSDRÌCKENNURANN¸HERNDKANNICHNACHEMPFIN-
den, was dies für sie bedeuten muss.
Ich sitze am Bett meines Lebenspartners im Universitätsspital – er hatte einen grossen
5 Schutzengel, denn er lebt noch. Eine fünfköpfige Schlägertruppe hat ihn aufs Brutalste
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ZUSAMMENGESCHLAGEN UNDDASNICHTNURMITIHREN&¸USTEN$AS%RGEBNISDOPPELTER
Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
3CH¸DELBRUCH (IRNBLUTUNGENETCw $ASDIESJ¸HRIGE-OTTOh2ESPECTvISTBLANKER(OHN
angesichts der vielen Gewalttaten.
Sehr viele Menschen, die in dieser Stadt leben, wären nicht traurig, wenn die Eventitis
10 in Zürich eingeschränkt würde, denn mit vielen dieser Veranstaltungen bietet man ge-
waltbereiten Menschen ideale Plattformen für ihre «Vergnügungen».
B. V., ZÜRICH

Erfolg trotz Totem und Verletzten? Kann man von einem grossen Erfolg der Street Text 4
Parade sprechen, wenn ein junger Mensch ermordet wird und mein Enkel ausgeraubt,
niedergeschlagen wurde und – nachdem ihm mit den Füssen ins Gesicht getreten
wurde – mit einer Hirnblutung und gebrochenem Kinn im Koma auf der Intensivstation
des Uni-Spitals liegt?
L. B., ZÜRICH

Tages-Anzeiger, 17. August 2007: Leserforum

Schreibformen 43
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Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
Einzelne Mitwirkende erlebten die Street Parade aus unterschiedlichen Perspektiven.

Text 5 und 6 A. H., Sanitäter N. N., Zürcher DJane


1 Gerade jetzt ist unglaublich viel los hier. 1 w .ADINEUNDICH WIRTRETENZUSAM-
Es war lange ruhig, nur ein paar Schnitt- men als Turntable-Babes auf, sollten am
wunden und Blasen, aber jetzt geht es Ende der Street Parade auf dem letzten
RICHTIGLOS$ASHATDAMITZUTUN DASS Love Mobile vor dem Kongresshaus
5 die Sonne scheint, dann ist es heiss und 5 AUFLEGENw !LSOPACKTENWIRUNSERE
die Leute kollabieren eher. Ausserdem Plattenkoffer, kämpften uns durch die
kommen nun die Love Mobiles hier vor- Menge, kletterten auf den Wagen und
bei, und damit natürlich die Menschen. legten los.
w 7IRMÌSSENBEREITSEIN)CHMUSS  7IRSPIELEN"REAKBEATS$ER3TILISTETWAS
10 alles koordinieren, schauen, dass es 10 gewöhnungsbedürftig, der dritte von vier
läuft. Ich bin heute Postenchef hier am Schlägen fehlt. Er ist aber extrem wand-
Bellevue, der grösste Posten an der lungsfähig, einmal hart, dann weich,
Street Parade, mit 31 Mitarbeitern. VERSPIELTODERFUNKY$IE,EUTEREAGIEREN
$ASSINDNICHTNUR2ETTUNGSSANIT¸TER  sehr positiv, wenn sie sehen,
15 sondern auch Transporthelfer, Feuer- 15 dass zwei Frauen auflegen. Manchmal
wehrsanitäter und Samariter. heisst es: Was, das sind Frauen, die so
Aufgestanden bin ich um 8.30 Uhr. Ich hart spielen! Manche sagen auch, wir
bin Familienvater, wir haben drei Kinder. gingen mehr auf das Publikum ein als
Um 10 Uhr war ich dann in der Haupt- -¸NNER$ASSTIMMTVIELLEICHTSCHON
20 WACHE UMNOCHMALSDEN$IENSTBEFEHL 20 komme ich in einem Club an, gehe ich
DURCHZUSEHEN MICHVORZUBEREITEN$ARIN erst zur Tanzfläche, schaue, worauf die
steht alles wie in einer Betriebsanleitung. Leute reagieren, und versuche sie dort
Wie die Kommunikation funktioniert, abzuholen. Ich lege nun seit sieben
mit Telefon und Funk, wie der Patienten- Jahren auf. Breakbeats sind wieder am
25 transport vor sich geht, einfach alles 25 +OMMEN VORALLEMIN$EUTSCHLAND
/RGANISATORISCHEw 5M5HRLIEGT Von dort haben wir immer mehr Auf-
.ERVOSIT¸TINDER,UFT$IE,EUTESIND TR¸GE :UZWEITISTESLUSTIGERHERUM-
zum Teil zum ersten
© 2018 VerlagMal beiFokus
SKV AG: derSprache,
StreetFokus Sprachezureisen.
BM Eine ist immer gut drauf und
Parade dabei,Persönliches
da spürt Exemplar
manvonschon
Petra Trostel,
die 8570 Weinfelden
zieht die andere mit.
30 Aufregung. 30 Sonst schauen ja immer die Frauen zum
Gegen 13.30 Uhr waren wir dann hier $*HINAUFWENNWIRIM%INSATZSIND 
am Bellevue einsatzbereit. Und eben, sind es auch die Männer. Obwohl – wir
lange war es ruhig, bis etwa um 17 Uhr. ziehen uns immer bequem an, schon
$AHATESEINENRICHTIGEN+NALLGEGEBEN frech, aber meist tragen wir Hosen und
35 $IE,EUTEKOMMENMEISTENSANDEN 35 Turnschuhe. Es wäre wohl besser für
Zaun und rufen uns, wenn jemand unsere Promo, wenn wir uns auftakeln
irgendwo liegt. Vielfach werden die würden, das erwarten die Leute wohl
Patienten direkt zu uns gebracht. Eine auch wegen unseres Namens – Turn-
$IAGNOSEZUSTELLEN ISTOFTSCHWIERIG  TABLE "ABES$ENHABENWIRBEWUSST
40 GERADEBEI$ROGEN%SISTNICHTEINFACH 40 provokativ gewählt, uns geht es aber um
herauszukriegen, was die Leute genom- die Musik.
men haben. Kurz vor Mitternacht bin ich rasch nach
Jetzt bleiben wir hier offiziell bis 0.30 Hause gegangen – und eingeschlafen.
Uhr. Aber meistens dauert es länger, ich
Tages-Anzeiger, 13. August 2007
45 RECHNEMIT5HRw 7ENNICHDANN
nach Hause komme, kann ich nicht
gleich abschalten, ich schaue TeleZüri
oder höre Radio, was alles passiert ist.

Aufgabe zu den Texten 5 und 6

• Was fliesst – ausser der Sachinformation – in die beiden Erlebniserzählungen ein?


• Was bedeutet dem Sanitäter und der DJane die Street Parade?
• Kennzeichnen Sie die umgangssprachlichen Textstellen. Was soll damit in einer Qualitäts-
zeitung erreicht werden?

44 Schreibformen
© 2018 Verlag SKV AG: Fokus Sprache, Fokus Sprache BM
Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
2 Schreibformen

MODUL C
Einen Überblick über die unterschiedlichen Textsorten finden Sie in Modul A, «Kommunika-
tion». Die folgenden Schreibformen werden in Beruf und Schule, aber auch im Privatbereich
verlangt. So werden Sie vielleicht aufgefordert, für den Sportverein einen Zeitungsbericht oder
für Ihr Firmenmagazin einen Bericht über den Sprachaufenthalt zu schreiben.
Die folgenden Gegenüberstellungen verschiedener Schreibformen erleichtern das Erkennen der
wesentlichen Unterschiede und geben Hinweise, was beim Schreiben jeweils zu beachten ist.
Ergänzen Sie eigene Beobachtungen beim Vergleichen der Texte, Erfahrungen aus Ihrer
Schulzeit und Schreibpraxis sowie wichtige Hinweise Ihrer Lehrperson.

2.1 Das Ereignis: Was ist geschehen?

Erzählung Meldung – Nachricht – Bericht

Gegen 13.30 Uhr waren wir dann hier am Tödliche Messerattacke überschattete erzählen und berichten
Bellevue einsatzbereit. Und eben, lange war Street Parade – Zwei Messerstechereien
ESRUHIG BISETWAUM5HR$AHATES trüben das Bild der diesjährigen Street Pa-
einen richtigen KnallGEGEBEN$IE,EUTE rade in Zürich. Ein junger Mann starb, und
kommen meistens an den Zaun und rufen zwei weitere Männer wurden verletzt. In
uns, wenn jemand irgendwo liegt. Vielfach BEIDEN&¸LLENSINDDIE4¸TERFLÌCHTIG$IE
werden die Patienten direkt zu uns ge- tödlich verlaufene Messerattacke ereignete
BRACHT%INE$IAGNOSEZUSTELLEN ISTOFT sich am Samstag gegen 21.30 Uhr auf der
SCHWIERIG GERADEBEI$ROGEN Rathausbrücke.

Erlebtes, Erfundenes oder eine Mischung da- • Die Meldung bietet die kürzeste Sach-
raus wird spannend mitgeteilt. information: Wer? Was? Wo? Wann?
• Alltags- oder spontane Erlebniserzäh-© 2018 Verlag•SKVDie Fokus Sprache, liefert
AG: Nachricht genauere
Fokus Sprache BM Informati-
Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
lungen sind wenig geordnet, vermischt onen als die Meldung, nennt Namen,
mit Eindrücken, Erinnerungen und Schil- fragt nach den Quellen, vgl. Textbeispiel:
derungen. Das Präsens kann hier unmittel- 21.30 Uhr, Rathausbrücke; Zahl der Ver-
bar und echt wirken. letzten, der Drogenhändler.
• Die Schreibform Erzählung verlangt nach • Ein Bericht geht Zusammenhängen nach,
Ordnung und Struktur: Ein klarer Aufbau deckt Hintergründe auf (warum?), leuch-
mit Höhe- oder Wendepunkt sowie die tet verschiedene Aspekte aus (wie?) und
Zeitform Präteritum (als Ausnahme das berücksichtigt auch die Zukunft (mit wel-
Präsens) sind drei typische Merkmale. Der chen Folgen?), z. B. Jugendgewalt oder
Schluss kann überraschen – oder offen die Zunahme des Drogenkonsums.
bleiben.

Erzählungen erfüllen viele Funktionen, die Im Vordergrund steht die Informationsfunk-


vom Mitteilungsbedürfnis über die Lust am tion. Je nach Medium können andere
Formulieren bis zum Erfinden vergangener Schwerpunkte gesetzt werden, z.B. eine
oder zukünftiger Welten reichen kann. starke Emotionalisierung oder die Konzentra-
tion auf einzelne (prominente) Personen.

Sprache und Stil: anschaulich und lebendig; Sprache und Stil: klar strukturiert; sachlich,
handlungsstarke Verben, treffende Adjektive; informativ, um Objektivität bemüht
abwechslungsreicher Satzbau

Ergänzen Sie weitere Merkmale.

Schreibformen 45
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2.2 Die Meinungen: Wie ist das zu verstehen? Was heisst das?

Leserbrief oder Leser-E-Mail Kommentar

meinen und Ich möchte der Familie des 18-jährigen Kaum rollt der Sponsoren-Rubel nicht mehr
kommentieren Opfers mein tief empfundenes Beileid auf so rund wie auch schon, bekommen die
DIESEM7EGAUSDRÌCKENNURANN¸HERND Organisatoren der Street Parade kalte
kann ich nachempfinden, was dies für sie Füsse.$ARUMVERSPRECHENsie treuherzig,
bedeuten muss. ein paar Hunderttausend Franken aus der
Ich sitze am Bett meines Lebenspartners im Steuerkasse würden genügen, um das
Universitätsspital – er hatte einen grossen sommerliche Technospektakel über Wasser
Schutzengel, denn er lebt noch. zu halten.

Leserbriefe oder E-Mails an Redaktionen ent- Journalistinnen, Fachleute oder Prominente


stehen aus persönlicher Betroffenheit oder erläutern und werten ein aktuelles Thema.
einer unmittelbaren Erfahrung. Sie sind häu- Die Optik ist meist einseitig, allerdings wird
fig direkt, einseitig und nehmen Partei. nie «ich» geschrieben.
Anonyme Schreiben oder Beschimpfungen Ziel: bewusste Einflussnahme
landen im Papierkorb; lange Texte werden Aufbau: griffiger, pointierter Titel
gekürzt. • Bezug aufs Ereignis
Je kürzer und pointierter formuliert wird, • Darstellung des Sachverhalts, des
desto grösser ist die Chance einer Veröffent- Problems
lichung. • Ein, höchstens zwei Argumente anführen
Ziel: öffentliche Stellungnahme • Meinung, Forderung mit Beispiel oder
Gliederung: aussagekräftiger Titel Zahlen untermauern
• Kurzer Bezug aufs Ereignis, den Anlass • Schlussfolgerungen: eindeutig und zuge-
• Beschränkung auf ein Thema spitzt
• Persönliche Sicht und Wertung oder ein
Vorschlag
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Sprache und Stil: engagiert
Persönliches aus
Exemplar von der
PetraIch- Sprache und Stil: knapp, auf den Schluss
Trostel, 8570 Weinfelden
Perspektive; klar, prägnant und pointiert zielend; keine Ich-Form; Zeitform Präsens
formulieren; Zeitform Präsens (Perfekt) (Perfekt); auch Humor ist erlaubt

Ergänzen Sie weitere Merkmale.

46 Schreibformen
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Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
MODUL C
2.3 Die Eindrücke: Wie wirkt das? Wie geht das?

Schilderung Beschreibung
einer Person, eines Gegenstandes, eines Ortes
oder Weges, einer Landschaft, eines Vorgan-
ges, eines Ablaufs (Gebrauchsanleitung)

Gerade jetzt ist unglaublich viel los hier. $IE2ATHAUS ODER'EMÌSEBRÌCKEISTEIN schildern und
Es war lange ruhig, nur ein paar Schnitt- platzartig gestalteter Flussübergang in der beschreiben
wunden und Blasen, aber jetzt geht es rich- geografischen Mitte der Zürcher Altstadt.
TIGLOS$ASHATDAMITZUTUN DASSDIE $IEALTE3TADT:ÌRICHBESITZTIM'EGENSATZ
Sonne scheint, dann ist es heiss, und die zu vielen anderen Städten zwei gleichwer-
Leute kollabieren eher. tige Stadthälften auf beiden Seiten des
Flusses. Beidseits des Flusses steigt das
Terrain an, und auf beiden Seiten befinden
sich in Sichtweite der Brücke die wichtigs-
ten sakralen und weltlichen Bauten der
3TADT$IE'EMÌSE ODER2ATHAUSBRÌCKE
wird dadurch spontan als ein ganz besonde-
rer Ort, als ruhender Pol in der Mitte der
Stadt erfahren.
$IEFunktion als Marktplatz ist seit dem
FRÌHEN*AHRHUNDERTNACHGEWIESEN$IE
inoffizielle, aber im Volk weit bekanntere
Bezeichnung «Gemüsebrücke» oder mund-
artlich «Gmüesbrugg» hat sich bis heute
erhalten.

Das unmittelbare Erleben zählt, die sinnliche Im Gegensatz zur Schilderung verlangt die
Wahrnehmung wird im Text «miterlebbar». © 2018 VerlagBeschreibung Objektivität
SKV AG: Fokus Sprache, und
Fokus Sprache BMSachlichkeit.
• Sehen: Farben, Mengen, Grössen Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
• Hören: Musik, Lärm, Stimmen, Klänge, Während die Personenbeschreibung sach-
Rhythmen lich gehalten ist (Vermisstenmeldung oder
• Riechen: Düfte, Gestank Steckbrief), gilt die Charakteristik als Misch-
• Fühlen: Pulsschlag, Brennen, Berührung, form aus Schilderung und Personenbeschrei-
Schlag, Atemnot; Stoss; Glück, Angst, bung: Ein Mensch soll möglichst in all seinen
Freude Charakterzügen erfasst werden.
• Schmecken: süss, sauer, salzig, bitter

Sprache und Stil: treffende, sinnlich erleb- Sprache und Stil: genau, die Einzelheiten
bare Wortwahl benennend; verständlich; z.T. Fachwortschatz

Ergänzen Sie weitere Merkmale.

Schreibformen 47
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Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
2.4 Auf den Punkt gebracht: Was geschieht, und wie gefällt’s?

Zusammenfassung Besprechung (Kritik, Rezension)


(Inhaltsangabe) eines Buches, Films, Konzerts u.Ä.

Sat1, 21.15: Navy CIS – Giftgas Stephen King: Wahn, Heyne, 895 Seiten
Ein Major der Marines wird tot in der $UMA+EY DIEKLEINE)NSELVOR&LORIDAS
zusammenfassen und Kanalisation gefunden. Er starb an einem Küste, ist kein Ort der Erholung. Von Tro-
besprechen Giftgas, dessen Einsatz verboten ist und das penstürmen gepeitscht, scheint sie auf uner-
nur noch zu Forschungszwecken benutzt klärliche Weise unter dem düsteren Bann
werden darf. Gibbs und sein Team stossen ihrer Besitzerin, der alten Lady Westlake, zu
bei den Recherchen bald auf einen alten STEHEN$ENNOCHBESCHLIESSTDER3ELFMADE 
Bekannten: Mamoun Sharif. Sharif hat sich Millionär Freemantle, sich hier beim Malen
zehn Kilogramm des Giftgases beschafft von einem verheerenden Unfall zu erholen,
UNDDAMIT%IN $OLLAR 3CHEINE bei dem er einen Arm verloren hat. In sei-
KONTAMINIERT$IEWILLERUNTERDIE,EUTE nem 47. Roman – dem besten seit Langem –
bringen, um seine Familie zu rächen. Ein führt der 60-jährige King vor, wie die über-
Wettlauf gegen die Zeit beginnt ... bordende Kreativität des Malers die Vergan-
genheit buchstäblich zum Leben erweckt
und droht, den Schöpfer in den Strudel
einer mörderischen Familientragödie zu
reissen.

Das Wesentliche wird nachvollziehbar auf Bücher, Filme u.Ä. werden regelmässig in
den Punkt gebracht: W-Fragen wie beim Medien gelobt, empfohlen, kritisiert oder
Bericht. «verrissen».
• Je länger der Text, desto wichtiger sind Der Massstab ist oft subjektiv und beruht auf
genaue Textkenntnisse: zwei- oder mehr- Erfahrung; für Lesende sollten die Kriterien
maliges Lesen bekannt und die Wertungen nachvollziehbar
• Kennzeichnen derVerlag
© 2018 Schlüsselwörter; sein.BM
SKV AG: Fokus Sprache, Fokus Sprache
Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
Begriffe und Kerngedanken notieren Eine Zusammenfassung legt den objektiven
• Das Gelesene memorieren Sachverhalt dar; die subjektive Einschätzung
• Ohne Hilfe des Originaltextes die der einzelnen Elemente des Werks folgt (vgl.
Zusammenfassung schreiben Modul B, «Textanalyse und Interpretation»).
• Korrigieren der Rohfassung (gegenlesen Wer regelmässig Film- oder Buchrezensionen
lassen): Fehlendes ergänzen, Überflüssiges liest, kennt die Kritiker und weiss mit der Zeit
streichen; Reinschrift vollenden um ihre Vorlieben oder Abneigungen.

Sprache und Stil: sachlich, weder wertend Sprache und Stil: erkennbare Sprachunter-
noch ausschmückend; eigene Formulierungen schiede zwischen sachlicher Information und
wählen (Ausnahme: wichtige Zitate); keine persönlicher Wertung; handlungsstarke Ver-
direkte Rede; Zeitform: Präsens ben, treffende Adjektive; rhetorische Figuren,
«Roter Faden»: Abläufe, Ereignisse und Pro- z.B. Metaphern, Vergleiche u.a.
zesse müssen nachvollziehbar sein, Figuren Der Schluss des Buches oder des Films darf
charakterisiert. weder angedeutet noch vorweggenommen
Der Umfang ist oft vorgegeben: sieben Sätze, werden!
eine Seite, 500 Wörter; eine Stunde.
Fachbegriffe je nach Adressaten klären.

Ergänzen Sie weitere Merkmale.

48 Schreibformen
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Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
3 Die etwas anderen Schreibformen

MODUL C
Die folgenden fünf Schreibformen dienen in erster Linie der Anregung und sollen zum Schrei-
ben verführen. Wer Genaueres wissen und sich in Einzelheiten vertiefen will, sucht im Internet
oder in entsprechenden Handbüchern.

• Kreatives Schreiben
• Gedichte, Geschichten, literarische Helden, aber auch lebende Menschen können paro- Parodie
diert werden. Dabei geht es im Wesentlichen darum, typische Merkmale und Charakter-
züge herauszuarbeiten oder gar zu überzeichnen – keinesfalls aber zu verletzen.
• Eine Geschichte, eine Novelle, ein Roman wird fortgesetzt oder für die Gegenwart oder Fortsetzung
die Zukunft neu geschrieben; z. B. haben Romeo und Julia überlebt und leben im
21. Jahrhundert.
Ein Beispiel ist die Verfilmung von Shakespeares Tragödie durch Baz Luhrmann aus dem
Jahre 1997 mit Claire Dannes und Leonardo DiCaprio. Das Ganze spielt nicht im Verona
um 1600, sondern in Verona Beach, einer schmutzigen, von Gewalt geprägten latein-
amerikanischen Küstenstadt am Ende des 20. Jahrhunderts.
• Weitere Möglichkeiten sind Briefe an oder Dialoge zwischen fiktiven Figuren, z.B. Dialog
Wilhelm Tell trifft eine Bundesrätin oder den Trainer der Schweizer Fussball-National-
mannschaft.

• Charakterisieren – einen Menschen erfassen


• «Das Magazin», die Wochenendbeilage des «Tages-Anzeigers», der «Berner Zeitung» Charakteristik
und der «Basler Zeitung», veröffentlicht seit Jahrzehnten die inzwischen berühmten
Selbstdarstellungen «Ein Tag im Leben von …».
• Schreiben Sie eine Lobrede (Laudatio) auf eine Kollegin/einen Kollegen, in der Sie die
Vorzüge des Charakters und andere Eigenschaften betonen.

• Drehbuch – in Bildern denken © 2018 Verlag SKV AG: Fokus Sprache, Fokus Sprache BM
Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
• Anstatt nur zu konsumieren – produzieren Sie selbst einen Film oder einen Videoclip. Drehbuch
Eine Möglichkeit ist, das Drehbuch zweispaltig anzulegen: Regieanweisungen und Figu-
ren neben den Dialogen.
Alles steht im Präsens, die Dialoge müssen die Handlung «sichtbar machen».
• Oft wird noch ein Storyboard gezeichnet: Der Film wird in gezeichnete Bilder umgesetzt,
einschliesslich Kameraposition und Hinweisen auf die Bewegung und das Handeln der
Figuren.

• Essay – kreativ denken, verwegen schreiben


• Der Begriff Essay kommt aus dem Französischen und bedeutet «Probe, Versuch». Als Essay
anspruchsvolle und herausfordernde Schreibform erlaubt das Schreiben eines Essays
lockeres Denken, Humor, aber auch Gedankensprünge und kühne Ideen.
• Während die Erörterung (vgl. Modul E, «Argumentieren und erörtern») sprachlich und
im Aufbau eher streng ist, darf ein Essay auch ungewöhnliche Themen aufnehmen und
persönliche Denkanstösse sowie assoziative Gedanken darlegen. Hier gilt: Erlaubt ist,
was originell wirkt und gut ankommt.

• Reportage – erzählen, schildern, beschreiben


• In der Reportage fliessen alle Elemente des klassischen Schulaufsatzes und des Jour- Reportage
nalismus zusammen: Hier wird berichtet, beschrieben, geschildert, hier kommen
Betroffene zu Wort (mit Zitaten), und der Schreibende kommentiert, wertet und bezieht
Stellung – meist aber sehr indirekt und zurückhaltend. Das folgende Beispiel verdeutlicht
dies.

Schreibformen 49
© 2018 Verlag SKV AG: Fokus Sprache, Fokus Sprache BM
Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
Der Schriftsteller Günter Wallraff (1942) erregt mit seinen ungewöhnlichen Methoden der
Recherche und seinen Maskierungen immer wieder Aufsehen. Besonders spektakulär war
seine Reportage als Türke Ali, die er in «Ganz unten» 1985 veröffentlichte. 2007 meldet er
sich mit neuen Erfahrungen zurück.
• Lesen Sie den folgenden Text aufmerksam durch, kennzeichnen Sie die Schlüsselwörter,
und arbeiten Sie die sprachlichen Merkmale einer Reportage heraus.

Undercover im Callcenter
Reportage 1 Ich trage falsche Haare, Kontaktlinsen, habe meinen Schnauzbart abrasiert, und das
Marathontraining des vergangenen Jahres hat mich zusätzlich verjüngt. Ich bin 49 und
heisse von nun an Michael G. – mein Name, und damit meine Identität, ist von einem
&REUNDGELIEHENw 
5 -EINN¸CHSTES#ALLCENTERw ISTEINJUNGES AUFSTREBENDES5NTERNEHMEN DASAUCHIN
DEN)NTERNETSTELLENANZEIGENDER!RBEITSAGENTURZUFINDENISTw EINEN,EBENSLAUFw 
habe ich mir in der Nacht zuvor zusammengebastelt, nun stelle ich mich in Köln-Mül-
HEIMVOR$ER)NHABER !NFANG ÌBERFLIEGTMEINEN,EBENSLAUFMITRESPEKTVOLLEM.I
cken. Ich habe einige Auslandsaufenthalte angegeben, die sich schwer überprüfen lassen,
10 h%NTERTAINERAUF+REUZFAHRTSCHIFFENÇSTLICHES-ITTELMEERUND.ORDATLANTIK 2OUTE vUND
«drei Jahre Reiseführer in Namibia». Er selbst, sagt er, habe seine «innovativen Verkaufs-
techniken» im Köln-Turm beim Callcenter ECS Group gelernt und später weiterentwi-
CKELTh7IRSINDHIERFASTWIEEINE&AMILIEv SAGTDER#HEFUNDGEHTAUCHSCHONZUM$U
über. Ich erfahre, dass er dabei ist, sich zu vergrössern, 450 Quadratmeter Parterre sollen
15 dazugemietet werden, seine Experten entwickelten gerade weitere Verkaufsideen.

Mein Job soll es sein, Auszüge des Jugendschutzgesetzes an Kneipiers, Wirte und Im-
BISSBUDENBESITZERZUVERKAUFEN$AS0APIERMITDEMAKTUELLEN*UGENDSCHUTZGESETZWIRD
von ZIU in einen Ikea-Rahmen gesteckt, der 4.50 Euro kostet, und per Barnachnahme
FÌR%UROANDEN+¸UFERGESCHICKT$ASSMANSICHDEN4EXTIM)NTERNETKOSTENLOS
20 herunterladen kann, wissen die wenigsten Wirte.
Ich sitze mit fünfVerlag
© 2018 Kollegen
SKV AG:–Fokus
vierSprache,
Frauen und
Fokus einem
Sprache BM Mann – im Büro. Ich frage mich:
Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
7ARUMGEBENSIESICHDAFÌRHER7ERZWINGTSIEDAZUw %SSEIENOFT6ERZWEIFELTE DIE
über lange Zeit arbeitslos gewesen seien und sich an den letzten Strohhalm klammerten.
$IENUNAM4ELEFON%NERGIEUNDGUTE,AUNEVERSPRÌHENMÌSSTEN OBWOHLESIHNEN
25 dreckig gehe. Aber welche Auswirkungen hat eine solche Arbeit auf die Beschäftigten?
Einmal unterstellt, dass hier keine Betrüger am Werke sind, die lustvoll andere ausneh-
men. Schon die Einrichtung des Büros gibt eine Antwort: An der Wand hängt eine Tafel,
auf der die Verkaufsabschlüsse namentlich erfasst werden. Wer einen neuen Abschluss
zustande gebracht hat, geht nach vorn und notiert das. So entsteht automatisch Erfolgs-
30 und Konkurrenzdruck. Und alle können stolz sein auf ihre Tätigkeit, sie handeln
schliesslich im höheren Auftrag, im staatlichen Interesse zum Schutze der Jugend. Eine
sanfte, vertrauenerweckende Stimme neben mir sagt gerade sehr überzeugend: «Sie be-
KOMMENDASWIRKLICHNIRGENDWOAUSSERBEIUNS$ASWARFRÌHERSO DASS3IEDASIM
Einzelhandel und in der Metro kaufen konnten. Aber weil die Gastronomen sich nicht
35 gekümmert haben, wurden wir beauftragt, es Ihnen zu schicken.» Eine Lüge. Bei der
Metro ist das aktuelle Jugendschutzgesetz für 10.70 Euro zu haben.
 "EITÌRKISCHEN$ÇNERBUDEN "ESITZERN GRIECHISCHEN4AVERNEN )NHABERNUNDITALIENISCHEN
%ISVERK¸UFERNFUNKTIONIERTDIE-ASCHEw BESONDERSGUT6IELEDER!NGERUFENENHABEN
SPRACHLICHE$EFIZITE SINDLEICHTZUVERUNSICHERNUNDGLAUBEN ESMITEINER"EHÇRDEZU
40 tun zu haben, deren Anordnungen sie Folge leisten müssen. Besonders rigoros springt
unser türkisch-deutscher Teamleiter Murat* mit seinen Landsleuten um. Schon seine
Stimme überbietet an Lautstärke und Gewichtigkeit alle anderen. Er meldet sich: «Horst
-ÌLLERISTMEIN.AME)CHRUFEIM!UFTRAGDES$EUTSCHEN*UGENDSCHUTZESAN*ETZT
gehen Sie erst mal nachschauen, von wann Ihre Jugendschutztafel überhaupt ist!», ord-
45 NETERANUNDZWINKERTMIRDABEIZU$ANNDROHTERh(ERR4URAN JETZTHÇREN3IEMIRMAL
GUTZUÏ7IRHABENJETZT$IEISTSEIT*AHRENUNGÌLTIGÏ7ENNDAS/RD-
nungsamt kommt, zahlen Sie 300 Euro Strafe. Verstehen Sie, das sind Gesetze, Pflicht.
7IRKOMMENSONSTMITDEM/RDNUNGSAMTVORBEIv$ANNERKL¸RTERMITVERBINDLICHER
Beamtenstimme: «Es handelt sich um eine einmalige Bearbeitungsgebühr von 69 Euro.
50 In drei Tagen wird Ihnen der Briefträger das neue Jugendschutzgesetz per Nachnahme

50 Schreibformen
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 BRINGEN5NDTRAGEN3IEDAFÌR3ORGE DASSESAUCHGUTSICHTBARAUSH¸NGTv$ANACHSAGT

MODUL C
-URATZUMIRh$ERISTSCHON*AHREHIER BETREIBTEINEN$ÇNERLADENUNDSPRICHTKAUM
$EUTSCHvmh7ARUMSPRICHSTDUMITDEINEN,ANDSLEUTENKEIN4ÌRKISCHv WILLICHWISSEN
h6ORDEN$EUTSCHENHABENSIEMEHR!NGSTUND2ESPEKTv ANTWORTETERmUNDAUSSERDEM
55 h)SCHBINENEKÇLSCHE*UNGvw

 $IE%INZIGE DIESICHNICHTHINTEREINEMFALSCHEN.AMENVERSTECKT IST-ANUELA


DIE
$IENST¸LTESTE3IEISTSEITDER(OCHZEITMITIHREMARABISCHEN%HEMANNZUM)SLAMKONVER-
tiert und trägt Kopftuch. Sie zieht alle Register: «Wie ist denn Ihr Name?! Wenn Sie mir
jetzt nicht sofort die Telefonnummer Ihrer Tochter geben, werden Sie es mit dem Ord-
60 nungsamt zu tun bekommen. Sie stellen sich mir gegenüber quer. Ihren Namen will ich
WISSENÏw$ARUMKRIEGEN3IEAUCHALLESSCHRIFTLICH WEILWIRKEINE"ETRÌGERSINDw7EIL
anscheinend nur Ihre Tochter fähig ist, mir korrekt zu antworten. … Ist das denn so
schwer, Ihren Namen zu sagen? Haben Sie denn irgendetwas zu verbergen? … Weil wir
UNSNICHTIRGENDWOINDER$RITTEN7ELTBEFINDEN SONDERNIN$EUTSCHLAND!UCH3IE
65 MÌSSENLERNEN WIEMANSICHIN$EUTSCHLANDVERH¸LT(ABEN3IEWASZUM3CHREIBENIN
DER(AND+ÇNNEN3IEÌBERHAUPTSCHREIBENÏw3IND3IESCHWARZIN$EUTSCHLANDw7O
HATMAN3IEBETROGEN(ABEN3IEJEMALSGEHÇRT DASSDER$EUTSCHE*UGENDSCHUTZEINEN
betrügt! … Ja, dann gucken Sie lieber nicht so viel Fernsehen, das kann schädlich sein.
 !LSO ICHMÇCHTEMIT)HNENNICHTWEITERDISKUTIEREN$ANNHABEN3IEEBEN0ECHGEHABT
70 Ich schicke Ihnen das Ordnungsamt!»

 w -EIN3ELBSTVERSUCHFÌHRTNUNZUEINERMIRSELBSTUNHEIMLICHEN0ERSÇNLICHKEITSVER-
änderung: Um dazuzugehören, muss ich vom Mitspieler zum Mittäter werden. Nach dem
ersten Erfolg gratulieren mir der Chef und der Teamleiter, die anderen applaudieren. Ich
bin aufgenommen in die Betrugsfamilie. Nach der Arbeit rufe ich bei der Stadt Köln an.
75 Ich erhalte die Auskunft, dass ein Wirt, der sich trotz mehrfacher Aufforderung weigert,
einen aktuellen Auszug des Jugendschutzgesetzes auszuhängen, mit 25 Euro Ordnungs-
geld rechnen muss.
Am nächsten Tag versuche ich während der Pause, unser kriminelles Treiben im Kolle-
GENKREISZUR3PRACHEZUBRINGENh$ÌRFENWIRWIRKLICHSAGENiIM!UFTRAGDES$EUTSCHEN
80 Jugendschutzes›? Wir beauftragen © uns
2018doch
Verlagselbst.
SKV AG: Ist daSprache,
Fokus nochFokusnie Sprache
was passiert,
BM eine
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Anzeige oder so? Und der Trick, dass die Tafel nirgendwo zu haben sei?» Zuerst betrete-
NES3CHWEIGEN DANNANTWORTET#LARISSAFASTBESCHWÇRENDh$AWIRDAUCHNIXPASSIERENv
5NDALLEBEHAUPTENUNDGLAUBENESAM%NDESELBST$ER#HEFHATESSOGESAGTUNDDAMIT
 ALLEINZUVERANTWORTEN ESGEHTALLESMITRECHTEN$INGENZUÏ6ONIHRER5NSCHULDAM
85 ST¸RKSTENÌBERZEUGTIST-ANUELAh$IE%RSTE DIEHIERNICHTMEHRARBEITENWÌRDE WENN
ich was mit meinem Gewissen und Glauben nicht vereinbaren könnte, das wäre ich.»
 .ACHDER0AUSEKOMMTDER4EAMLEITERh.EUE/RDERVOM#HEF$IE*UGENDSCHUTZTAFEL
läuft fantastisch. Wer 69 Euro dafür ausgeben kann, der zahlt auch 89. Und jetzt statt
mit Holz- mit Aluklapprahmen.»
90 $AZIEHEICHESVOR MEIN'ASTSPIELZUBEENDENh)CHMUSSDRINGENDZUM:AHNARZTv SAGE
ich. – «Bleib nicht zu lange weg, und bring eine ärztliche Bescheinigung mit», ermahnt
mich der Chef, «du hast wirklich Talent als Callagent.»
* Name von der Redaktion geändert
Der Inhaber von ZIU-International erklärt, sein Anwalt habe ihm mitgeteilt, er handle absolut gesetzeskonform.
DIE ZEIT, Nr. 22, 24. Mai 2007

Aufgabe
Lösen Sie die Aufgaben schriftlich in Ihrem Arbeitsheft.
• Was geschieht? Schreiben Sie eine kurze Inhaltsangabe.
• Was rechtfertigt das Arbeiten Wallraffs «undercover»?
• Wie erklären Sie, dass die Mitarbeitenden den Betrug mitmachen?
• Welche weiteren Fragen und Probleme wirft diese Reportage auf?
• Informieren Sie sich in einer ausführlichen Literaturgeschichte und im Internet über die
Textsorte «Reportage», über den Autor Egon Erwin Kisch sowie über den Egon-Erwin-
Kisch-Preis.

Schreibformen 51
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4 Schreiben heisst kommunizieren

Wer schreibt, will verstanden werden – und meist auch ein Ziel erreichen. Schreiben ist ein
kommunikativer Prozess (vgl. Modul A, «Kommunikation»). Zu verstehen und zu bewerten ist
nur, was auf dem Papier oder dem Monitor zu lesen ist – und nicht, was sich jemand dabei
noch so alles gedacht hat. Stellen Sie sich vor dem Schreiben folgende Fragen, und prüfen Sie
am Ende, ob der Text diese Fragen beantwortet.
• Sachinformation: Was will ich mitteilen, darstellen, aussagen? Bin ich mir klar, worüber
ich schreiben will – oder muss? Welche Informationen brauche ich für meinen Text?
• Beziehung: Wie gewinne ich die Lesenden, die Empfänger? Führe ich sie durch den Text,
durch meine Geschichte, durch meinen Kommentar? Mit welchen Worten kann ich den
Lesenden «meine Botschaft» näherbringen? Schaffe ich es, dass z. B. ein Erlebnis zu Tränen
rührt oder mein Kommentar die meisten überzeugt?
• Appell: Was soll das Publikum erleben, fühlen, denken, meinen? Wen will ich ansprechen?
• Selbstkundgabe: Wie stelle ich mich dar? Was wird von mir, von meinem Text erwartet?
• Sprache und Stil: Treffe ich die Sprache meiner Lesenden? Werde ich verstanden?
Wie nutze ich die sprachlichen Mittel?

Aufgabe
Wählen Sie ein Thema und eine Schreibform, stellen Sie sich die Fragen, und notieren Sie Ihre
Antworten in Ihrem Arbeitsheft. Anschliessend verfassen Sie den Text und lassen ihn von ande-
ren lesen, die die gleichen Fragen beantworten. Vergleichen Sie die Lösungen: Worin stimmen
sie überein? Was ist unterschiedlich?
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4.1 Schreibhilfen
Damit Ihr Text gelingt, können – je nach Zeitaufwand – folgende Hilfsmittel genutzt werden:
• Ein anerkanntes Rechtschreibwörterbuch, die neuste Ausgabe, gehört einfach zum
Handwerk des Schreibens. Vorzuziehen sind umfassendere Wörterbücher, z. B. das Duden
Universalwörterbuch. Darin finden sich weiterführende Informationen über die Herkunft,
den Wortgebrauch sowie Redewendungen und Stilschicht. Der Wortschatz ist grösser, und
Fremdwörter sind genauer erklärt.
• Duden, Band 9: Richtiges und gutes Deutsch. Dieser Band enthält Antworten auf zahl-
reiche Zweifelsfälle und Sprachprobleme, z. B.: Sie hat sich für diesen (nicht: zu diesem)
Schritt entschieden (aber: zu diesem Schritt entschlossen).
• Synonymwörterbücher helfen, den Wortschatz zu erweitern, verwandte Wörter zu ent-
decken und einen genaueren Ausdruck zu finden; die richtige Wahl nehmen sie nicht ab.
• Ein Stilwörterbuch zeigt die inhaltlich sinnvollen und grammatisch richtigen Verknüpfun-
gen der Wörter sowie feste Verbindungen, Redensarten und Sprichwörter. Ebenfalls findet
sich darin die Beschreibung verschiedener Stilschichten, vgl. folgende Seite.
• Eine besondere Art sind «umgekehrte» Fremdwörterbücher, die vom deutschen Wort
zum Fremdwort führen. Sie dienen nicht zum Angeben oder Bluffen, sondern sind hilfreich
bei der Suche nach bedeutungsähnlichen Fremdwörtern, wenn beispielsweise eine andere
Ausdrucksform gesucht wird oder ein fremdsprachiger Fachausdruck gefunden werden
muss. So steht darin z. B. für «eingebildet» affektiert, arrogant, blasiert, elitär und snobis-
tisch, aber auch fiktiv; und für «Einspruch» stehen die Begriffe Demarche, Protest, Rekurs,
Remonstration und Veto. Die richtige Verwendung der Wörter wird einem aber nicht
abgenommen.

52 Schreibformen
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Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
MODUL C
4.2 Stilschichten
Stilwörterbücher und auch umfangreichere Lexika verweisen auf verschiedene Stilschichten.
Ihre Unterscheidung dient dazu, unsere Ausdrucksweise in Schrift und Rede auf ihre mögliche
Wirkung zu überprüfen. Alle diese Kennzeichnungen sollen zu einem korrekten, stilistisch
einwandfreien Sprachgebrauch hinführen.

Ergänzen Sie eigene Beispiele.

Gehobener Stil Formeller Stil Standard- oder Umgangssprach- Derber, vulgärer


(Papier-, Bürokraten- Hochsprache licher, salopper Stil Stil
oder Technokraten-
deutsch)

gewählte, nicht all- umständliche, anschauliche, ungezwungene, ungepflegte und


tägliche Ausdrucks- schwerfällige Aus- treffende Ausdrucks- anschauliche und grobe Ausdrucks-
weise, die in der ge- drucksweise, zwar weise, die je nach gefühlsbetonte Aus- weise; kann sehr
sprochenen Sprache korrekt, aber weder Absicht und Situation drucksweise, zum Teil verletzend und diskri-
feierlich oder ge- lebendig noch an- bewusst differenziert: äusserst nachlässig, minierend wirken
spreizt wirkt; auch schaulich sachlich, emotional, ungenau, schlampig
verschleiernde, be- ironisierend, Anteil
schönigende oder nehmend u.a.
indirekte Ausdrücke
zählen dazu

eine grosse Bürde unter Bezugnahme %HE &RAUm +NÌLLEREIN krepieren (für:
TRAGENHEIMGEHEN auf, in Verlust %HE -ANN Schläfchen machen, STERBEN KOTZEN 
FÌRSTERBEN INAN- geraten, in Angriff verlieren, beginnen, WIEEIN3PATZESSEN eine Meise haben,
deren Umständen nehmen, in ANFANGEN &RAUm-ANN DIE3CHNAUZEHALTEN
SEIN'EMAHLINm %RW¸GUNGZIEHEN DIE$USCHE «Braut», Tussi der Alte – die Alte
'EMAHL'attin – %HEPARTNERIN© 2018 VerlageinSKVSchnitzel mit Fokus Sprache BM
AG: Fokus Sprache,
Gatte DIE.ASSZELLEPersönliches Exemplar
Pommes von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
frites
ein Schnitzel mit
Sättigungsbeilage

Gerade in der Schweiz kann die Mundart sehr gepflegt, aber auch
sehr ordinär gesprochen werden; auch innerhalb der Mundart lassen
sich Stilschichten unterscheiden.

Die Mischung aus Mundart, Englisch und


anderen Sprachelementen wird als Slang be-
zeichnet und liegt in diesen beiden Bereichen:
«Das war echt geil performt! Fucking Welt-
klasse!» – «Mega schön gesungen – und voll
krass drauf.»

Schreibformen 53
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Modultest

1. Beantworten Sie die folgenden Wissensfragen in Ihrem Arbeitsheft.


• Führen Sie drei wesentliche Merkmale einer Zusammenfassung an.
• Was unterscheidet eine Beschreibung von einer Schilderung?
• Sowohl ein Kommentar als auch ein Leserbrief sind persönliche Schreibformen. Was
unterscheidet sie dennoch sehr deutlich?
• Und noch zwei verwechselbare Fremdwörter: Was heisst Rezension, was Rezession?
• Welche Hilfsmittel stehen Schreibenden zur Verfügung?

2. Lassen Sie sich vom folgenden Text zu einer Zusammenfassung oder zu einem
Kommentar oder zu einem Leserbrief anregen.

katHarina FEHr
Der Hamburger, der die Welt erklärt
Der Big-Mac-Index wird 20 Jahre alt. Nicht immer sehr präzis, aber robust und unterhalt-
sam gibt er Hinweise auf die Bewertung von Währungen.

Kennzeichnen Sie die 1 Seit 20 Jahren versucht die britische Wirtschaftszeitung «The Economist», mit Hilfe des
Schlüsselwörter. "IG-ACVON-C$ONALDSDEM0UBLIKUMDIEKNOCHENTROCKENE7ECHSELKURS 4HEORIE
DER+AUFKRAFTPARIT¸TN¸HERZUBRINGEN$ERJ¸HRLICHPUBLIZIERTE"IG -AC )NDEXMAGEINE
beschränkte Aussagekraft haben, umso grösser ist der Unterhaltungswert der Liste mit
5 DEN0REISENDES$OPPEL (AMBURGERSIN,¸NDERN

Setzen Sie aussage- A ––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––


kräftige Zwischentitel.
 $IE3CHWEIZER¸RGERNSICHREGELM¸SSIGDARÌBER DASSDER"IG-ACHIERZULANDEIN$OLLAR
UMGERECHNET AMTEUERSTENIST$IESES*AHRZAHLENDIE3CHWEIZER0ROZENTMEHRFÌR
ihn als die ©Amerikaner.
2018 Verlag SKVManch
AG: Fokuseiner
Sprache,magFokusda dasBM
Sprache Hochpreisland Schweiz verteufeln.
³BERDIE7ECHSELKURSEDENKTINDESKAUMJEMANDNACH$ABEIGEHTESBEIM"IG -AC
Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden

10 Index genau darum. In der Schweiz kostet ein Big Mac 6.30 Franken. In den USA ver-
LANGT-C$ONALDS$OLLAR$AMITDER(AMBURGERINBEIDEN,¸NDERNGLEICHVIELKOS
TENWÌRDE MÌSSTEDER$OLLAR 7ECHSELKURSBEI&RANKENLIEGENUNDNICHTWIEINDER
2EALIT¸TBEI&RANKEN$ER&RANKENmSODIE!USSAGEmISTFOLGLICH0ROZENTÌBER-
bewertet.
B ––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––

15 $AHINTERSTEHTDIE4HEORIEDER+AUFKRAFTPARIT¸T3IEGEHTDAVONAUS DASSIDENTISCHE


Güter überall auf der Welt das Gleiche kosten sollten. Tun sie dies nicht, werden sie von
den billigeren Ländern in die teureren exportiert, bis sich die Preise beziehungsweise die
Wechselkurse angleichen.
Eigentlich ist der Big Mac für diese Theorie denkbar ungeeignet. Zwar gibt es ihn in
20 über 120 Ländern, er ist überall gleich gross, besteht aus den gleichen acht Zutaten, und
MIT+ALORIENMACHTERÌBERALLGLEICHDICK$ASSPRICHTFÌRDEN"IG-AC'EGENIHN
spricht, dass er nicht gehandelt werden kann. Er wird nicht zentral hergestellt, sondern
BESTEHTAUSLOKALEN.AHRUNGSMITTELN$ERHIESIGE"IG-ACSTAMMTZUMEHRALSZWEI
$RITTELNAUSDER3CHWEIZ$URCH(ANDELKÇNNENSICHDIE0REISEALSONICHTANGLEICHEN

54 Schreibformen
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C ––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––

MODUL C
Arbeitnehmende in Zürich müssen durchschnittlich nur 11 Minuten arbeiten,
25 Über die Jahre wurde der Big-Mac-Index kopiert. um sich einen Big Mac leisten zu können, in Nairobi hingegen fast 3 Stun-
Aber ob Starbucks-Index, iPod-Index oder Ikea- den.
Bücherregal-Billy-Index – sie alle wurden nur ein Notwendige Arbeitszeit für den Kauf von …
Städte (UBS, Preise und Löhne, 2015)
einziges Mal erstellt. Obwohl etwa der iPod für die
(Auswahl) 1 Big Mac 1 kg Brot 1 kg Reis
Theorie der Wechselkursparität geeigneter wäre als in Minuten in Minuten in Minuten
30 ein Hamburger. Für die Schweizer spielt es kaum eine Athen 26 20 34
Rolle, welches Produkt herhalten muss, das Fazit ist Bangkok 37 47 17
STETSGLEICH$ER&RANKENISTÌBERBEWERTET 3CHWEIZER Beijing 42 40 36
zahlen mehr als der Rest der Welt. Einen gewissen Bogotá 35 18 18
Trost kann das Hochpreisland in den Berechnungen Bukarest 44 11 28
35 der UBS finden. Sie hat den Big-Mac-Index weiter- Delhi 50 23 73
entwickelt und – zum zweiten Mal – errechnet, Dubai 17 9 13
wie lange Menschen arbeiten müssen, um sich den Frankfurt 13 10 14
Hamburger leisten zu können. Trotz grosser Kauf- Istanbul 34 22 23
kraft in der Schweiz muss man doch noch 13 Minu- Jakarta 67 70 58

40 ten für einen Big Mac arbeiten. Ein Kilogramm Brot Kiew 55 26 44

gibt es schon nach 6 Minuten Arbeit. In Tokio Lima 38 45 15


London 12 6 16
REICHEN-INUTEN!RBEITFÌRDEN(AMBURGER$EN
Los Angeles 11 10 5
grössten Aufwand für den Big Mac müssen Arbeiter
Mailand 18 16 14
in Nairobi betreiben: 84 Minuten Arbeit sind nötig,
Manila 87 83 34
45 um ihn zu kaufen. Für ein Kilogramm Brot
Mexiko-Stadt 78 46 22
reichen 44 Minuten. Mumbai 40 27 49
Nairobi 173 44 62
Rio de Janeiro 32 18 9
Tokio 10 14 10
Zürich 11 5 5

D ––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––
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 $ER"IG -AC )NDEXHATWEITERE-¸NGEL%RRECHNETWEDER3TEUERN -IETENNOCHLOKALE
Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
Lohnkosten aus. Solche nicht handelbaren Faktoren sind in Schwellenländern günstiger,
WESHALBDIESE7¸HRUNGENVONVORNHEREINUNTERBEWERTETERSCHEINEN$ENNOCH4ROTZ
50 seiner Unvollkommenheit ist der Big-Mac-Index für die meisten Wechselkurse ein guter
Indikator. 1999, als der Euro eingeführt wurde, hatte der Big-Mac-Index seine Stern-
 STUNDE$IEMEISTEN"EOBACHTERHIELTENDEN%UROFÌRUNTERBEWERTET.ICHTSODER"IG
Mac-Index: Zwischen 1999 und 2000 hat der Euro dann tatsächlich an Wert verloren.
 $ERZEITDEUTETDER)NDEXWIEDERAUFEINE³BERBEWERTUNGDEREUROP¸ISCHEN7¸HRUNGHIN
NZZ am Sonntag, 4. Juni 2006

Schreibformen 55
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3. Vier Themen zur Wahl: Präzisieren Sie eines der folgenden Themen, wählen Sie eine
Schreibform – und schreiben Sie. Halten Sie möglichst genau die formalen Vorgaben der
jeweiligen Schreibform ein.
• Zehn Minuten
Was kann in zehn Minuten passieren? Man kann sich verlieben, sterben oder im Fuss-
ball-WM-Finale zwei Tore schiessen. Man kann die Wahrheit über etwas erfahren, ein
Vorstellungsgespräch meistern oder eine Prüfung in den Sand setzen – und noch viel
mehr ...
• Begegnungen
Wer trifft wen? Ist es eine harmonische, misslungene oder schockierende Begegnung?
Welche Konsequenzen hat die Begegnung für den Beruf, die Zukunft?
• Zu Hause
Was kann man in den eigenen vier Wänden erleben?
• Tanzen
Auf der Nase herumtanzen. Tanz auf dem Vulkan. Tanz um das Goldene Kalb. Tanzkurs-
erfahrung. Nach anderer Leute Pfeife tanzen.

4. Schreibtraining: Schreiben Sie eine Meldung, und geben oder mailen Sie diese an
Mitlernende weiter; der nächste erweitert die Meldung zu einer längeren Nachricht,
die nächste formuliert einen Bericht daraus; dem folgt ein Kommentar usw.
Überprüfen Sie am Ende die Schreibformen anhand der Kriterien: Was ist gelungen?
Was muss verbessert werden?
Charakteristik: Führen Sie ein Interview mit einem Menschen, der Sie interessiert (vgl.
«Methodenkoffer» unter www.fokus-sprache.ch). Verarbeiten Sie die Antworten und Ihre
Eindrücke zu einer Charakteristik. Legen Sie Ihren Text den Mitlernenden und der interview-
ten Person zur Begutachtung vor: Erkennt sie sich darin wieder?

5. Schreiben Sie einen Bericht für Ihre Schulzeitung, Ihr Firmenmagazin oder eine entspre-
chende Internetseite.
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Besonders anspruchsvoll ist es, nicht nur über den Anlass zu berichten, sondern Gleich-
altrige für ähnliche Ereignisse zu begeistern. Als Themen eignen sich Ausstellungen, Firmen-
oder Sportanlässe, Konzerte, Sprachaufenthalte und Schulreisen.

6. Wagen Sie sich an eine kreative Schreibform heran, z. B. an einen Essay oder eine Repor-
tage. Wählen Sie ein Thema, für das Sie sich engagieren, und gestalten Sie einen spannen-
den Text.

7. Die Herausforderung zum Schluss: Betreten Sie Neuland, und schreiben Sie einen Ver-
gleichstest, z.B. prüfen Sie Jeans, Lippenstifte, Download-Portale, Jugendmagazine oder
gar Handys auf ihre Tauglichkeit. Oder wählen Sie ein anderes Produkt.
Sie gehen ähnlich vor wie bei einer Besprechung. Zuerst beschreiben Sie die Produkte,
anschliessend die Kriterien, die Sie untersuchen, sowie Ihr Vorgehen. Schliesslich stellen Sie
die Testergebnisse dar. Am Ende können Sie die Produkte mit Schulnoten, Sternen oder
Ähnlichem bewerten. Als Muster dienen Ihnen Konsumentenmagazine und entsprechende
TV-Sendungen.

56 Schreibformen
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MODUL D
Medien und Rhetorik
Lernziele

• Ich kann Medien – auch soziale Medien – nach


meinen Bedürfnissen und Ansprüchen nutzen
und bin mir auch der Grenzen und Gefahren
bewusst.

• Ich kenne die Möglichkeiten des Umgangs mit


Bildern und verwende visuelle Materialien sach-
und adressatengerecht.

• Wenn ich präsentiere oder referiere, bin ich gut


vorbereitet, und ich verstehe es, verbale und
nonverbale Mittel gekonnt einzusetzen sowie
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Medien
Persönliches Exemplar adäquat
von Petra Trostel, zu nutzen, damit meine Bot-
8570 Weinfelden

schaft überzeugend ankommt.

• Ich wirke in Diskussionen konstruktiv mit (z.B.


ein Statement oder ein Votum abgeben), leite
Gruppendiskussionen (z.B. im Unterricht), gebe
unterstützendes Feedback – und verstehe es,
auf Feedback an mich angemessen zu reagieren.

57
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1 Impuls

Medien leben von Sprache – verbal und nonverbal. Wer öffentlich, im Beruf und privat
Wirkung erzielen will, setzt verschiedene Mittel ein, z.B. rhetorische und visuelle Mittel.
Damit kann die «Botschaft» besser an die Adressaten gelangen. Die folgenden Beispiele
verdeutlichen dies, und zwar vom flapsigen Werbespruch bis zum einfühlsamen Gedicht.

• Beschreiben Sie, was an diesen Beispielen auffällt und welche Wirkung sie erzielen?

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Sehr ge n Erfolg
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Liebe M e r es g eben, als erg ist erklom ein
hö n rB ist
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Was ka Das Ziel ist err h in die Zukun Kollegen –
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n? sichtlic en und
e h e n w ir zuver liebe Kolleginn n –, beigetragen
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Erfolg, z nden bis zur M
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Exemplar von Petra Trostel,
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Herbsttag
(ERRESIST:EIT$ER3OMMERWARSEHRGROSS
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i n Ja h r zehnt m antischen Vide ÜHL UND PATRICK B "EFIEHLDENLETZTEN&RÌCHTENVOLLZUSEIN
E gig , EIKE K gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
tag der LICKLE
Geburts hört. VON PAUL B dränge sie zur Vollendung hin und jage
ge
Google die letzte Süsse in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.


Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

58 Medien und Rhetorik


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2 Medienvergleich

MODUL D
Vergleichen Sie mit dem folgenden Raster, wie ein aktuelles Ereignis in unterschiedlichen
Medien dargestellt wird. Je nach Arbeits- und Zeitaufwand lassen sich die einzelnen Kriterien
erweitern. So können eine Boulevard- oder Gratiszeitung und eine Qualitätszeitung – gedruckt
oder auch als App – oder verschiedene TV-Sender miteinander verglichen werden.

Kriterium Medium 1 Medium 2


• Titel des Ereignisses

• Spontaner Eindruck

• Umfang der Darstellung


(Seiten/Zeit; Anzahl Wörter)
• Menge und Qualität der harten
Fakten («Hardnews»)

• Menge und Qualität der weichen


Informationen («Softnews»)
• Verständlichkeit
– Wortschatz (Fremdwörter,
Fachbegriffe)
– Satzbau

• Visuelle Elemente
– Bilder (Bildlegende)
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– Diagramme Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden

• Hintergrundinformationen

• Herstellen von Zusammenhängen


• Wahrheitsgehalt
(Überprüfbarkeit) und Intention
der Darstellung

• Zusätze, Besonderheiten
• Abschliessende Wertung,
z. B. mit Schulnoten

Diskutieren und beantworten Sie aufgrund Ihres Vergleichs folgende Fragen:

• Was vermögen (Massen-)Medien zu leisten?


• Wo liegen die Stärken, wo die Schwächen der Massenmedien?

Medien und Rhetorik 59


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3 Soziale Medien: JAMES-Studie

Das Smartphone hat sich 2014 endgültig bei den Schweizer Jugendlichen etabliert:
97 Prozent besitzen ein eigenes Smartphone; 2010 war es knapp die Hälfte gewesen.
Dies zeigt die JAMES-Studie 2014, die seit 2010 bereits zum dritten Mal durchgeführt wurde
und damit erstmals Trends aufzeigen kann. Alle zwei Jahre befragt die ZHAW Zürcher Hoch-
schule für Angewandte Wissenschaften über 1000 Jugendliche im Alter von 12 bis 19 Jahren
in den drei grossen Sprachregionen der Schweiz zu ihrem Medienverhalten. Mit den Smart-
phones hat sich auch die Handynutzung seit 2010 stark verändert. Das häufige Telefonieren
ging von 80 auf 71 Prozent zurück.

• Was können Sie aus folgendem Diagramm über die «Handyfunktionen nach Geschlecht»
aus dem Jahre 2014 ablesen? Formulieren Sie drei bis fünf Sätze.

95
WhatsApp/Line/Threema Einzelchat 92
94
als Uhr verwenden 89
90
WhatsApp/Line/Threema Gruppenchat 90
90
Musik hören 84
87
im Internet surfen 88
79
Soziale Netzwerke nutzen 73
71
telefonieren 72
63
Videos im Internet schauen 76
76
als Wecker verwenden 62
70
SMS nutzen 66
75
Fotos/Filme machen 60
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66
Persönlichesverschicken
Fotos/Filme Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
58
62
E-Mail nutzen 59
59
Snapchat nutzen 49
37
Handyspiele spielen 71
42
Agenda nutzen 41
26
als Navi nutzen 31
Geschlecht
24
Servicemeldungen empfangen 30
Mädchen
23
Jungen
TV schauen 26
12
MP3 verschicken 20
13
Radio hören 13
0 25 50 75 100
Prozentangaben: täglich/mehrmals pro Woche
Quelle: ZHAW 2014

Drei von vier Schweizer Jugendlichen tauschen sich im Internet regelmässig über soziale
Netzwerke aus. 89 Prozent sind bei mindestens einem sozialen Netzwerk angemeldet. Auch
2014 ist Facebook am beliebtesten, jedoch dicht gefolgt von Instagram. Google+ und Twitter
haben in den letzten Jahren ebenso an Nutzerzahlen gewonnen. Interessant ist, dass bei den
jüngsten Befragten das auf Fotos und Videos spezialisierte Netzwerk Instagram höher im Kurs
steht als Facebook.

• Worin liegt die Faszination sozialer Medien?


• Was leisten und welchen Nutzen bringen soziale Medien?

60 Medien und Rhetorik


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• Welche Ergebnisse lassen sich im folgenden Diagramm (Tätigkeiten in sozialen Netzwerken

MODUL D
nach Geschlecht) erkennen?
• Beschreiben Sie Ihre Nutzung sozialer Medien und vergleichen Sie sich mit anderen.
88
Fotos anschauen 79
80
Profile von Freunden anschauen 65
74
Liken/«gefällt mir»-Button nutzen 64
67
chatten 71
66
Nachrichten versenden 63
32
Posts von Kontakten kommentieren 31
31
nach Freunden suchen 32
22
Videos posten/teilen 38
32
anderen an die Pinnwand schreiben 27 Geschlecht
Statusmeldungen posten 31 Mädchen
26 Jungen
18
Links posten 28
12
Musik teilen 24
15
Events organisieren 20
9
Games spielen 23
16
Kontakte vernetzen 14
10
Freundeslisten führen 15
0 25 50 75 100
Prozentangaben: täglich/mehrmals pro Woche
Quelle: ZHAW 2014
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Die JAMES-Studie kommt zum Schluss: «Die Bandbreite der Mediennutzung und Lieblings-
aktivitäten zeigt, wie versiert Schweizer Jugendliche mit der sich rasend schnell wandelnden
Medienwelt umgehen. Viele erwachsene Bezugspersonen fühlen sich im Vergleich mit den
Jugendlichen im Rückstand. Wichtig ist jedoch, dass Medienkompetenz nicht nur die Nutzung
und das technische Know-how beinhaltet, sondern eben auch die Fähigkeit zu reflektieren und
Konsequenzen abzuschätzen. Tauschen sich Jugendliche und Erwachsene diesbezüglich aus,
können sie viel voneinander lernen.» (Quelle: ZHAW 2014)

• Was können Jugendliche und Erwachsene konkret voneinander lernen?

Die dunklen Seiten der sozialen Medien

Nicht alles, was im Internet und auf Social Media abläuft, ist «sozial». In den Bereichen Games,
Gambling, E-Communications sowie Sexualität und Gewalt drohen zahlreiche Gefahren.
Aber auch rechtliche Probleme und zahlreiche Formen von Betrug verunsichern jugendliche
Nutzerinnen und Nutzer.

• Welche Erfahrungen haben Sie oder Bekannte bereits gemacht?


• Wie schützen Sie sich vor Gefahren?
• Wo können Informationen und Hilfe geholt werden?

Medien und Rhetorik 61


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4 «Ich glaube nur, was ich sehe»

Bilder sind allgegenwärtig und überall konsumierbar geworden. Die Bilderflut birgt die Gefahr,
die Intention «hinter» den Bildern zu ignorieren.
Bildkombinationen oder bestimmte -ausschnitte, Fotomontagen, Farbmanipulationen sowie
gestellte oder bestellte Szenen, das Spiel mit Licht und Schatten und viele andere Möglich-
keiten lassen eigene visuelle Welten entstehen, die von einem «Abbild der Realität» weit ent-
fernt sind, z. B. Superzeitlupe, Zeitraffer, Mikrofotografie.

4.1 Informieren
Bilder können informieren, unterschiedliche Perspektiven vermitteln und Abstraktes veran-
schaulichen. Sie sind immer ein Ausschnitt und meistens «subjektiv», also abhängig von der
Sichtweise der Person hinter der Kamera.

• In welchen Zusammenhängen dienen Bilder der Information?


• Wo ist Werbung zwischen Information und Manipulation anzusiedeln?

4.2 Manipulieren
Bilder sind immer schon genutzt worden, um Menschen zu beeinflussen oder zu manipulieren.
Kaiser und Könige liessen sich schöner, prächtiger und mächtiger darstellen, als sie in Wirklich-
keit waren. Heute helfen Photoshop und andere Programme nach. Kaum ein Bild, das in den
Massenmedien verbreitet wird, ist «unbehandelt».
Einfach, aber wirkungsvoll: Der Text verändert die Bildaussage.
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Agentur AFP: Ein islamischer Geistlicher versucht die Menge zu Zeitschrift «Stern»: Ein Geistlicher heizt die Stimmung aufgebrachter
beschwichtigen. Gläubiger in der libanesischen Hauptstadt an.

Auch scheinbar harmlose Manipulationen verfolgen eine Absicht: Was könnten die Gründe
sein?

• Wer hat ein Interesse an Bildmanipulationen – und warum?

62 Medien und Rhetorik


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MODUL D
4.3 Erinnern und verklären
Jede Generation erinnert sich an ganz besondere Ereignisse, die verklärt, überhöht und mit
vielen Emotionen und Erinnerungen verbunden werden. Die Bilder rufen meist sofort wieder
das Erlebte in die Gegenwart zurück.

Fans an der Fussball-WM 2014 in Brasilien.

• Welche inneren Bilder können Sie abrufen? Dragqueen Conchita Wurst gewinnt
• Warum sind gerade diese Ereignisse so gut gespeichert? 2014 den Eurovision Song Contest.

4.4 Emotionalisieren
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Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden

Der Ehemann verstümmelte der 18-jährigen Aisha Der Müll in den Weltmeeren führt zum Tod der Tiere, die das unverdauliche Plastik
2010 das Gesicht. Das Bild ging um die Welt. Einem fressen.
plastischen Chirurgen gelang in den USA die Rekon-
struktion einer neuen Nase.

• Wie lassen sich emotionale Bilder positiv nutzen – oder missbrauchen?

Die Macht der Bilder

• Bilder wirken unmittelbar emotional; während ein Text nochmals gelesen und «entziffert»
werden muss, wirkt das Bild beständig weiter.
• Bilder übertragen Gefühle des Miterlebens schneller als jeder Text.
• Bilder bleiben in der Erinnerung haften und prägen die Vorstellung, die sich von der Wahr-
heit mitunter weit entfernen kann.
• Bilder können sinnstiftend und gemeinschaftsfördernd wirken – aber auch einengend
(«ein fixes Bild») und anderen gegenüber Vorurteile festigen.

Medien und Rhetorik 63


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5 Schreiben für Medien: Medienmitteilung (Mediencommuniqué)

Wer seine Anliegen über die klassischen Medien in die Öffentlichkeit bringen will, publiziert
eine Medienmitteilung. Für Medientexte gilt – im Gegensatz zu Schulaufsätzen – eine Grund-
regel: Das Wichtigste muss an den Anfang. Was in Aufsätzen eher verpönt ist, nämlich mit der
Tür ins Haus zu fallen, ist für Medientexte zwingend.

Medienmitteilung° April 2016

17 Prozent mehr FH-Studierende gehen «fremd»


Trotz Kündigung des ERASMUS-Vertrags 17 Prozent mehr Auslandsaufenthalte
168 Studierende der SwissBrain Fachhochschule absolvieren das Herbstsemester
2016/17 an einer der 130 Partneruniversitäten weltweit. Trotz Kündigung des ERAS-
MUS-Vertrags nach der Abstimmung vom 9. Februar 2014 ist dies eine erfreuliche
Zunahme um 17 Prozent.
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3PANIEN &INNLANDUND&RANKREICH$ARAUFFOLGEN#HINA 3CHWEDENUND3ÌDKOREA
Steigender Beliebtheit erfreuen sich die Niederlande, Grossbritannien und Mexiko. Prof.
Roland Berner, Head of Global Relations, meint zu diesem positiven Trend: «Wir haben in
langen Gesprächen mit den europäischen Partnern bilaterale Verträge ausgehandelt, um
unseren Studierenden möglichst viele Optionen zu bieten. Jetzt können wir 80 Prozent der
Studierenden den Platz an ihrer Wunsch-Hochschule anbieten.»

Einschränkungen in den USA und in Kanada


Infolge des starken Überhangs von Schweizer Studierenden, die in den USA oder in
Kanada ein Austauschsemester verbringen wollen, wurden die Möglichkeiten in diesen
beiden Ländern eingeschränkt. Ausgezeichnete Leistungen sind darum die Voraussetzung,
um einen der wenigen heiss begehrten gebührenfreien Studienplätze zu erhalten.
Auch die Anzahl der
© 2018 Studierenden
Verlag von Partneruniversitäten,
SKV AG: Fokus Sprache, Fokus Sprache BM die ein Semester in einem
Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
englischsprachigen Studiengang der SwissBrain FH absolvieren möchten, hat deutlich zu-
gelegt.
Kontakt: Lara Nett, Kommunikation SwissBrain FH, laranett@sbfh.ch, T +41 88 723 21 22
)NTERVIEWMIT0ROF"ERNER &OTOSSOWIESTATISTISCHE$ATENAUFWWW3WISS"RAINCOM

Aufbau einer Medienmitteilung – die umgekehrte Pyramide (Inverted Pyramid)

• Aussagekräftiger Titel mit viel Information – eine echte «Schlag»-Zeile


• Informativer Untertitel («Sublines»)
• Lead beantwortet einfache W-Fragen: Medienleute fragen: «Lohnt sich das Weiterlesen?»

• 2. Absatz: ausführlichere Informationen zum Lead, mehr Zahlen, Daten, Fakten und wichtige
Einzelheiten

• 3. Absatz: weitere Informationen sowie – idealerweise – das Zitat einer wichtigen, verantwortlichen,
kompetenten Person, z. B. der Präsidentin («Statement»)

• Weitere Informationen mit abnehmender Wichtigkeit

• Ansprechperson: Telefon, Mail, Erreichbarkeit; evtl. Hinweise auf Internetseite mit längerer PDF-
Version, Clips sowie weitere Zusatzinformationen, z. B. Facebook-Seite usw.

• evtl. kurze Informationen zur Institution, zum Verein usw.

• Die Medienmitteilung wird immer in der 3. Person geschrieben. «Ich» oder «Wir» kommt im Zitat
vor).

• Länge: je kürzer, desto besser, nicht über zwei Seiten – Bildschirm-Layout berücksichtigen!

64 Medien und Rhetorik


© 2018 Verlag SKV AG: Fokus Sprache, Fokus Sprache BM
Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
6 Rhetorik

MODUL D
Ob Schlagzeile, PR-Slogan oder Abstimmungsparole, ob TV-Duell, Talk-Show oder Interview –
im Medienzeitalter ist ein guter Auftritt mit überraschenden Aussagen und originellen Formu-
lierungen wichtig, damit die Botschaft wahrgenommen wird. Im Team, im Verkaufs- und
Qualifikationsgespräch, bei Bewerbungen sowie auf Partys und an offiziellen Anlässen «macht
der Ton die Musik». Neben dem Inhalt – dem Was – ist auch die Art und Weise des Redens
und Schreibens – das Wie – entscheidend. Oft sind es die leisen Zwischentöne, auf die es
ankommt.
Manager, Politikerinnen, Vorgesetzte, Verkäufer, aber auch Lernende – wer vor anderen auf-
treten will oder muss, nutzt das Wissen der Rhetorik.

6.1 Rhetorik – was ist das?

• Rhetorik heisst «Redekunst», «Redebegabung», «Sprachgewalt», «Wortgewandtheit» Beredsamkeit


oder die «Lehre von der wirkungsvollen Gestaltung der Rede».
• Rhetorik schliesst alle Medien mit ein, also mündliche, schriftliche oder durch die techni- mündlich und schriftlich
schen Medien (Film, Fernsehen, Internet) vermittelte Formen. Das vorliegende Modul be-
schränkt sich im Wesentlichen auf die mündliche Form (vgl. Modul Schreiben).
• Rhetorik analysiert die sprachliche (verbale) und nonverbale Kommunikation (Mimik, verbal und nonverbal
Gestik). Sie will Wirkung erzielen und das Publikum überzeugen – ihr Missbrauch führt
zum Überreden oder zur Manipulation.
• Rhetorik ist trainierbar: Geübt werden können das deutliche und freie Sprechen, die be- Rhetoriktraining
wusste Aussprache, die richtige Körperhaltung, unterstreichende Gesten – vor allem aber
der Abbau von Angst. Wer häufig auftritt, sich in Videoszenen analysieren lässt, von ande-
ren Rückmeldungen akzeptiert und sich konsequent vorbereitet, gewinnt Ruhe, Selbst-
sicherheit und Überzeugungskraft.
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• Rhetorische Figuren («Redeschmuck») sind Exemplar
Persönliches sprachliche Mittel.
von Petra Trostel, Sie
8570machen
WeinfeldenTexte verständ- Redefiguren
licher, eindringlicher und erhöhen ihre Wirkung. Mit pointierten Aussagen, bewusst ge-
wählten Wörtern und geschickt formulierten Sätzen lässt sich das zuhörende oder lesende
Publikum leichter gewinnen.

Die Auftritte von Stars aus Politik und Showbusiness wirken oft besonders locker, spontan und
leicht: Sprechen in der Öffentlichkeit und vor Publikum erscheint uns daher häufig als selbst-
verständlich und einfach. Erst wenn wir selbst auftreten und genau hinhören und hinsehen, er-
kennen wir die Schwierigkeiten und Herausforderungen. Wir lernen unterscheiden, welche
Mittel warum wirken – oder nicht.
Je lockerer und ungezwungener ein öffentlicher Auftritt wirkt, desto mehr Arbeit, Vorberei-
tung, Training und häufig auch Lebenserfahrung sind vorausgegangen.

Medien und Rhetorik 65


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Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
6.2 Sprache und Stimme
Arbeiten Sie an Ihrer Aussprache und an Ihrer Stimme, indem Sie üben, üben, üben!
Suchen Sie Vorbilder, hören Sie genau auf andere, und lassen Sie sich Feedback geben; beob-
achten Sie sich in Videoaufnahmen und achten Sie u. a. auf folgende Punkte:

Stimmschulung Lautstärke zu leise angenehm zu laut


o o o o o

Sprechtempo träge angemessen schnell, hektisch


o o o o o

Melodie monoton klar, deutlich unnatürlich


(Betonung) o o o o o

Rhythmus langweilig sinngebend übertrieben


o o o o o

Pausen und keine gerade richtig zu viele


Punkte o o o o o

Allgemein gilt:
• Sprechen Sie langsamer – es ist immer noch schnell genug, denn die Zuhörenden kennen
das Thema nicht so gut wie Sie!
• Sprechen Sie auch das längste Wort deutlich aus. Verschmelzen oder verschlucken Sie
keine Endsilben: Landkarte (nicht Langkarte), Hauptbahnhof (nicht Haupanhof).
• Sprechen Sie©Persönliches
Sätze
2018 konzentriert
Verlag SKV AG: Fokusund verständlich
Sprache, bis zum Ende.
Fokus Sprache BM
Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
• Üben Sie die korrekte Aussprache, besonders von schwierigen oder fremden Wörtern:
Stil (nicht pseudoenglisch Schteil); Industrie (nicht Induschtrie)
• Sprechen Sie Zahlen, auch Jahreszahlen, korrekt und hochdeutsch aus: achtzehnhundert-
zweiunddreissig
• Vokale müssen klingen, z.B. das geschlossene lange e in Erde (nicht Ärde); auch lange
und kurze Vokale müssen deutlich anders klingen, z. B. Wahrheit – Grammatik
• Üben Sie spielerisch mit Schnellsprechsätzen und Zungenbrechern; neben den Klassi-
kern bietet das Internet Tausende von Beispielen:
• Ich kann Schnellsprechsätze schneller sprechen, als andere Schnellsprechsätze sprechen
können.
• Brautkleid bleibt Brautkleid, und Blaukraut bleibt Blaukraut.
• Zwei Schweizer Schwertschweisser schweissen schwitzend Schweizer Schwerte.
Schweizer Schwerte schweissen schwitzend zwei Schweizer Schwertschweisser.
• Im dichten Fichtendickicht nicken dicke Fichten tüchtig.
• Leicht bröckelt die Rinde der breitblättrigen Linde.
• Sieben Zwerge machen Handstand, drei im Wandschrank, vier am Sandstrand.
• Wer gegen Aluminium minimal immun ist, besitzt Aluminiumminimalimmunität.

66 Medien und Rhetorik


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MODUL D
6.3 Nonverbale Kommunikation («Körper-Rhetorik»)
Der Körper redet immer mit. Unsere Gesten, die Haltung, die Blicke, aber auch die sichere und
leise Stimme. Was wir sagen, wird vom Körper verstärkt – oder widerlegt, wenn wir z.B. lügen.
Gestik, Mimik, Körperhaltung bzw. -bewegungen und Blickkontakt können die verbalen
Aktivitäten
• unterstützen, z. B. durch wohlwollendes Nicken; Funktionen
• verdeutlichen, z.B. Desinteresse oder Enttäuschung durch Starren in die Ferne oder
Glücksgefühle nach sportlichen Erfolgen;
• vorbereiten, z. B. durch Blickkontakt oder Handzeichen, um das Rederecht zu bekommen;
• ersetzen, z. B. Zustimmung oder Ablehnung durch Kopfnicken oder Kopfschütteln;
• verdecken oder vortäuschen, z.B. übertriebene Gesten, die den Aussagen widerspre-
chen.
Andere Kulturen, andere Körpersprachen: Freundliches Lächeln kommt überall gut an; an-
dere Verhaltensweisen unterschieden sich aber je nach Kultur und Geschlecht.
Zur nonverbalen Kommunikation zählen:

• Mimik
Das Gesicht vermag vielfältige Innenzustände aus-
• Blickkontakt zudrücken. Müdigkeit, Anspannung, aber auch Über-
Blickkontakte laufen wahrscheinlich am raschung, Irritation und andere Befindlichkeiten
wenigsten bewusst ab. Als symbolische lassen sich gut, aber nicht immer eindeutig erkennen.
Augengesten gelten geschlossene Augen Woran erkennen Sie Konzentration, Anspannung,
(Nachdenken, Konzentration), das Ver- Nervosität, Unsicherheit, Überlegenheit oder Arro-
drehen der Augen (negative Bewertung) ganz? Lässt sich weibliche von männlicher Mimik
sowie gesenkter oder abgewandter Blick. unterscheiden? Wenn ja, wie?
Wer darf wem in die Augen sehen? Wie
erkennen Sie verliebte, ablehnende,
strenge, wütende Blicke? © 2018 Verlag SKV AG: Fokus Sprache, Fokus Sprache BM
Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden

• Gestik
Die Beweglichkeit von Armen, Händen und Fingern
ermöglicht viele symbolische Gesten, u.a. Faust-
schütteln, das Victory-Zeichen sowie die «Taktstock-
funktion» (dirigieren mit Kugelschreiber).
Welche Begrüssungsgesten kennen Sie – auch aus
anderen Kulturen? Wie viele Küsschen verteilen wir –
und wem? Was sind typisch weibliche, was typisch
• Raumverhalten männliche Gesten? Welche Gesten sind willkommen,
Unser Verhalten im Raum zeigt, wie wir
welche verpönt?
uns in einem Zimmer, auf einer Bühne
fühlen. Manche Menschen drängen
andere an den Rand und machen
sich breit. Andere wiederum
holen «Mauerblümchen»
nach vorne und geben Raum.
Die Distanz zu anderen Menschen
und das Berühren sind stark kultur-
abhängig: Wie nahe darf man Ihnen • Körperhaltung
kommen? Wie berühren sich eher Auch die Körperhaltung lässt – mitunter sehr offensicht-
«nördliche» und eher «südliche» Kultu- lich – auf Befindlichkeiten und inneres Erleben schlies-
ren? Wie verhalten Sie sich in einer sen, z.B. entspannt sitzen oder nervöse Anspannung.
neuen, Ihnen unbekannten Umgebung? Woran erkennen Sie Offenheit, Abwehr, Interesse, Vor-
sicht, Freude und Trauer?

Medien und Rhetorik 67


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6.4 Rhetorische Figuren
Die folgende Übersicht zeigt die Vielfalt sprachlicher Ausdrucksmöglichkeiten. Dabei geht es we-
niger um die Kenntnis der einzelnen Begriffe, sondern um die Beispiele und ihre Wirkung. Zu be-
achten ist, dass die angeführte «mögliche Wirkung» je nach Situation und Beispiel nicht immer
zutrifft. Jede rhetorische Figur kann – je nach Zusammenhang – auch andere Wirkungen erzielen.
Ergänzen Sie die folgende Übersicht mit eigenen Beispielen.

Rhetorische Figur Beispiel Mögliche Wirkung


Metapher der Erfolg beflügelt «Bilder» rufen Gefühle hervor,
(vgl. 1 Impuls) Kaderschmiede sprechen uns unmittelbar an und
jemandem das Herz brechen bleiben länger im Gedächtnis
haften.

Vergleich mit «wie» schlau wie ein Fuchs

Beispiel .EHMEN3IEALS"EISPIELBEISPIELSWEISE DEN


Goldpreis, der sich in den letzten Jahren …

Alliteration Freude am Fahren Diese Figuren können die Eindring-


(Stabreim; vgl. 1 Impuls) Bücher bauen Brücken. lichkeit erhöhen, die Bedeutung
oder Wichtigkeit verstärken.

Wiederholung von Wir wollen das Spiel gewinnen,


Wörtern, Wortgruppen, wir wollen das Finale gewinnen,
Satzstrukturen wir wollen die Meisterschaft!

Zitat Buddha sagt: «Spannst du eine Saite zu stark,


© 2018 Verlag
wird sie reissen. SKV AG:
Spannst duFokus
sie Sprache, Fokus Sprache BM
zu schwach,
kannst duPersönliches
nicht aufExemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
ihr spielen.»

Kreuzstellung Einer für alle, alle für einen!


(Chiasmus) Genial einfach – einfach genial!

Inversion Gesehen habe ich sie nicht, aber …

Pleonasmus Sie war persönlich anwesend.

Tautologie VOLLUNDGANZHINTER3CHLOSSUND2IEGEL
angst und bange

Steigerung Punkt, Satz und Sieg! Diese Mittel können die Spannung
(Klimax) Sie kam, sah, siegte. steigern oder einen Sachverhalt auf
den Punkt bringen.

Gegensatz Heiss geliebt und kalt getrunken.


(Antithese) Friede den Hütten! Krieg den Palästen!

Satzfragment Stille. Kein Wind. Ein Rascheln.


(Ellipse; vgl. 1 Impuls) Ein Schuss – sie kommen!
Gratuliere, geschafft!

Wortspiel Es ist nicht alles Golf, was glänzt. Indirekte Äusserungen, ungewöhn-
(vgl. 1 Impuls) Keine Leere in der Lehre. liche Wendungen, überraschende
Aussagen verlangen genaues
Hinhören.

68 Medien und Rhetorik


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MODUL D
Rhetorische Figur Beispiel Mögliche Wirkung
Anspielung Einige Programme können Trojaner enthalten.
Gewisse Mitarbeitende meinen, sie …

Umschreibung Im Land, wo die Zitronen blühen, ist …


(Paraphrase)

Übertreibung $AWARDIE(ÇLLELOSm
(Hyperbel) $ASSTECKENWIRMITLINKSWEG
Untertreibung (Litotes)

Personifizierung $ER7INDSTREICHELTESANFTÌBERIHRE(AARE

Scheinwiderspruch, SCHAURIGSCHÇN FURCHTBARGUT


Scheingegensatz GESPANNTE2UHE EINFINSTRES,¸CHELN
(Oxymoron) Hassliebe, ein offenes Geheimnis

Anrede Gerade Sie, meine lieben Lernenden, Die Hörenden oder Lesenden
(Apostrophe) sind jetzt aufgefordert … werden unmittelbar angesprochen,
miteinbezogen.

Vorgriff Stellen wir uns doch einmal vor, was passieren


würde, wenn …
Sicher werden Sie jetzt einwenden, dass …

Rhetorische Frage Sind wir uns nicht darin einig, dass etwas
(Scheinfrage) geschehen muss?

© 2018 Verlag SKV AG: Fokus Sprache, Fokus Sprache BM


Ironie Ist ja mega cool, dass
Persönliches du auch
Exemplar noch
von Petra kommst,
Trostel, 8570 Weinfelden Diese Figuren können humorvoll
wir warten ja erst zwei Stunden! bis verletzend und distanzierend
wirken.

Spott (Zynismus) $ASHABEN3IEABERGUTGELERNTm.OTEÏ

Euphemismus DIE&REISTELLUNGDER-ITARBEITENDENDIEETHNISCHEN «Beschönigungen» können einen


 3¸UBERUNGENEINE0REISANPASSUNGVORNEHMEN ernsten Sachverhalt verschleiern,
 DIE+ATZEEINSCHL¸FERNKURZAUSTRETEN verharmlosen, aber auch versach-
lichen.

Zu diesen Figuren hinzu kommt eine Vielzahl weiterer Möglichkeiten, eine Rede, eine Diskussion
oder einen Text ansprechend und adressatenorientiert zu gestalten: mit Humor, mundartlichen
oder hochsprachlichen Wendungen und Sprichwörtern, mit Reimen, mit bewusst gewählten
Mode-, Fremd- oder Fachwörtern u.a. Auch eine eingestreute Anekdote, ein Erlebnis vermag
einen Text anschaulicher und verständlicher zu machen (vgl. Modul C, «Schreibformen»).
Beachten Sie, dass eine Formulierung verschiedenen Figuren zugeteilt werden kann, auch sind
Abgrenzungen nicht immer einfach.

Aufgaben

• Entwerfen Sie eine kurze Geburtstags-, Dankes-, Begrüssungs- oder Abschiedsrede, die Sie
mit rhetorischen Figuren beleben. Tragen Sie die Rede vor, und lassen Sie Ihre Mitlernenden
die Figuren heraushören.
• Stilschulung als «Daueraufgabe»: Achten Sie beim Lesen (und Hören) genau auf Formulie-
rungen, und werden Sie empfänglich für rhetorische Figuren. Wie arbeiten beispielsweise
Literaturschaffende mit rhetorischen Mitteln?
Medien und Rhetorik 69
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7 Der Auftritt: Statement – Referat – Präsentation

7.1 Statement
Das Statement ist eine kurze Stellungnahme oder Verlautbarung einer Person oder einer
Institution. Das Statement wird nicht unterbrochen, Fragen werden – wenn erlaubt und
möglich – erst später gestellt. Das Statement klingt zwar sachlich, doch ist es meist persönlich
gefärbt, oft parteiisch.
Längere «Statements» von Regierungen oder Unternehmen – eher Communiqués – werden
häufig vorgelesen. Fragen der Medienschaffenden folgen erst später. In kurzen persönlichen
Statements vor Kameras und Mikrofonen – oft nur acht bis 35 Sekunden lang – beeinflussen
Mimik, Gestik, Sprachmelodie und Betonung die Glaubwürdigkeit der Aussage.
Gleiches gilt für das Votum in einer Diskussion: Der kurze Einstieg wird nicht unterbrochen –
anschliessend folgen die Diskussionsbeiträge.
Ob Statement oder Rede: Die drei folgenden Gliederungen A, B und C erleichtern die Vorbe-
reitung (weitere Möglichkeiten: vgl. Modul E «Argumentieren und erörtern»). Für kurze
Statements genügt es, zu den Punkten eins bis fünf jeweils einen Satz zu formulieren; mit
etwas Routine kann die Aussage auch länger werden. Das Internet bietet zahlreiche Gliede-
rungshilfen unter Fünfsatz oder Fünfsatztechnik.

A Glie
ich de rung
e n t w endet s 1 E
Möglic
he For
t a tem t : inleitu mulier
d ie n -S a h e r g il n g ung
Das M e u m – d w is s e n Im m e
s P ubli k s c heid r m ehr Ler
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direk bliku kurz, 2 Ist S chulhau n d e verpf
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• Übe
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• D rstän d li c h n d a r t : 3 d ie Q I N D E NLETZTEN
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2018 Verlag SKV AG: Fokus Sprache, Fokus Sprache s u
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Persönliches Exemplar von Petra
Weg Trostel, 8570 Weinfelden

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• Nich n Person spre oder A
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B Gliederung Mögliche Formulieru


ng (Kurzrede)
1 Einleitung Liebe Kolleginnen und
Kollegen. Wir
stehen im Endspiel um
die Schweizer
Meisterschaft …
2 Gestern Vor drei Jahren hat unser
Trainer Markus
die A-Mannschaft überno ng
mmen und neue
C Gliederung Mögliche Formulieru
Trainingsmethoden ein
geführt. sieren wir das
3 Heute 1 Einleitung Seit zwölf Jahren organi
$AMALSWARENNICHTALLE ds aus der Region.
BEGEISTERT ABER Open-Air-Konzert mit Ban
heute stehen wir vor dem
grössten Erfolg SEITDREI*AHREN
der Vereinsgeschichte.
2 Tatsache $IE"ESUCHERZAHLENGEHEN
MERHABENWIREINEN
4 Morgen ZURÌCKINDIESEM3OM
Wir wollen gewinnen – .
aber, Sportsfreunde, herben Einbruch erlebt
seien wir uns bewusst:
Wie immer das Wetter ist auch die
Finale ausgeht:
3 Ursache Ausser dem schlechten
sic htigen, sodass …
5 Schluss Konkurrenz zu berück
Wir haben schon sehr vie
oder Appell l gewonnen: BESCHLOSSEN FÌR
unseren Trainer, die Ko
llegialität, den 4 Folgerung $IE/RGANISATORENHABEN
ach t Schweizer
4EAMGEISTw$AHER
oder Freitag- und Samstagn
zu engagiere n, die Ein trittspreise zu
Massnahmen Stars
erhöhen und …
mung …
5 Schluss Wir bitten um eure Zustim
oder Appell

70 Medien und Rhetorik


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MODUL D
7.2 Referat und Präsentation
Das Referat ist sachorientiert – aber nicht nur: Mit Zahlen, Fakten überzeugen kann nur, wer
die Emotionen der Zuhörenden aufzunehmen versteht.
Der einstige Unterschied zwischen wortlastigem Referat und bildgestützter Präsentation ist seit Wort und Bild
PowerPoint und Beamer weitgehend verschwunden. Wer referiert, einen Vortrag hält, ein Pro-
dukt präsentiert, der verwendet heutzutage Bilder, Grafiken, Diagramme, Videoclips, animierte
PPT-Sequenzen und andere visuelle Mittel. Entscheidend für den Erfolg ist das Zusammenspiel
von Mensch und Technik, von Wort und Bild. Mensch vor Technik

Im Bildungsbereich sind Referate oder Vorträge üblich, im Beruf eher Präsentationen (Produkt-
und Verkaufspräsentationen).
Das Publikum schätzt es, wenn an einer Tafel, einem Flipchart, einem Overheadprojektor die
Inhalte dynamisch entwickelt und gestaltet werden. Eine gute Handschrift und ein wenig Dynamik
Zeichentalent erhöhen die Wirkung.

Der Weg zum Referat

Folgende fünf Schritte haben sich für die Planung eines Referats bewährt. Fünf Schritte
Ergänzen Sie auf der Leerzeile, was Ihnen – oder Ihrer Lehrperson – wichtig ist.

• Inhalt, Publikum und Ziele: Ich halte schriftlich fest, wer mein Publikum ist, was ich 1. Voraussetzungen
inhaltlich vermitteln möchte und welche Ziele ich anstrebe.
• Was kann ich beim Publikum voraussetzen: Was weiss meine Klasse? Was interessiert
Fachleute? Sind es überwiegend jüngere oder ältere Menschen, eher Frauen oder
Männer?
• Was erwartet das Publikum (Sachebene)? Was soll dieses Publikum «mitnehmen»
(Appell)?
• Habe ich die richtigen Argumente, Beispiele
© 2018 und
Verlag SKV AG:Anschauungsmaterialien
Fokus Sprache, Fokus Sprache BM gewählt?
• Teamauftritt: Wie teilen wir denPersönliches
Text auf? Wer von
Exemplar sagt was?
Petra Trostel, 8570 Weinfelden

• Gliederung (Disposition): Ich lege den Ablauf schriftlich fest. Dabei beachte ich 2. Struktur
Pausen und Höhepunkte sowie den Einsatz der Technik.
• Wie beginne ich – wie schliesse ich ab? Der erste und der letzte Satz können auch gut
formuliert aufgeschrieben oder auswendig gelernt werden.
• Wie halte ich das Publikum bei der Stange? Wann und wie setze ich Bilder, Filme,
Modelle, Musik oder Fragen ein? Rege ich eine Diskussion an?
• Teamauftritt: Wie wechseln wir uns ab? Wie leiten wir von einem zum anderen Mit-
glied über?
Tipp: Die Besten treten am Anfang und am Ende auf; sie rahmen die etwas Schwäche-
ren ein.

• Sprache und Stil: Ich schreibe die wichtigsten Stichworte auf A5-Karten (quer!), 3. Sprache
vor allem Fachbegriffe, entscheidende Daten sowie den Einsatz von Geräten oder
Materialien.
• Beschrifte ich die Karten gross genug, sodass ein kurzer Blick genügt?
• Sind die Karten in der richtigen Reihenfolge nummeriert?
• Treffe ich mit meiner Sprache das Publikum? Wähle ich Hochsprache oder Mundart?
Ich beachte:
– Fremd- und Fachwörter
– Positive statt negative Formulierungen
– Abwechslungsreicher Satzbau: eher kürzere Sätze
– Wenig bis keine Füllwörter und Floskeln
– Humor und Gefühle

Medien und Rhetorik 71


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• Habe ich an rhetorische Figuren und Pausen gedacht? Spreche ich auch die Emotionen
an (Schulz von Thun: Beziehungsseite)?
• Teamauftritt: Worin ähneln wir uns, worin unterscheiden wir uns?

4. Üben • Einprägen und Training: Ich übe den Auftritt – am besten vor einer Kamera.
• Beherrsche ich den Text und das Thema?
• Verwende ich ein Zeigegerät (Laserpointer)?
• Kann ich vorher den Raum sehen oder im Zimmer üben? Wie bewege ich mich im
Raum? Wie stelle ich mich selbst dar (Selbstkundgabe)?
• Sind alle technischen Geräte überprüft?
• Teamauftritt: Wer bedient die Geräte? Wer zeichnet das Flipchart?

5. Reden • Auftritt: Ich freue mich auf die Rede als Chance, anderen etwas mitzuteilen, andere
zu überzeugen, vor anderen aufzutreten.
• Meine Nervosität sinkt, wenn ich tief durchatme, mit beiden Füssen ruhig stehe, mich
konzentriere und mich auf die Vorbereitung verlassen kann.
• Jeder Auftritt ist ein Dialog mit dem Publikum. Blicke ich freundlich und offen ins wohl-
wollende Publikum (an die Rückwand) – und achte ich auf Reaktionen?
• Habe ich mir Macken und Marotten (z.B. ähh, od’r; Haare zupfen) abgewöhnt? Halte
ich die Hände frei – und nicht in der Hosentasche?
• Teamauftritt: Wo sind die anderen? Warten sie ruhig stehend oder sitzend an der
Seite? Hören sie konzentriert der/dem Redenden zu?

Folien Und zum Schluss:

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72 Medien und Rhetorik


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MODUL D
7.3 Feedback – statt Kritik und Konflikt
Statements, Referate und Diskussionen fordern uns zu Reaktionen heraus – mal positive (Lob
und Anerkennung), mal negative (Widerspruch, Aggression). Wer es versteht, richtig zu reagie-
ren, seine negativen Reaktionen zu zügeln und konstruktiv zu wirken, wird geschätzt und ernst
genommen.

Feedback
• ist sachbezogen, konkret und beschreibend: konkret
«Ich glaube, wir hatten vereinbart, dass das Referat 15 Minuten dauert.»
«Die Zahlen zu den Lehrlingslöhnen sind sehr interessant. Woher stammen sie?»
• geht auf tatsächlich Veränderbares ein: veränderbar
«Die Bilder haben mich sehr interessiert, aber hier hinten habe ich nicht alles erkennen
können; und auch die Schrift ist sehr klein geraten.»
• verstärkt, was gelungen ist, und kann Kritisches als «Sandwich» verpacken: Schwächen konstruktiv
werden zwischen positive Aussagen «gepackt».
«Ich habe viel Neues über Max Frisch erfahren; doch die sehr ausführliche Biografie hat die
gute Darstellung seiner Werke in den Hintergrund gedrängt.»
• muss erwünscht sein, kann angeboten, aber nicht aufgedrängt werden. Zudem muss Feed- erwünscht
back möglichst unmittelbar erfolgen (nicht erst nach einem Monat).

Feedback annehmen heisst, sich nicht verteidigen oder rechtfertigen, sondern höchstens
zum besseren Verständnis nachfragen – und schweigen! Feedback im eigentlichen Sinne ist
keine Benotung und keine Kritik. Wer Feedback wünscht und entgegennimmt, entscheidet
selbst, was sie oder er damit anfängt.
Tipp: Nutzen Sie alle Möglichkeiten, vor anderen zu reden, zu präsentieren. Nehmen Sie sich
jeweils einen Punkt vor, den Sie verbessern wollen, z. B.: «Diesmal zeige ich mit einem Laser-
pointer.» – «Heute blicke ich nicht an die Projektionswand,
© 2018 sondern
Verlag SKV AG: Fokus in die
Sprache, Fokus Klasse.»
Sprache BM
Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
Die Arbeit am «blinden Fleck» – das Johari-Fenster
Die vier Felder des Johari-Fensters von Joseph Luft und Harrington Mir bekannt Mir unbekannt
(Harry) Ingram veranschaulichen, wie ich mich (Selbstwahrnehmung) und
Anderen unbekannt Anderen bekannt

wie andere mich (Fremdwahrnehmung) erleben – und wo mein blinder


Fleck liegt.
Öffentliche Person
Zur «öffentlichen Person» gehört alles, was ich von mir preisgebe und Blinder Fleck
Arena
andere an mir wahrnehmen.
Andere machen mich darauf aufmerksam
Als Privatperson bewahre ich vorerst einiges für mich, im Laufe der Zeit
Gebe ich preis

teile ich das eine oder andere mit, z.B. meine Hobbys, meine Reise-
träume, gewisse Gewohnheiten usw.
Das «Unbewusste» bleibt unbewusst.
Privatperson Unbewusstes
Zum «blinden Fleck» zählen all die Macken, Nachlässigkeiten und Ticks,
die ich nicht erkenne, die aber von anderen wahrgenommen werden,
z.B. das Kratzen am Hinterkopf, viele «Äähh» sowie das «O’dr» am
Satzende.
Feedback hilft, den blinden Fleck zu verkleinern.
Am Ende einer Gruppenarbeit mit Präsentation und Feedbackrunde ist die «öffentliche Person
deutlich grösser geworden, das Feld der Privatperson und vor allem der blinde Fleck sind
deutlich geschrumpft.

Medien und Rhetorik 73


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Modultest

1. Führen Sie zwei Stärken und Schwächen von sprachlichen Nachrichten und von Bildern an.

2. Was kennzeichnet eine gute Medienmitteilung? Nennen Sie drei Kriterien.

3. Was heisst nonverbale Kommunikation, und was gilt es dabei zu beachten?

4. Was ist der «blinde Fleck»?

5. Bestimmen Sie die rhetorischen Figuren, vgl. Übersicht auf den Seiten 68/69.

Beschreiben Sie, was auffällt. Rhetorische Figur

Sie leben in einer Seniorenresidenz. ––––––––––––––––––––––––––––––– –––––––––––––––––––––––––––––––

Dunkel war’s, der Mond schien helle,


Schneebedeckt die grüne Flur,
Als ein Auto blitzesschnelle
Langsam um die Ecke fuhr. ––––––––––––––––––––––––––––––– –––––––––––––––––––––––––––––––

Nichts geworden ist aus dem Millionengewinn! ––––––––––––––––––––––––––––––– –––––––––––––––––––––––––––––––

Die zierliche Frau und ihr vollschlanker


Partner sind wirklich ein Traumpaar. ––––––––––––––––––––––––––––––– –––––––––––––––––––––––––––––––

Eifersucht ist eine Leidenschaft, © 2018 Verlag SKV AG: Fokus Sprache, Fokus Sprache BM
die mit Eifer sucht, was Leiden schafft. Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
––––––––––––––––––––––––––––––– –––––––––––––––––––––––––––––––

Kann denn Liebe Sünde sein? ––––––––––––––––––––––––––––––– –––––––––––––––––––––––––––––––

Am Abstimmungssonntag gab es
nach 19 Uhr eine Elefantenrunde. ––––––––––––––––––––––––––––––– –––––––––––––––––––––––––––––––

6. Vergleichen Sie die beiden Statements, und beantworten Sie die Fragen.
• Worin unterscheiden sich die Inhalte?
• Worin liegen jeweils die Stärken und Schwächen?
• Welche Struktur ist erkennbar?

Statement A Statement B
Das beste Rezept zur Eindämmung der Jugendgewalt Gewalt, vor allem aber Jugendgewalt, lässt sich nicht
ist einfach und klar: Arbeit fördern statt Sozialkarrie- ausschaffen. Gewalt ist ein gesellschaftliches Pro-
ren, mehr Ordnung und Disziplin an den Schulen, blem, das auch gesellschaftlich gelöst werden muss.
schärfere Strafen für Unverbesserliche. Und das sind – Wir fordern eine flexible Altersgrenze im Jugend-
statistisch belegt – vor allem Ausländer. strafrecht, also auch Gefängnisstrafen für Unter-15-
Jährige.
Mit der Ausschaffungsinitiative haben wir endlich ein
geeignetes Mittel für mehr Sicherheit. Ausländische Dabei kann aber nicht der Geburtstag für die Art
Jugendliche, die wegen Vergewaltigung, Erpressung einer Strafe entscheidend sein, sondern die persön-
oder Raub verurteilt werden, sollen ihr Aufenthalts- liche Entwicklung und die Tat des Jugendlichen.
recht in der Schweiz verlieren. Ebenso ihre Eltern, die Für die Entwicklung eines Rechtsbewusstseins bei
ihre Verantwortung nicht wahrnehmen, sowie die Jugendlichen ist es zudem wichtig, dass Delikte be-
Geschwister, also die ganze Familie. straft werden. Jede Strafe muss immer erzieherisch
begleitet werden.
Das ist auch im Sinn der vielen Ausländer, die sich an
die Regeln halten. Genau sie werden nämlich von Alle Massnahmen müssen schon früher beginnen,
einer Minderheit integrationsunwilliger Landsleute in z. B. härtere Sanktionen gegen Schulschwänzer, obli-
Verruf gebracht. gatorische Kurse für Eltern von gewalttätigen Jugend-
lichen und mehr Engagement des Staates bei der
Ausbildung für schulisch schwächere Jugendliche.

74 Medien und Rhetorik


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MODUL E
Argumentieren und erörtern
Lernziele

• Ich weiss, wie eine Argumentation aufgebaut ist


und welche persönlichen oder kulturellen Werte
damit verbunden sein können.

• Ich verstehe es, ein Thema argumentativ und


kreativ zu erschliessen sowie zwischen Tat-
sachen, Meinungen und Gefühlen zu unter-
scheiden.

• Ich kann eine Diskussion in einem überschau-


baren Rahmen vorbereiten, aktiv teilnehmen
und leiten sowie von aussen beobachten und
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die
Persönliches Exemplar vonErgebnisse zusammenfassen.
Petra Trostel, 8570 Weinfelden

• Ich unterscheide schriftliche Argumentations-


formen und erörtere Sach- und Wertfragen.

75
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1 Impuls

Jedes Jahr zum ersten August, zu Silvester oder zu Grossanlässen stellt sich die Frage nach
Sinn oder Unsinn von Feuerwerken. Aufrufe, man möge das Geld besser für soziale Zwecke
oder Hilfseinrichtungen spenden, fruchten meist wenig. Die Meinungen sind geteilt – und
eindeutig.

Streitfall Feuerwerk: Für und wider die Knalleffekte


1500 Tonnen Feuerwerk gehen jedes Jahr in der Schweiz über die Ladentische und in die Luft.
Ist das Ausdruck von Festfreude oder sinnlose Knallerei? Eine Debatte.

PRO

Ein paar Vulkane fürs Gemüt


Von rEné stauBli

Lesen Sie das Pro und Morgen Abend wird die Schweiz für einige Minuten zu einem Land der Vulkane und Rake-
Kontra aufmerksam ten. Der Feuerzauber tut unseren Seelen einfach gut.
durch, und kennzeich-
nen Sie die Schlüssel- 1 Zürich. – Am Sonntag wars, eine Kollegin feierte Geburtstag an einem Ort, wo sich Hase
wörter. UND&UCHSGUTE.ACHTSAGEN%IN$UTZEND%RWACHSENEZWISCHENUND*AHREN
war da, dazu zwei zwölfjährige Buben. Es gab Grilladen, anregende Gespräche unter der
regengeschützten Laube, «Blowing in the wind» zu Gitarrenbegleitung – und schliesslich
5 ein kleines Feuerwerk, welches höchst unterhaltsam war und die Seelen zusätzlich er-
wärmte.
Unterhaltsam, weil das Geburtstagskind auf die Idee kam, ein Miniraketchen am Holz-
stab in der einen Hand zu halten, um die Lunte mit der andern anzuzünden. Knall! Puff!
$IE%XPLOSIVKRAFTDESBLEISTIFTDÌNNEN7INZLINGSWARÌBERRASCHENDGROSS WORAUFDIE
10 restlichen Raketen zum Abschuss in eine Flasche gesteckt wurden, wie es sich gehört.
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Für die Jungs war esExemplar
Persönliches eine lebensnahe
von Petra Trostel,Lektion zum Thema «erwachsener Umgang mit
8570 Weinfelden
&EUERWERKvUNDDIE%RWACHSENENHATTENMALWIEDERWIE+INDERMITDEM&EUERGESPIELT 
 &ÌRDIE%RW¸RMUNGDER3EELENSORGTENDANNZWEI+INGSIZE 6ULKANE7IEKLEINE$ÌSEN-
triebwerke sprühten sie ihren bunten Funkenregen in die Nacht hinaus und wollten
15 KAUMMEHRAUFHÇRENESWARENMAGISCHE-INUTEN EINSCHÇNER!BSCHLUSSEINESWUNDER-
baren Abends.

Feuerwerk für alle


Es ist doch so: Wenn der FC Zürich in Höchstform ist,
bietet er seinem Publikum ein Angriffsfeuerwerk.
20 $AS:ÌRI &¸SCHTW¸REhOHNEvUNDENKBAR
Zur Siegesfeier der Alinghi in der Grossstadt Valencia
gehörte es genauso wie zum Geburtstagsfest der
Kollegin in Winterthur, wo sich Hase und Fuchs
gute Nacht sagen.
25 Wer immer seine Freude verkünden will,
landet beim Feuerwerk. Morgen wird die
 3CHWEIZ*AHREALT$ALOBENWIRUNS
doch die paar Raketen und Vulkane.

76 Argumentieren und erörtern


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MODUL E
KONTRA

Lunte halten, Ihr Knallköpfe!


Von Edgar scHulEr

1 Hobby-Brandschatzer verhageln uns in den Tagen um den 1. August mit ihrem Bra-
chial-Egoismus die Ferienstimmung. Schämen sollen sie sich.
 $AMITDASGLEICHKLARIST.ICHTSSPRICHTGEGENEINELEGANTCHOREOGRAFIERTESUNDPROFES
SIONELLABGEHALTENES&EUERWERKMITALLEM$RUMUND$RANUND3CHLUSSBOUQUET%SGIBT
5 keine beglückendere Methode, um Hunderttausende von Franken in nächtliches Farben-
feuer – und damit ins Nichts – zu verpulvern. Man nennt das nicht umsonst Feuer-
werkskunst. Und die Feuerwerker sind Künstler.
Was für ein himmelweiter Unterschied zu den Knallköpfen, die sich bei Migros und
Coop mit Party-Raketen-Sortimenten bis über beide Ohren eindecken, um dann irgend-
10 wann bierdosenselig die Lunten zu zünden. Sie missverstehen vorsätzlich die vorüber-
gehende Aufhebung des Feuerwerksverbots an Silvester und am 1. August als Verpflich-
tung zur hirnlosen Knallorgie mitten in den Ferien.
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 "EIVIERJ¸HRIGEN,AUSBUBENUND M¸DCHEN DRÌCKTMANGERNEIN!UGEZU WENNSIEMIT
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«Frauenfürzen» Allotria treiben. Aber dem Nachttopf entwachsenen Menschen darf man
15 zutrauen, über ihre Nasenspitze hinaus zu denken. Man muss von ihnen erwarten dür-
fen, dass sie ihre kindische Freude an Knallkörpern in zivilisierte Bahnen lenken.

Weggesprengte Finger
 $ASSDAS&EUERWERK(UNDEUND+ATZENZU4ODEERSCHRECKTUNDDIE,UFTMIT&EINSTAUB
verdreckt, mag vielleicht noch angehen. Schliesslich gibt es Tätigkeiten, die für die
20 5MWELTSCH¸DLICHERUNDKEINEN$EUTSINNVOLLERSIND!BERDIEJ¸HRLICHEN4RAGÇDIENUM
ausgekohlte Wohnungen und weggesprengte Finger sind dann doch definitiv zu viel.
Und das Hauptproblem bleibt, dass die «Zeusler» nur ihre Fantasielosigkeit und gäh-
nende Langeweile mit billigem Schwarzpulver füllen. Alle, die daneben gern genüsslich
feiern würden, müssen unter der Knallerei leiden.
Tages-Anzeiger, 31. 07. 2007

Aufgabe
Hier stehen sich zwei Auffassungen in Form eines Kommentars gegenüber, und zwar einseitig
und ohne auf andere Meinungen einzugehen: Man stimmt zu – oder eben nicht. Beide Seiten
klingen polemisch, provozierend und nach Stammtisch.
• Vergleichen Sie die beiden Meinungen, und notieren Sie in Ihrem Arbeitsheft Gemeinsam-
keiten und Unterschiede.
• Mit welchen Argumenten stützen die Autoren ihre Aussagen?
• Welche Argumente würden Sie ergänzen?

Argumentieren und erörtern 77


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2 Argumentieren in fünf Schritten

Wir unterhalten uns, tauschen Meinungen aus, diskutieren, streiten – privat, beruflich, öffent-
lich. Dabei wollen wir andere von unserer Ansicht, von unserem Standpunkt, von unserer Mei-
nung überzeugen.
Der Begriff «Argument» stammt aus dem Lateinischen und bezeichnet etwas, «was der Veran-
schaulichung dient»: Das Argument ist ein stichhaltiger, plausibler Rechtfertigungsgrund, der
als Beweis oder Bekräftigung einer Aussage vorgebracht wird. Es soll etwas erhellen, beweisen
und damit überzeugen und einsichtig machen.
Wenn wir uns mit einem Sachthema vertieft auseinandersetzen, entwickeln wir eine Argumen-
tation nach folgendem Muster:

Argumentationsschritt Textbeispiel Erläuterung

Behauptung Feuerwerke erfreuen die Menschen, fördern die Fest- Die Behauptung wird als
(These) freude, erzeugen eine gute Stimmung und sind ein Aussage formuliert – und
wiederkehrendes Ritual. kann auch etwas provozie-
rend wirken.

Begründung Feiertage – und «Feuertage» – unterbrechen den grauen Die Begründung muss stich-
 !LLTAG$ASGEMEINSAME%RLEBNISH¸LTEINE'ESELLSCHAFTm haltig sein; für Möglichkeiten
zumindest für kurze Zeit – zusammen und schafft eine der Begründung vgl. 3.4.
gemeinsame Erinnerung.

Beispiel Zu den grossen Feuerwerken an Schweizer Seen und Das Beispiel muss allgemein
Flüssen strömen immer mehr Menschen – und zwar aus nachvollziehbar sein und zur
dem In- und Ausland. Auch das Fernsehen berichtet Begründung passen.
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darüber und zeigt Bilder glücklicher Menschen.
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Wer kennt nicht den Eiffelturm, von dem regelmässig
zum Jahreswechsel Tausende Raketen abgefeuert werden?

Einschränkung Überall, wo Tausende Menschen zusammenkommen, Thesen haben ihre Grenzen.


(fakultativ) muss für Sicherheit und Ordnung gesorgt werden. Wenn Daher können gewisse Ein-
einige wenige gewalttätig werden oder verantwortungs- schränkungen gleich berück-
los handeln, so ist gegen sie vorzugehen, damit niemand sichtigt werden.
Schaden erleidet.

Schlussfolgerung Feuerwerke als Tradition oder Ritual müssen weiterhin These und Schluss verleihen
mit Bezug zur These möglich sein. Kaum ein Ort, der darauf verzichten wird. der Argumentation einen
(Appell, Ausblick) Unternehmen wir alles, damit sich auch künftig Jung Rahmen.
und Alt an der Farbenpracht erfreuen dürfen.

Aufgabe

Formulieren Sie eine Antithese (Gegenthese), und vollziehen Sie dem Beispiel entsprechend die
einzelnen Schritte nach. Verwenden Sie Ihr Arbeitsheft.

78 Argumentieren und erörtern


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3 Die Erörterung: Pro und Kontra diskutieren

MODUL E
Medien, Stammtische, Schulklassen, Fachleute, Betroffene u.a. diskutieren fast täglich The-
men, die gegensätzliche Meinungen aufeinanderprallen lassen. Dazu gehören z. B. Sterbehilfe,
strengere Strafen für gewalttätige Jugendliche, das Verhältnis der Schweiz zur EU – und Tier-
versuche.
Wenn nur eine Meinung – von Argumenten gestützt – schriftlich dargelegt wird, so ist von
einer linearen Erörterung die Rede; anspruchsvoller ist es, auch die andere Meinung mitein- lineare Erörterung
zubeziehen, also das Für und Wider zu diskutieren. Die Pro-und-Kontra-Erörterung heisst auch
dialektische Erörterung. Dabei bedeutet dialektisch (Nomen: Dialektik), dass die möglichen dialektische Erörterung
Argumente der Gegenseite berücksichtigt werden.
Der dialektische Dreischritt umfasst die These (Behauptung, Annahme), der eine Antithese These – Antithese
(Gegenbehauptung) gegenübersteht. Ziel ist es, aus den beiden Positionen eine Synthese zu
erreichen – die Vereinigung gegensätzlicher Anschauungen. Synthese

Am Beispiel «Tierversuche» wird das Vorgehen bei einer dialektischen Erörterung darge-
stellt. Die einzelnen Schritte eignen sich auch zur Vorbereitung auf eine Diskussion.
Der folgende Text zeigt die Probleme auf und dient als Einstieg ins Thema.

Uni und ETH Zürich planen wieder Versuche mit Affen


Nach einem jahrelangen Streit mit Tierschützern wagen die Forscher einen Neuanfang.
BarBara rEyE

1 Seit 2009 gibt es am Institut für Neuroinformatik der Universität und ETH Zürich keine
4IERVERSUCHEMEHRMIT0RIMATEN$IESKÇNNTESICHBALD¸NDERN$ENNNACHEINERLANGEN
Pause ist nun erstmals wieder ein Gesuch beim Kantonalen Veterinäramt eingereicht
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worden. Geplant ist, dass mit zwei bis drei Rhesusaffen Versuche zur Erforschung von
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5 Gehirnprozessen durchgeführt werden.
«Unsere Fragestellungen haben grosse Relevanz für viele psychische Krankheiten des
Menschen», sagt der Neurowissenschaftler Valerio Mante. «Und wir werden auch trans-
parenter kommunizieren, um unseren Kritikern zu zeigen, dass wir das Wohl der Tiere
sehr ernst nehmen.»
10 -ITDEM'ESUCHBEGEBENSICHDIE:ÌRCHER&ORSCHERAUFEINHEIKLES4ERRAIN$ENNAUFGRUND
von Rekursen der Tierversuchskommission des Kantons Zürich wurden im November 2006
zwei umstrittene Versuche mit Rhesusaffen gestoppt. Mit der Begründung, dass die Würde
DES4IERSBEIDEN%XPERIMENTENVERLETZTSEI$ER3TREITGINGLETZTLICHBISANS"UNDESGERICHT 
das Ende 2009 ebenfalls an einem Verbot zur Weiterführung dieser Versuche festhielt.
15 $ENNOCHERHIELTDER.EUROPROTHESEN &ORSCHER(ANSJÇRG3CHERBERGERIM*AHRIN
Zürich noch eine Bewilligung für Versuche mit Rhesusaffen. Kurz vor dem Beschluss des
"UNDESGERICHTSWECHSELTEERABERANS$EUTSCHE0RIMATENZENTRUMUNDNAHMSEINE6ER
suchstiere mit. Ähnlich wie seine Kollegen sah er damals die Freiheit der Forschung durch
das Verbot als bedroht an. Seit fünf Jahren werden in Zürich somit keine derartigen Ver-
20 suche mehr durchgeführt.
 $
 IE3CHWEIZVERFÌGTÌBEREINESDERSTRENGSTEN4IERSCHUTZGESETZE'ESUCHEFÌR4IERVERSUCHE
ab einem Schweregrad 1 werden zur Beurteilung an die Kantonale Tierversuchskommis-
SIONWEITERGELEITET$IESEBESTEHTNEBENDEM!MTDES0R¸SIDIUMSAUSELF-ITGLIEDERN DAR-
unter drei Vertretern von Tierschutzorganisationen. Bewilligt werden die Gesuche vom
25 Kantonalen Veterinäramt.
Tages-Anzeiger, 19. September 2014

Argumentieren und erörtern 79


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3.1 Das Thema verstehen
Zuerst ist es notwendig, das Thema genau zu analysieren, um herauszufinden, was notwendig
und was erwünscht ist. Auch wenn im Titel das Wort «Tierversuche» steht, gibt es unter-
schiedliche Schwerpunkte. Unterscheiden Sie folgende drei Themen, und ergänzen Sie weitere
Fragen:

h$ÌRFENWIR4IERVERSUCHEERLAUBENv
Thema und Begriffe Wer ist mit «wir» gemeint?
Was erlaubt das Gesetz, was nicht?
Wer kämpft für, wer gegen Tierversuche?
Welche Argumente bringen die beiden Seiten?

«Tierversuche – sinnlose Tierquälerei oder ein Beitrag zur medizinischen Forschung?»


Das Thema ist stark medizinisch und auf die Forschung ausgerichtet. Hier ist Fachwissen
erforderlich, das in Experteninterviews eingeholt werden kann.
Lassen sich Forschungsergebnisse, die an Tieren gewonnen worden sind, einfach auf den
Menschen übertragen?
Gibt es dazu positive oder negative Beispiele?

«Pro und kontra Tierversuche – Wie entscheiden Sie?»


Hier sind Argumente gefragt – und am Ende eine Entscheidung. Anzahl, Art und Qualität
der Argumente hängen ab vom Kenntnisstand der Schreibenden, von der Zeitdauer usw.
Wo finden Tierversuche
© 2018 Verlag SKVstatt?
AG: Fokus Sprache, Fokus Sprache BM
Wer darf Tierversuche durchführen?
Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden

Fragen erschliessen das Thema in seiner Breite und Tiefe.

Tiefe • Fragen, die in die Tiefe gehen:


• Was genau sind Tierversuche?
• Wer macht Tierversuche – und zu welchem Zweck?
• Wie viele Tiere werden verwendet?
• Was für Tiere werden verwendet?
• Was geschieht mit den Tieren? Wie viele sterben? Wie viele überleben? Wie überleben
sie?

Breite • Fragen, die in die Breite gehen: Verschiedene Aspekte des Themas werden gesucht.
• Darf der Mensch als «Krone der Schöpfung» Tiere beliebig verbrauchen?
• Was erlaubt und verbietet das Tierschutzgesetz (rechtliche Aspekte)?
• Wie stehen andere Kulturen und Religionen zum Töten von Tieren?
• Wer profitiert von Tierversuchen?
• Gibt es internationale Regelungen?

80 Argumentieren und erörtern


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MODUL E
3.2 Ideen sammeln
Folgende Möglichkeiten sind hilfreich, Ideen zu einem Thema zu finden:
• Brainstorming und Clustering (vgl. «Methodenkoffer» unter www.fokus-sprache.ch)
helfen, bevor im Internet oder in Bibliotheken recherchiert wird. Auch als Anfang einer
umfangreicheren Team- oder Facharbeit sind diese Methoden von Nutzen.
• Fachliteratur, Medienberichte und Internet öffnen zusätzliche Perspektiven des Themas; Recherchieren
meistens lassen sich Zahlen und Fakten finden.

Männer sind eher für Tierversuche


49 Prozent erachten in der Schweiz Tierversuche für notwendig oder eher notwendig.

46 Prozent bezeichneten sie laut einer aktuellen Umfrage als unnötig oder eher unnötig.
In der Westschweiz lag die Zustimmung zu Tierversuchen signifikant höher, wie die Stiftung
Animalfree Research heute mitteilte. Zudem erachteten wesentlich mehr Männer als Frauen
Tierversuche für notwendig.
$IE:USTIMMUNGZU4IERVERSUCHENFIELBEI-ENSCHENIM0ENSIONSALTER BEI-ENSCHENMIT
hohem Einkommen und mit hohem Bildungsniveau stärker aus als bei jungen Menschen und
-ENSCHENMITTIEFEM%INKOMMENUNDTIEFEM"ILDUNGSNIVEAU$IE!NH¸NGERSCHAFTDERVIER
GRÇSSTEN0ARTEIENWIESLAUTDER-ITTEILUNGEINEVERGLEICHBARE(ALTUNGAUF WOBEIDIE&$04IER-
versuche überdurchschnittlich, die SP unterdurchschnittlich unterstützte.
Knapp die Hälfte der Befragten lehnte belastende Versuche an Primaten strikte ab. Zwei von
fünf Befragten äusserten eher die Ansicht, dass Alternativmethoden zu Tierversuchen noch zu
wenig erforscht würden.
$IE5MFRAGEWURDEDURCHGFS ZÌRICH%NDE.OVEMBERBIS!NFANG$EZEMBERIM!UFTRAG
von Animalfree Research, der früheren ©Stiftung «Fonds für versuchstierfreie Forschung», bei
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-ENSCHENINDER$EUTSCH UNDDER7ESTSCHWEIZDURCHGEFÌHRT
Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden

Tages-Anzeiger Online, 6. Januar 2008

• Fragen Sie Ihre Freunde, Bekannten, Kollegen oder auch Vorgesetzte – persönlich,
telefonisch oder per E-Mail – oder veranstalten Sie eine Problemlöse-Party, zu der Sie Ihre
Freunde einladen, um gemeinsam Ideen zu entwickeln.
• Suchen Sie sich eine Expertin/einen Experten über Foren oder Experten-Marktplätze im
Internet, im örtlichen Branchenbuch oder in anderen Verzeichnissen.
• Zitate oder Sprichwörter enthalten gute Anregungen zum Thema; sie lassen sich zitieren
und dienen nicht selten als Stütze eines Arguments.

 h$IE'RÇSSEUNDDENMORALISCHEN&ORTSCHRITTEINER.ATIONKANNMANDARANMESSEN WIE
sie die Tiere behandelt.»
Mahatma Gandhi, 1869–1948

 h$IERELIGIÇSE%HRFURCHTVORDEM WASUNTERUNSIST UMFASSTNATÌRLICHAUCHDIE4IERWELT


und legt dem Menschen die Pflicht auf, die unter ihm entstehenden Geschöpfe zu ehren
und zu schonen.»
Johann Wolfgang von Goethe, 1749–1832

Argumente in Aufsätzen oder Facharbeiten – Argumente in den Medien


Wer Lesende in einem Text überzeugen will, folgt dem Prinzip der Steigerung: Das wich-
tigste Argument als Ergebnis und als Höhepunkt am Schluss.
Wer in den Medien erscheint, wer interviewt wird, wer kurz und knapp Stellung beziehen
muss: Das wichtigste Argument an den Anfang – eine zweite Chance gibt’s nicht!

Argumentieren und erörtern 81


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3.3 Ideen und Gedanken ordnen
Die spontan und gezielt gesammelten Ideen gliedern wir für die Erörterung nach Einleitung –
Hauptteil – Schluss.
Struktur • Die Einleitung führt in ein paar wenigen Sätzen unmittelbar zum Thema, zum Problem.
Langfädige oder phrasenhafte Einleitungen sind zu vermeiden. Ein aktueller Einzelfall, ein
ungewöhnliches Erlebnis, das Zitat einer bekannten Persönlichkeit oder einer Expertin …
sind Möglichkeiten, eine Erörterung zu beginnen. Im Folgenden drei mögliche Einleitungen:
A: 2006 wurden insgesamt 716002 Tiere zu Versuchszwecken verwendet, was eine
:UNAHMEVON 0ROZENTGEGENÌBERDEM6ORJAHRBEDEUTET$AS"UNDESAMTFÌR
Veterinärwesen betont aber, dass immer weniger Tiere für medizinische Versuche
GEBRAUCHTWERDEN&ÌR+OSMETIKAWURDENKEINE4IEREVERWENDET$ENNOCHIST
die Zahl …
B: In schöner Regelmässigkeit klagen wir über schwere Krankheiten, sei es Aids, Krebs
oder ein Schädel-Hirn-Trauma nach einem Töff-Unfall. Wie sollen aber neue Medi-
kamente entwickelt, wie neue Operationsmethoden ausprobiert werden? Steht ein
Menschenleben nicht höher als das Leben eines Tieres? Strenge Gesetze sorgen in
UNSEREM,ANDDAFÌR DASSKEIN-ISSBRAUCHGETRIEBENWIRD$AS"UNDESAMTw
C: Solange Menschen denken, dass Tiere nicht fühlen, müssen Tiere fühlen, dass Men-
schen nicht denken. Wer kann seinen Hund leiden lassen? Wer würde ein süsses Büsi
quälen? Aber wenn es nach Forschung klingt, erlauben wir alles.

• Bei dialektischen Erörterungen kann der Hauptteil unterschiedlich gestaltet werden.

2 Möglichkeiten Variante A Variante B


Auf alle Argumente der einen Seite Argument und Gegenargument stehen sich jeweils gegenüber.
folgen alle Argumente der anderen.
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Pro-Argument 1 Pro-Argument 1
Pro-Beispiel 1 Pro-Beispiel 1

Pro-Argument 2
Pro-Beispiel 2
Kontra-Argument 1
Pro-Argument 3 Kontra-Beispiel 1
Pro-Beispiel 3

Pro-Argument 2
Pro-Beispiel 2

Kontra-Argument 2
Kontra-Beispiel 2

Kontra-Argument 1
Pro-Argument 3
Kontra-Beispiel 1
Pro-Beispiel 3
Kontra-Argument 2
Kontra-Beispiel 2
Kontra-Argument 3
Kontra-Argument 3 Kontra-Beispiel 3
Kontra-Beispiel 3
Variante B ist für Lesende
interessanter, für Schreibende
aber anspruchsvoller.

82 Argumentieren und erörtern


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• Der Schluss einer Erörterung enthält die begründete Meinung, eine Perspektive für die

MODUL E
Zukunft oder eine vermittelnde Position. Ganz besonders empfiehlt es sich, wieder den
Bogen zurück zum Anfang zu schlagen, um die Arbeit abzurunden. Inhaltlich lassen sich
folgende Schlüsse unterscheiden:
A:$IE'EGENÌBERSTELLUNGALLER!RGUMENTEKANNNUREINE&OLGERUNGZULASSEN4IERVER
suche sollten sofort verboten werden.
B: Tierversuche wird es weiterhin geben, und sie liegen in der Verantwortung der For-
schenden, der Konzerne und des Staates. Letztlich ist ein Menschenleben wichtiger
als das Leben eines Tieres.
C: Tierversuche werden noch längere Zeit notwendig sein, allerdings ist der Gesetzgeber
aufgefordert, strenge Regelungen zu erlassen und ihre Einhaltung zu überwachen.
Aber auch wir Konsumenten haben es in der Hand, auf Tierversuche Einfluss zu neh-
men, indem wir …

3.4 Argumente belegen


Argumente können mit unterschiedlichen Mitteln belegt werden. Ergänzen Sie jeweils die
möglichen Schwächen dieser Art von Argumentation.

• Zahlen, Daten, Umfrage-Ergebnisse, Statistiken sind wichtig, um eine Meinung zu Fakten


untermauern:
«In der Schweiz wurden im Jahre 2006 über 700000 Versuchstiere verwendet.»

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• Allgemeingültige, plausibel scheinende Aussagen – oder was wir dafür halten: Allgemeines
«Tiere haben nun mal einen geringeren Stellenwert als Menschen.»

• Geschichte, Erfahrungen, Gewohnheiten wirken emotional und einnehmend: Traditionen


«Tiere sind immer schon anstelle von Menschen getötet worden.»

• Analogien und Vergleiche: Ähnlichkeiten


«Ein Tier ist ein Lebewesen wie ein Mensch – und darf daher nicht getötet werden.»

Argumentieren und erörtern 83


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Fachleute • Autoritäten, Expertinnen und Lehrsätze:
 h7ENNSICHSELBSTEIN.OBELPREISTR¸GERWIE0ROF$R#OOLDAFÌRAUSSPRICHTwv

Zukunft • Ziele und angestrebte Ergebnisse rechtfertigen nur diesen einen Weg, diesen einen
Vorschlag:
«Wenn wir das Medikament schnell und sicher testen wollen, kommen nur Tierversuche
infrage.»

Emotionen • Gefühle dienen häufig als «Beweise», manchmal bewusst, manchmal unbewusst:
«Können Sie ein schmuseweiches Kaninchen für Tierversuche missbrauchen?»

Wer argumentiert,
• kann Irrtümer und
© 2018 Vorurteile
Verlag aufbrechen
SKV AG: Fokus Sprache, Fokussowie
Sprache verführerische
BM «Mainstream-Meinun-
Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
gen» überprüfen;
• kann eine persönliche Sicht der Welt entwickeln, Zusammenhänge erklären sowie das
eigene Wissen dadurch erweitern, dass bestimmte Meinungen widerlegt werden;
• setzt sich in Konflikten gewaltfrei mit anderen Meinungen auseinander;
• lernt sich in andere Vorstellungen einzufühlen und fremde Positionen nicht einfach als
fremd und böswillig abzulehnen, sondern ihre Begründungen nachzuvollziehen;
• trainiert das Denkvermögen und die sprachliche Ausdrucksfähigkeit.

Das Argumentarium
Das Argumentarium ist die schriftliche Vorbereitung auf Gespräche, Diskussionen oder Ver-
handlungen. Es enthält alle möglichen Argumente für die eigene Position, vor allem aber
Antworten auf mögliche Fragen und Argumente der Gegner. Besonders Parteien und Inte-
ressenverbände erstellen für ihre Mitglieder Argumentarien, wenn es um Initiativen, ums
Stimmensammeln oder um Auftritte in den Medien geht. Ein Argumentarium kann eine
A4-Seite oder einen dicken Ordner, alphabetisch geordnet, umfassen.

84 Argumentieren und erörtern


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Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
4 Schreiben

MODUL E
Das Schreiben einer Erörterung stellt eine Herausforderung dar: Hier geht es nicht um eine
gute, spannende Geschichte, sondern um die Darstellung von Sachverhalten.

4.1 Sachstil
Die Sprache der Erörterung muss zum Inhalt passen. Dies bedeutet, dass Umgangssprache,
Mundart, Modewörter und Ähnliches zu vermeiden sind (es sei denn als Zitat, zur Illustration
oder zur Hervorhebung eines Sachverhalts). Zudem ist eine differenzierende Sprache verlangt.

Allgemeine Formulierung Genaue Formulierung

Die Schweizer glauben, dass … Viele Schweizerinnen und Schweizer vertre-


ten die Meinung, dass …

Jeder weiss heute, dass … Zwar wissen viele heute, dass …


Jugendliche, die eine Berufslehre absolvieren,
wissen heute, dass …

Die Raucher sind Geniesser oder süchtig. Eine Schweizer Untersuchung aus dem Jahre
2006 zeigt, dass sich über 45 Prozent der
Rauchenden als Genussmenschen bezeich-
nen, während …

Füllwörter und Floskeln, die in gesprochener Sprache (Diskussion) durchaus sinnvoll sein Sprache und Stil
können, gehören nicht in eine Erörterung; zu streichen sind: natürlich, sowieso, eigentlich,
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selbstverständlich, halt, eh u.a. Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden

Aufgabe
Anspruchsvoll ist der Umgang mit Passivformen und der Gebrauch des Nominalstils.
Verbessern Sie die vorgegebenen Sätze.

In vielen verschiedenen Disziplinen, die man


zur biologischen Forschung und Lehre zählt,
«benutzt» man Tiere.
Vom klassischen Tierversuch, bei welchem dem
Tier vom Experimentator Schmerzen zugefügt
werden, werden folgende Fälle abgegrenzt:
Erstens werden in der Verhaltensforschung
Beobachtungen an lebenden Tieren ohne Schmer-
zen oder Schaden für dieselben durchgeführt.
Zweitens erfolgt die Durchführung vieler Versuche
an toten Tieren oder Schlachtabfällen, wobei die
Tötung der Tiere unter Berücksichtigung des Tier-
schutzgesetzes gemacht wird.
Ausserdem werden die Haltung und die Tötung
von Tieren auch in vermeintlich «tierversuchs-
freien» Disziplinen, z. B. in der Biochemie, not-
wendig, damit Zellkulturen gewonnen werden
können.

Argumentieren und erörtern 85


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Rhetorische Mittel
Ihre schriftliche Erörterung und Ihr Votum in einer Diskussion gewinnen an Überzeugungskraft,
wenn Sie gezielt, aber behutsam auch rhetorische Figuren einsetzen, z. B. einen Vergleich, eine
Metapher, eine Alliteration (vgl. Modul D, «Rhetorik»). Bekannte Slogans gegen Tierversuche
sind u. a.:
Wer schön sein will, muss nicht leiden lassen.
3TOPPTDIE!FFENSCHANDEÏ3LOGANGEGEN+OSMETIKVERSUCHE
Es gibt nur zwei Gründe für Tierversuche: Entweder man weiss zu wenig darüber, oder man
verdient daran.

Verknüpfungen und Überleitungen


Häufige Satzkonstruktionen in Erörterungen sind Satzgefüge, wobei die Nebensätze mit
folgenden Konjunktionen beginnen können:
• begründend (kausal): weil, da, zumal, umso mehr/weniger als
• folgernd (konsekutiv): sodass
• vergleichend (komparativ): wie, als dass, je – desto; je, je nachdem
• einschränkend (konzessiv): obwohl, obschon, obgleich; wenngleich; ausser, insofern (als)
• entgegenstellend (adversativ): (an)statt – zu/dass; während, wohingegen

Um im Text zwischen Argumenten und Beispielen keine Brüche oder Gedankensprünge


entstehen zu lassen, sind Überleitungen zwischen den Sätzen und den Abschnitten not-
wendig. Folgende Wendungen helfen dabei:

Reihung
Ein weiterer Aspekt (Gesichtspunkt) ist …
Nicht zu übersehen ist …
Nicht zuletzt deshalb …
… auch sei daran erinnert
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Verlag SKV
Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden

Steigerung
Entscheidend aber ist …
Viel wichtiger ist …
Schwerer wiegt die Tatsache …
Am überzeugendsten …

Gegensatz
Anders verhält es sich …
Dagegen spricht …
Allerdings gilt zu bedenken …
Dabei darf nicht übersehen werden …

86 Argumentieren und erörtern


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Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
MODUL E
4.2 Redigieren: überarbeiten und korrigieren
Viele Lehrpersonen bewerten Erörterungen nach den Kriterien der folgenden Prüfliste – aller-
dings mit unterschiedlichen Gewichtungen. Überprüfen Sie Ihre Übungserörterung anhand der
Fragen, und erkennen Sie Ihre Schwächen. Konzentrieren Sie sich auf die Punkte, die Sie ver-
bessern können. Prüfliste fürs Redigieren

Kriterien Fragen Tipp

Thema Stimmen Thema und Inhalt überein? Habe ich alles Wich- Überprüfen Sie, ob Sie zu
tige geschrieben – oder fehlen wichtige Aspekte? jedem Begriff im Titel etwas
Wesentliches aussagen.

Logik Leserführung: Ist ein roter Faden erkennbar? Habe ich Nehmen Sie einen Bleistift,
Gedankensprünge, Abschweifungen, Widersprüche ver- und versehen Sie jeden Ab-
mieden? Gelten die Aussagen für die Schweiz, Europa, schnitt mit einem Begriff. Ist
die ganze Welt – für Frauen, für Männer, für Junge, diese Begriffsreihe sinnvoll?
Arme usw.?

Stil Schreibe ich gutes, angemessenes Hochdeutsch? Gewinnen Sie Distanz zu


Sind meine Formulierungen klar und unmissverständlich? Ihrem Text, und lesen Sie ihn
Habe ich mundartliche oder umgangssprachliche Aus- wie «von aussen».
drücke sowie Modewörter (halt; eh; krass, total, mega
cool) vermieden – oder gezielt eingesetzt (Anführungs-
zeichen)? Verwende ich Verbal- statt Nominalstil?

Ausdruck: Verwende ich aussagekräftige, anschauliche Wörter? Wirkt der Text verständlich,
Wortschatz und Sind Fach- und Fremdwörter richtig verwendet? sind die Inhalte vorstellbar?
Satzbau (Syntax) Satzbau: Wechseln sich kürzere und längere Sätze ab?
Sind Haupt- und Nebensätze leserorientiert verknüpft?

Grammatik Stimmen die Fälle, die Zeitformen? Wenn Sie Ihre persönli-
Sind die Pluralformen richtig? chen Schwächen kennen,
Sind die Sätze richtig verknüpft? konzentrieren Sie sich jeweils
ganz besonders auf einen
Rechtschreibung Stimmt die Rechtschreibung? Schreiben
© 2018 Verlag amFokus
SKV AG: Computer:
Sprache, FokusPunkt.
Sprache BM
Trennt das Textprogramm auch richtig?
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Zeichensetzung Stimmen die Kommas, z.B. bei Relativsätzen? (Alles, was


veröffentlicht worden ist, kann als …) Werden auch
Strichpunkte, Doppelpunkte, Gedankenstriche und Klam-
mern genutzt?

Flüchtigkeitsfehler Gibt’s noch Flüchtigkeitsfehler, sogenannte «dumme


Fehler»?

Layout Für Arbeiten, die am Computer geschrieben sind: Über-


zeugt die Form des Textes? Stimmen Schriftgrösse,
Zeilen- und Absatzabstände, Ränder u.a.?

Was noch?

4.3 Zeitplan
Mit dem Schreiben von Erörterungen wachsen Erfahrung und Sicherheit. Ein Zeitplan hilft, sich
nicht zu verlieren oder in Zeitnot zu geraten. Die folgende Empfehlung muss dem eigenen
Rhythmus angepasst werden. Wichtig ist vor allem: Beim Thema bleiben, nicht wechseln. Ihr
Erfolg hängt nicht vom Thema ab, sondern von Ihrer Einstellung, Ihrem Wissen, Ihrer Konzent-
rationsfähigkeit.
Beispiel 120 Minuten Zeit
Themenwahl und -analyse 10 Prozent 12
Ideen sammeln 10 12
Ideen strukturieren 10 12
Schreiben 55 66
Überarbeiten 10 12
95 mit 5 Prozent Spielraum 114 mit 6 Minuten Spielraum

Argumentieren und erörtern 87


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5 Diskussion

Diskussionen sind zutiefst demokratisch: Im Austausch der Meinungen entstehen Lösungen,


Ideen oder Anregungen. Das Wort kommt aus dem Lateinischen und bedeutet «Untersu-
chung, Prüfung». Wer diskutiert, prüft und untersucht also die Ansichten anderer – und lässt
die eigene Meinung von anderen untersuchen.

Diskussionsteilnahme Wer an einer Diskussion teilnimmt,


• bereitet die eigenen Argumente vor,
• überlegt, was die anderen sagen könnten (nimmt den anderen den Wind aus den Segeln!),
• bringt das wichtigste Argument eher früh an,
• hört zu und geht auf andere Meinungen sachlich ein,
• lässt andere zu Wort kommen und unterbricht nicht,
• «streitet» mutig und engagiert, formuliert pointiert, kurz, aber auch humorvoll,
• greift niemanden persönlich an und bleibt stets höflich,
• kleidet sich dem Anlass entsprechend,

Diskussionsleitung Wer eine Gruppendiskussion in der Schule leitet,


• hat sich in jeder Beziehung sehr gut vorbereitet (Thema, Teilnehmende, Anlass,
Publikum …),
• begrüsst alle und stellt die Teilnehmenden vor, z.B. an einem Meeting am Arbeitsplatz,
• beschreibt das Ziel des Meinungsaustauschs,
• umreisst das Thema oder Problem,
• erteilt das Wort und lässt auch leise, schüchterne Teilnehmende zu Wort kommen,
• fragt nach, verlangt Präzisierungen, Worterklärungen,
• grenzt Dauerredner ein und verhindert Privatunterhaltungen,
• bringt neue, andere Fragestellungen ein,
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• führt bei Abschweifungen
Persönliches Exemplarzum Thema
von Petra Trostel,zurück,
8570 Weinfelden
• fasst Teilergebnisse zusammen,
• nimmt auf keinen Fall Stellung,
• hält sich an die Zeitvorgaben,
• spricht das Schlusswort oder erteilt es anderen und
• holt später Feedback ein: Was mache ich nächstes Mal anders oder besser?

Diskussionsformen
• Arena: Zwei Gruppen vertreten ihre Meinungen; meist eine Frontfrau/ein Frontmann und
mehrere Unterstützer.
• Podium: Auf einem Podium sitzen drei bis fünf Diskutierende, deren Meinungen von
einer Moderatorin/einem Moderator nacheinander abgefragt werden.
• Club: In einem gemütlich wirkenden Kreis werden (ungemütliche) Meinungen unter einer
Gesprächsleitung ausgetauscht.
• Roundtablegespräch: Um einen runden Tisch herum werden Lösungen oder Kompro-
misse gesucht. Der runde Tisch symbolisiert, dass alle Beteiligten gleichberechtigt sind
und eine gemeinsame Lösung anstreben.
• Debatte: Einzelne Redner treten nacheinander auf und legen ihre Position dar, vgl. im
Nationalrat. Anerkennung und Ablehnung äussern sich in Applaus, Buh- und Zwischen-
rufen.
• Duell: Zwei Kontrahenten stehen oder sitzen sich gegenüber. Nach festen (vorher verein-
barten) Regeln wird das kontroverse Thema abgehandelt.
• Der heisse Stuhl: Eine/r gegen alle – eine Person vertritt ihre (provokante) Meinung
gegen eine Gruppe von Gegnern; ein/e Moderator/in sorgt für einen geregelten Ablauf.

88 Argumentieren und erörtern


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Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
Ob Diskussionsteilnahme oder -leitung: Mit der Botschaft, die Sie senden, übermitteln Sie

MODUL E
anderen immer auch die vier Seiten Sachinhalt, Beziehung, Selbstkundgabe und Appell
(vgl. Modul A, «Kommunikation und Zeichen»).

Faule Tricks
• Verdrehen, übertreiben, verharmlosen, verspotten: «Die paar Kiffer sind doch wirk-
lich kein Problem, hingegen die Millionen Alkoholiker, denen muss man sich widmen.»
• Ausweichen, verwirren, verdrängen: «Man kann natürlich über den Klimawandel
reden. Was wir aber jeden Tag vor unserer Tür erleben, ist doch, dass junge Leute mit
schnellen und zu starken Autos, die sie nicht beherrschen, durch die Welt rasen, als
wären sie allein auf den Strassen. Diese Gefahren …». – «Zuerst müssen Sie mal definie-
ren, was Glück in diesem Zusammenhang eigentlich bedeutet.»
• Bluffen mit Autoritäten, Scheinwissen: «Sie kennen wohl nicht die neusten Zahlen einer
Studie der Harvard Universität? Nobelpreisträger Coolhorse weist darin nach, dass …»
• Killerphrasen töten jede Diskussion, jedes Gespräch: «Da könnte ja jeder kommen …» –
«Das haben wir immer schon so gemacht und die besten Erfahrungen damit …»
• Person angreifen, in ein schiefes Licht rücken; Gerüchte und Halbwahrheiten
andeuten: «Alle wissen, wer hinter Ihnen steht und wer Sie angeblich fördert. Und wie
Sie Ihren Lebensstandard finanzieren, frage ich lieber nicht.»

Starke Antworten
• Ruhig durchatmen, innerlich bis zehn zählen, «cool» antworten, eventuell sogar
lächeln.
• Höflich, aber bestimmt reagieren – nicht das Spiel der anderen übernehmen: nicht
schreien, wenn andere schreien; nicht provozieren lassen.
• Aktiv, konstruktiv und zukunftsorientiert argumentieren: Sagen oder wiederholen
Sie das, was Ihnen wirklich wichtig ist. Nicht zu lange am Thema kleben, sodass sich die
anderen profilieren können.

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Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden

Modultest

1. Beantworten Sie die folgenden Wissensfragen in Ihrem Arbeitsheft.


• Was unterscheidet eine lineare von einer dialektischen Erörterung? Suchen Sie je zwei
Themen, und begründen Sie den Unterschied.
• Was ist eine These?
• Warum ist es sinnvoll, bei Argumenten gewisse Einschränkungen zu berücksichtigen?
• Was bedeutet es, ein Thema möglichst «breit» zu diskutieren?
• Mit welchen Methoden finden Sie Ideen zu einem Thema?
• Argumente lassen sich mit Autoritäten und plausibel scheinenden Aussagen beweisen.
Erklären Sie, was damit gemeint ist. Wer ist für Sie eine Autorität?
• Wie verhalten Sie sich in einer Diskussion, in der Sie beschuldigt werden, Ihr Gegenüber
beleidigt zu haben?

2. Arbeiten Sie in Gruppen, geben Sie sich eine bestimmte Zeit, und erstellen Sie je ein Flip-
chart mit möglichst vielen Pro-und-Kontra-Argumenten zu einem aktuellen Thema. Verglei-
chen Sie anschliessend die Ergebnisse:
• Wer hat die meisten Argumente, wer die gewichtigsten?
• Tauschen Sie die Flipcharts aus, und erstellen Sie eine Rangfolge der Argumente.
• Ergänzen Sie, wie Sie die Argumente belegen.

Argumentieren und erörtern 89


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Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
3. Bereiten Sie eine Diskussion in einer kleineren Gruppe vor (vier bis fünf Lernende). Legen
Sie die Rollen fest. Nach einiger Zeit wechseln Sie die Rollen und damit die Meinungen.

4. Schreiben Sie eine Erörterung zu einem der folgenden Themen – oder suchen Sie ein
eigenes!
• Sport als Lebensrisiko: Basejumping, Freeclimbing, Skysurfing – was bringt’s?
• Partnerschaft: Gegensätze ziehen sich an
• Tag und Nacht am Computer: Wenn Gamen (oder Pokern) zur Sucht wird
• Schönheit um jeden Preis: kosmetische Operationen
• Gefährliche Popsongs. Erörtern Sie, ob und wie Popmusik Jugendliche negativ beein-
flussen kann.
Der folgende Text dient als Anregung. Sie dürfen sich auf ihn beziehen und Zahlen sowie
Zitate daraus verwenden.

Jeder dritte Popsong handelt von Drogen


Das verruchte Image wird die Popmusik nicht los, meinen US-Forscher. In jedem dritten
Song aus der amerikanischen Hitparade geht es um Alkohol, Tabak oder andere Drogen,
ergab ihre Analyse. Drogenkonsum sei in der populären Musik positiv besetzt, warnen die
Wissenschaftler.
1 3EX $RUGSAND2OCKN2OLLmDIEALTE&ORMELDES-USIKGESCH¸FTSGILTNURNOCHEINGE-
SCHR¸NKT3TATTDESSENSOLLTEMANBESSERVON3EX $RUGSAND(IP (OPSPRECHEN WIE
&ORSCHERDER5NIVERSITYOF0ITTSBURGHJETZTHERAUSGEFUNDENHABEN$ROGEN !LKOHOLUND
4ABAKFINDENSICHZWARINETWAJEDEMDRITTEN0OPSONGDER53 (ITPARADE$OCH2APPER
5 THEMATISIERENBESONDERSH¸UFIGDEN'EBRAUCHVON$ROGEN BERICHTEN"RIAN0RIMACKUND
seine Kollegen im Fachblatt «Archives of Pediatrics & Adolescent Medicine» (Bd. 162,
3 
«Während sich
© 2018bei 15-SKVbis
Verlag AG:18-Jährigen die Sprache
Fokus Sprache, Fokus Einstellung
BM zur Gesundheit herausbildet,
Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
die ein Leben lang anhält, hören sie bis zu 2,4 Stunden Musik pro Tag», schreiben die
10 Forscher. Sie stützen sich in ihrer Studie nicht auf Vorurteile, wie Rapper sind Kiffer und
Rocker Säufer. Vielmehr haben sie die 279 populärsten Titel des Jahres 2005 aus dem
US-Musikfachblatt «Billboard Magazine» analysiert und genau gezählt, wie oft die frag-
lichen Substanzen in den Hits vorkamen.
Zu den untersuchten Genres zählten Pop, Rock, Rap, Hip-Hop sowie Rhythm & Blues
15 UND#OUNTRY&ÌNDIGWURDENDIE&ORSCHERININSGESAMT3ONGS 0ROZENT )N
,IEDERN 0ROZENT FANDENSICHEXPLIZITE(INWEISEZUR"ENUTZUNGDERVERSCHIEDENEN
$ROGEN 0ROZENTDER,IEDERMACHTEN!LKOHOLZUM4HEMA  0ROZENTDAS
2AUCHEN-ARIHUANAKAMAUF 0ROZENT ANDERE$ROGENODERhNICHTSPEZIFIZIERTER
$ROGENGEBRAUCHvBRACHTENESAUF 0ROZENT
20 Besonders anfällig ist Rap: In diesem Genre waren 48 von insgesamt 62 Liedern
BETROFFEN0ROZENT !UF0LATZZWEILANDETEDIE#OUNTRY -USIKMIT0ROZENT
VON3ONGS $ER'EBRAUCHVON$ROGENINDEN,IEDERNSEIASSOZIIERTMIT0ARTY
0ROZENT 3EX0ROZENT 'EWALT0ROZENT ODER(UMOR0ROZENT HEISSTES
 h.URVIER0OPSONGSENTHIELTENEXPLIZITE7ARNHINWEISEv SCHREIBENDIE!UTOREN$IE
25 MEISTEN4ITEL INDENENESUM$ROGENGEHE WÌRDENDIESEINEINEMPOSITIVEN:USAM-
MENHANGDARSTELLEN$ER$ROGENKONSUMSEIINDERPOPUL¸REN-USIKPOSITIVBESETZT 
warnt Primack und regt an, die Auswirkungen der entsprechenden Botschaften in der
Musik näher zu erforschen.
Spiegel, 5. Februar 2008

90 Argumentieren und erörtern


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MODUL F
Literaturatelier
Lernziele

• Ich verstehe Literatur als persönliche Bereiche-


rung, als Spiel mit Sprache, Themen und
Formen, als kulturelle Leistung, als Auseinan-
dersetzung mit gesellschaftlichen Problemen
sowie als Medienereignis.

• Ich kenne grundlegende Fachbegriffe und kann


sie auf Texte anwenden.

• Ich kann die wichtigsten Epochen der deutschen


Literatur historisch einordnen und mit eigenen
Worten beschreiben.
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• Ich setze mich mit einzelnen Epochen vertieft


auseinander und kenne wichtige Autorinnen
und Autoren sowie ausgewählte Werke.

91
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Zur Orientierung

Seite
93 1 Impuls

96 2 Arbeitshinweise und Anregungen

97 3 Literarische Grundbegriffe

97 3.1 Epik
100 3.2 Dramatik
103 3.3 Lyrik

105 4 Anfänge der deutschen Literatur

106 4.1 Die Anfänge – die griechische und die römische Antike
106 4.2 Deutsche Literatur von 750 n.Chr. bis ins Mittelalter
107 4.3 Das 16. Jahrhundert – Humanismus, Reformation und Renaissance
107 4.4 Das 17. Jahrhundert – das Jahrhundert des Barock

108 5 Das 18. Jahrhundert – das Jahrhundert der Aufklärung

108 5.1 Aufklärung, 1720 –1785/1800


111 5.2 Sturm und Drang, 1767–1790
113 5.3 Klassik, 1786
© 2018–1805
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Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden

116 6 Das 19. Jahrhundert – das Jahrhundert des Bürgertums

116 6.1 Romantik, 1795–1835


118 6.2 Biedermeier, 1815 –1850, und Junges Deutschland, 1830–1850
120 6.3 Realismus, 1850 –1890
124 6.4 Naturalismus, 1880 –1900

126 7 Das 20. Jahrhundert – das Jahrhundert der Ideologien

126 7.1 Jahrhundertwende, 1890 –1920


129 7.2 Expressionismus, 1910–1925
131 7.3 Zwanzigerjahre, 1918–1933
134 7.4 Drittes Reich und Exil, 1933–1945
136 7.5 Nachkrieg und Restauration, 1945 –1960
139 7.6 Politisierung und Neue Subjektivität, 1960 –1980
143 7.7 Postmoderne, 1980 –2000

146 8 Das 21. Jahrhundert – die globale Ökonomisierung

153 9 Übungstexte aus verschiedenen Epochen

153 9.1 «Beziehungstexte»


155 9.2 Gedichte
157 9.3 Epochen – Autoren – Werke

92 Literaturatelier
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1 Impuls

MODUL F
Literatur hat nichts mit toten Texten, sondern viel mit lebendigen Diskussionen, provozieren-
den Autorinnen und Autoren sowie prominenten Kritikern zu tun. Auch heftige Debatten um
richtige Interpretationen, buchgerechte Verfilmungen oder misslungene Inszenierungen eines
Theaterstücks gehören dazu. Literatur ist ein kulturelles und gesellschaftliches Medienereignis,
das Menschen fasziniert oder abstösst und worüber sich vorzüglich diskutieren, schreiben,
lachen und streiten lässt.
Literatur ist öffentlich – und zugleich persönlich, privat, spielerisch und intim.

• Literaturerfolg – Erfolgsliteratur
• Regelmässig sehen, hören oder lesen wir von Büchern, «die man unbedingt kennen Bestseller
muss», z.B. Harry Potter oder Dan Browns «Sakrileg» (englisch: «DaVinci Code»). Über
die Qualität sagt dies nicht immer viel aus, wohl aber über geschicktes Marketing.
Welche aktuellen Bestseller kennen Sie, an welche erinnern Sie sich noch?

• Suchen Sie Bestsellerlisten – in einer Buchhandlung oder im Internet –, und tragen Sie
drei Titel hier ein: Worum geht’s in diesen Bestsellern? Was lässt sich erfahren, ohne sie
zu lesen?

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Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden

• Die Literatur der Gegenwart lebt in einem breiten medialen Umfeld. Computer und
Internet bieten als Produktions-, Verbreitungs- und Rezeptionsmedien von Literatur
vielfältige Möglichkeiten.
Welche Buchverfilmungen haben Sie gesehen – oder muss man zur Zeit sehen? Verfilmungen
Welche DVDs von Romanverfilmungen besitzen Sie?

• Informieren Sie sich über die Frankfurter Buchmesse oder eine andere grosse Literatur- Buchmessen
schau (Leipziger Buchmesse, Salon du livre in Genf u. a.).
Sammeln Sie Daten und Zahlen über Aussteller und Besucher. Stellen Sie fest, nach
welchen Sachgebieten das Angebot ausgestellt wird, welche Medien angeboten werden
und welche Sonderausstellungen oder Schwerpunkte gesetzt werden.
Qualitätszeitungen (Tages-Anzeiger, Basler Zeitung) oder Wochenmagazine bringen zu
besonderen Anlässen spezielle Literaturbeilagen mit vielen Buchbesprechungen zu allen
möglichen Themen, z. B. Sport- und Reiseliteratur, Musik- und Kunstbücher.
• Wer nicht lesen will oder kann, soll wenigstens hören: Nahezu jedes bekanntere Werk Hörbücher
der Literatur gibt es als Hörbuch auf CD oder zum Herunterladen aus dem Internet.
Das Hören kann uns Aspekte erkennen lassen, die beim Lesen übersehen werden oder
unbemerkt bleiben.

Literaturatelier 93
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Skandale • Literaturskandale
• 2008 führt der Roman «Die Wohlgesinnten» des Amerikaners Jonathan Littell (Jahrgang
1967) zu heftigen Diskussionen. Er schildert darin die fiktive Lebensgeschichte eines
SS-Offiziers, der ohne Reue auf sein Morden während des Zweiten Weltkriegs zurück-
blickt. Die Streitfrage: «Darf man Mördern eine Stimme geben?»
• 1978 veröffentlichte Rolf Hochhuth den Roman «Eine Liebe in Deutschland». Darin
bezeichnete er den damals amtierenden baden-württembergischen Ministerpräsidenten
und früheren Marinerichter als «furchtbaren Juristen», der noch in britischer Gefangen-
schaft nach Hitlers Tod einen deutschen Matrosen mit Nazi-Gesetzen verfolgt hatte.
Ein halbes Jahr später trat der Ministerpräsident von seinem Amt zurück.

Zensur • Literaturzensur und -verbote


• Einzelne Staaten, Organisationen oder Mächtige fühlen sich immer wieder von Autoren
und Büchern bedroht. Mit Zensur und Verbot – im schlimmsten Falle mit Arbeitsverbot,
Gefängnis und Tod – versuchen sie, ihre Interessen durchzusetzen.
• Heinrich Heine zum Thema Zensur, 1827:

$IEDEUTSCHEN#ENSOREN — — — —
— — — — — — — — — —
— — — — — — — — — —
— — — — — — — — — —
— — — — — — — — — —
— — — — — — — — — —
— — — — $UMMKÇPFE — —
— — — — — — — — — —
— — — — — — — — — —
— — — — — — — — — —
— — — — —.
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• 1988 veröffentlichte Salman Rushdie den Roman «Die satanischen Verse». Weil das
Werk «gegen den Islam, den Propheten und den Koran» gerichtet sei, verurteilte der
iranische Staatschef den Autor mit einer Fatwa 1989 zum Tode. Um die Durchführung
zu beschleunigen, wurde ein Kopfgeld von drei Millionen Dollar ausgesetzt.

Literaturpreise • Literaturnobelpreis
Alljährlich werden zahlreiche Literaturpreise verliehen, als prominentester der Nobelpreis
für Literatur. Im Folgenden die deutschsprachigen Preisträgerinnen und -preisträger:
2009: Herta Müller 1946: Hermann Hesse
2004: Elfriede Jelinek 1929: Thomas Mann
1999: Günter Grass 1919: Carl Spitteler
1981: Elias Canetti 1912: Gerhart Hauptmann
1972: Heinrich Böll 1910: Paul Heyse
1966: Nelly Sachs

94 Literaturatelier
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Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
• Literaturwettbewerbe und Schreibkurse

MODUL F
Wettbewerbe

Wer gern schreibt, kann an Literaturwettbewerben teilnehmen; für nahezu jedes Alter
werden Wettbewerbe ausgeschrieben.
Immer mehr Schulen und Weiterbildungsinstitutionen bieten Schreibseminare an.
Interessierte lernen die wichtigsten Techniken, wie gute Kurzgeschichten, Reportagen oder
Drehbücher und Romane zu schreiben sind.
Trauen Sie sich, und schreiben Sie für Ihre Schulzeitung oder das Firmenmagazin einen
interessanten Beitrag!

• Literaturblog Literaturblog

Im Internet gibt es Literaturblogs, in denen Texte veröffentlicht werden oder in denen über
Texte geurteilt und diskutiert wird. Die Themenvielfalt ist enorm. Surfen Sie mal – und
bloggen Sie mit!

• Literaturerfahrung und -erlebnis Horizonte

Wichtiger als jedes Spektakel ist das persönliche Erleben und Verstehen von Literatur –
das Lesen von Büchern. Franz Kafka hat dies so formuliert:
«Ich glaube, man sollte überhaupt nur Bücher lesen, die einen beissen und stechen.
Wenn das Buch, das wir lesen, uns nicht mit einem Faustschlag auf den Schädel weckt,
wozu lesen wir dann das Buch?»

Literatur öffnet Horizonte, und wir begegnen

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Literaturatelier 95
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2 Arbeitshinweise und Anregungen

Grundbegriffe Das vorliegende Modul beginnt mit literarischen Grundbegriffen zu den Textsorten Epik,
Dramatik und Lyrik (vgl. Modul A, «Kommunikation und Zeichen»).
Der anschliessende Überblick über die Epochen der deutschen Literatur – wozu auch die
Schweiz und Österreich zählen – dient als Orientierungshilfe und regt an, im Internet und in
Literaturgeschichten (in der Mediothek der Schule) Biografien der Autorinnen und Autoren
sowie Inhaltsangaben einzelner Werke zu recherchieren.
Gliederung der Die Epochenskizzen klären jeweils den Begriff, gehen auf wichtige Themen und Tendenzen
Epochendarstellungen näher ein und beschreiben die Bedeutung der Gattungen Epik – Drama – Lyrik während der
Epoche. Ein Kästchen weist auf Ausgewählte Werke deutschsprachiger Autorinnen und
Autoren – mit L ESETIPPS ! – und auf die Weltliteratur hin. Die anschliessenden Aufgaben
beziehen sich auf Originaltexte und vermitteln einen kurzen Einblick in wichtige Werke. Litera-
tur hören und sehen regt zu einem besseren Verständnis der Werke an. Was bleibt, sind am
Ende Anregungen und Fragen zum Gelernten und Gelesenen. Ein kurzer Abriss zu Gesell-
schaft und Geschichte sowie epochentypische Illustrationen runden jede Epoche ab.

Anregungen
Fächer vernetzen • Vernetzen Sie die Epochen und Werke mit Geschichte, Staatskunde und sozialen Entwick-
lungen sowie mit bildender Kunst, Malerei und Musik. Ergänzen Sie und suchen Sie Infor-
mationen sowie Ereignisse, die Ihnen (oder Ihrer Lehrperson) wichtig sind.
• Entwickeln Sie in Ihrem Kopf ein «historisches Netz», in das sich jeder Museumsbesuch,
jede «Sightseeing-Tour» in einer fremden Stadt leichter einordnen lässt.
• Fragen Sie sich: Was bleibt vom heutigen Tag in Geschichtsbüchern und Literaturgeschich-
ten?
Atelier • Ein Atelier ist der Arbeitsplatz kreativer Menschen: Da finden sich Entwürfe, Ideen, Skizzen
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und fertige Persönliches
Werke. Nutzen SiePetra
Exemplar von dasTrostel,
Buch8570
mitWeinfelden
allen Daten und Informationen, um gemein-
sam mit Ihren Kolleginnen und Kollegen Ihren persönlichen Horizont zu erweitern.

Lerntipps Wenn Sie sich mit einzelnen Epochen vertieft auseinandersetzen wollen oder müssen, so gilt:
• Lesen Sie mindestens ein Werk dieser Epoche, und lassen Sie sich auf Sprache, Figuren,
Themen und Gefühle ein.
• Vertiefen Sie sich in den Text und den historisch-sozialen Hintergrund. Was sagt uns der
Text heute, was sagt er Ihnen? Wenden Sie das Analysemodell an (vgl. Modul B, «Text-
analyse und Interpretation»).
• Überprüfen Sie die Epochenmerkmale und ihre Wirkung am Text: Trifft es zu, was allge-
mein über die Epoche gesagt wird – oder unterscheidet sich der vorliegende Text davon?
Wie wirken diese Abweichungen? Wie lassen sie sich erklären?
«Meine Kultur und • Wenn Sie einen anderen Kulturhintergrund mitbringen, überprüfen Sie, was zu dieser Zeit
Literatur» in Ihrer Kultur geschrieben, gedacht, in den Medien diskutiert wurde. Stimmen die Eintei-
lungen und Bezeichnungen überein, z. B. Klassik oder Romantik in der deutschen Literatur
und in Ihrer Literatur?
Leseliste • Erstellen Sie eine persönliche Leseliste, in der Sie Ihre Leseerfahrungen, Ihre Eindrücke und
Ideen sowie Ihr neu erworbenes Wissen aufschreiben (z.B. Datenbank).

96 Literaturatelier
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3 Literarische Grundbegriffe

MODUL F
Der Umgang mit Literatur wird interessanter, wenn Lesende über ein gewisses Basiswissen
verfügen. Im Folgenden werden wichtige Grundbegriffe der Epik, der Dramatik sowie der Lyrik
kurz erläutert. Dabei liegt der Schwerpunkt vor allem auf Verständlichkeit und Nützlichkeit,
weniger auf Vollständigkeit.
Das Internet sowie einschlägige Fachliteratur bieten weitere Informationen und ausführliche
Diskussionen einzelner Begriffe.

3.1 Epik
Epik kommt vom griechischen Wort «Epos», das so viel bedeutet wie «Rede» oder «Erzäh- Epik
lung». Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Romane sind die beliebtesten und am
meisten verbreiteten epischen Formen, über die auch in den Medien berichtet und diskutiert
wird (Diskussionen und Rezensionen).
• Erzählperspektive oder Erzählsituation: Wenn im literarischen Text ein Ich spricht, so ist dies Erzählperspektive
nicht die Autorin oder der Autor, sondern eine «Ich-Erzählerin» oder ein «Ich-Erzähler».
Gerade in der modernen Literatur verändert sich der Erzähler oft innerhalb eines Romans,
einer Erzählung. Lesende werden dadurch immer wieder in andere Perspektiven «gezwun-
gen».

Die folgenden drei Texte veranschaulichen drei unterschiedliche Erzählsituationen.

Ich-Erzähler Auktorialer Erzähler Personaler Erzähler

Spät am Abend verliess ich noch ein- Spät am Abend verliess unser Held Spät am Abend verliess er noch ein-
mal das Haus. Verdammt, dachte ich, © noch einmal
2018 Verlag dasFokus
SKV AG: Haus. Er fragte
Sprache, sich, BM
Fokus Sprache mal das Haus. Verdammt, welcher
welcher von beiden Zigarettenauto- welcherExemplar
Persönliches von beiden Zigarettenauto-
von Petra Trostel, 8570 Weinfelden von beiden Zigarettenautomaten war
maten ist wohl heute ausnahmsweise maten wohl an diesem Tag ausnahms- wohl heute ausnahmsweise mal nicht
einmal nicht kaputt? Ich entschied weise einmal nicht kaputt sein würde. kaputt? Er wandte sich nach links in
mich für die Grabenstrasse und ging Er entschied sich für die Graben- die Grabenstrasse und hatte schon die
deshalb nach links, an der Tankstelle strasse und ging deshalb nach links, Tankstelle und das Postgebäude pas-
und am Postgebäude vorbei, als mich an der Tankstelle, die im übernächsten siert, als er plötzlich wie angewurzelt
plötzlich ein Gedanke durchfuhr. Kapitel noch eine grosse Rolle spielen stehen blieb. O nein, das durfte ja
O nein, dachte ich, das darf ja einfach wird, und am Postgebäude vorbei, als einfach nicht wahr sein! Jetzt hatte er
nicht wahr sein! Jetzt habe ich doch ihn plötzlich ein Gedanke durchfuhr. doch tatsächlich sein Portemonnaie
tatsächlich mein Portemonnaie ver- «O nein», dachte er, «das darf ja ein- vergessen. Mit dem gemütlichen
gessen. Mit dem gemütlichen Abend fach nicht wahr sein! Jetzt habe ich Abend war es heute also wieder
wird es heute also wieder nichts! doch tatsächlich mein Portemonnaie nichts! Leise vor sich hin fluchend
Ärgerlich fluchend stapfte ich durch vergessen. Mit dem gemütlichen stapfte er durch den Schnee zurück
den Schnee zurück nach Hause und Abend wird es heute also wieder nach Hause und ging sofort ins Bett,
ging sofort ins Bett, ohne bei Carola nichts!» Tja, lieber Leser, das sind die ohne bei Carola anzurufen.
anzurufen, was ein grosser Fehler war, &OLGENDER.IKOTINSUCHTOHNE:IGA-
wie ich heute leider einsehen muss. retten ist der Abend für solche Leute Merkmale:
direkt verdorben. Ärgerlich fluchend
Merkmale: stapfte unser Mann also durch den
Schnee zurück nach Hause und ging
sofort ins Bett, ohne bei Carola anzu-
rufen, die noch fast die ganze Nacht
hindurch wach lag, weil sie nicht
wusste, wo er steckte.

Merkmale:

Literaturatelier 97
© 2018 Verlag SKV AG: Fokus Sprache, Fokus Sprache BM
Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
Erzählung • «Erzählung» gilt als Sammelbegriff und umfasst alle mündlichen oder schriftlichen
Darstellungsformen von wirklichen und erfundenen Geschehnissen. Dazu zählen Anek-
doten, Märchen oder Romane. Im engeren Sinne bezeichnet die Erzählung Geschichten,
die weniger anspruchsvoll strukturiert sind als etwa Novellen oder Romane. Im 19. Jahr-
hundert wurden zum Beispiel auch solche Werke als Erzählungen bezeichnet, die wir
heute eindeutig der Textsorte Roman zuordnen.

Figuren • Figuren faszinieren über Jahrhunderte hinweg in der Literatur, aber auch in der Malerei, in
der Musik, im Film u.a. Kunstformen. Beispiele sind Don Juan, Faust oder Romeo und Julia.
Die Aussagen der Figuren sind keine Aussagen eines Autors oder einer Autorin. Zu untersu-
chen ist, ob und wie die Sprache zum dargestellten Charakter passt. Fernner kann nach der
Generationszugehörigkeit, nach der sozialen Stellung, der Entwicklung innerhalb eines
Geschehens sowie den Werten der einzelnen Figuren gefragt werden.

Kurzgeschichte • Kurzgeschichten – Lehnübersetzung von Short Story – führen mit den ersten Sätzen
mitten ins Geschehen. Sie zeigen eine Momentaufnahme, eine Grenzsituation im Leben
einer oder mehrerer Figuren, deren bisheriges Dasein sich grundlegend ändert. Die Figu-
ren sind meist nicht als Individuen charakterisiert, sondern verkörpern bestimmte Ver-
haltensweisen. Ein offener (häufig pointierter) Schluss erlaubt, eigene Gedanken und
Deutungsmöglichkeiten zu entwickeln.

Monolog • Der Monolog ist ein laut geführtes Selbstgespräch einer Figur auf der Bühne; der innere
Monolog in Romanen oder Erzählungen gibt in der Ich-Form nicht laut ausgesprochene
Gedanken, Überlegungen, Augenblicksregungen einer Person wieder.
Motiv • Das Motiv (Stoff, Thema) bezeichnet das kleinste inhaltliche Element eines literarischen
Werks, z.B. das Eifersuchtsmotiv. Weitere Beispiele sind Doppelgänger-, Verrats- oder
Traummotiv. Stoff und Thema können weitgehend als Synonyme gelten.
Fürs Verstehen und
© 2018 fürSKV
Verlag dieAG:Interpretation entscheidend
Fokus Sprache, Fokus Sprache BM ist, wie ein Motiv in verschiedenen
Werken vonPersönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
verschiedenen Autoren zu unterschiedlichen Zeiten in unterschiedlichen Kultu-
ren dargestellt wird, z.B. die Liebe zwischen Arm und Reich, zwischen hoher Sozialschicht
(«oben») und tiefer («unten»).
In jeder Kunstgattung – Architektur, Film, Malerei, Musik – kommen Leitmotive vor. Dies
können Farben, Figuren, Gegenstände, Stimmungen, Symbole, Personen, Tonfolgen, Sätze
und vieles mehr sein, die im Werk in einer bestimmten Bedeutung aufscheinen. In Thomas
Manns Roman «Buddenbrooks» lässt sich der Verfall der Familie an den Zahnproblemen
ablesen.
Novelle • Novellen zählen zur Standardlektüre des Literaturunterrichts: Ihr Umfang ist gut überschau-
bar, sie sind verständlich und spannend. Hinzu kommt, dass sie meist klar strukturiert sind.

Die folgenden sieben Merkmale lassen sich in vielen Novellen entdecken; häufig
spielen die Autoren damit oder verändern das eine oder andere Merkmal. Wichtig ist
zu erkennen, welche Wirkung diese Merkmale bei Lesenden erzielen.
Eine Novelle ist
• die mittellange Erzählung (mit einer Rahmenhandlung)
• einer unerhörten Begebenheit, die sich
• mit einer überschaubaren Anzahl an Figuren
• wirklich ereignet haben kann;
• sie nimmt einen dramatischen Verlauf (Konflikt) und steuert –
• häufig über ein Leitmotiv und ein Dingsymbol – auf
• eine unerwartete Wende oder einen Höhepunkt zu: meist Aufstieg und Fall der
Hauptfigur.

Theodor Storm, der Autor des «Schimmelreiters», bezeichnete 1888 die Novelle als
«die epische Schwester des Dramas».

98 Literaturatelier
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Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
• Parabeln sind gleichnishafte, belehrende Erzählungen, Geschichten oder Szenen. Der Wort-

MODUL F
Parabel
laut und der Inhalt des Textes unterscheiden sich deutlich. Nicht immer ist es einfach (oder
gar möglich!), das Gemeinte, den Sinn der Parabel, eindeutig zu erschliessen und zu erken-
nen (vgl. Epoche «Aufklärung»: Lessings Ringparabel).

• Das Wort «Plot» (das Sujet) kommt aus dem Englischen und bezeichnet die Handlung in Plot
literarischen Werken, also auch in Dramen.

• Romane sind umfangreicher und vielschichtiger als Novellen. Romane werden seit dem Roman
17. Jahrhundert geschrieben; einen Höhepunkt erreicht der Roman im 19. Jahrhundert –
als die Literaturgattung des Bürgertums – mit den Werken Gustave Flauberts
(«Madame Bovary») sowie Fjodor Michailowitsch Dostojewskis («Schuld und Sühne»,
«Der Idiot») und Lew Tolstois («Krieg und Frieden»). Thematisch unterscheiden lassen
sich Abenteuer-, (Anti-)Kriegs-, Bildungs-, Brief-, Entwicklungs-, Familien- oder Genera-
tionen-, Fantasy-, Grossstadt- und historische Romane, ferner Kriminal-, Künstler-,
Science-Fiction-, Spionage- sowie Wildwestromane und andere.

• Symbole sind wahrnehmbare Zeichen, die für einen anderen Sinnzusammenhang stehen, Symbol
z. B. ein Herz für die Liebe (vgl. Modul A, «Kommunikation und Zeichen»). Symbole sind
daher in der Nähe der Metapher (vgl. Modul D, «Rhetorik») anzusiedeln. Um Symbole zu
verstehen, muss der kulturabhängige Sinn «gelernt» oder «erworben» werden. Die Bedeu-
tung der «blauen Blume der Romantik» kann über die entsprechende Textstelle erschlossen
werden (vgl. Epoche «Romantik»).
• Ein Dingsymbol ist ein Gegenstand, der häufig in Novellen vorkommt und mit der
Handlung aufs Engste verbunden ist, z.B. die Buche in Droste-Hülshoffs «Judenbuche».

• Kritiker sprechen von Trivialliteratur, Autorinnen und Autoren solcher Bücher von Erfolgs- Trivialliteratur
literatur: Gemeint sind literarische Werke, die in erster Linie auf Unterhaltung setzen,
die sich leicht lesen, ja «verschlingen» lassen und zu Hunderttausenden verkauft – und
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verfilmt – werden. Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden

Zu den Merkmalen der Trivialliteratur zählt, dass


• sie inhaltlich oder sprachlich-stilistisch ohne höheren Anspruch ist (einfaches, gradliniges
Erzählen);
• Themen wie Liebe, Intrigen, Eifersucht und Neid sowie Abenteuer, Verbrechen, Heimat,
Krieg oder Krankheit klischeehaft und sich wiederholend abgehandelt werden;
• sie in einer Scheinrealität spielt und der Flucht aus dem Alltag dient;
• die klischeehaften Figuren (ohne Selbstreflexion) problematische Vorbilder und «über-
vollkommene» Menschen sind;
• schicksalhafte Fügungen letztlich zu einem Happy-End führen und falschen Trost
spenden: «Alles wird gut.»
Zwischen literarischen Meisterwerken und Heftchenromanen, zwischen schauspielerischen
Höhepunkten und rührseligen Telenovelas sowie zwischen einfühlsamen Gedichten und
alltäglichen Trällerhits liegt ein enormes Spektrum von Qualitätsunterschieden. Dennoch:
Nicht alles Schwierige und Unverständliche ist «gut», nicht alles Einfache und leicht Lesbare
ist «schlecht». Wie in vielen Bereichen lässt die bewusste Auseinandersetzung mit einem
Werk dessen Stärken und Schwächen erkennen und führt schliesslich zu einem guten
Geschmack. Guter Stil und sicherer Geschmack beruhen häufig auf Erfahrung.

• Wenn die Erzählzeit (Zeitdauer des Lesens) und die erzählte Zeit (Zeitdauer der Hand- Zeit
lung) gleich lang sind, so ist von Zeitdeckung die Rede.
Dauert das Ereignis länger als die sprachliche Darstellung, wird von Zeitdehnung («Zeit-
lupe») gesprochen; werden längere Handlungen gekürzt, ist von Zeitraffung die Rede.
Bei einem Zeitsprung fehlen Jahre, Monate und Wochen. – In allen Fällen ist nach der
Wirkung zu fragen.

Literaturatelier 99
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Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
3.2 Dramatik
Drama – Tragödie – Komödie – Stück
Drama Das Wort kommt aus dem Griechischen und bedeutet «Handlung, Geschehen». Das Publikum
erlebt Dialoge (und Monologe) um einen Konflikt mit. Bis zur Aufklärung durften in der Tragö-
die, dem Drama mit negativem Ausgang, nur adelige Figuren auftreten (Ständeklausel). Nur sie
konnten hoch genug «aufsteigen» und tief «fallen» oder scheitern («Fallhöhe»). Lessing setzte
im 18. Jahrhundert mit dem bürgerlichen Trauerspiel die Ständeklausel ausser Kraft.
Ein Drama mit belustigender Handlung ist eine Komödie. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts
umgehen Autoren diese historischen Begriffe mit dem Ausdruck «Stück»; viele bezeichnen sich
auch als Stückeschreiber.
Die Begriffe werden heute sowohl für Filme als auch umgangssprachlich gebraucht, z.B. wenn
von «Comedians» oder einem «dramatischen» Endspiel die Rede ist.

• Dramenaufbau
Akte • Die «Magie der fünf Akte»
Wer sich fürs Theater interessiert, erkennt bald, dass viele Stücke fünf Akte aufweisen,
zum Beispiel die Dramen von Shakespeare oder Schiller. Diese klare Struktur geht zum Teil
auf den griechischen Philosophen Aristoteles (384 –322 v. Chr.) zurück und wurde im
19. Jahrhundert von Gustav Freytag (1816 –1895) folgendermassen charakterisiert.

3. Akt

2. Akt 4. Akt
1. Akt 5. Akt

Exposition Entwicklung Peripetie Retardation Katastrophe


Einführung Steigerung, Höhe- oder verzögerndes oder Lösung
erregendes © 2018 Verlag Wendepunkt Moment
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Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
Moment

Neben dieser strengen fünfteiligen Form gab es immer schon Theaterstücke, die weniger
oder gar keine Akte kennen und in denen sich eine unterschiedliche Anzahl von Szenen
aneinanderreiht. In diesem Falle wird von einer offenen Dramenstruktur gesprochen.

Filmdramaturgie • Filmdramaturgie
Bis heute wird diese Struktur auch auf Filme angewandt. Wer Drehbücher schreibt, lernt
folgendes Zeitschema mit drei Akten und zwei «Plot Points» kennen. Ein erfolgreicher
Hollywood-Drehbuchautor bezeichnet diese Struktur als «Kraft, die alles zusammenhält.
Sie ist das Skelett, das Rückgrat, die Basis. Ohne Struktur gelingt Ihnen keine Story.»
Ein «Plot Point» kann ein Schuss, eine Rede, eine Szene, eine Sequenz oder eine Handlung
sein – einfach alles, was die Geschichte vorantreibt.

Zentraler Punkt
Konfrontation
Plot Point I Plot Point II
Setup (Exposition) Lösung

Zeit 12 Minuten 45 – 60 Minuten 80 Minuten 90 Minuten

Damit die Struktur nicht zum Korsett wird, spielen anspruchsvollere Regisseure damit und
überraschen so ihr Publikum, indem sie gewohnte Muster brechen.

100 Literaturatelier
© 2018 Verlag SKV AG: Fokus Sprache, Fokus Sprache BM
Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
• Brecht und das Epische Theater

MODUL F
Ein neues Verständnis des Theaters entwickelte in den Zwanzigerjahren Bertolt Brecht mit Episches Theater
dem Epischen Theater. In der folgenden Gegenüberstellung zeigt er einige Gewichtsver-
schiebungen vom dramatischen zum Epischen Theater.

Dramatische Form des Theaters Epische Form des Theaters


[das aristotelische Theater]

handelnd erzählend
verwickelt den Zuschauer in Bühnenaktion macht den Zuschauer zum Betrachter, aber
verbraucht seine Aktivität weckt seine Aktivität
ermöglicht ihm Gefühle erzwingt von ihm Entscheidungen
Erlebnis Weltbild
Der Zuschauer wird in etwas hineinversetzt er wird gegenübergesetzt
Suggestion Argument
Die Empfindungen werden konserviert bis zu Erkenntnissen getrieben
Der Zuschauer steht mittendrin, miterlebt Der Zuschauer steht gegenüber, studiert
Der Mensch als bekannt vorausgesetzt Der Mensch als Gegenstand der Untersuchung
Der unveränderliche Mensch Der veränderliche und verändernde Mensch
Spannung auf den Ausgang Spannung auf den Gang
Eine Szene für die andere Jede Szene für sich
Wachstum Montage
Geschehen linear in Kurven
evolutionäre Zwangsläufigkeit Sprünge
Der Mensch als Fixum Der Mensch als Prozess
Das Denken bestimmt das Sein Das gesellschaftliche Sein bestimmt das Denken
Gefühl Ratio

Brechts Episches Theater soll Vertrautes in einem fremden Licht erscheinen lassen und V-Effekt
Fragen provozieren. Ferner gehört auch dazu, dass Schauspieler ihre Rollen nicht «ver-
körpern», sondern den Text «zitieren». Mit dem «V-Effekt», dem Verfremdungseffekt, soll
das Selbstverständliche, Bekannte, Einleuchtende
© 2018 Verlag SKV genommen und
AG: Fokus Sprache, Staunen
Fokus sowie Neugier-
Sprache BM
Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
de erzeugt werden. Mittel der Verfremdung sind zum Beispiel Zwischengesänge, Spruch-
bänder und Selbsterklärungen der Figuren. Heute ermöglicht modernste Bühnentechnik
noch viele andere V-Effekte, z.B. Laufbänder oder grosse Bildprojektionen.
Typisch für das Epische Theater und den V-Effekt ist der Schluss des Stücks «Der gute
Mensch von Sezuan». Ein Spieler tritt vor den Vorhang und spricht das Publikum direkt an:
Verehrtes Publikum, jetzt kein Verdruss:
Wir wissen wohl, das ist kein rechter Schluss.
Vorschwebte uns: die goldene Legende.
Unter der Hand nahm sie ein bitteres Ende.
Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen
 $EN6ORHANGZUUNDALLE&RAGENOFFENw 
 $EREINZIGE!USWEGW¸RAUSDIESEM5NGEMACH
Sie selber dächten auf der Stelle nach
Auf welche Weis dem guten Menschen man
Zu einem guten Ende helfen kann.
Verehrtes Publikum, los, such dir selbst den Schluss!
Es muss ein guter da sein, muss, muss, muss!

Literaturatelier 101
© 2018 Verlag SKV AG: Fokus Sprache, Fokus Sprache BM
Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
• Dürrenmatt und die Welt als Komödie
Welt als Komödie Friedrich Dürrenmatts (1921–1990) Theatererfolge beruhen auf einer deutlich anderen
«Theorie»:

Uns kommt nur noch die Komödie bei


1 $IE4RAGÇDIESETZT3CHULD .OT -ASS ³BERSICHT 6ERANTWORTUNGVORAUS)NDER
Wurstelei unseres Jahrhunderts, in diesem Kehraus der weissen Rasse, gibt es keine
Schuldigen und auch keine Verantwortlichen mehr. Alle können nichts dafür und haben
es nicht gewollt. Es geht wirklich ohne jeden. Alles wird mitgerissen und bleibt in
5 irgendeinem Rechen hängen. Wir sind zu kollektiv schuldig, zu kollektiv gebettet in die
3ÌNDENUNSERER6¸TERUND6ORV¸TER7IRSINDNURNOCH+INDESKINDER$ASISTUNSER
Pech, nicht unsere Schuld: Schuld gibt es nur noch als persönliche Leistung, als religiöse
Tat. Uns kommt nur noch die Komödie bei.
  5NSERE7ELTHATEBENSOZUR'ROTESKEGEFÌHRTWIEZUR!TOMBOMBEw $OCHISTDAS
10 Tragische immer noch möglich, auch wenn die reine Tragödie nicht mehr möglich ist.
Wir können das Tragische aus der Komödie heraus erzielen, hervorbringen als einen
schrecklichen Moment, als einen sich öffnenden Abgrund, so sind ja schon viele Tragö-
dien Shakespeares Komödien, aus denen heraus das Tragische aufsteigt. Nun liegt der
Schluss nahe, die Komödie sei der Ausdruck der Verzweiflung, doch ist dieser Schluss
15 nicht zwingend.
Gewiss, wer das Sinnlose, das Hoffnungslose dieser Welt sieht, kann verzweifeln,
doch ist diese Verzweiflung nicht eine Folge dieser Welt, sondern eine Antwort, die er
auf diese Welt gibt, und eine andere Antwort wäre sein Nichtverzweifeln, sein Ent-
schluss etwa, die Welt zu bestehen, in der wir oft leben wie Gulliver unter den Riesen.
20 w %SISTIMMERNOCHMÇGLICH DENMUTIGEN-ENSCHENZUZEIGEN1955

Dokumentartheater • Die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verwischt das Dokumentartheater. Dabei
werden historische Ereignisse thematisiert. Als Textgrundlage dienen Originaldokumente
wie Gerichtsakten, Protokolle, Interviews, Augenzeugenberichte. Auch wenn nichts hinzu-
erfunden wird, so sind letztlich das Arrangement der Texte, ihre Auswahl und die Kürzun-
gen entscheidend für die
© 2018 Verlag Darstellung
SKV AG: des
Fokus Sprache, Sachverhalts.
Fokus Sprache BM
Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
Einer der erfolgreichsten Autoren des Dokumentartheaters ist Rolf Hochhuth (1931), dessen
Stücke «Der Stellvertreter» (1963) und «Juristen» (1979) für handfeste Skandale sorgten.

Gegenwart • Das Theater der Gegenwart geht einen Schritt weiter und
– stellt die Aufführung in den Vordergrund, die Regie (Regietheater statt Texttreue);
– löst Aufführung und Werk voneinander: das Werk garantiert nur noch den Verlauf im
weitesten Sinne;
– betont das Ereignis als Kunstprodukt: Der gleiche Text lässt je nach Regie und Darsteller
eine sehr andere Welt entstehen, in der sich das Publikum zurechtzufinden hat – und
das kann die Zuschauenden (sehr) verunsichern und in ihrer Wahrnehmung verwirren.

Drei Einheiten • Die «drei Einheiten» sorgten dafür, dass das Theater des 17. Jahrhunderts Struktur und
Ordnung erhielt: Ort, Zeit und Handlung mussten übereinstimmen. Die Autoren der Auf-
klärung, allen voran Lessing, wehrten sich gegen diese Einschränkung; eine durchgehende
Handlung und glaubwürdige Charaktere genügten.
Monolog • Der Monolog ist ein laut geführtes Selbstgespräch einer Figur auf der Bühne; für den
inneren Monolog in Romanen oder Erzählungen vgl. «Epik».
Ständeklausel • Mit dem bürgerlichen Trauerspiel, das bürgerliche Heldinnen und Helden auf der Bühne
zeigt, fällt im 18. Jahrhundert die Ständeklausel, vgl. «Drama».

102 Literaturatelier
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Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
MODUL F
3.3 Lyrik
Das Wort «Lyrik» geht auf das griechische «Leier» oder «Lyra» zurück. Gedichte stehen also in
einem engen Zusammenhang mit Sprechen, Klang und Melodie. Lyrik ist die literarische
Gattung, die mit formalen Mitteln wie Reim und Rhythmus persönliches Empfinden, Gefühle,
Stimmungen, aber auch weltanschauliche Betrachtungen oder politisches Engagement aus-
drückt. Thematisch unterschieden werden können folgende Gattungen: Erlebnis-, Natur-,
Liebes- und Alltagslyrik, aber auch politische Lyrik, Grossstadt- und Gedankenlyrik. Von allen
literarischen Äusserungen sind Gedichte am engsten an die Muttersprache der Dichterin/des
Dichters gebunden – und am schwierigsten zu übersetzen. Dies trifft auch auf englische
Popsongs zu, die ins Deutsche oder in die Mundart übersetzt werden.
Wenn der Inhalt des Gedichts schon an seiner äusseren Form erkennbar ist, wird von visueller Konkrete Poesie
oder konkreter Poesie gesprochen, zum Beispiel:

cHristian MorgEnstErn, 1871–1914


Die Trichter
Zwei Trichter wandeln durch die Nacht.
$URCHIHRES2UMPFSVERENGTEN3CHACHT
fliesst weisses Mondlicht
still und heiter
auf ihren
Waldweg
u. s.
w.

Moderne Lyrik wirkt häufig schwer zugänglich, weil sie sich durch Verknappung und Verdich- Moderne Lyrik
tung des Inhalts, durch schwer erkennbare Symbole und Metaphern sowie durch sprachliche
Experimente und anspruchsvolle Formen der schnellen Interpretation verschliesst.
© 2018 Verlag SKV AG: Fokus Sprache, Fokus Sprache BM
• Die Ballade bezeichnet seit dem 18. Persönliches
Jahrhundert einvon
Exemplar handlungsreiches, oft tragisch enden-
Petra Trostel, 8570 Weinfelden Ballade
des Geschehen, das meist aus Geschichte, Sagenwelt oder Mythologie stammt. Balladen
«erzählen» etwas «Dramatisches» (z.B. einen Konflikt) in «gereimter und rhythmischer»
Form. In der Rock- und Popmusik sind Balladen eher ruhige Lieder, die ebenfalls längere
«Storys» erzählen.
Bekannte Balladen sind u.a. Goethes «Erlkönig» und «Der Zauberlehrling», von Schiller
«Die Bürgschaft» und «Das Lied von der Glocke» sowie von Fontane «John Maynard» und
«Die Brück’ am Tay».

• Elemente der Lyrik


• Verse sind Zeilen eines Gedichts. Vers
Zeilenstil: Das Satz- und Versende stimmen überein.
Zeilensprung: Der Satz überspringt das Zeilenende, vgl. Goethes Gedicht «Prometheus»,
5.4 Jahrhunderttest.
• Silben, die gleich klingen, sind Reime. So gibt es ein-, zwei- und dreisilbige Reime, z. B. Reim
Mut – Blut; Leben – Reben; klingende – springende. Auch Alliterationen oder Stabreime
(vgl. Modul D, «Rhetorik») sowie Reime im Wortinnern und zahlreiche andere Möglich-
keiten bringen Gedichte zum Klingen. Mit Buchstaben wird das Reimschema gekenn-
zeichnet, zum Beispiel:

Nibelungenlied, 1200
Reimschema: abab cdcd
Uns ist in alten mæren wunders vil geseit:
von heleden lobebæren von grôzer arebeit,
von fröuden, hôchgeziten, von weinen und von klagen,
  VONKÌENERRECKENSTRÁTEN  MUGETIRNUWUNDERHRENSAGEN

Literaturatelier 103
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Metrum • Beim Sprechen betonen wir einzelne Silben (Hebung), andere bleiben unbetont
(Senkung). Die Anzahl und Kombination von betonten und unbetonten Silben ist das
Metrum (z. B.: betont – unbetont – unbetont, und das sechsmal).
• Folgt einer unbetonten eine betonte Silbe, so wird dies Jambus genannt. Seit William
Shakespeare und im deutschen Drama seit Gotthold Ephraim Lessing (vgl. 5.1 «Auf-
klärung») ist der fünfhebige Jambus ohne Reim verwendet worden:
Es eifre jeder seiner unbestochnen
Von Vorurteilen freien Liebe nach!
Rhythmus • Das Metrum schreibt nicht vor, wo beim Sprechen Pausen und wo je nach Sinn gewisse
Akzente zu setzen sind. Durch Hebung, Senkung, Pause, Akzent entsteht der Rhythmus
des Gedichts.
Strophe • Strophen sind Sinneinheiten, die meist in der Anzahl und in der Länge der Verse sowie
im Reimschema und im Metrum übereinstimmen. Eine bestimmte Zahl von Versen wird
in regelmässig wiederkehrender Zusammenstellung geordnet. Hier gibt es eine grosse
Anzahl von Möglichkeiten und daher entsprechend viele Strophenformen.

Lied • Lieder lassen sich singen und sind klar gegliedert. Neben den unterschiedlichen Themen
(Liebeslied, Tanzlied, Soldatenlied, Protestlied u.v.a.m.) kann zwischen weltlichen und geist-
lichen Liedern sowie zwischen Volks- und Kunstliedern unterschieden werden. Die Verfasser
der Volkslieder sind zumeist unbekannt. Kunstlieder orientieren sich häufig an Volksliedern,
und ihre Verfasser sind bekannt.

Lyrisches Ich • Als «lyrisches Ich» wird der oder die Sprechende im Gedicht bezeichnet. Die Gleichsetzung
mit der Autorin oder dem Autor ist nur in Ausnahmen sinnvoll.

Sonett • Sonette sind eine besonders beliebte und sehr spezielle Gedichtform: Sie bestehen aus 14
Zeilen, d.h. einem Aufgesang (zweimal vier Zeilen mit dem Reimschema abba) und einem
Abgesang (zweimal drei Zeilen mit dem Schema cdc dcd oder ccd eed). Wie man Sonette
«macht», verrät folgendes Sonett von F. W. Bernstein.
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Sonett-Sonett
Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden

Man nehme schöne Wörter, etwa Balustrade,


verrühre sie mit Reimen, lasse das Gedicht
nun in vier Strophen stehen, bis der Sinn aufbricht.
$ANNKANNESVORGETRAGENWERDEN!CHWIESCHADE
 DASSESSOWÌSTE.AMENGIBTVONSCHÇNEN$INGEN
ICHDENKANh3CHNITZELv h+ÌMMELSTANGEvUNDDIEh3CHWEIZv
gewaltig ist der Klang von «Ohrwurm» andrerseits,
doch hat der wenig Reiz. Soll das Sonett gelingen,
dann braucht es beides, Form und Inhalt, Sinn und Klang,
wie Rom, Granada, Ulm, Luang Prabang
UNDANDRE3T¸DTENAMENmDOCHNICHTh$RISPENSTEDTv
Auch klingen ganz vorzüglich schön Obst und Gemüse,
DIE!PRIKOSE +RAUTUND2ÌBENVOLLER3ÌSSE
jetzt noch ein tiefrer Sinn, dann wird es ein Sonett. 1988

Gute Gedichte r o B E r t g E r n H a r d t , 19 37 – 20 06
ALS ER GEFRAGT WURDE,
WIE EIN GUTES GEDICHT
BESCHAFFEN SEIN SOLLTE:
Gut gefühlt
Gut gefügt
Gut gedacht
Gut gemacht. 2006

104 Literaturatelier
© 2018 Verlag SKV AG: Fokus Sprache, Fokus Sprache BM
Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
4 Anfänge der deutschen Literatur

MODUL F
• Begriff
Die Literatur nach Epochen einteilen heisst, einzelne Zeiträume durch gemeinsame charakteri- Epochen
stische Merkmale gegenüber anderen abzugrenzen. Wie jeder Mensch seine eigene unver-
wechselbare Entwicklung durchläuft, zeichnen sich auch kulturelle Leistungen und Werke
durch ihre Einmaligkeit aus: Im Literaturunterricht interessieren uns Werke sprachlichen Schaf-
fens, die für ihre Zeit folgende gemeinsame Kriterien aufweisen können:
• Ideen, Inhalte und Wertvorstellungen, z.B. Emanzipation, Gleichberechtigung, soziale Merkmale
Diskriminierung
• typische gemeinsame Sprach- und Stilmerkmale, z.B. lateinische Formen in Gedichten der
Klassik, Mundart im Drama des Naturalismus
• Textsorten und -formen, z.B. Novellen im 19. Jahrhundert, Gedichte des Expressionismus
• bewusste Abgrenzungen und Antworten auf frühere Schaffensperioden, z.B. die Romantik
gegenüber der Klassik

Ob Musik, Malerei, bildende Kunst oder Literatur –


• die Einteilung in Epochen dient als Ordnungs- und Orientierungshilfe, und die Über-
gänge zwischen den Epochen sind fliessend, z. B. laufen Romantik, Junges Deutschland
und Biedermeier teilweise nebeneinander;
• einige Epochen sind sehr genau definiert, andere eher vage, z. B. die Klassik bis Schillers
Tod;
• innerhalb der Epochen kann es unterschiedliche Strömungen geben;
• einzelne Autorinnen und Autoren können verschiedenen Epochen angehören, z. B.
Johann Wolfgang von Goethe;
• einzelne Epochennamen bezeichnen©umgangssprachlich
2018 Verlag SKV AG: Fokusund Fokus Sprache BM anderes, zum
fachsprachlich
Sprache,
Beispiel «Klassik» oder «Romantik»;Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
• unterschiedliche Länder, Kulturen und Kunstbereiche haben andere zeitliche Einteilun-
gen, zum Beispiel Klassik in der Musik, Klassik in der deutschen Literatur, Klassik in der grie-
chischen Literatur;
• Epochen vernetzen Literatur, Kunst, Philosophie, Sozial- und Technikgeschichte sowie Poli-
tik und werfen damit manchmal Zuordnungsprobleme auf: So gilt zum Beispiel Gotthold
Ephraim Lessings «Nathan der Weise» als das Theaterstück der Aufklärung und erschien
im gleichen Jahr 1779 wie Goethes Prosafassung der «Iphigenie auf Tauris», die als Höhe-
punkt der Klassik angesehen wird;
• je näher wir in die Gegenwart kommen, desto unterschiedlicher werden die Epochen von
Fachleuten bezeichnet. Je nach Interessen und Literaturverständnis können sich die Epo-
chenbezeichnungen und -einteilungen deutlich unterscheiden.

Die folgende Beschreibung einzelner Literaturepochen dient als Orientierung, vermittelt die
wichtigsten Begriffe und Zusammenhänge und regt zum selbstständigen «Forschen» und
vor allem zum Lesen an.
Erfolgreiches Lernen heisst, einzelne Werke zu lesen und die Begriffe mit Inhalten zu
füllen. Recherchen in Literaturgeschichtsbüchern und im Internet helfen dabei.
Es ist sinnvoll, nach Zusammenhängen zwischen den Werken und den Epochen zu fragen
sowie Übereinstimmungen und Unterschiede herauszuarbeiten.

Literaturatelier 105
© 2018 Verlag SKV AG: Fokus Sprache, Fokus Sprache BM
Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
4.1 Die Anfänge – die griechische und die römische Antike
Die griechische und die römische Antike gelten als «Wiege der abendländischen Kultur» für
Kunst und Literatur, aber auch für Rhetorik, Mathematik oder Philosophie. Hier entstanden die
literarischen Gattungen und die Werke der Weltliteratur, die immer wieder neu bearbeitet, um-
gearbeitet und interpretiert werden. Zu den wichtigsten Dichtern gehören die Griechen
Homer und Sophokles sowie die Römer Ovid und Vergil.
Zur griechischen Mythologie zählen Götter- und Heldensagen sowie Schöpfungs-
mythen, welche die Entstehung der Welt erklären und in denen zutiefst menschliches
Verhalten literarisch behandelt wird: Liebe, Glück, Eifersucht, Neid, Hass, Rache, Ver-
gebung, Macht, List, Krieg und Mord. Ab dem 5. Jahrhundert v.Chr. übernahmen die
Römer z. T. griechische Mythen und Götter: Aus Zeus wurde Jupiter, aus Ares Mars, aus
Eros Amor, aus Selene Luna und aus Aphrodite Venus. Wenn auch nicht die «Ge-
schichten», so sind doch einige Namen noch immer bekannt: Herakles, Achilles und
Hektor, Prometheus, Ödipus und die schöne Helena sowie die Giganten. Das Internet
bietet zu allen Themen eine Fülle von Informationen und nützliches Bildmaterial.
Der Dichter Homer, dessen Existenz um 850 v. Chr. vermutet wird, gilt als Schöpfer der
«Ilias», die den zehnjährigen Krieg um Troja thematisiert, und der «Odyssee». Darin
irrt Odysseus, dessen List Troja besiegte, zehn Jahre durchs Mittelmeer, bis er seine Hei-
mat Ithaka erreicht. Ähnlich der Ilias schuf der lateinische Dichter Vergil die «Aeneis»;
die Liebesgedichte des Römers Ovid gehören bis heute zum Lateinunterricht.

4.2 Deutsche Literatur von 750 n.Chr. bis ins Mittelalter


Die deutsche Literatur vor der Aufklärung des 18. Jahrhunderts ist für uns heute «sehr weit
entfernt». Manche Themen und Inhalte sind nur bedingt verständlich. Dennoch lassen sich
Auswirkungen bis in die Gegenwart erkennen; auch wird ersichtlich, in welchem Umfeld die
deutsche Sprache und Literatur begonnen haben.
Erste althochdeutsche Dokumente
© 2018 Verlag SKV AG: Fokus – Zaubersprüche,
Sprache, Fokus Sprache BM Gebete, Lieder und Bibelteile –
stammen aus dem
Persönliches 8. Jahrhundert.
Exemplar von Petra Trostel, Sie
8570sind nur mit Fachkenntnissen lesbar.
Weinfelden
Während der Ritterzeit ab dem 10. Jahrhundert entstehen mittelhochdeutsche
Liebeslieder (Minnesang) und sogenannte Heldenepen (Verserzählungen), z.B. die
tragische Liebesgeschichte von «Tristan und Isolde» und das «Nibelungenlied». Einen
Antihelden zeigt die Versnovelle «Meier Helmbrecht»: Ein junger, blonder Schönling
mit künstlichen Locken entflieht dem Elternhaus und dem Bauernstand, indem er sich
verbrecherischen Raubrittern anschliesst. Die Bande wird gefasst, zum Tode verurteilt –
nur er wird als Zehnter der Bande «begnadigt»: Man blendet und verstümmelt ihn,
am Ende hängen ihn die Bauern. Ob die literarische Abschreckung gewirkt hat, bleibt
offen.
Um 1100 lebte die bis heute legendäre Äbtissin Hildegard von Bingen, deren Wirken
und Schriften sowohl Alternativ- und Esoterik-Kreise wie auch Fachleute interessieren.
Als herausragender Minnesänger ist Walther von der Vogelweide in der Manessi-
schen Liederhandschrift der Zürcher Familie Manesse aufgeführt.
Im Umfeld der Tafelrunde des englischen Königs Artus entstanden zahlreiche Epen,
z. B. über die Ritter Parzival, Lancelot, Iwein u.a. – bis hin zur modernen Fantasy-Story
Manessische Liederhand- «Die Nebel von Avalon». Zwei Motive dieser Zeit sind aktuell geblieben, z. B. in den Romanen
schrift: Walther von der von Dan Brown: die Suche nach dem heiligen Gral und der Mythos des Templerordens.
Vogelweide, um 1300 Der mittelhochdeutsche Beginn des «Nibelungenlieds» kann (fast) übersetzt werden
(vgl. S. 103).

106 Literaturatelier
© 2018 Verlag SKV AG: Fokus Sprache, Fokus Sprache BM
Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
MODUL F
4.3 Das 16. Jahrhundert – Humanismus, Reformation und Renaissance
In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts wird Amerika entdeckt, gelingt die Um-
segelung der Welt, die u.a. die Kugelform der Erde und das heliozentrische Weltbild
beweist. Den Zeitgenossen gilt dies als das Jahrhundert der Wissenschaften. Die
Renaissance («Wiedergeburt») – mit ihrem Ursprung in Italien – greift auf die Antike
als Vorbild für humanistisches Denken zurück. Sie sucht Wege, aus der Abhängigkeit
der Kirche zu entkommen: Erasmus von Rotterdam, der wichtigste Humanist der Zeit,
stellt Menschlichkeit und Toleranz über kirchliche Absolutheitsansprüche.
Martin Luther predigt keinen strafenden, sondern einen gnädigen Gott, der den
Menschen verzeiht. Seine wissenschaftliche Leistung besteht jedoch vor allem darin,
dass er mit der Übersetzung der gesamten Bibel ein allgemein verständliches Neuhoch-
deutsch schafft. Begünstigt wird der Erfolg durch die Erfindung des Buchdrucks: Die Texte
können schnell publiziert werden. Das Lesepublikum wächst, ein Markt für Bücher entsteht.
Volksbücher sind beliebt, z.B. «Till Eulenspiegel» (1510), «Das Volksbuch vom Doktor Faust»
(1578) und die «Schildbürger» (1598).
In Schwänken, Fabeln und Fasnachtsspielen stellt Hans Sachs die bürgerliche Alltagswelt dar.
Der Meistersang – die Nachahmung des ritterlichen Minnesangs durch Handwerker – erreicht
seinen Höhepunkt.
Reformation und Gegenreformation führen zu einer bis dahin nicht gekannten Fülle von
Abhandlungen, Flugblättern und Streitschriften.

4.4 Das 17. Jahrhundert – das Jahrhundert des Barock


Der Dreissigjährige Krieg ab 1618 hinterlässt ein zerstörtes Europa, in dem die Bevölkerung Hans Jakob Christoffel
um rund ein Drittel zurückgegangen ist. Das Lebensgefühl schwankt zwischen Carpe diem von Grimmelshausens
(«Nutze den Tag») und Memento mori («Gedenke des Todes») oder Vanitas (Vergänglichkeit Simplizissimus –
in einem Satz
allen Lebens). «Ausufernde, während
Literatur entsteht im Dienst von Adel und Kirche,
© 2018 Verlagz.B. viele
SKV AG: Kirchenlieder.
Fokus Aus den
Sprache, Fokus Sprache BM Epen frühe- des Dreissigjährigen Krie-
rer Epochen entsteht der Roman. Sprachgesellschaften
Persönliches Exemplar von betonen
Petra Trostel,Deutsch gegenüber dem
8570 Weinfelden ges spielende Geschichte
Latein; Martin Opitz will mit seinem «Buch von der Deutschen Poeterey» Literatur lehr- und um den einfältigen Simpli-
lernbar machen. Ziel aller Dichtung ist das «Belehren und Ergötzen». Diesen Anspruch erfül- cius, der von seinem Bau-
ernhof vertrieben wird,
len Abenteuer- und Schelmenromane, u.a. «Das Abentheuerliche Leben des Simplizissimus zwei Jahre bei einem Ein-
Teutsch» (vgl. Randspalte). Sogenannte Schäferromane idealisieren die Liebe und das Land- siedler lebt – der sich
leben einfacher Menschen; höfisch-historische Romane erzählen Geschichten von Herrschern später als sein Vater er-
und Menschen höheren Standes. Immer häufiger kommt es zu Übersetzungen von wichtigen weist –, Schweden und
Werken aus anderen Sprachen. Englische Theatergruppen treten in Norddeutschland auf, Kroaten dient, als Jäger
und Lautenspieler be-
italienische im Süden und in Österreich – der Literaturraum öffnet sich. rühmt wird, an den fran-
Das Sonett («Klinggedicht») ist eine genau geregelte, aber sehr beliebte Gedichtform mit zösischen Hof gelangt,
14 Verszeilen, vorzugsweise zweimal vier und zweimal drei sowie einem festen Reimschema. den Tod seines besten
Freundes Herzbruder hin-
• Was bleibt nehmen muss und sich zu
einer Reise nach Moskau
• Was ist die «Odyssee», und was meinen wir im Alltag mit einer Odyssee? überreden lässt, die ihn
• Aus welcher Zeit sind erste althochdeutsche Dokumente erhalten? bis nach Japan führt,
wobei er vorübergehend
• Was sind Heldenepen oder -sagen? versklavt wird, um nach
• Neben Luther gab es auch in der Schweiz zwei bedeutende Reformatoren, nämlich … einer Pilgerfahrt nach
• Wie gefährden humanistisches Denken und Reformation die damalige Rolle der Kirche? Rom sein Leben dem
• Was leisten Sprachgesellschaften? Bücherstudium zu
• Was ist ein Schelmenroman? widmen und Eremit zu
werden.»
(Neckam, 2007)

Literaturatelier 107
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Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
5 Das 18. Jahrhundert – das Jahrhundert der Aufklärung

Das 18. Jahrhundert umfasst die Literaturepochen Aufklärung (im engeren Sinn), Sturm
und Drang sowie (Weimarer) Klassik und leitet über in die Romantik, die erste Epoche des
19. Jahrhunderts. Manche Literaturgeschichten beschreiben die Jahre von 1740 bis 1780 als
«Empfindsamkeit»; einige bezeichnen die Jahre von 1770 bis 1830 auch als «Goethezeit».

5.1 Aufklärung, 1720– 1785/1800


• Begriff
Aufgeklärtes Denken entstand in England und Frankreich.
Zu den wichtigsten Philosophen zählen René Descartes
(1596– 1650) und John Locke (1632 –1704). Sie gelten als
Vertreter des Rationalismus und des Empirismus.
Der Königsberger Philosoph Immanuel Kant beantwortete 1784
die Frage «Was ist Aufklärung?» folgendermassen: «Aufklärung
ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten
Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines
Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen (…) Habe
Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der
Wahlspruch der Aufklärung». Nur mit dem eigenen Verstand –
so die Aufklärer – gelingt es, sich dem «Aberglauben» und der
Bevormundung durch Klerus und Adel zu entziehen. Die Sonne
gilt als Symbol der Aufklärung («The Age of Enlightment»).
Aus den Ideen der Toleranz, der Humanität und der Utopie
des ewigen Friedens leitet sich für den konkreten Alltag der Be-
Julius Caesar Ibbetson: George Biggins Aufstieg in Lunardis griff der Menschenrechte her. Die Vernunftgläubigkeit wird
Ballon (1785/1788) nahezu
© 2018 Verlag SKV AG: eine Fokus
Fokus Sprache, Ersatzreligion.
Sprache BM
Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden

• Themen und Tendenzen


Mit den Heissluftballons der Brüder Montgolfier wird der uralte Traum vom Fliegen Wirklich-
keit: Naturwissenschaftliche Erkenntnisse lassen den Menschen Grenzen überschreiten, er ver-
mag sich über die Erde hinaus zu erheben (vgl. Julius Caesar Ibbetsons Gemälde «George
Biggins Aufstieg in Lunardis Ballon», 1785/1788).
Die Städte wurden Zentren einer bürgerlichen Lese- und Theaterkultur: Leipzig, Hamburg,
• Gesellschaft und
Geschichte
Berlin, Königsberg, Göttingen und Zürich. Tageszeitungen und moralische Wochenschriften
Rationalismus (logisch ver- vermitteln neben Aktualitäten auch Allgemeinbildung. Das gebildete Bürgertum versteht sich
nünftiges Denken) und dem «verkommenen und dekadenten» Adel als moralisch überlegen (vgl. Lessings «Emilia
Empirismus (Sinneswahr- Galotti»). Mit der Hinwendung zur Natur wird indirekt die Standesgesellschaft kritisiert:
nehmung) suchen natur- Die Natur kennt weder Adel noch Klerus. Entscheidend ist der Mensch, der über sich selbst
wissenschaftliche Erkennt-
nisse. Dieses neue Wissen
bestimmt – Aufklärung bedeutet auch die Entdeckung des autonomen Ich.
wird in Enzyklopädien
gesammelt und einem in- • Epik – Dramatik – Lyrik
teressierten Bürgertum in
Europa nähergebracht. Die Einhaltung «vernünftiger» Regeln forderte Johann Christoph Gottsched in seiner
Allgemeinbildung ge- «Critischen Dichtkunst» (1730) von den Dichtern. Das Theater muss die drei Einheiten
niesst einen hohen Stel- (des griechischen Philosophen Aristoteles) berücksichtigen: die Einheit des Ortes, der Zeit
lenwert. Mit einher geht und der Handlung. Diese Forderungen verbessern zwar die Qualität der Dramen, doch fühlten
eine breite Säkularisie-
rung, die den Einfluss der
sich jüngere Autoren in ein unkreatives Korsett gezwängt. Die beiden Zürcher Johann Jakob
Kirche schmälert und von Bodmer und Johann Jakob Breitinger widersetzten sich Gottsched und inszenierten einen
ihr Toleranz fordert. heftigen Literaturstreit.

108 Literaturatelier
© 2018 Verlag SKV AG: Fokus Sprache, Fokus Sprache BM
Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
Dass Literatur ergötzen und belehren soll (Funktion), zeigt sich im Erziehungsroman «Émile» Der Allmachtsanspruch

MODUL F
(1762) des Genfers Jean Jaques Rousseau und vor allem in Gotthold Ephraim Lessings Drama der absoluten Herrscher
schwindet: Die Aufklärer
«Nathan der Weise» (1779). Die Botschaften sind offensichtlich: Der Mensch ist von Natur aus verlangen nicht nur Ge-
gut, nur die «Gesellschaft» oder die Religionen üben einen problematischen Einfluss aus. waltenteilung und Volks-
Bevorzugte Textsorten der Aufklärung sind Erzählungen und Fabeln. In ihnen führt eine kurze souveränität, sondern
Geschichte (ergötzen) zu einer moralischen Erkenntnis (belehren). Eine andere Möglichkeit auch die Einhaltung der
bietet die Satire. Trotz grossartiger Gedichte aus dieser Zeit gilt die Lyrik nicht als epochen- Grundrechte. Das Got-
tesgnadentum ersetzen
bestimmende Textgattung. die Aufklärer durch einen
Aufklärer unterziehen alle Lebensbereiche der Analyse und Kritik. Diese Lust am Denken zeigt Gesellschaftsvertrag, aus
sich auch in Schriften zur Dichtungstheorie sowie in Sammlungen von Aphorismen. Dies dem ein Widerstandsrecht
sind kurze, pointierte Aussagen (Sentenz, Bonmot, geflügeltes Wort), z.B.: «Man vergesse abgeleitet wird.
nicht, dass das, was wir Aufklärung nennen, anderen vielleicht als Verfinsterung scheint.» Aufgeklärte absolutisti-
sche Herrscher in Preus-
(Adolph Freiherr von Knigge, 1752 –96) sen und Österreich setzen
einige dieser Forderungen
um, z.B. die Aufhebung
Ausgewählte Werke deutschsprachiger Autorinnen und Autoren der Leibeigenschaft.
• Albrecht von Haller: Gedichtsammlung «Versuch Schweizerischer Gedichten» (!), 1732
• Georg Christoph Lichtenberg: ab 1764 geführte «Sudelbücher» (Sammlung von Apho-
rismen, die noch heute auf Kalenderblättern zu finden sind)
• Sophie von La Roche: Geschichte des Fräuleins von Sternheim, 1771
• Christoph Martin Wieland übersetzt antike Autoren und 22 Dramen Shakespeares, ab
1775
• Gotthold Ephraim Lessing: Hamburgische Dramaturgie, 1767/69; Emilia Galotti, 1772;
Nathan der Weise, 1779 L ESETIPP !
Weltliteratur
• Daniel Defoe: Robinson Crusoe, 1719 L ESETIPP !
• Jonathan Swift: Gullivers Reisen, 1726
• Voltaire: Candide, 1759

© 2018 Verlag SKV AG: Fokus Sprache, Fokus Sprache BM


Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden

Aufgabe
g o t t H o l d E P H r a i M l E s s i n g , 17 21–1789
Nathan der Weise
Im Jerusalem der Kreuzzüge ruft Sultan Saladin den Juden Nathan, der auch «der
Weise» genannt wird, zu sich und will wissen, welche Religion – Judentum, Islam oder
Christentum – die wahre sei. Nathan erkennt die gefährliche Situation und hat die
Idee: «Nicht die Kinder bloss, speist man mit Märchen ab.» Er erzählt von einem Vater,
der als Erbe einen Ring an den meistgeliebten seiner drei Söhne weitergeben sollte,
sich aber für keinen Sohn entscheiden kann. Also lässt er noch zwei gleiche Ringe an-
fertigen, übergibt jedem Sohn einen und stirbt.

• Lesen Sie die «Ringparabel» aufmerksam durch, und kennzeichnen Sie die Schlüs-
selwörter.
• Welche Botschaften vermittelt der Text? Was ist an den Botschaften «aufgeklärt»?
• Wählen Sie einige Verszeilen aus, und kennzeichnen Sie die beim Sprechen beton-
ten und unbetonten Silben.

Literaturatelier 109
© 2018 Verlag SKV AG: Fokus Sprache, Fokus Sprache BM
Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
Dritter Akt. Siebter Auftritt %NTSCHEIDENÏ$ENNDIEFALSCHEN2INGEWERDEN
1 natHan. 40 $OCHDASNICHTKÇNNENÏm.UNWENLIEBENZWEI
$ENNWASNOCHFOLGT VERSTEHTSICHJAVONSELBSTm Von Euch am meisten? – Macht, sagt an! Ihr
Kaum war der Vater tot, so kömmt ein jeder schweigt?
Mit seinem Ring, und jeder will der Fürst $IE2INGEWIRKENNURZURÌCKUNDNICHT
5 $ES(AUSESSEIN-ANUNTERSUCHT MANZANKT  Nach aussen? Jeder liebt sich selber nur
-ANKLAGT5MSONSTDERRECHTE2INGWARNICHT 45 Am meisten? – Oh, so seid ihr alle drei
%RWEISLICHm(nach einer Pause, in welcher er des Betrogene Betrüger! Eure Ringe
Sultans Antwort erwartet) 3INDALLEDREINICHTECHT$ERECHTE2ING
Fast so unerweislich, als 6ERMUTLICHGINGVERLOREN$EN6ERLUST
10 5NSITZTmDERRECHTE'LAUBE Zu bergen, zu ersetzen, liess der Vater
saladin. 50 $IEDREIFÌREINENMACHEN
$IE2INGEÏm3PIELENICHTMITMIRÏm)CHD¸CHTE  Und also, fuhr der Richter fort, wenn ihr
$ASSDIE2ELIGIONEN DIEICHDIR Nicht meinen Rat, statt meines Spruches, wollt:
Genannt, doch wohl zu unterscheiden wären. Geht nur! – Mein Rat ist aber der: ihr nehmt
15 Bis auf die Kleidung, bis auf Speis und Trank! $IE3ACHEVÇLLIGWIESIELIEGT(ATVON
natHan. 55 Euch jeder seinen Ring von seinem Vater:
Und nur von seiten ihrer Gründe nicht. – So glaube jeder sicher seinen Ring
$ENNGRÌNDENALLESICHNICHTAUF'ESCHICHTE $ENECHTENm-ÇGLICHDASSDER6ATERNUN
Geschrieben oder überliefert! – Und $IE4YRANNEIDESEINEN2INGSNICHTL¸NGER
20 Geschichte muss doch wohl allein auf Treu )NSEINEM(AUSEDULDENWOLLENÏm5NDGEWISS
Und Glauben angenommen werden? – Nicht? – 60 $ASSEREUCHALLEDREIGELIEBT UNDGLEICH
Nun, wessen Treu und Glauben zieht man denn Geliebt: indem er zwei nicht drücken mögen,
!MWENIGSTENIN:WEIFEL$OCHDER3EINEN Um einen zu begünstigen. – Wohlan!
$OCHDEREN"LUTWIRSINDDOCHDEREN DIE Es eifre jeder seiner unbestochnen
25 Von Kindheit an uns Proben ihrer Liebe Von Vorurteilen freien Liebe nach!
Gegeben? die uns nie getäuscht, als wo 65 Es strebe von euch jeder um die Wette,
Getäuscht zu werden uns heilsamer war? – $IE+RAFTDES3TEINSINSEINEM2INGAN4AG
Wie kann ich meinen Vätern weniger Zu legen! komme dieser Kraft mit Sanftmut,
Als du den deinen glauben? Oder umgekehrt. Mit herzlicher Verträglichkeit, mit Wohltun,
30   ,ASSAUFUNSRE2ING © 2018 Verlag SKV AG: Fokus Sprache,MitFokus
innigster Ergebenheit in Gott
Sprache BM
Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
Uns wieder kommen. Wie gesagt: die Söhne 70 Zu Hilf’! Und wenn sich dann der Steine Kräfte
6ERKLAGTENSICHUNDJEDERSCHWURDEM2ICHTER  Bei euern Kindes-Kindeskindern äussern:
Unmittelbar aus seines Vaters Hand So lad ich über tausend tausend Jahre
$EN2INGZUHABENm7IEAUCHWAHRÏ  3IEWIEDERUMVORDIESEN3TUHL$AWIRD
35 $ER2ICHTERSPRACH Ein weisrer Mann auf diesem Stuhle sitzen
Ich höre ja, der rechte Ring 75 !LSICHUNDSPRECHEN'EHTÏm3OSAGTEDER
"ESITZTDIE7UNDERKRAFTBELIEBTZUMACHEN "ESCHEIDNE2ICHTER
6OR'OTTUND-ENSCHENANGENEHM$ASMUSS

Literatur hören und sehen


• Lessings «Nathan der Weise» ist in zahlreichen Aufführungen und Bearbeitungen erhält-
lich, ferner gibt es auch Auszüge auf YouTube. Gleiches gilt für die anderen Dramen
Lessings.
• Der «Musikstar» dieser Zeit war Wolfgang Amadeus Mozart (1756– 91). Kein histori-
sches, aber ein dennoch unterhaltsames Bild der Zeit vermittelt Miloš Formans «Ama-
deus» aus dem Jahre 1984.

• Was bleibt
• Was heisst Aufklärung im 18. Jahrhundert?
• Welche drei Einheiten fordert Gottsched fürs Drama? Welche Probleme sind damit ver-
bunden?
• «Ringparabel»: Was ist typisch für eine Parabel? Recherchieren Sie im Internet, und prü-
fen Sie kritisch die Antworten, die Sie finden.
• Suchen und interpretieren Sie Fabeln von Lessing und anderen Aufklärern.
• Erklären Sie Immanuel Kants kategorischen Imperativ mit eigenen Worten: «Handle so,
dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetz-
gebung gelten könne.»
• Welche Auswirkungen der Aufklärung lassen sich bis heute nachweisen?

110 Literaturatelier
© 2018 Verlag SKV AG: Fokus Sprache, Fokus Sprache BM
Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
MODUL F
5.2 Sturm und Drang, 1767–1790
• Begriff
Diese Bezeichnung geht zurück auf das gleichnamige Drama von Friedrich Maximilian Klinger
(1776). Allein Titel wie «Die Räuber» und «Die Leiden des jungen Werthers» lassen erkennen,
dass es hier – im Gegensatz zur Aufklärung – nicht um Vernunft und Verstand geht, sondern
dass Gefühle und «Power» dominieren. Junge, engagierte Autoren – der «junge Goethe» und
der «junge Schiller» – wenden sich gegen die Vernünftelei der älteren Aufklärer. Schon wäh-
rend der Aufklärung hatte sich Literaten (z. B. Friedrich Gottlieb Klopstock) dem Gefühlserleben
zugewandt, allerdings nicht dem emotionalen Überschwang, sondern mehr der sensiblen
Empfindsamkeit. Dies zeigt sich auch in Goethes «Werther».

• Themen und Tendenzen


Ein Film über Friedrich
Wer sich als Stürmer und Dränger fühlt, ist ein «Genie» – also ein Erzeuger, ein Schöpfer. Schillers «geheimnisvolle
Genies zeigen Gefühle und Leidenschaft, verehren die ungebändigte Natur, suchen Selbst- Leidenschaft» für zwei
entfaltung und schreiben mit «Kraft» gegen die Privilegien von Adel und Klerus. Schwestern.
Diese «erste revolutionäre Jugendbewegung» sucht das Ursprüngliche, das Unverfälschte –
und entdeckt dabei das einfache Volk, die natürliche Sprache und das Vorbild Shakespeare fürs
Theater. Alle Büchergelehrsamkeit, alles Nachgeahmte, Überkommene wird abgelehnt, das
Spontane, Provisorische zählt. Johann Gottfried Herder, ein Wegbereiter des Sturm und Drang, • Gesellschaft und
fordert Rückkehr zur natürlichen Sprache und zu nationaler Originalität. Damit verbunden ist Geschichte
die Idee eines Nationaltheaters: Dort soll – als Gegensatz zu Hof- und Volkstheater – die Die ungerechten sozialen
Verhältnisse in der zwei-
Nationalsprache gepflegt werden. Die Sprache ist wichtiger als die Standeszugehörigkeit. ten Hälfte des 18. Jahr-
Strassburg, Frankfurt und Göttingen sind Zentren der Bewegung. hunderts zeigen sich
darin, dass etwa der
• Epik – Dramatik – Lyrik Landgraf von Hessen-Kas-
sel 12‘000 Soldaten nach
Goethes «Werther» als Briefroman kommt dem Bedürfnis nach Echtheit (Authentizität) und Amerika verkaufte, um
Gefühlen (Sprache des Herzens) entgegen: Die Identifikation mit dem Antihelden fällt leicht – seine Prunksucht zu
so leicht, dass Werther Kult und Mode wird finanzieren. Bauern
© 2018(vgl.
VerlagAufgabe). Heute
SKV AG: Fokus interessiert
Sprache, Fokus Sprache weniger
BM die
mussten bis zu 80 Tage
tragische Liebesgeschichte als vielmehr Persönliches
WerthersExemplar
Leidenvon
anPetra
derTrostel,
Gesellschaft.
8570 Weinfelden
jährlich Frondienst bei
Das Theater, das Leidenschaft, Gefühle und soziale Ungerechtigkeit sichtbar macht, gilt als ihrem Feudalherren
bevorzugte Kunstform. Friedrich Schillers Dramen sind äusserst erfolgreich, verursachen jedoch leisten.
einige Skandale und bereiten ihm Schwierigkeiten mit dem Fürsten. Im bürgerlichen Trauer- Die Ideen der Aufklärung
spiel (mit bürgerlichen Helden) prallen die verkommene Welt des Adels und die bürgerliche fliessen in die Unabhän-
gigkeitserklärung der
Moral aufeinander. USA 1776 ein: «All men
In der Lyrik finden Liebe, Leidenschaft und Naturerleben ihren sprachlichen Ausdruck. Junge are created equal.» Doch
Männer, die zwangsrekrutiert wurden, singen andere Verse: damit sind weder Farbige
noch Indianer, noch Frau-
Juchheisa, nach Amerika, Ade, Herr Landgraf Friederich, Ihr lausigen Rebellen ihr, en gemeint.
$IR$EUTSCHLANDGUTE.ACHTÏ $UZAHLSTUNS3CHNAPSUND"IERÏ 'EBTVORUNS(ESSEN!CHTÏ Die Ideen des Unabhän-
gigkeitskrieges verbrei-
Ihr Hessen, präsentiert ‚s Gewehr, Schießt Arme man und Bein’ uns ab Juchheisa nach Amerika,
ten sich auch in Europa
$ER,ANDGRAFKOMMTZUR7ACHT 3OZAHLTSIE%NGLAND$IR $IR$EUTSCHLANDGUTE.ACHTÏ und führen – verstärkt
durch eine Finanzkrise –
zur Französischen Revo-
Ausgewählte Werke deutschsprachiger Autorinnen und Autoren lution. König Louis XVI.
• Friedrich Maximilian Klinger: Sturm und Drang, 1776 (ursprünglich: Wirrwarr) kapituliert, und die Natio-
• Heinrich Leopold Wagner: Die Kindsmörderin, 1776 nalversammlung erlässt
• Friedrich Schiller: Die Räuber, 1781; Kabale und Liebe, 1784 1789 die Menschen-
• Johann Wolfgang von Goethe: Prometheus, 1774; Die Leiden des jungen Werthers, rechtserklärung. Sie soll
mit dem Schutz des
1774 L ESETIPP ! Eigentums einen Fortgang
Empfindsamkeit oder gar eine Radikalisie-
rung der Revolution ver-
• Friedrich Gottlieb Klopstock: Oden, 1771 hindern.
Weltliteratur
• Vgl. Aufklärung: Sturm und Drang hat keine zeitgleiche Entsprechung in anderen Litera-
turen.

Literaturatelier 111
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Aufgabe
JoHann wolFgang Von g o E t H E , 1 74 9– 18 3 2
$IE,EIDENDESJUNGEN7ERTHERS
Mit dem Briefroman «Die Leiden des jungen Werthers» gelang dem 25-jährigen Goethe 1774
der erste deutschsprachige Weltbestseller. Das Werther-Fieber grassierte: Man trug Werther-
Mode, Szenen des Romans schmückten Tassen, Tee- und Kaffeekannen; ein Eau de Werther
durfte auch nicht fehlen. Dazu kamen Parodien, Nachahmungen, Streitschriften und Über-
setzungen in zahlreiche Sprachen. Als besonders problematisch und «sündhaft» galt der
Selbstmord am Ende: Dagegen sprachen sich auch Aufklärer wie Lessing aus. Die «Lesesucht»
oder «Lesewut,» die der Roman auslöste, wurde als Gefährdung der jungen Menschen
gesehen.

• Lesen Sie den folgenden Textauszug, und unterstreichen Sie die Schlüsselbegriffe.
• Wie stellt sich Werther dar?
• Was «klingt» hier nach Sturm und Drang, was nach Empfindsamkeit?

1 Am 10. Mai Am 15. Mai


Eine wunderbare Heiterkeit hat meine ganze Seele $IEGERINGEN,EUTEDES/RTESKENNENMICHSCHON
eingenommen, gleich den süssen Frühlingsmorgen, 25 und lieben mich, besonders die Kinder. Eine traurige
die ich mit ganzem Herzen geniesse. Ich bin allein Bemerkung hab’ ich gemacht. Wie ich im Anfange
5 und freue mich meines Lebens in dieser Gegend, die mich zu ihnen gesellte, sie freundschaftlich fragte
für solche Seelen geschaffen ist wie die meine. Ich über dies und das, glaubten einige, ich wollte ihrer
bin so glücklich, mein Bester, so ganz in dem Ge- spotten, und fertigten mich wohl gar grob ab. Ich
FÌHLEVONRUHIGEM$ASEINVERSUNKEN DASSMEINE 30 LIESSMICHDASNICHTVERDRIESSENNURFÌHLTEICH WAS
Kunst darunter leidet. Ich könnte jetzt nicht zeich- ich schon oft bemerkt habe, auf das lebhafteste:
10 nen, nicht einen Strich, und bin nie ein grösserer Leute von einigem Stande werden sich immer in
Maler gewesen als in diesen Augenblicken. KALTER%NTFERNUNGVOMGEMEINEN6OLKEHALTEN 
 7ENNSDANNUMMEINE!UGEND¸MMERT UND
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die Welt um mich her und der Himmel ganz in mei- 35 $EN-AI
Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
ner Seele ruhn wie die Gestalt einer Geliebten – Ich habe allerlei Bekanntschaft gemacht, Gesell-
15 dann sehne ich mich oft und denke: ach könntest SCHAFTHABEICHNOCHKEINEGEFUNDEN 7ENNDU
du das wieder ausdrücken, könntest du dem Papiere fragst, wie die Leute hier sind, muss ich dir sagen:
das einhauchen, was so voll, so warm in dir lebt, WIEÌBERALLÏ%SISTEINEINFÇRMIGES$INGUMDAS
dass es würde der Spiegel deiner Seele, wie deine 40 -ENSCHENGESCHLECHT$IEMEISTENVERARBEITENDEN
Seele ist der Spiegel des unendlichen Gottes! – mein grössten Teil der Zeit, um zu leben, und das biss-
20 Freund – aber ich gehe darüber zugrunde, ich er- chen, das ihnen von Freiheit übrig bleibt, ängstigt
liege unter der Gewalt der Herrlichkeit dieser Er- sie so, dass sie alle Mittel aufsuchen, um es los zu
SCHEINUNGEN WERDEN/"ESTIMMUNGDES-ENSCHENÏ

Literatur hören und sehen


• Goethes «Die Leiden des jungen Werthers» und Schillers
«Kabale und Liebe» sind in zahlreichen – sehr aktualisierten –
Verfilmungen erhältlich.
• Zu Gedichten wie Goethes «Erlkönig», «Maifest/-lied» oder
«Willkommen und Abschied» sind auf YouTube zahlreich Clips
zu finden.

Theaterzettel zur
2. Aufführung 1784 • Was bleibt
• Was bedeutet der Begriff «Genie» im Sturm und Drang, was bedeutet er heute?
• Warum ist gerade Goethes Briefroman so erfolgreich (gewesen)?
• Goethes Gedicht «Prometheus» im Internet: Lesen Sie es laut, und untersuchen Sie Form
und Inhalt. Was bedeutet es? Was entspricht darin dem Sturm und Drang?
• Lesen und analysieren Sie ein Schiller-Drama, z. B. die «Räuber» oder «Kabale und Liebe».

112 Literaturatelier
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5.3 Klassik, 1786 – 1805
• Begriff
Die deutsche oder Weimarer Klassik beginnt mit Johann Wolfgang von Goethes Reise
nach Italien und endet mit dem Tod Friedrich Schillers. Vereinfacht gesagt ist diese
Epoche ein Ausgleich zwischen der rationalen Aufklärung und dem gefühlsbetonten
Sturm und Drang. Die Mode der Zeit, sich der griechischen Antike zuzuwenden,
führt dazu, dass z. B. nach griechischen Versmustern geschrieben und gedichtet wird.
Die beiden prägenden Autoren schaffen dabei klassische – sprich: vorbildhafte, muster-
gültige – Werke der deutschsprachigen Literatur.

• Themen und Tendenzen


Die Orientierung an der antiken griechischen Literatur führt zu sprachlich und inhaltlich
Andy Warhol: Goethe, 1982
anspruchsvollen Werken – vor allem für das heutige Publikum. Allerdings verehren Lite-
raturfans die Werke Goethes und Schillers noch immer als Höhepunkte der deutschen
Literatur. Was fasziniert, sind die utopischen Ideale dieser Werke: Natur und Welt als geordne-
ter Organismus, in dem sich der Mensch in Harmonie zwischen Geist und Gefühl sowie Pflicht • Gesellschaft und
und Neigung zu entfalten vermag. Humanität und Toleranz gelten als höchste Werte: «Edel Geschichte
Die Terrorherrschaft der
sei der Mensch, hilfreich und gut» (Goethe). Wahre Schönheit vereint das Reine, das Gute und
Jakobiner setzt der teil-
das Sittliche. Um das zu erreichen, soll u. a. das Theater die ästhetische Erziehung der Men- weisen Begeisterung für
schen fördern. Die soziale Wirklichkeit der Zeit bleibt weitgehend ausgeblendet – was sich in die Französische Revolu-
der Kunstsprache der Bühnenfiguren widerspiegelt (vgl. Textbeispiele). Das breite Publikum tion in Deutschland ein
vergnügte sich mit anderen Werken, die heute meist völlig unbekannt sind. Ende. Schliesslich krönt
sich 1804 Napoleon
Bonaparte als Held der
• Epik – Dramatik – Lyrik Koalitionskriege gegen
Österreich, Russland und
Noch immer überzeugen die Balladen von Goethe und Schiller. Auch werden ihre Dramen –
Preussen selbst zum Kai-
oft in aktualisierten Versionen – regelmässig aufgeführt. ser.
Der Stoff zu Goethes «Faust» geht auf die sagenhafte Figur (Johann) Georg Faust zurück, der Der Einfluss Frankreichs
um 1480 bis 1541 Wunderheiler, Alchemist,
© 2018 Magier,
Verlag SKV Astrologe undFokus
AG: Fokus Sprache, Wahrsager
Sprache BMgewesen sein
reicht über halb Europa:
dürfte. Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden Die Schweiz wird nach
den Berner Niederlagen
Goethe (1749– 1832) war zeitlebens von diesem Stoff angetan und bearbeitete ihn immer
von napoleonischen
wieder: Urfaust, 1772; Faust. Ein Fragment, 1788; Faust. Der Tragödie erster Teil, 1808; Faust. Truppen besetzt. Die
Der Tragödie zweiter Teil, 1832. Helvetische Republik
(1798–1803) löst die Alte
Goethes Faust hat Philosophie, Jura, Medizin und Theologie studiert, muss aber feststellen: Eidgenossenschaft mit
ihrem System von Unter-
$ASTEHICHNUN ICHARMER4ORÏ tanengebieten und ge-
Und bin so klug als wie zuvor. meinen Herrschaften ab.
Die Revolution hinterlässt
Da die Wissenschaft nichts gebracht hat, probiert er’s mit Magie und hofft: die Idee der Menschen-
rechte (1789).
$ASSICHERKENNE WASDIE7ELT
Im Innersten zusammenhält.
Faust schliesst mit Mephistopheles einen Pakt: Mephistopheles dient ihm auf Erden; Fausts
Seele gehört jedoch dem Teufel, wenn er jemals Erfüllung und Lebensglück erlebt:
Werd ich zum Augenblicke sagen:
Verweile doch! du bist so schön!
$ANNMAGSTDUMICHIN&ESSELNSCHLAGEN
$ANNWILLICHGERNZUGRUNDEGEHNÏ
Nun folgt eine abenteuerliche Reise durch Höhen und Tiefen des Lebens bis zur Liebe zu
Gretchen, die in einer Katastrophe endet:
Heinrich, mir graut’s vor dir.
In Faust II (Der Tragödie zweiter Teil) findet sich die Formel, die Faust von Schuld befreit und
Erlösung finden lässt:
Wer immer strebend sich bemüht,
$ENKÇNNENWIRERLÇSEN

Literaturatelier 113
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Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
Sprachlich und inhaltlich ist «der Faust» eine enorme Herausforderung, die Tragödie auf die
Bühne zu bringen ein wirkliches Abenteuer. Der deutsche Regisseur Peter Stein inszenierte im
Jahre 2000 beide Teile vollständig, und zwar mit einer Dauer von 22 Stunden. Bedeutend zu-
gänglicher sind neuere Faust-Verfilmungen.
Friedrich Schillers «Wilhelm Tell» geht zurück auf Goethe, der 1797 am Vierwaldstättersee von
der Tell-Sage gehört hatte. Er riet Schiller, den Stoff episch zu behandeln, doch dieser schrieb
ein Drama und schuf das Traumbild einer Friedensinsel.

F r i E d r i c H s c H i l l E r , 17 59 –1 8 05
Widmungsgedicht zum Wilhelm Tell
$OCHWENNEIN6OLK DASFROMMDIE(ERDENWEIDET 
Sich selbst genug, nicht fremden Guts begehrt,
$EN:WANGABWIRFT DENESUNWÌRDIGLEIDET 
$OCHSELBSTIM:ORNDIE-ENSCHLICHKEITNOCHEHRT 
Im Glücke selbst, im Siege sich bescheidet:
m$ASISTUNSTERBLICHUNDDES,IEDESWERT
Und solch ein Lied darf ich dir freudig zeigen,
$UKENNTS DENNALLES'ROSSEISTDEINEIGEN1804

Ausgewählte Werke deutschsprachiger Autorinnen und Autoren


• Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre, 1795/96; Balladen, 1797
L ESETIPP !; Faust I, 1808 L ESETIPP !; Zur Farbenlehre, 1810; Aus meinem Leben. Dichtung
und Wahrheit, 1833 (posthum)
• Friedrich Schiller: Don Carlos, 1787; Über die ästhetische Erziehung des Menschen,
1795; Maria Stuart, 1801; Wilhelm Tell, 1804
Weltliteratur
• Marquis de Sade: Justine und Juliette, ab 1791 (heute 10 Bände)
• Benjamin Franklin: Autobiografie, ab 1771
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• Carlo Goldoni: verschiedene Lustspiele, ab 1736
Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden

Aufgabe
FriEdricH scHillEr
Don Carlos
In Friedrich Schillers Drama «Don Carlos» lässt Philipp II., König von Spanien, Marquis Posa zu
sich rufen; dieser nutzt die Gelegenheit und «kämpft» für seine Ideale.

• Welche Ideale vertritt Marquis Posa?


• Welches Menschenbild lässt sich aus den kurzen Aussagen des Königs am Ende ablesen?

Dritter Akt. Zehnter Auftritt: Der König und Marquis von Posa.
(Dieser geht dem König, sobald er ihn gewahr wird, entgegen und lässt sich vor ihm auf ein Knie nieder, steht auf
und bleibt ohne Zeichen der Verwirrung vor ihm stehen.)
1 M a r q u i s   $OCHm(Er hält inne.)
Ich bin gewiss, dass der erfahrne Kenner, 10 k ö n i g . Ihr bedenket Euch?
In Menschenseelen, seinem Stoff, geübt, Marquis. Ich bin – ich muss
Beim ersten Blicke wird gelesen haben, Gestehen, Sire, sogleich nicht vorbereitet,
5 Was ich ihm taugen kann, was nicht. Ich fühle Was ich als Bürger dieser Welt gedacht,
-ITDEMUTSVOLLER$ANKBARKEITDIE'NADE  )N7ORTE)HRES5NTERTANSZUKLEIDENm
$IE%UREKÇNIGLICHE-AJEST¸T 15 Ich kann nicht Fürstendiener sein.
$URCHDIESESTOLZE-EINUNGAUFMICHH¸UFEN (Der König sieht ihn mit Erstaunen an.)

114 Literaturatelier
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Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
Ich will $ES%WIGENUND7AHRENÏ.IEMALSmNIEMALS

MODUL F
45
$EN+¸UFERNICHTBETRÌGEN 3IREm7ENN3IE Besass ein Sterblicher so viel, so göttlich
Mich anzustellen würdigen, so wollen Es zu gebrauchen. Alle Könige
20 Sie nur die vorgewogne Tat. Sie wollen Europens huldigen dem spanischen Namen.
Nur meinen Arm und meinen Mut im Felde, Gehn Sie Europens Königen voran.
Nur meinen Kopf im Rat. Nicht meine Taten, 50 Ein Federzug von dieser Hand, und neu
$ER"EIFALL DENSIEFINDENANDEM4HRON  Erschaffen wird die Erde. Geben Sie
Soll meiner Taten Endzweck sein. Mir aber, Gedankenfreiheit – (Sich ihm zu Füssen werfend.)
25 Mir hat die Tugend eignen Werth. k ö n i g (überrascht, das Gesicht weggewandt und
  )CHLIEBE dann wieder auf den Marquis geheftet).
$IE-ENSCHHEIT UNDIN-ONARCHIENDARF 55 Sonderbarer Schwärmer!
)CHNIEMANDLIEBENALSMICHSELBST   )HRKENNT
Jüngst kam ich an von Flandern und Brabant. – $EN-ENSCHEN -ARQUIS3OLCHEIN-ANNHATMIR
30 So viele reiche, blühende Provinzen! Schon längst gemangelt, Ihr seid gut und fröhlich,
Ein kräftiges, ein grosses Volk – und auch Und kennet doch den Menschen auch – drum hab’
Ein gutes Volk – und Vater dieses Volkes, 60 Ich Euch gewählt –
$AS DACHTICH DASMUSSGÇTTLICHSEINÏm$ASTIESS M a r q u i s (überrascht und erschrocken).
Ich auf verbrannte menschliche Gebeine – Mich Sire?
35   'EBEN3IE  könig. Ihr standet
Was Sie uns nahmen, wieder. Lassen Sie Vor Eurem Herrn und habt nichts für Euch selbst
Grossmütig, wie der Starke, Menschenglück 65 %RBETENmNICHTS$ASISTMIRNEUm)HRWERDET
Aus Ihrem Füllhorn strömen – Geister reifen Gerecht sein. Leidenschaft wird Euren Blick
In Ihrem Weltgebäude! Geben Sie, .ICHTIRRENm$R¸NGET%UCHZUMEINEM3OHN 
40 Was Sie uns nahmen, wieder. Werden Sie Erforscht das Herz der Königin. Ich will
Von Millionen Königen ein König. Euch Vollmacht senden, sie geheim zu sprechen.
  'EBEN3IE 70 Und jetzt verlasst mich! (Er zieht eine Glocke.)
$IEUNNATÌRLICHE6ERGÇTTRUNGAUF  1887
$IEUNSVERNICHTETÏ7ERDEN3IEUNS-USTER

Literatur hören und sehen


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• Zahlreiche Dramen der Klassik sindPersönliches
verfilmt,Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
z.B. Goethes «Faust», Schillers
«Don Carlos» und immer wieder «Wilhelm Tell». Gedichte, vor allem die
Balladen, finden sich in zahlreichen Versionen – bis hin zu Rap-Versionen –
auf YouTube.
• Für Augen und Ohren: Giuseppe Verdis Oper «Don Carlos», 1867.

• Was bleibt
• Was kann der Begriff Klassik bzw. klassisch bedeuten?
• Informieren Sie sich im Internet und in einer Literaturgeschichte über
Goethes und Schillers Biografien. Die beiden «Klassiker» schrieben
nicht nur literarische Werke, sondern widmeten sich noch anderen
Themen, nämlich …
• Analysieren Sie eine berühmte Ballade – und tragen Sie sie vor; lassen Sie sich vom Internet
inspirieren.
• Sehen Sie sich eine relevante Verfilmung eines Werkes an – und schreiben Sie eine Kritik.
• Soll, kann oder darf das Theater – heute der Film – «erzieherisch» wirken?

Literaturatelier 115
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Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
6 Das 19. Jahrhundert – das Jahrhundert des Bürgertums

Das neunzehnte Jahrhundert ist gesellschaftlich und politisch geprägt von der Macht des
Grossbürgertums – und dem entstehenden Proletariat. Die literarischen Epochen überschnei-
den sich: Romantik, Biedermeier und Junges Deutschland sowie Realismus und Naturalismus.

6.1 Romantik, 1795 – 1835


• Begriff
Unter «romantisch» verstand das frühe 19. Jahrhundert – anders als wir heute – vor
allem das Fantastische und Märchenhafte. Nach den Schrecken der Französischen
Revolution suchen gebildete junge Leute aus adeligen und wohlsituierten bürgerlichen
Familien eine neue Sehweise, die das Gewöhnliche, das Alltägliche überhöht, verklärt:
«Die Welt muss romantisiert werden.» Romantik bedeutet je nach Land etwas anderes
und fällt auch in verschiedene Zeiten: Die literarische Romantik dauert in Frankreich
von 1800 bis 1870; die Musik der Romantik umfasst die Zeit von 1830 bis 1900.

• Themen und Tendenzen


Die Romantik öffnet den Weg nach innen und in «ferne Welten»: Die Nachtseite des
Menschen, das Unbewusste, Träume und Fantasie interessieren. Das «dunkle» Mittel-
alter wird entdeckt und damit die Volkskultur erforscht (Märchen). Zur romantischen
Volkstumsidee gehört auch, dass eine gemeinsame Sprache die Nation ausmacht.
Nicht das Nützliche, Vollkommene oder Rationale zählt, sondern das Unvollendete,
Fragmentarische und Skizzenhafte. Zerrissene, getriebene Menschen faszinieren. Der
sensible Künstler – meist Aussenseiter – vermittelt zwischen der Welt der Fantasie und
Caspar David Friedrich: Frau am
Fenster, 1818/22 der Wirklichkeit. Kunst geniesst einen hohen Stellenwert: Ziel ist das Zusammenfliessen
aller Künste im Gesamtkunstwerk – in der Oper. Die blaue Blume ist das Motiv der
Romantik; gesellschaftliche
© 2018 Verlag SKVund politische
AG: Fokus Sprache,Themen bleiben
Fokus Sprache BM ausgespart. Das Innenleben des In-
Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
dividuums zählt.
• Gesellschaft und Die «Frauen der Romantik» (Rahel Varnhagen, Bettina von Arnim u.a.) veröffentlichen zeit-
Geschichte genössische Bestseller – einige unter männlichen Pseudonymen – und führen literarische
Das «Grande Empire» Salons nach französischem Vorbild. Dort trifft sich die kulturelle Elite.
kontrolliert weite Teile
Europas, manche Staaten
als Satelliten, andere • Epik – Dramatik – Lyrik
durch aufgezwungene
Allianzen. Die Idee der Dem Zeitgeist entsprechend sind Märchen, Novellen, Erzählungen und Gedichte die bevorzug-
Nationalstaaten ent- ten Formen, vor allem aber der Roman. In ihm können sich die typischen Motive Sehnsucht,
steht; mit der Besinnung Traum und Wahnsinn sowie Einsamkeit, Vergänglichkeit, Tag und Nacht breit entfalten.
auf die eigene Identität Klassische Dramen sind aus der Mode gekommen.
und der Aufwertung der
eigenen Sprache will man
sich gegen die französi-
schen Besatzer abgren-
zen.
Die Franzosen bringen Ausgewählte Werke deutschsprachiger Autorinnen und Autoren
den Code Civil: Rechts-
gleichheit, Selbstbestim- Zwischen Klassik und Romantik
mungsrecht und weitere • Matthias Claudius: Gedichte, 1770
Ideen der Aufklärung • Heinrich von Kleist: Die Marquise von O., 1808; Michael Kohlhaas, 1810 L ESETIPP !
werden in vielen Staaten
verankert. Romantik
Der verlorene Russland- • Jacob und Wilhelm Grimm: Kinder- und Hausmärchen, 1812/15
feldzug 1812 läutet das
Ende Napoleons ein,
• Adalbert von Chamisso: Peter Schlemihls wundersame Geschichte, 1814
Frankreich kehrt zur • E. T. A. Hoffmann: Der Sandmann, 1816; Das Fräulein von Scuderi, 1820 L ESETIPP !
Monarchie der Bourbonen • Joseph von Eichendorff: Aus dem Leben eines Taugenichts, 1826 L ESETIPP !
zurück. Es gelingt aber • Wilhelm Hauff: Das kalte Herz, 1828
weder ihnen noch den
anderen europäischen Weltliteratur
Herrschern, das Gottes- • Mary (Wollstonecraft) Shelley: Frankenstein oder der moderne Prometheus, 1818
gnadentum wieder auf- • Edgar Allan Poe: Der Doppelmord in der Rue Morgue, 1841
leben zu lassen.

116 Literaturatelier
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Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
MODUL F
Aufgabe
n o V a l i s (g E o r g P H i l i P P F r i E d r i c H F r E i H E r r Von H a r d E n B E r g ) , 1 77 2 –1 80 1
Heinrich von Ofterdingen
• Im Roman «Heinrich von Ofterdingen» von Novalis sucht Heinrich die blaue Blume – und
begegnet ihr im Traum. Was kann die «blaue Blume» im folgenden Auszug symbolisieren?

1 $ER*ÌNGLINGVERLORSICHALLM¸HLICHINSÌSSEN0HANTASIENUNDENTSCHLUMMERTE$A
TR¸UMTEIHMERSTVONUNABSEHLICHEN&ERNEN UNDWILDEN UNBEKANNTEN'EGENDEN 
$ER'ANGFÌHRTEIHNGEM¸CHLICHEINE:EITLANGEBENFORT BISZUEINERGROSSEN7EITUNG  Karl Pärsimägi: Girl at
aus der ihm schon von fern ein helles Licht entgegen glänzte. Wie er hineintrat, ward the Window, 1930
5 EREINENM¸CHTIGEN3TRAHLGEWAHR DERWIEAUSEINEM3PRINGQUELLBISANDIE$ECKEDES
Gewölbes stieg, und oben in unzählige Funken zerstäubte, die sich unten in einem
GROSSEN"ECKENSAMMELTENDER3TRAHLGL¸NZTEWIEENTZÌNDETES'OLDNICHTDASMINDESTE
Geräusch war zu hören, eine heilige Stille umgab das herrliche Schauspiel. Er näherte
SICHDEM"ECKEN DASMITUNENDLICHEN&ARBENWOGTEUNDZITTERTE$IE7¸NDEDER(ÇHLE
10 waren mit dieser Flüssigkeit überzogen, die nicht heiss, sondern kühl war, und an den J osEPH Von E icHEndorFF ,
Wänden nur ein mattes, bläuliches Licht von sich warf. Er tauchte seine Hand in das 1788–1857
Becken und benetzte seine Lippen. Es war, als durchdränge ihn ein geistiger Hauch, und Mondnacht
er fühlte sich innigst gestärkt und erfrischt. Ein unwiderstehliches Verlangen ergriff ihn,
Es war, als hätt’ der Himmel
SICHZUBADEN ERENTKLEIDETESICHUNDSTIEGINDAS"ECKEN $IE%RDESTILLGEKÌSST
15 Berauscht von Entzücken und doch jedes Eindrucks bewusst, schwamm er gemach dem $ASSSIEIM"LÌTENSCHIMMER
leuchtenden Strome nach, der aus dem Becken in den Felsen hineinfloss. Eine Art von Von ihm nun träumen müsst.
süssem Schlummer befiel ihn, in welchem er unbeschreibliche Begebenheiten träumte,
und woraus ihn eine andere Erleuchtung weckte. Er fand sich auf einem weichen Rasen $IE,UFTGINGDURCHDIE&ELDER
$IEŸHRENWOGTENSACHT
am Rande einer Quelle, die in die Luft hinausquoll und sich darin zu verzehren schien. Es rauschten leis die Wälder,
20 $UNKELBLAUE&ELSENMITBUNTEN!DERNERHOBENSICHINEINIGER%NTFERNUNGDAS4AGES- So sternklar war die Nacht.
licht, das ihn umgab, war heller und milder als das gewöhnliche, der Himmel war
schwarzblau und völlig rein. Was ihn aber mitSKVvoller Macht anzog, war eine hohe licht- Und meine Seele spannte
© 2018 Verlag AG: Fokus Sprache, Fokus Sprache BM
blaue Blume, die zunächst an der Quelle stand, und Weit ihre Flügel aus,
Persönliches Exemplar vonihn
Petramit ihren
Trostel, 8570 breiten,
Weinfelden glänzenden
Flog durch die stillen Lande,
Blättern berührte. Rund um sie her standen unzählige Blumen von allen Farben, und der Als flöge sie nach Haus. 1837
25 köstliche Geruch erfüllte die Luft. Er sah nichts als die blaue Blume, und betrachtete sie
lange mit unnennbarer Zärtlichkeit. Endlich wollte er sich ihr nähern, als sie auf einmal
SICHZUBEWEGENUNDZUVER¸NDERNANFINGDIE"L¸TTERWURDENGL¸NZENDERUNDSCHMIEG-
ten sich an den wachsenden Stengel, die Blume neigte sich nach ihm zu, und die Blü-
tenblätter zeigten einen blauen ausgebreiteten Kragen, in welchem ein zartes Gesicht
30 schwebte. Sein süsses Staunen wuchs mit der sonderbaren Verwandlung, als ihn plötz-
lich die Stimme seiner Mutter weckte, und er sich in der elterlichen Stube fand. 1802

Literatur hören und sehen


• YouTube bietet zahlreiche Clips unterschiedlicher Qualität zu Gedichten von Eichendorff
sowie zur Epoche und zu einzelnen Werken.
• 1828 wurde in Nürnberg der etwa 16-jährige, geistig anscheinend zurückgebliebene
Kaspar Hauser aufgefunden, der in einem Kellerloch ohne menschlichen Kontakt aufge-
wachsen sein soll. Die «romantische Welt» war fasziniert. Der Fall wurde dokumentiert
und bis heute mehrfach verfilmt.

• Was bleibt
• Was ist mit der Nachtseite des Menschen gemeint?
• Was verdeutlichen die beiden Gemälde, die Frauen am Fenster zeigen?
• Wie lässt sich das Interesse an Märchen erklären? Informieren Sie sich über die Brüder
Grimm.
• Lesen und bearbeiten Sie mindestens eine Novelle oder einen Roman der Romantik.
• Welche Bedeutung kommt den Frauen und ihren Salons zu? Recherchieren Sie.
• Warum birgt die romantische Vorstellung «Eine Sprache – eine Nation» politischen Spreng-
stoff?

Literaturatelier 117
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Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
6.2 Biedermeier, 1815– 1850, und Junges Deutschland, 1830– 1850
• Begriffe
Nach der Französischen Revolution und den napoleonischen
Kriegen wendet sich die Literatur des Biedermeier (Satirefigur)
der unmittelbaren Lebenswelt der Menschen zu: Familie, Natur,
Heimat, Religion. Der Wunsch nach einer geordneten Welt,
nach dem Erfassen der Vielfalt der Natur und dem Beherrschen
aller Leidenschaften stehen im Mittelpunkt. So entsteht eine
eigene Kunst und Kultur des Bürgertums (Hausmusik, Mode,
Architektur).
Die Autoren des Jungen Deutschlands grenzen sich gegen
Klassik und Romantik ab und wenden sich der politischen und
sozialen Wirklichkeit zu. Sie fordern Demokratie und Freiheit.
Literatur ist ein Mittel im Kampf gegen Zensur, eingeschränkte
Rede- und Pressefreiheit sowie «Demagogenverfolgungen» an
Universitäten («System Metternich»).

Carl Spitzweg: Engländer in der Campagna, 1845

• Themen und Tendenzen


Ein genauer Blick eröffnet hinter der (scheinbar) heilen Welt der Biedermeier-Idylle die sozialen
und menschlichen Probleme. Lösungen für die «Wirren der Zeit» sehen Biedermeier-Autoren
in einer bescheiden bürgerlich vernünftigen Lebenshaltung und z. T. im Glauben. Manche
Schreibende fühlen sich nur noch als Epigonen – «unbedeutende Nachfahren» – der Klassiker
• Gesellschaft und Goethe und Schiller.
Geschichte Das Junge Deutschland hingegen propagiert liberale Gesinnung und will eine Revolution –
Am Wiener Kongress die allerdings scheitert. Nicht zuletzt ist das Scheitern auf sehr unterschiedliche Vorstellungen
wird die Forderung nach
Nationalstaaten für
und Interessen sowie wenig Einigkeit zurückzuführen. Nationalgefühl und liberales Denken
Polen, Deutsche und Ita- schliessen sich ©nicht
2018 aus.
Verlag Studenten
SKV AG: Fokus in
Sprache, Fokus Sprache BM Burschenschaften fordern ein
nationalistischen
liener der Idee des geeintes Deutschland.
PersönlichesDie Autoren
Exemplar werden
von Petra als «antichristlich,
Trostel, 8570 Weinfelden gotteslästerlich und alle Sitte,
Gleichgewichts zwischen Scham und Ehrbarkeit mit Füssen tretend» bezeichnet. In Göttingen werden sieben Professo-
den fünf Grossmächten ren – unter ihnen die Brüder Grimm – wegen ihrer liberalen Forderungen ihres Amtes ent-
geopfert. Die Heilige
Allianz und Kanzler Met-
hoben und einige des Landes verwiesen.
ternich versuchen, die
liberale Opposition in • Epik – Dramatik – Lyrik
einem System der Re-
stauration zu unter- Biedermeier-Literatur ist bekannt für zahlreiche bis heute geschätzte Novellen und Erzählun-
drücken. Gegen revolu- gen, insgesamt eher kleinere epische Formen. Die Jungen Deutschen oder Autoren des Vor-
tionäre Unruhen wird märz (wegen der Märzrevolution so genannt) schreiben Dramen und Gedichte, u. a. politische
gemeinsam militärisch Lyrik: «Denk ich an Deutschland in der Nacht, / Dann bin ich um den Schlaf gebracht»
vorgegangen.
1848 wird zur unvoll-
(Heinrich Heine). Hinzu kommen Flugblätter, politische Manifeste und auch Reiseberichte.
endeten Revolution: Die
Deutsche Frage scheitert
Ausgewählte Werke deutschsprachiger Autorinnen und Autoren
unter anderem an der Biedermeier
Rolle Österreichs und den
fehlenden Machtmitteln
• Jeremias Gotthelf: Uli der Knecht, 1841/1846; Die schwarze Spinne, 1842 L ESETIPP !
der Revolutionäre, bevor • Annette von Droste Hülshoff: Die Judenbuche, 1842 L ESETIPP !
sie durch die militärische • Adalbert Stifter: Brigitta, 1844 L ESETIPP !
Intervention Preussens • Eduard Mörike: Mozart auf der Reise nach Prag, 1856
gänzlich niedergeschlagen
wird. Fast überall trium- Junges Deutschland
phiert die konservative • Heinrich Heine: Buch der Lieder, 1827; Deutschland. Ein Wintermärchen, 1844
Staatsautorität. • Georg Büchner: Woyzeck, 1836/37 (veröffentlicht 1879) L ESETIPP !; Leonce und Lena,
In der Schweiz wird nach
dem Sonderbundskrieg
1836/38
die moderne Eidgenos- Weltliteratur
senschaft gegründet.
• Charles Dickens: Oliver Twist, 1837/39
• Alexandre Dumas: Der Graf von Monte Christo, 1844/46

118 Literaturatelier
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Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
MODUL F
Aufgabe
Die beiden folgenden Textauszüge verdeutlichen die Unterschiede zwischen Biedermeier und
dem Jungen Deutschland.

• Was meint Adalbert Stifter, wenn er im folgenden Textauszug vom sanften Gesetz spricht?
Was zeigt der Text Büchners?

a d a l B E r t s t i F t E r , 1805–1 868 suchen, wodurch das menschliche Geschlecht gelei-


tet wird.
Das sanfte Gesetz
35  %SISTDAS'ESETZDIESER+R¸FTE DAS'ESETZDER
!USZUGAUSDER6ORREDEZUDEN"UNTEN3TEINEN
Gerechtigkeit, das Gesetz der Sitte, das Gesetz, das
will, dass jeder geachtet, geehrt, ungefährdet neben
1 $AS7EHENDER,UFT DAS2IESELNDES7ASSERS DAS dem anderen bestehe, dass er seine höhere mensch-
Wachsen der Getreide, das Wogen des Meeres, das liche Laufbahn gehen könne, sich Liebe und Be-
Grünen der Erde, das Glänzen des Himmels, das 40 wunderung seiner Mitmenschen erwerbe, dass er
Schimmern der Gestirne halte ich für gross: das als Kleinod gehütet werde, wie jeder Mensch ein
5 prächtig einherziehende Gewitter, den Blitz, welcher Kleinod für alle andern Menschen ist. 1852
Häuser spaltet, den Sturm, der die Brandung treibt,
den feuerspeienden Berg, das Erdbeben, welches gEorg BücHnEr, 1813–1837
Länder verschüttet, halte ich nicht für grösser als
Der Hessische Landbote
obige Erscheinungen, ja ich halte sie für kleiner,
10 weil sie nur Wirkungen viel höherer Gesetze sind. 1 Friede den Hütten! Krieg den Palästen!
Sie kommen auf einzelnen Stellen vor und sind die Im Jahre 1834 sieht es aus, als würde die Bibel
%RGEBNISSEEINSEITIGER5RSACHEN$IE+RAFT WELCHE Lügen gestraft. Es sieht aus, als hätte Gott die
die Milch im Töpfchen der armen Frau empor- Bauern und Handwerker am fünften Tage und die
schwellen und übergehen macht, ist es auch, die 5 Fürsten und Vornehmen am sechsten gemacht, und
15 die Lava in dem feuerspeienden Berge emportreibt als hätte der Herr zu diesen gesagt: «Herrschet über
und auf den Flächen der Berge hinabgleiten lässt. alles Getier, das auf Erden kriecht», und hätte die
 "AUERNUND"ÌRGERZUM'EWÌRMGEZ¸HLT$AS,EBEN
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So wie es in der äusseren Natur ist,Persönliches
so ist esExemplar
auch in der8570
von Petra Trostel, Vornehmen
Weinfelden ist ein langer Sonntag: sie wohnen
der inneren, in der des menschlichen Geschlechtes. 10 in schönen Häusern, sie tragen zierliche Kleider, sie
20 Ein ganzes Leben voll Gerechtigkeit, Einfachheit, haben feiste Gesichter und reden eine eigne Spra-
Bezwingung seiner selbst, Verstandesmässigkeit, CHEDAS6OLKABERLIEGTVORIHNENWIE$ÌNGERAUF
Wirksamkeit in seinem Kreis, Bewunderung des DEM!CKER 
Schönen, verbunden mit einem heiteren gelassenen Für das Ministerium des Innern und der Gerechtig-
Sterben, halte ich für gross: mächtige Bewegungen 15 KEITSPFLEGEWERDENBEZAHLT'ULDEN$AFÌR
25 des Gemütes, furchtbar einherrollenden Zorn, die habt ihr einen Wust von Gesetzen, zusammenge-
Begier nach Rache, den entzündeten Geist, der nach häuft aus willkürlichen Verordnungen aller Jahr-
Tätigkeit strebt, umreisst, ändert, zerstört und in der hunderte, meist geschrieben in einer fremden
Erregung oft das eigene Leben hinwirft, halte ich 3PRACHE $IE*USTIZISTIN$EUTSCHLANDSEIT*AHR-
NICHTFÌRGRÇSSER SONDERNFÌRKLEINER DADIESE$INGE 20 hunderten die Hure der deutschen Fürsten. Jeden
30 so gut nur Hervorbringungen einzelner und einseiti- Schritt zu ihr müsst ihr mit Silber pflastern, und mit
ger Kräfte sind, wie Stürme, feuerspeiende Berge, Armut und Erniedrigung erkauft ihr ihre Sprüche.
Erdbeben. Wir wollen das sanfte Gesetz zu erblicken 1834

Literatur hören und sehen


• Bekannt sind verschiedene Gotthelf-Verfilmungen wie «Uli der Knecht», «Die schwarze
Spinne». Georg Büchners «Woyzeck» ist immer wieder eine Herausforderung für Film
und Theater. Die Romane von Charles Dickens («Oliver Twist») und Alexandre Dumas
(«Der Graf von Monte Christo») sind häufig (mehr oder auch weniger gelungen) verfilmt
worden.

• Was bleibt
• Welche Unterschiede bestehen zwischen den beiden Epochen-Begriffen?
• Lesen und analysieren Sie mindestens eine Novelle der Zeit.
• Informieren Sie sich über Georg Büchner und seine Beziehung zur Schweiz.
• Wie lässt sich die bis heute anhaltende Faszination an Büchners «Woyzeck» erklären?

Literaturatelier 119
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6.3 Realismus, 1850 – 1890
• Begriff
Nach verklärender Romantik, nach dem Rückzug ins Bieder-
meierliche und nach revolutionärem Überschwang von 1848
wendet sich die Literatur des Realismus der wirklichen Welt zu,
genauer – der bürgerlichen Wirklichkeit: Nicht das Abbild,
sondern die «Widerspiegelung allen wirklichen Lebens, aller
wahren Kräfte und Interessen im Elemente der Kunst» ist beab-
sichtigt. Daher ist häufig auch vom poetischen Realismus die
Rede.
Während das öffentliche Selbstbewusstsein des Bürgertums
nationalistische und zunehmend imperialistische Züge annimmt,
legen zahlreiche Novellen und Romane die Schwächen dieser
Welt dar. Menschen – literarische Figuren – scheitern, wenn die
Fassade zerbricht. Allerdings werden die Katastrophen mit abge-
Karl Eduard Biermann: Borsig’s Maschinenbau-Anstalt zu
Berlin, 1847
klärter Distanz, aber auch mit Humor und Ironie entschärft.
Nicht die Anklage, die Provokation ist wichtig, sondern das
genau beobachtete Bild der Menschen und der Gesellschaft.

• Themen und Tendenzen


Zwar repräsentieren noch Kaiser und Könige die Staaten, aber die Macht im Staate hat in den
meisten europäischen Ländern weitgehend das Grossbürgertum. Repräsentationsbauten und
Prachtboulevards widerspiegeln diese Macht: Wiener Ringstrasse, Berliner Kurfürstendamm,
z. T. die Avenue des Champs-Élysées.
• Gesellschaft und Die Faszination der Naturwissenschaften, die Fortschritte der Technik, die scheinbare
Geschichte Beherrschbarkeit der Natur sowie der wirtschaftliche Erfolg führen dazu, dass die Religion
In Mitteleuropa setzt die
Industrialisierung ein,
und ein herkömmliches Gottesbild ihren Einfluss weiter verlieren.
das Grossbürgertum Der Philosoph Friedrich Nietzsche (1844 –1900) formuliert: «Gott ist tot.» Der Naturforscher
(Bourgeoisie) wächst und Charles Darwin©veröffentlicht
2018 Verlag SKV AG:alsFokus
Ergebnis
Sprache,seiner (bis zu
Fokus Sprache BMfünf Jahre dauernden) Weltreisen die
Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
wird reich: Die Massen- Evolutionstheorie unter dem Titel «Über die Entstehung der Arten»: Der Mensch ist darin
produktion verdrängt die keine göttliche Schöpfung, sondern ein Naturprodukt. In der Philosophie verbreitet sich mate-
Heimarbeit. Ehemalige
Heimarbeiter und Klein-
rialistisches (gegen idealistisches) Denken.
bauern ziehen in die Fa- Doch hinter der geschönten Fassade von Wohlstand und Fortschritt – versinnbildlicht in zahl-
brikstädte – oder wan- reichen Weltausstellungen seit 1851 – entstehen neue Probleme: Armut, Ausbeutung, Unter-
dern aus: 1882 ziehen drückung fremder Völker (Kolonien). Erste Zweifel an den traditionellen bürgerlichen Werten
13’500 Schweizer nach werden laut.
Übersee.
Eine Verstädterung setzt
ein; schnell wachsen • Epik – Dramatik – Lyrik
Grossstädte mit repräsen-
tativen Bauten für die
Schauerromane, triefende Schicksals- und Liebesgeschichten bedienten den Publikumsge-
Oberschicht: Die neue schmack – vergleichbar mit gegenwärtigen TV-Dauerserien. Literarische Werke, die heute als
Macht wird sichtbar. epochentypisch gelten, waren nicht unbedingt die Bestseller ihrer Zeit. Sie zeigen die nega-
Ein Beispiel für Fort- tiven Seiten des mächtig gewordenen Bürgertums, des Reichtums, der Industrialisierung:
schrittsglauben und tech- übertriebener Ehrbegriff, heuchlerische Moral, Unverständnis für Unterprivilegierte und sozial
nische Machbarkeit ist der
Gotthardtunnel. Nach
Schwache, oberflächlicher Optimismus und naiver Fortschrittsglaube.
über 25 Jahren Planung Romane und Novellen sind die bevorzugten literarischen Formen des Realismus. In ihnen
und zahlreichen Querelen kann eine eigene Welt vor Augen geführt werden, die den Aufstieg und Fall von Menschen
beginnt der Bau 1872. nachzeichnet. Novellen steuern auf einen dramatischen Höhepunkt zu, an dem sich die Hand-
Der damals längste Tunnel lung plötzlich dreht: Ein «Held» scheitert und muss die Grenzen menschlichen Handelns
der Welt wird 1882 er-
öffnet.
erleben.

120 Literaturatelier
© 2018 Verlag SKV AG: Fokus Sprache, Fokus Sprache BM
Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
Der Realismus ist eine übernationale Epoche mit nationalen Eigenheiten. Die herausragen- Nach dem gewonnenen

MODUL F
den Romane und Novellen dieser Zeit sind auch heute noch sprachlich wie psychologisch eine Deutsch-französischen
Krieg wird das Deutsche
faszinierende Lektüre. Daneben entstehen berühmte Gedichte und bis heute bekannte Balla- Reich gegründet, und
den, z. B. Fontanes «Brück’ am Tay». zwar im Spiegelsaal von
Versailles. Der preussische
Ausgewählte Werke deutschsprachiger Autorinnen und Autoren König ist jetzt deutscher
Kaiser. Seine Politik wird
• Gottfried Keller: Romeo und Julia auf dem Dorfe, 1856 L ESETIPP ! Kleider machen Leute, aber von Kanzler Bis-
1874 L ESETIPP ! marck gesteuert, der als
• Wilhelm Busch: Max und Moritz, 1865 Verfechter der Realpoli-
• Johanna Spyri: Heidis Lehr- und Wanderjahre, 1880 tik gilt.
• Conrad Ferdinand Meyer: Kleine Novellen, 1882/83 Er ist auf Ausgleich be-
dacht und bindet das
• Marie von Ebner-Eschenbach: Krambambuli, 1883 L ESETIPP ! Deutsche Reich in ein viel-
• Theodor Storm: Der Schimmelreiter, 1888 L ESETIPP ! fältiges Bündnissystem
• Theodor Fontane: Irrungen, Wirrungen, 1888 L ESETIPP ! Effi Briest, 1896 ein. Noch engagiert sich
das Reich kaum in Afrika
Weltliteratur und Asien, wo Grossbri-
• Harriet Beecher Stowe: Onkel Toms Hütte, 1852 tannien, Frankreich und
• Gustave Flaubert: Madame Bovary, 1857 andere Mächte ihre Kolo-
• Leo N. Tolstoi: Krieg und Frieden, 1868/69 nialreiche aufzubauen
beginnen (Imperialismus).
• Robert L. B. Stevenson: Die Schatzinsel, 1883
• Mark Twain: Die Abenteuer Huckleberry Finns, 1884

t H E o d o r F o n t a n E , 1819 –1898
Realismus
1 Unter Realismus «verstehen wir nicht das nackte Wiedergeben alltäglichen Lebens, am
WENIGSTENSEINES%LENDSUNDSEINER3CHATTENSEITEN !BERESISTDOCHNICHTALLZU
LANGEHER DASSMANNAMENTLICHINDER-ALEREI Misere mit Realismus verwechselte und
BEIDER$ARSTELLUNGEINESSTERBENDEN0ROLETARIERS DENHUNGERNDE+INDERUMSTEHEN  
5 SICHEINBILDETE DER+UNSTEINEGL¸NZENDE2ICHTUNGVORGEZEICHNETZUHABEN$IESE2ICH-
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Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
TUNGVERH¸LTSICHZUMECHTEN2EALISMUSWIEDASROHE%RZZUM-ETALL$IE,¸UTERUNG
fehlt. Wohl ist das Motto des Realismus der Goethesche Zuruf:
Greif nur hinein ins volle Menschenleben, / Wo du es packst, da ist’s interessant;
ABERFREILICH DIE(AND DIEDIESEN'RIFFTUT MUSSEINEKÌNSTLERISCHESEIN$AS,EBENIST
10 doch immer nur der Marmorsteinbruch, der den Stoff zu unendlichen Bildwerken in sich
trägt, sie schlummern darin, aber nur dem Auge des Geweihten sichtbar und nur durch
seine Hand zu erwecken.» 1853

Aufgabe
t H E o d o r F o n t a n E , 1819 –1898
Effi Briest 3IEBENUNDZWANZIGSTES+APITEL
Baron von Innstetten, 20 Jahre älter als Effi Briest, entdeckt die Liebesbriefe einer kurzen Bezie-
hung seiner Frau Effi zu Major von Crampas.

• Welches Problem beschäftigt im folgenden Auszug Innstetten und Geheimrat Wüllersdorf?

1 Innstetten hatte die Briefe kaum wieder beiseite geschoben, als draussen die Klingel
ging. Gleich danach meldete Johanna: «Geheimrat Wüllersdorf.»
Wüllersdorf trat ein und sah auf den ersten Blick, dass etwas vorgefallen sein müsse.
«Pardon, Wüllersdorf», empfing ihn Innstetten, «dass ich Sie gebeten habe, noch gleich
5 heute bei mir vorzusprechen. Ich störe niemand gern in seiner Abendruhe, am wenigsten
einen geplagten Ministerialrat. Es ging aber nicht anders. Ich bitte Sie, machen Sie sich’s
bequem. Und hier eine Zigarre.»

Literaturatelier 121
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Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
Effi Briest – in einem Wüllersdorf setzte sich. Innstetten ging wieder auf und ab und wäre bei der ihn verzeh-
Satz renden Unruhe gern in Bewegung geblieben, sah aber, dass das nicht gehe. So nahm er
20 Jahre jünger als ihr
karrierebewusster Mann
10 denn auch seinerseits eine Zigarre, setzte sich Wüllersdorf gegenüber und versuchte
und in der Provinz inner- RUHIGZUSEINh%SISTv BEGANNER hUMZWEIER$INGEWILLEN DASSICH3IEHABEBITTEN
lich vereinsamt, geht Effi lassen: erst um eine Forderung zu überbringen und zweitens um hinterher, in der Sache
ein Verhältnis mit dem SELBST MEIN3EKUNDANTZUSEINDASEINEISTNICHTANGENEHMUNDDASANDERENOCHWENI-
Bezirkskommandanten GER %SHANDELTSICHUMEINEN'ALANMEINER&RAU DERZUGLEICHMEIN&REUNDWAR
Crampas ein, das sie gern
löst, als ihr Mann nach
15 ODERDOCHBEINAHv
Berlin versetzt wird, wo «Innstetten, Ihre Lage ist furchtbar, und Ihr Lebensglück ist hin. Aber wenn Sie den
die Ehe jahrelang harmo- Liebhaber totschiessen, ist Ihr Lebensglück sozusagen doppelt hin, und zu dem Schmerz
nisch verläuft, bis Effis über empfangenes Leid kommt noch der Schmerz über getanes Leid. Alles dreht sich um
Mann Crampas’ Liebes- die Frage, müssen Sie’s durchaus tun? Fühlen Sie sich so verletzt, beleidigt, empört, dass
briefe findet, Crampas
aus gesellschaftlichen
20 EINERWEGMUSS ERODER3IE3TEHTESSOv 
Gründen zum Duell for- h%SSTEHTSO DASSICHUNENDLICHUNGLÌCKLICHBINICHBINGEKR¸NKT SCH¸NDLICHHINTERGAN-
dert, ihn dabei tötet und GEN ABERTROTZDEM ICHBINOHNEJEDES'EFÌHLVON(ASSODERGARVON$URSTNACH2ACHE
Effi verstösst, die nach Und wenn ich mich frage, warum nicht, so kann ich zunächst nichts anderes finden als
einigen Jahren der DIE*AHRE-ANSPRICHTIMMERVONUNSÌHNBARER3CHULDVOR'OTTISTESGEWISSFALSCH 
Armut – im Bewusstsein,
dass ihr Mann richtig ge-
25 aber vor den Menschen auch. Ich hätte nie geglaubt, dass die Zeit, rein als Zeit, so wir-
handelt habe – auf dem ken könne. Und dann als zweites: Ich liebe meine Frau, ja, seltsam zu sagen, ich liebe
Gut ihrer Eltern stirbt. sie noch, und so furchtbar ich alles finde, was geschehen, ich bin so sehr im Bann ihrer
(Neckam, 2007) Liebenswürdigkeit, eines ihr eigenen heiteren Charmes, dass ich mich, mir selbst zum
4ROTZ INMEINEMLETZTEN(ERZENSWINKELZUM6ERZEIHENGENEIGTFÌHLEv 
30 Wüllersdorf war aufgestanden. «Ich finde es furchtbar, dass Sie recht haben, aber Sie
HABENRECHT)CHQU¸LE3IENICHTL¸NGERMITMEINEMi-USSESSEINj$IE7ELTISTEINMAL 
WIESIEIST UNDDIE$INGEVERLAUFENNICHT WIEWIRWOLLEN SONDERNWIEDIEANDERNWOL-
LEN$ASMITDEMi'OTTESGERICHTj WIEMANCHEHOCHTRABENDVERSICHERN ISTFREILICHEIN
Unsinn, nichts davon, umgekehrt, unser Ehrenkultus ist ein Götzendienst, aber wir müs-
35 sen uns ihm unterwerfen, solange der Götze gilt.» 1896

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Aufgabe
Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden

Brunnen der Villa Borghese, Rom


c o n r a d F E r d i n a n d M E y E r , 1 8 25 –1 89 8
«Der römische Brunnen» des Schweizer Dichters Conrad Ferdinand Meyer liegt in mehreren Fas-
sungen vor. Erste Entwürfe hat er während eines Rom-Aufenthalts 1858 unter dem Eindruck
eines Brunnens in der Villa Borghese skizziert. Es vergehen elf Jahre, bis das Gedicht erstmals
publiziert wird, und weitere dreizehn, bis es im Oktober 1882 seine endgültige Gestalt erhält.
• Das Gedicht gilt als Musterbeispiel dafür, wie der dargestellte Gegenstand und die sprach-
liche Form nahezu perfekt übereinstimmen. Lesen Sie die vier Fassungen laut, und hören
Sie genau hin. Jetzt erkennen Sie sicher die letzte und gelungenste Version: 1864 – 1865 –
1869 – 1882.

122 Literaturatelier
© 2018 Verlag SKV AG: Fokus Sprache, Fokus Sprache BM
Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
Der schöne Brunnen (––––––––––––––––––––––) Der Brunnen (––––––––––––––––––––––)

MODUL F
In einem römischen Garten In einem römischen Garten
Weiss ich einen schönen Bronnen, Verborgen ist ein Bronne,
Von Laubwerk aller Arten Behütet von dem harten
Umwölbt und grün umsponnen. Geleucht der Mittagssonne,
Er steigt in lichtem Strahle, Er steigt in schlankem Strahle
$ERUNERSCHÇPFLICHIST  )NDUNKLE,AUBESNACHT
Und plätschert in eine Schale, Und sinkt in eine Schale
$IEGOLDENWALLENDÌBERFLIESST 5NDÌBERGIESSTSIESACHT
$AS7ASSERFLUTETNIEDER $IE7ASSERSTEIGENNIEDER
In zweiter Schale Mitte, In zweiter Schale Mitte
Und voll ist diese wieder, Und voll ist diese wieder,
Es flutet in die dritte: Sie fluten in die dritte:
Ein Geben und ein Nehmen Ein Nehmen und ein Geben
Und alle bleiben reich. Und alle bleiben reich,
Und alle Stufen strömen Und alle Fluten leben
Und scheinen unbewegt zugleich. Und ruhen doch zugleich

Der römische Brunnen (–––––––––––––––––––––) Der Brunnen (––––––––––––––––––––––)


!UFSTEIGTDER3TRAHLUNDFALLENDGIESST $ER3PRINGQUELLPL¸TSCHERTUNDERFÌLLT
%RVOLLDER-ARMORSCHALE2UND  $IE3CHALE DASSSIEÌBERFLIESST
$IE SICHVERSCHLEIERND ÌBERFLIESST $IESTEHTVOM7ASSERLEICHTUMHÌLLT
)NEINERZWEITEN3CHALE'RUND )NDEMSIESINDIEZWEITEGIESST
$IEZWEITEGIBT SIEWIRDZUREICH  5NDDIESEWALLTUNDWIRDZUREICH
$ERDRITTENWALLENDIHRE&LUT  5NDGIBTDERDRITTENIHRE&LUT
Und jede nimmt und gibt zugleich Und jede gibt und nimmt zugleich,
Und strömt und ruht. Und alles strömt und alles ruht.

Literatur hören und sehen © 2018 Verlag SKV AG: Fokus Sprache, Fokus Sprache BM
Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
• Theodor Fontanes Roman «Effi Briest» liegt in zahlreichen Verfilmungen vor. Besonders
interessant ist der Film aus dem Jahre 2008, dessen Schluss von der Vorlage abweicht
und eine emanzipierte Frau zeigt.
• Novellen: Auch Theodor Storms «Der Schimmelreiter» und Gottfried Kellers «Romeo
und Julia auf dem Dorfe» sind mehrfach verfilmt worden. Zudem sind Umarbeitungen in
Hörspiele und dramatisierte Hörfassungen (Hörbücher) erhältlich. w ilHElM B uscH , 1832–1908
• Die Werke, die unter «Weltliteratur» aufgeführt sind, werden regelmässig neu verfilmt –
und sind meist sehenswert. Im Sommer
• Auf YouTube finden sich zahlreiche Ausschnitte unterschiedlicher Qualität. Auch Fonta- In Sommerbäder
nes Balladen «Die Brück’ am Tay» oder «John Maynard» (als Rapversion) sind hörens- Reist jetzt ein jeder
und sehenswert. Und lebt famos.
$ERARME$OKTER
Zu Hause hockt er
Patientenlos.
• Was bleibt
Von Winterszenen,
• Definieren Sie Realismus in eigenen Worten. Von schrecklich schönen,
• Was besagt die Evolutionstheorie? Träumt sein Gemüt,
7ENN $ANKIHR'ÇTTER
• Wie interpretieren Sie die «geschönte Fassade von Wohlstand und Fortschritt»?
Bei Hundewetter
• Was ist der Sinn von Weltausstellungen? Sein Weizen blüht. 1909
• Lesen Sie mindestens eine Novelle, und untersuchen Sie, welche Merkmale des Realismus
und der Gattung Novelle zutreffen – und wo sich Abweichungen finden lassen.

Literaturatelier 123
© 2018 Verlag SKV AG: Fokus Sprache, Fokus Sprache BM
Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
6.4 Naturalismus, 1880–1900
• Begriff
Während die grossen realistischen Autorinnen und Autoren ihr Alters-
werk mit klugem Humor und feiner Ironie vollenden, fordern Jüngere
eine neue, schärfere Sicht der Wirklichkeit. Naturalistisch heisst die
naturgetreue Abbildung, ohne etwas zu überhöhen, zu verklären,
ohne sprachliche «Bearbeitung» oder Beschönigung. Die objektivie-
rende Tendenz des Realismus soll radikal fortgesetzt werden; das
Hässliche darf nicht ausgeklammert oder verschwiegen werden. Man
will bewusst modern sein. Naturalismus ist eine gesamteuropäische
Bewegung. Insgesamt gesehen war sie (sehr) kurz, aber enorm heftig
mit wichtigen Auswirkungen auf spätere Epochen. Vor allem provo-
zierte der Naturalismus starke Gegenreaktionen.

• Themen und Tendenzen


Das gesellschaftliche Elend – das Leben in Mietskasernen, die Ver-
elendung, Ausbeutung, Arbeitslosigkeit und Alkoholismus sowie zer-
rüttete Familienverhältnisse – muss objektiv erlebbar dargestellt wer-
1882 wurde eine
Gruppe von «Feuer- den. Wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen den Menschen als Produkt seiner Erbanlagen, des
ländern» in Zürich «aus- Milieus sowie der geschichtlichen Situation (Determinationslehre). Arno Holz und Johannes
gestellt»; einige starben Schlaf brachten das Kunst- und Literaturverständnis auf die Formel Kunst = Natur – x. Dabei
u.a. an Syphilis. sollte x möglichst klein sein, damit die Natur unverfälscht vermittelt wird. In zahlreichen Kunst-
und Literaturzeitschriften wird engagiert über die richtige Kunst und Literatur diskutiert und
gestritten. «Wir brechen mit den alten, überlieferten Motiven. Wir werfen die abgenutzten
Schablonen von uns. Wir singen nicht für die Salons, das Badezimmer, die Spinnstube –
• Gesellschaft und
Geschichte wir singen frei und offen, wie es uns ums Herz ist.»
Die Fabrikarbeiter leiden
in den riesigen Arbeiter- • Epik – Dramatik – Lyrik
slums, die sich an den © 2018 Verlag SKV AG: Fokus Sprache, Fokus Sprache BM
Rändern der Fabrikstädte Zu den naturalistischen Stilmitteln
Persönliches Exemplar zählen
von Petra Dialekt
Trostel, und Sekundenstil: Jedes wahrnehmbare
8570 Weinfelden
bilden, unter Wohnungs- Detail soll abgebildet («kopiert») werden. Das Drama ist die bevorzugte Gattung; als vorbild-
not und -elend. Sozial- lich gelten die Stücke des Norwegers Henrik Ibsen und des Schweden August Strindberg.
demokraten und Gewerk- Gerhart Hauptmanns «Vor Sonnenaufgang» gilt als typisches Beispiel eines naturalistischen
schaften haben grossen
Zulauf, die soziale Frage Dramas. Es löst bei seiner Uraufführung 1889 wegen der ungewohnten Darstellungsweise
wird immer drängender: Tumulte aus. Sowohl der «Realist» Theodor Fontane als auch Arno Holz sind vom Stück be-
Unruhen drohen. geistert: «… das beste Drama, das jemals in deutscher Sprache geschrieben worden ist».
Die europäischen Mächte Hauptmanns Novelle «Bahnwärter Thiel» ist bis heute eine faszinierende Lektüre und zeigt gut
teilen Afrika und Asien lesbar und verständlich alle Merkmale des Naturalismus auf.
untereinander auf und
richten Kolonien ein.
Menschen aus den Kolo-
nien werden den Euro- Ausgewählte Werke deutschsprachiger Autorinnen und Autoren
päern in Völkerschauen • Gerhart Hauptmann: Bahnwärter Thiel, 1888 L ESETIPP ! Vor Sonnenaufgang, 1889;
als Wilde präsentiert Die Weber, 1892
(s. Abb. oben). Der • Arno Holz (mit Johannes Schlaf): Die Familie Selicke, 1890
Sozialdarwinismus
rechtfertigt die Ausbeu- Weltliteratur
tung fremder Völker. • August Strindberg: Fräulein Julie, 1888
Dank Monokulturen kön-
nen Kolonialwaren nun
• Henrik Ibsen: Nora oder Ein Puppenheim, 1879 L ESETIPP ! Ein Volksfeind, 1882;
günstig nach Europa Die Wildente, 1884 L ESETIPP !
importiert werden.

124 Literaturatelier
© 2018 Verlag SKV AG: Fokus Sprache, Fokus Sprache BM
Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
MODUL F
Aufgabe
g E r H a r t H a u P t M a n n , 1862– 1946
$IE7EBER !KT"ÌHNENANWEISUNGEN
Arno Holz und Johannes Schlaf veröffentlichten 1891 in der pro-
grammatischen Schrift «Die Kunst, ihr Wesen und ihre Gesetze» die
Theorie eines konsequenten Naturalismus, der auf exakte Milieuschil-
derung unter Einbezug auch umgangssprachlicher Elemente abzielte.
Jegliche Subjektivität sollte eliminiert werden.

• Wie hängen die folgenden Regieanweisungen Gerhart Haupt-


manns mit diesen Forderungen von Arno Holz und Johannes Schlaf
zusammen?
• Was ist an ihnen «naturalistisch»? Emil Orlik: Die Weber, 1897

1 $AS3TÌBCHENDES(¸USLERS7ILHELM!NSORGEZU+ASCHBACHIM%ULENGEBIRGE)NEINEM
ENGEN VONDERSEHRSCHADHAFTEN$IELEBISZURSCHWARZVERR¸UCHERTEN"ALKENDECKENICHT
sechs Fuss hohen Raum sitzen: zwei junge Mädchen, Emma und Bertha Baumert, an
Webstühlen – Mutter Baumert, eine kontrakte Alte, auf einem Schemel am Bett, vor sich
5 ein Spulrad – ihr Sohn August, zwanzigjährig, idiotisch, mit kleinem Rumpf und Kopf
und langen, spinnenartigen Extremitäten auf einem Fussschemel, ebenfalls spulend.
$URCHZWEIKLEINE ZUM4EILMIT0APIERVERKLEBTEUNDMIT3TROHVERSTOPFTE&ENSTERLÇCHER
der linken Wand dringt schwaches, rosafarbenes Licht des Abends. Es fällt auf das
weissblonde, offene Haar der Mädchen, auf ihre unbekleideten, mageren Schultern sowie
10 dünne, wächserne Nacken, auf die Falten des groben Hemdes im Rücken, das, nebst
EINEMKURZEN2ÇCKCHENAUSH¸RTESTER,EINEWAND IHREEINZIGE"EKLEIDUNGIST$ERALTEN
Frau leuchtet der warme Hauch voll über Gesicht, Hals und Brust: ein Gesicht, abge-
magert zum Skelett, mit Falten und Runzeln in einer blutlosen Haut, mit versunkenen
Augen, die durch Wollstaub, Rauch und Arbeit bei Licht entzündlich gerötet und wäss-
15 rig sind, einen langen Kropfhals mit© 2018
FaltenVerlag SKV Sehnen,
und AG: Fokus Sprache, Fokus Sprache BM mit verschos-
eine eingefallene,
Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
senen Tüchern und Lappen verpackte Brust.
Ein Teil der rechten Wand mit Ofen und Ofenbank, Bettstelle und mehreren grell ge-
tuschten Heiligenbildern steht auch noch im Licht. – Auf der Ofenstange hängen Lum-
pen zum Trocknen, hinter dem Ofen ist altes, wertloses Gerümpel angehäuft. Auf der
20 /FENBANKSTEHENEINIGEALTE4ÇPFEUND+OCHGER¸TE +ARTOFFELSCHALENSINDZUM$ÇRREN
auf Papier gelegt. – Von den Balken herab hängen Garnsträhne und Weifen. Körbchen
mit Spulen stehen neben den Webstühlen. In der Hinterwand ist eine niedrige Tür ohne
Schloss. Ein Bündel Weidenruten ist daneben an die Wand gelehnt. Mehrere schadhafte
6IERTELKÇRBESTEHENDABEIm$AS'ETÇSEDER7EBSTÌHLE DASRHYTHMISCHE'EWUCHTEDER
25 Lade, davon Erdboden und Wände erschüttert werden, das Schlurren und Schnappen des
HIN UNDHERGESCHNELLTEN3CHIFFCHENSERFÌLLENDEN2AUM$AHINEINMISCHTSICHDAS
tiefe, gleichmässig fortgesetzte Getön der Spulräder, das dem Summen grosser Hummeln
gleicht. 1894

Literatur hören und sehen


• Einzelne Werke Gerhart Hauptmanns sind seit den Zwanzigerjahren immer wieder ver-
filmt worden, u. a. «Bahnwärter Thiel». Gelungene Verfilmungen und Inszenierungen
der Dramen Ibsens und Strindbergs gibt es zahlreiche.

• Was bleibt
• Definieren Sie Naturalismus in eigenen Worten, und grenzen Sie den Begriff gegen den
Realismus ab.
• Welche Themen behandelt der Naturalismus – und warum?
• Erklären Sie die Kunstformel des Naturalismus sowie den Begriff «Sekundenstil».
• Wo liegen die Grenzen naturalistischer Darstellungen?

Literaturatelier 125
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Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
7 Das 20. Jahrhundert – das Jahrhundert der Ideologien

An der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert – «Fin de Siècle» –


laufen mehrere unterschiedliche Strömungen in Politik, Kunst, Litera-
tur, aber auch in Technik und Wissenschaft neben-, mit- und gegen-
einander, eine Reihe von «Ismen»: Ausläufer des Realismus und
Naturalismus, ferner Impressionismus, Expressionismus und Symbo-
lismus (später Futurismus) sowie Nihilismus, Pazifismus, Marxismus,
Kommunismus, Sozialismus, Nationalismus, Nationalsozialismus,
Militarismus – und Kapitalismus.
Die Dynamik dieser Strömungen bewirkt enorme Veränderungen,
die bis heute nachwirken, z.B. in der Psychoanalyse, der Relativitäts-
theorie, in der expressiven Malerei sowie im Nationalismus.

7.1 Jahrhundertwende, 1890–1920


• Begriff
Der Wandel aller Lebensbereiche schlägt sich in der Kunst in Pessimis-
Gustav Klimt: Der Kuss,
1908/09 mus, Niedergang und Weltschmerz nieder. Vor der seelenlosen Welt der Technik – und einer
drohenden Apokalypse – entsteht ein elitärer Schönheitskult (Ästhetizismus gegen
Naturalismus). Mit der Entdeckung des Unbewussten und der dunklen Seiten des Menschen
durch Sigmund Freud geht das Streben nach Sinnlichkeit (Trieberfüllung) und Genuss einher.
Eros und Sexualität werden mitunter provokativ thematisiert, z. B. in Arthur Schnitzlers Drama
• Gesellschaft und «Reigen», das sowohl als Buch 1900 als auch bei seiner Uraufführung 1920 (!) für Empörung
Geschichte
Nach der Verteilung der sorgte. Am Ende des Ersten Weltkriegs zerbricht «Die Welt von Gestern» (Stefan Zweig) end-
letzten Kolonien häufen gültig.
sich in Nordafrika und auf
dem Balkan die Konflikte • Themen und Tendenzen
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zwischen den europäi-
Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
schen Grossmächten. Ein Zahlreiche Figuren der Werke Thomas Manns und Arthur Schnitzlers verkörpern die Stim-
Krieg wird immer wahr- mungslage von Untergang und Verfall – allerdings in sprachlich vollendeter Form mit Meta-
scheinlicher; das Deutsche phern, Symbolen und anderen Stilmitteln. «Die Moderne» sucht nach neuen Ausdrucks-
Reich glaubt sich von den
Entente-Mächten um- formen und leidet an den Grenzen der Sprache. Hugo von Hofmannsthal lässt Lord Chandos
zingelt und bedroht. in einem fiktiven Brief über dessen Sprachkrise klagen: Ihm sei «die Fähigkeit abhanden ge-
Österreich-Ungarn ver- kommen, über irgend etwas zusammenhängend zu denken und zu sprechen». Gleichzeitig
mag die Nationalitäten- werden der innere Monolog («Leutnant Gustl»), die erlebte Rede und der Bewusstseins-
probleme nicht zu lösen. strom («Stream of Conciousness») als neue literarische Mittel entwickelt.
Die Pazifisten gehen in
allen Ländern in der allge- Im Extremfall wird Kunst als funktionslos definiert, als «L’art pour l’art». Die Verherrlichung
meinen Kriegsbegeiste- des «schönen Scheiterns» lässt sich auch an den Gemälden der Zeit ablesen. Die Katastrophe
rung unter. Ein Krieg wird der «unsinkbaren» Titanic im April 1912 wirkt wie eine Metapher der Zeit: Von Grössenwahn
als männliche Kraftprobe, und Genusssucht getrieben, versinkt das selbstgefällige Grossbürgertum in den Fluten – und
als nationale Erfüllung, reisst Hunderte mit in den Tod.
als Erlösung aus dem jahr-
zehntelangen Frieden her-
beigesehnt. • Epik – Dramatik – Lyrik
Nach dem Attentat von
Sarajewo zwingen die Die Gedichte Rainer Maria Rilkes in einer ästhetisch überhöhten Sprache haben von ihrer
Bündnissysteme fast alle Wirkung bis heute nichts eingebüsst; für viele Menschen sind sie einfach «perfekt und schön»
europäischen Staaten in und absolute Höhepunkte deutscher Lyrik.
den Ersten Weltkrieg. Er Die Dramen und Novellen des Nervenarztes Arthur Schnitzler sind scharfsinnige Umsetzun-
wird zum ersten moder- gen der «Seelenkunde» (Psychoanalyse). Heinrich Manns Roman «Der Untertan» entlarvt über-
nen Massenvernichtungs-
krieg. Europas Kaiser- und zeugend die Autoritätsgläubigkeit und den Militarismus der Wilhelminischen Kaiserzeit.
Königreiche verschwin- In eine eigene literarische Kategorie fällt das Werk Franz Kafkas. Seine frühen Erzählungen
den. «Die Verwandlung» und «Das Urteil» zeigen autobiografische Züge und decken u.a. autoritäre
patriarchalische Familienstrukturen auf.

126 Literaturatelier
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Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
gEorg trakl,

MODUL F
Ausgewählte Werke deutschsprachiger Autorinnen und Autoren 1887–1914
• Karl May: Winnetou I, 1893
Verklärter Herbst
• Arthur Schnitzler: Leutnant Gustl, 1900; Reigen, 1900; Fräulein Else, 1924
• Thomas Mann: Buddenbrooks, 1901 Gewaltig endet so das
• Robert Walser: Geschwister Tanner, 1907; Der Gehülfe, 1908; Jakob von Gunten, 1909 Jahr Mit goldnem Wein
und Frucht der Gärten.
• Hermann Hesse: Unterm Rad, 1905 L ESETIPP ! Siddharta, 1922 Rund schweigen Wälder
• Robert Musil: Die Verwirrungen des Zöglings Törless, 1906 wunderbar Und sind des
• Franz Kafka: Die Verwandlung, 1912/15 L ESETIPP ! Einsamen Gefährten.
• Heinrich Mann: Professor Unrat, 1905; Der Untertan, 1918
• Rainer Maria Rilke: Gedichte L ESETIPP ! $ASAGTDER,ANDMANN
Es ist gut. Ihr Abend-
• Hugo von Hofmannsthal: Jedermann, 1911 glocken lang und leise
Weltliteratur Gebt noch zum Ende
frohen Mut. Ein Vogel-
• Oscar Wilde: Das Bildnis des Dorian Gray, 1890 L ESETIPP ! zug grüsst auf der Reise.
• Selma Lagerlöf: Nils Holgerssons wundersame Reise, 1906/07
Es ist der Liebe milde
Zeit. Im Kahn den
blauen Fluss hinunter
Wie schön sich Bild an
Bildchen reiht –$AS
geht in Ruh und Schwei-
gen unter. 1912
Aufgabe
H E r M a n n H E s s E , 1877–1 962
Unterm Rad
Hans Giebenrath, ein begabter Schüler, wird von seinem ehrgeizigen Vater und den Lehrern
überfordert, «verpasst» vor lauter Lernen seine Kindheit, wird schliesslich von der Internats-
schule gewiesen und tritt eine Lehrstelle an.

• Beschreiben Sie die Situation, und charakterisieren Sie Hans und Emma.
• Wie erzeugt Hesse Atmosphäre und©Gefühle inSKV
2018 Verlag dieser Textstelle?
AG: Fokus Sprache, Fokus Sprache BM
Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden

1 Es dunkelte schon. Aus einem nahen Wirtshaus tönte Geschrei und heiseres Singen her-
über. Manche Fenster waren beleuchtet, da und dort entzündete sich eins und wieder
eins und legte einen schwachen roten Schein in die dunkle Luft. Eine lange Reihe junger
Mädchen, Arm in Arm, flanierte unter lautem Gelächter und Gerede fröhlich gassab,
5 schwankte im unsicheren Licht und lief wie eine warme Woge von Jugend und Lust
durch die entschlummernden Gassen. Hans sah ihnen lange nach, das Herz schlug ihm
bis in den Hals. Hinter einem mit Gardinen verhängten Fenster hörte man Geige spielen.
Am Brunnen wusch ein Weib Salat. Auf der Brücke spazierten zwei Burschen mit ihren
3CH¸TZEN$EREINEHIELTSEIN-¸DCHENLOSEANDER(AND SCHLENKERTEIHREN!RMUND
10 RAUCHTESEINE:IGARRE$ASZWEITE0AARGINGLANGSAMUNDENGVERSCHLUNGENWEITER DER
Bursch umfasste die Hüfte des Mädchens, und sie drückte Schulter und Kopf fest gegen
seine Brust. Hans hatte das hundertmal gesehen und nicht beachtet. Jetzt hatte es einen
HEIMLICHEN3INN EINEUNKLARE ABERLÌSTERNSÌSSE"EDEUTUNGSEIN"LICKBLIEBAUFDER
Gruppe ruhen, und seine Phantasie drängte ahnend einem nahen Verständnis entgegen.
15 Beklommen und im Innersten aufgerüttelt fühlte er sich einem grossen Geheimnis nahe,
von dem er nicht wusste, ob es köstlich oder schrecklich wäre, aber von beidem emp-
fand er bebend etwas voraus. Vor dem Flaigschen Häuschen machte er halt und fand
nicht den Mut einzutreten. Was sollte er drinnen tun und sagen? Er musste daran den-
KEN WIEERALSEIN"UBVONELFUNDZWÇLF*AHRENOFTHIERHERGEKOMMENWARDANNHATTE
20 Flaig ihm biblische Geschichten erzählt und seinen stürmisch neugierigen Fragen über
DIE(ÇLLE DEN4EUFELUNDDIE'EISTERSTANDGEHALTEN$IESE%RINNERUNGENWARENUNBE-
quem und gaben ihm ein schlechtes Gewissen. Er wusste nicht, was er tun wollte, er
wusste nicht einmal, was er eigentlich wünschte, doch wollte ihm scheinen, er stehe vor
etwas Heimlichem und Verbotenem. Es schien ihm unrecht gegen den Schuhmacher zu
25 sein, dass er im Finstern vor seiner Türe stand, ohne einzutreten. Und wenn jener ihn da
stehen sähe oder jetzt aus der Türe träte, würde er ihn wahrscheinlich nicht einmal
schelten, sondern auslachen, und davor graute ihm am meisten.
Er schlich sich hinter das Haus und konnte nun vom Gartenzaun aus in die erleuchtete

Literaturatelier 127
© 2018 Verlag SKV AG: Fokus Sprache, Fokus Sprache BM
Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
7OHNSTUBEHINEINSEHEN$EN-EISTERSAHERNICHT$IE&RAUSCHIENETWASZUN¸HENODER
30 ZUSTRICKEN DER¸LTESTE+NABEWARNOCHAUFUNDSASSLESENDAM4ISCH$IE%MMAGING
hin und her, offenbar mit Aufräumen beschäftigt, so dass er sie immer nur für Augen-
blicke zu sehen bekam.
Es war so still, dass man jeden fernsten Schritt in der Gasse und jenseits des Gartens das
LEISE3TRÇMENDES&LUSSESDEUTLICHHÇRENKONNTE$IE$UNKELHEITUND.ACHTKÌHLENAHM
35 eilig zu.
Neben den Wohnzimmerfenstern lag ein kleineres Flurfenster dunkel. Nach einer langen
Weile erschien an diesem Fensterchen eine undeutliche Gestalt, lehnte sich heraus und
BLICKTEINDIE$UNKELHEIT(ANSERKANNTEANDER&IGUR DASSES%MMAWAR UNDVOR
banger Erwartung stand ihm das Herz still. Sie blieb im Fenster stehen, lang und ruhig
40 herüberblickend, doch wusste er nicht, ob sie ihn sehe oder erkenne. Er regte kein Glied
und schaute starr zu ihr hinüber, mit ungewissem Zagen zugleich hoffend und
fürchtend, sie möchte ihn erkennen.
Und die undeutliche Gestalt verschwand wieder aus dem Fenster, gleich darauf klinkte
die kleine Gartentüre, und Emma kam aus dem Hause. Hans wollte im ersten Schrecken
45 auf und davon, blieb aber willenlos am Zaun lehnen und sah das Mädchen langsam ihm
entgegen durch den dunklen Garten schreiten, und bei jedem ihrer Schritte trieb es ihn
davonzulaufen und hielt etwas Stärkeres ihn zurück.
Nun stand Emma gerade vor ihm, keinen halben Schritt entfernt, nur der niedrige Zaun
dazwischen, und sie sah ihn aufmerksam und sonderbar an. Eine ganze Zeitlang sagte
50 KEINESEIN7ORT$ANNFRAGTESIELEISE
«Was willst du?»
«Nichts», sagte er, und es fuhr ihm wie ein Streicheln über die Haut, dass sie ihm du ge-
sagt hatte.
Sie streckte ihm ihre Hand über den Zaun weg hin. Er nahm sie schüchtern und zärtlich
55 und drückte sie ein wenig, da merkte er, dass sie nicht zurückgezogen wurde, fasste Mut
und streichelte die warme Mädchenhand fein und vorsichtig. Und als sie ihm noch
immer willig überlassen blieb, legte er sie an seine Wange. Eine Flut von durchdringen-
der Lust, von seltsamer Wärme und seliger Müdigkeit überlief sein Wesen, die Luft um
ihn her schien ihm lau und föhnfeucht, er sah nicht Gasse noch Garten mehr, nur ein
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60 nahes hellesPersönliches
GesichtExemplar
und einvon Gewirre
Petra Trostel,dunkler Haare.
8570 Weinfelden
Und es schien ihm aus einer grossen Nachtferne her zu tönen, als das Mädchen ganz
leise fragte: «Willst du mir einen Kuss geben?» 1905

Literatur hören und sehen


• Verfilmte Literatur dieser Zeit gibt es reichlich, hier ein paar Beispiele: Heinrich Manns
Roman «Professor Unrat», Robert Musils Novelle «Der junge Törless», Robert Walsers
Romane «Jakob von Gunten» und «Der Gehülfe» sowie verschiedene dokumentarische
Annäherungen an diesen Autor, z. B. «Robert Walser – Ein Poetenleben». Thomas Manns
«Buddenbrooks» (1901) sind ein beliebtes Filmthema, zuletzt 2008; dazu gibt’s mehrere
Dokumentationen und das Doku-Drama «Die Manns – Ein Jahrhundertroman» (2001).
Hugo von Hofmannsthals «Jedermann. Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes» wird
seit 1920 alljährlich an den Salzburger Festspielen mit einem Staraufgebot aufgeführt.
Davon existieren einige Aufzeichnungen.
• «Eyes Wide Shut», 1999, mit Tom Cruise und Nicole Kidman ist die eher freie Verfilmung
von Arthur Schnitzlers «Traumnovelle».
• YouTube bietet Rilke-Gedichte in unzähligen Vertonungen und Varianten.

• Was bleibt
• Klären Sie die Ihrer Meinung nach wichtigsten drei «Ismen» der Jahrhundertwende.
• Wie lassen sich Pessimismus, Niedergang und Weltschmerz aus der Zeit heraus erklären?
Wie kann der Untergang der Titanic interpretiert werden?
• Was ist mit Sigmund Freuds Psychoanalyse gemeint, und weshalb ist sie für Kunst und
Literatur interessant?
• Lesen und interpretieren Sie ein Werk aus der Epoche.
• Wie lässt sich diese Epoche mit der Gegenwart vergleichen?

128 Literaturatelier
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Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
MODUL F
7.2 Expressionismus, 1910–1925
• Begriff
Der Expressionismus ist eine der Reaktionen auf den Naturalismus:
Nicht das Abbild ist interessant, sondern das innere Erleben wird mit-
geteilt, daher der Begriff «Ausdruckskunst». Für die Generation der
zwischen 1875 und 1895 Geborenen widerspiegeln die Sprache und
die Farben die eigene Gefühlswelt. Der expressionistische Maler Franz
Marc erläutert sein Farbverständnis: «Blau ist das männliche Prinzip,
herb und geistig. Gelb das weibliche Prinzip, sanft, heiter und sinnlich.
Rot die Materie, brutal und schwer und stets die Farbe, die von den
anderen beiden bekämpft und überwunden werden muss!»
1916 wird in Zürich das «Cabaret Voltaire» eröffnet – der Ausgangs-
punkt des Dadaismus, einer neuen, kurzlebigen Kunstrichtung, die
sich als Protest gegen den Krieg und die bürgerliche Gesellschaft ver-
steht.
Franz Marc: Der Traum, 1912
• Themen und Tendenzen
Der Philosoph Oswald Spengler entspricht mit seinem «Untergang des Abendlandes» (1918) • Gesellschaft und
den zeitgenössischen Weltuntergangsfantasien. Nur ein utopischer «Übermensch» (Friedrich Geschichte
Nietzsche)» vermag die Gefahren zu überwinden. Unterschiedlichste Lebensentwürfe prallen Für die Zivilbevölkerung
bedeutet der Erste Welt-
aufeinander: einerseits Pessimismus, andererseits Pathos, Tragik, aber auch «Galgenhumor» krieg vor allem Hunger;
und Groteske. Der Erste Weltkrieg wird z. T. als Befreiung von der Monotonie des Alltags und die Soldaten erleben das
als «reinigendes Stahlgewitter» empfunden. Als seine Folgen sichtbar werden, stehen sich Elend in den Schützen-
ein radikaler Pazifismus und Rache- sowie Grossmachtsgelüste unvereinbar gegenüber. gräben. Millionen von
Kriegsversehrten prägen
das Strassenbild.
• Epik – Dramatik – Lyrik Nach dem verlorenen
Die Literatur – als «Bürgerschreck» – nimmt Tabuthemen auf, z. B. Drogen, Prostitution, Sexua- Krieg findet eine linke
Revolution statt, der deut-
lität, Wahnsinn – der «Grossstadtsumpf». Eine
© 2018 radikal
Verlag subjektive
SKV AG: Sprache
Fokus Sprache, spieltBMmit Lauten und
Fokus Sprache sche Kaiser tritt zurück,
Klängen, mit neuen Wortschöpfungen, Persönliches
befreit sich vomvon
Exemplar Zwang der Grammatik,
Petra Trostel, 8570 Weinfelden nutzt Collage- und Deutschland wird zur
und Montagetechniken sowie eine drastische Farbsymbolik und groteske Metaphern. Kurze (Weimarer) Republik.
Textsorten werden bevorzugt, es entstehen kaum lange Romane oder grosse Dramen. Gleichzeitig erlebt die
Schweiz den Landes-
streik, der mit Militärge-
Ausgewählte Werke deutschsprachiger Autorinnen und Autoren walt niedergeschlagen
• Heinrich Mann: Professor Unrat, 1905 L ESETIPP ! wird. Auf die Erfüllung
der Forderungen des
• Frank Wedekind: Frühlings Erwachen, Drama (1891; Uraufführung: 1906) L ESETIPP !
Oltener Aktionskomitees
• Carl Sternheim: Die Hose, 1911 (u.a. das Frauenstimm-
• Hans Arp, Sophie Taeuber-Arp; Hugo Ball, Emmy Ball-Hennings: Dada-Bewegung, ab recht) muss die Schweiz
1916 noch jahrzehntelang
• Walter Serner: Die Tigerin, 1925 warten.
Viele Deutsche verstehen
• Ernst Toller: Eine Jugend in Deutschland, 1933
den Frieden von Versail-
Weltliteratur les als Schandfrieden, die
SPD-Politiker werden als
• Jack London: Wolfsblut, 1906 L ESETIPP !
Novemberverbrecher
• Jaroslav Hašek: Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk, 1921/23 L ESETIPP ! verunglimpft.

Die Dadaisten in der Neuen Zürcher Zeitung vom 27. Mai 1934.

E M M y B a l l -H E n n i n g s , 1885 –1948
$AS+ABARETT6OLTAIRE
1 Schliesslich lernten wir einen internationalen Künstlerkreis kennen, der auf den Gedan-
ken verfiel, in der holländischen «Meierei», an der Spiegelgasse, das Kabarett Voltaire zu
GRÌNDEN DASDIE7IEGEDESSP¸TERBERÌHMTGEWORDENEN$ADAISMUSWERDENSOLLTE
Eintritt wurde nicht erhoben, so dass der kleine Raum stets dicht und bunt besetzt war.
5 Nach dem Grundsatz von Hans Arp: «Man soll seinen Viktor nicht unter den Scheffel

Literaturatelier 129
© 2018 Verlag SKV AG: Fokus Sprache, Fokus Sprache BM
Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
• Literatur ist nicht stellen», wagte sich auch mancher aus dem Publikum aufs Podium, und brachte er
Pornografie seinen Kram nicht allzu vernünftig vor, so durfte er bestimmt auf Beifall rechnen.
Im Oktober 2011 steht
der Gymilehrer D.S. vor
Man musste, ähnlich wie Ball, behaupten, «ein Pferd macht müde sich’s bequem in
Gericht, weil er im Literar- einem Vogelnest.» Anstatt:
gymnasium Rämibühl 10 h&ÌLLESTWIEDER"USCHUND4AL3TILLMIT.EBELGLANZv 
in Zürich mit 14- bis hatte man wie Richard Huelsenbeck zu dichten:
15-jährigen Schülern h&ÌLLESTWIEDER"USCHUND3CHLOSS 0FEIFTDER2EHBOCK HÌPFTDAS2OSSv
Bücher gelesen hat, in
denen die Pubertät und
$ASLEUCHTETENUNFREILICHNICHTJEDEMOHNEWEITERESEIN MANCHERSCHÌTTELTEDEN+OPF
Sexualität thematisiert ODERVERLIESSUNTER0ROTESTDAS,OKAL 
sind. Zum Beispiel «Früh- 15 Es wurde in unheimlich wirkenden Larven und Panzern getanzt, die an Tanks und Gas-
lings Erwachen» von masken erinnerten, an die furchtbare Ausrüstung des Krieges, wie die wilde Zeit’ über-
Frank Wedekind (…) haupt auf die Kunst abfärbte. Gebannt, unter dem Zwang der Zeit stehend, regte sich
Ohne zuvor mit dem Leh-
rer oder dem Rektor das
lediglich das Tumultane in ihren Jüngern, obwohl es meines Empfindens nach die Auf-
Gespräch gesucht zu gabe der Kunst ist, zu klären und nicht zu verwirren. Es geschah keine Verwandlung,
haben, reicht eine Mutter 20 DAS3IMULTANEWURDEKOMPLEXHAFT UNMITTELBARGEBOTEN$ENNOCHISTAUSDIESEM"E-
Strafanzeige gegen den nommensein von der Zeit etwas entstanden, was man eine Kunstrichtung nennt: der
Lehrer ein, weil er die $ADAISMUS DERERSTRECHTAUFBLÌHTE ALSKEIN'RUNDMEHRFÌRIHNVORHANDENWAR UND
Jugendlichen übermässig
mit pornografischem
die eigentlichen Schöpfer Huelsenbeck und Ball zu einer grossen Einfachheit des Stils
Inhalt konfrontiert haben zurückgekehrt waren. (Uns ganz nahe in der Spiegelgasse wohnte Lenin, der natürlich
soll. Eine Staatsanwältin 25 KEINE:EITHATTE UNSERE6ORSTELLUNGENZUBESUCHEN 4AGSÌBERSAHMANIHNMANCH-
erhebt Anklage. mal mit einem unbeweglich steinernen Gesicht, versunken die Strasse herunterkommen,
Das Gericht spricht den UNDNACHTS WENNWIRHEIMGINGEN SAHENWIRHINTERSEINEM&ENSTERNOCH,ICHTBRENNEN
Mann frei: Es handle sich
bei den Werken nicht um
Pornografie, sondern um
Literatur.
Tages-Anzeiger, Aufgabe
8.4.2013
• Wie unterscheiden sich die beiden Gedichte zum Thema «Weltende»?

JacoB Van H o d d i s , 188 7 –1 94 2 E l s E l a s k E r - s c H ü l E r 18 69 –19 45


Weltende Weltende
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Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
$EM"ÌRGERFLIEGTVOMSPITZEN+OPFDER(UT Es ist ein Weinen in der Welt,
In allen Lüften hallt es wie Geschrei. Als ob der liebe Gott gestorben wär,
$ACHDECKERSTÌRZENABUNDGEHNENTZWEI Und der bleierne Schatten, der niederfällt,
Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut. Lastet grabesschwer.
$ER3TURMISTDA DIEWILDEN-EEREHÌPFEN
Komm, wir wollen uns näher verbergen …
!N,AND UMDICKE$¸MMEZUZERDRÌCKEN
$AS,EBENLIEGTINALLER(ERZEN
$IEMEISTEN-ENSCHENHABENEINEN3CHNUPFEN
Wie in Särgen.
$IE%ISENBAHNENFALLENVONDEN"RÌCKEN1911
$UÏWIRWOLLENUNSTIEFKÌSSENm
Es pocht eine Sehnsucht an die Welt,
An der wir sterben müssen. 1905

Literatur hören und sehen


• Ein – für heutige Sehgewohnheiten ungewohnter – Filmklassiker ist «Der blaue Engel»
nach Heinrich Manns Roman «Professor Unrat». Alfred Döblins «Die beiden Freundinnen
und ihr Giftmord» aus dem Jahre 1924 wurde 1977 unter dem Titel «Die beiden Freun-
dinnen. Ein Plädoyer» verfilmt. Auf YouTube sind zahlreiche Clips zu expressionistischen
Gedichten zu finden.

• Was bleibt
• Definieren Sie Expressionismus in eigenen Worten.
• Welche Themen behandelt der Expressionismus – und warum?
• Suchen Sie expressionistische Gedichte, und analysieren Sie diese.
• Informieren Sie sich über Expressionismus in der Malerei. Wie lassen sich expressionistische
Malerei und expressionistische Literatur vergleichen?

130 Literaturatelier
© 2018 Verlag SKV AG: Fokus Sprache, Fokus Sprache BM
Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
MODUL F
7.3 Zwanzigerjahre (Weimarer Republik), 1918–1933
• Begriff
Das Bild «Drinnen und Draussen» von George Grosz, 1926,
verdeutlicht die Gegensätze der Epoche – und ein neues Kunst-
verständnis: Kunst prangert an. Grosz entlarvt die herrschenden
Kreise der Weimarer Republik, greift soziale Gegensätze auf
und kritisiert insbesondere Wirtschaft, Politik, Militär und Kle-
rus. Für diese Epoche wird häufig auch der Begriff «Neue
Sachlichkeit» verwendet.

• Themen und Tendenzen


Der technisch-wissenschaftliche und der kulturelle Fortschritt
eröffnen völlig neue Möglichkeiten: Rundfunk und Film faszi-
nieren wie heute Smartphones und Social Media; aber auch
Verkehr, Mode, Musik und alle anderen Lebensbereiche erfah- George Grosz: Drinnen und Draussen, 1926
ren einen radikalen Wandel. Einem blühenden Kulturleben und
der vordergründigen Dauerparty stehen Inflation, Arbeitslosigkeit, politische Krisen gegen-
über. Kollektivistische Massenbewegungen, die sich aggressiv bekämpfen, und individualisti-
sche Strömungen sind typisch für diese Jahre. Die gesellschaftlichen Gegensätze finden sich
auch in der Literatur: Mit Humor, Ironie, Satire, Reportage und politischem Theater wird gegen • Gesellschaft und
Spiessertum, Militarismus, Nationalismus und Faschismus gekämpft – letztlich erfolglos. Geschichte
Nach einer Inflationsphase
Der «Aufbruch schreibender Frauen» ist u.a. zurückzuführen auf das Frauenwahlrecht,
beginnen die Goldenen
verbesserte Zugänge zu Beruf und Studium sowie durch die Zunahme von Frauen als Ange- Zwanzigerjahre, die
stellte – fast ausschliesslich in dynamischen Grossstädten. Bekannte Autorinnen sind Irmgard neue Massstäbe setzen
Keun, Marieluise Fleisser, Mascha Kaléko. für Konsum, Kultur und
Sportveranstaltungen.
Auch die politischen Ver-
• Epik – Dramatik – Lyrik hältnisse in Deutschland
Die Themen reichen von der Verarbeitung desVerlag
Kriegserlebens über das stabilisieren sich für einige
© 2018 SKV AG: Fokus Sprache, FokusLeben
Spracheim
BM Kapitalismus
Jahre.
bis zum Gegensatz zwischen Künstlerexistenz und
Persönliches bürgerlicher
Exemplar Welt.8570
von Petra Trostel, Immer wieder werden die
Weinfelden
Die Weltwirtschaftskrise
Verlorenheit und Einsamkeit des modernen Menschen in einer rasant fortschreitenden Gesell- greift 1929 rasch von den
schaft bearbeitet. Die Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse und der Psychologie fliesst in USA nach Europa über
die literarischen Figuren ein. Das Bewusstsein, dass «neue Zeiten» kommen, ist an Utopien und setzt der Blütezeit ein
vom «neuen Menschen» erkennbar. abruptes Ende.
Die Massenarbeits-
Von den Expressionisten vernachlässigte (Kriegs-)Romane sowie Volksstücke und neue Theater-
losigkeit radikalisiert
formen – Bertolt Brechts Episches Theater – sind erfolgreich. Die Kreativität der Zeit wider- breite Schichten, was den
spiegelt sich in neuen literarischen Techniken: Montage, Collage, innerer Monolog, Assozia- Aufstieg der NSDAP be-
tionstechnik. Grosse Revuen und das politische Kabarett fördern das Chanson und andere günstigt. Die Krise offen-
Gedichtformen. bart die strukturellen
Mängel der Weimarer
Republik: Häufige Regie-
rungswechsel, Neuwahlen
Ausgewählte Werke deutschsprachiger Autorinnen und Autoren
und der Einsatz von Not-
• Erich Kästner: Emil und die Detektive, 1928; Fabian, 1931 verordnungen lassen die
• Bertolt Brecht: Die Dreigroschenoper, 1928 demokratiefeindlichen
• Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues, 1929 L ESETIPP ! Kräfte anwachsen.
• Thomas Mann: Der Zauberberg, 1924; Mario und der Zauberer, 1929 L ESETIPP !
• Marieluise Fleisser: Fegefeuer in Ingolstadt, 1926
• Hermann Hesse: Der Steppenwolf, 1927
• Joseph Roth: Hiob, 1930; Radetzkymarsch, 1932
• Carl Zuckmayer: Der Hauptmann von Köpenick, 1931
• Irmgard Keun: Das kunstseidene Mädchen, 1932 L ESETIPP !
Weltliteratur
• F. Scott Fitzgerald: Der grosse Gatsby, 1925
• Ernest Hemingway: Fiesta, 1926

Literaturatelier 131
© 2018 Verlag SKV AG: Fokus Sprache, Fokus Sprache BM
Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
Aufgabe
a l F r E d d ö B l i n , 1878–19 57
Berlin Alexanderplatz
Der Roman «Berlin Alexanderplatz» widerspiegelt sowohl inhaltlich als auch in seiner unge-
wöhnlichen Form die Zwanzigerjahre in Berlin. In einem Collage-Stil montiert Döblin Dialoge
und Monologe, Bibelzitate, Schlagertexte, Wetterberichte, Werbeslogans, Zeitungsausschnitte
und arbeitet dabei wie ein Filmregisseur mit Schnitten, Ein- und Überblendungen.

• Welche Collage-Elemente entdecken Sie im folgenden Textauszug?


• Wie wirkt der Text?

Erstes Buch
Hier im Beginn verlässt Franz Biberkopf das Gefängnis Tegel, in das ihn ein früheres sinnloses Leben geführt
hat. Er fasst in Berlin schwer wieder Fuss, aber schliesslich gelingt es ihm doch, worüber er sich freut, und er
tut nun den Schwur, anständig zu sein.
1 Mit der 41 in die Stadt haben jetzt blaue Uniformen. Er stieg unbeachtet
Er stand vor dem Tor des Tegeler Gefängnisses und wieder aus dem Wagen, war unter Menschen. Was
war frei. Gestern hatte er noch hinten auf den 40 war denn? Nichts. Haltung, ausgehungertes
Äckern Kartoffeln geharkt mit den andern, in Sträf- Schwein, reiss dich zusammen, kriegst meine Faust
5 lingskleidung, jetzt ging er im gelben Sommerman- zu riechen. Gewimmel, welch Gewimmel. Wie sich
tel, sie harkten hinten, er war frei. Er liess Elektri- das bewegte. Mein Brägen hat wohl kein Schmalz
sche auf Elektrische vorbeifahren, drückte den mehr, der ist wohl ganz ausgetrocknet. Was war das
2ÌCKENANDIEROTE-AUERUNDGINGNICHT$ER!UF- 45 alles. Schuhgeschäfte, Hutgeschäfte, Glühlampen,
seher am Tor spazierte einige Male an ihm vorbei, $ESTILLEN$IE-ENSCHENMÌSSENDOCH3CHUHE
10 ZEIGTEIHMSEINE"AHN ERGINGNICHT$ERSCHRECK haben, wenn sie so viel rumlaufen, wir hatten ja
liche Augenblick war gekommen [schrecklich, auch eine Schusterei, wollen das mal festhalten.
Franze, warum schrecklich?], die vier Jahre waren
© 2018 Verlag SKV AG: Fokus Sprache,Hundert blanke
Fokus Sprache BM Scheiben, lass die doch blitzern, die
UM$IESCHWARZENEISERNEN4ORFLÌGEL DIEERSEIT
Persönliches Exemplar von Petra 50 werden
Trostel, dir doch nicht bange machen, kannst sie ja
8570 Weinfelden
einem Jahre mit wachsendem Widerwillen betrach- kaputt schlagen, was ist denn mit die, sind eben
15 tet hatte [Widerwillen, warum Widerwillen], waren blankgeputzt. Man riss das Pflaster am Rosenthaler
hinter ihm geschlossen. Man setzte ihn wieder aus. Platz auf, er ging zwischen den andern auf Holz-
$RINSASSENDIEANDERN TISCHLERTEN LACKIERTEN SOR- bohlen. Man mischt sich unter die andern, da ver-
tierten, klebten, hatten noch zwei Jahre, fünf Jahre. 55 geht alles, dann merkst du nichts, Kerl. Figuren
Er stand an der Haltestelle. standen in den Schaufenstern in Anzügen, Mänteln,
20 $IE3TRAFEBEGINNT MIT2ÇCKEN MIT3TRÌMPFENUND3CHUHEN$RAUSSEN
Er schüttelte sich, schluckte. Er trat sich auf den bewegte sich alles, aber – dahinter – war nichts!
&USS$ANNNAHMEREINEN!NLAUFUNDSASSINDER Es – lebte – nicht! Es hatte fröhliche Gesichter, es
%LEKTRISCHEN-ITTENUNTERDEN,EUTEN,OS$ASWAR 60 lachte, wartete auf der Schutzinsel gegenüber
zuerst, als wenn man beim Zahnarzt sitzt, der eine Aschinger zu zweit oder zu dritt, rauchte Zigaretten,
25 Wurzel mit der Zange gepackt hat und zieht, der blätterte in Zeitungen. So stand das da wie die
Schmerz wächst, der Kopf will platzen. Er drehte Laternen – und – wurde immer starrer. Sie gehörten
den Kopf zurück nach der roten Mauer, aber die zusammen mit den Häusern, alles weiss, alles Holz.
Elektrische sauste mit ihm auf den Schienen weg, 65 Schreck fuhr in ihn, als er die Rosenthaler Strasse
dann stand nur noch sein Kopf in der Richtung des herunterging und in einer kleinen Kneipe ein Mann
30 'EF¸NGNISSES$ER7AGENMACHTEEINE"IEGUNG  und eine Frau dicht am Fenster sassen: die gossen
Bäume, Häuser traten dazwischen. Lebhafte Strassen sich Bier aus Seideln in den Hals, ja was war dabei,
tauchten auf, die Seestrasse, Leute stiegen ein und sie tranken eben, sie hatten Gabeln und stachen sich
aus. In ihm schrie es entsetzt: Achtung, Achtung, es 70 damit Fleischstücke in den Mund, dann zogen sie
geht los. Seine Nasenspitze vereiste, über seine die Gabeln wieder heraus und bluteten nicht. Oh,
35 Backe schwirrte es. «Zwölf Uhr Mittagszeitung», krampfte sich sein Leib zusammen, ich kriege es
h":v h$IENEUSTE)LLUSTRIRTEv h$IE&UNKSTUNDENEUv NICHTWEG WOSOLLICHHIN%SANTWORTETE$IE
h.OCHJEMANDZUGESTIEGENv$IE3CHUPOS Strafe. 1929

132 Literaturatelier
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Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
i r M g a r d k E u n , 1 90 5–1982

MODUL F
Das kunstseidene Mädchen
1 Und ich entsinne mich, wie ich mit Arthur Grönland das erste-
mal ausgehen sollte. Er war bildschön und hatte Kommant. Aber
ICHSAGTEMIR$ORIS SEISTARKmGERADESOEINEMMIT+OMMANT
imponiert letzten Endes was Solides, und ich brauchte eine Arm-
5 banduhr, und besser ist, es wenigstens drei Abende zu nichts
kommen zu lassen. Aber ich kenne mich doch und wusste,
Arthur Grönland bestellt Kupferberg nass – und dabei noch
Musik! Ich also an Büstenhalter und Hemd insgesamt sieben
rostige Sicherheitsnadeln gesteckt. Ich war mächtig blau – wie
10 achtzig nackte Wilde – aber die rostigen Sicherheitsnadeln ver-
gass ich nicht. Und Arthur Grönland drängte. Ich nur: «Mein Herr, was denken Sie sich Berlin, Friedrichstrasse,
eigentlich von mir? Ich muss doch sehr bitten. Wofür halten Sie mich in etwa?» Und ich 1925
habe ihm mächtig imponiert. Erst war er natürlich wütend, aber dann sagte er mir als
edel empfindender Mensch: das gefällt ihm – ein Mädchen, das sich auch im Schwips so
15 fest in der Hand hat. Und er achtete meine hohe Moral.
)CHSAGTENURGANZSCHLICHTh$ASISTMEINE.ATUR (ERR'RÇNLANDv
Und vor der Haustür küsste er mir die Hand. Ich sagte nur: «Jetzt weiss ich schon wieder
nicht, wie spät es ist – meine Uhr ist schon so lange kaputt.» Und dachte, wenn er mir
jetzt Geld geben will zum Reparieren, dann habe ich mich wieder einmal schmerzlich
20 getäuscht.
!BERAMN¸CHSTEN!BENDIN2IX$IELEKAMERMITEINERKLEINEN'OLDENEN)CHSTAUNTE
furchtbar: «Wie konnten Sie denn nur wissen, dass ich gerade eine Uhr brauche??? –
aber Sie beleidigen mich zutiefst – ich kann sie doch nicht annehmen!»
Und er wurde ganz blass, entschuldigte sich und tat die Uhr fort. Ich zitterte schon und
25 DACHTEJETZTBISTDUZUWEITGEGANGEN $ORISÏ$ANNSAGTEICHSOMITSCHWIMMENDER
Stimme, so ‚n bisschen tränenfeucht: «Herr Grönland, ich kann es nicht übers Herz brin-
gen, Sie zu kränken – binden Sie sie mir bitte um.»
$ARAUFHINDANKTEERMIR UNDICHSAGTEh/H BITTEv5NDDANNBEDR¸NGTEERMICHWIEDER 
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ABERICHBLIEBSTARK5NDVORDER(AUSTÌRSAGTEERh$UREINES UNSCHULDIGES'ESCHÇPF 
Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
30 verzeihe mir, wenn ich aufdringlich war.»
Ich sagte: «Ich verzeihe Ihnen, Herr Grönland.»
Aber heimlich hatte ich eine furchtbare Wut auf die Sicherheitsnadeln, denn er hatte
süsse schwarze Augen und einen tollen Kommant, und die kleine goldene Uhr tickte mir
wunderbar am Arm. Aber letzten Endes habe ich viel zu viel Moral, um einen Mann er-
35 leben zu lassen, dass ich Wäsche mit sieben rostigen Sicherheitsnadeln trage. Später
habe ich sie fortgelassen. 1932

Literatur hören und sehen


• «Im Westen nichts Neues», «Berlin Alexanderplatz» und «Der Hauptmann von Köpe-
nick» sind mehrfach verfilmt worden. Gleiches gilt für Joseph Roths «Radetzkymarsch»
und Werke von Thomas Mann, z.B. «Mario und der Zauberer» sowie «Buddenbrooks».
• Die Zwanzigerjahre in den USA vermittelt der Filmklassiker «Der grosse Gatsby», 2013
neu verfilmt.

• Was bleibt
• Was verbinden Sie mit dem Begriff «Goldene Zwanzigerjahre»? – Informieren Sie sich über
die tatsächliche politische und soziale Lage.
• Lesen und analysieren Sie einen Roman der Zwanzigerjahre.
• Was ist neu am Epischen Theater von Bertolt Brecht (vgl. 3.2 Dramatik)?
• Recherchieren Sie im Internet zum Begriff «neuer Mensch».

Literaturatelier 133
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7.4 Drittes Reich und Exil, 1933– 1945
• Begriff
Der ursprünglich christliche Begriff Drittes Reich wurde von den Nationalsozialisten umge-
deutet und missbraucht: das Heilige Römische Reich Deutscher Nation als erstes, das Deutsche
Kaiserreich als zweites Reich. Das Dritte Reich sollte ein tausendjähriges sein.
Begleitet von «Feuersprüchen» wurden am 10. Mai 1933 literarische und wissenschaftliche
Werke vor allem jüdischer Autorinnen und Autoren in einer «Aktion wider den undeutschen
Geist» verbrannt. Die Bücherverbrennung in über 20 Universitätsstädten war für Literatur-
und Kunstschaffende sowie für Wissenschaftler, Andersdenkende und ethnische Minderheiten
Anlass, Deutschland zu verlassen und ins Exil zu gehen. Ziele waren anfangs Frankreich, Eng-
land und Skandinavien, später auch die Sowjetunion und unter grossen Schwierigkeiten vor
allem die USA. In der «Inneren Emigration» lebten Autoren, die in Deutschland blieben, aber
Sophie Scholl, 21, wird weder schreiben noch publizieren durften, z.B. Erich Kästner.
1943 bei einer Flugblatt-
aktion verhaftet, verur-
teilt und enthauptet.
• Themen und Tendenzen
1933 galt die Schweiz als das naheliegende Fluchtziel. Politisch und «rassisch» Verfolgte aus
Deutschland knüpften grosse Erwartungen an das klassische Asylland des 19. Jahrhunderts.
• Gesellschaft und Die Bundesanwaltschaft anerkannte Sozialdemokraten, bürgerliche Demokraten, Pazifisten
Geschichte und parteilose Intellektuelle als Flüchtlinge; Kommunisten galten als nicht «asylwürdig».
Als Reichkanzler baut Hit-
«Rassische Verfolgung» war kein Asylgrund, womit jüdischen Flüchtlingen ein Aufenthalt
ler ab 1933 die Republik
in eine Diktatur um. häufig verwehrt blieb. Die Schweiz verstand sich als Transitland und wünschte die Weiterreise
Antisemitische Aktionen in ein anderes Exilland. Literaten, die bleiben durften, wurden häufig mit einem Schreib- und
werden gefördert, Publikationsverbot belegt.
Konzentrationslager Zwar entstehen in nicht besetzten Ländern Exilverlage und -zeitschriften, aber nur wenige
errichtet.
Exilanten sind erfolgreich. Einig sind sie sich alle in ihrer Ablehnung der Hitler-Diktatur; politi-
1936 inszeniert das «neue
Deutschland» erfolgreich sche, künstlerische oder stilistische Gemeinsamkeiten gibt es kaum.
Olympische Spiele. 1939
beginnt nach der Anne- • Epik – Dramatik – Lyrik
xion Österreichs und des © 2018 Verlag SKV AG: Fokus Sprache, Fokus Sprache BM
Sudetenlandes mit dem Das literarischePersönliches
SchaffenExemplar
widerspiegelt die Zeitereignisse.
von Petra Trostel, 8570 Weinfelden Zum einen werden Figuren geschil-
Überfall auf Polen der dert, die sich für ihre Karriere der Diktatur andienen; zum anderen sind Verfolgung, Flucht
Zweite Weltkrieg. und Exil die grossen Themen. Einzelne Autoren entfliehen der Gegenwart und schreiben über
Erfolgreiche Blitzkriege
bedeutende Menschen der Geschichte.
prägen den Anfang; doch
nach dem Angriff auf die Die Literatur, die dem NS-Regime genehm war, entsprach der menschenverachtenden NS-Ideo-
Sowjetunion und dem logie. Die «Blut- und Boden-Literatur» verherrlichte Krieg und Führertum sowie Germanen-
japanischen Überfall auf kult, verklärte das Landleben und die Lebensraum-Ideologie. Klassische Werke wurden z.T.
Pearl Harbour fordern die verfälscht, um die eigene Ideologie zu «beweisen».
Alliierten die bedingungs-
lose Kapitulation
Deutschlands. ,
Ausgewählte Werke deutschsprachiger Autorinnen und Autoren
Hitlers «Totaler Krieg»
führt zu schweren Zer- • Klaus Mann: Mephisto, 1936
störungen in Deutschland. • Ödön von Horvath: Jugend ohne Gott, 1937 L ESETIPP !
Der Holocaust geht den- • Bertolt Brecht: Furcht und Elend im Dritten Reich, 1938/1945
noch weiter: Millionen • Friedrich Glauser: Matto regiert, 1936; Der Chinese, 1938
von Juden, aber auch
• Meinrad Inglin: Schweizerspiegel, 1938
Sinti, Roma und andere
als «minderwertig» ge- • Stefan Zweig: Sternstunden der Menschheit, 1929; Schachnovelle, 1941 L ESETIPP !
brandmarkte Bevölke- • Anna Seghers: Das siebte Kreuz, 1942
rungsgruppen sowie • Bertolt Brecht: Der gute Mensch von Sezuan, 1943; Galileo Galilei, 1943
politische Gegner werden • Inge Scholl: Die Weisse Rose, 1952
ermordet.
Widerstand in Deutsch- Weltliteratur
land ist nur im Verborge- • Aldous Huxley: Schöne neue Welt, 1932
nen möglich und lebens-
• John Steinbeck: Früchte des Zorns, 1939
gefährlich. Sophie Scholl
und die «Weisse Rose»
sind eines der bekann-
testen Beispiele.

134 Literaturatelier
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MODUL F
Aufgabe
ödön Von H o r V a t H , 1901–1 938
Jugend ohne Gott
Der Ich-Erzähler, ein an humanistischen Idealen orientierter Gymnasiallehrer, erlebt die Schule
fremd und feindlich.

• Was geschieht im folgenden Auszug, und wie stehen sich Lehrer und Schüler gegenüber?
• Wie wirken die Buchstaben anstatt der Namen?

1 Es regnet dürfte wohl böse sein und das steht auch schon in
Als ich am nächsten Morgen in das Gymnasium der Bibel. Als es aufhörte zu regnen und die Wasser
kam und die Treppe zum Lehrerzimmer emporstieg, der Sündflut wieder wichen, sagte Gott: «Ich will
hörte ich auf dem zweiten Stock einen wüsten Lärm. 35 hinfort nicht mehr die Erde strafen um der
5 Ich eilte empor und sah, dass fünf Jungen, und zwar Menschen willen, denn das Trachten des mensch-
E, G, R, H, T, einen verprügelten, nämlich den F. lichen Herzens ist böse von Jugend auf.»
«Was fällt euch denn ein?», schrie ich sie an. «Wenn Hat Gott sein Versprechen gehalten? Ich weiss es
ihr schon glaubt, noch raufen zu müssen, wie die noch nicht. Aber ich frage nun nicht mehr, warum
Volksschüler, dann rauft doch gefälligst einer gegen 40 sie die Semmel auf den Hof geworfen haben. Ich
10 einen, aber fünf gegen einen, also das ist eine erkundige mich nur, ob sie es noch nie gehört
Feigheit!» hätten, dass sich seit Urzeiten her, seit tausend und
Sie sahen mich verständnislos an, auch der F, über tausend Jahren, seit dem Beginn der menschlichen
den die fünf hergefallen waren. Sein Kragen war Gesittung, immer stärker und stärker ein unge-
zerrissen. «Was hat er euch denn getan?», fragte ich 45 schriebenes Gesetz herausgebildet hat, ein schönes
15 weiter, doch die Helden wollten nicht recht heraus männliches Gesetz: Wenn ihr schon rauft, dann
mit der Sprache und auch der Verprügelte nicht. Erst raufe nur einer gegen einen! Bleibet immer
allmählich brachte ich es heraus, dass der F den ritterlich! Und ich wende mich wieder an die fünf
fünfen nichts angetan hatte, sondern im Gegenteil: und frage: «Schämt ihr euch denn nicht?»
die fünf hatten ihm seine Buttersemmel gestohlen, 50 Sie schämen sich nicht. Ich rede eine andere
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20 nicht, um sie zu essen, sondern nur,Persönliches
damit er keinevon Petra Trostel,
Exemplar Sprache. Sie sehen mich gross an, nur der Ver-
8570 Weinfelden
hat. Sie haben die Semmel durch das Fenster auf prügelte lächelt. Er lacht mich aus.
den Hof geschmissen. «Schliesst das Fenster», sage ich, «sonst regnets noch
)CHSCHAUEHINAB$ORTLIEGTSIEAUFDEMGRAUEN herein!»
Stein. Es regnet noch immer, und die Semmel 55 Sie schliessen es.
25 leuchtet hell herauf. Was wird das für eine Generation? Eine harte oder
Und ich denke: vielleicht haben die fünf keine nur eine rohe?
Semmeln, und es ärgert sie, dass der F eine hatte. Ich sage kein Wort mehr und gehe ins Lehrer-
$OCHNEIN SIEHATTENALLEIHRE3EMMELNUNDDER' zimmer. Auf der Treppe bleibe ich stehen und
sogar zwei. Und ich frage nochmals: «Warum habt 60 lausche: ob sie wohl wieder raufen? Nein, es ist still.
30 ihr das also getan?» Sie wissen es selber nicht. Sie Sie wundern sich. 1938
stehen vor mir und grinsen verlegen. Ja, der Mensch

Literatur hören und sehen


• «Das siebte Kreuz», die «Schachnovelle» sowie «Mephisto» sind Filmtitel zur Literatur
dieser Epoche. Dazu kommen verschiedene Inszenierungen von Brecht-Stücken. Zahl-
reiche Medien informieren über die «Weisse Rose», eine Widerstandsgruppe junger
Menschen, die 1943 verhaftet, verurteilt und hingerichtet wurden.

• Was bleibt
• Was bedeutet «innere Emigration»? Warum blieben manche Autoren im Lande?
• Pacific Palisades – in der Nähe von Los Angeles – wurde auch «Weimar am Pazifik» ge-
nannt. Recherchieren Sie den Grund dafür.
• Welchen Themen widmet sich die Exilliteratur? Suchen Sie entsprechende Werke.
• Was war die Weisse Rose? Informieren Sie sich genauer.

Literaturatelier 135
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7.5 Nachkrieg und Restauration, 1945–1960
• Begriff
Die Literatur nach 1945 ist gekennzeichnet vom Verarbeiten des
Krieges und der Gräuel der nationalsozialistischen Gewaltherr-
schaft. Die Autoren, die überlebt haben, sprechen von Kahl-
schlag- und Trümmerliteratur, von Stunde Null. Zwölf Jahre
Diktatur – davon sechs Jahre Krieg – haben den Anschluss an die
literarische und künstlerische Tradition abgeschnitten. Die neuen
Vorbilder sind amerikanische, englische sowie französische Lite-
ratur und Kultur.

• Themen und Tendenzen


Der wachsende Wohlstand, die Gegensätze zwischen Kommu-
nismus und Kapitalismus fördern ein restauratives Klima: Gesell-
Dresden, 1946 schaftskritik ist unpopulär, alte kapitalistische Verhältnisse wer-
den «restauriert», man will wieder konsumieren, an der
«grossen weiten Welt» teilhaben. Während die Öffentlichkeit Fragen nach Schuld und Ursa-
• Gesellschaft und chen verdrängt, deckt die Literatur die dunklen Seiten des Wirtschaftswunders auf. Sie zeigt
Geschichte Profiteure und Kriegsgewinnler sowie Menschen, die sich mit jeder Gesellschaftsordnung
Das besiegte Deutschland zu arrangieren verstehen und sofort wieder «oben schwimmen». Europas Jugend ist fasziniert
wird besetzt und in BRD
und DDR geteilt. Ein von der US-amerikanischen Kultur. 1956 erscheint das Jugendmagazin «Bravo».
Eiserner Vorhang teilt Die Rückkehr der Exilantinnen und Exilanten verläuft unterschiedlich: Manche kehren in die
Europa in Ost und West. BRD zurück, einige in die DDR. Wieder andere meiden Deutschland und bevorzugen die neu-
Diese Blockbildung setzt trale Schweiz.
sich weltweit fort. Einige Aus Angst vor dem Kommunismus werden in den USA kritische Künstler und Literaten vor ein
Kriegsverbrecher werden
in den Nürnberger Pro- «Komitee für unamerikanische Umtriebe» geladen und öffentlich verhört, z.B. Bertolt Brecht.
zessen verurteilt; die Ent- Charlie Chaplin wird die Einreise in die USA verweigert.
nazifizierungswelle bringt 1957 fliegt ein russischer Sputnik ins Weltall – und der Westen ist geschockt. Die Zweifel an
viele «Mitläufer» wieder der Überlegenheit der
© 2018 USA
Verlag führen
SKV zuSprache,
AG: Fokus neuenFokus Bildungs- und Forschungsprogrammen, u. a. zu
Sprache BM
in wichtige Positionen, Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
einer Vorstufe des heutigen Internets.
z.B. Richter und Beamte.
Der Marshallplan ermög-
licht den wirtschaftlichen • Epik – Dramatik – Lyrik
Aufstieg Westeuropas
und das deutsche Wirt- 1949 urteilt der Philosoph Theodor W. Adorno: «Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist
schaftswunder – von barbarisch.» Allerdings hat Paul Celan 1948 mit seiner «Todesfuge» bewiesen, dass das
dem auch die Schweiz Grauen mit Gedichten überwunden werden kann. Das Problem, eine Sprache zu benutzen,
profitiert. Im kommunis- die Verbrechen, Krieg und Elend in der Welt verbreitet hat, führt zu einer bewussten Sprach-
tischen Osteuropa hin- kritik: Pathos und schwärmerisch-verklärte Phrasen werden vermieden, eine schmucklose,
gegen bleibt der Lebens-
standard tief. karge, lakonische Sprache wird verwendet.
Aufstände der unzufrie- Die neue deutsche Literatur boomt: Vor allem Kurzgeschichten (nach US-Vorbild) als neue
denen Bevölkerung in der Literaturform sowie Romane und Theaterstücke sind erfolgreich. Einzelne Werke, die sich mit
DDR 1953 und in Ungarn der Verantwortung und Schuldfrage beschäftigen, verursachen heftige Reaktionen in der
1956 werden blutig Öffentlichkeit. Das Hörspiel ist eine weitere neue, erfolgreiche Kunstform. Der anfängliche
niedergeschlagen. Die
Sowjetunion entwickelt Papiermangel führt dazu, dass «rowohlts rotations romane» als billige Taschenbücher er-
die Atombombe und zieht scheinen. Das Bedürfnis und die Neugier, kulturell wieder Anschluss an die Welt zu finden,
rüstungstechnisch mit den lassen neue Medienprodukte und -häuser entstehen, z. B. «Der Spiegel». Die ersten Fernseh-
USA gleich: Der Kalte programme können empfangen werden.
Krieg beginnt. Im Westen Die Teilung Deutschlands führt zu zwei Literaturen: einer weitgehend kritischen und freien in
ist die Angst vor dem
Kommunismus aber der BRD und einer staatlich gelenkten in der DDR.
grösser als vor einem Hans Werner Richter gründet die Gruppe 47: Von 1947 bis 1967 treffen sich einmal jährlich
Atomkrieg, besonders die wichtigsten Autorinnen und Autoren sowie Literaturkritiker zu einer Tagung, diskutieren
während der McCarthy- über neue Werke und verleihen Preise. Dieser «Literaturwettbewerb» beeinflusst den Erfolg
Ära in den USA von 1947 der deutschsprachigen Literatur massgeblich.
bis 1956.
Besonders erfolgreich sind die beiden – unverdächtigen und «neutralen» – Schweizer
Autoren Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt.

136 Literaturatelier
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MODUL F
Ausgewählte Werke deutschsprachiger Autorinnen und Autoren
• Wolfgang Borchert: Draussen vor der Tür, 1947; Erzählungen, 1947 L ESETIPP !
• Heinrich Böll: Wanderer, kommst du nach Spa ..., 1950
• Friedrich Dürrenmatt: Der Richter und sein Henker, 1950; Der Besuch der alten
Dame, 1956 L ESETIPP !
• Siegfried Lenz: So zärtlich war Suleyken, 1955; Der Mann im Strom, 1957; Das
Feuerschiff, 1960
• Ingeborg Bachmann: Gedichte, ab 1953
• Max Frisch: Stiller, 1954; Homo faber, 1957 L ESETIPP ! Biedermann und die Brand-
stifter, 1958
• Alfred Andersch: Sansibar oder der letzte Grund, 1957 L ESETIPP !
• Günter Grass: Die Blechtrommel, 1959
Weltliteratur
Richard Dindo: Homo faber,
• Albert Camus: Der Fremde, 1948 (franz. 1942) nach dem Roman von
• Ernest Hemingway: Der alte Mann und das Meer, 1952 Max Frisch, 2014

Aufgabe

M a x F r i s c H , 19 11 –1991
Theresienstadt
Nach dem Untergang des Dritten Reichs reist Max Frisch durch das zerstörte Europa und
notiert seine Beobachtungen im «Tagebuch 1946 –1 9 49», das von vornherein zur Ver-
öffentlichung gedacht ist.

• Wie erlebt Max Frisch Theresienstadt?


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1 Ich wusste nicht, dass Theresienstadt, das wir ges- sogenannte Todestor, eine Art von Tunnel, kommen
TERNAUFUNSRER$URCHREISEBESUCHTHABEN EINEALTE 30 wir zu einem Massengrab von siebenhundert Men-
historische Anlage war, benannt nach Maria There- SCHENSP¸TERBENUTZTEMANDIE®FENEINERNAHEN
sia. Um das ganze Städtlein ziehen sich die hohen Ziegelei. Hier steht der Galgen, ein einfacher Balken
5 und schweren Wälle aus rötlichem Ziegelstein, mit zwei Haken, wo die Häftlinge sich selber den
ebenso ein breiter Graben mit allerlei Unkraut und Strick einhängen mussten, und darunter zwei höl-
Wasser, das in braunen Tümpeln versumpft. Ausser- 35 zerne Treppenböcke. Auch hier sehen wir nichts als
halb der kleinen Stadt, die als Ghetto diente, befin- die rötlichen Wälle, die wippenden Halme darauf.
DETSICHDAS&ORTDASEIGENTLICHE4ODESLAGER%INE Unweit von dem Galgen, dessen einfache Machart
10 SCHÇNEUNDALTE!LLEEVERBINDETDIEBEIDEN!NLAGEN fast lächerlich ist, befindet sich der Platz für die
daneben ein Feld von hölzernen Kreuzen, die man reihenweisen Erschiessungen: vorne ein Wasser-
später gemacht hat. Im ersten Hof, wo die deutschen 40 graben, der die Schützen und die Opfer trennt, und
-ANNSCHAFTENWOHNTEN GIBTESNOCH"¸UMEESWAR hinten eine gewöhnliche Faschine, damit die Erde,
ein warmer und märzlicher Tag, es zwitscherten die welche die Kugeln fängt, nicht mit der Zeit herun-
15 Vögel, und auf den rötlichen Wällen, die uns plötz- terrutscht. Es ist Platz für zehn oder zwölf Men-
lich von aller Umwelt trennen und von aller Land- SCHEN)NEINER$ECKUNG WIEWIRSIEALS:EIGER-
schaft, wippen die einzelnen Halme, die letzte Natur. 45 mannschaft in einem Feldschiessen kennen, befand
Über dem inneren Hof, wo nun die Häftlinge waren, sich der sogenannte Leichentrupp, ein Grüpplein
thront ein Häuslein mit Scheinwerfer und Maschi- von Juden, welche die Erschossenen abräumen,
20 NENGEWEHRDIE:ELLENREIHENSICHWIE7ABENSIE nötigenfalls für ihren gänzlichen Tod sorgen muss-
SINDAUS"ETONDIE0RITSCHENDARINERINNERNAN TEN7IRGEHENWEITERJENSEITSDES7ALLES ABER
Flaschengestelle, und am Ende dieses Hofes, wo wir 50 immer noch inmitten unseres Lagers, stehen wir
die Kugellöcher bemerken, fanden jene besonderen plötzlich vor einem tadellosen Schwimmerbecken,
Hinrichtungen statt, denen sämtliche Häftlinge bei- und an der Böschung jenes Walles, dessen Gegen-
25 ZUWOHNENHATTEN$AS'ANZE SOWIEESSICHHEUTE seite wir eben betrachtet haben, gibt es sogar ein
zeigt, vermischt die Merkmale einer Kaserne, einer Alpinum, ein Gärtlein mit schönen Steinen und
Hühnerfarm, einer Fabrik und eines Schlachthofes. 55 0FLANZEN DASHEUTEALLERDINGSVERWILDERTISTHIER
)MMERWEITERE(ÇFESCHLIESSENSICHAN$URCHDAS haben die deutschen Wachen ihre sommerliche Frei-

Literaturatelier 137
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zeit verbracht zusammen mit ihren Frauen und Kin- Insasse, bestand in einem Genickschuss. Endlich
dern. In dem nächsten Hof, wo die Häftlinge zu 85 kommen wir an den letzten Ort. Wir stehen vor den
jeder Führerrede antreten mussten, sind es einmal Urnen. Es ist das erstemal, dass ich die menschliche
60 nicht die rötlichen Wälle, die uns umgeben, sondern !SCHESEHESIEISTGRAU ABERVOLLKLEINER+NÇCHEL-
alte Stallungen. Eine davon betreten wir. Hier war CHEN DIEGELBLICHSIND$IE5RNENSINDAUS3PERR-
die Folterkammer. Im steinernen Boden sind zwei holz, neuerdings, während das deutsche Modell,
EISERNE2INGEVERSCHMIEDET ANDER$ECKEISTEIN 90 das wir in die Hand bekommen, einfacher und spar-
Flaschenzug, und genau darunter, eingelassen in der samer war, eine Tüte aus starkem Papier, jede mit
65 steinernen Bodenplatte, befindet sich ein eiserner einer handschriftlichen Nummer versehen, wenn
$ORNINDER'RÇSSEEINES:EIGEFINGERS%SISTEIN SIEGEFÌLLTIST$AS,AGERVON4EREZIN ALSESBEFREIT
Raum mit alten Gewölben, und zwischen den Pfei- wurde, hatte einen Vorrat von zwanzigtausend
lern hängt ein Vorhang aus dünnem Sacktuch, ein 95 solcher Tüten. Natürlich nehmen wir den Hut in die
Schleier, der die Zuschauer verbarg. Indem wir auf Hand, aber ich würde lügen, wenn ich von Erschüt-
70 der andern Seite aus der Stallung hinausgehen, ste- TERUNGSPR¸CHEDER!NBLICKDIESER5RNEN DIEMAN
hen wir auf einer Brücke, also wieder im Freien, und ÇFFNENKANN VERBINDETSICHMITNICHTSSIEREIHEN
blicken in den sogenannten Judengraben. Zwischen SICHWIE"ÌCHSENINEINER$ROGERIE SIEREIHENSICH
zwei besonders hohen Wällen, so dass man wieder 100 wie Töpfe in einer Gärtnerei. Was mich an diesem
nur den Himmel sieht und nichts als den Himmel, Ort am meisten beschäftigte, waren die beiden Bild-
75 befindet sich ein Kanal mit grünem Wasser, ein nisse, die über den namenlosen Urnen hingen:
Wiesenbord zu beiden Seiten. Ferner ist noch eine Benesch und Stalin.
hölzerne Leiter da. Zehn Juden wurden hinunter- Was am meisten bleibt, wenn ich an das Lager
geschickt, versehen mit Heugabeln und mit dem 105 denke, und was gleichsam immer näher kommt,
Versprechen, dass die beiden letzten, die ihre Kame- während man es an Ort und Stelle kaum bemerkte,
80 raden überlebten, in die Freiheit entlassen würden. jedenfalls nicht mehr als alles andere: die wippen-
Von der eisernen Brücke, wo die Zuschauer standen, den Halme auf den rötlichen Wällen, und dass man
BLICKTMANWIEINEINEN"¸RENZWINGER$IE&REIHEIT überall, wo immer wir standen, nichts als den Him-
für die beiden Letzten, sagt uns ein begleitender 110 mel sieht. 1950

Literatur hören und sehen


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• Dürrenmatts Komödien und Kriminalromane liegen in verschiedenen Verfilmungen vor;
Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
das Gleiche gilt für Werke von Max Frisch, z. B. «Homo Faber». Über beide Autoren sind
äusserst sehenswerte und informative Dokumentationen gedreht worden. Besonders
empfehlenswert ist ein Besuch des «Centre Dürrenmatt» – des umgebauten Wohn-
hauses Dürrenmatts – in Neuchâtel, wo viele seiner Gemälde, Grafiken und Manuskripte
zu sehen sind.
• Das literarische Schaffen von Siegfried Lenz ist ebenfalls mehrfach verfilmt worden,
z.B. «Das Feuerschiff» und «Der Mann im Strom».
• 1979 erhielt der Film «Die Blechtrommel» nach dem Roman von Günter Grass den Oscar
für den besten fremdsprachigen Film.

• Was bleibt
• Recherchieren Sie das «Lebensgefühl» der Nachkriegszeit und der 50er-Jahre.
• Wie lassen sich die Bezeichnungen «Kahlschlag-, Trümmerliteratur» und «Stunde Null»
erklären?
• Lesen und analysieren Sie mindestens ein Werk von Frisch oder Dürrenmatt sowie Kurz-
geschichten anderer Autorinnen und Autoren.
• Machen Sie sich mit Wolfgang Borcherts Drama «Draussen vor der Tür» vertraut: Warum
kann das Stück immer wieder neu und aktuell inszeniert werden?
• Wagen Sie sich an «moderne» Gedichte, z.B. von Ingeborg Bachmann oder Günter Eich.

138 Literaturatelier
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Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
MODUL F
7.6 Politisierung und Neue Subjektivität, 1960– 1980
• Begriff
Der neue Wohlstand täuscht eine heile Welt vor. Die Nachkriegsgene-
ration jedoch fragt ihre Eltern, wo sie im Krieg gewesen seien, und
verlangt Aufklärung. Politisch engagierte Literatur übt Kritik am
«Establishment» und am «System». Literatur muss sich – so die pro-
testierenden 1968er-Studenten – den Zeitproblemen stellen und für
die «Befreiung» der Unterprivilegierten und Unterdrückten kämpfen.
Nach Jahren des politischen und sozialen Engagements (z. T. mit dem
verhängnisvollen Irrweg in den Terrorismus) wird die eigene Subjek-
tivität («Neue Innerlichkeit») wieder entdeckt: «Wie sind wir und
unsere Gesellschaft das geworden, was wir heute sind?»
Protestierende Studenten, Hamburg, 1967
• Themen und Tendenzen
Die neue Lust an Theorie führt zu marxistischer Kapitalismuskritik, zur Psychoanalyse als
Instrument der Vergangenheitsaufarbeitung und zu Versuchen mit «repressions- und herr-
schaftsfreien» Lebensformen (antiautoritäre Erziehung). Selbstverwirklichung ist ein Schlagwort • Gesellschaft und
der Zeit. Neue gesellschaftliche Milieus entstehen – und zwar bis heute: Hippies, grüne, Geschichte
Die Gefahr eines Atom-
alternative, Friedens- und Anti-AKW-Bewegung, liberale Intellektuelle, Punks, Feministinnen
krieges scheint nach Bei-
u. v. a.m. legung der Kubakrise
Die Kulturpolitik der DDR will die Kluft zwischen Künstler und Volk überwinden und fordert, 1962 gebannt. Doch zahl-
dass Literaturschaffende in Fabriken arbeiten und die «Werktätigen» Literatur schreiben. Von reiche Stellvertreterkriege
Bitterfeld geht die Bewegung schreibender Arbeiter aus: «Greif zur Feder, Kumpel.» In der BRD in wenig entwickelten
Ländern verschärfen sich.
entsteht der «Werkkreis Literatur der Arbeitswelt». Trotz erfolgreicher Autoren bleibt die
Die USA verzetteln sich im
grosse gesellschaftliche Wirkung aus. blutigen Vietnamkrieg,
Antikriegsdemonstratio-
• Epik – Dramatik – Lyrik nen prägen die späten
60er-Jahre: Flowerpower
Analog zur gesellschaftlichen Entwicklung läuft
© 2018 auch
Verlag SKV die literarische
AG: Fokus Produktion:
Sprache, Fokus Sprache BM politische mischt sich mit Studen-
Lyrik (Erich Fried); Romane, die das Leben arbeitender
Persönliches Exemplar Menschen thematisieren
von Petra Trostel, 8570 Weinfelden (Max von der tenprotesten, und auch
Grün); Theaterstücke, die Unterprivilegierte auf die Bühne bringen (Franz Xaver Kroetz), sowie die US-Bürgerrechtsbe-
wegung kämpft für die
feministische Literatur (Elfriede Jelinek). Für den Literaturprofessor Emil Staiger sind diese
Aufhebung der Rassen-
Werke voll «von Psychopathen, von gemeingefährlichen Existenzen, von Scheusslichkeiten trennung.
grossen Stils». Max Frisch verteidigt 1966 das zeitgenössische Schaffen im sogenannten Die olympischen Spiele
«Zürcher Literaturstreit». 1972 in München werden
Die Dokumentartheater von Peter Weiss und Rolf Hochhuth entlarvt die dunkelsten Seiten von einem palästinensi-
schen Terroranschlag auf
der NS-Zeit. Originaltexte aus Gerichtsverhandlungen und Archiven, die jetzt auf der Bühne
jüdische Sportler mit
gesprochen werden, führen zu Tumulten vor und im Theater. Gesellschaftskritik – ins 17 Toten überschattet.
Groteske gedreht – ist typisch für Friedrich Dürrenmatts Welterfolg «Die Physiker» (1961/62). In der BRD radikalisieren
Die Literatur der DDR geniesst im deutschsprachigen Ausland grosse Anerkennung, be- sich linke Splittergruppen
sonders wenn sie im eigenen Land verboten ist. Für Empörung sorgt allerdings 1976 die Aus- immer stärker und über-
ziehen als RAF mit ihrem
bürgerung des Liedermachers Wolf Biermann.
politischen Terror das
Die «Tagebücher 1966–1971» des Schweizer Star-Autors Max Frisch zeigen die Nähe von Lite- Land.
ratur, Politik und Privatem. Darin reflektiert er Ereignisse wie den Vietnamkrieg und die Studen-
tenproteste, aber auch seine Reisen u.a. in die Sowjetunion und immer wieder in die USA.
1975 begleitet er den deutschen Bundeskanzler Helmut Schmidt in einer Delegation zum
Staatsbesuch nach China.
Am Ende der Proteste und des politischen Engagements führt die resignative Rückbesinnung
auf die eigene Biografie zu einer Literatur, welche die Selbstfindung, die Selbsterfahrungen
und die Beziehung zwischen den Geschlechtern thematisiert (Peter Handke, Ulrich Plenzdorf,
Karin Struck, Martin Walser, Christa Wolf).

Literaturatelier 139
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Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
Der Ölschock (autofreie
Sonntage) führt dem Ausgewählte Werke deutschsprachiger Autorinnen und Autoren
Westen erstmals seine • Max Frisch: Andorra, Uraufführung 1961; Tagebuch 1966 –1971, 1972
Abhängigkeit von den • Ingeborg Bachmann: Das dreissigste Jahr, 1961
arabischen Ölproduzenten • Friedrich Dürrenmatt: Die Physiker, 1962 L ESETIPP !
vor Augen.
Mit Kompaktkassetten
• Rolf Hochhuth: Der Stellvertreter, 1963
(ab 1968) und dem Walk- • Marlen Haushofer: Die Wand, 1963; Die Mansarde, 1969
man (ab 1979) wird • Heinrich Böll: Ansichten eines Clowns, 1963; Die verlorene Ehre der Katharina Blum,
Musik «transportabel». 1974
Musik- und Jugend- • Peter Bichsel: Eigentlich möchte Frau Blum den Milchmann kennenlernen, 1964
kultur ist ein wichtiger
Wirtschaftsfaktor.
• Jurek Becker: Jakob der Lügner, 1969 (DDR) L ESETIPP !
• Siegfried Lenz: Deutschstunde, 1968
• Ulrich Plenzdorf: Die neuen Leiden des jungen W., 1972 (DDR)
• Peter Schneider: Lenz, 1973
• Verena Stefan. Häutungen, 1975
• Reiner Kunze: Die wunderbaren Jahre, 1976 (in DDR geschrieben, in BRD veröffentlicht)
• Christiane F.: Wir Kinder vom Bahnhof Zoo, 1978
• Martin Walser: Ein fliehendes Pferd, 1979
• Michael Ende: Die unendliche Geschichte, 1979
Weltliteratur
• John Updike: Ehepaare, 1968; die «Rabbit-Romane», 1960–2002
• Alexander Solschenizyn: Der Archipel Gulag, 1974

Aufgabe

Vergleichen Sie die beiden folgenden Kurzgeschichten des Schweizers Peter Bichsel und des
deutschen Autors Wolf
© 2018 Wondratschek.
Verlag SKV AG: Fokus Sprache, Fokus Sprache BM
Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden

• Arbeiten Sie heraus, was gleich und was anders ist. Vor allem lassen sich die typischen
Merkmale von Kurzgeschichten erkennen.
• Und woran erkennen Sie den «Zeitgeist»?

P E t E r B i c H s E l , 193 5 spieler, und sie brachte oft Platten mit


aus der Stadt, und sie wusste, wer darauf
Die Tochter
sang. Sie hatte auch einen Spiegel und
1 Abends warteten sie auf Monika. Sie 25 VERSCHIEDENE&L¸SCHCHENUND$ÇSCHEN 
arbeitete in der Stadt, die Bahnverbin- einen Hocker aus marokkanischem
dungen sind schlecht. Sie, er und seine Leder, eine Schachtel Zigaretten.
Frau, sassen am Tisch und warteten auf $ER6ATERHOLTESICHSEINE,OHNTÌTEAUCH
5 Monika. Seit sie in der Stadt arbeitete, bei einem Bürofräulein. Er sah dann die
assen sie erst um halb acht. Früher hat- 30 vielen Stempel auf einem Gestell, be-
ten sie eine Stunde eher gegessen. Jetzt staunte das sanfte Geräusch der Rechen-
warteten sie täglich eine Stunde am ge- maschine, die blondierten Haare des
deckten Tisch, an ihren Plätzen, der Fräuleins, sie sagte freundlich «Bitte
10 Vater oben, die Mutter auf dem Stuhl schön», wenn er sich bedankte.
nahe der Küchentür, sie warteten vor 35 Über Mittag blieb Monika in der Stadt,
dem leeren Platz Monikas. Einige Zeit sie ass eine Kleinigkeit, wie sie sagte, in
später dann auch vor dem dampfenden einem Tearoom. Sie war dann ein Fräu-
Kaffee, vor der Butter, dem Brot, der lein, das in Tearooms lächelnd Ziga-
15 Marmelade. retten raucht.
Sie war grösser gewachsen als sie, sie 40 Oft fragten sie sie, was sie alles getan
war auch blonder und hatte die Haut, die habe in der Stadt, im Büro. Sie wusste
feine Haut der Tante Maria. «Sie war aber nichts zu sagen.
immer ein liebes Kind», sagte die Mutter, $ANNVERSUCHTENSIEWENIGSTENS SICH
20 während sie warteten. genau vorzustellen, wie sie beiläufig in
In ihrem Zimmer hatte sie einen Platten- 45 der Bahn ihr rotes Etui mit dem Abonne-

140 Literaturatelier
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Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
ment aufschlägt und vorweist, wie sie 15 genau, was sie will. Auch am Nebentisch

MODUL F
den Bahnsteig entlang geht, wie sie sich sitzt ein Mädchen mit Beinen.
auf dem Weg ins Büro angeregt mit Sie hasst Lippenstift. Sie bestellt einen
Freundinnen unterhält, wie sie den Gruss Kaffee. Manchmal denkt sie an Filme
50 eines Herrn lächelnd erwidert. und denkt an Liebesfilme. Alles muss
Und dann stellten sie sich mehrmals vor 20 schnell gehen.
in dieser Stunde, wie sie heimkommt, die Freitags reicht die Zeit, um einen Cognac
Tasche und ein Modejournal unter dem zum Kaffee zu bestellen. Aber freitags
!RM IHR0ARFUMSTELLTENSICHVOR WIE regnet es oft.
55 sie sich an ihren Platz setzt, wie sie dann Mit einer Sonnenbrille ist es einfacher,
zusammen essen würden. 25 nicht rot zu werden. Mit Zigaretten wäre
Bald wird sie sich in der Stadt ein Zim- es noch einfacher. Sie bedauert, dass sie
mer nehmen, das wussten sie, und dass keine Lungenzüge kann.
sie dann wieder um halb sieben essen $IE-ITTAGSPAUSEISTEIN3PIELZEUG7ENN
60 würden, dass der Vater nach der Arbeit sie nicht angespro-
wieder seine Zeitung lesen würde, dass 30 chen wird, stellt sie
es dann kein Zimmer mehr mit Platten- sich vor, wie es wäre,
spieler gäbe, keine Stunde des Wartens wenn sie ein Mann
mehr. Auf dem Schrank stand eine Vase ansprechen würde.
65 aus blauem schwedischem Glas, eine Sie würde lachen. Sie
Vase aus der Stadt, ein Geschenkvor- 35 würde eine auswei-
schlag aus dem Modejournal. chende Antwort
«Sie ist wie deine Schwester», sagte die geben. Vielleicht
Frau, «sie hat das alles von deiner würde sie sagen, dass
70 Schwester. Erinnerst du dich, wie schön der Stuhl neben ihr
deine Schwester singen konnte.» 40 besetzt sei. Gestern
«Andere Mädchen rauchen auch», sagte wurde sie angespro-
die Mutter. «Ja», sagte er, «das habe ich chen. Gestern war der
auch gesagt.» Stuhl frei. Gestern war sie froh, dass in
75 «Ihre Freundin hat kürzlich geheiratet», der Mittagspause alles sehr schnell geht.
sagte die Mutter. Sie wird auch heiraten, 45 Beim Abendessen sprechen die Eltern
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dachte er, sie wird in der Stadt wohnen. davon,
Persönliches Exemplar dass
von Petra sie8570
Trostel, auch einmal jung waren.
Weinfelden
Kürzlich hatte er Monika gebeten: «Sag Vater sagt, er meine es nur gut. Mutter
mal etwas auf französisch.» – «Ja», hatte sagt sogar, sie habe eigentlich Angst.
80 die Mutter wiederholt, «sag mal etwas Sie antwortet, die Mittagspause ist unge-
auf Französisch.» Sie wusste aber nichts 50 fährlich.
zu sagen. Sie hat mittlerweile gelernt, sich nicht
Stenografieren kann sie auch, dachte er zu entscheiden. Sie ist ein Mädchen wie
jetzt. «Für uns wäre das zu schwer», andere Mädchen. Sie beantwortet eine
85 sagten sie oft zueinander. Frage mit einer Frage.
$ANNSTELLTEDIE-UTTERDEN+AFFEEAUF 55 Obwohl sie regelmässig im Strassencafé
den Tisch. «Ich habe den Zug gehört», sitzt, ist die Mittagspause anstrengender
sagte sie. 1964 als Briefeschreiben. Sie wird von allen
Seiten beobachtet. Sie spürt sofort, dass
w o l F w o n d r a t s c H E k , 1943 sie Hände hat.
60 $ER2OCKISTNICHTZUÌBERSEHEN(AUPT-
Mittagspause
sache, sie ist pünktlich.
1 Sie sitzt im Strassencafé. Sie schlägt so- Im Strassencafé gibt es keine Betrunke-
fort die Beine übereinander. Sie hat nen. Sie spielt mit der Handtasche. Sie
wenig Zeit. kauft jetzt keine Zeitung.
3IEBL¸TTERTINEINEM-ODEJOURNAL$IE 65 Es ist schön, dass in jeder Mittagspause
5 Eltern wissen, dass sie schön ist. Sie eine Katastrophe passieren könnte. Sie
sehen es nicht gern. könnte sich sehr verspäten. Sie könnte
Zum Beispiel. Sie hat Freunde. Trotzdem sich sehr verlieben. Wenn keine Bedie-
sagt sie nicht, das ist mein bester nung kommt, geht sie hinein und be-
Freund, wenn sie zu Hause einen Freund 70 zahlt den Kaffee an der Theke.
10 vorstellt. An der Schreibmaschine hat sie viel Zeit,
:UM"EISPIEL$IE-¸NNERLACHENUND an Katastrophen zu denken. Katastrophe
schauen herüber und stellen sich ihr Ge- ist ihr Lieblingswort. Ohne das Lieblings-
sicht ohne Sonnenbrille vor. wort wäre die Mittagspause langweilig.
$AS3TRASSENCAF¼ISTÌBERFÌLLT3IEWEISS 1969

Literaturatelier 141
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Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
Aufgabe
V E r E n a s t E F a n , 1 947
Häutungen
Die Bernerin Verena Stefan trifft mit ihrem Roman «Häutungen» 1975 die Befindlichkeit
vieler – nicht nur junger – Frauen.

• Worauf lässt sich der Erfolg dieses Buches zurückführen? Die Textstelle bietet genügend
Anhaltspunkte.

1 Ich lächelte ununterbrochen. Geheimnisvoll lächelnd in der welt um asyl


bitten, bittenden auges die zulassung erfragen, mit leiser stimme wohl-
klingend unterwürfig. Unterlasse ich das lächeln und schaue einen mann,
der mich belästigt, zornig an oder werde handgreiflich, so bin ich «zickig»,
5 «unverschämt» – und gefährdet.
Ich stehe am Wittenbergplatz und warte auf das grün der ampel. In der
linken hand trage ich eine tasche, die mit lebensmitteln angefüllt ist, in
der rechten eine grosspackung mit toilettenpapier. Ich spüre im rücken,
dass zwei männer an mich herantreten und blicke über die schulter zurück.
10 In dem moment fasst der mann links von mir voll in meine haare, die
hennagefärbt über den schultern liegen, lässt sie prüfend durch die finger
gleiten und sagt zu seinem freund: Prima haare! Ich wirble herum und
schleudere ihm die tüte mit dem toilettenpapier ins gesicht, ein guter, lan-
GERHEBELARM$ANNISTMEINEKRAFTERSCHÇPFT MITWEICHENKNIENGEHEICH
15 über die strasse. Mein arm jetzt bleischwer, ich kann ihn nicht mehr an-
Roy Lichtenstein:
HEBEN$IEBEIDENM¸NNERFOLGENMIR EMPÇRTFLUCHENDUNDMICHALSSAU
Crying Girl, 1964
beschimpfend, weil ich gewagt habe, mich zu widersetzen. Auf der andern strassenseite
drehe ich mich noch einmal um, zische, sie sollen die klappe halten. Sie würden am
liebsten auf mich losgehen, aber es ist helllichter tag, auf der strasse gibt es menschen,
20 die beiden ©sind
2018ausländer.
Verlag SKV AG:Als
Fokusich
Sprache,
in der Fokus Sprache BM
u-bahn sitze, betrachte ich erbittert meine
Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
kleinen hände. Allein mit ihnen hätte ich nicht einmal den einen schlag geschafft. Ein
alltäglicher vorfall. Eine alltägliche behandlung einer kolonisierten in einer stadt der
ersten welt. Vermutlich habe ich eine schönere wohnung, mehr soziale kontakte, erträg-
lichere arbeitsbedingungen als die meisten ausländer in west-berlin. Aber jeder in- oder
25 ausländische mann kann mich, ungeachtet seiner lebens- und arbeitsbedingungen, täg-
lich und stündlich auf irgendeine weise missbrauchen. Habe ich bessere lebensbedin-
gungen, weil ich unter umständen eine schönere wohnung habe als mein vergewaltiger?

Literatur hören und sehen


• Heinrich Bölls «Ansichten eines Clowns» sowie seine «Verlorene Ehre der Katharina
Blum», Jurek Beckers «Jakob der Lügner», Siegfried Lenz’ «Deutschstunde» und Rolf
Hochhuths «Der Stellvertreter» sind nur einige der vielen Literaturverfilmungen dieser
Epoche.
• Der mörderische RAF-Terrorismus ist im Film «Der Baader-Meinhof-Komplex» nach dem
gleichnamigen Sachbuch von Stefan Aust verfilmt worden.

• Was bleibt
• Wie lassen sich einerseits Politisierung und andererseits Neue Subjektivität erklären?
• Was sind gesellschaftliche Milieus? Welche lassen sich heute unterscheiden?
• Was bedeuten die Begriffe Autorität, autoritär, antiautoritäre Erziehung? Worin lag mög-
licherweise die Faszination an der antiautoritären Erziehung?
• Recherchieren Sie zur Kulturpolitik der DDR im Internet. Worum geht’s da?
• Lesen und bearbeiten Sie mindestens einen Roman aus dieser Epoche.
• Recherchieren Sie den Begriff «feministische Literatur».

142 Literaturatelier
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Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
MODUL F
7.7 Postmoderne, 1980–2000
• Begriff
In Kunst und Literatur wird etwa seit dem Naturalismus verallgemeinernd von «der
Moderne» gesprochen. In den 1980er-Jahren entsteht vor allem in der Architektur der
Begriff «Postmoderne» («Nach-Moderne»), der auf alle Kulturbereiche übertragen wird.
Typisch postmodern ist das Spiel mit allen Formen, Stilen und Themen vergangener
Epochen. Die einfachste Variante zeigt der «Schulknabe» (1881) des Schweizer Malers
Albert Anker – mit einem modernen iPad. In Mode und Musik zeigt sich Ähnliches:
«Retro-Elemente» werden neu und trendig arrangiert: «Anything goes».

• Themen und Tendenzen


Der neue Stilmix widerspiegelt die Pluralität westlicher Gesellschaften: Ein allgemein
gültiger Wahrheitsanspruch, für alle verbindliche religiöse Auffassungen und gesellschaft-
liche Systeme – damit auch die politischen Blöcke – sowie traditionelle Lebensformen
werden infrage gestellt. Der deutsche Philosoph Jürgen Habermas spricht von einer
«Neuen Unübersichtlichkeit» (2001). Mike Licht: Schulknabe mit
iPad, nach Albert Anker,
2010
• Epik – Dramatik – Lyrik
Patrick Süskinds Roman «Das Parfum» ist zwar 1985 veröffentlicht worden, doch das ge-
konnte Spiel mit Wortschatz, Satzstrukturen und Stilmitteln lässt die Geschichte «irgendwie» • Gesellschaft und
älter klingen. Die wichtigsten Verfahren der Postmoderne sind Zitat, Montage sowie Parodie Geschichte
und vor allem Ironie – allerdings völlig anders als die Form- und Sprachexperimente früherer Die kommunistischen
Staaten können den
Epochen. Die Literaturkritik vermisst zwar das Neue, das Originelle und spricht von «Nach- neuen Rüstungswettlauf
ahmung», doch der Erfolg dieser Literatur gibt den Schreibenden recht. Die Grenze zwischen nicht mehr finanzieren;
anspruchsvoller und unterhaltender Literatur verschwimmt zunehmend. die Fehler des Wirt-
Mit dem Ende festgefügter Ideologien und politischer Blöcke ist eine offene, globale Kultur schaftssystems werden
entstanden, die kaum noch zu überschauen ist: Computer- und Internetliteratur, feministische offensichtlich. Michail
Gorbatschows Reformver-
Literatur, Migranten- und Popliteratur, Slam
© 2018Poetry sowie
Verlag SKV diverse
AG: Fokus andere
Sprache, Richtungen
Fokus Sprache BM sorgen suche mit Glasnost und
für ein einzigartig facettenreiches Literaturleben. Während
Persönliches Exemplar die einen
von Petra Trostel, die «Renaissance»
8570 Weinfelden Perestroika scheitern.
des Erzählens feiern, heben andere voll Experimentierlust die Grenzen zwischen den Formen Sie ermöglichen 1989 den
und Medien auf. Dies weist darauf hin, das Lyrik und Dramatik nicht zwingend postmoderne Fall der Berliner Mauer
Textsorten sind. Zwar gilt manchen Botho Strauss’ «Kalldewey, Farce» als entsprechendes und ein gewaltfreies Ende
des Kalten Kriegs.
Theaterstück und Robert Gernhardts Gedichte als postmoderne Lyrik, doch gerade er hat sich – Die kommunistischen
in einem Gedicht! – gegen diese Zuordnung verwahrt. Regimes werden abgelöst.
Die Nationalitätenfrage
und mit ihr alte ethnische
Ausgewählte Werke deutschsprachiger Autorinnen und Autoren Konflikte führen in Jugo-
• Eveline Hasler: Anna Göldin. Letzte Hexe, 1982 L ESETIPP ! Die Wachsflügelfrau, 1991 slawien zu blutigen
• Sten Nadolny: Die Entdeckung der Langsamkeit, 1983 Bürgerkriegen und
• Patrick Süskind: Das Parfum, 1985 L ESETIPP ! schliesslich zum Unter-
gang des Landes.
• Milena Moser: Die Putzfraueninsel, 1991; Das Schlampenbuch, 1992; Blondinenträume, Westliche Demokratien
1994 wandeln sich in post-
• Robert Schneider: Schlafes Bruder, 1992 industrielle Gesell-
• Bernhard Schlink: Der Vorleser, 1995 L ESETIPP ! schaften: Ausweitung
• Urs Widmer: Top Dogs, 1997 L ESETIPP ! des tertiären Sektors,
Öffnung der (Finanz-)
• Zoë Jenny: Das Blütenstaubzimmer, 1997 Märkte, Anstieg struktu-
• Thomas Brussig: Am kürzeren Ende der Sonnenallee, 1999 reller Arbeitslosigkeit.
• Florian Illies: Generation Golf, 2000 Datenverarbeitung,
Mikroelektronik und
Popliteratur Digitalisierung verändern
• Christian Kracht; Alexa Hennig von Lange; Benjamin Lebert; Benjamin von Stuckrad- die Privat- und Arbeits-
Barre welt. Der Neoliberalis-
mus erzeugt mehr
Migrantenliteratur soziale Ungleichheit, aber
• Rafik Schami: Fabeln, Märchen, Erzählungen – seit 1982 L ESETIPP ! auch einen gewissen
• Wladimir Kaminer: Russendisko, 2000 «Massenwohlstand».
• Feridun Zaimoglu: Kanak Sprak, 1995; Zwölf Gramm Glück, 2004; Leyla, 2006

Literaturatelier 143
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Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
Aufgabe
u r s w i d M E r , 1938–2014
4OP$OGS
Neoliberales Denken überlässt alles dem Markt. Arbeitskräfte sind beliebig austauschbar, kein
Arbeitsplatz ist sicher, auch Führungskräfte werden entlassen. Für sie gibt’s Outplacement-
firmen.

• Analysieren Sie das Gesprächsverhalten von Frau Wrage und Herrn Deér.

1 w r a g E energisch auftretend(ERR$E¼RÏ Kenia, Mexiko, Japan. JUST NAME IT.


3IESINDALSO(ERR$E¼R7RAGE d E é r Aha.
d E é r Guten Tag, Frau Wrage. w r a g E 7ASALLE$AMENUND(ERRENHIER
w r a g E Ich bin Beraterin der NCC, «New verbindet: Sie sind vom Verlust ihres
5 Challenge Company». Sie haben sich für 55 Arbeitsplatzes betroffen und erwarten
die erste Begegnung just unser wöchent- von uns eine optimale Unterstützung bei
liches informelles Treffen ausgesucht. ihrer Karrierefortsetzung in einem ande-
Gut. Sehr gut. Wir nennen das die Gip- ren Unternehmen.
felkonferenz. Es gibt Gipfeli für alle, Sie d E é r nimmt die anderen wie neu wahr;
10 verstehen. Gipfelkonferenz. 60 als hätten sie die Lepra$IEDA DIESTE-
d E é r Sehr gut! hen alle auf der Strasse?
Heiterkeit. Allerdings versteht Deér nur w r a g E Hier ist jeder in der gleichen
Bahnhof. Lage.
w r a g E Bedienen Sie sich. Es gibt auch d E é r *A$ASKOMMTJETZTIMMERH¸UFI-
15 Kaffee. 65 ger vor.
d E é r $ANKE$IEOBERSTE%TAGEHATMICH w r a g E Sehr gut! Was leistet unsere
gebeten, mit Ihnen Kontakt aufzuneh- Organisation, und wie leistet sie es? Als
men. Wir hatten ein ausführliches Ge- wir vor zehn Jahren hier in der Schweiz
SPR¸CH7ARGUTUNDINTENSIV$OCH unsere Tätigkeit aufnahmen, waren wir
© 2018 Verlag SKV AG: Fokus Sprache, Fokus Sprache BM
20 Haben nochmals dieExemplar
Persönliches ganzen von Probleme 70 ein Nischenprodukt in einer intakten
Petra Trostel, 8570 Weinfelden
durchgesprochen, wie mein Arbeitsbe- Arbeitswelt. Zwar war die Hochkonjunk-
reich im Catering genauer definiert wer- tur am Abklingen, darum ja unsere
den könnte. Und ich soll mich bei Ihnen Anstrengungen, uns auch am Schweizer
kundig machen, inwieweit irgendein Markt zu positionieren, aber in den
25 Synergieeffekt zwischen meiner und 75 Köpfen des mittleren und höhern Kaders
ihrer Arbeit herstellbar ist. gab es noch kaum irgendwelche Gedan-
w r a g E Nun, im Groben wissen Sie ken an einen möglichen Verlust des
natürlich Bescheid. Arbeitsplatzes.
d E é r Sehr im Groben. Sie müssen mir d E é r Ja, ja. Wir restrukturieren ja auch
30 DASMALGANZGENAUERKL¸REN$ASMIT 80 massiv. Grad nochmals tausendzweihun-
Ihrer NCC lag am Schluss plötzlich auf dert Stellen abgebaut. Aber nicht in mei-
dem Tisch, ziemlich abrupt. NEM"EREICH$AS#ATERINGISTSTABIL
w r a g E $ESWEGENSIND3IEJADA KLAR w r a g E Ja.
d E é r Ich sage meinen Mitarbeitern d E é r Einzelne Fluktuationen allenfalls.
35 immer: Sie müssen mit der Lupe hin- 85 w r a g E Gut. – 1986 vermittelten wir
SCHAUEN$ER4EUFELSTECKTIM$ETAIL ganze fünfzehn Herren! Waren bereits
Und daran halte ich mich natürlich auch ZWEI$AMENUNTERDEN(ERRENKleine
selbst. Heiterkeit. Heute haben wir mehr als
w r a g E (ERR$E¼R DIE.##ISTEINSDER neunhundert Klientinnen und Klienten
40 grössten Outplacement-Unternehmen am 90 per annum, und wir haben unsre Tätig-
Markt, Lizenzträger der «Myer Myer Bos- keit auch auf nicht deutlich qualifizierte
WELLvIN.EW9ORK$ASSICHERTUNSEINEN Arbeitsplätze aus dem untern Segment
Marktvorsprung im Know-how und, ausgedehnt. Wir bieten jetzt dreitägige
wichtiger noch, eine einzigartige inter- Crash-Programme in Gruppen an, für
45 nationale Vernetzung. 95 eine erfolgreiche berufliche Neuorientie-
d E é r Verstehe. rung auch im LOW-SALARY-Bereich.
w r a g E Wir haben Partner in zweiund- d E é r $IEDA
zwanzig Ländern und können unsere w r a g E .EIN NEIN$IE$AMENUND(ER-
+LIENTEN!,,/6%24(%7/2,$VER ren haben alle der Leitungsebene ange-
50 mitteln. Nach allen Ländern der EU, 100 HÇRTh4OP$OGSv)HRE0REISKLASSE WENN

144 Literaturatelier
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Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
ich das mal so flapsig sagen darf. Unser 7ORKAHOLIC$ASSICHBEIDER3WISSAIR

MODUL F
Kerngeschäft bleibt die intensive Arbeit gelandet bin, an der Front zuerst, dann
mit Klienten wie Ihnen. Deér versteht 150 im Catering, hat sicher damit zu tun.
«wie ihnen», das heisst wie mit denen da, Sechzehnstundentage. Wer beim Cate-
105 nickt anteilnehmend. Wir führen sogar ring dabei sein will, muss Tag und Nacht
das SENIOR-EXECUTIVE-PROGRAMM, am Ball sein. «Lead, follow or get out of
das von Konzernchefs in Anspruch ge- the way», nicht wahr. Lacht.
nommen wird. Stellenlos gewordene Per- 155 w r a g E Gut. Wie im Konkreten läuft
sönlichkeiten der Führungsspitze. also unsre gemeinsame Arbeit ab? Wir
110 d E é r Musste ja selber Mitarbeiter ent- stellen unsern Klienten hier eine Infra-
lassen. Als wir das Catering auslagerten, struktur zur Verfügung, ähnlich der, die
neunzehnzweiundneunzig, haben wir sie von ihrem frühern Arbeitgeber her
mehr als tausend Stellen abgebaut. Gute 160 gewöhnt sind. Computer, Fax, Telefon,
Leute, waren zum Teil seit Jahren dabei Sekretariat für alle Schreibarbeiten,
115 gewesen. Ist ein menschliches Problem, Fachliteratur, Kaffeemaschine und und
so was. Andererseits, im Kader, das ist und. Stellensuche ist ein Full-time-Job.
einfach im Anforderungsprofil, so was $ASWERDEN3IEBALDFESTSTELLEN
wegstecken zu können. 165 d E é r Ja, sicher. Schweigen. Kann ich
w r a g E )CHMUSSSAGEN (ERR$E¼R mir vorstellen. Schweigen. Wieso werde
120 CHAPEAU! Aber eigentlich schüttelt es ich das bald feststellen?
jeden. Pause. Entscheidend für unsre er- w r a g E Ja was denken Sie, weshalb Sie
folgreiche Arbeit ist, dass diese immer HIERSIND (ERR$E¼R
und in jedem Fall vom ehemaligen 170 d E é r Sagte ich Ihnen. Ich soll in Erfah-
!RBEITGEBERFINANZIERTWIRD$ABEIBE- rung bringen, inwieweit wir unsre
125 rechnen wir ganz bewusst eine Pau- Arbeitsbereiche füreinander nutzbar
schale und nicht etwa ein Honorar, das machen können.
sich nach der Vermittlungsdauer richtet. w r a g E Wieso wohl zahlt Ihre Firma
$ENNSOHABENAUCH7)2EINVITALES 175 dreissigtausend Franken dafür?
Interesse daran, unsere Klienten schnell d E é r Wofür?
130 zu plazieren. Und optimal. Wir garantie- w r a g E Sie sind entlassen worden!
ren, sie ins Programm zurückzunehmen, (ERR$E¼RÏ%NTLASSENÏ
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wenn es mit dem neuen Arbeitgeber in-
Persönliches d Evon
Exemplar Ich??!
é r Petra Trostel, 8570 Weinfelden
nerhalb eines Jahres zu Unstimmig- 180 w r a g E Ja. Sie.
keiten kommen sollte. d E é r %NTLASSENm(ÇREN3IE$AS
135 d E é r vertraulich$ENENDAGEBICHKEINE hätte man mir gesagt.
Chance. Zu alt, zu unbeweglich, zu teuer. w r a g E Man HAT es Ihnen gesagt!
w r a g E Sagen Sie das nicht. Wir hatten d E é r Wer? Wann?
einen Herrn, Mitte fünfzig, der tauchte 185 w r a g E Sie haben es nicht gehört.
fünfmal wieder hier auf. Zuerst dachten d E é r Aber.
140 WIR ESLIEGEANUNS$ANN DASSESDOCH w r a g E Nicht verstanden.
an ihm liegen könnte. Aber nein. Heute d E é r Aber das gibt es doch nicht, dass
ISTER$IREKTOREINESFÌHRENDEN4OURISTIK- EINERDASNICHTHÇRT$ASSERENTLASSEN
unternehmens und verbringt die meiste 190 worden ist.
Zeit an sonnenüberfluteten Sandsträn- w r a g E $OCH/FT+OPFHOCH (ERR$E¼R
145 den. Heiterkeit. Wir haben bis heute noch jeden Klienten
d E é r Ist bei mir nicht drin, Ferien. Bin vermittelt. Sozusagen jeden. 1997
ja ursprünglich Maschineningenieur.

Literatur hören und sehen


• «Anna Göldin – Letzte Hexe», «Helden wie wir», «Schlafes Bruder» und der Weltbest-
seller «Das Parfum» sind erfolgreich verfilmt worden. «Top Dogs» ist als Videoproduk-
tion des Zürcher Theaters am Neumarkt (Schweizer Radio und Fernsehen) erhältlich.

• Was bleibt
• Suchen Sie im Internet Bilder postmoderner Bauten, und erläutern Sie den Begriff.
• Was sind Retro-Elemente in der aktuellen Mode?
• Informieren Sie sich über Eveline Haslers Romane, in denen sie historischen (Schweizer)
Persönlichkeiten und Ereignissen nachgeht.
• Recherchieren Sie im Internet Beispiele von Slam Poetry sowie Pop- und Emigrantenliteratur.
• Schreiben Sie mal «postmodern»: Imitieren Sie den Stil «von früher».

Literaturatelier 145
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Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
8 Das 21. Jahrhundert – die globale Ökonomisierung

• Begriff
Für die unmittelbare Gegenwart eine zutreffende Epochenbezeichnung zu finden, ist nahezu
unmöglich. Sehr verallgemeinernd lässt sich von der globalisierten Welt reden: Handel, Kapital-
sowie Produkt- und Dienstleistungsmärkte sind weltweit immer enger verflochten – wie auch
die Kunst- und Kulturmärkte. Wirtschaftliches Denken durchdringt alle Lebensbereiche.
Während die einen unendliche Chancen in unendlich liberalisierten Märkten wittern,
spüren die anderen Angst und Verunsicherung. Resignation und Flucht aus der Realität,
aber auch Aggression und exzessiver Genuss können die Folgen sein. Die Schere
zwischen Arm und Reich öffnet sich.

• Themen und Tendenzen


«Der flexible Mensch» ist für den amerikanischen Soziologen Richard
Sennett das Menschenbild des 21. Jahrhunderts: Bisherige Gesell-
schafts- und Wirtschaftsformen sowie Bildungswege werden radikal
infrage gestellt: Gefragt sind Menschen, die sich allen Lebenslagen
anpassen und den neuen Kapitalismus mit seinen enormen Profiten
und heftigen Krisen mittragen. Soziale Medien dienen als Plattformen
der Selbstinszenierung: «Ich-AG», «Ego-Marketing», «Impression
Management». Gleichzeitig wächst der Druck auf das Individuum durch
engmaschige Überwachung der Produktionsprozesse sowie durch den
Einsatz moderner Kommunikationsmittel. Wer nicht flexibel ist, wird
«flexibilisiert».
• Gesellschaft und «Literatur muss Spass machen» (Marcel Reich-Ranicki) ist das Motto zur Jahrtausendwende.
Geschichte Damit schwindet weitgehend die typisch deutsche Unterscheidung zwischen hochwertiger
Dem «alten Europa» ste-
Literatur und (mehr oder weniger trivialer) Unterhaltungsbelletristik. Die «Millennials» oder
hen neue Staaten und
Staatengruppen (z.B. «Generation Y» entwickelt andere Werte, u.a. eine Kultur der Selfies und des Quantified Self
BRIC) gegenüber, vor («Selbstvermessung»).
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Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
allem aber multinationale Die internationale und nationale Medienkonzentration macht sich auch in der Literatur be-
Konzerne, Finanzgesell- merkbar: Medienkonzerne streben Profite mit eher weniger Buchtiteln weltweit an. Was zählt,
schaften und Staatsfonds.
ist ein Bestseller, der sich wie die Harry-Potter-Romane verfilmen und multimedial vermarkten
Der Anschlag auf das
World Trade Center in lässt. Bücher werden vermehrt für bestimmte Zielgruppen geschrieben, z.B. Mittelalter- oder
New York 2001 und die Fantasy-Fans, «Freche Frauen». Dies eröffnet Nischen für kleinere Verlage und literarische
daran anschliessenden Überraschungserfolge.
Kriege im Irak und in
Afghanistan sowie bisher
ungeahnte Formen von
• Epik – Dramatik – Lyrik
Gewalt und Terrorismus In der Öffentlichkeit präsent sind vor allem Romane. Zwar schaffen es einzelne Inszenierun-
führen zu globalen
gen – mit Starbesetzung – immer wieder mal in die Medien, doch hat das Theater gegen-
Flüchtlingsströmen.
Die Mittelschichten fühlen über früheren Epochen an Bedeutung eingebüsst, nicht zuletzt wegen Oper und Film.
sich verunsichert, nicht Urs Widmer, Laura de Weck und vor allem Lukas Bärfuss schreiben erfolgreich fürs Theater.
zuletzt auch wegen der Lyrik hat nie ein «grosses» Publikum; dennoch prägen Gedichte und Lieder häufig die Kultur.
Wanderungsbewegungen Die Mundartgedichte Mani Matters wirken bis heute identitätsstiftend – als Abgrenzung
von Arbeitskräften. Die
gegenüber einer hochdeutschen und englischsprachigen Welt. Zählt man die Texte der
Annahme der «Massen-
einwanderungsinitiative» populären Musik auch zur zeitgenössischen Lyrik, so ist sie im Alltag überall präsent und
im Februar 2014 ist nur wird an Konzerten kräftig mitgesungen.
ein Indiz dafür. Die postmoderne Tendenz nach unterschiedlichen Literaturszenen verstärkt sich. Dem Zeit-
Naturkatastrophen geist entsprechen u. a. die Romane von Sven Regener, Martin Suter und Alex Capus. Die
(Tsunami 2004) sowie
Schweizerin Melinda Nadj Abonji (mit «Migrationshintergrund») erhielt für «Tauben fliegen
Banken- und Wirtschafts-
krisen (z.B. 2008) verstär- auf» 2010 sowohl den deutschen als auch den Schweizer Buchpreis. Ein Bestseller ist Pedro
ken den Eindruck einer Lenz 2010 mit seinem Mundartroman «Der Goalie bin ig» gelungen – inzwischen ins
«Weltrisikogesell- Hochdeutsche, Französische und Schottisch-Gälische übersetzt. Die Verfilmung erhielt 2014
schaft» (Ulrich Beck, den Schweizer Filmpreis.
2007): Die neuen Pro-
bleme betreffen alle, und
zwar weltweit.

146 Literaturatelier
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Kunst, Mode und Musik,

MODUL F
Ausgewählte Werke deutschsprachiger Autorinnen und Autoren aber auch spirituelle Be-
• Peter Stamm: Agnes, 1998; Blitzeis, 1999; An einem Tag wie diesem, 2006 dürfnisse sind global und
• Alex Capus: Fast ein bisschen Frühling, 2002 L ESETIPP ! Der Fälscher, die Spionin und der vernetzt: Vieles klingt
Bombenbauer, 2013 weltweit gleich, sieht
gleich aus. «Superstars»,
• Martin Suter: Business Class, 2000; Ein perfekter Freund, 2002; Montecristo, 2015 «MusicStars», neue Glau-
L ESETIPP ! bensgruppen und esoteri-
• Laura de Weck: Lieblingsmenschen. Ein Stück, 2007 sche Kulte kommen und
• Siegfried Lenz: Schweigeminute, 2008 L ESETIPP ! gehen. Beliebigkeit und
• Wolfgang Herrndorf: Tschick, 2010 Schnelligkeit leben von
der smarten Elektronik:
• Pedro Lenz: Der Goalie bin ig, 2010 L ESETIPP ! Radio. Morgengeschichten, 2014 L ESETIPP ! klein, handlich, 24 Stun-
• Melinda Nadj Abonji: Tauben fliegen auf, 2010 – Deutscher und Schweizer Buchpreis den weltweit verfügbar.
2010 Die Begeisterung für eine
• Robert Seethaler: Der Trafikant, 2012 Gratiskultur im Netz hat
• Charles Lewinsky: Melnitz, 2006; Kastelau, 2014 durch die Aufdeckung
von Abhörskandalen
Angesichts der Fülle an Werken entfallen die Hinweise auf die Weltliteratur. nur wenig gelitten. Big
Data gelten – je nach
Ideologie – als Bedrohung
oder Lösung aller globa-
len Probleme.

Aufgabe
P E d r o l E n Z , 1965
Ihri Stimm
Im Verlag «Der gesunde Menschenversand» erscheint die Reihe «edition spoken script» mit
aktuellen Texten in verschiedenen Mundarten.

• Wie lässt sich Ihrer Meinung nach der Erfolg der «Spoken-Word-Szene» erklären? Was fällt
am Namen der Reihe und an der Szene auf?
• Lesen Sie die folgende Kürzestgeschichte
© 2018 laut
Verlagvor
SKV – z.Fokus
AG: B. inSprache,
Ihrer Mundart.
Fokus Sprache BM
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• Welche Schwierigkeiten ergeben sich beim Lesen und Schreiben der Mundart?
• Wie lässt sich Beno charakterisieren?
• Wie geht man mit einem wie Beno um?

1 $ER"ENOHEIGZ:ÌRIE4ERMINGHA!USOSIGERMITEM4RAMVOM"AHNHOFW¸GGGFAHRE 
wo d Stimm us em Lutsprächer heigi gseit: «Central».
Är heig di Stimm kennt, sig praktisch sicher gsi und är heig zu sich säuber gseit:
h)GLOUBESNIDÏ$ASISCHDOCHD,OTTEGSIÏv
5 $IE,OTTEHEIGBISVORCHURZEMNOMITIHMUFDER"ANKGSCHAFFET IRGLICHEN!BTEILIG
Und är, der Beno, är heig kei Ahnig gha, dass d Lotte, nachdäm dass si vor Bank furt
SIG E3TÇUAUS3PR¸CHEREFÌRDI$URCHSAGENUFDE:ÌRCHER4RAMLINIEHEIGAAGNOH
Bi jedere Hautstöu heig er glost und spötischtens bim Bellevue heig er ke Zwifu meh
gha.
10 «Bellevue», heig d Lotte gseit, würklech, es sig eidüttig ihri Stimm gsi.
Und wöu är ihri Handynummere no heig gspicheret gha, heig er grad aaglütte und wo si
abgnoh heig, heig er sofort gseit: «He Lotte, säg einisch Bellevue!»
«Bellevue?» Heig si gfrogt.
«Jo, säg einisch Bellevue, aber nid frogend, ender bestimmt.»
15 «Worum?», heig si wöue wüsse, «wieso sött i grad jetz Bellevue säge?»
«I ha di ghört Lotte. Bi grad z Züri im Tram ungerwägs und ha dini Stimm vorhär ghört!
Us em Lutsprächer!»
«Sicher nid!», heig d Lotte gseit, «wüsst nid, worum, dass mini Stimm z Züri im Tram us
em Lutsprächer sött cho.»
20 Si heig aues abgstritte und sithär frog er sech jedes Mou, wenn er z Züri im ne Tram ar
Lotten ihri schöni, aagnähmi Stimm us em Lutsprächer ghöri, worum dass si nid derzue
wöu stoh.
Möglecherwis sigs jo würklech nid d Lotte gsi, han i mi getrout z säge.
Aber das het der Beno nid wöe lo gäute: Eine wien ig, wo weder vor Lotte no vom
25 Bellevue en Ahnig heig, sötti zu däm Thema gschider schwige, het er mer gseit.
Isch guet Beno, isch guet, i schwige. 2014

Literaturatelier 147
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Aufgabe
J ü r g a M a n n , 1947–201 3
Im Turm
Der Terroranschlag am 11. September 2001 zeigte eine neue Dimension der Gewalt: Zwei Pas-
sagierflugzeuge waren entführt und in die beiden Türme des World Trade Centers in New
York gesteuert worden. Die Türme brachen zusammen und begruben gegen 3000 Menschen.

• Lesen Sie den folgenden Text aufmerksam durch, und kennzeichnen Sie die Schlüsselwörter.
• Fassen Sie kurz zusammen, wie das Ereignis geschildert wird.
• Welche Intention verfolgt der Text? Worauf will er hinaus?

1 Etwas musste dort oben geschehen sein, geschah dort offenbar noch immer, von dem
ICHNICHTWUSSTE WASESWAR ALSICHMICHAM$IENSTAG DEN3EPTEMBER GEGEN5HR
morgens von meinem Büro im 73. Stockwerk auf den Weg nach unten begab, in die
Cafeteria im 44. Stockwerk, um dort erst mal einen Kaffee zu trinken, bevor ich zu
5 arbeiten begann. Ich war gerade vom 86. Stockwerk zurückgekommen, wohin ich einen
Kollegen begleitet hatte, den ich im Lift getroffen hatte, um aus seinen Händen eine
Pendenzenmappe entgegenzunehmen und sie in mein eigenes Zimmer hinabzutragen
und auf meinem Pult abzulegen. Irgendetwas war da oben geschehen, geschah dort wei-
ter, von dem ich hier unten nicht die geringste Ahnung hatte. Ich hatte gerade meinen
10 Mantel über den Stuhl gelegt, die Arbeitsunterlagen auf meinem Tisch platziert, den
Computer hochgefahren und mit einem Blick die eingegangenen E-Mails überflogen,
bevor ich mich wieder abgewandt hatte, um auf den Gang vor meinem Zimmer hinaus-
zutreten und den Fahrstuhl aufzusuchen. Etwas war eingeschlagen dort oben, mit einem
gewaltigen Knall, und es knallte noch immer, knallte noch immer weiter, ein Knall ging
15 in den anderen über, knallte, rumorte, krachte, fauchte, zischte, etwa so, als ob 1000
®FENGLEICHZEITIGANGEWORFENWORDENW¸REN)CHRANNTEHINAUS AUFDEN'ANG DURCHDIE
'¸NGE ZUM,IFT ABERDER,IFTGINGNICHT'INGDASCHONNICHTMEHR$IE4ÌRENZUM,IFT-
SCHACHTBLIEBENVERSCHLOSSEN$IE,ICHTKNÇPFE AUFDIEICHDRÌCKTE WARENERLOSCHEN DAS
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Fahrwerk wäre in diesem von oben kommenden Lärm ohnehin nicht mehr zu hören ge-
20 wesen. Ich rannte zum nächsten Lift, da war es dasselbe. Andere waren dazugekommen,
andere Angestellte, Menschen, die ich nicht kannte oder nur vom Sehen, aus anderen
Zimmern, von anderen Gängen, von oben, von unten, die Treppenhäuser herab und her-
auf. Menschen, von allen Seiten, die sich selber und die sich gegenseitig fragten, was
war, was sei, was geschehen sei? Keiner wusste etwas, keiner hatte eine Erklärung, aber
25 alle hatten es gehört, hatten etwas gehört, hörten es, hatten den Turm, in dem sie arbei-
teten, in dem sie alle zur täglichen Arbeit zusammengekommen waren, unter sich, um
sich herum, wanken gefühlt, hatten sich selbst wanken gefühlt, ohne zu wissen, warum,
WASDEN4URM WASSIESELBSTINS7ANKENGEBRACHTHATTE SOEBEN SOEBENNOCHJETZT FÌR
den Augenblick, war es wieder vorbei, sie erzählten einander davon, von dem, was sie
30 wussten und nicht wussten, von dem, was sie erfahren hatten, aber nicht aus eigener
!NSCHAUUNGKANNTEN VONDEM WASSIEHÇRTEN OHNEESZUVERSTEHEN$ENNÌBERUNS
tobte und toste es immer noch, noch immer gleich laut, oder jedenfalls ähnlich laut, nur
dass der erste Schlag, der Schlag, mit dem es begonnen hatte, in ein unablässiges, nicht
ENDENDES$ONNERNÌBERGEGANGENWAR INEINEENDLOSE&OLGEVON$ONNERSCHL¸GEN:WEI
35 sich kreuzende Ströme, hinab und hinauf, wälzten sich durch die Schluchten der Trep-
penhäuser, die, die empordrängten, um der Ursache der Unruhe, die sie nicht kannten,
näher zu kommen, die, die hinunterwollten, weil sie sich vor ihren möglichen Folgen
FÌRCHTETEN$IE DIEHINABWOLLTEN RISSENVIELEVONDENEN DIEHINAUFGEWOLLTHATTEN 
wieder mit sich zurück. Was sollten sie oben, wenn die, die von oben kamen, auch nicht
40 mehr wussten als sie. Was konnte man also wissen, was wollte man wissen? Ich wollte
hinunter. Ich ging und ging. Und vor mir und hinter mir, mit mir und mir entgegen,
gingen die andern. Je länger ich ging, je tiefer ich kam, umso mehr löste sich das Ge-
dränge, das Schieben und Kreuzen, auf den Treppen wieder auf, wurde das Auf und Ab
auf den Stufen wieder zum normalen Werktagsverkehr zwischen den Stockwerken,
45 zwischen den Parteien, wurden aus den Menschentrauben wieder einzelne Menschen,
nur dass die Fahrstühle nicht fuhren, war an ihrer grossen Anzahl abzulesen, aber die
würden nun vielleicht auch bald wieder fahren. Sie fuhren nicht. Ich ging also weiter zu

148 Literaturatelier
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Fuss, versuchte mich daran zu erinnern, was ich eigentlich vorgehabt hatte, grüsste da

MODUL F
und dort ein bekanntes Gesicht, selbst das Lächeln hatte man hier unten wiedergefun-
50 den, vielleicht hatte man es da nie verloren, jedenfalls kehrte auch das meine in meine
Mundwinkel zurück. Je länger ich ging, je tiefer ich kam, umso mehr war das anfäng-
LICHE$ONNERNZUEINEMNURNOCHDROHENDEN'ROLLENGEWORDEN5NDALSICHENDLICH
nach gut 20 Minuten des Weges im 44. Stockwerk ankam und dort die Cafeteria betrat,
fand ich die Kollegen, die da schon waren, und fanden mich die Kollegen, fanden wir
55 alles beinahe wie immer. Nur dass wir alle vom Treppensteigen, hinauf oder hinunter,
ein wenig ausser Atem waren. Und dass in der Ecke, in der der Fernseher wie immer lief,
ein wenig mehr Leute herumstanden als sonst. Und dass sie mit ihren Kaffeebechern in
der Hand nicht wie üblich in ihre eigenen Gespräche vertieft waren, sondern hinhörten
und hinsahen. Und dass auf dem Bildschirm ausnahmsweise keine Animation und auch
60 keine Wiederholung eines Baseballspiels, sondern ausgerechnet das Gebäude zu sehen
war, in dem wir waren. Gerade jetzt waren. In diesem Augenblick, in dem wir dieses
Gebäude auf diesem Bildschirm sahen. Auf dem Bildschirm dieses Fernsehers, der in
diesem Gebäude stand. Oder hing, an der Wand, in der Ecke der Cafeteria, in der wir im
Stehen unseren Frühstückskaffee tranken. Und dieses Gebäude brannte. Unser Hochhaus
65 brannte. Wir brannten. Auf dem Bildschirm, in Farbe, sahen wir es. Flammen schlugen
über unseren Köpfen aus der Krone des Turmes, in dem wir uns befanden, auf allen
Seiten, schossen in wilden Garben und Zacken aus den Fenstern, durch das Glas, durch
den Beton, durch den Stahl, aus Löchern, die das Feuer herausgesprengt hatte, stieg
schwarzer Rauch hinter dem Feuer her, verballte sich
70 mit ihm, stieg über es hinaus, es zurückdrängend, von
ihm emporgetrieben, verdüsterte, verdunkelte in riesi-
gen, sich aufwärtswälzenden Wolken den eben noch
klaren, strahlenden Morgenhimmel. Ein Flugzeug war
in den Turm gestürzt, das wurde gesagt. Ein Flugzeug
75 hatte dort eingeschlagen, so sagten sie da. Wir brauch-
ten einige Zeit, Sekunden, Minuten, bis wir begriffen,
DASSWIRGEMEINTWAREN$ASSUNSDAS WASWIRSAHEN 
etwas anging. Als ich es begriff, stellte ich den leeren
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Becher auf die Theke und begann zu rennen,
Persönliches die ande-
Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
80 ren, die sich nicht vom Bild losreissen konnten, die
noch immer gebannt auf den Bildschirm starrten, die
erstarrt, gelähmt immer noch um den Fernseher in der
Ecke herumstanden, in meinem Rücken zurücklassend.
Ich rannte, so schnell ich konnte, nur hinunter, hinab, hinaus. Und während ich rannte,
85 fielen an mir vorbei, vor den Fenstern, den Glasfassaden entlang, die mich von ihnen
trennten, Gebäudeteile, Mauerteile, Metallstücke, mit wild auseinandergerissenen Ar-
men, kopfüber, sich überschlagend, pfeilgerade, Menschen vom Himmel herab. Ich sah
es, wenn ich den Blick von den Stufen hob. Aus den Liftschächten, neben denen ich die
Treppenhäuser hinunterrannte, drang Rauch. Rauchwolken rollten hinter mir her die
90 Stufen hinunter und überholten mich. In den tragenden Konstruktionen, im Stahl, im
Beton, knirschte und knackte es. Auf den Computerbildschirmen in den offen zurück-
gelassenen Zimmern, an denen ich vorbeikam, wenn ich das Treppenhaus wechselte,
blinkte in Rot das Notsignal «Fire». Feuerwehrleute, Sicherheitsbeamte kamen mir ent-
gegen, die Treppen herauf. Menschen, die ich nicht kannte. Menschen, die mich an Be-
95 kannte erinnerten. Bekannte Gesichter. Je länger ich lief, je tiefer ich kam. Meine Ver-
WANDTSCHAFT$IE%LTERN DIE'ROSSELTERN'ELIEBTE)CHGRÌSSTESIE)CHFORDERTESIEAUF 
mit mir umzukehren, aber sie beachteten mich nicht. Als ich auf die Strasse hinauskam,
stürzte in meinem Rücken der Turm in sich zusammen. Ich sah es nicht, aber ich hörte
ES W¸HRENDMICHDIE$RUCKWELLEVONHINTENERFASSTEUNDMITDEM'ESICHTNACHUNTEN
100 zur Erde warf. 2006

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Aufgabe
laura dE w E c k , 1981
Lieblingsmenschen. Stück in 15 Szenen
Fünf junge Studenten suchen nach ihrem Weg inmitten des scheinbar lockeren und unverbind-
lichen Unilebens. Doch die Zeit zwischen Lernen und Partys hat auch ihre Schattenseiten.

• Worüber reden die Figuren im folgenden Auszug?


• Analysieren Sie das Gesprächsverhalten der Figuren.
• Wie gehen die Figuren mit ihren Gefühlen um?

11. Szene Zigaretten lili Eben nicht.



1 J u l E und l i l i , später a n n a , später s V E n J u l E Sorry.
J u l E Also, frustration-aggressions hypoposis. 50 l i l i Schon gut.
l i l i Meinst du hypothesis, es ist Englisch. J u l E  7ARUMWEINSTDUDENNJETZTm$UWEINSTSO
J u l E Weiss ich doch, also hüpotheisis? schnell in letzter Zeit.
5 l i l i Also . .. das ist eine Hypothese, die besagt, –
dass Aggression ein Resultat von Frustration  $EINE!UGENWERDENIMMERDICKER
ist. 55 l i l i Tja, bald seh ich nichts mehr.
J u l E Find ich ja ziemlich einfach. J u l E Was?
l i l i Ja, das schon, aber frag mal weiter. l i l i Nichts.
10 J u l E Also cataharsis. J u l E Was ist nichts?
l i l i  $UMEINSTcatharsis. l i l i Nichts.
J u l E Wenn du’s schon weisst, muss ich dich ja 60 J u l E  $IRMÌSSTEESDOCHGUTGEHEN HATTESTDOCH
nicht mehr abfragen. guten Sex.
l i l i Also, Katharsis ist der Abbau . .. l i l i Jule, du hast tausendmal gesagt, dass es
15 J u l E Ne, der Abfluss. OKAYFÌRDICHIST DASSICHMIT$ARIUSWAS
l i l i ... ist der Abfluss aggressiver Energie durch hatte.
die Äusserung von ... Reaktionen 65 J uFokus
... SKV AG: Fokus Sprache,
© 2018 Verlag Ist es BM
l E Sprache aber nicht.
Persönliches Exemplar von Petra Trostel,
l i l8570
i Weinfelden
Und woher soll ich das wissen?
J u l E Aggressiver Reaktionen.
l i l i Ja, das ist schon klar ... also, bla, bla, durch J u l E So was weiss man.
20 die Äusserung aggressiver Reaktionen oder l i l i Aber wenn du mir nichts sagst.
... anderer Verhaltensformen. J u l E  $ANNWEISSMANSOWASTROTZDEM
J u l E Oder alternativer Verhaltensformen. 70 l i l i Wieso denn?
l i l i Ja, ja, das mein ich ja damit, Mann. J u l E Wenn man ehrlich ist, weiss man das.
J u l E Es steht aber anders da. –
25 l i l i Gut, alternativer Verhaltensformen. Weiter. l i l i Ich konnte das nicht wissen.
J u l E Ne, ne, du bist mit dem Begriff noch nicht J u l E  $USTUDIERSTDOCH7ISSEN
fertig. 75
l i l i Was denn? Auftritt Anna
J u l E  $ASTEHTNOCHWASVONhostile . .. a n n a Haallo.
30 l i l i  $ASMUSSICHNICHTWISSEN J u l E Hey.
J u l E Aber es steht da. l i l i Mm.
l i l i Aber das gehört nicht zum Prüfungsstoff. 80 –
J u l E Und wenn’s dann doch kommt. a n n a Störe ich?
l i l i Es kommt aber nicht. J u l E Etwas, ja.
35 J u l E Aber wenn’s doch dasteht. a n n a Ich bin gleich wieder weg, ich warte nur auf
l i l i  $ASISTEGALÏ jemanden.
J u l E Gut, nur dass du weiss, dass es dasteht. 85 J u l E Macht Phillip endlich mal ‚ne Lernpause.
l i l i Jetzt mach einfach weiter. a n n a Ich weiss nicht, was Phillip macht.
– J u l E und l i l i Was?
40 J u l E Bist du frustriert? a n n a Ich habe mit ihm Schluss gemacht.
l i l i Nein. J u l E und l i l i Was?
J u l E Nur, weil du so aggressiv bist. 90 a n n a Ja.
l i l i Hau ab, du nervst. –
J u l E Oh. J u l E Aber warum denn?
45 l i l i Kann mit dir nicht lernen. a n n a Es ging nicht mehr.
J u l E Kannst ja eh schon alles. l i l i Aber wieso denn?

150 Literaturatelier
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Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
a n n a Weil es nicht mehr ging. J u l E Aber Anna, ihr wart doch sechs Jahre zusam-

MODUL F
95
J u l E Was ging denn nicht? 120 men.
a n n a $ASKENNTIHRDOCHAUCH DASSESPLÇTZLICH a n n a Ja.
nicht mehr geht. J u l E  $AKANNSTDUDOCHNICHTEINFACHEINE3-3
– schreiben.
100 l i l i Aber Anna, der hat doch in einer Woche a n n a Wieso nicht.
Prüfungen. 125 l i l i Hat er dich betrogen?
a n n a Na und. a n n a Nein.
l i l i  $UBISTSOKRASS l i l i Hast du dich verliebt?
a n n a Warum? a n n a Nein.
105 l i l i  $
 UH¸TTESTDOCHNOCHEINE7OCHEWARTEN J u l E Aber es war doch so schön.
können. 130 a n n a Was war so schön?
a n n a Wenn’s doch nicht mehr geht. J u l E  $ASSESGING
l i l i Aber eine Woche hättest du doch noch aus- a n n a Jetzt geht’s eben nicht mehr.
gehalten. J u l E Es war so schön.
110 a n n a Nein. l i l i  $IE&RAUISTSOKRASS
l i l i  $UBISTSOKRASS 135 a n n a Warum denn?
J u l E Aber er liebt dich doch. l i l i  $
 ERMUSSINEINER7OCHESEINE0RÌFUNGEN
a n n a Ich weiss. schreiben.
J u l E Wie geht’s ihm denn jetzt? a n n a $ASWEISSICHDOCH
115 a n n a $ASWEISSICHNICHT J u l E und l i l i Aber Anna . ..
J u l E Aber der hat doch sicher reagiert. 140 a n n a Was ist denn los mit euch? Ich hab doch ein-
a n n a Ich habe ihm eine SMS geschrieben. fach nur mit meinem Freund Schluss ge-
l i l i  $IE&RAUISTSOKRASS macht, das macht ihr doch die ganze Zeit.
2007

Aufgabe
Seit 2002 veröffentlicht Wolfgang Bortlik regelmässig
© 2018 Gedichte
Verlag SKV AG: in der
Fokus Sprache, NZZ
Fokus am BM
Sprache Sonntag. Das
Besondere dabei ist, dass er die Welt des Sports –Exemplar
Persönliches meistens desTrostel,
von Petra Fussballs – mit der Welt der
8570 Weinfelden

«klassischen» deutschen Lyrik zusammenbringt.

• Vergleichen Sie die beiden folgenden Gedichte, und untersuchen Sie inhaltliche, sprachliche
und formale Gemeinsamkeiten und Unterschiede.

H E i n r i c H H E i n E , 1797 –1856 w o l F g a n g B o r t l i k , 1 95 2
Neuer Frühling VI Frühlingslied
Leise zieht durch mein Gemüt Leise zieht durch mein Gemüt
Liebliches Geläute. Liebliches Geläute
Klinge, kleines Frühlingslied, Sportgedicht als Frühlingslied
Kling hinaus ins Weite. Kling hinaus ins Weite
Kling hinaus, bis an das Haus, Kling hinaus ins Freie hin
Wo die Blumen spriessen, An die vielen Orte
Wenn du eine Rose schaust, Wo mit Lust und mit Gewinn
Sag, ich lass sie grüssen. 1830 Menschen sind beim Sporte
Eingesperrt in dieses Buch
Kling aus dessen Seiten
Sei stets klar und gut und such
Anmerkung Wolfgang Bortliks zu seinem Gedicht: Freude zu bereiten
Den Anschub für dieses Gedicht hat der grosse Heinrich
Heine gegeben. Ich stelle mir sowieso gerne vor, dass die Lass dich kaufen sonder Zahl
Dichter früherer Zeiten Fussballfans gewesen wären, hätte In ganz grosser Masse
 diesen schon gegeben. (…) Und auch mit Buchseiten
es $EIN0APIERSTOPFTAUCHBANAL
kann man nasse Fussballschuhe perfekt ausstopfen. Fussballschuhe, nasse! 2006

Literaturatelier 151
© 2018 Verlag SKV AG: Fokus Sprache, Fokus Sprache BM
Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
F r a n Z H o H l E r , 1 943
The Last Show
Lesen Sie folgenden Text, und beantworten Sie die Leitfragen.
• Was für ein Zürich wird hier geschildert?
• In welchem Zustand befindet sich der Ich-Erzähler?
• Welche Intention meinen Sie im Text zu erkennen?

F r i t Z E c k E n g a , 1955 1 $ER&ILMISTZU%NDE UNDW¸HRENDAUFDEM!BSPANNDIE.AMENALLER(ILFSKR¸FTEDES


ARD, Sonntag, 20.48 Uhr -EISTERSVONUNTENNACHOBENGEZOGENWERDEN "EST"OY 'AFFER $RIVERUND$UT-
zende andere, treten wir aus dem Kino Piccadilly, mit dem verschleierten Blick und
Keller – Fliesen – Neonlicht. dem behutsamen Gang von Verzauberten. Ein Magier hat einen Vorhang geöffnet,
Weisser Kittel – Graugesicht. 5 und was er uns dahinter zeigte, nannte er Show, singende Schwestern traten auf,
Kalter Körper – blanker Stahl.
drittklassige Cowboys, alternde Schlagersänger, ein zynischer Entertainer, ein stel-
Grosser Onkel – Zettel – Zahl.
lenloser Privatdetektiv und ein Todesengel. Er nannte es Show, aber eigentlich tat
Rosa Sirup – Wasserhahn. sich hinter dem Vorhang ganz Amerika auf. Er nannte es Show, aber es war Welt-
Blutlaufrinne – Chromagan. theater. Er hat uns den Schmelz der Vergänglichkeit gezeigt, die Grazie des Gewöhn-
Blanker Brustkorb – Ypsilon. 10 lichen, die Einmaligkeit des Lebens.
Nadel – Faden – Telefon.
Wir können uns nicht einfach in den Zug setzen oder ins Tram und nach Hause fah-
Saxofon spielt da-da-da. ren, sondern müssen noch ein paar Schritte durch dieses Leben machen, vorbei an
Pathologe: Ja? Wer da? dem Pulk von Punks in der Parkanlage, die in grossen Gesprächen mit Bierdosen in
+OMMISSAR$ER+OMMISSAR der Hand ihre heiser bellenden Hunde zu übertönen versuchen, mitten durch die
Pathologe: Hm, is’ klar. 15 Ströme von Menschen, die auf der Suche nach irgendeiner letzten Show durch die
Strassen dahintreiben, durchqueren eine Schlange, die über das ganze Trottoir vor
Saxofon spielt da-da-da.
Kommissar fragt: Sangsema, EINEM$ANCINGANSTEHT SCHLENDERNANDEN4ISCHENDER3TRASSENCAF¼SVORBEI DIEBIS
was sind das denn da für Töne? auf den letzten Stuhl besetzt sind, von Vergnügungssehnsüchtigen, Glücklichen und
Pathologe: Saxoföne. Glücksuchenden. Am Limmatquai taucht ein Wagen der Linie 13 auf, unwirklich
20 leise, er ist hier auf der falschen Strecke, rollt daher, als hätte er sich aus dem Tram-
Kommissar: Gibt es Befunde?
depot davongestohlen, um sich unter die Flanierenden zu mischen.
Essensreste in der Wunde?
Spermaspuren? Rattenkot? Aus der Halle vor der Wasserkirche hören wir Klänge, die viel zu schön sind für das
Wie lang ist die Leiche tot? Akkordeon,
© 2018demVerlagsie
SKV ein Spieler
AG: Fokus entlockt,
Sprache, nicht
Fokus Sprache BMHandorgel-, Orgelklänge sind es, Prä-
Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
ludien und Fugen von Bach, und wir gesellen uns zu den Lauschenden, die einen
Saxofon spielt da-da-da. 25 Halbkreis um ihn gebildet haben oder an Wänden und Säulen lehnen, ab und zu löst
Pathologe: Pff, na ja,
SICHJEMAND KANNNICHTANDERS ALSAUFIHNZUGEHENUNDEINE-ÌNZEINDIE$OSE
Zuckt die Schulter, kratzt die
Wange werfen, die der russische Virtuose vor sich hingestellt hat. Als wir uns umdrehen,
und sagt schliesslich: Noch um weiterzugehen, fährt ein doppelstöckiger roter Bus aus London über die Brücke,
sehr lange. und wir wissen einen Moment nicht mehr, wo wir sind, ebenso, als mich wenig
30 später am Paradeplatz ein junger Mann umarmt, der sich als nackte dicke Frau ver-
kleidet hat.
$OCH ESIST:ÌRICH DASGANZGEWÇHNLICHE:ÌRICH INDEMWIRWOHNEN 3AMSTAG-
nacht, zu Beginn des Sommers, you see, saturday night, würde der Magier sagen,
bevor er den Vorhangzipfel wieder fallen liesse. Halt ihn noch einen Moment. Viel-
35 leicht wird die Stadt morgen früh abgebrochen. 2008/2014

Literatur hören und sehen


Literaturverfilmungen liegen im Trend, und zahlreiche Internetseiten informieren ausführlich.
Äusserst erfolgreich sind u. a. folgende Filme nach Werken von Schweizer Autoren: Pascal
Mercier (Pseudonym für Peter Bieri): «Nachtzug nach Lissabon»; Martin Suter: «Small
World», «Der Teufel von Mailand, «Der Koch»; Pedro Lenz: «Der Goalie bin ig» (Film des
Jahres 2014).

• Was bleibt
• Analysieren und vergleichen Sie ein Buch mit einer aktuellen Verfilmung.
• Welche (Mundart-)Gedichte können Sie auswendig aufsagen, welche Songtexte?
• Warum und wie haben Sie diese gelernt?
• Machen Sie eine Umfrage zu den Lesegewohnheiten unterschiedlicher Altersgruppen.

152 Literaturatelier
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Persönliches Exemplar von Petra Trostel, 8570 Weinfelden
9 Übungstexte aus verschiedenen Epochen

MODUL F
9.1 «Beziehungstexte»
In den folgenden drei Texten – von Martin Suter, Johann Peter Hebel und Wolf Wondratschek –
geht es um Beziehungen.

• Analysieren und vergleichen Sie die drei Texte.


• Wie gehen die Figuren miteinander um?

M a r t i n s u t E r , 1948
Die Frau hinter Willimann
1 Falls Zuber Willimann vorgezogen wird, dann bestimmt nicht wegen ihr. Sie hat ihre
Hausaufgaben gemacht: zwei Weinseminare, eines für Einsteiger, eines für Fortgeschrit-
TENEFÌNF+OCHKURSE DARUNTER4HAIUND3USHIh4AFEL &REUDEv %INFÌHRUNGINDIE4ISCH-
DEKORATIONINDREI,EKTIONENJEWEILSDONNERSTAGS +ONVERSATIONSKURSEIN&RANZÇSISCH
5 UND%NGLISCH&ARBBERATUNGSIEISTh7INTERv MITh(ERBSTvIM!SZENDENTEN 3CHMINK
SEMINARNACH+ATE-ILLER DER6ISAGISTINVON,IZ4AYLOR4AI#HI 'INSENG 'INGKO 
Nachtkerzenöl.
$ER"ALLLIEGTJETZTBEI7ILLIMANN$ERSPIELTSEINE3T¸RKENAUSSTRATEGISCHES0LANEN 
STRUKTURELLES$ENKEN ANALYTISCHES6ORGEHEN &LEXIBLERESPONSEUND-ARIANNE6OR
10 allem der letzte Trumpf lässt Zuber schlecht aussehen: Er ist geschieden! Schuldig.
%INE&RAUENGESCHICHTE$ASWIRFTIHNNATÌRLICHWEITZURÌCKIM2ENNENUMDIE2EGIONAL-
DIREKTION(OFFNUNGSLOSWEIT WENN3IE7ILLIMANNFRAGEN$ENNWIEWILLEINERDIEPRI
vaten Repräsentationspflichten eines Regionaldirektors erfüllen ohne das partnerschaft-
liche Backup einer gastgeberisch geschulten Partnerin?
15 Willimann erhöht ganz unmerklich die Kadenz der abrechenbaren Privatbewirtun-
gen. Marianne schmeisst eine Spaghettata mit sechs Sorten Sugo (tutti fatti in
CASA FÌREINEN4ÌRRAHMENFABRIKANTENUNDSEINEWELSCHE&RAU4ISCHSPRACHE
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LEFRAN”AISÏ UND7ILLIMANNL¸DTDAZUALSINTERNE:EUGEN'ERSCHWILERUND&RAU
ein, auf dessen Mitteilungsbedürfnis er sich blind verlassen kann.
20 -ARIANNEVERBLÌFFTDEN%NTSCHEIDUNGSTR¸GEREINESPOTENTIELLEN'ROSSKUNDEN%$6 
UNDDESSENJAPANISCHE&RAUMITEINEM3USHI !BEND%NGLISHSPOKEN )NTERNE
:EUGIN&RAU0ICCANDMIT'ATTE 7IESNERS!SSISTENTIN MITDERSIESICHL¸NGERE
Zeit und sachkundig über tibetanische Klangschalen unterhält. Ein triumphaler
Abend.
25 $ANNH¸LT7ILLIMANNDIE:EITREIFFÌRDEN&ANGSCHUSS%RL¸SST-ARIANNEEINE
Weindegustation arrangieren für eine gemischte Gruppe ex- und interner Kader,
DARUNTER7IESNERHIMSELFMIT&RAU UNDm:UBERBEDAUERLICHERWEISEOHNE 
Marianne übertrifft selbst Willimanns kühnste Erwartungen. Kreiert olfaktorische
Umschreibungen für die degustierten Weine («sonnenbeschienenes Kastanienlaub»,
30 h3CHWEINSLEDERABRIEBv h!PFELW¸HEVOM6ORTAGv L¸SST7IESNERWIEDENGROSSEN7EIN-
KENNERAUSSEHEN7IESNER DERMIT-ÌHE7EINVON"IERUNTERSCHEIDENKANNÏ ERLÇST
Frau Wiesner durch eine beiläufige Reiki-Behandlung von einer schmerzhaften Verspan-
nung im Schulterbereich und führt Zuber vor wie einen dressierten Pudel: flirtet mit
ihm, wickelt ihn nach Belieben um jeden Finger und demaskiert ihn vor Wiesner als den
35 labilen, hormonbestimmten, repräsentationsuntauglichen Schürzenjäger, der er ist.
%SKOMMTSO WIE7ILLIMANNESVORAUSGESEHENHAT$IE&RAUHINTER7ILLIMANNENTSCHEI-
det das Rennen um die Regionaldirektion.
Sie wird die Frau hinter Zuber. 2000

Literaturatelier 153
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J o H a n n P E t E r H E B E l , 1 76 0 –1 82 6
Unverhofftes Wiedersehen
1 In Falun in Schweden küsste vor guten fünfzig Jahren und mehr ein junger Bergmann
seine junge hübsche Braut und sagte zu ihr: «Auf Sankt Luciä wird uns unsere Liebe von
DES0RIESTERS(ANDGESEGNET$ANNSINDWIR-ANNUND7EIBUNDBAUENUNSEINEIGENES
Nestlein.» – «Und Friede und Liebe soll darin wohnen», sagte die schöne Braut mit
5 holdem Lächeln, «denn du bist mein Einziges und Alles, und ohne dich möchte ich
lieber im Grab sein, als an einem anderen Ort.» Als sie aber vor St. Luciä der Pfarrer
zum zweiten Mal in der Kirche ausgerufen hatte: «So nun jemand Hindernis wüsste an-
zuzeigen, warum diese Personen nicht möchten ehelich zusammenkommen», da meldete
sich der Tod$ENNALSDER*ÌNGLINGDENANDERN-ORGENINSEINERSCHWARZEN"ERG-
10 mannskleidung an ihrem Haus vorbeiging, der Bergmann hat sein Totenkleid immer an,
da klopfte er zwar noch einmal an ihrem Fenster und sagte ihr guten Morgen, aber
keinen Abend mehr. Er kam nimmer aus dem Bergwerk zurück, und sie säumte vergeb-
lich selbigen Morgen ein schwarzes Halstuch mit rotem Rand für ihn zum Hochzeitstag,
sondern als er nimmer kam, legte sie es weg und weinte um ihn und vergass ihn nie.
15 Unterdessen wurde die Stadt Lissabon in Portugal durch ein Erbeben zerstört, und der
Siebenjährige Krieg ging vorüber, und Kaiser Franz der Erste starb, und der Jesuiten-
orden wurde aufgehoben und Polen geteilt, und die Kaiserin Maria Theresia starb, und
der Struensee wurde hingerichtet, Amerika wurde frei, und die vereinigte französische
UNDSPANISCHE-ACHTKONNTE'IBRALTARNICHTEROBERN$IE4ÌRKENSCHLOSSENDEN'ENERAL
20 3TEININDER6ETERANER(ÇHLEIN5NGARNEIN UNDDER+AISER*OSEPHSTARBAUCH$ER+ÇNIG
Gustav von Schweden eroberte russisch Finnland, und die Französische Revolution
und der lange Krieg fing an, und der Kaiser Leopold der Zweite ging auch ins Grab.
Napoleon eroberte Preussen, und die Engländer bombardierten Kopenhagen, und die
!CKERLEUTES¸ETENUNDSCHNITTEN$ER-ÌLLERMAHLTE UNDDIE3CHMIEDEH¸MMERTEN UND
25 die Bergleute gruben nach Metalladern in ihrer unterirdischen Werkstatt. Als aber die
Bergleute in Falun im Jahr 1809 etwas vor oder nach Johannis zwischen zwei
3CHACHTENEINE®FFNUNGDURCHGRABENWOLLTEN GUTEDREIHUNDERT%LLENTIEFUNTERDEM
Boden, gruben sie aus dem Schutt und Vitriolwasser den Leichnam eines Jünglings
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heraus, derPersönliches
ganz mitExemplar
Eisenvitriol durchdrungen,
von Petra Trostel, sonst aber unverwest und unverändert
8570 Weinfelden
30 WARALSODASSMANSEINE'ESICHTSZÌGEUNDSEIN!LTERNOCHVÇLLIGERKENNENKONNTE ALS
wenn er erst vor einer Stunde gestorben, oder ein wenig eingeschlafen wäre an der
Arbeit. Als man ihn aber zu Tag ausgefördert hatte, Vater und Mutter, Gefreundete und
Bekannte waren schon lange tot, kein Mensch wollte den schlafenden Jüngling kennen
oder etwas von seinem Unglück wissen, bis die ehemalige Verlobte des Bergmanns kam,
35 der eines Tages auf die Schicht gegangen war und nimmer zurückkehrte. Grau und zu-
sammengeschrumpft kam sie an einer Krücke an den Platz und erkannte ihren Bräu-
TIGAMUNDMEHRMITFREUDIGEM%NTZÌCKENALSMIT3CHMERZSANKSIEAUFDIEGELIEBTE
Leiche nieder, und erst als sie sich von einer langen heftigen Bewegung des Gemüts er-
holt hatte, «es ist mein Verlobter», sagte sie endlich, «um den ich fünfzig Jahre lang ge-
40 trauert hatte und den mich Gott noch einmal sehen lässt vor meinem Ende. Acht Tage
VORDER(OCHZEITISTERUNTERDIE%RDEGEGANGENUNDNIMMERHERAUFGEKOMMENv$A
wurden die Gemüter aller Umstehenden von Wehmut und Tränen ergriffen, als sie sahen
die ehemalige Braut jetzt in der Gestalt des hingewelkten kraftlosen Alters und den
Bräutigam noch in seiner jugendlichen Schöne, und wie in ihrer Brust nach 50 Jahren
45 DIE&LAMMEDERJUGENDLICHEN,IEBENOCHEINMALERWACHTEABERERÇFFNETEDEN-UND
NIMMERZUM,¸CHELNODERDIE!UGENZUM7IEDERERKENNENUNDWIESIEIHNENDLICHVON
den Bergleuten in ihr Stüblein tragen liess, als die Einzige, die ihm angehöre und ein
2ECHTANIHNHABE BISSEIN'RABGERÌSTETSEIAUFDEM+IRCHHOF$ENANDERN4AG ALS
das Grab gerüstet war auf dem Kirchhof und ihn die Bergleute holten, schloss sie ein
50 Kästlein auf, legte sie ihm auf das schwarzseidene Halstuch m