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RUSSISCHE

VOLKSMÄRCHEN
Herausgegeben von

Prof. Dr. Erna Pomeranzewa

Akademie-Verlag Berlin
1966
Volksmärchen
Eine internationale Reihe

Herausgegeben von

Prof. Dr. Julian Krzyzanowski, Warschau


Prof. Dr. Gyula Ortutay, Budapest, und
Prof. Dr. Wolfgang Steinitz, Berlin

Aus dem Russischen übersetzt von


Günter Dalitz
Fachredaktion
Dr. Gisela Burde-Schneidewind

4. Auflage, 22. – 31. Tausend


Erschienen im Akademie-Verlag GmbH
108 Berlin, Leipziger Straße 3 – 4
Copyright 1964 by Akademie-Verlag GmbH
Lizenznummer: 202 – 100/267/66
Gesamtherstellung: IV/2/14 – VEB Werkdruck,
445 Gräfenhainichen 2673
Bestellnummer: 2121/1 ES 8 B, 14 G
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Dieses eBook ist nicht für den


Verkauf bestimmt.
Tiermärchen ..................................................9
1 Fuchs und Wolf .........................................9
2 Wie die Füchsin die Wehmutter gemacht
hat ..................................................... 16
3 Wie die Füchsin das Klageweib gemacht
hat ..................................................... 18
4 Fuchs und Kranich ................................... 21
5 Kater und Füchsin ................................... 23
6 Fuchs, Hase und Hahn ............................. 28
7 Bauer, Bär und Fuchs .............................. 31
8 Undank ist der Welt Lohn ......................... 34
9 Der dumme Wolf ..................................... 37
10 Kranich und Reiher ................................ 43
11 Der Hahn und die Bohne......................... 45
12 Die Ziege ............................................. 48
13 Wie das Schwein zu Tanze ging ............... 52
14 Das Schlößchen..................................... 56
15 Die Ziege Naseweis................................ 58
16 Das Schweinchen .................................. 65
17 Der Pfannkuchen ................................... 69

Zaubermärchen ............................................ 73
18 Der Kater mit dem Goldschwanz .............. 73
19 Das Schneekind .................................... 81
20 Die habgierige Alte ................................ 85
21 Das bucklige Pferdchen .......................... 89
22 Der Wildwolf und Iwan Zarewitsch ......... 103
23 Iwan-Wassersohn und Michail-
Wassersohn....................................... 119
24 Der Unterfähnrich................................ 138
25 Wanjuschka ........................................ 161
26 Wanjuschka der Dummkopf .................. 176
27 Jemelja der Dummkopf ........................ 192
28 Die Feder von Finist dem edlen Falken.... 213
29 Die schöne Wassilissa .......................... 224
30 Maria Morewna.................................... 238
31 Iwan Zarewitsch und Blauäuglein, die
Heldenjungfrau .................................. 253
32 Iwan Zarewitsch und die schöne Maria
mit dem schwarzen Zopf ..................... 270
33 Andrej der Jäger.................................. 298
34 Als sich Mücke und Fliege bekriegten...... 340
35 Die Froschzarin ................................... 378
36 Die Tochter des Zaren .......................... 385
37 Die Schafe im Meer.............................. 394
38 Der weise Iwan ................................... 405
39 Der Adler-Zarewitsch und sein Sohn....... 417
40 Das goldene Ei .................................... 432
41 Von Nikita dem Herumtreiber ................ 454
42 Die Zarin ohne Arme............................ 469
43 Fürst Pjotrs treue Gemahlin .................. 475
44 Schwesterchen Aljonuschka und
Brüderchen Iwanuschka ...................... 488
45 Junker Frost ....................................... 494
46 Iwaschko und die Hexe ........................ 502
47 Die wilden Schwäne ............................. 509
48 Daumengroß....................................... 512
49 Der Soldat und der Teufel ..................... 519
50 Der Hexenmeister ............................... 521
51 Der Soldat im Jenseits.......................... 526
52 Der Schmied und der Teufel.................. 536
53 Vom Hammerschmied und dem Teufel.... 540
54 Die Sorge ........................................... 545

Heldenmärchen – Historische Märchen –


Abenteuermärchen ..................................... 553
55 Nikita der Gerber................................. 553
56 Die Mär von Ilja Muromez..................... 556
57 Jeruslan Lasarewitsch .......................... 594
58 Erzählung von Bowa dem Königssohn,
dem ruhmreichen und starken Recken... 634
59 Wie eine Löwin einen Zarensohn aufzog.. 676
60 Die zwei Kaufleute ............................... 692
61 Des Zaren Handwerksmeister................ 718
62 Der Töpfer.......................................... 727
63 Peter der Große und der Soldat ............. 732

Satirische Alltagsmärchen ............................ 744


64 Das Hühnchen Tataruschka................... 744
65 Das besprochene Wasser ...................... 747
66 Der Topf............................................. 751
67 Das zanksüchtige Weib......................... 757
68 Das geschwätzige Weib ........................ 758
69 Lutonjuschka ...................................... 761
70 Mikola Duplenski ................................. 764
71 Die Alte.............................................. 768
72 Das kluge Mädchen.............................. 776
73 Das vergnügte Kloster.......................... 781
74 Kirik .................................................. 788
75 Wie ein Pope seine Knechte plagte ......... 791
76 Der alte Ossip und die drei Popen .......... 797
77 Des Ziegenbocks Begräbnis .................. 819
78 Der gutmütige Pope ............................. 823
79 Der Bauer und der Pope ....................... 825
80 Der lüsterne Pope................................ 829
81 Der musikalische Pope ......................... 833
82 Der listige Bauer ................................. 835
83 Der Herr und der Zimmermann ............. 841
84 Der Herr als Schmied ........................... 844
85 Der Herr und der Bauer ........................ 847
86 Die böse Herrin ................................... 850
87 Wie ein Bauer Gänse teilte.................... 853
88 Von der Not ........................................ 859
89 Die Herrin und die Kücken .................... 862
90 Der Herr und der Hund......................... 867
91 Das Urteil des Schemjaka ..................... 873
92 Ein Lügenmärchen ............................... 876
93 Ein Neckmärchen (Parodie) ................... 877

ANHANG.................................................... 878
Nachwort ................................................ 878
Verzeichnis der in den Anmerkungen
genannten Literatur ............................ 927
Anmerkungen.......................................... 930
Tiermärchen

1
Fuchs und Wolf
Es lebten einmal ein Mann und eine Frau. Der
Mann sagt zu seiner Frau: „Backe du Piroggen,
Frau, ich will zum Fluß fahren und Fische fangen.“
Er fing eine Menge Fische, einen ganzen Wagen
voll. Wie er wieder nach Hause fährt, liegt da der
Fuchs zusammengerollt auf der Straße. Der Mann
klettert vom Wagen, geht auf den Fuchs zu, aber
der rührt sich nicht, sondern liegt wie tot. „Das
wird ein Geschenk für mein Weib“, sagte der
Mann, nahm den Fuchs, lud ihn auf den Wagen
und lief selbst voran. Der Fuchs aber nutzte die
Gelegenheit und warf behutsam ein Fischlein nach
dem anderen vom Wagen. Als er den letzten Fisch
heruntergeworfen hatte, machte er sich selbst da-
von.
„Schau, Alte“, sagt der Mann, „was für einen
Pelzkragen ich dir mitgebracht habe!“ – „Wo
denn?“ – „Dort auf dem Wagen, Fische und einen
Kragen.“ Die Frau ging zum Wagen, aber da wa-
ren weder Kragen noch Fische. Sie begann ihren
Mann zu schelten:
„So alt du bist, so albern bist du auch! Jetzt
willst du mich noch zum besten halten!“

9
Da merkte der Mann, daß der Fuchs nicht tot
gewesen war, und ließ den Kopf hängen. Aber es
war zu spät.
Der Fuchs aber trug alle Fische, die auf der
Straße verstreut lagen, zu einem Haufen zusam-
men, setzt sich und läßt es sich schmecken. Da
kommt der Wolf des Wegs: „Guten Tag, Gevat-
ter!“ – „Gib mir von deinen Fischen!“ – „Fang dir
selbst welche, dann kannst du sie auch essen.“ –
„Ich verstehe nichts vom Fischfang.“ – „Ei, das ist
keine Kunst, ich habe ja auch welche gefangen.
Geh nur zum Fluß, Gevatter, und laß deinen
Schwanz zum Eisloch hineinhängen; dann kom-
men die Fische von selbst und beißen sich im
Schwanz fest. Du mußt aber hübsch lange sitzen
bleiben, sonst fängst du nicht genug.“
Der Wolf ging zum Fluß und hing seinen
Schwanz ins Eisloch; die Geschichte hat sich näm-
lich im Winter zugetragen. Da saß er nun die gan-
ze Nacht hindurch, und der Schwanz fror ihm am
Eise an. Er versuchte aufzustehen, aber es ging
nicht. „Ei, wieviele Fische schon angegebissen ha-
ben, ich kann sie gar nicht herausziehen“, denkt
er. Da kommen die Frauen aus dem Dorf, um
Wasser zu holen. Sie sehen den Grauen und
schreien: „Ein Wolf, ein Wolf! Schlagt ihn, schlagt
ihn!“ Sie liefen herbei und fingen an, den Wolf zu
prügeln, die eine mit dem Trageholz, die andere
mit dem Eimer, was ihnen gerade unter die Hände
kam. Der Wolf zerrte hin, zerrte her, riß sich
schließlich den Schwanz ab und rannte davon,

10
was das Zeug hielt. „Warte nur“, denkt er, „das
will ich dir schon heimzahlen, Gevatter!“
Der Fuchs aber, nachdem er die Fische aufge-
gessen, wollte probieren, ob er nicht noch irgend
etwas könne mitgehen heißen. Schlich heimlich in
eine Bauernhütte, in der die Frauen Pfannkuchen
buken, geriet mit dem Kopf in einen Kübel voller
Teig, beschmierte sich den ganzen Kopf und rennt
davon. Da begegnet er dem Wolf. „Solche Lehren
also gibst du? Ich bin jämmerlich verprügelt wor-
den!“ – „Ach, Gevatter“, sagt der Fuchs, „du hast
nur ein wenig Blut lassen müssen, mir aber haben
sie das Gehirn aus dem Schädel geprügelt; ich
kann mich kaum noch auf den Beinen halten.“ –
„Ja, das sieht man“, sagt der Wolf, „du kannst
wahrhaftig nicht mehr laufen; setz dich auf mich,
ich werde dich heimtragen.“ Das tat der Fuchs,
und der Wolf trabte mit ihm los. Wie er nun so
sitzt, spricht er leise vor sich hin: „Der Geprügelte
trägt den Nichtgeprügelten, der Geprügelte trägt
den Nichtgeprügelten.“ – „Was sprichst du da,
Gevatter?“ – „Ich sage: ein Geprügelter trägt den
anderen.“ – „So ist es, Gevatter, genau so ist es!“
„Komm, Gevatter Wolf, wir wollen uns jeder ei-
ne Hütte bauen!“ – „Immer zu, Gevatter Fuchs!“ –
„Ich baue mir eine Rindenhütte, und du baust dir
eine aus Eis.“ Sie machten sich an die Arbeit und
bauten sich jeder eine Hütte: der Fuchs eine Rin-
denhütte, der Wolf eine aus Eis. Darin wohnten
sie nun. Als der Frühling kam, begann die Wolfs-
hütte zu schmelzen.

11
„Gevatter, Gevatter!“ sagt der Wolf, „du hast
mich wieder betrogen; dafür muß ich dich fres-
sen!“ – „Komm mit, Gevatter, wir wollen das Los
entscheiden lassen, wer von uns wen fressen
darf.“ Und der Fuchs führte den Wolf in den Wald
an eine tiefe Grube und sagt: „Springe hinüber!
Wenn du die Grube überspringst, darfst du mich
fressen, kommst du aber nicht hinüber, dann darf
ich dich fressen.“ Der Wolf sprang und fiel in die
Grube hinein. „Nun bleib nur schön hier sitzen!“
sagt der Fuchs und ging davon.
Er geht, trägt ein Rollholz in den Pfoten und bit-
tet einen Bauern, ihn in seine Hütte einzulassen.
„Laß den Gevatter Fuchs bei dir die Nacht zubrin-
gen.“ – „Bei uns ist es schon ohne dich eng ge-
nug!“ – „Ich werde euch nicht zur Last fallen; ich
selbst lege mich auf die Ofenbank, den Schwanz
klemme ich unter die Bank, und das Rollholz
schiebe ich unter den Ofen.“ Da wurde er einge-
lassen. Er legte sich auf die Ofenbank, den
Schwanz klemmte er unter die Bank, und das
Rollholz schob er unter den Ofen. Früh am Morgen
stand der Fuchs auf und verbrannte das Rollholz.
Dann fragte er: „Wo ist denn mein Rollholz? Es ist
mir auch um eine Gans nicht feil!“ Was wollte der
Bauer machen, er mußte ihm für das Rollholz eine
Gans geben. Da nahm der Fuchs die Gans, zieht
davon und singt:

„Es zog ein Füchslein die Straße entlang:


Was trug’s in seinen Pfoten? – Ein Rollholz.
Fürs Rollholz eine Gans!“

12
Poch, poch, poch, klopft er an die Hütte des
zweiten Bauern. „Wer ist da?“ – „Ich bin’s, Gevat-
ter Fuchs, laß mich bei dir die Nacht zubringen.“ –
„Bei uns ist’s schon ohne dich eng genug!“ – „Ich
werde euch nicht zur Last fallen; ich selbst lege
mich auf die Ofenbank, den Schwanz klemme ich
unter die Bank, und die Gans schiebe ich unter
den Ofen.“ Da wurde er eingelassen. Er legte sich
auf die Ofenbank, den Schwanz klemmte er unter
die Bank, und die Gans schob er unter den Ofen.
Früh am Morgen sprang der Fuchs auf, packte die
Gans, rupfte sie, fraß sie auf und sagte: „Wo ist
denn meine Gans? Sie ist mir auch um einen
Truthahn nicht feil!“ Was wollte der Bauer ma-
chen, er mußte ihm für die Gans einen Truthahn
geben. Da nahm er den Truthahn, zieht davon
und singt:

„Es zog ein Füchslein die Straße entlang:


Was trug’s in seinen Pfoten? – Ein Rollholz.
Fürs Rollholz eine Gans,
Für die Gans einen Truthahn!“

Poch, poch, poch, klopft er an die Hütte des


dritten Bauern. „Wer ist da?“ – „Ich bin’s, Gevat-
ter Fuchs, laß mich bei dir die Nacht zubringen.“ –
„Bei uns ist’s schon ohne dich eng genug!“ – „Ich
werde euch nicht zur Last fallen; ich selbst lege
mich auf die Ofenbank, den Schwanz klemme ich
unter die Bank, und den Truthahn schiebe ich un-
ter den Ofen.“ Da wurde er eingelassen. Gleich

13
legte er sich auf die Ofenbank, klemmte den
Schwanz unter die Bank und schob den Truthahn
unter den Ofen. Früh am Morgen sprang der
Fuchs auf, packte den Truthahn, rupfte ihn, fraß
ihn auf und sagte: „Wo ist denn mein Truthahn?
Er ist mir auch um eine Schwiegertochter nicht
feil!“ Was wollte der Bauer machen, er mußte ihm
für den Truthahn seine Schwiegertochter geben.
Der Fuchs steckte sie in einen Sack, zieht davon
und singt:

„Es zog ein Füchslein die Straße entlang:


Was trug’s in seinen Pfoten? – Ein Rollholz.
Fürs Rollholz eine Gans,
Für die Gans einen Truthahn,
Für den Truthahn eine Schwiegertochter!“

Poch, poch, poch, klopft er an die Hütte des


vierten Bauern. „Wer ist da?“ – „Ich bin’s, Gevat-
ter Fuchs, laß mich bei dir die Nacht zubringen.“ –
„Bei uns ist’s schon ohne dich eng genug!“ – „Ich
werde euch nicht zur Last fallen; ich lege mich auf
die Ofenbank, den Schwanz klemme ich unter die
Bank, und den Sack schiebe ich unter den Ofen.“
Da wurde er eingelassen. Er legte sich auf die
Ofenbank, den Schwanz klemmte er unter die
Bank, den Sack aber schob er unter den Ofen. Der
Bauer ließ das Mädchen heimlich aus dem Sack
und steckte einen Hund hinein.
Frühmorgens machte sich der Fuchs auf den
Weg, nahm den Sack, zieht davon und sagt:
„Schwiegertochter, sing mir ein Lied!“ Da begann

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der Hund ganz fürchterlich zu knurren. Der Fuchs
erschrak, läßt den Sack mit dem Hund fahren und
rennt davon.

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2
Wie die Füchsin die Wehmutter
gemacht hat
Es lebten einmal ein Gevatter und eine Gevatte-
rin, der Wolf und die Füchsin. Die hatten ein Fäß-
chen mit Honig. Die Füchsin aber mag Süßes gar
zu gern. Einmal liegen die beiden in ihrer Hütte,
und die Gevatterin klopft heimlich mit dem
Schwanz.
„Gevatterin, Gevatterin!“ sagt der Wolf, „es
klopft wer.“ – „Da wird mich wohl jemand als
Wehmutter brauchen“, murmelt die Füchsin. „So
mach dich auf den Weg und geh!“ sagt der Wolf.
Die Füchsin schnell aus der Hütte hinaus und ge-
radenwegs zum Honigfäßchen! Dort tat sie sich
gütlich und kehrte zurück. „Wen hast du gese-
hen?“ fragt der Wolf. „Den Anschnitt“, antwortet
die Füchsin.
Ein zweites Mal liegt die Gevatterin wieder in
der Hütte und klopft mit dem Schwanz. „Gevatte-
rin! Es klopft wer“, sagt der Wolf. „Man braucht
mich gewiß als Wehmutter.“ – „Dann geh nur
hin!“ Die Füchsin ging wieder zum Honigfäßchen
und schleckte, bis sie nicht mehr konnte; nur der
Boden war noch mit Honig bedeckt. Wie sie zum
Wolf zurückkommt, fragt der: „Wen hast du gese-
hen?“ – „Das Mittelstück.“

16
Auch ein drittes Mal überlistete die Füchsin den
Wolf, und diesmal schleckte sie den ganzen Honig
aus. „Wen hast du gesehen?“ fragt der Wolf. „Den
Bodensatz.“
Über eine Weile stellte sich die Füchsin krank
und bittet den Gevatter, ihr etwas Honig zu brin-
gen. Der Gevatter ging, aber vom Honig war auch
nicht ein Tröpfchen mehr da. „Gevatterin, Gevat-
terin!“ ruft der Wolf, „der Honig ist ja aufgefres-
sen!“ – „Was heißt aufgefressen? Wer hat ihn
denn aufgefressen? Das kannst nur du gewesen
sein!“ ereifert sich die Füchsin. Der Wolf bekreu-
zigt sich und schwört, er sage die Wahrheit. „Nun
gut“, sagt die Füchsin, „wir wollen uns in die Son-
ne legen, und bei wem der Honig herausschmilzt,
der ist es auch gewesen.“
Sie gingen und legten sich hin. Die Füchsin
kann nicht schlafen, der Wolf aber schnarcht aus
vollem Halse. Endlich zeigte sich bei der Füchsin,
die es schon gar nicht erwarten konnte, etwas
Honig; hurtig schmierte sie ihn dem Wolf aufs
Fell. „Gevatter, Gevatter!“ stößt sie den Wolf an,
„was ist denn das? Jetzt weiß ich, wer den Honig
gefressen hat!“ Und der Wolf, es blieb ihm nichts
anderes übrig, bekannte sich schuldig. – Das Mär-
chen ist zu Ende erzählt, dafür mir ein Topf mit
Butter gehört.

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3
Wie die Füchsin das Klageweib ge-
macht hat
Es lebten einmal ein alter Mann und eine alte
Frau, die hatten eine Tochter. Einmal hatte die
Tochter Bohnen gegessen und eine zu Boden fal-
len lassen. Die Bohne wuchs und wuchs, bis sie an
den Himmel gewachsen war. Der Alte kletterte in
den Himmel. Wie er oben angekommen war, ging
er umher, schaute sich um und sagt: „Ich will
doch meine Alte hierher holen; die wird eine
Freude haben!“ Kletterte zur Erde herunter, steck-
te seine Alte in einen Sack, nahm den Sack zwi-
schen die Zähne und kletterte wieder nach oben:
kletterte, kletterte, wurde müde und ließ den Sack
fallen. So schnell er konnte, rutschte er hinunter,
machte den Sack auf – da liegt seine Alte, bleckt
die Zähne und hat die Augen weit aufgerissen. Er
sagt: „Was lachst du. Alte? Warum bleckst du so
die Zahne?“ Als er aber sah, daß sie tot war, ver-
goß er bittere Tränen.
Sie hatten ganz allein gelebt, an einem einsa-
men Ort. So war auch keiner da, die Klagelieder
für die Alte zu singen. Der Alte nahm einen Sack
mit drei Paar schneeweißer Hühnchen und machte
sich auf den Weg, ein Klageweib zu suchen. Da
sieht er einen Bären kommen und sagt zu ihm:
„Bär, stimme doch mal ein Klagelied an für meine

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Alte! Ich will dir auch zwei schneeweiße Hühnchen
geben.“ Der Bär fing an zu brüllen: „Ach du, mein
geliebtes Mütterchen! Wie weh ist mir um dich!“ –
„Nein“, sagt der Alte, „du verstehst es nicht zu
jammern!“, und ging weiter. Er ging und ging und
traf einen Wolf; er ließ ihn ein Klagelied anstim-
men, aber auch der Wolf kann es nicht.
Wie er noch weiter ging, begegnete ihm die
Füchsin. Er ließ sie ein Klagelied anstimmen und
versprach ihr ein Paar schneeweiße Hühnchen. Da
begann die Füchsin zu singen: „Ach du, mein Müt-
terchen, den Tod bracht’ dir das Väterchen.“ Das
Lied gefiel dem Bauern, und so ließ er die Füchsin
ein zweites Mal singen, dann noch ein drittes und
viertes Mal; da fiel ihm ein, daß er nur drei Paar
Hühnchen hatte. „Füchsin“, sprach da der Alte,
„ich habe das vierte Paar zu Hause liegen lassen;
wir wollen zu mir gehen.“ Die Füchsin folgte ihm.
Zu Hause angekommen, nahm der Alte den Sack,
steckte ein paar Hunde hinein, legte die sechs
Hühnchen obenauf und gab ihn der Füchsin. Die
nahm den Sack und rannte davon. Nach einer
Weile macht sie an einem Baumstumpf halt und
sagt: „Ich will mich auf den Baumstumpf setzen
und ein weißes Hühnchen essen.“ Aß es auf und
rannte weiter. Darauf setzte sie sich wieder auf
einen Baumstumpf und aß das zweite Hühnchen,
danach das dritte, das vierte, das fünfte und
sechste. Als sie den Sack aber zum siebenten Mal
aufmachte, sprangen die Hunde heraus und gin-
gen auf sie los.

19
Die Füchsin lief, was die Beine hergaben, ver-
steckte sich unter einem großen Holzklotz und
fragt: „Öhrlein, Öhrlein, was habt ihr getan?“ –
„Wir haben gelauscht und aufgepaßt, damit kein
Hund die Füchsin faßt!“ – „Äuglein, Äuglein, was
habt ihr getan?“ – „Wir haben nach allen Seiten
gespäht, damit die Füchsin den Hunden entgeht!“
– „Beinchen, Beinchen, was habt ihr getan?“ –
„Wir rannten über Stock und Stein, die Füchsin
sollt’ nicht gefangen sein!“ – „Und du, langer
Schwanz, was hast du getan?“ – „Ich habe mich
an Baumstümpfe, Sträucher und Stämme gekrallt,
damit die Hunde die Füchsin beißen und zerrei-
ßen!“ – „So einer bist du also! He, Hunde, nehmt
meinen Schwanz und freßt ihn auf!“ Und damit
steckte sie den Schwanz heraus. Die Hunde pack-
ten zu, zogen am Schwanz die Füchsin selbst her-
aus und zerrissen sie in Stücke.

20
4
Fuchs und Kranich
Fuchs und Kranich hatten miteinander Freund-
schaft geschlossen, ja, sie hatten sogar bei je-
mandem zusammen Gevatter gestanden.
Einmal wollte der Fuchs den Kranich zu Gaste
haben. Er ging zu ihm hin und lud ihn ein: „Komm
einmal zu mir, Gevatter, komm, mein Bester! Was
meinst du, wie ich dich bewirten werde!“ Der Kra-
nich kommt zum Festmahl, der Fuchs aber hat
Grießbrei gekocht und auf einem Teller breitge-
strichen. Als er aufgetragen hat, ermuntert er den
Kranich zuzulangen. „Iß, mein Teuerster, iß, Ge-
vatter! Ich habe ihn selbst gekocht.“ Der Kranich
fährt mit seinem Schnabel in den Griesbrei, sto-
chert darin herum, doch vergebens! Der Fuchs
aber läßt es sich inzwischen schmecken, schleckt
und schleckt – und aß den ganzen Brei allein auf.
Der Brei ist aufgegessen; der Fuchs sagt:
„Nichts für ungut, lieber Gevatter, aber mehr
kann ich dir nicht vorsetzen.“ – „Dank auch dafür,
Gevatter! Sei doch auch einmal mein Gast!“
Anderen Tags findet sich der Fuchs ein, der
Kranich aber hatte eine Suppe mit schmackhaften
Fleisch- und Fischstückchen zubereitet. Die schüt-
tete er in einen Krug mit schmalem Hals, stellte
sie so auf den Tisch und sagt: „Laß es dir
schmecken, Gevatter! Mehr kann ich dir leider

21
nicht anbieten.“ Der Fuchs läuft um den Krug her-
um, versucht es bald von hier, bald von da, leckt
und schnuppert, doch an die Suppe kommt er
nicht heran: sein Kopf paßt nicht in den Krug hin-
ein. Der Kranich jedoch klappert inzwischen mit
seinem Schnabel, bis er alles aufgegessen hat.
„Nichts für ungut, Gevatter, mehr kann ich dir
nicht vorsetzen.“ Der Fuchs ärgerte sich fast grün,
hatte er doch geglaubt, er könne sich für eine
ganze Woche satt essen, und nun ging er mit lee-
rem Magen heim. Wie man in den Wald hineinruft,
so schallt es wieder heraus! Seit jener Zeit ist es
mit der Freundschaft zwischen Fuchs und Kranich
aus.

22
5
Kater und Füchsin
Es war einmal ein Bauer, der hatte einen Kater.
Der Kater war aber so wild und machte so
schlimme Streiche, daß es geradezu ein Unglück
war. Schließlich wurde es dem Bauern zuviel. Er
überlegte, was zu tun sei, nahm den Kater und
steckte ihn in einen Sack. Den Sack band er zu
und trug ihn in den Wald. Im Walde angekom-
men, ließ er den Kater laufen und dachte: Mag er
hier umkommen! Der Kater lief lange umher und
kam schließlich zur Hütte, in der der Waldhüter
wohnte. Er kletterte auf den Dachboden und liegt
nun dort die ganze Zeit faul herum; bekam er
aber Hunger, dann lief er in den Wald, Vögel und
Mäuse zu fangen, fraß sich satt und kletterte wie-
der auf seinen Dachboden. So lebte er froh und
ohne Sorgen.
Einmal streifte der Kater im Wald umher, da
begegnete ihm die Füchsin, erblickte den Kater
und wundert sich: „Wieviel Jahre lebe ich schon
im Wald, aber ein solches Tier habe ich noch nicht
gesehen.“ Sie machte dem Kater ihre Reverenz
und fragt: „Sag doch, wackerer Held, wer bist du?
Aus welchem Anlaß bis du hierhergekommen, und
wie darf ich dich nennen?“ Der Kater sträubte sein
Fell und sagt: „Ich bin aus den sibirischen Wäl-
dern als Amtmann zu euch geschickt worden. Man

23
nennt mich Katrofei Iwanowitsch.“ – „Ach, Katro-
fei Iwanowitsch“, sagt die Füchsin, „davon habe
ich ja überhaupt nichts gewußt! Aber komm doch
mit mir und sei mein Gast!“ Der Kater ging mit.
Die Füchsin führte ihn in ihren Bau, bewirtete ihn
mit allerlei Wildbret und fragt dann: „Wie ist das,
Katrofei Iwanowitsch, bist du verheiratet oder le-
dig?“ – „Ledig“, sagt der Kater. Darauf die Füch-
sin: „Ich bin auch noch Jungfrau, nimm mich zum
Weib!“ Der Kater war es einverstanden, und so
verbrachten sie den Tag in Saus und Braus.
Anderntags machte sich die Füchsin auf, Vorrä-
te aufzutreiben, damit sie und ihr junger Gemahl
etwas zu leben hätten, der Kater aber blieb zu
Hause. Unterwegs begegnet ihr der Wolf und
fängt an schönzutun: „Wo bist du denn die ganze
Zeit gewesen, Gevatterin? Wir haben alle Höhlen
abgesucht und dich nicht gefunden.“ – „Laß mich,
du Dummkopf! Laß das Schöntun! Jungfer Füchsin
war ich früher, jetzt bin ich eine verheiratete
Frau!“ – „Wer ist denn dein Mann, Fuchsina Iwa-
nowna?“ – „Hast du denn nicht gehört, daß aus
den sibirischen Wäldern der Amtmann Katrofei
Iwanowitsch zu uns geschickt worden ist? Ich bin
jetzt Frau Amtmann!“ – „Nein, Fuchsina Iwanow-
na, davon habe ich noch nichts gehört. Kann man
ihn denn einmal zu sehen bekommen?“ – „Oh,
mein Katrofei Iwanowitsch ist so reizbar; wenn
ihm jemand mißfällt, den frißt er gleich auf. Hör
also gut zu: Beschaffe einen Hammel und mach
ihm damit deine Aufwartung; den Hammel lege
hin, dich selber aber verstecke, damit er dich

24
nicht sieht, denn sonst ergeht dir’s schlecht!“ Der
Wolf machte sich auf den Weg, einen Hammel zu
beschaffen.
Die Füchsin geht weiter, da begegnet ihr der
Bär und fängt an schönzutun. „Was faßt du mich
an, du dummer krummbeiniger Mischka? Jungfer
Füchsin war ich früher, jetzt bin ich eine verheira-
tete Frau!“ – „Wer ist denn dein Mann, Fuchsina
Iwanowna?“ – „Der, den sie aus den sibirischen
Wäldern als Amtmann zu uns geschickt haben; er
heißt Katrofei Iwanowitsch und ist mein Mann.“ –
„Könnte man ihn nicht einmal zu sehen bekom-
men?“ – „Oh, mein Katrofei Iwanowitsch ist so
reizbar; wenn ihm jemand mißfällt, den frißt er
gleich auf! Geh, beschaffe einen Ochsen und
mach ihm damit deine Aufwartung. Der Wolf will
einen Hammel bringen. Hör aber gut zu: Den
Ochsen lege hin, dich selber verstecke, damit Ka-
trofei Iwanowitsch dich nicht sieht, denn sonst,
Bruder, ergeht dir’s schlecht!“ Der Bär trollte sich
davon, einen Ochsen zu beschaffen.
Der Wolf brachte seinen Hammel, zog ihm das
Fell ab und steht dann in Gedanken versunken.
Da kommt der Bär mit einem Ochsen. „Guten
Tag, Bruder Michailo Iwanowitsch!“ – „Guten Tag,
Bruder Lewon! Hast du die Füchsin und ihren
Mann nicht gesehen?“ – „Nein, Bruder, ich warte
schon lange auf sie.“ – „Dann geh und ruf sie!“ –
„Nein, ich werde nicht gehen, Michailo Iwano-
witsch. Geh du, du bist tapferer als ich.“ – „Nein,
Bruder Lewon, ich mag auch nicht gehen.“ Da
kommt, keiner hatte gesehen woher, der Hase

25
gerannt. Der Bär brüllt so laut er kann: „Hierher,
schiefäugiger Satan!“ Der Hase erschrak und kam
herbeigelaufen. „Nun, du schielender Tagedieb,
weißt du, wo die Füchsin wohnt?“ – “Jawohl, Mi-
chailo Iwanowitsch!“ – „Dann lauf schnellstens zu
ihr und sage: Michailo Iwanowitsch, der Bär, und
sein Bruder Lewon Iwanowitsch, der Wolf, sind
schon lange bereit und erwarten dich und deinen
Gemahl; sie wollen mit einem Hammel und einem
Ochsen ihre Aufwartung machen!“
Der Hase rannte los, daß die Beine nur so flo-
gen. Bär und Wolf aber überlegten, wo sie sich
verstecken könnten. Sagt der Bär: „Ich werde auf
die Fichte klettern.“ – „Und was soll ich tun, wo
kann ich mich verbergen?“ fragt der Wolf. „Auf
einen Baum bringt man mich um nichts in der
Welt! Sei so gut, Michailo Iwanowitsch, hilf mir in
meiner Not und verbirg mich irgendwo!“ Der Bär
legte ihn ins Gebüsch und häufte trockenes Laub
über ihn, selber aber kletterte er auf eine Fichte,
bis in den höchsten Wipfel hinauf. Von dort hält er
Ausschau, ob Katrofei mit seiner Frau kommt. Der
Hase war inzwischen zum Fuchsbau gelangt,
klopfte und sagt zur Füchsin: „Michailo Iwano-
witsch, der Bär, und sein Bruder Lewon Iwano-
witsch, der Wolf, lassen sagen, sie sind schon
lange bereit und erwarten dich und deinen Ge-
mahl; sie wollen mit einem Ochsen und einem
Hammel ihre Aufwartung machen.“ – „Geh nur,
Schielauge, wir kommen gleich!“ Nun kommen
Kater und Füchsin heraus. Der Bär sah sie und
sagt zum Wolf: „Paß auf, Bruder Lewon Iwano-

26
witsch, die Füchsin kommt mit ihrem Mann! Was
für ein kleiner Kerl das doch ist!“ Der Kater kam
heran und stürzte sich gleich auf den Ochsen,
sträubte sein Fell und begann, mit Zähnen und
Krallen Fleischstücke herauszureißen. Dabei
knurrt er wie verärgert: „Zuwenig, zuwenig!“ Der
Bär sagt: „Klein, aber ein Vielfraß! Wir könnten es
zu viert nicht auffressen, für ihn allein aber ist es
zuwenig; er macht sich wohl gar noch an uns her-
an!“ Der Wolf nun wollte gern wissen, wie Katrofei
Iwanowitsch aussieht, aber wegen der Blätter
konnte er nichts erkennen. So begann er, über
den Augen ein Loch durch das Laub zu wühlen.
Der Kater hörte das Rascheln der Blätter, glaubte,
es sei eine Maus, machte einen Satz und sprang
dem Wolf mit seinen Krallen gerade in die Augen.
Der Wolf fuhr in die Höhe und rannte davon,
was die Beine hergaben. Der Kater aber war
selbst erschrocken und gerade auf den Baum ge-
sprungen, wo der Bär saß. „O weh“, denkt der
Bär, „er hat mich gesehen!“ Herabzuklettern war
es zu spät, so vertraute er auf Gottes Hilfe, ließ
sich herunterplumpsen und schlug so derb auf
dem Boden auf, daß er glaubte, alle Glieder ge-
brochen zu haben. Dann sprang er auf und mach-
te sich gleichfalls davon. Die Füchsin aber ruft ih-
nen nach: „Wartet nur, er wird’s euch schon
geben!“ Seit dieser Zeit haben alle Tiere vor dem
Kater Angst. Kater und Füchsin aber hatten nun
Fleisch für den ganzen Winter und lebten herrlich
und in Freuden. Und leben noch jetzt ohne Not,
haben ihr Brot.

27
6
Fuchs, Hase und Hahn
Es lebten einmal ein Fuchs und ein Hase. Der
Fuchs hatte eine Hütte aus Eis, der Hase eine aus
Baumrinde. Der Frühling kam, da begann die Hüt-
te des Fuchses zu schmelzen, die des Hasen aber
steht fest wie je. Da bat der Fuchs, der Hase mö-
ge ihm erlauben, sich in seiner Hütte zu wärmen,
und dann jagte er ihn hinaus. Der Hase zieht
jammernd davon, da begegnen ihm die Hunde
und fragen: „Tjaff, tjaff, tjaff! Was jammerst du,
Hase?“ Der Hase sagt: „Laßt mich, Hunde! Wie
soll ich nicht jammern? Eine Rindenhütte hab’ ich
gehabt, der Fuchs aber hatte eine aus Eis. Er bat
mich, ihn einzulassen, und dann hat er mich hin-
ausgejagt.“ – “Jammere nicht, Hase“, sagen die
Hunde, „wir werden ihn herausjagen.“ – „Nein, ihr
jagt ihn nicht heraus!“ – „Doch, wir jagen ihn her-
aus!“ Sie kamen zur Hütte. „Tjaff, tjaff, tjaff!
Fuchs, scher dich davon!“ Der aber rief ihnen vom
Ofen zu: „Spring ich heraus, verlaß ich das Haus,
mach ich euch allen den Garaus!“ Die Hunde be-
kamen Angst und liefen davon.
Der Hase zieht jammernd weiter, da begegnet
ihm der Bär: „Worüber jammerst du, Hase?“ Der
Hase sagt: „Laß mich, Bär! Wie soll ich nicht
jammern? Eine Rindenhütte hab’ ich gehabt, der
Fuchs aber hatte eine aus Eis. Er bat mich, ihn

28
einzulassen, und dann hat er mich hinausgejagt.“
– „Jammere nicht, Hase“, sagt der Bär, „ich werde
ihn herausjagen!“ – „Nein, du jagst ihn nicht her-
aus! Die Hunde haben’s versucht und ihn nicht
herausgejagt, und du wirst ihn auch nicht heraus-
jagen.“ – „Doch, ich jage ihn heraus.“ Sie kamen
zur Hütte und wollten den Fuchs herausjagen:
„Fuchs, scher dich davon!“ Der aber rief ihnen
vom Ofen zu: „Spring ich heraus, verlaß ich das
Haus, mach ich euch allen den Garaus!“ Der Bär
bekam Angst und lief davon.
Wieder zieht der Hase weiter und jammert, da
begegnet ihm der Ochse: „Was jammerst du, Ha-
se?“ – „Laß mich, Ochse! Wie soll ich nicht jam-
mern? Eine Rindenhütte hab’ ich gehabt, der
Fuchs aber hatte eine aus Eis. Er bat mich, ihn
einzulassen, und dann hat er mich hinausgejagt.“
– „Komm mit, ich werde ihn herausjagen.“ –
„Nein, Ochse, du wirst ihn nicht herausjagen. Die
Hunde haben’s versucht und ihn nicht herausge-
jagt, der Bär hat’s versucht und ihn nicht heraus-
gejagt, und du wirst ihn auch nicht herausjagen.“
– „Doch, ich werde ihn herausjagen.“ Sie kamen
zur Hütte: „Fuchs, scher dich davon!“ Der aber
rief ihnen vom Ofen zu: „Spring ich heraus, verlaß
ich das Haus, mach ich euch allen den Garaus!“
Der Ochse bekam Angst und lief davon.
Zieht der Hase wieder weiter und jammert. Da
begegnet ihm der Hahn mit einer Sense: „Kikeriki!
Worüber jammerst du, Hase?“ – „Laß mich, Hahn!
Wie soll ich nicht jammern? Eine Rindenhütte hab’
ich gehabt, der Fuchs aber hatte eine aus Eis. Er

29
bat mich, ihn einzulassen, und dann hat er mich
hinausgejagt.“ – „Komm mit, ich werde ihn her-
ausjagen.“ – „Nein, du wirst ihn nicht herausja-
gen! Die Hunde haben’s versucht und ihn nicht
herausgejagt, der Bär hat’s versucht und ihn nicht
herausgejagt, der Ochse hat’s versucht und ihn
nicht herausgejagt, und du wirst ihn auch nicht
herausjagen.“ – „Doch, ich werde ihn herausja-
gen.“ Sie kamen zur Hütte: „Kikeriki, hab’ ‘ne
Sense hie, hab’ sie hergetragen, den Fuchs zu
schlagen! Fuchs, scher dich davon!“ Der Fuchs
hörte das, erschrak und sagt: „Ich zieh’ mich
schon an.“ Darauf der Hahn wiederum: „Kikeriki,
hab’ ‘ne Sense hie, hab’ sie hergetragen, den
Fuchs zu schlagen! Fuchs, scher dich davon!“ Der
aber sagt: „Ich ziehe schon den Pelz über.“ Dar-
auf der Hahn zum drittenmal: „Kikeriki, hab’ ‘ne
Sense hie, hab’ sie hergetragen, den Fuchs zu
schlagen, Fuchs, scher dich davon!“ Der Fuchs
kam herausgerannt; da erschlug ihn der Hahn mit
der Sense und lebte von nun an mit dem Hasen
herrlich und in Freuden. Das Märchen ist zu Ende
erzählt, dafür mir ein Topf mit Butter gehört.

30
7
Bauer, Bär und Fuchs
Ein Bauer und ein Bär waren unzertrennliche
Freunde. Einmal wollten sie Rüben säen. Sie säten
die Rüben und beredeten sich, wer was haben
sollte. Der Bauer sagte: „Für mich die Wurzeln,
für dich, Mischa, was oben ist.“ Als die Rüben
schön groß waren, nahm sich der Bauer die Wur-
zeln, der Bär dagegen, was oben war. Da merkt
er, daß er es falsch gemacht hat, und sagt zum
Bauern: „Du hast mich übers Ohr gehauen. Wenn
wir wieder etwas säen, sollst du mich nicht noch
einmal so an der Nase herumführen.“
Ein Jahr war vergangen, da sagt der Bauer zum
Bären: „Komm, Mischa, laß uns Weizen säen.“ –
„Immer zu“, sagt der Bär, und sie säten Weizen.
Als der Weizen reif war, sagt der Bauer: „Was
willst du jetzt nehmen, Mischa? Die Wurzeln, oder
was oben ist?“ – „Nein, Bruder, diesmal wirst du
mich nicht übers Ohr hauen. Gib mir die Wurzeln
und nimm du, was oben ist.“ Sie ernteten den
Weizen und teilten. Der Bauer drosch ein wenig
Weizen, buk sich Brot, ging damit zum Bären und
sagt: „Sieh nur, wie schön das Obere ist!“ – „Bau-
er“, sagt der Bär, „jetzt bin ich böse auf dich, ich
will dich fressen!“ Der Bauer ging weg und brach
in Jammern aus.

31
Da kommt der Fuchs und sagt zu ihm: „Was
jammerst du?“ – „Wie soll ich nicht jammern, wie
soll ich nicht klagen? Der Bär will mich fressen!“ –
„Hab keine Angst, Onkel, er wird dich nicht fres-
sen!“ Er versteckte sich hinter den Sträuchern
und hieß den Bauern, stehenzubleiben und zu
warten; kam wieder heraus und fragt: „Bauer,
gibt es hier nicht ein paar Wölfe oder Bären?“ Der
Bär aber ging zu dem Bauern hin und sagt: „Ach,
Bauer, sag nichts, ich will dich auch nicht fres-
sen.“ Antwortet der Bauer dem Fuchs: „Nein!“ Der
Fuchs lachte und sagte: „Und was ist das, was
dort am Wagen liegt?“ Der Bär sagt dem Bauern
leise ins Ohr: „Sag, es ist ein Holzklotz.“ –
„Wenn’s ein Holzklotz wäre, dann wäre er auf dem
Wagen festgebunden“, antwortet der Fuchs und
lief wieder hinter die Sträucher. Der Bär sagte
zum Bauern: „Binde mich und leg mich auf den
Wagen!“ Das tat der Bauer.
Nun kehrte der Fuchs wieder zurück und fragt
den Bauern: „Bauer, hast du nicht ein paar Wölfe
oder Bären zur Hand?“ – „Nein!“, sagte der Bauer.
„Und was ist das, was dort auf dem Wagen liegt?“
– „Ein Holzklotz.“ – „Wenn’s ein Holzklotz wäre,
steckte eine Axt darin!“ Der Bär sagt leise zum
Bauern: „Hau deine Axt in mich hinein.“ Der Bau-
er hieb ihm die Axt in den Rücken, da war der Bär
tot. Kam der Fuchs hervor und sagt zum Bauern:
„Bauer, was gibst du mir nun für meine Arbeit?“ –
„Ich will dir ein Paar weiße Hühner geben. Da
nimm, sieh aber nicht hinein.“

32
Der Fuchs bekam vom Bauern einen Sack und
zog davon. Er trug und trug ihn und denkt: „Ich
will doch einmal hineinsehen.“ Sah hinein, da wa-
ren zwei weiße Hunde darin. Die Hunde springen
heraus und jagen ihm nach. Der Fuchs rannte und
rannte und kroch in ein Loch unter einen Baum-
stumpf. Wie er so sitzt, spricht er vor sich hin:
„Öhrlein, was habt ihr getan?“ – „Wir haben im-
mer gelauscht.“ – „Und ihr, Beine, was habt ihr
getan?“ – „Wir sind immer gelaufen.“ – „Und ihr,
Äuglein?“ – „Wir haben immer ausgeschaut!“ –
„Und du, Schwanz?“ – „Ich habe dich immer beim
Rennen behindert!“ – „So, so, du hast mich immer
behindert? Wart, ich werd’s dir zeigen!“ Und damit
steckte er den Schwanz hinaus, wo die Hunde wa-
ren. Die Hunde packten den Schwanz, zogen den
Fuchs heraus und rissen ihn in Stücke.

33
8
Undank ist der Welt Lohn
Ein Wolf war einmal schon halb in ein Fangeisen
geraten, hatte sich aber mit genauer Not losrei-
ßen können und suchte nun das Weite. Da erblick-
ten ihn die Jäger und setzten ihm nach. Der Graue
mußte einen Weg überqueren, auf der Straße
aber lief gerade ein Bauer, der trug einen Sack
und einen Dreschflegel, denn er kam vom Felde.
Zu dem sagte der Graue: „Sei so gut, Bauer, ver-
birg mich in deinem Sack! Die Jäger sind hinter
mir her.“ Der Bauer war’s einverstanden, steckte
ihn in den Sack, band den Sack zu und warf ihn
auf die Schulter. Wie er weitergeht, kommen die
Jäger dahergesprengt. „Hast du nicht einen Wolf
gesehen, Bauer?“ fragen sie ihn. „Nein!“ antwor-
tete ihnen der Bauer.
Die Jäger ritten weiter und waren bald nicht
mehr zu sehen. „Sind sie fort, meine Mörder?“
fragte der Graue. „Ja, sie sind fort.“ – „Dann laß
mich wieder heraus!“ Der Bauer band den Sack
auf und ließ den Wolf heraus. Der sagte: „Weißt
du was, Bauer, ich will dich fressen!“ – „Ach, Wolf,
Wolf! Aus so großer Not habe ich dich errettet,
und du willst mich fressen!“ – „Undank ist der
Welt Lohn“, erwiderte der Graue. Der Bauer sieht,
daß es schlecht um ihn steht, und sagt: „Wenn’s
so ist, dann wollen wir weitergehen, und wenn der

34
erste, dem wir begegnen, gleichfalls sagt, daß
Undank der Welt Lohn ist, dann bleibe es dabei,
dann sollst du mich fressen.“
Sie gingen weiter. Da begegnete ihnen eine alte
Stute. Der Bauer fragt sie gleich: „Sei so gut,
Mütterchen Stute, schlichte unsern Streit. Ich ha-
be diesen Wolf hier aus großer Not errettet, aber
er will mich fressen.“ Und er erzählte ihr alles, wie
es gewesen war. Die Stute dachte lange nach und
sagte: „Ich habe zwölf Jahre bei meinem Herrn
gelebt, ihm zwölf Füllen geschenkt und mich von
früh bis spät für ihn geplagt. Als ich aber alt ge-
worden war und für die Arbeit nicht mehr taugte,
da nahm er mich und hat mich in eine Schlucht
gestürzt. Mit Mühe und Not bin ich wieder heraus-
geklettert und laufe nun, wohin der Weg mich
führt. Ja, Undank ist der Welt Lohn!“ – „Siehst du,
ich habe recht!“ sagte der Graue.
Der Bauer war sehr betrübt und bat den Wolf,
er möge noch eine zweite Begegnung abwarten.
Der Wolf war auch hiermit einverstanden. Da be-
gegnete ihnen ein alter Hund. Der Bauer gab ihm
die gleiche Frage auf. Der Hund dachte lange nach
und sagte dann: „Ich habe zwanzig Jahre bei
meinem Herrn gedient, Haus und Vieh bewacht,
als ich aber alt geworden und nicht mehr bellen
konnte, hat er mich vom Hof gejagt, und nun lau-
fe ich, wohin der Weg mich führt. Ja, Undank ist
der Welt Lohn!“ – „Nun, siehst du, ich habe
recht!“ Der Bauer war noch mehr betrübt und
flehte den Wolf an, noch eine dritte Begegnung

35
abzuwarten, „dann magst du tun, wie’s dir be-
liebt, wenn schon Undank mein Lohn sein soll.’
Beim dritten Male begegnete ihnen der Fuchs.
Der Bauer wiederholte seine Frage. Der Fuchs be-
gann zu streiten: „Wie soll denn das zugegangen
sein, daß der Graue, dieser große Kerl, in einen so
kleinen Sack hineingepaßt hat!“ Wolf und Bauer
schworen bei Gott, das sei die reine Wahrheit.
Aber der Fuchs glaubte ihnen nicht und sagte: „So
zeig mir doch einmal, Bauer, wie du ihn in den
Sack gesteckt hast!“ Der Bauer hielt den Sack
auf, und der Wolf steckte seinen Kopf hinein. Der
Fuchs rief: „Hast du etwa nur deinen Kopf im Sack
versteckt?“ Der Wolf kroch ganz hinein. „Jetzt zeig
mir doch einmal, Bauer, wie du den Sack zuge-
schnürt hast!“ Der Bauer schnürte den Sack zu.
„Und wie hast du auf dem Felde Getreide gedro-
schen?“ Der Bauer begann, mit dem Flegel auf
den Sack loszudreschen. „Und wie hast du dann
umgewendet?“ Der Bauer fuhr mit dem Dreschfle-
gel herum, traf den Fuchs am Kopf und schlug ihn
tot. Dabei sagte er: „Undank ist der Welt Lohn!“

36
9
Der dumme Wolf
In einem Dorf lebte ein Bauer, der hatte einen
Hund. Von klein auf hatte der Hund das ganze
Haus bewacht, als er aber in die Jahre kam, konn-
te er nicht mehr bellen und wurde seinem Herrn
zur Last. Also nahm der Bauer eine Leine, band
sie dem Hund um den Hals und führte ihn in den
Wald. Führte ihn an eine Espe und wollte ihn
schon erwürgen, als er sah, wie dem alten Hund
bittere Tränen über die Schnauze rollten. Da dau-
erte ihn das Tier, er ließ es am Leben, band es an
der Espe fest und ging nach Hause.
Der alte Hund aber blieb im Walde und begann
zu jammern und sein Los zu verfluchen. Da
kommt aus dem Gebüsch ein großer Wolf hervor,
erblickt ihn und sagt: „Einen schönen guten Tag,
lieber Hund! Schon lange hab ich auf dich gewar-
tet, dich bei mir zu Gaste zu sehen. Wie oft hast
du mich von deinem Hause fortgejagt, jetzt aber
bist du in mein Revier geraten: ich kann mit dir
tun, was mir beliebt. Und ich werde dir alles ge-
bührend heimzahlen!“ – „Und was willst du mit
mir tun, grauer Wolf?“ – „Nicht viel: Ich werde
dich mit Haut und Haar und allen Knochen auf-
fressen!“ – „Ach, du dummer Wolf! Vor lauter Fett
weißt du schon nicht mehr, was du tust. Nach all
dem schmackhaften Ochsenfleisch willst du einen

37
alten, mageren Hund fressen? Wozu willst du dir
für nichts und wieder nichts deine alten Zähne an
mir ausbeißen? Mein Fleisch schmeckt jetzt wie
faules Holz. Ich will dir einen besseren Rat geben:
Geh und bring mir drei Pud schönes Stutenfleisch,
meiner Magerkeit ein wenig aufzuhelfen! Dann
magst du mit mir tun, was dir gefällt.“
Der Wolf gehorchte dem Hund, ging und brach-
te ihm eine halbe Stute geschleppt. „Da hast du
dein Ochsenfleisch! Schau, daß du dicker wirst!“
Sprach’s und verschwand. Der Hund machte
sich über das Fleisch her und fraß alles auf. Nach
zwei Tagen kommt der graue Tölpel wieder und
sagt zum Hund. „Nun, Bruderherz, bist du dicker
geworden oder nicht?“ – „Ein wenig bin ich dicker
geworden. Wenn du mir jetzt noch ein Schaf
brächtest, mein Fleisch würde unvergleichlich sü-
ßer.“ Der Wolf war auch hiermit einverstanden,
lief aufs Feld und legte sich in eine Kuhle, dem
Hirten und seiner Herde aufzulauern. Jetzt treibt
der Hirt seine Herde heran; der Wolf hinter einem
Busch wählte sich ein recht fettes und großes
Schaf aus, stürzt sich darauf, packt es am Halse
und schleift es zum Hund. „Hier hast du dein
Schaf; werde dicker!“
Der Hund erholte sich, fraß auch das Schaf und
spürte seine Kräfte wachsen. Kam der Wolf und
fragt: „Nun, wie steht’s, Bruderherz, wie fühlst du
dich jetzt?“ – „Noch ein klein wenig zu mager.
Wenn du mir jetzt noch einen Eber brächtest, ich
würde fett wie ein Schwein.“ Der Wolf trieb auch
einen Eber auf, brachte ihn und sagt: „Das ist

38
mein letzter Dienst! In zwei Tagen bin ich bei dir
zu Gast!“ – „Nur zu“, denkt der Hund, „mit dir
werde ich schon fertig werden.“
Nach zwei Tagen kommt der Wolf zum Hund,
der jetzt schön dick und rund ist. Wie der den
Wolf erblickte, bellte er ihm wütend entgegen.
„Du Schandkerl“, sagte der Wolf, „du unterstehst
dich, mich zu beschimpfen?“ Damit warf er sich
auf den Hund und wollte ihn in Stücke reißen. Der
Hund aber war wieder wohl bei Kräften, stellte
sich auf die Hinterbeine, die beiden verbissen sich
ineinander, und der Hund bewirtete den Grauen,
daß die Fetzen nur so flogen. Der Wolf riß sich los
und rannte aus Leibeskräften davon. Als er schon
lange gelaufen war, wollte er verschnaufen; da
hörte er Hundegebell und gab erneut Fersengeld.
Kam in den Wald, legte sich unter einen Strauch
und begann, die Wunden zu lecken, die ihm vom
Hund zugefügt worden waren. „Wie schändlich hat
mich der Hund betrogen!“ denkt er bei sich, „Aber
wartet nur, wer mir jetzt in den Weg kommt, der
soll meinen Zähnen nimmermehr entgehen!“
Der Wolf leckte seine Wunden heil und ging
wieder auf Beute. Da sieht er auf einem Berg ei-
nen großen Ziegenbock, zu dem sagt er: „Ziegen-
bock, Ziegenbock, ich bin gekommen, dich zu
fressen!“ – „Ach, grauer Wolf, wozu willst du dir
für nichts und wieder nichts deine alten Zähne an
mir ausbeißen? Stell dich lieber unten an den Berg
und reiß dein großes Maul weit auf: ich will einen
Anlauf nehmen und dir geradenwegs in den Ra-
chen springen, dann brauchst du mich nur hinter-

39
zuschlucken!“ Der Wolf stellte sich unten an den
Berg und riß sein großes Maul weit auf, der Bock
aber, nicht faul, flog wie ein Pfeil den Berg hinab
und stieß den Wolf vor die Stirn, so derb, daß er
zu Boden stürzte. Der Bock aber machte sich aus
dem Staube. Nach drei Stunden wachte der Wolf
auf und glaubte, der Kopf wolle ihm zerspringen,
solche Schmerzen hatte er. Er überlegte und
überlegte, ob er den Bock nun verschlungen hätte
oder nicht. Lange dachte er nach und riet hin und
her. „Hätt’ ich den Bock gefressen, so müßte mein
Bauch doch voll sein. Der Taugenichts hat mich,
scheint’s, betrogen. Aber von nun an weiß ich,
was ich zu tun habe!“
Sprach’s und lief zum Dorf hinunter, erblickte
eine Sau mit ihren Ferkeln und wollte eins davon
packen. Die Sau aber ließ es nicht zu. „Ach, närri-
sche Sau“, sagt der Wolf, „was erdreistest du
dich, mir grob zu kommen? Kann ich doch auch
dich selbst in Stücke reißen und alle deine Ferkel
mit einem Male verschlingen!“ Die Sau aber gab
zur Antwort: „Bis jetzt habe ich dich noch nicht
beschimpft, nun aber muß ich dir sagen, daß du
ein großer Dummkopf bist!“ – „Wie das?“ – „Sehr
einfach; urteile selbst, Grauer: Wie kannst du
denn meine Ferkel fressen? Sie sind ja gerade
erst geworfen und müssen noch gewaschen wer-
den. Steh du bei ihnen Gevatter, so will ich dir
Gevatterin sein, deine kleinen Kinderchen zu tau-
fen!“
Der Wolf war’s einverstanden.

40
Also schön, sie kamen zu einer großen Mühle.
Sagt die Sau zum Wolf: „Lieber Gevatter, stell
dich auf jene Seite des Mühlwehres, wo kein Was-
ser ist, ich aber will gehen, die Ferkelchen in rei-
nes Wasser tauchen und sie dir eins nach dem
anderen reichen.“ Da freute sich der Wolf und
denkt: nun werden meine Zähne etwas zu beißen
bekommen! Und ging, der graue Tölpel, unter die
Brücke; die Sau aber packte das Staubrett mit
den Zähnen, hob’s hoch und ließ das Wasser
durchlaufen. Wie das strömte, wie es den Wolf mit
sich riß und wie einen Kreisel drehte! Die Sau je-
doch machte sich mit ihren Ferkeln auf den
Heimweg. Zu Hause angekommen, fraß sie sich
satt und legte sich mit ihren Kleinen aufs weiche
Lager.
Der Wolf merkte die Hinterlist der Sau, er-
klomm mit Mühe und Not das Ufer und trabte mit
hungrigem Magen durch den Wald. Lange peinigte
ihn der Hunger; schließlich hielt er’s nicht mehr
aus, lief erneut zum Dorf hinunter und sah neben
einer Tenne ein Stück Aas liegen. „Vortrefflich“,
denkt er, „wenn die Nacht hereingebrochen ist,
will ich mich wenigstens an diesem Stück Aas
sattfressen.“ Denn es war schlechte Erntezeit für
den Wolf, und er war froh, sein Leben wenigstens
mit Aasfleisch zu fristen. Das war immer noch
besser, als nichts zwischen den Zähnen zu haben
und auf Wolfsweise Lieder zu singen. Die Nacht
kam, der Wolf lief zur Tenne und begann, das
Stück Aas hinunterzuschlingen. Der Jäger aber
hatte ihm schon lange aufgelauert und für seinen

41
Freund zwei schöne blaue Bohnen bereitgehalten.
Er drückte seine Flinte ab, und der Wolf fiel mit
zerschmettertem Schädel um. So hat der graue
Wolf sein Leben gelassen!

42
10
Kranich und Reiher
Kommt ein Käuzchen geflogen, ist lustig und froh;
es fliegt und fliegt und setzt sich nieder, dreht das
Schwänzchen, putzt’s Gefieder, sieht nach hier
und schaut nach dort, bleibt nicht lang, fliegt wie-
der fort; und fliegt und fliegt und setzt sich nie-
der, dreht das Schwänzchen, putzt’s Gefieder,
blickt nach hier und schaut nach dort…
Das war nur die Einleitung, das Märchen selbst
fängt jetzt erst an.
In einem Moor lebten einmal ein Kranich und
ein Reiher, die hatten sich jeder eine Hütte ge-
baut, der eine an diesem Ende des Moores, der
andere an jenem. Dem Kranich wurde das Allein-
sein langweilig, und er gedachte zu heiraten. „Ich
will gehen und um Base Reiher freien!“
Er machte sich auf den Weg – tapp, tapp –,
sieben Werst durchs Moor. Kommt hin und sagt:
„Ist Base Reiher zu Hause?“ – „Ja!“ – „Werde
meine Frau!“ – „Nein, Kranich, ich werde nicht
deine Frau. Deine Beine sind zu lang, dein Rock
ist zu kurz; du fliegst schlecht und hast nichts,
mich zu füttern. Geh fort, Langbein!“ So mußte
der Kranich unverrichteterdinge nach Hause ge-
hen.
Hinterher besann sich Base Reiher eines ande-
ren und sagte: „Ehe ich als einsame Jungfer lebe,

43
will ich lieber den Kranich heiraten.“ Kommt zum
Kranich und sagt: „Kranich, nimm mich zur Frau!“
– „Nein, Base Reiher, ich brauche dich nicht. Ich
mag nicht heiraten und nehme dich nicht zur
Frau. Scher dich fort!“ Der Reiher brach vor
Scham in Tränen aus und machte sich auf den
Heimweg. Der Kranich besann sich eines anderen
und sagte: „Es war dumm von mir, Base Reiher
nicht zu nehmen; allein ist’s zu langweilig. Ich will
jetzt gehen und sie zur Frau nehmen.“ Er kommt
hin und sagt: „Base Reiher, ich möchte dich heira-
ten. Werde meine Frau!“
„Nein, Kranich, ich werde nicht deine Frau!“ Der
Kranich ging nach Hause.
Da besann sich der Reiher eines anderen:
„Warum habe ich nein gesagt? Wozu soll ich als
einsame Jungfer leben? Lieber will ich den Kranich
heiraten!“ Kommt zum Kranich, aber der will
nicht. Und so gehen sie bis auf den heutigen Tag
einer den anderen zu freien, aber zum Heiraten
kommen sie nicht.

44
11
Der Hahn und die Bohne
Es lebten einmal ein Mann und eine Frau, die hat-
ten einen Hahn. Der Hahn scharrte vor dem Hau-
se und scharrte eine Bohne heraus. Die wollte er
verschlucken, da geriet sie ihm in die falsche Keh-
le. Geriet ihm in die falsche Kehle, er fiel auf den
Rücken, streckte die Beine von sich, liegt da und
atmet nicht. Die Bäuerin kommt gelaufen und
fragt:
„Was liegst du, Hahn, und atmest nicht?“
„Eine Bohne“, sagt er, „ist mir in die falsche
Kehle geraten. Lauf zur Kuh und bitte sie um But-
ter!“
Sie lief zur Kuh.
„Kuh, gib mir Butter! Der Hahn liegt da und at-
met nicht, eine Bohne ist ihm in die falsche Kehle
geraten.“
„Lauf zu den Schnittern und bitte um Heu!“
Sie kommt zu den Schnittern.
„Schnitter, gebt mir Heu! Das Heu ist für die
Kuh; die Kuh will mir Butter geben; die Butter ist
für den Hahn; der Hahn liegt da und atmet nicht,
eine Bohne ist ihm in die falsche Kehle geraten.“
Sagen die Schnitter zu ihr:
„Lauf zur Bäckersfrau und bitte um Kringel!“
Die Bäuerin kommt zur Bäckersfrau.

45
„Bäckersfrau, Bäckersfrau! Gib mir Weizenkrin-
gel. Die Kringel sind für die Schnitter; die Schnit-
ter wollen Heu geben. Das Heu ist für die Kuh; die
Kuh will Butter geben. Die Butter ist für den
Hahn; der Hahn liegt da und atmet nicht, eine
Bohne ist ihm in die falsche Kehle geraten.“
Die Bäckersfrau schickt sie zu den Holzfällern,
um Holz zu bitten.
Kommt die Bäuerin zu den Holzfällern.
„Holzfäller, gebt mir Holz! Das Holz ist für die
Bäckersfrau; die Bäckersfrau will Kringel geben.
Die Kringel sind für die Schnitter; die Schnitter
wollen Heu geben. Das Heu ist für die Kuh; die
Kuh will Butter geben. Die Butter ist für den
Hahn; der Hahn liegt da und atmet nicht, eine
Bohne ist ihm in die falsche Kehle geraten.“
Die Holzfäller schicken sie zum Schmied, um
Äxte zu bitten: sie haben nichts, das Holz zu
schlagen. Da ging die Bäuerin zum Schmied.
„Schmied, gib mir eine Axt! Die Axt ist für die
Holzfäller; die Holzfäller wollen Holz geben. Das
Holz ist für die Bäckersfrau; die Bäckersfrau will
Kringel geben; die Kringel sind für die Schnitter;
die Schnitter wollen Heu geben. Das Heu ist für
die Kuh; die Kuh will Butter geben. Die Butter ist
für den Hahn; der Hahn liegt da und atmet nicht,
eine Bohne ist ihm in die falsche Kehle geraten.“
„Ich habe keine Axt“, sagt der Schmied, „und
weiß auch nicht, wie ich eine schmieden soll: es
ist keine Kohle da. Geh in den Wald, schneid Fich-
tenzweige und brenne Kohle.“

46
Die Bäuerin fuhr in den Wald, brachte Holz und
brannte Kohle. Die Kohle trug sie zum Schmied –
der Schmied gab die Axt; sie ging zu den Holzfäl-
lern – die Holzfäller gaben Holz; das Holz trug sie
zur Bäckersfrau – die Bäckersfrau gab Kringel; die
Kringel trug sie zu den Schnittern – die Schnitter
gaben Heu; das Heu trug sie zur Kuh – die Kuh
gab Butter; die Butter trug sie zum Hahn – der
Hahn nahm davon, schluckte die Bohne hinter und
fing laut zu krähen an: „Kikeriki, vor dem Haus
sitz ich hie, flechte Schuhe spät und früh, hab den
Pfriemen verloren, Geld gefunden, kaufte mir ein
Mädchen fein, schenkt’ ihm ein seiden Tüchelein!“

47
12
Die Ziege
Der Bock sitzt und jammert: er hat die Ziege nach
Nüssen geschickt, sie ist gegangen und nicht wie-
dergekommen. Da beginnt der Bock zu meckern:

Die Ziege kommt mit den Nüssen nicht,


Mit den gedörrten kommt sie nicht!

Nun gut, Ziege! Ich werde die Wölfe auf dich het-
zen.
Die Wölfe wollen die Ziege nicht jagen.

Die Ziege kommt mit den Nüssen nicht,


Mit den gedörrten kommt sie nicht!

Nun gut, Wölfe! Ich werde den Bären auf euch


hetzen.
Der Bär will die Wölfe nicht reißen,
Die Wölfe wollen die Ziege nicht jagen.

Die Ziege kommt mit den Nüssen nicht,


Mit den gedörrten kommt sie nicht!

Nun gut, Bär! Ich werde das Gesinde auf dich het-
zen.
Das Gesinde will den Bären nicht schießen,
Der Bär will die Wölfe nicht reißen,

48
Die Wölfe wollen die Ziege nicht jagen.

Die Ziege kommt mit den Nüssen nicht,


Mit den gedörrten kommt sie nicht!

Nun gut, Gesinde! Ich werde den Knüppel auf


euch hetzen.
Der Knüppel will’s Gesinde nicht schlagen,
Das Gesinde will den Bären nicht schießen,
Der Bär will die Wölfe nicht reißen,
Die Wölfe wollen die Ziege nicht jagen.

Die Ziege kommt mit den Nüssen nicht,


Mit den gedörrten kommt sie nicht!

Nun gut, Knüppel! Ich werde das Beil auf dich


hetzen.
Das Beil will den Knüppel nicht spalten,
Der Knüppel will’s Gesinde nicht schlagen,
Das Gesinde will den Bären nicht schießen,
Der Bär will die Wölfe nicht reißen,
Die Wölfe wollen die Ziege nicht jagen.

Die Ziege kommt mit den Nüssen nicht,


Mit den gedörrten kommt sie nicht!

Nun gut, Beil! Ich werde den Stein auf dich het-
zen.
Der Stein will’s Beil nicht schartig machen,
Das Beil will den Knüppel nicht spalten,
Der Knüppel will’s Gesinde nicht schlagen,
Das Gesinde will den Bären nicht schießen,

49
Der Bär will die Wölfe nicht reißen,
Die Wölfe wollen die Ziege nicht jagen.

Die Ziege kommt mit den Nüssen nicht,


Mit den gedörrten kommt sie nicht!

Nun gut. Stein! Ich werde das Feuer auf dich het-
zen.
Das Feuer will den Stein nicht sengen,
Der Stein will’s Beil nicht schartig machen,
Das Beil will den Knüppel nicht spalten,
Der Knüppel will’s Gesinde nicht schlagen,
Das Gesinde will den Bären nicht schießen,
Der Bär will die Wölfe nicht reißen,
Die Wölfe wollen die Ziege nicht jagen.

Die Ziege kommt mit den Nüssen nicht,


Mit den gedörrten kommt sie nicht!

Nun gut, Feuer! Ich werde das Wasser auf dich


hetzen.
Das Wasser will das Feuer nicht löschen,
Das Feuer will den Stein nicht sengen,
Der Stein will’s Beil nicht schartig machen,
Das Beil will den Knüppel nicht spalten,
Der Knüppel will’s Gesinde nicht schlagen,
Das Gesinde will den Bären nicht schießen,
Der Bär will die Wölfe nicht reißen,
Die Wölfe wollen die Ziege nicht jagen.

Die Ziege kommt mit den Nüssen nicht,


Mit den gedörrten kommt sie nicht!

50
Nun gut, Wasser! Ich werde den Sturm auf dich
hetzen,
Der Sturm begann, das Wasser zu jagen,
Das Wasser begann, das Feuer zu löschen,
Das Feuer begann, den Stein zu sengen,
Der Stein begann, ‘s Beil schartig zu machen,
Das Beil begann, den Knüppel zu spalten,
Der Knüppel begann, ‘s Gesinde zu schlagen,
Das Gesinde begann, den Bären zu schießen,
Der Bär begann, die Wölfe zu reißen,
Die Wölfe begannen, die Ziege zu jagen:

Da war die Ziege mit den Nüssen da,


Da war sie mit den gedörrten da.

51
13
Wie das Schwein zu Tanze ging
Es lebten einmal ein Mann und eine Frau. Die Frau
sagt: „Wir wollen unser Schwein schlachten. Der
Schwager will kommen, und wir haben kein
Schweinefleisch im Hause.“ Das hörte das
Schwein und beschloß fortzulaufen. Wie es so
läuft, begegnet ihm der Hund. „Schwein, wohin
gehst du?“ – „Zum Tanz!“ – „Nimm mich mit!“ –
„Nur zu! Je mehr, desto lustiger!“ Sie gingen wei-
ter. Begegnet ihnen der Hase: „Schwein, wohin
gehst du?“ – „Zum Tanz!“ – „Nimm mich mit!“ –
„Nur zu! Je mehr, desto lustiger!“ Schwein, Hund
und Hase gehen weiter. Begegnet ihnen der
Fuchs: „Schwein wohin gehst du?“ – „Zum Tanz!“
– „Nimm mich mit!“ – „Nur zu, komm mit! Je
mehr, desto lustiger!“ Schwein, Hase, Hund und
Fuchs gingen weiter. Begegnet ihnen der Wolf:
„Schwein, wohin gehst du?“ – „Zum Tanz!“ –
„Nimm mich auch mit!“ – „Nur zu! Je mehr, desto
lustiger!“ Schwein, Hund, Hase, Fuchs und Wolf
gingen weiter. Kommt ihnen der Bär entgegen.
„Wohin gehst du, Schwein?“ – „Zum Tanz!“ –
„Nimm mich auch mit!“ – „Warum nicht? Nur zu!
Je mehr, desto lustiger!“ Schwein, Wolf, Bär,
Fuchs, Hase und Hund gingen weiter und immer
weiter. Da kamen sie an eine große Grube. Wie
hinüberkommen? Die Latte, die darüberführte,

52
war dünn. Das Schwein ging voran, als letzter
folgte der Bär. Als sie in der Mitte waren, brach
die Stange, und alle fielen in die Grube. Sie saßen
lange Zeit und bekamen Hunger. Da sagt der
Fuchs: „Wir wollen sehen: wer am längsten heu-
len kann.“ Alle begannen zu heulen, nur der Hase
brachte keinen Laut heraus. Da rissen sie ihn in
Stücke. Der Fuchs nahm die Därme und legte sich
darauf. Der Bär aber hatte nicht mitgeheult; er
war über alle der Herr. Sie saßen einen ganzen
Tag und noch einen, da begannen sie wieder um
die Wette zu heulen. Das Schwein hielt nicht mit
und wurde gefressen, danach auch der Hund und
der Wolf. Die Därme aber hatte jedesmal der
Fuchs genommen und sich darauf gelegt. Nun wa-
ren nur noch Fuchs und Bär übrig. Sie saßen viele
Stunden, der Fuchs aber langte mit der Pfote un-
ter seinen Leib und fraß die Därme. Fragt der Bär:
„Was frißt du, Fuchs?“ – „Meine Därme ziehe ich
heraus und fresse sie.“ Der Bär griff sich in den
Leib, riß alle Därme und was sonst noch darin war
heraus und krepierte. Der Fuchs fraß ihn auf. Nun
saß er in dem Loche und wußte nicht, wie er he-
rauskommen sollte. Da sieht er einen Specht über
dem Loche fliegen. „Väterchen Specht, hilf mir
heraus!“ – „Wie soll ich dir denn heraushelfen?“ –
„Hack mit deinem Schnabel kleine Stufen!“ Er
hackte kleine Stufen, und der Fuchs kletterte her-
aus. „Väterchen Specht, gib mir Bier zu trinken!“
– „Wie soll ich dir denn zu trinken geben?“ – „Dort
fährt ein Bauer Bier. Setz dich abwechselnd aufs
Pferd und aufs Faß, dann wieder aufs Pferd und

53
wieder aufs Faß!“ Der Specht flog hin. Der Bauer
begann, mit der Peitsche zu schlagen, schlug das
Faß entzwei, das Bier floß aus, und der Fuchs
trank sich voll. Dann bittet er: „Väterchen Specht,
füttere mich mit Pfannkuchen!“ – „Wie soll ich
dich denn füttern?“ – „Wenn die Bäuerin den Teig
anrührt, stiehl ein paar Pfannkuchen!“ Der Specht
tat’s. Der Fuchs bittet wieder: „Väterchen Specht,
bring mich zum Lachen!“ – „Wie soll ich dich denn
zum Lachen bringen?“ – „Dort sind vier Bauern
zum Dreschen. Flieg hin und setz dich auf sie,
bald auf den einen, bald auf den anderen, dann
werden sie einander mit den Dreschflegeln schla-
gen.“ Der Specht flog hin. Die Bauern schlugen
einander über Kreuz, daß es eine Art hatte. Der
Fuchs aber kicherte hinter der Tenne. Sie hörten’s
und hetzten die Hunde auf ihn. Da rannte er, was
die Beine hergaben, zwängte sich in einen hohlen
Baum und fragte: „Äuglein, was habt ihr getan?“
– .Wir haben immer ausgeschaut, Fuchs, und dir
geholfen zu entkommen.“ – „Beine, meine Beine,
was habt ihr getan?“ – „Wir sind immer gerannt,
Fuchs, und haben dich vor den Hunden bewahrt.“
– „Und du, Schwanz, was hast du getan?“ – „Ich
bin dir immer zwischen die Beine gekommen.“ –
„Ach, du bist mir immer dazwischengekommen,
wolltest, daß mich die Hunde fressen! Das zahl ich
dir heim!“ Und steckte ihn aus dem hohlen Baum
heraus. Die Hunde rissen den Schwanz ab, und
der Fuchs lief von nun an ohne Schwanz umher.
Die anderen Füchse verspotteten ihn. Der Fuchs
aber sagte: „Reißt nur auch euren Schwanz ab,

54
dann werdet ihr merken, wie leicht es sich läuft.“
Aus!

55
14
Das Schlößchen
Liegt auf dem Felde ein Pferdeschädel. Kam Mäu-
schen Wühl-dein-Loch gelaufen und fragt:
„Schloß, Schloß, Schlößchen! Wer wohnt in deinen
Stübchen?“ Niemand antwortet. Da ging es hinein
und wohnte hinfort im Pferdeschädel. Kam Frosch
Quak-Quak: „Schloß, Schloß, Schlößchen! Wer
wohnt in deinen Stübchen? – „Ich, Mäuschen
Wühl-dein-Loch! Und wer bist du?“ – „Ich bin
Frosch Quak-Quak!“ – „Komm, wohn bei mir!“ Der
Frosch ging hinein, und sie wohnten von nun an
zu zweit. Kam der Hase gelaufen: „Schloß,
Schloß, Schlößchen! Wer wohnt in deinen Stüb-
chen?“ – „Ich, Mäuschen Wühl-dein-Loch, und
Frosch Quak-Quak! Und wer bist du?“ – „Ich bin
der Reißaus-überall!“ – „Komm zu uns!“ Von nun
an wohnten sie zu dritt.
Kam der Fuchs gelaufen. „Schloß, Schloß,
Schlößchen! Wer wohnt in deinen Stübchen?“ –
„Mäuschen Wühl-dein-Loch, Frosch Quak-Quak
und der Reißaus-überall! Und wer bist du?“ – „Ich
bin der Spring-überall!“ – „Komm zu uns!“ Von
nun an wohnten sie zu viert. Kam der Wolf:
„Schloß, Schloß, Schlößchen! Wer wohnt in deinen
Stübchen?“ – „Mäuschen Wühl-dein-Loch, Frosch
Quak-Quak, der Reißaus-überall und der Spring-
überall! Und wer bist du?“ – „Ich bin der Raub-

56
überall!“ – „Komm zu uns!“ Von nun an wohnten
sie zu fünft.
Da kommt der Bär zu ihnen: „Schloß, Schloß,
Schlößchen! Wer wohnt in deinen Stübchen?“ –
„Mäuschen Wühl-dein-Loch, Frosch Quak-Quak,
der Reißaus-überall, der Spring-überall und der
Raub-überall!“
„Und ich bin der Erdrück-euch-all!“ Sprach’s,
setzte sich auf den Pferdeschädel und erdrückte
alle.

57
15
Die Ziege Naseweis
Es war einmal ein Pope, der hatte viele Ziegen
und hielt einen Knecht. Wie der Frühling kam,
sagte der Pope:
„Knecht, treib die Ziegen auf die Weide und füt-
tere sie gut!“
Der Knecht trieb aus; den ganzen Tag ließ er
die Ziegen auf den Hügeln, in den Tälern, in den
dunklen Wäldern weiden. Dann war es an der Zeit
zum Heimtreiben. Die Ziegen kommen zum Tor,
der Pope tritt aus dem Haus und fragt:

Nun, ihr Zicklein, nun ihr Lieben,


Seid ihr satt an Speis und Trank?
Seid ihr auf den Hügeln gewesen.
Habt ihr fettes Gras gefressen.
Habt ihr unter der Birke geruht?

Die Ziegen antworten dem Popen:

Wir sind satt an Speis und Trank:


Wir sind auf den Hügeln gewesen.
Haben fettes Gras gefressen.
Haben zarte Blätter gefunden.
Haben unter der Birke geruht.

Eine Ziege aber sagt:

58
Ich bin nicht satt an Speis und Trank:
Bin nicht auf den Hügeln gewesen,
Hab nicht fettes Gras gefressen,
Hab nicht zarte Blätter gefunden,
Hab nicht unter der Birke geruht!

Der Pope holte aus, schlug den Knecht und er-


schlug ihn.
Der Pope hatte einen Sohn. Am Morgen schick-
te er den Sohn hinaus. Der Sohn trieb aus; den
ganzen Tag ließ er die Ziegen auf den Hügeln, in
den Tälern, in den dunklen Wäldern weiden. Dann
war es an der Zeit zum Heimtreiben. Die Ziegen
kommen zum Tor, und der Pope fragt:

Nun, ihr Zicklein, nun ihr Lieben,


Seid ihr satt an Speis und Trank?
Seid ihr auf den Hügeln gewesen.
Habt ihr fettes Gras gefressen.
Habt ihr unter der Birke geruht?

Die Ziegen antworten:

Wir sind satt an Speis und Trank:


Wir sind auf den Hügeln gewesen,
Haben fettes Gras gefressen,
Haben zarte Blätter gefunden,
Haben unter der Birke geruht!

Die eine Ziege sagt:

59
Ich bin nicht satt an Speis und Trank:
Bin nicht auf den Hügeln gewesen,
Hab nicht fettes Gras gefressen,
Hab nicht zarte Blätter gefunden,
Hab nicht unter der Birke geruht!

Da erschlug er den Sohn. Er hatte auch eine


Tochter, die schickte er am dritten Tag, die Zie-
gen zu weiden. Die Tochter trieb aus und ließ die
Ziegen den ganzen Tag auf den Hügeln, in den
Tälern, in den dunklen Wäldern weiden. Dann war
es an der Zeit zum Heimtreiben. Die Ziegen
kommen zum Tor, und der Pope fragt:

Nun, ihr Zicklein, nun ihr Lieben,


Seid ihr satt an Speis und Trank?
Seid ihr auf den Hügeln gewesen,
Habt ihr fettes Gras gefressen,
Habt ihr unter der Birke geruht?

Die Ziegen antworten:

Wir sind satt an Speis und Trank:


Wir sind auf den Hügeln gewesen,
Haben fettes Gras gefressen,
Haben zarte Blätter gefunden,
Haben unter der Birke geruht.

Die eine Ziege aber sagt:

Ich bin nicht satt an Speis und Trank:


Bin nicht auf den Hügeln gewesen,

60
Hab nicht fettes Gras gefressen,
Hab nicht zarte Blätter gefunden,
Hab nicht unter der Birke geruht!

Der Pope erschlug auch die Tochter. Am vierten


Tag schickt er seine Popin. Die ließ die Ziegen den
ganzen Tag auf den Hügeln, in den Tälern, in den
dunklen Wäldern weiden. Dann war es an der Zeit
zum Heimtreiben. Die Ziegen kommen zum Tor,
und der Pope fragt:

Nun ihr Zicklein, nun ihr Lieben,


Seid ihr satt an Speis und Trank?
Seid ihr auf den Hügeln gewesen,
Habt ihr fettes Gras gefressen,
Habt ihr unter der Birke geruht?

Die Ziegen antworten:

Wir sind satt an Speis und Trank:


Wir sind auf den Hügeln gewesen,
Haben fettes Gras gefressen,
Haben zarte Blätter gefunden,
Haben unter der Birke geruht!

Die eine Ziege aber sagt:

Ich bin nicht satt an Speis und Trank:


Bin nicht auf den Hügeln gewesen,
Hab nicht fettes Gras gefressen,
Hab nicht zarte Blätter gefunden,
Hab nicht unter der Birke geruht!

61
Da war es auch um die Popin geschehen. Am
fünften Tag trieb der Pope selber aus. Ließ die
Ziegen den ganzen Tag auf den Hügeln, in den
Tälern, in den dunklen Wäldern weiden, trat dann
vor sie und fragt:

Nun, ihr Zicklein, nun ihr Lieben,


Seid ihr satt an Speis und Trank?
Seid ihr auf den Hügeln gewesen,
Habt ihr fettes Gras gefressen.
Habt ihr unter der Birke geruht?

Die Ziegen antworten:

Wir sind satt an Speis und Trank:


Wir sind auf den Hügeln gewesen,
Haben fettes Gras gefressen,
Haben zarte Blätter gefunden,
Haben unter der Birke geruht!

Die eine Ziege aber beharrt eigensinnig:

Ich bin nicht satt an Speis und Trank:


Bin nicht auf den Hügeln gewesen,
Hab nicht fettes Gras gefressen,
Hab nicht zarte Blätter gefunden,
Hab nicht unter der Birke geruht!

Der Pope packte die Ziege und zog ihr das hal-
be Fell ab. Sie riß sich los und rannte aufs Feld,
zur Zieselmaus ins Loch. Die Zieselmaus erschrak,

62
floh aus ihrem Loch und brachte die Nacht im
Freien zu. Da sitzt sie nun und jammert. Kommt
der schiefäugige Hase:
„Warum jammerst du, Zieselmaus?“
„Es ist jemand in meinem Loch!“
Tritt der Hase ans Loch:
„Wer ist in der Zieselmaus Loch?“
„Ich, die Ziege Naseweis, voller Wunden, halb
geschunden, Schielaug, wart, ich komm’ heraus,
reift dein andres Aug dir aus!“
Der Hase verschwand – hast du nicht gesehen
– im Wald. Kommt der Wolf:
„Warum jammerst du, Zieselmaus?“
„Es ist jemand in meinem Loch!“
Tritt der Wolf ans Loch:
„Wer ist in der Zieselmaus Loch?“
„Ich, die Ziege Naseweis, voller Wunden, halb
geschunden, warte nur, ich komm’ heraus, reiße
dir die Augen aus!“
Der Wolf verschwand im Wald: er hatte Angst.
Kommt der Bär:
„Warum jammerst du, Zieselmaus?“
„Es ist jemand in meinem Loch!“
Der Bär tritt ans Loch und fragt:
„Wer ist dort?“
„Ich, die Ziege Naseweis, voller Wunden, halb
geschunden; warte nur, ich komm’ heraus, reiße
dir die Augen aus!“
Der Bär erschrak und floh in den Wald. Kommt
der Igel gekrochen:
„Warum jammerst du, Zieselmaus?“
„Weil jemand in meinem Loch ist!“

63
Kroch der Igel zum Loch und fragt:
„Wer ist dort?“
„Ich, die Ziege Naseweis, voller Wunden, halb
geschunden; warte nur, ich komm’ heraus, reiße
dir die Augen aus!“
Der Igel aber rollte sich wie ein Stein zusam-
men, sprang kopfüber ins Loch hinein und fiel ihr
gerade mit den Stacheln in die nackte Seite! Die
Ziege kletterte aus dem Loch und floh in den
Wald.

64
16
Das Schweinchen
Es lebten einmal ein Kater, ein Sperling, dazu als
drittes ein Schweinchen und schließlich noch ein
Hahn. Die zogen alle nach Holz in den Wald, den
Hahn aber ließen sie zu Hause: „Koch du den Brei,
wir werden Holz schlagen!“ Der Hahn kochte den
Brei, dann schläferte ihn, und er begann die Löffel
zu zählen. „Das ist des Sperlings Löffel, das ist
des Katers Löffel, das ist des Schweinchens Löffel,
das ist mein Löffel, Kikeriki, rührt meinen Löffel
nicht an!“ Das hörte die Füchsin, schlich sich her-
an und sagte:

Hahn, stolzer Hahn,


Golden ist dein Kamm,
Dein Köpfchen, wie schimmert’s,
Dein Hälschen, wie flimmert’s,
Schau einmal zum Fenster ‘raus,
Hochzeitsgäste sind vorm Haus,
Haben Erbsen gestreut,
Niemand liest sie auf!

(Hochzeitsgäste fuhren auch wirklich gerade


Erbsen vorbei!) Der Hahn sah zum Fenster hin-
aus, die Füchsin packte ihn und schleppte ihn fort.
Da schrie der Hahn: „Kater, Sperling und
Schweinchen als drittes, die Füchsin hat mich

65
fortgeschleppt, hinter die dunklen Wälder, hinter
die hohen Berge, hinter das tiefe Moor!“ Sie hör-
ten’s und jagten der Füchsin nach. Der Kater
rennt, daß die Erde erzittert, der Sperling fliegt,
daß die Bäume rauschen, und das Schweinchen
springt, reißt die Augen auf, setzt über alle Hin-
dernisse und rennt nieder, was ihm in den Weg
kommt – uch, wie ein Bär. Sie holten die Füchsin
ein und entrissen ihr den Hahn. Zu Hause ange-
kommen, machten sie sich wieder auf den Weg
nach Holz und sagten beim Weggehen: „Wir ge-
hen Holz holen, koche du den Brei, aber hüte
dich, das Fenster aufzumachen, sonst schleppt
dich die Füchsin fort!“ Der Hahn kocht wieder
Brei, sitzt dann da, langweilt sich, wird schläfrig
und beginnt wieder, die Löffel zu zählen: „Das ist
des Sperlings Löffel, das ist des Katers Löffel, das
ist des Schweinchens und das ist mein Löffel. Ki-
keriki, rührt meinen Löffel nicht an!“ Das hörte die
Füchsin, schlich sich ans Haus und sagte:

Hahn, stolzer Hahn,


Golden ist dein Kamm,
Dein Köpfchen, wie schimmert’s,
Dein Hälschen, wie flimmert’s,
Schau einmal zum Fenster ‘raus,
Hochzeitsgäste sind vorm Haus,
Haben Erbsen gestreut.
Niemand liest sie auf!

Der Hahn sah zum Fenster hinaus, die Füchsin


packte ihn und schleppte ihn fort. Da schrie der

66
Hahn: „Kater, Sperling und Schweinchen als drit-
tes, die Füchsin hat mich fortgeschleppt, hinter
die dunklen Wälder, hinter die hohen Berge, hin-
ter das tiefe Moor!“ Sie hörten’s und jagten der
Füchsin nach. Der Kater rennt, daß die Erde erzit-
tert, der Sperling fliegt, daß die Bäume rauschen,
und das Schweinchen springt, reißt die Augen auf,
setzt über alle Hindernisse und rennt nieder, was
ihm in den Weg kommt. Sie rannten und rannten,
konnten die Füchsin aber nicht einholen: zu weit
hatte sie den Hahn schon geschleppt. So liefen sie
wieder heim. „Wie können wir nur den Hahn be-
freien?“ Da kam ihnen ein Gedanke: Sie machten
sich eine Zither und zogen aus, den Hahn zu be-
freien. Sie zogen also mit ihrer Zither los, kamen
an der Füchsin Haus und begannen zu spielen und
dazu zu singen:

Zither, kling, dieweil wir singen,


Laß die goldnen Saiten klingen.
Ist die Füchsin noch zu Haus?
Ging die Füchsin noch nicht aus?
Mit ihren Kinderchen, den kleinen.
Mit den Kinderchen, den feinen?
Mit dem ersten, dem Beißer,
Mit dem zweiten, dem Greiner,
Mit dem dritten, dem Zerschlag-den-Topf,
Mit dem vierten, dem Reich-mir-den-Trog?

Das hörten die Töchter der Füchsin und sagten:


„Mutter, dort spielen sie auf der Zither, wir wollen
gehen und tanzen!“ – „Geht nur, tanzt ein wenig!“

67
Da gingen sie eine nach der anderen hinaus. Die
erste kam zum Tanze – sie rissen ihr den Kopf ab
und verschwanden wieder hinter den Büschen.
Dann begannen sie wieder: „Zither, kling, die-
weil wir singen, laß die goldnen Saiten klingen!“
Alle Töchter kamen nacheinander heraus, allen
rissen sie die Köpfe ab. Die Füchsin wartet, aber
ihre Töchter kommen nicht zurück. „Nun“, denkt
sie, „ich will doch selbst auch ein wenig tanzen:
sie spielen gar zu schön!“ Kaum war sie aus dem
Tor heraus, rissen sie ihr den Kopf ab und gingen
ins Haus hinein. Der Hahn saß mit festgebunde-
nen Flügeln auf der Bank und ließ den Kopf hän-
gen. Da freuten sie sich, banden ihn los und zo-
gen heim. Von nun an lebten sie herrlich und in
Freuden und wurden reiche Leute.

68
17
Der Pfannkuchen
Es lebten einmal ein Mann und eine Frau. Der
Mann bittet: „Frau, back mir doch einen Pfannku-
chen!“ – „Woraus soll ich ihn denn backen? Es ist
kein Mehl im Hause.“ – „Ach, Frau, was redest du
da! Kratz ein wenig im Faß, fege ein wenig im
Schrank: gewiß wird sich etwas Mehl finden!“
Die Frau nahm eine Gänsefeder, kratzte ein
wenig im Faß, fegte ein wenig im Schrank, und so
kam an die zwei Hände voll Mehl zusammen. Sie
rührte den Teig mit dicker Milch an, buk den
Pfannkuchen in Öl und stellte ihn zum Abkühlen
aufs Fensterbrett.
Der Pfannkuchen lag dort und lag, und plötzlich
rollte er herunter – vom Fenster auf die Bank, von
der Bank auf den Fußboden, vom Fußboden zur
Tür, sprang über die Schwelle auf den Flur, vom
Flur auf die Treppe, von der Treppe auf den Hof,
vom Hof zum Tor und so weiter und immer wei-
ter.
Der Pfannkuchen rollt die Straße entlang, da
begegnet ihm der Hase: „Pfannkuchen, Pfannku-
chen, ich will dich fressen!“ – „Friß mich nicht,
Schielauge, ich will dir ein Liedchen singen“, sagte
der Pfannkuchen und begann:

Bin aus dem Faß zusammengekratzt,

69
Bin aus dem Schrank zusammengefegt,
Bin mit dicker Milch gemischt
Und in fettem Öl gebacken,
Dann auf dem Fenster abgekühlt.
Bin dem Väterchen entlaufen,
Bin dem Mütterchen entlaufen,
Und du, Hase, kriegst nimmer mich!

Damit rollte er weiter; und der Hase hatte das


Nachsehen.
Der Pfannkuchen rollt, da begegnet ihm der
Wolf: „Pfannkuchen, Pfannkuchen, ich will dich
fressen!“ – „Friß mich nicht, grauer Wolf, ich will
dir ein Liedchen singen l“

Bin aus dem Faß zusammengekratzt,


Bin aus dem Schrank zusammengefegt,
Bin mit dicker Milch gemischt
Und in fettem Öl gebacken,
Dann auf dem Fenster abgekühlt.
Bin dem Väterchen entlaufen,
Bin dem Mütterchen entlaufen,
Bin dem Hasen auch entlaufen,
Und du, Wolf, kriegst nimmer mich!

Damit rollte er weiter; und der Wolf hatte das


Nachsehen.
Der Pfannkuchen rollt, da begegnet ihm der
Bär: „Pfannkuchen, Pfannkuchen, ich will dich
fressen!“ – „Wie willst du, Krummbein, mich fres-
sen!“

70
Bin aus dem Faß zusammengekratzt,
Bin aus dem Schrank zusammengefegt,
Bin mit dicker Milch gemischt
Und in fettem Öl gebacken,
Dann auf dem Fenster abgekühlt.
Bin dem Väterchen entlaufen,
Bin dem Mütterchen entlaufen,
Bin dem Hasen auch entlaufen,
Bin dem grauen Wolf entlaufen,
Und du, Bär, kriegst nimmer mich!

Damit rollte er wieder davon, und der Bär hatte


das Nachsehen.
Der Pfannkuchen rollt und rollt, da begegnet
ihm der Fuchs: „Guten Tag, Pfannkuchen! Nein,
was für ein schmucker Bursche du bist!“ Der
Pfannkuchen aber sang:

Bin aus dem Faß zusammengekratzt,


Bin aus dem Schrank zusammengefegt.
Bin mit dicker Milch gemischt
Und in fettem Öl gebacken,
Dann auf dem Fenster abgekühlt.
Bin dem Väterchen entlaufen,
Bin dem Mütterchen entlaufen,
Bin dem Hasen auch entlaufen,
Bin dem grauen Wolf entlaufen,
Bin dem Bär sogar entlaufen,
Und du, Fuchs, kriegst nimmer mich!

„Was für ein wundervolles Lied!“ sagte der


Fuchs. „Ich bin freilich alt geworden, Pfannku-

71
chen, und höre schlecht. Sei doch so gut, setz
dich auf meine Nase und sing es mir noch einmal
lauter vor!“ Der Pfannkuchen sprang dem Fuchs
auf die Nase und sang das gleiche Lied. „Danke
schön, Pfannkuchen! Ein wundervolles Lied, ich
möchte es gar zu gern noch einmal hören. Sei
doch so gut, setz dich auf meine Zunge und sing
es mir ein letztes Mal vor.“ Sprach’s und steckte
seine Zunge heraus. Der dumme Pfannkuchen
sprang ihm auf die Zunge, der Fuchs schnappte
zu und verspeiste ihn.

72
Zaubermärchen

18
Der Kater mit dem Goldschwanz
Es lebten einmal ein Mann und eine Frau, die hat-
ten drei Töchter. In jener Gegend aber hauste im
Walde hinter dem Berge ein Bär, und dieser Bär
hatte einen Kater mit goldenem Schwanz. Einmal
sagte der Bär: „Kater Goldschwanz, verschaff mir
eine Frau.“ Der Kater mit dem goldenen Schwanz
machte sich auf den Weg, eine Braut zu suchen.
Er streicht im Garten umher, schleicht über die
Gemüsebeete, mitten durch den Kohl. Da erblickt
ihn das eine Mädchen durchs Fenster. „Vater, ein
Kater mit goldenem Schwanz läuft über die Bee-
te!“ – „Lauf und fang ihn! Lauf und fang ihn!“ Sie
lief hinaus, ihn zu fangen. Der Kater läuft übers
Beet – das Mädchen läuft übers Beet, der Kater
läuft die Straße entlang – das Mädchen läuft die
Straße entlang, der Kater springt über den Graben
– das Mädchen springt über den Graben, der Ka-
ter schlüpft ins Haus – das Mädchen schlüpft ins
Haus. Da liegt der Bär auf dem Bett. „Eine aller-
liebste Braut hast du mir gebracht. Jetzt werden
wir ein Leben führen! Du, liebes Weib, sollst mich
füttern, sollst mich tränken, ich aber will dir Holz
bringen. Hier nimm die Schlüssel: in diese Kam-
mer sollst du gehen, in diese Kammer sollst du
gehen, in diese jedoch darfst du nicht hinein,

73
sonst muß ich dich töten.“ Da ging sie in die eine
Kammer, dann in die andere; in der ersten war
Brot, in der zweiten Fleisch, Honig und Speck. Gar
sehr verlangte es sie, auch in die dritte Kammer
zu gehen und zu sehen, was der Bär dort zu ste-
hen habe. Ging hinein und sieht: Dort stehen Fäs-
ser. Sie nahm vom ersten Faß den Deckel und
probierte mit dem Finger, was darin wäre. Wie sie
den Finger ansah, war er golden geworden. Gold
war im Faß, goldenes Wasser. Da erschrak das
Mädchen, band ein Läppchen um den Finger, setzt
sich und näht. Der Bär kam heim, sah den ver-
bundenen Finger und fragt: „Liebes Weib, warum
hast du deinen Finger verbunden?“ – „Hab mich
geschnitten, hab Nudeln gemacht und mich ge-
schnitten!“ – „Das will ich mir einmal ansehen!“ –
„Nein, es tut weh, nein, es tut weh!“ – „Ei was,
ich will’s sehen!“ Er zog den Verband herunter
und sah den goldenen Finger. „Ach, du bist in die
dritte Kammer gegangen!“ Sprach’s, riß ihr den
Kopf ab und warf sie in die dritte Kammer hinter
ein Faß. Wieder war er allein. Da sagt er: „Kater
Goldschwanz, verschaff mir eine Frau! Kater Gold-
schwanz, verschaff mir eine Frau!“ – „Bring du
deine Bräute nicht um! Ich gehe nicht!“ – „Kater
Goldschwanz, verschaff mir eine Frau!“ – „Nun
gut.“ Der Kater streicht durch die Kohlbeete,
schleicht überall umher. Da erblickt ihn die zweite
Tochter und ruft: „Vater, Mutter, der Kater mit
dem goldenen Schwanz!“ – „Lauf und fang ihn!
Lauf und fang ihn!“ Sie lief hinaus, ihn zu fangen.
Der Kater läuft übers Beet – das Mädchen läuft

74
übers Beet, der Kater läuft die Straße entlang –
das Mädchen läuft die Straße entlang, der Kater
springt über den Graben – das Mädchen springt
über den Graben, der Kater schlüpft ins Haus –
das Mädchen schlüpft ins Haus. Da liegt der Bär
auf dem Bett. „Eine allerliebste Braut hast du mir
gebracht. Jetzt werden wir ein Leben führen! Du,
liebes Weib, sollst mich füttern, sollst mich trän-
ken, ich aber will dir Holz bringen. Hier nimm die
Schlüssel: in diese Kammer sollst du gehen, in
diese Kammer sollst du gehen, in diese jedoch
darfst du nicht hinein, sonst muß ich dich töten!“
Da ging sie in die eine Kammer, dann in die ande-
re; in der ersten war Brot, in der zweiten Fleisch,
Honig und Speck. Gar sehr verlangte es sie, auch
in die dritte Kammer zu gehen und zu sehen, was
der Bär dort zu stehen habe. Geht hinein und
sieht: Dort stehen Fässer. Sie nahm vom ersten
Faß den Deckel und probierte mit dem Finger, was
darin wäre. Wie sie den Finger ansah, war er gol-
den geworden. Gold war im Faß, goldenes Was-
ser. Da erschrak das Mädchen, band ein Läppchen
um den Finger, setzt sich und näht. Der Bär
kommt heim, sieht den verbundenen Finger und
fragt: „Liebes Weib, warum hast du deinen Finger
verbunden?“ – „Hab mich geschnitten, hab Nudeln
gemacht und mich geschnitten!“ – „Das will ich
mir einmal ansehen!“ – „Nein, es tut weh, nein, es
tut weh!“ – „Ei was, ich will’s sehen!“ Er zog den
Verband herunter und sah den goldenen Finger.
„Ach, du bist in die dritte Kammer gegangen!“

75
Sprach’s, riß ihr den Kopf ab und warf sie in die
dritte Kammer hinter ein Faß.
Da war er wieder Witwer und bekam Langewei-
le. „Kater Goldschwanz, verschaff mir eine Frau!
Kater Goldschwanz, verschaff mir eine Frau!“
„Ich gehe nicht, warum bringst du sie immer
um!“ – „Ich will’s nicht wieder tun, will sie ver-
schonen.“ Nun, er ging. Der Kater strich durch die
Beete, mitten durch die Möhren hindurch. Da er-
blickte ihn die dritte Tochter und ruft: „Vater,
Mutter, der Kater mit dem goldenen Schwanz!“ –
„Lauf und fang ihn! Lauf und fang ihn!“ Sie lief
hinaus, ihn zu fangen. Der Kater läuft über die
Beete – das Mädchen läuft über die Beete, der Ka-
ter läuft die Straße entlang – das Mädchen läuft
die Straße entlang, der Kater läuft durch die Ak-
kerfurche – das Mädchen läuft durch die Ackerfur-
che, der Kater springt über den Graben – das
Mädchen springt über den Graben, der Kater
schlüpft ins Haus – das Mädchen schlüpft ins
Haus. Da liegt der Bär auf dem Bett. „Eine aller-
liebste Braut hast du mir gebracht. Du, liebes
Weib, mache den Ofen an und koche; du sollst
mich füttern, ich aber will Holz bringen. Hier sind
die Schlüssel: in diese Kammer magst du gehen,
in diese Kammer magst du gehen, in diese jedoch
darfst du nicht hinein, sonst muß ich dich töten.“
Damit ging der Bär nach Holz. Sie ging in die er-
ste Kammer – dort fand sie Brot und Mehl. In der
zweiten war Fleisch, Speck und Butter. Nun kam
sie das Verlangen an, in die dritte Kammer zu ge-
hen, was der Bär dort zu liegen habe. Sie schloß

76
die Tür auf und sieht, dort stehen Fässer. Sie
nahm einen Stab und tauchte ihn in das eine Faß
– da war der Stab ganz mit Gold überzogen. Sie
tauchte ihn in ein anderes Faß – da war er silbern
geworden, in das dritte – da bewegte sich der
Stab in ihrer Hand. Sie sah hinter das Faß: „Weh,
hier liegen meine Schwestern erschlagen!“ Wie sie
den Stab ins vierte Faß tauchte, wurde er wieder
starr und unbeweglich: Das Wasser des Todes war
darin. Da nahm sie die eine Schwester, setzte ihr
den Kopf auf den Hals und besprengte sie mit
dem Wasser des Todes; der Kopf wuchs an, doch
die Schwester blieb tot; sie nahm vom Wasser des
Lebens, und die Schwester wurde wieder leben-
dig.
„Was auch draus werden mag, ich will dich er-
retten. Ich werde Pfannkuchen backen, dich in
den Korb setzen, und der Bär soll dich in unseren
Hof werfen: Ich werde sagen, es ist für Mutters
Leichenschmaus.“
Wie der Bär nach Hause kam, ist sie beim
Pfannkuchenbacken. „Ich hab doch ein allerlieb-
stes Weibchen! Wie hast du dir die Zeit vertrie-
ben?“ – „Sieh nur: überall bin ich gewesen, hab
alles gefunden.“ – „In die dritte Kammer bist du
nicht gegangen?“ – „Nein, weiß nicht, was darin
ist.“ – „Dann gib mir zu essen!“ – „Bring doch ei-
nen Korb Pfannkuchen zu den Meinen, für Mutters
Leichenschmaus! Bring ihn hin und wirf ihn in den
Garten!“ – „Gut, ich will’s tun.“ Sie legte die
Schwester in den Korb, auf die Schwester aber
Pfannkuchen und Piroggen. „Nun geh und bring’s

77
als Liebesgabe! Du siehst, der Korb ist voll. Daß
du aber nichts davon ißt! Ich steige aufs Dach und
passe auf!“ Der Bär lud die Kuchen auf seinen
Rücken. Der Korb war aber sehr schwer, darum
sagte er nach einer Weile: „Will mich auf einen
Baumstumpf setzen, mich an einer Pirogge let-
zen.“ Aber die Schwester im Korb sprach: „Ich
seh’s, ich seh’s. Du darfst dich nicht auf den
Baumstumpf setzen, dich nicht an einer Pirogge
letzen!“ – „Ei, was hat sie für scharfe Augen; sieht
mich noch immer!“ Er war aber schon weit ge-
gangen. Als er an den Rand des Gehöfts kam,
warf er den Korb mit den Piroggen hinein. Die
Hunde jagten ihm nach, er aber entfloh in den
Wald. Das Mädchen sprang unterdes heraus und
lief heim. Der Bär kam nach Hause, da ist die Frau
wieder bei der Arbeit: „Mein Vater ist gestorben,
wir müssen etwas zum Leichenschmaus schik-
ken!“ – „Wenn du’s willst, bring ich’s hin.“ Sie buk
wieder Piroggen. „Nun geh, Michail Michailo-
witsch; doch darfst du dich nicht auf ’nen Baum-
stumpf setzen, dich nicht an einer Pirogge letzen.
Ich werde auf dem Dache stehen, werde alles se-
hen!“ Der Bär hatte schon einen langen Weg hin-
ter sich gebracht, da wurde er müde. „Will mich
auf einen Baumstumpf setzen, mich an einer Pi-
rogge letzen.“ – „Du darfst dich nicht auf den
Baumstumpf setzen, dich nicht an einer Pirogge
letzen!“ – „Was für scharfe Augen sie doch hat:
sieht auch aus der Ferne alles.“ Als er an den
Rand des Gehöfts kam, warf er den Korb in den
Garten, daß die Kuchen nach allen Seiten flogen.

78
Das Mädchen sprang heraus und lief heim, die
Hunde aber jagten dem Bären nach.
Am dritten Tag sagt sie: „Mein Bruder ist ge-
storben, wir müßten etwas zum Leichenschmaus
schicken!“ – „Wie du meinst; back Pfannkuchen
und Piroggen, ich will’s hintragen.“ Sie hatten
aber einen gelehrten Hahn, zu dem sagt sie:
„Deck mich mit Pfannkuchen und Piroggen zu, ich
will dir auch schöne Körner geben.“ Dann nahm
sie einen Mörser, hüllte ihn in ihr Kleid und stellte
ihn aufs Dach. Der Hahn nun deckte sie mit
Pfannkuchen und Piroggen zu (sie hatte aber auch
vom Golde mitgenommen). Der Bär nahm den
Korb und machte sich auf den Weg. Lief und lief
und wurde müde: „Will mich auf einen Baum-
stumpf setzen, mich an einer Pirogge letzen.“ Da
sprach sie: „Ich werde dir, ich werde dir; du
darfst dich nicht auf den Baumstumpf setzen, dich
nicht an einer Pirogge letzen!“ – „Sie sieht’s, da-
bei bin ich doch schon weit.“
Er kam an den Rand des Gehöfts, warf den
Korb hinein, und die Hunde jagten ihm nach. Wie
er nach Hause kam, steht sie auf dem Dach, näm-
lich der Mörser. „Was stehst du noch auf dem
Dach, liebes Weib? Die Piroggen habe ich schon
fortgebracht!“ Sie steht und sagt kein Wort. „So
komm doch herunter, sage ich! Komm herunter,
oder es setzt Schläge!“ Sie steht und sagt kein
Wort. Er wurde wütend, nahm eine Stange und
stieß sie. Sie rollte das Dach herunter, rums,
rums, immer weiter. Er hielt die Pranken bereit,
sie aufzufangen: „Ach, meine Schöne! Sollst dich

79
nicht zu Tode stürzen!“ Der Mörser flog in hohem
Bogen vom Dach herunter, dem Bären gerade auf
die Schnauze, mitten auf die Nase. Und machte
mit dem Bären und dem Märchen ein Ende.

80
19
Das Schneekind
Es lebten einmal ein alter Mann und eine alte
Frau, die hatten weder Sohn noch Tochter, und
ihre Fenster hatten sie mit Brettern zugenagelt.
Einmal liegen sie auf dem Ofen, da sagt der Mann
zu seiner Frau:
„Mir ist ein Gedanke gekommen; geh und brin-
ge etwas Schnee!“
Die Alte brachte in einem Sieb Schnee. Den
Schnee kneteten und kneteten sie, bis sie ein
Schneekind herausgeknetet hatten. Das stellten
sie in ihren Ofen. Es wurde trocken und begann zu
wachsen, nicht von einem Tag zum andern, son-
dern von einer Stunde zur andern. So schnell
wuchs es heran, daß es zum Frühjahr schon eine
Jungfrau war. Die Leute im Dorf erfuhren, daß der
Alte ein Schneekind hatte, und kamen gelaufen:
„Laß das Schneekind mit in den Wald zum Bee-
rensammeln!“ Sie baten wohl an die zwanzig Mal.
Schließlich erlaubte es der Alte: „Es sei, geht
nur!“ Da machten sie sich auf den Weg. Die Alte
hatte dem Schneekind ein Schüsselchen mitgege-
ben und ein Stück Brot. Schneekind hatte das
Schüsselchen genommen und auch das Stück
Brot. Die Mädchen essen, Schneekind aber pflückt
indessen Beeren und legt sie ins Schüsselchen.
Wie die Mädchen hinschauen, ist Schneekinds

81
Schüsselchen schon voll, sie selbst aber haben
noch gar nichts gepflückt. Da wurden sie zornig
und schlugen das Schneekind tot. Schlugen’s tot,
das Schüsselchen aber zerbrachen sie, die Beeren
teilten sie, und das Brot aßen sie. Schneekinds
Leib vergruben sie und steckten noch Weidenru-
ten in die Erde darüber. Dann gingen sie heim.
„Und wo ist unser Schneekind?“ – „Wir wissen’s
nicht, haben es verloren!“ Da weinten sie bitter-
lich, aber das half auch nichts. Einmal fuhren
Kaufleute mit ihren Waren denselben Weg, die
hatten einen kleinen Sohn. Der sah, wie unter ei-
nem Strauch Rohr für eine Pfeife wuchs. „Vater,
schneid mir eine Pfeife, ich will darauf spielen!“
Sie schnitten ihm eine Pfeife, und er begann dar-
auf zu spielen. Die Pfeife aber sang:

Lieber Knabe, leise, leise,


Spiel und hör die Trauerweise.
Zwei Schwestern haben mich erschlagen,
Haben mich unter dem Strauch begraben,
Haben’s Schüsselchen zerbrochen,
Haben alle Beeren genommen,
Haben zum Totenmahl ‘s Brot gegessen.
Haben mich noch mit Ruten besteckt.

Sie fuhren weiter, und der Knabe spielt ohne


Unterlaß. Als sie zum Dorf kamen, wollten sie
ausruhen und fuhren gerade zu jenem Alten. Der
fütterte die Pferde und stellte den Samowar auf
den Tisch. Der Knabe aber saß draußen auf den

82
Stufen, holte sein Pfeifchen hervor und spielte das
Lied:

Lieber Knabe, leise, leise.


Spiel und hör die Trauerweise.
Zwei Schwestern haben mich erschlagen.
Haben mich unter dem Strauch begraben.
Haben ‘s Schüsselchen zerbrochen.
Haben alle Beeren genommen.
Haben zum Totenmahl ‘s Brot gegessen.
Haben mich noch mit Ruten besteckt.

Das hörte die Alte: „Ach, wie klingt das schön.


Laß mich auch einmal versuchen.“ Nahm’s, das
Pfeifchen aber sang:

Mütterchen, ach leise, leise.


Spiel und hör die Trauerweise.
Zwei Schwestern haben mich erschlagen.
Haben mich unter dem Strauch begraben.
Haben ‘s Schüsselchen zerbrochen.
Haben alle Beeren genommen,
Haben zum Totenmahl ‘s Brot gegessen,
Haben mich noch mit Ruten besteckt.

Als die Alte das gehört hatte, erblaßte sie: „Was


ist das? Alter, spiel du einmal!“ Der Alte nahm das
Pfeifchen, das aber sang:

Väterchen, ach leise, leise.


Spiel und hör die Trauerweise.
Zwei Schwestern haben mich erschlagen,

83
Haben mich unter dem Strauch begraben,
Haben ‘s Schüsselchen zerbrochen,
Haben alle Beeren genommen,
Haben zum Totenmahl ‘s Brot gegessen,
Haben mich noch mit Ruten besteckt.

Viele Nachbarn waren zusammengelaufen, alle


hörten das Lied, und auch jene Mädchen waren
herbeigekommen. Denen gibt die Alte das Pfeif-
chen. Das eine Mädchen aber, kaum daß es nach
dem Pfeifchen greift, sinkt zu Boden: „Ich will
nicht spielen!“ Das Pfeifchen zerbrach, und im
gleichen Augenblick saß das Schneekind dort. Da
freuten sie sich sehr, ich weiß gar nicht, was sie
alles vor Freude angestellt haben. Die Kaufleute
aber tranken ihren Tee und fuhren dann weiter
zum Markt.

84
20
Die habgierige Alte
Es lebten einst ein alter Mann und eine alte Frau.
Der Mann ging einmal in den Wald, um Holz zu
schlagen. Er suchte sich einen alten Baum aus,
hob die Axt und schlug sie in den Stamm. Da sagt
der Baum zu ihm: „Fälle mich nicht, Bauer! Was
du dir wünschst, will ich dir erfüllen!“ – „Dann
mach, daß ich reich werde!“ – „Es sei; geh nur
nach Hause, du wirst alles in Hülle und Fülle ha-
ben.“ Der Alte kommt nach Hause – da findet er
ein neues Haus vor, vom Keller bis zum Dach voll
schöner Dinge, Truhen und Kästen bis zum Rande
mit Geld gefüllt, Korn, daß es für zehn und aber-
mals zehn Jahre reicht, und die Kühe, Pferde und
Schafe hätte man auch in drei Tagen nicht zählen
können. „Mann, woher kommt das alles?“ fragt
die Alte. „Ich habe einen Baum gefunden – was
immer du begehrst, das tut er.“
So lebten sie einen Monat, da genügte der Alten
das reiche Leben nicht mehr. Sie sagt zu ihrem
Mann: „Wir sind jetzt zwar reich, aber was nützt
das, wenn uns die Leute keine Ehrerbietung er-
weisen! Wenn’s dem Gutsvogt gefällt, kann er
dich und mich aufs Feld schicken; und ist er nicht
bei Laune, dann setzt es Stockprügel. Geh zum
Baum und bitte, daß du Gutsvogt wirst!“ Der Alte
nahm seine Axt, ging zum Baum und will sie dicht

85
über der Wurzel in den Stamm schlagen. „Was
willst du?“ fragt der Baum. „Mach, daß ich Guts-
vogt bin!“ – „Gut, geh mit Gott!“
Er kam nach Hause, da warten schon lange die
Soldaten auf ihn: „Wo treibst du dich herum, alter
Satan?“ schrien sie ihm entgegen. „Beschaff uns
schleunigst Quartier; daß es aber ja ein gutes ist!
Los, los, rühr dich!“ Und dabei schlugen sie ihm
ihre Säbel über den Rücken, daß es eine Art hat-
te. Die Alte sieht, daß auch einem Gutsvogt nicht
immer Achtung erwiesen wird, und sie sagt zu ih-
rem Mann: „Was bringt’s für Gewinn, des Guts-
vogts Weib zu sein! Heute haben dich die Solda-
ten verprügelt, was mag erst geschehen, wenn
der Gutsherr kommt: Was ihm beliebt, das wird er
auch tun. Geh zum Baum und bitte, er soll dich
zum Herrn machen und mich zur Herrin!“
Der Alte nahm seine Axt, ging zum Baum und
will sie wieder in den Stamm treiben. Der Baum
fragt: „Was willst du, Alter?“ – „Mach mich zum
Herrn und meine Alte zur Herrin!“ – „Gut, geh mit
Gott!“ Die Alte lebte nun als Herrin, da verlangte
es sie nach mehr, und sie sagt zu ihrem Mann:
„Was bringt’s für Gewinn, daß ich die Herrin bin!
Ja, wenn du Oberst wärst und ich Frau Obristin,
das war ein anderes Leben, alle würden auf uns
neidisch sein.“
Sie schickt den Alten wieder zum Baum. Er
nahm seine Axt, kam hin und will den Baum fäl-
len. Fragt ihn der Baum: „Was brauchst du?“ –
„Mach mich zum Oberst und meine Alte zur Obri-
stin!“ – „Gut, geh mit Gott!“ Der Alte kam nach

86
Hause, da machten sie ihn zum Oberst. Wie eine
Zeit vergangen ist, sagt die Alte zu ihm: „Was ist
das schon – Oberst! Gefällt’s dem General, steckt
er dich in Arrest. Geh zum Baum und bitte, er soll
dich zum General machen und mich zur Genera-
lin!“ Der Alte ging zum Baum und nimmt die Axt
zur Hand. „Was brauchst du?“ fragt der Baum.
„Mach mich zum General und meine Alte zur Ge-
neralin!“ – „Gut, geh mit Gott!“ Der Alte kam nach
Hause, da beförderten sie ihn zum General.
Wieder verging eine Zeit, und die Alte war es
überdrüssig. Generalin zu sein. Sie sagt zu ihrem
Mann: „Was ist das schon – General! Gefällt’s
dem Zaren, schickt er dich nach Sibirien. Geh zum
Baum und bitte, er soll dich zum Zaren machen
und mich zur Zarin!“ Der Alte ging zum Baum und
nimmt die Axt zur Hand. „Was brauchst du?“ fragt
der Baum. „Mach mich zum Zaren und meine Alte
zur Zarin!“ – „Gut, geh mit Gott!“ Wie der Alte
nach Hause kam, sind schon die Sendboten da,
ihn zu holen: „Der Zar ist gestorben, du bist an
seine Stelle gewählt worden!“ Nur kurze Zeit soll-
te der Alte mit seiner Frau als Zar herrschen: Die
Alte dünkte es zu wenig, Zarin zu sein, sie rief ih-
ren Mann und sagt: „Was ist das schon – Zar! Ge-
fällt’s Gott, schickt er den Tod, und sie begraben
dich in der kalten Erde. Geh zum Baum und bitte,
er soll uns zu Göttern machen!“
Der Alte ging zum Baum. Wie der diese aber-
witzigen Worte hörte, rauschte er mit seinen Blät-
tern und gab dem Alten zur Antwort: „Sei du ein
Bär und deine Frau die Bärin!“ Im gleichen Au-

87
genblick wurde der Alte in einen Bären verwan-
delt, seine Alte in eine Bärin, und beide liefen in
den Wald.

88
21
Das bucklige Pferdchen
Es lebte einmal ein Mann mit seinen Söhnen am
Ende der Welt. Es waren drei Söhne: Anton, der
älteste, Andron, der zweite, und Iwan, der dritte,
der war gerade noch zum Pflügen zu gebrauchen.
Er schlief viel, aß viel und kannte keine Sorgen.
Der Vater hatte eine Deßjatine Weizen gesät. Der
Weizen war gut geraten. Aber irgend jemand trat
ihn immer wieder nieder. Aß auch ein wenig da-
von, vor allem aber trat er ihn nieder. Der Vater
teilte die Söhne zum Wachdienst ein, in der Nacht
den Weizen zu bewachen. Die erste Nacht zog An-
ton auf Wache, der älteste der Brüder. Wie er früh
am Morgen heimkommt, fragt der Vater:
„Wer war im Weizen?“
Der Sohn antwortete:
„Habe niemanden gesehen!“
Es hatte aber dieser Wachtposten auf dem Feld-
rain geschlafen und deswegen nichts gesehen. In
der zweiten Nacht ging Andron, der mittlere Sohn.
Andron bezog die Wache bei der jungen Nachba-
rin, den Weizen aber ließ er Weizen sein. Wie An-
dron früh am Morgen heimkommt, fragt der Va-
ter:
„Wie war’s im Weizen?“
Der Sohn antwortete:
„Habe niemanden gesehen, Vater!“

89
Dabei hatte er bei der jungen Nachbarin ge-
wacht. Die dritte Nacht kommt heran, da schickt
der Vater seinen jüngsten Sohn Iwan. Iwan
sträubt sich und will nicht gehen. Der Vater ver-
spricht ihm:
„Ich kaufe dir auch rote Stiefel, geh, mein
Sohn!“
Iwan machte sich auf den Weg. Nahm eine
Fangleine und einen Kanten Brot mit, dazu eine
Axt (eine Waffe nahm er also immerhin mit). So
zog er auf Wache, legte sich auf den Feldrain, den
Bauch dem Himmel zugekehrt, ißt sein Brot und
zählt die Sterne. Zählte und zählte und konnte sie
nicht zählen. Auf einmal sah er, wie eine wunder-
schöne Stute pfeilgeschwind in den Weizen stürm-
te, herrlich wie die Zarin selbst. Die Mähne war
ganz von Gold und der Schwanz von Silber. Iwan
nimmt seine Fangleine, schlich sich heran und
packte die wunderschöne Stute am Schwanz. Sie
schlug nach allen Seiten aus, kann sich aber nicht
losreißen. Iwan stieg auf und setzte sich auf ihren
Rücken, mit dem Hinterteil nach vorn. Die Stute
flehte:
„Laß mich laufen, Iwan!“
Iwan sagt:
„Nein, ich laß dich nicht laufen, sondern werde
auf dir nach Hause reiten; du hast unseren gan-
zen Weizen niedergetreten.“
Die Stute sagt wieder:
„Laß mich laufen, Iwan, ich will dir drei Pferde
geben: zwei mit goldener Mähne, das dritte aber
mit langen Ohren, langen Beinen und zwei Hök-

90
kern. Die zwei Pferde mit der Goldmähne magst
du immerhin verkaufen, Iwan, das bucklige Pferd-
chen jedoch darfst du um keinen Preis hergeben,
sondern mußt es behalten. Du wirst es brauchen.“
Iwan sagt zu der Stute:
„Und wann willst du sie schicken?“
Die Stute erwiderte:
„Morgen früh werden sie auf eurem Hofe ste-
hen.“
Da ließ Iwan sie laufen. Die Stute lief davon,
und Iwan machte sich auf den Heimweg. Kommt
nach Hause und klopft an die Tür.
„Mach auf, Vater“, ruft er und poltert gegen die
Tür, daß sie bald aus den Angeln fällt.
Der Vater machte ihm auf und fragte:
„Wen hast du dort gesehen, Iwan?“
„Den Teufel, Vater. Er war’s, der unseren Wei-
zen niedergetreten hat.“
Damit kletterte er auf den Ofen, um zu schla-
fen. Seine Brüder aber lachen und verspotten den
Dummkopf:
„Was verstehst du schon davon!“
Am Morgen standen Anton und Andren auf und
gingen zum Nachbarn, wo ein Fest gefeiert wurde.
Iwan wachte auf und trat auf den Hof, sich seine
Pferde anzusehen. Wahrhaftig, da stehen drei
Pferde. Er betrachtete sie, dann ging er und legte
sich wieder auf den Ofen schlafen. Die Brüder
kommen vom Fest. Sie betreten den Hof und se-
hen die Pferde mit der goldenen Mähne. Sie blin-
zelten einander zu, saßen auf und ritten in die
Hauptstadt, die Pferde zu verkaufen, Iwan dem

91
Dummkopf aber ließen sie das bucklige Pferdchen
zurück. Iwan wurde wieder munter, denn er war
unruhig geworden, und er ging nach seinen Pfer-
den zu sehen. Da steht nur noch eines im Hof, die
zwei anderen sind fort. Iwan wurde böse.
„Welcher Satan hat meine Pferde genommen?“
schimpft er.
Da begann das bucklige Pferdchen zu sprechen:
„Schimpf nicht, Iwan; deine Brüder haben die
Pferde genommen und sind in die Hauptstadt ge-
ritten, sie zu verkaufen. Setz dich auf meinen
Rücken, wir holen sie im Augenblick ein.“
Iwan aber kann nicht aufsitzen, wie er es auch
anstellt: die beiden Höcker hindern ihn. Da legte
sich das Pferd auf den Boden, er setzte sich auf
seinen Rücken, und das Pferd stand wieder auf.
„Halt dich an meinen Ohren fest, den langen,
und laß nicht los, Iwan, sonst fällst du herunter!“
Iwan hielt sich fest, und das Pferd flog davon. In
einem Augenblick hatten sie die Brüder eingeholt.
Iwan der Dummkopf begann, seine Brüder auszu-
schelten, die aber beschwatzen ihn:
„Iwan, laß das Schelten sein. Wir wollen die
Pferde verkaufen, dann werden wir dir schöne
Stiefel und Pfefferkuchen kaufen.“
Iwan war’s einverstanden.
Als es Nacht wurde, erblickten die Brüder in der
Ferne ein Licht.
„Iwan, was leuchtet dort? Reit hin und erkunde,
ob wir nicht über Nacht bleiben können, denn es
ist schon dunkel! Reit hin, wir warten auf dich!“
(Sie wollen ihn überlisten.)

92
Iwan flog pfeilgeschwind davon. Wie er an die
Stelle kommt, sieht er, daß es der Feuervogel ist.
Er klettert vom buckligen Pferdchen, nimmt eine
Feder und steckt sie in die Tasche. Da sprach das
Pferd:
„Wozu nimmst du die Feder, Iwan? Wirf sie fort!
Sie wird dir viel Kummer bringen!“
Iwan hört nicht darauf, schweigt und steigt
wieder auf sein Pferd. Die Brüder wollen ihm da-
vonreiten, doch daraus wurde nichts, Iwan holte
sie wieder ein. Die Brüder fragen:
„Was war dort?“
Iwan erwiderte:
„Ein verfaulter Baumstumpf hat geleuchtet.“
Frühmorgens langen die drei Brüder in der
Hauptstadt an und stellen sich auf den Markt. Zu
dieser Stunde fuhr gerade der Zar über den
Markt. Der Zar sah die Pferde, kehrte in sein
Schloß zurück und befahl, die Pferde mit der gol-
denen Mähne zu kaufen.
„Gebt, was sie verlangen!“
Iwan forderte für die Pferde einen Preis, daß
man ihn gar nicht auszusprechen wagt. Da be-
drohten ihn die Höflinge. Iwan machte nun keine
Umstände mehr und überließ ihnen die Pferde. Ein
Höfling behielt Iwan mit seinem buckligen Pferd-
chen am Hofe.
„Du kannst im Pferdestall wohnen, als Wächter
und Pferdeknecht.“
Alles Geld aber hatten die Höflinge den Brüdern
gegeben.

93
Iwan nahm Abschied von ihnen und lebte von
nun an beim Zaren, im Pferdestall. Er schläft zu-
sammen mit seinem Pferd, putzt und füttert es –
das ist seine ganze Arbeit. Eines schönen Tages
bekam Iwan mit einem Pferdeknecht Streit, und
wie sie sich prügelten, fiel die Feder aus Iwans
Tasche. Der Pferdeknecht hob sie auf und brachte
sie dem Zaren. Der Zar sagt zu dem Pferde-
knecht:
„Woher hast du das?“
„Es ist Iwan dem Dummkopf aus der Tasche
gefallen, und ich hab’s aufgehoben.“
Der Zar sagt:
„Ich merke, mit Iwan hat es eine besondere
Bewandtnis.“
Darauf ließ der Zar Iwan zu sich kommen.
„Iwan, woher hast du die Feder?“
„Auf dem Felde hab ich sie gefunden, Zar, ganz
einfach.“
„Nun, Iwan, bringe mir den Feuervogel, ich will
dich belohnen. Bringst du ihn aber nicht, dann soll
es dir schlecht ergehen.“
Iwan ging zu seinem Pferd. Das Pferd spricht zu
ihm:
„Siehst du, Iwan, ich habe dir gesagt, du sollst
die Feder nicht aufheben. Aber du hast nicht auf
mich gehört. Den Feuervogel zu holen ist nicht
schwer“, sagt das Pferd, „das Schwere kommt
erst noch. Den Feuervogel holen wir an einem Ta-
ge. Geh, Iwan, und bitte um einen Eimer Honig,
zwei Futtertröge und Handschuhe aus Saffianle-
der!“

94
Iwan trug alles, was nötig war, zusammen,
setzte sich auf sein Pferd und jagte davon. Das
Pferd kennt den Weg. Es brachte ihn auf eine
Waldlichtung.
„Steig ab, Iwan!“ Das Pferd unterweist ihn:
„Stell den einen Futtertrog hin und gieß Honig aus
dem Eimer hinein, unter den anderen Trog aber
kriech selbst, damit dich die Vögel nicht sehen!“
„Wenn jetzt die Vögel geflogen kommen, Iwan“,
sagt das Pferd, „brauchst du keine Angst zu ha-
ben. Sie strahlen helles Feuer aus. Versuche
nicht, alle zu fangen, denn wenn du alle fangen
willst, wirst du keinen einzigen bekommen. Hast
du einen gefangen, dann ruf mich aufs schnellste.
Ich werde im Augenblick hier sein.“
Iwan legte sich unter dem Trog zurecht, über
seine Hände aber zog er die Handschuhe, um den
Feuervogel zu fangen. Jetzt kamen die Vögel ge-
flogen, Honig zu trinken. Iwan packte rasch zu
und hatte den Feuervogel gefangen. Er war ihm
gleichsam an den Händen angewachsen. Iwan
ruft:
„Schnell, Pferd, ich habe den Feuervogel gefan-
gen!“
Das Pferd war schon da. Iwan steckte den Feu-
ervogel in einen Sack, war am nächsten Tag be-
reits wieder beim Zaren und hatte den Feuervogel
mit.
Der Zar sagt:
„Wir müssen ihn in eine Hütte sperren und die
Fensterläden verschließen, sonst zündet er die

95
ganze Stadt an, und die Leute werden sich ent-
setzen.“
Das wurde auch getan.
Der Zar weidete sich am Anblick des Feuervo-
gels, aber er war noch nicht zufrieden. Er läßt
Iwan wieder zu sich kommen:
„Höre, Iwan, bring mir des Mondes Tochter!“
(Er war nämlich Witwer, der Zar.) „Ich will dich
reich dafür belohnen; bringst du sie aber nicht,
lasse ich dich bestrafen!“
Iwan ging zu seinem Pferd, er weint.
Das Pferd sagt:
„Warum weinst du, Iwan?“
„Der Zar hat mir befohlen, ihm des Mondes
Tochter zu bringen.“
„Das ist nicht schwer, Iwan. Das Schwere
kommt erst noch. Ich habe dir doch gesagt, du
sollst den Feuervogel nicht nehmen. Viel Schwe-
res wirst du erdulden müssen. Geh jetzt zum Za-
ren, Iwan, und bitte ihn um ein blaues Zelt, um
ein Tischchen und um köstliche Speisen und Wei-
ne von jenseits des Meeres.“
Alles, was das Pferd befohlen hatte, holte Iwan
vom Zaren, setzte sich aufs bucklige Pferdchen
und hielt sich an den Ohren fest. Das Pferd flog
davon wie ein Pfeil. Sie kommen ans blaue Meer,
und Iwan schlug nicht weit vom Meer das Zelt
auf, stellte das Tischchen ins Zelt und köstliche
Weine und Speisen von jenseits des Meeres dar-
auf.
Das Pferd sagt zu Iwan:

96
„Bald wird ein Schiff kommen. Auf diesem
Schiff fährt des Mondes Tochter und singt herrli-
che Lieder. Sie wird in dieses Zelt treten, sich zu
erfrischen. Sie wird nämlich glauben, ihr Vater,
der Mond, habe das Zelt für sie bereitet.“
Das Pferd sagt zu Iwan:
„Geh jetzt ins Zelt. Im Zelt ist ein Alkoven. Ver-
birg dich dort, damit des Mondes Tochter dich
nicht sieht. Sie wird sich an den Tisch setzen, die
Weine und Speisen von jenseits des Meeres ko-
sten und ihre herrlichen Lieder singen. Du aber,
Iwan, tritt von hinten herzu und pack sie an den
Zöpfen. Laß aber nicht los, sondern ruf mich aufs
schnellste!“
Das Pferd lief davon, auf eine Waldwiese, Iwan
aber kroch in den Alkoven und feuchtete sich
schnell die Hände an. Des Mondes Tochter kam,
setzte sich an den Tisch und hatte noch keine Lie-
der singen noch auch von den Weinen oder Spei-
sen kosten können, da packte Iwan sie an den
Zöpfen und rief:
„Buckliges Pferdchen, schnell, ich habe die Za-
rentochter gefangen!“
Die Zarentochter bittet ihn:
„Iwan, laß mich frei!“
Doch Iwan hört nicht auf sie, sondern ruft nach
seinem Pferd. Das Pferd kam, Iwan saß auf und
ritt mit der Zarentochter heim. Nach zwei Tagen
schon brachte er dem Zaren des Mondes Tochter.
Der Zar gab ihm ein großes, wertvolles Geschenk,
und Iwan trollte sich in den Stall zu seinem Pferd.
Er versorgte das bucklige Pferdchen und legte sich

97
neben ihm nieder. Der Zar verlangt, die Tochter
des Mondes solle sein Weib werden, aber sie sag-
te nein. Sie setzt sich an den Tisch, schreibt einen
Brief an ihren Vater, den Mond, und bittet den Za-
ren, den Brief zu ihrem Vater zu senden und von
ihm Antwort bringen zu lassen. Dazu sagt sie
noch:
„Beschaff mir das blaue Kästchen vom Grunde
des blauen Meeres; mein Ring liegt darin!“
Sie hatte es nämlich dort verloren. Der Zar läßt
sogleich Iwan rufen:
„Hier, Iwan, nimm diesen Brief, trag ihn zum
Zaren Mond und bring Antwort von ihm. Hol mir
dann aus dem Meer das blaue Kästchen mit dem
Ring. Bringst du mir das Kästchen, dann will ich
dich belohnen, wenn nicht, lasse ich dich bestra-
fen!“
Die Zarentochter aber will den Zaren ohne die-
se Dinge nicht heiraten. Iwan setzte sich auf sein
Pferd und ritt los. Das Pferd sagt:
„Iwan, das ist nicht schwer; das Schwere
kommt erst noch.“
Das Pferd sagt zu Iwan:
„Wir müssen Hecht und Vogel sein.“
Das Pferd jagte dahin. Sie kommen ans blaue
Meer, da liegt ein Walfisch quer über dem Meer.
Iwan muß über den Walfisch ans andere Ufer
reiten. Auf dem Walfisch fahren viele Wagen. Die
Pferde haben ihm mit ihren Hufen alle Knochen
zerschunden. Iwan schreitet über den Walfisch.
Als er am anderen Ufer war, begann der Fisch zu
sprechen:

98
„Reitest du weit, Iwan?“
Iwan antwortet dem Walfisch:
„Zum Zaren Mond!“
Der Walfisch sagt:
„Weswegen?“
„Ich bringe einen Brief und will vom Zaren
Mond Antwort holen.“
„Iwan, frage dort auch meinetwegen. Schon
drei Jahre liege ich hier. Wie lange soll ich noch
liegen?“
Iwan sagt:
„Gut, ich will fragen.“
Das Pferd trägt Iwan weiter und hebt sich in die
Lüfte. Iwan bekam Angst. Das Pferd sagt:
„Hab keine Furcht, Iwan, halt dich an meinen
Ohren fest! Es wird dir nichts geschehen.“
Das Pferd steigt immer höher, dem Himmel
entgegen. Schließlich trägt es Iwan in die Wolken
hinein. Am Ziel angekommen, geht Iwan in die
Badestube. Da liegt der Mond auf einem Tisch,
und auch eine Flasche Wasser steht auf dem
Tisch. Der Mond tränkt sich selbst mit Wasser.
Iwan gibt dem Zaren Mond den Brief und wartet
auf Antwort. Zar Mond las den Brief und übergab
Iwan die Antwort. Da fragt Iwan den Zaren Mond
wegen des Walfisches:
„Drei Jahre“, sagt er, „liegt der Walfisch schon
dort. Wie lange muß er noch liegen?“
Der Zar sagte:
„Er soll meiner Tochter Schiff ausspeien und
sich auf den Meeresgrund sinken lassen.“

99
Er hatte nämlich drei Schiffe verschluckt, und
deswegen hatte ihn der Zar Mond auch als Brücke
übers Meer gelegt. Iwan nahm Abschied vom
Mond und machte sich auf den Heimweg. Das
Pferd ließ sich zur Erde herab. Das Pferd sagt zu
Iwan:
„Iwan, reite über den Walfisch hinweg. Sobald
du drüben bist, kannst du ihm die ganze Wahrheit
sagen. Verlange danach vom Walfisch das Käst-
chen; er soll es vom Grunde des blauen Meeres
emporholen. Dann werden wir ihm aus seiner Not
helfen.“
Iwan antwortete dem Pferd:
„Es ist gut, buckliges Pferdchen!“
Iwan ritt über den Walfisch, dann führt er sein
Pferd zum Verschnaufen auf eine Wiese. Der Wal-
fisch fragt:
„Iwan, hast du dort an mich gedacht?“
Iwan sagt:
„Ich habe an dich gedacht und will dir die ganze
Wahrheit sagen.“
Der Walfisch sagt:
„Iwan, sag sie nur gleich!“
Iwan sagt zum Walfisch:
„Hol mir das blaue Kästchen vom Grunde des
Meeres. Dann werde ich dir alles sagen!“
Der Walfisch sagt zu Iwan:
„Ich will’s holen, nur hilf mir aus meiner Not!“
„Walfisch, spuck dreimal hintereinander aus,
spei des Mondes Schiffe aus und laß dich auf den
Meeresgrund sinken!“

100
Der Walfisch rülpste dreimal hintereinander,
spie die Schiffe aus und ließ sich auf den Meeres-
grund sinken.
Das Meer hatte keinen Herren. Die Fische leb-
ten dort, wie es ihnen behagte. Als der Walfisch
auf dem Meeresgrund anlangte, erschraken all die
kleinen Fische. Der Walfisch befahl den Hechten,
um jeden Preis das Kästchen ausfindig zu ma-
chen. (Die Hechte sind dort flink.) Die Hechte fan-
den das Kästchen sogleich, konnten es aber nicht
forttragen. Da schickte der Walfisch die Robben,
die brachten das Kästchen auf der Stelle. Er gab
das Kästchen Iwan, der bedankte sich und machte
sich auf den Heimweg; der Walfisch aber ließ sich
auf den Meeresgrund sinken.
Iwan kommt nach Hause, geht zuerst zum Za-
ren und dann schnell in den Pferdestall. Dort legt
er sich schlafen. Der Zar will nun die Tochter des
Mondes heiraten, aber die sagt wieder nein.
„Fülle drei Kessel, Zar“, sagt sie, „mache Feuer
und bringe sie zum Glühen. Zwei mit Wasser und
den dritten mit Milch. Dann spring in diese Kessel
hinein, zuerst in die mit Wasser, dann in den mit
Milch, und aus dem wirst du als schöner, junger
Held herausspringen. Dann will ich deine Frau
werden.“
Der Zar ließ alles zurichten. Darauf schickte er
nach Iwan, daß er vor ihm hineinspränge. Iwan
kam zum Zaren, das Pferd aber hatte ihn schon
gewarnt:
„Spring nicht, solange ich nicht dabei bin, son-
dern warte auf mich“, hatte es gesagt. „Ich werde

101
die Kessel heimlich abkühlen, dann kannst du hi-
neinspringen.“
Iwan trat also vor den Zaren. Der Zar hieß ihn,
in die Kessel zu springen. Da verlangte Iwan nach
seinem Pferd.
„Bringt mir mein buckliges Pferdchen. Ich will
Abschied von ihm nehmen, danach werde ich
springen.“
Das Pferd wurde herbeigeführt. Iwan sah es an,
und dann sprang er. Zuerst in diesen Kessel, dann
in jenen. Das Pferd hatte sie schon heimlich abge-
kühlt.
Aus dem letzten Kessel sprang Iwan als ein
strahlender Held heraus. Er wandte sich dem Za-
ren zu und sagt:
„Na, los, Väterchen Zar, spring!“
Der dumme Zar ließ sich in den Kessel plump-
sen und blieb für immer darin. Iwan aber feierte
mit der Zarentochter Hochzeit.

Der Amtmann und der Büttel,


Dazu der Zeugen zwei,
Haben wir auf der Hochzeit getanzt,
Weiter war niemand dabei.

102
22
Der Wildwolf und Iwan Zarewitsch
Hinter dreimal neun Ländern, im dreimalzehnten
Zarenreich, in einem berühmten, mächtigen Staat
lebte einmal ein mächtiger Zar, der hatte zwei
Söhne. Der ältere hieß Fjodor Zarewitsch, der
jüngere Iwan Zarewitsch. Der Zar starb, und Fjo-
dor Zarewitsch übernahm die Herrschaft. Fjodor
gedachte zu heiraten und sah sich nach einer
Braut um. Da hörte er, daß hinter dreimal neun
Ländern, hinter dreimal neun Meeren, im dreimal-
zehnten Zarenreich, im berühmten Lande der
Jungfrauen eine wunderschöne Zarin lebt. Zu-
sammen mit seinem Bruder Iwan brach er auf,
um die wunderschöne Jungfrau zu freien. Als sie
mit ihren Schiffen in jenem Lande der Jungfrauen
angekommen waren, freite Fjodor Zarewitsch die
wunderschöne Zarin, und sie machten sich auf die
Heimreise. Unterwegs begegnete ihnen ein ande-
res Schiff. Iwan Zarewitsch fing mit den Leuten
vom anderen Schiff ein Gespräch an, denn er
wollte zu ihnen hinüber. So kam er denn auf das
fremde Schiff. Dort erblickte er eine Jungfrau von
unbeschreiblicher Schönheit. Iwan Zarewitsch
freite um sie, aber sie sagte:
„Ich werde nicht heiraten, ehe ich meine Ver-
wandten nicht gesehen habe.“

103
Wer aber ihre Verwandten waren, das sagte sie
nicht. Als Iwan Zarewitsch sich nach seinem Schiff
umsah, war es nicht mehr da. Der Bruder war mit
seinem Weib in sein Reich gefahren. Iwan begriff
sehr wohl, daß der Bruder auf sein halbes Erbe
neidisch war und es an sich bringen wollte.
Iwan Zarewitsch nahm die wunderschöne Jung-
frau und bat den Kapitän des Schiffes, er solle sie
beide ans trockene Ufer bringen. Der Kapitän des
Schiffes brachte sie ans andere Ufer. Iwan machte
sich mit seiner Schönen auf den Weg in sein
Reich. Auf einmal breitet die Jungfrau einen Tep-
pich aus und heißt Iwan Zarewitsch, sich darauf
zu setzen. Er denkt, sie wolle ausruhen, da sagte
sie:
„Nun, fliegender Teppich, erhebe dich über die
ragenden Wälder, unter die ziehenden Wolken!“
In einer Minute waren sie in ihrem Reich. Die
Jungfrau sagt zu Iwan Zarewitsch, er solle nie-
mandem verraten, daß sie bei ihm wohne. Iwan
brachte sie heimlich in sein Schlafgemach, und
niemand hatte die beiden gesehen. Wenn er aber
ausging, verschloß er die Tür, und kam er wieder,
schob er immer den Riegel vor. Nun merkt er, daß
es zwischen dem älteren Bruder Fjodor und des-
sen Weib nicht gut steht: immer schalt sie ihn,
sagte ihm böse Worte und begann zu guter Letzt
sogar ihn zu prügeln. Da dauerte Iwan sein Bru-
der Fjodor.
Einmal sagt die Zarin zu ihrem Mann Fjodor Za-
rewitsch:

104
„Wenn du mir nicht den wilden Eber bringst,
der mit dem Rüssel wühlt, mit dem Schwanze
eggt, und hinter ihm wächst das Korn, dann sper-
re ich dich ins Gefängnis, und du wirst in Ewigkeit
nicht wieder herauskommen!“
Da erschrak Fjodor Zarewitsch, sah sich nach
Hilfe um und wandte sich an seinen Bruder Iwan:
„Lieber Bruder, kannst du mir nicht helfen in
meiner Not? Mein Weib peinigt mich aufs Blut.“
„Womit?“ fragt Iwan Zarewitsch.
„Sie befiehlt mir, ihr den wilden Eber zu brin-
gen, der mit dem Rüssel wühlt, mit dem Schwan-
ze eggt, und hinter ihm wächst das Korn.“
Iwan Zarewitsch versprach, seinem Bruder zu
helfen, und sagt:
„Laß mir Zeit, ich will erst ein wenig nachden-
ken und überlegen. Dann sage ich dir Bescheid.“
Er kommt in sein Schlaf gemach und fragt seine
Schöne:
„Was soll ich tun? Mein Bruder bittet um Hilfe.
Sein böses Weib peinigt ihn aufs Blut und befiehlt
ihm, ihr den wilden Eber zu bringen, der mit dem
Rüssel wühlt, mit dem Schwanze eggt, und hinter
ihm wächst das Korn. Sage doch, meine Teure,
gibt es einen solchen Eber?“
Die schöne Jungfrau sagt:
„Es gibt ihn.“
„Und kann man ihn herbringen?“
„Das ist durchaus möglich“, sagte die Jungfrau.
„Dann hilf mir, ihn herzubringen. Mein Bruder
dauert mich!“

105
Sie nimmt ihr Tüchlein aus der Tasche und gibt
es ihm.
„Sobald du diesen Eber triffst, winke ihm mit
diesem Tüchlein entgegen, und er wird zahmer als
ein Kälbchen werden. Wohin du auch gehen
magst, er wird dir folgen.“
Iwan Zarewitsch ging aufs freie Feld, in die wei-
te Welt. Ob nah, ob fern, ob hoch, ob tief – ein
Märchen ist bald erzählt, eine Tat aber nicht so
bald getan. Er geht einen Tag, dann einen zwei-
ten, und am dritten begegnet ihm der wilde Eber,
wühlt mit dem Rüssel, eggt mit dem Schwanz,
und hinter ihm wächst das Korn. Als der Eber
Iwan Zarewitsch erblickte, stürmte er auf ihn los
und wollte ihn auf seine Hauer spießen, Iwan aber
winkte ihm mit dem Tüchlein entgegen, und der
Eber wurde zahmer als ein Kälbchen. Iwan Zare-
witsch ging voran, und der Eber folgte ihm nach.
Iwan Zarewitsch brachte den Eber in sein Reich.
Als der Eber hinter Iwan den Schloßhof betrat,
begann er, mit dem Rüssel zu wühlen, mit dem
Schwanze zu eggen, und hinter ihm ging das Korn
auf. Da kommt die Zarin aus dem Schloß ge-
sprungen und bittet Iwan, er solle den Eber auf
die Straße jagen, er würde sonst das ganze Haus
umwühlen, und man könne nirgends mehr gehen.
Iwan Zarewitsch ging hinaus auf die Straße, der
Eber hinter ihm her. Er winkte mit dem Tüchlein
die Straße entlang, da lief der Eber aufs freie Feld,
in die weite Welt. Danach lebte Fjodor Zarewitsch
mit seiner Zarin in Eintracht. Aber nicht gar lange
lebten sie so. Die Zarin begann wieder der Teufel

106
zu reiten, denn sie mochte Fjodor Zarewitsch
nicht leiden. Wieder begann sie, ihn zu schlagen,
ihn anzuschreien, und schließlich sagt sie zu ihm:
„Wenn du mir nicht die Stute mit den vierzig
Blessen bringst, zu jeder Blesse vierzig Hengste
und zu jedem Hengst vierzig Stuten, dann werfe
ich dich in die Mistgrube!“
Fjodor Zarewitsch erschrak und läuft wieder zu
seinem Bruder Iwan:
„Lieber Bruder, errette mich aus diesem Un-
heil!“
Iwan Zarewitsch hatte Mitleid mit seinem Bru-
der.
„Warte, Bruder, ich will ein wenig nachdenken.“
Er geht in sein Schlafgemach und erzählt seiner
Auserwählten, wie es dem Bruder geht. Dann bit-
tet er sie, sie möge ihm helfen, den Bruder zu ret-
ten und die Stute mit den vierzig Blessen herzu-
bringen. Ohne langes Überlegen holt sie einen
schmalen Zügel hervor und sagt:
„Wenn du gehst und die Stute mit den vierzig
Blessen erblickst, wird sie wütend auf dich los-
stürmen. Dann winke ihr mit diesem Zügel entge-
gen, und sie wird stehenbleiben wie angewurzelt.
Tritt dann an sie heran, leg ihr den Zügel an, setz
dich auf ihren Rücken und reite los: Alle Hengste
und Stuten werden dir nachlaufen.“
Iwan Zarewitsch nahm den Zügel und ging aufs
freie Feld, in die weite Welt. Er geht einen Tag,
einen zweiten, und am dritten kommt die Stute
gelaufen. Sie stürmt auf ihn los und wollte ihn auf
der Stelle totbeißen. Er winkte ihr mit dem

107
schmalen Zügel entgegen, und sie blieb stehen
wie angewurzelt. Iwan Zarewitsch legte ihr den
Zügel an, setzte sich auf ihren Rücken und ritt los.
Alle Hengste und Stuten, wie viele ihrer auch wa-
ren, liefen ihm nach. Er kam in sein Reich und ritt
ins Schloß zu seinem Bruder Fjodor Zarewitsch.
Fjodor trat mit seiner Zarin auf die Schloßtreppe
heraus, da stürmten die Hengste auf die beiden
los und hätten ihnen beinahe die Köpfe abgeris-
sen. Sie konnten gerade noch in ihre marmornen
Gemächer springen. Die Zarin brüllt zum Fenster
heraus, er solle alle hinausjagen, dieser Spaß sei
nicht nach ihrem Geschmack. Iwan Zarewitsch
führte die Stute auf die Straße hinaus, nahm ihr
den Zügel ab, und die Stute lief mit ihrer Herde
aufs freie Feld, in die weite Welt. Iwan Zarewitsch
ging in sein Schlafgemach, Fjodor Zarewitschs
Weib aber war gleich ganz zahm geworden.
Es verging eine kleine Weile, da begann die Za-
rin, ihren Fjodor Zarewitsch wieder zu plagen. Sie
drohte ihm mit einem schrecklichen Tode, wie ihn
kaum jemand aussinnen kann.
„Wenn du mir aber vom Wildwolf das stählerne
Schwert bringst, will ich dich vom Tode begnadi-
gen.“
Fjodor Zarewitsch wurde sehr betrübt, härmte
sich und vergoß heiße Tränen. Er ging zu seinem
lieben Bruder Iwan Zarewitsch, verneigte sich vor
ihm und bat, er möge ihm helfen in seiner Not.
„Und was ist deine Not?“ fragt Iwan Zarewitsch.
Fjodor Zarewitsch antwortet ihm:

108
„Wieder peinigt mich mein böses Weib. Sie
droht mir mit einem schrecklichen Tode, so
schrecklich, daß niemand ihn aussinnen kann, und
befiehlt mir, vom Wildwolf das stählerne Schwert
zu holen.“
Iwan Zarewitsch antwortet ihm mit folgenden
Worten: „Lieber Bruder, ich will zuerst ein wenig
nachdenken und überlegen.“
Er entfernte sich in sein Schlafgemach und
sprach zu seiner Schönen:
„Teure schöne Jungfrau, ist es möglich, vom
Wildwolf das stählerne Schwert zu beschaffen?
Wenn es möglich ist, dann sag’s, wenn aber nicht,
dann will ich lieber gehen und mein junges Leben
lassen.“
Die schöne Jungfrau sagt zu ihm:
„Wie kannst du so sprechen, Iwan Zarewitsch,
eher will ich mein Leben lassen als du das deine;
aber ich will dir helfen, das stählerne Schwert zu
holen. Geh zuerst und sage deinem Bruder Fjodor,
er soll eine Flotte ausrüsten, und der Kapitän des
Schiffs soll unter deinem Befehl stehen.“
Iwan Zarewitsch ging zu seinem Bruder Fjodor
und trug ihm auf, er solle eine Flotte ausrüsten
und den Kapitän ihm, Iwan Zarewitsch, unterstel-
len. Dann ging er wieder in sein Schlafgemach.
Wie er eintritt, erwartet ihn seine schöne Jung-
frau. In ihren Händen hält sie ein Handtuch und
gibt Iwan Zarewitsch ihren Siegelring:
„Wenn dir der sichere Tod bevorsteht, dann
wasch dich und trockene dich mit diesem Hand-
tuch ab.“

109
Sie küßte Iwan Zarewitsch auf seinen süßen
Mund, begleitete ihn zur Tür und versank darauf
in tiefes Nachdenken.
Iwan verließ sein Reich und kam ans blaue
Meer. Am Ufer stand die ausgerüstete Flotte. Er
betritt das Schiff und befiehlt dem Schiffskapitän,
nach Osten zu segeln.
Sie segelten sehr lange, segelten ein Jahr, ein
zweites, im dritten Jahr aber kamen sie ans ande-
re Ufer. Iwan Zarewitsch nimmt eine Schaluppe
und zwei Matrosen und läßt sich an Land fahren.
Als sie ihn an Land gefahren hatten, befahl er den
Matrosen, auf ihn zu warten, was auch geschehen
möge. Dann ging er in den finsteren dichten Wald.
Ging er nun nah oder fern, hoch oder tief – ein
Märchen ist bald erzählt, eine Tat aber nicht so
bald getan. Er trat aus dem Wald heraus auf eine
große Wiese, auf der Wiese aber steht ein Schloß
aus weißem Marmor. Zu diesem Schloß geht er,
macht das Tor auf und tritt ins Innere. Drinnen
saß eine Alte, ein steinaltes Weib, das hatte
schlohweißes Haar. Er begrüßte die Alte, sie
begrüßte ihn gleichfalls und fragte:
„Woher kommst du, und wohin führt dich dein
Weg?“
Iwan Zarewitsch sagte ihr ohne Umschweife:
„Ich bin aus einem fernen Reich hergeschickt
worden und möchte den Wildwolf sehen.“
„Den Wildwolf zu sehen, wird dir keine Freude,
sondern Leid bringen, er wird dich ganz bestimmt
auffressen. Das wichtigste aber ist, seinen Grimm
zu besänftigen. Ich will dich in eine Nadel ver-

110
wandeln und dann hier sitzen und nähen. Wenn
der Wildwolf geflogen kommt, wird er dich wittern
und nach dir verlangen. Ich zeige dich aber nicht
eher, als bis sein Grimm besänftigt ist.“
Während sie ihn noch in eine Nadel verwandel-
te, ließ sich der Wildwolf auf die Schloßtreppe fal-
len; da erzitterte das Schloß in allen Fugen. Er
kommt in das Marmorgemach und sagte:
„Fuh, fuh, fuh! Von Menschenfleisch kriegt man
sonst nichts zu sehen, nichts zu riechen, aber
heute ist ein Mensch von selbst ins Schloß ge-
kommen.“
Dann sagt er zu der Alten:
„Gib her, ich will ihn fressen.“
Die Alte sagt zu ihm:
„Du bist über die ganze Welt geflogen, hast
dich voll Menschengeruch gesogen, und jetzt
sagst du, ein Mensch wäre von selbst ins Schloß
gekommen.“
Der Wildwolf lief ein wenig umher und legte sich
dann hin, um auszuruhen. Sein Grimm schwand,
und er bat die Mutter, sie möge ihm etwas zu es-
sen geben. Da ließ sie Iwan Zarewitsch los.
„Oho, Iwan Zarewitsch“, sagt der Wildwolf,
„weswegen bist denn du hierher zu mir gekom-
men?“
Iwan Zarewitsch antwortet:
„Was heißt denn das, Wildwolf, du hast mir
noch nichts zu essen, noch nichts zu trinken ge-
geben und fragst schon nach Neuigkeiten!“
Da stellte die Mutter Eisensuppe und Stahlbrot
auf den Tisch. Der Wildwolf bittet Iwan Zare-

111
witsch, sich an den Tisch zu setzen, und sie be-
gannen zu essen. Iwan Zarewitsch hatte erst ei-
nen Löffel gegessen, da hatte der Wildwolf schon
zwei oder drei hinuntergeschlungen und im Nu
alles, was da war und was nicht da war, aufge-
fressen. Darauf unterhielten sie sich. Der Wildwolf
sagt zu Iwan Zarewitsch:
„Trotzdem muß ich dich fressen, Iwan Zare-
witsch, das ist in meinem Reich so üblich.“
Iwan aber sagt zu ihm:
„Trotzdem sollst du mich nicht fressen. Erst
wollen wir Karten spielen. Gewinnst du, dann
magst du mich fressen, gewinnst du nicht, darfst
du mich nicht fressen.“
Der Wildwolf begann, am Tisch die Karten zu
mischen, und sagt:
„Wir wollen aber ausmachen, daß wir Karten
spielen und nicht einschlafen. Wer einschläft, hat
verspielt.“
Sie setzten sich und begannen zu spielen. Sie
spielten einen Monat, einen zweiten, im dritten
Monat aber wurde Iwan Zarewitsch müde. Da sagt
der Wildwolf zu ihm:
„Was ist, Iwan Zarewitsch, bist du müde?“
„Nein, ich bin nicht müde.“
„Und warum hast du den Kopf sinken lassen?“
„Ich habe nachgedacht.“
„Und was hast du gedacht, Iwan Zarewitsch?“
„Ich habe nachgedacht, – ob es mehr Bäume
gibt, die stehen, oder mehr, die liegen.“
Da sagt der Wildwolf:

112
„Wer kann denn wissen, ob es mehr Bäume
gibt, die stehen, oder mehr, die liegen?“
Der Zarewitsch sagt:
„Du kannst doch großartig fliegen, Wildwolf,
flieg los und sieh nach, ich werde inzwischen die
Karten mischen.“
Der Wildwolf ließ sich sofort zu Boden fallen,
stand auf, schüttelte sich und flog los, Iwan Za-
rewitsch aber legte sich aufs Sofa und schlief. Der
Wildwolf flog einen Monat, einen zweiten, im drit-
ten Monat aber kam er zurück, da hatte Iwan Za-
rewitsch inzwischen ausgeschlafen, sitzt da und
mischt die Karten. Als der Wildwolf das Schloß
betrat, fragt ihn Iwan Zarewitsch:
„Nun, weißt du jetzt, ob es mehr stehende oder
mehr liegende Bäume gibt?“
„Mehr liegende“, antwortete der Wildwolf.
Die Mutter setzte ihnen wieder Eisensuppe und
Stahlbrot vor, und sie begannen zu essen. Iwan
hatte erst einen Löffel gegessen, da hatte der
Wildwolf schon zwei oder drei hinuntergeschlun-
gen und die ganze Suppe aufgefressen, Iwan Za-
rewitsch aber blieb hungrig. Wieder begannen sie
Karten zu spielen. Sie spielen einen Monat, einen
zweiten und spielen auch einen dritten Monat. Da
wurde Iwan Zarewitsch wieder müde. Der Wild-
wolf sagt:
„Was machst du?“
„Ich denke nach“, antwortet Iwan Zarewitsch.
„Und worüber denkst du nach?“
„Ich denke nach, ob es mehr Frauen oder mehr
Männer gibt.“

113
„Wer kann denn das wissen“, sagt der Wildwolf.
„Ihr könnt doch großartig fliegen. Fliegt und
seht nach!“
Der Wildwolf ließ sich zu Boden fallen, stand
auf, schüttelte sich und flog los, Iwan Zarewitsch
aber legte sich schlafen. Der Wildwolf flog einen
Monat, flog einen zweiten, im dritten Monat aber
kam er zurückgeflogen, da ist Iwan Zarewitsch
beim Kartenmischen. Der Wildwolf kommt an und
betritt das Schloß. Iwan Zarewitsch fragt ihn:
„Nun, weißt du jetzt, ob es mehr Männer oder
mehr Frauen gibt?“
„Ja, jetzt weiß ich’s: mehr Frauen.“
Die Mutter stellte Eisensuppe und Stahlbrot auf
den Tisch. Sie setzten sich und begannen zu es-
sen. Iwan hatte erst einen Löffel gegessen, da
hatte der Wildwolf schon zwei oder drei hinunter-
geschlungen. Die ganze Suppe fraß der Wildwolf,
Iwan Zarewitsch aber blieb hungrig. Sie setzten
sich wieder zum Spiele; spielen einen Monat, spie-
len einen zweiten, im dritten Monat aber wurde
Iwan Zarewitsch sehr müde und schlief schließlich
ein. Der Wildwolf stieß ihn in die Seite:
„Warum schläfst du?“
Iwan Zarewitsch entschuldigte sich, daß er ein-
geschlafen war.
„Du kannst mich jetzt fressen, erlaube mir nur,
mich vor dem Tode ein letztes Mal zu waschen.“
Der Wildwolf zeigte ihm das Waschbecken. Als
Iwan aber am Waschbecken stand, zog er den
kostbaren Ring seiner schönen Auserwählten ab
und wusch sich. Als er sich gewaschen hatte, hol-

114
te er das Handtuch hervor und trocknete sich ab.
Da bemerkte der Wildwolf das Handtuch und
sprang hinzu:
„Woher hast du dieses Handtuch?“
„Das ist mein Handtuch.“
„Wie kann es deines sein, wenn es das Hand-
tuch meiner leiblichen Schwester ist.“
Als der Wildwolf aber den Ring erblickte, da
blieb er wie gebannt stehen. Es war das der Ring
des Wildwolfs, und er fragte sogleich:
„Wo ist meine Schwester?“
Iwan Zarewitsch sagte:
„Wir haben uns gelobt, einander ewig zu lie-
ben.“
Da riß ihn der Wildwolf in seine Arme, drückte
ihn an sich und küßte ihn.
„So wirst du also durch meine Schwester mein
lieber Schwager.“
Als der Wildwolf aber ging und seiner Mutter
von der Schwester erzählte, ihrer Tochter, und
sagte: „Dieser hier ist Euer Schwiegersohn“, da
wurde die Alte mit einem Male wieder jung wie
eine Dreißigjährige. Der Wildwolf trat an einen
Tisch aus Eichenholz, klopfte mit seinem Zeigefin-
ger darauf, da erschienen, man sah nicht woher,
mannigfaltige Speisen, Getränke und Leckerbis-
sen, eingemachte Früchte von jenseits des Meeres
und süße Erfrischungen. Sie setzten Iwan Zare-
witsch an den Tisch und begannen zu trinken, zu
feiern und fröhlich zu sein. Da nun erzählte Iwan
Zarewitsch seinem Schwager, daß er vom Bruder
geschickt worden sei, das stählerne Schwert zu

115
holen, denn des Bruders Weib verlange, was ihr
gefiele. „Deswegen bin ich also hier.“
Der Wildwolf machte sich geschwind fertig, warf
sich auf die Erde, stand als Wildwolf wieder auf
und gab Iwan Zarewitsch sein stählernes Schwert.
Dann hieß er Iwan Zarewitsch, sich auf ihn, das
heißt den Wildwolf, zu setzen:
„Steig auf und halt dich an meinem Fell gut
fest!“
Und er flog dahin, schneller als der Sturmwind,
wie ein stählerner Pfeil vom straff gespannten Bo-
gen. Er erhob sich über die ragenden Wälder, un-
ter die ziehenden Wolken. Sie holten die Flotte
ein, mit der Iwan Zarewitsch gekommen war. Die
Flotte hatte nämlich nicht auf Iwan Zarewitsch
gewartet, sondern war zur Heimfahrt wieder in
See gestochen. Der Wildwolf ließ sich auf das
Schiff fallen, daß die ganze Flotte erzitterte. Alle
glaubten, es sei irgendeine Katastrophe eingetre-
ten, doch statt einer Katastrophe waren es Iwan
Zarewitsch und der Wildwolf. Der Schiffskapitän
entschuldigte sich, daß er nicht gewartet hatte.
Iwan Zarewitsch verzieh dem Kapitän.
Sie kamen in Fjodor Zarewitschs Reich, und der
Wildwolf und Iwan Zarewitsch gingen heimlich in
Iwans Schlafgemach. Als die Schwester ihren
Bruder Wildwolf erblickte, begann sie vor Freude
zu weinen. Alle drei setzen sich an den Tisch, und
nun beginnt das Fragen und Antworten. Iwan Za-
rewitsch erkundigte sich nach seinem leiblichen
Bruder Fjodor Zarewitsch, wie es ihm gehe. Die
wunderschöne Jungfrau sagt, daß Fjodor Zare-

116
witsch jetzt die Schweine hüte. Die Zarin hatte ihn
einfach aus dem Schlosse gejagt.
Am nächsten Tag gingen der Wildwolf und Iwan
Zarewitsch frühzeitig aufs Feld, wo Fjodor Zare-
witsch die Schweine hütete. Fjodor Zarewitsch
ging barfuß, in Lumpen, treibt die Schweine mit
einer Knute, und als er seinen Bruder Iwan Zare-
witsch erblickte, traute er seinen Augen nicht.
Erst als Iwan zu ihm trat und seinen lieben Bruder
küßte, traute Fjodor Zarewitsch seinen Augen und
begann zu erzählen, wie es ihm ergangen war und
wie er mit seinen Schweinen auf dem Felde um-
herzieht.
Der Wildwolf warf sich auf die Erde, stand als
Fjodor Zarewitsch wieder auf, nahm die Knute
und zog mit den Schweinen los. Als er die
Schweine ins Schloß hineintrieb, kam die Zarin
mit einer Peitsche herausgestürmt und wollte ihn
auspeitschen. Der Wildwolf aber packte sie am
Kragen, drückte sie nach unten an seine Beine
und ließ sie die Knute kosten; und er prügelte sie,
bis sie kaum noch am Leben war. Sie leistete dem
Fjodor Zarewitsch einen Eid, ihn ihr ganzes Leben
lang in Ehren zu halten und zu lieben. Der Wild-
wolf verlangte von ihr das Zarengewand, und als
er es angelegt hatte, ging er zu Iwan Zarewitsch,
als wäre er sein Bruder Fjodor Zarewitsch. Fjodor
Zarewitsch aber saß bei Iwan Zarewitsch im
Schlafgemach. Der Wildwolf kommt hinein und
sagt zu Fjodor Zarewitsch:
„Laß dir’s wohlgehen und mach deine Sache
gut: von nun an wird dir dein Weib gehorchen.“

117
Sie nahmen alle voneinander Abschied, und
Fjodor Zarewitsch ging in seine Gemächer. Die
anderen gingen auf den Hof hinaus. Die wunder-
schöne Jungfrau breitete ihren fliegenden Teppich
aus, alle drei setzten sich darauf und flogen in des
Wildwolfs Reich. Dort feierten sie ein schönes
Fest. Alle Welt war eingeladen. Auch ich bin dort
gewesen, hab Honigbier getrunken und Gurken
drauf gegessen.

118
23
Iwan-Wassersohn und Michail-
Wassersohn
Ein Pope hatte eine Tochter, die war schon eine
alte Jungfer. Sie war ganz neidisch auf Leute, die
Kinder hatten.
„Ich bin ohne Kinder“, sagt sie, „eine alte Jung-
fer, was soll aus mir werden?“
Einmal ging sie mit zwei Eimern, Wasser zu ho-
len. Wie sie den einen Eimer vollgeschöpft hat,
sieht sie, im Eimer schwimmt ein Fläschchen. Sie
nahm das Fläschchen und trank es ganz aus, so
süß schmeckte es ihr. Sie schöpft mit der rechten
Hand den zweiten Eimer voll und sieht, auch im
zweiten Eimer ist ein Fläschchen. Da trank sie
auch das zweite Fläschchen aus, und auch das
schmeckte süß. Und auf einmal spürt sie, daß sie
schwanger ist. In ihrem Leib wuchsen die Kinder
nicht von Stunde zu Stunde, sondern von Minute
zu Minute. Es vergingen vierzig Stunden, da gebar
sie zwei Knaben. Die beiden Kinder wurden ge-
tauft, der eine auf den Namen Michail-
Wassersohn, der andere auf den Namen Iwan-
Wassersohn.
Die Kinder wuchsen rasch heran, innerhalb von
sechs Wochen. Wie sie zwanzig Jahre alt sind,
wollen sie das Jägerhandwerk ergreifen. Sie gin-
gen und bestellten sich gleiche Gewehre, erhielten

119
die Gewehre in wenigen Minuten und zogen auf
die Jagd.
Wie sie so gehen, liegt da ein Hase. Sie legen
an und wollen auf ihn schießen, da spricht der Ha-
se zu ihnen:
„Schießt nicht auf mich, ich will euch dienen!“
Sie gehen weiter – da liegt da ein Fuchs. Sie le-
gen an und wollen auf ihn schießen, aber der
Fuchs sagt zu ihnen:
„Schießt nicht auf mich, ich will euch dienen!“
Weiter gehen sie – da liegt da ein Wolf. Sie le-
gen an und wollen auf ihn schießen, er aber sagt
zu ihnen mit Menschenstimme:
„Schießt nicht auf mich, Burschen, ich will euch
dienen!“
Sie gehen weiter – da liegt ein Bär. Wieder le-
gen sie an und wollen auf ihn schießen, er aber
spricht zu ihnen mit Menschenstimme:
„Schießt nicht auf mich, Burschen, ich will euch
dienen!“
Sie gehen weiter – da liegt ein Löwe. Sie legen
an und wollen wieder schießen, aber der Löwe
spricht mit Menschenstimme:
„Schießt nicht auf mich, Burschen, ich will euch
dienen!“
Weiter gehen sie – da liegt ein Tiger. Sie legen
an und wollen auf ihn schießen, da spricht er mit
Menschenstimme:
„Schießt nicht auf mich, Burschen, ich will euch
dienen!“

120
Wieder gehen sie weiter – da liegt ein Falke. Sie
legen an und wollen auf ihn schießen, der Falke
aber sagt zu ihnen:
„Schießt nicht auf mich, ich will euch dienen!“
So zogen sie durch den Wald, und alle Tiere,
die sie fanden, sagten zu ihnen: „Wir wollen euch
dienen!“
Danach kehrten sie heim. Zwölf Tage blieben
sie zu Hause, dann gingen sie den gleichen Weg,
ihre Meute zu sammeln. Sie versammelten ihr
Tiervolk, alle ihre Falken und verschiedene abge-
richtete Vögel und zogen auf die Jagd.
Sie liefen und liefen und kamen schließlich an
einen Kreuzweg. Auf dem einen Weg stand ge-
schrieben: „Zum Reichtum“, auf dem anderen
aber „Zum Tode“. Sie warfen das Los. Michail-
Wassersohn erloste „Zum Reichtum“, Iwan-
Wassersohn aber erloste „Zum Tode“.
Da einigten sie sich wie folgt: Die Meute teilten
sie in zwei gleiche Hälften, und jeder bekam ein
Gewehr. Sie selbst aber hatten das gleiche Ge-
sicht, man konnte sie nicht unterscheiden.
„Jetzt werde ich jene Straße ziehen, Bruder,
und du diese. Wenn du tot bist“, sagt Michail-
Wassersohn zu Iwan, „so wird mein Gewehr
schwarz werden. Dann werde ich dich suchen.“
Und wenn Iwans Gewehr schwarz wird, dann ist
Michail nicht mehr am Leben.
Sie nahmen Abschied voneinander und zogen
auf verschiedenen Wegen davon: dieser mit sei-
ner Meute, nämlich Michail-Wassersohn, Iwan-
Wassersohn aber mit der seinen.

121
Iwan lief und lief und kam, siehst du wohl, zu
einem Feld. Auf dem Felde aber steht ein Wirts-
haus. Der Wirt sagt:
„Wozu bist du hierhergekommen? Hier“, sagt
er, „hat der Drache Gorynytsch1 schon alle aufge-
fressen.“
„Was ist das für ein Kerl?“
„Heute“, sagt der Wirt, „haben sie die Zaren-
tochter für ihn hergebracht.“
Sie hatten dort aber einen Turm errichtet, in
den brachten sie die Menschen, die der Drache
dann fraß.
Iwan-Wassersohn sagt:
„Um welche Stunde kommt er denn geflogen?“
„Um zwölf.“
Iwan trank einen Schnaps.
„Weißt du“, sagt er dann, „ich will gehen und
mir ihn ansehen.“
Nahm sein Gewehr und ging an die Stelle. Wie
er hinkommt, ist dort die Zarentochter und trägt
schon den Totenschmuck.
„Ach, wackerer Held, was willst du hier? Der
Drache Gorynytsch wird geflogen kommen, wird
mich fressen und auch dich nicht verschonen!“
„Was ist das für ein Kerl? Er wird daran erstik-
ken! Komm herunter, wir wollen uns ein wenig
unterhalten.“
An die fünf Minuten hatten sie miteinander ge-
sprochen, da sehen sie, wie der Drache Gory-
nytsch geflogen kommt. Nicht weit von dieser

1
Gorynytsch – etwa „der vom Berge“. (Anm. d. Übers.)

122
Stelle war eine Brücke. Iwan-Wassersohn stellte
sich mit seinem Gewehr unter die Brücke und
wartet.
Der Drache Gorynytsch kommt herbeigeflogen:
„Ich rieche Menschenfleisch!“
Iwan-Wassersohn antwortet:
„Was für Menschenfleisch riechst du?“
Darauf der Drache Gorynytsch – er hatte aber
drei Köpfe –:
„Wie steht’s, wollen wir miteinander kämpfen
oder Frieden halten?“
Iwan antwortet:
„Nicht dazu bin ich gekommen, Frieden zu hal-
ten, sondern um zu kämpfen!“
Damit schwang er den Säbel und schlug ihm
mit einem Male zwei Köpfe ab, schwang ihn ein
zweites Mal und trennte ihm den letzten Kopf ab,
und wie er den Säbel das dritte Mal geschwungen
hatte, war der Drache völlig erledigt. Er hackte
ihn in kleine Stücke, hob einen gewaltigen Stein in
die Höhe und legte die Drachenknochen darunter.
Dann geht er zur Zarentochter, nimmt sie bei der
Hand und führt sie davon. An jener Stelle, auf der
Brücke, nahm er Abschied von ihr. Sie aber gab
ihm als Andenken ihr Taschentuch.
Wo immer Tschugunkin der Zigeuner auch sein
mochte, immer war er mit einem Fäßchen nach
Wasser unterwegs. Er drehte das Fäßchen um:
„Steig auf, Zarentochter, ich fahr dich heim!“
Und freut sich über den glücklichen Zufall.
Während sie fuhren, fragt er sie aus: „Wie bist du
denn am Leben geblieben?“

123
„Ein wackerer Held ist gekommen, der hat mich
freigekämpft.“
Er droht ihr:
„Sag, ich hätte dich freigekämpft sonst bringe
ich dich auf der Stelle um!“
Die Zarentochter fürchtete den Tod und schwur
einen Eid, sie wolle es so sagen.
Mutter und Vater sahen ihr Kind, ihre Tochter,
gefahren kommen:
„Ach, liebes Kind, wie bist du am Leben geblie-
ben?“
Tschugunkin der Zigeuner sagt:
„Ich habe sie freigekämpft.“
Da werden ihm Achtung und hohe Ehren zuteil.
Wie der Abend kommt, muß Katja, die zweite
Schwester, dorthin fahren. Ach, wie weint sie da:
„Meine ältere Schwester ist am Leben geblie-
ben, ich aber muß sterben, muß mich fressen las-
sen!“
Sie wurde genauso geschmückt und am glei-
chen Platz abgesetzt.
Da kommt Iwan-Wassersohn:
„Sei gegrüßt, schöne Jekaterina!“
„Sei gegrüßt, sei gegrüßt, wackerer Held. Wes-
wegen hat Gott dich hierher verschlagen?“
„Gerade deinetwegen.“
„Hast du denn von mir gehört?“
„Ja“, sagt er, „ich will dich freikämpfen.“
„Ach, wenn Gott das doch gewähren wollte“,
sagt Katja, „ich würde deine Braut.“
„Nun, soweit ist es noch nicht“, sagt Iwan-
Wassersohn.

124
Kaum haben sie zu Ende gesprochen, da
kommt der zweite Drache Gorynytsch geflogen.
Der hatte sechs Köpfe. Iwan begab sich wieder
unter die Brücke.
Der Drache kommt an die Brücke:
„Ich rieche Menschenfleisch!“
„Was für Menschenfleisch riechst du?“
„Kämpfen wir, oder halten wir Frieden?“
„Nicht dazu bin ich gekommen, Frieden zu hal-
ten, sondern um zu kämpfen!“
Er holte zum ersten Mal aus – da flogen gleich
drei Köpfe herunter, holte ein zweites Mal aus –
und wieder flogen drei herunter. Beim dritten Mal
hatte er ihn ganz und gar zusammengehauen,
hob den gewaltigen Stein in die Höhe und legte
die Knochen darunter. Darauf geht er zu Katja
und sagt:
„Komm mit mir“, sagt er.
Und nahm sie bei der Hand. Sie dankte Iwan-
Wassersohn und schenkte ihm ihren Siegelring.
Iwan begab sich wieder zum Wirtshaus, trank ein
Schnäpschen und legte sich schlafen.
Katja macht sich auf den Weg, und wieder
kommt Tschugunkin der Zigeuner gefahren, um
Wasser zu holen. Wie beim ersten Mal kehrt er
das Fäßchen um und setzt Katja, die zweite Za-
rentochter, auf den Wagen.
„Wie bist du denn am Leben geblieben?“
Sie erzählte ihm: so und so ist es gewesen.
Er drohte auch ihr:
„Sag, ich hätte dich freigekämpft, sonst bringe
ich dich um!“

125
Nun, auch Katja will nicht gern sterben, und sie
schwur einen Eid:
„Ich will sagen, daß du mich freigekämpft hast.“
Vater und Mutter freuten sich, gaben dem Zi-
geuner zu essen und zu trinken und erweisen ihm
alle Ehren.
In der dritten Nacht bringen sie die letzte Toch-
ter an den gleichen Platz.
Iwan-Wassersohn macht sich bereit, gleichfalls
hinzugehen, und trägt dem Wirt auf:
„Stell ein Glas mit Wasser vor dich. Wenn es zu
sieden anfängt, laß meine Meute los.“
Iwan kam an die Stelle:
„Sei gegrüßt, schöne Jungfrau!“
„Meinen Gruß, wackerer Held! Weswegen hat
Gott dich hierher verschlagen?“
„Gerade deinetwegen, ich will dich freikämp-
fen.“
Darauf sie:
„Wollte Gott es gewähren, ich würde deine
Braut.“
„Komm herunter, wir wollen miteinander re-
den.“
Sie kam vom Turm herunter. Er band einen drei
Pud schweren Stein über sich fest, und sie setzten
sich beide unter diesen Stein.
„Paß auf mich auf“, sagt Iwan. „Wenn ich ein-
schlafe, mußt du mich aufwecken. Kommt nun der
Drache geflogen“, sagt er, „und du kriegst mich
nicht munter, dann laß den Stein auf mich herun-
terfallen.“

126
Der Drache kam geflogen. Sie rief und rief,
konnte Iwan jedoch auf keine Weise munter krie-
gen. Aber sie mochte den Stein nicht herunterfal-
len lassen, ihn nicht losbinden, denn sie fürchtete,
es würde sein Tod sein. Da begann sie bitterlich
zu weinen. Eine Träne aber tropfte herab und fiel
auf seine Wange. Iwan-Wassersohn sprang in die
Höhe – so heiß war ihre Träne gewesen.
„Ach“, sagt er, „wie hast du mich verbrannt!
Aber das macht nichts!“
Winkte ihr zu und rannte unter die Brücke.
Diesmal kam ein Drache mit zwölf Köpfen ge-
flogen:
„Ich rieche Menschenfleisch!“
Iwan-Wassersohn antwortet:
„Was für Menschenfleisch riechst du? Ich bin’s,
Iwan-Wassersohn!“
„Schon gut, schon gut“, sagt der Drache, „habe
schon gehört vom Hundesohn Iwan. Dem will ich’s
im Kampf schon zeigen!“
Jener holte aus, nämlich Iwan-Wassersohn, da
lagen sechs Köpfe unten. Der Drache holte mit
dem Schwanz aus – die sechs Köpfe waren wieder
nachgewachsen. Er holte ein zweites Mal aus, und
wieder flogen sechs Köpfe herunter. Der Drache
holte ein zweites Mal mit dem Schwanz aus und
hatte wieder sechs neue Köpfe. Zum dritten Mal
holte Iwan-Wassersohn aus, schlug sechs Köpfe
herunter und zerschlug dabei seinen Säbel. Der
Drache bekommt Iwans Hand mit den Zähnen zu
packen.

127
Jener Wirt aber hatte gesessen und gesessen
und war dabei eingeschlafen. Das Glas siedete
und siedete, platzte und traf ihn an der Backe.
„Oh weh“, sagt er, „ich hab’s verschlafen!“
Iwans Meute aber war hinter zwölf Türen einge-
sperrt gewesen. Sechs Türen hatte die Meute
schon durchgebissen, schlug mit den Füßen,
knirschte mit den Zähnen und heulte. Der Wirt
ließ die Meute los. Da stürzten sie sich auf den
Drachen, rissen ihn in Stücke und befreiten Iwan-
Wassersohn aus seiner Not. Seine Hand war ein
wenig zerbissen.
„Das macht nichts“, sagte er, „das heilt wie-
der!“
Er sammelte die Knochen des Drachen zusam-
men und legte auch sie unter den gewaltigen
Stein zu den Knochen seiner Brüder.
Die Zarentochter Maria nahm ein Tuch von ih-
rem Kleid, verband ihm die Hand und gab ihm ih-
ren Fingerring. Er ging nach Hause, trank einen
Schnaps und legte sich schlafen. Dem Wirt aber
trug er auf, niemandem Schnaps zu geben.
Genau wie gestern kommt Tschugunkin der Zi-
geuner gefahren. Er erblickte Maria, die Zaren-
tochter, stürzt das Fäßchen um und setzt sie auf
seinen Wagen.
„Nun, wie bist du am Leben geblieben?“
„Ein wackerer Held hat mich freigekämpft“, sagt
sie.
„Sag, ich war’s, sonst ist es dein Tod!“
Sie erschrak, die Zarentochter Maria, und
schwur:

128
„Ich will sagen, du warst’s!“
Maria aber war die beste, die schönste unter
den Zarentöchtern.
Er sagt:
„Ich werde dich heiraten!“
„Wenn du’s willst, werde ich deine Frau!“
Er brachte sie also heim, und Vater und Mutter
sind froh: die dritte Tochter hatte er freigekämpft.
Man erweist ihm Achtung und hohe Ehren. Der
Zigeuner aber frohlockt und trägt die Nase hoch,
daß man ihm Ehren erweist. Er schickt sich an,
die Zarentochter Maria zu heiraten, Vater und
Mutter sind einverstanden und geben sie ihm hin.
Und, was denkst du, am Abend soll Hochzeit sein,
soll der Zigeuner mit Maria, der Zarentochter,
vermählt werden! Alle sind schon versammelt, da
schickt man nach Schnaps ins Wirtshaus. Der Wirt
aber gibt keinen Schnaps heraus. Der Zar sagt:
„Was heißt das, gibt keinen Schnaps heraus?“
Und schickt seinen Diener:
„Sag, der Zar hat’s befohlen!“
Der Wirt aber sagt:
„Ich habe meinen eigenen Zaren!“
Der Diener kommt zurück und berichtet’s. Da
wurde der Zar böse:
„Was ist das denn für ein Zar?“
Nimmt seinen Säbel und will selbst fahren.
Die Töchter aber witterten schon, was hier vor-
ging.
„Väterchen, wir möchten mitfahren!“
„Gut, fahren wir!“
Wie sie dort sind, fragt er:

129
„Wo ist dieser Zar?“
„Hier liegt er und schläft.“
Iwan-Wassersohn aber schlief einen gewaltigen
Schlaf. Die Mädchen traten heran und erkannten
ihn.
Der Zar bemerkte an Iwans Hand das Tuch sei-
ner Tochter Maria.
Und plötzlich tritt die erste hinzu und holt ein
Tüchlein aus seiner Tasche:
„Das ist mein Tüchlein, Väterchen“, sagt sie,
„mit meinem Namen.“
Die zweite aber sagt:
„Ach, Väterchen, sieh nur, mein Siegelring
steckt an seinem Finger.“
Die dritte sagt:
„Und dies ist mein goldener Fingerring.“
Und sie können ihn nicht munter bekommen.
Da ließen sie eine Kanone herbringen und began-
nen, aus der Kanone zu schießen, um ihn zu wek-
ken.
Iwan-Wassersohn erwachte und sah die Menge
Volks.
„Was ist“, sagt er, „warum stehen die vielen
Leute hier?“
„Die Leute wollen Schnaps für eine Hochzeit
haben.“
„Wer wird verheiratet?“
„Tschugunkin der Zigeuner!“
„Und weswegen, wieso?“
Der Zar begann, seine Worte zu erläutern:
Tschugunkin habe seine Kinder freigekämpft.
Iwan-Wassersohn will von ihm erfahren, wie er sie

130
freigekämpft hat. Sie fuhren an die Stelle, wo er
mit den Drachen gekämpft hatte. Tschugunkin der
Zigeuner zeigt:
„Hier“, sagt er, „habe ich sie niedergehauen
und dann unter diesen Stein gelegt.“
„Nun“, sagt Iwan Wassersohn, „heb mal hoch
und laß uns die Knochen sehen!“
Der Zigeuner wand und drehte sich, aber von
Heben ist keine Rede, nicht einmal ansehen kann
er den Stein.
Der Zar merkt, daß der Zigeuner im Unrecht ist
und lügt.
Iwan-Wassersohn hebt den Stein in die Höhe,
und der Zar sieht, wieviele Drachenköpfe und
Drachenknochen dort liegen. Vor Entsetzen wurde
er ganz bleich. Iwan packte den Zigeuner bei den
Haaren, legte ihn dorthin zum Drachen und wälzte
den Stein wieder darüber.
Da glaubte der Zar dem Iwan-Wassersohn, daß
alles sein Werk war, daß er alle drei freigekämpft
hatte. Von nun an fürchteten sie den Zigeuner
nicht mehr, sondern waren lieb und zärtlich zu
Iwan-Wassersohn.
Iwan-Wassersohn sagt:
„Ich will Eure Tochter Maria zur Frau nehmen!“
Vater und Mutter segneten ihre Tochter und
brachten sie zur Vermählung. Da wurden sie Mann
und Frau.
So lebten sie nicht gar zu kurze, aber auch
nicht gar zu lange Zeit. Einmal ging Iwan-
Wassersohn mit seinen Tieren auf die Jagd. Lange
lief er im Walde umher, da fing er einen goldenen

131
Hasen. Er ließ ihn aber wieder laufen. Und weiter
liefen sie im Wald umher, bis es Abend wurde. Sie
wurden von der Dunkelheit überrascht und muß-
ten die Nacht im Walde zubringen, Iwan-
Wassersohn und seine Meute. Sie entfachten ein
Feuer, er wärmte sich und brät sich dann Schin-
ken zum Abendessen. Die Meute aber sitzt um ihn
herum. Da kommt, was meinst du, ein steinaltes
Weib:
„Wackerer Held, bind deine Meute an, ich fürch-
te mich sonst! Laß mich ein wenig ans Feuer!“
„Komm, Mütterchen, meine Meute wird dich
nicht anrühren!“
„Nein, ich fürchte mich; nimm dieses Gürtel-
chen und binde die Meute fest, damit sie sich
nicht vom Flecke rühren und mich nicht beißen
kann.“
Er lieg sich verleiten, nahm den Gürtel und
band die Meute. Da wurden alle seine Tiere zu
Stein. Die alte Hexe aber war des Drachen Gory-
nytsch Mutter. Sie warf sich auf ihn, biß ihn zu
Tode, schnitt ihn in Stücke, salzte die Stücke ein,
warf sie in einen Korb und vergrub den Korb im
Walde.
Wie der Bruder Iwans, Michail-Wassersohn, sein
Gewehr ansieht, ist es ganz schwarz geworden.
Da weinte er bitterlich und begann, den Bruder zu
suchen. Er kommt in jenes Reich und zu jenem
Wirt:
„Guten Tag!“
„Guten Tag!“

132
Der Wirt nennt ihn Iwan-Wassersohn, verkann-
te ihn also: „Warum hast du dich denn so lange
nicht sehen lassen? Kaum geheiratet, und gleich
hochmütig geworden l“
Michail merkte, daß der Wirt ihn verkannte. Und
es war unmöglich, sie zu unterscheiden, sie hat-
ten ein und dasselbe Gesicht, auch ihre Meute war
ein und dieselbe, alle Tiere und Vögel. Er kommt
zum Schwiegervater Iwans und zu seinem Weib.
Die freute sich, denn sie hatte ihn lange nicht ge-
sehen. Er wurde freundlich aufgenommen und
bewirtet, blieb aber unfroh. Sie nennt ihn Iwan-
Wassersohn, umarmt und küßt ihn. Aber nein, es
ist nicht das richtige, immer seufzt er. Er spricht
zwar viel, aber doch ohne den richtigen Eifer
(liebkost sie nicht, wie ein Gemahl liebkost). Und
gibt sich nicht zu erkennen, will sie nicht damit
erschrecken, daß ihr Mann nicht mehr lebt; er er-
schreckt sie nicht.
Dann legen sie sich schlafen. Er zieht weder die
Kleider noch die Schuhe aus. Sie ruft ihn: „Wanja,
Wanja“, aber er dreht sich mit dem Gesicht zur
Wand, der Michail-Wassersohn, seufzt und weint
bitterlich. Sie fragt ihn:
„Hat dich vielleicht jemand gekränkt, hat dich
vielleicht jemand bestohlen, oder hast du ein Tier
aus deiner Meute verloren?“
Er schweigt weiter, weint nur und weint. Am
Morgen erhebt er sich, ißt – sie brachten ihm zu
essen und zu trinken – und geht auf die Jagd.
Er lief lange, den gleichen Weg. Den gleichen
goldenen Hasen fing er, und der führte ihn fast an

133
die gleiche Stelle, wo damals sein Bruder lag. Er
wurde von der Dunkelheit überrascht und mußte
mit seiner Meute im Wald übernachten. Er fachte
ein Feuer an, holte Schinken aus seiner Jagdta-
sche, brät sich ein Abendbrot, sitzt und wärmt
sich zusammen mit seiner Meute. Und, was
denkst du, auf einmal kommt die Alte zu ihm:
„Sei gegrüßt, wackerer Held!“
„Gruß, Gruß“, erwidert Michail-Wassersohn un-
lustig.
„Kann ich mich bei dir ein wenig wärmen?“
„Das kannst du.“
„Nimm doch dieses Gürtelchen und binde deine
Meute an, ich habe Angst.“
„Komm nur, komm, hab keine Angst, meine
Meute rührt dich nicht an“, gibt Michail ihr grob
zur Antwort.
„Nein, guter Mann, nimm das Gürtelchen und
binde sie fest.“
Er nahm das Gürtelchen und warf’s ins Feuer.
Das Weib wollte sich schon auf Michail-
Wassersohn stürzen, da packte der Löwe sie um
die Mitte und der Bär lief hinzu, sie zu halten.
„Oh, Michail-Wassersohn, laßt mich los!“
„Sag, wo ist mein Bruder?“
„Ich will’s sagen und dich führen!“
„Dann führe mich!“
Von jener Stelle aus liefen sie zehn Saschen
und fanden des Bruders ganze versteinerte Meute.
„Sprich, du Satan, womit kann man sie wieder
zum Leben erwecken, diese Meute?“
„Nimm dieses Fläschchen und besprenge sie.“

134
Er nahm das Fläschchen und besprengte die
Meute, da schüttelten sich die Tiere und sprangen
auf: der Löwe schlägt mit den Pranken und brüllt,
und mit ihm brüllt die ganze Meute – ihr Herr ist
nicht da.
„Sprich, alter Satan, wo ist mein Bruder?“
„Au, laßt mich los, ich will zeigen, wo er ver-
graben liegt!“
„Nein, ich lasse dich nicht los, doch führe uns!“
Sie führte sie hin, der Bruder wurde ausgegra-
ben und sah aus wie lebendig. Sie legten die
Stücke aneinander, und die Tiere beleckten ihn
mit ihren Zungen. Alle Narben und alle Wunden
leckten sie zu, als wären sie genäht.
„Sag, du Teufel, wie kann man ihn wieder zum
Leben erwecken?“, fragte Michail-Wassersohn.
In diesem Augenblick kam eine andere Zaube-
rin vorbeigeflogen – eine Elster.
„Fangt diese Elster da!“
Der Falke warf sich mit einem Male steil in die
Luft, packte die Elster, zerriß sie über Iwan-
Wassersohn und besprengte ihn mit ihrem Blut.
Iwan-Wassersohn stand auf und sagt: „Ach,
Bruder, hab ich lange geschlafen!“
„Ja“, sagt der Bruder, „lange hättest du ge-
schlafen, lange!“
Die Alte aber erschlug er, riß sie in Stücke und
vergrub sie an eben dieser Stelle.
Dann machen sich die beiden Brüder auf den
Weg. Iwan rühmt sich vor Michail:
„Bruder, ich habe geheiratet!“
Michail sagt:

135
„Ich bin bei euch gewesen, habe dein Weib ge-
sehen, bei ihr geschlafen!“
Das ertrug Iwan-Wassersohn nicht, die Eifer-
sucht packte ihn, und er schlug dem Bruder den
Kopf ab. Die Meute umringte Michail-Wassersohn
und heult, Iwan-Wassersohn aber geht zum
Schloß. Er kommt nach Hause zu seinem jungen
Weib. Doch sein Weib, von Michail gekränkt, emp-
fängt ihn ohne Freude. Sie aßen zu abend, er ver-
sorgte seine Meute – und dann schnell zu seinem
jungen Weib. So lange hatte er sie nicht gesehen,
er freute sich auf sie, begann sie zu umarmen, zu
küssen und zu liebkosen. Aber sie war beleidigt
und blickt ihn finster an. Sie legten sich schlafen,
und er fragt sie:
„Warum bist du so böse auf mich?“
Sie antwortete ihm:
„Wie habe ich dich liebkost in der vorigen
Nacht! Du aber hast dich von mir abgewendet und
kein Wort mit mir gesprochen. Ehrlich bekümmert
habe ich dich gefragt, wer dich gekränkt hat, was
man dir gestohlen hat oder ob du ein Tier aus
deiner Meute verloren hast; aber du hast den
ganzen Abend nur immer gejammert. Hast ge-
weint und geweint und mir nicht geantwortet!“
Da wurde Iwan-Wassersohn sehr betrübt, und
wie sein Bruder Michail verbrachte er die Nacht in
Kummer.
Am Morgen erhebt er sich und zieht mit seiner
Meute wieder dorthin, wo der Bruder liegt. Da
fliegt, was denkst du wohl, ein Rabe über dem to-
ten Bruder.

136
Er schickte den Falken, den Raben zu fangen.
Der Rabe sagt zum Falken:
„Laß mich leben, ich will dir dienen!“
„Dann hilf mir in meiner Not!“
„Gewiß, ich will dir helfen!“
Er flog in den Wald, fand einen Gallapfel und
brachte ihn Iwan-Wassersohn. Iwan drückte Mi-
chails Kopf an den Rumpf und preßte den Apfel
aus. Von diesem Saft wurde Michail-Wassersohn
wieder lebendig.
Beide machten sich auf den Weg zum Schloß.
Wie sie zu Hause ankommen, errät die Frau nicht,
welcher ihr Mann ist und zu welchem sie gehen
soll: ihre Sprache ist die gleiche, ihr Gesicht das
gleiche. Dann erriet sie es: An seinem kleinen
Finger steckte ihr Siegelring. Bald waren beide
verheiratet, Michail heiratete die älteste Schwe-
ster, die Iwan zuerst freigekämpft hatte. Und der
Zar gab jedem der beiden Brüder ein Reich und
einen Teil seiner Schätze. Und als sie das alles
erhielten und heirateten, war auch ich zum Gratu-
lieren, wollt’ das Honigbier probieren, blieb alles
an den Lippen hangen, der Mund ist leer ausge-
gangen.
Und es geht ihnen gut, sie schicken mir Briefe,
nur kommen sie nie an.

137
24
Der Unterfähnrich
Irgendwo in einem fernen Lande lebte ein Zar Ar-
tus. Dieser Zar hatte eine wunderschöne Tochter,
die hieß Helena. Eines schönen Tages ging sie
spazieren und kehrte vom Spaziergang nicht mehr
zurück. Es verging ein Tag, es verging ein zweiter,
aber von der Tochter war noch immer nichts zu
sehen. Da läßt der Zar bekanntmachen: „Wer sei-
ne Tochter findet, dem will er sie zur Frau geben,
und nach seinem Tode soll er sein Erbe sein.“
Und wer immer auch auszog, keiner konnte sie
finden, und alle kehrten unverrichteterdinge zu-
rück. Da erließ er eine zweite Bekanntmachung,
eine strengere: „Wer die Tochter nicht findet, darf
nicht zurückkehren, kehrt er aber zurück, soll er
in den Kerker geworfen werden.“
Danach aber war es das gleiche: Wer immer
auch auszog, keiner fand sie; einige kehrten zu-
rück, andere blieben verschollen.
Eines schönen Tags kommt zu diesem Zar Artus
ein armseliger Soldat aus seiner Armee und sagt:
„Laßt mich fahren!“
Der Zar musterte ihn und sagt:
„Wohin willst du wohl fahren? Da sind schon
andere ausgezogen und haben sie nicht gefun-
den.“

138
Er bleibt beharrlich und dringt in den Zaren:
„Ich werde sie finden, erlaubt mir nur, zwei Ka-
meraden mitzunehmen, gleichfalls Soldaten. Mein
Name ist Unterfähnrich.“
Der Zar schrieb sich den Namen auf und gab
ihm noch die zwei Soldaten bei, deren Namen
nicht bekannt sind.
Danach gab er Anweisung, ein Schiff auszurü-
sten. Das Schiff wurde ausgerüstet, beladen, mit
Lebensmitteln und Waffen versehen. Der
Unterfähnrich ging mit seinen zwei Kameraden an
Bord, und der Zar sagte dem Kapitän, er solle
allen Befehlen des Unterfähnrichs gehorchen.
Und gegen Abend fuhr das Schiff aus, Helena,
die Zarentochter, zu suchen.
Ob sie nun lange oder kurze Zeit fuhren, jeden-
falls legten sie einige Male in Häfen und an Küsten
an. Der Unterfähnrich forschte überall nach Zar
Artus’ Tochter. Eines Nachts nun ging er auf Deck,
einfach so, um sich zu ergehen und ein wenig fri-
sche Luft zu schnappen. Ringsum aber war das
Meer von Wald umgeben. Unweit vom Ufer leuch-
tete im Walde ein Licht auf. Da gab er dem Kapi-
tän Anweisung, auf diese Uferstelle zuzuhalten
und anzulegen.
Der Kapitän gehorchte, fuhr zur angegebenen
Stelle, und sie legten am Ufer an. Der Kapitän ließ
den Anker werfen, ging selbst zum Unterfähnrich,
ihm zu melden, es sei alles in Ordnung. Als er
zum Unterfähnrich kam, gibt der ihm folgenden
Befehl:

139
„Bis zu meiner und meiner Kameraden Rück-
kehr darf das Schiff ohne Erlaubnis nirgends hin-
fahren!“
Dann füllte er eine Tasche mit Schiffszwieback
und Nahrungsmitteln, nahm ein Gewehr und ging
mit den Kameraden auf jenes Licht zu.
Ob sie nun lange oder kurze Zeit gegangen
sind, jedenfalls kamen sie schließlich zu diesem
Licht. Sie machten halt und blieben dort über
Nacht. Am nächsten Morgen stehen sie auf und
nähern sich der Hütte. Der Unterfähnrich ließ sei-
ne Kameraden zurück und ging hinein. Als er ins
Innere trat, war da noch eine Tür. Er sah nach –
sie war verschlossen. Da jedoch niemand in der
Hütte war, kehrte er zu seinen Kameraden zu-
rück.
Wie er bei ihnen ist, sagt er:
„Ich werde mit einem von euch auf die Jagd
gehen, und einen lassen wir hier zum Suppeko-
chen“ (weil ihnen nämlich, während sie zu dieser
Hütte liefen, alle Lebensmittel ausgegangen wa-
ren).
Einer der Kameraden blieb zurück und kochte
Suppe. Es geht aber schon auf den Abend zu.
Plötzlich tritt ein Mann ans Feuer heran, nicht gar
zu klein, nicht gar zu groß – so hoch wie ein Haus.
„Sei gegrüßt, Freund!“ sagt er.
Er antwortet ihm:
„Sei gegrüßt.“
Der Riese fragt:
„Gibst du mir etwas Brei?“
Er antwortet ihm:

140
„Wir sind selbst unser drei, schon für uns ist’s
zuwenig, und Proviant haben wir nicht.“
Da wurde der Riese böse und verprügelte den
Soldaten.
Als der Unterfähnrich und seine Kameraden zu
dem Soldaten zurückkamen, der Suppe kochen
sollte, fragen sie:
„Ist die Suppe fertig?“
Er antwortet ihnen:
„Nein, sie ist nicht fertig, ich habe sie gar nicht
gekocht. Ich bin krank geworden und konnte nicht
kochen.“
Am zweiten Tag ließ der Unterfähnrich den an-
deren Soldaten zurück, den aber, der die Suppe
hatte kochen sollen, nimmt er mit auf die Jagd.
Dieser Soldat machte ein Feuer, setzt sich hin,
kocht seine Suppe und wartet, daß die Kamera-
den von der Jagd kommen. Doch statt der Kame-
raden erscheint ein Mann, nicht gar zu klein, nicht
gar zu groß – so hoch wie ein Haus.
„Sei gegrüßt, Freund!“, sagt er.
Der Soldat antwortet:
„Sei gegrüßt.“
Der Mann „nicht gar zu klein, nicht gar zu groß“
fragt:
„Wie steht’s“, sagt er, „gibst du mir etwas Sup-
pe?“
Darauf jener:
„Wir sind selbst unser drei, ‘s ist für uns selbst
zuwenig. Wollte man aber dich füttern, wär’s noch
billiger, dich zu begraben, so ein Kerl, wie du
bist.“

141
Da verprügelte der Mann „nicht gar zu klein,
nicht gar zu groß“ auch diesen Soldaten und
schüttete die Suppe aus.
Am Abend kommt der Unterfähnrich mit seinen
Kameraden von der Jagd zurück, tritt ans Feuer
und fragt:
„Nun, wie steht’s“, sagt er, „ist die Kohlsuppe
fertig?“
Der antwortet:
„Nein, ich habe Bauchschmerzen bekommen
und konnte sie nicht kochen, kann kaum noch sit-
zen.“
Da legten sie sich hungrig schlafen.
Am dritten Morgen sagt der Unterfähnrich:
„Geht ihr auf Jagd, ich will selbst hierbleiben
und Suppe kochen.“
Die Kameraden gingen auf die Jagd. Unterwegs
sprechen sie zueinander:
„Soll’s ihm nur ergehen wie uns, soll er seine
Suppe nur kochen!“
Der Unterfähnrich sitzt und kocht Suppe. Der
Tag neigt sich schon dem Abend zu, die Suppe ist
fertig, und der Unterfähnrich wartet – bald müs-
sen die Kameraden von der Jagd kommen. Doch
statt der Kameraden sieht er, wie ein Riese nä-
herkommt, nicht gar zu klein, nicht gar zu groß,
so hoch wie ein Haus.
Als der Mann „nicht gar zu klein, nicht gar zu
groß“ beim Unterfähnrich ist, begrüßt er ihn:
„Sei gegrüßt, Freund.“
Der Unterfähnrich antwortet:
„Sei gegrüßt.“

142
Da fragt ihn der Riese:
„Gibst du mir etwas Suppe?“
Der Unterfähnrich gibt ihm zur Antwort:
„Nicht nur etwas Suppe, auch eine Ente werden
wir aus der Suppe fischen. Für einen Gast können
wir alles tun, auch das Letzte mit ihm teilen.“
Da antwortet der Mann „nicht gar zu klein, nicht
gar zu groß“:
„So lange lebe ich schon hier“, sagt er, „und
suche einen Kameraden, mit dem man sich ein
wenig unterhalten und die Zeit vertreiben kann,
aber außer dir habe ich noch keinen getroffen.
Laß deine Suppe stehen“, sagte er, „und komm
mit in mein Haus.“
Als sie im Hause des Riesen waren, klopfte der
auf den Tisch, da erschienen auf dem Tisch ver-
schiedene Weine, Leckerbissen, alles, was das
Herz begehrt. Der Mann „nicht gar zu klein und
nicht gar zu groß“ sagt:
„Trink, soviel du willst! Ich werde auch mittrin-
ken.“
Der Unterfähnrich trank ein halbes Glas und
nicht mehr, doch der Mann „nicht gar zu klein und
nicht gar zu groß“ trank sich einen gewaltigen
Rausch an, legte sich dann auf den Fußboden, von
der einen Zimmerecke bis zur andern, und fiel in
einen tiefen Schlaf.
Da warf der Unterfähnrich einen Blick ins ande-
re Zimmer.
Dort stand ein Tisch, und an diesem Tisch saß
ein steinaltes Weib, die Haare schlohweiß. Das
sagt:

143
„Junger Mann, warum bist du hierher gekom-
men? Wenn der Mann ‚nicht gar zu klein und nicht
gar zu groß’ aufwacht, wird er dich totschlagen.“
Als die Alte diese Worte gesprochen hatte, ging
sie hinaus und kehrte nicht wieder. Da nahm der
Unterfähnrich des Riesen Schwert und schlug ihm
mit seinem eigenen Schwert den Kopf ab. Als er
den Kopf abgeschlagen hatte, untersuchte er die
Taschen des Mannes „nicht gar zu klein und nicht
gar zu groß“ und fand darin ein Schlüsselbund. Er
öffnete die erste Tür – dort war es leer; er öffnete
die zweite Tür – dort war es auch leer. So lief er
durch fünf Zimmer, und immer waren sie leer.
Darauf öffnete er noch eine Tür, und im sechsten
Zimmer war es etwas heller. Und als er die sie-
bente Tür öffnete, saß da die wunderschöne Hele-
na, des Zaren Artus Tochter.
Als er dieses Zimmer betreten hatte, sagte sie
zu ihm:
„Ach, kleiner Soldat wie bist du nur hierherge-
kommen. Solange ich hier sitze, ist noch niemand
bei mir gewesen. Gleich wird der Riese kommen
und dich zermalmen.“
Er antwortet ihr:
„Keine Angst. Dem Riesen habe ich schon den
Kopf abgeschlagen, und du“, sagt er, „bist frei.
Jetzt wollen wir an Bord gehen und abfahren.
Nicht weit von hier wartet das Schiff. Wir gehen
an Bord und fahren nach Hause zu deinem Vater.“
Sie verließen das Zimmer und machten sich auf
den Weg zum Schiff. Unterwegs erzählte er ihr,

144
daß er hergeschickt sei, sie zu finden, und daß sie
sein Weib werden solle.
Wie sie schon auf dem Schiff waren, fiel ihr ein:
„Ach, Liebster, ich habe meinen Siegelring auf
der Fensterbank liegengelassen.“
Der Unterfähnrich gibt dem Kapitän Anweisung,
ohne ihn nicht in See zu stechen, und geht, den
Ring zu holen. Als er das Schiff verlassen hatte,
ließ der Kapitän den Anker lichten, die Taue kap-
pen und machte sich auf die Heimfahrt zu Helenas
Vater, dem Zaren Artus. Unterwegs sagte er zu
ihr:
„Sage, daß ich dich gefunden habe, oder ich
werfe dich ins Meer.“
Da schwur sie ihm, wenn sie ankämen, wolle
sie dem Vater sagen: Du hast mich gerettet.
Als sie in der Heimat anlegten, hatte sie Angst,
den Schwur zu brechen, und sagte zum Vater:
„Gerettet hat mich der Kapitän.“
Da segnete der Zar die beiden, gab seine Toch-
ter diesem Kapitän zum Weib und vermachte ihm
das ganze Erbe.
Nun wollen wir die beiden ein wenig verlassen
und sehen, wie es dem Unterfähnrich erging. Als
der Unterfähnrich mit jenem Ring aus dem Haus
getreten war, hatte er sich nach der Stelle bege-
ben, wo das Schiff lag. Doch als er hinkam, er-
blickte er nur den leeren Platz und die liegenge-
bliebenen Tauenden. Da wurde er sehr betrübt,
blieb zwei Stunden dort sitzen und dachte nach.
Dann stand er auf und ging durch den Wald, ein
Obdach zu suchen: „Es ist doch unmöglich, daß

145
dieser Wald kein Ende nimmt!“ Wir wissen nicht,
ob er lange Zeit lief oder kurze Zeit, jedenfalls
verließen den Unterfähnrich nicht weit von einem
Haus die Kräfte, da er ohne etwas zu essen so
lange umhergestreift war; er legte sich hin, um
ein wenig auszuruhen, und konnte sich nicht wie-
der erheben. So lag er etwa einen Tag und eine
Nacht. Am zweiten Tag kommt ein unbekannter
Mann zu ihm und will ein Gespräch mit ihm an-
fangen, doch der Unterfähnrich kann ihm schon
nicht mehr antworten. Da nahm der unbekannte
Mann ihn mit, brachte ihn nach Hause, goß ihm
ein kleines Gläschen Wein ein und gab ihm ein
kleines Stückchen Brot. Nach einer Weile goß er
ihm noch ein Gläschen Wein ein und gab ihm ein
Stück Brot. Und beim dritten Mal goß er ihm wie-
der ein Gläschen Wein ein und gab ihm eine grö-
ßere Portion zu essen. Da sagt der Unterfähnrich:
„Warum gebt Ihr mir nicht mehr zu essen?“
Der unbekannte junge Bursche, Wanjuscha mit
Namen, antwortet ihm:
„Du darfst nicht mehr bekommen, weil du sehr
ausgehungert bist; du könntest dich überessen
und sterben.“
Am nächsten Tag fragt Wanjuscha:
„Wie heißt du?“
„Ich heiße Unterfähnrich.“
Da sagt er zu ihm:
„Höre, Unterfähnrich, verdinge dich bei uns als
Knecht. Du wirst nicht bloß Knecht sein, sondern
fast ganz dein eigener Herr.“

146
Dazu gab der Unterfähnrich sein Einverständ-
nis.
Darauf holte Wanjuscha Schlüssel aus der Ta-
sche und gibt sie ihm.
„Hier hast du die Schlüssel“, sagt er. „Wieviele
ihrer auch sind, du kannst überall hineingehen,
aber dieser Schlüssel hier ist von dieser Kammer.
Die verbiete ich dir, und wenn du diese Abma-
chung übertrittst, werden wir dich bestrafen. Doch
jetzt komm, du mußt mir erzählen, wie es dich in
diesen Wald verschlagen hat und wer du bist.
Da begann der Unterfähnrich, ihm alles zu er-
zählen.
„Ich bin“, sagt er, „ein Soldat aus Zar Artus’
Reich. Dessen Tochter war verschollen. Ich äußer-
te den Wunsch, diese Tochter zu suchen und sie
Zar Artus wiederzubringen, wofür er mir ver-
sprach, sie mir zum Weib zu geben und mir nach
seinem Tode seinen Besitz zu vermachen.“
Dort lebt also der Unterfähnrich einen Monat,
einen zweiten, auch einen dritten, und er bekam
große Sehnsucht, so schön war Helena gewesen,
als er sie im Zimmer bei dem Mann „nicht gar zu
klein und nicht gar zu groß“ gesehen hatte, und er
dachte:
„Ich will doch in diese Kammer gehen und se-
hen, was darin ist. Was soll schon daraus werden!
Wenn sie mich davonjagen, gehe ich eben.“
Nahm den Schlüssel und ging, die verbotene
Kammer aufzuschließen. Als er sie geöffnet hatte,
ertönten Kanonenschüsse, Lärm und Sausen. Und
im gleichen Augenblick kam Wanjuscha herzuge-

147
rannt und begann, den Unterfähnrich auszuschel-
ten.
„Ach, du Tölpel, was habe ich dir denn gesagt!
Was hast du angerichtet! Wie soll man dich jetzt
bestrafen? Nun gut, das erste Mal will ich dir noch
vergeben.“
Und der Unterfähnrich verbrachte dort ein Jahr
seit dem Tage, da er die Abmachung übertreten
und die Kammer geöffnet hatte.
Da wurde er noch trauriger und beschloß, die
verbotene Kammer ein zweites Mal zu öffnen. Als
er sie geöffnet hatte, geschah darin ganz das glei-
che: Sausen und Kanonenschüsse. In diesem Au-
genblick kam Wanjuscha herzugelaufen, nahm
ihm den Schlüssel weg und jagte ihn davon. Als
jedoch eine halbe Stunde vergangen war, bekam
Wanjuscha Mitleid mit dem Unterfähnrich, rief ihn
zurück und sagt:
„Du bist sicher wegen deiner Geliebten sehr
traurig?“
Der Unterfähnrich antwortet:
„Ja.“
Da sagt er zu ihm:
„Ich will“, sagt er, „mit meinem Onkel über dich
sprechen. Vielleicht können wir dir mit irgend et-
was helfen.“
Als Wanjuscha mit dem Onkel gesprochen hat-
te, erlaubte dieser, dem Unterfähnrich ein altes
Pferd und einen verrosteten Zaubersäbel zu ge-
ben. Wanjuscha läßt den Unterfähnrich kommen,
ruft die Diener und sagt zu den Dienern:
„Bringt Großvaters verrosteten Säbel!“

148
Als sie diesen verrosteten Säbel gebracht hat-
ten, nahm Wanjuscha ihn und gibt ihn dem Unter-
fähnrich.
„Und jetzt“, sagt er, „geht und bringt das alte
Pferd!“
Die Diener gingen, sattelten das Pferd und
bringen es Wanjuscha.
Da sagt Wanjuscha:
„Gebt es dem Unterfähnrich!“
Der Unterfähnrich bestieg das Pferd, nahm den
Säbel und denkt:
„Was soll ich mit diesem Säbel, da er doch ganz
verrostet ist, und dazu dieses alte Pferd?“
Wanjuscha antwortet:
„Reite bis zu diesem Wald dort“, sagte er,
„schwinge einmal den Säbel und paß auf, was ge-
schieht. Was jedoch das Pferd anlangt, so wirst du
dich selbst überzeugen können.“
Der Unterfähnrich ritt bis zu jenem Wald,
schwang einmal den Säbel – gleich lag der halbe
Wald am Boden. Da kehrte er um, dankte Wanja
und seinem Onkel und machte sich auf den Weg
in Zar Artus’ Reich.
Als er beim Zaren angekommen war und sich
im Schloß meldete, war Helena schon verheiratet
und lebt mit dem Kapitän.
Da ging der Unterfähnrich zum Zaren selbst
hinein und sagt:
„Warum habt Ihr wider Euer eigenes Gesetz
gehandelt? Als ich auszog, Eure Tochter zu su-
chen, habe ich sie gefunden. Ihr aber seid Eurem

149
Wort untreu geworden und habt sie einem ande-
ren zum Weib gegeben!“
Zar Artus fragt ihn:
„Womit kannst du beweisen, daß du sie gefun-
den hast, und wie ist das alles vor sich gegan-
gen?“
Der Unterfähnrich antwortet:
„Nachdem ich Helena in einer mir auch jetzt
noch unbekannten Gegend gefunden hatte, nahm
ich sie und ging mit ihr zum Schiff. Als wir auf
dem Schiff waren, sagt sie zu mir: ,Ich habe mei-
nen Ring liegen lassen, den mir der Vater ge-
schenkt hat.’ Ich kehrte um, den Ring zu holen,
unterdessen aber stach der Schiffskapitän in See,
und ich blieb allein zurück. Zum Beweis aber
nehmt dies hier, Väterchen Zar!“
Und er streckt die Hand aus und zeigt den Ring,
den Helena bei dem Mann „nicht gar zu klein und
nicht gar zu groß“ vergessen hatte.
Da befahl Zar Artus, ihm seine Tochter zu brin-
gen. Als die Tochter erschien, sagte er:
„Wie hat sich das zugetragen, daß du mich be-
logen hast? Denn hier steht der Mann, der dich
fand, und er hat bewiesen, daß er dich fand und
rettete.“
Sie sagt zu ihm:
„Ja, es ist wahr, ich habe dich belogen. Aber ich
war gezwungen, dich zu belügen, denn der Kapi-
tän hatte die Anker lichten lassen, und als wir auf
hoher See waren, bedrohte er mich: ‚Sage, daß
ich dich gerettet habe, sonst werfe ich dich ins

150
Meer.’ Daraufhin habe ich ihm geschworen, dir zu
sagen, er habe mich gerettet.“
Da rief Zar Artus den Henker und ließ den Kapi-
tän in Gegenwart des Unterfähnrichs hinrichten,
seine Tochter aber vermählte er zum zweitenmal,
mit dem Unterfähnrich. Und auf den dritten Tag
lieg er im Schloß ein großes Fest zu Ehren der
Wahrheit veranstalten, zu dem aus dem Nachbar-
reich der König Dadon eingeladen wurde.
Auf dem Feste verliebte sich Helena in den Kö-
nig, und als die Gäste wieder heimgefahren wa-
ren, schrieb sie diesem König Dadon einen Brief,
in dem es hieß:
„Überziehe meinen Vater in einem halben Mo-
nat mit Krieg. Ich werde dir helfen.“
Zwei Wochen vergingen, und König Dadon er-
klärt dem Zaren Artus den Krieg. Aber Zar Artus
war zu dieser Zeit nicht vorbereitet und wurde
sehr bekümmert. Er ruft den Schwiegersohn zu
Hilfe und sagt ihm:
„König Dadon hat uns den Krieg erklärt, aber
unser Heer ist noch nicht bereit.“
Darauf antwortet ihm der Unterfähnrich:
„Väterchen, treib mir ein Heer wenigstens so
groß wie ein Regiment auf, und selbst das ist noch
zu viel. Ich will allein die ganze Welt bezwingen!“
Der Vater sagt ihm:
„Ich werde dir nicht nur ein Regiment, nein,
zwei werde ich dir aus dem ganzen Reich geben.“
Das Heer König Dadons aber nähert sich schon
der Grenze von Zar Artus’ Reich. Da zog der Un-
terfähnrich mit zwei Regimentern aus, gegen das

151
zahlreiche Heer König Dadons zu kämpfen. Kaum
hatte er sich mit seinem Heer aufgestellt, begann
sein Gegner zu höhnen:
„Was ist er mit zehn Soldaten ausgezogen? Was
will er damit ausrichten?“
Der Unterfähnrich zog seinen Säbel und
schwang ihn einmal – sogleich lag das halbe Heer
am Boden. Er schwang ihn ein zweites Mal, und
von Dadons Heer war nichts mehr zu sehen. Da
kehrt der Unterfähnrich heim zu seinem Schwie-
gervater, ohne auch nur einen einzigen Mann aus
seinem Heer verloren zu haben, und der Schwie-
gervater freute sich sehr über ihn.
Darauf schreibt sie ihm einen zweiten Brief:
„Mein Liebster, sammle ein noch größeres Heer
und ziehe aus, denn mein Vater hat überhaupt
kein Heer, und du kannst ihn besiegen.“
König Dadon erklärte Zar Artus zum zweiten
Male den Krieg. Zar Artus aber rief wieder seinen
Schwiegersohn, den Unterfähnrich, und sagte
ihm, daß König Dadon erneut den Krieg erklärt
habe.
Der Unterfähnrich antwortet:
„Ziehe nicht erst überflüssige Truppen zusam-
men; die in der Festung liegen, genügen.“
Und er zog mit seinem Heer aus, mähte das
Heer König Dadons nieder und kehrte heim zu
seinem Schwiegervater. Da sagt Helena, des Un-
terfähnrichs Weib und Zar Artus’ Tochter, zu ih-
rem Mann:

152
„Liebster, woher bist du so stark und klug?
Warum siegst du immer, und woher kommt dir
solche Stärke?“
Doch der Unterfähnrich antwortete ihr hierauf
nichts, denn ihm war aufgetragen worden, nichts
von dem Zaubersäbel zu erzählen, nicht einmal
seinem lieben Weib: denn die wird dich noch eher
als ein Kamerad verraten.
Aber Helena gab sich hiermit nicht zufrieden.
Bald umarmt sie ihn, bald küßt sie ihn und tut, als
ob sie den Unterfähnrich sehr, sehr liebe. Sie
gießt ihm ein Glas Wein ein und sagt:
„Trink dies von mir!“
Er trank aus. Da fragt sie:
„Nun sag mir doch, warum bist so stark, so tap-
fer, warum siegst du immer?“
Der Unterfähnrich argwöhnte nichts und sagt zu
seinem Weib:
„Ich habe einen Freund, er hängt an der Wand,
mit dem ich die ganze weite Welt bezwingen
kann. Dort dieser Säbel“, sagt er, „es ist ein Zau-
bersäbel. Du brauchst ihn nur einmal zu schwin-
gen, und ganze Heere sinken zu Boden.“
Und nach diesen Worten fiel der Unterfähnrich
in einen tiefen Schlaf.
Als er eingeschlafen war, rief Helena ihre Die-
nerin und sagte:
„Geh in die Rüstkammer und bringe von dort
einen Säbel, ganz genau wie diesen da, der an
der Wand hängt!“
Die Dienerin ging und brachte einen Säbel, ge-
nau so einen, wie dieser war. Da wickelte Helena

153
den Zaubersäbel in Papier, schrieb König Dadon
einen Brief und schickte Brief und Säbel mit einem
Eilboten zu König Dadon. Den Säbel aus der Rüst-
kammer aber steckte sie in die Scheide des Unter-
fähnrichs.
Als König Dadon Brief und Säbel erhalten hatte,
erklärt er Zar Artus zum dritten Mal den Krieg.
Da ruft Zar Artus wieder seinen Schwiegersohn
und sagt zu ihm:
„König Dadon hat uns zum dritten Mal den
Krieg erklärt.“
Worauf der Unterfähnrich antwortet:
„Väterchen, ich brauche keinen einzigen Mann,
ich werde allein mit ihm fertig.“
König Dadon aber, nachdem er Brief und Säbel
erhalten hatte, nahm gleichfalls kein Heer mit,
sondern zog auch allein ins Feld.
Als sie auf dem Schlachtfeld angekommen wa-
ren, zog der Unterfähnrich, von der Vertauschung
nichts ahnend, seinen Säbel und schwang ihn,
doch oh weh, er wirkt nicht. Da zieht König Dadon
seinen Säbel aus der Scheide und schwang ihn
gewaltig; doch erschlug er den Unterfähnrich
nicht, sondern warf ihn nur aus dem Sattel und
befahl seinen Leibwächtern, ihn an den Schwanz
seines eigenen Pferdes zu binden: Soll das Pferd
ihn zu Tode schleifen.
Zar Artus’ Schloß besetzte er, nahm Helena
zum Weibe und sperrte ihren Vater und ihre Mut-
ter in eine steinerne Säule. Aber nun wollen wir
die beiden in Ruhe lassen, sollen sie leben und

154
herrschen, wir aber gehen über zur weiteren Be-
schreibung des Lebens unseres Unterfähnrichs.
Das Pferd des Unterfähnrichs war sehr klug. Als
sie ihm den Unterfähnrich an den Schwanz ge-
bunden hatten, war es zunächst losgerannt, hatte
dann aber zweimal das Hinterteil in die Höhe ge-
worfen und sich den Unterfähnrich auf den Rük-
ken gesetzt. Dann war es davongejagt zu eben
dem Onkel, von dem es zusammen mit dem Un-
terfähnrich gekommen war.
Kaum lief es in den Hof ein, begann es zu wie-
hern. Der Onkel hörte das:
„Wanjuscha, sieh, unser Pferd ist wieder da!“
Als Wanjuscha hinausging und nachsah, war
tatsächlich ihr altes Pferd wieder da, und darauf
saß, verkehrtherum, der Unterfähnrich.
Da befahl Wanjuscha seinen Knechten, den Un-
terfähnrich vom Schwanz des Pferdes loszubinden
und mit einem Kehrichtbesen vom Hof zu jagen,
das Pferd aber in den Stall zu führen.
Weit ging der Unterfähnrich nicht vom Hof fort.
Er setzte sich hin, sitzt und weint. Ob er nun lan-
ge Zeit dort gesessen hat oder kurze, das wissen
wir nicht, jedenfalls ging er zu dem Onkel zurück
und bat, er möge ihm helfen, sich irgendwie an
König Dadon und seinem Weib Helena zu rächen.
Der Onkel bekam Mitleid, als er des Unterfähn-
richs Bitte hörte, rief seinen Wanjuscha und sag-
te:
„Bring die drei Blumen aus meiner Kammer,
aus der, in die nur ich gehe.“

155
Wanjuscha ging und bringt drei Blumen: die er-
ste rot, die zweite weiß und die dritte blau. Brach-
te sie und gibt sie dem Unterfähnrich:
„Hier nimm die rote Blume. Kommst du in einen
Wald, dann iß diese Blume, und du wirst zur
Blindschleiche und kannst an allen Tieren vorbei-
schleichen, die in diesem Walde sind. Die Tiere
werden wittern, daß ein Mensch da ist, aber dich
nicht finden. Die zweite, weiße aber sollst du es-
sen, wenn ein Fluß kommt. Du wirst zum Fisch
und kannst diesen Fluß durchschwimmen. Wann
du aber die dritte essen sollst, das wirst du aus
dem erkennen, was geschieht, und mußt du selbst
entscheiden.“
Nachdem der Unterfähnrich die Blumen be-
kommen hatte, bedankte er sich bei Wanjuscha
und seinem Onkel und machte sich auf den Weg.
Als er an einen undurchdringlichen Wald kam, voll
wilder Tiere, aß er die rote Blume, wurde zur
Blindschleiche und kroch wohlbehalten durch die-
sen Wald.
Danach geht er weiter – da fließt ein reißender
Strom, so breit, daß er ihn nicht durchwaten noch
durchschwimmen kann. Er aß die weiße Blume,
wurde zum Fisch und kam gut durch den Fluß. Als
er am anderen Ufer war, stand er auf und ging
weiter. Lief und lief und denkt:
„Wie lange soll ich noch gehen? Ich will doch
die letzte, die blaue Blume essen und sehen, was
daraus wird.“
Als er die blaue Blume gegessen hatte, wurde
er zu einem Hengst mit goldener Mähne und gol-

156
denem Schweif und rannte in jenes Reich, wo Kö-
nig Dadon mit seiner Helena lebte.
Er kommt in jenes Reich, rennt in ein Dorf und
läuft in den Hof eines armen, armen Bauern. Läuft
in den Hof und geradenwegs zur Krippe. Die alte
Bäuerin aber kam heraus, erblickte dieses Pferd,
geht wieder in ihre Hütte hinein und sagt:
„Alter, Alter, sieh nur, was für ein schönes Pferd
bei uns steht. Wir wollen’s in die Hauptstadt brin-
gen, wo der König wohnt, und es dort auf dem
Markt verkaufen!“
Gerade als sie es auf den Markt gebracht hat-
ten, fuhr König Dadon durch die Stadt. Er sah die-
ses Pferd und fragt:
„Hör, Bauer, wie steht’s, verkaufst du das
Pferd?“
„Ja, Väterchen“, sagt der, „ich verkauf’s.“
„Und wieviel willst du dafür?“
Der Alte antwortet:
„Zweitausend, Väterchen.“
König Dadon holte zweitausend Rubel hervor,
bezahlte dem Alten das Pferd, nahm’s und führte
es in sein Schloß.
Als er es ins Schloß gebracht hatte, kam Helena
heraus und sagte:
„Höre, Liebster, das ist kein Pferd, sondern
mein früherer Gemahl und dein schlimmster
Feind!“
Er fragt sie:
„Und was soll mit ihm geschehen?“
Sie antwortet ihm:

157
.Man muß es töten, verbrennen und die Asche
in den Wind streuen, damit nichts übrig bleibt.“
Er befahl seinen Dienern, das Pferd anzubinden
und es am nächsten Tage frühmorgens aufs Feld
hinauszuführen, zu töten, zu verbrennen und die
Asche zu verstreuen.
Eine Dienerin aber hörte dieses Gespräch. Sie
kam heraus und sagt:
„Ach, was für ein schönes Pferd, und sie wol-
len’s töten. Wie können sie das nur tun?“
Das Pferd aber spricht zu ihr mit Menschen-
stimme:
„Wenn sie mich aufs Feld geführt haben und
mich das erste Mal schlagen, wird mir ein Zahn
herausspringen, dir gerade in den Schuh. Blicke
dich ja nicht um, geh und vergrabe diesen Zahn
unter der Ecke der Kammer, in der Zar Dadon mit
seinem Weibe schläft.“
Als sie es aufs Feld hinausgeführt hatten,
schlugen sie es gegen die Stirn, ein Zahn sprang
heraus und der Dienerin in den Schuh. Sie sagte
kein Wort, drehte sich um, ging und pflanzte die-
sen Zahn unter die Ecke der Kammer, wo König
Dadon mit seinem Weibe schlief. Das Pferd aber
erschlugen sie, verbrannten’s und streuten die
Asche in den Wind.
Am nächsten Tage wacht König Dadon früh am
Morgen auf, tritt aus der Kammer ins Freie, da
wächst nicht weit von der Kammer ein goldener
Apfelbaum, und darauf sind goldene Äpfel. Er
weckt sein Weib:

158
„Helena, sieh, was für ein schöner Apfelbaum
bei uns steht!“
Sie antwortet ihm:
.Ach, Liebster, rühr ihn nicht an, das ist kein
Apfelbaum, sondern mein früherer Gemahl, und
für dich der Tod!“
Er sagt:
„Und was soll mit ihm geschehen?“
„Man muß ihn umhauen, verbrennen und die
Asche in den Wind streuen.“
Die Dienerin aber hört dieses Gespräch, kommt
heraus und sagt:
„Was für ein schöner Apfelbaum, und sie wollen
ihn umhauen!“
Da sagt er zu ihr:
„Sobald sie zum ersten Mal mit der Axt auf
mich einbauen werden, wird ein Span zu dir in
den Schuh fliegen. Drehe dich um und geh, nimm
den Span und wirf ihn in den Teich, wo frühmor-
gens König Dadon zu baden pflegt.“
Die Dienerin tat dies auch. Sobald sie mit der
Axt den ersten Schlag getan hatten, flog ihr ein
Span in den Schuh, sie sagte kein Wort, drehte
sich um und ging zum Teich, holte den Span her-
vor und warf ihn hinein. Dann kehrte sie um und
ging ins Schloß.
Am nächsten Tag erhebt sich König Dadon früh
am Morgen vom Lager und geht zum Teich baden.
Wie er an den Teich kam, sah er einen sehr schö-
nen Erpel, der schwimmt in der Nähe des Ufers,
hat einen goldenen Kopf und goldene Federn. Er
wirft das Zauberschwert von sich (denn sonst leg-

159
te er es nie ab und schlief sogar mit ihm), zieht
sein Gewand aus und steigt in den Teich, diesem
Erpel nach. Doch der Erpel entfernt sich ein wenig
vom Ufer. Und er lockte König Dadon so weit, bis
ihm das Wasser schon an die Schultern reichte.
Da erhebt er sich vom Wasser, läßt sich am Ufer
zu Boden gleiten und wird zu einem Menschen,
zum Unterfähnrich. Nimmt seinen Zaubersäbel
und sagt:
„Nun, Bösewicht, komm heraus!“
In diesem Augenblick kommt sein früheres
Weib Helena gelaufen und schreit:
„Ach, Liebster, das ist kein Erpel, sondern mein
früherer Gemahl und für dich der Tod!“
Da dreht sich der Unterfähnrich zu ihr und sagt:
„Ja, ich bin dein früherer Gemahl, und für euch
beide der Tod!“
Er holt mit dem Säbel aus und schlägt durch
vom Kopf bis zu den Füßen. Und kaum war König
Dadon ans Ufer gekommen, schlug er ihm den
Kopf ab.
Danach kehrte er ins Schloß zurück und heira-
tete die Dienerin, die ihn gerettet hatte, als er ein
goldenes Pferd und ein goldener Apfelbaum gewe-
sen war.
Nun wurde er der Erbe von Artus’ Reich und
gab ein Fest für alle Welt, auf dem auch ich war.
Denn auch mich lud er ein, ich trank Honigbier
und Wein! Nun, und damit wollen wir Schluß ma-
chen.

160
25
Wanjuschka
Ein Vater brachte seinen Sohn Wanjuschka in die
Lehre. Unterwegs überraschte sie ein Unwetter.
Es regnete, und sie verirrten sich. Unversehens
kamen sie zu einem Haus. „Wir wollen uns an den
Zaun stellen, Vater, dann wird uns der Regen
nicht so peitschen.“ In diesem Hause aber wohnt
ein alter Mann, der ist fünfhundert Jahre alt. Der
hörte diese Worte: „Wer ist da an meinem Haus?“
– „Ich und mein Sohn.“ – „Aha!“, sagte der Alte.
„Kommt herein!“ Er ließ sie ein und fragte: „Wo-
hin wollt ihr?“ – „Meinen Sohn in die Lehre ge-
ben!“ – „Laß ihn für drei Jahre bei mir, ich will ihn
lehren, was schlecht und was gut ist.“ Der Vater
war’s einverstanden. Die Nacht über blieben sie
dort. Der freundliche Alte lehrte ihn, den Samo-
war anzusetzen: Er goß Wasser ein und legte glü-
hende Kohlen auf. „Wanjuschka, bring aus dem
Zimmer, was dort auf dem Tisch ist!“ Da brachte
er ihnen von allem: Gesottenes und Gebratenes.
„Das ist wirklich ein guter Herr, er hat uns gut
bewirtet. Gehorche ihm in allem!“ Er begleitete
den Vater ein Stück auf dem Heimweg und gab
ihm Brot und was sonst noch nötig ist als Weg-
zehrung mit.
Der Sohn bleibt bei dem Alten, lebt ein Jahr
dort, lebt auch ein zweites und vom dritten die

161
Hälfte. „Warum lehrst du mich kein Handwerk? So
kann ich es auch zu Hause haben. Wenn du mich
nichts lehrst, gehe ich nach Hause, lehrst du mich
aber etwas, bleibe ich.“
Der Alte vertraute ihm von sieben Zimmern die
Schlüssel an: „Nun, Wanjuschka, zu welchem
Handwerk du Lust hast, das lerne auch!“
Als der Alte fort war, ging Wanjuschka durch
die Zimmer. Er kam ins erste Zimmer: da lag ein
großer Haufen Kupfergeld. Wanjuschka trottete
ins zweite Zimmer: da lag gleichfalls ein Haufen,
Silber, und nicht weniger als vom Kupfer. „Was ist
der Alte reich!“ Er ging ins dritte Zimmer: dort
lagen ganze Berge von Silber. Wie er ins vierte
Zimmer kam, lagen dort Stapel von Papiergeld.
„Wozu brauche ich ein Handwerk! Wenn mir der
Alte einen Arm voll Geld gibt, kann mir jedes
Handwerk gestohlen bleiben!“ Er kam ins fünfte
Zimmer: da waren Teppiche ausgebreitet, mit
Edelsteinen besetzt, und an den Wänden hingen
Geigen und Gitarren. „Was für ein komischer Kauz
doch der Alte ist!“ Er ging ins sechste Zimmer –
da waren alle Arten von Vögeln gefangen, die
sangen mit den verschiedensten Stimmen. Wan-
juschka verwunderte sich: „Die wollen gefangen
sein!“
Wanjuschka geht einen Tag und einen zweiten
durch diese Zimmer. Der Alte sagt: „Wie ist’s,
Wanjuschka, welches Handwerk lernst du?“ –
„Was soll mir denn ein Handwerk, Großväterchen!
Wenn du mir ein ordentliches Bündel Geld zu-
rechtmachst, brauche ich überhaupt kein Hand-

162
werk“, erwiderte Wanjuschka. „Lerne irgend et-
was, irgendein Handwerk!“ – „Na schön!“
Der Alte zog auf die Jagd, Wanjuschka aber
nahm die Schlüssel und ging durch die Zimmer.
Schließlich kam er zum siebenten Zimmer. „Ei,
was für eine feste Tür!“ Dieses Zimmer hatte der
Alte Wanjuschka verboten, aber da war wohl ge-
rade das Beste drin. Wie er hinsieht, ist in der Tür
ein Ast. Er nahm einen hölzernen Schlägel und
schlug den Ast heraus. Da sieht er im Zimmer drei
Jungfrauen sitzen und Teppiche mit Edelsteinen
besticken.
Wanjuschka stieß einen Seufzer aus. Die Jung-
frauen sagten: „Wanjuschka, warum kommst du
uns nicht besuchen?“ – „Ich bin noch zu jung, zu
eurem Zimmer gibt mir das Großväterchen den
Schlüssel nicht.“ – „Nun, da können wir dir einen
Rat geben.“ – „Ratet mir!“ – „Wenn der Alte am
Abend heimkommt, gib ihm ein Gläschen Wein,
auch zwei, sogar drei – dem Alten!…“
Abends kommt der Alte heim. „Ach, Großväter-
chen, jeden Tag gehst du fort, sicher bist du sehr
müde?“ – „Natürlich, Wanjuschka, wie sollte ich
nicht müde sein?“ Wanjuschka gab ihm ein Glä-
schen, auch ein zweites, und sogar ein drittes.
„Ach, hast du mich gelabt. Schüttle mir das wei-
che Federbett auf und die Daunenkissen und deck
mich mit der Zobeldecke zu!“ – „Schon gut. Groß-
väterchen, leg dich nur hin!“ Und er richtete ihm
alles. Der Alte legte sich auf die linke Seite. Wan-
juschka beobachtet ihn und schläft nicht. Der Alte
dreht sich auf die rechte Seite: da hing an seinem

163
linken Ohr der Schlüssel zu dem Zimmer. Wan-
juschka sah’s, nahm behutsam den Schlüssel und
ging zum Zimmer der Mädchen.
Er kommt hin, schließt auf, steht da und spricht
kein Wort zu ihnen: hat die Sprache verloren und
steht da. Die Jungfrauen sagten: „Wie ist’s, Wan-
juschka, sind wir schön?“ – „Soviel schöne Dinge
das Großväterchen auch in seinen Zimmern hat,
ihr erscheint mir noch schöner!“ – „Nun,
Wanjuschka, geh doch einmal in jenes Zimmer!
Darin ist eine Kommode, in dieser Kommode eine
Schatulle. Oben auf dem Wandbrett muß der
Schlüssel liegen. Schließ die Schatulle auf: darin
sind unsere edelsteinbesetzten Kleider; die bring
her!“ Wanjuschka brachte die Kleider
angeschleppt und gibt sie ihnen. Sie zogen die
Kleider an, faßten ihn unter die Arme und tanzten
eine Quadrille. „Wanjuschka, sag – sind wir
schön?“ – „Ich wage nicht einmal, euch
anzusehen, so schön seid ihr!“ – „Wenn wir auch
schön sind, so hast du uns doch zum letztenmal
gesehen!“ Sie ließen sich zu Boden fallen und
verwandelten sich in Bienen. Wanjuschka hatte
sie verloren. Er setzte sich auf die Bank, fuchtelte
mit den Armen, strampelte mit den Beinen, kurz,
gebärdete sich ganz närrisch. Etwas Dummes
hatte er da angerichtet! Er öffnete die Tür, da
flogen sie davon, aus dem Haus hinaus.
Der Alte erwachte, griff sich ans linke Ohr – der
Schlüssel war weg. Er sah Wanjuschka an: „Du
Hundesohn! Wer hat dir erlaubt, den Schlüssel
von meinem Ohr zu nehmen?“ – „Was heißt, wer

164
hat’s erlaubt! Ich habe dich gestern mit Wein be-
trunken gemacht, dich überlistet! Wer hat’s er-
laubt! Die Biester selber waren’s, die mich’s ge-
lehrt haben!“ – „Was hast du angerichtet! Ich
brauche jetzt drei Jahre, bis ich sie wieder zu-
sammen habe!“ – „Was macht’s – such sie nur
immer zusammen!“ – „Du hast jetzt drei Jahre bei
mir gelebt, nun sollst du noch drei Jahre bleiben.“
Der Alte machte sich auf den Weg und ließ
Wanjuschka für drei Jahre allein. Wie er heim-
kommt – nach drei Jahren –, bringt er alle drei
Jungfrauen wieder mit. „Sechs Jahre hast du nun
bei mir gelebt, Wanjuschka. Jetzt bist du erwach-
sen, und ich will dich verheiraten… Welche von
ihnen willst du nehmen?“ – „Ach, irgendeine!“ –
„Nein, sag welche!“ – „Nun, meinetwegen nehme
ich die da!“ – „Nein, nimm nicht diese, nimm lie-
ber diese!“ Er wies ihm ein eigenes Haus zu. Alles
war reichlich im Hause vorhanden: „Für ewig wer-
det ihr hier nicht wohnen“, sagt er. Gab ihm die
Schatulle und sprach: „Mach sie nicht auf, zieh ihr
nicht das Kleid an.“
Eine Woche hatten sie so verbracht, da wollte
sie zur Messe gehen. Sie zog ein Trauerkleid an
und hüllte sich in einen schwarzen Schal aus Dau-
nenfedern. „Angezogen bin ich jetzt wie eine rich-
tige Nonne! Hätte ich einen guten Mann, dann gä-
be er mir mein edelsteinbesetztes Kleid! Da
würden die Leute Augen machen: Nein, würden
sie sagen, hat der Wanjuschka eine schöne Frau!“
Wanjuschka vergaß nicht, was ihn das Großväter-
chen geheißen hatte; er gab ihr eine Maulschelle,

165
daß sie sich gleich hinsetzte. „Nun schön! Mir
soll’s recht sein, mögen die Leute nur reden!“
Als eine Woche herum ist, kommt der Alte sie
besuchen. „Nun, Wanjuschka, wie geht’s?“ –
„Danke, Großväterchen, es geht mir gut.“ – „Jetzt
aber müßt ihr mich einmal besuchen: ich bekom-
me Gäste.“ Wanjuschka bedankte sich und sagte
zu seiner Frau: „Mach dich fertig!“ – „Auf einmal
habt ihr’s eilig: Gäste sind da!“ Sie zog das Trau-
erkleid an, hüllte sich in den schwarzen Schal aus
Daunenfedern. „Zum Großvater kommen nur Gä-
ste aus Zarengeschlechtern! Ja, ein guter Mann
zöge mir jetzt mein edelsteinbesetztes Kleid an!…“
Wanjuschka vergaß, nahm den Schlüssel aus
der Tasche und holte aus der Schatulle das Kleid
hervor. Sie zog das Kleid schnell an; als sie’s an-
hatte, küßte sie ihn. „Jetzt wollen wir gehen.“ Sie
traten auf die Straße, da ließ sie sich zu Boden
fallen, verwandelte sich in eine Taube und flog
davon. Das war dir schon ein Eheweib!
Er ging ins Zimmer zurück, setzte sich auf die
Bank, fuchtelte mit den Armen, strampelte mit
den Beinen… Fuchtle nur, soviel du willst, es wird
dich niemand daran hindern! Wanjuschka ging auf
den Hof hinaus, sammelte einen Armvoll Stroh
und stopfte damit den ganzen Ofen voll. Stopfte
ihn voll und brannte’s an. Dann brach er sich
Brotstücke zurecht, legte sie in seinen Ranzen und
machte sich auf, sein Weib zu suchen. „Allein ge-
he ich nicht den Alten zu besuchen.“ Er ging den
ganzen Tag; als es Abend wurde, geriet er in ein
tiefes Moor und versank bis zu den Knien. Danach

166
kam er in ein Tal, setzte sich auf einen Erdhügel
und nahm ein Stück Brot aus dem Ranzen: sitzt
da und ißt vor lauter Kummer. „Jetzt warte nur,
Vater, dein Wanjuschka hat ausgelernt! Weiß
selbst nicht, wie ich hier wieder herauskommen
soll. Weiß nicht einmal, wo ich bin!“ Und Wan-
juschka begann zu weinen.
Schließlich sprang er auf und blickte nach allen
Seiten – da sah er in der einen Richtung ein Licht.
„Gewiß wohnen dort Leute!“ Er ging auf das Licht
zu, kommt hin und sieht: Eine Hütte steht da und
dreht sich auf einem Hühnerbein. „Nun, Hütte,
steh wie früher, wie die Mutter dich gestellt hat:
zum Wald mit der Hinterseit’, zu mir mit der Vor-
derseit’!“ Er ging in die Hütte hinein, zog Schuhe
und Kleider aus, legte sich auf den Ofen und fühlt
sich wie zu Hause.
Da kommt, keiner weiß woher, eine Baba-Jagá,
eine Hexe: sie rennt durch den Wald, daß es
dröhnt und schallt. Wie sie in die Hütte kommt,
reißt sie ihr Maul auf; die Baba-Jagá will Wanja
fressen. Der sagte: „Was fällt dir ein, altes Biest?
Machen es in den anderen Dörfern die alten Wei-
ber etwa ebenso? Du sollst das Bad anheizen,
mich baden und waschen und fragen: Wo hast du
bisher gelebt?“
Die Alte überlegte es sich anders: Sie heizte
das Bad an, badete ihn und gab ihm zu essen.
„Wo hast du denn bisher gelebt?“ – „Ich habe
sechs Jahre beim Großväterchen als Lehrling ge-
lebt: er hat mich mit seiner jüngsten Tochter ver-
heiratet.“ – „Ach, du Dummkopf! Du hast ja bei

167
meinem Bruder gelebt und meine Nichte genom-
men. Und die war gestern zu einem Plauderstünd-
chen bei mir. Wozu hast du ihr das edelsteinbe-
setzte Kleid angezogen? Sie lebte noch bei dir,
hätt’st du’s nicht getan!“ – „Unterweise mich lie-
ber, wie ich zu ihr gelangen kann. Tantchen!“ –
„Geh weiter, ich habe noch eine Schwester, von
der aus ist es näher; sie wird dich unterweisen!“
Dabei gab sie ihm einen Fladen zum Geschenk:
„Wenn sie dir zu nahe kommt und dich fressen
will, dann fahr ihr zwischen die Zähne, mit diesem
Fladen hier!“ Sie gab ihm noch einen Rabenkno-
chen dazu, den steckte er in die Tasche. Dann
machte er sich wieder auf den Weg.
Er ging den ganzen Tag bis zum Abend und ge-
riet zur Nacht in ein tiefes Moor. Er sank bis zu
den Knien im Sumpf ein, kam in ein Tal, setzte
sich auf einen Erdhügel, holte ein Stück Brot her-
aus, sitzt und ißt. Schließlich sprang er auf die
Füße und sah wieder ein Licht brennen. „Gewiß
wohnt dort meine Tante!“ Damit ging er auf das
Licht zu. Eine Hütte steht da auf Ziegenbeinen
und Hammelhörnern und dreht sich im Kreise.
„Hütte, genug jetzt herumgehinkt: ‘s ist Zeit für
Wanjuschka hineinzugehn!“ Er ging in die Hütte,
zog Schuhe und Kleider aus, legte sich auf den
Ofen und fühlt sich wie zu Hause.
Da kommt, keiner weiß woher, eine Baba-Jagá:
rennt durch den Wald, daß es dröhnt und schallt.
Sie betritt ihre Hütte, kommt in die Stube und will
ihn fressen. „Ach, du Alte! Machen sie’s in den
anderen Dörfern etwa ebenso? Willst du dich wohl

168
freundlich aufführen!“ Und Wanjuschka fährt ihr
mit dem Fladen zwischen die Zähne. „Da hast du
etwas zu tun! Du sollst das Bad anheizen, mich
baden, mir zu essen geben und mich fragen, wo-
hin mein Weg mich führt und wo ich bisher gelebt
habe.“
Die Alte überlegte es sich anders. „Na gut, hast
von der Schwester was mitgebracht, einen Fla-
den.“ Sie heizte das Bad, badete ihn und gab ihm
zu essen. „Und wo hast du bisher gelebt, mein
Lieber?“ – „Ich habe sechs Jahre beim Großväter-
chen als Lehrling gelebt, und er hat mich auch mit
seiner jüngsten Tochter verheiratet.“ – „Was bist
du für ein Dummkopf! Du hast ja bei meinem
Bruder gelebt und meine Nichte genommen. Ge-
stern war sie zu einem Plauderstündchen bei mir.
Hätt’st du ihr nicht das edelsteinbesetzte Kleid
angezogen, sie wär dir nicht davongelaufen!“ –
„Kann ich nicht durch dich zu ihr gelangen. Tant-
chen?“ Sie gab ihm einen Knochen vom Feuervo-
gel zum Geschenk. „Da ist noch meine älteste
Schwester, die wird dir alles sagen; sie wohnt
ganz in ihrer Nähe… Das ist aber eine sehr Böse;
ich will dir noch ein Handtuch mitgeben; kommt
sie dir zu nahe, schlag sie damit über die Augen!“
Er machte sich auf den Weg, lief den ganzen
Tag, bis es Nacht wurde, geriet in ein tiefes Moor
und versank bis zu den Knien. Dann kam er in ein
Tal, setzte sich auf einen Erdhügel, holte ein
Stück Brot heraus (er hatte Hunger), sitzt und ißt.
Als er das Stück Brot aufgegessen hatte, stand er
auf, blickte sich nach allen Seiten um, sah in der

169
einen Richtung ein Licht und ging darauf los. Eine
Hütte steht da auf Ziegenhörnern und Hammel-
beinen, die dreht sich. „Hütte, steh wie früher,
wie die Mutter dich gestellt hat: zum Wald mit der
Hinterseit’, zu uns mit der Vorderseit’!“ Er geht
hinein, aber niemand ist drin, nur ein Kerzendocht
brennt.
Da kommt, keiner weiß woher, eine Baba-Jagá:
rennt durch den Wald, daß es dröhnt und schallt;
kommt hereingerannt und will ihn fressen. Er
schlägt ihr das Handtuch über die Augen: „Was
fällt dir ein, altes Biest!? Du sollst fragen: Woher
kommst du, und wohin willst du? So machen’s die
alten Weiber in den anderen Dörfern. Heize das
Bad für mich und bade mich!…“ – „Na gut, hast
von der Schwester das Handtuch mitgebracht, ich
sehe, du bist ein Bekannter.“ Sie heizte das Bad,
badete ihn und gab ihm zu essen. „Wo hast du
denn bisher gelebt, mein Lieber?“ – „Beim Groß-
väterchen habe ich sechs Jahre als Lehrling ge-
lebt, er hat mich auch mit seiner jüngsten Tochter
verheiratet. Die ist fortgeflogen!“ – „Du Dumm-
kopf, ach, du Dummkopf! Gestern war sie zu ei-
nem Plauderstündchen bei mir. Hätt’st du ihr nicht
das edelsteinbesetzte Kleid angezogen, sie wäre
dir nicht davongelaufen!“ – „Unterweise mich,
Tantchen, wie ich zu ihr kommen kann!“ – „Nun
gut, komm mit, ich will dir ihr Haus zeigen!“
Sie führte ihn auf einen Berg. „Siehst du dort in
dieser Richtung ein Feuer, hell wie die Sonne?“ –
„Ja“, sagt er. „Das ist kein Feuer, hell wie die
Sonne, sondern ihr Haus: es ist ganz aus Gold.

170
Dorthin hast du dreihundert Werst zu laufen, zu
diesem Haus. Komm jetzt zu mir, ich will dich leh-
ren, wie du in ihr Haus gelangst… Da nimm, ich
gebe dir einen Fladen: an ihrem Tor sind drei Lö-
wen angebunden, die lassen dich so nicht durch.
Brich den Fladen in drei Teile und wirf sie ihnen
vor. Sie werden den Fladen fressen, du aber
spring unterdessen durch den Zaun vors Schloß.
Dort stehen drei Wächter an der Schloßtreppe, die
werden dich nicht durchlassen. Mach dir nichts
draus: gib dem einen eine Maulschelle, daß er
sich hinsetzt, dann wird auch der andere zu Boden
gerissen, und der dritte wird sagen: ‚Geh nur im-
mer durch, geh nur immer durch!’ Da geh hinein.
Du kommst ins erste Zimmer, dann ins zweite. Im
dritten Zimmer sitzt sie in so einem schönen Ses-
sel. Nenne sie aber nicht Weib, nenne sie Herrin:
sie ist doch eine Zarin, kein einfaches Weib. Falle
vor ihr auf die Knie und sage: ‚Herrin, erlaube,
daß ich mich dreimal verstecke; wenn ich nicht
dreimal vor dir verborgen bleibe, kannst du mit
mir machen, was du willst!’“
Sie gab ihm noch einen Hechtsknochen und be-
gleitete ihn ein Stück. Wanjuschka führte alles
aus, was ihm aufgetragen worden war. Er kam
zur Zarin ins Schloß, fiel auf die Knie und bittet
sie: „Herrin, erlaube, daß ich mich dreimal ver-
stecke; wenn ich nicht dreimal vor dir verborgen
bleibe, kannst du mit mir machen, was du willst!“
„Ach, Wanjuschka“, sagte sie. „Wo willst du
dich verstecken? Ich werde dich überall finden!“ –
„Erlaubt mir trotzdem, Herrin, mich zu verstek-

171
ken!“ Sie erlaubte es. Er trat auf die Wiese hin-
aus. „Wo soll ich mich verstecken? Setze ich mich
unter den Strauch, findet sie mich!“ Er fuhr mit
der Hand in die Tasche, da geriet ihm zuerst der
Rabenknochen in die Finger, der von der ersten
Tante. Er warf diesen Rabenknochen auf die Wie-
se, da erschien, keiner weiß woher, ein riesiger
Rabe, faßte ihn unter den Achseln bei den Armen
und trug ihn in ein tiefes Moor; nur der Kopf sah
noch heraus. Der Rabe setzte sich ihm auf den
Kopf und verdeckte ihn – so war Wanjuschka ver-
borgen.
„Diener, gebt mir mein Wahrsagebuch und
meine Spiegel: ich will Wanja suchen!“ Sie suchte
ihn überall – in Sümpfen und Wäldern, auf Wiesen
und auf dem Meeresgrund: nirgends war er zu
sehen. Da fand sie ihn im tiefen Moor: der Rabe
sitzt auf seinem Kopf. „Rabe, zieh Wanjuschka
heraus, ich will ihn hier haben!“ Der Rabe zog ihn
aus dem Sumpf, brachte ihn ans Meer, tauchte
ihn hinein, wusch ihn und brachte ihn ans Ufer auf
die Wiese. Wanja geht hinein. „Nun, Wanjuschka,
hast dich das erste Mal versteckt?“ – „Ja!“ – „Nun,
geh, versteck dich noch einmal!“
Wanjuschka machte sich auf den Weg, trat auf
die Wiese und holte den Knochen des Feuervogels
heraus, den von der zweiten Tante. Da erschien,
keiner weiß woher, der Feuervogel, packte ihn un-
ter den Achseln und entführte ihn zum Himmel,
dort versteckte er ihn hinter einer Wolke. Wie es
soweit war, sagte sie: „Diener, gebt mir mein
Wahrsagebuch und meine Spiegel: ich will Wanja

172
suchen!“ Sie richtete die Spiegel auf die Meere,
auf die Wälder und Wiesen: nirgends war er zu
sehen. Sie richtete ihn gegen den Himmel und sah
ihn hinter der Wolke. „Feuervogel, hol ihn herun-
ter, tu ihm aber keinen Schaden.“ Der Feuervogel
holte ihn herunter und setzte ihn unversehrt auf
der Wiese ab. Er geht zu ihr hinein… „Geh, ver-
steck dich zum drittenmal!“
Wanjuschka machte sich das dritte Mal auf den
Weg. Trat hinaus, lief in die Nähe des Meeres,
griff in die Tasche, da geriet ihm der Hechtskno-
chen in die Finger. Er warf ihn auf die Wiese. Da
erschien, keiner weiß woher, ein mächtiger Hecht;
der packte und verschluckte ihn und entführte ihn
ins Meer, wo es am tiefsten ist. Dort machte er
halt und kroch unter einen Stein. Sie gaben ihr
das Wahrsagebuch und die Spiegel, und sie be-
gann Wanjuschka zu suchen: auf den hohen
Himmel richtete sie ihre Spiegel, auf Wälder, Wie-
sen und Seen, aufs Meer, wo es am tiefsten ist,
und unter den Stein… Nur eine Zehe an dem ei-
nen Bein hatte der Hecht nicht mit hinunterge-
schluckt: die Zehe war zu sehen. Um ein geringes
war Wanjuschka nicht verborgen… „Diener,
kommt einmal her: seht euch das an, wo Wan-
juschka sich versteckt hat!“ Die Diener kamen
herbeigelaufen und lachten… „Hecht, schaff ihn
mir ans trockene Ufer!“ Da steckte der Hecht sei-
nen Kopf aus dem Meer, spuckte ihn aus ans
trockene Ufer und hatte ihn ganz zerdrückt.
Wanjuschka kam ins Schloß und fing an zu wei-
nen; das sah eine Dienerin und hatte Mitleid mit

173
ihm. „Warte, Wanjuschka, warte ein wenig und
sprich mit mir! Ich will dich unterweisen. Bitte sie
flehentlich, sie soll dir noch einmal erlauben, dich
zu verstecken. Ich werde dir ein Versteck weisen,
wo sie dich in alle Ewigkeit nicht findet. Wenn sie
dir erlaubt, dich noch einmal zu verstecken, dann
sperr die Tür zu und geh ins zweite Zimmer, dort
sind die Spiegel: leg dich zwischen die Spiegel
und verhalte dich ruhig!“ Er ging zu ihr und fiel
auf die Knie. „Nun, wie ist’s, Wanjuschka, welchen
Tod wünschst du dir jetzt? Soll ich dich am Galgen
aufhängen oder dich lebendig begraben lassen?“
Er brach in Tränen aus und sagt: „Herrin, erlaube
mir wenigstens noch ein einziges Mal, mich zu
verstecken!“ – „Wo willst du dich verstecken? Ich
finde dich überall!“ Den Dienern und Generälen
aber tat er leid: „Herrin, hab Mitleid mit ihm: er-
laub ihm noch einmal sich zu verstecken!“ Sie
war’s einverstanden.
Wanjuschka verließ sie, sperrte die Türe zu,
ging ins zweite Zimmer, ließ sich zwischen die
Spiegel fallen und bleibt ruhig liegen. Wie es so-
weit war, begann sie, ihn überall zu suchen – im
Meer und auf dem Meeresgrund, in den Wäldern
und Seen, auf den Wiesen und am hohen Him-
mel… Nirgends konnte sie ihn finden. „Ihr Schur-
ken, ihr habt mich dazu verleitet! Habt ihn gehei-
ßen, sich zu verstecken!“ Sie warf ihre Bücher auf
den Boden, lief hin und her durch alle Zimmer,
setzte sich dann auf einen Stuhl und ließ den Kopf
hängen. „Wanjuschka!“ rief sie auf einmal, „wo
bist du? Komm her, wir wollen von jetzt an zu-

174
sammen leben!“ Und wieder nahm sie ihre Bücher
und Spiegel, suchte und suchte… und konnte ihn
nirgends finden (den einen Spiegel auf den ande-
ren richten, das konnte sie nicht!). Wieder rannte
sie hin und her durch alle Zimmer. „Höre, lieber
Wanjuschka, wo bist du? Komm, ich will nicht
mehr streiten mit dir, will von nun an mit dir zu-
sammen leben!“
Von da an lebte er mit ihr zusammen. Nach ei-
nem Monat schickte er seinem Vater einen Brief:
„Ich wohne jetzt in dem und dem Reich und bin
Zar. Wenn du Lust hast, zieh zu mir!“ Der Vater
hatte Lust, zu ihm zu ziehen.

175
26
Wanjuschka der Dummkopf
Ein Vater hatte drei Söhne. Er war aber, wie man
früher so sagte, ein wenig ein Zauberer. Eines
schönen Tages nun kam er ans Sterben.
„Hört, Söhne, wenn ich gestorben bin, sollt ihr
drei Nächte an mein Grab kommen!“
Nun, versteht sich, Söhne müssen des Vaters
Gebot ausführen. Also schnell das Los geworfen!
Das Los traf für die erste Nacht den ältesten
Bruder, für die zweite Nacht den mittleren Bruder
und für die dritte den Wanjuschka.
Da sagte der älteste Bruder:
„Wanja, geh du für mich!“
Der Abend kommt, er nimmt ein Bündel Bast,
nimmt eine Handvoll Hanf, ein Ahornscheit dazu,
und auch noch ein Bund Stroh.
So kommt er ans Grab und setzt sich hin, den
Pfriemen in der Hand. Ans Flechten denkt er nicht,
klopft aber mit dem Pfriemen. Als Mitternacht he-
rankommt, beginnt das Grab zu zittern, und aus
dem Grab ertönt eine menschliche Stimme:
„Wer ist am Grab?“
„Ich bin am Grab.“
„Du, der Dummkopf?“
„Ich, der Dummkopf!“

176
„Dafür will ich dich belohnen. In den Bannwie-
sen haust ein Schwein mit goldenen Borsten. Es
soll dein sein.“
„Danke, Väterchen!“
Am Morgen wurde es hell. Er kommt eilig ge-
laufen, und die Brüder sehen ihn:
„Dort, dort kommt Wanjuschka; er lebt noch!“
Also gut. Jetzt kommt die zweite Nacht. Der
mittlere Bruder muß gehen. Der mittlere Bruder
sagt:
„Wanja, geh du für mich!“
„Schön!“
Er nimmt ein Bündel Bast, nimmt eine Handvoll
Hanf, ein Ahornscheit dazu, und auch noch ein
Bund Stroh.
Kommt ans Grab, ans Flechten denkt er nicht,
klopft aber mit dem Pfriemen. So kommt Mitter-
nacht heran. Das Grab erzittert, und aus dem
Grab ertönt eine menschliche Stimme:
„Wer ist am Grab?“
„Ich bin am Grab.“
„Du, der Dummkopf?“
„Ich, der Dummkopf!“
„Dafür will ich dich belohnen. Es haust in den
Bannwiesen ein Stier mit goldenen Hörnern. Er
soll dein sein.“
„Danke, Väterchen!“ Es wird hell, er geht, und
sie sehen ihn:
„Der Dummkopf, der Dummkopf! Er lebt noch!“
Also gut. Der Abend kommt und damit die drit-
te Nacht. Er sagt:

177
„Ich bin für euch nachts draußen gewesen.
Geht jetzt wenigstens ihr beide für mich!’
Doch sie:
„Mach, was du willst, unsere Nächte sind schon
vorbei.“ Nun, versteht sich, er nimmt ein Bündel
Bast, nimmt eine Handvoll Hanf, ein Ahornscheit
dazu, und auch noch ein Bund Stroh. So machte
er sich auf den Weg und setzte sich aufs Grab;
ans Flechten denkt er nicht, klopft aber mit dem
Pfriemen. Mitternacht kommt heran. Das Grab er-
zittert, und aus dem Grab ertönt eine menschliche
Stimme:
„Wer ist am Grab?“
„Ich bin am Grab.“
„Du, der Dummkopf?“
„Ich, der Dummkopf!“
„In den Bannwiesen grast die Siwka-Burka, die
weise Kaúrka2. Sie soll dein sein.“
„Danke, Väterchen!“
Also gut, er geht. Die Brüder sehen ihn:
„Sieh doch, sieh doch, der Dummkopf kommt!“
Und waren sehr verwundert.
Sie waren, versteht sich, verheiratet, er aber
war ledig, der Dummkopf nämlich. So leben sie
also, und es vergingen einige Jahre. Der Zar aber
hatte eine Tochter. Wie die Zeit kommt, sie zu
verheiraten, baute der Zar ein Haus, zwölf Bal-
kenlagen hoch, setzte sie oben darauf und sagt:

2
„Siwka-Burka“ und „Kaúrka“ bedeutet beides etwa
„graubraune Stute“. (Anm. d. Übers.)

178
„Wer meine Tochter erreicht, wird ihr Bräuti-
gam.“
Das ganze Volk kommt dort zusammen, und
auch die Brüder wollten zusehen. Sie machten
sich reisefertig und brachen auf.
Der Dummkopf sagt:
„Nehmt mich mit!“
Sie beschimpften ihn mit allen möglichen Aus-
drücken.
„Ist mir ganz egal, ich werde dort sein!“
„Komm nur! Wir werden dir den Rücken strei-
chen!“
Also gut, sie zogen davon. Er ging zum Hinter-
tor hinaus, pfiff und rief:
„Siwka-Burka, weise Kaúrka, komm herbei ge-
schwind, schneller als der Wind!“ Siwka-Burka
kommt gesaust, daß die Erde nur so braust. Wie
sie vor ihm stand, kroch er ihr ins linke Ohr, trank
und aß sich satt, dann ins rechte – macht’ sich
glatt. Und war ein so schmucker Bursche gewor-
den, du glaubst es nicht, du ahnst es nicht, be-
schreibst’s auch mit der Feder nicht. So machte er
sich auf den Weg. Seine Brüder hatte er schnell
erreicht und zog ihnen ordentlich eins mit der
Peitsche über. Dann kam er angeflogen, machte
einen Satz bis zum sechsten Balken, aber sechs
Balken fehlten noch. Er wandte um und jagte zu-
rück. Wie er wieder zu Hause war, ließ er Siwka-
Burka laufen und legte sich wieder auf den Ofen,
die Hosen bis an die Knie. Ja. Nun kommen die
Brüder herein und sagen:

179
„Das war ein Kerl! So etwas haben wir unser
Lebtag noch nicht gesehen!“
„Meint ihr etwa mich?“
„Hahaha, meinen wir etwa dich?! Warte, wir
werden dich durchwalken! Für dieses Wort müs-
sen wir dich durchwalken!“
Also gut. Es verging einige Zeit, und wieder ruft
der Zar das Volk zusammen.
Wieder bettelt er:
„Nehmt mich mit, Brüder. Ich möchte sehen,
was das für eine Zarentochter ist!“
„Du bist wohl nicht bei Trost, du Rotznase!“
Also gut, sie zogen ab.
Er ging zum Hintertor hinaus, pfiff und rief.
Siwka-Burka kommt gesaust, daß die Erde nur
so braust. Wie sie vor ihm stand, kroch er ihr ins
linke Ohr, aß und trank sich satt, dann ins rechte
– macht’ sich glatt. Und war ein so schmucker
Bursche geworden, du glaubst es nicht, du ahnst
es nicht, beschreibst’s auch mit der Feder nicht.
Er überholt alles Volk und saust, daß die Erde
braust. Holte seine Brüder ein und versetzte ihnen
eins mit der Peitsche. Dann machte er einen Satz
– noch drei Balken fehlten bis zu ihr.
Er wandte um und jagte zurück. Sein Pferd ließ
er laufen, sich selbst legte er wieder auf den Ofen.
Nun kommen die Brüder herein und sagen:
„Das war ein Kerl! So etwas haben wir unser
Lebtag noch nicht gesehen!“
„Meint ihr etwa mich?“
Sie überschütteten ihn mit Schimpfworten. Also
gut. Es verging einige Zeit.

180
Der Zar ruft wieder das Volk zusammen. Ja. Al-
so, die Brüder wollen wieder zusehen.
„Auf, wir wollen’s uns ansehen. Vielleicht
kommt der tüchtige Kerl wieder geritten!“
Er bettelt.
„Ich möchte mitkommen und zusehen!“
„Du bist wohl nicht bei Trost, du Mißgeburt!“
„Ist mir ganz egal, ich werde doch dort sein!“
„Komm nur! Wir walken dich durch!“
Er machte es wieder so: ging zum Hintertor
hinaus, pfiff und rief:
„Siwka-Burka, weise Kaúrka, komm herbei ge-
schwind, schneller als der Wind!“
Siwka-Burka kommt gesaust, daß die Erde nur
so braust. Wie sie vor ihm stand, kroch er ins lin-
ke Ohr, trank und aß sich satt, dann ins rechte –
macht’ sich glatt. Und war ein so schmucker Bur-
sche geworden, du glaubst es nicht, du ahnst es
nicht, beschreibst’s auch mit der Feder nicht.
Dann machte er sich auf den Weg. Kam angeflo-
gen, versetzte wieder jedem einen ordentlichen
Hieb, flog empor, erreichte die Zarentochter, sie
drückte ihm mit ihrem Siegelring ein Mal auf die
Stirn, gab ihm den Ring und küßte ihn. Er wandte
um und machte sich auf den Heimweg; den Ring
trug er am Finger. Zu Hause ließ er das Pferd lau-
fen, wickelte den Ring in einen Lappen, und um
die Stirn band er ein Handtuch.
Nun kommen die Brüder herein und sagen:
„Alle Wetter, was für ein Kerl! Hat sie erreicht!
Nun gibt’s Hochzeit.“
Er sagt:

181
„Meint ihr etwa mich, Brüder?“
„Hahaha, meinen wir etwa dich! Was ist mit
deiner Stirn?“
„Bin vom Ofen heruntergefallen.“
„Da hat man’s wieder, vom Ofen gefallen!“
Und sie überschütteten ihn mit Schimpfworten.
In der Nacht nun plagt ihn doch die Neugierde,
und er will sich den Ring ansehen. Er wickelte ihn
aus dem Lappen – da war die Hütte ganz hell.
„Dummkopf, verschwende nicht die Streichhöl-
zer!“
„Ich verschwende keine Streichhölzer!“
Also gut. Und nun, versteht sich, ruft der Zar
seine Generäle zusammen, sie sollen den Bräuti-
gam suchen. Er nimmt dazu die Generäle und alle
guten Offiziere.
Er hat sie also zusammengerufen, aber sie kön-
nen ihn auf keine Weise finden. Jetzt ruft er die
Kaufleute, die aus den Dörfern. Nein, sie finden
ihn nicht. Jetzt die Bauern. Auch die Brüder ma-
chen sich auf. Nein, sie finden ihn nicht. Jetzt
nimmt er Leute aus dem gemeinen Volk – auch
Wanjuschka selbst war dabei. Er macht sich auf
den Weg, kommt zu ihr und setzt sich hin. Sie
gießt ihm gleich ein Glas Schnaps ein, da sah sie
den Siegelring und das Mal an der Stirn. Sie tritt
nahe heran, wischt ihm das Gesicht ab und führt
ihn zu ihrem Vater.
„Hier, Vater, ist mein Bräutigam, den mir das
Schicksal beschieden hat!“
Auf dem Hinterhof wurde eine Hütte eingerich-
tet, und dort lebten sie. Ein Jahr hatten sie nun

182
vielleicht dort gelebt, da hörte der Zar, daß in den
Bannwiesen ein Schwein mit goldenen Borsten
haust. Er hatte aber noch mehr Schwiegersöhne.
„Reitet los und fangt es!“
Sie ritten davon. Des Dummkopfs Frau aber
kommt zu ihrem Mann.
„Was gibt’s dort bei Vater Neues?“
„Je nun, ein Schwein mit goldenen Borsten
haust in den Bannwiesen. Jetzt haben sich gerade
alle Schwäger aufgemacht und sind losgeritten, es
zu fangen.“
„Geh und bitte um irgendein Pferd, ich will auch
reiten und mir das Schwein mit den goldenen Bor-
sten ansehen.“
Sie kommt zum Vater.
„Vater, gib mir ein Pferd, Wanja will auch aus-
reiten!“
„Nimm eines ganz hinten vom Hofe, dort das
lahme!“ Wanja saß auf, mit dem Hintern nach
vorn, und nahm den Schwanz ins Maul. Er zog es
mit den Zähnen am Schwanz, daß die Haut nur so
davonflog:
„Elstern und Raben! Hier habt ihr vom Zaren
euren Lohn und von mir ein Mittagessen!“
Er pfiff und rief:
„Siwka-Burka, weise Kaúrka, komm herbei ge-
schwind, schneller als der Wind!“
Siwka-Burka kommt gesaust, daß die Erde nur
so braust. Wie sie vor ihm stand, kroch er ins lin-
ke Ohr, trank und aß sich satt, dann ins rechte –
macht’ sich glatt; und war ein so schmucker Bur-
sche geworden, du glaubst es nicht, du ahnst es

183
nicht, beschreibst’s auch mit der Feder nicht. Er
überholte seine Schwäger, sie bekamen ihn nicht
einmal zu sehen. Sein Pferd ließ er in die Bann-
wiesen laufen, er selbst schlug ein weißes Zelt auf
und liegt und räkelt sich dort wie ein General. Nun
kamen sie, versteht sich, in die Bannwiesen gerit-
ten. Vom Schwein mit den goldenen Borsten aber
bekamen sie nur die Borsten zu sehen; es huschte
vorüber wie ein Vogel – und weg war es. Ja, da
reiten sie nun. Auf einmal erblickten sie ihn.
„Was ist denn das für einer? Vielleicht weiß der,
wo es ist.“
„Guten Tag!“
„Guten Tag!“
„Kommt ihr weit her?“
„Ja, der Zar hat uns den Auftrag gegeben, das
Schwein mit den goldenen Borsten zu fangen.
Aber von Fangen kann keine Rede sein, wir haben
es nicht einmal richtig zu Gesicht bekommen.“
„Wollt ihr’s euch was kosten lassen? Ich will es
euch fangen.“
„Ja, Väterchen, nichts soll uns zu teuer sein.“
„Nun, ich werde nicht viel von euch nehmen, –
von jedem aus dem Rücken einen Riemen, einen
Finger lang oder zwei.“
Er schnitt jedem einen Riemen aus dem Rük-
ken.
Dann lockte er das Schwein. Es kam zu ihm, sie
führten’s weg. Er rief seine Siwka-Burka, überhol-
te alle und lümmelt wieder zu Hause herum, ganz
der alte Dummkopf.
Sein Weib kam. Er sagt:

184
„Was gibt’s?“
„Je nun, sie haben das Schwein gebracht. Und
wir leben hier im Unglück.“
„Warte nur, auch bei uns kehren noch Festtage
ein.“
„Weswegen sollten sie wohl zu uns hier auf den
Hinterhof kommen? Das wird nie sein.“
„Das wird sein!“
Gut. Einige Zeit verging. Da hörte der Zar, daß
in den Bannwiesen ein Stier mit goldenen Hörnern
haust.
Wieder versammelt er seine Schwiegersöhne.
„Nun, ihr meine treuen Diener. Ich habe gehört,
daß ein Stier mit goldenen Hörnern in den Bann-
wiesen haust. Könnte man ihn nicht fangen?“
„Warum nicht? Das Schwein haben wir doch
auch gefangen“ (doch davon sagten sie nichts,
daß nicht sie es gewesen waren).
Und wieder ritten sie los. Die Zarentochter
kommt zu Wanjuschka.
„Was gibt’s Neues bei Vater?“
„Sie sind fortgeritten, den Stier mit den golde-
nen Hörnern zu fangen.“
„Geh und bitte um ein Pferd!“
Sie kommt zum Vater.
„Vater, Wanja möchte auch reiten und sich an-
sehen, was das für ein Stier ist.“
„Dort auf dem Hinterhof“, sagt er, „ist ein
Pferd.“
Sie ging, nahm’s und brachte es mit Mühe und
Not vor ihre Hütte. Er setzte sich darauf, mit dem

185
Hintern nach vorn, und nahm den Schwanz ins
Maul. Sie sieht’s:
„Ach, Liebster, nicht einmal aufsitzen kannst
du, wie sich’s gehört.“
Er aber ritt zur Stadt hinaus und zog mit den
Zähnen am Schwanz, daß die Haut nur so davon-
flog.
„Elstern und Raben, hier habt ihr vom Zaren
euren Lohn und von mir ein Mittagessen!“
Er pfiff und rief:
„Siwka-Burka, weise Kaúrka, komm herbei ge-
schwind, schneller als der Wind!“
Siwka-Burka kommt gesaust, daß die Erde nur
so braust. Wie sie vor ihm stand, kroch er ins lin-
ke Ohr, trank und aß sich satt, dann ins rechte –
macht’ sich glatt. Und war ein so schmucker Bur-
sche geworden, du glaubst es nicht, du ahnst es
nicht, beschreibst’s auch mit der Feder nicht.
Wieder überholte er alle, sie bekamen ihn nicht
einmal zu sehen. Dann schlug er sein weißes Zelt
auf, liegt und räkelt sich und liest die Zeitung. Die
anderen, versteht sich, reiten nun auch in die
Bannwiesen hinein, aber vom Stier bekamen sie
nur für einen Augenblick die Hörner zu sehen.
„Natürlich, wer soll denn den fangen!“
Sie reiten weiter, da erblickten sie Wanjuschka:
„Los, reiten wir hin, ist das nicht der von damals?“
„Gut’n Tag!“
„Gut’n Tag!“
„Ja, wir sind ausgeritten, den Stier mit den gol-
denen Hörnern zu fangen.“

186
„Wollt ihr’s euch was kosten lassen? Ich will ihn
euch fangen.“
„Väterchen, nimm, was du willst, nichts soll uns
zu teuer sein!“
„Ich nehme nur wenig von euch: ich werde je-
dem vom rechten Fuß die kleine Zehe abschnei-
den, das ist alles.“
Er schnitt also jedem die kleine Zehe ab und
wickelte sie in ein Tuch. Dann lockte er – der Stier
kam gelaufen; sie fingen ihn und führten ihn fort.
Er überholte sie und lümmelt wieder herum.
Sein Weib ging hinüber ins Schloß.
Da feierten sie ein Fest, Herrgott nochmal!
Sie weinte sich satt und ging.
„Dort feiern sie, und was ist bei uns?“
Er sagt wieder zu ihr:
„Warte nur, Frau, auch bei uns kehren noch
Festtage ein!“
„Woher sollten sie wohl kommen?“
„Sie werden kommen!“
Nach einiger Zeit nun hört der Zar, daß eine
Siwka-Burka in den Bannwiesen grast. Er ver-
sammelt also die Schwiegersöhne, ihn aber for-
dert er nicht auf, es kommt ihm gar nicht in den
Sinn, daß er auch Schwiegersohn ist.
Dann sagt er:
„Nun, ihr meine treuen Schwiegersöhne, ich
habe gehört, daß in den Bannwiesen eine Siwka-
Burka, eine weise Kaúrka grast. Wenn ihr euch
nicht anstrengt und sie fangt, braucht ihr nicht
wiederzukommen.“

187
„Wir reiten. Damals haben wir’s doch auch fer-
tig gebracht.“
Also gut. Sie machten sich reisefertig und ritten
los.
Sie kommt.
„Was gibt’s Neues bei Vater?“
„Je nun, sie sind fortgeritten, die Siwka-Burka
zu fangen.“
„Geh und bitte um ein Pferd!“
Sie ging wieder und bat. Er gab wieder einen
lahmen Gaul. Wanjuschka saß auf, ritt wieder aus
der Stadt heraus und zog am Schwanz, daß die
Haut nur so davonflog.
„Elstern und Raben! Hier habt ihr vom Zaren
euren Lohn und von mir ein Mittagessen!“
Er pfiff und rief:
„Siwka-Burka, weise Kaúrka, komm herbei ge-
schwind, schneller als der Wind!“
Siwka-Burka kommt gesaust, daß die Erde nur
so braust. Wie sie vor ihm stand, kroch er ins lin-
ke Ohr, trank und aß sich satt, dann ins rechte –
macht’ sich glatt. Und war ein so schmucker Bur-
sche geworden, du glaubst es nicht, du ahnst es
nicht, beschreibst’s auch mit der Feder nicht.
Brach auf, überholte alle, ließ sein Pferd laufen,
schlug das weiße Zelt auf, liegt da, räkelt sich und
liest die Zeitung. So. Jetzt kamen die anderen und
ritten in die Bannwiesen. Von Siwka-Burka sahen
sie nur die Mähne schimmern – und weg war sie.
„Wer soll die denn fangen!“
Sie machten kehrt und warteten. Da sahen sie
ihn.

188
„Komm, reiten wir hin, ist das nicht der vom
letzten Mal?“
„Gut’n Tag!“
„Gut’n Tag!“
„Kommt ihr weit her?“
„Ja, weit. Hier grast eine Siwka-Burka, und der
Zar hat uns geschickt, sie zu fangen. Wer soll das
aber fertigbringen?“
„Wollt ihr’s euch was kosten lassen? Ich will sie
euch fangen.“
„Nichts soll uns zu teuer sein, Väterchen.“
„Na, schön, ich werde nicht viel von euch neh-
men. Von jedem den kleinen Finger der rechten
Hand.“
Er fing ihnen die Siwka-Burka, übergab sie ih-
nen, und sie führten sie davon.
Diesmal mußte er zu Fuß laufen. Er kommt also
heim.
Sein Weib, versteht sich, kommt zu ihm.
Er sagt:
„Nun, was gibt’s Neues bei Vater?“
„Sie haben die Siwka-Burka gebracht. Sie feiern
dort – Herrgott nochmal!“
„Komm, wir wollen sehn, wie sie feiern!“
Sie gehen hinüber.
Die Frau ging als erste hinein.
„Vater, Wanja und ich sind gekommen“ (das
war das erste Mal, sonst waren sie noch nie ge-
kommen).
Nun, natürlich, der Zar gießt ihnen ein.
„Vater, warum sitzen diese Schwiegersöhne mit
dem Zaren an der hohen Tafel und haben die

189
Handschuhe an?“ sagt er: „Im Zimmer ist es doch
warm.“
„Das ist ihre eigene Sache“, sagt der Zar.
„Wie’s ihnen behagt, mögen sie auch sitzen.“
„Laß sie die Handschuhe doch mal ausziehen.“
Der Zar lachte, die Sache fing an, ihm Spaß zu
machen.
„Zieht mal die Handschuhe aus“, sagt er, „er ist
ein wenig dumm!“
Da zogen sie sie aus.
Wanjuschka holt die Finger hervor. Wie er sie
ansetzte, so wuchsen sie an.
Dann sagt er:
„Das war die Siwka-Burka.“
Der Zar gebietet: „Halt!“
Der Zar gab ihm ein zweites Glas. Das trank er
aus und sagt:
„Nun befiehl ihnen, Vater, die Schuhe auszuzie-
hen, den Schuh vom rechten Fuß!“
„Na kommt schon, Schwiegersöhne, zieht die
Schuhe aus!“
Dann sagte der Zar:
„So, so; keine kleinen Zehen!“
Wanjuschka wickelte sie aus, setzte sie an – da
wuchsen sie fest. Wie er sie ansetzte, wuchsen sie
fest.
„So“, sagt er, „das war der Stier mit den golde-
nen Hörnern.“
„Aha“, sagt der Zar, „Wanjuschka will’s uns be-
weisen.“
Und er gießt ihm das dritte Glas ein. Wanjusch-
ka sagt:

190
„Befiehl ihnen, die Hemden auf dem Rücken
hochzurollen!“
Der Zar sagt und ist schon ganz bei Laune:
„Na kommt schon, rollt mal hoch!“
Wanjuschka holt sein Tuch hervor und weiß bei
jedem Riemen, zu wem er gehört. Legt den ersten
auf – er wächst fest; legt den zweiten auf – er
wächst fest.
„So“, sagt er, „das war das Schwein mit den
Goldborsten.“
Da stammelten sie:
„Aha, er ist wohl der, der alles gefangen hat.“
Auf dieses Wort hin tritt er auf die Schloßtreppe
hinaus, pfiff gewaltig und rief:
„Siwka-Burka, weise Kaúrka, komm herbei ge-
schwind, schneller als der Wind!“
Siwka-Burka jedoch war hinter zwölf Schlössern
eingesperrt, damit sie nicht fortlaufen konnte.
Aber sie legte los, daß die Späne flogen, zerschlug
alle Schlösser und erschien vor ihm. Und er war
ein so schmucker Bursche geworden, du glaubst
es nicht, du ahnst es nicht, beschreibst’s auch mit
der Feder nicht. Und er trat in die Tür.
„Jetzt bin ich des Zaren Schwiegersohn!“
Der Zar jagte die anderen Schwiegersöhne da-
von, ihm aber gab er sein halbes Reich.
Und sie leben auch noch heute. Ich bin unlängst
dort gewesen, also es geht ihnen prächtig!
So war das also.

191
27
Jemelja der Dummkopf
In einem kleinen Dorf lebten drei Brüder: Semjon
und Wassili und als dritter Jemelja der Dumm-
kopf.
Die älteren Brüder waren verheiratet und trie-
ben Handel, Jemelja der Dummkopf aber lag die
ganze Zeit auf dem Ofen, kratzte im Ruß und
schlief mehrere Tage hindurch, ohne munter zu
werden.
Einmal beschlossen die Brüder, in die Residenz-
stadt zu fahren, um Waren einzukaufen. Sie
weckten Jemelja, zerrten ihn vom Ofen herunter
und sagen zu ihm: „Jemelja, wir fahren in die Re-
sidenzstadt, verschiedene Waren zu kaufen. Blei-
be du hier bei den Schwägerinnen und gehorche
ihnen, wenn sie dich bitten, ihnen bei irgend et-
was zu helfen. Gehorchst du ihnen, dann bringen
wir dir aus der Stadt einen roten Kaftan, eine rote
Mütze und einen roten Gürtel mit, und außerdem
noch viel Näschereien.“ Jemelja aber hatte rote
Kleider am liebsten, er freute sich auf die schönen
Sachen und klatschte vor Vergnügen in die Hän-
de: „Alles will ich für eure Frauen tun, Brüder,
wenn ihr mir nur so schöne Sachen zum Anziehen
kauft!“ Und damit klettert er wieder auf den Ofen
hinters Ofenrohr und fiel sogleich in einen tiefen
Schlaf. Die Brüder nahmen Abschied von ihren

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Frauen und machten sich auf den Weg in die Re-
sidenzstadt.
Jemelja schläft einen Tag, schläft auch einen
zweiten Tag, am dritten aber wecken ihn seine
Schwägerinnen: „Steh auf, Jemelja, komm herun-
ter vom Ofen, du mußt doch ausgeschlafen ha-
ben, schläfst ja schon den dritten Tag! Geh zum
Fluß, Wasser holen!“ Er aber antwortet ihnen:
„Laßt mich in Ruh, ich bin sehr müde. Ihr seid
doch keine Gräfinnen, geht selbst nach Wasser!“ –
„Du hast doch deinen Brüdern gerade erst ver-
sprochen, daß du uns gehorchen willst. Und jetzt
sperrst du dich schon. Da müssen wir deinen Brü-
dern schreiben, sie sollen dir keinen roten Kaftan
kaufen, keine rote Mütze, keinen roten Gürtel und
auch keine Näschereien.“ Da sprang Jemelja
schnell vom Ofen herunter, zieht seine zerrisse-
nen Stiefel an und seinen elenden Kaftan und ist
ganz schmutzig von Ruß. Eine Mütze aber trug er
nie, denn seine Haare waren borstig und hart wie
rußbeschmierte Flachsspindeln. Er nahm die Ei-
mer und ging zum Fluß.
Wie er nun im Eisloch die Eimer voll Wasser ge-
schöpft hat und gehen will und sich noch einmal
nach dem Eisloch umsieht, da steckt ein Hecht
seinen Kopf aus dem Eisloch heraus, und er
denkt: „Daraus werden mir die Schwägerinnen
eine schöne Pirogge backen!“ Er setzte die Eimer
ab, ging zum Eisloch und packte den Hecht, der
aber begann plötzlich mit menschlicher Stimme zu
reden. Jemelja war zwar ein Dummkopf, aber er
wußte, daß ein Fisch nicht mit Menschenstimme

193
spricht, und er erschrak sehr. Der Hecht aber sag-
te zu ihm: „Laß mich ins Wasser zurück, in die
Freiheit! Ich werde dir mit der Zeit nützlich sein
und alle deine Befehle ausführen. Du brauchst nur
zu sagen: ,Wie’s der Hecht gebietet und ich erbit-
te!’ – und es wird alles geschehen, wie du willst.“
Da ließ Jemelja ihn frei und denkt: „Vielleicht hat
er mich betrogen?“ Er geht zu seinen Eimern und
ruft mit lauter Stimme: „Wie’s der Hecht gebietet
und ich erbitte: Eimer, lauft selbst nach oben und
verschüttet mir ja keinen Tropfen Wasser!“ Und er
hatte das letzte Wort noch nicht zu Ende gespro-
chen, da liefen die Eimer los.
Die Leute sahen das und staunten über ein sol-
ches Wunder. „So lange leben wir schon auf der
Welt, aber noch nie haben wir gesehen oder auch
nur gehört, daß Eimer selbst laufen können. Bei
diesem schrecklichen Dummkopf Jemelja aber
laufen sie von selbst, und er geht hinterher und
lacht sich eins.“
Als die Eimer ins Haus gelaufen kamen, staun-
ten die Schwägerinnen über ein solches Wunder,
er aber machte sich schleunigst wieder auf seinen
Ofen und schlief einen gewaltigen Schlaf.
Nach einer ziemlich langen Zeit ging ihnen das
gehackte Holz aus, sie wollten aber Pfannkuchen
backen. Da wecken sie Jemelja: „Jemelja, he Je-
melja!“ Er aber antwortet: „Laßt mich in Ruhe, ich
bin ganz schrecklich müde!“ – „Geh, hack Holz
und bring’s ins Haus. Wir wollen Pfannkuchen
backen und dir die allersaftigsten geben!“ – „Ihr
seid doch keine Gräfinnen, geht, hackt euer Holz

194
selber und bringt’s herein!“ – „Wenn wir’s selber
bringen und hacken müssen, bekommst du von
uns auch nicht einen einzigen Pfannkuchen.“
Pfannkuchen aber mochte Jemelja gar zu gern. Er
nahm das Beil und ging auf den Hof. Er hackte
und hackte, da fiel ihm ein: „Was hacke ich denn,
ich Dummkopf, mag doch der Hecht hacken.“ Und
mit leiser Stimme sprach er vor sich hin: „Wie’s
der Hecht gebietet und ich erbitte: Beil, hack das
Holz, und Holz, flieg von allein ins Haus!“ Da
hackte das Beil in einem Augenblick das ganze
Holz klein, dann sprang die Tür auf, und ins Haus
kam ein Riesenbündel Holz geflogen. Den Schwä-
gerinnen verschlug es die Sprache. „Was ist nur
mit unserem Jemelja los, er vollbringt ja geradezu
Wunder!“ Jemelja aber kam wieder herein und
kroch auf den Ofen. Die Schwägerinnen heizten
den Ofen, buken Pfannkuchen und setzten sich an
den Tisch, um zu essen. Ihn aber versuchten sie
zu wecken, versuchten’s immer wieder und konn-
ten ihn nicht munter kriegen. Nach einiger Zeit
ging ihnen überhaupt das Holz aus, und es mußte
in den Wald gefahren werden. Da begannen sie
wieder, ihn zu wecken: „Jemelja, steh auf, wach
auf, du mußt doch ausgeschlafen haben, wasch
dir doch wenigstens dein schmutziges Gesicht,
sieh dich doch an, wie du dich vollgeschmiert
hast!“ – „Wascht euch selber, wenn’s euch danach
verlangt! Ich fühle mich auch so wohl.“ – „Fahr
nach Holz in den Wald, wir haben kein Holz
mehr!“ – „Fahrt selber, ihr seid keine Gräfinnen.
Brennholz hab’ ich euch gebracht, aber Pfannku-

195
chen habt ihr mir nicht gegeben.“ – „Wir haben
doch versucht, dich zu wecken, haben’s immer
wieder versucht, aber du gibst ja nicht einmal ei-
nen Laut von dir. Nicht wir sind schuld, du selber
bist schuld. Warum bist du nicht heruntergekom-
men?“ – „Mir ist auch auf dem Ofen warm und
wohl. Ihr aber hättet mir einfach drei Pfannkuchen
aufs Maul legen sollen. Ich wäre munter geworden
und hätte sie mir schmecken lassen.“ – „Du bist
immer widerborstig gegen uns und hörst nicht auf
uns. Wir müssen doch deinen Brüdern schreiben,
sie sollen dir keine schönen roten Kleider und
auch keine Näschereien kaufen.“ Da bekam es
Jemelja mit der Angst zu tun, zieht seinen schäbi-
gen Kaftan an, nimmt das Beil, geht auf den Hof,
stellt den Schlitten bereit und nimmt einen Knüp-
pel in die Hand. Die Schwägerinnen aber kamen
heraus, um zuzusehen. „Warum spannst du das
Pferd nicht an? Wie willst du denn ohne Pferd fah-
ren?“ – „Wozu soll ich das arme Pferdchen quälen!
Ich kann auch ohne Pferde fahren.“ – „Du solltest
wenigstens eine Mütze aufsetzen oder etwas um
den Kopf binden. Es ist kalt draußen, du wirst dir
die Ohren erfrieren.“ – „Wenn ich an den Ohren
friere, werde ich sie mit meinen Haaren zudek-
ken.“ Und er sprach mit leiser Stimme: „Wie’s der
Hecht gebietet und ich erbitte: Fahr selber, Schlit-
ten, in den Wald, und flieg schneller als irgendein
Vogel!“ Und er hatte die letzten Worte noch nicht
zu Ende gesprochen, da sprang das Tor weit auf,
und der Schlitten flog schneller als ein Vogel auf
den Wald zu. Jemelja sitzt im Schlitten, hält den

196
Knüppel in die Höhe und singt, was seine Stimme
nur hergibt, närrische Lieder. Und seine Haare
spießen nach allen Seiten. Der Wald lag hinter der
Stadt. Die Leute in der Stadt können ihm nicht
schnell genug ausweichen, und außerdem interes-
sierte es sie, daß da ein junger Bursche ohne
Pferd, im bloßen Schlitten gefahren kam. Wer
nach seinem Schlitten griff, den schlug er mit sei-
nem Knüppel, wohin er gerade traf. So jagte er
durch die Stadt, fuhr viele Menschen um und prü-
gelte viele mit seinem Knüppel. Wie er in den
Wald kommt, rief er mit lauter Stimme: „Wie’s
der Hecht gebietet und ich erbitte: Beil, schlag
das Holz, und Holz, flieg von allein in den Schlit-
ten!“ Und kaum hatte er seinen Spruch zu Ende
gesagt, da war der Schlitten schon voll Holz und
alles fest verschnürt. Er setzte sich obendrauf und
fuhr durch die gleiche Stadt zurück. In der Stadt
aber drängten sich die Menschen, und alle spra-
chen von dem jungen Burschen, der im bloßen
Schlitten, ohne Pferde gefahren war. Auf dem
Rückweg, als er mit seiner Ladung Holz kam, fuhr
er noch mehr Menschen um und prügelte noch
mehr mit seinem Knüppel als beim ersten Mal. Als
er wieder zu Hause war, kroch er gleich auf den
Ofen, den Schwägerinnen aber verschlug es die
Sprache. „Was ist nur mit unserem Jemelja los, er
vollbringt ja geradezu Wunder: Die Eimer laufen
bei ihm von selber, das Holz kommt von selber ins
Haus geflogen, und der Schlitten fährt ohne Pferd.
Mit dem werden wir noch unsere Not haben. Si-
cher hat er in der Stadt viele Leute umgefahren,

197
und man wird uns mit ihm zusammen ins Gefäng-
nis stecken.“
Und sie beschlossen, ihn nirgends mehr hinzu-
schicken. Jemelja aber schlief seelenruhig auf
dem Ofen, und sooft er erwacht, kratzt er den
Ruß im Ofenrohr zusammen und schläft wieder
ein.
Von diesem Jemelja nun drang die Kunde zum
Zaren, es gäbe einen, dessen Schlitten führe von
selber, und er habe in der Stadt sehr viele Men-
schen umgefahren. Da ruft der Zar einen treuen
Diener und befiehlt ihm: „Geh und finde mir die-
sen Burschen und bring ihn persönlich zu mir!“
Der Diener des Zaren macht sich auf den Weg und
sucht in den verschiedenen Städten, in großen
und kleinen Dörfern, aber überall und allerorts
erhält er ein und dieselbe Antwort: „Gehört haben
wir von einem solchen Burschen, aber wo er
wohnt, wissen wir nicht.“ Schließlich gelangt er in
das Städtchen, in dem Jemelja die vielen Men-
schen umgefahren hatte. Von dieser Stadt aber
sind es bis zu Jemeljas Dorf nur sieben Werst, und
der Zarendiener kam gerade mit einem Mann aus
Jemeljas Dorf ins Gespräch. Der sagte: „Einen
solchen Burschen gibt es in unserem Dorfe. Es ist
Jemelja, der Dummkopf.“ Da kommt der Diener
des Zaren in Jemeljas Dorf, geht zum Dorfschul-
zen und sagt zu ihm: „Komm mit, wir wollen die-
sen Burschen festnehmen, der so viele Menschen
zuschandengefahren hat.“ Als der Zarendiener
und der Dorfschulze in Jemeljas Haus kamen, er-
schraken die Schwägerinnen sehr: „Nun sind wir

198
verloren! Dieser Dummkopf hat mit seinen närri-
schen Streichen nicht nur sich selbst ins Unglück
gebracht, sondern auch uns.“ Der Diener des Za-
ren fragt die Schwägerinnen: „Wo ist bei euch
Jemelja zu finden?“ – „Dort auf dem Ofen schläft
er.“ Da schrie der Zarendiener Jemelja mit lauter
Stimme an: „Jemelja, komm herunter vom Ofen!“
– „Warum denn? Mir ist auf dem Ofen schön
warm. Laßt mich in Ruhe, ich will schlafen!“ Und
er begann von neuem laut zu schnarchen. Der Za-
rendiener aber wollte ihn zusammen mit dem
Dorfschulzen gewaltsam vom Ofen herunterzer-
ren. Als Jemelja merkte, daß sie ihn vom Ofen
zerrten, schrie er wie ein Wilder: „Wie’s der Hecht
gebietet und Jemelja erbittet: Komm, Knüppel,
und mach dem Diener des Zaren und unserem
Schulzen deine Aufwartung!“ Da erschien auf
einmal ein Knüppel und prügelte Schulzen wie Za-
rendiener aufs unbarmherzigste. Sie kamen mehr
tot als lebendig aus dem Haus heraus. Als der Za-
rendiener sieht, daß es ganz unmöglich ist, ihn
festzunehmen, begab er sich wieder zum Zaren,
berichtete ihm alles ausführlich und schloß: „Ge-
funden hab ich ihn, aber mit dem Herbringen war
es nichts. Seht nur, Kaiserliche Majestät, wie mein
ganzer Leib zerschunden ist.“ Und er hob sein
Hemd in die Höhe, da war sein ganzer Leib grün
und blau geschlagen und über und über mit Nar-
ben bedeckt. Der Zar ruft einen anderen Diener
und sagt: „Der eine hat ihn gefunden, du geh und
bring ihn her! Wenn du ihn aber nicht herbringst,
lasse ich dir den Kopf abschlagen, bringst du ihn

199
jedoch, will ich dich reich belohnen.“ Der zweite
Zarendiener fragte den ersten genauestens aus,
und der erzählte ihm alles. Er mietete eine Post-
troika und fuhr zu Jemelja. In Jemeljas Dorf an-
gekommen, wendet sich auch der zweite Zaren-
diener an den Dorfschulzen: „Zeige mir, wo
Jemelja wohnt, und hilf mir, ihn festzunehmen!“
Der Schulze hat zwar Angst, den Zarendiener zu
erzürnen – das darf man nicht, sonst kriegt man
eine schwere Strafe –, aber noch mehr Angst vor
Jemeljas Schlägen. Er erzählt dem Zarendiener
alles ausführlich, daß man ihn mit Gewalt nicht
festnehmen könne. Da sagt der Diener des Zaren
zum Dorfschulzen: „Wie sollen wir ihn denn dann
festnehmen?“ Der Schulze sagt: „Er mag Näsche-
reien sehr gern: süße Körner und Pfefferkuchen,
und außerdem ist er dem Branntwein gut.“ Da
holte der Zarendiener eine Menge Näschereien
herbei, nahm ein Viertel Schnaps, betritt Jemeljas
Haus und begann, ihn zu wecken: „Jemelja,
komm herunter vom Ofen, hier schickt dir der Zar
viele Näschereien und Branntwein!“ Als Jemelja
das hörte, ward er guter Dinge und sagte: „Gib
immer her, ich kann auch hier auf dem Ofen es-
sen, wozu soll ich runterkommen? Ich werde die
Näschereien essen und den Branntwein trinken
und mich dann ausruhen.“ Der Diener des Zaren
aber sagt zu ihm: „Die Näschereien willst du es-
sen und den Schnaps trinken, aber wirst du auch
den Zaren besuchen kommen? Er hat dich zu sich
eingeladen.“ – „Warum sollte ich nicht mal hinfah-
ren? Ich fahre gern spazieren.“ Die Schwägerin-

200
nen aber sagten dem Zarendiener auch von sich
aus: „Gebt ihm lieber auf den Ofen, was Ihr ihm
zu geben gedenkt. Wenn er einmal versprochen
hat, zum Zaren zu fahren, dann hält er Wort und
kommt.“ So geben sie ihm die Näschereien und
den Schnaps. Er trinkt den Schnaps und ißt die
Näschereien. Und bekam einen Rausch. Der Za-
rendiener aber sagt zu ihm: „Nun, die Näscherei-
en hast du gegessen und den Schnaps getrunken,
hast dir beides schmecken lassen, jetzt komm,
wir wollen zum Zaren fahren!“ Jemelja sagt dar-
auf: „Fahr nur zu, Diener des Zaren! Ich hole dich
schon ein, ich halte Wort und komme.“ Und damit
legte er sich wieder hin und schnarchte, daß das
ganze Haus dröhnte. Der Diener des Zaren fragte
die Schwägerinnen nochmals, ob es wahr sei, daß
er tue, was er vorher versprochen habe. Die sag-
ten natürlich ja, es ist wirklich so, er bricht sein
Wort nie. Der Zarendiener fuhr davon, Jemelja
aber schläft höchst vergnügt auf seinem Ofen.
Wird er munter, knackt er Sonnenblumenkerne
und schläft dann wieder ein.
Nun verging eine geraume Zeit, Jemelja aber
denkt gar nicht daran, zum Zaren zu fahren. Da
weckten die Schwägerinnen Jemelja und schalten:
„Jemelja, los, aufstehen, du hast genug geschla-
fen!“ Er antwortete ihnen: „Laßt mich in Ruhe, ich
bin sehr müde!“ – „Du hast aber doch verspro-
chen, zum Zaren zu fahren. Den Schnaps hast du
getrunken, die Näschereien gegessen, und nun
schläfst du und fährst nicht.“ – „Schön, ich fahre
gleich los. Gebt mir mal meinen Kaftan, sonst ist

201
es vielleicht doch zu kalt!“ – „Den kannst du dir
schon selber nehmen, auf dem Ofen wirst du ja
wohl nicht fahren wollen. Komm herunter vom
Ofen und hol ihn dir!“ – „Nein, im Schlitten ist es
mir zu kalt, ich werde auf dem Ofen liegenbleiben
und den Kaftan überziehen.“ Doch die Schwäge-
rinnen sagen zu ihm: „Was fällt dir nur ein, du
Dummkopf, und was stellst du nur an! Wo hat
man je gehört, daß die Leute auf einem Ofen spa-
zierenfahren!“ – „Die Leute sind nicht ich. Ich
werde so fahren.“ Und er sprang herunter, holte
seinen schäbigen Kaftan unter der Bank hervor,
deckte sich zu und sagte mit lauter Stimme:
„Wie’s der Hecht gebietet und ich erbitte: Ofen,
fahr geradenwegs zum Zaren ins Schloß!“ Der
Ofen krachte in allen Fugen und flog mit einem
Male hinaus ins Freie. Und schneller als jeder Vo-
gel fuhr er zum Zaren. Jemelja aber liegt oben-
drauf und singt aus vollem Halse Lieder. Später
hörte er auf und schlief ein. Und der Zarendiener
war gerade in den Hof des Zarenschlosses einge-
fahren, da kommt auch Jemelja der Dummkopf
auf seinem Ofen angeflogen. Der Diener sah ihn
ankommen und eilte, dem Zaren Bericht zu er-
statten. Eine solche Ankunft interessierte nicht
nur den Zaren, sondern auch sein ganzes Gefolge
und seine ganze Familie. Alle kamen heraus, sich
Jemelja anzusehen, der aber sitzt auf seinem
Ofen, hat das Maul weit aufgerissen, und seine
Haare spießen wie Flachsspindeln. Auch die Toch-
ter des Zaren war mit herausgekommen. Als Je-
melja diese schöne Jungfrau sah, gefiel sie ihm

202
gar sehr, und er sprach mit leiser Stimme vor sich
hin: „Wie’s der Hecht gebietet und ich erbitte,
diese schöne Jungfrau soll sich in mich verlieben.“
Der Zar nun befiehlt ihm, vom Ofen herunterzu-
klettern. Jemelja aber gibt ihm zur Antwort:
„Warum denn? Mir ist auch auf meinem Ofen
warm genug, und ich kann euch alle vom Ofen
aus sehen. Sag nur, was du zu sagen hast!“ Da
sprach der Zar mit strenger Stimme zu ihm:
„Warum hast du mit deinem Schlitten so viele
Leute umgefahren?“ – „Warum sind sie denn nicht
aus dem Wege gegangen? Wenn du dagestanden
und Maulaffen feilgehalten hättest, hätte ich dich
auch überfahren.“ Da wurde der Zar sehr böse
und gab Befehl, Jemelja von seinem Ofen herun-
terzuziehen. Kaum aber erblickte Jemelja die
Wächter des Zaren, sagte er mit lauter Stimme:
„Wie’s der Hecht gebietet und ich erbitte: Ofen,
flieg zurück an deinen Platz!“ Und er hatte die
letzten Worte noch nicht zu Ende gesprochen, als
der Ofen auch schon schnell wie der Blitz aus dem
Zarenschloß herausflog, und die Tore öffneten
sich für ihn von selbst. Die Schwägerinnen fragen
ihn: „Wie ist’s, warst du beim Zaren?“ – „Na, ver-
steht sich. Bin ja schließlich nicht ins Holz gefah-
ren.“ – „Nein wahrhaftig, Jemelja, du vollbringst
geradezu Wunder. Wie kommt’s nur, daß sich bei
dir alles bewegt: der Schlitten fährt von selbst,
und der Ofen fliegt von selbst. Und warum ist dies
bei anderen Leuten nicht so?“ – „Freilich, bei an-
deren ist’s nicht so und wird auch nie so sein.
Aber mir gehorcht alles.“ Und damit fiel er in ei-

203
nen tiefen Schlaf. Die Zarentochter aber sehnte
sich inzwischen sehr nach Jemelja, denn ohne ihn
gab es für sie auf der ganzen weiten Welt keine
Freude. Und sie bat Vater und Mutter, den jungen
Burschen zu rufen und ihr zum Manne zu geben.
Der Zar verwunderte sich über eine so schreckli-
che Bitte und wurde sehr zornig auf seine Tochter.
Aber sie sagte: „Ich mag nicht mehr leben auf
dieser Welt, mich hat eine unbegreifliche Sehn-
sucht befallen, macht mich zu seinem Weibe!“
Wie der Zar sieht, daß alles Reden, sie könne
doch nicht sein Weib werden, gar nichts über die
Tochter vermag und daß sie gegen alle Ermah-
nungen der Eltern taub ist, beschloß er, diesen
Dummkopf Jemelja kommen zu lassen. Und er
sendet einen dritten Diener aus: „Geh und bring
ihn mir her, aber bring ihn gleich mit, und nicht
etwa auf einem Ofen oder im Schlitten!“ Der Za-
rendiener kommt nun in Jemeljas Dorf. Da ihm
der erste Diener gesagt hatte, Jemelja liebe
Schnaps, Pfefferkuchen und Näschereien, trug er
eine Menge der verschiedensten Näschereien zu-
sammen und kaufte Schnaps. Er kam herein,
weckte Jemelja und sagt: „Komm herunter vom
Ofen, Jemelja, trink Schnaps mit mir und iß, was
ich dir mitgebracht habe!“ Der aber sagt zu ihm:
„Gib nur immer her, ich kann auch auf dem Ofen
Schnaps trinken und deine Mitbringsel essen.“ –
„Du mußt doch schon ganz wundgelegene Seiten
haben, wenn du immer auf dem Ofen liegst. Ich
will, daß du hier bei mir sitzt, und ich werde dich
bewirten wie einen Grafen.“ Da klettert Jemelja

204
von seinem Ofen herunter und zieht seinen Kaftan
an. Er hatte immer große Angst, er könne sich
erkälten. Was aber den Kaftan betrifft, so konnte
man ihn eigentlich gar nicht so nennen: ein Flik-
ken hing am anderen, so zerrissen war er. Der
Zarendiener also bewirtet ihn mit Branntwein, und
Jemelja hatte sich bald einen ordentlichen Rausch
angetrunken und war auf der Bank am Tisch ein-
geschlafen. Da befiehlt der Zarendiener, Jemelja
in seine Kutsche zu schleppen und so viel Schnaps
mitzunehmen, daß es bis zum Zarenschloß reicht.
Er zog ihm aber seinen alten, zerrissenen Kaftan
an. Sobald Jemelja erwachte, gab er ihm wieder
Schnaps zu trinken, und so brachte er den schla-
fenden und betrunkenen Jemelja ins Schloß. Als
der Zar erfuhr, daß Jemelja angekommen war,
ließ er ein großes Faß anrollen und die Zarentoch-
ter zusammen mit Jemelja dem Dummkopf hin-
einstecken. Als man sie hineingesteckt hatte,
wurde das Faß mit Pech verschlossen und ins
Meer versenkt. Jemelja aber schläft auch im Faß
weiter und ist nicht munter zu kriegen. Am dritten
Tag weckte ihn die wunderschöne Zarentochter:
„Jemelja, Jemelja! Steh auf, wach auf!“ – „Laß
mich in Ruh! Ich bin sehr müde!“ Sie weinte bit-
terlich, daß er sie überhaupt nicht beachtete. Als
er die bitteren Tränen der Zarentochter sah, tat
sie ihm doch leid, und er fragt: „Warum weinst
du?“ – „Wie sollte ich nicht weinen? Man hat uns
doch ins Meer geworfen, und wir sitzen in einem
Faß.“ Da sagte Jemelja: „Wie’s der Hecht gebietet
und ich erbitte: Faß, flieg ans Ufer und fall aus-

205
einander in kleine Teile!“ Und augenblicklich wur-
den sie durch eine Meereswoge ans Ufer gewor-
fen, das Faß fiel auseinander, und diese Insel war
so schön, daß die wunderschöne Zarentochter den
ganzen Tag umherlief und sich bis zur späten
Nacht an all der Schönheit nicht sattsehen konnte.
Als sie dorthin kam, wo sie Jemelja zurückge-
lassen hatte, war er unter seinen schäbigen Kaf-
tan gekrochen und schlief wie ein Murmeltier. Da
weckte sie ihn und rief: „Jemelja, Jemelja, steh
auf, wach auf!“ – „Laß mich in Ruhe! Ich bin mü-
de!“ – „Ich bin auch müde, aber unter freiem
Himmel ist es doch zu kalt.“ – „Ich habe mich mit
meinem Kaftan zugedeckt.“ – „Und womit soll ich
mich zudecken?“ – „Was geht’s mich an?“ Da be-
gann die Zarentochter bitterlich zu weinen, daß er
sie so gar nicht beachtete, während sie ihn von
ganzer Seele liebte. Als er sah, daß die Zaren-
tochter weinte, fragte er sie: „Was willst du
denn?“ – „Wenn wir uns doch wenigstens eine
Laubhütte machten, um uns vor dem Regen zu
schützen.“ Da schrie er mit lauter Stimme: „Wie’s
der Hecht gebietet und ich erbitte, es soll ein
Schloß erscheinen, wie es kein anderes in der wei-
ten Welt gibt!“ Und kaum hatte er die letzten
Worte ausgesprochen, da erhob sich auf der Insel
ein sehr schönes Marmorschloß, wie es in keiner
Residenzstadt je eines gegeben hat oder geben
wird. Die Zarentochter faßt ihn bei den Händen
und führt ihn zu diesem Schloß. Und ihr ganzer
Hofstaat erwartet sie, macht vor ihnen die Tore
weit auf, und alle verbeugen sich bis zur Erde. Als

206
sie dieses Schloß nun betreten hatten, ließ sich
Jemelja auf eins der kostbaren Betten fallen, um
zu schlafen, und er zog nicht einmal seinen abge-
tragenen, schäbigen Kaftan aus. Die Zarentochter
aber ging inzwischen das wunderschöne Schloß
besichtigen und weidete sich an all dem Glanz und
Reichtum. Als sie dorthin kam, wo sie Jemelja zu-
rückgelassen hatte, sah sie, daß er bitterlich
weinte. Sie fragt ihn: „Warum weinst du so bitter-
lich, lieber Jemelja?“ – „Wie sollte ich nicht heulen
und weinen? Ich finde keinen Ofen und weiß
nicht, wohin ich mich legen soll!“ – „Liegst du
denn schlecht auf den Daunenfedern und dem
kostbaren Diwan?“ – „Nein, auf einem Ofen liegt
sich’s am besten. Und außerdem ist mir hier
langweilig, auch Ruß kann ich nirgends sehen.“
Sie beruhigte ihn, und er schlief wieder ein. Sie
ging zum andern Male weg. Und als sie sich nach
Herzenslust im ganzen Schloß umgesehen hatte,
kam sie zu Jemelja zurück und sieht verwundert:
Jemelja stand vor einem Spiegel und schimpfte:
„Ich bin sehr häßlich und gar nicht schön. Was für
ein schreckliches Gesicht habe ich, und meine
Haare spießen wie Flachsspindeln.“ Die Zaren-
tochter antwortet ihm: „Wenn du auch nicht
schön und ansehnlich bist, so habe ich dich doch
in mein Herz geschlossen und liebe dich.“ Da sag-
te er: „Wie’s der Hecht gebietet und ich erbitte:
Ich muß der allerschönste Bursche werden.“ Und
auf einmal veränderte sich Jemelja vor ihren Au-
gen und wurde zu einem so schönen Helden, daß
man es weder mit Worten sagen noch mit der Fe-

207
der beschreiben kann, so unbeschreiblich schön
war er. Und er hatte nun auch einen klugen
Verstand. Da erst gewann er die Zarentochter lieb
und behandelte sie von nun an wie sein Eheweib.
Es verging nicht gar zuviel Zeit, da hört Jemelja
plötzlich Kanonenschüsse auf dem Meer. Er tritt
mit der wunderschönen Zarentochter aus seinem
Schloß und sieht, daß ein Schiff angelegt hat. Die
Zarentochter aber erkennt das Schiff ihres Vaters.
Da sagt sie zu Jemelja: „Geh du die Gäste emp-
fangen, ich aber will hierbleiben.“ Als Jemelja zur
Anlegestelle kam, war der Zar mit seinem Gefolge
schon an Land gestiegen. Und er wundert sich
über dieses neuerbaute Schloß mit den herrlichen
grünen Gärten und fragt Jemelja: „Zu welchem
Reich gehört dieses kostbare Schloß?“ Jemelja
antwortete: „Zu Eurem!“ Und er bittet sie, seine
Gäste zu sein.
Als der Zar das Schloß betreten hatte und sie
am Tisch saßen, fragt er: „Und wo ist Eure Ge-
mahlin? Oder seid Ihr nicht verheiratet?“ – „Nein,
ich bin verheiratet, ich werde sie Euch gleich vor-
stellen, sie macht sich erst noch zurecht.“ Und als
Jemelja sie geholt hatte und wieder zum Zaren
kommt, da verwunderte sich der gar sehr, er-
schrak, geriet ganz außer sich und weiß nicht,
was er tun soll. Und er fragt: „Bist du es wirklich,
meine liebe Tochter?“ – „Ja, ich bin’s, liebster Va-
ter! Du hast mich und diesen meinen Gemahl in
einem verschlossenen Faß ins Meer werfen lassen,
aber wir sind hier an diese Insel getrieben, und
mein Jemelja Iwanytsch hat all dies hier selber

208
erbaut, was Ihr mit Euren eigenen Augen hier se-
hen könnt.“ – „Wie ist das denn möglich? Er war
doch ein Dummkopf und einem Ungeheuer ähnli-
cher als einem Menschen!“ – „So ist’s, nur daß er
jetzt völlig verwandelt und ein ganz anderer ge-
worden ist.“ Da bittet der Zar sie um Verzeihung,
sowohl seine Tochter wie auch seinen lieben
Schwiegersohn Jemelja Iwanytsch, und beide
vergaben ihm seine Schuld. Als der Zar eine Weile
bei seinem Schwiegersohn und seiner Tochter zu
Gast gewesen ist, lädt er sie zu sich ein, um sie in
der Hauptkathedrale zu trauen und alle Verwand-
ten und Bekannten dazu einzuladen. Jemelja war
hiermit einverstanden. Als der Zar die Kunde
verbreiten und Boten aussenden ließ, man solle
zu diesem großen Fest kommen, bittet Jemelja
seine wunderschöne Zarentochter: „Auch ich habe
Verwandte, erlaubt mir also, daß ich fahre, sie zu
holen. Ihr aber bleibt solange im Schloß.“ Da ge-
währten ihm der Zar und die wunderschöne junge
Zarentochter, wenn auch nicht allzu gern, Urlaub
und gaben ihm die drei besten Pferde, die sie hat-
ten, eine vergoldete Kutsche und einen Kutscher.
Und Jemelja jagte los in seine Heimat. Als er sich
den heimatlichen Gefilden nahte und einen dunk-
len Wald durchfuhr, hört er plötzlich seitwärts Ru-
fen, das kaum noch an sein Ohr dringt. Er läßt
den Kutscher die Pferde anhalten und sagt zu
ihm: „Hier haben sich wohl Leute im dunklen Wald
verirrt.“ Und er antwortet auf ihr Rufen und sieht
plötzlich seine zwei leiblichen Brüder auf sich zu-
kommen. Jemelja fragt sie: „Was lauft ihr hier

209
umher, gute Leute, und ruft so laut? Ihr habt
euch wohl verirrt?“ – „Nein, wir suchen unseren
leiblichen Bruder. Er ist verschwunden, wir wissen
nicht, wohin.“ – „Wie ist das denn gekommen,
daß er verschwunden ist?“ – „Man hat ihn zum
Zaren gebracht. Und wir glauben, daß er von dort
entflohen ist und sich vielleicht in diesem Wald
verirrt hat, denn er war ein Dummkopf und ver-
steht rein gar nichts.“ – „Wenn er ein Dummkopf
ist, warum sucht ihr ihn dann überhaupt?“ – „Wie
sollten wir ihn nicht suchen? Ist er doch unser
leiblicher Bruder, und es ist uns seinetwegen we-
her ums Herz als um uns selbst, denn er ist ein
armer, dummer Mensch.“ Und dabei traten den
Brüdern die Tränen in die Augen. Da sagt Jemelja
zu ihnen: „Ich selbst bin euer Bruder Jemelja.“
Sie wollten ihm aber auf keine Weise glauben.
„Treibt bitte nicht Euren Spott mit uns und habt
uns nicht zum besten! Uns ist auch so elend ge-
nug zumute.“ Er aber ließ nicht nach in seinen Be-
teuerungen und erklärte, wie sich alles mit ihm
zugetragen hatte. Und er erzählte ihnen, was er
von seinem Dorf wußte und wie alle Leute dort
heißen. Außerdem aber zog er Rock und Hemd
aus und sagte: „Ihr wißt, daß ich auf der rechten
Seite ein großes Muttermal habe, das auch jetzt
noch zu sehen ist.“ Da glaubten ihm die Brüder,
und er setzt sie in die vergoldete Kutsche. Sie
durchquerten den Wald und kamen zum ersten
Dorf. Jemelja mietet drei andere Pferde und
schickt seine Brüder zum Zaren. „Ich aber will
selber fahren, meine Schwägerinnen, eure Frau-

210
en, zu holen.“ Als Jemelja in sein Dorf kam und
sein Vaterhaus betrat, erschraken die Schwäge-
rinnen gar sehr. Er aber sagt zu ihnen: „Macht
euch bereit, wie sich’s gehört, zum Zaren zu fah-
ren!“ Sie konnten sich kaum auf den Beinen hal-
ten, so waren sie erschrocken, und fingen bitter-
lich an zu weinen: „Da hat sicher unser
Dummkopf Jemelja irgend etwas Dummes ange-
stellt, und der Zar will uns gewiß ins Gefängnis
stecken!“ Er aber befiehlt: „Macht euch schnell-
stens fertig! Und ihr dürft nichts mitnehmen!“ Er
setzte sie neben sich in die vergoldete Kutsche.
Und wie sie zum Zarenschloß gefahren kommen,
werden sie schon vom Zaren, der wunderschönen
Zarentochter, dem Gefolge des Zaren und von ih-
ren Männern erwartet. Und die Brüder sagen zu
ihren Frauen: „Warum seid ihr so betrübt? Das ist
doch unser Bruder Jemelja Iwanytsch, der mit
euch fährt!“ So sprechen sie und sehen ihre Frau-
en froh an.
Da erst wich die Angst von ihnen, als sie ihre
Männer sahen. Und beide warfen sich Jemelja
Iwanowitsch zu Füßen und baten ihn um Verzei-
hung, daß sie ihn früher so schlecht behandelt
hatten. Jemelja verzieh ihnen und kleidete alle,
Brüder wie Schwägerinnen, in kostbare Gewän-
der. Und der Zar ließ ein Fest rüsten und gab ih-
nen seinen väterlichen Segen zur Hochzeit. Als sie
getraut waren, wollte Jemelja kein Fest im Zaren-
schloß feiern, sondern lud alle in sein Schloß auf
die Insel ein, sich diese Wunderinsel und das

211
kostbare schöne Schloß anzusehen. Und als sie
ankamen, gab er ein großes Fest.
Auch mich luden sie ein, ich trank Bier und
Wein, der Bart hat alles abgefangen, der Mund ist
leer ausgegangen.

212
28
Die Feder von Finist dem edlen Falken
Es lebte einmal ein Mann, der hatte drei Töchter:
die älteste und die mittlere waren eitle und putz-
süchtige Dinger, die jüngste aber hatte einzig die
Wirtschaft im Sinn. Einmal will der Vater in die
Stadt fahren und fragt seine Töchter, was er einer
jeden mitbringen soll. Die älteste bittet: „Bring
mir Stoff für ein Kleid mit!“ Die mittlere sagt das-
selbe. „Und was soll ich dir mitbringen, meine lie-
be Tochter?“ fragt er die jüngste. „Vater, bring
mir eine Feder von Finist dem edlen Falken mit!“
Der Vater nahm Abschied von seinen Töchtern
und fuhr in die Stadt; für die beiden älteren Töch-
ter kaufte er Kleiderstoff, eine Feder von Finist
dem edlen Falken aber konnte er nirgends finden.
Wie er nach Hause kam, erfreute er die älteste
und die mittlere Tochter mit dem neuen Stoff. Zur
jüngsten aber sagte er: „Für dich jedoch habe ich
keine Feder von Finist dem edlen Falken gefun-
den.“ – „Laß es nur gut sein“, sagte sie, „vielleicht
glückt es dir ein andermal, eine zu finden.“ Die
beiden älteren Schwestern schneiden zu, nähen
sich neue Kleider und verspotten die jüngste; die
aber kümmert sich nicht darum und schweigt.
Und wieder macht sich der Vater bereit, in die
Stadt zu fahren, und fragt: „Nun, liebe Töchter,
was soll ich euch mitbringen?“ Die älteste und die

213
mittlere Tochter bitten, er solle jeder ein Tuch
kaufen, die jüngste aber sagt: „Vater, bring mir
eine Feder von Finist dem edlen Falken mit!“ Der
Vater fuhr in die Stadt, kaufte zwei Tücher, eine
Feder aber bekam er nicht einmal zu Gesicht. Wie
er nach Hause kam, sagte er: „Ach, Töchterchen,
ich habe wieder keine Feder von Finist dem edlen
Falken finden können!“ – „Das macht nichts, Va-
ter, vielleicht glückt es ein andermal.“
Ein drittes Mal rüstet sich der Vater zur Fahrt in
die Stadt und fragt: „Sagt mir, liebe Töchter, was
soll ich euch mitbringen?“ Die beiden älteren sa-
gen: „Bring uns Ohrringe mit!“ Die jüngere aber
sagt wieder ihren alten Spruch: „Bring mir eine
Feder von Finist dem edlen Falken mit!“ Der Vater
kaufte goldene Ohrringe und suchte dann überall
nach der Feder, aber niemand wußte etwas von
einer solchen Feder. Er wurde sehr betrübt und
machte sich auf die Heimreise. Kaum hatte er das
Stadttor hinter sich gelassen, da begegnet ihm ein
altes Männlein mit einem kleinen Korb. „Was
trägst du da, Alter?“ – „Eine Feder von Finist dem
edlen Falken.“ – „Was willst du dafür haben?“ –
„Gib mir tausend Rubel!“ Der Vater bezahlte das
Geld und sprengte mit dem Körbchen heim. Die
Töchter begrüßen ihn. „Nun, meine liebe Tochter“,
sagt er zur jüngsten, „endlich habe ich dir ein Ge-
schenk mitgebracht; hier, nimm!“ Die jüngste
Tochter machte vor Freude beinahe einen Luft-
sprung, nahm das Körbchen, küßte und herzte es
und drückte es fest an die Brust.

214
Nach dem Abendbrot gingen alle zur Nachtruhe
in ihre Zimmer. Auch sie ging in ihre Kammer,
deckte das Körbchen auf – da flog die Feder Fi-
nists des edlen Falken heraus, schlug gegen den
Fußboden, und vor dem Mädchen stand ein wun-
derschöner Zarensohn. Nun gingen süße und liebe
Worte zwischen ihnen hin und her. Das hörten die
Schwestern, und sie fragten: „Mit wem sprichst du
da, Schwesterchen?“ – „Mit mir selbst“, antworte-
te das schöne Mädchen. „So, so, mach einmal
auf!“ Der Zarensohn warf sich auf den Boden und
wurde wieder zur Feder; sogleich legte sie die Fe-
der in den Korb und öffnete die Tür. Die Schwe-
stern blicken hierhin, gucken dorthin – aber nie-
mand ist zu sehen. Kaum waren sie wieder fort,
da öffnete das schöne Mädchen das Fenster, holte
die Feder heraus und sagt: „Flieg, meine Feder,
aufs freie Feld; flieg umher bis zum nächsten
Mal!“ Die Feder verwandelte sich in einen edlen
Falken und flog fort aufs freie Feld.
In der nächsten Nacht kommt Finist der edle
Falke wieder zu seinem Mädchen geflogen, und
wieder wechselten sie frohe Worte. Die Schwe-
stern hörten das und liefen gleich zu ihrem Vater:
„Vater! Bei unserer Schwester ist nachts immer
jemand; auch jetzt sitzt jemand dort und spricht
mit ihr.“ Der Vater stand auf und ging zu seiner
jüngsten Tochter, tritt in ihre Kammer, aber der
Zarensohn hatte sich schon längst in eine Feder
verwandelt und liegt in dem Korb. „Ihr nichtsnut-
zigen Dinger“, fuhr der Vater da seine älteren

215
Töchter an, „was redet ihr Schlechtes über sie?
Ihr solltet lieber auf euch selbst aufpassen!“
Am anderen Tage griffen die Schwestern zu ei-
ner List: Am Abend, als es draußen schon ganz
dunkel war, stellten sie eine Leiter an, nahmen
scharfe Messer und spitze Nadeln und steckten sie
rings um das Fenster des schönen Mädchens. In
der Nacht kam Finist der edle Falke geflogen, aber
wie sehr er sich auch mühte und plagte, er konnte
nicht in die Kammer gelangen und schnitt sich nur
die Flügel wund. „Leb wohl, schönes Mädchen!“
sagte er. „Wenn du mich suchen willst, dann such
mich weit, weit von hier, am Ende der Welt. Erst
mußt du drei Paar eiserne Schuhe durchgelaufen,
drei eiserne Wanderstäbe zerbrochen und drei
steinerne Weihbrote verzehrt haben, ehe du mich
findest, deinen wackeren Helden!“ Das Mädchen
aber schläft und schläft. Zwar hört sie im Schlaf
diese schlimmen Worte, aber aufwachen und auf-
stehen kann sie nicht.
Am Morgen wacht sie auf und sieht – rings um
ihr Fenster stecken Messer und Nadeln, und das
Blut fließt nur so davon herab. Da schlug sie die
Hände zusammen: „Großer Gott! Gewiß haben die
Schwestern meinem lieben Freund ein Leid ange-
tan!“ Und sogleich brach sie auf und ging aus dem
Haus. Sie lief zur Schmiede und schmiedete sich
drei Paar eiserne Schuhe und drei eiserne Wan-
derstäbe, dazu versah sie sich mit drei steinernen
Weihbroten und machte sich dann auf den Weg,
Finist den edlen Falken zu suchen.

216
Sie lief und lief und hatte schon ein Paar eiser-
ne Schuhe durchgelaufen, einen eisernen Wan-
derstab zerbrochen und ein steinernes Weihbrot
verzehrt, da kommt sie an eine Hütte. Sie klopft
an: „Wirt und Wirtin! Beherbergt mich vor der
dunklen Nacht!“ Eine Alte antwortet: „Herzlich
willkommen, schönes Mädchen! Wohin führt dich
dein Weg, mein Kind?“ – „Ach Großmütterchen,
ich suche Finist den edlen Falken!“ – „Oh, schönes
Mädchen, da wirst du lange suchen müssen!“ Am
Morgen sagt die Alte: „Geh jetzt zu meiner mittle-
ren Schwester, sie wird dich Gutes lehren, und
hier ist ein Geschenk für dich: eine silberne
Spinnbank und eine goldene Spindel; setzt du
dich hin, um Flachs zu spinnen, so wird dein Fa-
den immer von Gold sein.“ Darauf nahm sie noch
ein Knäuel Garn: „Wohin es rollt, geh ihm nach!“
Das Mädchen dankte der Alten und lief dem
Knäuel nach.
Über eine Weile war das zweite Paar Schuhe
durchgelaufen, der zweite Wanderstab zerbrochen
und das zweite Weihbrot verzehrt; da rollte das
Garnknäuel schließlich zu einer Hütte. Sie klopfte
an: „Gute Leute, beherbergt ein schönes Mädchen
vor der dunklen Nacht,!“ – „Herzlich willkommen!“
antwortet eine Alte, „wohin führt dich dein Weg,
schönes Mädchen?“ – „Großmütterchen, ich suche
Finist den edlen Falken.“ – „Da wirst du lange su-
chen müssen!“ Am Morgen gibt ihr die Alte einen
silbernen Teller und ein goldenes Ei und schickte
sie zu ihrer ältesten Schwester: die weiß nämlich,
wo Finist der edle Falke zu finden ist.

217
Das schöne Mädchen verabschiedete sich von
der Alten und machte sich wieder auf den Weg.
Sie lief und lief, das dritte Paar Schuhe war
durchgelaufen, der dritte Wanderstab zerbrochen
und das letzte Weihbrot verzehrt, da rollte das
Knäuel zu einer Hütte. Das Mädchen klopft und
sagt: „Gute Leute, beherbergt ein schönes Mäd-
chen vor der dunklen Nacht!“ Wieder kam eine
Alte heraus: „Komm mein Kind! Herzlich willkom-
men! Woher des Wegs, und wohin willst du?“ –
„Großmütterchen, ich suche Finist den edlen Fal-
ken.“ – „O weh, der ist schwer zu finden! Er lebt
jetzt in der und der Stadt und hat der Weihbrot-
bäckerin Tochter geheiratet.“ Am Morgen sagt die
Alte zum schönen Mädchen: „Hier hast du ein Ge-
schenk: einen goldenen Stickrahmen und eine
Nadel; du brauchst nur den Rahmen zu halten, die
Nadel stickt dann von selbst. Jetzt geh mit Gott
und verdinge dich bei der Weihbrotbäckerin als
Magd!“
Gesagt, getan! Das schöne Mädchen kam zu
der Weihbrotbäckerin Haus und verdingte sich als
Magd. Die Arbeit geht ihr flink von der Hand: den
Ofen heizen, Wasser tragen und das Mittagessen
bereiten – alles geht wie im Fluge. Die Weihbrot-
bäckerin sieht’s und freut sich: „Gott sei Dank“,
sagt sie zu ihrer Tochter, „endlich haben wir eine
Magd, die willig und tüchtig ist; man braucht ihr
nichts zu sagen, sie tut alles von selbst!“ Als das
schöne Mädchen aber seine Arbeit in der Wirt-
schaft beendet hatte, nahm sie die silberne
Spinnbank und die goldene Spindel und begann

218
zu spinnen: sie spinnt – und aus dem Flachse
zieht sich ein Faden, kein einfacher, sondern aus
lauterem Gold. Das sah der Weihbrotbäckerin
Tochter: „Ach, schönes Mädchen, willst du mir
nicht deinen lustigen Zeitvertreib verkaufen?“ –
„Bitte, ich will ihn dir verkaufen.“ – „Und welchen
Preis forderst du?“ – „Erlaube mir, die Nacht bei
deinem Gemahl zu verbringen.“ Die Tochter war’s
einverstanden. „Das ist kein Unglück“, denkt sie,
„meinem Gemahl kann ich einen Schlaftrunk ge-
ben, durch diese Spindel aber können Mutter und
ich steinreich werden!“
Finist der edle Falke aber war nicht zu Hause:
den ganzen Tag tummelte er sich in den Lüften
und kam erst gegen Abend heim. Sie setzten sich
zum Abendbrot. Das schöne Mädchen trägt die
Speisen auf und blickt ihn unverwandt an, er
aber, der wackere Held, erkennt sie nicht. Die
Tochter der Weihbrotbäckerin mischte Finist dem
edlen Falken ein Schlafmittel in seinen Trank, leg-
te ihn auf sein Bett und sagt zur Magd: „Geh zu
ihm in die Kammer und verjag die Fliegen!“ Das
schöne Mädchen verjagt die Fliegen und weint da-
bei bitterlich: „Werde munter, wach auf, Finist,
edler Falke! Ich, das schöne Mädchen, bin zu dir
gekommen; drei eiserne Wanderstäbe habe ich
zerbrochen, drei Paar eiserne Schuhe durchgelau-
fen, drei steinerne Weihbrote verzehrt und die
ganze Zeit dich, meinen Liebsten, gesucht!“ Aber
der Finist schläft, merkt nichts, und die Nacht
ging vorüber.

219
Am anderen Tag nahm die Magd das silberne
Tellerchen und rollt darauf das goldene Ei hin und
her: da lagen viele goldene Eier darauf! Das sah
der Weihbrotbäckerin Tochter: „Verkauf mir dei-
nen lustigen Zeitvertreib!“ sagt sie. „Bitte, du
kannst ihn kaufen.“ – „Und welchen Preis forderst
du?“ – „Erlaube mir, noch eine Nacht bei deinem
Gemahl zu verbringen.“ – „Schön, ich bin einver-
standen!“ Finist der edle Falke aber hatte sich
wieder den ganzen Tag in den Lüften getummelt
und kam erst gegen Abend heimgeflogen. Sie
setzten sich zum Abendbrot. Das schöne Mädchen
trägt die Speisen auf und blickt ihn unverwandt
an, er aber merkt nichts, als habe er sie nie ge-
kannt. Wieder gab ihm der Weihbrotbäckerin
Tochter ein Schlafmittel zu trinken, legte ihn auf
sein Bett und schickte die Magd, die Fliegen zu
verjagen. Und wie sehr das schöne Mädchen auch
weinte und ihn zu wecken suchte, er schlief auch
dieses Mal bis zum Morgen und hörte nichts.
Am dritten Tag sitzt das schöne Mädchen da,
hält den goldenen Stickrahmen in ihren Händen,
die Nadel aber stickt ganz von selbst, und was für
wunderbare Muster! Die Tochter der Weihbrotbäk-
kerin konnte sich gar nicht satt daran sehen.
„Verkauf mir, schönes Mädchen“, sagt sie, „ver-
kauf mir deinen lustigen Zeitvertreib!“ – „Bitte, du
kannst ihn kaufen.“ – „Und welchen Preis forderst
du?“ – „Erlaube mir, eine dritte Nacht bei deinem
Gemahl zu verbringen.“ – „Schön, ich bin einver-
standen.“ Am Abend kam Finist der edle Falke ge-
flogen; sein Weib gab ihm ein Schlafmittel zu trin-

220
ken, legte ihn auf sein Bett und schickt die Magd,
die Fliegen zu verjagen. Da verjagt nun das schö-
ne Mädchen die Fliegen und klagt dazu unter Trä-
nen: „Werde munter, wach auf, Finist, edler Fal-
ke! Ich, das schöne Mädchen, bin zu dir
gekommen; drei eiserne Wanderstäbe habe ich
zerbrochen, drei Paar eiserne Schuhe durchgelau-
fen, drei steinerne Weihbrote verzehrt und die
ganze Zeit dich, meinen Liebsten gesucht!“ Aber
Finist der edle Falke schläft fest und merkt nichts.
Lange weinte sie, lange suchte sie, ihn zu wek-
ken; plötzlich fiel ihm eine Träne des schönen
Mädchens auf die Wange, und im gleichen Augen-
blick wachte er auf: „Ach“, sagt er, „es hat mich
etwas gebrannt!“ – „Finist, edler Falke“, antwortet
das Mädchen, „ich bin zu dir gekommen! Drei ei-
serne Wanderstäbe habe ich zerbrochen, drei Paar
eiserne Schuhe durchgelaufen, drei steinerne
Weihbrote verzehrt und die ganze Zeit dich ge-
sucht! Schon die dritte Nacht stehe ich über dich
gebeugt, doch du schläfst, wachst nicht auf und
antwortest nicht auf meine Worte!“ Da erst er-
kannte Finist der edle Falke das Mädchen, und er
freute sich, daß man es gar nicht beschreiben
kann. Sie berieten sich und verließen die Weih-
brotbäckerin. Am Morgen vermißte der Weihbrot-
bäckerin Tochter ihren Gemahl: weder er war zu
finden, noch die Magd! Sie beklagte sich bei ihrer
Mutter; die Weihbrotbäckerin ließ die Pferde
einspannen und jagte ihnen nach. Sie fuhr und
fuhr, machte auch bei den drei Alten halt, aber

221
Finist den edlen Falken holte sie nicht ein: nicht
einmal seine Spur war zu sehen!
Schließlich stand Finist der edle Falke mit seiner
Auserwählten vor dem Haus ihres Vaters; er warf
sich auf die kalte Erde und verwandelte sich in
eine Feder; das schöne Mädchen nahm die Feder,
barg sie unter ihrem Brusttuch und ging zu ihrem
Vater. „Ach liebe Tochter! Ich dachte schon, du
seiest überhaupt nicht mehr am Leben. Wo bist
du so lange gewesen?“ – „Ich bin gegangen, zu
Gott zu beten.“ Es war aber die Woche nach
Ostern. Der Vater will gerade mit seinen älteren
Töchtern zur Frühmesse fahren. „Wie ist’s, liebe
Tochter“, fragt er die jüngste, „mach dich fertig
und laß uns zusammen fahren; heute ist ein so
froher Tag.“ – „Väterchen, ich habe nichts anzu-
ziehen.“ – „Zieh unsere Kleider an“, sagen die äl-
teren Schwestern. „Ach, liebe Schwestern, eure
Kleider passen mir ja nicht! Ich will lieber zu Hau-
se bleiben.“
Der Vater fuhr mit den zwei Töchtern zur Früh-
messe; unterdessen holte das schöne Mädchen
seine Feder hervor. Die Feder warf sich auf den
Fußboden und verwandelte sich in den wunder-
schönen Zarensohn. Der Zarensohn pfiff zum Fen-
ster hinaus – sogleich erschienen Kleider,
Schmuck und eine goldene Kutsche. Sie zogen
schöne Gewänder an, setzten sich in die Kutsche
und fuhren los. Sie treten in die Kirche und stellen
sich vorn hin, vor alle anderen; die Leute verwun-
derten sich: was für ein Zarensohn mit seiner
Gemahlin ihnen da die Ehre erwies! Gegen Ende

222
der Frühmesse gingen sie vor allen anderen hin-
aus und fuhren nach Hause; da verschwand die
Kutsche, und Kleider und Schmuck waren fort, als
hätte es sie nie gegeben; der Zarensohn aber
verwandelte sich wieder in eine Feder.
Dann kam auch der Vater mit den Töchtern
heim. „Ach, Schwesterchen! Siehst du, du hast
nicht mitfahren wollen, aber in der Kirche war ein
wunderschöner Zarensohn mit seiner herrlichen
Gemahlin.“ – „Das macht nichts, liebe Schwe-
stern. Ihr habt’s mir erzählt, das ist genauso gut,
als wäre ich dabei gewesen.“
Am anderen Tag geschah wieder das gleiche,
als aber am dritten Tag der Zarensohn sich mit
seinem schönen Mädchen in die Kutsche setzte,
trat der Vater aus der Kirche heraus und sah mit
eigenen Augen, daß die Kutsche vor sein Haus
fuhr und danach verschwand. Der Vater kehrte
heim und bedrängte seine jüngste Tochter mit
Fragen; da sagt sie: „Es bleibt mir nichts anderes
übrig, ich muß alles gestehen.“ Sie holte die Feder
hervor. Die Feder warf sich auf den Fußboden und
verwandelte sich in den Zarensohn. Da wurden sie
gleich getraut, und es gab eine reiche Hochzeit.
Auch mich luden sie zur Hochzeit ein, ich trank
Wein, der Bart hat alles abgefangen, der Mund ist
leer ausgegangen. Sie setzten mir eine Haube auf
und knufften mich, was das Zeug hielt; sie setz-
ten mir einen Korb auf und sagten: „Du, langer
Lümmel, nicht lange gefackelt, verschwinde so
schnell du kannst!“

223
29
Die schöne Wassilissa
In einem Reiche lebte einmal ein Kaufmann. Zwölf
Jahre war er verheiratet gewesen, hatte aber nur
eine einzige Tochter, die schöne Wassilissa. Als
die Mutter zu sterben kam, war das Mädchen acht
Jahre alt. Auf dem Sterbebett rief die Kaufmanns-
frau ihr Töchterchen zu sich, holte unter der Dek-
ke eine Puppe hervor, gab sie ihr und sagte: „Hö-
re, liebe Wassilissa, behalte meine letzten Worte
im Gedächtnis und beherzige sie. Ich sterbe, und
zugleich mit meinem mütterlichen Segen hinter-
lasse ich dir diese Puppe hier; bewahre sie immer
bei dir und zeige sie niemandem. Wenn dir aber
einmal Kummer und Leid widerfährt, dann gib ihr
zu essen und frage sie um Rat. Sie wird erst es-
sen und dir dann sagen, wie man dem Unheil
wehren kann.“ Darauf küßte die Mutter ihr
Töchterchen und verschied.
Nach dem Tode seines Weibes trauerte der
Kaufmann eine Weile, wie es sich gehörte, dann
aber dachte er sich aufs neue zu verheiraten. Er
war ein stattlicher Mann und hätte genügend
Bräute finden können, am meisten aber gefiel ihm
eine Witwe. Sie war schon älter und hatte selbst
zwei Töchter, die mit Wassilissa fast gleichaltrig
waren, nach allem zu schließen also eine erfahre-
ne Hausfrau und Mutter. Der Kaufmann heiratete

224
die Witwe, aber er hatte sich getäuscht und in ihr
nicht die gute Mutter für seine Wassilissa gefun-
den. Wassilissa war die erste Schönheit im ganzen
Dorf; Stiefmutter und Stiefschwestern neideten
ihre Schönheit und bürdeten ihr alle möglichen
Arbeiten auf, damit sie vor Erschöpfung abmagere
und ihr Gesicht durch Wind und Sonne seine
schöne weiße Farbe verlöre; sie machten ihr das
Leben zur Hölle.
Wassilissa ertrug alles ohne Murren und wurde
mit jedem Tag schöner und stattlicher, während
die Stiefmutter und ihre Töchter vor Bosheit im-
mer magerer und häßlicher wurden, obwohl sie
nur immer herumsaßen und die Hände in den
Schoß legten wie die Gräfinnen. Wie mochte das
wohl zugehen? Unserer Wassilissa half ihre Puppe.
Wie hätte das Mädchen sonst mit all der Arbeit
zurechtkommen sollen! Dafür geschah es biswei-
len, daß Wassilissa selbst überhaupt nichts aß und
der Puppe die besten Leckerbissen aufhob; und
am Abend, wenn alle schlafen gegangen waren,
sperrte sie sich im Kämmerchen ein, wo sie wohn-
te, bewirtete die Puppe und sprach dazu: „Da,
Puppe, iß und nimm, meinen Kummer auch ver-
nimm! Die böse Stiefmutter bringt mich noch un-
ter die Erde. Lehre mich, wie soll ich mich verhal-
ten und was soll ich tun?“ Die Puppe ißt zuerst,
und danach gibt sie ihr Ratschläge und tröstet sie
in ihrem Kummer; am Morgen aber macht sie für
Wassilissa alle Arbeit. Wassilissa braucht sich nur
im Schatten zu erholen und Blumen zu pflücken,
und schon sind ihre Beete gejätet, ist der Kohl

225
gegossen, Wasser geholt und der Ofen geheizt.
Die Puppe zeigt ihr noch ein Kräutlein gegen Son-
nenbräune. So hatte sie mit ihrer Puppe ein schö-
nes Leben.
Es vergingen einige Jahre. Wassilissa wuchs
heran und kam ins Alter zu heiraten. Alle jungen
Männer der Stadt freien um Wassilissa, der Stief-
mutter Töchter aber sieht keiner auch nur einmal
an. Die Stiefmutter wird noch giftiger als bisher
und antwortet allen Freiern: „Ich gebe die Jüngste
nicht vor den Älteren in die Ehe!“ Und wenn sie
die Freier verabschiedet hat, kühlt sie mit Schlä-
gen ihr Mütchen an Wassilissa.
Nun mußte der Kaufmann einmal auf längere
Zeit in Handelsgeschäften von Hause fort. Da zog
die Stiefmutter in ein anderes Haus, und gleich
hinter diesem Haus war ein tiefer Wald. Im Walde
aber stand auf einer Lichtung ein Häuschen, und
in diesem Häuschen lebte eine Hexe; die ließ nie-
manden zu sich herein und fraß Menschen, als
wären es kleine Hühnchen. Als die Stiefmutter in
das andere Haus gezogen war, schickte sie die ihr
verhaßte Wassilissa immer wieder nach etwas an-
derem in den Wald. Aber Wassilissa kam jedesmal
wohlbehalten wieder nach Hause: die Puppe zeig-
te ihr den Weg und ließ sie nicht in die Nähe des
Hexenhauses.
So wurde es Herbst. Die Stiefmutter verteilte
den drei Mädchen die Arbeit für die Abende: die
eine mußte Spitze häkeln, die andere Strümpfe
stricken, Wassilissa aber mußte spinnen, und die
Arbeit war jeder genau zugemessen. Sie löschte

226
im ganzen Haus das Licht und ließ nur eine einzi-
ge Kerze brennen, dort, wo die Mädchen arbeite-
ten. Sie selbst legte sich schlafen. Die Mädchen
arbeiteten. Auf einmal begann die Kerze zu rußen;
die eine Stiefschwester nahm ihre Stricknadel, um
den Docht wieder zu richten, statt dessen aber
löschte sie, wie es die Mutter sie geheißen hatte,
gleichsam aus Versehen die Kerze aus. „Was sol-
len wir jetzt tun?“ sagten die Mädchen: „Kein
Licht im ganzen Hause, und unsere Arbeit ist noch
nicht beendet. Es muß jemand zur Hexe Baba-
Jagá gehen und Licht holen!“ – „Mir ist von mei-
nen Nadeln hell genug“, sagte die, die Spitze hä-
kelte, „ich brauche nicht zu gehen.“ – „Ich brau-
che auch nicht zu gehen“, sagte die andere, die
Strümpfe strickte, „mir ist von meinen Strickna-
deln hell genug!“ – „Du mußt Licht holen gehen!“
schrien beide: „Marsch, zur Baba-Jagá!“ Und da-
mit stießen sie Wassilissa aus der Stube.
Wassilissa ging in ihr Kämmerchen, stellte das
fertige Abendbrot vor die Puppe und sagte: „Da,
Puppe, iß und nimm, meinen Kummer auch ver-
nimm: sie schicken mich nach Licht zur Baba-
Jagá; die Hexe wird mich fressen!“ Die Puppe aß,
und ihre Augen begannen zu leuchten wie zwei
Kerzen. „Hab keine Angst, liebe Wassilissa“, sagte
sie. „Geh, wohin sie dich schicken, nur nimm mich
immer mit! Wenn ich dabei bin, wird dir bei der
Baba-Jagá nichts geschehen.“ Wassilissa machte
sich fertig, steckte die Puppe in ihre Tasche, be-
kreuzigte sich und machte sich auf den Weg in
den tiefen Wald.

227
Sie geht und zittert vor Angst.
Auf einmal sprengt ein Reiter an ihr vorbei: das
Gesicht ganz weiß, in weißen Kleidern, das Pferd
unter ihm weiß und auch das Riemenzeug des
Pferdes weiß – da begann es zu dämmern.
Sie geht weiter, da sprengt ein anderer Reiter
vorbei: das Gesicht ganz rot, in roten Kleidern
und auf einem roten Pferd – da ging die Sonne
auf.
Wassilissa lief die ganze Nacht und den ganzen
nächsten Tag und kam erst am Abend auf die
Lichtung, wo das Haus der Hexe stand; der Zaun
rings um das Haus ist aus Menschenknochen, und
auf dem Zaun stecken Menschenschädel, mit Au-
gen; statt der Türen stehen am Eingang Men-
schenbeine, die Riegel sind Hände und das Tür-
schloß ein Mund mit scharfen Zähnen. Wassilissa
erstarrte vor Entsetzen und blieb wie angewurzelt
stehen. Auf einmal kommt wieder ein Reiter gerit-
ten: das Gesicht schwarz, ganz in Schwarz geklei-
det und auf einem schwarzen Pferd; er sprengte
vor das Hexentor und verschwand, wie vom Erd-
boden verschluckt – da war es Nacht. Aber die
Finsternis dauerte nicht lange: an allen Schädeln
auf dem Zaun begannen die Augen zu leuchten,
und auf der ganzen Lichtung war es hell wie am
lichten Tag. Wassilissa zitterte vor Angst; weil sie
aber nicht wußte, wohin sie fliehen sollte, blieb
sie, wo sie war.
Bald hörte man im Wald einen fürchterlichen
Lärm, die Bäume ächzten, und die trockenen Blät-
ter raschelten: die Baba-Jagá kam aus dem Wald.

228
Sie fährt in einem Mörser, mit dem Stößel treibt
sie ihn an, und mit einem Ofenbesen verwischt sie
ihre Spur.
Sie fuhr vors Tor, hielt an, schnüffelte nach al-
len Seiten und schrie: „Fuh, fuh! Ich rieche Men-
schenfleisch! Wer ist hier?“ Wassilissa trat voll
Furcht vor die Alte, verneigte sich tief und sagte:
„Ich bin’s, Großmütterchen! Der Stiefmutter Töch-
ter haben mich zu dir geschickt, Licht zu holen.“ –
„Schön“, sagte die Baba-Jagá, „die kenne ich; von
nun an wirst du bei mir wohnen und arbeiten,
dann will ich dir auch Licht geben; willst du aber
nicht, dann fresse ich dich!“ Darauf drehte sie sich
zum Tor um und rief: „Heh, ihr meine festen Rie-
gel, löst euch, und ihr, meine weiten Tore, öffnet
euch!“ Die Tore öffneten sich, und die Baba-Jagá
fuhr pfeifend hinein; Wassilissa folgte ihr, und da-
nach war alles wieder zugesperrt. Als die Baba-
Jagá in der Stube war, setzte sie sich, streckte
ihre Beine aus und sagt zu Wassilissa: „Nun bring
mal her, was dort im Ofen steht; ich habe Hun-
ger!“
Wassilissa zündete an den Schädeln, die auf
dem Zaun steckten, einen Span an, zog die Spei-
sen aus dem Ofen und trug sie der Baba-Jagá auf;
von den Speisen hätten aber wohl an die zehn
Mann satt werden können. Aus dem Keller holte
sie Kwaß, Honig, Bier und Wein. Alles aß und
trank die Alte allein; für Wassilissa ließ sie nur ein
wenig Krautsuppe übrig, einen Kanten Brot und
ein Stückchen gebratenes Ferkel. Danach legte
sich die Baba-Jagá schlafen und sagt: „Wenn ich

229
morgen wegfahre, dann spute dich: kehre den
Hof, fege das Haus aus, koche das Essen, mach
die Wäsche fertig und geh in den Speicher, nimm
einen Scheffel Weizen und lies das Mutterkorn
heraus! Und daß mir alles fertig ist, sonst fresse
ich dich!“ Nachdem die Hexe Wassilissa ihre Ar-
beit zugewiesen hatte, begann sie zu schnarchen.
Wassilissa aber stellte der Puppe die Reste hin,
die die Alte übriggelassen hatte, zerfloß in Tränen
und sagte: „Da Puppe, iß und nimm, meinen
Kummer auch vernimm! Eine schwere Arbeit hat
die Baba-Jagá mir aufgetragen, und sie droht, sie
will mich fressen, wenn ich nicht alles ausführe;
hilf mir!“ Die Puppe gab zur Antwort: „Hab keine
Angst, schöne Wassilissa! Iß dein Abendbrot,
sprich dein Gebet und leg dich schlafen; der Mor-
gen ist klüger als der Abend!“
In aller Frühe erwachte Wassilissa, aber die Ba-
ba-Jagá war schon auf und sah zum Fenster hin-
aus: an den Menschen-Schädeln verlöschen die
Augen; der weiße Reiter sprengte vorbei – da war
es schon ganz hell. Die Baba-Jagá trat auf den
Hof hinaus und pfiff – da stand der Mörser vor ihr
mit dem Stößel und dem Ofenbesen. Der rote Rei-
ter sprengte vorbei – da ging die Sonne auf. Die
Baba-Jagá setzte sich in den Mörser und fuhr da-
von, mit dem Stößel treibt sie an, und mit dem
Ofenbesen verwischt sie ihre Spur. Wassilissa war
nun allein; sie sah sich im Haus der Baba-Jagá
um, bestaunte den Überfluß an allen Dingen und
versank in Nachdenken, welche Arbeit sie zuerst
beginnen sollte. Wie sie aufsieht, ist die ganze Ar-

230
beit schon getan; die Puppe las gerade die letzten
Körner Mutterkorn aus dem Weizen heraus. „Ach,
du meine Retterin!“ sagte Wassilissa zu ihrer Pup-
pe. „Du hast mir aus meiner Not geholfen!“ – „Du
brauchst nur noch das Essen zu kochen“, antwor-
tete die Puppe und kletterte in Wassilissas Ta-
sche. „Koche nur getrost und ruhe dich schön
aus!“
Gegend Abend deckte Wassilissa den Tisch und
wartet auf die Baba-Jagá. Es begann zu däm-
mern, draußen sprengte der schwarze Reiter am
Tor vorbei, und es war ganz dunkel: nur die Au-
gen an den Schädeln leuchteten. Da begannen die
Bäume zu ächzen, das Laub raschelte – die Baba-
Jagá kommt gefahren. Wassilissa ging ihr entge-
gen. „Ist alles getan?“ fragt die Baba-Jagá. „Sieh
bitte selbst nach, Großmütterchen!“ sagte Wassi-
lissa. Die Baba-Jagá sah überall nach, ärgerte
sich, daß sie keinen Grund zu schimpfen fand und
sagte: „Na gut!“ Dann stieß sie einen lauten Ruf
aus. Es erschienen drei Paar Hände, ergriffen den
Weizen und trugen ihn fort. Die Baba-Jagá aß sich
voll und satt, legte sich zum Schlaf nieder und
gab Wassilissa wieder einen Auftrag: „Morgen
machst du das gleiche wie heute, und außerdem
nimmst du aus dem Speicher den Mohn und säu-
berst ihn von Erde, Körnchen für Körnchen; es hat
nämlich jemand aus Bosheit Erde darunter ge-
mischt!“ Sprach’s, drehte sich zur Wand und be-
gann zu schnarchen; Wassilissa aber machte sich
daran, ihre Puppe zu füttern. Die Puppe aß erst
und sagte dann wie gestern: „Sprich dein Gebet

231
und leg dich schlafen; der Morgen ist klüger als
der Abend; alles wird getan werden, liebe Wassi-
lissa!“
Am Morgen fuhr die Baba-Jagá wieder in ihrem
Mörser davon, Wassilissa aber hatte die ganze Ar-
beit mit ihrer Puppe in einem Augenblick getan.
Die Alte kam wieder nach Hause, besah sich alles
und rief: „Ihr meine treuen Diener, meine lieben
Freunde, preßt Öl aus dem Mohn!“ Es erschienen
die drei Paar Hände, ergriffen den Mohn und tru-
gen ihn fort. Die Baba-Jagá setzte sich zum Es-
sen. Sie ißt, Wassilissa aber steht schweigend da-
bei. „Warum sprichst du nicht mit mir?“ sagte die
Baba-Jagá. „Stehst da, als wärst du stumm!“ –
„Ich habe mich nicht getraut“, antwortete Wassi-
lissa. „Doch wenn du erlaubst, dann möchte ich
dich gern einiges fragen.“ – „Frag nur immer zu;
nur führt nicht jede Frage zum Guten: wer viel
weiß, wird bald alt!“ – „Ich möchte dich nur nach
dem fragen, Großmütterchen, was ich gesehen
habe. Als ich auf dem Weg zu dir war, überholte
mich ein Reiter auf weißem Pferd, das Gesicht
weiß und in weißen Kleidern: Wer ist das?“ – „Das
ist mein Diener, der helle Tag“, antwortete die
Baba-Jagá. „Danach überholte mich ein anderer
Reiter auf rotem Pferd, das Gesicht rot und ganz
in Rot gekleidet: Wer ist das?“ – „Das ist mein
treuer Diener, die rote Sonne!“ antwortete die
Baba-Jagá. „Und was bedeutet der schwarze Rei-
ter, der mich überholte, als ich schon an deinem
Tor stand?“ – „Das ist meine Dienerin, die dunkle
Nacht – alle dienen mir treu!“

232
Wassilissa dachte noch an die drei Paar Hände,
aber sie schwieg. „Warum fragst du nicht weiter?“
fragte die Baba-Jagá. „Das genügt mir schon; du
hast doch selbst gesagt, Großmütterchen, wer viel
erfährt, wird bald alt.“ – „Es ist gut“, sagte die
Baba-Jagá, „daß du nur nach dem fragst, was du
draußen, und nicht nach dem, was du hier drin
gesehen hast! Ich mag es nicht, wenn man drau-
ßen über mich spricht, und wer allzu neugierig ist,
den fresse ich! Jetzt will ich dich etwas fragen:
„Wie stellst du es an, daß du mit der Arbeit fertig
wirst, die ich dir auftrage?“ – „Mir hilft der Segen
meiner Mutter“, gab Wassilissa zur Antwort. „Ach
so ist das! Scher dich schleunigst von hier fort, du
gesegnetes Töchterchen! Ich kann keine Geseg-
neten brauchen!“ Sie zerrte Wassilissa aus der
Stube und stieß sie zum Tor hinaus, nahm vom
Zaun einen Schädel mit brennenden Augen,
steckte ihn auf einen Stock, gab ihn ihr und sag-
te: „Hier hast du das Licht für die Töchter der
Stiefmutter; danach haben sie dich ja hierherge-
schickt.“
Eilends machte sich Wassilissa auf den Heim-
weg, beim Licht des Schädels, das erst bei An-
bruch des Morgens erlosch. Am Abend des näch-
sten Tages gelangte sie schließlich an ihr Haus.
Als sie sich dem Tor näherte, wollte sie den Schä-
del schon fortwerfen; gewiß brauchen sie zu Hau-
se schon kein Licht mehr, dachte sie nämlich bei
sich. Doch auf einmal war aus dem Schädel eine
hohle Stimme zu vernehmen: „Wirf mich nicht
fort, bring mich der Stiefmutter!“

233
Sie blickte auf der Stiefmutter Haus, und da sie
in keinem Fenster Licht sah, entschloß sie sich,
mit dem Schädel hineinzugehen. Es war das erste
Mal, daß man sie freundlich empfing, und sie er-
zählten ihr, seit der Zeit, da Wassilissa fortgegan-
gen war, hätten sie kein Licht im Hause gehabt:
selbst Feuer zu schlagen hätten sie auf keine Wei-
se vermocht, und das Licht, das sie von Nachbarn
holten, sei erloschen, sobald sie mit ihm die Stube
betraten. „Hoffentlich wird sich dein Licht halten“,
sagte die Stiefmutter. Sie trugen den Schädel in
die Stube, aber die Augen aus dem Schädel starr-
ten unverwandt die Stiefmutter und ihre Töchter
an und brannten sie fürchterlich! Sie wollten sich
verstecken, doch wohin sie auch rennen mochten,
die Augen folgten ihnen überallhin. Gegen Morgen
waren sie völlig zu Kohle verbrannt, nur Wassilis-
sa allein war unversehrt geblieben.
Am Morgen vergrub Wassilissa den Schädel in
der Erde, verschloß das Haus, ging in die Stadt
und bat eine alte Frau, die keine Verwandten hat-
te, sie bei ihr wohnen zu lassen. Dort lebt sie nun
wohlgemut und wartet auf den Vater. Eines Tages
sagt sie zu der Alten: „Es ist langweilig, so untätig
zu sitzen, Großmütterchen! Geh doch und kauf
mir Flachs, vom allerbesten, ich möchte spinnen.“
Die Alte kaufte schönen Flachs; Wassilissa setzte
sich ans Spinnrad; die Arbeit geht ihr flink von der
Hand, und der Faden wird gleichmäßig und fein
wie Haar. So hatte sie schon eine Menge Garn ge-
sponnen, und es wäre an der Zeit gewesen, mit
dem Weben zu beginnen. Aber so feine Webkäm-

234
me, daß sie für Wassilissas Garn taugten, wird
man nirgends finden, und es wird sich auch nie-
mand zutrauen, solche Kämme zu machen. Da
bat Wassilissa ihre Puppe, und die sagt: „Bring
mir nur irgendeinen alten Kamm und ein altes
Schiffchen, dazu noch eine Pferdemähne; ich will
dir schon alles richten.“
Wassilissa besorgte alles Nötige und legte sich
dann schlafen, die Puppe aber baute über Nacht
einen herrlichen Webstuhl. Gegen Ende des Win-
ters war das Linnen gewebt, und es war so fein,
daß man es statt eines Fadens hätte durch ein
Nadelöhr ziehen können. Im Frühjahr bleichten sie
es, und Wassilissa sagt zu der Alten: „Großmüt-
terchen, verkauf dieses Linnen, das Geld kannst
du für dich nehmen.“ Die Alte blickte auf die Ware
und schlug die Hände zusammen: „Nein, mein
Kindchen! Solches Linnen darf keiner außer dem
Zaren tragen; ich will’s ins Schloß bringen.“ Die
Alte ging zum Schloß des Zaren und läuft immer
unter den Fenstern auf und ab. Das sah der Zar,
und er fragte: „Was willst du, Alte?“ – „Eure Maje-
stät“, antwortet die Alte, „ich habe hier eine wun-
derbare Ware, und keinem außer dir will ich sie
zeigen.“ Der Zar gebot, sie hereinzulassen, und
als er das Linnen gesehen hatte, war er ganz aus
dem Häuschen: „Was willst du dafür haben?“
fragte er. „Dieses Linnen ist mit Geld nicht zu be-
zahlen, Väterchen Zar! Ich habe es dir als Ge-
schenk gebracht.“ Der Zar dankte der Alten und
entließ sie mit Geschenken.

235
Nun wollte man dem Zaren aus diesem Linnen
Hemden nähen; man schnitt sie zu, aber nirgends
war eine Näherin zu finden, die sich zugetraut
hätte, die Hemden zu nähen. Sie suchten lange;
schließlich ließ der Zar die Alte rufen und sagte zu
ihr: „Hast du’s fertig gebracht, solches Linnen zu
spinnen und zu weben, so sollst du nun auch
Hemden daraus nähen.“ – „Nicht ich war es, Herr,
die das Linnen gesponnen und gewebt hat“, sagte
da die Alte. „Das ist die Arbeit eines Mädchens,
das ich zu mir genommen habe.“ – „Dann soll
eben sie die Hemden nähen!“ Die Alte kehrte
heim und erzählte alles Wassilissa. „Ich wußte“,
antwortet ihr Wassilissa, „daß diese Arbeit meinen
Händen nicht erspart bleibt.“ Sie schloß sich in
ihre Kammer ein und setzte sich an die Arbeit,
nähte ohne sich auch nur eine Pause zu gönnen,
und bald war ein Dutzend Hemden fertig.
Die Alte brachte die Hemden zum Zaren, Wassi-
lissa aber wusch sich, kämmte sich, zog sich an
und setzte sich ans Fenster. Dort sitzt sie nun und
wartet, was geschehen wird. Auf einmal sieht sie,
wie ein Diener des Zaren den Hof betritt. Er kam
in die Stube und sagt: „Der Zar will die Meisterin
sehen, die ihm die Hemden genäht hat, und sie
soll aus seinen eigenen Händen belohnt werden.“
Wassilissa ging und trat vor das Antlitz des Zaren.
Als der Zar die schöne Wassilissa erblickte, ver-
liebte er sich sofort besinnungslos in sie. „Nein“,
sagt er, „du meine Schöne! Ich will mich von dir
nicht mehr trennen, du sollst meine Frau werden.“
Damit faßte der Zar Wassilissa bei ihren weißen

236
Händen, setzte sie neben sich, und sogleich wurde
Hochzeit gefeiert. Bald kehrte auch Wassilissas
Vater heim, freute sich über ihr Glück und lebte
von da an bei seiner Tochter. Die Alte nahm Was-
silissa zu sich, die Puppe aber trug sie bis an ihr
Lebensende immer in ihrer Tasche.

237
30
Maria Morewna3
In einem Zarenreich lebte einmal ein Zarensohn
Iwan; er hatte drei Schwestern, die erste hieß Ma-
ria, die zweite Olga, die dritte Anna. Vater und
Mutter waren ihnen gestorben; auf dem Sterbe-
bette hatten sie ihrem Sohn aufgetragen: „Wer
zuerst um deine Schwestern freit, dem gib sie
auch – behalte sie nicht lange bei dir!“ Der Zare-
witsch begrub seine Eltern und ging aus Kummer
mit den Schwestern in den grünen Garten spazie-
ren. Auf einmal steigt am Himmel eine schwarze
Wolke auf, zieht ein fürchterliches Gewitter her-
auf. „Kommt nach Hause, Schwestern!“ sagt Iwan
Zarewitsch. Kaum waren sie im Schloß, da krach-
te ein Donnerschlag, die Decke teilte sich, und zu
ihnen ins Zimmer kam ein edler Falke geflogen;
der Falke warf sich auf den Fußboden, wurde zu
einem edlen Helden und spricht: „Sei gegrüßt,
Iwan Zarewitsch! Früher bin ich als Gast gekom-
men, jetzt aber bin ich als Freier hier; ich will bei
dir um deine Schwester Maria, die Zarentochter,
freien.“ – „Wenn die Schwester dich mag, ich ste-
he ihr nicht im Wege – mag sie mit Gott gehen!“

3
„Morewna“ – Name, der einen nicht näher zu bezeich-
nenden Hinweis auf „Meer“ enthält. (Anm. d. Übers.)

238
Maria die Zarentochter war einverstanden; der
Falke heiratete sie und trug sie davon in sein
Reich.
Ein Tag folgt auf den anderen, eine Stunde jagt
die andere – ein Jahr ist herum, ehe man sich’s
versieht; Iwan Zarewitsch ging im grünen Garten
mit seinen zwei Schwestern spazieren. Wieder
zieht eine Wolke mit Wind und Blitzen auf.
„Kommt nach Hause, Schwestern!“ sagt der Za-
rewitsch. Kaum waren sie im Schloß, da krachte
ein Donnerschlag, das Dach fiel auseinander, die
Decke teilte sich, und ein Adler kam hereingeflo-
gen; der Adler warf sich auf den Boden und wurde
zu einem edlen Helden: „Sei gegrüßt, Iwan Zare-
witsch! Früher bin ich als Gast gekommen, jetzt
aber bin ich als Freier hier.“ Und er freite um Ol-
ga, die Zarentochter. Iwan Zarewitsch antwortet:
„Wenn Olga die Zarentochter dich mag, dann soll
sie dich heiraten, ich stehe ihrem Willen nicht
entgegen.“ Olga die Zarentochter gab ihr Einver-
ständnis und nahm den Adler zum Manne; der Ad-
ler ergriff sie und trug sie davon in sein Reich.
Es verging noch ein Jahr; Iwan Zarewitsch sagt
zu seiner jüngsten Schwester: „Komm, wir wollen
im grünen Garten ein wenig spazierengehen!“ Sie
gingen ein wenig spazieren; wieder zieht eine
Wolke mit Sturm und Blitzen auf. „Laß uns nach
Hause gehen, Schwester!“ Sie kamen nach Hause
und hatten sich noch nicht hingesetzt, da krachte
ein Donnerschlag, die Decke teilte sich, und ein
Rabe kam hereingeflogen; der Rabe warf sich auf
den Boden und wurde zu einem edlen Helden: die

239
vorigen waren schon schön gewesen, dieser aber
war noch schöner. „Nun, Iwan Zarewitsch! Früher
bin ich als Gast gekommen, jetzt aber bin ich als
Freier hier; gib mir Anna, die Zarentochter, zur
Frau.“ – „Ich stehe dem Willen der Schwester
nicht entgegen; wenn sie dich lieb hat, mag sie
dich heiraten.“ Anna die Zarentochter nahm den
Raben zum Manne, und er trug sie davon in sein
Reich.
Iwan Zarewitsch war nun allein; ein ganzes
Jahr lebte er ohne die Schwestern, und es wurde
ihm langweilig. „Ich will gehen“, sagt er, „und die
Schwestern suchen.“ Er machte sich auf den Weg,
ging und ging und sieht – auf dem Felde liegt ein
Heer, eine geschlagene Streitmacht. Iwan Zare-
witsch fragt: „Wenn hier noch einer am Leben ist,
der melde sich! Wer hat dieses große Heer ge-
schlagen?“ Es meldete sich einer, der noch am
Leben war: „Dieses ganze Heer hat Maria Morew-
na geschlagen, die schöne Königin.“ Iwan Zare-
witsch ritt weiter und kam zu einem weißen Zelt;
heraus trat zu seinem Empfang Maria Morewna,
die schöne Königin: „Sei gegrüßt, Zarewitsch, wo-
hin führt dich dein Weg – reitest du aus eigenem
Willen oder gezwungen?“ Antwortet ihr Iwan Za-
rewitsch: „Edle Helden reiten nicht gezwungen!“ –
„Nun, wenn du es nicht eilig hast, dann sei in
meinem Zelt mein Gast.“ Iwan Zarewitsch freute
sich, blieb zwei Nächte im Zelt, gewann Maria Mo-
rewnas Liebe und heiratete sie.
Maria Morewna, die schöne Königin, nahm ihn
mit sich in ihr Reich; sie lebten einige Zeit zu-

240
sammen, da kam der Königin in den Sinn, in den
Krieg zu ziehen; sie übergibt Iwan Zarewitsch die
ganze Wirtschaft und befiehlt: „Überall geh hin
und hab auf alles ein Auge; nur in diese Kammer
darfst du nicht sehen!“ Er hielt’s nicht aus, und
sobald Maria Morewna davongeritten war, stürzte
er sich sofort in die Kammer, öffnete die Tür und
sah hinein – da hängt dort Kostschej der Unsterb-
liche, an zwölf Ketten angeschmiedet. Kostschej
bittet Iwan Zarewitsch: „Hab Mitleid mit mir, gib
mir zu trinken; zehn Jahre schmachte ich hier,
hab nichts gegessen, nichts getrunken – der Hals
ist mir ganz ausgetrocknet!“ Der Zarewitsch gab
ihm einen ganzen Eimer Wasser; er trank ihn aus
und bat wieder: „Mit einem Eimer kann ich mei-
nen Durst nicht stillen; gib mir noch einen!“ Der
Zarewitsch gab ihm einen zweiten Eimer;
Kostschej trank ihn aus und bat um einen dritten,
und als er den dritten ausgetrunken hatte, ge-
wann er seine frühere Stärke zurück, schüttelte
die Ketten und zerbrach alle zwölf mit einemmal.
„Danke, Iwan Zarewitsch!“ sagte Kostschej der
Unsterbliche. „Jetzt wirst du Maria Morewna nie-
mals mehr sehen, genausowenig wie deine Oh-
ren!“ Und mit einem schrecklichen Wirbelsturm
fuhr er zum Fenster hinaus, holte Maria Morewna
unterwegs ein, packte sie und entführte sie. Iwan
Zarewitsch aber weinte bitterlich, rüstete sich zur
Reise und machte sich auf den Weg: „Was auch
immer geschehen mag, ich werde Maria Morewna
finden.“

241
Er geht einen Tag, geht einen zweiten, und in
der Morgendämmerung des dritten sieht er ein
wunderschönes Schloß; am Schloß steht eine Ei-
che, und auf der Eiche sitzt ein edler Falke. Der
Falke flog von der Eiche herab, warf sich auf die
Erde, verwandelte sich in einen edlen Helden und
rief: „Ach, mein lieber Schwager! Gott mit dir!“
Maria die Zarentochter kam herausgelaufen, be-
grüßte Iwan Zarewitsch voll Freude, fragte nach
seiner Gesundheit und erzählte, wie es ihr geht.
Der Zarewitsch blieb drei Tage bei ihnen zu Gast,
dann sagt er: „Ich kann nicht lange euer Gast
sein: ich bin auf dem Wege, meine Frau zu su-
chen, Maria Morewna, die schöne Königin.“ – „Es
wird schwer für dich sein, sie zu finden“, antwor-
tet der Falke. „Laß auf jeden Fall deinen silbernen
Löffel hier: wir werden ihn ansehen und an dich
denken.“ Iwan Zarewitsch ließ seinen silbernen
Löffel beim Falken und machte sich wieder auf
den Weg.
Er ging einen Tag, ging einen zweiten, und in
der Morgendämmerung des dritten sieht er ein
Schloß, noch schöner als das erste; beim Schloß
steht eine Eiche, und auf der Eiche sitzt ein Adler.
Der Adler flog von der Eiche herab, warf sich auf
die Erde, verwandelte sich in einen edlen Helden
und rief: „Steh auf, Zarentochter Olga! Unser lie-
ber Bruder kommt.“ Olga die Zarentochter kam
sogleich heraus, lief ihm entgegen, küßte und
umarmte ihn, fragte nach seiner Gesundheit und
erzählte, wie es ihr geht. Iwan Zarewitsch blieb
drei kurze Tage bei ihnen und sagt: „Länger zu

242
bleiben habe ich keine Zeit; ich bin auf dem We-
ge, meine Frau zu suchen, Maria Morewna, die
schöne Königin.“ Antwortet der Adler: „Es wird
schwer für dich sein, sie zu finden; laß deine sil-
berne Gabel bei uns: wir werden sie ansehen und
an dich denken.“ Er ließ seine silberne Gabel bei
ihnen und machte sich wieder auf den Weg.
Er ging einen Tag, ging einen zweiten, und in
der Morgendämmerung des dritten sieht er ein
Schloß, noch schöner als die ersten zwei; beim
Schloß steht eine Eiche, und auf der Eiche sitzt
ein Rabe. Der Rabe flog von der Eiche herab, warf
sich auf die Erde, verwandelte sich in einen edlen
Helden und rief: „Zarentochter Anna! Komm
schnell heraus, unser Bruder kommt!“ Anna die
Zarentochter kam herausgelaufen, begrüßte ihn
voll Freude, küßte und umarmte ihn, fragte nach
seiner Gesundheit und erzählte, wie es ihr geht.
Iwan Zarewitsch blieb drei kurze Tage bei ihnen
und sagt: „Lebt wohl! Ich will gehen und meine
Frau suchen, Maria Morewna, die schöne Königin.“
Antwortet der Rabe: „Es wird schwer für dich sein,
sie zu finden; laß doch die silberne Tabakdose bei
uns: wir werden sie ansehen und an dich denken.“
Der Zarewitsch gab ihm die silberne Tabakdose,
nahm Abschied und machte sich wieder auf den
Weg.
Er ging einen Tag, ging einen zweiten, am drit-
ten aber gelangte er zu Maria Morewna. Sie er-
blickte ihren Liebsten, warf sich an seinen Hals,
vergoß viele Tränen und sprach: „Ach, Iwan Za-
rewitsch, warum hast du nicht auf mich gehört,

243
hast in die Kammer gesehen und Kostschej den
Unsterblichen herausgelassen?“ – „Vergib, Maria
Morewna! Denk nicht an das Vergangene, laß uns
lieber losreiten, solange Kostschej der Unsterbli-
che noch nicht zu sehen ist; vielleicht holt er uns
nicht ein!“ Sie brachen auf und ritten davon.
Kostschej aber war auf der Jagd; gegen Abend
reitet er nach Hause, da strauchelt unter ihm sein
wackeres Pferd. „Was strauchelst du, unersättli-
cher Gaul? Oder spürst du irgendein Unheil?“
Antwortet das Pferd: „Iwan Zarewitsch war da,
hat Maria Morewna entführt.“ – „Und können wir
sie einholen?“ – „Wir können Weizen säen, war-
ten, bis er reif ist, ihn mähen, dreschen, zu Mehl
machen, fünf Öfen Brot backen, das Brot aufessen
und ihnen erst danach hinterherreiten – auch
dann kommen wir noch zurecht!“ Kostschej
sprengte los und holte Iwan Zarewitsch ein:
„Nun“, sagt er. „das erstemal vergebe ich dir we-
gen deiner Gutherzigkeit, daß du mir Wasser zu
trinken gegeben hast; auch ein zweitesmal will ich
dir vergeben, beim drittenmal aber hüte dich – in
Stücke werde ich dich hauen!“ Damit nahm er ihm
Maria Morewna weg und ritt mit ihr davon. Iwan
Zarewitsch aber setzte sich auf einen Stein und
brach in Tränen aus.
Er weinte und weinte und ritt dann wieder zu-
rück, Maria Morewna zu holen; Kostschej der Un-
sterbliche war gerade nicht zu Hause. „Reiten wir,
Maria Morewna!“ – „Ach, Iwan Zarewitsch! Er wird
uns einholen.“ – „Mag er uns immer einholen; wir
werden doch wenigstens ein paar Stunden Zu-

244
sammensein.“ Sie brachen auf und ritten davon.
Kostschej der Unsterbliche ist auf dem Heimweg,
da strauchelt unter ihm sein wackeres Pferd. „Was
strauchelst du, unersättlicher Gaul? Oder spürst
du irgendein Unheil?“ – „Iwan Zarewitsch war da,
hat Maria Morewna mitgenommen.“ – „Und kön-
nen wir sie einholen?“ – „Wir können Gerste säen,
warten, bis sie aufgegangen ist, sie mähen und
dreschen, Bier brauen, uns einen Rausch antrin-
ken, ordentlich ausschlafen und ihnen erst danach
hinterherreiten – auch dann kommen wir noch
zurecht!“ Kostschej sprengte los und holte Iwan
Zarewitsch ein: „Ich habe dir doch gesagt, daß du
Maria Morewna niemals mehr sehen wirst, genau-
sowenig wie deine Ohren!“ Damit nahm er sie ihm
weg und entführte sie.
Iwan Zarewitsch war wieder allein, weinte und
weinte und ritt dann wieder zurück, Maria Morew-
na zu holen; zu der Zeit war Kostschej gerade
nicht zu Hause. „Reiten wir, Maria Morewna!“ –
„Ach, Iwan Zarewitsch, er holt uns doch ein, wird
dich in Stücke hauen.“ – „Mag er mich immer in
Stücke hauen, ich kann ohne dich nicht leben.“
Sie brachen auf und ritten los. Kostschej der Un-
sterbliche ist auf dem Heimweg, da strauchelt un-
ter ihm sein wackeres Pferd. „Was strauchelst du?
Oder spürst du irgendein Unheil?“ – „Iwan Zare-
witsch war da, hat Maria Morewna mitgenom-
men.“ Kostschej sprengte los, holte Iwan Zare-
witsch ein, hackte ihn in kleine Stücke und legte
sie in ein verpichtes Faß; das beschlug er mit ei-

245
sernen Ringen und warf es ins blaue Meer; Maria
Morewna aber nahm er mit sich.
Genau zu dieser Zeit wurde bei den Schwägern
Iwan Zarewitschs das Silber schwarz. „Ach“, sag-
ten sie, „da ist ein Unglück geschehen!“ Der Adler
stürzte sich aufs blaue Meer hinab, packte das
Faß und schleppte es ans Ufer, der Falke flog, um
Wasser des Lebens, der Rabe, um Wasser des To-
des zu holen. Sie trafen sich alle drei an der glei-
chen Stelle, zerschlugen das Faß, holten die Stük-
ke Iwan Zarewitschs heraus, wuschen sie und
legten sie aneinander, wie es sich gehört. Der Ra-
be besprengte ihn mit Wasser des Todes – da
wuchsen die Stücke zusammen, vereinigten sich;
der Falke besprengte ihn mit Wasser des Lebens –
da zuckte Iwan Zarewitsch, stand auf und sagt:
„Ach, wie habe ich lange geschlafen!“ – „Noch
länger hättest du geschlafen, wenn wir nicht wä-
ren!“ antworteten die Schwäger. „Komm jetzt mit
zu uns, sei unser Gast.“ – „Nein, Brüder, ich will
gehen, Maria Morewna zu suchen.“
Er kommt zu ihr und bittet: „Erfrage von
Kostschej dem Unsterblichen, wo er sich ein so
wackeres Pferd verschafft hat.“ Maria Morewna
paßte einen günstigen Augenblick ab und fragte
Kostschej aus. Kostschej sagte: „Hinter dreimal
neun Ländern, im dreimal zehnten Reich, jenseits
des Feuerflusses wohnt die Hexe Baba-Jagá; die
hat eine Stute, auf der sie jeden Tag um die Welt
fliegt. Sie hat auch viele andere herrliche Stuten;
ich war drei Tage als Hirt bei ihr und habe keine
einzige Stute verloren! Und dafür hat die Hexe mir

246
einen jungen Hengst gegeben.“ – „Wie bist du
denn über den Feuerfluß gekommen?“ – „Ich habe
da ein Tuch – sobald ich dreimal nach rechts win-
ke, entsteht eine hohe, hohe Brücke, an die kann
das Feuer nicht heran!“ Maria Morewna hatte ge-
nau zugehört, erzählte alles Iwan Zarewitsch, und
das Tuch hatte sie weggenommen und gab es
ihm.
Iwan Zarewitsch überquerte den Feuerfluß und
ging weiter zur Hexe Baba-Jagá. Lange ging er,
ohne zu trinken, ohne zu essen. Da kam ihm ein
fremdländischer Vogel mit seinen Jungen in den
Weg. Iwan Zarewitsch sagt: „Ich will doch wenig-
stens ein Vogeljunges essen.“ – „Iß nicht, Iwan
Zarewitsch!“ bittet der fremdländische Vogel, „ich
werde dir noch einmal nützlich sein.“ Er ging wei-
ter – da sieht er im Walde einen Bienenstock. „Ich
will doch“, sagt er, „ein wenig Honig nehmen.“ Die
Bienenmutter läßt sich vernehmen: „Rühr meinen
Honig nicht an, Iwan Zarewitsch! Ich werde dir
noch einmal nützlich sein.“ Er rührte ihn nicht an
und ging weiter; da kommt ihm eine Löwin mit
ihrem Löwenjungen in den Weg. „Ich will doch
wenigstens dieses Löwenjunge essen; ich habe
solchen Hunger, mir ist schon ganz übel!“ – „Rühr
es nicht an, Iwan Zarewitsch!“ bittet die Löwin,
„ich werde dir noch einmal nützlich sein.“ –
„Schön, sollst deinen Willen haben!“
Hungrig schleppte er sich weiter, ging und ging
– da steht auf einmal das Haus der Baba-Jagá da,
rings um das Haus zwölf Pfähle, auf elf Pfählen
steckt ein menschlicher Kopf, nur einer ist noch

247
frei. „Sei gegrüßt, Großmütterchen!“ – „Sei ge-
grüßt, Iwan Zarewitsch! Weswegen bist du ge-
kommen – aus eigenem Willen oder gezwungen?“
– „Ich bin gekommen, mir bei dir ein reckenstar-
kes Pferd zu verdienen.“ – „Aber gern, Iwan Za-
rewitsch! Bei mir braucht man ja nicht ein Jahr zu
dienen, sondern nur drei Tage; wenn du meine
Stuten gut hütest, gebe ich dir ein Reckenpferd,
wenn aber nicht, dann, nichts für ungut, muß dein
Kopf auf dem letzten Pfahl stecken.“ Iwan Zare-
witsch war’s einverstanden; die Baba-Jagá gab
ihm zu essen und zu trinken und befahl ihm, sich
an die Arbeit zu machen. Kaum hatte er die Stu-
ten aufs Feld hinausgetrieben, da reckten sie die
Schwänze in die Höhe und rannten auf den Wie-
sen nach allen Richtungen auseinander; ehe sich’s
der Zarewitsch versah, waren sie schon gänzlich
verschwunden. Da weinte er und war betrübt,
setzte sich auf einen Stein und schlief ein. Die
Sonne war schon im Untergehen, da kam der
fremdländische Vogel geflogen und weckte ihn:
„Steh auf, Iwan Zarewitsch! Die Stuten sind jetzt
zu Hause.“ Der Zarewitsch stand auf machte sich
auf den Heimweg; die Hexe aber lärmt und schreit
ihre Stuten an: „Warum seid ihr nach Hause ge-
kommen?“ – „Wie hätten wir nicht heimkehren
sollen? Die Vögel der ganzen Welt sind über uns
hergefallen und haben uns beinahe die Augen
ausgehackt.“ – „Nun, rennt morgen nicht auf den
Wiesen umher, sondern verstreut euch in den tie-
fen Wäldern!“

248
Iwan Zarewitsch schlief die ganze Nacht, am
Morgen aber sagt die Baba-Jagá zu ihm: „Paß ja
auf, Zarewitsch! Wenn du meine Stuten nicht gut
hütest, wenn du auch nur eine einzige verlierst,
dann kommt dein ungestümer Kopf auf den
Pfahl!“ Er trieb die Stuten aufs Feld; sie reckten
sofort die Schwänze in die Höhe und rannten nach
allen Richtungen in die tiefen Wälder. Wieder
setzte sich der Zarewitsch auf einen Stein, weinte
und weinte und schlief ein. Die Sonne stand hin-
term Wald, da kam die Löwin gerannt: „Steh auf,
Iwan Zarewitsch! Die Stuten sind alle zusammen-
getrieben.“ Iwan Zarewitsch stand auf und ging
nach Hause; die Hexe lärmt schlimmer als zuvor
und schreit ihre Stuten an: „Warum seid ihr nach
Hause gekommen?“ – „Wie hätten wir nicht heim-
kehren sollen? Die wilden Tiere der ganzen Welt
sind über uns hergefallen und hätten uns beinahe
in Stücke gerissen.“ – „Nun, lauft morgen ins
blaue Meer!“
Wieder schlief Iwan Zarewitsch die ganze
Nacht; am Morgen schickt ihn die Baba-Jagá, die
Stuten zu hüten. „Wenn du sie nicht hütest,
kommt dein Kopf auf den Pfahl.“ Er trieb die Stu-
ten aufs Feld: sie reckten sofort die Schwänze in
die Höhe, schwanden ihm aus den Augen und
rannten ins blaue Meer; stehen im Wasser bis
zum Hals. Iwan Zarewitsch setzte sich auf einen
Stein, weinte und schlief ein. Die Sonne stand
hinter dem Wald, da kam die Biene geflogen und
sagte: „Steh auf Zarewitsch! Die Stuten sind alle
zusammengetrieben; und wenn du wieder zu

249
Hause bist, dann komm der Baba-Jagá nicht unter
die Augen, geh in den Pferdestall und versteck
dich hinter der Krippe. Dort ist ein grindiger jun-
ger Hengst, wälzt sich im Mist; den stiehl und geh
in tiefer Mitternacht aus dem Haus.“
Iwan Zarewitsch stand auf, schlich sich in den
Pferdestall und legte sich hinter die Krippe; die
Baba-Jagá lärmt und schreit ihre Stuten an:
„Warum seid ihr heimgekehrt?“ – „Wie hätten wir
nicht heimkehren sollen? Schwärme und abermals
Schwärme von Bienen sind über uns hergefallen,
von der ganzen Welt, und haben uns von allen
Seiten bis aufs Blut gestochen!“
Die Hexe schlief ein, genau um Mitternacht aber
stahl ihr Iwan Zarewitsch den grindigen jungen
Hengst, sattelte ihn, saß auf und sprengte davon
zum Feuerfluß. Kam an diesen Fluß, winkte mit
dem Tuch dreimal nach rechts – und plötzlich,
hast du nicht gesehen, schwebte über dem Flug
eine hohe, prächtige Brücke. Der Zarewitsch ritt
über die Brücke und winkte mit dem Tuch nach
links, aber nur zweimal – da war über dem Fluß
nur noch eine ganz, ganz dünne Brücke! Früh-
morgens wachte die Baba-Jagá auf – vom grindi-
gen jungen Hengst keine Spur! Sie stürzte hinter-
her, um die beiden zu verfolgen; was das Zeug
hält, jagt sie in einem eisernen Mörser dahin, mit
dem Stößel treibt sie an, mit dem Ofenbesen ver-
wischt sie die Spur. Kam zum Feuerfluß, warf ei-
nen Blick darauf und denkt: „Schöne Brücke!“
Fuhr über die Brücke und war gerade bis zur Mitte
gekommen, da brach die Brücke, und die Hexe

250
Baba-Jagá plumpste in den Fluß; hier fand sie ei-
nen schrecklichen Tod! Iwan Zarewitsch zog den
jungen Hengst auf und fütterte ihn in den jungen
Wiesen; es wurde ein wundervolles Pferd aus ihm.
Der Zarewitsch kommt zu Maria Morewna; sie
kam herausgelaufen und warf sich an seinen Hals:
„Wie hat Gott dich wieder zum Leben erweckt?“ –
„So und so“, sagt er, „laß uns losreiten!“ – „Ich
habe Angst, Iwan Zarewitsch! Wenn Kostschej
uns einholt, wirst du wieder in Stücke gehauen.“ –
„Nein, er wird uns nicht einholen. Ich habe jetzt
ein prächtiges Reckenpferd, es fliegt wie ein Vo-
gel.“ Sie bestiegen das Pferd und ritten los.
Kostschej der Unsterbliche ist auf dem Heimweg,
da strauchelt unter ihm sein Pferd. „Was strau-
chelst du, unersättlicher Gaul? Oder spürst du ir-
gendein Unheil?“ – „Iwan Zarewitsch war da, hat
Maria Morewna entführt.“ – „Und können wir sie
einholen?“ – „Das weiß Gott! Iwan Zarewitsch hat
jetzt ein reckenstarkes Pferd, das ist besser als
ich.“ – „Nein, ich ertrag es nicht!“ sagt Kostschej
der Unsterbliche. „Ich reite hinterher.“ Ritt er nun
lange oder kurze Zeit, jedenfalls holte er Iwan Za-
rewitsch ein, sprang vom Pferd und wollte mit
seinem scharfen Säbel auf ihn einschlagen; da
traf ihn Iwan Zarewitschs Pferd aus aller Kraft mit
dem Huf und zerschmetterte ihm den Kopf, der
Zarewitsch aber machte ihm mit seiner Keule völ-
lig den Garaus. Danach schichtete der Zarewitsch
Holz zu einem Haufen, entfachte ein Feuer, ver-
brannte Kostschej den Unsterblichen und ver-
streute seine Asche in den Wind.

251
Maria Morewna bestieg Kostschejs Pferd, Iwan
Zarewitsch das seine, und dann ritten sie zuerst
den Raben besuchen, dann den Adler und schließ-
lich auch den Falken. Wohin sie immer kamen,
überall wurden sie freudig empfangen: „Ach, Iwan
Zarewitsch! Wir haben schon nicht mehr gehofft,
dich wiederzusehen. Nun freilich, nicht umsonst
hast du solche Mühen bestanden: Eine solche
Schönheit wie Maria Morewna, da kann man in
der ganzen Welt suchen und wird keine zweite
finden!“ Sie blieben eine Weile, feierten und ritten
weiter in ihr Zarenreich; langten an und lebten
von nun an herrlich und in Freuden, wurden reich
und tranken Honigwein.

252
31
Iwan Zarewitsch und Blauäuglein,
die Heldenjungfrau
Das ist auf dem Meere gewesen, auf dem Ozean;
auf der Insel Kidan, da steht ein Baum, der hat
goldene Wipfel, und auf diesem Baum geht der
Kater Bajun umher; geht er nach oben, singt er
ein Lied, und geht er nach unten, erzählt er Mär-
chen. Das wäre ein Spaß und ein Vergnügen, da
zuzusehen. Das ist noch nicht das Märchen, son-
dern erst die Einleitung; das Märchen kommt erst.
Dieses Märchen wird von Morgen bis Nachmittag
dauern, bis nach dem weichen Vesperbrot. Jetzt
nun wollen wir das Märchen beginnen.
Es war in irgendeinem Zarenreich, einem frem-
den Staat, da lebte ein Zar mit seiner Zarin. Der
Zar und die Zarin hatten drei Söhne. Der älteste
Sohn hieß Fjodor Zarewitsch, der zweite Sohn
Wassili Zarewitsch, und der jüngste Sohn hieß
Iwan Zarewitsch.
Dieser Zar veranstaltete ein Fest für alle Welt.
Er hatte zu seinem Fest Fürsten und Bojaren und
kühne Recken eingeladen. „Wer von euch würde,
ihr Burschen, durch dreimal neun Länder ins
zehnte Reich reisen, zur Jungfrau Blauäuglein?
Würde von dieser Jungfrau Blauäuglein Wasser
des Lebens und den Krug mit den zwölf Schnep-
pen holen? Ich würde diesem Reiter ein halbes

253
Reich verschreiben und einen halben Edelstein.“
Bei diesem Fest versteckt sich der Große hinter
dem Mittleren, und der Mittlere versteckt sich hin-
ter dem Kleinsten, vom Kleinsten aber kommt
keine Antwort. Da tritt sein ältester Sohn Fjodor
Zarewitsch vor und sagt: „Wir haben keine Lust,
das Reich fremden Leuten zu geben. Ich will diese
Fahrt machen, diese Dinge holen und dir, Vater,
geben.“ – „Nun, liebes Kind! Möge unser eigenes
Gut uns auch zuteil werden.“ Also schön; Fjodor
Zarewitsch geht nun durch die Pferdeställe, wählt
sich ein Pferd, das noch keiner geritten, zäumt es
mit einem Zügel, der noch kein Pferd gezäumt,
nimmt eine Peitsche, die noch keiner geschwun-
gen, legt ihm zwölf Gurte und einen an, nicht des
schönen Aussehens wegen, sondern um seine
Stärke, seine Kühnheit zu zeigen. Der Zarewitsch
machte sich auf den Weg; man sah, daß er auf-
saß, aber sah nicht, in welcher Richtung er davon-
jagte. Reitet er nun nah oder fern, tief oder hoch,
zwischen Himmel und Erde, im fremden Land, –
er gelangte zu einem Berg. Den halben Berg ritt
er hoch, da liegt auf halber Höhe eine steinerne
Platte, und auf diese Platte ist eine Aufschrift ge-
schrieben, sind Kerben eingekerbt: „Drei Wege.
Auf dem ersten Weg – selber hungrig sein; auf
dem zweiten – selber satt, aber das Pferd hung-
rig, und auf dem dritten – mit einem Mädchen
schlafen.“ Da überlegt er bei sich: „Bin ich selber
hungrig, werde ich kaum lange leben; auf einem
hungrigen Pferd werde ich nicht weit kommen,
aber mit einem Mädchen schlafen, das will ich –

254
dieser Weg ist der allerbeste für mich.“ Er schlug
den Weg ein, wo stand „mit einem Mädchen
schlafen“, und gelangt auf einmal zu einem ein-
samen Haus. Da kommt ein Mädchen herausge-
rannt: „Liebster, schon komme ich, aus dem Sat-
tel heb ich dich; du sollst mit mir Brot und Salz
essen und zur Nacht schlafen.“ – „Ach, Mädchen,
Brot und Salz essen will ich nicht, und im Schlaf
kann ich meinen Weg nicht verkürzen. Ich muß
weiterreiten.“ – „Ach, Zarensohn, eile nicht zur
Weiterreise, eile zum Mahl!“
Sie führt ihn ins Schlaf gemach: „Leg du dich
an die Wand, ich will mich an den Rand legen. Dir
werde ich dann zu trinken und mir zu essen brin-
gen.“ – „Ach, schönes Mädchen, bei Christus ist
die Nacht überall gleich.“ – „Bei mir aber etwas
länger als bei den Menschen!“
Er legte sich an die Wand, sie stürzte das Bett
um, und, marsch, flog er hinab, in eine Grube
vierzig Saschen4 tief. Da sitzt er nun lange, und
es verging eine ganz hübsche Zeit.
Nun veranstaltet sein Vater zum zweitenmal ein
Fest, und wieder für alle Welt. Auch zu diesem
Fest hatte sich allerhand Publikum versammelt:
Zaren, Zarensöhne, Könige, Königssöhne – alle
hatten sich zu diesem Ball versammelt. Da sagt
dieser Zar: „Wer wohl, ihr Burschen, fände sich
unter denen, die auserwählt sind, und fände sich
unter denen, die Lust haben, in eben dieses Reich

4
Längenmaß im zaristischen Rußland =3 Arschin = 7 Fut
= 213,34 cm. (Anm. d. Übers.)

255
zu reiten, zu dieser Jungfrau Blauäuglein, diese
Dinge zu holen und mir, dem Zaren, Wasser des
Lebens zu bringen?“ Schön: unter diesem Publi-
kum versteckt sich der Große hinter dem Mittle-
ren, und der Mittlere versteckt sich hinter dem
Kleinsten, vom Kleinsten aber kommt keine Ant-
wort. Da tritt wieder ein Sohn von ihm vor, der
mittlere, Wassili Zarewitsch: „Väterchen! Ich habe
keine Lust, das Reich in fremde Hände zu geben,
aber Lust, die Dinge zu holen und in deine Hände
zu legen.“ – „Nun, liebes Kind! Unser eigenes Gut
soll uns auch wieder zuteil werden.“
Wassili Zarewitsch geht also durch die Pferde-
ställe und wählt sich ein Pferd, das noch keiner
geritten, zäumt es mit einem Zügel, der noch kein
Pferd gezäumt, und nimmt eine Peitsche, die noch
keiner geschwungen. Auch er legt ihm zwölf Gurte
und einen an, nicht wegen des schönen Ausse-
hens, sondern wegen seiner Reckenstärke, wegen
des Heldenruhms. Der Zarewitsch machte sich auf
den Weg. Man sah, daß er aufsaß, aber sah nicht,
in welcher Richtung er davonjagte.
Auch er kommt zu diesem Berge. Auf halber
Höhe liegt die Platte, und auf diese Platte ist eine
Unterschrift geschrieben, sind Kerben eingekerbt:
„Drei Wege trennen sich. Auf dem ersten Wege
reiten – selber hungrig sein; auf dem zweiten –
selber satt, aber das Pferd hungrig, und auf dem
dritten – mit einem Mädchen schlafen.“ Dorthin
wandte er sich: „Auf hungrigem Pferd kann ich
nicht weiterreiten, und selber kann ich nicht lange
weiterleben, aber mit einem Mädchen schlafen –

256
dieser Weg ist für mich der allerbeste!“ Und auch
er schlug den Weg „mit einem Mädchen schlafen“
ein und gelangt zu dem einsamen Haus. Da sagt
das Mädchen: „Der Liebste kommt, schon geh ich,
ihn aus dem Sattel heb ich. Er soll mit mir Brot
und Salz essen und zur Nacht schlafen.“ – „Aber
ich will nicht Brot und Salz essen, und ruh ich aus,
kann ich meinen Weg nicht verkürzen.“ – „Ach,
edler Held, Zarensohn, eile nicht zur Weiterreise,
eile zum Mahl!“ Da legte er sich arglos aufs Bett
schlafen. Sie aber warf auch ihn hinab: „Wer
kommt geflogen?“ – „Wassili Zarewitsch! Und wer
sitzt dort?“ – „Fjodor Zarewitsch!“ – „Nun, Brü-
derchen, wie sitzt sich’s denn?“ – „Ach, nicht übel.
Hungers läßt sie einen nicht sterben, aber satt zu
essen gibt sie einem auch nicht – ein Pfund Brot
und ein Pfund Wasser.“ – „Ach, Bruderherz, da
sitzen wir schön in der Patsche!“ – Und da sitzen
diese Helden nun, die Zarenkinder.
Jener Zar veranstaltet wieder ein Fest für alle
Welt. Er hatte zu seinem Fest Fürsten und Bojaren
und kühne Recken eingeladen. „Wer von euch
würde, ihr Burschen, durch dreimal neun Länder
ins zehnte Reich reisen, zur Jungfrau Blauäuglein?
Würde von dieser Jungfrau Blauäuglein Wasser
des Lebens und den Krug mit den zwölf Schnep-
pen holen? Ich würde diesem Reiter ein halbes
Reich verschreiben und einen halben Edelstein.“
Auf diesem Fest versteckt sich der Große hinter
dem Mittleren, und der Mittlere versteckt sich hin-
ter dem Kleinsten, vom Kleinsten aber kommt
keine Antwort.

257
Da tritt sein jüngster Sohn Iwan Zarewitsch vor
und sagt: „Wir haben keine Lust, das Reich frem-
den Leuten zu geben. Ich will diese Fahrt machen,
diese Dinge holen und dir, Vater, geben.“ – „Nun,
liebes Kind! Möge unser eigenes Gut uns auch zu-
teil werden.“
Also schön: Iwan Zarewitsch geht nun durch die
Pferdeställe, wählt sich ein Pferd, das noch keiner
geritten, zäumt es mit einem Zügel, der noch kein
Pferd gezäumt, nimmt eine Peitsche, die noch
keiner geschwungen, legt ihm zwölf Gurte und
einen an, nicht des schönen Aussehens wegen,
sondern wegen seiner Reckenstärke, wegen des
Heldenruhms. Der Zarewitsch machte sich auf den
Weg. Reitet er nun nah oder fern, tief oder hoch,
zwischen Himmel und Erde, im fremden Land, –
er gelangte zu dem Berg. Den halben Berg ritt er
hoch, da liegt auf halber Höhe die steinerne Plat-
te, und auf diese Platte ist eine Aufschrift ge-
schrieben, sind Kerben eingekerbt: „Drei Wege.
Auf dem ersten Weg – selber hungrig sein; auf
dem zweiten – selber satt, aber das Pferd hung-
rig, und auf dem dritten – mit einem Mädchen
schlafen.“
Er schlug den Weg ein, wo stand „selber hung-
rig sein“. Und er kommt zu einem einsamen Haus.
Steht da ein Haus, eine Hütte, auf einem Hühner-
bein, auf einer Hundepfote. „Diese Hütte – zum
Wald mit der Hinterseit und zu mir mit der Vor-
derseit!“ Die Hütte drehte sich zum Wald mit der
Hinterseite und zu ihm mit der Vorderseite. Er
ging hinein, da sitzt dort ein steinaltes Weib, eine

258
Baba-Jagá, brüht Seide und wirft die Fäden über
einen Querbalken. „Ach“, sagt sie, „lange hab ich
kein Menschenfleisch zu sehen gekriegt: jetzt ist
es von selbst zu mir gekommen. Ich will diesen
Menschen braten, er soll die weite Welt nicht wie-
dersehen.“ – „Ach, du alte Baba-Jagá, du Einbein,
hast den Vogel noch nicht gefangen und rupfst
ihn, hast den Burschen noch nicht erkannt und
beschimpfst ihn. Du solltest sogleich aufspringen,
dem edlen Helden, dem Wandersmann, zu essen
geben und für die Nacht ein Lager bereiten; ich
lege mich zur Ruhe nieder, und du könntest dich
zu mir ans Kopfende setzen, könntest fragen, und
ich würde erzählen, wer bist du und woher, lieber
Mann? Wie heißt du?“ Da machte die Alte alles so,
gab ihm zu essen, wie es sich gehört, setzte sich
ans Kopfende und begann zu fragen, und er be-
gann zu erzählen. „Wer bist du, mein Lieber, und
woher, und wie heißt du? Aus welchem Lande bist
du, und aus welchem Stamm, und welchen Va-
ters, welcher Mutter Sohn?“ – „Ich bin, Großmüt-
terchen, aus dem und dem Zarenreich, einem fer-
nen Land, der Zarensohn Iwan Zarewitsch bin ich.
Ich bin ausgezogen, durch dreimal neun Länder
und dreimal neun Seen zu reiten, in ein fernes
Reich zur Jungfrau Blauäuglein, Wasser des Le-
bens und der Jugend zu holen; ich bin ein Send-
bote meines Vater.“ – „Nun, mein liebes Kind! –
Eben diese starke Heldenjungfrau ist meine Nich-
te, meines Bruders Tochter; ich weiß nicht, ob du
dieses Gut bekommst, mein Lieber.“ Am nächsten
Morgen stand er in aller Frühe auf und wusch sich

259
aufs gründlichste. Verneigte sich nach allen vier
Himmelsrichtungen und dankte ihr für das Nacht-
lager.
„Es braucht keinen Dank, Iwan Zarewitsch! Je-
dem steht ein Nachtlager zu, dem Fußwanderer
wie dem Reiter, dem Armen wie dem Reichen, al-
len Menschen, aber reite auf meinem Pferd weiter.
Mein Pferd ist größer und meine Keule schwerer.“
Da ließ er sein Pferd bei der Alten und ritt auf
ihrem Pferd weiter. Dieses Pferd ist tüchtiger,
läuft schneller als seines. Er zieht dahin, ob nah,
ob fern. Nicht so bald ist eine Tat getan, nicht so
bald ein Märchen erzählt, und er reitet immer wei-
ter. Der Tag neigte sich schon zur Nacht, da sah
er vor sich ein Haus stehen, eine Hütte auf Hüh-
nerbeinen, auf einer Hundepfote. „Ach, du Hütte
auf Hühnerbeinen! Dreh dich zum Wald mit der
Hinterseit und zu mir mit der Vorderseit; ich will
keine Ewigkeit bleiben, nur eine dunkle Nacht
übernachten. Wie ich in diese Hütte hineinkomme,
so auch wieder heraus, wie ich hineinreite, so
auch wieder heraus.“ Da drehte sich die Hütte
zum Wald mit der Hinterseite und zu ihm mit der
Vorderseite, und er ritt hin. Plötzlich bekam ein
anderes Pferd Witterung und begann zu wiehern,
seines aber ließ sich noch lauter vernehmen, denn
sie waren aus einer Herde. Das hörte die Alte in
der Hütte. „Da ist wohl meine Schwester zu Be-
such gekommen.“ Sie kam heraus. „Nicht deine
Schwester ist gekommen, ein schöner Held ist ge-
kommen.“ – „Kommt bitte herein in die Stube.“
Sie versorgte das Pferd und forderte ihn auf, he-

260
reinzukommen. Man begrüßt nach dem Gewand,
aber verabschiedet nach dem Verstand. Was sich
im Hause fand, das nahm sie und gab ihm zu es-
sen, bereitete für die Nacht auch ein Lager und
setzte sich ans Kopfende. „Wer bist du, lieber
Mann? Wer und woher, und wie heißt du?“ – „Ich
bin ausgezogen zur Jungfrau Blauäuglein, Wasser
des Lebens und der Jugend zu holen. Und ich muß
bei ihr den Krug mit den zwölf Schneppen voll
Wasser des Lebens und der Jugend holen.“ – „Na,
ich weiß nicht, mein Lieber, wie du das bekom-
men willst. Sie ist die stärkste Heldenjungfrau. Sie
ist meine Nichte, meines Bruders Tochter. Aber je
weiter man in den Wald hineinfährt, um so mehr
Holz schlägt man. Ich habe eine große Schwester,
dorthin sollst du fahren, bei mir aber übernach-
ten.“ Er übernachtete also bei der Alten. Am
nächsten Morgen steht er in aller Frühe auf,
wäscht sich aufs gründlichste und verneigt sich
nach allen vier Himmelsrichtungen. „Ach, es
braucht doch keinen Dank, Iwan Zarewitsch! Ein
Nachtlager führt und trägt man nicht mit sich her-
um, überall steht einem ein Nachtlager zu, dem
Fußwanderer wie dem Reiter; laß der Schwester
Pferd bei mir und nimm mein Pferd; mein Pferd ist
noch geschwinder, und meine Keule noch schwe-
rer.“ Da machte er sich sogleich auf den Weg und
sieht, ob es weit ist. Die ganze Strecke durchreitet
er schnell, Tag und Nacht unterwegs. Er kam zu
einem Haus. „Ach, Hütte! Kehre dich zum Wald
mit der Hinterseit und zu mir mit der Vorderseit.
Ich will keine Ewigkeit bleiben, sondern eine

261
Nacht übernachten.“ Er ritt zu dieser Hütte, wie-
der bekam ein Pferd Witterung und begann zu
wiehern, seines aber ließ sich noch lauter ver-
nehmen. Das hörte die Alte. „Da ist wohl die
Schwester zu Besuch gekommen!“ Sie sah nach –
es ist ihr Pferd, der Reiter aber ist ein Fremdling,
und sie kennt ihn nicht. Nun, sie sagt also:
„Kommt bitte herein in meine Stube. Man begrüßt
Euch nach Eurem Gewand und verabschiedet Euch
nach Eurem Verstand.“ Und es trug sich bei ihr
das folgende zu: Sie gab dem Manne zu trinken
und zu essen und bereitete ihm ein Lager. „Wer
bist du, lieber Mann, und woher?“ – „Ich bin Iwan
Zarewitsch; ich will durch dreimal neun Länder
reiten, und ich reite durch dreimal neun Seen, rei-
te ins dreimal zehnte Reich, und ich brauche Was-
ser des Lebens und den Krug mit zwölf Schnep-
pen.“ – „Aber wie nur, mein liebes Kind!? Rings
um ihr Reich ist eine Mauer, drei Saschen hoch
und einen Saschen breit, und eine Wache von
dreißig Heldenjungfrauen, die lassen dich nicht
zum Tor hinein. Du mußt aber mitten in der Nacht
reiten und auf meinem Pferd – mein Pferd springt
über die Mauer hinweg, zur Nachtzeit und in der
ersten Nachtstunde. Den heutigen Tag laß noch
verstreichen, heute Nacht aber mach dich hin-
über!“ Und sie unterweist ihn wie folgt: „Nimm
das Wasser an der und der Stelle, unter der und
der Nummer, und wenn du ins Schlafgemach
kommst, so schlafen sie; es sind ihrer dreizehn
Heldenjungfrauen, auf der einen Seite von ihr
sechs, und auf der anderen Seite sechs. Alle se-

262
hen gleich aus und sind gleich groß.“ Er setzte
sich also auf ihr wackeres Pferd und ritt los als es
schon Nacht war. Das Pferd sprengt dahin, Moore
und Sümpfe überspringt es, Flüsse und Seen fegt
es mit dem Schwanz zu. Das war eine Sache, da
gab es kein großes Federlesen. Diese Strecke leg-
te er ohne Aufenthalt zurück. Er kam zur Stadt,
das Pferd sprang, ohne zu fragen, hinüber und
setzte über die Mauer. Er fand die Dinge sogleich
an der und der Stelle, unter der und der Nummer,
drang weiter ein und wollte noch sie selbst sehen.
Er kommt ins Schlafgemach. Sie schlafen. Auf der
einen Seite sechs, auf der anderen sechs, und sie
hat Arme und Beine weit von sich gestreckt. Da
tränkte er sein Roß in ihrem Brunnen, den Brun-
nen aber deckte er nicht wieder zu, sondern ließ
das Gewand, wie es war. Er muß reiten. Doch das
Pferd hatte etwas gemerkt und sprach mit Men-
schenstimme: „Du hast gesündigt, Iwan Zare-
witsch; ich kann jetzt die Mauer nicht übersprin-
gen.“ Er schlug das Pferd gegen die Rippen: „Ach,
du Pferd, du Wolfsrachen, du Krautsack! Wir kön-
nen hier nicht bleiben in diesem Reich.“ Da mach-
te das Pferd einen Satz und streifte mit dem Huf-
eisen des linken Hinterbeins die Mauer. An der
Mauer begannen Saiten zu klingen und Glocken zu
läuten, da begannen sofort Wölfe zu heulen, und
durch das ganze Reich lief der Ruf: „Auf! Heute ist
bei unserer Heldenjungfrau ein großer Diebstahl
geschehen!“ Die Jungfrau Blauäuglein selbst
machte sich mit ihren zwölf Heldenjungfrauen an
die Verfolgung. Sie kommt zur einen Hütte, da-

263
nach zur anderen. Er hatte das Pferd gewechselt,
sie aber ritt ohne zu füttern. „Großmütterchen,
hast du nicht den Hundesohn gesehen, diesen
Lümmel?!“ – „Nein“, sagt die Alte, „habe ihn nicht
gesehen. Iwan Zarewitsch ist vorbeigeritten, im
ganzen Reich gibt es unter der Sonne keinen, der
ihm gleicht – die Sonne ist am Himmel, er auf der
Erde. Kehrt bitte um.“ – „Es ist mir nicht leid, daß
er sein Roß getränkt hat, aber es kränkt mich,
daß er den Brunnen nicht bedeckt hat!“ Plötzlich
kam er zu der anderen Alten. Er bestieg das
Pferd. Er ist vom Hof herunter – da kommt die
Heldenjungfrau auf den Hof. „Großmütterchen,
hast du niemanden gesehen?“ – „Nein, ein Held
ist vorbeigeritten, doch schon lange, ein schöner
Held – die Sonne ist am Himmel, er auf der Erde.“
Nun, er ging zu seinem Pferd und saß auf. Da er-
blickte sie ihn; wie sie immer näher kam, kniete
er nieder und bittet um Verzeihung. Die Helden-
jungfrauen schicken sich an, auf ihn loszureiten
und ihm den Kopf abzuschlagen. Sie antwortete,
daß das Schwert kein demütiges Haupt schlägt.
Steigt selbst vom Pferd und nimmt ihn an seinen
weißen Händen und hebt ihn von der Erde auf.
Nun schlugen sie hier, auf freiem Feld, unter dem
weiten Himmel, auf den grünen Wiesen, auf seidi-
gen Gräsern ein Zelt aus weißem Leinen auf. Da
feierten und tanzten sie in diesem Zelt drei Tage
und drei Nächte hintereinander. Hier gelobten sie
sich Treue und wechselten die Ringe. „In drei Jah-
ren komme ich zu dir, mein Reich werde ich auflö-
sen.“ Sie antwortete ihm: „Zieh du nun nach Hau-

264
se und kehre nirgends ein!“ Nun kam er in seine
Gegend, an diese Wegscheide, an die gleichen
Wege und denkt: „So ist es schön, ich reite heim,
und meine Brüder sitzen irgendwo gefangen und
verfaulen für nichts und wieder nichts.“ Da bog er
vom Wege ab, sie zu suchen, und kam zu dem
Haus. Sie sprang heraus und sagt: „Oh, Iwan Za-
rewitsch! Schon lange erwarte ich dich, sollst Brot
und Salz kosten.“ – „Ich will nichts kosten und
nichts essen.“ – „Komm, ich helfe dir aus dem
Sattel.“ – „Ich habe schon bessere als dich gese-
hen.“ Sie führte ihn hinein. Er legte sie aufs Bett
und stieß sie hinunter. „Wer ist dort noch am Le-
ben?“ Sie piepsten wie zwei Mücken: „Wir sind
noch am Leben, Fjodor Zarewitsch und Wassili
Zarewitsch.“ Er suchte bei ihr einige Stricke zu-
sammen und holte sie heraus. Und sie traten vor
die Wand. Die Spiegel an der Wand aber began-
nen, sich mit Erde zu überziehen. „Wozu wollen
wir die Leute erschrecken? Sind schon arg
schwarz geworden.“ Er wusch sie mit Wasser des
Lebens, sie wurden wie früher, verwandelten sich.
Also schön, er saß sogleich auf und ritt los, sie
aber gingen zu Fuß: sie hatten keine Pferde. Er
kam an die Wegscheide. „Brüder, bewacht ihr
meine Sachen und das Pferd, ich will ein wenig
ruhen.“ Er legte sich also hin und versank in einen
tiefen Schlaf. Da sagt Fjodor Zarewitsch: „Was
denkst du, Wassili Zarewitsch?“ – „Daß wir in ih-
rem Keller hätten verfaulen müssen, wenn uns
der Bruder nicht herausgezogen hätte. Uns wird
der Vater ohne die Sachen kaum viel Ehre geben,

265
er wird uns zu Hirten machen. Komm, wir wollen
ihn in ein Loch werfen und seine Sachen neh-
men!“ Und sie warfen ihn hinab. Da flog er hinun-
ter, drei Tage und drei Nächte. Kam unten an und
schlug sich die Beine auf. An einer Meeresküste
kam er wieder zu sich. An diesem Meer gab es nur
einen alten Eichenwald und kleine Fichten. Nur
Himmel und Wasser. Da steigt ein Wetter auf, ein
Gottessegen, aus dem Meer und vom Himmel. Die
Jungen des Vogels Nagaj piepsen, und der Regen
peitscht sie. Da zog er kurzerhand seinen Mantel
aus, deckte des Vogels Nagaj Junge zu und stellte
sich selbst vor dem Regen unter eine Eiche. Als
das Wetter vorbei ist, kommt der Vogel Nagaj ge-
flogen. In allen Tonarten: „Hat euch das Wetter
nicht erschlagen, ein Unglück gebracht?“ – „Schrei
nicht so, Mutter! Uns hat ein russischer Mann be-
schützt. Sei still, weck ihn nicht auf.“ – „Weswe-
gen bist du hierhergekommen, lieber Mann?“ –
„Mich haben meine Brüder verraten, leibliche Brü-
der, aber schlimmer als Fremde.“ – „Was willst du
haben für deine Mühe? Du hast meine Jungen be-
schützt. Gold, Silber, Edelstein?“ – „Ich brauche
nichts, Vogel Nagaj, kein Gold, kein Silber, keinen
Edelstein. Doch kann ich nicht wieder in meine
Heimat gelangen?“ – „Da brauche ich zwei Botti-
che und an die zwölf Pud Rindfleisch.“ Er war ein
wohlhabender Mann, ging zu den Fischern und
Jägern ans Ufer hinunter und kaufte eine Menge
Gänse, Schwäne und Grauenten. Die brachten sie,
stellten dem Vogel den einen Bottich auf die rech-
te Schulter, den anderen auf die linke, er selbst

266
setzte sich in die Mitte, begann das Füttern, und
der Vogel zog in großer Höhe dahin. Er gab ihm,
was in dem einen Bottich war, dann fütterte er
aus dem zweiten. Gibt und gibt – und der ganze
Vorrat wurde alle. Der Vogel aber dreht sich um.
Er schnitt sich Finger und Zehen ab und gab sie
hin. Sie kamen an. „Steig herunter, Iwan Zare-
witsch!“ – „Ich kann nicht herunter: habe meine
Finger und Zehen abgeschnitten.“ – „Habe nicht
gewußt, daß das dein Fleisch war. Hätte dich ganz
aufgefressen.“ Der Vogel spie alles wieder aus
und machte sich auf den Rückweg. Iwan strich
Wasser des Lebens und der Jugend darauf, er hat-
te ein Fläschchen für unterwegs bei sich. Er sieht
nach, die Brüder sind nicht mehr da. Zu Fuß kam
er in seines Vaters Reich. Aber Vater und Mutter
wollen von ihm nichts wissen. Wie früher war da
ein Kaufmannshandel, ein Branntweinladen. Er
trinkt die ganze Zeit. Hörte, daß der Vater das
Reich noch niemandem vermacht, die Sachen
aber bekommen hat. Das war sogleich vorbei. Die
Jungfrau Blauäuglein nämlich kam in dieses Reich
gezogen. Drei Werst entfernt, auf freiem Felde,
unter dem weiten Himmel, auf den grünen Wie-
sen, auf seidigen Gräsern schlug sie ein Zelt aus
weißem Leinen auf. Von diesem Zelt bis zum Za-
renschloß baute sie eine drei Werst lange Brücke
aus Ahorn: die Spitzen gedrechselt, das Geländer
vergoldet. Auf diesen Spitzen sangen Vögel mit
verschiedenen Stimmen. Und den Boden überzog
sie mit kostbarem Tuch. Um acht Uhr morgens
nun bekommt der Zar eine Aufforderung: „Eure

267
Kaiserliche Majestät! Liefert am heutigen Tag den
Schuldigen aus, findest du aber den Schuldigen
nicht, komme ich in Euer Reich, reiße dir bei le-
bendigem Leibe die Augen aus und nehme sie mit
nach Hause.“ Er liest die Aufforderung und jam-
mert. „Nun reit schon, Fjodor Zarewitsch! Du bist
sicherlich schuldig, bist lange unterwegs gewe-
sen.“ Der zieht nun los, Fjodor Zarewitsch, zu Fuß
über diese Brücke. Bei der Jungfrau aber tummeln
sich zwei Knaben in der Nähe des Zeltes – ihre
eigenen. „Mutter, Mutter! Unser Vater ist auf dem
Wege nach hier.“ – „Auf welcher Seite?“ – „Rech-
terhand von der Brücke.“ – „Sowie ihr ihn gepackt
habt, prügelt ihn durch!“ Die Kinder walkten ihn
so durch, daß er nach Hause kam und dem Vater
nichts sagte. Am zweiten Tag kommt wieder eine
Aufforderung. „Liefert am heutigen Tag nun den
Schuldigen aus. Gebt Ihr ihn nicht her, komme ich
selbst und führe Euch in die Gefangenschaft.“ Da
sagt er: „Geh du, sicherlich bist du schuldig, Was-
sili Zarewitsch!“ Wassili Zarewitsch ging. Und wie-
der die Kinder: „Mutter, Mutter! Zu uns kommt
wieder ein Vater.“ – „Auf welcher Seite?“ – “Lin-
kerhand.“ (Auch er traute sich nicht, über die
Brücke zu gehen.) „Packt ihn und prügelt ihn noch
derber als den ersten durch!“ Sie walkten ihn
durch, daß es eine Art hatte. Auch er ging zurück
zum Vater; und zwar auf der Stelle, und be-
schwert sich über niemanden. Also schön: am
dritten Tag kommt wieder eine Aufforderung.
„Nun geht, sucht den Trunkenbold, meinen dritten
Sohn.“ Der ging auf der Stelle. Als Begleitung

268
nahm er zwölf Mann mit, Betrunkene aus einer
Teestube. Sie zerbrechen die Brücke, zerreißen
den Stoff und lassen hinter sich eine leere Straße
zurück. Die Jungen: „Irgendein Strauchdieb
kommt mit seinen zwölf Gesellen. Sie zerbrechen
die Brücke, zerreißen den Stoff und teilen ihn un-
ter sich.“ Sie aber sagt: „Das ist euer Vater mit
seinen Gesellen. Nehmt einen Edelstein, Speise
und Trank und geht, euren Vater begrüßen.“ Sie
trat selbst zur Begrüßung heraus und empfing sie.
Die Kameraden erhielten jeder ein Gläschen, dann
machten sie sich auf den Heimweg. Darauf wand-
te sie sich an den Zaren: „Die zwei hier haben ihn
verraten, haben ihn ins untere Reich gestoßen. Er
hat drei Jahre dort leiden müssen.“
Alles war reichlich vorhanden in diesem Zaren-
reich. Sie wurden getraut. Alle tranken auf diesem
Fest. Und er setzte ihn auch auf den Zarenthron.
Und er bestieg nun den väterlichen Thron, seinen
Brüdern aber erwies er wenig Ehre. Man ließ sie
laufen, sich ein Nachtlager zu suchen. Hier eine
Nacht, dort zwei, die dritte Nacht aber durften sie
nicht bleiben. – Was ich wußte, hab ich erzählt.
Schluß der Geschicht’, besser kann ich’s nicht.

269
32
Iwan Zarewitsch und die schöne Maria
mit dem schwarzen Zopf
In irgendeinem Zarenreich war es, in irgendeinem
Staat war es, nicht in unserem Königreich war es.
Das ist noch nicht das Märchen, das ist erst die
Einleitung; das Märchen wird morgen Nachmittag
erzählt, nach dem weichen Vesperbrot, und noch
‘ne Pirogge essen wir dann und packen den Stier
bei den Hörnern an.
Es lebte einmal ein Zar Iwan Wassiljewitsch,
der hatte einen großen Sohn Wassili Zarewitsch
und einen zweiten Sohn Mitri Zarewitsch; und der
jüngste Sohn war Iwan Zarewitsch. Nun war Was-
sili Zarewitsch in das Alter gekommen und der Zar
dachte ihn zu verheiraten, und sie konnten lange
Zeit keine Braut finden. Bald finden sie eine Braut
– Vater und Mutter ist sie recht, ihm gefällt sie
nicht; bald findet er eine Braut für sich – aber Va-
ter und Mutter mögen sie nicht. Einmal nun ist
Wassili Zarewitsch unterwegs, auf einer breiten
Straße, da begegnet ihm ein altes Weib mit ‘nem
dicken Leib, die sagt zu Wassili Zarewitsch:
„Ich habe für dich eine Braut gefunden, Wassili
Zarewitsch!“
Er aber sagt zu ihr:
„Wo hast du sie denn gefunden, Großmütter-
chen?“

270
„Dort der General da hat eine Tochter, die müßt
Ihr zur Frau nehmen.“
Wassili Zarewitsch kommt zu seinem Vater und
sagt:
„Vater, ich habe eine Braut gefunden, die Toch-
ter von dem und dem General.“
Der Vater sagt ihm, er möge sie zur Frau neh-
men. Bei dem Zaren brauchte kein Bier gebraut
und brauchte kein Wein gebrannt zu werden. Es
war genug gebrautes Bier und genug gebrannter
Wein da, und man fuhr sie zur Trauung. Nach der
Trauung brachte man sie zurück und legte sie
aufs Hochzeitslager. Aber aufs Lager legte er sich
nicht mit ihr, ins freie Feld floh er von ihr, und
dort reitet er jetzt auf seinem Pferd.
Vater und Mutter merkten plötzlich, daß Wassili
Zarewitsch nicht im Hause war, und wußten nicht,
wo sie ihn suchen sollten.
Iwan Zarewitsch fragt seinen Vater:
„Vater, was für eine Frau ist das bei uns?“
Der Zar antwortet ihm:
„Das ist eure Schwägerin.“
„Und wo ist denn ihr Mann?“
„Fortgeritten ins freie Feld, schon lange, und
jetzt ist er nicht da.“
Da sagt Iwan Zarewitsch:
„Vater, gebt mir Euren Segen, ich will reiten
und meinen Bruder Wassili Zarewitsch suchen.“
„Gott gibt dir seinen Segen“, sagte der Zar. „Du
wirst mir also einmal kein Ernährer sein!“
Da sattelte sich Iwan Zarewitsch ein tüchtiges
Pferd und ritt ins freie Feld, in die wilde Steppe,

271
seinen Bruder Wassili Zarewitsch zu suchen. Auf
freiem Feld, in der wilden Steppe, stand ein wei-
ßes Zelt. Im Zelt schlief Wassili Zarewitsch. Iwan
Zarewitsch ritt zu dem weißen Zelt, Iwan Zare-
witsch betrat das weiße Zelt und wollte ihn im
Schlaf erschlagen (er weiß nicht, wer es ist) und
denkt bei sich: „Wozu soll ich ihn im Schlaf er-
schlagen wie einen Toten! Nicht Ehre noch Ruhm
bringt das mir wackerem Helden; ich will ihn lie-
ber aus dem Schlaf aufwecken und ihn genau be-
fragen: wer er ist, woher, und wohin der Weg ihn
führt.“
Wassili Zarewitsch erwachte und fragte:
„Woher bist du, edler Held?“
„Aus dem und dem Zarenreich, des und des Va-
ters und der und der Mutter Sohn.“
„Und was willst du?“
„Ich will erfahren, wo ich meinen Bruder Wassili
Zarewitsch finden kann.“
Wassili Zarewitsch sagte zu ihm:
„Wer bist du?“
„Ich bin Iwan Zarewitsch.“
„Unser Iwan Zarewitsch“, sagte Wassili Zare-
witsch, „ist drei Jahre alt und schaukelt in der
Wiege.“
Antwortete Iwan Zarewitsch:
„Er schaukelt jetzt nicht in der Wiege, sondern
streift auf dem Pferd durch die wilde Steppe und
will seinen Bruder Wassili Zarewitsch finden.“
Und Wassili Zarewitsch sagte:
„Ich selbst bin’s!“

272
Da bestiegen sie ihre wackeren Pferde und rit-
ten auf gut Glück los.
Sie ritten in die grünen Wiesen, – nun, ein Mär-
chen ist bald erzählt, aber eine Tat ist nicht bald
getan. Sie ritten sehr weit. Sie selbst waren schon
müde geworden auf den Pferden, und ihre Pferde
waren matt, und ihre seidenen Peitschen hatten
sie schon ganz in Fetzen geschlagen. Da sagte der
ältere Bruder Wassili Zarewitsch:
„Weißt du was, Bruder, wir wollen etwas rasten
und die Pferde füttern!“
Iwan Zarewitsch sagte zu ihm:
„Was du für richtig hältst, Bruder, das tu auch!“
Sie stiegen von ihren wackeren Pferden und lie-
ßen sie auf den grünen Wiesen grasen. Wassili
Zarewitsch sagte:
„Leg dich hin und ruh dich aus, Bruder Iwan Za-
rewitsch, ich will über die grünen Wiesen gehen,
ob ich nicht einen Hasen finde; den schieße ich,
bringe ihn dir, und wir braten ihn.“
Und Iwan Zarewitsch sagte:
„Geh mit Gott, Bruder!“
Und Wassili Zarewitsch zog auf gut Glück los.
Und er kommt zum großen, großen blauen Meer,
und dort steht eine Hütte. Wassili Zarewitsch
betrat die Hütte. Sah hinein: in der Hütte sitzt ei-
ne schöne Jungfrau, sitzt da, weint bitterlich, und
vor ihr steht ein Sarg. Wassili Zarewitsch sagte:
„Warum weinst du, schöne Jungfrau?“
„Wie sollte ich nicht weinen, Wassili Zare-
witsch? Die letzte Stunde bin ich auf der weiten

273
Welt. Gleich kommt aus dem Meer der Drache ge-
krochen und frißt mich.“
Wassili Zarewitsch sagte zu ihr:
„Weine nicht, schöne Jungfrau, bleib nur ich am
Leben, wirst auch du am Leben bleiben!“
Wassili Zarewitsch legte sich auf ihre Knie und
sagte:
„Kraule mich ein wenig, schöne Jungfrau!“
Sie begann ihn zu kraulen, und er versank in
einen festen Schlaf. Da türmten sich im blauen
Meer gewaltige Wellen, und ein schrecklicher Dra-
che tauchte empor, mit einem Kopf wie ein
Waschkessel, kriecht aus dem Meer und will die
schöne Jungfrau fressen. Sie rüttelt ihn aus aller
Kraft:
„Wassili Zarewitsch, wach auf! Der schreckliche
Drache frißt uns beide!“
Wassili Zarewitsch schläft und merkt nichts. Da
fällt der schönen Jungfrau aus dem rechten Auge
eine heiße Träne, und die heiße Träne fiel Wassili
Zarewitsch auf sein weißes Antlitz und brannte
wie Feuer. Und Wassili Zarewitsch erwachte und
sieht, daß der schreckliche Drache gekrochen
kommt; er zog seinen scharfen Säbel, schwang
ihn gegen den Hals und schlug dem Drachen den
scheußlichen Kopf ab. Den Rumpf packte er und
warf ihn ins Meer, den scheußlichen Kopf aber
legte er unter einen Stein.
Und Wassili Zarewitsch sagte zu der schönen
Jungfrau:
„Seht Ihr, ich bin am Leben, und Ihr seid am
Leben!“

274
„Dank, Wassili Zarewitsch; ich will für ewig dei-
ne Frau sein!“
Wassili Zarewitsch machte sich auf den Weg zu
seinem Bruder, zu Iwan Zarewitsch. Kommt hin
und bringt nichts mit.
„Hab nichts gefunden, Bruder.“
Diese schöne Jungfrau aber stammte aus einem
fremden Zarenreich. Jede Nacht wurde von dort
eine andere an diese Stelle gebracht. Der fremde
Zar hatte einen Hofnarren, und der Zar schickt
den Narren, in der Hütte nach dem Rechten zu
sehen. Der Narr spannte ein dreibeiniges Pferd
vor ein klappriges Wägelchen, legte ein Faß dar-
auf und fuhr zum Meer, Wasser zu holen. Er
betritt die Hütte – da sitzt die schöne Jungfrau
quicklebendig da. Er nun, der Narr, nahm sie auf
seine Arme, setzte sie auf das Faß und fuhr sie
nach Hause. Und der Narr sagte zum Zaren:
„Ich“, sagt er, „habe Euren Drachen erschla-
gen!“
Der Zar freute sich sehr und gab ihm seine
Tochter (die er zurückgebracht hatte) zur Frau.
Das war vielleicht ein Fest! Die Türen standen
weit offen, und die Schenken hatten alle geöffnet.
Wein gab es fässerweise zu trinken. Und auf dem
Fest war es lustig und wurde getanzt wie noch
nie. Nun lebte der Narr mit ihr, wurde reich und
vergaß die schlechten Zeiten. Wassili Zarewitsch
aber und Iwan Zarewitsch bestiegen ihre wacke-
ren Pferde und machten sich auf den Weg in das
fremde Reich, wo dieses Fest ist. Sie kommen

275
zum Zaren. Der Zar begrüßt sie und erweist ihnen
alle Ehre, und Wassili Zarewitsch sagte:
„Was ist das für ein Fest bei dir, Zar?“
Antwortet ihm der Zar:
„Ich verheirate meine Tochter.“
Wassili Zarewitsch sagte:
„Und zwar mit wem?“
„Mit dem Hofnarren.“
„Und aus welchem Grunde?“
„Er hat sie vom Tode bewahrt.“
Und der Zar erzählte ihm die Geschichte, daß
sie jede Nacht einen Menschen dorthin gebracht
hatten, der gefressen wurde. Sie hatten die Toch-
ter hingebracht, die sollte aufgefressen werden,
die Narrenfratze aber war nach Wasser ans Meer
gefahren und hatte dem Drachen den Kopf abge-
schlagen und die Tochter lebendig zurückge-
bracht. Da hatten sie sie kurzerhand mit ihm ver-
heiratet. Wassili Zarewitsch sagt:
„Fremder Zar, man müßte sich diesen toten
Drachen einmal ansehen. Ruft Euren Schwieger-
sohn; er soll ihn uns zeigen, wo er liegt.“
Der Narr wurde gerufen.
„Komm mal, Narr, komm mit uns“, sagte Was-
sili Zarewitsch, „zeig, wo der Drache liegt!“
Er war sehr traurig, daß der Narr bei seiner
Auserwählten liegt.
Der Narr führt sie zum Meer und sagt:
„Hier liegt er.“
Wassili Zarewitsch sagt:
„Bringt mal Schleppnetze und ein paar ge-
schickte Leute herbei! Wer kann mit dem

276
Schleppnetz fangen und das Meer entlang wa-
ten?“
Es fanden sich geschickte Leute, sie warfen die
seidenen Schleppnetze aus – aber an der Stelle
war nichts. Er aber, der Narrenkerl, sah nieman-
den an.
Wassili Zarewitsch sagt:
„Ihr Herren Fischer! Werft die Netze hier aus!“
Sie warfen die Schleppnetze aus und zogen das
fürchterliche Ungeheuer heraus – den Rumpf. Und
Wassili Zarewitsch sagte:
„Nun sag doch mal, Narr, wo ist sein Kopf?“
Der weiß nicht, was er antworten soll.
„Hier, Narr ist der Kopf: unter dem Stein.“
Der Narr geht zu dem Stein und kann ihn nicht
von der Stelle rücken.
Wassili Zarewitsch sagte:
„Du hast verspielt, Narr: nicht du hast den Dra-
chen erschlagen!“
Wassili Zarewitsch hob den Stein in die Höhe
und zog den Kopf hervor und sagte zu dem frem-
den Zaren:
„Ich habe Euren Drachen umgebracht!“
Der fremde Zar entblößte seinen scharfen Säbel
und schlug dem Narren das freche Haupt ab, weil
er gelogen hatte, seine Tochter aber traute er
Wassili Zarewitsch an. Da wurde getrunken und
gefeiert, da waren sie lustig und ließen es sich ei-
ne Zeitlang gut sein. Und Iwan Zarewitsch sagte
zu seinem Bruder Wassili Zarewitsch:
„Ich gratuliere dir zum Ehestand! Du hast eine
Braut gefunden, wo soll ich aber eine suchen? Ich

277
muß wohl durch die weite Welt fahren, die mir
Bestimmte zu suchen.“ Sie setzten sich an den
Tisch, um Tee zu trinken, und als der Abend kam,
legten sie sich in verschiedenen Zimmern zur Ru-
he. Wassili Zarewitsch fragt seine junge Frau:
„Wie ist das, gibt’s auf dieser Welt jemanden,
der schöner ist als du und tapferer als ich?“
Die schöne Jungfrau sagte zu ihm:
„Was ist schon meine Schönheit! Hinter dreimal
neun Ländern, im zehnten Reich wohnt die schöne
Maria mit dem schwarzen Zopf, die ist einzig
schön: nur sie zu bekommen ist schwer. Dort ist
noch der Recke Karka, groß und breit wie ein
Heuschober. Weiß nicht, wer von euch stärker
ist.“
Wassili Zarewitsch sagte zu seinem Bruder
Iwan Zarewitsch:
„Dort, Bruder, haben wir dir eine Braut be-
stimmt.“
Iwan Zarewitsch nahm Abschied von ihnen und
machte sich auf seinen weiten Weg. Er nahm ein
scharfes Messer in die Hände und sagt:
„Wenn sich dieses scharfe Messer mit Blut
überzieht, dann bin ich nicht mehr am Leben.“
Und ritt ins freie Feld, in die wilde Steppe, die
für ihn Bestimmte zu suchen. Ritt er nun lange
oder kurze Zeit, jedenfalls steht da auf einmal ei-
ne Hütte, dreht sich auf einem Hühnerbein:
„Hütte, Hütte! Stell dich zu mir mit der Vorder-
seit, zum Wald mit der Hinterseit!“
Die Hütte stellte sich zu ihm mit der Vorderseite
und zum Wald mit der Hinterseite. Drin liegt eine

278
Hexe, eine Baba-Jagá, hat die Beine in die Ecken
gestemmt und ihre schreckliche große eiserne Na-
se gegen die Decke gestemmt.
„Na, Iwan Zarewitsch, fliehst du vor etwas,
oder suchst du etwas?“
Iwan Zarewitsch antwortet ihr:
„Ich fliehe nicht vor etwas, aber um so mehr
suche ich etwas: Ich bin auf dem Wege durch
dreimal neun Länder, ins dreimal zehnte Reich,
die schöne Maria mit dem schwarzen Zopf zu fin-
den.“
„Och“, sagt die Baba-Jagá, „es ist schwer, sie
zu bekommen, und schwer, sie zu gewinnen! Sie
ist sehr weit weg. Reite noch so viel und noch
halbsoviel und noch viertelsoviel.“
Iwan Zarewitsch bestieg sein wackeres Pferd
und ritt los. Ritt und ritt und kam an einen riesi-
gen Wald und hatte argen Hunger. Da steht eine
riesengroße Eiche, und auf der Eiche summen laut
die Bienen. Er stieg von seinem wackeren Pferd,
kletterte auf die grüne Eiche und wollte etwas Ho-
nig essen. Da sagt die Bienenmutter:
„Rühr meinen Honig nicht an, Iwan Zarewitsch:
ich werde dir noch einmal nützlich sein!“
Iwan Zarewitsch verließ sich so sehr auf ihre
Worte, daß er von der Eiche auf die kühle Erde
herabsprang; er bestieg sein wackeres Pferd und
ritt weiter, wohin sein Weg ihn führt. Er kann
nicht mehr auf dem Pferde sitzen: hat tüchtigen
Hunger. Da kommt eine Maus gerannt. Iwan Za-
rewitsch springt von seinem wackeren Pferd,

279
packt zu und will sie essen. Die Maus sagt zu
Iwan Zarewitsch:
„Iß mich nicht: ich werde dir noch einmal nütz-
lich sein!“
Iwan Zarewitsch ließ sie laufen und ritt weiter.
An einer großen Straße ist eine kleine Wasserla-
che, darin kriecht ein Krebs herum. Iwan Zare-
witsch freute sich sehr über ihn, will ihn fangen
und auf einem Feuer braten. Der Krebs sagt zu
ihm:
„Ach, Iwan Zarewitsch, wenn du dich auch auf
mich freust, so laß mich dennoch in Ruhe: ich
werde dir noch nützlich sein.“
Iwan Zarewitsch wurde sehr böse und warf den
Krebs ins Wasser.
„Die Pest über dich! Und trotzdem werde ich am
Leben bleiben, werde nicht sterben!“
Und wieder ritt er weiter. Ritt er nun viel oder
wenig, lange Zeit oder kurze Zeit, jedenfalls kam
er zu Karka dem Recken. Kommt hin, trifft ihn
aber nicht zu Hause an, nur seine Mutter. Die er-
blickte ihn und erkannte ihn auf der Stelle.
„Ach, Iwan Zarewitsch, schon lange wartet Kar-
ka der Recke auf dich!“
Iwan Zarewitsch sagt:
„Sag mir doch. Großmütterchen, wo ist er?“
„Das dritte Jahr ist er nach einer Braut unter-
wegs.“
„In welcher Richtung?“
„Zur Jungfrau Zar. Das dritte Jahr reitet er und
kann seine Auserwählte nicht bekommen; er
wünscht dich sehr herbei und ist sehr böse auf

280
dich: ‚Ach, ließe er sich nur hier sehen – bei le-
bendigem Leibe fräße ich ihn auf!’ Aber geh erst
mal ‘raus aufs freie Feld, in die wilde Steppe, und
nimm das Fernrohr, ob Karka der Recke nicht ge-
ritten kommt. Wenn er mit freudiger Nachricht
reitet, fliegt ein edler Falke vor ihm her, wenn er
aber traurig reitet, kreist ein schwarzer Rabe über
ihm.“
Iwan Zarewitsch guckte durchs Fernrohr und
erblickte Karka den Recken, und über seinem
Kopf kreist ein schwarzer Rabe.
Da sagte Iwan Zarewitsch zu der Alten:
„Er kommt unglücklich.“
„Nun“, sagt die Alte, „wohin soll ich dich jetzt
stecken? Er ist ärgerlich.“
Sie schließt einen kleinen Speicher auf und ver-
sperrt ihn mit einem Schloß.
„Hier“, sagt sie, „leg dich hin. Ich will ihn zuerst
mit einem Schnäpschen bewirten und von dir be-
richten.“
Karka der Recke erschien und sagt zu seiner
Mutter:
„Gib mir bitte was zu trinken, Mutter!“
Die Alte goß ihm ein Gläschen Gebrannten ein;
er trank das Gläschen aus und war nicht betrun-
ken.
„Gib mir noch eines, Mutter!“
Er trank das zweite aus und wurde guter Laune.
Die Mutter fragt ihn:
„Und wo ist deine Auserwählte, Söhnchen?“
„Ich hab mich so geplagt, Mutter!“
„Und wenn Iwan Zarewitsch käme?“

281
„Da wäre mir aber wohl: ich holte mir die Jung-
frau Zar, nicht allein, sondern mit ihm, und un-
terwies ihn, wie er die schöne Maria mit dem
schwarzen Zopf bekommen kann.“
Die Alte sagt:
„Du würdest ihn also jetzt nicht anrühren?“
„Was denkst du, Mutter! Wäre er jetzt bei mir,
bei den Händen nähme ich ihn und küßte ihn auf
seinen süßen Mund.“
Die Herrin, seine Mutter, sagt:
„Er ist hier, Söhnchen, schläft im Speicher.“
Da freute sich Karka, ging selber in den Spei-
cher, nimmt ihn bei den Händen, setzt ihn an ei-
nen Eichentisch und bewirtet ihn mit Tee und
Schnaps. Und Karka der Recke sagte:
„Ach, Bruder Iwan Zarewitsch, und ich habe nur
von dir gehört, wie du geboren wurdest und in der
Wiege schaukelst!“
Iwan Zarewitsch sagt:
„Ich schaukle nicht in der Wiege, sondern strei-
fe auf meinem wackren Pferd durch die wilde
Steppe. Ich bin nicht gewohnt, im Zarenreich als
Zar zu herrschen, ich bin gewohnt, über die wilde
Steppe zu fliegen und viel Leid zu erfahren.“
„Und warum, Iwan Zarewitsch, streifst du auf
deinem wackeren Pferd durch die wilde Steppe,
was suchst du?“
„Hör zu“, sagt Iwan Zarewitsch, „hinter dreimal
neun Ländern, im dreimal zehnten Reich lebt die
schöne Maria mit dem schwarzen Zopf, ich möch-
te sie gewinnen und zur Frau nehmen.“
Karka der Recke sagt:

282
„Es ist schwer, sie zu holen, und man muß ein-
mal sterben, Leib und Knochen in der wilden
Steppe verstreuen.“
„Ach, lieber Bruder, Recke Karka, wer keinen
Verlust ertragen will, der wird als Handelsmann
keinen Gewinn zu sehen bekommen; und wenn
wir Recken nicht durch die weite Welt fliegen und
eine schöne Auserwählte nicht suchen wollten,
das brächte uns keine Ehre, keinen Ruhm, wenn
wir nicht durch die weite Welt fliegen, keine Not
ertragen wollten.“
„Nun“, sagt Karka, „dieses Märchen wollen wir
sein lassen, Iwan Zarewitsch, und ein neues be-
ginnen.“
Da begann ein Erzählen, begann ein Fabulieren,
von Siwka-Burka, der graubraunen Stute, von der
weinlüsternen Henne und vom angriffslustigen
Winterferkelchen. Jetzt wird’s dem Ferkelchen zu
dumm, es wirft den Märchenerzähler um, da setz-
te sich der Märchenerzähler, es war Speckbein, an
den Wegrain, wo das Schwein kam. Karka der
Recke sagt:
„Nun, Bruder, ich habe meinen Spaß gemacht,
und damit soll’s gut sein. Aber frag mal eine
Gans, ob ihr die Füße nicht kalt werden. Ich reite
das dritte Jahr, um meine Auserwählte zu be-
kommen. Wohlan, hilf mir und hör zu, was ich dir
erzähle: Meine Braut hat vierzig Schmiede; sobald
die vierzigmal zugeschlagen haben, werden auf
der Stelle vierzig Kriegssoldaten geboren, ausge-
rüstet und kampfbereit. Und dann hat meine
Braut noch vierzig Mädchen; die sitzen in einem

283
Zimmer, jedes Mädchen hat vierzig Nadeln, und
sobald eine mit einer Nadel einen Stich gemacht
hat, ist auch schon ein Soldat kampfbereit. Ich
werde die Soldaten erschlagen, und du wirst die
Schmiede niederhauen; ich werde die Braut lie-
ben, und du wirst die Mädchen erschlagen.“
Iwan Zarewitsch sagt:
„Sterben will ich mit dir, Bruder!“
Sie saßen auf und ritten los. Sie kamen ins
Jungfrauenreich zur Jungfrau Zar.
„Bruder Iwan Zarewitsch, komm nicht zu nah
heran, sondern geh durch die Zimmer, hau die
Mädchen nieder, erschlag die Schmiede und
komm mir nicht zu nahe!“
Sie waren also losgeritten und bald an ihr Ziel
gekommen. Sie begannen, die Streitmacht nie-
derzuhauen, die schönen Mädchen zu erwürgen,
und nahmen die Jungfrau Zar gefangen. Das war
dort kein Bierbrauen, das war kein Weinbrennen,
sondern es ging darum, die Jungfrau Zar gefan-
genzunehmen. Die Schmiede erschlugen sie, die
schönen Mädchen hieben sie nieder, und die Jung-
frau Zar nahmen sie gefangen. Karka der Recke
nahm sie und drückte sie fest ans Herz, und sie
machten sich mit ihr auf den Heimweg. Auf einmal
merkte Karka der Recke, daß Iwan Zarewitsch
nicht bei ihm war.
„Ach“, sagt er, „Mutter, ich habe ihn wohl er-
schlagen!“
Iwan Zarewitsch aber sagt:
„Ja, ja, Bruder, ich bin hier!“
Da tranken und feierten sie und waren lustig.

284
„Komm, Iwan Zarewitsch, trinken wir das dritte
Glas! Ich trinke, feiere, bin lustig und habe keine
Angst vor Vater und Mutter!“
„Ach, Recke Karka, der Kopf tut mir weh, ich
kann nicht mehr.“
Er trinkt keinen Tee und nimmt keinen
Schnaps.
„Leg du mich an die frische Luft, wo sie am
leichtesten ist!“
Iwan Zarewitsch denkt bei sich: „Ob Karka der
Recke mir wohlwill oder nicht? Ich will doch ein-
mal absichtlich krank werden.“
Und er wird krank und kann die Beine nicht
mehr bewegen. Karka der Recke pflegte ihn wie
ein kleines Kind; trug ihn in den grünen Garten
und legte ihn auf eine Bettstatt aus gehobelten
Brettern, wo der Wind ihn erfrischen kann. Nun
liegt Iwan Zarewitsch im Garten auf der Bettstatt.
„Nun, Recke Karka“, sagt Iwan Zarewitsch,
„hab Dank, du hast mich Kranken wohl aufge-
nommen.“
Es verstrich ein wenig Zeit. Da sagt Iwan Zare-
witsch:
„Bruder, wir wollen Branntwein trinken.“
Karka der Recke freute sich sehr, rannte selbst
nach dem Branntwein, gab ihm Schnaps und Tee
zu trinken und schmeichelte ihm mit Worten:
„Ach du mein lieber Bruder, wie fühlst du dich
nach der Krankheit?“
„Nun, Gott sei Dank, das Alte ist noch beim al-
ten, aber Neues ist nichts. Lange habe ich hier mit
dir gefeiert, Recke Karka, hab meinen Weg verlo-

285
ren. Was ich mir vorgenommen habe, muß ich
tun, und wohin ich muß, dorthin muß ich auch rei-
ten.“
Karka der Recke sagt:
„Wohin du’s für richtig hältst, dorthin reitest du
auch.“
„Und wohin ich wollte, Bruder, dorthin reite ich
auch!“
„Wenn ich dich nicht unterweise, Bruder Iwan
Zarewitsch, wie du sie bekommen und wie du sie
halten kannst, wirst du nicht mit dem Leben
davonkommen.“
Da brach Iwan Zarewitsch in Tränen aus, wisch-
te sie mit einem Handtuch wieder ab und sagt:
„So soll’s denn sein, und leb wohl!“
Bestieg sein wackeres Pferd und ritt los. Er ver-
setzte seinem wackeren Pferd einen Hieb, schlug
es gegen die Rippen, schlug die Haut durch bis
aufs Fleisch, schlug das Fleisch durch bis auf die
Knochen, brach die Knochen durch bis aufs Mark
– sein wackeres Pferd sprang über Berge und Tä-
ler und brachte die dunklen Wälder zwischen sei-
ne Beine. Es war ein Ritt für drei Jahre, er war in
drei Stunden am Ziel. Kommt an den Ort, wohin
er mußte, geht eine breite Straße entlang und
fragt rechtgläubige Leute:
„Wo wohnt die schöne Maria mit dem schwar-
zen Zopf?“
Es kommt ihm eine Alte entgegen, eine Weih-
brotbäckerin, die bei der schönen Maria mit dem
schwarzen Zopf wohnt und das Essen für sie be-
reitet.

286
„Großmütterchen Weihbrotbäckerin, sei schön
friedlich! Wo kann ich die schöne Maria mit dem
schwarzen Zopf treffen?“
„Was willst du von ihr, Wanjuschka?“
„Ich will sie sehen, auf den süßen Mund küssen
und zur Frau nehmen.“
„Geh und kauf verschiedene Blumen, Wan-
juschka, und verschiedene Wohlgerüche, und ich
will gehen und sie zu Gast laden. Du, wackerer
Held, leg dich aufs Sofa, schlaf aber nicht etwa,
sondern halt die Ohren offen, was geschehen
wird.“
Iwan Zarewitsch legte sich also hin, die Weih-
brotbäckerin ging zur schönen Maria mit dem
schwarzen Zopf und sagt:
„Guten Tag auch, schöne Maria mit dem
schwarzen Zopf. Komm doch bitte mich besu-
chen!“
Die schöne Maria freute sich und ging sie besu-
chen. Betritt ihr Zimmer, da war das Zimmer mit
fremden Blumen geschmückt und mit verschiede-
nen Wohlgerüchen. Die schöne Maria sagt:
„Woher hast du die fremden Blumen und die
verschiedenen Wohlgerüche, Großmütterchen?“
„Was auf dem Meere schwimmt, kannst du
nicht alles haben, und was die Leute reden,
kannst du nicht alles hören. Komm, Maria, wir
wollen uns setzen und uns etwas ausdenken.“
„Und was ist bei dir in der Kammer? Wer liegt
bei dir auf dem Sofa, Großmütterchen?“
„Sieh doch nach.“
Die schöne Maria ging zum Sofa und fragt:

287
„Was ist das für ein Mann? Wie gern möchte ich
ihn küssen l“
Die Alte hinderte sie nicht und lieg sie küssen.
Sie küßte ihn. Nun, und Iwan Zarewitsch war
nicht blöde, er hielt sie auf einmal fest. Er hielt sie
fest, küßte sie auf ihren süßen Mund und drückte
sie fest an sein Herz. Iwan Zarewitsch sagt:
„Habe Dank, Großmütterchen, daß du mich
hergeführt und Marjuschka zu mir gebracht hast.“
Die schöne Maria mit dem schwarzen Zopf aber
sagt:
„Ich will auf ewig dein sein, dein Eheweib, und
mich nicht von dir trennen. Besteig dein wackeres
Pferd, Wanjuschka, und nimm mich mit. Ich blei-
be bei dir, Wanjuschka!“
Sie saßen auf und ritten auf Iwans wackerem
Pferd davon.
Die schöne Maria hatte zwölf Brüder, die kamen
sie besuchen, aber die schöne Maria war nicht zu
Hause. Sie fragten die Alte:
„Wo ist denn unsere leibliche Schwester, die
schöne Maria?“
Die Alte sagt:
„Der Bösewicht Iwan Zarewitsch war hier, und
sie sind fortgeritten.“
Da brachten die Brüder eine scheckige Stute
mit zwölf Blessen herbei, setzten sich jeder auf
eine Blesse, setzten sich und ritten los.
„Wir holen ihn ein, den Bösewicht, reißen ihn in
Stücke, und die schöne Maria nehmen wir ihm
weg!“

288
Nur wenig Zeit verging, da hatten sie ihn ein-
geholt und nahmen ihm die Schwester weg; ihn
hackten sie in Stücke und warfen sie in die wilde
Steppe. Das Blut fließt in die kühle Erde, das
Fleisch hacken die Raben.
Bei seinem lieben Bruder Wassili Zarewitsch
aber, bei seiner jungen Frau, wich aller Glanz aus
den Augen: sie sah das scharfe Messer voll Blut
und sagte zu ihrem Mann:
„Sieh dir einmal das scharfe Messer an: dein
Bruder ist nicht mehr am Leben.“
Wassili Zarewitsch sagt zu seiner Frau:
„Ach, ich weiß ja überhaupt nichts davon. Oh,
er wird wohl tot sein!“
Auf dem Hofe des Zarenschlosses nun stand ein
großer, großer verkrüppelter Eichbaum; in diesem
Eichbaum war das Wasser des Lebens und des
Todes verschlossen. War dort verschlossen und
tat sich niemandem auf. Da geht Wassili Zare-
witschs Frau zu dem verkrüppelten Eichbaum,
weint und bittet:
„Ach Väterchen, alter verkrüppelter Eichbaum,
gewähre mir um Gotteslohn vom Wasser des To-
des und des Lebens!“
Der Eichbaum tut sich nicht auf, und aus dem
Eichbaum kommt kein Wasser. Sie ging umher
und immer umher und härmte sich sehr ab: die
Beine versagen ihr, und sie kann ihr stolzes Haupt
nicht mehr auf den Schultern halten. Sie hatte
zwei leibliche Schwestern, fromme Mädchen, die
fragen sie:

289
„Was bist du so abgehärmt, Schwesterchen,
was bist du so traurig, Schwesterchen, was weinst
du, Schwesterchen?“
Sie antwortet ihnen:
„Wie soll ich nicht weinen? Speise nehme ich
nicht zu mir, die dunklen Nächte schlafe ich nicht,
gehe immer auf Vaters weiten Hof, zum verkrüp-
pelten Eichbaum, alle Nächte hab ich dort gestan-
den, hab den verkrüppelten Eichbaum angefleht:
‚Ach Väterchen, verkrüppelter Eichbaum, gewähre
mir um Gotteslohn vom Wasser des Todes und
des Lebens!’“
„Und wozu brauchst du Wasser des Lebens und
des Todes, Schwesterchen?“
„Ach, Schwestern, ihr kennt meinen Kummer
nicht, daß mein lieber Schwager gestorben ist,
Wassili Zarewitschs Bruder und auch der meine.“
„Komm, Schwesterchen, auch wir wollen mit dir
zu Gott flehen und den verkrüppelten Eichbaum
bitten, ob er’s uns vielleicht gewährt.“
Alle drei Schwestern machten sich auf, entbo-
ten dem Eichbaum mitternächtliche Verneigun-
gen, vergossen Tränen aus ihren Augen und sag-
ten zum Eichbaum:
„Ach Väterchen, verkrüppelter alter Eichbaum,
gewähre uns um Gotteslohn vom Wasser des Le-
bens und des Todes!“
Auf einmal tut sich die verkrüppelte Eiche auf,
und das Wasser fließt heraus. Wassili Zarewitschs
Frau füllte zwei Fläschchen und sagt:
„Du mein lieber Mann Wassili Zarewitsch! Sattle
doch dein wackeres Pferd und laß uns reiten, wo-

290
hin ich gebiete, und laß uns unseren Bruder Iwan
Zarewitsch in der wilden Steppe suchen!“
Sie saßen auf und ritten los und kamen an die
Stelle, wo Iwan Zarewitschs Fleisch verstreut lag.
Sie sammelten das Fleisch, legten die Glieder zu-
sammen, bestrichen sie mit Wasser des Todes
und besprengten sie mit Wasser des Lebens.
Iwan Zarewitsch stand auf, schüttelte sich,
blickte nach allen vier Himmelsrichtungen und
sagt:
„Ach, wie habe ich lange geschlafen!“
Die Schwägerin antwortet ihm:
„Wären wir nicht, du schliefst in alle Ewigkeit.“
„Habe Dank, Schwester, du hast dich meiner
erbarmt; nun leb wohl und laß mich auch künftig
nicht im Stich!“
Saß auf und ritt davon. Wir wollen das jetzt las-
sen und etwas anderes anfangen. Woher er also
gekommen war, dort ritt er auch wieder hin. Iwan
versetzte seinem wackeren Pferd einen Schlag mit
der seidenen Peitsche; sein wackeres Pferd wurde
böse und jagte eilends mit ihm dahin. Iwan Zare-
witsch kommt in jene Gegend, wo die schöne Ma-
ria mit dem schwarzen Zopf lebte. Fand die Alte,
die Weihbrotbäckerin, und die sagt zu ihm:
„Iwan Zarewitsch, reite, wohin ich dich schicke:
durch dreimal neun Länder, ins zehnte Reich. Ich
will dich unterweisen, wie du Maria bekommen,
wie du sie gewinnen kannst. Du mußt lange Zeit
leiden. Reite zu ihrer Großmutter, diese Großmut-
ter hat zwölf Töchter. Das sind Mädchen, lauter
Mädchen, werden aber mit einem Male Stuten,

291
lauter Stuten. Wenn du zu der Alten auf den Hof
kommst, sage zu ihr:
,Liebes Großmütterchen! Hast du nicht ein Pferd
zu verkaufen?’
Die Alte wird zu dir sagen:
‚Ich habe zwölf Stuten, die sind nicht zu ver-
kaufen, nur zu vererben. Aber ich gebiete dir, sie
drei Tage zu hüten, und für die Arbeit kannst du
dir das beste Pferd nehmen; hütest du sie aber
nicht und treibst sie nicht heim, dann werde ich
mich an deinem Fleisch satt essen und an deinem
Blut satt trinken!’“
Iwan Zarewitsch denkt bei sich:
„Ich will’s doch versuchen! Zwei Tode werde ich
nicht erleiden, und einem kann ich nicht entge-
hen, und ich weiß, für wen ich verderbe.“
Er verdingte sich kurzerhand bei der Alten, und
am Morgen, hüh, hüh, trieb er die Pferde auf die
Weide. Trieb sie auf die grünen Wiesen. Die Alte
hatte ihm einen Fladen mit einem Schlafmittel ge-
backen. Er nahm ihn, biß hinein und sank in einen
tiefen Schlaf. Die Pferde liefen auf den Wiesen
nach allen Richtungen auseinander und tauchten
in den Büschen unter. Er schlief fest und blieb bis
zum Abend liegen.
Das erfuhr die Bienenmutter auf der Eiche und
sagt zu ihren Kindern:
„Fliegt los, meine Kinder, in die grünen Wiesen!
Wanjuschka schläft fest, wird nicht munter. Weckt
ihn und treibt seine Pferde zusammen!“
Und eine Biene war dabei, die war sehr stark;
sie fliegt zu Wanjuschka und sticht ihn in sein

292
weißes Gesicht. Wanjuschka wurde munter und
vergoß bittere Tränen: auch nicht ein einziges
Pferd ist da, und er weiß nicht, wo er sie suchen
soll, und er hat nichts heimzutreiben. Da sagt die
Biene:
„Nimm deine Knute, Wanjuschka, und warte
hier. Wir treiben sie dir her.“
Alle Bienen versammelten sich, um über die
grünen Wiesen zu fliegen, begannen zu fliegen, zu
brummen, die Stuten zusammenzutreiben, und
übergaben sie Wanjuschka.
„Jetzt aber los, Wanjuschka, treib sie!“
Wanjuschka, nicht faul, trieb sie mit seiner
Knute zu der Alten.
„Hier hast du sie, Großmütterchen; ich hab dei-
nen Befehl ausgeführt.“
„Na schön, Wanja, warte ab, was morgen sein
wird.“
Am nächsten Morgen steht die Alte auf und gibt
Wanjuschka den Befehl:
„Hier nimm, Wanjuschka, treib sie aus und treib
sie unversehrt wieder heim! Hier hast du einen
Fladen für deine Arbeit.“
Er nahm den Fladen, barg ihn auf der Brust un-
term Hemd, trieb die Stuten auf die grünen Wie-
sen, und die Stuten gehen so friedlich, rupfen
Gras, schlürfen etwas Quellwasser, laufen ein we-
nig umher und legen sich ein bißchen hin. Wan-
juschka wollte etwas essen, holte ein Stück Fla-
den unter dem Hemd hervor, biß kräftig hinein
und war bald eingeschlafen. Er denkt, nicht lange
– da hatte er bis zum Abend geschlafen. Die Stu-

293
ten aber verschwanden in den Büschen, in den
Büschen und den Mauselöchern. Da war auf ein-
mal die Mäusemutter, die lief über den Weg und
war dick und drall. Die alte Maus befahl, Wan-
juschka zu wecken und die Stuten zusammenzu-
treiben. Die alte Maus kam herbeigelaufen.
„Wanjuschka, die Alte wartet deiner im Hof,
und du machst uns hier Sorgen! Du mußt aufste-
hen und die Stuten heimtreiben.“
Wanjuschka stand auf, schüttelte sich, vergoß
bittere Tränen und sagte:
„Ach du mein Mütterchen, alte Maus! Du soll-
test meiner Guttat gedenken und die Stuten her-
treiben!“
Die alte Maus schickte ihnen alle jungen Mäuse
nach, trieb alle Stuten zusammen, und Wanjusch-
ka trieb sie heim.
„Hier hast du sie, Großmütterchen, zwei Tage
habe ich schon gehütet.“
„Wanjuschka, treib morgen noch einmal aus.
Morgen ist’s weiter, und du mußt mehr Brot mit-
nehmen.“
Wanjuschka stand zeitig auf, machte sich auf
den Weg und trieb aus. Er bekam Hunger, biß
vom Fladen ab und schlief ein; schlief bis zum
Abend. Die Pferde tauchten in den Büschen unter,
aber der Krebs sah’s, trieb sie alle zu Wanjuschka
zurück und weckte ihn. Wanjuschka trieb die Stu-
ten heim.
„Jetzt ist’s genug, Großmütterchen, ich bin
nicht dein Diener, und für die Arbeit will ich Geld,
und wenn kein Geld, dann Mädchen!“

294
„Wähl dir irgendeine Stute aus, Wanjuschka!“
(Es waren aber keine Stuten, sondern schöne
Mädchen.)
Wanjuschka legte sich schlafen, und von den
zwölfen kommt die älteste Schwester zu ihm und
läßt ihn wissen:
„Woran denkst du, Wanjuschka?“
„Weiß selber nicht, woran ich denke.“
„Nimm mich zur Frau; ich will dich Gutes leh-
ren.“
Wanjuschka gab ihr die Hand und sagte:
„Du sollst für immer meine Frau sein!“
„Paß auf, Wanjuschka, sei gescheit: wir sind
zwölf – elf Närrinnen, die jüngste aber ist ein
Schlaukopf. Man wird uns alle an die Krippe stel-
len und allen Hafer vorschütten: wir werden alle
fett und glatt sein; unsere jüngste Schwester aber
ist eine schnelle Rennerin, die wird in der Krippe
liegen. Die nimm und sage zur Großmutter: ‚Hier,
die dürre ist mir recht!’ Heb sie aus der Krippe,
reib sie mit einem Strohwisch ab, binde sie an
deinen Gürtel und sag zur Großmutter: ,Damit
genug und leb wohl!’“
Das machte Wanjuschka auch. Er bestieg sein
Pferd und ritt davon zu der alten Weihbrotbäcke-
rin; kam an und fragt:
„Wie steht’s, Weihbrotbäckerin, wie kann ich
die schöne Maria mit dem schwarzen Zopf sehen?
Denkt sie noch an mich?“
Die sagt:
„Wir haben geglaubt, du bist nicht mehr am Le-
ben, und wer von uns beiden dich erwähnen wür-

295
de, dem sollte es den Kopf kosten. Nun leg dich
aber ein Weilchen hin, Wanjuschka, ich will zu ihr
gehen.“
Die Weihbrotbäckerin kommt zur schönen Ma-
ria:
„Guten Tag, Marjuschka!“
„Guten Tag, Großmütterchen!“
„Komm, Marjuschka, spielen wir ein wenig Kar-
ten!“
Sie spielten also ein wenig. Die Alte bekam die
Dame, Maria aber den König.
Da sagt die Alte:
„Was für ein schöner König das ist, Marjusch-
ka.“
„Als wär’s Iwan Zarewitsch, Großmütterchen!“
„Ach, Marjuschka, das ist wohl wahr, aber auch
schlimm. Gib mir mal ein stumpfes Beil, ich will
dir den Kopf abschlagen. Wir haben doch ausge-
macht, wer als erster Iwan Zarewitsch erwähnt,
den soll es den Kopf kosten.“
„Nun ja. Großmütterchen, laß es nur gut sein.
Hier ist niemand, und wenn er hier wäre, ich wür-
de mich von ihm nicht trennen.“
„Wanjuschka liegt auf dem Sofa, Marjuschka!“
Marjuschka rannte hin, erblickte Wanjuschka
und küßte ihn auf den süßen Mund.
„Nun, Wanjuschka, wenn du stirbst, will ich’s
mit dir!“
„Bleib ich nur am Leben, Marjuschka, wirst auch
du am Leben bleiben!“
Sie bestiegen die Stuten und ritten los.

296
Nun kommen ihre leiblichen Brüder und fragen
die Alte:
„Und wo ist unsere Schwester?“
Die Alte sagt:
„Iwan Zarewitsch hat sie entführt.“
„Wir haben ihn in Stücke gehauen, aber an-
scheinend zu wenig!“
Die zwölf Brüder setzen sich auf die zwölf Bles-
sen, setzen sich und flogen davon wie ein junger
edler Falke. Sie kamen Wanjuschka näher. Wan-
juschka schlug der Stute die Schenkel. Da fuhr die
Stute in die Höhe wie ein weißer Schwan. Die
scheckige Stute höher, aber die Stute unter Iwan
noch höher. Sie kamen zum Väterchen, das Vä-
terchen aber war schon ganz alt. Iwan Zarewitsch
sagt:
„Guten Tag, Väterchen!“
Der freute sich, warf sich Wanjuschka an die
weiße Brust, und sie küßten sich.
„Ach, das ist gut, Wanjuschka, daß du in deine
Heimat zurückgekommen bist.“
Das ist des Märchens Schluß, erzählt hat’s ein
wackrer Bursch, bringt uns Burschen Bier im Glas,
fürs Märchenerzählen Schnaps im Glas.

297
33
Andrej der Jäger
In irgendeinem Zarenreich, in irgendeinem Staat
lebte einmal ein Zar, und der war ledig. Das heißt,
er hatte zwölf Jäger bei sich, und einer war der
Jäger Andrej; der schoß einen Falken im Fluge
und war Oberjäger. Und ihre Jagd verlief wie
folgt: Sechs Tage arbeiteten sie für den Zaren,
den siebenten Tag aber für sich persönlich.
So hatte Andrej fünf Jahre bei dem Zaren zuge-
bracht und immer bei der gleichen Arbeit. Da
schien ihm, der Verdienst sei zu klein, er wollte
fortgehen. Dann dachte er:
„Ich will doch noch diesen Monat bleiben, will
noch einmal für mich selbst jagen, dann gehe ich
fort.“
Und so geht er einmal für sich auf die Jagd, an
einem siebenten Tag. Ging hinaus, lief den ganzen
Tag im Wald umher und sah niemanden. Dann
kommt er schon in die Nähe der Stadt, da sieht
er: ein Falkenweibchen sitzt auf einem Baum-
stamm.
„Dann wollen wir wenigstens die schießen.“ Er
schoß also, verwundete sie, und sie fiel zu Boden.
Er hob sie auf und wollte ihr den Kopf abdrehen,
da begann das Falkenweibchen mit Menschen-
stimme zu sprechen und sagt:

298
„Hört zu, Jäger Andrej, reißt mir nicht den Kopf
ab, sondern tragt mich nach Hause. Wenn du
mich nach Hause gebracht hast und dich hinsetzt,
um Tee zu trinken, lege mich aufs Fensterbrett.
Dann werft mich zum Fenster hinaus und paßt
auf, was geschieht. Wollt Ihr, dann nehmt’s für
Euch, wenn nicht, dann gebt’s den Leuten.“
Als er nun seinen Tee trank, legte er sie aufs
Fensterbrett, dann warf er sie zum Fenster hin-
aus. Da wurde auf einmal ein Mädchen daraus,
schön wie eine Blume. Er sieht sie an und bringt
kein Wort heraus.
Sie fragte:
„Nun, wie steht’s, Jäger Andrej, gibst du mich
den Leuten, oder nimmst du mich für dich?“
„Für mich nehme ich dich.“
„Für dich, nun gut, nur versteh mich zu halten!“
Sie kam herbei und lebte von nun an bei ihm.
Sie hatten eine Woche miteinander gelebt, da
sagt sie:
„Andrej, Ihr lebt gewiß ärmlich?“
„Ja, wie du selber siehst.“
Da sagt sie:
„Hör zu, Andrej, hast du unter deinen Bekann-
ten welche, die dir mit hundert Rubeln aushelfen
würden, dann geh hin und bitte sie. Wenn du
dann dieses Geld hast, geh in ein Geschäft und
bring mir hundert Arschin5 Seide, ich werde dar-
aus einen Teppich sticken.“

5
Ehemaliges russisches Längenmaß = 71,1 cm. (Anm. d.
Übers.)

299
Andrej ging sogleich zu einem bekannten
Kaufmann, der hieß natürlich auch Iwan.
„Hört“, sagt er, „gebt mir bitte zwanzig Rubel.“
„Wozu brauchst du sie?“
„Du weißt doch selber, bin in Not.“
„Was willst du schon mit zwanzig Rubel, da, ich
geb dir vierzig.“
Er bedankte sich bei ihm und ging zu einem an-
deren bekannten Kaufmann.
„Höre, Freund, gib mir zwanzig Rubel, ich
brauch sie nötig.“
„Was willst du schon mit zwanzig Rubeln, An-
drej; hier, ich gebe dir vierzig.“
Er nahm sie und hatte schon achtzig; nun
brauchte er noch zwanzig. Er ging hinaus und
sucht einen dritten Kaufmann auf.
„Hör zu, Freund, hilf mir mit zehn Rubeln aus.“
Der gab ihm zwanzig. Nun hatte er hundert. Als
er das Geld hat, geht er in ein Geschäft, kauft
hundert Arschin Seide und bringt sie seiner Frau:
„Hier, schöne Jelena, ich hab die Seide ge-
bracht.“
Da sagt sie zu ihm:
„Von wem hast du das Geld genommen, von ei-
nem Kaufmann oder von dreien, und wieviel hat
dir jeder gegeben?“
„Beim ersten, dem Kaufmann Iwan, habe ich
um zwanzig gebeten, er hat mir vierzig gegeben,
beim zweiten habe ich um zwanzig gebeten, er
hat mir vierzig gegeben, beim dritten zehn, er hat
mir zwanzig gegeben, und so habe ich hundert
Rubel.“

300
„Hör zu, Andrej, wenn du zu Gelde kommst und
es zurückgibst, gib auch das Doppelte. Von wem
du zwanzig erbeten hast, und er gab vierzig, dem
gib achtzig, und so bei jedem.“
Andrej ging auf Arbeit, für sechs Tage, und sie
machte sich an ihre Arbeit, begann den Teppich
zu sticken. Als Andrej sechs Tage auf der Jagd
gewesen war, kommt er heim, und in dieser Zeit
hatte sie den Teppich fertiggestickt. Andrej
kommt, versteht sich, am Sonnabend, und am
Sonntagmorgen gibt sie ihm den Teppich und
sagt:
„Hier, Andrej, geh auf den Markt und verkauf
den Teppich; setz aber keinen Preis fest, was man
dir gibt, das nimm!“
Er nimmt den Teppich und will gehen, da sagt
sie:
„Hör zu, Andrej, wenn du das Geld bekommen
hast, zahl doppelt soviel zurück, wie sie dir gege-
ben haben.“
Andrej der Jäger nimmt den Teppich und geht
los zum Markt. Kommt auf den Markt, hat den
Teppich mit, rollt ihn auf, und es versammelten
sich so viele Leute, diesen Teppich zu betrachten,
daß schon kein Durchkommen mehr war. Und
keiner bietet einen Preis, alle sehen ihn nur an.
Und auf diesem Teppich war folgendes abgebildet:
ein Wald war darauf, Flüsse, Seen, das Meer, Vö-
gel, Fische und alles, was es auf der Welt gibt. Da
stehen sie nun alle. Danach fügte es sich, daß der
Leiboffizier des Zaren gefahren kommt:

301
„Nun, was steht ihr hier zusammen, macht
Platz!“
Natürlich drängte er sich gewaltsam durch die
Menge und bestaunte den Teppich. Der Leiboffi-
zier betrachtete den Teppich drei Stunden lang,
und er gefiel ihm sehr, und er fragte:
„Wem gehört dieser Teppich, und wieviel kostet
er?“
Da tritt Andrej zu dem Leiboffizier und sagt:
„Das ist mein Teppich.“
„Und wieviel kostet er?“
„Was ihr geben wollt, das nehme ich.“
Da sagt der Leiboffizier des Zaren:
„Also hör zu, Andrej, ich will dir dreißigtausend
geben, ist das genug?“
„Genug.“
Er holt das Geld aus der Tasche, gibt’s ihm und
geht fort. Da ging Andrej zu dem ersten Kauf-
mann und gibt ihm achtzig Rubel; der Kaufmann
fragt:
„Warum denn achtzig, Andrej? Ich habe dir
vierzig gegeben.“
„Weil ich euch um zwanzig bat und ihr mir das
Doppelte gegeben habt, deswegen will ich auch
das Doppelte zahlen.“
So auch beim zweiten Kaufmann, so auch beim
dritten. Die Kaufleute bedankten sich bei Andrej,
und er bringt das restliche Geld nach Hause, zu
seiner Frau.
„Hier, Lenotschka, ich hab dir das Geld ge-
bracht.“
„Und wieviel hast du bekommen?“

302
„Dreißigtausend.“
„Hast du das Geld zurückgezahlt?“
„Hab’s zurückgezahlt.“
„Nun, Andrej, siehst du jetzt, was ich verdient
habe?“
„Ja, ganz ordentlich.“
„Jetzt kannst du ein schönes Leben führen.“
Als nun dieser Leiboffizier des Zaren den Tep-
pich an die Wand gehängt hat, muß doch gerade
der junge Zarewitsch zum Leiboffizier kommen
und den Teppich betrachten. Als der junge Zare-
witsch den Teppich betrachtete, gefiel er ihm
sehr, und er fragte:
„Woher hast du diesen Teppich, Leiboffizier? Für
wieviel hast du ihn gekauft?“
„Ich habe ihn auf dem Markt gekauft und drei-
ßigtausend bezahlt.“
„Bei wem?“
„Bei Andrej dem Jäger.“
„Verkauf ihn mir, ich will dir fünfunddreißigtau-
send geben.“
Der aber sagt:
„Bitte, nimm ihn, ich werde zu Andrej gehen
und einen neuen bestellen.“
Er bekam also das Geld, und am Abend, gegen
zehn Uhr, geht er zu Andrej einen Teppich bestel-
len. Als er zu Andrej kommt, hat sich Andrej
schon schlafen gelegt, und die Tür war verschlos-
sen. Er kommt also hin und klopft. Andrej sagt:
„Wir müssen aufmachen, Lenotschka, da ist
wohl jemand. Ich will gehen, mich anziehen und

303
aufmachen, wahrscheinlich jemand von den Die-
nern des Zaren.“
Sie sagt:
„Andrej, du hast dich schon zur Ruhe gelegt,
dich ausgezogen, schlaf du also, ich will gehen
und selber aufmachen.“
Sie kommt zur Tür und öffnet. Als sie nun die
Tür aufgemacht hatte, blickte der Leiboffizier des
Zaren sie an; den einen Fuß hat er über die
Schwelle gesetzt, aber den anderen setzt er nicht
darüber, ist ganz stumm und kann kein Wort
mehr sprechen. Da fragt sie ihn:
„Weswegen seid ihr gekommen, Leiboffizier des
Zaren, braucht ihr ihn für euch selber, den An-
drej, oder für den Zaren? Ihr wißt ja selbst, er hat
sich schlafen gelegt, und morgen früh muß er auf
Arbeit für den Zaren gehen.“
Er aber schwieg immer weiter. Lange wartete
sie auf eine Antwort, schließlich konnte sie nicht
länger warten, drehte ihn an den Schultern herum
und schloß die Tür. Er schwieg noch immer und
machte sich auf den Heimweg. Als er schließlich
über hundert Saschen weg war, fiel ihm ein:
„Ach, ich war doch gegangen, einen Teppich zu
bestellen, und hab’s vergessen; nun, der Andrej
hat eine schöne Frau, ein wahres Bild.“
Wie er zu Hause ist, kommt gerade der Zare-
witsch.
„Nun, wie steht’s, hast du den Teppich be-
stellt?“
„Eben nicht!“
„Warum nicht?“

304
„Ich hatte andres als den Teppich im Sinn; An-
drej hat eine so schöne Frau, ich hab mich selbst
ganz vergessen, eine solche Schönheit ist das!“
Da sagte der Zarewitsch zu ihm:
„Schön, da werde ich selber gehen und den
Teppich bestellen und mir ansehen, was für eine
Frau Andrej hat.“
So ging der junge Zarewitsch gegen acht Uhr
zu Andrej. Als er hinkam, hatte sich Andrej schon
ausgezogen und will sich gerade wieder schlafen
legen. Die Tür ist selbstverständlich verschlossen.
Als geklopft wurde, sagt er, der Andrej:
„Schöne Jelena, ich muß an die Tür; ich zieh
mich gleich an und gehe.“
„Nein, nein, Andrej, Ihr habt Euch schon ausge-
zogen, ich gehe selbst aufmachen.“
Als Jelena zur Tür kam und die Tür aufmachte,
setzte der junge Zarewitsch einen Fuß über die
Schwelle; und wie er ein solches Bild vor sich sah,
erstarrte er und blieb stehen. Sie sah ihn lange
an, dann fragte sie:
„Was ist, junger Zarewitsch, welche Bitte habt
ihr an Andrej, sagt’s bitte, ich warte. Ihr wißt
selbst, Andrej muß ausruhen und früh auf Arbeit
gehen.“
Er brachte kein Wort heraus, der junge Zare-
witsch, blickte sie nur immer an. Sie dreht ihn an
den Schultern herum:
„So geht, junger Zarewitsch, wenn ihr nichts
sagen könnt. Andrej muß schlafen.“
Und er ging hinaus. Als er ein kurzes Stück ge-
gangen war, fiel ihm ein:

305
„Ei, ei, was für eine schöne Frau der Andrej
hat; ich muß sie Andrej um jeden Preis wegneh-
men, oder vielleicht gibt er sie mir im guten.“
Als er nach Hause kommt, versammelt er seine
Bojaren und beginnt mit ihnen zu reden:
„Auf welchem Wege kann man Andrej die Frau
wegnehmen: ihn hinrichten geht nicht, die Frau
gewaltsam wegnehmen geht nicht, nun, mit ei-
nem Wort, man muß irgendeinen Auftrag aussin-
nen.“
Und alle waren einverstanden, ihm einen sol-
chen Auftrag zu geben, daß er auf seine Frau ver-
zichtet oder sie durch diesen Auftrag freiwillig ab-
tritt. Nun begannen sie nachzudenken. Lange
dachten sie nach, es fiel ihnen aber nichts ein.
Schließlich übernahm es einer seiner Höflinge, für
zehntausend Rubel innerhalb von drei Tagen eine
Aufgabe für ihn zu ersinnen.
.Wenn du was weißt, gebe ich dir das Geld.“
Und der Zarewitsch gibt ihm den Auftrag. Holt
das Geld heraus.
„Wenn Euch nichts einfällt, dann ist’s am dritten
Tag um Euern Kopf geschehen.“
Und mit diesen Worten ging er aus dem Zim-
mer. Der Höfling dachte zwei Tage nach, es fiel
ihm nichts ein, und er glaubt sich in Gefahr. Am
dritten Tag ging er in den Wald:
„Fällt mir was ein, dann fällt mir was ein, wenn
nicht, häng ich mich auf, um meinen Kopf ist’s
sowieso geschehn.“
Er geht also im Wald umher, betrübt und trau-
rig, und es fällt ihm nichts ein, am Abend aber

306
nach Hause zu gehen, hat gar keinen Zweck. Auf
einmal begegnet ihm eine Alte und sagt zu ihm:
„Nun, lieber Mann, so in Gedanken?“
Er antwortet ihr grob:
„Laß mich gefälligst in Ruhe!“
Ging vorbei, aber besann sich:
„Ich sollte doch die Alte fragen, vielleicht weiß
sie etwas.“ – „Vergib das derbe Wort, Großmüt-
terchen, vielleicht weißt du, worüber ich nachden-
ke?“
Da sagt sie zu ihm:
„Hör zu, mein Lieber, und merk dir für die Zu-
kunft: an alten Leuten rennt man nicht vorbei.
Geh und sag dem Zaren: Andrej soll durch drei-
mal neun Länder ziehen, ins dreimal zehnte Reich,
auf die Insel Bujan, und soll das Lamm mit dem
goldenen Kopf herbringen. Man soll ihm ein Schiff
geben, das leckt, und eine Besatzung, die trinkt;
geht er dorthin, kommt er nicht zurück. Und als
Frist soll man ihm vier Monate geben, nicht mehr;
er wird auf seine Frau verzichten.“
Da bedankte sich der Höfling bei der Alten und
sagt:
„Danke, ich will gleich gehen.“
Kommt zum Zaren und sagt:
„Eure Majestät, ich habe etwas ausgedacht.
Man soll Andrej folgenden Auftrag geben: Andrej
soll durch dreimal neun Länder, durch dreimal
neun Leiden ziehen, ins dreimal zehnte Zaren-
reich, auf die Insel Bujan, und soll das Lamm mit
dem goldenen Kopf herbringen. Man soll ihm ein

307
Schiff geben, das leckt, und eine Besatzung, die
trinkt; geht er dorthin, kommt er nicht zurück.“
Da sagte der Zarewitsch zu ihm:
„Nun, schönen Dank!“
Sogleich schickt er einen Diener, Andrej zu ho-
len.
„Ruf ihn her! Was wird er mir zu sagen haben?“
Als der Diener hinkommt und verkündet, der
Zar läßt Euch rufen, überlegt er:
„Weswegen läßt mich der Zar rufen?“
Er sagt zur schönen Jelena:
„Nun, ich weiß nicht.“
Jelena sagt:
„Hör zu, Andrej, geh zum Zaren, er hat einen
Auftrag für dich, ich weiß. Wenn du zum Zaren
kommst, wird er zu dir sagen: ‚Hör zu, Andrej,
gibst du mir deine Frau, dann gebe ich dir keinen
Auftrag und sage nichts. Wenn du sie nicht her-
gibst, bekommst du einen Auftrag.’ Wenn du hin-
kommst, dann sag ihm: ‚Schön, beladet ein Schiff
mit Wein und Brot.’ Und laß dich mit ihm auf kei-
ne andere Frist als vier Monate ein.“
Unser Andrej ging also zum Zaren. Kommt zum
Zaren und begrüßt ihn.
„Hör zu, Andrej, was ich dir zu sagen habe. Gib
mir deine Frau. Wenn du sie hergibst, sage ich dir
nicht, welchen Auftrag ich für dich habe; wenn du
sie nicht hergibst, bekommst du einen Auftrag.“
Andrej antwortet dem Zaren wie folgt:
„Ich habe für mich geheiratet. Eure Majestät,
und nicht für andere Leute, und ich bin nicht ein-
verstanden. Beladet ein Schiff mit Brot und Wein.“

308
Sie machten mit ihm eine Frist von vier Mona-
ten aus.
„Wenn du’s nicht schaffst, kommt dein Kopf von
den Schultern“, bestimmte der Zar.
Mit diesen Worten ging er aus dem Zimmer.
„Nun“, denkt er, „meinen Kopf werde ich nicht
lange mehr tragen, in vier Monaten kann ich
nichts holen.“
Andrej kommt nach Hause und weint bittere
Tränen.
„Nun, Jeletschka, ich werde dich nicht wieder-
sehen.“
Da antwortet sie ihm:
„Geh nur, Andrej, das ist ja kein Auftrag, son-
dern ein Aufträgchen, der Auftrag kommt erst
noch. Wir wollen essen, leg dich schlafen, und der
Morgen ist klüger als der Abend.“
Sie aßen also ihr Abendbrot; sie legte sich mit
ihm schlafen, schlief ein wenig, ruhte bis Mitter-
nacht, stand dann auf, zog aus der Tasche ein
Zaubertuch und winkte mit ihm. Da sprangen drei
Burschen heraus:
„Welchen Dienst sollen wir für dich tun, schöne
Jelena?“
„Hört zu, Burschen, was es zu tun gibt: Ihr
müßt innerhalb von zwei Stunden durch dreimal
neun Meere, durch dreimal neun Leiden eilen ins
dreimal zehnte Reich, auf die Insel Bujan, und
von dort das Lamm mit dem goldenen Kopf
herbringen.“
Die Burschen brachten nach zwei Stunden das
Lamm mit dem goldenen Kopf an, sie nimmt’s,

309
packt’s in eine Kiste, legt sie an ihr Kopfende und
legt sich schlafen. Sie schliefen bis sechs Uhr. Je-
lena stand zuerst auf, machte den Samowar heiß
und weckte ihn dann:
„Andrej, steh auf, du mußt vor der Reise noch
etwas trinken und essen.“
Als Andrej etwas getrunken hatte, machte er
sich zur Fahrt bereit und brach in Tränen aus.
„Jeletschka, auf Wiedersehen, ich werde dich
nicht mehr sehen!“
„Andrej, weine nicht, du glaubst, der Zar kriegt
mich, nein, der kriegt mich sowenig zu sehen wie
seine eigenen Ohren.“
Sie gibt ihm das Kistchen.
Da nimmt Andrej das Kistchen:
„Wenn du auf dem Schiff bist, werden zwei Mo-
nate vergehen, und es wird stilles Wetter sein.
Während dieses Wetters mach die ganze Besat-
zung betrunken, so daß auch nicht einer nüchtern
ist, und wende das Schiff. Wenn du zurück-
kommst, nun, begreife doch, in diesem Kistchen
ist das Lamm mit dem goldenen Kopf; das gibst
du dem Zaren.“
Nun nahm er Abschied und brach in Tränen
aus. Sie nimmt ihr Tuch aus der Tasche, wischt
die Tränen ab und sagt:
„Nun geh, Andrej, hab keine Angst, ich werde
nirgendshin verschwinden.“
Nach diesen Worten ging Andrej zum Hafen.
Kaum war Andrej fort, da schickte der Zare-
witsch eine Abteilung Soldaten zu der schönen
Jelena. Die suchten lange nach ihr, durchwühlten

310
das ganze Haus, hoben die Dielenbretter in die
Höhe, konnten sie nicht finden und meinten, An-
drej habe sie mitgenommen.
Andrej kommt nun zum Hafen, da war das
Schiff schon bereit. Er besteigt das Schiff, und sie
fahren übers Meer.
Ganze zwei Monate zog er über das Meer, dann
trat eine Windstille ein, und er sagt:
„Wißt ihr was, Burschen, aus Anlaß des schönen
Wetters wollen wir zusammen eins trinken.“
Und es begann bei ihnen ein großes Trinkgela-
ge.
Als er sie alle betrunken gemacht hatte und es
auf dem Schiff still war, trat er hinters Ruder und
wendete vorsichtig das Schiff. Es wehte ein gün-
stiger Wind, und er sagt:
„Hört zu, Burschen, kann jemand von euch ans
Ruder gehen?“
„Hör mal, Jäger Andrej, aufstehen können wir,
nur der Kopf tut weh.“
„Nun ja, da müssen wir einen zum Nüchtern-
werden trinken.“
Sie tranken ein wenig und fuhren dann weiter,
setzen ihren Weg fort. Sie fahren also, das Wetter
ist sehr schön, und es weht ein günstiger Wind.
Sie fuhren und fuhren, und auf einmal näherten
sie sich ihrem Land. Als sie in ihrem Land ange-
kommen sind, fragt ihn die Besatzung:
„Nun, Jäger Andrej, wo sind wir gewesen, wes-
wegen sind wir ausgezogen, wie haben wir nur
immer getrunken, weswegen sind wir zurückge-
kommen in unser Land, haben wir das mitge-

311
bracht oder richtiger, haben wir bekommen, wes-
wegen wir ausgezogen sind?“
Er aber antwortet ihnen:
„Ja, wie denn, Burschen, könnt ihr euch wirklich
nicht erinnern?“
„Wie sollen wir uns erinnern, wo wir alle be-
trunken waren.“
„Wir haben’s bekommen.“
„Na, Gott sei Dank!“
Mit diesen Worten gehen sie an Land. Sobald
sie an Land sind, begegnet ihnen der junge Zare-
witsch, den Säbel in der Hand, und geht auf ihn
zu. Als Andrej den Zarewitsch begrüßt hat, sagt
der:
„Nun, wie steht’s, Andrej, hast du’s bekom-
men?“
„Hier, ihr könnt selber nachsehen!“
Und gibt ihm das Kistchen. Der Zarewitsch
nahm’s und ging nach Hause. Und Andrej ging
auch nach Hause. Wie er sich seinem Hause nä-
hert, kommt Jelena auf die Treppe herausgelau-
fen, umarmt ihn, küßt ihn und führt ihn ins Zim-
mer, der Samowar stand schon bereit. Da setzten
sie sich, um Tee zu trinken. Jeletschka fragt:
„Nun, Andrej, wie war’s?“
„Es ist ganz gut gegangen.“
„Du mußt noch ein zweites Mal ausziehen.“
Es waren noch keine zwei Tage vergangen, da
erfuhr der junge Zarewitsch, daß bei Andrej die
Frau ist.
„Um jeden Preis muß ich ihm seine Frau weg-
nehmen!“

312
Er rief jenen Höfling, er solle ihm eine andere
Aufgabe ausdenken. Der Höfling sagt:
„Schön, Eure Majestät, ich werde bald etwas
ausgedacht haben.“
Und er geht wieder, jene Alte zu suchen. Geht
durch den Wald. Sobald er die Alte erblickt hatte,
blieb er gleich stehen.
„Nun, mein Freund, wie steht’s, war Andrej
dort?“
„Ja, er war dort.“
„Nun, Andrej zu betrügen ist nicht schwer, aber
seine Frau betrügt man nicht so schnell.“
„Nun, denk jetzt einen anderen Auftrag für ihn
aus, Großmütterchen.“
Die Alte antwortete:
„Schön, ich hab bald etwas ausgedacht. Andrej
soll wieder durch dreimal neun Länder, durch
dreimal neun Meere ins dreimal zehnte Zarenreich
ziehen, auf die Insel Bujan, und soll das Schwein-
chen mit den goldenen Borsten herbringen. Man
soll ihm eine Besatzung geben, die trinkt, und ein
Schiff, das leckt. Geht er dorthin, kommt er nicht
zurück.“
Mit diesen Worten kam der Höfling zum Zare-
witsch.
„Eure Majestät, ich habe wieder etwas ausge-
dacht: Andrej soll durch dreimal neun Länder,
durch dreimal neun Leiden ziehen, ins dreimal
zehnte Reich, auf die Insel Bujan, und soll das
Schweinchen mit den goldenen Borsten herbrin-
gen. Man soll ihm eine Besatzung geben, die

313
trinkt, und ein Schiff, das leckt. Und als Frist vier
Monate, nicht mehr.“
Bald ruft er nun Andrej dringend zum Zaren.
Der sagt zu Jeletschka:
„Wieder irgendwas, irgendein Unheil droht mir,
man ruft mich wieder zum Zaren.“
Sie sagt:
„Sag dem Zaren, sie sollen wieder ein Schiff mit
Wein und Brot beladen. Du weißt doch selber, du
hast mich für dich genommen und nicht für ande-
re Leute, nun versteh mich auch zu hüten!“
„Was wollt Ihr von mir, Eure Majestät?“
Der Zar sagt zu ihm:
„Hör zu, Andrej; wohin steckst du deine Frau,
wenn du fortgehst?“
„Sie ist zu Hause bei mir.“
„Gib sie mir, sonst gebe ich dir wieder einen
Auftrag.“
„Nein“, antwortet er, „ich gebe sie nicht her.
Ich habe für mich selber geheiratet.“
„Schön. Wenn du sie mir also nicht geben willst,
dann gebe ich dir den Auftrag, durch dreimal neun
Meere, durch dreimal neun Länder zu ziehen, ins
dreimal zehnte Zarenreich, auf die Insel Bujan,
und bring mir das Schweinchen mit den goldenen
Borsten. Wir geben dir eine Frist von vier Mona-
ten. Bringst du’s nicht her, kommt dein Kopf von
den Schultern.“
Da antwortet ihm Andrej:
„Na schön, Eure Majestät, beladet ein Schiff mit
Wein und Brot, ich werde bereit sein.“

314
Mit diesen Worten ging Andrej hinaus und nach
Hause. Wie er zu Jeletschka kommt, fragt ihn Je-
letschka:
„Nun, was ist, Andrej?“
„Wieder ein Auftrag dorthin, wie das erste Mal.“
„Schon gut, Andrej, sei nicht traurig, der Mor-
gen ist klüger als der Abend. Das alles, Andrej, ist
noch kein Auftrag; wenn der dritte Auftrag
kommt, bei dem müssen wir uns Gedanken ma-
chen.“
Da aßen sie ihr Abendbrot und legten sich
schlafen. Sie schlief mit ihm bis zwölf Uhr. Um
zwölf steht sie auf, zieht ihr Zaubertuch hervor,
winkt damit, da erscheinen die drei Burschen und
verneigen sich vor ihr.
„Was befiehlst du zu tun, Jeletschka?“
„Hört zu, Burschen: Eilt innerhalb von zwei
Stunden ins dreimal neunte Zarenreich, in den
dreimal zehnten Staat, auf die Insel Bujan, und
bringt von dort das Schweinchen mit den golde-
nen Borsten.“
Die Burschen verneigten sich und rannten los.
Die zwei Stunden waren noch nicht einmal ver-
gangen, da kamen sie zurück und brachten das
Schweinchen angeschleppt. Sie nimmt das
Schweinchen, verpackt es in eine Kiste und legt
sich schlafen. Stand um sechs auf, machte den
Samowar heiß und weckte Andrej:
„Steh auf, Andrej, du mußt noch etwas trinken,
etwas essen und dich auf den Weg machen.“
Andrej trank den Tee, zog sich an und brach in
Tränen aus.

315
„Nun, Jeletschka, wahrscheinlich werde ich dich
nicht wiedersehen.“
„Weine nicht, Andrej, es wird nichts gesche-
hen.“
Als er angezogen war, gibt sie ihm die Kiste:
„Hier, Andrej, nimm diese Kiste, darin ist das
Schweinchen mit den goldenen Borsten. In zwei
Monaten mach die Besatzung betrunken, wende
das Schiff und komm zurück; du brauchst nir-
gendshin zu ziehen, du hast alles in der Kiste.“
„Und wird der Zar dich finden?“
„Nein, er wird mich nicht finden; er kriegt mich
genausowenig zu sehen wie seine eigenen Oh-
ren.“
Als Andrej fortgefahren war, begab sich der Za-
rewitsch zu ihm nach Hause, wühlte alles durch,
hob die Fußböden in die Höhe, nahm die Öfen
auseinander, durchwühlte alles, was es zu durch-
wühlen gab, doch sie war nicht da.
„Wahrscheinlich hat Andrej sie mitgenommen“,
denkt er.
Andrej hatte sich also nach dem Schiff aufge-
macht. Kommt hin, besteigt das Schiff, und so
machten sie sich auf die Reise. Sie fuhren zwei
Monate, bis eine Windstille eintrat, das heißt ruhi-
ges Wetter. Als das Wetter ruhig geworden war,
machte er seine ganze Besatzung wieder betrun-
ken, und als es auf dem Schiff schon still war,
geht er ans Ruder, wendet das Ruder und fängt
dann an, die Besatzung aus dem Schlaf zu wek-
ken:

316
„Steht auf. Freunde, es muß jemand, wenn
möglich, steuern!“
„Steuern ist gut, Herr, aber der Kopf tut so
weh.“
„Na schön, dann trinkt eins auf euren Rausch!“
Nun näherten sie sich ihrem Land. Immer näher
kommt ihr Land, und sie fangen wieder zu fragen
an:
„Jäger Andrej, wie steht’s, haben wir das be-
kommen, weswegen wir ausgezogen sind?“
„Haben’s bekommen.“
„Na schön, das ist gut.“
„Könnt ihr euch wirklich nicht erinnern?“
„Wie sollen wir uns erinnern, wo wir völlig be-
trunken waren.“
„Haben’s bekommen.“
Als sie nun angelegt hatten, gingen alle an
Land, und schon kommt der junge Zarewitsch mit
seinem Schwert und fragt:
„Nun, wie steht’s, Andrej, hast du’s bekom-
men?“
„Hab’s bekommen. Ihr könnt’s nehmen, Eure
Majestät; hab’s ausgeführt.“
Und ging nach Hause.
Kaum ist er am Haus, da kommt Jeletschka auf
die Treppe herausgesprungen, küßt ihn und führt
ihn in die Stube. Der Samowar war schon bereit,
und sie setzten sich an den Tisch. Nun trinken sie
Tee, und sie fragt:
„Nun, Andrej, wie war’s?“
„Es ist ganz gut gegangen.“

317
„Nun, das ist recht, und so wird’s auch künftig
sein.“
Noch waren keine zwei Tage vergangen, da er-
fuhr der Zarewitsch schon, daß bei Andrej die
Frau ist. Er ließ den Höfling suchen, damit er eine
dritte Aufgabe ausdenken und Andrej seine Frau
wegnehmen sollte, koste es was es wolle. Sie fan-
den den Höfling, und der Zarewitsch sagt zu ihm:
„Hör zu, Freund, denk noch eine dritte Aufgabe
für Andrej aus!“
Er antwortet:
„Schön, ich brauch nicht lange etwas für ihn
auszudenken.“
Er hofft schon auf die Alte. Danach ging der
Höfling wieder in den Wald. Lange ging er so,
dann trifft er die Alte:
„Guten Tag, Großmütterchen!“
„Guten Tag, Söhnchen!“
Sie fragte ihn:
„Nun, wie steht’s, hat’s Andrej ausgeführt?“
„Hat’s ausgeführt.“
„Hm, Andrej zu betrügen braucht man nicht
lange, aber seine Frau betrügt man nicht. Nun,
macht nichts, jetzt werde ich trotzdem etwas aus-
denken, werde ihn für sieben Jahre von seiner
Frau trennen.“
Dann sagt sie zu ihm:
„Geh also zum Zaren und sage ihm folgendes:
,Andrej soll nach Weiß-nicht-wohin ziehen und
das Weiß-nicht-was bringen. Gib ihm keine be-
stimmte Frist, nun, nicht weniger als sieben Jahre.
Vielleicht versucht er’s gar nicht erst. In dieser

318
Zeit aber kann der Zar die schöne Jelena heira-
ten.“
Na ja, sie weiß doch nicht, daß Jelena sich ver-
bergen kann. Sogleich geht dieser Höfling zum
Zaren und meldet:
„Also, Eure Majestät, Andrej soll nach Weiß-
nicht-wohin ziehen und das Weiß-nicht-was brin-
gen. Und gebt ihm keine bestimmte Frist. In die-
ser Zeit aber könnt Ihr Euch seine Frau verschaf-
fen.“
Als der Zar von dem Höfling diese Worte gehört
hatte, schickte er in Ungeduld nach Andrej. Als
der Bote zu Andrej kam, befahl er ihm, zum Zaren
zu kommen, und zwar unverzüglich. Andrej ant-
wortete:
„Ist gut.“
Und wieder sagt er zu seiner schönen Jelena:
„Jeletschka, der Zar hat sicher wieder etwas
Schlimmes bereit.“
„Ja, sicher wieder einen Auftrag. Nun, lehne
den Auftrag nicht ab, übernimm ihn, dann werden
wir schon weiter sehen.“
Wie Andrej zum Zaren kommt, führt ihn der Zar
in ein besonderes Zimmer und beginnt, ihn mit
Wein zu bewirten; er will ihn betrunken machen,
damit er schneller sein Einverständnis gibt. Aber
seine Frau hatte ihm eingeschärft:
„Paß auf, Andrej, trink keinen Schnaps!“
Andrej schlug natürlich nicht ab, ging mit ihm
zu Tisch, trank ein kleines Gläschen, und der Zar
beginnt auf ihn einzureden.

319
„Hör zu, Andrej, gib mir deine Frau, ich verhei-
rate dich mit einer hübschen Generalstochter, und
du wirst ein glückliches Leben führen, ohne über-
flüssige Sorgen; wenn nicht, bekommst du wieder
einen großen Auftrag.“
Andrej fand sich zu nichts bereit, zu keinerlei
Zugeständnissen, und sagte:
„Ich will lieber gehen als meine Frau wegge-
ben.“
Und Schnaps trank er überhaupt nicht mehr.
„Dann also, Andrej, gebe ich dir den folgenden
Auftrag: nach Weiß-nicht-wohin zu ziehen und das
Weiß-nicht-was zu bringen. Eine Frist lege ich
nicht fest. Kommst du zurück und bringst es nicht
mit, dann kostet es dich den Kopf.“
Andrej ging mit diesen Worten hinaus und
kommt heim zur schönen Jelena. Kommt traurig
und betrübt, mit Tränen in den Augen. Jeletschka
fragte Andrej:
„Warum weinst du?“
„Wie soll ich nicht weinen, Jeletschka? Folgen-
den Auftrag haben sie mir gegeben: nach Weiß-
nicht-wohin zu ziehen und das Weiß-nicht-was zu
holen.“
Sie antwortete ihm:
„Höre, Andrej, sei nicht traurig, trink, iß und leg
dich schlafen: der Morgen ist klüger als der
Abend, am Morgen wird alles klar sein.“
Sie aßen zu Abend und legten sich schlafen. Sie
schlief nur ein wenig, stand auf, nimmt ihr Zau-
berbuch zur Hand und beginnt zu suchen, wo das
Weiß-nicht-was ist. Lange suchte sie, konnte es

320
natürlich nicht finden, warf das Zauberbuch bei-
seite, nimmt ihr Zaubertuch, schüttelte es, und
die drei Burschen sprangen heraus.
„Was befehlt Ihr, schöne Jelena?“
„Hört, Burschen, wißt ihr nicht, wo das Weiß-
nicht-was ist?“
Der eine sagt: „Ich weiß es nicht.“ Der andere:
„Weiß nicht.“ Alle wie aus einem Munde. Sie
verbarg das Tuch in der Tasche, nimmt eine große
Docke Wolle und beginnt, ein Knäuel zu wickeln.
Als sie ein großes Knäuel gewickelt hatte – sie
konnte es kaum umfassen –, trug sie’s vor die Tür
und legte es auf die Treppe. So verbrachte sie die
Zeit bis sechs Uhr morgens. Sie setzte den Sa-
mowar an und weckte Andrej.
„Steh auf, Andrej, mein Lieber, die Arbeit war-
tet schon auf dich – eine lange Reise!“
Sie setzten sich also, tranken Tee, und sie sagt:
„Höre, Andrej, auf der Treppe liegt ein Knäuel.
Dieses Knäuel wird den Weg entlang rollen, und
du geh ihm nach. Solange dieses Knäuel den Weg
entlangrollt, geh; geh die ganze Zeit, bis das
Knäuel zu Ende ist und der Faden auf dem Weg
ausläuft; dort wirst du ein Schloß erblicken. In
dieses Schloß geh hinein, dort wird man dich
empfangen.“
Andrej bricht also auf. Sie hatte ihm eine Ta-
sche zurechtgemacht, einen Reisesack, und er
begann zu weinen:
„Jeletschka, ich werde dich nicht wiedersehen,
weiß nicht, wohin ich gehe!“

321
„Mach dir keine Gedanken, Andrej, der Zar
kriegt mich nicht, ich werde auf dich warten; frei-
lich werden wir uns lange nicht sehen.“
Weiter sagt sie noch zu ihm:
„Hier nimm die Tasche. Wenn du in das Schloß
kommst, wird man dich empfangen, dir zu essen
und zu trinken geben und dich schlafen legen.
Wenn du am Morgen aufstehst und dich wäschst,
wird man dir ein Handtuch bringen, aber trockne
dich nicht mit ihrem Handtuch ab, hol dein eige-
nes aus dem Reisesack und trockne dich damit
ab.“
Er brach nun auf, ihretwegen war ihm sehr weh
ums Herz, und er begann zu weinen. Sie tröstete
ihn, trocknete ihm mit ihrem Tuch die Tränen,
und sie gingen zusammen vor die Tür zur Treppe.
Er ging hinab auf die Straße, und das Knäuel roll-
te vor ihm her. Und so machte sich Andrej auf
den Weg. Sobald der Zar erfahren hatte, daß An-
drej fort war, stellte er sogleich an ihrem Haus
eine Wache auf und begann, das ganze Haus zu
durchsuchen. Aber finden konnte er sie nicht,
wurde schließlich wütend und brannte das ganze
Haus nieder.
Und Andrej ging seinen Weg immer weiter, das
Knäuel aber rollte und wurde immer kleiner und
kleiner. So wie Andrej lief, wurde das Knäuel im-
mer kleiner und kleiner. Und Andrej war es schon
leid zu gehen, immer dachte er an die schöne Je-
lena. Er ging also und ging, setzte seinen Weg
fort, und das Knäuel war klein geworden wie ein
Hühnerkopf. Andrej wurde es schwer ums Herz,

322
keine Menschenseele zu sehen; je kleiner das
Knäuel wurde, um so schwerer wurde es Andrej
ums Herz. Schon so klein war das Knäuel nun ge-
worden, daß es auf dem Wege nicht mehr zu er-
kennen war, und der Faden lief auf dem Wege
aus. Andrej blickte auf, da steht ein Schloß vor
ihm. Er geht zur Treppe, zur vorderen.
Wie er an der Treppe ist, kommen die Stufen
herab zwei Mädchen zu ihm gelaufen, eine sieht
aus wie die andere, wie seine Jeletschka, aber er
wagte nicht, es zu sagen. Sie nehmen ihn bei der
Hand und führen ihn ins obere Stockwerk. Als sie
ihn hineingeführt hatten, legten sie sogleich kost-
bare Tischtücher auf, brachten Getränke, süße
Schnäpse und ausländische Weine herbei, gaben
ihm zu trinken, zu essen und legten ihn zum
Schlaf auf ein Daunenbett. Dann gingen sie.
Er schlief die ganze Nacht. Am Morgen kommen
sie um acht gelaufen und wecken ihn. Als er auf-
gestanden war, brachten sie ihm Wasser zum Wa-
schen und brachten ein Handtuch. Andrej wusch
sich natürlich. Dann reichen sie ihm das Hand-
tuch.
„Nein, Mädchen, ich habe ein Handtuch, mein
eigenes, für die Reise.“
Er holt sein Handtuch aus dem Reisesack;
kaum hatte er sein Gesicht mit dem Handtuch be-
deckt, da entriß ihm eins der Mädchen das Hand-
tuch und rannte davon. Und die andere hinterher.
Andrej blieb in großer Betrübnis stehen und
denkt:

323
„Was wird jetzt mit mir geschehen, warum hat
sie mir bloß befohlen, mich mit meinem eigenen
Handtuch abzutrocknen?“
Die Mädchen nun bringen das Handtuch zu ihrer
Mutter und sagen:
„Hört nur, Mutter, unser Schwager Andrej ist
gekommen.“
„Aha, weiß schon, weiß schon, weswegen er
gekommen ist.“
Es war nämlich ihr Handtuch. Deswegen also
hatte sie ihm befohlen, sich mit dem Handtuch
abzutrocknen, damit sie wüßten, wer er ist und
weswegen er kommt, deswegen hatte sie ihm
eben befohlen, sich damit abzutrocknen. Die Alte
sprang von ihrem Stuhl auf und geht zusammen
mit ihren Töchtern zu ihm:
„Guten Tag, Schwiegersohn!“
„Guten Tag, guten Tag, Mütterchen!“
„Ich weiß schon, weswegen du gekommen bist.
Der Zar will meine Jeletschka haben. Haha, das
wird ihm nicht gelingen, dir aber will ich bei dem
helfen, weswegen du gekommen bist; bleibe ein
paar Tage bei mir. Das hat er sich so gedacht, der
junge Zarewitsch, meine Jeletschka zu kriegen; er
soll das Nachsehen haben, mag er auch hundert
Jahre suchen, er wird sie nicht finden.“
Da setzte sich Andrej an den Tisch, begann zu
essen und beruhigte sich.
Jetzt sagt sie:
„Schön, Schwiegersohn, bleib drei Tage bei mir,
ich will mich ans Suchen machen.“

324
Und sie ging fort. Sie kommt also in ihr Zim-
mer, nimmt ihr Zauberbuch zur Hand und begann
nachzusehen, wo das Weiß-nicht-was ist. Sie sah
lange nach, warf das Buch beiseite und raufte sich
die Haare, konnte es nicht finden. Sie dachte lan-
ge, lange nach und sagt:
„Endlich hab ich’s!“
Sie nahm zwei Besen und flog fort durch die
Luft, flog einen Tag und eine Nacht, kam zurück
und hatte es nicht finden können. Sie nimmt ihr
Zauberbuch und beginnt wieder nachzusehen. Sah
nach, sah nach, konnte’s nicht finden, warf das
Buch beiseite und dachte nach. Dachte acht Stun-
den nach und sagte:
„Jetzt hab ich’s gefunden, jetzt weiß ich, wo es
ist. Großmütterchen Springbein lebt dreihundert
Jahre im Sumpf, sie wird es bestimmt wissen, ich
will doch zu ihr fliegen.“
Sie nimmt zwei Besen und fliegt fort. Als sie
zum Großmütterchen Springbein in den Sumpf
geflogen kam, fragte sie:
„Großmütterchen Springbein, weißt du, wo das
Weiß-nicht-was ist?“
„Das weiß ich“, sagt sie.
„Dann sag’s!“
„Nein, ich sag’s nicht. Ich werde’s dann sagen,
wenn du mich in gekochter Milch zum Feuerfluß
trägst, dann werde ich es dir sagen, aber vorher
sag ich’s nicht.“
Sie nimmt Springbein auf und trägt sie zu sich.
Nimmt einen Krug Milch und beginnt, sie zu ko-
chen. Als sie sie gekocht hatte, setzte sie dieses

325
Großmütterchen Springbein, es war aber eine
Kröte, hinein und geht zu ihrem Schwiegersohn.
„Nun, Schwiegersohn, zieh dich an, du mußt
reiten, ich will dir mein Pferd geben.“
Unser Jäger Andrej zog sich also an und führt
sein Pferd heraus. Die Alte sagt zu ihm:
„Flieg auf diesem Pferd bis zum Feuerfluß, am
Feuerfluß aber wird das Pferd schon nicht mehr da
sein, dann frag das Großmütterchen, wie du
weiterkommst.“
Als er nun am Feuerfluß ankam, war das Pferd
schon nicht mehr da. Allein der Krug war übrigge-
blieben, und er zog die Kröte Springbein an einem
Faden heraus. Als er sie herausgezogen hatte,
sagt sie zu ihm:
„Steig auf mich auf, Andrej, ehe es zu spät ist!“
Er aber sagt zu ihr:
„Was fällt dir ein, Großmütterchen, du bist ja so
klein, ich werde dich zerdrücken.“
„Los, steig auf!“
Lange sperrte er sich, stieg nicht auf, schließlich
aber:
„Na schön, ich werde aufsteigen.“
Er stieg auf, die Kröte aber ging in die Höhe,
immer höher, wurde größer als der Wald und
saugte ihn ganz in sich hinein, nur der Kopf war
noch zu sehen. Dann sagte sie:
„Nun halt dich schön fest!“
Die Kröte machte einen Satz und sprang über
den Feuerfluß. Sie ließ ihn heraus. Er fragt sie:
„Großmütterchen, wo ist denn nun das Weiß-
nicht-was?“

326
„So ist’s recht, wenn du nicht gefragt hättest,
hättest du’s auch nicht erfahren. Jetzt will ich’s dir
sagen.“
Und das Großmütterchen beginnt:
„Höre nun, wo das Weiß-nicht-was wohnt: geh
diesen Weg, er wird dir freilich lang erscheinen,
aber geh nur! Du wirst ein Haus – kein Haus se-
hen, eine Scheune – keine Scheune, einen Raum
– keinen Raum. Geh hinein, das Haus ist ganz und
gar leer und zerfallen, nur ein Ofen steht darin.
Geh in dieses Haus und stell dich hinter den Ofen.
Es werden zwei Burschen kommen und sagen:
‚Schwager Naum6, zu trinken und zu essen!’ Mu-
sikinstrumente werden zu spielen beginnen, und
perlenbestickte Tischtücher, Getränke, süße
Schnäpse und ausländische Weine werden er-
scheinen. Du aber bleib stehen, bis sie weggehen
und das Zimmer ganz leer ist. Dann komm hervor
und sage: ‚Schwager Naum, zu trinken und zu es-
sen!’ Und du wirst ganz das gleiche bekommen.
Wenn du beim Trinken und Essen bist, lade auch
den Schwager Naum zu einem Gläschen ein. Dann
wird er dich nie mehr verlassen. Das wird das
Weiß-nicht- wer sein.“
Das alles sagte das Großmütterchen Spring-
bein. Er bedankte sich bei ihr und machte sich auf
den Weg. Lange zieht er so dahin, und schließlich
sah er: ja, ein Haus – kein Haus, eine Scheune –
keine Scheune. Er geht hinein – es ist ganz und

6
Naum – zweisilbig mit Betonung der zweiten Silbe zu
sprechen: Naúm. (Anm. d. Übers.)

327
gar leer und zerfallen, nur ein Ofen steht darin,
und auf einmal sieht er, es kommen zwei junge
Männer und sagen sogleich:
„Schwager Naum, zu trinken und zu essen!“
Und von irgendwoher erschienen perlenbestick-
te Tischtücher, Getränke, süße Schnäpse und aus-
ländische Weine, und das Zimmer veränderte
sich, sah ganz anders aus. Als sie nun gegessen
hatten und fortgegangen waren, war das Zimmer
wieder leer. Da kommt Andrej hinter dem Ofen
hervor. Als er hinter dem Ofen hervorgekommen
war, sagte er:
„Schwager Naum, zu trinken und zu essen!“
Und es geschah ihm das gleiche, perlenbestick-
te Tischtücher erschienen, Getränke, süße
Schnäpse, ausländische Weine und auch ein Wod-
ka und ein Gläschen und alles, was das Herz be-
gehrt. Da setzte er sich an den Tisch, begann zu
essen und sagt:
„Schwager Naum, kann ich nicht noch ein zwei-
tes Gläschen haben?“
Schwager Naum reicht ihm ein zweites Glä-
schen.
„Schwager Naum, laß dich von mir, dem Wan-
dersmann, mit dem zweiten Gläschen bewirten.“
Als Schwager Naum das Gläschen ausgetrunken
hatte, sagte er:
„Jäger Andrej, du hast mich mit einem Glä-
schen bewirtet, nun gehe ich nie mehr von dir
fort. Ich habe die zwei Dummköpfe dreißig Jahre
gefüttert, aber noch keine verbrannte Brotrinde
von ihnen zu sehen bekommen.“

328
„Schwager Naum, zeig dich l“
„Nein“, sagt der, „ich bin ein Geist, den nie-
mand sehen kann. Ich bin Weiß-nicht-wer.“
Andrej also trank und aß und brach auf.
„Nun, wie steht’s, Schwager Naum, kommst du
mit?“
„Natürlich, ich bleibe immer bei dir.“
„Wohin?“
„Laß uns nur gehen.“
Lange zog Andrej seinen Weg und fragte immer
wieder:
„Schwager Naum, bist du da?“
„Bin da. Ich gehe nie von dir fort.“
Schließlich kommt Andrej ans Meer. Als er am
Meer ist, sagt er:
„Schwager Naum, und wohin gehen wir jetzt?“
„Warte, Andrej, gleich kommt ein Schiff, mit
dem werden wir fahren.“
Auf einmal kommt irgendwoher ein Schiff ge-
fahren, ein Boot legt an und bringt ihn zum Schiff.
Er fragte:
„Schwager Naum, bist du da?“
„Bin da, bin da; ich gehe nie von dir fort.“
Nun, auf dem Schiff war keine Menschenseele,
waren keine Leute.
„Was heißt das, Schwager Naum, wir haben
keine Leute, wer von uns wird steuern, wir haben
weder Steuerleute noch Matrosen.“
Da sagte Schwager Naum:
„Leg dich schlafen, ich komme schon alleine zu-
recht.“

329
Also legte sich Andrej hin, schlief ein wenig,
steht auf. Schwager Naum sagt zu ihm:
„Nun, Andrej, wir werden an eine Insel kom-
men, und an dieser Insel werden wir aussteigen,
das heißt, uns dort ansiedeln.“
Sie kommen also zu dieser Insel, sogleich wird
vom Schiff ein Boot heruntergelassen und bringt
sie auf die Insel; das Schiff aber war schon ver-
schwunden. Sie betreten also die Insel. Die Insel
stand im Meer. Schwager Naum sagt:
„Hör zu, Andrej, auf dieser Insel werden wir ein
Schloß bauen und es mit Gärten umgeben. An der
Insel werden drei Schiffe vorbeifahren, die werden
uns besuchen kommen.“
Schwager Naum baute also sogleich ein Schloß,
legte ringsum Gärten an, und von nun an lebten
sie dort. Und Schwager Naum sagt zu ihm:
„In zwei Tagen werden drei Schiffe hierher
kommen. Die haben so etwas Seltsames noch
nicht gesehen; dreißig Jahre fahren sie an dieser
Stelle vorbei und haben nie eine Behausung gese-
hen. Sie werden gerade hier haltmachen und zu
uns kommen. Die Kapitäne auf diesen Schiffen
haben drei Wunderdinge, die wir im Tausch gegen
mich an uns bringen müssen. Sie werden einver-
standen sein, aber ich gehe nie von dir fort. Wenn
wir ihnen zu trinken und zu essen gegeben haben,
machen wir sie ein wenig betrunken, sie werden
mit ihren Wunderdingen prahlen und dich fragen:
,Was ist das bei dir für ein Schwager Naum?’“

330
Wirklich vergeht einige Zeit, und es kommen
drei Schiffe gefahren. Alle liefen zusammen und
wunderten sich:
„Was ist denn das, dreißig Jahre fahren wir
schon, ein solches Wunder haben wir noch nicht
gesehen. Jemand ist hierhergekommen, hat ein
Schloß erbaut, das müssen wir uns ansehen!“
Sie machten also halt, alle drei Schiffe zusam-
men; alle Kapitäne mit ihren Matrosen und Steu-
erleuten ließen Boote herab und fuhren an Land.
Als sie angelegt hatten und das Schloß betraten,
empfing sie Andrej der Jäger und sagte:
„Schwager Naum, zu trinken und zu essen, die
Seeleute bewirten!“
Und es erschienen perlenbestickte Tischtücher,
Getränke, süße Schnäpse und ausländische Wei-
ne.
Das alles war getan. Die Gäste setzten sich zu
Tisch. Als sie Schnaps zu trinken begannen, be-
kamen sie einen ordentlichen Rausch. Da begin-
nen sie nun, ihn zu fragen:
„Jäger Andrej, was ist das bei dir für ein
Schwager Naum? Was ist das für ein Mensch, und
hast du dich schon lange hier auf der Insel ange-
siedelt?“
Da sagt er zu ihnen:
„Das ist Schwager Naum – mein Freund, er
führt alle meine Befehle aus, und wo immer wir
uns ansiedeln wollten, dorthin würde ich mit ihm
fahren.“
„Und was für ein Mensch ist er, könnte man ihn
nicht einmal zu Gesicht bekommen?“

331
„Ich weiß nicht. Ich habe ihn selber noch nicht
gesehen; er ist ein Geist, den niemand sehen
kann.“
Als sich die Gäste vollgetrunken hatten, began-
nen sie zu prahlen. Der eine Kapitän sagt:
„Ja, Andrej, ich habe auch ein Wunderding;
wenn es mir einfällt, habe ich da ein Beil und sage
zu einem Baum: ‚Beil, ruck-zuck, werd’ zum Schiff
im Flug!’ Und im gleichen Augenblick geschieht’s.“
Da begann der zweite Kapitän zu sprechen:
„Ja, das ist ja ganz schön, aber ich habe einen
Säbel. Wenn ich ans Ufer komme und schlage
über das Wasser hin, entsteht eine kristallene
Brücke. Schlage ich quer zum Wasser, geschieht
nichts. Und wenn ich ein Schloß bauen will, da
gehe ich auf einen schönen Platz, fahre dreimal
mit dem Säbel im Kreise herum und mache ein
Schloß, wie immer ich es haben will.“
Da sagt der dritte Kapitän zum zweiten:
„Ich habe ein schönes Ding. Es ist so ein kleines
Rohr; wenn ich aufs Feld hinausgehe und pfeife,
entsteht ein großes Heer, und was ich befehle,
das tun sie.“
Als alle Kapitäne alle ihre Geschichten erzählt
haben, sagt Schwager Naum zu Andrej, flüstert
ihm ins Ohr:
„Höre, Jäger Andrej, gib mich zum Tausch; alle
diese Dinge brauchen wir, und ich gehe nie von
dir fort; sie werden einverstanden sein.“
Darauf sagt Andrej der Jäger zu den Kapitänen:

332
„Hört zu, Kameraden Kapitäne, laßt uns einen
Tausch machen, ich gebe euch den Schwager
Naum und ihr mir alle diese Dinge.“
Die Kapitäne überlegten eine Weile, besprachen
sich untereinander und sagten schließlich:
„Ist recht.“
Und so hatten sie beschlossen:
„Kameraden, wir wollen es so machen: Wir ge-
hen nach Hause, bringen unsere Frauen her und
werden auf der Insel leben; Schwager Naum wird
uns versorgen, und wir brauchen nicht zu arbei-
ten.“
Sogleich brachen sie zu den Schiffen auf, ihre
Dinge zu holen. Als sie auf den Schiffen ange-
kommen waren, nahmen sie die Dinge und fuhren
wieder an Land. Unterdessen aber sagt Schwager
Naum zu Andrej:
„Wenn sie wiederkommen, nimm sie in Emp-
fang und mach sie betrunken; selber aber nimm
ihre Dinge an dich und geh ans Ende der Insel.“
Wie sie also wiederkommen, diese Kapitäne,
setzten sie sich zu Tisch, und es begann ein
Trinkgelage. Die Kapitäne geben ihm ihre Dinge,
er aber sagt zu Schwager Naum:
„Nun, Schwager Naum, bleib du jetzt bei den
Kapitänen und diene ihnen, wie du mir gedient
hast; ich gehe jetzt fort.“
Er verabschiedete sich, nahm die Dinge in Emp-
fang und ging.
Ein Stück war er gegangen, da sagte er:
„Schwager Naum, bist du da?“

333
„Ich bin schon lange bei dir. Aber warte etwas,
sie werden noch ein wenig trinken und dann ein-
schlafen. Aufwachen werden sie auf nacktem
Stein, anderes wird dort nicht mehr sein.“
Die Kapitäne tranken, bis sie einschliefen. Sie
wachten auf, sprangen in die Höhe und waren auf
nacktem Stein zurückgeblieben; nichts war mehr
da, weder das Schloß noch die Gärten. Und von
Andrej keine Spur.
Als Andrej ans Ende der Insel kam, fragt er
Schwager Naum:
„Nun, Schwager Naum, was werden wir tun?“
„Das solltest du jetzt selber wissen; hast du das
Beil?“
„Ja.“
„Nun, dann bau ein Schiff!“
Andre] suchte rasch einen Baum aus und tat
einen Schlag mit dem Beil:
„Nun, ruck-zuck, werd’ zum Schiff im Flug!“
Im gleichen Augenblick war das Schiff fertig
und lag schon auf dem Wasser. Jetzt sagt er:
„Nun, Schwager Naum, wie kommen wir jetzt
aufs Schiff?“
„Nun, du hast doch ein Ding?“
Er nimmt den Säbel, schlug über das Wasser
hin, und es entstand eine Brücke. Sie gingen zum
Schiff hinüber. Er schlug quer, nahm die Brücke
fort, und sie fuhren auf dem Schiff davon.
Sie fuhren nun lange oder kurze Zeit, niedrig
oder hoch, nah oder fern und fahren und fahren
die ganze Zeit. Andrej kommt in eben das Land,
aus dem er ausgezogen war, und sieht: es ist’s.

334
Als sie am Ankerplatz angekommen sind, nimmt
Andrej den Säbel, schlug über das Wasser hin,
und es entstand eine Brücke. Die betraten sie und
gingen an Land. Als sie am Ufer waren, gehen sie
durch die Stadt, und Andrej geht zu den Häusern,
wo sein Zimmer gewesen war. Als er hinsah und
sich die Stelle betrachtete, da war alles niederge-
brannt, und das Gras war schon darauf gewach-
sen. Da blickte er auf und sagte:
„Nun, meine Jeletschka ist also tot, verbrannt
hat sie der Wahnsinnige.“
Da wußte Andrej nicht, was er tun sollte. Er
fragte also den Schwager Naum:
„Schwager Naum, und was werden wir jetzt
tun?“
Schwager Naum antwortete ihm:
„Bau ein Haus, und deine Jeletschka wird sich
finden.“
Da nimmt Andrej der Jäger den Säbel, dreht
sich mit ihm einmal im Kreis herum und sagt:
„Nun, ein Schloß soll mir gebaut werden, noch
dreimal schöner als das des Zaren.“
Und im gleichen Augenblick war das Schloß er-
baut, mit einer Aufschrift aus Silber: „Jäger An-
drejs Haus“.
Als er sah, daß das Schloß so herrlich gebaut
war, ging er voll Freude ins obere Stockwerk und
lief durch alle Zimmer. Schließlich kam er ins
Schlafzimmer. Als er im Schlafzimmer war, zog er
den Vorhang beiseite und sieht, Jeletschka schläft
auf dem Bett. Er weckte sie, sie öffnete die Au-
gen, sprang auf, küßte ihn ab und sagte:

335
„Bist du’s, den ich sehe, mein lieber Jäger An-
drej?“
„Ich bin’s“, antwortete er. „Komm gleich mit in
den Saal, wir wollen ein Begrüßungsessen veran-
stalten, und ich werde von meiner Fahrt erzäh-
len!“
Als sie den Saal betreten hatten, setzten sie
sich zu Tisch, und sie fragte:
„Nun, Jäger Andrej, hast du das Weiß-nicht-was
gefunden?“
Er sagt:
„Ja.“
Dann sagt Andrej:
„Los, Schwager Naum, zu trinken und zu essen;
wir wollen lustig sein; versorge dich, mich und
meine Frau.“
Da fragt sie:
„Schwager Naum, wer bist du, zeig dich mir!“
„Nein, schöne Jelena, ich habe mich seit meiner
Geburt niemandem gezeigt. Ich bin ein Geist,
niemand kann mich sehen, ich bin das Weiß-
nicht-was.“
Sie fragte nicht mehr. Jetzt fragt Andrej:
„Wie steht’s, Schwager Naum, was werden wir
jetzt tun? Willst du zum Zaren gehen oder bei mir
bleiben?“
Schwager Naum antwortet:
„Nein, Andrej, zum Zaren gehe ich nicht, der
Zar hat mich nicht gefunden, sondern gefunden
hast du mich, Jäger Andrej, und dir werde ich die-
nen, mit dem Zaren aber werden wir anders ab-
rechnen.“

336
Und Schwager Naum sagt zu ihm:
„Höre, Andrej, nimm das kleine Rohr, das wie
eine Tabakspfeife aussieht, und komm mit aufs
Feld. Wenn wir auf dem freien Feld sind, pfeife
einmal!“
Andrej nimmt das Rohr und geht hinaus aufs
freie Feld.
Als er auf dem Felde war, pfiff er sogleich auf
dem Rohr. Und es ergoß sich ein so großes Heer,
wie er es noch nie gesehen hatte; es wurde weder
kleiner noch größer. Die Hauptatamane kommen
zu ihm herangesprengt und verneigen sich bis
zum Gürtel.
„Was wünschst du, Jäger Andrej?“
Er weiß nicht, was er ihnen sagen soll. Da sagt
Schwager Naum zu Andrej:
„Befiehl ihnen, leere Granaten in die Stadt zu
feuern, und laß den Zaren herausrufen, oder er
soll ein Heer schicken.“
Als der Zar die Schreckensbotschaft hörte, ver-
lor er den Kopf und weiß nicht, was er tun soll. Er
schickt fünfundzwanzig Mann Soldaten, zu erkun-
den was los ist, was sie wollen und was für ein
Heer gekommen ist. Als diese Soldaten ankamen,
fragt Andrej:
„Schwager Naum, was sollen wir mit diesen
Soldaten machen?“
„Folgendes: zwanzig Mann mit den Haaren am
Gras festbinden und fünf zurücksenden: schick
uns nicht so wenig, schicke entweder ein Heer
oder komm selbst.“

337
So machten sie es auch: zwanzig banden sie
fest, und die übrigen schickten sie mit der Ant-
wort zurück. Als die Soldaten zum Zaren zurück-
kamen und die Schreckensbotschaft berichteten,
wurde der Zar sehr nachdenklich: was sollte er
tun? Schließlich beschloß er, selbst hinauszurei-
ten. Als der Zar auf das Feld kam, sah ihn Andrej
der Jäger, und er sagt zum Schwager Naum:
„Schwager Naum, was wollen wir jetzt mit dem
Zaren anfangen?“
Antwortet Schwager Naum:
„Ich meine, man sollte sehr einfach mit ihm
verfahren: ihn hinrichten, und du wirst Zar.“
Andrej antwortet:
„Nein, Schwager Naum, hinrichten will ich ihn
nicht, will nicht des Bösen gedenken, sondern lie-
ber etwas anderes mit ihm machen und hören,
was er sagt.
Als der Zar zu Andrej dem Jäger kam, erschrak
er sehr und bat um Gnade.
„Jäger Andrej, mach mit mir, was du willst, nur
schlag mir nicht den Kopf ab.“
Und er erblickte das riesige Heer.
„Ich will nichts von dir haben, nichts, was du
gebracht oder nicht gebracht hast, ich will nichts
haben, nur laß mich am Leben!“
„Nun gut.“
„Ich will dir meinen Thron übergeben, besteige
den Thron, ich trete ab.“
Da sagte er zum Zaren:
„Nun gut, ich lasse dir das Leben, aber du sollst
vierzig Jahre Hirte sein.“

338
Darauf pfiff er zweimal in sein Rohr, und das
Heer war verschwunden.
Dann gingen sie in den Palast des Zaren. Der
Zar übergibt ihm in Ruhe alle Geschäfte und ging
selbst unter die Hirten.
Da bestieg Andrej der Jäger den Thron und be-
gann Hochzeit zu feiern.
Als die Hochzeit zu Ende war, regierte er das
Zarenreich bis in sein hohes Alter.

339
34
Als sich Mücke und Fliege bekriegten
Mücke und Fliege bekriegten sich. Die Mücke biß
die Fliege und die Fliege die Bremse. Die Bremse
aber stach die Hornisse und die Hornisse den
Sperling. Und es bekriegten sich alle Insekten,
Vögel und Tiere. Das war der Vogel- und Tier-
krieg.
In einem kleinen Dorf lebte einmal ein armer,
armer Jäger. Einmal nun kam es ihm in den Sinn,
weit weg, in einem großen tiefen Wald auf Jagd zu
gehen. Als er in den tiefen Wald kam, sieht er:
Auf drei riesigen Eichen sitzt ein Vogel mit aufge-
sperrtem Rachen, so groß wie ein riesiges Haus.
Der Jäger erschrak sehr über diesen Riesenvogel
und denkt: „Er wird mich mitsamt meinem Ge-
wehr verschlingen.“ Dann aber besann er sich:
„Ich bin doch ein Jäger! Wovor habe ich denn
Angst! Ich werde ihn einfach ins Maul schießen,
und vielleicht töte ich ihn sogar.“
Er nahm sein Gewehr und zielte dem Vogel ins
Maul. Und gerade, als er den Hahn abdrücken
wollte, begann der Vogel auf einmal mit Men-
schenstimme zu sprechen und sagte: „Jäger,
schieß nicht auf mich!“ – „Und warum nicht?“ –
„Ich will dir viel erlegtes Wild geben.“ – „Nun, her
damit!“ Und der Vogel zeigte ihm das Wild. Als er
dieses Wild zusammengetragen und die Felle ab-

340
gezogen hatte, wurde er mit einem Male ein rei-
cher Mann. Aber weil die Leute vom Gelde nie ge-
nug kriegen können, ging er wieder an jene Stel-
le, ob nicht vielleicht der Vogel noch dort sitzt.
Als er an die Stelle kam, saß der Vogel wirklich
dort. Und wieder zielte er, und der Vogel sagt zu
ihm: „Jäger, schieß nicht auf mich!“ Er antwortet
ihm: „Warum nicht?“ – „Schieß nicht auf mich, ich
will dir viel erlegtes Wild geben.“ – „Nun, her da-
mit!“ Und der Vogel zeigte ihm doppelt so viel wie
beim erstenmal. Mit Hilfe der Nachbarn und ande-
rer Leute trug er all diese kostbaren Tiere zu-
sammen, zog die Felle ab und verkaufte sie. Da
wurde er schon ein sehr reicher Mann. Aber weil
die Leute vom Gelde nie genug kriegen können,
beschloß er, ein drittes Mal hinzugehen: „Viel-
leicht gibt mir der Vogel noch einmal?“ Als er das
dritte Mal hinkam, saß der Vogel wirklich noch
immer auf den drei riesigen Eichen. Und wieder
zielte er. Und gerade, als er den Hahn abdrücken
will, sagt der Vogel zu ihm: „Jäger, schieß nicht
auf mich!“ – „Und warum nicht?“ – „Schieß nicht
auf mich, ich will dir viel erlegtes Wild geben.“
Und der Vogel zeigte ihm so viel, daß es einigemal
mehr war als beim ersten Mal. Und dann sagte er
zu ihm: „Jäger, du sollst mich für drei Jahre zur
Erholung als Gast aufnehmen. Du siehst, wieviel
von allem möglichen Getier hier liegt, und alles
habe ich erlegt. Ich bin der Vogel-Zar. Ich brau-
che nicht viel: jeden Tag vierzig Eimer Wasser
und sechzig Pud Fleisch. Und wenn du mich nicht
aufnimmst, dann fresse ich dich.“ Dem Jäger war

341
der Gast nicht so ganz nach dem Herzen, aber es
gab keinen Ausweg, und er lud ihn zu sich zu
Gast. Und Leute dingte er nicht nur aus seinem
eigenen Dorf, sondern auch aus allen umliegen-
den Dörfern, und er ließ einen riesigen Kübel ma-
chen, in dem er das Fleisch einsalzte, das er auf
dem Schlachtfeld gesammelt hatte, das von dem
Vogel erlegte, und er lagerte es in tiefen Gruben
mit Quellwasser, wo es sich gut hielt, und so füt-
terte er den Vogel drei Jahre hindurch. Und der
Vogel sagt zu ihm: „Nun, Jäger, bitte ich dich, drei
Jahre mein Gast zu sein.“ Der Jäger verspürte
zwar nicht allzuviel Lust, aber er konnte nichts
machen. Er entschloß sich, Gast des Vogels zu
sein. Der setzte ihn auf seinen riesigen Rücken
wie auf ein weiches Federbett, und los ging’s, hö-
her als die Wolken am Himmel. Der Vogel flog mit
ihm davon. Und als sie in eine steinige Steppe
hineinflogen, warf er den Jäger ab und ließ ihn
fallen. Der fliegt und denkt: „Ich werde mich wohl
auf diesen schrecklichen Steinen zu Tode stürzen,
und niemand wird meine Knochen begraben.“ Und
gerade als er auf die Erde fallen wollte, hielt ihm
der Vogel seinen Rücken hin, und er fiel weich wie
auf ein Federbett und hatte nicht den geringsten
Schaden genommen. Dann flog der Vogel über
dunkle, undurchdringliche Wälder, und wieder
warf er den Jäger ab und ließ ihn über diesem
dunklen tiefen Wald fallen. Der Jäger erschrak na-
türlich tüchtig und denkt: „Ich werde in diesen
tiefen Wald fallen, und niemand wird mich finden,
und die wilden Tiere werden nicht nur mein

342
Fleisch, sondern auch meine Knochen fressen und
keine Spur von mir zurücklassen.“ Und gerade als
er in den Wald fallen will, setzt sich der Vogel auf
die Baumwipfel, die sich unter seiner Last bogen,
und hält ihm seinen Rücken hin, und er fällt weich
wie auf ein Federbett. Dann stieg der Vogel wie-
der empor, höher als vorher, und flog über einen
großen Ozean, und er stieg so hoch, daß dem Jä-
ger das Meer wie eine Tasse Wasser erschien. Und
wieder ließ er ihn fallen, genau über dem tiefen
Meer; das Meer hatte einen Wirbel, wenn ein
Schiff dorthinein geraten wäre, es wäre in tausend
Stücke gegangen. Der Jäger fliegt und denkt:
„Nun, jetzt falle ich in dieses Meer, und niemand
wird je etwas von mir hören oder eine Spur von
mir finden. Die anderen Male hätte vielleicht noch
zufällig einer vorbeikommen und wenigstens mei-
ne Knochen finden können, jetzt aber falle ich ins
Wasser, und die Raubfische werden mich ver-
schlingen, und es wird auch nicht die geringste
Spur von mir übrigbleiben.“ Und gerade, als er ins
Wasser fallen wollte, hielt ihm der Vogel plötzlich
seinen Rücken hin, und er fiel weich wie auf ein
Federbett, heil und gesund. Da fragt ihn der Vo-
gel-Zar: „Nun, Jäger, bist du erschrocken?“ – „Ja,
sehr erschrocken, wie hätte ich nicht erschrecken
sollen, war ich doch schon beinahe ins Meer gefal-
len.“ – „Genauso war ich erschrocken, denn ich
war ja auch nur um Haaresbreite vom Tode ent-
fernt. Denn wenn du nur den Abzughahn berührt
hättest, wäre der Schuß losgegangen, und ich wä-
re nicht mehr am Leben. Jetzt sind wir quitt, du

343
hast mich dreimal erschreckt und ich dich auch.
Mehr werde ich dich nicht erschrecken.“ Als sie
den großen Ozean überflogen hatten, fragt der
Vogel den Jäger: „Jäger, sieh dich um, ist nichts
zu sehen?“ Er sah sich um und sagte: „Ich kann
nirgends etwas sehen, nur dort rechter Hand sehe
ich etwas wie einen Feuerschein.“ – „Genau dort-
hin müssen wir fliegen, das ist mein Schloß.“ Als
sie zum Schloß des Vogels kamen, da war es ein
Kristallschloß, und das Dach war aus Gold, es
glänzte wie ein Spiegel, und von weitem sah es
aus wie Feuerschein. Und rings um das Schloß
war ein herrlicher Garten mit verschiedenen Obst-
bäumen; manche Bäume blühten, und an man-
chen hingen nicht einfache Früchte und Äpfel,
sondern goldene, und überall sangen und jubilier-
ten paradiesische Vögel und spielte eine sehr lu-
stige Musik, ohne Musikanten. Und woran der Jä-
ger auch nur denken mochte, alles erschien vor
ihm. Und er bekam solche Wunderdinge zu Ge-
sicht, wie er sie noch nie gesehen hatte, ja, es
war ihm nicht einmal eingefallen, so etwas zu
denken (wie es mir in Moskau gegangen ist). Und
der Jäger vergaß sogar seine liebe Heimat und
seine liebe Frau. Und er merkte nicht, wie die drei
Jahre vergingen. Und der Vogel sagt zu ihm:
„Nun, Jäger, es ist für dich an der Zeit, nach Hau-
se zu gehen, du bist drei Jahre bei mir zu Gast
gewesen.“ – „Wozu erzählst du solche Märchen?
Ich bin insgesamt nur drei Wochen bei dir zu Gast
gewesen.“ – „Nein, Jäger, du könntest das ganze
Leben bei mir verbringen und würdest es nicht

344
merken, weil das Leben bei mir zu kurzweilig und
lustig für dich ist.“ Als der Vogel ihn an die Heimat
erinnerte, besann er sich: „Ich kann ja jetzt auch
zu Hause ein sehr schönes Leben führen, weil ich
ein reicher Kaufmann geworden bin.“ Und erst da
entsann er sich seiner lieben Frau, und der Vogel
sagt zu ihm: „Ich gebe dir dieses alte verrostete
Kästchen zum Geschenk, an dem ein verrostetes
Schlüsselchen hängt, aber merke dir, ehe du zu
Hause bist, darfst du’s nicht aufschließen und
nicht öffnen, wenn du es aber aufschließt und
nicht alles wieder hineintust, wirst du eines
schrecklichen Todes sterben.“ Und er setzte den
Jäger auf seinen Rücken, brachte ihn fast bis zu
seinem Hause und setzte ihn im Walde ab. Das
war an die fünfzig Werst vom Hause entfernt. Als
sich der Jäger seinem Dorfe näherte – es fehlten
noch an die fünf Werst – sah er eine sehr schöne
Waldwiese, wo er ausruhen wollte, weil er sehr
müde war. Er liegt da und denkt: „Was schleppe
ich da für ein Kästchen, was ist darin? Der Vogel
hat mir verboten, es aufzuschließen. Ich will doch
einmal nachsehen.“ Und kurzerhand schloß er das
Kästchen auf und öffnete es. Aus dem Kästchen
kamen alle möglichen Insekten geflogen, und
darauf kam Großvieh: Ochsen und Kühe, und es
wurde eine so riesige Herde, daß man sie nicht
zählen konnte; danach breitete sich ein Markt
aus, und aller möglicher Handel wurde getrieben,
und die Kaufleute mit den verschiedensten Waren
schrien: „Kaufmann, hol dir dein Geld!“ Aber ihm
stand der Sinn nicht nach Geld, er saß da und

345
dachte: „Wie soll ich eine so unermeßliche Menge
in das Kästchen bringen?“ Und er begann bitter-
lich zu weinen. „Ich muß auf der Stelle eines
schrecklichen Todes sterben.“ Da kommt auf ein-
mal irgendwoher ein alter Mann mit einem großen
grauen Bart, und seine Nase war aus Gußeisen.
Der fragt: „Warum bist du so betrübt, guter Mann,
und weinst so bitterlich?“ – „Wie sollte ich nicht
weinen, Großvater? Ich habe dieses Kästchen hier
vor der Zeit aufgeschlossen, es ist ein Geschenk
vom Vogel-Zar, und er hat mir aufgetragen, es
erst zu Hause zu öffnen. Ich habe es aber nicht
ausgehalten, es aufgeschlossen und geöffnet. Er
hat mir gesagt, wenn du’s aufschließt und nicht
alles wieder hineintust, wirst du eines schreckli-
chen Todes sterben.“ – „Was gibst du mir? Ich
werde alles einsammeln und in das Kästchen le-
gen.“ – „Was du haben willst, das nimm, mir ist
nichts zu schade für dich.“ – „Je nun, ich brauche
im übrigen nicht viel. Gib mir nur das, was du zu
Hause nicht kennst.“ Der Jäger dachte nach und
nochmals nach: „Was ich zu Hause nicht kenne?
Alles kenne ich, obwohl ich drei Jahre nicht zu
Hause war. Und wenn ich schon etwas nicht ken-
ne, dann ist es nichts Wichtiges.“ Und er schrieb
ihm ein Papier und sagte: „Mach am kleinen Fin-
ger der rechten Hand einen Schnitt und unter-
schreibe mit deinem Blut: Ich gebe dir, was ich zu
Hause nicht kenne, in fünfzehn Jahren.“ Und der
Alte flüsterte irgend etwas, und alles wurde klein
wie ein Pünktchen: Insekten, Kühe, Ochsen und
Markt – alles ging in das Kästchen hinein. Und der

346
Zar-Wassermann, das Großväterchen, machte es
zu, verschloß es und gab den Schlüssel dem Jäger
zurück. Als der nach Hause kam, war die Freude
seiner Frau unbeschreiblich; sie lief ihm mit ihrem
drei Jahre alten blonden Jungen entgegen. Da erst
entsann sich der Jäger, daß er vergessen hatte,
daß er seine Frau schwanger zurückließ.
Ein Märchen ist bald erzählt, eine Tat aber in
Wirklichkeit nicht bald getan. Ihr Sohn wuchs her-
an und wurde ein tüchtiger, hübscher und kluger
Bursche. Er lernte lesen und schreiben und ver-
schiedene Sprachen. Und nun waren genau fünf-
zehn Jahre vergangen, seit der Jäger bei dem Vo-
gel zu Gast gewesen und zurückgekehrt war, und
es war an der Zeit, Kolja dem Großvater Wasser-
mann zu übergeben; und die Eltern jammerten
um ihn, härmten sich und weinten bitterlich. Kolja
aber bemerkte ihren Kummer und fragte: „Warum
weint ihr, Väterchen und Mütterchen? Was fehlt
euch? Es scheint, wir haben alles in Fülle, ihr aber
seid, wie ich sehe, traurig und weint immer. Seid
ihr vielleicht krank?“ Doch sie antworteten ihm:
„Das hat nichts auf sich, wir haben nichts Beson-
deres.“ Aber er glaubte ihnen nicht: „Ihr verbergt
irgendein Geheimnis vor mir. Wir leiden keine
Not. Geld haben wir viel. Nicht nur wir haben ein
schönes Leben, sondern auch all unsere Nach-
barn, sogar die Nachbardörfer, weil wir nieman-
dem eine Bitte abschlagen, keinem Armen, ihr
aber weint und jammert immer!“ Und einmal nun,
als der Vater nicht da war, fragte Kolja die Mutter.
Die Mutter aber konnte nicht mehr widerstehen

347
und sagte ihm das Geheimnis, daß „der Vater dich
einem Großvater Zar-Wassermann gegeben hat,
als er nicht wußte, daß ich dich habe.“ – „Aber
warum weint und jammert ihr dann um mich? Das
ist eben mein Schicksal. Trockne mir Zwieback,
und ich will mich auf den Weg machen. Wo soll
ich ihn aber suchen?“ Der Vater sagte zu ihm:
„Geh nur nach Westen. Er hat mir gesagt, wohin
du auch gehst, du gelangst zum Ziel, wohin du
auch fährst, du gelangst zum Ziel. Und wenn du
ihn suchst, wirst du ihn finden.“
Kolja nahm also Abschied von seinen Eltern und
machte sich auf, den Großvater Zar-Wassermann
zu suchen. Ein Märchen ist bald erzählt, aber Kol-
jas Reise ging nicht so bald vonstatten. Schließlich
aber gelangte er in einen dunklen, undurchdringli-
chen Wald. Lange ging er durch diesen dunklen
tiefen Wald. Als ihm schon alle Eßvorräte ausge-
gangen waren und er solchen Hunger hatte, daß
er fast am Umfallen war, sieht er plötzlich nicht
weit ein Licht. Er ging auf dieses Licht zu, da
stand eine Hütte auf Hühnerbeinen und drehte
sich mit Blitzesschnelle im Kreise. Er sagt zu ihr:
„Hütte, Hütte auf den Hühnerbeinen, stell dich
zum Wald mit der Hinterseit und zu mir mit der
Vorderseit!“ Und die Hütte blieb sogleich stehen.
Er geht in die Hütte hinein, darin saß eine alte,
steinalte Baba-Jagá. Sobald die ihn gesehen hat-
te, sagte sie: „Von Menschenfleisch bekommt man
nichts zu riechen und nichts zu sehen, jetzt aber
ist Menschenfleisch von selbst zu mir ins Haus ge-
kommen. Ich werde dich gleich fressen!“ – „Halt

348
ein, alte Kröte! Ich bin vom Wege staubig,
schmutzig und verschwitzt, du kannst an mir er-
sticken. Du solltest aber nicht so mit mir umge-
hen: solltest mir zuerst zu trinken und zu essen
geben und fragen, wohin gehst du, wackerer
Held, wohin führt dich dein Weg, gehst du aus ei-
genem Willen oder gezwungen?“ Die Hexe wun-
derte sich über diese furchtlose Antwort und ver-
schonte ihn. Sie gab ihm zu trinken und zu essen
und öffnete die Tür zum anderen Zimmer, wo es
heiß und voller Dampf war. Er wusch sich. Sie gab
ihm saubere Wäsche, er zog sich um, und darauf
sagt sie zu ihm: „Nun, Kolja, du hast es verpaßt,
zu deinem Großvater Zar-Wassermann zu gelan-
gen. Er war vorgestern bei mir und hat zu Mittag
gegessen und nach dir gefragt, ob du vielleicht
vorbeigekommen bist.“ – „Dann sag bitte, wo
wohnt er denn? Ich bin rechtzeitig von zu Hause
weggegangen und kann überhaupt nicht heraus-
bekommen, wo er wohnt.“ – „Ich weiß ja nicht,
wo er wohnt, vielleicht weiß es meine ältere
Schwester.“ – „Und wo wohnt deine ältere Schwe-
ster?“ – „Ich gebe dir ein Knäuel Roll-von-selbst.
Wohin es rollt, folge ihm. Wenn du haltmachen
mußt, bleib stehen, und das Knäuel bleibt auch
stehen. Und es wird dich zu meiner älteren
Schwester führen. Weil die aber noch böser ist als
ich, gebe ich dir ein Taschentuch. Wenn sie über
dich herfallen will, dann schwenke dieses Tuch
und sage, ich bringe von der Schwester einen
Gruß für dich und dazu dieses Taschentuch hier.“

349
Als er zur zweiten Hexenhütte kam, drehte sich
die Hütte genauso wie die erste. Er sagte: „Hütte,
Hütte auf den Hühnerbeinen, stell dich zum Wald
mit der Hinterseit und zu mir mit der Vorderseit!“
Und die Hütte blieb sogleich stehen. Als er in die
Hütte hineinkam, saß da eine alte, steinalte Baba-
Jagá und sagte: „Von Menschenfleisch bekommt
man nichts zu riechen und nichts zu sehen, jetzt
aber ist Menschenfleisch von selbst zu mir ins
Haus gekommen. Ich werde dich gleich fressen.“
Sie riß ihren widerlichen schrecklichen Rachen auf
und stürzte sich auf ihn. Aber Kolja schwenkte das
Tuch und sagte: „Was tust du, alte Hexe? Ich
bringe dir doch von deiner Schwester dieses Tuch
hier und einen Gruß, und du willst mich fressen.“
Da verschonte ihn die Hexe und sagte: „Du hast
den Großvater Zar-Wassermann verpaßt. Er hat
gestern bei mir Abendbrot gegessen und von dir
gesprochen, ob ich dich nicht gesehen hätte.“ –
„Sag doch bitte, wo kann ich ihn finden?“ – „Ja,
das weiß ich nicht, wo er wohnt. Vielleicht weiß es
meine ältere Schwester.“ Kolja dachte: „Gibt es
wirklich noch eine ältere als dich? Schon du siehst
aus wie über neunhundert Jahre.“ – „Ich gebe dir
ein Knäuel Roll-von-selbst, folge ihm, es wird dir
zeigen, wo meine ältere Schwester wohnt. Da sie
aber noch böser ist als wir, gebe ich dir ein Hand-
tuch. Will’s das Unglück, und sie fällt über dich
her, dann halte in der einen Hand das Taschen-
tuch und in der anderen dieses gestickte Hand-
tuch, schwenke die Arme und sage, ich bin ge-
kommen, dir dieses Tuch und dieses Handtuch

350
von deinen Schwestern zu bringen und einen Gruß
dazu. Dann wird sie dich verschonen.“
Schließlich also kommt er zur dritten Baba-
Jagá; deren Hütte drehte sich ebenfalls schneller
als der Blitz auf Hühnerbeinen, und er sagte:
„Hütte, Hütte auf den Hühnerbeinen, stell dich
zum Wald mit der Hinterseit und zu mir mit der
Vorderseit!“ Und die Hütte blieb sogleich stehen.
Als er die Hütte betrat, war niemand in der Hütte.
Aber kaum war er drin, da hört er plötzlich einen
unglaublichen Sturm und starken Wind, die Bäu-
me neigten sich bis zur Erde, manche riß es mit
den Wurzeln heraus, manche knickte es um. Und
wie ein Sturm kam es in die Hütte geflogen, warf
sich auf den Fußboden und verwandelte sich in
eine abscheuliche fürchterliche Baba-Jagá; die riß
ihren Rachen auf, spreizte ihre Finger mit langen
Nägeln und wollte Kolja verschlingen; der aber
schwenkte beide Arme, in der einen Hand das
Tuch und in der anderen das Handtuch, und schrie
mit lauter Stimme: „Warum willst du mich fres-
sen? Ich habe dir von der einen Schwester ein Ta-
schentuch gebracht, von der anderen ein Hand-
tuch, und soll von beiden Schwestern grüßen.“ Da
beruhigte sie sich und sagte: „Kolja, du hast den
Großvater Zar-Wassermann verpaßt. Er war heute
bei mir zum Frühstück und hat nach dir gefragt.“
– „Sag mir bitte, wo wohnt er?“ – „Er wohnt von
hier noch ein ganz hübsches Stück entfernt, aber
ich persönlich weiß nicht wo. Du mußt noch durch
dreimal neun Länder ziehen, ins dreimal zehnte
Zarenreich, dann siebzehn dunkle tiefe Wälder

351
durchqueren und siebzehn unbesteigbare Berge
übersteigen und sechzehn schnelle Flüsse durch-
waten, und schließlich wirst du zum siebzehnten
schnellen Fluß gelangen, an dessen Ufer steht ein
Weidenbusch. Um welche Tageszeit du auch
dorthinkommst, du mußt warten, bis es elf Uhr
vormittag ist. Um elf werden elf Tauben geflogen
kommen, die verwandeln sich in elf schöne Mäd-
chen. Du aber bleib hinter jenem Weidenbusch
sitzen und rühr dich nicht, damit sie dich nicht
bemerken. Wenn sie gebadet und sich angezogen
haben, klopfen sie auf die Erde, verwandeln sich
wieder in wunderschöne Tauben, schwingen sich
in die Lüfte und fliegen davon; dann kommt die
zwölfte Taube geflogen, wirft sich auf die Erde
und verwandelt sich in ein wunderschönes Mäd-
chen. Sie wird zweimal am Flußufer entlanggehen,
sich danach ausziehen, sich ins Wasser werfen
und baden. Sie wird sich nicht so sehr waschen
als vielmehr untertauchen und unter Wasser
schwimmen. Dann sei nicht faul, nimm leise und
unbemerkt ihre Kleider und versteck dich schnell-
stens wieder hinter dem Busch. Wenn sie genug
gebadet hat, wird sie ans Ufer kommen, ihre Klei-
der nicht sehen und sagen: ,Wer hat seinen Spaß
mit mir getrieben? Bist du ein alter Mann, so sei
mein Großvater, bist du eine alte Frau, so sei
meine Großmutter, bist du aber in mittleren Jah-
ren, so sei mein zweiter Vater oder meine zweite
Mutter. Wenn du aber in meinem Alter bist, dann
sei mein erwählter Bruder oder meine erwählte
Schwester.’ Aber gib die Kleider nicht heraus, ehe

352
sie nicht schwört, daß sie dein treues Weib sein
wird. Erst dann gib sie ihr, und sie wird sagen, wo
Großvater Zar-Wassermann wohnt.“
Ein Märchen ist bald erzählt, aber Koljas Reise
ging nicht so bald vonstatten, und schließlich kam
er doch noch an diesen schnellen Fluß und fand
den Weidenbusch. Als er sich hinter den Weiden-
busch gesetzt hatte, brauchte er nicht lange zu
warten, als er plötzlich den Flügelschlag der Tau-
ben hört; sie kamen herangeflogen, warfen sich
auf die Erde und verwandelten sich in elf wunder-
schöne Mädchen von unbeschreiblicher Schönheit.
Sie zogen sich aus, warfen sich ins Wasser und
begannen zu baden. Als sie fertig waren mit Ba-
den, zogen sie ihre Kleider wieder an, klopften auf
die Erde, verwandelten sich wieder in elf Tauben,
schwangen sich in die Lüfte und flogen davon.
Genau nach einer halben Stunde kam die zwölfte
Taube geflogen, warf sich auf die Erde und ver-
wandelte sich in ein wunderschönes Mädchen, in
ein so schönes Mädchen, daß es sich mit Worten
nicht sagen und mit der Feder nicht beschreiben
läßt, sie war unbeschreiblich schön. Kolja hatte
viele vornehme Fräuleins und Photographien ge-
sehen, doch eine derartige Schönheit hatte er nir-
gends angetroffen und noch nicht gesehen, und er
dachte: „Sollte ich wirklich ein solcher Glückspilz
sein und eine solche Schönheit zur Frau haben?“
Sie ging zweimal am Flußufer auf und ab, ohne
Eile, zog sich aus und warf sich ins Wasser. Und
sie badete nicht so sehr als daß sie untertauchte
und unter Wasser schwamm. Kolja aber sprang in

353
diesem Augenblick hinter dem Busch hervor, er-
griff ihre Kleider und versteckte sich hinter dem
Weidenbusch. Als sie genug gebadet hatte, kam
sie ans Ufer. Da sie ihre Kleider nicht sah, konnte
sie nicht aus dem Wasser herauskommen, und sie
sagte: „Wer seinen Spaß mit mir getrieben hat,
gebt mir bitte meine Kleider!“ Aber die Kleider
wurden ihr nicht gegeben. Da wiederholte sie
noch einmal: „Wer seinen Spaß mit mir getrieben
hat, gebt mir bitte meine Kleider! Bist du ein alter
Mann, so sei mein Großvater, bist du eine alte
Frau, so sei meine Großmutter, bist du in mittle-
ren Jahren, so sei mein zweiter Vater oder meine
zweite Mutter, bist du in meinem Alter, so sei
mein erwählter Bruder oder meine erwählte
Schwester.“ Doch Kolja gab ihr die Kleider nicht.
Da sagte sie: „Gib mir meine Kleider, Nikolaj Iwa-
nowitsch, ich schwöre dir, daß ich auf ewig deine
treue und verläßliche Frau sein werde, und du
sollst auf ewig mein treuer und verläßlicher Mann
sein.“
Da brachte Kolja die Kleider und legte sie an die
Stelle, woher er sie genommen hatte. Als sie an-
gezogen war, rief sie Kolja: „Komm her!“ Als er
hervorkam, gab sie ihm ihre Hand und drückte die
seine kräftig, mit dem anderen Arm aber drückte
sie ihn an ihre weiße Brust und gab ihm einen
kräftigen Kuß. Und er antwortete auf ihren hei-
ßen, brennenden Kuß unzählige Male. Und bei ih-
rem Anblick vergaß er alles auf der Welt, all seine
Leiden, und er sagte: „Hier ist meine Heimat, hier
ist mein Glück und mein Vaterland!“ Sie aber sag-

354
te zu ihm: „Jetzt habe ich keine Zeit, mit dir zu
sprechen, sonst könnten mein Vater oder meine
Schwestern etwas ahnen.“ Er hatte sogar verges-
sen, wohin er wollte, erst beim Abschied fiel es
ihm ein, und er fragte: „Weißt du vielleicht, wo
Großvater Zar-Wassermann wohnt? Ich muß zu
ihm.“ – „Wie sollte ich es nicht wissen, er ist mein
leiblicher Vater. Er wohnt an die fünf Werst von
hier, nicht nur er, sondern wir alle zusammen, nur
in verschiedenen Schlössern. Er wohnt rechter
Hand, die elf Schlösser meiner Schwestern stehen
beieinander, mein Schloß aber, das allerschönste,
steht abseits von den anderen, du wirst es sofort
erkennen. Du mußt aber bis fünf Uhr abends hier-
bleiben und pünktlich um sechs zuerst zu mir
kommen, wo ich dich auf der vorderen Schloß-
treppe erwarten werde.“ Und Kolja erschien diese
Zeit länger als die ganze Reise, seit er von zu
Hause ausgezogen war. So sehr hatte er sich in
einem einzigen Augenblick in sie verliebt. Sie sag-
te ihm aber: „Ich heiße die schöne Nastasja.“ Eilig
verabschiedete sie sich von ihm, warf sich auf die
Erde, verwandelte sich in eine Taube, schwang
sich in die Lüfte und flog davon. Als er bis fünf
Uhr abends gewartet hatte, rannte er was die
Beine hergaben dorthin, wo die schöne Nastasja
wohnte. Und er erkannte sofort ihr schönes, glän-
zendes Schloß, und sie stand schon auf der vorde-
ren Schloßtreppe, empfing ihn mit einem Lächeln,
nahm seinen Arm und führte ihn ins Schloß. Als
sie eingetreten war, ging sie zu einem Tisch,
klopfte mit der Hand auf den Tisch, und es er-

355
schienen zwölf Prinzessinnen und fragten sie:
„Was befehlt ihr, schöne Nastasja?“ Sie sagt zu
ihnen: „Tragt uns die besten Leckerbissen auf und
teure Weine aus dem Ausland, denn ich heirate,
damit ich mich nicht schämen muß, wenn ich
meinen auserwählten Bräutigam bewirte.“
Und es erschienen so viele verschiedene Ge-
tränke und Leckerbissen, daß Kolja zwar schon
viel auf der Welt hier und da gesehen hatte, aber
so etwas, was hier aufgetragen wurde, hatte er
noch nicht gesehen. Und sie begannen zu trinken
und zu essen. Danach legten sie sich als Neuver-
mählte unbesorgt zur Ruhe. Am Morgen weckt die
schöne Nastasja ihren Kolja, der bis zum Morgen
nicht geschlafen, sondern sich die ganze Nacht an
ihrer Schönheit geweidet und ergötzt hat. Sie sag-
te zu ihm: „Es ist Zeit, zu meinem Vater zu ge-
hen, aber merke dir, führ alles aus, was er zu tun
verlangt. Verlangt er, daß du Mittag essen sollst,
dann iß zu Mittag, verlangt er, daß du ausruhen
sollst, dann ruh aus, verlangt er, daß du spazieren
gehen sollst, dann geh spazieren, und verlangt er,
daß du arbeiten sollst, dann arbeite. Wenn er dir
aber zum Unglück eine zu schwere Arbeit gibt,
dann komm zu mir!“ Er kommt also zum Großva-
ter Zar-Wassermann und sagt: „Guten Tag, Groß-
vater Zar-Wassermann, ich habe die Ehre, mich
bei dir zu melden.“ – „Du kommst zu spät!“ – „Ich
habe keine Schuld, Großvater Zar-Wassermann,
ich bin rechtzeitig von zu Hause weggegangen,
aber weil es allzuweit war und ich den Weg nicht
wußte, habe ich dich lange nicht finden können.“

356
– „Na schön, wenn auch mit Verspätung, so bist
du doch gekommen, daher verzeihe ich dir! Setz
dich, iß zu Mittag, du bist sicher von der Reise
hungrig.“ Er gehorchte, aber essen wollte er nicht.
Und als der Großvater Zar-Wassermann sagte:
„Leg dich hin, ruh dich aus!“, da war er sehr froh,
weil er die ganze Nacht nicht geschlafen, sich an
der Schönheit der schönen Nastasja geweidet und
ergötzt hatte. Als er am Abend aufwachte, sagte
Großvater Zar-Wassermann zu ihm: „Jetzt wollen
wir in meinen Lieblingsgarten spazieren gehen.“
Als sie den Garten betraten, da erschien ihm der
Garten widerwärtig und tot. Die Bäume waren
vertrocknet. An jedem vertrockneten Baum hing
ein menschliches Skelett. Und die Knochen klap-
perten im Wind. Der Garten war ringsum mit ei-
nem Pfahlzaun umgeben, und nur auf zwei Pfäh-
len waren keine Menschenköpfe. Als sie den
Garten verlassen hatten, zeigt Großvater Zar-
Wassermann mit der Hand: „Siehst du dort den
Wald?“ Kolja sagte: „Ja.“ – „Er ist siebzehn Deßja-
tinen7 groß. Du sollst ihn bis zum Morgen ganz
fällen, das Holz sortieren, die Äste zusammentra-
gen und verbrennen, die Baumstümpfe herauszie-
hen, pflügen, säen, Weizen zur Reife bringen,
mähen, dreschen, das Stroh zusammentragen,
das Korn mahlen und morgen früh zum Frühstück
eine Pirogge backen und mit der heißen Pirogge
zu mir kommen. Und wenn du das nicht tust, so

7
Deßjatine – Ehemaliges russisches Flächenmaß = 1,09
ha. (Anm. d. Redaktion.)

357
sieh hin, – auf dem Zaun fehlen zwei Köpfe, dann
wird dein Kopf hier an diesem Pfahl hängen.“ –
„Wie soll denn ein einziger Mensch das in einer
Nacht fertigbringen! Wie soll man denn Getreide
in einer Nacht zur Reife bringen!“ Ihm schwindelte
vor Kummer, er begann bitterlich zu weinen und
fiel ohne Besinnung zu Boden. Und er weiß nicht,
wie lange er dort gelegen hat, und als er zu sich
kam, dachte er: „Ich habe am längsten auf dieser
Welt gelebt.“ Plötzlich aber erinnerte er sich sei-
ner schönen Nastasja und dachte: „Ich will gehen
und wenigstens ein letztes Mal vor dem Tode von
ihr Abschied nehmen.“ Er ging und konnte kaum
ein Bein vor das andere setzen. Die schöne Na-
stasja aber empfing ihn mit einem Lächeln auf der
vorderen Schloßtreppe und sagte zu ihm: „Warum
gehst du so sehr traurig und betrübt, hat dir etwa
mein Vater eine zu schwere Arbeit aufgegeben?“ –
„Er ist nicht wert, daß du ihn Vater nennst, möge
es ihn in Stücke zerreißen!“ – „Hat er dir vielleicht
eine zu schwere Arbeit gegeben?“ – „Ja, er hat
mir gesagt, ich soll siebzehn Deßjatinen Holz fäl-
len, das Holz sortieren, die Äste verbrennen, die
Stümpfe herausziehen, pflügen und Weizen säen,
ihn zur Reife bringen, mähen, dreschen, das Stroh
zusammentragen, das Korn mahlen, eine Pirogge
backen und am Morgen mit der heißen Pirogge
zum Tee kommen. Und wenn ich’s nicht tue, dann
soll mein Kopf am Zaun hängen.“ – „Nun, mach
dir nichts draus. Der Morgen ist klüger als der
Abend, und wir beide werden gescheiter sein.“
Und sie nahm seinen Arm und führte ihn ins

358
Schloß. Während sie zu Mittag aßen und Tee tran-
ken, war es schon zehn Uhr abends geworden. Sie
nahm seinen Arm und sagte: „Wir wollen auf die
Schloßtreppe hinausgehen.“ Als sie auf der
Schloßtreppe waren, holte sie ein Pfeifchen aus
der Tasche und pfiff, da kam plötzlich eine un-
zählbare Menge herbeigeflogen und stellte sich
regimenterweise vor ihr auf. Als sie sich aufge-
stellt hatten, fragten sie: „Was befehlt Ihr uns zu
tun, schöne Nastasja?“ – „Seht dort die siebzehn
Deßjatinen Wald! Einige von euch müssen ihn fäl-
len, andere die Äste verbrennen, andere das Holz
sortieren, andere pflügen, andere die Stümpfe he-
rausziehen, andere säen, andere den Weizen zum
Wachsen bringen, andere gießen, andere mähen,
das Stroh zusammentragen, den Weizen dreschen
und mir das Mehl bis zwölf Uhr bringen, damit ich
den Teig anrühren kann, damit meine Pirogge
zum Morgen gut gelingt. Marsch, an die Arbeit!
Und wenn ihr das nicht tut, dann bade ich euch
alle in Weihwasser.“ Und sie flogen davon, stießen
einander in die Seiten, flogen davon, daß die Fun-
ken von ihnen nur so sprühten, grüne, blaue und
rote, fliegen und sagen: „Weswegen uns diese
Strenge? Da haben wir doch ganz andere Dinge
vollbracht. Das ist ja keine Arbeit, das ist Spiele-
rei! Und niemals sonst hat sie dieses Wasser er-
wähnt.“ Das war für sie das allerhöchste Straf-
maß. Und es war noch keine Stunde vergangen,
als sie ihr schon das Mehl brachten. Am Morgen
weckt sie ihren Kolja und sagt: „Es ist Zeit, zu ge-
hen und meinem Vater die heiße Pirogge zu brin-

359
gen. Wenn er dir aber etwas sagt, dann wirf ihm
kurzerhand die heiße Pirogge ins Gesicht.“ Er
nahm die Pirogge und ging. Um diese Zeit aber
setzte sich Großvater Zar-Wassermann gerade
zum Tee, und er sagte: „Bist ein tüchtiger Kerl,
Kolja, doch ich sehe, daß du das nicht mit eigenen
Händen vollbracht hast.“ Da holte Kolja aus und
schleuderte ihm die Pirogge ins Gesicht, so daß
sie auseinanderbrach und die Stücke über den
Fußboden flogen. Großvater Zar-Wassermann
aber las alle Stücke auf und verschlang sie wie ein
hungriger Wolf. Als er sich ausgeruht hatte, sagt
er zu ihm: „Hebe rings um mein Schloß einen See
aus, in die Länge wie in die Breite achtzehn
Werst, und fülle ihn mit Wasser, so daß auf die-
sem See nicht nur einfache, sondern auch See-
schiffe fahren können. Und in der Mitte des Sees
sollst du eine kristallene Brücke mit vergoldetem
Geländer bauen, und alle drei Saschen einen
Obstbaum pflanzen, so daß der eine Baum blüht
und am anderen die Äpfel wachsen, nicht einfache
Äpfel, sondern goldene. Und unter jedem Baum
sollst du eine Quelle mit Quellwasser graben, da-
mit ich etwas zum Waschen und zum Trinken ha-
be, wenn’s das Unglück will und ich beim Spazie-
rengehen in Schweiß gerate. Und wenn du das
zum Morgen nicht fertig hast, wird dein Kopf an
diesem Zaunpfahl hängen.“ Kolja dachte nach und
begann bitterlich zu weinen. „Wie soll man denn
das in einer Nacht schaffen können!“ Doch ging er
in Tränen zu seiner schönen Nastasja, die ihn
schon auf der Schloßtreppe erwartete. „Warum

360
bist du so sehr traurig, Kolja? Hat dir mein Vater
vielleicht eine zu schwere Arbeit aufgegeben?“ –
„Nenn diesen Auswurf nicht Vater, möge es ihn
Stücke reißen oder möge ihn der Donner erschla-
gen!“ – „Warum so unfreundlich? Hat er dir etwa
eine zu schwere Arbeit aufgegeben?“ – „Er hat mir
gesagt, ich soll rings um sein Schloß einen See
ausheben, in die Länge wie in die Breite achtzehn
Werst, und ihn mit Wasser füllen, so daß auf ihm
nicht nur einfache, sondern auch Seeschiffe fah-
ren können, und in der Mitte des Sees soll ich eine
kristallene Brücke mit vergoldetem Geländer bau-
en und alle drei Saschen Obstbäume pflanzen, so
daß der eine Baum blüht und auf dem anderen
goldene Äpfel wachsen, und unter jedem Baum
soll ich eine Quelle mit Quellwasser graben, und
wenn du das zum Morgen nicht fertig bringst,
dann wird dein Kopf am Zaunpfahl hängen.“ –
„Nun, mach dir nichts draus, der Morgen ist klü-
ger als der Abend, und wir beide werden geschei-
ter sein; jetzt aber komm Mittag essen und Tee
trinken.“ Als sie fertig waren mit Teetrinken, war
es zehn Uhr abends. Sie nahm seinen Arm und
sagte: „Wir wollen auf die Schloßtreppe gehen.“
Sie pfiff in ihr Pfeifchen, da kam eine unüberseh-
bare Menge, ein riesiger Haufen herbeigeflogen
und fragt: „Was befiehlst du uns zu tun, schöne
Nastasja?“ Sie sagte zu ihnen: „Ihr müßt am gro-
ßen Schloß einen See ausheben und mit Wasser
füllen und Seeschiffe mit Besatzung darauf setzen
und in der Mitte eine kristallene Brücke mit ver-
goldetem Geländer bauen und Obstbäume pflan-

361
zen, so daß der eine Baum blüht und am anderen
goldene Äpfel wachsen, und unter jedem Baum
eine Quelle mit Quellwasser graben. Denkt aber
daran, wenn ihr das alles gemacht habt, dann
treibt am Ende des Geländers den letzten Nagel
bis zur Hälfte hinein und legt neben ihn einen
Hammer von gewöhnlichem Gewicht, so daß ein
gewöhnlicher Mensch mit ihm hämmern kann.
Marsch, an die Arbeit! Und wenn ihr das nicht tut,
dann bade ich euch alle in Weihwasser!“ Und sie
flogen davon, stießen einander in die Seiten und
stritten untereinander: „Was sind das für strenge
Worte? Wir haben ganz andere Dienste für sie ge-
leistet, aber so heftige Worte haben wir nie von
ihr zu hören bekommen.“ Es ist das aber für sie
die allerhöchste Strafe, wenn sie einen badet,
dann ist er gleich tot. Und es war noch keine
Stunde vergangen, als sie schon mit der Meldung
geflogen kamen, daß die Brücke und alles fertig
ist. Da weckt sie Kolja zeitig in der Frühe und
sagt: „Geh, Kolja, es ist schon Zeit für dich zu ge-
hen, sonst wirst du die Brücke nicht rechtzeitig
überqueren. Wenn du zum Ende des Geländers
kommst, wirst du dort einen Hammer von ge-
wöhnlichem Gewicht liegen sehen, den mußt du in
die Hände nehmen und warten, bis mein Vater,
Großvater Zar-Wassermann, erscheint.“ Als er
hinkam und gerade den Hammer ergriffen hatte,
sieht er plötzlich Großvater Zar-Wassermann auf
einem Feuerwagen einherjagen, und er schreit
ihm zu: „He, Großvater Zar-Wassermann, fahre
nicht weiter, die Brücke ist noch nicht fertig.“ Und

362
im Nu war er schon bei Kolja; Kolja aber schlug in
diesem Augenblick mit dem Hammer auf den Na-
gel, und der Nagel fuhr bis zum Ende hinein. Kolja
aber sagte unterdessen: „Fuh! Wie bin ich müde!“
Großvater Zar-Wassermann kletterte vom Wagen
und sagte: „Bist ein tüchtiger Kerl, Kolja, doch ich
sehe, daß du das nicht mit eigenen Händen voll-
bracht hast.“ – „Nun, alter Griesgram, alles ist dir
nicht recht und nicht gut genug.“ Und er lief mit
dem Hammer in Händen zu ihm hin, holte mit al-
ler Jugendkraft, die er besaß, aus und schlug ihn
auf die Nase, daß die Funken sprühten. Aber
Großvater Zar-Wassermann sagte: „Genug des
Spielens und Scherzens, du bist noch jung, ich
aber bin schon zu alt, mir ist nicht nach Spaßen
zumute.“ Da dachte Kolja: „Ich habe ihn totschla-
gen und seinen Schädel in tausend Stücke zer-
trümmern wollen, er aber denkt, ich mache ein
Spiel mit ihm.“ Großvater Zar-Wassermann setzte
Kolja in den Feuerwagen, und sie fuhren ins
Schloß. Als sie zu Mittag gegessen und sich aus-
geruht hatten, sagte er zu Kolja: „Du sollst mir bis
zum Morgen mein Lieblingspferd zureiten, es steht
hinter zwölf gußeisernen Türen und ist mit zwölf
starken Ketten angeschmiedet. Es hat seit seiner
Geburt das Tageslicht noch nicht gesehen und
weiß nicht, daß es außer ihm noch ein Lebewesen
auf der Welt gibt.“ Da geht Kolja fröhlich zu seiner
schönen Nastasja. Die schöne Nastasja aber emp-
fängt ihn auf ihrer Schloßtreppe und fragt: „War-
um bist du heute so sehr lustig, Kolja? Hat dir
mein Vater etwa eine leichte Arbeit aufgegeben?“

363
– „Ja!“ – „Und was hat er dir aufgegeben?“ – „Er
hat gesagt, ich soll den Hengst zureiten, der noch
nie das Licht des Tages gesehen hat.“ – „Heute
gerade solltest du weinen, du hast allen Grund
dazu. Jene Aufgaben waren keine Aufgaben, das
aber ist eine Aufgabe, das betrifft uns beide per-
sönlich, unsere Hände. Nimm hier die drei Nadeln,
geh in die Schmiedewerkstätten, laß aus der er-
sten Nadel eine Peitsche von einhundert Pud
schmieden, aus der zweiten Nadel einen Zaum
von dreihundert Pud und aus der dritten Nadel
einen Sattel von sechshundert Pud.“ Als Kolja in
die Schmiedewerkstätten kam und die Nadeln
hingab und sagte, man soll ihm diese Dinge
schmieden, lachten die Schmiede ihn aus, be-
schimpften ihn und stießen ihn hinaus, und er
kam in Tränen zur schönen Nastasja zurück. Die
fragte ihn: „Warum kommst du und weinst?“ –
„Deine frechen Diener haben mich beinah verprü-
gelt und mich hinausgestoßen.“ Kolja tat ihr leid,
und mit schnellen Schritten ging sie mit ihm in die
Schmiede-Werkstätten. „Welches Recht habt ihr,
meinen treuen Diener zu kränken und zu beleidi-
gen?“ So unerträglich leid tat ihr Kolja. „Und was
sagt denn er? Kann man etwa aus einer Nadel
solche Dinge schmieden?“ – „Nun, natürlich kann
man das; nehmt die Zange und steckt sie wie ge-
wöhnliches Eisen ins Schmiedefeuer, und es wird
ein Stück Stahl daraus, aus dem ihr ohne weiteres
diese Dinge schmieden könnt.“ Als sie die Nadeln
ins Schmiedefeuer steckten, nahmen die Nadeln
an Größe zu, und wirklich schmiedeten sie die

364
Peitsche, den Zaum und den Sattel. Sie sagte zu
Kolja: „Nimm die Peitsche!“ Aber er konnte sie
nicht aufheben, ja er konnte sie nicht einmal auf
der Erde von der Stelle bewegen. Da nimmt sie
alle drei Dinge auf den Arm, und sie gingen an die
Stelle, wo unter der Erde der Hengst stand. Als
sie die erste schwere Gußeisentür aufgebrochen
hatten, spürte das Pferd: „Ich bin also nicht allein,
es gibt ein Lebewesen auf der Welt, es gibt noch
jemanden.“ Und es riß so stark, daß es alle zwölf
Eisenketten zerriß und die Gußeisentüren zer-
brach und ins Freie rennen wollte, als die schöne
Nastasja es so heftig zwischen die Ohren auf den
Kopf schlug, daß das Pferd in die Knie ging, und
sie warf ihm den Zaum über den Kopf und legte
ihm den Sattel auf den Rücken, sprang selbst auf
das Pferd und jagte los über den lockeren Sand
durch die Steppe. Wie sehr das Pferd auch sprang
und rannte, die schöne Nastasja schlug es erbar-
mungslos mit der hundert Pud schweren Peitsche,
daß das Fleisch stückenweise auf die Erde fiel und
nur die Haut an ihm blieb und die nackten Kno-
chen. Als es am Ende seiner Kräfte war, legte sie
ihm einen einfachen Zaum an und legte einen ge-
wöhnlichen Sattel auf seinen Rücken, gab Kolja
ein gewöhnliches Tauende, setzte ihn auf den Sat-
tel und sagte: „Nimm, und jetzt reite! Und wenn
mein Vater herauskommt und dich beschimpft,
dann spring aus dem Sattel und schlag das Pferd
aus aller Kraft mit der Peitsche. Das Pferd, sobald
es merkt, daß kein Reiter auf ihm ist, wird über
die Steppe jagen. Meinem Vater aber wird es leid

365
um das Pferd sein, er wird ihm nachsetzen, du
aber komm schnell zu mir gelaufen!“ Und kaum
hatte er sich auf das Pferd gesetzt und den Hof
noch nicht überquert, da erschien Großvater Zar-
Wassermann bei Kolja. „Ach, du Lumperkerl, war-
um hast du mein Lieblingspferd so zuschanden
geschlagen? Heißt das etwa zureiten? Dafür werde
ich dir’s zeigen.“ Aber Kolja sagte zu ihm: „Dir ist
alles nicht recht und nicht gut genug.“ Und er
sprang aus dem Sattel und schlug das Pferd aus
aller Kraft mit der Peitsche. Und das Pferd, sobald
es sah und merkte, daß kein Reiter auf ihm war,
jagte wie ein Sturmwind über die Steppe. Großva-
ter Zar-Wassermann aber hatte keine Zeit, mit
Kolja abzurechnen, er rannte hinter dem Pferd
her. Und Kolja ging zu seiner schönen Nastasja.
Die sagte zu ihm: „Wir beide können hier nicht
mehr bleiben. Jetzt hat mein Vater alles erfahren,
wie es ist. Wir müssen jetzt fortziehen, in deine
teure, liebe Heimat zu deinen Eltern, und dort
werden wir in Ruhe leben.“ Da erst erinnerte sich
Kolja seiner Eltern. Bis dahin hatte er beim An-
blick der schönen Nastasja seine teure Heimat
und seine Eltern vergessen. Und er freute sich
sehr, daß er seine Eltern wiedersehen würde. Und
sie brachen auf und machten sich auf den weiten
Weg. Und sie gingen also kurze oder lange Zeit,
nah oder fern, und sie sagt: „Sieh mal nach und
leg dich auf die Erde und höre, ob nicht die Ver-
folger hinter uns her sind.“ Er sah nach, legte sich
auf die Erde, stand auf und sagte: „Ich höre
nichts und sehe nichts.“ Sie legte sich auf die Erde

366
und sagte: „Dicht hinter uns sind die Verfolger.
Ich werfe mich auf die Erde und werde zu einer
Herde Ferkel, wirf auch du dich auf die Erde, und
du wirst zu einem Schweinehirten. Es wird eine
wilde Troika gefahren kommen, und die Leute
darin werden fragen: ‚He, Schweinehirt! Hast du
vielleicht gesehen, ob hier ein Kavalier mit seinem
Fräulein vorbeigekommen ist?’ Du aber antworte,
daß du nichts gesehen und nichts gehört hast.“
Sie warfen sich also auf die Erde, sie wurde zu
einer Schweineherde und er zu einem Schweine-
hirten. Und sie hatten dies kaum getan, da
kommt eine wilde Troika angejagt, und sie fra-
gen: „Schweinehirt, hast du vielleicht gesehen, ob
hier ein Kavalier mit seinem Fräulein vorbeige-
kommen ist?“ – „Nein, ich habe nichts gesehen
und nichts gehört.“ Die Verfolger fuhren weiter,
sie aber warfen sich auf die Erde und wurden, was
sie früher gewesen waren. Die Troika aber fuhr
noch eine gewisse Strecke, dann kehrte sie zum
Großvater Zar-Wassermann zurück. Und Großva-
ter Zar-Wassermann fragt sie: „Nun, habt ihr sie
eingeholt?“ – „Nein, wir haben sie nicht eingeholt
und nichts gesehen außer einem Schweinehirten,
der hütete seine Schweineherde.“ – „Ach ihr
Dummköpfe, ihr Satanskerle! Die hättet ihr pak-
ken müssen, das sind sie. Fahrt jetzt los, und was
immer euch auf dem Weg begegnet, merkt euch,
das sind sie.“ Die schöne Nastasja sagt zu ihrem
Kolja: „Hör, Kolja, sieh mal nach und leg dich mit
dem Ohr auf die Erde, ob die Verfolger hinter uns
her sind.“ Kolja lauschte ein wenig und sagte:

367
„Ich höre niemanden und sehe nichts.“ Sie legte
sich auf die Erde und sagte: „Dicht hinter uns sind
die Verfolger. Ich werfe mich auf die Erde und
werde zu einer Kirche, und du wirfst dich auf die
Erde und wirst zum Kirchendiener. Sie werden
aber nicht merken, daß es keine richtige Kirche
ist, ohne Glocken und Heiligenbilder, und sie wer-
den Angst haben, sich der Kirche zu nähern.“ Und
sie warf sich auf die Erde und verwandelte sich in
eine Kirche, und er warf sich auf die Erde und
verwandelte sich in einen Kirchendiener.
Und kaum hatten sie dieses Stückchen voll-
bracht, da kommt plötzlich eine wilde Troika an-
gejagt, macht gegenüber der Kirche halt und
schreit: „He, Kirchendiener, hast du vielleicht ge-
sehen, ob hier ein Kavalier mit seinem Fräulein
vorbeigekommen ist?“ – „Nein, ich habe nichts
gesehen.“ Und sie fuhren noch eine gewisse
Strecke und kehrten dann um. Sie aber klopften
auf die Erde, wurden, was sie früher gewesen wa-
ren, und zogen weiter. Als die Verfolger zu Groß-
vater Zar-Wassermann kamen, fragt Großvater
Zar-Wassermann sie: „Nun, habt ihr sie eingeholt
und mitgebracht?“ – „Nein, wir haben sie nicht
mitgebracht und niemanden eingeholt und nichts
gesehen, nur eine Kirche haben wir gesehen und
den Kirchendiener.“ – „Ach ihr Dummköpfe, ihr
Satanskerle, das sind sie, die hättet ihr packen
müssen.“ – „Wie konnten wir uns denn der Kirche
nähern, sie hat Glocken und Heiligenbilder.“ –
„Ach ihr Dummköpfe, ihr Satanskerle, es ist eine
falsche Kirche, ohne Glocken und Heiligenbilder.

368
Nein, ich sehe schon, ihr holt sie niemals ein. Ich
muß selber nach – auf dem Springer, der dreibei-
nigen Stute.“ Und Großvater Zar-Wassermann ritt
auf seiner dreibeinigen Stute davon, die mit ei-
nem Satz dreihundert Werst zurücklegte.
Die schöne Nastasja sagte zu Kolja: „Leg dich
doch mal auf die Erde und lausche und sieh nach,
ob die Verfolger hinter uns her sind.“ Kolja sah
nach, legte sich mit dem Ohr auf die Erde und
sagte: „Ich höre nichts und sehe nichts.“ Darauf
legte sie sich auf die Erde und sagte: „Dicht hinter
uns sind die Verfolger, und mein Vater selbst jagt
uns nach, und vor ihm kann man sich nicht ver-
bergen. Ich werfe mich auf die Erde und werde zu
einem großen See, und du wirfst dich auf die Erde
und wirst zu einem Barsch, er aber wird uns ge-
wiß einholen, sich auf die Erde werfen und in ei-
nen Hecht verwandeln, und er wird dich jagen,
um dich zu verschlingen. Du aber paß auf und sei
auf der Hut, halt ihm nicht deinen Kopf hin, son-
dern halt deinen Schwanz hin, gegen die Wolle
kann er einen Barsch nicht verschlingen. Jetzt
hängt alles von dir ab, und wenn du nicht aufpaßt,
sind wir beide verloren.“ Und sie warf sich auf die
Erde und verwandelte sich in einen riesigen See.
Er aber warf sich auf die Erde und verwandelte
sich in einen Barsch. Und Großvater Zar-
Wassermann kam auf dem Springer, seiner Stute,
angeritten, warf sich auf die Erde, verwandelte
sich in einen Hecht und jagte dem Barsch nach.
Und als er ihn gerade verschlingen wollte, hielt
der ihm den Schwanz hin, und an ein Verschlin-

369
gen war überhaupt nicht zu denken. Drei Tage
und drei Nächte jagte der Hecht den Barsch, aber
verschlingen konnte er ihn nicht, immer hielt der
Barsch seinen Schwanz hin. Da war Großvater
Zar-Wassermann ganz erschöpft und am Ende
seiner Kraft, und er sagte mit drohender Stimme:
„Du, meine liebe und abscheuliche Tochter, dafür
sollst du drei Jahre ein Salzsee sein.“ – „Und du
selbst sollst für diese Gemeinheit und Bosheit drei
Jahre lang eine Salzsäule sein. Du aber, Kolja, du
hast keinerlei Schuld, geh nach Hause, aber den-
ke an den Eid, den du mir geschworen hast, hei-
rate drei Jahre lang keine andere, und in drei Jah-
ren komme ich zu dir.“ Und Kolja schwamm zum
Ufer, warf sich auf die Erde und wurde, was er
früher gewesen war. Am ersten Dorf angekom-
men, mietete er eine Posttroika und jagte davon
in seine liebe Heimat.
Es ist ganz unmöglich, zu erzählen oder auch
nur zu beschreiben, wie Mutter und Vater ihren
lieben Sohn empfingen, den sie schon längst tot
geglaubt hatten. Und sie führten ein sehr schönes
Leben, und ihr Lob war in aller Munde. Und nicht
nur sie lebten in Reichtum, sondern auch die gan-
ze Umgebung. Wer immer mit Nöten und Bitten
zu ihnen kam, sie halfen allen. Und das Geld wur-
de bei ihnen nicht weniger, sondern mehr.
Und es vergeht also ein Jahr, es vergeht auch
das zweite, und es kommt das letzte und dritte.
Doch Koljas Eltern reden die ganze Zeit: „Söhn-
chen, du mußt heiraten, solange wir noch leben,
wir möchten wenigstens noch sehen, wie du mit

370
deiner jungen Frau leben wirst.“ Er aber schlug es
immer mit Bestimmtheit ab und sagte: „Die Zeit
ist noch nicht gekommen, laßt mir noch meine
Freiheit; ich werde noch lange genug verheiratet
sein.“ Weil ihm aber diese drei Jahre wie eine
ganze Ewigkeit vorkamen, dachte er, es seien
nicht erst drei Jahre, sondern ganze neun vergan-
gen, und er beschloß, ein schönes Mädchen zu
heiraten; mit der feierten sie und waren lustig,
machten Polterabende und freiten etwa drei Mo-
nate.
Und es war schon eine besondere Kirche für sie
gebaut worden, damit sie in der Nähe ihres Hau-
ses getraut werden konnten. Weil die Braut weit
weg wohnte, mußte sie mit ihrem Gefolge allein
gefahren kommen. Und als die Braut angekom-
men war, feierten sie ihre letzten Stunden und
den Abend bei Kolja, dann aber sollten sie zur
Trauung gehen; da kommt auf einmal zu seiner
Taufmutter ein altes, steinaltes Weib auf zwei
Krücken gegangen, mit schrecklichen Hauern, wie
bei einem Wildschwein, und bittet um ein Nacht-
lager.
Die Taufmutter antwortet ihr: „Ich ließe dich
übernachten, aber ich will gerade zur Hochzeit
gehen, mein Patenkind Kolja verheiraten. Und zu
Hause bleibt niemand zurück, weil ich allein woh-
ne.“ – „Nun, das macht doch nichts, mein Mütter-
chen, ich werde dir nichts wegnehmen, denn ich
bin viel zu müde. Sperre mich mit starken Schlös-
sern ein, ich werde mich auf den Ofen legen und
bis zum Morgen schlafen.“ Und sie ließ sie bei sich

371
übernachten und gab ihr zu essen, was sie gerade
da hatte. Die Alte aber aß und legte sich auf den
Ofen schlafen. Und die Taufmutter machte sich
fertig, zur Hochzeit zu gehen. Die Alte auf dem
Ofen sagt zu ihr: „Werden bei euch auf den Hoch-
zeiten auch Zauberstückchen gemacht?“ – „Was
für Zauberstückchen? Wir sind Dorfleute und ken-
nen nichts.“ – „Dann gib mir ein Stückchen Teig,
ich werde dich ein Zauberstückchen lehren.“ Und
die Taufmutter kratzte im Backtrog ein Stückchen
Teig zusammen, und sie rollte es zu einer Kugel,
wie ein Ei, dann brach sie’s in zwei Hälften und
rollte zwei Kugeln.
„Siehst du jetzt hier diese zwei Kugeln?“ – „Ja.“
Und sie warf sie auf den Tisch, da standen plötz-
lich eine Ente und ein Enterich da, keine einfa-
chen, sondern Schwanz und Schnabel aus Gold.
Und sie laufen auseinander zu den entgegenge-
setzten Tischenden, drehen sich gleichzeitig um,
laufen in der Mitte des Tisches wieder zusammen
und schlagen Schnabel gegen Schnabel. Die Ente
sagt: „Wie?“, und der Enterich sagt: „Wie du
willst.“
„Da hast du ein Zauberstückchen! Geh hin und
zeig’s!“
Darauf nahm sie Ente und Enterich, warf sie auf
den Tisch, und sie wurden wieder zwei Teigku-
geln. Sie nahm diese zwei Kugeln, wickelte sie in
ein Tuch, steckte sie in die Tasche und ging zur
Hochzeit. Als sie hinkam, feierten die Gäste
schon, tanzten, aßen und tranken. Und sie feierte

372
ebenfalls mit ihnen und vergaß ihr Zauberstück-
chen. Vater und Mutter aber sagten:
„Nun, genug gefeiert, es ist Zeit, Kinder, euch
den Segen zu geben.“ Und sie riefen beide zur
Kniebank und nahmen Heiligenbilder zum Segnen
in die Hände. Da erst dachte die Taufmutter wie-
der an ihr Zauberstückchen und sagte: „Wartet
ein wenig, ich will euch ein Zauberstückchen zei-
gen.“ Da sagten Koljas Eltern zur Taufmutter:
„Hast du etwa nicht genug Zeit gehabt, dein Zau-
berstückchen zu zeigen? Auf was für Einfälle
kommst du noch!“ – „Nein, bitte, laßt mich, ich
zeige es euch jetzt gleich.“ – „Du kannst es doch
zeigen, wenn sie getraut worden sind und wieder
feiern und lustig sind.“ Doch das fröhliche Publi-
kum war schon angeheitert und bat, mit dem
Segnen zu warten: „Soll sie uns ihr Zauberstück-
chen zeigen!“ Und die Taufmutter ging zum Tisch,
holte aus der Tasche die Teigkugel und sagte:
„Seht ihr hier die Teigkugel?“ – „Ja!“ Sie brach sie
in zwei Teile, rollte zwei Kugeln und zeigte sie.
„Seht jetzt hier die zwei Teigkugeln!“ – „Na und?
Was weiter?“ – „Paßt nur auf!“ Und sie warf die
Kugeln auf den Tisch, da standen auf einmal eine
Ente und ein Enterich da, keine einfachen,
Schwanz und Schnabel aus Gold. Und sie laufen
auf dem Tisch auseinander, der eine an das eine
Tischende, der andere ans andere, drehen sich
gleichzeitig um, laufen in der Mitte des Tisches
wieder zusammen und schlagen Schnabel gegen
Schnabel. Die Ente sagt: „Wie?“ Und der Enterich
sagt: „Wie du willst.“ Dem Bräutigam ist, als hätte

373
ihn jemand mit Nadeln in den Hintern gestochen,
er springt auf, läuft von seiner Braut weg und
fragt die Taufmutter: „Taufmutter, wer hat dich
dieses Zauberstückchen gelehrt?“ – „Bleib du ru-
hig auf deinem Platz neben der Braut sitzen. Ich
kenne es selber.“ – „Nein, das hat dich jemand
gelehrt.“ – „Bleib doch neben deiner Braut sitzen!“
– „Sag mir, wer es dich gelehrt hat. Und wenn
du’s nicht sagst, nehme ich den Segen nicht an.“
Da sagte die Taufmutter: „Zu mir ist eine Alte auf
zwei Krücken gekommen und hat mich dieses
Zauberstückchen gelehrt.“ – „Nun, dann geh
schnell zu ihr und bring sie schnell hierher auf die
Hochzeit!“ – „Sie ist so alt und müde, daß sie
wahrscheinlich nicht kommen wird.“ – „Wenn du
sie bittest, wird sie kommen, wenn du aber nicht
gehst, dann geh ich selber und hole sie.“ Und er
wollte schon aufbrechen. Da sagte die Taufmutter
zu ihm: „Setz dich auf deinen Platz neben der
Braut, ich gehe nach der Alten.“ Als die Taufmut-
ter nach Hause kam, lud sie die Alte zur Hochzeit
ein und sagte zu ihr: „Bitte komm, der Bräutigam
bittet dich zur Hochzeit.“ – „Ach, wo denkst du
hin, meine Ernährerin, was bin ich für ein Hoch-
zeitsgast. Ich bin so müde, daß ich froh bin, mich
auf dem Ofen ausruhen zu können, und außerdem
bin ich schon zu alt.“ – „Nein, sei so gut, komm!
Der Bräutigam ist nämlich wie von Sinnen, er
wollte selber laufen, dich zu holen, und will den
Segen der Eltern nicht annehmen, ehe er dich
nicht selber gesehen hat.“ – „In diesem Falle muß
ich wohl gehen.“ Die Alte war aber ganz zerlumpt,

374
und der blaue Sarafan8 an ihr bestand aus lauter
Flicken. Sie nahm die zwei Krücken an die Brust,
die Taufmutter faßte sie unter die Arme und führ-
te sie auf die Hochzeit. Und kaum hatten sie das
Haus betreten, da sah sie der Bräutigam und
stürzte der Alten in die Arme, und er begann sie
zu umarmen und zu küssen und sagte: „Woher
bist du gekommen, meine schöne, langerwartete
Braut?“ Da erstarrten die Leute und alle Gäste vor
Verwunderung und standen wie versteinert. Vater
und Mutter aber sagen: „Sohn, wie kann sie deine
Braut sein, sie ist doch mehr als siebenhundert
Jahre alt, und du erst dreiundzwanzig. Sie ist für
dich keine Großmutter mehr, sondern eine Ur-
großmutter.“ – „Nein, da läßt sich nichts machen,
das ist wohl mein Los. Sie hat mich vor dem ge-
wissen Tod errettet. Und wenn sie nicht gewesen
wäre, dann weilte ich schon lange nicht mehr un-
ter den Lebenden. Nicht ich bin hier schuld, son-
dern ihr selber, und ich habe mich eurer elterli-
chen Gewalt gefügt. Und deswegen bitte ich und
verlange, mich mit ihr zu segnen.“ Da sagten die
Eltern zu der Alten: „Vielleicht willst du ihn nicht
zum Manne haben. Großmütterchen, weil du gar
zu alt bist, und er jung, und du bald sterben
wirst?“ – „I wo, meine Besten, und wenn er we-
nigstens einen Tag mir gehört. Ich will mit dem
jungen Burschen leben.“ – „Vielleicht nimmst du
ein Abstandsgeld, Großmütterchen, wir geben dir,

8
Trachtenrock der russischen Bäuerin. (Anm. d. Redakti-
on.)

375
soviel du willst: Gold, Silber oder Edelsteine.“ Sie
sagte zu ihnen: „Ich brauche nicht allzuviel.“ Mit
den Krücken zog sie Kolja heran, nahm ihn auf
ihre Arme und sagte: „Mehr brauche ich nicht, nur
diese eine Last hier.“ Da sehen Koljas Eltern, daß
nichts sie auseinanderbringen kann, und sie sag-
ten, wenn auch sehr widerwillig: „Nun gut, stellt
euch unter unseren elterlichen Segen. An diesem
Leid seid ihr selber schuld.“ Und sie nahmen ein
Heiligenbild, um den Segen zu erteilen. Es waren
aber viele Gäste da, und als die hörten, daß eine
andere Braut aufgetaucht war, kam das ganze
Haus herbeigelaufen, um zuzusehen, so daß auch
das junge Paar gedrückt wurde. Die Alte aber
schwang ihre Krücken und sagte zu den Leuten:
„Ihr habt mich gedrückt, macht etwas Platz, ich
bin alt und könnte sonst hinfallen, weil meine al-
ten Beine mich schlecht tragen.“ Die Leute mach-
ten etwas Platz. Und die Alte warf sich auf den
Fußboden und verwandelte sich in eine so wun-
derschöne Jungfrau, daß es sich weder mit Wor-
ten sagen noch mit der Feder beschreiben läßt,
von so unbeschreiblicher Schönheit. Und neben
ihr stehen zwölf Prinzessinnen und halten ihr
Brautkleid und ihre Toiletten. Da sagt der Sohn zu
seinen Eltern: „Seht euch jetzt meine schöne Na-
stasja hier an und vergleicht sie mit dieser meiner
Braut. Sind sie sich etwa gleich?“ Die erste Braut
aber war ihr gegenüber nicht einmal den kleinen
Finger wert. Da stellten die Eltern, statt sie zu
segnen, das Heiligenbild auf seinen Sims, warfen
sich der schönen Nastasja zu Füßen und baten um

376
Vergebung und Verzeihung für die Kränkung. Sie
vergab ihnen und sagte: „Das ist für mich schon
nichts Neues mehr und geschieht nicht das er-
stemal.“ Und Kolja sagte zu seinem treuen
Freund: „Nimm du meine erste Braut zur Frau,
denn sie ist hübsch.“ Und die Braut liebte auch
Koljas Freund und wußte, daß er genauso reich ist
wie Kolja, und sie war gern einverstanden. Die
Eltern gaben ihnen ihren Segen. Und danach wur-
den sie getraut und gaben ein Fest für alle Welt,
und die zwei Paare lebten von nun an in Liebe und
Eintracht. Auch mich luden sie zum Fest ein, ich
trank Bier und Wein, ist alles um den Bart geron-
nen, der Mund hat nichts abbekommen.

377
35
Die Froschzarin
In alten Zeiten, es ist schon lange her, hatte ein
Zar drei Söhne – alle waren schon erwachsen. Der
Zar sagt: „Kinder! Macht euch jeder eine Arm-
brust und schießt: welche Frau den Pfeil bringt,
die soll die Braut sein; wenn ihn niemand bringt,
dann heißt das, der soll nicht heiraten.“ Der älte-
ste Sohn schoß, den Pfeil brachte eine Fürsten-
tochter; der mittlere schoß, den Pfeil brachte eine
Generalstochter; aber dem kleinen Iwan-
Zarewitsch brachte den Pfeil aus dem Sumpf ein
Frosch in seinen Zähnen zurück. Jene Brüder wa-
ren lustig und guter Dinge, Iwan-Zarewitsch aber
versank in Trübsinn und begann zu weinen: „Wie
soll ich mit einem Frosch zusammenleben? Ein
Leben leben – das ist mehr als einen Fluß zu
durchwaten oder ein Feld zu überqueren!“ Er
weinte und weinte, aber es war nichts zu machen
– er nahm den Frosch zur Frau. Sie wurden alle
nach dem dortigen Brauch getraut; den Frosch
trugen sie auf einem Teller.
So leben sie nun. Der Zar wollte einmal an Ge-
schenken von seinen Schwiegertöchtern sehen,
welche von ihnen die geschickteste ist. Er erließ
einen Befehl, die Schwiegertöchter sollen ein
Hemd nähen und ihm bringen, um zu zeigen, wel-
che am besten nähen kann. Iwan-Zarewitsch ver-

378
sank wieder in Nachdenken und weint: „Was wird
nur mein Frosch machen! Alle werden spotten.“
Der Frosch kriecht über den Fußboden und quakt
nur. Als Iwan-Zarewitsch eingeschlafen ist, ging
er vors Haus, warf seine Haut ab, wurde zu einem
schönen Mädchen und rief: „Ihr Ammen und Zau-
berinnen! Macht das und das!“ Die Zauberammen
brachten auf der Stelle ein Hemd allerbester Ar-
beit. Sie nahm es, rollte es zusammen und legte
es neben Iwan-Zarewitsch; sie selber aber wurde
wieder zu einem Frosch, als wäre gar nichts ge-
wesen! Iwan-Zarewitsch wachte auf, freute sich,
nahm das Hemd und trug es zum Zaren. Der Zar
nahm’s und betrachtete es: „Ja, das ist ein Hemd
– das kann man am Ostersonntag anziehen!“ Der
mittlere Bruder brachte ein Hemd; der Zar sagte:
„Nur im Bad kann man darin gehen!“ Und vom
ältesten Bruder nahm er das Hemd und sagte: „In
einer Bauernhütte kann man es tragen!“ Die Za-
rensöhne gingen auseinander; die zwei aber re-
den untereinander: „Nein, wir haben gewiß um-
sonst über die Frau Iwan-Zarewitschs gespottet;
sie ist kein Frosch, sondern irgendeine ganz
Schlaue!“
Der Zar gibt wieder einen Befehl, die Schwie-
gertöchter sollen Brot backen und ihm bringen,
um zu zeigen, welche am besten backen kann.
Jene Schwiegertöchter hatten zuerst über den
Frosch gespottet, jetzt aber, da die Zeit heran-
kam, schickten sie ihre Kammerzofe, heimlich zu
sehen, wie sie backen würde. Der Frosch merkte
das aber, rührte kurzerhand den Teig an, rollte

379
ihn, meißelte den Ofen oben auf und schüttete
den Teig geradewegs dorthinein. Die Kammerzofe
sah’s, lief davon, erzählte es ihren Herrinnen, den
Schwiegertöchtern des Zaren, und die machten es
genauso.
Aber der Frosch hatte sie nur genasführt; er
kratzte alles sogleich wieder aus dem Ofen, mach-
te ihn sauber, verschmierte ihn, als wäre gar
nichts gewesen, ging auf die Schloßtreppe,
schlüpfte aus seiner Haut und rief: „Ihr Ammen
und Zauberinnen! Backt mir sogleich solche Brote,
wie sie mein Vater nur an Sonn- und Feiertagen
gegessen hat.“ Die Zauberammen brachten das
Brot sogleich angeschleppt. Sie nahm es, legte es
neben Iwan-Zarewitsch und wurde wieder zu ei-
nem Frosch. Iwan-Zarewitsch wachte auf, nahm
das Brot und trug es zu seinem Vater. Der Vater
war gerade dabei, die Brote von den älteren Brü-
dern entgegenzunehmen; ihre Frauen hatten die
Brote genauso in den Ofen geworfen wie der
Frosch, und daher war bei ihnen ein schreckliches
Zeug herausgekommen.
Der Zar nahm zuerst das Brot vom ältesten
Sohn, sah es an und schickte es in die Küche;
vom mittleren nahm er’s und schickte es eben-
dorthin. Nun war Iwan-Zarewitsch an der Reihe;
er reichte sein Brot hin. Der Vater nahm’s, sah es
an und sagt: „Das ist ein Brot, am Ostersonntag
zu essen! Nicht so eines wie bei den älteren
Schwiegertöchtern, mit Schliff!“
Danach gefiel es dem Zaren, einen Ball zu ver-
anstalten, um zu sehen, welche von seinen

380
Schwiegertöchtern am besten tanzen kann. Alle
Gäste und Schwiegertöchter waren versammelt
bis auf Iwan-Zarewitsch; der überlegte: wohin soll
ich mit dem Frosch fahren? Und unser Iwan-
Zarewitsch schluchzte laut auf. Da sagt der Frosch
zu ihm: „Weine nicht, Iwan-Zarewitsch! Geh nur
zum Ball. Ich werde in einer Stunde dasein.“
Iwan-Zarewitsch freute sich ein wenig, als er hör-
te, daß der Frosch sprechen kann; er fuhr davon,
der Frosch aber ging, warf seine Haut ab und zog
sich ganz wunderbar an! Er kommt auf den Ball;
Iwan-Zarewitsch freute sich, und alle klatschten in
die Hände: was für eine Schönheit! Sie begannen
zu essen; die Zarin nagte immer ein Knöchelchen
ab – und in den Ärmel damit, trank etwas – und
den Rest in den anderen Ärmel. Jene Schwieger-
töchter sehen, was sie tut, und sie stecken sich
die Knochen auch in die Ärmel, trinken etwas, und
den Rest schütten sie in die Ärmel. Dann kam das
Tanzen an die Reihe; der Zar schickt seine älteren
Schwiegertöchter, aber die schieben den Frosch
vor. Der faßte sogleich Iwan-Zarewitsch an und
ging; und er tanzte und tanzte, drehte und drehte
sich – alle waren starr! Er schwenkte den rechten
Arm – da entstanden Wälder und Gewässer,
schwenkte den linken – da flogen verschiedenar-
tige Vögel heraus. Alle verwunderten sich. Als er
zu tanzen aufhörte, war nichts davon mehr da.
Die anderen Schwiegertöchter gingen tanzen und
wollten es genauso machen: die eine schwenkt
den rechten Arm, da fliegen die Knochen nur so
heraus, und mitten unter die Leute, aus dem lin-

381
ken Ärmel spritzt Wasser heraus, ebenfalls mitten
unter die Leute. Dem Zar mißfiel das, und er
schrie: „Genug, genug!“ Die Schwiegertöchter
hörten auf. Der Ball ging dem Ende zu. Iwan-
Zarewitsch fuhr voraus, fand dort irgendwo die
Haut seiner Frau, nahm sie und verbrannte sie.
Sie kommt, vermißt die Haut: nicht da! – ver-
brannt. Sie legte sich mit Iwan-Zarewitsch schla-
fen; vor Morgengrauen sagt sie zu ihm: „Nun,
Iwan-Zarewitsch! Ganz hast du es nicht ausgehal-
ten; ich wäre die deine gewesen, aber jetzt – das
weiß nur Gott. Leb wohl! Suche mich hinter drei-
mal neun Ländern, im dreimal zehnten Zaren-
reich!“ Und damit war die Zarin verschwunden.
Ein Jahr war vergangen, Iwan-Zarewitsch sehnt
sich nach seiner Frau, und aufs zweite Jahr rüste-
te er sich zur Reise, erbat von Vater und Mutter
den Segen und zog los. Er geht schon lange, da
trifft er auf einmal auf eine Hütte – zum Wald mit
der Vorderseite, zu ihm mit der Hinterseite. Er
sagt: „Hütte, Hütte! Steh wie früher, wie die Mut-
ter dich gestellt hat – zum Wald mit der Hinter-
seit’ und zu mir mit der Vorderseit’!“ Die Hütte
drehte sich. Er ging in die Hütte; da sitzt eine Alte
und sagt: „Fuh, fuh! Von Menschenfleisch war
nichts zu riechen und nichts zu sehen, heute ist
Menschenfleisch von selber auf den Hof gekom-
men! Wohin willst du, Iwan-Zarewitsch?“ – „Erst
gib mir zu trinken und zu essen. Alte, dann frag
nach Neuigkeiten!“ Die Alte gab ihm zu trinken
und zu essen und legte ihn schlafen. Iwan-
Zarewitsch sagt zu ihr: „Großmütterchen! Ich bin

382
ausgezogen, die schöne Jelena zu suchen.“ –
„Ach, mein Kind, wie lange hast du auf dich war-
ten lassen. Sie hat in den ersten Jahren oft an
dich gedacht, jetzt aber schon nicht mehr, und sie
war auch schon lange nicht mehr bei mir. Geh
weiter zu meiner mittleren Schwester, die weiß
mehr.“
Iwan-Zarewitsch machte sich am Morgen auf
den Weg, gelangte zu einer Hütte und sagt: „Hüt-
te, Hütte! Steh wie früher, wie die Mutter dich ge-
stellt hat – zum Wald mit der Hinterseit’ und zu
mir mit der Vorderseit’!“ Die Hütte drehte sich. Er
ging hinein und sieht: eine Alte sitzt da und sagt:
„Fuh, fuh! Von Menschenfleisch war nichts zu rie-
chen und nichts zu sehen, aber heute ist Men-
schenfleisch von selbst auf den Hof gekommen!
Wohin willst du, Iwan-Zarewitsch?“ – „Je nun,
Großmütterchen, die schöne Jelena holen.“ –
„Ach, Iwan-Zarewitsch“, sagte die Alte, „wie lange
hast du auf dich warten lassen! Sie hat schon be-
gonnen, dich zu vergessen, sie heiratet einen an-
deren: bald ist Hochzeit! Sie lebt jetzt bei meiner
großen Schwester, geh dorthin, aber paß auf,
wenn du in ihre Nähe kommst, merken sie es an
ihr, und Jelena wird sich in eine Spindel verwan-
deln, und das Kleid an ihr wird zu Gold. Meine
Schwester wird das Gold wickeln; wenn sie die
Spindel abgewickelt und in einen Kasten gelegt
und den Kasten abgeschlossen hat, dann such
den Schlüssel, öffne den Kasten, zerbrich die
Spindel, wirf die Spitze hinter dich und das Unter-
teil vor dich; dann wird sie vor dir stehen.“

383
Iwan-Zarewitsch ging los, kam zu dieser Alten,
ging in die Hütte, sie wickelte Gold, wickelte es
ab. Die Spindel legte sie in einen Kasten, ver-
schloß ihn und legte den Schlüssel irgendwohin.
Er nahm den Schlüssel, öffnete den Kasten, nahm
die Spindel heraus und zerbrach sie, genau wie es
ihm gesagt worden war, warf die Spitze hinter
sich, das Unterteil aber vor sich. Plötzlich stand
die schöne Jelena da und begrüßte ihn: „Ach, wie
lange hast du auf dich warten lassen, Iwan-
Zarewitsch! Ich hätte beinahe einen anderen ge-
heiratet.“ Jener Bräutigam aber mußte bald kom-
men. Die schöne Jelena nahm einen fliegenden
Teppich von der Alten, sie setzten sich darauf und
fuhren los, flogen davon wie ein Vogel. Auf einmal
kam der Bräutigam an, erfuhr, daß sie fort waren;
er war auch ein Pfiffikus! Er setzte ihnen kurzer-
hand nach, jagte und jagte sie, und es fehlten nur
zehn Saschen, daß er sie eingeholt hätte: sie flo-
gen auf dem Teppich nach Rußland hinein, er aber
konnte aus irgendeinem Grunde nicht nach Ruß-
land und machte kehrt; sie flogen nach Hause,
alle freuten sich, und von nun an lebten sie ver-
gnügt und wurden reich, und ihr Lob war in aller
Munde.

384
36
Die Tochter des Zaren
In einem Zarenreich, in einem Staat lebte ein Zar.
Der hatte eine einzige Tochter. Und die ver-
schwand jede Nacht, unbekannt wohin. Der Zar
ließ überall bekannt machen: „Wer meiner Toch-
ter auf die Schliche kommt, dem gebe ich sie zur
Frau und gebe ihm das halbe Zarenreich, kommt
er ihr aber nicht auf die Schliche, verliert er sei-
nen Kopf.“
Rings um das Haus stand ein Pfahlzaun, der
war beinahe ganz mit Menschenköpfen behangen:
kein Tag verging, ohne daß ein neuer Kopf auf
einen neuen Pfahl kam.
Und es diente ein Soldat in einem Regiment.
Des Dienens war er überdrüssig. Er stand auf Wa-
che, nahm sein Gewehr und ging auf gut Glück
los. Ging er nun lange oder kurze Zeit, nah oder
fern, jedenfalls kam er auf eine Waldwiese, die
war glatt wie geeggt: da stehen drei Waldgeister
und teilen drei Dinge: eine Tarnkappe, ein Tisch-
tuch-deck-dich und einen fliegenden Teppich.
„Gott helf euch, ihr drei Waldgeister, die drei Din-
ge zu teilen!“ – „Danke, Soldat! Teile uns diese
Dinge!“ Der Soldat lud sein Gewehr und sagt: „Ich
schieße, wer vorn die Kugel fängt, bekommt die
drei Dinge!“

385
Der Soldat schoß, aber er hatte das Gewehr
einfach umgedreht. Die Kugel flog nach hinten,
die Waldgeister aber rannten nach vorn, die Kugel
zu haschen. Der Soldat, nicht faul, setzte die
Tarnkappe auf, setzte sich auf den fliegenden
Teppich und flog auf gut Glück los.
Er kommt in eben das Reich geflogen, wo im-
mer die Zarentochter verschwand.
Er nahm alle diese Dinge, knüllte sie zusam-
men, steckte sie in seinen Beutel und ging zum
Zaren. „Ich will auf eure Tochter aufpassen, aber
nicht nur eine Nacht, sondern drei Nächte!“ Der
Zar sagte: „Wenn du ihr auf die Schliche kommst,
gebe ich sie dir zur Frau, kommst du ihr aber
nicht auf die Schliche, schlage ich dir den Kopf ab
und hänge ihn an einen Zaunpfahl.“
Er führte den Soldaten zur Zarentochter ins
Schlafzimmer. Das hatte eine Zwischenwand: in
dem einen Teil ist der Wächter untergebracht, in
dem anderen die Zarentochter. Kaum hatte sich
der Soldat ausgezogen und aufs Sofa gesetzt,
kommt die Zarentochter heraus und gießt ihm ein
Glas Schnaps ein: „Trink, Soldat!“ Der Soldat
nahm das Glas, tat, als trinkt er’s aus – drehte
sich um und goß es kurzerhand aus. Darin hatte
sie ein Schlafpulver gehabt, das hatte der Soldat
erraten: er war nicht dumm.
Als er der Zarentochter das leere Glas gegeben
hatte, fiel er hintenüber und tat, als sei er einge-
schlafen. Die Zarentochter guckte durch ein Loch
in der Wand ihres Zimmers – der Soldat schnarch-
te schon.

386
Sie rief mit leiser Stimme ihre Dienerinnen und
sagt: „Bringt mir zwölf Paar Schuhe und zwölf
Paar Strümpfe!“ Sie brachten’s ihr. Unter ihrem
Bett aber war eine Geheimtür zum Keller. Sie
drückte eine Feder, und die Tür ging auf: sie
steigt hinab. Aber der Soldat hatte inzwischen
seinen Beutel geöffnet, die Tarnkappe genommen,
setzte sie auf den Kopf und war nicht mehr zu se-
hen.
Die Zarentochter ging in den Keller, er hinter-
her. Unten lag eine Zauberplatte. Die Zarentoch-
ter hob sie hoch und stieg hinab unter die Erde.
Und der Soldat hinterher.
Sie wollte zum Zaren der Unterwelt. Einige Zeit
lief sie, hielt an – da war dort ein kupferner Gar-
ten: ein kupferner Apfelbaum, aus Kupfer auch
die Äpfel. Kaum war sie in den Garten hineinge-
sprungen, schwupp, riß der Soldat einen kupfer-
nen Apfel ab und steckte ihn in seinen Beutel.
Plötzlich begannen Glocken zu läuten und Kano-
nen und Gewehre zu schießen: es wurde Alarm
gegeben.
Die Zarentochter erhielt keinen Durchlaß. Sie
kehrte also heim. Sie betritt ihr Schlafzimmer,
aber der Soldat liegt schon auf seinem Lager, er
war vor ihr herausgerannt (die Gärten des Unter-
weltszaren sehen nur aus wie Gärten, es sind
Vorposten). Die Zarentochter guckte durch das
Loch: „Schlaf nur, Soldat, in zwei Tagen wird dir
mein Vater den Kopf abschlagen!“
Am Morgen singt noch kein Vogel, aber der
Soldat brüllt schon aus vollem Halse: „Los, mein

387
Mittagessen her. Wein und Samowar!“ Und es ist
alles für ihn bereit, sie bringen’s. Er heizte den
ganzen Tag ein.
Am Abend aber kommt die Zarentochter her-
aus, bringt ihm ein goldenes Glas voll Schnaps:
„Trink, Soldat!“ Der Soldat nahm das Glas, tat so,
als trinkt er’s aus – drehte sich um und goß es
kurzerhand aus. Als er der Zarentochter das leere
Glas gegeben hatte, fiel er hintenüber, als wäre er
eingeschlafen. Der Zarentochter wurden zwölf
Paar Schuhe und zwölf Paar Strümpfe gebracht,
sie stieg hinab unter die Erde und lief los. Der
Soldat hinterher. Den kupfernen Garten hatte sie
schon hinter sich. Sie kam zu einem silbernen. Ein
silberner Apfelbaum, aus Silber auch die Äpfel.
Der Soldat riß einen Apfel ab, knüllte ihn zusam-
men und steckte ihn in seinen Beutel. Plötzlich
begannen Glocken zu läuten, es wurde Großalarm
gegeben. Sie erhielt wieder keinen Durchlaß. Sie
kehrte heim, der Soldat aber war schon wieder
vor ihr auf seinem Lager. Sie guckte durch das
Loch und sprach zu sich: „Schlaf nur, Soldat, noch
einen Tag, und mein Vater wird dir den Kopf ab-
schlagen!“
Am Morgen singt noch kein Vogel, aber der
Soldat brüllt schon aus vollem Halse: „Los, mein
Mittagessen her. Wein und Samowar!“ Und es
wird ihm alles gebracht.
Am dritten Abend kommt die Zarentochter her-
aus und bringt ihm einen goldenen Becher voll
Schnaps mit einem Pulver. Der Soldat denkt: „Ein
wenig will ich kosten!“ Er schluckte einen Schluck

388
hinter, den Rest goß er aus: kaum hatte er der
Zarentochter den Becher gegeben, da fiel er hin-
tenüber und schlief ein. Der Zarentochter wurden
zwölf Paar Schuhe und zwölf Paar Strümpfe ge-
bracht; sie stieg hinab unter die Erde und lief los,
der Soldat aber blieb zurück.
Drei Minuten später wachte der Soldat auf und
sieht: die Zarentochter ist fort. Er nahm seine
Tarnkappe, setzte sie auf den Kopf, drückte die
Feder: die Geheimtür ging auf, und der Soldat
stieg hinab in den Keller. Dort begann er, die Plat-
te herumzuwälzen. Die Platte war schwer, und er
konnte sie nicht sofort hochheben. Schließlich
nahm er all seine Kräfte zusammen, hob die Plat-
te recht und schlecht hoch und stieg hinab unter
die Erde. Er durchlief den kupfernen Garten, den
silbernen Garten durchlief er, aber die Zarentoch-
ter war nicht da. Er kommt zu einem goldenen
Garten, auch hier ist die Zarentochter nicht. Er
pflückte einen goldenen Apfel. Wieder wurde
Alarm gegeben. Weil aber die Zarentochter schon
durch war, konnten sie sie nicht aufhalten, der
Soldat aber war in seiner Tarnkappe – er war
nicht zu sehen und ging weiter.
Er kommt zum Meer und sieht: die Zarentoch-
ter steigt einen Berg empor. Dort war ein Kristall-
berg. Dieser Berg ist das Meeresufer. Hier erreich-
te der Soldat die Zarentochter. Die Zarentochter
trat an den Rand des Berges und sagt: „Erschei-
ne, Wagen ohne Achsen und ohne Räder, einfach
so in der Luft!“ Der Wagen erschien, die Zaren-
tochter setzte sich hinein, der Soldat ihr auf die

389
Knie, und sie fuhren davon übers Meer zum Zaren
von jenseits des Meeres.
Der Zar empfängt die Zarentochter und sagt:
„Ljubuschka, warum bist du zwei Tage nicht bei
mir gewesen?“ – „Deine verfluchten Diener haben
mich ja nicht durchgelassen!“ – „Ich werde sofort
befehlen, alle Diener abzulösen.“ Er nahm ihren
Arm und führte sie in seinen Palast. Und der Sol-
dat hinterher.
Er setzte sie auf einen Stuhl; er hatte aber eine
Karaffe Biet-selbst-an: sie gießt selber ein und
bietet selber an. Der Zar sagte: „Karaffe, biete
an!“ Die Karaffe sprang aus dem Schrank, ehe
man sich’s versah. Gießt selber ein und bietet sel-
ber an, zuerst dem Zaren, dann der Zarentochter
und übergeht auch den Soldaten nicht. Der Zar
fragt: „Ljubuschka, was ist denn das, wir sind nur
zwei, sie aber gießt dreimal ein, wem bietet sie
denn an?“ – „Ich weiß nicht. Nur als ich heute
übers Meer fuhr, war auf meinen Knien eine
schreckliche Last.“
„Nun denn, gehen wir jetzt. Was für ein Kleid
und was für Schuhe ich für dich besorgt habe!“ Er
nimmt’s aus dem Schrank und zeigt’s der Zaren-
tochter. Kleid und Schuhe waren von unbeschreib-
licher Schönheit. Der Soldat aber nahm alles,
knüllte’s zusammen und steckte es in seinen Beu-
tel.
„Nun, Ljubuschka, jetzt wirst du nicht mehr so
zu mir kommen: wir beide werden jetzt heiraten!“
– „Um nichts in der Welt! Ich muß noch einmal bei
meinem Vater sein“, sagt sie. „Warum?“ – „Ich

390
muß zusehen, wie mein Vater dem Soldaten den
Kopf abschlägt!“
Sie unterhielten sich ein Weilchen. Der Zar von
jenseits des Meeres begleitete die Zarentochter.
Als sie ans Meeresufer kamen, sagte sie: „Er-
scheine, Wagen ohne Achsen und ohne Räder,
einfach so in der Luft!“ Der Wagen erschien, die
Zarentochter setzte sich hinein, der Soldat aber
kam nicht dazu, sich ihr auf die Knie zu setzen,
weil er schon ordentlich beschwipst war. Der Wa-
gen flog davon, und der Soldat konnte gerade
noch hinten die Stangen erhaschen (es waren da
wohl irgendwelche Stangen angebracht). Er er-
wischte sie und wurde mitgezogen. Sie fuhren
übers Meer. Dann ergriff er den Wagen, knüllte
ihn zusammen und steckte ihn in seinen Beutel.
Die Zarentochter lief – sie trug schon das letzte
Paar Schuhe und das letzte Paar Strümpfe; als sie
in ihr Schlafzimmer kam, sah sie durch das Loch
nach dem Soldaten; der Soldat schlief schon auf
seinem Lager. Da lachte die Zarentochter: „Schlaf
nur, Soldat, morgen früh wird dir mein Vater den
Kopf abschlagen!“
Am anderen Tag singt noch kein Vogel, der Sol-
dat aber brüllt aus vollem Halse – er verlangt
Wein, sein Mittagessen und den Samowar.
Der Zar kommt selber, zieht den Säbel und will
dem Soldaten den Kopf abschlagen. Der Soldat
sprang beiseite: „Da hört sich doch alles auf! We-
gen solcher Schweinehunde die Köpfe abschla-
gen!“

391
Er setzte seine Tarnkappe auf – und war nicht
mehr zu sehen. Und er sagt: „Zar, du denkst, ich
habe deine Tochter entwischen lassen?! Nein, ich
weiß alles. Versammle alle deine Generäle, dann
werde ich es schon erklären.“
Als alle versammelt waren, bat der Soldat zu
verbürgen, wer seine Rede unterbricht, der soll
hundert Rubel zahlen und hundert Rutenhiebe be-
kommen. Alle waren’s einverstanden. Da erzählte
der Soldat, wie alles war…
Als er zu dem kupfernen Garten kam, sagte ein
General: „Das ist nicht wahr, so etwas gibt es
nicht!“ Der Soldat öffnet seinen Beutel: „Und was
ist das?“ sagt er. Sogleich wurde der General auf
den Fußboden gelegt und durchgebläut; und sie
bläuten ihn durch, daß es eine Art hatte!
Als er zu dem silbernen Garten kam, sagte der
zweite General: „So etwas gibt es nun aber be-
stimmt nicht! Einen kupfernen Garten, meinetwe-
gen, das haben wir schon gesehen, aber einen
silbernen hat man noch nie gesehen!“ Der Soldat
öffnet seinen Beutel: „Und was ist das?“ sagt er.
Sogleich wurde der General auf den Fußboden ge-
legt und durchgebläut; und sie bläuten ihn durch,
daß es eine Art hatte.
Als er zum goldenen Garten kam, sagte der
dritte General: „So etwas gibt es nun aber be-
stimmt nicht! Einen kupfernen, einen silbernen
haben wir schon gesehen, aber goldene hat man
noch nie gesehen!“ Der Soldat öffnet seinen Beu-
tel: „Und was ist das?“ sagt er. Sogleich wurde

392
der General auf den Fußboden gelegt und durch-
gebläut!…
„Wir kamen zum Zaren von jenseits des Mee-
res. Und der Zar hat eine Karaffe Biet-selbst-an:
die gießt selber ein und bietet selber an.“ Er stellt
sie auf den Tisch und sagt: „Karaffe, biete an.“
Die Karaffe bot allen an. Und alle lobten ihn.
Darauf holte er das Kleid heraus. Erklärte alles.
Der Zar befahl sogleich seiner Tochter, sich für die
Trauung mit dem Soldaten zu schmücken. Den
Bräutigam fragt er: „Nun, Soldat, fährst du nach
Hause, oder willst du hierbleiben?“ – „Nach Hau-
se“, sagte der. Der Zar belohnte ihn reichlich.
Und sie machten sich auf einem Schiff auf die
Heimfahrt. Die Zarentochter fragt den Soldaten:
„Warum fährst du nach Hause?“ – „Ich werde mä-
hen, mit der Sense, und dich werde ich auch dazu
zwingen.“ Die Zarentochter sagt: „Was fällt Euch
ein, haben wir etwa bei meinem Vater nicht genug
zum Leben?“ – „Laß nur, sonst läßt du dir’s einfal-
len, zum Unterweltszaren von jenseits des Meeres
zu fliehen!“
Da bat die Zarentochter den Soldaten unter
Tränen, er solle sie nicht fortbringen, und schwor,
ihm auf ewig treu zu sein. Der Soldat kehrte zum
Zaren zurück, und als der Zar starb, wurde er
Zar.

393
37
Die Schafe im Meer
In einem Zarenreich, in einem Staat lebte einmal
ein alter Mann; er lebte in Armut, aber er hatte
drei Söhne – der älteste war klug, der mittlere
war nicht gerade klug, aber doch kein Dummkopf,
der jüngste aber war ganz und gar ein Dumm-
kopf. Die Not peinigte sie, daß es nicht mehr zum
Aushalten war, und der älteste Sohn sagt:
„Lag mich fort, Vater, ich will gehen und Arbeit
suchen.“
Nun, der Vater wollte ihn nicht gleich fortlas-
sen: „Wohin willst du denn gehen?“
„Je nun, ehe ich so lebe, will ich lieber arbeiten
gehen.“
„Nun, geh mit Gott!“
Der Älteste ging los und kommt an einen Fluß,
der war nicht gerade tief, aber breit; am Ufer sitzt
eine Alte und bittet:
„Wackerer Bursche, trag mich auf die andere
Seite hinüber!“
„Hol dich der und jener, alter Satan, wenn ich
nur selber hinüberkomme!“ Er watete durch den
Fluß und ging weiter. Ging er nun nah oder fern,
niedrig oder hoch, jedenfalls erblickte er eine klei-
ne Hütte, und in der Hütte war ein alter Mann:
„Wohin willst du, wackerer Bursche?“
„Arbeit suchen, Großvater.“

394
„Verding dich zu mir, bei mir ist die Arbeit leicht
– Schafe hüten; hütest du drei Tage und be-
kommst heraus, was die Schafe fressen – drei-
hundert Rubel, kriegst du’s nicht heraus – drei-
hundert Peitschenhiebe.“ Er dachte: „Wie soll ich
das nicht herausbekommen, was die Schafe fres-
sen?“
„Ich krieg’s heraus“, sagt er.
Nun, sie tranken Kwaß, beteten zum Heiland
und legten sich schlafen. Am Morgen stand er auf
und trieb die Schafe aus. Die Schafe gingen zum
Meer, der schwarze Schafbock sprang ins Meer
und die Schafe ihm nach. Da steht der Bursche
und überlegt, was er tun soll. Er weinte und wein-
te, wie er sich aber helfen soll in seiner Not, weiß
er nicht. Am Abend stiegen die Schafe aus dem
Meer, er trieb sie heim und sagte dem Alten
nichts. Am anderen Tag genauso, und am dritten
trieb er sie wieder heim, rupfte aber vorher Gras
und steckte es unters Hemd. Wie er die Schafe
eintreibt, fragt der Alte:
„Nun, hast du herausbekommen, was die Scha-
fe fressen?“
„Ja.“ Und er zeigt das Gras.
Da band ihn der Alte an einen Pfahl und gab
ihm dreihundert Peitschenhiebe. Der Bursche
schleppte sich mit knapper Not nach Hause.
Auch der zweite begann zu betteln, aber der
Vater wollte ihn nicht gehen lassen: „Der ist schon
krank zurückgekommen, und jetzt willst du fort.“
Aber er gehorchte nicht und ging.

395
Ging er nun nah oder fern, niedrig oder hoch,
jedenfalls kommt er an einen Fluß, der ist nicht
gar so tief, aber breit. Am Ufer sitzt eine Alte und
sagt:
„Wackerer Bursche, trag mich auf die andere
Seite hinüber!’
„Hol dich der und jener, alter Satan, wenn ich
nur selber hinüberkomme!“
Und er watete hindurch.
Wie er drüben ist, geht er weiter und sieht eine
kleine Hütte, und in der Hütte sitzt ein alter Mann.
„Wohin willst du, wackerer Bursche?“
„Ich gehe Arbeit suchen, Großvater.“
„Verding dich zu mir, bei mir ist die Arbeit leicht
– drei Tage Schafe hüten; kriegst du heraus, was
die Schafe fressen – dreihundert Rubel, kriegst
du’s nicht heraus – dreihundert Peitschenhiebe.“
„Nun“, denkt er, „wie soll ich das nicht heraus-
kriegen; ich krieg’s heraus“, und er schlug ein. Es
endete genauso wie bei dem älteren Bruder.
Mit Mühe und Not schleppt er sich nach Hause;
der Vater sah’s und wurde böse.
„Da siehst du, was du dir verdient hast.“
Aber auch der erzählte nicht, was mit ihm ge-
wesen war.
Da wollte Iwan der Dummkopf gehen.
„Wohin willst du denn gehen, du siehst doch,
wieviel deine Brüder verdient haben.“
„Nun, ich gehe trotzdem.“
Und er ging.

396
Ging er nun nah oder fern, niedrig oder hoch,
jedenfalls geht er und sieht einen Fluß, nicht tief,
aber breit. Am Ufer sitzt eine Alte und bittet:
„Wackerer Bursche, trag mich auf die andere
Seite hinüber.“
„Setz dich nur auf meine Schultern!“
Die Alte saß auf, er trug sie flink ans andere
Ufer, und die Alte sagt zu ihm:
„Nun höre, Iwan, wenn du mich einmal
brauchst, dann sage nur: ,Wo ist mein Großmüt-
terchen?’ Ich werde zur Stelle sein.“
Iwan ging weiter.
Er geht – da steht auf einmal eine kleine Hütte,
und in der Hütte ist ein alter Mann.
„Wohin willst du, junger Mann?“
„Arbeit suchen, Großvater.“
„Verding dich zu mir, bei mir ist die Arbeit leicht
– Schafe hüten; kriegst du heraus, was die Schafe
fressen – dreihundert Rubel, kriegst du’s nicht
heraus – dreihundert Peitschenhiebe.“
„Nun gut, ich will’s versuchen.“ Bei sich aber
denkt er: „Hier ist es wohl gewesen, wo es meine
Brüder erwischt hat.“
Sie tranken Kwaß, beteten zum Heiland und
legten sich schlafen.
Am Morgen stand er auf und trieb die Schafe
aus. Kaum waren sie ans Meer gekommen,
sprang der Schafbock ins Wasser und die Schafe
hinterher. Iwan steht da und denkt: „Da hast du
die Bescherung, was nun?“ Am Abend stiegen die
Schafe aus dem Meer, und Iwan trieb sie heim.
Am zweiten Tag dasselbe. Iwan weiß nicht, was er

397
tun soll, er ist dicht am Weinen: „So verdiene ich
mir ja dreihundert Peitschenhiebe“, und da fiel
ihm ein:
„Wo ist mein Großmütterchen?“
„Ich bin zur Stelle“, steht sie schon neben ihm.
Da erzählte er ihr, daß die Schafe ins Meer ver-
schwinden und er nicht herausbekommen kann,
was sie fressen. Sie sagt zu ihm:
„Du mußt folgendes machen, Iwan: Wenn du
die Schafe austreibst, geh hinter dem schwarzen
Schafbock her; wenn er ins Meer springt, pack ihn
an den Hörnern und setz dich auf ihn drauf. Und
dort paß gut auf: was sie geben werden, das
nimm, dann wirst du herausbekommen, wovon
sich die Schafe ernähren. Das ist noch nicht alles:
wenn du die Schafe heimgetrieben hast und dem
Alten gibst, wovon sich die Schafe ernähren, dann
nimm von ihm weder Gold noch etwas anderes,
sondern erbitte von ihm den Sack Schüttel-dich,
den Beutel Schüttel-dich, die Kappe Sieh-mich-
nicht und die Stiefel Laufe-schnell.“
Den dritten Tag trieb Iwan die Schafe zum Meer
und wich nicht von dem schwarzen Schafbock;
sobald der ins Meer springen will, packt Iwan ihn
bei den Hörnern, sitzt auf seinem Rücken und
springt so mit dem Bock ins Meer. Der Schafbock
war plötzlich ein Pope und die Schafe Menschen,
und er hielt eine Messe, und nach der Messe ver-
teilten sie Weihbrote, und alle gaben Iwan ein
ganzes Weihbrot; er nahm’s und steckte alles un-
ters Hemd; darauf wurden alle wieder zu Schafen
und der Pope zum Schafbock. Iwan packte den

398
Schafbock bei den Hörnern und stieg aus dem
Meer. Er trieb die Schafherde heim, und der Alte
fragt:
„Nun, wie ist’s, hast du herausgekriegt, wovon
sich die Schafe ernähren?“
„Ja“, und er holte die Weihbrote aus seinem
Hemd hervor und gab sie dem Alten.
Bei dem Alten wurden die Weihbrote zu Stei-
nen. Da will er Iwan Gold geben, der aber sagt,
daß er kein Gold braucht, sondern den Sack
Schüttel-dich, den Beutel Schüttel-dich, die Kappe
Sieh-mich-nicht und die Stiefel Laufe-schnell. Wie
sich der Alte auch winden mochte, er mußte alles
herausgeben.
Iwan nahm’s und machte sich auf den Heim-
weg, da war die Alte zur Stelle:
„Nein, es ist noch zu früh für dich, nach Hause
zu gehen, komm mit in die Stadt.“
Er ging mit der Alten in die Stadt, da sagt sie:
„Höre, schüttle deinen Sack Schüttel-dich,
schüttle eine hübsche Menge Geld zusammen und
miete Zimmerleute, ein Schiff zu bauen, miete
tüchtige Ruderer und laß das Segel hissen.“
Sie machten das Schiff, und die Alte fuhr mit
Iwan los. Die Alte gibt ihm ein Fernrohr:
„Sieh durch“, sagt sie, „du hast jüngere Au-
gen.“
Er sah durch und sagt:
„Irgend etwas Schwarzes ist dort in der Ferne
zu sehen.“
„Genau dorthin laß das Schiff fahren.“

399
Das Schiff machte eine Wendung und fuhr dort-
hin; sie kamen an eine Insel. Da sagt die Alte:
„Nun, geh über diese Insel und sieh, was es
dort Interessantes gibt.“
Iwan ging lange auf der Insel umher, fand
nichts Interessantes, sah dort nur Zarenvögel und
Kaiserfedern, sammelte die Eier und zerschlug sie
an Baumstümpfen; dann fand er irgendwelche
Ruinen, Ziegel liegen herum.
Er kehrte zum Schiff zurück, und das Großmüt-
terchen fragt ihn:
„Nun, was hast du dort Interessantes oder
Lehrreiches gesehen?“
„Nichts habe ich gesehen, Großmütterchen, ha-
be nur Zarenvögel und Kaiserfedern gesehen; Eier
habe ich gesammelt und an den Baumstümpfen
zerschlagen.“
„Und weiter hast du nichts gesehen?“
„Ich habe noch irgendwelche Ruinen gesehen,
Ziegel liegen herum.“
„Das eben brauchen wir; schicke die Ruderer,
sie sollen diese Ziegel bis auf den letzten zusam-
mentragen und hierherbringen.“
Iwan schickte die Ruderer, die trugen alle Zie-
gel zusammen und brachten sie aufs Schiff.
Sie fuhren in ein Zarenreich, einen Staat.
Sie kamen dort an, da schickt die Alte Iwan:
„Bring dem Zaren ein Geschenk“, und sie nahm
ein paar Ziegel, verbot ihm aber, sie bei offenen
Fenstern zu zeigen.
Iwan kommt zum Zaren und bittet, ihn zu mel-
den. Der Zar befahl, ihn vorzulassen:

400
„Was hast du mir zu sagen, Bursche?“
„Hier, Kaiserliche Majestät, habe ich dir ein Ge-
schenk gebracht, man darf es aber nicht bei offe-
nen Fenstern ansehen, die Fensterläden müssen
geschlossen werden.“
Der Zar befahl, die Läden zu schließen. Iwan
öffnete sein Bündel, da war es, als wenn in dem
Gemach die Sonne erstrahlte – so hell wurde es;
die Steine brennen wie Feuer und schillern in den
verschiedensten Farben. Der Zar freute sich, be-
dankte sich bei dem Dummkopf und erteilte ihm
die Erlaubnis, durch das ganze Reich zu gehen
und sich alles anzusehen. Iwan geht durch die
Stadt und sieht, was es dort Nützliches, was es
dort Lehrreiches gibt. Auf einmal sieht er, es steht
da eine große, riesengroße, hohe und nochmals
hohe Säule, und an der Säule ist eine große Tafel,
auf der geschrieben steht:
„Wer mir erklären kann, wo die Königstochter
zwölf Paar Schuhe in einer Nacht durchtanzt, dem
gebe ich sie zur Frau.“
Iwan kommt nach Hause, und das Großmütter-
chen fragt ihn:
„Wie ist’s, warst du beim König?“
„Ja, er hat mir die Erlaubnis gegeben, durch die
ganze Stadt zu gehen und mir alles anzusehen.“
„Nun, was hast du dort Nützliches und Lehrrei-
ches gesehen?“
„Nichts habe ich gesehen, nur eine hohe und
nochmals hohe, große, riesengroße Säule habe ich
gesehen, daran eine große Tafel, und auf der
stand geschrieben: ‚Wer mir erklären kann, wo

401
die Königstochter in einer Nacht zwölf Paar Schu-
he durchtanzt, dem gebe ich sie zur Frau.’“
„Nun siehst du, das ist etwas Lehrreiches und
Nützliches; setz die Kappe Sieh-mich-nicht auf
und zieh die Stiefel Laufe-schnell an und geh ins
Schloß zur Königstochter; was sie tun wird, das tu
du auch.“
Er machte alles so. Kommt zur Königstochter,
und sie gibt Befehl, zwölf Paar Schuhe zu putzen,
darauf befahl sie, ihr Tee zu bringen; man setzte
sich zum Tee, und Iwan sitzt daneben und trinkt
auch. Sie gießen eine Tasse ein, da ist sie schon
leer; er stößt die Zarentochter an, sie verschüttet
oder zerschlägt die Tasse.
„Was ist mit mir los“, sagt die Zarentochter,
„ich verschütte und zerbreche alles.“
Nach dem Tee besprengte sie sich aus einem
Parfümfläschchen, warf sich auf den Fußboden
und flog fort. Dann ging sie zum Ufer. Iwan tat
dasselbe – und ihr nach; sie rief Ruderer herbei,
ein Boot fuhr vor, sie setzte sich in das Boot, fuhr
zu einer Insel, und Iwan mit ihr. Sie kamen an,
die Königstochter stieg ans Ufer, schwenkte ein
Tuch, und sogleich erschien ein Schloß. Sie ging in
das Schloß hinein und begann, die Türen aufzu-
schließen, eine nach der anderen, zwölf Türen. Sie
kamen ins zwölfte Zimmer; sie stieß eine Truhe
auf, ließ einen Hasen heraus, schlug ihn auf die
Backe, aus dem Hasen wurde ein Musikant, der
begann zu spielen und die Zarentochter zu tan-
zen. Sie tanzt und tanzt ohne Pause. Am Morgen
sind alle zwölf Paar durchgetanzt. Die Königstoch-

402
ter schlug den Musikanten auf die Backe, es wur-
de ein Hase aus ihm, sie sperrte ihn in die Kiste,
ging hinaus, schwenkte ihr Tuch – das Schloß war
weg, nur ein Ei war geblieben; sie nahm das Ei in
ihr Tuch, ging zum Ufer, setzte sich ins Boot, und
sie fuhren davon. Unterwegs fragt sie die Rude-
rer:
„Wie kommt’s, daß das Boot heute so schwer
von der Stelle kommt?“
„Ja, wir rudern mit Mühe, als ob irgendeine Last
darin wäre.“
Sie stieg an Land, warf sich auf die Erde und
flog davon. Und Iwan flog auch davon. Am ande-
ren Tag dasselbe, nur während sie tanzte, nahm
Iwan das Tuch, verschloß die Zimmer, ging hin-
aus, schwenkte das Tuch, legte das Ei hinein und
steckte’s in die Tasche. Er kommt nach Hause und
erzählt alles dem Großmütterchen. Da sagt sie zu
ihm: „Geh und sag dem Zaren, er soll alle auslän-
dischen Gäste versammeln, dann erklärst du ihm,
wo die Zarentochter in einer Nacht zwölf Paar
Schuhe durchtanzt.“
Iwan ging zum Zaren und sagte:
„Ich kann erklären, wo die Zarentochter in einer
Nacht zwölf Paar Schuhe durchtanzt, nur ladet alle
ausländischen Gäste dazu ein.“
Das sagte er, damit der Zar sein Wort nicht zu-
rücknahm und ihm die Zarentochter gab.
Als alle ausländischen Besucher versammelt
waren, bat Iwan alle, ihm zu folgen. Sie kamen
ans Ufer, er rief die Ruderer herbei, sie fuhren zur
Insel hinüber, dann schwenkte Iwan das Tuch,

403
sofort wuchs das Schloß empor, sie gingen alle
mit ihm ins Schloß, er öffnete alle elf Türen,
kommt zur zwölften, schließt auf, und alle sahen
sogleich, daß die Königstochter noch immer tanz-
te. Alle Schuhe waren schon durchgetanzt, ihre
Füße waren ganz blutig, aber sie tanzte immer
weiter. Da ging Iwan zu dem Musikanten, schlug
ihn auf die Backe, und er wurde wieder zum Ha-
sen; er setzte ihn in den Kasten und schloß ab.
Die Zarentochter brachten sie ins Schloß, Iwan
aber schwenkte das Tuch, und das Schloß war
verschwunden, das Ei aber steckte er in die Ta-
sche. Danach blieb dem Zaren nichts anderes üb-
rig, als Iwan die Königstochter zur Frau zu geben.
Er erklärte ihn zu seinem Erben, und sie lebten
herrlich und in Freuden und wurden reiche Leute.

404
38
Der weise Iwan
In einem Zarenreich, in einem Staat hatte ein Zar
einen Sohn Iwan-Zarewitsch. Und sobald der voll-
jährig war, begann er seinen Vater zu bitten, er
wolle eine Braut suchen gehen. Und zog los. Er
kommt zu einem König, der hat drei Töchter, die-
ser König. Und er hätte es schon gern gesehen,
wenn Iwan-Zarewitsch irgendeine Tochter ge-
nommen hätte; er empfängt ihn mit großer Freu-
de. Alle sind sehr froh und setzen sich zum Essen.
Iwan-Zarewitsch sagt zu seinem Hofmeister:
„Hofmeister, geh und stelle fest, wo die Königs-
töchter ihre Schlafzimmer haben!“ Der Hofmeister
ging und stellte es fest. Das Abendessen war zu
Ende. Iwan-Zarewitsch fuhr mit seinem Hofmei-
ster davon. „Wenn ich doch hören könnte“, sagt
er, „was sie über mich reden werden!“ Der Hof-
meister führte Iwan-Zarewitsch zu ihrem Schlaf-
zimmer.
In dieses Schlafzimmer kamen alle drei Königs-
töchter und waren voll Freude. „Ach, wenn Iwan-
Zarewitsch mich nähme, ich würde ihm aus einer
einzigen Handvoll Flachs Hemd und Hose spin-
nen.“ Und die zweite sagt: „Ach, wenn Iwan-
Zarewitsch mich nähme, ich würde ihm aus einem
einzigen Rocken Flachs Hemd und Hose spinnen.“
Die dritte aber sagt: „Da habt ihr was Rechtes ge-

405
funden, euch zu brüsten! Wenn Iwan-Zarewitsch
doch mich nähme, ich würde ihm sechs Söhne
gebären und als siebenten einen weisen Iwan, die
Arme bis zu den Ellbogen in Gold, die Beine bis zu
den Knien in Silber und an jedem Haar eine Per-
le.“ Iwan-Zarewitsch sagt: „Hofmeister, hörst du,
was sie reden?… Jetzt werde ich freien.“
Am Morgen kommt er zum König. „Mir gefällt
Eure älteste Tochter sehr“, sagt er. Der Zar freut
sich; bei Zaren braucht es kein Bierbrauen und
kein Weinbrennen, es ist alles bereit: sie feierten
Hochzeit. Sie feierten etwa eine Woche. Er sagt:
„Wie steht’s, Seelchen, du hast versprochen, aus
einer einzigen Handvoll Flachs Hemd und Hose zu
spinnen?“ – „Wie sollte so etwas möglich sein?! Es
wird so manches unter Mädchen geredet!“ Er
schickte sie kurzerhand ins Kloster und freit um
die zweite. Der König gab sie ihm. Wieder feierten
sie; dann sagt er: „Nun, wie steht’s, Seelchen, du
hast versprochen, aus einem einzigen Rocken
Flachs Hemd und Hose zu spinnen?“ – „Kann man
denn das überhaupt? Es wird so manches unter
Mädchen geredet!“ Nun, er schickte auch diese ins
Kloster. Er freit um die jüngste und nimmt die
letzte Tochter. Mit der fuhr er zu seinen Eltern.
Sie kamen nach Hause, leben herrlich, alles ist
gut. Aber die anderen Schwestern hassen sie.
„Wir haben nur eine Woche gelebt“, sagen sie,
„sie aber ein Jahr. Alle Kräfte werden wir aufwen-
den, um sie zu beseitigen.“ So hatte sie ein Jahr
gelebt, da wurde sie schwanger. Jene sind bitter-
böse, aber ins Schloß zu gehen wagen sie nicht,

406
solange der Zar da ist. Der Fürst fuhr fort, da
kommen sie zu ihr. „Ach, liebes Schwesterchen!
Jetzt seid Ihr schwanger. Ihr braucht ein gutes
Großmütterchen… Hier taugen sie alle nichts, wir
haben eine Bekannte, die ist sehr tüchtig, du wirst
keinen Schmerz spüren.“ Sie vertraute den
Schwestern. „Liebe Schwestern! Seid so gut,
schickt sie her!“ Es war aber eine Zauberin, ihre
Bekannte. Diese Zauberin also kommt zu ihr, gab
ihr ein Pulver zu trinken, sie fiel in Ohnmacht und
gebar zwei Söhne, die Arme bis zu den Ellbogen in
Gold, die Beine bis zu den Knien in Silber; und an
jedem Haar eine Perle. Die Zauberin nahm diese
Kinder zu sich, an ihrer Stelle aber brachte sie
dem Zaren einen jungen Kater und einen jungen
Hund. „Was hast du da gebracht? War’s wenig-
stens ein gewöhnliches Kind!“ – „Was denn, Vä-
terchen, was geboren wird, muß man nehmen.“
Die Fürstin erfuhr’s, weinte und weinte. Der Zar
war lange böse, lange brauchten sie, ihn zu be-
sänftigen. Schließlich verzieh er ihr; er liebte sie
schrecklich, und alle im Lande liebten sie.
Nach einiger Zeit wurde sie wieder schwanger.
Die Schwestern hassen sie noch mehr, weil er
wieder mit ihr lebt. Sobald der Fürst nicht da ist,
kommen sie wieder und sind wer weiß wie zärtlich
zu ihr… „Damals hast du doch gut geboren?“ –
„Gut“, sagt sie, „habe keinerlei Schmerz gespürt.“
– „Nun, wir werden dir wieder dieses Großmütter-
chen schicken!“ – „Ich weiß nicht recht…“, sagt
sie. „Nein, nein, unbedingt. Wechseln darf man
nicht…“ Wieder kam diese Zauberin, gab ihr ein

407
Pulver, und sie schlief ein… Im Schlaf gebar sie
zwei Söhne, die Arme bis zu den Ellbogen in Gold,
die Beine bis zu den Knien in Silber, und an jedem
Haar eine Perle; sie versteckte sie und legte einen
Frosch und eine Maus hin. Sie kam wieder zu sich.
„Nun, wie ist’s“, sagt sie, „was habe ich geboren?“
– „Einen Frosch und eine Maus!“ – „Ach, liebes
Großmütterchen! Hat nicht irgend jemand in un-
serem Reich geboren, daß ich die Kinder statt der
meinen annehmen kann?“ – „Aber, aber!“ Sie
wusch Frosch und Maus und brachte sie zum Za-
ren. „Was hast du da wieder gebracht?“ – „Einen
Frosch und eine Maus.“ – „Alte Schachtel! Was
willst Du damit?“ – „Sie zeigen, Väterchen, sie
zeigen!“ Die Zarin weinte und weinte. Es kommen
die Generals- und Senatorenfrauen… „Ihr solltet
eine andere Wärterin nehmen“, sagen sie. „Ja“,
sagt sie, „aber die Schwestern empfehlen sie…“ –
„Die hassen Euch ja.“ Den Zaren mußten sie lange
Zeit besänftigen… Der Zar verzieh ihr wieder; sie
ging wieder aus dem Haus.
Nach einiger Zeit wurde sie wieder schwanger.
„Gäbe der Herrgott doch wenigstens ein gewöhnli-
ches Kind!“ Wieder drängten ihr die Schwestern
jenes Weib auf, die legte statt der Kinder eine
Schlange und irgendein Tierjunges ins Bett.
„Großmütterchen, was habe ich geboren?“ – „Eine
Schlange, Mütterchen, eine Schlange!“ – „Ach,
großer Gott…“ – „Nun, wie ist’s?“… „Was geboren
wird, muß man nehmen…“ Lange war der Zar zor-
nig, zum letztenmal verzieh er ihr… Und wieder
wurde sie schwanger, gebar den weisen Iwan…

408
Sie wurde zusammen mit diesem weisen Iwan in
ein Faß gesteckt und ins Wasser geworfen…
Der weise Iwan wächst im Faß nicht von Tag zu
Tag, sondern von Stunde zu Stunde und war
schon so weise und so klug. Er streckte sich,
schlug gegen den Boden, der Boden flog heraus.
Sie waren auf einer Insel. Sie gehen über diese
Insel, da erhob sich so ein kalter Wind… „Wie ist
mir kalt!“ sagt sie. Sogleich machte er ein Feuer
an… „Wärmt Euch ein wenig“, sagt er, „ich will in
den Wald gehen und einen Vogel oder ein Tier
fangen.“ Er lief an einem See entlang, lief über
eine Wiese, lief weiter und sieht eine winzige Hüt-
te. Er ging hinein: niemand da; sogleich begann
er nach Eßbarem zu suchen; guckte in den Ofen,
nichts… „Warte, ich werde mich unter dem Ofen
verstecken!“ Er kroch drunter und sitzt unter dem
Ofen… Ein grauhaariger Alter kommt herein, setz-
te sich auf die Bank, nahm einen Knüppel und
warf ihn auf den Fußboden. „Knüppel, ans Werk!“
Sogleich kamen irgendwoher Speisen und Geträn-
ke… „Diesen Knüppel müßte ich haben!“ Der Alte
aß und trank sich satt, stellte den Knüppel in die
Ecke, fing an zu schnarchen und war fest einge-
schlafen. Der weise Iwan aber kam hervor, nahm
den Knüppel und rennt nach Hause… Rennt an
dem gleichen See vorbei und über die gleiche
Wiese. Da kommt ein Bäuerlein… „Was trägst du
da?“ – „Ein Beil!… Willst du ein Haus bauen, ist’s
gleich fertig…“ Und der weise Iwan zeigte ihm den
Knüppel… „Tauschen wir!“ Sie tauschten. Der Alte
geht hurtig mit dem Knüppel davon. Iwan-

409
Zarewitsch sagt: „Beil! Kann man dem Alten da
meinen Knüppel nicht wieder wegnehmen?“ –
„Warum nicht?“ sagt das Beil. „Das kann man!“ Es
flog davon und nahm dem Alten den Knüppel
weg.
Der weise Iwan kommt mit Beil und Knüppel zu
seiner Mutter und erzählt der Mutter alles. Die
Mutter ist froh, betet zu Gott. Der weise Iwan legt
sich schlafen und befiehlt dem Beil und dem
Knüppel, sie sollen ein Schloß bauen, genauso ei-
nes wie bei seinem Vater. Am Morgen wacht er in
dem Schloß auf; die Dienerschaft steht bereit,
und alles ist so wie in Vaters Schloß. Sie staunen
nur. Am anderen Abend legt sich der weise Iwan
schlafen und befiehlt, am Morgen solle auf der In-
sel ein Anlegeplatz fertig sein… Er steht früh auf,
alles ist fertig.
Am nächsten Tag fährt ein Schiff an der Insel
vorbei; und die Kaufleute staunen: „Kein Vogel ist
hier geflogen, und jetzt steht ein Schloß da.“ Der
weise Iwan geht zum Anlegeplatz. „Ihr Herren
Kaufleute, kommt bitte!“ Und die Kaufleute stau-
nen, gehen mit zu ihm ins Schloß; er bewirtete sie
und fragt: „Wohin fahrt ihr und mit was für Wa-
ren?“ – „Wir gehen nach Rußland mit den und den
Waren. Übrigens“, sagen sie, „hat uns der Zar be-
fohlen, Zobel, Marder und Füchse zu beschaffen.“
– „Ja“, sagt er, „ich habe welche!“ Sie legten sich
schlafen. Der weise Iwan befiehlt dem Beil und
dem Knüppel, die allerbesten Zobel, Marder und
Füchse sollten zur Stelle sein. Am Morgen steht
der weise Iwan auf, und sie trinken Tee. Nach

410
dem Tee sagt er: „Nun, meine Herren Kaufleute,
kommt in mein Arbeitszimmer, die Tiere anse-
hen.“ Sie gingen, die Kaufleute staunten nur. „Wir
haben auch schon viel gekauft“, sagen sie, „aber
so etwas haben wir noch nicht gesehen. Wie ist
euer Vor- und Vatersname?“ – „Iwan Iwanytsch“,
sagt er, „ich wohne mit meiner Mutter hier.“ Und
sie fragen ihn: „Wie ist denn“, sagen sie, „der
Preis?“ – „Ich schenk sie euch so“, sagt er, „nur
nehmt mich mit in euer Land!“
Sie blieben noch einen Tag bei ihm, dann fuh-
ren sie ab, und er mit ihnen. Das Schiff fliegt wie
ein Vogel; war es sonst zwei Wochen gefahren, so
jetzt zwei Tage… Sie kamen an; er verabschiedete
sich und verließ sie. Dann verwandelte er sich in
eine Fliege, setzte sich diesen Kaufleuten auf die
rechte Schulter und sitzt nun dort. Sie kommen
zum Zaren. „Befehlt nicht“, sagen sie, „uns hinzu-
richten, befehlt, ein Wort zu sagen.“ – „Redet, re-
det!“ – „Im Meer auf einer Insel lebt eine Mutter
mit ihrem Sohn, mit Iwan Iwanytsch. Und sie ha-
ben genauso ein Schloß wie Ihr. Wir haben“, sa-
gen sie, „drei Tage dort gewohnt: das sind so
edelmütige, umgängliche Leute…“ – „Meine Her-
ren Kaufleute, wendet eure Schiffe, wir fahren
hin!“ Die Tanten kamen sofort herbeigesprungen.
„Ach, was hört Ihr auf einen gewöhnlichen Bauern
vom Dorfe… Kommt lieber mit uns übers Meer;
wir haben dort fremdländische Kater!“ – „Schön“,
sagt er, „morgen!“ Die Kaufleute schenkten dem
Zaren die Tiere und gingen nach Hause… Der wei-
se Iwan sagt: „Beil und Knüppel! Ich will zu Hause

411
sein!“ Sogleich brachten sie ihn nach Hause; er
legt sich schlafen. „Beil und Knüppel! Daß morgen
ja jene fremdländischen Kater bei mir sind!“
Am anderen Tag kommt wieder ein Schiff an
der Insel vorbei. „Meine Herren Kaufleute! Kommt
bitte zu mir!“ Die haben Angst: nichts ist dagewe-
sen, und nun das alles… Er lud sie ein, bewirtete
sie; sie bestaunen in einem fort das Schloß und
die fremdländischen Kater: das Fell schmiegt sich
nur so an… Auch diese Kaufleute blieben drei Ta-
ge, er gab ihnen Zobel, Füchse und Marder, noch
bessere als den ersten, und fuhr mit ihnen davon.
Sie fuhren also; eine solche Stille ist auf dem
Meere, aber das Schiff fliegt wie ein Vogel… Die
Kaufleute denken: „Das ist ein Engel“, sagen sie,
„und kein Mensch; ein Heiliger, ganz bestimmt…“
Der weise Iwan kommt mit ihnen an, verabschie-
dete sich von ihnen, verwandelte sich in eine Flie-
ge und setzte sich dem einen Kaufmann auf den
Kopf. Die Kaufleute gingen zum Zaren und brin-
gen ihm Zobel, Füchse und Marder, noch bessere
als das erstemal. Der Zar staunt. Die Kaufleute
sagen: „Auf einer Insel im Meer steht genauso ein
Schloß wie bei Euch; und sie haben dort fremd-
ländische Kater. Es lohnt, sich das anzusehen.“ –
„Meine Herren Kaufleute, wendet eure Schiffe, wir
fahren zu der Insel!“ Wieder sagen die Tanten:
„Ach, was hört ihr auf jeden Knasterbart! Fahrt
lieber mit uns: bei der Tante im Garten gibt es
Paradiesvögel, die singen herrliche Lieder.“ – „Er-
gebensten Dank! Damals“, sagt er, „bin ich die
fremdländischen Kater ansehen gefahren und ha-

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be nichts gesehen!“ – „Nun, die konnten davon-
rennen, aber die Vögel werden nirgends hinren-
nen! Fahrt lieber mit uns…“ – „Nun schön“, sagt
er. Die Kaufleute gingen nach Hause. Der weise
Iwan sagt: „Beil und Knüppel, ich will bei meiner
Mutter sein!“ Sie brachten ihn auf die Insel; er
legt sich schlafen: „Beil und Knüppel! Daß morgen
ja die Paradiesvögel bei mir sind und herrliche
Lieder singen!“ Er wacht am Morgen auf und hört:
herrliche Musik. Sie lauschten und lauschten…
Danach kommt ein drittes Schiff an der Insel
vorbei. Wieder lud Iwan-Zarewitsch die Kaufleute
ein, gab ihnen Zobel, Marder und Füchse. Sie
blieben drei Tage bei ihm, fuhren los, und er mit
ihnen. Das Schiff fliegt wie ein Vogel… Sie kamen
an; er verabschiedete sich und ging fort; dann
verwandelte er sich in eine Fliege und setzte sich
dem einen Kaufmann auf den Kopf. Die Kaufleute
kommen zum Zaren und überreichen die Füchse,
Marder und Zobel. Der Zar sagt: „Das sind mir
Zobel! Eine Augenweide!“ – „Da haben wir ganz
andere Dinge gesehen!“ sagen sie. „Im Meer auf
einer Insel steht genauso ein Schloß wie Eures;
dort lebt eine vornehme Dame mit ihrem Sohn
Iwan Iwanytsch. Sie haben dort fremdländische
Kater, und Paradiesvögel singen herrliche Lie-
der…“ – „Ach, Kaufleute, wendet eure Schiffe; ich
will mit euch fahren!“ Und wieder die Tanten:
„Ach, wie seid ihr leichtgläubig! Fahrt lieber mit
uns; wir haben sechs Söhne, strahlend wie die
Falken, die Arme bis zum Ellbogen in Gold, die
Beine bis zum Knie in Silber, und an jedem Haar

413
eine Perle; die können bestimmt nicht verschwin-
den, sie werden nur zur Mittagszeit für zwei Stun-
den herausgelassen.“ Der Zar dachte an seine
Söhne. „Schön“, sagt er, „fahren wir…“ Die Kauf-
leute gingen nach Hause. Der weise Iwan aber
stach die eine Tante ins Auge und die andere in
den Kopf… „Ach“, sagt die, „mich hat etwas in den
Kopf gestochen!“ Das Blut lief sogleich, und sie
band ein Tuch darum. Der weise Iwan aber ver-
wandelte sich in eine Fliege und flog nach Hause.
„Nun, Mutter, backt mir zu morgen sechs Ku-
chen!“ Da buk sie ihm sechs Kuchen. Er sagt:
„Beil und Knüppel! Daß ich ja genau zur Mittags-
zeit dort bin!“ Sie brachten ihn dorthin; jene Zau-
berin ließ alle sechs Söhne heraus. Ach, wie sie
umherrannten… Die Arme bis zu den Ellbogen in
Gold, die Beine bis zu den Knien in Silber, und an
jedem Haar eine Perle. Er warf ihnen einen Ku-
chen hin, dann den zweiten, den dritten, alle… Sie
griffen danach und begannen zu essen. „Ach“, sa-
gen sie, „wie schmecken die, wie schön sind sie,
als hätten Mutters Hände sie gebacken.“ Da sahen
sie den Bruder… „Versteck dich“, sagen sie, „so
schnell wie möglich!“ Und die Zauberin sagt: „Ah,
weiser Iwan! Auch du willst zu mir.“ Er sagt: „Beil
und Knüppel! Hackt sie in kleine Stücke und werft
sie alle ins Wasser!“ Sie zerhackten sie und war-
fen die Stücke ins Wasser… Da freuten sich alle
Brüder, daß sie die Zauberin los waren. „Beil und
Knüppel! Wir wollen an unserem Haus sein.“
Sogleich waren sie alle an ihrem Haus. Die Mutter
kam heraus und erkannte sie alle. Sie fielen alle

414
auf die Knie: „Mutter, Mutter!“ – „Bedankt euch
beim Jüngsten…“, sagt sie. Und der Zar war wie-
der nicht zu ihnen gekommen: die eine Tante sah
nur noch auf einem Auge, und der anderen war
der Kopf angeschwollen wie ein Bierkessel.
Wieder kommen Kaufleute auf Schiffen gefah-
ren; sie staunen. Der weise Iwan kommt heraus
und lädt sie ein: „Kommt bitte!“ Die Brüder hatten
noch keine Menschen gesehen, sie sind ganz ver-
wundert… Die Kaufleute bestaunen sie noch mehr.
Sie blieben drei Tage und kommen zum Zaren.
„Ach, Väterchen, Eure Kaiserliche Majestät! Im
Meer auf einer Insel steht genauso ein Schloß wie
Eures, und es wohnen darin sechs Brüder, die
Arme bis zum Ellbogen in Gold, die Beine bis zu
den Knien in Silber, und an jedem Haar eine Per-
le; der siebente Bruder aber ist der weise Iwan.
Es gibt dort auch fremdländische Kater, und Para-
diesvögel singen herrliche Lieder.“ – „Ach, Brüder,
wendet Eure Schiffe, wir wollen fahren!“ Die Tan-
ten aber sind nicht da, sie liegen im Bett… Sie
fuhren los.
Nach einer Woche kommen sie zu dieser Insel.
Der Zar staunt selber… Zu seiner Begrüßung
kommt der weise Iwan mit seinen Brüdern und
seiner Mutter heraus… Der Zar fiel auf die Knie
und begann vor Freude zu weinen… Und der Zar
schickte sofort einen Erlaß, sie sollten spurlos ver-
schwinden (die Tanten nämlich). Der Zar kam zu-
rück. Zur Begrüßung kam ihm die ganze Stadt
entgegen, die Senatoren, und die Zarin wurde an
den Händen geführt… Der weise Iwan sagt: „Beil

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und Knüppel! Daß mir ja alles hier ist: die Para-
diesvögel und die fremdländischen Kater!“ Was
war das für eine Freude, und wie bestaunte das
Volk diese seltsamen Dinge und die Zarenkinder!

416
39
Der Adler-Zarewitsch und sein Sohn
Es lebten einmal eine Maus und ein Sperling. Nun,
die Maus hatte sich in der Erntezeit mit allem ver-
sorgt, der flatterhafte Sperling aber mit nichts.
Und der Winter war diesmal hart, schneidend und
kalt. Der Sperling wußte nicht, wie er sich retten
sollte, und kam zur Maus ins Loch: „Liebste Ge-
vatterin, nimm mich auf, solange der grimmige
Frost dauert!“
„Oh“, sagt sie, „mein Proviant wird nicht rei-
chen.“
Nun, er bettelt sie: „Laß mich bitte, bitte ein,
Maus!“
„Na, ich will gehen und meine Vorräte ansehen:
wenn es reicht, lasse ich dich ein.“
Sie besah ihre Kornkästen und erklärte sich
einverstanden ihn einzulassen. „Satt werden wir
zwar nicht, aber Hungers werden wir auch nicht
sterben.“
Nun, sie machten aus, zusammen zu leben.
„Und im Sommer werden wir zusammen arbeiten.
Du wirst Weizen sammeln, und ich werde ihn mit
dem Schnabel dreschen und forttragen.“ Der
Frühling kam, der Sperling schwang sich in die
Lüfte und flog davon. Die Maus war gekränkt, sie
ging zu ihrem Gemeindeältesten, den Sperling
verklagen. Ihr großes Gericht trat zusammen. Alle

417
waren versammelt, auch die Vögel waren alle ge-
kommen, und auch das kleine Getier, die Mäuse
und Maulwürfe. Und das Gericht begann. Ein Ge-
richt war ihnen noch nicht genug, sie eröffneten
untereinander den Krieg. Zwei Tage bekriegten
sie sich. Nun, und ihr Gericht lief auseinander;
einem Adler hatten sie die Flügel angeschossen –
er blieb auf einem Baumstumpf sitzen.
Einmal ging Iwan der Kaufmannssohn auf die
Jagd und sieht diesen Adler, nimmt die Flinte her-
unter und zielt, um ihn zu erlegen. Da antwortet
ihm der Adler mit Menschenstimme: „Iwan-
Kaufmannssohn, schieß nicht auf mich, ich bin
genauso ein Mensch wie du, nur für einige Zeit
verwünscht; nimm mich lieber mit und füttere
mich, ich werde dir von Nutzen sein.“ Iwan der
Kaufmannssohn geht hin und fragt: „Und muß ich
dich lange füttern?“ – „Ein Jahr“, sagt er, „muß
ich gefüttert werden.“ – „Und welche Speise ißt du
denn?“ – „Am Tag einen Hammel.“
Nun, der Kaufmannssohn nahm den Adler und
bringt ihn seinem Vater: „Hier, so und so, das ha-
be ich gefunden.“ Und erzählt alles. Der Vater
schwieg eine Weile. „Das ist teuer“, sagt er. Nun,
wiederum, wenn er auch brummt, so ist es doch
sein einziger Sohn – er möchte es ihm nicht
verbieten.
Etwa ein halbes Jahr hatte er ihn gefüttert, da
begann der Vater zu schimpfen: „Das ist doch zu
stark – am Tag einen Hammel! Zu welchem Nut-
zen fütterst du ihn?“ Darauf wurde der Vater bö-
se, wartete, bis der Sohn einmal fortgegangen

418
war, befahl, den Adler in eine Schlucht zu werfen,
und verbot zu sagen, wohin sie ihn geworfen hat-
ten. Aber das Stubenmädchen hatte es gemerkt,
wohin sie ihn gebracht hatten, und sagte es ihm
heimlich. Und er holte den Adler aus der Schlucht
und brachte ihn in die Hütte einer alten Frau. Er
bringt täglich einen Hammel und füttert ihn heim-
lich, ohne Wissen des Vaters.
Bis zum Jahr fehlt nur noch ein Monat, aber der
Vater hat erfahren, daß der Sohn ihn trotzdem
füttert; er wurde böse auf den ungehorsamen
Sohn und jagte ihn kurzerhand im bloßen Rock
aus dem Haus. Der Kaufmannssohn kommt mit
bitteren Tränen zum Adler: „Nicht nur, daß ich
nichts habe, dich zu füttern“, sagt er, „ich selber
habe jetzt nichts mehr zu essen.“ – „Nun, was
macht’s, sagt der Adler, „dann gehen wir eben,
unsere Kräfte versuchen.“ Sie kamen dort auf ei-
nen Platz. „Nun“, sagt der Adler, „setz dich auf
mich und halte dich schön fest.“ Und er trug ihn
auf seinem Rücken bis unter die Wolken, trug ihn
bis unter die Wolken und ließ ihn herunterfallen.
Iwan der Kaufmannssohn war dicht daran, sich zu
Tode zu stürzen, da ließ er ihn nicht zu Boden fal-
len und fing ihn wieder auf.
Als sie dann haltgemacht hatten: „Was hast du
eigentlich gedacht“, fragt der Adler den Kauf-
mannssohn, „als du so flogst?“ – „Was soll ich ge-
dacht haben? Ich habe gedacht: Wenn ich auf die
Erde falle, stürze ich mich zu Tode.“ – „Damit ha-
be ich Euch die erste Schuld vergolten. Als ich auf
dem Baumstumpf saß und du auf mich zieltest,

419
habe ich auch gedacht, es wird mein Tod sein.
Nun, dann setz dich auf meinen Rücken und laß
uns fliegen, wohin uns der Weg führt.“
Flogen sie nun lange oder kurze Zeit, jedenfalls
kommen sie zu einer Stadt und machen vor den
Toren halt. „Jetzt hör zu, Iwan-Kaufmannssohn,
schenk mir dreimal deinen Schweiß, leiste mir ei-
nen Dienst.“ – „Und wo kann ich denn in Schweiß
kommen?“ antwortet der. „Klettre hier auf den
Zaun!“ Er kletterte hinauf. „Jetzt schüttle mich an
den Ohren, bis dir Arme und Beine versagen.“
Nun, er schüttelte und schüttelte – er konnte
schon nicht mehr. Der Schweiß fließt in Strömen
an ihm herunter. „Nun, ruh dich etwas aus“, sagt
er. „Noch zweimal schenk mir deinen Schweiß!“
sagt er. Und aus seiner Haut ragten schon bis
zum Knie Menschenbeine heraus. Und wieder
schüttelte er ihn aus Leibeskräften. Schüttelte und
schüttelte. Er konnte schon nicht mehr. Der
Schweiß fließt in Strömen an ihm herunter, aber
es waren schon die Brustwarzen zu sehen. „Nun,
jetzt schüttle zum letzten Mal, bis die Haut in dei-
nen Händen bleibt. Wenn du aber nicht durch-
hältst, ist für uns beide alles verloren!“ Er schüt-
telte ihn aus dieser Haut heraus, und der Adler
trat als junger Bursche vor ihn hin. „Nun, jetzt
wollen wir Brüderschaft schließen.“
Sie schlossen Brüderschaft und gelobten, ein-
ander nicht zu verlassen. „Jetzt geh in das und
das Haus, da steht die und die Aufschrift, und bit-
te um ein Almosen. In diesem Hause wohnt meine
älteste Schwester. Geh zum Fenster und bitte um

420
ein Almosen nicht um Christi willen, sondern um
des Adler-Zarewitschs willen. Und die Frau wird
fragen: ,Was für ein Almosen willst du denn?’ Bit-
te dann um die goldenen Schlüssel vom Keller
und hör zu, was sie dir sagt, falls sie dir die
Schlüssel nicht gibt.“
Er geht hin und beginnt, um ein solches Almo-
sen zu bitten, nicht um Christi willen, sondern für
den Adler-Zarewitsch. Und am Fenster stand das
Stubenmädchen und bügelte Wäsche. Nun, was
die Beine hergaben, rannte die zu ihrer Herrin:
„Was ist das für eine neue Art, um Almosen zu
bitten?“ Die Herrin ahnte die Geschichte, ging sel-
ber zum Fenster, er erzählte ihr die ganze Ge-
schichte und bittet um die Schlüssel. Sie hörte
sich die Geschichte an und sagt: „Wie lange ich
auch den Bruder nicht gesehen habe, ich will ihn
lieber noch einmal genauso lange nicht sehen,
aber die Schlüssel gebe ich nicht.“ Nun, er kommt
zu ihm und erzählt’s. „Macht nichts, hier ist es
nicht gelungen, gehen wir zur zweiten Schwester,
in die zweite Stadt.“
Nun, kurz erzählt, dort wurden sie auch abge-
wiesen. Sie gingen in die dritte Stadt, zur jüng-
sten Schwester; wieder ging Iwan der Kauf-
mannssohn, um das gleiche Almosen zu bitten.
Die freute sich von ganzem Herzen. „Und wo ist er
denn, der Adler-Zarewitsch?“ – „Gib mir nur die
Schlüssel, und ich bringe dich zu einem Wiederse-
hen mit ihm.“ Sie gab ihm die Schlüssel. Nun, und
dann kam er mit dem Adler wieder, sie unterhiel-
ten sich und feierten ein Fest. Bei der jüngsten

421
Schwester also war das Wiedersehen mit dem
Bruder. Nun, und danach traute der Adler-
Zarewitsch Iwan den Kaufmannssohn mit seiner
Schwester. „Ich aber“, sagt er, „will gehen und
mein Glück suchen.“ Und er übergab Iwan-
Zarewitsch alle zwölf Keller, in denen war viel von
allem möglichen Gold und Silber.
Und der Adler-Zarewitsch kommt in eine frem-
de Stadt. In dieser Stadt lebte der unsterbliche
Kastschej, der herrschte über diese Stadt. Und er
hatte eine Kaufmannstochter geraubt, die hielt er
bei sich gefangen.
Einige Zeit lebte der Adler-Zarewitsch in dieser
Stadt und begann, die Frau Kastschejs zu besu-
chen, wenn Kastschej nicht in der Stadt war. Und
Kastschejs Frau wurde von ihm schwanger. Und
einmal erwischte der unsterbliche Kastschej den
Adler bei sich im Schloß und schlug ihm den Kopf
ab. Sie aber war von ihm schwanger. Und als
Kastschej weggefahren war, gebar sie in seiner
Abwesenheit. Und sie weiß nicht wohin mit dem
Kind. Kastschej würde es sowieso umbringen. Und
sie kam auf den Gedanken, es in ein Eichenfaß zu
legen; auf das Faß schrieb sie, daß es ein unge-
tauftes Kind ist, und warf’s ins Meer.
Und eben der Kaufmannssohn, der die Schwe-
ster des Adlers geheiratet hatte, hatte einen
Traum, an seinem Ankerplatz hätten neue Schiffe
angelegt. Und er weckt früh am Morgen seine
Frau. „Was ist das für ein Traum? Ich will zum
Ankerplatz fahren. Ob dort alles in Ordnung ist?“
Er kommt zum Ankerplatz, da schwimmt an sei-

422
nem Ankerplatz ein Faß. Nun, er fischte dieses
Faß heraus, sieht die Aufschrift, daß es ein unge-
tauftes Kind ist, nimmt das Faß und bringt’s nach
Hause zu seiner Frau. Sie nahmen beide das Faß,
machten es auf, holten das Kind heraus, und da
lag ein Zettel, daß es vom Adler-Zarewitsch ge-
zeugt ist. Und beide freuten sich: „Nein so was,
von unserem Bruder.“ Und sie feierten Taufe.
Tauften’s und gaben ihm den Namen Wassili. Und
er hatte schon selber zwei Jungen. Und er zog’s
mit seiner Frau auf wie sein eigenes.
Er wächst bei ihnen nicht von Jahr zu Jahr,
nicht von Tag zu Tag, sondern geradezu von
Stunde zu Stunde. Und sie gaben ihn zusammen
mit ihren Kindern in die Schule. Sie lassen ihn
nichts merken, „daß du nicht unserer bist.“ Wenn
die Kinder aus der Schule gelaufen kommen, trei-
ben sie ihren Mutwillen. Wassili stößt sie ein klein
wenig – das ist für sie schon zu viel. Sie kommen,
beklagen sich: Hier, Wasja ärgert uns. Nun, sie
sagen ihm nichts. Kinder sind eben Kinder.
Einmal hatten sich die Kinder verzankt – der äl-
teste Junge sagt zu ihm: „Du bist nicht von uns,
dich haben wir gefunden.“ Der lief mit Tränen zu
Vater und Mutter. Die wollen es ihm ausreden;
aber er wiederholt immer das eine: „Laßt mich
fort: wenn ich nicht euer Kind bin, dann will ich in
die Welt ziehen.“ Nun, irgendwie besänftigten sie
ihn. Er blieb. In der Schule war er der beste. Man-
cher lernt drei Jahre, er hatte in einem Jahr alles
begriffen.

423
Einmal spielten die Kinder mit Pfeilen, und seine
Pfeile waren auf einen alten, zerfallenen Schuppen
gefallen. Er ging, seinen Pfeil zu holen, sah dieses
Faß und las die Aufschrift. Und er geht jetzt zu
Vater und Mutter. „Nein, ihr habt die Unwahrheit
gesagt. Hier ist dieses Faß. Laßt mich fort, ich will
in alle vier Himmelsrichtungen gehen und mein
Glück suchen.“
Sie aber schmerzte es, ihn fortzulassen. Sie
mühten sich einige Zeit mit ihm ab, können nichts
mit ihm anfangen und erzählen ihm nun von
selbst alles ausführlich, wer er ist und wessen
Sohn er ist.
Und er ging in die Stadt, wo dieser unsterbliche
Kastschej wohnte. Jetzt aber hatte der Kastschej
schon eine Mauer rings um die Stadt machen las-
sen: läßt niemanden durch. Genau gegenüber
dem Schloß Kastschejs lebte eine alte Frau in ei-
ner elenden Hütte. Zu dieser Alten kommt eben
dieser Wasja und bittet um ein Nachtlager. Die
Alte ließ ihn ein und setzte ihm vor, was sie da
hatte. „Wer herrscht über Eure Stadt hier, Groß-
mütterchen?“ fragt er. „Oh, mein Kind, der un-
sterbliche Kastschej herrscht über diese Stadt! Er
hat das Volk schon fast zu Tode gepeinigt!“ –
„Warum, Großmütterchen, ist diese Stadt so stark
bewacht?“ fragt er. „Oh, mein Kind, früher war
das einfach, alle liefen und fuhren einfach so ein
und aus. Das ist alles aus einem bestimmten
Grunde geschehen.“ – „Aus welchem Grunde
denn?“ – „Der Kastschej hat eine Frau, die hat er
den Russen gestohlen; und hier hat ein Ritter ge-

424
lebt, der hat die Frau Kastschejs immer besucht,
Kastschej aber hat die ganze Geschichte heraus-
bekommen und ihm den Kopf abgeschlagen, da-
nach aber hat er hier die Wachen ausgestellt. Und
die Frau Kastschejs war vom Adler-Zarewitsch
schwanger, und ich weiß nicht, wo sie das Kleine
verborgen hat.“ Wasja aber schrieb sich alles hin-
ter die Ohren. „Höre, liebes Großmütterchen, sei
du mir eine zweite Mutter, ich habe ein Anliegen
an dich. Geh auf den Markt, kauf mir Frauenklei-
der und eine Geige, und hier hast du Geld, kauf
mir etwas zu essen. Und sage niemandem etwas,
einfach: eine Frau ist bei mir zu Besuch, und fer-
tig!“ Die Alte ging also auf den Markt, kaufte ihm
Frauenkleider und eine Geige. Er zog die Frauen-
kleider an und bat die Alte, bat sie inständig, sie
solle nicht sagen, daß er männlichen Geschlechts
sei.
Er setzte sich auf den Hof unters Fenster, dem
Kastschej gegenüber, und begann, auf der Geige
zu spielen – Kastschej gefiel die Musik. Er lausch-
te und lauschte, fing auf seinem Balkon an zu
tanzen und schickt seine Diener: „Geht hin und
fragt dieses Mädchen, ob sie nicht am Abend zu
mir spielen kommen will.“ Die Diener fragen das
Mädchen, aber die, das heißt Wasja, sagt: „Ich
verstehe es nicht, für euren Herrn zu spielen, ich
bin von einfachen Leuten. Eine gewöhnliche Land-
streicherin. Wie sollte ich für ihn spielen können?“
Wieder schickt er die Diener, sie solle es nicht
abschlagen, denn ihr Spiel gefalle sehr. Nun, er
versprach zu spielen und schreibt ein Briefchen

425
für seine Mutter. „Euer Sohn, der im Faß war, hat
sich gefunden, ich bin beim Onkel aufgewachsen.
Und, meine liebe Mutter, frage den Kastschej, wo
sein Tod ist. Er wird zweimal lügen, das dritte Mal
sagt er die Wahrheit. Und hat er gesagt, wo sein
Tod ist, dann sei recht aufmerksam zu ihm.“
Und die Diener kamen und riefen dieses Mäd-
chen, sie solle spielen. Kastschej gefiel sie sehr.
Sie spielt schön und ist ein sehr kluges und ehrer-
bietiges Mädchen. Aber seine Frau zeigt er ihr
nicht einmal, hält sie im zwölften Stockwerk ge-
fangen, wegen ihres Fehltritts. Aber Wasja schlug
ihm trotzdem ein Schnippchen, schickte der Mut-
ter durch die Kammerzofe das Briefchen. Als das
Tanzen zu Ende ist, begleiten die Diener das Mäd-
chen nach Hause, Kastschej gibt ihm fünfzig Ru-
bel, aber er übergab dieses Geld heimlich der
Kammerzofe, damit diese das Briefchen abliefere.
Nun, und weil er, Kastschej, nach Herzenslust
getanzt hatte und herumgehopst war, schläft er
am nächsten Morgen lange. Das hatte es bei
Kastschej noch nie gegeben: ihr wurde der Tee
gebracht, sie weckt ihn und bittet ihn ganz zärt-
lich, Tee zu trinken. Kastschej freute sich sehr
darüber. Sonst liebte sie ihn nicht, und jetzt ruft
sie ihn, mit ihr Tee zu trinken. Und beim Tee be-
gann sie eine Unterhaltung mit ihm: „Solange wir
auch schon miteinander leben, mein Liebster, so
haben wir doch nie miteinander gesprochen. Und
was macht dir das für Vergnügen, diese Abende
zu veranstalten, dich bis zu einem solchen Grade

426
abzuquälen, und jetzt bist du müde. Und wo be-
findet sich denn. Liebster, Euer Tod?“
Kastschej mußte lachen: „Wozu braucht Ihr
denn meinen Tod?“ – „Was für eine Frau kann ich
dir denn sein“, sagt sie, „wenn ich nichts weiß.“ –
„Mein Tod“, sagt er, „ist bei der Kuh in den Hör-
nern.“ – „Bei welcher?“ – „Bei der gescheckten“,
sagt er und flog davon. Sie befahl sogleich, diese
gescheckte Kuh zu ihr aufs Stockwerk zu bringen.
Sie stellte sie auf einen kostbaren Teppich, steck-
te ihr alle möglichen Blumen an und band ihr die
verschiedensten Bänder um. Nun kommt
Kastschej heim, sah’s: „Was hast du dir denn da
wieder einfallen lassen?“ – „Nun, was ist das denn
für eine Art, Liebster, paßt es sich etwa für deinen
Tod, sich auf den Höfen herumzutreiben? Sie kön-
nen deinen Tod noch umbringen, und ich bleibe
als Witwe zurück. Lieber will ich ihn selber pfle-
gen, mich um ihn kümmern, statt irgendwelcher
Diener.“
Kastschej war gerührt. „Führ sie hinaus, Närrin,
nicht hier ist mein Tod!“ Nun, die Kuh wurde weg-
getrieben, die Blumen wurden abgenommen, sie
begann zu weinen: „Warum willst du nicht die
Wahrheit sagen?“ Kastschej aber weiß vor Freude
nicht wohin, daß ihn sein Weib liebgewonnen hat.
Wieder veranstaltet er einen Abend, wieder lädt
er jenes Mädchen ein zu spielen, und wieder hat
der Sohn ein Briefchen geschrieben: „Frag noch
mehr, wo der Tod ist.“ Nun, kurz gesagt,
Kastschej tanzte wieder nach Herzenslust, legte
sich wieder schlafen, und wieder weckt sie ihn

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früh und fragt nach seinem Tod: „Was für eine
Frau kann ich Euch denn sein, wenn ich nichts
weiß.“ – „Mein Tod ist beim Bock auf den Hör-
nern“, sagte er und flog davon. Sie befahl
sogleich, diesen Bock zu ihr nach oben zu tragen,
stellte ihn auf einen Teppich und umwand ihn mit
Perlen und Gold.
Wieder kommt Kastschej heimgeflogen und
sah’s: „Was ist denn das wieder?“ – „Nun, was ist
denn das für eine Art, Liebster, ist es etwa gut für
deinen Tod, sich auf den Höfen herumzutreiben?“
Er aber lacht: „Du Närrin und nochmals Närrin,
führe ihn weg von hier!“ Da begann sie zu wei-
nen: „Auf der Stelle, wenn du mich nicht liebst
und nicht gutwillig die Wahrheit sagst, nehme ich
mir das Leben. Ich komme zu dir mit meinem
ganzen Herzen, und du liebst mich nicht und
sagst nicht die Wahrheit.“ Nun, und heulte los.
Kastschej sagte nun die Wahrheit: „Nun, Närrin
und nochmals Närrin! Höre, wo mein Tod ist: Mein
Tod ist hinter drei Ländern, auf einer wilden Step-
pe, niemand geht dorthin, niemand fährt dorthin,
über das Meer. Jenseits dieses Meeres steht eine
Hütte, in dieser Hütte ist eine Kiste angeschmie-
det, in dieser Kiste ist eine Schachtel, in dieser
Schachtel eine Ente, in dieser Ente ein Ei, in die-
sem Ei – mein Tod. Wenn dieses Ei zerbricht, das
wird mein Tod sein.“
Sie schrieb das alles gleich auf ein Papier und
schickte es mit der Kammerzofe ihrem Sohn. Der
Sohn erhielt dieses Briefchen und wurde sehr
froh.

428
Nun, von der Alten nahm er Abschied – ließ ihr
etwas Kapital zurück und sagt: „Großmütterchen,
sag niemandem etwas und trag es nicht hinaus,
vielleicht sehen wir uns einmal wieder, aber ich
gehe jetzt auf die Wanderschaft.“
Ging er nun lange oder kurze Zeit, jedenfalls
kam er in eine Gegend, wo es weder etwas zu
kaufen noch etwas zu mieten gab, und er hatte
Hunger. Irgendeinen schimmligen Zwieback hatte
er noch. Er denkt: „Ich will ihn im Meer aufwei-
chen und essen.“ Kaum war er am Ufer und hatte
ihn aufgeweicht, kommt ein Fisch heran und ent-
reißt ihm dieses Stückchen. „Warum hast du mir,
einem Wandersmann, das letzte Stückchen weg-
genommen?“ Nun, er zuckte die Achsel und ging
weiter.
Es war ein klarer, heißer Tag. Der größte Fisch
kam heraus, sich an der Sonne zu trocknen. Liegt
da, wie ein großer Berg. Da denkt er bei sich: „Ich
will meinen Stock danach werfen, irgendein Stück
wird von diesem Fisch abbröckeln, und ich kann
es essen.“ Der Fisch antwortete ihm: „Denke das
nicht, Wanderer, du wirst von meinem Stück nicht
ewig satt sein, mir aber wird es ewig weh tun,
und ich kann dir besser nützlich sein.“ Er ging
weiter und rührte den Fisch nicht an. Ertrug den
Hunger.
Ein Hund kommt gelaufen, der hat drei Welfen
bei sich, und er ist so hungrig, daß er mit dem
Stock den einen Welfen totschlagen will. Der Hund
antwortet ihm: „Für ewig wirst du dich an meinem
Welfen nicht satt essen, ich aber werde ewig Kla-

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ge gegen dich führen. Und ich kann dir noch nütz-
lich sein.“
Nun, er ging weiter, wieder seinen Weg, und
kommt an eben das Meer, wo die Hütte steht. Am
Meer aber ist weder eine Fähre noch ein Boot –
nichts. Er setzte sich hin, ließ den Kopf hängen
und sitzt da. Da sieht er: das Meer bewegt sich.
Derselbe Fisch, von dem er ein Stück hatte ab-
schlagen wollen, kam heran und brachte ihm auf
seinem Rücken die Hütte angeschleppt. „Nun, bist
du zufrieden mit meinem Dienst?“ – „Danke!“ sagt
er. Er geht in die Hütte hinein, bricht die Kiste
auf, hat die Kiste aufgebrochen – aber er hatte in
der Hütte die Tür nicht zugesperrt, die Ente
sprang aus der Schachtel und flog davon in die
Steppe. „Was für eine Dummheit!“ Er setzte sich
hin und ließ den Kopf noch ärger als das erste Mal
hängen. „Hab sie in den Händen gehabt und sie
nicht halten können.“ Irgendwoher bringt ihm der
Hund, dessen Welfen er verschont hatte, die Ente
angeschleppt; er hatte ihr im Flug den Hals
durchgebissen. – „Nun, siehst du, Wandersmann,
auch ich bin dir nützlich gewesen.“ Er verneigte
sich vor dem Hund bis zum Gürtel. Setzte sich
hin, die Ente aufzuschneiden: die Ente hatte er
zwar aufgeschnitten, aber das Ei rollte zurück ins
Meer. „Was bin ich nur für ein Narr, was für ein
Dummkopf!“ Plötzlich sieht er, das Meer bewegt
sich, und der Fisch, der ihm den Zwieback entris-
sen hatte, bringt ihm das Ei angeschleppt. Er
steckte das Ei ein und ging zurück.

430
Nun, und Kastschej ging es zu Hause schlecht.
Der Tod hatte ihn angerührt. Nun, kurz erzählt, er
kommt wieder zu dieser Alten, bei der er das er-
ste Mal gewesen war. „Nun, Großmütterchen, was
gibts Neues bei uns?“ – „Das gibt es Neues, daß
Kastschej im Bett liegt, schon ohne Bewegung
liegt.“ Er übernachtete bei der Alten. Am anderen
Tag geht er geradenwegs ins Schloß zu Kastschej,
geht schon furchtlos. Kastschej bittet ihn um
Gnade: „Gib mir dieses Ei, nimm meinen Platz ein,
ich gehe fort von hier.“ Er hörte nicht darauf,
nahm das Ei, zerschlug’s, und Kastschej mußte
ins Gras beißen. Da verbrannte er Kastschej,
streute die Asche in alle Winde, verstreute sie bis
aufs letzte Körnchen. Das ganze Volk atmete auf.
Nun gab es ein Läuten, Singen und Freude. Er
aber ging, den Vater ausgraben. Grub den Vater
aus, bestrich ihn mit diesem Ei, und sein Vater
wurde wieder lebendig. Nun, und nun lebten sie
herrlich und in Freuden und wurden reiche Leute.
Auch der Onkel, bei dem er gelebt hatte, kam, zu
diesem Fest.

431
40
Das goldene Ei
In einem Zarenreich, in einem Staat lebte einmal
ein sehr reicher Bauer. Der hatte drei Söhne: zwei
kluge und als dritten Iwan den Dummkopf. Der
Alte wurde krank und trägt seinen Söhnen auf:
„Falls ich sterbe, setzt mir ja den Iwan nicht hint-
an!“ Der Alte starb. Der Leichenschmaus war vor-
bei, die Seelenmesse gelesen. Jetzt lebten die
Söhne allein. Nun, die Brüder leben ganz gut mit-
einander, in Frieden, aber die Schwägerinnen fin-
gen an sich zu zanken. Die Brüder, die großen,
hatten keine Kinder, Iwan der Dummkopf aber
hatte ihrer sieben. Die Schwägerinnen sagen:
„Wozu sollen wir fremde Kinder füttern. Wir wol-
len Iwan abfinden! Mag er mit seiner Familie allein
leben.“ Die Brüder fanden Iwan ab, und als Haus
gaben sie ihm nur das Waschhaus. An Getreide
gaben sie ihm drei Maß Roggen. Das war sein An-
teil – auf schöne Art hatten sie Iwan nicht hintan-
gesetzt! Die drei Maß Roggen ließ er mahlen; aß
sie auf – nicht einmal für drei Wochen reichte es.
Mehr zu essen war nicht da, und zum Kaufen hat-
te er kein Geld. „Ich will zum großen Bruder ge-
hen“, sagt er. „Vielleicht gibt er mir ein Maß Rog-
gen.“ Er kam zum großen Bruder. „Bruder, ich
habe nichts zu essen! Kannst du mir nicht ein Maß
Roggen geben?“ Der Bruder nahm die Schlüssel,

432
ging in die Scheune und schüttete ihm ein Maß
Roggen auf. Der Dummkopf fuhr zur Mühle und
ließ es mahlen. Seine Frau verbuk’s und sie aßen
auch dieses Maß auf. Wieder war nichts zu essen
da. Iwan ging wieder zu seinem Bruder, ob er ihm
nicht noch ein Maß gibt. Er kam zum Bruder.
„Bruder, ich habe dein Maß aufgegessen! Kannst
du mir nicht noch eins geben?“ Der Bruder sagte:
„Was denn, Iwan, willst du immer so nach einem
Maß zu mir kommen? Du hast dein Maß bekom-
men, nun verdiene selber!“ Aber er schüttete ihm
trotzdem ein Maß Roggen auf. „Da, aber komm
nicht wieder zu mir!“ Der Bruder ging zur Mühle,
brachte das Maß hin und ließ es mahlen. Seine
Frau verbuk’s, und sie aßen’s wieder auf. An ei-
nem Maß ißt man nicht lange, neun Mäuler gehör-
ten ja zur Familie. Und wieder war nichts zu essen
da. „Ich will zum Bruder gehen“, sagt er. „Viel-
leicht gibt er mir noch ein Maß.“ Er kommt zum
Bruder. „Bruder, ich habe nichts zu essen. Kannst
du mir nicht noch ein Maß geben?“ Auf einmal
stürzten sich die Schwägerinnen auf ihn und be-
gannen zu schreien: „Sollen wir dich und deine
Familie durchfüttern? Willst du immer nach einem
Maß zu uns kommen?“ Nun, der Bruder hatte
trotzdem Mitleid und gab ihm noch ein Maß. Er
ließ das Maß mahlen und aß es wieder auf. Es ist
nichts mehr zu essen da, und zum Kaufen hat er
kein Geld. Zum Bruder zu gehen, getraut er sich
nicht mehr, der hat’s verboten. Es war an einem
Sonntag. Er machte sich fertig und ging los. „Ich
gehe“, sagt er, „wohin der Weg mich führt!“ Er

433
kam an einen kleinen Wald. Der Wald war an die
vierzig Werst entfernt. Er hört, wie seitwärts je-
mand Holz hackt. Er bleibt stehen und denkt:
„Was denn, heute ist Sonntag, aber jemand hackt
Holz, macht nicht Feiertag! Ich will doch mal hin-
gehen“, sagt er, „und sehen, wer da hackt.“ Er
bog vom Weg ab und ging zu der Stelle, wo ge-
hackt wurde. Kommt hin – da hackt eine Alte
Holz. „Was machst du da, Alte? Heute ist Feiertag,
und du arbeitest!“ Die Alte wetterte los: „Wie du
dich herumtreibst, Herumtreiber, so sollen sich
wohl alle herumtreiben! Ich bin deines Bruders
Schicksal. Dein Bruder, weißt du, strengt sich an
bei der Arbeit, und ich bin sein Schicksal, ich helfe
ihm. Du aber, nicht nur am Feiertag, auch am
Werktag arbeitest du nicht, und deswegen hast du
auch nichts. Und dein Schicksal gibt sich mit sei-
nem Liebsten ab!“ – „Und wo kann ich mein
Schicksal finden?“ – „Setz dich auf mich, ich bring
dich hin, dann wirst du dein Schicksal finden!“
Iwan der Dummkopf setzte sich der Alten auf die
Schultern. Die Alte trug ihn aus dem Wald, brach-
te ihn aufs freie Feld und stellte ihn auf einen
Weg. „Hier, geh diesen Weg lang! Du wirst zu ei-
ner Schmiede kommen – geh in die Schmiede
hinein und bitte, dir drei Eisenstangen zu schmie-
den. Wenn die Stangen geschmiedet sind, dann
geh diesen Weg weiter. Du wirst zu einem Haus
kommen. Es ist ein dreistöckiges Haus, und in
diesem Haus sitzt dein Schicksal im Zimmer und
gibt sich mit seinem Liebhaber ab. Geh in dieses
Haus, bete zu Gott, bekreuzige dich und setz dich

434
auf die Bank. Wenn dein Schicksal aufspringt, zu
dir kommt, dich fragt und dich bewirtet, dann
trink zwei Gläschen aus, das dritte aber trink
nicht! Sie wird dich zwingen wollen, du aber gerb
ihr mit diesen Stangen das Fell und gerb es ihr,
bis sie sich dir unterwirft.“ So machte er sich auf
den Weg. Kam zu der Schmiede und ließ sich drei
Eisenstangen schmieden. Er kommt zu dem Haus.
Es ist ein dreistöckiges Haus. Ging in dieses Haus.
Da sitzt ein Mann mit einer Frau am Tisch. Er trat
ein, betete zu Gott, verbeugte sich vor ihnen und
setzte sich auf die Bank. Auf einmal kam die Frau
mit einer Karaffe zu ihm. Begann ihn zu bewirten.
Sie goß ihm ein Gläschen ein, er trank’s, sie goß
ein zweites ein, er trank das zweite, sie goß ein
drittes ein, das dritte nahm er nicht. Sie wollte ihn
zwingen; er packte sie und prügelte munter auf
sie ein. „Was fällt dir ein, mich zu zwingen!“ Als er
sie zu prügeln begann, sprang ihr Liebster aus
dem Fenster. Er prügelte und prügelte; die eine
Eisenstange hatte er zerbrochen, er nahm die
zweite und zerbrach die zweite. Die zweite hatte
er zerbrochen, er nahm die dritte. Da flehte ihn
die Frau an: „Hör auf mit Prügeln, ich will dir hel-
fen!“ Da hörte er auf, sie zu prügeln. Sie gab ihm
eine Henne mit goldenem Kamm. „Da, trag diese
Henne nach Hause, setze sie ins Nest! Sie wird dir
goldene Eier legen.“ Iwan nahm die Henne und
machte sich auf den Rückweg. Er kommt an die
Stelle, wo er die Alte verlassen hatte. Die setzte
ihn auf ihre Schultern und brachte ihn dorthin, wo
sie Holz gehackt hatte. Die Alte blieb zurück und

435
hackte Holz, er aber ging zur Straße. Er kam auf
die Straße und machte sich auf den Heimweg.
Kam nach Hause, da weinen die Kinder: „Wir ha-
ben Hunger! Gib uns Brot, Vater!“ Vater hatte
kein Brot mitgebracht – iß, was du willst. Schnell
setzte er die Henne ins Nest.
Die Henne legte ein goldenes Ei. Am zweiten
Tag legte sie ein zweites. Am dritten Tag legte sie
das dritte. Da ging Iwan der Dummkopf zu seinen
Brüdern. Die Brüder wollen gerade auf Schiffen in
fremde Länder fahren. „Brüder, nehmt meine drei
Eier mit! Wenn ihr in die fremden Länder kommt,
vielleicht wird man euch dort einen Sack Getreide
für jedes geben.“ – „Ach, du Dummkopf, bei uns
stehen ganze Spreukörbe voll Eier! Wenn es einen
Sack für jedes gäbe, würden wir sie alle dorthin
mitnehmen!“ Der Bruder begann zu weinen.
„Trotzdem, was sie auch geben werden, nehmt sie
trotzdem mit!“ Aber er erklärt nicht, was für Eier
es sind. Nun, Brüder, da kann man nichts ma-
chen: „Bring sie aufs Schiff, leg sie irgendwo in
eine Ecke!“ Iwan der Dummkopf ging nach Hause,
wickelte sie in die allerschmutzigsten Lappen,
brachte sie aufs Schiff und legte sie hin, wo sie
nicht zerdrückt werden konnten. Die Brüder
machten sich mit ihren Schiffen auf in die frem-
den Länder. Sie kamen in den fremden Ländern
an und machten am Ankerplatz halt. Dann neh-
men sie die allerbesten Geschenke und bringen
sie dem König. Brachten die Geschenke hin und
gaben sie dem König. Der König lobte die Ge-
schenke sehr und erlaubte ihnen, in seiner Stadt

436
Handel zu treiben. Nun verkauften die Brüder alle
Waren sehr bald und hatten großen Gewinn. Sie
kauften Waren und beluden ihre Schiffe. Sie wol-
len wieder in ihre Stadt fahren. Schon hatten sie
die Schiffe bestiegen und wollten losfahren, da fiel
ihnen ein: „Wie denn, Brüder, wir haben ja die
Eier nicht verkauft. Wo liegen sie denn?“ Gleich
suchten sie die Eier; wickelten die Lappen ab, da
fielen die drei Eier heraus. „Ach, der Dummkopf,
woher hat er denn solche Eier? Warum hat er uns
denn das nicht erklärt?“ Sie nahmen diese drei
Eier, gingen in die Stadt, legten sie auf einen gol-
denen Teller, brachten sie zum König und sagten,
daß das „ein Geschenk von unserem Bruder für
Euch ist“. Der König freute sich sehr über dieses
Geschenk, so etwas hatte er in seinem Leben
noch nicht gesehen. Er bedankte sich für das Ge-
schenk und belud Iwan dem Dummkopf drei
Schiffe für die Eier. „Hier“, sagt er, „bringt Iwan
dem Dummkopf von mir ein Geschenk für sein
Geschenk.“ Jetzt hatten sie sechs Schiffe, und sie
machten sich auf den Weg. Es tat ihnen leid, die
Schiffe dem Bruder zu geben. „Der Bruder hat ei-
nen Sack für jedes Ei haben wollen, geben wir
ihm zwei für jedes und behalten die Schiffe für
uns!“ So machten sie aus. Plötzlich blieben die
Schiffe stehen, bewegten sich nicht von der Stel-
le. Stehen einen Tag, den zweiten, den dritten,
stehen einen Monat und bewegen sich nicht von
der Stelle. Die Brüder erschraken darüber: „Des-
wegen sind unsere Schiffe stehengeblieben, weil
wir dem Bruder die Schiffe nicht geben wollten!

437
Herrgott, mach unsere Schiffe flott, wir geben sie
dem Bruder!“ Plötzlich fuhren die Schiffe weiter.
Sie sind bald zu Hause, sahen also ihre Heimat –
und beratschlagten wieder: „Wir geben dem Bru-
der die Schiffe nicht.“ Die Schiffe blieben wieder
stehen. Einen Tag um den anderen und eine Wo-
che stehen die Schiffe und bewegen sich nicht von
der Stelle. Die Brüder jammerten: „Mach uns flott,
unsere eigenen geben wir hin, nicht nur seine.“
Da fuhren die Schiffe plötzlich weiter. Sie kamen
zum Ankerplatz. Die Brüder ließen die Köpfe hän-
gen, gingen nach Hause und waren betrübt:
schade, daß der Reichtum nicht mehr ihnen ge-
hörte. Auf einmal kommt Iwan der Dummkopf ih-
nen entgegengerannt: „Wie ist’s, Brüder, habt ihr
meine Eier verkauft?“ – „Ja, ja! Lauf zum Anker-
platz, Iwan, alles was dort ist, alles gehört dir für
die Eier.“ Iwan läuft zum Ankerplatz. Die Leute,
die über die Waren gesetzt waren, sagen: „Da
kommt unser Herr gerannt!“ Die Schiffsleute
nahmen ihren Herrn bei den Händen und führten
ihn auf die Schiffe. „Laß dir erklären, Iwan, – alles
das ist dein Besitz! Alle sechs Schiffe! Weise uns
unseren Platz an, und dann wollen wir Handel
treiben.“ Sie rissen Iwan dem Dummkopf seine
elenden Kleider herunter und zogen ihm schöne
an. „Du mußt ein Herr sein, Iwan, nicht so ein ab-
gerissener Kerl!“ Iwan freute sich, lief zu seiner
Frau, brauchte keinerlei sonstigen Reichtum. Kam
zu seiner Frau. „Frau, vornehme Dame, sieh, wie
sie mich für das Ei zurechtgeputzt haben!“ Seine
Frau ergriff einen Knüppel und ging auf ihren

438
Mann los: „Putz brauchst du, du Hund, und die
Kinder brauchen kein Brot!“ – „So geh doch hin
zum Ankerplatz, du niederträchtiges Ding, wenn
du neidisch bist!“ Die Frau ließ den Knüppel fah-
ren und rannte voll Freude zum Ankerplatz. Iwans
Frau kommt zum Ankerplatz gelaufen. Die Han-
delsdiener riefen: „Ist das unsere Herrin, die da
gerannt kommt, so zerlumpt?“ Sogleich ergriffen
sie sie bei den Händen, rissen ihr die elenden
Kleider herunter und putzten sie als Herrin an.
Und sie rannte nach Hause und brauchte nichts
weiter. Dann sahen die Handelsdiener, daß sie
von ihrer Herrschaft nichts Vernünftiges erwarten
konnten und fingen selber an, Läden zu bauen.
Sie bauten die Läden, luden die Waren aus und
trieben fleißig Handel. Dann nahmen sich Iwans
Söhne des Handels an. Und dann begann auch
Iwan selber, in den Laden zu gehen. So trieben
sie Handel. Verdienten gut, schafften sich ein gro-
ßes Vermögen an. Dann schaffte sich Iwans Frau
einen Liebhaber an. Dieser Liebhaber nun geht
überall herum. Kaum waren sie in den Laden ge-
gangen, Handel zu treiben, kam er zu ihr und lief
herum und fand die Henne mit dem goldenen
Kamm. Die Henne hatte auf ihrem Kamm eine
Aufschrift: „Wer diesen Kamm ißt, wird Zar, und
wer von der Henne den Magen ißt, der wird Gold
spucken.“ So merkte dieser Freund, woher der
ganze Putz kam. Es verlangte ihn, die Henne zu
essen. Da sagt er: „Liebste, schlachte diese Hen-
ne, und essen wir sie zusammen.“ Sie sagte:
„Nein, diese Henne will ich nicht schlachten!“ –

439
„Und warum willst du sie nicht schlachten?“ –
„Darum will ich’s nicht, weil wir durch diese Henne
zu leben begonnen haben.“ – „Nun, wenn du die
Henne nicht schlachten willst, dann will ich dich
auch nicht lieben! Ich komme in Ewigkeit nicht
wieder zu dir!“ – „Ob du mich nun liebst oder
nicht, die Henne schlachte ich nicht!“ Auf einmal
sprang ihr Liebhaber auf und lief aus dem Haus.
„Ich komme in Ewigkeit nicht wieder zu dir, du
niederträchtiges Ding!“ Es tat ihr aber leid.
„Komm zurück“, sagt sie, „Liebster! Ich will die
Henne für dich schlachten!“ Da kam er zurück. Sie
schlachtete die Henne, nahm sie aus und briet sie
sogleich. Setzte sie aufs Feuer. Er sagt: „Nun,
Liebste, wir wollen das Bad heizen! Erst waschen
wir uns, und dann essen wir die Henne.“ Gleich
heizte sie das Bad, und sie gingen ins Bad. Auf
einmal kamen ihre zwei kleinen Söhne angerannt,
Mischka und Grischka, und wollten etwas zu es-
sen. „Ach“, sagen sie, „Mutter ist nicht da, und wir
haben Hunger.“ Mischka sagt: „Komm, Grischka,
sieh nach, was im Ofen ist, es macht nichts, daß
Mutter nicht da ist!“ Grischka machte den Ofen
auf und sieht die Pfanne mit dem Braten stehen.
„Och“, sagt Mischka, „da steht eine Pfanne mit
Braten!“ – „Los, trag ihn auf den Tisch, wir wer-
den ihn sowieso essen!“ Grischka zog die Pfanne
heraus, stellte sie auf den Tisch, und sie putzten
sie leer. Nahmen die Knochen, legten sie in die
Pfanne und stellten sie in den Ofen. Dann rannten
sie aus dem Haus und sehen, wie ihre Mutter mit
dem Liebhaber aus dem Bad ins Haus geht.

440
„Komm, wir wollen hören, ob Mutter auf uns
schimpft, daß wir die Henne gegessen haben.“
Ihre Mutter kam mit dem Liebhaber. Sie wollen
die Henne essen: sie greift in den Ofen und sieht
nur die Knochen. „Ach, Liebster, jemand hat die
Henne aufgegessen, nur die Knochen liegen in der
Pfanne. Sicher haben Mischka und Grischka sie
gegessen. Laß sie nur nach Hause kommen, ich
ziehe ihnen bei lebendigem Leibe das Fell herun-
ter!“ Grischka und Mischka hören diese Reden.
„Ach, wie Mutter auf uns schimpft; da laufen wir
lieber von zu Hause fort!“ Sie gingen aus der
Stadt hinaus, drehten sich jeder eine Zigarette
und fingen an zu rauchen. Sie rauchten. Mischka
spuckte aus, da war Gold aus seinem Munde ge-
kommen. Sie wunderten sich. Er spuckte noch
einmal – wieder ein Goldstück, und so weiter,
immer spuckt er Gold aus. Soviel hatte er zu-
sammengespuckt, daß er alle Taschen vollgestopft
hatte, nicht mehr wußte, wohin damit, und zu
spucken aufhörte. „Oh, Mischka, jetzt können wir
ein schönes Leben führen! Volle Taschen“, sagt
er, „und im Mund noch mehr.“ So gingen sie wei-
ter und weiter. Gingen und gingen, immer den
Weg entlang. Sie kommen in eine Stadt und wis-
sen nicht, was für eine Stadt das ist. Sie fanden
am Stadtrand eine Alte. „Großmütterchen, laß uns
bitte übernachten!“ – „Herzlich gern, übernachtet!
Nur zu essen kann ich euch nichts geben, es ist
nichts vorbereitet.“ Da steht Mischka auf, holt ei-
ne Handvoll Goldstücke heraus und gibt sie der
Alten. „Da nimm, Großmütterchen! Nimm diese

441
Handvoll Goldstücke und kaufe uns etwas zum
Abendbrot!“ Die Alte lief in die Stadt, kaufte alles
mögliche ein, brachte es auf einer Fuhre an, heiz-
te sogleich den Ofen an und gab den Kindern zu
trinken und zu essen. So leben sie etwa einen
Monat bei diesem Großmütterchen. Es geht ihnen
gut, und der Alten auch. Dann haben sie mit der
Alten eine Unterhaltung: „Großmütterchen“, sa-
gen sie, „was gibt es Schönes in Eurer Stadt?“ –
„Kinder“, sagt sie, „bei uns wird heuer der Zar
gewählt: wir haben keinen Zaren in unserem
Staat.“ – „Und wie wird er denn gewählt, Groß-
mütterchen?“ – „Am festgesetzten Tag kommt das
ganze Volk zusammen, und alle bekommen eine
Kerze, und bei wem die Kerze sich entzündet, der
wird Zar.“ – „Großmütterchen, da bleiben wir
noch solange hier, warten solange.“ – „Bleibt nur,
Kinderchen, bleibt! Ich bin froh, wenn ihr bleibt!“
Sie blieben also noch einen ganzen Monat bei der
Alten. Dann kam der festgesetzte Tag, und Misch-
ka und Grischka begaben sich zum Versamm-
lungsplatz. Es war so viel Volk versammelt, daß
man es nicht einmal zählen konnte, und alle be-
kamen eine Kerze in die Hände. Bei Grischka fing
die Kerze in den Händen zu brennen an. Alles Volk
blickte sich um: bei diesem Lausejungen ist die
Kerze angebrannt – er soll also Zar sein. Das gan-
ze Volk begann zu lärmen: „Vielleicht ist er ein
Zauberer? Die Sache muß auf ein anderes Mal
verschoben werden!“ Sie verschoben die Sache
auf ein anderes Mal. Das andere Mal versammelte
sich wieder das ganze Volk, und wieder bekamen

442
alle eine Kerze. Wieder entzündete sich in Grisch-
kas Händen die Kerze. Das Volk begann wieder zu
lärmen: „Was soll das heißen, bei diesem Lause-
jungen ist die Kerze zum zweitenmal angebrannt!“
Wie sehr das Volk aber auch lärmte, das Gericht
sagte: „Was das Gesetz bestimmt, das muß auch
geschehen! Bei Grischka hat sich die Kerze ent-
zündet, so muß er auch Zar werden!“ So setzten
sie Grischka auf den Zarenthron.
Ein Märchen ist bald erzählt, aber eine Tat nicht
so bald getan. Er war nun schon zwanzig Jahre
alt. Da bestieg er also den Zarenthron. Der Zar
heiratet und lebt mit seiner Frau, und Mischka
wohnt bei ihm. „Bruder Grischka, du schläfst mit
deiner Frau, ich aber alleine! Ich will heiraten.“ –
„Aber gewiß, Bruder, wenn du heiraten willst, –
welche du willst, die kannst du dir auch nehmen.“
– „Nein, Bruder, hier will ich nicht heiraten! Hier
finde ich keine Braut, die ich liebe. Ich will jetzt
fort; wo ich eine Braut finde, die ich liebe, dort
will ich heiraten.“ – „Nein, Bruder“, sagt er, „ich
würde dir nicht raten, fortzugehen: du gehst fort
und bist ohne mich verloren!“ – „Nein, Bruder, ich
glaube nicht, daß ich verloren bin! Selbst wenn sie
mir’s aus der Tasche stehlen, so habe ich in mir
selber viel. Wie kann ich da verloren sein?“ –
„Nun“, sagt er, „geh mit Gott! Geh, zieh umher,
wenn du nicht auf mich hören willst!“ So machte
sich Bruder Mischka auf den Weg. „Leb wohl, Bru-
der Grischka“, sagt er. Sie nahmen voneinander
Abschied, und er machte sich auf den Weg. Ging
er nun eine große oder eine kleine Strecke – je-

443
denfalls verirrte er sich. Er ging und ging, bekam
Hunger, aber es ist nichts zu bekommen; Geld hat
er zwar, aber nirgends kann er etwas kaufen. Da
dachte er an seinen Bruder. „Freilich, der Bruder
hat gesagt, daß ich ohne ihn verloren bin!“ Dann
kam er an ein Flüßchen. Das Flüßchen eilt dahin,
und am Ufer steht ein Büschel Gras. Er aß von
diesem Gras – da wurde er ganz schlapp und welk
und wurde krank. „Ach, lieber Gott! Was ist mit
mir geschehen. Jetzt bin ich verloren! Nun, da
läßt sich nichts machen. Ich will an diesem Flüß-
chen entlanggehen; sollte es mich wirklich zu kei-
ner Behausung führen?“ Er ging an dem Flüßchen
entlang, und wieder fand er ein Büschel Gras. „Ich
will mich ein wenig setzen“, sagt er, „und etwas
essen: man stirbt nur einmal!“ sagt er. Er setzte
sich neben das Büschel und aß dieses Gras. Er
hatte von dem Gras gegessen – da fiel die ganze
Krankheit von ihm ab, er wurde ganz rein, wurde
gesund und schön, schöner als vorher. „Gott sei
Dank!“ sagt er. „Gott ist nicht ohne Erbarmen: hat
mir die Gesundheit wieder gegeben.“ Er pflückte
so viel wie möglich von diesem Gras und steckte’s
in die Tasche. Kehrte zurück zu dem anderen und
pflückte auch davon. Dann ging er den Fluß ent-
lang und kam auf eine große Straße. Ging die
große Straße entlang und kommt so in eine Stadt.
In dieser Stadt fand er am Stadtrand eine Alte.
„Großmütterchen, laß mich bei dir übernachten!“
sagt er. „Herzlich gerne. Übernachte nur, mein
Kind! Nur zu essen kann ich dir nichts geben.“
Mischka steckte die Hand in die Tasche und gibt

444
der Alten eine Handvoll Gold. „Nimm“, sagt er,
„und kauf mir etwas zum Abendbrot!“ Die Alte
freute sich, nahm die Goldstücke und lief in die
Stadt; kaufte alles mögliche zusammen und
brachte’s mit einer Fuhre an. Gleich heizte sie den
Ofen, buk und kochte und gab ihrem Logiergast
zu essen. Dann fragt Mischka die Alte: „Was gibt
es Schönes bei Euch?“ – „Was es Schönes gibt?
Von unserem König die Tochter ist dreißig Jahre
krank, und niemand kann sie gesundmachen; aus
fremden Ländern haben sie Doktoren geholt –
niemand kann sie gesundmachen.“ – „Melde mich
mal an. Großmütterchen! Kann ich sie denn nicht
gesundmachen?“ – „Ach, mein Kind“, sagt sie,
„wie willst du sie denn gesundmachen? Verschie-
dene Doktoren haben sie behandelt und haben sie
nicht gesundmachen können. Wenn du sie näm-
lich behandelst und nicht gesund machst, kostet
es dich den Kopf! Alle die Zaunpfähle hier sind mit
Köpfen behangen, ein einziger Pfahl ist noch üb-
rig, wohl für deinen Kopf.“ – „Ach nein. Großmüt-
terchen, melde mich trotzdem an: vielleicht ma-
che ich sie gesund!“ Die Alte lief zum König. Sie
kam zum Schloß, die Diener halten sie an: „Was
willst du, Großmütterchen?“ – „Hier, so und so,
bei mir übernachtet einer und will versuchen, eure
Tochter gesundzumachen.“ Die Diener meldeten
es gleich dem König. Der König befahl, der Lo-
giergast der Alten solle sofort kommen. Der mel-
dete sich sogleich beim König. Der König fragt:
„Nun, mein Freund, willst du’s versuchen, meine
Tochter zu behandeln?“ – „Jawohl“, sagt er, „ich

445
werde Eure Tochter gesundmachen.“ – „Nun,
wenn du meine Tochter gesundmachst“, sagt er,
„belohne ich dich mit all meinem Vermögen, wenn
aber nicht – kostet es deinen Kopf! Hier der eine
Zaunpfahl ist schon bereit. Wie willst du sie denn
behandeln?“ – „Es müssen zwei Bäder geheizt
werden“, sagt er, „und sie wird gesund sein.“ Der
König befahl, das Bad zu heizen. Das Bad wurde
geheizt, sie führten die Königstocher mit dem
Doktor ins Bad. Mischka holte sogleich das Gras
heraus, von dem er krank geworden war, legte es
in das warme Wasser und wusch sie mit diesem
Gras am ganzen Körper. Darauf wurde sie noch
schlimmer krank. Man führte sie aus dem Bad.
Der König sah sie an. „Noch schlimmer hat’s der
Doktor gemacht, hat meine Tochter bis auf den
Tod geheilt! Besser schlage ich ihm gleich den
Kopf ab, statt das zweite Bad heizen zu lassen, er
bringt meine Tochter sonst noch ganz um. Oder
soll ich nochmal heizen lassen? Was wird noch
daraus werden?“ Der König ließ das zweite Bad
heizen. Und die Königstochter wurde mit dem
Doktor ins zweite Bad geführt. Mischka nahm das
Gras, von dem er gesund geworden war, weichte
es im Wasser auf und hieß sie, von dem Wasser
zu trinken. Und dann wusch er sie mit diesem
Wasser. Mit einemmal war die ganze Krankheit
von ihr abgefallen, sie wurde gesund und schön,
er hätte sie die ganze Zeit nur ansehen mögen.
Da nimmt die Königstochter Mischka bei den Hän-
den, küßt ihn auf den Mund und sagt: „Sei du
mein lieber Gemahl!“ Sie faßten sich an den wei-

446
ßen Händen und gehen aus dem Bad geradewegs
ins Schloß. Der König sah aus dem Fenster, sieht
den Doktor kommen, aber an seine Tochter wagt
er gar nicht zu denken, traut seinen Augen nicht.
„Sollte dieser Doktor wirklich meine Tochter ge-
sundgemacht haben und jetzt mit ihr kommen?“
Da kommt seine Tochter heran. „Guten Tag, Vater
und Mutter! Dieser Doktor hat mich gesundge-
macht. Ich möchte seine Frau werden!“ sagt sie.
Der König dachte nicht lange nach, ließ gleich
Hochzeit feiern. Er traute sie. So leben sie nun.
Dann begann sie ihn zu bedrängen. „Warum“,
sagt sie, spuckst du Gold?“ – „Ich spucke von Na-
tur Gold“, sagt er, „bei uns spuckt alles Gold!“
Nun, wie sehr sie sich auch anstrengte, sie konnte
nichts erreichen. Da veranstaltete sie ein Fest,
braute Bier, ließ alle möglichen Weine kommen,
lud eine Menge Gäste ein und bat sie: „Könntet
ihr meinen Mann nicht irgendwie dazu verleiten,
ein Gläschen Wein zu trinken!“ (Er trank aber
nicht.) Die Gäste also tranken auf dem Fest, aber
ihn konnten sie auf keine Weise verleiten, auch
nur einen Tropfen Wein zu trinken. So gingen alle
Gäste auseinander und hatten nichts mit ihm an-
fangen können. Sie aber wollte der Sache trotz-
dem gar zu gern auf den Grund kommen. Sie
heizte also ein Bad. Am Morgen ging er ins Bad,
sie setzte den Samowar an, kochte Tee, goß ihm
ein Glas Tee ein und goß in dieses Glas von den
allerteuersten Weinen hinzu. Dann kommt Misch-
ka aus dem Bad und setzt sich, um Tee zu trin-
ken. Hatte sich zum Tee gesetzt, trank das Glas

447
aus, wurde betrunken und fiel um. Seine Frau
sagt: „Diener, tragt ihn ins Schlafzimmer: er hat
gewiß Rauch geschluckt.“ Die Diener legten ihn
auf seine Lagerstatt, auf ein Federbett. Er lag dort
einige Zeit, es wurde ihm übel, und er spie diesen
Magen aus, durch den er Gold spuckte. Seine Frau
sah’s sogleich, wusch den Magen ab, aß ihn und
spuckte – ein Goldstück sprang heraus. „Ach,
deswegen also hat er immer Gold gespuckt! Die-
ner“, sagt sie, „nehmt ihn und tragt den Trunken-
bold auf den Abtritt!“
Die Diener nahmen ihn und warfen ihn auf den
Abtritt. Er kam dort wieder zu sich und sagt: „Du
lieber Gott, wie bin ich hierher gekommen? Habe
beim Tee gesessen und finde mich jetzt auf dem
Abtritt. Gewiß ist irgend etwas Schlimmes pas-
siert. Wohin soll ich denn jetzt gehen – nackt und
ganz voll Schmutz? Ich muß mich ja schämen,
unter die Leute zu gehen.“ Er wickelte sich kur-
zerhand in eine Bastmatte und ging aus der Stadt.
Er kam an einen Graben, wusch sich und ging
weiter. Lief und lief, immer durch Wald und immer
durch Wald. Lief so lange, bis er zu müde zum
Weitergehen war. Da steht ein Apfelbaum und hat
so schöne Äpfel – er hätte sie die ganze Zeit an-
sehen können. Gleich pflückte er von diesen Äp-
feln und aß sich satt. Auf einmal war er ganz mit
Hörnern bedeckt. „Lieber Gott, was ist mit mir
passiert? Jetzt bin ich verloren! Freilich, der Bru-
der hat’s gesagt. Jetzt habe ich kein Geld und bin
ganz mit Hörnern bedeckt! Wohin soll ich jetzt
gehen?“ So schleppte er sich weg von dem Apfel-

448
baum, aber die Hörner hindern ihn: sie bleiben
überall an den Bäumen hängen. Er kam zu einem
anderen Apfelbaum, pflückte einen Apfel, aß ihn –
ein Horn fiel ab. Da aß er sich an diesen Äpfeln
satt – und alle Hörner fielen ab. Sogleich pflückte
er eine Menge von diesen Äpfeln. Dann zu jenem
Apfelbaum und von jenen gepflückt. Und er kehr-
te wieder in die Stadt zurück. Kam in die Stadt
und suchte wieder seine Alte am Stadtrand auf.
„Großmütterchen, laß mich übernachten!“ sagt er.
„Herzlich gern, mein Kind! Übernachte!“, sagt sie.
Er blieb also und übernachtete dort. Die Alte gab
ihm Abendbrot und legte ihn schlafen. „Großmüt-
terchen, hast du nicht vielleicht einen neuen
Korb? Bring diese Äpfel hier zur Königstochter und
verkaufe sie!“
Das Großmütterchen brachte einen Korb. Er
stopfte ihn ganz voll Äpfel. Sie brachte sie zur Kö-
nigstocher. Die Dienerinnen kommen heraus:
„Großmütterchen, was bringst du da?“ – „Hier die
Äpfel zum Verkauf!“ Die Königstochter freute sich
und kaufte die Äpfel. Kaufte sie, und gleich in ihr
Zimmer und gegessen! Hat sie einen Apfel geges-
sen, wächst ein Horn, wächst ein Horn. So war sie
ganz mit Hörnern bedeckt. Die Dienerinnen liefen
nach einem Doktor. Die Doktoren kamen mit Sä-
gen und begannen die Hörner abzusägen. Haben
sie ein Horn abgesägt, so wächst ein noch größe-
res nach mit einer Gabel. Sie plagten und plagten
sich und können nichts machen. Sie meldeten’s
dem König. Der König wurde traurig, weiß nicht,
wie er diese Hörner abnehmen soll. Sogleich

449
schickt er eine Bekanntmachung in alle Teile des
Landes, in alle Gouvernements, wer kann, soll
zum König kommen. Da kamen Doktoren aus al-
len Gegenden und begannen die Hörner abzusä-
gen. Ein Horn haben sie abgesägt, da wächst ge-
genüber ein noch größeres, mit einer Gabel. Sie
plagten und plagten sich, konnten mit den Hör-
nern nichts machen und fuhren wieder fort. Da
schickt der Logiergast seine Alte: „Geh zum König
und sage, ich habe einen Logiergast, der will die
Hörner abnehmen.“ Der König befahl dem Logier-
gast, sofort zu ihm ins Schloß kommen. Der Lo-
giergast kam ins Schloß. Der König fragt: „Wie
ist’s, Logiergast, kannst du die Hörner meiner
Tochter abnehmen?“ – „Ja“, sagt er. „Wie willst du
sie denn abnehmen?“ – „Es muß ein Bad geheizt
und die Hörner müssen aufgeweicht werden, dann
werde ich sie abnehmen. Und sie muß ins Bad ge-
bracht und eingeschlossen werden, und das Bad
darf nicht eher aufgeschlossen werden, als ich es
sage, und wenn Ihr es früher aufschließt, dann
macht Ihr alles zunichte, und ich kann die Hörner
nicht abnehmen.“ So machten sie es mit dem Kö-
nig aus. Der König befahl, das Bad zu heizen. Das
Bad wurde geheizt. Aber wie bringt man sie hin?
Sie kommt ja nicht aus dem Zimmer heraus.
Sogleich wurde allen Sägern befohlen, sie sollten
die Hörner zu gleicher Zeit absägen und die Kö-
nigstocher durch die Tür zerren. Gleich versam-
melten sich alle Säger; sie hatten sie noch nicht
durchgezerrt – da war sie wieder ganz mit Hör-
nern bedeckt. So sägten sie an jeder Tür die Hör-

450
ner ab und zerrten sie durch. So brachten sie sie
auch ins Bad. Sogleich wurde die Tür verschlossen
und rings ums Bad eine Wache aufgestellt. Er warf
sie auf die Schwitzbank und machte Dampf, die
Hörner aufzuweichen. Er machte so viel Dampf,
daß er selber im Bad keine Luft mehr kriegte.
Dann hatte er drei Eisenstangen vorbereitet, mit
denen behandelt er sie. Behandelte, behandelte
und behandelte sie, daß sie die Besinnung verlor.
Sie schrie, schrie und hörte auf zu schreien. Die
Wache, die am Bad stand, meldete dem König:
„Deine Tochter hat im Bad geschrien, geschrien
und aufgehört.“ Der König wollte aus Ungeduld
das Bad aufschließen, dann besann er sich, daß
ausgemacht war, das Bad dürfe nicht aufge-
schlossen werden, ehe es der Doktor erlaubt.
Dann spuckte die Königstochter den Hühnerma-
gen aus. Er nahm den Magen, wusch ihn in war-
mem Wasser und verschluckte den Magen. Spuck-
te, und ein Goldstück sprang heraus. Dann gab er
ihr von den Äpfeln, von denen er selber gesund
geworden war. Sie begann diese Äpfel zu essen,
und die Hörner begannen von ihr abzufallen. Sie
aß sich an den Äpfeln satt – alle Hörner waren
abgefallen, sie war gesund. Sie sah diesen Doktor
an und sieht, daß es ihr Mann ist. Sogleich fiel sie
auf die Knie: „Oh, Liebster, vergib mir meine
Schuld! Ich habe böse an dir gehandelt, meinen
Spott getrieben!“ – „Nun“, sagt er, „Gott wird dir
vergeben! Vergib du mir!“ Sie vergaben einander
und begannen wie früher zu leben. Dann riefen
sie auf einmal: „Schließt das Bad auf!“ Es wurde

451
aufgeschlossen. Sie gehen Hand in Hand gerade-
wegs ins Schloß. Der König freute sich darüber,
daß die Tochter gesund geworden war und mit
ihrem Mann kommt. Da gab er ein Fest für alle
Christenwelt. Sie tranken, feierten und waren ta-
gelang lustig. Dann wollte Mischka seinen Bruder
Grischka besuchen. Und seine Frau bettelte: „Ich
trenne mich nicht von dir, nimm mich mit!“ –
„Nun, fahren wir, warum nicht!“ Sie machten sich
bereit und fuhren los. Kamen in den Staat, wo der
Bruder lebt. Der Bruder freute sich sehr. Sie blie-
ben zwei, drei Tage zu Gast, dann erinnerten sie
sich ihres Vaters. „Wir müssen unseren Vater be-
suchen fahren, wie es ihm geht!“ Also brachen die
beiden Brüder auf und fuhren los – beide hochan-
gesehene Leute, der eine König, der andere Zar.
Sie kommen zu jener Stadt, da hütet ein Hirt eine
Herde Schweine. Sie sehen diesen Hirten und ru-
fen: „Komm mal her, Alter, zu uns!“ Der Alte er-
schrak, begann zu zittern, weiß nicht, was er tun
soll. Sie sehen, daß der Alte erschrocken ist, und
rufen ihm zu: „Komm nur, komm, Alter, hab keine
Angst!“ Der Alte kam heran. Sie fragen: „Höre Al-
ter, in dieser Stadt war ein Iwan-Dummkopf, lebt
der noch oder nicht?“ – „Er lebt, er lebt, meine
Lieben. Ich selbst bin’s!“ – „Bist wirklich du selber
Iwan der Dummkopf?“ – „Ja, meine Lieben!“ –
„Wie bist du denn unter die Hirten geraten? Er
war doch reich.“ – „Das ganze Hab und Gut ist
noch da, aber meine Frau lebt mit ihrem Liebsten
zusammen, und mich haben sie gezwungen, die
Schweine zu hüten.“ – „Nun, Alter, steig zu uns in

452
den Wagen, wenn es so ist, wenn du wirklich Iwan
der Dummkopf bist!“ Der Alte erschrak, wagt
nicht einzusteigen, weiß nicht, was er tun soll.
„Steig ein, steig ein!“ sagen sie, „wovor hast du
Angst?“ – „Die Schweine werden mir davonlau-
fen“, sagt er. „Nun, der Teufel soll die Schweine
holen, genug der Schweine! Steig ein!“ Der Alte
setzte sich zu ihnen in den Wagen. Sie kamen zu
ihrem Haus. Gingen ins Haus hinein. Ihre Mutter
sitzt mit ihrem Liebsten am Tisch, sie schmusen
miteinander. Sie packten ihre Mutter, traten ihr
auf den einen Fuß, ergriffen den anderen und ris-
sen sie mitten auseinander; und den Liebhaber
banden sie an die Tür und erschossen ihn. Das
Hab und Gut ließen sie ihren Brüdern, den Alten
aber nahmen sie mit und fuhren dann jeder in
sein Königreich. Sie lebten herrlich und in Freuden
und wurden reiche Leute. Und leben noch heute.
Aus ist die Mär, zu erzählen ist nichts mehr.

453
41
Von Nikita dem Herumtreiber
Es lebten ein alter Mann und eine alte Frau. Der
Mann und die Frau hatten drei Söhne, zwei ver-
nünftige und als dritten den Dummkopf Nikita.
Der Alte hatte eine neue Hütte gebaut und sagt
zum ältesten Sohn: „Geh und bring eine Nacht
dort zu: wenn du etwas Schönes im Traum siehst,
ziehen wir in die neue Hütte, wenn aber etwas
Schlechtes, dann nicht, dann verkaufen wir sie.“
Der älteste Sohn verbrachte eine Nacht darin und
sagt: „Ach, Väterchen“, sagt er, „wie reich werden
wir sein!“ Darauf schickt der Alte den mittleren
Sohn. Der mittlere Sohn sagte dasselbe.
Darauf schickt er den Dummkopf Nikita: „Nun,
geh, Nikita! Was wirst du sehen?“ Nikita sah im
Traum, er säße auf einem Zarenthron. Am ande-
ren Tag fragt der Vater: „Nun, Nikita, was hast du
gesehen?“ Nikita dachte bei sich: „Was für einen
Zaren gibt ein Dummkopf ab?“ Und sagt: „Das ist
nicht wahr! Und was ich gesehen habe, sage ich
nicht!“ Der Vater verprügelte den Sohn und führte
ihn vors Tor.
Auf der Straße kam ein Kaufmann gefahren.
„Weswegen prügelst du deinen Sohn, Bauer?“ –
„Er hat im Traum etwas gesehen und sagt es
nicht!“ – „Prügle ihn nicht! Verkauf ihn mir!… Wie-
viel willst du haben?“ – „Gib wenigstens einen Ei-

454
sengroschen, dafür gebe ich ihn her!“ Der Kauf-
mann gab den Eisengroschen, setzte den Dumm-
kopf Nikita auf den Wagen und fuhr weiter.
Nach einer Weile fragte auch der Kaufmann:
„Was hast du im Traum gesehen?“ Nikita sagt es
nicht. Der Kaufmann begann ihn zu prügeln. Da
kam auf dieser Straße der Zar gefahren. „Weswe-
gen prügelst du deinen Sohn oder Knecht, Kauf-
mann?“ – „Er hat im Traum etwas gesehen und
sagt es nicht.“ – „Prügle ihn nicht, verkauf ihn
mir! Wieviel willst du haben?“ – „Hundert Rubel.“
Der Zar gab das Geld, nahm Nikita mit und brach-
te ihn zu sich nach Hause.
Weil er viele Male gekauft worden war, gaben
sie ihm den Namen „Nikita der Herumtreiber – der
neugekaufte Diener“. Der Zar schickte ihn in den
Pferdestall, den Pferdeknechten zu helfen. So leb-
te Nikita etwa ein halbes Jahr. Da fragte der Zar
ihn: „Sag, Nikita, was hast du im Traum gese-
hen?“ – „Was geht das dich an? Was ich gesehen
habe, sage ich nicht!“ (Ein Dummkopf ist eben ein
Dummkopf, was will man mit ihm anfangen.) Der
Zar prügelte ihn nicht, aber warf ihn in eine stei-
nerne Schandsäule auf dem Hof.
Dieser Zar aber hatte einen Sohn, Iwanuschka.
Er wollte ihn verheiraten. Er freite um eine Braut
in einem anderen Königreich. Iwanuschka wohnte
dort, bei der Braut. Jener König aber hatte nur
eine einzige Tochter, Söhne hatte er nicht. Und
auch dieser Zar, Iwanuschkas Vater, hatte nur
einen einzigen Sohn, keine Töchter, niemanden
sonst. Der König will ihn überreden, zu seiner

455
Tochter zu ziehen, der Zar aber will, daß sie mit
seinem Sohn zu ihm kommt. Da sagt die Königs-
tochter zu ihnen: „Ich schicke Euch drei Rätsel:
ratet Ihr sie, ziehe ich mit zu Euch, ratet Ihr sie
nicht, soll er bei mir wohnen bleiben!“ Der Zar
war’s einverstanden.
Die Königstochter schickte einen Baumstamm;
der war sorgfältig zugerichtet – was unten und
was oben war, konnte man nicht unterscheiden.
Es soll geraten werden, was unten und was oben
ist. Der Zar machte in der ganzen Stadt bekannt,
man solle kommen, das Rätsel zu raten. Wieviel
Leute auch kamen, niemand konnte es erraten.
Zuletzt kommt ein Alter über den Hof gegan-
gen, wo Nikita der Herumtreiber in der Säule fest-
gebunden ist Nikita sieht ihn und fragt: „Wo bist
du gewesen, Großvater?“ – „Beim Zaren, Rätsel
raten.“ – „Das sind mir Helden: der Zar sitzt auf
dem Zarenthron und kann ein Rätsel nicht erra-
ten! Ich hätte es längst erraten!“ sagt Nikita. Der
Alte meldete dem Zaren, daß „bei dir einer in der
Säule sitzt und sagt: Ich hätte es längst erraten.“
Der Zar ahnte, daß das Nikita ist, und schickt ei-
nen Diener nach ihm. Der Diener kam und sagt:
„Nikita, komm mit zum Zaren, ein Rätsel raten!“ –
„Wer nach jemandem schickt, der kann auch sel-
ber kommen“, sagt der.
Der Zar stieg in seine Kutsche, kommt an, setzt
Nikita neben sich und fährt mit ihm los. Als sie
ankamen, nahm Nikita der Herumtreiber – der
neugekaufte Diener, ein Beil, schlug ein Eisloch in
den Fluß und warf den Stamm ins Wasser; der

456
drehte sich mit dem Unterteil nach oben und mit
dem Oberteil nach unten. Da machten sie Zei-
chen, was unten und was oben ist. Und schickten
ihn der Königstochter. Die Königstochter bekam
ihn und sagt: „Das hat er nicht von selber erra-
ten, sondern ein anderer.“ Nikita kehrte wieder an
seinen Platz zurück.
Nach einer Weile schickt die Königstocher das
zweite Rätsel. Hundertfünfzig Hengste schickte sie
– von zwei und anderthalb Jahren, alle mit glei-
chem Fell und gleich groß. Wie viele Leute auch
kamen, um zu raten, niemand konnte es erraten.
Schließlich kommt der Alte über den Hof gegan-
gen. Nikita sah ihn und fragt: „Wo bist du gewe-
sen, Großvater?“ – „Beim Zaren, Rätsel raten.“ –
„Das sind mir Helden: der Zar sitzt auf dem Za-
renthron und kann ein Rätsel nicht erraten! Ich
hätte es längst erraten!“ Der Alte ging und melde-
te das dem Zaren. Der Zar schickte einen Diener
nach ihm. Der Diener kam und sagt: „Nikita,
komm mit, ein Rätsel raten.“ – „Wer nach jeman-
dem schickt, der kann auch selber kommen.“ Der
Zar setzte sich in seine Kutsche und kommt hin:
„Nun, Nikita, komm mit, ein Rätsel raten!“ Sie
setzten sich in die Kutsche und fuhren los.
Sie kommen an den Fluß, er schlug ein großes
Eisloch und ließ alle heran, um zu trinken, die
Hengste. Das Ufer war steil. Die zweijährigen
können das Wasser nicht erreichen und gehen auf
die Knie, die einjährigen aber kommen so heran.
Da brannten sie ihnen Zeichen ein. Schickten sie
der Königstocher.

457
Seitdem lief Nikita der Herumtreiber – der neu-
gekaufte Diener, frei herum: der Zar hatte ihn
freigelassen. Einmal kommt er zum Zaren und
sagt: „Eure Kaiserliche Majestät, schickt mich in
das Königreich, wo Euer Sohn Iwan ist. Ich habe
im Traum gesehen, als ob er arge Sehnsucht nach
mir hat.“ Der Zar sagt: „Warum nicht, geh!“ –
„Nur folgendes, Majestät, gib mir dreißig Soldaten
und suche sie so aus, daß sie alle so groß sind wie
ich, und die Haare wie bei mir, und daß sie mir
von Gesicht alle ähnlich sind!“ Man holte von allen
Regimentern Soldaten zusammen und wählte
dreißig Mann aus, die Nikita dem Herumtreiber
ähnlich sahen. Als sie dann aufgestellt waren,
konnte nicht einmal der Zar selber erkennen, wel-
cher Nikita der Herumtreiber war. (Kleidung hat-
ten sie die gleiche an – alle Soldatenkleidung.)
Und Nikita begab sich mit seinen Soldaten zu dem
König, wo Iwanuschkas Braut war.
Sie gingen eine Weile. Da stehen drei Brüder
und teilen eine Tarnkappe. „Was macht ihr hier?“
sagte Nikita. „Wir teilen die Kappe hier.“ – „Gebt
her, ich werde sie euch teilen.“ Nikita legte einen
Pfeil auf seinen Bogen (früher gab es noch Bogen)
und schoß ihn ab: „Wer zuerst hinkommt, dem
gehört die Kappe.“ Alle drei Brüder rannten da-
von. Nikita der Herumtreiber nahm die Kappe,
setzte sie auf den Kopf, und von allen dreißig war
nichts mehr zu sehen.
Sie gingen weiter und weiter, da teilen drei
Brüder ein perlenbesticktes Tischtuch und einen
Krug mit vierzig Schneppen: aus jeder Schneppe

458
fließen verschiedene Getränke und Süßigkeiten.
Nikita der Herumtreiber sagt: „Was macht ihr
da?“ – „Wir teilen den Krug hier.“ – „Gebt her, ich
werde ihn teilen!“ – „Wie willst du ihn teilen?“ –
„Ich werde einen Pfeil von meinem Bogen schie-
ßen: wer zuerst hinkommt, dem gehört der Krug.“
Die Brüder rannten los, Nikita nahm den Krug,
setzte die Tarnkappe auf – und es war nichts
mehr von ihnen zu sehen.
Sie gingen ein wenig weiter und sahen: drei
Brüder teilen einen fliegenden Teppich. „Was
macht ihr da?“ – „Wir teilen den fliegenden Tep-
pich hier.“ – „Gebt her, ich teile ihn!“ – „Wie willst
du ihn teilen?“ – „Ich werde einen Pfeil von mei-
nem Bogen schießen: wer zuerst hinkommt, dem
gehört der fliegende Teppich.“ Die Brüder rannten
los, Nikita aber setzte die Tarnkappe auf, trat auf
den Teppich, stampfte mit dem Fuß, der Teppich
löste sich und flog davon, und alle Soldaten mit.
Als sie in das Königreich geflogen kamen, wo
sich die Braut Iwanuschkas und Iwanuschka
selbst befanden, war nicht weit von der Stadt ein
riesiger Eichenhain. Der Teppich ließ sich auf
zwölf riesigen Eichen nieder (er war schon ganz
schön groß, wie man sieht). Nikita der Herumtrei-
ber – der neugekaufte Diener, ließ seine Gefähr-
ten auf dem Teppich zurück und ging in die Stadt,
Iwanuschka zu suchen. Geht durch die Stadt, da
begegnet ihm Iwanuschka. „Guten Tag, Iwa-
nuschka!“ – „Guten Tag, Nikita-Herumtreiber.“ –
„Ich bin gekommen, dir zu helfen.“ Iwan dachte

459
nur: „Welche Hilfe kann von dir Dummkopf kom-
men?“ Aber er sagte nichts.
„Nun, wird eure Hochzeit bald sein?“ fragt Niki-
ta. „Wer kann’s wissen? Heute gehen sie Stoff für
das Kleid kaufen: wenn ich besseren kaufe,
kommt sie mit mir, wenn der König besseren
kauft, muß ich bei ihr bleiben.“ – „Wo werden sie
denn den Stoff fürs Kleid kaufen?“ – „Hier in die-
sem Geschäft“, zeigte Iwanuschka. Und Nikita der
Herumtreiber verabschiedete sich von Iwanuschka
und ging fort.
Als der König mit seiner Tochter und Iwanusch-
ka in das Geschäft kamen, wartete Nikita schon
auf sie in seiner Tarnkappe. Die schönsten Stoffe,
wie viele es nur in dem Geschäft gab, kaufte der
Zar seiner Tochter für ihr Kleid. Solche gab es in
der ganzen Stadt nicht mehr. Der König verließ
das Geschäft und begab sich mit seiner Tochter
ins Schloß, Nikita der Herumtreiber aber, und
Iwanuschka mit ihm, – zum Teppich.
Als die Nacht gekommen war, setzte Nikita die
Tarnkappe auf und begab sich zum König. Beim
König nähten ein Schneider und eine Schneiderin
das Kleid für die Tochter, und Nikita sitzt mit ih-
nen am Tisch – sie sehen ihn nicht. Als sie das
ganze Kleid fertig hatten, legten sie es auf ein
Präsentierbrett, und Schneider und Schneiderin
gingen schlafen; Nikita aber nahm das Kleid und
begab sich auf seinen Teppich. Er kommt an: „Da
nimm, Iwanuschka, dieses Kleid hier!“ (Iwanusch-
ka war noch bei ihm zu Gast, er hat ja genug an-
zubieten).

460
Der Schneider und die Schneiderin wurden früh
am Morgen munter, sehen hin – das Kleid ist nicht
da. „Was sollen wir jetzt machen, Schneider?“ –
„Ich weiß nicht, Schneiderin, was wir machen sol-
len!“ – .Wir wollen schnell eines aus Flicken nä-
hen!“ Sie schnitten’s recht und schlecht zu, flick-
ten’s mit groben Stichen zusammen und legten’s
an die gleiche Stelle.
Am anderen Tag wurde der König munter, da
war Iwanuschka schon bei ihm. Der König bringt
der Tochter das Kleid auf dem Präsentierbrett,
Iwanuschka trägt sein Kleid auf seinem Präsen-
tierbrett. Die Königstochter ging zu ihrem Vater,
nahm das Kleid und versuchte es anzuziehen,
konnte es aber nicht anbekommen (aus Flicken
zusammengenäht, wie sollte es anders sein). Sie
warf dieses Kleid beiseite, ging zu ihrem Bräuti-
gam, nahm’s, zog’s an, wie nach Maß genäht: ak-
kurat und richtig.
Da fragt Iwanuschka: „Nun, wann wird unsere
Hochzeit sein?“ – „Zur Hochzeit muß doch ein
Trauring gekauft werden? Wenn du einen besse-
ren kaufst, komme ich mit dir; wenn mein Vater
einen besseren kauft, ziehst du zu mir!“ Iwa-
nuschka begab sich auf den Teppich zu Nikita dem
Herumtreiber und sagte ihm, daß „wer den besse-
ren Ring kauft: wenn ich, dann muß sie mit mir
kommen, wenn ihr Vater, muß ich zu ihr ziehen.“
Nikita der Herumtreiber setzte die Tarnkappe
auf und ging los. Der König kam in den Laden des
Goldschmieds; welcher der schönste Goldring war,
den kauften sie, und es gab weiter keinen solchen

461
Ring. Der König ging nach Hause, und Nikita der
Herumtreiber hinter ihm her.
Als es Abend geworden war, legte sich der Kö-
nig schlafen, zog den Ring ab und legte ihn aufs
Fensterbrett, Nikita der Herumtreiber aber nahm
den Ring und legte einen aus Stroh dorthin – hat-
te ihn aus Stroh geflochten und legte ihn hin. Je-
nen aber brachte und gab er Iwanuschka. „Nun,
Iwanuschka, soll der König morgen seiner Tochter
ein Geschenk bringen, und bring du deiner Braut
ein Geschenk!“
Am anderen Tag kommt Iwanuschka mit sei-
nem Geschenk: auf einem goldenen Teller trägt er
einen goldenen Ring, der König aber trägt einen
aus Stroh. Die Königstochter trat zu ihrem Vater,
nahm den Ring, er paßt nicht an ihren Finger, sie
trat zu ihrem Bräutigam, nahm den Ring, setzte
ihn auf – genau, als sei er für sie ausgewählt wor-
den.
Da fragt Iwanuschka: „Nun, wird unsere Hoch-
zeit bald sein?“ – „Ja, ich bin schlau und klug,
aber du hast jemanden, der schlauer ist als ich.
Du machst das doch nicht selber, Iwanuschka,
sondern ein anderer. Nun, laß nur, komm morgen
mit deinen Gefährten zu uns zu Gast, wieviele es
auch sind. Danach kommen wir zu dir zu Gast.
Wenn wir euch besser bewirten, ziehst du zu mir,
und wenn du besser, dann komme ich zu dir.“
Iwanuschka kam und eröffnete dies Nikita dem
Herumtreiber. Nikita sagt: „Nur Mut, Iwanuschka,
wir werden sie schon besser bewirten. Und jetzt
leg dich schlafen!“

462
Sie legten sich auf den Teppich schlafen. Die
Königstochter aber dachte bei sich:
„Ich will doch mal hingehen: was ist das für ei-
ner“, sagt sie, „der bei ihm solche Stückchen voll-
bringt.“ Sie kommt auf den Teppich und sieht sich
alle an. Alle schlafen. Auch Nikita der Herumtrei-
ber schläft, die Tarnkappe hat er unter dem
Hemd. Da erriet’s die Zarentochter und sagt zu
sich selbst: „Das ist er wohl, mein Widersacher!“
Sie nahm ihren Ring ab und schlug ihn gegen sei-
ne Stirn. Da bildete sich bei ihm auf der Stirne ein
Stern: der funkelt nur so. Und sie ging nach Hau-
se.
Nikita der Herumtreiber wachte auf, sperrte
seine Augen auf, es leuchtete wer weiß wie von
ihm. „Ach, die Fliegen sollen dich fressen, jetzt
sitze ich in der Patsche!“ Er sprang vom Teppich
auf und lief zum König ins Schloß. Er wußte, in
welchen Gemächern sich die Königstochter befin-
det; er drang dort ein, stahl den Ring, ging wieder
zu sich auf den Teppich und versah alle Soldaten
auf der Stirn mit diesem Zeichen. Den Ring aber
brachte er wieder fort und legte ihn auf die alte
Stelle.
Am Morgen kommen Boten vom König und bit-
ten Iwanuschka mit seiner Begleitung zu Gast
zum König. Unterwegs sagt Nikita der Herumtrei-
ber zu seinen Gefährten: „Wenn wir hinkommen,
wird die Königstochter wahrscheinlich sagen, daß,
welcher der älteste Bruder ist, der soll sich an den
Ehrenplatz setzen. Ihr wißt, daß ich euer ältester
Bruder bin, aber tut das nicht! Sondern jeder soll

463
sagen: ‚Ich bin der älteste Bruder, ich bin der äl-
teste!’ und sich an den Ehrenplatz drängen. Dann
findet sie sich unter uns nicht zurecht.“
Als sie zum König kamen, sagt die Königstoch-
ter: „Wer der älteste Bruder ist, der soll sich an
den Ehrenplatz setzen!“ Der eine sagt: „Ich bin
der älteste Bruder!“ Der andere: „Ich bin der älte-
ste Bruder!“ Und sie begannen einander vom
Tisch wegzuzerren – warfen den Tisch um und
stießen alles, was darauf war, herunter. Da sagte
die Königstochter: „Setzt euch, wie jeder will!“
Als sie sich gesetzt hatten, begann sie, jedem
einen Becher Wein zu reichen. Als sie dem ersten
reichte, warf sie ihm die Haare aus der Stirn und
sagt: „Vater, das ist mein Widersacher!“ Sie reich-
te dem zweiten – dasselbe; dem dritten – genau
dasselbe. Da sagt sie: „Ich bin schlau und klug,
aber du, Iwanuschka, hast jemanden, der noch
schlauer ist als ich!“
Sie waren dort eine Weile zu Gast und gingen
dann zu Iwanuschka auf den Teppich zu Gast. Als
sie hinkamen, breitete Iwanuschka das perlenbe-
stickte Tischtuch aus und stellte den Krug mit den
vierzig Schneppen darauf – aus jeder Schneppe
kamen alle möglichen Getränke geflossen. Die
Bewirtung war besser als beim König.
Nun, da fragt Iwanuschka: „Ist es jetzt soweit,
daß wir heiraten?“ – „Es ist jetzt soweit!“ sagt sie.
„Mehr weiß ich nicht, nur paßt auf, wohin ihr noch
fahren müßt: es ist hier ein Meer, und in diesem
Meer wohnt ein Meereszar, hat einen Menschen-
blick und goldene Locken auf dem Kopf – von dem

464
müßt ihr Locken für mich unter den Brautkranz
erbitten!“
Der König machte sich bereit und ging zum
Ufer, und die Königstochter vertraute nicht einmal
ihrem eigenen Vater und ging ihn begleiten. Der
König setzte sich in ein Boot, und die Zarentoch-
ter steht am Ufer und sieht zu. Nikita der Herum-
treiber aber setzt sich in seiner Tarnkappe vor den
König ins Boot.
Der König rudert, und Nikita der Herumtreiber
zweimal so viel. Der König sagt: „Sieh, wie mir
eine göttliche Kraft hilft! Wie sehr ich auch rudere,
das Boot schnellt zweimal schneller voran!“ Er
kam in die Mitte des Meeres und rief: „Meereszar
mit dem Menschenblick, gib mir Locken für die
Tochter unter den Brautkranz!“ Der Meereszar
steckte seinen Kopf heraus, der ganze Kopf war
voll Gold und voller Locken. Und er sagt: „Zupfe
immer ein Haar heraus, und zwar an den Schlä-
fen, die kürzesten. Mein ganzer Kopf ist schon ab-
gezupft und tut weh.“ Der König nimmt ein Haar
von der Schläfe, Nikita der Herumtreiber aber ei-
ne ganze Handvoll und vom Hinterkopf –
schwupp! Der Zar brüllte auf und verschwand im
Wasser. Der König begann zu bitten: „Laß mich
wenigstens noch zwei Haare herausziehen!“ Der
Zar steckte wieder seinen Kopf heraus. Der König
nimmt ein Haar, Nikita der Herumtreiber aber
wieder – schwupp, eine Handvoll. Und beim drit-
tenmal genauso. Der Zar brüllte auf, fuhr zurück
ins Meer und sagte: „Von heute an gebe ich in
Ewigkeit niemandem mehr auch nur ein einziges

465
Haar!“ Der König kommt nach Hause und sagt zu
seiner Tochter: „Nun, Tochter, bestimmt kann
Iwanuschka nirgends Haare beschaffen: drei Haa-
re habe ich erbettelt, und auch die nur mit Mühe
und Not, und der Zar hat geschworen, von heute
an in alle Ewigkeit keine mehr zu geben.“
Am anderen Tag bringt der König als Geschenk
für seine Tochter auf einem goldenen Teller drei
goldene Haare, Iwanuschka aber einen ganzen
Teller voll (Nikita hatte sie für ihn gezupft). „Nun,
Iwanuschka, ich bin schlau und klug, aber du hast
jemanden, der ist schlauer als ich! Jetzt ist es Zeit
für uns zu heiraten, mehr weiß ich nicht!“
Sie feierten Hochzeit, rüsteten ein Schiff, und
Iwanuschka machte sich auf den Weg in sein Za-
renreich zu seinem Vater. Nikita der Herumtreiber
aber fliegt mit seinen Gefährten auf dem fliegen-
den Teppich über ihnen und ruft von dort: „Ach,
Iwan der Zarewitsch fährt mit seiner Vermählten,
wie schön!“ Iwanuschka hörte’s und sagt zu sei-
ner Frau: „Hörst du, weil wir beide fahren, freuen
sich die Engel über uns!“ (Er denkt: von oben –
das müssen Engel sein.) Sie antwortet ihm: „Ein
Teufel, aber keine Engel“, sagt sie, „das ist mein
Widersacher, der sich freut!“ Und sie denkt bei
sich: „Wenn Iwanuschka nicht wäre, würde ich ihn
heiraten: er ist sogar schöner als Iwanuschka und
klüger und schlauer.“ (Sie hat sich in diesen Nikita
den Herumtreiber geradezu verliebt.)
Dann sagt sie zu ihrem Mann: „Höre, Iwa-
nuschka, wenn wir nach Hause kommen, dann
sage deinem Vater: „Wozu hast du den Dumm-

466
kopf zu mir geschickt? Seinetwegen wäre ich bei-
nahe ums Leben gekommen.“ Und sie denkt bei
sich: „Soll er nur Nikita den Herumtreiber hinrich-
ten! Wenn ich ihn nicht mehr sehe, wird mir leich-
ter ums Herz sein.“
Als sie zu Hause ankamen, kam der König mit
seinem Gefolge heraus, den Sohn und die junge
Schwiegertochter zu begrüßen. Aber Nikita der
Herumtreiber war schon längst beim König. Als sie
vom Schiff kamen, sagt Iwanuschka: „Vater, wozu
hast du den Dummkopf Nikita zu mir geschickt?
Seinetwegen wäre ich beinah ums Leben gekom-
men!“ Der Zar wurde böse auf Nikita, zog seinen
Säbel und wollte ihm den Kopf abschlagen.
Da setzte Nikita der Herumtreiber seine Tarn-
kappe auf und begann mit dem Zaren zu spre-
chen. „Eure Majestät, wenn ich nicht gewesen wä-
re, dann wäre dein Sohn nicht nach Hause
gekommen!“ Und er erzählte ihm: „Das und das
habe ich dort gemacht, und das und das habe ich
gemacht!“ Alles erzählte er ihm. Und die junge
Schwiegertochter bekräftigte seine Worte. Da
schlug der Zar im Zorn seinem Sohn den Kopf ab.
Und auf Wunsch der Braut traute er sie mit Nikita
dem Herumtreiber – dem neugekauften Diener.
Als er selber zu alt wurde, gab er sein Reich Ni-
kita dem Herumtreiber. Da erst sagte Nikita der
Herumtreiber zum Zaren: „Folgendes habe ich im
Traum gesehen: ich säße auf dem Zarenthron.“
Sein Traum war in Erfüllung gegangen.
Ich war auch auf der Hochzeit hier, trank Honig
und Bier. Allen Gästen wurde mit dem Schöpflöffel

467
eingeschenkt, mich haben sie mit dem Stiel ge-
tränkt; bei der Nase faßten sie mich, unter die
Brücke warfen sie mich; ich rollte fort und immer
fort, war plötzlich hier an diesem Ort.

468
42
Die Zarin ohne Arme
In einem Zarenreich, in einem Staat lebte einmal
ein Zar mit seiner jungen Zarin. Der Zar hatte
seine junge Zarin sehr lieb, er war wie von Sinnen
vor Liebe zu ihr. Die Schwester des Zaren dage-
gen haßte sie, und häufig verleumdete sie die
junge Frau bei ihrem Bruder. Doch der glaubte ihr
nicht. Und nun fährt er in seinen Zarenangelegen-
heiten eines schönen Tages in ein anderes Zaren-
reich und nimmt seinen Schwager mit. Als sie fort
waren, gebar die Zarin kurze Zeit später einen
Knaben. Die Schwägerin aber schrieb kurzerhand
an ihren Bruder, den Zaren, und an den Bruder
der Zarin, daß „Eure Frau und Schwester einen
sehr schönen Knaben geboren hat, ihn aber da-
nach genommen und aufgegessen hat.“ Der Zar
schrieb einen Brief und sagte: „Rührt meine Frau
bis zu meiner Ankunft nicht an! Wenn ich wieder
da bin, werde ich selbst mit ihr abrechnen.“ Die
Schwester aber erbrach den Brief und steckte in
den Umschlag ein anderes, von ihr vorbereitetes
Papier, daß „der Zar befohlen hat, dir für ein so
gemeines Verbrechen, daß du dich mit anderen
herumtreibst, die Arme bis zu den Ellenbogen ab-
zuschneiden und dich mit deinem neugeborenen
Balg aus dem Zarenschloß zu verjagen.“ Da setz-
ten die Wächter des Zaren sie in eine dunkle Kut-

469
sche, fuhren sie weit weg in einen tiefen Wald,
setzten sie dort ab und fuhren wieder in ihre Resi-
denzstadt. Das Kind aber hatten sie ihr an die
Brust gebunden, und so lief sie mit ihm durch den
dunklen Wald. Sie hatte weniger Hunger, als daß
der Durst sie quälte – es verlangte sie sehr zu
trinken. Und auf einmal kommt sie an einen
schnellen Fluß, und sie hätte so gern getrunken,
aber das war auf keine Weise möglich; wenn sie
sich vorgebeugt hätte, hätte sie das Kind ertränkt,
weil sie keine Hände hatte und das Kind nicht
festhalten konnte. Und sie betete zu Gott, und auf
einmal vernahm sie eine Stimme: „Trink, es wird
nichts geschehen.“ Und sie begann zu trinken,
und auf einmal fiel ihr das Kind ins Wasser; da
schrie sie: „Herr! Wenn ich’s gewußt hätte, ich
hätte lieber nicht getrunken, denn ich habe mein
Kind ertränkt!“ Und wieder vernahm sie eine
Stimme: „Nimm das Kind aus dem Wasser.“ –
„Ich würde es nehmen, aber ich habe keine Hän-
de!“ – „Nimm’s nur mit deinen Stümpfen!“ Und
als sie die abgehackten Arme ins Wasser tauchte,
da wuchsen ihr plötzlich wieder Arme und Hände
an, und sie nahm ihr Kind.
Lange irrte sie in der weiten Welt umher, und
schließlich kam sie in eine Stadt, wo sie sich als
Dienstmagd verdingte. Und der Knabe wuchs
nicht von Tag zu Tag, sondern von Stunde zu
Stunde. Und nach ziemlich langer Zeit kommt auf
einmal zu diesem reichen Herrn, wo sie lebte, der
Zar und kommen ihr Bruder und die Schwägerin
gefahren. Sie erkannte sie sofort, aber sie konn-

470
ten sie nicht erkennen. Sie gab sich ihnen dort
nicht zu erkennen, weil sie noch gar zu weit vom
Hause entfernt waren. Als ihr Knabe herange-
wachsen war, schon gut mit ihr gehen konnte,
nahm sie den Knaben, kündigte ihrer Herrschaft
und beschloß, wieder in ihre Residenzstadt zu zie-
hen. Und sie kaufte sich einen Hirsch und eine
Hirschkuh und ritt auf dem Hirsch und der Hirsch-
kuh durch die tiefen Wälder. Und wo sie nun zum
Füttern haltmachte, bat sie immer: „Verkauft mir
doch für den Hirsch einen Laib Brot und für die
Hirschkuh eine Schale Glut!“ Und man antwortet
ihr: „Wie soll denn die Hirschkuh das fressen? Es
wird ihr doch zu heiß sein.“ – „Und als beim Zaren
die Zarin ihr Kind gegessen hat, ist ihr gewiß weh
gewesen, aber sie hat’s doch gegessen.“9 Und auf
diese Weise nun erreichte sie schließlich ihre Re-
sidenzstadt. Als sie in die Stadt kam, hielt sie na-
he beim Schloß an und sagt wieder: „Verkauft mir
für den Hirsch einen Laib Brot und für die Hirsch-
kuh eine Schale Glut!“ Man sagt ihr: „Wie soll
denn die Hirschkuh das fressen, es wird ihr doch
zu heiß sein.“ – „Und als die Frau des Zaren ihr
Kind gegessen hat, ist ihr gewiß weh gewesen,
aber sie hat’s gegessen.“
Und die Kunde von dieser Frau kam bald dem
Zaren zu Ohren. Der Zar befahl sie zu sich ins
Schloß und sagte: „Wanderin, du hast, wie ich se-
he, viel erlebt; erzähle uns bitte!“ Sie sagt zu ih-

9
Im Russischen ergeben die Wörter „heiß“ und „weh“ ein
Wortspiel: жарко – жалко. (Anm. des Übers.)

471
nen: „Ich habe viel erlebt, aber ich habe Angst, es
könnte jemandem ein Ärgernis sein.“ – „Nein, es
wird niemandem ein Ärgernis sein.“ – „Gebt mir
Euer Zarenwort, wenn ich erzähle, daß mich nie-
mand unterbricht!“ Der Zar war damit einverstan-
den. Da beginnt sie zu sprechen: „Es lebte ein Zar
mit seiner jungen Zarin. Er hatte eine Schwester.
Der Zar liebte seine Frau sehr, die Schwester aber
dagegen haßte sie; der Neid hatte sie gepackt,
daß der Bruder seine Frau sehr liebt, und oft ver-
leumdete sie die Zarin bei ihrem Bruder, sie wäre
untreu.“ Die Schwester hörte das und sagte: „Das
lügst du!“ Der Zar aber sagte: „Fahre fort“, und
der Schwester gebot er zu schweigen. Sie spricht
weiter: „Einmal fährt der Zar mit seinem Schwa-
ger in seinen Zarenangelegenheiten ins Ausland.
Und in seiner Abwesenheit gebar die junge Zarin
einen schönen Sohn. Die Schwester aber schrieb
ihm einen Brief, daß ‚deine junge Frau es schlimm
treibt, dir untreu geworden ist und viele andere
Liebhaber gehabt hat, und weil ihr der neugebo-
rene Sohn hinderlich war, hat sie ihn genommen
und aufgegessen.’“ Und die Schwester sagt wie-
der: „Du lügst!“ Aber der Zar gebot seiner Schwe-
ster zu schweigen und sagte: „Wanderin, setze
deine Erzählung fort!“ – „Und da wurde der Zar
auf seine Frau böse und befahl, ihr die Arme bis
zu den Ellbogen abzuschneiden, sie in eine dunkle
Kutsche zu setzen und in die dunklen Wälder zu
fahren, den wilden Tieren zum Fraß. Das Kind
aber hatten sie ihr an die Brüste gebunden. Und
als sie nun durch den tiefen Wald ging, quälte sie

472
starker Durst. Als sie zu einem Fluß kam, wollte
sie trinken, weil sie aber keine Hände hatte, hätte
sie das Kind ertränken können. Da betete sie zu
Gott: ‚Herr! Wie sehr möchte ich trinken!’ Sie ver-
nahm eine Stimme: ‚So trinke!’ Als sie trank, ver-
lor sie das Kind von der Brust. Da begann sie wie-
der, sich über ihr Schicksal zu beklagen, und
sagte: ‚Hätte ich’s gewußt, dann hätte ich nicht
getrunken, aber jetzt habe ich mein Kind er-
tränkt.’ Wieder vernimmt sie eine Stimme: ‚Nimm
dein Kind mit deinen Stümpfen!’ Und als sie ihre
abgehackten Arme ins Wasser tauchte, da wuch-
sen ihr wieder Arme und Hände an. Und ich – ich
bin ebendiese Frau, und dies hier ist mein Mann,
und das mein Bruder, und das meine Schwägerin,
die so grausam an mir gehandelt hat. Aber weil
ich nicht wußte, wie ich zu euch gelangen konnte,
habe ich mir einen Hirsch und eine Hirschkuh ge-
kauft. Für den Hirsch habe ich um Brot gebeten,
für die Hirschkuh aber um eine Schale Glut. Und
die Leute haben zu mir gesagt: ‚Wie soll sie’s
denn fressen, es ist doch zu heiß?’ Und ich habe
ihnen geantwortet: ‚Die Zarin hat doch auch ihr
Kind gegessen, es ist ihr weh gewesen, aber sie
hat’s gegessen. So auch die Hirschkuh; es ist
zwar heiß, aber sie muß es fressen.’“ Da sperrte
der Zar seine Schwester für dieses Verbrechen ins
Gefängnis. Seine junge Frau aber hielt er noch
mehr in Ehren als früher. Und seinen Sohn lehrte
er das Lesen und Schreiben. Und zu Ehren all
dessen gab er ein Fest für alle Welt; auch mich
luden sie ein, ich trank Bier und Wein, ‘s ist um

473
den Bart geronnen, der Mund hat nichts abbe-
kommen.

474
43
Fürst Pjotrs treue Gemahlin
In einem Zarenreich, in einem Staat, die alten
Leute sagen, in dem, in dem wir leben, es ist
schon lange her, als er noch ein Fürstentum war,
da lebten einmal zwei Brüder – ein Fürst Michail
Lexandrytsch und ein Fürst Pjotr Lexandrytsch.
Der ältere Bruder Michail war verheiratet. Seine
Gemahlin war klug und schön, und sie lebte mit
Michail in Liebe und Eintracht. Oft fuhr Fürst Mi-
chail in seinen Angelegenheiten fort, sogar in an-
dere Länder, die Fürstin aber war immer zu Hau-
se.
Einmal nun war der Fürst für lange Zeit wegge-
fahren, und jemand begann die Fürstin zu besu-
chen, irgendeine unsichtbare Macht. Zuerst fürch-
tete sich die Fürstin, dann aber begann sie, sich
mit dieser unsichtbaren Macht zu unterhalten.
Und so ging es lange Zeit.
Als der Fürst zurückkam, sieht er – sie ist sehr
elend geworden.
Er fragt:
„Was hast du, was ist mit dir, bist du krank?“
Sie sagt:
„Nein. Irgendeine unsichtbare Macht besucht
mich, ein Zauberer vielleicht, oder ein Geist; auch
wenn du zu Hause bist, kommt sie: kaum geht Ihr
hinaus, erscheint irgendeine unsichtbare Macht,

475
ein Zauberer oder sonst etwas, sieht aus wie ein
Mann, kommt zum Fenster hereingeflogen und
beunruhigt mich, ich fürchte mich!“
Und ihr Mann sagt zu ihr:
„Und kann man ihn nicht irgendwie umbrin-
gen?“
„Ach, er ist gar zu groß und mächtig!“
„Nun, bring in Erfahrung, wodurch er sterben
kann. Frag so, daß er’s nicht merkt!“
Wieder erscheint bei ihr die unsichtbare Macht,
und sie sagt:
„Es tut mir leid um Euch, denn mein Mann ist
zu Hause, er kann Euch umbringen.“
Der Unhold aber sagt:
„Nein, er kann mich nicht töten. Ich kann nur
durch seinen Verwandten den Tod leiden – von
Pjotrs Arm und einem Damaszenerschwert. Das
Schwert aber ist schwer zu holen, Wächter sind
darüber gestellt.“
„Und wo ist es denn, dieses Schwert?“
„Es ist im Kloster der Jungfrau, eingemauert, in
der Stadt Kiew“ (oder Woronesh, oder vielleicht
Jerusalem, wie ihr wollt).
Als er fortgeflogen war, sagte’s die Fürstin dem
Fürsten. Und der dachte:
„Ist vielleicht Pjotr dieser Verwandte? Er ist
sehr mächtig, schön und stark.“
Er rief Pjotr und erzählte ihm:
„Zu meiner Frau kommt eine unreine Macht ge-
flogen, und getötet kann sie nur von Euch wer-
den, mit einem Damaszenerschwert, das Schwert
aber ist im Kloster der Jungfrau eingemauert.“

476
Pjotr spannte sofort sein Pferd an und fuhr nach
Jerusalem ins Jungfrauenkloster. Brachte in Erfah-
rung, in welcher Mauer es versteckt ist, bestach
die Wächter, opferte ihnen eine Menge Gold für
ihr Kloster. Sie beschafften ihm dieses Schwert, er
stieg wieder ein und fuhr los.
Er kam mit diesem Schwert zurück und verbarg
sich im Schlafzimmer der Fürstin. Kaum war er
erschienen, die unreine Macht, da traf ihn Pjotr
mit aller Kraft, wie man Zauberer erschlägt, am
Hals. Der Kopf des Zauberers rollte unter das Hin-
tertor, sein Blut aber spritzte empor und bespritz-
te Pjotr am ganzen Leibe.
Er, dieser Teufel, wurde weggeschafft, es wurde
alles gewaschen, saubergerieben, und im Hause
wurde es still und ruhig. Niemand beunruhigt die
Fürstin.
Nach einigen Tagen – fünf oder sechs – zeigen
sich bei Pjotr an den Händen und im Gesicht Blä-
schen. Sie näßten und juckten, es war ein
schreckliches Jucken, und bald war der ganze
Körper mit Schorf bedeckt. Wohin Pjotr sich auch
wandte – alle Ärzte in seinem Fürstentum fuhr er
ab – niemand konnte ihn heilen. Nun, er wußte
nicht mehr ein noch aus. Der Fürst hatte einen
alten, steinalten Diener, der sagt zu ihm:
„Fürst, Ihr solltet Euch an die alten Frauen
wenden, vielleicht kann eine Eure Krankheit be-
sprechen oder heilen, da die Doktoren es ohne
Umschweife abgelehnt haben. Euch zu heilen.“
Dazu entschloß sich Pjotr, sie spannten vier
Pferde vor seine Kutsche und fuhren von Dorf zu

477
Dorf, eine Alte zu suchen, vielleicht, daß eine ihn
heilt. Sie fuhren einen Tag, zwei und drei, kamen
in ein Dorf und fragen in der ersten Hütte:
„Gibt es vielleicht bei euch so ein Großmütter-
chen, das heilen kann?“
„Ja, fragt hier in unserem Dorf, da ist eine
Wehmutter. Sie bringt die Kinder zur Welt, und
sie heilt auch; sie heißt Domna.“
Sie fahren durchs Dorf und fragen. Fanden sie.
Kommen zu ihr. „Domna, hier der Fürst ist krank,
die Doktoren haben’s abgelehnt.“
„Wo ist er?“
„Dort in der Kutsche.“
„Bringt ihn zu mir!“
Sie brachten ihn herein. Die Alte sah ihn an:
„Nein, das verstehe ich nicht zu heilen, diese
Krankheit. Daß sie nur nicht überhaupt unheilbar
ist!“
Sie fuhren weiter. Kommen in ein anderes Dorf.
Fragen. Man sagt ihnen:
„Wir haben einen Alten, Afanassi Pawlytsch, am
Ende des Dorfes, der heilt!“
Sie fuhren zu ihm. Kommen hin. Bitten:
„Afanassi Pawlytsch, wollt Ihr nicht versuchen,
unseren Fürsten zu heilen, alle Doktoren haben’s
abgelehnt.“
„Nein“, sagt er, „diese Krankheit verstehe ich
nicht zu heilen. Aber ich habe gehört – an die
dreißig Werst von unserem Dorf entfernt ist eine
Straße, fahrt diese Straße entlang, und ihr kommt
in ein Dorf, dort ist ein Mädchen, schön, einen
Zopf von zwei Arschin, und die Arme keine ge-

478
wöhnlichen Arme, sondern von den Fingern bis
zum Ellenbogen aus Gold. Die bittet!“
Der Diener bedankte sich bei dem Alten für den
Rat, und sie fuhren nach diesem Dorf. Kommen in
dieses Dorf und fragen.
„Ja“, sagen die Leute, „es gibt ein solches Mäd-
chen. Fahrt weiter, da steht eine Hütte, bis zur
Hälfte in die Erde versunken, und Fenster und Tür
ganz schief. Dort wohnt sie. Dieses Mädchen hat
manchen geheilt. Nun, sie ist eine Schönheit, die
Brauen schwarz, die Haare voll Locken wie bei ei-
nem Lamm, das Gesicht weiß, die Brust hoch, und
der Mutter flink zur Hand; bei uns im Dorf haben
wir ihr den Namen Semidelka10 gegeben. Sie kann
drei Dinge auf einmal tun.“
„Wie denn das?“
„Nun so: mit dem einen Fuß schaukelt sie ein
Kind in der Wiege, mit dem anderen dreht sie das
Spinnrad, hält die Spule unter den Arm geklemmt
und dreht die Fäden, in der Schürze aber hat sie
ein Knäuel und in den Händen einen Strumpf, den
strickt sie. Das haben wir selber viele Male gese-
hen, mit eigenen Augen.“
Nun, sie fuhren weiter. Sie fahren und halten
die Augen offen. Und sahen: dort ist sie, die Hüt-
te, zur Hälfte in die Erde versunken; sie hielten
das Pferd an, und der Diener ging hinein. Tritt
ein:
„Sei gegrüßt, schönes Mädchen!“

10
Semidelka – etwa: „die Siebenerlei machen kann“.
(Anm. d. Übers.)

479
„Sei gegrüßt, guter Mann!“
„Habt Ihr nicht davon gehört, Fürst Pjotr (sei-
nen Familiennamen habe ich vergessen) ist
krank.“
„Und wo ist er?“
„Dort, im Wagen!“
„Ruf ihn herein, ich will mal sehen, was für eine
Krankheit er hat!“
Als der Fürst eintrat, wurde ihm gleich warm,
und das Jucken hörte auf. Ihm wurde gleich leich-
ter. Als er eintrat, saß sie da und spann Flachs.
Sie richtete sich auf und sah sich’s an:
„Ja, das werde ich heilen, aber unter folgender
Bedingung: wenn ich es geheilt habe, daß du mich
zur Frau nimmst; wenn aber nicht, dann werde
ich von Euch nichts mehr nehmen und Euch nicht
heilen.“
Der Fürst betrachtete sie, und sie gefiel ihm
sehr. Sie erschien ihm so besonders lieb. Er sag-
te:
„Gut, wenn du mich geheilt hast, heirate ich
dich!“
Das Mädchen nahm ein Glas, legte ein Klümp-
chen Butter und ein Kügelchen Quecksilber hinein
und ließ den Fürsten die Butter mit dem Quecksil-
ber vermischen, bis das Quecksilber sich ganz in
der Butter verteilt hat. Er verreibt die Butter mit
dem Quecksilber, und sie spinnt. Sie kam zu ihm,
sah nach: „Nein, reibt weiter, es sind noch glän-
zende Pünktchen zu sehen!“
Als er es so vermischt hatte, daß das Quecksil-
ber mit dem bloßen Auge nicht zu sehen war, ging

480
sie zum Geschirrschrank und goß oder schüttete
noch etwas hinzu. Er hatte es nicht bemerkt. Sie
rührte um, gab’s ihm und sagte:
„Hier könnt Ihr nicht behandelt werden; wenn
Ihr zu Hause angekommen seid, dann wascht
Euch mit warmem Wasser, wascht und trocknet
alles ab, streicht die ganze Salbe auf und laßt nur
den Nabel auf dem Bauch frei; das Glas aber
werft über den Fluß!“
Was ihm gesagt worden war, das machte Pjotr
alles, und nach drei Tagen blätterte alles von ihm
ab, wie Schale, als sei überhaupt nichts gewesen.
Da begann Pjotr zu überlegen, wie er sich nun
verhalten sollte – heiraten oder nicht heiraten. Sie
gefiel ihm ja gar zu sehr, aber würden seine Höf-
linge zufrieden sein, würden sie sie als Fürstin an-
erkennen? Er beschloß, ihr Geschenke zu schik-
ken.
Zwölf Fuhren ließ er beladen und Samt, Seide
und Manchester darauflegen (sie würde sich sehr
freuen, denn sie ist ein armes Bauernmädchen).
Und er schickte einen Brief.
„Lest ihr vor, daß ich sie nicht heiraten kann,
weil sie von Bauernstand ist!“
Sie bringen ihr diese Geschenke, einer geht zu
ihr hinein und sagt:
„Hier, Mädchen, haben wir Euch Geschenke ge-
bracht, zwölf Fuhren, was Euer Herz begehrt, da-
für, daß Ihr den Fürsten Pjotr geheilt habt; aber
heiraten kann er Euch nicht. Ihr seid ein einfaches
Mädchen, ein Bauermädchen, er aber ist ein
Fürst.“

481
Sie sagt:
„Und welcher Unterschied ist zwischen einem
Bauernmädchen und einem Fürsten? Sie sollen
zwei Herzen sein und ein Geist.“
„Aber unser Väterchen Fürst ist gelehrt, und du
hast nichts gelernt.“
„Kennt ihr denn nicht das alte Sprichwort: ‚Der
Gelehrten sind viele, aber der Klugen wenige?’
Sag dem Fürsten Dank, aber ich nehme nichts.
Ein Versprechen ist teurer als Geld.“
Sie drehten um und brachten die Fuhren zu-
rück. Kaum hatten sie die Pferde gewendet, da
begann beim Fürsten das Jucken, und er wurde
krank, und wieder begann es zu nässen. Als sie
ankamen, war er wieder genauso, fast verfault.
Der Fürst ließ die Kutsche anspannen, sie spann-
ten sechs Pferde vor und fuhren wieder zu ihr.
Kamen zu ihr, der Fürst faßte sie gleich bei der
Hand, fiel auf die Knie und sagt:
„Ihr sollt meine Gemahlin sein, und ich will fürs
ganze Leben Euer treuer Gemahl sein. Nun heilt
mich!“
Und sie antwortete:
„Und ich will dir fürs ganze Leben eine treue
Gemahlin sein. Wir wollen unser ganzes Leben
zusammensein, einander lieben und noch bei Leb-
zeiten unseren Sarg bestellen: wenn wir sterben
müssen, legen wir uns zusammen hin.“
Und er nahm sie auf der Stelle und fuhr mit ihr
nach Hause: wenn er geheilt ist, soll’s gleich an
die Hochzeit gehen. Er brachte sie in sein Fürsten-
tum. Nach drei Tagen war er gesund, geheilt, und

482
befahl ihr, sich zur Trauung zu rüsten. Sie hielten
Gottesdienst in der Nikon-Kathedrale, empfingen
die goldenen Ringe und lebten nun in Liebe und
Eintracht.
Die Frauen der Höflinge liebten Jefrossinja Niki-
tischna nicht. Sie flüstern und tuscheln miteinan-
der und sagen zu ihren Männern:
„Wir werden uns ihr nicht unterordnen, sie ist
eine einfache Bäuerin.“
„Aber sie ist schön und klug.“
„Was heißt das schon, daß sie schön ist: Dem
schönen Gesicht soll man nicht nachlaufen – das
ist nicht ziemlich.“
Die Männer aber sagen:
„Und Klugheit und Verstand kann man nicht
kaufen, er ist nicht käuflich. Seht doch, wie klug
sie ist!“
Und die Frauen wieder:
„Was denn, trägt man seinen Verstand etwa vor
sich auf einem Teller her?“
Die Höflinge begannen auf Pjotr einzureden, sie
solle fort.
„Wir können sie nicht ansehen – das Bauern-
weib!“
Die Männer gingen zum Fürsten, kommen hin
und bitten ihn:
„Du unser Fürst Pjotr, Väterchen, wir sind mit
einer Bitte zu Euch gekommen. Unsere Frauen
wollen Jefrossinja auf keine Weise mehr sehen.
Im Schloß wollen sie sich ihr nicht unterordnen.
Kann sie nicht zurückgebracht werden, wo sie
war? Kannst du denn etwa keine reiche, adlige,

483
belesene Frau finden? Sie ist doch nur eine unwis-
sende Bäuerin.“
Und Pjotr sagt:
„Ich kann ihr das nicht sagen, sprecht selber
mit ihr. Wenn sie einverstanden ist, soll es sein,
wie ihr wollt.“
Sie freuten sich. Kamen zu ihren Frauen und
sagen:
„Pjotr ist einverstanden, nur, sagt er, sprecht
selber mit ihr.“
Die Frauen freuten sich. Sie beschlossen, sich
am Abend zu versammeln: „Wir werden schöne
Sachen kochen, das Volk einladen, uns schön an-
ziehen und Pjotr mit Jefrossinja einladen.“
Alle tanzen, sind fröhlich, dann aber bildeten sie
einen Kreis um sie und sagen:
„Gnädige Fürstin Jefrossinja Nikolajewna, wor-
um wir dich bitten werden, das schlag uns nicht
ab!“
Und sie sagte:
„Ich werde’s nicht abschlagen, was wollt ihr?“
„Verlag unser Fürstentum, fahr in dein Dorf zu-
rück und nimm dir, was du willst. Denn für uns ist
es kränkend, dich Fürstin zu nennen. Du bist von
bäuerlicher Geburt, wir aber sind adlig. Und wir
schenken dir, was du dir wünschst.“
Sie sagt:
„Schön! Nur müßt ihr mir geben, worum ich bit-
te!“
„Schön, nimm, was du willst!“

484
„Ich bitte nicht Gold oder Silber von euch, nicht
Seide oder Samt, ich brauche nichts. Nur gebt mir
Fürst Pjotr mit!“
Sie sagten:
„Nimm ihn nur, Hauptsache, daß du nicht hier-
bleibst.“
Pjotr war einverstanden, wollte zwölf Gespanne
mitnehmen und losfahren. Aber Jefrossinja sagt:
„Laß, Pjotr, nimm nichts mit, spann nur einen
Wagen an, dann fahren wir los, werden leben und
es gut haben.“
Sie spannten ein Ackerpferd vor einen Erntewa-
gen, setzten sich drauf und fuhren los. Sie waren
noch keine fünf Werst gefahren, da kam ein Bote
angesprengt und schrie Fürst Pjotr zu:
„Krieg ist ausgebrochen, die Feinde kommen,
erschlagen jung und alt, brennen Dörfer und
Städte!“
Die Bojaren kamen angesprengt und drängten:
„Du unser Väterchen, Fürst Pjotr, und Fürstin
Jefrossinja, verlaßt uns nicht in dieser Not, die
Feinde kommen, erschlagen jung und alt, brennen
Dörfer und Städte!“
Pjotr wollte nicht umkehren, aber Jefrossinja
sagte:
„Das darf man nicht tun. Die Heimat läßt nie-
mand im Stich!“
Sie kehrten zurück. Pjotr sammelte sein starkes
Heer, und alle zogen aus – Alte und Junge, Män-
ner und Frauen, und sie schlugen den Feind aufs
Haupt. Und von nun an lebten sie in Frieden. Sie
waren schon alt geworden und grau. Pjotr wurde

485
krank. Sie hatten sich schon in jungen Jahren ge-
lobt, zusammen zu sterben, an einem Tag und zu
einer Stunde. Er lag krank, sie aber stickte an ei-
ner Abendmahlsdecke. Er schickt einen Diener zu
ihr ins andere Zimmer:
„Sagt Jefrossinja, daß ich gleich sterbe.“
Sie sagt:
„Sagt Pjotr, er soll ein wenig warten, ich nähe
gerade eine Abendmahlsdecke, bin gleich fertig.
Aber wenn ich nicht mehr da bin, stickt sie keiner
zu Ende.“
Der treue Diener kam zurück und sagte’s Pjotr.
Der wartet eine Weile, dann sagt er:
„Geh, sag Jefrossinja, daß ich das Zeitliche se-
gne. Ich hauche mein Leben aus, atme nicht mehr
ein.“
Der Diener ging und sagt:
„Jefrossinja Nikolajewna, Väterchen Pjotr seg-
net schon das Zeitliche.“ Jefrossinja stand auf,
steckte die Nadel in die Abendmahlsdecke und
wickelte die Seide darum. Legte sie auf den Tisch
und ging. Kam zu ihm und verneigte sich bis zum
Gürtel:
„Nun, Pjotr, ich bin bereit!“
Sie legte sich neben ihn, und sie starben.
Alle trauerten um sie. Pjotr hatte hinterlassen,
man solle sie in einem Sarg begraben, aber die
Bojaren machten zwei Särge und stellten sie ne-
beneinander in der Kirche auf. Am Morgen kom-
men sie, aber sie sind in einem Sarg, und der an-
dere ist leer. Zweimal war das so, beim drittenmal
aber sagte der Bischof:

486
„Also soll es so sein!“
Er ließ einen breiten Sarg machen, man legte
sie nebeneinander und begrub sie.
Und auf das Grab pflanzten sie einen Faulbeer-
baum. Dieser Faulbeerbaum wächst und blüht
noch heute.

487
44
Schwesterchen Aljonuschka und
Brüderchen Iwanuschka
Es lebten einmal ein Zar und eine Zarin; die hat-
ten einen Sohn und eine Tochter, der Sohn hieß
Iwanuschka und die Tochter Aljonuschka. Da star-
ben der Zar und die Zarin; die Kinder blieben
allein zurück und zogen durch die weite Welt. Sie
gingen und gingen und gingen…; sie gehen und
sehen einen Teich, und an dem Teich weidet eine
Herde Kühe. „Ich habe Durst“, sagt Iwanuschka.
„Trink nicht, Brüderchen, sonst wirst du ein Kälb-
chen“, sagt Aljonuschka. Er gehorchte, und sie
gingen weiter; sie gingen und gingen und sehen
einen Fluß, und daneben eine Herde Pferde. „Ach,
Schwesterchen! Wenn du wüßtest, wie mich dür-
stet!“

„Trink nicht, Brüderchen, sonst wirst du ein Fül-


len!“ Iwanuschka gehorchte, und sie gingen wei-
ter; sie gingen und gingen und sehen einen See,
und an seinem Ufer tummelt sich eine Herde
Schafe. „Ach, Schwesterchen! Ich habe fürchterli-
chen Durst l“ – „Trink nicht, Brüderchen, sonst
wirst du ein Schafböckchen!“ Iwanuschka ge-
horchte, und sie gingen weiter; sie gingen und
gingen und sehen ein Flüßchen, daneben aber
werden Schweine gehütet. „Ach, Schwesterchen,

488
ich trinke; ich habe schrecklichen Durst!“ – „Trink
nicht, Brüderchen, sonst wirst du ein Ferkelchen!“
Iwanuschka gehorchte wieder, und sie gingen
weiter; sie gingen und gingen und sehen: am
Wasser weidet eine Herde Ziegen. „Ach, Schwe-
sterchen, ich trinke!“ – „Trink nicht, Brüderchen,
sonst wirst du ein Böckchen!“ Er hielt’s nicht aus,
gehorchte der Schwester nicht, trank und wurde
ein Böckchen, springt vor Aljonuschka her und
schreit: „Mek-mek-mek! Mek-mek-mek!“
Aljonuschka band ihm einen seidenen Gürtel
um und führte es daran, und sie weinte und wein-
te bitterlich… Das Böckchen lief und lief und lief in
den Garten zu einem Zaren. Die Leute sahen’s
und meldeten sogleich dem Zaren: „Bei uns, Eure
Kaiserliche Majestät, ist im Garten ein Böckchen,
ein Mädchen hält es an einem Gürtel, das ist aber
ein schönes Kind!“ Der Zar befahl zu fragen, wer
sie ist. Die Leute fragen sie: woher sie ist und
welcher Herkunft? „So und so“, sagt Aljonuschka,
„es war ein Zar und eine Zarin, die starben, wir
Kinder blieben zurück, ich, die Zarentochter, und
mein Brüderchen hier, der Zarewitsch; er hielt’s
nicht aus, hat Wasser getrunken und ist ein Böck-
chen geworden.“ Die Leute meldeten das dem Za-
ren. Der Zar rief Aljonuschka und befragte sie
über alles; sie gefiel ihm, und der Zar wollte sie
heiraten. Bald machten sie Hochzeit, lebten mit-
einander, und das Böckchen mit ihnen – tummelt
sich im Garten und trinkt und ißt zusammen mit
dem Zaren und der Zarin.

489
Einmal ritt der Zar auf die Jagd. Zu dieser Zeit
kam eine Zauberin und behexte die Zarin; Aljo-
nuschka wurde krank, so elend und so bleich. Am
Hofe des Zaren wurde alles traurig; die Blumen im
Garten welkten, die Bäume vertrockneten, und
das Gras wurde dürr. Der Zar kehrte zurück und
fragt die Zarin: „Bist du krank?“ – „Ja, ich bin
krank“, sagt die Zarin. Am anderen Tag ritt der
Zar wieder auf die Jagd. Aljonuschka liegt krank;
da kommt die Zauberin zu ihr und sagt: „Willst
du, daß ich dich heile? Geh zu dem und dem Meer
um die und die Zeit und trink dort Wasser!“ Die
Zarin gehorchte und ging in der Dämmerung zum
Meer, die Zauberin aber wartet schon auf sie,
packte sie, band ihr einen Stein um den Hals und
warf sie ins Meer. Aljonuschka sank auf den
Grund; das Böckchen kam gelaufen und weinte
bitterlich. Die Zauberin aber nahm die Gestalt der
Zarin an und ging ins Schloß. Der Zar kam zurück
und freute sich, daß die Zarin wieder gesund war.
Sie deckten den Tisch und setzten sich zum Es-
sen. „Und wo ist das Böckchen?“ fragt der Zar.
„Ich will es nicht haben“, sagt die Zauberin, „ich
habe verboten, es einzulassen; es riecht so nach
Bock.“ Am anderen Tag, kaum daß der Zar auf die
Jagd gefahren war, schlug die Zauberin das Böck-
chen, prügelte und prügelte’s und droht ihm:
„Warte nur, wenn der Zar zurückkommt, bitte ich,
dich zu schlachten.“ Der Zar kam; die Zauberin
bedrängt ihn: Befiehl doch nur, das Böckchen zu
schlachten; es ist mir über, ist mir ganz zuwider
geworden! Dem Zar tat das Böckchen leid, aber

490
was wollte er machen, sie läßt ihm keine Ruhe,
bittet so, daß der Zar schließlich einverstanden
war und erlaubte, es zu schlachten.
Das Böckchen sieht: schon schliffen sie die
stählernen Messer, und es begann zu weinen, lief
zum Zaren und bettelt: „Zar! Laß mich ans Meer
gehen, Wasser trinken und meine Därme spülen!“
Der Zar ließ es gehen. Da lief das Böckchen
zum Meer, stellte sich ans Ufer und schrie kläg-
lich:

Aljonuschka, mein Schwesterchen!


Komm doch, komm ans Ufer her.
Es brennen die Feuer, die brennenden,
Es kochen die Kessel, die kochenden.
Sie schleifen die Messer, die stählernen.
Und wollen, ach wollen mich schlachten!

Sie antwortet ihm:

Iwanuschka, mein Brüderchen!


Ein schwerer Stein zieht mich zum Grunde,
Eine grimmige Schlange hat’s Herz
ausgesaugt!

Das Böckchen weinte und lief zurück. Zur Mittags-


zeit bettelt es den Zaren wieder: „Zar! Laß mich
ans Meer gehen, Wasser trinken und meine Där-
me spülen!“ Der Zar ließ es gehen. Da lief das
Böckchen zum Meer und schrie kläglich:

Aljonuschka, mein Schwesterchen!

491
Komm doch, komm ans Ufer her.
Es brennen die Feuer, die brennenden.
Es kochen die Kessel, die kochenden.
Sie schleifen die Messer, die stählernen,
Und wollen, ach wollen mich schlachten!

Sie antwortet ihm:

Iwanuschka, mein Brüderchen!


Ein schwerer Stein zieht mich zum Grunde,
Eine grimmige Schlange hat’s Herz
ausgesaugt!

Das Böckchen weinte und lief wieder nach Hause.


Der Zar denkt: Was bedeutet das wohl, das Böck-
chen läuft immer zum Meer? Da bettelte das
Böckchen zum drittenmal: „Zar! Laß mich ans
Meer gehen, Wasser trinken und meine Därme
spülen!“ Der Zar ließ es fort und ging ihm nach;
kommt zum Meer und hört – das Böckchen ruft
sein Schwesterchen:

Aljonuschka, mein Schwesterchen!


Komm doch, komm ans Ufer her.
Es brennen die Feuer, die brennenden.
Es kochen die Kessel, die kochenden.
Sie schleifen die Messer, die stählernen.
Und wollen, ach wollen mich schlachten!

Sie antwortet ihm:

Iwanuschka, mein Brüderchen!

492
Ein schwerer Stein zieht mich zum Grunde,
Eine grimmige Schlange hat’s Herz
ausgesaugt!

Das Böckchen rief sein Schwesterchen nochmals.


Aljonuschka kam nach oben geschwommen und
zeigte sich über dem Wasser. Der Zar ergriff sie,
riß den Stein von ihrem Hals, zog Aljonuschka ans
Ufer und fragt: „Wie ist das geschehen?“ Sie er-
zählte ihm alles. Der Zar freute sich, und das
Böckchen auch – es springt umher, und im Garten
wurde alles grün und begann zu blühen. Die Zau-
berin aber befahl der Zar hinzurichten: sie errich-
teten auf dem Hof einen Scheiterhaufen und ver-
brannten sie. Danach lebten Zar und Zarin mit
dem Böckchen herrlich und in Freuden, wurden
reiche Leute und tranken und aßen zusammen wie
früher.

493
45
Junker Frost
Es lebten einmal ein Mann und eine Frau. Der
Mann und die Frau hatten drei Töchter. Ihre älte-
ste Tochter liebte die Frau nicht (es war ihre Stief-
tochter), sie schalt sie oft, weckte sie frühzeitig
und lud die ganze Arbeit auf sie ab. Das Mädchen
tränkte und fütterte das Vieh, trug Holz und Was-
ser in die Hütte, heizte den Ofen, verrichtete ihre
Gebete, fegte die Hütte und räumte noch vor Ta-
ge alles auf. Doch die Alte war auch dann nicht
zufrieden und brummte über Marfuscha: „So ein
faules Ding, so eine Schlampe! Und der Besen ist
nicht an seinem Platz, und das steht nicht richtig
da, und schmutzig ist’s in der Hütte…l“ Das Mäd-
chen schwieg und weinte; sie bemühte sich auf
alle Weise, es der Stiefmutter recht zu machen
und ihren Töchtern gefällig zu sein; aber die
Schwestern sahen’s von der Mutter ab und setz-
ten Marfuschka in allem hintenan, suchten Zank
mit ihr und brachten sie zum Weinen: das war ih-
nen ein Vergnügen! Sie selber standen immer
spät auf, wuschen sich mit dem bereitstehenden
Wasser, trockneten sich mit einem sauberen
Handtuch ab und setzten sich an die Arbeit, nach-
dem sie zu Mittag gegessen hatten. So wuchsen
nun unsere Mädchen heran, wurden groß und ka-
men ins Brautalter. Ein Märchen ist bald erzählt,

494
aber eine Tat nicht so bald getan. Dem Alten tat
seine älteste Tochter leid; er liebte sie, weil sie
gehorsam und arbeitsam war, nie eigensinnig,
was man ihr sagte, auch machte, und nie auch
nur mit einem Wort widersprach; aber der Alte
wußte nicht, wie er dem Kummer abhelfen sollte.
Er selber war krank, die Alte ein Zankteufel, und
ihre Töchter waren faul und widerspenstig.
Nun begannen unsere Alten zu überlegen: der
Alte, wie er seine Töchter unter die Haube bringen
kann, und die Alte, wie sie die Älteste loswerden
kann. Einmal sagt die Alte zu ihrem Alten: „Nun,
Alter, wir wollen Marfuscha verheiraten!“ – „Ist
gut“, sagte der Alte und trollte sich auf den Ofen;
die Alte aber ruft ihm nach: „Alter, steh morgen
frühzeitig auf, spann die Stute vor den Schlitten
und fahr mit Marfuscha los; und du, Marfuscha,
pack deine Sachen in den Reisekorb und zieh ein
weißes Hemd an; du fährst morgen zu Besuch!“
Die gutmütige Marfuscha freute sich über das
Glück, daß man sie zu Besuch fährt, und schlief
süß die ganze Nacht; am Morgen stand sie zeitig
auf, wusch sich, betete zu Gott, holte alles zu-
sammen und packte es ordentlich ein, zog sich
selbst festlich an und war ein Mädchen – nun, ei-
ne Braut, wie sie sich einer nur wünschen kann!
Die Geschichte war aber im Winter, und draußen
war eine beißende Kälte.
Der Alte spannte früh, ehe es noch tagte oder
dämmerte, die Stute vor den Schlitten und führte
sie bis an die Tür; er selber kam in die Hütte,
setzte sich auf die Türbank und sagte: „Nun, ich

495
habe alles vorbereitet!“ – „Setzt euch an den
Tisch und freßt!“ sagte die Alte. Der Alte setzte
sich an den Tisch und ließ auch die Tochter sich
hinsetzen; der Brotteller stand auf dem Tisch, er
nahm einen Laib und schnitt für sich und die
Tochter ab. Die Alte aber brachte unterdessen in
einer Schüssel alte Krautsuppe und sagte: „Nun,
mein Täubchen, iß und scher dich dann fort, ich
habe dich lange genug hier gesehen! Alter, bring
Marfuschka zu ihrem Bräutigam; paß aber auf,
alter Tropf, fahr geradeaus den Weg entlang und
biege dann rechts vom Wege ab, in den Wald hin-
ein, du weißt schon, gerade zu der großen Fichte,
die auf dem Hügel steht, und gib Marfuschka dort
dem Junker Frost zur Frau!“ Der Alte riß Augen
und Maul auf und hörte auf zu löffeln, das Mäd-
chen aber begann zu heulen. „Nun, was plärrst du
hier herum! Das ist doch ein schöner und reicher
Bräutigam! Sieh nur, was er alles besitzt: alle
Tannen, Fichten und Birken tragen einen Pelz; ein
beneidenswertes Leben, und er selber ist ein
Prachtkerl!“
Der Alte verpackte schweigend die Habseligkei-
ten, hieß die Tochter einen Schafspelz überwerfen
und machte sich auf den Weg. Fuhr er nun lange,
kam er bald an – ich weiß es nicht; ein Märchen
ist bald erzählt, eine Tat aber nicht so bald getan.
Schließlich kam er zum Wald, bog vom Wege ab
und fuhr einfach über den verharschten Schnee;
als er tief in den Wald hineingefahren war, hielt er
an und hieß die Tochter heruntersteigen, er selber
stellte den Reisekorb unter eine riesige Fichte und

496
sagte: „Bleib hier sitzen und warte auf den Bräu-
tigam; paß aber auf, empfang ihn recht zärtlich!“
Und er wendete das Pferd und fuhr nach Hause.
Das Mädchen sitzt und zittert: es schüttelte sie
am ganzen Leibe. Sie wollte jammern, aber die
Kräfte reichten nicht aus: nur ihre Zahne klapper-
ten in einem fort. Auf einmal hört sie: nicht weit
von ihr knallt Junker Frost auf einer Tanne,
springt von einer Tanne auf die andere und kni-
stert. Plötzlich war er auf der Fichte, unter der das
Mädchen sitzt, und sagt zu ihr von oben: „Ist dir
warm, Mädchen?“ – „Warm, Väterchen, warm
Junker Frost!“ Junker Frost ließ sich weiter herab,
knallte und knisterte noch mehr. Der Frost fragte
das Mädchen: „Ist dir warm, Mädchen? Ist dir
warm, du Schöne?“ Dem Mädchen verschlägt es
bald den Atem, aber es sagt noch: „Warm, Junker
Frost, warm, Väterchen!“ Der Frost knallte noch
mehr, knisterte noch stärker und sagte zu dem
Mädchen: „Ist dir warm, Mädchen, ist dir warm,
du Schöne, ist dir warm, mein Herzchen?“ Das
Mädchen war schon ganz erstarrt und sagte kaum
hörbar: „Oj, so warm, liebster Junker Frost!“ Da
empfand der Junker Frost Mitleid, hüllte das Mäd-
chen in Pelze und wärmte es mit Decken.
Am Morgen sagt die Alte zu ihrem Alten: „Fahr
los, alter Trottel, und wecke das junge Paar!“ Der
Alte spannte das Pferd ein und fuhr los. Als er bei
der Tochter ankam, fand er sie noch am Leben;
sie hatte einen schönen Pelz an, ein kostbares
Seidentuch um und einen Korb mit reichen Ge-
schenken. Ohne ein Wort zu sagen, lud der Alte

497
alles auf den Schlitten, stieg mit der Tochter auf
und fuhr nach Hause. Sie kamen zu Haus an, und
das Mädchen fiel der Stiefmutter zu Füßen. Die
Alte war höchst verwundert, wie sie das Mädchen
noch am Leben sah, dazu den neuen Pelz und den
Korb Wäsche. „Ach, du Hündin! Du sollst mich
nicht zum besten haben!“
Nach einer kleinen Weile sagt die Alte zu ihrem
Alten: „Bring nun auch meine Töchter zum Bräuti-
gam; der wird sie noch ganz anders beschenken!“
Eine Tat ist nicht so bald getan, aber ein Märchen
ist bald erzählt. Früh am Morgen also gab die Alte
ihren Kindern reichlich zu essen, schmückte sie,
wie sich’s gehört, für die Hochzeit und schickte sie
auf den Weg. Der Alte brachte die Mädchen auf
dem gleichen Wege unter die Fichte. Unsere Mäd-
chen sitzen dort und spotten: „Was hat sich Mut-
ter da ausgedacht – beide auf einmal in die Ehe
wegzugeben? Gibt’s etwa in unserem Dorfe keine
Burschen? Will’s das Unglück, kommt irgendein
Teufel, und du weißt nicht wer!“
Die Mädchen waren in Schafspelzen, und doch
war ihnen kalt. „Wie geht’s, Paracha? Mich kneift
der Frost schon auf der Haut. Nun, wenn unser
Auserwählter nicht kommt, können wir hier erfrie-
ren!“ – „Hör auf, Maschka, und erzähl keinen Un-
sinn! Ist es etwa üblich, daß sich die Bräutigame
so zeitig einfinden? Jetzt ist draußen erst Mittag.“
– „Nun, Paracha, wenn nur einer kommt, wen
wird er nehmen?“ – „Na, vielleicht dich, du När-
rin?“ – „Aber dich ganz bestimmt!“ – Natürlich,
mich!“ – „Dich? Hör auf, mich zu foppen und Mär-

498
chen zu erzählen!“ Junker Frost hatte ihnen die
Hände erstarren lassen; unsere Mädchen wärmten
ihre Hände an der Brust und fingen wieder an:
„Ach du, Schlafmütze, Zankteufel, Schmutzfink!
Zu spinnen verstehst du nicht, und vom Weben
hast du gleich gar keine Ahnung!“ – „Och, du
Prahlerin! Und was kannst du? Dich in den Lauben
herumtreiben und dich abschlecken lassen. Wir
werden ja sehen, wen er zuerst nimmt!“ So un-
terhielten sich die Mädchen und froren ganz
schrecklich; auf einmal sagten sie wie aus einem
Munde: „Warum kommt er so lange nicht? Du bist
schon ganz blau!“
Da begann in der Ferne Junker Frost zu knallen,
von Tanne zu Tanne zu springen und zu knistern.
Den Mädchen schien es, daß jemand gefahren
kommt. „Horch, Paracha! Er kommt schon, und
dazu noch mit Schellen.“ – „Scher dich fort, Hün-
din! Ich höre nichts, mich zwickt der Frost!“ –
„Und du willst heiraten!“ Und sie begannen, auf
ihre Finger zu hauchen. Junker Frost kommt im-
mer näher und näher; schließlich war er auf der
Fichte, über den Mädchen. Er sagt zu den Mäd-
chen: „Ist euch warm, ihr Mädchen? Ist euch
warm, ihr Schönen? Ist euch warm, meine Täub-
chen?“ – „Oj, Junker Frost, uns ist sehr kalt! Wir
sind ganz erfroren, warten auf den Auserwählten,
aber der verfluchte Kerl läßt sich nicht blicken!“
Junker Frost ließ sich weiter herab, knallte noch
mehr und knisterte noch häufiger. „Ist euch
warm, ihr Mädchen? Ist euch warm, ihr Schönen?“
– „Geh zum Teufel! Bist du vielleicht blind, du

499
siehst doch, daß uns Hände und Füße abgefroren
sind.“ Junker Frost ließ sich noch weiter herab,
gab ihnen einen harten Schlag und sagte: „Ist
euch warm, ihr Mädchen?“ – „Scher dich zu allen
Teufeln, verrecke im Moor, verfluchter Kerl!“ –
und die Mädchen waren starr und steif.
Am Morgen sagt die Alte zu ihrem Mann:
„Spann den Stadtschlitten an, Alter; leg einen
Armvoll Heu darauf und nimm eine Pelzdecke mit.
Die Mädchen werden wohl durchfroren sein, es ist
ein schrecklicher Frost draußen! Und mach
schnell, alter Trottel!“ Der Alte kam nicht einmal
dazu, ein paar Bissen zu essen, da war er schon
draußen und auf dem Wege. Fährt, die Töchter zu
holen, und findet sie tot. Er lud seine Kinder auf,
hüllte sie in die Decke und legte eine Bastmatte
darüber. Die Alte sah den Alten schon von wei-
tem, kam ihm entgegengelaufen und fragte: „Was
ist mit den Kindern?“ – „Im Schlitten!“ Die Alte
hob die Bastmatte auf, nahm die Decke weg und
fand ihre Kinder tot.
Da fuhr die Alte los wie ein Gewitter und
schimpfte auf den Alten: „Was hast du angerich-
tet, alter Hund? Hast meine Töchter zugrunde ge-
richtet, meine, meine Kinder, meine lieben, meine
schönen, meinen Augentrost. Ich werde dich mit
der Ofengabel prügeln, mit dem Schürhaken er-
schlagen!“ – „Hör auf, altes Weibsstück! Das hast
du davon, daß du so versessen auf Reichtum
warst und daß deine Kinder so eigensinnig waren!
Bin ich vielleicht schuld? Du hast’s nicht anders
gewollt!“ Die Alte war eine Weile böse, schimpfte

500
eine Weile, danach aber söhnte sie sich mit der
Stieftochter aus, und von nun an lebten sie herr-
lich und in Freuden, wurden reiche Leute und ge-
dachten des Bösen nicht mehr. Der Nachbar kam
als Freier, sie feierten Hochzeit, und Marfuscha
führt ein glückliches Leben. Der Alte drohte den
Enkeln mit dem Junker Frost und ließ keinen Ei-
gensinn zu. Auch mich luden sie zur Hochzeit ein,
ich trank Bier und Wein; ‘s ist alles um den Bart
geronnen, der Mund hat nichts abbekommen.

501
46
Iwaschko und die Hexe
Es lebten einmal ein Mann und eine Frau, die hat-
ten ein einziges Söhnchen, Iwaschetschko; sie
hatten es so lieb, daß es gar nicht zu sagen ist.
Einmal bittet Iwaschetschko Vater und Mutter:
„Laßt mich gehen, ich will fahren und Fische fan-
gen!“ – „Ach du lieber Gott! Du bist noch zu klein,
könntest vielleicht ertrinken und wer weiß was
noch!“ – „Nein, ich werde nicht ertrinken, ich
werde euch Fische fangen; laßt mich!“ Die Frau
zog ihm ein weißes Hemdchen an, band ihm ein
rotes Gürtelchen um und ließ Iwaschetschko ge-
hen.
Da stieg er ins Boot und sagt:

Boot, Boot, schwimm recht weit!


Boot, Boot, schwimm recht weit!

Das Boot schwamm weit, weit weg, und Iwaschko


fing Fische. War nun wenig Zeit vergangen oder
viel – die Frau schleppte sich ans Ufer und ruft ihr
Söhnchen:

Iwaschetschko, Iwaschetschko, mein


Söhnchen!
Komm, komm ans Ufer gefahren,
Ich habe dir Essen und Trinken gebracht.

502
Und Iwaschetschko sagt:

Boot, Boot, schwimm ans Ufer hin:


Das ist die Mutter, die ruft.

Das Boot kam ans Ufer; die Frau nahm die Fische,
gab ihrem Sohn zu essen und zu trinken, wechsel-
te ihm Hemdchen und Gürtelchen und ließ ihn
wieder fort, Fische zu fangen.
Da stieg er ins Boot und sagt:

Boot, Boot, schwimm recht weit!


Boot, Boot, schwimm recht weit!

Das Boot schwamm weit, weit weg, und Iwaschko


fing Fische. War nun wenig Zeit vergangen oder
viel – der Mann schleppte sich ans Ufer und ruft
sein Söhnchen:

Iwaschetschko, Iwaschetschko, mein


Söhnchen!
Komm, komm ans Ufer gefahren.
Ich habe dir Essen und Trinken gebracht.

Und Iwaschko:

Boot, Boot, schwimm ans Ufer hin:


Das ist der Vater, der ruft.

Das Boot kam ans Ufer; der Mann nahm die Fi-
sche, gab seinem Sohn zu essen und zu trinken,

503
wechselte ihm Hemdchen und Gürtelchen und ließ
ihn wieder fort, Fische zu fangen.
Eine Hexe hörte, wie der Mann und die Frau
Iwaschko riefen, und sie wollte den Knaben in ihre
Gewalt bringen. Sie kommt also ans Ufer und
schreit mit heiserer Stimme:

Iwaschetschko, Iwaschetschko, mein


Söhnchen!
Komm, komm ans Ufer gefahren;
Ich habe dir Essen und Trinken gebracht.

Iwaschko hört, daß das nicht die Stimme seiner


Mutter ist, sondern die der Hexe, und singt:

Boot, Boot, schwimm recht weit,


Boot, Boot, schwimm recht weit:
Das ist nicht die Mutter, die ruft,
das ist die Hexe, die ruft.

Die Hexe sah, daß sie Iwaschko mit der gleichen


Stimme rufen muß, mit der seine Mutter ihn ruft;
sie lief zum Schmied und bittet ihn: „Schmied,
Schmied! Schmiede mir ein so feines Stimmchen,
wie Iwaschkos Mutter es hat; sonst fresse ich
dich!“ Der Schmied schmiedete ihr ein solches
Stimmchen, wie Iwaschkos Mutter es hatte. Da
kam die Hexe nachts ans Ufer und singt:

Iwaschetschko, Iwaschetschko, mein


Söhnchen!
Komm, komm ans Ufer gefahren;

504
Ich habe dir Essen und Trinken gebracht.

Iwaschko kam; sie nahm die Fische, packte ihn


und trug ihn davon zu sich. Sie kam nach Hause
und gebietet ihrer Tochter Aljonka: „Heiz den
Ofen recht heiß und brate Iwaschko recht schön,
ich will gehen, die Gäste – meine Freunde – zu-
sammenzuholen!“ Aljonka heizte also den Ofen
heiß und sagt zu Iwaschko: „Los, setz dich auf die
Schaufel!“ – „Ich bin noch zu klein und dumm“,
antwortet Iwaschko, „ich weiß und verstehe noch
gar nichts; zeige mir, wie ich mich auf die Schau-
fel setzen muß!“ – „Schön“, sagt Aljonka, „da
gibt’s nicht viel zu zeigen!“ Und kaum hatte sie
sich auf die Schaufel gesetzt, da warf Iwaschko
sie in den Ofen, machte die Ofenklappe zu, ging
aus der Hütte, versperrte die Tür und kletterte auf
eine hohe, hohe Eiche.
Die Hexe kommt mit den Gästen und klopft an
die Hütte; niemand macht ihr die Tür auf. „Ach,
verfluchte Aljonka! Sicher ist sie irgendwohin
spielen gegangen.“ Die Hexe kletterte durchs Fen-
ster, öffnete die Tür und ließ die Gäste ein; alle
setzten sich an den Tisch, die Hexe öffnete die
Ofenklappe, holte die gebratene Aljonka heraus –
und auf den Tisch: sie aßen und aßen, tranken
und tranken, gingen hinaus und wälzten sich im
Grase. „Ich kugle mich, ich wälze mich, voll von
Iwaschkos Fleisch“, schreit die Hexe, „ich kugle
mich, ich wälze mich, voll von Iwaschkos Fleisch!“
Iwaschko aber äfft ihr von der Eiche herunter
nach: „Kugle dich nur, wälze dich nur, voll von

505
Aljonkas Fleisch!“ – „Ich habe irgend etwas ge-
hört“, sagt die Hexe. „Das sind die Blätter, die
rauschen.“ Wieder sagt die Hexe: „Ich kugle mich,
ich wälze mich, voll von Iwaschkos Fleisch!“ Und
Iwaschko wieder: „Kugle dich, wälze dich, voll von
Aljonkas Fleisch!“ Die Hexe guckte nach oben und
sah Iwaschko; sie sprang auf und begann, die Ei-
che durchzunagen – eben die Eiche, wo Iwaschko
saß, sie nagte und nagte – brach sich die zwei
vorderen Zähne aus und lief zur Schmiede. Kam
hin und sagt: „Schmied, Schmied, schmiede mir
eiserne Zähne, sonst fresse ich dich!“ Der
Schmied schmiedete ihr zwei Eisenzähne.
Die Hexe kam zurück und begann wieder, die
Eiche durchzunagen; nagte und nagte und hatte
sie gerade durchgenagt, da sprang Iwaschko
schnell auf eine andere, benachbarte Eiche hin-
über, die aber, die die Hexe durchgenagt hatte,
stürzte zu Boden. Die Hexe sieht, daß Iwaschko
schon auf der anderen Eiche sitzt, knirschte vor
Wut mit den Zähnen und machte sich von neuem
daran, den Baum durchzunagen; nagte und nagte
– brach sich die zwei unteren Zähne aus und lief
zur Schmiede. Kam hin und sagt: „Schmied,
Schmied! Schmiede mir eiserne Zähne, sonst
fresse ich dich!“ Der Schmied schmiedete ihr noch
zwei Eisenzähne. Die Hexe kam zurück und be-
gann wieder, die Eiche durchzunagen. Iwaschko
weiß nicht, was er jetzt tun soll; da sieht er wilde
Schwäne fliegen, und er bittet sie:

Schwäne ihr, meine weißen!

506
Nehmt mich auf eure Flügel,
Tragt mich zu Väterchen, zu Mütterchen;
Bei Väterchen, bei Mütterchen,
Gibt’s Trinken und Essen, ist’s gut!

„Die mittleren sollen dich nehmen“, sagen die Vö-


gel. Iwaschko wartet; es kommt eine andere Her-
de geflogen, er bittet wieder.

Schwäne ihr, meine weißen!


Nehmt mich auf eure Flügel,
Tragt mich zu Väterchen, zu Mütterchen;
Bei Väterchen, bei Mütterchen,
Gibt’s Trinken und Essen, ist’s gut!

„Die hinteren sollen dich nehmen.“ Iwaschko war-


tet wieder; es kommt eine dritte Herde geflogen,
er bittet:

Schwäne ihr, meine weißen!


Nehmt mich auf eure Flügel,
Tragt mich zu Väterchen, zu Mütterchen;
Bei Väterchen, bei Mütterchen,
Gibt’s Trinken und Essen, ist’s gut!

Die wilden Schwäne ergriffen ihn und trugen ihn


nach Hause, kamen zur Hütte und setzten
Iwaschko auf dem Dachboden ab.
Die Frau stand frühzeitig auf, um Pfannkuchen
zu backen; bäckt und denkt dabei an ihr Söhn-
chen: „Wo mag nur mein Iwaschetschko sein?
Wenn ich ihn doch wenigstens einmal im Traum

507
sähe!“ Der Mann aber sagt: „Ich habe geträumt,
wilde Schwäne hätten unseren Iwaschko auf ihren
Flügeln hergetragen.“ Die Frau hatte ihre Pfann-
kuchen gebacken und sagt: „Nun, Alter, wollen
wir die Pfannkuchen teilen: das – für dich, Mann!
Das – für mich; das – für dich, Mann! das – für
mich…“ – „Und für mich nichts?“ ließ Iwaschko
sich hören. „Das – für dich, Mann! Das – für
mich…“ – „Und für mich nichts?“ – „Nanu, Alter!“
sagt die Frau, „sieh doch mal nach, was das ist!“
Der Mann kletterte auf den Dachboden und holte
Iwaschko von dort herunter. Der Mann und die
Frau freuten sich, ließen sich alles, alles von ih-
rem Sohn erzählen und lebten von nun an herrlich
und in Freuden und wurden reiche Leute.

508
47
Die wilden Schwäne
Es lebten einmal ein alter Mann und eine alte
Frau; die hatten ein Töchterchen und ein kleines
Söhnchen. „Töchterchen, Töchterchen!“ sagte die
Mutter, „wir gehen auf Arbeit, bringen dir eine
Semmel mit, nähen dir ein Kleid, kaufen dir ein
Tüchlein; sei klug, paß aufs Brüderchen auf, und
geh nicht vom Hof!“ Die Eltern gingen, das Töch-
terchen aber vergaß, was ihr befohlen worden
war: sie setzte das Brüderchen aufs Gras unter
dem Fenster und lief hinaus auf die Straße, spielte
und tummelte sich. Da kamen wilde Schwäne ge-
flogen, ergriffen den Kleinen und trugen ihn auf
ihren Flügeln davon.
Das Mädchen kam, – da war das Brüderchen
nicht da! Sie erschrak, stürzte hierhin und dorthin
– nichts! Sie rief, zerfloß in Tränen, jammerte, es
würde etwas setzen von Vater und Mutter, – das
Brüderchen gab keine Antwort! Sie lief hinaus
aufs freie Feld; in der Ferne flogen wilde Schwäne
und verschwanden hinter dem dunklen Wald. Die
wilden Schwäne hatten sich schon lange einen
üblen Ruf erworben, hatten viel Unheil angerichtet
und kleine Kinder gestohlen; das Mädchen erriet,
daß sie ihr Brüderchen entführt hatten, und stürz-
te ihnen nach. Sie lief und lief, da steht ein Ofen:
„Ofen, Ofen! Sag mir, wohin die wilden Schwäne

509
geflogen sind!“ – „Wenn du von meiner Roggenpi-
rogge ißt, sag ich’s.“ – „Oh, bei meinem Väter-
chen werden nicht einmal welche aus Weizen ge-
gessen!“ Der Ofen sagte’s nicht. Sie lief weiter, da
steht ein Apfelbaum. „Apfelbaum, Apfelbaum!
Sag, wohin die wilden Schwäne geflogen sind!“ –
„Wenn du von meinen Holzäpfeln ißt, sag ich’s.“ –
„Oh, bei meinem Väterchen werden nicht einmal
Gartenäpfel gegessen!“ Sie lief weiter, da fließt
ein Flüßchen aus Milch, hat Ufer aus Brei. „Milch-
flüßchen, Breiufer! Wohin sind die wilden Schwäne
geflogen?“ – „Wenn du von meinem einfachen
Brei mit Milch ißt, sag ich’s.“ – „Oh, bei meinem
Väterchen wird nicht einmal Sahne gegessen!“
Und lange hätte sie über die Felder laufen und
durch den Wald streifen müssen, aber zum Glück
lief ihr ein Igel in den Weg; sie wollte ihm einen
Stoß versetzen, fürchtete aber, sich zu stechen,
und fragt: „Igelchen, Igelchen, hast du nicht ge-
sehen, wohin die wilden Schwäne geflogen sind?“
– „Dorthin!“ zeigte er. Sie lief weiter – da steht
eine Hütte auf Hühnerbeinen, steht und dreht sich
im Kreise. In der Hütte sitzt eine Baba-Jagá, die
Fratze wie Leder, die Beine aus Lehm; da sitzt
auch das Brüderchen auf einer Bank und spielt
mit goldenen Äpfelchen: Die Schwester sah ihn,
stahl sich heran, nahm ihn auf den Arm und trug
ihn fort – die wilden Schwäne aber hinter ihr her!
Sie holen sie gleich ein, die Bösewichter, wo soll
sie sich verstecken? Da eilt das Milchflüßchen mit
den Breiufern dahin. „Flüßchen, Mütterchen, ver-
steck mich!“ – „Iß von meinem Brei!“ Es blieb ihr

510
nichts anderes übrig, sie aß. Das Flüßchen setzte
sie unters Ufer, und die wilden Schwäne flogen
vorbei. Sie kam hervor, sagte: „Danke!“ und läuft
mit dem Brüderchen weiter; die wilden Schwäne
aber waren umgekehrt und fliegen ihr entgegen.
Was tun? Unglück! Da steht der Apfelbaum! „Ap-
felbaum, Mütterchen Apfelbaum, versteck mich!“
– „Iß meinen Holzapfel!“ Schnell aß sie ihn. Der
Apfelbaum breitete seine Zweige über sie und
deckte sie mit seinen Blättern zu; die wilden
Schwäne flogen vorbei. Sie kam hervor und läuft
mit dem Brüderchen weiter, die wilden Schwäne
aber sahen sie – und ihr nach. Sie sind ganz nah,
schon schlagen sie sie mit ihren Flügeln; ehe du
dich’s versiehst, werden sie ihr’s aus den Händen
reißen. Zum Glück steht der Ofen auf dem Wege.
„Ofen, gnädiger Herr, versteck mich!“ – „Iß von
meiner Roggenpirogge!“ Das Mädchen steckte
schnell die Pirogge in den Mund, und dann in den
Ofen hinein und ins Ofenloch gesetzt. Die wilden
Schwäne flogen und flogen, schrien und schrien
und flogen ohne Beute davon. Sie aber lief nach
Hause, und es war nur gut, daß sie rechtzeitig
kam, denn Vater und Mutter kamen auch gerade.

511
48
Daumengroß
In einem Zarenreich, in einem Staat lebten einmal
ein alter Mann und eine alte Frau. Sie waren arm
und hatten nur ein elendes Pferdchen. Der Alte
fuhr pflügen. Die Alte packte ihm Brot und Salz in
einen Beutel, etwas Hirse in ein Säckchen und ei-
nen Krug mit Wasser. Der Alte fuhr los. Der Alte
kam aufs Feld, spannte das Pferd vor den Pflug
und begann zu pflügen. Pflügte und pflügte und
war ganz ermattet. Er ließ das Pferd in einer Fur-
che stehen, setzte sich hin, brach sich ein Stück
Brot ab, salzte es und ißt. Nun, und nahm einen
Schluck aus dem Krug.
Er aß und aß, und wie er einmal niest und die
Äugen wieder aufgemacht hat, steht ein kleiner
Junge vor ihm, so groß wie ein Finger, in einem
goldenen Mützchen, und sagt:
„Väterchen, ruh ein wenig aus, ich will pflügen
gehen!“
„Wie denn, du kleines Kerlchen?“
„Sehr einfach, ich krieche dem Pferd ins Ohr
und werde pflügen.“
„Nun, geh!“
Er ging los, aber da war ein Wasser.
„Väterchen, ich komme hier nicht drüber.“
Nun, er trug ihn über die Pfütze.

512
Er kam zum Pferd, kletterte ins Ohr und pflügt.
Da kommt auf einmal ein vornehmer Herr in einer
Troika gefahren. Der sieht: der Alte sitzt, und das
Pferd pflügt allein. Er befahl dem Kutscher, zu
dem Alten hinzulenken. Sie hielten an, und der
Herr fragt:
„Dein Pferd?“
„Meins!“
„Wie pflügt es denn allein?“
„Mein Sohn ist dort.“
„Wo?“
„Im rechten Ohr des Pferdes sitzt er.“
Der Herr ging nachsehen, und im Ohr des Pfer-
des sitzt der Kleine im goldenen Mützchen. Dem
Herren gefiel das goldene Mützchen, und er sagt:
„Junge, gib mir das goldene Mützchen zum Hei-
raten!“
„Ich geb’ dir’s und du gibst’s nicht zurück!“
„Doch, ich geb’s zurück!“
„Nein, du gibst’s nicht zurück!“
„Doch, ich geb’s zurück; in zwei Tagen bring’
ich’s wieder!“
Der Junge gab das Mützchen hin, der Herr
nahm’s, stieg ein und fuhr davon.
Der Junge hat den Acker zu Ende gepflügt,
kommt nach Hause und sagt:
„Nun, Mütterchen, Väterchen, bleibt ihr zu Hau-
se, ich aber will zu dem Herrn nach dem goldenen
Mützchen gehen. Ich sehe, er ist ein Spitzbube
und gibt’s im guten nicht zurück.“ Und er ging los.
Ging und ging durch den Wald, da steht auf ein-
mal ein Fuchs:

513
„Daumengroß, gehst du weit?“
„Zum Herrn nach dem goldenen Mützchen.“
„Nimm mich mit!“
„Du kommst ja doch nicht bis hin.“
„Doch, ich komme bis hin!“
„Nun, komm mit!“
Sie gingen und gingen; der Fuchs sagt:
„Daumengroß, ich bin ganz matt.“
„Kriech in meinen Sack.“
Er geht weiter, da steht auf dem Wege ein
Wolf.
„Daumengroß, gehst du weit?“
„Ich – zum Herrn nach dem goldenen Mütz-
chen.“
„Nimm mich mit!“
„Du kommst ja doch nicht bis hin.“
„Ich komme bis hin!“
„Nun, komm mit!“
Sie gingen und gingen, da sagt der Wolf:
„Junge, ich bin ganz matt!“
„Kriech in meinen Sack!“
Er geht weiter durch den tiefen Wald und trägt
seinen Sack auf den Schultern. Da steht auf dem
Wege ein Bär.
„Daumengroß, gehst du weit?“
„Zum Herrn nach dem goldenen Mützchen, Mi-
chail Iwanowitsch.“
Der Bär brummte:
„Nimm mich mit!“
„Du kommst ja doch nicht bis hin.“
„Doch, ich komme bis hin!“
„Nun, komm mit!“

514
Sie gingen und gingen; der Bär sagt:
„Junge, ich bin fast ganz matt!“
„Nun, kriech in meinen Sack!“
Sie gingen weiter. Da ist auch schon der Kauf-
mannshof. Ein hohes Haus.
Der Junge kletterte aufs Tor und schreit:
„Herr, Herr, gib das goldene Mützchen zurück,
sonst schaffe ich Leid, daß es deiner Herrin leid
tun wird!“
Der Herr befahl den Dienern:
„Werft ihn den Gänsen vor, sollen sie ihn zu
Tode zwicken!“
Sie taten’s, aber er ließ den Fuchs aus dem
Sack. Der Fuchs lief, erwürgte eine nach der an-
deren, alle Gänse, und jagte davon in den Wald.
Er kommt aus dem Hof, klettert aufs Tor und
schreit:
„Herr, Herr, gib das goldene Mützchen zurück,
sonst schaffe ich Leid, daß es euch beiden leid tun
wird!“
Der Herr befiehlt den Dienern:
„Packt den Jungen und werft ihn unter die Pfer-
de!“
Sie taten’s. Aber er ließ aus seinem Sack den
Wolf heraus, der biß einem nach dem anderen die
Gurgel durch und rannte davon in den Wald.
Er kam aus dem Hof, kletterte aufs Tor und
schreit:
„Herr, Herr, gib das goldene Mützchen zurück,
sonst schaffe ich Leid, daß es dir und der Herrin
leid tun wird!“
Der Herr befiehlt:

515
„Werft ihn auf den Viehhof!“
Sie warfen ihn auf den Viehhof, unter die Och-
sen, aber er ließ aus seinem Sack den Bären her-
aus, der Bär erschlug alle mit seiner Tatze und
rannte davon in den Wald.
Der Junge kam aus dem Hof, kletterte aufs Tor
und schreit:
„Herr, Herr, gib das goldene Mützchen zurück,
sonst schaffe ich Leid, daß es dir und der Herrin
leid tun wird!“
Der Herr befiehlt:
„Werft ihn in den Brunnen!“
Sie warfen den Jungen in den Brunnen, da sagt
er:
„Sack, Sack, nimm das Wasser! Sack, Sack,
nimm das Wasser!“
Der Sack nahm das ganze Wasser.
Der Junge kletterte aufs Tor und schreit:
„Herr, Herr, gib das goldene Mützchen zurück,
sonst schaffe ich Leid, daß es allen Herren leid tun
wird!“
„Werft ihn in den Ofen, er wird im Feuer
verbrennen!“
Sie stießen ihn in den Ofen, aber der Junge
konnte noch sagen:
„Sack, Sack, gieß das Wasser auf die Ziegel!
Sack, Sack, gieß das Wasser auf die Ziegel!“
Das Wasser floß heraus, und das Feuer erlosch
auf der Stelle.
Der Junge kam heraus, kletterte aufs Tor und
schreit:

516
„Herr, Herr, gib das goldene Mützchen zurück,
sonst schaffe ich Leid, daß es allen Adligen und
großen und kleinen Herren leid tun wird!“
„Steckt ihn in einen Kasten und schüttet ihn mit
Geld zu. daß er dort erstickt, der Nichtsnutz!“
Der Junge aber sagt:
„Sack, Sack, nimm das Geld! Sack, Sack, nimm
das Geld!“
Der Sack steckte alles ein. Der Junge kam her-
aus, machte sich auf den Heimweg und brachte
den Sack voll Gold mit.
„Nun, Großvater, Großmutter, macht einen
Dreschplatz zurecht, breitet Sackleinwand aus, wir
wollen den Sack dreschen.“
Sie machten einen Dreschplatz zurecht. Der Al-
te schlägt einmal mit dem Dreschflegel zu, da roll-
te das Geld wie die Erbsen klirrend in alle Rich-
tungen.
Der Herr aber sagt:
„Werft den Jungen heraus, sonst fängt er noch
an zu riechen!“
Sie öffneten den Kasten, aber dort war weder
Junge noch Geld.
Er jagte hinterher. Kam zu dem Dreschplatz ge-
sprengt, und das Geld machte ding, ding, ding.
Der Herr stürzte hinzu, aber der Alte, ob nun
aus Versehen oder mit Absicht, versetzte dem
Herrn mit dem Dreschflegel eins vor den Kopf,
daß er gleich tot umfiel.
So lebten der Alte und die Alte bis an ihr Ende.
Die Enkel aber leben gewiß noch heute.

517
Jetzt, ohne Herrn, sind bessere Tage, jetzt darf
keiner ‘nen Jungen schlagen.

518
49
Der Soldat und der Teufel
Ein Soldat stand auf Wache, und er wollte gern
einmal für eine Weile in der Heimat sein.
„Und wenn mich“, sagt er, „der Teufel dorthin
trüge!“
Der war sogleich zur Stelle.
„Du hast mich gerufen?“ sagt er.
„Ja.“
„Erlaube“, sagt er, „gib dafür deine Seele!“
„Aber wie kann ich denn den Dienst verlassen,
von Wache weglaufen?“
„Ich werde für dich Wache stehen.“
Sie beschlossen, daß der Soldat ein Jahr in der
Heimat bleibt und der Teufel die ganze Zeit den
Dienst macht.
„Nun, runter das Zeug!“
Der Soldat warf alles ab, und ehe er sich’s ver-
sah, war er zu Hause.
Der Teufel aber steht auf Wache. Kommt der
General und sieht, daß alles an ihm nach Vor-
schrift ist, aber eines nicht: Die Riemen auf der
Brust sind nicht über Kreuz, sondern alle auf einer
Schulter.
„Was ist das?“
Der Teufel zieht hier und zupft dort, er kann sie
nicht anlegen. Einer gibt ihm einen Nasenstüber,
und dann setzt’s Prügel. Und sie prügelten den

519
Teufel jeden Tag. Sonst – in allem ein guter Sol-
dat, aber die Riemen immer auf einer Schulter.
„Was ist mit diesem Soldaten passiert?“ sagen
die Vorgesetzten. „Zu nichts mehr zu gebrauchen,
und früher war alles in Ordnung.“
Sie prügelten den Teufel das ganze Jahr. Das
Jahr war herum, der Soldat kommt den Teufel ab-
lösen. Der hat sogar die Seele vergessen: kaum
hatte er ihn gesehen, warf er alles von sich.
„Bleib mir vom Leibe“, sagt er, „mit eurem Sol-
datendienst! Wie haltet ihr das bloß aus?“
Und rannte davon.

520
50
Der Hexenmeister
In einem Zarenreich, in einem Staat lebte einmal
ein Matrose; er diente dem Zaren in Treue, führte
sich ordentlich, und deswegen kannten ihn auch
die Vorgesetzten. Einmal bat er um Landurlaub,
um ein wenig in der Stadt umherzugehen, zog
seine Matrosenbluse an und ging in ein Gasthaus;
setzte sich an den Tisch und verlangte Wein und
etwas zu essen; ißt, trinkt, und läßt sich’s gut
sein! Schon hat er für etwa zehn Rubel auffahren
lassen, aber er gibt noch immer keine Ruhe: bald
bestellt er das, bald etwas anderes.
„Hör mal, Matrose“, sagt der Kellner zu ihm,
„bestellen tust du viel, aber hast du auch genug
zum Bezahlen?“ – „Ach, Bruderherz! Am Geld
zweifelst du? Geld hab ich mehr als genug!“
Sogleich holte er ein Goldstück aus der Tasche,
warf’s auf den Tisch und sagt: „Hier, zahlen!“ Der
Kellner nahm das Goldstück, zog alles richtig ab
und bringt ihm den Rest zurück.
Aber der Matrose sagt zu ihm: „Nichts da zu-
rück, Bruderherz! Behalt’s als Trinkgeld!“
Am anderen Tag bat der Matrose wieder um Ur-
laub, kehrte im gleichen Gasthaus ein und verju-
belte noch ein Goldstück; am dritten Tag dassel-
be, und er kam von nun an fast jeden Tag,
bezahlte immer mit Goldstücken, nimmt aber

521
nichts zurück, sondern schenkt’s dem Kellner als
Trinkgeld. Da wurde der Gastwirt selber aufmerk-
sam auf ihn, und es kamen ihm Zweifel: „Was hat
das zu bedeuten? Ein lumpiger Matrose – nichts
Besonderes, aber mit dem Gelde wirft er um sich,
Donnerwetter! Eine ganze Schatulle voll Gold hat
er schon hergetragen!… Ihren Sold kenne ich,
keine Angst – damit kann man keine großen
Sprünge machen! Sicher hat er irgendwo die
Staatskasse bestohlen; man muß den Vorgesetz-
ten Meldung davon machen; will’s das Unglück,
gerät man noch in eine so böse Geschichte hinein,
daß man hinterher nicht mehr ein noch aus weiß
und womöglich noch nach Sibirien kommt.“ Also
erstattete der Gastwirt einem Offizier Meldung,
und der brachte es bis vor den General. Der Ge-
neral ließ den Matrosen zu sich kommen: „Gib’s
ehrlich zu“, sagt er, „wo hast du das Gold her?“ –
„Ha, von diesem Gold gibt’s in jeder Müllgrube
genug!“ – „Was erzählst du für Märchen?“ – „Kei-
ne, Euer Exzellenz! Nicht ich erzähle Märchen,
sondern der Gastwirt; soll er doch mal das Gold
zeigen, das er von mir bekommen hat!“
Sogleich wurde die Schatulle gebracht; sie ma-
chen sie auf, aber sie war mit lauter Knöpfen voll-
gestopft. „Wie denn das, mein Freund: Bezahlt
hast du mit Gold, und jetzt liegen Knöpfe drin?
Zeig, wie hast du das gemacht?“ – „Ach, Euer Ex-
zellenz! Seht dort, unser letztes Stündlein ist ge-
kommen…“ Sie sehen auf, da strömte durch Fen-
ster und Türen das Wasser nur so herein; immer
höher und höher, es reicht schon bis zum Hals.

522
„Herrgott! Was sollen wir jetzt tun? Wohin können
wir uns retten?“ fragt erschrocken der General.
Und der Matrose gibt zur Antwort: „Wenn Ihr
nicht ertrinken wollt. Euer Exzellenz, dann kriecht
mir in den Schornstein nach.“ Sie krochen also
hinein, kletterten bis aufs Dach, stehen da und
sehen nach allen Richtungen: die ganze Stadt un-
ter Wasser! Eine solche Überschwemmung, daß
an niedrigen Stellen überhaupt keine Häuser zu
sehen sind; und das Wasser steigt und steigt.
„Nun, mein Freund“, sagt der General, „da werden
wir beide wohl nicht heil davonkommen!“ – „Weiß
nicht; was sein soll, wird sein!“ – „Mein letztes
Stündlein ist gekommen!“ denkt der General,
steht da, ist gar nicht mehr er selbst und betet zu
Gott.
Auf einmal kommt irgendwoher eine Jolle vor-
beigeschwommen, verfängt sich am Dach und
bleibt an eben der Stelle stehen. „Euer Exzellenz“,
sagt der Matrose, „steigt schnell in die Jolle, wir
wollen abfahren; kann sein, wir kommen davon,
vielleicht fällt das Wasser.“ Sie setzten sich beide
in die Jolle, und der Wind trieb sie über das Was-
ser hin; sie treiben einen Tag, treiben einen zwei-
ten, und am dritten begann das Wasser zu fallen,
und zwar so schnell – wohin war es nur geraten?
Ringsum wurde es trocken; sie stiegen aus der
Jolle und fragten gute Menschen: Wie heißt das
Land, und hat es sie weit getrieben? Es hatte sie
aber durch dreimal neun Länder getrieben, ins
dreimal zehnte Zarenreich; ein ganz fremdes,
unbekanntes Volk. Was nun tun, wie wieder in die

523
Heimat kommen? Geld haben sie keinen Groschen
bei sich, nichts, um sich fortzuhelfen. Der Matrose
sagt: „Wir müssen uns als Knechte verdingen und
etwas Geld zusammenkratzen; ohne das ist an
eine Heimkehr nicht einmal zu denken.“ – „Das ist
gut für dich, mein Freund! Du bist seit je an Arbeit
gewöhnt, aber ich? Du weißt doch, daß ich Gene-
ral bin, zu arbeiten verstehe ich nicht.“ – „Macht
nichts, ich werde eine Arbeit finden, bei der man
nichts zu verstehen braucht.“
Sie machten sich auf ins Dorf und boten sich als
Hirten an, – die Gemeinde war einverstanden und
stellte sie für einen ganzen Sommer ein; der Ma-
trose ging als Oberhirt, der General als Hirtenjun-
ge. So hüteten sie immerhin bis zum Herbst das
Vieh des Dorfes; danach sammelten sie von den
Bauern ihr Geld ein und begannen zu teilen. Der
Matrose teilte das Geld in zwei gleiche Hälften:
wieviel für sich, soviel auch für den General. Wie
der General sieht, daß der Matrose ihn sich gleich-
stellt, war er gekränkt und sagt: „Was stellst du
mich denn dir gleich? Ich bin doch General, und
du – immerhin nur einfacher Matrose!“ – „Sieh
mal an! Ich müßte drei Teile machen: zwei mir
nehmen, und für Euch ist einer genug: denn ich
war ein richtiger Hirte, Ihr aber – der Hirten-
junge.“ Der General wurde böse und fing an, den
Matrosen auf jede erdenkliche Weise zu be-
schimpfen; der Matrose aber hielt an sich und
nochmal an sich, dann holte er aus und stieß ihm
die Faust in die Seite: „Kommt zu Euch, Euer Ex-
zellenz!“ Der General kam zu sich und sieht: alles

524
ist wie vorher; wie er in seinem Zimmer gewesen
war, so hatte er es auch nicht verlassen! Er spürte
kein Verlangen mehr, den Matrosen zu richten,
entließ ihn, und der Gastwirt stand mit leeren
Händen da.

525
51
Der Soldat im Jenseits
In vergangenen Zeiten nämlich dienten die Solda-
ten fünfundzwanzig Jahre. Es ging einer als Jun-
ger fort und kam erst als Alter wieder. Nun, wie
man so sagt, in fünfundzwanzig Jahren hat der
Soldat mancherlei gelernt und nicht wenig hinter
sich gebracht. Und nun kommt also für ihn die
Zeit, nach Hause zu gehen. Da sagt der Offizier
zum Soldaten:
„Du hast dem Zaren treu gedient“, sagt er,
„und jetzt ist die Zeit herum, und es ist Befehl,
dich nach Hause zu entlassen. Der Kaiser gibt dir
einen leeren Brotbeutel und fünfundzwanzig Ko-
peken Reisegeld.“
Der Soldat denkt bei sich: „Nun, da habe ich al-
so in fünfundzwanzig Jahren fünfundzwanzig Ko-
peken und einen leeren Brotbeutel verdient. Was
werde ich nun unterwegs anfangen? Ich werde
um Gotteslohn betteln müssen.“ Nun, als der Sol-
dat seine Papiere schon bekommen hatte, die
fünfundzwanzig Kopeken und einen alten, uralten
Brotbeutel, nur noch zum Wegwerfen, nun, auch
das ist ein Verdienst, hing er ihn kurzerhand um,
legte zweimal Wäsche in seinen Tornister und
machte sich auf den Weg. Er geht einen Tag, geht
zwei, geht drei – da ist er mit allem am Ende und
hat auch das Geld ausgegeben. Was ist das schon

526
für Geld? Er hat Tabak gekauft, Seife, und damit
Schluß. „Was soll ich jetzt anfangen?“ denkt er.
„Bis nach Hause ist es noch weit.“ Früher gab es
keine Züge und auch keine Autos – nichts. Nun,
er mußte also zu Fuß gehen, zu Fuß aber sind es
mindestens an die sechs Monate bis nach Hause.
Der Soldat dachte nach und dachte nach und
denkt: „Ein lebender Mensch geht nicht unter, ich
werde schön langsam gehen.“ Hier und da erbet-
telt er einen Bissen, geht eine Woche, geht eine
zweite, gelangt so in ein Dorf und kommt in eine
Hütte. Dort ist ein alter Mann und eine alte Frau.
Er sagt:
„Großväterchen“, sagt er, „laß mich bitte über-
nachten!“
„Och“, sagt er, „bitte, bitte, mein Bester, über-
nachte!“
Der Soldat nahm den Brotbeutel und den leeren
Tornister ab. – Und nun setzte er sich also hin,
um sich mit dem Alten und der Alten zu unterhal-
ten, sie aßen zu Abend, und er legte sich auf den
Hängeboden schlafen. Der Alte aber wurde in der
Nacht munter, und es kam ihm in den Sinn, ein-
mal nachzusehen, was der Soldat in Brotbeutel
und Tornister hat. Er macht den Tornister auf,
sieht hinein – leer. „Hm“, denkt er, „was ißt er
denn?“ Er begann den leeren Brotbeutel zu öff-
nen. Und kaum hatte er ihn offen, da sprang
plötzlich ein Teufelchen heraus.
„Was mußt du mich behelligen, Alter?“ sagt es.
„Mich“, sagt es, „behelligt mein Herr nicht, wievie-
le Tage und wieviele Wochen er schon unterwegs

527
ist, und du“, sagt er, „hergelaufener Kerl, behel-
ligst mich!“
Nun, unser Alter machte den Brotbeutel wieder
zu, legte sich schlafen und spricht ein Gebet.
„Nein so was“, sagt er, „Herrgott, der Soldat hat
mit dem Teufel Umgang.“
Nun, am Morgen also wird der Soldat munter,
steht auf, wäscht sich, geht, wie er’s gewöhnt ist,
zum Heiligenbild und betet zu Gott. Der Alte sieht,
daß der Soldat nach Christenart sein Morgengebet
spricht. Er fragt den Soldaten:
„Soldat?“
„Was, Großväterchen?“
„Was hast du in dem Brotbeutel?“
„Nichts“, sagt er, „Großväterchen. Der Brotbeu-
tel ist leer.“
„Ach, du lügst, Soldat, in deinem Brotbeutel ist
der Teufel.“
Da erriet der Soldat, was los war.
„Nun“, sagt er, „das hat dir nur geträumt.“
„Ich weiß nicht“, sagt er, „aber ich habe den
Teufel genau gesehen.“
Da hatte die Alte Pfannkuchen gebacken und
setzte den Soldaten an den Tisch.
Er aß, warf Tornister und Brotbeutel über und
machte sich auf den Weg. Nun, er war etwas ge-
gangen, da überraschte ihn die Nacht. Er versuch-
te nicht erst, ein Dorf zu erreichen, sondern blieb
über Nacht im Wald. Als er über Nacht im Wald
war, kam ihm in den Sinn, den Brotbeutel zu öff-
nen und sich zu überzeugen, ob es mit dieser Ge-
schichte seine Richtigkeit hatte oder nicht. Als er

528
den Brotbeutel geöffnet hatte, sprang das Teufel-
chen heraus und sagt:
„Nun höre, Soldat, du bist mein Herr, und ich
bin dein Diener. Was möchtest du jetzt haben?“
Der Soldat sagt:
„Bring mir irgend etwas zu essen!“
Das Teufelchen schoß sogleich wie eine Kugel
ins Dorf, beschaffte ihm Brot, beschaffte Fleisch,
einen Topf, einen Löffel und alles, was sonst noch
dazugehört. Der Soldat machte schnell ein Feuer
und beginnt das Fleisch zu kochen. Als das Fleisch
gekocht war, sagt er:
„Nun, Teufelchen, komm, setz dich und iß!“
Das Teufelchen setzte sich, und die beiden
aßen. Der Soldat machte den Brotbeutel zu, und
das Teufelchen legte sich hinein. Jetzt, in aller
Herrgottsfrühe, macht der Soldat den Brotbeutel
auf, und das Teufelchen kam herausgesprungen.
„Was steht zu Diensten, Soldat?“
„Höre, Teufelchen“, sagt er, „ich habe mich
müde gelaufen, ich brauche ein Pferd.“
„Schön“, sagt es, „das Pferd wird sofort da
sein.“
Er ging zum Pfarrer, stahl ein Pferd mit Sattel
und bringt’s zum Soldaten: „Steig auf, Soldat!“
Der Soldat stieg auf, umritt auf einem anderen
Wege dieses Dorf und reitet gemächlich seine
Straße. Ritten sie nun lange oder kurze Zeit, je-
denfalls machten sie schließlich halt, und er sagt
zum Teufelchen:
„Teufelchen, Teufelchen, ich hätte Lust, in jener
Welt zu sein und ins Paradies zu kommen.“

529
Als das Teufelchen diese Worte hörte:
„Nun, warum nicht“, sagt es, „wenn du Lust
hast, wirst du gleich dort sein. Setz dich auf
mich!“ sagt es.
Der Soldat setzte sich auf den Teufel, der Teufel
stieg zum Himmel empor und sagt:
„Dort“, sagt er, „geh zu diesem Tor, dort steht
der Erzengel, sag ihm, daß deine Seele ins Para-
dies will.“
Nun, er kommt also ans Tor, da steht der Erz-
engel. Der Soldat sagt:
„Höre, Erzengel, meine Seele will ins Paradies!“
Das Tor wurde natürlich aufgemacht, und der
Soldat betritt das Paradies.
Sieht, dort ist es sehr schön, einfach großartig
– Blumen, verschiedene Früchte. Nun, fürs erste
gefiel es dem Soldaten. Wie schön ist es doch im
Paradies! Als er sich aber zwei, drei Tage dort
aufgehalten hatte, war es ihm dort so zuwider,
daß er dieses Paradies schon nicht einmal mehr
ansehen mochte. Er setzte sich also auf eine Bank
und denkt: ja, lustig und schön ist’s hier, aber ei-
nes ist schlecht – keine Wirtshäuser sind hier und
kein Tabak. Er dachte nach und dachte nach und
sagt: „Warte!“ Nimmt seine Schnüre ab und be-
ginnt den Platz zu vermessen. Da kommt der En-
gel zu ihm:
„Was willst du machen, Soldat?“ sagt er.
„Ach“, sagt er, „in eurem Reich ist es zwar sehr
schön und lustig, aber“, sagt er, „ich möchte noch
etwas Lustigkeit hinzufügen: an dieser Stelle will

530
ich Tabak säen, und an dieser Stelle ein Wirtshaus
bauen.“
„Oh, Soldat, wenn das der Herrgott hört, jagt er
dich aus dem Paradies.“
Nun, der Soldat ließ sich natürlich nicht beirren
und begann Bäume zu fällen; er versteht zu bau-
en.
Der Erzengel hatte ihn eingelassen und muß
dem Herrgott darüber Meldung machen. Er geht
also und sagt:
„Herr“, sagt er, „ich habe einen Soldaten ins
Paradies aufgenommen, und dem“, sagt er, „hat
es wahrscheinlich nicht gefallen in unserem Para-
dies, er hat angefangen, ein Wirtshaus zu bauen,
und hat Tabak gesät.“
Gott wurde natürlich böse. „Hinaus mit ihm aus
dem Paradies“, sagt er, „und das Tor verschlie-
ßen!“ Der Soldat ging auf der Stelle aus dem Pa-
radies. Jetzt, da er das Paradies verlassen hat und
sich – ich weiß nicht wo – befindet, denkt er:
warum ist’s mir im Paradies nicht gut genug ge-
wesen, wohin soll ich jetzt gehen!? Da ist schon
das Teufelchen mit seinem Tornister zur Stelle,
setzt ihn wieder auf und sagt:
„Nun, Soldat, so in Gedanken?“
Jetzt, nachdem das Teufelchen ihm den Torni-
ster wieder aufgesetzt hat, sagt es zu ihm:
„Willst du vielleicht in die Hölle, Soldat?“
Der Soldat erschrak zwar vor der Hölle, aber
immerhin ist es doch interessant, sich auch die
Hölle mal anzusehen. „Ich will“, sagt er. „Nun,
dann komm mit!“

531
Nun, als sie am Höllentor waren, stürzte das
Teufelchen zum Satan:
„Herr“, sagt er, „Satan, ich habe einen Soldaten
in die Hölle gebracht!“
„Nun“, sagt der, „bring ihn mir mal her!“
Nun, der Soldat wurde gebracht. Satan besah
ihn sich von allen Seiten.
„Na schön, führ ihn hinein!“
Das Teufelchen führt ihn in die Hölle. Der Sol-
dat geht und sieht: manche sind an der Zunge
aufgehangen, andere kochen in einem Kessel.
Dem Soldaten wurde ängstlich zumute: och,
denkt er, wenn ich nur nicht auf einem heißen
Brattiegel tanzen muß.
Nun, schön. Er sagt zu dem Teufelchen:
„Nun, hör mal. Teufelchen, ruf sofort alle Teufel
zusammen!“
Alle Teufel sind jetzt versammelt. Der Soldat
sagt also zu den Teufeln:
„Nun“, sagt er, „seid ihr meine Untergebenen,
und ich bin euer Vorgesetzter.“
Er stellte alle Teufel in Reih und Glied auf und
sagt:
„Ich werde euch jetzt Kommandos geben, und
ihr führt sie aus.“
Die Teufel waren hiermit einverstanden. Da
kommandierte er:
„Rechts – um!“
Sie drehen sich nicht nach rechts um. Der Sol-
dat ergriff einen Knüppel und begann, sie mit die-
sem Knüppel zu bearbeiten.

532
„Was fällt euch ein“, sagt er, „das Wort des
Kommandeurs nicht zu beachten und dem Kom-
mando nicht zu gehorchen!“
Die Teufel heulten auf. Das Teufelchen kam zu
ihm gesprungen:
„Höre“, sagt es, „Soldat, hör auf, sie zu schla-
gen, sie werden sich nicht nach rechts drehen, sie
können es gar nicht; gib ihnen das Kommando
,Linksum!’“
Er gab ihnen das Kommando „Links – um!“ Sie
drehten sich, er kommandierte: „Im Gleichschritt
Marsch!“ und begann sie zu jagen. Jagte und jag-
te sie also; sie waren schon so matt, daß sie den
Soldaten zu betteln begannen:
„Soldat, entlaß uns, wir sind sehr müde!“
„Nun, schön“, sagt er, „geht und ruht euch bis
morgen früh aus!“
Jetzt brachte der Soldat noch einige Tage in
dieser Hölle zu, sah sich alles an und überlegte,
wie er die Menschen von solcher Qual befreien
könnte. Da begann er, die Teufel jeden Tag zu
jagen. Und dann sagt er zu ihnen:
„Nun, wie steht’s, gefällt euch das?“
„Ach, Soldat, wir haben das alles über.“
„Dann will ich euch mal was sagen.“
„Sprich!“
„Und ihr werdet’s ausführen?“
„Ja, nur jag uns nicht mehr!“
„Geht also zum Satan und sagt, der Soldat bit-
tet den Satan, alle Sünder aus der Hölle freizulas-
sen. Dann werde ich euch nicht mehr jagen. Wenn
er aber“, sagt er, „das nicht ausführt, dann“, sagt

533
er, „werde ich eure Gegend, die ganze Hölle, auf
der Stelle weihen“, sagt er, „und hier eine Kirche
bauen.“
Sprach’s und schickte die Teufel fort.
Die Teufel rennen einer schneller als der andere
zum Satan. Kommen hin und sagen:
„Oj, Satan, Satan“, sagen sie, „was für ein Sol-
dat ist zu uns geraten, niemandem“, sagen sie,
„gönnt er Ruhe. Wir sind gekommen“, sagen sie,
„dich zu bitten, alle Sünder aus der Hölle freizu-
lassen.“
Der Satan sagt:
„Das“, sagt er, „kann ich nicht machen, wer
bleibt denn dann noch bei uns?“
Da sagen die Teufel zu ihm:
„Dann will er“, sagen sie, „unsere Hölle weihen
und eine Kirche bauen.“
Der Satan, versteht sich, erschrak.
„Schön“, sagt er, „mag er alle seine Leute mit-
nehmen und von hier fortführen.“
Als der Soldat also diese Anweisung erhalten
hatte, machte er das Höllentor auf und beginnt zu
rufen:
„Das ganze sündige Volk, ‘raustreten aus der
Hölle!“
Nun, das gab ein Gedränge, einer stößt den an-
deren, und sie freuten sich, daß man sie aus der
Hölle entließ. Alle bis auf den letzten Mann gingen
aus der Hölle. Die Hölle war leer geworden. Nun,
jetzt hatte der Soldat die Hölle verlassen und hat-
te das Paradies verlassen. Was sollte er jetzt tun?
Er setzte sich hin und überlegte: wie kann ich auf

534
die Erde und nach Hause kommen? Er überlegte
und überlegte und ging dann zum Satan.
„Satan“, sagt er, „wie könnte ich wohl auf die
Erde kommen, – ich möchte“, sagt er, „gern mal
nach Hause.“
Der Satan sagt zu ihm:
„Du hast mir“, sagt er, „keinen einzigen Men-
schen in der Hölle gelassen. Gib mir wenigstens
ein paar“, sagt er, „dann schicke ich dich auf die
Erde.“
Der Soldat überlegte: jeder einzelne tut ihm
leid, jeder einzelne ist ihm teuer. Jetzt setzte er
sich hin und denkt nach. Da sieht er auf einmal
einen Mönch kommen, und hinter ihm kommt ein
Pope. „Das freilich“, sagt er, „sind überflüssige
Menschen!“ Er stellte alle in Reih und Glied auf
und schickte sie in die Hölle. Der Satan freute sich
auch hierüber, sandte das Teufelchen zu ihm, und
das schickte ihn auf die Erde und nach Hause. Der
Soldat lebte von nun an herrlich und in Freuden.
Die Popen und Mönche nämlich konnte er nicht
leiden.

535
52
Der Schmied und der Teufel
Wenn ein Schmied an den Frischfeuern arbeitete,
sich vierzehn Stunden lang abgeschunden und am
Feuer gestanden hatte und ganz mit schwarzem
Ruß beschmiert war, sah er wirklich dem Teufel
ähnlich.
Nun, und was wollte ein Schmied danach an-
fangen, wohin konnte man gehen außer ins Wirts-
haus? Und wer trank schon nicht? Damals trank
jeder.
Kam der Schmied ins Wirtshaus, betrank er sich
auf Kredit und fing an zu krakeelen.
Dann packte ihn der Wirt am Kragen und setzte
ihn auf die Straße:
„Geh, dreckiger Teufel!“ Und er kreidete ihm
einen halben Rubel zuviel an.
Der Schmied ging nach Hause. Elend war ihm
zumute, und er zog, wie es ihm gerade einfiel,
über die Aufseher, den Fabrikherrn, das Wirts-
haus, alle Teufel, nun, mit einem Wort: über alle
her, die ihm das Blut aus den Adern sogen.
Es hat viele „Geschichtchen“ über dieses Leben
gegeben. Erzählen durfte man sie ja nicht: woll-
te’s das Unglück, dann hörte es irgendein Schwei-
nehund und hinterbrachte es dem Aufseher. Dann
konnte man sehen, wie man die Sache wieder in
Ordnung brachte.

536
An eine erinnre ich mich vielleicht noch so eini-
germaßen, habe nur dieses oder jenes Wort ver-
gessen.
Einmal hatten sie einen Schmied aus dem
Wirtshaus geworfen. „Geh, Teufel, Leuteschreck!“
Der Schmied ging die Straße entlang, geht und
denkt bei sich: „Der Teufel bin ich zwar nicht, wä-
re aber mit größtem Vergnügen bereit, der Teufel
zu sein und in der Hölle zu leben. Soll doch der
Teufel mal an meiner Stelle leben und erfahren,
wie es uns geht.“
Der Teufel aber ist bekanntlich der Teufel. Du
sprichst von ihm, und er ist gleich zur Stelle. Er
hörte, wie der Schmied den Teufel im Munde führ-
te, und denkt: „Warte, mein Freund, du kennst
anscheinend mein Leben nicht; ich werde dich mal
in die Hölle führen, du wirst daran denken!“
Der Teufel kommt zum Schmied und sagt:
„Sei gegrüßt, Schmied, ich habe dich schon
lange mal besuchen wollen!“
„Wer bist du denn?“ fragt der Schmied.
Der Teufel ringelte seinen Schwanz, zwinkerte
mit dem Auge und sagt:
„Erkennst mich nicht, was? Du wolltest doch
mit mir tauschen. Ich bin der Teufel in eigener
Person.“
Auf den Schmied machte das keinen Eindruck –
der Teufel, dann eben der Teufel. Der Schmied
liebte es nicht, lange Reden zu halten, und sagt:
„Los, tauschen wir: ich gehe zu dir, das heißt in
die Hölle, und du zu mir – an die Frischfeuer. Bei
dir ist’s besser!“

537
Der Teufel sagt:.
„Du warst noch nicht in der Hölle, hast den Tod
noch nicht kennengelernt, deswegen sprichst du
so.“
Mit einem Wort, der Teufel beharrte auf seinem
Standpunkt, der Schmied auf seinem.
Da wurde der Teufel böse auf den Schmied we-
gen seiner Querköpfigkeit und zerrte ihn in die
Hölle: ihm die Gefolterten und die Sünder zu zei-
gen, die in den Pechkesseln sieden.
Sie kamen in die Hölle, und der Teufel führte
den Schmied durch die Feuerhölle, zeigt ihm alles
und denkt, daß der Schmied sich entsetzt und
umkehrt; der Schmied aber bleibt völlig gelassen
und fühlt sich wie zu Hause. „Für manchen die
Hölle, für mich ein Paradies“, sagt er. Sie gingen
und gingen, und der Teufel fragt den Schmied:
„Nun, wie ist’s… schrecklich? Siehst du die Sün-
der, wie sie leben – in Pechkesseln sieden?“
Da wurde der Schmied böse und sagt zum Teu-
fel:
„Mach’s mit deiner Mutter“, das heißt mit der
Teufelsmutter, „und erzähle mir keine Märchen.
Komm mit, ich will dir eine Hölle zeigen. Etwas
Reelles, während wir hier nur die Zeit vergeuden,
und es kommt nichts heraus dabei.“
Der Schmied schleppte den Teufel zu den
Frischfeuern. Sie kommen also hin. Gehen durch
die Herdhalle, in der ist aber schwarze Nacht vor
Staub und Ruß: hundert Frischfeuer brennen;
vierhundert Hämmer dröhnen. Die Arbeiter gehen

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umher, haben Gesichter, wie nicht anders zu er-
warten – keine Haut auf dem Gesicht.
Der Schmied geht voran, der Teufel hinterher.
Da begannen sie gerade, die Frischstücke einzu-
bringen und dem Meister auf der Schaufel zu rei-
chen. Die Funken sprühten aus den Augen, der
Teufel kriegt schon keine Luft mehr.
Da geschieht vollends ein Unglück: der Fabrik-
herr hatte den Schmied gesehen und schrie:
„Was spazierst du untätig herum, du Teufel, ich
werde dir die Fresse einschlagen!“
Der Teufel erschrak und fragt den Schmied:
„Was macht der hier, he?“
„Die Fressen will er allen einschlagen, und dir
wird er sie auch einschlagen“, sagte der Schmied
und wollte dabei einen Blick auf den Teufel wer-
fen. Kaum hatte er über die Schulter geschielt, da
machte der Teufel schon kehrt, um zu verschwin-
den.
Da sagt der Schmied zum Teufel:
„Wohin willst du, Teufel, das ist noch nicht alles
– du solltest dir wenigstens einmal ansehen, wie’s
der Fabrikherr uns heimzahlen wird. Lerne“, sagt
er, „wie man mit den Sündern in der Hölle umge-
hen muß!“
„Nein“, sagt der Teufel, schlug mit seinem
Schwanz einen Kreis und war nicht mehr zu se-
hen.
Der Schmied aber dachte noch lange daran, wie
er den Teufel zu den Frischherden geführt hatte,
und schwor sich, mit Teufeln kein Wort mehr zu
wechseln.

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Vom Hammerschmied und dem Teufel
In Bilimbai in der Fabrik hat der Mann gearbeitet,
von dem ich erzählen will. Sah man ihn an – ein
ganz gewöhnlicher Mensch, aber er war der beste
Meister. Wo war er nicht überall gewesen: am
Hochofen hatte er gearbeitet, am Frischeisen-
hammer hatte er gestanden. Besser als er konnte
keiner das Frischeisen packen; und was ganz selt-
sam war – er hatte dauernd mit Feuer zu tun,
aber im Gesicht hatte er auch nicht einen einzigen
Fleck.
Kein Zweifel, er verkehrte mit dem Teufel. So
sagten die Leute.
Dann ging er weg von der Fabrik – wurde ent-
lassen. Wieder eine unklare Sache. Er war ein
Mann in vollem Saft, unverbraucht, aber er wurde
entlassen. Wieder eine unsaubere Sache. Und was
denkt ihr? Er befaßte sich mit der Goldsucherei,
fand eine reiche Stelle, wo – das sagte er nicht.
Kehrte zurück und ging wieder auf Arbeit. Baute
sich ein Häuschen – ein schönes, von zwei Stock-
werken. Mit seiner Frau lebte er einträchtig, gut
lebte er. Einen Sohn hatte er, der arbeitete als
Schmied in der Fabrik. So ein Kräftiger, Lustiger.
Bei Prügeleien der erste. Den Vater liebten die Ar-
beiter nicht, hinter dem Sohn aber standen sie;
wenn nötig, deckten sie ihn sogar gegenüber den

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Vorgesetzten. Der Sohn war nicht abgeneigt, eine
halbe Flasche oder ein Achtel auszutrinken, der
Vater aber – um nichts in der Welt ging er auch
nur in ein Wirtshaus. Und daß er einmal den Teu-
fel erwähnt hätte – Gott behüte! Ein komischer
Kerl. Sagte ihm einer: „Mach’s mit des Teufels
Mutter“, antwortete er: „Das würde ich gern, aber
sie läßt mich nicht zu sich. Sie ist eine hochgebo-
rene Frau.“
Er war schon hoch in den Jahren, da stellten sie
den Alten an den Wasserhammer. Die Leute wur-
den aufmerksam. Am Feiertag deckte er das Rad
zu, aber der Hammer geht von selber. Verständ-
lich, „Er“ arbeitete für ihn. So kam es auch her-
aus.
Der Alte hatte in seinem neuen Hause, das er
von seiner Goldsucherei gebaut hatte, einen Teu-
fel an die Wand gemalt, einen ganz richtigen:
kleine Hörner, Hufe an den Füßen und ein
Schwänzchen – alles wie es sich gehört. Und je-
den Tag, wenn der Meister auf Arbeit ging, holte
er sein ganzes Werkzeug zusammen und vergaß
nicht – trat vor den Teufel, vor den, der an der
Wand war, verneigte sich und schwang den
Hammer. So ging das die ganze Zeit.
Als der Alte völlig von Kräften gekommen war,
ruft er seinen Sohn und sagte zu ihm:
„Es ist wohl jetzt die Zeit zu sterben für mich
gekommen – so höre, mein lieber Sohn; viel zu
sagen habe ich dir nicht, eines nur bitte ich dich:
Wenn ich gestorben bin, vergiß nicht das Väter-
chen Teufel; ehe du auf Arbeit gehst, verneige

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dich vor ihm und schwinge den Hammer. Ohne
das wirst du im Leben kein Glück haben.“
Der Sohn sieht – der Alte ist schon im Hinschei-
den. Er wollte dem Alten Achtung erweisen und
versprach ihm, den Teufel nicht zu vergessen.
Damit starb der Alte.
Seit jener Zeit, wenn der Sohn dieses Meisters
auf Arbeit ging, nahm er sein Werkzeug zusam-
men, ging an dem Teufel vorbei, gab ihm eins mit
dem Hammer in die Fratze und ging. So wurde
jene Stelle an der Wand mit jedem Mal mehr ab-
geschlagen. Eines Tages hatte er dem Teufel an
der Wand eins mit dem Hammer versetzt, da war
an der Stelle ein Loch in der Mauer – an der Stelle
des Portraits. Aus dem Loch kam der Teufel her-
aus.
„So und so“, sagt er, „weswegen peinigst du
mich so? Erweist mir keine Achtung? Ich werde
dir dafür kein Glück geben. Dein ganzes Leben
wirst du Not leiden!“ Der Meister aber lacht den
Teufel aus. „Nichts kannst du“, sagt er. „Das ist
alles leeres Gerede!“ Der Teufel sagt ihm seines;
er dem Teufel seines. So stritten sie. „Ehe du he-
rumstreitest“, sagt der Meister, „mach das, was
ich nicht machen kann, dann will ich dir glauben.
Siehst du dort die Alte mit dem Stock humpeln?
Mach, daß sie wie eine Junge rennt!“
Der Teufel ist gleich bereit. Er sammelt schnell
Kräuter, kocht eine Suppe, gibt sie der Alten zu
trinken und so weiter.

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Die Alte trank’s aus, klatschte in die Hände,
warf den Stock beiseite und rannte los. Der Teufel
frohlockte:
„Nun, wie ist’s – glaubst du jetzt, daß ich alles
kann?“
Der Meister schüttelte den Kopf:
„Die hat von deiner Suppe das Laufen gekriegt.
So etwas bringe ich auch zustande. Ich will dir
etwas zu trinken geben, und du wirst rennen. Und
wenn du auch nicht willst. Aber mache jetzt, daß