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Buch:
Englische Geistergeschichten in der
Tradition von M. R. James
Berührungen der Nacht dokumentiert in schaurig-schönen Bei-
spielen die große Tradition der englischen Geistergeschichte,
wie sie M. R. James (1862 – 1936) zur Vollendung brachte.

In den Fußstapfen des Meisters haben Freunde und Eleven, vie-


le von ihnen Universitätslehrer oder Geistliche, subtile Kabi-
nettstücke einer gespenstischen Erzählkunst geschaffen, die
hier erstmals in einer repräsentativen Auswahl deutscher Spra-
che vorgelegt werden. Genießen Sie die Schrecken verbotener
Bücher, lassen Sie sich auf die dunklen Geheimnisse englischer
Herrenhäuser oder Kirchen ein – aber schmunzeln Sie auch
über die liebenswürdige Schrulligkeit stockbritischer Akademi-
ker, die wohl auch dann noch die Form zu wahren wüßten,
wenn sie nächtens ihrem eigenen Doppelgänger begegneten!

Geistergeschichten von M. R. JAMES, A. GRAY, A. C.


BENSON, W. C. DICKINSON, R. H. MALDEN, A. N. L.
MUNBY, L. T. C. ROLT, E. G. SWAIN u. a.

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1. Auflage Juni 2002
Originalausgabe
© dieser Ausgabe 2002 by Festa-Verlag
www.Festa-Verlag.de
Umschlaggestaltung unter Verwendung des Gemäldes
›Das blinde Haus‹ von William Degouve de Nunques
Zeichnung auf Seite 3 von Willi Glasauer, Berlin
Druck und Bindung: Wiener Verlag, A-2325 Himberg
Alle Rechte vorbehalten

ISBN: 3-935-82247-2

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Inhalt

Vorbemerkung:
Frank Rainer Scheck: Dr. James und seine ›Gang‹ 7

M. R. James (1862-1936)................................................................. 33
Zwei Ärzte 38
Die Beschwörung 53

A. C. Benson (1862-1925)................................................................. 64
Aus dem Meer 68
Das verschlossene Fenster 89

Arthur Gray (Ingulphus) (1852-1940) .............................................106


Der Nekromant 109
Einbildungen 121

E. G. Swain (1861-1938)..................................................................140
Der Mann mit der Walze 144
Familie Richpin 159

W. C. Dickinson (1897-1963) ..........................................................183


Die alte Abtei 186
Ein Werk des Bösen 204

Frederick Cowles (1900-1948).........................................................217


Die seltsamen Geschehnisse in Upton Stonehold 222
Das Haus der Tänzerin 246

R. H. Malden (1879-1951)...............................................................264
Die Grabplatte 268
Berührungen der Nacht 294

A. N. L. Munby (1913-1974) ...........................................................312


Die Alabasterhand 316
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Nummer neunundsiebzig 330

Eleanor Scott (1892-1965)...............................................................339


Celui-là 345
Die zwölf Apostel 374

Basil A. Smith (1908-1969)..............................................................412


Der Schalottenstein 415
Properts Vermächtnis 444

Margaret Irwin (1889-1967) ............................................................516


Das Buch 519
Die Messe 542

L. T. C. Rolt (1910-1974).................................................................567
Die Freuden der Musik 570
Das Wappenzimmer in Ashcombe 596

Anhang 610

M. R. James: Geschichten, die ich schreiben wollte......................610


M. R. James: Einige Bemerkungen über Gespenstergeschichten.615
M. R. James: Seid gut zu Euren Gespenstern!...............................627
L. T. C. Rolt: Die Gespenstergeschichte – ein Nachruf ................633

EDITORISCHE NOTIZ..............................................................648

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Frank Rainer Scheck
Dr. James und seine ›Gang‹

Ebenso höflich und liebenswürdig in seinen Umgangsformen


wie dezidiert in seinen wissenschaftlichen Ansichten soll er
persönlich gewesen sein, jener Dr. James, der seine beiden Vor-
namen – Montague und Rhodes – unentwegt abkürzte. Die
Grunddaten seines Lebenslaufs und seiner Bibliographie wer-
den an anderer Stelle referiert (s. S. 27ff. ). Hier interessiert seine
Ausstrahlungskraft auf einen Kreis britischer Intellektueller, die
mit mehr oder minder großer Begabung literarisch seinen Spu-
ren folgten und – sofern ihnen dies vergönnt war – an seinen
Lippen hingen, wann immer er die geschulte Stimme erhob.
Zugleich interessiert, warum James bis heute eine Schlüsselfi-
gur der phantastischen Literatur geblieben ist – und dies trotz
eines Œuvres von eher bescheidenem Umfang.

Nach meiner Auffassung, die noch zu erläutern sein wird,


macht letztlich dies seine Bedeutung aus: M. R. James hat auf
dem Feld der angloamerikanischen Geistergeschichte das voll-
endet, was – der von ihm hochverehrte – Sheridan Le Fanu ein-
geleitet hatte. Er überführte die Gespenstergeschichte aus dem
bis dahin vorherrschenden viktorianischen Moralismus in einen
religiösen und wissenschaftlichen Agnostizismus. Damit ent-
sprach er dem sich wandelnden Zeitgeist – und damit ent-
spricht er auch heute noch einer ausgeprägten geistigen Strö-
mung.
Seltsamerweise ist S. T. Joshi, der renommierte US-
amerikanische Kritiker der unheimlich-phantastischen Litera-

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tur, sonst stets auf der Suche nach den weltanschaulichen
Grundlagen eines Autors, bei seiner ungnädigen James-
Darstellung in The Weird Tale (Austin/Texas 1990, S. 133-142)
nicht in der Lage, den philosophischen oder – vielleicht besser –
ideologischen Grundtonus zu erkennen, den James in seinen
Geistergeschichten seit 1904 spannte. Er begreift nicht, daß es
zwischen der religiös parfümierten Phantastik des 19. Jahrhun-
derts und dem atheistischen Vulgärmaterialismus eines H. P.
Lovecraft (den Joshi verehrt) einer vermittelnden Instanz be-
durfte, einer weltanschaulichen Zwischenposition, eben der des
Jamesschen Agnostizismus.
Diesen Sachverhalt begreifen allerdings auch viele der heuti-
gen Anhänger des Meisters nicht, die sich u. a. um »The Ghost
Story Society« und um die verdienstvolle Amateur-Zeitschrift
Ghosts & Scholars scharen. Rosemary Pardoe, Herausgeberin
jener Zeitschrift, wendet sich z. B. im Vorwort zu einem Nach-
druck von Samuel D. Russells ›Irony and Horror. The Art of M.
R. James‹ (Liverpool, 1993; S. 3; Erstveröffentlichung in The Aco-
lyte, Los Angeles/Cal. Herbstnummer 1945) gegen Russells An-
sicht, M. R. James habe nicht an Geister geglaubt. Der Minia-
turkonflikt ist müßig und lästig zugleich, insofern er verdun-
kelt, daß James nicht an Geister glaubte, aber ihre Existenz
niemals ausgeschlossen hätte. Denn eben dies, wenn ich mich
wiederholen darf: dieser erkenntnistheoretische Agnostizismus,
macht seine Grundposition aus, die übrigens manches der Phi-
losophie eines David Hume verdankt.
Vielleicht gelangen die weltanschaulichen Grundlagen, auf
denen James stand, bei Kritikern wie bei Anhängern deshalb
nicht in den Blick, weil man gelehrtes Werk und phantastisches
Œuvre des Autors auf beiden Seiten sorgsam scheidet: hier der

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seriöse Geisteswissenschaftler, dort der joviale ›Gespenster-
James‹, verstanden als etwas skurriler Steckenpferdreiter. Darrell
Schweitzers Urteil in ›M. R. James and H. P. Lovecraft. The
Ghostly and the Cosmic‹ (Studies in Weird Fiction 15, West War-
wick/Rhode Island 1994, S. 12-16) darf als exemplarisch gelten:
»Jamesʹ Belletristik ist das jahreszeitlich betriebene Hobby eines
Mannes, dessen eigentliche Interessen anderswo lagen.«
›Eigentliche Interessen‹ – zugleich aber Dutzende von Gei-
stergeschichten? Vorworte zu Kollektionen von ghost stories und
die verdienstvolle Sichtung von Le Fanus Werk – aber nur als
›jahreszeitliches Hobby‹? Wäre es denn nicht vorstellbar und
viel näherliegend, Jamesʹ phantastisches Werk in – latenter –
Einheit mit seinem wissenschaftlichen zu interpretieren, ehe
man den abgegriffenen Erklärungstopos vom ›Zwiespalt der
Persönlichkeit‹ bemüht?
Aber schon S. D. Russell hatte ja ein halbes Jahrhundert zuvor
gleichsam resignierend resümiert: »Die Liste seiner [Jamesʹ]
Veröffentlichungen umfaßt eineinhalb Kleindruckspalten im
Whoʹs Who« – offenbar zuviel selbst für all die entschlossenen
Adepten, die sonst noch die geringfügigste Anspielung, noch
den undeutlichsten topographischen Hinweis, dargeboten in
irgendeiner Gespenstergeschichte des maestro, mit manchmal
stupender Gelehrsamkeit und Findigkeit aufzuklären wissen.
Leider aber beschränkt sich auch Joshi in seiner erwähnten Kri-
tik auf ganze zwei Sätze zum wissenschaftlichen Werk.
Hätte er indessen auch nur einmal in die von James besorgte
Edition The Apocryphal New Testament (1924) – Joshi nennt die-
sen Titel – hineingesehen, so wäre ihm aufgefallen, wie sehr
James zeit seines Lebens in einem Sisyphusringen um wissen-
schaftliche Gewißheiten begriffen war.
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M. R. James als Vizekanzler von Cambridge um das Jahr 1913

Einerseits leistete er, gestützt auf sein vorzügliches Gedächtnis,


mit unendlichem Fleiß positivistische Bestandsaufnahmen, do-
kumentiert vor allem durch seine Kataloge mittelalterlicher Ma-
nuskripte in englischen Sammlungen, andererseits bewegte er
sich mit seinen Lesarten apokrypher Texte und in seinen Bibel-
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forschungen im Grenzbereich zwischen historischem Wissen
und fragiler oder auch fragwürdiger interpretativer Rekonstruk-
tion. Was gaben Quellen eigentlich her? Aus welchem Blickwin-
kel hatten die Autoren die Dinge betrachtet? Und wie waren die-
se Quellenberichte tradiert worden, wie sehr durch Abschriften
verändert? Was war überhaupt Authentizität? Wo endete das –
in sich schon problematische – ›Original‹, wo begann die Exege-
se? Was war letztlich historische Wahrheit? War sie überhaupt
gewinnbar? Blähten vielleicht falsche ›Gewißheiten‹ die Segel
der zeitgenössischen wissenschaftlichen Selbstsicherheit?
Die Grundproblematik von Erkenntnismöglichkeit und -
wahrheit hat James stets beschäftigt, aber natürlich hat er sie
nicht lösen können. Die biographische Besonderheit ist, daß er
sich auch dort mit diesem Thema auseinandergesetzt hat, wo er
– scheinbar – nur seinem ›jahreszeitlich betriebenen Hobby‹
frönte, der ghost story. Hier stellte er, häufig in historischen Sze-
narien, wie es seiner Ausbildung und Neigung entsprach, selt-
same, unerklärliche, meist ungut endende Ereignisse dar, in
denen seine scharfe intellektuelle Beobachtungsgabe aber im-
mer wieder um das zentrale Thema kreist: die Verläßlichkeit
des Augenscheins, die Fragwürdigkeit historischer Rekonstruk-
tion, die Grenzen des Positivismus, die Brüchigkeit der vor-
herrschenden Weltdeutung.
Es war das Genre der Geister- oder Gespenstergeschichte, in
dem James, ohne daß wissenschaftliche Kollegen pikiert die
Brauen lupfen konnten, seine ganz persönlichen, ihn Tag für
Tag umtreibenden Bedenken, Solidität und Reichweite ›gesi-
cherter‹ Erkenntnisse betreffend, unter der Hand zur Sprache
brachte. Daß dies nicht ohne einen Schuß lustvoller Provokati-
on geschah, läßt sich psychologisch leicht nachvollziehen.

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M. R. James als Dekan von Eton um das Jahr 1925

Trotz all der Würdigungen, die M. R. James im letzten halben


Jahrhundert erfahren hat, ob durch Peter Penzoldt (The Superna-
tural in Fiction, London 1952, S. 191-202), Julia Briggs (The Night
Visitors. The Rise and Fall of the English Ghost Story, London 1977,

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S. 124-141), Jack Sullivan (Elegant Nightmares. The English Ghost
Story front Le Fanu to Blackwood, Athens/Ohio 1978, S. 69-90),
Michael Cox (M. R. James. An Informal Portrait, Oxford 1983)
oder Glen Cavaliero (The Supernatural and English Fiction, Ox-
ford 1995, S. 51-56) – um nur wesentliche Beispiele zu nennen –,
war nach meiner Kenntnis Simon MacCulloch der erste, der in
den Studies in Weird Fiction 20 und 21 (West Warwick/Rhode
Island 1997, S. 2-12 bzw. S. 17-28) auf die Bedeutung des ›Wis-
sensthemas‹ innerhalb der phantastischen Prosa des Dr. James
hingewiesen hat. Bereits in seinem Titel ›The Toad in the Study.
M. R. James, H. P. Lovecraft and Forbidden Knowledge‹ weist
der Aufsatz übrigens auf ideologische Verbindungen zwischen
James und Lovecraft hin, auf die auch ich noch kurz zu spre-
chen kommen möchte, allerdings mit anderem Tenor als Mac-
Culloch. Denn das innere Band von wissenschaftlichen und
belletristischen Arbeiten des gelehrten Vielschreibers James ist
auch MacCulloch nicht gewärtig. Und wenn er meint, James
wie Lovecraft hätten sich in gleicher Weise mit der Frage des
›verbotenen‹ Wissens auseinandergesetzt, so verkennt er die
unterschiedlichen Wurzeln der beiden Autoren: Nicht nur
trennen dreißig zeitgeschichtlich entscheidende Jahre beider
Geburt, nicht nur die kantigen Unterschiede zwischen Alter
und Neuer Welt; vor allem unterscheidet Weltanschauliches
diese beiden Polyhistoren (als die MacCulloch sie zu recht be-
zeichnet). Statt des Formalismus unhistorischer und somit in
ihrer Ergiebigkeit beschränkter Vergleiche wäre eine Historio-
graphie der Phantastik vonnöten, welche die eine wie die ande-
re Gestalt in ihrem geschichtlichen Umfeld, ihrer sozialen
Grundierung, ihrer weltanschaulichen Entwicklung wahrnäh-
me. Aber wir verlangen zuviel – und können die Forderung ja

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auch selbst nicht erfüllen, sondern nur einige Andeutungen
machen.

Die Welt, in die M. R. James als Pfarrerssohn hineingeboren


wurde, erschien nach außen hin intakt. Es war dies der britisch-
viktorianische Kosmos mit der angeblich prüden, jedenfalls
aber machtbewußten Königin am weltlichen und der anglikani-
schen Kirche am spirituellen Ruder; ein mit härtesten Zügeln
geführter und mit härtesten Bandagen agierender Imperialis-
mus, der von den internationalen Peripherien her ungekannte
Reichtümer im britischen Archipel anhäufte. Je unverhohlener
in den Kolonien gemordet, gefoltert und geraubt wurde, je un-
gezügelter die Kolonialherren Rassismus demonstrierten, um
so mehr Gesittung mußte nach innen her, um so salbungsvoller
wurden die Kanzelworte, um so strikter hielt man das englische
Teezeremoniell ein. So wie sich hinter dem traditionsseligen
›Heimatschutzstil‹ nationalsozialistischer Architekten ein tech-
nologisch hochmoderner Angriffskrieg verbarg, so hinter den
guten Manieren und der preziösen Förmlichkeit der ›besseren
Kreise‹ im übergroßen Britannien der viktorianischen, edwardi-
schen und georgianischen Zeit kolonialistische Untaten, began-
gen nicht zuletzt auf dem indischen Subkontinent. An der
›Heimatfront‹ wurden die Augen nur zu gern geschlossen.

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Der junge M. R. James (rechts) mit James McBryde und Will Stone

Wir sprächen hier nicht über die Welt des zurückhaltenden,


hochgelehrten, nun ja, vielleicht etwas verschrobenen M. R. Ja-
mes? Im Gegenteil, wir reden eben über diese Welt, die eine
sehr realitätsmächtige und sehr realitätsflüchtige zugleich war;
in der auch die abgelegensten, menschenärmsten Pfarreien, wie
sie uns etwa Malden, Munby oder Swain vorstellen, dem geist-

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lichen Herrn ein repräsentatives Wohnhaus mitsamt fürsorgli-
chen Bediensteten gewährleisteten. Aber wer wollte denn schon
auf jene kolonialistisch gewonnenen Mittel zu sprechen kom-
men und nach so etwas Profanem wie der Finanzierung jener
Pfarreien fragen? Pfarreien, in der die Autoren der ›James-
Gang‹ ebenso wie ihre zaghaften, zuweilen auch verzagten
Helden behaglich zu Hause waren:

E. G. Swain in der Tür seines Pfarrhauses

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Rechts erblicken wir eine stattliche Kirche, vielleicht im 15.
Jahrhundert mit Gewinnen aus dem Wollhandel erbaut, links
eines jener großzügigen Pfarrhäuser, in denen eine – manchmal
etwas rauhbeinige – Haushälterin ebenso tüchtig wie tumb wal-
tet. Und in der Regel – A. C. Bensons bettelarme Pfarre in den
Marschen ist hier die Ausnahme – befleißigen sich als häusliche
Randfiguren noch ein oder zwei weitere Domestiken, die Ohren
servil gespitzt, zum Wohle des geistlichen Hausherrn, während
draußen vor der Tür die Bäuerlein mit den Füßen scharren und
demütig die Mützen lüften, wenn ihnen der anglikanische Die-
ner Gottes erscheint, für den natürlich ein leutseliger Gruß an
seine Schäflein Ehrensache und fromme Pflicht zugleich ist.
Unser Personenverzeichnis wäre freilich nicht vollständig oh-
ne den Küster, dessen unterschwellig subversive Haltung ge-
genüber dem Pfarrer in einigen Erzählungen dieses Bandes
manifest wird – und ein Thema für sich ist. Offenbar fungiert
er, Gräber aushebend und in seiner Brust allerlei Geheimnisse
bergend, als eine Art Korrektiv zur offiziellen kirchlichen Hier-
archie, als Vertreter ›tieferen‹ Volkswissens und Volksglaubens.

Aber keine Angst, lieber Leser, diese kleine Vorbemerkung ist


nicht als heimliche Einführung in den Klassenkampf abgelebter
Zeiten gedacht; zumal er ja seinerzeit ein niemals ausgelebter
war. Gerade deshalb wechselt man um so leichter zur Psycho-
logie über, erinnert sich vielleicht der Freudschen These von
der ›Rückkehr des Verdrängten‹ und nimmt einige Grundmoti-
ve besser wahr, welche die englische Phantastik aus Gründen
beseelten, die außerhalb ihrer selbst, außerhalb ihres eignen
Selbstverständnisses lagen.

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Fast trivial, dies so zu formulieren – schwer aber den unbe-
streitbaren Sachverhalt zu deuten, daß die Vorherrschaft des
britannischen Imperialismus die phantastische Literatur zu bis-
lang ungekannter Blüte trieb. Der Literaturwissenschaft war
der Sachverhalt bestenfalls ein statement, nie jedoch einen Erklä-
rungsversuch wert. Vielleicht, weil sich nur als sozialpsycholo-
gische These eine Einsicht wie diese gewinnen läßt: daß die je-
dem englischen Gebildeten unangenehm vertrauten Brutalitä-
ten ›seines‹ Regimes, da sie die geltende, hochgehaltene Moral
unterliefen, die indirekt von ihr Profitierenden eine Mitschuld
verspüren ließen. (Dagegen gab es offenbar kein im engeren
Sinne soziales Schuldbewußtsein gegenüber den englischen
›Unterklassen‹. ) Daraus wiederum mag sich eine ›Schmerzlust‹
an spiritueller, transzendentaler Bestrafung ergeben haben.
Thesen natürlich, Analogieschlüsse, die unbeweisbar bleiben,
auch wenn sie vielleicht eine gewisse Plausibilität für sich bean-
spruchen dürfen.
Jedenfalls kamen unter dem großbritischen Imperialismus
nicht nur unglaubliche Ströme an kolonial zusammengerafftem
Reichtum zusammen; es machten sich auch relativierende Ein-
flüsse östlichen Gedankenguts geltend, die der anglikanischen
Kirche zusetzten. Überhaupt zeichneten sich im religiös-
ideologischen Boden, über dem (so wie heute in den USA) bo-
denloser Nationalstolz, technische Innovationskraft und trium-
phaler Ordnungswahn sich in brüderlich-unseliger Dreiheit
erhoben, seit der Trennung von der katholischen Kirche stets
Brüche und Risse ab. Die unverkennbare Unsicherheit, die ei-
gene spirituelle Legitimät betreffend, kam in manchen Berei-
chen fast einer religiösen Austrocknung gleich – und eröffnete
der ghost story ein spezifisches Terrain, das sie z. B. in profund

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katholischen Ländern wie Italien mit einer übernatürlich ge-
stimmten und von der Kirche gebilligten Folklore nie zu ge-
winnen vermochte.
Die ›ältere Religion‹, Rom also, erscheint vielen Autoren die-
ses Bandes als Garant einer tieferen Verbindung zum Übersinn-
lichen, doch mag man dies, mit pflichtschuldigem Blick auf die
anglikanische Kirche, nicht offen eingestehen und dem ›Papis-
mus‹ Prärogative einräumen. Gegenüber dem Spirituellen in
seinen bedrohlichen, dämonischen Formen fehlt es indes – Sie
werden es aus vielen der folgenden Erzählungen herauslesen
können – nach der Überzeugung auch der anglikanischen
Sachwalter selbst, an den zwei Jahrtausende alten Traditionen
des Katholizismus, dem allein man die wirksamen Antidota
zuschreibt – Antidota auch gegen die paganen, volkstümlich
nachwirkenden Traditionen vorchristlicher Gläubigkeit auf ›der
Insel‹. So kann sich z. B. Eleanor Scotts französischer Landgeist-
licher bei aller intellektuellen Dürftigkeit als Träger tieferen
Wissens profilieren, und bezeichnenderweise haben Persön-
lichkeiten aus dem weiteren Umkreis der ›James-Gang‹, etwa R.
H. Benson und Roger Pater, dem Katholizismus den Vorzug
gegeben und Gespenstergeschichten geschrieben, die zwischen
der Tradition der angelsächsischen ghost story und römisch-
katholischen Anliegen changieren.

Der gelehrte Dr. James bleibt von diesen Erwägungen ausge-


nommen, denn er glaubte an gar nichts, weder an die anglika-
nische noch an die kontinentalen Kirchen, weder an Menschen
noch an Geistererscheinungen. Er vertrat – immer verbindlich,
immer verhohlen – einen bitter schmunzelnden Skeptizismus,
weit über das hinaus, was seine literarischen Nachfolger aufzu-
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bieten vermochten. Eben deshalb standen sie alle in seinem
Bann, und nicht etwa nur, weil er der Höchstpositionierte und -
dekorierte unter ihnen war. Er glaubte nicht – sie glaubten, wie
frenetisch (A. C. Benson), profund (Basil Smith, E. G. Swain)
oder zweifelnd (Arthur Gray) auch immer. Selbst den Tenden-
zen zum Atheismus, wie sie etwa bei L. T. C. Rolt spürbar wer-
den, hätte M. R. James unbeirrbar seinen Agnostizismus entge-
gengestellt – so wie er für den Entwurf eines – sozialdarwini-
stisch unterlegten – Materialismus, von H. P. Lovecraft zu kos-
mischen Spekulationen ausgeweitet, nur den feinen Spott des
britischen gentleman übrig gehabt hätte.
Denn der oben erwähnte Simon MacCulloch verkennt in sei-
nem – übrigens in vieler Hinsicht lesenswerten – Aufsatz über
›forbidden knowledge‹ bei James und Lovecraft prinzipiell, daß
es für James kein verbotenes Wissen gibt. Jamesʹ Credo ist
vielmehr, daß verläßliches Wissen nicht zur Verfügung steht,
daß die dezidierte Welterklärung der Zeitgenossen in Wirklich-
keit höchst fragil ist und daß z. B. dem als wunderlich abgeta-
nen ›Wissen‹ mittelalterlicher Manuskripte durchaus ›Wahrhei-
ten‹ innewohnen könnten, von denen sich der aufgeklärte Bür-
ger nichts träumen läßt.
Lovecraft hingegen – Stichwort: Cthulhu-Mythos – setzt eine
sinistre kosmische Entwicklungsgeschichte voraus, von der
Kenntnis zu gewinnen für den Menschen nur unheilvoll sein
kann, erfährt er dabei doch Niederschmetterndes über seine
eigene, unaufhebbare Nichtigkeit. Gehen Lovecrafts Protagoni-
sten am Wissen über die menschliche Geringfügigkeit zugrun-
de, so Jamesʹ gutbürgerliche Helden am Nicht-Wissen über hi-
storische Abläufe und transzendentale Räume jenseits des ge-
sellschaftlichen Konformismus. Nicht-wissend gehen sie Risi-

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ken ein, die ihnen überaus schlecht bekommen – oder aber sie
taumeln, höchst gefährdet, durch Szenarien, die ihnen selbst
unverständlich bleiben und sich nur dann (ansatzweise) erhel-
len, wenn man den Primat der geltenden, rationalistisch ge-
nannten Welterklärung in Frage stellt.
James selbst schreibt aber keineswegs, um den Irrationalismus
zu inthronisieren. Vielmehr widerlegt gerade sein Werk die
Angriffe gegen die angeblich reaktionäre Grundstruktur der
Phantastik, wie sie etwa Lars Gustafsson (݆ber das Phantasti-
sche in der Literatur‹, in: Utopien, München 1970; Original:
Stockholm 1969) vorgetragen hat. Es läßt sich kaum ein Œuvre
jener Zeitstellung denken, das weniger affirmativ ist als das
Jamessche – das zweifelt, Gewißheiten ausspart und sich nicht
ohne Wohlgefühl in den Wassern der Unsicherheit dahintrei-
ben läßt.

Nun ist und bleibt James eben James und somit ein Solitär. Daß
die Mitglieder seiner ›Gang‹ nicht als seine bloßen Replikanten
auftreten, wird man auf den ersten Blick positiv bewerten; es
läßt sich freilich auch negativ deuten. Zunächst einmal ist fest-
zustellen, daß die meist körperlich-greifbaren, gleichwohl un-
erklärlich-unbegreiflichen Manifestationen, mit denen James
uns zu erschrecken liebt, von seinen Nachfolgern und Bewun-
derern keineswegs mehr konsequent agnostizistisch gedeutet
werden. Das Motiv übersinnlicher Rache, übersinnlichen
Schuldausgleichs, tief in der viktorianischen Phantastik ver-
wurzelt, kehrt durch die Hintertür zurück; vielleicht hatte der
freundliche Dr. James sie nicht fest genug verriegelt, da er
selbst noch nicht ganz frei geworden war von seinen viktoriani-

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schen Wurzeln. Die Kurzgeschichte ›Die Beschwörung‹ belegt
es.

Beim Stichwort des ›übersinnlichen Schuldausgleichs‹ denke


ich freilich weniger an gewisse Unsicherheiten bei James selbst
als z. B. an Frederick Cowles, der auch und gerade dort, wo er
hemmungslose James-Pastichen abliefert, deutlich der Naivität
der traditionellen, erkenntnistheoretisch ungebrochenen Ges-
penstergeschichte verpflichtet ist, und auch dann, wenn er ei-
genständiger und fulminant erzählt (wie in den beiden hier
vorgestellten Erzählungen) nicht etwa mit den Versatzstücken
der Gespenstergeschichte spielt, sondern ihrer traditionellen
Gesetzlichkeit Tribut zollt.
Ich denke an A. C. Benson, der ohnehin durch seinen holz-
schnittartigen, volkslegendären Ton vom viel entspannteren,
säkularisierten James-Duktus absticht, vor allem aber zur reli-
giös begründeten Strafe zurückkehrt (›Aus dem Meer‹). Auf
Jamesʹ Fährte bleibt er aber mit der Grundfrage aus ›Das ver-
schlossene Fenster‹: Warum sollte man die warnende Inschrift
irgendeines bösen alten Mannes, vor Jahrzehnten auf der Wand
einer Turmstube niedergelegt, denn eigentlich ernst nehmen?
Ich denke an Basil Smiths ganz eigenartige Erzählung ›Der
Schalottenstein‹, die eine starke religiöse Tönung mit einem
naturwissenschaftlichen Erklärungsansatz legiert – so hat man
das noch nie gelesen.

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Frederick Cowles

Andererseits meldet sich etwa in L. T. C. Rolts Bericht über


die Ereignisse im Wappenzimmer von Ahcombe ein ›Jamesian‹

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besten agnostizistischen Schlags zu Worte, und auch in Rolts
Erzählung über musikalische Freuden an Cornwalls Küste
bleibt bei allen Andeutungen letztlich ungesagt (und wird ge-
rade dadurch wirkungsvoll), was eigentlich vorgeht.

L. T. C. Rolt

Daß das Motiv des verderblichen Wissens auch ohne den


ideologischen Unterbau des Lovecraftschen Vulgärmaterialis-
mus dargeboten werden kann, machen William Croft Dickin-
son (›Ein Werk des Bösen‹) und Margaret Irwin (›Das Buch‹)
deutlich. Der Unterschied zur viktorianischen Schuldgespen-

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stergeschichte ist evident: Beide Protagonisten sind profillose
Männlein und ohne alle faustischen Ambitionen; sie tun letzt-
lich nichts Böses, gehen aber an ihrem Unverständnis für das
ihnen begegnende Phänomen zugrunde. Das ist ›Jamesian‹ –
und markiert zugleich den Unterschied zur Lovecraftschen Er-
zähllinie. Irwins Mr. Corbett wie auch Dickinsons Bibliothekar
Allan erwerben selbst kein neues, verbotenes Wissen, sondern
gehen daran zugrunde, daß sie auf ein altes, abgrundtiefes Wis-
sen stoßen, für das ihnen Erklärung und Abhilfe fehlt.
Erik Hauser nennt Margaret Irwin mit Recht als Zeugin für
eine Psychologisierung der James-Tradition. Zweifellos denkt
er dabei mehr an die Erzählung ›Die Messe‹ mit ihrer Einfüh-
lung in das Seelenleben der pubertierenden Jane als an ›Das
Buch‹, denn Mr. Corbetts Beobachtungen stehen in ihrem
Wahrheitsgehalt ja nie zur Disposition. Die Tendenz, die hier
Ausdruck gewinnt und James selbst weitgehend fremd ist, hat
freilich schon in Arthur Gray (›Einbildungen‹) einen Paten und
ist seit Le Fanus Meisterwerk ›Grüner Tee‹ in der englischen
Phantastik vorgebildet. Es geht dabei um die Frage der Wahr-
nehmung, um die individuelle Erkenntnisproblematik: Wird
uns Wahn oder Wirklichkeit geboten? Ist der Erzähler geistig
gesund, wenn er von übernatürlichen Phänomenen berichtet,
oder ›sieht er Gespenster‹?
James selbst hat sich dagegen stets weniger für die Gefähr-
dung des Menschenhirns als für die ideologische Konstruktion
von ›Wirklichkeit‹ interessiert. Darin sind ihm z. B. R. H. Mal-
den und A. N. L. Munby, auch im Erzählgestus, besonders eng
gefolgt. Sind sie also die beiden Autoren dieses Bandes, die
dem Meister am nächsten stehen? In vielem gewiß, jedoch nicht
in dem radikalen Skeptizismus, der James antrieb.

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R. H. Malden

Darin steht ein anderer Autor ihm näher: E. G. Swain, der ei-
nen ganz eigenen, höchst amüsanten Stil entfaltet (und darin
vielleicht noch anziehender ist als in den gewählten, durchaus
konventionellen Sujets). Wenn Swain mit subtiler Ironie und
betonter Umständlichkeit die Lebensgepflogenheiten eines

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Landpfarrers breittritt, so ist der erste Eindruck beim Leser
zwar der biedermännischer Behäbigkeit, bald genug wird je-
doch deutlich, mit welchem Hintersinn hier eine scheinbar in
sich ruhende Sphäre der britischen Bürgerwelt in ihrer inneren
Unaufrichtigkeit gezeigt und gefoppt wird. Dem Konservati-
vismus Swains (und seines Alter ego Mr. Batchel) unterliegt eine
Distanz nehmende Radikalität, die der von James gehegten
(und von L. T. C. Rolt als ›koboldhaft‹ kritisierten; s. S. 497)
Boshaftigkeit entspricht.
Kurzum: Die Autoren der hier vorgelegten Anthologie sind,
auch wenn sie sehr viel mehr verbindet als nur die Verehrung
für M. R. James (den nur einige von ihnen, A. C. Benson und E.
G. Swain etwa, persönlich näher kannten), nicht über einen
Kamm zu scheren. Als unterschiedliche Temperamente zeigen
sie vielmehr, zuweilen überraschend innovativ, ein reiches
Spektrum erzählerischer Möglichkeiten auf. Allerdings eint sie
die Neigung zu gleichartigen Schauplätzen: zu Pfarreien und
alten Kirchen, zu gediegenen Herrenhäusern oder auch zu den
ehrwürdigen Stätten universitärer Bildung. Es eint sie ferner
die Neigung zu einem bestimmten Milieu, das sich durch for-
malisierte, stockbritische Kommunikationsrituale geprägt zeigt,
und zu einem bestimmten ›Helden‹typus. Fast ausnahmslos
bewegen wir uns in den Gefilden der gehobenen Mittelschicht,
die ihren Bildungsstolz vor sich her trägt wie einen gerade ver-
liehenen Orden – auch wenn L. T. C. Rolt uns mit dem alten
Revierkämpen Arnos Bingley einen respektablen Gegenentwurf
bietet. Aber meist begleiten wir eben – übrigens stets männliche
– Akademiker, deren enge, aber heile Welten unter den ›Berüh-
rungen der Nacht‹ zerfallen, sei es nach der Entzifferung alter
Inschriftenfragmente, in der Auseinandersetzung mit diaboli-

-27-
schen Büchern oder nach dem Offnen einer Krypta. Dabei wer-
den die ›Gewißheiten‹ der anglikanisch-akademischen Sphäre
relativiert, und es schwingt eine Transzendenz auf, die aus dem
adretten, wohlgeordneten Alltag längst exkommuniziert schien.

A. C. Benson

Solche Grundelemente und -strukturen erlauben es, von einer


›James-Gang‹ zu sprechen. Der erste, der beiläufig eine Liste
von Autoren der James-Tradition zusammenstellte, war 1973
Hugh Lamb, bekannt durch seine zahlreichen Anthologien eng-
lischer Gespenstergeschichten, die auch passionierten Lesern

-28-
des Genres immer wieder Neues bieten. Mike Ashley, ein ande-
rer Großer unter den connaisseurs, legte diese Liste einem Arti-
kel zugrunde, der 1979 in der ersten Ausgabe von Ghosts &
Scholars erschien. Immer weiter ergänzt, wuchs sich die Kompi-
lation schließlich zu einer kleinen Broschüre aus: The James
Gang. A Bibliography of Writers in the M. R. James Tradition (Che-
ster 1991), verantwortet von Rosemary Pardoe. In alphabeti-
scher Reihenfolge werden dort, beginnend mit ›Ackroyd, Pe-
ter‹, Autoren aufgelistet, die auf die eine oder andere Weise den
Jamesschen Themen verbunden sind. Knappe Kommentare be-
gründen jeweils die Aufnahme. Allein der Name Peter Ackroyd
(Hawksmoor, London 1985 – Der Fall des Baumeisters, Reinbek b.
H. 1988) macht übrigens deutlich, daß die genannte Broschüre
dem Bezug zum Altmeister sehr großzügig interpretiert. Nun,
das ist sicher kein Fehler; fehlerhaft, zumindest aber strittig
sind dagegen manche der Begründungen für die Aufnahme
eines Autors in die Liste. Dennoch bleibt sie ein unverzichtba-
res Werkzeug für jeden, der sich näher mit der James-Tradition
befaßt, und die Herausgeber haben in mancher Hinsicht von ihr
profitiert.
Die Auswahl, die hier vorgelegt wird, ist angesichts der Fülle
von Autoren – es sind etwa hundert –, die in Betracht kamen,
natürlich höchst selektiv. Gemessen werden muß sie an ihrem
Ziel, repräsentativ zu sein für die James-Tradition in der ersten
Hälfte des 20. Jahrhunderts, ihrer eigentlichen Blütezeit also.
Wir waren dabei bemüht, den Leser mit möglichst vielen Er-
zählungen bekanntzumachen, die bislang noch nicht in deut-
scher Sprache vorlagen. Von vornherein stand außer Frage, daß
moderne Autoren nicht berücksichtigt werden könnten. Dies ist
zweifellos bedauerlich; es wäre durch ihre Aufnahme nämlich

-29-
deutlich geworden, in welchem Maße die Linie des Dr. James
bis heute fruchtbar geblieben ist.
Dabei darf man nicht nur an den Horror-Bestseller Ramsey
Campbell denken, der M. R. James mehrfach seine Reverenz
erwiesen hat, namentlich in der Kurzgeschichte ›The Guide‹
von 1989 (mehrere deutsche Übersetzungen). So hat etwa Da-
vid Rowlands die Tradition von E. G. Swain Wiederaufleben
lassen und neue, kongeniale Mr. Batchel-stories geschrieben
(sechs davon sind als ›More Stoneground Tales‹ zusammenge-
faßt im Anhang zu E. G. Swain, Bone to his Bone, Wellingbo-
rough 1989, S. 141-192). Autoren wie Robert Westall (u. a. The
Stones of Muncaster Cathedral, London 1991) und der vorzügliche
Terry Lamsley (›Blade and Bone‹ in: Conference with the Dead,
Penyffordd/Chester 1996) haben einschlägige und exzellente
Erzählungen geliefert, der unterschätzte Jonathan Aycliffe mit
Whispers in the Dark (London 1992) sogar einen Versuch in Ro-
manlänge – so wie auch deutsche Autoren, Michael Siefener in
seiner bemerkenswerten Novelle ›Das Reliquiar‹ (Kerpen 1997)
und Malte S. Sembten in ›Der Kirchenstumpf von Udenhausen‹
(in: Die ein böses Ende finden, Hanau 2000), produktiv an die Ja-
mes-Tradition anknüpften.
Aber natürlich hat die Tradition auch zwischen den ›Moder-
nen‹ und den ›Klassikern‹ stets lesenswerte Vertreter gehabt, ob
den konservativen amerikanischen Politphilosophen Russell
Kirk (s. auch S. 320) oder den englischen Jugendbuchautor John
Gordon, ob John Dickson Carr, der mit seinen Krimis Weltruf
erlangte, oder Fritz Leiber, der als Science-fiction- und Sword-
and-Sorcery-Autor reüssierte, ehe er sich in späten Jahren mit
Our Lady of Darkness (1976 = Herrin der Dunkelheit, München
1980) an Jamesʹ Vermächtnis erinnerte, zugleich in gewisser

-30-
Weise aber auch Ackroyds Hawksmoor vorwegnahm. Kein
Zweifel, der Agnostizismus des Dr. James ist stets höchst anre-
gend geblieben, hat die vielbeschworene ›Prüfung der Ge-
schichte‹ souverän bestanden; allein H. P. Lovecrafts Stern
strahlt gegenwärtig heller.
Die vorliegende Auswahl spart freilich auch in ihrer bewuß-
ten Beschränkung auf Autoren der ›klassischen‹ James-Zeit, die
wir bis etwa 1950 terminieren, etliche Erzählungen aus, die sehr
wohl hätten berücksichtigt werden können, so einige stories ei-
nes gewissen ›B‹, der zwischen 1911 und 1914 sieben Geschich-
ten in einer Cambridger Universitätspostille veröffentlichte.
Trotz einer gewissen Flachheit in der erzählerischen Linie hät-
ten ›B‹-Geschichten wie ›The Hare‹ oder ›The Stone Coffin‹ eine
Übersetzung verdient. Dies gilt noch mehr für die gut aufge-
baute Erzählung ›The Saint and the Vicar‹ von Cecil Binney, für
zwei Erzählungen des Anonymus ›D. N. J.‹, für… – nun been-
den wir rasch das Festival des ›hätte, könnte, würde‹.
Denn wir legen hier eine Auswahl vor, die repräsentativ sein
will, aber eben nicht umfassend sein kann; um umfassend zu
sein, bedürfte es etlicher Bände vom Umfang des vorliegenden.
Unser Anliegen war es, gerade durch Selektion einen klaren
Blick in die Erzählwelten des James-Typus zu gewinnen. Um
diesen Blick zu schärfen, stellen wir jeden Autor mit zwei für
ihn charakteristischen Geschichten vor; damit werden Verglei-
che ermöglicht, treten die individuellen erzählerischen Eigen-
schaften prägnanter hervor. Die theoretischen, essayistischen
Reflexionen über das Genre, ob von M. R. James selbst verfaßt
oder von L. T. C. Rolt mögen den Band abrunden.

-31-
Danksagung: Erik Hauser, Brühl, avancierte im Zuge längerer,
stets produktiver Zusammenarbeit vom Mitarbeiter zum Mit-
herausgeber der vorliegenden Anthologie. Aus seiner vorzügli-
chen Kenntnis der James-Tradition heraus hat er den Band um
detaillierte Autorenporträts bereichert. Seine Übersetzungen –
ich hebe die von E. G. Swain hervor – transportieren die Eigen-
heiten des jeweiligen Autors mit großer Stilsicherheit. Auch
Manfred Allié, Euskirchen, Andreas Diesel, Berlin, und Man-
fred Görgens, Wuppertal, haben ein übersetzerisches Engage-
ment demonstriert, das jeden Respekt verdient. Herrn Marco
Frenschkowski, Hofheim, einem der besten Kenner der phanta-
stischen Literatur, sei herzlich für Rat und Beistand gedankt.

-32-
M. R. James
(1862-1936)

Das Leben des Mannes, dem die klassische englische ghost story
zu einem großen Teil ihr Fortbestehen im 20. (wenn nicht sogar
im 21. ) Jahrhundert verdankt, verlief, im Gegensatz zu dem
seiner von allerlei Geistern und monströsen Wesenheiten heim-
gesuchten fiktionalen alter egos, in äußerlich ruhigen Bahnen.
Montague Rhodes James wurde am 1. August 1862 in Goodne-
stone, in der Nähe von Wingham, Kent geboren. Er war das
jüngste Kind des evangelischen Geistlichen Herbert James und
seiner Ehefrau Mary Emily, geborene Horton, der Tochter eines
Marineoffiziers. Als er gerade drei Jahre alt war, übersiedelte
die Familie nach Great Livermere in Suffolk, wo ›Monty‹, wie
er von seinen Verehrern gerne liebevoll tituliert wird, den größ-
ten Teil seiner Kindheit verbrachte. East Anglia, der Südosten
Englands, sollte auch, abgesehen von einigen ausgedehnten
Reisen auf den Kontinent, Dreh- und Angelpunkt seines Er-
wachsenenlebens bleiben. Nachdem er drei Jahre auf der Pre-
paratory School in Temple Grove, East Sheen verbracht hatte,
ging er mit einem Stipendium als Kingʹs Scholar an die angese-
hene Eliteschule in Eton (1876-82). Von dort führte ihn sein
Weg weiter nach Cambridge, ins Kingʹs College, wo er von 1882
bis 1885 den klassischen humanistischen Fächerkanon studierte.
Bis 1918 blieb er dem Kingʹs College und Cambridge in ver-
schiedenen Funktionen treu – zunächst als Privatdozent, später
als Dekan, Tutor und schließlich, ab 1913, sogar als Vizekanzler
der Universität. Im Jahre 1918 kehrt James dann als Dekan
(Provost) an seine alte Schule nach Eton zurück, wo er am 12.

-33-
Juni 1936, einem Freitag, friedlich verstarb – wie es scheint, oh-
ne daß Geister, die er so überzeugend in seinen Erzählungen
beschworen hatte, seine letzte Stunde gestört hätten.
Ein Leben, das, so hat es den Anschein, fast ausschließlich
akademischen Studien geweiht war und von keinen – oder je-
denfalls keinen ersichtlichen – privaten Störungen getrübt
wurde. M. R. James blieb bis an sein Lebensende Junggeselle;
die größte emotionale Bindung scheint zu James McBryde (s.
Abb. S. 13), einem Freund und Studienkollegen, bestanden zu
haben, mit dem er die meisten seiner Reisen unternahm.
Der Hang des freundlichen und bei seinen Schülern überaus
beliebten Gelehrten zu alten Büchern und allem Antiquarischen
war offensichtlich bereits bei dem Heranwachsenden ausge-
prägt. Von Kindesbeinen an durch sein Elternhaus mit der Bibel
vertraut, soll M. R. James bereits auf der Preparatory School die
meiste Zeit mit dem Aufstöbern alter Manuskripte und dem
Sammeln obskurer christlicher Legenden und Märtyrerge-
schichten verbracht haben. Am Kingʹs College dissertierte er
über die apokryphe Apokalypse des Petrus. Seine akademi-
schen Arbeiten umfassen ein Gebiet, das sich über die Paläo-
graphie, die Bibliographie, Bibel- und Apokryphenforschung
und mittelalterliche Kunst bis hin zur Ikonographie erstreckt.
Als Herausgeber veröffentlichte er unter anderem eine Samm-
lung apokrypher Texte des Neuen Testaments sowie Walter
Maps De Nugis Curialium, ein mittelalterliches Werk, in dem er
nach eigenem Bekunden einige der außergewöhnlichsten Vam-
pir- und Gruselgeschichten fand. Außerdem erstellte er für sein
eigenes College sowie mehrere andere Bibliotheken der Univer-
sität Cambridge kritische Kataloge der vorhandenen Manu-
skriptbestände – eine ungeheure Arbeit, die sich nur mit dem

-34-
unerschöpflichen Enthusiasmus des Buchgelehrten bewältigen
ließ.
Der zweite Lebenspol des Gelehrten, neben seinen Forschun-
gen, bestand in den sozialen Zusammenkünften, zu denen das
akademische Leben Cambridges Gelegenheit bot. M. R. James
soll, das bestätigen alle, die ihn kannten, ein überaus angeneh-
mer und zuvorkommender Gastgeber gewesen sein. Die Chit-
chat Society, eine Gruppe literarisch interessierer Cambridger,
der unter anderem James McBryde, Arthur Benson und E. G.
Swain angehörten, hat sich verschiedene Male in den Räumen
des Dekans zusammengefunden. In diesen Zusammenkünften
offenbarte James gerne die dunklere Seite seines ansonsten eher
jovialen Wesens, indem er die Versammelten mit lebensechten
Parodien bekannter Persönlichkeiten oder dem Erzählen gruse-
liger Anekdoten unterhielt. Im Rahmen eines der Treffen der
Chitchat Society war es denn auch, daß James seine beiden er-
sten selbstverfaßten Gespenstergeschichten, ›Canon Albericʹs
Scrapbook‹ und ›Lost Hearts‹, am 28. Oktober 1893 den Anwe-
senden vortrug. Beide erschienen dann im Jahre 1895 in der
Märzausgabe des National Review bzw. der Dezemberausgabe
des Fall Mall Magazine im Druck. Eher zufällig folgte die Veröf-
fentlichung der ersten Sammlung der Gespenstergeschichten
mit dem Titel Ghost Stories of an Antiquary (1904); James McBry-
de, der einige der Geschichten illustrieren wollte, hatte sie an-
geregt. Obwohl dem Bändchen zunächst kein umwerfender
Erfolg beschieden war, bat der Verleger, Edward Arnold, bald
um weitere Geschichten in demselben Stil, und so erschien zu-
nächst im Jahre 1911 More Ghost Stories of an Antiquary, später
dann A Thin Ghost and Others (1919) und A Warning to the Curi-
ous (1925). Daneben entstand auch noch ein phantastisches

-35-
Kinderbuch, The Five Jars (1922). Im Jahre 1931 veröffentlichte
Arnold dann die definitive Ausgabe der Collected Ghost Stories of
M. R. James, die bis auf den heutigen Tag im englischen Sprach-
raum unter verschiedenen Verlegern (u. a. Penguin und Oxford
University Press) nicht mehr vom Buchmarkt verschwunden
ist. Gerade hat der auf die klassische englische Gespensterge-
schichte spezialisierte Kleinverlag Ash-Tree-Press eine neue,
definitive Gesamtausgabe der belletristischen Werke von James
unter dem Titel A Pleasing Terror (Ashcroft, BC 2001) vorgelegt.
Obwohl die Gespenstergeschichten des Dr. James (nicht ganz
40 an der Zahl) augenscheinlich als Zeitvertreib entstanden,
stellen sie nicht einfach ein Nebenprodukt seiner akademischen
Tätigkeiten dar. Als Kind schon faszinierten den späteren Ge-
lehrten an den Erzählungen der Bibel und der Kirchengeschich-
te, die ihm sein Vater vermittelte, besonders das Ekelerregende
und Abscheuliche, wie etwa die spezielle Hinrichtungsweise
eines Märtyrers oder die Beschreibung des Verlaufs einer Pest-
erkrankung. Gerade die Beschäftigung mit dem ›dunklen Mit-
telalter‹ und seinen Hexenverbrennungen und Folterkammern
scheint den Neigungen des freundlichen, im gesellschaftlichen
Umgang eher bescheidenen James entgegengekommen zu sein.
So sind die mit Liebe zum gruseligen Detail geschriebenen fik-
tionalen Phantasien des Doktors nicht einfach nur eine andere
Seite seines Wesens, sondern sie stehen in direkter Verbindung
mit seinen akademischen Forschungen, sind demselben Quell
entsprungen. Man mag sie als natürliches Ventil für ein anson-
sten ereignisloses Leben betrachten – ereignislos jedoch nur,
wenn man die Schale für den Kern nimmt: In Montys geistigem
Universum reichen sich Teufel und Inquisitor die Hände, füh-
ren Hexen und Hexenjäger einen heidnischen Tanz auf. Eher

-36-
schon stellte das ruhige äußere Leben des Gelehrten eine not-
wendige Balance zu Jamesʹ innerem Kobold dar, dem wir einige
der besten Gespenstergeschichten in englischer Sprache ver-
danken.

-37-
Zwei Ärzte

Ich habe die Erfahrung gemacht, daß man sehr häufig in alten
Büchern irgendwelche Schriftstücke findet; doch selten genug
kommt es vor, daß diese Papiere von wirklichem Interesse sind.
Aber es gibt solche Fälle, und man sollte nie eines dieser
Schriftstücke vernichten, ohne es vorher gelesen zu haben. Nun
hatte ich vor dem Krieg die Angewohnheit, gelegentlich alte
Rechnungsbücher zu kaufen, deren Papier gut war und in de-
nen noch genügend unbeschriebene Blätter blieben; die trennte
ich dann heraus, um sie für meine eigenen Notizen und Schrift-
sätze zu verwenden. Ein solches Buch erwarb ich für einen ge-
ringen Betrag im Jahre 1911. Es war mit einer Schnalle fest ver-
schlossen, und die Einbanddeckel krümmten sich, denn über
die Jahre hinweg waren eine Reihe zusätzlicher Blätter hinein-
geschoben worden. Drei Viertel dieser Beigaben konnten nie-
mandem heutzutage auch nur noch das mindeste bedeuten;
doch für ein Konvolut von Blättern traf das nicht zu. Daß es aus
dem Besitz eines Anwalts stammte, steht außer Zweifel, denn
es trägt den Vermerk: »Der merkwürdigste Fall, der mir jemals
untergekommen ist« und ist mit Initialen und der Anschrift
Grayʹs Inn versehen. Es handelt sich lediglich um Materialien
für ein Verfahren, bestehend aus den Aussagen potentieller
Zeugen. Der Mann, gegen den Anklage hätte erhoben werden
sollen, ist offenbar niemals gefunden worden. Das Dossier ist
unvollständig, doch auch in der Form, in der es vorliegt, macht
es uns mit einem rätselhaften Fall vertraut, in dem allem An-
schein nach das Übernatürliche eine Rolle spielt. Der Leser mag
sich selbst einen Reim darauf machen.

-38-
Im folgenden gebe ich die Umstände und Geschehnisse so
wieder, wie ich sie den Papieren entnehme.

Die Geschichte trug sich im Jahre 1718 in Islington zu, im Mo-


nat Juni – in ländlicher Umgebung und zu einer angenehmen
Jahreszeit also. Es ist Nachmittag, und Dr. Abell, der in seinem
Garten auf und ab geht, wartet darauf, daß ihm sein Pferd zu-
geführt wird, denn er möchte zu den Krankenbesuchen des
heutigen Tages aufbrechen. Sein vertrauter Diener Luke Jen-
nett, seit zwanzig Jahren in seinen Diensten, ist unser erster
Zeuge.

»Ich sagte, ich wünsche ihn zu sprechen, und was ich zu sagen
hätte, werde vielleicht eine Viertelstunde in Anspruch nehmen.
So trug er mir denn auf, mich in seine Studierstube zu begeben,
welche auf den Gartenpfad hinausblickt, auf dem er sich er-
ging; bald darauf kam er selbst und setzte sich nieder. Ich er-
öffnete ihm, daß ich, so sehr ich es auch bedauere, gezwungen
sei, mich nach einer anderen Stellung umzusehen. Er fragte,
welchen Grund ich dazu hätte, da ich doch so lange bei ihm
gewesen sei. Ich entgegnete, er werde mir einen großen Gefal-
len tun, wenn er mich aus seinen Diensten entlasse, denn [dies
scheint auch im Jahre 1718 nicht anders gewesen zu sein als
heute] ich sei ein Mensch, der immer Wert darauf lege, in einer
ihm genehmen Umgebung zu leben. Sofern ich mich recht erin-
nere, antwortete er darauf, dieses Begehren teile er mit mir,
aber er wünsche doch zu wissen, warum ich es mir nach so vie-
len Jahren anders überlegt habe, und er fügte hinzu: ›Du weißt,

-39-
du kannst nicht erwarten, daß ich dich in meinem Testamente
bedenke, wenn du jetzt meine Dienste verläßt.‹
Das, antwortete ich, hätte ich sehr wohl bedacht.
›Dann muß es aber doch irgend etwas geben‹, sagte er, ›wor-
über du dich zu beschweren hast, und ich möchte es richten,
sofern mir das möglich ist.‹ Und da – denn ich sah keine Mög-
lichkeit mehr, es zurückzuhalten – sprach ich von meiner frühe-
ren unter Eid verfaßten Erklärung und von dem Bettpfosten im
Krankenzimmer, und sagte ihm, ein Haus, in dem derlei Dinge
geschähen, sei kein Ort für mich. Worauf er mir einen sehr fin-
steren Blick zuwarf und nichts weiter mehr sagte, doch nannte
er mich einen Dummkopf und verkündete, er wolle mir den
Lohn, der mir noch zustehe, am Morgen auszahlen; und so ging
er, da sein Pferd inzwischen bereitstand, hinaus. Dieserhalb
verbrachte ich denn jene Nacht bei meinem Schwager nahe
Battle Bridge und fand mich früh am nächsten Morgen bei mei-
nem vormaligen Herrn wieder ein, der nun viel Aufhebens
darum machte, daß ich des Nachts nicht im Hause gewesen sei,
und mir eine Krone von jenem Lohn abzog, den er noch schul-
dig war.
Danach war ich hier und dort in Diensten, immer nur kurze
Zeit, und hörte nichts mehr von ihm, bis ich als Diener zu Dr.
Quinn ging, nach Queenʹs Hall in Islington.«

Einen Punkt gibt es in dieser Aussage, der wahrhaft dunkel


bleibt, was es nämlich mit der früheren unter Eid verfaßten Er-
klärung und dem rätselhaften Bettpfosten auf sich hat. Die Er-
klärung findet sich nicht in jenem Bündel Papiere. Es ist zu be-
fürchten, daß jemand sie als besonderes Kuriosum herausnahm

-40-
und las und sie dann nicht wieder zurücksteckte. Um welche
Art von Begebenheit es sich dabei gehandelt haben mag, wird
man später erraten können, doch an dieser Stelle des Berichtes
halten wir noch keinerlei Hinweis in Händen.

Der Pfarrer von Islington, Jonathan Pratt, ist der nächste, der in
den Zeugenstand tritt. Er klärt uns genauer über Rang und An-
sehen von Dr. Abell und Dr. Quinn auf, die beide in seiner Ge-
meinde lebten und praktizierten.

»Von einem Arzt erwartet man nicht«, sagt er, »daß er regel-
mäßig zu den Morgen- und Abendgebeten erscheint oder zu
den Bibellesungen am Mittwoch, doch ich würde sagen, daß
beide Herren im Rahmen des ihnen Möglichen ihren Verpflich-
tungen gegenüber der anglikanischen Kirche nachzukommen
wußten. Zugleich muß ich jedoch hinzufügen (da Ihr nach mei-
ner persönlichen Meinung fragt und wie man in der Schule zu
sagen pflegt): distinguo. Dr. A. war mir stets ein Rätsel, Dr. Q.
hingegen in meinen Augen ein einfacher, aufrechter, frommer
Mann, jemand, der nicht im Übermaß über die Dinge des Glau-
bens nachdachte, sondern sich an das hielt, was ihm einleuchte-
te. Der andere war an Fragen interessiert, für die uns die Vor-
sehung, wie ich finde, in diesem Leben keine Antwort beschie-
den hat: Er fragte mich zum Beispiel einmal, welchen Platz im
Plan der Schöpfung meiner Meinung nach jene Wesen heute
einnähmen, welche, als die aufbegehrenden Engel stürzten,
weder standhaft gewesen seien noch sich ihnen in ihrer Ver-
messenheit ganz angeschlossen hätten.

-41-
Natürlich war das erste, was ich darauf erwiderte, eine Ge-
genfrage: Was ihm denn die Vermutung eingebe, daß solche
Wesen existierten? Denn ich durfte wohl annehmen, daß ihm
bewußt war, daß nichts dergleichen in der Heiligen Schrift zu
finden ist. Es schien – wo ich nun einmal dabei bin, kann ich die
Geschichte auch ganz erzählen –, daß er sich auf Stellen wie
diejenige bei Hieronymus bezog, wo er uns von einem Satyr
berichtet, mit dem Antonius Umgang pflog; doch war er auch
der Meinung, einige Worte der Heiligen Schrift seien in seinem
Sinne auszulegen. ›Unter denen, welche ihre Tage und Nächte
draußen verbringen‹, fügte er hinzu, ›ist der Glaube daran ja
weit verbreitet, und wenn Eure Arbeit Euch, möchte ich noch
hinzufügen, so wie mich die meine tagein, tagaus auf die Land-
straßen führte, dann würden meine Erwägungen Euch nicht in
solchem Maße überraschen, wie sie das offensichtlich tun.‹
›Ihr seid also John Miltons Meinung‹, entgegnete ich, ›daß
“Millionen wandeln / Von geistigen Geschöpfen durch die Welt
/ Unsichtbar, ob wir wachen oder schlafen”.‹
›Ich weiß nicht‹, erwiderte er darauf, ›was Milton dazu be-
wog, sie unsichtbar zu nennen; obwohl er natürlich schon er-
blindet war, als er das schrieb; aber was das übrige angeht, ja,
da glaube ich schon, daß er recht hatte.‹
›Nun‹, sagte ich, ›ganz so oft wie bei Euch mag es nicht sein,
aber auch ich werde oftmals noch zu recht später Stunde hin-
ausgerufen; doch ich wüßte nicht, daß ich auf den Feldwegen
Islingtons je einen Satyr getroffen hätte in all den Jahren, die ich
nun hier bin; und wenn Ihr darin mehr Glück hattet, so wäre
die Royal Society, dessen bin ich gewiß, glücklich, davon zu
erfahren.‹

-42-
Dieser belanglose Wortwechsel ist mir noch gut im Gedächt-
nis, weil Dr. A. ihn mit solchem Ärger aufnahm; er stürmte
hinaus mit der Bemerkung, daß so ein weltfremder und ver-
trockneter Pfarrer eben für nichts anderes Augen habe als für
sein Gebetbuch und einen Schoppen Wein.
Doch war dies nicht das einzige Mal, daß unser Gespräch eine
solch wunderliche Wendung nahm. Eines Abends kam er zu
mir, zunächst, wie es schien, fröhlich und bei guter Laune, doch
dann, als er rauchend am Kamin saß, wurde er zusehends
nachdenklicher; und um ihn aus diesem Brüten aufzustören,
fragte ich scherzhaft, ob er denn etwa in letzter Zeit wieder sei-
ne merkwürdigen Gesellen getroffen habe. Es gelang mir aller-
dings, ihn damit aus seinen Träumen aufzuwecken, denn mit
weit aufgerissenen Augen, als ob er sich fürchte, blickte er mich
an und sagte: ›Wart Ihr selbst denn dort? Ich habe Euch nicht
einmal gesehen. Wer hat Euch mitgebracht?‹ Und dann, in et-
was ruhigerem Tone: ›Was war das, von wegen einer Zusam-
menkunft? Ich glaube, ich muß eingenickt sein.‹
Worauf ich antwortete, ich hätte an Faune und Zentauren ge-
dacht, die er des Nachts am Wege treffe, und nicht an einen
Hexensabbat; er habe es aber wohl anders verstanden.
›Nun‹, entgegnete er, ›ich kann mich weder zum einen noch
zum anderen bekennen; doch finde ich einen weitaus größeren
Skeptiker in Euch, als Eurem Talare ansteht. Wenn Ihr etwas
über jene finstere Straße erfahren wollt, so tätet Ihr gut daran,
meine Haushälterin zu fragen, die an deren anderem Ende auf-
gewachsen ist.‹
›Ja‹, meinte ich, ›und die alten Frauen im Armenhaus dazu
und die Kinder auf der Gasse. Ich an Eurer Stelle würde nach

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Eurem Kollegen Quinn schicken, daß er Euch eine Pille dreht,
die den Verstand aufklärt.‹
›Der Teufel soll Quinn holen‹, entgegnet er; ›kein Wort mehr
von ihm; diesen Monat hat er mir vier meiner besten Patienten
abspenstig gemacht; ich glaube, sein verfluchter Diener Jennett
steckt dahinter, der früher bei mir war und der seine Zunge
niemals im Zaum halten kann; man sollte ihn an den Pranger
damit nageln, da bekäme er, was er verdient.‹
Dies war, darf ich hinzufügen, das einzige Mal, daß er mir ge-
genüber spüren ließ, daß er einen Zorn gegen Dr. Quinn und
gegen Jennett hegte, und wie es mir mein Amt gebietet, tat ich
mein Bestes, ihn davon zu überzeugen, daß er sich in ihnen
täusche. Allerdings ließ sich nicht leugnen, daß einige der ange-
sehensten Familien der Gemeinde sich von ihm abgewandt hat-
ten, ohne daß sie bereit gewesen wären, einen Grund dafür zu
nennen. Er beschloß das Thema mit den Worten, daß es ihm in
Islington nicht schlecht ergangen sei, daß er es sich leisten kön-
ne, einen anderen Ort zum Ruhesitz zu wählen, wenn ihm da-
nach zumute wäre, und daß er gegen Dr. Quinn ganz und gar
keine argen Gedanken hege. Ich glaube, nun weiß ich wieder,
welche Bemerkung ich machte, daß er auf den Gedankengang
kam, den er als nächsten verfolgte. Ich sprach, glaube ich, von
einigen Jongleurskunststücken, die mein Bruder, welcher in
Indien weilt, am Hofe des Radschas von Mysore gesehen hatte.
›So etwas ist nicht weiter schwierig zu bewerkstelligen‹, er-
klärte Dr. Abell mir, ›wenn jemand ein Mittel wüßte, Bewegung
und Energie von sich selbst auf unbelebte Objekte zu übertra-
gen.‹

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›Als ob die Axt selbst sich gegen jenen wendete, der sie erhö-
be – etwas in jener Art?‹
›Nun, ich will nicht behaupten, daß dies das Bild war, das ich
vor Augen hatte; aber stellt Euch vor, Ihr könntet irgendein
Buch vom Brett herabschweben lassen, und es öffnete sich gar
von selbst auf der richtigen Seite.‹
Er saß beim Feuer – es war ein kalter Abend – und streckte die
Hand hinüber, und just in jenem Moment fiel eines der Schürei-
sen, oder doch wenigstens ein kleiner Feuerhaken, mit großem
Gepolter zu ihm hin, und der Rest seiner Worte ging in dem
Gelärm unter. Ich antwortete jedoch, ich könne mir schwerlich
ein solches Mittel, wie er es nenne, vorstellen, für das nicht teu-
rer zu bezahlen wäre, als einem Christenmenschen lieb sein
könne; und darin stimmte er mir zu. ›Doch ich zweifle nicht‹,
meinte er noch, ›daß derlei Verträge sehr verlockend sein könn-
ten, so daß man ihnen leicht erläge. Aber für Euch wärʹ das
wohl nichts, was, Doktor? Nein, ich glaube nicht.‹
Das ist alles, was ich über Dr. Abells Charakter und über das
Verhältnis zwischen diesen beiden Männern weiß. Dr. Quinn
war, wie gesagt, ein einfacher, redlicher Mensch, ein Mann, zu
dem ich gegangen wäre – zu dem ich bisher auch tatsächlich
gegangen bin –, wenn ich eines Rats bedurfte. Doch auch er war
bisweilen, und besonders in letzter Zeit, nicht frei von quälen-
den Eingebungen. Ich darf wohl sagen, es gab eine Zeit, als sei-
ne Träume ihm dermaßen zusetzten, daß er sie nicht für sich
behalten konnte und sie manchem aus seiner Bekanntschaft
erzählte, unter anderem auch mir. Ich war zum Abendessen bei
ihm zu Gast, und er war nicht gewillt, mir zur üblichen Stunde
den Aufbruch zu gewähren. ›Wenn Ihr geht‹, sagte er, ›bleibt

-45-
mir nichts anderes als zu Bett zu gehen, und dann werde ich
wieder von der Schmetterlingspuppe träumen.‹
›Ihr könntet Schlimmeres träumen‹, meinte ich.
›Das glaube ich nicht‹, entgegnete er und schüttelte sich wie
jemand, dem bei seinen eigenen Gedanken schaudert. ›Ich mei-
ne nur‹, sagte ich, ›daß eine Schmetterlingspuppe ein harmlos
Ding ist.‹ ›Die, von der ich spreche, nicht‹, entgegnete er, ›und
ich möchte nicht daran denken.‹
Bevor er jedoch auf meine Gesellschaft verzichtete, war er
eher bereit mir zu erzählen (denn ich drängte ihn dazu), daß
dies ein Traum sei, den er in letzter Zeit mehrfach geträumt
habe, bisweilen gar mehrmals in ein und derselben Nacht. Er
sah sich selbst darin, wie er von einem unwiderstehlichen
Drang befallen wurde, sich zu erheben und hinauszugehen. So
kleidete er sich denn in seinem Traume an und ging hinunter
zur Gartentür. An der Tür stand ein Spaten, und diesen mußte
er ergreifen und mit ihm hinaus in den Garten gehen, und an
einer bestimmten, etwas kahleren Stelle im Buschwerk, vom
Mond beschienen (denn stets leuchtete in seinen Träumen der
Vollmond), verspürte er dann den Drang zu graben. Nach eini-
ger Zeit stieß er jeweils mit dem Spaten auf etwas Helles, worin
er einen leinenen oder wollenen Stoff erkannte, den er mit blo-
ßen Händen entfernen mußte. Vor ihm lag etwas von der Größe
eines Menschen, geformt wie eine Schmetterlingspuppe, und es
schien, als ob es sich an den Falten am einen Ende öffnen ließe.
Er konnte gar nicht zum Ausdruck bringen, wie gerne er an
dieser Stelle seines Traums alles stehen- und liegengelassen hät-
te und zum Haus zurückgelaufen wäre, doch so leicht sollte er
nicht davonkommen. Unter Stöhnen und Ächzen – denn er

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wußte ja nur zu gut, was ihn erwartete – begann er also die ein-
zelnen Falten dieses Stoffes, oder, wie es ihm bisweilen schien,
dieses Kokons aufzuwickeln, und hervor kam ein Kopf, der mit
einer glatten, rötlichen Haut überzogen war, und als die Gestalt
sich rührte und die Haut aufriß, da erblickte er sein eigenes, im
Tode erstarrtes Gesicht. Der Bericht über diesen Traum erregte
ihn dermaßen, daß ich gezwungen war, aus schierem Mitleid
den größten Teil der Nacht bei ihm zu bleiben und über belang-
lose Dinge zu reden. Jedesmal, wenn der Traum zurückkehre,
wache er am Ende auf, sagte er, und es sei, als ob er um Atem
ringen müsse.«

An dieser Stelle wird eine weitere Passage aus Luke Jennetts


langer, weitschweifiger Aussage wichtig.

Ȇber meinen Herrn, Dr. Abell, habe ich niemals etwas in der
Nachbarschaft verlauten lassen. Ich erinnere mich noch, daß
ich, als ich in anderen Diensten war, meinen Dienerkollegen die
Geschichte von dem Bettpfosten erzählt habe, aber ich bin si-
cher, ich habe nie gesagt, daß ich oder er darin verwickelt wa-
ren, und die Erzählung fand so wenig Glauben, daß man mich
deswegen hänselte und ich beschloß, sie in Zukunft für mich zu
behalten. Und als ich nach Islington zurückkam und entdeckte,
daß Dr. Abell, von dem man mir gesagt hatte, er sei an einen
anderen Ort gezogen, noch immer dort wohnte, da wußte ich,
daß ich verschwiegen sein mußte, ja, ich fürchtete mich gar vor
ihm, und ich darf wohl sagen, daß ich in keiner Weise Übles
über ihn verbreitet habe. Mein Dienstherr, Dr. Quinn, war ein
höchst gerechter, aufrichtiger Mann und kein Unruhestifter. Ich

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bin überzeugt, er hat niemals einen Finger gerührt oder ein
Wort gesagt, um jemanden zu überreden, daß er Dr. Abell die
Treue aufkündigen und statt dessen zu ihm kommen solle; er
ließ sich ja kaum dazu bringen, diejenigen zu behandeln, die
aus freien Stücken kamen, bis er einsah, daß sie, wenn er es
nicht tat, lieber in die Stadt nach einem anderen Arzte schicken
würden als denjenigen aufzusuchen, zu dem sie bisher gegan-
gen waren.
Ich glaube, es wird sich nachweisen lassen, daß Dr. Abell
meinen Herrn mehr als einmal in seinem Hause aufsuchte. Wir
hatten eine neue Kammerzofe aus Hertfordshire, und sie er-
kundigte sich bei mir, wer denn der Gentleman gewesen sei,
der nach unserem Herrn gefragt habe, nach Dr. Quinn also, als
dieser außer Haus war, und der ein so enttäuschtes Gesicht
deswegen gemacht hätte. Sie sagte, wer immer es gewesen sein
möge, er habe sich im Haus gut ausgekannt, er sei sogleich in
die Studierstube und darauf dann ins Krankenzimmer gegan-
gen, und zuletzt gar ins Schlafzimmer. Ich ließ sie beschreiben,
wie er ausgesehen habe, und was sie sagte, paßte gut genug zu
Dr. Abell; außerdem sagte sie mir, sie habe denselben Mann
auch in der Kirche gesehen, und jemand habe ihr gesagt, das sei
der Doktor.
Kurz darauf begann mein Herr dann unter seinen Alpträu-
men zu leiden und beschwerte sich bei mir und anderen insbe-
sondere darüber, welche Qualen er durch Kissen und Bettzeug
zu erleiden habe. Er sagte, er müsse neues Bettzeug kaufen, das
seinen Anforderungen genüge, und er werde sich selbst um die
Anschaffung kümmern. Und tatsächlich brachte er bald ein Pa-
ket mit nach Hause, von dem er sagte, das sei die rechte Quali-
tät, doch wo er sie gekauft hatte, das wußten wir damals noch

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nicht, nur daß der Stoff eine Krone und einen Vogel eingewo-
ben hatte. Die Frauen sagten, es sei ein Stoff, den man nicht oft
finde, und er sei vorzüglich, und der Herr selbst meinte, es sei
die bequemste Bettwäsche, die er jemals gehabt habe, und er
schlafe nun sanft und tief. Auch schlief er auf den erlesensten
Federkissen, und sein Haupt sank ein wie in eine Wolke. Dies
habe ich selbst mehrfach bemerken können, wenn ich des Mor-
gens kam, um ihn zu wecken – sein Gesicht war fast ganz ver-
deckt von dem Kissen, das sich darübergelegt hatte.
Ich habe nicht mit Dr. Abell gesprochen, seit ich nach Isling-
ton zurückgekehrt bin, nur ein einziges Mal, als er mir auf der
Straße begegnete und mich fragte, ob ich vielleicht auf der Su-
che nach einer neuen Stellung sei, worauf ich antwortete, ich sei
sehr zufrieden dort, wo ich sei, doch er entgegnete, ich sei ein
flatterhafter Bursche, und es werde ihn nicht wundern, wenn er
bald höre, daß ich wieder auf der Suche sei, und so war es dann
ja auch.«

Dr. Pratt fährt an der Stelle fort, an der wir ihn unterbrochen
haben.

»Am 16. wurde ich, kurz nachdem es zu tagen begann – das


heißt gegen fünf – mit der Nachricht aus dem Bett geholt, Dr.
Quinn sei tot oder liege im Sterben. Ich machte mich sogleich
auf den Weg zu seinem Haus und mußte feststellen, daß dies
ohne Zweifel der Wahrheit entsprach. Alle Bewohner des Hau-
ses außer dem einen, der mich einließ, befanden sich bereits in
der Kammer und umringten sein Bett, doch keiner rührte ihn
an. Er war in der Mitte des Bettes ausgestreckt, ordentlich auf

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dem Rücken liegend, ja, man hätte meinen können, er sei be-
reits für das Begräbnis aufgebahrt. Ich glaube, er hatte sogar die
Hände auf der Brust gefaltet. Das einzig Ungewöhnliche war,
daß nichts vom Gesicht zu erblicken war, denn die beiden En-
den des Kissens schienen sich ganz darüber geschlossen zu ha-
ben. Ich zog sie sogleich auseinander und tadelte die Umste-
henden, insbesondere den Kammerdiener, daß er seinem Herrn
nicht unverzüglich zu Hilfe geeilt sei. Dieser blickte mich je-
doch nur an und schüttelte den Kopf, denn offensichtlich hatte
er ebensowenig Hoffnung wie ich, daß wir etwas anderes als
einen Leichnam vor uns liegen hatten.
In der Tat war für jeden, der auch nur über ein Quentchen Er-
fahrung verfügte, nicht zu übersehen, daß er tot war, ja, daß der
Tod durch Ersticken eingetreten war. Und ebenso war es ein-
deutig genug, daß dies nicht durch einen Unfall, einfach nur
indem die Kissenenden sich über ihm geschlossen hatten, ge-
schehen war. Wie hätte er da nicht, als er den Druck spürte, die
Hände ausgestreckt und die Enden beiseite geschoben? Doch
nicht eine Falte der Bettdecke, die, wie ich nun erst bemerkte,
fest um ihn gewickelt war, war verzogen.
Als nächstes mußte ein Arzt verständigt werden. Ich hatte
dies bereits bedacht, als ich das Haus verließ, und hatte den
Boten, der mich benachrichtigt hatte, weiter zu Dr. Abell ge-
schickt; doch nun erfuhr ich, daß dieser nicht zu Hause war,
und man holte den am nächsten wohnenden Arzt; dieser konn-
te jedoch, zumindest ohne daß er den Leichnam öffnete, nicht
mehr sagen, als wir bereits wußten.
Was die Frage anging, ob jemand in übeltäterischer Absicht in
das Zimmer eingedrungen sei (der nächste Punkt, der zu klären
war), so war zwar zu erkennen, daß die Riegel der Tür aus ih-
-50-
ren Verankerungen gerissen waren, und diese wiederum waren
mit roher Gewalt aus den Türrahmen gesprengt, doch es war
hinreichend bezeugt, nicht zuletzt durch die Aussage des
Schmiedes, daß dies erst einige wenige Minuten, bevor ich ein-
traf, geschehen war. Hinzu kam, daß das Zimmer im obersten
Stockwerk des Hauses lag und das Fenster alles andere als
leicht zugänglich war, und ebensowenig hatte es den Anschein,
daß jemand hindurch geflüchtet wäre – es gab weder Spuren
auf der Fensterbank noch Abdrücke unten im weichen Erdbo-
den.«

Der Obduktionsbericht ist natürlich in den Papieren der ge-


richtlichen Untersuchung enthalten, doch da er lediglich vom
guten Gesundheitszustand der lebenswichtigen Organe spricht
und von Blutergüssen an verschiedenen Stellen des Körpers,
muß er hier nicht wiedergegeben werden. Das Urteil lautete:
›Tod durch göttliche Heimsuchung.‹
Beigegeben war dem Konvolut von Schriftstücken noch ein
weiteres Papier, von dem ich zunächst glaubte, es sei aus Ver-
sehen dazwischengeraten. Nach einigem Überlegen kann ich
nun jedoch nachvollziehen, warum jemand es hinzugefügt hat.
Es ist ein Bericht über den Einbruch in ein Mausoleum in
Middlesex, das einst in einem (inzwischen parzellierten) Park
stand, dem Besitz einer Adelsfamilie, deren Namen ich hier
nicht nennen will. Es schien sich nicht um die Schandtat eines
gewöhnlichen Leichendiebes zu handeln; es ging wohl eher um
Grabraub. Der Bericht ist krude und grausam. Ich möchte ihn
nicht zitieren. Ein Kunsthändler im Norden Londons wurde im

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Zusammenhang mit diesem Vorfall zu einer empfindlichen
Geldstrafe wegen Hehlerei verurteilt.

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Die Beschwörung

Eine Gespenstergeschichte für die Neujahrsnacht

(Genaue Anweisungen finden sich am Ende des Textes)

Der Reverend Dr. Hall saß an seinem Schreibtisch und nahm


die Eintragungen des abgelaufenen Jahres im Pfarregister vor:
denn es war seine Angewohnheit, die Taufen, Eheschließungen
und Beerdigungen in einem Notizbuch festzuhalten, wenn sie
anfielen, und sie erst in den letzten Dezembertagen ordentlich
in die pergamentene Kladde einzutragen, die in einer Truhe in
der Sakristei verwahrt wurde.
Hinzu trat seine Wirtschafterin, in offensichtlichem Zustande
der Erregung. »Oh, Sir«, sprach sie, »denkt Euch nur, was ge-
schehen ist! Der arme Squire ist tot!«
»Der Squire? Squire Bowles? Was redet Sie da, Frau? Ich habe
ihn doch gestern noch…«
»Ich weiß, Sir, aber es ist die Wahrheit. Wickem, der Kirchen-
diener, hatʹs eben verkündet; er ist schon unterwegs, die Ster-
beglocke zu läuten – Ihr werdet es gleich selbst hören. Da, hört
nur.«
Kein Zweifel, Glockengeläut drang durch die stille Nacht –
nicht laut, denn das Pfarrhaus lag ein wenig abseits vom Kirch-
hof. Dr. Hall erhob sich eilends.
»Schrecklich«, sagte er. »Schrecklich. Ich muß sogleich hin-
über, um meine Aufwartung zu machen. Gestern schien es ihm
soviel besser zu gehen.« Er hielt inne. »Haben Sie etwas davon
-53-
gehört, daß die Krankheit in diese Gegend gekommen ist? In
Norwich ist nichts davon bekannt. Es kommt alles so plötzlich.«
»Nein, Sir, ich habe nichts dergleichen gehört. Mit einem
Schlag warʹs vorbei, sagt Wickem, mit einem Würgen im Hals.
Da ist einem zumut – na, ich mußte mich jedenfalls erst einmal
hinsetzen, eine ganze Minute oder noch länger, so merkwürdig
warʹs mir, als ich das hörte – und wenn ich recht verstanden
habe, wollen sie ihn in aller Eile begraben. Manche Leute kön-
nen den Gedanken einfach nicht ertragen, daß ein Leichnam in
ihrem Hause liegt, und…«
»Schon gut. Nun, ich muß mich bei Madame Bowles oder bei
Mr. Joseph persönlich erkundigen. Bringen Sie mir meinen
Mantel, bitte. Und sagen Sie Wickem, daß ich ihn sehen möchte,
sobald er mit dem Läuten fertig ist.« Er eilte davon.

Eine Stunde später war er zurück, und Wickem wartete bereits


auf ihn. »Es gibt Arbeit für Sie, Wickem«, sagte er, während er
seinen Mantel abwarf, »und es bleibt nicht allzuviel Zeit dafür.«
»Jawohl, Sir«, antwortete Wickem. »Das Familiengrab muß
geöffnet werden, natürlich…«
»Nein, nein, das ist nicht der Auftrag, den ich für Sie habe.
Der arme Squire hat, scheint es, schon früher Anweisung gege-
ben, daß man ihn nicht im Chor beerdigen soll. Es soll ein Grab
in der Erde sein, auf der Nordseite des Kirchhofes.« Er hielt
inne, denn der Totengräber hatte einen unbestimmten Laut
ausgestoßen. »Nun?« fragte er.
»Bitte um Verzeihung, Sir«, sagte Wickem mit entsetzter
Stimme, »aber habʹ ich Euch recht verstanden? Nicht im Famili-

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engrab, sagt Ihr, und auf der Nordseite? Ts, ts! Der arme Herr
muß von Sinnen gewesen sein.«
»Ja, mir kommt es auch merkwürdig vor«, bestätigte Dr. Hall,
»aber nein, Mr. Joseph sagt mir, es sei der ausdrückliche
Wunsch seines Vaters gewesen – Stiefvaters, wolltʹ ich sagen –,
den er mehr als einmal geäußert habe, auch schon, als er noch
bei guter Gesundheit gewesen. Schlichte Erde und frische Luft.
Sie wissen natürlich, daß der arme Squire allerlei verschrobene
Ideen hatte, obwohl er über diese hier nie mit mir gesprochen
hat. Und noch etwas, Wickem. Kein Sarg.«
»Aber bester, bester Sir!« rief Wickem, noch um so schockier-
ter. »Oh, das wird ein schlimmes Gerede geben, das könnt Ihr
mir glauben, und Wright, was wird der enttäuscht sein! Ich
weiß, daß er ein besonders schönes Holz für den Squire ausge-
sucht hat, und er hat es schon seit Jahren aufgehoben.«
»Nun, vielleicht wird die Familie etwas tun, um es Wright zu
entgelten«, meinte der Pfarrer recht ungeduldig, »aber nun
kommtʹs erst einmal darauf an, daß das Grab ausgehoben wird
und alles bis morgen um zehn Uhr abends bereit ist – Wright
muß Fackeln bereitstellen, das dürfen Sie nicht vergessen. Ich
bin sicher, es wird auch für Sie etwas herausspringen, für Ihre
Mühen und weil alles so schnell gehen muß.«
»Sehr wohl, Sir, wenn das nun einmal die Anweisungen sind,
dann will ich mein Bestes tun, sie auszuführen. Und soll ich auf
dem Rückweg noch den Frauen Bescheid sagen, Sir, daß sie
zum Haus hinaufgehen und den Leichnam zurechtmachen?«
»Nein; davon war, glaubʹ ich – nein, mit Sicherheit – nicht die
Rede. Mr. Joseph wird zweifellos nach ihnen schicken, wenn sie
gebraucht werden. Nein, Sie haben ohnedies schon genug zu

-55-
tun. Gute Nacht, Wickem. Ich saß eben über dem Register, als
die traurige Nachricht kam. Wer hätte gedacht, daß ich noch
einen solchen Eintrag hinzufügen müßte, wie es nun nötig ge-
worden ist!«

Alles war geschehen, wie es sich gehörte. Der Trauerzug war


im Fackellicht vom Herrenhaus aufgebrochen und durch den
Park gezogen, die Lindenallee entlang zu dem Hügel hinauf,
auf dem die Kirche stand. Das ganze Dorf war versammelt und
ebenso alle Nachbarn, die man in den wenigen Stunden hatte
verständigen können. Niemand war allzu überrascht, daß mit
solcher Eile verfahren wurde.
Formalitäten gab es damals noch keine zu erledigen, und
niemand machte der trauernden Witwe einen Vorwurf, daß sie
drängte, den Toten zur letzten Ruhe zu betten. Und niemand
erwartete, daß sie dem Leichenzug folgte. Ihr Sohn Joseph – das
einzige Kind ihrer ersten Ehe mit einem gewissen Calvert aus
Yorkshire – führte den Zug an.
Denn es gab keinerlei Verwandten auf Squire Bowlesʹ Seite,
die man hätte verständigen können. Das Testament, verfaßt
zum Zeitpunkt der zweiten Eheschließung des Squire, sprach
alles der Witwe zu.
Und worum genau handelte es sich dabei? Natürlich um Län-
dereien, das Haus, die Möbel und die Gemälde. Einiges hatte
sich wohl in Münzen angesammelt, doch an Bargeld gab es,
über ein paar hundert Pfund hinaus, die Bevollmächtigten an-
vertraut waren – ehrliche Männer und keine Spekulanten –,
nichts. Und das, obwohl Francis Bowles jahrelang gute Pacht-
einnahmen gehabt und wenig ausgezahlt hatte. Und er hatte

-56-
auch nicht als Geizkragen gegolten, vielmehr seine Besucher
reichlich bewirtet, und es war immer Geld genug dagewesen
für die bescheidenen Ansprüche von Ehefrau und Stiefsohn.
Ohne je zu klagen, hatte der Squire die Schul- und Universi-
tätsgelder für Joseph Calvert übernommen.

Wo war also das viele Geld geblieben? Das Haus wurde auf
den Kopf gestellt, doch ein verborgener Schatz kam nicht zuta-
ge; keiner der Diener, weder alt noch jung, wußte davon zu be-
richten, daß er den Squire an merkwürdigen Orten oder zu
merkwürdigen Stunden gesehen hätte. Nein, Madame Bowles
und ihr Sohn waren gänzlich ratlos. So saßen sie denn eines
Abends im Wohnzimmer und berieten ihre Sorge zum zwan-
zigsten Mal:
»Du hast seine Bücher und Papiere heute noch einmal durch-
gesehen, Joseph, nicht wahr?«
»So ist es, Mutter, aber es ist nichts dabei herausgekommen.«
»Womit hat er sich bloß beschäftigt, und warum sandte er
immerzu Briefe an diesen Mr. Fowler in Gloucester?«
»Du weißt doch, eine seiner Grillen war die Frage nach dem
Zustand der Seele im Zwischenreich. Damit haben er und jener
andere sich immer wieder beschäftigt. Das letzte, was er
schrieb, war ein Brief, den er nicht mehr beendet hat. Ich hole
ihn… Ja, auch hier wieder das alte Lied.

Geschätzter Freund!
Allmählich geht es mit unseren Studien voran, doch
weiß ich nicht recht, inwieweit ich den von uns konsul-

-57-
tierten Autoren glauben soll. Hier ist einer, auf den ich
kürzlich gestoßen bin, der behauptet, daß für eine be-
stimmte Zeit nach dem Tode die Seele unter dem Ein-
fluß gewisser Geister stehe, des Raphael etwa oder ei-
nes zweiten, dessen Namen ich als Nares zu entziffern
glaube; doch bleibt sie dem Zustand des Lebens so na-
he, daß sie durch Gebete an diese beiden freigelassen
werden mag, um den Lebenden zu erscheinen. Ja, sie
muß sogar kommen, wenn sie nur recht gerufen wird,
und die Beschwörungsformel, mit der dies geschehen
soll, wird genannt. Doch ist sie gekommen und sind ihr
einmal die Lippen entbunden, mag es sich ergeben, daß
der, welcher sie rief, von ihr mehr erfährt als nur die
Fundstelle des verborgenen Schatzes, auf den er es
wohl wird abgesehen haben; denn dies gibt die Be-
schreibung als erstes an, was zu erfragen sei. Doch das
Beste wird wohl sein, ich schicke Euch das Ganze, was
ich hiermit tue; es ist die Abschrift einer Stelle, die ich
im Zauberbuch des hochlöblichen Bischof Moore ge-
funden habe.«

Hier hielt Joseph inne, ohne etwas hinzuzusetzen, und be-


trachtete das Blatt. Über eine Minute lang fiel kein Wort, dann
hüstelte Madame Bowles, zog weiter die Nadel durch ihr
Stickwerk, warf einen Blick darauf und sagte: »Mehr steht nicht
da?«
»Nein, Mutter, nichts sonst.«
»Nichts? Nun, das ist merkwürdig. Hast du diesen Mr. Fow-
ler je kennengelernt?«

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»Ja; ein- oder zweimal habe ich ihn wohl gesehen, in Oxford –
ein sehr zuvorkommender Gentleman.«
»Wenn ich es mir nun überlege, so wäre es wohl nur recht
und billig, ihm Mitteilung zu machen, was – was vorgefallen
ist; schließlich waren sie gute Freunde. Ja, Joseph, das solltest
du wohl tun; du wirst schon die rechten Worte finden. Der letz-
te Brief ist schließlich an ihn gerichtet.«
»Du hast recht, Mutter, und ich werde mich sogleich an die
Arbeit machen.« Und unverzüglich setzte er sich zum Schrei-
ben nieder.
Ein Brief von Norfolk nach Gloucester brauchte damals seine
Zeit, doch am Ende traf er ein, und ein umfänglicheres Päck-
chen kam zur Antwort; und weitere abendliche Gespräche folg-
ten im holzgetäfelten Wohnzimmer des Herrenhauses. Am En-
de eines solchen Gespräches fielen die folgenden Worte: »Heute
nacht also, wenn du dir deiner Sache sicher bist, und nimm den
Pfad über die Felder. Ah, und hier haben wir ein Tuch, das sich
für deine Zwecke eignen wird.«
»Was ist das für ein Tuch, Mutter? Eine Serviette?«
»Ja, etwas in dieser Art; was spielt das für eine Rolle?« So ging
er denn durch den Garten hinaus, und sie stand ängstlich an
der Türe, die Hand vor den Mund gepreßt. Dann ließ sie die
Hand sinken, und halblaut kamen die Worte: »Wenn ich nur
nicht so in Eile gewesen wäre! Aber es war das Schweißtuch,
kein Zweifel.«
Die Nacht war stockdunkel, und die Frühjahrsstürme fegten
über die schwarzen Felder: laut genug heulten sie, um jeden
Ruf, jedes Wort, das fiel, zu übertönen. Wenn jemand dort rief,

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so war keine Stimme zu hören, und es gab niemanden, der
antwortete, niemanden, der zusah – noch gab es ihn nicht.
Am nächsten Morgen trat seine Mutter schon früh in Josephs
Kammer. »Gib mir das Tuch«, sagte sie, »die Dienstmädchen
dürfen es nicht finden. Und dann sagʹ mir, was geschehen ist,
rasch!«
Joseph, der auf der Bettkante saß, den Kopf in die Hände ge-
stützt, blickte zu ihr auf, die Augen blutunterlaufen. »Wir ha-
ben seine Lippen entbunden«, sagte er. »Warum, um alles in
der Welt, hast du sein Antlitz nicht verhüllt?«
»Was sollte ich tun? Du weißt doch wohl noch, wie abgehetzt
ich an jenem Tage war? Aber soll das heißen, du hast es gese-
hen?«
Joseph stöhnte nur und vergrub wiederum den Kopf in den
Händen. Dann sagte er leise: »Er ließ mich wissen, daß auch du
es erblicken sollst.«
Mit einem Schreckensschrei ergriff sie den Bettpfosten und
klammerte sich daran. »Oh, und wie wütend er ist«, fuhr Jo-
seph fort. »Er hat nur darauf gewartet, dessen bin ich mir si-
cher. Ich hatte die Worte kaum gesprochen, da hörte ich schon
ein Knurren dort unten, wie das eines Hundes.« Er sprang auf
und durchmaß das Zimmer. »Und was können wir nun noch
tun? Er ist frei! Und ich fürchte mich, ihm zu begegnen! Ich wa-
ge es nicht, den Trank zu nehmen und dorthin zu gehen, wo er
ist! Ich wage es nicht, noch eine Nacht hier zu liegen. Oh, war-
um hast du das nur getan? Wir hätten warten können.«
»Sei still«, sagte die Mutter; ihre Lippen waren wie Perga-
ment. »Du warst, das weißt du, ebenso wie ich daran beteiligt.
Und außerdem, was nützen nun die Worte? Höre: Es ist erst

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sechs Uhr. Wir haben genug Geld, um das Land zu verlassen;
und über das Wasser können solche wie er nicht hinüber. Yar-
mouth ist nicht weit, und an den meisten Abenden gehen Boote
nach Holland, wie ich höre. Kümmere du dich um die Pferde.
Ich werde bereit sein.«
Joseph starrte sie an. »Aber was werden die Leute hier dazu
sagen?«
»Ja, was? Kannst du nicht dem Pfarrer sagen, wir hätten er-
fahren, daß es Besitz in Amsterdam gebe, den wir unverzüglich
einfordern müßten, sonst sei er verloren? Geh, geh; oder, wenn
du nicht Manns genug dazu bist, verbringʹ eine weitere Nacht
in diesem Bette.« Er erschauderte und machte sich auf den
Weg.

An jenem Abend kam nach Sonnenuntergang ein Fischer in ein


Wirtshaus am Kai von Yarmouth geschlurft, wo ein Mann und
eine Frau saßen, mit Satteltaschen auf dem Boden neben sich.
»Da seid Ihr wohl soweit, die Dame und der junge Herr? Wir
legen noch diese Stunde ab, und mein anderer Passagier wartet
bereits am Kai. Das ist alles, was Ihr bei Euch habt?« fragte er
und ergriff die Taschen.
»Ja, wir reisen mit kleinem Gepäck«, sagte Joseph. »Und Sie
haben noch weitere Passagiere nach Holland?«
»Nur den einen«, antwortete der Schiffer, »und der scheint
noch weniger bei sich zu haben.«
»Kennen Sie ihn?« fragte Madame Bowles; sie legte Joseph die
Hand auf den Arm, und beide hielten sie auf der Schwelle inne.

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»Das nicht, aber ich würde ihn, obwohl er eine Kapuze über-
gezogen hat, sogleich wiedererkennen, denn er hat eine so selt-
same Art zu sprechen; ich denke nicht, daß er Euch kennen
wird, nach dem, was er sagte. ›Geht und holt sie‹, sagte er, ›ich
werde sie hier erwarten‹ – und schau nur, da kommt er ja
schon.«

Den Gatten zu vergiften war auch damals ein Kapitalverbre-


chen, und Ehefrauen, die dessen überführt wurden, erdrosselte
man auf dem Scheiterhaufen und verbrannte sie dann. Die Ge-
richtsakten von Norwich wissen von einer Frau zu berichten,
mit der so verfahren wurde, und von ihrem Sohn, den man an-
schließend hängte; sie wurden verurteilt auf Grund der Beichte,
die sie beide vor dem Pfarrer der Gemeinde ablegten; den Na-
men des Ortes will ich verschweigen, denn noch immer gibt es
verborgene Schätze dort.
Bischof Moores Zauberbuch befindet sich heute in der Uni-
versitätsbibliothek Cambridge, Signatur Dd 11.45, und auf dem
Blatt mit der Nummer 144 steht dort zu lesen:
Eine Beschwörung, welche sich schon oftmahlen hat
hülfreich erwiesen, etwelche Schätze auf zu spüren,
welche im Erdenreiche vergraben sind, Diebstahl, Mord
oder sonnst mancherlei Ding. Begieb dich zum Grabe
eines toten Mannes und ruff ihn drey Mal bei seinem
Nahmen, am Kopfe des Grabes, und sage: Du, N. N. N.
ich beschwöhre dich, ich fordere von dir, und ich befeh-
le dir bei deinem Glauben, daß du Urlaub nehmest von
deinem Herrn Raphael und von Nares und um Erlaub-
niß bittest, daß du in dieser Nacht mögest vorkommen

-62-
dürfen und mir wahrhafftige Nachricht geben sollst
von jenem Schatze, welcher da und da begraben liegt.
Nimm sodann von der Erde, welche auf dem Grabe ist,
da wo der Kopf des Leichnahms lieget, und wirke sie in
ein linnen Tuch und lege es unter dein rechts Ohr und
schlafe darüber: und wo immer du liegen oder schlafen
magst, in jener Nacht wird er kommen und Dir Wahr-
haftiges sagen, ob du nun wachest oder schlafest.

-63-
A. C. Benson
(1862-1925)

Suchte ein Psychologe nach Beweisen für die These, daß phan-
tastische Literatur abnormen Geisteszuständen und traumati-
schen Familienverhältnissen entspringt, so fände er in der Ge-
schichte der Familie Benson reichlich Material.
Von den sechs Kindern aus der Ehe des Erzbischofs von Can-
terbury, Edward White Benson, mit der zur Zeit der Heirat ge-
rade einmal achtzehnjährigen Mary Sidgwick starben zwei (ein
Junge und ein Mädchen) noch als Kinder, und die einzige über-
lebende Tochter, Maggie, sollte in späteren Jahren in einem
psychotischen Anfall versuchen, ihre Mutter zu ermorden, die
eine lesbische Beziehung mit einer ihrer Freundinnen hatte. Das
schreibende Kleeblatt Arthur Christopher, Edward Frederic
und Robert Hugh Benson behauptete sich als eine Art spätvik-
torianische Kelly-Family der Literaturszene, ebenso talentiert
wie gefährdet. (En passant sollte hier nicht unerwähnt bleiben,
daß auch der Vater selbst indirekt einen gewissen literarischen
Nachruhm beanspruchen darf, denn als im Jahre 1895 der ame-
rikanische Schriftsteller Henry James Gast der Familie war, er-
zählte der Erzbischof am Abend des 10. Januar eine ihm be-
kanntgewordene »wahre« Gespenstergeschichte, die den aus-
ländischen Romancier zu der weltberühmten Erzählung The
Turn of the Screw inspirierte. ) Von dem, was man aus den von
den Brüdern verfaßten Familienbiographien über den Vater
weiß, muß das Oberhaupt der anglikanischen Staatskirche –
Queen Viktorias Lieblingsbischof – für seine Kinder ein
Schreckgespenst gewesen sein, wenn man so will die leibhaftige

-64-
Verkörperung von Freuds patriarchalischem Prinzip, gesell-
schaftlich erhöht durch Ornat und Aura des hohen Amtes. Der
jüngste Bruder, Robert Hugh, trat – gewissermaßen in einem
Akt der Vaterverleugnung – schließlich zur katholischen Kirche
über, wo er es bis zum Monsignore und Kammerdiener Papst
Pius X brachte. Maggies Weg führte in die psychiatrische An-
stalt, und Arthur litt sein Leben lang unter Depressionen. Ein-
zig Edward, der literarisch bekannteste und produktivste der
Brüder, scheint ein relativ normales Leben geführt zu haben;
aber auch er blieb wie seine Brüder bis zu seinem Tode Jungge-
selle, und so endete die Linie der Benson-Familie mit dieser
Generation.
Arthur Christopher wirkt auf den gemeinsamen Familienpho-
tos immer ein wenig wie Wyatt Earp im Kreise seiner Brüder.
Als Ältestem scheint die Bürde der Familienzustände besonders
schwer auf ihm gelastet zu haben. Ein Leben lang von Alp-
träumen geplagt und in der Furcht, ebenso wie seine Schwester
Maggie wahnsinnig zu werden, gelang es ihm doch, sich eine
bürgerliche Existenz aufzubauen. Er wurde Schullehrer, unter-
richtete 1892 zuerst in Eton und ab 1903 in Cambridge, wo er
zum Master des Magdalene College aufstieg. Seinem Wirken –
und der großzügigen Spende einer Amerikanerin, die eines sei-
ner essayistischen Werke über die Finanzarmut des College zu
Tränen gerührt hatte – ist es zu verdanken, daß das Magdalene
College zu einem der führenden Colleges von Cambridge wur-
de.
Zu Arthurs Veröffentlichungen gehören neben zahlreichen,
nach heutigem Geschmack leicht morbiden Essays ein paar un-
bedeutende Romane (so The Child of the Dawn, dem Thema Re-
inkarnation gewidmet, aus dem Jahre 1912), autobiographische

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Werke sowie Biographien über seine Familie (unter anderem je
ein Buch über seinen Vater, seinen Bruder Hugh und seine
Schwester Maggie), und – man höre und staune – die Briefe
Queen Viktorias, die er herausgab. Sein bekanntestes und un-
verwüstlichstes Werk ist jedoch – auch wenn die meisten gar
nicht wissen, dass es von ihm ist – der Text zu Elgars Pomp and
Circumstance March No. 1, besser bekannt als Land of Hope and
Glory, das alljährlich den Abschluß der Prom-Konzerte bildet
und so etwas wie Englands heimliche Nationalhymne ist.
Sein schmales Œuvre an Gespenstergeschichten ist dagegen
heute nur noch einem kleinen Publikumskreis bekannt. Die
beiden Bände The Hill of Trouble (1903) und The Isles of Sunset
(1905) vereinen Erzählungen, die aus dem direkten Kontakt zu
M. R. James entstanden. Benson war James bereits 1873 begeg-
net, als sie beide noch Schüler in der Temple Grove School in
East Sheen waren, und er gehörte später in Cambridge zu dem
Kreis von Leuten, denen James erstmals an einem Weihnachts-
abend eine seiner Gespenstergeschichten vortrug. Benson folgte
dem Vorbild des Meisters und machte es sich ebenso wie James
zur Gewohnheit, für seine Zöglinge gruselige Geschichten zu
verfassen, die er, wie sich einer seiner Schüler erinnert, an
Sonntagen in seinem abgedunkelten Studierzimmer mit »leiser
Stimme und in gewöhnlichem Tonfall«, in einem bequemen
Armsessel neben einer grünbeschirmten Leselampe sitzend,
zum Besten gab.
Im Gegensatz zu den Erzählungen von James verfolgten Ben-
sons Werke den Zweck, seine Schüler moralisch zu läutern. Wie
die in unserem Band vorgestellten Geschichten ›Das verschlos-
sene Fenster‹ und ›Aus dem Meer‹ waren die meisten von ih-
nen unverhohlen allegorisch. Erst nach seinem Tode fand Ed-

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ward unter den hinterlassenen Papieren seines Bruders zwei
Geschichten, die weniger moralisierend als der Rest von Ar-
thurs Werk waren und bis heute gerne von Herausgebern von
phantastischen Anthologien verwendet werden, und zwar die
längeren Texte ›Basil Netherby‹ und ›The Uttermost Farthing‹.
Während letztere sich im Umfeld des Realismus situieren las-
sen, verleiht Bensons archaisierender Stil den beiden kürzeren
›Das verschlossene Fenster‹ und ›Aus dem Meer‹ eine ganz ei-
gene »märchenhafte« Atmosphäre des Unheimlichen.
Ein durchgehendes Charakteristikum von Bensons Œuvre ist
die Warnung, nicht in die Geheimnisse des Geisterreiches ein-
zudringen und so die den Menschen hienieden gesetzten Gren-
zen zu überschreiten. Anders als bei James, dessen Protagoni-
sten sich meist gänzlich unversehens (und gelegentlich ganz
ohne eigene Schuld) in übernatürliche Fallstricke verfangen,
sind die Figuren Bensons faustische Charaktere, welche die Ra-
che der Geisterwelt selbst auf sich herabbeschwören. Tatsäch-
lich ist Benson in vieler Hinsicht nicht nur James-Epigone, son-
dern auch ein Fortsetzer der älteren viktorianischen Gespen-
stergeschichte, im Stile eines Dickens oder einer Mrs. Riddell
etwa, deren Geister Lebenden gleichsam wie ein moralisch er-
hobener Zeigefinger erschienen.
Schon allein diese Verbindung von älteren Wirkungsabsichten
der Gespenstergeschichte mit der modernen Handlungsstruk-
tur Jamesscher Prägung rechtfertigt die Aufnahme von A. C.
Benson in diese Anthologie. Zudem sind jedoch seine Erzäh-
lungen, wovon man sich im folgenden leicht selbst überzeugen
kann, packende Gleichnisse von der Verführbarkeit des Men-
schen.

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Aus dem Meer

Es war an einem Novembermorgen um etwa zehn Uhr in dem


kleinen Dorf Blea-on-the-Sands. Die etwa dreißig Häuser des
Weilers drängten sich auf einer niederen Erhebung, doch hatte
irgendein Kaufmann in längst vergangenen Tagen aus frommer
Gesinnung diesem besonders armen Flecken eine stattliche Kir-
che gestiftet, die sich jetzt für die Bedürfnisse der Ortschaft als
viel zu groß erwies. Auch war das Kirchenschiff durch einen
heftigen Sturm längst seines Daches beraubt, und da es an Geld
fehlte, das Gotteshaus wieder eindecken zu lassen, erhob sich
der Kirchturm nun über den nackten Seitenmauern des Chors.
Dies war eine offene Wunde im Herzen des ältlichen Geistli-
chen, Pater Thomas mit Namen! In Blea war er grau geworden,
doch die Kunst, Geld zu beschaffen, hatte er niemals gelernt;
nur mit schamgerötetem Gesicht vermochte er, um ein Scherf-
lein zu bitten. So fügte sich denn die Ärmlichkeit des Pfarrhau-
ses, in dem der geistlichen Herr mehr schlecht als recht unter-
gebracht war, zum elenden Zustand der Kirche.
Der Boden, auf dem sich der Weiler ausbreitete, mußte wohl
einmal eine Insel gewesen sein. Reddy hieß der kleine Fluß, der
hier in seinem Zug zum Meer stockte und sich dabei in zwei
Läufe durch das fast gänzlich kahle Vorland teilte, auf dessen
sandigen Hügeln nur kurzhalmiges Gras wuchs. Landeinwärts
stand ein Hain von Krüppelbäumen, deren Kronen allesamt
durch die Wucht der Windstöße ihrer Blätter beraubt waren;
jenseits sah man die grüne Niederung, durch die sich der Fluß
wand, in niederes Hügelgelände übergehen, über dem sich in
weiter Ferne zwei oder drei Kirchtürme erhoben, während sich

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nahebei nur ein, zwei einsame Bauernhäuser zeigten. Ja, Blea
war schon sehr von der Welt abgeschnitten.
Zwar überspannte den westlichen Flußarm eine Brücke, den
östlichen Wasserlauf aber konnte man nur mit dem Boot über-
queren. Richtung Meer breiteten sich bei Ebbe weite Sandflä-
chen aus, bei Flut aber hob sich das Wasser fast bis zum Rand
der Dorfgasse.
Blea lebte vom Fischfang, doch gab es auch einige Bauern und
Handwerker. Die Boote der Fischer lagen am Flußarm im Osten
des Dörfchens, der hinreichenden Tiefgang für die Ausfahrt
hatte; bis zum Meersaum markierten ihn große schwarze Pfähle
und Duckdalben, deren Silhouetten sich grotesk über die Sand-
flächen erhoben.

Pater Thomas wohnte nahe der Kirche in einem kleinen, alten


Backsteinhaus, zu dem auch ein bescheidener Kräutergarten
gehörte. Er war ein herzensguter Mann, stark gezeichnet von
Alter, Wind und Wetter und ganz und gar dem geruhsamen
Leben inmitten seiner kleinen Herde verbunden. An diesem
Morgen hatte er sein Haus verlassen, um noch einmal Luft zu
schöpfen, bevor er sich dem Entwurf seiner nächsten Predigt
widmete. Aufs Meer hinausblickend nahm er mit einem Anflug
von Trauer den schwarzen Umriß des vor einer Woche ange-
triebenen Schiffswracks wahr, über dem sich nun weiß gisch-
tend die Wellen brachen. Der Wind blies beständig aus Nord-
ost; offenbar gewann er seine scharfe, beißende Kälte aus pola-
ren Eisfeldern, über die er gestrichen war. Es war ein dunkler
Tag, verhangen nicht durch Wolken, sondern durch einen trü-
ben Dunstschleier, der dem Sonnenschein wehrte.

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Pater Thomas erschauderte unter dem Wind. Während er den
vielfach geflickten Mantel enger um sich zog, näherten sich drei
Gestalten dem Pfarrhaus. Morgenbesuche waren im allgemei-
nen unüblich, und mit noch größerem Staunen nahm er wahr,
wer ihn da besuchen kam: Master John Grimston, der reichste
Mann des Ortes, Bauer und Fischer zugleich, ein düsterer, mür-
rischer Alter; seine Frau Bridget, eine schüchterne, verhuschte
Person, die trotz des häuslichen Reichtums, der für ein Dorf wie
Blea bedeutend war, das Zusammenleben mit ihrem unwir-
schen Mann als eine Bürde empfand; und beider Sohn, Henry,
ein tapsiger Bursche von vierzig Jahren, der stets breitbeinig
daherwatschelte und für seinen Vater eine Zielscheibe des
Spotts war. Die drei näherten sich stumm und schweren Schrit-
tes, so als ob sie ein trauriger Anlaß herbeiführe.
Pater Thomas ging ihnen sogleich entgegen und begrüßte sie
mit der ihm eigenen Munterkeit. »Was kann ich für Euch tun?«
fragte er.
Der alte Grimston bedeutete mit einer Art Kopfbewegung,
seine Frau möge sprechen; und abgehackt, mit leiser und etwas
heiserer Stimme, sagte sie: »Es gibt da eine Sache, Pater, nach
der wir Euch fragen möchten – habt Ihr Zeit?«
Pater Thomas sagte: »Aber ja doch, es ist mir geradezu pein-
lich, daß ich soviel Zeit habe! Laßt uns ins Haus gehen.«
Schon auf der kurzen Strecke zur Tür begann der Pater sich
über das Verhalten seiner Besucher zu wundern. Sie schauten
nach links und nach rechts, und ein oder zweimal warf Grim-
ston ängstlich und angespannt einen Blick zurück über die
Schulter, so als ob er verfolgt würde. Auf das, was der Pater
sagte, antworteten sie nur mit ›Ja‹ oder ›Nein‹, so wie es Leute

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tun, die, bedrückt von argen Sorgen, ganz in sich gekehrt sind.
Pater Thomas kam zu dem Schluß, daß es um Geld gehen müs-
se, denn um nichts anderes kreiste Master Grimsons Denken
für gewöhnlich. Schließlich saßen sie allesamt schweigend auf
den Sesseln im Wohnzimmer, die beiden Männer weiterhin
verstohlen um sich blickend, während die Gattin und Mutter
ihre Augen auf das Gesicht des Priesters geheftet hielt. Pater
Thomas war sich unsicher, wie er dies deuten sollte.
Endlich sagte Master Grimston barsch: »Los, Frau, erzählʹ die
Geschichte, damit es vorangeht; wir wollen dem Pater nicht
seine Zeit stehlen.«
»Ich weiß kaum, wie ich mich ausdrücken soll, Pater«, sagte
Bridget, »aber es ist so, daß uns etwas Dunkles und Böses
heimsucht; es ist etwas in unser Haus gekommen, aber wir wis-
sen nicht, was es ist – doch es macht uns Angst.« Sie erbleichte
plötzlich und stockte, und in den Blicken, welche die drei mit-
einander wechselten, stand unverkennbar Schrecken geschrie-
ben. Master Grimston warf einen hastigen Blick über seine
Schulter und schien etwas sagen zu wollen, schluckte dann aber
nur.
Da meldet sich unvermutet Henry mit lauter, verquälter
Stimme: »Es ist ein böses Wesen aus dem Meer«.
In dem drückenden Schweigen, das nun folgte, spürte Pater
Thomas, wie die Furcht auch in ihm hochkroch, so als sei er
angesteckt von der Angst in den Gesichtern um ihn. Doch mit
all dem Frohsinn, der ihm zu Gebote stand, entgegnete er:
»Nun kommt, Ihr Lieben, laßt uns nicht anfangen, Märchen von
Seeungeheuern zu erfinden; ich muß die Wahrheit wissen. Frau

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Grimston, erzählt weiter – und seid getrost, hier im Pfarrhaus
sind wir allesamt sicher.«
Die drei schienen eine gewisse Beruhigung aus seinen Worten
zu schöpfen, und Bridget setzte ein zweites Mal an: »Es war an
dem Tag mit dem Wrack, Pater. John war noch vor Sonnenauf-
gang auf den Beinen und ging zusammen mit Henry früh hin-
aus auf die Sandbänke – und so waren sie die ersten, die das
Schiffswrack sahen, war es nicht so?« Bei diesen Worten wech-
selten Vater und Sohn geschwind einen heimlichen Blick, und
beide wurden sie blaß. »John kam und erzählte mir, daß ein
Wrack vor der Küste lag, und dann gingen sie gleich und hol-
ten die anderen aus dem Dorf. Den ganzen Tag über waren sie
draußen, um zu retten, was noch zu retten war. Zwei Matrosen
haben sie gefunden, beide tot und von der See schlimm zuge-
richtet. Ihr wißt ja am besten, Pater, daß wir sie am nächsten
Morgen auf dem Kirchhof begraben haben. John kam jedenfalls
an dem Tag mit Henry erst zurück, als es dunkel wurde, und
wir setzten uns zum Abendessen nieder. John sprach über das
Wrack, und wir saßen am Kamin, als Henry, der etwas abseits
saß, aufsprang und plötzlich rief: ›Was ist das?‹« Sie hielt einen
Augenblick inne, und Henry, der seine Mutter mit wieder
erbleichtem Gesicht anblickte, sagte: »Ja, so warʹs – es lief auf
einmal an mir vorbei.«
»Ja, aber was war es denn?« fragte Pater Thomas und ver-
suchte zu lächeln, »ein Hund oder eine Katze doch wohl?«
»Es war ein Tier«, sagte Henry langsam, mit bebender Stim-
me, »ein Tier etwa so groß wie eine Ziege. Noch nie habʹ ich so
etwas gesehen – aber ich sah es nicht deutlich. Ich fühlte mehr
den Luftzug und kriegte seinen Geruch mit – salzig wie das
Meer, aber mit so einem Gestank nach Tod.«
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»War das alles, was Du gesehen hast?« fragte Pater Thomas.
»Wahrscheinlich warst Du müde und erschöpft, und da ist
plötzlich alles um Dich verschwommen geworden.«
»Nein, nein«, sagte Henry, »das stimmt nicht – es war ganz si-
cher ein Tier«
»Und wir haben es später ja auch gesehen«, sagte Bridget, »ich
selbst allerdings noch nie deutlich, aber den Gestank, den habe
ich gerochen, es wird einem übel davon, und John und Henry
haben es oft gesehen – manchmal liegt es am Boden und scheint
zu schlafen, aber es beobachtet uns; dann bewegt es sich wieder
ganz schnell und springt in irgendeine Ecke – und John sah es
auf den Sandbänken bei dem Wrack herumhüpfen – hab ich
recht, John?«
Bei diesen Worten tauschten die beiden Männer erneut einen
Blick, und mit verzerrtem Gesicht, in dem bitterer Zorn und
Furcht miteinander zu kämpfen schienen, sagte Master Grim-
ston: »Redʹ keinen Unsinn, Frau, es war nicht beim Wrack, es
war draußen im Osten.«
»Das tut wenig zur Sache«, sagte Pater Thomas, dem nun klar
geworden war, daß es sich um eine ernste Angelegenheit han-
delte. »Dergleichen ist mir noch nie zu Ohren gekommen. Ich
werde die Bibel holen und zu Euch kommen; wir werden ja
sehen, ob das Wesen auch mir dort erscheint. Ich weiß nicht,
was es sein könnte«, fuhr er fort, »vielleicht ja nur ein schreckli-
ches Trugbild, das Euch heimsucht. Aber wahr ist, daß es in
den irdischen Sphären böse Geister gibt – wir lesen von ihnen
in der Heiligen Schrift. Durch das Wirken Christi und der Hei-
ligen sind ihnen zwar Fesseln angelegt, aber auch das Meer hat
zweifellos seine Ungeheuer, und es mag sein, daß eines von

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ihnen aus den Wellen gestiegen ist wie ein streunender Hund.
Mehr kann ich erst sagen, wenn ich es mit eigenen Augen gese-
hen habe. Doch gibt Gott solchen Geschöpfen keine Macht über
jene, die reinen Herzens sind.«
Damit legte er eine Pause ein und musterte die drei. Bridget
saß da und blickte ihn mit hoffnungsfrohem Gesicht an, die
beiden Männer aber schauten zu Boden, und der Geistliche er-
ahnte, daß irgend etwas im Argen lag. »Ich begleite Euch jetzt
sofort«, sagte er, sich erhebend, »und werde versuchen, das
Wesen, was immer es auch sein mag, auszutreiben oder zu
bannen, denn ich bin an diesen Ort berufen als Streiter des
Herrn, um mit den Gewalten der Finsternis zu kämpfen.« Er
nahm ein Buch mit Metallbeschlägen vom Tisch und setzte sei-
nen Hut auf mit den Worten: »Laßt uns aufbrechen.«
Während sie das Zimmer verließen, fragte er: »Hat es sich
heute schon sehen lassen?«
»Ja«, sagte Henry, »und es wirkte besonders bösartig. Es folg-
te uns, als sei es gereizt.«
»Nun, nun«, wandte sich Pater Thomas an ihn. »Du sprichst
von dem Wesen, als ob es ein Hund wäre – wie sieht es denn
aus?«
»Das weiß ich nicht«, sagte Henry. »Ich kann es nie deutlich
erkennen; es ist wie ein Fleck im Auge – es ist nie da, wenn man
hinblickt – und es verschwindet ganz heimlich. Am ähnlichsten
ist es einer Ziege, glaube ich. Es hat anscheinend Hörner und
ein Fell, nur die Augen, die habʹ ich deutlich gesehen – gelb wie
Feuer waren sie.«
Während Henry noch sprach, ging Master Grimston hastig
zur Tür und riß sie auf, so als wolle er frische Luft schöpfen.

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Die anderen folgten ihm und traten nach draußen. Master
Grimston jedoch zog den Geistlichen beiseite und sagte gleich
einem Menschen in Todesangst: »Pater, es ist alles wahr – das
Wesen ist des Teufels; was es gerade bei uns will, weiß ich
nicht. Aber so kann ich nicht weiterleben, und wenn man es
nicht vertreiben kann, wird es mich umbringen – aber sollte
Geld helfen können, daran soll es nicht fehlen.«
»Ach, nein«, sagte Pater Thomas, »von Geld wollen wir nicht
sprechen. Sollte ich Euch helfen können, so mögt Ihr Gott Eure
Dankbarkeit bezeugen.«
»Natürlich, natürlich«, sagte der Alte eilig, »eben das habe ich
ja gemeint. Es ist Geld genug da für Gott, wenn er mich nur von
dem Übel erlöst.«
In sehr düsterer Stimmung schritten sie gemeinsam über die
Dorfgasse. Nur wenige Leute waren zu sehen; die Männer und
die Kinder waren alle draußen auf See. Ein oder zwei Frauen
traten in die Haustür und wunderten sich ein wenig, die vier
mit so ernster Miene, als ob sie in einem Leichenzug schritten,
vorbeigehen zu sehen.

Master Grimstons Haus war das größte im Ort, mit einem vor-
gelagerten Garten, in dessen Mauer eine starke Tür eingelassen
war. Mit seiner dunklen gegiebelten Ziegelfassade stand das
Haus von der Straße etwas zurückgesetzt, und auf seiner Rück-
seite reichte der absinkende Garten, in dem einige hölzerne
Scheunen und Schuppen standen, fast bis hinunter zu den
Sandbänken. Master Grimston schloß die Gartentür auf, dann
jedoch schienen ihn Angst und Schrecken zu übermannen,
denn er ließ dem Geistlichen den Vortritt. Mit einer gewissen

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Beklommenheit, deren er sich schämte, trat Pater Thomas un-
verzüglich ein und sah sich um. Was im Garten wuchs, war
während des Winters größtenteils abgestorben, und über den
Beeten lag ein Gewirr von durchnäßten Stengeln und Halmen.
Ein Steinplattenweg, von Buchsbaum gesäumt, führte zum
Haus hinüber, das sie mit seinen dunklen Fenstern unverwandt
anzustarren schien. Master Grimson verriegelte die Gartentür
hinter ihnen, und, sich eng beieinander haltend, schritten sie
zum Haus, dessen Eingang sich in eine große, zwar bescheiden
möblierte, aber sehr reinlich gehaltene und behagliche Wohn-
küche öffnete. Auf einem Gestell blinkten etliche Metallgefäße.
Um den offenen Kamin gruppierten sich Sessel und Stühle. Stil-
le ringsum, nur hoch im Schornstein fauchte der Wind. Wie
geruhsam und heimelig war dies doch alles, und Pater Thomas
wurde sich selbst zunehmend gram ob seiner Ängstlichkeit.
»Nun«, sagte er, »ich bin zwar hier nur Gast, doch möchte ich
bestimmen dürfen, was geschieht. Wir werden hier in so heite-
rem Gespräch, wie eben möglich, bis nach dem Mittagessen
beieinander sitzen. Wenn sich bis dahin nichts ereignet hat« – er
bekreuzigte sich –, »werde ich durch das ganze Haus gehen, in
jedes Zimmer. Vielleicht entdecken wir dabei das Versteck des
Wesens. Ich werde bei Euch bleiben bis zur Abendandacht,
unmittelbar nach ihrem Ende zurückkehren und die Nacht hier
verbringen. Denn selbst wenn das Wesen argwöhnisch ist und
am hellen Tag nicht wagt, sich mit der Macht der Kirche zu
messen, wird es vielleicht doch bei Nacht herauskommen, und
ich werde dann versuchen, es zu stellen. Also, Ihr guten Leute,
sorgt Euch nicht.«
Während sie beisammen saßen, sprach Pater Thomas über
dies und jenes und erzählte einige Heiligenlegenden. Ohne

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rechte Freude nahm die Gruppe das Mittagessen ein; bislang
hatte sich die Erscheinung nicht gezeigt. Nach dem Mahl ließ
sich Pater Thomas, nach seiner Bibel greifend, das Haus zeigen,
Zimmer für Zimmer. Im Erdgeschoß gab es einige unbenutzte
Räume, die sie nacheinander in Augenschein nahmen, ohne
irgend etwas Besonderes zu gewahren. Im Obergeschoß befan-
den sich ein großer Raum, in dem Master Grimston und seine
Frau schliefen, Henrys Zimmer und ein Gästezimmer, in dem
der Geistliche bei Bedarf unterkommen konnte, dazu noch eine
Kammer, in der das Dienstmädchen schlief.
Wie der Tag nun zu dämmern und abendlich zu werden be-
gann, fühlte Pater Thomas einen Schatten auch auf seine Seele
fallen, und es kamen ihm die Zeilen der Heiligen Schrift in den
Sinn, wo von einem bösen Geist die Rede ist, der ein Haus ›leer,
frisch gekehrt und wohlbestellt‹ vorfindet und daraufhin seine
Spießgesellen einlädt, gemeinsam mit ihm dort einzuziehen.
Das Ende des Korridors war durch eine Tür verschlossen, und
Pater Thomas sagte: »Dies ist der letzte Raum – wir wollen
auch in ihn einen Blick werfen«.
Doch geradezu hastig wehrte Master Grimston ab: »Da geht
es nirgendwo hin, das ist nur ein Vorratsraum.«
»Es wäre doch schade, ihn auszulassen«, sagte der Pater – und
noch während er sprach, hörte man drinnen irgendein Ge-
räusch.
»Das muß eine Ratte sein«, meinte der Pater, der sich eines
plötzlichen Schauders nicht erwehren konnte, aber die bleichen
Gesichter der Umstehenden sprachen von etwas anderem.
»Kommt, Master Grimston, laßt es uns zu Ende bringen«, sagte
Pater Thomas entschieden, »gleich muß ich zur Vesper.«

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Der Alte kramte daraufhin zögerlich einen Schlüssel hervor
und sperrte die Tür für den Pater auf, der beherzt eintrat. Es
war ein ganz gewöhnlicher Raum mit Regalen, auf denen ver-
schiedene Haushaltsgüter abgelegt waren, daneben standen
Büchsen und Einmachgläser. Auf dem Boden Kisten. Einige
Kleidungsstücke hingen an Haken, und in einer Ecke häuften
sich Kleider und Lumpen. Auf einer der Kisten war eine roh
gearbeitete Truhe abgesetzt, aus einer ihrer Ecken tropfte Was-
ser; auf dem Boden hatte sich schon eine kleine Lache gebildet.
Master Grimston schob die Truhe eilig zurück gegen die
Wand. Während er dies tat, löste sich ein schwer zu beschrei-
bender Laut von Henrys Lippen. Pater Thomas blickte sich um.
Henry stand bleich und schlaff da, die Augen auf das Eck der
Truhe gerichtet. In eben diesem Augenblick schien es, als gleite
etwas Dunkles und Gestaltloses an der Gruppe vorbei, und ein
seltsamer, scharfer Meeresgeruch stieg auf; ein Hauch von
Fäulnis schwang darin mit.
Aller Blicke wandten sich nun Pater Thomas zu, so als ob sie
aus seiner Anwesenheit Trost schöpfen könnten. Doch der Pa-
ter wußte kaum, was er tat, als er sich, von schrecklicher Furcht
befallen, an den Metallschließen seiner Bibel zu schaffen mach-
te. Nachdem er sie endlich geöffnet hatte, las er die erstbesten
Worte, die ihm ins Auge fielen. Es war jene Stelle, in welcher
der Gottessohn in seiner Bedrängnis davon spricht, er müsse
nur ein einziges Gebet an seinen himmlischen Vater schicken,
und sogleich würden ihm Legionen von Engeln zur Gebote ste-
hen. Diese Zeilen erschienen dem Geistlichen wie eine Botschaft
direkt vom Himmel und verschafften ihm große Erleichterung.
Aus welchem Grund auch immer, es war jedenfalls so, daß
sich jenes Wesen vorerst nicht mehr zeigte. Dennoch war Pater
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Thomas tief bedrückt von dem, was er wahrgenommen hatte.
Tief in seinem Innern war er nämlich davon überzeugt gewe-
sen, daß seine ehrbare Lebensführung und sein geistliches Amt
ihn vor einem solchen Anblick schützen würden. Einige Minu-
ten lang verschlug es ihm, noch ganz unter dem Eindruck des
greulichen Wesens, geradezu die Sprache, und als die anderen
ihn so niedergeschlagen sahen, wuchs auch bei ihnen die
Furcht, wiewohl sich zugleich eine Art von elendiger Freude
darüber regte, daß jemand, zudem ein hochachtbarer Mann,
nun ihre Leiden teilte.
Nach längerem Schweigen sagte Pater Thomas – sie befanden
sich wieder im Wohnzimmer – mit auffallend schleppender
Stimme, daß Satan sie auf schlimme Weise heimsuche, daß sie
dem Widersacher aber guten Mutes entgegentreten müßten.
»Und ich bitte Euch«, fügte er, an die drei Grimstons gewandt,
mit großem Ernst hinzu, »sollte irgendeine Todsünde Euer
Herz belasten, so müßt Ihr sie baldmöglichst beichten, damit
Ihr die Absolution erhaltet – denn so lange eine Seele schuldbe-
laden ist, so lange hat Satan Macht über sie. Nur dann, sonst
aber nicht, habt Ihr etwas zu befürchten.«
Einige Augenblicke später war Pater Thomas bereits draußen
im Garten und unter dem Schall der Vesperglocke auf dem
Weg zur Kirche, jedoch nicht allein, denn die Grimstons woll-
ten nicht im Haus zurückbleiben und begleiteten ihn. Während
sie zu viert durch die Dorfgasse schritten, die nun keineswegs
mehr einsam lag, erhob sich allenthalben Getuschel, was da
wohl vor sich gehe, denn irgendein Dienstmädchen hatte Ge-
rüchte ausgestreut. Auch wenn niemand sie unterwegs an-
sprach, so wurden doch an jeder Ecke die Köpfe zusammenge-

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steckt, und gerade, weil Schweigen sie umgab, konnten die vier
nicht verkennen, daß ihre Bedrängnis in aller Munde war.
Im Dämmer der Kirche – nur auf Pater Thomasʹ Bibel fiel
Licht – hielten sich gerade einmal ein Dutzend Gottesfürchtige
auf. Der Geistliche las die Andacht zügig und mit kräftiger
Stimme, doch wirkte sein Antlitz, wenn es im Flackern der Ker-
zen sichtbar wurde, bleich und bedrückt. Als der Abendgottes-
dienst zu Ende war und er den Ornat abgelegt hatte, teilte er
den Grimstons mit, daß er sich aus seinem Haus das Notwen-
dige für die Nacht holen wolle, sie sollten unterdessen am Ein-
gang zum Kirchhof auf ihn warten. Doch als er eben die Tür der
Pfarrei hinter sich schließen wollte, eilte im Dunkel eine Gestalt
durch den Garten auf ihn zu. Angstvoll hielt er inne, aber es
dauerte nur einen Augenblick, bis er Henry erkannte, der sich
ihm ganz außer Atem zugesellte und darum bat, der Pater mö-
ge ihn unter vier Augen anhören. Pater Thomas wußte sogleich,
daß sich ihm nun ein dunkles Geheimnis offenbaren würde.
Also führte er Henry ins Wohnzimmer, nahm Platz und sagte:
»Nun, mein Sohn, sprich ohne Umschweife!«
Nach einem Augenblick des Schweigens sank Henry auf die
Knie, und nach einem weiteren Augenblick begann er auf-
schluchzend seine Geschichte zu erzählen.
An dem Tag mit dem Wrack habe sein Vater ihn schon in der
allerersten Morgendämmerung geweckt und ihm befohlen, sich
anzuziehen und in aller Stille mitzukommen, denn anscheinend
sei ein Schiff aufgelaufen. Sein Vater hielt einen Spaten in der
Hand, warum, wußte Henry damals nicht. Sie gingen zum
Meer, das sich mit der Ebbe schnell zurückzog, so daß das Was-
ser auf dem Sand nur drei oder vier Zentimeter hoch stand. Es
gab noch kaum Morgenlicht, aber als sie ein kleines Stück ge-
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gangen waren, sahen sie da, wo das Wasser tiefer wurde, den
schwarzen Rumpf eines Schiffs vor sich, überspült von den
Wellen. Und dann stießen sie plötzlich auf den Körper eines
Mannes, der mit dem Gesicht nach unten im Sand lag. Er gab
kein Lebenszeichen von sich, seine Hand war um einen schwe-
ren Beutel gekrampft, und seine Manteltasche beulte sich füllig;
zudem glitzerte es rings im Sand um ihn wie von Münzen. Sie
hoben den Leichnam auf, und der Vater zog ihm den Mantel
aus; danach gebot er Henry, eine Grube auszuheben, was dieser
sofort tat; freilich begann sie sich schnell wieder mit Wasser
und Sand zu füllen. Nun hob sein Vater, der sich zwischenzeit-
lich gebückt und etwas aufgesammelt hatte, den toten Leib
hoch, legte ihn in die Grube und wies Henry an, sie wieder auf-
zufüllen.
Als sie fast wieder mit Sand bedeckt war, geschah etwas
Schreckliches. Der Sand in der Grube begann sich zu bewegen,
wurde aufgewühlt, und eine Hand schob sich heraus mit Fin-
gern, die nach etwas zu greifen schienen.
Henry ließ den Spaten fallen und sagte: »Er lebt noch«, aber
sein Vater ergriff das Werkzeug und schaufelte mit einer Art
von stummen Wut den Sand in die Grube, trat ihn flach und
glättete ihn. Dann nahm er Mantel und Beutel und reichte Hen-
ry die Schaufel.
Mittlerweile war das Dorf wach geworden, und sie sahen ei-
nen Mann am Meersaum entlang nach Osten laufen; so kehrten
sie in einem weiten Bogen nach Blea zurück, und der Vater
stellte den Spaten beiseite und brachte den Mantel nach oben.
Dann ging er zusammen mit Henry wieder hinaus und erzählte
jedem, den sie trafen, daß ein Wrack vor der Küste liege.

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Der Geistliche lauschte der Erzählung überwältigt von Scham
und Zorn, und er fragte Henry: »Aber warum hast du dich
denn deinem Vater nicht widersetzt und den armen Seemann
gerettet?«
»Ich habʹ es nicht gewagt«, sagte Henry zitternd, »obwohl ich
es gern getan hätte; aber mein Vater hat Macht über mich, und
ich bin es gewohnt, ihm zu gehorchen.«
Danach sagte der Geistliche: »Das ist eine schlimme Sache.
Aber du hast tapfer alles erzählt, und ich will dir die Absoluti-
on erteilen, mein Sohn.« Nachdem dies geschehen war, fragte
er Henry: »Läßt irgend etwas darauf schließen, daß die Kreatur,
die Euch heimsucht, mit dem, was du mir berichtet hast, in
Verbindung steht?«
»Ja, allerdings«, sagte Henry, »ich und auch mein Vater haben
sie im Wasser über der Stelle hin- und herspringen sehen, wo
der Mann begraben liegt.«
Der Geistliche sagte darauf: »Auch dein Vater muß vor mir
die Beichte ablegen und berichten, was geschehen ist, und au-
ßerdem muß er sich vor dem Gesetz verantworten.«
»Das wird er niemals tun.«
»Dann werde ich ihn dazu zwingen«, meinte der Pater.
»Ich werde ihn nicht darauf ansprechen«, sagte Henry, »sonst
bringt er auch mich noch um.«
Daraufhin sagte der Geistliche, er befinde sich in einer
Zwangslage, denn er könne das, was ihm jemand gebeichtet
habe, nicht dazu benutzen, jemand anderem seine Sündhaftig-
keit vor Augen zu führen. Hastig trug er seine Sachen zusam-
men und eilte zur Kirche zurück, während Henry einen ande-
ren Weg nahm. Dem Pater erklärte er noch: »Ich habe dem Va-

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ter ein anderes Ziel genannt, nur um fortzukommen; aber ich
habe große Angst vor ihm – er kennt mich durch und durch,
und ich möchte nicht, daß er den Verdacht schöpft, ich sei zur
Beichte gegangen.«
Der Geistliche traf das Ehepaar an der Kirchentür, und
schweigend gingen sie zum Haus hinüber, der Pater tief in Ge-
danken versunken; an der Gartenpforte stieß Henry hinzu, und
der Pater hatte den Eindruck, daß Master Grimston ihm keine
besondere Beachtung schenkte.
Still betrat man das Haus, und still saß man beim Abendessen,
bei jedem Laut furchtsam aufhorchend. Immer wieder wander-
te der Blick des Paters hinüber zu Master Grimston; der aber aß
und trank, sprach kein Wort und hob nicht ein einziges Mal die
Augen. Doch als er bei einer Gelegenheit heimlich vor sich hin-
lachte, gefror dem Pater das Blut in den Adern, und nur mit
Mühe konnte er sich zügeln und die Vorwürfe zurückhalten,
die ihm auf den Lippen lagen.
Nach dem Essen rief der Pater die Grimstons zum gemeinsa-
men Gebet, und inbrünstig drang er in seinen Fürbitten darauf,
daß sie ihre Herzen dem Bösen verschließen und Gott öffnen
möchten, der ihnen dann gewiß den Grund für ihre Drangsal
offenbaren werde.
Als man zu Bette ging, bat Henry darum, mit in dem Raum
schlafen zu dürfen, der dem Geistlichen zugewiesen war, und
Pater Thomas stimmte bereitwillig zu. Es wurde dunkel im
Haus, und man konnte den Eindruck haben, daß alles schlief,
aber der Pater lag wach und hörte, wie Henry gleich einem
kleinen Kind lautlos schluchzend Tränen vergoß.

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Schließlich aber schlummerte der Pater doch ein – für wie
lange, wußte er nicht –, bis es ihn plötzlich aus dem Schlaf in
den Schrecken der ihn umfangenden Dunkelheit riß; sogleich
war ihm klar, daß im Zimmer etwas Böses lauerte. Er blickte
sich um und hörte, wie Henry in den Tiefen seines Schlafs vor
sich hinmurmelte, so als drücke ihn ein dunkler Alp nieder.
Im Zwielicht der ausgeglühten Scheite nahm er wahr, wie sich
auf dem Kamin ein Wesen rührte, so als habe es dort geschlafen
und recke und strecke sich nun, ja, als tanze und spiele es
stumm im Dämmer. Aber wenn es sonst auch ein zu Herzen
gehender und liebenswerter Anblick ist, ein Tier in all seiner
Unschuld herumtollen zu sehen, so konnte der Pater sich nicht
entsinnen, jemals etwas so Widerwärtiges erblickt zu haben wie
dieses Wesen, das sich um sich selbst drehte, so als könne es
seine eigene greuliche Freude nicht bezähmen. Mit jedem Au-
genblick schaute es bösartiger und verderbter drein. Zugleich
verbreitete sich beißender Meeresgeruch im Zimmer, und wie-
derum stach dabei jener abstoßende Gestank in die Nase, der
dem Pater größte Übelkeit bereitete. Er versuchte zu beten,
doch die Worte versagten sich ihm, und er hatte allgemach das
Gefühl, dem Bösen nicht gewachsen zu sein.
Gleich darauf ließ das Tierwesen von seinem Spiel ab; mit
stierem, boshaftem Blick näherte es sich dem Bett des Geistli-
chen, auf das es sogar seine haarigen Vorderbeine legte. Der
Pater blickte in unzüchtige Augenschlitze, in denen es dunkel-
gelb gloste; unter dem unverwandten Blick vermeinte er, sein
Ende sei nahe, denn er vermochte weder Hand noch Fuß zu
rühren, während der Schweiß ihm von der Stirn troff. Aber mit
gewaltiger Anstrengung fand er zu sich selbst, und mit einer
Stimme, die ihn selbst erschreckte, so trocken und rauh und

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trotzdem so laut und scharf war sie, sprach er drei heilige Wor-
te. Das Wesen erbebte vor Zorn, sank aber zu Boden und war
einen Augenblick später verschwunden. Henry, der nun er-
wachte, stemmte sich auf seinem Arm hoch und sagte irgend
etwas. Im gleichen Moment jedoch erhob sich auch schon Tu-
mult im Haus, und man hörte Fußtritte – furchterregend wirk-
ten sie mitten in der Nacht.
Der Geistliche sprang ganz benommen aus seinem Bett, zün-
dete eine Kerze an und lief zur Tür hinaus, wobei er etwas rief,
was ihm gerade in den Kopf kam. Die Tür zu Master Grimstons
Zimmer stand offen, und ein seltsamer, erstickter Laut drang
von dort nach draußen. Als der Pater eintrat, sah er Master
Grimston ausgestreckt auf dem Boden liegen, seine Frau beugte
sich über ihn; der Alte rührte sich nicht, sein Atem kam keu-
chend, und ab und zu durchlief ihn ein Schauder. Seltsame
Schemen huschten schattenhaft durch das Zimmer, aber der
Pater sah, daß keine Zeit zu verlieren war, kniete neben Master
Grimston nieder und begann mit aller Inbrunst zu beten.
Sogleich hörte Master Grimston auf sich zu quälen, er lag nun
still da wie einer, der einen schlimmen Kampf hinter sich hat.
Dann öffnete er die Augen, und der Pater hielt inne im Gebet,
sah ihn durchdringend an und sagte: »Mein Sohn, Dir bleibt
nur noch wenig Zeit – nimm Deine Zuflucht zu Gott.«
Master Grimston ließ seine eingesunkenen Augen über die
Menschen um ihn wandern und setzte zweimal vergeblich an
zu sprechen; beim dritten Mal aber hörte der Pater, der seinen
Kopf hinuntergebeugt hatte, ihn mit einer dünnen Stimme
sprechen, die ganz aus der Ferne zu kommen schien: »Ich habe
ihn ermordet… meine Schuld.«

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Darauf erteilte ihm der Pater rasch die Absolution, und gera-
de, als er das letzte Wort sprach, fiel Master Grimstons Kopf
zur Seite, und der Pater sagte: »Er ist von uns gegangen.«
Bridget stieß einen Jammerschrei aus und umarmte Henry, der
unbemerkt eingetreten war.
Der Pater bat ihn, seine Mutter hinauszuführen, und legte den
Leichnam auf das Bett; dabei bemerkte er, daß das Gesicht des
Toten seltsame Quetschungen und Beulen aufwies, so als sei ein
Tier mit seinen Hufen darüber gestampft. Dann kniete Pater
Thomas nieder und betete, bis Licht durch die Fensterläden sik-
kerte, die Hähne im Dorf zu krähen begannen und der Tag he-
raufzog. In jener Nacht aber wurden dem Pater seltsame Ge-
heimnisse enthüllt und er gewann Einblick in die unerforschli-
chen Ratschlüsse Gottes.
Später am Morgen schickte man nach dem Geistlichen, denn
an der Küste war ein Toter angetrieben worden, seltsam über-
krustet mit Sand, so als sei er ein ums andere Mal darin gewen-
det worden. Und der Pater gab Weisung, die Bestattung vorzu-
bereiten.
Danach sprach er lange mit Bridget und Henry. Er fand sie
beieinander sitzend, die Mutter hielt die Hand des Sohnes und
strich ihm das Haar glatt, so als wäre er ein kleines Kind. Und
tatsächlich schluchzte und weinte Henry, während Bridget ei-
nen ganz ruhigen Eindruck machte.
»Er hat mir alles erzählt«, sagte sie, »und wir sind ent-
schlossen zu tun, was immer Ihr von ihm verlangt; soll er sich
dem Gericht stellen?« Angstvoll sah sie dabei den Geistlichen
an.

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»Nein, nein«, antwortete der, »ich glaube nicht, daß Henry die
Verantwortung trägt für den Tod jenes Mannes; es war die
Schuld seines Vaters, der schwer dafür hat büßen müssen – das
Geheimnis soll in unseren Herzen beschlossen bleiben.«
Daraufhin erzählte ihm Bridget, wie sie plötzlich durch die
Schreie ihres Mannes geweckt worden sei und wie alles nach
Meer gerochen habe, während ein furchtbarer Kampf begann,
und wie er dann auf einmal auf dem Boden gelegen habe und
sie an seine Seite geeilt sei – und dann sei auch schon er, der
Geistliche, gekommen.
Mit Tränen in den Augen entgegnete Pater Thomas, Gott habe
ihnen tiefe Einsichten geschenkt, indem er sie auf eine so ein-
zigartige Weise geprüft habe. Fürderhin sollten sie unter des
Allerhöchsten gestrengem Blick ein Leben in Demut führen und
Barmherzigkeit walten lassen.
Zuletzt ging er zusammen mit Henry in den Vorratsraum, wo
er in der Truhe, aus der das Wasser getropft war, den Mantel
des toten Seemanns fand, die Taschen gefüllt mit Münzen, dazu
auch den Geldbeutel. Henry wollte alles dem Meer zurückge-
ben, doch der Geistliche bestand darauf, das Geld mildtätig an
schiffsbrüchige Matrosen zu verteilen, es sei denn, man könne
die Erben des Toten ermitteln. Aber es erwies sich, daß das
Schiff aus der Fremde gekommen war, und trotz allen Bemü-
hens ließ sich niemals genau feststellen, woher das Geld
stammte, doch war es womöglich durch eine Gewalttat erwor-
ben worden.
Master Grimston hinterließ, wie sich zeigte, ein reiches Erbe.
Doch Bridget verkaufte das Haus und das Grundstück, und der
Großteil der Erlöse wurde darauf verwendet, die Kirche wie-

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deraufzubauen und so Gottes Ruhm zu künden. Bridget selbst
und Henry zogen in das Pfarrhaus und waren Pater Thomas
treu zu Diensten; das Geheimnis wurde von ihnen gewahrt.
Und neben dem Kirchenschiff errichtete man ein schmales, ho-
hes Türmchen mit einer Kammer an der Spitze, in der eine
Lampe den Seefahrern Licht spendet.
Diejenigen, über die ich berichtet habe, sind von dem Tierwe-
sen nicht mehr heimgesucht worden, doch ist es leichter, das
Böse heraufzubeschwören, als es zu bannen. Und es heißt, wer
Übles im Sinn habe, ob Mann oder Frau, werde an einem be-
stimmten Abend im November bei Ebbe ein ziegenartiges We-
sen im Wasser waten und über den Sand schnüffeln sehen, so
als ob es etwas suche, aber nicht finden könne. Doch davon
weiß ich nichts.

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Das verschlossene Fenster

Der Turm von Nort erhob sich in einer tiefen Falte des Hügel-
landes. Einst hatte eine alte Straße über die Höhen geführt,
doch geblieben war davon nur eine grün überwachsene Erd-
spur, denn später hatte man, um es den Lasttieren leichter zu
machen, den Verlauf des Hochwegs verändert und ihn über
einen niedrigen Sattel der Hügellinie gelegt. Der Turm, der ur-
sprünglich den Verkehr hatte bewachen sollen, war schmucklos
mit starken, wehrhaften Mauern. Angebaut war ein schlichtes,
aber stattliches Wohnhaus, in dem der junge Sir Mark de Nort
unbeschwert und im Überfluß lebte. Nach Süden hin breitete
sich weit der Wald von Nort aus, aber der Turm stand hoch auf
einem Hügelvorsprung und wurde nach Norden hin von den
dort aufsteigenden grünen Höhen abgeschirmt.
Die Dorfbewohner hatten einen seltsamen, häßlichen Namen
für den Bau; sie nannten ihn den Turm des Schreckens. Doch
geriet diese Bezeichnung langsam in Vergessenheit, und nur
die Alten im Dorf sprachen sie noch unbefangen aus, denn Sir
Mark hörte den Beinamen nicht gern. Er war noch keine dreißig
Jahre alt und gab zu verstehen, es sei an der Zeit, eine Frau
heimzuführen, doch war es ihm damit offenbar nicht eilig; er
schien zufrieden mit dem unbeschwerten, einsamen Dasein,
das er in den Hügeln führte und in dem die Jagd und die Falk-
nerei eine wichtige Rolle spielten.
Er lebte gemeinsam mit seinem Cousin und vorgesehenem
Erben und Nachfolger Roland Ellice, einem unscheinbaren,
gutmütigen Mann, ein paar Jahre älter als Sir Mark. Als das
Turmbesitztum an Mark fiel, war er zu Besuch gekommen, und

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es hatte sich kein Grund gefunden, warum er wieder hätte ab-
reisen sollen. Denn die beiden paßten gut zueinander. Während
Sir Mark wortkarg war und Freude an Büchern und Gedichten
fand, stand es anders mit Roland, der die Bequemlichkeit, den
Wein und das Gespräch liebte – und in Mark einen geneigten
Zuhörer fand. Mark mochte seinen Cousin und fand es löblich,
daß er bei ihm geblieben war und dazu beitrug, Leben in das so
weltabgeschiedene Haus zu bringen, denn es gab nur wenige
Nachbarn im näheren Umkreis.
Und dennoch war Mark nicht völlig zufrieden mit seinem be-
schaulich dahinfließenden Leben. Oft genug fragte er sich, ob es
richtig sei, wie das Rindvieh im Stall, Tag um Tag in solchem
Gleichmaß zu verbringen. Aber aus welchem Grund hätte er
sein Leben ändern sollen? Manchmal beneidete er die Leute, die
sein Land bestellten – es waren nur wenige –, um ihre festgeleg-
te Aufgabe und den Kreis ihrer täglichen Pflichten. Wohin er
vielleicht noch hätte gehen können, war ins Heer oder auch an
den königlichen Hof, aber Sir Mark war kein Soldat und weni-
ger noch ein Höfling; er haßte langweilige Lustbarkeiten, und
überall herrschte Frieden. So führte er denn ein häusliches Le-
ben und genoß Einsamkeit und Stille; und auch wenn er zuwei-
len das Gefühl hatte, nur ein halber Mensch zu sein, und wie-
wohl ein leichter Hunger an seinem Herzen nagte, war er zu-
gleich doch irgendwie glücklich.
Der düstere Name des Turms rührte von der Erinnerung an
den alten Sir James de Nort her, Marks Großvater, einen ver-
ruchten, geheimnisumwitterten Mann, der sein Leben auf Nort
in einem seltsamen Zwielicht zugebracht hatte. Seinen Sohn
hatte er vor die Tür gesetzt und seinen Lebensabend ganz allein
seinen Büchern und seiner hermetischen Gedankenwelt ge-

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widmet, dabei die Sterne beobachtend und seltsame Zeichen
irgendwelcher Folianten studierend. Seit seinem Tod lag die
alte Turmstube, wo es mit ihm auf schreckliche Weise zu Ende
gegangen war, unbenutzt und verschlossen. Man stieg über
Treppenstufen von einem tiefer liegenden Gemach zu diesem
höchsten Turmraum auf, der vier Fenster nach den vier Him-
melsrichtungen hinaus besaß, doch war das Fenster, das auf die
Hügel blickte, mit großen Laden aus Eiche verrammelt.
Eines Tages – es regnete heftig – war Roland des Nichtstuns
leid, und es verdroß ihn, Mark schweigsam in seinem großen
Sessel sitzen zu sehen, tief in ein Buch versunken. So sagte er
denn zu seinem Cousin, er wolle nun endlich einmal einen
Blick in den alten Turmraum werfen, den er bis dahin noch nie
betreten hatte. Mark schlug sein Buch zu, belächelte Rolands
Unrast nachsichtig, reckte sich und holte den Schlüssel. Ge-
meinsam stiegen sie die Wendeltreppe hinauf. Laut knirschte
der Schlüssel im Schloß, und als die Tür aufgestoßen war, er-
öffnete sich ihnen ein hohes, fahl wirkendes Gemach mit einer
Fachwerkdecke. Die Luft war dumpf und abgestanden. Entlang
der Wände standen da und dort verschlossene Bücherschränke,
und die Mitte des Zimmers behauptete ein geräumiger Eichen-
tisch mit einem Stuhl. Die übrigen Wände waren kahl und nur
roh verputzt; über die Zimmerwinkel und die Fenster hatten
fleißige Spinnen ihre Netze geknüpft.
Roland sprudelte über vor Fragen, und Mark erzählte ihm al-
les, was er von dem alten Sir James und seiner geheimnisvollen
Betriebsamkeit wußte, doch warum sein Tun offenbar ein an-
stößiges und schändliches gewesen war, darüber konnte er
ebensowenig sagen, wie er die Gründe für den schlechten Ruf
des Großvaters kannte. Roland meinte, es sei ein Jammer, daß

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der großzügig geschnittene Raum in einem so elenden Zustand
sei. Als er aber einen der Fensterflügel aufstieß, trug eine
schneidend kalte Bö mit solcher Heftigkeit einen Regenguß in
die Turmstube, daß er sich beeilte, das Fenster wieder zu
schließen.
Während sie miteinander sprachen, legte sich nach und nach
ein Schatten auf ihre Seele, und Roland erklärte zu guter Letzt,
es müsse wohl noch immer ein Fluch über dem Ort liegen.
Mark begann jetzt vom Tode seines Großvaters zu erzählen.
Einen ganzen Tag lang hatte er sich nicht mehr bemerkbar ge-
macht und das Zimmer nicht verlassen; als man nachsehen
kam, fand man ihn auf dem Boden der Turmstube, merkwürdi-
gerweise ganz durchnäßt und verschmutzt, so als habe er einen
beschwerlichen Fußmarsch hinter sich, zugleich der Sprache
nicht mehr mächtig und mit einem qualvollen Ausdruck auf
dem Gesicht. Als er kurz darauf starb, hatte er noch einige Wor-
te gemurmelt, die aber niemand verstand.
Die beiden jungen Männer traten nun an das verriegelte Fen-
ster. Die Läden waren dicht geschlossen, und im Wandfeld
darüber hatte jemand in roter Farbe und mit unsicherer Hand
die Worte CLAUDIT ET NEMO APERIT geschrieben, was
Mark aus dem Lateinischen mit ›Er schließt es und niemand
öffnet es‹ übersetzte und so erläuterte: Man erzähle sich, dem-
jenigen, der das Fenster öffne, werde Schlimmes zustoßen, und
jedermann tue gut daran, es geschlossen zu lassen. Aber Roland
wollte davon nichts wissen, denn er war neugierig geworden
und hatte die Hand bereits auf den Riegel gelegt, als ob er ihn
öffnen wolle, doch Mark verbat es ihm entschieden.

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»Nein«, sagte er, »laß das bleiben – wir dürfen uns nicht
leichtfertig über den letzten Willen eines Verstorbenen hinweg-
setzen!«
Bei diesen Worten peitschte ein Windstoß so heftig gegen die
Fenster, als ob irgendein Sturmgeschöpf sie aufzudrücken such-
te. Doch als die beiden die Turmstube verließen, abwärts über
die Stiegen, kämpfte sich die Sonne durch den Regen.
Dennoch waren Mark wie auch Roland den ganzen Tag über
bedrückt und schweigsam. Zwar wurde kein Wort darüber ver-
loren, doch hatte sich in ihnen beiden der Wunsch festgesetzt,
das verriegelte Fenster aufzustoßen und zu schauen, was sich
ereignen würde. Für Roland war es wie die Sehnsucht eines
Kindes, einen Blick auf etwas Verbotenes zu werfen, während
Mark eine Art Scham darüber empfand, daß er sich durch eine
so altersschwache Geschichte und abergläubische Anwandlun-
gen die Hände binden ließ.
Über die Tage hinweg gewann Mark immer mehr den Ein-
druck, daß der Besuch der Turmstube Trübnis über ihre Bezie-
hung geworfen hatte. Roland blieb übellaunig und unruhig,
und Marks eigenes Verlangen wuchs nach und nach zu solcher
Stärke, daß er vermeinte, irgend etwas ziehe ihn gleich dem
Wink einer Hand oder dem Ruf einer Stimme in den Turm-
raum.
An einem strahlend sonnigen Morgen hielt sich Mark zufällig
allein im Hause auf. Roland war früh ausgeritten – wohin, hatte
er nicht gesagt. Mark saß da, lustloser noch als sonst, und spiel-
te mit den Ohren des großen Jagdhundes, der vor ihm kauerte,
den Kopf auf die Knie seines Herrn gelegt und die feucht
schimmernden Augen auf ihn geheftet, zweifellos in Verwun-

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derung darüber, daß Mark keine Anstalten machte aus dem
Haus zu gehen.
Plötzlich fiel Marks Auge auf den Schlüssel für die Turmstu-
be, den er seinerzeit auf einer Fensterbank abgelegt hatte; und
der Wunsch, hinaufzusteigen und das kleine Geheimnis zu lüf-
ten, überfiel ihn mit solch heißer Macht, daß er nicht widerste-
hen konnte. Zweimal stand er auf, zweimal ergriff er den
Schlüssel, ließ seine Finger unschlüssig über das rostige Eisen
gleiten und legte ihn wieder beiseite; dann aber nahm er ihn
mit jähem Griff erneut auf und betrat raschen Schritts die
Turmtreppe. Hinauf und herum, herum und hinauf ging es, bis
er ganz benommen war vom Wechsel der Helligkeit beim Blick
durch die Fensterschlitze. Wo eine Fensterscharte auf die Hügel
hinausging, war alles grün, dann wiederum sah man nur den
wolkenlosen Himmel und die Sonne; angenehm war eine laue
Brise, welche die kalte Stiege wärmte. Das Tappen von Pfoten
verriet Mark, daß der Hund ihm getreu folgte, und in der selt-
samen Stimmung, die ihn gefangen hielt, bedeutete es ihm eine
Beruhigung, in der Gesellschaft eines anderen Lebewesens zu
sein; so wartete er denn einen Augenblick lang vor dem Ein-
gang auf das schon alte Tier. Als der Hund aber an seiner Seite
war, hielt es ihn nicht länger, er schloß die Tür auf und betrat
die Turmstube.
Über dem Raum, wie fahl und ausgeblichen er auch wirkte,
hing eine seltsame Atmosphäre, und obwohl er es nicht hätte
begründen können, gewann Mark das bestimmte Empfinden,
daß er erwartet werde. Ohne weiter zu zögern trat er an die
verrammelten Fensterläden und nahm sie kurz in Augenschein.
Da hörte er ein Geräusch hinter sich – es war der alte Hund,
der den Kopf gehoben hatte und unruhig Witterung nahm.
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Mark rief ihn zu sich und streckte die Hand nach ihm aus, aber
der Hund blieb, wo er war, und auch wenn er mit dem Schweif
wedelte, so als wolle er bestätigen, daß er den Ruf gehört habe,
setzte er sein unruhiges Spüren fort. Mark betrachtete ihn einen
Augenblick lang, und es wurde ihm klar, daß dem ergrauten
Tier das Zimmer ganz und gar nicht behagte, denn es legte sich
nun mit untergeschlagenen Läufen auf der Türschwelle nieder
und starrte seinen Herrn, ersichtlich bebend, mit Augen an, in
denen Furcht stand.
Mark, dem dadurch nicht leichter ums Herz wurde, zog mit
angstvoller Hast den starken Verschlußriegel von den Fenster-
läden, legte ihn auf den Boden und riß die Läden auf. Sie gaben
eine Fensternische voll von alten, verstaubten Spinnweben frei,
die Mark sogleich mit dem wieder aufgenommenen Riegel teil-
te und niederschlug. Überrascht und und seltsam betroffen
mußte er jedoch wahrnehmen, daß das Fenster dunkel oder
doch fast dunkel blieb. Man konnte den Eindruck gewinnen,
auf der Außenseite befinde sich eine weitere Absperrung, ein
zweiter Fensterladen; indessen wußte Mark, daß das Fenster,
blickte man von unten zu ihm hinauf, nur Bleiglasscheiben
zeigte.
Für einen Moment trat er zurück von der Fensternische; doch
unfähig, seine Neugierde zu bezähmen, stieß er schließlich die
in den Angeln verrosteten Fensterflügel weit auf. Noch immer
blieb alles dunkel, doch dann fuhr von draußen ein eisiger
Windstoß in die Turmstube, und es war Mark, als ob diese Bö
jäh etwas an ihm vorbei trage. Der alte Hund jaulte schwach
auf, und als Mark sich umwandte, sah er ihn mit gesträubtem
Haar und gefletschten Zähnen aufspringen; einen Augenblick

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später hatte er kehrt gemacht und den Raum mit einem schnel-
len Satz verlassen.
Mark, nun ganz allein, versuchte der aufwallenden Furcht
Herr zu werden, die das Blut schneller durch seine Adern jagte.
Er schaute sich in der Turmstube um, durch die von Süden her
Sonnenlicht flutete, wandte sich erneut dem dunklen Fenster
zu, nahm dann all seine Kraft zusammen, lehnte sich hinaus
und erblickte etwas so Seltsames, daß er zunächst an seinen
Sinnen zweifeln wollte.
Denn er schaute hinaus auf einen einsam liegenden, düsteren
Berghang, übersät mit Felsblöcken und Geröll. Dunkelheit und
Schweigen ringsum, wie bei tiefer Nacht und geschlossener
Wolkendecke, nur, daß von irgendwoher ein schwaches Licht,
dessen Quelle aber außerhalb seines Sichtfelds lag, hellere Fä-
den durch das Dunkel zog. Der Berg schien sehr steil von der
Höhe des Turms abzufallen, und dort, wo eigentlich das Hü-
gelgelände sein sollte, schien sich eine Ebene zu weiten. Aus
dieser Ebene gloste ein weiterer Lichtschein herauf, so wie er
aus einem vom Kaminfeuer erleuchteten Fenster fallen mag.
Etwas unterhalb seines Aussichtspunkts nahm Mark eine Ge-
stalt wahr, die ihn an einen niederkauernden Menschen erin-
nerte; eilig durch das Gestein schlüpfend, so als habe man sie
unangenehm überrascht, schien sie einen Fluchtweg zu suchen.
Immer enger schnürte Todesangst Marks Herz ein, zugleich
aber regte sich in ihm auch überwältigend der Wunsch, hinun-
terzuspringen auf die Felsen – ein Verlangen, bestärkt noch
durch den Eindruck, daß die Gestalt tief drunten sich jetzt er-
hoben hätte und ihm zuzuwinken begänne.

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Das Gefühl tödlicher Bedrohung wurde unabweisbar, und so
wie sich jemand mit letzter Willenskraft von einem gähnenden
Felsschlund zurückzieht, der ihn zu verschlingen droht, so löste
sich Mark, freilich nur mit größter Anstrengung, von jenem
Fenster, schloß es, legte die Läden wieder vor und sicherte sie
mit dem Riegel. Am ganzen Körper zitternd, schlurfte er da-
nach, wie ein ausgezehrter Kranker an den Wänden Halt su-
chend, aus der Turmstube. Als er die Tür verschlossen hatte,
übermannte ihn der Schrecken vollends, und fluchtartig stürm-
te er die Wendeltreppe hinunter. Kaum in der Lage, einen kla-
ren Gedanken zu fassen, trat er in den Hof, dessen Zentrum ein
großer Brunnenschacht einnahm, und er ging zu diesem Brun-
nen und warf den Schlüssel hinein; man hörte ihn bei seinem
Fall klirrend gegen die Seitenwände schlagen. Aber auch da-
nach wagte er sich noch nicht ins Haus zurück, sondern hielt
verstört nach allen Seiten Ausschau; nur ganz langsam hob sich
die Wolke von Furcht und Schrecken, schwach und schwermü-
tig blieb er zurück.
Roland, der bei seiner Rückkehr viel zu erzählen hatte, hielt
inne, als er diesen Zustand bemerkte, und fragte Mark, ob er
krank sei. Der, gegen seine sonstige Art verdrießlich, bestritt
das etwas heftig.
Roland zog die Augenbrauen hoch, schwieg einen Augenblick
und schloß, den Plauderton wahrend, seinen Bericht ab. Dann
fragte er Mark: »Und was hast du den ganzen Morgen über ge-
trieben?«
Mark schien es, als ob diese Frage von einem prüfenden Blick
begleitet werde, und ein unbilliger Ärger ergriff ihn. »Was geht
dich das an?« fragte er. »Kann ich in meinem eigenen Haus
nicht tun, was ich will?«
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»Zweifellos kannst du das«, sagte Roland und saß schwei-
gend da, wiederum mit hochgezogenen Brauen; dann begann
er eine Melodie zu summen und verließ den Raum.
Anders als sonst riß das Gespräch während des gemeinsamen
Abendessens immer wieder ab, obwohl Mark sich bemühte, es
durch Fragen zu beleben. Als der Bedienstete abgetragen hatte,
streckte Mark Roland die Hand entgegen und sagte: »Verzeih
mir, Roland! Ich habe heute Morgen in einer Weise zu dir gere-
det, für die ich mich schäme. Wir leben nun schon so lange zu-
sammen – und doch waren wir heute näher daran, in Streit zu
geraten, als jemals zuvor. Das ist allein meine Schuld.«
Roland lächelte und hielt Marks Hand einen Augenblick lang
in der seinen. »Ach«, sagte er, »alles schon vergessen. Das ei-
gentlich Seltsame ist, daß du es mit einem Müßiggänger wie
mir überhaupt aushältst.«
Sie unterhielten sich noch eine ganze Weile mit all dem heite-
ren Feuer der Freundschaft, das zwei gute Kameraden erfüllt,
wenn sie sich wieder versöhnt haben. Spät am Abend aber frag-
te Roland: »Mark, ist eigentlich etwas Wahres an der Geschich-
te, daß dein Großvater einen Hort von Münzen hinterlassen
hat?«
Die Frage berührte Mark unangenehm, aber er nahm sich zu-
sammen und sagte: »Nicht, daß ich wüßte. Vielmehr hat er ein
reiches Anwesen übernommen und ein armes hinterlassen.
Worauf er seine Einkünfte verwendet hat, weiß niemand. Am
besten fragst du die alten Männer im Dorf, die wissen mehr
über die Geschichte des Hauses als ich. Aber noch etwas, Ro-
land. Bitte verzeihʹ mir ein weiteres Mal, wenn ich dir sage, daß
ich den Namen Sir James, wenn wir zusammensitzen, nicht

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mehr hören möchte. Ich wünschte, wir hätten sein Turmzimmer
nie betreten. Ich weiß nicht recht, wie ich mich ausdrücken soll,
aber mir ist, als ob er dort gesessen und still darauf gewartet
hätte, gerufen zu werden, oder als ob wir ihn aufgeweckt hät-
ten und – als ob er zu uns gekommen wäre. Ich glaube, er war
ein böser Mensch, in sich gekehrt und böse. Und mir kommt ein
Wort aus der Heiligen Schrift in den Sinn – da sagt Samuel zu
der Hexe ›Warum hast Du mich aufgestört und heraufsteigen
lassen?‹ Ach«, fuhr er fort, »ich weiß gar nicht, warum ich so
ungestüm daherrede« – denn er hatte bemerkt, daß Roland ihn
mit leicht geöffnetem Mund erstaunt ansah –, »aber ein Schat-
ten liegt auf meiner Seele, und ich habe das Gefühl, daß sich
Unheil zusammenbraut.«
Von jenem Tag an blieb Marks Stimmung düster; aufheitern
ließ sie sich nicht. Er selbst empfand es so, als ob er sich leicht-
fertig mit etwas Tiefwurzelndem und Gefährlichem jenseits der
gewöhnlichen Vorstellungskraft eingelassen habe – so wie ein
Kind ein wildes Tier aus seinem Schlummer reißen mag. Zu-
dem bedrückten ihn Alpträume. Die Gestalt, die er zwischen
den Felsen gesehen hatte, schien ihn darin zu beobachten und
ihn mit einem spöttischen Lächeln über gefährliches Terrain,
das er nur ungern beschritt, zu sich herüberzuwinken. Aber je
düsterer Mark wurde, um so unbeschwerter wirkte Roland. Er
schien sich in einer ganz eigenen, leuchtenden Traumwelt zu
befinden und großen, angenehmen Visionen nachzuhängen.
Eines Morgens, als er in die Halle herunterkam, lag ein sol-
ches Leuchten auf seinem Gesicht, daß Mark ihn mit einem An-
flug von Neid fragte, was ihn denn so glücklich mache.
»Glück?« erwiderte Roland. »Oh, ich weiß, was du meinst!
Das machen wohl meine wunderbaren Träume. Stell dir vor, in
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ihnen winkt mir ein vertrauenerweckender Mann mit gewin-
nendem Lächeln zu und zeigt mir Plätze, wunderbare Plätze
mit Schätzen, die unter Erdhügeln oder in Gruben mitten im
Wald verborgen liegen. Ich bin mir ganz sicher, Mark, daß das
Glück mir bald hold sein wird – und du sollst daran teilhaben.«
Mark jedoch erkannte in dieser Schilderung eine versteckte
Ähnlichkeit zu seinen eignen, düsteren Visionen, preßte die
Lippen zusammen und starrte stumm vor sich hin.

Es war an einem ruhigen Frühlingsabend, und die beiden saßen


beim Abendessen. Die Menschen empfanden die Luft als uner-
träglich lau und schwül, während sie für die Bäume und die
Vögel, die sich ziepend in den Wipfeln bargen, voll süßer Ver-
sprechungen war, auch wenn den ganzen Tag über eine helle
Röte wie Wetterleuchten das dräuende Gewölk über der Ebene
durchflackerte. Mark hatte an diesem Tag eine einsame Wande-
rung unternommen und sich unterwegs auf dem Rasen des
Hügellands ausgestreckt, trotz Gegenwehr besiegt von einer
Müdigkeit, die einem Gift gleich seine ureigene Lebenskraft
zersetzte. Roland dagegen war frisch und munter durch den
Tag geschritten und hatte, mit den Versen eines Lieds auf den
Lippen, geschäftig kommend und gehend, irgendwelche unbe-
stimmten Besorgungen erledigt, so wie jemand es tut, der sich
auf eine weite Reise vorbereitet und froh ist, sie bald antreten
zu können.
Nach dem Abendessen ließ Roland, freimütig sprechend, sei-
ner Phantasie die Zügel: »Wenn wir reich wären«, sagte er,
»was könnten wir dann alles aus diesen alten Mauern machen!«

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»Für mich ist alles, so wie es ist, gut genug«, entgegnete Mark
mit Nachdruck. Roland freilich tadelte dies in leichtem Ton als
bloßen Trübsinn und erging sich weiter in Entwürfen eines
neuen Lebens.
Als Mark müde, zugleich aber aufgewühlt früh zu Bette ging,
bedrückt von einer unabweislichen Melancholie, blieb Roland
allein in der Halle zurück. Nach kurzem, unruhigem Schlum-
mer erwachte Mark indes wieder, zündete eine Kerze an und
begann zu lesen – ohne rechte Anteilnahme freilich und in trü-
ber Stimmung –, um die Stunden der tiefen Nacht hinter sich zu
bringen, einer Nacht, in der ihm das Haus voll seltsamer Ge-
räusche schien. Ein oder zweimal hatte er den Eindruck, als ob
etwas von einer Mauer gekratzt werde oder als ob man leise auf
sie einhämmere; auch schien er leichtfüßige Tritte auf der
Turmstiege zu hören – doch war der Turm stets voller undeut-
barer Geräusche, und Mark maß jenem leisen Tappen keine
Bedeutung bei.
Schließlich schlief er wieder ein – nur um plötzlich durch ei-
nen nie gehörten Jammerschrei geweckt zu werden. Woher er
kam, wußte er nicht zu sagen; es schien nachgerade, als habe
die Luft selbst zu klagen begonnen. Auch der alte Hund, der in
Marks Zimmer schlief, hatte es wahrgenommen und setzte sich
in ängstlicher Erwartung auf. Mark selbst erhob sich eilig,
nahm die Kerze und trat in den Korridor, der hinüber zu Ro-
lands Zimmer führte. Es war niemand zu sehen, doch ließ eine
im Raum brennende Kerze erkennen, daß das Bett unberührt
war. Voll Schrecken wandte Mark sich um, und in fliegender
Eile stürmte er die Wendeltreppe hinauf, erfüllt von Furcht und
Besorgnis zugleich. Als er die Turmstube erreichte, fand er die
nicht sonderlich starke Tür gewaltsam aufgebrochen; im Innern

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brannte eine Kerze. Sein verstörter Blick tastete den Raum ab,
als abermals ein Jammerschrei ertönte, diesmal ganz schwach
und trostlos.
Erschaudernd schaute Mark zu dem bewußten Fenster hin-
über; es stand weit offen und gab den Blick frei in eine entsetz-
liche feuchte Schwärze. Um den Mittelpfosten, der die beiden
Flügel trennte, war etwas geknotet. Als Mark zum Fenster eilte,
erkannte er, daß es ein Seil war, straff nach unten gezogen, und
als er sich hinauslehnte, sah er etwas an dem Seil pendeln – zu-
gleich erscholl drunten aus der Dunkelheit ein weiteres Mal der
Schrei, der Schrei einer verlorenen Seele.
Wie in einem Nachtmahr konnte Mark den Umriß jenes ver-
haßten Bergs vor sich erkennen, doch erschien es seiner über-
bordenden Einbildungskraft so, als gehe am Fuße des Berges
irgend etwas vor sich. Schwache Lichter schienen sich dort zu
bewegen, und er glaubte eine Gruppe von Gestalten zu erken-
nen, die gleich einem Fischschwarm auseinanderstob, als er
sich aus dem Fenster lehnte. In diesem Moment hatte Mark das
Empfinden, in den Schlund der Hölle selbst zu blicken.
Das Seil reichte bis zu den Felsen drunten und verlor sich dort
aus dem Blick. Aber Mark nahm es fest in den Griff, und mit all
seiner Kraft – und er war ein kräftiger Mann – begann er es
Hand für Hand aufwärts zu ziehen und die gewonnenen Län-
gen zu sichern, indem er sie um den schweren Eichentisch
wand. Langsam indes begann er daran zu zweifeln, ob seine
Kraft ausreichen werde, und einmal, als er gerade wieder eine
Seilschleife um den Tisch gelegt hatte und zum Fenster zurück-
kehrte, zeigte sich draußen etwas Großes, das wie ein Hauben-
vogel aussah und seine Flügel geräuschlos bewegte.

-102-
Schließlich wurde er gewahr, daß die Gestalt, die an dem Seil
pendelte, die Felsen unten zurückgelassen hatte; sie war aus
ihnen aufgetaucht, als ob sie nur aus Rauch bestünden. Mark
wurde seine Aufgabe unterdessen immer saurer, und jeder
Zentimeter, den er das Seil mit stummer Verbissenheit aufwärts
zog, wurde ihm zur Qual. Seine Muskeln spannten sich, die
Stirn war schweißbedeckt, das Blut rauschte ihm in den Ohren,
und er atmete stoßweise.
Endlich war die Gestalt nahe genug, daß er sie an der Hüfte
ergreifen konnte, und er zog Roland – denn es war Roland –
über die Fensterbank. Rolands Kopf schwankte und schlenkerte
hin und her, das Gesicht war dunkelrot von gestautem Blut,
und Arme wie Beine hingen schlaff nach unten. Als Mark sein
Messer nahm und das Seil zerschnitt, das unter den Achseln
durchgezogen war, sank der hilflose Körper auf dem Boden in
sich zusammen.
Aufschauend erblickte er vor dem Fenster, kaum mehr als ei-
nen Meter entfernt, ein so entsetzliches Antlitz, wie er es in der
Menschenwelt niemals erwartet hätte, aber vielleicht war es ja
gar kein menschliches Antlitz. Es war totenbleich, und Haß,
wütende Enttäuschung und teuflische Bosheit starrten ihn aus
eingesunkenen Augen an; der Mund war verzerrt.
Hinter Mark wurde es lebendig; der alte Hund, der sich un-
bemerkt in die Turmstube geschlichen hatte, sprang mit wil-
dem Gebell gegen die Fensterbank. Mark hörte, wie seine Pfo-
ten über den Stein kratzten. Dann sprang der Hund aus dem
Fenster; einen Augenblick später hörte man ihn draußen dumpf
aufschlagen. Im selben Moment schien sich die Finsternis zu
lichten und wie eine Wolke hinwegzuheben. Eine schwarze
Wand hob sich vor dem Fenster, und unter einem Himmel, be-
-103-
sät mit friedlichen Sternen, zeichneten sich die dunklen Kontu-
ren des Hügellandes ab.
Nun hob sich auch von Mark die bedrohliche Wolke von
Furcht und Schrecken. Undeutlich empfand er, daß sein Wider-
sacher bezwungen war. Er trug Roland die Stufen hinunter und
legte ihn auf sein Bett. Als er die Bediensteten geweckt hatte,
die ihn ängstlich anschauten, verließen ihn die Kräfte; er sank
auf den Boden des Zimmers und in das Dunkel einer Ohn-
macht.

Marks Genesungsprozeß schritt nur langsam voran. Wer ein-


mal einen Blick auf das Unerforschliche getan hat, findet sich
nur schwer wieder in die Äußerlichkeiten des Alltagslebens ein.
Wonach er sich mit vollem Bewußtsein als erstes erkundigte,
war sein Hund; es hieß, daß man den Körper des Tiers am Fuße
des Turms gefunden habe, entsetzlich zugerichtet, als habe eine
wilde Bestie seine Zähne in ihn geschlagen. Der Hund lag im
Garten begraben, und Mark ließ einen Grabstein mit den Zeilen
EUGE SERVE BONE ET FIDELIS über der Stelle errichten.
Später einmal sagte irgendein unverständiger Geistlicher, es
zieme sich nicht, mit Worten der Heiligen Schrift das Grab ei-
nes Tiers zu schmücken, doch Mark entgegnete umsichtig, sol-
che Inschriften seien nicht dazu bestimmt, die Ehre derer zu
erhöhen, die da unter der Erde lägen; vielmehr sollten sie de-
nen, die sie läsen, Demut einflößen.
Als Mark sein Krankenlager wieder verlassen konnte, war es
seine erste Sorge, nach Handwerkern zu schicken, auf daß sie
den Turm von Nort Stein für Stein bis auf den Grund abtrügen;
im Gemäuer wurde dabei eine verborgene Treppe entdeckt, die

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von der Turmstube hinunter in ein Holundergebüsch unterhalb
des Turms führte, und dort wiederum fand man eine Truhe,
gefüllt mit Gold. Zuvor hatte er erwogen, das Gelände öde lie-
gen zu lassen, aber nun verwendete Mark diesen Schatz darauf,
über dem Areal des abgetragenen Turms eine stattliche Kapelle
errichten zu lassen.

Mark hat sich inzwischen verheiratet, und Kinder drängen sich


um seine Knie. Doch wer sein Haus besucht, wird dort auch
einem seltsamen, blassen Mann begegnen, der mit dem Haus-
herrn den Tisch teilt und von ihm außerordentlich rücksichts-
voll behandelt wird. Manchmal ist dieser Mann heiterer Stim-
mung und erzählt umständlich davon, wie er einmal einen ge-
heimen Wink erhielt und wie eine hochgewachsene, ansehnli-
che Gestalt ihn lächelnd über die Hügel hinunter zu einem
Goldhort geleitete. Doch wie die Unternehmung ausging, daran
kann sich der Mann auch bei bestem Willen nicht erinnern.
Naht der Frühling, wird er schweigsam, und wenn er in dieser
Zeit überhaupt ein Wort spricht, dann zu sich selbst.
Der Mann heißt Roland, und sein Verstand scheint sich in ein
Schneckenhaus zurückgezogen zu haben. Mark betet darum,
daß dies anders werde, und erachtet Roland so lange, bis Gottes
Ruf an ihn ergeht, als einen ihm eng verbundenen Bruder.
Denn dem, der in die Welt jenseits des Todes geblickt hat, ge-
bührt Ehrerbietung auch dann, wenn er das, was seine Augen
sahen, nicht weiterzugeben weiß.

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Arthur Gray (Ingulphus)
(1852-1940)

Lange Zeit war die Autorschaft der unter dem Pseudonym ›In-
gulphus‹ um das Jahr 1910 in zwei Cambridger Magazinen er-
schienenen antiquarischen Gespenstergeschichten ein Geheim-
nis. Vermutungen über den möglichen Autor reichten von John
Ellis McTaggart, einem Professor des Trinity College und He-
gel-Experten, bis zu A. C. Benson und sogar M. R. James selbst.
Erst als die acht verstreut erschienen Geschichten 1919 bei Hef-
ferʹs gesammelt unter dem Titel Tedious Brief Tales of Granta and
Gramarye herauskamen, gab sich der Autor hinter seinem Pseu-
donym in Klammern als »Arthur Gray, Master of Jesus Col-
lege« zu erkennen.
Arthur Gray wurde am 28. September 1852 geboren, besuchte
die Blackheath Proprietary School in London und ging danach
aufs Jesus College. Wie so viele Gelehrte der ›James-Republik‹
blieb auch Gray der einmal erwählten Alma mater ein Leben
lang treu; nach Abschluß seiner Studien wurde er zunächst in
den Rang eines Fellow (eine Art Privatdozent) und später in
den eines Tutors des Jesus College erhoben. Als er 1912 schließ-
lich zum Rektor (Master) des Jesus College ernannt wurde, war
er der erste Nicht-Geistliche, der diesen Posten in der 400-
jährigen Geschichte des Colleges bekleiden durfte. Im Gegen-
satz zu vielen anderen Professoren jedoch, die ihr Leben in der
Higginschen Tradition überzeugten Junggesellentums zubrach-
ten, war Gray seit 1882 mit Alicia Honora Gell verheiratet und
der Vater von nicht weniger als sechs Söhnen. Er überlebte sei-
ne Frau um viele Jahre und erreichte das für damalige Verhält-

-106-
nisse geradezu biblische Alter von 87 Jahren. Am 12. April 1940
starb er, geistig rege und gesund, als Master des Jesus College
in den Räumen der Rektoratswohnung.
Auch für Arthur Gray war – wie für viele der hier vorgestell-
ten Autoren – seine literarische Betätigung vor allem Zeitver-
treib. Hauptsächlich beschäftigte sich der Rektor des angesehe-
nen College mit der Shakespeare-Forschung und der Geschich-
te von Cambridge. Während sein Beitrag zur Shakespeare-
Forschung als eher ephemer angesehen werden muß (unter an-
derem ein Werk, in dem er darüber spekuliert, ob Shakespeare
in seiner Jugend als Page im Haushalt eines Landadligen be-
schäftigt gewesen war), sind seine historischen Werke über die
Stadt Cambridge im allgemeinen und das Jesus College im be-
sonderen auch heute noch lesenswert. Ein besonders interes-
santes Beispiel ist das 1912 erschienene Cambridge and Its Story,
das die Geschichte der Universität in episodischer Form von
Erasmus bis Tennyson beleuchtet. Auch seine Gespensterge-
schichten, die mit einer einzigen Ausnahme alle im Jesus Col-
lege spielen, scheinen mehr oder weniger direkt aus seiner Be-
schäftigung mit der Geschichte des Colleges hervorgegangen
zu sein. Entsprechend verwundert es nicht, daß Gray für diese
erzählerischen Seitenstücke seiner historischen Leidenschaft
das Pseudonym Ingulphus wählte – handelt es sich bei dem
geschichtlichen Ingulphus doch um einen sächsischen Abt, des-
sen Geschichte seiner Abtei (der Crowland Abbey in Lincolns-
hire) bekanntermaßen voller Fehler und Unwahrheiten ist.
Von den beiden hier vorgestellten Geschichten ist die eine,
›Der Nekromant‹ (Erstveröffentlichung: Cambridge Review, 17.
10. 1912) eine typische Geschichte aus dem Band Brief Tales of
Granta and Gramayre, die einen Vorfall aus der Zeit der »Glori-

-107-
ous Revolution« (1688/89) zum Gegenstand hat. Die andere,
›Einbildungen‹, wurde erst im Jahre 1925 in Fortsetzung (am 23.
10. und 30. 10. ) ebenfalls im Cambridge Review veröffentlicht
und konnte daher nicht mehr in die Erstausgabe der Brief Tales
aufgenommen werden. Auch sonst ist ›Einbildungen‹ eine für
Ingulphus eher ungewöhnliche Geschichte, spielt sie doch in
dem gänzlich fiktiven Bishopʹs College anstatt im Jesus College.
Beiden Geschichten gemeinsam ist jedoch der für Ingulphus
typische barocke Stil, der M. R. Jamesʹ Hang zur Kolportage
alter Dokumente auf die Spitze treibt, insofern die latinisieren-
de bzw. barock-geschraubte Sprache nicht auf die fingierten
Dokumente beschränkt bleibt, sondern zum Charakteristikum
des Haupttextes selbst wird. In dieser Ausgabe zusammen ab-
gedruckt, offenbaren diese beiden Geschichten noch eine weite-
re thematische Gemeinsamkeit, die ungewöhnlich für Vertreter
der James-Schule ist: Beide handeln vielleicht nur vordergrün-
dig von einem tatsächlichen übernatürlichen Vorfall, in Wahr-
heit aber von der zerrütteten und zu Wahnvorstellungen nei-
genden Psyche ihrer jeweiligen Protagonisten – eine Thematik,
die Ingulphus von M. R. James weiter abhebt und ihn in die
Nähe von Autoren wie E. A. Poe und Maupassant rückt. Auch
unter diesem Aspekt erscheint Ingulphus bzw. Arthur Gray
aktueller, als es die barocke Oberfläche seiner Texte auf den
ersten Blick erahnen läßt.

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Der Nekromant

Das Folgende ist eine Geschichte über das Jesus College, die im
Jahr 1643 spielt. In jenem Jahr hatte das Parlament die Stadt
Cambridge zum Lager für Colonel Cromwell und die Truppen
der Eastern Countiesʹ Association erklärt. In jedem College wa-
ren Soldaten einquartiert, und zeitgenössische Berichte belegen
ihr gewalttätiges Auftreten sowie den Schaden, den sie in den
von ihnen bewohnten Räumen anrichteten. Im vorangegange-
nen Jahr war der Leiter des Jesus College, Doktor Sterne, in
dem Augenblick, da er gerade die Kapelle verließ, von Crom-
well arretiert, nach London verbracht und dort in den Tower
geworfen worden. Bis zum Sommer des Jahres 1643 wurden
vierzehn Mitglieder des sechzehnköpfigen Kollegiums aus ih-
ren Ämtern entfernt, und über das Jahr hinweg hatte das Col-
lege, abgesehen von den Soldaten, gerade einmal zehn oder
zwölf ständige Bewohner. Die Namen der beiden Kollegiums-
mitglieder, die man nicht entlassen hatte, waren John Boyleston
und Thomas Allen.
Mit Mr. Boyleston hat diese Geschichte nur insofern zu tun,
als er eine kleine Rolle spielte anläßlich des Besuchs, den der
berüchtigte Fanatiker William Dowsing dem College abstattete.
Dowsing kam im Dezember 1642 nach Cambridge, ausgestattet
mit weitreichenden Befugnissen, um den Parlamentsbeschluß
zur Reformierung der Kirchen und Kapellen durchzusetzen.
Unter den vielen Verwüstungen, die dieser ungebildete
Schwachkopf anrichtete und die er akribisch genau in seinem
Tagebuch aufzeichnete, sticht eine besonders hervor: Unter
dem Datum des 28. Dezember vermerkt er, daß er, im Beisein

-109-
und vermutlich mit Zustimmung von John Boyleston, »die Stu-
fen (d. h. diejenigen des Altars) aushub und abergläubischen
Firlefanz und Engelsfiguren zerschmetterte, wenigstens 120 an
der Zahl«.
Dowsings Bericht seiner Anstrengungen wird durch die auf
lateinisch geschriebene Geschichte des Colleges ergänzt, die
eines der Kollegiumsmitglieder, ein gewisser Doktor John
Sherman, während der Regentschaft Charles II. verfaßte. Sher-
man vermerkt im Gegensatz zu Dowsing, daß ein zweiter Zeu-
ge bei der Schändung anwesend war – Thomas Allen. Ein we-
nig geheimnisvoll bemerkt er über die beiden: »Der eine (d. h.
Boyleston) beobachtete versteckt hinter einem Vorhang das teu-
flische Werk; der andere, dessen Herz brach, seine Alma mater
entehrt zu sehen, brachte sein Leben, wie es einem ehrerbieti-
gen Sohn geziemt, auf ihrem Grabe zum Opfer dar und legte,
um den Händen der verbrecherischen Rebellen zu entgehen,
Hand an sich selbst.«
Daß Thomas Allen Selbstmord beging, scheint ziemlich sicher
zu sein; und daß Gewissensbisse wegen des Anteils, den er ge-
gen seinen Willen an der Schändung des 28. Dezember hatte,
ihn zu seiner Tat trieben, können wir aufgrund der Aussage
von John Sherman als gegeben hinnehmen. Aber es steckt noch
etwas mehr dahinter, was Sherman entweder nicht bekannt war
oder was er der Niederschrift nicht für Wert erachtete. Sein
Buch behandelt nur das College und seine Mitglieder; er sah
keine Veranlassung, an Adoniram Byfield zu erinnern.
Byfield war ein Kaplan im Dienste der Parlamentstruppen,
dem in Cambridge ein Quartier im Jesus College zugewiesen
worden war, und zwar das Zimmer im ersten Stock über dem
Eingangstor. Unter seinem Zimmer befand sich die Portierslo-
-110-
ge, die während dieser Zeit den Truppen, die sich im College
aufhielten, als Waffenkammer diente. Das Zimmer darüber, im
höchsten Geschoß des Torturms, ›beherbergte‹ Thomas Allen.
Es waren die einzigen an der Treppe gelegenen Zimmer. Zu
Beginn der großen Ferien des Jahres 1643 war Allen das einzige
Kollegiumsmitglied, das noch ständig im College wohnte.
Ein dickleibiger Band verstaubter Traktate aus der Zeit des
Commonwealth, den die Bibliothek des College aufbewahrt,
wirft ein wenig Licht auf den Charakter Byfields und seine
Verbindung mit dieser Geschichte. Unter den Predigten, die
darin eingebunden sind, findet sich eine, die das Datum 1643
trägt und mit folgendem Vermerk auf dem Titelblatt versehen
ist:
EINE AUS DEM RECHTEN GLAUBEN ERFOLGENDE
WARNUNG vor dem sühndigen Baalstum der Zauberey & des
Sternguckens, wie sie Colonel Cromwells Soldaten ward gepre-
diget in der Kirche Sankta Pulchas von dem regsamen Diener
des Herrn, Adoniram Byfield, der vor kurzem vor den Thron
Gottes gerufen ward, im Jahre des Herrn 1643, und sich befas-
set mit dem Vers 43 des siebenten Kapitels der Apostelge-
schichte, Und ihr nahmet die Hütte Molochs an und das Gestirn eu-
res Gottes Remphan, die Bilder, die ihr gemacht hattet, sie anzubeten.
Und ich will euch hinwegwerfen jenseits Babylons.
Titel und Inhalt des Traktats enthüllen seinen Verfasser als ei-
nen der Fanatiker, die sich zur Rechtfertigung für den brutalen
Umgang mit den ›Gelehrten‹ der Universität im Jahre 1643 die
Unbildung und das Mißtrauen gegenüber ›weltlicher‹ Bildung
zunutze machten, das die Soldaten Cromwells allesamt erfüllte.
Byfields gesamte Bildung war in einem einzigen Buch enthalten
– dem Buch. Die ihm aus dessen Zeilen zweifelsfrei zukommen-
-111-
de Erleuchtung genügte ihm zu seiner Auslegung. Was bedurf-
te es des Griechischen für einen Mann, der in fremden Zungen
Mysterien verkündete? Und welch ein schwaches Licht war die
Klarheit der Kommentare für denjenigen, den der Geist selbst
erfüllte und in den strahlenden Glanz des dritten Himmels ent-
hob!
Nun war Allen auf seine Weise ebenfalls ein Enthusiast und
mystischen Spekulationen hingegeben. Sein Forschungsgebiet
war die damals noch neuartige Wissenschaft der mathemati-
schen Astronomie. Selbst den Geistern, die nicht von jener reli-
giösen Manie verdunkelt waren, von der Byfield besessen war,
erschien diese Wissenschaft in der Mitte des siebzehnten Jahr-
hunderts noch mehr als suspekt. Anglikaner, Puritaner und
Katholiken waren sich darin einig, deren großen Vertreter, Des-
cartes, als einen Atheisten zu betrachten. Mathematiker wurden
gemeinhin der Zunft der Nekromanten zugerechnet, und Tho-
mas Hobbes sagt, daß in seinen Oxforder Tagen dieses Studi-
engebiet als »anrüchig und der Schwarzen Magie nahestehend«
galt, so daß es sich Väter, aus Furcht vor dessen verderblichem
Einfluß, zweimal überlegten, ehe sie ihre Söhne auf diese Uni-
versität schickten. Wie tief dieses Vorurteil in Adonirams Seele
verankert war, zeigt sich an seiner Predigt. Der Anlaß zu dieser
Predigt war folgender: Ein frommer Kornett fiel, als er eines
Nachts eine Gebetsversammlung verließ, eine der steilen, unbe-
leuchteten Treppenstiegen des Colleges hinunter und brach
sich das Genick. Zwei oder drei der Landsknechte waren
schwer an Ruhr erkrankt. Diese Mißgeschicke gaben Anlaß
zum Gerede unter den Soldaten, und es hieß, Allen und seine
Studien hätten irgendwie etwas damit zu tun. Das haltlose Ge-

-112-
schwätz verdichtete sich in Adonirams Hirn zu einem unum-
stößlichen Faktum.
Und tatsächlich war Allen eine geheimnisumwitterte Person.
Selten setzte er einen Fuß außerhalb seines Zimmers, entweder
weil er ganz in seinen Studien aufging oder weil er davor zu-
rückschreckte, sich den Beleidigungen der Soldaten auszuset-
zen. Vielleicht hielt ihn die Melancholie, die Sherman für sein
gewaltsames Ende für verantwortlich hält, in seinen vier Wän-
den. Während der drei Monate, die er mit Allen dieselbe Trep-
penstiege teilte, hatte Byfield ihn kaum ein dutzendmal gese-
hen, und das Geheimnis der verschlossenen Tür erweckte in
dem Kaplan die phantastischsten Spekulationen. Stundenlang
konnte er, in dem Zimmer über sich, das Gemurmel von Aliens
Stimme hören, die in ununterbrochenem Redefluß anstieg und
fiel. Niemand antwortete darauf, und keines der Worte, die der
Zuhörer auffing, ergab für ihn irgendeinen Sinn. Einmal stieg
die Stimme zum Falsett an, und Byfield hörte deutlich den
ominösen Ausruf: »Hinweg, Satanas, hinweg!« Und ein ander-
mal hatte er, durch den Spalt in der halb geöffneten Tür, Allen
vor einer kreidebeschmierten Tafel voller Figuren und Symbole
stehen sehen, die in Byfields Einbildung magische Bedeutung
annahmen. Nachts beobachtete er vom Hof aus das erleuchtete
Fenster des Astrologen, und jedesmal wenn Allen sein Periskop
gegen die Sterne richtete, wuchs in dem Zuschauer die uner-
schütterliche Gewißheit, daß er in gefährlicher Nachbarschaft
zu einem der scheel-äugigen und murmelnden Zauberkünstler
lebte, von denen das Heilige Buch sprach.
Ein ungewöhnlicher Vorfall verstärkte noch Byfields Ver-
dacht. Eines Nachts hörte er, wie Allen an seinem Zimmer vor-
bei still und heimlich die Treppe hinunterschlich; und wie er

-113-
die Türe öffnete, sah er ihn um den Treppenabsatz herum ver-
schwinden, eine Kerze in der Hand. Leise folgte Byfield ihm in
der Dunkelheit und nahm wahr, daß er die Portiersloge betrat.
Die Soldaten waren zu Bett, und die Waffenkammer war un-
bewacht. Durch die erleuchtete Scheibe sah er Allen eine Kaval-
leriepistole vom Wandständer nehmen. Allen untersuchte die
Waffe genau, prüfte das Schloß, stellte sich in Positur, als lege
er auf ein Ziel an, dann stellte er die Waffe wieder zurück und
verschwand, nachdem er die Loge verlassen hatte, mit seiner
Kerze wieder die Treppenstiege hinauf.
Ein Meer von Verdächtigungen stieg in Byfields Hirn auf und
ward auch nicht beschwichtigt, als die Soldaten am nächsten
Morgen alle Pistolen intakt fanden. Einer der siechen Soldaten
starb jedoch noch in derselben Woche.
Wie er so über diesen Vorfall nachgrübelte, wurde es Adoni-
ram mehr und mehr zur Gewißheit, daß sein Nachbar Böses im
Schilde führen müsse und über satanische Kräfte verfüge. Seine
Befürchtungen wurden durch einen anderen merkwürdigen
Umstand weiterhin erhärtet. Im Laufe der Wochen gewahrte er,
daß Aliens Tür zu später Nachtstunde jedesmal leise geöffnet
wurde. Daraufhin folgte ein Getrappel von Füßen die Treppen-
stufen hinunter, gefolgt von tiefer Stille. Nach einer Stunde
oder zwei wurde es abermals laut. Das Getrappel kam die Stu-
fen hoch zu Aliens Zimmer, dann wurde die Tür geschlossen.
Wach zu liegen und auf diese geisterhaften Geräusche zu war-
ten, wurde für Byfields krankhafte Einbildung zur Qual. In sei-
nem Bett betete er und sang Psalmen, um davon erlöst zu wer-
den. Dann gab er jeden Gedanken an Schlaf auf und saß nächte-
lang wach, darauf wartend, ob er diesen wandelnden Schrecken
der Nacht nicht überraschen und entlarven könne. Anfangs, in

-114-
der Dunkelheit der Treppenstiege, entkam er ihm. Eines Nachts
jedoch, mit einem Licht zur Hand, gelang es ihm, einen Blick
darauf zu erhaschen. Was da am Treppenabsatz verschwand,
hatte die Form einer riesigen schwarzen Katze.
Weit davon entfernt, seine Befürchtungen zu besänftigen,
rührte die Entdeckung neue Fragen in Byfields Herzen auf. Lei-
se schlich er zu Aliens Tür hinauf. Sie stand offen und drinnen
brannte eine Kerze. Von seinem Platz aus konnte er jede Ecke
des Raumes einsehen. Da war die mit Hieroglyphen beschrifte-
te Tafel; da lagen die magischen Bücher aufgeschlagen auf dem
Tisch; da sah man die zu unbekannten Zwecken geformten In-
strumente des Totenbeschwörers. Doch kein lebendes Wesen
war in dem Zimmer, und nichts störte die Stille außer dem Ra-
scheln des Papiers, das der Nachtwind von dem offenen Fen-
ster aufregte.
Eine schreckliche Gewißheit ergriff von dem Kaplan Besitz.
Dieses – Ding, das er erblickt hatte, war keine Katze. Es war der
Teufel selbst oder der Zauberer in Tiergestalt verwandelt.
Welch verderbliche Absicht trieb ihn diesmal an? Wer würde
sein nächstes Opfer sein? Blitzartig kam ihm die Geschichte in
den Sinn, wie Phineas über die Männer gerichtet hatte, die dem
Baal-Pegor gehuldigt, um so die Plage von den Stämmen Israels
abzuwenden. Er würde die Rache Gottes an dem Übeltäter
vollstrecken, und sein Name würde von allen Generationen
fürderhin als Inbegriff der Rechtschaffenheit gepriesen werden.
Er ging zur Waffenkammer in der Portiersloge hinunter.
Sechs Pistolen, das wußte er, faßte der Wandständer. Seltsam,
daß es heute nacht nur fünf waren – ein weiterer Beweis dafür,
daß seine Befürchtungen gerechtfertigt waren. Er wählte eine
der fünf, machte sie schußfertig, lud sie und spannte den Hahn
-115-
– und war bereit für die Rückkehr des Schwarzmagiers. Er trat
in den Schatten der Wand bei der Treppe. Damit sich ihm ein
besseres Ziel böte, stellte er seine brennende Kerze auf dem
Treppenabsatz ab.
In drückender Stille dehnten sich die Minuten zu Stunden,
während Adoniram wartete und still betete. Dann wurde er
sich auf einmal irgend etwas bewußt, das sich lautlos und un-
sichtbar in der pechschwarzen Dunkelheit bewegte. Für einen
Augenblick verschattete es das Licht der Kerze, keine zwei
Schritte von ihm entfernt. Es war die zurückkehrende Katze.
Ein triumphierender Ausruf entrang sich Byfields Lippen:
»Gott wird auf sie anlegen, unversehens sollen sie verwundet
werden« – und er drückte ab.
Mit dem Knall der Pistole hallte ein erbarmungswürdiger
Schmerzensschrei durch den Hof, weder menschlich noch tie-
risch, sondern, so kam es der aufgewühlten Phantasie des Ka-
plans vor, wie der einer verlorenen Seele im Fegefeuer. Hastig
trippelnd verschwand die Kreatur in der Dunkelheit des Hofes,
ohne daß Byfield sie verfolgte. Die Tat war vollbracht – dessen
war er sich sicher –, und als er die Pistole wieder in den Wand-
ständer stellte, durchströmte sein Herz eine Woge religiöser
Inbrunst. Diese Nacht kehrten die trappelnden Schritte vor sei-
ner Tür nicht mehr zurück, und er schlief gut.

Am nächsten Tag entdeckte man den Körper von Thomas Allen


in dem Wäldchen, welches das College umschließt – seine Brust
von einer Kugel durchschlagen. Man nahm an, daß er sich vom
Hof bis dorthin geschleppt habe. Die Blutspuren gingen vom
Treppenabsatz aus, wo er sich allem Anschein nach erschossen

-116-
hatte, und aus der Waffenkammer fehlte eine Pistole. Einige der
Anwohner des Hofes waren von dem Abfeuern der Waffe auf-
geschreckt worden.
Die allgemeine Schlußfolgerung war diejenige, die Sherman
in seinem Geschichtswerk aufgezeichnet hat – wonach der Aus-
löser für die Selbstentleibung eine schleichende Melancholie
gewesen sei.
Byfield verschwieg seinen Anteil an den nächtlichen Vor-
kommnissen. Die schonungslose Betrachtung der Angelegen-
heit, die auf die fromme Inbrunst der Nacht folgte, brachte ihm
quälende Fragen, Furcht und Bangen. Was auch immer andere
schließen mochten, er war zutiefst überzeugt, daß Allen von
seiner Hand gestorben war. In der dunklen Zelle seiner Seele
gab es keinen Platz für Erbarmen mit dem Toten. Aber wie
stand es um ihn selbst? Wie würde seine Tat vor dem ehr-
furchtgebietenden Thron gewichtet werden?
Sein fiebriges Hirn gaukelte ihm vor, das Jüngste Gericht habe
bereits begonnen, das Buch sei geöffnet, der Ankläger der
Menschheit stünde vor ihm, um ihm das Geschehene vorzuhal-
ten, und der furchtbare Urteilsspruch des Rain falle auf ihn:
»Verflucht sollst du sein auf dem Angesicht der Erde.«
Am Abend hörte er, wie sie den Toten ins Zimmer über dem
seinen brachten. Sie legten ihn auf sein Bett und, nachdem sie
die Türe geschlossen hatten, gingen sie wieder und stiegen die
Stufen hinunter. Das Geräusch ihrer Schritte verklang und hin-
terließ eine grausige Stille. Mit der zunehmenden Dunkelheit
wurde das furchtbare Schweigen unerträglich. Wie es ihn da-
nach lechzte, erneut die verhaltene Stimme im Zimmer über
ihm zu hören! Und in einer Aufwallung betete er laut, daß die

-117-
schreckliche Gegenwart von ihm genommen werde, daß die
Stunden rückwärts laufen möchten, wie die Uhr des Ahas, und
alles wieder wie am Vortage werde.
Auf einmal, wie das Gebet auf seinen Lippen erstarb, ward
die Stille unterbrochen. Es gab keinen Zweifel. Er hörte, wie die
Tür zu Aliens Zimmer ganz leise geöffnet wurde, und die alt-
vertrauten, trippelnden Schritte kamen sachte die Stufen hinun-
ter, an seiner Tür vorbei. Sie waren schon weiter, bevor er sich
von den Knien erheben konnte, um die Tür zu öffnen. Kurzzei-
tig fiel ein Lichtstrahl in die Düsternis von Byfields Seele. Was,
wenn sein Gebet erhört worden war, wenn Allen nicht tot war,
wenn die Ereignisse der vergangenen vierundzwanzig Stunden
nur Traum und Teufelsspuk gewesen? Dann kehrte der Schrek-
ken stärker als je zuvor zurück. Allen war ganz bestimmt tot.
Dieses schleichende Etwas – was mochte ihm wohl Antrieb ge-
ben?
Eine Stunde lang saß Byfield voll quälender Furcht in seinem
Zimmer. Vor allem der Gedanke an die geöffnete Tür oben la-
stete wie ein Alptraum auf ihm. Irgendwie mußte sie geschlos-
sen werden, bevor diese Ausgeburt des Teufels zurückkam.
Irgendwie mußte die zerschundene Gestalt da drinnen von den
unheiligen Kräften, die sie beseelten, geschützt werden. Die
Vorstellung packte ihn und hielt seinen fiebrigen Verstand fest
im Griff. Es war schrecklich, aber es mußte getan werden. In
kalten Angstschweiß gebadet, öffnete er die Tür und schaute
hinaus.
Ein flackerndes Licht spielte auf dem oberen Flur. Byfield zö-
gerte. Aber der Gedanke, daß die Katze jeden Augenblick zu-
rückkehren könne, verlieh ihm den Mut der Verzweiflung. Er
stieg die Stufen zu Aliens Tür hinauf. Genauso wie am Vortag
-118-
stand sie weit offen. Die Bücher, Instrumente und magischen
Zeichen im Zimmer waren unverändert, und eine Kerze, dem
Nachwind vom Fenster her ausgesetzt, warf zitternde Schatten
auf die Wände und den Fußboden. Auf einen Blick sah er das
alles, und er sah das Bett, worauf man, nur wenige Stunden
zuvor, die traurigen Überreste von Allen gelegt hatte. Der
Leichnam des Nekromanten war verschwunden!
Während er noch wie festgewachsen dastand, erhaschte ein
verirrter Luftzug vom Fenster die Kerze, und mit einem Seufzer
erlosch die Flamme. In der pechschwarzen Dunkelheit wurde
er sich eines näherkommenden Geräusches bewußt. Näher, die
Stufen herauf, kamen sie – die sachten, schleichenden Schritte –,
und voll panischem Schrecken wich er vor ihrem Herankom-
men in Aliens Zimmer zurück. Schon waren sie auf dem letzten
Treppenabsatz; dann teilte sich die Dunkelheit und Byfield sah:
In einem Ring fahlen Lichts, das von ihrem Körper auszustrah-
len schien, gewahrte er die Katze – furchtbar, blutbeschmiert,
ihre vorderen Extremitäten wie zerfetzte Streifen rohen Flei-
sches um ihren Halse baumelnd.
Langsam schlich sie in den Raum, und ihre Augen, die in stie-
rer Boshaftigkeit glosten, waren auf Byfield gerichtet. Weiter
wich er in das Zimmer zurück, in die Ecke, wo das Bett stand.
Die Kreatur folgte ihm. Sie duckte sich zum Sprung. Er fiel in
Hockhaltung auf das Bett, und als er sah, wie sie sich auf ihn
warf, schloß er die Augen, und es brach aus ihm heraus in ei-
nem Stoßseufzer: »Oh, mein Gott, erlöse mich von dem Bösen.«
Starr vor Schreck brach er auf dem Bett zusammen und um-
klammerte mit beiden Händen die Bettdecke. Durch den Stoff
der Decke hindurch fühlte er die steifen Knochen des verstor-

-119-
benen Nekromanten, und als er die Augen wieder öffnete, war
alles dunkel und die gespenstische Katze verschwunden.

-120-
Einbildungen

Die Kapelle des Bishopʹs College in Cambridge ist ein weiträu-


mig angelegtes und ehrwürdiges Gemäuer aus den Tagen der
Normannischen Könige. Der Innenraum ist mit Gedenksteinen
aus den sieben Jahrhunderten ihres Bestehens angefüllt. Einige
von ihnen stammen noch aus der Zeit des Klosters, bevor man
die Kirchengebäude universitären Zwecken überführte; viele
von ihnen sind, Reihe auf Reihe, an den hoch aufstrebenden
Wänden aufgehängt, andere, auf Grabplatten gemeißelt, nen-
nen die Namen der hier bestatteten Toten und geben in knap-
pen Worten eine Zusammenfassung ihres Lebens wieder. An
der Nordseite der Kapelle befindet sich der Kreuzgang des Klo-
sters, mit den zahlreichen Gräbern all jener Abgeschiedenen,
für die innerhalb der engen Mauern der Kirche keine Heimstatt
mehr gefunden werden konnte. Die Südseite liegt unter freiem
Himmel, und eine ausgedehnte Grasfläche reicht bis an das
Fundament der Kapellenmauern.
In dieser südlichen Begrenzungsmauer gibt es eine uralte Tür,
die, da sie keinerlei Zugang vom Campus des College aus bie-
tet, nur selten benutzt wird. Und vor dieser Tür befindet sich
ein einsamer Grabstein, eingelassen in das Pflaster des Fuß-
wegs, der zu dem Durchgang führt. Da der Fußweg kaum je
begangen wird, ist der Stein von einer dicken Schicht Moos
überzogen, jedoch läßt sich der eingeritzte Namen ohne große
Mühe freilegen. Der Platz liegt außerhalb der Friedhofsbegren-
zung, doch ist die Ruhe des Schlafenden darum vielleicht nicht
weniger ungestört. Manchmal bin ich sogar versucht zu glau-
ben, daß es sich um eine begünstigte Persönlichkeit handeln

-121-
müsse, die sich solch außergewöhnlicher Wertschätzung erfreu-
te, daß man ihre Überreste von den kalten Gewölben innerhalb
des geheiligten Bezirks erlöste und sie an diese Stelle voller
Sonnenschein und lieblichem Grün überführte. Die Spatzen
nutzen den Stein, um sich darauf zu sonnen, und darüber gur-
ren die Tauben von ihrem Chorstuhl im Glockenturm ein un-
aufhörliches Requiescat. Von dem verstorbenen Samuel Aubrey
gibt der Stein allein den Namen preis. Warum er an diesem au-
ßergewöhnlichen Platz liegt, darüber schweigt das Mahnmal.
Die Dokumente – aus dem späten 18. Jahrhundert –, die ich
nachfolgend vorlege, enthalten alles, was man von ihm weiß.

Von Samuel Aubrey an den Reverend Gideon Bowyer, M. A. Fellow


des Bishopʹs College, Cambridge.

Den 1. Dezember 1781


Freund Bowyer,
Ihr mögt es als eine Anmaßung meinerseits erachten, daß ich
Euch mit einer so unerwarteten Vokabel anrede, die beiderseits
auch nicht durch die geringste Spur von freundschaftlicher Ver-
trautheit verdient erscheint, welche in den zwanzig Jahren, die
uns als Gelehrte desselben College in beinahʹ täglichen Kontakt
brachte, bestanden haben mag. Zwischen Ihnen und mir be-
stand nie jener Gleichklang der Seelen, der es mir erlauben
würde, sie mit dem Titel ›Freund‹ zu ehren, einer Bezeichnung,
der ich im übrigen bis dato nur wenig Wert beigemessen habe –
wenn nicht die gegebenen Umstände danach verlangten, bei
der Auslegung jenes Begriffes großzügig genug zu verfahren,

-122-
um ihn auf einen Menschen anzuwenden, der weniger als jeder
andere, der mir in den Sinn kommt, ein Fremder für mich ist.
Ihr kanntet mich als einen Einzelgänger, der die meiste Zeit
schweigend vor sich hin grübelte, ohne daß seine Gedankenhu-
berei ihm selbst oder seinen gelehrten Kollegen viel eingebracht
hätte. Und dennoch, wie ich glaube, kein unglücklicher Mensch
– zumindest nicht während der vergangenen dreißig Jahre und
bis zu den Vorkommnissen der letzten Woche. Zu welchem
Ende diese Vorkommnisse führten, wird die Welt erfahren ha-
ben, ehʹ diese Zeilen Euch erreichen. Ihr habt mir ein wenig
mehr als nur höfliches Entgegenkommen gezeigt, und in dieser
furchtbaren Stunde wage ich es, Euch ›Freund‹ zu nennen. An
Eure Freundschaft appelliere ich, daß Ihr den Schandfleck von
mir nehmet, den das allgemeine Urteil mit der Tat der Selbst-
entleibung verbindet. Die Tat, glauben Sie mir, geht nicht zu
meinen Lasten.
Oh, mein Freund, glauben Sie es, verkünden Sie es der achtlo-
sen Welt. In völligem Besitz meiner Geisteskräfte beteure ich
feierlich, daß weder der Wille dazu mir entspringt, noch die
ausführende Hand als die meinige angesehen werden soll.
Ich habe kein Testament gemacht. Wie meine wenigen und
wertlosen Besitzgegenstände verwendet werden sollen, das
überlasse ich Eurem alleinigen Ermessen. Doch geht es jetzt
nicht hierum. Mein vordringlicher Wunsch ist, daß ich die letz-
te Ruhestätte nicht an dem schrecklichen Platz finden möge,
den Sitte und Brauch dem schurkischen Verbrecher zuweisen,
der sich vor der Zeit aus eigenem Antrieb ins geheime Toten-
haus begab, sondern neben meinem Vater auf dem Friedhof zu
Welney; und bettet mich wie einen Christen zur Ruhe, der ich

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zeit meines Lebens gewesen. Wenn Ihr meine Geschichte gele-
sen habt, werdet Ihr die Billigkeit meines Verlangens begreifen.
Es ist eine lange Geschichte, und damit Ihr die Verstrickungen
der Umstände, in die ich von Geburt bis zu meiner Todesstun-
de versponnen war, verstehen möget, muß ich bei meiner
Kindheit beginnen. Einst hatte ich einen wirklichen Freund,
dem mein Herz geöffnet war, so daß ich alles, was ich jetzt
Euch mitteile, ihm hätte mitteilen können. Er ist tot. Oh, tretet
Ihr an die Stelle meines Freundes nach meinem Ableben und
verkündet die Geschichte, die es ansonsten ihm zugekommen
wäre zu berichten.
Mein Vater, der denselben Namen wie ich trug, war Pfarrer
einer Gemeinde zu Welney in den Marschen von Norfolk. Ich
glaube, es gibt kaum einen andern Landstrich in England, der
so trostlos ist wie derjenige um meinen Geburtsort. Die Kirche
und das Pfarrgebäude befinden sich zu Füßen des Dammes an
dem langen und breiten Einschnitt, den man den Bedford Level
nennt und der die landeinwärtigen Wasser seewärts über das
abgesunkene Marschland transportiert. Doch war zu der Zeit,
von der ich berichte, der Damm gebrochen, und sechs Monate
im Jahr wirkten das abfließende Wasser und der Tidenhub zu-
sammen, um das Land bis zum fernen Horizont unter einer kal-
ten See verschwinden zu lassen, und nur unser Weiler schaute
wie ein treibendes Floß darüber hinaus. Selbst während des
Sommers führte unsere einzige Wegfurt nach Wisbech über so
weiches Torfmoor, daß es kaum die Überquerung mit Gespan-
nenen gestattete. Möwen und Meerschwalben bevölkerten das
wüste Land, welches menschlicher Besiedlung verwehrt war,
und des Nachts drang das Rufen der Rohrdommel mit einem
Anflug schmerzlicher Vorbedeutung an mein Ohr.

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Mein Vater war ein ernster, niemals lächelnder Mann, ein Ge-
lehrter und auch ein wenig ein Mystiker, der die Lehren Willi-
am Laws und Jakob Böhmes zur Gänze in sich aufgesogen hat-
te. Er hatte kein Talent zum Predigen, und es war nicht seine
Art, seine Gedanken in Worte zu kleiden. Ich gedenke der lan-
gen, schweigsamen Stunden, als ich, noch ein Kind, mit mei-
nem Schulbuch in seinem Empfangszimmer saß. Doch verhüte
Gott, daß meine Gedanken an ihn andere als die wärmsten sein
mögen, weiß ich doch und wußte es auch damals, daß sein
Herz mir gegenüber voll Zuneigung war – sein einziges Kind,
alleiniger Gegenstand seiner Fürsorge und das Bindeglied, wel-
ches ihn an eine nicht erloschene Liebe knüpfte. Freunde hatte
er keine, aber oftmals besuchte uns der benachbarte Klerus –
steife, düstere Männer, die keine Notiz von mir nahmen.
Er brachte ein junges Weib mit sich, als er sich in Welney nie-
derließ. Doch lernte ich meine Mutter nie kennen. Sie starb in-
nerhalb eines Monats nach meiner Geburt, und irgendwie hatte
es sich in meinem kindischen Verstand festgesetzt, daß ich ver-
antwortlich für ihren Tod gewesen. Darüber hinaus besorgte
mich kein Gedanke an eine Person, die ich kaum als Mutter be-
trachtete; und nie sprach mein Vater von ihrem Leben oder wie
sie gestorben war. An der Kirchwand dicht bei des Pfarrers
Stuhl befand sich eine Tafel zu ihrem Gedenken – gut entsinne
ich mich des Wortlauts. Es hieß dort, daß sie »von den Schmer-
zen des Kindbetts zu Freude unsagbar und Glorie mannigfach«
gelangt sei. Mein Vater war ein streng wahrheitsliebender
Mann, doch sollte ich herausfinden, daß er sowohl Gott als
auch die Menschen vermittels des eitlen Zierats eines Bibelzi-
tats in die Irre zu führen gedachte.

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Man konnte es nicht auf die Dauer vor mir verbergen. Damals
konnte ich, anders als heute, wo es mir ohne weiteres verständ-
lich ist, noch nicht einsehen, warum mein Vater mir jeden Um-
gang mit den Dorfknaben meines Alters aufs strengste verbot.
Zwei Zimmer gab es im obersten Stockwerk unseres Hauses –
eines davon von unseren weiblichen Hausangestellten belegt,
die Tür des anderen stets verschlossen und abgesperrt. Die
Frau, von der es wohl angebracht wäre, sie meine Amme zu
nennen, sagte mir, daß in diesem verlassenen Zimmer meine
Mutter starb, und ich erinnere mich nicht, daß ich meine Wiß-
begier je weiter trieb. Doch einmal, ich muß wohl vierzehn Jah-
re alt gewesen sein, nach einem stürmischen Tag, da wurde ein
Zimmermann herbeigerufen, einige lose Ziegel auszubessern,
die dem Regen einen Einlaß ins darunterliegende Zimmer ge-
schaffen hatten. Die Türe ward geöffnet, und zum erstenmal
sah ich das Innere. Ein einzelnes Dachfenster spendete Licht;
die Wände waren unverputzt; darüber verbarg keine Decken-
verkleidung die rohen Ziegel. Ein einzelner starker Balken, den
ich mit meiner Hand erreichen konnte, spannte sich von Giebel
zu Giebel. Da wußte ich es!
Wird Euch die Zeit nicht zu lang werden, mein Freund, wenn
ich Euch einen Umstand bezüglich meiner frühen Kindheit ein-
gehender beschreibe, der Euch vielleicht gänzlich belanglos
vorkommen mag? Als vernünftiger Mensch gebe ich keinen
Deut auf die gemeine Vorstellung, daß im Traum des Schläfers
Geist im Besitz von Gaben ist – wie derjenigen der Vorschau –,
die dem wachen Zustande fremd sind. Doch glaube ich, wovon
mich meine Erfahrung überzeugt, daß die Träume der Kindheit
einen mächtigen Einfluß auf den Aufbau unseres Wesens haben

-126-
und sogar den Lauf unseres späteren Lebens formen und
bestimmen können.
So lange ich zurückdenken kann, verfiel ich im Schlafe leicht
einer Art von Wachtrance, von der ich wohl zu Recht annehme,
daß sie durch körperliche Ursachen hervorgerufen ward und
mit der Zeit meine Gesundheit aufs ärgste beeinträchtigte. Wie
lang der Zustand jeweils andauerte, das dürfte nicht einfach zu
sagen sein. Die Höllenqual, welche er hervorrief, erreichte je-
desmal ein solch unerträgliches Maß, daß ich vermuten möchte,
es habe sich um Stunden gehandelt. Doch habe ich während
meiner Zeit auf dem College vor und nach den Manifestationen
die aufeinanderfolgenden Viertel der Uhr schlagen hören, und
bin daher geneigt zu glauben, daß sie nur von kurzer Dauer
gewesen sein können.
Ein hellsichtiges Gewahrwerden meiner Selbst, das ich wohl
als ein plötzliches Erwachen bezeichnen muß, begleitet von völ-
liger körperlicher Lähmung, waren die Symptome eines begin-
nenden Anfalls. Während dieser Zeit war ich unfähig, Hand
oder Fuß zu bewegen, und mein Atem schien stillzustehen.
Obwohl die Fenstervorhänge zugezogen waren, und es drau-
ßen stockdunkel war, durchdrang ein gedämpftes Licht das
Zimmer, und jeden Gegenstand darin nahm ich mit Augen und
Verstand aufs deutlichste wahr, und auch mein Gehörsinn war
geschärft. Einmal vernahm ich draußen ein Gewirr von Stim-
men; sie riefen mir zu, das Haus brenne und forderten mich auf
zu fliehen; doch war ich jeder Bewegung unfähig. Ein andermal
war ich überzeugt, daß ich als lebender Toter darniederlag. Ver-
traute Gestalten bewegten sich stillschweigend im Zimmer um-
her, mir beiläufige, nichtssagende Blicke zuwerfend, und gin-
gen achtlos wieder fort; und ich hatte keine Sprache kundzu-

-127-
tun, daß ich noch lebte. Der Schrecken dieser Heimsuchungen
war so gewaltig, daß ich manches Mal den Bann mit einem un-
gezügelten Aufschrei brach und am ganzen Körper schweißge-
badet aus der Reglosigkeit aufschreckte.
Diese Geschehnisse und die daraus resultierenden Folgen für
meine Gesundheit blieben meinem Vater nicht verborgen.
Vormals hatte er meine Erziehung selbst übernommen. Jetzt
ward beschlossen, daß ich das Pfarrhaus verlassen und zur
Schule gehen sollte. Wie entschieden er auch immer, dem äuße-
ren Anscheine nach, seine herzlichen Gefühle unterdrückte, so
war doch die notwendige Trennung von mir, da bin ich sicher,
bittere Trübsal für ihn. Den Studien und mystischen Grübeleien
verschrieben wie nur einer, war er in allen praktischen Dingen
unbewandert, und so konsultierte er vernünftigerweise unseren
Leibarzt, Dr. Boldero aus Wisbech, um Rat.
Dr. Boldero, mein zweiter Vater, mein Beschützer und Retter
vor mir selbst, wie soll ich meine Dankbarkeit ihm gegenüber
bezeugen für die mehr als Vaterstatt, die er an mir vertrat, für
die langen Jahre einer friedvollen, wenn auch nicht fruchtbaren
Lebensspanne, die ich ihm verdanke? Er bildete einen voll-
kommenen Gegensatz zu meinem Vater – heiter, humorvoll, ein
wenig ein Bonvivant alter Schule, mit mehr als nur einer Spur
von Derbheit in seinem Wesen und unglaublich offen in seinen
Ansichten über das Leben; und über dieses Leben hinaus mach-
te er sich, so weit ich es beurteilen kann, keine Gedanken. Eine
rasche und herrische Bestimmtheit waren ihm von Berufs we-
gen zu eigen; hinzu kam noch eine ganz besondere eigene Wil-
lensstärke. Wahrlich, man kann sagen, daß die Kranken auf
sein Geheiß hin gesund wurden und die Sterbenden wieder
anfingen zu leben. Mein Vater fand nichts Ansprechendes in

-128-
der äußeren Hülle des guten Doktors; doch vertraute er ruhigen
Gewissens seiner praktischen Vernunft; zudem bestand durch
den Umstand, daß Dr. Boldero meine Mutter behandelt hatte
und mit dem kummervollen Geheimnis ihres Todes vertraut
war, ein noch größeres Band der Vertrautheit.
Die vier Jahre, die ich unter des Doktors Dach in Wisbech
verbrachte, waren voll ungetrübten Glücks. Ich schloß mich, zu
meinem großen Vorteile, anderen Knaben an, teilte ihre Muße-
stunden und ward in manchen Fällen sogar in deren häuslichen
Kreis eingelassen. Das rege Leben des kleinen Seehafens wirkte
anregend und gab Stoff zum Träumen. An Feiertagen begleitete
ich oft den Doktor auf seinen Krankenbesuchen zu den benach-
barten Dörfern, und gelegentlich führten uns unsere Runden
bis nach Welney. Meine nächtlichen Starrkrämpfe gehörten der
Vergangenheit an, und in meiner wiedergefundenen Gesund-
heit und meinem neuen Frohsinn fand mein Vater Entschädi-
gung für seine erzwungene Einsamkeit.
Im Alter von achtzehn erlaubte es mir ein Stipendium, von
der Wisbecher Schule an das Bishopʹs College in Cambridge zu
wechseln, doch verbrachte ich meine Semesterferien weiterhin
mit Dr. Boldero. Die meisten Jugendlichen meines Standes im
College waren das, was man gemeinhin hochstehende Herr-
schaften nannte, die, indem sie zu ihrem Vergnügen die Uni-
versität besuchten, faul, ungebildet und Ausschweifungen hin-
gegeben waren: und ich, der ich keinen Anteil an ihren Amü-
sements nahm und mich an meine Bücher hielt, war infolgedes-
sen viel auf meine eigene Gesellschaft verwiesen, obwohl ich
zugebe, daß ich einiges neidische Verlangen nach der Freizü-
gigkeit hatte, welche die Verantwortlichen des College ihnen,
ihres sozialen Ranges wegen, zugestanden. Als die Zeit heran-

-129-
kam, da ich meinen Abschluß machen sollte, begannen Erwä-
gungen über meinen zukünftigen Beruf im Leben meine Ge-
danken mit einer gewissen Zwiespältigkeit zu beschäftigen. Bis
dahin, so schien es, hatte die Wahl meiner beruflichen Lauf-
bahn kaum in Zweifel gestanden, da es in stillschweigendem
Einvernehmen mit meinem Vater so gut wie beschlossen war,
daß ich dem Dienst der Kirche geweiht werden sollte. Die Frage
nach meiner Eignung für das heilige Amt war nicht dazu ange-
tan, meinen Gleichmut zu stören, da ich, um mich schauend,
nicht umhin konnte gewahr zu werden, daß die Ausübung der
Pflichten, die man von einem Landgeistlichen erwartete, von
allen Gewerben am wenigsten Ergebenheit und Aufrichtigkeit
erforderten; zudem war die Ordination beinahe verbindlich zur
Erlangung eines College Fellowships, auf das all mein Sinnen
und Trachten gerichtet war. Doch war ich kurz zuvor mit den
Schriften von Tindal, Bolingbroke und anderen der Deisten-
Schule bekannt geworden, welche mich nachdenklich gemacht,
wenn auch nicht mit solcher Unruhe, als daß ich meinen Vor-
satz, mich an den allgemeinen Glaubenssätzen der Universi-
tätsgelehrten auszurichten, fahren ließ.
Im Monat November, 1748, war ich eifrig mit der Vorberei-
tung für den Prüfungsteil beschäftigt, der meinen Rang im Ab-
schlußexamen bestimmen sollte und, infolgedessen, meine
Aussichten auf ein Fellowship involvierte. Meine Studien, ohne
Hilfe derer, die mich hätten anleiten sollen, durchgeführt, zehr-
ten an meinen Kräften, und meine geistige Angespanntheit war
dementsprechend groß. Zu meiner nicht geringen Bestürzung
litt ich an Schlaflosigkeit, und die Anzeichen des nächtlichen
Starrkrampfes, welche für so lange Zeit in Vergessenheit gera-
ten waren, kehrten in gemilderter Form zurück. Doch ver-

-130-
sprach ich mir von einem Aufenthalt bei Dr. Boldero in den
Semesterferien eine endgültige Befreiung davon.
Ich kann mich nicht erinnern, welche Nacht in jenem Novem-
ber es war, als der alte Schrecken in neuem Gewand wiederauf-
lebte. Ich erwachte mit derselben Klarheit der Sinne und der-
selben Trägheit in meinen Gliedern, und dasselbe durchschei-
nende Licht erleuchtete den Umkreis meiner Schlafkammer.
Jedoch war da über den alten Schrecken hinaus ein weiterer,
der einen Anfall von Entsetzen und Abscheu hervorrief, jenseits
von allem was ich bisher für möglich gehalten. Nahʹ bei mir,
gewissermaßen auf meiner Bettkante, saß eine Gestalt, nicht
fremd, sondern furchterregend vertraut. Ihr Gesicht war von
mir abgewandt, aber ihre Haltung, selbst die Kleider, die sie
trug, und etwas, das jenseits von sinnlicher Wahrnehmung lag,
waren mir augenblickliche Warnung, wen ich in der Spukge-
stalt gewahren sollte, und als sie sich mir zuwandt, erkannte ich
in ihr, Punkt für Punkt – mich selbst wieder. Aber die Bosheit in
ihren verruchten Augen, die kalte Schadenfreude und der höh-
nischgrinsende Triumph in ihrem Blick – nein, mein Gott, dies
alles lag mir fern. Und als die Erscheinung ihre Hände zu bei-
den Seiten meines Gesichts auf dem Kopfkissen niedersetzte
und ihr Angesicht bis auf wenige Zentimeter zu dem meinen
herabbeugte, da fiel ich in eine todesähnliche Ohnmacht.
Das war die erste von vielen solcher Heimsuchungen. Danach
erlangte die Kreatur Sprache. Obwohl man es wohl kaum im
herkömmlichen Sinne als Sprache bezeichnen konnte. Ich ›sah‹
ihre Gedanken und übersetzte sie in Worte. Sie höhnte über
meine Studien; sie entriß mir gnadenlos die Fetzen der Un-
schuld, in die mich allein Unkenntnis des Bösen gekleidet hatte;
sie führte mir die Freuden vor Augen, welche meine verständi-

-131-
geren Studienkollegen in ihrem lasterhaften Leben genossen.
Dann überzog sie mich mit blasphemischem Hohn ob meiner
fadenscheinigen Religiosität. Was war das für ein verachtens-
werter Gott, der es zuließ, daß in ihrer Gestalt – und in mir
selbst – eine solche Beleidigung Seiner Allmacht existierte?
Oder, falls allmächtig, wie sollte Er eine solche Zusammenbal-
lung von Ungeheuerlichkeiten verschonen, wie sie in ihr vor-
handen war – oder in mir?
Bedarf es noch weiterer Hinweise auf die wütende Heftigkeit,
welche nicht nur jede Nacht, sondern auch wenn ich die Stun-
den des Tages zur Nachtruhe nutzen wollte, mich entblößt und
verwundet von ihrem Haß und ihrer Verachtung zurückließ?
Ich habe meinen Verstand angestrengt, um herauszufinden,
welcher Platz in der Schöpfung diesem Wesen eignet, dessen
faßbare Realität ich nicht in Frage stelle. Ihr werdet Euch jener
Stimme erinnern, die zu Sokrates kam und, weiser als der Phi-
losoph, ihn vor einem beabsichtigten Vorgehen warnte. Ob man
sie Genius nennen sollte oder nicht, das will ich nicht entschei-
den. Aber ich nehme an, daß sie keine materielle Hülle annahm
und daß ihre Absichten wohlwollend waren. Mein Parasit da-
gegen hatte den Kopf voller verachtenswerter Einflüsterungen,
zudem eignete ihm die seltsame Fähigkeit, mich zu überzeu-
gen, daß es nur der Ausübung seiner Willenskraft bedürfe, die
Einflüsterungen auch in die Tat umzusetzen – natürlich nicht
ohne Kampf mit anderen Willen, schwächer oder stärker als
sein eigener, wovon dann Erfolg oder Mißerfolg abhingen. Auf
diese Weise war seine Einflüsterung Warnung vor Szenen und
Ereignissen, die da kommen sollten und die, in dem Maße, in
dem mein freier Wille ins Wanken geriet, unvermeidlich waren.
Die Szene war nicht immer in meiner Kammer, auch trat er

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nicht immer selbst auf. In den späteren Darstellungen war der
Schauplatz öfter mein Heim in Welney.
Mein Ringen mit dieser Kraft bekundete sich zuerst in plötzli-
chen und unvermittelten Ausbrüchen lasterhafter Sprache, un-
mittelbar gefolgt von leidenschaftlichem Ableugnen der geäu-
ßerten Worte. Meine lasterhaften Gefährten starrten, ohne zu
wissen, ob sie mich für närrisch oder heuchlerisch halten soll-
ten; dann brachen sie in derbes Lachen aus und verfolgten mich
mit liederlichen Spötteleien, bis ich vor Wut heulte.
Die Angelegenheit kam den College-Autoritäten zu Ohren.
Sie waren zutiefst empört, nicht über die Unanständigkeit, son-
dern über die Sinnlosigkeit meiner Worte. Ich wurde zu ihnen
vorgeladen. Zu meinen Vergehen fügte ich eine Sturzflut von
Lästerungen hinzu, ebenso rasch widerrufen wie ausgespro-
chen. Ihr Schicklichkeitsgefühl ward unangenehm berührt von
dem, was sie verständlicherweise als Beweis eines zerrütteten
Geistes ansahen. Rasch sandten sie eine Nachricht an meinen
Vater ab und gaben Anweisung, daß ich umgehend unter Auf-
sicht eines College-Bediensteten mit der Postkutsche zu ihm
befördert werden sollte.
So verbrachte ich nach acht Jahren der Abwesenheit drei
Nächte, nicht mehr als drei, unter meines Vaters Dach. Der ar-
me Mann war entsetzt über die heftigen Umschwünge in mei-
nem Verhalten, deren ich mir mindestens so bewußt war wie er,
und benachrichtigte sofort Dr. Boldero, mich bei sich aufzu-
nehmen. Die drei Tage in Welney waren die erbärmlichsten
meines Lebens.
In der Zwischenzeit, bevor ich nach Wisbech geschickt wer-
den konnte, kam meinem Vater eine verrückte Idee in den Sinn,

-133-
die seiner sonstigen Denkungsart gänzlich fremd war. Wahr-
scheinlich wurde er durch einen Ordensbruder dazu bewogen –
einem fetten, glotzäugigen Menschen mit hängenden Backen
und einem weichen, fliehenden Kinn. Das Paar redete sich ein,
daß ich von einem bösen Geist besessen war, den sie durch Ex-
orzismus zu vertreiben beschlossen – Gott weiß, mittels welcher
von ihnen selbst rasch ausgegorener Prozedur. Ich beschreibe
die Szene: das kahle Empfangszimmer, in einer Ecke, eng bei-
einander, Tisch und Stühle; die zugezogenen Vorhänge lassen
blasse Streifen schwindenden Novemberlichts herein; die bei-
den Gestalten im Talar und ich selbst, der ich auf dem unbe-
deckten Fußboden kniee; und die fette Person, die ein Gebet
ableiert, das, soweit es mich betraf, an Komosch oder Osiris hät-
te gerichtet sein können. Auf einmal ward ich von einem hem-
mungslosen Gelächter ergriffen – Salve auf Salve, deren Wider-
hall über das Zimmer hinaus zu hören war und die beiden Un-
glücklichen sich vor Schrecken krümmen machte. Ich sehe des
plumpen Exorzisten starrende Augen, seinen offenen Mund
und seine schlotternden Kiefer, und meinen armen Vater, wie
er seinen Kopf zum Boden neigt, tränenüberströmt und von
herzerweichenden Schluchzern geschüttelt. So endete das Ex-
periment.
Am nächsten Morgen vor Tagesanbruch machte sich mein Va-
ter auf den Weg nach Wisbech, nur mühsam auf der schwarzen
Straße vorankommend, die das winterliche Hochwasser zerteil-
te. Ich begab mich auf einen langen Spaziergang, indem ich
versuchte, durch kräftige Bewegung den Sturm meiner Seele zu
beschwichtigen. Ich war viele Stunden unterwegs und befand
mich, als der Tag sich verdüsterte, auf dem Rückweg nach
Welney entlang des Damms am Bedford Level. Vor mir im We-

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sten verkündete ein Streifen fahlen Gelbs unter dräuenden
Wolken aufziehenden Sturm. Der Wind wogte im Schilf nahe
am Wasser, doch war bis jetzt noch kein Tropfen gefallen. Als
ich mich der Brücke näherte, welche man zum Ortskern von
Welney hin zu überqueren hatte, ward ich eines elenden, grei-
nenden Säuglings gewahr, der Mutter verlustig gegangen oder
von ihr ausgesetzt, der sich unter der Brüstung der Brücke
barg. Sein Gejammer erfüllte mich mit – ich weiß nicht was für
einer – irrsinnigen Wut. Ich packte das elende Wesen, hob es
über die Brüstung und ließ es in die Fluten darunter fallen. Es
versank ohne einen Schrei. Erst als die Tat getan, erinnerte ich
mich, daß die Szene mir vorgestellt ward in einer Vision in
meinem Zimmer in Cambridge.
Ohne Mitleid oder Schuldgefühle, ohne einen Gedanken an
die Natur meiner Tat oder ihre Folgen für mich selbst, über-
querte ich die Brücke, ging an meines Vaters Türe vorbei und
machte mich auf der Straße nach Wisbech davon. Heftiger Re-
gen ging bei einbrechender Nacht hernieder, und Windböen
warfen die Flut in Wellen gegen den erhöhten Fahrdamm der
Straße. Trotz des Aufruhrs von Wind und Wasser ging mir das
unerträgliche Gejammer nicht aus den Ohren. Ich rannte, und
es verfolgte mich; ich stand still, und es klang aus dem Boden
zu meinen Füßen. In der Dunkelheit ging ich an meinem Vater
vorbei, ohne daß er meine Nähe gewahrte. Um Mitternacht war
ich in Wisbech und schreckte Dr. Boldero aus dem Schlaf.
Dann entdeckte ich ihm meine ganze Geschichte, bis zu den
Ereignissen dieses Tages. Zum erstenmal sah ich den Doktor
ernsthaft verstört und zögerlich. Er unterbrach mich nicht und
zeigte auch keine Spur von Ungläubigkeit, selbst bei der Bege-
benheit mit dem ertränkten Kind. Hätte er dies getan, ich hätte

-135-
meinen Glauben an ihn verloren. Doch wachte er mit mir in
dieser Nacht, und noch viele Nächte. Die Erscheinungen kehr-
ten nicht zurück, aber das Gejammere wich weder bei Tag noch
Nacht von mir.
Wozu die Geschichte in die Länge ziehen? Zwei weitere Jahre
lebte ich unter der Aufsicht des Dr. Boldero, und schrittweise
kehrten Gesundheit von Körper und Geist zurück. Ich schlief
nachts durch, das Gejammere erstarb allmählich, und damit
einhergehend verblaßte in meinem Geiste die Erinnerung an
die scheußliche Tat wie ein ferner Traum. Mein Vater starb, und
es ward mir nicht erlaubt, an sein Grab zu treten. Nach zwei
Jahren erklärte mich der Doktor für fähig, nach Cambridge zu-
rückzukehren.
»Sam«, sagte er, als er sich von mir verabschiedete, »bleib
stets mit mir in Kontakt. Schreib, komm, wann immer du willst.
So lange ich lebe, hast du in mir einen Freund und brauchst
dich vor nichts zu fürchten.«
Und so lange er lebte, nahm ich ihn beim Wort.
Was folgte, ist Euch bekannt. Ich machte meinen Abschluß –
ohne Auszeichnung – und führte meine Studien am College
ungestört und in ruhiger Gleichmäßigkeit fort. Jeglichen Ge-
danken an Ordination hatte ich aufgegeben, aber im Laufe der
Zeit stellte ich eine kommentierte Ausgabe der Goldenen Verse
des Hierokcles zusammen, welche mir mehr Lorbeeren eintrug
als der Gegenstand – oder meine Behandlung desselben – ver-
diente, und mir wurde eine Privatdozentur zuerkannt.
So sind dreißig Jahre dahingegangen, ungetrübt und beinahe
ereignislos, und in all diesen Jahren habe ich niemals wieder
Welney besucht. Donnerstag Nacht vor einer Woche starb mein

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Freund und Lehrmeister, Dr. Boldero, nach langem Siechtum,
gegen das er bis zuletzt eigenwillig ankämpfte. Die Nachricht
von seinem Ableben erreichte mich nicht vor dem darauffol-
genden Samstag. Aber etwas ereignete sich in der Zwischenzeit,
was, hätte ich darüber nachgedacht, mich vielleicht von dem
traurigen Ereignis unterrichtet und mich vor dem, was noch
folgen sollte, gewarnt hätte.
An jenem Donnerstag ging ich vollkommen ruhigen Geistes
zu Bett. Ob im wachen oder schlafenden Zustand, jedenfalls
vernahm ich die Turmuhr die Halbstunde zwischen elf und
zwölf schlagen, was, wie ich seither erfahren habe, die genaue
Todeszeit des Doktors war. Daraufhin erlebte ich, ein weiteres
Mal, die altbekannte Trägheit der Glieder mit derselben Schär-
fung von Gesichts- und Gehörsinn. Aber anstelle der nebelhaf-
ten Beleuchtung meiner Kammer, wie sie bei den vorangegan-
genen Erscheinungen dieser Art üblich gewesen, war das Zim-
mer nur schwach sichtbar, außer dort, wo ein heller Lichtfleck
von oben die Mitte des Fußbodens einnahm, und ich erkannte,
daß ich in der Dachkammer im Pfarrhaus von Welney war,
welche ich nur einmal zuvor gesehen hatte, und das vor beina-
he vierzig Jahren. Leer und kahl war sie, so wie ich sie damals
geschaut. Doch in dem senkrechten Lichtzapfen, der von der
Decke herabhing, erblickte ich, vom überkreuz gelegten Balken
baumelnd, eine düstere Gestalt, in welcher ich den einstmaligen
Tyrann meiner Träume erkannte. Falls der Kopf, der auf eine
Schulter herabgesunken war, das schwarz angelaufene Ange-
sicht und die heraushängende Zunge Anzeichen des Todes
durch Erhängen waren, dann war es tot, das Wesen. Doch ver-
riet mir der gemeine Triumph in seinen offenen Augen, daß er
nicht tot war und daß er nur mir zum Spotte dort hing. Tot

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wird er erst sein, wenn auch ich tot bin! Das Gesicht, dessen bin
ich mir sicher, wird sich erfüllen – wie, wo und wann, geht
mich nichts an. Ich weiß allein, daß die Zeit dazwischen nicht
lang sein kann.
Dem Ende entgegenzuschauen, gestärkt durch die Religion
und betrauert von Freunden, hat, wie mir scheint, Trost selbst
für den, der mit äußerster Kraft am Leben hängt. Der verurteilte
Verbrecher in seiner Zelle ist nicht einsamer als ich; denn er
mag sich zum Besseren bekehren, und sein Tod sühnt seine Tat.
In mir schwellen, in dieser Stunde, die altbekannten Gotteslä-
sterungen an und, wie die winterliche Flut, ertränken sie meine
Seele in einem Meer der Verzweiflung; nur mit Mühe und unter
Anstrengung gelingt es mir, sie aus diesem Schriftstück heraus-
zuhalten. Möge der Allmächtige, gegen den ich unglücklich
und unwillig mich empörte, mir Seine unendliche Gnade ange-
deihen lassen. Lebet wohl.

Notiz zu dem vorangegangenen Dokument von Reverend Gideon Bo-


wyer

Die obige Erklärung wurde an der Person des Mr. Aubrey nach
seinem Ableben entdeckt. Es steht außer Zweifel, daß er durch
eigene Hand starb; und so lautete auch das Urteil der Kommis-
sion. Vor der gerichtlichen Untersuchung hielt ich es für ange-
bracht, dem zuständigen Beamten meines verstorbenen Kolle-
gen Schriftstück zu überreichen; doch erklärte er mir, daß es
nicht als Beweismaterial tauge, und in seinem Plädoyer vor der
Kommission bezog er sich nicht auf dessen Inhalt. Besonders
nachhaltig strich er die Tatsache hervor, daß die Selbstanzeige

-138-
eines kriminellen Delikts, wie das Ertränken eines Kindes, als
eine der ganz gewöhnlichen Halluzinationen eines zerrütteten
Verstandes zu gelten habe.
Natürlich war Mr. Aubrey im Unrecht mit der Annahme, daß
in diesem christlichen und zivilisierten Zeitalter die Barbarei,
den Selbstmörder auf offenem Felde zu verscharren, noch fort-
bestünde. In angemessener Abwägung zwischen ihrer Achtung
vor seiner lebenslangen Unbescholtenheit und einer gerechten
Verabscheuung der anstößigen Art seines Todes beschlossen
die Masters und Fellows, daß seine sterblichen Überreste nicht
in der Kapelle bestattet werden sollten, nicht in unmittelbarer
Nachbarschaft jener, deren Ableben so geordnet war, daß es im
Einklang mit den Glaubenssätzen des Christentums stand, son-
dern nur so nahe, wie es in Anbetracht des öffentlichen An-
standes und des kirchlichen Brauchs gestattet sein konnte. Da
ich es vorziehe, keinen persönlichen Vorteil aus einem so
schrecklichen Ereignis zu ziehen, habe ich den geringen Erlös
aus dem Verkauf von Mr. Aubreys Habe dem Fonds für die
Unterstützung der Witwen und Waisen jener Seeleute gestiftet,
die vor nicht allzu langer Zeit bei dem glorreichen Sieg der
Truppen Seiner Majestät über die Französische Flotte in den
Westindischen Gewässern verdarben.

-139-
E. G. Swain
(1861-1938)

Als Geistlicher mit antiquarischen Neigungen, so Michael Cox,


ein intimer Kenner der Materie, erscheint E. G. Swain selbst fast
wie ein Charakter aus einer von Jamesʹ Erzählungen. Tatsäch-
lich teilt Swain nicht nur viele Eigenschaften mit den Figuren
von James, sondern auch mit James selbst, mit dem ihn eine
lebenslange Freundschaft verband.
Edmund Gill Swain wurde am 19. Februar 1861 in Stockport
bei Manchester geboren. Er stammte aus bürgerlichen, jedoch
nicht wohlhabenden Verhältnissen (der Vater war Organist der
Gemeindekirche St. Maryʹs), besuchte die Manchester Grammar
School und danach das Emmanuel College in Cambridge und
erwarb dort, nach dem naturwissenschaftlichen Abschlußex-
amen, 1887 seinen M. A. 1885 begann er seine kirchliche Lauf-
bahn als Diakon in Rochester. In den folgenden Jahren wurde
er auf viele weitere kirchliche wie universitäre Ämter berufen,
die er teilweise zeitgleich ausübte, so unter anderem Kaplan
des Kingʹs College in Cambridge von 1892-1905, Kurator der
Kirche St. Mary the Great in Cambridge von 1896-1905 und Vi-
zekanzler der Universität von 1903-1905. Von 1905-1916 stand
er der Gemeinde Stanground als Pfarrer vor, die den Hinter-
grund für seine gespenstischen Erzählungen abgeben sollte.
Danach führte ihn seine kirchliche Laufbahn nach Great Green-
ford in Middlesex und schließlich in die Stadt Peterborough,
wo er in verschiedenen Ämtern (als Sakristan, Kanoniker, Bi-
bliothekar und Ehrenkanoniker) bis zu seinem Lebensende der
dortigen Kathedrale verbunden blieb. Am 29. Januar 1938 ent-

-140-
schlief er, nachdem er ein Jahr zuvor einen leichten Schlaganfall
erlitten hatte, im Lehnstuhl seiner Dienstwohnung. Das einzig
bemerkenswerte Detail an diesem offensichtlich friedlichen Tod
ist der Name der Haushälterin, die den Verstorbenen auffand:
Miss Ivy Fear.
Swain begegnete James 1892, nachdem er zum Kaplan des
Kingʹs College in Cambridge ernannt worden war. Die beiden
Männer müssen ihre Seelenverwandtschaft sofort erkannt ha-
ben, denn seit dieser Zeit blieben sie in ständigem Kontakt. Wie
James war auch Swain zeitlebens Junggeselle; seine Verlobte,
eine Miss Claye, starb noch vor der Hochzeit. Swain scheint
sein Bedürfnis nach mitmenschlichen Kontakten vor allem in
der kirchlichen Jugendarbeit erfüllt zu haben; daneben weist
die Todesanzeige des Peterborough Advertiser vom 3. Februar
1938 auf seine Verdienste in der Leitung des Kirchenchores hin
sowie auf seine beeindruckende Gesangsstimme.
Ähnlich wie James war auch Swain kein kauziger Gelehrter,
der nur wenig sozialen Kontakt mit seiner Umwelt pflegte,
sondern allem Anschein nach ein aufgeschlossener, umgängli-
cher Mensch, der gerne mit anderen zusammen war und – vor
allem in seiner Eigenschaft als Ehrenbibliothekar – auch noch in
seinen letzten Jahren Ratsuchenden behilflich war. Der Dekan
von Peterborough führte im übrigen diese Charaktereigenschaf-
ten Swains in seiner Grabrede darauf zurück, daß Swain un-
verheiratet gewesen sei und daher seine »familiäre Zuneigung«
ungehindert von den »Beschränkungen, die bei einem Verheira-
teten gelegentlich ihren freien Fluß behindern« an andere habe
weitergeben können – eine Bemerkung, die in der unabsichtli-
chen Doppeldeutigkeit der Formulierung in unserer heutigen
Zeit sicher leicht mißverstanden werden könnte.

-141-
Obwohl der damalige Kaplan des Kingʹs College nicht bei der
berühmten Zusammenkunft im Oktober 1893 anwesend war,
als James seine ersten Gespenstergeschichten vortrug, kreuzten
sich Swains und Jamesʹ literarische Wege doch auf vielfältige
Art und Weise. Mitte der 1890er Jahre schrieb James zwei satiri-
sche Pantomimen für die Chorknaben des Kingʹs College, und
Swain steuerte die Liedtexte für die Aufführung bei. Außerdem
verfaßte Swain im Jahre 1902 ein Schultheaterstück mit dem
Titel The First Day of Holidays. Daneben trat er als Verfasser ge-
lehrter Artikel in Tageszeitungen und Fachzeitschriften in Er-
scheinung und veröffentlichte 1931 eine Geschichte der Kathe-
drale von Peterborough {The Story of Peterborough Cathedra!) für
denselben Verlag, der einige Jahre später auch Maldens Ge-
schichte der Kathedrale von Wells auflegen sollte. Seine Ges-
penstergeschichten um den Pfarrer Roland Batchel entstanden
während seiner Zeit in Stanground und erschienen 1912 ge-
sammelt unter dem Titel The Stoneground Ghost Tales. Auf die
Abhängigkeit seiner Erzählungen zu denen von James weist
Swain selbst hin, indem er seinen Band dem Jüngeren widmet.
Tatsächlich erscheinen manche Geschichten, zumindest was
Idee und Handlungsaufbau angeht, wie Repliken auf bekannte
Erzählungen des Meisters, so etwa ›The Rockery‹ auf ›The Rose
Garden‹; auch die in unserem Band aufgenommene Kurzge-
schichte ›Der Mann mit der Walze‹, nimmt die Grundidee von
James für ›The Mezzotint‹ auf und überträgt sie auf die moder-
ne Technik der Photographie.
Trotzdem ist Swain alles andere als ein bloßer Nachahmer
oder flacher Epigone; seine Geschichten haben eine ganz eigene
Atmosphäre, die durch den an Dickens erinnernden Stil, den
warmherzigen Humor und vor allem durch die wiederkehren-

-142-
de Hauptfigur des Roland Batchel, Swains Alter ego, bestimmt
ist. Mit der Figur des gelehrten, mit detektivischem Spürsinn
begabten jovialen Geistlichen schuf Swain so etwas wie das spi-
ritualistische Gegenstück zu Chestertons Vater Brown. Als Ge-
meindepfarrer von Stoneground muß sich Batchel mit allerlei
Spuk und Schabernack – geistlichem wie weltlichem – herum-
schlagen, wobei die Geister meist harmloser als bei James sind
und eher Batchels seelsorgerischen Beistands bedürfen. Auch
dem echten Stanground hat Swain in seinem fiktionalen Stone-
ground ein Denkmal gesetzt; der Rasen vor dem Pfarrhaus in
›Der Mann mit der Walze‹ ist ebenso echt wie das Schleusen-
haus in ›Familie Richpin‹; und auch das Lager mit den französi-
schen Gefangenen und ihre aus Suppenknochen hergestellten
Schnitzwerke sind authentisch – wiewohl es der Rest der Ge-
schichte nicht ist.
Ein Merkmal für die Ausstrahlungskraft einer literarischen
Figur ist ihr Fortleben auch nach dem Tode ihres Erfinders.
Nachdem zwei von Swains Batchel-Geschichten (›Der Mann
mit der Walze‹, ›The Indian Lampshade‹) 1956 und 1963 antho-
logisiert wurden, begann der englische Autor David G. Row-
lands eigene Geschichten um den detektivischen Pfarrer zu
schreiben. Ein Taschenbuchnachdruck der Stoneground Ghost
Tales (unter dem Titel Bone to His Bone) aus dem Jahre 1989 ver-
öffentlichte neben Originalgeschichten von Swain auch Erzäh-
lungen von Rowlands. Heute schreiben noch mehrerer Auto-
ren, so der in der Nähe von Stanground ansässige Cardinal
Cox, Batchel-Geschichten. Vermutlich dürfte Stoneground
schon jetzt die am meisten von Gespenstern heimgesuchte Re-
gion der Insel sein.

-143-
Der Mann mit der Walze

Am Rande jenes ausgedehnten Teils von East Anglia, der sei-


nen alten Namen – die Fenns – behalten hat, läßt sich, wenn
man weiß, wo man suchen muß, ein Dorf namens Stoneground
finden. Es war einst ein malerisches Dörfchen. Heute würde
man es weder ein Dörfchen noch besonders malerisch nennen.
Der Mensch lebt nicht allein in dem einen ›irdischen Haus‹ sei-
nes Körpers, sondern in deren zwei, und das Rohmaterial für
dieses zweite wird aus der Erde gewonnen, worauf dieses und
die benachbarten Dörfer stehen. Die unschönen Merkmale die-
ses Industriezweiges haben den Ort sowohl in Aussehen wie
Einwohnerschaft verändert. Viele, welche die fossilen Skelette
der großen Saurier gesehen haben, die man aus dem Lehm her-
ausschälte, in dem sie seit prähistorischer Zeit ruhten, sind der
Meinung, daß die Einwohner jenes Fleckens sich seit damals
nicht zum Besseren gewandelt haben. Die wichtigsten Wohn-
bauten ruhen jedoch nicht auf Lehm, sondern auf einem Grund
aus Kieselerde, welcher dem Ort in vormaliger Zeit seinen Na-
men verlieh. Und auf der höchsten Erhebung dieses Kiesgrun-
des steht, und zwar schon seit vielen Jahrhunderten, die Ge-
meindekirche, im Umkreis von vielen Meilen weithin sichtbar.
Allerdings ist Stoneground nicht mehr das unzugängliche
Wehrdorf, das noch im Mittelalter über einer Wasserwüste
thronte. Gelegentliche Überflutungen zeugen noch immer da-
von, wie es vormals überall hier aussah, aber in neuerer Zeit hat
die Errichtung von Straßen und Eisenbahnen sowie die Trok-
kenlegung des Fenn dem Dorf jenen freien Zugang zur Au-
ßenwelt verschafft, der ihm einst verwehrt war.

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Die Pfarrgründe von Stoneground liegen nicht weit von der
Kirche entfernt und sind berühmt für ihre ausgedehnte Garten-
anlage, deren einer Teil, und zwar (wie nicht anders zu erwar-
ten) der dem Haus am nächsten liegende, aus historischer Zeit
stammt. Nachfolgende Pfarrer haben dem ursprünglichen
Grund anliegende Gemarkungen hinzugefügt, so daß der Gar-
ten allmählich die Gestalt annahm, in der er sich heute darbie-
tet.
Stattlich war die Zahl der Seelsorger im Laufe der Jahrhun-
derte. Seit der Einsetzung Henry de Grevilles im Jahre 1140
sind es, alles in allem, dreißig gewesen. Jeder von ihnen lebte –
und viele von ihnen starben – in den aufeinanderfolgenden
Pfarrhäusern auf demselben Grund und Boden.
Der gegenwärtige Hausherr, Mr. Batchel, ist ein zurückgezo-
gen lebender Mann mit einem Hang zu Privatstudien. Aller-
dings ist er nicht so sehr in seine Einsamkeit vernarrt, als daß er
nicht, von Zeit zu Zeit, Besuch empfinge, unter anderem von
Schuljungen. Im Sommer des Jahres 1906 hatte er zwei Jungen
zu Gast, die den Anlaß für diese Erzählung abgeben, obwohl
sie sich selbst dessen bis heute nicht bewußt sind. Denn einer
der beiden, dessen fünfzehnter Geburtstag in die Zeit seines
Aufenthaltes in Stoneground fiel, bekam von Mr. Batchel einen
neuen Photoapparat geschenkt, mit dem er sofort daranging,
und zwar mit erstaunlichem Geschick, die Umgebung des
Pfarrhauses abzulichten.
Eine dieser Photographien hielt Mr. Batchel für besonders ge-
lungen. Sie stellte eine Ansicht des Hauses dar, mit dem Rasen
im Vordergrund. Einige kleinformatige Abzüge, wie sie die
Kamera des Jungen in der Lage war hervorzubringen, wurden
ihm von seinem jungen Freund wenige Wochen nach dem Be-
-145-
such zugeschickt, und Mr. Batchel war so von den Bildern ein-
genommen, daß er um das Negativ bat, um es vergrößern zu
lassen.
Der Junge war anscheinend zu bescheiden, seiner Bitte ohne
weiteres nachzukommen. Es gebe zwei Negative, antwortete er,
von denen jedoch jedes an derselben Stelle des Bildes eine klei-
ne Trübung aufweise, die er sich nicht anders als durch eigene
Nachlässigkeit erklären könne. Er würde es daher vorziehen,
diese Filme zu vernichten und statt dessen, bei einem nachfol-
genden Besuch, eine neue Aufnahme zu machen, die einer Ver-
größerung würdig sei.
Mr. Batchel erneuerte jedoch seine Bitte, und nachdem er das
Negativ empfangen hatte, machte er sich daran, es mit Hilfe
einer Lupe in Augenschein zu nehmen. Der erwähnte Fleck war
gerade noch erkennbar; unter einem starken Mikroskop zeigte
es sich jedoch in der Tat, daß mehr an der Sache daran war, als
auf den ersten Blick ersichtlich gewesen. Der Fleck glich dem
Kern eines Kometen, wie man ihn auf Bildern dargestellt sieht,
und er schien mit einem schwachen Streifen verbunden zu sein,
der sich über das ganze Negativ zog. Jedoch war der Schaden
insgesamt so geringfügig, daß Mr. Batchel ihn vernachlässigbar
fand. So sandte er das Negativ denn einem Nachbarn, dessen
liebste Freizeitbeschäftigung die Photographie war und der es
in allem, was dieser Kunst zugehörte, zu großer Meisterschaft
gebracht hatte, mit der Bitte um Vergrößerung; zugleich erin-
nerte er ihn an ein ehedem gegebenes Versprechen, ihm einen
Dienst wie diesen zu erweisen, wenn, wie es hiermit geschah,
sein Freund eine Gelegenheit sah, ihn darum zu bitten.
Jener Nachbar, der eine solche Meisterschaft in der Kunst der
Photographie erlangt hatte, war ein gewisser Mr. Groves, ein
-146-
junger Geistlicher, wohnhaft in dem nahegelegenen Ortsteil
Minster, den man von Mr. Batchels Garten aus einsehen konnte.
Er hatte sich bei einer Mrs. Rumney eingemietet, einer Gesell-
schaftsdame im Ruhestand, die ihren eigenen Kopf besaß und
immer noch rüstig war: genau die Person, die Mr. Groves nötig
hatte. Denn für Mrs. Rumney stellte er eine ständige Heimsu-
chung dar, und wäre da nicht die heilsame Furcht gewesen, die
sie in ihm inspirierte, er hätte seine schöne Unterkunft schon
längst in eine schnöde Bruchbude verwandelt. Ihre Teppiche
und Tischdeckchen waren ständig mit Chemikalien befleckt;
ihre Figürchen auf dem Kaminsims waren mir nichts dir nichts
zur Seite gestellt und durch Flaschen mit Aufklebern ersetzt
worden; ja, selbst Mr. Grovesʹ Bett war tagsüber mit trocknen-
den Filmen und Passepartouts überhäuft, und ihre alte Lieb-
lingskatze hatte als Ergebnis eines Mißgeschicks mit einer py-
rogalvanischen Lösung eine kahle Stelle am Körper aufzuwei-
sen.
Und trotzdem ließ Mrs. Rumney nichts auf ihren Mieter
kommen. Denn wie die gänzliche Lebensuntüchtigkeit gewisser
Männer es nicht selten tut, so hatte auch er in ihr eine Art Mut-
terinstinkt erweckt. Seine Arbeit erfüllte sie mit nicht geringem
Stolz. Ein lebensgroßes Porträt, das er von ihr gemacht hatte,
ursprünglich ein Versöhnungsgeschenk, hing in ihrem Salon
und erregte die Bewunderung und den Neid eines jeden, der zu
ihr zum Tee kam.
»Mr. Groves«, wurde sie nicht müde zu betonen, »ist ein net-
ter Mensch UND ein Gentleman. Und mag er auch noch so
chemikalisch sein, ich warte lieber ihm umsonst auf als irgend
jemand anderem für eine zweimal so hohe Summe.«

-147-
Jedes neue photographische Werk erweckte Mrs. Rumneys In-
teresse, und es gehörte zu ihren angestammten Rechten, es so-
wohl bewundern als auch kritisieren zu dürfen. Und so wurde
ihr auch die Ansicht der Pfarrei von Stoneground nicht vorent-
halten. »Das gehört wahrlich vergrößert«, bemerkte sie, »ist ja
kaum größer als eine Briefmarke. Es sieht wie ein Puppenhaus
aus und nicht wie eine Pfarrei.« Und mit diesen Worten wandte
sie sich wieder ihrer Arbeit zu, während Mr. Groves sich mit
dem Film in die Dunkelkammer zurückzog, um zu schauen,
was er hinsichtlich der ihm anvertrauten Aufgabe zuwege
bringen konnte.
Zwei Tage später, nach wiederholten Besuchen in der Dun-
kelkammer, hatte er etwas ganz Erstaunliches zuwege gebracht.
Und als Mrs. Rumney ihm seinen Lunch brachte, war sie voller
Bewunderung. Ein großer, wenn auch noch unfertiger Abzug
war auf die Staffelei gespannt, und das Bild der Pfarrei von
Stoneground, das sich zu entwickeln begann, war solcherart,
daß es sowohl den jungen Photographen als auch den Pfarrer
entzücken mußte.
Mr. Groves brachte in der Regel nur seine Morgenstunden mit
der Photographie zu. Seine Nachmittage waren seelsorgeri-
schen Aufgaben gewidmet, und für diesen Tag war die Arbeit
an der Vergrößerung abgeschlossen. Jetzt mußte das Bild nur
noch ein wenig ›retouchiert‹ werden, aber es war dieses ›Retou-
chieren‹, das den Unterschied zwischen Mr. Grovesʹ Vergröße-
rungen und denen anderer Leute ausmachte. Der Abzug sollte
darum bis zum nächsten Tage auf der Staffelei bleiben, bevor er
den letzten Schliff erhielte. Als Mrs. Rumney kam, um das Tee-
geschirr abzuräumen, bewunderte sie gemeinsam mit ihm das
Werk. Beide stimmten sie überein, daß die glatte und offene

-148-
Rasenfläche, die einen so hervorragenden Vordergrund lieferte,
besondere Bewunderung verdient habe. »Es sieht aus«, bemerk-
te Mrs. Rumney, die auch einmal jung gewesen, »als ob der Ra-
sen nur darauf warte, daß jemand kommt und auf ihm tanzt.«
Mr. Groves verließ die Wohnung – wir müssen jetzt hinsicht-
lich der Zeit ganz genau sein – um halb drei. Er wollte wie üb-
lich um fünf Uhr zurück zu sein. »Pünktlich wie ein Uhrwerk«,
sagte Mrs. Rumney immer, »und sogar noch ein ganzes Stück
pünktlicher als manche Uhren, die ich kenne.«
An diesem Tag jedoch kam er ein wenig verspätet zurück; ei-
ner seiner Besuche hatte länger als erwartet gedauert, und so
war es bereits eine Viertelstunde nach fünf, als er den Schlüssel
ins Schloß von Mrs. Rumneys Haustür steckte.
Kaum war er in der Tür, als seine Vermieterin, die offensicht-
lich nur auf ihn gewartet hatte, im Gang erschien. Ihr ansonsten
so pausbäckiges Gesicht hatte die Farbe trockenen Pergaments
angenommen, und ihr Atem ging hastig und stoßweise; sie
deutete auf die Tür zu Mr. Groves Zimmer.
Ein wenig alarmiert ob ihres Zustandes, befragte Mr. Groves
sie eiligst; aber alles, was sie herausbrachte, war: »Die Photo-
graphie! Die Photographie!« Mr. Groves konnte nur annehmen,
daß der Vergrößerung etwas zugestoßen war, woran Mrs.
Rumney die Schuld trug. Vielleicht war sie ihr ins Kaminfeuer
geflattert.
Er wandte sich, aufs Schlimmste gefaßt, seinem Zimmer zu,
aber Mrs. Rumney legte sofort eine zitternde Hand auf seinen
Arm und hielt ihn zurück. »Gehen Sie nicht hinein«, sagte sie,
»nehmen Sie ausnahmsweise ihren Tee im Salon.«

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»Unsinn«, meinte Mr. Groves, »wenn dieser Abzug weg ist,
können wir leicht einen anderen machen.«
»Weg – ich wünschte bei Gott, es wäre so«, erwiderte Mrs.
Rumney.
Der darauffolgende Wortwechsel muß uns nicht interessieren.
Begnügen wir uns mit der Mitteilung, daß es Mr. Groves nach
einer nicht unerheblichen Zeitspanne gelang, seine Vermieterin
zu beruhigen. Schließlich hatte sie sich soweit wieder im Griff,
daß sie einverstanden war, mit ihm zusammen sein Zimmer zu
betreten. Um die Wahrheit zu sagen, war sie ebenso sehr um
ihn als um sich selbst besorgt – dabei war sie im Grunde ge-
nommen keine ängstliche Person.
Das Zimmer, weit davon entfernt, seinen Blicken irgendeinen
Anlaß zur Besorgnis darzubieten, erschien Mr. Groves voll-
kommen unverändert. Jedes einzelne seiner fleckigen und miß-
brauchten Möbelstücke stand auf seinem gewohnten Platz, auf
der Staffelei war die Photographie ausgebreitet, genauso wie er
sie verlassen hatte. Und außer daß der Tee nicht auf dem Tisch
stand, war sonst alles so, wie es sein sollte.
Aber Mrs. Rumney wurde wiederum ganz aufgeregt und zitt-
rig. »Da ist es«, rief sie. »Schauen Sie sich den Rasen an.«
Mr. Groves tat rasch ein paar Schritte auf die Photographie zu
und nahm sie in Augenschein. Dann wurde er ebenso bleich
wie Mrs. Rumney selbst.
Ein Mann war darauf zu sehen, ein Mann mit einem unbe-
schreiblich furchtbaren, leidenden Gesicht, wie er den Rasen
mit einer großen Walze glättete.

-150-
Mr. Groves zog sich verblüfft auf die Stelle nahe der Tür zu-
rück, wo Mrs. Rumney stehengeblieben war. »Ist irgend jemand
hier drinnen gewesen?« fragte er.
»Keine Menschenseele«, lautete die Antwort. »Ich kam herein,
um Feuer zu machen, und drehte mich dabei nach dem Bild
um, als ich dieses mehr tote als lebendige Gesicht am Rande
bemerkte. Mir lief es eiskalt den Rücken herunter, besonders
weil ich es zuvor nicht bemerkt hatte. Wenn das irgend jemand
aus Stoneground ist, sagte ich zu mir selbst, dann fragt man
sich, warum ihn der Pfarrer in seinen Garten läßt, mit so einer
Halunkenvisage. Dieser Gedanke hatte mich so gepackt, daß
ich dachte, ich müßte noch mal kommen und mir das ansehen,
und so brachte ich um fünf Uhr ihren Tee herein. Und dann sah
ich, daß er sich weiter nach vorne bewegt hatte und diese Wal-
ze hinter sich her schleppte, wie Sieʹs da sehen.«
Mr. Groves war aufs höchste verwundert. Natürlich konnte
man Mrs. Rumneys Geschichte keinen Glauben schenken, und
dennoch war dieser merkwürdige Mensch mit seiner Teufels-
fratze irgendwie auf die Photographie gelangt. Daß er nicht
darauf gewesen war, als er den Abzug erstellte, war so gut wie
sicher.
Das Rätsel hörte bald auf, Mr. Groves zu beunruhigen; es hat-
te sich in seinem Geiste längst zu einer wissenschaftlichen Her-
ausforderung verwandelt. Er begann verzögerte chemische Re-
aktionen in Betracht zu ziehen, aber auch andere mögliche Ver-
fahrensmängel. Auf Mrs. Rumneys hartnäckiges Drängen hin
drehte er jedoch zuerst einmal die Photographie auf der Staffe-
lei herum, so daß nur ihre weiße Rückseite zu sehen war, und
setzte sich zum Tee nieder.

-151-
Er sah sich das Bild nicht noch einmal an. Das Gesicht des
Mannes hatte etwas unnatürlich Schmerzhaftes an sich; er
konnte sich genau an die verzerrten Züge erinnern, ja sie ge-
wissermaßen noch vor sich sehen. Der Gesichtsausdruck des
Mannes hatte ihn auf ganz unerklärliche Weise mitgenommen.
Er beendete seine kleine Mahlzeit und begann, nachdem er
sich eine Pfeife angezündet hatte, über mögliche wissenschaftli-
che Lösungen des Rätsels zu grübeln. Hatte sich irgendeine an-
dere Photographie auf dem Originalfilm mit derjenigen, die er
vergrößert hatte, überlappt? War das Abbild irgend eines ande-
ren Gesichts, durch die Vergrößerungslinse verzerrt, Teil dieses
Bildes geworden? Zwei Stunden lang ging er diese Möglichkei-
ten durch, nur um sie schließlich alle zu verwerfen. Seine opti-
schen Kenntnisse sagten ihm, daß kein denkbarer Umstand ei-
nen Mann mit einer Walze in sein Bild hätte hineinbelichten
können. Auf keinem seiner Negative war je ein solcher Mann
zu sehen gewesen; und wenn doch, so wären natürliche Ursa-
chen nicht ausreichend, ihn sozusagen als immaterielle Essenz
um das Entwicklungsgerät schweben zu lassen.
Mr. Grovesʹ Abneigung dem eigentlichen Gegenstand seiner
Betrachtungen gegenüber war inzwischen etwas abgeflaut, und
er beschloß, seine wissenschaftlichen Überlegungen damit zu
beenden, daß er seinen Untersuchungsgegenstand erneut in
Augenschein nahm. Also näherte er sich der Staffelei und dreh-
te die Photographie wieder herum.
Erneut überfiel ihn ein Schrecken, diesmal aber aus gutem
Grund. Der Mann mit der Walze war nun in die Mitte des Ra-
sens vorgerückt. Das Gesicht war immer noch von demselben
unbeschreiblichen Ausdruck des Leidens gezeichnet. Der Mann

-152-
schien den Betrachter um Hilfe anzuflehen, irgendeine Art von
Hilfe. Fast schien es, als wolle er sprechen.
Es ist nur allzu verständlich, daß Mr. Groves sich in einem
Zustand nervöser Erregung befand. Obwohl er von Natur aus
nicht zur Furchtsamkeit neigte, zitterte er jetzt am ganzen Kör-
per. Mit einem Ruck wandte er den Kopf ab, ergriff die Photo-
graphie mit der ausgestreckten Hand, zog mit der anderen eine
Schublade seiner Kommode heraus und schob den Abzug unter
eine darin befindliche, zusammengefaltete Tischdecke. Dann
schloß er die Schublade wieder und nahm ein unterhaltsames
Buch in die Hand, um sich auf andere Gedanken zu bringen.
Doch war ihm darin nur mäßiger Erfolg beschieden. Der Rest
des Abends ging dennoch irgendwie vorbei, und allmählich
legte sich seine Aufregung ein wenig. Um zehn Uhr klopfte
Mrs. Rumney und brachte den Kakao, den ihr Mieter norma-
lerweise um diese Stunde zu sich nahm, erst herein, nachdem
sie zweimal Antwort erhalten hatte – unter keinen Umständen
wollte sie sich alleine in dem Zimmer aufhalten. Ein rascher
Blick auf die Staffelei zeigte ihr, daß sie leer war, und die Er-
leichterung darüber war ihr vom Gesicht abzulesen. Sie sagte
nichts, und Mr. Groves fragte sie auch nicht nach ihrer Mei-
nung.
Doch konnte sich letzterer nicht dazu entschließen, zu Bett zu
gehen. Das Gesicht, das er gesehen hatte, hatte sich in seiner
Vorstellung festgesetzt und schien ihn zugleich zu faszinieren
und abzustoßen. Nicht lange, und er verspürte den Drang, es
noch einmal anzuschauen. Etwas unschlüssig noch nahm er
den Abzug aus der Schublade und legte ihn unter eine Lampe.

-153-
Der Mann mit der Walze hatte den Rasen jetzt zur Gänze
überquert und befand sich auf der linken Seite des Bildes.
Wiederum war der Schock für Mr. Groves kein geringer. Er
stand mit dem Gesicht zum Kaminfeuer, bebend vor Aufre-
gung, die sich nicht unterdrücken lassen wollte.
In diesem Zustand fiel sein Blick auf den Kalender an der
Wand vor ihm, was ihn momentan ablenkte. Am nächsten Tag
war der Geburtstag seiner Mutter. Noch nie zuvor war es ge-
schehen, daß er ihr keinen Brief geschrieben hatte, den sie am
nächsten Morgen auf ihrem Frühstückstisch vorfinden würde.
Nun hatten die Besorgnisse dieses Abends ihn dies gänzlich
vergessen lassen. Der Briefkasten ganz in der Nähe wurde je-
doch noch eine Viertelstunde vor Mitternacht geleert, und so
setzte er sich an seinen Schreibtisch und schrieb einen Brief, der
ihr zumindest seine herzlichsten Glückwünsche übermitteln
würde. Kaum war die Tinte getrocknet, ging er mit dem Brief in
die Nacht hinaus und warf ihn ein.
Die Uhren schlugen gerade Mitternacht, als er in sein Zimmer
zurückkehrte. Wir können sicher sein, daß er der Versuchung
nicht widerstand, einen Blick auf die Photographie zu werfen,
die er auf dem Tisch liegengelassen hatte. Aber das Ergebnis
dieses Blickes war, wenigstens für ihn, vollkommen unerwartet.
Der Mann mit der Walze war verschwunden. Der Rasen lag so
glatt und leer da wie ganz zu Beginn; er sah, wie Mrs. Rumney
schon einmal bemerkt hatte, aus, ›als ob er nur darauf warte,
daß jemand kommt und auf ihm tanzt‹.
Die Photographie blieb, nach diesem Ereignis, eine Photogra-
phie, nichts weiter. Mr. Groves hätte sich gerne eingeredet, daß
sie niemals die Veränderungen durchgemacht hatte, deren

-154-
Zeuge er geworden und die wir hier versucht haben zu be-
schreiben, aber das Gefühl, daß dem nicht so gewesen war, ließ
sich nicht unterdrücken. Er ließ den Abzug eine Woche lang auf
der Staffelei liegen. Obwohl Mrs. Rumney die Photographie
nicht länger ängstigte, war sie doch offensichtlich erleichtert, als
sie das Haus verließ, um Mr. Batchel in Stoneground über-
bracht zu werden. Mr. Groves erwähnte den Mann mit der
Walze mit keinem Wort, sondern überreichte die Vergrößerung
kommentarlos seinem Freund. Der großformatige Abzug war
wohlgeraten und wurde verdientermaßen gelobt.
Mr. Groves, bescheiden abwinkend, bemerkte, daß die An-
sicht, mit der ausgedehnten Rasenfläche im Vordergrund, sich
einfach gut habe vergrößern lassen. Und dieser Rasen, fügte er
hinzu, während sie im Studierzimmer des Pfarrers saßen und
nach draußen blickten, sieht von innen betrachtet um nichts
weniger trefflich aus als von draußen. Es muß Ihnen ein Gefühl
der Verantwortung geben, meinte er nachdenklich, dort zu sit-
zen, wo ihre Vorgänger schon seit Jahrhunderten gesessen sind,
und ihr Werk des Friedens fortzuführen. Das bloße Vorhanden-
sein des Rasens vor Ihrem Fenster, auf dem ehrenwerte Männer
wandelten, muß eine Inspiration sein.
Der Pfarrer erwiderte nichts auf diese etwas sentenzenhaften
Bemerkungen. Für einen Moment schien es, als wolle er einige
konventionelle Worte der Zustimmung äußern. Dann verließ er
auf einmal den Raum, nur um nach ein paar Minuten mit einem
in Pergament gebundenen Buch zurückzukehren.
»Ihre Bemerkungen, Groves«, sagte er, als er sich wieder hin-
setzte, »haben mir eine merkwürdige historische Episode in
Erinnerung gerufen. Ich bin in die alte Bibliothek hinaufgegan-
gen, um den Band zu holen. Dies ist das Tagebuch von William
-155-
Longue, der hier bis zum Jahre 1602 Pfarrer war. Angesichts
dessen, was Sie gerade über den Rasen gesagt haben, wird Sie
ein gewisser Abschnitt dieses Tagebuches ganz bestimmt inter-
essieren. Ich werde es Ihnen vorlesen.

Aug. 1, 1600 – Bin nun eilends von mener Reise nach


Brightelmstone zurückgekehrt, wohin ich mich in der
Absicht begeben, dortselbst für nicht weniger als zwei
Monate zu verbleiben. Magister Josiah Wilburton, von
menem geliebten College von Emmanuel, hatte sich
willens erklärt, währenddessen die Obhut mener Ge-
meinde in Stoneground zu übernehmen. Doch erhielt
ich, gerade einmal 12 Tage abwesend, Nachricht durch
einen Boten der Kirchenvorstände, dass Magister Wil-
burton Montag vor einer Woche verschwunden sey
und seitdem nicht mehr gesehen ward. So bin ich nun
wieder hier in menem Studierzimmer, allʹ meine Pläne
zerronnen, und habe in meiner Verwunderung nichts
zu schaffen, als aus dem Fenster zu blicken, vor dem
Andrew Birch das Gras mit grosser Beständigkeit glät-
tet. So viele Male war er bereits über dieselbige Stelle
mit seiner Walze gegangen, dass ich gerade eben noch
herauskam ihn zu fragen warum er solcherart seine
Mühe verschwende. Woraufhin er auf eine Stelle deute-
te, die noch nicht eben war, und fortfuhr mit seinem
Glätten.

Aug. 2 – Eine Veränderung ist mit Andrew Birch seit


meynes Wegseins vor sich gegangen, denn warlich, er

-156-
machet den Eindruck großer Trübsamkeit, welches bey
einem so frohgemuten Manne ungewöhnlich. Einhellig
teilt er unsere gemeine Sorge um Magister Wilburton,
von dem uns noch immer keine Nachricht hat ereilt.
Nachdem ich Teil einer Predigt über den siebenten Ab-
schnitt des Briefes von Paulus an die Korinther und den
27. Vers verfertiget, sah ich Andrew wiederum bey sei-
ner Arbeit und bat ihn abzulassen und mein Pferd zu
satteln, da mir der Sinn darnach stand, ins Dekanat zu
menem guten Freund John Palmer zu reiten, der Magi-
ster Wilburton ser freundschaftlich verbunden gewe-
sen.

Aug. 2 fortgeführt – Arge Neuigkeiten erwarteten mich


bei meyner Rükkehr. Des Sheriffs Männer haben die
Leiche des armen Mag. W. unter dem Grase, welches
Andrew geglättet, ausgegraben und haben Andrew un-
ter Anklage sen Mörder zu sein verhaftet.

Aug. 10 – Oh, Jammer! Andrew Birch ist gehanget wor-


den, der Richter in seiner Milde gab Order, dass er am
Halse bis zum Eintritt des Todes gehanget, doch vorher
keiner Tortur anheim gegeben werden solle. Der Herr
mag sener Seele gnädig sein. Er legte mir ein volles Ge-
ständnis ab, dass er Magister Wilburton erschlagen ha-
be im Zorne, als dieser drohte, mich in Kenntnis zu set-
zen ob gewisser Machenschaften, dessen ich nicht im
Traume je einen so alten Diener bezichtigt haben wür-
de. Der arme Mann beklagte sein hitzʹges Gemüt reuse-

-157-
ligst, und schlug sene Brust, und sprach, dass er wisse,
er sey auf alle Ewigkeiten verdammet, das Gras an der
Stelle zu glätten, wo er versucht habe seyne elendige
Tath zu verbergen.«

»Danke, das war wirklich eine interessante Geschichte«, sagte


Mr. Groves. »Hat dieses kleine Negativ ein Datum?«
»Ja«, bestätigte Mr. Batchel, als er es mit seiner Lupe unter-
suchte. »Der Junge hat es mit dem 10. August versehen.«
Der Pfarrer schien die Übereinstimmung mit dem Datum der
Hinrichtung von Birch nicht zu bemerken. Es braucht nicht er-
wähnt zu werden, daß dies Mr. Groves jedoch nicht entging.
Doch brach er sein Schweigen über den Mann mit der Walze
nicht, der bis auf den heutigen Tag nicht mehr gesehen wurde.
Ohne Zweifel verbergen sich in der Photographie mehr Ge-
heimnisse als wir bislang erahnen. Die Kamera sieht mehr als
das Auge, und frisch angesetzte und noch aktive Chemikalien
besitzen Fähigkeiten, die sie später verlieren. Unsere Zeitmaße,
die der Bequemlichkeit von Leuten dienen, die sich mit den
alltäglichen Bewegungen materieller Objekte beschäftigen, be-
ruhen auf bloßer Übereinkunft. Diejenigen, welche die Instru-
mente ihrer Kunst auf die Natur richten, werden immer in Ge-
fahr sein, mehr zu entdecken, als sie eigentlich beabsichtigten.
Ja, es mag auch manch einem zum Schaden ausschlagen, allzu
viel in Erfahrung zu bringen – wovor niemand von uns beizei-
ten gefeit ist. Mögen wir dann, sollte die Reihe an uns kommen,
mit unserer Zurückhaltung ebenso weise umgehen wie Mr.
Groves.

-158-
Familie Richpin

In den vorangegangenen Erzählungen sind bereits einige ver-


streute Andeutungen über den Charakter von Stoneground
und seine Bewohner gefallen. Wir müssen hier jetzt noch hinzu-
fügen, daß von seiner gegenwärtigen Bevölkerung nur ein klei-
ner Teil Einheimische sind, der Rest ist vor nicht allzu langer
Zeit, als man mit dem Ziegelbrennen noch Geld verdienen
konnte, aus den nahebei gelegenen Teilen East Anglias und der
Midlands zugezogen. Ein Besucher von Stoneground findet
heutzutage wenig mehr als die Spuren eines recht unansehnli-
chen Industriezweiges vor sowie die hastig und unzulänglich
zusammengeschusterten Behausungen der Leute, die er hier
zusammengeführt hat. Nichts an diesem Ort sagt ihm so sehr
zu wie die ausgezeichneten Zugverbindungen, die es leicht ma-
chen, von hier wieder fortzukommen. Selten kommt es vor, daß
es den Reisenden danach verlangt, die Bekanntschaft mit Sto-
neground und seinen Bewohnern länger auszudehnen.
Der Eindruck, den der durchschnittliche Besucher auf diese
Weise gewinnt, ist jedoch, wie so viele erste Eindrücke, unge-
rechtfertigt. Die wenigen, die Stoneground näher kennenlernen,
wissen bald zwischen den althergebrachten und den neuer-
dings hinzugekommenen Ortsmerkmalen zu unterscheiden,
und sind von nichts so sehr überrascht wie von den unerwarte-
ten Anzeichen französischen Einflusses. Unter den Haushalts-
schätzen der alteingesessenen Einwohner zum Beispiel findet
sich unweigerlich französischer Krimskrams: so etwa französi-
sche Möbel in dem, was von ihnen einfach als ›das Zimmer‹
bezeichnet wird. Ein bestimmtes Feld von 400 Ar trägt den

-159-
Namen ›Franzosenwiese‹. Auf der Wählerliste an der Kirchtür
finden sich französische Namen, oft in verballhornter Form;
und die Lausebengel, die auf der Straße herumrennen, rufen
sich Namen zu wie Bunnum, Dangibow, Planchey und so wei-
ter. Mr. Batchel selbst ist der stolze Besitzer vieler Gegenstände
französischer Handwerkskunst – Schatullen, die höchst raffi-
niert mit Strohhalmen in verschiedenen Mustern gedeckt sind;
Modelle der Guillotine aus geschnitzten Suppenknochen und
verschiedenes mehr. Unter diesen Handwerksstücken befindet
sich auch eine detailgetreue Straßenkarte der Gegend zwischen
Stoneground und Yarmouth, gezeichnet auf ein aus irgendei-
nem Buch herausgerissenes Vorsatzblatt und auf der Rückseite
mit dem Namen Jules Richepin versehen. Letztere wurde, wor-
über eine am Rande hingekritzelte Notiz belehrt, im Jahre 1811
von einem Schäfer irgendwo aufgelesen.
Die Erklärung für diesen französischen Einfluß ist einfach ge-
nug. Fünf Meilen von Stoneground entfernt hatte man während
der Napoleonischen Kriege ein ausgedehntes Barackenlager zur
Unterbringung französischer Gefangener errichtet. Viele Tau-
sende saßen zwischen 1808 und 1814 dort ein. Den Gefangenen
war es erlaubt, alle Gegenstände, die sie im Lager selbst herstel-
len konnten, zum Verkauf anzubieten; und viele von ihnen lie-
ßen sich nach ihrer Freilassung in der Umgebung nieder, wo
ihre Nachkommen bis auf den heutigen Tage leben. Selten zeigt
diese Nachkommenschaft irgendeine Art von Neugier hinsicht-
lich ihrer Abstammung. Die vor einem Jahrhundert stattgefun-
denen Ereignisse scheinen ihnen so fern zu sein wie die Sintflut
selbst, und ebenso unwirklich.
Mr. Batchel zeigte die Karte Thomas Richpin, einem schwäch-
lichen Mann, der in der Kirche den Blasebalg der Orgel bedien-

-160-
te. Richpin, mit seinem breiten, schwarzlockigen Schädel und
dem schmalen Kinn, auf dem ein kleiner Spitzbart wuchs, hatte
von jeher irgendwie fremdländisch ausgesehen. Mr. Batchel
hielt es für mehr als wahrscheinlich, daß er vielleicht von dem
Besitzer des Buches abstamme, und sagte ihm dies rundheraus,
als er ihm das Vorsatzblatt zeigte. Thomas begnügte sich jedoch
damit zu murmeln, »mein Name hat kein E drin«, und zeigte
darüber hinaus kein Interesse an der Angelegenheit. Noch be-
vor diese Geschichte zu Ende erzählt ist, wird sein Interesse an
dem Ganzen jedoch erheblich gewachsen sein.
Mr. Batchel hatte für die heranwachsenden Jungen von Sto-
neground, mit denen er im allgemeinen in einem freundschaft-
lichen Verhältnis stand, bestimmte Klubs gegründet, um sie
während der langen Winterabende zu beschäftigen; und in die-
sen Klubs verbrachte Mr. Batchel, der Ruhe und der Ordnung
zuliebe, viel Zeit. Als er an einem Dezemberabend inmitten ei-
nes großen Kreises von Jungen saß, welche die Wärme um das
Kaminfeuer den kühleren Klimazonen in Tischnähe vorzogen,
stellte er fest, daß sich ihr Gespräch ausschließlich um Thomas
Richpin drehte.
»Harn Mr. Richpin letzte Nacht auf der Franzosenwiese gese-
hen«, sagte einer.
»Um welche Zeit?« fragte Mr. Batchel, zu dessen Aufgaben es
gehörte, der Unterhaltung über etwaige tote Punkte hinwegzu-
helfen. Er hatte das Gesagte einigermaßen erstaunt zur Kennt-
nis genommen, weil die Franzosenwiese sonst nicht zu Thomas
Richpins Aufenthaltsorten gehörte. Dennoch hatte seine Frage
keinen anderen Zweck, als das Gespräch nicht abflauen zu las-
sen.

-161-
»Halb zehn«, lautete die Antwort.
Dies verlieh der Frage weitaus größere Bedeutung. Mr. Bat-
chel hatte am vorangegangenen Abend den Umstand, daß die
Kirche eingeheizt war, dazu genutzt, auf der Orgel zu üben. Er
hatte von neun bis zehn Uhr gespielt, und Richpin war wäh-
rend dieser Zeit an den Blasebälgen tätig gewesen.
»Bist du sicher, daß es halb zehn war?« fragte er nach.
»Ja« (wir geben die Antwort ganz genau wieder), »wir sinʹ
von der Abendschule viertel nach rausgekommen, und sinʹ alle
zum Schwemmland gegangen, um zu sehen, obʹs schon gefro-
ren isʹ.«
»Und dabei habt ihr Mr. Richpin auf der Franzosenwiese ge-
sehen?« forschte Mr. Batchel.
»Ja. – Er hat nach ʹwas aufʹm Boden gesucht«, fügte ein ande-
rer Junge hinzu.
»Und seine Hosen warʹn kaputt«, sagte ein dritter.
Die Geschichte hatte offensichtlich keine weitere Bestätigung
nötig.
»Hat Mr. Richpin etwas zu euch gesagt?« wollte Mr. Batchel
wissen.
»Nee, wir sinʹ weggerannt, bevor er bei uns war.«
»Warum das?«
»Weiche Knie ham wir gekriegt.«
»Was hat euch denn Angst gemacht?«
»Jim Lallement hat ʹnen Stein nach ihm geworfen und ihn im
Gesicht getroffen; er hat sich aber nichʹ drum gekümmert, da
sinʹ wir weggerannt.«
»Warum?« insistierte Mr. Batchel.
-162-
»Weil er uns nichʹ angebrüllt und auch nichʹ angesehʹn hat,
und das war irgendwie komisch.«
»Seid ihr gleich zum Schwemmland gegangen?«
Alle waren gleich zum Schwemmland gegangen.
»Wie spät war es, als ihr zu Hause wart?«
Sie waren alle um zehn zu Hause gewesen, bevor Richpin die
Kirche verlassen hatte.
»Warum heißt ʹse eigentlich Franzosenwiese?« wollte ein an-
derer Junge wissen, offensichtlich erpicht darauf, das Thema zu
wechseln.
Mr. Batchel antwortete, die Wiese habe wahrscheinlich einmal
einem Franzosen gehört, dessen Name wohl nicht einfach aus-
zusprechen gewesen sei; daraufhin verlief die Unterhaltung in
anderen Bahnen. Doch hörte die Geschichte über Richpin, die
zerschlissenen Hosen und den Stein in Anbetracht des unleug-
baren Alibis der Hauptperson nicht auf, Mr. Batchel zu beschäf-
tigen.
»Geht gleich nach Hause«, ermahnte er die Jungen, als sie ihm
eine Gute Nacht wünschten, »und keine Steinwürfe mehr, ver-
standen?« Es waren richtige Rangen, und Richpin, der wenig
Zurückhaltung kannte, wenn es galt, ihre Lausbubenstreiche
um die Kirche anzuprangern, schien Mr. Batchel durchaus in
Gefahr zu schweben.
Die Franzosenwiese hatte vierhundert Ar ausgezeichneten
Weidelandes aufzuweisen, und die Besitzer von zwei oder drei
abgearbeiteten Ackergäulen waren froh, sie gegen ein Entgelt
von drei Schillingen die Woche auf der Wiese grasen lassen zu
dürfen. Einer dieser Männer kam an dem Morgen nach der Un-
terhaltung im Klub zu Mr. Batchel.

-163-
»Ich bin in ʹner kleinen Verlegenheit wegen Tom Richpin«,
begann er.
Dies war eine Eröffnung, die Mr. Batchels Aufmerksamkeit
sogleich gefangennahm. »Worum handelt es sich?« fragte er.
»Ich hatte meine Stute auf der Franzosenwiese«, erwiderte der
Mann, »und Sam Bower kam letzte Nacht und hat gesagt, daß
er sie hättʹ galoppieren hören, also bin ich sofort hin nachsehʹn,
und richtig, da lief sie ʹrum wie wild geworden, und Tom Rich-
pin, der marschierte da quer über die Wiese.«
»Hat er sie gejagt?« fragte Mr. Batchel, dem die Absurdität der
Frage ins Bewußtsein kam in dem Moment, da er sie stellte.
»Hat er nichʹ«, sagte der Mann, »aber was er getan haben
kann, um die Stute soweit zu bringen, weiß ich nichʹ.«
»Was tat er denn, als Sie ihn sahen?« fragte Mr. Batchel.
»Er lief da ʹrum und suchte nach irgendwas, was er wohl ver-
loren hatte, mit seinen Hosen ganz in Fetzen, und wie ich die
Stute einfing, da hat er sich ausʹm Staub gemacht.«
»Sie werden ihm danach wohl einen Besuch abgestattet ha-
ben, nehme ich an?«
»Das isʹ ja die Verlegenheit, wo ich drinsteckʹ«, jammerte der
Mann. »Ich habʹ die Stute genommen und dem Burschen gege-
ben, und gleich bin ich zu Richpins gegangen, und da war Tom
beim Essen, mit seinen Hosen so gut wie neu.«
»Sie haben sich also geirrt?«
»Ja, aber wie kommtʹs, daß sich die Stute auch geirrt hat?«
»Was haben Sie zu Richpin gesagt?« wollte Mr. Batchel wis-
sen.

-164-
»›Tom‹, habʹ ich gesagt, ›wann bistʹn du nach Hause gekom-
men?‹ ›Um sechs‹, sagt er, ›habʹ meine Stiefel geflickt‹; und
richtig, da liegt das Flickeisen auf seinem Stuhl und er, er steht
in seinen Socken da. Ich weiß nichʹ, was ich tun soll.«
»Gönnen Sie der Stute einen Ruhetag«, riet Mr. Batchel, »und
erwähnen sie die Sache nicht weiter.«
»Ich möchte ʹnem armen Kerl wie Richpin nichʹ ans Leder«,
sagte der Mann, »aber ʹne Stute is ʹne Stute, besonders wenn
man ʹne Familie zu ernähren.«
Der Mann willigte jedoch in Mr. Batchels Ratschlag ein, und
damit war die Unterredung beendet. Die Abende waren um
diese Zeit noch hell, und der Mann wie auch seine Stute hatten
etwas gesehen, auf das sich Mr. Batchel vorerst keinen Reim
machen konnte. Die schlimmste Art, zu Schlußfolgerungen zu
gelangen, ist das Raten. Mr. Batchel war viel zu klug, in den
verführerischen Gefilden des Mutmaßens zu wandeln, und hat-
te sich darum entschlossen, noch bevor die Geschichte mit der
Stute zu Ende erzählt war, den prosaischeren Pfad der Nach-
forschung einzuschlagen.
Ob aus Willensstärke oder geistiger Trägheit, das bleibt dem
Leser zur Entscheidung überlassen – allein, nicht einmal eine so
aufregende Angelegenheit wie diese vermochte es, die Routine
von Mr. Batchels seelsorgerischen Pflichten zu stören. Nach
allem, was er über die Franzosenwiese gehört hatte, keimte in
ihm die Befürchtung, er werde bald genötigt sein, in eindeuti-
gen Worten eine Predigt über die Hexe von Endor zu halten;
denn es war absehbar, daß in Bälde das Gerücht von Gespen-
stern die Runde machen würde. In kleinen Gemeinden wie Sto-
neground reicht schon ein weniges, um ein solches Gerede ent-

-165-
stehen zu lassen. Und in diesem Falle gab es nichts, was dem
einen Riegel hätte vorschieben können. Richpin war ein schwa-
cher und ängstlicher Mensch, dem niemand irgendeine Untat
zutraute, solange sich die Alternative nächtlichen Spuks anbot;
und Mr. Batchel wußte, daß die Alternative einer Geisterer-
scheinung, war sie einmal zur Sprache gebracht, mit allgemei-
ner Zustimmung rechnen durfte; gerade das aber wollte er un-
ter allen Umständen vermeiden. Was seine eigene Meinung
hinsichtlich der Angelegenheit anging, so hielt er sich, aus den
bereits genannten Gründen, zurück. Doch konnte er nicht um-
hin zu vermuten, daß es vielleicht eine treffendere Erklärung
für den Namen ›Franzosenwiese‹ gab als diejenige, die er den
Jungen im Club genannt hatte.
Die Nachmittage pflegte Mr. Batchel von jeher mit seelsorge-
rischen Besuchen zu verbringen. An dem Tage, an dem wir in
unserer Geschichte jetzt angelangt sind, beschloß er, auch Rich-
pin einen Besuch abzustatten und ihn einem behutsamen
Kreuzverhör zu unterziehen. Es war offensichtlich, daß minde-
stens vier Personen, die alle mit seiner äußeren Erscheinung gut
vertraut waren, ihn auf der Wiese gesehen haben wollten. Seine
eigene Stellungnahme in dieser Sache war es also zumindest
wert, gehört zu werden.
Doch war Richpinsʹ Haus nicht das erste, welches Mr. Batchel
an diesem Nachmittag aufsuchte. Daß er zu den Jungen des
Dorfes in freundschaftlichen Beziehungen stand, ist bereits er-
wähnt worden, und es darf nun noch angefügt werden, daß
diese Freundschaft Teil einer größeren Zuneigung war, die er
allen jungen Leuten gleich welchen Alters oder welchen Ge-
schlechts entgegenbrachte. Die Eltern wußten weitaus weniger
gut Bescheid in den Liebeshändeln ihrer jungen Leute als er;

-166-
und wenn man ihn auch keineswegs der Kuppelei bezichtigen
konnte, so war er jedenfalls ein mitfühlender Beobachter der
Vorgänge. Wenn Liebende ihre kleinen Meinungsverschieden-
heiten hatten, oder gelegentlich auch größere, dann war es mei-
stens Mr. Batchel, der die Sache wieder zurechtbog und, wenn
ihm dies nicht gelang, darunter fast ebenso sehr litt wie die Ver-
liebten selbst.
Es war eine diplomatische Mission solcher Art, welche an die-
sem besonderen Tage den Vorzug vor jedem anderen Besuch
erhielt, so daß für Richpin der spätere Teil des Nachmittags re-
serviert blieb. Doch am Ende bedurfte die Angelegenheit der
Franzosenwiese gar nicht der geplanten Unterredung, um zur
Sprache zu kommen. Gerade noch überschlug Mr. Batchel im
Geiste, wann er wohl zu Richpin käme, da fand er sich unver-
sehens schon am Ziel. Selina Broughton war schon seit ihrer
Kindheit einer seiner Lieblinge gewesen; ihr im Grunde ge-
nommen gutes Wesen gefiel ihm, und zugleich war sie unartig
genug, um seine Aufmerksamkeit zu erregen und ihn heraus-
zufordern; und als sie schließlich mit Bob Rockfort ausging,
einem anderen seiner Bevorzugten, da rieb sich Mr. Batchel zu-
frieden die Hände. Ihre gegenwärtigen Meinungsverschieden-
heiten, die ihn nun zu dem Häuschen der Broughtons führten,
beunruhigten ihn nur wenig. Er hatte Bob schon halbwegs auf
den Weg der Versöhnung gebracht und zweifelte nicht an sei-
ner Fähigkeit, Selina genausoweit zu bringen. Das letzte Stück
Wegs würden sie, erleichtert und frohgemut, einander von al-
leine entgegenkommen.
Was das mit der Franzosenwiese zu tun hat? In jeder Hinsicht
viel. Die Wiese war ein beliebter Treffpunkt jener jungen Leute,
die sich ein wenig mehr Abgeschiedenheit wünschten, als es

-167-
die öffentlichen Straßen und Plätze hergaben; und die beiden
oben Erwähnten waren letzte Nacht getrennt dorthin gegangen,
jeder, um seiner eigenen Verstimmung gegen den anderen Luft
zu machen. Wie es der Zufall wollte, befanden sie sich an ent-
gegengesetzten Enden der Wiese; und Bob, der sich alleine
glaubte, ward auf einmal durch einen Schrei aus seinen Träu-
mereien gerissen. Er war sofort über das Feld gerannt und hatte
Selina seiner bedürftig angetroffen. Mr. Batchels frommes Werk
der Versöhnung fand an Ort und Stelle seinen Abschluß, und
Bob hatte das Mädchen in einem Zustand äußerster Aufregung
nach Hause zu ihrer Mutter geleitet. All dies legte Mrs. Brough-
ton, in atemlosen Sätzen, dar, als Erklärung dafür, daß Selina
zur Zeit ›im Zimmer‹ darniederlag.
Selbstverständlich gab es keinen Grund, warum Mr. Batchel
sie nicht sehen sollte. Er trat also ein. Seine ursprüngliche Ab-
sicht war zwar nun zunichte geworden, zugleich aber durch
etwas von größerer Bedeutung ersetzt worden. Offensichtlich
galt es, Selinas Zeugnis denen der anderen vier hinzuzufügen:
denn sie war kein Mädchen, das ohne guten Grund um Hilfe
schreien würde, und Mr. Batchel glaubte zu wissen, was die
Antwort sein würde, wenn er sie nach dem Grund für ihr Ver-
halten fragte.
Auf die Art der Antwort, die sie ohne Zögern gab, war er je-
doch nicht ganz gefaßt. Sie hatte Mr. Richpin gesehen, wie er
›nach seinen Augen Ausschau hielt‹. Mr. Batchel sparte sich die
Erheiterung, die sich aus einer solchen seltsam unlogischen
Antwort gewinnen lassen konnte, für ein andres Mal auf. Er
begriff jedoch sofort, was die merkwürdige Art der Antwort
veranlaßt haben könnte. Richpin war bis vor kurzem mit einem
schrecklichen Schielen geschlagen gewesen, von welchem ihn

-168-
eine Operation in London vollkommen geheilt hatte. Diese
Operation, von der er selbstverständlich nicht das Geringste
verstand, hatte er jedem, der es hören wollte, auf seine eigene
Art und Weise geschildert, und so war es denn gekommen, daß
man im allgemeinen glaubte, seine Augen wären nicht mehr
länger ein unverbrüchlicher Bestandteil seines Körpers. Es war
jedoch eindeutig, daß Selina so ziemlich dasselbe gesehen hatte,
wie auch die anderen vier. Ihre Angaben waren genau, und
ihre Geschichte wies keine Brüche auf. Sie bewahrte jungfräuli-
ches Stillschweigen hinsichtlich der Hosen, fügte aber ein neues
Faktum hinzu, und zwar ein furchtbares, die Beschreibung der
leeren Augenhöhlen betreffend. Kein Wunder, daß sie ge-
schrien hatte. Nicht übersehen sollte man an dieser Stelle, daß
Richpin ungeachtet ihrer Schreie weiter auf dem Boden nach
etwas suchte – obschon man nicht sagen kann, daß er danach
›Ausschau hielt‹.
Mr. Batchel machte sich nun daran, seinen verbleibenden Be-
such abzustatten. Richpin lebte in der Nähe der Kirche in einem
Häuschen, dessen nachsichtiger Vermieter der Pfarrer selbst
war. Richpins Gläubiger hatten sich damit abzufinden, des öfte-
ren einmal Nachsicht walten zu lassen, denn sein Einkommen
war niemals regelmäßig und selten ausreichend. Er kam im Le-
ben zurecht, indem er sich, wie man so sagt, ›durchwurstelte‹,
was ihm mit erstaunlich geringen Reibungsverlusten gelang.
Seine bescheidenen Pflichten in bezug auf das Kirchengebäude,
die man ihm aus Mildherzigkeit zugestanden hatte, waren
überbezahlt. Zudem brachte er es irgendwie fertig, daß jedes
gespendete Herrenbekleidungsstück sich an seine Person hefte-
te, und er erhielt wahrscheinlich genug solcher Altkleider, um
damit einen Handel betreiben zu können. Er hatte ein tüchtiges,

-169-
wenn auch nicht besonders hübsch anzusehendes Frauchen
umworben und schließlich geheiratet, das sein Einkommen
durch ihrer Hände Arbeit aufbesserte und Haushalt und Ehe-
gespons glänzend im Griff hatte.
Richpin war jedoch keinesfalls nur auf Wohltätigkeiten ange-
wiesen. Auf seine Weise zeigte er sich als ein Hansdampf in
allen Gassen. Pflanzen zum Beispiel waren seine Freunde, und
er besaß eine ererbte oder angeeignete Fähigkeit im Umgang
mit Obstbäumen, die seine Fürsorge noch jedesmal mit reich-
haltigen Erträgen belohnten. Auch hielt er zwei oder drei Wein-
stöcke in der Nachbarschaft glänzend instand mittels seiner
eigenwilligen Methoden, die durch den damit erzielten Erfolg
bestätigt wurden. Noch in anderer, jedoch weniger profitable-
rer Hinsicht war er begabt: Er stellte Spielzeug aus Holz, Pappe
oder Papier her, und jedes brave Kind in der Gemeinde nannte
ein solches Werk aus seinen Händen als Belohnung für sein
Wohlverhalten sein eigen. Neben alledem hatte Richpin auch
noch eine bemerkenswerte Begabung für das Musizieren. Er
vermochte jedem Musikinstrument, das ihm in die Hände ge-
riet, Töne zu entlocken, und hätte seine Stimme nicht dem Gak-
kern einer Henne geglichen, so wäre er ein begnadeter Sänger
gewesen. Aufgrund dieser Stimme hatte er auch die Position
des Orgelbläsers erhalten, denn das hielt ihn von jeglicher Ver-
suchung fern, beim Psalmsingen mit einzustimmen.
Wie alle Menschen, deren Geistesgaben nicht ausreichen, um
sich mit Argumenten zu verteidigen, war auch Richpin von
wehleidigem Wesen. Seine Art, sich gegen Vorwürfe zur Wehr
zu setzen, bestand darin, sich bei der nächstbesten Person zu
beklagen, die ihm über den Weg lief. Und diejenigen Klagen,
die er unterwegs nicht loswerden konnte, brachte er seiner Frau

-170-
nach Hause mit, die sein Gejammer genauso hinnahm wie das
Gezwitscher des Kanarienvogels und andere häusliche Geräu-
sche, indem sie nämlich erst darauf aufmerksam wurde, wenn
es versiegte.
Als Mr. Batchel kurz nach seiner Unterredung mit Selina bei
den Richpins eintrat, fand er Richpin in heller Aufregung vor;
er gestikulierte wild, und ein nicht enden wollender Wort-
schwall entrann seinem Munde. Daß dieser Redefluß nicht ab-
riß, war hauptsächlich der Kunst ständiger Wiederholung zu
verdanken, denn der Mann verfügte nur über einen geringen
Wortschatz. Nichtsdestoweniger reichte dieser jedoch voll-
kommen aus, die Tiefe seines gerechten Zorns auszudrücken.
»Ich bin nichʹ auf der Franzosenwiesʹ gewesen, nichʹ wahr?«
wandte er sich gerade flehend an seine Frau. »Warum hättʹ ich
da auch hingehen sollen?« Er nahm Mr. Batchels Eintreten nur
insoweit zur Kenntnis, als daß er in seinem Diskurs in die dritte
Person wechselte, jedoch ohne die geringste Pause einzulegen –
»wenn sie mich nachts rauslassen würdʹ, hättʹ ich immer nochʹn
besseres Plätzchen, wo ich hingehʹn würdʹ als ausgerechnet die
Franzosenwiesʹ. Was redtʹ der Polizist für ein Unsinn, kann er
nichʹ sein Maul halten? Was soll das heißen, ich wärʹ wo gewe-
sen, wo ich gar nichʹ war?«
Aus diesen Worten und noch vielen anderen in derselben
Richtung war offensichtlich, daß die Sache mit der Wiese Wel-
len geschlagen hatte und sogar schon Amtsträgern zu Ohren
gekommen war. Mr. Batchel war sich wohl bewußt, daß keine
Frage, die er Richpin in dessen gegenwärtigem Zustand hätte
stellen können, auch nur den geringsten Einfluß auf seinen
Wortschwall haben würde; zudem hatte er bereits alles erfah-
ren, was zu erfahren war. Er gab sich daher mit Mrs. Richpins
-171-
Versicherung zufrieden, daß ihr Gemahl tatsächlich alle seine
Abende zu Hause verbracht habe, mit Ausnahme der einen
Stunde, während der Mr. Batchel seine Dienste an den Orgel-
pfeifen in Anspruch genommen hatte. Sobald er dies erfahren
hatte, zog sich Mr. Batchel zurück und ließ Richpin weiter vor
sich hin parlieren.
Noch länger an der Geschichte zu zweifeln war nun unmög-
lich. Es war noch keine vierundzwanzig Stunden her, daß Mr.
Batchel sie von den Jungen im Klub gehört hatte, und nun war
sie bereits von mindestens zwei untadeligen Zeugen bestätigt
worden. Er ging die Sache in Gedanken durch, während er sei-
nen Tee zu sich nahm. Besonders beschäftigte ihn die merk-
würdige Verbindung Richpins damit. Mehr als alles andere war
es um seinetwillen nun notwendig geworden, alle erdenklichen
Schritte zu unternehmen, um Licht in die Angelegenheit zu
bringen. Und so entschloß sich Mr. Batchel folgerichtig, als
nächstes die Wiese selbst in Augenschein zu nehmen.
Die ›Franzosenwiese‹ war mehr als jedes andere Terrain im
Umkreis durch ihre Lage hervorgehoben. Sie besetzte den Rand
eines Landstrichs, der in der Gegend als ›das Hochland‹ be-
kannt war. Und obwohl man hier gar nicht besonders hoch
stand, genoß man von der Wiese aus doch seewärts einen freien
Blick über viele Meilen flachen Landes, einst eine Wüstenei
brackigen Wassers, heute ein weit ausgedehntes Schachbrett
fruchtbarer Felder, gerahmt von Bewässerungsgräben, in denen
es feucht glitzert. Die Aussicht erschloß auch noch etwas ande-
res von Interesse, und zwar eine lange, geradlinige Erdauf-
schüttung, die nach vielen Meilen am Horizont verschwand
und die man für eine große, außer Dienst gestellte Eisenbahn-
trasse hätte halten können. In Wahrheit handelte es sich um

-172-
eine der großartigen holländischen Ingenieursleistungen aus
der Zeit Charles I. die das Flußbett von einem weiten trocken-
gelegten Areal ungefähr zwei Meter tiefer trennte, genannt ›das
Mittelland‹. In diesem Deich, keine einhundertundachtzig Me-
ter unter der ›Franzosenwiese‹, befand sich eines der riesigen
Wassertore, die durch eine Schleuse den Verkehr zu der niedri-
ger gelegenen Fläche erlaubten, wobei das malerische, schin-
delgedeckte Häuschen des Schleusenwärters der Landschaft
einen zusätzlichen Reiz verlieh. Es war eine Aussicht, die Mr.
Batchel natürlich wohlvertraut war. Nur weniges in seiner Um-
gebung war eine Augenweide, und dies war so ziemlich der
einzige Platz, zu dem er einen Besucher, den er vorteilhaft be-
eindrucken wollte, führen konnte. Der Weg zu der Wiese führte
über einen kurzen Feldpfad, und er konnte in fünf Minuten da
sein; er bediente sich dieses Wegs des öfteren.
Es ist nicht schwer zu erraten, daß es seine Absicht war, sich
diesen Abend dort wieder einzufinden und im Zweifelsfall
auch die ganze Nacht dort zu verbringen, damit ihm nichts
entginge. Er hoffte nur, daß sich nicht ebenfalls die halbe Ge-
meinde dort einfinden würde. Sein größter Verbündeter, die
erwünschte Einsamkeit anbelangend, war das schlechte Wetter:
Der Tag wurde zusehends kälter, und ein steifer Nordostwind
zog auf, der sich vor allem auf der Franzosenwiese spürbar be-
merkbar machen würde.
Mr. Batchel verbrachte die nächsten drei Stunden damit, sich
um seine umfangreiche Korrespondenz zu kümmern, ehe er
um neun Uhr seinen dicksten Mantel und Stiefel anzog und
sich auf den Weg zur Wiese machte. Es stellte sich rasch heraus,
als er in den Feldweg einbog, daß er Gesellschaft haben würde.
Er hörte eine Vielzahl von Stimmen und erkannte bald die lau-

-173-
teste darunter. Jim Lallement prahlte mit seiner Zielsicherheit;
die anderen stellten es nicht in Abrede, verkündeten jedoch in
einem dissonanten Chorus ebenso lauthals ihre eigenen Lorbee-
ren. Das war ärgerlich, und um die Sache noch schlimmer zu
machen, hörte Mr. Batchel hinter sich Schritte.
Eine Stimme wünschte ihm schon bald einen ›Guten Abend‹.
Zu Mr. Batchels großer Erleichterung stellte es sich heraus, daß
es sich um den Dorfpolizisten handelte, der ihn alsbald einge-
holt hatte. Dieser begann die Unterhaltung.
»Der hat ja komische Tricks, Hochwürden, dieser Richpin.«
»Was für Tricks?« fragte Mr. Batchel, ganz das Unschulds-
lamm.
»Ja nun, seit drei Tagen läuft er auf der Franzosenwiese ʹrum,
erschreckt die Leute und was sonst noch.«
»Richpin war jede Nacht zu Hause, und zwar die ganze Zeit«,
sagte Mr. Batchel.
»Ich rede davon, wo er wirklich war, und nicht wo er behaup-
tet, gewesen zu sein«, sagte der Dorfpolizist. »Oder wollen Sie
die Beweise in Abrede stellen?«
»Aber Richpin hat auch Zeugen. Ich habe seine Frau gefragt.«
»Sie wissen doch am besten, Hochwürden, Frauen sollen dem
Manne Untertan sein. Richpin möchte für einen Geist gehalten
werden, aber wir kennen uns aus mit dieser Sorte von Geistern.
Immer wenn wir von einem Gespenst reden hören, sind kurz
darauf bestimmt ein paar Truthähne verschwunden.«
»Aber sicherlich gibt es doch gelegentlich auch echte Gespen-
ster?« fragte Mr. Batchel nach.

-174-
»Nein«, erwiderte der Polizist, »ich und meine Frau, wir ham
beide nachgeschaut, und so was gibtʹs nun mal nichʹ.«
»Wo nachgeschaut?« erkundigte sich Mr. Batchel.
»Im ›Polizeihandbuch‹. Da sind Geistesgestörte und Deser-
teure und Leichen drin, aber keine Gespenster.«
Mr. Batchel nahm dies als der Weisheit letzten Schluß hin. Er
hatte mittlerweile einen Weg ersonnen, die unliebsame Gesell-
schaft loszuwerden, und ging sofort daran, seinen Plan in die
Tat umzusetzen. Die beiden hatten inzwischen die Gruppe der
Jungen erreicht. »Das sind alles Steinewerfer«, sagte er laut.
Es gab ein Geklappere von Steinen, als diese aus den Händen
der Burschen fielen.
»Diese Jungen sollten alle im Klub sein, anstatt hier herumzu-
streichen und fremdes Eigentum zu beschädigen. Würden Sie
sie dort hinbringen und sicherstellen, daß sie auch wirklich an-
kommen? Wenn Richpin hier eintrifft, werde ich ihn auf die
Wache bringen.«
Dem Dorfpolizisten schien dieser Vorschlag zuzusagen. Zwei-
fellos hatte er sein Zutrauen in die Bestimmungen des ›Polizei-
handbuchs‹ übertrieben. Mr. Batchel seinerseits kannte die Jun-
gen gut genug, um sicher zu sein, daß sie den Polizisten für die
nächste halbe Stunde in Atem halten würden, und als sich die
Gruppe um den Polizisten langsam davonmachte, erfüllte ihn
nicht geringer Stolz auf sein diplomatisches Geschick.
Keine Menschenseele war in der Nähe des Gatters zu erblik-
ken, welches Mr. Batchel mit einem entschlossenen Satz über-
wand. Und schon stand er auf der höchsten Stelle der Wiese
und starrte in die Dunkelheit rings um ihn.

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Man konnte bis in eine Entfernung von etwa dreißig Meter
sehen; darüber hinaus war es zu dunkel, um noch etwas erken-
nen zu können. Mr. Batchel ersann eine Zickzacklinie quer über
die Wiese, die es ihm erlauben würde, sie gründlich und so
schnell wie möglich abzusuchen. Er begann entlang dieser ge-
dachten Linie voranzuschreiten und blickte starr geradeaus, bis
er an einen seiner gedachten Eckpunkte gelangte, wo er halt-
machte und um sich blickte. Auf der Wiese befanden sich keine
Tiere – ihre Besitzer hatten sie vorsichtshalber entfernt; die
Abwesenheit gereichte Mr. Batchel natürlich zum Vorteil.
Nach ungefähr zehn Minuten hatte er seinen Zickzackweg be-
endet und das andere Ende der Wiese erreicht; er hatte nichts
gesehen, was einem Menschen ähnelte. Er machte sich darauf-
hin auf den Rückweg und untersuchte das Feld erneut, gelang-
te jedoch an seinen Anfangspunkt, ohne mehr in Erfahrung ge-
bracht zu haben als zuvor. Schon fing er an, der Rückkehr des
Dorfpolizisten mit Besorgnis entgegenzusehen, als er sich er-
neut gegen den Wind stemmte und zu einem dritten Gang auf-
brach.
Dieses Mal jedoch wurde ihm ein Erfolg beschieden. Am Ende
seiner zweiten Querung inspizierte er gerade das Terrain im
Winkel zur nächsten Weglinie, als er deutlich Richpin wahr-
nahm, wie er den Kreis seines Gesichtsfeldes durchschritt und
geradewegs auf die Schleuse zuhielt. Auf dieser Seite des Fel-
des gab es kein Gatter; die Hecke, die für den anderen anschei-
nend kein Hindernis darstellte, hielt Mr. Batchel jedoch gerau-
me Zeit auf – und hält bis auf den heutigen Tage ein paar Stük-
ke seiner Bekleidung in Verwahrung –, aber er hatte sich kaum
hindurchgezwängt, als er ›seinen Mann‹ auch schon wieder im
Blick hatte. Es schien sich ohne jeden Zweifel um Richpin zu

-176-
handeln. ›Er‹ ging den Abhang hinunter, überquerte die Plan-
ke, die den Schleusenkopf überspannte, und verschwand um
die Ecke des Häuschens, hinter der der Eingang lag.
Mr. Batchel hatte keine Gelegenheit, Selinas grauenhafte Be-
obachtung zu bestätigen, aber er hatte genug gesehen, um sich
sicher zu sein, daß die anderen keine Hirngespinste ersonnen
hatten. Keine halbe Minute nach der Gestalt überquerte auch er
die Planke über den Schleusenkopf – das Vorankommen gestal-
tete sich beschwerlich in der Dunkelheit – und folgte ihr augen-
blicklich um die Ecke des Hauses. Wie er erwartet hatte, war
die Gestalt bereits verschwunden.
Mr. Batchel klopfte an die Tür und ließ sich, wie es seine Ge-
wohnheit war, selbst ein. Der Schleusenwärter war in der Kü-
che dabei, an einem Türpfosten zu feilen. Er war überrascht,
Mr. Batchel zu dieser späten Stunde zu sehen, und flocht eine
dahingehende Bemerkung in seine Begrüßungsworte ein.
»Ich habe einen Abendspaziergang gemacht«, sagte Mr. Bat-
chel. »Haben Sie in letzter Zeit Richpin gesehen?«
»Habʹ ihn letzte Woche Samstag gesehen, seit da nichʹ mehr.«
»Ist es nicht einsam hier nachts?«
»Nee, manchmal kommen Leute vorbei. Am Montag war ei-
ner da, und gestern noch einer.«
»Und heute war niemand da?« kam Mr. Batchel zum Punkt.
Die Antwort bewies Mr. Batchel, daß er an diesem Tag als er-
ster durch die Tür geschritten war, und nach einem kleinen
Schwätzchen beendete er seinen Besuch.
Es war jetzt zehn Uhr. Er schaute bei den Richpins vorbei, in
dessen Haus er ein Licht brennen sah. Richpin war früh müde

-177-
gewesen und schon seit halb neun im Bett. Seine Gattin war
erkennbar verärgert über die Gerüchte, die ihn verstört hatten,
und Mr. Batchel sprach ein paar tröstende Worte, wie sie ihm
gerade in den Sinn kamen, bevor er nach Hause ging.
Als er vor dem Feuer in seinem Studierzimmer saß, beglück-
wünschte er sich allzu vorschnell zum Abschluß seines Tages-
geschäfts. Draußen hatte eine eisige Kälte geherrscht, und es tat
wohl, alles bei der Wärme des Kaminfeuers zu überdenken,
welches seine Haushälterin immer für ihn hinterließ. Der Leser
wird nicht mehr Schwierigkeiten haben als Mr. Batchel, um für
die Ähnlichkeit zwischen Richpin und dem Mann auf der Wie-
se eine Erklärung zu finden. Es handelte sich lediglich um eine
Familienähnlichkeit. Daß man den Vorfahr schon vordem auf
der Wiese hatte umgehen sehen, ließ sich vielleicht aus dem
überkommenen Namen des Grundstücks schließen. Der Grund,
warum er nur hin und wieder in großen Zeitabständen er-
schien, mußte jedoch Gegenstand bloßer Spekulation bleiben,
und Mr. Batchel ließ die Hände davon… Das nächste Ereignis
ist ein paar Menschen unglaubwürdig erschienen, und doch
bedeutet dies lediglich, daß es ihnen mehr an Vorstellungskraft
abverlangte, als sie in der Lage waren aufzubringen.
Kritiker der Kunst des Geschichtenerzählens haben sich in
deutlichen Worten gegen Autoren ausgesprochen, die sich des
Zufalls als einer Abkürzung auf dem Weg zum Ende ihrer Er-
zählung bedienen. »Der Zufall«, äußerte Mr. Batchel, als er auf
Richpin zu sprechen kam; »muß, nehme ich an, dem vorbehal-
ten sein, was sich in Wirklichkeit ereignet; Literatur dagegen ist
ein Spiel, das nach bestimmten Regeln gespielt werden muß.«
»Ich weiß wohl«, fuhr er fort, »daß die Chancen ein paar Mil-
lionen zu eins gegen das standen, was sich in jener Nacht er-
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eignete, aber wenn es darum unglaubwürdig ist, woran soll
man dann noch glauben?«
Daraufhin merkte jemand aus der Zuhörerschaft an, daß der
Vorrat an glaubwürdigen Themen noch längst nicht erschöpft
sei.
»Ich bezweifle, ob irgend etwas sich ereignet«, antwortete Mr.
Batchel auf seine ihm eigene Art, »ohne daß die Chancen eins
zu einer Million dagegen stehen. Warum hat man überhaupt
ein solches Wort gewählt? Was bedeutet denn ›sich ereignen‹?«
Niemand antwortete: Es war offensichtlich eine rhetorische
Frage.
»Ist es denn gänzlich auszuschließen«, fuhr er fort, »daß ich
letzten Sonntag denselben Halfpenny in die Kollekte geworfen
habe, den mir mein Onkel im Jahre 1881 zum Geschenk machte
und den ich schon am Tag darauf ausgegeben habe?«
»War es denn derselbe?« fragten mehrere Zuhörer gleichzei-
tig.
»Wie soll ich das wissen?« gab Mr. Batchel zur Antwort, »aber
wenn ich über die Geschichte dieses Geldstücks, das ich einge-
worfen habe, Bescheid wüßte, dann würden sicher noch viel
bemerkenswertere Zufälle ans Licht kommen.«
Dieses ganze Gespräch war deshalb zustande gekommen,
weil um Mitternacht jenes ereignisreichen Tages, während Mr.
Batchel noch immer vor dem Kaminfeuer in seinem Studier-
zimmer saß, die Nachricht eintraf, das Schleusenwärterhäu-
schen sei niedergebrannt. Die Schindeln waren trocken gewe-
sen; es hatte, wie wir wissen, ein steifer Nordostwind geblasen,
und eine Stunde war genug gewesen, um alles Brennbare zu
vernichten. In Stoneground spricht man noch immer mit gro-

-179-
ßem Bedauern von dem Unglücksbrand. Nun ist im ganzen Ort
nur noch ein einziges Gebäude geblieben, ansehnlich genug,
um auf einer Postkarte abgebildet zu werden.
Es war genau um Mitternacht, als der Schleusenwärter an Mr.
Batchels Tür schellte. Sein dringlicher Anlaß bedurfte keiner
Entschuldigung. Dem Mann war ein nächtlicher Fischer beim
Ausbruch des Feuers sofort zu Hilfe gekommen, und mit zwei
langen Sprieten hatten die beiden sich eiligst darangemacht,
das Strohdach herunterzureißen; dabei waren, verborgen unter
dem Giebel der Südseite, die Knochen und etwas von der Klei-
dung eines Mannes zutage gekommen. Ob Mr. Batchel wohl
kommen und es sich ansehen würde?
Mr. Batchel zog seinen Mantel an und kehrte an die Schleuse
zurück. Die Leute, die das Feuer alarmiert hatte, standen jen-
seits des Wassers, und der Platz um das Häuschen war men-
schenleer. Nahe bei dem rauchenden Trümmerhaufen lagen die
menschlichen Überbleibsel, die man unter dem Strohdach ge-
funden hatte. Die Finger der rechten Hand hielten noch immer
einen Schafsknochen umklammert, der wie von einem Hund
abgenagt schien.
»Verhungert«, meinte der Schleusenwärter. »So habʹ ich vor
zehn Jahren mal einen Landstreicher gesehʹn.«
Sie bahrten die Knochen pietätvoll in einem Schuppen auf
und verriegelten die Türe hinter sich. Mr. Batchel nahm mit
eigener Hand ein Metallkreuz nach Hause, das auf eine Lein-
schnur aufgezogen war und auf der Vorderseite die Gravur des
Gottessohnes, auf der Rückseite den Namen Pierre Richepin
trug. Am nächsten Tag machte er die Angelegenheit einem
Priester der Römisch-Katholischen Kirche bekannt, der in der

-180-
Nähe wohnte und dem er das Kreuz überließ. Die sterblichen
Überreste wurden, nach einer kurzen Untersuchung, unter dem
Zeremoniell jener Kirche, welcher der Mann offensichtlich an-
gehört hatte, auf dem Friedhof beigesetzt.
Die Schlußfolgerungen, die Mr. Batchel aus dem zog, was sich
ereignet hatte, ließen eine Menge Fragen offen. Ihm schien es
so, als sei Pierre Richepin durch irgendeine Vorahnung des
Feuers in seiner Totenruhe gestört worden, habe aber nicht
vorhergesehen, daß seine sterblichen Überreste der Vernich-
tung entgehen würden; und ebensowenig begriffen, daß er oh-
ne die Hilfe der Karte nicht zu den Seinen zurückkehren konn-
te; auch hatte er wohl keine Vorstellung von dem Zeitraum ge-
habt, seitdem er sie verloren hatte. Diese Karte steckte Mr. Bat-
chel am nächsten Tag in seine Brieftasche, als er Thomas Rich-
pin aufsuchte, um ihn näher über seine überlebenden Verwand-
ten zu befragen.
Richpin hatte, wie sich herausstellte, einen Vater, der ein paar
Meilen entfernt in Jakesley Fen lebte, und Mr. Batchel schloß,
daß sich ein Besuch dort lohnen würde. Daher bestieg er sein
Fahrrad und machte sich noch am selben Nachmittag auf nach
Jakesley.
Mr. Richpin, Sr. war nicht weit von zu Hause entfernt bei der
Arbeit und bald herbeigeholt. Er und seine Frau behandelten
ihren Gast, den sie vom Hörensagen her kannten, mit ausge-
suchter Höflichkeit. Sie führten einen wohlgeordneten Haushalt
und baten Mr. Batchel mit ebenso natürlicher wie würdevoller
Herzlichkeit zum Tee. Es wurde offensichtlich, welch ein tiefer
Graben den älteren Richpin von seinem Sohn trennte; war jener
der letzte Abkömmling eines alten Geschlechts, so dieser der

-181-
Beginn eines neuen. Trotz der großen Leistungen des neu ein-
gerichteten Schulwesens ging es dabei offensichtlich abwärts.
Daß sich in dem Häuschen einiger französischer Nippes fand,
erleichterte die Nachforschungen, um deretwillen Mr. Batchel
gekommen war. Es stellte sich heraus, daß es sich bei dem
Kleinkram um Familienerbstücke handelte.
»Mein Großvater«, erzählte Mr. Richpin, als sie beim Tee sa-
ßen, »war einer der französischen Gefangenen – er und sein
Bruder.«
»Ihr Großvater hieß Pierre Richepin?« wollte Mr. Batchel wis-
sen.
»Nein! Jules«, lautete die Antwort. »Pierre konnte flüchten.«
»Zeig doch Mr. Batchel das Buch«, meinte seine Frau.
Das Buch wurde hervorgeholt. Es war ein ›Buch für Besinnli-
che Stunden‹, mit dem Namen Jules Richpin auf der Titelseite.
Das Vorsatzblatt fehlte.
Mr. Batchel kramte die Karte aus seiner Brieftasche hervor. Sie
paßte genau. Die kleinen Einkerbungen entlang des herausge-
rissenen Randes fügten sich nahtlos an, und Mr. Batchel ließ
das Blatt im Buch – zur großen Freude des alten Paares, dem er
nicht mehr von der vorangegangenen Geschichte anvertraute,
als er es für nötig befand.

-182-
W. C. Dickinson
(1897-1963)

Schottland mit seinen abgelegenen Hügeln und Tälern, seinen


nebelumwehten Mooren und trutzigen Burgen scheint den
idealen Schauplatz für Gespenstergeschichten abzugeben. Viele
Autoren, unter anderem Walter Scott und R. L. Stevenson, hat
Schottland zu ihren Werken inspiriert. Einer von ihnen, wenn
auch weniger bekannt als die gerade Erwähnten, ist der Profes-
sor für schottische Geschichte William Croft Dickinson. Seine
Gespenstergeschichten im Stil von M. R. James basieren zum
größten Teil auf regionalen Legenden und Sagen sowie der
schottischen Nationalgeschichte und spielen ausschließlich an
schottischen Schauplätzen. Dies führte unter anderem dazu,
daß seine Geschichten im Klappentext seines einzigen Bandes
mit phantastischen Erzählungen, Dark Encounters, als »ghost
stories of a Scottish antiquary« bezeichnet werden.
Die spärlichen Daten über W. C. Dickinson, die wir besitzen,
stammen von seiner Tochter Susan, die späteren Auflagen von
Dark Encounters ein biographisches Vorwort über ihren Vater
vorangestellt hat. Nicht einmal, wo er 1897 geboren wurde, ist
daraus mit Sicherheit abzulesen. Seine Kindheit verlebte Willi-
am Croft Dickinson, Sohn eines methodistischen Geistlichen,
jedenfalls in Yorkshire, bevor er 1915 ein Geschichtsstudium an
der Universität von St. Andrews an der schottischen Ostküste
begann. Kurz darauf war er jedoch gezwungen, sein Studium
wegen des Ersten Weltkriegs zu unterbrechen, den er in Frank-
reich als einfacher Soldat in den Schützengräben miterlebte.
1921 graduierte er dann von St. Andrews mit der Bestnote. Be-

-183-
reits als Schüler hatte er sich durch gute Leistungen ausge-
zeichnet. Nach dem Studium hatte er eine Anstellung an der
renommierten London School of Economics inne, deren Biblio-
thekar er von 1931 bis 1944 war. In dieser Zeit lernte er Margery
Tomlinson, seine Sekretärin, kennen und lieben, die er 1930 hei-
ratete und mit der er zwei Töchter hatte. 1944 ging ein Wunsch-
traum in Erfüllung: Man berief ihn auf den Lehrstuhl für Schot-
tische Geschichte und Paläographie in Edinburgh, was einen
Umzug der Familie in das von Dickinson geliebte Schottland
mit sich brachte. Auf vielen Ausflügen und Exkursionen be-
suchten er und seine Familie die Orte, die er später zum Schau-
platz seiner Geschichten machen sollte. 1963 verstarb Dickinson
überraschend, kurz nachdem er die Korrekturbögen für die er-
ste Auflage von Dark Encounters durchgesehen hatte.
Wie bei vielen in dieser Anthologie präsentierten Autoren war
auch für Dickinson das Schreiben von Gespenstergeschichten
eher ein Nebenprodukt seiner sonstigen Tätigkeiten. Haupt-
sächlich war er, und das anscheinend mit Leidenschaft, For-
scher und Universitätsdozent, wovon eine beeindruckende Li-
ste wissenschaftlicher Publikationen zeugt. So Firmieren unter
anderem eine zweibändige Geschichte Schottlands zur Zeit der
Reformation und A History of Scotland from the Earliest Times to
1603 unter seinem Namen. Die ersten Geschichten scheint er für
seine Kinder erfunden zu haben – er erzählte sie ihnen vor dem
Zubettgehen. Als die Familie während des Zweiten Weltkriegs
getrennt war, sandte er seinen Töchtern längere Werke, die spä-
ter als Kinderbücher veröffentlicht wurden. Borrobil, The Eildon
Tree und The Flag from the Isles werden auch heute noch gele-
gentlich von verschiedenen Verlagen neu aufgelegt. Die Ges-
penstergeschichten waren nach altem englischen Brauch für

-184-
den Weihnachtsabend bestimmt und erschienen daher zunächst
fast alle in der Dezemberausgabe von The Scotsman, bevor sie
1963 unter dem Titel Dark Encounters. A Collection of Ghost Sto-
ries gesammelt veröffentlicht wurden. Es sollte Dickinsons ein-
zige Sammlung von Ghost Stories bleiben; auch sind außer den
in diesem Band enthaltenen dreizehn Erzählungen bislang kei-
ne weiteren, unveröffentlichten »gespenstischen« Werke in sei-
nem Nachlaß entdeckt worden.
Auf der Oberfläche erscheinen Dickinsons Fiktionen einfach,
folgen sie doch beinahe durchweg demselben Erzählmuster:
eine Gruppe Gelehrter kommt zusammen und tauscht in ge-
mütlicher Runde selbst erfahrene oder von anderen gehörte
Geistergeschichten aus, die in irgendeinem Zusammenhang mit
Orten in Schottland oder der schottischen Nationalgeschichte
stehen. Ein typisches Beispiel hierfür ist ›Die alte Abtei‹, die die
Elemente einer James-Geschichte nach Schottland transponiert.
Die vielleicht interessanteste Erzählung in Dark Encounters ist
jedoch ›Ein Werk des Bösen‹; sie handelt von einem mysteriö-
sen Zauberbuch, das seinen Besitzern Unglück bringt. Anders
als sonst bei Dickinson berichtet der Ich-Erzähler nicht als di-
stanzierter Chronist mit zeitlichem Abstand, sondern erlebt die
gespenstischen Vorgänge als Beteiligter sozusagen hautnah.
Der offene Schluß legt dem Leser Implikationen nahe, die man
besser nicht zu Ende denken möchte.

-185-
Die alte Abtei

Ich hatte eine Vorlesung über Chroniken und Jahrbücher gehal-


ten und dabei die Aufmerksamkeit meiner Studenten auf ein
Memorandum in der Chronik von Melrose gerichtet, demzu-
folge einige Folianten dieser Chronik an die Abtei von Dun-
drennan ausgeliehen worden seien, hatte danach über »Entleh-
nungen« und »gemeinsame Quellen« gesprochen und mich
sogar zu einem zahmen Scherz hinreißen lassen, indem ich Max
Beerbohms Aphorismus zitierte, auch wenn man nicht wisse,
ob die Historie sich wiederhole, so sei doch sicher, daß die Hi-
storiker sich wiederholten. Als der Vorlesung die Stunde schlug
und meine Hörer sich zerstreuten, wurde ich auf meinem Weg
zur Universitätsbibliothek im Hofgeviert von einem der Stu-
denten angesprochen:
»Darf ich Sie etwas fragen, Sir? Wir wissen, daß Dundrennan
sich fast die gesamte Chronik von Melrose ausgeliehen hat. Ge-
schah dies, um sie zu lesen oder um sie zu kopieren? Und besaß
Dundrennan keine eigene Chronik?«
»Nicht, daß man wüßte«, antwortete ich kurz angebunden
und bat sogleich um Entschuldigung für meine rüde Art, doch
wollte ich unbedingt noch Fergusons Artikel in der Scottish Hi-
storical Review lesen und exzerpieren, bevor mich die Pflicht in
eine jener langatmigen Komiteesitzungen rief, auf welche die
Lehrenden nach den gegenwärtigen Bestimmungen leider all-
zuviel Zeit verwenden müssen.
Aber es sollte anders kommen: Das Komitee mußte aus-
nahmsweise auf mich verzichten, als ich erfuhr, daß es tatsäch-
lich eine Chronik von Dundrennan gegeben hatte. Ich sollte

-186-
allerdings nicht nur von ihrer Entdeckung erfahren, sondern
auch davon, wie sie später auf geheimnisvolle Weise wieder
verloren ging.

Ich hatte mich gerade in Fergusons Artikel vertieft und war be-
reits auf zwei kühne, durch nichts belegte Behauptungen ge-
stoßen, als Mair, unser Bibliothekar, meine Lektüre unterbrach.
»Ich glaube, das könnte Sie interessieren«, sagte er und setzte
ein Konvolut von Papieren vor mir ab.
»Was ist das?« fragte ich und musterte das Bündel flüchtig.
Dann sah ich genauer hin, und nahm wahr, was in klarer
Handschrift auf dem Deckblatt stand: ›Für den Fall, daß ich
nicht mehr zurückkehre, bitte öffnen. Alexander Hutton‹.
»Wie sind diese Papiere überhaupt in unsere Bibliothek ge-
langt?« wollte ich wissen und legte die Scottish Historical Review
beiseite. »Und wer war dieser Alexander Hutton?«
»Oh, über Alexander Hutton kann ich Ihnen etwas sagen«,
antwortete Mair obenauf. »Ein zweitrangiger Heimatkundler
im frühen 19. Jahrhundert. Und das Päckchen fand ich unter
den Papieren von General Donaldson. Auch der hat sich um
etwa die gleiche Zeit nebenher als Heimatforscher betätigt, und
all seine Bücher und Schriften gelangten nach seinem Tod aus
dem Nachlaß in unsere Bestände. Es ist so gewesen, daß ich
nach einer Beschreibung der Kreuzkirche bei Peebles suchte,
von der ich wußte, daß sie sich unter seinen Papieren befand,
und dabei stieß ich auf dies hier.«
»Und was steht drin?« wollte ich wissen.
»Aber ich bitte Sie«, entgegnete Mair, »ich habe das Konvolut
natürlich nicht angerührt, obwohl ich zugeben muß, daß die

-187-
Versuchung groß war, vor allem, nachdem ich die Aufschrift
gelesen hatte. Aber dann wurde mir klar, daß die Papiere zu-
nächst dem Bibliothekskomitee vorgelegt werden müssen. Nun,
Sie gehören doch dem Komitee an. Was meinen Sie? Man darf
das Bündel doch wohl öffnen; das ist jedenfalls meine Meinung.
Hutton ist ja nun bereits seit mindestens hundert Jahren tot.«
»Keine Frage, daß wir das Recht haben, uns die Dokumente
anzusehen«, antwortete ich eilig. »Zweifellos wird Hutton uns
nach so vielen Jahren nicht mehr die Ehre geben, und so sind
wir denn, ebenso zweifelsfrei, berechtigt, entsprechend seiner
Verfügung zu handeln.« Mit diesen Worten ergriff ich einen
Brieföffner, erbrach das Siegel und entfaltete vorsichtig das
Schriftenbündel.
Es bestand aus vier Bögen, die in derselben klaren Hand-
schrift wie auf dem Umschlag beschrieben waren. Mair nahm
neben mir Platz, und gemeinsam begannen wir zu lesen:

Kirkcudbright
Falls diese Zeilen anderen Augen als den meinen ansichtig
werden, so bedeutet das, daß ich einen überaus merkwürdigen
Tod gestorben bin. Ich beabsichtige, dieses Schriftstück bei
meiner Rückkehr als Dokument einer überhitzten Phantasie –
denn um mehr hat es sich dann nicht gehandelt – den Flammen
zu übergeben. Doch bleibt immerhin die Möglichkeit, mag dies
auch wider alle Vernunft erscheinen, daß ich von meinem aben-
teuerlichen Ausflug nicht zurückkehren werde. Eben deshalb
hinterlasse ich diesen Bericht. Wenn andere als ich selbst ihn
lesen, so werden sie hoffentlich die rechten Schlußfolgerungen
zu ziehen wissen.

-188-
Beginnen muß ich mit einigen Bemerkungen darüber, wie ich
überhaupt nach Kirkcudbright gelangt bin.
Seit langem schon bin ich der Ansicht, daß die Abtei von
Dundrennan ihre eigene Chronik geschrieben hat. Warum ich
dieser Meinung bin, tut in diesem Zusammenhang nichts zur
Sache und wäre auch nur mit ermüdenden Ausführungen zu
begründen. Vor allem aber: Wenn ich von meinem anstehenden
Abenteuer zurückkehre, gedenke ich, meine Gründe und Be-
weise der Öffentlichkeit in angemessener Weise vorzutragen.
An dieser Stelle mag der Hinweis genügen, daß ich vor annä-
hernd einem Monat, als General Donaldson mir brieflich von
der Entdeckung einer frühen handschriftlichen Chronik berich-
tete, die auf dem Dachboden eines alten Hauses hier in Kirk-
cudbright gefunden wurde, sogleich überzeugt davon war, daß
meine Vermutung sich nun bewahrheiten werde. Und so war es
denn auch. Drei Tage lang habe ich dieses Gasthauszimmer
kaum einmal verlassen, drei Tage lang habe ich mich mit dem
echten, originalen Kodex der Chronik von Dundrennan einge-
schlossen, denn um nichts anderes handelt es sich bei diesem
Manuskript.
General Donaldson drängte zunächst darauf, ich solle mich
bei ihm einquartieren, und gern hätte ich seine Gastfreund-
schaft auch angenommen, doch war mir bekannt, daß seine
Frau seit längerem kränkelt, und auch der General selbst, der
sich den Neunzigern nähert, ist bei weitem nicht mehr mit sei-
ner früheren Robustheit gesegnet. So brachte ich denn die Rede
auf diesen ausgezeichneten Gasthof, in dem ich schon bei frü-
herer Gelegenheit untergekommen war und unter dessen Dach
ich auch jetzt wieder Logis finden konnte.

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›Nun gut, gehen Sie in den Gasthof, wenn Sie es denn unbe-
dingt so wollen‹, hatte General Donaldson geraunzt. ›Und
nehmen Sie das Manuskript dorthin mit. Sie können es danach
so lange nach Edinburgh entführen, wie es nötig ist. Aber wenn
Sie mehr als einen oder zwei Tage hier im Ort bleiben – um von
dem zu kosten, was die die romantischen Schriftsteller von heu-
te ›Atmosphäre‹ zu nennen belieben –, hoffe ich doch, daß Sie
vor Ihrer Abreise wenigstens einmal Gelegenheit finden, bei
uns zu dinieren‹.
›Atmosphäre‹! Ein Wort, das mir jetzt, da ich dies schreibe,
immer wieder in den Sinn kommt. Und sollte es so sein, daß
andere Augen diese Zeilen lesen, wird man meine Gründe
sogleich begreifen.
Über zwei ganze Tage hinweg war ich ohne Unterbrechung
und voller Glücksgefühl mit meinem Manuskript beschäftigt.
Aber nun hat sich alles verändert, und ich bin beunruhigt und
verwirrt. Denn heute habe ich mich zum ersten Mal näher mit
drei seltsamen Textstellen des Kodex befaßt. Heute auch habe
ich den Nordbau der Abtei besucht und mir dort Dinge ›einge-
bildet‹. Und zum dritten Mal heute: Noch in dieser Nacht, am
Vorabend des Gedenktages für den Hl. Botulf, werde ich den
Nordbau ein zweites Mal aufsuchen.
Um wenigstens auf dem Papier Ordnung in die Dinge zu
bringen, muß ich folgendes berichten: Als ich heute morgen das
Manuskript der Chronik aufschlug, fiel mir auf einem der er-
sten Folioblätter (um genau zu sein: des einundzwanzigsten
Folio, verso) etwas auf, was ich bislang übersehen hatte. An-
schließend an eine Schilderung irgendwelcher Angelegenheiten
in Galloway waren, wie mir erst jetzt auffiel, die unmittelbar
folgenden vier Zeilen rasiert und durch eine kurze Liste mit
-190-
den Regierungsdaten schottischer Könige von Malcolm II. bis
Alexander II. ersetzt worden. Zuvor hatte ich dieser uninteres-
santen Königsliste keine Aufmerksamkeit geschenkt; um die
Wahrheit zu sagen, ich hatte sie bei meiner Lektüre ausgelas-
sen. Nun nahm ich erstmals wahr, daß es sich hier um eine
Überschreibung handelte, und natürlich war ich neugierig he-
rauszufinden, was da an Text so sorgsam getilgt worden war.
So sehr ich mich indessen auch bemühte – der ursprüngliche
Eintrag ließ sich nur noch bruchstückhaft rekonstruieren. In
Übersetzung:

am Vorabend des Gedenktags für den Hl. Botulf……….


………………ein Laienbruder…………………
… er sah……….der Norden…………….Abtei…
…….Teufel…………………Gebete…………

Mir fiel jetzt ein, daß ich bei meiner Durchsicht über andere,
in etwa vergleichbare Listen ebenfalls hinweggegangen war,
und hastig ließ ich meinen Blick über das nächste Folio wan-
dern. In der Tat fand sich dort unter den Eintragungen für das
folgende Jahr eine weitere Liste (diesmal eine der Päpste von
Urban II. bis Innozenz IV. mit den zugehörigen Daten), mit der
eine weitere Rasur verdeckt werden sollte, und diesmal ging es
um nicht weniger als volle acht Zeilen. Wiederum suchte ich
den ursprünglichen Eintrag zu entziffern, und diesmal war ich,
bedingt durch die Art, in der jener spätere Schreiber seine
Papstliste über die Textstelle verteilt hatte, sehr viel erfolgrei-
cher. Der ursprüngliche Eintrag lautet in Übersetzung:

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am Vorabend des Gedenktags für den Hl. Botulf ward der näm-
liche Laienbruder, als er auf jenem Weg, der durch den Wald
führt, zum Nordbau zurückkehrte, von einem leise auftreten-
den und dunkel gewandeten Fremden angesprochen, der ihn
ein Stück weit begleitete…….Kerze…….im Feuer sterben ….mit
vielen Zeichen und Worten…. mit Mühe entkommen… als er
den Nordbau betrat… sein Bericht an den Abt… zum zweiten
Mal…. Teufel…. durch Gebete………….

Mit unbestimmtem Staunen, was dies wohl alles bedeuten


mochte, überflog ich den Rest des Blattes und dann die Rück-
seite auf der Suche nach einem vergleichbaren Eintrag für das
nächste Jahr. Und da war er! Diesmal enthielt die Liste die
Gründungsdaten der Zisterzienserbauten und die Namen ihrer
ersten Äbte. Die getilgte Passage war deutlich kürzer; zudem
war dieser dritte Eintrag besonders sorgfältig rasiert und die
Liste der Bauten, Daten und Äbte besonders umfangreich. Vom
Ursprungstext konnte ich nur noch dies entziffern:

am Vorabend des Gedenktags für den Hl. Botulf……… der


nämliche Laienbruder………………………….
……………………………durch Feuer………………………….in
derselben Nacht

Doch fiel mir an der fehlenden Initiale auf, daß die zwei un-
mittelbar folgenden Zeilen nicht getilgt worden waren, sie zeig-
ten den Duktus des ursprünglichen Eintrags und schlossen die-
sen offenbar ab. Und so lauten die Zeilen:

-192-
der Nordbau der Abtei brannte nieder,
und der Laienbruder verlor dabei sein Leben.

Es folgten einige getilgte Wörter, die wahrscheinlich so zu le-


sen waren: Möge Gott ihn in seinen himmlischen Chor aufnehmen,
und die der spätere Schreiber folgendermaßen ersetzt hatte:
durch seinen unachtsamen Umgang mit einer Kerze.
Mit gespannter Neugier sah ich anschließend die Einträge für
die folgenden Jahre durch, aber es fanden sich dort keine weite-
ren eingefügten Listen und keine weiteren getilgten Textstellen
mehr. Die seltsame Geschichte hatte ihr Ende gefunden.
Eine Zeitlang rätselte ich über das Geschick dieses unglückli-
chen Laienbruders nach, seine Begegnung mit dem Teufel und
seinen Tod bei der Zerstörung des Nordbaus durch ein Feuer.
Ich nahm ein Blatt zur Hand und schrieb die Zeilen nieder, so
wie ich sie oben wiedergegeben habe. Es war unzweifelhaft,
daß der unselige Laienbruder beim ersten Mal, es war am Vor-
abend des Botulf-Gedenktags, zu dem Eindruck gelangt war,
der Teufel habe sich ihm genähert. Der Abt, an den er sich in
seiner Not wandte, hatte ihn augenscheinlich auf den Trost der
Gebete verwiesen. Beim zweiten Mal, wiederum am Vorabend
des Gedenktags für den Heiligen, hatte der dunkle Fremde, der
Teufel, den Laienbruder offen angesprochen, ihn wahrschein-
lich in Versuchung geführt und seinen Verführungsversuch mit
der Drohung verbunden, der Bruder werde anderenfalls den
Feuertod sterben. Wiederum hatte der Abt offenbar den Rat
erteilt, dem Bösen durch Gebet zu wehren. Im Jahr darauf war
der Bruder dann, als der Nordbau niederbrannte, tatsächlich in
den Flammen zugrunde gegangen; er war also jenen Tod ge-

-193-
storben, der ihm angedroht worden war. Ob er allerdings vor
seinem Hinscheiden den dunklen Fremden noch ein drittes Mal
getroffen hatte, ließ sich der Chronik nicht entnehmen. Sein
Tod in eben jener Nacht beendete jede weitere Berichterstattung
über das Schicksal, das ihn ereilt hatte.
Soviel über die getilgten Textpassagen. Aber warum hatte
man sie getilgt? Höchstwahrscheinlich waren sie einem späte-
ren Abt in der offiziellen Klosterchronik fehl am Platze erschie-
nen. Der Nordbau hatte Feuer gefangen, und jener Laienbruder
war dabei umgekommen, da er eine Kerze unachtsam befestigt
hatte. Dies und sonst nichts. Die Chronik war von einem Be-
richt bereinigt worden, der dem Fürsten der Finsternis und sei-
nem Wirken allzugroße Macht unterstellte.
Es war die übliche Gelehrtenneugier, die mich nach einem Ka-
lender der Heiligenfeste greifen ließ. Für das Gedenken an den
Hl. Botulf war der 17. Juni bestimmt. Und heute war der 16.!
Die kommende Nacht, der Vorabend des Heiligenfestes, mar-
kierte den Jahrestag jener ungewöhnlichen Begegnung, die dem
Laienbruder von Dundrennan zum Verhängnis geworden war.
Im ersten Impetus wollte ich zu General Donaldson hinüber,
um ihm meine Entdeckung mitzuteilen. Doch dann keimte
plötzlich der Wunsch in mir, das, was ich entdeckt hatte, für
mich zu behalten. Es war ungefähr 11 Uhr vormittags. Unver-
züglich entschied ich mich zu einem Gang hinüber zu den Län-
dereien der Abtei, wo ich die Ruinen des Nordbaus aufzuspü-
ren hoffte. Würde ich aber auch später, im Abenddämmer vor
Beginn des Gedenktags, den Mut haben, noch einmal dorthin
zurückzukehren, um Klarheit darüber zu gewinnen, ob irgend-
ein dunkler Fremder mir seine Gesellschaft andienen würde?

-194-
Glücklicherweise hatte ich aus General Donaldsons Bibliothek
bereits alle vorhandenen lokalgeschichtlichen Werke ausgelie-
hen, dazu alle Publikationen, die Auf- oder Grundrisse von
Dundrennan enthielten. Bald hatte ich den nördlichen Nutzbau
lokalisiert, außerdem den ›Wald‹, der sich von dort bis zur Ab-
tei ausbreitete. Ich zögerte keinen Augenblick, nahm meinen
Wanderstock zur Hand und verließ die Ortschaft kurz vor Mit-
tag in Richtung Abtei.
Den ›Wald‹ gab es freilich nicht mehr, auch wenn er sich in
seinen Umrissen noch bestimmen ließ, und als ich den Nordbau
fand, erwies sich, daß er bis auf eines seiner Grundgemäuer
abgetragen war. Das Gelände war überwuchert von Brennes-
seln, und irgendwann, vor langer Zeit, hatte man den Versuch
unternommen, die Ruinen mit einem Ring großer, aufrecht ste-
hender Steine zu umschließen. Einer dieser Steine zog meine
Aufmerksamkeit auf sich. Als ich die Flechten, die ihn bedeck-
ten, mit der Hand abrieb, wurde mir klar, was mir aufgefallen
war. Auf einer seiner Seiten trug der Stein ein eingeritztes
Kreuz! Ob die übrigen Steine ebenso gezeichnet waren? Die
Brennesseln fielen unter meinen Stockstreichen, während ich
eilig einen Stein nach dem andern in Augenschein nahm. Auf
drei von vier Steinen fand ich das gleiche Kreuz eingeritzt, zu-
weilen deutlich, zuweilen durch die Verwitterung des Steins
kaum noch erkennbar. Ohne Zweifel waren einst alle Steine mit
solchen Gravuren versehen gewesen, und auf allen Steinen be-
fanden sich die Kreuze auf der den Ruinen abgewandten Seite.
Lag dem vielleicht die Idee eines Heiligen Kreises zugrunde,
der den Widersacher einschließen und festsetzen sollte? Hatte
man diese ursprünglich wohl noch auf andere Weise verstärkte
steinerne Einkreisung mit ihren eingeritzten Kreuzen nach der

-195-
Zerstörung des Baus und dem Tod des Laienbruders errichtet,
dessen Ende man ja mit dem Erscheinen eines bösen Geistes
verband?
Schwer zu sagen, ob ich durch meine Entdeckung oder die
daran geknüpften Gedanken beeinflußt wurde. Aber mir fiel
nun auf, daß mich immer dann, wenn ich innerhalb des Stein-
kreises stand, ein seltsames Gefühl der Beklemmung überkam,
sehr ähnlich dem, das man an einem schwülen Sommernach-
mittag kurz vor dem Ausbruch eines Gewitters empfindet.
Auch wenn dies wahrscheinlich nur eine törichte Einbildung
war, so hatte ich zudem den Eindruck, daß sich bei meinem
Umherwandern mal innerhalb, mal außerhalb des Steinkreises
nicht nur die Atmosphäre, sondern sogar das Licht veränderte.
Befand ich mich innerhalb des Kreises, schien der Tag sich zu
verdüstern; außerhalb der Steine wurde er wieder heller.
Ich muß wohl laut gesprochen und mich einen Dummkopf
gescholten haben. Da bemerkte ich den Fremden! Er trug einen
schwarzen Anzug oder Gehrock, und er stand dort, wo ich das
Gelände des ›Waldes‹ vermutete. Es wäre gelogen, wollte ich
behaupten, daß seine Erscheinung mich unbeeindruckt ließ.
Mein Herz schlug schneller, und jäh befiel mich eine seltsame
Atemlosigkeit. Ja, ich mußte meine Hand auf einen der gravier-
ten Steine legen, um mich auf den Beinen zu halten. Als ich
mich wieder gefaßt hatte, rieb ich mir die Augen. Der Fremde
war verschwunden! Mich wiederum einen Phantasten schimp-
fend, verließ ich die Ruinen des Nordbaus und begab mich auf
den Weg zurück zum Gasthof. Als ich den ›Wald‹ passierte, fiel
mir nichts Ungewöhnliches auf, und ich hatte auch keine weite-
ren ungewöhnlichen Anwandlungen. Eine Stunde später war
ich wieder in meinem Zimmer.

-196-
Wohl eine halbe Stunde lang versuchte ich dort im Selbstge-
spräch Klarheit zu gewinnen, ob ich wirklich einen ›dunkel ge-
wandeten Fremden‹ gesehen und ob ich innerhalb des Stein-
rings mit seinen Kreuzzeichen wirklich eine andere Atmosphäre
verspürt hatte. War nicht vielmehr meine Einbildungskraft mit
mir durchgegangen, nachdem ich jene getilgten Einträge in der
Chronik entziffert hatte? Wenn es aber doch diesen ›Fremden‹
gab, konnte es sich bei ihm dann nicht um irgendeinen Bauern
aus der Umgebung handeln, dem meine Gänge durch die Rui-
nen verdächtig erschienen waren?
In jener halben Stunde bin ich zu einem Entschluß gelangt.
Punkt halb sechs Uhr abends begann ich mit dieser detaillier-
ten Niederschrift, in der ich über meine Entdeckungen in der
Dundrennan-Chronik und darüber berichte, wie ich im hellen
Tageslicht eines Sommernachmittags den Nordbau des Klosters
besuchte. Ich habe mich um größtmögliche Genauigkeit be-
müht. Nun ist alles zu Papier gebracht, und ich werde die Bö-
gen siegeln und auf dem Kaminsims des Zimmers ablegen, wo
man sie finden wird, sollte mir ein Unglück zustoßen. Denn ich
möchte unbedingt wissen, ob ich am heutigen Nachmittag le-
diglich einer törichten Phantasterei erlegen bin, und ich bin ent-
schlossen herauszufinden, ob der ›dunkle Fremde‹ auch nach
fast sechshundert Jahren noch denjenigen ansprechen und sich
ihm zugesellen wird, der durch den ›Wald‹ zum Nordbau hi-
nübergeht. Diesen Gang werde ich heute abend, am Vorabend
des Gedenktags für den Hl. Botulf, höchstselbst tun.
Alexander Hutton,
den 16. Juni 1825

-197-
Mair und ich sahen einander an.
»Soweit dies«, sagte ich unentschlossen.
»Offenbar ist er nicht zurückgekehrt«, warf Mair ein. »Wäre er
zurückgekommen, hätte er diesen Bericht durch einen anderen
ersetzt. Aber warum hat niemand das Siegel erbrochen? Viel-
leicht ist ja alles nur ein dummer Scherz?«
»Nein, ein Scherz ist das nicht«, antwortete ich zögerlich. »Da-
für ist der Tonfall zu echt. Und es ist so, wie Sie gesagt haben:
zweifellos ist er nicht zurückgekehrt. Was also ist ihm zugesto-
ßen? Hilft uns das Datum weiter?«
Wieder richteten sich unsere Blicke auf das Schreiben.
»Der 16. Juni 1825«, murmelte Mair. »Ich frage mich, ob…«
»Ja«, fiel ich ihm ins Wort. »Wir sollten uns die Zeitungen von
damals ansehen. Vielleicht geben sie uns irgendeinen Auf-
schluß.«
Mair machte sich sogleich auf den Weg, um die Lokalblätter
des Jahres 1825 in den Beständen der Bibliothek aufzustöbern;
ungeduldig erwartete ich ihn.
Endlich kam er zurück. Erfreulicherweise nicht mit leeren
Händen. Welche Schätze die Bibliothek doch barg! Der Junge,
der Mair begleitete, schob einen Wagen mit zehn oder zwölf
gebundenen Zeitungsjahrgängen aus dem letzten Jahrhundert.
Gemeinsam nahmen wir die Folianten in Angriff, und es dau-
erte nicht lange, bis mich ein Ausruf von Mair aufhorchen ließ.
Ich ging zu ihm hinüber. Er hatte den Wigtown Advertiser vom
18. Juni 1825 aufgeschlagen und dort diese Nachricht gefunden.

GENERAL DONALDSON

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Mit Bedauern zeigen wir unseren Lesern hiermit den
Tod von General Donaldson an, einem tapferen Solda-
ten und bewährten Heimatforscher. Gestern, den 17.
um die Mittagszeit, verstarb der General ganz plötzlich
in seinem Hause. Seit längerem stand es mit seiner Ge-
sundheit nicht zum Besten; auch hatte ihn der eigen-
tümliche Unfall, bei dem sein Freund und heimatkund-
licher Kollege, Dr. Alexander Hutton, das Leben verlor,
sehr mitgenommen. Wie wir erfuhren, war der General
eben von einem Besuch im Gasthof von Kirkcudbright
heimgekehrt, wo Dr. Hutton logiert hatte, und auf dem
Weg in seine Bibliothek, die in einem Obergeschoß sei-
nes Hauses untergebracht ist, als man ihn schwer stür-
zen hörte. Als der Diener in den Raum eilte, fand er den
General auf dem Boden liegend; er wollte ihm aufhel-
fen, mußte aber erkennen, daß sein Dienstherr das Zeit-
liche gesegnet hatte.

Es folgten Einzelheiten aus dem Werdegang des Generals –


im nationalen wie im lokalen Maßstab –, die für uns irrelevant
waren.
»Der eigentümliche Unfall, bei dem sein Freund und heimat-
kundlicher Kollege, Dr. Alexander Hutton, sein Leben verlor«,
wiederholte Mair.
»Ja, wir sind auf frischer Fährte«, antwortete ich. »Und wenn
General Donaldson Alexander Huttons Schriftstück mit nach
Hause genommen hat – und die Leute im Gasthof werden es
ihm als engem Freund des Verstorbenen höchstwahrscheinlich
ausgehändigt haben (denken Sie nur an das ängstliche Miß-

-199-
trauen, das ihnen die verstörende Aufschrift eingeflößt haben
muß), hätte der General es dann nicht mit in seine Bibliothek
genommen, um es dort zu entsiegeln und zu lesen? Angenom-
men, es wäre ihm aus der Hand gefallen, als er zusammen-
brach, dann könnte es sehr gut möglich sein, daß der Diener es
vom Boden aufhob und, ohne es näher in Augenschein zu
nehmen, zu den sonstigen Schriftstücken auf dem Schreibtisch
legte, mit denen es dann später vermischt wurde und unbe-
merkt und unwissentlich mit dem schriftlichen Nachlaß des
alten Mannes hier in die Universitätsbibliothek gelangte. Ich
halte das für durchaus denkbar. Jedenfalls würde es erklären,
warum der Brief bis heute ungeöffnet blieb. Und vielleicht fin-
den wir ja sogar heraus, was es mit dem ›merkwürdigen Unfall‹
auf sich hat.«
Aber offenbar war alles, was den Wigtown Advertiser beschäf-
tigte, General Donaldson, oder aber das Blatt besaß zu geringe
Kenntnisse davon, wie Alexander Hutton umgekommen war.
Jedenfalls gab es sonst nichts her. Ein weiteres Mal nahmen wir
uns die Bände auf dem Rollwagen vor, und diesmal war ich es,
der fündig wurde, und zwar im Stewartry Record:

BRAND IN KIRKCUDBRIGHT
In der Nacht des 16. Juni brach in einem der Zimmer
des ›Douglas Arms‹ in Kirkcudbright unerklärlicher-
weise ein Brand aus, der zum Tode des Gastes Dr.
Alexander Hutton führte. Dr. Hutton war nach einem
Abendspaziergang offenbar in großer Hast und verstört
gegen 11 Uhr abends in den Gasthof zurückgekehrt. Er
ging sogleich auf sein Zimmer – von wo man kurz dar-

-200-
auf Laute hörte, als ob er in Todesnot sei. Als man die
verschlossene Tür aufbrach, fand man in einem Winkel
des Raums ein wild loderndes Feuer und inmitten der
Flammen den ausgestreckten Körper von Dr. Hutton.
Der Brand konnte nur mit Mühe gelöscht werden –
wiewohl es denjenigen, welche die Flammen nieder-
kämpften, unverständlich blieb, warum das Feuer in
der Zimmerecke, wo nur ein Pult und ein Stuhl stan-
den, immer wieder aufloderte. Auffällig war ferner, daß
der übrige Raum, auch der Bereich um den Kamin, in
dem übrigens kein Feuer brannte, von der lodernden
Glut überhaupt nicht erfaßt wurde. Dr. Hutton war tot,
obwohl die Todesursache sich schwer bestimmen ließ,
denn sein Körper wies dem Umstand zum Trotz, daß er
inmitten der Flammen gelegen hatte, keinerlei
Verbrennungen auf. Das Pult und der Stuhl waren da-
gegen vom Feuer verzehrt worden, und man nimmt an,
daß der Brand von den Papieren, die sich auf dem Pult
befanden, ausgegangen ist. Auffällig erscheint weiter-
hin, daß Dr. Hutton seine Lampe nicht heller aufge-
dreht hatte; sie brannte zwar, jedoch mit niedrigem
Docht und stand zudem in jenem Teil des Zimmers, der
vom Feuer verschont blieb. Damit ist ein weiterer selt-
samer Umstand angesprochen, denn obwohl die Lampe
brannte, muß Dr. Hutton an seinem Pult eine Kerze be-
nutzt haben, da das geschmolzene Wachs einer Kerze,
die übrigens von ganz anderer Art war als die sonst im
Gasthof benutzten, neben dem ausgebrannten Pult ent-
deckt wurde. Vermutlich hatte das entzündete Licht

-201-
keinen festen Stand auf dem Pult, fiel um und löste so
den Brand aus.
Mittlerweile haben wir erfahren, daß ein wertvolles
Manuskript vermißt wird, das General Donaldson an
Dr. Hutton ausgeliehen hatte. Dieses Manuskript lag
wahrscheinlich auf dem ausgebrannten Pult und wäre
in diesem Fall restlos vernichtet worden.
Ferner ist uns eine seltsame Geschichte bekannt gewor-
den; danach hat sich Dr. Hutton vielleicht nicht allein in
seinem Zimmer aufgehalten. Mr. James Kennedy, der
seine Tochter besucht hatte (sie war gerade mit einem
Sohn niedergekommen), war gegen 11 Uhr abends auf
dem Rückweg zu seinem eignen Haus, als er einen
Mann, von dem er glaubt, daß es sich um Dr. Hutton
handelte, auf das ›Douglas Arms‹ zueilen sah. Der
Mann fiel ihm deshalb besonders auf, weil er im Lauf-
schritt zum Gasthof unterwegs war, dabei aber wankte
und zuweilen sogar strauchelte, so als habe er eine lan-
ge Strecke zurückgelegt und sei vollständig erschöpft.
Zugleich glaubt Mr. Kennedy mit Bestimmtheit wahr-
genommen zu haben, daß dem Laufenden eine zweite,
dunkel gekleidete Gestalt dicht auf den Fersen war. Sie
folgte Dr. Hutton (wenn er es denn war) so geschmei-
dig und geräuschlos, daß Mr Kennedy sich zunächst
fragte, ob er nicht durch irgendein sonderbares Licht-
spiel getäuscht werde und ob es sich bei diesem ›zwei-
ten Mann‹ nicht bloß um einen seltsamen Schattenwurf
handele. Dieses Empfinden, es eher mit einem Schatten
als einem zweiten Menschen zu tun zu haben, verstärk-

-202-
te sich noch, als Mr. Kennedy ihn Dr. Hutton durch die
Tür des Gasthofs folgen sah.
Als Dr. Hutton die Tür öffnete, schienen sich die beiden
Umrisse gleichzeitig ins Innere zu begeben. Leider wird
Mr. Kennedys Beobachtung durch keine weitere Zeu-
genaussage bestätigt. Die im Gasthof Anwesenden hör-
ten zwar Dr. Hutton die Treppen hinauf in sein Zimmer
hasten, wobei er mehrfach ins Stolpern kam, die Tritte
irgendeines Verfolgers aber hörten sie nicht. Und als
kurz darauf Dr. Huttons Rufe erklangen und die Tür zu
seinem Zimmer aufgebrochen wurde, fand man ihn
dort ganz allein inmitten der Flammen liegen, so wie
wir es oben bereits berichtet haben.

Ich nahm wahr, wie Mair plötzlich die Schultern bewegte, so als
wolle er eine unangenehme Last abschütteln.
»Gräßlich«, murmelte er wie zu sich selbst. »›Und Satan
sprach: Ich wandle nach meinem Gutdünken über die Erde‹.«

-203-
Ein Werk des Bösen

Seitdem er nach langer Krankheit wieder in seine Pflichten ein-


gerückt war, hatte Maitland Allan, unser verantwortlicher Bi-
bliothekar, ein auffälliges Widerstreben gezeigt, die Spezial-
sammlungen zugänglich zu machen, die unter seiner Obhut
standen; und zwar mit solcher Entschiedenheit, daß der Raritä-
tenraum der Bücherei fast so geheim und abgeschieden lag wie
der innerste Hof eines orientalischen Harems. Deshalb war ich
vollkommen verblüfft, als er plötzlich zu mir sagte: »Kommen
Sie, ich will Ihnen die ganze Sammlung zeigen.«
Ich hatte einen italienischen Wiegendruck von Aeneas Sylvius
bestellt, und der Gehilfe am Ausgabeschalter war mit meinem
Formular verschwunden. Als er zurückkam, war Allan bei ihm.
Und nun sollte ich seltsamerweise ›die ganze Sammlung‹ se-
hen. Hatte ich einfach nur unerwartetes Glück? Oder verfolgte
der alte Mann eine geheime Absicht? Während der letzten zwei
oder drei Wochen war mir aufgefallen, daß er stehen blieb und
das Gespräch mit mir suchte, wann immer wir uns in einem
Raum oder auf dem Flur begegneten. Gab er mir in irgendeiner
Weise vor den übrigen Kollegen den Vorzug? Und wenn dem
so war, aus welchem Grund? Jeder wußte, daß er nach seiner
gerade überwundenen Krankheit ein wenig ›wunderlich‹ ge-
worden war.
Allan öffnete eine Tür mit der Aufschrift ›Zutritt nur für Per-
sonal‹ und führte mich durch ein Labyrinth von Gängen, die
gesäumt waren mit Bücherregalen, bis wir schließlich nach
Durchschreiten einer schweren Stahltür vor einem inneren Ei-

-204-
sengitter standen. Dieses Gitter schloß er auf und, beiseite tre-
tend, winkte er mich in den Raum.
Neugierig sah ich mich um; doch blieb mir keine Zeit für
mehr als einen kurzen Blick.
»Da sind sie«, sagte er und wies auf eines der Regale. »Eine
außerordentliche Sammlung. Eine beängstigende Sammlung.
Lucretia und Eurialus, das Buch, das sie bestellt haben, steht
auch hier, aber es ist in jeder Hinsicht ein Fremdkörper. Was
die übrigen Bände angeht, so hasse ich sie.« Seine Stimme hob
sich wie in nervöser Anspannung.
Ich trat an das Regal, wobei mir auffiel, daß Allan mir nicht
folgte. Zwei lange Reihen schön gebundener Folianten ließen
mich einige Worte der Anerkennung und des Danks für meine
Bevorzugung murmeln. Während ich ehrfurchtsvoll ein Buch
nach dem anderen zur Hand nahm, schaute ich mir die Ein-
bände genauer an. Sie bestanden allesamt aus kostbarem Leder
und waren kunstvoll punziert in vielfältigen, komplexen Mu-
stern, in denen Spiralen und seltsame kabbalistische Zeichen
vorherrschten. Auch die Titelblätter sah ich mir an: Ein jedes
dieser Werke war entweder ein Wiegendruck oder stammte aus
dem frühen 16. Jahrhundert. Und jedes Werk hatte dasselbe
Thema. Ich ließ meinen Blick über die Borde wandern und ach-
tete besonders auf jene Bände, die einen Rückentitel trugen.
Stets die gleiche Thematik.
»Aber die handeln ja sämtlich von schwarzer Magie und Ne-
kromantie«, rief ich und wandte mich Allan zu. »Man könnte
von einer Sammlung des Bösen sprechen oder jedenfalls von
einer Sammlung, die das Böse heraufbeschwören will. Wer hat
denn dieses ganze Teufelszeug zusammengetragen? Es ist, als

-205-
ob irgend jemand sich mit aller Kraft darum bemüht habe, et-
was zu finden, das ihn zum erstrebten Ziel führt.«
»Ein unseliger junger Mann, dessen Lebensgeschichte Sie
ebensogut kennen wie ich«, antwortete Allan langsam. »John,
der dritte Earl von Gowrie. Sie werden sich daran erinnern, daß
er nach seiner Universitätszeit hier nach Padua ging, um die
Rechte zu studieren; dort, so heißt es, habe er sich mit Magie
und Zauberkunst eingelassen. Nun, das hier ist seine Bibliothek
– oder doch ein Teil davon. Ach, ich wünschte, sie wäre unter-
gegangen.«
Wieder fiel mir das nervöse Timbre seiner Stimme auf.
»Nun«, entgegnete ich leichthin, »wenn er sich tatsächlich mit
den verbotenen Künsten abgegeben hat, so kann er nicht be-
sonders erfolgreich gewesen sein. Dafür spricht allein die große
Zahl der Bücher. Man hätte meinen sollen, daß seine ständig
neuen Versuche und die ständigen Fehlschläge und Enttäu-
schungen, die er erlebt haben muß, ihn zuletzt ernüchtert hät-
ten.«
Eine ganze Minute lang antwortete Allan nicht. Statt dessen
schaute er mich mit einem schwer deutbaren Blick an.
»Erfolglos?« fuhr er schließlich fort. »Bei Gott, ich wünschte,
Sie hätten recht! Sehen Sie den Tresor dort drüben? Er enthält
ein letztes Buch aus Gowries Sammlung. Niemand außer mir –
und nun auch Sie – weiß, daß es sich dort befindet. Dieses Buch
ist das Werk, das Gowrie endlich zu seinem Ziel brachte. Hören
Sie mir zu – Sie müssen mir zuhören –, und ich erzähle Ihnen
eine Geschichte über dieses grundüble Buch, die mich quält,
seit die Sammlung an uns gefallen ist. Dann werden Sie anders
denken über Erfolg und Erfolglosigkeit.«

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Er hatte auf einen kleinen Panzerschrank im Zimmerwinkel
gedeutet. Ich tat einen Schritt auf den Tresor zu, aber Allan er-
griff meinen Arm und hielt mich zurück. »Oft habe ich das
Empfinden, es wäre besser, ich würde dieses Buch aus dem
Tresor holen und es weit draußen ins Meer werfen«, fuhr er
fort, »aber mir fehlt die Kraft dazu. Ich habe zu große Angst. Es
ist nur ein kleines Buch, aber in ihm steckt das Böse selbst. Die-
ses eine kleine Buch fährt einem an die Gurgel und würgt einen
zu Tode.«
Ich schaute ihn verblüfft an. War das tatsächlich Allan, der all
dies sagte und der meinen Arm so fest preßte, daß sich seine
Finger schmerzhaft in mein Fleisch gruben?
»Was also wollen Sie tun?« fragte ich, erschreckt, zugleich
aber auch verärgert darüber, wie ein Kind festgehalten zu wer-
den, dem irgendeine Gefahr droht.
»Wenn ich das selbst nur wüßte«, erwiderte er langsam und
in gemäßigterem Ton. »Ich kann Ihnen lediglich sagen, daß in
den letzten achtzehn Monaten zwei Männer erwürgt wurden,
nachdem sie einen Blick in das Buch geworfen hatten. Das ist
eigentlich schon alles.«
Ich war, wie man sich denken kann, wie vor den Kopf ge-
schlagen. Da standen wir starr und schweigend nebeneinander,
wie zwei Verschwörer, die man bei etwas ertappt hat, was sie
selbst nicht benennen können und dessen Bedeutung ihnen un-
begreiflich bleibt.

»Die Sammlung fiel gegen Ende des Krieges an uns«, sagte Al-
lan, endlich das Schweigen brechend. »Sie wurde uns von der
örtlichen Gesellschaft für Heimatkunde überlassen und traf

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verpackt in Holzkisten ein. In diesen Kisten hatte man sie auf-
bewahrt, seit Gowrie House 1805 abgerissen wurde. Und nie-
mand hatte sie angerührt, bis wir sie hier in diesem Raum ein-
hundertfünfzig Jahre später öffneten. Es heißt, man habe die
Bücher seinerzeit in einem Wandschrank entdeckt, der hinter
einer Holztäfelung vor jedem neugierigen Blick verborgen war.
Ich will das gerne glauben. Vielleicht hat Gowrie selbst sie so
der Aufmerksamkeit entziehen wollen. Vielleicht versuchte er
auf diese Weise aber auch, sich von einem drückenden Alp zu
befreien. Vielleicht hat Gowrie das besagte Buch mitsamt all
den anderen Werken der Schwarzmagie aus eben jenem Grund
in einem Kabinett versteckt, aus dem ich es nun in einem Tresor
aufbewahre. Und vielleicht war auch er von Angst beseelt, das
eine zu tun, was er hätte tun müssen. Aber vielleicht ist alles
auch ganz anders zu deuten. Vielleicht belegte er das Buch per-
sönlich mit einem Fluch, so daß niemand, der es künftig auf-
schlug, am Leben blieb. Diese Wirkung hat es jedenfalls hier bei
uns gehabt.
Zunächst traf es Fraser. Sie werden sich erinnern, daß er, be-
vor Sie zu uns kamen, den Lehrstuhl für Chemie innehatte. Als
die Sammlung angeliefert wurde, war er ganz erpicht darauf,
sie in Augenschein zu nehmen. Tag für Tag saß er hier mit sei-
nem Notizbuch. ›Ich versuche, die Formeln zu entschlüsseln‹,
lautete seine übliche Begründung, ›einige davon sind ver-
dammt interessant.‹
Eines Tages hatte er allzuviel gelesen. Ich war an jenem
Nachmittag im Reid Room und kam erst hierher, als es fast
schon Zeit war abzuschließen. Wie gewöhnlich saß Fraser in
seinem Stuhl dort am Fenster; an diesem Nachmittag aber
schaute er nicht mit seinem üblichen freundlichen Nicken zu

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mir auf. Als er mich nach meinem Eintreten ansah, war sein
Gesicht vielmehr bleich und verzerrt.
›Mein Gott, Allan‹, sagte er gepreßt, ›dieses Buch ist durch
und durch des Teufels. Man sollte es verbrennen. In Asche
verwandeln.‹ Er rückte seinen Stuhl zurück und schien dabei
wieder etwas Fassung zu gewinnen. ›Schauen Sie‹, fuhr er fort
und blickte mich dabei mit grimmigem Ernst an, ›ich lege es
hier in diesen leeren Tresor. Schließen sie es darin ein. Und las-
sen Sie niemanden, niemanden, niemanden je wieder in diesem
Buch lesen.‹
Er trat an den Eisenkasten dort drüben – damals war er in der
Tat leer –, legte das Buch hinein und wartete, bis ich die Tür mit
meinem Hauptschlüssel abgesperrt hatte. Dann drängte er sich
an mir vorbei und verließ den Raum. Es war das letzte Mal, daß
ich ihn sah. Noch in derselben Nacht wurde er in seinem Labor
tot aufgefunden. Erwürgt. Und niemand vermochte zu klären,
wie oder warum.
Er besaß einen eigenartigen Labormantel, der geradezu sein
Markenzeichen war. Er ähnelte einem altmodischen Kittel und
wurde am Hals durch eine Schmuckkordel gehalten. Als man
ihn fand, umschlossen seine Hände diese Kordel. Sie war so fest
gezogen, daß sie ihn erdrosselt hatte. Die Studenten, die im La-
bor arbeiteten, hatten niemand in seinen Raum gehen oder he-
rauskommen sehen. Mir ist nun klar, daß sie niemanden sehen
konnten. Und mir ist auch klar, daß Frasers Hände die Kordel in
dem vergeblichen Versuch umklammerten, sie zu lösen und so
sein Leben zu retten.
Niemand kam natürlich auf die Idee, Frasers Tod mit dem
Buch in Verbindung zu bringen, das er gelesen hatte. Auch mir

-209-
dämmerte der Zusammenhang der beiden Ereignisse zunächst
nicht. Aber es dauerte nicht lange, und mir wurde klar, daß das
Buch, das da einsam unter Verschluß lag, mir zunehmend
Angst machte. Ich bemühte mich, es dort unbesehen liegen zu
lassen, doch schien es mir seinen Willen förmlich aufzuzwin-
gen.
Vierzehn Tage vergingen, dann begriff ich die Wahrheit. Da
wußte ich plötzlich, was geschehen war. Wußte, daß dieses
Buch Frasers Tod bewirkt hatte.
So verängstigt ich auch war, hatte ich doch Mut genug, etwas
zu unternehmen. Ohne daß das Personal davon etwas bemerk-
te, entfernte ich alle Hinweise aus den Bibliotheksverzeichnis-
sen. Frasers Tod sollte nicht umsonst gewesen sein. Nein, nie-
mand sollte dieses Buch in Zukunft lesen. Nicht einmal seine
Existenz sollte bekannt sein. Hätte ich den Mut dazu aufge-
bracht, ich würde das Buch verbrannt haben – so wie Fraser es
gesagt hatte. Aber ich konnte mich nicht dazu überwinden, es
in die Hand zu nehmen. Es hatte schon Macht über mich ge-
wonnen. Ich fürchtete mich vor ihm. Und so mußte denn der
junge Inglis sterben. Das zweite Opfer.
Er war als studentische Hilfskraft auf Teilzeitbasis zu uns ge-
kommen und hatte uns alle schon nach Kurzem von seinen Fä-
higkeiten überzeugt. Und zwar in solchem Maße, daß ihm bald
wie selbstverständlich Sonderaufgaben anvertraut wurden. Als
ich seinerzeit grippekrank und einige Tage nicht im Haus war,
betraute man ihn mit der Aufgabe, den Präsenzkatalog der
Spezialsammlungen zu überprüfen. Können Sie sich meinen
Schrecken vorstellen, als ich ihn am ersten Arbeitstag nach
meiner Abwesenheit hier in diesem Raum vorfand, ganz ver-
tieft in dem Buch blätternd.
-210-
Als er mich sah, rief er: ›Ich habe einen Wiegendruck ent-
deckt, der nicht im Katalog verzeichnet ist. Er ist furchtbar ver-
staubt…‹
Ich eilte sofort zu ihm, nahm ihm das Ding weg und schob es
in ein Fach, während er mich mit offenem Mund anstarrte. Wie
sollte ich es ihm erklären? Ich wagte einfach nicht, ihm die
Wahrheit zu sagen. Die Wahrheit, das bedeutete ja, so wie ich
es sah, daß das Todesurteil über ihn schon gefällt war. Ich
murmelte einige entschuldigende Worte, die er nicht ernstneh-
men konnte, und schickte ihn hinaus. Dann setzte ich mich hin,
matt und schwach. Was konnte ich tun, um ihn zu retten?
Nichts. Er war verloren. Das Böse war mit der Lektüre unent-
rinnbar über ihn gekommen. Ich verfluchte mich wegen meiner
Feigheit. Warum hatte ich ihm nicht wenigstens von dem Fluch
berichtet, der über diesem Druck hing? Hatte das Buch mich
schon so sehr in Bann geschlagen, daß ich mich fürchtete, vor
ihm zu warnen?
Der arme Junge! Er entkam seinem Geschick nicht. Als die Bi-
bliothek an diesem Abend schloß, entdeckte einer der Mitarbei-
ter, daß der automatische Fahrstuhl nicht funktionierte. Er
nahm natürlich an, daß irgend jemand auf einem der Stockwer-
ke die Tür nicht ordentlich geschlossen hätte; so ging er also
nachsehen.
Er fand die Tür, die nicht geschlossen war. Und er fand Inglis.
Er war in die Außentür geraten, und sie hatte ihm am Genick
erfaßt. So als hätte er den Aufzug betreten und dann, während
die Tür sich schloß, seinen Kopf nach draußen gereckt, um nach
irgend etwas Ausschau zu halten. Das Seltsame für alle, die
nicht wußten, was ich wußte, war nur, daß der Arme dabei sein
Leben verloren hatte, denn der Druck der Außentüren ist bei
-211-
diesem Aufzugtypus so gering, daß man sie ohne weiteres mit
einer Hand aufhalten kann. Aber Inglis war tot. Die Aufzugtür
mit ihrem leichten Druck hatte ihn stranguliert. Fraser war an
dem Tag, an dem er das Buch geöffnet hatte, erwürgt worden.
Inglis ebenso.
Wundert es Sie, daß ich in der derselben Nacht einen – so hat
man es genannt – Nervenzusammenbruch hatte?
Mehr als ein Jahr lang konnte ich meinen Pflichten nicht
nachkommen, und Sie wissen wahrscheinlich, daß ich erst seit
ungefähr sechs Wochen zurück in der Bibliothek bin. Erstaunli-
cherweise habe ich nicht den Verstand verloren – obwohl ich
mir darin manchmal nicht sicher bin. Vielleicht bin ich ja doch
verrückt, vielleicht leide ich an Wahnvorstellungen. Aber ich
wußte als einziger, daß Inglis das Buch aufgeschlagen hatte; als
einziger wußte ich auch, daß er damit zum Tode verurteilt war.
Und er starb – so wie Fraser gestorben ist.
Möge Gott mir vergeben! Es muß vernichtet werden. Doch ich
bringe den Mut dazu nicht auf. Meine Angst ist zu groß. Aber
vor ungefähr zwei Wochen, an dem Tag, als ich Sie im oberen
Lesesaal ansprach, war ich immerhin tapfer genug, es aus dem
Bücherfach zu nehmen und wieder in den Tresor einzuschlie-
ßen. Sie gaben mir den Mut dazu – auch, wenn Ihnen das selbst
nicht bewußt gewesen sein mag. Nun freilich bin ich wieder
voller Angst. Ich habe das Gefühl, daß es mich von jenseits der
Stahltür auslacht… und darauf wartet, daß seine Zeit kommt.
Sie müssen mir verzeihen; ich hatte gar keine Wahl, als Ihnen
all das zu berichten. Eines Tages findet man vielleicht auch
mich erwürgt auf. Zumindest Sie werden dann wissen, war-
um.«

-212-
Wie man sich leicht denken kann, war ich nicht sonderlich da-
von angetan, so plötzlich zum Mitwisser gemacht zu werden,
zumal dieses Wissen eine Last war. Doch als ich auf dem Weg
zu meinem Zimmer den Innenhof überquerte, bewegten sich
meine Gedanken in eine andere Richtung. »Armer alter Allan«,
dachte ich. »Kein Wunder, daß er einen Zusammenbruch hatte.
Kein Wunder, daß er ›wunderlich‹ geworden ist. Das also geht
ihm die ganze Zeit durch den Kopf. Armer Kerl! Ein Opfer sei-
ner Einbildungen: Da liegt ein harmloses Buch hinter Schloß
und Riegel, und er fürchtet sich davor wie vor einem unheilvol-
len Geist aus Tausendundeiner Nacht. Und zugleich hat er eine
Sterbensangst, das zu tun, was ihm allein Erleichterung ver-
schaffen könnte.«
Aber ich tat Allan damit Unrecht.
Es war am nächsten Morgen. Ich hatte meine Vorlesung
gehalten und führte gerade in meinem Arbeitszimmer ein Ge-
spräch mit einem Studenten, als Wallace, einer unserer Dozen-
ten für Moderne Sprachen und zugleich Allans Wohnungs-
nachbar, die Tür einen Spalt weit öffnete und mich nach drau-
ßen winkte.
»Wissen Sie schon, daß Maitland Allan tot ist?« fragte er.
»Tot?«
»Ja. Offenbar war er gestern abend ganz aufgewühlt. In sei-
nem Arbeitszimmer auf- und abschreitend, sagte er immer
wieder laut: ›Ich tue es jetzt. Ich tue es jetzt‹. Seine Haushälterin
war höchst beunruhigt deswegen. Dann, gegen neun Uhr, hörte
sie; ihn plötzlich in der Eingangshalle, und als sie durch den
Türspalt spähte, sah sie, wie er dort in seinen Mantel schlüpfte,

-213-
einen Hut aufsetzte und seinen Schal überwarf. Dann stürmte
er geradezu aus dem Haus.
Ganz und gar außer Fassung, kam sie zu mir herüber. Ich tat
mein Bestes, sie zu beruhigen, aber sie war so aufgeregt, daß ich
ihr schließlich anbot, zu ihr hinüberzukommen und gemeinsam
mit ihr auf Allans Rückkehr zu warten.
Er traf erst kurz vor zwei Uhr morgens ein. Wir hörten, wie er
die Haustür aufsperrte, und dann, gerade als er sie wieder ge-
schlossen hatte, einen eigentümlich abgewürgten, erstickten
Schrei. Als wir in die Eingangshalle stürzten, hing er halb an
der Tür, halb lag er auf dem Teppich. Ein Ende seines Schals
hatte sich in der Tür verfangen, als er sie schloß, und als er in
die andere Richtung weiterging, hatte der Schal sich eng um
seinen Hals gezogen und ihn festgehalten. Wir öffneten sofort
die Tür und machten ihn frei, doch als wir ihm wieder auf die
Füße helfen wollten, erwies sich, daß er schon tot war… Ich bin
eigens zu Ihnen gekommen, um Sie zu unterrichten, weil er Sie
meiner Meinung nach zunehmend ins Herz geschlossen hat-
te…«
Aber ich hörte schon gar nicht mehr richtig hin. Meine Ge-
danken wirbelten wie toll um ein Wort, dessen Buchstaben hö-
her und höher aufzuragen schienen. Und dieses Wort lautete:
›erwürgt‹. Fraser, Inglis, Allan. Konnte das dreifacher Zufall
sein? Oder steckte dahinter eine andere Wahrheit?

Selbstverständlich untersuchte die Staatsanwaltschaft den To-


desfall Maitland Allan.
Ein Bootsverleiher bezeugte, daß Allan (den er identifizieren
konnte) ihn ungefähr um Mitternacht durch sein Klopfen auf-

-214-
geschreckt hatte und von ihm ›eine volle Meile aufs Meer‹ hin-
ausgerudert werden wollte. Zunächst hatte er seine Bedenken
gehabt, denn Allan war ihm ›ziemlich aus dem Häuschen‹ er-
schienen, doch dann hatte offenbar eine Fünf-Pfund-Banknote
die Angelegenheit zu seiner Zufriedenheit geregelt. So hatte er
Allan denn hinaus aufs Meer gerudert.
Als er seinen Kunden darauf hinwies, daß sie inzwischen
deutlich über die vereinbarte Meilengrenze hinaus wären, zog
Allan zu seiner großen Überraschung auf einmal ein kleinfor-
matiges Buch aus seiner Manteltasche, hob es mit beiden Hän-
den über den Kopf und schleuderte es mit aller Kraft ins Was-
ser. Danach, so der Bootsverleiher, ›kauerte er sich im Boot nie-
der, als habe er Angst, jemand würde auf ihn einschlagen. Und
in dieser Haltung blieb er, bis ich das Boot wieder vertäute,
dann war er mit einem Satz draußen, und auf dem Kai legte er
ein Tempo vor, als ob ihm der Teufel selbst auf den Fersen wä-
re.‹
Die Gerichtsmediziner gelangten zu einem einstimmigen
Verdikt, obwohl einige Fragen offen blieben. So hatte es sie
überrascht, daß der weiche und elastische Schal eine scharfe
Spur auf Allans Hals hinterlassen hatte. Sie waren indessen
gemeinsam davon überzeugt, ein plötzlicher Schreck habe zum
Tode geführt. Sein Herz, so sagten sie, sei nicht in bester Ver-
fassung gewesen und der Schock wohl zu viel für ihn gewesen.
Ich allein wußte freilich, was für ein ›Schock‹ das gewesen
war. Ich allein wußte, welcher Gedanke den armen Kerl blitzar-
tig befallen hatte, als er plötzlich und unerwartet spürte, wie
sein Schal sich immer enger um seinen Hals zog.

-215-
Dies alles habe ich gestern niedergeschrieben, als mein Kopf
noch frei war. Wie anders es heute aussieht! Heute sind Allans
Furcht und Schrecken auf mich übergegangen. Denn heute, als
sich die Sitzung des Bibliothekskomitees dem Ende näherte,
meldete sich ein Mitarbeiter zu Wort und wies beiläufig auf
einen eher unwichtigen Tatbestand hin. Nach Allans Tod, sagte
er, habe er den Raritätenraum inspiziert und dort in einem Tre-
sor ein Buch gefunden, daß zur Sammlung Gowrie gehöre, zu
seiner Überraschung aber nicht im Katalog verzeichnet sei.
Wie benommen tappte ich in mein Arbeitszimmer zurück.
Und während ich diese Zeilen schreibe, gehen mir die wilde-
sten Gedanken durch den Kopf. Ist es möglich, daß Allan in
jener letzten Schreckensnacht so verstört und überreizt war,
daß er das falsche Buch vernichtete? Aber wie sollte das mög-
lich sein? Nur dieses eine Buch lag ja im Tresor. Der Verstand
sträubt sich freilich gegen die andere Annahme – daß ein Buch
aus Meerestiefen wiederkehren kann. Ach, der klügelnde
Verstand! Wie lang wird er sich gegen die furchtbare Frage be-
haupten können, die mir nun unaufhörlich durch den Sinn
geht?
Denn jener Bibliothekar hat das Buch nicht nur in der Hand
gehabt, er hat es auch geöffnet…

-216-
Frederick Cowles
(1900-1948)

Unter den in diesem Band vorgestellten Autoren, die die Ja-


messche Tradition der Gespenstergeschichten fortsetzten, ist
Frederick Cowles fast schon so etwas wie eine Ausnahme – er
war weder Geistlicher, noch Universitätsdozent, sondern ›le-
diglich‹ Bibliothekar.
Geboren wurde Frederick Ignatius Cowles am 15. April 1900
in Cambridge. Mütterlicherseits soll er von Zigeunern abstam-
men. Der junge Cowles besuchte das Emmanuel College in
Cambridge und arbeitete eine Zeit lang in der Bibliothek des
Trinity College in Cambridge, bevor er 1927 die Stelle des
Chefbibliothekars in Swinton and Pendlebury in der Grafschaft
Lancashire annahm. Verheiratet war er seit 1930 mit Doris Ma-
ry Grimshaw, die viele seiner Bücher illustrierte. Seine ersten
Schreibversuche unternahm er bereits auf dem College – Cow-
lesʹ Sohn Michael berichtet von einem Drama, The White Road,
das von Mitstudenten im Jahre 1918 aufgeführt, aber nie ge-
druckt wurde –, bevor er 1933 mit Dust of Years sein erstes Buch
bei Sands and Company herausbrachte. Es folgten eine ganze
Reihe ähnlicher Bücher, in denen er eigene Reisebeschreibun-
gen und von ihm gesammelte örtliche Volkssagen zu einer
spannenden Mischung verband. Daneben erschienen einige
Kinderbücher, u. a. das seinem Sohn gewidmete Werk Michael
in Bookland (1936). Cowles war Mitglied der Royal Society of
Literature, und im Jahre 1936 brachte ihm sein literarisches
Schaffen auch eine internationale Würdigung ein, und zwar die
Silver Laureate Medaille des Institut Littéraire et Artistique de

-217-
France – wobei es zu den Anekdoten des Literaturbetriebs ge-
hört, dass weder Cowles noch seine Familie je herausfanden,
wofür genau ihm diese Auszeichnung eigentlich verliehen
wurde.
Neben seiner bibliothekarischen Tätigkeit war Cowles auch
als Vortragsreisender tätig, eine Aufgabe, die ihn kreuz und
quer durch England und Wales führte. Auf seiner Liste mögli-
cher Vorträge, die er verschiedenen Gesellschaften und anderen
Bibliotheken anbot, finden sich solch unterschiedliche Themen
wie »Gilbert und Sullivan«, »Chopin«, »Kriegslyriker«, »Engli-
sche Spukschlösser«, »Wien und seine Umgebung«, sowie
»Wagner und seine Opern«. Nummer 34 auf dieser Liste war
ein Vortrag über »Hexerei und Schwarze Magie«. Überra-
schend dabei ist, daß Cowles bei dieser Art der Lebensführung,
die ihn oft zwang, weite Strecken zurückzulegen, nie den Füh-
rerschein machte, sondern entweder öffentliche Verkehrsmittel
nutzte oder sich von anderen zu seinen Vorträgen fahren ließ.
Während des Zweiten Weltkriegs war ihm, aufgrund seines
schlechten Gesundheitszustandes, ein aktiver Dienst nicht mög-
lich; statt dessen hielt er als einberufener Captain des Army
Education Corps seine Vorträge vor Militärpersonal. Während
dieser Zeit – in der ihm ein Fahrer zur Verfügung gestellt wur-
de – verschlechterte sich sein Gesundheitszustand zusehends.
Nur wenige Jahre nach Ende des Krieges verstarb Cowles am
31. Mai 1948 an einem Nierenleiden.
Cowlesʹ Gespenstergeschichten scheinen zum Teil aus seinem
Interesse am Okkulten erwachsen zu sein, das ihn auf seinen
Reisen immer wieder örtlichen Gerüchten über angebliche
Spukerscheinungen nachgehen ließ, und zum anderen aus der
simplen Notwendigkeit, das von ihm herausgegebene zweimo-

-218-
natlich erscheinende Bulletin der Swinton Bibliothek zu füllen.
Seine erste gedruckte Gespenstergeschichte, ›The Headless Le-
per‹, erschien zum ersten Mal 1931 in der Dezemberausgabe
des Bulletin. Auch andere, später in Kollektionen aufgenomme-
ne Geschichten Cowlesʹ finden sich in ihrer ersten Fassung im
Bulletin. Obwohl sich Cowles hauptsächlich als Reiseschriftstel-
ler begriff und die Gespenstergeschichten, wie seine Frau be-
richtet, ursprünglich aus dem Bedürfnis heraus entstanden, sei-
ne literarischen Fähigkeiten auch einmal an etwas anderem zu
erproben, so ist Cowlesʹ Faible für alles, was mit dem Überna-
türlichen zusammenhing, doch unübersehbar. So stellte er z. B.
zusammen mit Dom Cuthbert Formby, einem befreundeten
Benediktinermönch, der wie Cowles selbst es liebte, Gespen-
stergeschichten zu erzählen, Nachforschungen hinsichtlich ei-
nes angeblichen Spukhauses in Salmesbury Hall, in der Nähe
von Chorley, an. Leider ist der ebenfalls im Bulletin erschienene
Essay ›Do You Believe in Ghosts?‹ wenig inspiriert und bietet
lediglich eine Aufzählung bekannter und weniger bekannter
angeblicher Geistererscheinungen und -sagen.
Auch Cowlesʹ Gespenstergeschichten haftet der Makel des
Derivativen an – nicht nur M. R. James, sondern auch Geschich-
ten anderer Autoren lassen sich bisweilen als Vorlage für Cow-
lesʹ eigene Texte ausmachen. Dennoch stellen auch die von ih-
ren Vorbildern stark beeinflußten Geschichten noch interessan-
te Variationen, ja gelegentlich Modernisierungen altbekannter
Stoffe dar. Wenn die Jamessche Gelehrsamkeit darin etwas zu-
rückgedrängt erscheint, so überzeugen Cowlesʹ Geschichten
doch durch ihren leichten, lockeren Stil und die Unbeschwert-
heit des Erzählens.

-219-
Zu seinen Lebzeiten erschienen die Gespenstergeschichten
des Autors gesammelt in den beiden Bänden The Horror of Ab-
botʹs Grange (London, 1936) und The Night Wind Howls (London,
1938). Oftmals interessanter, weil im Schnitt eigenständiger,
sind jedoch die Geschichten aus dem posthum veröffentlichten
Fear Walks the Night, dessen Erstveröffentlichung im Jahre 1993
dem unermüdlichen Hugh Lamb zu verdanken ist. Lamb, des-
sen biographischer Einleitung über Cowles in der Ash-Tree-
Press-Gesamtausgabe von Cowles phantastischem Werk (The
Night Wind Howls. Complete Supernatural Stories) hier die mei-
sten Informationen über den Autor entnommen wurden, stieß
bei seinen Nachforschungen auf Cowlesʹ Witwe, Doris, die ihm
einen kompletten unveröffentlichten Manuskriptband mit Er-
zählungen ihres verstorbenen Mannes überlassen konnte. The-
matisch besonders interessant sind die phantastischen KZ-
Erzählungen, die, kurz nach dem Kriege verfaßt, als die ersten
ihrer Art gelten dürften.
›Die seltsamen Geschehnisse in Upton Stonewold‹ und ›Das
Haus der Tänzerin‹, die beiden von uns ausgewählten Erzäh-
lungen, stammen aus Cowlesʹ zweitem Band, The Night Wind
Howls.
›Das Haus der Tänzerin‹ verbindet Jamessche Erzählmuster
mit dem dekadent-erotischen Topos der femme fatale zu einem
ironischen conte cruel. Dagegen erscheint die Erzählung ›Die
seltsamen Geschehnisse in Upton Stonewold‹ auf den ersten
Blick wie ein Pastiche von Jamesʹ ›An Episode of Cathedral Hi-
story‹, in der ebenfalls Veränderungen an einem alten Kirchen-
gebäude einen vampirischen Spuk freisetzen, der eine ganze
Ortschaft heimsucht. Doch variiert Cowles seine Vorlage in
mancherlei Hinsicht. Während James vermittels subtiler An-

-220-
deutungen eine Atmosphäre der Bedrohung schafft, malt Cow-
les seinen Spuk mit Freude am grausigen Detail aus. Und im
Epilog versucht Cowles dann auch noch gelehrter als der Mei-
ster zu sein, indem er eine ganze Reihe ›historischer‹ Belege für
ähnliche Vorfälle anführt – allesamt keine fingierten Dokumen-
te, wie sie James gerne aus dem Ärmel zaubert, sondern ›echte‹
Funde des Forschers Cowles aus der Folklore und der Ge-
schichte der Hexenverfolgungen. Wie dem auch sei: James-
Kennern wird der Vergleich und das Aufstöbern der Verände-
rungen von Jamesʹ Vorlagen und Cowlesʹ Bearbeitungen eine
detektivische – oder sollten wir sagen Jamessche – Freude berei-
ten, und auf alle anderen Leser wartet allemal spannendes Le-
sefutter.

-221-
Die seltsamen Geschehnisse in Upton Stonehold

I
Während meiner vier Cambridge-Jahre hatte ich zwar zahlrei-
che Bekanntschaften geschlossen, aber nur einen einzigen wirk-
lich engen Freund gewonnen. Er hieß Jocelyn Bourne und war
ein Kopf, dem es anders als den meisten unserer Studiengefähr-
ten am St. Hughʹs College um mehr ging als um die üblichen
Tändeleien der Jugend. Damit will ich keineswegs sagen, daß er
so etwas wie ein Stubenhocker war. Beide genossen wir unsere
Mußestunden in vollen Zügen und amüsierten uns auf unsere
Weise. Aber wir verloren nie aus dem Blick, daß die schnell
verstreichenden Universitätsjahre uns auf den Lebenskampf
vorbereiten sollten und daß das Leben uns wohl noch so man-
che Prüfung auferlegen würde. Wir hatten vieles miteinander
gemein, nicht zuletzt ein besonderes Interesse an christlicher
Archäologie. Burne war – und ist – ein überzeugter, aufrechter
Anglokatholik mit einer Neigung für die ehrwürdige Schönheit
der traditionellen Liturgie. In meiner Familie hat man dagegen
stets an jener älteren Glaubensrichtung festgehalten, der nach
meiner Auffassung ganz allein das Recht zukommt, sich katho-
lisch zu nennen. Trotz unserer unterschiedlichen theologischen
Bekenntnisse, deren Widerstreit übrigens auf kaum mehr hi-
nauslief, als daß wir uns über Fug und Recht anglikanischer
Orden uneins waren, hielten Bourne und ich eng zusammen,
und die Harmonie unserer Kameradschaft blieb ungetrübt von
weitschweifigen Diskussionen und sinnlosen Querelen.

-222-
Nachdem wir unseren Abschluß gemacht hatten, ging Bourne
auf ein Priesterseminar und wurde schließlich ordiniert. Ich
hielt mich eine Zeitlang im Ausland auf und ließ mich dann als
Architekt in jener westenglischen Kleinstadt nieder, wo meine
Familie seit Generationen begütert ist. Wir korrespondierten
ziemlich regelmäßig miteinander und trafen uns zuweilen in
London, wo er in einer der Vorstädte als Hilfsgeistlicher sein
erstes Amt bekleidete. Dann übernahm ich einen Auftrag der
italienischen Regierung und überwachte die Restaurierung ei-
niger antiker Bauten in Umbrien; fast drei Jahre lang war ich
nicht in England.
1932 kehrte ich nach Hause zurück, und gleich bei meiner er-
sten Lektüre entnahm ich der Times, daß Bourne zum Vikar von
Upton Stonewold ernannt worden war – einem jener freundli-
chen Dörfer im ostenglischen Fenn, die zur Diözese Ely gehö-
ren. Ich gratulierte ihm sogleich mit ein paar Zeilen, denn ich
erinnerte mich, daß die Kirche von Upton Stonewold, die ich
selbst nie besucht hatte, als ein architektonisches Kleinod des
15. Jahrhunderts gilt. Sie bezog ihre Pfründe aus einer Schen-
kung des Hl. Hugo, und wer hier amtierte, der war in der Regel
auf dem besten Wege zu höheren Ämtern.
Nach wenigen Tagen schon hielt ich Bournes Antwort in den
Händen, mit dem Vorschlag, ich möge ihn doch in seinem neu-
en Heim besuchen, sobald er sich eingerichtet habe; und einen
Monat später folgte ein weiterer Brief mit einer festen Einla-
dung.
»Die Kirche ist in jeder Hinsicht eine mittelalterliche Schatz-
kammer«, schrieb er. »Sie wird Dir gefallen. Zudem wirst Du in
einigen Zeitschriften auch Berichte über unseren jüngsten Fund

-223-
gelesen haben. Wir haben entdeckt, daß St. Walstan* anders als
die Mehrzahl der Kirchen im Fenn, eine interessante Krypta
besitzt. Der Eingang ist schon vor Jahrhunderten vermauert
worden, und ich bin nur zufällig auf ihn gestoßen. Das unterir-
dische Gewölbe besitzt einen geweihten Brunnen, der nach
meiner Meinung einst ein wichtiges Pilgerziel war. Sobald mir
die erforderlichen Arbeitskräfte zur Verfügung stehen, möchte
ich mit einer umfassenden Restaurierung der Krypta beginnen,
und ich wäre Dir dabei dankbar für Deinen fachmännischen
Rat. Es gibt dort ein eigentümliches Grab, das versetzt werden
muß, bevor ein Altar errichtet werden kann.«
Zu jener Zeit war ich intensiv mit Planung und Bau einer
neuen Kunstgalerie in einer Stadt des westlichen Mittelengland
beschäftigt, und von der Entdeckung einer Krypta in Upton
Stonewold hatte ich noch keine Zeile gelesen. Ich blätterte die
letzten Ausgaben des Architectʹs Journal, der Architectural Review
und der Church Times durch und stellte fest, daß man dem Fund
einige Bedeutung beimaß. Die Experten waren der Ansicht, daß
die Krypta mindestens zweihundert Jahre älter sei als die ge-
genwärtige Kirche und daß der Brunnen womöglich sogar aus
vorrömischer Zeit stamme.
Ein weiterer Monat verstrich, bevor ich Bourne meinen Be-
such ankündigen konnte. Ich schlug ihm ein Datum vor und
empfing ein enthusiastisches Schreiben mit der Nachricht, die
Mittel für die Arbeit seien mittlerweile bewilligt und er wolle

*Anm. d. Übs.: Cowlesʹ Wahl dieses Kirchennamens darf als Hommage an M.


R. James gewertet werden, der 1917 in den Norfolk Archaeological Society Papers
den gelehrten Aufsatz ›Lives of St. Walstan‹ veröffentlicht hatte.

-224-
mit der Restaurierung beginnen, sobald ich seinen Plan gutge-
heißen hätte.
»Tu mir den Gefallen und mach bei Deiner Anreise Zwischen-
station in Cambridge«, hieß es weiter. »Ich meine mich zu erin-
nern, daß in der Bibliothek von St. Hughʹs ein Manuskript liegt,
das sich mit meinem Pfarrbezirk beschäftigt, und darin könnte
auch etwas über die Krypta stehen. Insbesondere geht es mir
um Angaben über das Grab, das ich in meinem letzten Brief
erwähnt habe. Auf dem Grabstein selbst findet sich lediglich
die Inschrift ›J. S. 1628‹, dazu ist in groben Umrissen eine riesi-
ge Katze eingeritzt. Wenn Du Dir die Zeit nehmen könntest,
alles zu recherchieren, was irgendwie nützlich sein könnte für
mich, wäre ich Dir wirklich sehr verbunden.«
So fuhr ich denn am 14. September hinauf nach Cambridge;
für die Nacht hatte ich ein Zimmer im Castle vorgebucht. Als
ich am nächsten Morgen in der Bücherei von St. Hughʹs vorstel-
lig wurde, zeigte sich Massey, der Bibliothekar, ein guter, alter
Bekannter, hocherfreut über unser Wiedersehen. Nach dem üb-
lichen Geplauder fragte ich ihn nach dem Stonewold-
Manuskript. Er erinnerte sich vage an etwas in dieser Art, aber
da die Manuskripte bislang nie in angemessener Weise katalo-
gisiert worden waren, dauerte es einige Zeit, den Standort zu
bestimmen. Schließlich fanden wir den Titel im hintersten Win-
kel eines der Bücherschränke, doch fiel die Durchsicht enttäu-
schend aus. Es handelte sich um einen ungefähr fünfzig Seiten
starken Kleinoktavband in Kalbsleder; zu seinem bedauerns-
wert schlechten Zustand gehörte, daß einige Blätter fehlten –
offenbar von einer unachtsamen Hand ausgerissen. Das Manu-
skript berichtete von einigen unbedeutenden Geschehnissen

-225-
aus der Geschichte des Dorfes; die Krypta wurde nur zweimal
erwähnt.
Auf der zweiten Seite las ich:

Etwelche hieorts gen noch offt zu dem papistisch heylig


Bronn in jener Krypt in jener Kirch, die so heissts von
Etheldreda geweiht ward, Äbtissin zu Ely, von man-
chem hinwieder auch Awdrey benamt. Ob die, wo so
tun, wol tun und um Heyl von etwelch Siechtum aus
sin? ich vermags nit zu sagen. Aber sin derer viele, die
han den Glaub daran, dass jene, wo sich in der Krypt
sammeln, andort als Hexen dem Teufel die Ehr tun.

An einer späteren Stelle folgte diese Eintragung:

Is unlängst die Lady Joanna Stanning in unser Mitten


kommen, die hat wieʹs scheint grossen Reichtum zu ei-
gen und hat das Haus von denen Hadwickes kaufet.
Niemand hat Kunde, wer sie is oder von wannen sie
kommen tut.

Die ausgerissenen Blätter, offenbar fünf an der Zahl, fehlten


gegen Ende des Bandes, dann folgte der letzte Eintrag:

An diesem Tag des HERRN, dem 15 Januarius 1628, hat


man J. S. in jener Krypt daselbst ins Grab tan. Und zu
GOTT, dass all Schröcklichkeiten wurds zu Kund ge-

-226-
bracht und hat er ordert die Krypt in Verschluss zu tun
hinter Mauern, auf dass denn Zeit Vergessenheit schaff.

Während ich die drei Textstellen abschrieb, gewann ich den


Eindruck, daß auf den fehlenden Seiten eine erschreckende Ge-
schichte berichtet worden war.
Massey war so freundlich, mich zum Mittagessen in den Spei-
sesaal zu bitten, und so zog der Abend bereits herauf, als mein
Bummelzug in den Bahnhof von Upton Stonewold einfuhr.

II
Das Dorf Upton Stonewold gehört zu jenen reizvollen Plätzen,
über welche die Jahrhunderte anscheinend spurlos hinwegge-
stürmt sind. Eine Straße, an der sich beiderseits Giebelhäuser
reihen, läuft in einem großen grünen Anger aus, mit der Kirche
und dem tudorzeitlichen Pfarrhaus zur Linken und einem rei-
zenden alten Gasthof zur Rechten. Jenseits davon erheben sich
einige zartrot getönte Ziegelbauten aus der Queen-Anne-Zeit
und weiter draußen in den Feldern noch drei oder vier elisabe-
thanische Herrenhäuser, in die jetzt bäuerliches Leben einge-
kehrt ist.
Es ist schon viel über die Kirche geschrieben worden. Kein
Ostengland-Reiseführer, der es versäumte, den anmutigen
Kirchturm, die Glocken aus dem 16. Jahrhundert, die alten far-
bigen Glasfenster, die seltsam geschwungenen Enden der
Kirchbänke, die einzigartigen Sedilien mit ihren Schnitzereien
von Fennblumen und -vögeln, die besonders qualitätvollen
Messinggedenktafeln und die Reste mittelalterlicher Wandma-

-227-
lerei zu erwähnen. Zu recht war Bourne stolz auf die Schönheit
seiner Kirche, und unseren ganzen ersten Tag verbrachten wir
gemeinsam damit, dem Bau und seinen Kunstschätzen die Ehre
zu geben. Als der wohlhabende Mann, der er war, konnte mein
Freund es sich leisten, eigene Mittel einfließen zu lassen, um die
Kirche großzügig zu verschönern, und er hatte auch bereits auf
eigene Rechnung etliches erneuern lassen. So war zu erkennen,
daß der prächtige Hochaltar aus allerjüngster Zeit stammte; die
herbe Würde, die von ihm ausging, fügte sich trefflich zu den
Kunstschätzen im Umfeld. Auch zwei der Seitenkapellen waren
neu ausgestattet worden; in einer brannte ein Ewiges Licht vor
einer verhängten Nische, die Kultgerät barg. Solcherart Restau-
rierung bereitet mir stets Freude, denn ich verabscheue es,
wenn eine altehrwürdige Kirche wie ein primitives Methodi-
stenhaus dreinschaut. Der Anglokatholizismus, das muß man
ihm zubilligen, hat den alten Stätten des Heils zweifellos Wär-
me und Leben zurückgegeben, und ich wäre der letzte, eine
Glaubensrichtung herabsetzen zu wollen, die sich darum ver-
dient gemacht hat, dem, was Dummheit und Intoleranz ver-
sehrt haben, Schönheit und Atmosphäre zurückzugeben.
Es war später Nachmittag geworden, als wir in die Krypta
hinabstiegen, aber es war mir klar, daß Bourne das Beste bis
zuletzt aufheben wollte. Zwei Acetylenleuchten erhellten das
unterirdische Gewölbe, in dem Arbeiter damit beschäftigt wa-
ren, eine Gruppe von drei Bogenfenstern zu öffnen.
Natürlich ist die herrliche Tiefkapelle heute jedem Besucher
von Upton Stonewold ein Begriff; als ich selbst sie aber zum
ersten Mal erblickte, hatte man sie gerade erst aus einem drei-
hundertjährigen Dornröschenschlaf erweckt. Über die Ge-
schichte der Krypta ist bis heute wenig bekannt, mit Sicherheit

-228-
gehört sie aber der spätnormannischen Epoche an. Der Brun-
nen, der die Mitte des Raums einnimmt, wird von einer eisen-
haltigen Quelle gespeist; man sagt ihr Heilkräfte nach. Als ei-
nen seiner Decksteine benutzte man eine Altarplatte des Mi-
thras-Kults; sie lehnt jetzt an der Westwand, eben dort, wo da-
mals jener flache Steinsarg stand, von dem Bourne bereits in
seinem Brief gesprochen hatte. Nach einem Kreuz oder einem
anderen christlichen Symbol hielt man, diesen Sarg musternd,
vergeblich Ausschau. Auch auf dem Deckstein war, unterhalb
von grob eingeritzten Initialen und einem Datum, nur die gro-
teske Gestalt einer Katze von gewaltiger Größe zu erkennen.
Übrigens hat man den Steinsarg inzwischen in eine tiefe Wand-
nische auf der Südseite der Krypta versetzt, wo man nur noch
mit Mühe einen Blick auf ihn erhascht.
Als wir die Krypta verließen, hatte einer der Arbeiter gerade
damit begonnen, den Mörtel herauszuschlagen, der den Deck-
stein an die Grablege band. Offenbar bereitete ihm das erhebli-
che Mühe, denn er klagte, das Material sei viel zu hart für sei-
nen Meißel.

III
Die seltsamen Geschehnisse, die Upton Stonewold tagelang
den Frieden raubten, begannen in der zweiten Nacht meines
Aufenthalts im Dorf. Nach dem Abendessen zogen Bourne und
ich uns in sein Arbeitszimmer zurück, um jene Textpassagen
näher zu erörtern, die ich aus dem Manuskript in der Bibliothek
von St. Hughʹs exzerpiert hatte. Die erste Textstelle fügte sich
mit einer örtlichen Tradition zusammen, nach der die Heilige

-229-
Etheldreda einst das Dorf besucht hatte, und es war gut denk-
bar, daß sie bei dieser Gelegenheit einen Brunnen eingesegnet
hatte, der zuvor im heidnischen Ritus eine Rolle spielte. Steeles
History of East Anglia, erschienen 1709 in Cambridge, bestätigte
uns, daß seinerzeit Gerüchte über Hexerei in Upton Stonewold
umliefen. Der Verfasser berichtet, daß im Jahre 1619 zwei He-
xenjäger durch den Distrikt reisten und eben in Stonewold vier
angebliche Hexen ausfindig machten. Zwei der Frauen, Eliza-
beth Manning und Jane Brannings, wurden später in Ipswich
gehenkt, die beiden anderen eingekerkert. Während der Ge-
richtsverhandlung sagte Elizabeth Manning aus, sie habe ›nach
den Anweisungen einer Person gehandelt, die mit verschleier-
tem Gesicht kam und von der weder ich noch sonst jemand
wußte, woher sie kam. Und manchmal erschien diese Fremde
uns als eine riesige Katze, der Blut aus dem Maul troff und de-
ren Augen wie Laternen leuchteten.‹
Hatte diese Fremde vielleicht etwas zu tun mit Joanna Stan-
ning, die das Haus »von denen Hadwickes« kaufte? Bourne
meinte, Hadwicke sei in der Gegend auch heute noch ein häufi-
ger Name, aber er wußte kein bestimmtes Haus zu nennen, aus
dem die Familie stammte.
Der Hinweis im letzten Exzerpt auf »Schröcklichkeiten« bezog
sich offensichtlich auf Geschehnisse, über die auf den fehlenden
Seiten berichtet worden war. Bourne hatte in den Diözesanar-
chiven nachgesehen, aber keinen Hinweis gefunden, warum die
Krypta vermauert worden war. Wir kamen zu dem Schluß, daß
es zwei Erklärungen für diese Maßnahme gab. Wenn die Leute
weiterhin zu dem Brunnen kamen, weil sie an seine heilenden
Eigenschaften glaubten, mochte der Bischof den Eingang blok-
kiert haben, um dem ein Ende zu bereiten, was ihm als ›papisti-

-230-
scher Aberglaube‹ erschien. Andererseits war die Andeutung,
daß in dem unterirdischen Gewölbe Hexerei praktiziert wurde,
in sich schon Grund genug, die Krypta zu schließen. Überdies
wurden seinerzeit von den Gegnern des alten Glaubens die He-
xenkünste ganz bewußt in die Nähe des katholischen Bekennt-
nisses gerückt.
Wir diskutierten die offene Frage bis tief in die Nacht, und es
war fast ein Uhr geworden, ehe wir uns endlich zur Ruhe bega-
ben. Mein Kopf sank auf das Kissen, und schon war ich einge-
schlafen; der Tag war anstrengend gewesen. Doch fast augen-
blicklich wurde ich unsanft wieder geweckt durch greuliches
Katzengejammer. Der abstoßende Lärm ließ darauf schließen,
daß sich die Katzen der ganzen Nachbarschaft im Garten der
Pfarrei ein Stelldichein gaben und ihre Stimme im Chor erho-
ben. Zunächst blieb ich in der Hoffnung liegen, es würde bald
wieder ruhig werden, doch als das Gekreisch an Lautstärke so-
gar noch zunahm, sprang ich zuletzt aus dem Bett und riß das
Fenster weit auf. Der Mond schien, und jenseits der Gartenhek-
ke zeichneten sich auf dem Kirchhof bleich die Grabsteine ab.
Auf einem von ihnen thronte eine riesige schwarze Katze mit
Augen, die wie grüne Ampeln leuchteten; um sie herum grup-
pierten sich die dunklen Schatten von dreißig oder vierzig Art-
genossinnen. Während ich noch staunend nach draußen blickte,
klopfte es an meine Schlafzimmertür, und auf meine Aufforde-
rung hin trat Bourne ein und stellte sich neben mich.
»Kannst du dir darauf einen Reim machen?« fragte er. »Ich
hätte darauf geschworen, daß es im ganzen Distrikt keine Katze
von dieser Größe gibt.«

-231-
»Vielleicht spielt das Mondlicht unseren Augen einen Streich
und läßt das Tier durch seinen Schattenwurf größer erscheinen,
als es tatsächlich ist«, gab ich zu bedenken.
Wie zum Hohn reckte das Ungeheuer seinen Hals in unsere
Richtung und fauchte mit ohrenbetäubender Hartnäckigkeit.
Auch die übrige Katzensippschaft steigerte ihren Lärm nun zu
einem unheimlichen Schrillen, das uns das Blut in den Adern
gefrieren ließ.
Plötzlich aber endete das höllische Konzert. Die Anführerin
sprang vom Grabstein herunter, und ihr Katzengefolge stahl
sich fort, verschwand zwischen den Bäumen. Wir warteten
noch eine Weile, bis wir uns ziemlich sicher waren, daß das
Pandämonium nicht noch einmal einsetzen würde, dann schloß
ich das Fenster und schaute meinen Gastgeber an.
»Herrgott, Jocelyn!« rief ich, »was für ein teuflisches Geschöpf
sucht uns da heim?«
Er schwieg einige Augenblicke, dann sprach er leise und wie
zu sich selbst: »Was hat Elizabeth Manning in ihrem Geständnis
gesagt? ›Und manchmal erschien diese Fremde uns als eine rie-
sige Katze, der Blut aus dem Maul troff und deren Augen wie
Laternen leuchteten.‹«
»Sag bloß nicht, du willst das Schauspiel von eben mit Hexe-
rei erklären«, neckte ich ihn in vergeblichem Ringen um die
eigene Fassung. »Es muß doch jede Menge Katzen im Dorf ge-
ben, und wenn die alle einem streunenden Kater die Aufwar-
tung machen, dann kommt dabei eben ein Ständchen heraus,
wie man es nicht alle Tage zu hören bekommt.«
Bourne lachte, aber es entging mir nicht, daß er beunruhigt
war. »Wir sollten uns wieder hinlegen, damit wir noch etwas

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Schlaf finden; mal sehen, was der Morgen bringt«, sagte er,
schon auf dem Weg zur Tür.
Es dauerte lange, bis ich wieder zur Ruhe fand, aber endlich
schlief ich doch ein, unbehelligt von weiterer ›Katzenmusik‹.
Die Sonne schien durchs Fenster, als mir das Dienstmädchen
den Morgentee brachte. Ich ließ es ruhig angehen, denn ich
wußte, daß Bourne die Frühmesse las und wir erst um halb
neun Uhr gemeinsam frühstücken würden. Dennoch war ich
unten, noch bevor er zurückgekehrt war, und sah ihn durch das
Fenster des Speisezimmers von der Kirche herüberkommen;
entweder war er sehr müde oder immer noch in Sorge. Es wur-
de kaum ein Wort gewechselt, bevor wir am Frühstückstisch
Platz genommen hatten, dann aber brach es aus ihm heraus:
»Jim, ich glaube, ich fange an, Gespenster zu sehen.«
»Wieso, was ist denn los?« fragte ich, mit Ei und Schinken im
Mund.
»Ich bin gegen sieben Uhr zur Kirche gegangen und habe die
Tür zum nördlichen Seitenschiff aufgeschlossen. So wie ich das
Gebäude betreten hatte, kam mit lautem Schnurren etwas wie
eine große Katze zu mir und begann, sich an meiner Soutane zu
reiben. In dem Halbdunkel war mir zuerst, als sähe ich das Tier.
Aber als meine Augen sich an das trübe Licht gewöhnt hatten,
wurde mir klar, daß gar keine Katze da war, obwohl ich ihren
warmen Körper immer noch an meinen Beinen fühlen konnte
und ihr sattes Schnurren in den Ohren hatte. Ich bekam es mit
der Angst zu tun und wollte zur Sakristei. Aber als ich mich
dorthin wandte, hörte ich vor mir ganz deutlich das sanfte
Tappen von Füßen, und ob duʹs glaubst oder nicht, ich sah Pfo-
tenabdrücke auf den Fliesen. Es war genauso, als ob eine Katze

-233-
mit feuchten Tatzen vor mir herging und Male hinterließ, die
sogleich wieder trockneten.«
»Diese Katzengeschichte scheint dir an die Nerven gegangen
zu sein«, antwortete ich. »Gab es noch ähnliche Probleme, wäh-
rend du die Messe gelesen hast?«
»Nicht die geringsten. Etwas Ungewöhnliches passierte erst
wieder, als ich in die Sakristei zurückkehrte, um die Meßge-
wänder abzulegen. Ich warf die Stola über den Schrank, eines
ihrer Enden hing fast bis auf den Boden. Plötzlich hatte ich den
Eindruck, daß etwas an dem aufgestickten Kreuz kratzte, und
die Stola wurde zu Boden gerissen. Ich nahm sie wieder auf
und entdeckte einen kleinen Riß in der Seide – so als ob sie
wirklich von Krallen getroffen worden wäre.«
»Vielleicht war der kleine Riß schon lange vorher da«, warf
ich ein, »und was das andere angeht, so war es bestimmt eine
Art optische Täuschung, entstanden dadurch, daß du dich ge-
danklich so intensiv mit Katzen beschäftigt hast. Glaub mir,
eine Runde Golf, und die ganze Angelegenheit ist wieder ver-
gessen.«
Aber wir sollten nicht zu unserem Golfspiel kommen. Wir
hatten kaum das Frühstück beendet, als ein Besucher nach dem
anderen im Pfarrhaus vorstellig wurde, und jedesmal ging es
um Katzen. Allem Anschein nach führten sich die in Upton
Stonewold höchst beliebten Haustiere sämtlich recht seltsam
auf. Der alte Abel Radford hatte sich um ein krankes Tier auf
einer Nachbarfarm gekümmert und war gegen ein Uhr nachts
auf dem Heimweg, als ihn ein schwarzes Ungetüm anfiel. Abel
schlug hart mit seinem schweren Knotenstock zu und streckte
den Angreifer nieder – genau gesagt, er schlug ihn tot. Erst

-234-
dann entdeckte er, daß es sich um Zobel, Mrs. Crooks schwarze
Katze, handelte, sonst ein eher scheues Tier. Andere Katzen aus
dem Dorf hatten mit Tatzenhieben Kinder verletzt, in zwei Fäl-
len so schwer, daß ärztliche Versorgung nötig wurde. Der Arzt
selbst, der kurz nach dem Mittagessen in das Pfarrhaus kam,
um die Situation mit dem Vikar zu besprechen, konnte sich die
Geschehnisse nur mit einer Art von Katzenwahnsinn erklären,
wußte aber nicht zu begründen, warum alle Tiere auf einmal
erkrankt waren, und auch nicht, warum sie sich inzwischen
sämtlich wieder zahm und brav verhielten. Da es sich bei dem
Mediziner um einen schottischen Dickschädel handelte, wagten
weder Bourne noch ich, einen übernatürlichen Anlaß für das
merkwürdige Ereignis anzudeuten.
Die bestürzendste Nachricht aber traf erst später am Tag ein,
und es war Bourne, von dem ich sie erfuhr. Vor dem Nachmit-
tagstee war er zu einem Gemeindemitglied gerufen worden,
das im Sterben lag – zu einer alten Dame namens Beatrice Tur-
ner, die in einem der Queen-Anne-Häuser lebte. Der Ruf kam
für den Vikar nicht überraschend, denn anscheinend war die
Dame bereits längere Zeit krank gewesen, und man mußte mit
dem Schlimmsten rechnen. Nach einer Stunde kam er zurück
und teilte mir mit, daß Mrs. Turner verstorben sei. Ihr Tod war
aber unzweifelhaft durch den Umstand beschleunigt worden,
daß in den frühen Morgenstunden eine große Katze in ihr
Zimmer eingedrungen war und die kranke alte Frau angegrif-
fen hatte. Sie war zerkratzt und übel zugerichtet worden, bevor
jemand auf ihre Hilferufe herbeieilte, und der Schreck war bei
ihrem geschwächten Zustand zu viel für sie gewesen.
Mrs. Turners Nichte, die Bourne dies alles berichtet hatte, sah
die Katze mit eigenen Augen, als sie auf die Rufe ihrer Tante

-235-
hin in den Raum stürzte. Geistesgegenwärtig nahm sie eine
Haarbürste von der Frisierkommode und schleuderte sie auf
das Tier. So wie sie es darstellte, flog die Bürste, ohne zu tref-
fen, mitten durch die Katze hindurch, die sich zu ihr umwand-
te, Speichel herabtropfen ließ und dann aus dem Fenster
sprang.
Und noch eine andere Seltsamkeit fügt sich in diesen Tag der
Seltsamkeiten. Die Arbeiter in der Krypta erklärten, daß sie
immer wieder durch das Miauen einer Katze belästigt würden,
die für sie aber unsichtbar blieb. Die Arbeit an dem Steinsarg
war zum Erliegen gekommen, da der Mann, der die Deckplatte
lösen sollte, krank geworden war. Offenbar hatte er Lähmungs-
erscheinungen im rechten Arm. Am Nachmittag stieg ich selbst
in das unterirdische Gewölbe hinunter und versuchte eigen-
händig, etwas von dem Mörtel herauszuschlagen, der den Sarg
versiegelte. Aber er war hart wie Beton, und meine Anstren-
gungen hinterließen keine nennenswerten Spuren.
Nach dem Abendessen fragte ich Bourne, ob es eine Flinte im
Pfarrhaus gebe. Er kam mit einer ansehnlichen kleinen Savage.
22 zurück, die nach seinen Worten benutzt wurde, um Krähen
zu schießen. Ich lud die Waffe und legte sie auf das Fensterbrett
in meinem Schlafzimmer. Ich gelte allgemein als guter Schütze
und war mir sicher, daß es mir gelingen würde, dem Geschöpf
wenigstens eines seiner sieben Leben auszutreiben, sollte es ein
weiteres Nachtkonzert veranstalten.
Bald nach Mitternacht begaben wir uns zur Ruhe, und nicht
einmal eine halbe Stunde danach begann die Katzenkakopho-
nie. Sogleich kam Jocelyn in mein Zimmer herüber, und ein
Blick durchs Fenster zeigte uns, daß dieselbe Riesenkatze auf

-236-
demselben Grabstein saß, umgeben von zahllosen weiblichen
Bewunderern.
Der Lärm, den sie machten, zerrte an unseren Nerven; es war,
als ob hundert Todesfeen zugleich ein Jammergeschrei an-
stimmten. Der Mond schien hell, und, das Gewehr auf die Fen-
sterbank gestützt, zielte ich sorgsam. Auf diese Entfernung war
die Katze gar nicht zu verfehlen. Doch als der Schuß verhallt
war, saß das Tier so unbeeindruckt wie zuvor da, und die ›Kat-
zenmusik‹ nahm an Lautstärke noch zu.
Ich ärgerte mich über meinen Fehlschuß, schlüpfte schnell in
meine Hosen, warf eine Jacke über und gab Bourne Bescheid,
daß ich es unten im Kirchhof aus der Nähe noch einmal versu-
chen wolle. Er lief hinter mir her und nahm sich rasch einen
Mantel von der Garderobe in der Eingangshalle, und gemein-
sam überquerten wir, den Baumschatten nutzend, so leise wie
möglich den Rasen. Die Katzen waren so sehr mit ihrem infer-
nalischen Gesang beschäftigt, daß sie uns offenbar nicht be-
merkten. Ich kam bis auf zehn Meter an das Untier auf dem
Grabstein heran, legte die Flinte an meine Schulter und feuerte.
Es war unmöglich, das Riesengeschöpf nicht zu treffen. Der
Schuß hallte wie ein Donnerschlag, und die Katzen fuhren mit
kläglichem Geschrei auseinander.
Aber als der Pulverrauch sich hob, saß das Höllenwesen noch
immer auf seinem Steinthron, offenbar unverletzt. Es richtete
seinen unheilvollen Blick jetzt auf mich, fauchte schrill und
wutentbrannt auf und verschwand mit einem Satz im Gebüsch.
Bourne und ich waren nun gleichermaßen davon überzeugt,
daß es hier nicht mit rechten Dingen zugehen konnte. Wir wa-
ren uns auch darin einig, daß ein Zusammenhang mit dem Off-

-237-
nen der Krypta und der Ritzfigur auf dem Steinsarg bestand.
Am nächsten Tag wollten wir durch eine gründliche Untersu-
chung von Kirche und unterirdischem Gewölbe das Geheimnis
lüften. Allein wegen der Ereignisse der Nacht mußte die Ange-
legenheit unbedingt geklärt werden; erst am nächsten Tag er-
fuhren wir, daß es noch einen ganz anderen, traurigen Grund
gab – Laura Westons Baby war in dieser Nacht von den Kat-
zenkrallen buchstäblich zerfleischt worden.

IV
Noch vor dem Ende der Frühmesse ging ich zur Kirche hin-
über. Zusammen mit den Gemeindemitgliedern, ein paar Frau-
en in mittleren Jahren, zwei Männern und einigen Kindern,
schaute ich eine Weile zu, wie Bourne am Altar stand und die
englische Fassung der Heiligen Messe rezitierte. Dann schritt
ich leise zum Eingang der Krypta und stieg in die Gewölbe-
kammer hinab. Schon beim Eintreten stach mir Katzengeruch in
die Nase; besonders stark schien er nahe dem Steinsarg zu sein.
Aus den drei Fensteröffnungen hatte man inzwischen das Mau-
erwerk entfernt, und das frühe Morgenlicht sickerte in die
Krypta. Zugleich machte sich ein kühler Luftzug bemerkbar,
denn natürlich war noch kein Glas eingesetzt worden. Plötzlich
rieb sich etwas an meinem rechten Bein, und ich hörte ein mat-
tes Schnurren. Aber als ich nach unten blickte, war nichts zu
sehen, und als ich dorthin tastete, wo das Tier nach meinem
Empfinden sein mußte, griffen meine Hände ins Leere.
Es war dort unten in der Krypta, daß ich – nicht ohne Furcht
im Herzen – einen Plan entwickelte, die übernatürliche Katze

-238-
zu vernichten. Da gewöhnliche Waffen ihr offenbar nichts an-
haben konnten, mußten außergewöhnliche Mittel eingesetzt
werden. In Bournes Arbeitszimmer war mir ein kostbarer Tole-
daner Dolch aufgefallen, in dessen Griff ein Silberkruzifix ein-
gelegt war. Er schien mir die ideale Waffe zu sein, denn die
Eingeweihten sind sich einig darin, daß Hexen nur mit silber-
nen Waffen getötet werden können und daß ein Kruzifix das
wirksamste Mittel gegen ihre Zauberkraft ist. Ich war ent-
schlossen, den Dolch mit dem Kreuz noch in dieser Nacht ein-
zusetzen.
Nach dem Frühstück kehrten Bourne und ich in die Krypta
zurück. Der Mann, der den Sarg hatte öffnen sollen, fehlte im-
mer noch, und keiner der anderen Arbeiter wollte seine Aufga-
be übernehmen. Vielmehr war allen offenbar unbehaglich hier
unten, und man munkelte, die Erkrankung des Arbeitsgefähr-
ten sei eine Strafe Gottes dafür, daß er die Totenruhe gestört
hätte.
»Wissen Sie«, sagte einer, »es ist doch so. Der arme alte Bill
hat nie in seinem Leben so was wie Räuma oder wie das heißt
gehabt, nie. Wo er sich aber hier an die Arbeit macht, ist sein
Arm gleich so steif und lahm, daß er nicht mal ʹne Halbe Bier
mehr heben kann.«
Von den anderen Werkleute war zu hören, daß sie weiterhin
von dem Miauen einer unsichtbaren Katze belästigt würden.
Zum Glück gab es noch genug Arbeit an den Fenstern zu tun,
so daß man die Deckplatte des Steinsargs vorerst unberührt
lassen konnte.
Ich verbrachte den Großteil des Morgens damit, die Glas-
fragmente vom Westfenster der Kirche zu untersuchen. Die

-239-
meisten Stücke stammten aus dem frühen 16. Jahrhundert, aber
bislang hatte noch niemand es unternommen, sie entsprechend
dem ursprünglichen Bildzusammenhang zu ordnen. Inzwi-
schen ist das geschehen, und kaum jemand, der das heillose
Durcheinander vor dem Jahr 1932 mit eigenen Augen gesehen
hat, würde die Fragmente ohne weiteres in der schönen Mari-
enkrönung wiedererkennen, die sich nach der Restaurierung im
Zentralfenster darbietet.
Die bedauernswerte Laura Weston kam in Begleitung ihrer
Mutter kurz vor Mittag ins Pfarrhaus. Die junge Frau war völlig
aufgelöst, und wir mußten lange besänftigend auf sie einreden,
bevor sie zu erzählen vermochte, was geschehen war. Die alte
Dame war in womöglich noch schlechterer Verfassung, und an
einem Punkt des Berichts wurde sie geradezu hysterisch. Lau-
ras Baby, an dem sie mit heißer Liebe hing, war ein sechs Mona-
te alter Junge. Gegen sechs Uhr am Abend zuvor hatte Laura
ihn wie gewöhnlich in sein Kinderbettchen gelegt, das bei ihr
im Schlafzimmer stand. Um elf Uhr hatte sie ihn geweckt, um
ihm die Brust zu geben, und das Kind hatte schon wieder ge-
schlafen, als die Mutter sich hinlegte. Einige Zeit später hatten
die Schreie des Babys sie dann aus dem Schlaf gerissen, und als
sie sich aufrichtete, sah sie ganz deutlich eine große schwarze
Katze auf dem Randgestell des Kinderbetts. Auf Lauras Rufe
hin war ihre Mutter in das Zimmer gekommen, genau in dem
Augenblick, als die Katze über die Fensterbank nach draußen
verschwand. Als die beiden Frauen eine Kerze entzündeten, bot
sich ihnen ein schrecklicher Anblick. Das Gesicht des Kindes
war übersät mit tiefen Kratzern und das ganze Bett voller Blut.
Das kleine Kind war tot – das Körperchen zerrissen von der
dämonischen Katze. Wir taten unser Bestes, um Laura und ih-

-240-
rer Mutter Trost zu spenden, doch letztlich gab es nicht viel,
was wir sagen oder tun konnten. Ich hatte das unbehagliche
Gefühl, daß die Leute von Upton Stonewold dem Vikar die
Schuld an dem schrecklichen Unglück geben würden, wenn sie
einen Zusammenhang mit dem Offnen der Krypta argwöhnten.
Nachdem Mutter und Tochter gegangen waren, trug ich Bo-
urne meinen Plan vor. Er war alles andere als angetan, in erster
Linie, weil er das Empfinden hatte, daß ich mich damit einer
großen Gefahr aussetze. Wenn schon ein Risiko, dann wollte er
es tragen. Wir diskutierten eine Zeitlang, doch schließlich konn-
te ich ihn davon überzeugen, daß seine ureigene Aufgabe darin
bestand, für mich und den Erfolg des Wagnisses zu beten.
Wie gewöhnlich las mein Freund um sechs Uhr in der Kirche
die Abendmesse. Als wir danach ins Pfarrhaus zurückkehrten,
meinte er zu mir, er habe die ganze Zeit, während er am Altar
stand, unangenehm die Anwesenheit der Katze empfunden
und ihre Augen mal hier mal dort in den Winkeln des Gottes-
hauses glosen sehen. Stumm nahmen wir das Abendessen ein;
danach saßen wir bis kurz vor Mitternacht beieinander, lasen
oder unterhielten uns. Schließlich stand ich auf, zog eine
schwarze Jacke an, steckte den Dolch in die Tasche und ging
hinüber zum Kirchhof, wo ich mich hinter dem Grabstein nie-
derkauerte, auf dem die Katze zuletzt erschienen war.
Alles lag still und verlassen, doch auch wenn ich wußte, daß
Bourne sich in der Nähe bereithielt, war mir durchaus nicht
wohl in meiner Haut.
Die Minuten zogen sich wie Stunden hin, während ich ge-
duckt wartete. Plötzlich sah ich das Flackern grüner Augen und
begriff, daß die Katzen sich versammelten. Das schauerliche

-241-
Gekreisch hob abermals an, und im Aufblicken nahm ich wahr,
wie die riesige schwarze Gestalt der Schreckenskatze sich lang-
sam auf dem Stein über mir herausbildete. Zuerst war da nicht
mehr als ein dünner Nebel, der sich aber nach und nach ver-
dichtete, bis das Tier wie aus Fleisch und Blut dort oben stand,
den Nacken reckte und der Katzenversammlung seinen Gruß
zufauchte. Mit einem Stoßgebet auf den Lippen hob ich den
Dolch und trieb ihn in das Herz der widerwärtigen Kreatur. Ein
qualvoller Schrei tönte durch die Nacht; danach unheimliches
Schweigen. Das Höllentier war verschwunden, und ich konnte
erkennen, wie die dunklen Umrisse der gewöhnlichen Katzen
sich in den Schatten ringsum verloren. Im nächsten Augenblick
schon war Bourne bei mir, und gemeinsam, noch immer den
greulichen Schrei in den Ohren, kehrten wir ins Pfarrhaus zu-
rück.

V
Bourne las wie gewöhnlich die Frühmesse, anschließend früh-
stückten wir gemeinsam. Erst danach gingen wir hinaus, um
den Schauplatz des nächtlichen Abenteuers zu untersuchen.
Der Grabstein war mit Blutspritzern bedeckt, doch von dem
Toledaner Dolch war nichts zu sehen. Eine Blutspur führte über
den Kirchhof zu den Kryptafenstern und, wie wir drinnen fest-
stellen konnten, weiter zu dem Steinsarg, auf dessen einer Seite,
wo der Mörtel schon entfernt worden war, geronnenes Blut
klebte.
Horrocks, der Mann, der krank gewesen war, erschien an die-
sem Morgen wieder zum Dienst. Er erklärte, daß er während

-242-
der Nacht seinen Arm plötzlich wieder habe bewegen können,
und schrieb die Heilung den Umschlägen und Hausmitteln sei-
ner Frau zu.
Bourne und ich stimmten darin überein, daß vordringlich der
Steinsarg geöffnet werden müsse. Die entscheidende Frage war,
was er enthielt. Die Arbeiter wollten zunächst, erfüllt von aber-
gläubischer Furcht, nicht recht an die Aufgabe heran, aber als
Bourne ihnen eine Prämie versprach, überwanden sie ihre Äng-
ste und setzten allesamt den Meißel an. Die Arbeit war mühse-
lig, und bald wurden die Werkzeuge stumpf. Schließlich ent-
schlossen wir uns, den Deckstein mit Brecheisen aufzustemmen
oder es jedenfalls zu versuchen. Erst mit gemeinsamer Kraftan-
strengung gelang es, die Platte, deren eines Ende dabei brach,
von ihrem Unterbau zu lösen. Zuletzt aber konnten wir die
Steinteile abheben und einen Blick in den Hohlraum werfen.
In dem Steingrab lag offen, nicht eingesargt, der Leichnam ei-
ner kleingewachsenen Frau. Das ältliche Gesicht zeigte keinerlei
Spur von Verfall, die grünen Augen standen weit offen, die
Lippen waren zu einem bösartigen Grinsen verzerrt. Das völlig
zerfetzte Leichentuch war mit frischem Blut befleckt, und aus
der Brust der Frau ragte der toledanische Dolch. Es fiel mir auf,
daß ihre Ohren seltsam spitz zuliefen und daß Barthaare auf
ihrer Oberlippe wuchsen. Während wir den abscheulichen
Leichnam noch anstarrten, zerfiel er vor unseren Augen lang-
sam zu einem Häufchen Staub, und der Dolch klirrte auf den
Boden des Sarkophags. Dort lag auch eine kleine Pergamentrol-
le; wir nahmen sie später in Bournes Arbeitszimmer näher in
Augenschein.
In einer schwer leserlichen Schrift nach dem Duktus des 17.
Jahrhunderts waren darauf diese Zeilen niedergelegt:
-243-
Am heutigen Tag des HERRN, dem 15 Januarius 1628,
hab ich, Simon Dutton, Priester, nach Maassen des Bi-
schoffs die Joanna Stanning ins Grab geleget in dieser
Krypta, welchselbige anun unter Siegel tan wird. Sie
hat dem Sprengel schlimmen Harm antan, sintemalen
sie ein Hex ist.

Dieser seltsamen Geschichte ist wenig hinzuzufügen. Die


Einwohner von Upton Stonewold erzählen sich bis heute von
dem merkwürdigen Gebaren ihrer Katzen im Herbst des Jahres
1932. Aber da es zu keinem neuen Ausbruch der eigentümli-
chen Krankheit kam, wird die ganze Angelegenheit wohl bald
vergessen sein.
Wer heute in die Krypta von St. Walstan hinabsteigt, wird das
prachtvolle normannische Gewölbe bewundern, die moderne
Brunnenabdeckung mit ihren Darstellungen ostenglischer Hei-
liger und den reich geschmückten Altar, auf dem eine schöne
Statue der Heiligen Etheldreda steht. Vielleicht wirft der eine
oder andere Besucher auch einen Blick in die Nische auf der
Südseite, aber der niedrige Steinsarkophag dort ist fast ganz
verdeckt und das Katzenbild nur mit Mühe erkennbar.
Ich will mich zur Erklärung meiner Geschichte nicht in Theo-
rien ergehen. Wer mehr wissen möchte, sei auf die Urkunden
der Hexenprozesse im 16. und 17. Jahrhundert verwiesen. Dar-
in wird er immer wieder Belege für den Alltagsglauben finden,
daß Hexen sich in Katzen verwandeln können. Die Hexen von
Aberdeen etwa wurden 1596 angeklagt, sie hätten »in der Ab-
gestalt von Kattsen« das Marktkreuz umtanzt. Im Jahre 1607

-244-
wurde Isobel Grierson der Hexerei für schuldig befunden; der
Hauptanklagepunkt gegen sie war, daß sie Katzengestalt ange-
nommen und in dieser Erscheinung dem Adam Clark und sei-
ner Frau, die bei Prestonpans ein Haus besaßen, Schaden zuge-
fügt habe. Isobel Smith, der 1629 in East Barnes der Prozeß ge-
macht wurde, war angeklagt, »in dem Leib einer Katz aus einer
Dachluk« gekommen zu sein. William Johnstone, Gerichtstreu-
händer in Edinburgh, erstattete im Juli 1661 Anzeige gegen Ja-
net Allan und Barbara Mylne; die »besagete Janet« sah er ein-
mal »durch das Wassertor nach Gestalt einer Katz heimkom-
men«. Isobel Gowdie gab in ihrem Schuldgeständnis vom April
1662 die Zauberformel preis, mit deren Hilfe sie sich in eine
Katze verwandelte. Marie Lamont, die am 4. März 1662 in
Greenock vor Gericht stand, gestand ein, daß sie selbst, zu-
sammen mit »Kettie Scot und Margaret Holm in Katzgestalt
sich in das Haus des Allan Orr [hat] geschlichen«.
Der berühmte Cotton Mather berichtet in seinen Wonders of the
Invisible World von dem Fall der Susanna Martin, die »im Leib
einer Katz« einen gewissen Robert Downer angriff und ihn bei-
nahe tötete.
Noch Hunderte vergleichbarer Beispiele für diesen Volks-
glauben an die Fähigkeit von Hexen, sich in Katzen zu verwan-
deln, ließen sich aus offiziellen Dokumenten und gelehrten Ab-
handlungen beibringen. Aber wir wollen es dem Leser überlas-
sen, eigene Schlußfolgerungen zu ziehen und für sich selbst zu
entscheiden, ob es eine Gemeinsamkeit gibt zwischen jenem
seltsamen Geschehnis im 20. Jahrhundert und dreihundert Jah-
re alten abergläubischen Vorstellungen.

-245-
Das Haus der Tänzerin

I
Der junge Michael Brett, Lebemann und Kunstliebhaber, sah an
seinem Schreibtisch träge die Einladungen durch, die ihn er-
reicht hatten. Die verwitwete Lady Kenndall freute sich auf das
Vergnügen seiner Anwesenheit bei einem Dinner am 19ten;
Mrs. Jowitt gab am 21ten einen Ball; und während der ersten
Maiwoche wurde eine Ausstellung mit Aquarellen von Garston
eröffnet, diesem seltsamen Kauz. Eine kleinere Karte glitt ihm
durch die Finger und fiel zu Boden. Lässig fischte er sie auf und
nahm mit Interesse wahr, daß es sich um eine Einladung zu
einer Ausstellung von Miniaturen handelte, die noch an diesem
Tage zugunsten irgendeiner Wohlfahrtseinrichtung stattfinden
sollte. Nun war Michael Brett ein leidenschaftlicher Sammler
von Miniaturgemälden und hatte sich nachgerade den Ruf ei-
nes Kenners erworben. Die Schau war in Lady Parsonsʹ Haus in
der Park Lane angesetzt, und er entschloß sich hinzugehen.
Gegen drei Uhr erschien er vor dem herrschaftlichen Wohn-
haus und wurde in den Salon geführt, wo sich bereits die Besu-
cher drängten. Die Miniaturen waren in Vitrinen rings an den
Wänden plaziert, doch machten es die vielen Neugierigen
einstweilen unmöglich, in die Nähe der Ausstellungsstücke zu
gelangen. Michael plauderte mit Sir James Stafford, überreichte
Lady Parsons einen Scheck für ihre Wohltätigkeitsprojekte und
versprach einer bekannten Bühnenschauspielerin, zur Premiere
ihres neuen Theaterstücks zu kommen.

-246-
Als bald nach seinem Eintreffen der Tee gereicht wurde und
die meisten Besucher sich um die Servierwagen scharten, fand
Brett Gelegenheit, die Exponate zu besichtigen. Alles in allem
waren sie von mittelmäßiger Qualität, es gab auch keinen Kata-
log und es fehlte an einem planvollen Arrangement. Seine Blik-
ke streiften zweitrangige Arbeiten von Ross, Thorburn und
Cosway, verweilten aber auf einem anmutigen kleinen Werk
von Flatman. Dann sprach Sir James Stafford ihn an und mach-
te ihn auf eine ungewöhnlich kleinformatige Miniatur in einem
dunklen Winkel der Vitrine neben der Tür aufmerksam.
»Was halten Sie davon, Brett? Könnte meines Erachtens eine
flämische Arbeit des 17. Jahrhunderts sein, aber stilistisch weiß
ich sie keinem mir bekannten Künstler zuzuordnen.«
Michael beugte sich eher desinteressiert über die Scheibe, rea-
gierte aber sofort mit einem erregten Ausruf. Die Miniatur war
ein überaus delikates Werk und das auf Elfenbein gemalte
Frauenantlitz das bezauberndste, das er jemals gesehen hatte.
Der Künstler hatte die bestrickende Schönheit seines Modells
vorzüglich erfaßt. Ihr schwarzes Haar fiel in Locken über die
weiße Stirn, und die tiefschwarzen Augen schimmerten lebens-
voll unter schweren Augenlidern.
»Ein Meisterwerk«, rief Michael aus. »Ob wir es uns wohl
einmal aus der Nähe ansehen dürfen?«
Lady Parsonsʹ Sekretärin eilte sogleich mit dem Schlüssel her-
bei und öffnete die Vitrine. Andächtig ließen die beiden Män-
ner ihren Blick über die Miniatur wandern, konnten aber keine
Spur einer Künstlersignatur entdecken.

-247-
»Ich bitte um Verzeihung, meine Herren«, warf die Sekretärin
ein, »dieses Bild stammt aus dem Besitz von Mrs. Raymond
Miller, und meines Wissens steht es zum Verkauf.«
»Mrs. Miller aus Tewkesbury?« fragte Sir James.
»In der Tat, Sir. Sie ist im Augenblick zwar nicht anwesend,
aber ich bin mir sicher, daß sie sich in der Stadt aufhält. Viel-
leicht verfügt Lady Parsons über ihre Adresse. Ich werde nach-
fragen.«
»Hmpf!« stöhnte Sir James, nun wieder an Michael gewandt.
»Ich wußte ja, daß die Millers ziemlich auf dem Trockenen sit-
zen, hatte aber keine Ahnung, daß sie sich jetzt schon von ihren
Erbstücken trennen müssen. Allerdings hat der alte Miller
schon zu seinen Lebzeiten das meiste Geld durchgebracht, und
zwei Kinder sind auch noch da.«
»Haben Sie vor, ein Angebot für die Miniatur zu machen?«
fragte Michael. In seiner Stimme lag eine verhaltene Unruhe,
denn es war ihm klar geworden, daß er dieses exquisite Stück
um jeden Preis in seinen Besitz bringen mußte. Und so seufzte
er erleichtert, als der Baronet entgegnete: »Nein, gewiß nicht,
mein Lieber. Ich habe durchaus kein Geld zu verschenken für
irgendwelche Miniaturen irgendwelcher unbekannten Künst-
ler.«
Schon kam die Sekretärin eilfertig mit der Nachricht zurück,
das Ausstellungsstück stehe definitiv zum Verkauf und Mrs.
Miller habe ein Zimmer im Cosmopolitan bezogen. Brett dankte
ihr, verabschiedete sich, so schnell es die Höflichkeit erlaubte,
von seiner Gastgeberin und verließ das Haus. Es war gerade
halb vier Uhr, und so rief er gleich ein Taxi und fuhr hinüber
zum Cosmopolitan Hotel. Ein Page brachte seine Karte auf Mrs.

-248-
Millers Zimmer, und wenige Minuten später schon schüttelte
man sich die Hand. In der kühlen, mit Palmen geschmückten
Hotelhalle erläuterte Michael der Dame den Anlaß seines Be-
suchs.
»Ah, ja! Die Miniatur«, rief Mrs. Miller. »Wir haben eine gan-
ze Anzahl davon, aber ich glaube, wertvoll ist nur diese eine.
Wissen Sie, Mr. Brett, mit zwei heranwachsenden Kindern hat
eine Witwe es manchmal nicht leicht. Meine Tochter soll dieses
Jahr in die Gesellschaft eingeführt werden, und ich möchte mit
dem Geld aus dem Verkauf der Miniatur ihre Garderobe er-
gänzen.«
»Natürlich, natürlich«, murmelte Brett, etwas verlegen über
dieser Vertraulichkeit. »Und an welche Summe hatten Sie ge-
dacht?«
»Man hat mir geraten, keinen Betrag unter dreihundert Gui-
neen zu akzeptieren. Es stimmt zwar, daß es sich um einen un-
bekannten Künstler handelt, aber das Werk ist von ganz beson-
derem Reiz. Zudem hat es für meine Familie einen gewissen
Erinnerungswert, obwohl das natürlich für den Preis keine Rol-
le spielt.«
»Ich möchte das Bild erwerben, wenn Sie einverstanden sind«,
sagte Brett, ohne zu zögern. »Der Scheck geht Ihnen zu, sobald
ich ihn in meiner Wohnung ausgestellt habe.«
Mrs. Miller strahlte ihn an und versprach, die Miniatur bei
Lady Parsons abholen und ihm noch am selben Abend zustel-
len zu lassen.
»Ob Sie nun vielleicht die Güte haben, mir alles mitzuteilen,
was Sie über das Bild wissen?«

-249-
»Aber sehr gern. Es rankt sich eine Legende um das Werk. Es
soll sich um ein Porträt von Valerie de Brisson handeln, einer
flämischen Tänzerin, die gegen Ende des 17. Jahrhunderts lebte.
Sie war eine abgrundschlechte Frau mit zahllosen Liebhabern,
und sie fand ein besonderes Vergnügen daran, den jeweils letz-
ten Geliebten von seinem Nachfolger umbringen zu lassen. Am
liebsten hatte sie es, wenn er erdrosselt wurde. Es heißt, sie hät-
te ihre Seele dem Teufel verschrieben und dafür wäre ihr das
Geheimnis der ewigen Jugend offenbart worden. Nur ein einzi-
ger ihrer Liebhaber konnte sich aus ihren Schlingen befreien,
und das war John Miller – ein Vorfahr meines verstorbenen
Mannes. Er hatte sie in Paris kennengelernt und reiste ihr nach
Brüssel und Brügge nach. Als er aber ihren wahren Charakter
erkannte, verließ er sie und nahm dabei die Miniatur mit. In
Tewkesbury gibt es noch einen Brief von ihr. Ich selbst habe ihn
nie gelesen, aber vielleicht möchten Sie ihn ja haben, nun, da
das Gemälde Ihnen gehört.«
»Das wäre mir sehr recht, ja«, stimmte Michael zu.
»Ich werde Ihnen den Brief in einigen Tagen zusenden. Sie hat
ihn wohl geschrieben, nachdem John Miller nach England
heimgekehrt war, und ich glaube, sie droht ihm darin irgend-
welches Unheil für den Fall an, daß er ihr die Miniatur nicht
zurückgibt.«
Brett bedankte sich für diese Informationen, und man verab-
schiedete sich voneinander mit liebenswürdigen Floskeln.
Eine Stunde später hielt er das Miniaturporträt von Valerie de
Brisson in seinen Händen. Da auf Michael erst spät am Abend
gesellschaftliche Verpflichtungen warteten, widmete er sich
nach dem Abendessen zunächst seinem neu erworbenen Besitz-

-250-
tum. Vorsichtig nahm er das Bild aus seiner Schatulle, und zum
zweiten Mal fiel sein Blick auf das schöne Gesicht. Ganz gewiß
konnte eine Frau aus Fleisch und Blut nicht von solch unbe-
schreiblicher Schönheit sein! Aber zugleich lauerte Unheil in
dieser Schönheit. Die schimmernden Augen hatten etwas Böses,
und im Schwung des Mundes lag etwas Grausames. Er wollte
diesen roten Mund küssen, seine Finger in die schwarzen Lok-
ken flechten. Er hob die Miniatur an seine Lippen; dann schloß
er die Schatulle mit einem befangenen Lachen.
Die Festlichkeit, an der Michael an diesem Abend teilnahm,
zog sich bis in die frühen Morgenstunden hin, und erhitzt von
der Atmosphäre des Ballsaals, entschloß er sich, zu Fuß nach
Hause zu gehen. Als er über die Straße zur Haustür des Ge-
bäudes schritt, in dem er eine Etage bewohnte, blickte er beiläu-
fig zum Fenster seines Arbeitszimmers hinauf. Zu seiner Ver-
blüffung glühte der Raum in einem trüben Rot, und auf dem
heruntergelassenen Rouleau zeichnete sich schattenhaft die Ge-
stalt einer Frau ab.
Der Lift war außer Betrieb, und Michael stürmte im Lauf-
schritt die Treppen hinauf in seine Wohnung. Im Arbeitszim-
mer brannte kein Licht, und auf dem Kaminrost schwelte nur
noch die letzte Asche. Er ging durch alle Zimmer, fand aber
keinerlei Spur, die auf die Anwesenheit einer Frau schließen
ließ.
»Welch seltsame Streiche einem die Phantasie doch manchmal
spielt«, sagte er laut, während er sich fertig fürs Bett machte.
Der Schlaf kam schnell, doch in seinen Träumen verfolgte ihn
Valerie de Brisson. Ihr Gesicht neigte sich über ihn, und ihre
roten Lippen verlockten zum Kuß. Statt dessen senkte er seinen

-251-
Kopf und küßte ihre Hände – nur, um mit Schrecken festzustel-
len, daß sie vor Blut troffen.

II
Drei Tage später traf ein Schreiben von Mrs. Miller ein, dem ein
altersbraunes Dokument beigefügt war: der Brief, den Valerie
de Brisson an ihren verflossenen Liebhaber gerichtet hatte.
Unterdessen war die Tänzerin für Michael Brett nachgerade
zur fixen Idee geworden. Tagsüber kreisten seine Gedanken um
sie, nachts beherrschte ihr Gesicht seine Träume. Er war im Bri-
tish Museum gewesen und hatte in vielen verstaubten Wälzern
nach einem Hinweis auf ihre Person gesucht, doch nur in einem
einzigen Buch, einem alten biographischen Lexikon französi-
scher Herkunft, wurde sie erwähnt, zudem nur mit einem kur-
zen Eintrag:

VALERIE DE BRISSON (1662-1698)


Flämische Tänzerin und Kurtisane. 1698 in Brügge der
Hexerei angeklagt, verschwand sie, bevor man sie vor
Gericht stellen konnte. Danach verliert sich ihre Spur
vollständig.

Michaels Hand zitterte vor Aufregung, als er den Brief entfal-


tete, von Valerie mit eigener Hand an jenen Geliebten gerichtet,
der sich ihren Reizen entzogen hatte. Er war in Französisch ab-
gefaßt, und er kritzelte die Übersetzung auf die Schreibunterla-
ge.

-252-
Du hast das mitgenommen, was einen Teil von mir
enthält, und so werde ich denn im Leben wie im Tode
bei Dir sein. Als einziger unter all meinen Liebhabern
bist Du der Strafe entkommen – aber nur für eine be-
grenzte Zeit. Weil Du meinen Körper geliebt hast, sollst
Du im Grabe keine Ruhe finden. Mögen auch Jahrhun-
derte vergehen, zuletzt wirst Du doch den Preis zahlen.
V. DE B.

Ein wunderlicher Brief, und was sollte der erste Satz bedeu-
ten? Mit Sicherheit bezog er sich auf die Miniatur! Brett nahm
das winzige Porträt aus seinem Kästchen und untersuchte es
skrupulös. Der Rahmen bestand aus Goldzwirnung, in die als
Schmuck ein schwarzer Faden eingelassen war. Er fand in der
Schublade ein starkes Vergrößerungsglas und hielt es über die
Miniatur. Die Gesichtszüge der Schönen erschienen jetzt wo-
möglich noch reizvoller, aber in ihren Augen glitzerte unzwei-
felhaft Bosheit. Plötzlich fiel ihm etwas an der schwarzen Linie
im Goldrahmen auf. Er erkannte nun, daß es sich um einen
winzigen Zopf handelte, geflochten aus Haaren der Valerie de
Brisson. Du hast das mitgenommen, was einen Teil von mir enthält.
Das also hatte sie gemeint! Der Rahmen des Porträts enthielt
einige in sich verwundene Haare vom Haupt der schönsten
Frau der Welt.
Während er diese Entdeckung machte, hatte Michael das
Empfinden, daß jemand sich über seine Schulter beuge und et-
was leicht seine Wange berühre.

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Er hob die Hand und ertastete ein weiches Gesicht. Wie im
Traum sah er einen dunkel gelockten Kopf über sich und fühlte
warme Lippen auf seinem Mund. Im nächsten Moment schon
war er wieder allein, aber er wußte, daß er in diesem winzigen
Zeitraum zum Geliebten einer Frau geworden war, die vor fast
dreihundert Jahren gelebt hatte.
Von diesem Tag an rissen die seltsamen Ereignisse nicht mehr
ab. Es begann damit, daß Michaels Diener, der selbst nicht im
Haus untergebracht war, ihn fragte, ob sich eine Dame in der
Wohnung aufhalte. Um eine Erklärung gebeten, behauptete der
Mann, er habe mehr als einmal eine schwarzhaarige Dame am
Schreibtisch im Arbeitszimmer stehen sehen. Natürlich stritt
Brett ab, die Besucherin zu kennen, aber ersichtlich glaubte der
Diener ihm nicht.
Dann sah Brett die Frau mit eigenen Augen. Er kam gerade
aus dem Theater zurück und hatte den Schlüssel aus der Woh-
nungstür gezogen; als er sich umwandte, stand sie im Eingang
zum Arbeitszimmer. Einen Moment lang musterte sie ihn mit
ihren großen schwarzen Augen, dann war sie verschwunden.
Seltsamerweise erfaßte ihn nicht die geringste Aufregung. Es
erschien ihm ganz natürlich, daß sie gekommen war.
Langsam begann sich das Gerücht zu verbreiten, Michael
Brett lebe mit einer Frau zusammen. Einer hatte gesehen, wie
sie aus dem Fenster schaute; einem zweiten war ihr Schattenriß
auf dem Rouleau aufgefallen; und wieder ein anderer behaup-
tete, als er einmal vor Michaels Wohnungstür gestanden sei,
habe er die Dame im Flur gesehen. Brett stellte sich taub gegen
all diese Gerüchte.

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Die Dinge spitzten sich zu, als er eines Abends in sein Ar-
beitszimmer trat und sie dort über den Schreibtisch gebeugt
fand. Sie war sofort verschwunden, aber auf der Unterlage
blieb eine Notiz zurück, geschrieben auf Papier, das zweifellos
Hunderte von Jahren alt war:

Tu me trouveras en Bruges. Il y a une maison en la rue


Queue de Vache. Jʹy serai.
V. DE B.

Am folgenden Morgen nahm Michael Brett nach einem Be-


such bei seiner Bank am Bahnhof Victoria den Zug mit Fähr-
verbindung zum Kontinent. Am selben Abend noch traf er in
Brügge ein.

III
Falls Sie einmal in Brügge waren, werden Sie sich an die Rue
Queue de Vache erinnern, eine Straßenzeile mit Häusern aus
dem 16. Jahrhundert, darunter am Ansatz der Pont Flammand
der anmutige Fachwerkbau des Herman van Oudvelde, der im
Jahre 1514 der Gilde der Goldschmiede vorstand.
Durch diese Straße mit ihren alten Fassaden wanderte Micha-
el Brett am Morgen nach seiner Ankunft. Er sah sich jedes Ge-
bäude genau an, und schließlich stieß er einen Laut der Befrie-
digung aus. Über der Tür eines baufällig wirkenden Wohnhau-
ses hatte er eine Schnitzerei entdeckt, die zwei Ballettschuhe
darstellte.

-255-
Michael sprach einen Passanten an und erkundigte sich, wem
das Haus gehöre.
Der Alte bekreuzigte sich verstohlen und antwortete: »Ich
glaube, es gehört dem Notar Duval, aber es ist ein Hort des Bö-
sen, und er kann keinen Mieter finden. Wir nennen es das Haus
der Tänzerin; vor vielen, vielen Jahren soll hier einmal ein ver-
ruchtes Geschöpf gelebt haben, eine gewisse Valerie de Brisson.
Der Teufel hat sie geholt, so sagt man, aber ihr Geist geht noch
immer dort um.«
»Und wo kann ich Monsieur Duval finden?«
»Er residiert in der Rue des Pierres, neben dem Kino.«
Nachdem er sich bei dem Alten für seine Auskunft bedankt
hatte, eilte Brett zu jener Straße, wo er ohne Mühe Monsieur
Duvals Kanzlei fand. Der Notar war sehr überrascht, als der
junge Mann ihm sein Anliegen vortrug.
Er wolle das Haus der Tänzerin in der Rue Queue de Vache
anmieten. Nun, das lasse sich einrichten, aber das Gebäude ste-
he seit Jahren leer. Ja, es sei durchaus beziehbar und enthalte
auch einige Möbelstücke. Ob der Herr das Besitztum vielleicht
besichtigen wolle? Michael bekundete sein Interesse, und der
kleine Belgier schlüpfte in seinen Mantel. Wenig später stiegen
sie die dunkle Vortreppe hinauf.
»Die Räume im Erdgeschoß stehen praktisch leer«, sagte M.
Duval. »Früher wohnte hier die Hausmeisterin, aber ich habe
sie vor drei Jahren entlassen müssen. Das Haus galt einmal als
eine Sehenswürdigkeit, doch schon seit längerem kommen kei-
ne Besucher mehr.«
Im Obergeschoß geleitete er seinen Gast in ein großes, eichen-
getäfeltes Zimmer, das mit schweren Teppichen ausgelegt war.

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Es war gut eingerichtet mit einem Bett und Mobiliar des 17.
Jahrhunderts.
»Ich glaube, in diesem Raum ist kaum etwas verändert wor-
den, seit Valerie de Brisson hier lebte«, sagte Duval. »In eben
diesem Bett dürfte sie in den Armen ihrer Liebhaber gelegen
haben, und dies hier ist ihr Schreibtisch.«
Der Anwalt nannte einen angemessenen Mietzins und ergänz-
te, daß er zwar auf die Dienste der Hausmeisterin habe verzich-
ten müssen, daß die betreffende Frau aber immer noch wö-
chentlich einmal ins Haus komme und für Sauberkeit sorge. Sie
wohne nur zwei Türen weiter, und ohne Zweifel werde sie für
Monsieur Brett, sofern dies denn erwünscht sei und man bei ihr
nachfrage, bestimmte häusliche Pflichten übernehmen.
Michael notierte sich die Adresse der Frau und erklärte sich
bereit, das Haus für ein Jahr zu mieten. Er fragte, ob er sofort
einziehen könne, und Duval erhob keine Einwände. Der Notar
erkundigte sich, ob Mobiliar für die übrigen Räume gewünscht
werde, doch Michael stellte klar, daß er, zumindest fürs erste,
lediglich das Schlafzimmer benutzen wolle. Zurück in der An-
waltskanzlei, wurde der Vertrag aufgesetzt und unterzeichnet.
Michael holte sein Gepäck aus dem Hotel ab, in dem er die er-
ste Nacht verbracht hatte, orderte Bettwäsche in einem Geschäft
und Lebensmittel in einem anderen, und wurde sich mit der
ehemaligen Hausmeisterin einig – sie würde jeden Tag für eini-
ge Stunden herüberkommen und alles sauber halten. Vom
Kirchturm schlug es drei Uhr, als er den Schlüssel in das
schwere Schloß schob und das Haus der Tänzerin in Besitz
nahm.

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Der große Raum im ersten Geschoß war erfüllt von ihrer Prä-
senz, so als ob sie noch immer anwesend sei. Eigentlich war sie
ja auch anwesend, wie er wohl wußte, und so empfand er keine
Überraschung, als er sie an der Wand stehen sah. Er näherte
sich ihr, doch sie wich zurück, verschwand durch die Holztäfe-
lung. Brett lächelte. Er wußte, sie würde wiederkommen.
Die Möbel fesselten seine Aufmerksamkeit. In diesem Bett
hatte sie gelegen! Und vielleicht dort am Schreibtisch gesessen,
als der unbekannte Künstler sie en miniature porträtiert hatte!
Mit jenem Federkiel mochte sie die Briefe an ihre Liebhaber ge-
schrieben haben – vielleicht auch die sonderbare Notiz an John
Miller. Und da lag ein winziger Dolch – ein Spielzeug, das ihr
wohl als Brieföffner gedient hatte.
Ein Hämmern an der Haustür riß ihn aus seinen Gedanken.
Seine Einkäufe wurden angeliefert, und die nächste Stunde war
er damit beschäftigt, das Zimmer herzurichten. Er bezog das
Bett, entfachte ein Feuer in dem großen Kamin und verstaute
die Lebensmittel in einem Speiseschrank.
Am frühen Abend kam die alte Frau herüber und erbot sich,
ihm eine Mahlzeit zuzubereiten. Sie erwies sich als recht
schwatzhafte Person, und Michael ließ sie drauflosreden. Fünf
Jahre lang hatte sie in diesem Haus gelebt, bis M. Duval aus
finanziellen Gründen auf ihre Dienste verzichtete.
»Bestimmt wissen Sie, Monsieur, daß in diesem Haus der
Geist einer Tänzerin umgeht, die vor Hunderten von Jahren
hier gelebt hat?« erkundigte sie sich.
»Ja, ich weiß, daß man sich das erzählt«, entgegnete Brett.
»Es ist die reine Wahrheit«, fuhr sie fort. »Ich selbst habe sie
häufig eben hier in diesem Raum gesehen, doch sie hat mir nie

-258-
etwas angetan. Man erzählt sich, daß sie seinerzeit auf geheim-
nisvolle Weise verschwunden ist. Niemand sah sie das Haus
verlassen, und doch konnte man sie nicht finden. Einige glau-
ben, der Teufel habe sie hinweggetragen, damit die Geistlich-
keit sie nicht als Hexe auf dem Scheiterhaufen verbrennen
konnte. Andere meinen dagegen, sie würde sich bis heute in
einem Geheimzimmer verbergen.«
Schließlich war das Abendessen fertig, die alte Dame tischte
auf und ging gleich anschließend nach Hause, Michael sich
selbst überlassend. Er aß etwas, trank einige Schlucke Wein und
rückte dann einen Stuhl ans Kaminfeuer. Kaum hatte er sich
dort niedergelassen, als er das Rascheln von Seide hörte. Auf-
blickend, sah er sie neben dem Kamin stehen, auf den Sims ge-
stützt. Er sprang auf und wollte sie in die Arme nehmen, doch
er umschlang nur den kalten Stein. So wie er wieder Platz ge-
nommen hatte, war sie zurück, und ihre lachenden Augen fun-
kelten ihn spöttisch an. Dann hörte er ihre Stimme, sie schien
aus weiter Ferne zu kommen.
»Du also bist mein neuer Liebhaber«, sagte sie. »Ich glaube,
ich mag dich, und ich will dich glücklich machen. Eines Tages
sollst du mich in deinen Armen halten.«
»Warum nicht heute nacht?« stammelte er.
»Nein, das ist unmöglich. Es bleibt noch etwas zu tun, bevor
ich die Deine sein kann.«
»Sag mir, was, und es soll sofort geschehen. Ich kann auf dich
nicht länger warten; die Ungewißheit versetzt mich in Todes-
qualen.«
»Ich habe mich niemals einem neuen Liebhaber hingegeben,
solange mein letzter Favorit noch am Leben war. Der Tod ist

-259-
der Preis, den alle die zahlen müssen, die Valerie de Brisson
lieben.«
»Ich fürchte den Tod nicht, wenn ich dich vorher in den Ar-
men halten darf«, drängte er sie. »Keiner deiner Liebhaber kann
heute mehr am Leben sein, denn du hast diese Welt vor über
zweihundert Jahren verlassen.«
»Aber es hat einen gegeben, der etwas von mir mit sich nahm
und glaubte, sich der Verpflichtung, die er eingegangen war,
entziehen zu können. Solange er nicht zu mir zurückkommt,
kann ich mich dir nicht hingeben. In drei Leben schon ist er sei-
ner Strafe entgangen, nun mußt du ihn mir bringen.«
»Sein Name? Sag mir, wie er heißt!« rief Michael.
Die Gestalt der Tänzerin begann sich aufzulösen, und es war
wie ein Flüstern aus ferner Vergangenheit, als Brett sie jenen
Namen aussprechen hörte – »John Miller«.

IV
Zurück in England, fiel es Brett nicht schwer, Vorwände für
einen Besuch bei Mrs. Miller in Tewkesbury zu finden.
Er hatte auch keine Schwierigkeiten, mit John, ihrem Sohn,
Freundschaft zu schließen. Dem jungen Mann, einem netten
Burschen von neunzehn Jahren, schmeichelte es offenbar, daß
Michael sich für ihn interessierte, und bald wurden die beiden
sehr vertraut miteinander. Brett erzählte dem Jungen von dem
Haus in Brügge und fragte ihn, ob er Lust habe, im September
gemeinsam mit ihm eine Woche dort zu verbringen. John

-260-
stimmte begeistert zu, und die notwendigen Vorbereitungen
waren schnell getroffen.
Sofort, als sie das Haus an der Rue Queue de Vache betraten,
rief John: »Seltsam, ich habʹ das Gefühl, als ob ich schon einmal
hier gewesen wäre.«
»Warst du ja vielleicht auch«, erwiderte Michael, den Mund
zu einem schiefen Lachen verzogen.
Da die alte Frau nicht über ihre Ankunft informiert war, ent-
schloß sich Brett, hinüber zu ihrem Haus zu gehen und sie zu
bitten, am nächsten Morgen das Frühstück zu bereiten. Der
junge Miller blieb allein am Kaminfeuer zurück.
Brett war etwa eine halbe Stunde abwesend. Als er zurück-
kam, stand der Junge schon wartend in der Tür, sein Gesicht
glühte vor Aufregung.
»Sag, Michael«, rief er, »wer ist die schöne Frau, die hier im
Haus lebt? Ich bin mir sicher, daß ich sie schon einmal gesehen
habe, und sie sprach zu mir von einer Schuld aus vergangenen
Tagen, die noch zu begleichen sei. Als ich sie bat, mir das zu
erklären, lachte sie nur und verschwand durch irgendeine Ge-
heimtür in der Täfelung.«
»Oh!« erwiderte Brett. »Du hast den Geist gesehen. Angeblich
handelt es sich um Valerie de Brisson, eine Tänzerin, die das
Haus im 17. Jahrhundert bewohnt hat.«
»Valerie de Brisson«, wiederholte John. »Aber das ist ja die
Frau, in die einer meiner Vorfahren verliebt war. Ach, Unsinn!
Diese Frau ist bestimmt kein Geist gewesen, darauf könnte ich
schwören! Vielleicht war es ja die Tochter der Hausmeisterin
oder eine Frau aus der Nachbarschaft.«

-261-
Nichts, was Michael sagte, konnte den jungen Mann überzeu-
gen, daß die Besucherin nicht aus Fleisch und Blut gewesen sei,
und so nahmen die beiden Freunde ihr Abendessen in etwas
gespanntem Schweigen ein. Anschließend saßen sie am Kamin-
feuer und lasen. Gegen acht Uhr nahm Michael wahr, daß sie
wieder im Zimmer war. Ihr Haar streifte über seine Wange,
und er hörte ihr Flüstern.
»Du hast ihn also hergebracht, so wie du es versprochen hast.
Nun ist er zurück – mein letzter Liebhaber. Sobald er tot ist,
werde ich dir und nur dir gehören. Du mußt ihn für mich töten.
Legʹ deine starken weißen Hände um seinen Hals – und es wird
schnell vorbei sein.«
Michael blickte zu dem Jungen hinüber; er war so hübsch in
seiner Jugendfrische, so arglos. Nein, er konnte die entsetzliche
Tat nicht begehen. Wieder hörte er die wispernde Stimme.
»Vor einem Zeitalter war ich die Seine, doch er entzog sich,
ohne den vereinbarten Preis zu zahlen. Er muß sterben, bevor
ich mich dir hingeben kann. Töte ihn für mich. Mein Körper
wird dein Lohn sein. Du wirst mich in den Armen halten.«
Brett fühlte, wie der Wahnsinn in ihm aufstieg. Die drängende
Stimme hauchte ihm einen höllischen Refrain ins Ohr – »Er
muß sterben, muß sterben… sterben… sterben. Ich werde dein
sein… Mein Körper… Töte ihn für mich… Töte… Töte.«
Mit einem Schrei sprang er von seinem Stuhl auf, und seine
kraftvollen Hände schlossen sich um den Hals des Jungen. Er
sah dessen bestürztes, qualvoll verzerrtes Gesicht, doch seine
Finger preßten nur um so stärker und stärker. Bald war es voll-
bracht, der leblose Körper sank zu Boden. Und wieder hörte
Michael ihre Stimme.

-262-
»Nun gehöre ich dir, Geliebter, und du sollst meinen Leib um-
fangen – einen Leib, den fast drei Jahrhunderte lang niemand
mehr in den Armen gehalten hat.«
Er wandte sich um, um sie willkommen zu heißen. Langsam,
leise tat sich eine Tür in der Täfelung auf. Mit ausgebreiteten
Armen lief er durch das Zimmer hinüber. Die Tür schwang
weit auf, und sein Körper wurde stoßweise von einem gellen-
den, irren Gelächter geschüttelt, als er Valerie de Brisson ins
Zimmer treten sah.
Dieses greuliche Gelächter war das erste, was die alte Frau zu
hören bekam, als sie am nächsten Morgen das Haus betrat. Sie
machte auf dem Absatz kehrt und lief zur Polizei, so schnell
ihre schwachen Beine sie trugen. Man fand die Leiche des jun-
gen John Miller, mit den Würgemalen des Mörders auf der
Kehle, fand eine offene Geheimtür in einer der Wände und vor
dieser Tür einen brabbelnden Idioten, dessen Speichel auf das
weiße Totengebein einer Frau troff. Valerie de Brisson hatte
Wort gehalten und Michael Brett ihren Körper hingegeben –
alles, was davon noch geblieben war.

-263-
R. H. Malden
(1879-1951)

R. H. Malden, ein weiteres Mitglied des Kreises um M. R. James


in Cambridge, war auf vielen der berühmten Treffen anwesend,
bei denen James seine Gespenstergeschichten vortrug, und er
war, wie E. G. Swain, ebenfalls ein Mann der Kirche. Sein
schmales Œuvre an phantastischen Erzählungen – ganze neun
Geschichten – entstand über einen Zeitraum von mehr als drei-
ßig Jahren, von 1909 bis 1942. Daneben schrieb der spätere
Dean der Kathedrale in Wells vornehmlich religiöse Traktate
und, nach seiner Berufung auf diesen angesehenen kirchlichen
Posten, The Story of Wells Cathedral Seine antiquarischen Nei-
gungen und die Vorliebe für das Studium apokrypher Bibeltex-
te, das er mit dem siebzehn Jahre älteren James teilte, sowie der
ihm eigene Erzählton – eine Mischung aus Mündlichkeit und
gelehrten Zitaten –, lassen ihn als idealen Fortsetzer der von M.
R. James geprägten Tradition der Gespenstergeschichte er-
scheinen.
Richard Henry Malden, im Jahre 1879 geboren, entstammte
einer Familie der englischen Oberschicht: sein Vater war offi-
zieller Chronist von Thetford und seine Mutter Tochter eines
Adligen. Maldens Lebensweg führte ihn zunächst über das an-
gesehene Eton zum Kingʹs College in Cambridge, dem James
inzwischen als Provost vorstand. Beinahe wäre man versucht,
angesichts einer solchen Ähnlichkeit des Bildungsgangs von
einer unheimlichen Wiederholung oder Replik im wirklichen
Leben zu sprechen, die auf die spätere literarische Aneignung
des älteren durch den jüngeren vorausweist. Jedenfalls führten

-264-
ähnliche Herkunft und gleiche Interessen bald zu einer engen
Freundschaft zwischen beiden, die bis zu Jamesʹ Tod im Jahre
1936 bestand.
Nach seiner Priesterweihe in Cambridge war Malden zu-
nächst Gemeindepfarrer in Swinton, bevor er als Lektor für
Theologie ans Selwyn College in Cambridge ging. In den fol-
genden Jahren wurde er noch auf verschiedene andere kirchli-
che Stellen berufen, unter anderem als Rektor der Leeds Clergy
School und, während der Kriegszeit, als Kaplan des Kriegs-
schiffes HMS Valiant, ehe man ihn 1933 zum Dean der Kathe-
drale in Wells ernannte. Diesen Posten versah er bis zu seinem
Tod im Jahre 1951.
Als mitten im Krieg, im Jahre 1941, Maldens neun Gespen-
stergeschichten zum ersten Mal gesammelt unter dem Titel Ni-
ne Ghosts erschienen, war dem Band ein Vorwort mitgegeben,
in dem Malden explizit auf die geistige Herkunft der darin ent-
haltenen Geschichten hinwies. »Ein jeder, der mit den Ghost
Stories of an Antiquarian vertraut ist«, heißt es dort, »wird ohne
Schwierigkeiten sofort erkennen, wes Geistes Kind sie [die in
Nine Ghosts abgedruckten Geschichten] sind.« Und Malden
fährt fort: »Genügend Zeit ist inzwischen seit dem Tode des Dr.
James verstrichen, um einen Versuch zu starten, die seinen
Freunden vertraute oder sogar liebgewordene Tradition fortzu-
setzen. In diesem Sinne wurden diese Geschichten jetzt ge-
sammelt und überarbeitet. Sie zollen gewissermaßen seiner Er-
innerung Tribut, auch wenn sie nicht die Qualität seines Werks
erreichen.«
Daß Malden somit bewußt seine Abhängigkeit, ja in gewisser
Weise sogar sein Epigonentum dem verehrten Freund und
Mentor gegenüber erklärt, hat es nachfolgenden Generationen
-265-
schwer gemacht, in ihm mehr als nur einen Nachahmer zu se-
hen. Tatsächlich ist die enge Anlehnung an das literarische
Vorbild unübersehbar – ebenso freilich die mangelnde Fähig-
keit, einen ebenso überzeugenden und feingesponnenen Plot zu
kreieren wie der Meister, dessen große Stärke gerade in dem
intellektuell raffinierten Enthüllungsspiel mit dem Leser be-
stand. Maldens Geschichten kommen von der Handlung einfa-
cher daher, und auch die Pointen sind oft vorhersehbar.
In ›The Sundial‹ z. B. einer offensichtlichen Replik auf M. R.
Jamesʹ ›The Rose Garden‹ unterläuft ihm sogar ein krasser Feh-
ler in der Logik der Handlungsentwicklung. Und doch besitzt
Malden das gewisse Etwas, das seine Geschichten zu mehr als
nur gut gemachten Nachahmungen macht. Vielleicht liegt es ja
an dem Erzählton, der wärmer als bei James ist, und – wie in
›Die Grabplatte‹ – eine vergangene Welt in melancholischer
Verklärung, aber zugleich nicht ganz ohne Ironie vor dem Leser
wieder auferstehen läßt. Selbst die nachgelassene Erzählung
des durch sein schauriges Erlebnis zum Siechtum verurteilten
Priesters in ›Berührungen der Nacht‹ atmet noch unterschwel-
lig diese verklärte Melancholie vergangener Tage. Und wenn
Malden auch kein begnadeter Erfinder von plots war, so gelan-
gen ihm doch immer wieder Momente grausigen Schreckens,
die einen geradezu alptraumhaften Eindruck beim Leser hinter-
lassen und denen bei James kaum nachstehen, ja gelegentlich
vielleicht sogar überlegen sind. Einer dieser Momente findet
sich gerade in der oben genannten Geschichte ›The Sundial‹,
wenn der Erzähler dem vermeintlichen Eindringling um eine
Hecke herum im Kreis nachjagt – bis er schließlich bemerkt,
daß er zurückgefallen und auf einmal selbst zum Gejagten ge-
worden ist. Ein anderer ist die Begegnung mit dem Teufel –

-266-
oder was immer es auch gewesen sein mag, das den einsamen
Viehweg am Neujahrsabend entlangkam – in ›Berührungen der
Nacht‹.
Es sind vor allem (aber sicher nicht nur) diese Momente, die
Maldens Geschichten auch heute noch lesenswert machen. Lite-
rarhistorisch markieren sie jedenfalls den Anfang der Nachah-
mung Jamesscher Erzählmodelle, und somit der Tradition der
›James-Gang‹, in bewußtem Rückgriff auf das große Vorbild,
wie sie auch heute noch von jungen Autoren in England ge-
pflegt wird. Wenn man den Geschichten von Malden einen
Vorwurf machen will, dann vielleicht den, so nahe an den Qua-
litätsstandard ihres Vorbildes herangekommen zu sein, daß sie
diesen beinahe schon zum Verwechseln ähnlich sind. Das eng-
lische Publikum jedenfalls hat sich nie daran gestört und eben
deshalb Nine Ghosts zu drei Neuauflagen allein während der
Kriegsjahre verholfen. Und wenn man heute eher geneigt ist,
die Unterschiede Maldens zu James herauszustellen, so bleibt
die bewußte Aneignung eines bereits vorgeprägten Erzählmo-
dells seitens des jüngeren Autors unübersehbar. Aber jeder Le-
ser mag sich anhand der beiden im folgenden vorgestellten Ge-
schichten selbst ein Bild machen, inwieweit Malden James nicht
nur in sich aufgenommen, sondern auch mit eigenem Leben
erfüllt hat.

-267-
Die Grabplatte

Das Sammeln von Abdrücken von Messinggedenkplatten in


Kirchen, auch bekannt unter dem Namen brass rubbing, ist eine
der Freizeitbeschäftigungen, denen man als Schuljunge mit Be-
geisterung huldigt, aber selten noch im reifen Mannesalter
nachgeht. Das Sammeln ausländischer Briefmarken ist eine wei-
tere. Einige Briefmarkensammler bleiben ihrem Hobby treu
und bringen es mit der Zeit auf sehr umfangreiche und wert-
volle Sammlungen. Aber ich glaube, sie sind die Ausnahme. Ich
kann mich jedenfalls nicht erinnern, jemals von einem brass rub-
ber gehört zu haben, der ein halbes Jahrhundert oder länger sy-
stematisch seinem Steckenpferd nachgegangen wäre. Und den-
noch würde eine vollständige Sammlung von Abdrücken engli-
scher Messingplatten von großem Wert und Interesse sein. Eine
solche Sammlung käme einer Dokumentation aller Bereiche des
gesellschaftlichen Lebens gleich – über Kirche, Militär, Alltag
bis hin zu Heim und Herd – von der Mitte des dreizehnten bis
zum Anfang des sechzehnten Jahrhunderts, wie es sie, meines
Wissens, bislang noch nicht gegeben hat.
Nach 1500 werden Messingverzierungen spärlicher, jedoch
lassen sie sich noch für ein paar Jahrhunderte vereinzelt finden.
Eine der spätesten muß die von William Broderip sein, Chorlei-
ter und Organist der Kathedrale in Wells, der im Jahre 1726
starb. Die Gußform ist alles, was heute noch davon geblieben
ist. Wie Briefmarkensammler unter dem Namen Philatelisten
bekannt sind, so dürfen sich brass rubbers, aus Gründen, die mir
wohl immer dunkel bleiben werden, als Chalkotribisten be-
zeichnen – falls sie es denn so möchten. Ganz bestimmt kann

-268-
Chalkotribie ein recht amüsanter Zeitvertreib während langer
Sommertage sein. Es bedeutet, daß man, ausgerüstet mit einem
Fahrrad und einer Landkarte, unterwegs ist (auch wenn man
gelegentlich einen Teil der Strecke mit dem Zug zurücklegen
muß), um auf schmalen Pfaden zu abseits gelegenen Dörfern zu
gelangen, wo das Auftauchen eines Fremden noch ein Ereignis
ist, das Neugier und sogar Aufregung verursacht. (Aber viel-
leicht ist das auch schon Vergangenheit, und ich denke an die
goldene Zeit zurück, wo Königin Victoria ihre schützende
Hand über England hielt. ) Was immer auch die junge Genera-
tion gegen das Fahrrad vorbringen mag, so behaupte ich doch,
daß es keine bessere Methode gibt, das Land zu erkunden.
Oder jedenfalls gab, bevor der Verbrennungsmotor, wie es
Lord Grenfell so entschieden ausdrückte, »die Erde besudelte,
das Meer verschmutzte und die Luft verpestete«. Sogar heutzu-
tage kann der Radfahrer noch Wege benutzen, auf denen ihm
das Auto nicht folgen kann – und sehr wahrscheinlich sieht er
auf einer Meile mehr Sehenswertes als der Autofahrer auf zehn.
Der Teil von England, in dem der Chalkotribist am ehesten für
seine Mühen entlohnt wird, befindet sich, wie allgemein be-
kannt, östlich einer Linie von Hull nach Bournemouth. Inner-
halb dieses Landstrichs gibt es kein Gebiet, in dem man nicht
mit dem Fahrrad weiterkäme.
Meine Vorgehensweise war immer mehr oder weniger diesel-
be. Hatte ich, was gelegentlich nicht ganz so einfach war, mein
Dorf gefunden, so schaute ich zunächst im Pfarrhaus vorbei.
Natürlich kündigte ich mich immer ein paar Tage vorher
schriftlich an und bat um Erlaubnis, meinem Hobby nachgehen
zu dürfen. (Dies wurde mir nur einmal in einem, wie mir
schien, recht merkwürdig klingenden Brief verweigert. Bald

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darauf kam mir zu Ohren, daß der Verfasser einen handfesten
Skandal ausgelöst hatte, indem er mit einem Regenschirm in
der Hand auf die Kanzel gestiegen war. Er öffnete den Regen-
schirm und hielt ihn während der ganzen Andacht über seinem
Kopf. Es war ein schöner Tag, und das Dach der Kirche gut in-
stand. Ein paar Wochen danach trat er, auf Drängen des Bi-
schofs der Diözese, von seinem Posten zurück und verkündete,
wie man mir berichtete, seinen Entschluß, den Rest seiner Tage
der Kultivierung zweifarbiger Rosen und der Entendressur
widmen zu wollen. Inwieweit seine beiden Unternehmungen
von Erfolg gekrönt waren, ist mir nicht zu Ohren gekommen.)
Traf ich den Pfarrherrn zu Hause an, so fand ich ihn immer
zuvorkommend und zumeist sehr gastfreundlich; gelegentlich
auf beinahe übertriebene Weise. Wenn er unterwegs oder an-
derweitig verhindert war, so erhielt ich Nachricht, daß die Kir-
che offen stünde und der Küster mir in jeder Weise behilflich
sein würde. Sofern möglich, nahm ich im Wirtshaus zuvor eine
einfache Jause aus Brot, Käse und Bier ein, da dies am wenig-
sten Zeit kostete und ich so das Tageslicht am besten ausnutzen
konnte. Lud man mich zum Tee ein, so nahm ich üblicherweise
an, da ich zu dieser Zeit mein Tagwerk (wenn man es denn so
nennen kann) verrichtet hatte und mich gerne noch ein wenig
über den Ort und die Leute unterhielt, bevor ich mich auf den
Heimweg machte bzw. dorthin, wo ich die nächste Nacht zu
verbringen gedachte. Keine sehr gefährliche oder sehr aufre-
gende Art, seine Tage dahinzubringen, mögen Sie denken. Und
trotzdem geriet ich einmal in etwas hinein, das man mit Fug
und Recht ein Abenteuer nennen könnte und das unter Um-
ständen für mich recht unangenehm hätte enden können. Bis
heute bin ich mir über das, was eigentlich vorgefallen ist, nicht

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ganz im Klaren, und außer mir kennen nur noch zwei andere
Menschen die Geschichte. Ich glaube nicht, daß jetzt, nach mehr
als vierzig Jahren, noch irgend jemand daran Anstoß nehmen
wird, daß ich sie zu Papier bringe.
Much Rising wird so gut wie jeder andere Name als Pseudo-
nym für das betreffende Dorf herhalten können. Über seine ge-
naue Lage möchte ich weiter nichts verraten, als daß sich das
Dorf innerhalb der Grenzen der alten Diözese von Lincoln be-
findet, die sich vormals vom Humber bis an die Themse er-
streckte.
Eines schönen Morgens im August, als sich das letzte Jahr-
hundert seinem Ende näherte, hätten Sie mich dabei beobach-
ten können (und vielleicht wurde ich ja auch beobachtet), wie
ich an der Türglocke des Pfarrhauses zog. Der Pfarrer war sehr
erfreut, mich zu sehen. Mein Name kam ihm bekannt vor; rasch
stellte sich heraus, daß er mit zwei meiner Onkel zusammen in
Trinity Hall studiert hatte und mit einem von ihnen befreundet
gewesen war. Leider waren sowohl er als auch Mrs. Foster (ich
hätte des Pfarrers Namen schon eher erwähnen sollen) ge-
zwungen, einen Großteil des Tages in dem einige Meilen ent-
fernten Marktflecken auf dem allmonatlichen Treffen des Kran-
kenhauskomitees zuzubringen. Während er noch sprach, hörte
ich das Klappern von Hufen und das Knirschen von Rädern auf
dem Kies vor dem Fenster, so wie wenn eine Kutsche vorfährt.
»Sie werden jedoch«, fuhr er fort, »die Kirche offen finden,
und der Küster wird den ganzen Tag da sein, da er ein Grab
ausheben muß. Ich habe ihm mitgeteilt, daß Sie kommen wer-
den und daß er Ihnen, wo immer er kann, behilflich sein soll.
Wir sind wohl gegen vier Uhr zurück und würden uns sehr

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freuen, wenn Sie noch auf eine Tasse Tee zu uns hereinschauen
würden, bevor Sie sich auf den Heimweg machen.«
In diesem Moment kam Mrs. Foster in Reisekleidern herein.
(Die Straßen waren damals oft noch sehr staubig. ) Ich will gar
nicht versuchen, ihre Aufmachung zu beschreiben, die heutzu-
tage ebenso ungewöhnlich erscheinen würde wie damals die
Kleidung von heute. Ich wurde ihr vorgestellt, und sie erneuer-
te die Einladung zum Tee noch einmal aufs herzlichste. Dann –
»Alfred, mein Lieber, es ist höchste Zeit, daß wir aufbrechen.
Du weißt doch, wenn wir zu spät kommen, werden Sie Lord
Merton den Vorsitz übertragen, du wirst sehen. Und der schläft
nach zehn Minuten wieder ein, und wenn er dann, gerade
wenn wir beinahe fertig sind, übellaunig wieder aufwacht, will
er, daß alles noch einmal durchgesprochen wird. Ich verstehe
nicht, warum er nicht zurücktritt; zumal er ja, auch wenn er
wach ist, nur die Hälfte von dem mitbekommt, worüber wir
sprechen.«
Die Türklinke schon in der Hand, fiel mir noch etwas ein.
»Sagen Sie, wie heißt denn der Küster? Ich denke, ich sollte ihn
beim Namen nennen, und es ist mir immer sehr unangenehm,
wenn ich die Leute rundheraus danach fragen muß.«
»Nicholas Clenchwarton«, antwortete der Pfarrer. »Komisch,
nicht? Und das ist nicht das einzige Merkwürdige an ihm. Aber
das müssen wir jetzt nicht besprechen. Wenn wir uns heute
nachmittag sehen, können Sie mir ja sagen, was Sie von ihm
halten. Wir müssen jetzt wirklich los.«
Die letzten Sätze hatte er, wie mir schien, recht hastig hinzu-
gesetzt. Mrs. Fosters Gesichtsausdruck schien sagen zu wollen,
daß sie eine ganze Menge über die Merkwürdigkeiten des Ni-

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cholas Clenchwarton zu erzählen wüßte und auch nur zu gern
dazu bereit wäre – auch wenn man dann Lord Merton als Vor-
sitzenden des Krankenhauskomitees vorgefunden hätte.
Als ich auf den Kirchhof kam, mußte ich feststellen, daß das
Grab schon so tief ausgehoben war, daß der Totengräber selbst
in der Versenkung verschwunden war. Das einzige Zeichen
seiner Anwesenheit und seines Arbeitseifers waren die Schau-
feln Erde, die von unten heraufgeflogen kamen. Ich ging auf
das Grab zu, war aber immer noch ein paar Meter davon ent-
fernt, als er, gewandt wie ein Wiesel, daraus hervorkletterte
und mir entgegen kam. Es ging mir durch den Kopf, was es
doch für ein Zufall war, daß er sich gerade in diesem Moment
entschieden hatte, eine Pause einzulegen. Und wenn es kein
Zufall war und er meine Schritte auf dem Gras gehört hatte, so
mußte sein Gehör außergewöhnlich scharf sein. Merkwürdig
war keinesfalls eine unangebrachte Vokabel zur Beschreibung
seiner Person. Er war sehr klein, von beinahe zwergenhaftem
Wuchs, und, wie es oft bei solchen Menschen vorkommt, sehr
breit und kräftig in Brust und Schultern. Offensichtlich war er
mit außergewöhnlichen Körperkräften ausgestattet. Seine Haut
hatte einen dunklen Teint, und seine Haare waren raben-
schwarz. Beides war ungewöhnlich in diesem Teil von England.
Er sah aus, als fließe mehr als nur ein Teil Zigeunerblut in sei-
nen Adern. Wäre sein Name Mace oder Farr oder Lee gewesen,
es hätte mich nicht überrascht. Er war barhäuptig, und zwei
Büschel schwarzer Haare standen fast wie Hörner über seinen
Ohren ab.
Irgend etwas war ungewöhnlich an seinem Gesicht, doch kam
ich zunächst nicht darauf. Dann sah ich, daß seine dichten
schwarzen Augenbrauen in der Mitte zusammengewachsen

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waren; wie es von den Brauen des Apostel Paulus in den Acta
Pauli et Theclae heißt. Er sah aus, als könnte er in einem früheren
Leben ein Seemann gewesen sein, und mir schien, er wäre an
Bord der Hispaniola nicht fehl am Platze gewesen. Ich hätte ihn
mir gut als einen Spießgesellen des ›schnapsnasigen Schurken
Israel Hands‹ vorstellen können.*
Wir gaben uns die Hand, und ich machte die Bemerkung, daß
es ein schöner Tag sei. Er stimmte mit mir überein, fügte aber
hinzu, daß die Bauern über etwas Regen froh wären. Dann –
»Der Pfarrer hat gesagt, da kommt ein Herr vorbei. Sinʹ Sie
das?«
Nachdem die Antwort bejahend ausfiel, deutete er mit dem
Daumen in Richtung der Kirchenschwelle und sagte: »Alles
bereit.« Da er offenbar ein Mann von wenig Worten war, über-
ließ ich ihn seinem Grab und ging zur Kirche hinüber.
Die Kirche war klein und wies außer einem schönen norman-
nischen Rundbogen über der Kanzel keine bemerkenswerten
baulichen Merkmale auf. Mosaikfenster gab es zu meiner Freu-
de nur wenige, und keines von ihnen war alt. Die Kokosmatten,
die sonst den Boden bedeckten, waren zurückgerollt worden,
so daß ich problemlos und ohne Zeitverzug an das herankom-
men konnte, was mich interessierte. Ich traf die Entscheidung,
daß das Nicholas Clenchwarton eine halbe Krone für seine Mü-
he einbringen sollte.
Im ganzen gab es fünf Messingtafeln. Keine von ihnen war
wirklich besonders interessant oder wertvoll, aber trotzdem
lohnte es sich, sie genauer in Augenschein zu nehmen. Die
größte und handwerklich ausgefeilteste war die von Thomas

* Figur aus Die Schatzinsel

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Ketton, Lord des Manor, der am 9. September 1513 gestorben
war. Ich fragte mich, ob er in der Schlacht bei Flodden gefallen
war; doch fand diese Tatsache, falls es denn so gewesen war,
nirgends Erwähnung. Am Fuße der Tafel waren ein paar Zeilen
zu lesen, die es meines Erachtens wert sind, daß ich sie hier
wiedergebe.

Lebst du, Thomas? Ja, bei Gott in den Höhen.


So bist du nicht tot? Hier könnt ihr mich liegen sehen.
Auf Erden lebte ich nur, um zu sterben.
Starb, Leben in Christu zu erwerben.

Nachdem ich von meinen Messingtafeln Abdrücke gemacht


hatte, schaute ich mich um, ob ich irgendwo eine übersehen
hätte, denn ich hatte, obwohl nichts zu sehen war, das merk-
würdige Gefühl, daß es noch eine weitere geben müsse. Das
Gefühl wurde stärker, und ich hätte beinahe schwören können,
daß mir jemand »Schau noch einmal« ins Ohr flüstere.
Ich wirbelte herum. Natürlich war da niemand. Wie denn
auch! Ich ging hinaus auf den Kirchhof und sagte dem Kir-
chendiener, daß ich wohl alles erledigt hätte, weswegen ich ge-
kommen sei, und bedankte mich für seine Mühe. Dies war der
Moment, da meine halbe Krone den Besitzer wechselte. Viel-
leicht war ja das der Grund, warum er keinen Widerspruch er-
hob, als ich ihn anschließend fragte, ob er mich für eine Minute
oder zwei in die Kirche begleiten könne. Im Inneren wandte ich
mich an ihn: »Sagen Sie, gibt es noch andere Messingtafeln au-
ßer diesen fünf?«

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Er starrte mich an und gab endlich, mit der Miene eines Men-
schen, der nach innerem Kampf zu einem Entschluß gelangt ist,
zur Antwort: »Wennʹse schon danach fragen; sagenʹse aber spä-
ter nichʹ es wär meine Schuld gewesen, klar?« Mit diesem rät-
selhaften Ausspruch wandte er sich um und stapfte hinauf in
den Altarraum. Innerhalb der Choreinfriedung hob er die Ecke
des Teppichs empor, der den Sakralraum bedeckte, und ent-
hüllte eine kleine Messingtafel. Ich sah sofort, daß ein Priester
im Ornat abgebildet war, der einen Kelch in der Hand hielt. An
der Messingtafel war, wie es schien, nichts Ungewöhnliches,
mit Ausnahme der Tatsache, daß sie in schlechtem Zustand
war.
»Nuʹ, da hamʹse ihn. Wollenʹse ʹnen Abdruck machen?«
»Aber natürlich. Warum nicht? Es wird der Tafel schon nicht
schaden.«
Wieder hielt er inne und starrte mich an. Ich fing an, mich zu
fragen, ob er noch ganz richtig im Kopf war.
Dann, sehr langsam – »Nee, das wohl nicht. Aber, man sagt,
jedes Ding hat seine zwei Seiten.« Womit er sich entfernte.
Eine nähere Untersuchung der Messingtafel zeigte, daß sie
sehr abgerieben war. Das Gesicht war kaum noch zu erkennen
und die am Rand umlaufende Inschrift zum größten Teil unle-
serlich. Aber da es in seiner ursprünglichen Gußform zu sein
schien, schloß ich, daß man den Stein mitsamt der Verzierung
als Ganzes von einem augenfälligeren Platz hierher versetzt
hatte, möglicherweise, weil man die Figur vor Besuchern und
Witterungseinflüssen bewahren wollte. Ich kniete mich nieder,
breitete mein Papier aus und begann zu rubbeln. Doch muß ich

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gestehen, daß ich mich dabei außergewöhnlich unwohl zu füh-
len begann.
Es war, als setze ich etwas frei, das man besser ruhen ließe
und das, einmal freigesetzt, vielleicht nicht mehr zu kontrollie-
ren war. Außerdem hatte ich die merkwürdige Vorstellung,
daß mich jemand von außen, durch eines der Fenster aus unge-
färbtem Glas, beobachte. Es schien mir, als ob ich aus den Au-
genwinkeln den Anblick eines Gesichts (und es war kein ange-
nehmes oder freundliches Gesicht) erhasche. Aber wenn ich
mich dem betreffenden Fenster zuwandte (es war nicht immer
dasselbe), so war nichts zu sehen. Einmal stand ich auf und
ging schnell nach draußen, aber natürlich war da niemand. Nur
der Küster, der mit seinem Grab beschäftigt war, das aber lag
zu weit weg, als daß er rechtzeitig hätte von der Kirche dorthin
gelangen können.
Um sicherzugehen, daß da wirklich niemand war, lief ich
auch noch auf die andere Seite der Kirche – und kehrte zutiefst
beschämt ob meiner schwachen Nerven zurück. Mein Blatt Pa-
pier hatte sich um ein paar Zentimeter von seinem ursprüngli-
chen Platz verschoben, und ich hatte ein wenig Mühe, es wie-
der genau in die richtige Position über der Messingtafel zu
bringen. ›Der Luftzug von der offenen Tür‹, sagte ich mir. Aber
ich glaubte nicht wirklich daran.
Alles in allem war ich von Herzen froh, als ich meine Arbeit
beendet hatte und hinaus in den Sonnenschein des hellen
Nachmittags treten konnte. Als ich den Kirchhof verließ, gab
ich dem Küster Bescheid. »Ich bin jetzt fertig. Sie können die
Kirche jederzeit wieder abschließen.« Seine Antwort war un-
verständlich, doch glaubte ich etwas aufzuschnappen, was
klang wie »Riegel und Schlösser halten auch nichʹ immer.«
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Im Pfarrhaus, nur einige Dutzend Meter entfernt, fand ich das
Ehepaar Foster in einem leicht erschöpften Zustand vor, beson-
ders die weibliche Hälfte. Die Sitzung hatte sich unsäglich in
die Länge gezogen und eine gewisse Mrs. Shorton (anscheinend
die Frau des Erzdiakons) war noch anstrengender als gewöhn-
lich gewesen. Tee und ein paar wirklich gute Kuchenstücke be-
sänftigten jedoch bald die Gemüter.
»Nun«, fragte der Pfarrer, »wie ist es gelaufen? Und was hal-
ten Sie von Clenchwarton?«
»Oh, es ist alles nach Wunsch gegangen, vielen Dank. Und ich
glaube, die Abdrücke sind ganz gut herausgekommen. Aber
der Küster – nun, ich kann nicht behaupten, daß ich ihn beson-
ders einnehmend finde.«
»Einnehmend!« rief die Dame des Hauses aus, »nein, das trifft
es wahrlich nicht. Es läuft mir kalt den Rücken herunter, wenn
ich ihn ansehe. Er ist bestimmt ein schlimmer Mensch. Ich wäre
nicht im mindesten überrascht, wenn herauskäme, daß er min-
destens einen Mord begangen hat. Ich glaube, als Küster ist er
völlig fehl am Platz. Und ich habe das nicht nur einmal, son-
dern schon hundertmal gesagt.«
»Ja, meine Liebe, ich weiß«, erwiderte ihr Ehemann. »Aber du
weißt auch, daß nicht ich ihn ernannt habe. Als wir vor zehn
Jahren hierher kamen, hatte er sein Amt schon inne, und es gab
keinen Grund, ihn zu entlassen. Wie Sie gesehen haben«, wand-
te er sich an mich, »hält er die Kirche und den Kirchhof sehr gut
in Ordnung. Er muß über einige eigene Mittel verfügen (dieser
Schlag von Leuten bezieht oft von irgendwo her gewisse ›Miet-
einnahmen‹), denn er hat sonst keine andere Arbeit, und nur
mit dem, was wir ihm zahlen, könnte er kaum auskommen. Es

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ist ja ganz selbstverständlich, daß in so einem kleinen Ort wie
diesem der Küster nur eine Halbtagsanstellung hat und auch
nur entsprechend bezahlt wird; man nimmt einfach an, daß er
noch anderswo arbeitet. Aber Clenchwarton nimmt sein Amt
wahr, als ob es eine Vollbeschäftigung wäre. Er tut mehr, als er
eigentlich müßte – und mehr, als wofür er eigentlich bezahlt
wird. Ich weiß, er ist nicht beliebt im Dorf, aber das kommt
vielleicht nur daher, weil er ein ›Zugereister‹ ist und sehr zu-
rückgezogen lebt. Ich habe keine Ahnung, woher er stammt.
Falls er je verheiratet war, so ist er als kinderloser Witwer hier-
her gekommen. Aber noch nicht einmal das kann ich mit Si-
cherheit behaupten. Seine Herkunft liegt ganz und gar im
dunklen.«
Mrs. Foster sagte nichts, aber es war klar, daß sie annahm, bei
Clenchwartons Zurückhaltung handele es sich um eine Vor-
sichtsmaßnahme seinerseits.
»Es wird gemunkelt, er schleiche nachts viel in der Gegend
herum. Aber wenn er ein Wilderer sein sollte, so wäre er nicht
der einzige in der Gemeinde, und ich verstehe nicht, warum
man sich deshalb an ihm stören sollte. Doch ich glaube, das ist
es auch nicht, was die Leute gegen ihn haben. Aber was es ei-
gentlich ist, ehrlich gesagt: ich weiß es nicht; und ich bin mir
nicht sicher, ob die Leute selbst es wissen. Auf jeden Fall haben
die Wildhüter ihn niemals geschnappt, und mir ist auch nicht
zu Ohren gekommen, daß er betrunken gewesen oder sonstwie
aufgefallen wäre. Folglich kann ich nichts gegen ihn einwen-
den; er ist einfach ein außerordentlich beflissener Angestellter.«
»Etwas würde ich noch gerne wissen, bevor ich gehe«, sagte
ich. »Warum glauben Sie, wollte er nicht, daß ich die Messing-

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tafel des Priesters im Altarbereich sehe?« Und ich erzählte, was
passiert war.
Nachdem er meine Geschichte angehört hatte, sagte der Pfar-
rer für ein oder zwei Minuten nichts. Ich hatte den Eindruck,
daß er ziemlich durcheinander war. Dann meinte er: »Das ist
sehr merkwürdig. Der Name des Mannes war William Codd.
Als Bischof John Russell im Jahre 1485 eine Visitation abhielt,
wurde Codd unchristlicher Praktiken beschuldigt. Natürlich
waren die Beschuldigungen vage, und ich weiß nicht, wie ernst
der Bischof sie nahm. Bischöfe bewiesen oft eine ganze Menge
gesunden Menschenverstands in solchen Sachen, mehr als die
weltlichen Autoritäten. Codd starb beinahe unmittelbar darauf,
und so verlief die ganze Sache im Sande. Die Gemeinde muß
jedoch eine Abneigung gegen ihn gefaßt haben, denn er wurde
nicht im Altarbereich beerdigt, wie es dem Pfarrer eigentlich
zukommt. Man bestattete ihn im westlichen Teil der Kirche,
unter dem Turm.«
»Ich nehme an, daß die Messingtafel damals so abgeschabt
wurde«, unterbrach ich ihn, vermutlich ein wenig gegen den
guten Ton.
»Ja, dem war wohl so. Jedenfalls war der Ort ihm nicht ge-
nehm, und er hat sich anscheinend auf verschiedene Weise stö-
rend bemerkbar gemacht. Schließlich wurde er mit Genehmi-
gung von Bischof William Wickham exhumiert (das war um
1590) und dort zur Ruhe gebettet, wo er jetzt ist. Aber solche
Geschichten haben ein außergewöhnliches Eigenleben in Dör-
fern, und ich glaube, einige Leute sind sich – auch heute noch –
gar nicht so sicher, daß er sich wirklich immer in seinem Grab
aufhält. Ich frage mich, wieviel Clenchwarton darüber weiß

-280-
und was er davon hält. Aber ich nehme nicht an, daß Sie oder
ich viel aus ihm herausbekommen würden.«
Kurz darauf verabschiedete ich mich. Ich mußte ungefähr
zehn Meilen mit dem Fahrrad bis zu dem Städtchen strampeln,
wo ich mich in einem Gasthof für eine Woche lang eingemietet
hatte. In der Umgebung gab es noch verschiedene andere Kir-
chen, die ich gerne aufsuchen wollte, und anhand der Karte
hatte ich den Ort mit dem Gasthof als den am zentralsten gele-
genen Punkt ermittelt. Es versprach, eine angenehme Fahrt in
der Kühle des späten Nachmittags zu werden. Aber ich sollte
enttäuscht werden. Damals gab es noch keine Sommerzeit, und
sechs Uhr war wirklich sechs Uhr. Wie es in diesem Teil Eng-
lands üblich ist, verlief ein recht breiter Grasstreifen zu beiden
Seiten der Landstraße. Dahinter jeweils ein weiter und tiefer
Graben, der um diese Jahreszeit natürlich trocken lag, mit einer
dichten Hecke auf der anderen Seite.
Als ich so dahin radelte, hörte ich ein Rascheln im Graben,
wie es vielleicht ein kleines Tier verursachte. Was ist daran Un-
gewöhnliches, werden Sie fragen. Nun, das Ungewöhnliche
bestand darin, daß das Geräusch mit mir Schritt hielt, oder um
genau zu sein: Es hielt sich ungefähr zwei Meter hinter mir,
niemals mehr und niemals weniger. Ich radelte schneller, aber
selbst hangab konnte ich es nicht abschütteln. Zweimal stieg ich
ab und ging zu dem Graben hinüber. Aber dort war nichts zu
sehen. Wenn ich anhielt, hörte das Rascheln sogleich auf. So-
bald ich jedoch wieder aufsaß, fing es von neuem an. Ich war
unangenehm berührt, aber anscheinend gab es nichts, was ich
tun konnte. Erst als ich auf die Straße des Städtchens hinaus-
fuhr, verklang das Geräusch.

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Während des Abendessens und darüber hinaus leistete mir
ein Handlungsreisender Gesellschaft, der ein Gespräch suchte.
Normalerweise hätte ich das wohl ziemlich ermüdend gefun-
den, aber ich gebe zu, daß es mir in jener Nacht ganz recht war.
Der Gute hielt mir einen ungeheuer interessanten Vortrag dar-
über, wie rasch sich der Geschmack der Dörfler hinsichtlich der
verschiedenen Seifensorten von heut auf morgen ändern könne
und inwiefern sich die Vorlieben der Leute von Dorf zu Dorf
unterscheiden und wechseln. Um Seife auf dem platten Land
erfolgreich an den Mann zu bringen, soviel begriff ich – mußte
man mit schier prophetischen Gaben ausgestattet sein und die
menschliche Natur in und auswendig kennen. Er wiederum
war offensichtlich darauf erpicht zu erfahren, was mich hierher
geführt hatte. Also sagte ich ihm, daß ich Ferien mache und den
Tag in Much Rising verbracht habe.
»Unzweifelhaft ein merkwürdiges Örtchen«, war sein Kom-
mentar. Da es jedoch nicht zu seiner Tour gehörte, war er selbst
noch nie dagewesen. Das Städtchen, in dem wir uns befanden,
bildete die Grenze seines Verkaufsgebiets.
Ich ging früh zu Bett, schlief jedoch sehr schlecht. Mehrmals
wachte ich während der Nacht mit dem unangenehmen Gefühl
auf, daß irgend jemand (oder irgend etwas) im Zimmer herum-
schleiche. Zweimal machte ich Licht, sah aber keinen Eindring-
ling. Das Haus war alt, und möglicherweise gab es Ratten. So-
lange sie hinter der Wandtäfelung blieben, konnten sie keinen
Schaden anrichten. Mit dieser vom gesunden Menschenvers-
tand diktierten Überlegung, die jedoch ihre beruhigende Wir-
kung nicht ganz so vollständig entfaltete, wie ich erwartete hat-
te, schlief ich wieder ein.

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Der nächste Morgen war naßkalt. Der Wirt versicherte mir,
daß es gegen zwölf Uhr aufklaren würde. Also schien es mir
kein schlechter Gedanke, die gestern gemachten Abdrücke nä-
her in Augenschein zu nehmen. Sie waren alle gut geworden;
zu meiner Überraschung auch der von Codd. Tatsächlich konn-
te ich mehr erkennen als auf dem Original. (Das passiert schon
mal, genau wie wenn die Photographie eines Manuskripts, be-
sonders wenn es sich um ein Palimpsest handelt, einfacher zu
entziffern ist als die Originalhandschrift.)
Die Schriftzüge um den Rand waren sehr beschädigt, aber ich
konnte das folgende entziffern:… ISA AC……NDA MORTE ….
PTVS … DIE NOV ………… INA … CE VERE.
Dies rekonstruierte ich wie folgt: IMPROVISA AC
HORRENDA MORTE ABREPTUS XXIXno DIE NOVEMBRIS
SATURNINA LUCE VERE.
Ein unvorhergesehener und schrecklicher Tod hat ihn uns am 29.
November entrissen, wahrlich ein schwarzer Tag. (Die Jahreszahl
war zwar vollkommen ausgelöscht, aber laut dem Pfarrer muß-
te es ja das Jahr 1485 gewesen sein.)
Meine Monatsangabe beruhte auf reiner Vermutung. Aber ich
erinnerte mich, daß der 29. November der Tag des Heiligen Sa-
turninus von Toulouse war, der während der Verfolgungen
unter Kaiser Decius von einem wilden Stier durchbohrt und
getötet worden war. Und mir schwante, daß die Ableitung ei-
nes Adjektivs von seinem Namen, mehr oder weniger gleich-
bedeutend mit unserem saturninisch, nicht unwahrscheinlich
war. Ich fragte mich, was William Codd zugestoßen war.
Wahrscheinlich ein Unfall, der, mit Hinblick auf die gegen ihn

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ausgesprochenen Verdächtigungen, zweifellos für ein Gottesur-
teil angesehen wurde.
Die traditionelle Gebetsformel CVÎS ANIMÊ PPTIETVR DEVS
(möge Gott seiner Seele gnädig sein) war nicht Bestandteil des Ori-
ginalschriftzugs der Messingtafel, sondern offensichtlich von
späterer Hand, ziemlich ungelenk, in den Stein gehauen wor-
den. Das war ungewöhnlich und ließ die Vorstellung, die Ge-
meinde habe nach seinem Begräbnis entdecken müssen, daß sie
ihn damit nicht endgültig losgeworden war, in schillernderem
Licht erscheinen.
»Na ja«, murmelte ich, halb zu mir selbst und halb zu dem
Abdruck auf dem Tisch vor mir, »ich frage mich, wie du wirk-
lich ausgesehen hast. Schade, daß man nichts von deinem Ge-
sicht erkennen kann.«
Und nun kommt der bemerkenswerteste Teil meiner Ge-
schichte. Während ich noch sprach, begannen ein paar Striche
auf dem Abdruck sichtbar zu werden. Zunächst waren sie noch
sehr undeutlich. Allmählich wurden sie aber klarer, wie wenn
das Negativ einer Photographie im Entwicklungsbad Form an-
nimmt. Stück für Stück kam ein Gesicht zum Vorschein – und
es war ein mir bekanntes Gesicht. Ich hatte es gerade gestern
erst erblickt. Es gab keinen Zweifel. Da waren die in der Mitte
zusammengewachsenen Augenbrauen und die hornartigen
Haarbüschel über den Ohren: Ich erblickte das Porträt von Ni-
cholas Clenchwarton.
Aus einem Grund, den ich nicht ganz erklären kann, empfand
ich keine Furcht. Vielleicht, weil mein Erstaunen keinen Platz
für ein anderes Gefühl ließ; vielleicht, weil meine Umgebung so
prosaisch war. Der Schankraum einer Gaststätte eines kleinen

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Landstädtchens um elf Uhr morgens bietet kaum eine überzeu-
gende mise-en-scène für übernatürliche Erfahrungen.
Während ich noch auf das Bildnis schaute, ging mit diesem
eine weitere Veränderung vor sich. Das Gesicht verlor an Men-
schenähnlichkeit; die Haarbüschel waren nun eindeutig Hör-
ner, und ich erblickte den Kopf eines Stiers auf einem menschli-
chen Körper. »Wie der Minotaurus«, entfuhr es mir unwillkür-
lich. Die Augen und Stirn zeugten ohne Zweifel von mehr als
tierischer Intelligenz. Im nächsten Moment verblaßte das Bild,
und das Gesicht war wiederum nichts weiter als eine weiße
Fläche.
Hatte ich das alles nur geträumt? Nein, ich wußte, das hatte
ich nicht. Was ich soeben beschrieben habe, das habe ich so
deutlich gesehen, wie man nur etwas im Leben sehen kann. Mir
war klar, daß ich so schnell wie möglich nach Much Rising zu-
rückkehren und die Sache mit dem Gemeindepfarrer bespre-
chen mußte. Da sich die Wettervorhersage des Wirtes als richtig
erwies, setzte ich mein Vorhaben schon kurz nach dem Mittag-
essen in die Tat um.
Eingestandenermaßen beschlich mich ein unruhiges Gefühl,
als ich das Städtchen hinter mir ließ. Die Landstraße war ver-
lassen, und ich entdeckte bald, daß mein Weggefährte vom
Vortage schon im Graben auf mich wartete. Doch blieb mir kei-
ne Wahl; außerdem hätte ich auch nicht zu sagen gewußt, wie
mir das Rascheln etwas anhaben könnte. Als ich in Sichtweite
des Dorfes kam, überholte mich das Rascheln, und ich dachte,
ich sähe ungefähr hundert Meter vor mir ein kleines Tier aus
dem Graben klettern und durch die Hecke auf das angrenzende
Feld wechseln. Ich erhaschte nur einen flüchtigen Blick und
kann deshalb nicht mehr sagen, als daß es von dunkler Farbe
-285-
war und ungefähr die Größe eines Kaninchens hatte. Aber ein
Kaninchen war es bestimmt nicht. Und es war auch keine un-
gewöhnlich große Ratte. Ein Stückchen weiter bot ein Tor einen
Zugang zu dem Feld. Als ich herankam, öffnete ein Mann das
Tor und sagte: »Hier gehtʹs lang.« Ich erblickte eine ausgedehn-
te Weidefläche mit einem Trampelpfad, der sich quer über die
Weide zog und für ein Fahrrad geeignet war. Am anderen Ende
verschwand der Pfad zwischen einigen Büschen, und genau
dahinter konnte ich die Schornsteine des Pfarrhauses erkennen.
Es gehörte zu der im ganzen merkwürdigen Atmosphäre die-
ses Tages, daß ich ebensowenig wie man in einem Traum über
irgend etwas ins Staunen gerät, überrascht darüber war, daß
der Mann wußte, wohin ich wollte. Ich bedankte mich bei ihm,
bog beim Tor ein und radelte über das Feld. Ich hatte den Mann
nur einen Moment lang gesehen und konnte mich im nachhi-
nein nur noch vage an sein Aussehen erinnern. Er trug einen
breitkrempigen Hut, so daß ich sein Gesicht überhaupt nicht zu
sehen bekam, und ein langes, hellfarbenes Kleidungsstück, das
ich im ersten Moment für einen jener Kittel hielt, wie ihn zu-
weilen noch ältere Landarbeiter tragen. Wenn ich jetzt darüber
nachdenke, zweifle ich jedoch an dieser Theorie. Das war jeden-
falls alles, was ich später dem Pfarrer darüber zu berichten
vermochte. Er konnte anhand meiner Beschreibung niemanden
in der Gemeinde identifizieren. Später fiel mir noch ein, daß die
Stimme des Mannes merkwürdig heiser geklungen hatte, so als
habe er seit langem zum ersten Mal wieder mit einem anderen
Menschen gesprochen.
Als ich das Feld zur Hälfte überquert hatte, hörte ich hinter
mir ein Geräusch. Ich blickte über meine Schulter und sah einen
riesigen schwarzen Stier auf mich losstürmen; offensichtlich

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hegte er keine freundlichen Absichten. Mir blieb nur rasche
Flucht, und das Buschwerk oder die Pflanzung oder was immer
es auch sein mochte, worauf ich zuhielt, war vielleicht meine
einzige Rettung. Ich strampelte mir die Seele aus dem Leib,
aber der Pfad war eng und uneben, und vermutlich holte das
Tier stetig auf. Als ich in die bepflanzte Fläche hineinfuhr, sah
ich gerade vor mir etwas, das wie ein kleiner, aufgegebener
Steinbruch aussah. Auch wenn die Aussicht nicht besonders
verlockend war, blieb mir keine andere Wahl. Ich riß mein Vor-
derrad herum und wälzte mich seitwärts in die Büsche. Noch
im Fallen hörte ich ein Brüllen und ein Krachen. Ich rappelte
mich wieder auf, dankbar, mit dem Leben davongekommen zu
sein. Der Stier war nirgends zu sehen. Ich nahm an, daß er in
den Steinbruch gestürzt war, und ließ ihn gern dort zurück. So
rasch ich konnte, rannte ich, stolpernd und blindlings, durch
die Büsche und fand mich auf einmal vor dem Tor zum Garten
des Pfarrhauses wieder. Ich öffnete es (Gott sei dank war es
nicht verschlossen) und tat noch ein paar weitere Schritte. Dann
muß ich ohnmächtig geworden sein, denn das nächste, woran
ich mich erinnere, ist, daß ich in einem Korbstuhl auf dem Ra-
sen saß, mit dem Geschmack von Brandy im Mund und dem
Pfarrer und Mrs. Foster an meiner Seite.
Das erste, was der Geistliche sagte, war ebenso weise wie ver-
ständnisvoll. »Lassen Sie sich Zeit. Erzählen Sie uns erst, was
passiert ist, wenn Sie selbst soweit sind.«
Aber wie bei vielen Menschen, die sich furchtbar erschreckt
haben, aber nicht ernsthaft verletzt sind, stieg auf einmal Wut
in mir auf.
»Das ist ja wohl die Höhe«, schimpfte ich, »einen wilden Stier
frei auf der Weide herumlaufen lassen! Und dieser nicht einge-
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zäunte Steinbruch, oder was immer es auch ist, dort in der
Pflanzung, ist die schiere Todesfalle.«
»Stier? Steinbruch? Wovon sprechen Sie? Das ganze Terrain
gehört mir, es ist Teil des Pfarrlandes, schon immer gewesen.
Das Areal wird Stierhof genannt; ich vermute, das geht noch
auf die Zeiten zurück, wo es – Sie werden überrascht sein, das
zu hören – zu den Pflichten des Gemeindepfarrers zählte, einen
Stier und einen Eber bereitzustellen. Aber meines Wissens war
schon seit Jahren kein Stier mehr auf dieser Weide. Seit ich hier
bin jedenfalls ganz bestimmt nicht. Und es gibt auch keinen
Steinbruch in der Pflanzung. Wieso auch? Eine kleine Boden-
vertiefung, wo sich im Winter das Wasser sammelt, das ja.
Manchmal steht es vielleicht kniehoch. Aber zur Zeit ist natür-
lich alles knochentrocken. Sie hätten mit Ihrem Fahrrad gera-
dewegs hindurch radeln können. Tatsächlich gibt es eine An-
zahl kleiner Steinbrüche in dieser Gegend – früher war dies hier
eine Bergbaugegend –, und einige von ihnen sind immer noch
in Betrieb. Aber falls die Mulde einst ein Steinbruch gewesen
sein sollte, so ist sie schon seit langer Zeit wieder aufgefüllt,
wahrscheinlich auf ganz natürliche Art und Weise.«
Während dieser Ansprache beruhigte ich mich wieder. Ich
entschuldigte mich und fragte: »Nun gut, wieso kommen Sie
nicht einfach mit und sehen es sich an?«
Er willigte ein, und wir gingen hin und fanden alles so vor,
wie er es gesagt hatte. Der einzige Teil meiner Geschichte, der
sich erhärten ließ, war, daß ich von meinem Fahrrad in die Bü-
sche gefallen war. Auf jeden Fall war mein Fahrrad noch vor-
handen, zum Glück kaum beschädigt, und auch meine Kappe
und ein paar abgebrochene Äste lagen herum. Eine Grube oder

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einen Steinbruch gab es nicht, und von einem Stier war auch
keine Spur zu sehen.
»Aber haben Sie ihn denn nicht brüllen gehört?« fragte ich.
»Einmal war mir, als hörte ich einen Donner in der Ferne.
Aber es muß mehrere Meilen weit weg gewesen sein«, lautete
seine Antwort.
So verrückt meine Geschichte sich auch angehört haben muß,
der Pfarrer schalt mich weder einen Narren, noch lachte er
mich aus. Er sah gedankenvoll drein, meinte dann: »Ich nehme
an, Sie werden mir noch mehr zu sagen haben«, und führte
mich zurück in den Garten.
Wir trafen Mrs. Foster, wie sie gerade aus dem Haus kam,
und sie bat mich sehr zuvorkommend, doch die Nacht über zu
bleiben. »Sie haben wohl eine Art Schock erlitten«, sagte sie.
»Sie sind wirklich nicht in der Lage, aufzubrechen. Mein Mann
kann ihnen alles ausleihen, was Sie für die Nacht brauchen.
Oder Sie können ein paar von Geralds Sachen benutzen.« (Ge-
rald, das erfuhr ich später, war ihr Sohn, der in der Armee dien-
te und natürlich die meisten seiner Sachen zu Hause ließ, wenn
er bei seinem Regiment war.)
Ich protestierte halbherzig, doch wurden alle meine Einsprü-
che von ihnen beiden beiseitegewischt. »Sie müssen wirklich
hierbleiben«, erklärte Mrs Foster. »Ich habe ein Telegramm an
den Gasthof geschickt.« (Telephone waren damals noch sehr
selten auf dem Lande. ) »Sie haben mir ja gestern gesagt, daß
Sie dort abgestiegen sind, und natürlich kenne ich die Leute
sehr gut. Ich habe ihnen mitgeteilt, daß man mit Ihnen nicht vor
morgen um die Mittagszeit rechnen sollte.«

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Das entschied die Sache. Im Innern war ich ihr dankbar, da
ich mich kaum fähig fühlte, allein zurückzuradeln – geschweige
denn in solcher Gesellschaft, wie ich sie erwarten mußte. Auf
ihren Vorschlag hin legte ich mich in dem Zimmer, das mir für
die Nacht zugewiesen war, etwas hin. Ich schlief ein, und als
ich um ungefähr sieben Uhr geweckt wurde, fühlte ich mich
schon viel besser. Nach dem Abendessen erzählte ich die ganze
Geschichte im großen und ganzen so, wie ich sie hier niederge-
schrieben habe.
Sobald ich fertig war, rief Mrs. Foster triumphierend ihrem
Mann zu: »Siehst du nun, ich habe es dir doch immer gesagt!
Du mußt diesen schrecklichen Menschen jetzt einfach loswer-
den.«
»Du hast mir nie gesagt, daß es eine Verbindung zwischen
ihm und William Codd gibt«, erwiderte der Pfarrer nicht ganz
zu unrecht. »Und wenn du es mir gesagt hättest, bezweifle ich,
daß ich es dir geglaubt hätte. Aber selbst jetzt sehe ich nicht,
wie ich ihn entlassen könnte. Welchen Grund sollte ich dafür
angeben? Was könnte ich ihm sagen?«
»Sagen? – warum mußt du ihm überhaupt etwas sagen?«
Tatsächlich sollte es sich, wie Sie gleich erfahren werden, her-
ausstellen, daß dies nicht nötig war.
In einem Punkt stimmten wir überein. Je eher mein Abdruck
der Messingtafel zerstört würde, desto besser. Also gingen wir
zum Laubhaufen im Garten, legten das Papier darunter und
hielten ein Streichholz daran. Die Flamme lief irgendwie
merkwürdig um den Rand der Figur herum, und einen Mo-
ment lang war das blanke Gesicht von einem Feuerring umge-
ben. Jedoch war das Ganze nur von kurzer Dauer, und ein

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Luftzug verteilte die Asche in alle Winde. »So weit so gut«, sag-
te der Pfarrer, als wir zurück ins Haus gingen.
Ich schlief tiefer als die Nacht zuvor im Woolpack, auch wenn
ich ein- oder zweimal von einem unnatürlich lauten Gekauze
der Eulen aufwachte.
Am nächsten Morgen, als wir gerade unser Frühstück beendet
hatten, kam die Aufwartefrau herein und meldete, ein Polizei-
beamter sei da, der den Pfarrer zu sprechen wünsche.
»Tut mir leid, wenn ich Sie störe, Herr Pfarrer«, entschuldigte
sich der Mann, sobald man ihn hereingebeten hatte. »Aber
würden Sie bitte mit mir ins Dorf kommen? Irgendwas stimmt
da nichʹ bei Clenchwarton.«
Auf dem Weg erzählte er uns, daß niemand sich erinnern
könne, den Küster seit dem vorangegangenen Abend gesehen
zu haben. Die Frau, die den Haushalt für ihn besorgte, war wie
üblich morgens vorbeigekommen, aber nicht eingelassen wor-
den. Weder Klopfen noch Rufen erbrachten irgendeine Reakti-
on.
Clenchwartons Häuschen stand ganz für sich, zwischen dem
Ende der Dorfstraße und dem Friedhof. Als wir ankamen, hatte
sich schon eine kleine Schar Leute eingefunden, die um das
Haus herumstanden. Der Pfarrer, der mit richterlicher Gewalt
ausgestattet war, ordnete an, daß die Tür aufgebrochen werden
solle. Dies geschah ohne weitere Schwierigkeiten. Das Häu-
schen bestand nach dem üblichen Muster aus vier Zimmern:
Wohn- und Eßzimmer im Grundgeschoß und zwei Schlafzim-
mer oben. Es war sauber, roch aber seltsam erdig. Wir began-
nen unsere Suche im Wohnzimmer. Am entgegengesetzten En-
de führte eine enge Stiege hinauf in das obere Stockwerk.

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Clenchwarton lag auf dem Treppenabsatz in einer Haltung, die
deutlich genug davon zeugte, daß er tot war. Angesichts der
Enge der Stiege hielt man es für besser, ihn nicht nach oben zu
tragen. Der Leichnam wurde auf ein altes Sofa im Wohnzimmer
gebettet und mit einem Überwurf bedeckt, den man vom
Schlafzimmer herunter holte. Währenddessen ging ein Mur-
meln und Flüstern unter den Leuten hin und her. Ich schnappte
die Worte auf: »Hat wahrscheinlich dem Henker Arbeit er-
spart.« Sie schienen die allgemeine Stimmung wiederzugeben.
Der herbeigerufene Arzt stellte eine glatte Fraktur zwischen
dem dritten und vierten Halswirbel fest. Der Tod mußte au-
genblicklich eingetreten sein, und zwar mehr als zwölf Stunden
zuvor. Clenchwarton war offensichtlich durch einen Sturz auf
der Treppe gestorben. Ob irgend eine Art von Anfall Schuld an
diesem Sturz war, konnte ohne Obduktion nicht festgestellt
werden. Da man aber nicht von einer kriminellen Tat ausging,
beließ man es dabei.
Ich kehrte noch am selben Nachmittag in den Gasthof zurück
und reiste am nächsten Tag nach Hause ab. Unter den gegebe-
nen Umständen verspürte ich keine besondere Neigung, noch
weitere Messingtafeln abzureiben – vor allem nicht in dieser
Gegend. Später kamen andere Interessen und Aufgaben dazwi-
schen, und so ist meine Sammlung ebenso unvollständig ge-
blieben wie viele andere auch.
Das Urteil des Leichenbeschauers war selbstverständlich ›Tod
durch Unfall‹, und man beerdigte den Toten auf dem Friedhof
im Süden der Kirche.
Es meldeten sich keine Verwandten. Clenchwarton hatte ein
Grundstück mit Häuschen irgendwo im Westen Englands sein

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eigen genannt. Da er kein Testament hinterlassen hatte und die
Anwälte, die den Besitz für ihn verwalteten und ihm die Miet-
einkünfte überwiesen, ebensowenig über ihn wußten wie alle
anderen auch, fiel es wohl an die Krone.
Der Pfarrer bezahlte die Beerdigung aus eigener Tasche und
ließ die Worte REQUIESCAT IN PACE auf den Grabstein mei-
ßeln. Einige Leute im Dorf fanden das nicht gerade passend, als
man ihnen die Bedeutung erklärte: Sie hielten es für katholi-
schen Aberglauben. Aber die Allgemeinheit war dafür. Und
soweit man hienieden mit Sicherheit etwas sagen kann, scheint
der Spruch seine Wirkung getan zu haben.
Diese Geschichte wirft sicher eine Menge Fragen auf. Aber es
ist mir nie gelungen, auch nur auf eine einzige davon eine be-
friedigende Antwort zu finden.

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Berührungen der Nacht

Im letzten Frühjahr fiel mir die traurige Pflicht zu, als Testa-
mentsvollstrecker für einen alten Freund tätig zu werden. Wir
hatten in letzter Zeit nicht viel voneinander gesehen, da er im
Westen Englands lebte und meine eigene Zeit anderweitig völ-
lig in Anspruch genommen wurde. Unsere Beziehungen hatten
sich inniger gestaltet, als er noch Pfarrer einer großen, nicht
weit von Cambridge entfernt gelegenen Gemeinde war. Ich will
sie Yaxholme nennen, auch wenn das nicht ihr wahrer Name
ist.
Der Platz schien wie geschaffen für ihn. Er stand auf bestem
Fuß mit seinen Gemeindemitgliedern wie auch mit den weni-
gen Adligen der Umgebung. Die Kirche verlangte nach einem
Statthalter mit antiquarischen Kenntnissen und künstlerischer
Sensibilität, und auch in dieser Hinsicht war mein Freund aus-
nehmend gut für seinen Posten geeignet. Allerdings zwang ihn
ein überraschender Nervenzusammenbruch, aus seinem Amt
auszuscheiden. Die Ursache blieb seinen Freunden immer ein
Rätsel, denn zum Zeitpunkt seines Zusammenbruchs war er
gerade im besten Mannesalter und strotzte geradezu vor Ge-
sundheit. Seine Gemeindetätigkeit war weder besonders auf-
reibend noch nervlich besonders belastend gewesen; auch hatte
er, so weit uns bekannt, nicht die mindesten privaten Sorgen.
Und doch kam der Zusammenbruch mit erschreckender Plötz-
lichkeit, und er war so schwer, daß man eine Zeitlang um sei-
nen Verstand fürchten mußte. Zwei Jahre völliger Ruhe und
ausgedehnter Reisen stellten ihn so weit wieder her, daß er ein
normales Leben führen konnte, aber er wurde nie wieder der,

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der er einmal gewesen. Kein einziges Mal stattete er seiner
ehemaligen Gemeinde einen Besuch ab – oder seinen Freunden
in der Umgebung; und wenn das Gespräch auf diesen Teil Eng-
lands kam, schien er sich in seiner Haut nicht mehr wohl zu
fühlen. Vielleicht war es ja ganz natürlich, daß er der Gegend,
die ihn so viel gekostet hatte, nicht gerade Sympathie entge-
genbrachte. Aber seinen Freunden mußte das Ausmaß, bis zu
dem er seine Abneigung trieb, nachgerade kindisch vorkom-
men.
Auf der Universität hatte er geglänzt, und auch in seinem spä-
teren Leben war er seinen intellektuellen Interessen treu geblie-
ben. Aber abgesehen von einem gelegentlichen succès dʹestime in
einer gelehrten Monatsschrift hatte er nichts Größeres veröf-
fentlicht. Ich war nicht ganz ohne Hoffnung, daß ich unter sei-
nen Papieren etwas finden würde, das ihm einen bleibenden
Platz in der Welt der Wissenschaft verschaffen würde. Doch
wurde ich darin enttäuscht. Seine hinterlassenen Schriften, so
zahlreich sie auch waren, bewiesen zwar zur Genüge seinen
wachen und weitreichenden Verstand; aber leider waren sie
auch sehr fragmentarisch. Nichts davon taugte für eine Veröf-
fentlichung – mit Ausnahme eines Dokumentes, das ich lieber
nicht in Betracht gezogen hätte. Aber in seinem Testament hatte
er mit Nachdruck verfügt, daß es ein Jahr nach seinem Tode
veröffentlicht werden solle. Dementsprechend füge ich es unten
genauso an, wie es seine Feder verließ. Er verfaßte es zwei Jahre
nach seinem Abschied von Yaxholme und beinahe fünf Jahre
vor seinem Dahinscheiden. Aus Gründen, die sich dem Leser
noch enthüllen werden, will ich mich jedweden Kommentars
enthalten.

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Die Fürsorge, die mir meine Freunde während meiner Krank-
heit angedeihen ließen, rückt mich so tief in ihre Schuld, daß ich
nicht hoffen kann, es ihnen je angemessen vergelten zu können.
Aber gerade deshalb fühle ich mich um so mehr verpflichtet,
ihnen den wirklichen Grund für meinen Zusammenbruch dar-
zulegen. Ich habe nie zu irgend jemandem darüber gesprochen,
denn hätte ich es getan, wäre es mir unmöglich gewesen, ge-
wissen Fragen auszuweichen, zu denen ich die Antwort schul-
dig bleiben möchte. Obwohl ich gerade erst mein dreißigstes
Lebensjahr vollendet habe, bin ich doch sicher, daß mir nicht
mehr viele Jahre verbleiben werden. Darum bin ich auch zuver-
sichtlich, daß die meisten meiner Freunde mich überleben und
ihnen so meine Ausführungen nach meinem Tode zugänglich
werden. Nur meine tief empfundene Verpflichtung ihnen ge-
genüber hat mich überhaupt dazu bewegen können, mir noch
einmal das leidvolle Erlebnis in Erinnerung zu rufen, das ich
nun zu Papier bringen will.
Yaxholme liegt, wie sich meine Freunde erinnern werden, am
äußersten Ende des Flachmoors. Seine Form gleicht einem lan-
gen Oval, dessen eines Ende von einer Haupttrasse der Eisen-
bahn durchschnitten wird. Die Kirche und Pfarrei befinden sich
in der Nähe des Bahnhofs, und darum gruppiert sich ein Dorf,
in dem beinahe fünf Sechstel der gesamten Bevölkerung der
Gemeinde ansässig sind. Auf der anderen Seite des Schienen-
strangs beginnt das eigentliche Flachmoor, der Fenn. Über viele
Meilen erstreckt er sich gegen den Horizont. Heute ist dies alles
fruchtbares Ackerland, doch stand der größte Teil davon seit
Menschengedenken jahrein jahraus unter Wasser – und würde
auch wohl rasch wieder zu seinem ursprünglichen Zustand
zurückkehren, wenn nicht die Pumpstationen wären. Trotz al-

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ler menschlichen Anstrengungen ist es jedoch auch heutzutage
nicht ungewöhnlich, während des Winters einige Hektar Land
überschwemmt zu sehen.
Meine eigene Gemeinde erstreckte sich beinahe sechs Meilen
in die Länge. So kam es auch, daß ich einige abgelegene Bau-
ernhöfe und Landhäuser zu betreuen hatte, die so weit vom
Dorf entfernt waren, daß es mich einen ganzen Nachmittag ko-
stete, wenn ich auch nur ein einziges Haus oder einen einzigen
Hof aufsuchen wollte. Die meisten von ihnen lagen weit ab von
jeder Straße, und man konnte sie nur über Viehsteige erreichen.
Für diejenigen, die nicht mit dem Fenn vertraut sind, sollte ich
vielleicht erklären, daß ein Viehsteig einen sehr unzulänglichen
Versuch darstellt, so etwas wie eine Art Pfad oder Weg nachzu-
ahmen. Er ist von Hecken und Gräben gesäumt, so daß der
Wanderer unmöglich in die Irre gehen kann – aber ansonsten
bietet es seinem Fortkommen keine weitere Hilfe an. Die Mitte
ist einfach eine Grasnarbe, und da Vieh darüber getrieben wird,
ist der Schlamm im Winter buchstäblich knietief. Im Sommer
wirbelt die leichte, torfige Erde in Wolken schwarz-grauen
Staubes auf. Tatsächlich bin ich selten einen dieser Viehsteige
entlanggegangen, ohne mich an Hesiods unpatriotische Be-
schreibung seines Heimatdorfes in Böotien zu erinnern:
›Schlimm im Winter, unerträglich im Sommer; gut zu keiner
Zeit.‹
Am jenseitigen Ende eines dieser Wege lag verstreut ein hal-
bes Dutzend Häuschen, von denen das am weitesten entfernte
von einer alten Frau bewohnt war, die ich Mrs. Vries nennen
will. In mancherlei Hinsicht war sie die kurioseste unter all
meinen Schäfchen, und ganz bestimmt war sie diejenige Person,
die mir die meisten Rätsel aufgab. Sie war keine Einheimische,

-297-
sondern vor ungefähr zwanzig Jahren hierher gezogen; und es
fiel mir schwer zu verstehen, was einen Fremden an einem so
abweisenden Ort gereizt haben mochte. Es war das letzte Haus
in der Gemeinde; ihr nächster Nachbar wohnte eine halbe Meile
entfernt, und bis zur nächsten gepflasterten Straße und zum
nächsten Laden waren es nicht weniger als drei Meilen. Das
Haus selbst war sehr heruntergekommen. Wie man mir erzähl-
te, war es schon mehrere Jahre, bevor sie gekommen war, un-
bewohnt gewesen, und sie hatte es in einem halb verfallenen
Zustand vorgefunden. Und dennoch war es nicht Armut, die
sie gezwungen hatte, eine so schäbige Unterkunft zu beziehen,
denn ihr reichhaltiges Mobiliar war von auserlesener Qualität,
und anscheinend verfügte sie auch über genügend Barvermö-
gen. Nie verriet sie auch nur mit einer Andeutung, woher sie
stammte oder was sie in ihrem früheren Leben getan hatte. So-
weit bekannt, schrieb sie nie irgendwelche Briefe und erhielt
auch keine. Sie dürfte zwischen fünfzig und sechzig Jahren alt
gewesen sein, als sie nach Yaxholme zog – eine imposante Er-
scheinung: groß und hager, mit einer Adlernase und einem
Paar funkelnder schwarzer Augen, dazu einem wahren Schla-
raffenland an Haaren, die zu jener Zeit, als ich sie kennenlernte,
schon schlohweiß waren. Irgendwann einmal mußte sie hübsch
gewesen sein; aber sie hatte ein ziemlich einschüchterndes We-
sen, und ich dachte damals, daß sie ein paar Jahrhunderte frü-
her sicherlich der Anschuldigung ausgesetzt gewesen wäre,
eine Hexe zu sein.
Und auch wenn ihre Nachbarn, was vielleicht ganz natürlich
war, sich von ihr fernhielten, so bewies doch ihre Konversation,
daß sie eine kluge Frau war, die einmal eine gute Erziehung
genossen und in einer kultivierten Umgebung gelebt hatte. Ich

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war damals geneigt zu glauben, sie müsse eine höhere Dienst-
botin – am ehesten wohl eine Zofe – in einem Herrenhaus ge-
wesen sein. Auch vermutete ich, daß das ›Mrs.‹ vor ihrem Na-
men, trotz des Rings an ihrem Finger, wohl eher eine Fassade
nach außen errichtete.
Eines Abends vor Neujahr hielt ich es für meine Pflicht, sie
aufzusuchen. Ich hatte sie seit mehreren Monaten nicht gese-
hen, und ein paar frostige Tage hatten den Viehsteig gangbarer
gemacht als all die Wochen zuvor. Trotz ihrer interessanten
Persönlichkeit kostete es mich immer einiges an Überwindung,
bei ihrem Häuschen vorbeizuschauen. Sie war stets höflich und
wahrte die guten Umgangsformen, dennoch konnte ich mich
nie des Verdachts erwehren, daß sie die Höflichkeit mir gegen-
über als eine Art Versicherung betrachtete, die sie vielleicht ei-
nes Tages an anderer Stelle einmal geltend machen könne. Ich
sagte mir immer, daß solche Gedanken unbegründet und mei-
ner nicht würdig seien, aber ich konnte sie nicht gänzlich un-
terdrücken – und jedesmal, wenn ich ihr Häuschen verließ,
hoffte ich insgeheim, sie nicht so bald wieder aufsuchen zu
müssen. Doch machte ich mir dann jedesmal klar, daß dieses
Gefühl in Wahrheit persönlichem Ärger entsprang (denn nie
konnte ich herausfinden, ob sie wirklich gläubig war, und
konnte ihr den Glauben auch nicht nahebringen) und der Feh-
ler mehr bei mir als bei ihr lag.
An diesem besonderen Nachmittag mißfiel mir die Aussicht
auf ein Gespräch mehr als sonst, und meine Abneigung nahm
noch auf ganz ungewöhnliche Art und Weise zu, als ich mich
schon auf den Weg, dem Viehsteig folgend, gemacht hatte. So
nachhaltig war der Eindruck, daß ich zu meinem Leidwesen
gestehen muß, hätte sich irgend eine vernünftige Entschuldi-

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gung für meine Umkehr angeboten, ich hätte nicht gezögert, sie
zu ergreifen. Jedoch fand sich keine: So ging ich weiter und trö-
stete mich mit dem Gedanken, daß ich das Neue Jahr in dem
beruhigenden Gefühl beginnen dürfe, die unangenehmste mei-
ner seelsorgerischen Aufgaben pflichtbewußt hinter mich ge-
bracht zu haben.
Als ich das Häuschen erreichte, war ich ein wenig überrascht
darüber, daß ich dreimal klopfen mußte und erst danach hörte,
wie schwere Riegel vorsichtig zurückgeschoben wurden.
Schließlich ging die Tür auf und Mrs. Vries schaute heraus. So-
bald sie sah, wer es war, hieß sie mich wie üblich überschweng-
lich willkommen. Doch war es unmöglich, nicht zu spüren, daß
sie eher mit einem anderen Besucher gerechnet hatte, den sie
nicht unbedingt hatte hereinbitten wollen. Jedoch machte sie
keine Bemerkung darüber, und ich hielt es für besser, so zu tun,
als hätte ich nichts Ungewöhnliches bemerkt.
Auf einem Tisch in der Mitte des Zimmers lag ein großforma-
tiges Buch, in dem sie offensichtlich geblättert hatte. Überrascht
stellte ich fest, daß es sich um eine Bibel handelte und daß das
Buch Tobias aufgeschlagen war. Da sie sah, daß ich es bemerkt
hatte, erzählte mir Mrs. Vries – ein wenig zögernd, wie mir
schien –, daß sie in der Geschichte von Sarah und dem Teufel
Asmodeus gelesen hatte. Dann – das Eis war gebrochen – be-
stürmte sie mich beinahe mit Fragen. ›Welche Ursache ich an
erster Stelle für Sarahs Besessenheit verantwortlich mache?‹
›Ob Tobiasʹ Heilmittel nur dann wirke, wenn es von einem En-
gel verschrieben werde?‹ und vieles dergleichen mehr.
Natürlich waren meine Antworten ziemlich vage, und ihr gu-
tes Benehmen täuschte kaum über ihre Enttäuschung hinweg.
Ein oder zwei Minuten saß sie schweigend, während ich sie
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anschaute – nicht ohne Sorge, muß ich gestehen, denn ihr
Betragen war wirklich sehr merkwürdig –, dann fragte sie un-
vermittelt: »Nun, darf ich Ihnen eine gute Tasse Tee anbieten?«
Ich stimmte gerne zu, denn es war beinahe halb fünf, und ich
würde beinahe eineinhalb Stunden für den Heimweg brauchen.
Sie ließ sich Zeit, alles zuzubereiten, und während des Tees war
sie noch wortreicher als sonst. Ich konnte mich des Eindrucks
nicht erwehren, daß sie meinen Besuch so lange wie möglich
ausdehnen wollte.
Schließlich, es war gegen halb sechs, stand ich auf und sagte,
daß ich gehen müsse, da ich noch mancherlei zu Hause zu erle-
digen hätte. Ich streckte meine Hand aus, und als sie sie schüt-
telte, sagte sie: »Erlauben Sie mir, Ihnen ein sehr gutes Neues
Jahr zu wünschen.« Sie blickte mir für einen Moment starr ins
Gesicht, dann brach sie in ein heiseres Lachen aus und fügte
hinzu: »Wenn Wünsche Pferde wären, könnten Bettler reiten.
Trotzdem danke ich Ihnen für Ihren guten Willen. Auf Wieder-
sehen.«
Ungefähr dreißig Meter von ihrem Haus entfernt verlief der
Viehsteig in einem Bogen. Als ich die Stelle erreicht hatte,
schaute ich zurück und sah, daß sie immer noch in der Tür
stand; ihre Silhouette hob sich scharf gegen den roten Schein
des Herdfeuers ab. Einen Moment lang sah es durch das Spiel
der Schatten so aus, als stünde eine andere, größere Gestalt hin-
ter ihr, doch verging das Trugbild sogleich. Ich winkte ihr zu
und war kurz darauf außer Sichtweite.
Es war eine schöne, sternenklare Nacht. Ich rechnete damit,
daß der Mond schon bald aufgehen und mein Nachhauseweg
sich somit nicht gar so unangenehm gestalten würde. Selbstver-
ständlich hatte mir Mrs. Vriesʹ Betragen einige Rätsel aufgege-
-301-
ben, und ich entschloß mich, sie recht bald wieder aufzusuchen,
um mir Klarheit darüber zu verschaffen, ob ihr Verstand, was
nicht ganz abwegig erschien, gelitten habe.
Als ich die anderen, verstreut liegenden Häuser hinter mir ge-
lassen hatte, bemerkte ich, daß die Sterne zu verschwinden be-
gannen und ein dichter Nebel aufzog. Jedoch machte mir das
keine Bange. Der Viehsteig verlief jetzt schnurgerade, ohne jede
Gabelung, bis er auf die Landstraße stieß. Es war daher ausge-
schlossen, daß ich vom Weg abkam; und außerdem ist man,
wenn man im Fenn lebt, an Nebel gewöhnt. Es zog sich jetzt
rasch zu, und ich wurde mir des leicht gruseligen Gefühls be-
wußt, welches ein dichter Nebel im allgemeinen hervorruft.
Meine Gedanken waren unterdessen, ganz sich selbst überlas-
sen, ihren eigenen verschlungenen Pfaden gefolgt, als mir
plötzlich – beinahe so, als hätte es jemand in mein Ohr geflü-
stert – eine Stelle aus dem Buch der Weisheit in den Sinn kam
und mich nicht mehr los ließ. Ich war damals nervlich noch gut
beieinander und auch schon des öfteren einen einsamen
Viehsteig im Nebel entlanggegangen; und trotzdem wäre mir in
jenem Moment die Erinnerung an beinahe alles andere lieber
gewesen. Denn der Auszug, mit dem mein Gedächtnis mich
beehrte, lautete wie folgt: ›Denn auch der Winkel, darin sie wa-
ren, konnte sie nicht ohne Furcht bewahren. Da war Getön um
sie her, das sie erschreckte, und scheußliche Larven erschienen,
davor sie sich entsetzten. Und das Feuer vermochte mit keiner
Macht ihnen zu leuchten, noch konnten die hellen Flammen der
Sterne die elende Nacht licht machen. Es erschien ihnen aber
wohl ein selbstbrennendes Feuer voller Schrecken. Da erschra-
ken sie vor solchem Gespenst, das doch nichts war, und dach-
ten, es wäre noch ein ärgeres dahinten, denn das sie sahen. Und

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hilflos waren sie der schwarzen Kunst preisgegeben.‹ (Weisheit
17, 4-6).
Auf einmal vernahm ich, auf Ellbogenhöhe, ein lautes
Schnauben, wie von einem wilden Tier. Natürlich tat ich einen
Satz und stand einen Moment lang stockstill, um nicht in eine
streunende Kuh hineinzustolpern – aber da war nichts. Im
nächsten Moment hörte ich etwas, das wie ein unterdrücktes
Kichern klang. Das war schon besorgniserregender, doch kam
mir der gesunde Menschenverstand zur Hilfe. Ich sagte mir,
daß die Kuh nicht wirklich so nah sein konnte, wie es geschie-
nen hatte, sondern sich auf der anderen Seite der Hecke befin-
den mußte. Was ich für ein Kichern gehalten, war wohl das Ge-
räusch ihrer Hufe auf dem nassen Boden gewesen. Allerdings
muß ich gestehen, daß ich diese Erklärung nicht gar so über-
zeugend fand, wie ich es mir gerne gewünscht hätte.
Ich setzte meinen Weg fort, spürte aber alsbald eine unerklär-
liche Müdigkeit in mir aufsteigen. Ich sage ›unerklärlich‹, weil
ich gut zu Fuß war und schon des öfteren weitere Strecken als
an jenem Tage zurückgelegt hatte.
Ich ging etwas langsamer; da ich aber nicht außer Atem gewe-
sen war, brachte es mir auch keine Erleichterung. Ich fühlte
mich, als ob ich durch hüfthohes Wasser watete oder durch
sehr dichten, weichen Schnee. Schließlich war ich regelrecht
gezwungen anzuhalten. Zu jenem Zeitpunkt war ich von tiefer
Unruhe ergriffen und fragte mich, was bloß mit mir los sei. Da
ich aber immer noch mehr als zwei Meilen vor mir hatte, hatte
ich gar keine andere Wahl, als mich, so gut es eben ging, weiter
heimwärts zu schleppen.

-303-
Als ich mich wieder aufmachte, sah ich, daß sich der Nebel,
trotz völliger Windstille, zu lichten schien. Doch anstatt sich auf
die gewöhnliche Art und Weise aufzulösen, wich er zu beiden
Seiten nur ein wenig zurück, was einen Effekt hervorrief, den
ich nie zuvor gesehen hatte. Entlang des Viehsteigs lagen zwei
undurchdringliche Nebelbänke, zwischen denen ein schmaler,
nebelfreier Korridor verlief. Dieser Korridor schien sich endlos
lang hinzuziehen, und am anderen Ende nahm ich eine Anzahl
von Gestalten wahr. Ich sage bewußt ›wahrnehmen‹ und nicht
›sehen‹, denn ich bin mir nicht im Klaren, ob ich sie wirklich in
dem Sinne ›sah‹, wie man es gewöhnlich meint, wenn man die-
ses Wort benutzt. Was ich sagen will ist, daß ich zu jenem Zeit-
punkt nicht wußte – und auch später nie in der Lage war, Si-
cherheit darüber zu gewinnen –, ob es immer noch dunkel war.
Ich weiß nur, daß meine Sehfähigkeit unabhängig von Licht
und Dunkel funktionierte. Ich nahm die Gestalten wahr, wie
man etwas im Traum sieht oder wie die bildhaften Vorstellun-
gen, die einem manchmal zwischen Schlaf und Erwachen
kommen.
Die Gestalten bewegten sich rasch in geordneten Reihen vor-
an – beinahe so wie eine Abteilung Soldaten. Die Szene erinner-
te mich lebhaft an ein Bild aus einer Reihe von Bibelillustratio-
nen, die ich als Kind besessen hatte: Die Israeliten schreiten,
zwischen zwei senkrechten Wassersäulen, durchs Rote Meer.
Ich hatte bestimmt seit mehr als dreißig Jahren nicht mehr an
dieses Bild gedacht, jetzt aber kam es mir blitzartig in den Sinn,
und ich hörte mich selbst sagen: »Ja, genau so muß es gewesen
sein. Was für ein Glück, daß ich es einmal in meinem Leben
sehen kann.«

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Es war wohl die Freude an dem interessanten Vergleich, die
mich zunächst davon abhielt, über das Auftauchen einer so
großen Anzahl von Leuten überrascht zu sein, die noch dazu
nach Einbruch der Nacht an einem eiskalten Dezemberabend
auf einem einsamen Viehsteg unterwegs waren.
Zunächst hatte ich geglaubt, die Gruppe bestünde aus dreißig
oder vierzig Leuten; doch als sie näher kamen, schienen es nicht
mehr als zehn oder vielleicht ein Dutzend zu sein. Im nächsten
Moment gewahrte ich zu meiner Überraschung, daß es nur
mehr fünf oder sechs waren. Die näherkommenden Gestalten
schienen miteinander zu verschmelzen, ganz so wie man es von
den Trugbildern eines prismatischen Spiegelglases kennt. In
dem Maße, wie ihre Zahl abnahm, gewannen die Übriggeblie-
benen an Größe und Geschwindigkeit, und die Vermutung lag
nahe, daß sie, auf irgendeine furchtbare Art und Weise, die Per-
sönlichkeiten ihrer Gefährten in sich aufgenommen hatten. Jetzt
schienen es nur mehr drei zu sein, dann nur noch eine einzelne
riesenhafte Gestalt, die ohne das geringste Geräusch, aber mit
ungeheuerlicher Schnelligkeit den Viehsteig entlang auf mich
zueilte. Mit jedem Schritt, den sie näher kam, schloß sich hinter
ihr der Nebel wieder, so daß die dunkle Silhouette sich gegen
einen Hintergrund von undurchdringlichem Weiß abzeichnete:
gerade so, wie man von Bergsteigern sagt, daß sie ihren eigenen
Schatten auf einer Wolkenbank abgebildet sehen.
Näher und näher kam die Gestalt, bis sie zuletzt riesengroß
über mir stand und ich sein Gesicht sah. Seitdem habe ich es ein
oder zweimal in unruhigen Träumen wiedergesehen – und
werde es vielleicht noch öfter sehen. Dankbar bin ich aber, daß
ich es nie bei wachem Geiste deutlich erblickte. Wäre dies ge-
schehen, so hätte ich für meinen Verstand fürchten müssen.

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Den Eindruck, den es auf mich machte, war der einer uner-
hörten Boshaftigkeit, der man lange das Ziel ihrer Wünsche
verwehrt hatte, welches es jetzt endlich zum Greifen nahe fand.
Ich glaube, ich schrie laut auf. Dann, nach einem Innehalten,
das sich stundenlang hinzuziehen schien, schlug es wie eine
Welle über mir zusammen. Ein Rauschen und ein Strömen um-
gab mich, und ich schwang wie ein Schwimmer mit beiden
Armen um mich. Es war ganz so, als würde ich aus großer Tiefe
an die Oberfläche steigen: dasselbe Gefühl von Druck und einer
nahen Erstickung, doch in diesem Fall noch verbunden mit
dem Gefühl höchster körperlicher Abscheu. Der einzige Ver-
gleich, der mir einfällt, ist, daß ich mich fühlte wie ein Mensch,
den man unter einem Haufen Würmern oder Kröten begraben
hat.
Auf einmal schien ich freizukommen und fiel nach vorne aufs
Gesicht. Ich bin mir nicht sicher, ob ich ohnmächtig wurde oder
nicht, doch muß ich einige Minuten lang so dagelegen haben.
Als ich mich wieder aufraffte, spürte ich einen leichten Wind-
hauch auf meiner Stirn: Der Nebel klarte ebenso schnell wieder
auf, wie er heraufgezogen war. Ich sah den Rand des Mondes
über dem Horizont auftauchen, und meine merkwürdige Mü-
digkeit war wie weggeblasen. Ich eilte, so schnell ich konnte,
weiter, ohne auch nur den Gedanken an einen Blick zurück. Ich
wollte nur noch eines: weg von diesem abscheulichen Viehsteig
auf die Hauptstraße, wo es Laternen gab und andere Menschen.
Denn ich wußte, daß das, was ich gesehen hatte, eine Kreatur
der Dunkelheit und der Ödnis gewesen war, und daß ich unter
meinen Mitmenschen vor ihr sicher war. Zu Hause angelangt,
wurde ich von meiner Haushälterin mit einem schrägen Blick
bedacht. Natürlich waren meine Kleider schlammbespritzt und

-306-
in Unordnung, aber ich glaube, es war noch etwas anderes in
meiner Erscheinung, was ihr ungewöhnlich vorkam. Ich sagte
bloß, daß ich auf dem Viehsteig gestolpert und hingefallen sei
und mich nicht besonders wohl fühle. Auf dem Weg nach oben
vermied ich es, einen Blick in den Spiegel zu werfen.
Als ich, frisch umgezogen, wieder nach unten kam, bekam ich
durch die offene Küchentür Fetzen einer Unterhaltung mit –
oder vielmehr eines Monologs meiner Haushälterin –, worin sie
darüber klagte, daß niemand nach Einbruch der Dunkelheit so
häufig auf den Viehsteigen unterwegs sein solle wie ich und ich
es der gütigen Vorsehung zu danken habe, daß nichts Schlim-
meres geschehen sei. Ihr Onkel mütterlicherseits war, wie es
schien, auf gerade so einem Viehsteig in einer Nacht gerade so
wie dieser unterwegs gewesen, und zwar vor genau zweiund-
vierzig Jahren am Weihnachtsabend. »Und hamʹse ihn nichʹ uf
ʹner Bahre nach Haus getragen, mit Augen groß wie Kohlköppʹ
und jeder Droppen Blut in seinem Körper wie nausgequetscht.
Aber er wolltʹs nichʹ sagen, was er gesehen hat, nee, um keinen
Preis.«
Auf die Bemerkung einer Magd, die ich nicht hören konnte,
folgte ein verächtliches Schnauben und die Feststellung: »Ihr
jungen Dinger heutzutach glaubt halt och, ihr wißt alles.«
Den nächsten Tag verbrachte ich im Bett, da ich außer dem er-
littenen Schock auch noch eine schlimme Erkältung eingefan-
gen hatte. Als ich am zweiten Januar wieder aufstand, über-
raschte es mich nicht zu hören, daß man Mrs. Vries am voran-
gegangenen Nachmittag tot aufgefunden hatte. Ich hatte mein
Frühstück kaum beendet, als sich ein Polizeibeamter namens
Winter bei mir melden ließ und mich zu sprechen wünschte.

-307-
Wie sich herausstellte, war am Neujahrsmorgen ein geistig
zurückgebliebener Siebzehnjähriger, der in einem der anderen
Häuschen entlang des Viehsteigs wohnte, zu ihm gekommen
und hatte ihm gesagt, daß Mrs. Vries tot sei; er müsse sofort
kommen und in ihrem Haus nachsehen. Wieso er das wußte,
wollte er nicht sagen, und Mr. Winter begnügte sich zunächst
mit der Bemerkung, daß es der erste Januar, nicht aber der erste
April sei. Aber der Junge war so beharrlich, daß Mr. Winter sich
schließlich auf den Weg machte. Als auch auf mehrmaliges
Klopfen keine Antwort erfolgte, fühlte er sich berechtigt, die
Tür zu Mrs. Vriesʹ Haus aufzubrechen. Sie saß in einem großen
Holzstuhl und war tot. Sie war ein wenig vornübergebeugt und
ihre Hände umklammerten die Armlehnen des Stuhles mit sol-
cher Kraft, daß es viel Mühe bereitete, ihre Finger zu lösen. Ihr
gegenüber stand ein anderer Stuhl so nahe, daß, wäre jemand
darin gesessen, seine Knie die der Toten hätten berühren müs-
sen. Die Sitzkissen waren niedergedrückt, als ob vor nicht allzu
langer Zeit eine schwere Person darauf gelastet hätte. Das Tee-
geschirr war noch nicht abgeräumt, die Küche aber war voll-
kommen sauber und aufgeräumt. Da alle Türen und Fenster
von innen fest verriegelt waren, ließ sich ein Verbrechen aus-
schließen. Winter fügte hinzu, daß ihn beim Anblick ihres Ge-
sichts ›ein flaues Gefühl in der Magengrube‹ beschlichen habe.
Auch habe es im Haus stark nach Verdorbenem gerochen, ob-
wohl doch alles so sauber war.
Die Obduktion der Leiche ergab, daß Mrs. Vriesʹ Herz ange-
griffen gewesen war. Dies erlaubte es dem Leichenbeschauer,
›Tod durch natürliche Ursachen‹ auf den Totenschein zu
schreiben. Unter vier Augen vertraute mir der Arzt allerdings
an, daß sie eine Art Schock erlitten haben müsse. »Wenn je ein

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Mensch aus Furcht gestorben ist«, meinte er, »dann war sie es.
Aber der Teufel mag wissen, was sie in ihrer eigenen Küche so
erschreckt haben mag – es sei denn ihr eigenes schlechtes Ge-
wissen. Aber das fällt eher in ihren Zuständigkeitsbereich als
den meinen.«
Er fügte noch hinzu, daß ihn die Obduktion schwer mitge-
nommen habe; doch konnte – oder wollte – er nicht sagen,
warum.
Da ich der letzte gewesen war, der Mrs. Vries lebend gesehen
hatte, war ich während der Untersuchung zugegen. Allerdings
waren meine Angaben rein formeller Natur. Ich erwähnte nicht,
daß der zweite Lehnstuhl bei meinem Besuch in einer Ecke ge-
standen und daß ich selbst ihn nicht benutzt hatte.
Selbstverständlich wurde der Junge vorgeladen. Man fragte
ihn, woher er gewußt habe, daß Mrs. Vries tot sei. Doch es war
nichts Rechtes aus ihm herauszubringen. Er meinte, es gebe
gute und schlechte Häuser – von Menschen ganz zu schweigen
– und daß ›sie‹ schon lange hinter ihr her gewesen seien. Auf
die Frage, wen er denn mit ›sie‹ meine, verweigerte er jede Er-
klärung und fügte nur ganz allgemein hinzu, daß er weiter als
seine Nase schauen könne, was die meisten anderen Leute nicht
könnten, auch wenn sie sich für noch so klug hielten. Seine ei-
gene Familie gab an, daß er, entgegen seiner üblichen Gewohn-
heit, von der Teestunde am Neujahrsabend an bis zum Früh-
stück am nächsten Tag kein Wort gesagt habe. Dann habe er auf
einmal verkündet, Mrs. Vries sei tot; und ehe man ihm noch
irgend etwas habe erwidern können, sei er aus dem Haus ge-
laufen. So wurde der Junge denn aus dem Zeugenstand entlas-
sen, mit der Ermahnung, daß diejenigen, die den staatlichen

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Einrichtungen nicht den nötigen Respekt zollten, noch jedesmal
ein schlechtes Ende genommen hätten.
Natürlich fiel es mir zu, für die Bestattung der Verstorbenen
zu sorgen. Einen Grund, ihr ein christliches Begräbnis zu ver-
weigern, hätte ich ja nicht angeben können. Der Sarg war nicht
besonders schwer, doch als er in das Grab hinabgelassen wur-
de, rissen die Stützseile, und er fiel mit einem dumpfen Ge-
räusch mehrere Fuß tief hinunter. Der Aufprall löste eine klei-
nere Lawine aus, so daß die von den Seiten der Grube herabfal-
lende Erde den Sarg gänzlich unter sich begraben hatte, bevor
ich noch Zeit hatte ›Asche zu Asche und Staub zu Staub‹ zu
sagen.
Im Anschluß entschuldigte sich der Kirchendiener bei mir für
den Zwischenfall. »Ich weiß auch nichʹ, was mit den Seilen los
war. So was isʹ mir noch nie passiert, nichʹ daß ich mich erin-
nern könntʹ. Die waren doch noch so gut wie neu, und ich dach-
te, die halten nochʹn paar Jahre. Aber schauen Seʹ mal her.«
Damit zeigte er mir zwei außergewöhnlich ausgefranste Seilen-
den. »Daßʹn Seil so kaputtgeht, habʹ ich mein Lebtag noch nich
gesehʹn. Sieht fast so aus, als seiʹs von ʹner Wildkatze oder so
was durchgebissen worden.«
In jener Nacht legte ich mich mit Fieber ins Bett. Als es mir
wieder etwas besser ging, sagte mein Arzt, daß ich unbedingt
Ruhe und Luftveränderung brauche. Ich wußte, daß ich nie
mehr bei Nacht einen Viehsteig betreten könnte, und so ersuch-
te ich beim Bischof um meinen Rücktritt. Ich hoffe, daß mir
noch ein paar Jahre bleiben, in denen ich von Nutzen sein kann;
aber ich weiß, daß ich nicht so tun könnte, als hätte ich nicht
gesehen, was ich gesehen habe. Ob ich das, was mir zustieß,
meiner eigenen Schwäche und Schuld zuzuschreiben habe,
-310-
vermag ich nicht zu sagen. Aber eines weiß ich bestimmt: Es
gibt dunkle Mächte, die an öden Orten umgehen; und der
Mensch, der ihnen nie ins Angesicht blicken mußte, kann sich
glücklich schätzen.
Sollte irgend jemandem, der dies liest, je etwas Ähnliches zu-
stoßen und sollte er Licht in das Dunkel bringen wollen, so lege
ich ihm die folgenden Worte aus Jesus Sirach ans Herz:
»Strebe nicht nach dem, was zu hoch ist für dich, und frage
nicht nach dem, was deine Kraft übersteigt.«

-311-
A. N. L. Munby
(1913-1974)

Bietet eigentlich ein Gefängnis günstige Voraussetzungen für


das Schreiben von Gespenstergeschichten? Diejenigen, die mit
der Entstehungsgeschichte des Werks von A. N. L. Munby ver-
traut sind, dürften nicht so leicht in Versuchung geraten, diese
Frage rundheraus mit einem Nein zu beantworten. Denn bei
den vierzehn von Munby verfaßten Geschichten in der Traditi-
on von M. R. James handelt es sich – natürlich nur im weitesten
Sinne – um ›Gefängnisliteratur‹: sie entstanden allesamt zwi-
schen 1943 und 1945 während der Inhaftierung Munbys in ei-
nem Lager für alliierte Offiziere in der Nähe von Eichstätt. Die
erste, ›The Four-Poster‹ erschien in der Weihnachtsausgabe des
Lagermagazins Touchstone für das Jahr 1944, und noch zwei
weitere, ›The White Sack‹ und ›The Topley Place Sale‹ folgten
bis zur Auflösung des Lagers bei Kriegsende. Alle vierzehn
während der Zeit in Eichstätt entstandenen Erzählungen er-
schienen gesammelt in The Alabaster Hand and Other Ghost Sto-
ries (London, 1949), mit einer lateinischen Widmung an Monta-
gue Rhodes James, Munbys großes Vorbild. Und obwohl Mun-
by im späteren Leben noch mit einer Vielzahl an wissenschaftli-
chen Artikeln, Rezensionen, einem fünfbändigen historischen
Werk (neben anderer Fachliteratur) und auch als Herausgeber
an die Öffentlichkeit trat, hat er, soweit wir wissen, nach 1945
nie mehr eine Gespenstergeschichte geschrieben.
Alan Noel Latimer Munby erblickte am Weihnachtsmorgen
des Jahres 1913 die Welt. Er besuchte das Clifton College und
später das Kingʹs College in Cambridge, wo er einen – eher mit-

-312-
telmäßigen – Abschluß in Englisch machte. Seine Vorliebe für
antiquarische Bücher und verstaubte Regale rührte schon von
seiner Zeit im Clifton College her, wo er unter der Anleitung
seines Hausvorstehers Cecil Taylor die Antiquariate Bristols auf
der Suche nach bibliophilen Schätzen durchstöberte. Noch als
Student gab er einen Band mit Briefen von Leigh Hunt heraus.
Nach seinem Hochschulabschluß im Jahre 1935 arbeitete Mun-
by zunächst als Bibliothekar für einen antiquarischen Buchla-
den in London und ging dann zu Sothebyʹs. Der Krieg stellte
eine zwangsweise Unterbrechung im ruhig dahinfließenden
Leben dieses Bibliophilen dar: Als Captain einer Einheit des
Kingʹs Royal Rifle Corps geriet er, wie viele andere, bei der
Einnahme von Calais 1940 in deutsche Kriegsgefangenschaft.
Von 1942 bis 1945 war er Insasse des Kriegsgefangenenlagers
Oflag VIIB bei Eichstätt in Oberfranken. Seine erste Frau Joan
starb noch während seiner Zeit als Kriegsgefangener, und er
verheiratete sich später zum zweiten Mal, mit Sheila Crowther-
Smith, einer alten Freundin der Familie. Nach seiner Entlassung
aus der Armee kehrte er zunächst zu Sothebyʹs zurück und
wurde dann zum Bibliothekar seines alten Colleges in Cam-
bridge berufen – eine Stellung, die er bis zu seinem Tod im Jah-
re 1974 innehatte. Munby starb im Alter von einundsechzig Jah-
ren an einem Krebsleiden, als hochgeschätzter Gelehrter und
begehrter und beliebter Gastlektor verschiedenster Institutio-
nen. Er war unter anderem Lyell Reader für Bibliographie in
Oxford, Sanders Reader in Cambridge, David Murray Lecturer
in Glasgow sowie Ehrenmitglied der Pierpont Morgan Library
in New York, Aufsichtsratsmitglied der British Museum Libra-
ry, und, in seinem letzten Lebensjahr, Präsident der Biblio-
graphical Society.

-313-
Von allen Nachfolgern M. R. Jamesʹ kommt Munby seinem
Vorbild, was Bildung und gelehrte Lorbeeren angeht, vielleicht
am nächsten. Seine wissenschaftlichen Arbeiten stehen denen
von James an Umfang und Bedeutung nur um ein Geringes
nach. Ebenso wie James, den er in seinen ersten Jahren im
Kingʹs College noch als Einundsiebzigjähriger kennengelernt
hatte, war das Schreiben von Gespenstergeschichten nur eine
Nebenbeschäftigung zu seinen sonstigen wissenschaftlichen
und bibliophilen Tätigkeiten. Sie entstanden zunächst als pure
Unterhaltungsprodukte und waren dafür gedacht, den Gefan-
genen im Lager über ihre Lage hinwegzuhelfen. Wie bei James
ergab sich der erste Anstoß zum Erfinden von Gespensterge-
schichten aus den Umständen im Lager: Während der häufigen
Verdunklungen bei Luftangriffen vertrieben Munby und ein
Freund Munbys, Colonel H. M. C. Jones-Mortimer, ihren Mitge-
fangenen die Zeit, indem sie schaurige Geschichten erzählten.
In manchen Redewendungen und der gelegentlichen Anrede
an den Leser bzw. Hörer läßt sich die ursprüngliche Mündlich-
keit der späteren Geschichten noch ablesen. Die schriftlich fi-
xierten vierzehn Erzählungen Munbys selbst entstanden in be-
wußter Nachahmung der Geschichten von M. R. James. Seinen
antiquarischen Neigungen entsprechend, sind sie voller An-
spielungen und Zitaten, echter und erfundener lateinischer In-
schriften und Verse. Wenn Munby dabei nicht immer die volle
Höhe seines literarischen Vorbildes erreicht, so sind seine Er-
zählungen doch immer geistreiche, ja gelegentlich sogar geniale
Imitationen. Wie keinem anderen der Nachfolger M. R. Jamesʹ
scheint der scheinbar unbeschwerte Plauderton der Geschich-
ten Munbys eigenem Naturell entgegengekommen zu sein, er-
wachsen die antiquarischen Details und Randbemerkungen,

-314-
wie Michael Cox in seiner Einleitung zu einer Neuausgabe von
The Alabaster Hand bemerkte*, ganz natürlich aus dem Plot der
Geschichte und erscheinen nicht als notdürftig hineingeflickte
Beigaben. Und wenn der Schrecken Munbys selten so greifbar
und auch physisch real wird wie in Jamesʹ Geschichten, so ist er
eben darum gerade oft ein Meister der andeutenden Zurückhal-
tung. ›Nummer neunundsiebzig‹ ist geradezu ein Musterbei-
spiel für diese Erzählhaltung, die (fast) alles der Imagination
des Lesers überläßt. Kommt es dann doch zu einer physischen
Berührung mit der buchstäblich eiskalten Hand des Übernatür-
lichen, wie in ›Die Alabasterhand‹, so läßt Munby seine Helden
zumeist mit dem Schrecken davonkommen. Ein Schrecken, der
geradezu auf die pointierte Auflösung am Ende zustrebt.
Obwohl erst in neuerer Zeit ein Reprint von Ash-Tree Press
The Alabaster Hand wieder als Ganzes dem Lesepublikum zu-
gänglich gemacht hat, waren Munbys Geschichten, im Gegen-
satz zu denen vieler anderer Imitatoren des Meisters aus Cam-
bridge, durch ihre häufige Anthologisierung nie gänzlich vom
englischen Markt verschwunden. ›Herodes Revidivius‹, eine
der am häufigsten anthologisierten Geschichten des Bandes,
erschien, von Marco Frenschkowski ins Deutsche übertragen, in
Das Schwarze Geheimnis (4: 1999). Es bleibt zu wünschen, daß
die hier vorgestellten Geschichten nicht die letzten sind, die
ihren Weg in den deutschen Sprachraum finden.

* Michael Cox: ›Introduction‹ in A. N. L. Munby: The Alabaster Hand. Penyf-


fordd/Chester: Ash-Tree Press, 1995

-315-
Die Alabasterhand

Ich las das Telegramm mit einiger Verwunderung. »KÖNNEN


SIE KOMMEN UND ÜBER NACHT BLEIBEN? BENÖTIGE
DRINGEND RAT. TRAVERS. PFARREI BRANDON ST
GILES.«
Mir fiel nichts ein, worin Cecil Travers meines Rats bedurft
hätte. Trotzdem schickte ich eine Antwort mit der Zusage ab,
zum Tee bei ihm zu sein, und widmete mich wieder der unter-
brochenen Lektüre der Times. Aber ich hatte Mühe, mich zu
konzentrieren, und meine Gedanken kehrten ständig zu der
Frage zurück, warum Cecil Travers mich wohl so dringend se-
hen wollte. Wir waren nicht einmal besonders gute Bekannte;
ehrlich gesagt, hatte ich ihn seit dem Tod seines Vaters vor ei-
nigen Jahren nicht mehr gesehen. Sein Vater und ich waren zu-
sammen in Cambridge gewesen, und ich hatte mich ein wenig
dafür interessiert, was aus dem Jungen werden würde. Nicht,
daß er jetzt noch ein Junge war – er mußte die dreißig schon
überschritten haben. Ganz bestimmt handelte es sich nicht um
geschäftliche Angelegenheiten, weswegen er mit mir sprechen
wollte. Solche Dinge lagen nun wirklich außerhalb meines Betä-
tigungsfeldes. Cecil Travers verkörperte für mich den christli-
chen Athleten in Reinkultur. In Cambridge hatte er zwar einen
sehr schlechten Abschluß gemacht, war zugleich aber Mitglied
der Rugby-Mannschaft gewesen – und hatte sich dabei als einer
der besten Flügelstürmer der Hochschule seit dem Krieg ausge-
zeichnet. Von Anfang an für das Kirchenamt bestimmt, hatte er
nach seiner Ordination acht Jahre als Vikar in einer armen Ge-
meinde in Bristol zugebracht. Wenn er dort akzeptiert wurde,

-316-
so lag das zu einem großen Teil an seinen gelegentlichen Auf-
tritten auf dem Rugby-Feld. Wie er selbst als erster zugab,
brachten seine touchdowns mehr Menschen in die Kirche, als er
es je mit seinen Predigten zuwege gebracht hätte. Vor ungefähr
neun Monaten dann hatte man ihm die Pfründen von Brandon
St. Giles übertragen, einer kleinen Gemeinde etwa zehn Meilen
von Norwich entfernt.
Um drei Uhr nachmittags an einem Novembertag kam ich in
Sichtweite des Dorfes. Ich war mit mir und der Welt zufrieden.
Der Daimler hatte die Strecke in einer hervorragenden Zeit zu-
rückgelegt, und als das Ende meiner Reise heranrückte, nahm
ich den Fuß vom Gaspedal und schaute mir die Gegend an.
East Anglia hat mir noch nie sonderlich gefallen, und Cecil Tra-
vers hatte es in einen besonders öden Zipfel davon verschlagen.
Die abweisende, flache Landschaft, aus deren Gründen bereits
Nebel aufzusteigen begann, ließ mich die Wärme im Inneren
des Wagens noch mehr genießen. Die Straße führte eine kleine
Hügelkuppe hinauf, und dann lag Brandon St. Giles vor mir. Es
war nicht gerade überwältigend: rechts und links ein paar Aus-
siedlerhöfe, im Vordergrund eine kleine Ansammlung von
Häuschen, dazu drei Läden und ein oder zwei stattlichere Häu-
ser im Georgianischen Stil mit der Frontseite zur Straße. Das
einzig Bemerkenswerte an dem Ort war seine Kirche, und wie
bei so vielen Kirchen in East Anglia stand ihre Größe in kras-
sem Mißverhältnis zu der winzigen Gemeinde, der sie als Got-
teshaus diente. Offensichtlich war sie aus dem Reichtum her-
vorgegangen, der im fünfzehnten Jahrhundert mit dem Woll-
handel erworben wurde. Ein herausragendes Beispiel des spät-
gotischen Perpendicular Style, hielt sie noch immer die Erinne-
rung an die Tage wach, da es ein Bauer innerhalb einer Genera-

-317-
tion zu Wohlstand bringen konnte. Dahinter lag das Pfarrhaus,
und ich bog in eine kleine Auffahrt ein, die zu dem einladenden
Backsteinhäuschen führte. Eine Bedienstete öffnete mir und
führte mich in das Empfangszimmer, wo hell ein Holzfeuer
loderte.
»Der Pfarrer steht gerade auf, mein Herr,« sagte sie. »Er
kommt gleich herunter.« Das war der erste Hinweis auf eine
Krankheit meines Freundes, und ich fragte die Frau, wie lange
er schon zu Bett läge.
»Gestern während der Spätmesse wurde ihm schlecht«, gab
sie zur Antwort, »aber heute ist ihm schon viel besser.« Unsere
Unterhaltung wurde durch das Eintreten meines Gastgebers
unterbrochen, der sich dafür entschuldigte, bei meiner Ankunft
nicht zugegen gewesen zu sein.
»Es ist überaus liebenswürdig von Ihnen, daß Sie so schnell
gekommen sind«, sagte er und entließ die Zugehfrau mit einer
Handbewegung. »Hoffentlich glauben Sie nicht, ich hätte Sie
aus einer Laune heraus herbestellt, aber da ich Ihr Interesse an
Dingen kenne, die Sie« – er zögerte – »nun ja, wohl als überna-
türlich bezeichnen würden, ist mir wichtig, was Sie zu einem
merkwürdigen Vorfall meinen, der mir gestern abend zugesto-
ßen ist. Er hat mich ganz schön durcheinandergebracht.«
Ich betrachtete ihn. Sein Gesicht wies nicht seine sonstige ge-
sunde Farbe auf.
»Selbstverständlich stehe ich dir gerne mit meinem Rat zur
Verfügung«, sagte ich. »Legʹ los.«
Er warf einen Blick auf seine Armbanduhr.

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»Ich würde Sie gerne zuerst in die Kirche führen«, beschied er
mich. »Bevor es dunkel wird. Wir haben noch etwas Zeit bis zur
Teestunde.«
Wir schritten durch den Garten der Pfarrei und gelangten
durch eine Mauerpassage geradewegs auf den Gemeindeacker.
Travers ging voran. Der schmale Pfad führte zwischen Gräbern
an der mit Strebepfeilern verstärkten Nordmauer der Kirche
entlang. Wir betraten die Sakristei durch die ostwärts gelegene
Tür und kamen im Chorraum heraus. Auf beiden Seiten liefen
die mit erlesenen Holzschnitzereien versehenen Chorstühle auf
die Altarstufen zu. Travers wandte sich dem Altar zu und deu-
tete – mit einigem Zögern, wie mir schien – auf ein Wandgrab,
das in einer Nische zur Rechten des Altars eingelassen war.
»Was halten Sie davon?« fragte er.
Ich schaute mir das Denkmal genau an. Über dem flachen Un-
tergrund der Grabplatte war eine liegende Gestalt aus Alaba-
ster modelliert, die das Gewand und die Insignien eines Prie-
sters trug. Es war eine qualitativ hochstehende Arbeit, beson-
ders das Gesicht mit seinen asketischen Zügen und der Adler-
nase überzeugte. Das Arrangement der Hände und Arme war
allerdings ungewöhnlich – ja, nach meiner Erfahrung sogar ein-
zigartig. Die Hände waren weder über der Brust gekreuzt, noch
in der konventionellen Haltung zum Gebet gefaltet. Statt des-
sen war die eine Hand in den Falten des Gewandes verborgen,
während die andere, dem Betrachter zugewandte, in einem
Winkel abstand und über den Rand der Grabplatte, auf dem die
Figur lag, hinausreichte. Die Hand deutete auf den Altar. Das
Chorgestühl war offensichtlich erst später aufgestellt worden,
denn der vorderste Stuhl in der Reihe stieß beinahe gegen das

-319-
Grab, so daß das Monument in einem dunklen, sonnenlosen
Alkoven eingeschlossen war.
»Eine hervorragende Arbeit«, urteilte ich, »und in ausge-
zeichnetem Zustand. Wahrscheinlich ist es wegen seiner
schlechten Zugänglichkeit so gut erhalten geblieben.«
»Was halten Sie von dem Epitaph?« fragte er und wies auf ei-
ne seitlich eingehauene lateinische Inschrift. Ich schaute sie mir
an und übersetzte:
»Hier ruhen die sterblichen Überreste von Walter Hinkman.
Geboren im Jahre Unseres Herrn 1470, verließ er dies Leben
hienieden am 27. April 1536. Dreißig Jahre lang erfüllte er die
Pflichten des Pfarrers der Gemeinde zu Brandon St. Giles,
wohlgeachtet von den ihm Anvertrauten. Dieses Denkmal
wurde im Jahre Unseres Herrn 1538 von seinem Nachfolger
John Melcombe errichtet, ehemaliges Mitglied des Kartäuseror-
dens.«
Darunter war noch ein Hexameter zu lesen:

EN! MANUS AETERNOS VENERANDA EST


SANCTA PER ANNOS.

Ich übertrug ihn wie folgt: »Seht! Es ist wohlgetan, daß man
den Sprengel der Heiligen in alle Ewigkeit verehre.«
»Wie haben Sie ›Sancta Manus‹ übersetzt?« wollte Travers
wissen.
»Als ›heiligen Bund‹ – ›Sprengel der Heiligen‹«, gab ich zur
Antwort.

-320-
»Sie glauben nicht, daß ›Manus‹ in der Bedeutung von Hand
gebraucht wird?« bohrte Travers weiter.
»Natürlich könnte es auch ›heilige Hand‹ bedeuten«, gestand
ich ihm zu, »aber das scheint mir höchst unwahrscheinlich. Ich
kann mir nicht vorstellen, was das für einen Sinn machen könn-
te.«
»Nun, die Hand der Figur ist doch wohl ziemlich, wie soll ich
sagen: herausragend, oder etwa nicht?« meinte er zweifelnd.
»Was halten Sie von der Skulptur selbst?«
»Ein sehr gutes Exemplar nach-reformatorischen Alabaster-
handwerks, vom Typus her nicht selten. Kennst du das Bildnis
von Bischof Sherburne in Chichester? Es dürfte ungefähr aus
derselben Zeit stammen; natürlich ist es weitaus aufwendiger
gestaltet.«
Travers schüttelte den Kopf. »Ich bin kein Altertumsforscher.
Ich war als Junge viel zu sehr damit beschäftigt, mich herumzu-
treiben, und ich glaube nicht, daß ein Pfarrer in einer Armen-
gemeinde überhaupt Zeit für antiquarische Studien haben
kann. Fällt Ihnen noch irgend etwas an der Figur auf?«
»Eigentlich nicht, abgesehen von dem Arrangement der Ar-
me, das ich wohl noch nirgendwo sonst so gesehen habe. Na-
türlich ist es ein kostspieliges Mahnmal für einen Gemeinde-
priester, aber ich kenne verschiedene andere, ebenso aufwendi-
ge; das bei Wilmslow in Cheshire zum Beispiel.«
Ich begann allmählich das Interesse an der Angelegenheit zu
verlieren.
»Führst du mich noch in der Kirche herum?« fragte ich. »Ich
habe gehört, daß ihr hier ein paar ziemlich hochwertige Mosa-
ikglasfenster besitzt.«

-321-
»Morgen früh«, erwiderte Travers hastig. »Wir gehen jetzt
besser und schauen nach, ob unser Tee schon fertig ist.« Als wir
durch die Tür der Sakristei nach draußen traten, fügte er hinzu:
»Sie halten mich vielleicht für töricht, aber um die Wahrheit
einzugestehen: Die Vorstellung, nach Dunkelheit noch in der
Kirche zu sein, behagt mir ganz und gar nicht – warum, das
erkläre ich Ihnen gleich beim Tee.«
Wir ließen uns im Empfangszimmer des Pfarrhauses vor dem
prasselnden Kaminfeuer nieder. Der Tee wurde gebracht.
Nachdem er seinen Verpflichtungen als Gastgeber nachge-
kommen war, begann Travers mir zu erzählen, warum er nach
mir geschickt hatte. Zunächst sprach er eher zögernd, in stok-
kenden Sätzen, aber allmählich formte sich aus seinen Worten
ein Bild.
»Wie Sie wahrscheinlich wissen«, hob er an, »kam ich letzten
Februar in diese Gemeinde. Mein Vorgänger war ein bewährter
Mann der Kirche, der sich jetzt aufs verdiente Altenteil zurück-
gezogen hat. Er hatte beinahe vierzig Jahre lang sein Amt aus-
geübt. Ich war eine Woche lang sein Gast, bevor ich die Stelle
hier antrat, und so konnte er mich den Kirchenvorständen vor-
stellen und mich in die Gemeindeangelegenheiten einweisen.
Er gab mir eine ganze Menge nützlicher Ratschläge, da er ja die
meisten Gemeindemitglieder von Kindesbeinen an kannte. Eine
Sache jedoch, die er mir mitteilte, fand ich etwas merkwürdig.
Es ging um den Kirchenstuhl des Pfarrers. Ich nehme an, Sie
haben bemerkt, daß sich dieser Sitz unterhalb des Altars befin-
det, bei der Tür zur Sakristei. Ein anderer gleichartiger Stuhl
steht auf der entgegengesetzten Seite des Ganges – ganz in der
Nähe des Grabmals, das ich Ihnen gezeigt habe. Nun, mein
Vorgänger erklärte mir, daß es Brauch sei, diesen zweiten Kir-

-322-
chenstuhl nie zu benutzen. Natürlich fragte ich ihn nach den
Gründen, aber er sagte nur, daß es eine Auflage sei, die ihm
sein Vorgänger mitgeteilt habe, als er ihn vor nun fast vierzig
Jahren ablöste; und dieser wiederum habe lediglich weiterge-
geben, was ihm sein Vorgänger gesagt habe. Das bedeutete also,
daß vermutlich seit einem Jahrhundert niemand mehr diesen
Stuhl benutzt hatte. Der Alte wußte nicht, warum – es war ein-
fach eine örtliche Gepflogenheit, die er respektiert hatte. Ich
hielt es ebenso. Man soll alte Bräuche achten, wenn man eine
neue Gemeinde übernimmt, sonst verschreckt man die Leute.
Der Stuhl wurde also weiterhin nicht benutzt – bis letzten
Abend, als ich selbst während der Spätmesse darin Platz nahm.
Es ist mein erster Winter in den Marschen, und nach meiner
Zeit in Bristol finde ich es hier nicht besonders gemütlich. Ein
wirklich unangenehm kalter Zug unter der Tür zur Sakristei
war mir schon gestern bei der Frühmesse auf die Nerven ge-
gangen. Als ich zur Spätmesse die Kirche betrat, kam mir auf
einmal der Gedanke, in dem Stuhl auf der anderen Seite Platz
zu nehmen. Es erschien mir einfach lächerlich, daß ich mir, bloß
um einen absurden örtlichen Brauch zu respektieren, eine Lun-
genentzündung einfangen sollte. Also ging ich zur anderen Sei-
te des Altarraums hinüber und setzte mich dort nieder. Im
Chor drehte sich alles zu mir um und stierte mich an, als sei ich
plötzlich verrückt geworden. Mason, der alte Kirchendiener,
schüttelte, mir zugewandt, heftig den Kopf, aber ich erhob mich
sogleich und stimmte den ersten Psalm an – in dem Gefühl, daß
dies eine gute Gelegenheit sei, meine Autorität unter Beweis zu
stellen. Ohne weitere Umschweife leitete ich dann zum Meß-
dienst über. Der Chor schien sich an meinen neuen Platz zu
gewöhnen, und alles ging ganz so wie immer vonstatten – bis

-323-
zur zweiten Lesung. Wie Sie wahrscheinlich bemerkt haben,
gibt es hier noch kein elektrisches Licht, und die Öllampen sind
recht trübe, so daß es um diese Zeit in der Kirche bereits ziem-
lich dämmrig war. Der alte Colonel Hartwell hielt die Lesung.
Meine Augen waren starr auf das Mittelschiff gerichtet, und
meine Gedanken, ich muß es zu meinem Leidwesen gestehen,
schweiften ins Leere; ich fühlte mich schläfrig. Plötzlich spürte
ich ein Zupfen an meinem Chorrock, und gleichzeitig ergriff
irgend etwas meine Knie. Im ersten Schreck schnellte meine
Hand nach unten. Meine Finger trafen auf andere Finger. Die
eisige Alabasterhand der Grabfigur hatte sich bewegt und hielt
mich in ihrem Griff! Ich weiß nicht, was danach geschah, nur
noch, daß ich aufschrie und in Ohnmacht fiel. Der alte Mason
sagt, ich sei aufgestanden und mit einem furchtbaren Lärm
über den Kirchenstuhl nach vorne gefallen. Natürlich war da-
mit an eine Fortsetzung der Messe nicht zu denken. Man trug
mich hierher ins Pfarrhaus und legte mich aufs Bett. Eine Stun-
de später kam ich wieder zu mir, und der Arzt gab mir ein Be-
ruhigungsmittel. Heute morgen horchte ich Mason ein wenig
aus; er war mir nach meinem Sturz als erster zu Hilfe geeilt.
Aus seinen Worten schließe ich, daß ihm keine Veränderung an
der Figur auf dem Grabmal aufgefallen war. Es scheint also, als
ob ich mir die ganze Sache nur eingebildet habe. Aber der Ein-
druck war so lebendig, das Gefühl körperlichen Kontakts mit
der Alabasterhand so stark, daß ich, ehrlich gesagt, nicht an
eine Halluzination glauben kann. Ich habe Mason eingehend
über den Ursprung jener Tradition befragt, die die Benutzung
des Kirchenstuhls verbietet, aber er hat keine Ahnung, wie sie
entstanden ist. Seiner Meinung nach weiß auch niemand ande-

-324-
rer in der Umgebung darüber Bescheid. Nun, was halten Sie
davon?«
»Na ja«, sagte ich nach einem Moment des Nachdenkens, »ei-
nes könnten wir tun, um etwas Licht in die Angelegenheit zu
bringen, und zwar das Grab öffnen.«
»Ich hatte schon befürchtet, daß Sie das sagen würden, aber
offen gestanden wäre das öffentliche Aufsehen, das ein solcher
Schritt verursachen würde, zuviel für mich. Wir müßten dazu
vorab einen bischöflichen Dispens sowie eine Genehmigung
des Innenministeriums einholen; dies alles geheimzuhalten wä-
re unmöglich. Ich habe mein Amt ja gerade erst angetreten, ver-
stehen Sie, und der Vorfall von letzter Nacht hat schon genü-
gend Staub im Ort aufgewirbelt. Gibt es denn nichts, was Sie
mir sonst noch raten könnten?«
»Du kehrst erst einmal wieder auf deinen angestammten
Kirchstuhl zurück«, sagte ich, »und läßt mir ein paar Tage Zeit,
um etwas über den Inhaber des Grabes herauszufinden. Ich
fertige eine Kopie der Inschrift an, und morgen früh photogra-
phiere ich die Skulptur. Ich kann dir natürlich keine Verspre-
chungen machen, aber sonst fällt mir nichts ein, was man tun
könnte.«
Im übrigen geschah während meines Besuches nichts, was für
diese Geschichte von Bedeutung wäre, und am nächsten Tag
kehrte ich in die Stadt zurück.

Ich war zu jener Zeit sehr beschäftigt und wußte, daß ich frühe-
stens in einigen Wochen die nötige Zeit finden würde, mich
dem Problem meines Schützlings zu widmen. Daher sandte ich
meine Aufzeichnungen einem alten Freund, Pater Andrews,

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dessen Spezialgebiet die Geschichte der englischen Kartäuser
war. Tatsächlich gehörte er selbst diesem Orden an. Schon drei
Tage danach rief er mich an.
»Könntest du mich morgen nach Brandon St. Giles bringen?«
fragte er. »Möglicherweise kann ich euer Problem lösen. Aber
es ist besser, ich sage nichts weiter, bevor ich die Skulptur nicht
mit eigenen Augen gesehen habe.«
Wir verabredeten uns für zehn Uhr an der Haltestelle Liver-
pool Street, und ich schickte ein Telegramm an Travers, in dem
ich unseren bevorstehenden Besuch ankündigte.
Pater Andrews war, wie verabredet, an Ort und Stelle. Mühe-
los machte ich die untersetzte, kräftige Gestalt des Priesters auf
dem belebten Bahnsteig aus. Zu meiner nicht geringen Überra-
schung wurde er von einem älteren Mann begleitet, der nach
dem Werkzeugkasten, den er bei sich hatte, offenbar dem
Handwerkerstand angehörte. Er stellte sich mir als Mr. Simson
vor, gab jedoch keine weitere Erklärung für seine Anwesenheit.
Travers wartete in Norwich auf uns und chauffierte uns zur
Pfarrei, wo er uns mit einem Mittagessen bewirtete. Während
der Mahlzeit beschränkte Pater Andrews seine Konversation
auf ganz allgemeine Gesprächsthemen und erwähnte den
Grund unseres Besuches mit keinem Wort. Ich fand sein Still-
schweigen hinsichtlich des Zwecks unseres Besuchs ein wenig
übertrieben, wußte freilich aus langjähriger Erfahrung, daß er
gerne geheimnisvoll tat und sich kaum eine Gelegenheit entge-
hen ließ, eine dramatische Enthüllung zu inszenieren. Also
verbarg ich meine Ungeduld so gut ich konnte. Es gelang mir in
jedem Fall besser als dem armen Travers. Simson schien von
seiner Umgebung in höchstem Maße eingeschüchtert und aß,
ohne auch nur einmal am Gespräch teilzunehmen.
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Nach dem Mahl gingen wir alle zur Kirche und scharten uns
um die Alabasterskulptur. Auf einige geflüsterte Anweisungen
des Priesters hin holte Simson aus seinem Kasten eine starke
elektrische Taschenlampe hervor. Er beugte sich in den dunklen
Alkoven, plazierte die Lampe hinter der hervorstehenden Hand
und knipste sie an. Pater Andrews gab ein zufriedenes Brum-
men von sich. Der Alabaster der Finger erstrahlte milchig im
Schein der Lampe, aber im Inneren waren klar und deutlich die
Knochen einer wirklichen Hand erkennbar, die man am Hand-
gelenk abgetrennt hatte. Travers und ich starrten sprachlos vor
Erstaunen darauf.
»Da ist eine Fuge am Handgelenk«, sagte der Pater und deu-
tete auf eine kaum erkennbare Linie auf der weißen Oberfläche
des Alabasters. »Mit Ihrer Erlaubnis lasse ich Mr. Simson, der
ein erfahrener Steinmetz ist, die Alabasterhand abnehmen. Ich
kann Ihnen versichern, daß er sie wieder anfügen kann, ohne
daß die Skulptur den geringsten Schaden erleiden wird.«
Der Steinmetz grummelte seine Zustimmung.
Kaum hatte Travers, offensichtlich noch zögernd, eingewilligt,
da kam aus der Werkzeugtasche auch schon eine Steinsäge zum
Vorschein. In wenigen Minuten war die Hand abmontiert. Der
Alabaster unterhalb des Handgelenks erwies sich als eine hohle
Hülle, aus der Pater Andrews eine verdorrte Mumienhand her-
vorzog, die er andächtig in ein Tuch einschlug und in seinen
Aktenkoffer legte. Den Protest voraussehend, der sich auf den
Lippen des Pfarrers formte, erklärte er bestimmt: »Dies ist eine
Reliquie, die nur für meine Kirche von Wert ist. Ich kann mit
Bestimmtheit sagen, daß diese Hand nicht zu dem Körper Ihres
vormaligen Pfarrers gehört, der dort drunten in diesem Grab
liegt. Man kann also nicht von einer Grabschändung sprechen.
-327-
Während Mr. Simson die Hand wieder anbringt, sollten wir
vielleicht ins Pfarrhaus zurückgehen; ich werde Ihnen dann
alles erklären.«
Zu dritt kehrten wir ins Empfangszimmer zurück und scho-
ben unsere Stühle vor den Kamin. Pater Andrews strahlte uns
an wie ein Zauberkünstler, der gerade einen besonders gelun-
genen Trick vorgeführt hat.
»Des Rätsels Lösung findet sich in der Biographie von John
Foxe, dem Martyriologen«, begann er, »und besitzt viele Paral-
lelen zur Lebensgeschichte dieses unglücklichen Mannes. Im
Jahre 1535 löste Heinrich VIII den Kartäuserorden auf, was je-
doch nicht ohne Blutvergießen vor sich ging. Einige der Mön-
che weigerten sich nämlich, die geistliche Oberherrschaft des
Königs anzuerkennen, und wurden hingerichtet. John Foxe und
wohl auch John Melcombe, der die Alabasterfigur in Ihrer Kir-
che schuf, hatten allem Anschein nach nicht die nötige Stärke
zur Erlangung der Märtyrerkrone. Sie schworen den Supremat-
seid und erhielten fortan ihre Pfründen in der Anglikanischen
Kirche – Foxe in St. Mary Magdalen, Queenhithe, und Melcom-
be hier, in dieser Gemeinde. Aber obwohl sie allem äußeren
Anschein nach abtrünnig geworden waren, hielten sie doch
heimlich am katholischen Glauben fest. Foxes weitere Geschich-
te ist wohlbekannt. Die Strafverfolger des Königs bekamen
Wind davon, daß er auf seinem Altar heimlich den linken Arm
des Priors Houghton aufbewahrte, des zum Märtyrer geworde-
nen Oberhauptes der Kartäuser. Foxe selbst floh des Landes
und erreichte sicher das belgische Löwen, aber zweien seiner
Freunde, einer von ihnen Prior Mundy von Bodmin, machte
man in der Guildhall den Prozeß und verurteilte sie zu Strang,
Streckbank und Rad. Es freut mich, sagen zu dürfen, daß dieser

-328-
barbarische Urteilsspruch unter der milderen Herrschaft des
Staatskanzlers Somerset aufgehoben wurde.
John Melcombe hatte mehr Glück. Nach dem Tod von Walter
Hinkman im Jahre 1536 wurde er zum Nachfolger auf die hie-
sigen Pfründe bestellt. Auch er brachte eine der verbotenen
Kartäuserreliquien mit, und zwar die Hand eines seiner Mit-
brüder, der um seines Glaubens willen zum Märtyrer gewor-
den war. Würde man das Vorhandensein der Reliquie je ent-
decken, das wußte er, so würde es seinen Tod bedeuten. Aus
dem Beispiel von Foxe schlau geworden, verbarg er die Hand
daher nicht im Altar, sondern fand ein sichereres und ausgefal-
leneres Versteck. Er ließ ein Monument für seinen Vorgänger
errichten und die Reliquie darin einarbeiten. Dieses Monument
wurde absichtlich in nächster Nähe zum Altar plaziert, und
man kann sich das klammheimliche Vergnügen vorstellen, das
Melcombe aus diesem Arrangement zog – denn wann immer
seine Schäfchen ihre Reverenz am Altar erwiesen, bekundeten
sie unwissentlich auch der verborgenen Reliquie ihre Ergeben-
heit. Sein Stolz oder vielleicht seine Art von Humor verführten
ihn dazu, in einer zweideutigen Inschrift einen Hinweis auf das
Versteck zu geben – denn selbstverständlich meint das ›sancta
manus‹ im Hexameter auf dem Grab ›heilige Hand‹.«
»Soweit meine Erklärung für das Vorhandensein der Reli-
quie«, schloß der Priester. »Aber«, fügte er hinzu – und seine
Augen zwinkerten ein wenig hinter den Gläsern seiner Brille –
»worauf ich mir wirklich keinen Reim machen kann, das ist,
weshalb sich die Reliquie auf so unerfreuliche Weise an einem
Vertreter der Anglikanischen Kirche vergriffen haben mag.«

-329-
Nummer neunundsiebzig

»Es tut mir leid, mein Herr, aber Nummer neundundsiebzig ist
schon vergeben.« Der junge Buchhandelsgehilfe wackelte bei
diesen Worten überheblich mit dem Kopf. Ich war zutiefst ent-
täuscht. Dabei hatte ich keine Zeit verloren. Der Katalog war
gerade eine halbe Stunde zuvor auf meinem Frühstückstisch
gelandet, und sofort hatte ich meinen Kaffee hinuntergegossen
und war schnurstracks zu Egertons Buchhandlung geeilt, einem
alteingesessenen Laden in einer der Passagen nahe dem Red
Lion Square. Bei dem Artikel, der mein Interesse geweckt hatte,
handelte es sich um ein Manuskript aus der Mitte des siebzehn-
ten Jahrhunderts, das sich mit dem düsteren Gegenstand der
Totenbeschwörung befaßte. Nach der Beschreibung im Katalog
zu urteilen, schien es mir nicht ausgeschlossen, daß es sich um
die Abschrift eines der verlorengegangenen Manuskripte von
Dr. John Dee handelte, des elisabethanischen Astrologen. Falls
dies zutraf, so war der Preis von fünfzehn Pfund keinesfalls
übertrieben; und ich hatte es mir in den Kopf gesetzt, diese
Blätter in die Finger zu bekommen. Meine Enttäuschung war
also nur allzu verständlich.
»War es denn schon verkauft, bevor der Katalog verschickt
wurde?« fragte ich.
Der junge Mann wackelte erneut verneinend mit dem Kopf.
»Wenn es vorgemerkt ist, sich aber noch im Laden befindet –
vielleicht könnte ich es mir dann einmal ansehen?« bohrte ich
hartnäckig weiter. Der Gehilfe schien jetzt verlegen.

-330-
»Tut mir leid, aber es ist schon vergeben«, wiederholte er
ausweichend. »Mehr kann ich Ihnen nicht sagen.« Im nächsten
Moment hellten sich seine Züge erleichtert auf.
»Ah, da kommt Mr. Egerton selbst. Sie erkundigen sich besser
bei ihm persönlich.«
Ich wandte mich um und begrüßte den Besitzer, der gerade
durch die Vordertür hereinkam.
»Was soll denn diese ganze Heimlichtuerei um Nummer
neunundsiebzig?« Ich fuchtelte mit dem Katalog vor seiner Na-
se herum. »Anscheinend ist der Titel bis jetzt nicht verkauft
worden. Kann ich ihn einmal sehen? Das ist sicher nicht zuviel
verlangt – nach all den Jahren, die ich schon Ihr Kunde bin.«
Das sonst stets leutselige Gesicht des Buchhändlers verdüster-
te sich, und er zögerte mit einer Antwort. Endlich sagte er:
»Würden Sie mir bitte nach oben auf mein Zimmer folgen?«
Ich begleitete ihn durch den Laden, vorbei an dem nach hin-
ten hinaus gelegenen kleinen Katalogzimmer, und gemeinsam
erklommen wir die Treppe. Ich schätzte Egertons Buchhandlung
ungemein. Den Grundstock ihres Sortiments machten juristi-
sche Fachbücher aus, doch fand sich in den Katalogen übli-
cherweise auch immer etwas, das mich interessierte; und in den
mehr als fünfzehn Jahren, die ich Kunde bei Egerton war, hatte
ich eine ansehnliche Anzahl von Büchern aus dem Angebot
erworben. Zu Egerton selbst hatte sich über die Jahre fast so
etwas wie eine freundschaftliche Beziehung entwickelt. Oft tra-
fen wir uns im Lesesaal des British Museum. Wir betraten sein
Zimmer im ersten Stock, wo sich die Nachschlagewerke stapel-
ten, und er bot mir mit einer Handbewegung einen Stuhl an.

-331-
»Das Manuskript, das Sie sehen möchten, ist vernichtet wor-
den«, erklärte er.
»Schlimm, das zu hören«, gab ich zurück. »Was für ein unse-
liges Mißgeschick.«
»Nein, kein Mißgeschick! Ich habe es eigenhändig verbrannt.«
Ich starrte ihn an. Er war augenscheinlich aufgewühlt und
nicht willens, die Angelegenheit weiter zu erörtern; aber wie
ein Geschäftsmann, der Egerton doch war, ein fünfzehn Pfund
teures Manuskript so einfach vernichten konnte, das wollte mir
nicht in den Sinn.
Er merkte wohl, daß eine Erklärung angebracht war, doch
schien er unschlüssig, ob er sie mir geben solle.
Endlich sagte er: »Wenn Sie wollen, können Sie alles darüber
erfahren. Eigentlich gehört das Ganze mehr in Ihren Bereich als
in den meinen.« Er machte eine Pause, und ich wartete ge-
spannt.
»Sie kannten doch Merton?« hob er erneut an.
»Der Mann, der für Sie den Katalog bearbeitet? – Aber natür-
lich kenne ich ihn – er ist ja schon seit Jahren bei Ihnen.«
Merton war eine dieser rätselhaften Figuren, denen man gele-
gentlich im antiquarischen Buchhandel begegnet – ein Mensch
mit beachtlichen Fähigkeiten, zugleich aber, wie es schien, ohne
einen Funken Ehrgeiz im Leib.
»Ich glaube nicht, daß ich Ihnen je seine Lebensgeschichte er-
zählt habe«, sagte Egerton. »1913 verließ er Oxford, und ehe er
sich noch eine Existenz aufbauen konnte, steckte er schon mit-
tendrin im Krieg. In Frankreich wurde er nach einem Bomben-
angriff verschüttet, und als er 1918 aus der Armee entlassen

-332-
wurde, war er ein psychisches Wrack. Seine Anstellung bei mir
sollte nur vorübergehend sein, während er sich nach etwas Bes-
serem umschaute – am Ende aber blieb er zwanzig Jahre bei
mir. Natürlich war er exzentrisch, aber zugleich war er auch
außergewöhnlich begabt. Offen gesagt war er so exzentrisch,
daß ich ihn, so gut es ging, von der Kundschaft fernhielt; aber
wenn er für sich in seiner Kammer hinter dem Laden blieb,
dann leistete er wirklich ausgezeichnete Arbeit. Ich kann wohl
mit Fug und Recht behaupten, daß meine Kataloge einem sehr
hohen Standard entsprechen – und das ist nicht zuletzt Mertons
Verdienst. Zweifellos war er ein seltsamer Mensch: meist ein-
fach nur griesgrämig, aber manchmal auch von depressiven
Anfällen heimgesucht, die wochenlang anhielten; während die-
ser Phasen wechselte er dann mit keiner Menschenseele auch
nur ein Wort. Nein, er war nicht gerade das, was man einen
geselligen Burschen nennt, aber die ausgezeichnete Arbeit, die
er leistete, machte seine Marotten erträglich.
Vor ungefähr einem Jahr kam er eines Morgens zu mir und
verkündete, daß er sich verlobt habe. Ich war erstaunt, freute
mich jedoch für ihn. Denn wenn irgend etwas ihm helfen konn-
te, seine Übellaunigkeit und sein exzentrisches Gebaren abzu-
legen, dann war es nach meinem Empfinden ein Leben als ver-
heirateter Mann. Ich beglückwünschte ihn also herzlich und
stimmte einer Gehaltserhöhung zu. Seine Verlobte kam einige
Male in die Buchhandlung, und er stellte sie mir vor. Ich ge-
wann den Eindruck, daß sie genau die Art von Frau war, die er
brauchte – um die fünfundzwanzig und offensichtlich außer-
gewöhnlich versiert und verständnisvoll. Er lag ihr gleichsam
zu Füßen und wurde ein neuer Mensch. Ich habe noch nie eine
solche Verwandlung miterlebt wie die seine. Niemand hätte in

-333-
ihm den schüchternen, wortkargen Einzelgänger wiederer-
kannt, der er früher gewesen war.«
Ich rutschte unruhig auf meinem Stuhl herum, während ich
mich fragte, was all dies mit dem Manuskript zu tun habe, dem
mein Interesse galt. Egerton mußte meine wortlose Ungeduld
bemerkt haben, denn er fuhr fort: »Glauben Sie nicht, daß dies
alles unwichtig ist. Sie werden gleich verstehen, inwiefern das
Manuskript und diese Geschichte zusammenhängen. Aber zu-
erst muß ich Ihnen mehr über Merton erzählen.
Vor vier Monaten kam seine Verlobte ums Leben – bei einem
Autounfall. Daß man unter solchen Umständen verzweifelt, ist
nur allzu verständlich, aber Sie können sich keine Vorstellung
davon machen, was für ein Schock es für Merton war. Seine
früheren Depressionen kehrten tausendfach schlimmer als zu-
vor zurück. Stundenlang, ja endlos saß er in seiner Kammer,
den Kopf in die Händen vergraben. Er schien jedes Interesse am
Leben verloren zu haben. Ich machte mir ernsthaft Sorgen um
ihn und wollte ihn überreden, einen Arzt aufzusuchen. Ich
schlug ihm vor, einen Monat lang Urlaub am Meer zu machen,
aber er lehnte ab. Wenn er nicht ein so altgedienter und be-
währter Angestellter gewesen wäre, hätte ich mir ernsthaft Ge-
danken über eine Entlassung machen müssen.
Durch ein Gespräch, das ich mit ihm in dieser Zeit führte, er-
fuhr ich, daß er irgendeinem esoterischen Scharlatan in die
Hände gefallen war und Séancen besuchte. Einmal erkundigte
er sich nach meinen Ansichten über Spiritismus, und aus seinen
Bemerkungen schloß ich, daß auch er selbst keine großen Hoff-
nungen daran knüpfte. Das von ihm konsultierte Medium hatte
natürlich versprochen, ihn in Kontakt mit seiner verstorbenen
Verlobten zu bringen, aber der versprochene Kontakt ließ auf
-334-
sich warten. Es tat einem wirklich leid zu sehen, daß ein er-
wachsener Mensch all diesen Unsinn für bare Münze nahm.
Im Frühsommer des Jahres, als ich den Bestand einer Privat-
bibliothek in Shropshire erstand, war Mertons geistiger Zu-
stand besonders labil. Der Katalog, den ich Ihnen letzten Abend
zugesandt habe, umfaßt nur ungefähr die Hälfte der Bücher –
ich hatte gehofft, zum heutigen Tag die ganze Kollektion zum
Verkauf anbieten zu können. Ich glaube, Merton hat nicht mehr
als ein Drittel der Posten katalogisiert. Den Rest habe ich selbst
aufgenommen; der Junge unten im Laden kommt damit noch
nicht zurecht. Ich nehme an, daß Ihnen eine kleine Abteilung
mit okkulten Büchern aufgefallen ist, darunter auch Nummer
neunundsiebzig. Das waren die einzigen Bücher, die Merton
interessierten – ganze Stunden widmete er sich ihnen, ohne daß
ihr potentieller Verkaufswert dies gerechtfertigt hätte; aber ich
erhob keine Einwände. Ich war froh, ihn wieder bei der Arbeit
zu sehen, und hoffte, daß er nach diesem ersten Schritt bald
wieder zurück zu seiner gewohnten Leistung fände.
Vor ungefähr einer Woche trat Merton eines Abends nach La-
denschluß in mein Zimmer und bot mir zehn Pfund für das
Manuskript an. Ich war wirklich erstaunt darüber – er war ja
kein Sammler, und ich wußte, daß er es sich auch finanziell gar
nicht leisten konnte. Ich lehnte ab – ziemlich brüsk, wie ich lei-
der gestehen muß. Nachdem er gegangen war, schaute ich mir
die Blätter genauer an. Sie waren voll des üblichen kabbalisti-
schen Krimskrams – Pentagramme, die Geheimnisse Salomons
und ähnliches; allerdings waren die Abschnitte über die Toten-
beschwörung, die den größten Teil des Werks ausmachten, we-
sentlich umfangreicher, als es meiner Kenntnis nach bei Manu-
skripten dieser Art ansonsten der Fall ist: eine Unmenge von

-335-
Zaubersprüchen und Beschwörungsformeln in schlechtem La-
tein, mit denen der Adept der Schwarzen Magie angeblich die
Toten heraufbeschwören konnte. Ich sperrte die Blätter in den
Safe und dachte nicht weiter an sie.
Vorgestern, in der Mittagspause, fragte Merton mich nach
dem Schlüssel für den Safe. Das war nicht weiter ungewöhn-
lich, und ich händigte ihm den Schlüssel ganz automatisch aus,
ohne zu fragen, was er denn aus dem Safe nehmen wolle. Es
liegen dort immer ein paar wertvolle Bände unter Verschluß,
die nur darauf warten, katalogisiert zu werden, und ich nahm
an, daß Merton sich eben darum kümmern wollte.
Nun ist es so, daß ich, wenn ich viel zu tun habe, auch nach
dem Geschäftsschluß um sechs Uhr im Laden bleibe, oft bis
acht oder noch später. Der Gehilfe geht Punkt sechs, aber Mer-
ton blieb gewöhnlich noch ungefähr eine weitere halbe Stunde.
Ich war jedenfalls immer der letzte, der ging. An jenem Abend
beschäftigte ich mich eingehend damit, die Herkunft eines ob-
skuren Wappens auf einem deutschen Bucheinband zu klären.
Heraldik hat mir schon immer Kopfzerbrechen bereitet. Es war
ungefähr halb acht, und ich ging davon aus, daß Merton schon
nach Hause gegangen war, obwohl ich es für gewöhnlich hörte,
wenn er die Tür auf- und abschloß. Draußen war es wie um
diese Zeit üblich schon ziemlich dunkel. Plötzlich hörte ich
drunten einen Schrei. Es war Mertons Stimme, und ich glaube
nicht, daß ich je einen so furchterfüllten Schrei gehört habe; das
reinste Entsetzen lag darin. Ich öffnete schnell meine Tür und
blickte über das Treppengeländer die dunklen Stiegen hinunter.
Die Beleuchtung war nicht eingeschaltet, und der Lichtschalter
befand sich am Treppenabsatz. Ich konnte hören, wie Merton
am Türgriff seiner Kammer zog, und wie ich noch hinschaue,

-336-
fliegt die Tür auf. Die Kammer war ebenfalls dunkel, so daß ich
nur einen schemenhaften Blick erhaschte von dem, was dann
passierte; denn das Licht, das von der offenen Tür hinter mir
über meine Schultern fiel, beleuchtete den unteren Teil der
Treppe nur zur Hälfte. Merton rennt durch den Laden, und ich
höre das Klingeln der Ladenglocke, als er die Eingangstür auf-
stößt. Ich will ihm noch nachrufen, als ich sehe, wie etwas an-
deres aus seiner Kammer kommt. Gott sei Dank kann ich nicht
wirklich behaupten, daß ich es gesehen habe; ich glaubte, eine
schattenhafte Gestalt zu erkennen, die über die Türschwelle
trat, aber abgesehen davon, daß sie mir irgendwie Grau in Grau
vorkam, könnte ich sie nicht beschreiben. Aber was mich wirk-
lich erschaudern ließ, war nicht, was ich sah, sondern ein Ge-
ruch – ein Geruch, wie ich ihn nur einmal zuvor in meinem Le-
ben wahrgenommen habe, und zwar vor vierzig Jahren. Als ich
ein kleiner Junge war, fand auf dem Dorffriedhof eine Exhu-
mierung statt, und da ich ein neugieriges Kind war, schlich ich
zwischen den Grabsteinen herum, als die Totengräber den Sarg
hochzogen. Ich erhaschte nur einen flüchtigen Blick, da mich
der Dorfpolizist entdeckte und ich für meine Vorwitzigkeit eine
Ohrfeige bekam. Aber mir stieg ein Geruch in die Nase, dem
ich nicht mehr begegnet bin, bis er vorletzte Nacht den Trep-
penaufgang heraufwehte – ein klammer, ekelerregender, absto-
ßender Gestank von Fäulnis und Zerfall. Beinahe wäre ich vor
Abscheu in Ohnmacht gefallen. In der nächsten Sekunde war
ich zurück in meinem Zimmer, hinter verschlossener Tür. Dort
blieb ich ein paar Minuten lang sitzen; dann dachte ich an Mer-
ton und fragte mich, was ihm wohl zugestoßen sei. Ich kratzte
mein bißchen Mut zusammen und ging nach unten – der Laden
war verlassen, und die Eingangstür stand immer noch offen.

-337-
Ich trat hinaus und lief die Gasse in Richtung Holborn hinunter.
Ich erinnere mich noch daran, wie ruhig mir alles erschien. Als
ich auf der Holborn herauskam, entdeckte ich den Grund dafür.
Der Verkehr war zum Stehen gekommen, und in der Mitte der
Straße hatte sich eine Gruppe von Leuten um eine zusammen-
gesunkene Gestalt geschart. Ich drängte mich durch die Men-
schenmenge und sah, daß es Merton war. Ein Polizist sagte mir,
er sei aus der Gasse geradewegs unter die Räder eines Busses
gerannt und sofort tot gewesen.
Sie können sich vorstellen, in welcher Verfassung ich zurück
in den Laden kam. Ich ging in Mertons Kammer, und dort auf
seinem Schreibtisch lag dieses gottverdammte Manuskript. Aus
der aufgeschlagenen Seite und aus einigen Notizen auf seinem
Notizblock war klar ersichtlich, daß er mit einer der Zauber-
formeln, die dort niedergeschrieben waren, experimentiert hat-
te. Etwas war geschehen, daß ihn vor Furcht um den Verstand
gebracht hatte – was angesichts seines Nervenzustands ja viel-
leicht gar nicht so überraschend war. Ich nehme an, daß durch
irgendeine obskure Form von Telepathie seine Furcht sich auf
mich übertrug – zumindest möchte ich lieber daran glauben, als
ernstlich irgendwelche Schlußfolgerungen aus dem zu ziehen,
was ich vielleicht auf dem Treppenabsatz wahrgenommen ha-
be. Wie auch immer, jedenfalls wollte ich sichergehen und ver-
brannte, bevor ich nach Hause ging, das Manuskript und Mer-
tons Notizen bis auf den letzten Schnipsel. Es tut mir leid, wenn
ich Sie enttäuschen muß, aber so steht die Sache. Und obwohl
die Sparte Okkultismus bislang immer ein gewinnbringendes
Nebengeschäft für mich war, werde ich in Zukunft diese Art
von Literatur tunlichst meiden.«

-338-
Eleanor Scott
(1892-1965)

Von den wenigen Frauen, die in M. R. Jamesʹ Fußstapfen getre-


ten sind, ist Helen Madeline Leys alias Helen Magdelen Leys
alias Eleanor Scott sicher eine der bedeutendsten. Und das, ob-
wohl ihr einziger Band mit Gespenstergeschichten, Randalls
Round, bei seinem Erscheinen (London, 1929) nur ein mäßiger
Erfolg war und lange Zeit, ebenso wie ihr übriges, nicht dem
Phantastischen zugehörendes Werk, fast völlig in Vergessenheit
geriet. Selbst M. R. James hatte anscheinend nie von seiner viel-
leicht begabtesten Schülerin gehört, denn weder in ›Einige Be-
merkungen über Gespenstergeschichten‹ (1929; s. S. 476ff. ),
noch in ›Geschichten, die ich schreiben wollte‹ (1931; s. S. 472 ff.
) erwähnt er Eleanor Scott auch nur mit einem Wort. Erst die
Veröffentlichung von ›Twelve Apostles‹ in Hugh Lambs An-
thologie A Tide of Terror (London, 1972) erweckte ein neues In-
teresse an dieser zu Unrecht aus dem Blickfeld der Phantastik-
gemeinde entschwundenen Autorin. 1996, fast siebzig Jahre
nach der Erstausgabe, wurde Randalls Round dann in einer
Liebhaberedition der Ash-Tree Press (Penyffordd/Chester)
wieder aufgelegt.
Mit ein Grund für ihre Anonymität mag auch gewesen sein,
daß die Autorin als Person lange Zeit nicht faßbar war. Erst im
Jahre 1994 gelang es Richard Dalby das Pseudonym Eleanor
Scott unbezweifelbar auf die Schullehrerin und Rektorin des
Lehrerausbildungszentrums in Oxfordshire, Helen Leys, zu-
rückzuführen (in Ghosts & Scholars 17, 1994). Helen Madeline
Leys wurde am 11. Juli 1892 in Hampton Hill, Middlesex gebo-

-339-
ren, gab aber ihren Taufnamen im späteren Leben stets als He-
len Magdelen Leys an. Ihr Vater John Kirkwood Leys (1847-
1900), der in zweiter Ehe mit ihrer Mutter, einer geborenen He-
len Holligan, verheiratet war, gab bald seine Karriere als
Rechtsanwalt auf und versuchte sich als Autor von potboilern
und Kriminalgeschichten. Seine ständig wachsende Familie
(zwei Kinder aus erster Ehe, drei Söhne und zwei Töchter mit
seiner zweiten Frau) zwang ihn, immer mehr und immer
schneller zu schreiben. Helens ältere Schwester, Mary Dorothy
Rose, half bald mit, die plots für einige dieser Krimis zu entwer-
fen, und wie es scheint, hat auch Helen selbst ihrem Vater eini-
ge Ideen für seine Bücher geliefert. Nach seinem plötzlichen
Tod wechselte Leys Ehefrau Helen in dasselbe Fach und veröf-
fentlichte Kurzgeschichten und Novellen für einschlägige Ma-
gazine, um ein Einkommen für sich und ihre Familie zu si-
chern. Helen besuchte ein College in Oxford und ergriff nach
dem Ersten Weltkrieg einen der wenigen Berufe, die gebildeten
Frauen damals offenstanden: sie wurde Schullehrerin. Später
war sie zuerst Konrektorin, dann Rektorin des Lehrerausbil-
dungszentrums in Oxfordshire. Ihre ersten literarischen Schritte
hatte sie bereits im Jahre 1923 mit der Veröffentlichung der
Gespenstergeschichte ›The Room‹ in der Zeitschrift Cornhill
gemacht, unter ihrem eigenen Namen H. M. Leys.
Ihre Stellung als Lehrerin zwang sie, ihren ersten Roman, War
Among Ladies (1928), über die Schwächen des englischen Schul-
systems am Beispiel einer couragierten, aber letztlich scheitern-
den Heldin, unter einem Pseudonym zu veröffentlichen: es war
die Geburtsstunde von Eleanor Scott. In den folgenden sieben
Jahren erschienen von Eleanor Scott noch vier weitere Romane,
alles mehr oder weniger sozialkritische Studien von Frauencha-

-340-
rakteren, und ein einziger Band mit phantastischen Kurzge-
schichten. Ihre größten Publikumserfolge waren jedoch die bei-
den Sachbücher Adventurous Women (1933) und Heroic Women
(1939). Keines ihrer belletristischen Werke erreichte zu ihren
Lebzeiten eine zweite Auflage, und nur ›The Room‹ wurde
1937 in die populäre Anthologie Fifty Masterpieces of Mystery
aufgenommen. Bei ihrem Tod am 15. März 1965 war Helen
Madeline Leys alias Eleanor Scott bereits eine vergessene
Schriftstellerin.
Während Eleanor Scotts erster Roman, teils auch dank seiner
aktuellen Thematik, weite Beachtung fand, fielen schon die Re-
zensionen zu ihrem zweiten Buch, Randalls Round, wesentlich
schwächer aus. Ob dies daran lag, daß sich Eleanor Scott nach
ihrem Einstand als sozial engagierte Autorin der scheinbar
weltfernen Spielwiese des Phantastischen zuwandte, ist schwer
zu sagen. Ihr nachfolgender Roman, The Forgotten Image, über
die unterschwellig lesbischen Beziehungen dreier Frauen, war
jedenfalls ebensowenig ein Erfolg wie der vorangegangene
Band mit Gespenstergeschichten. Auch unter Liebhabern des
Phantastischen galt Eleanor Scott lange Zeit lediglich als ein
schwaches Derivat von M. R. James.
Dabei weist bereits ihre erste Kurzgeschichte ›The Room‹
deutlich eigenständige Züge auf; es handelt sich um die origi-
nelle Verwendung des traditionellen Motivs des haunted room,
bei dem die Protagonisten der Geschichte in dem heimgesuch-
ten Zimmer nicht mit irgendeinem Gespenst, sondern jeweils
mit den eigenen moralischen Schwächen und Verfehlungen
konfrontiert werden. Ein beliebtes Motiv von Scott ist auch das
Menschenopfer (so z. B. in ›Randalls Round‹, ›At Simmel Acres
Farm‹ und ›Celui-là‹), das sie gerne in der Auseinandersetzung

-341-
zwischen christlich-moralischem Ethos und heidnisch-
animalischem Primitivismus gestaltet.
Die beiden hier präsentierten Geschichten, ›Zwölf Apostel‹
und ›Celui-là‹, sind daher auch nur auf den ersten Blick Pasti-
ches von zwei der bekanntesten James-Texte, ›The Treasure of
Abbot Thomas‹ und ›Oh, Whistle, and Iʹll Come to You, My
Lad‹. Ebenso geschickt wie James in ›The Treasure of Abbot
Thomas‹ verbindet Scott in ›Zwölf Apostel‹ die kriminalistische
Suche nach einem verborgenen Schatz mit einer Gespensterge-
schichte. Daß auch hier, wie bei James, teilweise authentische,
teilweise fingierte Textquellen eine entscheidende Rolle im Pro-
zeß des gleichzeitigen Aufdeckens und Verbergens spielen,
überrascht nicht sonderlich. Im Gegensatz zu James ist der Pro-
tagonist der Geschichte jedoch kein allzu neugieriger und wis-
sensdurstiger Engländer, sondern ein naiver, naßforscher Ame-
rikaner, der den Geheimnissen der alten Welt auf den Grund
gehen will. Die Suche nach dem Schatz (und das Entdecken des
Gespenstes) gestaltet sich also auch zum Teil, ähnlich wie in
Oscar Wildes The Canterville Ghost (1887; eine Geschichte, die
hier ebenfalls Pate gestanden haben dürfte), als ein Kulturkon-
flikt zwischen dem aufgeklärten und (scheinbar) so überlege-
nen Amerika und dem vorsichtigeren, weil dem Alten noch
näheren England, vertreten in der Gestalt des Vikars Mr. Moly-
neux. Daß das eigentliche Übel (aber auch die letztendliche Ret-
tung) im überwunden geglaubten Katholizismus mit seiner
vorgeblichen Nähe zum Aberglauben liegt, rührt dann wieder,
mindestens zu einem guten Teil, von der Struktur der (engli-
schen) Gespenstergeschichte her, deren protestantische Prota-
gonisten im Zusammenprall mit der zivilisatorisch früheren
Entwicklungsstufe des Katholizismus die fortdauernde Exi-

-342-
stenz der alten Geister anerkennen müssen. ›Celui-là‹ verlegt
daher den Schauplatz von Jamesʹ ›Oh, Whistle, and Iʹll Come to
You, My Lad‹ vom englischen Burnstow ins katholische Frank-
reich, genauer in die Bretagne. Anders als bei James, dessen
jovialer und kerngesunder Professor Parkins sozusagen aus
heiterem Himmel vom Übernatürlichen befallen wird, scheint
die Ursache für die Heimsuchung von Maddox auch in seiner
eigenen gefährdeten Psyche zu liegen. Die neuzeitliche Verle-
gung des Schreckens von außen in die Seele des Individuums,
wie sie bereits Edgar Allan Poe in seinem Vorwort zu den Tales
of the Grotesque and Arabesque (1839) programmatisch für sich
einforderte (in dem berühmten »my terror is not from Germa-
ny, but of the soul«), deutet sich also bei Scott stärker als bei
James an. Auch hat wohl – schon der Gleichklang der gespen-
stischen Titelfiguren weist darauf hin – neben M. R. Jamesʹ Text
eine der berühmtesten phantastischen Erzählungen in französi-
scher Sprache die englische Autorin nicht unwesentlich beein-
flußt, nämlich Guy de Maupassants 1887 erschienene zweite
Fassung von ›Le Horla‹. Während M. R. Jamesʹ Geschichten der
Makel – oder auch die Würde – des brillanten intellektuellen
Spiels mit der Angst anhaftet, deutet Maupassant – und an-
satzweise auch die von ihm beeinflußte Scott – die Gespenster
größtenteils als äußere Symptome eines psychisch zerrissenen
Ichs. Mag man sich als Leser bei und mit James auch schaden-
froh daran delektieren, daß dem ungläubigen Parkins auf solch
handfeste Weise die Augen für das Übernatürliche geöffnet
werden, so verdient Maddox viel eher unser Mitleid, ist er
doch, ebenso wie Maupassants Tagebuchschreiber, wesentlich
repräsentativer für den Menschen in seiner Gefährdung an der

-343-
Schwelle zur Neuzeit als der behagliche und sich seiner selbst
sichere Parkins.
Auch stilistisch läßt sich diese Modernisierung der Gespen-
stergeschichte bei Eleanor Scott nachweisen. Während viele
andere der in diesem Band vorgestellten Autoren in der Nach-
folge von M. R. James die Ich-Erzählsituation favorisieren, sind
sowohl ›Zwölf Apostel‹ als auch ›Celui-là‹ in der dritten Person
erzählt. Dabei fällt vor allem das Oszillieren der Erzählperspek-
tive zwischen auktorial und personal auf, das bis zur gelegent-
lichen Verwendung der erlebten Rede gehen kann. Ihre Texte
geben damit den behäbigen, leicht antiquiert wirkenden Er-
zählstil ihrer Vorgänger zugunsten einer geschmeidigeren, ge-
legentlich aber auch unebener wirkenden Diktion und Satz-
struktur auf. Damit füllt Eleanor Scott literarhistorisch die Lük-
ke zwischen den älteren Autoren in der Tradition M. R. Jamesʹ,
die ihre Geschichten quasi noch aus der viktorianischen Gemüt-
lichkeit des Lehnsessels heraus erzählten, und den jüngeren,
modernen Vertretern dieser Erzählrichtung, wie etwa L. T. C.
Rolt, Ramsey Campbell oder Terry Lamsley.

-344-
Celui-là

»Ich erwarte gar nicht, daß Sie meinen Ratschlag befolgen«,


sagte Dr. Foster, seinem Patienten einen schelmischen Blick
zuwerfend, »aber ich gebe ihn trotzdem. Es ist folgender: Pak-
ken Sie ein paar Sachen in eine Tasche und fahren Sie in einen
kleinen Ort an der See oder in den Bergen, am besten außerhalb
von England, wo Sie keine Menschenseele kennen. Gönnen Sie
sich dort drei oder vier Wochen vollkommene Ruhe, gehen Sie
auch nicht zuviel spazieren – und dann schreiben Sie mir, daß
Sie wieder wohlauf und munter sind.«
»Leichter gesagt als getan«, brummte Maddox. »Wo gibt es
heute schon noch so etwas wie ein ruhiges Plätzchen? Und falls
doch, so würde man dort auf die Schnelle wohl kaum ein Un-
terkommen finden.«
Foster überlegte.
»Ich kenne genau das, was Sie brauchen«, rief er plötzlich aus.
»Ein kleines Örtchen an der bretonischen Küste – ein Fischer-
dorf, wirklich winzig, mit verstreuten Häusern und einem
langgestreckten, herrlichen Strand, dahinter Heide- und Moor-
landschaft, ruhiger gehtʹs wirklich nicht. Zufällig bin ich mit
dem dortigen Cure recht gut bekannt; er ist ein außerordentlich
anständiger, netter kleiner Bursche. Vétier ist sein Name. Er
wird Sie sicherlich bei sich aufnehmen. Ich schreibe ihm gleich
heute abend noch.«
Nach dieser Eröffnung konnte Maddox trotz all seiner Beden-
ken nicht mehr nein sagen. Der gute alte Foster hatte? sich
wirklich in die Sache hineingekniet; außerdem würde es beina-
he so viel Mühe bereiten, ihm zu widersprechen, als seinen Rat
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zu befolgen. Weniger als eine Woche später war Maddox auf
dem Weg nach Kerouac.
Foster sah es mit Erleichterung. Er kannte Maddox gut und
wußte, daß an ihm schon seit Jahren Überarbeitung und Sorgen
nagten; er konnte verstehen, wie sehr jede Anstrengung ihm
zuwider sein mußte – oder er glaubte zumindest, es verstehen
zu können; in Wahrheit jedoch kann niemand wirklich begrei-
fen, wie erschöpft oder depressiv eine Krankheit jemand ande-
ren hinterlassen kann. Aber als die pittoreske kleine Eisenbahn,
die Maddox in Lamballe nahm, gemächlich zwischen rustikalen
Obstgärtchen dahinruckelte, große Wolken weißen Rauchs aus-
stoßend, begann der nervlich überreizte Passagier sich zu beru-
higen. Als dann die Strecke ihren Verlauf in Richtung Nordwe-
sten änderte und ein kühler Wind von den verschwommen
sichtbaren Ausläufern der Moorlandschaft herüberwehte, da
wuchs in ihm ein Gefühl von Zufriedenheit, ja beinahe heiterer
Gelassenheit.
Die Abenddämmerung begann schon zu sinken, als er bei
dem Schuppen ausstieg, der den Bahnhof von Kerouac darstell-
te. Der Cure, ein kleingewachsenes, dickliches Männlein in Sou-
tane und mit einem breitkrempigen Hut über der Stirn, begrüß-
te ihn in der freundlichen, beinahe überschwenglichen Art, wie
sie bretonischen Bauern im Umgang mit ihren Gästen eigen ist.
Er geleitete den stolpernden Schritt seines Gastes zu einem un-
gepflasterten Landweg, der zwischen hohen, dunklen Bö-
schungen steil abwärts führte und nach Stechginster, Heide
und feuchter Erde roch. Maddox konnte gerade noch das Meer
am Horizont vor ihm erkennen, das zu beiden Seiten von steil
abfallenden Torfhängen gerahmt war. Darüber funkelten ein
paar Sterne am dämmrigen Himmel. Alles war sehr friedlich.

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Maddox hatte sich sogleich an das einfache Leben im Pfarr-
haus von Kerouac gewöhnt. Der Cure war, wie Foster es ange-
kündigt hatte, ein sehr gemütlicher und freundlicher Zeitge-
nosse, immer gelassen, dabei beinahe immer in Eile, denn er
hatte eine sehr große und weit verstreute Gemeinde zu betreu-
en. Zudem schienen ihn die Angelegenheiten jedes einzelnen
seiner Gemeindemitglieder wirklich persönlich am Herzen zu
liegen. Aus verschiedenen Anzeichen schloß Maddox, daß der
Sprengel mit Geld nicht gerade gesegnet war; so mußte der Cu-
re alle in der Kirche anfallenden Arbeiten selber erledigen, ja er
mähte sogar eigenhändig den Rasen und schnitt die Sträucher,
die das windschiefe Gebäude umgaben.
Auch die Landschaft selbst übte ihren Reiz auf den Besucher
aus. Sie war zugleich einsam und freundlich, rauh und doch
friedlich. Besonders gefielen ihm die langen Küstenausläufer,
wo das Gewirr von Heide und Ginster in grobblättrige, weiß-
gebleichte Grasbüschel überging, gefolgt von Kieseln und lan-
gen, gleichförmigen Streifen weichen Sandes. Er ging dort ger-
ne abends spazieren: Zu seiner Linken reckte sich das Moor
schwarz gegen den grauen Himmel, zu seiner Rechten lag das
Meer glatt und ruhig, nur hier und da kräuselte eine glänzende
Welle die Endlosigkeit. Seltsamerweise schien M. le Curé mit
seinen Abendspaziergängen nicht einverstanden; aber das war
wohl typisch für alle Bauern überall auf der Welt, sagte sich
Maddox. Und er fragte sich beiläufig, ob dies einem natürlichen
Streben hin zum heimischen Herd nach einem unter freiem
Himmel verbrachten Tag entspringe, oder ob es auch ein wenig
mit der althergebrachten Furcht vor Geistern und Dämonen zu
tun habe, vor denen die Landleute früher während der dämm-
rigen Stunden entre le chien et le loup zitterten. Wie dem auch sei:

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Er würde nicht irgendwelchen Aberglaubens wegen auf seine
Abendspaziergänge verzichten.
Es war Ende Oktober, das Wetter noch ungewöhnlich mild
für diese Jahreszeit. Und eines Abends war die Luft so lau und
das ferne Funkeln der Sterne so bestrickend, daß Maddox sei-
nen Spaziergang über das übliche Maß hinaus ausdehnte. Im-
mer war er dabei zu dieser Zeit am Strand allein gewesen; und
es war daher ganz natürlich, wenn auch ungerechtfertigt, daß
er sich ärgerte, als er nun zum ersten Mal noch jemand anderen
an der Küste bemerkte.
Die Gestalt war vielleicht fünfzig Meter entfernt. Zuerst
glaubte er, es handle sich um eine Bauersfrau. Sie hatte eine Art
von Kapuze über den Kopf gezogen, und ihre Arme, die win-
kende oder verzweifelte Gesten machten, steckten in langen, zu
Boden hängenden Ärmeln. Als er näher herankam, sah er je-
doch, daß die Gestalt viel zu groß für eine Frau war, und kam
zu dem Schluß, daß es ein Mönch oder Wanderbruder von
wirklich hünenhaftem Wuchs sein mußte.
Es war nicht besonders hell, denn es war Neumond und die
Sterne zwischen den Wolkenbergen verbreiteten nur einen
spärlichen, diffusen Schein. Aber dennoch konnte Maddox
nicht umhin zu bemerken, daß sich die Person vor ihm sehr
merkwürdig benahm. Die Gestalt – er konnte ihr Geschlecht
nicht bestimmen – rannte unglaublich schnell ein kurzes Stück
den Strand auf und ab und schwang dabei die kittelbewehrten
Arme hin und her; dann brach sie plötzlich, zu seinem nicht
geringen Schrecken, in ein abscheuliches Geheul aus, ähnlich
dem Jaulen eines Hundes. Etwas daran ließ Maddox innerlich
zu Eis erstarren. Aufs neue erhob die Gestalt die Stimme, und
noch einmal – ein schauriges, jammerndes, winselndes Ge-
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räusch, das allmählich über dem menschenleeren Moor ver-
klang. Dann ließ sich die Kreatur auf ihre Knie nieder und fing
an, mit den Händen im Sand herumzuwühlen. Eine bis dahin
verschüttete Erinnerung tauchte aus Maddoxʹ Unterbewußtsein
auf – die Erinnerung an die recht grausame Geschichte Hans
Christian Andersens über Anne Lisbeth und das ertrunkene
Kind…
Eine dünne Wolke verdunkelte den schwachen Lichtschein
der Sterne für einen Moment. Als Maddox wieder zu der Ge-
stalt hinübersah, kauerte diese immer noch am Strand und
wühlte mit ihren Fingern im lockeren Sand; und diesmal erin-
nerte sie Maddox an etwas anderes – an eine gigantische Kröte.
Er zögerte, dann schluckte er mit einiger Anstrengung seinen
Widerwillen herunter und ging auf die kauernde, vermummte
Gestalt zu.
Als er näherkam, sprang die Gestalt plötzlich in die Höhe und
rannte mit seltsamen, gleitenden Bewegungen, die man beim
besten Willen nicht beschreiben konnte, unglaublich flink land-
einwärts davon. Ihr Umhang flatterte hinter ihr im Wind. Und
noch einmal vernahm Maddox das langgezogene, klagende
Geheul.
Maddox stand unbeweglich und versuchte in der hereinbre-
chenden Abenddämmerung noch etwas zu erkennen.
»Natürlich kann man es bei diesem Licht nicht mit Sicherheit
sagen«, murmelte er vor sich hin, »aber diese Figur sah wirklich
ungewöhnlich groß aus – und irgendwie flach. Wie eine Vogel-
scheuche, nur ohne Tiefe…«
Es verwunderte ihn, daß er so erleichtert über das Ver-
schwinden der Gestalt war. Er wollte sich selbst einreden, daß

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es seiner Abneigung gegen alles Abnorme zuzuschreiben wäre.
Denn ohne jeden Zweifel war die Person, die er gesehen hatte,
ganz gleich ob nun Mönch oder Frau, überdreht, wenn nicht
gar vollkommen von Sinnen gewesen.
Er ging zu dem Platz hinüber, wo sie gekauert hatte. Ja, da
war der Flecken aufgestöberten Sandes, grobkörnig inmitten
der ihn umgebenden glatten Fläche. Der Gedanke kam ihm,
nach den Fußspuren der geflohenen Gestalt zu schauen, um
festzustellen, ob sie seinen Eindruck von außergewöhnlicher
Größe rechtfertigten. Aber entweder reichte das Licht nicht aus,
um etwas zu entdecken, oder die Kreatur war mit einem Satz
direkt auf den Kieselstreifen hinaufgesprungen. Jedenfalls wa-
ren keine Fußspuren zu entdecken.
Maddox kniete sich neben den Flecken durchwühlten Sandes
hin und begann teils neugierig, teils gedankenabwesend die
Körner durch seine Finger gleiten zu lassen. Er stieß auf etwas
Hartes und Glattes – ein Stein vielleicht? – und nahm es in die
Hand. Es war auf keinen Fall ein Stein, auch wenn der lose,
feuchte Sand so fest daran haftete, daß er nicht genau erkennen
konnte, was es war. Er stand auf und säuberte das Ding mit
seinem Taschentuch; nun sah er, daß es eine Schatulle oder ein
Kästchen war, knapp zehn Zentimeter lang und mit einer Art
groben Schnitzwerks bedeckt. Es ging von selbst auf, als er es
herumdrehte, und er sah, daß im Innenraum etwas eingewik-
kelt lag. Das Material der Umhüllung schien ihm aus Leder zu
sein, und doch wiederum ganz anders als Leder. Was darin
eingeschlagen war, knisterte wie Papier.
Er schaute sich um, ob die Gestalt, die diesen Gegenstand
entweder vergraben oder nach ihm gesucht hatte – er war sich
nicht sicher, was von beiden zutraf – zurückkam; aber er konn-
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te nichts außer den Ginster- und Heidebüschen erkennen, die
sich schwarz und windgebeugt gegen den grauen Himmel ab-
hoben. Kein Laut war zu hören außer dem Seufzen des Nacht-
windes und dem Rauschen des steigenden Meeres. Die Neugier
war stärker als die Zurückhaltung, und er schob das Kästchen
in seine Tasche, als er sich heimwärts wandte.
Bei seiner Ankunft wartete das Abendessen – eine schlichte
Mahlzeit bestehend aus Suppe, Käse und Cidre – schon auf ihn,
und es blieb ihm keine Zeit, etwas anderes zu tun, als die Schu-
he zu wechseln und die Hände zu waschen. Aber nach dem
Essen, wie er an einer Seite des breiten Kamins saß, während
der Cure auf der anderen gemütlich seine Pfeife schmauchte, da
spürte er die Schatulle in seiner Tasche und begann, seinem
Gastgeber von dem merkwürdigen Abenteuer zu berichten.
Daß der Cure so wenig Interesse daran zeigte, dämpfte seinen
Enthusiasmus nicht wenig. Nein, er wüßte von keiner Frau in
seiner weitverstreuten Gemeinde, die sich so verhalten würde,
wie Maddox es beschrieb. Es gäbe auch keine Abtei in der
Nachbarschaft, und wenn es eine gäbe, so würde es den Brü-
dern nicht erlaubt sein, sich solcherart aufzuführen. Tatsächlich
schien er sogar ein wenig an Maddoxʹ Geschichte zu zweifeln,
bis dieser ärgerlich das Kästchen herauskramte und auf den
Tisch knallte.
Die Schatulle war tatsächlich noch ungewöhnlicher, als er an-
fangs angenommen hatte. Zum einen war sie außergewöhnlich
schwer und hart – schwer wie Blei, aber aus einem viel härteren
Metall gefertigt. Die Einfassung war seltsam; die Zeichen dar-
auf gemahnten Maddox an Runen; ein Schauder des Entzük-
kens lief seinen Rücken hinunter, denn er erinnerte sich an die
prähistorischen Überbleibsel der Bretagne. Er war kein Alter-
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tumsforscher, aber die Hoffnung durchzuckte ihn, daß es sich
bei seinem Fund vielleicht um etwas wirklich Interessantes
handeln könnte.
Er öffnete das Kästchen. Wie er erwartet hatte, befand sich
darin tatsächlich ein Fetzen lederähnlichen Materials, der sorg-
sam um ein Stück Pergament gewickelt war. Das konnte natür-
lich nicht prähistorisch sein, aber Maddoxʹ Interesse blieb un-
gebrochen. Er strich das Pergament glatt und begann stockend
die krakeligen Worte darauf vorzulesen. Es war in einer Art
von Lateinisch verfaßt, und Maddox war so damit beschäftigt,
die einzelnen Wörter zu entziffern, daß er gar nicht versuchte,
ihre Bedeutung zu verstehen, bis Vater Vétier ihn auf einmal
mit einem erschreckten Schrei am Weiterlesen hinderte und
sogar versuchte, ihm das Dokument aus der Hand zu winden.
Erschreckt blickte Maddox von dem Pergament auf. Der klei-
ne Priester war ganz blaß und sah so verstört aus, als habe man
ihn dazu genötigt, Blasphemien von der schlimmsten Sorte zu
lauschen.
»Aber, mon père, was ist denn?« fragte Maddox verwundert.
»Sie sollten solche Sachen nicht lesen«, keuchte der kleine Cu-
re. »Es ist nicht recht, dieses Papier zu besitzen. Es ist eine gro-
ße Sünde.«
»Warum? Was steht denn darin? Ich bin überhaupt nicht zum
Übersetzen gekommen.«
Etwas Farbe kehrte auf die Wangen des Priesters zurück, aber
immer noch sah er außerordentlich verstört aus.
»Es war eine Beschwörung«, flüsterte er und warf einen ver-
stohlenen Blick über die Schulter. »Es ist ein schreckliches Per-
gament, das Sie da haben. Es ruft jenen herbei.«

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Maddoxʹ Augen leuchteten auf.
»Was Sie nicht sagen! Das meinen Sie doch wohl nicht ernst,
oder?« Er faltete das Blatt wieder auseinander.
»Nein, Monsieur, ich ersuchen sie inständig! Nein! Sie haben
nicht verstanden…«
Er sah so aufgeregt aus, daß Maddox Mitleid bekam. Schließ-
lich hatte der kleine Bursche ihn immer ordentlich behandelt,
und wenn er diese Sache so aufnahm –! Trotzdem konnte er
sein Bedauern darüber nicht unterdrücken, daß man solche
unwissenden Bauerntölpel zu Gemeindepfarrern machte.
Wahrlich, es gab doch wohl schon genug Aberglauben in ihrer
Kirche, ohne daß man auch noch alten, längst vergessenen Ho-
kuspokus ins Spiel brachte. Ein wenig verärgert, steckte er das
Papier in das Kästchen zurück und schob das Ganze in seine
Tasche. Er war sich sehr wohl bewußt, daß der Cure, bekäme er
es in die Hand, keine Skrupel haben würde, die Schatulle mit-
samt Inhalt zu vernichten.
An diesem Abend war der Einklang, der sonst zwischen den
beiden bestand, empfindlich gestört. Maddox war ob der kras-
sen Ignoranz seines Gefährten verärgert, und Vater Vétier sei-
nerseits glich ganz und gar nicht seinem gewohnten behagli-
chen Selbst. Er schien nervös, ja sogar furchtsam; und Maddox
fiel auf, daß der Cure jedesmal beinahe aufsprang und sich ha-
stig bekreuzigte, wenn die Pfarrkatze von hinten auf seinen
Sessel sprang und ihren Kopf lautlos gegen sein Ohr rieb. Die
Zeit schlich dahin, bis es endlich so weit war, daß Maddox sich
zur Nachtruhe verabschieden konnte. Und noch lange nachdem
er in seinem Zimmer war, konnte er Vater Vétier hören (denn
die Innenwände der Pfarrei bestanden lediglich aus Lattenwerk

-353-
und Gips), wie er Gebete flüsterte und den Rosenkranz durch
seine Finger gleiten ließ.

Am nächsten Morgen schämte sich Maddox, daß er, woran kein


Zweifel bestehen konnte, den kleinen Priester so in Angst und
Schrecken versetzt hatte. Sein Mitleid wurde noch größer, als er
Vater Vétier von der Frühmesse hereinkommen sah: Das Männ-
lein sah bleich und niedergeschlagen aus. Maddox verfluchte
sich selbst innerlich. Er kam sich wie ein Mensch vor, der ein
kleines Kind gepiesackt hat, und er sann verzweifelt darüber
nach, wie er es wieder gutmachen könne. Noch während des
Dejeuner kam ihm eine Idee.
»Vater«, sagte er, »Sie sind anscheinend gerade dabei, ein
paar bauliche Veränderungen an Ihrer Kirche vorzunehmen,
oder irre ich mich?«
Das Männlein lebte sichtlich auf. Umbauten waren, wie Mad-
dox wohl wußte, eines seiner Steckenpferde.
»Aber ja, Monsieur«, schnappte der Cure sofort begierig nach
dem Köder. »Ich bin schon eine ganze Zeitlang am Werk, jetzt
wo ich endlich die nötigen Mittel dafür zusammengetragen ha-
be. Monseigneur hat mir seinen Segen dazu gegeben. Sehen Sie,
es geht darum, daß sich neben unserer Kirche hier die Ruine
eines alten Gebäudes befindet – oh, eines sehr alten. Die einen
sagen, daß es vielleicht früher auch einmal eine Kirche oder ein
Schrein gewesen ist, doch woher soll ich das wissen? – aber es
ist sehr gut gebaut, sehr stabil, und mir kam die Idee, daß man
es vielleicht mit der Kirche zu einem Gebäude verbinden könn-
te. Stellen Sie es sich nur selbst einmal vor, Monsieur: ich würde
dann einen doppelten Kreuzgang haben! Wäre das nicht groß-

-354-
artig? Natürlich werde ich es anstreichen müssen, damit es or-
dentlich aussieht. Die Kirche ist ja schon in einem wirklich
himmlischen Blau gehalten, als Sinnbild für die Heilige Jung-
frau, mit weißen Lilien – ich hatte auf goldene Lilien gehofft,
aber Goldfarbe, die Kosten, sie sind wirklich astronomisch! –
und die neue Kapelle werde ich purpurn anstreichen, als Sinn-
bild für das Herz Jesu, mit gelben Herzen als Randverzierung.
Farbenprächtig sollte sie schon sein, nicht wahr?«
Maddox erschauerte innerlich. »Farbenprächtig«, stimmte er
düster zu. Irgend etwas an der schäbigen weißgetünchten klei-
nen Kirche gefiel ihm ungemein. Allein schon der Gedanke an
Vater Vétiers Blau und Purpur und Gelb tat ihm weh. Aber der
kleine Cure bemerkte nichts.
»In meiner jetzigen Kirche habe ich es schon ausprobiert«,
sprudelte es aus ihm hervor, »und, Monsieur, sie sollten es se-
hen. Sie ist wirklich himmlisch, diese Farbe. Ich werde jetzt das
alte Gebäude so weit herrichten, daß ich gleich dekorieren
kann, wenn die Verbindungswände stehen. Für die Verbin-
dungswände werde ich nicht lange brauchen, nein gar nicht
lange, es sind ja nur kleine Wandstücke, und dann werde ich
anstreichen…«
Er schien ganz seiner Vision hingegeben. Maddox war gleich-
zeitig amüsiert und angerührt. Braver kleiner Kerl – es war
schändlich gewesen, ihn wegen dieser dummen Sache mit der
Beschwörungsformel in solche Aufregung zu versetzen. Er
spürte von neuem das Verlangen, dem freundlichen Männlein
eine Freude zu bereiten.
»Kann ich Ihnen irgendwie helfen, Vater?« fragte er. »Könnte
ich die Wände für Sie abschaben oder irgend etwas in der Art?

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Ich werde Ihnen nicht anbieten zu streichen, dafür bin ich nicht
geschickt genug.«
Der Priester strahlte sichtlich. Er war eine herzensgute Seele,
die gerne Gesellschaft um sich hatte, selbst bei der Arbeit; aber
noch mehr liebte er es gemäß seinem lange gehegten Plan, dik-
ke Schichten glänzender Farbe aufzutragen. Einen Gefährten zu
haben, der nicht selbst anstreichen wollte, war mehr, als er je-
mals erhofft hatte. Er stimmt mit Begeisterung zu.
Nach dem Frühstück wurde Maddox der vorgesehene Erwei-
terungsbau gezeigt. Er stand auf der Nordseite der kleinen Kir-
che (die Längsseite war selbstverständlich west-östlich ausge-
richtet) und bestand, so weit Maddox erkennen konnte, haupt-
sächlich aus einem Stück Mauerwerk, das parallel zur Kirche
verlief. Mittlerweile eingestürzte Mauerteile verbanden ihn
beinahe mit den westlichen und östlichen Enden im Norden
der Kirche; fast schien es möglich, daß er in irgendeiner fernen
Zeit tatsächlich einmal ein Teil der kleinen Kirche gewesen war.
Auf jeden Fall würde es, genau wie Vater Vétier gesagt hatte,
keiner großen Änderungen bedürfen, um ihn als nördlichen
Kreuzgang an die Kirche anzuschließen. Maddox machte sich
guten Mutes daran, den Gips von der alten Mauer zu kratzen.
Am Nachmittag erklärte der Cure, daß er ein paar Meilen ent-
fernt einen Krankenbesuch abstatten müsse. Mit großer Dank-
barkeit nahm er das Angebot seines Gastes an, der vorschlug,
den neuen Kreuzgang allein weiter für das Streichen vorzube-
reiten. Dank solch wirksamer Hilfe, sagte er, werde er den An-
bau der Kirche für das große Fest des Hl. Michael, Schutzpa-
trons sowohl des Dorfes als auch der Kirche, fertigstellen kön-
nen. Maddox freute es zu sehen, wie vollkommen sein Plan

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aufgegangen war, den Priester wieder in seine gewohnte gute
Laune zu versetzen.
Kurz nach zwei ging Maddox auf den Kirchhof und setzte
seine Arbeit fort. Er schabte emsig vor sich hin und fing gerade
an, das Ganze langweilig zu finden, als er eine Entdeckung
machte, die ihn sofort dazu brachte, mit erneutem Eifer ans
Werk zu gehen und den Gipsbezug, den spätere Hände dick
aufgelegt hatten, rasch abzutragen. Ohne Zweifel befanden sich
unter der Stelle, die er begonnen hatte freizulegen, Wandmale-
reien. Schon bald lag ein ziemlich großes Stück offen, und er
konnte sehen, daß die Verzierungen ein Band bildeten: etwa
eineinhalb Meter hoch, verlief es ungefähr fünfzig Zentimeter
über dem Boden und zog sich beinahe über die gesamte Länge
der Mauer hin.
Das Licht ging zur Neige, und die Farben waren verblaßt,
aber was er sah, genügte Maddox, um sein Interesse aufs höch-
ste zu fesseln. Die Bilder schienen einen Küstenstreifen darzu-
stellen, und obwohl das Ganze wie aus dem Regelbuch tradi-
tioneller Landschaftsmalerei entnommen wirkte, gewann er
doch den Eindruck, es sei ein Teil der Küste in der Nähe von
Kerouac abgebildet. Auch Personen waren auf dem Gemälde
zu erkennen; und diese erregten seine besondere Aufmerksam-
keit, denn zumindest eine davon war ihm bekannt. Es war eine
große Figur, deren Umhang bis auf den Boden herabhing – die
Gestalt, die er letzte Nacht am Strand gesehen hatte. Vielleicht
lag es an der altmodischen Maltechnik, daß die Person auf dem
Gemälde ihm denselben Eindruck von Flachheit vermittelte.
Die andere Gestalt – wenn es sich überhaupt um ein menschli-
ches Wesen handelte – war sogar noch fremdartiger. Sie kauerte
vor der Figur im Umhang auf dem Boden, und Maddox kam

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sie wie ein ziemlich ekelerregendes Tier vor – eine Kröte oder
ein dicker, gedrungener Fisch. Das Merkwürdige daran war,
daß die zweite Gestalt, obwohl sie vor der anderen auf dem
Boden hockte, einen dominierenden Eindruck machte.
Maddox geriet in Aufregung. Er musterte das Gemälde ein-
gehend und versuchte herauszubekommen, was es eigentlich
darstellte; aber der kurze Oktobernachmittag ging zu Ende und
über seinen ersten Eindruck hinaus konnte er sehr wenig fest-
stellen. Ihm fiel auf, daß es ein unerwartetes Merkmal an der
ansonsten halb vertrauten Landschaft gab – eine Erhebung oder
ein Haufen großer Steine oder Felsbrocken, an dessen einer Sei-
te er Worte oder Teile von Worten erkennen konnte.
›Qui peuct venir‹, las er an einer Stelle, und, etwas weiter un-
ten, ›Celuy qui ecoustera et qui viendra… sacri… mmes pendus…‹
Außerdem war da noch irgend etwas nur undeutlich Erkenn-
bares, das in einem Bündel neben der Erhebung lag. Vielleicht
ein Haufen Seetang, dachte Maddox.
So wenig er auch von Archäologie oder Kunst verstand, so
ließ seine Entdeckung Maddox doch nicht kalt. Ganz im Gegen-
teil! Er war sich sicher, daß dieses seltsame Gemälde irgendeine
örtliche Legende oder einen Aberglauben darstellte. Und es war
schon sehr komisch, daß er die Gestalt gesehen haben sollte –
oder sie gesehen zu haben glaubte –, noch bevor er das Wand-
gemälde entdeckt hatte. Aber zweifellos hatte er sie gesehen:
Daß es sich nicht um eine bloße Einbildung seines übermüdeten
Verstandes gehandelt hatte, bewiesen die Schatulle und die Be-
schwörungsformel (oder was immer es auch war) in seiner Ta-
sche. Sogleich kam ihm eine Idee: Es wäre doch sehr interes-
sant, wenn er ermitteln könnte, ob die altfranzösischen Worte

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auf dem Wandbild irgendwie mit den lateinischen Worten auf
dem Pergament übereinstimmten. Er nahm den kleinen metal-
lenen Behälter aus seiner Tasche und öffnete ihn.
»›Clamabo et axaudiet me.‹ Ich werde rufen und er wird hören.
Das könnte ein gebräuchlicher Gebetsanfang sein. Klingt stark
nach einem Psalm. ›Quoniam iste qui venire potest‹ – ah! ›qui peut
venir‹! – was haben wir denn hier? ›sacrificim hominum‹ – Him-
mel! Was war das?«………….
Von fern ertönte über der Heide ein schwaches Geheul – der
weit entfernte Schrei des Etwas, das er am Strand gesehen hat-
te…
Er lauschte angestrengt. Nichts war mehr zu hören.
»Da hat wohl irgend ein Hund geheult«, sprach er zu sich
selbst. »Ich werde allmählich etwas schreckhaft. Wo war ich
stehengeblieben?«
Er wandte sich wieder dem Manuskript zu. Aber schon wäh-
rend der kurzen Zeitspanne, die er abgelenkt gewesen war, hat-
te sich das Licht verdunkelt, und er hatte Mühe, überhaupt
noch etwas von dem Geschriebenen zu erkennen.
»›E paludinis ubi est habitaculum tuum ego te convoco‹«, las er
langsam laut, während er die blasse Schrift Buchstaben für
Buchstaben entzifferte. »Ich glaube nicht, daß irgend etwas in
dem Bild damit übereinstimmt. Schon merkwürdig! ›Aus den
Sümpfen, wo du haust, rufe ich dich herbei.‹ Warum aus den Sümp-
fen, das verstehe ich nicht? ›E paludinis ubi est habitaculum tuum
est ego te convoco –‹.«
Unvermittelt brach er ab. Wieder erklang das furchtbare Ge-
heul – und ganz bestimmt war es nicht das Heulen eines Hun-
des. Es war ziemlich nahe…

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Maddox überlegte nicht lange. Er sprang auf, rannte quer
über den Kirchhof in die Pfarrei und sperrte die Tür hinter sich
ab. Er ging zur Vordertür und verriegelte diese ebenfalls; und
danach verbarrikadierte er alle Fenster des winzigen Hauses.
Dann, und erst dann, hielt er inne, um sich über seine eigene
voreilige Flucht Rechenschaft abzulegen. Er zitterte am ganzen
Leib, und sein Atem ging stoßweise, keuchend. Er sagte sich
selbst, daß er sich wie ein hysterisches altes Waschweib
benommen habe, wie ein verzärteltes Schulmädchen. Und
trotzdem brachte er es nicht über sich, ein Fenster zu öffnen. Er
ging in das kleine Empfangszimmer und entfachte ein unge-
wöhnlich starkes Feuer; dann versuchte er, sich für Vater
Vétiers Bibliothek erbaulicher Bücher zu erwärmen, solange bis
der kleine Cure selbst nach Hause kommen würde. Er war ner-
vös und eingeschüchtert; es schien ihm, als ob er höre irgendein
Tier höre (er sagte sich, daß es ein großer Hund oder vielleicht
eine Ziege sein müsse), das draußen an den Mauern und am
Spalt unter der Tür herumschnupperte… Seine Erleichterung
kannte keine Grenzen, als er endlich die trippelnden, zielstrebi-
gen Schritte des Cure den Weg zum Haus hinaufkommen hör-
te.
In dieser Nacht kam Maddox nicht zur Ruhe. Während der
kurzen Momente tiefen Schlafs wurde er von Träumen geplagt,
in denen ihn das flache Wesen mit dem Umhang verfolgte;
einmal erwachte er mit einem erstickten Schrei und einem kal-
ten Schauder des Entsetzens: Er hatte geträumt, er sei gestolpert
und mit dem Gesicht auf etwas Weiches und Eisiges gefallen,
das sich unter ihm bewegte – einen Haufen Kröten… Nach die-
sem Traum lag er lange wach. Aber irgendwann fiel er in einen
Dämmerzustand, halb Schlafen und halb Wachen, in dem ihn

-360-
das unangenehme Gefühl bedrückte, nicht allein im Zimmer zu
sein – etwas atmete ganz in seiner Nähe, schlich tastend und
verstohlen umher. Und seine Nerven waren zum Zerreißen ge-
spannt, so daß er einfach nicht den Mut aufbrachte, eine Hand
nach den Streichhölzern auszustrecken – aus Furcht, seine Fin-
ger könnten auf etwas anderes treffen. Er versuchte gar nicht
sich vorzustellen, was dies andere sein könnte.
Gegen Morgen fiel er in einen unruhigen Schlummer – und
erwachte mit einem Ruck. Irgendein Geräusch hatte ihn ge-
weckt – ein melancholischer, jammernder Schrei klang in seinen
Ohren nach. Aber ob er wirklich irgendwo erklungen war oder
nur Teil seiner Erinnerungen und üblen Träume gewesen,
konnte er nicht sagen.
Krank und abgezehrt saß er während des Frühstücks da. Als
Entschuldigung dafür, daß er mit der Arbeit an der alten Mauer
nicht weitergemacht hatte, gab er an, schlecht geschlafen zu
haben. Elend und bedrückt verbrachte er den Tag; er wußte
nicht, was er mit sich drinnen anfangen sollte.
Endlich entschloß er sich, von der milden Oktobersonne ver-
führt, mutig zu einem kurzen Spaziergang. Er würde vor der
Abenddämmerung zurück sein – das hatte er sich fest vorge-
nommen – und er würde die einsamen Küstenstreifen meiden.
Der Nachmittag war herrlich. Die Sonne erwärmte die Heide,
und der schwere Geruch des Ginsters im Einklang mit dem
kühlen Atem des Meeres, der der Luft eine angenehme Frische
verlieh, machten aus Maddox einen neuen Menschen. Er hatte
die Schrecken der vorangegangenen Nacht beinahe vergessen –
zumindest gelang es ihm, sie weit in den Hintergrund seines
Bewußtseins zu drängen. Zufrieden wandte er sich heimwärts –

-361-
trotz seines wiedererlangten Geistesfriedens hatte er nicht vor,
nach Sonnenuntergang noch draußen zu sein –, als sein Blick
zufällig auf den hellen Pfad fiel, wo die untergehende Sonne
seinen Schatten lang und schmal vor ihm auf den Boden warf.
Als er den Schatten sah, machte sein Herz plötzlich einen hefti-
gen Satz – denn da bewegte sich ein zweiter Schatten neben
dem seinen.
Er wirbelte herum. Kein menschliches Wesen war in Sicht.
Der Pfad erstreckte sich hinter ihm leer und verlassen bis an
den Horizont. Und zu seiner Rechten und Linken hob das Moor
seine schwarze Brust gegen den Himmel. Wie ein Gehetzter
rannte er zur Pfarrei.
An diesem Abend wagte Vater Vétier es, ihn anzusprechen.
»Monsieur«, begann er auf seine schüchterne Art, »ich möchte
Ihnen nicht zu nahe treten. Das versteht sich von selbst. Aber
ich habe meinem guten und alten Freund Monsieur Foster ver-
sprochen, daß ich auf Sie achtgeben werde. Sie sind nicht katho-
lisch, ich weiß; aber – würden Sie das bitte tragen?«
Mit diesen Worten nahm er von seinem Hals ein dünnes, sil-
bernes Kettchen, an dem ein kleines, vom Alter geschwärztes
Medaillon befestigt war, und hielt es seinem Gast hin.
»Danke, Vater«, sagte Maddox einfach und legte das Kettchen
um seinen Hals.
»Ah! So ist es gut«, sagte der kleine Cure zufrieden. »Und
jetzt, Monsieur, wenn ich es wagen darf – wären Sie wohl damit
einverstanden, daß ich Ihnen ein anderes Zimmer gebe? Ich
habe eines, nicht so gut wie Ihr jetziges, ich gebe es zu, aber
eines, das eine kleine Öffnung in die Kirche hinein hat. Viel-
leicht werden Sie darin besser ruhen. Nun, stimmen Sie zu?«

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»Mit dem größten Vergnügen«, stimmte Maddox eifrig zu.
»Sie sind sehr gut zu mir, Vater.«
Das Männlein tätschelte seine Hand. »Es ist, weil ich Sie
mag«, sagte er in seiner anrührenden Art. »Und – ich bin kein
kompletter Narr. Wir Menschen der Bretagne sehen vieles, was
uns nichts angeht, und hören vieles, um das wir uns nicht
kümmern.«
»Vater«, sagte Maddox verlegen, »ich möchte Sie etwas fra-
gen. Als ich anfing, das Pergament vorzulesen – Sie erinnern
sich?« (der Cure nickte beunruhigt) – »sagten Sie, daß es eine
Beschwörung sei, daß es Celui-là herbeirufe. Meinten Sie damit
– den Teufel?«
»Nein, mein Sohn. Ich – ich kann es dir nicht sagen. Er hat
keinen Namen bei uns in Kerouac. Wir nennen ihn einfach Ce-
lui-là. Wenn es dir nichts ausmacht, wollen wir nicht mehr von
ihm sprechen. Es bringt Unheil, wenn man von ihm spricht.«
»Ja, ich kann mir vorstellen, daß es Unheil bringt«, sagte
Maddox. Und damit war die Unterhaltung beendet.
Maddox schlief tatsächlich besser diese Nacht. Am Morgen
sagte er sich selbst, daß es dafür wohl mehr als einen Grund
gebe. Das Bett war vielleicht bequemer (doch er wußte, daß das
nicht stimmte); oder vielleicht hatte er sich am Vortag veraus-
gabt; oder vielleicht hatten die Vorkehrungen des kleinen Prie-
sters – das Kettchen und das Zimmer mit der Öffnung in die
Kirche – ihm irgendwie das Gefühl von Sicherheit und Schutz
gegeben, obwohl sie in Wahrheit nicht das Geringste bewirkten.
Jedenfalls erhöhte sich dieses Gefühl der Sicherheit noch be-
trächtlich, als der Priester erklärte: »Morgen haben wir einen

-363-
weiteren Gast, Monsieur. Monsieur Foster hat mir die Ehre er-
wiesen, meine Einladung zu einem Kurzbesuch anzunehmen.«
»Foster? Wirklich? Wunderbar«, rief Maddox aus. Sein In-
stinkt sagte ihm, daß der Arzt für Wissenschaft und Zivilisation
und gesunden Menschenverstand und all die anderen Beruhi-
gungen der modernen Welt stand, die in der grenzenlosen
Trostlosigkeit von Kerouac so völlig fehlten.
Und wirklich: Schon am nächsten Tag war Foster da – und er
wirkte genauso Kraftstrotzend, barsch und vertrauenerwek-
kend, wie Maddox es sich erhofft hatte. Sein Anblick allein zer-
streute auch die letzten Zweifel. Zunächst schien Foster über
den Gesundheitszustand seines alten Bekannten stillschwei-
gend hinwegzublicken; aber am Tag nach seiner Ankunft ging
er die Sache an.
»Maddox, ich weiß nicht, wie Sie so wieder auf die Beine
kommen wollen«, sagte er. »Sie sind doch wegen der guten Luft
hierher gefahren. Ich sagte Ihnen, Sie sollten sich ein bißchen
Bewegung verschafften. Und jetzt hocken Sie hier und schlei-
chen um diesen Kaninchenstall von Haus herum.« (Es ist wohl
überflüssig zu erwähnen, daß Vater Vétier während dieser Un-
terredung nicht anwesend war. ) »Was stimmt denn nicht mit
der Gegend? Meiner Ansicht nach ist sie geradezu exzellent für
längere Spaziergänge geeignet.«
Maddox errötete ein wenig. »Es ist etwas langweilig, alleine
herumzulaufen«, sagte er ausweichend, auch wenn er sich wohl
bewußt war, daß ›langweilig‹ nicht gerade das richtige Wort
war für das, was er meinte.
»Vielleicht… Ja. Aber jetzt, wo ich da bin, um Sie zu begleiten,
könnten Sie etwas mehr Initiative zeigen. Wie wärʹs, wenn Sie

-364-
mich heute nachmittag ein wenig herumführten? Der Cure muß
zu irgendeiner Sitzung.«
Maddox fragte sich beunruhigt, wieviel Foster wußte. War er
zufällig gekommen, aus eigenem Antrieb? Oder hatte Vater
Vétier sich um seinen Gast Sorgen gemacht und nach ihm ge-
schickt? Falls ja, was genau hatte der Pfarrer ihm erzählt? Er
gedachte, dies bald aus Foster herauszubekommen.
Sie unternahmen einen ausgedehnten Spaziergang am Strand
entlang, weiter als Maddox bisher je gewandert war. In letzter
Zeit hatte er die Küste gemieden, und während der ersten Tage
in Kerouac hatte er sich für solch weite Strecken körperlich
noch nicht genug auf dem Damm gefühlt. Und trotzdem kam
ihm dieser Teil des Strandes bekannt vor – obwohl er wußte,
daß er niemals hier gewesen sein konnte. Es kommt natürlich
nicht selten vor, daß man einen Ort, den man nie vorher be-
sucht hat, dennoch zu kennen glaubt; aber in Maddoxʹ Fall war
der Eindruck so stark, daß er es sich nicht nehmen ließ, seinem
Begleiter gegenüber eine Bemerkung darüber zu machen.
»Unsinn, mein Lieber«, widersprach Foster geradeheraus. »Sie
waren doch noch nie zuvor in der Bretagne, und Sie sagen
selbst, daß Sie kein einziges Mal nie bis hier heraus gekommen
sind. Die Gegend ist ja auch nicht gar so ungewöhnlich; sie
sieht aus, wie solche Küsten eben aussehen.«
»Ich weiß«, gab Maddox zu; aber innerlich stellte ihn diese
Erklärung nicht zufrieden. Auf dem Nachhauseweg blieb er
still und in sich gekehrt. Was immer auch der Doktor unter-
nahm, um ihn in ein Gespräch zu ziehen, schlug fehl; und end-
lich gab der Doktor jeden Versuch dazu auf. Die beiden erreich-
ten das Pfarrhaus in beiderseitigem Schweigen.

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Der nächste Tag war bewölkt, und ein Gewitter hing in der
Luft, auch wenn der Ausbruch des Sturmes sich von Stunde zu
Stunde hinzog. Keiner der beiden Engländer verspürte ange-
sichts des sich bedeckenden Himmels besondere Lust auf einen
Spaziergang. Vater Vétier hatte einen dringenden Krankenbe-
such bei seinem Gemeindemitglied in Cap Morel abzustatten,
und schon bald nach dem zweiten Dejeuner machte er sich, in
eine kurios aussehende Regenhaut gehüllt, auf den Weg. Er
erklärte, daß er vielleicht die Gelegenheit nutzen werde, ein
paar Besuche im nahegelegenen Prénœuf abzustatten, und
vermutlich nicht vor Anbruch der Nacht zurück sei.
Bevor er sich aufmachte, hatte Vater Vétier noch eine Bitte.
»Wenn sich Monsieur vielleicht dazu in der Lage sehen«, flü-
sterte er auf seine schüchterne Art Maddox zu, »Monsieur Fo-
ster möchte vielleicht gerne die Änderungen, die ich an der Kir-
che vornehmen will, in Augenschein nehmen. Er hat Ge-
schmack, Monsieur Foster. Es heitert ihn vielleicht auf…«
Maddox lächelte. Der kleine Pfarrer war offensichtlich mit
sich im Widerstreit: Einerseits war er sehr darauf erpicht, seine
Verschönerungen zu präsentieren, andererseits fürchtete er, für
eitel gehalten zu werden, wenn er selbst sie vorzeigte.
»Ich bin sicher, er würde sie gerne sehen«, stimmte Maddox
zu.
Aber obwohl er selbst nicht recht wußte, warum, war es ihm
doch sehr zuwider, auch nur in die Nähe der halb zerfallenen
Mauer mit ihrem zur Hälfte aufgedeckten Fresko zu gehen. Er
wußte, es war absurd. Er hatte dort bis zur Übermüdung gear-
beitet; dann hatte ihn das Heulen eines Hundes erschreckt. Das
war alles. Wenn er noch einmal hinginge und es sich anschaute,

-366-
würde er ohne Zweifel feststellen, daß das Fresko nichts weiter
als ein unbeholfenes Geschmiere war; nur seinem zerrütteten
Nervenkostüm im Zusammenspiel mit dem unheimlichen Licht
der Dämmerung und dem ekelhaften Hund war es zuzuschrei-
ben, daß er es zu etwas Bedrohlichem und Unheimlichem auf-
gebauscht hatte. Er versuchte sich selbst einzureden, daß er
über sich selbst und seine Befürchtungen lachen würde, wenn
er den Mut aufbrächte, noch einmal hinzugehen und es sich
anzuschauen. Aber im Grunde seines Herzens wußte er, daß er
niemals alleine gegangen wäre; und als er zuletzt schließlich
doch einen Besuch der Stätte vorschlug, geschah es zum einen
Teil aus Waghalsigkeit und zumʹ anderen aus der Hoffnung
heraus, daß Fosters gesunder Menschenverstand die Geister für
ihn bannen würde.
Fosters Interesse an dem, was Maddox ihm von dem Gemälde
auf der zerfallenen Mauer erzählte, hielt sich in Grenzen. Wäh-
rend Foster in den unebenen, kleinen Kirchhof vorausging,
schickte sich Maddox, beinahe widerwillig, an, das am Strand
aufgelesene Kästchen zu holen, damit Foster mit eigenen Au-
gen die beiden Inschriften vergleichen konnte. Und als er sich
schließlich zu seinem Freund gesellte, brachte es Maddox nur
mit Mühe fertig, zu der Mauer, an der er gearbeitet hatte, hin-
überzutreten. Seine Füße schienen aus Blei zu sein und ihm nur
widerstrebend zu gehorchen.
Die Bemalung war nicht ganz so, wie er sie in Erinnerung hat-
te. Die Gestalten waren so undeutlich und blaß, daß sie kaum
erkennbar waren. Tatsächlich konnte sich Maddox gut vorstel-
len, daß ein unbefangener Betrachter gar nicht wahrnehmen
würde, daß auf der Farbschicht Gestalten hervortraten. Seine
Erleichterung, als er das erkannte, war beinahe schon übertrie-

-367-
ben zu nennen. Er fühlte sich, als sei eine schwere, niederdrük-
kende Last von ihm genommen.
Nun, da seine anfänglichen Befürchtungen wie weggeblasen
waren, beugte er sich vornüber, um den Rest des Gemäldes ge-
nauer in Augenschein zu nehmen. Es war beinahe genau so,
wie er es in Erinnerung hatte – die aufgeschichteten Steine mit
den zur Hälfte unleserlichen Worten; der formlose Haufen See-
tang oder Lumpen davor; der lange Strandausschnitt – ah! da
war es!
»Foster! Kommen Sie mal. Schauen Sie, hier.«
»Wo?« fragte der Arzt und kam herbeigeschlendert.
»Sehen Sie sich – dieses Fresko, oder was immer es auch ist,
einmal genau an. Ich sagte doch, daß jener Teil des Strandes,
den wir gestern gesehen haben, mir bekannt vorkam. Hier; das
ist er.«
»Hmmm. Könnte sein… Trotzdem, hier sieht doch alles sehr
ähnlich aus, die ganze Küste. Ich verstehe gar nicht, warum Sie
sich deshalb so aufregen.«
»Oh! So also kommen Sie mir jetzt!« rief Maddox gereizt aus.
»Ihr Ärzte seid doch alle gleich – ›Beruhigen Sie sich‹ – ›Regen
Sie sich nicht auf‹ – ›Kein Grund zur Besorgnis‹!…« Er brach
mitten im Satz ab, weil er sich in seiner Empörung verschluckt
hatte.
»Mein lieber Maddox!« beschwichtigte Foster, sichtlich er-
schrocken über den Ausbruch seines ansonsten so ruhigen
Freundes. »Es tut mir wirklich sehr leid. Ich wollte Sie ganz be-
stimmt nicht von oben herab behandeln. Ich dachte bloß…«
Auch er brach mitten im Satz ab. Dann entschloß er sich, einen
erneuten Wutanfall seines Gegenübers zu riskieren. »Was geht

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eigentlich in Ihrem Kopf vor sich?« fragte er mit Nachdruck.
»Sagen Sie es mir, Maddox, seien Sie nicht bockig. Was ist los?«
Er hielt hoffnungsvoll inne; aber Maddox blieb verstockt. Er
konnte nicht darüber sprechen. Er wußte, daß sein bodenstän-
diger, von keinem Zweifel geplagter Freund niemals verstehen
würde, niemals verstehen könnte, daß seine Angst nicht auf
bloßer Einbildung beruhte. Allein schon die Vorstellung, wie
Foster versuchen würde, ihn wieder ›zur Vernunft‹ zu bringen,
während ihm gleichzeitig die Diagnose ›Hysterie‹ auf der Stirn
geschrieben stand, war kaum erträglich. Und doch hätte es eine
Erleichterung bedeutet, ihm alles sagen zu können…
»Schauen Sie sich das an«, sagte er endlich. Er holte das Käst-
chen, das er am Strand gefunden hatte, aus der Tasche. »Was
halten Sie von diesem Pergament?« fragte er.
Foster ging aus dem Schatten der Mauer, so daß das fahle,
wäßrig-trübe Sonnenlicht, das sich zwischen den Wolken hin-
durchkämpfte, auf das Pergament fiel. Maddox, ein wenig er-
leichtert darüber, daß Foster die Sache anscheinend ernst nahm,
wandte ihm den Rücken zu, um das Gemälde noch einmal in
Augenschein zu nehmen. Es war ganz bestimmt merkwürdig,
daß die Gestalten, an die er sich doch so genau und deutlich
erinnerte, jetzt derart blaß erschienen, daß er an ihrer Existenz
zweifelte. Sie schienen jetzt sogar noch blasser als noch vor ein
paar Minuten. Und der unterhalb der Erhebung hingeworfene
Haufen – was mochte der wohl darstellen? Konnte das eben-
falls eine Gestalt sein – ein Ertrunkener vielleicht? Er beugte
sich vornüber, um genauer sehen zu können: und während er
so in gebückter Haltung dastand, wurde ihm bewußt, daß je-
mand neben ihm über seine Schulter blickte, ja sich beinahe
schon gegen ihn lehnte.
-369-
»Merkwürdig, Foster, nicht wahr?« fragte er. »Was halten Sie
von dem zusammengekauerten Ding da unter den Steinen?«
Keine Antwort; Maddox drehte sich um. Im nächsten Moment
sprang er auf, und der Ausruf des Schreckens blieb ihm in der
Kehle stecken. Der da neben ihm stand, war nicht sein Freund.
Es war die in einen Umhang gehüllte Kreatur vom Strand…
Foster fand das Pergament so interessant, daß er es gerne ge-
nauer in Augenschein nehmen wollte. Er betrachtete es einge-
hend für einen Moment und entschloß sich dann, im Pfarrhaus
nach einer Lampe zu suchen. Es war nicht einfach, die altertüm-
liche Ölleuchte anzuzünden; aber als er es endlich geschafft
hatte, sah er, daß sich die Mühe um des Dokumentes willen
gelohnt hatte. Das Pergament nahm ihn so gefangen, daß er
lange Zeit nicht bemerkte, wie dunkel es geworden war und
daß Maddox bis jetzt noch nicht hereingekommen war. Er spür-
te eine – der Situation sicher ganz und gar nicht angemessene –
Angst in sich aufsteigen, als er nach draußen in den winzigen,
überwucherten Kirchhof eilte.
Erschreckt stellte er fest, daß dort niemand mehr war. Ohne
daß er dafür einen Grund hätte angeben können, wußte er, daß
etwas ganz und gar nicht in Ordnung war, und blindlings sei-
nem Instinkt gehorchend, stürzte er aus der winzigen Einfrie-
dung hinaus und rannte, so schnell er konnte, zum Strand hin-
unter. Was immer es auch zu finden gab, er würde es – da war
er sicher – an diesem einsamen Strandabschnitt finden, der auf
der alten Mauer abgebildet war.
Ein schwacher Schimmer Tageslicht lag noch über dem Land
– ausreichend, um Foster so zu verwirren, daß er bald nicht
mehr Schatten von Schemen unterscheiden konnte. Aber ein-

-370-
mal glaubte er, vor ihm zwei Gestalten zu erkennen – die eine
die eines Menschen und die andere ein großer, schwankender
Umriß, beinahe untrennbar mit der sie umgebenden Düsternis
verwoben.
Der Sand sog an seinen Füßen, bis es schien, als seien sie aus
Blei. Er mühte sich weiter; sein Atem kam stoßweise, und seine
Lungen schienen bersten zu wollen. Da, endlich, wich der Sand
grobem Gras und dann einem Streifen salzigen Marschlandes,
wo der Schlamm über seine Schuhe troff und Wasser bis zu sei-
nen Fußknöcheln schwappte. Einzelne Tümpel lagen hier und
da verstreut, und während er sich vorankämpfte und seine Fü-
ße aus dem zähflüssigen Schleim zog, sah er ekelerregende
Tiergestalten, Kröten oder dicken, flachen Fischen ähnlich, sich
schwerfällig in der wäßrigen Brühe bewegen.
Das Tageslicht war schon beinahe ganz geschwunden, als er
die ihm bekannte Küstenlinie erreichte. Einen schrecklichen
Moment lang glaubte er, er sei zu spät. Da war der Steinhaufen;
eine zusammengekauerte schwarze Masse lag davor. Etwas –
war es ein Schatten? – schwankte, groß und undeutlich, über
dem Bündel, und davor kauerte eine Form, bei deren Anblick
es Foster eiskalt wurde – etwas Feistes, Unförmiges, wie eine
gigantische Kröte…
Er schrie, als er seine Füße aus dem widerwärtigen Schlamm
zog, der unter ihm schwappte und schmatzte – er schrie laut
um Hilfe.
Da hörte er auf einmal eine Stimme – eine menschliche Stim-
me. »In nomine Dei Omnipotente…« rief sie aus.
Foster machte eine letzte verzweifelte Anstrengung – und fiel
vornüber auf die Knie. Das Blut rauschte in seinen Ohren, aber

-371-
über das Hämmern seines Pulses hinweg vernahm er einen
Laut, ähnlich dem Jaulen eines Hundes, der allmählich in der
Ferne verklang.

»Es ist der Vorsehung des gütigen Gottes zu verdanken, daß ich
zur Stelle war«, sagte Vater Vétier im nachhinein. »Ich nehme
nicht oft den Weg an der Küste entlang – wir aus Kerouac,
Monsieur, wir mögen die Küste nicht nach Einbruch der Däm-
merung. Aber es war schon spät, und der Küstenweg ist schnel-
ler. Ja, ich glaube wahrhaftig, daß die gütigen Heiligen meine
Schritte lenkten… Doch wäre meine Angst größer gewesen, so
daß ich nicht diesen Weg gewählt hätte – und sie war wirklich
groß, Monsieur –, ich glaube nicht, daß Ihr Freund heute noch
am Leben wäre.«
»Das glaube ich auch nicht«, stimmte Foster ernst zu. »Mein
Gott, Vater, es – es war beinahe schon vollzogen. Sacrificium
hominum, nannte es dieses abscheuliche Pergament… Ich – ich
habe das ekelerregende Ding warten sehen… es lag vor diesem
höllischen Altar oder wie auch immer man das nennen soll…
Warum, Vater? Warum hatte es diese Macht über ihn?«
»Ich glaube, es war, weil er die – Beschwörungsformel – laut
vorgelesen hat«, meinte der Cure langsam. »Er intonierte sie,
verstehen Sie, Monsieur – er sprach die Worte. Was er zunächst
sah, ist – nun, man sieht es oft. Wir sind daran gewöhnt, wir
hier in Kerouac. Wir nennen es Celui-là. Aber es ist, glaube ich,
nur ein Diener von – von jenem anderen…«
»Nun«, sagte Foster ernst, »Sie sind ein tapferer Mann, Vater.
Ich würde keine Stunde hier bleiben, wenn es sich vermeiden
ließe. Sobald der arme Maddox wieder einigermaßen bei Kräf-

-372-
ten ist, werde ich mit ihm nach Hause reisen. Aber hier alleine
zu leben –!«
»Sie tun recht daran, daß Sie gehen«, sagte Vater Vétier voller
Ernsthaftigkeit. »Aber ich selbst – nein, Monsieur. Dies ist mein
Platz, verstehen Sie. Und man betet, Monsieur – man hört nicht
auf damit.«

-373-
Die zwölf Apostel

Der amerikanische Gast schaute von der Inventarliste auf. »Das


scheint soweit alles in Ordnung zu sein«, sagte er, »original, alt
und englisch. Aber eine Sache gibt es doch noch, mein Herr, die
Sie nicht erwähnt haben; und die möchte ich unbedingt haben.«
Er schaute den Makler mit einem väterlichen Lächeln an.
»Nun, ich glaube, ich habe Sie über alle Einzelheiten unter-
richtet«, erwiderte Mr. Gibson. Nie im Leben hätte er diesen
wohlhabenden Kunden den fürsorglichen Händen eines einfa-
chen Angestellten anvertraut; er war ein viel zu seltener
Glücksfall. »Doch bin ich mir sicher«, fuhr er mit Überzeugung
in der Stimme fort, »daß Mr. Langtre, der Besitzer des Herren-
hauses, Ihnen gerne in allen vertretbaren Änderungen oder
Ausbesserungen entgegenkommen wird.«
Mr. Matthews lächelte ein wenig, und seine Augen zwinker-
ten.
»Wenn Sie es sagen, dann ist es gewiß auch so«, antwortete er.
»Nur leider kann man nicht einfach irgend jemand beauftragen,
das Detail herzuschaffen, an das ich dachte. Mr. Gibson, ich
möchte ein richtiges Gespenst.«
Mr. Gibson schaute deutlich weniger strahlend drein.
»Ein – ein Gespenst«, stotterte er, und seine Augen wanderten
umher.
»Was? Sie wollen mit Ihren Blicken doch nicht etwa andeuten,
daß es hier tatsächlich eines gibt?« rief der gewitzte Kunde aus.
»Nun, mein Herr – bei einem alten Herrschaftssitz wie diesem
Haus – noch aus dem sechzehnten Jahrhundert… Was ich sa-

-374-
gen will, ist, es treiben sich immer Narren in ländlichen Gegen-
den herum, die viel daherreden…«
»Also gibt es – nun, eine Geschichte? Ich warne Sie – ich wer-
de das Haus nicht kaufen, es sei denn es hat eine Geschichte.«
Der arme Mr. Gibson wand sich unbehaglich. Wer hätte auch
eine solche Schwierigkeit voraussehen können?
»Nun, sehen Sie, es ist so«, setzte er endlich an, »Mr. Langtre
hatte mir wirklich die strikteste Anweisung gegeben, nicht dar-
über zu sprechen. Ganz dezidierte Anweisung. Dennoch, in
Anbetracht Ihrer Bedingungen, mein Herr, bin ich, glaube ich,
berechtigt, Ihnen zu enthüllen, daß Dinge – nun, Dinge über
das Herrenhaus im Umlauf sind, die nichts für empfindliche
Ohren sind.«
»Das ist ein bißchen vage«, sagte der Amerikaner. »Ich möch-
te nicht zweifeln müssen. Ich will ein richtiges, gutes, altes eng-
lisches Schloßgespenst, und es macht mir nichts aus, dafür auch
etwas hinzulegen. Denn: wer gibt schon einen Pfifferling für ein
Elisabethanisches Herrenhaus ohne ein Gespenst darin?«
Mr. Gibson schien etwas von ›Ansichtssache‹ zu murmeln.
Dann nahm er all seinen Mut zusammen und machte einen
letzten Versuch: »Ich mache Ihnen einen Vorschlag, mein Herr.
Sie begleiten mich zum Pfarrer. Er ist, wie man so sagt, ein An-
tiquar, und er weiß alles über das Herrenhaus. Sehen Sie, ich
bin verpflichtet, nichts zu sagen; und die Wahrheit ist, ich weiß
auch nicht viel. Aber Mr. Molyneux, er wird Ihnen alles sagen,
was über Hochwürden Jeromes Zimmer bekannt ist.«
Der ehrenwerte Makler setzte seinen standesgemäßen Bowler
auf, und die zwei Männer gingen die breite, mit Bäumen ge-
säumte Hauptstraße von Much Barton entlang. Gibson nutzte

-375-
die Zeit, um über die altehrwürdige kontinentale Atmosphäre
des Herrenhauses zu dozieren. Der Amerikaner hatte wirklich
angebissen; es würde nicht der Fehler des Maklers sein, wenn
Barton Cross Manor unverkauft blieb.
Der Pfarrer war zu Hause und empfing seine Besucher in ei-
nem mit Büchern vollgestopften Arbeitszimmer, das einem von
Trollopes Romanen hätte entstammen können. Mr. Matthews,
der den Geistlichen mit dem Adlerblick des Geschäftsmannes
taxierte, kam sofort zur Sache.
»Ein Gespenst im Herrenhaus?« sinnierte Mr. Molyneux, sein
Kinn streichend. »Nun, es wäre kaum eine Überraschung, wenn
es dort eines gäbe. Wenn man den Aussagen eines ungebildeten
Soldaten und eines eifersüchtigen Gemeindepriesters vertrauen
darf, dann gab es tatsächlich einige sehr – ähem, merkwürdige
Vorkommnisse im Zimmer des Kaplans.«
Mr. Matthews bewahrte vorsorglich Schweigen, und der Vi-
kar fuhr fort: »Die Geschichte will es, daß während der ersten
Zeit der Regentschaft von Königin Elizabeth Mr. Everard Lang-
tre, der damalige Gutsherr des Herrenhauses, einen privaten
Kaplan zu seinem Haushalt zählte, der im allgemeinen Hoch-
würden Jerome oder Jeremy genannt wurde. ›Hochwürden‹
war damals, wie Sie wohl wissen, eine Höflichkeitsanrede für
Priester der – ähem – römisch-katholischen Denomination.«
»Der Hausherr – ich meine Mr. Everard Langtre – war also
römisch-katholisch?« fragte der Amerikaner.
»Genau«, antwortete der Pfarrer, »und er hatte, wie es damals
üblich war, seine Privatkapelle und seinen persönlichen Ka-
plan. Jeremy Lindall, dieser Kaplan, scheint nun ein Mann mit
merkwürdigen Anlagen gewesen zu sein. Er war, wie viele an-

-376-
dere Privatgeistliche der damaligen Zeit, ein nicht ganz unbe-
gabter und findiger Chemiker. Wie man sich leicht denken
kann, kursierten einige Geschichten über ihn – er scheint nicht
besonders beliebt gewesen zu sein –, und er wurde der Hexen-
kunst, Dämonologie, des Verkehrs mit den Mächten des Bösen
und so fort bezichtigt. Tatsächlich wagte er sich an einige recht
seltsame Experimente, in denen anscheinend Gold ein notwen-
diger Bestandteil war; und man munkelte, daß er auf diese
Weise all seinen Vorrat an Gold aufbrauchte, bis er zu guter
Letzt einen so abgerissenen Eindruck machte, daß er sich nicht
mehr außerhalb der eigenen vier Wände blicken ließ. Wie es
scheint, war dies kein Verlust. Nach der Frühmesse hatte er den
ganzen Tag frei, um seine chemischen Experimente durchzu-
führen oder seine Zaubersprüche in dem großen Zimmer aus-
zuprobieren, das man ihm zur freien Verfügung gestellt hatte.
Daß er darum gebeten hatte, ein Zimmer gegen Norden zu be-
kommen, machte keinen besonders guten Eindruck bei den
Dorfbewohnern.«
»Wieso das?« wollte Mr. Matthews wissen.
»Wieso – nun, weil man davon ausging, daß es die beste Seite
für eine Teufelsanbetung ist. Ist Ihnen niemals aufgefallen, daß
es auf Dorffriedhöfen keine Gräber auf der Nordseite der Kir-
che gibt? – Nun, weiter. Es scheint, daß Hochwürden Jerome
mit der Zeit ein rechter Einsiedler wurde; und als er starb – das
war im Jahre 1562 –, gab es einen merkwürdigen Vorfall bei
seinem Begräbnis. Alles Mögliche hat man davon erzählt, wie
es immer der Fall ist bei solchen Geschichten von Alchemisten,
die mißverstanden und verleumdet werden; die guten Landleu-
te entstellen ihr Tun und Treiben von Generation zu Generation
immer mehr.«

-377-
»Wie zum Beispiel…?«
»Oh, daß Jeromes Gesichtsausdruck im Tode so gräßlich und
schmerzverzerrt war, daß es nicht auszuhalten gewesen sei; die
Frau, welche die Leiche fürs Begräbnis zurechtmachte, hat es
nicht überwunden: sie erlitt einen Schlaganfall und starb ein
paar Wochen darauf. Eine Zeitlang fand sich niemand, der be-
reit war, den Körper zu Grabe zu tragen. Aber schließlich ließen
sich doch vier kräftige Burschen gegen ein schönes Entgelt dazu
überreden. Es heißt – aber warten Sie: Ich lese es Ihnen vor.«
Er wandte sich zu seinem großen Schreibtisch um und zog ei-
ne Schublade auf. »Das hier ist der Bericht des Begräbnisses,
der damals von dem Gemeindepriester von Much Barton auf-
geschrieben wurde. Das Originalmanuskript befindet sich in
Mr. Langtres Besitz, aber ich habe die Kopie selbst angefertigt
und verbürge mich für ihre Echtheit.«
Er breitete die Blätter vor sich aus. »Natürlich«, schickte er zur
Erklärung voraus, wobei er mit dem Zwicker in der Hand auf-
blickte, »dürfen Sie nicht vergessen, daß der Gemeindepriester,
ein hart arbeitender Mann aus einfachen Verhältnissen, zweifel-
los ein wenig neidisch auf den noblen Müßiggänger dort oben
im Herrenhaus gewesen ist. Sie müssen seinen Bericht cum gra-
no nehmen. Also gut – der Anfang ist abhanden gekommen,
aber der Zusammenhang ist ja klar genug:
›… wardt es mir gegeben, vnter viler Peyn und grosser Müh-
sal, vier kräftʹge Kerle zu selbʹgem Werke zv bewegen, vnd sol-
cherhalben verdingten sich Kit Harcott, Hodge Payne mit sei-
nem Bru. Willm. vnd Ned Greene zv tragen den Sargk zvr Kir-
che, wo alles wardt bereitet für selbiges Begräbnis. Doch als sie
ietzvnd daherkamen, siehe, da trvgen sie kainen Sarg, sondern

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sie bebten vnd der Schweyss bedeckte ihr Antlitz so garstiglich,
dass ich sie leydlich ermannte und sagte dass fürwar Sir Hiero-
nymus ein gar gewaltiger mann vnd vnsagbar schwere seyn
müsse wenn sein entseelter Leib vier Mannskerle solcherart
zittern vnd schwitzen mache. Darauf Kit, Nicht sein Gewicht
istʹs, guter Vater, ein schwerer Mann istʹs nicht, der vns plagt.
Aber selbiger Sargk wieget so wenig als ob er gleych lere sei;
vnd bey meiner Sel, vm ein geringes hätten wir ihn erbrochen,
da wir vns ängstigten, vnserer Mühsal verlvstig zv gehen;
wenn nicht (vnd hier schwankte seine Stimme dergestalt, dass
sie in seinem Schlvnde erstarb).
Kommt, Mann, in Gottes Namen, sprach ich, ihn zv erman-
nen, nicht zvm Fürchten ist die Leychtigkeit Evrer Arbeit. Ja
nvn (sprach er), es klang aber aus dem Totenhaus wie von ei-
nem swachen Geflüster oder Geraschel, so dass wir ihn bebend
zv Boden sezten. Vnd so knieeten wir und sageten auf ein Vater
vnd ein Ave: vnd Nedde (welcher ein Messdiener vnd fromm)
hvb ein aufs andre mal das De Profundis an: doch wie wir spra-
chen, Requiem aeternam dona ei Dñe, da erklang ein solcherart
garstʹges Lachen dass grosse Furcht vns befiel vnd hernieder-
warf. Als nach einer Zeytlang wir vns wieder erhoben, siehe, da
rann eine schleymige Spur gleich der einer gewaltʹgen Schnecke
aus dem Totenhavse.‹«
»Die Geschichte geht mit einem Bericht über die Bestattungs-
zeremonie weiter«, sagte Mr. Molyneux, »der für einen Kir-
chenmann von größerem Interesse ist als für einen Laien. Zwei-
fellos hatte das bescheidene Geheimnis, das das Leben des Ein-
siedlers umgab, die einfachen Leute, sowohl den Gemeinde-
priester als auch seine Schäfchen, dazu verleitet, überall Zei-
chen und Wunder zu sehen. Wie dem auch sei, der Gemeinde-

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priester, Edgar Knox, schildert in den grellsten Farben den Ab-
lauf der Bestattung: wie das Weihwasser eine schmierige Spur
über den Sarg zog; wie die geweihten Kerzen verlöschten und
dichter Rauch die Kirche durchzog; und wie die verängstigten
Meßdiener in dem dichten, tranigen Nebel undeutliche Gestal-
ten sahen, die sich um den Sarg drängten. Und er berichtet, daß
er als Antwort auf jedes Gebet anstelle eines ›Amens‹ ein teufli-
sches Lachen, ›grell und gellend gleych dem einer garstʹgen
Hexe‹ vernahm. Und das End vom Lied war, daß er es nicht
über sich bringen konnte, Hochwürden Jerome in der geweih-
ten Erde zu bestatten, wo die Überbleibsel der einfachen Land-
leute ruhten; und so bettete er die arme Seele in jenem dämme-
rigen und unheiligen Fleck auf der Nordseite der Kirche zur
Ruhe, ›dass dieser, der zv seines Lebens Zeit den Norden er-
wählet, selbigen avch im Tode habe‹. Und dort liegt er ganz
zweifellos auch heute noch.«
Mr. Molyneux legte das Manuskript weg und nahm seinen
Zwicker ab. Sein Gesicht hatte sich in antiquarischem Eifer ge-
rötet.
»Das ist eine gute Geschichte«, bemerkte der Amerikaner.
»Aber es scheint mir, daß Hochwürden Jeromes Geist, wenn er
denn zu einem solchen geronnen ist, eher auf dem ›dämmeri-
gen und unheiligen Fleck‹ – um ihre Worte zu benutzen – um-
gehen müsse als in dem Herrenhaus.«
»Zweifellos«, stimmte der Pfarrer zu, »wenn das schon alles
wäre. Aber es gibt noch mehr.
Zu einem späteren Zeitpunkt, unter der Regierung von Köni-
gin Elizabeth, kamen die Langtres in Zusammenhang mit dem
Throgmorton-Komplott in schlechten Ruf. Das Herrenhaus

-380-
wurde, wie viele andere römisch-katholische Landsitze auch,
nach belastendem Beweismaterial durchsucht. Außer dem
Meßgeschirr in der Kapelle fand man freilich wenig genug –
und selbst dieses, stellte sich heraus, war nicht aus solidem
Gold und Silber. Aber unter den Soldaten, die das Haus durch-
suchten, befand sich ein gewisser Job Harcott, ein Nachfahre
oder ein entfernter Verwandter jenes Kit Harcott, der Hoch-
würden Jeromes Sarg zu Grabe getragen hatte. Dieser Mann
erinnerte sich daran, was man sich von den alchemischen Expe-
rimenten des Kaplans erzählte, und da kam ihm der Gedanke,
das Meßgeschirr sei vielleicht – so frevelhaft es auch klingen
mag – für eines dieser Experimente verwendet worden. Also
setzte er sich heimlich von seiner Kompanie ab und kam allein
ins Herrenhaus, um nach dem Schatz zu suchen. Er war sich
sicher, daß er in des Priesters eigenen Gemächern versteckt sein
müsse – so wie es die Legende erzählte.
Was genau Job Harcott zustieß, wird man wohl niemals erfah-
ren. Nach Sonnenuntergang bemerkte man jedenfalls sein Ver-
schwinden. Einer seiner Waffenbrüder, ein gewisser Ezra
Minshull, erinnerte sich nun eines Gesprächs, das er mit dem
Elenden gehabt hatte. Folgendes ist darüber aufgeschrieben:
›Selbiger Minshvll erinnert sich, dass Harcott derweyl er mit
vns gewesen sagte er sey nicht baß erstavnt dass das Messge-
schirre wertloser Tand: denn (so sprach er) wenn einem Manne
der Sinn nach Golde steht (wie ich von diesem Hieronymvs ge-
hört), so wird er nicht davon ablassen, sondern hält es immer in
seiner Näh. Als dann nach langem Svchen allweg noch keine
Spur von Harcott gefvnden wardt, war es Minshvll, der vns
zvriet, zvm Herrenhause rveckzvkehren und in Sir Hierony-
musʹ Gemach, wo er zu Lebzeyten weylte, nachzvschauen.‹«

-381-
»Und?« warf der Amerikaner ein.
Der Tonfall seines Besuchers ließ Mr. Molyneux aufschauen.
»Sie fanden Harcott. Sein Körper lag in dem Gang vor dem
Zimmer des Kaplans: Es schien, als sei er vor irgend etwas am
anderen Ende des Ganges davongelaufen. Es war keine Spur
von Leben mehr in ihm.«
Schweigen erfüllte für einen Moment den Raum, dann fuhr
der Pfarrer fort: »Mein Herr, ich bin ein alter Mann. Ich habe
viele merkwürdige Bücher gelesen und viele merkwürdige
Dinge gesehen. Ich bitte Sie mit aller Aufrichtigkeit, zu der ich
fähig bin, diese Sache ruhen zu lassen. Wenn Sie wollen, kaufen
Sie das Haus – Sie werden meinem alten Freund Godfrey Lang-
tre einen Gefallen tun und diesen Schritt, denke ich, nicht be-
reuen. Aber wenn Ihnen Ihr Leben und Ihre Gesundheit wert
sind, meiden Sie dieses verfluchte Zimmer.«
Der Pfarrer hielt inne. Daß er, ein von Natur aus scheuer
Mensch, dabei war, sich in die Angelegenheiten eines anderen
einzumischen, ließ sein Gesicht vor Verlegenheit erröten.
»Verehrter Herr, ich bin Ihnen dankbar, wirklich«, sagte der
Amerikaner, »und ich will mir merken, was Sie gesagt haben.
Es hat einen ganz gehörigen Eindruck auf mich gemacht. Aber
ich bleibe interessiert und werde das Haus gleich jetzt kaufen,
so wie es ist, mit allem Drum und Dran. Und ich hoffe, daß Sie
mir gelegentlich die Ehre ihres Besuches erweisen. Nun möchte
ich Ihnen nicht länger Ihre Zeit rauben. Auf Wiedersehen und
vielen Dank.«
Und so wurde Mr. Matthews Besitzer von Barton Cross Ma-
nor.

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Daß das Herrenhaus in der Abenddämmerung eines regneri-
schen Oktobers nicht mehr ganz so einladend aussah wie im
milden Septembersonnenschein, war ganz sicher nicht Mr. Gib-
sons Schuld. Und auch nicht die von Mr. Langtre. Dennoch
drängte es Mr. Matthews, jemandem die Schuld daran zu ge-
ben, daß die Zimmer klamm und ungemütlich waren, die Luft
darin stickig und über dem ganzen Haus eine befremdliche,
bedrückende Atmosphäre hing. Schließlich schob er es einem
Paar zu, Mutter und Sohn, die Hausbedienstete auf dem Land-
sitz waren: Zweifellos beschränkten sie sich auf das Offnen der
Fenster und das Lüften der Räume und waren für den Lohn,
den sie von den Langtres erhielten, nicht bereit, auch nur einen
Finger mehr krumm zu machen. Genau besehen, dachte der
Amerikaner, die stickige Luft der Gänge schnuppernd, erledig-
ten sie wohl noch nicht einmal die geringen Pflichten mit wirk-
lichem Eifer.
Er ordnete an, in der Bibliothek und in seinem Schlafzimmer
einzuheizen, und nachdem es im Kamin munter loderte, knack-
te und knisterte, öffnete er weit die Fenster und ließ die kalte,
regnerische Luft in Strömen herein, die mit dem schwachen
Geruch von verblühten Rosen, moderndem Laub und feuchter
Erde getränkt war. Die holzgetäfelten Wände glänzten im
warmen Feuerschein, und die gut sortierten Bücherregale luden
zum Herumstöbern ein. Er fing an, sich richtig wohl und hei-
misch zu fühlen, und entschied sich für eine schmale psycho-
analytische Spekulation mit dem Titel Die Atmosphäre und ihr
Einfluß auf das menschliche Befinden. Mr. Matthews gehörte zu
der Sorte Menschen, die solch bombastische Phrasen lieben,
besonders wenn sie in großen, fetten Buchstaben gedruckt sind.

-383-
Sie gaben ihm das Gefühl eigener intellektueller Tiefgründig-
keit.
Dieses erquickliche Gefühl hielt bis um zehn Uhr am nächsten
Morgen an, als er sich dazu entschloß – aufgewärmt und gesät-
tigt durch ein ›echt englisches Frühstück‹, dem natürlich die
unverzichtbare Zigarre gefolgt war –, den Vormittag der Be-
sichtigung des Hauses zu widmen.
Der Morgen war trübe und der Himmel bedrohlich bewölkt.
Zwar regnete es noch nicht, aber es schien, als ob die dräuen-
den Wolken dem von der gestrigen Sintflut noch triefenden
Garten nur eine kurze Ruhepause vergönnen würden und es
jede Minute aus Kübeln schütten könnte. Der ideale Tag, so
schien ihm, sein Eigentum erneut zu inspizieren: Wie bei so
vielen Herrenhäusern der Tudorzeit mußte man auch hier,
wollte man wirklich zum Kenner werden, viel Zeit aufbringen.
Mr. Matthews spazierte im Erdgeschoß herum und warʹs zu-
frieden, auf den Gängen und in den daran anschließenden
Zimmern solange herumzuirren, bis er sich dort gründlich aus-
kannte. Dann stieg er ins nächste Stockwerk hinauf.
Hier war alles übersichtlicher, da dieses Geschoß von späte-
ren, nicht zur Bausubstanz gehörenden Erweiterungen nicht
gar so verschandelt worden war. Es war annähernd kreuzför-
mig angelegt, mit den vier in Richtung Norden, Süden, Osten
und Westen verlaufenden Hauptgängen als den Armen des
Kreuzes und dem quadratischen Stiegenhaus als dessen Zen-
trum. Der Südkorridor war so kurz, daß man ihn kaum einen
Gang nennen konnte; dafür war der gegenüberliegende nördli-
che Gang entsprechend länger. Mr. Matthews eigenes Schlaf-
zimmer befand sich an der Verbindungsstelle des nördlichen

-384-
und westlichen Ganges; jeweils eine Tür führte auf einen der
beiden Korridore hinaus. An der Tür zum nördlichen Gang be-
fand sich eine Art kleiner Schrein – ein großes Kruzifix, ein Ge-
betsstuhl, ein paar Kerzen und Blumen. Tatsächlich stieß man
im ganzen Haus auf Anzeichen der Religionszugehörigkeit sei-
ner verstorbenen Bewohner: Noch nie zuvor hatte Mr. Mat-
thews so viele Weihwasserbecken gesehen. Vor jeder Tür be-
fand sich eines, und sogar an der dem Schrein gegenüberlie-
genden Wand – obwohl die Wand selbst dort glatt und ohne
Tür war.
Als er den Gang nach Norden hin abschritt, entdeckte Mr.
Matthews rasch den Grund dafür, daß es in der östlichen Wand
keine Türen gab. Dies war nämlich die Außenmauer der alten
Kapelle, welche die gesamte Länge des Ganges einnahm und
deren Tür sich am nördlichen Ende der Ostwand befand. Eine
Kapelle als solche gab es natürlich nicht mehr und der Raum
war bar jeglichen Schmucks; der Amerikaner glaubte noch die
Narben der Verwüstungen erkennen zu können, welche die
Soldaten auf der Suche nach dem Schatz angerichtet hatten. Er
stand vor der Tür und stellte sich die Szene vor; und als die
ganze Geschichte vor seinem geistigen Auge wieder Gestalt
gewann, wurde ihm klar, daß er auf demselben Fleck stehen
mußte, oder doch zumindest in dessen Nähe, wo die zurück-
kehrende Suchmannschaft den Körper Job Harcotts gefunden
hatte.
Jene Tür dort am Ende des Ganges mußte zum Zimmer des
Kaplans führen. Mr. Matthews spürte ein Kribbeln in der Ma-
gengegend, als er sich in Erinnerung rief, wie der Alchemist
ganz alleine in seinem abgelegenen Zimmer seine gottverlasse-
nen Experimente durchgeführt hatte, wie er von allen gemieden

-385-
und gefürchtet wurde, wie er schließlich starb und noch im To-
de ein Geächteter blieb. Mr. Matthews war kein besonders
phantasievoller Mensch, aber während er da in dem düsteren
Gang stand und das melancholische Pochen des Regens von
draußen leise an sein Ohr drang, konnte er sich auf seltsame
Weise in den längst verstorbenen Geistlichen hineinversetzen,
in seinen fanatischen und schrecklichen Enthusiasmus, seine
wahnwitzigen, die Seele verwüstenden Experimente, sein Ab-
schwören von aller Glückseligkeit in dieser oder einer mögli-
chen nächsten Welt im Austausch für jene Macht, deren Besitz
ein Frevel war. Und der moderne Amerikaner glaubte, er könne
etwas von dem Ehrgeiz, dem Entsetzen, der Leidenschaft, der
Vereinsamung und Verzweiflung nachvollziehen, welche das
Seelenleben dieses Mannes bestimmt hatten.
Er schloß die Tür zur Kapelle und setzte seine Erkundungs-
tour fort. Die Tür am Ende des nördlichen Ganges war ver-
schlossen, und er versprach sich, die Haushälterin, Mrs. Sharpe,
nach dem Schlüssel zu fragen. Die anderen Türen auf dem
Gang, also diejenigen in der westlichen Wand, führten in Räu-
me, deren stickige Luft und antiquierter Einrichtungsstil ihn
annehmen ließen, daß sie seit vielen Jahren nicht mehr benutzt
worden waren; tatsächlich war der erste Raum, der Spuren ei-
ner jüngeren Benutzung aufwies, sein eigenes Schlafzimmer, an
der Ecke des quadratischen Treppenaufgangs gelegen.
»Das ist merkwürdig«, überlegte der Amerikaner. »Es ist ja
nun nicht so, daß diese Zimmerflucht nördlich ausgerichtet wä-
re, denn selbstverständlich liegt sie nach Westen hin. Ich hätte
es verstanden, wenn man die Zimmer auf dem westlichen Gang
nicht mehr benutzt hätte; aber die sind noch ziemlich gut in
Schuß. Diese Langtres müssen komische Leute gewesen sein.«

-386-
Und damit verbannte er die Angelegenheit aus seinen Gedan-
ken. Er erinnerte sich jedoch daran, daß er sich nach dem feh-
lenden Schlüssel für das verschlossene Zimmer erkundigen
wollte, und als er Mr. Sharpe selbst auf der Treppe begegnete,
erwähnte er dies gleich an Ort und Stelle.
Sharpe bekam einen roten Kopf, anscheinend weil man ihn
bei einer Nachlässigkeit ertappt hatte, und bestand darauf, den
neuen Hausherrn zum nördlichen Gang zurück zu begleiten.
»Das Zimmer isʹ nichʹ oft benutzt, weilʹs ja auf der Nordseite
isʹ«, sagte er entschuldigend, als er den Schlüssel herumdrehte.
Der Schlüssel knarrte rostig im Schloß, und Matthews, der zu-
fällig einen Blick auf das Gesicht des Mannes warf, bekam ei-
nen Schreck, als er sah, daß es ganz weiß und schweißbedeckt
war.
»Um Himmelswillen, Mensch, was haben Sie?« rief er aus.
Langsam kam wieder Farbe in Sharpes Gesicht. »Es ʹis nur das
Herz«, keuchte er. »Ne Anstrengung, und es kommt über mich
für ʹne Minute. Aber es geht gleich wech, mein Herr, sofort. Es
dauert nie lang.« Er warf einen beunruhigten Blick in die Rich-
tung seines Arbeitgebers. Mr. Matthews brummte und sagte
nichts mehr.
Das verschlossene Zimmer mußte wahrhaftig einmal gelüftet
werden. Ein Dunst abgestandener Luft, die merkwürdig ver-
modert roch, empfing ihn; der Geruch erinnerte so stark an Er-
de, daß der Amerikaner instinktiv an den Wänden nach Spuren
von feuchtem Schimmel Ausschau hielt.
»Ich nehme an, man hat das Zimmer wegen der Feuchtigkeit
aufgegeben«, bemerkte er und schaute sich um.

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Daß die Kammer nicht benutzt wurde, war unübersehbar. Es
gab wenig Möbel darin, und das wenige, was da war, wirkte alt
und schäbig: ein Eichenstuhl, ein roher Tisch und eine Art von
Schreibtisch oder Kabinett, mit einem Schränkchen, das sich
über der Stellplatte erhob. Die Wände verrieten jedoch kein
Anzeichen von Feuchtigkeit; die Täfelung war weder verzogen
noch rissig, und auch die merkwürdigen Schnitzereien darauf
waren nicht im geringsten abgeschliffen.
»Ich glaube, wenn man es regelmäßig heizen und lüften wür-
de, wäre dies kein schlechteres Zimmer als all die anderen, ja
sogar ein höchst interessantes«, stellte der Amerikaner fest. »Je-
denfalls wollen wir es versuchen. Es ist wirklich etwas Beson-
deres. Tun Sie das gleiche wie mit den anderen Räumen auch,
Sharpe – fachen Sie ein Kaminfeuer an, aber ein kräftiges, und
öffnen Sie Fenster und Tür, damit es einen richtigen Durchzug
gibt. Mir gefällt dieses Zimmer wirklich gut«, fuhr er fort, als er
die Täfelung genauer in Augenschein nahm. »Sollte mich nicht
wundern, wenn ich hier einziehe, sobald Sie alles hergerichtet
haben.«
»Die Familie hältʹs nichʹ für gesund, mein Herr, nichʹ dieses
Zimmer«, murmelte Sharpe. Er mußte sich räuspern, bevor er
überhaupt einen Laut hervorbringen konnte; und Mr. Mat-
thews, der die Aufregung des Mannes nicht überhören konnte,
kam plötzlich ein Verdacht. Warum waren die Sharpes so dar-
auf bedacht, ihn von diesem Zimmer fernzuhalten? Wollten Sie
aus irgendeinem Grund nicht, daß irgend jemand außer ihnen
selbst Zugang dazu hatte?
»Sie tun, was ich sage«, befahl der neue Hausherr, und zwar
nicht beiläufig, sondern sehr bestimmt. »Ich nehme meine An-
weisungen nie ohne besonderen Grund zurück«, fügte er hinzu.
-388-
Als er schon halb die Treppe hinunter war, hörte er das Knir-
schen des Schlüssels im verrosteten Schloß der abgesperrten
Tür.
»He, Sharpe! Ich sagte doch, Sie sollen das Zimmer offen las-
sen und lüften«, rief er und machte stracks kehrt.
»Entschuldigen Sie, Sir… Ich habʹ bloß gedacht, woʹs draußen
doch so naß isʹ, ich laßʹ man besser alles zu, bis das Feuer an isʹ,
Sir«, murmelte der Diener.
»Nun, also gut… Aber, verdammt noch mal, Mensch, warum
denn abschließen, wenn die Tür doch so schwer aufgeht? Ge-
hen Sie zurück und – nein, schon gut. Geben Sie mir den
Schlüssel.«
Mr. Matthews nahm dem Zitternden den Schlüssel aus der
Hand, ging den Gang zurück und sperrte, mit einiger Mühe,
die Tür wieder auf.
»So«, sagte er, als er wieder zurück bei Sharpe war. »Heizen
Sie da drinnen ein, sobald Sie Zeit haben, und lassen Sie es den
ganzen Tag geöffnet. Ich wette, wir kriegen den üblen Geruch
schon raus…« Er hielt inne; der sonderbare Ausdruck in Shar-
pes Augen beunruhigte ihn. »Was ist denn, Sharpe?« fing er an;
aber er hatte die Worte noch kaum ausgesprochen, da senkte
der Mann schon die Augen und gewann, mit sichtlicher Mühe,
seine Fassung wieder. »Ganz wie Sie wünschen, mein Herr«,
murmelte er; und der erstaunte Amerikaner kehrte in die Bi-
bliothek zurück.

Am Nachmittag ließ der Regen nach, und der Himmel ver-


sprach für den nächsten Tag schönes Wetter. Mr. Matthews un-
ternahm einen langen Spaziergang, um sich verschiedene Plät-

-389-
ze von lokaler Bedeutung anzuschauen. Erst nachdem er seinen
Nachmittagstee eingenommen und anschließend genußvoll
eine Zigarette geraucht hatte, kam ihm der Gedanke nachzu-
schauen, ob seine Anweisungen in Hinblick auf das Nordzim-
mer befolgt worden waren.
Obwohl es in der Bibliothek gerade so richtig gemütlich war,
hielt er es der Mühe für wert, hinaufzugehen und nachzu-
schauen, ob die Tür des Nordzimmers offen stand und ob ein
Feuer brannte. Hatte er einmal ein Ziel ins Auge gefaßt, so
brachte Mr. Matthews so leicht nichts davon ab.
Um so ärgerlicher wurde er, als er keinen Feuerschein am an-
deren Ende des Ganges bemerkte. Aber vielleicht war ja die Tür
ins Schloß gefallen. Er ging den Gang hinunter und ruckte an
der Tür. Sie war verschlossen.
Selten ließ es Mr. Matthews zu, daß sein hitziges Tempera-
ment die Oberhand gewann. So verharrte er denn einen Mo-
ment lang ruhig und wartete darauf, daß seine Erregung ab-
klinge. Wie er so in dem dämmerigen Korridor stand, hörte er
ein leises Geräusch. Es war wie ein leiser Aufschlag, wie wenn
irgendein weicher Gegenstand zu Boden gefallen sei; dann folg-
ten, sehr leise, ein gedämpftes Rascheln und ein Schleifen.
Er war sich beinahe sicher, daß das Geräusch von der anderen
Seite der verschlossenen Tür kam. Vielleicht klemmte das
Schloß bloß, und Sharpe war da drinnen und schloß die Fenster
oder tat sonst was; aber ein zweiter Versuch an der Tür über-
zeugte ihn, daß sie wirklich fest verschlossen war. Die Laute
mußten also ein Echo aus einem anderen Teil des verwinkelten
Hauses sein. Wie dem auch sei, was wirklich zählte, war, daß

-390-
man seine Anweisungen nicht befolgt hatte. Er suchte die Shar-
pes in der Küche auf und stellte die Sache ein für allemal klar.
Am nächsten Morgen, einem Mittwoch, erklomm die Sonne
nach ihrem vorausgegangenen Urlaubstag in neuer Frische das
Firmament. Es war ein wunderbarer Tag, von einem klaren und
tiefen Himmelsblau, und man fragte sich unwillkürlich, wie ein
solches Azur sich hinter dem gestrigen Regen hatte verbergen
können. Mr. Matthews befragte Sharpe und wiederholte seine
Anweisungen, das Lüften aller Räume betreffend, ohne Rück-
sicht auf ihre Geschichte, ihre Lage oder irgendeine andere Be-
sonderheit. Er hielt es nicht für wahrscheinlich, daß man ihm
noch einmal nicht gehorchte; und er hatte recht, denn wann
immer er zufällig einen Blick durch die vier Gänge warf, um-
wehte ihn eine kühle Brise, die durch das Geschoß strich, und
durch vier offene Türen erhaschte man eine Aussicht auf weit
geöffnete Fenster.
Am Nachmittag strahlte die Sonne so einladend, daß es Mr.
Matthews danach verlangte, sein Besitztum unter diesen neuen
Bedingungen in Augenschein zu nehmen. Vor allem wünschte
er die Wirkung zu sehen, die das goldfarbene Licht auf das
Schnitzwerk der Täfelung im Nordzimmer hatte; außerdem
drängte es ihn, das Muster genauer zu begutachten.
Es erwies sich indes als recht gewöhnlich. Schmucklose Holz-
tafeln reichten vom Fußboden bis auf eine Höhe von ungefähr
einem Meter; darauf folgte ein Streifen Schnitzwerk, auf dem
sich Ornamente und geistliche Texte mischten; darauf zwölf
große Holztafeln, jede mehr als einen Meter hoch. Jede dieser
Tafeln war von einem geschnitzten Ornament gerahmt und
durch Paneele unbearbeiteten Holzes von der jeweils nächsten
getrennt. Auf den zwölf Tafeln traten zwölf körnig geschnitzte
-391-
Figuren hervor; Mr. Matthews, der eine Figur mit Schlüsseln
bemerkte sowie eine andere, die einen Adler trug, deutete sie
als Darstellungen der zwölf Apostel. Das ganze Schnitzwerk
war grob und dilettantisch, ohne jenen besonderen Schliff und
das Gefühl für Proportionen, welche die fachmännische Hand-
werksarbeit der Tudorzeit sonst auszeichnen. Dennoch zweifel-
te Mr. Matthews im Grunde kaum daran, daß die merkwürdi-
gen Schnitzereien, ungelenk und kunstlos wie sie ausgeführt
waren (ja sogar zu einem gewissen Grade klischeehaft), aus
dem sechzehnten Jahrhundert stammten. »Ich lasse Mr. Moly-
neux demnächst einen Blick darauf werfen«, entschied er. »Er
wird wissen, ob es Originale von entsprechendem Wert sind.«
Eine Inspektion der Möbel erbrachte wenig, außer daß sie
schlicht und unverziert aus Holz gearbeitet waren. Im Schreib-
tisch indessen fand der Amerikaner etwas Interessantes. Es
handelte sich um ein Porträt – eine einfache, aber ausdrucks-
starke Skizze auf Pergament. Sie wirkte wie eine kraftvolle,
wenn auch ungelenke Kopie eines Dürer-Porträts, besaß aber
dennoch den Stempel der Originalität.
Dargestellt war der Kopf eines Mannes, anscheinend eines
Geistlichen, in der Kleidung des sechzehnten Jahrhunderts. Die
Stirn war hoch und schmal, die Wangen eingefallen, das Kinn
lang und hervortretend. Der Mund mit den heruntergezogenen
Mundwinkeln und schmalen Lippen war durch einen zottigen
Bart hindurch nur undeutlich zu erkennen; die Ohren wirkten
ungewöhnlich edel und zart. Die Augen waren so eingefallen
unter den überhängenden, beinahe haarlosen Brauen, daß man
kaum nachvollziehen konnte, wie es dem Künstler gelungen
war, ihnen ihren Ausdruck von Bedrückung und Schrecken zu
geben. Sie wirkten wie die Augen eines Gehetzten.

-392-
Mr. Matthews fühlte sich seltsam berührt von diesem Porträt.
Kaum, daß er seine Augen von dem gleichermaßen anziehen-
den wie abstoßenden Blick des Porträtierten wenden konnte.
»Es müßte doch mit dem Teufel zugehen, wenn das Bild nicht
seinen Wert hat«, murmelte er. »Der Bursche schaut richtig le-
bendig aus! Gleich fängt er womöglich zu sprechen an – und
ich glaube, er hätte ein paar ziemlich scheußliche Sachen mitzu-
teilen.«
Das Tageslicht war im Schwinden, und da der Amerikaner
sich gerne genauer mit seinem Fund beschäftigen wollte, nahm
er ihn mit nach unten. Als er die Zeichnung im Schein der eben
angezündeten Lampe untersuchte, kam ihm der Gedanke, nach
einer Signatur auf der Rückseite des Porträts zu suchen. Doch
war dort nichts über den Künstler zu finden; alles, was er ent-
decken konnte, waren Wörter in der krakeligen, formlosen
Schrifttype, wie sie in kirchlichen Dokumenten jener Zeit be-
nutzt wurde: ›Dom: Hierime Lindalle: 1562. Eccles. XIV, 12‹, las
er; und weiter unten zwei Texte in Langschrift: ›Ehre Meinen
Namen, denn er soll Dir seyn wie eyn großer Schatz an Gold –
Eccles. XLI, 15‹; und ›Also ward vollendet alles Werk, welches
der König Salomo machte am Havse des HERRN. Vnd Salomo
brachte hinein, was geheyligt war von Silber vnd Gold vnd Ge-
fäßen, vnd legte den Schatz im Hause nieder – I Könige VII, 51.‹
Die Sprüche interessierten Mr. Matthews nicht weiter, und
nachdem er die merkwürdige, verstörende Zeichnung noch ein
wenig länger betrachtet hatte, legte er sie zur Seite.
Es war ungefähr neun Uhr abends, als er sich, da nichts ande-
res zu tun war, entschied, mit dem Ordnen einiger Notizen
fortzufahren, die er zu einer Streitschrift über die Rassenfrage

-393-
in den Vereinigten Staaten gestalten wollte. Sie befanden sich in
seinem Schlafzimmer, und er ging sofort hinauf, um sie zu ho-
len.
Als er das obere Ende der Treppe erreicht hatte, bemerkte er
Sharpe im nördlichen Gang. Er konnte nicht genau sehen, was
der Bedienstete dort tat; aber er bemerkte, daß die Tür des
Nordzimmers geschlossen war.
»Sharpe«, sagte er ruhig, »haben Sie gerade etwa die Tür ge-
schlossen?«
Der Mann machte einen Satz. Etwas, das er in seiner Hand ge-
tragen hatte, fiel mit einem Krachen und einem feuchten Klat-
schen zu Boden.
»Was war das?« fragte der Amerikaner, dessen Mißtrauen so-
fort erwachte.
»Es isʹ – ich – ich – habʹ bloß man die Weihwasserbecken voll
gemacht, Sir«, stotterte Sharpe. »Das machen wir immer so, Sir,
und ich hatʹs jetzt beinahʹ vergessen. Seit das Haus steht, sinʹ sie
immer voll gewesen, sagt man, und ich habʹ Mr. Langtre ver-
sprochen, ich würdʹ mich drum kümmern.«
Der Amerikaner beugte sich zu der Lache hinunter, die sich
von Wand zu Wand über den Gang ausbreitete. Tatsächlich
geruchlos. Ein kurzer Blick zeigte ihm, daß die Behälter an der
Wand vor kurzem aufgefüllt worden waren.
»In Ordnung«, sagte er, »und können Sie mir einen ebenso
guten Grund dafür nennen, daß Sie die Tür geschlossen haben?
Ich sagte doch, sie solle offen bleiben.«
Sharpe murmelte etwas, aus dem sein Arbeitgeber erschloß,
daß er ›nichʹ hatte wissen können, daß die Tür auch über Nacht
offen bleiben soll‹, daß das für die Räume nur ›schlecht isʹ‹ und

-394-
daß er hoffe, Mr. Matthews ›das nichʹ echt will‹. Es ergab alles
keinen rechten Sinn, und der Mann rasselte das Ganze so rasch
herunter, daß dem Amerikaner sofort Zweifel an der Glaub-
würdigkeit des Ganzen kamen; aber er begnügte sich damit,
Sharpe noch einmal Anweisung zu geben, die Tür zu öffnen; ja,
er blieb sogar stehen und achtete darauf, daß es auch wirklich
geschah.
Der Mann ging mit furchtbarem Widerwillen daran, ganz so,
als befinde er sich vor einer Folterkammer. Er drehte den
Schlüssel herum – mit Ingrimm bemerkte Mr. Matthews, daß
die Tür verschlossen war – und dann, nachdem er die Tür auf-
gestoßen hatte, rannte er beinahe den Gang dorthin hinunter,
wo sein Arbeitgeber auf ihn wartete. Seine Lippen waren weiß,
und er zitterte. Und plötzlich wurde dem Amerikaner alles klar
– der Mann verging vor Angst. Selbstverständlich war er mit
den örtlichen Legenden vom Spukzimmer im Ohr aufgewach-
sen, und so hatte er die verhängnisvolle Tür unter allen Um-
ständen verschlossen halten wollen. Halb drängte es Mr. Mat-
thews, ihn zu beruhigen, indem er hinging und die Tür wieder
verschloß; aber nein, er konnte und wollte diesem Aberglauben
nicht noch Vorschub leisten.
Er holte sich seine Unterlagen und verbrachte einen langen
Abend damit, sie zu bewerten und zu arrangieren; danach ging
er, mit dem angenehmen Gefühl, die Zeit sinnvoll verbracht zu
haben, zu Bett.
Ein oder zweimal während der Nacht wachte er auf, und
einmal dachte er, er höre ganz leise ein raschelndes, schabendes
Geräusch, so wie er es am Tag zuvor im Gang vernommen hat-
te. Er lauschte angestrengt, aber da war nichts mehr. Er schrieb
den Eindruck einem Traum oder derselben natürlichen Ursache
-395-
zu, die schon einmal das Geräusch hervorgerufen hatte, rollte
sich behaglich zusammen und schlief wieder ein.
Er erwachte fröhlich und munter; daß er Mr. Molyneux einen
Besuch abstatten und ihn nach seine Meinung über das Bild
und die Täfelung befragen wollte, war nicht vergessen. Er zog
sich flugs an und verließ sein Zimmer mit der Vorfreude auf ein
gutes Frühstück.
Als er in den Korridor hinaustrat, bemerkte er, daß die dunkle
Lache des verschütteten Weihwassers immer noch den Boden
bedeckte; zugleich fiel ihm ein anderer Fleck auf – eine hell glit-
zernde Spur –, die von der offenen Tür des Nordzimmers zu
jener Lache führte.
Es war eine langgezogene Schleimspur, wie sie eine Schnecke
hinterläßt, nur viel, viel breiter, so als ob eine Schnecke, dreißig
oder vierzig mal größer, als man sie gewöhnlich vorfindet, vom
Zimmer aus den Gang entlang gekrochen sei, bis sie auf die
Lache am Boden gestoßen war.
»Äußerst merkwürdig«, sinnierte Mr. Matthews. »Ich hätte
nie gedacht, daß Schnecken in Häusern so weit nach oben
kommen. War immer der Meinung, das Erdgeschoß sei für ih-
re… Mein Gott!« fügte er hinzu, als ihm die Erleuchtung kam,
»das also war das Geräusch, das ich gehört habe! Natürlich, das
muß es gewesen sein. Aber Mensch, was muß das für eine
Schnecke sein, die ein hörbares Geräusch produziert. Und es
gibt nur eine einzige Spur.«
Nach dem Frühstück entschloß sich Mr. Matthews, so rauh
und feucht der Morgen auch war, mit dem frisch entdeckten
Bild zur Pfarrei zu spazieren. Was er denn auch tat, das Porträt
unterm Arm.

-396-
Der Geistliche war zu Hause und freute sich, ihn zu sehen. Sie
wechselten ein paar Belanglosigkeiten, dann kam Mr. Matthews
auf den Grund seines Besuches zu sprechen und holte das Por-
trät hervor.
»Nun?« fragte er, nachdem sein Gegenüber die Zeichnung ei-
nige Minuten lang schweigend gemustert hatte, »was halten Sie
davon?«
»Ganz außergewöhnlich«, sagte der Pfarrer langsam. »Fast
einzigartig und wohl auch wertvoll. Und trotzdem, Mr. Mat-
thews«, fuhr er fort, indem er seinen Zwicker abnahm und das
Porträt zur Seite legte, »muß ich ihnen gestehen, daß ich dieses
Porträt, gehörte es mir, auf der Stelle verbrennen würde. Es ist
das Bild einer höllischen Existenz«, fügte er heftig hinzu. »Für
mich ist es ein frevelhaftes Werk.«
Der Amerikaner war angesichts dieses Ausbruchs eifernden
Aberglaubens – denn nur für einen solchen konnte er es halten
– seitens eines so zurückhaltenden und reservierten Mannes,
wie es der Pfarrer war, einigermaßen erstaunt.
»Ach was«, lachte er, »so schlimm ist es nun auch wieder
nicht. Zugegeben, es ist ein merkwürdiges Bild und es geht ei-
nem nicht mehr aus dem Sinn. Aber bei aller Liebe: Der arme
Teufel ist tot, und wahrscheinlich mußte er für das, was er ge-
tan hat, teuer bezahlen.«
»Wohl wahr«, stimmte der Pfarrer zu, und Abscheu und anti-
quarische Begeisterung lagen in ihm im Widerstreit, als er die
Zeichnung wieder aufnahm.
»Ach, noch etwas«, fiel es Matthews ein, »ich wollte sie noch
nach diesen Textstellen auf der Rückseite fragen. Aus welchem
Teil der Bibel stammen sie? Ich glaube, ich kenne die Heilige

-397-
Schrift so ziemlich – ich stamme aus Neuengland, wissen Sie –,
aber ich komme nicht darauf, was er da abgeschrieben hat.«
Der Pfarrer wendete das Porträt und studierte die Schriftzüge.
»›Dom. Hierime Lindalle, 1562‹ Das dürfte so ungefähr sein
Todesjahr sein«, bemerkte er. »Dann folgt ein Text aus dem Ec-
clesiasticus. Dann hier, etwas darunter, ein anderer Text aus
demselben Buch: ›Ehre Meinen Namen, denn er soll Dir seyn
wie eyn großer Schatz an Gold.‹ Dann noch ein dritter Text, aus
dem Buch der Könige. Es überrascht mich nicht, daß Sie die
Stellen nicht einordnen konnten, Mr. Matthews: Ecclesiasticus
ist ein apokryphes Buch, das die römisch-katholische Kirche in
ihren Kanon aufgenommen hat. In der Bibel der Anglikani-
schen Kirche ist es überhaupt nicht vorhanden. Allerdings
kommt es mir so vor, als stimme etwas nicht mit dem Zitat aus
den Königen. Warten Sie, irgendwo habe ich die lateinische
Vulgata.«
Er wandte sich seinem Bücherregal zu. »Da ist sie. Mal schau-
en, was kommt zuerst? Eccles. XIV, 12, direkt nach dem Da-
tum.«
»Würden Sie es bitte für mich übersetzen?« fragte der Ameri-
kaner. »Latein war keines meiner Schulfächer.«
»Nun, es lautet ungefähr so: ›Gedenke, daß der Tod nicht
säumt für den, der im Bündnis mit der Hölle steht.‹ Das war in
seinem Todesjahr. Zweifellos hat dem armen Kerl, wie er so
alleine über seinen Büchern und Zaubersprüchen brütete, die
Idee eines siebenjährigen Pakts mit dem Teufel derart zuge-
setzt, daß er tatsächlich in dem vorausgesagten Jahr starb.«

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»Und so hat er dies als eine Art von Warnung für andere Teu-
felsjünger hinterlassen. Bestimmt haben Sie recht. Und das an-
dere Zitat, das aus den Königen?«
Der Pfarrer übersetzte langsam, Wort für Wort. »›Also ward
vollendet alles Werk, das der König Salomo machte am Hause
des HERRN. Und Salomo brachte hinein, was sein Vater David
geheiligt hatte von Silber und Gold und Geräten, und legte es in
den Schatz des Hauses des HERRN – I Könige VII, 51.‹ Er hat es
nicht richtig abgeschrieben, sehen Sie. Bei ihm lautet die Stelle
›und legte den Schatz im Hause nieder‹. Und er hat auch die
Erwähnung Davids weggelassen.«
»Und was ist mit der anderen Stelle aus Eccles, oder wie er
heißt?«
»Auch das ist wieder nicht richtig zitiert«, sagte der Pfarrer
und blätterte die Seiten des Buches um. »Richtig muß es heißen:
›Ehre Deinen Namen: denn er soll Dir sein wie ein großer und
wertvoller Schatz.‹«
»Es ist doch komisch, nicht wahr, daß er sich die ganze Mühe
gemacht hat, die Texte abzuschreiben, und sie dann nicht rich-
tig wiedergibt? Sagen Sie, Mr. Molyneux, ich kann nicht umhin,
mich zu fragen…«
Ihre Augen trafen sich.
»Derselbe Gedanke ist mir auch gekommen«, sagte der Vikar
leise. »Ich glaube, er hat absichtlich falsch zitiert. Ich glaube, es
handelt sich um einen Hinweis auf den Platz, wo er den Schatz
versteckt hat – das gestohlene Gold und das juwelenbesetzte
Meßgeschirr der Kapelle. Sehen Sie«, fuhr er mit wachsendem
Eifer fort, »die erste der falsch zitierten Textstellen betrifft ze-
remonielle Gegenstände und bedeutet, so verstehe ich es jeden-

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falls, daß das Meßgeschirr in den alchemistischen Experimen-
ten nicht eingeschmolzen, sondern ›im Hause‹ versteckt wur-
de.«
»Das kommt mir auch so vor«, meinte der Amerikaner. »Aber
die andere Stelle verstehe ich nicht. Was kann das zu bedeuten
haben: ›Ehre Meinen Namen, denn er soll Dir seyn wie eyn
Schatz von Golde.‹? – Aber natürlich, Herr Pfarrer, das ist es –
der Hinweis auf das Versteck hängt mit dem Namen des Man-
nes zusammen!«
»Ich glaube, Sie haben recht!« rief der Pfarrer aus. »Irgendein
Hinweis – vielleicht eine Zahl…«
»›Dom. Hierime Lindalle‹ Hmm… Das ist nicht so einfach.
Sagen Sie, was halten Sie davon, mich zum Mittagessen ins
Herrenhaus zu begleiten und die Sache dort an Ort und Stelle
in Angriff zu nehmen? Wir finden vielleicht einen weiteren
Hinweis in seinem Zimmer.«
Der Pfarrer war einverstanden, und die beiden Männer mach-
ten sich auf den Weg. Ein ausgesprochen gutes Mittagessen
wartete auf sie, und nach einer in Ruhe genossenen Zigarette
gingen sie gemeinsam zum Nordzimmer hinauf.
»Ich nehme an Dom. Soundso hat die da selbst gemacht«, sag-
te Mr. Matthews, einen Blick in die Runde der ungelenken
Schnitzereien werfend. »Diese Herrschaften stellen wohl die
zwölf Apostel dar. Ich habʹ das an Petrus da erkannt.« Er wies
auf die Figur mit dem Schlüssel.
»Ja, und dies hier ist der Heilige Johannes mit dem Adler; und
hier der Heilige Andreas mit dem Brot. Natürlich sind das un-
geschickte Kopien der Apostel aus dem Psalter der Langtres«,
fuhr der Pfarrer mit wachsendem Eifer fort. »Sie sind recht un-

-400-
gewöhnlich, was Gestaltung und Ausführung anbelangt, und
im Psalter gehört zu jeder Figur ein Text. Dem Heiligen Jako-
bus, der hier, wie Sie sehen, mit dem Kopf halb vom Haupte
geschlagen dargestellt wurde, ist beispielsweise der Text ›Und
man erschlug Jakobus, den Bruder des Johannes, mit dem
Schwerte‹ beigefügt. Jeden kann man nach demselben Muster
identifizieren. Aber die Kuriosität der Sammlung ist die Darstel-
lung des Judas: ein außergewöhnlicher Entwurf, der ihn zeigt,
wie er von dem Baum stürzt, an dem er sich erhängen will. Das
müssen Sie sich ansehen.«
Der Pfarrer begann die Wandbilder abzuschreiten.
»Schade, daß das Licht so schlecht ist«, bemerkte Mr. Mat-
thews. »Ich kann gerade noch die Figuren erkennen. Aber ich
sehe keinen, der so aussieht, wie Sie ihn beschrieben haben.«
»Ich auch nicht«, gab der Geistliche verwirrt zu. »Aber es sind
doch zwölf.«
»Vielleicht, daß ihm der Judas ein wenig zu nahe ging«, gab
der Amerikaner zu bedenken. »Womöglich zählt man hier die
zwölf, wie sie in der Apostelgeschichte vorkommen, ohne den
Judas?«
»Schauen wir mal nach«, sagte Mr. Molyneux. »Ich sollte sie
alle nach dem Psalter identifizieren können.« Er machte noch
einmal langsam die Runde durch den Raum, wobei er die Na-
men der Apostel murmelte. »Philippus, Thomas, der den Finger
ausstreckt; und der da, mit dem Buch und dem Löwen, ist na-
türlich Markus. Nanu, das ist komisch«, verwunderte er sich
und wandte sich zu dem Amerikaner um. »Warum hat er wohl
Markus mit einbezogen?«

-401-
»Um das Dutzend vollzumachen, nehme ich an«, sagte Mr.
Matthews. »Immerhin war Markus ja ein Evangelist, wenn auch
keiner der Apostel. Aber lassen Sie uns, bevor es mit dem Licht
ganz zu Ende geht, diese Texte auf dem Wandstreifen abschrei-
ben. Dann werden wir weitersehen.«
»Der erste«, sagte der Pfarrer, »stammt aus den Psalmen,
CXXI, 6: ›daß es des Tages die Sonne nicht steche noch der
Mond des Nachts.‹«
Mr. Matthews schrieb schnell.
»Als nächstes, nur ein Verweis – Ecclesiasticus XXXI, 5. Dann
Matthäus VI, 21 – ›Denn wo der Schatz ist, da ist auch das
Herz.‹ Dann wieder ein Verweis auf Ecclesiasticus XXII, 12. Das
ist alles.«
Matthews klappte sein Notizbuch zu und steckte es in die
Jackentasche. »Jetzt gehen wir in die Bibliothek und versuchen
das Geheimnis zu lüften«, sagte er gutgelaunt.
»Zweifellos«, sagte der Pfarrer, während sie die Stufen hinun-
terstiegen, »ist die erste Textstelle wieder falsch zitiert. Wenig-
stens lautet sie in der autorisierten Fassung: ›daß dich des Tages
die Sonne nicht steche‹.«
»Aber natürlich«, rief Matthews aus, »Sie haben recht. Schau-
en wir doch mal nach, was die Papisten dazu sagen. Eines ist
jedenfalls sicher: es kann kein Zufall sein, daß jeder Text, der im
ganzen abgeschrieben wurde, falsch ist. Da muß der Schlüssel
zum Geheimnis liegen.«
In der Bibliothek gingen sie, nachdem es sich jeder in einem
separaten Lehnstuhl bequem gemacht hatte, der eine mit sei-
nem Notizbuch, der andere mit einer lateinischen Vulgata-Bibel

-402-
in der Hand, ans Aufspüren der Zitate. Wie der Geistliche ge-
sagt hatte, war das erste falsch.
»Das hilft uns nicht viel weiter«, klagte der Amerikaner. »Es
hat mit dem Schatz zu tun, denke ich, aber es ist keine große
Hilfe, wenn wir erfahren, daß ›es des Tages die Sonne nicht ste-
che noch der Mond des Nachts‹.«
»Es könnte sich auf das Versteck beziehen«, mutmaßte der
Pfarrer. »Gemeint ist vielleicht irgendein Loch oder ein Keller
oder eine Höhle.«
»Schon möglich«, gab der Amerikaner zu. »Also jetzt, Eccle-
siasticus XXXI, 5.«
Mr. Molyneux las laut vor: »›Die dem Golde opfern, die stürzt
es, und die Unvorsichtigen fängt es. Wehe denen, die es zu ih-
rem Götzen machen.‹ Sowohl eine Klage als auch eine War-
nung des toten Teufelsanbeters.«
Dann fügte er sichtlich zögernd hinzu: »Es ist offensichtlich,
Mr. Matthews, daß der Mann damals irgendein schreckliches
Erlebnis hatte. Meinen Sie nicht, es wäre klüger, die Suche ab-
zubrechen?«
»Die Suche abbrechen, Herr Pfarrer? Gerade, wo wir auf die
richtige Spur gestoßen sind? Nur über meine Leiche!« rief Mat-
thews aus. »Mensch, das ist doch einfach das Größte, was man
sich vorstellen kann! Und falls irgendein Risiko dabei sein soll-
te, nun, um so besser. Kommen Sie, was hat er als nächstes?
Matthäus VI, 21.«
»Das stammt aus der Bergpredigt…. Hab ichʹs mir doch ge-
dacht! In Wahrheit heißt es: ›Denn wo Dein Schatz ist, da ist
auch Dein Herz.‹ Wieder ein absichtlich verfälschtes Zitat.«
»Und das letzte? Noch mal Ecclesiasticus, XXII, 11.«

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Der Geistliche las die Stelle mit einer gewissen Feierlichkeit
vor: »›Aber des schändlichen Narren Leben ist schlimmer als
der Tod.‹«
»Eines ist sicher: Seine Freveltaten haben ihm nicht gerade ein
umwerfendes Vergnügen bereitet«, urteilte der Amerikaner.
Mr. Molyneux sagte nichts dazu. Irgendwie fühlten sich beide
nicht besonders wohl in ihrer Haut.
»Nun denn, lassen Sie uns an die Arbeit gehen«, sagte Mat-
thews, sein momentanes Unwohlsein abschüttelnd. »Wir haben
drei Hinweise: ›Ehre meinen Namen, denn er soll Dir sein wie
ein großer Schatz an Gold‹, ›daß es des Tages die Sonne nicht
steche noch der Mond des Nachts‹ und ›Denn wo der Schatz ist,
da ist auch das Herz‹. Machen wir mit dem Namen weiter.
›Dom. Hierime Lindalle‹. Nun, was mag damit nicht stimmen?«
Sie zerbrachen sich eine Weile darüber die Köpfe, ersetzten
Buchstaben durch Zahlen, gruppierten die Buchstaben zu Ana-
grammen, kurz: suchten nach irgendeiner Methode, die ihnen
den verborgenen Hinweis entdecken konnte. Die Teezeit kam,
und die Männer nahmen die Speisen und Getränke beinahe
schweigend zu sich, innerlich noch immer bemüht, hinter das
Geheimnis des Priesternamens zu kommen.
Schließlich schaute der Amerikaner auf. »Ich komme nicht
darauf«, gestand er ein; und auch der Pfarrer schüttelte den
Kopf.
»›Hierime‹ kommt mir als Name ziemlich ausgefallen vor«,
bemerkte Matthews. »War er ein Heiliger?«
»Wie? Ja«, antwortete Mr. Molyneux. »Der Heilige Hierony-
mus war ein Kirchenvater, ein Einsiedler, der die Bibel ins La-
teinische übersetzte.«

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»Vielleicht ist das der Grund dafür, warum unser Mann so
sehr auf Texte aus war«, vermutete Matthews.
»Vielleicht. Sankt Hieronymus war ein großer Gelehrter. Sie
kennen sicherlich Dürers berühmtes Gemälde von ihm – in der
Wüste und bei der Arbeit in seiner Kammer, mit dem Löwen zu
seinen Füßen.«
»Wie war das?« rief der Amerikaner aus. »Ein Löwe, sagten
Sie?«
»Ja, wieso…«
»Was ist mit der zwölften Tafel – der mit dem Buch und dem
Löwen? Ich wette, es ist überhaupt nicht Markus, sondern Hie-
ronymus! Was für ein gerissener Hund! Er schiebt eine Figur
ein, von der er weiß, alle werden sie für Markus halten, und
dabei ist es die ganze Zeit…«
»Herrgott nochmal: Ich glaube Sie haben recht!« rief Mr. Mo-
lyneux aus, dem vor Aufregung die Röte ins Gesicht stieg. »Das
ist der Hinweis – die Tafel im Nordzimmer.«
»Und schauen sie hier, die nächste Stelle paßt genau: ›daß es
des Tages die Sonne nicht steche noch der Mond des Nachts.‹
Erinnern Sie sich, wo genau die Tafel sich befindet? Zwischen
den Fenstern der nördlichen Mauer. Kein direktes Licht fällt
darauf.«
»Sie haben recht!« rief der Pfarrer aus, mit beinahe demselben
Enthusiasmus wie der Amerikaner. »Und der letzte Hinweis –
das Herz?«
»Das müssen wir sofort nachprüfen«, erklärte Mr. Matthews.
Der Tag war beinahe zu Ende, aber ein paar Sonnenstrahlen
erhellten noch schwach den nördlichen Gang. Als sie den Kor-

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ridor entlanghasteten, bemerkten sie einen glitzernden Gegen-
stand, der auf dem Boden lag. Matthews bückte sich und hob
ihn auf. Es war eine dünne Silberkette, an der ein kleines Kruzi-
fix befestigt war – ein Schmuckgegenstand, wie ihn viele Katho-
liken trugen.
»Wahrscheinlich ist es einem der Sharpes heruntergefallen«,
mutmaßte der Amerikaner. »Ich werde es ihnen zurückbringen,
wenn ich hinuntergehe.« Damit steckte er es in seine Tasche.
Das Nordzimmer lag schon beinahe zur Gänze im Dunkeln;
aber das verbleibende Licht reichte noch aus, den zwei Män-
nern den Weg zu der Tafel zu weisen.
»Schauen Sie, das Buch ist die Vulgata!« rief Matthews aus,
der aus nächster Nähe das Schnitzwerk musterte. »Wir sind auf
der richtigen Fährte.«
»›Denn wo der Schatz ist, da ist auch das Herz‹«, murmelte
der Geistliche. »Was kann das bloß bedeuten?«
Sie tasteten die Holzbüste an allen nur möglichen Stellen ab,
jedoch ohne Erfolg.
»Es ist zum Verzweifeln«, schimpfte der Amerikaner, der sei-
ne Bemühungen für einen Augenblick eingestellt hatte. »Wahr-
scheinlich wieder einer seiner Tricks. Ich könnte schwören, die
Mauer ist hier hohl.« Er schlug mit den Knöcheln gegen die Tä-
felung.
Ganz bestimmt war sie nicht massiv. Sie gab ein seltsames
Echo von sich, und Mr. Matthews glaubte ein schwaches Ge-
räusch zu vernehmen, als ob sich etwas in der Mauer rühre.
»Etwas hat sich bewegt«, rief er aufgeregt. »Vielleicht ein Me-
chanismus…« Doch trotz weiteren Abklopfens tat sich nichts
mehr.

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»Versuchen wir doch mal den Schmuckrand«, schlug Mr. Mo-
lyneux vor. »Vielleicht finden wir dort einen Hinweis.«
Der Rand bestand aus stilisierten Kränzen aus Blumen und
Früchten, die in Abständen von Wappenschildern durchbro-
chen waren; diese waren so klein, daß ihre Gevierung gerade
noch zu erkennen war. Bei einigen konnte man die Familienzu-
gehörigkeit nur noch anhand des Wappenzeichens erkennen,
das im allgemeinen tiefer und sorgfältiger geschnitzt war als
der eigentliche Schild.
»Das da ist ein merkwürdiges Wappen«, sagte Matthews, auf
eines davon deutend. »Es ähnelt eher einer sinkenden Sonne als
irgend etwas anderem.«
»Genauso ist es«, bestätigte der Pfarrer. »Es gab einmal eine
Lady aus der Familie der Wigrams, deren Wappenzeichen eine
aufgehende Sonne darstellte; sie heiratete in die Langtre-
Familie ein. Das Emblem ist allerdings fast ganz aus dem Schild
verschwunden. Er ist vollständig glatt.«
Das Licht war mittlerweile so dürftig geworden, daß sie beide
einvernehmlich beschlossen, die Suche für heute abzubrechen,
und wieder in die Bibliothek zurückkehrten.
»Ach, Mr. Molyneux, es tut mir leid, daß Sie wegen meiner
Schatzsuche so erschöpft sind«, sagte Mr. Matthews reumütig,
als er das bleiche Gesicht des Geistlichen bemerkte.
»Es ist nichts – gar nichts«, widersprach der andere. »Nur ein
wenig Kopfschmerzen – meine Augen sind nicht mehr beson-
ders gut. Und dieses Nordzimmer war recht stickig.«
»Sie sehen aus, als ob Sie ins Bett gehörten«, erklärte Mr. Mat-
thews. Und wirklich ließ sich der Pfarrer das nicht zweimal sa-
gen; kaum war das Abendessen vorüber, ging er zeitig schlafen.

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Der Amerikaner folgte dem Beispiel des Geistlichen gegen elf
Uhr; nicht weil er müde war, sondern weil er am nächsten
Morgen mit klarem Kopf aufstehen wollte, um das Problem der
Täfelung anzugehen. Er war aufgeregt und zog sich hastig aus.
Ohne viel auf Ordnung zu achten, warf er seine Kleider einfach
irgendwo hin. Seine Jacke landete verkehrt herum auf dem Bo-
den, und der Inhalt seiner Taschen ergoß sich über den Tep-
pich. Etwas glänzte im Dämmerlicht. Erst da erinnerte er sich
wieder der silbernen Kette und des Kruzifixes, das er aufgele-
sen hatte.
»Ich darf nicht vergessen, es den Sharpes zurückzugeben«,
sagte er sich. »Wo soll ich es nur hintun?«
Da kam ihm ein ausgefallener Gedanke, und er streifte sich
die Kette über den Hals. »So, jetzt werde ichʹs bestimmt nicht
vergessen«, kicherte er, als er unter die Bettdecke kroch.
Es hatte schon längst Mitternacht geschlagen, und trotzdem
war Mr. Matthews noch hellwach. Das Geheimnis der Täfelung
ließ ihn nicht los. So sehr er auch darüber grübelte, er kam nicht
darauf, was der Hinweis mit dem Herz zu bedeuten hatte. In
Gedanken ließ er das Schnitzwerk wieder und wieder an sich
vorbeiziehen – die in einen Umhang gehüllte Gestalt mit dem
Buch, daneben, wie es sich gehörte, der Löwe, alles vor einem
vollkommen flachen Hintergrund, und darunter der reich de-
korierte Streifen mit seinen Schriftrollen und Wappenschildern.
Er wurde schläfrig, und seine Gedanken fingen an zu wan-
dern. Er dachte an die Kette, an Sharpe, an die Weihwasserbek-
ken, an den Schrein im Gang, an die vielen Gipsstatuen überall
im Haus und besonders an die eine, die er in Sharpes Kammer
bemerkt hatte – ein Christus mit ausgestreckten Armen und

-408-
einem scharlachroten Herzen auf der Brust, aus dem Feuer-
strahlen schlugen….
Mr. Matthwes richtete sich im Bett auf, mit einem Mal hell-
wach. Dieses Ding auf dem Zierstreifen, das sie für ein Wap-
penschild gehalten hatten – dieses glatte Rechteck mit den da-
von ausgehenden Strahlen –, das war überhaupt kein Schild: Es
stellte ein Herz dar! Er hatte das Rätsel gelöst.
Er sprang aus dem Bett, bewaffnete sich mit einer elektrischen
Taschenlampe und stürzte in großer Hast den Gang entlang
zum Nordzimmer.
Der fahle Lichtstrahl seiner Lampe schien die Dunkelheit um
ihn in ein schwarzes Nichts zu verwandeln. Sein Unterbewußt-
sein brachte die tiefe Finsternis undeutlich mit dem feuchten,
erdigen Geruch in Verbindung, der jetzt anscheinend noch in-
tensiver geworden war; doch kümmerte er sich bewußt weder
um das eine, noch um das andere.
Rasch und entschlossen ging er zu der Holztafel und fand
schnell das glatte Dreieck auf der Randverzierung. Natürlich
war es ein Herz – so wie es in der Emblematik traditionell dar-
gestellt wurde. Er legte einen Finger darauf und drückte. Lang-
sam begann sich die Holztäfelung zu bewegen.
Er konnte nicht abwarten, bis sie sich ganz geöffnet hatte,
sondern stieß seine Hand in den sich verbreiternden Spalt zwi-
schen der Wand und dem Holz.
Da war etwas, da auf dem Grund der Höhlung in der Mauer.
Gierig griff er danach.
Ein großer Stapel, schleimüberzogen wie es schien. Im näch-
sten Moment ließ er die Taschenlampe mit einem heiseren
Schrei fallen. Denn kaum hatte er den Stapel berührt, bewegte

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sich dieser, und ein langer, schleimiger Arm glitt sein Handge-
lenk hinauf.
Halb wahnsinnig vor Angst riß er seine Hand zurück. Er be-
kam sie frei und hastete zur Tür. Im Davonrennen hörte er hin-
ter sich ein schweres Platschen und dann ein saugendes, schlei-
fendes Geräusch. Er wußte, es war das Ding, das aus seiner
Höhle gekrochen war und sich in seiner ganzen abscheulichen
Länge an die Verfolgung gemacht hatte. Gerade als er die Tür
erreichte, wand sich ein schleimiger und haariger Tentakel um
einen seiner Fußknöchel; ein anderer klatschte gegen seinen
linken Arm; und mit einem überwältigenden Gefühl des Ab-
scheus spürte er, wie etwas Kaltes und Schleimiges seinen Nak-
ken berührte.
Ein Schrei des Widerwillens und Entsetzens entrang sich ihm
in dem Moment, als er kopfüber auf den Gang hinaus fiel.

Es dauerte drei Wochen, ehe Mr. Matthews, den man mittler-


weile im Pfarrhaus einquartiert hatte, es über sich brachte, vom
Ende jener Nacht zu erzählen. Ziemlich übergangslos fragte er
eines Tages: »Wie erklären Sie sich eigentlich, daß ich entkom-
men bin, Molyneux? Es – es hatte mich am Hals. Ich – ich –
konnte es spüren…«
»Man kann sich keines dieser Vorkommnisse wirklich erklä-
ren«, erwiderte der Geistliche ernsthaft. »Nur das: Sie hatten
das Abbild Christi um ihren Hals. Ich glaube, das – Wesen – hat
es berührt, denn es – es zog sich bereits zurück, als ich ihren
Schrei hörte und heraufkam. Ich – ich habe es gesehen – un-
deutlich – und seine Spur… Ich kann Ihnen nicht sagen, wie
sehr ich wünschte, ich hätte Ihnen eine Stelle aus dem Manu-

-410-
skript über das Zimmer vorgelesen – eine Stelle, die ich ausge-
lassen hatte. Vielleicht wären Sie dann gewarnt gewesen.«
»Würden Sie mir diese Stelle jetzt mitteilen?«
»Sie beschreibt, wie man den Körper von Job Harcott aufge-
funden hat. Es geht ungefähr so – ich kenne sie beinahe aus-
wendig, seit… seit sie so knapp…« Er schluckte und fuhr mit
belegter Stimme fort: »›Fürwar, wir fanden ihn avf dem Gange
welcher führet zu dieser vermaledeiten Kammer. Stocksteif war
er vnd sein Körper fürchterlich aufgeblähet. Vnd wie in eynem
Netz war er von langen Streifen Schleimes vmfangen.‹«

-411-
Basil A. Smith
(1908-1969)

Unter den vielen, einem größeren Leserpublikum weitgehend


unbekannten Autoren von Gespenstergeschichten ist der angli-
kanische Geistliche Basil Smith die vielleicht schattenhafteste
Gestalt. Und er wäre wohl selbst Eingeweihten ein gänzlich
Unbekannter geblieben, wäre da nicht seine Vorliebe für Spa-
ziergänge in der Altstadt von York gewesen, die ihn in Kontakt
mit dem Kulturphilosophen Russell Kirk brachte. Die beiden
müssen sich sofort verstanden haben – schließlich teilten sie
neben der Liebe zu altem Gemäuer und gemütlichem Schlen-
dern auch noch die zur phantastischen Literatur im allgemei-
nen und Gespenstergeschichten im Stile von M. R. James im
besonderen. Smith lud Kirk ein, seine umfangreiche Bibliothek
zu nutzen, in der er außer einer Sammlung von LeFanus Wer-
ken noch manchen Fund für seine herausgeberischen Tätigkei-
ten machte; und an einem der dort verbrachten Abende, zwi-
schen Büchern und Teetassen, muß es wohl auch gewesen sein,
daß der scheue Kirchenmann dem Publizisten seine eigenen
schriftstellerischen Versuche zeigte – ganze fünf Gespensterge-
schichten. Zu seinen Lebzeiten hat Smith diese Geschichten of-
fensichtlich nie jemand anderem gezeigt, geschweige denn ei-
nem Verlag oder einer Zeitschrift zur Veröffentlichung angebo-
ten; und erst ein gutes Jahrzehnt nach Smithʹ Tod veröffentlich-
te Kirk in einem schmalen Bändchen bei Whispers Press diese
fünf Geschichten, die nach Meinung vieler Kenner des Genres
zu dem Besten gehören, was die James-Tradition hervorge-
bracht hat.

-412-
Wenig wissen die einschlägigen Lexika über die Biographie
Smiths zu berichten, und außer ein paar herausragenden Sta-
tionen ist der größte Teil seines Lebenswegs in Dunkel gehüllt.
Früh muß sich Smith auf das Amt des Geistlichen vorbereitet
haben; er war zunächst Pfarrer der Holy Trinity Kirche in Mick-
legate, einem Stadtteil von York, und dann kanonischer
Schatzmeister des York Münster, ein verantwortungsvoller und
sicherlich nicht immer einfacher Posten. Ersten ›Kontakt‹ mit
Gespenstern mag Smith bereits in seiner Zeit als Pfarrer von
Holy Trinity gehabt haben, da es in der Kirche dem örtlichen
Aberglauben nach spuken sollte. Tatsache war, daß das Pfarr-
haus über dem Friedhof einer mittelalterlichen Abtei aus dem
12. Jahrhundert errichtet war und die sterblichen Überreste der
Mönche immer mal wieder im Garten des Anwesens zutage
traten. Im Jahre 1958 veröffentlichte Smith bei dem renommier-
ten Wissenschaftsverlag Oxford University Press ein kirchenge-
schichtliches Buch, das den Streit zwischen der Anglikanischen
Kirche und dem zum Katholizismus übergetretenen Bischof
Newman behandelte, Dean Church: The Anglican Response to
Newman. Die Gespenstergeschichten ›Der Schalottenstein‹, ›The
Bishopʹs Room‹, ›The Wine-Glasses at Hagthwaite Hall‹, ›The
Pedlar of Pendle‹ und ›Properts Vermächtnis‹ – die einzigen,
die er anscheinend je geschrieben hat – entstanden davor, in
den vierziger Jahren. Smith verstarb im Jahre 1969, gerade ein-
mal 61 Jahre alt.
Kirk hatte eine hohe Meinung von Smiths Werken; in einem
Kommentar bezeichnete er sie einmal als »intricately wrought
and satisfyingly lenghty«. Tatsächlich gehören ›Properts Ver-
mächtnis‹ und ›Der Schalottenstein‹, die beiden hier vorgestell-
ten Erzählungen, vom Umfang her zu der Art von Geschichten,

-413-
die man im anglo-amerikanischen Sprachraum mit dem Oxy-
moron Long Short Story bezeichnet; die Handlungsfülle und der
Detailreichtum scheinen darauf hinzuweisen, daß Smith auch
in der längeren Form, dem phantastischen Roman, Vielverspre-
chendes hätte leisten können. ›Properts Vermächtnis‹ folgt im
großen und ganzen dem von antiquarischen Geschichten in der
Manier von James gewohnten Muster, weist aber mit dem lan-
gen ›schweißtreibenden‹ Schlußteil in der Art eines Showdown
spannungstechnisch ein Handlungselement auf, wie es von
späteren Horrorautoren – wie z. B. Stephen King –, angewandt
und perfektioniert werden sollte. In ›Der Schalottenstein‹ war-
tet auf den Leser ein an die Monster Lovecrafts erinnerndes po-
lypenhaftes Wesen aus den Tiefen des Meeres, auf das Smith
mit der an James geschulten Andeutungstechnik die Spannung
allmählich zentriert.

-414-
Der Schalottenstein

»So, dann sind Sie also unterwegs nach Northumberland und


zur Insel Farne«, sagte Aitchison und fügte mit feiner Ironie
hinzu: »Ich nehme an, Sie hätten Ihre Reise gar nicht erst bei
mir unterbrochen, wenn ich nicht das Handbuch von Prideaux
Selby besäße!«
»Na ja, ich wollte schon ein oder zwei Spezies nachschlagen«,
lachte der Ornithologe. »Aber wissen Sie, ich habe durchaus
nichts gegen das verschlafene kleine Durham. Für eine Nacht
halte ich es hier, in Hörweite des Glockenspiels Ihrer Kathedra-
le, sogar mit einem streitbaren alten Sünder wie Ihnen aus!«
Wäre ein Fremder aus irgendeinem melodramatischen Grund
hinter einem Sessel versteckt gewesen, hätte er aus den wohl-
wollenden Späßen in Aitchisons komfortabel ausgestatteter Bi-
bliothek mühelos erschließen können, daß Drury ein alter aka-
demischer Kollege war, der bei seinem betagten Gastgeber alle
Anrechte auf Vertraulichkeit besaß.
»Ach!« erinnerte sich Aitchison ein paar Minuten später, als
die beiden, wie es zwei altgedienten Junggesellen zukommt,
gemeinsam zuschauten, wie das Feuer niederbrannte. »Es ist
schon lange her, daß ich mehr als einen kurzen Blick auf Holy
Island geworfen habe. Lassen Sie mich mal nachdenken: Fünf-
zig Jahre liegt die Jahrhundertfeier von St. Cuthbert zurück. Ich
erinnere mich, daß ich etwa um die Zeit nach Farne übergesetzt
bin.«
»Ist dort denn archäologisch etwas zu holen?« fragte Drury.
»Irgendwelche Relikte von Cuthbert?«

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»Eine Kapelle aus dem vierzehnten Jahrhundert und die Ein-
siedelei des alten Knaben. Aber man braucht schon viel Enthu-
siasmus, um dem etwas abgewinnen zu können«, sagte Aitchi-
son.
»Natürlich geht es mir vor allem um die Vögel«, sagte Drury,
»aber wenn ich schon mal dort bin, stolpre ich ja vielleicht auch
über den einen oder anderen alten Stein.«
»Da Sie schon davon sprechen«, antwortete der Heimatkund-
ler ziemlich ernst. »Sie sollten sich unbedingt den Schalotten-
stein ansehen.«
»Und was ist das?« fragte der andere. »Irgendeine alte Stein-
schnitzerei?«
»Nein«, sagte Aitchison, »eher eine geologische Kuriosität –
von der Form her etwas zwischen einem rechteckigen Block
und einem Keil – ungefähr einen Meter fünfzig lang und an der
dicksten Stelle fast sechzig Zentimeter breit, schätze ich – die
Oberfläche ziemlich glatt, doch stehen fünf längliche, fossilien-
artige Formen daraus hervor. Daher rührt der Name, nehme ich
an, denn sie sehen wie Frühlingszwiebeln aus, Schalotten, wie
man manchenorts sagt. Das Ganze ist schon ziemlich sonder-
bar.«
»Und Sie meinen, der Stein befindet sich immer noch auf der
Insel?« fragte Drury.
»Es würde mich überraschen, wenn jemand sich daran zu
schaffen gemacht hätte«, erwiderte Aitchison. »Überhaupt be-
zweifle ich, daß sonderlich viele Leute von seiner Existenz wis-
sen, und es wächst dort so viel Seegras, daß man kaum zufällig
auf den Stein stößt.«

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Drurys Interesse war geweckt, und schon bald blieben die
Weingläser unangetastet, während Aitchison Lagepläne anfer-
tigte und Richtungen markierte, die seinem Gast helfen sollten,
das aufzuspüren, was die Suche offenbar lohnte.

Drury genoß die Inselexkursion, und als er ein paar Tage später
zurück in Durham war, brachte er Unmengen von Notizen und
Photos seiner geliebten Meeresvögel mit. Aitchison hatte ihn
gedrängt, über Nacht zu bleiben, und bald kam das Gespräch
noch einmal auf den Schalottenstein.
»Ja, ich habe ihn gefunden, mußte aber vorher ein oder zwei
Ladungen Strandgut beiseite räumen«, sagte Drury. »Ich habe
den Stein sogar photographiert und gestern abend einen Abzug
davon gemacht. Wenn Sie möchten, können Sie ihn haben.«
Aitchison studierte das Photo, das Drury ihm brachte, etwa
eine Minute lang mit größtem Interesse, dann legte er es mit
zusammengezogenen Augenbrauen nieder. »Merkwürdig«,
murmelte er. »Der Stein hat sich offenbar verändert.«
»Wie meinen Sie das?« fragte Drury ein wenig erstaunt.
»Nun ja«, sagte Aitchison nachdenklich, »Ihr Photo hier zeigt
fünf einander ähnliche ›Zehen‹. Doch als ich damals den Stein
sah, waren nur vier der Auswüchse vollständig ausgebildet
und der fünfte, um es mal so zu sagen, entstellt, fast so, als wä-
re er an seiner Spitze zusammengequetscht und ausgepreßt
worden.«
»Sie irren sich wahrscheinlich«, sagte Drury mit leichtem
Amüsement. »Jedenfalls mag ich nicht glauben, daß Sie ein so
unbedeutendes Detail über all die Jahre in Erinnerung behalten

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haben. Die Archäologie hat Sie allzu mißtrauisch und heikel
gemacht, alter Junge.«
»Durchaus nicht, durchaus nicht«, wies Aitchison ihn mit ei-
niger Entschiedenheit zurück. »Da gibt es ja die Legende, und
die haftet mir im Gedächtnis. Ich hätte sie Ihnen längst erzählen
sollen. Sie stammt von Beda. Erinnern Sie sich an seinen Be-
richt, wie der heilige Cuthbert sich von Lindisfarne in die Ein-
samkeit auf Farne zurückzog? Durch die See von der Welt ab-
geschnitten, gab er sich dort ganz dem Gebet und dem Fasten
hin. Dies bestimmte seinen letzten Lebensabschnitt, und als die
Mönche, die um ihn bangten, auf die Insel übersetzten, fanden
sie den guten Mann im Sterben. Alles, was er noch bei sich hat-
te, waren fünf Zwiebelzehen – vier, genau genommen, dazu
eine fünfte, die er offenbar abgebissen hatte.«
»Nun, nun«, sagte Drury mit verhaltenerem Enthusiasmus,
»und jetzt paßt also mein Photo hier nicht zu der Legende, weil
die fünfte Zwiebel vollständig ist. Sind Sie denn sicher, daß der
Stein nicht doch vor fünfzig Jahren schon so aussah und ihre
Erinnerung durch den beiläufigen Hinweis bei Beda beeinträch-
tigt ist? Übrigens geht es letztlich doch um eine Kleinigkeit.«
Aitchison kramte in einer Schatulle auf seinem Schreibtisch.
Dann reichte er seinem Freund eine andere Photographie, alt
und verblaßt, aber durchaus scharf in der Detailzeichnung.
»Hier«, sagte er, »die habe ich selbst gemacht, als ich damals
dort war. Vergleichen Sie bitte.«
Ohne Zweifel gab es einen Unterschied. Es war so, wie Aitchi-
son gesagt hatte: Das neuere Bild zeigte fünf Schalottenzehen,
voll ausgebildet und einander gleichend, auf dem älteren Photo
dagegen sah man vier vollständige Zehen, dazu einen ziemlich

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Versehrten, an seiner Spitze offensichtlich ausgehöhlten und
fauligen Auswuchs.
»Sehr merkwürdig«, räumte Drury ein. »Wie erklären Sie sich
das?«
»Fossilien heilen ihre Wunden nicht selbst«, verkündete Ait-
chison ernst. »Das ist keine natürliche Erscheinung.«
»Wenn man Ihre Miene so sieht, läuft es auf etwas Übernatür-
liches hinaus«, neckte Drury ihn belustigt.
Aitchison reagierte scharf. »Genau das meine ich.«
»Sie überraschen mich, Aitchison«, erwiderte der Freund ein
wenig mißtrauisch.
»Ich weiß. Sie sind ein Skeptiker geblieben, wenn es um sol-
che Dinge geht. Das war ich auch einmal und wäre es wohl
weiterhin, doch ein scheußliches Erlebnis hat mich eines Besse-
ren belehrt. Die ganze Sache hängt in der Tat mit diesem Stein
und einem Mann namens Calladine zusammen.«
»Erzählen Sie«, sagte Drury, den diese Andeutungen hellhö-
rig machten.
»Nun gut«, sagte Aitchison, »wenn Sie dafür das Kaminfeuer
neu entfachen.«

Es war während der Weihnachtsferien des Jahres 1886, daß ich


Calladine erstmals traf. Ich hatte schon seit langem geplant, mir
Castle Bamburgh einmal gründlich anzusehen, und dazu über-
nachtete ich im Dorf in einer Gaststätte – Penda hieß sie damals,
glaube ich –, ein kleines Wirtshaus, das vom alten Colin Gray
und seiner Frau geführt wurde. Ich war zu jener Zeit gerade
mal über das Grundstudium hinaus und freute mich sehr, daß

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es einen weiteren Gast gab, der mir Gesellschaft leistete und mit
dem ich mich unterhalten konnte. Es wunderte mich zunächst,
daß sich ein junger Doktor – er war etwa Anfang dreißig – in
eine so abgelegene Gegend zurückgezogen hatte, wie die Küste
Northumberlands sie darstellt, zumal es dort in den Wintermo-
naten, wie sie ja wissen, ungewöhnlich öde und melancholisch
aussieht. Anfangs erzählte er mir, er würde »das Land ausspio-
nieren« mit der Absicht, dort eine Praxis als Landarzt zu eröff-
nen, nachdem er London wegen eines Nervenzusammenbruchs
den Rücken habe kehren müssen. Wie ich später erfuhr, war er
aber in Wirklichkeit aus zwei Gründen dort: Auf den Rat eines
Kriminalpsychologen hin wollte er zum einen seine Gesundheit
wiederherstellen, zum anderen der Öffentlichkeit aus dem Weg
gehen. Sie haben womöglich von dem Fall Crewe – Delton ge-
hört, der die Polizei in arge Bedrängnis brachte, jedoch bei der
Verhandlung mit einem Freispruch für Delton endete. Nun,
›Calladine‹ war niemand anders als Delton, doch für mich wird
der arme Teufel immer Calladine bleiben.
In der kurzen Zeit, die ich dort war, verstanden wir uns
prächtig. Er war ein gebildeter Mann, vor allem interessierte er
sich für Ihr Gebiet, die Naturphilosophie, wie wir das nannten.
Wenn wir im Gespräch an der Küste entlangwanderten, streute
er oft kleine Abhandlungen über die Fauna und Flora der Mee-
re ein. Zudem war er ein ungewöhnlich begabter Photograph,
und ich erinnere mich noch gut, wie stolz er auf seine selbst-
entwickelte Kamera war, die eine bemerkenswerte Blitzvorrich-
tung zur Verwendung im Halbdunkel besaß. Er stellte sie mir
samt seinen diesbezüglichen Fertigkeiten großzügig zur Verfü-
gung, damit ich in der Burg Aufnahmen verschiedener archi-
tektonischer Details machen könnte. Eines Nachmittags, am

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Ende einer solchen Unternehmung, bemerkte ich zum ersten
Mal etwas Merkwürdiges an ihm.
Ich war zurückgekehrt, um meine Pfeife zu holen, nachdem
mir plötzlich eingefallen war, daß ich sie auf einem Fensterbrett
im ersten Stock vergessen hatte. Calladine wartete unten im
Innenhof auf mich. Als ich oben die Pfeife aufnahm, erhaschte
ich zufällig durch das Fenster einen Blick auf ihn. Er starrte aufs
Meer hinaus, was an und für sich ganz natürlich war, doch ge-
schah das mit einem Staunen, einer Gebanntheit, als gäbe es
nichts sonst auf der Welt mehr. Worauf er starrte, konnte ich
von meiner Position aus nicht sehen, doch während ich ihn
beobachtete, bemerkte ich plötzlich, wie er erbebte, als ob sich
etwas Widerwärtiges vor seinen Augen abgespielt hätte.
Als ich mich wieder zu ihm gesellte, war er bleich und wort-
karg. Ein wenig neugierig schaute ich mit einer Floskel der Ent-
schuldigung selbst aufs Meer hinaus, doch konnte ich nichts
Ungewöhnliches entdecken. »Die Dämmerung an der Küste hat
etwas Unheimliches, finden Sie nicht auch?« bemerkte ich.
»Wie meinen Sie das?« fragte Calladine gespannt und fügte
dann hinzu: »Wenn man poetisch veranlagt ist, kann man sich
manchmal wohl phantastische Dinge einbilden.«
Man weiß mitunter, daß es besser ist, sein Gegenüber nicht
weiter zu bedrängen, und so blieb meine Neugier unbefriedigt.
Wenn Calladine insgeheim unter irgendwelchen Angstvorstel-
lungen litt, so ging das wahrscheinlich auf seine Krankheit zu-
rück, und für diesen Fall schien mir Quieta non movere als das
beste Motto für einen Freund.
Sie werden mich noch besser verstehen, wenn ich Ihnen sage,
daß Calladine gelegentlich sehr aufbrausend und spöttisch sein

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konnte, vor allem, wenn es um Aberglauben ging. Ein Beispiel
mag das verdeutlichen. Wie die meisten Fischerleute besaß
Gray ein museales Gedächtnis (wie ich es nenne), vollgestopft
mit lokalen Geschichten und Legenden. Eines Abends hatte er
sich am Tresen gerade lang und breit in dieser Richtung ausge-
lassen, als ich hereinkam. Das Thema, was immer genau es ge-
wesen sein mochte, war offensichtlich abgeschlossen, und ich
hörte nur noch etwas von »Meerblut«. Als ich die Ohren spitzte
und fragte, um welches Mysterium es da gehe, wollte Gray, um
es mir recht zu machen, den Gesprächsfaden wieder aufneh-
men, als Calladine, der bis dahin nachdenklich in der Ecke ge-
sessen hatte, mit einem Fluch aufstand und alle Anwesenden
mit stürmischen Tiraden gegen »derlei naiven Unsinn« in Auf-
ruhr brachte. Danach stürmte er aus dem Raum, und ich folgte
ihm ein wenig besorgt, denn es war offensichtlich, daß der ar-
me Kerl wieder einmal die Nerven verloren hatte.
Übrigens erschien er mir nach diesem Anfall sehr wohlge-
launt. Tagelang war er die Ruhe selbst, spazierte morgens mit
seiner Kamera an der Küste entlang und traf sich später oft mit
mir vor der Burg.
Nur einmal wurde diese Harmonie gestört. Das war im No-
vember, als wir uns auf eine Entenjagd freuten. Das Wetter war
zuletzt sehr rauh gewesen, und Colin Gray – als ausgewiesener
Experte – meinte, man dürfe mit ein oder zwei Vogelschwär-
men rechnen, die von den gefrorenen Teichen im Inland ans
Meer abzögen. Wie Sie wissen, hängt bei dieser Art Jagd viel
davon ab, daß man sich optimal tarnt, für gewöhnlich in einer
schützenden Grube im Sand. So fanden wir uns also mit Spaten
ein, um »ein Loch zu buddeln«, wie Colin es nannte, und für
den Vogelflug gewappnet zu sein. Der alte Mann hatte für sich

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selbst einen günstigen Punkt in ein paar Metern Entfernung
ausgesucht, während Calladine und ich an unserer eigenen
Grube schaufelten. Wir waren eine Weile schweigend damit
beschäftigt, und ein recht ordentlicher länglicher Graben nahm
bereits Gestalt an, als Calladine plötzlich nach Luft schnappte
und in der Arbeit innehielt.
Ich stand zu dem Zeitpunkt mit dem Rücken zu ihm, doch als
ich mich umdrehte, sah ich ihn in den Sand starren, am ganzen
Körper zitternd. »Haben Sie das gesehen?« fragte er und zeigte
nach unten. Doch ich konnte nichts Besonderes entdecken.
»Jetzt ist es natürlich fort«, fügte er erleichtert hinzu, »aber es
hat mir einen ordentlichen Schreck eingejagt.«
»Was denn, was haben Sie denn gesehen?« fragte ich ziemlich
bestürzt.
»Oh, ich weiß«, sagte er verzweifelt. »Das sind wieder mal
meine angeschlagenen Nerven. Sie müssen mich für verrückt
halten.«
Und da saß er, das Taschentuch gegen die Stirn gepreßt, und
sah sehr krank und müde aus, wie ich fand, während Gray her-
beikam und ihn still anblickte. Wir munterten ihn ein wenig
auf, doch an diesem Abend war ihm nicht mehr nach Jagd zu-
mute; wir kehrten zurück und eskortierten ihn in sein warmes
Bett.
Ich war mir damals sicher, daß diese Halluzinationen früher
oder später böse für Calladine ausgehen würden. Am nächsten
Tag kam er aber frisch und munter zum Frühstück herunter,
und es wurde kaum über die Angelegenheit gesprochen. Ein
paar Tage später mußte ich wieder in Newcastle sein, und als

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ich mich von ihm verabschiedete, schien er mir so gesund wie
nur einer.

Die Wochen gingen ohne Neuigkeiten dahin. Eines Morgens


bekam ich dann einen Brief von Gray – eines jener formlosen,
grob gestrickten Schreiben, die nur bei häuslichen Krisen abge-
schickt werden –, in dem er mich bat, möglichst bald nach
Bamburgh zurückzukehren und zu prüfen, ob »der Doktor
noch ganz gescheit im Kopf ist«.
Es war eine traurige Geschichte, die der alte Mann mir erzähl-
te, als er mich im Einspänner vom Bahnhof abholte. Um es kurz
zu machen, er hatte sich von Calladine überreden lassen – es
wird ihn wenig Mühe gekostet haben angesichts von Grays
Jagdleidenschaft! –, die Gewehre noch einmal aus dem Schrank
zu holen und trotz der späten Jahreszeit auf die Entenjagd zu
gehen. Gray hatte gewisse Vermutungen, wo die Vögel durch-
ziehen könnten, und so lagen die beiden eines späten Nachmit-
tags ein Stück voneinander entfernt in ihren Gräben auf der
Lauer und beobachteten den Himmel. Und was geschah? Cal-
ladine stieß einen Schreckensschrei aus, als die Vögel gerade
über ihnen zu hören waren. Natürlich drehten sie ab, waren
sofort außer Schußweite, und der alte Mann fluchte vor Ärger.
Dann rannte er zu seinem Begleiter hinüber und fand ihn
benommen und zitternd daliegen. Sein Zustand war schlimmer
denn je.
Seither war Calladine kaum mehr als ein nervliches Wrack. Er
wurde noch mürrischer als sonst und entwickelte ein solch ab-
sonderliches Verhalten, daß Gray und seine Frau ihn genau zu
beobachten begannen. Nachts hörten sie, wie er aus dem Bett

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stieg, eine Kerze anzündete und vor sich hin stöhnte. Es klang
so, als würde er ständig etwas im Waschbecken säubern. Eines
Morgens entschuldigte er sich bei Mrs. Gray, daß er die Laken
mit Blut befleckt habe.
»Ich wollte das schon früher einmal erwähnen«, sagte er.
»Meine Hände – das heißt, meine Nase – blutet nachts manch-
mal.«
Das Merkwürdige war, daß keine Spur von Blut zu entdecken
war, doch sie wagte nicht, ihm das zu sagen, denn er war ein
Mann, dem man besser nicht widersprach. Ängstlich beredete
sie die Angelegenheit mit ihrem Mann, und eben an diesem Tag
schrieb Colin mir dann, ich möge doch bitte kommen.
Als ich im Gasthaus eintraf, war Mrs. Gray froh und glück-
lich, mich zu sehen, und ich meinerseits war erleichtert, daß
Calladine oben auf seinem Zimmer war und schlief. Beim Tee
überdachte ich dann meine schwierige Lage. Nach allem, was
ich gehört hatte, war es fraglos meine Pflicht, Calladine von
hier wegzubringen, koste es, was es wolle, doch die Erkenntnis,
daß ich den armen Kerl damit praktisch für geistesgestört er-
klärte, war alles andere als angenehm. Bei einem solchen Unter-
fangen weiß man ja, wie es aufgenommen wird. Es stand mir
eine schwierige Aufgabe bevor, und ich wollte die Angelegen-
heit zunächst eingehender mit Gray besprechen. Während un-
serer Unterredung im Pferdewagen meinte ich, in ihm eine
Spur Verständnis für Calladines Gebaren entdeckt zu haben, so
als glaube der alte Mann, es sei wirklich »etwas« an diesen
Wahnvorstellungen. Zudem plagte mich die Neugier, was es
damals mit jenem nie aufgelösten »Meerblut«-Rätsel auf sich
gehabt habe. Kurzum, ich beschloß, das Geheimnis an seinem
geheimnisvollsten Punkt zu lüften.
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Kaum war Mrs. Gray (nach einem anstrengenden Tag und
mehreren fast schlaflosen Nächten) früh zu Bett gegangen, ver-
sorgte ich den alten Colin mit ein, zwei zusätzlichen Gläsern
und brachte ihn dann dazu, sich ans Kaminfeuer zu setzen und
seine Besorgnisse offen auszusprechen.
Und wahrlich, ich bekam eine wilde Geschichte zu hören. Zu-
erst über das »Meerblut«. Wenn man in der Gegend sagte, je-
mand »habe das Meerblut bekommen«, so bedeutete das, wie
ich erfuhr, daß er mit einer heimtückischen Krankheit infiziert
war, die angeblich aus einem Fluch resultierte. Die Leute dort –
»die vom heiligen Cuthbert«, wie Gray sie nannte – galten als
immun gegenüber dieser Geißel, weil die alten Geister der Kü-
ste keine Macht über diejenigen besaßen, die im einstigen Wir-
kungskreis des Heiligen geboren waren. Aber auch Fremde wa-
ren dafür nicht empfänglich, außer zu gewissen Zeiten, etwa an
bestimmten Gedenktagen, und das auch nur in den Wintermo-
naten. Deshalb war nur selten mit einem solchen Fall zu rech-
nen. Traditionell hielt man aber den Todestag des heiligen
Cuthbert immer noch für ein unheilvolles Datum. Die letzte
mehr oder minder gesicherte Manifestation dieses Fluches hat-
te, wie ich nun erfuhr, ein kleines französisches Flüchtlings-
mädchen getroffen, die Waise eines der Gefangenen in Berwick.
Gray war damals noch ein kleiner Junge gewesen – wir spre-
chen also über das Ende der Napoleonischen Kriege, denn 1887,
als er mir das alles erzählte, war Gray schon hochbetagt.
Ich fragte ihn nach den Symptomen. Er erinnerte sich nur
noch daran, daß sie nachts vor lauter Angst nicht schlafen
konnte und herzerweichend schrie, weil sie entsetzliche Visio-
nen hatte. Bei diesen Anfällen schwitzten ihre Füße eine wi-
derwärtige, blutartige Flüssigkeit aus. Die Leute im Dorf rieten

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ihr, sie solle barfuß über den Sand laufen – was sie trotz der
Kälte anscheinend auch oft tat. Es kam das Gerücht auf, sie wä-
re auf irgendein Meerungeheuer getreten. Eine alte Fischerfrau
erinnerte sich dunkel an den halb vergessenen Fluch vom
»Meerblut«. Es gebe keine Heilung, meinte sie, es sei denn, das
Opfer würde nach Farne hinübergebracht und würde dort un-
ter Anrufung des heiligen Cuthbert die »Schalotte« berühren.
So erfuhr ich zum ersten Mal von unserem Stein.
Die meisten Leute, sagte Gray, hielten nichts von derlei über-
irdischem Abrakadabra, doch in allen wuchs das Mitleid mit
dem Mädchen.
Eines Tages schließlich hüllten sie die Kleine – trotz aller Äng-
ste, was »der Pfarrer wohl sagen würde« – in warme Tücher,
und sechs Männer legten sich in die Riemen, um drüben auf
der Insel vorsorglich zu prüfen, ob Mutter Blackett recht hatte
mit ihren Erzählungen über die Zauberkraft des Steins.
Doch leider kamen sie nie auf der Insel an. Widrige Winde
oder Strömungen brachten sie von ihrem Kurs ab, und schließ-
lich kenterte das Boot nicht weit von der Stelle, wo es abgelegt
hatte. Einige aus der Crew schworen fortan, das Boot sei von
übernatürlichen Kräften, die das Mädchen für sich beanspruch-
ten, in die Tiefe gezogen worden. Jedenfalls war sie die einzige,
die trotz aller Bemühungen ertrank. Das arme Ding tauchte nie
wieder auf; so angestrengt man auch suchte, es war keine Spur
von ihr zu entdecken. Das gekenterte Boot jedoch war mitunter
bei Ebbe ein Stück weit draußen in seinen Konturen zu sehen.
»Man ist dort nicht sicher«, bemerkte Gray abschließend,
»und wer schlau ist, macht einen weiten Bogen um die Stelle.«

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Wir saßen eine Weile stumm da, und außer dem Prasseln des
Feuers, dem Ticken der Uhr und dem fernen Rauschen der un-
endlichen See war kein Laut zu hören. Ich versuchte, mir die
Bedeutung dieser unheilvollen Tradition für Calladine und sei-
ne schlechte Verfassung vor Augen zu führen, als wir plötzlich
beide hochfuhren, weil der Riegel an der Tür zur Treppe ausra-
stete und wir Calladine, zerzaust und halb angezogen, auf uns
zukommen sahen. Das schreckliche Lächeln der Verzweiflung,
das auf seinem Gesicht lag, verband sich mit vorgetäuschter
Ruhe, so daß er mir fast nicht mehr als der Mensch erschien,
der mir einmal ein so zuverlässiger Begleiter gewesen war.
»Setzen Sie sich, alle beide«, befahl er. »Ich habe die ganze
hübsche Geschichte mitangehört. Und nun, Mr. Aitchison,
werden Sie das alles wohl ›sehr interessant‹ finden und sagen,
›wie pittoresk diese alten Fabeln doch sind‹. Ein sehr hübscher
Aberglaube, nicht wahr, mein Freund?«
In alledem lag eine gehässige Feindseligkeit, die mich um sei-
nen Verstand bangen ließ, doch ich antwortete mit einiger
Wärme: »Immer mit der Ruhe, Calladine, bitte seien Sie kein
Narr. Heute glaubt keiner mehr an böse Geister. Es mögen selt-
same Dinge passiert sein, doch wird alles durch subjektive Fär-
bung dramatisiert. Man kennt das ja.«
»Ach so!« sagte er in einer Mischung aus Verachtung und
Spott. »Was tun Sie überhaupt hier? Sie denken, ich habʹ den
Verstand verloren. Und Sie sind gekommen, um mir zu sagen,
ich solle mich zusammenreißen, damit Sie mich ›zum Wohle
aller‹ in irgendein vornehmes Irrenhaus schleppen können.
Sehr nett von Ihnen, ganz bestimmt, aber Sie sollten wissen,
daß mein Verstand so klar wie der Ihre ist.«

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»Aber sicher«, warf ich so geduldig wie möglich ein, doch er
fuhr mich nur scharf an: »Und kommen Sie mir nicht mit Ihrem
beschwichtigenden Blödsinn. Mein Verstand ist klar, das sage
ich Ihnen, aber das hilft mir auch nicht vor diesem höllischen
Fluch, von dem Ihnen Gray erzählt hat. Bis in mein Grab wird
mich etwas Teuflisches verfolgen, und all Ihr Gerede kann dar-
an nichts ändern.«
Er schluchzte und weinte in erbarmungswürdiger Verzweif-
lung, und so gab ich Gray den Wink, ihm einen Whisky einzu-
gießen, und versuchte, den armen Kerl ein wenig zu beruhigen.
»Es hat keinen Zweck, mich hochpäppeln zu wollen«, wetter-
te er. »Ich habe mir selbst schon eingeredet, es wäre alles eine
Nervensache und ich bildete mir das alles nur ein. Aber jetzt
weiß ich, daß es wahr ist. Als Gray mich an dem Abend damals
aufgelesen hat, wußte ich, es war keine Phantasterei. So wahr
ich hier stehe, es war dort etwas Sichtbares und – ja, bei Gott –
Fühlbares. Ich habe das Scheusal berührt, Aitchison, wie eine
Schlange lag es dort im Sand. Und jede Nacht wache ich auf
und fühle seinen ekelhaften Schleim und sehe, wie er aus mei-
nen Händen wie Blut hervortritt. Aber weil ich es Ihnen nicht
beweisen kann, halten Sie mich einfach für einen überge-
schnappten Spinner, stimmtʹs?«
Abermals hob sich seine Stimme. Ich konnte ihm nicht ant-
worten, und angesichts seines Zustands wagte ich es auch
nicht, ihn nach Einzelheiten zu fragen. Als ich Gray anschaute,
wurde mir indessen klar, daß der alte Mann Calladines Darstel-
lung für wahr hielt. In diesem Augenblick hatte ich eine Einge-
bung, wie ich Licht in die Angelegenheit bringen könnte.

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»Hören Sie«, sagte ich, »Sie haben gesagt, was Ihnen auf dem
Herzen lag. Gray glaubt Ihnen, so wie Sie selbst an die Sache
glauben. Aber ich sage Ihnen offen, ich bin überzeugt, daß kein
überirdisches Monster im Spiel ist. Ich bin überzeugt, dieses
›Meerblut‹ ist eine Täuschung. Und ich bin auch überzeugt,
Colin, daß es so etwas wie Ihren Schalottenstein oder derglei-
chen nicht gibt. Es gibt keinerlei Beweise.«
»Ich wünschte, Sie hätten recht, Sir«, antwortete Gray ruhig.
»An Mr. Calladine habe ich das Blut nicht gesehen, wohl aber
damals an diesem Kind. Und früher hab ich noch andere
merkwürdige Dinge an der Küste gesehen.«
»Was haben Sie denn gesehen?« fragte ich.
»Na ja«, wand er sich voll Unbehagen, »es ist nicht so leicht,
darüber zu sprechen. Bewegungen im Sand, würde ich mal sa-
gen, und manchmal Lichter und Erscheinungen – unheimliche
Dinge, Sir, vor allem nahe an Meer.«
»Solange ich selbst nichts gesehen habe«, sagte ich ungedul-
dig, »muß ich dabei bleiben, daß Sie beide sich etwas vorma-
chen. Sie können mir nichts ›Handfestes‹ zeigen.«
»Ich könnte Sie zu dem Stein führen, wenn es sein muß, Mr.
Aitchison«, sagte Gray. »Würden Sie uns dann glauben? Als ich
unseren damaligen Vikar, Mr. Nettleby, dorthin brachte, waren
diese Lichter ganz deutlich in der Nacht zu sehen. Wenn ich
Mr. Calladine dorthin rudern könnte, damit er den Stein be-
rührt, würde er sicher geheilt.«
Ich bemerkte, wie Calladine die Ohren spitzte, aber er blieb
stumm. Auch ich zögerte, doch einen Augenblick später sah ich
meine Chance.

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»Sie könnten uns also wirklich zu dem Stein bringen?« fragte
ich bedächtig, wie jemand, der schon fast überzeugt ist. »Wenn
sich das als richtig erweist, bin ich auf Ihrer Seite. Falls es einen
Fluch gibt, dann muß es auch einen Weg geben, ihn aufzuhe-
ben. Wenn Naturkräfte wirklich überwunden werden können,
dann will ich mit Ihnen diesen übernatürlichen Zauber erleben.
Ich habe keinerlei Vorurteile.
Also, Kopf hoch, Calladine«, fügte ich hinzu. »Wir werden
das prüfen und ihren Verstand irgendwie von dieser Heimsu-
chung befreien. Und wann kann es losgehen, wann können wir
diesen Stein sehen, Colin? Je früher, desto besser – aber kein
Wort zu Mrs. Gray.«
Der alte Mann meinte, es lasse sich schon am nächsten Tag
einrichten, und versprach, gleich nach dem Frühstück ein Boot
bereitzuhalten, wenn wir denn wirklich hinüber wollten. Und
darauf einigten wir uns. Wir leerten unsere Gläser nun in besse-
rer Laune als irgendwann sonst, wenn Calladine dabei gewesen
war. Als ich ihn wieder hinauf ins Bett gehen sah, klopfte ich
mir selbst auf die Schulter, daß ich ihn auf dem Weg zur Gene-
sung wenigstens ein bißchen aufgemuntert hatte.

Obwohl sich Calladine und Gray schon verabschiedet hatten,


war mir selbst noch nicht nach Bettruhe; es hatte ja nicht einmal
zehn Uhr geschlagen. Wahrscheinlich hätte ich mich eine Weile
mit einem Buch hinsetzen sollen. Doch meine Aufmerksamkeit
war gefesselt von den possierlichen Mätzchen, die Rap, Grays
junger Terrier, veranstaltete. Es schien mir eine Sünde, dem
armen kleinen Kerl in einer solch herrlichen Nacht einen Spa-

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ziergang zu verwehren, also nahm ich Hut und Stock, und
draußen waren wir.
Während Rap hier und dort seinen Erkundungen nachging,
versuchte auch ich, in den dunklen Ecken meines Verstandes
eine Fährte der Vernunft und Zufriedenheit aufzuspüren. Na-
türlich begann ich, nach einer Rechtfertigung für die Rolle des
wohlwollenden Scheinheiligen zu suchen, die ich spielte. Grays
Altweibergeschichten waren zu phantastisch, um ernstlich in
Betracht zu kommen, doch schien mir dies ausnahmsweise ein
Fall zu sein, in dem man – psychologisch gesprochen – den
Teufel mit Beelzebub austreiben sollte. Und zu Calladines Wohl
schien es mir den Versuch wert: Um einen von Trugbildern
Gepeinigten zu heilen, konnte es gewiß nicht ganz falsch sein,
wenn ich vorgab, selbst an die Trugbilder zu glauben. So dachte
ich.
Aus einem unerfindlichen Grund begann ich dann, die Ange-
legenheit in einer eher reflektierenden als praktischen Weise zu
betrachten. Vielleicht war es das schwache Mondlicht, das die
Atmosphäre und meinen gesunden Menschenverstand glei-
chermaßen umnebelte. Ich versuchte, den Gedanken beiseite zu
schieben, daß sowohl Gray als auch Calladine immerhin etwas
gesehen hatten. Es mußte abergläubische Einbildung sein, sagte
ich mir, doch wer hatte damit angefangen? Hatte Calladine
Gray beeinflußt, oder hatten Geschwätz und Verhalten Grays
und seiner Nachbarn auf Calladine eingewirkt? Aberglauben ist
auf seltsame Weise ansteckend. Hätte jemals jemand einen
Geist gesehen, wenn er nicht zuerst jemanden davon hätte er-
zählen hören?
Inzwischen hatten wir bei unserem Spaziergang schon fast die
Burg erreicht. Hier waren wir beide auf vertrautem Boden, und
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Raps Wege trennten sich von den meinen. Bald stand ich im
Innenhof und blickte von dort auf die See hinaus. Genau hier
hatte auch Calladine gestanden, als ich ihn vom Fenster aus
zugeschaut und zum ersten Mal das merkwürdige, faszinierte
Starren an ihm bemerkt hatte. Und jetzt sah ich dorthin, wohin
er geblickt hatte, hinüber zum Leuchtfeuer von Longstone. Es
war Flut, und ich ließ mich vom Rhythmus der Wellen einlul-
len, die im schwachen Mondlicht zu blassen Bändern zerliefen,
bis mich etwas auf seltsame Weise alarmierte.
Ein wenig unterhalb der Marke, wo bei Ebbe das Wasser ste-
hen würde, gloste am Meeresgrund ein Lichtfleck, wie ein Bek-
ken aus phosphoreszierendem Grün. Davon ging eine Anzahl
kurzer, wurzelartiger Linien aus, die sich träge in alle Richtun-
gen zogen. Eine der Linien, die dicker als die anderen war, wies
wie ein riesiger Rüssel zur Küste hin. Allem Anschein nach war
das Ding dort verankert, denn es hob und senkte sich im Was-
ser, und ich sah es da und dort im Sand aufleuchten. Doch mein
Auge richtete sich vor allem auf zentrale Verknotung im Was-
ser mit ihren schwimmenden, fahrigen Tentakeln.
Während ich noch hinschaute, veränderte sich ihre Farbe; das
ganze Gebilde war nun auf geheimnisvolle Weise von einem
roten Leuchten durchströmt. Es sah aus wie ein gewaltiger
Hummer, den man durch das dicke, verzerrende Glas eines
Bullauges betrachtet. Dann schossen mörderische Fühler em-
por; ein Meeresvogel schrie auf; ich sah heftiges Flügelschlagen,
und schon war alles vorbei. Im nächsten Augenblick war das
glühende Licht erloschen und jegliche Spur der Erscheinung
verschwunden.
Ich wartete und starrte weiter auf die Stelle, wie um mich
meiner Sinne zu vergewissern, doch es geschah nichts weiter.
-433-
Rap war jedoch zurück und kauerte an meiner Seite; zweifellos
hatte ihn – genau wie mich – der schreckliche Aufschrei ver-
stört. Auf dem Weg zurück zum Wirtshaus gingen mir seltsame
Gedanken durch den Kopf. Wenn Aberglauben die Sinne in
solchem Maße verwirren kann, wer ist dann noch geistig ge-
sund? All meine Selbstsicherheit hatte mich verlassen, und als
ich zu Bett ging, fand ich nur einen unruhigen Schlaf. Eine quä-
lende Vorahnung lastete auf mir und warf ihren Schatten vor-
aus auf das, was wir am nächsten Tages vorhatten.

Die Ereignisse überstürzten sich an diesem Tag. Schon als wir


aufwachten, hatten sich unsere Pläne erledigt. Calladines Zu-
stand spottete jeder Beschreibung – er hatte, wie er sagte, einen
besonders höllischen Traum gehabt, irgendeinen Alpdruck, der
mit dem Schicksal jenes toten Mädchens zu tun hatte. Er war
nun wieder völlig entmutigt und nicht in der Lage, unsere Ver-
einbarung vom Vorabend einzuhalten.
»Ich sah, wie mir das arme kleine Ding zuwinkte, als das Boot
sank und das Wasser ihre Schreie erstickte«, murmelte er. »Ich
bin mir sicher, das wird heute für mich ein böser Tag da drau-
ßen. Das Meeresrauschen klingt mir wie gespenstisches Stöh-
nen in den Ohren. Lassen Sie uns hierbleiben, bis es vorbei ist.
Morgen geht es mir bestimmt wieder besser.«
Der arme Calladine! Ich werde diese seine Worte und seinen
flehenden Blick nie vergessen. Welcher Teufel hat mich nur ge-
ritten, diese Bitte auf die leichte Schulter zu nehmen? O ja, ich
habe ihn besänftigt und ihm gut zugesprochen. Ich habe ihn
überredet, sich wieder hinzulegen. Ich habe sogar Tabak für ihn
aus dem Laden im Dorf geholt. Doch insgeheim hatte ich be-

-434-
schlossen, daß ich diesen Stein persönlich sehen wollte. Gray
hatte das Boot vorbereitet, und es mochte etliche Tage dauern,
bis man wieder auf die See hinaus konnte; zudem mußte ich
spätestens am nächsten Tag in der Stadt zurück sein, so redete
ich mir ein. Mein eigenes Erlebnis hatte in mir eine fiebrige Fas-
zination ausgelöst; ich wollte so viel wie möglich sehen und
erfahren. Und bald, schrecklich bald schon, sollte ich mehr er-
fahren!
Eine Stunde später ließ ich ihn – Gott vergebe mir – schlum-
mernd in seinem Zimmer zurück, und wir machten uns auf den
Weg. Von unserer Überfahrt im Morgenlicht will ich Ihnen
nicht weiter erzählen. Sie sind selbst dort gewesen. Auch von
dem Stein und meiner kindlichen Verwunderung, ihn so vorzu-
finden, wie Gray ihn beschrieben hatte, brauche ich Ihnen nicht
zu erzählen. Da waren sie, die vier vollständigen Knollen – und
dazu die unheilvolle fünfte, so feucht und klaffend. Ich erinnere
mich gut daran. Und dann habe ich den Stein natürlich auch
photographiert, um mich vollends zufriedenzustellen.
Aber war ich zufrieden? Ich bezweifelte es. Was erwartete
mich noch? Ich fühlte mich wie jemand, der ein Präludium hört
und auf den Einsatz des Hauptthemas wartet.
»Wir hätten ihn doch mitnehmen sollen, Sir«, hörte ich Gray
vorwurfsvoll murmeln. Und plötzlich sah ich auch, wie sich die
Schicksalsfäden um ihn zusammenzogen – um meinen armen
Freund Calladine. Schuldbewußtsein und Furcht bauten sich in
mir auf. Der alte Colin hatte zweifellos im Sinn, daß der Mann
durch die Berührung des Steins hätte geheilt werden können,
doch mir schossen tausend Möglichkeiten durch den Kopf, wie
ihn sein verwirrter Verstand zu irgendwelchen Handlungen
verleiten könnte, während wir hier die Zeit vertrödelten.
-435-
Wir eilten zum Boot, und während wir ruderten, klangen mir
erneut die unheilvollen Worte im Ohr.
»Ich bin mir sicher, das wird heute für mich ein böser Tag da drau-
ßen.«
Der Nachmittagshimmel verdunkelte sich merklich, während
wir uns in die Riemen legten. Eine gelbliche Dunkelheit senkte
sich herab und kündigte einen Sturm an, der so gar nicht in die
Jahreszeit passen wollte. Als wir an Land gingen, war jedoch
noch kein Regen gefallen. Mrs. Gray kam aus dem Haus ge-
rannt, um uns zu empfangen.
»Mr. Calladine ist ausgegangen«, keuchte sie. »Du mußt ihn
finden, bevor der Sturm einsetzt, Colin. Wenn er da hineinge-
rät, wird er es bestimmt nicht überleben.«
Wir nahmen die Mäntel, die sie uns gab, eilten hinunter zum
Strand; dabei hatte ich das Gefühl, daß wir gegen einen dunkle-
ren Rivalen als den Regen antraten. Schließlich entdeckte Colin
ihn. Wäre da nicht der Nebel über dem Wasser gewesen, hätten
wir ihn schon früher vom Boot aus gesehen.
»Großer Gott!« schrie Gray. »Der Mann ist völlig verrückt.
Sehen Sie dort! Er ist drüben bei dem Wrack.«
In einiger Entfernung erkannten wir die dunkle Masse des
Unglücksbootes, mit dem das Mädchen ertrunken war. Der un-
gewöhnliche Niedrigwasserstand – gewiß eine Folge der Tag-
undnachtgleiche – hatte eine jener seltenen Situationen geschaf-
fen, in der die See den traurigen Koloß freigab. Und die kleine
Gestalt, die auf dem halb versunkenen Boot herumkletterte,
war zweifellos Calladine.
»Verdammter Narr! Was hat er da zu suchen?« fluchte Colin.
»Er weiß, daß er da wegbleiben muß. Ich hab ihm gesagt, da ist

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was Böses in dem Boot. Und jetzt wird ihm die Flut den Weg
abschneiden.«
Als wir näher kamen, bemerkte ich, daß Calladine seine Ka-
mera in der Hand hielt, und jetzt hörten wir ihn rufen.
»Donnerwetter! Ich habe eine tolle Entdeckung gemacht, Ait-
chison. Eine seltsame Art von Meeresgewächs mit abnormen
Merkmalen, zudem ziemlich riesig. Scheint durch die Planken
da unten zu wachsen.«
»Ja, in Ordnung, aber beeilen Sie sich, Mensch! Sonst kommen
Sie von dort nicht mehr weg«, schrie ich. »Die Flut bricht schon
herein.«
Gray war ein Stück zurückgeblieben und betrachtete die im-
mer dunkler werdenden Wolken. »Es wird gleich ein Gewitter
losbrechen, Sir«, brüllte er.
Doch keiner von uns konnte an das Boot herankommen, weil
es auf unserer Seite durch ein Meeresbecken abgetrennt war.
Und auf der Seeseite, von wo Calladine offensichtlich zu sei-
nem Ziel gelangt war, rollten jetzt bereits die ersten Brecher der
steigenden Flut heran. Auch konnten wir keinen Blick in das
Innere des Bootes werfen, da es zur Seite hin, von uns abge-
wandt, gekentert war. Alles, was wir bei diesem fahlen Tages-
licht sehen konnten, waren faulende Planken und darauf Calla-
dine, der über den Schandeckel schlitterte und mit seinem
Blitzreflektor herumfuchtelte.
»Ich muß irgendwie wenigstens eine Aufnahme davon ma-
chen«, schrie er und schnallte die Kamera an einer trockenen
Dolle fest.
Totenstille für einen Augenblick, dann…
»Großer Gott! Das ist…«

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Ein herzzerreißender Schrei, ein blendender Blitz, und ich
spürte, wie ich, den todbringenden Einschlag und den dröh-
nenden Donner im Ohr, kopfüber in den nassen, bebenden
Sand geschleudert wurde.

Dann erinnere ich mich erst wieder daran, wie Gray mir inmit-
ten der Sturzbäche eines Wolkenbruchs auf die Beine half. Im-
mer noch benommen, riß ich mich zusammen, rief gemeinsam
mit ihm: »Calladine! Heh, Calladine!« und watete durch das
schäumende Wasser. Doch all unser Rufen war vergebens. Nur
Wrackteile trieben hier und dort umher. Von einem fischte ich
die Unglückskamera, die immer noch daran befestigt war.
Eilig machte ich mich auf den Weg, um Hilfe zu holen, wäh-
rend Gray zurückblieb und die Suche fortsetzte. Doch selbst als
Männer mit Laternen eintrafen und ein Boot eingesetzt wurde,
blieb all unser Mühen erfolglos. Holzsplitter und Teile von et-
was, das wie blutiges Seegras aussah – rot wie Fleisch und
knorpelig –, sonst nichts. Vom armen Calladine keine Spur. Im
Schein der Laternen warfen wir einen letzten Blick auf die
abendliche See hinaus, und ich konnte nicht anders, als über
meine Vision in der vergangenen Nacht nachzusinnen, als
Wie Hexenöl das Wasser brannte,
grün und blau und weiß.

»Tod durch Unglücksfall« war alles, was man mit Sicherheit


über das Schicksal meines armen Freundes sagen konnte. Be-
weis dafür war ein kürzlich ausgebeintes Skelett, das drei Tage
später gefunden wurde. Die Fischer freilich führten die ganze
Tragödie auf böse Mächte zurück. Man sprach von geisterhaf-

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ten Kräften, die sich in irgendeinem fleischfressenden Meeres-
gewächs von gewaltigen Ausmaßen inkarniert hätten. Es gras-
sierten Gerüchte über »St. Cuthberts Dämonen«, »Meerblut«
und dergleichen.
Auch der Totengräber, der an diesem so tragisch verlaufen-
den Nachmittag ein Grab ausgehoben hatte, wußte mit einer
Geschichte aufzuwarten. Ich hörte sie später vom Pfarrer,
nachdem sie ohne Zweifel durch mehrfaches Weitererzählen
manche Ausschmückung erfahren hatte. Wie mir also Mr. Ains-
ley erzählte, hatte der Mann beim Ausschaufeln der Gruben oft
einen rötlichen Schleim am Boden bemerkt. Käfer und Würmer
schienen von allen Seiten davon angezogen zu werden, aber es
ließ sich nicht ausfindig machen, woher der Ausfluß stammte.
Er selbst hatte den Anblick immer verabscheut und sich mög-
lichst davon ferngehalten. Im übrigen stank der rote Schleim
ekelhaft, sagte er. An dem Nachmittag nun, als Calladine starb,
war dieser Mann bei der Arbeit auf dem Friedhof gewesen, als
unter ihm der Boden zu beben begann und er wahrnahm, wie
sich das Erdreich absenkte, nicht im alten Teil bei den Grüften,
wie man es erwarten würde, sondern dort, wo erst kürzlich
Beisetzungen stattgefunden hatten. Er eilte zu der Stelle, wo der
Boden am tiefsten abgesackt war, und kam gerade rechtzeitig,
um Zeuge eines seltsamen Anblicks zu werden.
Da waren wieder Hunderte von Käfern und anderen Insekten,
die sich durch die rötlich gefärbte Erde auf ein gekrümmtes
längliches Ding zubewegten, das wie der Rüssel eines Elefanten
aussah. Es strahlte ein phosphoreszierendes Licht aus, sagte er,
und schien kräftige pulsierende Adern zu besitzen, doch dann
schlug es heftig aus und war einen Augenblick später ver-
schwunden. Er hatte zuckende, gelb-braune Borsten auf dem

-439-
Ding gesehen, die Insekten aufspießten, und schuppenförmige
Öffnungen auf dem Rüssel, welche die Tiere einsaugten. Doch
was den Guten am meisten schockierte, waren Tentakel, die
sich durch einen vor kurzem beigesetzten Sarg gebohrt hatten –
zu welch abstoßendem Zweck, war leider nur zu offensichtlich.
Es muß ein entsetzlicher Anblick gewesen sein. Mir fiel dabei
unweigerlich jener wurzelartige Strang ein, den ich in der
Nacht vor der Tragödie sah und der sich aus dem Meer unter
den Sand der Küste geschoben hatte, und ich mußte auch daran
denken, was Calladine wohl erblickt und berührt haben moch-
te, als er damals mit Gray unterwegs war.
Ich würde bis heute nicht so oft an all dies denken, gäbe es da
nicht etwas Grausiges, das Calladines Kamera aufgezeichnet
hat. Einer der Assistenten im Labor hat sich – anscheinend zum
Vergnügen – die Mühe gemacht, die Platten zu entwickeln, als
die Kamera mit Calladines übrigen Habseligkeiten in New-
castle eintraf. Und was brachte mir Dr. Angus eines Morgens?
Die Photographie dessen, was Calladine im Augenblick seines
Todes gesehen hat! Wenn Sie freundlicherweise das große Buch
aus dem Schrank holen würden – das alte dort in der aus-
gebleichten Lederbindung –, darin finden Sie das Photo.

Drury hatte bald genug gesehen. Selbst nach einem Glas Bran-
dy mit Soda zitterte er noch bei dem Gedanken an die unzähli-
gen Lagen dicker, konzentrischer Lappen und das hervortre-
tende Bündel von Fühlern, die genau in dem Augenblick im
Bild eingefangen waren, als die Andeutung eines seelenlosen
›Gesichts‹ im Innern des Wirbels erkennbar wurde.

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»Armer Teufel!« schauderte es ihn. »Wofür hat er das zu-
nächst wohl gehalten? Für irgendeine monströse Spezies der
Drosera? Diese pilzartigen Flächen erinnern mich an jene absto-
ßenden Kragenechsen, die es in Australien gibt. Aber die ge-
wundenen Schläuche? Selbst wenn man sich einen überaus wi-
derlichen Kraken vorstellt, ergibt das noch keinen Vergleich mit
diesem Alptraum. Das Geschöpf hat etwas Abscheuliches jen-
seits…«
»Ja«, grübelte Aitchison ernst, »jenseits.«
»Ich glaube fast, Sie haben recht«, sagte Drury widerwillig,
»aber was ist Ihr Ansatzpunkt für eine übernatürliche Erklä-
rung?«
»Nun«, sagte Aitchison, »selbst in modernen Texten wird Be-
das Hinweis zitiert, daß es auf der Insel Farne zur Zeit des hei-
ligen Cuthbert spukte. Doch ich gestehe, es war eine Bemer-
kung in diesem alten Folianten hier, die mich zuerst darauf
brachte, zwischen den Zeilen zu lesen. Sehen Sie selbst.«
Er reichte seinem Freund das Buch, in dem er seit langem je-
nes gräßliche Photo aufbewahrte. Nachdem er sich mit einigem
Interesse den Titel angeschaut hatte (Eine verständige Erkundung
der spirituellen Landschaft in den nördlichen Teilen Engelands, von
Revd. Dr. Wm. Danby, 1579), blätterte Drury zu der Stelle, die
Aitchison aufgefallen war, und las:

Bericht über Böses war ehedem bekannt von nämlicher Insel


Farne. Baeda bemerket, spirituum malignorum frequentia hu-
manae habitationi minus accommodus. HIST. ECC. iv, 28.
Und wiederum, wo er schreibet vom Aufenthalte des heilgen
Cuthbert dorten, bezeuget er, dass vor diesem Diener des

-441-
HERRN kein Mann sich je erkühnet, allein auf diesem Eilande
zu verbleiben, und dieses allein von wegen der üblen Dämo-
nen, die daselbst hausen. VITA CUTHB. 17.
Wahrlich, so saget er: Kein Gedank ist uns so misslich als dass
dieser gute Mann spirituell im Kampf ward in die Flucht geja-
get. Obzwar der treue Herefrid, als er zu ihm nach Farne kom-
men ist, der hat sein sterbend Meister in einer gross Drangsal
vorgefunden. Hat der heilige Mann doch nichts dort habt als
fünf Zwiebeln unter niederem Lager, welch selbe er hervor-
bringet als Bürg dafür, dass er annoch reichlich Speis hat zum
Leben. Des angesicht, so tut Herefrid kund, däucht ihm, die ein
davon sei um ein wenigst angenaget, doch gewiss nicht mehr
als zur Hälft weggebissen. Da hat der Heilge sprochen: Nie an-
noch während all mein Zeit auf dem Eiland han mich mein Wi-
dersacher so schwer plaget wie an denen letzte fünf Tage. Doch
immer nicht war ich, sagt Herefrid, so kühn, ihn zu fragen, wel-
cher Art Verfolgungen er zu dulden hatte. VITA CUTHB. 37.

»Ach! Ich fange an zu verstehen«, murmelte Drury in sich


versunken, während sein Gastgeber aufstand und das Buch
und die Photographie beiseitelegte. »Genau an dieser Stelle
kommt Ihr Schalottenstein ins Spiel. Demnach hat Dämon
Nummer Fünf, der dem alten Cuthbert entwischt ist, jetzt ge-
tan, was er tun konnte, und ist danach untergegangen. Wie un-
heimlich aber, daß Sie an jenem Morgen, als Sie dort auf der
Insel standen und das letzte Fossil feucht und geöffnet vorfan-
den, wußten, daß das Geschöpf noch sein Unwesen treibt!«
»Wohl wahr«, sagte Aitchison. »Aber denken Sie erst an Cal-
ladine, der das auch wußte! Er sagte mir einmal, es müsse eine

-442-
Höllenqual sein, von einem ›amphibischen Vampir‹ zu träu-
men.«

-443-
Properts Vermächtnis

I
Als typisch englisches Anwesen dürfte Peryford Priory schwer
zu übertreffen sein. Das Gebäude, von Carr in seiner besten
Manier inmitten eines eindrucksvollen Buchenhains angelegt,
ist trefflich gesetzt und beherrscht die weite Parkfläche, die sich
mit ihren symmetrischen Pflanzungen und den Weiden, auf
denen Vieh grast, sanft südwestwärts schwingt. Den Weg von
der Außenwelt in diese Oase der Stille bildet eine Schotterzu-
fahrt, die sich über eine halbe Meile gemächlich dahinschlän-
gelt und an einer Terrasse mit Balustraden direkt vor dem Her-
renhaus endet.
Von dieser Terrasse, diesem Belvedere war es, daß Courtleigh,
in Begleitung von Mr. Sanderton, dem Pfarrer von Peryford,
eines schönen Abends im Sommer des Jahres 18. auf den Park
hinausblickte. Das Pfarrhaus, in dem sie gerade zu Abend ge-
gessen hatten, grenzte an das Gelände von Peryford, und es
bestand Zugang über einen Privatweg neben dem Nutzgarten.
Das war eine sehr praktische Einrichtung, denn Dr. Propert, der
Besitzer von Peryford, und Mr. Sanderton standen in engem
Kontakt.
Courtleigh, der erst kurz vor dem Dinner eingetroffen war,
wollte die Nacht im Haus des befreundeten Geistlichen
verbringen und dann seine Reise nach London fortsetzen. Eine
Rechtssache hatte ihn seinem akademischen Alltag in Durham
entrissen, und er hatte die Gelegenheit genutzt, um seine Reise
in York zu unterbrechen und hinaus nach Peryford zu fahren,
-444-
das etwa zehn Meilen entfernt lag. Schon seit langem wünschte
er, mehr über diesen abgeschiedenen Ort zu erfahren, in den es
seinen Freund verschlagen hatte. Und nun war er endlich hier,
um mit eigenen Augen Peryford Priory und das Pfarrhaus zu
sehen.
In der Tat war der Ort einen Besuch wert, und der Abend war
ideal dafür. Die Klosterruinen (denen der moderne Wohnsitz
den Namen ›Priory‹ verdankte) lagen in einer Ecke des Parks
jenseits einer Zypressenallee. Vögel zwitscherten schläfrig zwi-
schen dem bemoosten Gestein der verfallenen Säulen und Bo-
gengänge, und unter den Weiden dahinter glitzerte ein träge
fließender Bach, als die beiden Freunde die dekorative Stätte
verließen und ihren Spaziergang wieder aufnahmen.
»Sie haben ein Auge für die Landschaft«, murmelte der Pro-
fessor und sog die liebliche Szenerie in sich auf. »Das hat so
recht eine Note des letzten Jahrhunderts – nur daß die Kapelle
dort drüben vielleicht ein wenig unzeitgemäß wirkt!«
»Ganz recht«, pflichtete Sanderton bei, »das ist die Bibliothek,
von der ich Ihnen in meinem Brief berichtet habe. Ursprünglich
war sie Teil der alten Peryford Priory – das Refektorium der
Mönche, um genau zu sein. Danach diente sie als Familienka-
pelle. Durchaus imposant, doch ich räume ein, daß sie überre-
stauriert ist. Einige von Euch Schwärmern fürs Mittelalter äu-
ßern sich alles andere als gnädig darüber. Aber es ist wie bei so
mancher Dame aus der Gemeinde, äußerlich mag sie nicht viel
hergeben, doch steckt sie voll guter Werke!«
»Und das bedeutendste darunter«, fügte Courtleigh mit ei-
nem Lachen hinzu, »ist das Haushaltsbuch von Peryford. Welch
einen Wirbel seine Entdeckung entfacht hat! Ich staune, daß das

-445-
British Museum sich nicht darum bemüht hat. Ich selbst wollte
schon immer einmal einen Blick hineinwerfen.«
»Ich fürchte«, sagte der Pfarrer, nun plötzlich trübsinnig, »Sie
werden enttäuscht sein. Es befindet sich zur Zeit nicht hier.«
»Wie das? Verkauft, meinen Sie, oder entliehen?« fragte
Courtleigh ein wenig ärgerlich.
»Nein, das nicht«, antwortete Sanderton mit offensichtlichem
Kummer. »Ich befürchte, es ist gestohlen worden – jedenfalls ist
es seit einiger Zeit verschwunden. Aber bitte, bitte, lassen Sie
darüber kein Wort verlauten. Vielleicht hätte ich es Ihnen gar
nicht erzählen sollen. Dr. Propert meint immer noch, es ohne
alle offizielle Nachforschung und ohne öffentliches Aufsehen
wiedererlangen zu können. Und ich hoffe, er wirdʹs, der Ärm-
ste, denn der Verlust hat ihn doch stark mitgenommen.«
Der Professor konnte angesichts der Nachricht nur nach Luft
ringen. »Und wie lange, glauben Sie, eine solche Sache geheim-
halten zu können?« fragte er schließlich. »Immerhin geht es
doch um eine Angelegenheit von nationalem Interesse.«
»Oh, ich weiß nicht«, versetzte der bedrängte Geistliche. »Es
ist nun mal der ausdrückliche Wunsch des Doktors, daß vorerst
nichts unternommen wird. Seiner Meinung nach wird die
Handschrift schon wieder auftauchen.«
»Nun gut, nun gut«, seufzte Courtleigh schließlich. »Ihn trifft
es ja selbst am meisten, und er muß wissen, was er tut. Doch,
dem Himmel sei Dank, besitzen Sie ja noch weitere wertvolle
Stücke.« Seine Miene hellte sich bei diesen Worten auf. »Da ich
nun schon mal hier bin, würde ich gern einen Blick auf ein paar
davon werfen. Besonders interessiert mich das flämische Meß-
buch und der absonderliche Psalter, von dem Sie sprachen.«

-446-
Sanderton dachte einen Moment lang nach, bemüht, seinem
Freund den Gefallen zu erweisen, doch dann blickte er wieder
zweifelnd drein. »Der Raum wird über Nacht leider abge-
schlossen«, sagte er kleinlaut, »sonst wäre es mir eine Freude.
Könnten Sie nicht morgen früh einen späteren Zug nehmen, so
daß wir Zeit haben, uns gemeinsam umzuschauen?«
»Es sind Dinge von höchster Dringlichkeit zu erledigen, ich
kann sie nicht aufschieben«, antwortete Courtleigh mit aufrich-
tigem Bedauern. »Können wir denn nicht jetzt sofort den
Schlüssel bekommen und einfach einen raschen Blick auf die
Bestände werfen? Die nächste Stunde über ist es noch hell.«
»Na schön, ich gehe und hole die Schlüssel, während Sie sich
draußen umschauen«, erklärte sein Freund schließlich. »Dr.
Propert sieht es gar nicht gern, wenn sich jemand nach Ein-
bruch der Dunkelheit in der Bibliothek aufhält, aber dieses eine
Mal wird es wohl erlaubt sein.«
Mit diesen Worten eilte der gute kleine Mann davon, und
Courtleigh unternahm einen kleinen Rundgang, um das Äuße-
re des Gebäudes in Augenschein zu nehmen.
Unverkennbar war es im 19. Jahrhundert ›restauriert‹ und
aufgestockt worden. Dies wurde besonders auf der Ostseite
deutlich, wo ein prächtiges großes Fenster fast die gesamte Hö-
he vom Boden bis zum Giebel einnahm, flankiert von breiten,
schweren Stützpfeilern, die offensichtlich vor wenigen Jahren
verstärkt, jedoch mit Efeu bepflanzt worden waren, damit sie
mit dem älteren Mauerwerk harmonierten. Es sah aus, als seien
hier Teile des Chorfensters eingepaßt worden, doch aus irgend-
einem Grund hatte man das obere Maßwerk durch eine große

-447-
Fensterrose jenes Typs ersetzt, den die neugotischen Architek-
ten zur Zeit Königin Victorias so sehr schätzten.
Ein so rücksichtsloser Umgang mit einem alten Gebäude rief
bei Courtleigh Kopfschütteln hervor, und er zog es vor, nicht
weiter zwischen den Sträuchern herumzustolpern, sondern
zum Spazierweg zurückzukehren, um auf Sandertons Rück-
kehr zu warten. Während er müßig vor dem Eingang zur Bi-
bliothek stand, öffnete sich zu seiner Überraschung die Tür,
und ein Mann mit einer Werkzeugtasche trat heraus. Der Mann
war offensichtlich ebenfalls überrascht, denn als er in Richtung
des Pförtnerhauses davonging, sah er sich mehr als einmal nach
dem Professor um.
Doch wer immer das gewesen sein mochte, er hatte die Tür
nicht verschlossen. Also nahm Courtleigh nach einem Weilchen
den schweren Eisenring in beide Hände und verschaffte sich
Zutritt. Sanderton war nirgends zu sehen, und sein Freund lä-
chelte bei dem Gedanken daran, was er bei seiner Rückkehr
wohl sagen würde. Er trat in eine rechteckige Halle, ähnlich
dem Längsschiff einer Kirche, die sich von Ost nach West er-
streckte. Der Eingang lag an der Nordseite, und genau hier
führte auch eine Treppe hinauf zu einer Empore. Dieses obere
Stockwerk bildete am Portal eine Art Vestibül und verlief dann
an der gesamten Wand entlang. Die Südseite besaß keine Em-
pore, doch führte dort eine steinerne Treppe Richtung Osten
hinauf zu einer robusten Tür, hinter der anscheinend eine er-
höhte Ecksakristei lag. (»Bestens geeignet, um seltene Bücher
unter Verschluß zu halten«, dachte Courtleigh, als er diese ar-
chitektonische Besonderheit bemerkte. ) Den gesamten Westteil
nahm eine Kapelle ein, abgetrennt durch einen Eichenlettner. Es
war dort ziemlich finster, da das Licht hauptsächlich durch das

-448-
Fenster am anderen Ende hereinfiel und die Abendsonne in-
zwischen matt geworden war.
Auf der Empore wie auch unten zogen sich Bücherregale an
den Wänden entlang, und Courtleigh, der auf einige wertvolle
Einbände aufmerksam geworden war, hatte die Architektur der
Halle bald vergessen, während er von Schrank zu Schrank
schlenderte und verschiedene Bücher, die sein Interesse weck-
ten, herauszog und wieder zurückstellte.
So wanderte er ruhig im Erdgeschoß umher, bis er bemerkte,
daß er nicht allein war. Zu dem Zeitpunkt befand er sich am
westlichen Ende des Gebäudes, wo die eigentliche Bibliothek
durch den erwähnten kleinen Andachtsraum bzw. die Kapelle
abgeschlossen wurde. Irgendwo über sich vernahm er ein
schnüffelndes Geräusch. Er blickte zur Empore hinauf und be-
merkte, daß deren Ende, das über dem Andachtsraum lag,
ebenfalls mit einer hölzernen Wand abgeteilt war, offensichtlich
um einen geschlossenen Bereich für private Studien zu schaf-
fen. Ja, es war jemand dort, denn es wurde ein Stuhl zurückge-
schoben, und durch das Geländer sah Courtleigh, wie eine Per-
son aufstand und langsam zur Treppe ging. Gleich darauf kam
ein hochgewachsener Mann herunter, der unter der unfreiwilli-
gen Gesetztheit seines hohen Alters mit dem Kopf wackelte
und im Gehen mit sich selbst redete. Courtleigh fragte sich, wie
er ihn ansprechen sollte, doch der alte Mann schien ihn gar
nicht bemerkt zu haben. Und tatsächlich, als er im Erdgeschoß
angelangt war, ging er geradewegs in den Andachtsraum und
schloß den Lettner hinter sich. Ein paar Minuten lang waren
von drinnen schnelles Murmeln und schweres Seufzen zu hö-
ren, während Courtleigh so tat, als würde er einen antiquari-
schen Kommentar einsehen. Dann kam der alte Mann, der seine

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Gebete beendet hatte, wieder heraus und blieb vor dem Frem-
den stehen, als wolle er sich erkundigen, was ihn hergeführt
habe.
»Oh! Guten Abend, der Herr. Ein Besucher, nehme ich an?«
rief er mit hoher Greisenstimme.
»Auch Ihnen einen guten Abend, mein Herr«, antwortete
Courtleigh. »Mein Freund, Mr. Sanderton, hat mich hier zu-
rückgelassen, um…«
»Ja, ja, ja«, schnatterte der andere mit wissendem Kopfschüt-
teln, während er sich entfernte und die Konversation so ohne
weitere Förmlichkeiten beendete. »Er wird Ihnen alles Wis-
senswerte über Werden und Wandel dieser vergänglichen Ört-
lichkeit erzählen.«
Bevor Courtleigh noch mehr als ein paar Worte des Dankes
stammeln konnte, war der alte Mann schon an ihm vorbeige-
trottet und die Steintreppe auf der anderen Seite hinaufgestie-
gen zu der gesicherten Kammer, die er aufschloß und betrat,
um kurz darauf mit einem schweren Quartfolianten unter dem
Arm wieder zu erscheinen. Er verschloß die Tür, stieg die
Treppe herab und war schon im Begriff, die Bibliothek zu ver-
lassen, als ihm ein Gedanke kam und er ein, zwei Schritte zu-
rücktrat.
»Es ist, so denke ich«, sagte er, »meine Pflicht, Ihnen als
Fremden unseren kleinen Andachtsraum anzuempfehlen. Sollte
Ihnen an geistlichem Beistand gelegen sein, so finden Sie dort
sehr wirksame Hilfe.«
Er warf dem Fremden einen scharfen, prüfenden Blick zu und
hielt einen Moment inne, als wolle er noch mehr sagen. Wie er
so dastand, verlieh das schwache Licht, das auf sein abgelebtes

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Gesicht fiel, seinen verhärmten, seltsamen Zügen ein höchst
rätselhaftes Aussehen. Doch schon hatte sich die Tür hinter ihm
geschlossen, und Courtleigh blieb mit einem schwindenden
Lächeln auf seinen Lippen allein zurück.
Die Dämmerung vertiefte sich – nicht gerade die beste Zeit,
um das Ostfenster näher in Augenschein zu nehmen, doch es
zog Courtleighs Aufmerksamkeit auf sich. Wie gewaltig es
doch war! Seine Dimensionen waren fast die einer Bischofskir-
che. Tatsächlich erinnerten die über das Glas vortretenden zu-
sätzlichen Streben, die auf der Innenseite als Vertikalstützen
dienten, Courtleigh an das große Fenster in der Kathedrale von
York. Das galt auch für die beiden Querblenden, deren Hori-
zontalen die Gesamtfläche in drei Abteilungen gliederten. Die
untere Zone – bis hinauf zu der Höhe, wo die Kontur des Fen-
sters vom Rechteck in die Kurvung des Bogens überging – war
mit unzähligen mittelalterlichen Glasfragmenten gefüllt. Den
Kopf hin und her drehend, konnte Courtleigh Bruchstücke von
Häuptern mit Bischofsmützen, Schiffsbuge, prächtige Baldachi-
ne und flatternde Roben erkennen, die zu einem Mosaik trüber
Farben verschmolzen, das sich nur noch ganz schwach gegen
das Dunkel der Bibliothek abzeichnete. Heraldische Medaillons
waren darunter, doch jeder Versuch, die Wappen zu identifizie-
ren, war um diese späte Stunde zum Scheitern verurteilt. So
studierte er nur noch die oberste Zone über der zweiten Quer-
blende, wo das ursprüngliche Maßwerk, wie schon erwähnt,
durch eine Fensterrose ersetzt war. Kein Wunder, daß er als
Architekturliebhaber den Kopf schüttelte. Immerhin ertappte er
sich dabei, daß er mit einiger Ungeduld die Thematik der Glä-
ser zu enträtseln suchte. Denn trotz gräßlicher Farbgebung be-
saßen die Embleme eine primitive Kraft, deutlich unterschieden

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von der faden Konventionalität, wie man sie gewöhnlich bei
späten Kopien findet. Mit einem Seufzer der Verdrossenheit
wandte er sich jedoch bald ab, um sich etwas anderes anzuse-
hen.
Genau da ließ ihn etwas zusammenfahren. Vielleicht hatte er
den Kopf zu lange noch oben gereckt, und es war ihm ein we-
nig schwindlig geworden. Doch in dem Augenblick, als er sich
umdrehte, schabte etwas gegen das Glas, und es schien plötz-
lich ein Schatten vom Fenster herab hinter ihn zu fallen. Er
duckte sich unwillkürlich, wie um einen verdeckten Schlag ab-
zufangen, und fuhr mit erhobenem Arm herum.
Dann lachte er leise auf über diese Einbildung. Die Erschei-
nung des alten Mannes und seine morbid klingenden Worte
hatten ihn offenbar in eine seltsame Stimmung versetzt. Was
lag denn schließlich näher für den sonderlichen alten Herrn als
anzunehmen, daß es nicht pure Neugier, sondern seelische Un-
ruhe und die Suche nach spiritueller Tröstung waren, die einen
Fremden zu dieser Stunde in die Kapellenbibliothek führten?
Es war alles völlig natürlich. Ohne Zweifel bog sich draußen ein
Baum im Wind, und bei dem Geräusch, das er gehört hatte,
handelte es sich um Zweige, die über das Glas kratzten. Jeden-
falls war in der Dunkelheit mittlerweile definitiv nichts mehr
zu erkennen. Und so wandte er, innerlich über seine Nervosität
spottend, seine Aufmerksamkeit ein weiteres Mal von dem Glas
ab und beschloß, sich den Betplatz des exzentrischen Alten von
innen anzuschauen.
Abermals war er ziemlich verwirrt, als er die Chorschranke
zurückschob und den dunklen, engen Andachtsraum betrat.
Wenngleich klein, war er kunstvoll im Stil der anglikanischen
Hochkirche ausgestattet. Über dem Altar warf eine Votivlampe
-452-
schwach, aber unbeirrbar einen müden Schimmer auf die ver-
goldete Pracht. Zur Rechten stand eine merkwürdige Meßglok-
ke, zur Linken ein antiker Betstuhl, auf dem der alte Mann an-
scheinend bei seinen häufigen Fürbitten kniete. Die von ihm
angezündete Kerze flackerte noch auf einem Eisenständer vor
dem Bildnis der Jungfrau.
Während Courtleigh in dies alles vertieft war, kehrte Sander-
ton zurück und entschuldigte sich für seine lange Abwesenheit.
»Was für eine Verfolgungsjagd das war!« rief er. »Als ich oben
am Haus war, hieß es, Dr. Propert sei hier unten. Ich begegnete
ihm dann auf dem Rückweg. Er sagte, als er die Bibliothek ver-
lassen habe, sei ein Freund von mir dort gewesen.«
»Dann war das also der Doktor!« murmelte Courtleigh. »Er
ließ mir nicht viel Zeit, meine Anwesenheit zu erklären, und ich
fühlte mich ein wenig wie ein Eindringling. Ein sonderbarer
Mensch.«
»Ja«, gab der Pfarrer zurück, »er ist Fremden gegenüber ein
wenig scheu. Gut jedenfalls, daß Sie sich Einlaß verschaffen
konnten.«
»Um die Wahrheit zu sagen, das habe ich gar nicht getan«,
gestand Courtleigh. »Ein Handwerker kam heraus, und ich
bemerkte, daß die Tür offenstand. Ein älterer Mann mit ein paar
Tischlerwerkzeugen; er hat mich übrigens etwas argwöhnisch
gemustert!«
»Das dürfte Hook gewesen sein«, sagte der Pfarrer. »Ich hörte,
daß der Doktor noch einmal nach ihm geschickt hat, aber ich
weiß nicht, warum – wahrscheinlich eine kleine Reparatur. Es
ist dennoch ein wenig überraschend, daß er da war, denn in der
Vergangenheit hat er für Faik gearbeitet.«

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»Faik? Wer ist Faik?« fragte der Professor, als sie gemeinsam
den Andachtsraum verließen.
»Oh, er ist verantwortlich für den Umbau des Gebäudes in ei-
ne Bibliothek. Ich erzähle Ihnen später von ihm, nachdem wir
uns einige der Bücher angeschaut haben. Es wird dunkel, da
müssen wir uns beeilen: Es gibt hier nämlich kein elektrisches
Licht. Doch stellen Sie sich nur vor, daß ich den Schlüssel holen
wollte, wo die Tür doch die ganze Zeit offen stand!«
Mit diesen Worten führte der Pfarrer seinen Freund rasch an
den Regalen auf der Empore und im Erdgeschoß vorbei. Die
Zeit reichte gerade, sich hier und da ein paar seltene Bände an-
zusehen.
»Unsere eigentlichen Schätze lagern im Urkundenzimmer,
wie wir es nennen«, sagte er dann, ging die Steintreppe hinauf
und schloß den Raum auf. »Doch ich fürchte, wir werden sie
jetzt kaum mit sonderlichem Gewinn anschauen können.« Es
war in der Tat so dunkel in dem Zimmer, daß Courtleigh zu
seinem Leidwesen nur einen Blick auf schwere Eichenschränke
voll schattenhafter Folianten erhaschen konnte. Damit er we-
nigstens einen Eindruck von den reichen Beständen erhielt,
nahmen sie ein paar Werke mit zum Eingang – ein Pflanzen-
buch von Nicholas Huby aus dem sechzehnten Jahrhundert; ein
Stundenbuch, von dem es hieß, es habe der Mutter von Lady
Jane Grey gehört; ein, zwei Bände einer frühen Sammlung von
griechischen Texten der Kirchenväter; eine Abhandlung von
Spelman über den Court of Piepowder (die einzige bekannte Ko-
pie); einige Manuskripte zum Kirchenrecht aus dem siebzehn-
ten Jahrhundert; und ein abstruses, Charles I. zugeschriebenes
Werk über Kasuistik.

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»Und all dies wird also Oxford zufallen, wenn Dr. Propert
stirbt. Ich muß möglichst bald noch einmal herkommen und
mir die Bibliothek genauer anschauen«, sagte Courtleigh mit
einem Seufzer, während er an die Psalter und Meßbücher dach-
te, die er noch nicht gesehen hatte. Als sie die Tür hinter sich
abschlossen und wieder draußen im Park standen, fügte er hin-
zu: »Schade nur, daß das Haushaltsbuch fehlt. Die Krone der
Sammlung.«
»Du meine Güte! Ich wollte Ihnen doch davon erzählen«, rief
Sanderton aus, dem plötzlich die Erinnerung kam. »Als ich Dr.
Propert auf der Terrasse traf, erwähnte ich Ihr besonderes In-
teresse und daß ich mich schon oft selbst gefragt hätte, wo das
Werk wohl abgeblieben sein könnte. Stellen Sie sich mein Er-
staunen vor, als der Doktor mich auf seine seltsame Art anlä-
chelte und sagte: ›Mein lieber Sanderton, sorgen Sie sich nicht.
Trotz der Ränke der Gottlosen befindet es sich in Sicherheit. Es
ist hier, Sanderton, es ist hier!‹ zischte er und tätschelte einen
schweren Folianten, den er unter dem Arm trug.
›Oh, das ist ja wunderbar!‹ rief ich. ›Wann haben sie das Buch
denn gefunden? Ich brenne darauf, es mir anzusehen, und ich
bin mir sicher, daß sich auch mein Freund darüber freuen wür-
de.‹ ›Sie werden es sehen, Sie beide, doch jetzt noch nicht. Es
steckt mehr hinter der Sache, als Sie ahnen. Eines Tages werden
Sie verstehen, warum ich das sage, doch bis dahin müssen wir
geduldig sein – geduldig und verschwiegen.‹ Damit ließ er
mich stehen. Das ist alles, was ich berichten kann«, schloß San-
derton.
»Ach ja«, sagte Courtleigh, »das wird der alte Quartband ge-
wesen sein, den er aus dem Urkundenzimmer geholt hat. Viel-
leicht hat er gedacht, ich sei gekommen, um ihn zu stehlen! Was
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für ein rätselhafter Mensch er doch ist. Er scheint auch den Bet-
raum fleißig zu nutzen. Sie haben mir nie erzählt, daß er – wie
soll ich sagen? – ein frommer Mann ist.«
Der Pfarrer schwieg eine Weile. Er war ein höflicher, einfacher
Mensch, und er wünschte offenbar nicht, sich zu den Verschro-
benheiten eines Gönners zu äußern, dem er soviel Achtung
entgegenbrachte.
»Wissen Sie«, sagte er schließlich, »man kann Dr. Propert sehr
leicht mißverstehen. Es heißt, er sei ein komischer Kauz. Man-
che Leute – die gut daran täten, sich selbst häufiger in der Kir-
che blicken zu lassen – munkeln sogar, er sei ein religiöser Fa-
natiker geworden und derlei Unsinn. Sie als Außenstehender
halten ihn womöglich für ein wenig sprunghaft. Doch ich ken-
ne ihn gut genug, um Nachsicht zu üben. Er ist nicht immer so
gewesen, und er hat sich nicht grundlos verändert.«
Es wurde dunkel, während die beiden Männer die Buchenal-
lee entlangspazierten, und Courtleigh schwieg verständnisvoll,
bis sein Freund fortfuhr:
»Sehen Sie, Dr. Propert hat sich bis letztes Jahr kaum einmal
in Peryford aufgehalten. Er wurde geboren, als sein Vater, Sir
Ronald, für die Asien-Kommission tätig war, und verbrachte
seine Kindheit in Indien, ehe er nach Oxford ging. Dort lernte er
Faik kennen (den Mann, den ich eben erwähnte) und schloß
Freundschaft mit ihm. Doch die Studien des Doktors führten
ihn bald wieder ins Ausland, zuerst nach Kairo und später nach
Peking, wo er sich – wie Sie wissen – einen Namen als Archäo-
loge machte. Da er nur entfernt mit dem Hauptzweig der Pery-
ford-Familie verwandt ist, hat er sich nicht weiter für deren Ge-
schichte interessiert und gewiß auch nie darauf spekuliert, das

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Anwesen zu erben. Doch wie das Schicksal es wollte, hat eine
Serie von Todesfällen (zuerst Baron Peryford und seine beiden
Söhne, schließlich Lady Ann, die ohne Nachkommen verstarb)
den gesamten Besitz ›unter Gerichtsverwaltung gebracht‹, wie
man das wohl nennt.
An diesem Punkt trat Faik mit seinen juristischen Kenntnissen
wieder auf den Plan. Als Properts Freund schrieb er ihm und
drängte ihn, seine Ansprüche vor Gericht geltend zu machen,
bevor es zu spät sei. Mit seiner typischen Unbekümmertheit
legte der Doktor die Angelegenheit daraufhin in Faiks Hände
und bat ihn, die Sache auszufechten, wenn es denn der Mühe
wert sei. Der Rechtsanwalt legte sich mächtig ins Zeug und
konnte das Anwesen tatsächlich für seinen Freund und Klien-
ten einfordern. Die meisten an Properts Stelle wären nun sofort
gekommen, um das Erbe in Augenschein zu nehmen, aber der
Doktor hatte sich gerade mit einigen amerikanischen Forschern
in ein neues Projekt gestürzt, und es stand ihm in keiner Weise
der Sinn danach, nach England zurückzukehren. Um sich Sche-
rereien zu ersparen und zugleich seinen Freund zu entlohnen,
bot er Faik großzügigerweise an, als sein mietfreier Pächter auf
Peryford zu wohnen und dort nach Gutdünken zu verfahren.
Das war vor fünf Jahren.
Dann begannen die verhängnisvollen Umbauten, die letztlich
zum Zerwürfnis führten. Es gab eine riesige, aber sehr vernach-
lässigte Bibliothek, die den halben Ostflügel des Herrenhauses
einnahm. Sie wurde nun noch aufgefüllt durch ganze Stapel
von Bänden aus Properts persönlichem Besitz, Bücher, die er
während seiner Reisen erworben hatte und die er nach Hause
zu schicken beschloß, damit er sie bei seiner Rückkehr dort ei-
nes Tages benutzen konnte. Alle Bücher standen unter der Ob-

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hut des Pfarrers – Mr. Laycock, mein Vorgänger –, der sich aufʹs
Katalogisieren verstand.
Faik aber, der nun seinen eigenen Haushalt führte, schmiede-
te bald Pläne, die alte Kapelle, die damals in Ruinen lag, in eine
neue Bibliothek zu verwandeln (eben die, die wir gerade im
Park besichtigt haben) und alle Bücher dort gemeinsam unter-
zubringen. Naja, Sie haben das Gebäude gesehen und können
selbst beurteilen, wie viele Umbauten und Veränderungen er
vorgenommen hat. Ich gebe zu, daß vieles für seinen Plan
sprach. Es war kein Grund vorhanden (außer für einen Archi-
tekturpuristen wie Sie!), die Ruinen des Münsters nicht in die
Restauration einzubeziehen.
Ich habe die genauen Umstände nie erfahren, aber es war of-
fensichtlich, daß mein Vorgänger von Anfang an eine Abnei-
gung gegen Faik hatte. Da war sein barbarischer Umgang mit
den alten Mauerresten; zudem wurde hier natürlich ein ge-
weihtes Gebäude, wie verwahrlost es auch sein mochte, plötz-
lich einem weltlichen Zweck zugeführt. Ich denke, das hat ihm
Kummer bereitet. Jedenfalls hat er sich entschieden gegen den
gesamten Plan ausgesprochen, konnte allerdings nicht verhin-
dern, daß er ausgeführt wurde. Sehen Sie, Laycock war in einer
merkwürdigen Lage. Was die Bücher anging, so trug er allein
die Verantwortung; doch er konnte nicht darauf bestehen, daß
sie im Herrenhaus blieben, wenn Faik sie dort nicht haben woll-
te. Es gab wertvolle Ausgaben und Raritäten – einige davon
noch nicht mal katalogisiert –, und nachdem sie in die neue Bi-
bliothek gebracht worden waren, kamen Gerüchte auf, daß ei-
nige Bände fehlten: In der Tat verschwand ja sogar das Haus-
haltsbuch. Als der Doktor nach England zurückkehrte, spitzte
sich schließlich alles zu, denn er ergriff in jeder Hinsicht für

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meinen Vorgänger Partei. Es gab einen heftigen Streit mit Faik
(wahrscheinlich über die hohen Ausgaben), und er wurde hi-
nausgeworfen. Propert ließ sich selbst hier nieder; der arme
Laycock starb kurz darauf und – nun, jetzt bin ich hier.«
Nachdem der Pfarrer seine Geschichte beendet hatte, dauerte
es eine Weile, bis Courtleigh einen Kommentar abgab. »Hat der
Doktor Sie jemals über das gesamte Ausmaß der Vorwürfe un-
terrichtet, die Mr. Laycock gegen Faik erhob?« fragte er schließ-
lich.
»Nein. Das ist eine Angelegenheit, über die er nicht gern
spricht«, antwortete Sanderton. »Es ging nicht nur um finanzi-
elle Angelegenheiten. Ich nehme an, daß Laycock ihn mit seiner
eigenen Animosität gegen den Rechtsanwalt infiziert hat. Of-
fensichtlich bringt die Sache Dr. Propert immer noch in Rage.
›Wir müssen behutsam vorgehen‹, sagt er oft, wenn wir über
irgendwelche Neuerungen für die Bibliothek sprechen. Seit er
hier ist, hat er sich sichtbar verändert.«
»Inwiefern?« wollte Courtleigh mit einiger Neugier wissen.
»Naja, zum einen«, fuhr Sanderton fort, »hat er seine Reiseno-
tizen und Forschungsunterlagen in den kleinen Raum am Ende
der Empore gebracht; dort arbeitet er tagtäglich, wenn er da-
heim ist. Natürlich ist auf den ersten Blick nichts Ungewöhnli-
ches daran, denn wie Sie wissen, ist der letzte Band seiner Pri-
mitiven Bestattungsriten noch nicht abgeschlossen. Aber der
Doktor hat es sich in den Kopf gesetzt, daß sich Faiks Spione
dort herumtreiben. Es mag absurd klingen, aber er traut diesem
Mann offenbar fast alles zu und behauptet, es gebe hier mehre-
re Bücher, auf die man es abgesehen hätte. Deshalb werden die
erlesensten Stücke auch im Urkundenzimmer aufbewahrt.

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Doch damit nicht genug. Der arme Mann unterbricht immer
wieder seine Arbeit, weil er sich einbildet, er könne die Diebe
tatsächlich hören.
Ich gebe zu, daß die Bibliothek, wie die meisten alten Gebäu-
de, mitunter ihre sonderbaren Geräusche hat; aber der Doktor
läßt sich nicht überzeugen, daß es nur dies ist. Jedenfalls hat er
ein großes Interesse für die Traktarianisten entwickelt – auch
wenn er nie ihre Versammlungen besucht! – und plötzlich die
Idee gehabt, den Andachtsraum einzurichten. Das Gebäude
war lange Zeit die Familienkapelle gewesen, und er meinte, es
sei nur angemessen, dort wieder Gebete zu verrichten. Ich war
davon sehr angetan, weil ich annahm, er wolle die Bibliothek
zumindest teilweise wieder ihrem alten Zweck zuführen. Es
schien mir eine gute Sache, die Alltagsangelegenheiten gele-
gentlich beiseite zu legen, und ich bot mich hocherfreut an, dort
täglich die Morgen- und Abendandacht zu lesen.«
Der Professor lächelte über diesen Anflug geistlichen Eifers,
doch im Dunkel war das nicht zu sehen, und der andere fuhr
fort: »Aber das war es nicht, was Dr. Propert wollte. Ihm stand
der Sinn vielmehr nach einem privaten Andachtsraum, in den
er schlüpfen und wo er seine Gebete sprechen konnte, bevor
und nachdem er sich oben in der Kammer seinen Büchern
widmete. Der Betraum ist, wie Sie festgestellt haben, etwas
wunderlich eingerichtet: Es sind dort verschiedene Stücke alten
Kirchenmobiliars aufgestellt. Ich habe mich allerdings nie son-
derlich wohl darin gefühlt. Nicht zuletzt deshalb, weil er nach
Westen ausgerichtet ist; doch aus irgendeiner Laune heraus
wollte er es so. Die Folge ist, daß ich selten hineingehe, außer
zu bestimmten Heiligenfeiern, mit denen es der Doktor sehr
ernst nimmt.«

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Nach diesen langen Ausführungen ließ der Pfarrer einen
schweren Seufzer heraus wie jemand, der durch sein Halbwis-
sen stark irritiert ist.
»Tja«, sagte Courtleigh schadenfroh, »Sie haben sich da wohl
einer sehr exzentrischen Gesellschaft verschrieben, und ich
werde Sie morgen hier nicht gern zurücklassen! Übrigens, weiß
man etwas darüber, was dieser Faik zur Zeit treibt und wo er
sich aufhält?«
»Bevor er hier auszog«, sagte Sanderton, »hat er ein kleines
Anwesen bei Hengsward, hinter Malton erworben, aber es
heißt, er sei meistens unterwegs. ›Hält sich in London auf‹, das
ist das, was ich immer wieder höre.«
»Hm«, knurrte der Professor, als sie die Tür des Pfarrhauses
erreichten, »ich glaube, je seltener Sie diesen Gentleman sehen,
desto besser für Sie.«

II
Es wurde Herbst, bevor Courtleigh dem Anwesen einen zwei-
ten Besuch abstattete. Während der langen Ferien hatte er zwar
oft an Peryford gedacht, doch war es ihm nicht möglich gewe-
sen, sich auf die Reise zu begeben. Eines Tages jedoch traf ein
Brief von Sanderton ein, in dem es hieß, Dr. Propert wolle über-
raschenderweise statt Oxford nun Durham in seinem Testa-
ment bedenken. Die Nachricht kam völlig unerwartet für
Courtleigh, der sogleich zurückschrieb, um die Motive für den
Sinneswandel zu erfahren. Ich will an dieser Stelle nur die
Grundzüge der Situation darlegen und verzichte auf die Details
des Briefwechsels. Nun denn:

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Es war bereits die Rede von den traktarianischen Sympathien
des Doktors in Religionsangelegenheiten und von seiner Vor-
liebe für Zeremonien. Es erscheint wie eine Ironie des Schick-
sals, daß ausgerechnet diese neuerworbene Frömmigkeit sein
höchstes Lebensziel zunichte machen sollte. Denn jenseits sei-
ner religiösen Neigungen war Dr. Propert ja ein namhafter Ge-
lehrter. Er war Dozent am Carpe Corpus gewesen, und es galt
als offenes Geheimnis, daß seine wertvolle Büchersammlung
eines Tages diesem College zufallen würde. Überdies hielten es
eingeweihte Kreise für eine ausgemachte Sache, daß Propert bei
der nächsten Wahl zum Rektor ernannt würde.
Die Aussicht auf diese Ehrung wäre für den alten Mann in der
Tat die Krönung seiner Laufbahn gewesen und trug mit dazu
bei, daß er nach England zurückkehrte. Sie können sich also
vorstellen, welch ein Schlag es für ihn war, als er erfuhr, daß
man nicht ihn, sondern Cornwick, den Gegenkandidaten, ge-
wählt hatte. Nach einiger Zeit sickerte zudem durch, daß nur
deshalb gegen ihn gestimmt wurde, weil Faik – selbst Dozent
am Carpe Corpus – bösartige Gerüchte gestreut hatte, wonach
Propert ein heimlicher Papist sei.
Zweifellos war dies eine üble Verleumdung, auf die das un-
glückliche Opfer sowohl direkt als auch in den Zeitungen mit
Gegendarstellungen antwortete. Doch wie üblich in solchen
Fällen war es unmöglich, den Anstifter ausfindig zu machen,
und ohnehin war geschehen, was geschehen war. Nachdem er
jeden erdenklichen Rechtsbeistand in Anspruch genommen
hatte, mußte der arme Doktor einsehen, daß er keine Wieder-
gutmachung erwarten durfte. Weniger die Enttäuschung als
vielmehr die Entrüstung über die Hinterlist, der er zum Opfer
gefallen war, nagte fortan an ihm.

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In den Schatten der Verbitterung, der auf seinen Lebensabend
gefallen war, verbrachte der Doktor mehr Zeit denn je bei sei-
nen Büchern in der Kammer auf der Empore oder in dem An-
dachtsraum darunter, gestützt auf die wohlwollenden Dienste
seines Hausgeistlichen, Mr. Sanderton.
Dieser gute Mann nun, Neffe eines der Domherren von Dur-
ham, hatte immer schon ein lebhaftes Interesse für die neue:
Universität gehegt, die sich damals im Norden zu etablieren
begann. Aus diesem Zusammenhang war auch seine Freund-
schaft zu Courtleigh erwachsen. Gemeinsam hatten sie eine Li-
ste von Werken zusammengestellt, die sie als unerläßliches
Lehrmaterial für die Studenten in den Proseminaren erachteten;
überdies hatte Sanderton ein paar seiner eigenen Bücher der
Universität zum Geschenk gemacht. Nur durch Zufall hatte Dr.
Propert davon im Gespräch mit seinem Geistlichen erfahren,
denn es wäre Sanderton zuwider gewesen, seine eigene Schen-
kung anzupreisen oder sie als vorbildlich für andere darzustel-
len. Doch kaum hatte er die Entdeckung gemacht, da rührte
den alten Sammler die Hingabe des ja ebenfalls unvermählten
Geistlichen für jenes im Verborgenen keimende Projekt. Kurz
darauf begann er selbst – durch seine Verbitterung auch der
letzten Zuneigung für sein altes College beraubt – ein wach-
sendes Interesse an dem zu nehmen, was er humorvoll ›das
kleine arme Oxford des Nordens‹ nannte.
Mr. Sanderton war teils erfreut, teils bestürzt darüber, wie
schnell das Feuer frischen Elans die ganze Aufmerksamkeit sei-
nes Gönners verschlang. Nichts konnte seinen Eifer bezähmen.
Die leichten gesundheitlichen Beschwerden, die er im Sommer
hatte, führten nicht etwa zur Abschwächung, sondern zur Be-
schleunigung seiner wohltätigen Pläne, so daß es dem kleinen

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Geistlichen den Atem verschlug. Gerüchte erreichten Oxford,
daß die Propert-Bücher nun höchstwahrscheinlich nach Dur-
ham gehen würden, daß der Doktor sichtbar altere und daß
einer der Professoren aus dem Norden sogar nach Peryford
eingeladen worden sei, um eine Anzahl von Bänden auszuwäh-
len, die vorab umgelagert werden sollten.
Dem war in der Tat so, und eben dies war der Anlaß, daß
Courtleigh im Oktober zum zweiten Mal in Peryford Priory
weilte.
Sanderton drängte ihn sogleich zu einem Treffen mit dem
Doktor, und die drei führten eine eingehende, sehr angenehme
Unterredung. Man kam überein, am nächsten Tag eine rechtli-
che Vereinbarung vorzubereiten und zugleich die Buchbestän-
de durchzusehen. Am folgenden Morgen waren sie eifrig in der
Bibliothek beschäftigt; und am Nachmittag kam der Anwalt des
Doktors aus York herüber, um mit ihnen die Formalitäten zu
besprechen. So wäre es also ohnehin ein denkwürdiger Tag
geworden, doch wurde es dies um so mehr durch einen uner-
warteten Eindringling.
Denn niemand anders als Faik besaß die Frechheit, sich in Pe-
ryford blicken zu lassen! Er kam ungeladen und ohne Voran-
kündigung. Ob er sich vormachte, daß Propert nichts von sei-
ner niederträchtigen Einmischung in die College-Wahlen ahnte,
oder ob er letztlich auf das gütige Wesen seines alten Freundes
zählte und dachte, neuerlich Aufnahme bei ihm zu finden, muß
offen bleiben. Vielleicht ging er auch einfach nur von der ordi-
nären Vermutung aus, er könnte mit Geld und einem konkreten
Angebot letztlich zu seinem Ziel gelangen.

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Jedenfalls hatte er, bewußt oder unbewußt, einen kritischen
Augenblick für sein Erscheinen gewählt. In der großen Biblio-
thek herrschte ungewöhnliches Leben und Treiben. Die rechtli-
chen Angelegenheiten waren erledigt, und der Doktor, begleitet
von Courtleigh, beaufsichtigte die Arbeit des Schreiners Hook
und zwei älterer Gehilfen, die ein paar schwere Bände zum Ur-
kundenzimmer hinüberschafften, während sich Sanderton mit
dem Rechtsanwalt neben der Treppe zur Empore unterhielt. In
diesem Augenblick öffnete der Diener die Tür und führte den
ungebetenen Gast herein.
Sogleich hing eine elektrische Spannung in der Luft. Der Pfar-
rer, der am nächsten zur Tür stand, deutete eine steife Verbeu-
gung an; Courtleigh und der Anwalt schauten mit einiger
Überraschung auf; der Doktor aber empfing den früheren
Freund mit einem vernichtenden Blick.
»Guten Tag, Propert«, rief der Eindringling mit vorgespielter
Freundlichkeit. »Tut mir leid, daß ich Sie überfalle. Sie scheinen
beschäftigt zu sein!«
»Professor Courtleigh ist auf meine Einladung hin hier, es
geht um ein paar Bücher. Darf ich fragen, was Sie herführt?«
entgegnete Propert kalt.
»Ach«, sagte Faik in höflichem Ton, »ich habe von Ihrem In-
teresse an Durham gehört. Doch Sie haben Pflichten gegenüber
Ihrem alten College, wie Sie wissen. Ich bin mir sicher, Sie ha-
ben das trotz des unglückseligen kleinen Vorfalls nicht verges-
sen.«
»Mr. Faik«, antwortete der Doktor, »worum geht es?«

-465-
Es sah alles nach einem heftigen Wortwechsel aus, und Hook
und seine Gehilfen schlichen sich auf einen Wink des Pfarrers
hin auf Zehenspitzen davon.
»Wenn Sie denn ohne Umschweife zur Sache kommen wol-
len, Dr. Propert«, fuhr Faik jetzt energischer fort, »ich wurde
vom Rektor und den Dozenten von Carpe Corpus dazu auser-
sehen, Ihnen ein Kaufangebot für die gesamte Büchersamm-
lung zu unterbreiten.«
»Ich habe keine Bücher zu verkaufen«, antwortete der Doktor
knapp, fügte dann aber, von Gefühlen übermannt, mit zittriger
Stimme hinzu: »Das College hätte sie als Geschenk erhalten –
doch weil es so bereitwillig auf Lumpen hört, die ehrbare Män-
ner verleumden, habe ich beschlossen, Sir, meine bescheidene
Kollektion einem bedürftigeren und, wie ich hoffe, dankbareren
Institut in die Hände zu legen.«
»Ein überaus bedauerlicher Schritt«, murmelte Faik mit Un-
behagen, »doch es ist immer noch Zeit für einen Kompromiß.
Mit Befugnis des College kann ich Ihnen zehntausend Pfund
für den Hauptteil der Werke anbieten, vorausgesetzt, daß ganz
bestimmte Bände darunter sind.«
Der Doktor schwieg. Faik deutete die Reaktion falsch und
nutzte die Gelegenheit, um weiter zu drängen: »Zehntausend
Pfund sind eine beachtliche Summe. Damit könnte man viel
zum Wohle einer anderen Institution tun«, bekräftigte er und
blickte vielsagend auf den Professor. »Zudem würden die Be-
dingungen nicht ausschließen, daß eine ganze Anzahl bedeu-
tender Werke in andere Hände gelangten.«
Er hielt inne und sah jetzt zuversichtlicher aus. Der Doktor
entgegnete ruhig: »Vielleicht wird uns Mr. Bates zum Lese-

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zimmer geleiten, ich möchte, daß Sie alle mitkommen, meine
Herren.«
Sie stiegen hinter dem Rechtsanwalt die Treppe hinauf und
folgten ihm zu dem abgeteilten Raum am Ende der Empore.
»Und jetzt«, sagte der Doktor, »hätten Sie, Mr. Bates, wohl die
Güte, uns im Beisein von Mr. Faik den Wortlaut meines Testa-
ments vorzulesen, den Sie gerade erst beglaubigt haben – den
Teil, der sich auf die Bücher bezieht?«
Der Anwalt öffnete noch einmal die Dokumentenschatulle,
las, nachdem er die Stelle in den Unterlagen gefunden hatte, die
relevanten Passagen vor und wiederholte den entscheidenden
Satz: »… und vermache den Nachlaß aller Bücher, Manuskrip-
te, Inkunabeln, Urkunden, Traktate oder Pamphlete, die sich in
der vorgenannten Refektoriumsbibliothek befinden oder dort-
hin gehören… der Universität von Durham…«
»Ich hoffe, Mr. Faik«, sagte der Doktor nach einer Pause feier-
lich, »Ihre Vorschläge sind damit ein für allemal beantwortet.«
Schwer getroffen stand Faik da. Und doch hatte er immer noch
nicht aufgegeben.
»Das ist eine äußerst beklagenswerte Entscheidung, Dr.
Propert«, sagte er bedrückt, »doch ich werde dem College ihre
Antwort übermitteln.« Er hielt inne, pochte gegen einen der
Eichenschränke und sah dann auf, um hinzuzufügen: »Ich hätte
nur noch eine Bitte oder ein Angebot vorzutragen, dieses Mal
ein persönliches in eigener Sache.
Es gab«, fuhr er fort, »in dieser Bibliothek ein gewisses Haus-
haltsbuch von Peryford Priory, das mich stets stark interessiert
hat. Daß es als ein Dokument des fünfzehnten Jahrhunderts
großen Wert besitzt, ist mir durchaus bewußt. Ich wünsche es

-467-
auch keineswegs aus purer Gefälligkeit zu erhalten. Ich bin, das
sage ich als Sammler, von diesem Band besonders angetan.
Darf ich Ihnen hiermit fünfhundert Pfund dafür bieten?«
Courtleigh und die anderen blickten sogleich den Doktor an.
»Sir«, antwortete der alte Herr mit einem leichten Anflug dü-
sterer Ironie, »ich hörte bereits von Mr. Sandertons Vorgänger,
welches Interesse Sie für dieses… sagen wir… obskure Buch
hegen. Doch Tatsache ist, daß wir – ohne (auf meinen Wunsch
hin) seinen Inhalt näher zu prüfen – über das fragliche Buch
erst vor einer Stunde eine besondere Verfügung getroffen ha-
ben.«
Er drehte sich um, um neben sich einen Schrank zu öffnen,
und zog ein altes kalbsledergebundenes Buch hervor.
»Man hat seine Bedeutung allerdings noch kaum erkannt«,
fuhr er nachdenklich fort, während er es in den Händen wog.
Dann räusperte er sich und schlug einen anderen Ton an, so als
würde er eine feierliche Rede halten. »Doch um seinen Inhalt
allgemein verfügbar und in ganzem Umfang verständlich zu
machen – denn lassen Sie mich offen sein und eingestehen, daß
es einige scheinbar sinnlose Einträge enthält –, habe ich Profes-
sor Courtleigh gebeten, eine kommentierte Edition herauszuge-
ben und ein Vorwort zu verfassen, das auch auf meine Biogra-
phie eingeht. Das Ganze soll also, wie Sie sehen, eine Art Ge-
denkband werden. Denn in meiner Eitelkeit möchte ich der
Welt mitteilen, wie sehr dieses kleine Buch meine eigenen un-
bedeutenden Geschicke beeinflußt hat; und ich denke, die Ent-
hüllungen werden in akademischen Kreisen auf Interesse sto-
ßen. Mit Sicherheit werden sie hinreichend erklären, warum
sich meine Einstellung gegenüber meinem alten College ge-

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wandelt hat. Mit dem Einverständnis der Verantwortlichen von
Durham hat Professor Courtleigh dem Vorhaben bereitwillig
zugestimmt – und übrigens ist verfügt worden, daß alle meine
Bücher sofort nach Veröffentlichung dieser Gedächtnisausgabe
der Universität zufallen.«
Faik war sichtlich verstört. Der Doktor jedoch, der das Buch
mitnahm und nun vor den anderen wieder die Treppe hinun-
terging, verfolgte das Thema, offensichtlich an Faik adressiert,
mit einer gewissen Boshaftigkeit weiter:
»Freilich fürchte ich, daß Sie selbst wie auch andere, die sich
mit Gewinn dem Studium dieser Publikation widmen möchten,
noch ein Weilchen warten müssen, denn ich wünsche nicht, daß
das Werk schon zu meinen Lebzeiten erscheint. Wahrscheinlich
müssen Sie ja nicht lange warten; doch bis ich nicht mehr bin,
soll die ganze Angelegenheit ruhen. Zu gegebener Zeit wird
der Professor am Ende des Haushaltsbuchs kurz und prägnant
die Fakten bezeugt finden, die er zu berücksichtigen hat – ne-
ben einigen Seltsamkeiten, die ich selbst lange Zeit nicht ver-
standen habe und deren genaue Bedeutung ich wahrscheinlich
niemals ganz begreifen werde – wenngleich ich (wie Sie dann
meinen Kommentaren werden entnehmen können) bei der Ent-
schlüsselung der Rätsel einige Fortschritte gemacht habe. Ja,
ja…«
Was immer diese letzten Bemerkungen zu bedeuten hatten –
vier Gesichter glühten fast vor Neugier –, der Doktor ver-
stummte nun und verfiel in stilles Grübeln. Dann richtete er
sich straff auf und fügte in einem anderen Ton hinzu: »Morgen
wollen wir den Band an einem besonderen Ort deponieren und
versiegeln, doch für heute nacht dürfte er im Urkundenzimmer
sicher genug untergebracht sein.«
-469-
Er hatte sich inzwischen wieder zum Ansatz der Steintreppe
auf der anderen Seite der Bibliothek bewegt. Eine Minute später
war er oben, verstaute das Buch irgendwo im Urkundenzim-
mer und verschloß die schwere Tür.
»Ich glaube nicht, meine Herren«, bemerkte er, als er sich
wieder zu den anderen gesellte, »daß wir uns hier noch länger
aufhalten müssen.«
Der Auftritt war zu Ende. Faik, an dem Ärger und Aufregung
zerrten, machte sich hastig davon, als Propert mit einem merk-
würdigen Lächeln bedeutungsvoll an der Eingangstür stand.
Kaum war der Eindringling gegangen, da ließ es der Doktor
sich nicht nehmen, die Tür persönlich zu versperren, und
schloß dann zu seinen Freunden auf, die sich in heller Aufre-
gung auf dem Weg zum Herrenhaus befanden. Der Gong läute-
te zum Abendessen, als sie in der hereinbrechenden Dunkelheit
den Park und die heißbegehrte Bibliothek verließen.

Es sollte diesem 17. Oktober eine sehr denkwürdige Nacht fol-


gen. Ein schwerer Sturm blies, und die Bäume rings um das alte
Haus schwankten heftig, als sich Dr. Propert, sein Hausgeistli-
cher und der Professor nach dem Abendessen ins Raucherzim-
mer zurückzogen.
Das Gespräch war wieder auf Faik und seinen unerwarteten
Besuch gekommen, und der Doktor ließ sich sein Frohlocken
darüber anmerken, daß das Abkommen mit Durham an einem
Tag zum Abschluß gelangt war, der so trefflich dazu gereichte,
seinem Feind einen Strich durch die Rechnung zu machen. Ge-
wiß hat selten jemand den alten Herrn in so unverhohlener
Hochstimmung erleben können.

-470-
Vielleicht war die Aufregung dieses Tages zuviel für ihn ge-
wesen. Jedenfalls nahm Mr. Sanderton mit Sorge den fieberhaf-
ten Gesichtsausdruck seines Gönners wahr und schlug ihm vor,
sich früh ins Bett zu begeben. Doch der Doktor wischte alle
Warnungen beiseite, so sehr beschäftigte ihn im Gespräch mit
Courtleigh die Veröffentlichung der Memoiren, die eines Tages
das Bild, das man sich von ihm machte, zurechtrücken sollten.
Neuer Wein wurde geordert, und die beiden Gäste machten es
sich bequem, um zu hören, was ihnen ihr Gastgeber über Faik
und seine Machenschaften anvertrauen würde.
Courtleigh hatte seiner Verwunderung Ausdruck verliehen,
mit welcher Zurückhaltung der Doktor am Nachmittag über
den Inhalt des Haushaltsbuchs gesprochen hatte, das, wie er mit
amüsiertem Achselzucken anmerkte, bislang leider weder San-
derton noch er hatten einsehen können.
Propert dachte eine Weile schweigend über die Anspielung
nach. Dann sagte er: »Ja, es ist wohl an der Zeit, daß ich Sie bei-
de in das Geheimnis einweihe, vor allem nach dem heutigen
Vertragsschluß. Ich mußte in Gegenwart von Faik zweideutig
bleiben, denn obwohl ich mir sicher bin, daß er alles über die
Notizen wußte, von denen ich sprach, wollte ich nicht, daß er
einen Beweis von mir verlangte. Sehen Sie«, fügte er hinzu und
neigte den Kopf, »man muß vorsichtig sein, wenn man jeman-
den gewisser Dinge beschuldigt.«
»Der Inhalt des Buches«, fuhr er fort, »der ursprüngliche In-
halt, ist recht alltäglich; Aufzeichnungen über Ausgaben, Ver-
zeichnisse zum Inventar und zu Lagerbeständen, Rechnungen
des Kellermeisters und dergleichen, was man eben von einem
noblen Anwesen des fünfzehnten Jahrhunderts erwartet. Doch
es gibt auch spätere Einträge; seltsame Rezepte – einige davon
-471-
ziemlich barbarisch –, Sprichwörter und Wetterregeln. Auch
das nicht sonderlich überraschend. Eingestreut finden sich
zahlreiche Ausführungen (einige davon vor nicht allzu langer
Zeit geschrieben), die mir zunächst als weitschweifiger Unsinn
erschienen. Kürzlich habe ich jedoch angefangen, die Bedeu-
tung zu begreifen. Ich möchte Ihnen meine Schlüsse jetzt noch
nicht mitteilen, doch wir wollen morgen noch einmal hinunter
zur Bibliothek gehen, und Sie können sich das Buch dann selbst
anschauen.«
Seine Zuhörer tappten also weiterhin im Dunkel, doch blieb
ihnen nichts übrig, als es hinzunehmen. »Ich sollte erwähnen«,
fügte Propert hinzu, »daß es erst Mr. Laycocks Argwohn war,
der mich auf die Fährte brachte. Er war ein ebenso guter wie
scharfsinniger Mann, auch wenn mir seine Vermutungen an-
fangs absurd erschienen. Die ganze Angelegenheit ist bemer-
kenswert tiefgründig und kompliziert, und ohne meinen lieben
Freund – der sich ein gehöriges Stück in die Abgründe gottloser
Lehren vorgewagt hatte – stünden wir heute womöglich viel
schlechter da. Und nun habe ich, bevor etwas an die Öffentlich-
keit gelangt, Faik die Gelegenheit gegeben, seine, eh, nun, seine
Schuld zu beweisen!«
»Aber ich nahm an«, warf Courtleigh vorsichtig ein, »daß Mr.
Laycock genügend Beweise hatte. Waren denn nicht einige Bü-
cher verschwunden?«
»Ja, ja«, pflichtete der Doktor bei. »Doch es war nicht die An-
zahl, sondern die Art der Bücher, die ihn stutzig werden ließ.
Andererseits wurden, unabhängig von den Bänden, die fehlten,
einige ungewöhnliche Bücher in den Beständen gefunden.«

-472-
»Sie meinen Werke von atheistischem und blasphemischem
Charakter?« warf der Pfarrer in traurigem Tonfall ein.
»Etwas in der Art«, antwortete Propert mit einer gewissen
Zurückhaltung und stand auf. »Wir haben es mit einer höchst
unerfreulichen Angelegenheit zu tun, bei der zudem äußerste
Vorsicht walten muß. Als erstes will ich Ihnen einen alten Psal-
ter zeigen – nein, ich möchte ihn nicht holen lassen. Ich verwah-
re ihn gewöhnlich im Andachtsraum, habe ihn heute abend
jedoch mitgebracht und in mein Ankleidezimmer gelegt. Nein,
danke, selbst Perkins wird ihn dort nicht finden. Ich bin in einer
Minute zurück.«
Mit diesen Worten schlurfte er aus dem Zimmer, während
Sanderton seinen Freund besorgt ansah und den Kopf schüttel-
te.
»All das klingt sehr beunruhigend«, murmelte er. »Ich hasse
lästerliche Schriften, aber mir scheint, der Doktor mißt Faiks
Umtrieben zu große Bedeutung bei. Diebstahl ist ein klar um-
rissenes Delikt: Warum es nicht dabei belassen und auf all die
dunklen Andeutungen und Vorsichtsmaßnahmen verzichten?«
»Das ist eigentlich auch meine Ansicht«, sagte Courtleigh,
»doch offenbar ist er etwas Wichtigem auf der Spur. Faik mag
ein Krimineller sein oder auch nicht, jedenfalls ist er nicht der
Typus, der sich mit einem simplen Einbruchdiebstahl zufrieden
gibt.«
»Was meinen Sie damit?« fragte der Pfarrer verdutzt.
»Erpressung? Pornographie? Hochverrat? Ach, ich weiß es
nicht«, antwortete der Professor achselzuckend. »Wir werden
es bald wissen. Wenn der Doktor zurückkommt, möchte ich
ihm geradeheraus ein oder zwei Fragen stellen.«

-473-
Der Doktor blieb jedoch lange Zeit fort. Die beiden Männer
hörten ihn eine Tür im oberen Stockwerk öffnen, doch danach
war es abgesehen vom Ticken einer alten Uhr völlig still im
Haus. Sanderton ging hinaus in den Flur, um dort zu horchen.
»Dr. Propert, sind Sie wohlauf?« rief er schließlich und stieg
die Treppe hinauf.
Er betrat das Schlafzimmer und fand dort im Schein seiner
Kerze den alten Mann; er war über einer Eichentruhe am Fen-
ster zusammengebrochen. Die Vorhänge waren aufgezogen, als
hätte er hinausgeschaut. Als Sanderton ihm auf die Beine half
und zum Bett führte, stammelten die Lippen des Doktors et-
was, das nach einem Psalmvers klang; doch er war kaum bis
zum Gloria Patri gekommen, als er in den Armen seines treuen
Hauspfarrers starb.
Courtleigh und der Diener waren inzwischen auf Sandertons
Rufe hin oben angelangt. Weitere Kerzen wurden gebracht,
doch als sich Perkins daranmachte, die Vorhänge wieder zuzu-
ziehen, rief er: »Gott bewahre uns, Mr. Sanderton, da ist jemand
drüben in der Bibliothek. Ich sah, wie das große Fenster hell
erleuchtet war, in allen Farben, wie von einer Laterne. Es war
ein einziger Blitz, Sir, aber jetzt ist alles wieder dunkel.«
Auch Courtleigh hatte das Licht gesehen. Ob es auf Diebe
oder Feuer hindeutete, wußte er nicht, doch in jedem Fall ver-
hieß es nichts Gutes. Er ließ Perkins und Mr. Sanderton bei dem
Toten zurück, rannte die Treppe hinunter, sandte einen Dienst-
boten zum Pförtnerhaus, der dem Gärtner auftragen sollte, den
Eingang zu bewachen, und begab sich selbst mit dem Schreiner
Hook zur Bibliothek hinüber, um zuzugreifen, sollte sich dort
jemand aufhalten.

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Irgend jemand war mit Sicherheit in dem Gebäude gewesen,
seit der Doktor am Nachmittag abgeschlossen hatte. Die Tür
war geöffnet worden und stand einen Spaltbreit auf. Der reso-
lute Wissenschaftler nahm Hook die Lampe aus der Hand, bat
ihn, Wache zu stehen, und ging, seinen Stock grimmig erhoben,
nachschauen.
Totenstille herrschte im Innern, wo er zunächst auf das Ur-
kundenzimmer oben zuhielt und die Klinke der schweren Ei-
chentür drückte. Mit erleichtertem Brummen stellte er fest, daß
die Tür verschlossen war. Als nächstes suchte er die Empore ab.
Drohend huschten die Schatten, während die Strahlen der La-
terne über die hölzernen Trennwände in das Arbeitszimmer
und den Andachtsraum darunter fielen. Doch es deutete nichts
auf einen Eindringling hin. Nach ein paar Minuten, als die Ge-
fahr einer Begegnung schwand, klang Hooks Stimme bereits
nicht mehr so angstvoll gedämpft, und er wurde geradezu hei-
ter, als der Professor die Suche aufgab und sich wieder zu ihm
gesellte.
Wie es der Zufall jedoch wollte, schwang die Tür plötzlich
auf, und ein Windstoß schlug Courtleigh die Laterne aus der
Hand.
»Zum Teufel!« schimpfte er in einem Ton, der so gar nicht
nach ihm klang, und suchte nach einem Streichholz, während
totes Laub gegen sein Gesicht stob.
»Glauben Sie, daß jemand das getan hat, um uns zu entwi-
schen, Sir?« fragte der alte Diener, nun wieder verdrossen.
»Das war selbstverständlich der Wind«, entgegnete der Pro-
fessor kurz angebunden. »Was stellen Sie so dumme Fragen?«

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»Naja, als die Lampe ausging, war mir, als hätte ich jemanden
an Ihnen vorbeihuschen sehen – zumindest ein Gesicht. Aber
bestimmt habe ich mir das nur eingebildet, Sir«, murmelte
Hook kleinlaut.
»Ein Gesicht! Was denn für ein Gesicht?« bellte Courtleigh mit
herausforderndem Hohn, als sie zurück zum Haus gingen und
dort auf die anderen trafen, die ebenfalls von der Suche zu-
rückkehrten.
»Irgend jemanden gesehen?« rief er, als sie gemeinsam die
Treppe erreichten. »Keine Menschenseele«, antwortete der un-
erschütterliche Gärtner, »außer Lizzie, die denkt, sie hat Mr.
Faik gesehen, wie er, du liebe Güte, hinter ʹnem Busch ver-
schwindet. Sieht wohl schon alles doppelt, wenn Sie mich fra-
gen. Ich kann nur sagen – in dem Park hier ist kein Mensch, Sir,
das heißt, außer den Anwesenden.«
»Danke, Jennings«, antwortete der Professor. »Scheint falscher
Alarm gewesen zu sein; zumindest ist keinerlei Schaden ange-
richtet worden. Wir sollten wohl alle lieber zu Bett gehen.«
Als die Versammelten zurück ins Haus gingen, hörten sie
Hook murmeln: »Faik! Heiliger Strohsack, das war das Gesicht.
Habʹs erst gar nicht zusammengekriegt. Natürlich, das war er –
entweder er oder sein Geist.«

Sobald am nächsten Tag die Vorkehrungen für Dr. Properts


Beerdigung getroffen waren, gingen Mr. Sanderton und der
Professor zur Bibliothek hinüber, um eine gründliche Untersu-
chung bei Tageslicht vorzunehmen. Das Schloß an der großen
Tür – dem einzigen Zugang – war nicht gewaltsam aufgebro-
chen worden, der Schlüssel steckte noch. Entweder war er aus

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dem Haus entwendet worden, oder der Doktor hatte ihn dort
vergessen, als er abgeschlossen hatte. Welche der beiden Mög-
lichkeiten zutraf, würde wohl nie jemand erfahren. Die Tür
zum Urkundenzimmer war immer noch verschlossen und ließ
keinerlei Anzeichen eines gewaltsamen Eindringens erkennen.
Doch als der Pfarrer sie öffnete und eintrat, breitete sich bald
fieberhafte Aufregung aus. Zuerst konnten sie es gar nicht
glauben, doch eine rasche Suche überzeugte sie beide davon,
daß das Haushaltsbuch verschwunden war. Alle anderen Werke
standen an ihrem Platz; doch wie sehr sie auch suchten, der
wunderliche alte Foliant, von dem soviel abhing, war nirgends
zu finden.
Courtleigh war geradezu am Boden zerstört. »Das bedeutet
Abschied nehmen von dem ganzen Vermächtnis«, stöhnte er
mit bitterem Lachen. Er ging eine Weile stumm auf und ab und
hielt dann mit einer aufkeimenden Erkenntnis inne. »Hook hat-
te recht!« rief er. »Es muß Faik gewesen sein. Lassen Sie mich
zum Rechtsanwalt gehen, er soll seine gerechte Strafe bekom-
men, gleichgültig, was es kostet.«
Sanderton hätte ihm am liebsten zugestimmt, doch wie Faik
so einfach in das Verschlußzimmer hinein und wieder hinaus
gelangen konnte, lag jenseits seiner Vorstellungskraft, denn
außer der Tür gab es keinen Zugang. Courtleigh war indes völ-
lig überzeugt, daß der Schuft einen Zweitschlüssel besaß. Doch
dem Pfarrer blieb schleierhaft, wie er sich den beschafft haben
sollte, da es sich um ein kompliziertes Schloß handelte, das erst
kürzlich auf eine Sonderbestellung des Doktors hin angefertigt
worden war. Ein Einstieg durch das Fenster war ausgeschlos-
sen: Der eine kleine Lanzettbogen mit seinen bleigefaßten

-477-
Scheiben war unangetastet. Kurzum, das Geheimnis war durch
keine der vorgetragenen Vermutungen zu lösen.
Und auch mit der Zeit änderte sich daran nichts. Die Dinge
stellten sich komplizierter dar denn je, als klar wurde, daß die
Suche nach Faik ergebnislos blieb. Außer den von Courtleigh
beauftragten Rechtsvertretern hatte auch die Schwester des
Mannes – Miss Hariett Faik aus Hengsward – weitreichende
Nachforschungen veranlaßt, um ihn zu finden. Die Polizei
stand genauso vor einem Rätsel.
Nachdem Wochen und Monate vergangen waren, ohne daß
jemand den Vermißten seit dem 17. Oktober tot oder lebendig
gesehen hatte, ließ sogar das Interesse der Zeitungen an dem
›geheimnisvollen Verschwinden eines pensionierten Rechtsan-
walts‹ nach; Edgar Faik galt fortan für tot.
Natürlich unternahmen die Verantwortlichen von Durham
jede Anstrengung, den Nachlaß für die Universität zu sichern.
Doch kein Gesuch, wie begründet es auch sein mochte, konnte
entkräften, daß die vorausbestimmten Empfänger nicht in der
Lage waren, die von Dr. Propert verfügten Bedingungen zu
erfüllen. Da das Haushaltsbuch nun einmal verschwunden war,
waren alle Verhandlungen zum Scheitern verurteilt; und eine
der glänzendsten Privatbibliotheken des Landes blieb ohne
rechtmäßigen Erben.

III
Es war wieder Oktober geworden, ein Jahr vergangen seit Pro-
perts Tod, und Courtleigh (gerade von einer längeren For-
schungsreise nach Sizilien zurückgekehrt) hatte Peryford schon

-478-
fast vergessen, als er einen Brief von Sanderton erhielt, der ihm
mitteilte, daß Sir Leslie Marlop, der als Bankier in Indien tätig
gewesen war, Peryford Priory gepachtet habe und dort einzie-
hen wolle.
Eine ortsansässige Firma hatte das Haus neu möbliert, und
die meisten der früheren Dienstboten hatten sich wieder einge-
funden und warteten auf den neuen Hausherren. Die verlasse-
ne Stätte erwachte zu neuem Leben. Doch die schönste Nach-
richt in dem Brief war Sandertons frohe Erklärung, daß Sir Les-
lie von dem nicht vollzogenen Vermächtnis erfahren habe und
einen Weg zu finden trachtete, Durham die Bücher wenigstens
leihweise zu überlassen. Aus diesem Grund sei Courtleigh ein-
geladen, mit ihm und dem Pfarrer am nächsten Dienstag in Pe-
ryford zu Mittag zu essen.
Das Semester hatte gerade begonnen, und dem Professor blieb
nach seiner langen Abwesenheit wenig freie Zeit. Dennoch be-
schloß er, Sir Leslie nicht zu enttäuschen, sondern seine Lehr-
verpflichtungen zurückzustellen und am Dienstag nach Pery-
ford zu reisen. Er antwortete dementsprechend, und die Sache
war beschlossen.
Am Samstag machte Sanderton jedoch eine Entdeckung, die
der Angelegenheit noch zusätzliches Gewicht verschaffte. Er
war in einer alten Ausgabe der Yorkshire Post auf eine Anzeige
gestoßen, die er zuvor übersehen hatte: »Betrifft: Nachlaß der
verstorbenen Miss Hariett Faik.« Sie war, wie es schien, in Lon-
don gestorben, und nun sollte in Hengsward der Verkauf ihrer
Besitztümer stattfinden. Was den Pfarrer aber vor allem aufhor-
chen ließ, war die Notiz: »Diverse Bücher und Papiere des ver-
storbenen Herrn E. Faik, F. S. A.«

-479-
Es war nicht mehr viel Zeit zu verlieren, denn der Verkauf
war für Montag angesetzt, dem Tag vor der Verabredung mit
Sir Leslie. Sanderton beschloß, sich auf alle Fälle die ›diversen
Bücher‹ anzusehen, schrieb Courtleigh die Neuigkeit und gab
seiner Hoffnung Ausdruck, bei dem Treffen am Dienstag viel-
leicht etwas berichten zu können. So gehörte denn am Morgen
des Versteigerungstermins ein hoffnungsfroh dreinblickender
Geistlicher zu den im Black Bull in Hengsward Versammelten.
Doch der Auktionator sprach gleich einleitend sein Bedauern
aus, daß gewisse Stücke, darunter die Bücher, nicht mehr zum
Verkauf stünden, da eine Londoner Firma sie vorab nach einer
Privatvereinbarung erworben habe. Sanderton war am Boden
zerstört; doch da er nun einmal da war, beschloß er, noch eine
Weile zu bleiben, um zu sehen, welche Gegenstände sonst noch
angeboten würden. Und er hatte es nicht zu bereuen, denn ge-
gen das Gebot von nur einer halben Guinee erhielt er den Zu-
schlag für einen Stoß alter Notenblätter aus Miss Faiks Besitz,
darunter Motetten und Madrigale der Tudor-Zeit. Letztlich
blieb die Versteigerung interessant genug, um ihn bis zur Mit-
tagspause zu fesseln. Nachdem die Bieter und Schaulustigen
sich zerstreut hatten, überzeugte ihn dann ein Gang entlang der
verbliebenen Stücke, daß es keinen Anlaß gab, die Fortsetzung
der Versteigerung abzuwarten. Er hatte eine Einladung zum
Mittagessen bei einem alten Gemeindemitglied, das vor kurzem
eine Farm im Hengsward-Distrikt erworben hatte und ihm das
Anwesen zeigen wollte.
Der Pfarrer verließ den Innenhof, um nach seinem Freund
Ausschau zu halten, als er auf einen Händler aufmerksam
wurde – vielleicht aus York oder Harrogate –, der mit einem
Stapel ungerahmter Bilder und Stiche beschäftigt war. Der

-480-
Mann prüfte hastig die erworbenen Stücke und reichte die mei-
sten davon geringschätzig einem kleinen alten Mann weiter,
der sie mit dankbarem Eifer aufeinanderhäufte. Als Sanderton
sich näherte, unterzog der Kenner seine Trophäen – einige
Mezzotinti und vier oder fünf Kupferstiche – einer letzten Prü-
fung, ließ sie in eine Mappe gleiten und schritt davon.
»Na, Hook, so kommt man wohl an die Reste der Löwen-
mahlzeit? Oder sollten wir das eher Fallobst nennen?« sprach
der Pfarrer den alten Schreiner nachsichtig an. Ȇbrigens, ha-
ben Sie Mr. Eiders heute morgen schon gesehen?«
»Ach, guten Morgen, Sir!« rief Hook aus, als er vom Verpak-
ken der neuerworbenen Sammlung aufblickte. »Mr. Eiders? Das
war doch der Kirchenvorsteher in Peryford, oder? Nein, Herr
Pfarrer, den habʹ ich noch nicht gesehen.«
»Es war so gut wie abgemacht, daß wir uns hier treffen – so-
fern es seiner Frau nicht noch schlechter geht, der Ärmsten. Je-
denfalls werde ich eine Weile warten«, sagte Mr. Sanderton und
stellte sein Päckchen mit den Noten auf der Bank ab. »Und was
führt Sie heute hierher?«
»Sentimentale Gründe würden Sie das wohl nennen, Sir«,
antwortete der Schreiner. »Ich hab hier mal für Mr. Faik gear-
beitet.«
»Tatsächlich?« antwortete der Pfarrer. »Ich dachte, Sie hätten
immer in Peryford gewohnt. Ich weiß, daß Sie uns im letzten
Jahr mit der Bibliothek geholfen haben, kurz bevor Dr. Propert
starb, aber wenn ich jetzt darüber nachdenke, habe ich Sie in
der Zeit davor tatsächlich nicht gesehen.«
»Naja, sehen Sie, ich habʹ…«, begann Hook, doch in diesem
Augenblick jagte ein Einspänner am Eingang zum Hof vorbei.

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»Entschuldigen Sie. War das Mr. Eiders, der da gerade vor-
beikam?« unterbrach ihn der Pfarrer, der zusammenfuhr.
»Wahrscheinlich hat er drinnen auf mich gewartet und dann
angenommen, ich käme nicht.«
Hook rannte nach draußen, um nachzusehen, und nachdem
er laut die High Street hinuntergeschrien hatte, kehrte er zu-
rück und nickte. »Ja, Sir, er istʹs. Hat gerade angehalten.«
Mr. Sanderton griff eilends nach seinem Päckchen, verließ den
Hof und stieg zu seinem alten Kirchenvorsteher in den Wagen.
Als sich der Einspänner wieder in Bewegung setzte, rief er:
»Danke, Hook. Schauen Sie doch gelegentlich im Pfarrhaus
vorbei, damit wir unser kleines Gespräch fortsetzen können.«
Was auf der Beckside Farm geschah, ist für uns nicht weiter
von Belang. Es sei hier lediglich festgehalten, daß sich Mrs. Ei-
ders ausreichend erholt hatte, um ein Mahl zuzubereiten, das
der Frau eines Kirchenvorstehers würdig war; daß Eiders
selbst, der gute Geschäfte auf dem Markt von Malton getätigt
hatte, den Pfarrer stolz wie ein Gockel herumführte; und daß
Sanderton jedes Feld und jeden Schweinestall mit einem kriti-
schen Nicken begutachtete, alles Inventar anerkennend inspi-
zierte, sich klug über modernen Dünger und frühere Regierun-
gen äußerte und (nachdem er zuvor den gesamten Haushalt
zum Gebet im Salon versammelt hatte) allen vom Ende der
Straße aus zum Abschied mit dem Gefühl zuwinkte, daß etwas
von dem Land sowohl in ihm als auch an seinen Stiefeln haften
blieb.
Die Dunkelheit war bereits hereingebrochen, als er in Pery-
ford aus dem Zug stieg. Doch so bald sollte er noch nicht nach
Hause kommen.

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»Guten Abend, Herr Pfarrer«, rief ein Mann, der auf dem
Bahnhofsvorplatz Truhen und Kisten auf einen Wagen lud.
»Kann ich ihre Tasche mitnehmen, Sir, und hätten Sie Lust, mit
mir heimzufahren?«
»Ach, Jennings!« rief Mr. Sanderton aus. »Was für ein Glück!
Haben Sie denn noch Platz für mich? Danke, danke! Wie
kommt es, daß Sie sich so spät noch hier aufhalten?«
»Ganz einfach, Sir«, antwortete der vergnügte Stallbursche,
als sie losfuhren. »Es war so: Sir Leslie kam vor einer Stunde an,
und ich wurde hergeschickt, um das Gepäck abzuholen. Er kam
ein wenig früher als erwartet und hat nach Ihnen gefragt, Sir.«
»Hm«, murmelte der Pfarrer, »vielleicht sollte ich bei ihm vor-
sprechen, bevor ich zum Pfarrhaus gehe. Ja, das sollte ich wohl
tun.«
Als er im Herrenhaus eintraf, wurde er sogleich von Perkins
in Sir Leslies Ankleidezimmer geführt.
»Ah!« rief der neue Herr von Peryford, der sich gerade in ein
enges Paar Hosen zwängte. »Wie gehtʹs Ihnen, Sanderton? Ich
hatte ins Pfarrhaus nach Ihnen geschickt, aber es hieß, Sie seien
unterwegs. Ich bin ein wenig früh dran, doch worum es geht,
ist, daß Bates – mein Rechtsanwalt, Sie wissen doch? – mir be-
richtet, daß unsere Idee mit dem Vermächtnis einen Haken hat.
Er kommt morgen, und ich wollte mich vorab mit Ihnen be-
sprechen.«
»Es hat sich so ergeben, daß ich bei der Versteigerung von
Faiks Sachen war«, erklärte der Pfarrer, »und ich bin gerade auf
dem Weg nach Hause…«
»Na ja, sehen Sie«, schlug der Baronet ungeduldig vor, »mit
einem warmen Abendessen wird es jetzt wohl nichts mehr.

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Aber eine kalte Platte ist ja auch nicht zu verachten. Sie werden
mir doch gewiß Gesellschaft leisten; dann können wir uns aus-
giebig unterhalten. Sie müssen nicht eigens nach Hause, um
sich frisch zu machen. Ja… in ein paar Minuten bin ich selbst
unten.«

Die Mahlzeit war beendet, und aus einem fesselnden Gespräch


war eine mögliche Lösung für das Problem des Rechtsanwalts
erwachsen; nun kam man auf den Verkauf von Faiks Besitztum
zu sprechen.
»Und das einzige, was Sie erworben haben, war ein Stapel al-
ter Noten!« lachte Sir Leslie. »Ja, ja. Ich verstehe selbst ein biß-
chen von Musik. Lassen Sie mal sehen, was Sie da aufgelesen
haben.«
Das Päckchen wurde geöffnet, doch zur Bestürzung des Pfar-
rers und grenzenlosen Belustigung seines Gegenübers enthielt
es keine Notenblätter, sondern eine sehr gemischte Sammlung
von Stichen und Drucken. Sanderton begriff, daß er wohl irr-
tümlich Hooks Paket mitgenommen haben mußte, als er den
Hof der Schenke verließ, um hinter Mr. Eiders Einspänner her-
zujagen. Ohne Zweifel hatte Hook nun seine Noten.
»Was sollʹs!« drängte Sir Leslie und wechselte von Scherz zu
Höflichkeit. »Wenn Hook hier im Dorf ist, schicke ich Perkins
mit dem Kram los und lasse ihn Ihre Sachen holen. Machen Sie
sich darum mal keine Gedanken.«
Ohne eine Antwort abzuwarten, läutete er und gab entspre-
chende Anweisung. Perkins sagte, Hook sei gerade in den Stal-
lungen, nachdem er zuvor schon im Pfarrhaus gewesen sei.

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»Lassen wir ihn doch holen«, sagte Sanderton nachdenklich.
»Er hat mir erzählt, daß er mal für Faik gearbeitet hat. Ich wür-
de ihm gern ein paar Fragen dazu stellen.«
Er hatte unterdessen gelangweilt die Mappe mit den vom
Händler verschmähten Bildern durchgeschaut und in der unte-
ren Ecke eines der Drucke einen vertrauten Namen bemerkt:
»Peryford: Park und Kapelle«.
Es war kein wertvolles Stück, zog den Geistlichen aber in den
Bann, weil er nie zuvor eine Ansicht der Kapelle vor ihrer Re-
staurierung und dem Umbau in eine Bibliothek gesehen hatte.
Zu seinem Erstaunen gab es zahlreiche andere Bilder desselben
Ortes – Bleistiftzeichnungen, Drucke, Aquarelle und so weiter.
Auf jedem davon erschien die Kapelle aus dem einen oder an-
deren Blickwinkel. Was ihn zum Grübeln brachte, war die Tat-
sache, daß die Bibliothek, wie er selbst sie kannte, an der Ostsei-
te einen einfachen Giebel besaß, während sämtliche Bilder sie
mit flankierenden Türmchen zeigten.
»Das sieht ja interessant aus«, kommentierte Sir Marlop, der
ihm über die Schulter blickte. »Ha! Da haben wir ja den Bur-
schen, der uns alles darüber berichten kann. Na, Hook (so hei-
ßen Sie doch, oder?), Sie handeln jetzt wohl mit Kunst. Was
wollen Sie denn mit den Bildern anstellen?«
»Sie vielleicht verkaufen, Sir. Aber mal schauen. Wieʹs halt
kommt«, antwortete der ländliche Kunstkenner verlegen. »Se-
hen Sie, Sir, ich bin sozusagen an alten Dingen aus dieser Ge-
gend interessiert.«
»Aha! Dann setzen Sie sich doch vielleicht mal und erzählen
uns alles über sich«, sagte Sir Leslie aufmunternd.

-485-
»Ich hab hier auf Peryford als Schreiner gearbeitet, bis Mr.
Faik mich nach Hengsward holte und dort einstellte. Nicht daß
ich aufhören wollte, für Dr. Propert zu arbeiten, der damals ja
fort war: Ich hab ihm das auch so gesagt. Aber Mr. Faik hat sehr
großzügig gezahlt, und zu der Zeit hatte ich gehofft, ich könnte
mich selbständig machen – und im Alter unabhängig sein, Sir«,
begann Hook seine Erzählung.
Der Gastgeber nickte leicht und goß dem anderen etwas
Whisky ein.
»Ach«, fuhr Hook mit einem Seufzer fort, »er hat ein paar
Veränderungen vorgenommen, ja, das hat er, aber nicht grad zu
Dr. Properts Gefallen, wie sich rausstellte. Aber dazu will ich
noch was sagen, Sir, Mr. Faik muß was für die alte Kapelle üb-
rig gehabt haben, denn sehen Sie, er hat weit und breit jedes
Bild davon gekauft, das er kriegen konnte. Garantiert gibt es
kaum ein Gemälde von Peryford in ganz England, das ihm
nicht gehört hat, als er starb. Deshalb denkʹ ich auch, daß ein
paar von denen hier was wert sind, Sir.«
»Es scheint aber«, entgegnete Sir Leslie, die letzte Bemerkung
übergehend, »daß Mr. Faik die Kapelle fast vollständig umge-
baut hat, bevor sie als Bibliothek genutzt wurde. Warum hat er
so drastische Veränderungen vorgenommen, wenn ihm das
ursprüngliche Gebäude etwas bedeutete? Diese Ostseite mit
den Türmchen, zum Beispiel, hat nichts mehr mit dem heutigen
Aussehen des Baus gemein.«
»Jetzt haben Sie mich aber erwischt, Sir«, antwortete Hook.
»Ich kann nur sagen – da isʹ was komisch an dem Gebäude.
Nehmen Sie bloß die Türmchen: Wenn Sie mich fragen, hatʹs in
denen gespukt, und die mußten einfach weg.«

-486-
»Wie kommen Sie denn darauf?« fragte der Baronet mit ver-
haltenem Interesse und reichte ihm ein neues Glas.
»Isʹ nur das, was ich gehört habʹ, Sir, und ich kann ja zwei und
zwei zusammenzählen, wie man so sagt. (Danke Ihnen, Sir. )
Wie es mit den Umbauten anfing, da kommt Mr. Faik zu mir
und sagt: ›Hook, ich mag die Ostseite nicht, ich habʹ eine Idee,
wie man sie verschönern kann, ich laß ein größeres Fenster ein-
setzen, damit mehr Licht reinfällt.‹ Sehen Sie, Sir, in der Ruine
vom Münster gab es so ein Maßwerk für eine alte Fensterrose,
wie man das nennt, und er sagte mir, er hat eine Firma von
auswärts, die ihm Glas einsetzt, das speziell dafür irgendwo
aus Bohemen oder so kommt. Naja, Sir, damit fing der ganze
Ärger an. Der Pfarrer, Mr. Laycock – bevor Mr. Sanderton kam
– war gegen Mr. Faiks ›Umbauplan‹, wie sie das nannten, und
schrieb an Dr. Propert. Dann gabʹs Streit zwischen meinen Leu-
ten hier vom Gut und den fremden Kerlen aus London, die al-
les ausgemessen und die notwendigen Sachen bestellt haben.
Am Ende, Sir, ließ Mr. Faik den ganzen Giebel, das Fenster und
so mit einer Plane abdecken, hat die Leute von hier rausge-
schmissen und mich rüber nach ʹEngsword geschickt, daß ich
da arbeite.
Als ich dann wieder nach Peryford gekommen bin – das war
zum Jahrmarkt hier in der Nähe –, sehʹ ich, daß die Kapelle fer-
tig ist, und die italienischen ›Kunsthandwerker‹ – keine Ah-
nung, warum die besser sein sollen als unsere normalen
Handwerker – sind wieder weg nach London. Die Türmchen
sind nicht mehr da und der Giebel völlig anders, so wie Sie es
jetzt sehen, aber umʹs wie früher aussehen zu lassen, haben sie
das Efeu und solches Zeug gepflanzt, damit die neuen Steine
verdeckt sind. Ja, und zur Krönung sagt mir meine Cousine –

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die war Haushälterin bei Mr. Laycock vor seinem Tod, Sir –,
Mr. Faik trifft sich mit gelehrten Leuten und Professoren – eine
seltsame Gesellschaft, was man so hört. Und sie sind jeden Mo-
nat in der neuen Bibliothek zusammen.«
Sanderton sah Hook scharf an. »Und Sie, hatten Sie irgendwas
mit den Umbauten zu tun?« sagte er.
»O ja, Sir. Das war eine komische Sache. Ich und der Hilfs-
schreiner, Tom Cass, und noch zwei hatten fast schon die gan-
zen Holzarbeiten geschafft, da kam der Plan, die Ostseite abzu-
reißen. Die Empore war fertig, ich mußte nur noch Regale an
die Wände schrauben, da wurden wir rausgesetzt. Als das neue
Fenster drin war, haben ein paar von Mr. Faiks Leuten die Sei-
ten mit alten Täfelungen ausgefüllt; Sie sehen das immer noch
am Ende der Empore und in diesem Kundenzimmer, Sir.«
»Sie meinen das Urkundenzimmer! Ja, ich habe sie gesehen –
alte Arbeiten aus der Tudor-Zeit, fast schwarz«, nickte Sir Les-
lie. »Aber hatten Sie nicht gesagt, daß es in dem Gebäude spukt
oder nicht ganz geheuer ist?«
»Dazu kommʹ ich noch«, fuhr der alte Zimmermann fort. »Es
hat sich alles schnell verändert. Der arme Mr. Laycock starb,
wie Sie wissen, Sir. Dann kam eines Tages Dr. Propert aus Chi-
na oder woher zurück – das war vor Mr. Sandertons Zeit –, und
es fielen. böse Worte, wie man gehört hat, und Mr. Faik ist
ziemlich wütend weg. Es war klar, daß dem alten Doktor die
Umbauten nicht gefielen. Aber nicht, weil er die Kapelle so ge-
sehen hatte, wie sie mal war, denn er war ja vorher nie auf Pe-
ryford, aber er hatte viel von Mr. Laycock gehört.
Na ja, ich weiß noch gut, es war an einem Freitag, und ich
habʹ drüben im Hof einen Wagen repariert. Und wer kommt

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da? Niemand anders als Dr. Propert auf seinem Rotschimmel.
Bestimmt hatte ihm jemand von mir erzählt, und er wollte von
mir wissen, warum ich nach ʹEngsword gegangen bin, wo doch
unsere ganze Familie immer auf Peryford gewohnt hat. Ich habʹ
ihm das gesagt, Sir, was ich Ihnen auch gesagt habʹ. ›Schön‹,
sagt er, ›Sie wollten für sich sorgen, aber ich bin mir nicht si-
cher, ob Sie es richtig angestellt haben. Jedenfalls möchte ich,
daß Sie jetzt mit mir rüber zur Bibliothek kommen und ein paar
Schlüssel und Schlosserwerkzeug mitnehmen.‹
Ich besorgte alles, und er nahm mich mit zur Bibliothek, dann
durch die Büsche zur Rückseite, draußen an der linken Ecke…«
»Ah«, warf Sanderton ein, »Sie meinen die Nordostecke?«
»Kann wohl sein, Sir«, fuhr der Schreiner fort. »Der Doktor
ging direkt darauf zu. ›Nun, Hook‹, sagt er, ›nehmen Sie Ihr
Beil und schneiden Sie das Efeu zurück.‹ Ich tat das, und da
war eine kleine Tür in der Wand; ich hatte sie bald aufgeschlos-
sen. ›Die Türmchen hat man abgetragen‹, sagt der Doktor, ›aber
die Turmtreppe ist noch da. Geben Sie mir die Laterne, Sie blei-
ben jetzt hier und achten darauf, daß sich hier keiner rum-
treibt.‹
Damit ging er nach oben, Sir, und ich hörte, wie er hinter der
Mauer Runde um Runde die Wendeltreppe raufstapft. Vorher
war mir das gar nicht aufgefallen, aber es gab weiter oben ein
oder zwei Fensterschlitze in dem Efeu, und ich sah es dort auf-
leuchten, als er nach oben stieg. Danach hab ich ʹne ziemlich
lange Zeit gewartet, aber es kam kein Zeichen vom Doktor. Ich
wollte gerade schon nach ihm rufen, als er draußen um die Ek-
ke kam, hinter mir stand und ich einen ziemlichen Schrecken
kriegte.

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›Keine Angst, Hook‹, sagt er, ›es gibt da einen Gang zur Em-
pore. Das hatte ich vermutet. Wenn man Lichter in der Nacht
sieht, können es Geister sein – oder es sind Ganoven, wie?
Kommen Sie mit mir nach drinnen. Nein, nicht da hinauf – da
ist es ziemlich stickig und ungemütlich. Wir treten durch die
Pforte ein, wie es in der Bibel heißt.‹
So gingen wir durch den Haupteingang in die Bibliothek und
auf der Empore bis zum Ende durch. Wir standen direkt vor
dem Ostfenster, und ich sah gleich, wie der Doktor reinge-
kommen war: Eine der Vertäfelungen war offenbar eine Tür,
denn sie stand auf – er hatte sie aufgelassen –, und ich konnte
innen eine Wendeltreppe sehen, die nach unten führte.
Naja, Sir, um es kurz zu machen, Dr. Propert ließ mich die Tür
draußen vergittern, so daß keiner mehr raus oder rein konnte.
Ich wollte die Holztür oben auch versperren, aber er wollte, daß
sie mit einem Schloß versehen wurde. Ich nahm zuerst an, die
Treppe führt weiter rauf zum Dach und könnte bei einem
Brand nützlich sein. Aber darum ging es ihm nicht, Sir. Der
Doktor bestellte ein spezielles kleines Sicherheitsschloß, und ich
mußte es sorgfältig von innen befestigen. – Das war übrigens an
dem Tag, als Professor Courtleigh zum ersten Mal auf Besuch
hier war.
Ich hab mich oft gefragt, was der Doktor im Schilde führte,
und ich glaubʹ, es war eine Falle, denn das Schloß war so kon-
struiert, daß sich die Tür von der Empore aus öffnen ließ – falls
man die Geheimtür kannte – und man zur Treppe gelangte.
War man aber drinnen und das Schloß schnappte zu – nun,
dann saß man wie eine Ratte in der Falle! Aber so war der Dok-
tor. Ein sehr ekszentrischer Mann, wenn ich das so sagen darf.
Tja, er nahm den kleinen Schlüssel an sich, als ich die Arbeit
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getan hatte, und dann sieht er mich sehr streng an und sagt:
›Nun, Hook, Sie haben den Dienst bei mir quittiert, und ich bin
mir nicht sicher, ob ich hier wieder eine Stelle für Sie finde. Ich
werde Sie auf die Probe stellen; und wenn Sie über unsere klei-
ne Entdeckung schweigen können, werde ich Ihnen das nicht
vergessen.‹
Damals wußte ich nicht, was er gemeint haben könnte, Sir,
aber als er nicht lange danach starb, waren fünfzig Pfund für
mich im Testament. Ich habʹ keiner Menschenseele was von der
Geheimtür erzählt, aber Sie sind ein gebildeter Herr und ein
Ehrenmann – und der Pfarrer auch, Sir –, und jetzt, wo der
Doktor tot ist, weiß ich nicht, was schlimm dran sein soll.«
Sir Leslie nickte bestätigend. »Sie müssen sich nicht sorgen,
Hook. Aber es gibt da noch eine Sache, die ich gern wüßte. So
wie ich es verstanden habe, existiert also die Treppe des Nord-
ostturms noch, aber was ist mit der Tür auf der anderen Seite
des Fensters – ich meine die, die sich in das Urkundenzimmer
öffnen müßte? Haben Sie die nicht auch untersucht?«
»Nein, Sir«, antwortete der alte Mann. »Es gab zwar draußen
auch eine Tür, wie auf der anderen Seite, aber die war schon
zugemauert, so daß keiner hinein konnte.«
»Danke«, sagte Sir Leslie und beendete damit die Befragung.
»Das ist alles sehr interessant. Ein Freund des Pfarrers – Profes-
sor Courtleigh – kommt wegen der Bibliothek morgen zu uns.
Nach allem, was Sie sagen, würde ich ihm gern die Tür in der
Vertäfelung zeigen. Könnten Sie morgen früh wohl noch einmal
vorbeischauen?«
Als Hook sich verabschiedete, gab ihm der Pfarrer sein Päck-
chen zurück. »Passen Sie gut auf Ihre Bilder auf. Ich glaube, ich

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weiß einen Käufer dafür«, sagte er mit einem Grinsen. »Und
danke, daß Sie mir meine Beutestücke zurückgebracht haben!«
Seine Heiterkeit wich allerdings sogleich einer ernsteren
Stimmung, als der Zimmermann gegangen war. »Das ist eine
ungewöhnliche Geschichte!« meinte er düster. »Klingt alles ein
wenig unheimlich. Da ist Faik mit seinen kostspieligen Umbau-
ten und geheimen Versammlungen – und wozu das alles? Was
mag nur dahinterstecken?«
»Na ja«, sagte Sir Leslie mit einem Achselzucken, »alles
spricht für Schwarze Magie! Wissen Sie, in Indien…«
»Nun aber mal ernsthaft«, unterbrach ihn der Pfarrer sarka-
stisch, »würde irgend jemand in England, irgendein gebildeter
Mensch, sich wirklich mit so einem Unsinn beschäftigen?«
»Vielleicht doch«, antwortete der andere gelassen. »Auch in
diesem Land hat es das gegeben, und zwar nicht selten, und
wenn Sie von Bildung sprechen: Manchmal ist es gerade der
Altertumsforscher, der für diese Dinge empfänglich ist. Wie es
der Zufall will, ist mir gerade erst, kurz bevor Sie hier eintrafen,
etwas dieser Art in die Hände gefallen. Als ich den Deckel des
Fensterplatzes in meinem Ankleidezimmer hob – ich hielt das
für einen guten Ort, um meinen Stiefelknecht zu verstauen –,
entdeckte ich dort ein eigenartiges Gebetbuch. Sie können es
sich gern ansehen«, verkündete er und läutete nach Perkins.
Als das Buch gebracht wurde, erkannte Sanderton es sofort.
»Ah ja«, sagte er »das ist ein antiquarischer Psalter aus dem
Besitz von Dr. Propert: Er hat ihn im Andachtsraum aufbe-
wahrt. Ich erkenne ihn an diesem geflochtenen Lesezeichen und
dem eingelegten Kruzifix. In der Nacht, als er starb, wollte er
ihn uns zeigen. Er wurde ohnmächtig, als er oben war, um ihn

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zu holen. Ich habe mich schon oft gefragt, wo er abgeblieben
sein könnte.«
»Sie werden sich wohl nie mit seinem Inhalt beschäftigt ha-
ben?« vermutete Sir Leslie. »Nein? Nun, dann schauen Sie sich
ihn jetzt einmal an. Es dürfte sich um einen Psalter aus der Zeit
Jakobs I. handeln, mit gewissen Ergänzungen aus dem acht-
zehnten Jahrhundert, die ihn zu einem privaten Andachtsbuch
machen.«
Als er ihn dem Pfarrer überreichte, klappte das kleine Buch an
einer häufig aufgeschlagenen Seite auf, die den Titel trug: EINE
FÜRBITTE ZUR ERLÖSUNG VOM BÖSEN. Ps. XXVII, 5 – Denn
er birgt mich in seinem Haus am Tage des Unheils.
Mehrere Gebete folgten, dann kam eine alte metrische Version
von Psalm 91, eingeleitet von einer liturgischen Anweisung in
kursiver Schrift, und zwar: Verschiedene Abschnitte der Heiligen
Schrift sollten als Stoßgebete rezitiert werden, insbesondere bestimmte
Verse von Psalm XXVI, XXXV, XXXVIII, CXLII und anderen. Und
wer in Bedrängnis ist, sollte laut die folgenden Verse singen und sich
dabei bekreuzigen: Ps. XCI: Unter dem Schutz des Höchsten.

Wer im Schutz des Höchsten wohnt


Und ruht im Schatten des Allmächtigen,
Der sagt zum Herrn: Du bist für mich Zuflucht und Burg,
Mein Gott, dem ich vertraue.

Du brauchst dich vor dem Schrecken der Nacht nicht zu fürchten


Noch vor dem Pfeil, der am Tag dahinfliegt,
Nicht vor der Pest, die im Finstern schleicht,
Vor der Seuche, die wütet am Mittag.

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Er rettet dich aus der Schlinge des Jägers
Und aus allem Verderben,
Er beschirmt dich mit seinen Flügeln,
Schild und Schutz ist dir seine Treue.

»Du lieber Himmel«, schnaufte Sanderton. »Allmählich ver-


stehe ich, warum sich der Doktor so oft in den Andachtsraum
zurückgezogen hat und warum er ihn überhaupt eingerichtet
hat. Es ist kaum zu glauben. Er muß an Wahnvorstellungen
gelitten haben. Denn gewiß waren seine Befürchtungen doch
unbegründet, oder?«
»Seien Sie sich da nicht zu sicher«, warnte Sir Leslie. »Weder
Faik noch Propert waren Narren. Jedenfalls werden wir mit
Courtleigh sprechen und ein gemeinsames Handeln abstimmen
müssen. Gefährlich werden solche Dinge dann, wenn man ohne
es zu wissen in sie hineingerät.«

Während sich der Geistliche noch im Herrenhaus von Peryford


befand und mit Sir Leslie sprach, war Courtleigh bereits im
Pfarrhaus eingetroffen und wartete dort auf Sandertons Rück-
kehr. Es hatte sich nämlich so gefügt, daß er vorzeitig eingetrof-
fen war.
An jenem Morgen, als Sanderton nach Hengsward aufbrach,
hatten den Professor in seiner Durhamer Residenz zwei Briefe
erreicht. Der erste enthielt die kurze Nachricht seines Freundes
über die Versteigerung und Worte des Bedauerns darüber, al-
lein reisen zu müssen, weil die Zeit so knapp war. »Mir wäre
lieb gewesen, wenn Sie einen Tag früher hätten kommen und

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mit mir fahren können, um Faiks Bücher zu ersteigern«, lautete
die Nachricht, »doch ich weiß, wie schwierig es für Sie ist zu
kommen, selbst am Dienstag.«
Der zweite Brief stammte vom Universitätssekretariat, das
ihm mitteilte, das für diesen Tag geplante Treffen der Prüfer
müsse kurzfristig verschoben werden. Welche Ironie doch in
solchen Entwicklungen steckt, sinnierte Courtleigh. Da saß er
nun und wußte nicht so recht, was er mit sich anfangen sollte.
Bei Licht betrachtet mochte der Besuch in Peryford wichtiger
sein als alles, was er im Augenblick sonst für die Universität
tun konnte. Zudem gab es da noch eine andere Angelegenheit,
die ihn nach York führen würde. Kurz entschlossen griff er
nach dem Zugfahrplan.
»Ich werde auf jeden Fall gegen Mittag dort sein«, dachte er,
während der Zug Richtung Süden fuhr. »Am Nachmittag kön-
nen wir dann gemeinsam nach Hengsward reisen. Das wird
eine freudige Überraschung für Nat.« Er hatte irgendwie im
Kopf, daß die Versteigerung um 14. 30 Uhr beginnen würde.
Erst als er im Pfarrhaus von Peryford eintraf und dort erfuhr,
daß Sanderton schon Stunden vorher mit dem einzigen Zug,
der in Frage kam, abgereist war, wurde ihm klar, wie riskant es
sein kann, einem Impuls zu folgen, ohne die praktischen Details
zu durchdenken.
Die Haushälterin im Pfarrhaus, Mrs. Willerby, sann verzwei-
felt darüber nach, wie sie die beiden Freunde zusammenbrin-
gen könnte, doch weder bestand die Möglichkeit, dem Pfarrer
eine Nachricht zu übermitteln, noch war vor dem späten
Nachmittag ein Zug nach Hengsward zu bekommen. Zu allem
Überfluß hatte Sanderton auch noch davon gesprochen, daß er
nach der Versteigerung in der Nähe von Malton bei einem
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Freund vorbeischauen wolle und erst zum Abendessen wieder
in Peryford sein werde. »Aber Sie werden doch bestimmt zum
Mittagessen bleiben, Sir. Ich machʹ Ihnen im Arbeitszimmer ein
ordentliches Feuer. Sie habenʹs dort dann gemütlich und sind
ganz für sich.«
Courtleigh stand freilich überhaupt nicht der Sinn danach,
sieben oder acht Stunden lang ›gemütlich und ganz für sich‹
der Langeweile zu frönen. Er hatte ja noch in York zu tun, und
die verbleibende Zeit reichte vollauf, um dort alles zu erledi-
gen; er würde dann immer noch zeitgleich mit Sanderton zu-
rücksein. So schlenderte er nach einem kleinen Imbiß geruhsam
durch den Park, während der Stallbursche das Zugpferd holte
und den Einspänner des Pfarrers vorbereitete.
Bei seinem Spaziergang konnte er nicht umhin, noch einmal
einen Blick auf die verhängnisvolle Bibliothek zu werfen. Sie
war nicht verschlossen – wahrscheinlich, um den Dekorateuren
freien Zugang zu gewähren –, und so trat er ein. Die Luft war
stickig, und alles wirkte unsäglich vernachlässigt. Auf den Mö-
beln lag dicker Staub, und mächtige Spinnweben spannten sich
im Dachstuhl und besetzten mit ihren Netzen jede Ecke und
jeden Winkel. Die meisten Bücher waren natürlich fortgeräumt,
doch oben auf der Empore waren noch einige Bände verblie-
ben. Courtleigh nahm in müßiger Stimmung ein paar davon
zur Hand, doch war der Ort von einer solchen Melancholie er-
füllt, daß er es bald aufgab und wieder nach unten ging.
Beim Durchqueren des Erdgeschosses bemerkte er, daß sich
der Läufer, der die gesamte Länge des Bodens bedeckte, an ei-
ner Seite aufgewölbt hatte. War das eine alte Gedenktafel, die
darunter hervorlugte? Als er den Belag zurückschob, entdeckte
er eine große quadratische Platte aus weißem Marmor mit einer
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runden Einlegearbeit aus schwarzem Stein. Sie war in Sektoren
unterteilt und sah in etwa so aus wie die Grundfläche eines
Schiffskompasses; doch statt der Himmelsrichtungen mitsamt
ihren Zwischenmarken fanden sich am Rand merkwürdige
Hieroglyphen. Die Innenflächen waren weithin leer, und Court-
leigh rätselte, welchem Zweck das Ganze dienen sollte.
Als er sich darüberbeugte, fühlte er zum zweiten Mal – sehen
konnte er in dieser Stellung nichts – den Sturzflug von irgend
etwas über ihm. Es verdunkelte den Raum für den Bruchteil
einer Sekunde, und abermals drang jenes schwache, unbehag-
lich schabende Geräusch an seine Ohren.
Die alte Angst, die er bei seinem ersten Besuch verspürt hatte,
stellte sich wieder ein. Er fühlte sich beobachtet wie ein Übeltä-
ter. Als er nach oben schaute, packte ihn das Grauen, denn auf
der Empore stand Dr. Propert und fixierte ihn mit durchdrin-
gendem und furchteinflößendem Blick. Im nächsten Augen-
blick schon tat er diese Beobachtung als bloße Einbildung ab.
Dennoch beschloß er, nicht länger zu bleiben; die krankhaften
Vorstellungen sollten nicht noch weiter von ihm Besitz ergrei-
fen können. So verließ er klugerweise die Bibliothek und ging
hinüber zu den Ställen, wo der Einspänner schon bereit stand.
In York verlief alles bestens. Er traf seinen Gesprächspartner –
ebenfalls ein Altertumskundler –, genoß einen weiteren Besuch
des Münsters, aß nebenan in einem urigen kleinen Gasthaus
und kehrte im letzten Tageslicht zurück. Das Pferd schien sei-
nen Weg nach Peryford zu kennen. Als der Einspänner wieder
vor dem Pfarrhaus eintraf, hatte die Fahrt im Schein der Later-
ne den Professor fast in den Schlaf gewiegt. Zu seiner Enttäu-
schung war Sanderton jedoch noch immer nicht heimgekehrt.
Mrs. Willerby war fast außer sich vor Besorgnis, sammelte sich
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aber ein wenig unter Courtleighs gutem Zureden und machte
sich daran, ihrem Gast ein Abendessen zu bereiten. Wenn sie
nur geahnt hätte, daß ihr Dienstherr kaum mehr als einen Ki-
lometer entfernt mit Sir Leslie speiste!
So allein im Pfarrhaus wurde es Courtleigh allmählich lang-
weilig. Nachdem er vergeblich versucht hatte, sich interessiert
in den Katalog eines Buchhändlers zu vertiefen, teilte er
schließlich der Haushälterin mit, daß er nicht länger warten,
sondern den Pfarrer am nächsten Morgen treffen wolle. Dann
begab er sich zur Nachtruhe.
Während der Professor sich für das Bett fertig machte, wollte
er wie immer zwei Beruhigungstabletten nehmen, die ihm der
Arzt gegen seine nervösen Beschwerden verordnet hatte. Ohne
sie wäre er kaum zur Ruhe gekommen, und wenn doch end-
lich, so hätten ihn die schlimmsten Alpträume heimgesucht.
Man kann sich deshalb seinen Ärger vorstellen, als er in der
Tasche nach der kleinen Dose suchte und feststellte, daß sie
nicht an ihrem Platz war. Er ging wieder nach unten, aber auch
dort war sie nicht. Hatte er sie etwa unterwegs oder in der Stadt
verloren? Das war unwahrscheinlich. Dann kam ihm die Erin-
nerung: ›Heute nachmittag, als ich in der Bibliothek war, habe
ich auf der Empore meine Jacke ausgezogen, um den Staub ab-
zuklopfen. Meine Streichholzschachtel fiel heraus, und ich habe
sie aufgehoben. Zweifellos ist auch die Pillendose herausgefal-
len, ohne daß ich es bemerkt habe. Ja, so muß es gewesen
sein…‹
Der Gedanke, um diese Uhrzeit noch einmal in die Bibliothek
hinüberzugehen, behagte ihm gar nicht, und so versuchte er
eine Weile, Ruhe zu finden und alles zu vergessen. Doch es
drehte und drehte sich in seinem Kopf, und er fand keinen
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Frieden. Es hatte keinen Zweck: Ohne die Schlaftabletten wür-
de er die Nacht nicht durchstehen. Nachdem er seinen inneren
Widerstand überwunden hatte, schlüpfte er in den Mantel, öff-
nete leise die Haustür und stapfte in den Park hinaus.
Es war fast Vollmond, das Gestirn überzog die Wiesen und
Bäume mit einer mystischen Atmosphäre stiller Erwartung, so
wie sie über einer Opernbühne hängt, kurz bevor sich die ent-
führte Heldin wieder einfindet. In der lauen Abendluft stand
die Bibliothek kantig wie aus dem Spielkasten da, ein zinnen-
bewehrter Silberkasten, über den von der Seite indigofarbenes
Wasser spülte. Als Courtleigh durch den Mondschein auf den
beschatteten Eingang zusteuerte, fühlte er sich auf merkwürdi-
ge Weise ins Rampenlicht gerückt und so klein wie ein Insekt,
das über die Linse eines tiefenscharfen Mikroskops krabbelt.
Wie im Traum schickte er seine eigene Kassandra auf die Büh-
ne: Und wenn nun ein Menschlein wie er dieses schlummernde
Panorama in Aufruhr brachte? Doch es war ihm klar, daß er
gehen mußte, und so hielt er, die poetischen Anwandlungen
beiseite schiebend, Kurs auf die schwere Tür.
Im Innern der Bibliothek war die lastende Dunkelheit von
dem fahlen Licht so durchwirkt, daß es Courtleigh keine Mühe
bereitete, den Weg zur Empore zu finden. Und dort am Ende
des Treppengeländers lag tatsächlich die kleine Dose, nach der
er suchte. Als er sie aufhob, stieß er jedoch mit dem Fuß gegen
das Bein eines Lesepults; und in dem Bemühen, das Gleichge-
wicht wiederzufinden, stützte er sich gegen die vertäfelte
Wand. Zu seinem Erstaunen gab das Holzwerk ein wenig nach,
als er die Hand gegen die mit Schnitzereien verzierte Oberflä-
che legte. Dann ließ das Mondlicht, das in das Gebäude flutete,

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einen verräterischen Riß im Gefüge der Täfelung sichtbar wer-
den.
Für einen Professor der klassischen Altertumskunde war es
höchste Zeit, ins Bett zu kommen. Doch in Courtleigh regten
sich menschliche Emotionen, und man wird nicht überrascht
sein, daß ihn bei dem Gedanken, eine Geheimtür entdeckt zu
haben, die Neugier übermannte: Um jeden Preis wollte er einen
Blick hinter die Fassade tun. Doch die Tür, die sich zunächst
acht oder neun Zentimeter Weit öffnen ließ, klemmte plötzlich.
Voller Ungeduld warf sich Courtleigh mit der Schulter dage-
gen. Unter dem plötzlichen Druck flog die Tür auf, und er stol-
perte vorwärts. Dann ein lauter Schlag, und alles war plötzlich
dunkel.
Er stand auf und zündete ein Streichholz an – nur um festzu-
stellen, daß er in der Falle saß. Was auf der anderen Seite nach
einer dünnen Täfelung ausgesehen hatte, erwies sich jetzt für
den Gefangenen als starke Eichentür mit einem großen Eisen-
scharnier. Keine Spur von einem Schloß oder einer vergleichba-
ren Vorrichtung. Als alle Versuche, die Tür mit dem Taschen-
messer an den Kanten aufzuhebeln, scheiterten, blieb ihm nur
noch, nach einem anderen Ausgang zu suchen.
Courtleigh versuchte es zuerst treppab, dies in der Hoffnung,
irgendwie ins Erdgeschoß und von dort nach draußen zu ge-
langen. Doch die Stufen wurden nach unten hin weich und
morsch, und er mußte vorsichtig auftreten. Zudem wurde die
Luft, während er sich mit angezündetem Streichholz dem Ende
der Treppe näherte, immer unerträglicher.
Was mochte das da unten sein? Ein Abfallhaufen vielleicht;
nein, es erinnerte ihn an… doch dann zerbröselte die Stufe un-

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ter seinen Füßen, und das Zündholz glitt ihm aus der Hand.
Instinktiv sprang er auf die nächsthöhere Stufe. Aber auch sie
gab wie eine Schieferplatte nach, und bevor es ihm endlich ge-
lang, weiter oben wieder festen Stand zu gewinnen, hatten ihn
umherfliegende Späne von oben bis unten überschüttet.
Während er sich abklopfte und seine Gedanken sammelte,
stieß er einen Seufzer der Erleichterung aus, daß er wieder in
Sicherheit war. Ihm schien, als gebe es dort unten am Boden
etwas, von dem er froh sein konnte, nicht damit in Berührung
gekommen zu sein. Was immer es auch war, jedenfalls drohte
es ihm, mit diesem Etwas gemeinsam begraben zu bleiben.
Er beschloß, sich weiter oben umzusehen. Als er über seinen
Ausgangspunkt hinausgelangt war, stieg in ihm die Hoffnung
auf, auf dem Dach einen Ausgang zu finden; war er einmal
draußen, konnte er an einem Strebepfeiler nach unten klettern
oder wenigstens um Hilfe rufen. Doch auch diese Hoffnung
sollte sich als trügerisch erweisen. Ein paar Meter weiter oben
blockierte eine solide Mauer die Treppe.
Courtleigh war nun am Rande der Verzweiflung. Doch als er
ein weiteres Streichholz anzündete, nahm er erleichtert zu sei-
ner Rechten, ein Stück zurückgesetzt, eine schmale Tür wahr.
Sie war nicht verschlossen, und er zog sie mit neuer Hoffnung
auf. Nur durch ein Wunder brach er sich nicht das Genick,
denn die Öffnung führte ins Leere, und er blickte keuchend,
knapp einem Absturz entronnen, in die mondhelle Bibliothek
hinab.
Dort unten, zu seiner Rechten, lag ihr Innenraum da wie der
Saal eines verlassenen Theaters, den man von einem Gerüst
hoch oben in den Kulissen aus überblickt. Dicht neben ihm zur

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Linken befand sich der obere Teil des großen Ostfensters, des-
sen gigantisches Maßwerk sich perspektivisch verkürzt über
ihm auftürmte, so als könne es jeden Augenblick auf ihn herab-
stürzen. Er stand in einer Nische oder getäfelten Aussparung in
der Einfassung des Fensters. Welchen Zweck die Wandvertie-
fung haben mochte, blieb rätselhaft. Wenn sie dazu dienen soll-
te, das Fenster von Zeit zu Zeit zu überprüfen und zu reparie-
ren, so wäre dazu doch immer noch zusätzliches Gerüst erfor-
derlich gewesen, auf dem die Arbeiter an das Fenster gelang-
ten. Doch im Augenblick beschäftigte Courtleigh weit mehr die
Frage, wie er sich aus seiner mißlichen Lage befreien könnte.
Vielleicht war es ja möglich, am Mittelpfosten des Fensters hin-
unter ins Treppenhaus der Bibliothek zu klettern? Aber nein,
das war allzu gefährlich; er besann sich eines Besseren.
Als er den Kopf vorschob, um die Lage zu prüfen, ertastete
seine Hand einen kleinen festen Handgriff in der Wand. Unter
dem Gewicht seines Körpers schien er freilich ein wenig nach-
zugeben. Er schaute noch einmal hin und stellte fest, daß es ei-
gentlich eine Art Hebel war, und als er ihn noch weiter zurück-
zog, traute er kaum seinen Augen, denn vom Fenster her trat
nun ein horizontales Band vor, das zuvor wie geschmücktes
Mauerwerk ausgesehen hatte. In wenigen Augenblicken er-
schien vor ihm ein schmaler, am Rand mit Zinnen versehener
Steg, der bis zur anderen Seite des Fensters verlief. Er war etwa
dreißig Zentimeter breit und hatte sich vorgeschoben wie ein
Brett aus einem altmodischen Tisch.
Als sich seine Verwunderung gelegt hatte, kam Courtleigh zu
dem Schluß, daß die von einem Bogen überspannte Vertäfelung
auf der anderen Seite ebenfalls eine Tür war. Er setzte einen
Fuß auf die dargebotene Brücke, zögerte eine Weile, ob sie sein

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Gewicht tragen würde, und entschied schließlich, es zu versu-
chen. Schritt für Schritt, mit größter Vorsicht, tastete er sich
langsam hinüber zur anderen Seite, wobei er am Maßwerk des
Fensters Halt suchte.
Ja, es war eine Tür, wie er gehofft hatte. Er öffnete sie unver-
züglich, bemerkte aber, daß der Weg nach oben versperrt war
und er nur nach unten absteigen konnte. Diese zweite Wendel-
treppe führte ihn vor eine weitere Holzverkleidung, und sein
Herz pochte heftig beim Anblick eines Metallriegels. In weni-
gen Sekunden war er durch die Wandtür und befand sich im
Urkundenzimmer, nun wieder hoffnungsfroh. Mit einem
Zündholz in der Hand tastete er sich an den Bücherschränken
entlang und fand die Tür zur Bibliothek, aber natürlich war sie
verschlossen.
Niedergeschlagen setzte er sich einen Augenblick hin, um die
Situation zu überdenken. Dabei wurde ihm plötzlich klar, daß
er zumindest das Mysterium des Haushaltsbuchs gelüftet hatte.
Wenn Faik von den Geheimtüren zu diesen beiden Treppen
und der Behelfsbrücke am Fenster gewußt hatte, wäre es ihm
ein leichtes gewesen, von der Empore hinüber zum Urkunde-
zimmer zu gelangen und das Buch zu entwenden! Was Wunder
also, daß die Eingangstür keinerlei Anzeichen eines gewaltsa-
men Eindringens erkennen ließ. Doch wenn der Mann hinein-
gekommen war, dann mußte er auch wieder nach draußen ge-
langt sein. »Aber natürlich«, dachte Courtleigh, »er kannte
wahrscheinlich die Rückholfeder hinter der Vertäfelung in der
Empore und hat Vorkehrungen getroffen, nicht wie ein Narr in
die Falle zu tappen. Und doch… und doch… weder Faik noch
das Buch sind seit diesem verhängnisvollen Oktober vor zwei

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Jahren wieder aufgetaucht. Und was, wenn er gar nicht wieder
herausgekommen ist?«
Panische Klaustrophobie überkam ihn, als er sich sein eigenes
Schicksal vor Augen führte. Er war ein in die Falle gegangener
Fuchs, der nun durch Mauergänge irrte, die sämtlich Sackgas-
sen waren. Dann stieg in ihm der Gedanke auf, was wohl dort
unten in jenem anderen Treppenschacht lag, wo die Stufen
durchgesackt waren… Er schob diesen Gedanken beiseite und
beschloß, wieder nach oben zum Fenster zu gehen, von wo er
wenigstens in die Bibliothek blicken konnte. Er erreichte die
oberste Stufe und sah das vom Mond erleuchtete Fenster, doch
der Steg war nicht mehr da. Es mußte aber auch auf dieser Seite
einen Hebel geben, um ihn wieder aus seiner Versenkung her-
vorzuschieben. Richtig, da war er! Als er ihn betätigte, atmete
Courtleigh erleichtert auf, denn der Steg kam abermals zum
Vorschein, und er konnte nur staunen, wie genial alles konstru-
iert war. Während er erneut seine Lage überdachte, fiel sein
Blick auf einen weiteren Hebel! Seine Neugier war zu groß.
Widerständig, wie der Hebel eingepaßt war, gelang es mit aller
Kraftaufbietung doch, ihn herunterzudrücken.
Das ganze Gebäude erbebte. Es konnte kaum so etwas wie ei-
ne Ventilationsvorrichtung sein, dazu war die Erschütterung zu
gewaltig. Er schaute nach oben und nahm staunend wahr, daß
die Fensterrose leicht vor und zurück kippte. Hinter dem der-
ben neugotischen Glas wurde zwischen den Speichen des
Maßwerks nun ein anderes Glas sichtbar. Courtleigh zog den
Hebel so tief herunter, wie er nur konnte, und das riesige
durchsichtige Paneel begann sich langsam wie die Segelrippe
einer Windmühle zu drehen.

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Wie gebannt schaute er empor, verfolgte das Geschehen. Das
Mondlicht warf nun ein kreisförmiges Muster auf den Boden
der Bibliothek drunten. Sein Staunen wuchs noch, als er be-
merkte, daß dieses Mondscheinmuster sich genau über den
Kreis unten auf der Steinplatte schob, die er am Nachmittag
entdeckt hatte. Allmählich begann er zu begreifen. Das alles
war das Werk des exzentrischen Faik. Sanderton würde stau-<