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ENERGIEATLAS

Daten und Fakten über die Erneuerbaren in Europa 2018


IMPRESSUM
Der ENERGIEATLAS 2018 ist ein Kooperationsprojekt von
Heinrich-Böll-Stiftung, Green European Foundation,
European Renewable Energies Federation und Le Monde diplomatique.

Inhaltliche Leitung: Rebecca Bertram, Radostina Primova (Heinrich-Böll-Stiftung)


Redaktionelle Mitarbeit: Jules Hebert (Heinrich-Böll-Stiftung Paris),
Klara Bulantova (Heinrich-Böll-Stiftung Prag), Kyriaki Metaxa (Heinrich-Böll-Stiftung Thessaloniki),
Katarzyna Ugryn (Heinrich-Böll-Stiftung Warschau)

Projektmanagement: Dietmar Bartz


Art-Direktion und Herstellung: Ellen Stockmar

Textchefin: Elisabeth Schmidt-Landenberger


Dokumentation und Schlussredaktion: Infotext Berlin

Mit Originalbeiträgen von Maria Aryblia, Rebecca Bertram, Arie Bleijenberg, Alix Bolle, Alice Corovessi,
Felix Dembski, Dörte Fouquet, Petra Giňová, Krzysztof Księżopolski, Nikos Mantzaris, Jan Ondřich,
Joanna Maćkowiak Pandera, Radostina Primova, Andreas Rüdinger, Marion Santini, Stefan Scheuer,
Wojciech Szymalski, Claude Turmes, Theocharis Tsoutsos und Molly Walsh

Cover, Motiv-Hintergrund: © gremlin/istockphoto.com

Die Beiträge geben nicht notwendig die Ansicht aller beteiligten Partnerorganisationen wieder.

V. i. S. d. P.: Annette Maennel, Heinrich-Böll-Stiftung

1. Auflage, April 2018

Produktionsplanung: Elke Paul, Heinrich-Böll-Stiftung

Druck: Bonifatius GmbH Druck – Buch – Verlag, Paderborn


Klimaneutral gedruckt auf 100 % Recyclingpapier

Dieses Werk mit Ausnahme des Coverfotos steht unter der Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung –
4.0 international“ (CC BY 4.0). Der Text der Lizenz ist unter https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/legalcode abrufbar.
Eine Zusammenfassung (kein Ersatz) ist unter https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.de nachzulesen.

Sie können die einzelnen Infografiken dieses Atlas für eigene Zwecke nutzen, wenn der Urhebernachweis
in der Nähe der Grafik steht (bei Bearbeitungen: .

BESTELL- UND DOWNLOAD-ADRESSE


Heinrich-Böll-Stiftung, Schumannstraße 8, 10117 Berlin, www.boell.de/energieatlas
ENERGIEATLAS
Daten und Fakten über die Erneuerbaren in Europa

2018
INHALT
02 IMPRESSUM 18 STÄDTE
AKTIONEN VOR ORT
06 VORWORT Städte können ein Labor für Innovationen
sein. Sie sind groß genug, um neue Ideen in
großem Maßstab zu erproben, aber klein
genug, um sie aufzugeben, wenn sie nicht
funktionieren. Und die besten Projekte können
auf die nationale Ebene übertragen werden.

20 ENERGIEARMUT
08 ZWÖLF KURZE LEKTIONEN IM KALTEN UND IM DUNKELN
ÜBER EUROPAS ERNEUERBARE ENERGIEN Für viele Menschen in der EU sind warme
Wohnungen und bezahlte Stromrechnungen
10 GESCHICHTE nicht selbstverständlich. Wird die Energiewende
TRIEBKRAFT DER INTEGRATION auch sozialpolitisch ausgerichtet, kann sie
Kohle, Atom, Öl – Europa wuchs mit seinen dazu beitragen, dass die Energiekosten sinken
Energieproblemen. Jetzt erlauben die und die Einkommen steigen.
Erneuerbaren nachhaltige Fortschritte in der
Klimapolitik, beim Technologieeinsatz und 22 SEKTORENKOPPLUNG
für eine sichere Versorgung. DER WICHTIGSTE TEIL DER WENDE
Heizung, Kühlung und Transport
12 ZUKUNFT verbrauchen derzeit noch große Mengen
GEWINNER VON MORGEN fossiler Brennstoffe. Werden diese Sektoren mit
Für die internationale Konkurrenz haben die der Stromerzeugung gekoppelt, ergeben sich
„grünen“ Energien und ihre Technologien ein auch Lösungen für das Problem der
neues Wirtschaftsfeld geschaffen. Wer hier schwankenden Stromerzeugung aus Sonnen-
führt oder den Anschluss hält, wird mit Export- und Windenergie.
chancen, Arbeitsplätzen und Kostensenkungen
belohnt. Zu einer erfolgreichen Wende gehören 24 ELEKTRIZITÄT
auch Demokratie und soziale Gerechtigkeit. OHNE FLEXIBILITÄT IST ALLES NICHTS
Beim Umstieg auf erneuerbare Energien
14 WIRTSCHAFT geht es nicht nur darum, Land mit Solarzellen zu
VOM RAND IN DIE MITTE bedecken oder Windräder zu errichten.
Erneuerbare werden immer konkurrenzfähiger. Stromnetze müssen sorgfältig verwaltet werden,
Sie sorgen für Wachstum und Arbeitsplätze, aber damit Nachfrage und Angebot auf dem
in der Energiepolitik geht das Umdenken noch Strommarkt ausgeglichen sind – keine leichte
längst nicht weit genug. An den Finanzen mangelt Aufgabe.
es dabei nicht.
26 MOBILITÄT
16 BÜRGERENERGIE ENDE DER VERKEHRTEN STADT
TROPFEN WERDEN ZUM STROM Endlose Staus zeigen, wie notwendig sauberere,
Besitze dein Energiesystem! Bürgerinnen und Bürger effizientere Transportsysteme sind. Um eine
nehmen aktiv an der Energiewende teil, indem sie rationale Verkehrspolitik zu entwickeln, müssen
direkt investieren oder Eigentümergruppen beitreten. neue Technologien mit bewährten Ansätzen
Doch das ist nur der erste Schritt. kombiniert werden.

4 ENERGIEATLAS 2018
28 WÄRME 40 GRIECHENLAND
DIE NEUEN GRADMESSER ALLES KÖNNTE SCHNELLER GEHEN
Meist ist das Wetter in Europa entweder zu kalt Ein ehrgeiziger nationaler Energieplan
oder zu heiß, um sich wohlzufühlen. Doch Heizung und und der Preisverfall bei den Erneuerbaren haben
Kühlung verbrauchen viel Energie. Neue deren Anteil am griechischen Strommix
Technologien und bessere politische Strategien erhöht. Aber Wirtschaftskrise und teures Kapital
könnten die Effizienz erhöhen und Kosten wie haben zu Rückschlägen geführt.
Treibhausgasemissionen senken.
42 FRANKREICH
30 EFFIZIENZ GROSSE PLÄNE, GROSSE SCHRITTE
WENIGER SOLL MEHR WERDEN Mit der Atomkraft, die Frankreichs
Zugige, schlecht gedämmte Gebäude, veraltete Energiesystem dominiert, soll es zu Ende
Maschinen und Haushaltsgeräte, viel zu durstige gehen. Kein anderes Land hat einen
Autos und Lampen, die mehr Wärme als Licht so tiefen Strukturwandel vor sich – wenn
erzeugen – ein großer Teil der Energie, die wir der politische Konsens bestehen bleibt.
verbrauchen, ist verschwendet. Das soll sich ändern.
44 DEUTSCHLAND
32 DIGITALISIERUNG EIN VORBILD, DAS KEINES IST
LAND FÜR PIONIERE Die Energiewende betrifft in Deutschland
Wie können Millionen von Solarmodulen und überwiegend den Stromsektor. Heizung
Windturbinen in ein zuverlässiges System integriert und Verkehr stehen noch am Beginn
werden, das Angebot und Nachfrage aufeinander der Umgestaltung. Das größte Problem ist
abstimmt? „Smarte“ Techniken liefern die Lösung. jedoch der Kohlestrom.

34 EUROPÄISCHE UNION 46 NACHBARN


EHRGEIZ IST MANGELWARE GEFÜHLTE UNSICHERHEIT
Keine Institution spielt für die Energiewende in Viele Länder, aus denen die EU Öl, Gas und Kohle
Europa eine größere Rolle als die EU. Doch ihre bezieht, sind instabil und keine Demokratien.
Initiativen sind nicht mutig genug, die Erfolge sind Die Energiewende könnte diese Importe beenden,
zu verstreut, und die Reformen haben viele Gegner. doch die EU will sie fortsetzen.

36 POLEN
ERNEUERBARE KOHLESUBVENTIONEN
Die traditionellen und umweltfeindlichen
Energieträger Stein- und Braunkohle
belasten die polnische Bevölkerung. Dabei
könnte insbesondere der Ausbau der Windkraft
den Strommix verbessern.

38 TSCHECHIEN
WO DAS PENDEL SCHWINGT 48 AUTORINNEN UND AUTOREN,
Die tschechische Regierung ist nicht gewillt, den QUELLEN VON DATEN, KARTEN
Energiesektor des Landes nachhaltig umzugestalten. UND GRAFIKEN
Zudem leidet das Image der Erneuerbaren
noch immer unter alten Regulierungsfehlern. 50 ÜBER UNS

ENERGIEATLAS 2018 5
VORWORT

D
ie Geschichte der europäischen
Energiewende ist noch jung – und
sie steckt voller Zukunft!
„ Die europäische
Ausgangslage ist ermutigend,
Europa hat die Energiewende
Historisch geprägt ist die europäische auf den Weg gebracht.
Energieversorgung durch eine kleine
Anzahl großer, dominanter Energie-
versorger. Die Zukunft wird anders Bürger, die diesen Trend vorantreiben,
aussehen und anders aussehen müssen, weil sie das wirtschaftliche Potenzial der
wenn Europa die selbst gesteckten Energiewende erkannt haben. Je nach
Klimaschutzziele erreichen will. Damit Mitgliedsland aber präsentiert sich die
verbunden ist die Vision einer modernen Energiewende anders. Auch die deutsche
und gerechten Zukunft Europas, in Energiewende war in ihrem Ursprung
der Bürgerinnen und Bürger, Kommunen ein nationales Projekt ohne Rücksicht auf
und Städte die Energiewende selbst in die Energiesysteme unserer europäischen
die Hand nehmen, voranbringen und Nachbarn. Inzwischen ist klar: Die deutsche
demokratisch gestalten: Dekarbonisierung, Energiewende gelingt nur europäisch.
Dezentralisierung und Digitalisierung

D
sind die Herausforderungen, die jetzt er europäische Energieatlas
angegangen werden müssen. erscheint zu einem Zeitpunkt, da
die EU-Mitgliedsstaaten über eine
Der europäische Energieatlas stellt Energie- und Klimastrategie für 2030 – das
die Entwicklungen in verschiedenen Clean Energy Package – verhandeln.
europäischen Staaten dar und bietet Die Ziele und Verordnungen werden das
so einen einzigartigen Kompass für die nächste Jahrzehnt der europäischen
Weichenstellungen der nächsten Energie- und Klimapolitik bestimmen.
Jahre in Deutschland und bei unseren Sie entscheiden darüber, ob wir dem
europäischen Nachbarn. Klimawandel entgegenwirken und den
globalen Temperaturanstieg auf
Die europäische Ausgangslage ist zwei Grad begrenzen können.
ermutigend, Europa hat die Energie-
wende auf den Weg gebracht: Der Anteil Doch reicht aus, was derzeit in Europa
der erneuerbaren Energien stieg zwischen verhandelt wird? Das Paket setzt zwar
2005 und 2015 um 71 Prozent. Längst wichtige Signale für die Weiterentwicklung
wird viel mehr in Erneuerbare als in der europäischen Energiewende, wird jedoch
fossile Energieträger investiert. In weiten dem Potenzial von Energieeffizienz und
Teilen Europas sind es vor allem Erneuerbaren nicht gerecht. Das
Kommunen, Städte und Bürgerinnen und Ziel – 27 Prozent Anteil der Erneuerbaren

6 ENERGIEATLAS 2018
am Energieverbrauch – ist nicht
ambitioniert genug und gefährdet
die Fortschritte der vergangenen Jahre.
„ Das Ziel der EU ist nicht
ambitioniert genug
und gefährdet die Fortschritte
der vergangenen Jahre.
Die nächste große Herausforderung
der Energiewende stellt sich im Wärme-
und Transportbereich. Dorthin ist die Die Vorteile einer dezentralen, demo-
Energiewende bis heute in Deutschland kratischen und vernetzten europäischen
und Europa nur bedingt vorgedrungen. Energiewende liegen auf der Hand. Sie
Für diese Sektoren mangelt es an verbessert die Luftqualität, schafft lokale
Anreizen. Das muss sich ändern: Erste Arbeitsplätze und verbessert die Wärme-
Schritte zur Elektrifizierung des dämmung in Gebäuden. Dadurch fließt
Transportsektors sind bereits erkennbar auch mehr Geld in die lokale Wirtschaft.
und werden durch rasante Entwicklungen

D
in der Speicher- und Batterietechnologie er europäische Energieatlas zeigt
sowie fallende Kosten vorangetrieben. die Alternative auf: Wir können die
europäische Energiewende nicht in
Die Sektorenkopplung stellt auch für die Hände einiger weniger Energieversorger
Deutschland eine große Herausforderung legen, sondern wir müssen uns für ein
dar. Sie ist ebenfalls mit der europäischen nachhaltiges und menschenwürdiges
Energiewende nachhaltiger zu Leben für die kommenden Generationen
bewältigen. Die Zusammenführung einsetzen. Der Atlas möchte daher zu
bisher unabhängiger Energiesektoren einer gesamteuropäischen Debatte
– Strom, Wärme, Verkehr – wird beitragen, damit wir klare Entscheidungen
Europa auf einen Pfad mit 100 Prozent für den Klimaschutz treffen können.
Erneuerbaren bringen. Die Technologien
dafür existieren bereits. Eine europäische
Sektorenkopplung würde das Problem
Dr. Ellen Ueberschär
der Erneuerbaren – den nicht ständig Heinrich-Böll-Stiftung
verfügbaren Sonnen- und Windstrom –
lösen. Denn sowohl der Wärme- als Dr. Dörte Fouquet
auch der Transportsektor bieten European Renewable Energies Federation
Flexibilitäts- und Speicheroptionen für
Susanne Rieger und Lucile Schmid
den Strom aus Erneuerbaren.
Green European Foundation
Reservekapazitäten von Atom, Kohle
und Gas wären überflüssig – eine Vision, Barbara Bauer
die Wirklichkeit werden kann! Le Monde diplomatique, deutsche Ausgabe

ENERGIEATLAS 2018 7
12 KURZE LEKTIONEN

ÜBER EUROPAS
ERNEUERBARE ENERGIEN
1 Energie hat Europas Zusammenarbeit oftmals vorangetrieben. Aber die derzeitige
EU-Politik tut dies nicht, und sie reicht nicht aus, um das Klimaabkommen von
Paris zu erfüllen. Ab 2050 müssen wir OHNE FOSSILE BRENNSTOFFE auskommen.

2 Ein Energiesystem mit 100 Prozent erneuerbaren


Energien ist schon heute möglich. Entscheidend sind
die SPEICHERUNG UND TECHNOLOGIEN, die schnell auf
Angebot und Nachfrage reagieren.

3 Je besser die europäischen Energiemärkte und


ihre Netze verknüpft sind, umso KOSTENGÜNSTIGER
WIRD DIE ENERGIEWENDE für alle.

4 Das größte schon heute nutzbare Potenzial ist


die EFFIZIENZ. Durch ihre Verbesserung können wir
unseren Energieverbrauch bis 2050 halbieren.

5 Die Wende hin zu 100 Prozent Erneuerbaren in Europa


fördert den SYSTEMWECHSEL: weg von zentralistischen
Energiekonzernen hin zu einer dezentralen,
gemeinschaftlich getragenen Stromerzeugung.

6 Ist ein solcher Systemwechsel klug geplant und rechtssicher


eingeleitet, können ihn BÜRGERINNEN UND BÜRGER,
Gemeinden und Energiegenossenschaften
vorantreiben. So steigt auch der WOHLSTAND vor Ort.

8 ENERGIEATLAS 2018
ENERGIEATLAS 2018 / STOCKMAR
7 DIGITALISIERUNG kann diesen Wandel für die
Verbraucherinnen und Verbraucher demokratischer,
effizienter und kostengünstiger machen.

8 Die europäische Energiewende bringt wirtschaftliche


Vorteile, kann MEHR ARBEITSPLÄTZE VOR ORT
schaffen und Europa eine globale FÜHRUNGSROLLE
bei grünen Innovationen geben.

9 Die Erneuerbaren haben dazu beigetragen, dass die EU WENIGER


GELD FÜR DEN IMPORT fossiler Energien ausgibt. Damit ist sie
weniger von undemokratischen und instabilen Regimen abhängig.

10 Die Energiewende muss SOZIAL GERECHT sein. Das ist machbar,


denn in ganz Europa sind die Arbeitsplätze bei den Erneuerbaren
BESSER BEZAHLT UND SICHERER als in der Kohleindustrie.

11 Gemeinschaftsprojekte zur örtlichen


Stromerzeugung können in ganz Europa
gegen ENERGIEARMUT helfen.

12 Die Europäische Nachbarschaftspolitik sollte andere Länder dazu


anregen, ihre Volkswirtschaften ebenfalls zu ENTKARBONISIEREN.
Eine sozial gerechte Energiewende kann in Europas Nachbar-
regionen ebenfalls für FORTSCHRITT UND STABILITÄT sorgen.

ENERGIEATLAS 2018 9
GESCHICHTE

TRIEBKRAFT DER INTEGRATION


Kohle, Atom, Öl – Europa wuchs mit seinen dete die EU 1996 und 2003 ihre ersten Elektrizitätsrichtlini-
Energieproblemen. Jetzt erlauben die en. Sie gewährleisteten die freie Wahl der Stromlieferanten
Erneuerbaren nachhaltige Fortschritte in und damit mehr Wettbewerb auf dem Strommarkt. Ähn-
liche Richtlinien für Gas kamen 1998 und 2003 hinzu. Das
der Klimapolitik, beim Technologieeinsatz
dritte Energiepaket der EU von 2009 zielte darauf ab, verti-
und für eine sichere Versorgung. kal integrierte Energieversorgungsunternehmen aufzulö-
sen – also Konzerne, die sowohl die Erzeugung als auch die

E
nergie hat in der Geschichte der Europäischen Union Verteilung von Energie abdeckten und daher Konkurrenten
immer eine große Rolle gespielt. Die 1951 gegrün- vom Zugang zu den Verbrauchern abhalten könnten.
dete Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl Der Vertrag von Lissabon, der 2009 in Kraft trat, enthielt
(EGKS) war die erste supranationale Organisation über- erstmalig einen eigenen Abschnitt, der die Ziele der EU-
haupt. Der Euratom-Vertrag von 1957 sorgte dafür, dass die Energiepolitik umriss. Gewährleistet werden sollte ein funk-
Kernbrennstoffe die europäische Integration vorantrieben. tionierender Markt und zugleich die Sicherheit der Ener-
Zeitgleich schufen die Römischen Verträge die Europäi- gieversorgung. Der Vertrag zielte darauf, Energieeffizienz
sche Wirtschaftsgemeinschaft (EWG), die die ökonomische und -einsparung sowie neue und erneuerbare Energien zu
Grundlage der Energiezusammenarbeit bildete. Sie wurde fördern. Und schließlich sollten die nationalen Energienet-
zur Vorläuferin der heutigen EU. ze miteinander verbunden werden.
Die Suche nach einer sicheren Energieversorgung do- In den vergangenen zehn Jahren haben die Gefahren für
minierte die frühen Jahre. Die protektionistischen Maßnah- das Klima eine immer wichtigere Rolle in der EU-Politik ge-
men isolierten die nationalen Energiemärkte jedoch weit- spielt. Im Kioto-Protokoll von 1997 verpflichtete sich die Eu-
gehend voneinander. Aufgerüttelt durch den Schock der ropäische Gemeinschaft, ihre Treibhausgasemissionen bis
Ölkrise von 1973 fingen die Staats- und Regierungschefs der 2012 im Vergleich zu 1990 um acht Prozent zu reduzieren.
EWG an, auf Engpässe in der Energieversorgung gemein- Ein 2007 beschlossenes Energie- und Klimapaket enthält
sam zu reagieren. Doch erst die Einheitliche Europäische verbindliche nachhaltige Ziele für 2020: 20 Prozent weniger
Akte (EEA) von 1987 stellt den ersten ernsthaften Versuch Emissionen von Treibhausgasen und einen Anteil von 20
dar, Hindernisse für den grenzüberschreitenden Energie- Prozent der Erneuerbaren am Endenergieverbrauch. Ferner
handel zu beseitigen.
Eine große Barriere für den grenzüberschreitenden
Energiehandel stellten die Monopole für Stromerzeugung Die Ziele der EU sind nicht sehr ambitioniert.
und -übertragung auf den nationalen Märkten dar. Denn sie Um die Energiewende zu erreichen,
verhinderten den Netzzugang für Dritte. Daher verabschie- sind Konsens, Mut und Kreativität nötig

SCHRITTE ZUR DEKARBONISIERUNG


Wichtige EU-Programme mit dem Energiemix im Jahr ihrer Verabschiedung, Laufzeiten und Ziele in Prozent

Kohle Öl Gas Atomkraft Erneuerbare nicht erneuerbare Abfälle

5,3 7,7 10,2 12,7 13,2

1997 2007 2011 2014 2016


Klima- und Klima- und energie- Paket*
Kioto-Protokoll Energiefahrplan
Energiepaket politischer Rahmen Saubere Energie
Ziele für 2012 Ziele für 2020 Ziele für 2050 Ziele für 2030 Ziele für 2030

80 –
8 kein
offizielles Ziel 20 20 95
kein
offizielles Ziel 40 27 noch
offen
noch
offen
ENERGIEATLAS 2018 / WIKIPEDIA, EEA

kein
offizielles Ziel 20 kein
offizielles Ziel 27 noch
offen

weniger Emissionen von Treibhausgasen bessere Energieeffizienz Anteil Erneuerbare


Ziele gemessen am Stand von 1990. Alle Angaben auf die EU-28 umgerechnet. *Das Paket wurde Ende 2016 von der EU-Kommission vorgestellt und befindet sich in der Abstimmung.

10 ENERGIEATLAS 2018
Fossile und nukleare Energiequellen bestimmen
EUROPÄISCHE ZUSAMMENARBEIT UND ENERGIEPOLITIK
noch immer das industrielle Selbstverständnis
der EU – und ihrer Außenpolitik
Gründungsmitglieder der ersten gemeinsamen
Einrichtungen, 1951–1957

wird eine Verbesserung der Energieeffizienz um 20 Prozent 1951 Europäische Gemeinschaft


angestrebt. für Kohle und Stahl
Im Jahr 2014 verabschiedete die EU dann ihren Energie- 1957 Europäische
Wirtschaftsgemeinschaft (EWG)
und Klimarahmen für das Jahr 2030. Darin fordert sie min- 1957 Euratom
destens 40 Prozent weniger Emissionen von Treibhausgasen 1947–1956 Saar-Protektorat
gegenüber dem Stand von 1990, einen Anteil von mindes-
tens 27 Prozent erneuerbarer Energien im Energiesektor
und eine um wenigstens 27 Prozent bessere Energieeffizi-
enz. Diese Ziele bilden die Grundlage für das derzeit verhan-
delte Clean Energy Package, das die rechtlichen Grundlagen
für die zukünftige Energiepolitik vorgibt. Doch diese Rege- Algerien noch als Teil Frankreichs. Saarland mit bedeutender Kohle- und Stahlindustrie
1957 zur Bundesrepublik Deutschland
lungen reichen immer noch nicht aus, um die Verpflichtun-
gen der EU aus dem Pariser Abkommen zu erfüllen und die
Erderwärmung unter zwei Grad Celsius im Vergleich zur
Mitgliedschaft in energiepolitischen
vorindustriellen Zeit zu halten. Schlüsseljahren, 1973–1987
Europa importiert etwa 54 Prozent seiner Energie. Die
Europäische Kommission verfügt jedoch nur über begrenz- 1973, während der Ölkrise
te Kompetenzen in ihrer auswärtigen Energiepolitik. Die 1987, als der Europäische
Mitgliedstaaten haben die Hoheit über Außen- und Sicher- Binnenmarkt erstmals
grenzüberschreitenden
heitsfragen und sie sind unterschiedlich abhängig von Im- Stromhandel zuließ
porten, Lieferanten und Transitländern. Mit der EU-Erweite- Atomkatastrophe von
rung im Jahr 2004 erfolgte eine stärkere Koordinierung der Tschernobyl (1986)
Energieaußenpolitik, vor allem aufgrund der Abhängigkeit
neuer osteuropäischer Mitgliedstaaten von Gaslieferungen
aus Russland. Die Europäische Nachbarschaftspolitik (ENP),
die im selben Jahr eingeleitet und 2015 überarbeitet wurde,
gibt den Rahmen vor, in dem die EU mit ihren Anrainern im Grönland, mit Dänemark 1973 beigetreten, verließ die EWG 1985
Osten und im Süden nachhaltige Energieziele voranbringen
will. Der Vertrag zur Gründung der Energiegemeinschaft,
Institutionen der Nachbarschaftspolitik seit 2004,
2005 unterzeichnet, will die Regeln des EU-Energiemarktes
auch zu Energiefragen
auf die Nichtmitglieder in Südosteuropa ausdehnen.
Im Jahr 2005 verpflichteten sich die EU-Länder zudem, EU-Mitglieder vor 2004 Nicht-EU-Mitglieder:
eine kohärente europäische Energiepolitik zu entwickeln, Beitrittsländer 2004–2013 Europäischer
Wirtschaftsraum
die sich auf drei Säulen stützt: Wettbewerbsfähigkeit, Nach-
mit bilateralen
haltigkeit und Versorgungssicherheit. Die wiederholten Abkommen
Gasstreitigkeiten zwischen Russland und der Ukraine sowie Energiegemeinschaft
geopolitische Spannungen im Nahen Osten verstärkten die Union für das
Notwendigkeit einer solchen Politik. Mittelmeer
Östliche Partnerschaft
Europa beginnt, nach innen zu schauen und die Ent-
Partnerschafts-
wicklung seines Energiebinnenmarktes voranzutreiben. und Kooperations-
Mit der 2015 gestarteten Energieunion möchte die EU den abkommen
beschlossenen Klima- und Energierahmen bis 2030 mit
der Sicherheit bei der Energieversorgung verbinden. Das
Maßnahmenpaket „Saubere Energie für alle Europäer“ von
2016 zielt darauf ab, die EU-Energievorschriften an ihre
Verpflichtungen von Paris anzupassen.
Europäische Energiepolitik befindet sich am Schnitt-
punkt zwischen internationalen Klimazielen, nationalen
Interessen und übernationaler Regulierung. Hinzu kom-
men die Dynamiken der Wirtschaft und geopolitischer
ENERGIEATLAS 2018 / WIKIPEDIA

Konflikte. Zudem erleben wir derzeit eine Verlagerung von


fossilen Brennstoffen hin zu erneuerbaren Energiequel-
len sowie das Aufkommen neuer Eigentumsmodelle – und
Union für das Mittelmeer und Östliche Partnerschaft bilden die Europäische
damit eine Dezentralisierung und Demokratisierung der Nachbarschaftspolitik. Großbritannien kündigte 2017 seinen Austritt aus der EU an
Energieversorgung und -verteilung. Insgesamt ist die Ener- („Brexit“). Ohne Beobachterstaaten und frühere Mitglieder.
giepolitik einem ständigen Wandel unterworfen.

ENERGIEATLAS 2018 11
ZUKUNFT

GEWINNER VON MORGEN


Für die internationale Konkurrenz haben Europa ist bei vielen umweltfreundlichen Technologi-
die „grünen“ Energien und ihre Technologien en einschließlich der Onshore- und Offshore-Windenergie
ein neues Wirtschaftsfeld geschaffen. bereits weltweit führend. Die Energiewende schafft neue
Perspektiven für den Export. Der Wettbewerb mit Nord-
Wer hier führt oder den Anschluss hält,
amerika und dem Fernen Osten treibt Europa an, weiter in
wird mit Exportchancen, Arbeitsplätzen Forschung und Innovation zu investieren und grüne Tech-
und Kostensenkungen belohnt. Zu einer nologien gedeihen zu lassen.
erfolgreichen Wende gehören auch Dazu gehören ein dynamischer Binnenmarkt, der den
Demokratie und soziale Gerechtigkeit. großflächigen Einsatz erneuerbarer Energien ermöglicht,
ein Bausektor, der sich um Plusenergiehäuser kümmert
(die mehr Strom produzieren als sie verbrauchen), und ein

D
as Weltklima verändert sich schneller als je zuvor, umweltfreundlicher Verkehr. Bessere Verbindungen zwi-
und die Menschen in Europa sind mehr und mehr schen den nationalen Strom-, Wärme- und Verkehrsnetzen
über diese Gefahr informiert. Auf das Wissen folgen können schnell dafür sorgen, dass Europa seinen gesamten
Taten. Denn Bürgerinnen und Bürger, Regierungen und Energiebedarf aus Erneuerbaren beziehen und auf Importe
Unternehmen erkennen, dass die Umstellung auf umwelt- vollständig verzichten kann.
freundlichere Energieformen keine teure und schmerzhafte Das Pariser Klimaabkommen von 2015 hat gezeigt, dass
Aufgabe ist. Im Gegenteil, sie bringt Vorteile: Kostensenkun- die Welt den Klimawandel nur dann begrenzen kann, wenn
gen, neue Industrien, lokale Arbeitsplätze, die nicht einge- sie auf fossile Brennstoffe verzichtet. Das CO2-Risiko ist ein
spart oder verlagert werden können, und Energiesicherheit. konkretes Problem. Umsichtige Investoren wenden sich all-
mählich von den fossilen Brennstoffen ab – und den grünen
Technologien zu. Das Klimaabkommen hat das Bewusstsein
für das Potenzial erneuerbarer Energien und die Vorteile der
FORSCHUNG VON HEUTE FÜR MÄRKTE VON MORGEN
Energieeffizienz geschärft. Mit finanzieller Unterstützung
Zukunftsinvestitionen und Zukunftsnachfrage im Länder- und
Regionalvergleich der EU entstehen Vorzeigeprojekte wie Offshore-Windparks
in der Nord- und Ostsee, Fernwärme aus erneuerbaren Ener-
Unternehmens- und öffentliche Ausgaben für Forschung gien und europäische Korridore für Elektromobilität.
und Entwicklung, erneuerbare Energien, Milliarden US-Dollar, 2015 In den vergangenen hundert Jahren hing die geopoliti-
0,8 1,4 Europa
sche Stärke der Länder von ihren Energieressourcen ab. In
Zukunft wird es darauf ankommen, Wettbewerbsvorteile
0,1 1,9 China aus den besten Umwelttechnologien zu ziehen. Die Länder,
1,1 0,8 Asien und Ozeanien die Solar- und Windenergie, intelligente Netze und Energie-
speicher voranbringen, werden einen Schritt voraus sein.
0,5 1,0 Vereinigte Staaten
Die Verringerung ihrer Importe fossiler Brennstoffe wird
0,2 Brasilien ihre Energiesicherheit stärken. Durch den beschleunigten
0,03 Naher Osten und Afrika
Einsatz umweltfreundlicher Technologien wird die Abhän-
gigkeit der EU von Ländern wie Russland und Saudi-Arabien
0,01 Indien verringert und ihr geopolitischer Einfluss erhöht.
Aber die europäische Wirtschaft ist immer noch stark
von fossilen Brennstoffen abhängig, vor allem für Hei-
Nachfrage nach Primärenergie, alle Formen, in Millionen
Tonnen Öl-Äquivalent, Prognose für 2035 zung, Kühlung und Transport. Der Verkehr ist nach wie vor
der Sektor, der am stärksten dekarbonisiert werden muss:
1.704 Europa Über 90 Prozent der Fahrzeuge in der EU verbrennen fos-
4.165 China sile Brennstoffe. Weniger Autos in den Städten, mehr Platz
für Fußgänger und Radfahrer und umweltfreundlichere
1.396 Asien und Ozeanien
öffentliche Verkehrsmittel können die Mobilität in den In-
ENERGIEATLAS 2018 / FRANKFURT SCHOOL, IEA

2.192 Vereinigte Staaten nenstädten verändern und für sauberere Luft und bessere
Gesundheit sorgen. Auch das wachsende Bewusstsein um
465 Brasilien
die schädlichen Dieselabgase dürfte Elektrofahrzeuge po-
2.273 Naher Osten und Afrika pulärer machen.
1.559 Indien

Wegen widersprüchlicher Daten enthält der Primärenergiebedarf in „Asien und Ozeanien“


Europa gibt viel Geld zur Erforschung der
(ohne China und Indien) nur Angaben aus Südostasien und Japan. Erneuerbaren aus. Länder, die dort zu wenig
investieren, sind die Exportmärkte der Zukunft

12 ENERGIEATLAS 2018
ENERGIEATLAS 2018 / IRENA
BESCHÄFTIGUNG DURCH ERNEUERBARE – IN EUROPA, CHINA UND ANDERSWO
Arbeitsplätze nach Energieträgern, ausgewählte Länder und Regionen, in Tausend, 2016

Photovoltaik Festbrennstoffe
Flüssigbrennstoffe Biogas
Windkraft Wasserkraftwerke bis 10 Megawatt
Solarthermie Geothermie
3.643
334
Frankreich Deutschland
313
777 162
China
667
Japan
Vereinigte Staaten
restliche EU-Länder
162

Indien Bangladesch

385

876

Brasilien

986

restliche Welt

Wegen unsicherer Daten ohne große Wasserkraftwerke. Wegen schädlicher Auswirkungen auf die Umwelt bilden Flüssigkraftstoffe aus Energiepflanzen den fragwürdigsten Teil der Erneuerbaren.

Die Erneuerbaren haben weltweit 8,3 Millionen


Die Energiewende ist auch ein Kampf für Demokratie. Arbeitsplätze geschaffen, davon mehr als 1,1 Millionen
Zu lange waren die Bürgerinnen und Bürger den energie- in der EU und über 300.000 in Deutschland
wirtschaftlichen und geopolitischen Interessen an Öl und
Gas ausgeliefert. Die Energiewende macht Einzelpersonen,
Genossenschaften und lokale Behörden zu Akteuren, indem von heute werden den Rahmen für die Entwicklung der
sie Anlagen zur Erzeugung von Strom aus erneuerbaren nächsten Jahrzehnte bestimmen. Mit den richtigen Ent-
Energiequellen besitzen oder mitbesitzen. Sie können ihren scheidungen kann die EU ihre Möglichkeiten nutzen, um
eigenen Strom produzieren und intelligente Steuerungen den Planeten vor der Klimakatastrophe zu retten und Euro-
einsetzen, um ihren Verbrauch zu optimieren. pa zum weltweiten Anführer bei den grünen Technologien
Der faire soziale Übergang muss mit neuen wirtschaftli- zu machen.
chen Perspektiven für die Regionen einhergehen, die Kohle
und Gas produzieren und verstromen. Niedrige Preise für
CO2 im Emissionshandelssystem der EU haben den Stein-
SCHWERGEWICHTE WIND UND SONNE
und Braunkohlebergbau am Leben erhalten und die Lauf-
Bestand der weltweiten Investitionen im Energiesektor nach Quellen,
zeiten der dafür gebauten Kraftwerke künstlich verlängert. Schätzungen für 2040 in Billionen US-Dollar
Damit haben sie die wirtschaftlichen Probleme der Regio-
nen verstärkt, die einseitig auf Kohle ausgerichtet sind. Jetzt Wind
Sonne

2,8 3,3 2,8


sollte ein schrittweises und fest terminiertes Ende der Fossi-
len mit einer effektiven Planung auf lokaler und regionaler
Ebene verbunden werden. So können größere soziale Krisen
vermieden werden – Beispiele dafür gibt es.
Die EU-Politik hat die Energiewende in Europa vor mehr Fossile und Atom
als 20 Jahren beginnen lassen. Politische Entscheidungen
ENERGIEATLAS 2018 / BNEF

Gesamtsumme

Für 2040 erwarten Fachleute, dass 72 Prozent


aller im Energiesektor investierten Gelder
zur Erzeugung erneuerbarer Energien dienen
10,2 1,3
sonstige Erneuerbare

ENERGIEATLAS 2018 13
WIRTSCHAFT

VOM RAND IN DIE MITTE


Erneuerbare werden immer konkurrenz- len. Natürlich bestehen zwischen den EU-Ländern noch
fähiger. Sie sorgen für Wachstum und deutliche Unterschiede. Erneuerbare machen derzeit in
Arbeitsplätze, aber in der Energiepolitik geht Finnland und Schweden 30 Prozent des Energieverbrauchs
aus, in Luxemburg und Malta nur fünf Prozent.
das Umdenken noch längst nicht weit genug.
Ein Trend ist jedoch deutlich: Erneuerbare werden im-
An den Finanzen mangelt es dabei nicht. mer konkurrenzfähiger. Ihr Ausbau hat dazu beigetragen,
dass die EU den Verbrauch fossiler Brennstoffe seit 2005 um

N
och vor zehn Jahren hielten viele die erneuerbaren elf Prozent reduziert hat und die Importrechnung für fossile
Energien für eine Bedrohung des wirtschaftlichen Brennstoffe seit 2013 um mehr als 35 Prozent gesunken ist.
Wohlstands und Wachstums in ganz Europa. Ins- Erneuerbare wurden hauptsächlich als Ersatz für Kohle und
besondere Vertreter der Kohleindustrie behaupteten, dass und Erdgas eingesetzt. Die Substitution von Öl war weniger
Windkraft, Solarenergie und Biomasse einfach zu teuer sei- erfolgreich, weil erneuerbare Energieträger im Verkehrs-
en und realistischerweise nie mehr als drei bis vier Prozent sektor noch nicht weit verbreitet sind; Mineralöl ist hier der
des Strombedarfs decken könnten. Doch einige europäische Haupttreibstoff.
Länder, allen voran Dänemark und Deutschland, haben In ganz Europa haben die fossilen und nuklearen Brenn-
trotz der Kosten und unklaren Erfolgsaussichten kräftig in stoffe von kräftigen öffentlichen Subventionen profitiert.
die Erneuerbaren investiert. Auch für die Erneuerbaren gab es Anreize, etwa mit den Ein-
Heute sind erneuerbare Energien keine Randtechnolo- speisetarifen, bei denen Erzeuger erneuerbarer Energien
gien mehr. Vielmehr machten sie innerhalb der letzten elf einen festen Kaufpreis für den von ihnen erzeugten Strom
Jahre den Großteil der neu geschaffenen Stromerzeugungs- erhalten. Aber diese Zahlungen kamen lange nicht einmal
kapazitäten der EU aus. 2015 stammten 16,7 Prozent des
Endenergieverbrauchs der EU aus erneuerbaren Energien.
Der größte Schub kam durch die schnell sinkenden Kosten Volkswirtschaftlich sinnvoll: bei sinkenden
dieser Technologien. Seit 2009 sind sie für Sonnenenergie Importpreisen die Einsparungen nutzen, um in die
um 75 Prozent und für Windenergie um 66 Prozent gefal- weitere Verringerung der Importe zu investieren

GENÜGEND GELD FÜR DIE WENDE


Fallende Weltmarktpreise als Förderprogramm für Investitionen in erneuerbare Energien

Importkosten für fossile Brennstoffe (Öl, Gas, Kohle), EU, in Milliarden Euro Menge der importierten fossilen Brennstoffe,
Einsparung gegenüber den Höchstpreisen von 2012, in Milliarden Euro in Millionen Tonnen (rechte Achse)

2011 2012 2013 2014 2015 2016 2017


500 100

50,4 99,6 193,2 248,4 184,8


400 80

300 60

200

409,2 457,2 406,8 357,6 264,0 208,8 272,4


100

Durch die Erneuerbaren eingesparte Importe fossiler Brennstoffe gegenüber 2005, in Milliarden Euro
ENERGIEATLAS 2018 / EUROSTAT, REN21

- 11,9 -18,1 - 19,4 - 18,2 - 15,8 Fehlende Angaben: keine Daten. Importeinsparungen 2015:
Schätzung. 2017: Geschätzte Importe und Einsparungen
Investitionen in Erneuerbare in der EU, in Milliarden Euro durch Verdoppelung der Ergebnisse des 1. Halbjahrs.

88,4
69,5
45,1 46,6 44,0 53,9

14 ENERGIEATLAS 2018
ERNEUERBARE UND WACHSTUM
Die zwölf EU-Länder mit den größten Treibhausgas-Emissionen im Vergleich, 2005/2015, in Prozent

Veränderung der Wirtschaftsleistung (Bruttoinlandsprodukt, BIP)


Verringerung von Treibhausgaseimissionen
Zunahme des Anteils der Erneuerbaren am Energiemix

16,4
12,0
- 25,9
- 8,3 50,6
7,2
3,3 - 3,0
Großbritannien
Niederlande 15,6 4,8
14,5 - 8,7 Polen
10,6 7,9
- 18,2 28,4
-16,7
5,6 Deutschland
7,7 - 13,3
Belgien 7,9
EU-28 14,5
Tschechien
10,4 - 14,4
9,1 35,5
- 16,6
Österreich - 19,8
5,5
7,5
Frankreich
Rumänien
8,4 - 3,9
- 22,4 - 24,7
7,7 10,0
Spanien Italien

ENERGIEATLAS 2018 / EUROSTAT


- 18,8
- 29,0
8,4
Griechenland

Die zwölf EU-Länder mit den meisten


in die Nähe derer, die an die fossile Industrie flossen. In der Emissionen zeigen bei Energie und
gesamten EU verteilen die Union selbst und die Regierun- WIrtschaft keine einheitlichen Trends
gen ihrer Mitglieder jährlich kostenlose Emissionszertifi-
kate und Subventionen für über 110 Milliarden Euro an die
Erzeuger von Energie aus fossilen Brennstoffen. Demgegen- Die Erneuerbare-Energie-Branche ist heute ein großer
über erhalten erneuerbare Energien 40 Milliarden Euro. Arbeitgeber, der bis 2014 bereits mehr als eine Million Ar-
Der Aufstieg der erneuerbaren Energien hat das Wirt- beitsplätze in Europa geschaffen hat. Die meisten Arbeits-
schaftswachstum in Europa nicht gebremst. Zwischen 2006 plätze liegen in den Bereichen Wind, Solar und Biomasse.
und 2015 wuchs die europäische Wirtschaft um gerade mal Diese Technologien verzeichneten in den vergangenen
0,7 Prozent, während der Anteil der erneuerbaren Ener- Jahren die weltweit höchsten Wachstumsraten und die
gien am Endenergieverbrauch um 7,7 Prozent stieg. Seit stärksten Kostensenkungen. Bei den Arbeitsplätzen pro
2005 sind die Treibhausgasemissionen in Europa um zehn Kopf der Bevölkerung war die Branche im Jahr 2014 die
Prozent zurückgegangen. Erstmals waren in der EU Wirt- Nummer zwei der Welt. Heute liegt sie nur noch an fünf-
schaftswachstum und Emissionen entkoppelt. Eine Ener- ter Stelle hinter China, den Vereinigten Staaten, Japan und
giewende kann also zugleich wirtschaftlichen Wohlstand Brasilien. Es ist durchaus möglich, dass Europa noch weiter
schaffen und den CO2-Fußabdruck Europas verkleinern. zurückfällt.
In absoluten Zahlen ist Europa bei Investitionen in er- Europa will bis Mitte dieses Jahrhunderts seine Treib-
neuerbare Energien weltweit führend, doch der Anteil an hausgasemissionen um 80 Prozent senken. Um dies zu er-
den weltweiten Investitionen sank von 46 Prozent im Jahr reichen, muss der Anteil erneuerbarer Energien nicht nur
2005 auf 17 Prozent im Jahr 2015. Der Grund dafür liegt im Stromsektor, sondern auch bei Heizung, Kühlung und
darin, dass auch andere Weltregionen die wirtschaftlichen Verkehr deutlich zunehmen. Die wirtschaftlichen Vor-
Möglichkeiten der Erneuerbaren entdeckt haben. Nichts- teile der erneuerbaren Energien sowie Umwelt- und Kli-
destotrotz möchte Europa weltweit an der Spitze von For- mafragen machen sie zu einer bevorzugten Alternative zu
schung und Innovation auf diesem Gebiet stehen. Das größ- fossilen Brennstoffen. Viele Europäerinnen und Europä-
te Forschungsprogramm der EU, Horizon 2020, stellt für den er profitieren bereits direkt – in Form von Arbeitsplätzen,
Zeitraum von 2014 bis 2020 rund sechs Milliarden Euro für geringeren Gesundheitskosten und eigener Energieerzeu-
erneuerbare Energien bereit. gung – von dieser Entwicklung.

ENERGIEATLAS 2018 15
BÜRGERENERGIE

TROPFEN WERDEN ZUM STROM


Besitze dein Energiesystem! Bürgerinnen tannien, jetzt aber auch in Belgien, Frankreich und anderen
und Bürger nehmen aktiv an der Energie- Ländern. Aber wenn Bürgerinnen und Bürger solche Anla-
wende teil, indem sie direkt investieren gen besitzen oder mitbesitzen, ändert sich das. Es ist daher
unerlässlich, die Menschen und die Lage vor Ort in den Mit-
oder Eigentümergruppen beitreten. Doch
telpunkt der europaweiten Energiewende zu stellen.
das ist nur der erste Schritt. Das 2016 vorgeschlagene Clean Energy Package der EU
soll die Ziele und Regeln für das europäische Energiesystem

D
ie beiden Länder in Europa, in denen seit 2009 die bis 2030 festlegen. Allerdings erscheinen große Teile davon
meisten Anlagen zur Erzeugung erneuerbarer Ener- fern und undurchsichtig. Viele Bürgerinnen und Bürger se-
gien installiert wurden, sind Dänemark und Deutsch- hen zum Beispiel, dass die Energiesysteme im Besitz einiger
land. Dies sind auch die Länder, in denen die Bürgerinnen großer Unternehmen liegen, die viel Geld verdienen und
und Bürger am meisten an der Energiewende beteiligt von einer Management-Elite und den Entscheidungsträ-
sind. In Deutschland gibt es viele verschiedene Eigentums- gern in Brüssel bestimmt werden. Doch Bürgerenergiepro-
modelle. Nur fünf Prozent der installierten Kapazität für jekte, die für die Netze produzieren, gibt es in allen Formen.
erneuerbare Energie sind im Besitz großer, traditioneller Genossenschaften und Miteigentümergruppen verbinden
Energieversorger. In Dänemark werden Onshore-Wind- daher die lokale mit der europäischen Ebene. Wenn die
kraftanlagen nur genehmigt, wenn mindestens 20 Prozent Menschen ihr Energiesystem besitzen und es sich lohnt,
der Projektanteile an Bürgerinnen und Bürger gehen, die in wird auch ein so fern scheinendes Konzept wie die europä-
der jeweiligen Region wohnen. ische Energiewende für sie konkret.
In vielen Ländern haben öffentliche Einwände und Pro- Es gibt viele Gründe, warum Anwohnerinnen und An-
teste die Entwicklung erneuerbarer Energien gebremst oder wohner in lokale Energieprojekte investieren. Solche An-
blockiert. Es ist leicht zu verstehen, warum die Menschen
wenig Interesse an Großtechnik vor Ort haben, wenn alle
Gewinne abfließen und sie nicht mitbestimmen können, Eine Vision: Im Jahr 2050 könnten in der EU
wo und wie das Projekt entwickelt wird. Das Sankt-Florian- Hunderte Millionen Menschen doppelt so viel Energie
Prinzip ist ein ernstes Problem, anfangs vor allem in Großbri- produzieren wie heute die Atomkraftwerke

ENERGIEATLAS 2018 / CE DELFT


VOM KONSUMIEREN ZUM MITMACHEN – DAS POTENZIAL FÜR 2050
Stromerzeugung und Dienstleistungen von Bürgerinnen und Bürgern* in den EU-Mitgliedsländern

Terawattstunden (TWh)
Potenzial, Millionen 1–50 101–200 Schweden 46
Bürgerinnen und Bürger 51–100 201–300
129
91
6
115
Elektrofahrzeuge 25 7
20
Großbritannien 9
Sonne
171
80 34
Polen
49 Deutschland
70 1 73
294
24
stationäre Batterien 249
9
Frankreich 37
elektrische Boiler 21
4
122 48
8

Wind 30 Spanien Italien 9

10 146
Zum Vergleich: In der EU könnte die 21
Energieerzeugung Speicherdienstleistungen
Bürgerenergie 2050 bei 1.558 TWh liegen.
Der Atomstrom lag 2016 bei 840 TWh.

* Engagement in Produktionsgemeinschaften, Haushalte, Kleinst- und Kleinunternehmen, öffentliche Einrichtungen 1


1

16 ENERGIEATLAS 2018
EIN NEUES GESCHÄFTSMODELL – DAS BEISPIEL DEUTSCHLAND
Installierte Leistung zur Erzeugung von erneuerbarem Strom nach Eigentümergruppen und Energiequellen, 2012 und 2016, in Gigawatt und Prozent

Beteiligte an Gemeinschaftsprojekten Finanz- und andere Investoren große Energieversorgungsunternehmen andere

1
12 16
1 16
14
42 41
47 73 GW 100 GW 45 GW 41 GW
44 49 45
41
41

Stromerzeugung aus Erneuerbaren Stromerzeugung aus Erneuerbaren Windkraft Photovoltaik


Besitzstruktur 2012 Besitzstruktur 2016 Besitzstruktur 2016 Besitzstruktur 2016

ENERGIEATLAS 2018 / AEE


Bürgerbeteiligungen (z. B. Fondsbeteiligungen, Minderheitsbeteiligungen an Betreibergesellschaften)
Bürgerenergiegesellschaften (z. B. regionale Energiegenossenschaften und Bürgerbeteiligung über 50 Prozent)
Einzeleigentümer und -eigentümerinnen (z. B. Einzelpersonen, insbesondere Landwirtinnen und -wirte, Agrargenossenschaften)

Terminologie: Agentur für Erneuerbare Energien. Ohne Pumpspeicherkraftwerke, Offshore-Windkraftanlagen, Geothermie und biogene Anteile des Abfalls. Differenzen durch Rundung

Um ein Viertel sind die Erneuerbaren in vier


lagen generieren achtmal mehr Einnahmen für die lokale Jahren gewachsen. Aber der Anteil der „Bürgerenergie“
und regionale Wirtschaft als die Anlagen der transnationa- fällt zugunsten der„Konzernenergie“
len Projektierer. Die finanziellen Ergebnisse bringen zudem
immaterielle Vorteile mit sich, zum Beispiel den Stolz auf
das gemeinsam Erreichte. und Zusammenschlüsse, eigene Energie zu produzieren,
Weil es keine zentrale Datenbank gibt, ist es schwierig, zu verbrauchen, zu lagern und zu verkaufen. Dazu müssten
die Zahl der an der Energiewende beteiligten Bürgerinnen die überhöhten Gebühren für den Netzzugang und andere
und Bürger zu schätzen. In Europa gibt es Tausende kleine administrativen Hindernisse beseitigt werden. So würden
Projekte. Osteuropa liegt zurück, weil in den zentralisier- gleiche Wettbewerbsbedingungen entstehen, die der Bür-
ten Strukturen die politischen Rahmenbedingungen für gerenergie einen angemessenen Zugang zum Markt ver-
kleinteiligere Initiativen fehlen. Zudem bevorzugen die schaffen würden.
Regierungen dort noch immer die fossilen Brennstoffe und
die Kernenergie. Diese Länder haben ein enormes Potenzi-
al – mit dem richtigen politischen Rahmen können sich die
NUTZNIESSER DER VERGANGENHEIT
Bürgerenergien auch nach Osten ausbreiten.
Europas größte Energiekonzerne, Absatz von Terawattstunden 2015,
Ein Bericht der Beratungsfirma CE Delft von 2016 und Verkäufe von Bürgerenergie in Deutschland 2016 zum Vergleich
schätzt, dass bis 2050 rund 264 Millionen „Energiebürger“
45 Prozent des Strombedarfs der EU decken könnten. Die EDF, Frankreich 619
Studie zeigt auch das Potenzial verschiedener Formen von
333 Engie, Frankreich
Bürgerenergie. Im Jahr 2050 könnten Gemeinschaftsunter-
nehmen und Genossenschaften 37 Prozent des erzeugten 262 RWE, Deutschland
Stroms einspeisen. Dies sind die Projekte, die oft große posi- 260 Enel, Italien
tive Auswirkungen auf die lokale Wirtschaft haben.
245 E.ON, Deutschland
Ein solches Maß an Beteiligung hängt von der richtigen
Politik ab. Doch in vielen Ländern entwickelt sich das Ener- 197 Vattenfall, Schweden
giesystem falsch. Eine der größten Hürden sind die Überka- 162 Iberdrola, Spanien
pazitäten. Die Stromerzeugung übersteigt die Nachfrage.
152 Centrica, Großbritannien
Die fossile und nukleare Energie wird subventioniert, um
„Energiesicherheit“ aufrechtzuerhalten – und das erstickt 116 EnBW, Deutschland 53 Gas Natural, Spanien
den Markt für örtliche Projekte bei den Erneuerbaren. 102 PGE, Polen 51 Verbund, Österreich
Die derzeitigen Vorschriften machen es unwahrschein-
89 Edison, Italien 49 CEZ, Tschechien
lich, dass im nächsten Jahrzehnt Millionen von Menschen
ENERGIEATLAS 2018 / PROSPEX, UBA, AEE

an der Energiewende teilnehmen werden. Vieles hängt 84 Fortum, Finnland 49 PPC, Griechenland
von der endgültigen Ausgestaltung des Clean Energy 81 Axpo, Schweiz 41 SSE, Großbritannien
Package ab. Förderlich wäre ein Recht für Einzelpersonen
79 Bürgerenergie, Deutschland

65 EDP, Portugal
Das lang anhaltende Desinteresse der Energiekonzerne 56 Statkraft, Norwegen
hat demokratische Besitzstrukturen mit erstaunlicher
wirtschaftlicher Bedeutung entstehen lassen

ENERGIEATLAS 2018 17
STÄDTE

AKTIONEN VOR ORT


Städte können ein Labor für Innovationen se und Geothermie, die für die Gesellschaft als Ganzes und
sein. Sie sind groß genug, um neue Ideen nicht für eine kleine Anzahl von Privateigentümern zur Ver-
in großem Maßstab zu erproben, aber klein fügung stehen sollten. Der Wechsel von einer Rohstoff- zu
einer regenerativen Wirtschaft kann eine gerechtere Auf-
genug, um sie aufzugeben, wenn sie nicht
teilung dieser Ressourcen ermöglichen.
funktionieren. Und die besten Projekte In Großbritannien bekämpfen immer mehr lokale Be-
können auf die nationale Ebene übertragen hörden die „Energiearmut“ von Menschen, die ihre Häu-
werden. ser nicht zu angemessenen Kosten warm halten können,
indem Verwaltungen das Energiemanagement überneh-

D
ie Städte sind zu einem wichtigen Akteur geworden, men. Bristol fördert Projekte zur Erzeugung erneuerbarer
wenn es darum geht, die Folgen des Klimawandels zu Energie und zur Isolierung von Gebäuden, um den Ener-
reduzieren. Die Agenda 21, die 1992 auf dem Welt- gieverbrauch zu verringern. Diese Initiativen sind eng mit
gipfel in Rio verabschiedet wurde, forderte eine nachhal- einer Regionalwährung verbunden: Der „Bristol Pound“
tige Entwicklung auf internationaler und lokaler Ebene. soll die lokale Wirtschaft stärken, indem das Geld inner-
Seitdem haben die Städte große Fortschritte gemacht. In halb der Stadt zirkuliert und die Unternehmen am Ort ver-
Europa haben sich im Jahr 2009 Hunderte im Europäischen bindet. 2017 kündigten Paris, Kopenhagen und Oxford an,
Parlament verpflichtet, ihre CO2-Emissionen zu reduzieren, Benzin- und Dieselautos schon vor dem Stichtag nationaler
und dazu die Bewegung „EU-Konvent der Bürgermeister“ Regelungen nicht mehr zuzulassen. In den Niederlanden
gestartet. Inzwischen engagieren sich weltweit 7.700 Kom- entstanden „gasfreie“ Stadtteile, bevor die Regierung be-
munen für Energie und Klimaschutz. Während der UN- schloss, auf Gas zum Kochen und Heizen zu verzichten.
Klimakonferenz in Paris 2015 verpflichteten sich fast 1.000 Immer mehr Kommunen investieren direkt in lokale
Stadtoberhäupter, ihre Orte bis zur Mitte des Jahrhunderts Energiegenossenschaften, die eine Form der „Bürgerener-
CO2-neutral zu machen. gie“ darstellen, oder sie helfen mit Subventionen, rechtli-
Städte verbrauchen mehr als zwei Drittel der weltwei- chem und technischem Fachwissen und Zugang zu ihren
ten Energie und verursachen etwa 70 Prozent der globalen Stadtwerken. Sie sehen die Energiewende nicht als Problem,
CO2-Emissionen. Sie tragen zum Klimawandel bei und sind sondern als Chance für die regionale Wirtschaftsentwick-
zugleich Opfer seiner Auswirkungen. Städte leiden unter lung. Sie können lokales Kapital mobilisieren und ihre Bür-
Überschwemmungen, steigenden Meeresspiegeln, Erdrut- gerschaft anstelle einer Handvoll ortsfremder Aktionäre bei
schen, Wetterextremen und Wasserknappheit. Im Rahmen Investitionen bevorzugen.
der Energiewende in Europa versuchen die lokalen Behör- Die Ausgabe von „Green Bonds“ animiert zur Investition
den, die Auswirkungen des Klimawandels zu reduzieren. in Umweltprojekte. Einwohnerinnen und Einwohner kön-
Sie fördern die Erneuerbaren und entwickeln intelligente nen sich zu Stromeinkaufsgesellschaften zusammenschlie-
Stromnetze. Aber die Frage, wer diesen ganzen Schub neuer ßen, um – ähnlich den industriellen Großverbrauchern –
Technologien besitzen, kontrollieren und davon profitieren niedrigere Energiepreise durchzusetzen. „Revolvierende“,
wird, bleibt auf nationaler und EU-Ebene unbeantwortet.
Städte haben Antworten gefunden. Die Regierungen
von Barcelona, Paris und von Gent in Belgien sehen Energie Besonders die italienischen Lokalpolitikerinnen und
als „Commons“, als Gemeingüter. Dazu gehören die natür- -politiker wollen beim Klimaschutz nicht auf die Regierung
lichen Ressourcen Wind, Sonnenlicht, Wasserkraft, Biomas- in Rom warten – und fangen damit schon einmal an

EUROPAS STÄDTE WERDEN GRÜN


Mitglieder des Konvents der Bürgermeisterinnen und Bürgermeister für Klima und Energie in ausgewählten Ländern, 2018

Unterzeichner mit Klimaaktionsplänen Gesamtzahl

Italien 3.184 4.012

Spanien 1.520 1.826 Griechenland 121 156


ENERGIEATLAS 2018 / COM

Frankreich 18 113 Deutschland 60 72 Polen 39 40 Tschechien 6 16

18 ENERGIEATLAS 2018
ENERGIEATLAS 2018 / CDP
ZWISCHENZIEL 70 PROZENT
Anteile im städtischen Strommix nach Herkunft, 69 berichtende Städte in Europa, Daten von 2015 bis 2017

Akureyri
Reykjavík

Strom aus erneuerbaren Quellen


mindestens 70 Prozent
weniger als 70 Prozent

erneuerbar
fossil
nuklear Helsinki
Bærum Oslo Turku
unbekannt Stockholm
Arendal
Egedal
Frederikshavn Moskau
Gladsaxe
Odder
Sønderborg Kopenhagen
Manchester Lejre
Ærø Høaje-Taastrup
Birmingham
Hamburg
Groningen
Amsterdam
London
Rotterdam Warschau
Amiens
Breslau

Paris Mannheim Heidelberg


Tiflis
(Georgien)
Basel Zürich
Nyon Lausanne
Bozen
Monza Udine
Mailand Venedig
Turin Ferrara Alba-Iulia
Braga Fafe Genua
Guimarães Monaco
Porto Florenz
Ovar
Saragossa Barcelona
Cascais Lissabon Madrid Rom Pristina
Moita
Istanbul
Oristano
Murcia
Gibraltar

Athen

alle Selbstauskünfte aus Europa, die auf der Website von CDP (vormals Carbon Disclosure Project) in London veröffentlicht wurden

Dutzende von Städten in Europa melden ihren


von den Erlösen der investierten Gelder gespeiste Fonds, Strommix an eine Sammelstelle in London. Geografie und
fördern das Energiesparen. Kommunale Verbraucher dür- Energiepolitik bestimmen den Weg in die Nachhaltigkeit
fen einen Teil des Ersparten für andere Projekte ausgeben.
Litoměřice, eine Stadt in Tschechien, ist eine von vielen lo-
kalen Verwaltungen, die ein solches System erfolgreich ein- auf neue Technologien stützen, können ihr volles Potenzial
geführt haben. Paris hingegen hat Crowdfunding als einen erst entfalten, wenn alte zentralistische Strukturen von neu-
wichtigen Teil seiner klimaneutralen Strategie für das Jahr en, mehrstufigen Governance-Modellen abgelöst werden.
2050 definiert. Die Hauptstadt will zudem eine internatio- Im Januar 2018 forderte das Europäische Parlament die EU-
nale Drehscheibe für „Green Finance“ werden. Mitgliedstaaten auf, dauerhafte Dialogplattformen einzu-
Das EU-Paket für saubere Energie, 2016 vorgeschlagen richten, auf denen sich Bürgerinnen und Bürger einerseits
und 2018 vor der Verabschiedung, wird die Energieland- und die örtlichen Behörden andererseits über Energie- und
schaft in den kommenden Jahrzehnten beeinflussen. Es Klimafragen austauschen können. Solche Plattformen bie-
wird bestimmen, ob lokale Behörden, Bürgergenossen- ten der lokalen Verwaltung ebenfalls eine Möglichkeit, auf
schaften und andere neue Akteure einen fairen Zugang die Ideen und Ressourcen ihrer Einwohnerschaft zurückzu-
zum Markt erhalten. Dezentrale Energiesysteme, die sich greifen.

ENERGIEATLAS 2018 19
ENERGIEARMUT

IM KALTEN UND IM DUNKELN


Für viele Menschen in der EU sind warme Rücktritt der Regierung geführt. In Portugal, Griechenland
Wohnungen und bezahlte Stromrechnungen und Zypern leiden 20 bis 30 Prozent der Haushalte an Ener-
nicht selbstverständlich. Wird die Energie- giearmut.
Energiearmut hat etwas mit Einkommensarmut zu tun.
wende auch sozialpolitisch ausgerichtet,
Die beiden Phänomene treten aber nicht zwangsläufig ge-
kann sie dazu beitragen, dass die Energie- meinsam auf. Trotz Einkommensarmut braucht ein Haus-
kosten sinken und die Einkommen steigen. halt nicht unter Energiearmut zu leiden, wenn ein Fernwär-
mesystem ihn mit bezahlbarer Heizung versorgt. Haushalte

Z
wischen 50 und 125 Millionen Menschen, 10 bis 25 mit höherem Einkommen hingegen werden möglicherwei-
Prozent der EU-Bevölkerung, sind von der sogenann- se wegen der hohen Energiepreise und der schlecht isolier-
ten Energiearmut bedroht. Dies hat schwerwiegende ten Wohnungen nicht ausreichend mit Wärme versorgt.
Folgen für die betroffenen Personen und Familien sowie für Viele Entscheidungsträger haben immer noch Schwie-
die Gesellschaft als Ganzes. Die Lebensqualität sinkt und die rigkeiten, das Konzept der Energiearmut zu verstehen, weil
gesundheitlichen Probleme nehmen zu. Illegales Abholzen dieser Begriff nicht klar und übereinstimmend definiert ist.
schädigt die Natur, und das Verbrennen ungeeigneten Ma- Um das zu ändern, werden zwei zusammenhängende Initi-
terials verschmutzt die Luft immer mehr. ativen eine Schlüsselrolle spielen: das EU Fuel Poverty Net-
Es gibt in der EU keine gemeinsame Definition von Ener- work (EU FPN) zum Austausch über den Brennstoffmangel
giearmut. Weniger als ein Drittel der EU-Länder erkennen sowie die Europäische Beobachtungsstelle für Energiear-
überhaupt Energiearmut an, und nur vier – Zypern, Frank- mut (EU Energy Poverty Observatory, EPOV) zur Datenerhe-
reich, Irland und Großbritannien – haben eine gesetzlich bung, für Analysen und Vorschläge.
festgelegte Definition. Das Thema wurde schließlich 2016 in Wie kann Energiearmut bekämpft werden? Die meisten
einer Rede von Maroš Šefčovič auf die politische Tagesord- Initiativen verstehen sie als soziales Problem. Nicht kurzfris-
nung gesetzt. Šefčovič ist Vizepräsident der Europäischen tige Fortschritte, sondern der langfristige Zuwachs beim
Kommission und für die Energieunion zuständig, das Pro- Einkommen steht im Vordergrund. Aber zur Beseitigung
jekt zur Koordinierung der Energiewende in der EU. des Problems gehören auch Kosteneinsparungen bei Ge-
Die Energiearmut ist in Ost- und Südeuropa besonders bäuden durch eine bessere Energieeffizienz sowie die För-
ausgeprägt. In Bulgarien und Litauen ist es für 30 bis 46 Pro-
zent der Haushalte nicht selbstverständlich, ihre Wohnun-
gen warmhalten zu können. In Bulgarien haben die hohen Erneuerbare Energien können den Kreislauf aus Armut,
Energiepreise und das Geschäftsgebaren der Energiemo- Schulden und Kälte mit ihren ernsten
nopole zu großen Demonstrationen und 2013 sogar zum gesundheitlichen und sozialen Folgen unterbrechen

WIE MIT ERNEUERBAREN DIE ENERGIEARMUT BEKÄMPFT WERDEN KANN


Wechselseitige Ursachen, Folgen und Maßnahmen

Gebäude-
Investitions- Zugang Speicher-
Energiebedarf, alter, Brennstoff- hilfen zum Netz kapazitäten
-verbrauch, -ausgaben -struktur verbrauch
Elemente der
Nachhaltigkeitspolitik
wirtschaftliche und
soziale Faktoren
Folgen der Energiearmut Gebäude- Energie-
effizienz Erzeugung kosten
erneuerbarer
Energien Einkommen
ENERGIEATLAS 2018 / OR, TRINOMICS

Heizung, Rechnung
Heißwasser, und
gesund- Strom Bezahlung
Stigma-
heitliche Stress Verschuldung Isolierung
tisierung
Folgen

20 ENERGIEATLAS 2018
ENERGIEATLAS 2018 / EUROSTAT
WO STROM UND HEIZUNG ZU TEUER SIND
4,7 FI
Indikatoren für Energiearmut in den EU-Mitgliedsländern, 2016
7,4 13,9
Wohnungen feucht oder 7,7 1,7
schlecht isoliert 2,6 2,6 7,9 2,7
Zahlungsrückstand bei der Energie- EE
rechnung für die Wohnung 15,9 SE
21,9
Wohnung wird nicht 13,4 IE 2,5 2,7 LV
16,3
angemessen beheizt UK 13,2 10,6
DK
12,1 5,8 LT
16,4 2,0 2,6
Prozent 11,6 18,2
weniger als 10 5,7 6,1 13,1
10–25 9,5 7,1 9,7 29,3
19,3 NL
mehr als 25
BE 3,0 3,7 PL
8,2 6,2
5,0 4,8
LU DE
CZ
3,0 3,8 5,7 5,1
15,4 18,7 11,2 SK 26,7
AT
14,0 FR
8,1 8,7 4,0 1,7 4,2 2,7 HU 16,2 9,2
13,3 RO
EU-28 6,1 5,0 SI
HR 11,5 18,0 13,8

ES 25,3 9,3 12,3


PT 15,9 IT
30,5 23,8
BG
7,8 10,1 21,0 31,7 39,2
7,3 22,5 15,9 4,8
8,9 16,1 14,7

42,2 29,1
8,9 27,1
GR

9,0 6,8 MT 15,4 24,3


CY
AT: Österreich, BE: Belgien, BG: Bulgarien, CY: Zypern, CZ: Tschechien, DE: Deutschland, DK: Dänemark, EE: Estland, ES: Spanien, FI: Finnland, FR: Frankreich, GR: Griechenland, HR: Kroatien, HU: Ungarn,
IE: Irland, IT: Italien, LT: Litauen, LU: Luxemburg, LV: Lettland, MT: Malta, NL: Niederlande, PL: Polen, PT: Portugal, RO: Rumänien, SE: Schweden, SI: Slowenien, SK: Slowakei, UK: Großbritannien

Die Komponenten der Energiearmut sind in


derung der Bürgerenergie und des „Prosumerismus“, also der EU sehr ungleichmäßig verbreitet – in Bulgarien
die Energieerzeugung durch Verbraucher, zum Beispiel mit liegt sie zehnmal höher als in Schweden
Sonnenkollektoren.
Die Konzepte decken einen weiten Bereich von einem
technischen bis zu einem sozialen Ansatz ab. Der Picardie terschiedliche wirtschaftliche und soziale Situation in den
Pass Rénovation ist eine französische Initiative zur Nach- EU-Ländern berücksichtigen. Die Europäische Kommission
rüstung und Modernisierung von Gebäuden. Dabei fließen will zwar die Steigerung der Energieeffizienz auch sozial-
die erwarteten Einsparungen in die Finanzierung der bauli- politisch ausrichten, aber dies allein reicht wohl nicht aus.
chen Verbesserungen. Les Amis d‘Enercoop, eine Energiege- Ebenso wichtig ist es, darauf zu schauen, wie Energie in Zu-
nossenschaft mit Sitz in Paris, sammelt Spenden, die sich an kunft anders als heute erzeugt und verbraucht wird: dezen-
den Energiekosten ihrer Mitglieder orientieren, um lokale tral, digitalisiert und lokal erzeugt sowie über Netze verteilt,
Initiativen gegen Energiearmut zu unterstützen. Mitglie- die auf die schwankenden Einspeisungen der Erneuerbaren
der von Som Energia, einer Genossenschaft in Katalonien, ausgelegt sind. Und mit Verbrauchern, die zugleich Produ-
zahlen einen Aufschlag, um einen Teil der Stromrechnung zenten, Lieferanten und Miteigentümer sind. Dies wieder-
ärmerer Verbraucher zu decken. um würde die Energie auch erschwinglicher machen.
Dennoch bleiben Unsicherheiten bei der Ausrichtung Gemeinschaftsprojekte, in denen die Bürgerinnen und
der Clean-Energy-Strategie, die die EU-Kommission 2016 Bürger Energie erzeugen oder nutzen, sind ein wesentlicher
vorgeschlagen hat und die auch der Bekämpfung der Ener- Bestandteil der Energiewende in Europa. Sie zielen auf zwei
giearmut dient. Geht es allein um den Klimawandel oder Hauptursachen der Energiearmut ab: niedrige Haushalts-
auch um einen sozialen Aspekt? Können die Neuerungen einkommen und hohe Energiepreise. Die geringeren Kosten
den Gefährdeten zugutekommen? Können sie wirtschaft- der Erneuerbaren sollten die Stromrechnung senken, und
lich sinnvoll und gesellschaftlich attraktiv sein? die Aktiven könnten gemeinsam bessere Preise aushandeln.
Wenn die Energiewende diese Armut ernst nimmt, müs- Zudem böten sich kommunale Energieprojekte als Einnah-
sen die im Clean Energy Package vorgeschlagenen Maß- mequelle an – aus der lokale Behörden wiederum sozialpoli-
nahmen und Ziele überarbeitet werden. Sie müssen die un- tische Projekte finanzieren könnten.

ENERGIEATLAS 2018 21
SEKTORENKOPPLUNG

DER WICHTIGSTE TEIL DER WENDE


Heizung, Kühlung und Transport nicht schnell aus- und eingeschaltet werden. Sonne und
verbrauchen derzeit noch große Mengen Wind erzeugen hingegen eine ständig schwankende Men-
fossiler Brennstoffe. Werden diese Sektoren ge an Energie. Sie sind den Launen des Wetters ausgesetzt.
Sonnenkollektoren wie Solarzellen sind nachts unbrauch-
mit der Stromerzeugung gekoppelt, ergeben
bar. Infolge des wachsenden Anteils an Strom aus diesen
sich auch Lösungen für das Problem der Quellen wird aber die Flexibilität des übrigen Energiesys-
schwankenden Stromerzeugung aus Sonnen- tems immer wichtiger. Es muss in der Lage sein, schnell auf
und Windenergie. Schwankungen von Angebot und Nachfrage zu reagieren
und zugleich das Netz stabil zu halten.

I
n den vergangenen zehn Jahren hat die Stromgewin- Das Stichwort dafür heißt Sektorenkopplung. Sie bedeu-
nung aus erneuerbaren Energien ein bemerkenswertes tet eine Verbindung von Strom-, Transport- und Wärmesek-
Wachstum erfahren. In der EU ist der Anteil regenerativ tor – Transport deckt den Verkehr ab, Wärme das Heizen
gewonnenen Stroms zwischen 2006 und 2016 um durch- und Kühlen. So wird es möglich, überschüssigen Strom zu
schnittlich 5,3 Prozent pro Jahr oder in zehn Jahren um 67 nutzen, um Häuser zu heizen, Wärme in Fernwärmenetzen
Prozent gestiegen. Im Jahr 2016 kamen fast 90 Prozent der zu speichern, industrielle Prozesse zu kühlen und die Batte-
neuen Kapazitäten zur Stromerzeugung aus Erneuerbaren, rien von Elektroautos aufzuladen – alles zugleich. Weniger
hauptsächlich aus Wind und Sonne. Im Gegensatz dazu do- Kohle und Gas werden verbraucht und mit zunehmender
minieren Öl, Kohle und Gas nach wie vor die Bereiche Trans- Kopplung geht der Ausstoß von Treibhausgasen bis auf null
port, Heizung und Kühlung. Die Bemühungen, auch hierfür zurück. Allein die Elektrifizierung von 80 Prozent der Fahr-
die Erneuerbaren auszubauen, hatten nur wenig Erfolg. Da- zeuge bis 2050 würde die Emissionen um 255 Millionen
mit die EU den Ausstoß von Treibhausgasen um mindestens Tonnen reduzieren. Solche Investitionen senken die Nach-
40 Prozent bis 2030 im Vergleich zu 1990 senken kann und frage nach Leistungen konventioneller Kraftwerke. Sie
ihre Verpflichtungen aus dem Pariser Klimaabkommen er- müssen auch mit den Kosten für die Instandhaltung altern-
füllt, sind noch deutliche Fortschritte nötig. der oder für den Bau neuer Anlagen verglichen werden.
Während die Kapazitäten für Erneuerbare deutlich
gestiegen sind, blieben die für konventionelle Energien
nahezu unverändert. Solche Kraftwerke sind auf die Bedie- Erneuerbare Energien können fossile Brennstoffe
nung der Grundlast ausgerichtet, also für die gleichmäßige komplett ersetzen. Auch Biotreibstoffe,
Stromnachfrage etwa durch Industrieanlagen. Sie können die von Äckern stammen, haben keine Zukunft

DER ENERGIEMIX VON 2050


Energiemix der Erneuerbaren nach
vollständiger Energiewende und mit
verbesserter Energieeffizienz, zehn am meisten 372
profitierende EU-Länder, Vorausschau 1.560
Großbritannien
333

Solarthermie (mit Energiedächern Niederlande


367 Deutschland 204
auf Wohn-, Wirtschafts- und
öffentlichen Gebäuden) Belgien Polen
Photovoltaik (einschließlich
160
Sonnenwärmekraftwerken)
Windkraft an Land Tschechien
Offshore-Windkraft 188
andere (mit Geothermie, Wellen-, 682
Österreich
Gezeiten- und Wasserkraft)
ENERGIEATLAS 2018 / THE SOLUTIONS PROJECT

Frankreich
500 neue Arbeitsplätze in
Betrieben und auf dem Bau,
in Tausend 319 907

Spanien Italien

22 ENERGIEATLAS 2018
UMWANDLUNGSTECHNIKEN – WELCHE WAS ERLEDIGEN SOLL
Schema der gekoppelten Sektoren und der sie verbindenden, von der Elektrifizierung ausgehenden „Power-to-X“-Technologien

Strom- Strom- Wärme- Wärme-


Power-to-Heat, PtH
speicher sektor sektor speicher

Power-to-Liquid, PtL1 Power-to-Mobility, PtM2 Power-to-Gas, PtG Power-to-Gas, PtG (H)3

Treib-

ENERGIEATLAS 2018 / AGORA


Transport- Gas- Gas-
stoff- Power-to-Gas, PtG (F)4
sektor produktion* speicher
lager

1
als Treibstoff 2 für Elektroautos 3 als Wärmespeicher 4 als Kraftstoff zur Stromerzeugung
* Gas: Produktion aus erneuerbaren Energien, Umwandlungsprozesse ohne Emission von Treibhausgasen. PtM, PtL: synthetische Kraftstoffe, nur bei wirtschaftlichen Verfahren

Sektorenkopplung ist das wichtigste Instrument


Um die Sektorenkopplung wirtschaftlich zu machen, der EU, ihre Treibhausgasemissionen um mindestens
müssen die Strompreise für die Endnutzer das tatsächliche 80 Prozent zu senken – oder sogar um 100
Angebot und die tatsächliche Nachfrage widerspiegeln.
Die Strompreise sollten niedrig sein, wenn zu viel erzeugt
wird, und höher sein, wenn es zu Engpässen kommt. Aber mit viel Solar- und Windkapazität schnell ausbreitet. Nur
das ist nicht der Fall. Heute zahlen die Haushalte immer für den Restbedarf sind dann noch fossile Brennstoffe nötig.
den gleichen Strompreis, selbst wenn die Nachfrage sinkt, Die Sektorenkopplung ist für den Übergang zu erneu-
etwa nachts oder in den Ferien, wenn sogar die industriel- erbaren Energien unverzichtbar – mit innovativen Techno-
le Produktion gedrosselt wird. In solchen Zeiten sinken die logien wie Wärmepumpen, Elektroautos, Power-to-Heat-
Strompreise auf dem Großhandelsmarkt fast auf null oder Lösungen und kleinteiliger Nachfragesteuerung. So wird
sind sogar negativ, sodass Kraftwerksbetreiber tatsächlich das System flexibler und die Energiesicherheit nimmt zu.
zahlen müssen, um Strom ins Netz zu speisen. Es wäre sinn- Weniger neue Kraftwerke sind nötigund die ältesten und
voll, einige Kraftwerke abzuschalten. Aber das geht tech- schmutzigsten können abgeschaltet werden. Die ökonomi-
nisch nicht. schen wie die ökologischen Kosten sinken.
Bislang sind die Strategien zur Verringerung der Emis-
sionen in den Sektoren Wärme, Elektrizität und Transport
voneinander isoliert. In den vergangenen Jahren ist jedoch
PREISSCHILD FÜR EIN SAUBERES EUROPA
das Interesse an einem stärker integrierten Ansatz gestie-
Jährliche Kosten für „Weiter-so“- und „Nullemissions“-Szenarien in
gen. Im Transportsektor kann überschüssige Energie in den der EU, Prognose für 2050 in Milliarden Euro, Preisannahmen für 2050
Batterien von Elektrofahrzeugen gespeichert werden und
Benzin oder Diesel ersetzen. Die Kopplung von Wärme und Kohledioxidemissionen Betrieb und Verwaltung
Kälte mit dem Stromsektor wird auf zwei Arten erfolgen: Treibstoff Investitionen
durch Elektrifizierung und durch technologische Innovati- 3.500
on. An den meisten Orten der Welt werden einzelne Wohn- Nicht berücksichtigte
positive Effekte von
gebäude mit Kohle, Gas oder minderwertigen Brennstoffen 100 % Erneuerbaren
3.000
beheizt. In vielen Fällen kann die Elektrifizierung die einzi- höhere
ge Alternative sein, wenn es keinen Zugang zu einem Gas- Energie-
2.500
netz gibt und ein Fernwärmenetz zu teuer wird. sicherheit
Neue Technologien wie Power-to-Heat – Wärme aus
Strom, der aus erneuerbaren Quellen stammt – wären eben- 2.000 niedrigere
Umwelt-
falls nützlich. Hybride Heizsysteme könnten neben dem kosten
Strom zusätzlich Kohle, Holz oder Gas verwenden. An son- 1.500

nigen, windigen Tagen ist die Stromerzeugung aus erneu- sinkende


ENERGIEATLAS 2018 / CONOLLY ET AL.

EU-Szenario Gesundheits-
erbaren Energien besonders hoch. Strom zur Beheizung 1.000
kosten
„Weiter so“
von Wohnungen ist ein neuer Ansatz, der sich in Ländern
Nullemission neue
500
100 % Erneuerbare Arbeits-
plätze
Selbst wenn die vollständige Energiewende 0
etwas teurer wird als das „Business as usual“, sind die
geldwerten Vorteile an anderer Stelle spektakulär

ENERGIEATLAS 2018 23
ELEKTRIZITÄT

OHNE FLEXIBILITÄT IST ALLES NICHTS


Beim Umstieg auf erneuerbare Energien derlich wäre. Eine vollständige Energiewende aber wird es
geht es nicht nur darum, Land mit Solarzellen in Europa nicht über Nacht geben. Entsprechende Markt-
zu bedecken oder Windräder zu errichten. mechanismen sind notwendig, um auf Nachfrage- und An-
gebotsschwankungen reagieren zu können. So können die
Stromnetze müssen sorgfältig verwaltet
Erneuerbaren einen größeren Anteil am gesamten Energie-
werden, damit Nachfrage und Angebot auf mix übernehmen.
dem Strommarkt ausgeglichen sind – keine Im Gegensatz zur Verbrennung fossiler Brennstoffe ver-
leichte Aufgabe. brauchen Windkraft- und Solaranlagen weder natürliche
Ressourcen noch emittieren sie CO2. Auch Betrieb und War-

I
m europäischen Energiemix spielen erneuerbare Ener- tung sind in der Regel billiger. Sie können fossil befeuerte
gien eine immer wichtigere Rolle. Dank verbesserter Kraftwerke preislich unterbieten und als billigste Hersteller
Technologien dominieren Wind und Sonne bei der zuerst ins Netz einspeisen. Dies bringt jedoch einige Her-
Erzeugung von Strom bereits jetzt, wenn die Markt- und ausforderungen für die Strommärkte mit sich. An windigen
Wetterbedingungen günstig sind. Selbst technisch an- und sonnigen Tagen speisen Windkraft- und Solaranlagen
spruchsvollere Projekte wie Offshore-Windparks werden viel Strom ins Netz ein. Dies drückt den Strompreis auf ein
privatwirtschaftlich und zu marktüblichen Konditionen Niveau, das unter den Herstellungskosten liegt. Aber wenn
finanziert, ohne dass eine feste Einspeisevergütung erfor- der Wind nachlässt und die Nacht hereinbricht, müssen
andere Energiequellen – oder ausreichend große Speicher
– aktiviert werden, um die Versorgungslücken zu schließen.
Daher haben die Europäische Kommission und viele
ENERGIEATLAS 2018 / ECOFYS

VORTEIL FÜR DIE ÄLTEREN


EU-Mitgliedstaaten zusätzlich zu den bestehenden Strom-
Verteilung der Ausgaben für Forschung, Entwicklung und
Demonstrationsvorhaben von Energieprojekten in 19 EU-Staaten, märkten neue Instrumente entwickelt beziehungsweise
1974–2007, in Prozent erwägen, sie einzuführen. Dazu gehören etwa Kapazitäts-
auktionen: Kraftwerksbetreiber bieten das Bereithalten von
0,8 Geothermie
2,8 Biokraftstoffe Anlagen an, um bei Bedarf Strommengen sehr kurzfristig
2,4 Wind liefern zu können; diese „Kapazitäten“ gehen an den preis-
5,6 Sonne
wertesten Anbieter. Auch davon abgeleitete handelbare
Kapazitätsverpflichtungen sind möglich: Energieversorger
5,9 Kohle kaufen und verkaufen solche Bereitstellungen zu Tagesprei-
66,0 Kernspaltung sen. Der grenzüberschreitende Stromaustausch innerhalb
4,1 Öl und Gas
der EU ermöglicht es, weit voneinander entfernte Nachfra-
12,5 Kernfusion ge- und Angebotszonen zu verknüpfen.
Solche Maßnahmen würden den Betreibern von Strom-
erzeugungs- und Energiespeicheranlagen zusätzliche Ein-
nahmen verschaffen. Wenn von ihnen erwartet wird, dass
Jährliche Subventionen nach Technologien, sie sich für die Energiewende einsetzen, müssen ihre Investi-
Milliarden Euro (Studie von 2014, Daten von 2012) tionen auf solchen kapazitätsbasierten Zahlungen beruhen.
Biomasse
Atom 6,6 Nur dann wird ein Energiesystem mit einem hohen Anteil
Wasser an Sonnen- und Windenergie zu betreiben sein. Solche
8,3 Kohle Zahlungen sollten jedoch die unnötige fossile und nukleare
5,0
14,7 Wind 9,7 Gas
Kraftwerksinfrastruktur nicht subventionieren. Derzeit bie-
ten 13 europäische Länder, darunter Deutschland, Frank-
Sonne
11,2 1,1 6,6 reich, die skandinavischen Länder und Großbritannien, Ka-
Geothermie und andere pazitätszahlungen an.
Darüber hinaus könnte das Stromnetz über die Steue-
zusätzlich: EU-Emissionsrechte rung der von den Haushalten benötigten Energiemenge
8,6 stabilisiert werden. Eine Idee geht dahin, viele Konsumen-
Energiesparprogramme 13,7 tinnen und Konsumenten zusammenzubringen, die bereit

27,4
sind, bei Bedarf weniger Strom zu verbrauchen. Firmen
gesamt könnten diese Verbraucherpools den Netzbetreibern als

Unterstützungsprogramme*
99,4
* Steuererleichterungen usw.: verteilen sich meist proportional zum Energiemix.
Stilles Geld für Atom, Kohle & Co. – eine Studie
berechnet die Forschungsfinanzierung der
Vergangenheit und die Subventionen der Gegenwart

24 ENERGIEATLAS 2018
ENERGIEATLAS 2018 / AGORA
DÄNEMARK WEIT VORAUS 74 24
Anteil von Wind-, Biomasse- und Sonnenenergie an der nationalen Stromproduktion, in Prozent
19
2011 2017
27

Strommix der EU 2017, 28


in Prozent Finnland
Schweden
11,2 Wind
30
15
3,7 Sonne Dänemark
erneuerbar Irland
30,0 6,0 Biomasse 18 15
Großbritannien
9,1 Wasser Niederlande

4,1 andere fossile 21


9 Polen
Belgien
9,6 Braunkohle Deutschland
8
Tschechien
10 16
8 Slowakei
11,0 Steinkohle
fossil 29 25 Österreich
44,4 Frankreich 4 18 Ungarn

24 Slowenien
19,7 Gas Rumänien
7
Kroatien
Bulgarien
Spanien 17
Portugal
nuklear Italien
25,6
Griechenland

einige EU-Länder und Wasserkraft wegen unzureichender Daten nicht berücksichtigt

Im Strommix ist die Atomkraft bereits überflügelt,


„Nachfrage-Aggregatoren“ anbieten. So könnten Netz- aber auf die fossilen Energieträger entfällt immer
betreiber bei Engpässen – etwa an einem windstillen, be- noch der größte Teil der Elektrizitätsgewinnung
wölkten Tag, an dem Wind- und Solargeneratoren nicht
in Betrieb sind – die Nachfrage des Verbraucherpools um
vereinbarte, für die Einzelnen geringfügige Komponenten nen nationalen Stromnetze zu einem großen Verbundnetz
reduzieren. An sonnigen oder windigen Tagen könnten kombinieren. Alle nationalen Stromnetze sind zwar bereits
die Betreiber den Energieverbrauch der Haushalte im Pool miteinander verbunden. So ist es möglich, Strom zwischen
erhöhen, etwa, indem Maschinen und Geräte anspringen. den Ländern zu handeln. Aber Robustheit und Kapazität der
Solche „nachfrageseitigen Reaktionen“ können die Kosten Verbindungen sind von Land zu Land sehr unterschiedlich.
und den CO2-Fußabdruck des Stromversorgungssystems In Nordwesteuropa und Skandinavien kann Strom frei über
verringern und gleichzeitig seine Flexibilität erhöhen, weil Grenzen hinweg geschickt werden, und die Strompreise in
die gepoolten Verbraucher ihren Stromkonsum schneller diesen Ländern passen sich einander an. In Frankreich und
als herkömmliche Generatoren ändern können. Spanien jedoch erreichen Fernleitungen keine zehn Prozent
Das größte regulatorische Potenzial haben Batterie- der nationalen Netzkapazitäten. Ziel der EU ist es, dass die-
systeme und elektrische Heizkessel. Batterien werden mit ser Anteil EU-weit aus nachbarlichen Stromnetzen kommen
billigem Strom ge- und mit teurem Strom entladen. Kessel kann.
speichern Strom in Form von heißem Wasser, das dann als Das richtige Design des Energiesystems wird das volle
billige, saubere Wärmequelle für Fernwärmenetze genutzt Potenzial erneuerbarer Energien ausschöpfen, ohne die Si-
werden kann. Heißes Wasser kann zudem einfach und wirt- cherheit der Stromversorgung zu gefährden. Dazu gehören
schaftlich für längere Zeit gelagert werden. Ein anderer neue technische Spezifikationen für die Netzanbindung von
Ansatz, Versorgungsschwankungen zu kompensieren, sind Erzeugern und Verbrauchern, eine Reform der Märkte, die
neue Stromtrassen von Standorten wie der windigen Nord- die Versorgungsschwierigkeiten auszugleichen haben, so-
see zu Gebieten mit hohem Stromverbrauch, etwa großen wie eine Reform des CO2-Handelssystems. Nötig sind neue
Städten im Landesinneren. Übertragungsleitungen zwischen großen Erzeugern und
Um die unterschiedlichen Herstellungs- und Vertei- Verbrauchern sowie zwischen den Ländern. All dies wird
lungsbedingungen der Erneuerbaren auf dem gesamten erhebliche Investitionen erfordern – und viel politischen
Kontinent bestmöglich zu nutzen, muss Europa seine einzel- Willen.

ENERGIEATLAS 2018 25
MOBILITÄT

ENDE DER VERKEHRTEN STADT


Endlose Staus zeigen, wie notwendig brochenen Träume liegen freiwillige Vereinbarungen mit
sauberere, effizientere Transportsysteme der Industrie, Pläne zur Verkürzung der Fahrtstrecken, An-
sind. Um eine rationale Verkehrspolitik zu reize für eine Abkehr vom Straßen- und Luftverkehr und hö-
here Lastfaktoren für Lkw.
entwickeln, müssen neue Technologien mit
Diese Konzepte scheiterten, weil die wichtigsten An-
bewährten Ansätzen kombiniert werden. triebskräfte des Wachstums im Verkehr kaum berücksich-
tigt wurden. Der Wunsch nach zügigem Reisen hat die

E
in Viertel aller CO2-Emissionen in der EU stammt aus Mobilität schnell wachsen lassen. Die politischen Entschei-
dem Verkehrssektor. Seit 1990 sind sie um 20 Prozent dungsträger schauten auf ein höheres Tempo der Fahrzeu-
gestiegen. 2011 hat die EU angekündigt, ihren Ausstoß ge, statt es zu drosseln, und haben so das Autofahren geför-
an Treibhausgasen bis 2050 um 60 Prozent gegenüber 1990 dert. Die Luftfahrt wächst viel schneller als der Autoverkehr,
zu senken. Dafür müssen die Emissionen in den kommen- weil so noch schneller noch größere Entfernungen zurück-
den drei Jahrzehnten um mindestens zwei Drittel sinken. gelegt werden können. Das ebenso starke Wachstum des
Die Strategie der Europäischen Kommission beruht auf Güterverkehrs ist auf die Liberalisierung und Globalisierung
zwei Ansätzen. Der erste zielt auf ein effizientes Transport- unserer Volkswirtschaften zurückzuführen, und dies in Ver-
system, das die Fahrzeuge besser auslastet, und will den bindung mit einem eindrucksvollen Rückgang der Trans-
Hochleistungsverkehr stärker nutzen – zum Beispiel Eisen- portkosten. So ist heute beispielsweise der Güterverkehr auf
bahn, U-Bahn und Binnenschiffe. Doch seit Jahren fehlen den Straßen um 80 Prozent billiger als 1950.
konkrete Maßnahmen, um das umzusetzen, und selbst Die Politik hat diese Entwicklungen unterstützt und da-
wenn es sie gäbe, wäre dies nur ein bescheidener Beitrag zur mit dazu beigetragen, dass die Lieferketten länger werden
Senkung der Treibhausgasemissionen. und der Güterverkehr zugenommen hat. Der Ausbau der
Der zweite Ansatz verfolgt den Einsatz von emissions- Infrastruktur für einen auf diese Weise optimierten Straßen-
freien Fahrzeugen und kohlenstoffarmen Treibstoffen. verkehr hat zugleich die Aussichten für Schiene und Binnen-
Dies könnte den Transportsektor besser dekarbonisieren. schifffahrt verschlechtert. Die Politik sollte sich stattdessen
Elektrofahrzeuge werden derzeit entwickelt oder können dafür einsetzen, dass saubere Technologien und Kraftstoffe
schon bald in Betrieb genommen werden. Saubere Ener- genutzt werden. Und sie sollte eine bessere Urbanisierung
giequellen sind Biokraftstoffe aus landwirtschaftlichen Ab- und Preispolitik unterstützen und verfolgen.
fällen und synthetische Kraftstoffe aus Wind- oder Sonnen- CO2-Standards für Autos und Lieferwagen müssen stren-
energie. Sie werden jedoch knapp und teurer sein als fossile ger werden. Der aktuelle durchschnittliche Ausstoß für Neu-
Brennstoffe. Daher wird derzeit vor allem versucht, die wagen in Europa beträgt 120 Gramm pro Kilometer – doch
Energieeffizienz von Autos, Liefer- und Lastwagen, Schiffen im Jahr 2040 sollten sie weniger als 50 Gramm pro Kilometer
und Flugzeugen zu verbessern. emittieren.
Vier Jahrzehnte Bemühungen, den Verkehr in Europa
nachhaltiger zu gestalten, haben gezeigt, welche politi-
schen Maßnahmen funktionieren und welche nicht. Die Autos hängen künftig nicht mehr
Entscheidungsträger haben sich viele Illusionen gemacht, am, sondern im Netz. Speicherbatterien
um harte Einschnitte zu vermeiden. Am Boulevard der zer- fangen Stromspitzen auf

INTELLIGENTES LADEN
Verursachen oder Vermeiden von Spitzenlasten beim Laden von Batterien für Elektrofahrzeuge, weltweite Einsparung, Prognose für 2040

Verbrauchsprofil einer Flotte von E-Autos an Werktagen unnötige Kapazitäten bei intelligentem Laden, Gigawatt (GW)

300 GW
Standard-Ladevorgang

intelligentes Laden
190 GW

110 GW
Ersparnis bei
ENERGIEATLAS 2018 / IEA

500 Millionen
E-Autos
110 GW entsprechen 37.000
derzeitigen Windturbinen

26 ENERGIEATLAS 2018
ENERGIEATLAS 2018 / STOCKMAR
SAUBERE MOBILITÄT STATT SCHMUTZIGEN VERKEHRS
Einige Aktionsfelder auf dem Weg in eine klug gestaltete und nachhaltige Stadt
Solardächer
zur Energie-
gewinnung
anonymisierte vor Ort
Verkehrs-
überwachung

aufkommen-
gesteuerte
Akkufabrik Verkehrslenkung
mit
Forschungs-
abteilung

attraktive
Fuß- und
Radwege
Trams und
Elektro-
Busse
autonomes
Fahren neben
Bussen und
Bahnen
Lade-
stationen für
den Individual-
verkehr

Elektrifizierung und Kommunikation sind zwei


Wie der „Dieselgate“-Skandal zeigt – Autohersteller Schlüsseltechnologien für eine Mobilität, die von
nutzten Software, um Emissionstests zu fälschen –, müs- Stadtbewohnerinnen und -bewohnern akzeptiert wird
sen Abgasnormen auch durchgesetzt werden. Ein Ver-
kaufsverbot für Benzin- und Dieselautos, wie es Norwegen,
Frankreich und Großbritannien angekündigt haben, wäre häfen sollten ihre Gebühren in Abhängigkeit von der Um-
ebenfalls hilfreich. Neue und sinkende Grenzwerte für Lkw, weltbelastung der ankommenden Schiffe und Flugzeuge
Schiffe und Flugzeuge würden auch deren Emissionen stark berechnen.
reduzieren. Standards für die Energieträger, die im Trans- Insgesamt würden höhere Kraftstoff- und CO2-Steuern
portsektor eingesetzt werden, müssten garantieren, dass die Energieeffizienz von Straßen-, Luft- und Wasserfahrzeu-
Strom, synthetische Kraftstoffe und Wasserstoff tatsächlich gen verbessern. Die Tarife müssen steigen, damit die Nutzer
aus erneuerbaren Quellen erzeugt werden. Klügere Urba- die von ihnen verursachten Infrastruktur- und Sozialkosten
nisierung ist eine zweite Möglichkeit, transportbedingte zahlen. Eine Kilometergebühr für Lkw würde die Effizienz
Treibhausgase zu verringern. In Städten fahren Autos nur von Logistiksystemen verbessern. Schließlich müssen die
ein Drittel der Strecken, die auf dem Land zurückgelegt wer- derzeitigen Steuerbefreiungen für den Luftverkehr durch
den. Weil in urbanen Regionen der Anteil von Radfahren- die Einführung europaweiter Flug- und Flughafentaxen
den sowie Fußgängerinnen und Fußgängern am öffentli- korrigiert werden.
chen Verkehr viel höher liegt, ist dort der Energieverbrauch Solche Strategien werden in verschiedenen Ländern
um ein Drittel niedriger. Eine Verdichtung statt Ausdeh- eingesetzt. Die Herausforderung besteht darin, sie in allen
nung der Städte würde daher zu einer nachhaltigen Mobi- Mitgliedstaaten und auf europäischer Ebene anzuwenden.
lität beitragen. Sie würde durch elektrische Straßenbahnen Im Ergebnis wären kohlenstoffarme Technologien schneller
und Radwege weiter gefördert. verfügbar und würden fortlaufend verbessert. Mutige Poli-
Auch Steuern und Gebühren sind für Regierungen tikerinnen und Politiker sind der Schlüssel zu einem CO2-ar-
ein wichtiges Werkzeug, um einen CO2-armen Verkehr men Verkehr in Europa. Sie legen die Umweltstandards fest,
zu erreichen. Gezielt sollten Parkgebühren und Mauten entscheiden über steuerliche Anreize und Investitionen
überlastete Teile der Metropolen schützen. Auf nationaler zugunsten besserer öffentlicher und privater Nahverkehrs-
Ebene müssen Fahrzeug- und Kraftstoffsteuern nach ihren systeme. Die Menschen in der EU aber, vor allem in den Städ-
Auswirkungen auf die Umwelt gestaffelt werden, damit ten, müssen akzeptieren, dass eine saubere Mobilität etwas
ein geringerer CO2-Ausstoß attraktiv wird. Häfen und Flug- mehr kostet als das, was sie jetzt zahlen.

ENERGIEATLAS 2018 27
WÄRME

DIE NEUEN GRADMESSER


Meist ist das Wetter in Europa entweder Und drittens ein verstärkter Einsatz der verschiedenen an-
zu kalt oder zu heiß, um sich wohlzufühlen. deren erneuerbaren Technologien. Energieeffizienz steht
Doch Heizung und Kühlung verbrauchen im Mittelpunkt des 2016 von der Kommission vorgestellten
Clean Energy Package. Zuschüsse sollen bereitgestellt wer-
viel Energie. Neue Technologien und
den, um Gebäude schneller zu sanieren, die erneuerbaren
bessere politische Strategien könnten Energien dort besser zu integrieren sowie Forschung und
die Effizienz erhöhen und Kosten Innovation stärker zu unterstützen.
wie Treibhausgasemissionen senken. Der CO2-Fußabdruck von Gebäuden hängt von vie-
len Faktoren ab: den geografischen Gegebenheiten, den

H
eizung und Kühlung machen zusammen fast 50 Pro- Bedürfnissen der Nutzer, dem Gebäudetyp, den Versor-
zent des Energiebedarfs der EU aus. Auf die Heizung gungsnetzen, der Intensität und Häufigkeit der Nutzung,
entfällt der Löwenanteil, sowohl bei Wohngebäuden der Verkehrsinfrastruktur und möglichen Ausbauten. Die
wie für industrielle Zwecke. Fossile Brennstoffe dominieren Energieeffizienz eines Gebäudes kann auf verschiedene
nach wie vor. 2016 machten die erneuerbaren Energien Weise verbessert werden. Dämmung, natürliche Belüftung
hier nur 18,6 Prozent des Energieverbrauchs aus. Dennoch und die Verwendung von Pflanzen oder anderen Schatten-
ist die EU bei der Erzeugung erneuerbarer Wärme weltweit quellen beeinflussen Heizung und Kühlung eines Gebäudes
führend. Schweden hat den höchsten Anteil: Erneuerbare positiv, ebenso hitzereflektierende Farben und Sonnenkol-
liefern 68,6 Prozent des Heiz- und Kühlmixes, und Biomasse lektoren zur Erzeugung von Strom oder Wärme. Die Instal-
erzeugt 60 Prozent der Wärme für Fernwärmesysteme. In lation passender Systeme vermeidet Kosten, senkt den Ener-
Dänemark wurden im Jahr 2016 39,6 Prozent der Fernwär- gieverbrauch und die Emissionen. Ein „solares Aktivhaus“
me aus Biomasse und -abfall produziert. kombiniert viele dieser Technologien: Sonnenkollektoren
Weil der Großteil der Energie zum Heizen und Kühlen heizen einen großen Wassertank als Wärmespeicher. Isolie-
von fossilen Brennstoffen stammt, hat der Sektor erhebliche rung, kontrollierte Belüftung und Wärmerückgewinnung
Auswirkungen auf den CO2-Fußabdruck Europas. Dagegen reduzieren die Energieverluste auf ein Minimum und spa-
können drei Gegenstrategien helfen, die alle auf Nachhal- ren erhebliche Mengen an fossilen Brennstoffen.
tigkeit beruhen: Erstens Elektrifizierung, um fossile Brenn- Der Sonnenschein gehört zu Europas nachhaltigsten
stoffe durch erneuerbare Energie zu ersetzen. Zweitens Quellen für erneuerbare Energie zum Heizen und Kühlen.
effizientere Gebäude sowie die Nutzung hocheffizienter Solarthermische Systeme können Wärme direkt erzeugen
Fernwärmenetze, um den Gesamtenergiebedarf zu senken. oder eine Flüssigkeit erhitzen, die in einem Kraftwerk in
Strom umgewandelt wird. Der wiederum erzeugt Dampf,
etwa für industrielle Prozesse. Im Gegensatz dazu wandeln
Photovoltaikanlagen Sonnenlicht direkt in Elektrizität um.
ÄLTER ALS IHRE LEBENSDAUER
Sonnenlicht kann auch dazu verwendet werden, Kühl-
Anteil stark veralteter Boiler und Öfen in Wohnungen in der EU,
in Prozent systeme für Gebäude zu betreiben. Solarthermie erzeugt
derzeit 20 Terawattstunden (TWh) an Wärmeenergie und
macht nur ein Prozent des Heizbedarfs in der EU sowie
22
34 3,3 Prozent der Stromerzeugung aus.
Es gibt viel Potenzial, um die Solarthermie in größerem
Ausmaß zu nutzen. Einigen Fachleuten zufolge könnte sie
Gas Strom bis 2030 zwischen 4 und 15 Prozent des Wärmebedarfs der
EU decken und bis 2050 zwischen 8 und 47 Prozent. Die nied-
rigeren Zahlen beziehen sich auf das „Business-as-usual“-
übliche Betriebsdauer: 15–20 Jahre übliche Betriebsdauer: 20–30 Jahre
Szenario, ohne zusätzliche äußere Unterstützung. Würden
Forschung und Politik das Potenzial stärker fördern, wären
die höheren Zahlen zu erreichen. In letzterem Fall könnte
Solarthermie bis 2030 rund 580 TWh und bis 2050 enorme
1.550 TWh beitragen.
Biomasse hat im Wärmesektor unter den Erneuerba-
47
ren einen hohen Anteil. Sie wird aufgrund von Risikofak-
ENERGIEATLAS 2018 / EURACTIV

Öl Kohle 58 toren wie Entwaldung und Landkonflikten bei unklaren

übliche Betriebsdauer: 20–25 Jahre übliche Betriebsdauer: 40–80 Jahre


Als Teil der energetischen Modernisierung können
mit Ökostrom betriebene Elektrokessel viele Altanlagen
ersetzen und mit Wärmespeichern kombiniert werden

28 ENERGIEATLAS 2018
ENERGIEATLAS 2018 / HRE4, EUROBSERV’ER
FI 0,1
HEISSES EUROPA
Sonneneinstrahlung und Sonnenkollektoren 0,5
in den EU-Ländern, 2016, Millionen Quadratmeter EE
SE 0,0
1,6
DK LV
IE UK 0,0
0,3 LT
0,0

19,1
0,7 0,7

Einstrahlung mit optimalem Winkel, 0,7 NL


Kilowattstunden jährlich 2,1
pro Quadratmeter BE
unter 1.300 LU PL
1.300 – 1.500 DE CZ 1,1
1.500 – 1.700 0,2
1.700 – 2.000 0,1 SK

3,0
FR 5,2 AT
0,3 HU
SI RO
HR
0,2 0,2
1,2 PT IT
0,2 BG
ES 0,1

3,9 4,2
4,5
GR

MT 0,1 0,6 CY

AT: Österreich, BE: Belgien, BG: Bulgarien, CY: Zypern, CZ: Tschechien, DE: Deutschland, DK: Dänemark, EE: Estland, ES: Spanien, FI: Finnland, FR: Frankreich, GR: Griechenland, HR: Kroatien, HU: Ungarn,
IE: Irland, IT: Italien, LT: Litauen, LU: Luxemburg, LV: Lettland, MT: Malta, NL: Niederlande, PL: Polen, PT: Portugal, RO: Rumänien, SE: Schweden, SI: Slowenien, SK: Slowakei, UK: Großbritannien

Noch kaum genutzt ist das gewaltige


Eigentumsverhältnissen kritisch betrachtet. Sie muss lokal Potenzial Südeuropas an solarthermischer Energie
produziert und ihre Nachhaltigkeit etwa hinsichtlich Bio- zum Heizen und Kühlen von Gebäuden
diversität und Luftreinhaltung streng überwacht werden.
Auf Biomasse, hauptsächlich Holz, entfallen EU-weit rund
92 Prozent der erneuerbaren Energien im Wärmesek- zielt auf einen Anstieg von nur einem Prozent pro Jahr bis
tor – rund 15 Prozent der gesamten Wärmeerzeugung in 2030 – nicht genug, um wirklich etwas zu bewirken. Immer-
Wohngebieten und in der Industrie. Zu den erneuerbaren hin unterstreicht diese Strategie zum ersten Mal die Bedeu-
Energien gehört auch die Geothermie: Dem Erdboden kann tung erneuerbarer Energien für Fernwärme und Fernkälte.
Wärme in Luft oder Wasser über Wärmepumpen entzogen Die Kopplung der Sektoren Stromerzeugung, Wärme und
werden. Verkehr könnte diese Aufgaben lösen.
Bis die neuen Technologien für Heizung und Kühlung
breit genutzt werden können, gibt es noch viele Hindernis-
se zu überwinden. Der Verbrauch verteilt sich auf Millionen
ENERGIEATLAS 2018 / EEA

KLIMAERWÄRMUNG VOR DER TÜR


von Häusern und anderen Gebäuden. Die Nachrüstung wird
Heiz- und Kühlgradtage in der EU, nach Einwohnerzahl gewichtet
teuer. Nationale und regionale Märkte für den Heiz- und
27.000 180
Kühlsektor sind fragmentiert. Billige fossile Brennstoffe und Heizgradtage
ihre staatliche Förderung erschweren den Wettbewerb mit 25.000
Trend 160

den Erneuerbaren. Noch immer sind die EU-Mitgliedstaaten 140


23.000
weit davon entfernt, die neuen Technologien politisch ent- 120

schlossen zu unterstützen. 21.000 100


Immerhin hält es auch die Kommission für notwendig, 80
19.000
den Anteil der erneuerbaren Energien im Bereich Heizen 60
und Kühlen zu erhöhen. Eine vorgeschlagene Richtlinie 17.000 Kühlgradtage
40
Trend
0 0
1985 1995 2005 2015 1985 1995 2005 2015
Der Klimawandel lässt den Bedarf an Heizenergie Gradtage sind eine fiktive Größe. Sie benennen Abweichungen von den in Länderrichtlinien
in Europa langsam sinken und die Nachfrage bestimmten Kühl- und Heiztagen, die von Außen- und Innentemperaturen abhängen.

nach Kühlenergie – weitaus weniger – steigen

ENERGIEATLAS 2018 29
EFFIZIENZ

WENIGER SOLL MEHR WERDEN


Zugige, schlecht gedämmte Gebäude, von Doppelglasfenstern oder die Förderung einer saubere-
veraltete Maschinen und Haushaltsgeräte, ren Mobilität einsparen. Die Richtlinie verlangt, dass große
viel zu durstige Autos und Lampen, die Unternehmen Audits ihres Energieverbrauchs vorlegen. Sie
bietet mittleren und kleinen Unternehmen Anreize, sich
mehr Wärme als Licht erzeugen – ein großer
ebenfalls zu solchen Untersuchungen zu verpflichten. An-
Teil der Energie, die wir verbrauchen, ist dere politische Instrumente sind die üblichen finanziellen
verschwendet. Das soll sich ändern. und steuerlichen Anreize zum Kauf effizienterer Produkte
und Fahrzeuge sowie die Energiebesteuerung. Durch diese

M
oderne Volkswirtschaften und Gesellschaften beru- Maßnahmen sank der Energieverbrauch in der EU zwischen
hen geradezu auf Energieeffizienz. Dort liegen ge- 2010 und 2015 um zehn Prozent, während die Wirtschaft
waltige Chancen. Laut Internationaler Energieagen- um fünf Prozent wuchs.
tur ist die Energieeffizienz eine Ressource, über die jedes Mit ihrem Clean Energy Package von 2016 rückt die
Land im Überfluss verfügt. Sie zu verbessern ist der schnells- Kommission die Effizienz ins Zentrum ihrer Energiestrate-
te und kostengünstigste Weg, die Energieversorgung si- gie. Zugleich weist sie auf die positiven Auswirkungen auf
cherzustellen und die ökologischen und wirtschaftlichen den Arbeitsmarkt und das Wachstum hin. Das Paket enthält
Herausforderungen anzugehen. Dienstleistungen, Ferti- viele überarbeitete Vorschriften einschließlich Änderungen
gungsprozesse, Produkte und Verhaltensweisen können so der Richtlinien von 2010 und 2012. Anspruchslos ist aller-
verändert und gestaltet werden, dass sie weniger Energie dings die zu erwartende Zielvorgabe, 30 Prozent Energie
verbrauchen. Dazu gehören effizientere Industrieanlagen, bis 2030 über die Effizienz einzusparen. Dies liegt weit un-
bessere Dämmung von Gebäuden, sparsamere Kraftfahr- ter dem, was benötigt wird, um das wirtschaftliche Einspa-
zeuge, aber auch mehr Fuß- und Radverkehr und die Um- rungspotenzial auszuschöpfen und das Pariser Klimaab-
stellung von verschwenderischen Glühlampen auf LEDs. kommen zu erfüllen.
Vor zwei Jahrzehnten erkannte die EU, wie notwendig Bisher konzentrierte sich die klimapolitische Debatte
eine gemeinsame Energiepolitik ist. 1998 vereinbarte sie als zwischen den Mitgliedstaaten und im Europäischen Parla-
erstes Ziel, die Energieeffizienz in zwölf Jahren um ein Pro- ment auf die von Land zu Land unterschiedliche „Lastentei-
zent pro Jahr zu verbessern. Seither entstand schrittweise lung“ bei der Reduzierung von Treibhausgasemissionen. In
ein umfassender rechtlicher Rahmen für Energieeffizienz, den Fokus rücken nun auch die vielen Vorteile höherer Effi-
mit Vorschriften für Produkte, industrielle Prozesse, Fahr- zienz, die für die Bürgerinnen und Bürger konkrete Verän-
zeuge und Gebäude. derungen bringen. Wenn ihnen gesündere Häuser, Städte
Insgesamt ist anzunehmen, dass die Gesetzgebung der und Verkehrssysteme geboten werden, sollten sie auch eher
EU zur Energieeffizienz bis zu 326 Millionen Tonnen Öl pro bereit sein, ihr Verhalten beim Verbrauch zu ändern und
Jahr bis 2020 einsparen wird. Die Hälfte davon resultiert aus in energiesparende Technologien zu investieren – etwa in
Anforderungen zu Mindestleistung und Verbrauchskenn- effizientere Haushaltsgeräte oder in die Renovierung von
zeichnung von Geräten wie Waschmaschinen und Gefrier- Gebäuden auf Basis der EU-Mindestnormen für die Energie-
geräten. Die andere Hälfte ergibt sich aus zwei Richtlinien: effizienz.
erstens zu den energetischen Eigenschaften von Gebäuden Die EU ist der größte Energieimporteur der Welt. Im Jah-
(2010), zweitens zur Energieeffizienz selbst (2012). resdurchschnitt gab sie dafür zwischen 2007 und 2016 netto
Gebäude sind für 40 Prozent des Energieverbrauchs der 316 Milliarden Euro aus. Dieses Geld unterstützt undemo-
EU und damit für 36 Prozent ihrer CO2-Emissionen verant- kratische Regime, der Abbau der Rohstoffe zerstört ganze
wortlich. Die Richtlinie von 2010 schreibt vor, dass Regie- Landschaften, und beim Transport von Öl passieren immer
rungen Mindeststandards für sie festlegen müssen. Bis zum wieder Unfälle. Die Ausgaben für Importe können nicht für
Jahr 2020 sollen alle Neubauten nahezu energieautark sein, den Übergang zu einem sicheren, sauberen und erschwing-
also kaum noch auf Energie von außen angewiesen sein. Ein lichen Energiesystem genutzt werden. Gelänge dies aber,
Gebäude, das zum Verkauf oder zur Miete angeboten wird, könnten Arbeitsplätze entstehen, Investitionen zunehmen
muss einen Energieausweis haben, aus dem Energieeffizi- und die Steuereinnahmen steigen. Zudem würde die in
enz und CO2-Emissionen hervorgehen. manchen EU-Regionen schlechte Strom- und Wärmeversor-
Nach der Richtlinie von 2012 müssen die EU-Mitglieder gung verbessert werden können. Solche Argumente finden
ihre Effizienz bis 2020 im Vergleich zu 1990 um 20 Prozent besonders in Mittel- und Osteuropa große Resonanz, wo
verbessern. Wie dies erreicht werden soll, können die Regie- noch viel getan werden kann, um die Energieeffizienz zu
rungen selbst entscheiden. Sie können die Energieanbieter verbessern.
verpflichten, jährlich 1,5 Prozent einzusparen, indem sie
die Effizienz in ihren Netzen steigern. 40 Prozent der nati-
onalen Einsparungen in der EU gehen auf diese Methode Je stärker die Energieeffizienz zunimmt,
zurück. Ebenso viel können Regierungen aber auch durch umso weniger müssen die Erneuerbaren die
bessere Heizsysteme und gedämmte Dächer, den Einbau Energiewende im Alleingang schaffen

30 ENERGIEATLAS 2018
ENERGIEATLAS 2018 / ECOFYS, EUROSTAT
DIE HEIMLICHEN HELFER DER ENERGIEWENDE
Szenarien für die wechselseitige Förderung von besserer Energieeffizienz und zunehmendem Anteil an Erneuerbaren im Energiemix, Zieljahr 2030

229
Unterstützung der Erneuerbaren durch steigende
Energieeffizienz, 2020–2030, 196
in Millionen Tonnen Öläquivalent
163
Verbesserung der Energieeffizienz in Prozent
30 35 40
126
20,0
53,8 17,0
100
49,0
75 75
53 30,0 45,0
44
30 27,0 35,0
24
2 EU-28
27-%-Szenario 30-%-Szenario 35-%-Szenario 45-%-Szenario
Lies: Soll bis 2030 der Anteil der Erneuerbaren an der Energieerzeugung in der EU bei
45 Prozent liegen, muss ab 2020 bei 30 Prozent Effizienzsteigerung eine zusätzliche
Erzeugungskapazität von 229 Mtoe (Millionen Tonnen Öläquivalent) installiert werden.
Bei 40 Prozent Effizienzsteigerung sind es nur 163 Mtoe. Zum Vergleich: Von 2010 bis
2020 liegt der Erneuerbaren-Zuwachs in der EU bei geschätzt 80 Mtoe.

59,1 74,2
Anteil der Erneuerbaren am Verbrauch 2030 für alle Länder 56,1 64,1
mit einem Anteil ab 1,5 Prozent am EU-Energieverbrauch 2015
Schweden
Erneuerbare, Szenarien in Prozent
27 30 35 45
Stand 2016
EU-Ziel 2020 14,0
15,0
6,0 24,5 40,3 11,3
14,9
21,4 29,8 13,0
22,7 34,0
15,0 Niederlande 20,5 26,5
20,9 32,4
9,3 Polen
18,0 18,6 24,7
26,3 43,5 14,8
22,9 32,1 Tschechien
33,5 34,0
Großbritannien
13,0 28,6 49,7
25,4 33,9
8,7
22,5 36,6 Deutschland
19,6 27,2 14,2 13,0 25,0 24,0
Belgien

23,0 20,9 32,5


43,8 58,3 18,6 24,8
16,0 40,8 48,6 Ungarn
Österreich
31,7 42,8
20,0
17,3 29,4 35,4
33,6 49,7
17,4 17,0 Rumänien
30,4 39,0
18,0
Frankreich 15,2
30,5 46,3
27,3 35,7 27,1 42,2
24,1 32,1 28,0 42,9
Spanien
Italien 25,0 33,0
Griechenland

ENERGIEATLAS 2018 31
DIGITALISIERUNG

LAND FÜR PIONIERE


Wie können Millionen von Solarmodulen ken ins Netz zurück. Die Netzbetreiber versuchten, für den
und Windturbinen in ein zuverlässiges plötzlichen Anstieg des Solarstroms Platz zu schaffen. Die
System integriert werden, das Angebot und großen fossil befeuerten Kraftwerke, die gerade die Lücke
in der Erzeugung gefüllt hatten, mussten wieder stillgelegt
Nachfrage aufeinander abstimmt? „Smarte“
werden. Gegen Mittag war alles vorbei, und die Erneuerba-
Techniken liefern die Lösung. ren deckten wieder 40 Prozent des deutschen Strombedarfs.
Innerhalb von nur zwei Stunden hatte das deutsche Strom-

A
m 20. Mai 2015 stand das deutsche Stromnetz vor netz einen Großteil seiner Stromerzeugung von einer Quelle
einem Problem, das zehn Jahre zuvor nicht einmal auf die andere und wieder zurück verlagert.
denkbar gewesen wäre. Eine partielle Sonnenfinster- Dies zeigt, wie stark sich das Energiesystem in den ver-
nis verringerte ab 10 Uhr morgens die Helligkeit um bis zu gangenen zehn Jahren verändert hat. Die Zeit der großen,
70 Prozent. Als die Sonne hinter dem Mond verschwand, monopolistischen Versorgungsunternehmen ist vorbei.
produzierten Solarzellen mit einer Kapazität von sechs Die Stromerzeugung hat sich von einigen Hundert großen,
Atomkraftwerken keinen Strom mehr. Die Netzbetreiber zentralen Kraftwerken hin zu Millionen von kleinen, de-
hatten für diesen Tag Monate im Voraus geplant. Denn aus zentralen Solaranlagen und Windturbinen verlagert. Bei
Stromnetzen muss immer die gleiche Menge Elektrizität ab- angestrebten 100 Prozent erneuerbarer Energie muss klar
gegeben werden wie in sie eingespeist wird. Wenn nur ein sein, dass zukünftig länger anhaltendes wolkiges Wetter
geringes Ungleichgewicht zwischen den beiden besteht, die gleiche Wirkung haben kann wie eine Sonnenfinster-
kann es zu einem Stromausfall oder Stromstoß kommen. nis – nur ist dies fast unvorhersehbar. Um sicherzustellen,
Der plötzliche Verlust einer so großen Erzeugungskapazität dass das Netz stabil bleibt, müssen Kommunikation und
ist ein Worst-Case-Szenario. Interaktion zwischen Erzeugung, Nachfrage, Speicherung
Es gab im Vorfeld viele Diskussionen darüber, ob schnell und Netz enorm gesteigert werden. Der Schlüssel dazu ist
reagierende Gaskraftwerke einen solchen plötzlichen die Digitalisierung.
Stromausfall kompensieren könnten. Und sie konnten. Aber Der größte Teil der Infrastruktur des Energiesystems ist
als die Sonne am Mittag wieder vollständig zu sehen war, heute noch nicht digitalisiert. Wenn überhaupt, dann sagen
stand sie am höchsten Punkt. Mehr als 1,5 Millionen Solar- Computer die Energieerzeugung und das Wetter voraus. Es
anlagen kamen mit der Kraft von jetzt zwölf Atomkraftwer- existieren digitale Handels- und Abrechnungssysteme, aber
meist nur bei den großen Energiekonzernen. Die Datenver-
arbeitung in der Energiewirtschaft ist heute noch beinahe
auf dem Stand vor der Erfindung des Personal Computers.
BAUSTEINE DER ZUKUNFT
Informationstechnologie wurde im großen Stil vor allem im
Einige Themen, die den Energiesektor bewegen
Bankwesen, in der Raumfahrt oder der Forschung an Uni-
Big-Data-Themen versitäten eingesetzt. Erst PC und Internet erlaubten die un-
Blockchain-Themen eingeschränkte Interaktion zwischen Personen in Netzwer-
Übertragungs-
bandbreite ken und lösten einen Schub an Innovationen aus.
Direkter oder So ist die Lage heute: Pioniere unternehmen erste Schrit-
Rechnungs- marktbasierter te, um Technologien im Energiesystem zu demokratisieren.
stellung und Handel
Ihre Ziele sind etwa die Bündelung kleinteiliger Speicherein-
Bezahlung
Simulationen heiten zu großen „virtuellen Kraftwerken“ oder Elektrofahr-
durch Künstliche zeuge, die an Straßenlaternen aufgeladen werden können.
Überschuss- Intelligenz
Oder lokale Mininetze: Kleinere Stromerzeuger können ihre
verkäufe von eigene Energie verbrauchen oder direkt an Nachbarhäuser
Sensoren und Eigenerzeugern
das Internet Energie- verkaufen.
der Dinge optimierung
Warum steckt die Digitalisierung im Energiesektor noch
„hinter dem
Anlagen-
Zähler“ in den Kinderschuhen? Die Einführung neuer Technologien
Chips und Rohstoff- und Ideen in einem streng regulierten Sektor ist eine Her-
und Netze verwaltung
ausforderung. Allein in Deutschland bestimmen mehr als
10.000 Gesetzesparagrafen das Energiesystem. Konzerne
ENERGIEATLAS 2018 / IEA, GREENBIZ

Cyber- suchen nach juristischen Gründen, um neue Technologien


Management sicherheit vom Markt fernzuhalten. Junge Unternehmen finden sich
Daten-
der
verarbeitung und
Verteilsysteme
Speicherung
Manche nennen den Ökostrom bereits
„Digitalstrom“ – denn dies wird im kommenden
Jahrzehnt sein neues Kennzeichen

32 ENERGIEATLAS 2018
GROSS BLEIBEN, KLEINER WERDEN
Elemente des durch die Digitalisierung beschleunigten Strukturwandels im Energiesektor
heute morgen

Produktion

wenige große Kraftwerke viele kleine Stromerzeuger

Markt

zenralisiert, überwiegend national dezentral, grenzüberschreitend

Übertragung

auf großen Stromtrassen und Pipelines beruhend auch mit kleinräumigen Netzen, Ausgleichs-
und Speicheranlagen

Verteilung

von oben nach unten in beide Richtungen

ENERGIEATLAS 2018 / 450CONNECT


Verbrauch

passiv, nur zahlend aktiv, mit Teilhabe am System

Die Digitalisierung steckt noch in den Kinderschuhen


oft in rechtlichen Auseinandersetzungen über die trivials- und kämpft gegen Konzerne, Paragrafen
ten Fragen wieder. und die Lethargie von Politikerinnen und Politikern
Digitale oder „intelligente“, „smarte“ Zähler könnten
die Nachfragezeiten und ihre schwankenden Strompreise
registrieren. Doch sie sind in vielen europäischen Ländern Die Zukunft des Energiesystems hängt weitgehend da-
immer noch nicht verfügbar. Für die Zeiten hoher Nach- von ab, ob neue Technologien entweder als Instrumente zu
frage entwickeln sich Strommärkte langsam und sind oft Demokratisierung und Teilhabe oder nur zur Effizienzstei-
auf Großverbraucher wie Papierfabriken oder Kläranlagen gerung der etablierten Energieriesen eingesetzt werden.
beschränkt. Wer eine kleine, flexible Batterie-Einheit betrei- Einige begrüßen die Digitalisierung als Gestalter eines de-
ben will, um billige Überschüsse einzulagern und sie später karbonisierten Systems – erneuerbare Energien, Batterie-
teurer zu verkaufen, muss sie mit anderen Anlagen zu virtu- speicher, Elektroautos und das Stromnetz würden leise und
ellen Kraftwerken bündeln, um Einnahmen zu generieren. digital für den Strom sorgen, während die Menschen ihrem
In ihrem zur Beschlussfassung vorliegenden Clean Ener- Alltag nachgehen. Andere sehen in der Digitalisierung die
gy Package möchte die EU allen aktiven Verbraucherinnen Überwachungsgefahr. Dritte wieder halten sie für einen
und Verbrauchern den Zugang zum Energiesystem ermögli- Hype. Wegen der lebenswichtigen Rolle der Elektrizität,
chen. Der Gesetzesentwurf will Haushalten erlauben, Strom sagen sie, sollte die Kontrolle über das System am besten
zu erzeugen, zu speichern und zu verkaufen. Das wäre ver- an große, erfahrene Energieunternehmen übertragen wer-
gleichbar mit der Öffnung des Internets für kommerzielle den. Es bleibt abzuwarten, welche Ansicht sich durchsetzen
Internetprovider zu Anfang der Neunzigerjahre. wird.

ENERGIEATLAS 2018 33
EUROPÄISCHE UNION

EHRGEIZ IST MANGELWARE


Keine Institution spielt für die Energiewende Die Photovoltaik spielt in mehreren EU-Ländern eine
in Europa eine größere Rolle als die EU. große Rolle. Auf sie entfielen 2016 bereits 7,3 Prozent der
Doch ihre Initiativen sind nicht mutig Stromnachfrage in Italien, 7,2 Prozent in Griechenland und
6,4 Prozent in Deutschland; weitere Länder in Europa haben
genug, die Erfolge sind zu verstreut, und die
2 Prozent überschritten. Kleine Photovoltaikanlagen wer-
Reformen haben viele Gegner. den hauptsächlich für kommunale Gewerbeflächen und
Wohnanlagen installiert, aber in mehreren Ländern sind

I
m Jahr 1997 formulierte die EU-Kommission folgendes auch große Solarparks errichtet worden. Die Photovoltaik
Ziel: Bis 2010 sollten 22,1 Prozent des Stromverbrauchs kann immer stärker mit den traditionellen Stromquellen
und 12 Prozent des gesamten Energieverbrauchs der EU konkurrieren. Auch international ist das Potenzial der Solar-
aus den Erneuerbaren stammen. Für jedes einzelne Mit- energie beeindruckend. Die Internationale Energieagentur
gliedsland gesondert gab die Kommission die Marschrich- schätzt, dass bis 2050 über die Hälfte der weltweiten Strom-
tung vor. Seither basiert ein Großteil der neuen Anlagen zur produktion aus Sonnenenergie kommen könnte.
Energieerzeugung in der EU auf erneuerbaren Energiequel- Innerhalb der EU sind jedoch noch viele Hindernisse
len, allen voran auf Wind- und Solarenergie. zu überwinden. Auch Rückschritte bleiben nicht aus. In
Die Vorgaben von 1997 waren jedoch nicht bindend. Spanien, einst aktiver Förderer der Erneuerbaren, sind die
Weder die EU insgesamt noch die meisten Länder erreich- Initiativen fast zum Erliegen gekommen. Geänderte För-
ten ihre Ziele. Erst mit einem neuen EU-Gesetz, der Erneu- derbestimmungen behindern den Fortschritt in Rumäni-
erbare-Energien-Richtlinie von 2009, kamen verbindliche en, Tschechien, Polen und anderswo. Auch im Bereich der
Vorgaben. Und ein Gesamtziel für die EU: mindestens 20 Wasserkraft stagniert die Entwicklung: In den vergangenen
Prozent Erneuerbare bis 2020. Jahren ist in der EU kaum eine neue Wasserkraftanlage ge-
Die EU selbst wollte 2014 noch mehr als die Mitgliedslän- plant oder gebaut worden. Dabei haben kleine und mittlere
der: 27 Prozent aus erneuerbaren Energien bis 2030. Doch Wasserkraftwerke mit neuester Technologie und ausrei-
selbst diese Zahl oder ihre Erhöhung auf 30 Prozent ist zu chenden Speicherkapazitäten ein beträchtliches Leistungs-
bescheiden angesetzt. Sie beizubehalten, würde das der- vermögen.
zeitige Wachstum erneuerbarer Energien verlangsamen. Zur Nutzung der Windenergie sind Onshore-Anlagen
Um die Mitgliedstaaten zu ermutigen, ihre Potenziale an die kostengünstigste Option. Doch im Bereich der Offshore-
Erneuerbaren zu nutzen, sind höhere Anteile erforderlich. Windenergie kam es 2016 durch gemeinsame Ausschrei-
Laut einem Bericht über ehrgeizigere Ziele der EU und ihrer bungen zur Kooperation von neun europäischen Ländern.
Mitglieder, der von der Energieberatungsfirma Ecofys und
der Technischen Universität Wien verfasst wurde, würde ein
45-prozentiger Anteil der Erneuerbaren bis zum Jahr 2030 Der ausgeprägte Mix innerhalb der Erneuerbaren in
nicht nur den Klimawandel mildern, sondern auch Innova- der EU umfasst auch Biokraftstoffe und
tionen, Wirtschaft und Beschäftigung fördern. Wasserkraftwerke – beides kann ökologisch fragwürdig sein

EU – FORTSCHRITT, ABER NICHT GENUG


Verbrauch erneuerbarer Energien in Millionen Tonnen Erneuerbare Energien nach Quellen, 2016,
Öl-Äquivalent und Anteil in Prozent in Millionen Tonnen Öl-Äquivalent

216,6
Wasserkraft 11,2 6,7
Windkraft 2,7 30,1
Solarthermie 10,3
172,8
Photovoltaik 16,6
feste Biomasse 26,0
(z. B. Holz,
129,1 17,0 % 216,6
Agrarabfälle) 4,3
Biogas 9,0
101,7
Biomüll
88,5
ENERGIEATLAS 2018 / EUROSTAT

Bioethanol
75,2 98,3
Biodiesel
Geothermie

1991 1996 2001 2006 2011 2016

34 ENERGIEATLAS 2018
DAS ENERGIEFLUSSDIAGRAMM DER EUROPÄISCHEN UNION
Gesamtweg und Anteil der erneuerbaren Energien von der Erzeugung bis zum Verbrauch, 2016, in Millionen Tonnen Öl-Äquivalent, vereinfachte Darstellung

inländische Produktion Exporte erneuerbare Energien Strom (mit Erneuerbaren)


alle anderen Energien verlassen das System
Erneuerbare 210,7

Kohle 131,9 -632,9


Öl 74,4
Gas 109,1
Verluste und Verbrauch
nukleare Wärme 216,7
Umwandlungsverluste,
Abfälle 14,5 1 -438,7 Netzverluste, Eigenverbrauch
Erneuerbare 16,3 216,6 Erneuerbare des Energiesektors
Strom 32,9 1,6 Strom
Kohle 134,9 -97,8 nicht energetischer Verbrauch
240,7 Kohle
Strommix
Importe
88,9 Kraftstoffe, Wärme usw. 63,0 erneuerbar
567,1 Öl
Öl 941,6 239,4 Strom 116,0 fossil 2
Primärenergieverbrauch
45,2 Kohle 61,0 atomar
437,1 Öl
1 Ziel: bis 2050 sollte
383,0 Gas Endenergieverbrauch diese Säule grün sein
2 Strom: EU-weit mehr
Gas 355,5
245,3 Gas Erneuerbare als Atomkraft
216,7 nukleare Wärme 3 Biotreibstoffe – Problem:
Abfälle 0,4 3,8 Abfälle
Energiepflanzen
anderes 19,8 14,9 Abfälle 47,9 Wärme
verbrauchen Ackerflächen

Endverbrauch nach Sektoren


3 5,5
13,8 4,9
22,5 45,4

ENERGIEATLAS 2018 / EUROSTAT


87,1 72,4 72,8 69,5
167,1 169,9
347,9

Industrie Verkehr Dienstleistungen Haushalte

Exporte: mit Bunkerungen. Nicht energetischer Verbrauch: überwiegend petrochemische Produkte. Differenzen durch Rundung

28 Energiessysteme fließen in die


Daraufhin boten Firmen an der dänischen und niederländi- Gesamtdarstellung der EU ein. Sie zeigt
schen Küste Projekte mit rekordhaft niedrigen Strompreisen den weiten Weg zur Energiewende
an. In Deutschland wurde Anfang 2017 der erste Offshore-
Windpark ohne staatliche Unterstützung genehmigt.
Der Aufwärtstrend der Erneuerbaren im Stromsektor ten Gebäuden und einer darauf abgestellten langfristigen
täuscht jedoch darüber hinweg, dass es in anderen Berei- Planung der Infrastruktur. In der geothermischen Entwick-
chen hapert: zum Beispiel bei der Heizung und Kühlung lung ist Europa nicht gerade ein globaler Spitzenreiter. Den-
für gewerbliche Gebäude und Wohnungen sowie beim noch schreiten Erdwärmeprojekte voran.
Transport. Doch auch hier sind Erfolge zu verzeichnen. Die Die EU verfügt über ein großes Potenzial erneuerbarer
Fernwärmeversorgung erfolgt hauptsächlich auf Grundla- Energien. Stromproduktion, Verkehr, Heizung und Küh-
ge von Biomasse wie Holz, Pflanzenreste oder Bioabfälle. lung nutzen verschiedene erneuerbare Energiequellen. Die
Solarthermie mit ihren Kollektoren zur Warmwasserge- Verknüpfung dieser Sektoren würde zusätzliche Vorteile
winnung wird zunehmend in Fernwärmesysteme integ- bringen. Eine Studie der Forschungsgruppe CE Delft von
riert – in der gesamten Europäischen Union sind große Pro- 2016 ergab, dass bis 2050 die Hälfte aller EU-Bürgerinnen
jekte entstanden. und -bürger ihren eigenen Strom produzieren und allein
Dänemark liegt an der Spitze; das Land hat 2016 eine gro- damit 45 Prozent des Energiebedarfs der EU decken könnte.
ße Anlage mit 110 Megawatt thermischer Leistung (MWth) Andere Studien zeigen, dass Energiesysteme, die vollstän-
in Betrieb genommen. Länder mit traditionellen Fernwär- dig mit erneuerbaren Energien betrieben werden, sowohl
mesystemen wie Deutschland, Dänemark, Finnland und machbar als auch kosteneffektiv sind. Die Technologien
Schweden modernisieren ihre Einrichtungen mit einem in- existieren bereits. Die EU und ihre Mitgliedstaaten müssen
tegrierten Mix aus intelligenten Stromnetzen, Großwärme- ihre Anstrengungen jedoch verstärken, um die Energiewen-
pumpen, Erdgas- und Wärmenetzen sowie energieeffizien- de tatsächlich zu schaffen.

ENERGIEATLAS 2018 35
POLEN

ERNEUERBARE KOHLESUBVENTIONEN
Die traditionellen und umweltfeindlichen worden, dass sie der Verhängung eines Baustopps gleich-
Energieträger Stein- und Braunkohle kommen und viele Betreiber entweder pleite sind oder ih-
belasten die polnische Bevölkerung. Dabei ren Bankrott befürchten müssen.
Indes fordern große Energiekonzerne mehr staatliche
könnte insbesondere der Ausbau
Unterstützung, um die Stabilität des Energiesystems ge-
der Windkraft den Strommix verbessern. währleisten zu können. Die gesamte Politik hinsichtlich
der Netzeinspeisung hat sich auf Kosten von kleineren An-

P
olen ist Kohleland. Über 80 Prozent seiner Elekt- lagen erneuerbarer Energieträger zu den alten Konzernen
rizität stammt aus Stein- oder Braunkohle. 2017 verlagert. Zuvor hatten kleine Anlagen nur die Differenz
entfielen auf erneuerbare Energien 14 Prozent der zwischen Erzeugung und Eigenverbrauch abgeliefert; nun
Stromerzeugung, hauptsächlich durch Windenergie. Der machen die Netzbetreiber zusätzliche Gewinne, weil sie den
nationale Aktionsplan für erneuerbare Energien verpflich- Eigenverbrauch an die Betreiber zurückverkaufen. Der Na-
tet das Land, bis 2020 mindestens 15 Prozent seines Ener- tionalfonds für Umweltschutz und Wasserwirtschaft indes
gieverbrauchs aus den Erneuerbaren zu erzeugen. Doch hat ein Förderprogramm für Altkraftwerke zur Anpassung
Polen wird ernste Schwierigkeiten haben, dieses Ziel zu er- an die EU-Luftrichtlinien geschaffen, statt sie langfristig
reichen. überflüssig zu machen.
Im vergangenen Jahrzehnt wurde der Ausbau der Er- Im Moment basieren erneuerbare Energien in Polen
neuerbaren zunächst durch nationale Förderprogramme hauptsächlich auf traditionellen Quellen, zu 70 Prozent aus
und die Einführung europäischer Wettbewerbsregeln Biomasse. Das größte Potenzial liegt in der Windenergie.
unterstützt. In jüngerer Zeit hat sich jedoch der Wind ge- Onshore- und Offshore-Anlagen könnten bis zu 27 Prozent
dreht – die großen Energiekonzerne haben die Verabschie- der Energie des Landes liefern, sodass das begrenzte Poten-
dung eines Gesetzes für erneuerbare Energien erfolgreich zial anderer erneuerbarer Quellen kein Problem darstellen
hinausgezögert. Seit 2015 räumt die neue Regierung der na- sollte. Solar- und Geothermie könnten zusammen bis zu 20
tionalen Energiesicherheit Vorrang vor den Wettbewerbs- Prozent des nationalen Energiebedarfs decken, etwa so viel
regeln ein. Statt in Erneuerbare zu investieren, soll nun das wie Biomasse. Sonnenenergie könnte besonders an heißen
bisherige System aufrechterhalten werden. Tagen nützlich sein, wenn die Nachfrage hoch ist und tra-
Die wenigen Initiativen für erneuerbare Energien wur- ditionelle Kraftwerke Schwierigkeiten haben, genug Strom
den abgebrochen, darunter ein Programm für grüne Zer- zu produzieren. Allerdings wurden bisher nur ein bis zwei
tifikate und eine Unterstützung für Stromverbraucher, die Prozent des solar- und geothermischen Potenzials genutzt.
selbst Strom erzeugen. Subventionen für kleine Anlagen
schrumpften stark. Ein Auktionssystem für erneuerbare
Energiequellen, das auf Marktpreise abzielt, hat das bishe- Für ein Jahrzehnt boomten in Polen die Erneuerbaren.
rige Fördersystem ersetzt. Die Betriebsbedingungen für die Doch mit der neuen Regierung ist seit 2015
Produzenten von Windenergie an Land sind so geändert auch die Energiepolitik wieder konventionell geworden

POLEN – DÄMPFER FÜR DIE SAUBEREN


Verbrauch erneuerbarer Energien in Millionen Tonnen Erneuerbare Energien nach Quellen, 2016,
Öl-Äquivalent und Anteil in Prozent in Millionen Tonnen Öl-Äquivalent

11,3 %
Wasserkraft 0,2 0,2
Windkraft 0,1 0,3 1,1
0,3
Solarthermie 0,1
8,8 feste Biomasse
7,9 (z. B. Holz,
Agrarabfälle)
8,8
Biogas
Biomüll
4,7 Bioethanol
ENERGIEATLAS 2018 / EUROSTAT

4,1 Biodiesel 6,6


3,9

1,4

1991 1996 2001 2006 2011 2016

36 ENERGIEATLAS 2018
DAS ENERGIEFLUSSDIAGRAMM POLENS
Gesamtweg und Anteil der erneuerbaren Energien von der Erzeugung bis zum Verbrauch, 2016, in Millionen Tonnen Öl-Äquivalent, vereinfachte Darstellung

inländische Produktion Exporte erneuerbare Energien Strom (mit Erneuerbaren)


Erneuerbare 9,0 alle anderen Energien verlassen das System
-21,3
3
Verluste und Verbrauch

Umwandlungsverluste,
Kohle 52,1 8,8 Erneuerbare -28,2 Netzverluste, Eigenverbrauch
1 1,2 Strom des Energiesektors
000

-5,6 nicht energetischer Verbrauch


Öl 1,0
Gas 3,6 49,1 Kohle
Abfälle 0,7 5,5 Kraftstoffe, Wärme usw. 1,1 erneuerbar

Erneuerbare 0,8 11,4 Strom 10,3 fossil


Strom 1,2 Primärenergieverbrauch
Kohle 5,0 2
12,1 Kohle Strommix

Öl 32,0 21,6 Öl
26,5 Öl 1 sehr viel Kohle, sehr
Importe Endenergieverbrauch hohe CO2-Emissionen
2 ein Zehntel der verbrauchten
9,7 Gas Kohle aus Importen
Gas 12,2 14,6 Gas
0,6 Abfälle 3 Biokraftstoffe sind ein
anderes 2,5 5,7 Wärme polnischer Exportschlager
0,7 Abfälle

Endverbrauch nach Sektoren


0,5

1,6 0,3 2,7


0,3

ENERGIEATLAS 2018 / EUROSTAT


2,5
4,4 4,1 4,1
9,7 14,5
18,5
Industrie Verkehr Dienstleistungen Haushalte

Exporte: mit Bunkerungen. Nicht energetischer Verbrauch: überwiegend petrochemische Produkte. Differenzen durch Rundung

Das Verhältnis von fossiler zu erneuerbarer


Kohle – sowohl Braunkohle als auch Steinkohle – ist der Energie liegt in Polen bei 10:1. Die Regierung
wichtigste fossile Brennstoff Polens. Da die Förderung immer möchte das nicht ernsthaft ändern
teurer wird, subventioniert der Staat große Energieunter-
nehmen indirekt. Im Schnitt zahlte jeder Pole und jede Polin
von 1990 bis 2016 rund 460 Euro im Jahr, nicht nur für Sub- Polnische Städte weisen die schlimmsten Werte in ganz
ventionen, sondern auch für Sonderkosten im Bergbau und Europa auf. In den Wohnungen sind viele Heizungen unef-
bei der Kohleverstromung. Weltweit niedrige Kohlepreise fektiv, die Kohle ist oftmals minderwertig, und in den Öfen
setzen viele Bergwerke unter finanziellen Druck, aber die wird Müll verbrannt. In den großen Städten tun die vielen
von politischen Erwägungen bestimmten Sorgen um die Mi- Dieselfahrzeuge auf den Straßen ihr Übriges. Diese Proble-
nenarbeiter und -arbeiterinnen verzögern ihre Schließung. me werden zunehmend erkannt. Kleinpolen (um Krakau)
Dennoch werden die Zechen wohl irgendwann die För- und Schlesien sind zwei stark betroffene Regionen in Südpo-
derung einstellen müssen. Es gab Pläne, profitable Ener- len. Hier ist es mittlerweile untersagt, minderwertige Kohle
gieunternehmen mit unrentablen Bergbauunternehmen zu verbrennen. Weitere Regionen erwägen ähnliche Verbo-
zusammenzuführen, doch die wurden teilweise aufgrund te, und noch 2018 soll der Verkauf von Billigkohleöfen lan-
von Einwänden der Europäischen Kommission verschoben. desweit verboten werden.
Inzwischen werden – obwohl unwirtschaftlich – neue Schrit- Polens Energiepolitik ist derzeit vor allem darauf ausge-
te zur Kohlegewinnung unternommen. Dazu gehören Koh- richtet, die Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Dabei
levergasung und neue Minen. Zugleich importiert Polen stützt sie sich hauptsächlich auf heimische Energiequellen,
zunehmend Kohle, ganz im Widerspruch zu den Erklärun- Kohle eingeschlossen. Die Senkung der Treibhausgasemis-
gen des Staates, dass es sich um eine überwiegend nationale sionen ist derzeit nicht das Hauptziel der Regierung. Sie
Ressource handle. Der größte Schaden, auch für das Image meint, dass die meisten Emissionen in der Forstwirtschaft –
der Kohle, ist die Luftverschmutzung. also in Wäldern – gebunden werden könnten.

ENERGIEATLAS 2018 37
TSCHECHIEN

WO DAS PENDEL SCHWINGT


Die tschechische Regierung ist nicht Gegenüber Kohle und Kernkraft werden die Erneuerba-
gewillt, den Energiesektor des Landes ren als zweitrangige Quellen betrachtet – die Politik betont
nachhaltig umzugestalten. Zudem leidet eher ihre Grenzen als ihr Potenzial. Der nationale Aktions-
plan für erneuerbare Energien, den die tschechische Re-
das Image der Erneuerbaren noch
gierung gemäß europäischen Vorschriften erstellte, sieht
immer unter alten Regulierungsfehlern. bis 2020 einen Anteil erneuerbarer Energien am Brutto-
gesamtverbrauch von 15,3 Prozent vor. Das sind fast zehn

V
or zehn Jahren war die Tschechische Republik führend Prozentpunkte mehr als im Jahr 2005, doch Umweltgrup-
in der Erzeugung von Solarenergie. Im Jahr 2010 hat- pen und Befürworter der Erneuerbaren kritisieren, dass
te das Land Photovoltaikanlagen mit einer Kapazität mit ein wenig Anstrengung sehr viel mehr erreicht werden
von fast zwei Gigawatt installiert, hauptsächlich in Form von könnte.
großen Solarkraftwerken. Seitdem hat der Sektor jedoch mit Finanziell wurden die Erneuerbaren seit 2005 durch
drastischen Einschnitten bei der Solarförderung und höhe- Prämien und garantierte Preise gestützt. Diese äußerst vor-
ren Steuern zu kämpfen. So wurden im Jahr 2014 gar keine teilhaften Bedingungen für erneuerbare Energien, einher-
neuen Anlagen mehr installiert. gehend mit sinkenden Preisen für Photovoltaik, führten je-
Die Erzeugung von Strom läuft in Tschechien derzeit doch zu einem unvorhergesehenen Boom der installierten
klar Richtung Kohle (Anteil von 49 Prozent im Jahr 2015) Kapazität und paradoxerweise zu höheren Strompreisen.
und Kernkraft (32 Prozent). Die Regierung betrachtet diese Denn die Energieversorger waren gezwungen, den Strom
Quellen als strategisch wichtig für die Sicherheit der Ener- aus erneuerbaren Energien zu hohen Preisen zu kaufen
gieversorgung. Das Land verfügt über beträchtliche Stein- und die Verbraucherinnen und Verbraucher zusätzlich zu
und Braunkohlevorkommen und exportiert davon auch belasten, um die Kosten zu decken. Dies hat dem Image der
noch an seine Nachbarn; nicht umsonst hat es die höchsten erneuerbaren Energien ernsthaft geschadet. Hinzu kam,
Pro-Kopf-CO2-Emissionen in Europa. Mit zwei bestehenden dass instabile Innenpolitik und Regierungswechsel flexible
Kernkraftwerken und zwei weiteren dort geplanten Blocks Reaktionen wie die Anpassung der Einkaufspreise behinder-
gilt die Atomkraft als zuverlässige und kostengünstige Ener- ten. Traditionelle Energieversorger wie der von der Regie-
giequelle. rung kontrollierte Energiekonzern ČEZ machten sich gegen
Die Tschechische Republik spielt auf dem mitteleuro- erneuerbare Energien stark. Das Förderprogramm für neue
päischen Energiemarkt eine wichtige Rolle, da ihr Über- Anlagen wurde 2013 eingestellt; seither gehen kaum noch
tragungsnetz eng mit den Netzen der Nachbarländer welche in Betrieb.
verbunden ist. Aufgrund seiner Lage fungiert das Land
als wichtiger Transitknotenpunkt. Zudem ist Tschechien
einer der größten Stromexporteure der Welt. 2014 gingen Die tschechische Regierung will eine
41,5 Prozent seiner Ausfuhren nach Österreich, 33,3 Prozent zentralistische Energieversorgung. Da haben
in die Slowakei und 19,2 Prozent nach Deutschland. es die dezentralen Erneuerbaren schwer

TSCHECHIEN – WENIGER ZUWACHS


Verbrauch erneuerbarer Energien in Millionen Tonnen Erneuerbare Energien nach Quellen, 2016,
Öl-Äquivalent und Anteil in Prozent in Millionen Tonnen Öl-Äquivalent

14,9 %
Wasserkraft 0,1 0,2
0,3 0,2
Photovoltaik 0,1
feste Biomasse
4,3 (z. B. Holz,
0,6
Agrarabfälle)
3,4 Biogas
4,3
Biomüll
Bioethanol
Biodiesel
ENERGIEATLAS 2018 / EUROSTAT

2,2 andere
1,7 2,9
1,4
1,1

1991 1996 2001 2006 2011 2016

38 ENERGIEATLAS 2018
DAS ENERGIEFLUSSDIAGRAMM TSCHECHIENS
Gesamtweg und Anteil der erneuerbaren Energien von der Erzeugung bis zum Verbrauch, 2016, in Millionen Tonnen Öl-Äquivalent, vereinfachte Darstellung

inländische Produktion Exporte erneuerbare Energien Strom (mit Erneuerbaren)


Erneuerbare 4,3 alle anderen Energien verlassen das System
-7,9

Verluste und Verbrauch


1
Kohle 16,0
4,3 Erneuerbare Umwandlungsverluste,
-14,6 Netzverluste, Eigenverbrauch
000 des Energiesektors
Öl 0,2
Gas 0,2
nukleare Wärme 6,2 16,6 Kohle -1,8 nicht energetischer Verbrauch
Abfälle 0,3
Strommix
Erneuerbare 0,4 2,8 Kraftstoffe, Wärme usw. 0,4 erneuerbar
Strom 1,2
4,8 Strom 3,0 fossil
Kohle 3,0 8,3 Öl 2
Primärenergieverbrauch 1,4 atomar
2,3 Kohle
Öl 10,3
6,8 Öl
Importe 1 über 50 Prozent Selbst-
7,0 Gas Endenergieverbrauch
versorgung, auf Kohle gestützt
2 beim Strommix: Erneuerbare
5,7 Gas unter zehn Prozent
Gas 6,7 6,2 nukleare Wärme
0,2 Abfälle 3 Fernwärme mit deutlichem
anderes 0,8 2,1 Wärme Anteil an Biomasse
0,3 Abfälle

Endverbrauch nach Sektoren

0,5 0,3
0,1 0,1 1,8 3

ENERGIEATLAS 2018 / EUROSTAT


2,0
1,7 1,3 3,8
4,9 6,3 1,3
Industrie Verkehr Dienstleistungen Haushalte

Exporte: mit Bunkerungen. Nicht energetischer Verbrauch: überwiegend petrochemische Produkte. Differenzen durch Rundung

Selbst das Energieprofil der Erneuerbaren


Aber das Pendel kann zurückschwingen. Die Aussichten ist konventionell: direkte Nutzung als Fernwärme
werden wieder lichter – so hat die Regierung Investitionszu- ist technisch anspruchsloser als Verstromung
schüsse für große und kleine Anlagen auf den Dächern pri-
vater Unternehmen zugesagt. Ende 2017 erwog sie zudem
die Einführung von Auktionsverfahren für erneuerbare EU zur Dekarbonisierung ab und setzt sie oft nur formell und
Energien. Damit würde der Staat kraftvolle Anreize für neue zögerlich um.
Anlagen schaffen. Branchenfirmen und Regierung behaupten sogar, dass
Das Potenzial der Energiequellen Wind, Solar und Bio- eine dezentrale erneuerbare Stromerzeugung das tsche-
masse ist hoch. Unabhängige Energieexperten berechneten, chische Leitungssystem destabilisieren könnte. In anderen
dass erneuerbare Energien in Kombination mit technischer Ländern ist das nicht zu erkennen, und eine vom Netzbe-
Modernisierung wie effizienteren Geräten und besserer treiber ČEPS in Auftrag gegebene Studie zeigte bereits 2010,
Isolierung bis 2050 bis zu 76 Prozent des Strombedarfs ab- dass das Netz eine Verdoppelung oder Verdreifachung der
decken könnten. Die Regierung sieht das weniger rosig: Sie Wind- und Solarenergiekapazität verkraften könnte.
prognostiziert, dass erneuerbare Energien im Jahr 2045 nur Die öffentliche Meinung über die Erneuerbaren hat sich
23 Prozent der Bruttostromerzeugung ausmachen werden. in den vergangenen Jahren wieder zum Positiven verändert.
Parallel zur offiziellen Strategie hat die Regierung zwar Über 40 Prozent der Bevölkerung glauben nun, dass es mög-
ein „grünes“ Szenario erstellt, in dem Dekarbonisierung, lich ist, traditionelle Energiequellen durch erneuerbare zu
Energieeinsparungen und eine umfangreiche Förderung ersetzen. Aber die starke Position der Kohle im Energiemix,
erneuerbarer Energien priorisiert werden. Zudem hat sie die Verfügbarkeit von Kernkraft und die Angst vor dezen-
angekündigt, die Kohlewirtschaft in einigen Jahrzehnten tralen Modellen in einem stark zentralisierten Energiemarkt
zu beenden, doch konzentriert sie sich zum Ausgleich eher behindern weiterhin das Wachstum der erneuerbaren Ener-
auf die Kernkraft. Darüber hinaus lehnt sie viele Regeln der gien – und damit eine tschechische Energiewende.

ENERGIEATLAS 2018 39
GRIECHENLAND

ALLES KÖNNTE SCHNELLER GEHEN


Ein ehrgeiziger nationaler Energieplan und geführt, dass erneuerbare Energien ihren Anteil am grie-
der Preisverfall bei den Erneuerbaren haben chischen Strommix erhöht haben. 2016 war ein historisches
deren Anteil am griechischen Strommix Jahr: Erneuerbare Energien einschließlich großer Wasser-
kraftwerke lieferten 30 Prozent des Stroms auf dem griechi-
erhöht. Aber Wirtschaftskrise und teures
schen Festlandnetz und übertrafen erstmals die Braunkoh-
Kapital haben zu Rückschlägen geführt. le, die auf ein Allzeittief von 29 Prozent fiel.
Zwei Faktoren haben dieses Wachstum vorangetrieben.

I
n Griechenland liegt die Sonneneinstrahlung um 50 Pro- Erstens löste eine Richtlinie der Europäischen Kommission
zent höher als in Deutschland. Damit gehört es zu den Län- aus dem Jahr 2009 die Schaffung eines ehrgeizigen nationa-
dern mit dem höchsten Potenzial für erneuerbare Energi- len Gesetzes zur Förderung der Erneuerbaren aus. Zweitens
en in Europa. Davon wird jedoch nur ein kleiner Bruchteil kam es zu einem Rückgang der Kosten für die Installation
genutzt. Unter Deutschlands trübem Himmel ist mehr als erneuerbarer Energien. Von 2008 bis 2014 sank etwa der
das Doppelte der Photovoltaikleistung (499 Watt pro Person) Preis für Photovoltaikmodule um 79 Prozent und derjenige
installiert als im sonnigen Griechenland (240 Watt). von Windkraftanlagen um 25 Prozent. Die wirtschaftlich
Das Windenergiepotenzial Griechenlands wird eben- attraktiven Größenordnungen wurden erreicht, obwohl die
falls viel zu wenig ausgeschöpft. Auf den Inseln der südli- Koordination zwischen den Behörden mangelhaft war, die
chen Ägäis (ohne Kreta) könnten zum Beispiel Windkraft- Genehmigungen sich verzögerten, die Landrechte unklar
anlagen für rund 6.000 Megawatt (MW) installiert werden, waren und es Mängel in der Raumplanung gab.
mehr als das Siebzigfache der derzeitigen Kapazität – unter Griechenlands Finanzkrise erschwert den Prozess je-
Berücksichtigung der Planungsauflagen und der Natur- doch. Erstens rutschte der Haushaltsfonds, aus dem die
und Denkmalschutzbestimmungen. Installation, Betrieb Erzeuger von erneuerbarer Energie bezahlt wurden, in
und Wartung der Turbinen könnten hier mehr als 1.100 Ar- ein großes Defizit. Im Rahmen der Entschuldungsverein-
beitsplätze schaffen. barung mit ihren Hauptgläubigern verpflichtete sich die
1982 wurde auf der Insel Kythnos die erste europäische Regierung, dieses Minus zu beseitigen. Die aufgeblähten
Windkraftanlage installiert. Seitdem hat sich Griechenlands Photovoltaiktarife wurden rückwirkend gesenkt. Diese Kür-
Erneuerbare-Energien-Sektor erheblich entwickelt. Das zungen erstreckten sich jedoch auch auf Wind- und kleine
liegt hauptsächlich an einem günstigen Einspeisetarif und Wasserkraftwerke, die für das Defizit nicht verantwortlich
dem Vorrang, der dem Strom aus erneuerbaren Energie- waren. Die Nutzung fossiler Energieträger hingegen war
quellen im Netz eingeräumt wird. Zwischen 2007 und 2016 von den Einschnitten nicht betroffen.
hat sich die Windkraftkapazität von 846 MW auf 2.374 MW
fast verdreifacht. Die Photovoltaik wuchs in diesem Zeit-
raum sogar von nur 9 MW auf 2.611 MW an. Viele Vorschläge und Ideen, aber sie
Die steigenden Kapazitäten und der gesunkene Energie- finden zu wenig Widerhall in der Politik.
bedarf aufgrund der Wirtschaftskrise ab 2010 haben dazu Das bremst die sauberen Energien aus

GRIECHENLAND – ERNEUERBARE INMITTEN DER KRISE


Verbrauch erneuerbarer Energien in Millionen Tonnen Erneuerbare Energien nach Quellen, 2016,
Öl-Äquivalent und Anteil in Prozent in Millionen Tonnen Öl-Äquivalent

15,2 %
Wasserkraft 0,2
Windkraft 0,1
0,5
Solarthermie
2,6 Photovoltaik
feste Biomasse
2,1 (z. B. Holz,
2,6 0,4
Agrarabfälle)
1,8 0,9
Biogas
1,4 Biodiesel
ENERGIEATLAS 2018 / EUROSTAT

1,3 0,2
1,2
0,3

1991 1996 2001 2006 2011 2016

40 ENERGIEATLAS 2018
DAS ENERGIEFLUSSDIAGRAMM GRIECHENLANDS
Gesamtweg und Anteil der erneuerbaren Energien von der Erzeugung bis zum Verbrauch, 2016, in Millionen Tonnen Öl-Äquivalent, vereinfachte Darstellung

inländische Produktion Exporte erneuerbare Energien Strom (mit Erneuerbaren)


Erneuerbare 2,5 alle anderen Energien verlassen das System
Kohle 4,0
Öl 0,2 1 Importöl als Energiequelle Nummer 1 –
Abfälle 0,1 trotz hoher Wiederausfuhren
Erneuerbare 0,1 -20,0 2 auf vielen Inseln ölbasierte Stromversorgung
Strom 0,8
Kohle 0,2 3 wenig Bahnverkehr, viele Lkw und
ölbetriebene Schiffe
000 1

Verluste und Verbrauch


Umwandlungsverluste,
-6,8 Netzverluste, Eigenverbrauch
2,6 Erneuerbare des Energiesektors
Öl 32,9 0,8 Strom -0,6 nicht energetischer Verbrauch
4,4 Kohle Strommix
1,3 Kraftstoffe, Wärme usw. 1,4 erneuerbar
Importe
4,6 Strom
12,8 Öl 3,2 fossil
0,2 Kohle
2
Primärenergieverbrauch 9,5 Öl
Endenergieverbrauch
Gas 3,5 3,5 Gas
1,0 Gas
Abfälle 0,1 0,1 Abfälle 0,1 Wärme

Endverbrauch nach Sektoren

0,1 3
0,1 0,9
0,3

ENERGIEATLAS 2018 / EUROSTAT


1,0 1,6
2,0 6,6 1,7
1,7
Industrie Verkehr Dienstleistungen Haushalte

Exporte: mit Bunkerungen. Nicht energetischer Verbrauch: überwiegend petrochemische Produkte. Differenzen durch Rundung

Die hohe Abhängigkeit von Ölimporten


Zweitens verschärften die 2015 eingeführten Kapital- ist auffällig. Dabei hat
verkehrsbeschränkungen die Probleme. Die Kosten für Aus- Griechenland viel Potenzial für Erneuerbare
landskredite liegen momentan bei 12,6 Prozent, siebenmal
höher als für Kredite in Deutschland, was Investitionen in er-
neuerbare Energien sehr riskant macht. Das nationale Ziel, werden mit fossilen Brennstoffen konkurrieren müssen, die
bis 2020 einen Anteil von 40 Prozent des Stromverbrauchs starke politische Unterstützer haben. Die staatlich kontrol-
für erneuerbare Energien zu erreichen, ist nicht mehr rea- lierte Public Power Corporation (PPC) beispielsweise baut
listisch. ein neues 660-MW-Braunkohlekraftwerk und plant eines
Ein für 2018 geplantes Gesetz über „Energiegemein- mit 450 MW. Das Unternehmen wie auch die Regierung
schaften“ würde es Bürgerinnen und Bürgern erlauben, scheinen bezüglich der Inseln, die noch nicht an das Netz
selbst Energie zu erzeugen, zu speichern, zu verkaufen und angeschlossen sind, an der Erdölverstromung festzuhalten.
zu verbrauchen. Solche lokalen Organisationen könnten Die längerfristigen Aussichten für erneuerbare Energien
auch die Windkraftgegner und -gegnerinnen schwächen, in Griechenland könnten rosiger sein, nur müssten die Be-
die sich auf vielen Inseln, die nicht mit dem Festlandnetz dingungen dafür geschaffen werden. Der nationale Ener-
verbunden sind, zusammengeschlossen haben. Denn für giemarkt könnte vollständig integriert werden. Eine inten-
die Inseln, die derzeit auf fossile Kraftstoffe angewiesen sind, sivere Zusammenarbeit mit benachbarten Balkanländern
gibt es technische Lösungen, auf Ökostrom umzustellen. Die wäre verlockend. Mittel aus dem Emissionshandelssystem
Insel Tilos beispielsweise hat Windturbinen, Sonnenkollek- der EU könnten den Ausbau der Stromnetze zwischen den
toren und Batterien sowie ein intelligentes Energiemanage- Inseln beschleunigen. Auf den isolierten Inseln hätten Sys-
mentsystem für das lokale Mikronetz installiert. teme auf Grundlage der Erneuerbaren eine Chance. Solche
Vermutlich geht es aber langsam voran. Ein neues För- Initiativen könnten dazu beitragen, dass Griechenland zu
dersystem sieht Stromauktionen vor. Die Erneuerbaren einem Vorbild bei der grünen Energie wird.

ENERGIEATLAS 2018 41
FRANKREICH

GROSSE PLÄNE, GROSSE SCHRITTE


Mit der Atomkraft, die Frankreichs gen zu bedienen; ein Drittel aller Gebäude wird mit Strom
Energiesystem dominiert, soll es zu Ende beheizt. Biomasse, vor allem Holz, deckt über 40 Prozent des
gehen. Kein anderes Land hat einen gesamten Primärenergieverbrauchs aus Erneuerbaren ab.
Trotz der jüngsten Fortschritte muss sich das Land noch
so tiefen Strukturwandel vor sich – wenn
anstrengen, um bis 2020 einen Anteil von 23 Prozent Erneu-
der politische Konsens bestehen bleibt. erbarer am gesamten Energieverbrauch zu erreichen. In
einem mehrjährigen Energieplan („Programmation pluri-

F
rankreich ist bekannt für seine Kernkraftwerke, die bis annuelle de l’énergie“) von 2016 sind einige Zwischenziele
zu 75 Prozent seines Stroms erzeugen. Dennoch haben festgelegt. Dazu gehört, den Anteil der Erneuerbaren beim
die politischen Entscheidungsträger beschlossen, die Strom um 70 und bei Wärme um 36 Prozent zu erhöhen.
Versorgung auf erneuerbare Energiequellen umzustellen. Mit natürlichen Ressourcen ist Frankreich sehr gut aus-
Zwischen November 2012 und Juli 2013 fand eine nationale gestattet. 2016 zeigte eine Studie der Agentur für Umwelt
Debatte über die Energiewende statt, die von der Regierung und Energie (Ademe), dass beim Strom 100 Prozent aus Er-
organisiert worden war. Zu ihr waren alle wichtigen Akteu- neuerbaren bis 2050 möglich und finanzierbar sind. 2017
re eingeladen, um eine Vision für eine postnukleare und veröffentlichte négaWatt, ein Verband von Energiefach-
kohlenstoffarme Zukunft zu entwickeln. leuten, ein Szenario, nach dem das Land bis 2050 ein zu
Im Jahr 2015 verabschiedete das Parlament sein erstes 100 Prozent erneuerbares, CO2-neutrales Energiesystem für
Gesetz zur Energiewende. Es ist ehrgeizig: Bis 2050 sollen alle Sektoren einschließlich des Verkehrs erreichen kann.
die Treibhausgasemissionen um 75 Prozent im Vergleich Solar- und Windenergie sind die Erneuerbaren, die in
zu 1990 sinken, und der Endenergieverbrauch soll halbiert den vergangenen Jahren besonders dynamisch gewachsen
werden. Zu den Meilensteinen gehört dabei die Reduzie- sind. Zwischen 2010 und 2016 hat sich die Onshore-Wind-
rung des Anteils der Kernkraft an der Stromerzeugung von kraftkapazität auf 12 GW verdoppelt; Ziel ist es, bis 2023
jetzt 75 auf 50 Prozent bis 2025; bis zum Jahr 2030 soll er auf etwa 22 bis 26 GW zu erreichen. Die Solarleistung stieg von
32 Prozent am Endenergieverbrauch und auf 40 Prozent an 2010 bis 2016 um das Achtfache, allerdings von niedrigerer
der Stromerzeugung zurückgehen. Basis aus. Bis Ende 2016 produzierten Solaranlagen bereits
Ein solches Engagement für Erneuerbare kommt nicht fast 7 GW; das Ziel für 2023 liegt bei 18 bis 20 GW. Das ist
völlig überraschend. In den 1940er-Jahren investierte realistisch, denn die Kosten für die Erzeugung sind in den
Frankreich stark in Wasserkraft, bevor die Ölpreisschocks vergangenen Jahren schnell gesunken – in der Photovoltaik
der 1970er-Jahre dazu führten, dass es mit 58 Reaktoren und um fast neun Zehntel in zehn Jahren.
einer Kapazität von 63 Gigawatt (GW) einen der weltweit
größten Bestände von Kernkraftwerken errichtete. Die Was-
serkraft stellt derzeit mit 25 GW einen großen Anteil an den Atomkraft produziert keine CO2-Emissionen.
Erneuerbaren-Kapazitäten dar. Ihre Pumpspeicherkapazi- Doch nach der Katastrophe von Fukushima
tät macht sie flexibel genug, um im Winter hohe Nachfra- begann in Frankreich das Umdenken

FRANKREICH – DER SPÄTSTARTER


Verbrauch erneuerbarer Energien in Millionen Tonnen Erneuerbare Energien nach Quellen, 2016,
Öl-Äquivalent und Anteil in Prozent in Millionen Tonnen Öl-Äquivalent

0,2
16,0 %
Wasserkraft
2,6
Windkraft
0,5 5,2
Solarthermie
24,6 Photovoltaik 1,5
feste Biomasse
0,8
(z. B. Holz,
18,5 24,6 1,8
17,2 Agrarabfälle)
17,1 16,6
15,4 Biogas 0,7 0,1
Biomüll
ENERGIEATLAS 2018 / EUROSTAT

Bioethanol
Biodiesel 11,1
Geothermie

1991 1996 2001 2006 2011 2016

42 ENERGIEATLAS 2018
DAS ENERGIEFLUSSDIAGRAMM FRANKREICHS
Gesamtweg und Anteil der erneuerbaren Energien von der Erzeugung bis zum Verbrauch, 2016, in Millionen Tonnen Öl-Äquivalent, vereinfachte Darstellung

inländische Produktion Exporte erneuerbare Energien Strom (mit Erneuerbaren)


Erneuerbare 23,9 alle anderen Energien verlassen das System
-31,8
Öl 1,0
Verluste und Verbrauch
1
24,6 Erneuerbare
nukleare Wärme 104,0
8,6 Kohle Umwandlungsverluste,
-86,5 Netzverluste, Eigenverbrauch
des Energiesektors

Abfälle 1,7 75,2 Öl


-13,4 nicht energetischer Verbrauch
Erneuerbare 0,9
Strom 1,7 7,0 erneuerbar
Kohle 8,6 12,4 Kraftstoffe, Wärme usw.
3,8 fossil 2
38,3 Gas
38,0 Strom
27,2 atomar

Öl 95,4 3,6 Kohle


Primärenergieverbrauch Strommix
Importe 59,8 Öl
104,0 nukleare Wärme Endenergieverbrauch 1 Inländische Energie: fast nur
Atomstrom oder Erneuerbare
2 fossiler Strom – bis 2022 auf null
Gas 41,2 29,9 Gas
3 viel Atomstrom zum Heizen –
0,1 Abfälle für Frankreich typisch
anderes 1,2 1,7 Abfälle 3,4 Wärme

Endverbrauch nach Sektoren

3,0
1,6 0,9 0,6 7,0

ENERGIEATLAS 2018 / EUROSTAT


10,1 10,1 19,1
17,7 45,7 12,5
13,7

Industrie Verkehr Dienstleistungen 3 Haushalte

Exporte: mit Bunkerungen. Nicht energetischer Verbrauch: überwiegend petrochemische Produkte. Differenzen durch Rundung

Mit seinem hohen Atomstromanteil hat


Aber neue Regeln haben den Einsatz erneuerbarer Frankreich das wohl auffälligste Energieprofil in
Energien behindert. Einspeisetarife wurden in den frühen der EU – und den herausfordernsten Ausstieg
2000er-Jahren eingeführt, litten aber unter einer Stop-
and-go-Politik. Administrative Hürden verzögerten Geneh-
migungen und Netzanbindungen. Wie andere Länder in re Energien investiert werden könnte. Den Anteil der Atom-
Europa setzt auch Frankreich seit 2014 stärker auf markt- kraft bis 2025 von 75 auf 50 Prozent zu reduzieren, ist das
orientierte Mechanismen. Dazu gehören Prämien und schwierigste Ziel im Energieplan. Schon hat die Regierung
Ausschreibungen (in erster Linie für Solar-, Biomasse- und bekannt gegeben, es auf 2030 zu verschieben. Doch große
Offshore-Windkraftanlagen), obwohl sie ein höheres finan- nukleare Kapazitäten zu halten, während gleichzeitig der
zielles Risiko mit sich bringen. Das Energiewendegesetz von Anteil der Erneuerbaren steigt – diese Strategie dürfte zu
2015 geht einige dieser Probleme an. Doch sind weitere Überkapazitäten und zum Verfall der Preise führen.
Fortschritte erforderlich, um wie angestrebt den jährlichen Die Koordinierung der nationalen mit der europäischen
Zuwachs bei neuen Anlagen zu verdoppeln. Klima- und Energiepolitik ist angesichts des politischen Ein-
Der Wettbewerb mit der Kernenergie ist ein weiteres flusses Frankreichs und seiner Lage im Herzen des europäi-
großes Hindernis. 2017 hatte der Großteil der Atomkraft- schen Energiemarkts von entscheidender Bedeutung. So hat
werke ein Durchschnittsalter von 32 Jahren und wird im Präsident Macron einen europaweit einheitlichen Mindest-
kommenden Jahrzehnt die ursprünglich geplante Lebens- preis für CO2 im EU-Emissionshandelssystem vorgeschla-
dauer von 40 Jahren erreichen. Électricité de France, der gen. Trotz der Meinungsverschiedenheiten über die Kern-
staatlich kontrollierte Betreiber, plant, ihre Betriebszeit auf energie laufen die Energiewende-Strategien Frankreichs
60 Jahre zu verlängern. Die Kosten für die Sanierung der und Deutschlands insgesamt aufeinander zu und eröffnen
Reaktoren wurden auf 55 Milliarden Euro geschätzt. Das ist neue Möglichkeiten für die Zusammenarbeit – und mögli-
Geld aus öffentlichen Mitteln, das stattdessen in erneuerba- cherweise für stärkere Ambitionen in der EU insgesamt.

ENERGIEATLAS 2018 43
DEUTSCHLAND

EIN VORBILD, DAS KEINES IST


Die Energiewende betrifft in Deutschland staatlich organisierten Auktionen mitbieten. Die neuen Re-
überwiegend den Stromsektor. Heizung geln bevorzugen die großen Projektentwickler, die leichter
und Verkehr stehen noch am Beginn wettbewerbsfähige Gebote einreichen können. Privatleute
und Genossenschaften werden dadurch wieder aus dem
der Umgestaltung. Das größte Problem ist
Geschäft gedrängt.
jedoch der Kohlestrom. Die größte Herausforderung der Energiewende in
Deutschland besteht darin, die traditionelle Erzeugung

D
eutschland wird seine Kernkraftwerke bis 2022 still- von Energie auf die Erneuerbaren auszurichten. Die alten
legen. 36 Prozent der benötigten Energie produziert Stromversorgungsunternehmen in Deutschland mussten
das Land bereits heute aus erneuerbaren Quellen, drastisch umdenken. Sie glaubten zunächst nicht, dass die
hauptsächlich aus Wind- und Solarenergie. Bis zum Jahr neuen Energiequellen eine so große Rolle im Energiemix
2050 sollen es 80 bis 95 Prozent werden. Zwischenziele auf spielen könnten. Die Erneuerbaren erfordern jedoch Inves-
dem Weg dorthin sind 40 bis 45 Prozent für 2025 und 55 bis titionen in Infrastruktur und Digitalisierung, damit Ange-
60 Prozent für 2035. Deutschland gilt derzeit als Vorreiter bot und Nachfrage aufeinander abgestimmt werden kön-
beim Übergang zu erneuerbaren Energien. nen. Darüber hinaus müssen die Sektoren Strom, Wärme
Feste Einspeisetarife für jede ins Netz eingespeiste Kilo- und Verkehr stärker miteinander verknüpft werden. Das be-
wattstunde haben diesen Trend wesentlich vorangetrieben deutet vor allem eine stärkere Elektrifizierung von Heizung
und stabile Bedingungen für Investitionen geschaffen. Der und Kühlung sowie des Verkehrssektors.
Tarif wurde jedes Jahr neu festgelegt, um auf die sinken- Momentan zielt die Energiewende nur auf den Strom-
den Kosten von Wind- und Solartechnologien zu reagieren; sektor ab, der jedoch nur 20 Prozent des gesamten Energie-
er hat meist Renditen von fünf bis sieben Prozent erzielt. sektors ausmacht. Heizung, Kühlung und Transport umfas-
So konnten Bürgerinnen und Bürger, Landwirtinnen und sen die restlichen 80 Prozent und beruhen zumeist auf dem
Landwirte, Gemeinden, Kommunen und Genossenschaften Einsatz fossiler Brennstoffe. Diese Sektoren müssen sich also
die deutsche Energiewende gemeinsam gestalten. Die Prio- ebenfalls wandeln. Eine Sektorenkopplung kann nur durch
risierung des grünen Stroms bei der Einspeisung in das öf- Investitionen in intelligente Stromzähler, Infrastruktur für
fentliche Netz gehört zu den Gründen für diesen Erfolg. Elektrofahrzeuge und Speicherbatterien erreicht werden.
Der Einspeisetarif hat dazu beigetragen, dass Deutsch- Zudem geht es nicht nur um den Ersatz einer Energiequelle
land seine Ziele im Bereich der Erneuerbaren viel früher durch eine andere, sondern um eine ernsthafte und deutli-
erreicht hat, als dies bei der ersten Formulierung der Ener- che Senkung des Energieverbrauchs.
giepolitik im Jahr 1990 vorauszusehen war. Die Erfolgs-
bilanz hat jedoch zu neuen Herausforderungen und An-
passungen geführt. Seit 2016 erhalten große Solar- und Mit dem entschlossenen Ausstieg aus Braunkohle und
Windkraftanlagen mit einer Leistung von mehr als 750 Ki- Verbrennungsmotoren würden Nachfrage und Produktion
lowatt keine Einspeisevergütung mehr, sondern müssen in von Erneuerbaren in Deutschland deutlich steigen

DEUTSCHLAND – FORTSCHRITT, ABER NUR BEIM STROM


Verbrauch erneuerbarer Energien in Millionen Tonnen Erneuerbare Energien nach Quellen, 2016,
Öl-Äquivalent und Anteil in Prozent in Millionen Tonnen Öl-Äquivalent

0,3
14,8 % 0,7
Wasserkraft 1,9 1,8
Windkraft
3,1
Solarthermie 6,8
38,9 Photovoltaik
feste Biomasse
(z. B. Holz, 0,7
29,3 8,1 38,9
Agrarabfälle)
3,3
Biogas
Biomüll
20,6
ENERGIEATLAS 2018 / EUROSTAT

Bioethanol
Biodiesel 12,2
Geothermie
9,6
5,1 6,2

1991 1996 2001 2006 2011 2016

44 ENERGIEATLAS 2018
DAS ENERGIEFLUSSDIAGRAMM DEUTSCHLANDS
Gesamtweg und Anteil der erneuerbaren Energien von der Erzeugung bis zum Verbrauch, 2016, in Millionen Tonnen Öl-Äquivalent, vereinfachte Darstellung

inländische Produktion Exporte erneuerbare Energien Strom (mit Erneuerbaren)


alle anderen Energien verlassen das System
Erneuerbare 39,5
-57,8
1
Kohle 39,7 Verluste und Verbrauch
Öl 3,5
Gas 6,6 Umwandlungsverluste,
nukleare Wärme 21,8 -81,4 Netzverluste, Eigenverbrauch
38,9 Erneuerbare des Energiesektors
Abfälle 4,5
Erneuerbare 0,9 2 -21,4 nicht energetischer Verbrauch
Strom 2,4 77,2 Kohle
Kohle 39,6 Strommix
14,3 Kraftstoffe, Wärme usw. 10,6 erneuerbar

44,5 Strom 28,1 fossil


108,8 Öl 3
Öl 130,2 10,2 Kohle
5,8 atomar

Importe Primärenergieverbrauch 82,2 Öl


1 Erneuerbare und Kohle
Endenergieverbrauch gleich stark
2 Braun- und Steinkohle –
70,3 Gas schmutzigste Energieträger
Gas 81,6 54,4 Gas überhaupt
21,8 nukleare Wärme 3 ohne Dekarbonisierung
1,1 Abfälle ist Elektrifizierung sinnlos
anderes 0,7 4,5 Abfälle 9,8 Wärme

Endverbrauch nach Sektoren

2,8 2,6 6,5


1,0 2,4

ENERGIEATLAS 2018 / EUROSTAT


19,5 11,0
18,6 13,0
38,9 61,6 38,6

Industrie Verkehr Dienstleistungen Haushalte

Exporte: mit Bunkerungen. Nicht energetischer Verbrauch: überwiegend petrochemische Produkte. Differenzen durch Rundung

Auf jeder Stufe des Energiesystems haben


Deutschland treibt seine Energiewende aus zwei Grün- die Erneuerbaren die Atomkraft
den voran: Es will nicht mehr so abhängig vom Import fos- überholt – die Fossilen allerdings noch nicht
siler Brennstoffe sein und seine Ziele zur Reduzierung von
Treibhausgasemissionen einhalten. Das Land importiert
derzeit 61 Prozent seiner Energie, oft aus Regionen mit ziert, kann es auf die Reserven seiner vielen Nachbarländer
instabilen Regimen; die Energiewende hat diese Importe zurückgreifen. Aus diesem Grund hat das Land jedoch kaum
bereits verringert. Das Wachstum der Erneuerbaren hat je- in die eigene Erzeugung oder Speicherung von Strom für
doch die Emissionswerte nicht wesentlich verringert. Dies solche Nachfrageschwankungen investiert. Die notwendi-
liegt zum Teil daran, dass Deutschland weit mehr Strom ge Kopplung des Stromsektors mit den Sektoren Heizung,
produziert, als es benötigt. Im Jahr 2016 wurden rund acht Kühlung und Transport bietet den politischen Entschei-
Prozent für den Export produziert. Weiterhin werden etwa dungsträgern jetzt eine Vielzahl von Möglichkeiten, das
40 Prozent des gesamten Stroms aus der Verbrennung von Energiesystem umzugestalten. Dies gilt insbesondere für
Kohle generiert, bei der sehr viel CO2 entsteht. Die etwa 100 den Transportsektor, der von einer Dekarbonisierung noch
Kohlekraftwerke sind für rund ein Drittel aller deutschen weit entfernt ist.
Treibhausgasemissionen verantwortlich. Wenn das Land Die meisten Deutschen befürworten die Energiewende,
seine nationalen Klimaziele erreichen soll, muss es den unter anderem deshalb, weil sie von ihr profitieren. Rund
Kohlestrom reduzieren. Denn derzeit sieht es nicht danach 334.000 Menschen sind derzeit im Wirtschaftszweig der
aus, dass der CO2-Ausstoß bis zum Jahr 2020 um 40 Prozent erneuerbaren Energien beschäftigt – weit mehr als in dem
gegenüber 1990 sinkt. der fossilen Brennstoffe. Doch wenn die Energiewende nicht
Die geografische Lage Deutschlands in der Mitte Euro- mehr dezentral verläuft und nur noch den großen Unter-
pas ist ein Vorteil. Wenn Deutschland aufgrund von Wind- nehmen Vorteile bringt, könnte sich diese positive Haltung
flauten oder bewölktem Himmel nicht genug Strom produ- ändern.

ENERGIEATLAS 2018 45
NACHBARN

GEFÜHLTE UNSICHERHEIT
Viele Länder, aus denen die EU Öl, Gas ren Nachbarn. Ziel ist es, einen „Ring stabiler, befreundeter
und Kohle bezieht, sind instabil und keine Staaten“ um die EU zu schaffen und hier Demokratie, Rechts-
Demokratien. Die Energiewende staatlichkeit und die Entwicklung von Marktwirtschaften zu
fördern.
könnte diese Importe beenden, doch die
Ergänzt wurde die ENP 2008 durch die Union für den
EU will sie fortsetzen. Mittelmeerraum (UfM) und 2009 durch die Östliche Partner-
schaft (ÖP). Letztere umfasst die Beziehungen zu Weißruss-

T
rotz der Fortschritte bei den Erneuerbaren importiert land, Moldawien und der Ukraine in Osteuropa sowie zu Ar-
die Europäische Union immer noch 54 Prozent ihres menien, Aserbaidschan und Georgien im Südkaukasus. Die
Energiebedarfs. Dazu gehören 90 Prozent des Rohöls EU fördert die wirtschaftliche Entwicklung in diesen Län-
und 69 Prozent des Erdgases. Diese Abhängigkeit vom Im- dern, legt aber auch großen Wert auf die Sicherstellung der
port hat einen hohen Preis: Im Jahr 2013 gab die EU über Erdgaslieferungen von Russland über die Ukraine an die EU-
400 Milliarden Euro für Brennstoffe aus, 2015 immer noch Mitgliedstaaten. Das Hauptziel besteht darin, die Importe
mehr als 260 Milliarden. Diese Differenz kam nicht zustan- fossiler Brennstoffe zu erhalten und zu sichern. Mit Russland
de, weil die Nachfrage zurückging, sondern weil die Preise hat die EU ein eigenes Programm entwickelt. Es handelt sich
auf dem Weltmarkt sanken – ein Hinweis auf die Anfällig- insgesamt um eine Strategie, die die Abhängigkeit der EU
keit der EU für die Preisschwankungen im Rohstoffsektor. von Erdgas und -öl fortsetzt.
Eine weitere Sorge besteht darin, von einigen Liefer- Klimapolitisch fördert die Östliche Partnerschaft die
ländern zu abhängig zu sein und damit die Sicherheit der Entwicklung sauberer Energiequellen wie auf dem EU-
Versorgung zu gefährden. Die EU importierte 2015 knapp Binnenmarkt. Zu den Zielen gehören ferner eine bessere
28 Prozent ihres Rohöls aus Russland, 11 Prozent aus Nor- Energieeffizienz, grenzüberschreitende Energienetze,
wegen, 8 Prozent aus Nigeria und weitere 8 Prozent aus weniger industrielle Emissionen und die Anpassung der
Saudi-Arabien. Russland und Norwegen sind auch die größ- Landwirtschaft an den Klimawandel. Bei der Union für den
ten Gaslieferanten (29 beziehungsweise 26 Prozent), gefolgt Mittelmeerraum (UfM) hingegen geht es um Regulierung
von Algerien (9 Prozent) und Katar (6 Prozent). Von beiden und Marktliberalisierung. Energie- und Klimaschutzmaß-
Energieträgern kommt also jeweils mehr als die Hälfte aus nahmen gehören zu den strategischen Schwerpunkten. Im
nur vier Ländern. Gegensatz zur Östlichen Partnerschaft fokussiert die UfM
Solche Energiefragen sind ein wichtiges Element der EU- weniger auf Versorgungssicherheit.
Außenpolitik. Einige Anrainer sind bereits eng mit der EU Die EU hält die Diversifizierung ihrer Gas- und Ölversor-
verbunden, etwa Norwegen und die Schweiz. Andere sind gung für unerlässlich, um die Versorgungssicherheit kurz-
Beitrittskandidaten – die Länder des westlichen Balkans. bis mittelfristig zu erhöhen. Die Technologie des Liquefied
Über das Programm der Europäischen Nachbarschaftspo- Natural Gas (LNG, Flüssigerdgas) hat den Gashandel zu
litik (ENP) von 2004 gestaltet die EU die Beziehungen zu ih- einem globalen Markt gemacht. LNG benötigt keine Pipe-

FI Energiesicherheit wünschen
ENERGIEATLAS 2018 / EUROSTAT

UNTERSCHIEDLICH ABHÄNGIG
SE
sich alle EU-Staaten, aber sie
Anteil der Importe am Energiebedarf EE
der EU-Länder, 2016, in Prozent sind von diesem Problem sehr
DK LV
IE unterschiedlich betroffen
LT
UK
unter 25 NL
25 – 50 PL
BE DE
über 50 – unter 75 LU CZ
über 75 SK
FR AT
HU
SI
RO
HR
EU-28 PT
ES BG
IT
GR

MT CY

AT: Österreich, BE: Belgien, BG: Bulgarien, CY: Zypern, CZ: Tschechien, DE: Deutschland, DK: Dänemark, EE: Estland, ES: Spanien, FI: Finnland,
FR: Frankreich, GR: Griechenland, HR: Kroatien, HU: Ungarn, IE: Irland, IT: Italien, LT: Litauen, LU: Luxemburg, LV: Lettland, MT: Malta, NL: Niederlande,
PL: Polen, PT: Portugal, RO: Rumänien, SE: Schweden, SI: Slowenien, SK: Slowakei, UK: Großbritannien

46 ENERGIEATLAS 2018
ENERGIEATLAS 2018 / EUROSTAT
WER BELIEFERT EUROPA? EUROPAS ENERGIEIMPORTE AUS GLOBALER PERSPEKTIVE
Hauptlieferländer der fossilen Brennstoffe, 2016

28 EU-Länder
27 Nachbarländer der EU mit besonderem Status*
nicht benachbarte Hauptlieferländer
95 242
75 57 Russland 153
Norwegen

37
Kasachstan
31 24 Aserbaidschan
USA
26
Algerien
43 15 Iran
Libyen Irak
21
14 46 24 14
Mexiko
52 Katar

Saudi-Arabien
44 30
Kolumbien Nigeria

14
Angola

Kohlelieferungen über 10 Millionen Tonnen


Öllieferungen über 10 Millionen Tonnen
Gaslieferungen über 10 Milliarden Kubikmeter Südafrika
10 428 28
Australien

215

937
* Beitrittskandidaten, Länder des Europäischen Wirtschaftsraums, mit bilateralen Abkommen, Gesamtimporte der EU
Partnerschafts- und Kooperationsabkommen, Mitgliedschaft in der Union für das Mittelmeer
und der Östlichen Partnerschaft. – Zur Verdeutlichung sind die Rohstoffe nach ihrem wichtigsten
Produkt benannt. Kohle: alle Festbrennstoffe, Öl: alle Rohölprodukte, Gas: Erdgas.

Die europäische Energiewende hat eine außenpolitische


lines, weil es verschifft werden kann. 2016 machte es mit Komponente. Ohne Energieimporte von dort
49 Milliarden Kubikmetern bereits ein Achtel der gesamten wird Russland für die EU wirtschaftlich bedeutungslos
EU-Gasimporte aus. 17 Länder exportieren heute LNG, was
die Importeure davor schützt, über eine Pipeline von einem
einzigen dominierenden Gaslieferanten abhängig zu sein. der Erneuerbaren vorantreiben. Gleichzeitig kann die EU
LNG ermöglicht die Schaffung eines globalen – keines regi- ihren östlichen und südlichen Nachbarn dabei helfen, ihre
onalen oder lokalen – Gasmarktes, der zu einem stärkeren eigenen erneuerbaren Energiequellen zu entwickeln, auch
Wettbewerb zwischen den Exporteuren führt. hier die Effizienz zu verbessern und Netze aufzubauen, die
Versuche, aus mehr Ländern zu importieren und den rus- den Handel mit Strom erlauben und auftretende Angebots-
sischen Gasanteil zu reduzieren, kollidieren mit politischen und Nachfragespitzen ausgleichen.
Hindernissen. Investitionen in die Gasinfrastruktur wie die
Nord-Stream-2-Pipeline zwischen Russland und Deutsch-
land erhalten die politischen Abhängigkeiten aufrecht.
NORD-SÜD-GEFÄLLE IM ENERGIEVERBRAUCH
Sie untergraben das Ziel der EU, den CO2-Fußabdruck ihrer
EU und südliche Anrainerstaaten des Mittelmeers,
Energiewirtschaft zu senken. Die Ziele der Nachbarschafts- Tonnen Öl-Äquivalent pro Kopf, 2015
politik stehen damit im Widerspruch zu den Verpflichtun-
gen der EU aus dem Pariser Klimaschutzabkommen. EU-28 3,2
Die Interessen der östlichen EU-Länder und der älte-
Israel 2,7
ren westlichen Mitglieder weichen oft voneinander ab.
Zugleich verändern sich geopolitische Lagen und auch Libanon 1,9
langfristige gemeinsame Interessen der Mitgliedstaaten.
Um ihre Abhängigkeit von Importen zu verringern, will die Algerien 1,5
ENERGIEATLAS 2018 / EUROSTAT

EU ihre Energieeffizienz verbessern und die Entwicklung Jordanien 1,0

Tunesien 1,0 Marokko 0,6


Ein besseres Versorgungsniveau der
Ägypten 0,9 Palästina 0,4
Nachbarländer ist eine weitere Zukunftsaufgabe
nachhaltiger Energieerzeugung

ENERGIEATLAS 2018 47
AUTORINNEN UND AUTOREN,
QUELLEN VON DATEN, KARTEN
UND GRAFIKEN
Alle Internetquellen wurden zuletzt im Wikipedia, http://i.imgur.com/q3YVLFL.jpg. –
März 2018 abgerufen. Der Energieatlas ist Eurostat, Greenhouse gas emission statistics,
im PDF-Format unter der Download-Adresse http://bit.ly/2FL5XO4. – Eurostat, Share of energy from
herunterzuladen, die im Impressum aufgeführt renewable sources, http://bit.ly/1JW2ALu
ist. Im PDF sind alle Links anklickbar.
16–17
BÜRGERENERGIE: TROPFEN WERDEN ZUM
STROM von Molly Walsh
S. 16: CE Delft, The potential of energy citizens in the
European Union, 2016, with excel textbook, via
http://bit.ly/2p4TJXl. – S. 17 o.: AEE, Erneuerbare Energien
in Bürgerhand, http://bit.ly/2p7v17K. S. 17 u.: Prospex
research, Europe’s top twenty power industry players
2016, http://bit.ly/2Hp8DhN, S. 2. – UBA, Erneuerbare
Energien in Zahlen, http://bit.ly/2tF8y7x. AEE wie S. 17 o.

18–19
STÄDTE: AKTIONEN VOR ORT von Alix Bolle
S. 18: Covenant of Mayors, Covenant initiative,
http://bit.ly/2p4v1X0. – S. 19: CDP, The world’s renewable
energy cities, http://bit.ly/2ES83My, http://bit.ly/2FvC1WZ
10–11
GESCHICHTE: TRIEBKRAFT DER INTEGRATION 20–21
von Radostina Primova ENERGIEARMUT: IM KALTEN UND IM
S. 10: Wikipedia: Klimapolitik der Europäischen DUNKELN von Alice Corovessi
Union, http://bit.ly/2GbBKWx. – Eurostat, Gross inland S. 20: Trinomics, Selecting indicators to measure
energy consumption by fuel type, http://bit.ly/2FQdcoi. – energy poverty, 2016, http://bit.ly/1WFZfLP, S. 21, und
EC, Energy Roadmap 2050, http://bit.ly/1YVLqWZ. eigene Recherchen. – S. 21: Eurostat, Inability to keep home
S. 11: de.wikipedia, en.wikipedia adequately warm (ilc_mdes01), http://bit.ly/2FsM9zM. –
Eurostat, Arrears on utility bills (ilc_mdes07),
12–13 http://bit.ly/2pcNMH8. Eurostat, Total population living in a
ZUKUNFT: GEWINNER VON MORGEN dwelling with a leaking roof (ilc_mdho01),
von Claude Turmes http://bit.ly/2GmDjB6
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Global trends in renewable energy investment 2017, 22–23
http://bit.ly/2ntIJnq, S. 78. – IEA World Energy Outlook SEKTORENKOPPLUNG: DER WICHTIGSTE TEIL
2015, zitiert nach Alexander Richter, Geothermal energy DER WENDE von Joanna Maćkowiak Pandera
and ist role in the future energy mix, 2016, S. 22: The solutions project, 139 countries 100%
http://bit.ly/2p1An5q, Folie 16. – S. 13 o.: IRENA, infographics, http://bit.ly/20rvy06. – S. 23 o.: Agora
Renewable energy and jobs. Annual Review 2017, Energiewende, Electricity storage in the German energy
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S. 23 u.: David Conolly u. a., Smart energy Europe, 2015,
14–15 http://bit.ly/2FP3PoV, S. 16
WIRTSCHAFT: VOM RAND IN DIE MITTE
von Rebecca Bertram 24–25
S. 14: Eurostat, EU imports of energy products – recent ELEKTRIZITÄT: OHNE FLEXIBILITÄT IST
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48 ENERGIEATLAS 2018
26–27 40–41
MOBILITÄT: ENDE DER VERKEHRTEN GRIECHENLAND: ALLES KÖNNTE SCHNELLER
STADT von Arie Bleijenberg GEHEN von Nikos Mantzaris
S. 26: IEA, Digitalization & Energy, 2017, S. 40/41: Eurostat, Energiebilanzen im MS
http://bit.ly/2lU1JLo, S. 96. – Excel-Dateiformat (2018 edition), http://bit.ly/2p8xXkp.
S. 27: Illustration Ellen Stockmar – Eurostat, Shares 2016 Zahlen, http://bit.ly/2tjdTRH. –
Eurostat, Breakdown of electricity production by
28–29 source, 2016, http://bit.ly/2tE22y3
WÄRME: DIE NEUEN GRADMESSER
von Maria Aryblia und Theocharis Tsoutsos 42–43
S. 28: Euractiv, The EU’s new heating and cooling FRANKREICH: GROSSE PLÄNE, GROSSE
strategy, 2016, http://bit.ly/2FzSvJS. – S. 29 o.: Pan-European SCHRITTE von Andreas Rüdinger
Thermal Atlas 4, http://bit.ly/2FIrAia. – EurObserv’er, S. 42/43: Eurostat, Energiebilanzen im MS
Solar thermal and concentrated solar power barometer Excel-Dateiformat (2018 edition), http://bit.ly/2p8xXkp.
2017, http://bit.ly/2HsvdGg, Tabelle 4. – S. 29 u.: EEA, – Eurostat, Shares 2016 Zahlen, http://bit.ly/2tjdTRH. –
Heating and cooling degree days, http://bit.ly/2paKDaz Eurostat, Breakdown of electricity production by
source, 2016, http://bit.ly/2tE22y3
30–31
EFFIZIENZ: WENIGER SOLL MEHR WERDEN 44–45
von Marion Santini und Stefan Scheuer DEUTSCHLAND: EIN VORBILD, DAS KEINES IST
S. 31: Ecofys, National benchmarks for a more ambitious von Rebecca Bertram
EU 2030 RES target, 2017, http://bit.ly/2tJdKr4. – Eurostat, S. 44/45: Eurostat, Energiebilanzen im MS
Share of renewable energy, http://bit.ly/1KfNXac Excel-Dateiformat (2018 edition), http://bit.ly/2p8xXkp.
– Eurostat, Shares 2016 Zahlen, http://bit.ly/2tjdTRH. –
32–33 Eurostat, Breakdown of electricity production by
DIGITALISIERUNG: LAND FÜR PIONIERE source, 2016, http://bit.ly/2tE22y3
von Felix Dembski
S. 32: GreenBiz, Blockchain energy apps may hit the 46–47
grid faster than you expect, 12. Mai 2017, NACHBARN: GEFÜHLTE UNSICHERHEIT
http://bit.ly/2GlSw5d, und eigene Recherchen. – von Krzysztof Księżopolski
S. 33: 450connect, Digitialisierung, http://bit.ly/2Fz7kQE S. 46: Eurostat, Energy dependance,
http://bit.ly/2Dt637R. – S. 47 o.: Eurostat, Imports,
34–35 solid fuels (nrg_122a), http://bit.ly/2p93jaE. –
EUROPÄISCHE UNION: EHRGEIZ IST Eurostat, Imports, oil (nrg_123a), http://bit.ly/2p5dRbF.
MANGELWARE von Dörte Fouquet Eurostat, Imports, gas (nrg_124a), http://bit.ly/2DmsoUH. –
S. 34/35: Eurostat, Energiebilanzen im MS S. 47 u.: Eurostat, Basis figures in the European
Excel-Dateiformat (2018 edition), http://bit.ly/2p8xXkp. Neighbourhood Policy-South countries, 2018,
– Eurostat, Shares 2016 Zahlen, http://bit.ly/2tjdTRH. – http://bit.ly/2Fz7kQE
Eurostat, Breakdown of electricity production by
source, 2016, http://bit.ly/2tE22y3

36–37
POLEN: ERNEUERBARE KOHLESUBVENTIONEN
von Wojciech Szymalski
S. 36/37: Eurostat, Energiebilanzen im MS
Excel-Dateiformat (2018 edition), http://bit.ly/2p8xXkp.
– Eurostat, Shares 2016 Zahlen, http://bit.ly/2tjdTRH. –
Eurostat, Breakdown of electricity production by
source, 2016, http://bit.ly/2tE22y3

38–39
TSCHECHIEN: WO DAS PENDEL SCHWINGT
von Petra Giňová
S. 38/39: Eurostat, Energiebilanzen im MS
Excel-Dateiformat (2018 edition), http://bit.ly/2p8xXkp.
– Eurostat, Shares 2016 Zahlen, http://bit.ly/2tjdTRH. –
Eurostat, Breakdown of electricity production by
source, 2016, http://bit.ly/2tE22y3

ENERGIEATLAS 2018 49
HEINRICH-BÖLL-STIFTUNG
Demokratie und Menschenrechte durchsetzen, gegen die Zerstörung
unseres globalen Ökosystems angehen, patriarchale Herrschafts-
strukturen überwinden, die Freiheit des Individuums gegen staatliche
und wirtschaftliche Übermacht verteidigen – diese Ziele bestimmen
das Handeln der Heinrich-Böll-Stiftung. Sie steht zwar den Grünen nahe,
ist aber unabhängig und geistiger Offenheit verpflichtet.

Mit derzeit 32 Auslandsbüros verfügt sie über ein weltweites Netz


für ihr Engagement. Sie arbeitet mit ihren Landesstiftungen in allen
deutschen Bundesländern zusammen, fördert gesellschaftspolitisch
engagierte Studierende und Graduierte im In- und Ausland und
erleichtert die soziale und politische Teilhabe von Immigrantinnen Heinrich-Böll-Stiftung
und Immigranten. Schumannstr. 8, 10117 Berlin, www.boell.de

GREEN EUROPEAN FOUNDATION (GEF)


Die Grüne Europäische Stiftung ist eine politische Stiftung auf europäi-
scher Ebene. Sie ist mit anderen europäischen grünen Akteur*innen
wie der Europäischen Grünen Partei und der Grünen Gruppe im Europä-
ischen Parlament verknüpft und dennoch unabhängig. Die Hauptquelle
für die Finanzierung der GEF ist das Europäische Parlament.

Die GEF möchte europäische Bürger*innen zur Teilhabe an europäischen


politischen Debatten ermutigen und somit eine stärkere, partizipativere
europäische Demokratie schmieden. Die GEF setzt sich dafür ein,
europäische Verfahrensweisen und Politik inner- und außerhalb der
grünen politischen Familie zu führen. Die Stiftung fungiert als Labor für
neue Ideen, bietet grenzübergreifende politische Bildung und eine The Green European Foundation asbl
Plattform für Zusammenarbeit und Austausch auf europäischer Ebene. Rue du Fossé 3 , 1536 Luxemburg, Luxemburg, www.gef.eu, www.greeneuropeanjournal.eu

LE MONDE DIPLOMATIQUE
In einer Zeit, in der die Nachrichtenvermittlung immer
oberflächlicher wird, ist eine Zeitung wie Le Monde diplomatique
(LMd) unverzichtbar. Sie erklärt die Ursachen aktueller
Konflikte und erkennt entscheidende künftige Entwicklungen.
So hat LMd früher als andere die neokoloniale Ausbeutung
des globalen Südens beschrieben, vor der Kettenreaktion der
Finanzkrise gewarnt und über das zerstörerische Fracking
oder die fatale Biospritlüge berichtet.

Le Monde diplomatique ist eine internationale Monatszeitung,


deren deutsche Ausgabe unter dem Dach der taz produziert wird.
LMd veröffentlicht außer der Monatszeitung auch den Atlas Le Monde diplomatique, deutsche Ausgabe
der Globalisierung und die thematische Heftreihe Edition LMd. Rudi-Dutschke-Str. 23, 10969 Berlin, www.monde-diplomatique.de

EUROPEAN RENEWABLE ENERGIES FEDERATION (EREF)


EREF ist ein europäischer Dachverband, der die Interessen der unab- und eine Atmosphäre schaffen, die weiteres unabhängiges Wachstum
hängigen Strom-, Brennstoff- und Wärmeerzeugung aus erneuerbaren ermöglicht. Es braucht eine starke und laute Stimme aller Produzenten
Quellen vertritt und sich für einen diskriminierungsfreien Zugang in Europa.
zum Energiemarkt ausspricht. Er will stabile und verlässliche Rahmen-
bedingungen für erneuerbare Energiequellen (Renewable Energy EREF ist auch der einzige europäische RES-Verband, der Beschwerden
Sources, RES) schaffen, erhalten und weiterentwickeln. und Gerichtsverfahren gegen die unfaire Begünstigung der nuklearen
und fossilen Energie führt und gegen die Zentralisierung des Energie-
EREF setzt sich für ehrgeizige und rechtsverbindliche Ziele in allen sektors und die Diskriminierung unabhängiger RES-Produzenten und
RES-Sektoren über das Jahr 2020 hinaus ein. Wir unterstützen die ihrer Produktion eintritt. EREF wurde 1999 gegründet und vertritt
RES-Industrie durch juristische Schritte in den europäischen rund 40 Mitgliedsverbände mit 17.000 MW installierter RES-Kapazität.
Institutionen sowie in den Mitgliedstaaten. Um gegen den wachsenden
Druck und die unterschiedlichen Taktiken der traditionellen Industrie European Renewable Energies Federation
zu bestehen, muss die RES-Industrie alle bestehenden Regeln nutzen Avenue Marnix 28, 1000 Brüssel, Belgien, www.eref-europe.org

50 ENERGIEATLAS 2018
BISHER ERSCHIENEN

FLEISCHATLAS
Daten und Fakten über Tiere als Nahrungsmittel 2013
MEAT ATLAS
Facts and figures about the animals we eat
La réalité et les chiffres sur les animaux
que nous consommons
ET ATLASI
Yediğimiz hayvanlar hakkında gerçekler ve rakamlar
ATLAS CARNE DE
LA
Hechos y cifras sobre los animales que comemos

ATLAS CARNE DA
Fatos e números sobre os animais que comemos
ATLAS MASA
Příběhy a fakta o zvířatech, která jíme
FLEISCHATLAS
Daten und Fakten über Tiere als Nahrungsmittel 2014
FLEISCHATLAS
Daten und Fakten über Tiere als Nahrungsmittel 2016

NEUE THEMEN DEUTSCHLAND REGIONAL

EXTRA: ABFALL UND VERSCHWENDUNG

FLEISCHATLAS
Daten und Fakten über Tiere als Nahrungsmittel 2018
KONZERNATLAS
Daten und Fakten über die Agrar- und Lebensmittelindustrie 2017
AGRIFOOD ATLAS
Facts and figures about the corporations that control what we eat 2017
MEERESATLAS
Daten und Fakten über unseren Umgang mit dem Ozean 2017
OCEAN ATLAS
Facts and Figures on the Threats to Our Marine Ecosystems 2017

REZEPTE FÜR
ERE
EINE BESS
UNG
TIERHALT

BODENATLAS
Daten und Fakten über Acker, Land und Erde 2015
SOIL ATLAS
Facts and figures about earth, land and fields 2015
L’ATLAS DU SOL
Faits et chiffres sur la terre, les sols et les champs 2016

KOHLEATLAS
Daten und Fakten über einen globalen Brennstoff 2015
COAL ATLAS
Facts and figures on a fossil fuel 2015
COAL ATLAS
Facts and figures on a fossil fuel 2015
ATLAS UHLÍ
Příběhy a fakta o palivu, které změnilo svět i klima 2015
ATLAS WEGLA
Dane i fakty o globalnym paliwie 2015

NIGERIA

WIE WIR HOW WE ARE HOW WE ARE JAK SI JAK


DAS KLIM
A COOKING COOKING OHŘÍVÁME PRZEGRZEW
AMY

VERHEIZE
N THE CLIMATE THE CLIMATE PLANETU KLIMAT

KOHLEATLAS EUROPA-ATLAS
SACHSEN
Činjenice i podaci o fosilnom gorivu 2016 Daten und Fakten über den Kontinent

Daten und Fakten über einen verhängnisvollen Rohstoff 2017

KAKO
ŽRTVUJEMO
KLIMU
KLIMA
WIRTSCHAFT
ARBEIT
4,7 FI

7,4 13,9
7,7 1,7
2,6 2,6 7,9 2,7
15,9 SE EE
21,9
13,4 IE 2,5 2,7 LV
16,3
UK 13,2 10
FI 0,1 DK
12,1 5,8 LT
16,4 2,0 2,6
0,5 11,6 18,2
EE 13,1
SE 5,7 6,1
0,0 9,5 7,1 9,7 29,3
1,6 19,3 NL
DK LV BE 3,0 3,7 PL
IE UK 0,0 8,2 6,2
5,0 4,8
0,3 LT LU DE
CZ

19,1
0,0 3,0 3,8 5,7 5,1
0,7 0,7 15,4 18,7 11,2 SK 26,7

14,0 FR
NL
0,7 8,1 8,7 4,0 1,7 16,2 9,2
2,1 4,2 2,7 HU
13,3 RO
BE SI
EU-28 6,1 5,0
LU PL HR 11,5 18,0 13,8
DE CZ 1,1
ES 0,2 25,3 9,3 12,3
PT 15,9 SK IT
0,1 30,5 23,8
3,0
FR 5,2 AT
7,8 10,1
0,3 HU
21,0
BG
31,7 39,2
7,3 22,5 15,9 4,8
SI RO
8,9 16,1 14,7
HR
0,2 0,2
42,2 29,1
1,2 PT IT 8,9
0,2 BG GR 27,1
ES 0,1
9,0 6,8
4,2 MT 15,4 24,3
3,9 Europäerinnen und Europäer ist es nicht selbstverständlich,
Für viele
ihre Wohnung warmhalten zu können.
4,5
aus: IM KALTEN UND IM DUNKELN, S. 20 GR

MT 0,1 0,6 CY
Die Länder, die Solar- und Windenergie, intelligente Netze und
Energiespeicher voranbringen, werden einen Schritt voraus sein.
aus: GEWINNER VON MORGEN, S. 12

Der Aufwärtstrend der Erneuerbaren im Stromsektor täuscht


darüber hinweg, dass es in anderen Bereichen hapert.
aus: EHRGEIZ IST MANGELWARE, S. 34

Die Ausgaben für Importe von Öl, Gas und Kohle können nicht für den Übergang
zu einem sicheren, sauberen und erschwinglichen Energiesystem genutzt werden.
aus: WENIGER SOLL MEHR WERDEN, S. 30