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Deutschland

SPI EGEL-GESPRÄCH

„Ich will eine stille Revolution“


Winfried Kretschmann, 62, der erste grüne Ministerpräsident der Republik,
über gutes und schlechtes Wirtschaftswachstum, seine Bedingungen für ein atomares Endlager
in Baden-Württemberg und das Übel des Zentralismus
SPIEGEL: Herr Ministerpräsident, Baden- ter reicht auch der Arm einer Landes- tallverarbeitung oder Chemie. Sind das
Württemberg liegt beim Wirtschafts- regierung nicht. Ich kann doch gar nicht schlechte Branchen?
wachstum auf Platz eins der 16 Bundes- entscheiden, was wächst und was nicht. Kretschmann: Nein, das sind Säulen un-
länder, bei der Beschäftigung auf Platz Wir können die Rahmenbedingungen set- seres Wirtschaftsstandorts. Aber es kom-
zwei und den Staatsfinanzen auf Platz zen, in denen sich das Wachstum in eine men neue Industrien hinzu. Umwelt-
drei. Wer so ein Land regieren darf, kann bestimmte Richtung entwickeln wird. technologien und regenerative Energien
doch nur sagen: weiter so. Und das haben wir vor. werden die Herzindustrien unserer Volks-
Kretschmann: Nein. SPIEGEL: Den wirtschaftlichen Erfolg ver- wirtschaft.
SPIEGEL: Warum nicht? dankt Ihr Land vor allem klassischen In- SPIEGEL: Was wird aus den klassischen In-
Kretschmann: Weil unser Wohlstand gelie- dustriebetrieben wie Auto, Elektro, Me- dustrien?
hen ist. Die ganze Wirtschafts- und Le-
bensweise ist nicht vereinbar mit unseren
Lebensgrundlagen. Das ist die Jahrhun-
dertherausforderung, vor der wir stehen.
Wenn wir unseren Wohlstand langfristig
erhalten wollen, müssen wir Ökologie
und Ökonomie in die gleiche Spur brin-
gen. Wo, wenn nicht hier, sollte man da-
mit beginnen?
SPIEGEL: Um 5,5 Prozent ist die Wirtschaft
in Baden-Württemberg im vergangenen
Jahr gewachsen. Ist das eine gute oder
eine schlechte Zahl?
Kretschmann: Dieser Wachstumsbegriff ist
überholt, denn er unterscheidet nicht zwi-
schen negativen und positiven Effekten.
Wenn Sie gegen einen Baum fahren und
Ihr Auto verschrotten, tragen Sie zum
Wachstum bei. Wir brauchen also eine
neue Größe, die Auskunft darüber gibt, ob
das Wachstum auch die Wohlfahrt erhöht.
SPIEGEL: Welche neue Maßeinheit schla-
gen Sie vor?
Kretschmann: Ich kenne noch keine. Die
herkömmliche Wachstumsdefinition, die
Wohlstand allein an der Zunahme des
Bruttoinlandsproduktes misst, ist eine
richtungslose Beschreibung. Wir sehen
ihr Ergebnis. Dieses globale Wirtschafts-
modell beschädigt den Planeten.
SPIEGEL: Das starke Wirtschaftswachstum
MARTIN STORZ / DER SPIEGEL (L.); MICHAEL LATZ / VARIO IMAGES (R.)

in Ihrem Land hat immerhin dazu bei-


getragen, dass Baden-Württemberg nach
Bayern die zweitniedrigste Arbeitslosen-
quote der Republik hat.
Kretschmann: Wenn Sie Ihr Wohnzimmer
heizen, indem Sie die Dielen verfeuern,
wird’s auch warm. Aber irgendwann ist es
dann wieder kalt, und Sie stehen auf dem
Estrich. Darum geht es, und das ist die
Herausforderung. Warum sollte hier ein
Grüner Ministerpräsident werden, wenn
er diese Herausforderung nicht annimmt?
SPIEGEL: Also kein Wachstum?
Kretschmann: Doch, aber es darf nicht
blind, sondern muss nachhaltig sein. Wei- Reformer Kretschmann: „Man muss das richtige vom falschen Jammern unterscheiden“

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Kretschmann: Die müssen wir umwandeln. SPIEGEL: Wenn es nicht die Bayern sind, SPIEGEL: Rechnet man die Nichtwähler
Baden-Württemberg soll ein hervorragen- dann werden Länder wie Tschechien, die ein, sind die Grünen bei der Landtags-
der Autostandort bleiben, aber es sollen Slowakei oder Polen versuchen, von Ihrer wahl nur von 16 Prozent der Wahlberech-
andere Autos produziert werden. Wir Politik zu profitieren. tigten gewählt worden. Ist das ein ausrei-
wollen, dass in allen klassischen Kern- Kretschmann: Es geht doch hier nicht um chendes Mandat für einen so weit gehen-
bereichen der Industrie grüne Produkt- eine grüne Spielwiese. Die drohende Kli- den Umbau des Landes?
linien entwickelt werden. Damit sichern makatastrophe ist ein Menschheitsproblem. Kretschmann: Der Landtag hat mich zum
wir Wohlstand, denn nur so bleibt man Der Wirtschaftsstandort wird die Nase vorn Ministerpräsidenten gewählt – übrigens
auf den Weltmärkten wettbewerbsfähig. haben, der ressourcen- und energiesparend, mit zwei Stimmen der Opposition –, und
SPIEGEL: Das wird ohne tiefe Eingriffe des also auch kostensparend produziert. Das damit habe ich das Mandat. Wir sind
Staates nicht gehen. nehmen wir ernst. Deshalb führen wir die schließlich eine repräsentative Demokra-
Kretschmann: Ich würde nicht von tiefen Regierung. Sonst hätte sich hier nämlich tie. Aber wir wollen das Land ja auch gar
Eingriffen sprechen, sondern von einem nichts ändern müssen. Wir wollen das nicht radikal umkrempeln.
klaren ordnungspolitischen Rahmen. Flaggschiff einer neuen Entwicklung sein. SPIEGEL: Das klang aber so.
Nehmen Sie die Grenzwertvorgaben bei Nachhaltigkeit ist kein Begriff aus dem Kretschmann: Wir machen es Schritt für
CO2-Emissionen. Die wollen wir Schritt Sandkasten der Grünen, sie ist lebenswich- Schritt. Wir werden auch die Reformen
für Schritt verschärfen, planbar, kalku- tig für Prosperität in der Zukunft. im Bildungswesen behutsam angehen. Ich
lierbar, entsprechend den Möglichkeiten SPIEGEL: Das Unglück will es, dass es zwi- will eine Politik machen, die Besonnen-
des technischen Fortschritts. Damit tun schen den Weltregionen und den einzel- heit ausstrahlt. Niemand muss jetzt Angst
wir diesen Branchen etwas Gutes. nen Ländern völlig unterschiedliche Ein- haben, dass wir das Unterste nach oben
SPIEGEL: Das sehen die anders. schätzungen des Klimawandels gibt. kehren. Ich will eine stille Revolution.
Kretschmann: Im Gegenteil. Diese Bran- Kretschmann: Bei der Setzung der Rah- Das Tempo müssen wir beschleunigen,
chen wollen einen klaren und planbaren menbedingungen ist es deshalb wichtig, weil das Zeitfenster eng ist, wenn wir die

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Baden-Württemberg
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Deutschland
Autoproduktion in Stuttgart: „Schritt für Schritt“

ökologischen Ordnungsrahmen, denn dass man die Dinge mit Maß und Mitte Klimaerwärmung aufhalten wollen. Aber
dann können sie ihr Know-how und ihren macht. Sie müssen so scharf sein, dass sie die meisten Dinge, die wir dabei machen,
technologischen Vorsprung auf dem als Investitionspeitsche wirken, aber nicht stören die Menschen doch gar nicht.
Markt ausspielen. Das gibt es bereits so scharf, dass die Unternehmen aus dem Denn wer sollte sich daran stören, wenn
jetzt, aber wir müssen das Tempo be- Markt fallen. Dazu muss man das richtige Autos in Zukunft statt fünf nur noch
schleunigen und die Industrie in ihrer vom falschen Jammern unterscheiden zweieinhalb Liter verbrauchen?
ganzen Breite in diese Richtung lenken. können. Das traue ich mir zu. SPIEGEL: Wenn der Hochschwarzwald dem-
Ich bin ein Anhänger einer klaren Ord- SPIEGEL: Woher nehmen Sie das Vertrauen nächst mit Windparks zugespargelt wird,
nungspolitik, und in diesem Rahmen soll in Ihre Wirtschaftskompetenz? dürfte es schon den einen oder anderen
sich das Unternehmertum entfalten. Kretschmann: Wie meinen Sie das? geben, der sich gestört fühlt.
SPIEGEL: Davon wird vor allem Ihr Nach- SPIEGEL: Mit Verlaub – Sie sind Gymna- Kretschmann: Natürlich bedeutet jede
bar Bayern profitieren. Dort wartet man siallehrer und kein Wirtschaftsexperte. Windkraftanlage einen Eingriff in die
schon darauf, Ihnen Unternehmen ab- Kretschmann: Fragen Sie das die Physikerin Landschaft, aber das ist doch eine völlig
werben zu können. Angela Merkel auch? Also im Ernst: Wir andere Dimension, als Strom aus fossilen
Kretschmann: Ich glaube nicht, dass ich sind die Erfinder der Realos bei den Grü- Energieträgern zu gewinnen und damit
das besonders ernst nehmen muss. Das nen. Wir saßen hier 30 Jahre lang auf den nachweislich die Erde schwer zu beschä-
sind Nachwehen des Wahlkampfes. Wir Oppositionsbänken, und die sind so hart, digen. Oder mit der Atomkraft Müll an-
haben hier einen sehr guten Kontakt zu dass sie zum Denken anregen. Also haben zuhäufen, der Tausende von Jahren ge-
unseren Kernbranchen, und die wollen, wir viel gedacht, viele Vorschläge erarbei- fährliche Strahlung abgibt.
dass wir ihnen einen klaren ordnungs- tet, und zwar solche, die realisierbar und SPIEGEL: Womöglich wird dieser gefähr-
politischen Rahmen setzen. Insofern finanzierbar sind. In drei Jahrzehnten kon- liche Müll demnächst in Baden-Württem-
schaffen wir die besten Standortvoraus- struktiver Oppositionsarbeit haben wir uns berg strahlen, nachdem Sie angeboten
setzungen, indem wir grüne Produkt- mit allen zentralen wirtschaftlichen Fragen haben, auch in Ihrem Land nach einem
linien forcieren. beschäftigt. Ich bin also gut gewappnet. geeigneten Endlager suchen zu lassen.
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BERND WEISSBROD / DPA
Demonstration gegen Stuttgart 21: „Ich verspreche kein Bürgerparadies, sondern eine Bürgergesellschaft“

Kretschmann: Ich habe ja nicht gesagt, dass Kretschmann: Überhaupt nicht. Wir ma- Kretschmann: Das beunruhigt mich außer-
grünes Regieren eine Schönwetterver- chen nachhaltige und verantwortliche Po- ordentlich, aber es nützt doch nicht, zu
anstaltung ist. Der Müll ist nun mal da. litik. Auch in der Demokratie übernimmt jammern und sich über Politikverdros-
Er muss irgendwo hin. Ich mache keine man nun mal die Fehler seiner Vorgänger. senheit zu beklagen. Wer, wenn nicht wir,
Politik nach dem Sankt-Florians-Prinzip. Dazu gehört die Atomkraft. Damit muss die wir aus der Protestbewegung kom-
Dass man jetzt in der ganzen Republik man verantwortlich umgehen. Das gehört men und heute ein industrielles Kernland
nach wissenschaftlichen Kriterien nach zu unserem Markenkern. Da können wir führen, sollte in der Lage sein, wieder die
einem Endlager sucht, daran kann wirk- schon gar nicht am Atommüll haltma- Brücke aus der Zivilgesellschaft in die
lich nichts falsch sein. Wer das nicht zu- chen, auch wenn wir ihn nur erben. Institutionen zu bauen und das gegensei-
lässt, für den ist Verantwortung nur ein SPIEGEL: Sie wollen Ihr Land tiefgreifend tige Vertrauen wiederherzustellen? Wie
Wort für Sonntagsreden. Allerdings: Be- umgestalten, gleichzeitig aber auch mehr kommt man mit einer aufmüpfigen Bür-
vor man nicht den letzten Meiler endgül- Bürgerbeteiligung. Die Wahrscheinlich- gergesellschaft zu Rande, so dass die Ent-
tig stillgelegt hat, wird man nirgendwo keit ist groß, dass Sie mit dem zweiten scheidungen der Institutionen wieder an-
ein Atomendlager durchsetzen können. Vorhaben das erste ausbremsen. genommen werden? Das ist die Heraus-
SPIEGEL: Das ist Ihre Bedingung? Kretschmann: Wir reagieren doch auf etwas, forderung schlechthin.
Kretschmann: Die Menschen müssen die das sich in der Zivilgesellschaft tut. Der SPIEGEL: Haben Sie eine Antwort?
Gewissheit haben, es ist Schluss, es eindimensionale Fortschrittswahn – viel Kretschmann: Ich verspreche kein Bürger-
kommt nichts mehr dazu. Erst dann kann hilft viel – wird von immer mehr Menschen paradies, sondern eine Bürgergesell-
man ihnen zumuten, dass der Müll bei abgelehnt. Stuttgart 21 steht für dieses alte schaft. Konflikte wird es immer geben,
ihnen gelagert wird, falls es dort eine Fortschrittsmodell. Einen futuristischen und das Mehrheitsprinzip können wir
geeignete geologische Formation gibt. Bahnhof zu bauen erinnert mehr an Du- durch nichts aushebeln. Das heißt, wenn
Irgendwo muss der Müll ja hin. bai, also an eine nachgeholte Moderne. entschieden wird, unterliegt die Minder-
SPIEGEL: Reicht es, wenn der Ausstieg ver- SPIEGEL: Und was ist dann wirklich mo- heit. Die Frage ist: Ist der Streit fair? Das
bindlich vereinbart ist? dern? ist etwas, das die Institutionenseite liefern
Kretschmann: Nein, der letzte Meiler muss Kretschmann: Das sehen wir bei den unter muss. Ist er zivilisiert? Das muss die Bür-
unumkehrbar stillgelegt sein. Wir haben 30-Jährigen. Die denken nicht mehr in gerseite liefern.
jetzt die große Chance, mit der Bundes- Großprojekten. Modern ist für die das SPIEGEL: Wollen Sie auch das Verhältnis
regierung und dem Bundestag einen Ver- Internet und nicht so ein unsinniger Baden-Württembergs zu den anderen
trag auszuhandeln, in dem wir den Aus- unterirdischer Bahnhof. Ländern und zum Bund verändern?
stieg aus der Atomkraft unumkehrbar SPIEGEL: Nach einer Umfrage für die Her- Kretschmann: Mein großes Vorhaben wäre
vereinbaren. Diese Chance müssen wir bert-Quandt-Stiftung sind zwei Drittel eine Föderalismusreform III. Wir haben
nutzen. Offensichtlich war der Konsens der unter 30-Jährigen nicht mehr bereit, in den Finanzbeziehungen der Länder ein
unter Rot-Grün ja nicht stark genug, um demokratisch gefasste Entscheidungen absolut anreizfeindliches Ausgleichssys-
nicht von Schwarz-Gelb wieder aufge- automatisch zu akzeptieren. Beunruhigt tem. Das muss man korrigieren …
kündigt werden zu können. Sie das? SPIEGEL: … und dem Bund bei dieser Ge-
SPIEGEL: Das würde bedeuten, dass es ein legenheit auch wieder ein Mitsprache-
Endlager frühestens in zehn Jahren geben recht in der Bildungspolitik geben?
wird. Kretschmann: Bloß nicht. Ich halte über-
Kretschmann: Wir haben ja Zeit. Die haupt nichts von Bildungszentralismus.
Brennstäbe müssen eh abklingen, bevor Im Gegenteil, wir wollen mehr Kompe-
man sie endlagern kann. Aber in dieser tenzen an die Kommunen und Schulge-
Zeit muss man ernsthaft suchen, und meinschaften geben. Wir brauchen mehr
MARTIN STORZ / DER SPIEGEL

suchen heißt natürlich, dass man auch Kreativität vor Ort statt mehr Einheit-
finden darf. Sonst ist es eine Mogel- lichkeit. Die Menschen sind verschieden.
packung. Das gehört zu meinen Grundannahmen,
SPIEGEL: Haben Sie von den eigenen Leu- inspiriert von Hannah Arendt. Zentra-
ten für Ihren Vorstoß Prügel bezogen? lismus – das ist für mich eine Horror-
vorstellung.
* Konstantin von Hammerstein und Simone Kaiser in Kretschmann, SPIEGEL-Redakteure* SPIEGEL: Herr Ministerpräsident, wir dan-
Stuttgart. „Niemand muss Angst haben“ ken Ihnen für dieses Gespräch.
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