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Sachverhalt

K sieht auf einer Ausstellung des V ein Bild zu einem Preis von 100.000 Sachverhalt
EUR, von dem er annimmt, es stamme von Picasso. Er wendet sich an V
und bietet ihm den Kauf zu 100.000 EUR an. V stimmt dem zu. Noch vor
der Übergabe und Bezahlung stellt K fest, dass das Bild nicht von Picasso
stammt. Er erklärt V gegenüber: „Ich habe mich geirrt, ich will das Bild nicht
mehr.“ V besteht auf Bezahlung des Bildes.

Hat V gegen K einen Anspruch auf Zahlung des Kaufpreises nach § 433 Fallfrage
Abs. 2 BGB?

Lösungsvorschlag

V könnte nach § 433 Abs. 2 BGB von K die Zahlung des Kaufpreises von Anspruchsgrundlage
100.000 EUR verlangen. Hierzu ist Voraussetzung, dass ein Kaufvertrag
zwischen ihm und K geschlossen wurde.

Ein Kaufvertrag kommt durch zwei übereinstimmende, mit Bezug aufeinan- Kaufvertrag
der abgegebene Willenserklärungen, das Angebot und die Annahme, zu-
stande. Es muss daher zunächst ein Angebot vorliegen.

Der V könnte ein Angebot abgegeben haben, indem er das Bild auf seiner Angebot des V
Ausstellung präsentiert und mit einem Preisschild versehen hat. Fraglich
ist, ob er sich durch das Ausstellen des Bildes rechtsgeschäftlich binden
wollte.

V gab durch die Ausstellung zu erkennen, dass er daran interessiert war, Invitatio ad offerendum
das Bild zum Preis von 100.000 EUR zu verkaufen. Läge ein wirksames
Angebot auf Abschluss eines Kaufvertrages vor, könnte dieses von jedem
angenommen werden. Dies würde dazu führen, dass mehrere Kaufverträ-
ge geschlossen werden könnten. V könnte seine Verpflichtung nach § 433
Abs. 1 Satz 1 BGB aber nur einmal erfüllen, würde also bei den übrigen
Verträgen seine Pflicht verletzen. Zudem hätte V keinen Einfluss mehr auf
die Auswahl seines Vertragspartners. Daher kann das Ausstellen allein
noch nicht als Angebot gesehen werden. V wird vielmehr eine Aufforderung
an die Ausstellungsbesucher beabsichtigt haben, dass diese ihm gegen-
über ein Angebot abgeben, welches er annehmen oder ablehnen kann.

Ein Angebot könnte der K abgegeben haben. Ein Angebot muss so ausge- Angebot des K
staltet sein, dass es durch bloße Zustimmung angenommen werden kann.
Es muss insbesondere die wesentlichen Vertragsbestandteile enthalten.
Nach § 433 Abs. 1 Satz 1 BGB sind bei einem Kaufvertrag die Kaufsache,
der Kaufpreis sowie die Vertragsparteien die wesentlichen Vertragsbe-
standteile. K erklärte gegenüber V, er wolle das ausgestellte Bild zum Preis
von 100.000 EUR kaufen. Seine Erklärung enthielt somit Kaufsache, Kauf-
preis und den Vertragspartner und ist daher inhaltlich hinreichend be-
stimmt. Seitens des K lag somit ein Angebot auf Abschluss eines Kaufver-
trages vor. Diese Erklärung muss dem V zugegangen sein. Der V antworte-
te auf die Erklärung des K, so dass dessen Erklärung auch zugegangen ist.

Das Angebot des K müsste der V nach § 147 Abs. 1 Satz 1 BGB sofort an- Annahme des K
genommen haben. V erklärte unmittelbar auf das Angebot des K, er sei
einverstanden. Somit hat er dessen Angebot uneingeschränkt angenom-
men. V durfte auch davon ausgehen, dass K seine Annahme akustisch ver-
nommen hat. Somit ist seine Annahmeerklärung dem K auch zugegangen.

Das Angebot des K und die Annahme des V müssten sich inhaltlich de- Konsens
cken. K bot den Kauf des ausgestellten Bildes zum Preis von 100.000 EUR
an, V erklärte sich damit ohne Einschränkung einverstanden. Die beiden
Willenserklärungen deckten sich objektiv, es lag ein Konsens vor.

Zwischen K und V kam somit zunächst ein Kaufvertrag über das ausge- Zwischenergebnis
stellte Bild zum Kaufpreis von 100.000 EUR zustande.

Aus dem geschlossenen Kaufvertrag kann V von K die Zahlung des Kauf- Nichtigkeit des Kauf-
vertrages
preises jedoch nur verlangen, wenn der Kaufvertrag nicht nichtig ist. Ein
Rechtsgeschäft ist nach § 142 Abs. 1 BGB von Anfang an nichtig, wenn es
wirksam angefochten wurde.

K könnte die Anfechtung des Kaufvertrages wegen eines Eigenschaftsirr- Eigenschaftsirrtum


tums nach § 119 Abs. 2 BGB erklärt haben.

Hierzu müsste er eine Anfechtungserklärung abgegeben haben. K hat er- Anfechtungserklärung


klärt, er habe sich geirrt und wolle das Bild nicht mehr haben. Dadurch hat
er zum Ausdruck gebracht, an seine ursprüngliche Willenserklärung nicht
mehr gebunden sein zu wollen. K hat somit eine Anfechtungserklärung ab-
gegeben.

Die Anfechtung ist nach § 143 Abs. 1 BGB dem Anfechtungsgegner gegen- Anfechtungsgegner
über erklärt werden. Bei Verträgen ist nach § 143 Abs. 2 BGB der andere
Teil Anfechtungsgegner. K hat einen Kaufvertrag mit V geschlossen, somit
ist die Anfechtung dem V gegenüber zu erklären. K hat dem V gegenüber
erklärt, dass er das Bild nicht mehr haben wolle, die Erklärung erfolgte also
dem Anfechtungsgegner gegenüber. K durfte auch davon ausgehen, dass
V die Anfechtung vernommen hat. Seine Anfechtungserklärung ist somit
dem V auch zugegangen.

Die Anfechtung müsste rechtzeitig erfolgt sein. Im Falle eines Irrtums hat Anfechtungsfrist
die Anfechtung nach § 121 Abs. 1 Satz 1 BGB unverzüglich nachdem der
Anfechtende vom Anfechtungsgrund Kenntnis erlangt hat sowie nach § 121
Abs. 2 BGB innerhalb von zehn Jahren nach Abgabe der Willenserklärung
zu erfolgen. K hat umgehend die Anfechtung erklärt, nachdem er erkannt
hat, dass das Bild nicht von Picasso stammt. Es ist nicht ersichtlich, dass
er die Anfechtung schuldhaft verzögert oder die Frist nach § 121 Abs. 2
BGB versäumt hat, so dass die Anfechtung rechtzeitig erfolgte.
K muss auch einen Anfechtungsgrund gehabt haben. Nach § 119 Abs. 2 Anfechtungsgrund
BGB in Verbindung mit § 119 Abs. 1 BGB kann ein Rechtsgeschäft anfech-
ten, wer über eine Eigenschaft einer Person oder Sache irrt, die im Verkehr
als wesentlich angesehen werden.

Sache im Sinne des § 119 Abs. 2 BGB ist jedes Objekt, das Gegenstand Sache
des Rechtsverkehrs sein kann. Der Sachenbegriff des § 119 Abs. 2 BGB ist
weiter gefasst als der des § 90 BGB, wonach Sachen nur körperliche Ge-
genstände sind. Das von K gekaufte Bild ist ein körperlicher Gegenstand
und damit sogar eine Sache im Sinne des § 90 BGB. Sachen im Sinne des
§ 90 BGB können Gegenstand des Rechtsverkehrs sein, das Bild ist damit
auch Sache nach § 119 Abs. 2 BGB.

Eigenschaften sind alle tatsächlichen oder rechtlichen Verhältnisse der Sa- Eigenschaft
che, die vermöge ihrer Dauer Einfluss auf die Wertschätzung des Gegen-
standes ausüben. Bei Kunstwerken ist ein wichtiger wertbildender Faktor
die Echtheit und Urheberschaft. K glaubte, das Bild stamme von Picasso,
was sich als unzutreffend erwies. Er irrte über die Urheberschaft des Bil-
des, also einen wertbildenden Faktor. Der Irrtum über die Urheberschaft
des Bildes war folglich ein Irrtum über eine Eigenschaft.

Die Eigenschaft muss auch verkehrswesentlich sein. Verkehrswesentlich Verkehrswesentlichkeit


ist eine Eigenschaft mindestens dann, wenn sie nach der Verkehrsan-
schauung für das konkrete Rechtsgeschäft erheblich ist. Die Urheberschaft
eines Kunstwerkes ist stets eine für seinen Wert erhebliche Eigenschaft.
Damit ist sie verkehrswesentlich.

K irrte somit über eine verkehrswesentliche Eigenschaft des Vertragsge- Zwischenergebnis


genstandes, so dass er den Kaufvertrag anfechten konnte.

Er hat somit wirksam die Anfechtung erklärt, der Kaufvertrag ist nach § 142 Endergebnis
Abs. 1 BGB von vornherein nichtig. V kann daher nicht die Zahlung des
Kaufpreises nach § 433 Abs. 2 BGB von ihm verlangen.