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Universit at¨ Leipzig

Institut fur¨ Philosophie

Wissenschaftliche Abschlussarbeit zur Erlangung des akademischen Grades ”Magister Artium”

Die Spannung zwischen Organischem und Nicht-Organischem bei Deleuze, Guattari und Simondon

Charlotte Knips

Frohburgerstr. 40 04277 Leipzig

Matrikelnummer : 1187195

1 . Hauptfach:

Philosophie

2 . Hauptfach:

Physik

Betreuung und Gutachten: Prof. Dr. Ulrich Johannes S chneider Dr. Christian Schmidt

Leipzig, 17. Dezember 2012

Inhaltsverzeichnis

Einleitung Aufbau der Arbeit

I Simondons Philosophie der Ontogenese

1 Simondon und das Problem der Individuierung

2 Begründung einer neuen Methode und Logik

3 Physikalische und technische Paradigmen Technische Paradigmen: Hylemorphismus und Nachrichten- technik Der Kristall als Paradigma für die Individuierung

4 Vom Kristall zum Organismus - Individuierung des Lebendigen . Physikalische und biologische Individuierung Das Lebendige und das Problem, Individuierung als Lösung Topologie des Kristalls, Topologie des Organismus

II „La cinématique de l’œuf“ Vorbemerkung

1 Virtuelle Mannigfaltigkeiten und Differenzphilosophie Problem und Idee Die Idee als virtuelle Mannigfaltigkeit Singularität, Struktur und Determiniertheit Differen t ierung, Integration und Differen z ierung

2 Individuierung als Ereignis Das intensive Feld der Individuierung und die Disparation Resonanz und Dispars

3 Embryogenese und Organismus Ei, Drama und Larvensubjekt Embryogenese, Epigenese und Präformismus Differenzierung und Strukturalismus in der Biologie Die Komplexität in biologischen Systemen

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III Der Organismus und das Nicht-Organische Vorbemerkung

1 Aspekte der Vielheit in Mille Plateaux Das Rhizom als Modell Der glatte und der gekerbte Raum Konsistenz- oder Immanenzebene

2 Die Organisation „Les deux plans“ oder Konsistenzebene und Bauplan

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Von Simondon zur Geologie – Die Stratifizierung

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Der Körper ohne Organe als Bild des Nicht-Organisierten

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3 Universeller Maschinismus und nicht-organische Vitalität

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Weder Struktur noch Genese

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Kritik des klassischen Maschinenbegriffs: Autopoietische Ma- schinen

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Die abstrakte Maschine und das maschinische Gefüge

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Auf der Mechanosphäre

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Der „Platz des Lebens“?

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Konklusion und Ausblick

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Literaturverzeichnis

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Einleitung

Wie konstituieren sich Lebewesen – als Individuen, als Organismen – und wie werden sie vom Unbelebten abgegrenzt? Ist ein Lebewesen notwendigerweise auch ein Organismus?

Diese Fragen gehören zum Bereich der Biologie – so sieht es zunächst einmal aus. Der Organismus und das Lebende sind, nach der Schuldefinition, Gegen- stände der „Wissenschaft vom Leben“. Bei genauerem Hinsehen gibt es Grauzonen und Mischfälle. Ist ein Virus lebendig, obwohl er kein eigenes Reproduktionssystem hat? Ist ein Compu- terprogramm lebendig, nur weil es sich selbst spontan und indeterministisch reproduzieren kann? In Ermangelung einer vollständigen und eindeutigen Lis- te mit Merkmalen und Kriterien, die ein System erfüllen muss, um als lebendig zu gelten, verwischen sich nicht nur die Grenzen der Lebewesen, physikali- schen Dinge und der Artefakte, sondern auch die Grenzen der Biologie, der Physik, der Chemie und der Ingenieurwissenschaften. Disziplinen wie die Molekularbiologie oder die Selbstorganisationstheorie mit ihrem Unterbereich des Artificial Life überschreiten so diese ehemals fest gezogenen Grenzen.

Die drei Denker, deren Positionen Gegenstand dieser Arbeit sind, haben sich alle immer wieder mit den Gegenständen der Mathematik und der Natur- und Ingenieurwissenschaften ihrer Zeit befasst, insbesondere mit dem Übergangs- bereich zwischen ihnen.

Gilbert Simondon ist in Deutschland noch nahezu unbekannt und war auch in Frankreich lange eine Randfigur mit Ausnahme der Aufmerksamkeit, die De- leuze und Guattari ihm schon seit den 1960er Jahren in ihren Werken gewidmet haben. Simondon ist stark von der Kybernetik und der Informationstheorie der 1950er und 60er Jahre beeinflusst, hier vor allem sein Hauptwerk Du mode d’existence des objets techniques . 1 Sein zweites Hauptwerk L’individuation à la

1 Erschienen 1958.

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Einleitung

lumière des notions de forme et d’information 2 ist dagegen der Frage nach der Individuierung – zunächst von physikalischen Dingen, dann von lebendigen Wesen und schließlich von psychologischen und intersubjektiven Phänomenen – gewidmet. Die Besonderheit an Simondons Philosophie der Ontogenese ist dabei der kontinuierliche Übergang zwischen diesen Bereichen. Der erste Teil dieses Werkes, L’individu et sa genèse physico biologique 3 hat durch Deleuze große Beachtung erfahren und Elemente von Simondons Denken tau- chen immer wieder in seinen Schriften auf. Deleuze selbst hat sich immer wieder für die Interferenzen von Philosophie, Kunst, Mathematik und Natur- wissenschaften interessiert und ihre Konzepte als Inspirationsquellen für seine Philosophie genutzt. So trifft in seiner Philosophie der Ontogenese Bergsons Virtuelles mit Riemanns Manngifaltigkeiten zusammen, um seinen von Kant inspirierten transzendentalen Empirismus zu begründen. War Deleuze in seinen Schriften der 1960er Jahre noch dem Strukturalismus in gewisser Hinsicht zu- geneigt, änderte sich dies durch die Zusammenarbeit mit Félix Guattari. Im gemeinsamen Werk der beiden nimmt das Konzept der Maschine einen zentra- len Platz ein – zunächst mit der Wunschmaschine in Anti-Œudipus 4 , dann mit der abstrakten Maschine und dem maschinischen Gefüge in Mille Plateaux. Im Zuge dieses universellen Maschinismus verschiebt sich die Frage von der nach dem Übergang von physikalischen und lebendigen Systemen zu der Frage nach der Möglichkeit eines nicht-organischen Lebens, oder vielleicht sogar zu der des Vorrangs des Nicht-Organischen vor dem Organisierten.

Aufbau der Arbeit

Das erste Kapitel ist Simondons L’individu et sa genèse physico-biologique gewid- met, genauer der Beschreibung der Individuierung von technischen, physikali- schen und lebendigen Individuen. Im zweiten Kapitel wird Deleuzes Theorie der Individuierung als Aktualisierung eines Virtuellen diskutiert, wobei die Betonung besonders auf den biologischen Aspekten und Simondons Einflüssen liegt. Im dritten Kapitel sollen dann Verbindungen, sowohl von Simondons Philo- sophie der Ontogenese, insbesondere seiner Kritik des hylemorphistischen

2 Vollständig erst 2005 erschienen. 3 Erschienen 1968, im weiteren Verlauf mit „IGP“ abgekürzt. Für weitere Abkürzungen s. Literaturverzeichnis. 4 1972 erschienen.

Einleitung

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Modells, als auch von Deleuzes Schriften der 1960er Jahre zur Zusammenarbeit mit Félix Guattari aufgezeigt werden, um schließlich die Frage nach dem Ver- hältnis vom Lebendigen zum Organisierten zu beantworten. Hier werden auch Guattaris Schriften – Bücher und Sammlungen von Artikeln – zur Maschine miteinbezogen. Insgesamt wird versucht, Bezüge zur Mathematik und zu den Naturwissenschaften herauszustellen.

Kapitel I

Simondons Philosophie der Ontogenese

1 Einleitung: Simondon und das Problem der Indi- viduierung

„Peu de livres, en tout cas, font autant sentir à quel point un philosophe peut à la fois prendre son inspiration dans l’actualité de la science, et pourtant rejoindre les grands problèmes classiques en les transformant, en les renouvelant.“ 1

Gilbert Simondon (1924-1989) ist in Deutschland noch nahezu unbekannt. Das als sein Hauptwerk betrachtete Du mode de l’existence des objets techniques wurde erst kürzlich ins Deutsche übersetzt 2 . Von seinen übrigen Werken liegen noch keine vollständigen Übersetzungen vor. Auch die Forschung in Frankreich zeigt erst seit den 1990er Jahren großes Interesse an diesem Denker, bis dahin „figure marginale“ 3 und hauptsächlich als Technikphilosoph bekannt. Den- noch ist Simondons Denken für Deleuze bzw. für Deleuze und Guattari von großer Bedeutung. Anne Sauvagnargues geht sogar so weit zu sagen, dass man Différence et répétition nicht verstehen könne, ohne Simondons Philosophie sehr aufmerksam zu studieren 4 . In Deleuzes Werken der 1960er Jahre, wie auch in Mille Plateaux finden sich vor allem Verweise auf Simondons L’individu et sa

1 Deleuzes Rezension zu L’individu et sa genèse physico-biologique, in L’île déserte et autres textes (1953-1974), herausgegeben von David Lapoujade, Minuit, Paris, 2002 , S.120-124, S. 124. 2 Gilbert Simondon, Die Existenzweise technischer Objekte, Diaphanes, 2012. 3 Sauvagnargues 2010, S.242 Ebd.

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Begründung einer neuen Methode und Logik

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genèse physico-biologique 5 . Veröffentlicht 1964, stellt dieses Werk nur einen Teil von Simondons gesamter Dissertation dar, die vollständig erst 2005 unter dem Titel L’individuation à la lumière des notions de forme et d’information 6 erschien. Es war daher dieser Teil, der Deleuze und Guattari stark beeinflusst hat und daher auch hier im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen soll. Sich abwendend von einer Logik der Einheit und der Identität, verändert Si- mondon das klassische Begriffs- und Kategoriensystem von Grund auf und begründet durch Anleihen bei Biologie, Physik, Informationstheorie und Ky- bernetik seine eigene Terminologie. Das Ziel von L’individu et sa genèse physico- biologique sei, das Werden von Individuen neu zu denken, und zwar auf den drei Niveaus physisch, vital und psycho-sozial 7 . Hierbei liegt der Fokus auf dem Prozess statt auf dem Ergebnis, auf dem Intermediären, dem metastabilen Bereich statt auf stabilen und unveränderlichen Substanzen. Die hylemorphisti- sche Dyade Materie-Form wird aufgebrochen und ergänzt, so dass Disparität, Singularität und Information, wie auch die Transduktion, ein Prozess des Wer- dens, der dem System immanent, sich von Bereich zu Bereich fortpflanzend abläuft, zu Schlüsselbegriffen werden. Mit diesem Begriffssystem untersucht Simondon die Formationsprozesse von Kristallen, Einzellern oder Viren bis hin zu komplexeren Organismen. Diese Vorgehensweise impliziert eine gewisse Kontinuität zwischen den unter- suchten Phänomenen. Simondon nimmt nur eine Seinsweise für physikalische und lebende Individuen an. Er verfällt dennoch nicht in einen Reduktionismus des Lebendigen auf das Physikalische, da er das physikalische Paradigma des Kristalls zum Lebendigen in entscheidenden Punkten weiterentwickelt und qualitative Unterschiede zwischen den jeweiligen Individuierungsprozessen einräumt.

2 Begründung einer neuen Methode und Logik

Simondons Projekt bricht in Bezug auf Logik und Ontologie mit der Tradition. Sowohl der aristotelische Hylemorphismus und der Atomismus als auch die hegelsche Dialektik sind Ziel seiner Kritik. Den traditionellen Modellen wirft er Unvollständigkeit vor; wo der Atomismus die Problematik in die elementaren

5 Im weiteren Verlauf als IGP zitiert 6 Gilbert Simondon, L’individuation à la lumière des notions de forme et d’information, Suppléments Millon, Grenoble, 2005. 7 (IGP 16).

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Kapitel I. Simondons Philosophie der Ontogenese

Bausteine der Materie verlege und diese einfach als bereits individuiert anneh- me 8 , sei der Hylemorphismus außer Stande, die Individuierung vollständig mit den Konzepten von Form und Materie zu erklären, da diese immer vor der realen Individuierung als bloße Abstraktion betrachtet würden. 9 . In jedem Falle könne mit den traditionellen Methoden allenfalls ein Teil der Realität als „verarmtes Seiendes“ 10 gedacht werden, das immer schon fertige Individuum. Ausgehend von Prinzipien wie dem der Identität oder vom ausge- schlossenen Dritten sei es unmöglich, den präindividuellen Seinsbereich oder, in Simondons Terminologie, die präindividuelle Phase des Seins zu beschreiben. Simondon situiert seine Untersuchung daher vor jeder Logik und Ontologie:

„[L]’être individuel, principe de la notion de substance, doit être considéré à travers l’individuation, opération qui le fonde et l’amène à l’être; l’étude de l’ontogenèse doit être antérieure à la logique et à l’ontologie.“ (IGP

275-6)

Um das Individuum von seinem Entstehungsprozess her zu fassen, seien die herkömmlichen Identitätskriterien nicht mehr hilfreich. Wie einem optischen In- strument mit zu geringem Auflösungsvermögen, entgehe ihnen das Wesentliche an Simondons Modell. Inspiriert von Quantenfeldtheorie und Kristallwachs- tum – ein Phänomen, das später zum Paradigma für Individuierung überhaupt wird – postuliert er die Mehrphasigkeit des Seins: es sei „ mehr als Einheit und mehr als Identität „. 11 So reichert er den präindividuellen Bereich an, um den Entstehungsprozess immanent, von seinen Bedingungen her, beschreiben zu können. In dieser Dynamik spielt die Relation eine wichtige Rolle und so ist eines der – oder das Grundpostulat von Simondons Theorie:

„[C]onsidérer toute véritable relation comme ayant rang d’être“. (IGP 17)

Das mehrphasige Seiende steht zu sich selbst in Relation. Diese wird später über das physikalische Paradigma als „interne Resonanz“ bezeichnet und ist es- senziell für den Prozess der Individuierung. Die klassische Logik übersehe den intermediären Bereich und könne nur die Extreme fassen; auf der einen Seite die abstrakte Idee eines Individuums, das als ideelle Form zu einer völlig formlosen Materie kommt, und auf der anderen das abgeschlossene, „verarmte“, von dem Milieu, aus dem es entstand, abgetrennte Individuum.

8 Vgl. IGP 101. 9 Vgl. IGP 3, mehr zur Hylemorphismuskritik im nächsten Abschnitt. 10 Ein „être appauvri“ (IGP 17). 11 „Plus qu’unité et plus qu’identité “ (IGP 7).

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Begründung einer neuen Methode und Logik

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Wie genau ist der Individuierungsprozess nach Simondon zu denken, wie läuft er ab? Und wie kann die Einheit eines Individuums garantiert werden, das ein komplexes, mehrphasiges Seiendes ist? An die Stelle der Einheit der Identität tritt die transduktive Einheit. Im Gegensatz zur Einheit der stabilen, einfachen Substanzen beschreibt die Transduktion einen Prozess in einem heterogenen, sich im metastabilen Gleichgewicht befindlichen System.

„[C]e n’est pas d’une substance mais d’un système qu’il y a individuation.“ (IGP 123)

Auch wenn der Begriff der Transduktion in der Genetik bereits verwendet wird, definiert Simondon ihn auf seine Art neu.

„Nous entendons par transduction une opération physique, biologique, so- ciale, par laquelle une activité se propage de proche en proche à l’intérieur d’un domaine, en fondant cette propagation sur une structuration du do- maine opérée de place en place: chaque région de structure constituée sert à la région suivante de principe de constitution.“ (IGP18)

Das beste und einfachste Beispiel für die Transduktion im simondonschen Sinn ist das Wachstum eines Kristalls aus einem Keim in einer übersättigten Lö- sung; allgemeiner gefasst ein Übergang von einer Struktur zu einer anderen, begünstigt durch eine Spannung, d. h. eine potenzielle Energie. Die Rolle, die physikalische Konzepte bei dieser Operation spielen wird in Abschnitt 3 dieses Kapitels genauer diskutiert werden. Als „mentales Vorgehen“ und Vorgehensweise im entdeckenden Geist, die darin besteht, „ dem Seienden in seiner Genese zu folgen 12 stellt Simondon die Transduktion der Dialektik gegenüber. Der entscheidende Unterschied liegt in der Rolle des Negativen. Während in der Dialektik das Negative sozusa- gen getrennt, sukzessiv in eine zweite Etappe ausgelagert wird, liegt es bei der Transduktion „sous forme ambivalente de tension et d’incompatibilité“ immanent in der Bedingung des Prozesses vor (IGP 20). Die Etappen – oder besser Phasen – sind simultan statt sukzessiv. 13 Dieses Negative, als Spannung zwischen Disparaten, als Problematisches, ist somit zugleich Bedingung der transduktiven Lösung eben dieses Problems. Ursprung und Bild der Disparati- on entnimmt Simondon aus der Psycho-Physiologie der Wahrnehmung. Dort bezeichnet Disparation den Unterschied der Bilder des linken und rechten Au- ges. Unvereinbar miteinander im Zweidimensionalen, da aus verschiedenen

12 Ein „procédé mental“ und „démarche qui consiste à suivre l’être dans sa genèse“ (IGP 20). 13 Vgl. IGP 278.

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Kapitel I. Simondons Philosophie der Ontogenese

Blickwinkeln aufgenommen, werden sie im Wahrnehmungsprozess so zusam- mengeführt, dass eine „einzige Gesamtheit von höherem Grad“ 14 entsteht – das dreidimensionale Bild als Lösung des Problems der Wahrnehmung. Hierin sieht Simondon auch den Unterschied zwischen Transduktion auf der einen, Induktion und Deduktion auf der anderen Seite. Während die Deduktion ein dem problematischen Sachverhalt äußerliches, allgemeines Prinzip zusätz- lich annehmen muss, kann die Induktion nicht die Realität des problematischen Sachverhalts verlassen, da sie nur das Positive, das allen Termen Gemeinsame einbezieht. Die Transduktion dagegen entnimmt die Problem-lösende Struktur selbst aus den Spannungen des problematischen Bereichs und kann, indem sie diese Disparationen, diese Unterschiede berücksichtigt daraus etwas genuin Neues erhalten. 15 Ganz allgemein gefasst ist die Transduktion der Übergang zwischen verschiede- nen Phasen des Seins und wird in Simondons Methode die zentrale Operation, die den Übergang von unterschiedlichen Niveaus der Individuierung als Pa- radigma leiten. Die Theorie solcher Phasenübergänge allgemein bezeichnet Simondon als allagmatique . Dies ist ein Neologismus, der vom griechischen allatein, „sich wandeln, verändern“ abgeleitet ist. In L’individu et sa genèse physico-biologique charakterisiert Simondon eine al- lagmatische Theorie als „eine allgemeine Theorie des Austauschs und der Zustandsänderung“. 16 In einem kurzen Text Analyse des critères de l’individualité beschreibt Simondon solche Zustandsänderungen, in denen die Genese des Individuums besteht, genauer als „eine Art von Realitäts-Transfert, eine andere Verteilung von Materie und Energie“. 17 Dabei stehen Anfangs-und Endzustand nicht im Verhältnis von Ursache und Wirkung sondern ersterer sei das „voraus- gehende Äquivalent18 von letzterem. Abstrakte methodische Betrachtungen zur Allagmatik finden sich in L’allagmatique. 19 Dort schreibt Simondon:

„L’allagmatique est la théorie des opérations.“ 20

14 „Un ensemble unique de degré supérieur“ (IGP 223, Fußnote). 15 Diese Auffassung vom Problem, das gleichzeitig auch Feld der Lösung ist, wird sich in Différence et répétition wiederfinden. Dies wird im folgenden Kapitel diskutiert werden. 16 „[U]ne théorie générale des échanges et des modifications des états“ (IGP 287). 17 „[U]ne sorte de transfert de réalité, une autre répartition de matière et d’énergie“. aus Ana- lyse des critères de l’individualité, in L’individuation à la lumière des notions de forme et d’information (op. cit.), S. 558. 18 [E]quivalent antérieur“, ebd. 19 Ebenfalls einem der Anhänge zur Gesamtausgabe von L’individuation à la lumière des notions de forme et d’information (op. cit.). 20 Ebd. S.559.

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Begründung einer neuen Methode und Logik

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Dass die Transduktion ein Übergang von einer Struktur zu einer anderen ist wurde bereits gesagt, ganz allgemein definiert Simondon eine Operation wie folgt:

„L’opération est ce qui fait apparaître une structure ou qui modifie une structure. L’opération est le complément ontologique de la structure et la structure est le complément ontologique de l’opération.“ 21

Also befasst sich die Allagmatik mit Strukturtransformationen und deren Ver- hältnis zueinander. Da die Genese des Individuums über solche Transforma- tionen begriffen werden muss, ist die Allagmatik somit auch das Studium des individuierten Wesens. In L’individu et sa genèse physico-biologique bezeichnet Simondon seine Methode als „analogistischen Paradigmatismus“ (IGP 20). 22 Mit Hilfe von Paradigmen und analogistischen Verbindungen zu anderen Operationen will die Allagmatik das Werden, d. h. den Zusammenhang von Strukturen und Operationen im Seienden, verstehen. Damit ein Schema zu einem Paradigma wird, muss es eine analogistische Relation im folgenden Sinn herstellen:

„L’acte analogique est la mise en relation de deux opérations, directement ou à travers des structures.“ 23

Eine Analogie vergleicht Operationen oder bringt genauer gesagt Identitäten zwischen operationalen Verhältnissen zum Vorschein, während im Gegensatz dazu die Relation der bloßen Ähnlichkeit sich mit Identitäten zwischen struktu- rellen Verhältnissen befasst. 24 Die Allagmatik will zur ersten Art gehören. Ihr Programm „zielt darauf ab, eine universelle Kybernetik zu sein“ 25 , Dies wäre eine Wissenschaft, deren Methode analogistischen Anwendung von Paradigmen wie dem Kristallwachstum und der Informationstheorie auf die verschiedenen Bereiche der Individuierung. Das bedeutet, die verschiedenen Systeme nach den Prozessen und Operationen, die sie ausführen, nicht nach deren Strukturen, in Zusammenhang zu stellen und so auch der Individuierung des Lebendigen oder des psycho-sozialen auf den Grund zu gehen. Inwieweit diese Metho-

21 Ebd. 22 Hier übersetze ich „analogique“ nicht im üblichen Wortsinn mit „analog“, sondern mit „analogistsich“, um den methodischen Aspekt Hervorzuheben – nicht der Paradigmatismus ist analog zu etwas, sondern es handelt sich um eine Methode, die Paradigmen und Analogien verwendet. 23 Ebd. S.561. 24 Vgl. ebd. S.563. 25 Im Original „vise à être une cybernétique universelle“, ebd.

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Kapitel I. Simondons Philosophie der Ontogenese

de Gemeinsamkeiten und Unterschiede mit der gewöhnlichen Kybernetik hat, wird in in Abschnitt II.3 zu Simondons Kybernetik-Kritik noch erläutert werden.

3 Physikalische und technische Paradigmen

Technische Paradigmen: Hylemorphismus und Nachrichten- technik

Das erste Kapitel von L’individu et sa genèse physico-biologique ist der Hyle- morphismuskritik gewidmet. Simondon zeigt, dass der Hylemorphismus in seiner elementarsten Form weder die Ontogenese allgemein, noch die „einfa- che“ Entstehung eines Ziegels aus Ton und einer abstrakten Form im Speziellen, vollständig erklären kann. Wie oben bereits erwähnt, fehlen entscheidende Konzepte zu ihrer Vollständigkeit: die Relation und der intermediäre Bereich. So ist der einfache Hylemorphismus ein Beispiel für die oben bereits erwähnten Methoden, die nur die Extreme betrachten. In diesem Falle sind die „termes extrèmes“ die völlig form- und energielose Materie und die bloß abstrakte Form. In Simondons Ergänzung wird daher der herkömmliche Hylemorphis- mus durch ein komplexeres Schema ersetzt, bestehend aus zwei „Halb-Ketten“ und und ihrer „Vermittlung“ – zwei Extreme und ihre Relation als entscheiden- der dritter Term. Das folgende Schema soll dies veranschaulichen. 26

Abstrakte Form

! A Form (le moule) Kr af¨ te

!

Formbare Materie B Rohmaterial

makroskopisch

mikroskopisch

In diesem Schema sind die beiden „Halb-Ketten“ durch die einfachen Pfeile ( A und B ) gekennzeichnet. Sie beschreiben den Übergang von den äußersten Termen des Modells zu vermittelbaren, einander angenäherten Termen. A bezeichnet die Transformation der abstrakten oder ideellen Form, vom rein geometrischen Parallelepiped zur materiellen, zur Anwendung bereitstehen- den Form ( le moule ), die ausgegossen oder dem Material aufgedrückt werden kann. 27 Dies ist der Teil von makroskopischer Größenordnung. Auf der anderen Seite bezeichnet B die Transformation vom Rohmaterial, wie es in der Natur vorkommt zur homogenen Tonmasse, die bereit ist, die beab-

26 Im Original „médiation“, vgl. dazu IGP 29-39. 27 Hier ist die Ausdrucksweise im Deutschen umständlicher als im Französischen, da das deutsche „die Form“ sowohl „le moule“ (diese materielle Form), als auch „la forme“ (die abstrakte Form) bedeuten kann.

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Physikalische und technische Paradigmen

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sichtigte Form anzunehmen. Hier liegt nun ein fundamentaler Unterschied zum klassischen Verständnis von Materie: von einer „passiv deformierbaren“ zu einer „aktiv plastischen“ Materie. Die Form-„gebung“ ist demnach nur auf Grund der mikroskopischen Eigenschaft der Kohäsion, verursacht durch Anziehungskräfte zwischen den Molekülen des Lehms oder Tons, möglich. Die potenzielle Energie, die zur Aktualisierung der Form benötigt wird, liegt in der Materie. Daher ist die Vermittlung zwischen den beiden Halb-Ketten durch einen Dop- pelpfeil symbolisiert. Dieser deutet auf die Wechselwirkung zwischen Form und Geformtem hin. Beide Terme tragen bestimmende Kräfte zur Formgebung bei. Während die Form ( moule ) Kräfte ausübt, die zu einer Berandung, der Bildung einer Oberfläche führen, wird durch die Kohäsion des Materials ge- währleistet, dass diese Kräfte sich von Molekül zu Molekül fortpflanzen, „in der ganzen Masse widerhallen“. 28 Dieses Bild ist das eines Signals bzw. einer Welle, die sich durch Streuung (Reflexion oder Refraktion) in einem System fortpflanzt. Passen Frequenz der Welle und Eigenfrequenz des Materials zueinander, geht das System in einen neuen Zustand über, den der Resonanz. Simondon definiert diese wie folgt:

„[L]a résonance est échange d’énergie et de mouvements dans une encein- te déterminée, communication entre une matière microphysique et une énergie macrophysique à partir d’une singularité de dimension moyenne, topologiquement définie.“ (IGP39)

Auf den oben beschriebenen Formgebungs-Prozess angewendet, entspricht die Form ( moule ) und die von ihr ausgeübte Kraft der makroskopischen Energie, die Kohäsionskraft der Lehmmoleküle der mikroskopischen Materie, während es sich bei der topologisch definierte Singularität – d. h. einer Diskontinuität – um die Berandung handelt. Es geht also nicht nur um die Zusammenführung von zwei unterschiedlichen Entitäten (Form und Materie) sondern auch um die Vermittlung zwischen verschiedenen Größenordnungen, d. h. die Herstellung einer „dimensionellen Kongruenz der beiden Enden der Kette“. 29 Hier findet sich das oben besprochene Bild der Disparation wieder: Es wird beschrieben, wie zwei heterogene und vorerst unvereinbare Bereiche in einer neuen Ebene zusammengebracht werden können. 30 Im Fall des hylemorphis- tischen Modells ist dieses entscheidende Element und Schlüsselkonzept zur

28 „[S]e réverbère[nt] dans toute la masse“ (IGP 37). 29 „[C]ongruence dimensionnelle des deux bouts de la chaîne“ (IGP34). 30 Vgl. IGP 29.

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Kapitel I. Simondons Philosophie der Ontogenese

Individuierung die Energie, die implizit schon in beiden Größenordnungen enthalten war, jedoch erst durch die Individuierung im Zustand der Resonanz manifest wird. Der hylemorphistische Dualismus von Form und Materie wird zur „Triade Matiere-Form-Energie“ (IGP46) ergänzt. Um zu verdeutlichen, dass dieser Formgebungsprozess nichts Äußerliches an sich hat – „die Form wirkt nicht von außen“ 31 – spricht Simondon meist von der internen Resonanz. Wie beim physikalischen Phänomen der Resonanz müssen zwischen den beiden Systemen energetische und strukturelle Bedingungen erfüllt sein. Diese der Materie inhärenten Strukturen nennt Simondon eccéités, Haecceitäten. Eine tech- nische Formgebung muss diese Vorstrukturierung berücksichtigen, da diese, wie schon am Beispiel der Kohäsion des Lehms gesehen, die Formbarkeit der Materie bestimmt.

„[L]a prise de forme technique n’est pas une genèse absolue d’eccéité; l’eccéité de l’objet technique est précédée et soutenue par plusieurs niveaux d’eccéité naturelle qu’elle systématise, révèle, explicite, et qui commodu- lent l’opération de prise de forme.“ (IGP 58)

Während die Form ( moule ) nicht einfach nach Belieben eine amorphe Materie modelliert, sondern bestehende Strukturen moduliert (IGP 32), spielen die Haec- ceitäten eine ebenso aktive Rolle, indem sie komodulieren. Statt aktiver Form und passiver Materie entsteht eine Kommunikation zwischen den beiden, gewisser- maßen ein Dialog aus Modulation und Komodulation. Hier wird das klassische Bild des Ziegels durch die des Modulators als technisches Gerät (Triode, Relais, Transistor), das zentral für die Nachrichten- und Informationstechnologie war und ist, erweitert. Das von Simondon verwendete Beispiel der Triode dient als Weiterentwicklung der Form ( moule ). Die Triode ist eine Elektronenröhre, in der ein zwischen Anode und Kathode befindliches, relativ zur Kathode negativ gepoltes Gitter den Elektronenstrahl beeinflusst indem es als variable Potentialbarriere die Elektronen zu einem gewissen Grad am Durchlaufen hindert. So kann dem Elektronenstrahl in Form von Intensitätsvariationen eine Information „aufmo- duliert“ werden. Hier entspricht der Elektronenstrahl der „Materie“ und die Spannung zwischen Gitter und Kathode der (abstrakten) „Form“. Die Modu- lation verändert kontinuierlich und in sehr kurzen Zeiträumen ein im Fluss befindliches Medium. So wird die feste, zeitlich nicht veränderliche Form, wie sie am Ziegel deutlich wurde, zum Informationsfluss.

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Physikalische und technische Paradigmen

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Ganz allgemein definiert Simondon die Modulation wie folgt:

„[L]a modulation est la transformation d’une énergie en structure Dans ce cas, la structure est un signal.“ 32

).

Die Energie (Elektronenfluss, beschleunigt zwischen Kathode und Anode) wird zu einer Struktur (Signal) indem ihr durch Variationen der Gitterspannung eine Information aufmoduliert wird. Zu den fundamentalen Eigenschaften eines Modulators gehört der Aspekt der Verstärkung. Die potentielle Energie oder “zu modulierende Energie“ ist im Vergleich zur „modulierende Information ) getragen von einer sehr kleinen Energie“ 33 sehr groß. So wird das kleine Signal der Gitterspannung durch die Kathodenspannung verstärkt. Daher ist der Modulator Schema/Paradigma für die Vermittlung zwischen disparaten Größenordnungen:

„[L]e modulateur est amplificateur sans itération ou processus de multipli- cation parce qu’il met en jeu un rapport entre termes extrèmes d’une série énergétique incidente et d’une série locale, en réalisant dans un espace privilégié une équivalence entre ces termes extrêmes.“ 34

Das Ausgangssignal wird so als vermittelt zwischen der einfallenden Reihe und der lokalen Reihe interpretiert als etwas Neues, eine noch nicht dagewesene Zusammenführung von einer unstrukturierten großen Eingangsenergie und einer strukturierten, aber an sich zur Übertragung zu schwachen Information.

Ergebnis und Grenzen des technischen Paradigmas

Wie bereits in der Einleitung angekündigt, hat die Hylemorphismuskritik das Begriffssystem stark verändert:

„Aux notions de substance, de forme, de matière, se substituent des noti- ons plus fondamentales d’information première, de résonance interne, de potentiel énergétique, d’ordres de grandeur.“ (IGP17)

Anders betrachtet ist die oben angesprochene Triade Materie-Form-Energie be- stehend aus zwei disparaten Größenordnungen, die molekulare und die ma- kroskopische, und ihrer Vermittlung. Sie ist „eine Realität, die einer möglichen Individuierung den Rahmen setzt“ indem sie durch die Information vermittelt

32 L’Allagmatique, S. 561. 33 Im Original „énergie à moduler“ und „information modulante

) portée par une énergie

très faible“, in Perception et Modulation, S. 191. 34 „L’amplification dans les processus d’information“ (1962), S.157-176, S. 166.

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Kapitel I. Simondons Philosophie der Ontogenese

bzw. „Kommunikation zwischen Größenordnungen“ herstellt. 35 In diesem

letzten Term besteht die Realität der Relation (IGP69), das bereits mehrmals angesprochene fundamentale Postulat von Simondons Ontologie.

Im intermediären Bereich entsteht eine „zone

l’amorce de l’individu dans l’opération d’individuation“ (IGP64). In diesem Realitätsbereich, durch den und in dem der Individuierungsprozess nur seinen Anfang nehmen kann, muss sich auch das Prinzip der Individuierung befin- den: bei den Diskontinuitäten, Grenzen, (Phasen-)Übergängen „jouant un rôle d’information active“ (IGP65). „Amorce“ bedeutet soviel wie Zünder, was auf den Aspekt der Verstärkung hinweist. Dies wird am Beispiel der Kristallisation noch besser deutlich werden. Ein Prozess, der mit Hilfe einer allagmatischen Theorie (im oben besprochenen Sinn) beschrieben werden muss:

) des singularités qui sont

„ [L]a prise de forme ne peut s’éffectuer que si matière et forme sont réu- nies en un seul système par une condition énergétique de métastabilité. Cette condition, nous l’avons nommé résonance interne du système, in- stituant une relation allagmatique au cours de l’actualisation de l’énergie potentielle.“ (IGP 67)

Schon das auf technische Geräte begrenzte Paradigma zeigt, welche Kondi- tionen eine „wirkliche“ Individuierung erfüllen muss: ein System, in einem metastabilen Zustand. Ein im metastabilen Gleichgewicht befindliches System kann durch Störungen mit relativ kleiner Energie seinen Zustand ändern und birgt im Gegensatz zum stabilen System noch potentielle Energie, die durch die Störung freigesetzt werden kann. 36 So kann ein passender, aber relativ kleiner „Zünder“ der Individuierung es in Resonanz versetzten und so zu einer Zustandsänderung (allagmatische Relation zwischen den Zuständen) bringen.

Die Frage, die sich nun stellt, ist, ob das technische Paradigma ausreicht, um die Individuierung allgemein zu erklären. Das obige Ergebnis, insbesondere die Betonung auf das metastabile Gleichgewicht deutet bereits an, dass eine Betrachtung von Phasenübergängen in physikalischen Systemen diesem Prinzip noch besser gerecht werden kann. Das liegt zunächst daran, dass die technische Individuierung zeitlich begrenzt ist und den über eine gewisse Lebensdauer aufrecht erhaltenen Zustand der

35 „[R]éalité encadrant une individuation possible“ und „communication entre ordres de grandeurs, singularité“, IGP 103. 36 Im Gegensatz hierzu ist das stabile Gleichgewicht auch gegen große Störungen stabil und der labile Zustand ändert sich bereits durch infinitesimale Störungen.

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Physikalische und technische Paradigmen

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inneren Resonanz nicht erklären kann. Simondon unterscheidet hier zwischen verschiedenen Arten von Individuen: einem bloßen „individuiertem Seiendem“ und einem „realen“ oder „wahrhaftigen“ ( véritable ) Individuum“. 37 Die tech- nische Individuierung ergebe zwar die erste Art, aber für ein Individuum im stärkeren Sinne müsse noch gefordert werden, dass das System der Individuie- rung mit seinen Potenzialen unter der Bedingung der internen Resonanz vom Individuum über seine Lebensdauer zu einem gewissen Grad aufrecht erhalten wird. Dies wird später als „fortdauernde Individuierung„ ( individuation per- pétuée bezeichnet.Im Gegensatz dazu sei das technische Individuum nur genau während seiner Individuierung ein eigentliches Individuum:

„[L]e véritable individu n’existe qu’un instant pendant l’opération techni- que.“ (IGP 67)

Ein weiteres Manko des technischen Paradigmas ist seine Äußerlichkeit, die Trennung zwischen Individuum und Individuierendem: der Ziegel ist von Form und Handwerker getrennt, der Elektronenstrahl durchläuft und verlässt die Triode. Dagegen müsse das Lebendige als „handelndes und Theater“ agent et théâtre seiner eigenen Individuierung verstanden werden (IGP12). Schon der Einleitung hatte Simondon das Lebewesen sowohl betreffs seiner Entstehung als auch seiner Aktivität vom Automaten abgegrenzt:

„Il y a dans le vivant une individuation par l’individu et non pas seulement un fonctionnement résultant d’une individuation une fois accomplie, com- parable à une fabrication.“ (IGP 9)

Die Ontogense lässt sich nicht auf die Herstellung einer Maschine reduzieren, da hierzu eine „intention fabricatrice“ (IGP 46), einen Plan, der dem technischen Individuum äußerlich bleibt, vorausgesetzt werden muss. Um alle Teleologie aus der Erklärung der Ontogenese herauszuhalten, müsse man sich über andere Prozesse dem Lebendigen annähern, „les processus de formation naturelle des unités élémentaires que la nature présente en dehors du règne défini comme vivant“ (IGP 46). Das Individuum muss als „s’individuant“ verstanden werden. Auch die Aktivität des Individuums sieht Simondon als prinzipiell nicht auf Anpassung und Feedback reduzierbar.

„[L]e vivant résout des problèmes, non pas seulement en s’adaptant

mais en se modifiant lui-même, en inventant des structures internes nou- velles, en s’introduisant lui-même complétement dans l’axiomatique des problèmes vitaux.“ (IGP 9)

),

37 Ein „être individué“ und „individu réel“.

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Kapitel I. Simondons Philosophie der Ontogenese

Der Automat im Gegensatz dazu löst keine Probleme, er nähert sich nur durch Anpassen seines „Verhalten“ einem vordefinierten Ziel an ohne dabei neue Strukturen zu erschließen (vgl. IGP 145). Auf das Konzept des „Problemati- schen“ wird in Abschnitt 4 dieses Kapitels noch genauer eingegangen werden. Simondon kritisiert deshalb die Kybernetik – in einem genannt mit Descartes Doktrin der Tier-Maschinen – da sie versuche, die Funktionen des Lebendigen allein durch Darstellungen „issues de la technologie“ (IGP 47-48) zu durch- dringen. Was er der Kybernetik vorwirft ist, statt wissenschaftlich Analogien zwischen Operationen aufzustellen, nur pseudo-wissenschaftlich Ähnlichkeiten von Strukturen zu betrachten und so in einen Reduktionismus verfällt. 38 Auf das Bild des Modulators wird Simondon später in diesem Sinne der Analogie allerdings noch zurückkommen. 39

Der Kristall als Paradigma für die Individuierung

Die Physik der Phasenübergänge: Metastabilität und potenzielle Energie

Die Hylemorphismuskritik hatte gezeigt: Phasenübergänge, Singularitäten und Zustandsänderungen, nicht Kontinuität der Materie stehen im Mittelpunkt. Erster und fundamentaler Aspekt der physikalischen Individuierung wird daher folgender:

„L’individuation comme opération n’est pas liée à l’identité d’une matière, mais à une modification d’état.“ (IGP 96)

Als Beispiel für einen Phasenübergang sucht Simondon das Phänomen der Kristallisierung aus, da es sich dabei um eine Strukturtransformation vom amorphen zum geometrisch angeordneten Zustand handelt. Bei einer übersät- tigten Lösung im metastabilen Zustand genügt dann schon ein Kristallkeim um die Kristallisierung in Gang zu setzen. Dieser Keim kann spontan entstehen oder von außen zugefügt werden. Dies nennt Simondon die „condition infor- mationnelle“ (IGP 97), der Keim spielt die Rolle der Singularität, wie sie weiter oben beschrieben wurde, und löst die Struktur-Veränderung aus:

38 L’Allagmatique, S. 563, auch Combes 1999, S.11. 39 Hier soll am Rande betont werden, dass L’individu et sa genèse physico-biologique vor dem Aufkommen von Selbstorganisationstheorie, Synergetik und Artificial Life verfasst wurde. Umberto Maturana und Francesco Varela zum Beispiel definieren den Maschinenbegriff so um, dass Autopoiesis die externe Teleologie ersetzt. Auch der epigenetische Standpunkt und Selbstorganisationstheorien in biologischen Systemen rücken davon ab, das Lebendige als Ausführendes eines genetischen Programms zu sehen. Hier ist Deleuzes Theorie der biologischen Systeme und auch Deleuze und Guattaris Theorie der Maschine sicher näher an der heutigen Naturwissenschaft. Dies wird in Abschnitt II.3 und III.3 diskutiert werden.

4

Vom Kristall zum Organismus - Individuierung des Lebendigen

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„Le début de l’individuation structurante est un événement pour le systè- me en état métastable.“ (IGP 97)

Der Keim bricht ( rompt ) das metastabile Gleichgewicht und das System geht transduktiv fortschreitend in einen stabilen, den kristallinen Zustand über. Die Richtung hiervon wird durch die potentielle Energie geleitet, es ist eine „Be- wegung von der Zone, die reich an potenzieller Energie ist hin zum bereits strukturierten Bereich“. 40 Diese Transduktion ist wesentlich Verstärkung, da der Keim „eine Materie strukturiert, deren Masse um einen Faktor von mehreren Milliarden größer als seine eigene ist. 41 Diese Strukturierung läuft solange fort, bis die energetischen oder strukturellen Voraussetzungen der Metastabilität nicht mehr erfüllt sind. Das Beispiel des Kristalls zeigt, dass Individuierung „eine Operation ist, die aus dem Zusammentreffen und der Kompatibilität von einer Singularität und von energetischen und materiellen Bedingungen resultiert“ (IGP 102). Und anders als bei den technischen Beispielen dem System immanent, frei von äußerer Teleologie. Der Keim trifft auf ein metastabiles Feld, eine „situation hylémor- phique tendue“ (IGP 109), die globale energetische und materielle Bedingungen bereitstellt. Simondon beschreibt nun die Allagmatik als eine Methode, die die Individuen von genau so einem Prozess her zu verstehen sucht: die Entwicklung einer Singularität durch die Vereinigung von globalen energetischen und materiellen Bedingungen in einer intermediären Größenordnung. 42 Der Kristall liefert hier- für ein Paradigma, das das technische Beispiel nur andeutungsweise deutlich machen konnte.

4 Vom Kristall zum Organismus - Individuierung des Lebendigen

Physikalische und biologische Individuierung

Die Absicht des analogistischen Paradigmatismus ist, von der physikalischen Indi- viduierung aus die Individuierung des Lebendigen zu verstehen. Inwiefern ist

40 Im Orignial „un mouvement vers la zone riche en énergie potentielle à partir du domaine déjà structuré“, „L’amplification dans les processus d’information“, S.173. 41 „[L]a structuration d’une masse de matière plusieurs milliards de fois supérieure à la sienne“ (IGP 106). 42 Vgl. IGP 102.

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Kapitel I. Simondons Philosophie der Ontogenese

das physikalische Modell wirklich paradigmatisch? Insofern, als es allagmatisch –im oben Besprochenen Sinne einer Methode – ist. Die Betonung liegt auf der Zustandsänderung, die durch dem System immanente Bedingungen erklärt werden kann:

„La physique invite á penser l’individu comme étant échangeable contre la modification structurale d’un système, donc contre un certain état défini d’un système.“ (IGP287)

Hierbei beruft sich Simondon nicht nur auf die Strukturierung einer amorphen Lösung beim Kristallwachstum, sondern auch auf den Dualismus von Welle („quantité d’énergie“) und Teilchen („individu physique“) des Photons. Teil- chen bzw. Strukturen können allgemein entstehen oder vernichtet werden, das entscheidende dabei sind die Potenziale, die die Lösungen der Wellengleichung bestimmen. 43 Zur Beschreibung der Individuierung des Lebendigen werden daher die selben Konzepte wie beim physikalischen Paradigma angewendet, der Übergang von physikalisch zu lebendig ist der Methode nach kontinuierlich. Simondon stellt eine methodologische Hypothese auf:

„Il ne semble pas qu’il faille opposer une matière vivante et une matière non vivante, mais plutôt une individuation primaire en systèmes inertes et une individuation secondaire en systèmnes vivants, précisément selon les différentes modalités des régimes de communication au cours de ces individuations.“ (IGP 131)

Der Unterschied zum vitalistischen Denken, das dem Lebendigen einen substan- ziellen, qualitativen Unterschied zugesteht, liegt in der graduellen Definition des Unterschieds in Simondons Modell. Hier gehören Physikalisches und Le- bendiges nicht verschiedenen Ordnungen von Realität an, sondern werden als „zwei Geschwindigkeiten der Evolution des Realen“ behandelt 44 – als Produkte von grundsätzlich analogen Prozessen die aber durch unterschiedliche Be- dingungen und unterschiedliche Geschwindigkeiten verschiedene Strukturen hervorbringen:

„[U]ne individuation rapide et itérative donne une réalité physique, une individuation ralentie, progressivement organisée, donne du vivant.“ (Fuß- note1 IGP 279)

43 Eine ausführliche Diskussion der Bedeutung des Welle-Teilchen-Dualismus für Simondons Theorie der Ontogenese findet sich in Barthélémy 2008, S.24-34. 44 „ [D]eux vitesses d’évolution du réel“ (IGP 279).

4

Vom Kristall zum Organismus - Individuierung des Lebendigen

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Verglichen werden gemäß Simondons analogistischer Methode die Operatio- nen der Individuierung, im Prozess des Werdens, den das System durchläuft, nicht Strukturen, Formen oder Organisationen. Das Verständnis der physikali- schen Individuierung ist reichhaltig genug um graduelle aber fundamentale Unterschiede zwischen den Bereichen zu machen. Über die Fähigkeit eines Sys- tems, Information aufzunehmen als „essenzieller Ausdruck der Operation der Individuierung“ 45 wird gewissermaßen ein Grad der Individuierung definiert:

„[I]l y a individuation physique lorsque le système est capable de recevoir une seule fois de l’information , puis développe et amplifie en s’individuant de manière non autolimitée cette singularité initiale. Si le système est capa- ble de recevoir successivement plusieurs apports d’information, de com- patibiliser plusieurs singularités au lieu d’itérer par effet cumulatif et par amplification transductive la singularité unique et initiale, l’individuation est de type vital, autolimitée, organisée.“ (IGP132)

Die Individuierung des Lebendigen unterscheidet sich demnach fundamental dadurch, dass sie komplexer und vielschichtiger als die physikalische ist, die gewissermaßen einfach und geradlinig jeweils ausgehend von einer Singularität voranschreitet. Das hat vor allem Auswirkungen auf die topologischen Aspekte der Individuierung. Dieses Mehr an Komplexität bedeutet aber nicht, dass die Individuierung des Lebendigen nach der physikalischen kommt, im Gegenteil: Wo der Kris- tall im Fortschreiten metastabile in stabile Bereiche umwandelt, konserviert das lebendige Individuum immer noch metastabile Bereiche, die für künftige Individuierungen Potenziale (z. B. des Wachstums oder der Wundheilung) be- reitstellen können. So gleicht es im Hinblick auf die energetischen Bedingungen eher einem „einem Kristall im Entstehungsprozess, der sich verstärkt ohne sich zu stabilisieren“ 46 als einem fertigen und somit stabilen physikalischen Individuum. Simondon spricht von einer Dilatation, d. h. eine Ausdehnung der Anfangsphase der physikalischen Individuierung, ein Auf- oder Zurückhalten des Prozesses der Stabilisierung. Mit dem biologischen Terminus der „Neo- tenie“, der ein Fortbestehen von nicht-voll-entwickelten oder larven-artigen Zügen in einem erwachsenen Lebewesen bezeichnet, charakterisiert er dies auch als „Neotenisierung der physikalischen Individuierung. 47

45 „[E]xpression essentielle de l’opération de l’individuation“. (IGP 132).

46 Im Orignial „un cristal à l’état naissant s’amplifiant sans se stabiliser“ (IGP 133). 47 „[N]éoténisation de l’individuation physique“ (IGP 280)

Neotenie [von griech. neos=Junges, teinein=spannen

)], Neotänie, Progenese, Erreichen der

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Kapitel I. Simondons Philosophie der Ontogenese

Diese Formulierung könnte vermuten lassen, dass Lebewesen als bloße Vorstufe zu unbelebten Wesen angesehen werden. Eine solche Verkürzung der Verbin- dung zwischen den Individuierungsprozessen von Belebtem und Unbelebtem birgt die Gefahr eines Reduktionismus. Derartige Vorwürfe weist Simondon allerdings zurück, es handele sich weder um eine Reduktion noch um einen Zusammenhang von Ursache und Wirkung:

„[C]omme nous supposons qu’il y a des degrés divers d’individuation, nous avons utilisé le paradigme physique sans opérer une réduction

du vital au physique

l’individuation physique qui produit l’individuation vitale.“ (IGP 271)

). Nous ne voulons nullement dire que c’est

Vielmehr sei die Individuierung des Unbelebten „eine Individuierung die Etap- pen überspringt, die an ihrem Ursprung nicht lange genug ausharrt“ 48 , da sie den Phasenübergang zu schnell und vollständig vollziehe. Bei der Indivi- duierung des Lebendigen passiert so gewissermaßen mehr , da sie durch die Dilatation des inkohärenten, metastabilen Zustandes eine „Vertiefung des ex- tremen Anfangs“ vollzieht. 49 Sie vertieft und kompliziert die physikalische Individuierung indem sie sie verlangsamt, in der Schwebe hält und dabei verstärkt. Daher erfordert sie auch komplexere Anfangsbedingungen, was Spannung und Metastabilität betrifft. Die Transduktion im Lebendigen, der fortschreitende Formungsprozess, ist aus diesem Grund viel komplizierter als am Beispiel des Kristalls erläutert. Auf eine Weise, die als „indirekt und hierar- chiesiert“ 50 beschrieben wird, ist die Operation der Transduktion nicht mehr einfach sondern wird als das Verhältnis von Integration und Differenzierung beschrieben. Die Passage hierzu in L’individu et sa genèse physico-biologique ist kryptisch und nicht sehr detailliert ausgeführt. Aber da Simondon Integration und Differenzierung eher vom technischen Gerät, bzw. den Grenzwerten von Differenzen und Summen her zu verstehen scheint, liegt hier ein Ansatz zur Interpretation. Die technische Operation der Differenzierung ist ein Zerlegen von Signalen, misst die Veränderungsrate eines Signals. So geht auch im Organismus die Differenzierung von der Gesamtheit, dem übergeordneten Niveau zum unter- geordneten – eine relative Einheit in der Organisation wird in ihre Bestandteile

Geschlechtsreife unter Beibehaltung von Larvalmerkmalen.“ (Spektrum Lexikon der Biologie, Band 10). 48 Im Orignial „ une individuation qui brûle les étapes, qui ne reste pas assez suspens à son origine“ (Fußnote IGP 272). 49 „[U]n approfondissement de l’extrême début“ (ebd.). 50 „[I]ndirecte et hiérarchisée“ (IGP 142).

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Vom Kristall zum Organismus - Individuierung des Lebendigen

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zerlegt. 51 Die Integration dagegen geht vom untergeordneten zum höheren Niveau, ist Aufsummieren, eine Kumulation von Signalen. Im Organismus werden daher Bestandteile in die nächst höhere Einheit integriert. So strukturiert der Organismus sich und sein Milieu nicht einfach in eine Rich- tung wie der Kristall, sondern ist ständig in Kumulation und Ausdifferenzieren von Bereichen begriffen. 52

Das Lebendige und das Problem, Individuierung als Lösung

Hiermit kommen wir zum wichtigen Konzept des Problems, das methodisch schon in Abschnitt II.2 bei der Erwähnung der Disparation als Inkommensura- bilität vorgekommen war. Die Individuierung des Lebenden beginnt als Lösung eines neuen Problems:

„[L]’individuation physique est la résolution d’un premier problème en cours, et l’individuation vitale s’insère en elle, à la suite du surgissement d’une nouvelle problématique.“ (IGP 272)

Diese neue, prä-vitale Problematik kommt allerdings mit der Entstehung des lebendigen Individuums zu keiner vollständigen Lösung: das Lebendige erhält präindividuelle Potenziale, Aspekte der Problematik, aufrecht, sie sind „Keim von neuen verstärkenden Operationen“(germe d’opérations amplifiantes nouvelles) (IGP 272) und somit Ausgangspunkte für neue (partielle) Lösungen. Jede Ent- wicklungsstufe ist Formulierung eines Teilproblems, jeder Entwicklungsschritt eine partielle Lösung

„L’état d’un vivant est comme un problème à résoudre dont l’individu devient la solution à travers des montages successifs de structures et de fonctions.“ (IGP 223)

Die Ontogenese wird zur „perpetuierten Problematik“ (IGP 224), eine Verket- tung und Ineinanderschachtelung von Prozessen. Das sich individuierende lebendige Individuum ist immer – ob während der Ontogenese oder als Er- wachsenes – mit Problemen konfrontiert, mit disparaten Größenordnungen im

51 Wenn diese Interpretation stimmt, wäre allerdings mit Differenzierung nicht die „Ausdif- ferenzierung“ eines Organismus im Sinne von Spezifizierung von Organen, etwa in einem entwicklungsgeschichtlichen Verlauf gemeint, sondern nur ein Prozess innerhalb der üblichen Funktionsweise eines Organismus. 52 Vgl. IGP 142-143.

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Kapitel I. Simondons Philosophie der Ontogenese

metastabilen Gleichgewicht, zu denen es Lösungen finden muss. Dabei wird durch jede Individuierung, jede Neustrukturierung, jede Handlung ein neuer Absatz ( palier ) der relativen Stabilität erreicht (vgl. IGP 285). Das Lebende löst dabei die Spannungen nicht auf, sondern vollzieht eine Transformation hin zu einem Endzustand, der ein „System von Strukturen und Funktionen, in dessen Innerem die Spannungen kompatibel sind“ ist. 53 So hält erhält sich das Individuum als ständig Werdendes in einem Zustand der „Homöostase des metastabilen Gleichgewichts“. 54 Homöostase (von homoios : ähnlich und stasis : Zustand) ist eine Eigenschaft eines offenen Systems (Zelle, Organismus, Population), das auf Störungen so reagiert, dass seine Einheits- und Existenzbe- dingungen aufrecht erhalten werden. 55 Die Formalisierung der Homöostase ist ein zentrales Anliegen der Kybernetik. In diesem Sinne beschreibt Homöostase, die Eigenschaft von Systemen, die über Rückkopplungs-Mechanismen (feedback ) die für das Überleben wichtigen Parameter im operationellen Bereich erhalten. 56 Daher ist die „Homöostase des metastabilen Gleichgewichts“ im Lebewesen die Aufrechterhaltung von präindividuellen Potenzialen auch im individuier- ten Zustand, die darauf gerichtet ist, wandlungs- und reaktionsfähig zu bleiben.

Das Beispiel des Kristalls war insofern einfacher, als hier nur zwei Phasen, die metastabile der übersättigten Lösung und die stabile, kristalline, durch einen direkten und definitiven Übergang getrennt vorkamen und nach Beendigung der Individuierung nur noch eine Phase übrigbleibt. Das Individuum dagegen wird als polyphasig bestimmt, in ihm koexistieren die präindividuelle Phase als „pures Potenzial“ (IGP 272) und die individuierte Phase, in einem Vorgang der Resonanz zwischen disparaten Größenordnungen weiterhin auch nach dem Übergang zu einer neuen Struktur . Simondon bezeichnet die Resonanz auch als „Korrelation zwischen Chronolo- gie und Topologie des Systems“ (IGP 129) denn sie ist ein In-Kommunikation- Setzen von disparaten Größenordnungen, die ineinander geschachtelt sind. Da- bei hat jede Größenordnung zunächst ihre eigene Chronologie, ihrem eigenes Werden spezifische Zeitskala. Je mehr und je weiter auseinander liegende Grö-

53 „[U]n système de structures et de fonctions à l’intérieur duquel les tensions sont compati- bles“ (IGP 224). 54 „[H]oméostasie de l’équilibre métastable“ (IGP 223) 55 Vgl. Encyclopædia universalis, Paris 2002. 56 Vgl. Wiener 1958 , S.135, hier nennt Wiener als Beispiel die Regulierung des einfallendes Lichts durch die Öffnung der Pupille. Für eine ausführliche Diskussion, vor allem von Ross Ashbys Arbeiten der 1950er Jahre zur Homöostase s. Johnston 2008, S.40-47.

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Vom Kristall zum Organismus - Individuierung des Lebendigen

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ßenordnungen in Resonanz treten, desto größer ist der Grad der Individuierung. Auf der anderen Seite ist nur, wo noch „Nicht-Koinzidenz von Chronologie und Topologie“ (IGP 129) besteht, d. h. nicht alle Größenordnungen des Systems durchlaufen eine synchronisierte Entwicklung und eine Transformation ist noch möglich. Ein Individuum in totaler Resonanz wäre die Substanz (im simondonschen Sinne), als System, das „vollkommen kohärent mit sich selbst ist, verarmt und leer, dessen Potenziale erschöpft sind“. 57 So ein Individuum wäre eine perfekte Einheit, statt mehreren Phasen hätte es nur eine einzige. Das simondonsche Individuum dagegen ist metastabil weil mehrphasig und „mehr als eins“

“[L]’individu est multiple en tant que polyphasé

solution provisoire, une phase du devenir qui conduira à de nouvelles

) parce qu’il est une

opérations.“ (IGP 273)

Es kann sich noch weiterentwickeln, weil es nicht alle Potenziale ausschöpft, sondern provisorisch Probleme löst indem es durch die zeitliche Dimension die Disparaten in einem neuen, kontinuierlichen System einbindet. 58 Das stabile Gleichgewicht, gleichbedeutend mit dem wahrscheinlichsten Zu- stand oder dem Zustand der maximalen Entropie wird mit dem Tod assoziiert.:

„tous les potentiels sont épuisés: il est système mort“ (IGP 237). Dies ist eine intrinsische Art von Tod, die immer schon in der Individuierung mit enthalten ist. Mit jeder Individuierung, Lösung eines Problems, Strukturie- rung von präindividuellen Bereichen, Ausdifferenzierung von pluripotentem Gewebe bleibt ein gewisser Rest:

„[T]oute différenciation laisse un certain résidu qui ne peut être éliminé et qui grève l’être individué d’un poids diminuant les chances d’individuations

ultérieures

automatiques de l’habitude devient de moins en moins capable de refaire

de nouvelles structures si les anciennes sont détruites“ (IGP 241-242)

); l’individu qui se structure ses organes ou les montages

So „zahlt“ das Individuum seine Ausdifferenzierung, seine Organisation mit einer größeren Trägheit. Von einer Stufe zur nächsten, in den intermediären metastabilen Zuständen gehen ihm sozusagen Potenziale des ursprünglichen

57 „[P]arfaitement cohérent avec lui-même

126-127).

58 Vgl. IGP 227.

), appauvri et vidé de ses potentiels“ (IGP

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Kapitel I. Simondons Philosophie der Ontogenese

Zustandes verloren. Nach dieser Bilanz hat es weniger Energie für zukünf- tige Strukturänderungen oder Operationen, die zur Aufrechterhaltung der Homeostase dienen, zur Verfügung. In diesem Sinn schreibt Simondon:

„[T]oute opération d’individuation dépose de la mort dans l’être indivi- dué.“ (IGP 242)

Das Lebendige bewegt sich ständig zwischen den Extremen einer völlig undif- ferenzierten, bloß potenziellen, und einer vollständig strukturierten Materie, wie in der folgenden tabellarischen Gegenüberstellung veranschaulicht weden soll.

tot

stabil

kontinuierlich

Einheit

kohärent

lebendig

metastabil

singulär

Vielheit

mehrphasig

Der Aspekt der Information

An dieser Stelle tritt das technische Paradigma des Modulators wieder auf. Seine Anwendung auf physikalische Individuierung und die des Lebendigen macht einen Unterschied deutlich:

„[L]’information dans l’individuation physique n’est pas distincte des supports de l’énergie potentielle qui s’actualise dans les manifestations de l’organisation.“ (IGP 222)

Information und Struktur werden gleichgesetzt und mit Eigenschaften der präindividuellen Materie identifiziert. Dem Modulator entspricht die fortschrei- tende Grenze, nicht das Individuum selber. 59 Informations- und Energie-Input kommen beide vom Material:

„ [A]u contraire, l’individuation dans le vivant serait fondée sur la distincti- on entre les structures modulatrices et les supports de l’énergie potentielle impliquée dans les opérations caractérisant l’individu;“ (ebd.)

Das Lebendige Individuum wird mit dem Modulator identifiziert, da es wirk- lich die Struktur des Materie-Inputs transformiert, indem es die Materie als etwas von sich verschiedenes inkorporiert. Das ist eine Transduktion im Sinne

59 Vgl. „[O]n pourrait dire que la limite entre le germe structurale et le champ structurable, métastable, est un modulateur. C’est l’énergie de métastabilité du champ, donc de la matière, qui permet à la structure, donc à la forme, d’avancer: les potentiels résident dans la matière, et la limite entre forme et matière est un relais amplificateur .“ forme, information, potentiels , Conférence faite à la Société Française de Philosophie le 27 février 1960, S. 532).

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des technischen Geräts „Transduktor“, das verschiedene Arten von Energie ineinander umwandelt. 60 Es enthält und verarbeitet Information durch die disparaten Größenordnungen die es kompatibel macht, seine interne Problematik ist wie eine Nachricht (vgl. IGP 198, 223). Nachricht sollte aber nicht im Sinne eines genetischen Codes verstanden werden. Vielmehr ist die Information im Individuum bloß implizit und liegt in Form von „disparaten Elementen“ (IGP 227) vor. Sie ist statt mit einem Code, der nur auf seine Ausführung, (déroulement) wartet, eher mit noch auszuwertenden Daten vergleichbar. 61 Sie wird durch die Operationen, in denen die Individuierung besteht, entwickelt und expliziert, und zwar als neue Dimension von vormals inkompatiblen, disparaten Größenordnungen. 62

Topologie des Kristalls, Topologie des Organismus

In diesem Abschnitt soll nun abschließend die Topologie der Individuierung besprochen werden, die sich für den Kristall und das Lebewesen fundamental unterscheidet. Die Struktur eines topologischen Raums, im Gegensatz zu metrischen Räumen wie z. B. der euklidischen Raum-Zeit, wird nicht über Entfernungen zwischen Punkten festgelegt , sondern allein über Mengen von Punkten und deren Eigenschaften. 63 Wenn Simondon von „chronologischen und topologischen Strukturen“ spricht, anstatt von raum-zeitlichen, scheint er diese Formulierung zu umgehen, um einen zu engen Bezug zur euklidischen Raum-Zeit zu vermeiden. Die Fragen, die eine solche Topologie beantworten muss, sind, wie sich das Individuum als Bereich oder Menge definiert, was „innen“ (topologisch: zur Menge gehörend) und „außen“ (topologisch: zu ihrem Komplement gehörend) bedeuten und vor allem, was die Grenze oder die Oberfläche (topologisch: der Rand, Punkte zwischen dem Inneren Menge und dem des Komplements ist, und welche Rolle

60 In der Einführung zu Perception et modulation spricht Simondon von einem „schème propre- ment paradigmatique“: Der Energie-Input entspricht der Nahrung, der Input der Information der Wahrnehmung und der Output der Aktion des Lebendigen auf sein Milieu (in Perception et modulation (1968), Introduction, S.190). 61 Vgl. Atlan 2011. 62 Um den epigenetischen Standpunkt, Komplexität und Selbstorganisation wird es sowohl bei der Besprechung von Différence et répétition als auch von Mille Plateaux noch gehen. 63 Nur als Anmerkung soll hier vorweg geschickt werden, dass metrische Räume eine Un- terklasse der topologischen Räume sind. Präziser müsste oben von „topologischen, nicht- metrischen, nicht Vektor-Räumen“ die Rede sein. s. auch Delanda 2002, S. 22-25 für eine allgemeine Erklärung zu topologischen Räumen und S. 62 f. für ihre Anwendung zur Embryogenese. Auch wenn Delanda Simondon nicht erwähnt, befasst er sich an diesen Stellen mit dem stark von Simondon beeinflussten Teil von Deleuzes Theorie der Ontogenese.

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Kapitel I. Simondons Philosophie der Ontogenese

sie spielt. Seine Überlegungen zur Topologie des Lebendigen beginnt Simondon mit der Vermutung, dass dessen Wesen vielleicht in einer gewissen topologischen Anordnung liege, die man mit Physik und Chemie – sofern deren Betrachtungen immer in euklidischen Räumen bleibt – nicht fassen kann. 64 Bei komplexen Organismen ist die Struktur vor allem durch verschachtelte Beziehungen von Innenrem und Äußerem gegeben:

„[L]’intériorité et l’extériorité sont partout dans l’être vivant.“ (IGP 144)

„Überall“ im Sinne von auf allen Größenordnungen der hierarchischen Orga- nisation. Zunächst betrachtet Simondon daher die primitivste topologische Struktur bzw. die niedrigste Stufe dieser Hierarchie, die Membran. Für das Lebendige ist die Membran von fundamentaler Bedeutung, denn sie definiert ein inneres Milieu im Verhältnis zu einem äußerlichen, indem sie selektiv Strö- me passieren lässt und so Polaritäten erhält. 65 In solchen Membranpotenzialen sieht Simondon konkret eine Bedingung für Individuierungen oder besser or- ganische Aktivität auf Zell-Ebene und fasst die Wichtigkeit der Grenze für die Individuierung des Lebenden zusammen:

„On pourrait dire que le vivant vit à la limite de lui-même, sur sa limite.“ (IGP

260)

Obwohl Individuierung nach Simondons Theorie auch im physikalischen Indi- viduum immer an der Grenze abläuft, besteht ein fundamentaler Unterschied in der Struktur von Innerlichkeit und Äußerlichkeit. Dies hängt mit der Art des Wachstums und der Entwicklung - sowohl in räumlicher wie auch zeitlicher Hinsicht - zusammen, wie Simondon schon in der Einleitung bemerkt. Was den zeitlichen Aspekt betrifft, assimiliert der Organismus, indem er durch sein Wachsen und Verhalten vielfältiger wird. 66 Der Kristall hingegen wächst durch „Iteration der Anknüpfung von geordneten Schichten in indefiniter Anzahl“ 67 Während das Lebende „Zeitgenosse seiner selbst/gleichzeitig mit sich selbst in all seinen Elementen“ ist, enthält das physikalische immer „radikal Vergange- nes/radikale Verganhenheit“, selbst wenn es noch im Wachsen begriffen ist. 68

64 Vgl. IGP 259. Hierauf wird in Kapitel III anlässlich des für Mille Plateaux sehr wichtigen Begriffspaar von glattem und gekerbten Raum noch zurückzukommen sein. 65 Vgl. IGP 260. 66 Im Original „assimile en se diversifiant“. 67 „[S]’accroît par l’itération d’une adjonction de couches ordonnées, en nombre indéfini“ (IGP 132). 68 Im Orignial „contemporain de lui-même en tous ses éléments“ und „comporte du passé radicalement passé, même lorsqu’il est encore en train de croître“ (IGP 10).

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Vom Kristall zum Organismus - Individuierung des Lebendigen

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Genau dies ist der Aspekt der Neotenisierung, denn das Lebende erhält überall dort, wo es noch reaktionsfähig ist, kleine Bereiche – mit Deleuzes Worten larvenartige Bereiche–, von denen wieder eine neue Individuierung ausgehen kann, aufrecht. Unterschiede in der räumlichen Struktur analysiert Simondon in dem von Deleuze in der Rezension hoch gelobten Abschnitt über Topologie. Das physi- kalische Individuum habe keine Innerlichkeit im strengen Sinne, da es keine homöostatische Einheit bilde. Homöostase war oben wesentlich als Reaktions- vermögen zum Ausgleich von Störungen bestimmt worden. Am Beispiel des Kristalls wird anschaulich, wie die Grenze ständig fortschreitet und dabei die stabile Phase, die nicht mehr zur Individuierung beiträgt, hinter sich lässt. Weil dieses geometrische Innere somit genauso gut weggelassen oder ausgeschnitten werden könnte, ohne das Kristallwachstum zu beeinflussen, wird es nicht als eigentliches – das ist ein auf den Individuierungsprozess bezogenes – Inneres angesehen. Das physikalische Individuum wird als „für alle Zeit exzentriert, im Verhältnis zu sich selbst immer an der Peripherie“ 69 bezeichnet, da es keine eigentliche Innerlichkeit hat und somit vom Individuierungsprozess her gese- hen nichts als Grenze ist. Seine Individuierung ist „pelliculaire“, durch dünne Schichten gekennzeichnet. Sie ist im Fortschreiten immer nur von einer Kris- tallebene bis zur nächsten erhalten, ihre einzige zeitliche Charakteristik ist die Sukzession, nicht die Dauer. Daher kann hier auch nicht von Homöostase die Rede sein, denn selbst wenn die fortschreitende Grenze ein Hindernis umgehen würde, geschieht dies nicht zur Erhaltung einer Einheit sondern in indifferenter Sukzession ohne Bezug zum vorhergehenden oder folgenden Verlauf des Pro- zesses. Das lebendige Individuum unterscheidet sich hiervon fundamental: Seine Indi- viduierung ist „perpétuée“, über die Dauer seiner Existenz aufrecht erhalten. Dies ist die Dilatation oder Neotenisierung der physischen Individuierung: Was bereits im Innern des Individuums (im eigentlichen Sinne) entstanden ist, tritt nicht aus dem Individuierungsprozess aus, sondern verbleibt in einem meta- stabilen Zustand und somit in (topologischem) Kontakt zum präindividuellen Milieu und in Gleichzeitigkeit mit dem Prozess:

„ [I]l y a résonance et il peut y avoir résonance parce que ce qui a été produit par individuation dans le passé fait partie du contenu de l’espace

69 „[P]erpétuellement excentré, perpétuellement périphérique par rapport à lui-même“

(IGP10).

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Kapitel I. Simondons Philosophie der Ontogenese

intérieur: tout le contenu de l’espace intérieur est topologiquement en contact avec le contenu de l’espace extérieur sur les limites du vivant : tous les produits de l’individuation passée sont présents sans distance et sans retard.“ (IGP 263)

Im Lebendigen besteht eine topologische und chronologische Unmittelbarkeit zwischen allen Punkten im Innern und dem präindividuellen Milieu, da zwi- schen dem gesamten Inneren und dem Milieu ein andauernder, transduktiver Prozess stattfindet. 70 Ganz allgemein gesagt, ob physikalisches oder lebendiges Individuum, die Individuierung gründet immer in einem In-Relation-Setzen von disparaten Grö- ßenordnungen, prä-individuellen und individuellen Phasen, mikroskopisch und makroskopisch, Innen oder Außen. Daher ist die Grenze als Konzept so wichtig für Simondons Ontologie. Vor der Individuierung gab es Innerlichkeit und Äußerlichkeit nicht, das Indi- viduum entsteht durch, mit und an der Grenze zu sich selbst: „il se constitue à la limite de lui-même et existe à la limite de lui-même“ (IGP 68). In diesem Sinne erhält die Relation Realität, das Individuum ist „ Realität einer konstitu- ierenden Relation, nicht Innerlichkeit eines konstituierten Terms “. 71 Es definiert sich nicht darüber, dass es abgeschlossen ist, sich im Innern eines Bereiches aufhält, sondern darüber, dass es zu Strukturtransformationen fähig ist – Äu- ßeres kann zu Innerem werden. Muriel Combes nimmt in ihrer Analyse von Simondons Philosophie der Individuierung eine Identifikation von der Relation und der Grenze vor: „On dira alors que la relation, dans la mesure où elle est constituante, existe comme limite.“ 72 Sie betont, dass es sich darin um eine – oder um die zentrale Aussage von Simondons Ontologie handelt: „Que les êtres consistent en relations, que la relation, par là, ait rang d’être et constitue de l’être“. 73 Dies verdeutlicht, wie zentral die Passagen über Topologie des Lebendigen, d. h. über die Eigenschaften der Grenze für das Individuum, für das gesamte Projekt der Allagmatik sind. Auch für Deleuzes, bzw. Deleuze und Guattaris Theorie des Organischen oder des Lebendigen allgemein werden diese Konzepte von großer Bedeutung sein.

70 Der Vollständigkeit halber müsste das „tous les produits de l’individuation“ allerdings et- was eingeschränkt werden, da der „Rest“ der Individuierungsprozesse, wie oben angesprochen wurde, als „poids mort“ nicht mehr beitragen kann, sondern ihn behindert. (vgl.IGP 141-142). 71 Im Original „réalité d’une relation constituante, non intériorité d’un terme constitué “ (ebd.). 72 Combes 1999, S. 18. 73 Ebd. S. 19.

Kapitel II

„La cinématique de l’œuf“– Ontologie und Ontogenese des Lebendigen in Deleuzes Schriften der 1960er Jahre

Vorbemerkung

Deleuze verwendet nicht nur mathematische, physikalische und biologische Konzepte, er ent wendet sie. So steht sein Verständnis dieser Konzepte zwar nicht im Widerspruch zur ursprünglichen Anwendung, aber verwischt manch- mal – im Vergleich zum rigorosen mathematischen oder naturwissenschaftli- chen Gebrauch – die Nuancen und bringt Anwendungsgebiete zusammen, die eigentlich nicht zusammengehören. Dennoch ist eine gewisse Erklärung zu den Grundlagen sinnvoll, um zu sehen, wohin Deleuze die Konzepte schließlich zusammenführt und dort neu anwendet.

1 Virtuelle Mannigfaltigkeiten und Differenzphilo- sophie

Das Konzept der multiplicité zieht sich durch Deleuzes gesamtes Werk. Von Bergson und Spinoza, wie auch Gauss und Riemann inspiriert, ist es von großer Bedeutung. In deutschen Ausgaben wird es sowohl mit „Vielheit“ als auch „Mannigfaltigkeit“ übersetzt. In dieser Arbeit wird daher auch „multiplicité“

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Kapitel II. „La cinématique de l’œuf“

mit „Mannigfaltigkeit“ übersetzt. 1 Die Mannigfaltigkeit ist ein in der Differenti- algeometrie des 19. Jahrhunderts entstandene Verallgemeinerung der Fläche. Zunächst wurde nur der Spezialfall von in den dreidimensionalen Raum ein- gebetteten Flächen betrachtet. Schließlich wurde der Begriff von Riemann zu dem der nicht-eingebetteten, n-dimensionalen Mannigfaltigkeit erweitert – ein Raum, der a priori nicht mehr als Teil eines umgebenden Raumes gesehen werden kann und dessen geometrische Eigenschaften ebenfalls von denen des euklidischen Raums abweichen können. Damit ein Raum als topologische Mannigfaltigkeit bezeichnet werden kann, wird lediglich gefordert, dass es für jeden Punkt auf der Mannigfaltigkeit eine (offene) Umgebung gibt, die umkehrbar, eindeutig und stetig auf eine (offene) Teilmenge im euklidischen Raum abgebildet werden kann. 2 Diese Abbildungen werden Karten genannt. Liegt eine Sammlung von Karten derart vor, dass jeder Punkt der Mannigfal- tigkeit mindestens auf einer Karte vorkommt, spricht man von einem Atlas . Um auf einer Mannigfaltigkeit - bzw. auf den Bildern von den Karten - Diffe- rentialrechnung zu betreiben, muss sie eine gewisse strukturelle Bedingung erfüllen – die Abbildung, um von einer Karte zu einer anderen zu wechseln muss differenzierbar 3 sein. Mit einer solchen Struktur kann dann von diffe- renzierbaren oder „glatten“ Funktionen auf der Mannigfaltigkeit gesprochen werden. Auf einer riemannschen Mannigfaltigkeit können zusätzlich noch über den metrischen Tensor Abstände, die Geodäten als kürzeste Kurve zwischen zwei Punkten, definiert werden (metrische Struktur). 4

Problem und Idee

Kants Ideen als wesentlich „problematische und problematisierende“ (DR 209), Simondons präindividuellen Potenziale und Bergsons Virtuelles finden sich in

1 Zumal „multiplicité“, deutsch Multiplizität als mathematischer Ausdruck eine andere Art von Mengen bezeichnet.

2 Mathematisch präziser: í n , da der euklidische Raum der í n zusammen mit der eukli- dischen Metrik ist. Um metrische Räume wird es in Kapitel III noch gehen. Die allgemeine Definition von Mannigfaltigkeit (Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, Mannheim 1991): „die Verallgemeinerung des Flächenbegriffs: Ein topolog. Raum T wird als eine M. der Dimension n oder als n-dimensionale M. bezeichnet, wenn jeder seiner Punkte eine Umgebung besitzt, die homöomorph [ Homöomorphismus: Umkehrbare, eindeutige und stetige Abbildung] zum

Innern der n-dimensionalen Einheitskugel [Kugel im í n mit Radius 1]

diesem Sinne zweidimensionale Mannigfaltigkeiten.“. 3 Präziser „unendlich oft differenzierbar“. 4 Vgl. CRC Encyclopedia of Mathematics. Für eine Mathematik-historische (wenn auch wenig präzise) Diskussion des Terms „manifold“, Mannigfaltigkeit mit Blick auf Deleuzes Konzept der „multiplicity“, Vielheit s. Delanda 2002, Kapitel 1: The Mathematics of the Virtual.

) ist. Flächen sind in

1 Virtuelle Mannigfaltigkeiten und Differenzphilosophie

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Deleuzes Konzept der Idee als virtuelle Mannigfaltigkeit wieder. 5 Deleuze betont die Verbindung von Idee und Problem bei Kant. Die kantischen Ideen seien die „wahren Probleme“ oder „Probleme ohne Lösung“, da sie als Feld, aus dem und durch das die Lösung erst entstehen kann, diese überdauern. Das Problem wird als „systematisches und einheitliches Feld“ (champ systémati- que et unitaire) verstanden, als notwendige Bedingung der Lösung (immanenter Charakter des Problems). Die Begriffe des Verstandes dagegen müssen zu den Ideen als „ideale Brennpunkte“ konvergieren oder sich an ihnen als „Horizon- te“ reflektieren (transzendenter Charakter des Problems) (DR 219). Dennoch spricht Deleuze von einem kantischen „Extrinsizismus“, da Kant die Lösbarkeit eines Problems als ihm äußerlich, die Determinierbarkeit einer Idee als nur durch Verstandesbegriffe ermöglicht, verstanden habe (DR 221, 233). Deleuze fordert, dass die Idee bzw. das Problem nicht wie bei Kant einem Vermögen, der Vernunft, zugehöre, sondern dass sie das gesamte Denken und somit „alle Vermögen durchläuft und betrifft “ (DR 249), . Ein solches Verhältnis von Problem und Lösung sieht Deleuze in der Theorie der algebraischen Gleichungen, die von Abel und Galois begründet wurde; die wahre Immanenz des Problems sei erst gegeben, wenn die Lösbarkeit aus der Form des Problems selbst hervortrete ( découle ), wenn die Lösung als Aktuali- sierung der ideellen Verhältnisse, aus denen das Problem als solches besteht, verstanden wird. Die Neuerung, die Galois gebracht hat, war vor allem, dass der Blick hin zum Verhältnis der Lösungen untereinander statt auf explizite Formulierung der Nullstellen eines Polynoms gerichtet wurde. 6 Dieser immanente Charakter des Problems erinnert an Simondons Konzept der Transduktion, als der Dialektik, wie auch der Induktion und der Deduktion gegenübergestellt. Auch hier ging es um die immanente Lösung eines Problems von der Mitte aus. Disparate Größenordnungen werden in Kommunikation gesetzt, indem eine Spannung oder ein Problem als positives Charakteristi- kum des Systems genutzt wird. Deleuze geht an dieser Stelle allerdings noch einen Schritt weiter, indem er nicht das Problem mit der Spannung zwischen zwei Phasen, zwei Größenordnungen und seine Lösung mit der Transduktion identifiziert, sondern das Problem (oder die Idee) als Mannigfaltigkeit, als wim- melnden Ameisenhaufen (fourmillement) sieht (DR 220). Und wo bei Simondon die Potenzialdifferenz, die Relation, methodisch an die Stelle des Negativen in der Dialektik tritt, setzt Deleuze die abstrakte Differenz, das Differential dx

5 Vgl. Montebello 2008, S.148. 6 Für eine Diskussion und weitere Literatur s. Delanda 2002, S. 181-186.

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Kapitel II. „La cinématique de l’œuf“

(DR 221) und bricht damit die Dualität der Dialektik hin zu einer Vielheit der Pole und Elemente auf. 7 Dies nennt Deleuze eine mathesis universalis , Theorie der Ideen als Mannigfaltigkeiten, charakterisiert durch differentielle Verhält- nisse und Verteilungen von Singularitäten als Antwort auf eine Universalität der Dialektik (DR 235). Gewissermaßen hat Deleuze Simondons Theorie von einem Raum der Individuierung mit einem eindimensionalen Parameter, den Potenzialen darauf, auf einen viel abstrakteren n-dimensionalen Raum verall- gemeinert, in dem der paradigmatische Raum nicht mehr der der Physik der Phasenübergänge mit einem ausgezeichneten Ordnungsparameter ist, sondern die abstrakten Mannigfaltigkeiten der Differentialgeometrie. 8

Die Idee als virtuelle Mannigfaltigkeit

Als Kernbegriff von Différence et répétition ist die Mannigfaltigkeit Inbegriff des Vielen, das sich nicht vom Einen ableitet. Statt ein festes Gefüge von Punkten zu sein, ist sie ein Raum für sich, ein Wimmeln von Differenzen. Die Fragen der Differenzphilosophie müssen sein: Wieviel? Wie? Für welche Fälle? und nicht mehr Was? und Zu welchem Zweck?, denn auf der Mannigfaltigkeit ist alles veränderbar, im Fluss und im Werden begriffen. Ein erstes Hauptmerkmal der Idee sind die „Differentialverhältnisse zwischen Elementen ohne sinnliche Form und ohne Funktion“. 9 Das Verhältnis von Elementen ist wichtiger als die Elemente selber, diese existieren sogar nur durch ihre Beziehung zuein- ander. Ein ideelles Element ist daher nur „in einem Netz von differentiellen

7 Bei der Schreibweise verwende ich im Sinne von Deleuzes Konzept der Differen z ierung (s. Abschnitt 2 dieses Kapitels) je nach Kontext die Schreibweise „Differential-“, „differentiell“ oder „Differenzial-“, „differenziell“. 8 Diese Darstellung des Unterschieds zwischen Simondons Transduktion und Deleuzes Differenzphilosophie ist zum Teil aus Deleuze – L’empirisme Transcendental übernommen. Aller- dings stellt Anne Sauvagnargues dort multiplicité und transduction gegenüber und sieht einen fundamentalen Unterschied darin, dass Simondon das „Viele“ durch Komplikation des „Einen“ erhalte indem er die Individuierung als transduktiven Übergang zwischen Phasen verstehe. Nach meiner Ansicht ist diese Darstellung von Simondons System etwas zu vereinfacht. Ich sehe die Entsprechung eher zwischen Deleuze virtueller Mannigfaltigkeit und Simondons me- tastabiler präindividueller Phase. Wenn Simondon die präindividuelle Phase als monophasig und das Lebewesen als polyphasig bezeichnet, ist das mehr als vereinfachende Erklärung des Verhältnisses des Individuierten zum Präindividuellen zu verstehen. Streng genommen hatte Simondon die präindividuelle Phase vor der Identität und vor der Einheit situiert, da sie durch ihre Potenziale und Polaritäten durchaus komplexer ist als der heterogene, einheitliche Raum. Einen weiteren Unterschied sieht sie im Begriff der Differenz: „Simondon continue à poser la différence en termes de non-identité“. Dabei ist Simondons Begriff der Potenzialdifferenz gerade als positive Größe, als Reservoir an Energie gedacht und lässt sich außerdem, aufgefasst als ein Feldes aus Potenzialgradienten direkt zu Deleuze weiterdenken. (s. Sauvagnargues 2009, S. 256). 9 Vgl. Die Methode der Dramatisierung, S.146.

t

1 Virtuelle Mannigfaltigkeiten und Differenzphilosophie

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Verhältnissen reziprok bestimmbar“ (DR 356). Beispiele hierfür sieht Deleuze in physikalischen Teilchen und biologischen Genen – Entitäten, die konzeptuell über ihre ideellen Beziehungen und Wirkungen in einem theoretischen Modell definiert werden. 10 Sie sind untrennbar von einem Potenzial oder einer Virtualität und zeugen von keiner vorläufigen Identität ( identité préalable ). In dieser Indeterminiert- heit haben Begriffe wie „Eines“ oder „Dasselbe“ keine Anwendung. So ist die Differenz nicht mehr der Unterschied von einer Entität zu einer anderen, sondern hat schon als bloßes Potenzial eine volle Realität (vgl. DR 237) – dies war auch Simondons Postulat der Realität der Relation.Ein zweites Merkmal ist der immanente Charakter der Mannigfaltigkeit. Sie ist „nicht-eingebettet“, ist Raum für sich, ohne von einem übergeordneten System abzuhängen:

„Mais toujours la multiplicité est définie de manière intrinsèque, sans en sortir, ni recourir à un espace uniforme dans lequel elle serait plongée.“ (DR 237)

Drittens besteht ein Zusammenhang zwischen Idee, Struktur und Genese. Jedes Ding, insofern es Inkarnation einer Idee ist, wird selber zur Mannigfaltigkeit. Die differentiellen Verhältnisse aktualisieren sich in den raum-zeitlichen Be- ziehungen, die Elemente der virtuellen Mannigfaltigkeit in deren Termen und Formen. Die Idee kann so als Struktur gesehen werden:

„La structure, l’Idée, c’est le «thème complexe», une multiplicité interne, c’est-à-dire un système de liaison multiple non localisable entre éléments différentiels, qui s’incarne dans des relations réelles et des termes actuels.“ (DR 237)

In diesem „Strukturalismus“ sieht Deleuze die Versöhnung von Struktur und Genese. Die Ontogenese verläuft „vom Virtuellen zu seiner Aktualisierung, d. h. von der Struktur zur Inkarnation, von den Bedingungen der Probleme zu den Fällen der Lösung, von differentiellen Elementen und ihren idealen Bindun- gen zu den aktuellen Termen und zu den verschiedenen realen Relationen“. 11 Sie ist nicht in den Termen von Möglichkeit oder Ähnlichkeit zu denken, das Virtuelle ist wirklich, ohne das Ur- oder Abbild des Wirklichen zu sein.

10 Die Teilchen des Standardmodells der Physik zum Beispiel, sind lange vor ihrem experi- mentellen Nachweis aus rein theoretischen Betrachtungen zu Symmetriegruppen „entdeckt“ worden. 11 „[D]u virtuel à son actualisation, c’est-à-dire de la structure à son incarnation, des conditions de problème au cas de solution, des éléments différentiels et de leurs liaisons idéales au termes actuels et aux relations réelles diverses “ (DR 238).

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Kapitel II. „La cinématique de l’œuf“

„Le virtuel ne s’oppose pas au réel, mais seulement à l’actuel. Le virtuel possède une pleine réalité, en tant que virtuel. ( (DR269) “

Zwischen den beiden Stadien, dem virtuellen und dem aktuellen, besteht kein Verhältnis der Ähnlichkeit (ressemblance), ihr Verhältnis ist das der Entsprechung (correspondance). Im Gegensatz dazu ähnelt das Wirkliche dem Möglichen, es ist sein Abbild. 12 Die Abbildrelation gilt aber auch in der anderen Richtung, denn das Mögliche ist ontologisch nicht vom Aktuellen unterscheidbar, es ähnelt ihm, weil es „après coup“, im Nachhinein, entstanden ist (DR273).

Singularität, Struktur und Determiniertheit

Bisher ist die Idee als virtuelle Mannigfaltigkeit von Deleuze nur allgemein über ihre differentiellen Verhältnisse bestimmt worden. Zur ihrer Struktur gehören aber ebenso sogenannte „singuläre“ Punkte und deren Verteilung.

„[L’idée] subsume la distribution des points remarquables ou singuliers; toute sa distinction, c’est-à-dire le distinct comme caractère de l’idée, con- siste précisément à répartir l’ordinaire et le remarquable, le singulier et le régulier, et à prolonger le singulier sur les points réguliers jusqu’au voisinage d’une autre singularité.“ (DR 228) 13

Deleuze entnimmt den Begriff der Singularität ebenfalls der Mathematik. Ganz grob kann gesagt werden, dass Singularitäten oder singuläre Punkte, ausge- zeichnete und ungewöhnliche Punkte, Stellen der Divergenz, der Diskontinuität in einem Kontinuum sind.

„In general, a singularity is a point at which an equation, surface, etc., blows up or becomes DEGENERATE .“ 14

Anschauliche einfache Fälle für Singularitäten der Mannigfaltigkeit selber wä- ren dies unter anderem Knicke oder Falten auf Flächen. Eine genaue Erklärung dessen, was eine Singularität ist, hängt immer vom

Kontext ab: „Singularität von

ihren Fortsetzungen spricht, nahe, dass es um die Singularitäten in Beziehung

“. Deleuze legt, in dem er von Reihen und

12 Vgl. Bergson, S. 123. 13 Singularitäten, „[Verteilungen] ausgezeichneter Punkte und gewöhnlicher Punkte, derart, daß ein ausgezeichneter Punkt eine Reihe erzeugt, die sich über alle gewöhnlichen Punkte bis zur Nachbarschaft einer anderen Singularität fortsetzen läßt.“ Die Methode der Dramatisierung ,

S.147

14 CRC Encyclopedia of mathematics, S.3594.

1 Virtuelle Mannigfaltigkeiten und Differenzphilosophie

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auf „Reihen“, bzw. die Entwicklung (oder Annäherung) von Funktionen in Reihen geht. Funktionen auf einer Mannigfaltigkeit allgemein können sehr kompliziert sein und werden daher zur Betrachtung lokal durch Reihenent- wicklungen angenähert. Dabei ist eine Reihe eine besonders einfache Funktion. Eine Singularität tritt dann in einem Punkt auf, in dem die Reihenentwicklung abbricht. Die Fortsetzung der Funktion ist nicht mehr möglich. Singularitäten als Stellen der Divergenz, der Oszillation oder sonstigem nicht wohldefinierten Verhaltens begrenzen den Bereich der Konvergenz von Reihendarstellungen. In diesem Sinne spricht Deleuze von Reihen, die von Singularität zu Singularität fortgesetzt werden. Die Singularität wird als Punkt der Divergenz aufgefasst, in dem die beliebig kleine Differenz der Differentierung zur beliebig großen Divergenz wird. In der Struktur allgemein, d. h. in den differentiellen Verhältnissen und den Verteilungen von Singularitäten, liegt für Deleuze die Realität des Virtuellen. Anne Sauvagnargues paraphrasiert dies mit kantischer Terminologie, indem sie die Struktur die „transzendentale Bedingung des Empirischen“ nennt. 15 In La logique du sens spricht auch Deleuze von einem transzendentalen Feld der präindividuellen Singularitäten:

„Quand s’ouvre le monde fourmillant des singularités anonymes et noma- des, impersonnelles, pré-individuelles, nous foulons enfin le champ du transcendantal.“ (LS 124)

An dieser Passage wird besonders die oben angesprochene „Kreuzung“ von Kants und Simondons Terminologien deutlich: Sowohl das Transzendentale als Struktur, die der Erfahrung zu Grunde liegt, ohne, dass sich ihr Verhältnis auf das von Ursache und Wirkung reduzieren ließe als auch Simondons präin- dividuelles Milieu finden sich in Deleuzes virtueller Mannigfaltigkeit wieder. Anne Sauvagnargues identifiziert Simondons potenzielle Energie mit der „tran- szendentalen Differenz“ und die Individuierung mit der „Aktualisierung in einer gegebenen empirischen Form“. 16 Die Alternative zwischen dem bereits Individuierten, dem statischen Individuum und dem ungeformten, völlig ho- mogenen und undifferenzierten Präindividuellen verwirft Deleuze und setzt ihr die „nomadische“ und „wimmelnde“ Verteilung von Singularitäten entge- gen. Nomadisch ist hier „gefestigt“ entgegengesetzt und betont den variablen,

15 Sauvagnargues 2009, S. 186, „La structure s’avère la condition transcendentale de l’empirique. Immanente et pure, elle coexiste avec l’actualisation empirique sans se réduire à elle.“ 16 Sauvagnargues 2009, S.291.

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Kapitel II. „La cinématique de l’œuf“

fluiden Charakter der Struktur des Virtuellen. Die nomadischen Singularitäten befreien sich sowohl von der Opposition zwischen dem undifferenzierten Ab- grund und den fertigen Individuen (vg. LS 124), als auch von der Opposition zwischen dem begrenzten, menschlichen und dem unendlichen, göttlichen Verstand:

„Des singularités nomades qui ne sont plus emprisonnées dans l’individualité fixe de l’Être infini (la fameuse immuabilité de Dieu) ni dans les bornes sédentaires du sujet fini (les fameuse limites de la connaissance).“ (LS 130)

Dem Begriff des „Nomadischen“ wird in Mille Plateaux eine zentrale Bedeutung zukommen. 17

Differen t ierung, Integration und Differen z ierung

t

Die Idee ist nicht der „undifferenzierte Abgrund“ (LS 124), oben war sie be- reits durch ihre Struktur als distinkt bezeichnet worden. Aber distinkt kommt nicht wie in Descartes’ Meditationen immer gepaart mit „klar“ (einen Sach- verhalt clare et distincte einsehen), sondern Deleuze sieht zwischen den beiden einen Wesensunterschied. So kann klar mit verworren ( clair-confus ) und dun- kel mit distinkt ( distinct-obscur ) zusammenkommen. 18 Als Beispiel nimmt er Leibniz’ Bild des Meeresrauschens aus den Nouveaux Essais. Die unbemerkbar kleinen und unbewussten petites perceptions in einer Monade nennt Deleuze distinct-obscur . Sie sind dunkel, da noch nicht durch bewusste Wahrnehmung beleuchtet und ausdifferen z iert, aber distinkt, da es sehr wohl eine Struktur von Einzelbewegungen – in Deleuzes Worten von differentiellen Verhältnissen und Singularitäten – gibt. Dagegen ist die Apperzeption clair-confus : Sie ist aktualisierte Wahrnehmung des Meeresrauschens. Zum einen ist sie daher klar, zum anderen verworren, weil zu viele Verhältnisse und Singularitäten – Strömungen, Geschwindigkeiten, Teilchen – in der Wahrnehmung aktualisiert werden, gewissermaßen ans Licht kommen (DR 275-276). So ist auch die Idee distinct-obscur, als virtuelle ist sie real ohne aktuell zu sein, differen t iert ohne differen z iert zu sein („différentiée sans être différenciée“). Diese subtile Unterscheidung zwischen den zwei Arten von Differenz ist der Schlüssel zur Beschreibung des Virtuellen in Beziehung zum Aktuellen. Sowohl die Idee

17 S. Kapitel III.1 dieser Arbeit. 18 Das französische „clair“ kann auch mit „hell“ übersetzt werden und ist so „dunkel“ (sombre, obscur ) entgegengesetzt.

1 Virtuelle Mannigfaltigkeiten und Differenzphilosophie

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als auch ihre Inkarnation hat eine Struktur, nur ist die eine klar, die andere dunkel.

„En elle-même et dans sa virtualité, elle est donc tout à fait indifféren c iée. Pourtant, elle n’est nullement indéterminée: elle est, au contraire, com- plètement différen t iée.“ (DR 358)

Die Idee ist undifferen z iert, ohne unbestimmt zu sein. Undifferenziert, weil ihre Struktur, ihre differentiellen Verhältnisse und Singularitäten sich noch nicht in aktuellen oder sinnlichen Dingen bzw. in deren Qualitäten und Teilen inkarniert bzw. verfestigt hat, wie oben zu den „nomadischen Singularitäten“ angemerkt. Es ist, als ob jedes Ding konzeptuell in „ideelle“ (bestehend aus Differentialverhältnissen und Singularitäten) und „aktuelle“ (bestehend aus Qualitäten und Teilen) „Hälfte“ geteilt sei, ohne dass sich diese beiden Hälften ähneln. 19 In diesen zwei Hälften der Dinge finden sich Simondons Phasen wieder. Si- mondon sieht das Individuum als polyphasisches, als Träger von präindivi- duellen Potenzialen und ausdifferenzierten, individuierten Aspekten. Wie Simondon spricht auch Deleuze von einer „Verschachtelung“ (emboîtement, DR 358) der Hälften bzw. Phasen, so dass der Übergang weder in räumlicher noch zeitlicher Hinsicht einfach ist. Das z und das t als zwei „Phasen der Differenz“ 20 fasst Deleuze mit einem Bruchstrich zusammen und nennt die Differen z ierung ein mathematiko-biologisches System. Differenzierung als bio- logischer Terminus, über die Spezifizierung und Formung eines Organismus, und Differentierung als mathematischer, als Struktur einer differentierbaren Mannigfaltigkeit, die inden Dingen zur Inkarnation kommt. 21 Mathematik und Biologie sind hier technische Modelle um die zwei Hälften der Differenz zu beleuchten, die dialektische (t), ideelle, virtuelle Realität, und die ästhetische (z), empirische, aktuelle Realität (DR 285). Obwohl die Differn t ierung nur eine „Hälfte“ des Dinges ausmacht, nennt De- leuze die Idee auf zwei Arten progressiv bestimmbar. Zum einen ist sie über ihre differen t iellen Verhältnisse reziprok bestimmbar, zum anderen vollständig bestimmbar über die Verteilung der singulären Punkte (DR 227-228). Unvoll- ständig ist sie nur im Hinblick auf die aktuelle Existenz. Die Idee aktualisiert sich durch Differenzierung:

t

19 Vgl. Die Methode der Dramatisierung, S.148. 20 Sauvagnargues 2009, S. 195. 21 Die biologische Seite wird in Abschnitt 3 dieses Kapitels noch genauer diskutiert werden.

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Kapitel II. „La cinématique de l’œuf“

„Tandis que la différen t iation détermine le contenu virtuel de l’idée com- me problème, la différen c iation exprime l’actualisation de ce virtuel et la constitution des solutions.“ (DR 270)

Die Idee als Problem, als Differen t ialgleichung kommt in der Aktualisierung zu ihrer Lösung. Wie im einfachsten Fall Differentialgleichungen durch Inte- gration gelöst werden (etwa die Bewegungsgleichungen für einfache Systeme der klassischen Physik), identifiziert Deleuze auch die Differen z ierung mit der Integration. 22 So wie das Virtuelle und seine Determination, so hat auch das Aktuelle und die Differen z ierung zwei Aspekte, ist „doublement déterminé“ (DR 285): Zum einen ist es Spezifizierung von Qualitäten oder Arten (espè- ces), indem es die differentiellen Verhältnisse aktualisiert, zum anderen legt es Anzahl und Ausdehnung fest. 23

2 Individuierung als Ereignis

Bisher wurde der zu Grunde liegende Raum von Individuierungen auf seine Struktur hin untersucht. Zu diesen theoretischen Betrachtungen muss nun noch die Erklärung der Individuierung als Ereignis, nämlich des Übergangs vom Differen t ierten zum Differen z ierten, kommen. Hierzu beruft sich Deleuze explizit auf Simondon und gebraucht wie dieser physikalische Konzepte wie Energie, Intensität und Metastabilität, Information, Kommunikation und Reso- nanz.

Das intensive Feld der Individuierung und die Disparation

Der Individuierungsprozess nach Deleuze lässt sich in etwa so zusammenfassen:

Ausgehend von der Idee als purer Virtualität, entsteht ein Individuierungsfeld, Spannungen und Resonanzen zwischen den Reihen auf der Mannigfaltigkeit (vgl. DR 357).

„L’individuation, c’est l’acte de l’intensité qui détermine les rapports

). Aussi

différentiels à s’actualiser, d’après des lignes de différenciation

t

bien la notion totale est-elle celle de: indi-différen c iation

). (DR 317)“

22 Für eine detailierte Diskussion der Integration angewendet auf Trajektorien im Phasenraum s. Delanda 2002, S. 33-41 und S.179-188. 23 Vgl. DR 271, 281, 285, Die Methode der Dramatisierung, S.146.

2 Individuierung als Ereignis

39

Zu den zwei Momenten der Differenz, Differen t ierung als Struktur des Virtuel- len und Differen z ierung als Struktur des Aktuellen, tritt nun noch das dritte Moment, die Individuierung als Bindeglied zwischen Virtuellen und Aktuellem und somit transzendentales Prinzip. 24 Dies bedeutet, dass das Individuie- rungsfeld Voraussetzung der Differen z ierung ist, sie „provoziert“ (DR 318). Individuieren ist weder organisieren noch aufteilen noch spezifizieren, sondern der Vorgang, der Partitionen, Organisationen und Spezifikationen erst möglich macht.

„C’est sous l’action du champ d’individuation que tels rapports différen-

tiels et tels points remarquables (champ pré-individuel), s’actualisent, c’est-

à-dire s’organisent

d’autres lignes.“ (DR 318)

) en suivant des lignes différenciées par rapport à

Hier findet sich Simondons interne Resonanz wieder. Das Feld der Individu- ierung entspricht dem metastabilen Zustand oder der übersättigten Lösung. Auf diesem Feld sind überall Differenzen und Potenziale verteilt. Es ist eine „informelle und potenzielle Mannigfaltigkeit“ (DR 71) – zum einen informell, da es im simondonschen Sinne vor der hylemorphistischen Dyade von Form und Materie liegt, zum anderen potenziell, da die Kräfte, die zum Individuie- rungsprozess gehören, noch nicht wirken. Wie in Simondons Begriffssystem das Problematische, die Disparität und die Transduktion an die Stelle des Nega- tiven in der Dialektik traten, setzt Deleuze die Intensität als „Affirmation“ der Differenz (DR 302) dem Negativen entgegen, um das Feld der Individuierung zu erhalten

„Il ne s’agit pas d’abord de résoudre des tensions dans l’identique, mais de distribuer des disparates dans une mulitplicité.“ (DR71)

Die Illusion des Negativen entstehe, wenn die Differenz von ihrer Aktuali- sierung her betrachtet wird. Deleuze nimmt Begriff des Disparaten auf – bei Simondon ein System bestehend aus mehreren heterogenen und inkompatiblen Größenordnungen – und verbindet ihn mit dem Begriff der Intensität:

„Nous appelons disparité cet état de la différence infiniment dédoublée, résonnant à l’infini. La disparité, c’est-à-dire la différence ou l’intensité (différence d’intensité), est la raison suffisante du phénomène, la condition de ce qui apparaît.“ (DR 287)

24 Vgl. Sauvagnargues 2009, S.310.

40

Kapitel II. „La cinématique de l’œuf“

Wo Simondon von einfachen Potenzialdifferenzen spricht, versteht Deleuze die Intensität als unendlich widerhallend. Sie besteht zwischen Reihen, die wiederum über die Differenzen zwischen ihren Gliedern definiert sind. Dass z. B. eine Temperatur nicht aus anderen Temperaturen zusammengesetzt ist, wie das bei extensiven Größen der Fall ist, liegt daran, dass jede Temperatur als intensive Größe schon Differenz ist:

„[L]es différences ne se composent pas de différences de même ordre, mais impliquent des séries de termes hétérogènes.“ (DR 306)

Es besteht daher kein additives Verhältnis, sondern eine Verschachtelung von verschiedenen Ordnungen der Differenz – der zwischen Reihen und der zwi- schen den Gliedern der Reihen. Intensive Größen erklären und bestimmen die Aktualisierung von Virtuellem, sie sind ihre Bedingung.

„L’intensité est la forme de la différence comme raison du sensible. Toute intensité est différentielle, différence en elle-même.“ (DR 287)

Die Phänomene, das Extensive, Entwickelte wird zur Oberfläche, das begrün- dende Intensive wird die Tiefe ( la profondeur ) oder das intensive spatium (DR 307) genannt.

„Les intensités enveloppantes (la profondeur) constituent le champ d’indi- viduation, les différences individuantes. Les intensités enveloppées (les distances) constituent les différences individuelles.“ (DR 326)

Die Tiefe oder, wie Deleuze selber übersetzt, der „Ungrund“ (DR 296), ist „Ma- trix des Ausgedehnten“. Sie enthält in eingewickelter Form die Entfernungen, die sich in der Erscheinung erklären und im Ausgedehnten entwickeln (DR 296-297). 25 Individuierung wird so zur Explikation dessen, was vorher nur implizit Vorhanden war, und zur Entwicklung der vorher bloß eingewickelten Entfernungen. Diese „eingewickelten“ Entfernungen sind keine extensiven Größen, sondern sind gewissermaßen nicht vermessbar und somit auch nicht teilbar. 26 Sie wer- den insofern asymmetrisch genannt, als sie zwischen inkompatiblen und dispa- raten Reihen bestehen. Sie entsprechen nicht dem naiven Bild der Strecke als

25 „[E]nvelopper“ mit „einwickeln“ zu übersetzen klingt weniger schön als das in Joseph Vogls Übersetzung gewählte „einhüllen“, erhält dafür die auch im französischen bestehende ethymologische Verbingung zwischen einwickeln und entwickeln, envelopper und développer, aufrecht. 26 Die Frage nach der Vermessbarkeit wird in Abschnitt III.1 wieder auftreten.

2 Individuierung als Ereignis

41

Entfernung zwischen zwei Punkten im Koordinatensystem. Insofern versteht Deleuze die intensive Größe als „embryonnée“ (DR 305), sie ist verschachtelt, schließt die Differenzen ein und enthält Entfernungen in eingewickelter Form, d. h. als unteilbare und (noch) nicht extensive Größen.

„Différence, distance, inégalité, tels sont les caractères positifs de la profon- deur comme spatium intensif.“ (DR 298)

Veranschaulicht wird dies durch das von Simondon genutzte Bild der visuel- len Disparation : Im neuen, zusammengesetzten Bild von rechtem und linkem Auge sieht Deleuze eine bloße Entwicklung der vorhergehend bereits darin implizierten oder „eingewickelten“ ursprünglichen Tiefe:

„Partout la profondeur de la différence est première; et il ne sert de rien de retrouver la profondeur comme troisième dimension, si on ne l’a pas mise au début comme enveloppant des deux autres, s’enveloppant elle-même comme troisième.“ (DR72)

Die Tiefe bzw. das intensive Spatium muss als präindividuelles Feld mit seinen „eingewickelten und einwickelnden Intensitäten“, „individuierenden und indi- viduierten Differenzen“, die Deleuze die „individuierenden Faktoren“ nennt (DR 327) immer schon gegeben sein. Während die virtuelle Mannigfaltigkeit reine Struktur war, kommt mit dem Individuierungs-Feld die Energie hinzu, die eine Struktur aktualisieren kann. Anne Sauvagnargues spricht von einer „transzendentalen Physik der Intensität“. 27 Wird die Intensität –vereinfachend – physikalisch als Höhen- bzw. Tiefenprofil, als Gradient, als Gefälle interpretiert, kann das Intensive als potenzielle Ursache von Prozessen verstanden werden. Wie z. B. ein Temperaturgefälle einen Fluss von Wärmeenergie verursacht, ist das Intensive allgemein für Bewegungen und Strömungen verantwortlich. 28 Deleuze versteht Energie im simondonschen Sinn, indem er den metastabilen Zustand privilegiert:

„[N]ous définissons l’énergie par la différence enfouie dans cette intensité

pure.

énergie uniforme en repos qui rendrait impossible toute transformation.“

(DR 310)

) On évitera donc de confondre l’énergie en général avec une

Wie bei Simondon ist die Energie im Hinblick auf die Individuierung primär die potenzielle Energie, die noch das präindividuelle birgt, bei Deleuze die

27 Sauvagnargues 2009, S. 310. 28 Vgl. Delanda 2002, S.69-70.

42

Kapitel II. „La cinématique de l’œuf“

darin „vergrabene“ (enfouie) Differenz. In Zustandsänderungen oder Trans- formationen, wie die Individuierung eine ist, tendiert diese Differenz dazu, sich zu annullieren – ähnlich Simondons Konzept der Potenzialdifferenzen, die ausgeglichen werden. In Différence et répétition wurde die Aktualisierung als Lösung eines Problems, Integration einer Differentialgleichung erklärt. In La logique du sens ist der zen- trale Begriff das Ereignis, das als „Menge von Singularitäten“ (LS67) bezeichnet wird. Die Individuierung beschreibt Deleuze hier über die Singularitäten:

“En premier lieu, les singularités-événements correspondent à des séries hétérogènes qui s’organisent en un système ni stable ni instable mais

«métastable», pourvu d’une énergie potentielle où se distribuent les différences

entre séries.

sus d’auto-unification, toujours mobile et déplacé dans la mesure où un élément paradoxal parcourt et fait résonner les séries, enveloppant des points singuliers correspondants dans un même point aléatoire et toutes les émissions, tous les coups, dans un même lancer. En troisième lieu,les singularités ou potentiels hantent la surface. Tout se passe à la surface dans un cristal qui ne se développe que sur les bords.“ (LS 125)

) En second lieu, les singularités jouissent d’un proces-

Der erste Punkt beschreibt die oben besprochene Struktur des Virtuellen zusam- men mit präindividuellen Potenzialen; das differen t ierte Virtuelle zusammen mit den intensiven Differenzen zwischen den Reihen. Der zweite Punkt ist der entscheidende Schritt in der Individuierung: die Herstellung einer Kom- munikation oder internen Resonanz. Das Zustandekommen dieser Resonanz ist allerdings für Deleuze komplizierter als bei Simondon, er führt es auf ein gewisses „paradoxales Element“ zurück. An dritter Stelle steht die empirische Realität, die Oberfläche, als dem intensiven Spatium , der Tiefe ( le profond ), ge- genüber. Hier beruft sich Deleuze auf Simondons Betrachtungen zur Topologie des Lebendigen und des Kristalls. Die Individuierung oder das Ereignis finde immer an der Grenze, an der Oberfläche statt.

Resonanz und Dispars

Eine weitere Gemeinsamkeit mit Simdondon liegt darin, dass Deleuze Reso- nanz und Kommunikation als konstituierend für die Individuierung, für das Aufkommen eines Ereignisses ansieht. Die heterogenen Reihen des intensiven Feldes müssen gekoppelt werden, in Kommunikation oder Resonanz treten,

2 Individuierung als Ereignis

43

damit die Individuierung als Ereignis auftreten kann. Deleuze verwendet das physikalische Beispiel der erzwungenen Schwingung, indem er die zwei „Reihen“ mit zwei Schwingern (Pendel und Erreger) vergleicht, die gekoppelt werden und bei denen es im schlimmsten Fall zur sogenannten Resonanzkata- strophe kommt. 29 Der Unterschied zu Simondon liegt allerdings darin, wie diese Resonanz erklärt und beschreiben wird. Hier unterscheidet sich Deleuzes Konzept der heteroge- nen Reihe von Simondons Konzept der heterogenen Größenordnungen. Die entscheidende Frage ist: Wie ist die Resonanz zwischen heterogenen Systemen oder Reihen möglich? Die von Simondon betrachteten Systeme befanden sich in einem übersättigten Zustand, so dass die auslösende Singularität und das System gewissermaßen zusammen passten, in Deleuzes Worten eine „Ähnlich- keit“ aufweisen. Die Resonanz zwischen den disparaten Größenordnungen blieb dem physikalischen Paradigma der Kraftübertragung verhaftet. An dieser Stelle weicht Deleuze deutlich von Simondon ab, wenn er über ihn schreibt:

„G. Simondon maintient une exigence de ressemblance entre séries, ou de petitesse des différences mises en jeu.“ (DR 158 Fußnote 1)

Der Vorwurf ist Simondons Nähe zum technischen Paradigma und dem der Nachrichtenübertragung, die eine Analogie zwischen Sender-und Empfänger- system fordert. 30 An seiner Verwendung des Paradigmas der Nachrichtenüber- tragung und der Resonanzphänomene wirft Deleuze Simondon vor, dass dieser die Kategorien vom Selben und der Identität einbringt: Die Erregerfrequenz w muss nah bei der dem schwingenden System charakteristischen Resonanzfre- quenz w 0 liegen. Delanda betont, dass Deleuzes Erwähnung von gekoppelten Pendeln und Resonanzphänomenen nicht wörtlich, sondern eher im Sinne von „positivem Feedback“ oder „wechselseitig stimulierende Kopplung“ zu verstehen seien. 31 Deleuze stellt sich schließlich die Frage, ob ein Zuviel der Differenz nicht die Kommunikation unmöglich macht. Er verneint dies, indem er eine Art Operator – agent wie er es nennt – einführt. Diesen nennt er in La logique du sens den „quasi-kausalen Operator“, in Différence et répétition den „dunklen Vorboten“ ( précurseur sombre ) oder den Dispars . Dispars, als ein aus

29 Vgl. DR 154. 30 Deleuze beruft sich auf eine Passage aus dem Kapitel über Information (IGP 254-257). 31 „The terms “resonance” and “forced movement” should not be taken as mere physical metaphors. Rather, we should think about resonance as positive feedback , a generic process which implies one or other form of mutually stimulating couplings inducing resonances among heterogenous elements, as well as the amplification of original differences (forced movements).“ Delanda 2002, S. 205.

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Kapitel II. „La cinématique de l’œuf“

der Disparation abgeleiteter Neologismus, ist auch im Individuierungsprozess das konzeptuelle Bindeglied zwischen Disparatem und Individuiertem. Das System kann nicht „von selbst“ in den Zustand der Resonanz übergehen, sondern benötigt die Einwirkung eines „dunklen“, da selbst nicht wahrnehmba- ren Operators, der die Kommunikation herstellt – ein transzendentaler Operator, der den Übergang von der intensiven Tiefe zur empirischen Oberfläche erst ermöglicht. 32 Deleuze veranschaulicht diesen Vorgang mit dem Bild des Blitzes:

„La foudre éclate entre intensités différentes, mais elle est précédée par un précurseur sombre , invisible, insensible, qui en détermine en avance le chemin renversé comme en creux.“ (DR 156)

Hierbei entspricht der dunkle Nachthimmel dem intensiven Spatium und der helle, sichtbare Blitz dem Ereignis der Individuierung oder dem „Zeichen“ (signe), das zwischen den Disparaten „passiert“ (im doppelten Sinne). Doch der Blitz, die sichtbare Entladung über die Potenzialdifferenz zwischen verschiede- nen Niveaus kann erst durch einen zunächst nicht sichtbaren Ionisierungskanal entstehen. In der Luft als nicht-leitendem Medium muss eine Vorentladung (preliminary breakdown) passieren, die die Moleküle teilweise ionisiert. Ein Kanal, daher der Ausdruck „en creux“, ein Hohlraum, eine Rinne, durch die der Strom fließen kann. Dioes ist was Deleuze den „précurseur“ nennt, English „stepped leader channel“, wegen seiner gezackten Form. Diese Entladungen sind nicht stark und daher unsichtbar oder „dunkel“. Sie bereiten nur als Kanal den Weg für die Hauptentladungen, die dann, nachdem der Kontakt mit dem Boden hergestellt worden ist, in mehreren Malen hin und zurück laufen. 33 In Bezug auf die heterogenen Reihen, die selber über differentielle Verhält- nisse definiert waren, nennt Deleuze den Dispars das „Differenzierende der Differenzen“ (DR 157).

„Nous appelons dispars le sombre précurseur, cette différence en soi, au second degré, qui met en rapport les séries hétérogènes ou disparates elles-mêmes.“ (DR 157)

Der Dispars ermöglicht die Kommunikation, indem er überhaupt erst die Rei- hen ins Verhältnis zueinander setzt, eine Differenz zwischen ihnen herausstellt. Die Kommunikation ist konstituierend für die Individuierung, da sie Differen- zen zu Differenzen ins Verhältnis setzt, die vorher bloß heterogen und disparat

32 Anne Sauvagnargues spricht in ihrer kantischen Lesart von einem „Operator des Verhält- nisses von Sinnlichkeit und Realität“, Sauvagnargues 2009, S. S. 312. 33 Artikel „lightning“ in McGraw-Hill Encyclopedia of Science and Technology.

2 Individuierung als Ereignis

45

waren. Deleuze nimmt Simondons eigene ontologische Forderungen ernst, wenn er schreibt, dass es im intensiven präindividuellen Raum keine Differenz gibt, die „klein“ genannt werden könnte: Der dunkle Vorbote steht ontologisch vor der als groß oder klein qualifizierten Differenz. Identität und Ähnlichkeit sind nicht seine Bedingungen, sondern seine Wirkungen. Er ist ein Element, das insofern paradox ist, als es dem „bon sens", dem gesunden Menschenverstand, gegenübersteht. Die Herausforderung ist, ein Vermögen an seine Grenzen zu bringen – das Denken bis ans Undenkbare, die Sinne bis zum „Unsinnlichen“ (insensible, DR 293). Manuel Delanda stellt sich die Frage, mit welcher Berechtigung ein solcher Operator angenommen werden darf und welche Indizien es für eine solche An- nahme gibt. Genauer gehe es um die Erklärung von spontanen Übergängen, ge- wissermaßen um die Suche nach Spuren des Virtuellen im Aktuellen. 34 Er sieht eine Veranschaulichung für den Dispars in der spontanen Kopplung von Fluk- tuationen von verschiedenen Größen in der Nähe von Nicht-Gleichgewichts- Phasenübergängen, wie Ilya Prigogine und Grégoire Nicolis sie beschreiben. In einem makroskopischen System, das statistischen Gesetzen unterliegt, gibt es immer Fluktuationen, die normalerweise ungeordnet verlaufen. So gleichen sie sich global gesehen aus, die Gesamtheit von Fluktuationen und Reaktionen im System erhält es in einem „dynamischen Gleichgewicht“. Dagegen können in einem instabilen System, das nicht mehr im Gleichgewicht ist, diese Fluktuatio- nen so koppeln und verstärkt werden, dass beobachtbare Effekte und eine neue Struktur entstehen. 35 Inwieweit dieses Beispiel Deleuzes Konzept des Dispars erklärt, wird meiner Meinung nach nicht klar. Hier könnte nämlich die Korrelation, die Kopplung und Verstärkung der Fluktuationen auch so interpretiert werden, dass sie genau dem entspricht, was sowohl Simondon, als auch Deleuze Resonanz nennen, zumal der von für Simondon zentrale Begriff der Verstärkung auftritt. Gesucht waren die „paradoxalen“ Prozesse, die die Resonanz vorbereiten und ermögli- chen. Gleichzeitig scheint Deleuzes Annahme eines „dunklen Vorboten“ als paradoxa- les Element gerade ein Schritt weg vom physikalischen Paradigma zu sein. Wie oben bereits angemerkt, handelt es sich um einen entwendeten Begriff, der dann in andere Bereiche überführt wird. Deleuze führt zur Erklärung des Dispars

34 DeLanda 2002, S.85 „But what evidence do we have that there are intensive processes which can spontaneously perform information transmission operations?“ 35 Vgl. Prigogine/Nicolis 1989, S.168-185.

46

Kapitel II. „La cinématique de l’œuf“

literarische Beispiele an, z. B. die Resonanz zwischen verschiedenen Reihen – der gegenwärtigen und der der Kindheit in Marcel Prousts Suche nach der verlorenen Zeit . Es geht um die Erklärung eines Ereignisses, das eigentlich nicht passieren könnte, das aber, durch ein „Objekt = x“, das irgendwie in der Tiefe – bei Proust die „singuläre Tiefe“ der Erinnerung – impliziert ist, hervorgerufen wird (DR 160, Fußnote). 36

3 Embryogenese und Organismus

Deleuze teilt das System der Individuierung in sieben Stufen ein 37 :

1. Die Tiefe, das Spatium, der zu Grunde liegende Raum

2. Disparate und heterogene Reihen und Individuierungs-Felder

3. Der dunkle Vorbote, der die Kommunikation herstellt

4. Kopplungen und Resonanzen

5. Pure raum-zeitliche Dynamiken, passive Ichs und Larvensubjekte

6. Die zwei Aspekte der Differen z ierung

7. Präindividuelle Faktoren und „Zentren der Einwicklung“ 38

Stufe 1 bis 4 wurden in den vorangegangenen Abschnitten beschrieben. Hier waren die Konzepte der Mathematik und Physik entliehen bzw. entwendet. Die Frage ist nun, wie ausgehend von den Ideen als virtuelle Mannigfaltigkeit und dem präindividuellen Feld der Intensitäten ein Organismus entsteht oder allgemeiner, wie die Differen z ierung genau vor sich geht. Hier soll es nur um den biologischen Aspekt des Organismus gehen, daher wird der psychologische Aspekt und die Frage der Subjektivität nicht behandelt.

36 Nichtsdestotrotz wäre ein mögliches naturwissenschaftliches bzw. wissenschaftsgeschicht- liches Besipiel zur Erhellung von Deleuzes Annahme des dunklen Vorboten vielleicht Paulis Hypothese der Existenz des Neutrinos zur Erklärung der vermeintlichen Verletzung des Ener- gieerhaltungssatzes bei der b -Strahlung. Ein ungeladenes und, so zunächst angenommen, masseloses Teilchen, wird ohne die Möglichkeit eines experimentellen Nachweises (dieser fand erst 30 Jahre später statt) postuliert damit die Bilanz des beschreibenden Modells passt. Ein vorbereitendes, unmerkbares Ereignis, das das eigentliche Ereignis - die Emission eines Elektrons - erst ermöglicht. (Spektrum Lexikon der Physik, Heidelberg, 2000). 37 Vgl. DR 355-6. Er nennt es eigentlich das System des Ebenbildes simulacre.Da dieser Begriff aber in Différence et répétition keine zentrale Rolle spielt und auch in von Deleuze später selber verworfen wurde, sei dies hier nur am Rande bemerkt (Vgl. Sauvagnargues 2009, S. 314). 38 „[C]entres d’enveloppement“.

3 Embryogenese und Organismus

47

Ei, Drama und Larvensubjekt

Larve und Embryo

Deleuze beschreibt die Prozesse, die folgen, wenn die Kommunikation zwischen den disparaten Reihen hergestellt ist, wie folgt:

„Des dynamismes spatio-temporels remplissent le système, exprimant à la

fois la résonance des séries couplées et l’amplitude du mouvement forcé

qui les débordent. 39 Des sujets peuplent le système, à la fois sujets larvaires

et mois passifs.“ (DR155)

Die Dynamik in dieser Phase ist gezeichnet von erzwungenen Schwingungen und Resonanzkatastrophen.In dem Milieu dieser extremen Bewegungen und Flüsse sind die „Subjekte“ oder allgemeiner Individuen, die auf den Plan treten, gewissermaßen provisorisch, da noch nicht ausdifferenziert. Deleuze bezeich- net sie als Embryonen oder Larven. Sie sind die passivsten und abhängigsten lebenden Individuen „am äußersten Rand des Lebbaren“ (à la pointe du vivable) und damit die einzigen, die eine solche Dynamik überhaupt erleiden können. Jedes gut konstituierte oder organisierte Individuum würde daran sterben.

„La vérité de l’embryologie, déjà, c’est qu’il y a des mouvements vitaux

systématiques, des glissements, des torsions, que seul l’embryon peut

supporter : l’adulte en sortirait déchiré. ( L’évolution ne se fait pas à

l’air libre et seul l’involué évolue.“ (DR 155-156)

)

Für die Entwicklung sind die „eingewickelten“ Größen, wie sie im intensiven Spatium zu finden sind, unerlässlich. Daher ist die intensive Größe auch als „embryonniert“ ( embryonné ) charakterisiert worden. Für das Individuum bedeutet dies, dass die Entwicklung nur im Ei stattfinden kann: Nur ein noch nicht voll ausdifferenziertes Lebewesen – der Embryo, die Larve – kann sich entwickeln. Das Feld der Individuierung als Milieu wird unerlässlich. Hier findet sich das auch von Simondon verwendete Konzept der Neotenie wieder:

Larvenhafte Züge werden konserviert, damit auch Potenziale für Entwicklung, Wandel und Aktivität konserviert werden können. Wie für Simondon ist für Deleuze das wahre Individuum genau ein solches, das gerade im Prozess seiner Individuierung begriffen ist:

„Et l’embryon, c’est l’individu comme tel, directement pris dans le champ

de son individuation.“ (DR 322)

39 Es müsste meiner Meinung nach „déborde“ heißen, da es sich auf „l’amplitude“ bezieht.

48

Kapitel II. „La cinématique de l’œuf“

Das Ei als Feld der Individuierung. Das differenziertere Individuum wird später von einem Milieu umgeben sein, das nicht mehr bloß Feld der Individuierung ist. Dieses Verständnis vom wahren Individuum oder Individuum als solchem erinnert an Simondons Konzept der „kleinen Gewichte und Residuen“, die durch jede individuierende Operation im Individuierten zurückbleiben. 40

Das Drama

Deleuze bezeichnet diese Dynamischen Prozesse als Dramen. Sie bestimmen die Aktualisierung der Idee, „dramatisieren“ sie. Das bedeutet: sie räumlich und zeitlich inszenieren. Das Ei selbst wird zum Theater, indem seinen pluripoten- ten Bestandteilen gemäß eines „strukturellen Themas“ eine Rolle zukommt (DR 279). So „inkarniert“ sich ein differentielles Verhältnis über die raum-zeitlichen Dynamiken in Qualitäten und Ausdehnungen. Die Dramatisierung ist so einer- seits räumlich – eine „Szenographie“, in der die dynamischen Prozesse über Achsen der Aktualisierung einen der Aktualisierung eigenen Raum erzeugen, der der virtuellen Struktur entspricht. Über differentielle Geschwindigkeiten und Rhythmen wird andererseits eine der Aktualisierung eigene Zeitlichkeit erzeugt (DR 277-280). Auch Simondon spricht an einigen Stellen von einem „Theater“:

„Le vivant est agent et théâtre d’individuation.“ (IGP12)

Das Lebewesen als Problematisches, das durch einen Prozess gekennzeichnet ist, der von der Mitte her verstanden wird.

Das Ei

In der Embryogenese findet Deleuze die Veranschaulichung der Indiviuierungs- und Differenzierungs-Mechanismen, das Ei wird zum Modell der Welt. Die Vielheit an Polaritäten und Strömen im Ei sind es, die zur Individuierung und zur Differenzierung führen.

„ Le monde est un œuf. Et l’œuf nous donne, en effet, le modèle de l’ordre des raisons : différentiation-individuation-dramatisation-différenciation (spécifique et organique).“ (DR 323)

Aus Albert Dalcqs Arbeiten zur Embryologie, speziell zu den Dynamiken im Ei, entnimmt Deleuze Begriffe wie das „morphogenetische Potenzial“ und die

40 Vgl. IGP 241-242.

3 Embryogenese und Organismus

49

„Feld-Gradienten Schwelle“ und interpretiert sie im Sinne seiner Theorie der Intensität als Individuierende Größe. Die Struktur der Intensitäten im Ei drückt zunächst die virtuellen Verhältnisse, die zu aktualisieren sind, aus (das Feld der Individuierung). Dieses Intensitätsprofil ruft Dynamiken und Flüsse hervor (die Dramatisierung), die dann zur Formung von Arten und organischen Teilen führen, die Differenz wird so im Differen z ierten manifest und verfestigt.

Embryogenese, Epigenese und Präformismus

Das Ei als Feld der Individuierung wird gegen das Modell der Ähnlichkeit gestellt, so dass der Opposition von Präformismus und Epigenese eine neue Bedeutung bekommt. Es ist nach diesem Modell nicht mehr sinnvoll zu fragen, ob im Ei alles schon als ein „durch Vererbung vorgeschriebenes Programm“ enthalten und festgelegt ist und nur auf seine Aktivierung wartet, wie es der Präformismus tut. 41 Deleuze spricht zwar von „Präformationen“, aber diese sind „eingewickelt und intensiv“ und verhalten sich zu den „entwickelten, qualitativen und extensiven Formationen“ so, wie das Virtuelle zum Aktuellen:

Sie ähneln ihnen nicht (DR 324). Mit diesem sehr schwachen Begriff von Präformismus steht nun Deleuzes epi- genetischer Standpunkt nicht mehr im Widerspruch. Deleuze ersetzt so die „genetische“ durch eine „ökologische“ Bestimmung des Lebewesens: Die Pro- zesse und Bewegungen im Milieu spielen neben der genetischen Information bei der Entstehung und Formung des Individuums eine ebenso wichtige Rolle (DR 280). Epigenetische Information ist zum Beispiel die Zell-Polarität, da sie sich nicht auf die in der DNA enthaltene Information zurückführen lässt. Allge- mein betont der epigenetische Standpunkt die Wichtigkeit der Wechselwirkung der Teile des sich entwickelnden Embryos. Er räumt die Möglichkeit ein, dass Signale von außerhalb der Zelle oder aus dem Cytoplasma die Aktivität von spezifischen Genen beeinflussen oder steuern können. 42 Wie Simondon von „impliziter Information“ spricht (IGP 227), schreibt Deleuze in Anlehnung an Dalcq, dass der Zellkern und die Gene nur die „differentierte Materie“ darstellen (DR 323). Hier liegen die differentiellen Verhältnisse, Struk- tur des prä-individuellen Feldes, die zu aktualisieren ist. Die Aktualisierung selbst werde dann durch das Zytoplasma, den restlichen Teil der Zelle mit

41 Jacob 1971 S.10, „L’organisme devient ainsi la réalisation d’un programme prescrit par l’hérédité.“ 42 Vgl. Eintrag „Epigenese“, Spektrum Lexikon der Biologie, Band 5.

50

Kapitel II. „La cinématique de l’œuf“

seinen Konzentrationsgradienten bestimmt.

Weg von der Metapher des genetischen Codes

Wie nah Deleuzes Theorie hier biologischen Theorien der Selbstorganisation steht zeigt der informationstheoretische Standpunkt, den Henri Atlan in Le vivant post-génomique – Ou qu’est-ce que l’auto-organisation? vertritt. Henri Atlan wehrt sich gegen das Dogma des genetischen Codes, der den Ablauf eines finalisierten oder teleologischen Prozesses voraussetzt. Mit seiner provokativen Formulierung: „Das Genetische ist nicht im Gen“ 43 betont er, dass das Gen, vom Dogma der Molekularbiologie gesehen, keinen dynamischen Prozess erklären kann. Es sei nur ein Stück unbelebte Materie und habe die ursprüngliche Bedeutung von „genetisch“, d. h. „eine Genese produzierend“, nicht. Inspiriert von der Theorie der Selbstorganisation, künstlicher Intelligenz und artificial life, schlägt er die alternative Metapher von Programm und Daten vor:

„[L]es déterminisme génétiques résultant de la structure séquentielle des ADN fonctionnent donc non pas comme un programme, mais comme des données mémorisées, traitées et utilisées dans un processus dynamique qui, lui joue le rôle d’un programme. Ce processus est produit par l’ensemble des réactions biochimiques couplées du métabolisme cellulaire.“ 44

Der gesamte Stoffwechsel der Zelle wird als Programm gesehen, die Gene, oder die in der DNA enthaltenen genetische Information als Daten, die von diesem „Programm“ verarbeitet werden. 45 Die Zelle wird inspiriert von von Neumanns cellular automaton zum „epigenetischen Automaten“. 46 Schon die extrem einfa- chen „Spielzeugmodelle“ der Zellautomaten zeigen, wie ein immer gleiches, extrem einfaches Programm aus minimal voneinander abweichenden, sehr ein- fachen Anfangszuständen variable und komplexe Endzustände hervorbringen kann. Der Anfangszustand als Keim (germe) entspricht den Daten, wird durch die Regeln weiterverarbeitet. Eine „wenig spezifische zelluläre Maschinerie“

43 Im Original „le génétique n’est pas dans le gène“, Atlan 2011, S. 55-56. 44 S.Atlan 2011, S.67. 45 Wieners Ansatz das Gehirn als Maschine zu sehen ging auch schon in diese Richtung:

Vergleich mit der Rechenmaschine: „it is not the empty physical structure of the computing

but the combination of this structure with the

machine that corresponds to the brain (

instructions given it at the beginning of a chain of operations and with all the additional information stored and gained from outside in the course of this chain.“ Wiener 1954, S.171.

)

3 Embryogenese und Organismus

51

spielt die Rolle eines „parallel laufenden Programmes“. 47 Angewendet auf die Embryogenese kommt auch Henri Atlan zu einer „ökologischen“ Bestimmtheit des Lebewesens: Der Entwicklungsprozess läuft nach und nach ab. Das Pro- gramm der Entwicklung ist völlig delokalisiert und kommt der Gesamtheit der physiko-chemischen Zwangsbedingungen, der die Prozesse des Austauschs mit anderen Teilen und Zellen unterliegen, gleich. 48

Differenzierung und Strukturalismus in der Biologie (Geoffroy Saint-Hilaire)

Strukturalismus in der Biologie bevorzugt allgemeine Form- und Strukturge- setze vor Betrachtungen zu Funktionen. 49 Einer der frühen Vertreter dieser Theorie ist Etienne Geoffroy Saint-Hilaire. 50 Deleuze zieht Geoffroy und den Streit zwischen Geoffroy und Cuvier heran, um seine Auffassung von Struk- turalismus – dass die Individuierung und Differenzierung nicht von einem aktuellen Term zum nächsten, sondern von einer virtuellen Struktur zu ihrer Aktualisierung gehen – am Organismus als biologische Idee zu veranschauli- chen und beschreibt, wie genau eine virtuelle Struktur in einem Organismus aktualisiert ist.

„Un organisme est un ensemble de termes et de relations réelles (dimensi- on, position, nombre) qui actualise pour son compte, à tel ou tel degré de

développement, les rapports entre éléments différentiels

le développement des organismes doivent donc être conçus comme actuali- sation de l’essence, suivant des vitesses et des raisons variées déterminées

par le milieu, suivant des accélérations ou des arrêts, mais indépendam- ment de tout passage transformiste d’un terme actuel à un autre terme actuel.“ (DR 239-240)

). La genèse ou

In dieser Beschreibung des Organismus finden sich sowohl Simondons Konzept der Realität der Relation, in dem der Organismus als Aktualisierung seiner vir-

47 Im Original „programme distribué“, „machinerie cellulaire peu spécifique“, Atlan 2011

S.171-172.

48 Atlan 2011, S. 118-122. 49 Vgl. Spektrum Lexikon der Biologie, Band 13. 50 „Geoffroy Saint-Hilaire (1772-1844) versuchte den Körperbau der Wirbeltiere und Wirbello- sen zu analogisieren und gelangte so zu einer Theorie der „Einheit des Bauplans“ (unité de plan), zu einer „Theorie von den Analogien“ (heute als Homologien bezeichnet), woraus er schloß, daß die Entwicklung der Lebewesen von einem einzigen Bauplan hergeleitet werden könne; geriet hierüber mit G. de Cuvier (1769-1832), der eine Aufspaltung in vier unabhängige Zweige mit unabhängigen Bauplänen postulierte, in Streit („Pariser Akademiestreit“, 1830-32 )).“ aus: Spektrum Lexikon der Biologie, Band 6. S. auch Kapitel III.3 dieser Arbeit für eine weitere Diskussion.

52

Kapitel II. „La cinématique de l’œuf“

tuellen Struktur definiert wird, als auch das der Neotenie wieder. Der Prozess dieser Aktualisierung ist wesentlich dynamisch, hängt von Wechselwirkungen mit dem Milieu ab und wird je nach Ablaufgeschwindigkeit ein anderes Er- gebnis hervorbringen. Dies ist das Konzept der Neotenie, das bei Simondon der Übergang von einer Art der Individuierung zu einer anderen war und ebenso bei Geoffroy eine Rolle spielt. Wenn die Entwicklung auf einer gewissen Stufe anhält, werden die Unterschiede der Strukturen durch unterschiedliche Entwickungsdauern, nicht durch unterschiedliche Pläne, erreicht.

„Même l’arrêt prend l’aspect d’une actualisation créatrice dans la néoténie.“ (DR 279)

Es ist Geoffroys Konzept von Homologie (Entsprechung der Strukturen) bzw. der Isomorphie, das gewährleisten soll, dass zwischen den Arten ein (zumin- dest konzeptueller Übergang) durch Faltung (pliage) möglich ist. Deshalb sieht Deleuze in Geoffroy gewissermaßen einen Vorläufer der „Bio-Topologie“ und der Gene als virtuelle Träger von biologischer Information. Alles hängt von differentiellen Verhältnissen ab, die Chromosomen als Loci , nicht kartesische Koordinaten, sondern „Komplexe von Nachbarschaftsverhältnissen“. 51 Die Gene drücken differentielle Elemente aus, ihre Gesamtheit bildet ein Virtuelles, ein Potenzielles, das sich in aktuellen Organismen inkarniert (vgl. DR 240). Das Gen bestimmt verschiedene Charakteristika (Singularitäten) und operiert immer in Verhältnis zu anderen Genen (differentielle Verhältnissse), inkarniert sich in der Spezifiizerung der Arten und in der Organisation und dem Zusam- menspiel der Teile eines ausdifferenzierten Individuums. Die Differenzierung hat so allgemein immer zwei Aspekte, so, wie die virtuelle Mannigfaltigkeit die beiden Aspekte der differentiellen Verhältnisse und der Singularitäten, Reziproke und Vollständige Bestimmtheit hatte:

„La différenciation est toujours simultanément différenciaiton d’espèces et de parties, de qualités et d’étendues: qualification ou spécificaiton, mais aussi partition ou organisation.“ (DR 271) 52

Für das biologische System bedeutet dies Organisation und Spezifizierung, für das physikalische System Aufteilung und qualitative Bestimmung.

51 Im Original „des complexes de rapport de voisinage“. 52 Dies war der sechste Punkt der „ontologischen Liste“ am Anfang dieses Abschnittes.

3 Embryogenese und Organismus

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Die Komplexität in biologischen Systemen

Auch Deleuze kommt zu einer allgemeinen Unterscheidung von physikalischen und biologischen Systemen, entsprechend den verschiedenen Ebenen, die er eingeführt hat. Zunächst unterscheiden sich physikalische und biologische Sys- teme auf der Ebene der Ideen, der virtuellen Struktur. Deleuze schreibt: „par l’ordre des idées qu’ils incarnent ou actualisent: différentiels de tel ou tel ordre.“ (DR 328). Diese „Ordnung der Differentierung“ entspricht Simondons Verständ- nis der komplexen Organismen als hierarchisiert, insofern sie die Transduktion immer auf verschiedenen Ebenen als Komplexes Verhältnis von Integration und Differenzierung vollziehen. Im Sinne von Deleuzes mathematischen Konzepten könnte „von höherer Ordnung“ als „beschreibbar durch eine größere Zahl von Parametern“ interpretiert werden. 53 Ein zweites Kriterium liegt auf der Ebene der individuierenden Dynamiken und ist direkt von Simondons topologischem Kriterium übernommen. Die Prozesse im Lebendigen sind überall von relativen Innerlichkeiten und Äußerlichkeiten durchzogen, während im Kristall nur ein Inneres und ein Äußeres bestehen. Schließlich unterscheiden sich physikalische und biologische Systeme auf der Ebene des Aktuellen, die „Figuren der Differenzierung“ betreffend: Während im biologischen Spezifizierung und Organisation vorliegen, seien es im physi- kalischen bloß Qualifikation und Partition. Alle Kriterien haben eine Unterscheidung von komplexen und weniger kom- plexen Systemen gemeinsam. So kommt Deleuze zur Beschreibung eines kom- plexen Systems:

„Plus un système est complexe, plus y apparaissent des valeurs propres d’implication . C’est la présence de ces valeurs qui permet de juger de la complexité ou de la complication d’un système, et qui détermine les caractères précédents du système biologique. Les valeurs d’implication sont les centres d’enveloppement. Ces facteurs ne sont pas les facteurs intensifs individuants eux-mêmes; mais ils en sont les représentants dans un ensemble complexe, en voie d’explication.“ (DR 329)

Diese „Zentren der Einwicklung“ werden als kleine Inseln der Negentropie, die dem komplexen System (meist dem lebenden System) erlauben gegen die allgemeine Degradierung und Gleichmachung der Potenziale anzugehen. Sie

53 Anhand des Bildes der Entwicklung einer Funktion in Potenzreihen, wäre das System der niedrigsten Ordnung eine konstante Funktion, ausgedrückt durch eine Reihen die nach der „null-ten Ordnung“ abbricht. Dann der lineare Fall, der bis zur ersten Ordnung geht, bis hin zu den Funktionen, deren Reihendarstellung unendlich viele Terme hat.

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Kapitel II. „La cinématique de l’œuf“

verhalten sich zu den individuierenden Faktoren des präindividuellen Feldes wie das Phänomen zum Noumenon , wie die Erscheinung zu den an sich nicht wahrnehmbaren Intensitäten. In diesem Sinne nennt Deleuze die Intensitäten „interiorisiert“:

„[L]es systèmes complexes tendent de plus en plus d’intérioriser leurs différences constituantes.“ (DR 329)

Wie bei Simondon der komplexe Organismus zwischen seinen verschiedenen hierarchischen Niveaus differenzierende und integrierende Operationen aus- führt und dazu immer auch präindividuelle metastabile Potenziale aufrecht erhalten muss, enthält bei Deleuze das komplexe System – nicht unbedingt in Form des Organismus – immer noch eine Disparität. Was Deleuze hier beschreibt, könnte eine Metaphysik der Selbstorganisation ge- nannt werden. Es geht um die Eigenschaften eines Systems, das komplexes Verhalten und emergente Strukturen und Funktionen aufweist. H. Atlan de- finiert die Selbstorganisation als „émergence de structures globales à partir d’interactions locales“. 54 Wird „lokal“ mit „mikroskopisch“ und „global“ mit „makroskopisch“ identifiziert, läuft das Ganze auf Simondons Begriff der Indi- viduierung hinaus. Emergenz von Strukturen ließe sich aber auch auf Deleuzes Aktualisierung virtueller Strukturen über die „eingewickelten“ intensiven Grö- ßen übertragen. Sowohl Deleuze als auch Simondon nehmen mit der Betonung des Prozesses der Individuierung und der epigenetischen Faktoren eine Tendenz in der moder- nen Biologie gewissermaßen vorweg. 55 Die Tendenz geht fort von funktionellen und energetischen Betrachtungen hin zu geometrischen und topologischen – allgemein strukturellen – Betrachtungen, die auch die dynamischen Relationen zwischen Objekten und deren Kontrollparameter mit einbezieht:

„[L]es propriétés de la matière vivante se manifestent comme le maintient, l’auto-entretien de certaines situations topologiques bien plus que comme des conditions énergétiques et fonctionnelles pures.“ 56

Gegen die genetische Determiniertheit und die mechanistische Auffassung der Molekularbiologie gewinnen mathematische Ausdrücke wie Stabilität, Äquiva-

54 Atlan 2011, S.9. 55 S. auch Ansell-Pearson 1999 S.145f. für eine Diskussion der Selbstorganisation in der modernen Biologie. 56 Boï 2003, S.163.

3 Embryogenese und Organismus

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lenzklasse, Deformation an Bedeutung. Die Wichtigkeit von „nanoskopischen“ Faltungen und Immersionen von Räumen veranschaulicht dies. 57 Henri Atlan spricht von einer „post-genomischen Ära“: Es gehe darum, die den biologischen Funktionen unterliegenden Mechanismen zu verstehen und nicht mehr dreidimensionale Proteinstrukturen auf lineare DNA-Sequenzen zu redu- zieren. So, wie er das System „Zelle“ als komplexen Automaten mit hunderten von chemischen Prozessen versteht, bemerkt er, dass es Variationen in der DNA geben kann, auch wenn die Moleküle die gleiche chemische Natur haben, dass Proteine je nachdem, wie sie sich im Raum falten, unterschiedliche Funktionen im Prozess haben, und dass ein einzelnes Molekül oder Fragment der DNA schon durch seine An-oder Abwesenheit beobachtbare Effekte auf makroskopi- schem Niveau hervorrufen kann. 58 All dies sind Beispiele für die Komplexität in der Biologie: Kleine strukturelle Variationen rufen große Wirkungen her- vor. Henri Atlan bemerkt ganz allgemein, dass nach einigen Jahrzehnten des molekularbiologischen Dogmas vom genetischen Programm „die Differenzen in den Vordergrund zurückgekehrt sind“. 59 Hier ist die Parallele zu Deleuzes „vergrabenen Differenzen“ oder „Zentren der Einwicklung“ offensichtlich.

57 Vgl. Boï 2003, S.167-170. Manuel Delanda diskutiert Migration und Faltung anhand von Gerald M. Edelmanns „Topobiology“ (s. Delanda 2002, S.62-67). 58 Atlan 2011, S. 29-30, 146. 59 „[L]es différences sont revenues sur le devant de la scène“, Atlan 2011, S.148.

Kapitel III

Deleuze und Guattari zum Organischen und Nicht-Organischen

Vorbemerkung

„En aucun cas nous prétendons au titre d’une science. Nous ne connaissons pas plus de scientificité que de l’idéologie, mais seulement des agence- ments.“ (MP 33)

Es ist schwierig, über ein Buch zu schreiben, das von „einer Menge Leute“ („be- aucoup de monde“, MP9) als ein Rhizom – ein Wurzelgefüge – geschrieben ist, und das an Stelle von Kapiteln Plateaus hat. Anstatt sich in feste Definitionen einzufügen, „fließen“ die Konzepte von Plateau zu Plateau und durchsetzen sich dabei gegenseitig. Wie bei den im vorherigen Kapitel angesprochenen Karten auf der Mannigfaltigkeit ist es sinnlos, globale Betrachtungen anzu- stellen, die über einen lokalen Bereich, ein Plateau hinausgehen. So soll es hier vorrangig um die „biologische“ Dimension – unter Ausklammerung der psychologischen, der politischen, der literarischen soweit wie möglich – gehen. Und zwar entlang der Linien, Zusammenhänge, Ähnlichkeiten und Unterschie- de zu Différence et répétition und Simondons Theorie der Ontogenese. 1 Zu den schon in Différence et répétition zentralen Konzepten wie der Mannigfal- tigkeit, des Virtuellen und des Prä-Individuellen oder Prä-Organischen gesellen sich neue, die von Guattari oder von der Zusammenarbeit mit Guattari stam-

1 Somit findet auch der erste Band von Capitalisme et schizophrénie , L’Anti-Œdipe hier nur am Rande Beachtung, da es dort vorrangig um die psychologischen und sozialen Aspekte der Maschine geht.

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Aspekte der Vielheit in Mille Plateaux

57

men: Die Maschine oder das maschinische Gefüge, die Deterritorialisierung und das Ritornell. Ein besonders wichtiger Warnhinweis zur Vermeidung der Dualismus-Falle ist, dass alle Antagonismen und Gegenüberstellungen, von denen Mille Plateaux buchstäblich wimmelt, nichts als „abstrakte Pole“ (MP 331), Grenzwerte von fließenden Linien und von Prozessen sind. Was daher wirklich auftritt sind Mischfälle und keine Dualismen von festen Dingen. Hierzu der gute Rat von Mark Bonta und John Protevi: „As good Deleuzoguattarians we should not stay on the level of products.“ 2

1 Aspekte der Vielheit in Mille Plateaux

Was in Différence et répétition die Mannigfaltigkeit ( multiplicité ) als virtuelle Struktur war, spaltet sich in Mille Plateaux vielfältig auf. Das Rhizom, der glatte Raum und die Immanenzebene führen zu einem allgemeineren oder besser „aufgelösten“ Verständnis von Struktur und Raum. Das Rhizom, auch gleichzeitig Titel der Einleitung, wird zum methodischen Modell von Mille Plateaux und dem Denken der Vielheiten oder Populationen. Der glatte Raum, im ständigen Widerstreit mit dem gekerbten Raum, ist sowohl mathematisch als auch geographisch inspiriert. Er bildet die geographische oder geometrische Grundlage für die nachfolgenden Theorien von der Organisation und dem Aufbrechen von Organisiertem. Die spinozistische Immanenzebene ist schließlich ein metaphysisches Konzept, das sich durch alle anderen durchzieht und sie umfasst.

Das Rhizom als Modell

„L’arbre impose le verbe «être», mais le rhizome a pour tissu la conjonction ».“ (MP 31)

Gemäß Simondons methodischem Postulat, wird der Relation vor den Termen, zwischen denen sie besteht, der Vorzug gewährt, d. h. Dynamiken und Netzen vor Statik und Hierarchie. Das Bild hierfür wird das Rhizom, eine Wurzelart, die nicht einen zentralen Strang hat, der sich nach unten binär verzweigt, sondern von einem Zentrum aus Seitenarme bildet. 3 Dieses System haben Deleuze und

2 Vgl. Bonta/Protevi 2004, S.151. 3 Ein anschauliches Beispiel ist der Ingwer.

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Kapitel III. Der Organismus und das Nicht-Organische

Guattari in Mille Plateaux als Paradigma für die Vielheit und als Modell für das Buch selbst gewählt. Deleuze und Guattari geben Prinzipien des Rhizoms an:

1. und 2. Das Prinzip der Verbundenheit oder Zusammenhang ( connexion )

und der Heterogenität: Jeder Punkt kann von jedem anderen aus erreicht wer-

den. In einem rhizomatischen System verbinden sich Ketten ( chaînons ) von

sehr verschiedener Art. Sie können semiotischer, biologischer, politischer, öko- nomischer oder anderer Natur sein. Eine rhizomatische Methode ist daher interdisziplinär und muss immer diese verschiedenen „Register“ oder „Dimen- sionen“ gemeinsam betrachten.

3. Das Prinzip der Mannigfaltigkeit oder Vielheit ( multiplicité ): Gemäß der

Definition der Mannigfaltigkeit in Différence et répétition 4 braucht das Viele das Eine nicht für seine Formulierung, weder als Subjekt noch als Objekt. So wie die Mannigfaltigkeit in Différence et répétition singuläre Punkte und Reihen von Punkten, die sich durch ihre differentiellen Verhältnisse bestimmten, als Struktur hatte, hat das Rhizom „nichts als Linien.“ (MP 15). 5

„Le rhizome

directions mouvantes.“ (MP 31)

) n’est pas fait d’unités mais de dimensions, ou plutôt de

Diesen Dimensionen oder Richtungen werden die Linien zugeordnet. 6 Dabei kann eine Linie, je nach Art des Rhizoms oder der Mannigfaltigkeit alles mögli- che sein: ein Stratum (geologische Schicht), eine Fluchtlinie ( ligne de fuite ), die solche Schichten durchbricht, eine Kette von Molekülen, der Konvergenzkreis einer Reihe, oder andere Systeme. Es gibt kein transzendentes Prinzip, keinen einbettenden Raum, keinen globalen Code ( surcodage ). Die Anzahl der Linien ist die Dimension, darüber hinaus gibt es keine weitere Dimension. In diesem Sinne nennen Deleuze und Guattari die Mannigfaltigkeiten „platt“ oder „flach“ (MP 15). 7 Rhizomatische Mannigfaltigkeiten können untereinander Gefüge bilden, d. h. Verbindungen eingehen. Dabei ändern sie ihre „Natur“, da die Anzahl der Linien sich ändert: Linien werden zusammengefügt oder existieren nebeneinander, es gibt Verbindungen, die in den Einzelsystemen vorher nicht enthalten waren.

4 DR 236. 5 „Il n’y a que des lignes.“ 6 Deleuze und Guattari gebrauchen das Wort „attaché“, das sowohl „angeklebt“, „festge- macht“ als auch „beigeordnet“ bedeuten kann. 7 Dies wird päter ander Gegenüberstellung von Konsistenzebene und Organisationsplan noch deutlicher werden.

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Aspekte der Vielheit in Mille Plateaux

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4. Das Prinzip des „asignifikanten Bruches“: Im Gegensatz zu einem Kristall,

der feste Achsen als für seine Struktur „signifikante Schnitte“ aufweist, entlang derer er zerbrechen kann, gibt es beim rhizomatischem System verschiedene Linien, die mehr oder weniger in Bewegung sind. Zwar gibt es die Linien der Organisation 8 , die eine Struktur herstellen, es gibt aber auch immer die „Linien der Deterritorialisation“, die die ersteren durch- und zersetzen und der Struktur als „Fluchtlinien“ entkommen (MP 16). Deleuze und Guattari spre- chen von der „Explosion heterogener Reihen in der Fluchtlinie“. Hier liegt ein wichtiger Schritt weg vom Individuum und vom Organismus. 9 In Différence et répétition und bei Simondon wurden Individuierung und Differenzierung durch die Verbindung der disparaten Reihen bzw. die individuierende Resonanz erklärt. Die hier angesprochene „Explosion“ dagegen fügt sich dem Schema als zersetzende an – Strukturen und Individuen werden zu einem gewissen Grad aufgelöst. Als Beispiel führen Deleuze und Guattari einen Virus an, der im Übergang von einer Art zur nächsten genetische Information überträgt. Dieser Prozess ist nicht mehr individuierend in Simondons Sinn. Entlang oder bes- ser durch der Fluchtlinie brechen Kristall, Organismus und Gesellschaft – die Individuen, die Simondon betrachtet hatte – auf, um offenere Verbindungen, so- genannte Gefüge (agencements) einzugehen. In dem von Deleuze und Guattari angeführten Beispiel das „Pavian-Virus-Katze-Gefüge“, in dem der Virus „von einer bereits differenzierten Linie zur nächsten springt“ (MP 17). 10 Das Rhi- zom ist ein dynamisches Modell gegenüber dem statischen der kristallisierten Organisationen.

5. und 6. Das Prinzip der Kartographie und der “Dekalkomanie“: Wie das Aktu-

elle keine Kopie, kein Abgepaustes (calque 11 ) – in Différence et répétition benutzte

Deleuze eher die Wörter Bild oder Repräsentation – des Virtuellen war, wird auch das rhizomatische System, wenn es sich ausbreitet und verändert, keine Kopie seiner vorherigen Struktur. Die Fortpflanzung des Rhizoms ist nicht Re- produktion, sondern „Variation, Expansion, Eroberung, Gefangennahme“ (MP 32). Statt eines unveränderlichen Entwurfs oder einer universellen Blaupause gibt es für das Rhizom als sich verändernde Mannigfaltigkeit nur eine Samm-

8 Allgemeiner als Linien der Stratifikation bezeichnet, dies wird in Abschnitt 2 dieses Kapitels erläutert werden. 9 Diesem Aspekt ist Abschnitt 3 dieses Kapitels gewidmet. 10 „Nos virus nous font faire rhizome avec d’autres bêtes.“ ebd. 11 Hat auch die pejorative Bedeutung von „Abklatsch“.

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Kapitel III. Der Organismus und das Nicht-Organische

lung von Karten, einen Atlas, der sich immer mit verändern muss. 12 Die Kopie ist ein sehr begrenzter Spezialfall der Karte, die einfachste Abbildungsrelation:

„Il faut toujours reporter la calque sur la carte.“ (MP 21)

Auch der euklidische Raum ist eine differenzierbare Mannigfaltigkeit, wenn auch ein triviales Beispiel: Sein Atlas besteht aus nur einer Karte, abgebildet durch die Identität, und alle Karten-„Wechsel“ sind nichts als Identität. Selbst für die Projektion einer Sphäre aus dem dreidimensionalen Raum auf den zwei- dimensionalen werden immer mindestens zwei Karten benötigt – auf einer Karte fehlt immer mindestens ein Punkt. Mark Bonta und John Protevi sehen die „Dekalkomanie“ als Folge eines „rigi- den Strukturalismus“, oder der Meinung, dass Codes zwischen verschiedenen Medien oder Systemen transferiert werden können, ohne sich dabei zu verän- dern. Ein Beispiel aus der Biologie wäre der Gentransfer durch Klonen, erstellen einer genetischen Kopie, im Gegensatz zur viralen Informationsübertragung durch Transduktion. 13

Der glatte und der gekerbte Raum

Die zwei antagonistischen Modelle des Raums – oder Pole der Beschreibung von Räumen – in Mille Plateaux erklären sich weniger aus einer Wissenschaft als aus einem Gefüge von Disziplinen. In den Plateaus 12 Traité de nomadologie und 14 Le lisse et le strié durchlaufen die Konzepte von glattem und gekerbten Raum sehr vielfältige Bereiche oder Ebenen: politisch, ethnologisch, wissen- schaftstheoretisch, philosophisch (oder „noologisch“, die Lehre vom Denken betreffend), technologisch, musikalisch, geo- und ozeanographisch, differential- geometrisch, physikalisch, ästhetisch – und wird schließlich eine wichtige Rolle bei der Gegenüberstellung von Organismus und Körper ohne Organe spielen. 14

Mathematik

Zunächst hat der Begriff „lisse“, glatt, smooth auch eine mathematische Anwen- dung als „hinreichend oft differenzierbare Funktion“ 15 . Die differenzierbare Mannigfaltigkeit ist in diesem Sinne „glatt“, d. h. ein Raum, der so in Karten

12 Vgl. Abschnitt II.1 dieser Arbeit. 13 Vgl. Bonta/Protevi 2004, S. 75. 14 S. Abschnitt 2 dieses Kapitels. 15 Spektrum Lexikon der Mathematik.

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Aspekte der Vielheit in Mille Plateaux

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dargestellt werden kann, dass zwischen zwei Karten desselben Bereiches immer ein „glatter“ Übergang möglich ist. Was Deleuze und Guattari über den Filz bzw. mit einem Zitat von Albert Lautmann als glatten Raum sagen lässt sich in diese Richtung interpretieren:

„C’est une collection amorphe de morceaux juxtaposés, dont le racorde- ment peut se faire d’une infinité de manières.“ (MP 595 und 606)

Mit dieser amorphen Sammlung ist der Atlas der Mannigfaltigkeit gemeint. 16 Dagegen ist „gekerbt“ ( strié ) kein mathematischer Ausdruck. Es liegt aber nahe, das Gekerbte als charakteristische Eigenschaft des euklidischen Raums zu interpretieren. Dieser trägt sein eindeutiges Koordinatensystem fest in sich und sein Atlas besteht nur aus einer einzigen trivialen Karte, der Identität. In diesem Sinne ist nicht, wie es vielleicht zunächst wegen der Bezeichnung scheinen könnte, der glatte Raum der homogene Raum, sondern der gekerbte (MP 595). 17

Nomadische und königliche Wissenschaft

Der Raum wird erst durch eine vollständige Kerbung homogen und damit geeignet, die Phänomene der „königlichen“ Wissenschaft in sich aufzunehmen:

„Il est strié par la chute des corps, les verticales de pesanteur, la distribution de la matière en tranches parallèles, l’écoulement lamellaire ou laminaire de ce qui est flux.“ (MP 458)

16 Im Allgemeinen lässt sich „glatt“ allerdings in Deleuze und Guattaris Sinn nicht auf den mathematischen Terminus beschränken, sondern ist je nach Kontext und Anwendungsgebiet zu verstehen. Im Gegensatz zu Différence et répétition spielen die Differen t ierung und die Differenzen keine zentrale Rolle mehr. 17 „Homogen“ ist hier im Sinne von „überall gleich strukturiert in Bezug auf die Phänomene, die darin stattfinden“ zu verstehen. Am Rande soll hier angemerkt werden, dass die Gleich- setzung von „glatt“ und „nicht-metrisch“, die Deleuze und Guattari gelegentlich nahelegen irreführend ist (z. B. MP 605). Das Missverständnis ist die Gleichsetzung von „metrischen“ und Räumen mit euklidischer Metrik. Die riemannschen Mannigfaltigkeiten, die im Plateau 14 als „lisse ou non metrique“ bezeichnet werden, sind nun aber auch metrische Räume. Der Unterschied liegt darin, dass die „Abstände“ dort ortsabhängig und nicht mehr wie im eu- klidischen Raum überall von der gleichen Form sind, der Raum ist in Beziehung auf seine Metrik nicht homogen. Das Problem ist wahrscheinlich nur ein begriffliches Missverständnis, die Verwechslung von Metrik und Koordinatensystem. In diesem Sinne wäre die Verwirrung zu beheben, wenn an dieser Stelle „nicht-metrischer Raum“ durch „Raum ohne globales Koor- dinatensystem“ ersetzt würde. Die Sekundärliteratur ist in diesen Punkten auch oft ungenau. So legt Delanda in Intensive Science and virtual philosophy auch meist eine ausschließende Gegen- überstellung von glatt und metrisch nahe (z. B. Delanda 2002, S.62-63) und in Daniel W. Smiths bezeichnet in Mathematics and the Theory of Multiplicities sogar den Riemannschen Raum als „non-metric“ (Smith, D. W. (2003), Mathematics and the Theory of Multiplicities: Badiou and Deleuze Revisited. The Southern Journal of Philosophy, 41: 411–449).

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Kapitel III. Der Organismus und das Nicht-Organische

Newton wird hier zur Schlüsselfigur der königlichen Physik. Gerade und be- rechenbare Linien kerben den Raum und zeichnen den Weg der Phänomene vor - den Fall der Körper im (newtonschen) Gravitationsfeld oder das Ge- schwindigkeitsspektrum in einer laminar strömenden Flüssigkeit. Die new- tonsche Gravitationstheorie ist im euklidischen Ruam verankert, die exakte Fluiddynamik braucht die idealisierte Näherung der geordneten oder lamina- ren Strömung, d. h. eine Strömung, die in voneinander konzeptuell trennbaren Schichten strömt und in der keine Wirbel entstehen. Die allgemeine Fluiddynamik (z. B. nach Navier-Stokes) ist dagegen ein Beispiel der sogenannten nomadischen Wissenschaft. Für den Fall der turbulenten Strö- mung sind allgemeine analytische Lösungen der das System beschreibenden Differentialgleichung nicht mehr möglich, so dass sich die Berechnung nur auf numerische Approximationen und empirische Parameter stützen kann. 18 Die königliche Wissenschaft wird als hylemorphistisch bezeichnet, beherrscht vom „statischen Verhältnis Form-Materie“ (MP 451). Der homogene oder ge- kerbte Raum verhält sich zu den unveränderlichen und idealisierten Gesetzen wie die amorphe Materie zur Form im hylemorphistischen Modell. Dagegen legen Deleuze und Guattari der nomadischen Wissenschaft – unter Berufung aus Simondons Hylemorphismuskritik – das „dynamische Verhältnis Material – Kräfte“ (MP 451) zu Grunde. Der Raum wird inhomogen, die Gesetze nicht mehr universal anwendbar. Hier tritt die Singularität im simondonschen Sinn als „Keim der Individuierung“ und Struktur einer nicht mehr bloß passiven Materie auf. Wie in Simondons Kritik des hylemorphistischen Modells des Ziegels und des Tons betonen Deleuze und Guattari :

„[P]our la science nomade la matière n’est jamais une matière préparée, donc homogénéisée, mais essentiellement porteuse de singularités.“ (MP

457)

Die Materie, oder der Raum, der der Materie zu Grunde liegt, ist nicht gekerbt und somit überschaubar strukturiert, sondern birgt Singularitäten, die sich a priori nicht absehen oder vermessen lassen. Der glatte Raum gehöre zu einer gewissen Art von Mannigfaltigkeit, die einen Raum einnehmen ohne ihn zu zählen (occuper sans compter), und die nur durch Abschreiten zu erkunden sei. 19 Unter „compter“ kann „global vermessen“ oder „mit einem global-einheitlichen

18 Vgl. McGraw Hill Encyclopedia of Science and Technology, Artikel „Navier-Stokes Equa- tion“: „A significant limitation of Navier-Stokes theory is the lack of any proof regarding

uniqueness or existence of solutions

) for given boundary and initial conditions.“

19 Im Original „explorer en cheminant sur elles“, (MP 460).

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Aspekte der Vielheit in Mille Plateaux

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Koordinatensystem versehen“ verstanden werden. Der gekerbte Raum als ge- zählter hat somit eine a priori global bekannte Struktur oder eine Karte, die überall gültig und einheitlich ist. Der glatte Raum dagegen muss Bereich für Bereich „abgeschritten“ werden. Dabei weist die Materie als mit Singularitäten strukturiert der Form den Weg, statt dass die Formen die Materie organisie- ren. 20 An dieser Stelle lässt sich eine Verbindung zu den Singularitäten als Diskon- tinuitäten im Virtuellen aus Différence et répétition oder als „nomadischen Singularitäten“ (LS 124) im transzendentalen Feld aus La logique du sens ziehen. Um die Struktur der virtuellen Mannigfaltigkeit – die Eigenschaften von Funk- tionen – herauszufinden, muss die Mannigfaltigkeit erst durch Reihenentwick- lungen der Funktionen in kleinen Bereichen, von Singularität zu Singularität der Reihenentwicklung „entlang gewandert“ werden – dies waren die Reihen, die sich von Singularität zu Singularität fortsetzen, die in Différence et répétition zur Struktur des Virtuellen gehörten. Hierbei richtet sich der Weg, die Form des Weges nicht nach im Voraus bekannten Zielen, sondern wird durch die Singula- ritäten als lokale Eigenschaften der Funktionen und somit auch als intrinsische Eigenschaften des Raumes bestimmt. Indem das Abschreiten eines Raumes nicht mehr auf einen Punkt als Ziel gerichtet ist, gewinnt der Weg selbst vor den Endpunkten an Bedeutung:

„Or, dans l’espace strié, les trajets sont subordonnés aux points : on va d’un point à un autre. Dans le lisse, c’est l’inverse : les points sont subordonnés au trajet.“ (MP 597)

Im gekerbten Raum mit seinem globalen Koordinatensystem ist durch die Koor- dinaten von zwei Punkten auch direkt ihre Entfernung mit gegeben. Außerdem ändert sich diese nicht, wenn man die beiden Punkte, ohne sie relativ zueinan- der zu bewegen, verschiebt (Homogenität). Auf der riemannschen Mannigfaltigkeit dagegen hängt die Form und Länge der kürzesten Verbindungsstrecke zwischen zwei Punkten, die Geodäte, immer von der Krümmung des Raumes ab. Um eine Geodäte zu bestimmen wird die volle geometrische Struktur des Raumes benötigt. So ist es zu verstehen, wenn Deleuze und Guattari schreiben:

„Un trajet est toujours entre deux points, mais l’entre-deux a pris toute la consistance, et jouit d’une autonomie comme d’une direction propre.“ (MP

471)

20 Vgl. MP 598.

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Kapitel III. Der Organismus und das Nicht-Organische

An dieser Stelle kommt das intensive Spatium aus Différence et répétition wieder:

Es gibt Entfernungen, aber keinen universellen Maßstab dafür. Der glatte Raum ist so, im Sinne der Verwendung des Begriffs in Différence et répétition , intensiv, die Entfernungen sind „eingewickelt“ („enveloppées“, MP 598). In Bezug auf das Beispiel der riemannschen Mannigfaltigkeit bedeutet dies, dass dass die Geodäten gewissermaßen in der Krümmung verborgen sind, sie müssen erst, unter Kenntnis der geometrischen Struktur ausgerechnet werden. Diese Berech- nung kann außerdem immer nur lokal erfolgen, denn die geometrische Struktur des Raumes ist ortsabhängig: „[L]a situation même de deux déterminations exclut leur comparaison.“ (MP 606) Das darauf folgende Zitat aus einem Text von Albert Lautmann legt nahe, dass mit „déterminations“ „Entfernung“ gemeint ist. Deutlicher wird dies durch ein Beispiel der physikalischen Anwendung von riemannscher Geometrie in Einsteins allgemeiner Relativitätstheorie. Die „Geschwindigkeit“, in der die Zeit verstreicht (Größe eines Zeitintervalls) hängt von der Verteilung der Masse im Raum ab, da die Masse den Raum und somit den Weg des Lichts deformiert – die Masse krümmt die Linien des Lichts. 21 Bislang wurde meist die riemannsche Mannigfaltigkeit als Beispiel für den glat- ten Raum genannt. Dies könnte den Eindruck entstehen lassen, dass sich glatter und gekerbter Raum als Kontrahenten immer ausschließen. Bei einem anderen Aspekt des Gegensatzes von glatt und gekerbt, nämlich dem Paar topologischer und metrischer Raum ist dies gerade nicht der Fall. Der metrische Raum ist ein topologischer Raum mit einer zusätzlichen Struktur. So kann das Hinzufügen einer Metrik auf einem topologischen Raum als Kerbung betrachtet werden. Wie Simondon in seiner Analyse über die Topologie des Lebendigen eine Be- schreibung in einem euklidischen Raum von der in einem topologischen ab- grenzte 22 , ist auch in Mille Plateaux , wenn es um Biologie geht, das Paar glatt-gekerbt das von topologischem und euklidischem Raum. Wie schon im Kapitel zu Simondon ist die Verwendung von „topologisch“ hier nicht streng mathematisch zu verstehen. Deleuze und Guattari auf die im vorhergehenden Kapitel angesprochene Kontroverse zwischen Geoffroy

21 Hier lässt sich am Rande die Frage stellen, warum Deleuze und Guattari der Opposition „Riemann – Euklid“ nicht die von „Einstein – Newton“ zur Seite stellen. Interessanter als deren Beantwortung ist aber vielleicht die Bemerkung, dass die allgemeine Relativitätstheorie den hylemorphistischen Aspekt der nomadischen Wissenschaft veranschaulicht: das Feld (als Form), das in einem homogenen Raum (als amorphe Materie) auftritt wird durch das Konzept eines intrinsisch gekrümmten Raums (riemannsche Mannigfaltigkeit als glatter Raum) abgelöst. (Vgl. McGraw Hill Encyclopedia of Scienceand Technology, Artikel „Relativity“). 22 Vgl. IGP 259.

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Aspekte der Vielheit in Mille Plateaux

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und Cuvier zurück. Cuvier wird der königlichen, Geoffroy der nomadischen Wissenschaft zugeordnet. Der eine erkläre die Organisation der Lebewesen in rigiden Funktionen und denkt in euklidischen Strukturen, der andere nehme einen einzigen Bauplan der Lebewesen als topologischen Raum an, in dem der Übergang von einer Art zu einer anderen durch Transformationen 23 geschieht. Wie bei Simondon geht es um den Standpunkt, dass die Frage nach Bereichen, Rändern, Innen und Außen wichtiger ist, als die Form, die geometrische Struk- tur und die Funktion. In diesem Sinn ist auch die Assoziation von Cuvier mit dem euklidischen Raum zu verstehen. Das in populärwissenschaftlichen Dar- stellungen zur Topologie beliebte Beispiel von der Tasse und vom Doughnut veranschaulicht diese Unterschiede im Denken: im Hinblick auf ihre topologische Struktur sind die Oberfläche einer Tasse und der eines Doughnuts äquivalent 24 , auch wenn sich die Abstände zwischen Punkten und mit ihnen Form und Funktion des Objekts bei dem Übergang ändern. 25

Geographie

Das ständige Zusammenspiel von glatten und gekerbten Räumen wird in der „Geo-Philosophie“ am deutlichsten: Verschiedene Formen von Räumen durch- setzen und widerstreiten sich. 26 Daher ist eigentlich weniger die Rede von dem glatten und dem gekerbten Raum, sondern von kerbenden und glättenden Kräf- ten, die in Räumen agieren. 27 Dies sind zum Beispiel die Steppe die Wüste der Nomaden, in der nur Pfade (Linien) der nomadischen Wanderung existieren (sogar die Linien der Dünen wandern) im Gegensatz zu den Räumen der Sess- haften – zum einen Wald und Acker, gekerbt durch zur Oberfläche senkrechte Linien der Bäume und die Linien der Ackergrenzen auf der Oberfläche (MP 477), zum anderen die Stadt, als Raum gekerbt durch feste Gebäude Mauern und Zäune (MP 472). Das Meer dagegen ist das prinzipielle Beispiel oder der Archetyp des glatten

23 Sogenannte Isomorphismen, s. nächster Abschnitt. 24 Die von beiden Flächen berandeten Körper haben ein Loch, ein kontinuierlicher Übergang, bei dem keine weiteren Löcher entstehen, ist möglich. 25 Die Kontroverse zwischen Geoffroy und Cuvier und die Frage der Einheit des Bauplans und die Organisation allgemein wird im nächsten Abschnitt diskutiert. 26 In Qu’est-ce que la philosophie? widmen Deleuze und Guattari diesem Begriff ein ganzes Kapitel und schreiben ganz allgemein: „Penser se fait plutôt dans le rapport du territoire et de la terre.“(QP 82 f.). In diesem Sinne ist auch Mille Plateaux im Grunde genommen schon geophilosophisch. S. auch Bonta/Protevi 2004 zum Begriff der Geophilosophie in Mille Plateaux . 27 Vgl. Bonta/Protevi 2004, S.151.

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Kapitel III. Der Organismus und das Nicht-Organische

Raums, da es gleichzeitig auch ein Bild für die ständigen Bestrebungen ist, den glatten Raum zu kerben.

„Car la mer est l’espace lisse pas excéllence, et pourtant celui qui s’est trouvé le plus tôt confronté aux exigences d’un striage de plus en plus stricte.“ (MP 598)

Die geometrischen und astronomischen Errungenschaften der königlichen Wissenschaft haben zur allgemeinen Navigation, der Erstellung von präzi- sen Karten und somit zur Kerbung des Meeres durch die Erfassung in einem exakten Koordinatensystem beigetragen. Dagegen war die nomadische Na- vigation zunächst nur empirisch und immer im Einzelfall anwendbar, dann „prä-astronomisch“, die Linien und Richtungen benutzte, aber in Ermangelung keines übergeordneten Referenz-Systems keine Orte angeben und daher auch keine präzisen und allgemeinen Karten erstellen konnte.

Konsistenz- oder Immanenzebene

Die Konsistenzebene (plan de consistance) nennen Deleuze und Guattari manch- mal auch Kompositionsebene, Ebene der Univozität, der Natur, des Lebens oder, nach Spinoza, Immanenzebene. Das französische „plan“ hat die drei Be- deutungen: „Plan“ – sowohl als „Absicht“ als auch als „Karte“ – und „Ebene“. Die erste ist teleologisch oder theologisch, die zweite geographisch, die dritte geometrisch, wobei die zweite und dritte, wie im vorigen Abschnitt angedeu- tet wurde, auch zusammengenommen werden können. Im Falle des plan de consistance ist es die dritte (bzw. zweite) Bedeutung. In Spinoza et nous 28 nennt Deleuze die Immanenzebene (plan d’immanence) „eine Ebene im geometrischen Sinn, Schnitt, Schnittmenge, Diagramm“. 29 In diesem Sinne werden auch Bau- plan (plan d’organisation) und Konsistenzebene gegenübergestellt, worum es im nächsten Abschnitt gehen wird. Um zu zeigen, was es heißt, Körper – und zwar „im allgemeinsten Sinne des Wortes“ (MP 102), das kann auch ein Gesellschaftsköprer oder sogar eine Seele sein – auf der Immanenzebene zu beschreiben, geht Deleuze vom ersten Prinzip Spinozas aus: eine einzige Substanz für alle Attribute. Hierauf werden Körper auf zwei Arten definiert, kinetisch und dynamisch. So ist ein Körper weder über

28 Aufsatz erschienen in Revue de synthèse , Jan-Sept. 1978, S.271-277, teilweise wieder aufge- nommen in den beiden Abschnitten „Souvenirs d’un Spinoziste im Plateau 10, Devenir-intense, devenir-animal, devenir-imperceptible. Im Folgenden als Spinoza et nous zitiert. 29 Im Original „un plan au sens géométrique, section, intersection, diagramme“, in Spinoza et nous, S.271.

1

Aspekte der Vielheit in Mille Plateaux

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Formen, Funktionen oder Organe noch als Subjekt definiert, sondern zum Einen über die differentiellen Verhältnisse von Ruhe und Bewegung zwischen seinen unendlich vielen Teilchen, zum Anderen durch das Vermögen, einen anderen Körper zu affizieren. 30 Diese zwei Aspekte der Bestimmung von „Körpern“ führen zu einer spinozisti- schen Kartographie, nach Längen- und Breitengrad.

„Nous appelons longitude d’un corps quelconque l’ensemble des rapports de vitesse et de lenteur, de repos et de mouvements entre particules qui le composent de ce point de vue. Nous appelons latitude d’un corps l’ensemble des affects qui remplissent un corps à chaque moment, sous le double aspect de son pouvoir d’affecter et d’être affecté.“ 31

Die zwei Arten von Koordinaten oder Dimensionen der Immanenzebene als „Karte“ (die zweite Bedeutung von plan ) sind die differentiellen Bewegungs- größen und die dynamischen Verhältnisse zwischen verschiedenen Körpern. Dieses Bild ist komplex: Diese „Karte“ eines Körpers ist nicht zweidimensional und unveränderlich wie eine Weltkarte, sondern ihr „Längengrad“ hat für sich schon so viele Dimensionen, wie die Teile und Teilchen des Körpers untereinan- der relative Geschwindigkeiten haben und ändern sich wie diese mit der Zeit. Ihr Breitengrad dagegen ist so vielfältig wie die Wechselwirkungen zwischen den „Körpern“, und dies sowohl in ihrer Art (und damit sind alle Affekte, nicht nur materielle, gemeint) als auch in ihrer Anzahl und Intensität. 32 In Mille Plateaux wird die Latitüde auch „die Gesamtheit der intensiven Affekte“ 33 genannt. Uexkülls Milieutheorie gibt ein Beispiel für eine solche Karte der Affekte – die Zecke als bestimmt durch drei Affekte: das Licht, um auf einen Baum zu klet- tern, der Geruchssinn, um vorbeigehende Säugetiere auszumachen und der Wärmesinn, um die Stelle, an der sie sich festsetzt, zu finden. 34 Zusammengenommen bilden die Bestimmungen nach differentiellen Geschwin- digkeiten und intensiven Affekten ein Gefüge (agencement). Die „Dinge“ auf der Konsistenzebene haben daher eine sehr eigene Weise der Individuierung, radikal verschieden von der Einheit stiftenden Individualität

30 Vgl. Spinoza et nous, S.272-274. 31 Ebd., S.274, wieder aufgenommen in MP 318. 32 Ein einfacheres Beispiel für eine solche Art von Raum wäre der physikalischen Phasenraums eines Ensembles von n Teilchen: auf beiden Achsen gibt es 3n Variablen, jeweils 3 für Orts- und 3 für den Impulsvektor jedes Teilchens. Betrachtungen hierzu stellt Delanda in Deleuze in phase space an, auch wenn er dort nicht auf die spinozistische Kartographie eingeht. 33 „[L]’ensemble des affects intensifs“, MP 318. 34 Vgl. Spinoza et nous, S.273, auch MP 67-68.

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Kapitel III. Der Organismus und das Nicht-Organische

eines Subjektes, das „Ich“ sagt oder von einer über ihren Zweck oder auch nur über ihre selbst-erhaltende Organisation definierten Maschine:

„Il y a un mode d’individuation très différent de celui d’une personne, d’un sujet, d’une chose ou d’une substance. Nous lui réservons le nom d’heccéité.“ (MP 318)

Statt ein System zu sein, das individuiert ist, insofern es sich von seiner Umge- bung als geschlossene Einheit abgrenzt, sind diese Haecceitäten immer Gefüge von sich kreuzenden Linien. Die Haecceitäten sind individuiert insofern sie „agencés“, ein Zusammengefügtes sind. Sie haben aber kein vereinheitlichen- des Prinzip wie die Substanz eine Essenz, wie ein Subjekt ein Bewusstsein hat. Die Haecceität hat rhizomatsiche Struktur, denn sie besteht aus Linien, die Geschwindigkeiten und Wechselwirkungen markieren. 35 Ihre Individualität ist immer durch Prozesse, relativ zu den anderen Haecceitä- ten als offenes System auf der Konsistenzebene bestimmt. In der Bestimmung der Körper über differentielle Geschwindigkeiten kehrt der differentielle Aspekt aus Différence et répétition zurück. Die intensiven Größen als „eingewickelte“, Differenzen von Differenzen finden sich in den Affekten als Wechselwirkungen zwischen den Körpern wieder. Allerdings befindet sich die konzeptuelle Trennlinie nicht mehr zwischen virtuell und aktuell; das kantische Verhältnis vom Virtuellen als transzendental zum Aktuellen wird zu einer spinozistischen Immanenzebene, als einer Ebene, aus der sich dynamisch die Strukturen erst herausbilden.

2 Die Organisation

Der Immanenz- oder Konsistenzebene setzen sich verschiedene Formen oder Prozesse der Organisation entgegen. Zum einen ist das der Organisations- oder Bauplan, der als transzendentes oder teleologisches Prinzip über oder jenseits der Immanenzebene liegt. Zum anderen sind es die nach dem geologischen Term benannten Prozesse der Stratifizierung, die aber ganz allgemein in der Bildung von mehr oder weniger rigiden Strukturen ausgehend von der Konsis- tenzebene bestehen. Schließlich werden das Ei oder der sogenannte Körper ohne Organe Veranschaulichungen für diesen Widerstreit.

35 Vgl. MP 321.

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Die Organisation

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„Les deux plans“ oder Konsistenzebene und Bauplan

In dem Abschnitt Souvenirs d’un planificateur im Plateau Devenir-intense, devenir- animal, devenir-imperceptible wird die Immanenzebene dem Organisations- oder Bauplan ( plan d’organisation ) gegenübergestellt. Dieser ist ein verstecktes Prin- zip, das bewirkt, dass das Gegebene gegeben ist, kann aber selber nur durch Schlüsse ausgehend von dem Gegebenen gefolgert oder erraten werden.

„Un tel plan, il est structural ou génétique et les deux à la fois, struc- ture et genèse, plan structural des organisations formées avec leurs dé- veloppements, plan génétique des développements évolutifs avec leurs organisaitons.“ (MP 325)

Er ist nicht gegeben, sondern „lebt“ in einer höheren Dimension zum Gegebe- nen (immer n+1 zu n) und ist so ein Plan der Transzendenz oder der Analogie. Er ist teleologisch oder theologisch und enthält eine Absicht oder ein mentales Prinzip. Der Präformismus stützt sich auf einen solchen versteckten Organi- sationsplan, selbst wenn dieser als dem System immanent bezeichnet wird (z. B. der Baum im Keim). Eine Form oder eine Struktur wird aus einem solchen Plan heraus auf eine Funktion hin „entwickelt“. Die Immanenzebene dagegen hat keine zusätzliche Dimension, sie ist immer immanent mit dem, was sie enthält, gegeben. Die Immanenzebene heißt auch Kompositionsebene, da sie immer schon mit dem, was sie enthält mitgegeben ist. Die Komposition in der Ebene geschieht durch Gruppierungen oder Zu- sammenfügungen von Dingen auf der Ebene, und dies nicht indem sie eine übercodierende Struktur verwirklicht.

„[L]e processus de composition doit être entendu pour lui-même, marqué

dans ce qu’il donne, immanent à ce qu’il donne construit morceau par morceau.“ 36

) c’est un plan qui se

Was oben über die Karten des glatten Raums, die Linien des Rhizoms gesagt wurde gilt auch hier: auf der Immanenzebene gibt es keinen globalen Organisa- tionsplan, alles wird Stück für Stück erschlossen. Als Beispiele aus der Komposition im Wortsinn, nennen Deleuze und Guattari einige Komponisten ihrer Zeit – Pierre Boulez, John Cage und die minimal music von Steve Reich und Philip Glass, die alle, anstatt sich in eine vor-pulsierte Zeit als Tempo einzugliedern, die Komposition selbst frei in einer „dahin treibende Zeit“ (temps flottant, „Aiôn“) ihre eigene Zeit markieren lassen.

36 Spinoza et nous, S.275.

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Kapitel III. Der Organismus und das Nicht-Organische

Zurück zu Geoffroy Saint-Hilaire und Cuvier

Im Abschnitt über den glatten und den gekerbten Raum wurden Geoffroy und Cuvier der nomadischen und der königlichen Wissenschaft bzw. dem euklidischen und dem topologischen Raum zugeordnet. In Geoffroys Theorie – oder genauer gesagt, in der Theorie, die Deleuze und Guattari ihm über den fiktiven Vortrag von Professor Challenger im Plateau La géologie de la morale in den Mund legen – wird die Natur als Konsistenzebene gesehen, auf der sich die Übergänge zwischen den Arten entlang der Linien eines Rhizoms als Isomorphismen oder Homologien vollziehen.

„L’important, c’était le principe de l’unité et de la variété: isomorphisme des formes sans correspondance, identités des éléments ou composants sans identité des substances composées.“ (MP 61)

In diesem Modell ist die Einheit des „Materials“ für alle Arten zentral. Auf dieser Ebene, dieser einzigen Mannigfaltigkeit oder Varietät, kann zwischen beliebigen Lebewesen ein Übergang bzw. eine Transformation durch einen Iso- morphismus stattfinden, ohne dass eine Entsprechung zwischen den Formen erkennbar sein muss. So sind sie Seinsweisen oder „Modi“ (frz. modes ) die- ses einzigen „abstrakten Tieres“ und unterscheiden sich durch den Grad ihrer Entwicklung. Das französische mode erlaubt auch die deutsche Übersetzung „Mode“, so dass sich die Ausführung des abstrakten Tieres mit der Obertonreihe zu einem Grundton veranschaulichen lässt. In einem beliebigen Ton schwingt immer schon seine Obertonreihe, deren Spektrum – oder auf „deleuzoguatta- risch“ Oberton-Gefüge – den Klang des Tons bestimmt, mit. Die Frage nach den Variationen der Arten und den Funktionen der verschiede- nen Organe ist daher eine Frage der Komposition und des Gefüges ausgehend von einer einheitlichen Konsistenzebene, und keine Frage nach der Organisa- tion nach Funktionen oder Prinzipien. Es geht dabei nicht um Entwicklung oder Differenzierung, sondern um Zusammen- oder Auseinanderlaufen von Bestandteilen in Verhältnissen, die durch relative Geschwindigkeit oder Ruhe gekennzeichnet sind. 37 Wie oben in der spinozistischen Kartographie, sind alle Variationen und Unterschiede auf Geschwindigkeiten und Wechselwirkun- gen auf der Konsistenzebene, wo die ungeformten Elemente und Materialien „tanzen“, zurückführbar. Dies ist die Rolle der Umgebung und des Milieus. 38

37 Vgl. MP 312. 38 Vgl. MP 62 und MP 312.

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Die Organisation

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Die verschiedenen Arten und Differenzierungen in verschiedene Organe mit verschiedenen Funktionen, die durch diese Variationen entstehen werden als „Ausführungen“ desselben abstrakten Tieres verstanden. 39 Es ist Geoffroys Konzept der Isomorphie (MP 61), das gewährleisten soll, dass zwischen den Arten ein (zumindest konzeptueller) Übergang durch Faltung (pliage) möglich ist. Ein Isomorphismus ist in der Mathematik eine Abbildung, welche die Verknüpfung zwischen Elementen beim Übergang vom Urbild zum Bild erhält (Homomorphimus), und außerdem eindeutig jedem Element des Urbildes ein Element im Bild zuordnet und umkehrbar ist. 40 In Bezug auf Geoffroys Theorie handelt es sich um einen Übergang von einer Struktur zu einer anderen, ohne dass Formen oder Funktionen erhalten bleiben.

„Quels que soient les changements de forme, de volume, de position que subit une pièce anatomique, elle conserve toujours les mêmes relations de voisinage.“ 41

Es geht nur um Nachbarschaftsrelationen, oder genauer, um die Erhaltung einer gewissen Erreichbarkeit zwischen Punkten. 42 Cuvier dagegen – oder die Marionette, die Professor Challenger Cuvier spielen lässt – muss zur Erklärung auf Funktionen zurückgreifen, die, ob theologisch, teleologisch oder teleonomisch 43 , in jedem Fall transzendent zur Ebene der materiellen Vorgänge auf der organischen Ebene der Lebewesen sind – die Immanenzebene der Natur muss verlassen werden. Entscheidend sind hier Analogien (Entsprechung von Funktionen) zwischen den Arten:

„C’est leur organisation fonctionnelle qui sous-tend les classes, qui rappro- che certains organismes et en éloigne d’autres.“ 44

Bei der Klassifikation der Arten nach funktionellen Organisationen (auf einer Organisationsebene) werden daher automatisch einige Gebiete oder „Äste“ von anderen abgetrennt und sind nicht mehr erreichbar – hier verortet sich auch in

39 „Un seul Animal abstrait pour tout les agencements qui l’effectuent.“ (MP 312). 40 Vgl. Brockhaus Enzyklopädie, Mannheim 1989. 41 Jacob 1970, S.117. 42 Wie beim obigen Beispiel von der Tasse und dem Doughnut – Wahrscheinlich waren es daher die Mathematiker, die noch am längsten Professor Challengers fiktivem Vortrag in La géologie de la Morale zuhörten – „gewöhnt an ganz andere Verrücktheiten“ (MP 74) als den Übergang vom Elefant zur Qualle, den die Marionette, die Cuvier in diesem Stück spielt, erwähnt. 43 Der Unterschied zwischen teleologisch und teleonomisch wird in Abschnitt 3 dieses Kapi- tels genauer erläutert. 44 Jacob 1970, S.121.

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Kapitel III. Der Organismus und das Nicht-Organische

Baers Annahme der vier Grundtypen von Embryonen, deren Entwicklungen nicht aufeinander zurückführbar sind. 45

„Selon [Cuvier], l’unité du plan ne peut être qu’une unité d’analogie, donc transcendante, qui ne se réalise qu’en se fragmentant dans des embranche- ments distincts, suivant des compositions hétérogènes, infranchissables, irréductibles.“ (MP 311)

In diesem festen Schema verläuft die Einteilung nach „Ähnlichkeitsrelationen zwischen Organen und Analogien der Formen“ 46 Vom Blickwinkel der Einteilung in königliche und nomadische, über- und unter-geordnete, voll- und minderwertige, Haupt- und Neben- Wissenschaft 47 , hylemorphistische Konzepte und solche von Energie und Geschwindigkeit, ist Cuviers Typ fest und übergeordnet, externe Formgebung ( moule ), während Geoffroys kontinuierliche Übergänge aus den Variationen der Geschwindigkeit und Intensität immanent entstehen. 48 Auch in Différence et répétition war die Rede von Geschwindigkeiten der Entwicklung, von einer Genese von virtuell zu aktuell statt von einem aktuellen Term zu einem anderen. Cuviers Organe und Funktionen sind solche aktuellen Terme, daher entsteht auch der Streit, da unter der Voraussetzung von Übergängen zwischen aktuellen Termen und einem Primat der Ähnlichkeit, Geoffroys universeller Bauplan nicht vorstellbar ist. Geoffroys Kompositionsebene der Natur dagegen mit ihren ungeformten Materialien und Elementen entspricht dem Virtuellen. 49

Von Simondon zur Geologie – Die Stratifizierung

Stratifizierung und doppelte Artikulation

Wie in Différence et répétition die Aktualisierung der virtuellen Mannigfal- tigkeiten erklärt werden musste, muss in Mille Plateaux nun die Frage, wie Organisation und Struktur auf der einen und die Konsistenzebene auf der

45 Karl Ernst von Baer (1792-1819), „Begründer der modernen Embryologie, Entdecker des Säugetier-Eies (1826) und der Chorda dorsalis in der Entwicklung der Wirbeltiere; Anhänger

der Typenlehre von G. de Cuvier

aufgestellte biogenetische Grundregel hin („Gesetz der Embryonenähnlichkeit“)“, Spektrum Lexikon der Biologie, Band 2. 46 „[D]es ressemblances d’organes et des analogies de formes“ (MP 61). 47 Das französische Begriffspaar majeure et mineure hat im Deutschen zu viele Bedeutungen, als dass hier wirklich von einer Übersetzung zu sprechen wäre.

48 Diese Betonung auf den hylemorphistischen Aspekt findet sich auch in Sauvagnargues 2004, S.141-143. 49 Vgl. DR 239.

) wies so auf die später von F. Müller und E. Haeckel

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Die Organisation

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anderen Seite zusammen spielen. Wie glatter und gekerbter Raum können Organisationsplan und Konsistenzebene eine gewisse Zeit lang wie bisher als abstrakte Pole gegenübergestellt und voneinander abgegrenzt werden. Deleuze und Guattari nennen dies eine „wohlbegründete Abstraktion“. Andererseits sind die beiden aber immer in Wechselwirkung:

„Si bien que le plan d’organisation ne cesse de travailler sur le plan de consistance, en essayant toujours de boucher les lignes de fuite, de stopper ou d’interrompre les mouvements de déterritorialisation, de les lester, de les restratifier, de reconstituer des sujets et des formes en profondeur. Et, inversement, le plan de consistance ne cesse pas de s’extraire du plan d’organisation, de faire filer des particules hors strates, de brouiller les formes à coup de vitesse ou de lenteur, de casser les fonctions à force d’agencements, de micro-agencements.“ (MP 330)

Nachdem bisher eher von Geographie-Philosophie die Rede war – Fragen der Kar- tographie, der Ebene der Beschreibung – kommt nun der Geologie-philosophische Aspekt hinzu. Den Konzepten der „Strata“ (Schichten), der „Stratifizierung“ und „Destratifizierung“, der „Territorialisierung“ und der „Deterritorialisie- rung“ – Geologie der Dinge ist das Plateau La géologie de la morale gewidmet. Wie oben bereits angemerkt, ist dieses Plateau als fiktiver Vortrag von Conan Doyles Professor Challenger geschrieben. 50 Dieser eröffnet mit der Gegenüberstellung der Welt als Konsistenzebene – „mit instabiler und ungeformter Materie, Ströme in alle Richtungen, freie Intensitäten oder nomadische Singularitäten“– und dem „sehr wichtigen, unvermeidlichen, in gewisser Hinsicht gutartigen, in vielerlei Hinsicht bedauerlichen“ Phänomen der Stratifizierung. 51 Was geht bei der Stratifizierung vor sich, was „tun“ die Strata?

„Les strates

intensités ou à fixer des singularités dans des systèmes de résonance et de redondance, à constituer des molécules plus ou moins grandes sur le corps de la terre, et à faire entrer ces molécules dans des ensembles molaires.“ (MP 54)

) consistaient à former des matières, à emprisonner des

An dieser Passage wird Simondons Einfluss deutlich. Die Stratifizierung ist ein Resonanzphänomen zwischen Größenordnungen. Aus dem Mikroskopi-

50 Vielleicht ist es auch deshalb eins der kryptischsten. Hier besonders bemerkenswert die ausführliche, klare und verständliche Darstellung von Pierre Montebello in Deleueze , s. Montebello 2008, Kapitel IV, Le paradoxe de la nature . 51 Im Original „un phénomène très important, inévitable, bénéfique à certains égards, regret- table à beaucoup d’autres: la stratification“.

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Kapitel III. Der Organismus und das Nicht-Organische

schen – bei Deleuze und Guattari das Molekulare genannt – entsteht durch Verstärkung eine globale oder makroskopische Struktur, Deleuze und Guattari nennen sie „molar“. Diese Struktur wird insofern „redundant“ genannt, als sie geordnet und codiert d. h. zu einem gewissen Grad repetitiv oder regelmäßig ist und dem prä-individuellen oder prä-stratifizierten Chaos entgegensteht. Der Unterschied zu Simondon und auch zu Différence et répétition liegt in der Betonung des „territorialen“ Aspekts. In der ordnenden Strukturierung von Strömen und Teilchen der Konsistenzebene durch Resonanz geschieht auch eine „Gefangennahme“ ( capture, emprisonnement ) des deterritorialisierten in ei- nem Territorium. Hier dominiert das Bild der Resonanz von Schwingungen in einem Hohlraum – durch die „Einsperrung“ einer Welle tritt die Struktur der diskreten Eigenschwingungen des Raumes auf.

„Elles opéraient par codage et par territorialisation sur la terre, elles procédaient simultanément par code et par territorialité.“ (MP 54)

Die Haecceitäten der Immanenzebene werden bei der Stratifizierung in zwei Hinsichten oder in zwei Dimensionen – der Oberfläche und der Tiefe – einge- fangen: Die differentiellen Geschwindigkeiten oder Flüsse von unorganisierten Teilchen werden „territorialisiert“ und die Affekte oder Flüsse von Intensitäten werden in festen Schichten „versteinert“ oder codiert. Die geologische Ausdrucksweise weist nicht auf Metaphern, sondern auf die Verwendung eines Paradigmas im simondonschen Sinn hin – Stratifizierung als Paradigma für die Formung von Organismen und anderen Formen der Organisation. Eine der Hauptfragen dieses Plateaus ist die Organisation des Lebendigen („stratification organique“) oder das Problem, wie ein Organismus aus dem Körper „gemacht“ wird. 52 Die Frage ist auch, inwiefern dieser Vorgang und sein Ergebnis „gutartig“ und inwiefern sie „bedauerlich“ („bénéfique“ und “regrettable“) sind. Zunächst geht es darum, den Vorgang der Stratifizierung genauer zu fassen. Deleuze und Guattari beschreiben ihn durch das Konzept der doppelten Arti- kulation – maßgeblich beeinflusst vom indie Linguisten Louis Hjelmslev und Simondons Hylemorphismuskritik. Das Plateau beginnt mit dem Bild eines Hummers mit der Unterschrift „double articulation“, was in Bezug auf die beiden Zangen des Hummers soviel wie „Ge- lenk“ bedeutet. Dann aber bezieht sich die articulation bald – frei inspiriert von

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Die Organisation

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Hjelmslevs Theorie – auf Inhalt und Ausdruck, so dass die andere Bedeutung, Artikulation als Explizit-Machen von etwas Impliziten oder als Strukturierung von Unstrukturiertem es besser auf den Punkt trifft. 53 Das Paar Inhalt und Ausdruck wurde in Abgrenzung vom Paar „Bedeutendes – Zeichen“ (signifiant – signe) gewählt.

„Une forme de contenu n’est pas du signifié, pas plus qu’une forme

d’expression n’est du signifiant.“ (MP 85) 54

Es geht nicht um eine übergeordnete Bedeutung, die wie eine transzendente Absicht über den Strata schwebt, sondern nur um das Verhältnis der Strata zur Immanenzebene. Die erste Beschreibung der doppelten Artikulation ist in folgendem Schema dargestellt. 55

Inhalt (molekular/mikroskopisch)

Ausdruck (molar/makroskopisch)

V

1

V

2

Substanz 1 & Form 1

Substanz 2 & Form 2

in- oder metastabile Ströme oder Moleküle & ihre statistische Verteilung

molare, zusammengesetzte Dinge & ihre stabile und funktionale Struktur

Dabei unterscheiden sich die beiden Artikulationen ( ^ ) dadurch, dass die erste den Inhalt und die zweite den Ausdruck betrifft. Das Ergebnis sind zwei Mannigfaltigkeiten, eine des Inhalts, eine des Ausdrucks. Im einfachsten Fall ist der Inhalt molekular und der Ausdruck molar. Bei der ersten Artikulation mit ihrer bloß statistischen Ordnung gibt es keinen globalen Code, der Code muss so lang sein wie die Liste der molekularen Bestandteile und ihrer Interaktionen. Bei der zweiten Artikulation dagegen, als durchstrukturiert und organisiert, gibt es einen „Übercode“, surcodage. Der ersten entspricht eine Mannigfaltigkeit, die „biegsam, eher molekular und bloß geordnet“ ist, der zweiten eine „festere, molare und organisierte“. 56 Deleuze und Guattari geben mehrere Beispiele auf verschiedenen Ebenen – Moleküle und Makromoleküle, Nukleinsäuren und Proteine. Hierbei wird deutlich, dass es Artikulationen von Inhalt und Ausdruck auf vielfältigen

53 Deleuze und Guattari betonen: „évidamment, réduire la relation articulaire aux os n’était qu’une manière de parler.“ (MP 56). 54 Für eine Diskussion des linguistischen und gesellschaftlichen Aspekts s. Montebello 2008,

S.157-169.

55 Vgl. MP 55. 56 Im Original „souple et seulement ordonné“, „plus dur, molaire et organisé“, (MP 55). Hier ist nicht klar, warum das erste Ensemble als geordnet bezeichnet wird, wo eigentlich alle Erklärungen eine maximale, molekulare Unordnung nahelegen. Wahrscheinlich ist unter „Ordnung“ hier „Struktur“ in einem minimalen Sinn zu verstehen.

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Kapitel III. Der Organismus und das Nicht-Organische

Ebenen, die auch ineinander verschachtelt sind, gibt: die molekulare Ebene, die makromolekulare Ebene, die Unterscheidung in DNA und Proteine und schließlich die funktionale Unterscheidung der Proteine je nachdem, wie sie gefaltet sind. 57 Hier wird nur die Ebene der Zellchemie, in deren Darstellung sich Deleuze und Guattari eng an François Jacob orientieren und deshalb verhältnismäßig verständlich sind, zur Veranschaulichung erwähnt. 58 Die Doppelartikulation der Zellchemie besteht aus zwei Vorgängen. Der erste liefert die chemischen Motive („Buchstaben“ der chemischen Sequenz eines Proteins/DNA Makro- moleküls), der zweite ist die Polymerisierung und liefert die Makromoleküle selber. 59 In Bezug zu Simondons Hylemorphismuskritik gesetzt entspricht der Inhalt ( contenu ) der mit Singularitäten und Haecceitäten (in Simondons Sinn, IGP 58) versehenen Materie (übersättigte Lösung oder formbarer Lehm) und der Ausdruck ( expression ) der individuierten Struktur (Kristall oder Ziegel) – auf beiden Ebenen gibt es Form und Substanz. Simondons präindividueller Phase entspricht hier die Konsistenzebene,

„c’est-à-dire le corps non formé, non-organisé, non stratifié ou déstratifié, et tout ce qui coulait sur un tel corps, particules submoléculaires et suba- tomiques, intensités pures, singularités libres préphysiques et prévitales“ (MP 58).

Diese umfasst all die Materialien, die in Bezug auf das betrachtete Stratum noch nicht zur Substanz oder gefestigt worden sind. Der Raum für Geoffroys Isomorphien ist eigentlich das organische Stratum. Die Arten als Ausführung desselben abstrakten Tieres sind alle Teil des organischen Stratums, gebildet durch Stratifizierung der Konsistenzebene.

„Ainsi la strate organique n’avait aucune matière vitale spécifique, puisque la matière était la même pour toutes les strates, mais elle avait une unité spécifique de composition, un seul et même Animal abstrait, une seule

57 Was den genetischen Code angeht, sind die Erklärungen von Deleuze und Guattari aller- dings sehr kryptisch und wenig hilfreich. So ist nicht klar, warum die Proteine dem Inhalt und die DNA dem Ausdruck entsprechen sollten, da es die DNA ist, die Ursprung der Codierung der Proteine ist. Proteine könnten als Ausdruck der in der DNA enthaltenen genetischen Information bezeichnet werden (s. MP 57 und MP 59 f.). Hier ist aber gleichzeitig ein gewisses Maß an Selbstironie zu erkennen, Deleuze und Guattari nennen Challengers Vortrag im selben Atemzug „vermasselt“ (loupé) oder „stupide Popularisierung“ (vulgarisation stupide). 58 S. Bonta/Protevi 2004, S.152-153 für eine tabellarische Übersicht zur Klassifizierung der verschiedenen Niveaus und Arten von Strata. 59 Deleuze und Guattari zitieren Jacob 1970, S.289-290.

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Die Organisation

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et même machine abstraite prise dans la strate, et présentait les mêmes matériaux moléculaires, les mêmes éléments ou composants anatomiques d’organes, les mêmes connexions formelles .“ (MP 61)

Dies war auch Simondons Ansatz: Das Lebendige besteht nicht aus einer beson- deren Sorte von Stoff oder Materie und zeichnet sich nicht durch verborgene vitalistische Kräfte oder Energien aus, sondern der Unterschied von Leben- digem zu Nicht-belebtem entscheidet sich allein aufgrund der Vorgänge und Operationen, die zwischen den Bestandteilen ablaufen. 60 So erklärt sich Geoffroys „animal abstrait“ als eine auf dem organischen Stratum gefangene abstrakte Maschine, die aber dennoch von der allgemeinen Konsisten- zebene als Ebene der Dinge herrührt. 61

Die Dynamik der Strata – Der Einfluss Simondons Betrachtungen zu Milieu und Transduktion

Oben war zum Inhalt gesagt worden, dass er wie eine mit Haecceitäten (im simondonschen Sinn) versehene Materie ist – in Bezug auf die Dynamik in- nerhalb des Stratums heißt dies dann „Substratum“ 62 – Produkt einer ersten Stratifizierung, Ausgang von weiteren.

„Les matériaux n’étaient pas la matière non formée du plan de consistance, ils étaient déjà stratifiés et venaient des «substrates».“ (MP 65)

Diese Materie sei zwar einfacher als die in den molaren Strukturen organisierte des Ausdrucks, aber ihre Organisation sei nicht weniger komplex als der mo- laren Organisation auf dem eigentlichen Stratum. Diese Bemerkung soll die Bevorzugung des Organisierten und Strukturierten vor den bloß statistischen Ensembles der Substrata vermeiden. Die Differenzierung und die Organisation wird ausdrücklich nicht mehr als evolutives Fortschreiten angesehen. Diese Substrata werden in Anlehnung an Simondons Betrachtungen zur Kristallisie- rung auch „äußeres Milieu“ ( milieu extérieur ) genannt. Bei Simondon war die amorphe, übersättigte Lösung das Milieu, in dem sich die kristalline Struktur bilden konnte. So war die Struktur „das Innere“ und das Milieu „das Äuße- re“, die Kristallisaiton wird als Interiorisierung des äußeren Milieus verstanden.

60 „Vie et matière non vivante peuvent en un certain sens être traitées comme deux vitesse d’évolution du réel.“ (IGP 279). 61 Der Begriff der abstrakten Maschine wie auch ihr Zusammenhang mit den Strata, der Konsistenzebene und den virtuellen Mannigfaltigkeiten aus Différence et répétition wird in Abschnitt 3 dieses Kapitels betrachtet werden. 62 Nicht zu verwechseln mit einem Substrat – la substrate und nicht le substrat.

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Kapitel III. Der Organismus und das Nicht-Organische

In Bezug auf die Ontogenese des Organismus wäre dieses äußere Milieu die „berühmte prä-biotische Suppe“ („la fameuse soupe prébiotique, MP 67), aus der die Einzeller als die ersten primitiven Organisationsformen hervorgehen. Die Gesamtheit des ontogenetischen Vorgangs besteht daher immer aus Milieu (relativ außen), geformten oder individuierten Bereichen (relativ innen) und zwischen ihnen die Grenze oder die Membran (Relation). So nennen auch Deleuze und Guattari dieses Tripel „zentrale Schicht“ („couche centrale“) oder „zentralen Ring“ („anneau central“) eines Stratums. 63

„Bref, l’intérieur et l’extérieur sont l’un comme l’autre intérieur à la strate.“ (MP 65)

Dies ist aber nur die einfachste Einheit, gewissermaßen als isolierte Moment- aufnahme des Stratums, oder genauer nur eine Schicht des Stratums. Um das Voranschreiten des Kristalls oder die Prozesse an der Membran zu beschrei- ben wird gewissermaßen eine Kinetik benötigt. Dies sind Bewegungen von der zentralen Schicht hin zur Peripherie, gemäß Simondons Bemerkung, dass das Lebewesen an seiner Grenze lebt, der Kristall zu sich selbst exzentriert ist. Diese intermediären Milieus, gekennzeichnet durch ihre Übergangs-Zustände, nennen Deleuze und Guattari „Epistrata“ („épistrates“). Dazu gehört alles, was in der Peripherie der zentralen Schichten „passiert“ und fließt (Prozesse und Ströme), so wie differentielle Intensitätsverhältnisse und die Entwicklung des Systems an seiner Grenze. 64 Das zentrale Stratum fragmentiert sich durch diese Übergänge. All diese Flüsse vom Zentrum zur Peripherie sind relative Deterritorialisierun- gen, d. h. Verschiebungen und Transformationen auf dem Stratum. Wenn sich das zentrale Stratum in intensiven Prozessen durch Ströme hin zu den Epistrata ausbreitet, bewegt es sich in dieser Transformation doch auf ein neues Zentrum zu, in dem dann die Reterritorialisierung geschieht.

„Il faut penser la déterritorialisation comme une puissance parfaitement positive, qui possède ses degrés et ses seuils (épistrates), et toujours relative, ayant un envers, ayant une complémentarité dans la reterritorialisation.“ (MP 71)

63 Was bei Simondon die Arten der Individuierung (physikalisch, lebendig, inter-individuell) waren, sind bei Deleuze und Guattari verschiedene Strata der Natur (physikalisch, organisch, „alloplastisch“). Die „zentrale Schicht“ entspricht dem einzelnen Individuum bzw. der Zelle als der primitivsten Einheit eines Organismus. 64 Im Original „des taux, des rapports différentiels“, MP 69

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Die Organisation

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Außer den Epistrata , dem intermediären Milieu, gibt es noch die Parastrata , auch als assoziiertes oder annektiertes Milieu bezeichnet. Hier findet durch Energieaufnahme, Wahrnehmung und Reaktion der Austausch mit anderen Systemen statt.

„Le Milieu associé de définissait ainsi par des captures de sources d’énergie

) et par la fabrication ou non

des éléments ou composés correspondants.“ (MP 67)

), par le discernement des matériaux

So sind die assoziierten Milieus der Zecke zum Beispiel das des Baumes, das des vorüberziehenden Säugetiers, mit denen sie durch Wahrnehmung und Energieaustausch in Wechselwirkung steht. Alle Formen mit denen der Orga- nismus in Wechselwirkung steht – das Beispiel des Spinnennetzes – sind auch morphogenetisch, entstehen aus Wechselwirkungen zwischen Milieus. Dies ist eine Sicht auf die Natur als spinozistische Konsistenzebene. Dieses Netz von dynamischen Prozessen zwischen offenen Systemen (den Haecceitäten) hat keine Struktur im Sinne eines Präformismus, sondern ist ständig in seiner Strukturierung begriffen. 65 Statt die Erhaltung einer homöostatischen Einheit zu betonen, sprechen Deleuze und Guattari von einer Fragmentierung oder Decodierung hin zu den asso- ziierten Milieus. Das zentrale Stratum als sogenanntes „Ökumen“ – d. h. die im Stratum gefangene abstrakte Maschine – ist hin zu den Para- und Epistrata fragmentiert.

„La ceinture, l’anneau idéalement continu de lastrate, l’Œcumène, défini

par l’identité des matériaux moléculaires, des éléments substantiels et les relations formelles, n’existait que comme brisé fragmenté en épistrates et

parastrates

).“ (MP 69)

Diese Fragmentierung ist entweder eine Deterritorialisierung hin zu den inter- mediären Milieus oder eine Dekodierung zu den assoziierten Milieus. Da diese aber nicht einfach eine statische Struktur, sondern ein Netz von Prozessen auf dem umfassenden Stratum sind, ist der Blickwinkel, aus dem die Para- und Epistrata selber in Bewegung sind, ebenso möglich.

„Bref, sur l’Œcumène ou l’unité de composition d’une strate, les épistra- tes et les parastrates ne cessent de bouger, de glisser, de se déplacer, de changer, les unes emportées par des lignes de fuite et des mouvements de

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Kapitel III. Der Organismus und das Nicht-Organische

déterritorialisation, les autres par des processus de décodage ou de dérive, les unes et les autres communiquant au croisement des Milieux.“ (MP 72)

So entsteht das Bild des allgemeinen Stratums, als dynamisches Gefüge, in dem die zentrale Schicht, Epi- und Parastrata durch Deterritorialisierung, Re- territorialisierung, Codierung und Decodierung in ständiger Wechselwirkung sind.

Der Körper ohne Organe als Bild des Nicht-Organisierten

Der Begriff des Körpers ohne Organe ( Corps sans organes, CsO ) stammt von Antonin Artaud:

„L’homme est malade parce qu’il est mal construit.

plus inutile qu’un organe. Lorsque vous l’avez fait un corps sans organes,

alors vous l’avez délivré de tous ses automatismes et rendu sa véritable liberté.“ 66

) il n’y a rien de

Wie im Titel von Artauds Radiosendung Pour en finir avec le jugement de Dieu, 67 geht es um die Befreiung von Hierarchien, Funktionen und Automatismen, in denen das Urteil Gottes als transzendentaler Plan bestehe. Die Organisation ist nicht mehr die „eigentliche“ oder die „gute“ Form eines Körpers, sondern eine Prozedur, die erlitten wird.

Der Körper ohne Organe als Konsistenzebene

Der Körper ohne Organe ist so gewissermaßen der allgemeinere Körper, der Organismus wird erst durch Organisation oder Stratifizierung aus ihm gemacht:

„L’organisme n’est pas du tout le corps, le CsO, mais une strate sur le CsO, c’est-à-dire un phénomène d’acculmulation, de coagulation, de sé- dimentaiton qui lui impose des formes, des fonctions, des liaisons, des organisations dominantes et hiérarchisées, des transcendances organisées pour en extraire un travail utile. Les strates sont des liens, des pinces“(MP

197)

So erklärt sich das Bild des Hummers zur Veranschaulichung der doppelten Artikulation – die Stratifizierung ist wie ein Ergreifen von Intensitäten, die dann zu Form und Substanz werden, mit Zangen.

66 Artaud 2003, S.61. 67 Gesendet auf Radio France am 1.Februar 1948.

2

Die Organisation

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Die Stratifizierung oder das Hinzufügen eines übergeordneten Planes auf den Körper ohne Organe transformiert ihn vom intensiven Spatium, mit Flüssen und differentiellen Geschwindigkeiten von Teilchen, zu einer funktionalen, bedeutsamen und subjektiven Struktur.

„Le jugement de Dieu l’arrache à son immanence, et lui fait un organisme, une signification, un sujet.“ (MP 197)

Im Plateau Le géologie de la morale wurde die Immanenzebene oder die unge- formte, der doppelten Artikulation und den Strata vorausgehende Materie auch der Körper ohne Organe genannt. Deleuze und Guattari setzen den Körper ohne Organe mit der Immanenzebene gleich:

„Le plan de consistance est le corps sans organes.“ (MP 330)

Insofern widersetzt sich der Körper ohne Organe nicht nur dem organischen Stratum, sondern auch dem der Bedeutung und dem der Subjektivierung – als Anti-Organisation. Er „desartikuliert“ die doppelte Artikulation, die das Stratum ermöglicht hatte. 68 Wenn sich dagegen ein Organismus deterritorialisiert und zum Körper ohne Organe wird, heißt das nicht, dass er alle Organe verliert. Was sich verändert, ist ihre Anordnung. Das Organ liegt auf dem Körper ohne Organe als Maschine, statt ein in seine Funktionalität eingebundenes organon, ein Werkzeug zu sein.

„Un corps sans organes n’est pas un corps vide et dénué d’organes, mais

) se distribuent d’après des

phénomènes de foule, suivant des mouvements brownoides, sous forme

un corps sur lequel ce qui sert d’organes

de multiplicités moléculaires.“ (MP 43) 69

In diesem Sinne ist auch oft vom „vollen Körper ohne Organe“ die Rede, um zu betonen, dass dieser zwar nicht-organisiert ist, aber dennoch von relativ zueinander bewegten Teilen und Teilchen und Intensitäten in statistischen Bewegungen wimmelt, statt eine durch einen Plan oder eine Funktion vorge- zeichneten Trajektorie zu folgen. 70 Deleuze sieht eine Veranschaulichung dieser beiden Aspekte in Francis Bacons Malerei. In Francis Bacon ou la logique de la sensation beschreibt er die Deformationen, die die Körper in Bacons Bildern durchlaufen, wie folgt:

68 Vgl.MP 197. 69 Vgl. „C’est que les machines organes ont beau s’accrocher sur le corps sans organes, celui-ci n’en reste pas moins sans organes et ne redevient pas un organisme au sens habituel du mot. Il garde son caractère fluide et glissant.“ (AO 22). 70 Um den Aspekt der Intensität wird es im folgenden Abschnitt gehen.

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Kapitel III. Der Organismus und das Nicht-Organische

„Et les déformations de Bacon sont rarement contraintes ou forcées, ce ne sont pas des tortures, quoi qu’on dise: au contraire ce sont les postures les plus naturelles d’un corps qui se regroupe en fonction de la force simple qui s’excerce sur lui, envie de dormir, de vomir, de se retourner, de tenir assis le plus longtemps possible etc.“ (FB 60)

So hänge alles von Verhältnissen von Kräften ab und lasse sich weder auf eine Transformation der Form noch auf eine Auflösung in Bestandteile zurückführen. Insofern folgt der Körper seiner „wahren“ Natur, wenn er diesen Kräften folgt, statt durch strukturierte Organisation dagegen zu halten. Der Aspekt des vollen Körpers ohne Organe wird an der Gegenüberstellung von Kopf und Gesicht deutlich. Deleuze schreibt, dass Bacon in seiner Malerei das Gesicht als „räumliche und strukturierte Organisation, die den Kopf bedeckt“ 71 , desorganisiert, so dass der Kopf als ein voller „Block von festem Fleisch“ (FB 31), von den Knochen als Gerüst der Organisation befreit („désossé“), sichtbar wird. Bisher wurde der Körper ohne Organe in seiner extremen Form als abstrak- ter Pol betrachtet. In dem „Experiment“, sich einen Körper ohne Organe zu machen 72 , darf dagegen auf keinen Fall zu voreilig alles aufgelöst werden:

„L’organisme, il faut en garder assez pour qu’il se reforme à chauqe aube.“ (MP 199)

Wie die Wechselwirkung von Immanenzebene und Bauplan oder Stratifizier- tem, bei dem die Konsistenzebene immer auch Reservoir von Intensitäten vor den Strata ist und die Strata der Konsistenzebene Variablen liefern, muss der Körper ohne Organe, wenn er bestehen will, ein gewisses Maß an Organisation aufrecht erhalten, um nicht mit einem „suizidären Einsturz“ zu enden. 73 So darf unter dem Körper ohne Organe als Projekt eher ein Akt als ein Produkt verstanden werden, kein „mythischer Ort“, an dem eine Befreiung von allen Strata und Strukturen erreicht ist, sondern „eine Wertschätzung der intensiven und virtuellen Seite des Reellen“. 74 Somit nimmt er die Rolle ein, die das Ei in Différence et répétition spielte.

71 „[U]ne organisation spatiale structurée qui recouvre la tête“ (FB 27). 72 Für eine genaue Darstellung der „Funktion“ des Konzepts für Mille Plateaux und Deleuzes Philosophie allgemein ist hier kein Platz. Eine übersichtliche Darstellung findetsich in Kapitel V von Montebello 2008. 73 „[E]ffondrement suicidaire“ – dieser würde wahrscheinlich so aussehen, wie das Ende, das Deleuze und Guattari Professor Challenger zuteil werden lassen, vgl. MP 93-94. 74 „Il ne s’impose pas comme un lieu mythique où nous serions enfin délivrés des strates, mais comme un acte, valorisant la face intensive, virtuelle, en devenir de la réalité.“, Sauvagnargues 2005, S. 181.

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Die Organisation

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Der Körper ohne Organe und das Ei

Der Körper ohne Organe wurde bereits als intensives Spatium bezeichnet. Nach den Betrachtungen zum glatten und gekerbten Raum bekommt dies noch eine weitere Bedeutung in:

„Il n’est pas espace, ni dans l’espace, il est matière qui occupera l’espace à tel ou tel degré — au degré qui correspond aux intensités produites.“ (MP

189)

Ein Spatium als glatter Raum, für das es nur eine Karte der Intensitäten und der Flüsse gibt, keine Formen und Positionen. Dies entspricht der Beschreibung, die Deleuze auch in Différence et répétition für das Ei gewählt hatte. 75 Insofern, als Stratifizierung bereits mit der Differenzierung in Différence et répétition verglichen wurde, kann auch der Körper ohne Organe mit dem Ei verglichen werden. Deleuze und Guattari nehmen sogar eine eine Identifizierung vor:

„Le CsO est l’œuf. Mais l’œuf n’est pas regressif: au contraire, il est contemporain par excellence, on l’emporte toujours avec soi comme son propre Milieu d’expérimentation, son Milieu associé. L’œuf est le Milieu

d’intensité pure, le spatium, et non l’extensio, l’intensité Zéro comme prin-

) [L]’œuf désigne toujours cette réalité intensive,

cipe de production.

non pas indifférenciée, mais où les choses, les organes se distinguent uni- quement par des gradients, des migrations, des zones de voisinage. L’œuf

est le CsO. Le CsO n’est pas «avant» l’organisme, il y est adjacent, et ne cesse pas de se faire.“ (MP 202) 76

Diese Identifizierung ist allerdings mit Einschränkungen gültig, da das Ver- ständnis von „Ei“ in Mille Plateaux nicht deckungsgleich mit dem in Différence et répétition ist. In Différence et répétition wurde durch den Prozess der „Indi- Drama-Differen z iation“ ein gewisses Fortschreiten von virtuell zu aktuell mit den intensiven Dynamiken im Ei als intermediär beschrieben. Hier hatte die Metapher des Eis für die Welt noch die biologische Richtung der Entwicklung. 77 In Mille Plateaux betonen Deleuze und Guattari nun die mythische Bedeutung

t

75 Vgl. MP 189 und DR 155. 76 Der Ausdruck „non pas indifférencié“ wäre in Différence et répétition wahrscheinlich mit t geschrieben worden. 77 Vgl. DR 323. Auch das „Larvensubjekt“ wurde gemäß des biologischen Ursprungs des Wor- tes als Vorstufe zum differnezierten Erwachsenen gesehen: „Il y a donc bien des acteurs, mais ce sont des larves, parce qu’elles sont seules capables de supporter les tracés, les glissementset rotations. C’est trop tard ensuite.“ (DR 283).

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Kapitel III. Der Organismus und das Nicht-Organische

des Eis als „kosmisches oder psychisches“, als ein umgebendes Milieu der Po- tenziale, aus denen noch Werden hervorgehen kann, und zwar ganz besonders ohne eine virtuelle Struktur zu aktualisieren, wie das Beispiel des Gewebes der Tumore, des Krebsbefalls zeigt:

„[I]l y a aussi un CsO de l’organisme, appartenant à cette strate-là.“ (MP

201)

In diesem Fall