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Die Reue (arab.

: Tauba)
Von Prof. Dr. Ali Gomaa

Der Erhabene Gott hat uns gewählt, um seine Botschaft an die


Menschen mitzuteilen. Daher hat uns auch der Erhabene Gott zur
allerbesten Gemeinschaft gemacht, was sich nur unter ein Paar
Bedingungen verwirklicht, u.z. dass wir Gottes Auftrag richtig
verstehen und dass wir die Botschaft, die uns der Prophet Muhammad
(s)1 mitteilte, gut begreifen. Zu den Bedingungen gehört es auch, dass
wir uns auf einem Stand befinden, der uns das Wohlgefallen des
Erhabenen Gottes gewinnen läßt, indem wir uns als Exemplare
beweisen, die zum richtigen Weg leiten, und nicht als Verführer, die
vom richtigen Weg ablenken.

Daher leitet uns der Erhabene Gott zur Reue an. Normalerweise
beschränkt der Gläubige die Reue auf die Sünden und hält sie für eine
metaphysische Angelegenheit, die nur mit dem jüngsten Gericht zu tun
hat. Die Reue ist aber viel größer und viel wichtiger als diese
Beschränkung. Die Reue ist eigentlich eine Art der Selbstkritik, eine Art
der Selbstrevidierung und eine Art der Verwaltungskontrolle.

Da wir die Begriffe wie „Selbstkritik“, „Selbstrevidierung“ und


„Verwaltungskontrolle“ aus anderen Kulturen erhalten haben, können
wir diese Begriffe richtig verstehen, insbesondere dass sie in unseren
Lehrbüchern oft erwähnt sind. Beim Hören des islamischen Begriffs der
„Reue“ beengen wir die Bedeutung der „Reue“, indem wir darunter nur
verstehen, dass man damit aufhört, Sünde zu begehen. Der islamische
Begriff „die Reue“ hat aber eine umfangreichere Bedeutung. Das läßt
sich verstehen, indem wir die Aussage unseres geliebten, unfehlbaren,
vom Gott gewählten Propheten Muhammad (s) hören, die
folgendermaßen lautet:

„Bei Allah, ich bitte Allah täglich mehr als siebzig mal um Vergebung
und wende mich Ihm in Reue zu.“ (Muslim)

Nun müssen wir uns fragen: Warum wendet sich der Prophet (s) dem
Erhabenen Gott in Reue zu? Wäre es wegen einer Sünde, die er
begangen hat?? Das kann keiner dem Propheten (s) zuschreiben. Es
war aber eine Art Selbstkritik und Selbstrividierung. Dabei überlegt
man täglich seine Taten und stellt sie in Frage, indem man sich selbst

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salla-l-lahu 'alaihi wa sallam: Allah segne ihn und schenke ihm Heil. Segensformel,
die nach koranischer Aufforderung (vgl. 33:56) bei der Erwähnung des Propheten
Muhammad gesprochen werden soll. Nach islamischer Tradition wird dies vor allem
regelmäßig bei der Erwähnung des Propheten getan.

1
folgende Fragen stellt: Was haben wir nicht total vollkommen erledigt?
Sollten wir etwas für Gott tun, das wir nicht getan hatten? Was haben
wir noch nicht erledigt, aus den vielen Taten, die wir dem Erhabenen
Gott schulden. Was hätten wir vollkommener und besser ausgeführt?

Sprachlich bedeutet das Wort „Reue“ „die Rückkehr“. „sich in Reue


zuwenden“ bedeutet „zum Richtigen rückkehren“. Die Begriffe der
Selbstrevidierung und der Selbstkontrolle lassen sich von den Worten
Omars (r) verstehen, die lauten: „Revidiert und stellt eure Taten in
Fragen, bevor euch der Erhabene Gott am Tag des jüngsten Gerichts
nach euren Taten fragt und bestraft. Seid bereit für diesen Tag, da die
Befragung denen leicht wird, die ihre Taten im Diesseits immer wieder
überlegt und darüber nachdenkt.“

(Alhakim, im „Almustadrik“)

Hätten wir den Begriff der „Reue“ richtig verstanden, dann hätten wir
jenen Begriff als einen hauptsächlichen Mechanismus in die
Verwaltung, in die Wirtschaft und in die Politik einführen sollen.

Der Begriff der Reue hat eine umfassende und umfangreiche


Bedeutung. Das beschräkte Verständnis für diesen Begriff ist nicht nur
falsch, sondern auch hinfällig und nachlässig.
Man muss aber sich dem Erhabenen Gott in Reue zuwenden, falls man
eine Sünde begeht. In einem Hadith heißt es: „Allle Söhne Adams sind
Sünder, und die besten der Sünder sind die Reumütigen.“ (Tirmidhi)
Der Prophet Muhammad (s) hat uns gelehrt, dass der Muslim, der eine
Sünde begeht, mit dieser Sünde aufhören, jene Sünde bereuen und
nie dazu wieder zurückkehren muss. Wenn diese Sünde mit den
Rechten anderer Menschen zu tun hat, dann muss man diese Rechte
an die Menschen, die sie verdienen, zurückgeben. Wenn diese Sünde
mit keinen menschlichen Rechten verbunden ist, dann vergibt es uns
der Erhabene Gott, dass wir Seine göttlichen Rechte mit unserer
Sünde verletzt haben.
Aus der „Reue“ ergibt sich die „Reviederung“. Als wir den Revidierung-
Aspekt von der Bedeutung der Reue ausgeschlossen und sie für eine
reine metaphysische jenseitige Angelegenheit gehalten hatten, haben
die Koranexgeten die koranische Aya [so wird Er euch einen schönen
Nießbrauch auf eine festgesetzte Frist gewähren,] (11:3) mit der
Lebensfrist gedeutet. Wenn wir aber den Aspekt der
„Selbstreviederung“ zur Bedeutung der „Reue“ hinzufügen, finden wir
heraus, dass die „Selbstrevidierung“ ein erneuter wiederholter Akt sein

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muss, indem wir immer unsere Taten revidieren und sie zur Frage
stellen. Die wiederholte Erneuerung-Beschaffenheit der „Reue“ ist eins
der göttlichen Gesetze, das sich an den Worten des Propheten
Muhammad (s) erkennen, in denen er uns befehlt, täglich den
Erhabenen Gott um Vergebung zu bitten, so dass der Erhabene Gott
unsere Taten berichtigt und uns auf den richtigen Weg stellt. Das
dauert aber für eine bestimmte Zeit an. Danach sollen wir uns aufs
Neue revidieren, unsere Taten überprüfen und wieder den Erhabenen
Gott um Vergebung und Berichtigung bitten. Das geschieht dann
wieder und wieder.

Und du, der Muslim, sei davon sicher, dass der Erhabene Gott zu Allem
Fähig ist und dass Er die Umstände unseres Lebens verbessert und
berichtigt, falls wir uns Ihm in Reue zuwenden. Es reicht aber nicht,
dass nur Einzelne die „Reue“ üben, damit sich die ganze Gesellschaft
entwickelt und aufsteigt. In einem koranischen Vers heißt es:
[Wendet euch alle reumütig Allah zu, ihr Gläubigen, auf daß es euch
wohl ergehen möge!] (24:31)
Wenn du den Aufschwung der ganzen Gesellschaft samt ihren
Mitgliedern bewirken willst, reicht es nicht, dass allein du dich dem
Erhabenen Gott in Reue zuwindest. Du musst auch die anderen zum
Üben der Reue aufrufen. Einer reicht nicht. Wenn der Einzelne auf
individueller Ebene die Reue übt, segnet der Erhabene Gott allein sein
Leben und berichtigt es ihm. Das hat aber keine Auswirkung auf die
Gesellschaft. Nur wenn die „Reue“ zur kollektiven Praxis wird,
empfindet man dann ihre Auswirkung auf die ganze Gesellschaft.
Mittels der Gruppe, die die „Reue“ üben, führt der Erhabene Gott die
Gesellschaft zum Sieg und zum Aufstieg.

In einem koranischen Vers heißt es auch:


[O die ihr glaubt, kehrt zu Allah um in aufrichtiger Reue] (66:8)
Im arabischen Origanal lauten die genauen Worte von „ in aufrichtiger
Reue“ der deutschen Übersetzung folgendermaßen: „Tawba Nassuha“.
Das arabische Original wurde in der Regel mit „aufrichtige Reue“
ausgelegt, obwohl das arabische Wort „Nassaha“ auch die Bedeutung
vom „beraten“ hat. In einem Hadith heißt es: „Die Religion ist
Beratung“ (Muslim)
Die Beratung bedingt aber, dass wir zu einer aufrichtigen Gesellschaft
werden, die zum Guten aufruft und vom Bösen abrät.

Daraus ist zu schließen, dass die aufrichtige Reue drei wesentliche


Eigenschaften aufweisen muss; nämlich die reine Absicht, die
Wahrhaftigkeit und den starken Willen. Das Ziel, nach dem wir streben

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sollen, ist die Entwicklung und die Aufschwung unserer islamischen
Gemeinschaft, wie uns der Erhabene Gott befohlen hat. Diese
Entwicklung sollen wir in der Öffentlichkeit und insgeheim
verwircklichen, da der Erhabene Gott sowohl unsere öffentlichen als
auch unsere geheimen Taten sieht und beobachtet. Der Erhabene Gott
ist der Herr der Herrschaft, in dessen Hand die Herrschaftsgewalt über
alles ist. Er ist der Herr des Diesseits und des Jenseits. Wenn wir die
Befehle Gottes beschränkt verstehen und folglich sie beschränkt
durchsetzen, beschränken wir die Auswirkung, die die göttlichen
Befehle bewirken sollten. Infolgedessen empfehlen wir, dass wir die
Sache richtig verstehen und dass wir sowohl unseren diesseitigen als
auch unseren jenseitigen Angelegenheiten unsere Aufmerksamkeit
schenken. Schließlich müssen wir Gottes Befehle richtig verstehen und
sie richtig durchsetzen, wie sie der Erhabene Gott tatsächlich wollte.

(Ein Artikel von Dr. Ali Gomaa in El-Ahram-Zeitung am 9. Juni 2008)