Lasst uns

2

reden!

Über die

SCHWEIZ.

3

Samstag, 6. Dezember 2014

«Es
ist
das
Drama
des
verwöhnten
Kindes»
Kopf gelockt

Der Mann, der hier
reglos hockt, erfand das
Papiergeld.

Die Anspruchshaltung
gegenüber Papa Staat
ist mittlerweile enorm.
Also kein Happy End?

Claude Cueni (58) ist erfolgreich als Schriftsteller,
todkrank, aber hellwach als intellektueller Kopf.

Nicht mehr viel
Spielraum:
Schriftsteller
Claude Cueni.

Von René Lüchinger (Interview)
und Mirko Ries (Fotos)

Herr Cueni, Sie leben im
Zwischenraum von Leben und Tod.
Wie geht es Ihnen?
Claude Cueni: Gut, aber auf tie-

fem Niveau. Meine Blut- und
Lungenwerte sind seit zwei Monaten stabil. Aber für weitere
Organabstossungen gibt es
nicht mehr viel Spielraum.
Bereiten Sie sich auf das Ende vor?

Ich liebe das Leben. Es gibt viele Dinge, die ich noch lernen
möchte. Es gibt Romane, die ich
noch schreiben will.
Exit ist kein Thema für Sie?

Ich habe mit Sterbehilfeorganisationen Gespräche geführt. Die
Gewissheit, dass man im Notfall
alles sofort beenden kann, ist
eine grosse Erleichterung und
hilft, den Alltag zu geniessen.
Aber das ist zurzeit kein Thema.
Verfolgen Sie noch die gesellschaftspolitische Entwicklung in
unserem Land? Ecopop, Gold-Initiative und so fort? Oder wird einem
dies in Ihrem Zustand egal?

Ich lese meistens ab Mitternacht
auf dem iPad diverse Zeitungen,
von nationalen Medien über
Nachrichtenmagazine bis zur
«South China Morning Post».
Reden wir über die Schweiz. Auch
unser Land befindet sich in einem
Zwischenraum: zwischen Masseneinwanderung und Nationalratswahlen 2015. Wo stehen wir?

Die Zahl der Wutbürger hat zugenommen. Viele Menschen
sind verärgert, dass Abstimmungsresultate uminterpretiert
und nicht umgesetzt werden.

Sie reden vom Vertrauensverlust
gegenüber der Politik?

Genau. Doris Leuthard forderte
kürzlich Vertrauen in die Politik. Aber Vertrauen muss man
sich verdienen. Viele Politiker
erwecken den Eindruck, sie hätten nur ein Ziel: die eigene Wiederwahl. Dafür versprechen sie
den Wählern Leistungen, die
man nur mit neuen Schulden finanzieren kann – seit 1971 der
Ursprung aller Finanzkrisen.
Wie bitte?

Damals löste Nixon die Goldan-

bindung des Dollars, um den
Vietnamkrieg mit neuem Papiergeld zu finanzieren. Später
warfen linke und rechte Regierungen abwechselnd die Notenpresse an. Der Wähler bezahlt
diese Geschenke teuer, weil die
hemmungslose Verschuldung
und Gelddruckerei seine Kaufkraft mindert, sein Altersguthaben schmelzen lässt. Jetzt spielt
Brüssel, das Versailles von heute, mit der Papierpresse.
Das heisst, die politischen Eliten
haben die Führungsfähigkeit der
Gesellschaft verloren?

Die Verantwortung gegenüber
dem Volk und dem Volksvermögen hat abgenommen. Viele Politiker denken wie François Hollande. Er sagte: «Das
kostet nichts, das
bezahlt der Staat.»
Früher gab es in der
Schweiz moralische Autoritäten. Einen Max
Frisch etwa oder einen
Friedrich Dürrenmatt.
In der Politik einen Willy
Ritschard, einen Ulrich
Bremi. Wo sind diese
Köpfe heute?

Ich weiss es nicht. Ich
bin aber sicher, dass es
sie wieder geben wird.
Die Lebenskraft
Schweiz erlahmt?

der

Wir befinden uns seit
Jahren in einem schleichenden Wirtschaftsund Währungskrieg. Die
USA greifen die Schweizer Steueroase an und
verteidigen gleichzeitig
die Steueroase in Delaware, wo über eine Million Firmen Steuern sparen. Aber der
Druck kommt
nicht nur aus
dem Ausland. Es ist
nicht ganz
frei
von
Ironie, dass
ausgerechnet die Leute, die
bisher
am we-

nigsten zum Wohlstand der
Schweiz beigetragen haben, bestrebt sind, die Vorteile der
Schweiz ausser Kraft zu setzen.
An wen denken Sie konkret?

An die möglicherweise gut gemeinten, aber für die Schweiz
destruktiven Initiativen, die wir
derzeit erleben.
Eine Art Wohlstandsverwahrlosung?

«

Es ist kein Wille mehr
da, Errungenschaften
zu verteidigen – deshalb
verlieren wir sie.»

Es ist das Drama des
verwöhnten Kindes.
Wir werden von der
Geburt bis zum Tod
betreut, bevormundet, infanti­
lisiert und im Glauben gelassen,
wir hätten ein Anrecht auf das
absolute Glück in einem Fünf­
sterne-Hotel. Müsste ich den
Begriff Wohlstandsverwahrlosung mit einem Bild dokumentieren, würde
ich das Foto nehmen, das die vergnügten Initianten
des bedingungslosen
Grundeinkommens
auf einem Berg von
Fünfräpplern zeigt.
Wenn junge, gesunde
Menschen Geld ohne
Leistung fordern, ist
das aus meiner Sicht
eine Bankrotterklärung. Wenn Geldverdienen fast zum
Offizialdelikt wird,
hat der Sinkflug begonnen.
Sie haben international erfolgreiche Historienromane geschrieben. Stellen Sie sich
vor, Sie schreiben im
Jahr 2100 das Buch
«Akte Schweiz – Ein
Nachruf». Was stünde da drin?

Die Schweiz wird
es auch im Jahre 2100 geben.
Aber es wird
keine AHV in
der jetzigen
Form mehr
geben,
Eine Mini-Guillotine in
und
Cuenis Wohnung
die
beflügelt die Gedanken.

Kopf ab

Sozialsysteme werden verschwunden sein. Der niederländische König Willem-Alexander
sagte, dass der Sozialstaat am
Ende sei, alle müssten nun die
Schulden der Vergangenheit abtragen. Erinnern Sie sich an den
deutschen Sozialminister Nor-

bert Blüm? Der lachte auf Litfasssäulen: «Die Renten sind
­sicher.» Kürzlich sagte er, die
Renten seien doch nicht sicher.
Die EU beschäftigt die grösste Ansammlung von Politikern auf dem
alten Kontinent. Worauf müssten
wir uns hier einstellen?

Auf mehr Bürokratie, Verschwendung von Steuergeldern
und weniger Demokratie. Sollte
die EU im Jahre 2100 in der jetzigen Form noch bestehen, wird
die Schweiz wohl Mitglied und
wie jeder anfängliche Nettozahler auf EU-Niveau pulverisiert sein.
Und sonst?

Ich würde schreiben, dass die
offizielle Schweiz in den letzten
Jahrzehnten nicht mehr den
Willen hatte, ihre Errungenschaften zu verteidigen, und
diese deshalb verloren hat.
Sie sind 1956 im französischen Jura
geboren. Erzählen Sie uns die Geschichte der Schweiz in der Gegenperspektive: Die reiche Schweiz
und die letzten 50 Jahre auf dem
Weg ins 21. Jahrhundert. Was fällt
Ihnen dazu ein?

Geboren bin ich in Basel, aber
ich habe die ersten Babyjahre im
Jura verbracht. Die 68er-Bewegung hat die Gesellschaft nachhaltig umgekrempelt, aber die
Freiheit, die man als Jugendlicher in den 70er-Jahren hatte,
ist vorbei. Aids hat die sexuelle
Revolution beendet, und ausgerechnet die einst so freiheitsliebenden 68er wollen heute die
Gesellschaft mit einer Flut von
Verboten und einer neuen Political Correctness umerziehen.

Gesellschaftliche Regeln werden nach Gutdünken ausgelegt.
Der politisch prägendste Kopf im
Land, Christoph Blocher, pflegt die
Schweizer Mythen wie kein Zweiter
und bespielt die Illusion der totalen Unabhängigkeit. Was fällt Ihnen ein, wenn Sie über Schweizer
Mythen von Tell, Morgarten oder
Rütli nachdenken?

Wilhelm Tell ist ja aus nordischen Sagen entlehnt. Ich habe
die Figur nie gemocht, denn als
Vater würde ich nie im Leben
meinem Sohn einen Apfel vom
Kopf schiessen. Winkelried gefällt mir schon besser, weil sich
jemand aufopfert für das Wohl
der anderen. Vielleicht werden
eines Tages Historiker schreiben, dass die Schweiz auf dem
Gebiet der Einwanderung in
Europa eine Winkelried-Funktion ausgeübt hat. Sie musste viele Diffamierungen einstecken,
und heute diskutieren alle westeuropäischen Länder Varianten
einer regulierten Zuwanderung. Irgendwann endet jede
Ideologie und Romantik an den
Grenzen der Realität.
Reden wir über den Islam. Eine Bedrohung für die westliche Welt? Ist
die freiheitliche Welt zu faul, ihre
Errungenschaften zu verteidigen?

Peter Scholl-Latour sagte, er
fürchte nicht die Stärke des Islams, sondern die Schwäche des
Westens. So ist es. Wir verkaufen unsere Schwäche als Toleranz, weil wir mehr zu verlieren
haben als die IS-Terroristen.
Erleben wir die schöpferische Zerstörung der Schweiz?

Die Schweiz schafft sich ab, das
könnte auch der Titel eines
schweizerischen
Bestsellers
sein. Ich bin ja überzeugter Europäer, und 70 Prozent meiner
Bekannten sind Ausländer, aber
ich halte die EU für ein ehrenwertes politisches Konzept der
Nachkriegsgeneration, das aber
an der gemeinsamen Währung
scheitern muss. Es ist unmöglich, eine Diät zu finden, die sowohl Magersüchtigen als auch
Übergewichtigen hilft. Die
Südländer gehen daran
zugrunde, da sie keine
nationale Währung
mehr haben, die sie
abwerten können.
Ich wäre nicht erstaunt, wenn in den
nächsten fünf Jahren
das erste EU-Land aus
dem Euro aussteigt.
Die
Staatshörigkeit
nimmt auch bei uns zu.
Vollkasko-Mentalität?

Mag sein, dass dies
eine der negativen
Spätfolgen der
68er-Bewegung
ist. Hotel
Mama ist
jetzt Papa
Die Büste des römischen
Staat. Man
Herrschers Julius Cäsar
ist für nichts
symbolisiert vielleicht die
mehr verantWeite der Möglichkeiten.
wortlich. Alleiniges Kriterium ist
das narzisstische
Wohlbefinden.

Kopf hoch

Es gibt nie ein Ende. Alles ist in Bewegung,
Aufstieg und Fall von
Kulturen und Nationen
sind in der Geschichte
alltägliche Prozesse.
Ich sehe aber auch,
dass ein Teil der Jugend sich gegen die momentane Entwicklung sträubt. Auch
die Secondos sind eine Chance
für die Schweiz. Als meine
philippinische Ehefrau vor fünf
Jahren erstmals in die Schweiz
kam, war sie sprachlos. Sie
konnte kaum fassen, dass es ein
Land gibt, das derart gut organisiert ist, ein Land, das Eigentumsrechte und Meinungsfreiheit schützt, das Rechtssicherheit, Altersfürsorge und ein
funktionierendes Gesundheitssystem garantiert. Als ich einmal am Küchentisch die Stimmzettel ausfüllte, konnte sie
kaum glauben, dass jeder einzelne Bürger mehrmals im Jahr
über Vorlagen mitentscheiden
darf. 500 Millionen Europäer
und die übrige Welt beneiden
uns um die direkte Demokratie,
aber Brüssel fürchtet sich davor.
Secondos als Medizin für depressive Schweizer Ureinwohner?

Durch die Augen der Secondos
kann mancher Schweizer erkennen, wie gut unser Land, im
Vergleich zu anderen Ländern,
aufgestellt ist. Vergleicht man
die wirtschaftlichen, sozialen
und politischen Parameter, gehört die Schweiz weltweit zur
Spitze. Von daher ist es für mich
nicht ganz nachvollziehbar,
wieso sich einige Gruppierungen an den Rockzipfel der hoch verschuldeten EU hängen wollen.
Wenn erst mal das Bargeld in Europa limitiert
oder ganz abgeschafft ist,
wird es für Brüssel ein Leichtes sein, 500 Millionen Europäer übers Wochenende per
Mausklick
zu
enteignen.
Zypern und Spanien waren
Versuchsballone. Es hat funk­
tioniert. Die Verschuldungskrise ist nur noch durch eine Teil­
enteignung des Volkes lösbar.

Und ich möchte nicht, dass mein
mühsam Erspartes in die Taschen von Politikern fliesst, deren Länder sich durch Korrup­
tion und Disziplinlosigkeit im
Haushalt auszeichnen.
Wo wäre der Ausweg?

Jede Bewegung löst eine Gegenbewegung aus. Ich sehe das
Ganze nicht so pessimistisch.
Ich hoffe, dass es eine neue Art
der Aufklärung geben wird.
Denn alle linken und rechten
Ideologien sind in und an der
Realität gescheitert. Solange
wir uns aber gegenseitig mit
Schlagworten und reflexartigen
Diffamierungen einen Maulkorb umhängen, wird es keinen
Fortschritt geben. Für eine neue
Aufklärung braucht es offene
Diskussionen ohne Tabus.

Seit 1989, dem Mauerfall, dem
Zusammenbruch der Sowjetunion,
haben wir Globalisierung. Überfordert sie uns?

Der Kalte Krieg war im Nach­
hinein ein grösserer Garant für
den Frieden in Europa als das
heutige Vakuum. José Manuel
Barroso, Ex-Präsident der EUKommission, nannte einmal die
EU ein Imperium, aber jedes Imperium versucht, seine Aussengrenzen zu schützen, indem es

«

lüfteten Fabriken, auch Kinder
mussten arbeiten, viele Menschen wurden krank, es herrschte ein rücksichtsloser Kapitalismus. In dieser Zeit wäre ich bestimmt Kommunist geworden.
Nach dem Krieg haben Sozialisten und Sozialdemokratie wichtige gesellschaftliche Verbesserungen im sozialen Bereich erzielt. Aber was will man einem
mittlerweile verwöhnten Kind
heute noch bieten?
Gute Frage.

Den ausgebeuteten Fabrikarbeiter des 19. Jahrhunderts gibt es
nicht mehr. Also versucht man
die Klientschaft mit immer unsinnigeren Dienstleistungen zu ködern. Mit
der durchaus edlen
Absicht, die absolute
Gerechtigkeit zu etablieren, hat man einen
gigantischen bürokratischen Apparat errichtet, der
die Gesellschaft in immer kleinere Gruppen dividiert, die man
nun einzeln pflegen muss. Wir
haben die Verhältnismässigkeit
verloren.

Christoph Blocher
und Cédric Wermuth
wären als Figuren
gesetzt.»
die Grenzen ausweitet. An der
Grösse sind nicht nur das römische Imperium und das napoleonische Imperium gescheitert.
Jedes Imperium erreicht eines
Tages seinen Zenit und beginnt
den Sinkflug. Ich glaube nicht,
dass die Globalisierung die
Schweiz überfordert, aber man
müsste die Globalisierung bei
der Schulbildung stärker berücksichtigen. Zum Beispiel
müsste Englisch landesweit die
Zweitsprache sein. Englisch ist
eine Voraussetzung, um global
erfolgreich zu sein. Das gilt sogar für Schriftsteller.
Wann hat die Schweiz ihre Mitte
verloren?

Mitte des 19. Jahrhunderts arbeiteten die Menschen noch bis
zu 16 Stunden täglich in unbe-

Nehmen wir an, Sie könnten für
­einen Roman nur aktuell lebende
einheimische Figuren verwenden –
wen könnten Sie brauchen?

Christoph Blocher und Cédric
Wermuth wären gesetzt. Vielleicht eine dramatische VaterSohn-Beziehung. Cédric gebe
ich Natalie Rickli zur Freundin,
eine Amour fou, aber getrübt
von ideologischen Differenzen.
Vielleicht Peach Weber als
Guest-Star. Dann brauche ich
eine starke weibliche Rolle mit
Migrationshintergrund, sonst
gibts keine Filmförderung.

Wäre ein neuer Roman möglich?
Wie viel Zeit bleibt Ihnen?

Mein Zustand ist wie gesagt stabil, aber das kann sich von Woche zu Woche ändern. Mit dieser Unsicherheit muss ich leben.
Im Frühjahr erscheint mein historischer Roman «Giganten».
Ich hatte ihn bereits vor zwei
Jahren beendet, aber zugunsten
von «Script Avenue» zurückbehalten. «Script Avenue» ist mit
Abstand mein bestes und wichtigstes Buch. Zurzeit arbeite ich
an einem neuen Roman.

Aus einer solchen Heimat Abschied nehmen zu müssen – ist das
schmerzhaft?

Die Dankbarkeit überwiegt den
Schmerz. Ich bin dankbar, dass
ich in der Schweiz geboren bin.
Ich bin dankbar, dass die Hämatologie des Unispitals Basel seit
fünf Jahren alles unternimmt,
damit ich meinen Humor nicht
ganz verliere. Ich denke auch an
den anonymen Knochenmarkspender, der ohne Aussicht auf
Dank oder Entgelt einem wildfremden Menschen mit seinen
Blutstammzellen das Leben verlängert hat. Wenn ich nachts
Schmerzen habe, schaue ich
mir oft die DVD «Swissview» an,
den lautlosen Flug über die
schweizerische Berg- und Gletscherwelt, und staune und bin
sehr berührt von der Schönheit
der Natur. In solchen Nächten
ist es nicht einfach. Dann setze
ich mich an den Computer und
tauche in meine Geschichten
ab. Dort gibts meistens viel zu
lachen, denn dort bin ich der
Chef.

Von Dürrenmatt über Tell, den Lohn und die Rente bis zum Gold
Intellektuelle
Friedrich Dürrenmatt erkennt seine
Zuhörer: Sie sitzen in einem Gefängnis.

Mythen

Wahrheiten

Soll ein Vater seinem Sohn einen
Apfel vom Kopf schiessen?

Wer glaubt noch einem
Politiker? Früherer deutscher
Sozialminister Norbert Blüm.

Bequemlichkeit
Geld ohne Leistung:
Grundeinkommen für alle.
Fotos: Stefan Bohrer, Keystone

Vergangenheit
1896 kämpften die US-Republikaner
noch für den Goldstandard –
1971 schuf Nixon diesen ab.

Betreff:

Presseförderung
W

ie viel Staat braucht die Presse? Geht
es nach den Gewerkschaften, möglichst
viel. Sie fordern direkte Medien- wie
Journalismus-Förderung durch den Staat. ­
Keine gute Idee. Die Pressefreiheit ist eine der
­bedeutendsten Errungenschaften der Aufklärung, oftmals durchgesetzt gegen die herrschende Obrigkeit. Und potenziell ist sie auch
immer gefährdet. Selbst in Europa. Noch im vergangenen Jahrhundert gab es Zensur auf dem
alten Kontinent. Wer Geld gibt, kann immer versucht sein, mehr zu nehmen, als ihm zusteht.
Mehr Augenmass als die staatsgläubigen Linken
zeigt der Bundesrat: Privatwirtschaftliche Verlage müssen aus eigener Kraft am Markt bestehen können. Anzufügen wäre: Finanzielle Unabhängigkeit ist Voraussetzung für geistige
Unabhängigkeit. Und dies ist der Humus für
journalistische Unabhängigkeit.
Dass die nationale Presseagentur SDA nach
dem bundesrätlichen Willen eine zeitlich befristete Unterstützung für den Basisdienst in französischer und italienischer Sprache erhalten
soll, widerspricht diesem Postulat keineswegs.
Hier geht es um föderalistischen Service public.
Und dass ein reduzierter Mehrwertsteuersatz
von 2,5 Prozent, wie ihn heute Presse und elek­
tronische Medien bereits erhalten, zukünftig
auch auf gewisse Online-Angebote ausgedehnt
werden soll, entspricht einem Nachvollzug heutiger Medienrealität. Geklärt werden muss
­jedoch die Frage, wie stark die gebührenfinanzierte SRG die privaten Verlage im Netz konkurRené Lüchinger
renzieren darf und soll.

Gefährlich hohe Schulden
Bern – Die Schweizer haben im
internationalen Vergleich besonders hohe Hypothekarschulden. Einer der Gründe: Schulden
können von den Steuern abgezogen werden. Finanzexperten um
Aymo Brunetti kritisieren diese
«substanziellen steuerlichen
Anreize», sich zu verschulden.
Denn sie könnten zu einem Flä-

chenbrand führen. Wenn Schweizer in einer Krise nicht mehr in der
Lage sind, ihre Schulden bei den
Banken zu bedienen, führe dies zu
Verlusten, welche «die Stabilität des Finanzsystems insgesamt bedrohen könnten»,
heisst es in ihrem Bericht. Die
Experten empfehlen, die Abzugsmöglichkeiten zu begrenzen.

POLITIK

Sonne im Herbst bringt
mehr Übernachtungen

& WIRTSCHAFT
Landbeizen erhöhen
Preise für den Kafi
Zürich – Eine Tasse Café crème
kostet heute drei Rappen mehr als
im letzten Jahr. Durchschnittlich
zahlt man 4.16 Franken für den
Kafi. Laut dem Verband Cafetiersuisse reicht die Bandbreite von
3.20 Franken im Kanton Bern bis
zu 5.50 Franken in der Stadt Zürich. Präsidentin Johanna Bartholdi hat vor allem in ländlichen
­Gebieten überdurchschnittliche
Preiserhöhungen festgestellt.

Ritzmann nicht schuldig
Zürich – Freispruch aus Mangel
an Beweisen: Das Zürcher Bezirksgericht hat Iris Ritzmann, die ExMitarbeiterin des Medizinhistorischen Instituts der Universität
­Zürich, vom Vorwurf der Amtsgeheimnisverletzung freigesprochen.
Ritzmann wurde beschuldigt, dem
«Tages-Anzeiger» die vertraulichen Berichte über die Arbeit von
SVP-Nationalrat Christoph Mörgeli
zugespielt zu haben.

Tiefere Wuchergrenze
Bern – Der Bundesrat will die
Zins­obergrenze für Konsumkredite
von 15 auf 10 Prozent senken. Er
hat gestern dazu eine Änderung
der Verordnung zum Konsumkreditgesetz in die Vernehmlassung
gegeben. Diese läuft bis Ende
März. Die Wuchergrenze für Kleinkredite soll zusammen mit anderen Vorschriften Konsumenten vor
Überschuldung schützen.

Neuenburg – Der goldene Herbst
hat der Schweizer Hotellerie einen
deutlichen Anstieg der Gästezahlen beschert: Im Oktober legte die
Nachfrage nach Übernachtungen
um 5,3 % zu. Über die gesamte
Sommersaison stieg die Zahl der
Übernachtungen um 0,7 %.

Devisenreserven der
Nationalbank steigen
Zürich – Der Wert der Devisen­
reserven der Schweizerischen Nationalbank (SNB) ist im November
gestiegen. Bei Monatsende lag er
bei 462,4 Milliarden Franken, Ende
Oktober waren es noch 460,6 Milliarden. Der Gesamtbestand der
Reserven (ohne Gold) erreichte
468,9 Milliarden Franken nach
467,1 Milliarden im Vormonat.

Bundesrat will gegen
Zersiedelung vorgehen
Bern – Der Bundesrat verlangt bei
der Raumplanung mehr Kompetenzen für den Bund – und eine
engere Zusammenarbeit zwischen
Bund, Kantonen und Gemeinden.
Zudem plant er eine Kompensa­
tionspflicht für Ackerland, das für
Bauprojekte genutzt wird.

Börse & Devisen
SMI
DOW JONES

9212.9 (+1.0%) 
17 957.1 (+0.3%) 

EURO/CHF

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