Thema.

| Samstag, 24. September 2016 | Seite 2

«Ich lebe jetzt»

Der Schriftsteller Claude Cueni über Werden, Vergehen, Glaube, Aberglaube, Atheismus, Rotwein und die Liebe
rungen. Sie lassen ihre Bevölkerung
im Stich. Man empfiehlt den Frauen,
nachts nicht mehr alleine rauszugehen, einen Pfefferspray zu kaufen
und eine Armlänge Abstand zu halten. Man schränkt also die Bewegungsfreiheit von Steuerzahlerinnen
ein, damit eine Minderheit von jungen Abenteuermigranten, die ihren
Sexualtrieb nicht unter Kontrolle
haben, weiterhin eine maximale
Bewegungsfreiheit haben. Ironischerweise kommen die Opfer mit
ihren Steuerzahlungen für den Unterhalt der Täter auf.
Wohlstand macht träge. Wir werden
in Europa von einer Generation
regiert, die noch nie eine echte politische Krise meistern musste. Können
Sie sich einen Winston Churchill vorstellen, der das britische Parlament
fluchtartig Richtung Klo verlässt, weil
ein Abgeordneter Tacheles redet?
Wenn ein Staat, der seit 1848 erfolgreich funktioniert, nicht fähig ist, mit
zwei pubertierenden Jungs innert
eines Tages fertig zu werden, wie will
er dann die Migrationskrise überstehen? Das Berliner Institut für
Bevölkerungsentwicklung hat Zahlen
vorgelegt: In den nächsten 13 Jahren
werden in den Herkunftsländern der
Migranten zusätzlich 100 Millionen
Menschen leben. Von der jetzigen
Bevölkerung wollen bereits 25 Prozent nach Westeuropa. Wie soll das
gehen? Es ist unsere humanitäre
Pflicht, Menschen aus Kriegsgebieten
aufzunehmen, aber das sind lediglich
zehn Prozent der Migranten. Die
übrigen sind Wirtschaftsmigranten
auf der Suche nach einem besseren
Leben. Das ist verständlich, aber nicht
realisierbar. Erschwerend kommt
hinzu, dass wir Antisemitismus,
Frauenverachtung, religiösen Extremismus und ethnische Konflikte
importieren. Das erträgt weder das
Sozialsystem noch die Gesellschaft.
Die politische Mitte wird nach rechts
verschoben. Peter Scholl-Latour
schrieb einmal: Wer halb Kalkutta bei
sich aufnimmt, rettet nicht Kalkutta,
sondern wird selber zu Kalkutta.

Von Michael Bahnerth
Allschwil. Jede Geburt ist der Anfang

eines Sterbens, bei Claude Cueni (60)
ganz besonders. Im Grunde sollte er
schon tot sein. Cueni hatte vor sieben
Jahren Leukämie und ist seit der Knochenmarktransplantation in Behandlung. Die Spenderzellen, die ihn von der
Leukämie heilten, stiessen 60 Prozent
seiner Lunge ab. Er nennt es Bürgerkrieg in mir drin. Im Moment ist gerade
Waffenstillstand, aber niemand weiss,
wie lange. Das halbe Jahr im Krankenhaus verbrachte der Mann, der als
unglückliches Kind ins Leben stolperte,
dann Bohemien wurde, später Drehbuchautor, dann Schriftsteller, der später seine erste Frau an den Krebs verlor
und sie in seinem Garten vergrub, damit
er sie jeden Tag sehen konnte, und der
seiner ersten Frau beinahe gefolgt wäre,
mit Schreiben. «Script Avenue» heisst
seine Lebensbeichte. So lange ich
schreibe, sterbe ich nicht, sagt er. Und
so schreibt er. Immer um sein Leben.
Und zuletzt «Godless Sun».

BaZ: Warum begannen Sie mit Schreiben? Einfach, weil Sie es konnten? Oder
als Therapie?
Claude Cueni: Ich habe bereits als

Knirps am Laufmeter Geschichten
erfunden und als ich dann schreiben
konnte, habe ich sie aufgeschrieben.
Zuerst auf Französisch. Am Anfang
überbordet die Fantasie und es
braucht die Einsicht, dass es auch
handwerkliches Können braucht,
damit die Musik spielt. In der Pubertät beschleunigt sich dann der
Schreibprozess, man wird risikofreudiger, unvernünftiger, frecher. Ich
habe fast zehn Jahre lang für den
Papierkorb gearbeitet, bis sich ein
Verlag meiner erbarmte. Mein erster
Roman wurde von den Feuilletons
gelobt, aber es war pubertärer
Schwachsinn. Heute habe ich immer
noch den Ehrgeiz, mein Handwerk zu
verbessern, ich lese deshalb die Feedbacks der Leserinnen und Leser sehr
sorgfältig.
Ob das alles eine Therapie war?
Die vielen Bücher, die ich in den
letzten sieben Jahren geschrieben
habe, waren sicher ein Akt der
Verzweiflung.

Die Idee war zuerst, dass Sie ein Interview mit sich selbst führen. Sie taten
das, Ihr Sohn fand es Scheisse.
Weshalb?

In Ihrem neuen Buch «Godless Sun» entwerfen Sie das Konzept des Atheismus
als Religion. Warum wurden Sie Atheist?

Wir werden doch alle als Atheisten
geboren. Religiosität wird uns als
Kleinkinder verabreicht wie eine
Schluckimpfung. Aber spätestens im
Schulunterricht erkennen viele Teenager, dass Religion allen Naturwissenschaften widerspricht und eine
Form des Aberglaubens ist. Bei religiösen Menschen beschränkt sich der
Aberglauben selten nur auf die Religion. Sie glauben auch an die Kraft
von Ritualen, Amuletten und haben
am Freitag, dem 13., ein mulmiges
Gefühl. An einem Freitag, dem 13.,
bin ich übrigens geboren. Jetzt denkt
bestimmt einer: Aha, siehst du!

Glauben Sie an sich selbst?

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass
ich für jedes lösbare Problem eine
Lösung finde, ich vertraue meiner Kreativität auch in praktischen Dingen.
«Debroulliard» ist das passende Wort.

Glauben Sie an Schicksal?

Nein, sicher nicht. Der Glauben an ein
Schicksal kann tröstlich sein, weil es
uns von jeder Schuld freispricht, aber
es ist auch die Weigerung, Verantwortung zu übernehmen.

Glauben Sie an Zufälle?

Kino im Kopf. Brüder im Geiste: Claude Cueni im Zwiegespräch mit der Statue von Dionysos.

Freund der Naturwissenschaften.
Wissen statt Glauben, Fakten statt
Meinungen. Religion ist in den Industriegesellschaften ein Auslaufmodell.
Die Menschen verlieren den Glauben, aber nicht den Aberglauben.
Esoterisch angehauchte PatchworkReligionen und dynamische Freikirchen mit poppigen Bühnenshows liegen im Trend, die Menschen lesen
Ernährungsbibeln und treffen sich
mit Gleichgesinnten in Fresstempeln
oder betreiben einen exzessiven Fitnesskult: Verliebt in die eigene
Magersucht. Gemeinsam haben all
diese neuen Ersatzreligionen den
Wunsch, Teil einer Gemeinschaft zu
sein, die sich über ihre Symbole,
Rituale, Accessoires und Insiderwissen definiert und sich mit sprachlichen Eigenkreationen bewusst von
Aussenstehenden abgrenzt. Das
stärkste verbindende Element ist die
gemeinsam praktizierte Intoleranz
gegenüber Skeptikern.

Die Welt ist voller Zufälle. Der
Mensch neigt dazu, in dieser chaotischen Welt eine Ordnung zu suchen
und wünscht sich in seiner Hilflosigkeit eine allmächtige Kraft. Es ist
nicht einfach zu akzeptieren, dass
wir nicht mehr Bedeutung haben als
ein Regenwurm und als Häufchen
Kompost enden.

Benutzen Sie gelegentlich das Wort
«göttlich»?

Sigmund Freud beschrieb Religion
als Versuch, die Sinneswelt, in die wir
gestellt sind, mit der Wunschwelt zu
bewältigen. Für ihn war Religion eine
Kindheitsneurose. In meinem Roman
«Godless Sun» bezeichnet die Hauptfigur Religion «als grösste Betrugsgeschichte der Menschheit». Ich bin ein

Ich kann mich für andere Menschen
zurückstellen, ich hatte damit nie ein
Problem, da ich nie der Meinung war,
dass mein Leben wertvoller ist als das
Leben anderer Menschen. Ich habs
auch lieber, wenn ich jemandem ein
Geschenk machen kann als umgekehrt. Wer sich zugunsten von ande-

Warum glauben Sie nicht?

Sie meinen im Sinne von «grossartig»? Also, wenn meine Frau ihre
Frühlingsrollen serviert, sage ich
nach dem Essen manchmal «Fucking
good», weil sie dann so tut, als würde
sie dieser Ausdruck schockieren, aber
«göttlich»? Nein.

Können Sie lieben?

ren zurückstellen kann, liebt. Wer das
nicht schafft, liebt nur sich selbst.

Die Möglichkeit des Sterbens ist Ihnen
ein naher Begleiter. Was bedeutet das
für Ihr Leben?

Müssen Sie mich daran erinnern?
Mein Zustand hat sich auf einem
tiefen Niveau stabilisiert, ich bin sehr
zufrieden und der Hämatalogie des

Ich liebe den Gesang
meiner philippinischen
Nachtigall, ihre Lebensfreude, ihren Humor.
Basler Unispitals unendlich dankbar.
Aber ich lebe natürlich weiter unter
dem Damoklesschwert und habe
immer wieder mal ein paar stressige
Tage. Aber mit der Zeit hat man
mehr Erfahrung, um plötzlich auftretende Entzündungen einzuordnen,
man wird gelassener, aber auch
gleichgültiger.

Warum wollen Sie leben?

Da wären wir wieder bei den Frühlingsrollen. Puede ka-bang gummaua
nang lumpia bukas? Ich kann nicht
wirklich Tagalog, aber ich kann meine
Frau in Tagalog fragen, ob sie heute
Frühlingsrollen macht. Aber im Ernst:
Ich liebe den Gesang meiner philippinischen Nachtigall, ihre Lebensfreude
und ihren smarten Humor, ich liebe
die langen Gespräche mit meinem
Sohn, unseren Humor und unsere
Vertrautheit, und ich liebe es, Neues
zu lernen. «Zwar weiss ich viel», sagt
Wagner zu Faust, «doch möcht ich
alles wissen.»

Was finden Sie im Rotwein?

Ich liebe Rotwein und auch die Historie dazu, Château Pape Clement, Château Palmer, das sind doch sehr verblüffende Geschichten, die uns auch
einiges über die Weltgeschichte
erzählen. Als Drehbuchautor habe ich
mir früher nach jedem verkauften
Krimidrehbuch eine Kiste Bordeaux
gekauft. Da ich in den letzten zehn
Jahren zuerst meine Frau gepflegt
und dann an Leukämie erkrankt bin,
hatte ich keine Möglichkeit, diese
Weine zu trinken. Jetzt sind sie alle
über 15 Jahre alt. Wäre ich gesund
geblieben, wären all diese Flaschen
längst im Glascontainer. Neuerdings
trinke ich am Wochenende die jeweils
beste Flasche, die ich im Keller habe.
Ich warte nicht mehr auf besondere
Gelegenheiten. Ich lebe jetzt.

Sie spielen am Computer Panzerschlachten. Weshalb?

1989 schrieb ich das Computergame
für eine Handels- und Kriegssimulation zum Zweiten Punischen Krieg.
Ich hatte 756 historische Städte mit
den Bevölkerungszahlen und Anbauflächen nach den Studien von Professor Beloch integriert. Programmiert
hat es Andy Seebeck, der Vater der
interaktiven TV-Telefonie-Games, die
Grafiken waren von Ingo Mesche,
dem Vater des Moorhuhns. Ich war
stets Gamedesigner und kein Spieler,
aber ich schaue mir immer wieder
mal an, was an neuen Hex-Grid-Spielen für das iPad auf den Markt kommt
und wie die Algorithmen funktionieren. Rundenbasierte Games sind
schachähnliche Strategiespiele.

Welches Übel der Zeit halten Sie für das
schlimmste?

Die Schwäche der westlichen Regie-

Mein Sohn würde nie einen solchen
Ausdruck benützen. Ich habe die
Idee in meiner SMS «big shit»
genannt, wobei «shit» nicht so stark
nach «Scheisse» riecht. Mein Sohn
fand die Idee einfach peinlich und
ich vertraue seinen pragmatischen
Einschätzungen.

Sie schlafen kaum wegen der Krankheit.
Träumen Sie noch?

Jede Nacht. Da ich ununterbrochen
mit meinen Figuren und Geschichten
beschäftigt bin, setzt das Gehirn während des Schlafs die Puzzles zusammen. Ich sehe viele Szenen als fertige
Filmsequenzen, höre Dialoge, spreche mit meinen Figuren. Meine Frau
macht sich dann am Morgen über
mich lustig und imitiert mich. Aber
netterweise weckt sie mich nachts nie
auf. Denn sie weiss, ich arbeite.

Sie sagen immer wieder, sie möchten
Reisen und das Schreiben ein
wenig beiseitelegen. Glauben Sie, Sie
schaffen das?

Weder meine Frau noch mein Sohn
glauben das. Aber ich hatte seit Mai
ernsthaft im Sinn. eine Schreibpause
einzulegen, aber jetzt sind aus ein
paar Ideen die ersten 50 Seiten eines
neuen Romans entstanden, nichts
Historisches, nichts Politisches, nichts
Autobiografisches, was ganz Neues.
Manchmal denke ich, ich habe mich
selber versklavt. Aber es ist schwierig,
nach 40 Jahren Dauerschreiben den
Stecker zu ziehen. Ich wüsste nicht
einmal, wo er ist.
Claude Cueni:
«Godless Sun».
Roman. Offizin,
Zürich. 376 S.,
Fr. 31.90.

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