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DIETER E.

ZIMMER

Redens Arten
ÜBER
TRENDS UND TOLLHEITEN
IM NEUDEUTSCHEN
SPRACHGEBRAUCH

HAFFMANNS VERLAG
Dieter E. Zimmer, geboren 1934 in Berlin, seit 1959 Re-
dakteur der Wochenzeitung ›Die Zeit‹, lebt in Hamburg;
übersetzte Werke von Vladimir Nabokov, James Joyce,
Jorge Luis Borges, Nathanael West, Ambrose Bierce, Edward
Gorey u. a. Nach vornehmlich literarischen und literaturkri-
tischen Arbeiten zunehmend Publikationen über Themen
der Anthropologie, Biologie, Psychologie, Verhaltens- und
Sprachforschung.
Buchveröffentlichungen: Materialien zu James Joyces
›Dubliner‹ (zusammen mit Klaus Reichert und Fritz Senn,
1969) – Ich möchte lieber nicht, sagte Bartleby (Gedichte,
1979) – Unsere erste Natur (1979) – Der Mythos der Gleich-
heit (1980) – Die Vernunft der Gefühle (1981) – Herausgeber
der Kurzgeschichten aus der ›Zeit‹ (mehrere Folgen, zuletzt
1985).
Die beiden Bände Redens Arten (Über Trends und Toll-
heiten im neudeutschen Sprachgebrauch, 1986) und So
kommt der Mensch zur Sprache (Über Spracherwerb, Spra-
chentstehung und Sprache & Denken, 1986) beschreiben
den aktuellen Wissensstand der Sprachforschung.

FK Frauensteiner Kreis –Unverkäuflich – 11.06.05


DIETER E. ZIMMER

Redens Arten
Über
Trends und Tollheiten
im neudeutschen Sprachgebrauch

HAFFMANS VERLAG
Umschlagzeichnung von Tatjana Hauptmann
1.–4.Tausend, Frühjahr 1986
Alle Rechte vorbehalten
Copyright © 1986 by
Haffmans Verlag AG Zürich
isbn 3 251 000713
Inhalt

NEUDEUTSCH
Trends und Triften
7

WÖRTER EMPOR
Über die Verschönerung der Welt
durch sprachliche Maßnahmen
61

DAS BRÜDERLICHE DU
Über Anredekonventionen
73

DIE, DER, DAS


Sprache und Sexismus
91

DER JARGON DER WAHREN EMPFINDUNG


Psycho-Deutsch
115

DAS WIRD ÄRGER MACHEN


Sprache im Kulturbetrieb
159
WÖRTER UND FAHNEN
Politik als Sprachkampf
217

WETTBEWERB DER ÜBERSETZER


Die einstweilige Unentbehrlichkeit
des Humantranslators
235

DER ARGAN-EFFEKT
Die Liebe zur Pseudo-Wissenschaft
285

ANHANG
Nachbemerkung 307
Bibliographie 310
Register 319
NEUDEUTSCH

Trends
und Triften
W enn ich das Wort Sprachkritik höre, kommt mir im-
mer ein Bild vors Auge. Ein Mann schlummert im
Löwenzahn am Bahndamm, ein Zug kommt vorbei und
weckt ihn, und er springt erbost auf, schüttelt die Faust, ruft
ihm etwas zu, das der Lärm verschluckt, indes der Zug schon
immer kleiner wird.
Die Sprache schert sich wenig um die noch so tiefempfun-
denen Einwürfe des Sprachkritikers. Sie verändert sich in
einem fort und läßt sich nicht aufhalten von der Entrüstung
über ihren unsteten Wandel. Denn eben darauf läuft Sprach-
kritik meistens hinaus: daß die Sprache leider nicht mehr ist,
was sie einmal war. Das Sprachgehör ist konservativ. Es mag
nicht, was es nicht gewöhnt ist.
Meist schreitet solche Sprachkritik gegen einzelne Wörter
und Wendungen ein. Gegenwärtig zum Beispiel gerne gegen
die Formel ich gehe davon aus, daß … (»steife Sprachprot-
zerei«; »außen Gips, innen hohl« und so weiter). Was aber
ist es, das gegen sie spricht? Daß sie sehr häufig geworden
ist – aber es gibt häufigere. Daß soviel Lauferei leicht ridi-
kül wirkt – aber viele metaphorische Wendungen haben et-
was Komisches; wenn man sie wörtlich nimmt, wörtlicher,
als es das allgemeine Sprachempfinden tut; voraus»setzen«
oder unterstellen« sind, faßt man das ihnen zugrundeliegen-

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de, aber verblaßte Bild ins Auge, um nichts edler. So bleibt
als einziger Grund: daß man früher anders gesagt hat, ich
nehme an, daß … oder ich setze voraus, daß … Tatsächlich
verbindet ich gehe davon aus, daß … beider Bedeutung auf
eine höchst praktische Weise und kommt seinen Benutzern
somit dermaßen zupaß, daß sie sich um alle sprachkriti-
schen Einwände nicht scheren und dabei bleiben werden.
Die nächste Generation, groß geworden mit diesem Wort,
wird dann nicht mehr begreifen, was man einst an ihm aus-
zusetzen hatte.
Nur darum hat die Sprache überhaupt eine Geschichte,
weil immer wieder gegen ihre Normen verstoßen wird und
weil die Allgemeinheit einige dieser Verstöße schließlich
annimmt. Der Sprachverstoß von heute ist die potentielle
Sprachnorm von morgen, das, zu dessen Verteidigung die
Sprachkritiker von übermorgen ausrücken werden. Man
kann sich gut vorstellen, wie um die Jahrhundertwende El-
tern ihre Kleinen belehrten: »Das heißt nicht Keks, das heißt
Plätzchen. Wenn schon, dann sag das Cake und die Cakes.«
Mit der Antwort der Kleinen: »Ja, genau, die Keks, die wollen
wir.« Der nämliche Dialog hätte im vierzehnten Jahrhundert
so gehen können: »Gib mir die Birn.« – »Das heißt nicht die
Birn, das heißt die Bir. Birn ist die Mehrzahl.« – »Gibst du
mir jetzt die Birn?« Studenten der Sprachgeschichte lernen
die »Lautverschiebungen«, als habe es sich um geologische
Ereignisse gehandelt, sprachliche Kontinentalverschiebun-
gen sozusagen. Abgespielt haben sie sich wahrscheinlich so,
daß einige Sprecher es interessant fanden, manche Laute

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nicht mehr so auszusprechen wie ihre Väter. Sicher zu deren
Entrüstung beharrten sie im siebenten Jahrhundert darauf,
das damalige Pendant des Satzes »dat Skip fahrt up dem Wa-
ter« zu einem älteren Ohren sicher grausig klingenden »das
Schiff fährt auf dem Wasser« zu verfälschen, und irgend-
wann war dann die ganze Gegend dieser modischen Seuche
verfallen.
Noch größere Enttäuschungen erwarten den Kritiker, der
der quasi magischen Vorstellung verhaftet ist, wenn man die
Sprache bessere, bessere man auch die Wirklichkeit. Es ist
eine tief sitzende Vorstellung, und in gewisser Hinsicht hän-
gen wir ihr alle an, so wie selbst Rationalisten auf Holz klop-
fen, um Unglück abzuwenden. Wenn wir Wörter wie Til-
gungsstreckungsdarlehen oder Verlustzuweisungsantrag nur
widerstrebend herausbringen, so darum, weil sie uns unver-
traut sind und weil wir die Amtsstellen nicht leiden können,
auf denen vertraut mit ihnen umgegangen wird; und weil
uns mißfällt, daß es das, was sie meinen, allen Ernstes geben
soll. Und irgendwie machen wir uns dabei die Hoffnung,
daß auch die Sachen weniger unleidlich wären, wenn es nur
gefälligere Wörter für sie gäbe. Es ist natürlich eine Illusion.
Eine Verschönerung der Sprache verschönert nicht die Welt,
sondern nur die Sprache. Eine schönende Sprache kann das
Widerwärtige sogar nur noch widerwärtiger machen.
Darum wirkt so viele Sprachkritik auf sublime Weise lä-
cherlich: weil sie Neues bekämpft, nur weil es nicht das Alte
ist; weil sie hofft, die Welt zu verbessern, wenn sie ein Wort
austreibt. Was die Sprachkritik bestenfalls erreichen kann,

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ist sehr viel weniger, und sie muß dafür sehr viel mehr tun.
Sie kann sich nicht damit begnügen, im Namen einer ver-
gangenen Norm an irgendwelchen Wörtern und Wendungen
herumzunörgeln. Sie muß das Bewußtsein dafür zu schär-
fen suchen, welchen Gedanken – treffenden oder abwegigen
– eine bestimmte Sprache Vorschub leistet und welche sie auf
der anderen Seite diffamiert; welche Denkweisen Konjunk-
tur haben, wenn bestimmte Sprechweisen aufkommen; was
die Sprache verrät und was sie verbirgt und was sie verdreht
und was sie verfälscht; wo sie Illusionen und Vorurteile ver-
festigt. Das heißt, eine Sprachkritik, die nur Kritik an der
Sprache ist, kommt nicht weit. Sie bleibt so stumpf wie die
Kritik an einer Säge, die nicht in Betracht zieht, wozu Sägen
dienen. Sprache ist nicht an sich gut oder ungut, schön oder
häßlich; sie wird es nur, wenn man sie an dem mißt, was sie
über die Wirklichkeit explizit zu denken oder zu sagen er-
laubt oder verhindert.

Die Sprache ist in langsamer, aber unablässiger Bewegung.


Daß Zitty ein Szeneblatt im Spontisinn nicht sei, hätte ein
Leser vor zwölf Jahren Wort für Wort unverständlich gefun-
den. Das Inserat Habe tierischen Bock irre Typen kennenzu-
lernen wäre vor fünfzehn Jahren bei niemandem angekom-
men. Der Satz Das ist so eine Sache da gehe ich davon aus daß
einer irgendwie schon selbst herausfinden muß was da so läuft
und wie er da klar mit kommt nicht, der einen Grammatiker,
welcher alle seine Elemente zu bestimmen hätte, zur Ver-
zweiflung brächte und doch kein einziges neues Wort und

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auch keine neue syntaktische Regel enthält, wäre vor zwan-
zig Jahren so weder gesagt noch verstanden worden.
Welcher Art sind die Veränderungen, die die deutsche
Sprache heute durchmacht?
Die auff älligsten und raschesten ereignen sich im Wort-
schatz. Die Grammatik ist sehr viel schwerer beweglich. Die
Lautstruktur scheint nahezu unveränderlich zu sein.
Im Wortschatz, im »Lexikon« scheint uns ein rasanter
Umschlag stattzufinden. Der Eindruck täuscht. Herbert
Sparmann, einer der Mitarbeiter an dem großen, sechsbän-
digen »Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache« aus
der DDR, hat aufgrund dieses vollständigsten Lexikons des
heutigen Deutsch ausgerechnet, daß Neuschöpfungen nur
3,8 Prozent unseres Wortschatzes ausmachen. Von diesen
wiederum sind die allermeisten, 3,1 Prozent nämlich, nur
neue Zusammensetzungen alter Wörter, und 0,5 Prozent
sind Umdeutungen, Umfunktionierungen alter Wörter. Tat-
sächlich sind wirkliche Neologismen – neue Wörter für neue
Begriffe – sogar überaus rar: Sie machen gerade 0,2 Prozent
aus.

Daß Satzbau und Lautung jeder Änderung zäh widerste-


hen und auch der Wortschatz einen aufs ganze gesehen nur
sehr mäßigen Anteil von Neuerungen zuläßt, hat übrigens
bewirkt, daß sich die Sprache der Bundesrepublik und der
DDR trotz nunmehr vierzigjähriger Teilung nicht nennens-
wert auseinanderentwickelt haben und dies auch so bald
nicht tun werden, allen diesbezüglichen Katastrophenmel-

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dungen zum Trotz. Die Syntax des in der DDR gesprochenen
und geschriebenen Deutsch ist schlechterdings identisch ge-
blieben mit der des West-Deutschen. Die einzigen Divergen-
zen haben sich an einigen Stellen des Lexikons eingestellt
und sind entsprechend oberflächlich. Natürlich gibt es in der
DDR geläufige Namen für Dinge und Institutionen, die der
DDR eigen sind: Plansoll, übererfüllen, Aktivist, NVA (Natio-
nale Volksarmee), NSW (Nichtsozialistisches Wirtschaftsge-
biet), ABF (Arbeiter- und Bauern-Fakultät), EOS (Erweiterte
Oberstufe), VEB (Volkseigener Betrieb). Einige wenige Din-
ge heißen anders als im Westdeutschen, zum Beispiel die
Datsche (Wochenendhäuschen), Plaste oder Plast (Plastik),
Plastbeutel (Plastiktüte), Kombine (eine mehrfunktionelle
landwirtschaft liche Maschine), Luftdusche (Haartrockner).
Zuweilen macht in der DDR ein eigenes Mode-Slang-Wort
Karriere, etwa tiffig (von minderer Qualität) oder oberdoll
(das östliche Pendant zum westlichen »tierisch« der achtzi-
ger Jahre) oder robotern (von russisch »rabotatj«, arbeiten).
DDR-eigen ist die Wendung Fakt ist, daß … (die auf Walter
Ulbricht zurückgehen soll und oft dort steht, wo es im West-
Deutschen heute ich gehe davon aus, daß … heißt). Und
dann gibt es eine Reihe von Wörtern aus der Parteisprache,
die absichtlich Partei ergreifen (parteilich selbst hat den Ne-
bensinn »SED-konform« erhalten): Die westdeutsche Oder-
Neiße-Linie etwa heißt Friedensgrenze, der Heimatvertrie-
bene (der sehr parteilich so heißt, damit er die Erinnerung
an die Heimat und die Ausweisung wachhalte) Umsiedler
oder Neubürger. Alles dies aber addiert sich mitnichten zu

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einer neuen, eigenen Sprache. Der Abstand zwischen den
deutschen Dialekten oder auch nur zwischen den Sonder-
sprachen der sozialen Schichten oder einzelner Berufsgrup-
pen ist ungleich größer als der zwischen dem Deutsch des
bürgerlichen und des kommunistischen Deutschland, und
die Verklammerung durch das Westfernsehen wird ihn auf
absehbare Zeit auch weiter gering halten.

Die deutsche Sprache läßt es zu, Substantive nach Bedarf und


Belieben zusammenzuleimen. Sie drängt in einem einzigen
Wort eine Bedeutung zusammen, die sich sonst über ein
Substantiv mit einem Attribut oder sogar mit einem Neben-
satz verteilen müßte. Die Zusammenfügung spart nicht nur
Platz. Sie kann dem zusammengesetzten Wort auch auf sub-
tile Weise zu einer neuen Bedeutung verhelfen, die in seinen
Komponenten, als sie noch nebeneinander stehen mußten,
nicht enthalten war. Großraum und Naßzelle sind Verkür-
zungen von großer Raum und nasse Zelle, aber sie sind auch
Wörter für besondere Unterfälle von beiden geworden.
Die Leimung von Substantiven führt vor allem in der Be-
hördensprache zu immer längeren Wörtern. Schon fallen
viergliedrige kaum noch auf: Eisenbahnfrachtverkehr, Lei-
tungswasserschadenversicherung. Selbst sechsgliedrige ver-
kraftet das Sprachgehör, ohne aufzumucken: Autobahnrast-
stättenwaschraum. Ab und an taucht gar ein siebengliedriges
auf: Kraftfahrzeughaftpflichtversicherungspolice. Es ist billig,
sich darüber lustig zu machen. Die Sache gibt es jedenfalls,
und das Satzungetüm, das zu ihrer Bezeichnung gebildet

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werden müßte, wäre die Verleimung von Substantiven un-
möglich oder verboten, fiele mit Sicherheit nicht weniger ab-
schreckend aus.
Eine Klasse für sich sind jene Zusammensetzungen, die
aus nichts als aus Wortsplitt bestehen und vor allem in den
von der Werbung infizierten Sprachbereichen, bei der Erfin-
dung von Firmen- und Veranstaltungsnamen immer mehr
überhand nehmen: aus lateinischen oder griechischen Prä-
positionen, Präfixen oder Adjektiven wie Neo, Inter, Pro,
Anti, Trans, Infra, Ultra, Mikro, Makro. Mini, Maxi, Pseu-
do, Junior, Senior, Mobil, Super, Semi, Tele und dergleichen
sowie Substantiven oder ihren Stümmelformen wie Kosmo,
Euro, Petro, Matic, Techno, Psycho, Senso, Mix, Media, Pro-
fi, Video, Rent, Dato, Repro, Cargo, Öko, Bio, Porno, Sado,
Maso, oder, aus den Funktionärssprachen des Kommunis-
mus kommend, Polit und Agit. Sie treten zu Ketten zusam-
men, die zumeist in irgendeinem modischen Wort für eine
Veranstaltung (Show, Aktion, Parade), ein Gerät (System,
Set) oder eine Person (Star, Freak) enden. Dieser Wortschrott
läßt sich fast beliebig verschweißen: Maxi-Data-Rent-System,
Mini-Repro-Media-Show. Das Hauptprinzip dieser Bildun-
gen scheint zu sein, daß die Bausteine kurz sein müssen und
daß um Himmels willen keine deutschen Bestandteile darin
vorkommen dürfen, denn die würden den supermodernen,
hochaktuellen Charakter dieser Super-Lingo-Happenings
verderben. Was imitiert werden soll, ist wohl die englische
Art, zusammengesetzte Substantive zu bilden. Jedenfalls
werden hier ganze Bedeutungskomplexe an den Strukturre-

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geln des Deutschen vorbei sprachlich eingemeindet. Die aus
dem Nonstop-Video-Festival »ausgekoppelte« Euro-Maxi-
Single hört sich jedenfalls ungemein zeitgenössisch an, so
aufgedreht wie ungut.
Die meisten Leimwörter sind Ad-hoc-Erfindungen, zum
einmaligen Gebrauch bestimmt: Wegwerfwörter (das selbst
eines ist), Ex-und-hopp-Begriffe (das auch). »Tatsächlich ist
das Deutsch von heute ein reines Wörterbäckerdeutsch«,
schrieb Ruprecht Skasa-Weiß. »Jeder modelt sich seine Aus-
drücke, wie er sie gerade braucht – vielleicht ist eben das die
auff älligste Tendenz der neueren Sprachentwicklung über-
haupt.« Auf wenigen ›Spiegel‹-Seiten, in Artikeln und An-
zeigen, fanden sich unter anderem: Edelsperrmüll, Potenzge-
schrei, Elektronikstricker, Laubsägekulisse, Schicksalskolpor-
tage, Fitneßpedale, Künstlerkarawane, Wirbelsäulensprache,
Bedienungslotse, Heizkostenteufel. Seltener werden ad hoc
Verben improvisiert: absürdeln, behübschen, opern; die Be-
richterstattung, liest man, lückt. Bei dieser Kombinationswut
kann kein Wörterbuch mehr den Ehrgeiz haben, den gesam-
ten Wortschatz zu verzeichnen; kein Ausländer kann hoffen,
sämtliche Wörter, die ihm in einer deutschen Zeitung be-
gegnen, in irgendeinem Wörterbuch erwähnt und erklärt zu
finden. Das deutsche Lexikon: in Teilen entsteht und zerfällt
es stündlich.
Die Tendenz (neudeutsch der Trend) zur Verknappung,
zur Ökonomie, der in einem fort neue zusammengesetzte
Substantive gebiert und in dem der Sprachwissenschaft ler
Hugo Moser eine der Grundtendenzen heutiger Sprachent-

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wicklung sieht, macht sich noch eine andere und höchst
produktive Möglichkeit der deutschen Sprache zunutze: die
Möglichkeit, zusammengesetzte Adjektive zu bilden. Neu-
deutsch ist an neugebildeten Adjektiven fast ebenso reich
wie an Substantiven; auch von ihnen sind viele nur zum ein-
maligen Gebrauch bestimmt und zerfallen sofort wieder.
Fast jedes transitive Verb kann durch die Nachsilbe -bar
in ein Adjektiv verwandelt werden. Es ist verwandelbar. Das
Adjektiv kann wiederum zu einem neuen Substantiv führen:
Verwandelbarkeit. Durchschaubar, behebbar, begehbar und
unzählige andere sind Allgemeingut. Ein startbarer oder
bremsbarer Wagen erstaunte niemanden. Auch nichttransi-
tive Verben geraten zuweilen in den Sog: Auf unverzichtbar
kann nicht mehr verzichtet werden, obwohl man es gar nicht
verzichten kann; haltbare Milch ist nicht solche, die sich hal-
ten läßt.
Als ein Allzwecksuffi xoid hat sich -mäßig erwiesen, in dem
Sinn »gemäß« wie in dem nicht koscheren Sinn »bezüglich«.
Neben richtigen Ableitungen wie vorschriftsmäßig oder ge-
wohnheitsmäßig (»gemäß der Vorschrift oder Gewohnheit«)
wimmelt es heute von illegitimen Abkömmlingen: kalorien-
mäßig ist gegen den Nachtisch nichts einzuwenden, benefiz-
mäßig war das Konzert ein Erfolg, horrormäßig gab der Film
nichts her, frauenmäßig lief nichts, aber alkoholmäßig.
Am produktivsten ist aber die Möglichkeit, Substantive
und Verben mit einem Adjektiv zu einem neuen Begriff zu-
sammenzuleimen. Die Möglichkeit ist alt, wie Wörter wie
himmelblau, seetüchtig, leidgeprüft, feuergefährlich bewei-

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sen, wurde aber lange nur sparsam herangezogen. Heute erst
zeigt sie, was in ihr steckt. Ausschlaggebend für ihren Erfolg
ist die Tatsache, daß das Substantiv (oder Verb) in keiner be-
stimmten Beziehung zu dem angehängten Adjektiv stehen
muß; es reicht, daß es in irgendeiner Beziehung zu ihm steht.
Ein jugendfreier Film ist frei für die Jugend, eine busenfreie
Show ist nicht frei für Buseninhaberinnen und auch nicht
frei von Busen, sondern frei an den Busen, das alkoholfreie
Getränk ist frei von Alkohol, und ein vogelfreier Mensch in
der zweiten Bedeutung des Worts (in der ersten heißt es so-
viel wie »freigegeben für die Raubvögel«) ist frei wie ein Vo-
gel. Obwohl viele Beziehungen zwischen den beiden Kom-
ponenten denkbar wären, entsteht kaum jemals irgendein
Zweifel. Welche Beziehung zwischen den beiden Komponen-
ten besteht, muß mit sprachlichen Mitteln nicht ausgedrückt
werden, es reicht, daß beide nebeneinander stehen, um den
neuen Begriff mit ausreichender Schärfe sofort zu erkennen:
drehen, freudig ergibt drehfreudig; fahren, tüchtig fahrtüch-
tig; heilen, kräftig heilkräftig; Europa, weit europaweit.
Vor allem die Sprachen der Wissenschaft, der Bürokratie
und der Werbung haben sich aus dieser Quelle reichlich be-
dient, aber die Alltagssprache folgt ihnen. Während Sozio-
logen wertneutrale Formulierungen für erklärungsbedürftige
Zusammenhänge suchen, während erfolgsorientierte Bü-
rokraten bereichsspezifische und planungsrelevante Daten
erheben, um bürgerbezogene und möglichst kostenneutrale
flächendeckende Maßnahmen für strukturschwache Gebie-
te einzuleiten, waltet die grippegeschädigte Hausfrau pillen-

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müde in lauffestem Schuhwerk, fersenverstärkten Strümpfen
und hautenger, atmungsaktiver und auch noch pflegeleichter
Kleidung qualitätsbewußt mit ihrem reinigungsaktiven und
hoffentlich umweltfreundlichen Waschpulver inmitten der
reparaturanfälligen Geräte ihres schadensträchtigen und lei-
der nicht idiotensicheren, noch nicht einmal babyleichten
Haushalts und setzt sich zwischendurch, eine Tasse röstfri-
schen und aromastarken Kaffees zu trinken. Angstfrei ist sie
nicht, denn naturbelassen ist noch nicht einmal der Salat,
und all die kochtopffertigen Eßwaren, die ihr medienadäquat
angepriesen worden waren, könnten auf unerwünschte Wei-
se geschmacksintensiv sein. Und was dann?
Eine besondere Karriere hat das Adjektiv -fähig gemacht.
Wenn Kontrahenten (die im übrigen eigentlich keine Geg-
ner, sondern Vertragspartner sind) dialogfähig, nämlich fä-
hig zum Dialog sein können: warum dann nicht auch kon-
fliktfähig und zukunftsfähig und friedensfähig? Aber was hat
man sich unter einem sozialfähigen Zeitgenossen vorzustel-
len? Einen gesellschaftsfähigen jedenfalls nicht. Von hier ist
es nur noch ein kurzer Schritt zum verhandlungs- oder kom-
promißfähigen Papier, und es fällt gar nicht mehr auf, daß
damit dem Papier eine Eigenschaft zugesprochen wird, die
eigentlich seine Urheber haben müßten.
Aber die angestammte Rolle des Adjektivs, nämlich At-
tribut eines Substantivs zu sein, kommt ohnehin immer
stärker ins Wanken. Bei der schwulen Kneipe handelt es sich
nicht um eine Kneipe mit dem Attribut der Homosexualität,
sondern um eine Kneipe für Schwule. Die progressive Buch-

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handlung ist nicht selber fortschrittlich, sondern ein Laden
für Fortschrittliche. Ganz ähnlich verhält es sich mit dem
biodynamischen Marktstand, der alternativen Reisegrup-
pe, dem kreativen Zweisitzer (der ein spilleriges Sofa ist, das
man sich selber bunt beziehen soll). Das Adjektiv wird also
in der doppelten Art verwendet, in der etwa auch der lateini-
sche Genitiv verwendet wurde. Amor dei, man erinnert sich:
»die Liebe Gottes« und »die Liebe zu Gott«, subiectivus und
obiectivus. Fälle wie politischer Frühschoppen oder anthro-
posophische Schule zeigen, wie es zu dem »objektiven« Ge-
brauch des Adjektivs kommen konnte: Es ist eine Schule, die
sowohl selber anthroposophisch ist (geführt wird) als auch
von Anthroposophen besucht wird.
Zu den beiden wichtigsten Konsumartikeln des Zeitge-
nossen gibt es leider kein Adjektiv: Auto und Fernseher. Auf
die Dauer wird dieses Manko nicht hingenommen werden.
Schon tauchen ab und zu erste televisionäre Überlegungen
auf. Und beim Auto trifft es sich gut, daß es vom Automo-
bil abgeleitet ist, dem »Selbstbeweglichen«. Da liegt es nahe,
automobil als Adjektiv neu zu erfinden, im Gegensatz zu
automobilistisch im Sinne von »das Kraftfahrzeugwesen be-
treffend«. Wer empfindlich bleibt für ursprüngliche Bedeu-
tungen, wird der Sprache allenfalls so etwas wie automobile
Winterreifen zumuten. Wer aber von derlei Skrupeln frei ist,
brummt als automobiler Parasit (Beifahrer) mit automobi-
ler Höchstgeschwindigkeit voll ab in die automobile Zukunft.
(Daß Fernsehen Fernsehen heißt, bereitet der Sprache auch
noch andere Ungelegenheiten. Ein Fernseher ist der Appa-

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rat und man selber, der vor ihm sitzt. Was tut man da? Man
sieht Fernsehen, man sieht das Sehen. Das wurde verkürzt
und rationalisiert zu man sieht fern. Nun aber ist nicht mehr
klar, ob fern Akkusativobjekt oder Adverb ist: Man sieht
was? oder wie? Bei sehen fällt diese Unklarheit kaum auf; um
so mehr aber, wenn man dafür das umgangssprachliche guk-
ken einsetzt. Neben ich gucke fern, wo das fern als Adverb
interpretierbar ist, hört man immer öfter ich gucke Fernse-
hen – und damit ist aus dem intransitiven gucken eigentlich
unstatthaft ein transitives Verb geworden.)
Schon vor Jahrzehnten eingebürgert haben sich Ableitun-
gen – meist Verkürzungen – wie Auto, Photo, Abo(nnement),
Tacho, Trafo (für Transformator) oder Profi, Uni, Krimi, Sozi,
Nazi. Im Weltkrieg kamen Ami, Tommy und Russki dazu.
Aber während es über lange Zeit hin bei einer Handvoll sol-
cher Bildungen geblieben war, begannen sie Anfang der sieb-
ziger Jahre dank dem Bestreben, witzig zu sein, plötzlich ins
Kraut zu schießen. Den Weg gebahnt hatten zweifellos deut-
sche Diminutive wie Schatzi oder Bubi, dazu die analogen
englischen Ableitungen, die über die Jugendsprache nach
und nach ins Deutsche einsickerten: Teenie, Hippie, Grou-
pie, Roadie, Smilie, Junkie, Softie, Zombie, Oldie (dieser ver-
wandelte sich beim Import aus einem Wort für alte Schlager
und Filme in eines auch für alte Autos); und schließlich wohl
auch die Präsenz vieler romanischer Wörter auf -i und -o,
vom Macho bis zu den Spaghetti. Nun jedenfalls sind sie da,
die flotten Verniedlichungen, bald eher höhnisch, bald eher
zärtlich, die umständliche lange Wörter klein kriegen, und

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kein Wörterbuch wäre schnell genug, sie alle festzuhalten,
denn in einem fort entstehen neue und verschwinden teils
auch wieder: der Brummi (Lkw) und der Bulli (Transporter),
der Multi, die Muni (Munition), der Molli (Molotowcock-
tail) und der Synthi (Synthesizer), der Kombi und der Compi
(Computer), die Ini(tiative) und die Konfi (Konferenz) und
der Quicki, in der DDR der Trab(b)i (ein Motorfahrzeug der
Marke Trabant) und der/die Stasi (Staatssicherheitsdienst);
und all die vielen i-Leute: der Heini und die Tussi (von Thus-
nelda), der Schwuli und der Kanni(-bale), der Dummi und
der Bundi (Bundeswehrangehörige), der Flippi (der ausge-
flippt ist oder herumflippt) und der Chauvi (der heute ein
Mann ist, welcher Frauen für Menschen zweiter Klasse hält,
und damit jede Beziehung zu dem Ur-Chauvin verloren hat,
dem patriotischen Rekruten der französischen Komödie),
der Sponti (anscheinend ein aggressiver Protestjugendli-
cher) und der Sympi (Sympathisant), der Müsli (ein Bio- oder
Öko-Freak), der Spasti (der normalerweise kein Spastiker ist,
sondern jemand, der seine Bewegungen nicht ganz unter
Kontrolle zu haben scheint, der frühere »Tolpatsch«) und der
Hirni, der Pooni und der Baggi (rotgekleidete Guru-Abhän-
gige), der Schlaffi und der Laschi und der Schlappi (und das
Chappi für den Hund), der Dissi (Dissident) und der Zoni
(DDR-Bewohner), der Grufti (Greis) und der Transi (Trans-
vestit), der Abi (Ausbilder) und der Azubi (Auszubildender)
und der Studi (Student), der Zivi (Zivildienstleistender oder
Zivilfahnder), der Knasti und der Knacki (der aber nicht nur
ein Strafgefangener ist, sondern auch ein knackig wirkender

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Mensch), der Schleimi und der Schmusi und all das andere
Schickimicki.
Die Ableitungen auf -o sind weniger zahlreich: Demo(n-
stration), Info(rmation), Dispo(sition), Deo und Video, He-
tero und Homo, Brutalo, Schizo, Sado, Maso, Porno, Disko,
Anthro(posoph), Mayo(-naise), Realo (Realpolitiker im Ge-
gensatz zum Fundi, dem Fundamentaloppositionellen). Aber
auch hier ist das Prinzip erkannt und akzeptiert und wird
weiterhin produktiv sein. Künftige Deutschschüler werden
eine neue Klasse von Substantiven zu lernen haben, die auf
-i und -o, und sie werden sich ärgern, daß auch denen ihr
grammatisches Geschlecht nicht anzusehen ist.

Die ergiebigste Quelle für sprachliche Neuerungen ist die


Jugendsprache; ihr Hang zum Nonkonformismus hält die
Jugend auch zu sprachlicher Absonderung an. Aber die mei-
sten ihrer Schöpfungen verschwinden, wie sie gekommen
sind; vieles überlebt die Saison nicht, wird morgen hoff-
nungslos veraltet wirken und übermorgen völlig vergessen
sein. Zu den jugendsprachlichen Wörtern und Wendungen,
die die Kurve gekratzt haben, in die Gemeinsprache über-
nommen wurden und aus ihr einstweilen nicht mehr weg-
zudenken sind, gehören: der Typ (schwach flektiert), der den
älteren Kerl weitgehend abgelöst hat, stehen auf (mit dem
Akkusativ: ich stehe auf dich), auf die Straße gehen (früher
hätte es »auf die Barrikade steigen« geheißen), jemanden an-
machen (in den beiden Bedeutungen von »jemanden belästi-
gen« sowie jemanden anhauen und sein Interesse erregen),

24
Bock haben auf (statt »Lust zu«), null Bock (keine Lust), Zoff
(Streit, Putz), sich reinziehen oder reinschieben (willst du dir
übers Wochenende etwa drei Videos reinziehen?), (an)törnen,
ausflippen, nerven und nervig (früher hätte es »enervieren«
geheißen), stressig und gestreßt (statt »mühsam« und »ange-
strengt«). Unentbehrlich geworden ist auch die Szene, wie
die sie nennen, die nicht zu ihr gehören – die anderen sagen
Scene (ssihn). Ungefähr ist die Scene das Milieu, aber nicht
jedes, sondern ein besonderes, nämlich alternatives: die
Spontiscene, die Kneipenscene, die Schwulenscene, allgemein
die Stätten der Jugendkultur (Kneipen, Diskos, Programm-
kinos, Jeansläden, Popkonzerte). Aber vermutlich wird es
eines Tages auch eine Busineßszene geben.
Das offensichtlichste Merkmal jeder Jugendsprache sind
ihre Elative: die Adverbien, die einen hohen Grad ausdrük-
ken. An wirksamen Elativen besteht ein großer Bedarf –
schließlich will jeder Sprecher zum Ausdruck bringen, daß
etwas nicht bloß so, sondern in einem hohen Maße der Fall
ist. Und die Elative verblassen schnell. Was heute noch frisch
einen hohen Grad bekundete, wirkt bald schon lasch und
müde und muß durch neues Material ersetzt werden. Wer ei-
nen jugendsprachlichen Text zu datieren hätte, hielte sich am
besten an seine Bezeichnungen für »sehr«, »sehr gut«, »sehr
schlecht«. Knorke muß Anfang des Jahrhunderts sein; schau
(ein schaues Buch) fünfziger Jahre. Und wer Jugendsprache
ohne großen Aufwand faksimilieren will, braucht nur über
einen im übrigen völlig normalen Text ein paar aktuelle Ela-
tive zu verstreuen: in den achtziger Jahren ein echt, irre, un-

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heimlich, geil, affengeil, ätzend, tierisch, super, grell, derb. Der
mokante Ton, mit dem sich die nicht mehr so Jugendlichen
über derlei Schöpfungen erheben, ist ganz und gar unange-
bracht. Ihr wahnsinnig (das hat mir wahnsinnig gefallen) ist
kein bißchen richtiger und edler als das irre der Jugend; das
völlig verblaßte sehr heißt ursprünglich nichts anderes als
»schmerzhaft«, »versehrend« und war sozusagen das ätzend
des Althochdeutschen. Sollte tierisch erhalten bleiben (die
Chancen sind nicht groß), so wird es in ein paar Jahrhunder-
ten etwa tirsch heißen, und außer ein paar Etymologen wird
sich niemand an seine Herkunft erinnern. Daß es erhalten
bleibt, ist allerdings nicht wahrscheinlich. Verschleiß und
Ersetzung dieser Wörter vollziehen sich immer schneller;
gebremst werden sie am ehesten noch dadurch, daß der Vor-
rat an geeigneten Vokabeln nicht unerschöpflich ist.
Es ist erst einige Jahre her, da redete man von den ins
Deutsche eindringenden Fremdwörtern als von einer »Seu-
che«. Dahinter stand die (völkische) Vorstellung, gesund sei
nur eine Sprache, die ihre Reinheit bewahre; auch die, daß
die Sprache den Fremdwortbefall abwehren und eindämmen
könne und solle, und daß er ein vorübergehendes Phänomen
sei: ein paar vereinte Anstrengungen, und das Deutsche er-
glänze wieder in alter Reinheit.
Solche Reden sind inzwischen mehr oder weniger ver-
stummt. Es ist klar geworden, daß die scharenweise in die
deutsche Sprache eingewanderten Fremdwörter, deren Zahl
von Tag zu Tag weiter steigt, durch nichts in der Welt wieder
ausgebürgert werden können. Es handelte sich nicht um eine

26
temporäre Erkrankung, eine passagere Immunschwäche. Es
handelte sich um eine dauerhafte Öffnung der Sprachgren-
zen. Mit den Waren und den Lebensgewohnheiten kamen
auch die Wörter aus dem Ausland; und besonders reichlich
strömten sie aus der Leitkultur der Gegenwart, der angel-
sächsischen. Gefördert wurde dieser Prozeß durch die Auslö-
schung ihrer Geschichte, was den Nachkriegsdeutschen am
liebsten gewesen wäre, und deren damit einhergehende tiefe
Identitätskrise: Alles Deutsche, auch die deutsche Sprache,
war plötzlich gar nicht mehr großartig, es war sogar so ziem-
lich das Hinterletzte, und mit dem englischen Wort konnte
man sich als Angehöriger der zivilisierten Welt ausweisen.
Wenn der Widerstand dagegen zusammengebrochen ist,
dann aber wohl nicht nur wegen der Unaufhaltsamkeit des
Ansturms. Fremdwörter werden zum Entsetzen der verblie-
benen Puristen nicht mehr als etwas Böses gesehen; sondern
oft geradezu als ein Gewinn. So sah auch Goethe sie schon:
»Die Gewalt einer Sprache ist nicht, daß sie das Fremde ab-
weist, sondern daß sie es verschlingt« (»Maximen und Refle-
xionen«).
Das Englische selbst ist ein Beispiel dafür, wieviel Frem-
des eine Sprache verkraften kann, wie sehr sie von Fremdem
sogar profitiert. Das Englische entstand, als das Angelsäch-
sische sich vollsaugte mit der Sprache der normannischen
Eroberer. Es ist eine Hybridisierung aus Angelsächsisch
und Normannisch, über die ein halbes Jahrtausend später
noch einmal eine Welle von Latein hinwegging. Zu Shake-
speares Zeit waren die beiden Sprachen längst miteinander

27
verschmolzen. Hätte das Sprachgefühl sie noch getrennt, so
hätte sich die purpurnste Stelle der englischen Literatur etwa
so angehört:

Sein oder Nichtsein, das ist die Question.


Ob’s geistig nobler ist, die Schlingen und Pfeile
einer outrageusen Fortune zu souffrieren
oder die Armes zu ergreifen gegen ein Meer von Troubles
und ihnen ein Ende zu machen en les opposant …

Das Deutsche macht heute eine ähnliche Invasion aus dem


Englischen durch. Es nimmt Schwärme von Gastwörtern
auf, verleiht ihnen unbefristete Aufenthaltserlaubnis und
wird die meisten von ihnen schließlich einbürgern. Es wird
daraus gewandelt, aber auch bereichert hervorgehen. Schon
einmal hat es eine solche Invasion nicht nur verkraftet, es hat
davon profitiert – vom siebzehnten zum neunzehnten Jahr-
hundert, als ungezählte Wörter und Wendungen aus dem
Französischen eindrangen. Viele sind zwar noch heute als
Lehnwörter erkennbar, dabei aber doch so »deutsch« gewor-
den, daß es gar keine deutscheren Alternativen zu ihnen gibt.
Hierher gehören die Gallizismen der vornehmeren Kreise,
für die Französisch lange die Hauptsprache war, der Leute
mit Esprit und dazu Portemonnaie, die zur auf Etikette be-
dachten Hautevolee gehörten, in Palais residierten, auf dem
Trottoir der Allee ums Karree flanierten oder promenierten
(für das heute der englische Block eingesprungen ist), in ih-
ren Equipagen über Chausseen zum Ball oder zur Redoute

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rollten (einer Fete, die besonders etepetete – »etre peut-être«
war), die sich das Menü von Domestiken servieren, die Pe-
rücke vom Friseur kräuseln, den Koffer vom Portier schlep-
pen ließen, auf den Fauteuils und Chaiselongues ihrer kom-
fortablen Salons mit Balkon und Parkett-Fußboden Liköre
nippten, in Hotels abstiegen, mit vorgebundener Serviette im
Restaurant dinierten, Roben um ihre Taille schlangen, Ko-
stüme und Blusen und Négligés trugen, Parfüms benutzten,
ihren Teint im Park der frischen Luft aussetzten und, wie in
ihrem Milieu üblich, sich vom Feuilleton ihrer Journale aus-
einandersetzen ließen, daß im Theater die Soubrette in der
famosen Szene mit dem Leutnant etwas malade gewirkt hät-
te, sowie andere sensationelle und aktuelle Nuancen, die sie
hinterher bei den Amouren mit ihren Mätressen … Die we-
niger noblen Kreise, unbekümmerter um Bedeutung, Aus-
sprache oder gar Schreibweise, deutschten derweil die von
Hugenotten, Revolutionsflüchtlingen und napoleonischen
Soldaten übernommenen französischen Brocken dermaßen
brachial ein, zum Beispiel in den Berliner Stadtdialekt, daß
ihnen heute ihr Ursprung oft gar nicht mehr anzumerken ist:
der Deez (»tête«) und der Feez (»fête«), blümerant (»bleumou-
rant«) und ratzekahl (»radical«), totschick (»tout chic«) und
mutterseelenallein (»moi tout seul-allein«) und forsch (»avec
force«), plärren (»pleurer«), die Kinkerlitzchen (nämlich die
»quincailleries«, der Haushalttrödel) und den Muckefuck
(»mocca faux«) und das sonderbare alle in der Bedeutung
»ausverkauft« »aufgebraucht«, das von »allé« (fort) kommt.
Die deutsche Sprache wäre um vieles dürftiger ohne dieses

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Importgut. Sie wäre es auch ohne die heute einströmenden
Anglizismen.
Oft wird das englische Wort importiert, weil es keine
deutsche Bezeichnung für den betreffenden Sachverhalt gibt
und die Übernahme einfacher ist als die Neuerfindung und
Durchsetzung eines deutschen Pendants; oder weil die Über-
setzung zu umständlich klänge (so hat vielleicht noch die
Betriebsleitung, aber kaum noch die Betriebsleitungstechnik
eine Chance neben dem Management); oder weil die Wörter
zu Bereichen gehören, in denen Englisch die internationale
Verkehrssprache ist, etwa beim Luft verkehr, der dem Neu-
deutschen das Ticket und das Gate, den Piloten und den Jet
und das Cockpit, das Einchecken und die Airline beschert hat
– oder weil den deutschen Äquivalenten, wo sie vorhanden
sind, etwas fehlt, nämlich die Markierung »jung, modern,
schwungvoll«, die Importen aus Amerika automatisch an-
haftet.
Erst die Sprache des Jazz und dann die der ganzen Pop-
Musik bewahrte die Wörter ihres Ursprungs: Band, Sound,
Drums, Riff, Beat, Chorus, Swing, Song, Soul, Folk, Drive, Po-
wer, Feeling …
Die Sprache der Pop-Kultur ließ sich vollaufen mit An-
glizismen, ja sie ist ein einziger, mit deutschen Funktions-
wörtern gesprenkelter Anglizismus: Pop, Top, Flop, Stop, Tip,
Trip, Dip, Hit, Gag, Fan, Freak, Star, Crack, Insider, Outsider,
Man, Boy, Lady, Girl, People, King. Der Pop-Mensch trägt
Jeans und Shirts, klebt Stickers an sein Auto, pinnt Posters an
die Wand, steckt Buttons an die Jacke, hat Jingles (gesunge-

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ne Reklamesprüche) im Ohr und Jokies in der Seele, ist total
easy und cool. Wir haben auf dieser Fuzzitour ein paar Gigs
gemacht, um unsere Instrumentals zu featuren … (Spliff ).
Die Nase im Trend, setzte sich auf ihren Partys die Schik-
keria – der Jetset, die (High) Society, auch die Beautiful People
genannt – mit den Drinks in die Lobby oder an den Pool und
spielte VIP oder in.
Film und Fernsehen zeigten lückenhaft synchronisierte
Thriller mit viel Action, in denen Cowboys, Killer oder Truk-
ker dem Showdown entgegenrasten.
Der Normalmensch schließlich – ihm bleibt nur, sein Le-
ben zwischen Job, Instant-Nahrung und Sex zu teilen, Stress
und Trouble zu meiden, den Body mit Beauty-Lotionen und
Aftershave und diversen Sprays oder Fluids zu pflegen und
im übrigen des Weekends zu harren, da er sein Hobby her-
ausholen kann.
Einige Fachgebiete etablierten sich so rasch, daß die
sprachliche Eindeutschung nicht nachkam, zum Beispiel
die elektronische Datenverarbeitung. Gerade noch hat die
Schnittstelle das Interface verdrängt, der Bildschirm »die«
Screen, der Absturz »den« Crash, der Rechner aber nicht
mehr »den« Computer (eigentümlich, welches grammatische
Geschlecht wir diesen englischen Substantiven zuteilen, die
in ihrer Heimat allesamt Neutren sind). Für Hardware, Soft-
ware, Chip, Cursor, Code, Input, Output, Floppy, Compiler,
Assembler, Listing, ROM (Read-Only Memory, »Festspei-
cher«) und RAM (Random Access Memory, »Direktzugriff-
speicher«) und vieles andere mehr gibt es bisher kein kon-

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kurrenzfähiges deutsches Wort. Die jähe Ausbreitung des
Heimcomputers wird der Sprache viele Novitäten besche-
ren, unter anderem Wörter für all die Routinen, nämlich
all die üblichen Prozeduren am häuslichen System: booten
(das Betriebssystem einlesen und mithin »starten«), loaden
(das Programm einlesen), scrollen (den Text auf dem Bild-
schirm auf- und abrollen), formatieren (dem Text ein Format
zuteilen), listen (ein Programm ausschreiben), saven (sichern
durch Aufnahme in den Speicher), clearen (den Bildschirm
freimachen), pippen (auf eine andere Diskette kopieren – von
dem Befehl PIP, dem Kürzel für »Peripheral Interchange Pro-
gram«, einem Programm für den Datenaustausch zwischen
einzelnen Geräten der Peripherie, die in dieser Bedeutung
ebenfalls neu ist), printen (ausdrucken). Nicht ausgeschlos-
sen, daß Computerfexe einige dieser Ausdrücke bald auch
übertragen gebrauchen werden: Pipp mir mal den Parmesan
herüber!
Und immer voran die Werbebranche, die von Berufs we-
gen Moden macht und sich kein Attribut der Modernität
entgehen lassen kann. So sitzen die PR-Leute, die Art-Direc-
tors und die vom Marketing mit ihren Drinks in der Lounge,
lauter effiziente Top-Kräfte mit einer Menge Know-how (im
Englischen heißt das übrigens weniger ordinär »expertise«),
körperlich fit, sogar topfit, die Geheim-Tips ihrer Bosse, und
warten auf das Team der Sponsoren, jene um das Product-
Image besorgte Crew, der sie die Displays des Layouts mit den
Samples des neuen Designs für die recycelbaren Spray-Dosen
präsentieren wollen, und erzählen sich die Story vom Ghost-

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writer, diesem Playboy, der mitten in der Talkshow wohl von
wegen der Midlife-Crisis einen Blackout hatte und dem Mo-
del das Dressing über den Dress goß.
Eine Zigarettenfirma ließ diese Anzeige aufsetzen: Wild-
life-Boat Safari. Elephants und Buffalos am Fluß. Superlod-
ges und Sonnenuntergänge. Karibasee, Victoria-Falls. 5 Tage
zum Großwild-Foto-Shooting nach Zimbabwe, Afrika. Auf
ins Action-Weekend. Eckhard Henscheid fand es sad, daß die
Zielgruppe anscheinend das Wörtchen and noch nicht drauf
hatte.
Die meisten Wortimporte sind Substantive. Adjektiven
ist ihre Bedeutung weniger leicht zu entnehmen; so haben
erst relativ wenige ihren Weg ins Deutsche gefunden: smart,
clever, cool, happy, light, sweet, fit, soft, neuerdings von der
Werbebranche unter dem Einfluß von »saftig« zu softig aus-
gebaut (der Milkshake, den Sie sich selber softig schlagen).
Größer ist die Zahl der Verben: kicken, swingen, rocken,
joggen, tarnen, flippen, killen, scratchen, stretchen, pushen,
jobben, jetten (die es beide im Englischen nicht gibt). Eine
besondere Karriere hat checken (auch abchecken) gemacht:
Heißt es im Englischen in der Hauptsache »nachsehen, prü-
fen«, so hat es im Deutschen zusätzlich die Bedeutung »mer-
ken« angenommen (Er hat nicht gecheckt, daß sie ihn voll
verarscht). Was die Eingemeindung von Verben erschwert,
ist der Umstand, daß sie sich flektieren lassen müssen. Ma-
nagen, handlen, stylen, designen, relaxen, leasen, powern,
layouten – soweit machen sie keine Sperenzien, aber heißt
es er hat gemanagt oder gemanaged? gehandled oder dann

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doch gleich gehandelt? er ist relaxt oder relaxed? sie designt
oder designed? sie hat gelayouted oder outgelayed oder layou-
tet oder wie? Einen gangbaren Weg, solche englische Verben
zu akkommodieren, hat die deutsche Sprache noch nicht ge-
funden.

Das Englische beeinflußt das Deutsche aber noch auf eine


andere, sehr viel weniger auff ällige Art. Zu den offenen treten
immer mehr heimliche Anglizismen: Wörter und Wendun-
gen, die sich auf den ersten Blick so urdeutsch ausnehmen
wie aus Grimms Wörterbuch und die dennoch englischer
Herkunft sind. Entweder handelt es sich um wörtliche Über-
setzungen; oder ein fast vergessen dahinvegetierendes Wort
wurde unter dem Einfluß des Englischen wiederentdeckt
und reaktiviert; oder ein deutsches Wort erhielt unter dem
Einfluß des Englischen zusätzlich eine ganz neue Bedeu-
tung, die ihm bisher fremd war; oder seine althergebrachte
Bedeutung wurde von einer aus dem Englischen stammen-
den Neu-Bedeutung unterwandert und mehr oder weniger
außer Kraft gesetzt.
Realisieren etwa – früher hieß das nichts anderes als »zu
Geld machen« und vor allem »verwirklichen«: Solche Hirn-
gespinste lassen sich nicht realisieren. Noch in um 1960 ge-
druckten Fremdwörterbüchern taucht es ausschließlich in
diesem Sinn auf. Um 1970 aber nahm es dann auch noch
die Bedeutung von »to realize« an: »verstehen«, »sich klar
machen«: Er realisiert nicht, daß er ein hohes Risiko eingeht.
Ähnliches ist kontrollieren widerfahren. Eigentlich hieß es

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»überprüfen«: An der Grenze wurden wir nur flüchtig kon-
trolliert. Heute heißt es auch noch »beherrschen«: Die Auf-
ständischen kontrollieren den ganzen Norden. Ein kontrol-
liertes Experiment ist keineswegs ein »überwachtes«, auch
kein »überprüftes« oder »beherrschtes« Experiment, wie
man in unbeholfenen Übersetzungen lesen kann; überwacht
wird hoffentlich jedes Experiment, sonst hört es schnell auf,
eines zu sein. Vielmehr handelt es sich um eines, bei dem
alle erdenkliche Sorgfalt darauf verwendet wurde, daß die
bei ihm anfallenden Resultate tatsächlich von den in Frage
stehenden Faktoren hervorgebracht wurden und nicht von
irgendwelchen ganz anderen oder dem puren Zufall.
Konfirmieren hieß fast immer nur »einsegnen«; heute
heißt es auch »bestätigen«. Involvieren (»in sich beschlie-
ßen«, aber auch »verwickeln«) war recht ungebräuchlich und
wurde erst in Dienst genommen, als die englische Sprache
vorgemacht hatte, wie praktisch es ist, ein unumständliches
Wort für den gleichen Begriff zu haben. Implementieren (»ins
Werk setzen«, »durchführen«) gab es gar nicht; als eines der
Lieblingswörter der englischen Wissenschaftssprache hält es
heute seinen Einzug ins Deutsche. Ähnliches gilt für in- und
dekrementieren (»um einen bestimmten Wert erhöhen oder
vermindern«).
Die neue Computersprache strotzt nicht nur von offe-
nen, sondern auch von heimlichen Anglizismen. Warum die
Übersicht zu Beginn eines Programms im Englischen menu
heißt, ist klar. Menu heißt »Speisekarte«. Der Computer
reicht einem sozusagen die »Karte« seiner Leistungen. Ein

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Menü aber war im neueren Deutsch nur noch die Speisenfol-
ge, also das Essen selbst. Nun wurde es zu einer Übersetzung
des Computer-menu. Man gewöhnt sich wunderbar schnell
an solche Merkwürdigkeiten; nur Novizen fragen sich ver-
geblich, ob die Hacker, die sich an menügesteuerten Textpro-
grammen zu schaffen machen, eine besonders verfressene
Spezies sind.
Was machen diese Hacker? Sie haben das Paßwort (nicht
etwa, obwohl es auf das gleiche hinausliefe, das »Kennwort«
oder die »Losung«). Damit adressieren sie ihr System – und
das heißt nicht etwa, daß sie ihm Adressen aufk lebten, son-
dern daß sie es »ansprechen« (um 1960 war »beanschriften«
noch die einzige Bedeutung von adressieren; nun hat es auch
noch die des englischen »to address« übernommen). Wenn
sie es dann adressiert haben, beginnen sie mit dem Editieren
und eventuell dem Indexieren, beides Importe aus dem Eng-
lischen, die verfügbare deutsche … nun ja, die wohleinge-
führte Fremdwörter (edieren und indizieren) mit dem Rük-
ken an die Wand gedrückt haben.
Oder um in die Niederungen der Alltagssprache hinabzu-
steigen: Feuern hieß einst »rot werden« und später »heizen«;
in Anlehnung an »to fire« wurde es zu »hinauswerfen«. Ge-
feuert wird, wer im Rattenrennen nicht mithält (»rat-race«
evoziert Laboratoriumsratten in der Tretmühle). Demnächst
werden Kandidaten auch hierzulande rennen müssen (»to
run«), wenn sie sich um ein Amt bewerben.
Um ein Amt in der Administration. Die war früher
nichts als eine »Verwaltungsbehörde«. Heute ist daraus nach

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Washingtoner Vorbild nicht weniger als der gesamte ge-
wählte »Regierungsapparat« geworden. Der gewählte Politi-
ker entwickelt Aktivität oder, mit unserer Vorliebe für den
Plural, Aktivitäten. Das wäre einst fast eine Beleidigung ge-
wesen, denn es hieß soviel wie »Betriebsamkeit«; heute sind
alle Arten von Aktivität (nämlich, wie das englische »acti-
vity«, »Tätigkeit« schlechthin) durchweg eine Empfehlung.
In seinem Amt dann ist Kompetenz gefragt. Noch Ende der
60er Jahre bedeutete das nur »Zuständigkeit«: Das fällt nicht
in Ihre Kompetenz! Jetzt bedeutet es auch noch, was das eng-
lische »competence« bedeutet: »Befähigung«.
Seltsamerweise haben die Linguisten, besonders die, die
scharf darauf waren, jede Spur von Provinzialismus abzu-
schütteln und die Höhenluft internationaler Debatten zu
atmen, sich dieser Art wortwörtlicher Eindeutschung be-
sonders hemmungslos hingegeben. Lässig unterscheiden sie
Kompetenz und Performanz des nativen Sprechers (also etwa
die »Sprachbefähigung und das tatsächliche Sprechen in der
eigenen Muttersprache«), und ein noch leichter Satz etwa von
Chomsky hört sich auf deutsch dann so an: Das Kind muß
eine generative Grammatik seiner Sprache auf der Grundlage
eines relativ restringierten Maßes von Evidenz erwerben. Kein
Wunder, daß diese Wissenschaft eine Sache für Esoteriker
geblieben ist. Nicht nur, daß sie viele tatsächlich neue Begrif-
fe enthält, wie es sich für eine originelle Disziplin gehört; sie
befremdet auf Deutsch überflüssigerweise doppelt, weil sie
auch das Vertraute (etwa den simplen Begriff »beschränkt«)
wörtlich übersetzt und damit fremdartig ausdrückt (»re-

37
stringiert«). Was wäre das Gegenteil von »beschränkt«? Für
den Linguisten natürlich elaboriert. Der Bedeutungsgewinn
gegenüber »einfach« und »kompliziert« ist nahe Null.
Für Evidenz aber möchte ich wärmstens plädieren. Im
Deutschen war immer evident, was »auf Anhieb einsich-
tig« war. Für das englische »evidence« gibt es keine wirk-
lich brauchbare deutsche Übersetzung. Es ist weniger als ein
»Beweis«, aber mehr als ein bloßes »Indiz« – irgend etwas
dazwischen. Gerade dafür aber hätte auch das Deutsche ein
respektables Wort dringend nötig, vor Gericht wie in den
Wissenschaften. In striktem Sinn zu »beweisen« – nämlich
so, wie sich ein mathematisches Gesetz beweisen läßt – ist
in den Verhaltenswissenschaften gar nichts. Trotzdem ha-
ben manche Hypothesen ein empirisches Material auf ihrer
Seite, das über den Status bloßer »Indizien« weit hinausgeht.
Zu seiner Bezeichnung könnte man gut das Wort Evidenz
heranziehen. Es meinte dann (und auch dieses meinen ist ein
heimlicher Anglizismus): etwas endgültig schwer Beweis-
bares, für das gleichwohl gute Gründe sprechen. Und man-
chem Mißverständnis wäre vorgebeugt.
Wir sind an vielen Plätzen der Erde vertreten, wirbt eine
Firma für sich. Sie meint: »an vielen Orten« und hat einfach
»many places« wörtlich übersetzt – einer der absolut über-
flüssigen heimlichen Anglizismen. Nicht überflüssig scheint
dagegen das Netzwerk zu sein. Wie sollte man etwa ein net-
work der Selbsthilfegruppen anders und treffender nennen?
Schon in der ersten Zeit deutscher Amerikanophilie war es
ja ärgerlich, daß sich das »Amerikanische-Kräfte-Netzwerk«,

38
der vielgeliebte AFN, partout gegen seine Eindeutschung
sperrte; »Amerikanischer Wehrmachtssender« wäre seman-
tisch in Ordnung gewesen, emotional aber völlig daneben.
Ein Medium war einst ein »Vermittler« und dann auch
noch eine Art »Spukagent«. Um 1970 hatte die Werbewirt-
schaft es in seiner englischen Bedeutung »Werbeträger«
eingeführt. Als Allerweltswort für eine »Informationsver-
mittlungsmethode oder -anstalt« sollte es seitdem Karriere
machen. Das Album (wörtlich »das Weiße«) war nichts als
ein Sammelbuch. Unter dem Einfluß des Englischen ist dar-
aus die »Sammellangspielplatte« geworden. Die Promotion
war einzig die »Erlangung der Doktorwürde«; heute werden
auch Waren … nein, nicht promoviert, sondern promotet.
Das deutsche Rudiment, das die Bedeutung »Restbestand«,
»Überbleibsel« hat, ist keineswegs die Entsprechung zum
englischen »rudiment« (»Anfangsform«, »Ansatz«), wird
aber immer öfter so gebraucht. Ohne die Wörter Effizienz,
effizient ließen sich manche deutschen Sätze nur noch halb
so effizient formulieren.
Manche dieser Verschiebungen sind außerordentlich
subtil. Ich glaube mich zu erinnern, daß noch vor zwanzig
Jahren niemand gesagt hätte: Der hätte mich glatt getötet.
Damals noch hätte es »umbringen« oder »ermorden« hei-
ßen müssen; das durchaus vorhandene töten hätte einen
viel zu klinischen Klang gehabt – getötet wurden vielleicht
Versuchstiere. Dann aber wurde es zu einer kommoden di-
rekten Übersetzung von »to kill«. Ähnlich haben lieben und
hassen unter dem Einfluß von »to love« und »to hate« viel

39
von ihrer einstigen emotionalen Schärfe verloren; ich liebe
Quizsendungen oder ich hasse Ketchup wären früher kaum
vorstellbare Sätze gewesen.
Das deutet schon an, woher viele dieser heimlichen An-
glizismen kommen: aus flüchtigen Synchronisationen von
Filmen und Fernsehspielen. Sie sind oft das Werk von Abc-
Schützen der Übersetzergilde, die gar nicht auf die Idee
kommen, daß es für manche Begriffe völlig ausreichende
deutsche Entsprechungen gibt; daß die erste Frage des Über-
setzers sein müßte: Wie sagt man das auf Deutsch? Sie holen
den Dialog Wort für Wort heim. Regelmäßig zum Beispiel
greifen solche Sendungen und Filme um drei Nullen zu hoch:
Da werden etwa Schadensersatzforderungen in Billionenhöhe
geltend gemacht, obwohl eine »billion« nur eine Milliarde ist,
und das Element Natrium kommt als Sodium daher. (Auch
anderssprachige Filme werden oft nur aufs oberflächlichste
eingedeutscht. In einem französischer Herkunft ist die Rede
davon, daß die Heldin in ihr Land zurückgehen will. Der Syn-
chronisateur hat nicht bemerkt, daß man diesen Sachverhalt
eigentlich mit »in die Heimat zurückkehren« wiederzugeben
pflegt.)
Daher kommen denn wohl die meisten jener supermo-
dernen Redensarten, die nichts anderes sind als heimliche
Anglizismen. Ja, ich sehe Ihren Punkt (»I see your point«).
Vergiß es (»forget it«). Das ist eine trickige Geschichte (»atrik-
ky story«). Man wird Ihnen noch die Schau stehlen (»to ste-
al the show«). Das andere Team liegt in Front (»is in front«).
Es wirkt dreimal stärker (statt »dreimal so stark«). In 1985

40
wird es passieren. Habt eine gute Zeit (»have a good time«),
Leute (»folks«)! Das macht keinen Sinn (natürlich müßte es
»hat« oder »ergibt« heißen, aber beides paßt nicht immer –
also wird »macht« sich auf jeden Fall endgültig einbürgern).
Sie haben einen doppelten Standard – »eigentlich« wäre der
»double Standard« die »doppelte Moral« oder »zweierlei
Maß«. Das macht mich sauer ist wohl unter dem Einfluß
von englisch »sore« gleich »wund« und »ärgerlich« zustan-
de gekommen. Denn früher konnte man nur, wie Lakmus-
papier, »sauer reagieren«, oder etwas »stieß einem sauer
auf«; selber sauer wurde man noch nicht. Zu dem moder-
nen Grußwort hallo wurde nicht etwa der alte germanische
Fährmannsruf (»hol über!«), der sich in die Ära des Tele-
phons hinübergerettet hatte, sondern der amerikanische
Anruf »hello«.
Und als gängigster und gleichzeitig entbehrlichster aller
heimlichen Anglizismen ist natürlich einmal mehr (»once
more«) zu nennen. Daß das auf Deutsch schlicht »noch ein-
mal« heißt, gerät bei dem einen oder anderen auf erleseneren
Ausdruck bedachten Schreiber nachgerade in Vergessenheit.
Schon hört man gelegentlich: Ein Bier mehr! (Immerhin
nicht ein mehr Bier!) Gewiß will der Sprecher im Grunde am
liebsten ein anderes Bier! sagen, nur bliebe sein Glas dann
wahrscheinlich leer, und so weit geht die Anglomanie dann
doch nicht.
Manche dieser Sprachimporte sind in der Tat nur modi-
sche Protzereien. Andere sind hochwillkommene Bereiche-
rungen. Bleiben werden die einen wie die anderen.

41
Ebenso oft verlästert wie die fremden Wörter werden
oft die Abstrakta. Gewiß, abstrakte Begriffe sind eben dies
– abstrakt, unanschaulich, man sieht hinter ihnen kein Bild,
und ein stark mit ihnen durchsetzter Stil wirkt dünn und
fade. Gewiß auch, häufig werden sie aus bloßer Renommier-
sucht verwendet, denn sie haben jenen gewissen Touch von
»Wichtigkeit«. Aber meist entsprechen sie einem wirklichen
Bedarf: dem nach dem allgemeineren Begriff.
Wenn Anfang der siebziger Jahre von Medien die Rede
war, verstanden die meisten »Mädchen« und hielten das neue
Wort für eine wichtigtuerische und ganz und gar überflüssi-
ge Torheit. Reichte es nicht, wie bis dahin Radio, Fernsehen
und Zeitung zu sagen oder, schon abstrakt genug, Funk und
Presse? Aber wenn nun auch noch Zeitschriften mitgemeint
sein sollten? Und Platten? Und Tonkassetten? Und die noch
begriffslos sich ankündigenden Neuen Dingens? Es wurde
ein Begriff nötig, der das Gemeinsame an dem vielgestalti-
gen Besonderen zusammenfaßte, und ein Wort für diesen
Begriff. Medium (»Vermittler«) ist gar keine üble Wahl gewe-
sen, und diese abstrakte und anfangs nur lächerlich wirkende
Vokabel hat sich in wenigen Jahren unentbehrlich gemacht.
Unzweifelhaft gibt es zwischen den Menschen viele ver-
schiedene Arten wechselseitigen Handelns, wechselseitiger
Einflußnahme, Küsse, Predigten, Ohrfeigen. Wo sie alle
gemeint sind, wird ein Wort wie Interaktion benötigt. Un-
zweifelhaft lassen sich Menschen und Tiere untereinander
auf sehr verschiedene Weisen Signale, Botschaften, also In-
formationen (auch eines dieser Abstrakta) zukommen. Ein

42
Wort wie Kommunikation umfaßt den gesamten Informati-
onsaustausch. Sozialisation, Rezeption, Transparenz, Struk-
tur, System, Kulturtechnik, Enkulturation – vor allem die Ge-
sellschaftswissenschaften, die das Gemeinsame an sozialen
Vorgängen beschreiben müssen, haben viele dieser neuen
Abstrakta hervorgebracht und an die Alltagssprache abgege-
ben. Diese wehrt sich zunächst, weil sie alles Neue unschön
findet. Bis zur allgemeinen Akzeptanz eines Wortes wie Ak-
zeptanz braucht es Jahre. Aber wo immer es sich um eine
sinnvolle Prägung handelt, ist sie unaufhaltsam.
Auch der Hang zur Pedanterie macht die Alltagssprache
abstrakter. Der Hauswirt bemerkt eine Durchfeuchtung im
Bereich des Treppenhauskopfes, wo der Mieter einfach be-
anstandet hätte, daß es oben im Treppenhaus durchregnet.
Die Verkehrsnachrichten fordern auf, schienengebundene
Fahrzeuge zu benutzen, wo der normale Autofahrer die Bahn
nehmen gesagt hätte. Die Bank versichert einem, personen-
bezogene Daten nicht weiterzugeben, wo der normale Konto-
inhaber nur darum gebeten hätte, daß sie persönliche Anga-
ben für sich behält. Der Wetterbericht prophezeit, daß sich
das Niederschlagsgebiet ostwärts verlagert, wo der normale
Regenschirmträger nur gefunden hätte, daß der Regen nach
Osten abzieht. Meistens ist eine Kostenunterdeckung nichts
anderes als ein Verlust; aber da es Möglichkeiten gibt, Verlu-
ste aufzufangen und eventuell sogar in Gewinne zu verwan-
deln, etwa durch Subventionen und Steuerpräferenzen, ist
Kostenunterdeckung ein durchaus sinnvolles Wort und keine
bloße Haarspalterei. So schwankt das Neudeutsche zwischen

43
einer ganz eklatanten Unschärfe (… also irgendwie läuft das
ganze hier unheimlich wie soll ich sagen …) und einer über-
scharfen Präzision, als müßten auch beiläufigste Formulie-
rungen vor Gericht Bestand haben.
Teils aus Renommiersucht, teils aus Begriffsverlegenheit
werden die Namen einzelner Wissenschaften verwendet, wo
höchstens von den möglichen Gegenständen der zuständi-
gen Wissenschaften die Rede ist. Die Pathologie ist die Leh-
re von den Krankheiten; aber ein pathologischer Geiz soll
nicht etwa der Geiz der Pathologen sein, noch nicht einmal
der Geiz als Gegenstand der Pathologie, sondern schlicht
ein krankhafter Geiz. Wirtschaft ist Psychologie soll nicht
heißen, Wirtschaft sei Seelenkunde; es bezieht sich auf
Phänomene wie Verstimmung am Markt oder nervöse Bör-
senkurse und hieße eigentlich »Wirtschaft ist Psyche«. Die
Allianz ist psychologisch wehrlos bedeutet schlicht, daß sie
»psychisch wehrlos« ist – die Psychologie ist dabei in keiner
Weise im Spiel. Die Technologie ist eigentlich eine Theorie
der Techniken, es sind nicht die Techniken selbst. Unter
dem Einfluß des Englischen hat das Wort allgemeiner auch
die Bedeutung »Technik auf wissenschaft licher Grundla-
ge« übernommen. Von zukunftsweisenden Technologien zu
sprechen, ist dennoch oft bloße Hochstapelei; die Techno-
logie des Dampfbügeleisens ist bestimmt eine; die Mahari-
schi-Technologie des vereinigten Feldes ist vollends Nonsens.
Gleichwohl ist die imponierende Technologie nicht mehr
aufzuhalten. Eine Resolution von Sexualpolitikern, die eine
bestimmte Erklärung der Homosexualität in Mißkredit

44
bringen sollte, behauptete: Homosexualität ist eine anthro-
pologische Kondition. Aber die Anthropologie wurde völlig
grundlos ins Spiel gebracht. Der Satz bedeutete nur: »Ho-
mosexualität ist ein menschlicher Zustand, kommt unter
Menschen vor«. In dieser Form freilich hätte es nicht nach
einer imposanten Erklärung geklungen, sondern nur die
Frage provoziert: Na klar, eben – aber warum? Die Philoso-
phie taucht immer öfter, unter dem Einfluß des angloame-
rikanischen »philosophy«, in einer äußersten Schrumpffas-
sung als so etwas wie ein »Leitgedanke« auf: Firmen haben
Geschäftsphilosophien (ein Uhrenhersteller zum Beispiel
eine Philosophie von unverwechselbarer Eleganz und äs-
thetischer Raffinesse), Parteien warnen vor der Philosophie
des Minuswachstums (was vermutlich heißen soll, daß sie
Schrumpfungsprozesse nicht zum erklärten Ziel erhoben
sehen möchten). In diesem Sinne wäre der Satz Meine Phi-
losophie lautet: nicht denken, tun! völlig in Ordnung.
Ökologie – das ist nichts anderes als ein Spezialgebiet der
Biologie, jenes, das Individuen und Arten nicht isoliert un-
tersucht, sondern in ihren wechselseitigen Abhängigkeiten
voneinander und von ihrem Lebensraum, dem Biotop: wer
wen oder was frißt, wer wen als Wirt benutzt, wer sich hin-
ter wem versteckt, welche Kreisläufe einzelne Stoffe in der
Natur durchmachen. Denn keine Art existiert für sich, jede
ist einbezogen in einen größeren Zusammenhang, ihr Öko-
system. Wird an einer Stelle in ein Ökosystem eingegriffen,
so ändert sich der ganze Zusammenhang. Sofern eine öko-
logische Politik ausdrücklich eine Berücksichtigung, der in

45
der Natur bestehenden Vernetzungen verlangt, führt sie das
Wort ganz zu Recht. Aber über diese seine gesunde Basis hat
sich das Wort Ökologie inzwischen längst erhoben. Es ist ein
bloßes Wortemblem geworden, das eine Gesinnung signa-
lisiert, eine nebulöse Heilslehre. Ökologie ist die Lehre vom
Wohnen im Kosmos, auf Erden und in uns selbst, also sprach
zum Beispiel der Schweizer Psychologe August E. Hohler:
Sie fragt danach, auf welche Weise wir im Kosmos daheim sei-
en … sie ist die Religion der Ehrfurcht vor dem Leben. Nach
dem einen fragt sie nicht, das andere ist sie nicht. Und wenn
sie partout zu einer Pseudoreligion umgefälscht werden soll,
wird sie bald gar nichts mehr sein, nur noch eins jener bana-
len und leeren Schlagwörter, die niemand mehr hören will.
Die Verwechslung der Wissenschaften mit ihren Gegen-
ständen hat wohl darum um sich gegriffen, weil sich diese oft
gar nicht anders bezeichnen lassen. Die Soziologie ist natür-
lich nicht die Gesellschaft, sondern die Lehre von ihr; »ge-
sellschaftlich« müßte folglich sozial und nicht soziologisch
heißen. Doch sozial hat die zweite Bedeutung »fürsorglich«;
wo sie ausgeschlossen werden soll, wird dann gern eben auf
soziologisch zurückgegriffen. So mag die soziologische Rele-
vanz der Gesetzesnovelle eine sein, von der die Soziologie kei-
nerlei Kenntnis nimmt. Noch schlechter ergeht es der Phy-
siologie und der Biologie. Den Stoff wechsel kann man nicht
anders als einen physiologischen Vorgang nennen, obwohl er
kein Vorgang der Physiologie ist und auch wenn er im Zu-
sammenhang der Rede als Gegenstand der Physiologie nicht
weiter interessiert; das Adjektiv physisch ist mit einer ande-

46
ren Bedeutung (»körperlich«) besetzt. Und die Biologie un-
tersucht biotische Phänomene, aber es brauchte Mut, dieses
Adjektiv anstelle des oft unsinnigen biologisch zu verwenden
und etwa von dem biotischen und nicht dem biologischen
Schlafbedürfnis zu sprechen, das keine Konsequenz der Bio-
logie ist und diese vermutlich auch nicht weiter beschäftigt.
So gibt es auch für diesen Sprachgebrauch oft mildernde
Umstände.

Die gründlichste und tiefstgreifende Sprachrevision hat in


unserer sogenannten Privatsphäre stattgefunden. Wie wir
von ihr reden, wäre noch vor einer Generation nahezu un-
verständlich gewesen. »Liebe«, »Liebeskummer«, »Verhält-
nis«, »Geliebte« wurden fast völlig ausgemerzt. Wir spre-
chen, abstrakter und zu nichts verpflichtet, von unsern Be-
ziehungen und Partnern. Wir tigern, dackeln, gurken, düsen
in der Gegend umher. Uns fehlt der Durchblick. Gestreßt von
Leistungsdruck, Anpassungszwängen, Konsumterror und der
ganzen stressigen oder nervigen Hektik sitzen (hocken) wir
auf unseren Jobs (ein Beruf ist etwas anderes, eine Berufung
erst recht) und in unseren WGs (Wohngemeinschaften).
Wir hängen herum. Der Frust hat uns. Emotional will nichts
laufen (was früher »ging« oder »los war«, läuft heute). Unser
Dauerpartner hat wieder Terror gemacht, weil er nicht richtig
tickt. Er ist nämlich ein ganz schön beknackter Typ. Die Be-
ziehungs- oder Zweierkiste läuft eben nicht mehr richtig. Es
fehlen uns Streicheleinheiten. Es fehlen uns Erfolgserlebnisse.
Wir werden gelinkt und sind dann geschockt (früher hieß es

47
»schockiert«). Wir suchen Selbstbestätigung und Selbstver-
wirklichung. Wir gehen auf den Ego-Trip und ziehen unsere
eigene Sache durch. Wir warten darauf, daß jemand kommt
und uns antörnt, uns motiviert und wieder Action angesagt
ist. Dann werden wir irre kreativ und spontan. Dann geht die
Post voll ab. Soviel haben wir immerhin geschnallt, und Sie
werden es auch noch raffen, logo.
Es ist ein Mischmasch aus Wilhelm Reich, dem Stil so-
zialpädagogischer Seminare, dem Deutsch der Ratgeberko-
lumnen in Illustrierten und etlichen Keßheiten des aktuellen
Jugendjargons. Unsern Großeltern müßten wir ihn überset-
zen wie eine fremde Sprache.

Verglichen mit dem recht forschen Wandel im Wortschatz,


gehen die Veränderungen in der Syntax nur zögernd (heute
heißt es, um es etwas interessanter zu machen, zögerlich) vor
sich. Während im Lexikon die Neuerungen kommen und
gehen, bewegt sich in der Grammatik kaum etwas.
Seit einem Jahrtausend entwickelt sich das Deutsche von
einer noch relativ synthetischen Sprache, die syntaktische
Bezüge durch Wortbeugungen ausdrückte, zu einer analy-
tischen, in der diese Bezüge in separaten, möglichst unflek-
tierten Wörtern aufgehoben sind. Aber diese Wandlung ist
sehr langsam. Schon vor Generationen klagten Sprachkri-
tiker über den Verlust des Genitivs und des Dativ -e. Ver-
schwunden aber sind sie noch immer nicht. »Die Leiden
des jungen Werthers« wurden zu den »Leiden des jungen
Werther«; heute hießen sie vielleicht die »Leiden von Jung-

48
Werther« oder »Das Wertherboy-Problem«; aber die »Leiden
des jungen Werther« klingt noch völlig modern.
Auch das Absterben des Konjunktivs wird seit Generatio-
nen betrauert. In der Umgangssprache hat ihn der Einheits-
konjunktiv »würde« weitgehend abgelöst. Auch einige wenig
gebräuchliche Konjunktive, die mit Umlaut gebildet werden
müßten, sind mehr oder weniger verschollen: »brauchte«,
»schwömme«, »büke«. Aus der indirekten Rede verschwin-
det der Konjunktiv ganz, ein wirklicher Verlust, denn mit
ihm schwindet eine Möglichkeit der Nuancierung und Prä-
zisierung. Der Kanzler betonte, daß der Haushalt gesichert
ist erzeugt den Anschein einer Faktizität, die der Sprecher
gar nicht behaupten will und die von der konjunktivischen
Form gesichert sei auch nicht suggeriert würde. Aber wenn
der Konjunktiv auch im Rückzug begriffen ist, so ist er doch
noch lange nicht ausgestorben. In der Schriftsprache ist er
quicklebendig. Was sich verwischt, ist der Unterschied zwi-
schen Konjunktiv und Irrealis: also zwischen er gebe mir
recht (sagte er) und er gäbe mir recht (aber es tut es nicht). Zu
Grabe getragen worden ist der Konjunktiv aber offenbar viel
zu früh.
Ein weiterer grammatischer Trend weicht den Gebrauch
der Präpositionen auf, nicht eben verwunderlicherweise,
denn oft war er willkürlich genug. Wenn es Bezug zu heißt,
warum muß es dann unbedingt in bezug auf heißen? So fin-
det man zuweilen ein Interesse für (statt an), Vorstellungen
über (statt von), eine Verbundenheit zu (statt mit), einen Pro-
test für (nicht gegen), eine Gelegenheit auf (statt zu). Man hilft

49
auf der Suche (statt bei), und zwar mit Kräften (statt nach).
Die Fernsehansagerin kündigt ein Bild über die chinesische
Gläubigkeit an. Der Nachrichtensprecher bezeichnet eine
Befürchtung für unbegründet. Der Pressereferent bedauert,
daß kein Bewußtsein über die Preisproblematik bestehe. Prä-
positionen werden überall aus früheren Normen entlassen.
In den Augen von Generationen von Sprachpflegern die
größte Pest, breitet sich der Nominalstil unaufhaltsam wei-
ter aus. Unser Sprachgefühl – Ludwig Reiners hat das schon
der vorigen Generation überzeugend klargemacht – hält ei-
nen Satz für geglückt, wenn er im Gleichgewicht ist: hier sein
Subjekt (ein Nomen), dort sein Prädikat (ein Verb). Denn in
seiner Grundform ist der Satz nichts anderes als eine Aus-
sage über ein Wesen oder Ding: X tut A, Y ist B. Der No-
minalstil verstößt gegen dieses Gleichgewicht. Seine Verben
sind oft nur noch da, um ihn pro forma zu Ende zu bringen.
Eine eigene Bedeutung tragen sie kaum mehr. Oft sind sie
von der blassesten Art: sein, haben, werden, führen, durch-
führen, vornehmen, erfordern, bereitstellen, beinhalten (das
an gehaltene Beine denken läßt), Funktionswörter nur noch,
die die Syntax verlangt, keine Inhaltswörter mehr.
In dieser Feststellung liegt die Antwort Webers auf die Fra-
ge nach dem Grund für die Tatsache der Entstehung des mo-
dernen Kapitalismus ausgerechnet in Europa (Adolf Holl):
neun Nomina und nur ein Verb (liegt), und was für ein
schwächliches. Zu dieser Informationsflut führt vor allem die
geradezu manische Fixiertheit auf Produktion, auf Materi-
al- und Informationsausstoß, wobei der Informationsausstoß

50
eine Rechtfertigung der Existenz von zahlreichen Behörden,
Institutionen und Einzelpersonen ist (Helmut Swoboda): elf
Nomina, zwei Verben (führt, ist). Die Gründung der Deut-
schndemkratschn Reblik, des ersten Staates der Arbeiter und
Bauern vor nunmehr 35 Jahren, war ein Wendepunkt in der
Geschichte des deutschen Volkes und Europas (Erich Honek-
ker): zehn Nomina, ein Hilfsverb (war), und nur zitiert, um
zu zeigen, daß auch der Sozialismus die Ausbeutung des Ver-
bums durch das Nomen nicht abgeschafft hat. Ein Stil, der
das Gleichgewicht wahrt, erscheint uns weniger abweisend,
bürokratisch, er erscheint uns lockerer, umgänglicher, frei-
er, großzügiger, anschaulicher, menschlicher, und wer sich
ein wenig Sprachbewußtsein bewahrt hat, wird die endlosen
Präpositionalobjektketten mit den eingeklemmten gedrun-
genen Adjektiven dazwischen tunlichst vermeiden: Der A
des B mit C in D – Verb – den E überm F nach dem G.
Doch könnte der Nominalstil nicht dermaßen über-
handnehmen, hätte er nicht auch Vorteile: Er hilft, Neben-
sätze zu vermeiden. Und Nebensätze suchen wir nicht nur
aus Einsparungsgründen zu vermeiden, sondern vor allem,
weil Nebensätze uns die Rahmung aufzwingen, ein Charak-
teristikum des Deutschen, über welches schon Mark Twain
seinen Spott ausgoß. In seinem Feuilleton »Die schreckliche
deutsche Sprache« von 1880 steht zu lesen: »›Wenn er aber
auf der Straße der in Samt und Seide gehüllten jetzt sehr un-
geniert nach der neusten Mode gekleideten Regierungsrätin
begegnet‹ usf. usw. Das ist aus dem ›Geheimnis der alten
Mamsell‹ von Frau Marlitt. Und dieser Satz ist nach dem ge-

51
schätztesten Muster gebaut. Sie sehen, wie weit das Verbum
von der Operationsbasis des Lesers entfernt ist; nun, in einer
deutschen Zeitung kommt es erst auf der nächsten Seite; und
ich habe gehört, daß man manchmal, wenn man ein oder
zwei Spalten lang aufregende Vorbemerkungen und Ein-
schübe aneinandergereiht hat, in Zeitnot gerät und andruk-
ken muß, ohne bis zum Verb gelangt zu sein. Das läßt den
Leser natürlich sehr erschöpft und uninformiert zurück.«
Der Rahmungszwang reißt zweiteilige Verbformen ausein-
ander (Mark Twain hat – jenem, jenes, dort, dann und dann,
aus diesem oder jenem Grund – geschrieben; Mark Twain
schrieb – was, wann, wo, warum? – ab; Hat Mark Twain …
geschrieben?) und rückt in abhängigen Nebensätzen das Verb
ganz an den Schluß (… dem Mark Twain – was? wo? wann?
etc. – schrieb). Der Hörer oder Leser muß das äußerste Ende
solcher Sätze abwarten, um ihren Sinn rückwirkend erfas-
sen zu können. Der Sprecher hatte am Nachmittag des Tags,
an dem die Konferenz zu Ende gehen sollte, wiederholt eine
Einschätzung der Probleme, welche der Realität gerecht wür-
de … hatte was? Vorgetragen? verlangt? verurteilt? Erst jetzt
erfährt es der Hörer. War der Satz länger als 25 Wörter, ist
sein Kurzzeitgedächtnis erschöpft, und ihm ist bereits ent-
fallen, wie der Satz begann. Diesem Krampf entgeht, wer
knapp und trocken den Nominalstil wählt: Der Sprecher
hatte am Konferenzschlußnachmittag eine realitätsgerechte
Problemeinschätzung verlangt.
Auch sonst versuchen wir dem Rahmungszwang auszu-
weichen. Der Zug trifft heute ein um 16 Uhr auf Gleis 4 kann

52
schon einmal die Klammerform ablösen, bei der das ein erst
am Ende des Satzes erschiene. Aber derlei Verstöße gegen
die Grammatik fallen uns nicht ganz leicht; sie verletzen
unser bei der Syntax besonders konservatives Sprachgefühl.
So wird eher die zwar unschöne, aber erlaubte Flucht in den
Nominalstil weiter ihre grotesken Ergebnisse zeitigen, als
daß sich der Rahmungszwang weiter lockerte.
Der Nominalstil ist knapper, sparsamer, gedrängter. Das
gibt ihm seine Aura von Wichtigkeit. Die wiederum hat es
den Wichtigtuern angetan. Sie benutzen ihn nicht zur Ver-
knappung und Straffung, sondern im Gegenteil zur Auswal-
zung. Ein simples »lesen« ist ihnen zu dürftig – sie nehmen ei-
nen Lektürevorgang vor. Sie »essen« nicht, sie führen die Nah-
rungsaufnahme durch. Sie »schießen« nicht, sie machen von
der Schußwaffe Gebrauch. Sie »zeigen nicht an«, sie bringen
zur Anzeige. Das heißt, sie nehmen alle Schrecklichkeit des
Nominalstils nicht seines einzigen Vorzugs wegen, sondern
ohne jede Notwendigkeit in Kauf. Gerade seine Schrecklich-
keit hat es ihnen angetan. Mit seiner Steifheit glauben sie sich
den Nimbus dessen zuzulegen, der amtlicherseits Verfügun-
gen treffen und Schrecken erregen darf.
Die einzige Änderung in der Wortstellung, die im Neu-
deutschen zu verzeichnen ist, hat ebenfalls mit der Abnei-
gung gegen den Klammerzwang zu tun. Seit einigen Jahren
wird, zumindest in der Umgangssprache, weil und obwohl
oft nicht mehr als unterordnende, sondern als nebenord-
nende Konjunktion behandelt, in Analogie zu denn: … weil
ich laß mich nicht linken, … obwohl ich steh da nicht drauf.

53
Entstanden ist das wohl so, daß nach dem weil oder obwohl
manchmal eine kurze Pause eintrat, in der der Sprecher sein
Argument sammelte, und plötzlich war es da und schoß als
Hauptsatz hervor: Ich konnte nicht kommen, weil … weil
… ich war gestern gar nicht gut drauf. Es ist eine bescheide-
ne und einstweilen auch noch nicht durchweg akzeptierte
grammatische Neuerung.
Das Schicksal der Pronominaladverbien ist es, immer
öfter demontiert zu werden, in der Umgangssprache dau-
ernd, aber gelegentlich auch schon in der Schriftsprache.
Pronominaladverbien sind die Kopplungen aus Adverbien
(da, wo, hier) und Präpositionen, also Wörter wie dafür,
womit, hiervon; pronominal heißen sie, weil sie im Satz die
Stelle eines Nomens vertreten. Statt dagegen bin ich nicht,
hört man immer häufiger da bin ich nicht gegen; und da
ist nichts dran, da kann ich mich nicht mit identifizieren,
ich fühle mich da verantwortlich für, da nicht für! (bedeu-
tend: »dafür brauchst du dich nicht zu bedanken«), wo er
nichts von hat, er hat hier keinen Nachteil durch. Vor allem
an dieser Demontage liegt es, wenn manche Äußerung im
Umgangs-Neudeutsch sich ausnimmt wie ein Trümmer-
feld voller Wortsplitter: Keine Ahnung, was es da wohl zu
zu sagen geben kann. Betrachtet man einen solchen Satz mit
zusammengekniffenen Augen, so wie ein Ausländer ihn
sähe, so nimmt es sich geradezu erstaunlich aus, wie lau-
ter Wörterkleinzeug (was es da wohl zu zu), wenn man ihm
eine Aufzählung von Verben anhängt (sagen geben kann),
überhaupt zur Hergabe eines Sinns veranlaßt werden kann.

54
Mit da bin ich kein Fan von ironisiert die Umgangssprache
ihren Hang zu solchen Demontagen.
Die einzige syntaktische Novität des Neudeutschen, die
nicht nur bestimmte einzelne Wörter betrifft, sondern eine
völlig neue Art der Satzbildung erschließt, ist das Mickym-
ausdeutsch: ächz, stöhn, grübel grübel …
Es erschien in den frühen fünfziger Jahren, und bezeich-
nenderweise hat es eine Generation gedauert, bis es in die
Umgangssprache aufgenommen wurde: Die Erwachsenen,
die ihm zuerst begegneten, fanden es gräßlich und ganz und
gar unzulässig, es nistete sich zunächst nur bei den Kindern
ein, und erst als diese selber erwachsen waren, wurde es
nicht mehr wegzensiert, sondern als eine spaßige neue Aus-
drucksmöglichkeit zugelassen. Anders als die allermeisten
sprachlichen Neuerungen, ist es nicht anonymen Ursprungs.
Es ist eine Erfindung von Erika Fuchs, 1908 geboren, Fabri-
kantengattin aus Schwarzenbach in Oberfranken, promo-
vierte Philosophin, die seit 1951 mit viel Sprachwitz Disney-
Comics ins Deutsche übersetzt. Die amerikanischen Comics
sind voll von lautmalerischen wortähnlichen Gebilden wie
»wooom«, »fwamm«, »zonggg«, »blubb«, »craashh«, die die
Krachkulisse der Handlung andeuten. Deutsche Schallworte
gibt es wenig, und sie sind schnell aufgebraucht: päng, bumm,
rums, platsch, zack, bimbam, dingdong, piff paff. Erika Fuchs
kam auf eine produktive Idee, wie diesem Mangel abzuhel-
fen ist: »Ich habe einfach die Stämme der jeweiligen Verben
genommen.« Päng! neben einer losgehenden Flinte heißt:
»die Flinte macht päng« oder, allgemeiner, »Flinten machen

55
päng«. So ist die Mickymaussprache zu verstehen: als stünde
ein »macht« davor, nicht aber als Imperativ: seufz, schluchz,
schnarch, würg, kotz, schluck, lechz, hechel, klirr, knirsch,
schepper, drucks, blubber, schudder … Ächz! heißt nicht etwa
»du sollst ächzen« und auch nicht »ich ächze«, sondern »da
mache ich ächz!« oder »da kann man nur ächz! machen«. Es
ist, in den Begriffen der Transformationsgrammatik, die rei-
ne Basis, die im Deutschen, das sogar die Infinitive mit ei-
nem -en markiert, sonst nirgends in Erscheinung tritt. Sagt
einem ein Jugendlicher sterb, so wünscht er einem nicht den
Tod an den Hals; vielmehr heißt sterb, wörtlich übersetzt,
»da mache ich sterb«, freier übersetzt »da falle ich tot um«,
»das haut mich um«. Noch sinniger ist der Effekt, wenn die
Stammform um eine Vorsilbe erweitert werden kann: um-
fall oder fall um (»da fällt man um«), ärger grün (»da könnte
ich mich grün ärgern«), lach schlapp (»da lacht man sich ja
schlapp oder krank«).

Sprache ist durch und durch figürlich. Sie ist durchsetzt von
verblassenden und vollends verblaßten Metaphern. »Ver-
blassen« ist eine, »Metapher« selbst auch (das Wort bedeutet
etwa »das anderswohin Tragende«). Eigentlich sollte man
erwarten, daß die Sprache der Gegenwart bei ihren Neuprä-
gungen die Bilder aus der alltäglichen vertrauten Umwelt
bezieht. Aber die große Mehrheit ihrer Bilder stammt aus
entlegenen Zeiten. Zwietracht wird gesät, ein Gebiet beak-
kert, der Beifall geerntet; es werden Klingen gekreuzt und
Lanzen eingelegt; man weiß, was die Stunde geschlagen hat,

56
gräbt dem andern eine Grube oder bringt ihn auf Trab. Die
Bilderwelt der Gegenwartssprache wirkt, als lebten ihre
Sprecher im späten Mittelalter und auf dem Land. Sie sa-
gen: das ist Wasser auf deine Mühle und nicht etwa »Ben-
zin in deinen Motor«, sie sitzen auf hohem Roß und nicht
etwa »im niedrigen Sportwagen«, es geht ihnen ein Licht auf
und nicht etwa »eine Lampe an«, sie kommen in Harnisch
und nicht »in Mikrolaune«, sie stellen an den Pranger und
bringen nicht in die ›Bild‹-Zeitung. Die Zahl der Sprachbil-
der, die aus der heutigen Industriewelt bezogen werden, ist
demgegenüber gering. Es sind Wörter und Wendungen wie
rotieren, düsen, bremsen, Gas geben, ausrasten, durchdrehen,
einen Zahn drauf haben, einen Zacken zulegen, nicht schnell
genug schalten, ein Rad ab haben. Sie alle kommen allein in
der Umgangssprache vor. In der gehobenen Schriftsprache
sind nur Metaphern zugelassen, die keinerlei Gegenwarts-
bezug zu erkennen geben. Welcher Reichtum hier zu holen
wäre, aber auch wieviel Unvoreingenommenheit, Beobach-
tungsgabe und »laterales«, schöpferisches Denken nötig sind,
der eigenen Umwelt gültige neue Metaphern abzugewinnen,
zeigt manches Gedicht von Peter Rühmkorf:

Freunde, Fließbandleuchten, Stechuhrasse,


Überlebenskünstler,
Hinz und Kunz,
somit leg ich meine Hand nochmal an Masse;
keine Angst,
ich bin ein Mensch von uns.

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Hugo Moser faßte die widerstreitenden Grundtendenzen
der Gegenwartssprache einmal treffend so zusammen: »Neben
der Neigung zur Synthese im Wortschatz steht die zur Analy-
se im Formenbau … Neben einem starken Normbewußtsein
läßt sich eine Schwächung des Normempfindens feststellen.
Was wohl allgemein gilt, ist eine Tendenz zu abstrakter Aus-
drucksweise, zur Vergeistigung der Sprache, der Verluste an
lautlicher Vielfalt und an Formenreichtum entsprechen, das
Streben nach sprachlicher Ökonomie und die Absicht, die Ef-
ficiency der Sprache nicht nur zu erhalten, sondern vor allem
auch zu verstärken … Eindeutig ist der Zug zu einem Aus-
gleich sozialer Art in der Richtung zur Hochsprache hin.«
Ständig muß sich das konservative System der Sprache
einer höchst wandelbaren Wirklichkeit anpassen. Es ist we-
nig sinnvoll, seinen eigenen Sprachgebrauch zum Ideal zu
erheben, jede Neuerung an ihm zu messen und zu verwer-
fen, wenn sie ihm nicht ganz zu entsprechen beliebt (und es
nützte sowieso nichts). Besser machte sich die Sprachkritik
an dem Gedachten hinter den sprachlichen Neuerungen zu
schaffen, an den oft unbemerkten Bewertungen, Vorent-
scheidungen, Eitelkeiten, Vertuschungen, Lügen, die man-
chen Sprachwandel in Gang setzen. Sie muß dann auch nicht
nur chronisch griesgrämig und verbittert sein, in jeder Ver-
änderung Sprachverderb und Kulturverfall wittern. Zuweilen
darf sie durchaus einen Zugewinn an Genauigkeit, Eleganz
und Witz konstatieren.
So, ich gehe davon aus, daß einiges übergekommen ist und
wir jetzt etwas mehr Durchblick haben, um fortan schneller

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zu checken, was Sache ist und sprachmäßig so läuft. Aber so
leicht reißt Sie nichts vom Hocker, oder? Bestimmt vermis-
sen Sie das und jenes, was an Sprüchen heute so angesagt
ist. Dann sagen Sie vielleicht: wieder mal alles gelaufen, tote
Hose, kannstu vergessen. Kann ich nur hoffen, daß das eine
oder andere Sie irgendwie betroffen gemacht hat oder gar echt
betroffen, weil sonst rechnet sich Ihr Zeitaufwand schließlich
nicht. Denn Sie haben bestimmt viel um die Ohren, diesen
ganzen nervigen Scheiß, den man heutzutage durchpowern
muß, damit die Knete rüberkommt und unterm Strich die
Kohle stimmt – und, und, und. Da muß man schon was von
haben von der stressigen Leserei. Also, Leute, alles klar? Ahal-
les klahar! Alles paletti!
WÖRTER EMPOR

Über
die Verschönerung der Welt
durch sprachliche Maßnahmen
E iner der zugkräftigsten Motoren allen Sprachwandels
ist allezeit der Hang zur Verschönerung gewesen, zum
Euphemismus (dem »Gutsagen«). Das Unscheinbare – es
soll wenigstens sprachlich aufgewertet, das Unangenehme
– es soll wenigstens sprachlich weniger anstößig gemacht
werden. Das Ergebnis sind im ersteren Fall die Renommier-
,im letzteren die Verbrämungs-Euphemismen. Jene protzen,
diese kaschieren.
Schiere Renommiersucht erhebt die Wohnung zur Resi-
denz und noch die letzte Klitsche zur Zentrale, zum Zentrum,
zum Center oder zum Studio. Es gibt daneben aber auch ein
Renommieren durch ironische sprachliche Herabsetzung,
das etwa besagt: Seht, wir können es uns leisten, achtlos mit
den begehrten Gütern dieser Welt umzugehen! Die Dame
der Schickeria trägt kein Kleid, sondern einen Fummel, ei-
nen mit Klunkern. In ihren Kreisen nächtigt man in keinem
Luxushotel, sondern in einer schlichten Herberge (oder, im
›Spiegel‹-Deutsch, einer Nobelherberge). Man nimmt nicht
das Flugzeug, sondern den Flieger. Man fährt nicht mit dem
Auto, sondern allenfalls mit dem Wagen, besser und un-
scheinbar-auff älliger aber noch mit der Fahrmaschine oder
Karosse, vielleicht aber auch schlicht und ergreifend mit dem
Turbo, in dem natürlich kein ordinärer Motor steckt, son-

63
dern ein Triebwerk und dazu eine gewaltige Soundmaschine
(die nicht der Auspuff ist, sondern das Autoradio im Cock-
pit).
Kein Laden mag sich heute noch Laden nennen. Selbst
der kleine Lebensmittelladen an der Straßenecke, bei dem
der Kunde seine Milchtüte selber aus der Kühltruhe nehmen
darf, ist nichts Geringeres als ein Supermarkt – der unvor-
stellbar großen Märkte einer. Im Französischen wurden die
ursprünglichen Supermärkte durch den inflationären Ge-
brauch des Wortes dermaßen abgewertet, daß sie sich in-
zwischen gern Hypermarkt nennen – größer wird es dann
aber nicht gehen. Laden nennt sich heute nur, was über jeden
Verdacht erhaben ist, ein ordinärer Laden zu sein: der Kin-
derladen, der Kontaktladen, der Frauenladen, der Kirchen-
laden, der Kulturladen. Allerdings auch der Bioladen, aber
nur um anzuzeigen, daß ein Stück – »naturnahe« – Vergan-
genheit hier ihre Kuratoren gefunden hat. Die Klempnerei
firmiert als Abflußzentrale (und gibt damit möglicherweise
auch gleich noch zu verstehen, daß ihre Leute zu den höhe-
ren Künsten des Klempnerhandwerks, dem Dichten eines
lecken Wasserhahns beispielsweise, außerstande sind, so wie
die Raubritter vom ambulanten Schlüsselservice mit wah-
ren Schlosserarbeiten zumeist heillos überfordert wären).
Die Tankstelle ist ein Servicenter, der Massagesalon ein Ge-
sundheitsstudio, die Motorradwerkstatt ein Mot-in, das Nu-
delgeschäft ein Teig-in, die Zoohandlung ein Cat-Shop, die
Schuhmacherei zweifelhafter Qualifikation eine Absatzbar
(in der dann wohl ein Hackenbarkeeper seine Gerätschaften

64
schwingt), die Imbißbude ein Grill-Shop, der Blumenladen
ein Floristiktreff, ein Blütenatelier oder eine Plant-Farm, die
Sportschule ein Body-Top-Studio, vielleicht mit dem Namen
Euro-Power, die Werbeagentur ein Kreativ-Service mit Na-
men art-power (klein geschrieben), der Trödelladen eine
Second-Hand-Boutique oder ein Euro-Antik-Market, und
niemanden mehr würde es überraschen, nennte sich der Zei-
tungs-,Zigaretten- und Lottoladen nebenan ab morgen In-
formationszentrale Smoke-in. Die Umbenennung des Puffs
in Eros-Center erforderte anfangs wohl eine ziemliche Drei-
stigkeit; indessen, auch sie gelang und machte das Orgas-
musstudio, pardon, das Bordell zu einer so durchaus bürger-
lichen Angelegenheit, wie der Münzwaschsalon eine ist. Die
Nutte bietet sich als Hostess oder Model feil. Daß die Fach-
handlung für Pornographie Sex-Boutique heißt, ist dann nur
konsequent. Besonders veredelungsbedürftig sind Friseure.
Sie nennen sich heute: Coiffeur, Hairstylist, Frisurenstudio,
Hair-Station, Haar-Kunst-Atelier, Hair-Inn, Hair-Dresser,
Beauty Shop, Barber Shop – oder, gleichsam in Anführungs-
zeichen, nun gerade Frisör. Das nämlich klingt dann »no-
stalgisch« und bringt den empfehlenden Hauch von Anno
dazumal.
Sprachliche Beförderung wurde auch anderen Berufen
zuteil. Natürlich waren es die weniger angesehenen Berufe,
die übrigen hatten keine Beschönigung nötig, und es war
und ist das schlechte Gewissen der Sprachgemeinschaft, die
dieser Vokabelkosmetik Vorschub leistete. Die Raumpflege-
rin als Bezeichnung für die Putzfrau war zunächst scherz-

65
haft gemeint, so wie in den zwanziger Jahren schon die Be-
senartistin und nach dem Krieg dann die Parkettmasseuse
oder Fußbodenkosmetikerin oder Staubsaugerpilotin, aber
da ihre Dienstleistung sehr begehrt war und die Herrschaf-
ten ihre herrschaft lichen Allüren gerne herunterspielten,
wurde aus dem Witz Ernst, und als eine Art Gratisprämie
erhielt sie die Namensaufbesserung. Müllmänner wurden
zu Müllwerkern, Straßenfeger zu Betriebshelfern (der Stra-
ßenreinigung) oder allenfalls zu Straßenreinigern (der Be-
sengardist des neunzehnten Jahrhunderts hörte sich denn
wohl doch zu ironisch an). Sobald für einen Beruf strengere
Qualifikationsnachweise gefordert wurden, wurde er auch
sprachlich emporgehoben. So wurde schon vor langem aus
dem Lehrer der Studienrat, aus dem Pferdeknecht der Pfer-
dewirt, aus dem Waldarbeiter der Forstwirt, aus dem Bau-
ern der Landwirt (der heute wiederum zum Agrarunterneh-
mer wird). Der Vertreter erhob sich zum Repräsentanten,
der Reisevertreter zum Repräsentanten im Außendienst,
der Medikamentenvertreter zum Pharmareferenten. Der
Verkäufer, der etwas Besseres sein soll, ist Verkaufsbera-
ter. Die wissenschaft lich ausgebildete Hauswirtschafterin
nennt sich umständlichst Oecotrophologin (zu deutsch: die
des Haushalts und der Ernährung Kundige), die Hebamme
fungiert als Entbindungspflegerin, der Schneider versucht es
als Anzugspezialist, und der Kellner soll zum Restaurant-
fachmann befördert werden. Der Azubi aber hat es gegen
den Lehrling schwer; es handicapt ihn wohl seine amtliche
Künstlichkeit.

66
Schopenhauer hat das Nötige dazu angemerkt: »… wenn
eine an sich unverfängliche Benennung diskretitabel wird;
so liegt das nicht an der Benennung, sondern am Benannten,
und da wird die neue bald das Schicksal der alten haben. Es
ist mit ganzen Klassen wie mit dem einzelnen: wenn einer
seinen Namen ändert, so kommt es daher, daß er den frühe-
ren nicht mehr mit Ehren tragen kann; aber er bleibt dersel-
be und wird dem neuen Namen nicht mehr Ehre machen als
dem alten.« In der Sprache unseres Jahrhunderts: All diesen
kostbaren Erhöhungen steht die Abwertung bevor, bis sie
wieder ebenso gewöhnlich sind wie die Wörter, die sie einst
ersetzt haben.
Die künstliche Wurstpelle bleibt auch als Natursait-
ling Kunstpelle. Die Luft verpestung wird nicht harmloser,
kommt sie als Schadstoffemission daher. Daß sich hinter der
Dünnsäureverklappung die Vergiftung des Meeres durch
Salzsäure versteckt, hat sich herumgesprochen. Wenn sich
die Atommüllbeseitigung Entsorgung nennt, verheißt sie so-
zusagen ein Ende aller Sorgen. Wo findet sie statt? Im Ent-
sorgungspark, der scheint’s eine Art Garten Eden ist, in dem
der Mensch aller Sorgen ledig wird.
Die Gegenkultur der Autonomen – denn ihre Euphemis-
men hat auch die Protestszene – ruft zu undurchsichtigen
Aktionen oder zu Spaziergängen auf, wo an Randale gedacht
ist. Schwer nachzuvollziehen, daß sich noch vor wenigen
Jahren zwei Welten daran schieden, ob man jene terroristi-
sche Formation Baader-Meinhof-Bande oder Baader-Mein-
hof-Gruppe nannte – alle Progressiven bestanden auf Grup-

67
pe. Durchgesetzt aber hat sich der anspruchsvolle Name, den
sie sich in leichter Verkennung der Tatsachen selber gegeben
hatte: RAF, »Rote Armee Fraktion«. In der weniger kämp-
ferisch eingestellten Alternativszene werben nicht nur liebe
WGs um liebe Mibewohner; ein alternativer Tour-Service (im
Klartext ein »billiges Reisebüro«) wirbt auch für Fahrten in
seinem lieben Bus, der ein alter ist.
Die Polizei wiederum bringt den Kompressionsgriff zur
Anwendung (in dem sich das immerhin Unangenehme des
»Würgegriffs« zu einer bloßen technischen Manipulati-
on verflüchtigen soll). Haftanstalten für politische Gegner
heißen (anderswo) Psychiatrie. Die Organisationen zur Be-
kämpfung staatsfeindlicher Umtriebe nennen sich Staats-
sicherheitsdienst und Verfassungsschutz. Der Abbau von
Schutzrechten der Arbeitnehmer heißt Aufbrechen struk-
tureller Verkrustungen. Einen Krieg in Mitteleuropa gibt es
nicht mehr; hier kommt es allenfalls zum Verteidigungsfall.
Der »Kriegsminister« ist heute ein Verteidigungsminister.
Arbeiter wurden zu Arbeitnehmern (immer nimmt der Pö-
bel etwas), die bei Rezessionen (früher »Wirtschaftskrisen«)
nicht »entlassen«, sondern freigesetzt werden. Wer eine poli-
tisch fleckige Weste hat, gesteht, wenn es denn gar nicht an-
ders geht, höchstens ein, er sei in Ereignisse verstrickt gewesen
(und zwar in gewisse, bedauerliche oder tragische). Einen be-
sonders unverfrorenen Verbrämungs-Euphemismus hat sich
die Polizei einfallen lassen, als sie den gezielten Todesschuß
in finalen Rettungsschuß umtaufte, so als müsse es geradezu
eine Ehre und Freude sein, von dem getroffen zu werden.

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Niemand will heute mehr alt genannt werden. Der sieht
ganz schön alt aus heißt: Er steht ziemlich unvorteilhaft
da. Da die Leute aber trotzdem weiter alt werden, muß-
te wenigstens ein jugendfrisches Wort her. So wurden die
Alten zu Senioren (»ein Musterexemplar von neuer Ver-
schleierungs-,ja Verhöhnungssprache«, bemerkt dazu Eck-
hard Henscheids satirisches Wörterbuch »Dummdeutsch«,
und: »Freilich, die Zeiten werden härter jetzt auch für 40–
5ojährige. Die kursieren neuerdings auch schon als Vorsen-
ioren«– aber vielleicht gelingt es ja noch rechtzeitig, sie sy-
stemgerecht in Spätjunioren zu verwandeln). Entsprechend
werden Altersheime zu Seniorenzentren, Aufenthaltsräume
für Greise zu Seniorentreffs. Ausländische Arbeiter wurden
als Gastarbeiter wenigstens sprachlich willkommen gehei-
ßen, als wären sie liebe Gäste. Dünne wurden zu Zierlichen,
Dicke zu Vollschlanken (und darin macht sich vor allem das
attraktive schlank breit, nur durch ein schonendes Wort
für sein Gegenteil – voll – milde eingeschränkt). Krüppel,
Kranke, Blinde, Taube, Lahme verschwanden, nicht aus
dem Straßenbild, wohl aber aus der Sprache: Sie wurden
teils erst zu Schwerbeschädigten, später alle zu (Geh-, Seh-,
Hör-)Behinderten. Irre wurden zu Geisteskranken und dann
zu psychisch Gestörten, das Irrenhaus wurde zur psychiatri-
schen Klinik. Arm soll niemand mehr genannt werden. Aus
den Armen wurden die Sozialschwachen, aus dem Armen-
recht die Prozeßkostenhilfe, aus der Armenkasse die Sozi-
alfürsorge. Die Hilfsschule avancierte konsequent zur Son-
derschule. Klar, daß auch die Dummen abgeschafft wurden;

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heute gibt es höchstens noch Lernschwache oder Lernbehin-
derte, und auch die nur ungern.
Überall wimmelt es von Partnern. Früher waren das
Kompagnons in einer Firma. Es handelte sich da also um
eine Beziehung von gleich zu gleich, eingegangen zur Verfol-
gung geschäft licher Interessen. In den Privatbereich drang
das Wort ein, als eine gemeinsame Bezeichnung für »Ehegat-
te« und »Dauerfreund(in)« benötigt wurde, die vorurteilslos
beide Lebensformen gleichermaßen guthieß: Sabine lebt mit
ihrem Partner zusammen. Um die Konfrontation von Unter-
nehmern und Untergebenen sprachlich abzumildern, wur-
den beide pathetisch zu Sozialpartnern ernannt. Der Auto-
händler, bei dem ich nicht kaufe, bezeichnet sich als mein
VAG-Partner. Die Versicherungsgesellschaft, die nicht mit
mir ins Geschäft kommt, gibt sich als mein Krisenpartner
aus. Und die Firma, mit der ich nichts zu besprechen habe,
hat mich – hier zeigt sich die Einseitigkeit und Asymmetrie
mancher heutiger Partnerschaften besonders deutlich – zum
Ansprechpartner erkoren, was nur heißt, daß sie mir einen
Vertreter ins Haus schicken will.
Viele dieser Verbrämungen sind überaus rücksichtsvoll,
überaus »sozial« gemeint. (Das Wort sozial übrigens sug-
geriert, daß »gesellschaft lich« und »fürsorglich« ganz und
gar eins seien, ist also selbst ein Euphemismus.) Wer schon
den Nachteil hat, soll nicht auch noch durch ein deutliches
Wort daran erinnert werden. Und das ist ja wohl auch gut
so. Manche dieser Euphemismen sind sachlich wie sprach-
lich ganz in Ordnung und beseitigen nur unnötig grobe oder

70
pejorative Obertöne, um die es nicht schade ist. Anderer-
seits, nun ja … Andererseits breitet die Vielzahl dieser Eu-
phemismen auch einen leichten Hautgout von Verlogenheit
über das Leben. Ja nichts Ungünstiges oder Abträgliches soll
mehr aus unserm Munde kommen, alles wird schonungsvoll
umschrieben. Die sprachliche Exorzierung der Negativität,
macht sie nicht das Leben »wohnlicher«? Aber, leider, ändert
sich nichts nur darum, weil es mit einem glimpflicheren Na-
men gerufen wird.
Schon werden aus Notärzten Rettungsärzte, als sei es der
Sprachgemeinschaft bereits zuviel, zuzugeben, daß ein Ver-
unglückter sich in Not befindet. Morgen werden sich die
Krankenhäuser in Gesundheitszentren oder Heilungsresi-
denzen oder Fitness-Oasen umbenennen. Übermorgen dann
werden, nach dem Vorbild von vollschlank, die Kranken
als Mattgesunde aufstehen und wandeln. Die selber bereits
reichlich euphemistischen Friedhöfe wird man zu Ruhe-
parks umstilisieren. Schon immer wurde das Sterben gern
schonend umschrieben – »entschlafen«, »das Zeitliche seg-
nen«, »die Augen für immer schließen« … Wie könnte das
moderne Wort für den Tod lauten? Steiflebendigkeit? Oder
Vitalschwäche?
DAS BRÜDERLICHE DU

Über
Anredekonventionen
N ehmen wir an, Sie seien irgendwo zwischen 25 und 55,
trügen statusneutrale Kleidung (Jeans, Parka, Natur-
leder-Boots), und um Sie sei jene Aura angepaßter Unan-
gepaßtheit, die es schwer macht, Sie gesellschaft lich einzu-
ordnen. Auch Sie selber kämen in Verlegenheit, müßten Sie
sich einer bestimmten Rubrik zuweisen. In der Schlange der
Mensa fühlen Sie sich noch ebenso zu Hause wie zu anderen
Gelegenheiten in der Menschentraube vor dem Kalten Büffet
der Handelskammer. Nehmen wir weiter an, Sie gingen in
einen »jugendlichen« Plattenladen, etwa um nach dem Al-
lerneuesten von Michael Jackson zu fragen. Während Sie vor
dem schnauzbärtigen Verkäufer stehen, der aussieht wie der
Camel-Mann nach einer dreiwöchigen Kneipentour, gehen
Sie blitzschnell die Möglichkeiten durch: »Haben Sie …?«
»Hast du …?« »Habt ihr …?« Das Sie, finden Sie, ist in dieser
Umgebung fehl am Platz, wirkt ein wenig steif und lächer-
lich, hier sind alle per Du; außerdem weist es Sie als jeman-
den aus, der aus der Welt kommt, die hier nicht besonders
geschätzt wird, eben der Welt, wo man Sie zueinander sagt.
Das Du und das Ihr andererseits kommen Ihnen ein wenig
unnatürlich vor, und in der Drogerie nebenan hätten Sie sie
niemals gebraucht. Schließlich haben Sie gelernt, daß man
Fremde siezt. Klänge das Du jetzt nicht auch viel zu anbie-

75
derisch? Oder käme sich der mit Du titulierte Verkäufer gar
als Kind behandelt vor? So entziehen Sie sich dem Dilem-
ma lieber und drücken sich unpersönlich aus: »Gibt es …?«
Oder Sie entschließen sich doch zum Du und könnten sich
dann gleich die Zunge abbeißen, denn zurück kommt ein
Sie und macht Ihnen klar, daß man Sie hier keineswegs als
seinesgleichen zu akzeptieren gedenkt. Oder Sie nehmen das
Sie und bringen dann kaum das »Michael Jackson« über die
Lippen, denn der Verkäufer könnte ja nun denken, Sie seien
so ein Alter, der es auf die Verführung von Minderjährigen
abgesehen hat.
Wahrscheinlich wird dieser kleine Du/Sie-Konflikt, der
gleichwohl jedesmal die Frage der eigenen gesellschaftlichen
Identität und Gruppenzugehörigkeit aufwirft, täglich millio-
nenfach erlebt. Auch die Sprachwissenschaft hat sich seiner
angenommen. In der Zeitschrift ›Deutsche Sprache‹ veröf-
fentlichte Klaus Bayer, wissenschaft licher Rat in Hannover,
seinen Aufsatz »Die Anredepronomina Du und Sie – Thesen
zu einem semantischen Konflikt im Hochschulbereich«. Etli-
ches von dem, was hier folgen soll, beruht auf seinen Thesen.
Insbesondere ist ihnen die Einsicht zu verdanken, daß der
Übergang vom Siezen zum Duzen, der sich vor allem in der
protestierenden Studentenschaft und der sogenannten Sub-
kultur der späten sechziger Jahre vollzog, nicht nur das alte
Du mit neuer Bedeutung auflud, sondern auch das scheinbar
gar nicht betroffene Sie grundlegend mitveränderte. Es wur-
de nämlich nicht einfach ein Pronomen durch das andere
ersetzt, sondern eine Anredekonvention durch eine andere.

76
Doch zunächst soll beschrieben werden, wie es zu der
alten Anredekonvention kam – immerhin ist es bizarr ge-
nug, daß eine Sprache den Gesprächspartner in der dritten
Person Plural anredet, als handele es sich um mehrere Ab-
wesende.
Am Anfang des Deutschen war das allgemeine Du. Bis
zum Beginn des Mittelalters gab es keine andere Anrede.
Seit dem 9. Jahrhundert gesellte sich zum Du die Anrede Ihr;
sie war hochgestellten Personen vorbehalten. Entstanden
war sie sicherlich in Anlehnung an den Plural majestatis,
in dem die römischen Kaiser von sich sprachen; aber sicher
spielte auch eine Rolle, daß Ihr einfach nach mehr klang als
Du – der so Angeredete durfte sich vorkommen, als wäre er
mehrere Personen auf einmal, der Sprechende verringerte
die eigene Person. »Duzen« und »Ihrzen«: durch das Mittel-
alter hindurch bis ins 17. Jahrhundert waren es die einzigen
Anredemöglichkeiten. Das Ihr sickerte in dieser Zeit aus
dem Adel ins Bürgertum hinab, und es verlor dabei viel von
seinem ehrerbietigen Charakter.
Aus dem Bedürfnis, eine frische Höflichkeitsform an die
Stelle des einigermaßen ausgeleierten Ihr zu stellen, verfiel
man im 17. Jahrhundert auf die distanzierende, betont un-
vertrauliche dritte Person Singular, Er und Sie: »Gewähre er
mir die Gnade …« Dieses Er/Sie verlor noch während des 17.
Jahrhunderts ganz seinen Höflichkeitseffekt. Aus einer An-
rede gegenüber Ranghöheren wurde es zu einer Anrede an
Knechte: »Putz er mir die Stiefel …«
Parallel zu dem Abstieg von Er/Sie etablierte sich das mo-

77
derne Sie. Es entstand als pronominaler Bezug auf den Plural
»Euer Gnaden«, »Euer Liebden«, »Euer Hochwürden«. »So
Euer Gnaden ich hiermit kommunizieren wollen, damit Sie
hierauf verfügen lassen …«
Hat die Höflichkeitsmanie eine Gesellschaft einmal ge-
packt, findet sie schwer ein Ende. Im Zweifelsfall muß die
höflichere Form gewählt werden: So breiten sich neue For-
men schnell aus und sinken ab. Und »oben« muß eine Höf-
lichkeit die andere überbieten. In jenen standesbewuß-
ten Zeiten kamen auch noch die Anreden »Dieselben« auf
(»Wünsche Denselben gute Reise und verbleibe dero Diener
…«) sowie der Titel mit dem Plural: »Herr Konsistorialrat
speisen gerade …«, »Der Herr sind sehr gütig …«
Diese Formen setzten sich nicht durch. Ihr und Er/Sie
starben im 19. Jahrhundert endgültig aus. Übrig blieben das
Du und das Sie, dieser »Fleck im Gewande der deutschen
Sprache« (Jakob Grimm) – die moderne Konvention (die
hier Konvention A heißen soll).
Diese Konvention A besagt etwa: Das Du ist die Anrede
der Intimität; es duzen sich Verwandte (bis ins 18. Jahrhun-
dert siezten Kinder noch ihre Eltern) und nahe Vertraute, die
es sich gegenseitig ausdrücklich erlauben. Wo das Du nicht
angebracht ist, gebietet der Respekt, Sie zu sagen. Diese Re-
gel brachte fast notwendig ein Du in einer zweiten, anderen
Bedeutung hervor: ein Du nicht der Vertrautheit und Intimi-
tät, sondern der Geringachtung, der ostentativ demütigende
Ersatz für ein vorenthaltenes Sie. Es ist das Du, das ein Chef
früher gegenüber Untergebenen gebrauchte, das Du, mit dem

78
heute noch Kinder, Gefangene, Gastarbeiter, Geisteskranke
traktiert werden. Es setzt das Gegenüber herab und kann re-
gelrecht feindselig klingen. Im Interesse der Übersichtlich-
keit möchte ich, ähnlich wie Bayer, die verschiedenen Dus
und Sies durch Zeichen voneinander unterscheiden. Das Sie
der Konvention A soll SieA heißen; das intime Du DuA1, das
geringschätzige DuA2.
Die Konvention A teilte alle persönlichen Beziehungen
in zwei Sorten: in Du-Beziehungen (charakterisiert durch
Vertrautheit oder Verachtung) und Sie-Beziehungen (cha-
rakterisiert durch Un-vertrautheit und einen wenigstens
minimalen Respekt). Denen, die in der Konvention A groß
geworden sind, kommt sie nur natürlich vor. Aber ihre Na-
türlichkeit ist nichts anderes als ihre Gewohntheit. An sich
hat sie gar nichts Natürliches. Denn persönliche Beziehun-
gen gibt es nicht in zwei ganz verschiedenen Zustandsfor-
men, »Vertrautheit« und »Fremdheit«. Sie bewegen sich auf
einer gleitenden Skala zwischen den Polen »Vertrautheit«
und »Fremdheit«. Zwischen beiden gibt es keine scharfe, be-
stimmte Grenze. Nur die Sprachkonvention A zwingt dazu,
eine solche Grenze künstlich zu ziehen. Entsprechend groß
ist die Verlegenheit, die mit dem Übergang vom Sie zum Du
oft verbunden ist: Wird sie mir das Du anbieten? Hätte er
sich das Du nicht noch eine Weile aufheben können? Ist un-
ser Sie nicht längst überholt? »Sollen wir nicht endlich Brü-
derschaft trinken?«
Nicht für die ganze Gesellschaft war Konvention A ver-
bindlich. Der gezierte Höflichkeitswettbewerb der besseren

79
Kreise hatte Teile des Proletariats nie erreicht, die unterein-
ander weiter nur Du sagten; besonders auf dem Land.
Dieses proletarisch-solidarische Du wurde von der sozia-
listischen Bewegung aufgenommen. (Robespierre hatte den
Franzosen der Revolution auch das allgemeine Du verord-
net; aber die Sowjetrevolution entschied sich zwischen Du
und Ihr umgekehrt gerade für das respektvolle Ihr, das sie
zur Standardanrede erhob.) Und aus der sozialistischen Be-
wegung geriet es in die Protestbewegung der sechziger Jahre.
Innerhalb der Gesellschaft, vor allem an den Universitäten,
bildete sich eine Enklave, die ganz bewußt Konvention A ab-
lehnte und Konvention B an ihre Stelle setzte. In Konvention
B ist Du die Standardanrede. Sie drückt Solidarität aus, den
Wunsch nach einem Umgang ohne Klassen- und Standes-
barrieren, die Zugehörigkeit zu einer irgendwie fortschritt-
lichen Gemeinschaft von Gleichgesinnten, das »richtige Be-
wußtsein«. Sie sagt: Auch wenn wir uns nicht kennen, sind
wir uns nah, denn wir wollen das gleiche. Es suggeriert die
All-Einheit der Gesinnungsgenossen, das, was Eckhard Hen-
scheid einmal »eine alltägliche unio mystica aller irgendwie
Gutwilligen« nannte.
Hier soll dieses Du DuB heißen. Das Du der Intimität
(DuA1 ) ist von ihm nicht mehr sauber zu trennen. Beide
Dus verfließen. Mit Hilfe der Pronominalanrede kann der
Mensch der Konvention B die Freundin von der Genossin
nicht mehr unterscheiden.
In der Seligkeit der neuen Konvention, die das Du zur
Standardanrede erhoben hatte, gelangte dieses Personalpro-

80
nomen auch an Stellen, wo vorher gar kein Wort gewesen
war: Mach’s gut du; du laß mich mal sehen; du ich mag dich
du; du laß mich jetzt in Ruhe. Syntaktisch hat es da nichts zu
suchen. Der Bedeutung der Sätze fügt es nichts hinzu. Es ist
wohl eher wie ein körpersprachliches Element zu verstehen,
das sich die Gestalt eines signalhaften Wortes gegeben hat
– wie ein Zeigen auf den Gesprächspartner (du – jetzt wende
ich mich an dich), ein Streicheln, ein Drohen mit dem Fin-
ger, ein Stoß in die Rippen, ein Griff, der den Gesprächspart-
ner festhalten und zur Aufmerksamkeit verpflichten will.
So fungiert es als Regulativ für Gespräche; und weil eine so
vielseitige Funktion einem so einfachen Signal aufgetragen
ist und dieses immer nur so tun kann, als sei es ein Bestand-
teil des Satzes, ist diese ständige Du-Sagerei in der Nähe der
Lächerlichkeit.
Wo sich alles solidarisch duzt, gewinnt das Sie eine neue
Qualität. Es drückt nicht mehr Respekt aus, sondern vor al-
lem Distanz, bis hin zur Feindseligkeit. Auf dem Höhepunkt
der Auseinandersetzung um das besetzte Soziologische Se-
minar der Frankfurter Universität rief Frank Wolff zu Jür-
gen Habermas hinüber: »Herr Professor Habermas, können
Sie mal formulieren, was für Sie heute abend so wichtig ist,
daß Sie hier jetzt nicht über das Institut reden können?« Und
das Sie zusammen mit der vollen Anrede (»Herr« plus »Pro-
fessor«) drückte größte Distanz und tiefstes Mißtrauen aus.
Was nach Konvention A nur die übliche Standardanrede ge-
wesen wäre, SieA, wurde nach Konvention B als SieB beinahe
zur Beleidigung, wie in Konvention A das DuA2.

81
Das SieA ist die Anrede eines einzelnen an einen einzel-
nen: zwei würdige Rollenträger unter sich. Das DuB dage-
gen verweist immer auf ein Wir: Wir, nämlich die Gruppe,
die für sich die Konvention A außer Kraft gesetzt hat, wir
sind »auf dem alternativen Trip«, wir gehören zusammen,
wir marschieren zusammen, venceremos, und einer unserer
Ausweise ist unser brüderliches Du. Wem es vorenthalten
wird, der ist ausgeschlossen. Ähnlich hatte das Du A2 die mit
ihm Angeredeten aus der Gemeinschaft der achtenswerten
Menschen ausgeschlossen.
Nun existieren beide Gesellschaften, die der Konvention
A und die der Konvention B, nicht nebeneinander, sondern
ineinander. Damit ist der heutige Konflikt besonders an den
Randstellen vorprogrammiert.
Ein Randbezirk ist der der Dozenten. Nach der Konventi-
on A siezten die Studenten selbstverständlich die Dozenten,
wie sie sich sogar untereinander siezten: Einen Konflikt gab
es da nicht. Nun plötzlich duzte sich die Mehrheit der Stu-
denten, und es war dies ein überaus programmatisches Du,
hinter dem eine politische Überzeugung stand und mehr
noch, ein Lebensstil. Gebrauchen die Studenten heute den
Dozenten gegenüber Sie, so ist es SieB und schließt die Do-
zenten aus ihrer Gemeinschaft aus: Im Grunde heißt SieB
soviel wie »du Scheißer«. Nicht immer ist eine so radikale
Distanzierung beabsichtigt, wie sie im SieB zum Ausdruck
kommt. Greift ein Student aber darum auf SieA zurück, so
kann er nie sicher sein, daß der andere nicht doch SieB ver-
steht und sich herabgesetzt fühlt.

82
Um zu zeigen, wie nahe sie sich den Studenten fühlten,
gingen auch viele »Profs« an den Universitäten zum brüder-
lichen Duzen über und ließen sich selber duzen: schockie-
rend für viele, die in Konvention A aufgewachsen waren,
auch wenn sie im Prinzip den darin sich ausdrückenden
»Autoritätsverfall« begrüßten. Andere jedoch hielten an A
fest; das trug ihnen den Ruf ein, »studentenfeindlich«, »au-
toritär«, »reaktionär« zu sein. »Die Absurdität solcher Ein-
stufungen ist offensichtlich« (Bayer). Andere gebrauchten
sowohl Du als auch Sie; entweder sie zeichneten einige Stu-
denten nach undurchsichtigen Gesichtspunkten mit dem
Du aus und erregten damit den Neid der anderen, die nicht
Teil dieser privilegierten Solidargemeinschaft waren; oder
sie ließen bequemerweise abstimmen. Die Folge ist eine all-
gemeine Verunsicherung. Wird ein Sie achtungsvoll oder
feindselig verstanden? Ein Du verächtlich oder vertraulich
oder brüderlich? »Immer wieder«, resümiert Bayer die Situa-
tion, »bleibt offen, ob mit einer gegebenen Anrede Solidarität
oder Intimität, bürgerliche Höflichkeit oder soziale Distan-
zierung ausgedrückt werden soll.«
Und immerfort verlassen Studenten und Dozenten den
Geltungsbereich von Konvention B, die Hochschule, und tre-
ten in den von Konvention A ein, der wiederum verschiede-
ne B-Löcher hat: Studentenkneipen, Teestuben, WGs, »pro-
gressive« Buchhandlungen, Programmkinos, Pop-Konzerte,
Diskos. Der alte Geltungsbereich von B besteht ebenfalls
weiter: Teile der Arbeiterschaft, der Landbevölkerung, der
Gewerkschaften. Hier allerdings können die neuen B-Leute

83
keineswegs unbeschränkt die Wonnen des universalen Du
genießen: Der Student, der den Arbeiter oder den modernen
Bauern in Gestalt des Agrarunternehmers ohne Umstän-
de solidarisch duzte, würde zumindest Befremden erregen:
Sein Du nämlich klingt ja wie das despektierliche DuA2.
Wie wird dieser Konflikt ausgehen? Wer wird siegen, die
Standardanrede Sie oder Du, die Konvention A oder B? Da-
für, daß eine Anredekonvention tatsächlich in einer nach
sprachgeschichtlichen Maßstäben kurzen Zeit über den
Haufen geworfen werden kann, hat Spanien gerade ein Bei-
spiel gegeben. Gegen Ende der Franco-Epoche sagte man
noch Usted (Sie) und tu (du) ganz ähnlich wie im Deutschen.
Mit der Liquidierung des Franquismus dann aber siegte die
tu-Konvention der demokratischen, sozialistischen, kom-
munistischen Opposition. Seitdem ist Usted im Schwinden
begriffen. Heute ist es nur noch sehr viel Älteren und sehr
viel Ranghöheren vorbehalten, sofern sie einen nicht davon
dispensieren (was sie bei näherer Bekanntschaft sehr wahr-
scheinlich tun werden) – und dazu Leuten, die man nicht
leiden kann. In diesem Sinn signalisiert es: Du bist keiner
von uns (Demokraten). Dieser Wandel von einer Respekts-
bezeugung zu einem Fast-Schimpfwort wird dem Usted
wahrscheinlich ganz den Garaus machen. Wer es gebraucht,
muß ja damit rechnen, daß es geradezu als Beleidigung auf-
gefaßt wird.
Bayer empfiehlt den Deutschen an der Nahtstelle zwischen
den beiden Konventionen, also vor allem an den Hochschu-
len, die den Konflikt heute am stärksten zu spüren bekom-

84
men, die Problematik ausdrücklich zu »thematisieren«. Auf
die Dauer aber dürfte ein beständiges Erörtern des Problems
ebenso nerven wie alle Geschäftsordnungsdebatten. Der
Sprachgebrauch wird eine einfachere Lösung suchen, die
den Konflikt minimiert. Es sieht noch immer so aus, als sei
Konvention A die stärkere; sie ist von dem Sprachgebrauch
der Studenten nie ernstlich in Frage gestellt gewesen, und
sie wird, soweit sich derlei absehen läßt, wohl einstweilen
fortbestehen. Andererseits aber hat sich das Du in der Stu-
dentenschaft inzwischen fest etabliert und wird sich kaum
wieder verdrängen lassen. Für die neuen Studenten ist es
bare Selbstverständlichkeit; sie haben meist nur noch die
blasseste Ahnung, wie es zu dieser Konkurrenz der Konven-
tionen gekommen ist. Wahrscheinlich wird der Konflikt an
den Randstellen bereinigt werden, also vor allem im Verkehr
zwischen Studenten und Dozenten. Trotz vieler Versuche
junger progressiver Lehrer, sich von ihren Schülern auf der
Oberstufe mit Du anreden zu lassen, scheint dort das Sie zu
siegen; und das gleiche geschieht anscheinend auch im Um-
gang von Studenten und Profs.
So wird Konvention A wieder einheitliche Gültigkeit er-
langen; nur daß, wie vordem die Schüler, sich nunmehr auch
die Studenten untereinander mit einem Du belegen, das
nicht mehr von dem vertraulichen DuA1 zu unterscheiden
sein wird. Der völlige Sturz des Du wird einer neuerlichen
revolutionären Welle bedürfen.
Denn die Geschichte, so lehrte Hegel, soll sich im Walzer-
schritt vollziehen: These, Antithese, Synthese.

85
Achja, hätten wir es doch so einfach wie Engländer und
Amerikaner: ein einziges Anredepronomen, you, für Frem-
de wie Freunde, Männer und Frauen, Höher- und Niedri-
gergestellte, einen oder viele! So hört man es in Deutschland
bisweilen seufzen. Aber wer irgendwann näheren Umgang
mit Engländern und Amerikanern hatte, weiß, daß es trotz
des einheitlichen you nicht leicht ist, die richtige Anrede zu
treffen. Deutschen, die immer versucht sind, ihre eigenen
Anredekonventionen ins Englische zu übernehmen, erschei-
nen die scheinbar so zwanglosen angloamerikanischen For-
men oft als eine unbezwingbare Geheimwissenschaft.
Was ein Amerikaner der Mittel- und Oberschicht bei der
Wahl der Anrede alles zu bedenken hat, hat die Sprachwis-
senschaft lerin Susan Ervin-Tripp in Form einer Art Fluß-
diagramms zusammengetragen, bei dem eine ganze Serie
von Entscheidungen zu treffen ist.
Die erste Frage lautet: Ist der Gesprächspartner ein Kind,
das heißt: unter achtzehn, und geht er noch zur Schule? Ist
die Antwort ja, wird der Vorname gebraucht. Ist der nicht
bekannt, so kann er gar nicht angeredet werden.
Ist der Gesprächspartner erwachsen, ist die zweite Frage:
Befinden wir uns in einer förmlichen Situation, in der per-
sönliche Freundschaften nicht zählen, vor Gericht etwa? Ist
die Antwort ja, so ist die förmliche Anrede verlangt: Mr.,
Mrs. oder Miss und Nachname beziehungsweise Titel und
Nachname (Doctor, Judge, Professor); bei Ärzten, Richtern
und Priestern reicht auch der Titel allein.
Ist der Gesprächspartner erwachsen und die Situation

86
zwanglos-gesellig, so ist die dritte Frage: Ist der Gesprächs-
partner mit mir verwandt? Ist er es, und gehört er der glei-
chen oder einer jüngeren Generation an, so wird er mit dem
Vornamen angeredet; gehört er einer älteren Generation an,
so wird vor dem Vornamen die Verwandtschaftsbezeichnung
verlangt (aunt, Tante zum Beispiel). Bei Eltern und Großel-
tern wird in der Regel nur die Verwandtschaftsbezeichnung,
meist in einer kindlich abgekürzten Form gebraucht (Mom,
Dad, Grandma, Grandpa).
So weit, so leicht. Wie aber redet man nun einen nichtver-
wandten Erwachsenen in zwanglosgeselliger Situation an?
Da heißt denn die vierte Frage: Freund oder Kollege? Ist die
Antwort nein, so wird die förmliche Anrede (Titel oder Mr.,
Mrs., Miss mit Nachnamen) fällig.
Ist die Antwort ja, so ist die fünfte Frage: Bekleidet er ei-
nen höheren Rang? Und tut er das, muß sofort die sechste
Frage beantwortet werden: Hat er mich von der förmlichen
Anrede dispensiert? Hat er es nicht, muß sie benutzt wer-
den.
Ist er nicht ranghöher, so lautet die sechste Frage: Ist er
über fünfzehn? Wenn nicht, wird der Vorname genommen.
Wenn ja, folgt als siebente Frage: Hat er mich dispensiert?
Bei nichtverwandten Erwachsenen in zwanglos geselligen
Situationen also ist es immer die Frage: Vorname oder förm-
liche Anrede? Und bei ihrer Beantwortung spielt eine Rolle,
ob es sich um einen Freund oder Kollegen handelt, ob der
ranghöher ist und ob er einem die förmliche Anrede erlassen
hat.

87
Und hier fällt es auch Amerikanern untereinander zuwei-
len schwer, die richtige Anrede zu finden. Ein neuer Profes-
sor erscheint zum ersten Mal in einer Fakultätssitzung. Als
Freund oder Kollege würde er normalerweise mit dem Vor-
namen angeredet werden und selber seine Kollegen mit dem
Vornamen anreden. Aber was, wenn er ranghöher ist, zum
Beispiel der neue Abteilungsleiter? Dann muß er seine Kol-
legen ausdrücklich dispensieren; wer die Dispensation nicht
hört (weil er vielleicht gerade nicht da war), bleibt im Zweifel.
Oder wenn er die nach den Umständen fälligen Vornamen
der neuen Kollegen nicht weiß, weil sie ihm bei der Vorstel-
lung nicht genannt wurden oder er sie vergessen hat? Dann
kann er sie gar nicht anreden. So lautet eine Grundregel im
sozialen Umgang: Wenn neue Bekannte oder Kollegen vor-
gestellt werden, müssen die Vornamen benutzt werden, da-
mit man sich sofort beim Vornamen nennen kann (Ervin-
Tripp). Das andere Zweifelsfeld ist die Dispensierung. Wenn
einen ein Vorgesetzter mit dem Vornamen anredet: Bedeutet
das schon, was es bedeuten kann, daß auch er mit dem Vor-
namen angeredet werden will? Oder erwartet er die förmli-
che Anrede?
In England wird die Dispensierung nicht so rasch er-
teilt. Die Regeln sind dort noch komplizierter, weil in dem
von den Public Schools geprägten Milieu Jungen und Mäd-
chen einander nicht mit dem Vornamen, sondern mit dem
Nachnamen anreden. Dabei bleibt es in diesen Kreisen un-
ter Männern das Leben lang; für Frauen aber wird Mrs.
oder Miss mit dem Nachnamen, aber nicht mit dem Titel

88
gebraucht; und Frauen reden Männer nie mit dem bloßen
Nachnamen an.
Konflikte also bleiben den Angloamerikanern keineswegs
erspart. Sie müssen sich nicht zwischen Du und Sie, sondern
zwischen dem Vornamen und der förmlichen Anrede ent-
scheiden. Normalerweise geschieht es (die Unterscheidung
zwischen Bekanntem und Fremdem, die Einschätzung des
Ranges des Gesprächspartners, die Erteilung oder Verweige-
rung der Dispensierung) mit einer Schnelligkeit und Sicher-
heit, die dem staunenden Mitteleuropäer geradezu schlaf-
wandlerisch vorkommt. Aber immer wieder kommen auch
Situationen vor, in denen sich die richtige Anrede nicht »von
allein« ergibt und die so lockeren Amerikaner nicht weniger
unsicher sind als ein Deutscher, der nicht weiß, ob Du oder
Sie angezeigt ist. Wie unsicher, zeigt ein Handzettel, den ein
Professor der Soziolinguistik zu Beginn seines Seminars an
die Studenten verteilte: »Ich hoffe, Sie werden beginnen sich
frei zu fühlen, mich mit Ralph anzureden. Ich werde begin-
nen, Sie mit dem Vornamen anzureden, aber es wird der Vor-
name der Solidarität, nicht der Vorname der Macht sein.«
DIE, DER, DAS

Sprache
und Sexismus
G ewalt? In einem fort werde Frauen »verbal Gewalt« an-
getan, schreibt die Konstanzer Linguistin Senta Trö-
mel-Plötz, die in Vorträgen, Diskussionen, Aufsätzen seit
Jahren wider die Frauenfeindlichkeit der Sprache streitet.
Ihr zweiter Sammelband zu eben diesem Thema führt die
Gewalt gleich doppelt im Titel: »Gewalt durch Sprache – Die
Vergewaltigung von Frauen in Gesprächen«.
Gewalt – ein großes Wort. Und da ich es für eine will-
kommene Eigenschaft der Sprache halte, Unterschiede an-
zuerkennen und das Bewußtsein für sie zu erhalten, mag ich
inflationären Wortgebrauch nicht, der etwa den Terror, den
Todesschwadronen ausüben, sprachlich mit jenem »Terror«
gleichsetzt, der angeblich von einer Anzeige für irgendeinen
Konsumartikel ausgeht; oder der den Mord an einem Volk
und das Witzchen über eine Volksgruppe mit der gleichen
Vokabel »Genozid« belegt. Wo die Unbill, die einer Frau
durch die Anrede »Fräulein« widerfahren mag und die sie
selber vielleicht gar nicht bemerkt, ja auf die sie vielleicht so-
gar Wert legt, sprachlich mit der brutalsten Vergewaltigung
oder Mißhandlung gleichgesetzt wird, wird das Gespür für
Maßstäbe verlorengegeben.
Auch herrscht in manchen dieser Polemiken gegen die
Frauenfeindlichkeit der Sprache ein sonderbar naives Miß-

93
verständnis: Despektierliche Äußerungen, bei denen die
Sprache ein durchaus unparteiliches Vehikel ist, werden im-
mer wieder mit Diskriminierungen verwechselt, die in der
Sprache selber begründet sind. Dieses Mißverständnis kenn-
zeichnet auch die »Richtlinien zur Vermeidung sexistischen
Sprachgebrauchs«, die Trömel-Plötz und einige Mitarbeite-
rinnen 1981 erließen. Die »Richtlinien« beruhten auf dieser
Diagnose: »Sprache ist sexistisch, wenn sie Frauen und ihre
Leistung ignoriert, wenn sie Frauen nur in Abhängigkeit von
und Unterordnung zu Männern beschreibt, wenn sie Frauen
nur in stereotypen Rollen zeigt und ihnen so über das Ste-
reotyp hinausgehende Interessen und Fähigkeiten abspricht,
und wenn sie Frauen durch herablassende Sprache demütigt
und lächerlich macht.« Bereits hierin lag eine gewisse Kon-
fusion, denn im Grunde waren es gar keine Vorwürfe an die
Sprache als solche, sondern an die Einstellungen sexistischer
Sprecher. Eine Verwechslung, die prompt zu etlichen leider
nur lachhaften Vorschlägen führte. Da wurde der Schulbuch-
satz Schwester Christa arbeitet in der chirurgischen Abteilung
als »sexistischer Sprachgebrauch« entlarvt; als annehmbare
»Alternative« stand ihm der Satz Dr. Christa Seefeld leitet
die Intensivstation gegenüber. Das aber ist nun wahrhaftig
nicht dasselbe, nur anders, weniger sexistisch ausgedrückt.
Der Sexismus besteht in den Verhältnissen, die die Christas
häufiger als die Christians zu Krankenschwestern und sel-
tener zu Leiterinnen von Intensivstationen werden lassen;
und allenfalls in den Köpfen von Schulbuchautoren, die ihre
Beispielsätze zu eng an diesen Verhältnissen orientieren.

94
Aber die Sprache an sich ist schuldlos. Willfährig und sel-
ber neutral drückt sie in solchen Sätzen nur aus, was der Fall
ist. Wer hier reformieren wollte, müßte am Ende aus jeder
Herrensocke wegen unfairer Bevorzugung der Männer und
böswilliger Unsichtbarmachung der Frauen einen Damen-
strumpf machen.
Wörter wie Schreckschraube oder Klatschbase, als »degra-
dierend« gerügt und darum in den gleichen »Richtlinien«
zur Abschaffung empfohlen, sind nicht gerade freundlich,
wohl wahr. Aber wir können und wollen und werden uns
nicht daran hindern, Unfreundliches über einander zu den-
ken. Der Menschentyp, auf den das Wort Klatschbase unzart
hinweist, verschwindet nicht durch irgendwelche sprachli-
chen Flurbereinigungen – weder durch Umbenennung etwa
in »Kommunikationsfachfrau« noch durch seine »ersatzlose
Streichung«. Daß es – neben vielen anderen – auch sprachli-
che Injurien gibt, ist kein Beweis für den Sexismus der Spra-
che. Abschätzige Gedanken und Gefühle sind kein Gegen-
stand der Linguistik. Selbst noch im Zustand der totalsten
Emanzipation werden sich weder Frauen noch Männer die
Freiheit nehmen lassen, ungünstig über einzelne Vertreter
des eigenen wie des anderen Geschlechts zu denken und
dieses auszudrücken. Wörter wie Schreckschraube – dies
der Irrtum – richten sich ja keineswegs gegen das weibliche
Geschlecht als solches; sie richten sich gegen einzelne Men-
schen oder, noch enger, gegen einzelne menschliche Charak-
terzüge. Diese deutlich zu benennen, mag unter Umständen
rücksichtslos und gemein sein, aber sexistisch ist es nicht, ge-

95
nausowenig wie Wörter wie Hornochse, Schweinehund oder
Lackaffe männerfeindlich sind (allenfalls sind sie tierfeind-
lich). Die feministische Forderung, sie ersatzlos zu streichen,
kommt der Beteuerung gleich, daß eine Frau, da sie Frau ist,
schlechterdings nie einen negativen Zug haben kann, oder
daß es ungehörig ist, ihn zu bemerken und zu erwähnen. Ein
so irrealistisches Weltbild wird selbst die von ihm Begün-
stigten, die Frauen, niemals für sich gewinnen.
Aber davon abgesehen, daß »Gewalt« arg übertrieben ist
und daß man die Sprache nicht haftbar machen kann, wenn
einem die Wirklichkeit mißfällt, haben Trömel-Plötz und ihre
feministischen Mitstreiterinnen schon recht: »Unsere Spra-
che ist sexistisch, und unser Sprachgebrauch ist sexistisch.«
Sie haben recht jedenfalls insofern, als die meisten Sprachen,
auch die deutsche, Frauen und Männer nicht gleich behan-
deln. Teils sind diese Asymmetrien Relikte aus Zeiten, als
Frauen tatsächlich Menschen zweiter Ordnung waren. Teils
spiegeln sie frühere Versuche, zu den Frauen ganz besonders
nett zu sein. Diskriminieren heißt wörtlich »unterscheiden«.
Ob aus Mißachtung oder Hochachtung: Wir sprechen wohl
oder übel eine Sprache, welche Unterschiede macht.
Eine sehr offensichtliche, sehr äußerliche Diskriminie-
rung besteht darin, daß fast immer, wenn Frauen und Män-
ner zu festen Sprachformeln geronnen sind, die Männer
zuerst kommen. Frauen und Männer – das sagt man meist
eben nicht. Man sagt Männer und Frauen, Jungen und Mäd-
chen, Vater und Mutter. Einladungen werden an Herrn X
und Frau gerichtet. Die berühmten Liebespaare führt der

96
Mann an: Adam und Eva, Tristan und Isolde, Romeo und Ju-
lia. Das Märchen hält sich an die gleiche Regel: Brüderlein
und Schwesterlein, Hänsel und Gretel. Auf Vordrucken steht
Herr/Frau/Fräulein. Die Grammatik reiht der, die, das und
er, sie, es. Einzige Ausnahme ist die Anrede meine Damen
und Herren. Sie verdeutlicht die Regel nur: Wo wir ausge-
sucht höflich sein wollen, rücken wir die Frau an die erste
Stelle, so wie wir ihr an der Tür den Vortritt lassen; ohne
diese besondere Bemühung um Courtoisie hat den Vortritt
der Mann.
Nicht symmetrisch verfährt die Sprache auch bei den
Bezeichnungen für Frauen und Männer selbst. Männern
gebührt die scheinbar vornehmere Anrede Herr (Herr X).
Frauen wird keine solche Veredlung zuteil – sie sind einfach
Frau (Frau Y). Nur in erlesenen Kreisen und dort meist nur,
wo von ihnen im Kollektiv die Rede ist, werden sie zu etwas
vermeintlich Besserem, zu Damen. Der Redner wendet sich
an seine Damen und Herren; zuweilen erhalten sie Damen-
wahl; wo eine plebejische öffentliche Toilette für Männer be-
stimmt ist, ist die für Frauen nicht fern – im feineren Milieu
aber steht an den Türen H und D.
Die Bad Harzburger Bibliothekarin Gerda Rechenberg
kämpft seit Jahren einen vergeblichen Kampf, selber auch
amtlicherseits als Dame Rechenberg angeredet und ange-
schrieben zu werden und die scheinbar unfeinere Frau
allgemein durch die Dame zu ersetzen. Die meisten Femi-
nistinnen sind nicht auf ihrer Seite. Ihnen ist das Schicke,
Gezierte, Untüchtige, das dem Wort Dame zweifellos an-

97
haftet, gar nicht geheuer. Für sie ist Frau die einzige in Fra-
ge kommende Bezeichnung der Frau, so wie auch Amerikas
Neger (wörtlich: »Schwarze«) dankend auf die vorgebliche
Ehrenbezeugung des Begriffs Negro mit seinem großen N
verzichteten und sich selber rundweg als blacks bezeichnen.
Die ärgste Beleidigung einer Frauengruppe (oder gar eines
Weiberrats) besteht darin, sie Damenkränzchen zu nennen.
Hier stoßen in den Worten Welten zusammen.
Das scheinbar unsymmetrische Paar Herr/Frau verdankt
seine Entstehung jedoch nicht irgendeiner Lust an der Her-
absetzung des weiblichen Geschlechts. Die alten Geschlechts-
namen waren Mann und Weib. Weib war ursprünglich eine
Umschreibung, und zwar wohl eine ehrerbietige; es bedeutete
wahrscheinlich soviel wie »das Verhüllte« oder »das Geschäf-
tige«. Mann war gleichzeitig Gattungsname, bedeutete also
nicht nur Mann, sondern Mensch schlechthin. Tatsächlich
ist auch das Wort Mensch nichts anderes als ein von Mann
abgeleitetes Adjektiv, wörtlich also der Männische, und wenn
die Feministinnen die Sprache auch in diesem Punkt von
allem Sexismus purgieren wollten, müßten sie darauf beste-
hen, dem Menschen eine Weibsche an die Seite zu stellen. Daß
Mann und Mensch vor der Sprache eins sind, hat einen klar
sexistischen Grund, den schon Grimms Wörterbuch auf den
Punkt brachte: »Nach der altgermanischen rechtlichen an-
schauung (ist) nur der mann im Vollbesitze des menschlichen
wesens.« Nicht nur nach altgermanischer; Latein beispiels-
weise (homo) und die ihm folgenden romanischen Sprachen
(homme, hombre) hielten die gleiche Anschauung hoch.

98
Als Anrede für vornehmere Menschen waren Mann und
Weib unseren Vormüttern und -vätern nicht gut genug. Sie
wurden mit den Äquivalenten für »Gebieter/in« angespro-
chen: mit Herr (wörtich: »Hehrer«, »Hoher«) und Frau, der
weiblichen Form von fro (»Herr«), der selber in Vergessenheit
geriet und nur in Wörtern wie Fron (»Herrendienst«) oder
Fronleichnam (»Körper des Herrn«) überlebte. Ursprünglich
waren also Herr und Frau vollkommen gleichrangig, und
das sind sie selbst für das heutige Sprachgefühl weitgehend
immer noch.
Die Verwischung dieser Symmetrie (Mann/Weib als Ge-
schlechtsnamen, Herr/Frau als Anrede) geht auf den Wunsch
zurück, noch netter zu den Frauen zu sein. Darum wurde
die vornehme Anrede Frau auch zum Geschlechtsnamen
und verdrängte das Weib, das nun eine leicht pejorative Be-
deutung anzunehmen begann. Die Minnesänger des Mittel-
alters zerbrachen sich ausgiebig den Kopfüber die der Frau
geziemende Anrede. Walther von der Vogelweide war die be-
ginnende Degradierung des Weibes gar nicht recht. »Weib«,
dichtete er, »soll unbedingt die feinste Bezeichnung für die
Weiber bleiben und ehrenvoller als Frau, würde ich sagen.«
(»Wîp muoz iemer sîn der wîbe hôhste name, / und tiuret baz
dan frouwe, als ichz erkenne … / wîp dêst ein name ders alle
krœnet.«)
Die Sprache ging auch über seinen Rat hinweg, blieb bei
dem feineren Wort Frau und inthronisierte es auch als Ge-
schlechtsbezeichnung. Und dann überbot sie diese Nettig-
keit noch einmal. Um 1600 gelangte die französische Dame

99
nach Deutschland, die ihrerseits auf die lateinische domina
zurückging und also wörtlich ebenfalls »Herrin« bedeutete.
Kaum da, fiel sie tief. Kaspar Stieler übersetzte sie 1691 rund-
heraus mit »Matreße«. Aber der Adel in seiner Frankomanie
hielt an ihr fest, und im 19. Jahrhundert begann ihn das Bür-
gertum auch darin nachzuahmen. Obwohl Grimms Wörter-
buch 1862 noch barsch dekretierte: »die allgemeine anrede
lautet: herr und frau! herren und frauen!« – wurde die Dame
seitdem als eine Art Luxusausgabe der Frau eingebürgert.
Die Feministinnen könnten sich mit diesem Stand durch-
aus zufrieden geben. Der Herr ist zwar ein besserer Mann,
aber die Frau ist keine schlechtere Dame. Das Weib wurde
befördert, der Mann nicht.
Zu Recht stoßen sie sich hingegen am Fräulein. Auch dies
war zwar einmal das Feinste vom Feinen – die »niedliche
Gebieterin«. Aber bereits im Mittelhochdeutschen hatte es
den Nebensinn »Nutte«. Ambrose Bierce bemerkte schon
vor hundert Jahren in seinem »Wörterbuch des Teufels«
treffend: »Fräulein: Titel, mit dem wir unverheiratete Frau-
en brandmarken, um anzuzeigen, daß sie noch im Handel
sind.« Frollein!, heute in einem Lokal gerufen, ist ein derber
männlicher Schlag aufs Hinterteil. Kein Mann muß sich mit
Männchen oder Herrlein anreden lassen. Im Spanischen gibt
es ein männliches Pendant zur señorita, den señorito – es ist
ein verwöhnter junger Schnösel. Als Jungfernschaft noch ein
erlauchter gesellschaft licher Wert war, hatte es Sinn, ihren
Besitz durch ein besonderes – stets abstiegsgefährdetes –
Wort zu affichieren. Heute ist die Offenbarung des Zivilstan-

100
des, die die Wahl zwischen der Anrede Frau oder Fräulein
den Frauen aufnötigt, anachronistisch. Gäbe es nicht noch
viele, die großen Wert drauflegten, als Fräulein tituliert zu
werden und damit anzuzeigen, daß sie sich niemals schnöde
mit einem Mann eingelassen haben, man sollte es baldigst
verabschieden.
Auch weibliche und männliche Kinder sind vor der Spra-
che nicht gleich. Das männliche heißt neutral und farblos
Junge; in altertümelnder Schriftsprache hat der Knabe über-
lebt, der einmal soviel wie »Stift«, »Knecht« hieß, in Süd-
deutschland der Bube (der im Hochdeutschen die Nebenbe-
deutung »Schurke« tragen muß), im Baierischen der Bursche
– in den Ohren der übrigen Deutschsprechenden klingt in
ihm der derbe Wandergesell mit an. (Bursche hat übrigens
eine interessante Geschichte. »Eigentlich« bedeutet er soviel
wie »Portemonnaie«. Denn er geht auf dieselbe lateinische
Wurzel – bursa – zurück wie die »Börse«. Eine burse war die
gemeinsame Kasse, dann die Wohngemeinschaft gemein-
sam wirtschaftender Studenten; ihr Mitglied hieß burssge-
sell. Dieser wurde zu dem Plural die bursse verkürzt, und aus
denen wurde der nunmehr männliche Singular der burss.
Ein weiteres Beispiel dafür, wie unberechenbar die Wege der
Sprachgeschichte sind; wie etablierte Formen »verquatscht«
werden und die »Verquatschung« dann wieder zur Norm ge-
rinnt.) Aber das weibliche Kind? So leicht das möglich wäre,
heißt es nicht die Junge. Ihm ist die Verniedlichung aufer-
legt. Diese macht es, nach der Regel aller Diminutive, zu ei-
nem Neutrum. Und dieses wiederum bringt das Sprachge-

101
fühl in einen Konflikt. Was ist stärker: das natürliche oder
das grammatische Geschlecht? Heißt es: das Mädchen, das
… oder das Mädchen, die …? Der »Duden« zieht »das« vor,
schwankt aber bei längeren Sätzen, und wie sollte er auch
anders. Dame Rechenberg möchte diese Vorenthaltung des
natürlichen Geschlechts korrigiert und das Mädchen in die
Mädchen umgewandelt sehen: dann müßte der Junge fortan
eine hübsche Mädchen anmachen. Solchen Begehren steht
entgegen, daß alle Welt das höchstens für einen schlappen
Witz hielte – und daß die Sprache überhaupt völlig taub ist
für derartige Verbesserungsvorschläge. Selbst eine wenig-
stens das grammatische Gehör nicht verletzende Rückkehr
zu der Form, von der das Mädchen – erst im 17. Jahrhundert
– abgeleitet wurde, zur Magd oder Maid, wird sie sich nicht
gefallen lassen.
Alle diese Asymmetrien sind entweder harmlos und
werden schon bei der flüchtigsten historischen Betrachtung
zumutbar. Oder sie sind behebbar: Reihenfolgen lassen sich
umkehren, keiner unwilligen Frau kann auf die Dauer das
Fräulein aufgezwungen werden.
Eine auf der Stelle abschaffbare Diskriminierung ist auch
das die vor dem Familiennamen: die Knef, die Renger, denen
auf der gleichen Stilebene nicht der Griem, der Wehner ge-
genübersteht. In einigen Dialekten hat es keinerlei pejorati-
ven Unterton; im Schweizerdeutsch dirigiert sogar regelmä-
ßig der Konstantin Iwanow die Sinfonie vom Peter Tschai-
kowskij. Im Hochdeutschen aber klingt in diesem die nach,
wie Lebemänner einst von Kokotten und Schauspielerinnen

102
redeten. Außerdem jener vulgäre Ton: »Die Müller hat der
Meiern gehörig die Meinung geblasen.« Das müßte nicht
sein. Wie im Englischen inzwischen üblich, wäre Trömel-
Plötz schreibt … fair und ohne weiteres möglich – nicht Senta
Trömel-Plötz, auch nicht die Trömel-Plötz.
Nicht so harmlos und letztlich nicht behebbar ist eine an-
dere Hinterlassenschaft sexistischer Zeiten, die dem ganzen
Sprachgefüge einen Hang hin zum Männlichen gibt und in
aller Selbstverständlichkeit von der Superiorität des Mannes
kündet.
Generische Begriffe sind fast immer Maskulina. Die Ar-
beitnehmer verhandeln mit den Arbeitgebern. Der Vorstand
des Schriftstellerverbands sucht Anhänger. Die Moral der
Steuerzahler. Das Verhältnis zwischen Arzt und Patient.
Die Rechte der Mieter. Das Handwerkerhaus. Die Klasse für
Anfänger. Der Absender. Die Zuschauer-Post. Immer sind
Männer und Frauen gemeint; die Sprache scheint aber nur
Männer zu kennen. Die wenigen Feminina, die in Frage kä-
men, werden auf Männer nicht angewendet: Ein Mann kann
nicht Krankenschwester sein, sogar ein von ihr abgeleiteter
Krankenbruder bleibt ihm erspart – wenn, dann ist er Kran-
kenpfleger. Frauen werden auf diese Weise »ausgeschlossen
und unsichtbar gemacht«, klagt Trömel-Plötz immer wieder.
Darum verhießen die »Richtlinien«: »Dagegen wollen wir
Frauen sichtbar machen – indem wir sie explizit nennen und
anreden, indem wir sie an erster Stelle nennen, bis Frauen
und Männer gleichrangig vorkommen …«
Die deutsche Sprache bevorzugt Männer sogar in einer

103
tieferen, noch schwerer korrigierbaren Schicht als der der
generischen Namen. Die Pronomen man, jemand und nie-
mand sind von Mann abgeleitet. Bei man haben es die Femi-
nistinnen gemerkt, und die ganz eifrigen unter ihnen schrei-
ben seitdem frau. Trotzdem dürfte es noch lange dauern, bis
ein literarischer Text dies auftrumpfende frau erträgt. Es ist
einfach ein zu grelles Signal an zu unscheinbarer Stelle, jede
feinere Nuance übertönend, so als schmetterte ein Schrift-
steller zwischendurch immer wieder heraus, daß er Vegeta-
rier oder Antialkoholiker sei.
Jefrau aber hat wohl noch niefrau vorgeschlagen, wohl
aber Efrauzipation oder verschwestern – nicht etwa vertöch-
tern – statt »versöhnen«, obwohl beide etymologisch mit
dem Mann nicht das geringste zu tun haben (»versöhnen«
kommt von »Sühne«, nicht von »Sohn«; »emanzipieren«
von ex + manus + capere, »aus der Hand entlassen«, näm-
lich »aus der väterlichen oder ehelichen Gewalt freilassen«).
Diesen Feministinnen ist schon der bloße Anklang an die
Wörter Mann, Herr, Sohn zuviel. Klar, daß ihnen dann auch
dämlich (das sich von »dumm«, aber nicht von der »Dame«
herleitet) unliebsam auff ällt.
Armin Ayren hat bemerkt, daß wer die Frageform von
er ist. Wer garantiert unsexistisch nach einer Frau fragen
wollte, müßte so etwas wie wihr erfinden. Sprache aus dem
kommenden Frauenreich: Wihr ist die fraulichere Weibsche?
Die Frau, der frau gerne zudamt, wenn sie bedamscht in der
Frausarde sitzt, Fraudoline zupft und frauche dämliche Frau-
darine ißt. (Pardonna für die Kalauerinnen.) Diese Art lin-

104
guistischer Verbannung des Männlichen aus der Welt der
Frau wird also wohl auf sich warten lassen.
Ein Fall für sich sind Titel und Berufsbezeichnungen. Sehr
oft lassen sie sich ohne Verrenkungen »movieren«, nämlich
in eine feminine Form versetzen, und es besteht kein Grund,
weder ein sprachlicher noch ein sachlicher, den Frauen die-
se Formen vorzuenthalten. Weitgehend sind sie ja längst in
Gebrauch. Es wirkt fast schon lächerlich, nicht Anwältin, In-
spektorin, Mechanikerin zu sagen, wenn von einer Frau die
Rede ist. Bis alle Ausbildungs- und Prüfungsordnungen die
femininen Formen neben den maskulinen auch offiziell an-
erkennen, wird es jedoch leider noch lange dauern.
Einige schwierigere Fälle dürften übrigbleiben. Was wäre
die weibliche Form von Amtmann? Amtmännin? Amtfrau?
Frau X ist Professorin: Wäre die förmliche Anrede dann
Frau Professorin? Wird man, wenn neben dem Doktor-Ti-
tel eines Tages auch der Doktorinnen-Titel verliehen werden
sollte, wirklich Frau Doktorin sagen wollen? Und werden die
weiblichen Sekretäre sich zu Sekretärinnen movieren lassen?
Der Beruf des Staatssekretärs genießt ein hohes Prestige, der
der Staatssekretärin ein viel geringeres – vermutlich, weil die
meisten eine Staatssekretärin für eine beamtete Stenotypi-
stin halten.
Weibliche Titel und Berufsbezeichnungen, wo nur Frauen
gemeint sind oder die Beteiligung von Frauen ausdrücklich
betont werden soll – das ist nur recht und billig und wird
trotz etlicher Problemfälle keine unüberwindlichen Schwie-
rigkeiten machen. Anders ist es, wenn die Wörter für Frauen

105
und Männer gleichzeitig stehen und die Geschlechtszuge-
hörigkcit in dem betreffenden Zusammenhang nicht inter-
essiert. Trömel-Plötz und andere feministische Autorinnen
schreiben jedes Mal treu und brav aus: Schriftstellerinnen
und Schriftsteller haben aufgezeigt … Wissenschaftlerinnen
und Wissenschaftler haben ermittelt … Das läßt sich natür-
lich machen. Es braucht nur viel Platz, ohne viel Information
hinzuzufügen.
Es ließe sich auch nicht durchhalten. Was herauskäme,
wenn dieses Prinzip lückenlos befolgt würde, wäre zu pedan-
tisch, zu umständlich, zu uferlos, übrigens auch zu sexistisch,
und meist mehreres zugleich. Kurz, es wirkte lächerlich.
Zu pedantisch: Machbar wäre es schon, daß frau Finde-
rinnenlohn bekommt, die Modeseiten mit Kennerinnenblick
mustert und ob der Zumutungen der Männer eine Dulderin-
nenmiene aufsetzt. Aber wer wollte es so genau wissen?
Zu umständlich: Wir müßten den Bürgerinnen- und Bür-
gersteig benutzen. Die Schilder müßten Nichtraucherinnen
und Nichtraucher lauten. Das Bauherrenmodell müßte in ein
Baufrauen- (oder Baudamen-) und -herrenmodell umgewan-
delt werden. Aus dem Arbeiter- und Bauern-Staat müßte ein
Arbeiterinnen-Bäuerinnen-Arbeiter-und Bauern-Staat wer-
den. Dem Volk der Dichter und Denker stünde eine ähnliche
Erweiterung bevor.
Zu uferlos: Aus der Brüderlichkeit müßte was werden?
Die »Richtlinien« schlagen allen Ernstes Menschlichkeit vor;
nur ist die schon etwas ganz anderes. (Wie wäre Geschwi-
sterlichkeit?) Das Vaterland würde zum Mutterland, das es

106
aber in anderem Sinn bereits gibt – oder neutral zum Eltern-
land. (Aus Paritätsgründen müßten die Männer dann aus
der Muttersprache so etwas wie Bezugspersonensprache ma-
chen.) Und warum sollte jene ausdrückliche »Sichtbarma-
chung« des Weiblichen auf die Menschen beschränkt blei-
ben? Bei einigen Haustieren gibt es glücklicherweise neutrale
Gattungsnamen (Pferd, Rind, Schwein, Schaf, Huhn). Aber
sonst stellen bald Weibchen, bald Männchen die Gattungs-
namen. Daß auch Kater Katzen sind, mag Feministinnen
nicht stören; aber daß auch Hündinnen von der deutschen
Sprache verurteilt werden, Hunde zu sein? Am Ende flatter-
ten Zitronenfalterinnen- und -falter über die Wiese, und auf
dem Büffet warteten Rollmöpsinnen und -möpse, von den
Gästinnen verspeist zu werden.
Zu sexistisch: Die generischen Bezeichnungen, obwohl
Maskulina, meinen Frauen tatsächlich immer mit. Wie
übergebührlich das weibliche Element hervorgehoben wür-
de, wenn die weiblichen Formen dazugesetzt werden, wird
klar, wenn man es für einige der weniger schmeichelhaf-
ten Gattungsbezeichnungen durchexerziert: Das Atelier ist
kein Platz für Stümperinnen und Stümper. Kühe und Bullen
schnitten der Demo den Weg ab. Faschistinnen und Faschi-
sten haben Bücher verbrannt. Drückebergerinnen und Drük-
keberger sind nicht erwünscht. In der Bar hocken Säuferinnen
und Säufer und trinken Jägerinnen- und Jägermeisterin und
-meister … Erst das wäre wirklich sexistisch.
Aus dieser besonderen Sprachreform wird also nichts wer-
den. Das ist kein männliches Dekret und noch nicht einmal

107
ein Wunsch, sondern eine Prognose. Die Frauen werden sich
darein schicken müssen, bei den generischen Substantiven
in vielen Fällen vom männlichen grammatischen Geschlecht
mitvertreten zu werden. Übrigens haben jene Ausnahmefäl-
le, in denen es umgekehrt ist, nie einen Mann gestört. Selbst
der größte Macho hat nichts dagegen, eine Person zu sein,
und wenn er als Geisel genommen oder als Null bezeichnet
wird, so ärgert ihn daran nicht deren Weiblichkeit. Noch in
Zeiten, die an der Überlegenheit des Mannes keinen Zweifel
aufkommen ließen, hat die lateinische Sprache einigen Be-
rufsbezeichnungen, dem Bauern (agricola) und dem Dich-
ter (poeta), das feminine grammatische Geschlecht gegeben.
Im heutigen Italienisch sind guida (Führer), guardia (Wär-
ter), spia (Spion) weiblichen Geschlechts, und es ist nicht
bekannt, daß sich irgendein Mann dadurch »vergewaltigt«
gefühlt hätte. Sprache ist konventionell, für Frauen wie für
Männer.
Es gab einmal eine Denktradition, die glaubte, auf dem
Weg über die Etymologie der Wörter irgendwie zu dem We-
sen der Dinge kommen zu können. In der Theologie ist sie
immer noch heimisch (wohl weil hier Gedankensurrogate
besonders gefragt sind): Ver-antwort-ung – das ist die Ant-
wort, die du Gott schuldest. Mit bedeutungsvollem Pathos
pflegte sie Bindestriche in die Wörter einzubauen. Be-grei-
fen: da sehe man doch, wie das Verstehen ein Zupacken sei.
Ver-zweifeln: daran erkenne man doch, daß die Verzweif-
lung »im Grunde« ein Überhandnehmen von Zweifeln sei.
Der Zwei-fel selber: was wäre er anderes als die Unfähigkeit,

108
sich zwischen den zwei Alternativen zu entscheiden, die er
etymologisch in sich trägt? Es ist natürlich nur ein wichtig-
tuerischer Aberglaube. Wohl werden viele neue Ausdrücke
figürlich gebildet, das heißt durch einen Vergleich. Als im
siebzehnten Jahrhundert ein Wort für den Begriff »vom
Leid gezeichnet« gesucht wurde, kam jemand auf sorgfältig,
nämlich »vor Sorge voller Falten«. Aber es war eben nur ein
Vergleich, wie viele andere möglich gewesen wären, er hatte
keine besonders innige Beziehung zu dem Wesen der Leid-
geprägtheit, verriet über diese also auch nichts besonders
Wahres, das späteren Exegeten erlaubte, über das Wort zum
Kern der Sache zu gelangen. Und im Laufe der Zeit verblaßte
der figürliche Sinn in der Regel; bei Sorgfalt verblaßte er nicht
nur, er verschwand so vollständig, daß sich die Bedeutung
von »leidgezeichnet« ganz woandershin, zu »genau, gewis-
senhaft« verschieben konnte. Das Wesen der Sorgfalt wird
in keiner Weise erhellt, wenn man das Wort etymologisch
auf die Sorgenfalte zurückführt. Wer es unternimmt, ver-
kennt völlig die Konventionalität von Sprache. Dem gleichen
Irrtum sitzen manche der feministischen Sprachreformvor-
schläge auf: Sie stoßen sich an ausgegrabenen »wahren« Be-
deutungen, die kein Mensch mehr wahrnimmt.
Dies soll nicht heißen, daß sämtliche Bestrebungen, se-
xistischen Sprachgebrauch zu ändern, von vornherein zum
Scheitern verurteilt sind. Je äußerlicher eine Änderung der
Sprache ist, desto leichter wird sie durchzusetzen sein; Ein-
griffe ins Innere der Sprache jedoch sind so gut wie aus-
sichtslos. Die äußerlichste Änderung ist der Austausch von

109
einzelnen Wörtern. Der Wandel von Putzfrau zu Raumpfle-
gerin hängt nur davon ab, ob ausreichend viele Menschen die
Gründe für eine solche Umbenennung einsehen und selber
das neue Wort gebrauchen. Oder die Damenmannschaft: sie
ist noch erkennbar sexistisch und wegen des manifesten Wi-
dersinns geradezu lächerlich; Frauschaft wäre kurios; aber
das Neudeutsche eröffnet eine neutrale Möglichkeit: Frau-
enteam.
Ein Wandel von das Mädchen zu die Mädchen aber ver-
stößt gegen die allgemeinere Regel, daß Diminutive Neutra
sind, und wird sich darum nicht durchsetzen lassen. Daß
dort, wo ausdrücklich von Frauen im Lehrberuf die Rede ist,
auch Lehrerin gesagt wird, verstößt gegen keinerlei allgemei-
nere Sprachregel; es läßt sich durchsetzen, ja setzt sich von
allein durch. Aber Bekanntmachungen an die Fahrgästinnen
und Fahrgäste wird man nicht zu lesen bekommen, erstens
weil das Wort Gästin bisher nicht existiert und neu erfun-
den werden müßte, zweitens weil die Aufzählung der weib-
lichen und der männlichen Form dort, wo das Geschlecht
nicht interessiert (weil sich die Bekanntmachung etwa an
alle die Verkehrsmittel benutzenden Menschen richtet, egal
ob groß oder klein, jung oder alt, krank oder gesund, weib-
lich oder männlich), gegen den unentrinnbaren Hang der
Sprache zum kürzeren, ökonomischeren Ausdruck verstößt,
der aus der Arbeitslosenunterstützung die Stütze macht und
dem selbst ein Wort wie Professor auf die Dauer zu lang ist,
so daß Prof daraus wird. Darum wird die Sprache jene Er-
weiterungen auch dort, wo durchaus Wörter zur Verfügung

110
stünden, nicht mitmachen. Chancen also haben am ehesten
jene Änderungen, mit denen jeder, dem ihr Sinn einleuch-
tet, heute noch beginnen könnte, ohne sich lächerlich zu
machen, ohne Gefahr zu laufen, als unhöflich zu gelten, und
ohne als langatmiger Pedant dazustehen.
In der englischen Schriftsprache breitet sich seit Anfang
der siebziger Jahre eine »emanzipierte« Alternative zu Mrs
(der herkömmlichen Abkürzung von Mistress, Frau) und
Miss (Fräulein) aus. Es ist die Abkürzung Ms. Ms steht für
beides, Mrs und Miss, und enthebt seine Benutzer der Mar-
kierung des Zivilstands. Gesprochen werden soll es mit wei-
chem s, »mis«, im Unterschied zur harten Miss (»miss«) – und
da stößt auch diese Neuerung an ihre Grenze. Schrift lich ist
Ms nur eine zweideutige Abkürzung und als solche ebenso
akzeptabel wie das doppeldeutige u. a., das ja für »unter an-
derem« und »und andere« stehen kann. Muß es aber ausge-
sprochen werden, so wäre ein neues Wort zu prägen, eben
die »mis«, die auch noch den Nachteil hat, sich nur wie eine
falsch ausgesprochene Miss anzuhören. Der Sprecher also
erregte Befremden, und dieses wird die Durchsetzung dieser
Neuerung schwer behindern.
In den Vereinigten Staaten gaben sich in den letzten Jah-
ren viele Zeitschriften, besonders in den Sozialwissenschaf-
ten, Richtlinien für die Vermeidung sexistischen Sprach-
gebrauchs. Sie hatten durchaus Wirkungen. Seitdem ist es
für keinen Autor mehr verständlich, child oder person oder
Student oder human being automatisch als Maskulina zu be-
handeln.

111
Der englische Artikel verrät kein Geschlecht. Aber sehr
oft muß der Sprecher oder Schreiber im Fortgang des Sat-
zes Farbe bekennen und sich entscheiden, ob er eine Frau
oder einen Mann im Sinn hat: the engineer … he oder she
came; the teacher … she oder he said. Die Linguistin Wendy
Martina fand heraus, daß bei jenen neutralen Personenbe-
zeichnungen, die sowohl als Frauen wie als Männer aufge-
faßt werden können, meistens die männliche Fortsetzung
gewählt wird – von Frauen zu 56 Prozent und von Männern
gar zu 74. Frauen wählen zu 8 Prozent Frauen, Männer nur
zu 2 Prozent. Der Rest hilft sich auf irgendeine andere Wei-
se aus der Bredouille. Martina stellte auch fest, warum man
den geschlechtsneutralen Personenbegriff einmal als Frau,
einmal als Mann versteht: Es hängt meist davon ab, ob man
beim Anhören oder Lesen des Satzes eine Frau oder einen
Mann vor Augen gehabt hat. Und das Bild eines Mannes
stellt sich wesentlich häufiger ein. Wenn Frauen allerdings
fortfahren, als handele es sich um einen Mann, so häufig
auch, ohne das Bild eines männlichen Wesens vor Augen ge-
habt zu haben, einfach aus Gewohnheit, wie sie sagen. Wenn
schon die geschlechtsneutralen englischen Personenbezeich-
nungen die Leute also vorwiegend an Männer denken lassen,
wie viel mehr noch werden es dann die durch den Artikel
und oft auch die Endung als grammatisch maskulin ausge-
wiesenen deutschen Personenbezeichnungen! Es ist darum
zwar richtig, daß die generischen Maskulina im Deutschen
Frauen wie Männer meinen. Es ist aber wohl leider ebenso
richtig, daß sie meist doch überwiegend an Männer denken

112
lassen. Den Frauen zu raten, sich mit dem Unvermeidlichen
abzufinden und sich vom männlichen grammatischen Ge-
schlecht mitvertreten zu lassen, fordert ihnen also wirklich
einen Verzicht ab – jenen Verzicht, den die feministischen
Linguistinnen um keinen Preis bringen mögen, den Verzicht
auf Sichtbarkeit.
Im Englischen ist die Abhilfe einfacher. Es müssen kei-
ne Substantive moviert werden, es müssen nur ganz nach
Wunsch weibliche oder männliche Pronomina für die Fort-
setzung des Satzes gewählt werden. Immer häufiger trifft
man darum seit einigen Jahren auf Sätze wie When the child
utters her first speech oder The reader opened her book. Das
ist eine mögliche Reform. Kein neues Wort muß geprägt,
kein grammatisches Geschlecht umgewandelt, kein Hang
zum knappen Ausdruck verletzt werden. Darum konnte die-
se Richtlinie Erfolg haben.
Nur das zu wollen, was eine Chance hat – solche Gelas-
senheit allerdings setzt eine Bereitschaft voraus, die mit der
Fortschrittlichkeit des Bewußtseins stark verkümmert ist:
die Bereitschaft, die eigene Geschichte anzunehmen und
auch weit abgelegenen Zeiten und Gegenden, in denen ganz
andere Werte galten, ein Minimum an Respekt nicht vorzu-
enthalten.
Die Sprachgeschichte konserviert vieles, was uns mißfie-
le, nähmen wir es wörtlich. Selbst erklärte Friedensfreunde
kämpfen gegen die Rüstung, greifen die Militaristen an, neh-
men sie unter Beschuß. Auch Atheisten finden es ein Kreuz,
weiß der Himmel, wenn ihnen Pharisäer die Leviten lesen.

113
Selbst eingeschworene Republikaner trinken edlen (nämlich
adeligen) Wein, erweisen sich als ritterliche Verkehrsteil-
nehmer und thronen gern als Könige über der Menge. Selbst
Feinde allen Aberglaubens drücken die Daumen oder wer-
den zu Geisterfahrern. Und sogar wer die Todesstrafe ver-
abscheut, köpft gelegentlich eine Flasche oder dreht seinem
Gegner einen Strick.
Die Sprache schleppt alles dies mit, und niemand stößt
sich daran, zu Recht, denn der Wortsinn ist bis zur Unkennt-
lichkeit verblaßt, und wenn die Sprache – sie wird es nicht
– tatsächlich von allen diesen Mißliebigkeiten gereinigt wer-
den könnte, bliebe nur ein Gerippe, gerechter vielleicht, aber
grotesk umständlich und ganz und gar ausdruckslos. Auch
die tief in die Sprache eingewirkten sexistischen Elemente
gehören zu dieser Geschichte, deren Kinder wir sind und ge-
gen die wir uns auf die Dauer nicht nur empören können
und von deren Zukunft wir sicher nur wissen, daß sie die
heutigen Wünsche und Werte einmal ebenso abwegig finden
wird.
DER JARGON
DER WAHREN EMPFINDUNG

Psycho-Deutsch
H ast du dich heute schon eingebracht? Nö? Dann hast du
also wieder mal abgeblockt? Du willst einfach keine Ge-
fühle zulassen. Du solltest endlich erfahren lernen. Du müßtest
die Dinge an dich heranlassen. Du müßtest dich öffnen. Du
müßtest Ängste abbauen. Du müßtest Gefühle in dir hochkom-
men lassen. Ganz spontan. Es darf in dir nicht alles zu sein. Du
mußt zu deinen Gefühlen stehen, zu deinen Ängsten, zu deinen
Verletzlichkeiten. Du mußt deine Wut zulassen und sie dann
auch vertreten. Du darfst auf keinen Fall abgehoben daherla-
bern; du mußt betroffen sein. Dann versuchst du, deine Ängste
und Bedürfnisse ein bißchen auszuphantasieren. Vielleicht
lernst du so umgehen mit deiner verlorenen Kindheit, kom-
men deine Energien ins Fließen, schaffst du es, auf die ande-
ren zuzugehen und deine Probleme in Erfahrungen aufzulösen.
Wenn du dabei einmal flippst, macht das nichts; die Gruppe
fängt dich auf. Wir nämlich gehen offen miteinander um.
Du, da kann ich irgendwie ganz viel mit anfangen, was du
da sagst. Das faßt mich an, du. Wo könnte ich denn wohl
mein verschüttetes Ich entdecken?
Das alles bringt dir – irgendwie – unsre Gruppentherapie.
Für siebzig D-Mark in der Stunde wirst du der Neunte in der
Runde. Du bringst dich ein, paßt auf dich auf und bist bald
unheimlich gut drauf.

117
Aber Spott ist billig. Die Rituale der Gruppen-»Dynamik«,
denen sich ein nicht geringer Teil der Zeitgenossen mittler-
weile unterzieht, mögen manchmal auf naiven oder faulen
Theorien beruhen, sie mögen auch nicht eben häufig halten,
was sie versprechen oder was sich ihre Teilnehmer von ihnen
versprechen – die Unruhe, die Zweifel, die Hilflosigkeit, das
Unglück, die ihnen die Klienten zutreiben, sind zumeist echt
oder authentisch, um mit dem Jargon zu reden, und sollten
verschont bleiben vom besserwisserischen Hohn derjenigen,
die sich wohlfühlen.
Auch das Sprachgebaren, das mit ihnen verbunden ist
und seit längerem einen der Hauptzuflüsse zur Sprache der
Scene bildet (die in Teilen die Hochsprache von morgen ist),
ist nicht durchweg lächerlich und stiftet zum überlegenen
Grinsen nur darum an, weil alle Sprachneuerungen zunächst
Befremden und Spott auslösen. Schließlich sind sich öffnen
für jemanden, etwas an sich heranlassen, auf einen andern
zugehen, abblocken oder abschotten gänzlich unanstößige,
schon auf Anhieb verständliche, unverkrampfte, unpräten-
tiöse Wörter für Vorgänge, die es tatsächlich gibt und die
einen Namen brauchen und für die andere oder gar bessere
nicht bereitstehen. Wenn sie sich auch im Alltag durchset-
zen, dann aus Gründen, und sogar ganz guten.
Aber es ist eine Sache, einzelne Wörter und Wendungen
als sinnvolle und zweckmäßige Neuerwerbungen willkom-
men zu heißen. Eine ganz andere Sache ist der Psycho-Jargon
als ganzes. Ein Jargon hat eine gewisse Starrheit und Scha-
blonenhaftigkeit. Wer Jargon spricht, muß bestimmte Dinge

118
und Vorgänge mit dem Jargonwort benennen; er begibt sich
der Freiheit, den treffendsten Ausdruck aus der Gesamtheit
der zur Verfügung stehenden sprachlichen Mittel zu wählen
oder ihn selber neu zu prägen. Er begnügt sich mit den Vor-
entscheidungen und Werturteilen, die der Jargon getroffen
hat. Der Jargon klischiert das sprachliche Denken. Und be-
sonders unangemessen und peinlich muß ein Jargon wirken,
dessen Ziel es gerade ist, das Unklischierbarste überhaupt
auszudrücken: die Einmaligkeit und Unverwechselbarkeit
intimer Seelenzustände und -Vorgänge. Psycho-Jargon: das
erscheint geradezu als ein Widerspruch in sich selbst. Es
klingt wie »Ausverkauf des Unveräußerlichen«.
Die Rede ist von der Sprache der Neuen Empfindsamkeit,
die sich zu einem erheblichen Teil aus jener Sprache speist,
die sich in den Psychotherapien herausgebildet hat, um Per-
sönlichstes und Privatestes zu einem Gesprächsgegenstand
zu machen.
Der Empfindungsmensch, der diese Sprache spricht, ist
ein bedingungsloser Anhänger der Meinung, daß sich die
Menschheit am besten in psychologischen Kategorien be-
schreiben lasse. Er psychologisiert alles: Moral, Politik, Ver-
brechen, Krankheit. Ein Mann hat seine Frau verlassen? Er
kommt nicht los von seinen frühkindlichen Bindungspro-
blemen. Ein Politiker tritt für eine höhere Besteuerung der
Wohlhabenden ein? Ihn plagt der pure Neid. Ein Schüler
benimmt sich unleidlich flegelhaft? Er sucht in Wahrheit
Zuwendung. Eine Hausfrau hat Asthma? Sie fühlt sich in
ihrer Ehe frustriert. Ein Mann hat seinen Chef erschossen?

119
Er wollte nur seinem übermächtigen Vater beweisen, daß er
ein Mann ist. Nichts gegen psychologische Erklärungen; sie
können richtig und wertvoll sein. Es verdient nur festgehal-
ten zu werden, daß sie in anderen Epochen, anderen Kultu-
ren keine Rolle spielten; und daß trotz aller Wertschätzung,
die sie heute genießen, ein großer Teil von ihnen auf sehr
schwachen Füßen steht. Diese Psychologisierung verhakt
sich mit der Überzeugung, daß die Psyche bodenlos sei: So
sehr man sich auch anstrenge, man komme ihr nie auf den
Grund. Alles leidenschaft liche Psychologisieren scheint nie
eine auch nur halbwegs vertrauenswürdige – und verbindli-
che – Erkenntnis zu zeitigen.
Die zweite Säule, auf der das Weltbild des Empfindungs-
menschen beruht, ist das Gebot: Sei echt, authentisch, spon-
tan – und laß es niemandem durchgehen, daß er sich ver-
steckt, eine Maske aufsetzt, nur eine Fassade vorweist.
Carl Rogers, der Erfinder der »klientenzentrierten« (Grup-
pen-)Gesprächstherapie, formulierte es so: »Höfliche Worte,
intellektuelles Verständnis für den anderen, die abgegriffene
Münze des Takts und der Tarnung sind einfach nicht gut ge-
nug … Manchmal sacht, manchmal fast wütend fordert die
Gruppe vom einzelnen, daß er er selber sei, daß er seine au-
genblicklichen Gefühle nicht verberge, daß er die Maske des
normalen geselligen Umgangs abnehme.« Aber wann bin ich
ganz echt, und wann bist du es? Das Echtheitsgebot verhakt
sich mit einem quälenden Mißtrauen. Das macht unersätt-
lich. Man braucht Beweise über Beweise und ist doch nie zu-
frieden.

120
Schließlich geht mit der Psychologisierung auch ein ge-
nereller Krankheitsverdacht einher. Wie es dazu kommt,
beschreibt der amerikanische Psychologe Bernie Zilbergeld
in seinem Buch »The Shrinking of America«, der ätzenden
Analyse einer psychotherapiesüchtigen Gesellschaft: »Jürgen
Ruesch und Gregory Bateson haben gezeigt, wie Therapeuten
zu ihrem Verständnis von Gesundheit kommen. ›Da sich die
Aufmerksamkeit des Psychiaters auf abweichendes Verhal-
ten konzentriert und er in seiner Ausbildung nichts über die
normale Psyche erfahren hat, neigt er zur Konstruktion einer
hypothetischen Norm, indem er Durchschnittswerte des ge-
nauen Gegenteils von dem bildet, was er bei seinen Patienten
zu sehen bekommt.‹ Gesundheit wird als die Abwesenheit
von Konflikten, Reibereien, Frustrationen, Unsicherheitsge-
fühlen, Angst und Schuld definiert. Da nach diesem Maß-
stab niemand ganz gesund ist, gelangen Psychotherapeuten
zu dem Schluß, daß alle Leute an seelischen Krankheiten lei-
den und Therapie oder mehr Therapie benötigen.«
Alles läßt sich am besten psychologisch erklären und be-
urteilen, alle sind seelisch irgendwie krank, verkorkst und
könnten Therapien zumindest gut gebrauchen, und am ge-
sundesten ist, wer seine spontanen Gefühle für das Wichtig-
ste auf der Welt hält, sie offen zeigt und auch die der anderen
möglichst unverfälscht sehen will, dies ist die Grundideolo-
gie des Empfindungsmenschen.
Völlig konsequent hält derjenige, der den neuen Psycho-
Jargon spricht, seine Seele für pflegebedürftig. Er bezeichnet
sich selber wahrscheinlich als kaputt, vielmehr als ganz schön

121
kaputt – was alles heißen kann: daß er an einer schweren
Gemütskrankheit leidet, aber auch, daß er momentan leicht
verstimmt ist, weil nicht alles ganz so geht wie erhofft. Er ist
ein unbedingter Partisan der Gefühle. Sie sind in seinen Au-
gen das Gegenteil dessen, was er nicht so mag: den Verstand,
den er für kalt hält.
Mit dem Wort Gefühle selbst meint er jedoch meist
nur deren eines: Liebe. Wenn Ireen Sheer Ich hab Gefühle
schmettert, will sie damit nicht sagen, sie sei im allgemeinen
ein gefühlvoller Mensch oder verspüre gerade Hunger oder
Wut, sondern einzig: Ich bin verknallt. Gefühle zulassen
heißt denn meist auch nur: sich gegen eine neue Verliebtheit
nicht wehren. In die Liebschaft selbst werden dann Gefüh-
le investiert – eine besonders widerwärtige Wendung, denn
mit ihr schielt der Liebende auf die Rendite. Er sagt nicht:
Ich will etwas von dir. Soviel Ehrlichkeit bringt er nicht auf.
Er sagt: Ich habe dir das Kostbarste gewidmet, was ich besit-
ze, meine Gefühle, und dafür will ich jetzt die Kohle sehen
– lieb du mich gefälligst auch. Die Wendung hängt einem
der ältesten Irrtümer der Welt an: Sie hält die Liebe zu einem
anderen für ein Geschenk an diesen und nicht für das, was
sie zunächst einmal ist, einen Anspruch.
Ist eine Frau verliebt, und will der Mann nicht, so lautet
dafür heute die Standardformel: Er hat Angst vor seinen Ge-
fühlen; oder: Er hat verlernt, Gefühle zuzulassen. Eine rüh-
rende Illusion, die das Ende einer Liebesgeschichte offenbar
leichter verschmerzbar macht, denn sie behauptet ja: Er liebt
mich, obwohl er geht, er liebt mich sogar so stark, daß er es

122
mit der Angst vor seiner eigenen Leidenschaft bekommen
hat.
Wer Gefühle zulassen will, denkt dabei jedenfalls selten an
negative Gefühle wie Wut, Neid, Eifersucht, Angst. Aus dem
Spektrum der Gefühle meint das Wort meist nur einen klei-
nen Ausschnitt. Diesen Gefühlen stehen die Emotionen ge-
genüber. Eine Emotion, eigentlich das gleiche wie ein Gefühl,
ist in diesem Sprachgebrauch etwa »Ärger plus Unlogik«. Er
sieht das alles sehr emotional heißt nichts anderes als: Er är-
gert sich und kann vermutlich darum nicht mehr geradeaus
denken. Es sagt jedenfalls nicht das geringste über Intensität
und Qualität seiner Gefühle. Eine dritte Vokabel heißt eigent-
lich auch nichts anderes als Gefühl, wird aber meist ebenfalls
nur in besonderem Sinn verwendet: das neudeutsche Feeling.
Ein Feeling ist mehr eine allgemeine Befindlichkeit mit der
Markierung »angenehm, modern«. Beim Zahnarzt hat man
kein Feeling; aber der dreifache Looping einer Achterbahn
oder die Zehntausendwattanlage einer Disko bringen ein ir-
res Feeling. Die Wörter Gefühl und Emotion und Feeling be-
deuten in ihrem alltäglichen Gebrauch also meist gar nicht,
was sie zu bedeuten scheinen; sie nehmen eine parteiische
Einengung vor. Wer das spürt und vermeiden will, muß auf
das Wort Empfindung ausweichen (wie Peter Handke mit
dem Titel »Die Stunde der wahren Empfindung«) oder, wenn
ein wissenschaft licherer Klang erwünscht ist, auf Affekt (bei
dein aber immer der Affekttäter hindurchschimmert). Emp-
findungen sind im Jargon die lieben Gefühle wie die bösen
Emotionen und die tierischen Feelings.

123
Der Empfindungsmensch nennt sein Leben gern ein Über-
leben. Um anzudeuten, daß er in freudlosestem Mangel und
unentwegter Todesnähe dahinvegetiert, so daß es ihm jeden
Morgen als ein neues Wunder erscheint, noch einmal wach-
zuwerden, korrigiert er sanft und bitter den nach Jahren wie-
dergetroffenen Freund, der sich erkundigt, wie er denn heute
lebe (und der bei der Frage im Sinne hatte, ob er noch mit
Brigitte zusammen ist und die schöne Altbauwohnung noch
sein eigen nennt): Man überlebt.
Der Empfindungsmensch ist einer, der will, daß die Sa-
chen nicht übern Kopf, sondern im oder übern Bauch »lau-
fen«. Das heißt nicht etwa, daß er gerne äße. Es weist viel-
mehr einer uralten und schlichten Dichotomie, Verstand
gegen Gefühl, zwei Körperteile zu und ergreift Partei für den
angeblichen Körperteil der Gefühle, gegen die Verhirnung.
Der Bauch ist das pseudo-proletarische Nachfolgeorgan des
Herzens. Wer alles richtig übern Bauch gehen läßt, ist, wie
es sich für den Empfindungsmenschen gehört, verletzlich,
verwundbar, schutzlos, empfindlich. In der Sphäre der Emp-
findungsmenschen haben diese Attribute einen ausnehmend
guten Klang und werden nicht etwa mit Bedauern, sondern
mit Stolz gebraucht. Sie bedeuten ungefähr das, was früher
das Wort sensibel ausdrücken mußte.
Dieser verwundbare Bauch-Mensch will sinnlich sein. Es
hat dieses Wort innerhalb weniger Jahre einen erstaunlichen
Bedeutungswandel durchgemacht. Sinnlich, das war soviel
wie »geil«, »lüstern«, »unmäßig sexualisiert«, mit durchaus
negativer Konnotation. Heute ist seine genaue Bedeutung

124
schwer auszumachen (»anschaulich«? »offen für Wahrneh-
mungen und Erlebnisse«? »nicht an vorgefaßten Theorien
orientiert«?), aber auf jeden Fall ist sie entschieden positiv.
Meist kommen Worte, die mit Sexuellem zu tun haben, auf
den Hund: Aus der Dirn im Sinne von »Mädchen« wurde die
Dirne im Sinne von »Nutte«. Sinnlich hat binnen kürzestem
umgekehrt den Aufstieg geschafft.
Sinnlich will er sein, und kreativ. Vor zwanzig Jahren war
das noch ein Fachwort der angelsächsischen Psychologie,
das die Fähigkeit zu originellen, neuartigen intellektuellen
Leistungen bezeichnen sollte – das abweichende, das »diver-
gente« Denken. Heute findet sich schon kreativ, wer auch nur
einen Pullover strickt oder sich aufrafft, den Null-Bock-Zu-
stand zu überwinden und überhaupt irgend etwas zu tun.
Der Empfindungsmensch sagt und singt mit Bettina
Wegner »Traurig bin ich sowieso«. Es ist ein recht dreister
Vers, nicht nur, weil er seine Autorin als eine unkorrigier-
bare Schmerzensfrau hinstellt, an deren Tröstung die ganze
Welt zuschanden werden muß, sondern auch, weil in ihm
geradezu ein Triumph über die behauptete Depression mit-
schwingt. Er könnte auch mit Konstantin Wecker sagen
und singen: »Ich bleibe weiterhin verwundbar.« Das heißt
nur: Ich war mächtig sensibel und bin es immer noch, aber
wie anders hört es sich an – tief peinlich, wenn man’s genau
nimmt. Denn da drückt einer gravitätisch die schiere Selbst-
verständlichkeit aus (niemand hätte je angenommen, Wek-
ker sei ein moderner Siegfried und unverwundbar), prahlt
einer wichtigtuerisch mit einer bloß passiven Eigenschaft

125
(der Verwundbarkeit), hängt jemand eine private Konfession
an die Litfaßsäule.
Das Schlüsselwort des Empfindungsmenschen heißt Be-
troffenheit.
Niemand hätte diesem eher unscheinbaren Wort ange-
sehen, welche Karriere es machen würde. Früher bedeutete
es nur »unangenehm überrascht«; zudem schwang in ihm
die Kanzleibedeutung »betreffen« mit (betroffen von dieser
Maßnahme sind …) und die unfreiwillige Nähe zu »trie-
fen« (betroffen gleich bedripst). Heute ist es eine Art Paß-
wort, das jeder gebrauchen muß, der für einen anständigen
Menschen gehalten werden will, und das mittlerweile schon
Parlamentsdebatten zu Wettbewerben der Betroffenheit ge-
macht hat. Ich bin betroffen, das Wort Rentenbetrug gerade
ans Ihrem Mund zu hören. Auch ich bin betroffen, daß der
Atomkrieg das Ende der Menschheit bedeuten könnte. Meine
Betroffenheit angesichts dieser Vorfälle ist nicht geringer als
Ihre, Herr Kollege. Dann kommt jeweils das große Aber.
Das Gegenteil von Betroffenheit ist die Abgehobenheit oder
das aufgesetzte Interesse. Beider Sinn ist zwar recht dunkel.
Aber wer als fühlender Mensch anerkannt sein möchte, muß
den Eindruck vermeiden, er blocke ab oder zeige ein nur
aufgesetztes Interesse, und er tut es am billigsten, indem er
bei jeder Gelegenheit seine Betroffenheit beteuert. Bei infor-
melleren Gelegenheiten kann er natürlich statt dessen auch
sagen: das haut mich echt um oder das faßt mich ganz stark
an. Die Formel, die das Nonplusultra wäre, ist bisher noch
nicht vertont worden: Echt betroffen bin ich sowieso auch

126
weiterhin. »Das Syndrom von Weinerlichkeit und simulta-
ner Aufgescheuchtheit, das sich seit etwa 1980 am zähesten
in ex-linken neodeutschen Ramschvokabeln wie Wut und
Trauer, verwundbar und eben betroffen bekundet – dieser
besinnungslos permanente Nachweis von höherer & edlerer
Art: All dies denunziert das Engagement selber, welchem
sich die derart Hochsensiblen verschrieben haben« (Eckhard
Henscheid).
Der Empfindungsmensch ist aus auf Selbstverwirklichung.
Eine suspekte Vokabel ist auch dies. Schlimmstenfalls ver-
steckt sich hinter ihr die Ideologie, daß jeder erst dann ein
wahrer Mensch wäre, wenn er irgendwann einmal all das
gewesen ist, was er je sein könnte – Nordpolforscher, Ketten-
raucher, Casanova, Trappistenmönch, Steuerbetrüger; also
die Ideologie: Sei alles! Auf sie wartet eine nachhaltige Ent-
täuschung – nämlich die Entdeckung, daß man in all den
ausgefallenen Situationen, in die man sich kunstvoll manö-
vriert, dann doch immer mehr oder weniger derselbe bleibt.
Aber auch wo diese Selbstverwirklichungsillusion nicht be-
steht, hat der Begriff doch oft immer noch etwas Irreführen-
des: Er gibt seine Relativität nicht zu erkennen. Denn Selbst-
verwirklichung an sich gibt es nicht, wie es auch Freiheit an
sich nicht gibt, sondern nur bestimmte Freiheiten von etwas:
Hunger oder Verfolgung oder sexuellen Verboten oder elter-
lichen Bevormundungen. Wer auszieht, die Freiheit an sich
zu suchen, kommt nie ans Ziel. Die Aufwiegelung zur Frei-
heit, die nicht sagt, welche Freiheit gemeint ist, ist ein leicht-
fertiges und tief aussichtsloses Unternehmen. Verwirklichen

127
läßt sich nur ein Selbst, das bereits erkennbar vorhanden ist.
Wer polygame Wünsche hat und sich aus seinem monoga-
men Leben verabschiedet, betreibt tatsächlich Selbstverwirk-
lichung; der Nachtmensch, der die Umstände abschafft, die
ihn nötigten, früh morgens ganz wach zu sein, desgleichen.
Selbstverwirklichung setzt voraus, daß da etwas vorliegt, was
bisher nicht zum Zuge kam. Mit Vorliebe aber führen gerade
jene Empfindungsmenschen das Wort Selbstverwirklichung
im Munde, die nichts Bestimmtes wollen, die gar nicht wis-
sen, daß man etwas wollen kann. Dann ist Selbstverwirkli-
chung nur ein großmäuliges und schönendes Wort für ein
zielloses Herumexperimentieren oder die Rechtfertigung
stinknormaler Selbstsucht. Die Überzeugung, daß es dar-
auf ankäme, alle schlummernden Möglichkeiten zu wecken,
kommt vor allem aus der Gestalt-Therapie: Frage nicht, füh-
le und tu! Blocke nicht, sei bewußt! Werde alles, was du sein
könntest! Verwirkliche dich! Es ist Therapie als Ideologie.
Ein Dokument, aus dem einem der Psycho-Jargon, und
nicht nur der, in Reinform entgegenquillt, ist Svende Meri-
ans »Roman« »Der Tod des Märchenprinzen«. Er handelt
von einer Studentin namens Svende Merian, die mächtig
verknallt ist in einen jungen Mann (Ton auf »jung«), der
aber nicht so recht will, woraus sich die üblichen Seelenqua-
len ergeben, nur daß siehier unter dem Gesichtswinkel der
Frauenbewegung gesichtet und meist kunstvoll hart an der
Wahrheit vorbei verstanden werden. Die Autorin, bei der
Niederschrift jedenfalls noch keine Freundin der Literatur,
ist in einer Hinsicht virtuos: Mit absoluter Sicherheit fängt

128
sie auf, was an Ideen, Wörtern und Wendungen in progres-
siven Kreisen um 1980 im Schwang war, und besinnungs-
los gibt sie es wieder. Wer je wissen will, was »man« – die
fortschrittliche Intelligenz – in dieser Zeit gedacht hat und
wie man es gedacht hat, hat in diesem Buch ein erstklassiges
Quellenwerk. Es demonstriert auch, daß die Psycho-Sprache
keineswegs feinfühlig, »sensibel« sein muß, sondern sehr
grob sein kann.
Alles findet sich da, und nur selten einmal wird es von
einem eigenen Satz unterbrochen: »Spüre, daß er sich ein-
fach nicht mehr traut, mich zu berühren … Er, der harte
Mann. Der selbstsichere Arne, hinter dem sich ein anderer
Arne versteckt. Ein empfindlicher und verletzlicher Mensch.
Verwundbar und schutzlos, wenn die Fassade nicht wäre
… Arne braucht eigentlich eine Therapie … Mir ist klar,
daß ein Partner kein Therapeut sein kann. Ich kann keinen
Menschen therapieren, von dem ich eigentlich geliebt wer-
den möchte. Ich würde viel zu stark dazu tendieren, das aus
ihm heraus-zuinterpretieren, was ich gerne hören möchte,
als das, was wirklich da ist … Aber es kann doch sein, daß
der Dussel einfach nur noch nicht begreift, wieviel Gutes ich
ihm tun will. Wenn er das endlich begreifen würde, wäre ich
trotz aller Einseitigkeit dazu bereit, mich mit seinen Proble-
men auseinanderzusetzen. Rein gefühlsmäßig wäre ich dazu
bereit. Würde ihm Wärme und Geborgenheit geben wollen
… Würde mich emotional ausbeuten lassen: die Jahrtausen-
de alte Rolle der Frau.«
Zu der Art, wie sich der moderne Empfindungsmensch

129
über seine Seele verständigt, hat natürlich auch die Psycho-
analyse einen Beitrag geleistet. Die markanteste Vokabel, die
sie dem Jargon und sogar der Gemeinsprache übereignet hat,
ist Komplex. Zu definieren, was ein Komplex ist, fiele selbst
einem Priester des Ordens der Psychoanalytiker schwer. La-
planche und Pontalis definieren ihn in ihrem Wörterbuch
der Psychoanalyse so: »Organisierte Gesamtheit von teilwei-
se oder ganz unbewußten, stark an affektbesetzten Vorstel-
lungen und Erinnerungen.« Sie betonen auch, daß das Wort
mehr von Jung als von Freud popularisiert wurde, ja, daß
Freud sich früh von ihm distanzierte, da es »so viel miß-
bräuchliche Verwendung zum Schaden schärferer Begriffs-
bildungen gefunden« habe. Tatsächlich ist sein erklärender
Wert gleich Null und selbst sein beschreibender Wert außer-
ordentlich gering: Es bezeichnet vage irgendwelche irgend-
wie zusammenhängenden »Gefühle« oder »Vorstellungen«,
die indessen »unbewußt« sind, so daß ihre Inhaber nicht
von ihnen wissen. Es ist eines jener Wörter, die psycholo-
gisch klingen, bedeutet aber nicht viel mehr als »Knoten in
der Seele« und ist so schlau wie das Wort vom »Kloß in der
Kehle«.
Bleibende Verheerungen im abendländischen Denken
hat der psychoanalytische Gebrauch des Wortes unbewußt
angerichtet. Die Psychoanalyse hat zwar nicht entdeckt, daß
es unbewußte psychische Vorgänge gibt – das war lange vor
ihr bekannt; als erster hat Leibniz es festgestellt. Aber sie hat
diese Tatsache popularisiert wie keine andere Denkschule,
leider aber in einer außerordentlich einseitigen, irreführen-

130
den und vermutlich zum Teil rundheraus falschen Interpre-
tation.
Was als unbewußt gelten soll, hängt natürlich ganz davon
ab, wie man das Bewußtsein definiert – und es gibt unter
allen Begriffen kaum einen härteren Brocken. In Erman-
gelung einer allgemein verbindlichen Definition darf jeder
darunter verstehen, was er will. Klar muß nur soviel sein:
Wer Bewußtsein sehr weit definiert, als die »Gesamtheit aller
psychischen oder geistigen oder zentralnervösen Vorgän-
ge«, begibt sich jeder Möglichkeit, bewußte von unbewußten
Vorgängen zu unterscheiden – alle gehören sie für ihn zum
Bewußtsein. Wer es andererseits sehr eng definiert, nämlich
als »sprachliches Denken« oder als »Eigenbewußtsein« (wis-
sen, daß man selber weiß; denken, daß man denkt; wahr-
nehmen, daß man wahrnimmt) – Sir John Eccles’ »sich sei-
ner selbst bewußte Geist« spricht nicht nur allen Tieren (die
keine Sprache und auch kein Bewußtsein von sich selber als
wissendes Wesen haben), sondern auch einem Großteil der
Menschheit das Bewußtsein ab – Kindern, Debilen, Aphasi-
kern und jener Mehrheit, die nie denkt, daß sie denkt. Dar-
um empfiehlt sich ein mittlerer Weg, der eher im Einklang
ist mit unserer Intuition. Dann ist das Bewußtsein jene – im
übrigen höchst geheimnisvolle – Eigenschaft des Zentral-
nervensystems, einige wenige seiner Prozesse sozusagen zu-
sammengefaßt zu spiegeln und dieses Spiegelbild subjektiv
zu erleben.
Ich sehe aus dem Fenster; das Bild – zwei vierstöckige
Mietshäuser, Bäume, in der Ferne ein Wasserlauf – ist mir

131
in diesem Augenblick bewußt und ebenso, wenn ich die Au-
gen schließe und es mir vorstelle. Künft ig werde ich es ohne
weiteres wiedererkennen; es in allen seinen Einzelheiten aus
meinem Gedächtnis zu rekonstruieren, wird mir sehr viel
schwerer fallen, denn im Unterschied zum Wiedererken-
nungsgedächtnis setzte das Reproduktionsgedächtnis eine
sehr viel intensivere Bearbeitung des Eindrucks voraus.
Aber wenn mir auch der Anblick vollständig bewußt ist,
so kann ich ihm doch einen noch höheren Grad von Be-
wußtheit verleihen, indem ich nämlich meine Aufmerksam-
keit wie einen Suchscheinwerfer auf verschiedene Partien
des bewußten Bildes richte: auf diese Fassade, dieses Grau,
diese Stuckornamente, diese Flecken abgefallenen Putzes …
Dieses durch unsere spezielle Aufmerksamkeit sozusagen
anerkannte, »bemerkte« Bewußte ist es, was wir meinen,
wenn wir sagen: Wir sind dieses oder jenes Faktums gewahr
oder bewußt. Eine dritte Stufe der Bewußtheit ist erreicht,
wo wir das bemerkte Bewußte aktiv umsetzen in eine mit-
teilbare Form – in Worte, in ein Bild, in Musik. (Nur das be-
merkte Bewußte leiht sich zu solchen Übersetzungen.) Und
noch weiter schließlich läßt sich das bemerkte Bewußte ver-
tiefen, indem wir uns Wissen darüber verschaffen – wer das
Haus gebaut hat, wer darin wohnt, daß die Bäume Akazien
sind, was Akazien kennzeichnet – , indem wir also unsere
Aufmerksamkeit auf weitere Einzelheiten und Hintergrün-
de richten.
Daraus folgt zweierlei, und die psychologisierende Mensch-
heit hört beides nicht so gern, die meint, alles Gute habe sich

132
spontan, also von allein einzustellen. Erstens: Bewußtes kann
durch Anstrengung – durch die Aneignung von Kenntnissen
und durch Umsetzungen – bewußter gemacht werden. Zwei-
tens: Sätze wie der, daß Ödipus seinen Vater Laios unbewußt
getötet habe, sind unsinnig. Den streitsüchtigen Fremden
auf der Straße nach Theben hat er in völliger Bewußtheit er-
schlagen. Er wußte nur nicht, daß es sein Vater war. Was man
nicht weiß, kann man nicht gut unbewußt nennen. Unbewußt
kann vernünftigerweise nur das heißen, was zwar im Geist
präsent, aber nicht verfügbar ist. Tiefenpsychologen könnten
höchstens argumentieren, Ödipus habe irgendwie geahnt,
daß der Fremde sein Vater ist, und ihn eben darum umge-
bracht – unbewußte Mordwünsche hätten ihn geleitet. Da-
von freilich steht in der Geschichte nichts, und es wäre auch
sehr unwahrscheinlich - aber Tiefenpsychologen exzellieren
in der Kunst, den Menschen Motive unterzuschieben, von de-
nen diese nicht das mindeste wissen und deren Existenz über
Beweise und Widerlegungen so erhaben ist wie die des Unge-
heuers von Loch Ness, das ebenfalls ein sensationelles, aber
eben leider unsichtbares Leben im Unterwäßrigen führt.
In den Sozialwissenschaften und der politischen Rhetorik
bedeutet Bewußtsein etwas ganz anderes – nämlich so etwas
wie die »Gesamtheit der expliziten und impliziten Überzeu-
gungen eines Menschen«, wenn nicht gar »positive Einstel-
lung zur federführenden Ideologie«. Klassenbewußtsein be-
sitzen heißt nicht etwa, seines Arbeiter- oder Unternehmer-
status gewahr zu sein; es heißt, ihn in Übereinstimmung mit
der marxistischen Theorie zu interpretieren. Wer behaup-

133
tet, sich bewußt zu ernähren, will damit keineswegs sagen,
er dächte beim Essen immer ans Essen, andere aber nicht;
er will nur andeuten, daß ihm bestimmte Meinungen über
richtige Ernährung zu eigen sind. Von diesem Bewußtsein
ist hier nicht die Rede. Hier geht es um das Bewußtsein, das
eines Tages wieder ein Gegenstand der Psychologie werden
muß, das, was man verlieren kann und zu dem man nach
einer Bewußtlosigkeit wieder erwacht.
Dies Bewußtsein – es ist eine Art Monitor des Zentralner-
vensystems, ein Bildschirm, auf dem dieses sich einige seiner
Tätigkeiten selber vorführt, sicher um sie besser integrieren,
bewerten, kontrollieren und steuern zu können. Seine Ka-
pazität ist nur gering, verglichen mit der Menge dessen, was
das Gehirn ständig zu verarbeiten hat: ein schmaler Kanal.
Der größte Teil unserer Wahrnehmungs- , Kombinations-
und Erinnerungsarbeit ist dazu verurteilt, außerhalb des Be-
wußtseins stattzufinden, für dieses so unerreichbar wie die
Arbeit der Nieren. Diese ganze Vorarbeit, die das Gehirn sei-
nem Monitor namens Bewußtsein leistet, bleibt unbewußt.
Nur was im Monitor Bewußtsein erscheint, ist in Sprache
umsetzbar, und in der Ermöglichung solcher globalen Be-
gutachtungs- und Umsetzungsaufgaben könnte sein Sinn
und Zweck vor allem bestehen.
Unbewußt ist der gesamte gewaltige Inhalt des Gedächt-
nisspeichers bis auf jene wenigen Erinnerungspassagen, die
im Augenblick gerade ins Bewußtsein eingespielt oder auto-
matisch herangezogen werden, um irgendeinen Eindruck zu
klassifizieren.

134
Unbewußt bleibt der Fluß der Sinneseindrücke von den
Organen, die sie auffangen, durch die Nervenbahnen ins
Gehirn und ihre dortige Filterung, Sortierung, Bearbeitung
und Aufbereitung – das fertige Bild, das wir vor unserem gei-
stigen Auge sehen, gelangt ja nicht schon fertig in uns hinein
wie das Bild in eine Kamera, sondern wird erst vom Gehirn
aus dem Strom elektrochemischer Signale zusammenge-
setzt, so wie der Fernsehapparat aus elektromagnetischen
Signalen konstruiert, was ganz am Ende der Bearbeitung als
Bild auf dem Sichtschirm erscheint.
Unbewußt werden alle Tätigkeiten erledigt, die durch Ler-
nen automatisiert wurden; das Lernen besteht ja überhaupt
im wesentlichen darin, Handlungsfolgen so »einzuschlei-
fen«, daß sie fortan den schmalen Bewußtseinskanal nicht
mehr belasten. Wer Fahrradfahren, Klavierspielen oder Ma-
schineschreiben lernt, übt sich vor allem in der Unbewußt-
machung dieser Tätigkeiten. Selbst die fixesten Schreibma-
schinenschreiber, ja gerade sie sind meist völlig außerstande,
die Tastatur etwa aus dem Gedächtnis aufzuzeichnen -wenn
sie ungefähr angeben können, wo sich welcher Buchstabe be-
findet, dann weil sie merken, wo ihnen welcher Muskel zuckt.
Wer sich bewußt macht, wie er diese automatisierten Tätig-
keiten verrichtet, dem ergeht es wie dem Tausendfüßler, der
gefragt wird, in welcher Reihenfolge er seine Beine bewegt,
und der daraufhin nicht mehr von der Stelle kommt.
Unbewußt bleibt, wie Gefühle und Vorstellungen und
auch Bedürfnisse entstehen – dem Bewußtsein werden im-
mer nur die Ergebnisse übermittelt, und es denkt sich dann

135
sein Teil, zutreffend oder auch nicht. Wir sind uns etwa be-
wußt, daß wir jemanden unsympathisch finden, aber warum
wir ihn unsympathisch finden, wissen wir in der Regel nicht
und können wir nur raten.
Sprechen und sprachliches Denken gehören zu den be-
wußtesten Geistestätigkeiten überhaupt: Aber wir merken
nichts davon, wie wir semantische Repräsentationen – also
Bedeutungsvorstellungen – nach hochkomplizierten Regeln
zu Sätzen zerlegen und diese zum Sprechen oder Schreiben
in Muskelprogramme verwandeln, es erfolgt automatisch,
unbewußt.
Selbst was als die Glanzleistung des Bewußtseins gilt, das
gesteuerte rationale Nachdenken, verläuft zu großen Teilen
unbewußt. Jeder weiß es, und bedeutende Wissenschaft ler
wie Kekulé oder Poincaré haben es bezeugt, daß einem lang-
gesuchte Lösungen oft im Traum oder während ganz ande-
rer Beschäftigungen einfallen -das Gehirn hat also weiter-
gedacht, unbewußt weitergedacht, während das Bewußtsein
anderweitig beschäftigt war.
Denken, so könnte man nur wenig überspitzt sagen, ist:
seinem Gehirn Probleme in Auftrag geben, auf die Einfälle
achten, die ihm dazu kommen, und sie auf ihre Stichhaltig-
keit prüfen. Und der Geist ist kein übernatürliches Etwas,
das im Gehirn wohnt – Geist ist das, was das Gehirn tut.
Daß die meisten Gehirnvorgänge unbewußt ablaufen, daß
nur ein kleiner Teil des Geistes bewußt wird: es kann nicht
genug unterstrichen werden.
Aber es ist eines, zu sagen, daß ein großer Teil der geisti-

136
gen Vorgänge unbewußt verläuft, und etwas ganz anderes,
diese unbewußten Vorgänge zu dem Unbewußten zu ernen-
nen (von Freud anfangs auch das Unterbewußtsein genannt
und von der Allgemeinheit auch heute noch, obwohl er sel-
ber diesen Ausdruck früh schon fallenließ). Die sogenannte
Tiefenpsychologie hat die unbewußten Vorgänge verding-
licht, sie zu einem zusammenhängenden Etwas gemacht, ei-
gentlich zu einem zweiten Bewußtsein, komplett mit seinen
eigenen Wünschen, Überlegungen, Vorstellungen, Erinne-
rungen, das sich von dem ersten und eigentlichen Bewußt-
sein nur dadurch unterscheidet, daß es eben nicht bewußt
ist. Um den Unterschied ganz klar zu machen: Das Innere
eines Radios ist normalerweise unsichtbar, und es ist völ-
lig in Ordnung, wenn auch nicht besonders erhellend, von
den vielen verschiedenen »unsichtbaren« Vorgängen zu
sprechen, die sich in ihm abspielen. Es wäre jedoch Unfug,
davon zu sprechen, daß die Stimmen im Lautsprecher aus
»dem Unsichtbaren« kämen, daß im Radio »ein Unsichtba-
res« sein Wesen treibe, daß das unerwünschte Knacken und
Pfeifen Fehlleistungen »des Unsichtbaren« seien.
Die Tiefenpsychologie hat die unbewußten Vorgänge
nicht nur ungerechtfertigt verdinglicht, sie interpretiert
dieses von ihr geschaffene Ding auch auf eine höchst eigen-
artige Weise. Für sie ist es eine Art Giftschrank der Psyche:
eine Ansammlung all dessen, was das Licht des Tages – des
Bewußtseins – zu scheuen hat und unter Verschluß bleiben
muß. Zum größeren Teil handelt es sich dabei angeblich
um anstößige sexuelle Wünsche, die meisten noch aus der

137
Kindheit stammend. Sie werden vom Bewußtsein nicht zu-
gelassen und müssen im Untergrund rumoren. Höchstens
mittelbar verraten sie manchmal ihr Vorhandensein, in
Träumen oder Witzen oder Freudschen Fehlleistungen (wie
zum Beispiel Versprechern) oder indem sie bestimmte Kör-
perorgane krank machen. Ihr Eigentümer weiß nichts von
ihnen, kann auf keine Weise etwas von ihnen wissen. Gerade
daß er keine Ahnung hat, was da angeblich in ihm spukt,
bestätigt dem Psychoanalytiker, daß es da wirklich spukt
– daß das Bewußtsein seine Abwehr eingeschaltet und etwas
verdrängt hat. Verdrängung heißt der vermeintliche Akt, mit
dem (infantil sexuelle, jedenfalls unkeusche) Wünsche aus
dem Bewußtsein entfernt oder ihm ferngehalten und in den
Giftschrank des Unbewußten abgeschoben werden.
Verdrängen, noch ein Begriff aus dem Zentrum von Freuds
Lehre, der seinen Weg in den Wortschatz der Allgemeinheit
gemacht hat, wird heute meist in dem Sinn »an etwas Un-
angenehmes nicht gern denken« gebraucht, und dagegen ist
nichts zu sagen. Nur: im Zusammenhang von Freuds Theo-
rie hatte das Wort eine ganz andere, viel speziellere Bedeu-
tung, und die klingt nun immer weiter mit an. Die Theorie
nahm ja an, daß »Wünsche« (dazuzudenken ist in der Regel:
sexueller Art) irgendwo im Körper, im Soma entstehen, von
dort ihren Weg in den psychischen Apparat finden, wo sie auf
Abfuhr in Form einer passenden Handlung drängen – bis zu
dieser Abfuhr bleiben sie als psychische Energiequanten be-
stehen. Wird das Energiequantum eines solchen Wunsches
vom Bewußtsein zurückgewiesen, weil dieses ihn genierlich

138
findet, so wird es in den Untergrund (das Unbewußte) ver-
drängt, allwo es weiterhin lebendig bleibt, Neurosen oder
anderes Unheil bewirkt, bis ihm trotz allem entweder die
Abfuhr oder eine »Veredelung« (die berühmte Sublimation)
gelingt. Das Unbewußte wimmelt von solchen verdrängten
Wünschen; es besteht fast aus nichts anderem. Eine gewiß
irrige Theorie; was immer »Wünsche« sein mögen, unlösch-
bare Energiequanten sind sie nicht; der Geist, die Seele, das
Gehirn besitzt keine Deponie für Energiequanten. Wer aber
leider verdrängt hat, daß er einem Kollegen noch hundert
Mark schuldet, hat mit dieser Theorie auch nichts Erkennba-
res mehr zu tun; gleichwohl spielt er ungewollt auf ihr her-
um.
Bertrand Russell hat die Lehre vom dynamischen Unbe-
wußten schon 1921 als das erkannt, was sie ist: eine Mytholo-
gie. »Freud und seine Anhänger haben zweifelsfrei demon-
striert, welch ungeheure Bedeutung ›unbewußte‹ Wünsche
für unsere Aktionen und Glaubensüberzeugungen besitzen,
aber an der Aufgabe, uns zu sagen, was ein ›unbewußter‹
Wunsch denn nun wirklich sei, haben sie sich nicht einmal
versucht, und damit haben sie ihrer Lehre einen Nimbus von
Mysterium und Mythologie verliehen, der wesentlich zu ih-
rer Volkstümlichkeit beigetragen hat. Sie tun so, als sei es
normal für einen Wunsch, bewußt zu sein, und als müßte
für seine eventuelle Unbewußtheit jeweils eine positive Ur-
sache aufgespürt werden. So wird ›das Unbewußte‹ zu einer
Art untergründigem Gefangenen, der drunten im Kerker
haust und nur ab und an unter düsterem Gestöhn und Ver-

139
wünschungen und mit sonderbaren atavistischen Gelüsten
ans Tageslicht der Respektabilität gelangt. Fast unvermeid-
lich denkt der normale Leser sich dieses Kellerwesen als ein
zweites Bewußtsein, das von dem ›Zensor‹, wie Freud ihn
nennt, daran gehindert wird, seine Stimme in Gesellschaft
vernehmlich zu machen, abgesehen von den raren und fürch-
terlichen Gelegenheiten, wenn er dermaßen laut brüllt, daß
alle ihn hören und es einen Skandal gibt. Den meisten von
uns gefällt die Vorstellung, daß wir verzweiflungsvoll böse
sein könnten, wenn wir uns nur gehen ließen. Aus diesem
Grunde ist das Freudsche ›Unbewußte‹ vielen stillen und
braven Menschen ein Trost gewesen.«
Die Botschaft lautet: Es steckt in uns noch jemand anders,
eine Art Homunculus, den nie irgendjemand zu Gesicht be-
kommt, am wenigsten wir selber, der uns aber beständig zu
allen möglichen Schandtaten animieren möchte. Mit Psy-
chologie als Wissenschaft hat diese Lehre sehr viel weniger
zu tun als mit mittelalterlichen Vorstellungen von Geistern,
die in den Menschen fahren und die vom Exorzisten, dem
Psychoanalytiker früherer Jahrhunderte, ausgetrieben wer-
den müssen. Die psychoanalytische Theorie genießt den gro-
ßen Vorteil, Aussagen über etwas zu machen,was prinzipiell
keines Menschen Auge je erblicken und nachprüfen kann,
das sogenannte Unbewußte.
Für den modernen Menschen aber steht seit Freud fest,
daß in ihm ein Unterbewußtsein haust, das ihm, der doch
eigentlich ein Vernunftwesen ist, welches sich ganz im Griff
hat, in einem fort Streiche spielt. Es ist diese Vorstellung

140
vom (verdinglichten) Unbewußten eine der ganz großen
Mythologien unseres Jahrhunderts: eine Dämonologie ge-
radezu.
Ein Werk des Unbewußten nennt der moderne Mensch
Wünsche und Vorstellungen, die er nicht so gerne zugibt.
Unbewußt möchte der mit jeder gutaussehenden Frau ins Bett
gehen, sagt er von jemandem, der sich häufig – im übrigen
völlig bewußten – erotischen Phantasien hingibt.
Unbewußt nennt er Handlungen, die sich schwer begrün-
den lassen. Er hat unbewußt dem Kellner die Hand gegeben,
hieße in normalem Deutsch, er habe dem Kellner vor lauter
Zerstreutheit die Hand gegeben. Das Wort unbewußt signa-
lisiert, der Sprecher sei psychologisch gebildet, und erklärt
den geistesabwesenden Händedruck zu einem Werk jenes
mythischen Gefangenen in uns (der sich – nunmehr kann
die psychoanalytische Phantasie in Aktion treten – vielleicht
mit dem Kellner verbrüdern wollte).
Unbewußt nennen wir unsere Handlungen, wenn wir sie
weder beabsichtigt noch bemerkt haben: Er hat ihn unbewußt
tief verletzt. Es kann ihm sehr wohl völlig bewußt gewesen
sein, was er im einzelnen getan hat, nur daß er eben nicht
merkte, wie er den anderen damit unabsichtlich kränkte
– der aus der Psychoanayse stammende Gebrauch von unbe-
wußt deutet sein Tun um zu dem absichtsvollen Werk seines
mythischen Unbewußten, das vielleicht, wer kann es wissen,
geheime Mordgelüste hegt.
Der Gipfel dieser unbewußten Taten ist es, etwas unbe-
wußt nicht zu tun. Man tut es nicht, man wollte es nicht tun,

141
man weiß auch nicht, daß man es hätte tun können: ein Ab-
grund an Nichtexistenz.
Das fertige Bild langweilt, weil ihm die Sprache des Un-
bewußten fehlt, das sich jeder Kontrolle und Zensur entzieht
(Alice Miller): alle solchen Aussagen über das Unbewußte
– und dieser An sind die allermeisten – sind zutiefst zweifel-
haft. Sie nehmen eben jenes un-beobachtbare Phantom für
bare Münze, den unbändigen Dämon in uns, der bei allem
ein (wertvolles) Wörtchen mitzureden hat.
Selten oder nie dagegen verwenden wir die Vokabel unbe-
wußt auf jene Vorgänge, auf die sie zweifellos zutrifft: auf die
automatisch ablaufenden kognitiven Prozesse. »Er hat dem
Abendlicht unbewußt die Farbe Blau hinzugefügt« (eine der
Standardverrichtungen unseres Gesichtssinns, über den Tag
hin Farbkonstanz bewirkend) sagt niemand, weil niemand
es weiter spannend fände, denn es kündet ganz und gar nicht
von einem Dämon in uns, der uns zu bösen und unbegreif-
lichen Taten aufstachelt, sondern ist eine bloße prosaische
Tatsache, und um sie wunderbar zu finden, müßte man sich
erst die Mühe machen, zu verstehen, wie dieser Effekt zu-
stande kommt. Solche Mühe mutet uns der Glaube an einen
geheimen lüsternen Dämon in uns nicht zu, und dazu ver-
mittelt er uns noch den befriedigenden Eindruck, wir hätten
den schonungslosen Durchblick.
Die Psychoanalyse aber hat nicht nur einige Lieblings-Be-
griffe des modernen Psycho-Jargons samt den dazugehöri-
gen Vorstellungen gestiftet, sie hat auch einen bestimmten
Argumentationsstil begründet. Es ist dies die psychoanaly-

142
tische Dialektik. Sie hängt damit zusammen, daß die typi-
sche psychoanalytische Erklärung immer eine Erklärung im
nachhinein ist.
Die Evidenz der Psychoanalyse besteht ja in lauter ein-
zelnen Fallgeschichten. Der Patient erzählt dem Analytiker
aus seinem Leben, und der versucht nun zu erraten, was den
Patienten zu dem gemacht hat, der er ist. Die naturwissen-
schaft lich operierende Psychologie müßte in dem Augen-
blick, in dem sie einen bestimmten regelhaften Zusammen-
hang vermutet, daraus eine explizite Vorhersage machen
und diese in so vielen Fällen wie möglich unter Beachtung
aller Vorsichtsmaßnahmen der Naturwissenschaften testen.
Zum Beispiel beobachtet der Analytiker an seinem Klienten,
was der Laie »Hörigkeit« nennt. Er hört des weiteren von
dem Klienten unter anderem, daß dessen Mutter ihn früher
übermäßig behütet hat. Er rät, daß die jetzige Abhängigkeit
von einer Frau zurückgeht auf die einstige Abhängigkeit von
der Mutter. Er macht daraus die Theorie: Überprotektion in
der Kindheit führt zu einem abhängigen Charakter. Ein na-
turwissenschaft lich forschender Psychologe könnte zu dem
gleichen Verdacht kommen, aber sofort fragte er: Tut sie das
wirklich? Und er entwürfe eine Untersuchung, die klärt, ob
denn alle oder wenigstens viele Menschen mit einem abhän-
gigen Charakter einmal eine überprotegierende Mutter oder
Bezugsperson hatten. Noch besser fände er es, könnte er an
einer Gruppe von Kindern mit überprotegierender Mutter
über die Jahre hin studieren, ob das mütterliche Verhalten
bei ihnen einen abhängigen Charakter erzeugt.

143
Auf diese Art von Test ihrer Theorien aber hat die Psycho-
analyse immer weitgehend verzichtet, er gilt ihr als zu »szi-
entistisch« und damit weit unter ihrer Würde, und so konn-
ten ihre nachträglichen Spekulationen relativ unkontrolliert
ins Kraut schießen. Freud selber ersetzte die Überprüfung
häufig durch das Wort zweifelsfrei. Er erriet irgendeinen Zu-
sammenhang, baute ihn in seine Theorie ein und versicherte,
der Zusammenhang habe sich in unseren Forschungen ganz
zweifelsfrei erwiesen. Wo immer das Wort bei ihm auftaucht,
ist Vorsicht geboten: Meist heißt es »ganz besonders ungesi-
chert und spekulativ«.
Auch noch in weiter Ferne von der Psychoanalyse begeg-
nen wir heute Erklärungen dieser Art: einem nachträglichen
Herumraten an Einzelfällen, und zwar unter der ebenfalls
aus der Psychoanalyse bezogenen Prämisse, jedwedes psy-
chische Phänomen müsse sich auf irgendeine Kindheitser-
fahrung zurückführen lassen. Er wurde asozial, weil sein
Vater immer auf See und nie für ihn da war … Er wurde aso-
zial, weil sein Vater lange arbeitslos und zu Hause war und
ihn einengte … Eine gewisse Plausibilität besitzt jede dieser
post-hoc-Erklärungen, denn es stehen schließlich jeweils
der Anfang und das Ende fest, die jetzige Asozialität und die
frühere An- oder Abwesenheit des Vaters, und wenn man
prinzipiell davon ausgeht, daß Stufe A zu Stufe B führt, ist
die jeweilige »Erklärung« gar nicht mehr von der Hand zu
weisen. Aber ob dies tatsächlich der Gang der Dinge war, ob
B von A verursacht wurde oder vielleicht von irgendeinem
X ganz außerhalb des Gesichtskreises der Theorie, eben das

144
wäre erst nachzuweisen, und solange es nicht nachgewiesen
ist, könnte es sehr gut sein, daß die jetzige Asozialität Ursa-
chen hat, die mit der einstigen An- oder Abwesenheit des
Vaters nicht das geringste zu tun haben.
Diese Beliebigkeit tiefenpsychologischer post-hoc-Erklä-
rungen bleibt durchaus fühlbar, und sie erzeugt ein Recht-
fertigungsdilemma. Dieses wird oft eben mit der psychoana-
lytischen Dialektik gelöst. Sie verbürgt die Richtigkeit der
Erklärung, indem sie diese möglichst verblüffend gestaltet.
Und möglichst verblüffend ist eine Erklärung, wenn sie be-
hauptet, irgend etwas sei »im Grunde« etwas völlig ande-
res, worauf kein Mensch ohne die Nachhilfe des Erklärers
je gekommen wäre, oder sogar sein direktes Gegenteil. Der
Vergewaltiger jemand, der »im Grunde« Zärtlichkeit sucht;
die Frau, die ihn fürchtet, jemand, der sich »im Grunde«
nach Vergewaltigung sehnt. Wir finden eine psychologi-
sche Erklärung erst dann so richtig befriedigend, wenn sie
ein Phänomen so lange uminterpretiert, bis es als sein Ge-
genteil dasteht. Paul Watzlawick hat diese Manier, das Er-
klärungsprinzip »Dunkel war’s, denn der Mond schien
helle« treffend beschrieben: »Die einschlägige Fachliteratur
… wird (einem) die Augen schon öffnen. Da findet (man)
heraus, daß der brave Feuerwehrmann in Wirklichkeit ein
verhinderter Pyromane ist; der heldenhafte Soldat lebt sei-
ne tief unbewußten selbstmörderischen Triebe beziehungs-
weise seine mörderischen Instinkte aus; der Polizist gibt sich
mit den Verbrechen anderer Menschen ab, um nicht selbst
zum Verbrecher zu werden; der berühmte Detektiv hat eine

145
nur mühsam überdeckte paranoide Grundeinstellung; jeder
Chirurg ist ein verkappter Sadist; der Gynäkologe ein Voy-
eur; der Psychiater will Gott spielen. Voilà – so einfach ist’s,
die Fäulnis der Welt zu entlarven.« Alle diese Pseudo-Erklä-
rungen leben, wie man sieht, vom Mythos des »unbewuß-
ten« bösen Zwergs in unserm Kopf. Es wird leider noch lange
dauern, bis das Publikum bereit ist, auf derlei vulgäre und
naive Verwirrungen zu verzichten.
In der Sprache des Kulturbetriebs, der ja gerne psycho-
logisiert, hört sich das dann zum Beispiel so an: (Richard
Burton) war ein Mannskerl, … ein Polterer und Alkoholi-
ker, der mit seinem lautstarken Gebaren etwas überspielen
mußte, das nur Angst gewesen sein kann. Die Angst, vor sich
selbst und den andern nicht bestehen zu können (Originalton
›Frankfurter Allgemeine‹). Ob der Verstorbene in irgendei-
nem überdurchschnittlichen Maß unter Ängsten gelitten hat,
und wenn ja, ob dann sie die Ursache waren für sein »laut-
starkes Gebaren« -der Schreiber des Nekrologs weiß das na-
türlich nicht, kann es nicht wissen, schließlich war er nicht
Burtons Seelenarzt. Erklärt ist also mit einem solchen Satz
nichts. Warum wird seinesgleichen dennoch geschrieben?
Einmal, weil ihr Autor mit ihnen zu verstehen gibt, daß er
den Röntgenblick besitzt, der selbst fremdesten Leuten mit-
ten ins Herz dringt. Zum anderen mögen sie die Funktion
haben, etwas Außergewöhnliches zu assimilieren. Sicher ist
der Schreiber ebenso wenig ein »Mannskerl« wie die meisten
seiner Leser, und ihnen allen flüstert solch ein Satz hinter
vorgehaltener Hand zu: Grämt euch nicht, auch Mannsker-

146
le haben ihre schwachen Stellen, ja eigentlich sind sie nichts
anderes als ein Bündel schlotternder Angst. Möglich (denn
der »Entlarvungs«-Effekt wäre der gleiche), aber nicht wahr-
scheinlich, daß die Durchschauung einmal die umgekehrte
Richtung nähme und jemand etwa Woody Allen nachsagte,
er überspiele mit seinem schüchternen Gebaren nur, daß er
»in Wahrheit« ein polternder Mannskerl sei.
Psychoanalytische Dialektik gestattet eine ebenfalls im
psychologisierenden Kulturbetrieb übliche Art von Ver-
dächtigung, gegen die der Verdächtigte keinerlei Berufung
einlegen kann. »Du sagst, du seist nicht homosexuell? Ver-
dächtig. Daß du es abstreitest, heißt doch nur, daß du es bist.
Du streitest es sogar entschieden ab? Noch verdächtiger!«
Eine solche Argumentation ist möglich, weil die Theorie
annimmt, so etwas wie Homosexualität könne auch unbe-
wußt vorhanden sein; und weil sie weiter annimmt, es sei
darum unbewußt, weil das Bewußtsein es nicht zugelassen
hat, es wegzensiert hat, ihm Widerstand geleistet hat. Daß
einer etwas abstreitet, und sogar subjektiv zu Recht abstrei-
tet, denn er weiß ja nichts davon, interpretiert sie rückwärts
als untrügliches Anzeichen für jenen Widerstand, und wo
ein Widerstand ist, muß auch das vorhanden sein, wogegen
er sich verwahrt. Der logische Fehler liegt auf der Hand: Die
Nichtexistenz von etwas kann schließlich noch kein ausrei-
chender Beweis für seine Existenz sein. Die gleiche Denk-
figur wird immer wieder bemüht, wenn sich einer kritisch
über die Psychoanalyse selbst äußert. Ein Autor kritisiert die
Psychoanalyse? Verdächtig. Er kritisiert sie scharf? Das läßt

147
um so tiefer blicken … Und das will sagen: Welche Grün-
de er haben mag, und ob sie gut oder schlecht sind, inter-
essiert überhaupt nicht. Wie sie auch lauten, sie sind nur
vorgeschützt. »In Wahrheit« kritisiert er nämlich, weil die
Psychoanalyse ihm etwas über sich zu enthüllen droht, was
er um keinen Preis zugeben möchte. Der Widerstand gegen
die bösen lüsternen Regungen seines eigenen Unbewußten
ist es, was ihn die Lehre verdammen läßt, die sie enthüllen
will. (Was sie denn da nun Fürchterliches enthüllen könn-
te, darüber schweigt sich die Verdächtigung indessen aus; es
ist ja auch immer dasselbe, dieses letzte tiefste abgründigste
Seelengeheimnis, und längst pfeifen es die Spatzen von den
Dächern: die Mutter als Kind zu heiß begehrt, den Vater zu
kalt gehaßt – glaube es, wer will.) So ist die Psychoanalyse
die einzige Theorie, die sich um so mehr bestätigt wähnt, je
heftiger sie angezweifelt wird.
Der Klient der Psycho-Branche glaubt an die lebenslang
bestimmende Gewalt kindlicher Erfahrungen, und auf sei-
nen Gängen zurück in die Kindheit erklärt er immer eins aus
dem anderen. Warum kann ich das Rauchen nicht lassen?
(Der Gedanke, daß das Rauchen eine physiologisch bedingte
Sucht sein könnte, zu der es sogar eine genetische Prädispo-
sition gibt, käme ihm nicht erwägenswert und geradezu un-
anständig vor, denn er ist von vornherein entschlossen, sich
nur mit »psychologischen« Erklärungen zufriedenzugeben.)
Ich kann das Rauchen nicht lassen, weil ich immer an et-
was saugen muß. Warum muß ich an etwas saugen? Weil ich
fixiert bin an meine Säuglingsvergangenheit. (Die Zigarette

148
als mütterliche Brustwarze: verblüffend! durchschaut! ga-
rantiert richtig!) Warum habe ich als Säugling gesaugt? Um
meinen sexuellen Gelüsten (durch Stimulierung der Mund-
schleimhaut) zu frönen. (Der Säugling von seiner Sexuali-
tät getrieben: unerhört! fabelhaft!) Warum gerade mit dem
Mund? Weil ich das kannibalische Bedürfnis hatte, meine
Mutter aufzufressen. (Applaus.) In solchen Ketten wird et-
was Erklärungsbedürftiges auf etwas anderes zurückgeführt,
das eigentlich ebenso erklärungsbedürftig wäre, so daß das
Problem nicht gelöst, sondern noch komplizierter geworden
ist. Aber dem Publikum geht unterwegs irgendwann die Ge-
duld aus, es fühlt sich ausreichend mit Erklärungen versorgt
und stellt keine weiteren Fragen. (Ende des Exkurses über
»das Unbewußte in dir und mir«.)
Der Empfindungsmensch weiß nicht nur, daß alles ein
gänzlich unvermutetes böses Geheimnis birgt. Von seinen
gruppendynamischen Sitzungen her weiß er auch, daß es oft
falsch und fast immer unklug ist, apodiktische Urteile über
seine Mitmenschen zu fällen. Er hat immer wieder erlebt, wie
ihm selber etwas so oder so vorkam, die andern es aber ganz
anders fanden. Seither gehört er zu jenen angenehmen Men-
schen, die sich der Relativität und Vorläufigkeit der eigenen
Urteile bewußt sind und dies deutlich zu erkennen geben.
Er sagt zu seinem Nachbarn nicht mehr: Du bist unaufrich-
tig. Er sagt: Du wirkst unaufrichtig auf mich. Wahrscheinlich
zuckt der so Beurteilte zusammen; zwar war er nicht gera-
de besonders unaufrichtig gewesen, aber irgendein Element
der Unaufrichtigkeit ist beim Verkehr mit den Mitmenschen

149
meistens im Spiel, und so fühlt er sich durchschaut. Fühlt er
sich aber ganz und gar verkannt und verleumdet, und pro-
testiert er, so hört er etwas dies: Ich sag ja nur. Vielleicht bist
du’s gar nicht. Aber du kommst mir nun einmal so vor. Dage-
gen gibt es keine Berufung. Geschützt durch den Vor- oder
Nachsatz aber auf mich wirkst du eben so, kann man dem
Mitmenschen die unverschämtesten Gemeinheiten unter-
stellen (ich hab den Eindruck, daß du mich ständig anlügst;
du kommst mir vor, als ob du alle Menschen tief verachtest)
und braucht sich nicht mehr auf die Frage einzulassen, ob
eine solche Behauptung denn auch zutrifft. Wenn als Krite-
rium für eine Feststellung nur noch zählt, ob etwas so wirkt,
wie es wirkt, aber nicht mehr, ob es so ist, wie es wirkt, läßt
sich wunderbar alles behaupten. Der Eindruck, auch der
fahrlässigste, falscheste, wird zum Maß aller Dinge. Ob ei-
ner tatsächlich menschenverachtend ist, darauf kommt es gar
nicht mehr an; schlimm genug, daß er auf irgend jemanden
so gewirkt hat.
Der Psycho-Jargon stellt Wörter bereit für das Eigenste
und Intimste. Er tut es nicht unparteiisch. Seine Benennun-
gen führen Beurteilungen mit sich, oft kaum bemerkt.
Erstens sieht man ihm vorläufig seine Herkunft noch sehr
deutlich an – unverwechselbar riecht er immer noch nach
dem Schweiß jener Seelengymnastik, bei der er entstand,
den Zeremonien jener Psychoaerobic, deren Bewegungen er
festhält. Und da diese sich zu ihren Rändern hin in dubiose-
ste Kulte und Mysterien ausfranst, muß jeder für sich schon
Grenzen ziehen, sonst geschieht es ihm unweigerlich, daß

150
er sich unabsichtlich mit Ideologien identifiziert, denen er
kein Wort glaubt. Nichts dagegen, daß jemand seine Träg-
heit überwindet; aber wenn er von seinen Aktivitäten spricht
als von Energien, die sich stauen, frei werden, fließen, ist er
dem pursten Okkultismus schon nahe. Dann setzt er sich
vielleicht bald mit anderen zusammen, um durch gemein-
same Gesänge das Energiefeld zu verstärken. Dann spürt er
die energy in Form von vibes (vibrations) von seinem Guru
aufgehen. Dann will er mir sagen, der sei sehr munter und
ihm sehr sympathisch, sagt aber: Der hat echt gute Energy
drauf. Dann folgt er auch bald der Verheißung, er werde ein-
gestimmt auf die Berührung von Gedanken, die als Energiep-
artikel an den Dingen haften, und landet geradewegs in einer
spiritistischen Séance.
Zweitens propagiert der Jargon bestimmte Verhaltensmu-
ster. Sich einbringen und sich öffnen ist gut (super), abblok-
ken und abgehoben reden ist schlecht (ätzend). Widerstände
müssen überwunden, Verkrustungen und Panzerungen auf-
gebrochen werden. Die Sprache hat sich bereits vorweg für
die Öffnung entschieden und für die Offenlegung aller Re-
gungen. Wer stolz seine Verletzlichkeit(en) vor sich her trägt,
will nicht etwa sagen, daß er dauernd beleidigt, sondern daß
er höchst sensibel sei, macht aber nebenbei auch das Belei-
digtsein zu einer durchaus kostbaren Eigenschaft.
Dahinter steht der neue kategorische Imperativ: Sei gefäl-
ligst spontan! Nun fehlt es leider in der Tat oft an Spontanei-
tät, und es ist verständlich, daß es viele Menschen gibt, die
sie trainieren möchten – obschon es ein heikles Unterfan-

151
gen ist, denn die herbeigezwungene Spontaneität ist, wie bei
Watzlawick so schön nachzulesen, sofort keine mehr: »Auf
Befehl etwas spontan zu tun, ist ebenso unmöglich, wie et-
was vorsätzlich zu vergessen oder absichtlich tiefer zu schla-
fen.« Aber Spontaneität ist wohl auch gar nicht der absolute
Wert, für den sie sich ausgibt. Es gibt Situationen, in denen
ich mich besser nicht einbringe, Menschen, auf die ich bes-
ser nicht zugehe, Gefühle, denen ich besser nicht nachgebe,
jedenfalls sofern man nicht gerade das Verhalten des Klein-
kinds zur Erwachsenennorm machen möchte.
Der Empfindungsmensch hat Mühe, irgendein Problem
objektiv, von seiner eigenen Person losgelöst wahrzunehmen
und zu erörtern. Darin gleicht seine Geistesverfassung dem
»wilden Denken«, das der sowjetische Psychologe Alexander
Luria bei den zivilisationsfernsten Völkern Sibiriens ent-
deckte und das es diesen schwer bis unmöglich machte, ei-
nen Syllogismus unabhängig von ihrer eigenen Lebenserfah-
rung zu lösen. Zwischen sich und das Problem schiebt er im-
mer erst die Frage »Was fühle ich?«. Und nur, wenn er etwas
zu fühlen meint, ist er bereit, die Frage zuzulassen. Kommt
der Empfindungsmensch in ein Seminar, in dem über Verge-
waltigung beraten werden soll, Häufigkeit, Tätertypen und
so weiter, so fährt er bald mit bitter zugekniffener Stimme
dazwischen: Ich versteh nicht, wie ihr hier über sowas so cool
und abgehoben reden könnt. Und beginnt, seine eigenen Er-
fahrungen einzubringen und die anderen anzustiften, es ihm
nachzutun. Schämen soll sich dann, wer nicht persönliche Be-
troffenheit bekunden, sondern zur Sache kommen will. Zu-

152
weilen gelingt es den versammelten Empfindungsmenschen,
rationale Sachlichkeit überhaupt als Fühllosigkeit und damit
als einen Charakterfehler mit moralisch verwerflichen Kon-
sequenzen anzuschwärzen.
Das Gebot unbedingter Spontaneität ist somit imstande,
jeden noch so vernünftigen Gedanken abzuwürgen. Zum
Kriterium der Richtigkeit macht es einzig die persönliche
Betroffenheit. Relevant ist nur, was mich in meinem Fühlen
anmacht. Wenn meine Gefühle sich nicht melden wollen,
brauche ich auch nicht darüber nachzudenken. Vor dem
»Terror der Authentizität«, oder Spontaneität, schrieb Karl
Markus Michel einmal, gehe jede rationale Argumentation
in die Knie. Er führt geradewegs zum Stammtisch, diesmal
einem alternativen. Auch am Stammtisch herrscht Sponta-
neität. Da tut man seinen Gefühlen keinen Zwang an, wenn
man verkündet, die Türken gehörten raus und Entführern
die Rübe ab, das kommt irre spontan, das ist unheimlich au-
thentisch. Die futuristische Ideologie der unbedingten Spon-
taneität führt schneller, als man denken sollte, zur allerzop-
figsten Spießigkeit, der geradezu zum Programm erhobenen
Willfährigkeit gegenüber jedweder, auch der bescheuertsten
momentanen Aufwallung und einer vorsätzlichen Einen-
gung des eigenen Gesichtskreises, die sich auch noch mu-
sterhaft und klug vorkommt: ach nee, turnt mich nicht, ätzt,
null Bock, läßt mich kalt, zieh ich mir nicht rein.
Da dem Empfindungsmenschen die spontane Innenwelt
über alles lieb ist, hält er deren Verrichtungen gerne für an-
strengendste Arbeit. Freud ging ihm mit der Traumarbeit

153
voran, Mitscherlich mit der Trauerarbeit, schon gibt es auch
die Stolzarbeit, und bald wird es die Lustarbeit geben, zum
Zeichen, daß auch der Spaß kein reines Vergnügen ist.
Drittens neigt dieser Jargon zur Bläßlichkeit. Er will Per-
sönlichstes ausdrücken und ist doch nur so persönlich wie
Jeans. Zuweilen ist er überhaupt das Abstrakteste vom Ab-
strakten. Natürlich brauchen wir abstrakte Begriffe, um das
Allgemeine zu bezeichnen. Aber geht es hier nicht gerade
um das Besondere und Konkrete?
Das leerste dieser Leerwörter ist Beziehung (neuerdings
auch verkürzt zu Bezug). Mein Verhältnis zu jemand ande-
rem kann sehr vieles sein: eins der Freundschaft, der Liebe,
der Abhängigkeit, der Ehe, des Neids, der Rivalität, des Has-
ses, des Mitleids, des Interesses. Immer ist es eine Beziehung.
Das Wort ist nie falsch, um den Preis, daß es auch nie etwas
verrät. Es ist das Wort mit dem perfekten Pokergesicht. Es
kompromittiert seinen Benutzer nie. Jemand kann meinen,
und eigentlich gern sagen wollen, daß er außer sich war vor
Begierde, mit seiner Reisegefährtin zu schlafen – als geübter
Sprecher des Psycho-Jargons wird er von der Beziehung zu
meiner Partnerin reden und nichts preisgegeben haben.
Meist handelt es sich bei der Beziehung um eine Zweierki-
ste. Sie wird aufgenommen und beendet, dazwischen funktio-
niert sie entweder, oder sie ist gestört; in diesem Fall ist das
gefürchtete Beziehungsgespräch fällig, in dem sie ausdisku-
tiert wird.
Es ist, als spräche jemand von der Zubereitung einer Ge-
müsesuppe so: Man nehme etwas Grünes und tue es in etwas

154
Flüssiges und lasse irgendwie Wärme darin hochkommen.
Immerzu möchte man rückfragen: Ja bitte? wer? wann? wen?
was? wo? wie? Du bist auf der Suche nach Erfahrungen, lernst
Erfahrungen machen, aber welche? Du löst Probleme in Erfah-
rungen auf- aber welches Problem in welcher Erfahrung? Du
gewinnst ein neues Verhältnis zur Realität – worin besteht es,
und was ist diese in diesem Fall? Du hast dich selbst gefunden
– wie sieht dein Selbst nunmehr aus? Du hast deine Anteile
an diesen psychischen Problemen »gerafft« – was also war es,
das du da beigetragen hattest? Du gehst um: mit deinen Pro-
blemen, Erfahrungen, deiner Kindheit, deiner Zukunft, dei-
nen Zweifeln, mit allem, womit man irgendwie beschäftigt ist,
geht man um, und dann geht man davon aus, aber was soll es
besagen, da es doch so penetrant verschweigt, wie du damit
umgehst?. Die Gruppe hat dich weitergebracht – aber wohin?
Könnte es sein, daß du umgekehrt keine Ahnung hast, inwie-
fern dir die lange Therapie genützt haben soll, aber das möch-
test du nicht zugeben, und du bist jedenfalls entschlossen, die
Sache nicht so negativ und so eng zu sehen? Oder du berich-
test, erstmals hättest du es geschafft, dich mit deinem Partner
auseinanderzusetzen. Ehe wir dich zu diesem Fortschritt be-
glückwünschen, wüßten wir gern nur noch eine Kleinigkeit:
Hast du dich mit deiner Freundin gezankt? Bist du einmal
ausführlicher auf ihre Interessen eingegangen? Oder hast du
beim Ravioli-Essen einfach mal länger nett mit ihr geklönt?
Die scheinbare Offenheit des Jargons verbirgt auch.
Wie ich mit einer Angst umgehen lerne : Oft leistet der
Jargon einem dissoziativen Denken Vorschub. Hier bin ich,

155
dort geschieht etwas in mir, ich kann es nur verwundert
beobachten und distanziere mich im übrigen. Meine Ver-
drängungsmechanismen haben mal wieder gut funktioniert
drückt den Sachverhalt »ich habe etwas vergessen« so aus,
als liefe in einem eine Vergeßlichkeitsmaschine, mit der man
selber nichts zu tun hat. Das sind meine unbewußten Selbst-
zerstörungstendenzen sagt der Empfindungsmensch, der das
Rauchen nicht aufgeben will, und es heißt etwa: »Ich habe
nicht die geringste Absicht, mich selbst zu zerstören, aber da
ich etwas tue, was mir angeblich schadet, muß in mir ein un-
sichtbarer Homunculus wohnen, der mich drängt und der
mir übel will.« Ich weiß nicht, wie ich mit mir umgehen soll
(Svende Merian): Ich bin nicht etwa ein Ich, das etwas denkt
und fühlt und tut und unterläßt, sondern nur der Zuschauer
meines Ichs und muß mich ihm gegenüber verhalten wie der
Dompteur gegenüber einem unberechenbaren Tier.
Die Bläßlichkeit des Jargons wird durchaus empfunden,
und sie wird kompensiert: mit maßlosen Übertreibungen,
die aber nur mehr Emphase und nicht mehr Konkretheit
bringen. Alles ist immer gleich irre, wahnsinnig, unheimlich,
ungeheuer. Will man im Jargon sagen, man sei ziemlich sau-
er gewesen, weil der Mitbewohner der lieben WG einem den
ganzen Frascati weggetrunken hat, so kamen ungeheure Ag-
gressionen in einem hoch. Zweifelt man einen Augenblick, ob
es in einem finsteren Parkhaus sicher ist, so durchsteht man
wahnsinnige Ängste. Eine immerfort dermaßen aufgedrehte
Sprache läßt einen notwendigerweise schmählich im Stich,
wenn sie zur Abwechslung einmal ein wirklich intensives

156
Gefühl benennen soll. Alle Steigerungen sind dann schon
drangewesen, und es bleibt einem nur ein Stammeln.
So wie jedes Dorf mit ein paar Häusern am Bach ein »Ve-
nedig«, jede Gegend mit Bodenerhebungen eine »Schweiz«
ist, so ist jeder, der mit Vätern Streit hat, ein Ödipus, jeder,
der vorm Spiegel einen Pickel im Gesicht ausdrückt, ein
Narziß, jedes eigene Verhalten, das einen ein bißchen wun-
dert, gleich neurotisch, jede Verwirrung eine Psychose. Mei-
ne Neurosen, intoniert, als handle es sich um eine Reihe von
Verdienstmedaillen, ist so, als spräche man sich gleich einen
ganzen Strauß von »Verstopfungen« zu.
Die Gefühle, die Aggressionen – der Jargon ist auf den
Plural abonniert. Einige, so seine Logik, sind eindrucks-
voller als einer, also hat man kein Gefühl, sondern Gefühle
– und Hemmungen, Unsicherheiten, Probleme, Krisen, Ener-
gien, Beklemmungen, Behinderungen. Eine Obsession wäre
eigentlich etwas, das alles andere verdrängt; ein Singular
par excellence; in diesem Jargon aber kommt auch sie im-
mer gleich bündelweise: meine Obsessionen. Eine wirkliche
Sehnsucht ist ein sehr starkes Gefühl; meine Sehnsüchte aber
sind nur allerlei kleinere Wünsche, und meine verdrängten
Sehnsüchte sind irgendein Wunsch, der mir gerade jetzt erst
eingefallen ist, von dem ich aber nunmehr finde, ich hätte
schon längst drauf kommen können. Als genügte eine ein-
zige Depression (Depri) nicht, hat man gleich Depressionen,
mehrere (nimmt man seine Depris), die sich dabei jedoch zu
einer leichten Unzufriedenheit verflüchtigen. Die Gefühle,
um deren Zulassung sich alles dreht, scheinen alle gleich und

157
gleich wertvoll zu sein: Liebe, Ekel, Freundschaft, Verach-
tung … Vor allem aber hat man Angst immer nur im Plural:
Es gilt, seine Ängste zu erleben und einzugestehen. Aber man
höre nur hin. Sagt einem jemand: Ich habe Angst, sogleich
merkt man auf, nimmt teil. Sagt er aber: ich habe da so Äng-
ste, weiß man sofort, es wird schon nicht so schlimm sein,
und das Gerede im Psycho-Jargon kann weitergehen.
So ist der Jargon keineswegs eine Sprache, die sagt, was
zu sagen ihr aufgetragen ist; vielmehr verbirgt sie es oft erst
so richtig oder verschüttet es mit Vorurteilen. Darum kön-
nen sich auch Genies und Spinner, Authentis und Pseudis
ununterscheidbar aus ihr bedienen. Erkenne und nutze die
vollen Möglichkeiten deiner Persönlichkeit, lerne dich in dei-
ner Beziehung zur Realität erfahren, nimm deine psychischen
Probleme differenziert wahr und löse sie durch kreative Kom-
munikation – spricht da die »Dianetik«, das Sozialamt, ein
Bhagwan oder ein nach aufopferungsvoller Lehranalyse
endlich ordinierter Psychoanalytiker? Keiner könnte es je
erraten.
DAS WIRD ÄRGER MACHEN

Sprache
im Kulturbetrieb
Nie mehr sprechen. Keine Wörter mehr. Dieses akusti-
sche Ungeziefer. Den Mund spülen. Pfefferminz, bitte,
Ingwer. Oder gleich Pfeffer, Paprika, Jod, Lysol, ja Lysol
und dann Blei in den Schlund, basta, ein für allemal …
Zum Glück half ihm eine Art kaufmännischen Anstands
über diese Anfechtung hinweg. Er brauchte Geld.
Martin Walser

D en folgenden Beobachtungen an der Sprache im deut-


schen Kulturbetrieb liegt kein Überlegenheitsgefühl
zugrunde. Sie selber sind nicht in einer irgendwie erhabenen
Metasprache abgefaßt, sondern in eben der Sprache des Kul-
turbetriebs, die ihren Gegenstand bildet.
Überhaupt liegt mir fern, was in Deutschland unter der
Bezeichnung »Sprachkritik« oder »Sprachpflege« geläufig
ist und in Ehren gehalten wird. Jene gärtnerische Sprachbe-
trachtung, die hier eine edle und altehrwürdige Konjunktiv-
form sorgsam begießt, dort ein böses Wort, womöglich ein
Fremdwort oder einen Neologismus, wie ein Unkraut auszu-
rotten trachtet, ist nicht meine Sache.
Mitte der sechziger Jahre gab es eine heftige Debatte dar-
über, ob die deutsche Sprache am Faschismus mit schuld
sei. Die einprägsame These, sie sei es, hatte George Steiner
in seinem Aufsatz »Das hohle Wunder« vertreten: »An den
Schrecken des Nazismus war die deutsche Sprache nicht
ohne Schuld … Der Nazismus fand in der deutschen Spra-
che genau das, was er benötigte, um seiner Roheit Stimme zu
verleihen. Hitler entdeckte im Innern seiner Muttersprache
versteckte Hysterie, Verwirrung und die Eigenschaft hypno-

161
tischer Trance … eine krächzende Intonation, einen fast ne-
belhaften Jargon, auch ein gutes Teil Obszönität.« Deutsch,
die Muttersprache der Hölle: »Die Sprache wurde dazu ver-
wendet, eine Hölle zu beschreiben; die Gewohnheiten der
Hölle übertrugen sich auf ihre Syntax … Macht man aus
Wörtern … Überbringer von Terror und Falschheit, dann
geschieht etwas mit den Wörtern. Etwas von den Lügen und
dem Sadismus wird sich im Kern der Sprache festfressen …
damit beginnt die tiefliegende Zersetzung.«
Es ist eine längst historische Debatte. Hitler hat Hysterie,
Verwirrung und Trancebereitschaft nicht in der deutschen
Sprache entdeckt, sondern bei seinen deutschen Volksge-
nossen. Der Nazismus konnte die Syntax, konnte den »Kern
der Sprache« (so eine Sprache einen Kern haben kann) nicht
beeinflussen, verändern, korrumpieren. Krächzlaute, Unge-
nauigkeit und Obszönität sind in jeder Sprache zu finden.
Was der Nazismus mit der deutschen Sprache gemacht hat:
Er hat eine Reihe von Wörtern für alle Zeiten unmöglich
gemacht. Meist waren es die schamlos harmlos tuenden
Bezeichnungen der unerhörtesten Verbrechen, Wörter wie
Sonderbehandlung, Endlösung, Vergasung. Nichts wird sie je
wieder rehabilitieren können. Aber als Wörter sind sie nicht
schlechter als Special treatment, solution finale oder carbura-
ción. Nicht die Möglichkeit und dann die Existenz des Wor-
tes Sonderbehandlung unterschied Deutschland von anderen
Ländern. Den Unterschied machte, was es bezeichnete.
»Der Akkusativ ist weder human noch inhuman, sondern
eine grammatische Form, die von human und von inhuman

162
Gesinnten gebraucht werden kann«, schrieb der Germanist
Walter Kolb in der ausführlichen Kontroverse zwischen
Sprachwissenschaft lern und den Sprachkritikern des »Wör-
terbuchs des Unmenschen«, um zu begründen, warum die
Konstruktion jemanden beliefern ihm grammatisch nicht
»inhumaner« vorkomme als jemandem etwas liefern.
Im Sinne der Sprachpflege die Sprache zu rühmen oder
zu rügen, fiele mir bereits darum schwer, weil ich die still-
schweigende Prämisse einer solchen Sprachkritik nicht teile:
die Annahme nämlich, es gäbe eine gute, unschuldige, die
quasi adamitische Sprechweise, im Verhältnis zu der alles
aktuale Sprechen eine (rühmliche) Annäherung oder einen
(rügenswerten) Verrat darstelle.
Zur Beschreibung der Sprache im heutigen Kulturbetrieb
(Betrieb, wohlgemerkt: also in dem wuchernden sekundären
Bereich) möchte ich vier Strömungen unterscheiden, die sich
teilweise ergänzen, teilweise verdrängen und deren jede ein
selten rein vorzufindendes Extrem vorstellt: den Schmock;
das, was Adorno den Jargon der Eigentlichkeit nannte und
was hier nicht umgetauft werden soll; das neue kritische Idi-
om; und die Sprache der Reklame.
Es ist eine nur provisorische Klassifizierung: Ihre vier
Sparten können nicht vorgeben, alle Phänomene und Facet-
ten zu fassen, die die Sprache im Kulturbetrieb charakteri-
sieren; und es handelt sich um vier ungleichartige Katego-
rien (so ist eine Feststellung denkbar, die auf der Basis des
kritischen Idioms, mit Schmock-Zierat aufgeputzt, Rekla-
mezwecke verfolgt). Immerhin bezeichnet die Rubrizierung

163
vier Hauptintentionen, die Sprache im Kulturbetrieb haben
kann: zu brillieren; zu ergreifen; zu verstehen (in einem be-
stimmten Sinne); und zu verkaufen.

Das Faktotum Schmock (ohne Vorname), eine episodische


Figur in Gustav Freytags noch episodischerem Lustspiel
»Die Journalisten« von 1858, das sich die Vergessenheit, in
der es sich heute befindet, ehrlich verdient hat, empfiehlt
sich damit, daß er nach Wunsch rechts wie links schreiben
kann; und er beklagt sich über seinen Redakteur mit diesen
Worten (deren antisemitische Komponente hier ignoriert
sei): »Achten Sie vor allem auf Ihren Stil, sagt er, guter Stil
ist die Hauptsache. Schreiben Sie gewichtig, Schmock, sagt
er, schreiben Sie tief, man verlangt das heutzutage von ei-
ner Zeitung, daß sie tief ist. Gut, ich schreibe tief, ich mache
meinen Stil logisch. Wenn ich ihm aber die Arbeit bringe, so
wirft er sie von sich und schreit: Was ist das? Das ist schwer-
fällig, das ist pedantisch, sagt er. Sie müssen schreiben geni-
al, brillant müssen Sie sein, Schmock, es ist jetzt Mode, daß
alles angenehm sein soll für die Leser. – Was soll ich tun?
Ich schreibe wieder genial, ich setze viel Brillantes hinein in
den Artikel; und wenn ich ihn bringe, nimmt er den Rotstift
und streicht alles Gewöhnliche und läßt nur die Brillanten
stehen. Wie kann ich bestehen bei solcher Behandlung? Wie
kann ich ihm schreiben lauter Brillantes die Zeile für fünf
Pfennige?«
Der nach diesem Mann benannte Stil ist also derjenige,
der sich durch die häufige Verwendung sprachlicher Bril-

164
lanten, fünf Pfennig das Stück, auszeichnet. Es gibt ein Be-
dürfnis der Schreibenden, Einfaches so zu sagen, daß es sich
nicht mehr so einfach anhört, schlichte Aussagen, die zwar
nicht schimpflich sind, aber als zu dürftig empfunden wer-
den, so aufzumöbeln, daß sie doch noch nach etwas klingen,
nach Lichtenbergs »großer Regel«: »Wenn dein Bißchen an
sich nichts Sonderbares ist, so sage es wenigstens ein biß-
chen sonderbar« – und das nicht notwendigerweise, um sich
selber interessant zu machen, sondern vielleicht aus nackter
Angst vor der Banalität, die im Kulturbetrieb eine der aller-
stärksten Triebkräfte überhaupt ist und viele seiner Manöver
erklärt. Schmock lebt immer etwas über seine gedanklichen
Verhältnisse; er läßt sich also auch immer herunterüberset-
zen, und zwar mit dem Ergebnis, daß dem Leser oder Hörer
nach einer solchen Sprachdeflation wenig verbleibt. »Klop-
stock sagt: ›Du, der du weniger bist und dennoch mir gleich,
nahe dich mir und befreie mich, dich beugend zum Grun-
de unserer Allmutter Erde, von der Last des staubbedeckten
Kalbfells.‹ Ich sage dafür nur: ›Johann, zieh mir die Stiefel
aus.‹« Soweit dazu Matthias Claudius.
Schon Ferdinand Kürnberger fiel vor nahezu hundert
Jahren der »ritterliche Stil« auf, das Kreuzen der Klingen,
das Einlegen der Lanze, der Kampf mit offenem Visier, und er
stellte ihm als quasi niedere Variante den »pöbelhaften Stil«
gegenüber: Da liegt man sich in den Haaren, tritt sich in den
Staub, geißelt und begeifert sich, überschüttet mit ätzender
Lauge, brandmarkt, stellt an den Pranger und zieht einander
in den Dreck (damals sagte man noch Kot).

165
Im sportlichen Stil haben Festwochen eben einen langsa-
men Start, Regisseure treten in den Ring oder in die Arena,
Bücher sind Spitzenreiter, Schauspieler taumeln erschöpft
durchs Ziel.
Der gastronomische Stil spricht von den pikant gewürzten
Passagen eines Buches, verspricht im Konzert hohen Genuß,
serviert Kostproben, schwärmt von den Leckerbissen einer
Oper, reibt sich den Bauch: köstlich, delikat!
Oft gehen die Bildbereiche bunt durcheinander. Der
Kunstschriftsteller Wieland Schmied hätte Mühe, die fol-
gende Passage bildnerisch festzuhalten: »Hinter jener Pha-
lanx (der Akklamateure) steht – schlimmstenfalls – ein Feu-
erwerk blendender Einfälle, das rasch verpufft, ohne Spuren
zu hinterlassen; hinter dieser (der Seite der Reaktion) aber
der Scheiterhaufen für die entartete Kunst.« Das spurlos ver-
puffende Feuerwerk (wie auch sonst) hinter der Phalanx, die
Pyrotechniker also hinter den Legionären aus der Vor-Pul-
ver-Zeit, und drüben der Schein eines Scheiterhaufens … In
der Stilistik heißt derartiges Katachrese.
Aus einem Manuskript, das so nicht gedruckt wurde:
»Held des Dramas ist der vergoldete Zahn der Zeit, der leider
auf tönernen Füßen steht.« Katachresen können eine Quel-
le unversiegbarer Heiterkeit sein, und Herbert L. Gremlizas
pressekritische Marginalien zeigen, daß sich ganze Reputa-
tionen auf ihre Entlarvung bauen lassen.
Nichts natürlich gegen das Sprechen in Bildern. Es ist
ganz unvermeidlich, alle Sprache strotzt von Bildlichkeit,
und es könnte sogar originell sein. Es ist nur sonderbar, daß

166
die Sprache des Kulturbetriebs, die sich doch soviel darauf
zugute hält, besonders sensible Beziehungen zur Welt des
Ausdrucks zu pflegen, im Gegensatz etwa zur Welt der Po-
litik mit ihrer verkommenen Sprache (verkommen ist ein be-
liebtes Kulturbetriebswort), auch die schiefesten und abge-
droschensten Bilder nicht scheut. Ein gutes neues Bild will
gefunden sein, es läßt sich nicht herbeischwindeln.
Die Sprache des Kulturbetriebs jedoch ist aufgeputzt mit
falschen Gemmen, deren einziger Zweck es ist, für einen
flüchtigen Augenblick zu glitzern, nicht aber, irgend etwas
auszudrücken.
Moderner Schmock spricht natürlich nicht von der Ver-
beugung zur Allmutter Erde, wenn sich jemand bückt. Die
heutige Kunst, etwas Einfaches auf kostbarere Weise zu sa-
gen, geht ganz andere Wege.
Sie hat einen Hang zu wichtigtuerischen Vokabeln, be-
sonders zu solchen aus den abstrahierenden Sprachen der
Wissenschaften. Sie dienen hier meist nur einem vagen Als-
Ob. Da wird nicht etwas über einen Träumer mitgeteilt, son-
dern ein Traumsubjekt konstituiert. Da gerät ein Buch voller
Sprachspiele zu einer fröhlich durchtriebenen Anthropologie.
Da wird jeder dahergelaufene Bestseller zu einem authenti-
schen Experiment veredelt. Da wird eine Glühbirne zur Ema-
nation des Meditativen erklärt.
Während in solchen Fällen das Gemeinte noch von fern
durchschimmert, löst es sich manchmal zu einer Sinnwolke
auf, die überhaupt nur noch ihren eigenen Anspruch auf In-
teressantheit bedeutet und sonst nichts: wenn ein Buch Laren

167
vor die Tür setzt und ausgebrannte Herzen durchgeistert, sich
angeblich durch eine Assoziationsakrobatik kryptotypischer
Vorgänge auszeichnet oder zu einer Kosmographie euphori-
schen Reflektierens steigert. Ein Satz wie Das Menschliche ist
in eminentem Sinn der Raum der Freiheit erhebt sich über
seinen relativ platten Sinn (irgendwie sollten Menschen frei
sein) durch die Selbstbescheinigung, er sei immerhin in emi-
nentem Sinn gedacht.
In einer beliebten Formel wird jede belletristische Bemü-
hung scheinbar zu einer langen, systematischen, quasi wis-
senschaft lichen Erkenntnisanstrengung gemacht: Analyse
einer Verwundung, Biographie eines Schmerzes, Autobiogra-
phie eines Bewußtseins, Sondierung einer Versehrung, Ana-
tomie eines Wunsches. Natürlich können solche Analogien
zutreffen – eher aber handelt es sich um pure Hochstapelei-
en. Auch scheinen sie durch die Strenge des Wortes für die
erbrachte Leistung (Analyse, Anatomie) jeden Gedanken an
seine bloße lockere Bildhaftigkeit verscheuchen zu sollen.
Ein anderer Brillant ist die verblüffende oder paradoxe
Sentenz, die im Kulturbetrieb der Notwendigkeit enthoben
ist, sich durch irgend etwas zu rechtfertigen: Der Bauch ist
der wahre Ursprung der Kultur – das ist mit Sicherheit blo-
ßer Stuß, aber klingt es nicht allerliebst? Dringlichste Auf-
gabe bleibt der Entwurf einer Grammatik der Zeit – kein
Mensch hat je eine Grammatik der Zeit vermißt oder könnte
sich auch nur das geringste darunter vorstellen, und gewiß
ist Grammatik hier nichts als ein interessant tuendes Wort
für ein paar lockere Aperçus, aber streng und seriös wirkt

168
es schon. Der Mensch ist ein unentdecktes Pferd – das müß-
te von Karin Struck sein. Dem Autor gelingt die Aufschlüs-
selung schloßloser Türen – man sieht ihn geradezu vor sich,
wie er beschickert (denn schon verwechselt er nicht nur die
Türen, sondern auch aufschließen und aufschlüsseln) mit
seinem Schlüssel an einer offenen Tür herumfummelt. Der
strenge Schwindel der Selbstreflexion ist dieses Autors Sache
nicht – daß der sich über die eigene Person angeblich keine
Gedanken macht, muß nicht unbedingt gegen ihn sprechen,
aber muß darum die haltlose Unterstellung in die Welt ge-
setzt werden, jede Selbst-reflexion sei Schwindel? Eine ganze
Literaturgattung wird diffamiert, einzig damit ein Schreiber
für ein paar Sekunden brillieren kann. Wir brauchen viel
mehr Idioten – kein ironischer Stoßseufzer, sondern ein ernst
gemeinter Tribut an den Glauben, Wahnsinn sei schön und
dem Nichtwahnsinn überlegen. Die Liebe zwischen Mann
und Frau ist nichts als ein ökologischer Mythos – eine jener
Sentenzen, wie sie einem zwischen Wachen und Schlafen
einfallen und in solchem Moment erleuchtet und erleuchtend
vorkommen mögen, die aber bei Tageslicht zu nichts zerrin-
nen; die hier führt nur das Kunststück vor, zwei beliebte, weit
auseinanderliegende Renommiervokabeln (ökologisch, My-
thos) zu verkuppeln. Nackt, das heißt auf unser menschliches
Schicksal und seine elementaren Bedingungen reduziert, sind
wir nicht nur alle gleich, sondern auch in unserm Bewußtsein
identisch – ein Satz, gegen den nicht nur sein unbeabsich-
tigter Nebensinn spricht (»Alle Nackten denken dasselbe«),
sondern mehr noch, daß sein Autor offenbar der Meinung

169
ist, man dürfe eine Aussage wie die beabsichtigte (»In Ex-
tremsituationen gleicht sich das Bewußtsein aller an«) ohne
jeden Halt in die Welt setzen; er kommt gar nicht auf die
Idee, daß es sich um eine überprüfbare Faktenfeststellung
handelt, daß er sich also auf ein Gebiet begibt, auf dem die
Wahrheit durch bloßes Raten nicht zu ermitteln ist.
Offenbar sind Kritiker Menschen, die über eine geradezu
atembeklemmende Expertise verfügen, wie sie indirekt im-
mer wieder zu verstehen geben. Was ihnen gefällt, nennen
sie nämlich erstens gerne wichtig (eine wichtige Choreogra-
phie), Steigerungsform gewichtig, und bedeutend (was das
Bedeutende bedeutet, wüßte meistens freilich niemand zu
sagen) – zum andern aber genau. Genau soll soviel heißen
wie realistisch: Genau so sei es im Leben, gehe es draußen in
der Wirklichkeit zu. Um ein Werk genau nennen zu können,
muß man es, so sollte man meinen, mit jener Realität vergli-
chen haben, die es im Sinne der realistischen Kunsttheorie
widerspiegelt. Ob die französische Aristokratie der Jahrhun-
dertwende, das russische Bauerntum, die Prager Bürokratie,
der Guerrillakampf in Lateinamerika oder auch nur das Ar-
beitsklima in einem deutschen Amt – dem Kritiker ist das
anscheinend alles bestens bekannt, denn die entsprechenden
literarischen oder filmischen Schilderungen nennt er immer
wieder genau, treffend, schonungslos. Oder sollten die Kriti-
ker jene Werke gar nicht mit der Wirklichkeit vergleichen,
sondern nur mit ihren Vorurteilen über sie? Dann bedeute-
ten genau und all die analogen Verdikte nur: Ja, hier geht es
genau so zu, wie ich mir das immer vorgestellt habe. Balzac,

170
der Erzrealist, beschreibt unter anderem, wie korrupt es
im Pariser Journalismus des vorigen Jahrhunderts zuging.
Ich weiß es nicht, glaube ihm aber gern, daß der damalige
Journalismus durch und durch korrupt war. Aber so grotesk
korrupt, wie er ihn beschreibt, erscheint er mir keine drei
Wochen lang existenzfähig, und so will mir seine Wider-
spiegelung eher wie eine Karikatur vorkommen, und zwar
eine recht grobe. Aber so autoritativ, wie alle seine Exege-
ten Balzac einen Realisten nennen, müssen sie wohl wissen,
woran sie seine Romane messen – oder vielleicht doch nur
an dem Bild, das sie sich gemacht hatten?
Tatsächlich ist es wohl so, daß jedes fiktive Werk in einem
fort auf seine Glaubwürdigkeit hin beurteilt wird, aber nicht
durch einen Vergleich zwischen Kunst- und Lebenswirk-
lichkeit, sondern aufgrund ganz anderer, ihm immanenter
Indizien: Wie wahrscheinlich ist irgend ein Vorgang, eine
Aktion, eine Reaktion? Wie gut passen die Einzelheiten zu-
sammen – besteht da eine gewisse Konsistenz? Kann man so
etwas erfinden? Hätte sich die Wirklichkeit eine solche Schil-
derung gefallen lassen, wenn nicht etwas Richtiges an ihr ge-
wesen wäre? Das heißt, wir messen jedes Werk an unserer
eigenen Lebenerfahrung, diese gestattet uns eine große Fülle
von Wahrscheinlichkeitsprognosen, und diese wiederum
sind keineswegs nur subjektiv und willkürlich, sondern hän-
gen eng mit der objektiven Beschaffenheit der Wirklichkeit
zusammen. Wir urteilen also meist gerade nicht aufgrund
besonderer Milieukenntnisse; für die besonderen histori-
schen und sozialen Umstände, die in einem Werk vorgestellt

171
werden, fehlt uns in der Regel jeglicher Maßstab; wir urtei-
len aufgrund unserer allgemeinen, wenn auch selten explizit
werdenden Kenntnis des Lebens.
Will sich ein Rezensent das Urteil darüber vorbehalten,
ob ein Werk eher richtig oder eher falsch ist, so nimmt er
gern bei einer besonders wichtig klingenden, aber auch be-
sonders nichtssagenden Formel Zuflucht: Das Buch enthält
Welt, auch viel Welt (ohne Artikel), es ist welthaltig; oder: es
transportiert Wirklichkeit. Das hat einen großen Vorteil: Es
kann nie ganz falsch sein. Irgend etwas »enthält« es ja sicher,
und das ist sicher auch nichts Außerweltliches. Hier kommt
Welt zur Sprache – das hat immerhin einen sonoren, bedeu-
tungsvollen Klang, auch wenn es nichts anderes besagt als
»hier ist von irgend etwas die Rede«. Die Zudringlichkeit nä-
herer Fragen wimmelt es gebieterisch ab: Nichts Geringeres
als die Welt, nein als artikellos Welt (die eine Art teurer Stoff
zu sein scheint) wird ja abgehandelt.
Wo Formeln dieser Art überhandnehmen, bekommt der
Kulturbetrieb einen ausgemacht halbweltartigen Anstrich.
Es klingt alles irgendwie schick, bedeutet nichts Bestimm-
tes, ist völlig beliebig und will auf keinen Fall ernst genom-
men werden. – Besonders weit darin hat es die Kunstkritik
gebracht. Ein harmloses Sätzchen noch ist die Feststellung,
irgendein Maler sei ein Experte für mimische Gestik. Hinter
seiner lapidaren, mit zwei Quasi-Fremdwörtern prahlerisch
drapierten Aussageform versteckt sich indessen das blanke
Nichts. Er tut nur so. Allenfalls dient er seinen Lesern eine
verschwommene Analogie an: Was der Maler male, sei un-

172
gefähr so ausdrucksvoll wie die Ausdrucksbewegungen von
Hand oder Gesicht (so deutlich aber dürfte der Autor es nie
sagen; er wird sich doch nicht blamieren wollen). Aber selbst
die löscht er wieder, da er sich nicht zwischen Mimik und
Gestik entscheiden kann und so die mimische Gestik gebiert.
Derartiges geht überhaupt nur in der Sprache des Kulturbe-
triebs durch; wer im normalen Leben etwa von einem Ran-
gierer als einer Autorität für statische Kinetik spräche, weckte
Zweifel an seiner Zurechnungsfähigkeit.
So kann das endlos gehen. Aus seiner Kritik der Materie
hat er einen glaubhaften Raum entwickelt. Man empfindet
diesen seinen Bildraum weder als ein Loch noch als einen Vor-
hang noch als eine pseudotachistische Morphologie. Dieser
Raum ist eine Verdünnung des gleichen Stoffes, der seine For-
men bildet, ob es eine hauchartige Haut, eine wolkige Fläche
oder eine mikroskopische Arabeske ist. Die Erotik wird als ein
kritisches Element benutzt, das die Wirklichkeit herausfordert
und alles ins Wanken bringt. Solchen Sätzen läßt sich nicht
im mindesten entnehmen, was auf den beschriebenen Bil-
dern zu sehen ist. Sie sind auch nicht dazu da, über sie nach-
zudenken. Beim ersten Nachdenken entlarvten sich pompö-
se Wendungen wie Kritik der Materie als schiere Hochsta-
peleien. Sie erheben einfach einen Territorialanspruch – das
ist ihre einzige Funktion. Sie sind, was bei den Gibbons der
Morgengesang ist. Nebenbei bringen sie die Künste in den
Ruf unbezwingbarer Schwierigkeit: nämlich dadurch, daß
sie selber nicht etwa schwer verständlich, sondern vorsätz-
lich absolut unverstehbar sind.

173
Ein Brillant eigener Art ist das Protzen mit dem Unglück.
Ein Erzähler empfiehlt sich oder seinen Helden (ja, frühe-
re Zeiten dachten sich eine Hauptfigur als ein automatisch
heroisches Wesen) mit der Feststellung, er sei völlig ausge-
brannt oder ein wandernder Friedhof, ein anderer wirbt mit
verlarvter Unversöhnlichkeit oder verschneckter Zerstörtheit.
Ganze Verlagsprogramme lesen sich wie Einsendungen auf
die Preisfrage: Wem geht’s am dreckigsten im ganzen Land?
Käme jemand auf die Idee, ein paar gesunde und heitere
Menschen auftreten zu lassen, sofort wüßte alle Welt: Mit
dem Autor ist etwas nicht in Ordnung.
Da der Skandal zu einem besonderen und ausgepichten
Spaß geworden ist, auf den der Rezipient für sein Eintritts-
geld geradezu ein Anrecht hat, taugt die Aggression zur Ein-
schmeichelung. Das wird Ärger machen: die Ankündigung
eines Vergnügens. Dieses Buch ist brutal und verletzend
– kein Lesevergnügen im herkömmlichen Sinn: das verspricht
verschärfte Leselust. Konsequent erringt ein Buch, gerade
weil es angeblich eine schonungslose Anklage und Warnung
ist, einen führenden Platz auf der Bestsellerliste. Unbequem,
ungemütlich sind Worte hohen Lobs. In ihnen schwingt der
Sinn mit: Für Sie und Sie und ganz besonders für Sie natür-
lich nicht, Sie werden sogar entzückt sein; aber all die ande-
ren, diese bekanntlich Blöden und Verblendeten und Denk-
faulen, für die wäre es, läsen sie es je, mächtig unbequem!
Würde einem Werk nachgesagt, es sei bequem, so wüßte je-
der, daß es der letzte Dreck sein muß. In diesem Sinn nimmt
sich der Kulturbetrieb heute aus wie eine Geisterbahn – je

174
mehr man sich gruselt, desto besser. Aber es ist alles nur
Rummel. Es ist alles nicht so ernst gemeint. Es sind nur die
schwarzen Brillanten der Rhetorik.

In einer Orgie kollektiver Echolalie, einer Ansammlung


von unzähligen Denk- und Sprachklischees, die absichtslos
tiefe Einblicke gewährt in die Bewußtseinslage dieser Ge-
sellschaft, in Frank Sickers »Großem Buch festlicher Reden
und Ansprachen« (1964), das auf mehr als vierhundert Sei-
ten Muster für »profilierte« Ansprachen in allen Lebensla-
gen ausbreitet, finden sich auch Reden auf Künstler. In einer
»Ansprache des Verleihers anläßlich der Verleihung eines
Musikpreises« heißt es: »Der Komponist offenbart das inner-
ste Wesen der Welt und spricht die tiefste Weisheit aus. Diese
Stunde ist einem Manne gewidmet, der laut Urteil der Fach-
welt das bedeutendste musikalische Werk des vergangenen
Jahres geschrieben hat. Sie alle werden, als Sie es zum ersten
Male gehört haben, wenn auch nicht gewußt, so doch gefühlt
haben, daß hier ein Mensch den Versuch unternommen hat,
das auszudrücken, was ihn in seinem tiefsten Innern bewegt
… Die Musik ist eine Angelegenheit des Herzens, sie ist ein
Spiegel der Seele, der des Menschen und der unserer Welt.
Wer wollte angesichts dieses Werkes unseres hochverehrten
Herrn … (Preisträger) den Versuch unternehmen, mit dem
Verstand hinter sein Geheimnis zu kommen? … Auch unse-
re Vernunft vermag Ihre Musik, verehrter Herr … (Preisträ-
ger), nicht zu verstehen. Wohl aber vermag sie zu begreifen,
daß wir einen begnadeten Künstler in unserer Mitte haben

175
und daß wir den diesjährigen Musikpreis einem Manne
zusprechen, dessen Werk unser Innerstes anspricht. Damit
aber ist bewiesen, daß es eine über den Augenblick hinaus-
gehende Bedeutung besitzt … Möge es Ihnen gelingen, die
Welt der Musik noch um manches Werk zu bereichern.«
Solche Reden seien vielleicht im 19. Jahrhundert gehalten
worden, aber heute?
»Es braucht nicht mehr auf die unerhörte Spannweite des
Schaffens dieses Meisters der Musik, der heute der ganzen
Welt gehört, hingewiesen zu werden, der im Alter auf ein
Werk zurückschaut, das vom kindlichen Ruf unschuldiger
Empfindung bis zum Aufschrei der Tragödie über das dem
Menschen verhängte Schicksal reicht. Allgemeinverständ-
lich – aber nicht primitiv oder sentimental, wie oft Besser-
wisser meinen – ist Orffs Sprachmusik und Musik-Sprache;
sie ist voll Lebenskraft, vital, ohne seicht zu sein; sie ist aber
auch hintergründig, ja dämonisch.« So sprach Kölns Bürger-
meister Lemmens, als er anno 1968 die »Orff-Woche« eröff-
nen mußte.
Beide Beispiele reden in jener festlich erhöhten Sprache,
die Adorno den »Jargon der Eigentlichkeit« nannte, »die
Wurlitzer-Orgel des Geistes«. »In Deutschland wird ein Jar-
gon der Eigentlichkeit gesprochen, mehr noch geschrieben,
Kennmarke vergesellschafteter Erwähltheit, edel und anhei-
melnd in eins; Untersprache als Obersprache. Er erstreckt
sich von der Philosophie und Theologie nicht bloß Evangeli-
scher Akademien über die Pädagogik, über Volkshochschu-
len und Jugendbünde bis zur gehobenen Redeweise von De-

176
putierten aus Wirtschaft und Verwaltung. Während er über-
fließt von der Prätention tiefen menschlichen Angerührt-
seins, ist er unterdessen so standardisiert wie die Welt, die
er offiziell verneint; teils infolge seines Massenerfolgs, teils
auch weil er seine Botschaft durch seine pure Beschaffenheit
automatisch setzt und sie dadurch absperrt von der Erfah-
rung, die ihn beseelen soll. Er verfügt über eine bescheidene
Anzahl signalhaft einschnappender Wörter. Eigentlichkeit
selbst ist dabei nicht das vordringlichste; eher beleuchtet es
den Äther, in dem der Jargon gedeiht, und die Gesinnung,
die latent ihn speist. Als Modell reichen fürs erste existenti-
ell, ›in der Entscheidung‹, Auftrag, Anruf, Begegnung, echtes
Gespräch, Anliegen, Bindung aus.« Und im weiteren: »Jeder
Inhalt (ist) ausgeklammert, während doch auf den Schein
von Inhalt nicht verzichtet werden darf, damit die Ange-
sprochenen … spuren. Die Absicht, die Intention zieht sich
in eine unterweltlich intentionslose Sprache zusammen, treu
der objektiven Bestimmung des Jargons selbst, der keinen
Inhalt hat als die Verpackung.«
Damit ist aufs genaueste ein Bündel von Charakteristika
dieser Redeweise bezeichnet: ihr Äther der Feierlichkeit; ihr
Anspruch auf exklusive Weihen bei gleichzeitiger Standar-
disierung; ihre In-haltlosigkeit (die Verpackung macht die
Botschaft aus).
Es handelt sich um ein wolkiges, getragenes Pathos, das
Gedanken (in jenem ersten Beispiel sogar ausdrücklich und
programmatisch) durch Gefühligkeit ersetzt, dieser aber
den Anstrich unauslotbarer Gedankentiefe gibt. Er sagt

177
wenig oder nichts, aber das immer mit einem Tremolo der
Ergriffenheit, welches dem Zuhörer von vornherein klarma-
chen soll, er habe hier nicht zu prüfen und zu wägen, son-
dern ebenso ergriffen seinen Verstand auszuschalten. Aus-
sagen über die wenigstens subjektive Aufrichtigkeit seiner
Sprecher läßt er nicht zu, denn es handelt sich um ein ent-
leertes Ritual, dem sich alle Teilnehmer in dem Bewußtsein
unterwerfen, daß es sich um eben dieses handelt. Man spielt
sich, von zweckentfremdeten Streichquartettsätzen und aus-
geliehenen Lorbeerbäumen umrahmt, ein festgelegtes Spiel
vor, das darauf angewiesen ist, von allen durchschaut und
akzeptiert, auf keinen Fall aber wörtlich genommen zu wer-
den. Man weiß, es ist ein Spiel, die beschworene Ergriffenheit
bleibt durchaus aus, und insgeheim halten es alle für eine so
lästige wie langweilige Plage, denn es hat alle Verbindungen
zu den tatsächlichen Erfahrungen vorsätzlich abgebrochen.
Was dieses Spiel den Teilnehmern vorgaukelt, ist die Fort-
dauer einer paradiesisch intakten Welt, wie es sie vermutlich
nie gegeben hat, einer Welt, die in Ordnung ist, wenn man
es mit den standardisierten Leerformeln nur steif und fest
genug behauptet. Es handelt sich um Zaubersprüche (… lid
zi geliden …), um kraft lose Zaubersprüche.
Dieser Zauberspruchcharakter (… sose gelimida sin!) ist
am deutlichsten in den Reden, die bei Grundsteinlegungen
gehalten werden: »Möge das neue Düsseldorfer Schauspiel-
haus seinen Traditionen gemäß eine Stätte sein der leben-
digsten Dichtkunst, der phantasievollsten und aufrichtig-
sten Schauspielkunst, eine Stätte des heiteren oder ernsten

178
geistigen Festes für alle Bürger dieser Stadt« (Intendant
Stroux 1965). »Alle, die in diesem Hause geben und empfan-
gen, mögen dienen der Liebe zu allem Guten und Schönen,
dem Frieden nach innen und außen, der wahren Freiheit,
die gebunden ist durch Sitte und Gesetz, mögen dienen der
Einheit und der Heimat unseres Volkes. Möge Gott dieses
Haus bewahren vor allem Unheil und seinen Segen geben
allen denen, die diesen Bau errichten und die hier weilen
und wirken werden.« (Bundespräsident Lübke 1961 in Reck-
linghausen)
Dieser Jargon raunt von allem Guten und Schönen, als
bestünde nach wie vor allgemeine Übereinkunft, daß in
Schauspielhäusern stattzufinden habe, was einmal alles
Gute und Schöne hieß. Er spricht, wenn schon, erschauernd
vom Aufschrei der Tragödie über das dem Menschen ver-
hängte Schicksal, ohne irgend zu spezifizieren, worin dieses
Schicksal bestünde, und den Abnehmer dieses Jargons von
vornherein zur Passivität ermunternd – keine solche Zitie-
rung eines Aufschreis könnte auch nur eine Feier trüben. Er
zeigt in einen Leerraum und nennt ihn das innerste Wesen
der Welt, eine Geste, die natürlich nichts anderes bewirken
kann als Bewegtheit: nirgends, nämlich im tiefsten Innern.
Wären Rückfragen erlaubt, wie denn dieses innerste Wesen,
das da angeblich offenbart wird, des näheren beschaffen sei,
so könnte man einen Redner stottern hören.
Der Jargon beweist dennoch etwas, denn der Redner hat
sich trotz allem als überlegen denkendes Wesen vorzustel-
len: nämlich, daß das zur Rede stehende Werk bedeutend sei

179
(einfach so: bedeutend), weil es nämlich das tiefste Innere an-
spreche, von dem glücklicherweise nur bekannt ist, daß es
sich um etwas ungemein Kostbares handeln muß. Eine Un-
schärfe erklärt sich so immer aus der anderen. Solche Prosa
stimmt einen nachdenklich: Nicht daß man über irgend et-
was nachdächte, heißt das; man gerät nur in eine Stimmung,
als sollte man eigentlich denken.
Der Jargon operiert im Namen von höchsten Werten,
ohne sie je näher zu begründen oder auch nur kenntlich zu
machen, sie jeder Befragung von Anfang an entrückend. Das
Gute, das Schöne, die Kunst, die Kultur, das Wort, der Geist
– der Jargon tut, als seien das ewige Kategorien, zu denen die
Menschen nur ehrfürchtig emporsehen können; er fingiert
einen ideologiefreien Raum, in dem Kunst und Kultur nicht
mehr komplex vermittelte Hervorbringungen des Menschen
sind, sondern kraft ihrer Vollendung oder Begnadung der
menschlichen Welt und ihren Maßstäben entzogen.
Das Phänomen ist offenbar nicht auf Deutschland be-
schränkt; Roland Barthes beschrieb einmal das gleiche:
»Man stellt zum Beispiel die Kultur den Ideologien gegenüber:
Die Kultur ist ein ewiges, universales Gut, das außerhalb der
vorgefaßten gesellschaftlichen Meinung steht … Die Ideo-
logien dagegen sind parteiische Erfindungen … Man wägt
sie unter dem strengen Blick der Kultur gegeneinander ab
(ohne zu bedenken, daß auch die Kultur letzten Endes eine
Ideologie ist). Alles geschieht so, als ob es auf der einen Seite
die schweren, die belasteten Wörter gäbe (Ideologie, Kate-
chismus, militant), … auf der anderen leichte, reine, imma-

180
terielle Wörter, die edel sind kraft eines göttlichen Rechts,
erhaben sind in einem Maße, daß sie dem niedrigen Gesetz
der Zahl entgehen (Abenteuer, Leidenschaft, Größe, Tugend,
Ehre) – Wörter, die über der tristen Berechnung der Lügen
stehen. Diese letzteren Wörter seien beauftragt, die ersteren
Moral zu lehren. Auf der einen Seite die schuldigen Wörter,
auf der anderen die richtenden.«
Der verblasen-blumig-feierliche Stil ist keineswegs an die
sogenannte »bürgerliche« Gesellschaft der Bundesrepublik
gebunden; im Gegenteil, in der DDR wird er fast noch in-
tensiver gepflegt – woraus man zum Beispiel schließen mag,
daß auch die der DDR eine verkappt bürgerliche Gesellschaft
ist; oder daß die Bürgerlichkeit einer Gesellschaft etwas ist,
was doch gar nicht unmittelbar von den Produktionsver-
hältnissen abhängt, oder daß der Begriff der Bürgerlichkeit
unscharf und untauglich ist. Die Sprache, in der sie beschrie-
ben wird, dementiert da bereits, daß eine Kulturrevolution
stattgefunden habe.
Das ›Neue Deutschland‹ verabschiedete sich von dem
Schriftsteller Kuba folgendermaßen: »Eine leuchtstarke
Flamme, ein Kämpfer, ungebärdig-unruhig und im Sturm
unserer Tage immer vorn, verzehrend sich allzu früh in den
Kämpfen seiner Klasse – das Leben und Dichten Kubas …
Den Sehnsüchten und Nöten, Bitternissen und Triumphen
der Arbeiterklasse galt sein Wort – Dichter von mitreißend-
bezwingender Ursprünglichkeit. Kommunist aus tiefinner-
licher Überzeugung … eingeschreint in jeden Sieg unserer
Tage.« Der Kommunist aus tiefinnerlicher Überzeugung –

181
das ist in der Tat verräterisch, das ist nahezu ein Oxymoron,
denn was die - beiden Substantive dem Kopf zuweisen wol-
len, verweist das Adjektiv wieder in den fühlenden mensch-
lichen Busen (ein allerdings unfreiwillig realistischer Denk-
akt, solange wir so wenig wie heute wissen über das Zustan-
dekommen von Überzeugungen).
»Erst in unserer sozialistischen Gemeinschaft wird das
Ideal vom Wahren, Guten und Schönen Wirklichkeit … hier
blüht auch die Schönheit, innerlich wie äußerlich, nicht nur
im Gesang, sondern überall dort, wo wir sie hegen und pfle-
gen« (Leitglosse des ›Neuen Deutschland‹). Das kommt aus
tief bürgerlicher Vergangenheit.
Der Jargon der Eigentlichkeit hat, scheint es, seine gro-
ße Zeit hinter sich. Wo er heute auftritt, tut er es in zuneh-
mendem Maße verschämt und verdünnt, im undeutlichen
Bewußtsein seiner Überlebtheit. Dennoch beherrscht er
nach wie vor manche der offizielleren Ereignisse des Kultur-
betriebs: Grundsteinlegungen, Museumseröffnungen, Ge-
dächtnisfeiern, Preisverleihungen …

Während Sprache im Kulturbetrieb auf der einen Seite noch


die Geheimnisse begnadeten Schöpfertums »würdigt« (also:
mit Würde versieht), hat sich im strikten Gegensatz dazu
während der letzten Jahre eine andere Sprache herausgebil-
det, die nun nicht mehr auf Höheres pocht und unnahbar
verschwommen sein will, sondern: sachlich, kühl, hart, wis-
senschaft lich – das neue kritische Idiom, das seine Begriffe
vorwiegend aus der Soziologie, der Psychologie, der Philo-

182
sophie, der Politologie, der Informationstheorie nimmt, und
sei es zum Schein.
Die Tendenz zu diesem Idiom ist an den Verlautbarungen
des Kulturbetriebs seit Jahren ablesbar; wirklich ausgebreitet
aber hat es sich erst, seit die Bewegung der Neuen Linken
die Leute in den Lektoraten und Redaktionen mit kritischer
Theorie konfrontierte und plötzlich allenthalben eine neue
Terminologie erlernt wurde, spöttisch und widerstrebend
zunächst, aber das gab sich schnell.
Seit Jahren sind die Wörter Dichter und Dichtung ver-
pönt: Ihre Bedeutung wurde zunehmend eingeengt, immer
stärker wurde darin die Bedeutungskomponente »überlebt«.
Heute heißt es Autor und Text. Texte drücken nichts aus,
sie übermitteln schon gar keine Botschaft: Sie transportie-
ren Inhalte – das Wort transportieren hat innerhalb kurzer
Zeit derart um sich gegriffen, daß sich das ganze Kultur-
wesen von hier aus heute wie eine verzweigte Speditionsfir-
ma ausnimmt. Die bevorzugten Texte sind Dokumente; da
alles Geschriebene etwas dokumentiert, ist auch alles Do-
kument für irgend etwas, und eine leere Seite ist eben ein
Dokument des Schweigens. Die Wörter Geist und Gesinnung
sind gleichfalls geschwunden; dafür steht heute Bewußtsein
mit seinen zahllosen Ableitungen. Wo vordem Denken ge-
sagt wurde, heißt es nunmehr Reflexion. An die Stelle des
verpönt kulinarischen Genusses ist der Konsum gerückt;
aus den Kunstbegeisterten wurden Kulturkonsumenten. Wo
es früher Wirkung hieß, wird heute von Effizienz oder Ef-
fektivität gesprochen. Die Leser, das ergriffene Publikum

183
von einst, wurden zu Rezipienten oder Konsumenten aus-
genüchtert.
Der begriffliche Gewinn bei derlei Substitutionen kann
durchaus gleich Null sein; wichtig ist in erster Linie der pro-
gressive »Äther« dieser Sprache. Wer sie spricht, erhebt da-
mit den Anspruch, zu den Bewußten im Lande gezählt zu
werden; das Wort bewußt erfüllt heute die gleiche Funktion,
die erweckt für die Pietisten, illuminiert oder erleuchtet für
die Illuminaten hatte: Es bezeichnet die vollzogene Initiati-
on in die Axiome fortschrittlichen Denkens. Ein bewußter
Mensch in diesem Sinne ist einer, der die Überzeugung ge-
wonnen hat, daß die lohnabhängigen Massen in den auf das
Konkurrenz-Prinzip begründeten spät-kapitalistischen Ge-
sellschaften durch Konsumzwang und ein Bündel teilweise
interiorisierter Repressionen ausgebeutet werden, und daß
die wichtigste Aufgabe der weltweite Emanzipationskampf
dieser Unterdrückten sei; gegenteiliges Bewußtsein ist reak-
tionär, andere – nicht kontradiktorische, aber eben andere
– Bewußtseinsinhalte sind für den bewußten Menschen irre-
levant und damit falsch.
Die zumindest scheinbare Versachlichung der Sprache
zeigt sich bereits in etwas so Äußerlichem wie Buchtiteln.
Früher leisteten sich Bücher so stimmungsvolle Titel wie
»Und sagte kein einziges Wort« (Böll) oder »Denn sie sollen
getröstet werden« (Paton); oder so bläßlich-sinnige Kalauer
wie »Ergriffenes Dasein« (Holthusen); nennte sich ein Buch
heute noch »Wenn süß das Mondlicht auf den Hügeln schläft«
oder »Morgens um sieben ist die Welt noch in Ordnung«, so

184
disqualifizierte es sich von vornherein selbst. Ein Titel wie
»Dichten und Trachten« – es war der des Suhrkamp-Alma-
nachs – wird heute weithin als unpassend empfunden, und
das nicht nur, weil er sich zu einem bestimmten folkloristi-
schen Wortwitz leiht. Heute sind statt dessen trocken-sachli-
che Titel im Schwang, vor allem Einworttitel, und dieses eine
Wort ist mit Vorliebe ein Abstraktum im Plural.
Allein der Suhrkamp-Verlag hat in den letzten Jahren
mindestens die folgenden fünfzehn in die Welt gesetzt:
»Aufenthalte« (Janker), »Aufk lärungen« (Franzen), »Be-
wegungen« (Sarduy), »Eingriffe« (Adorno), »Einzelheiten«
(Enzensberger), »Illuminationen« (Benjamin), »Impromp-
tus« (Adorno), »Konfrontationen« (Wellek), »Normalfäl-
le« (Körner), »Notate« (Wekwerth), »Rapporte« (Weiss),
»Schlagzeilen« (Pataki), »Verfremdungen« (Bloch), »Vorzei-
chen« (Enzensberger), »Zugänge« (Penzoldt). Dazu kommen
dann von überallher: »Aussichten« (Hamm), »Ansichten«
(Mayer), »Aspekte« (Zeitschrift), »Akzente« (Zeitschrift),
»Konstellationen« (Anthologie), »Konkretionen« (Buchrei-
he), »Kontexte« (Buchreihe), »Kontraste« (Jahrbuch), »Pro-
file« (Jahrbuch), »Sichtvermerke« (Höfer), »Provokationen«
(Kampf), »Perspektiven« (Zeitschrift) … und Prosekutionen
und Prostrationen und Protuberanzen und Expektorationen
(zumindest wird es auch diese bald geben, denn der Vorrat
ist bereits erheblich angegriffen).
Die Sachlichkeit, die solche Titel suggerieren, ist aller-
dings eine grobe Täuschung, denn vager als »Perspektiven«
oder »Tendenzen« oder »Konfigurationen« oder »Vibratio-

185
nen« oder »Kristallisationen« ist auch »Dichten und Trach-
ten« nicht. Solche Titel sind beliebig vertauschbar.
Heute, da sich das kritische Idiom über alle Kulturberei-
che hinweg ausgebreitet und dann verdünnt eingebürgert
hat, stellt sich die Frage: Was leistet es? Und: Ist es nicht da-
bei, ebenfalls zum Jargon zu degenerieren (Jargon hier ohne
Aufhebens verstanden als eine für minderwertig zu erach-
tende Sondersprache)?
Als der einstige Frankfurter Berufsprovokateur Imhoff
einen Diskussionsabend mit Peter Handke durcheinander-
brachte, stand anderntags in einem von Manfred Müller ver-
faßten Bericht der ›Frankfurter Rundschau‹: »Was die Aktio-
nen Imhoffs wiederum reaktionär und sinnlos macht, sind
einmal seine Anhänger, denen das antiautoritäre Vokabular
so flüssig von den Lippen geht, obwohl das Verhalten autori-
tätsfixiert und die genaue Widerspiegelung gesteuerten Kon-
sumverhaltens ist; sie haben nichts von dem gelernt und ver-
standen, was sie dem ›manipulierten Publikum‹ beibringen
wollen. Zum anderen tragen die Aktionen Imhoffs die Merk-
male eines ritualisierten Wahns, insofern sie als geschlossenes
Provokations- und Destruktionssystem emotionelle Reaktio-
nen bewirken, aber unfähig sind, damit auch einen Lernpro-
zeß – die rationale Analyse des zutage getretenen falschen
Verhaltens – in Gang zu setzen.« – Das Beispiel ist brauchbar
aus mehreren Gründen: Es ist ganz und gar kein Unfug und
keine Parodie; es ist nicht überzogen; es zeigt das kritische
Idiom nicht als Werkzeug eines originalen Denkens, sondern
aus zweiter und dritter Hand bezogen, im Alltagseinsatz.

186
Was an ihm zunächst auff ällt, ist dies: daß über den Ge-
genstand überhaupt so lange geredet wird. Die Kultur-Be-
richterstattung älteren Stils hätte Imhoff einfach als Ver-
rückten bezeichnet; sie hätte gar keine Begriffe gehabt, um
sich näher über ihn auszulassen und Nutzen oder Schaden
seiner Auftritte abzuschätzen. Daß die Grenzen der »Ver-
rücktheit« heute völlig verwischt sind, ist ein nicht bedeu-
tungsloses Charakteristikum unseres Kulturbetriebs.
Ferner fällt an dem Beispiel auf, daß einige der Kennzei-
chen, die Adorno dem Jargon der Eigentlichkeit zugespro-
chen hatte, durchaus auch für es gelten. Es verfügt über »eine
bescheidene Anzahl signalhaft einschnappender Wörter«
(hier sind es: Aktion, antiautoritär, gesteuertes Konsumver-
halten, manipuliert, ritualisierter Wahn, Provokationssy-
stem, Lernprozeß, rationale Analyse, falsches Verhalten). Mit
ihnen wird in erster Linie nicht ein Sinn, sondern ein Äther
erzeugt – in diesem Fall nicht der Äther stummer Ergriffen-
heit, sondern der der Progressivität.
Auch andere Kennzeichen der feierlichen Redeweise tref-
fen auf dieses Beispiel zu. So ist es gleich inhaltsarm. Aus
Berichten, die ausschließlich in diesem Idiom abgefaßt wä-
ren (der ganze betreffende Artikel ist es übrigens nicht), wäre
über das konkrete Geschehen und seine Hintergründe so
gut wie nichts zu erfahren, denn das Idiom kann deuten, es
kann nicht beschreiben. Auch verrät es ähnlich wenig über
den Standort des Autors. Daß er selber das kritische Idiom
spricht, deutet darauf hin, daß er irgendwo links steht – wo
dort, ist jedoch nicht ersichtlich. Einerseits überholt er einen

187
links stehenden Mann links; andererseits hat er eine der vie-
len Baukastenvokabeln, nämlich das manipulierte Publikum,
in Anführungsstriche gesetzt, teilt also eine wesentliche An-
nahme der Linken, daß nämlich das Publikum manipuliert
sei, offenbar nicht so ganz; außerdem distanziert er, dem
das antiautoritäre Vokabular doch selber so flüssig von den
Lippen geht, sich von denen, auf die das gleiche zutrifft. Tat-
sächlich ist es möglich, mit ein wenig stilistischer Mimikry
der Linken ihre offensiven Eigenschaftswörter (autoritär, af-
firmativ, elitär und so weiter) von nahezu jedem Standpunkt
aus zurückzugeben, oder auch von keinem Standpunkt aus.
Der Autor darf sonderbar gesichtslos bleiben.
Indessen ist das Beispiel nicht einfach in die »normale«
Sprache zu übersetzen und damit als aufgeblasener Humbug
zu entlarven. Die Sprechweise ist also nicht die reine Manier;
sie ist dem zur Sprache gebrachten Phänomen wesentlich.
Die Frage würde also weiter lauten: Wie groß ist die Relevanz
der Aussagen, zu der dieses kritische Idiom (hier immer das
im Alltagseinsatz) gelangen kann?
Das Vokabular des kritischen Idioms ist ein ausgemacht
dualistisches. Zwei Wertfronten stehen sich verfeindet ge-
genüber. Die eine Seite ist die gute, die andere die schlech-
te. Der moralische Beiklang jeder Vokabel ist stark. Einen
moralisch indifferenten oder gemischten Raum duldet das
Idiom so gut wie gar nicht. Dadurch wird es so ungemein
aggressiv, und kämpferisch will es ja auch sein: Wer sich
nicht auf die Seite der guten Vokabeln schlägt, muß bei den
schlechten zugrunde gehen. Die schlechten, das wären etwa:

188
Anpassung, Konsum, Reproduktion, Entfremdung, Reak-
tion, Ausbeutung, Manipulation, autoritär, privat(istisch),
Affirmation, Repression, Integration, irrational. Zu den gu-
ten Wörtern auf der anderen Seite gehören: Veränderung,
antiautoritär, Emanzipation, Revolution, Negation, Provo-
kation, Destruktion, bewußt, rational. Es handelt sich also
um eine Alternativ-Terminologie; ein Bewußtsein, das mit
ihren binären Gut-Schlecht-Entscheidungen nichts anfan-
gen könnte, für das etwa rational und irrational nicht zwei
antagonistisch getrennte semantische Blöcke wären, weil es
das Irrationale an rationalen Prozessen und das Rationale an
irrationalen wahrnimmt, könnte sich mit ihrer Hilfe kaum
ausdrücken.
Die schlechten Vokabeln bezeichnen zum Teil Zustände
und Verhältnisse; die guten nicht etwa deren positives Ge-
genteil, sondern fast ausschließlich Vorgänge der contestation
und Veränderung: Der schlechten Welt stellt das Idiom nicht
eine bessere gegenüber, sondern nur ihre Abschaff ung.
Wie das Wort Bewußtsein, so steht auch gesellschaftlich
zweideutig zwischen den Fronten, Fluch und Verheißung
zugleich. »Gesellschaft ist die Zentral-Vokabel des linken
Jargons, die neue Eigentlichkeit. Das Wort Gesellschaft wird,
wie andere Numinosa, ambivalent gebraucht: Gesellschaft
ist sowohl der Sündenpfuhl des Bestehenden wie der Ort der
Umkehr und Befreiung …« (Reimar Lenz).
Ein weiteres Kennzeichen der Hauptvokabeln des kriti-
schen Idioms ist ihr hoher Abstraktionsgrad. Daraus erklärt
sich die Allgemeinheit seiner Aussagen: Man muß … von ei-

189
nem revolutionären Musiker verlangen, daß seine Produktion
den Kategorien der idealistisch-reaktionären Ästhetik, den
kapitalistischen Manipulations- und Konsumtionszusam-
menhängen des Konzert- und Opernhetriebes, der affirmati-
ven Musikkritik und den Machenschaften mächtiger Verlage
und noch mächtigerer Rundfunkanstalten nicht sich einfügt
… (aus einem Leserbrief des Musikkritikers Hartmut Lück
an den ›Spiegel‹). Unmöglich, daraus zu schließen, wie die in
Rede stehende Musik klingen soll, wenn ihr nur Eigenschaf-
ten wie die nachgesagt werden, sich den kapitalistischen Ma-
nipulationszusammenhängen zu entziehen.
Hoher Abstraktionsgrad: das heißt, daß es sich um se-
mantisch überaus weiträumige Begriffe handelt. Der se-
mantische Komplex Herrschaft/Autorität/Repression etwa
meint Sachverhalte, die von der physischen Vernichtung
ganzer Bevölkerungen durch totalitäre Exekutivappara-
te bis zur Gewohnheit des Zähneputzens reichen (die dem
Konsumenten anerzogen wurde als einer von vielen für die
Herrschenden profitablen Zwängen, die keinem echten Be-
dürfnis entsprechen, aber den Herrschenden Profitmaxi-
mierung mittels Zahnpastaverkaufs ermöglichen und die
Beherrschten im quälenden Gefühl der Unsauberkeit, ihnen
selber unbewußt, abhängig halten). Das Wort Integration
bezeichnet sowohl den, der sich für ein Schmiergeld seine
vordem oppositionellen Meinungen abkaufen läßt und nun
Festreden auf die Bosse hält, wie den, der eine Krawatte um-
bindet und sich damit als angepaßt ausweist. Autoritär ist
der blutrünstige Diktator, der Lehrer, der seine Schüler sy-

190
stematisch und sadistisch zusammenstaucht, der Lehrer, der
sich einmal zu einem Wutanfall hinreißen läßt, und auch
das Mitglied der Bürgerinitiative, das vermeintlich zu lange
und zu laut redet. Das schlechte Bestehende kann so sehr alles
sein, von der CSU über den BDI zu Telefonbüchern, daß es
gar nichts mehr ist. Und die Aversion, deren der extremste
von solchen Großraumbegriffen erfaßte Sachverhalt sicher
sein kann, kriminalisiert auch noch den jeweils harmlose-
sten. Der Vorteil solcher Abstraktionen ist, daß sie ähnliche
Merkmale in heterogenen Bereichen aufweisen und mitein-
ander in Beziehung setzen, möglicherweise also die Wurzel
der großen Übel im scheinbar Harmlosen entdecken. Dem
gegenüber steht der Nachteil, daß sie Minimales und Maxi-
males verwischen und die Unterscheidungskraft schwinden
lassen. Der hemmungslos prügelnde Vater und der, der seine
Kinder schonungsvoll daran hindert, seine Bücher zu zer-
fetzen, können somit für das Idiom verschmelzen. Es nennt
sie beide autoritär und erklärt sie damit zu Gegnern gleicher
Klasse.
Das kritische Idiom dient vornehmlich dialektischem
Denken; und das bringt eine spezifische innere Gefährdung
mit sich.
Dialektisches Denken ist das Gegenteil von faktenorien-
tiertem (»positivistischem«) Denken. Es begreift nichts Ein-
zelnes aus sich heraus, sondern im Hinblick auf eine gedach-
te Totalität. Es bezieht die Bedingtheiten des Denkenden
selber in sich ein. Es nimmt den Phänomenen nicht ab, was
sie zu sein scheinen oder als was sie sich ausgeben. Es fragt,

191
ob sie nicht, in einem höheren Zusammenhang, etwas ande-
res bedeuten – womöglich das Gegenteil von dem, was sie zu
bedeuten scheinen. Es versucht, die »immanenten« Erörte-
rungen, die sich soviel auf ihre »Sachlichkeit« zugute halten,
der bewußten oder unbewußten Parteilichkeit zu überfüh-
ren, sie zu überwinden. Darin eben besteht die ungeheure
Faszination, die von dialektischem Denken ausgeht. Es klebt
nicht empirisch an den Tatsachen; es läßt das Teildenken
hinter sich; es setzt den Menschen in den Stand, über das,
was ist, hinauszudenken.
Nicht zufällig sind darum Verschleierung und Entlar-
vung zwei miteinander korrespondierende Zentralbegriffe
des kritischen Idioms. Dialektisches Denken ist im Laufe
seiner Geschichte mancherlei gewesen; heute ist es, im kriti-
schen Idiom des Kulturbetriebs, vor allem der Denkakt des
Durchschauens, der Entlarvung. Das dialektische Phäno-
men, schreibt Robert Heiss in seinem Buch »Wesen und For-
men der Dialektik«, werde dort besonders deutlich, wo »eine
Tatsache sich ins Gegenteil wandelt, ein Sachverhalt aus sich
entläßt, was ihm eigentümlich gegensätzlich ist«. Dialektik
beweist der Biederkeit ihr Gegenteil. Recht demaskiert sie als
Unrecht. Den Nonkonformisten als Konformisten. Den sich
autonom dünkenden Einzelnen als ferngesteuert. Den Bür-
gerschreck als verkappten Spießer. Den Folterknecht begreift
sie, im höheren Zusammenhang, seinerseits als Opfer. Dem
Voyeur versucht sie seinen Lustgewinn auszureden, da er nur
ein Glückssurrogat sei, das ihn abhalte von der Bemühung
um sein wirkliches Glück: Lustgewinn als Lustverlust. Die

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Negation versteht sie als Affirmation. Das Nein wird zum Ja.
Das Ja zum Nein.
Als George Orwell seinen Zukunftsstaat des Jahres 1984
mit den Parteiparolen »Krieg ist Frieden, Freiheit ist Skla-
verei, Unwissenheit ist Stärke« ausstattete, war das ein sa-
tirischer Scherz, der die Dreistigkeit totalitärer Sinnverdre-
hungen vorführen sollte. Das war 1948, und Orwell war Eng-
länder und damit Angehöriger eines Kulturbereichs, in dem
dialektisches Denken niemals in Mode war. Herbert Marcu-
ses »Toleranz ist Repression«, nach genau demselben Muster
gebaut, war keineswegs satirisch gemeint, sondern bitterster
Ernst. Nach diesem Gewaltstreich der Entlarvung wurde die
anklägerische Entdeckung der Antithese in der These fast
zum Muß im Kulturbetrieb. Kaum eine Fernsehkurzkritik
mag darauf verzichten, das Volksstück als volksfeindlich, die
Provokation als lahme Angepaßtheit, das esoterischste Exer-
zitium als wahrhaft politische Tat vorzuführen.
Eigentlich ist logisch gleich, was auf den beiden Seiten ei-
nes Gleichheitszeichens steht. Wenn A gleich B ist, so ist B
gleich A. Aber die Logik gilt nicht für dialektische Gleich-
setzungen. Daß Toleranz gleich Repression ist, heißt kei-
neswegs, daß Repression gleich Toleranz wäre (obwohl sich
auch dafür Argumente finden ließen, wenn man nur ange-
strengt genug suchte). Dialektische Gleichsetzungen sind
unumkehrbar. Sie dürfen nur in einer Richtung gedacht
werden. Darin enthüllt sich ihr parteilicher Zweck. Für das
parteiliche Denken ist es ja gar keine Frage mehr, was beim
Denken herauskommen mag; Denken heißt Argumente für

193
ein bereits fertiges Urteil entwerfen. Toleranz ist Repressi-
on, aber Repression ist nicht Toleranz; Repression ist auch
Repression, im Blick auf »die Totalität« ist alles Repression,
sogar ihr Gegenteil, Toleranz. Eine einfache Verdrehung ist
das nicht. Manches Phänomen mag, wenn man es kritisch
genug durchleuchtet, durchaus Elemente seines Gegenteils
in sich beschließen. Hier geschieht etwas Raffinierteres. Die
große, die »positive« Wahrheit, daß etwas zunächst einmal
und vor allem es selber ist, Toleranz gleich Toleranz, Konfor-
mismus gleich Konformismus und so weiter, wird aufgege-
ben und unkenntlich gemacht zugunsten einer sekundären
Teilwahrheit – daß, wenn man dies und jenes berücksichtigt,
Toleranz auch gewisse indirekte Folgen haben mag, die der
Intoleranz den Rücken stärken. Eine Teilwahrheit also wird
verabsolutiert, so wie es kulturkritisches Denken überhaupt
liebt. »Das Sein bestimmt das Bewußtsein«, »Das Medium ist
die Botschaft« – Erkenntnisse, deren offenkundiger Nonsens
sie erstaunlicherweise keineswegs disqualifiziert, sondern
geradezu die Vorbedingung ihrer Verbreitung ist. »Irgend
etwas ist ja dran«; ein platter positiver Kopf, wer keinen Blick
dafür hat – und schon gilt nur noch die in ihnen enthaltene
Teilwahrheit als gesellschaftsfähig.
Alles wird diesem Denken vieldeutig. Wird ein Buch in-
diziert, ein Film verstümmelt, eine Theateraufführung ver-
boten, so ist das klar repressiv und damit schlecht. Lassen die
Gesellschaft und ihre Institutionen Buch, Film, Auff ührung
dagegen zu, so ist das nicht etwa gut, sondern verschleiert
nur den schlechten Charakter des Systems und ist damit

194
ebenso schlecht. Nichts käme gegen das Verdikt der Verrot-
tetheit an. Unterdrückt die Gesellschaft den Sex, so ist ihre
oppressive Natur evident; unterdrückt sie ihn nicht, so muß
nachgewiesen werden, daß sie gerade dadurch um so heim-
tückischer oppressiv ist.
Was du auch tust, es ist mit Sicherheit das Falsche. Der
Jargon entmutigt. Darum wohl auch der Überdruß an ihm:
Daß immerfort ein Progressiver den anderen als Reaktionär
entlarvt, ist nicht nur psychohygienisch etwas störend (wenn
es so ist, mag sicher mancher Teilnehmer dieses Gesinnungs-
wettlaufs sagen, kann ich ja eh gleich Reaktionär werden). Es
ist auch nicht eben sehr erkenntnisfördernd. Nehmen wir an,
es sei jemand ein Filmemacher und er sehe progressive An-
sprüche an sich gestellt. Nehmen wir weiter an, sein Ziel sei
nichts jenseits des Horizonts, die »befriedete Gesellschaft«
oder der »neue Mensch«, so daß keine mögliche Betätigung
seinerseits irgendeinen nachweisbaren Schritt auf dieses Ziel
zu darstellen könnte, sondern es handele sich um ein konkre-
tes, erreichbares und schließlich auch erreichtes Ziel: die Be-
endigung des Krieges in Vietnam. Mit einem lächerlich klei-
nen Fundus von Baukastenvokabeln des kritischen Idioms ist
dennoch jeder Film, den er machen könnte und der diesem
Ziel dient, als schlecht und Schlimmeres zu entlarven.
Ein Film, der in konventioneller Dramaturgie vorführt,
wie Amerika sich in Vietnam heldenhaft gegen die kommu-
nistische Seuche verteidigt, ist natürlich offenkundig reak-
tionär, denn er reproduziert und verklärt nur das Selbstver-
ständnis derer, die den Krieg führen.

195
Ein Film, der von Vietnam nichts sagt, aber die herrschen-
de Schicht des Landes bei irgendwelchen sonstigen Verrich-
tungen zeigt, ist doppelt reaktionär, einmal durch sein Ein-
verständnis mit den Herrschenden, zum zweiten durch sein
Verschweigen von Vietnam.
Ein Film, der nur private Phantasien seines Autors vor-
führt, auch solche, die seine Friedfertigkeit bezeugen, ist
dann reaktionär, wenn sich der Autor im übrigen als Geg-
ner des Krieges erklärt hat: Denn indem er den Krieg ver-
schweigt, läßt er ihn zu und macht sich zu seinem Komplizen.
»Jeder meter film, der einen heilen arsch aus den metropolen
zeigt, verschweigt einen verbrannten körper in viet-nam«
(Flugblatt bei den Filmtagen in Knokke).
Ein Film, der nach konventioneller Dramaturgie gegen
den Krieg agitiert, ist reaktionär, weil er seinen erklärten
Zielen zum Trotz durch seine Dramaturgie die Bewußt-
seinshaltungen unterstützt, die den Krieg ermöglicht haben.
»Einen prügelnden Polizisten zu zeigen, bedeutet nichts; es
kommt darauf an, die Sehgewohnheit zu brüskieren, der ein
prügelnder Polizist im Kino nichts bedeutet« (Uwe Nettel-
beck in ›konkret‹).
Ein Film dagegen, der zur Verwirklichung des gleichen
Ziels neue Mittel verwendet, ist gleich aus vielerlei Gründen
reaktionär: Er verschließt sich durch seine formale Neuheit
dem großen Publikum, das er besonders anginge, von vorn-
herein elitär; er verhöhnt die Opfer des Krieges, indem er sie
zu ästhetizistischen Experimenten benutzt und sie dadurch
ein zweites Mal sterben läßt; ferner bereichert auch er die

196
Distributionssysteme der Herrschenden; und er bereichert
sie nicht nur, sondern verschafft ihnen und seinen Zuschau-
ern darüber hinaus ein beruhigendes Alibi – sie könnten das
Gefühl haben, etwas gegen den Krieg getan zu haben. Das
Alibi-Argument ist besonders leicht anzuwenden, besonders
schwer zu entkräften und darum auch besonders beliebt,
ein wahres Passepartout, das immer willig zur Verfügung
steht, wenn jemandem gar kein anderer Einwand mehr ein-
fällt. Ein Verlag (schlecht) macht eine ökologische Buchrei-
he? Eine Kulturbehörde (schlecht) finanziert eine alternative
Spielstätte? Also, da könnte man ja fast … – aber nicht doch:
Alibi! Alibi! Auch wenn der betreffende Verlag, die betreffen-
de Behörde subjektiv nicht das geringste Bedürfnis hat, sich
gegenüber den Alibi-Rufern ein Alibi zu verschaffen.
Verweigert sich der vorige Film aber dem etablierten Dis-
tributionssystem, so kapselt er sich dadurch wieder elitär ab
und bleibt also gleich reaktionär.
Ein Film, der das Distributionssystem, die herkömmliche
Dramaturgie, die Leute, deren Bewußtsein er für den Krieg
verantwortlich macht, beschimpft und bespuckt und belei-
digt, bleibt ebenfalls reaktionär: weil auch er sich elitär ab-
kapselt, und dann aber auch, weil er eben ein Film ist, weil
sein Realisator mit ihm Selbstbefriedigung getrieben hat, weil
er sich dem Irrtum hingegeben hat, ein Film könne über-
haupt ein taugliches Mittel zur Beendigung eines Krieges
sein, er also nur eine Ersatzhandlung vollzog, über der er die
eigentlich effektive Aktion versäumte.
Unrichtig ist das alles nicht. Unter irgendeinem Gesichts-

197
punkt erscheint alles und jedes auch immer als etwas ganz
anderes. Alles läßt sich in den Strudel der dialektischen Um-
deutung reißen. Nur bleibt dem Dialektiker am Ende dann
auch selber nichts mehr in der Hand, und was ihm zu blei-
ben scheint, dialektisiert ihm der Genosse weg. Darum ist
die Kritik, die akrobatisch nach Gesichtspunkten sucht, un-
ter denen sich etwas abwerten läßt – denn darauf läuft die
dialektische Kritik meist hinaus – , auf die Dauer sehr unbe-
friedigend.
Wer aber in jener Logik bis zu Ende geht, wer nicht ir-
gendwo unterwegs abgesprungen ist und sich dabei an der
Behauptung festhält, es sei etwas doch, was es scheine oder
nach seinem eigenen Verständnis sein wolle, der wird Filme
machen höchstens noch, um die Unmöglichkeit und das Ver-
brecherische des Filmemachens nachzuweisen, er wird Theo-
rien darüber entwickeln, daß der nötige Film jedenfalls kein
Film mehr sein könne, er wird seine Apparate zerschlagen.
Am Ende: die Selbstzerfleischung, die große Liquidierung
der elitären, der uneffektiven, der ästhetizistischen Kunst, das
Autodafé: »Schluck es, schluck es, schluck es, Hund.«
Das Schlimmste ist, wie bekannt, die Autorität. Autoritär
aber ist jeder Autor (wie übrigens schon das Wort Autor na-
helegt): Er verfügt anmaßend über sein Material, er tritt sei-
nem Publikum schon dadurch autoritär gegenüber, daß er
ihm seine Weise der Herrschaft über ein Material vorführt,
ohne daß es auch nur widersprechen könnte. Die Kulturre-
volution hätte also den Autor als autoritäre Charaktermaske
abzuschaffen; die demokratische Kunst danach hätte eine

198
do-it-yourself-Kunst zu sein, die gleichzeitig die aus der ar-
beitsteiligen Gesellschaft (hier Produzent, dort Konsument)
erwachsende Entfremdung beseitigt und die Bildungs- und
Besitzprivilegien liquidiert – nicht, wie jemand naiv meinen
könnte, indem die Privilegien allgemein werden und damit
verschwinden, sondern andersherum, durch die Liquidation
von Bildung und Besitz. Solche Gedankenwege gebe es nicht,
sie seien das ironische Räsonnement eines ausgelaugten Bür-
gers? »Ich sehe keinen Unterschied zwischen einem General,
einem Generaldirektor, einem Pfarrer, einem Bürokraten
und einem Dichter, wie ich einer war, deshalb gehören sie
meines Erachtens alle abgeschafft. Ich glaube, die Menschen
müssen lernen, sich selbst zu verwalten, sich selbst zu regie-
ren und ihre eigene Dichtung zu machen« (Peter O. Chotje-
witz, Dichter, in einem NDR-Interview).
Eins werden dieses Denken und diese Sprechweise jedoch
selten: banal. »Ich glaube, daß die eingeborene Eigenschaft
der, wenn dieser Ausdruck erlaubt ist, ›Anti-Banalität‹ dia-
lektisch-paradoxen Sprechens uns den Schlüssel an die Hand
gibt zum Verständnis wenn nicht der Dialektik, so doch ih-
res Jargons«, schrieb Jean Améry in seiner umsichtigen wie
reservierten Studie über den »Jargon der Dialektik«, der ich
viele Anregungen verdanke.
Ein Jargon also? Die Vokabeln des kritischen Idioms
werden leicht zu Wortfetischen, denen man sich nur noch
gläubig nähern darf. Sie stellen häufig bloße Signale einer
irgendwie gearteten progressiven Gesinnung dar, denen
konkrete Inhalte nur noch schwer zuzuordnen sind. Aus

199
einem in diesem Idiom verfaßten Text ist häufig nur noch
herauszulesen, was an Überzeugung hineingesteckt wurde,
nichts aber mehr über die in Rede stehenden Sachen. Das
Idiom liefert vorzugsweise riskant spekulative und allge-
meine Analysen, durchschaut, ohne erst lange hinzuschau-
en. Und weil es gern jede Positivität verschmäht, erzeugt es
oft eine eigentümliche Haltlosigkeit, in der alles zu wanken
beginnt, am Ende nichts mehr auf den Füßen steht und
auch niemand mehr anzugeben wüßte, was unten und was
oben ist.
Außerdem ist es ein sehr hochmütiges Idiom. Der Aus-
stellungsbesucher, der sich etwa über das »Menschenbild der
Pop-Art« orientieren möchte, dürfte nur mit einem Ächz!
Würg! reagieren, wenn er im Katalog auf Sätze wie diese
(von Rolf-Gunter Dienst) stößt: »Eine soziologische Bewußt-
heit, die nicht nur von der Erkenntnis einer langsam effektiv
werdenden Reflexionsübertragung bedrängt wird, sondern
auch ihre gesellschaftlichen Möglichkeiten in ihrem eigenen
Bereich erkennt, wird zum Bestandteil einer Kunst, die sich
nicht nach dem kommerziellen Gesichtspunkt ihrer demo-
kratisch regulierbaren Brauchbarkeit richten muß.« Und es
ist leicht vorstellbar, welche Reaktionen ein Buchhändler
auslöste, der etwa einer Krankenschwester in seinem Laden
dieses sagte: »Ihr Kaufwunsch an sich und im besonderen
verrät falsches, weil regressives Bewußtsein, da er nur in die-
sem System interiorisierter Repressionen verständlich wird,
das es im überschreitenden Reflektieren gerade zu entschlei-
ern und zu zerschlagen gilt.«

200
Prognosen über seine Zukunft sind heute schwer abzu-
geben. Vermutlich wird es sich, um zu überleben, differen-
zieren und mit einiger Positivität aufladen müssen; es wird
auch etwas von seiner Banalitätsfurcht ablegen und entge-
genkommender werden müssen. Auf jeden Fall hat es fürs
erste den verblasenen Jargon der Eigentlichkeit weitgehend
verscheucht, Kulturelles auf die Tatsächlichkeiten unse-
rer Industriegesellschaft bezogen, die Ideologie der Ideolo-
giefreiheit unmöglich gemacht und für einen merklichen
Realitäts- und Rationalitätszuwachs gesorgt. Mit dem Inhalt
hat es auch das Klima vieler Kulturdebatten drastisch geän-
dert, so sehr, daß heute auch bare Schimpfwörter (Schwein,
Arschloch, Hosenscheißer) dazugehören, zum Zeichen, daß
nun nichts mehr geschont werden soll – ja, daß die Respek-
tierung »abstrakter Regeln des Anstands und der Fairness«
nur ein raffiniertes Instrument der Herrschaft akzeptierte
und bestätigte und somit von vornherein verwerflich wäre:
die Beleidigung und Beschimpfung als revolutionärer und
damit potenziert humaner Akt. Überhaupt erprobt die neue
Sprache teilweise von neuem die Gewalt. Zarte Belletristen
demaskieren und liquidieren – wen? Lakaien, Marionetten,
Charaktermasken. »Der Schrecken im Gewand des Feuille-
tons klingt immer irgendwie unglaubwürdig. Vielleicht zu
Unrecht. Vielleicht merkt selbst der Verfasser erst post fe-
stum, daß es einmal wieder genau so gemeint war, wie es ge-
schrieben ist« (Heinrich Popitz).

201
Kulturprodukte treten auch als Waren auf einem Markt auf.
Ob sie das bis ins letzte bestimmt; ob irgend Verhältnisse
denkbar sind, die sie von ihrem Warencharakter befreiten;
ob die ganze Kunst abschaffen muß, wer ihren Warencha-
rakter nicht in Kauf nehmen will – das gehört in einen ande-
ren Zusammenhang. Jedenfalls wollen Kulturprodukte für
sich werben, sie wollen verkauft werden, sie wollen sich ge-
gen andere durchsetzen. Industrien sind mit ihrer Verbrei-
tung beschäftigt. Sprache im Kulturbetrieb verfolgt dann
und wann rundheraus merkantile Zwecke. Selbstanzeigen,
Kinoreklamen, Werbebroschüren, Klappentexte sind aus ihr
nicht wegzudenken.
Vielleicht ist sogar die Sprache des Klappentextes das be-
ste vorhandene Barometer für den Stand der Sprache des
Kulturbetriebs. Der Klappentext, da er verkaufen will, horcht
die jeweils aktuellen Tendenzen am hellhörigsten und am
nachgiebigsten ab. Eine Analyse der Sprache des Klappen-
textes müßte zutage fördern, wie sich das Selbstverständnis
der in dieser Branche Tätigen gewandelt hat, welches ihre je-
weils tonangebenden Präokkupationen waren.
»Der heute wesenhafteste, der merkantile Blick ins Herz
der Dinge heißt Reklame. Sie reißt den freien Spielraum der
Betrachtung nieder und rückt die Dinge so gefährlich nah
uns vor die Stirn, wie aus dem Kinorahmen ein Auto, rie-
sig anwachsend, auf uns zu zittert. Und wie das Kino Möbel
und Fassaden nicht in vollendeten Figuren einer kritischen
Betrachtung vorführt, sondern allein ihre sture, sprunghaf-
te Nähe sensationell ist, so kurbelt echte Reklame die Dinge

202
heran und hat ein Tempo, das dem guten Film entspricht«,
schrieb Walter Benjamin 1928.
Diese sture, sprunghafte Nähe, die keinen freien Spiel-
raum der Betrachtung zuläßt, erzeugt die Sprache im Kul-
turbetrieb immer wieder. Auch die Kritik, die sich gerne als
eine Art Marktpolizei versteht, operiert ungeniert mit Vo-
kabeln, die keinen Betrachtungsspielraum lassen, sondern
ihrem Leser die Dinge fordernd nahe rücken: einmalig, ge-
konnt, stupend, faszinierend, überzeugend, konkurrenzlos,
fesselnd, packend, virtuos, originell, groß (oder die entspre-
chenden Verneinungen) – Aussagen, die ihrerseits unmittel-
bar verwertbar werden für die Klappentextschreiber, welche
sich begierig auf sie stürzen, wenn es für das nächste Produkt
des nämlichen Urhebers Reklame zu machen gilt.
Unehrlich oder schmählich ist solche kritische Praxis üb-
rigens nicht, wo die Kritik, wie heute, kaum auf umfassende
Theorien gegründet sein kann, die ihre Urteile begründen
könnten, und sich also notwendig im Raum persönlicher
Anmutungen bewegt. Daß ein Kritiker einem Buch eine
spannende Mischung aus männlicher Herbheit und weibli-
cher Spröde nachsagt, verrät nichts über die komplizierten
Vermittlungen, über die ein Urteil wie spannend zustande
kommt; aber es verrät etwas über den Assoziationshaushalt
des Kritikers, über seinen mutmaßlichen Zustand während
der Lektüre, und insofern seine Anmutungen, seine Erleb-
nisweise Anteil haben an den Anmutungen seines Publi-
kums, verrät es außerhalb jeder Theorie sogar Informatives
über das fragliche Buch. Auf weite Strecken ist die Sprache

203
des Kulturbetriebs heute die Sprache solcher Anmutungen.
Die ihr zugrunde liegende Denkfigur ist: »Es kam mir ir-
gendwie vor wie …«
»Wir alle wissen«, schrieb Leo Spitzer, »daß die angeprie-
senen Güter durchaus erstklassig sein mögen, daß aber die
bessere Welt, die in der Werbung evoziert wird, ein Land
des Niemals ist.« Werbung in der Sprache des Kulturbetriebs
evoziert diese bessere Welt in der Regel indirekt. Direkt
pflegt sie zu sagen, daß die Welt in aller ihrer Schlechtigkeit
im vorliegenden Werk zum ersten Mal ganz durchschaut
wurde – keine sunkist groves of California laden da ein. Aber
indem das Werk diese Entlarvung auf künstlerisch vollkom-
mene Weise geleistet haben soll, wird der Schlechtigkeit der
Welt die Gegenwelt künstlerischer Vollkommenheit gegen-
übergestellt. Ergebnis des Manövers: Eine schlechte Welt,
die eine solche Be-meisterung zuläßt, ist nur noch halb so
schlimm – also kauft, und ihr dividiert euer eigenes, reales
Unglück. Und unter Umständen hat diese Werbung sogar
recht; vielleicht hat sie so sehr recht wie die Werbung für ei-
nen tatsächlich guten Markenartikel.
Um das eine anzupreisen und das andere zu verwerfen,
braucht die Sprache nur die emotionale Aura auszunutzen,
die vielen Wörtern eigen ist. In diesem Gefühlshof um die
Wörter (ihrer, nach Hayakawa, »intensionalen« Bedeutung)
versteckt sich in der Regel das Urteil, teilweise unbemerkt,
so daß sich weder Schreiber noch Leser darüber klarwerden.
Man braucht nur eine simple und affek-tiv relativ unbelaste-
te Aussage zu nehmen und zu sehen, was sich mit ihr an-

204
stellen läßt, wenn man ihren extensionalen Inhalt beibehält,
aber durch Variierung der Gefühlsaura die intensionale Be-
deutung zum Spielen bringt. Diese so häufige demagogische
Manipulation verläßt sich darauf, daß der Bedeutungskern
ja nicht angetastet wurde, die Aussage also »nicht gerade
falsch« wird; daß hingegen der Gefühlsnimbus zu ungreif-
bar ist, als daß sein Autor dafür haftbar gemacht werden
könnte. (Nicht auf die – weder mögliche noch wünschens-
werte – Beseitigung solcher affektiven Konnotationen käme
es an, sondern auf die Schärfung des Sinnes dafür.)
Der neutrale Satz:
»Der junge Autor hat einen Roman geschrieben, der neu-
ere Stilmittel verwendet.«
Und nun:
»Der Dichter hat ein Kunstwerk geschaffen, das wahrhaft
modern genannt zu werden verdient.«
»Der Autor hat unter effizienter Ausnutzung progressiver
Techniken einen provozierend modernen Text hergestellt.«
»Der Nachwuchsschreiber hat einen sogenannten Roman
von penetrant modischem Gehabe verfertigt.«
Und so fort, in beliebigen Mischungen.
Es gibt Wörter, die Sachlichkeit und Polemik in sich ver-
einen und in feuilletonistischen Kontroversen darum un-
entbehrlich sind. Ein solches ist hochloben. Es kommt zum
Einsatz, wenn man nicht unterschlagen kann, daß derjenige,
den man gerade verächtlich machen will, sonst nicht gerade
auf Ablehnung gestoßen ist. Er wurde gelobt, ja – ist es nicht
fair, dies sogar ausdrücklich zu konstatieren? Aber hochge-

205
lobt: das insinuiert ein Nichts, das nur durch die unsaube-
ren Machenschaften der Lober nach oben gespült wurde.
Ein anderes ist selbsternannt: Er ist das selbsternannte Ge-
wissen der Nation, hält man dem entgegen, der moralische
Bedenken erhebt -eine kuriose Beanstandung, die so tut, als
wüßte sie nicht, daß kein Mensch je zum moralischen Lehr-
meister des Volkes ernannt wird, und als ließe sie sich etwa-
ige Belehrungen nur zu gern gefallen, läge nur eine amtliche
Erinnerungsurkunde vor. Aber »richtig« ist der in ihr zum
Ausdruck kommende Einwand schon: Es hat ihn tatsächlich
niemand ernannt.
Beliebt ist auch der simple Dreh, Adjektive, die solches zu-
lassen, durch die Anfügung des Suffi xes -istisch in Beleidi-
gungen zu verwandeln. Jemand ist liberal, und das mißfällt?
Dann nenne man ihn einfach liberalistisch. So läßt sich aus
legal ein legalistisch, aus modern ein modernistisch, aus bio-
logisch ein biologistisch machen, und die Form ist gewahrt,
die Aversion aber deutlich zum Ausdruck gebracht. Wären
die regelmäßig so abgekanzelten Verhaltensbiologen in Pres-
sefehden geübt, sie hätten sich längst mit soziologistisch oder
philosophistisch revanchiert.
Das Wort Kultfilm wurde einmal gebildet, um Phänome-
ne wie »The Rocky Horror Picture Show« oder »Harold und
Maude« zu bezeichnen: Filme, die ein kleines, aber unent-
wegtes Publikum gefunden hatten, welches sie sich immer
und immer wieder ansah. Dann wanderte das Wort in die
Werbesprache. Heute werden manche Filme offenbar gleich
als Kultfilme gedreht, manche Bücher als Kultbücher ge-

206
schrieben. Es heißt nur: Ihre Produzenten hätten es gern,
wenn sie eine zahlende Gemeinde fänden.
Was ist verkäuflich? Wie ist es zu verkaufen?
Verbindliche kulturelle Werte scheint es ja nicht zu ge-
ben, abgesehen von den Stichworten der jeweils vorherr-
schenden »Bewegung«. Also kann auch die Abschaff ung
der Kultur als ganz supremer Wert angeboten werden. Die
verschiedensten Werte konkurrieren miteinander, treten
sich gegenseitig auf die Füße und merken es in dem immer
eiligeren Geschiebe oft nicht einmal. Immer hastiger wer-
den vergangene Stile herbeizitiert: Vorgestern war der Ju-
gendstil wieder »in«, gestern die Arbeiterbewegung, heute
sind es die fünfziger Jahre, heute abend werden vielleicht
schon die Oldies und Evergreens der vorletzten Hitparade
nostalgisch rekapituliert. Der einzige Wert, der mit einiger
Verbindlichkeit auftritt, ist die Veränderung an sich, egal
wozu, egal wie. Und dann hat jeder Moment seine Voka-
beln, die Ehrfurcht gebieten und jeden Text zieren. Vor ei-
nigen Jahren gehörten Kritik und Revolution dazu -was für
Revolutionen wurden nicht alles ausgerufen, von der Revo-
lution in der Bühnentechnik über die des Herzens bis zu
der im Kochtopf. Derzeit sind es neben der adelnden All-
zwecksilbe öko- unter anderem Mythos, Utopie, Traum, und
sie werden schnell heruntergewirtschaftet sein: der Mythos
zu einer Geschichte, die einem irgendwie nicht ganz geheu-
er ist, die Utopie zu einem piefigen Wunsch (meine Utopie
ist: ein Gläschen Weißherbst und das heitere Beruferaten),
der Traum zu einer beliebigen Spinnerei.

207
Das ist also in der Tat eine Art Warenhaus der Kultur.
Alle Abteilungen sind wohlsortiert, Novitäten und Sonder-
angebote locken, in schöner Regelmäßigkeit veranstaltet je-
mand eine Aktion (heute »Afrikanische Literatur«, morgen
»Strafgefangenenlyrik«), alles bietet sich an, und zwar immer
mehr, da neben der steigenden zeitgenössischen Produktion
die Erzeugnisse aus immer ferneren Fernen zeitlicher und
räumlicher Art angeliefert werden, alles wird in jener un-
gerührten Anspruchshaltung entgegengenommen, die den
Herstellern rügend entgegenhält: Nicht immer das gleiche,
Mensch, das habe ich satt; leide mal kräftig, dann gelingt
dir vielleicht wieder ein Verschen, das mich ergötzt! Erlaubt
ist alles. Daß irgendwo wieder einmal ein angebliches Tabu
gebrochen wird, schafft sogar einen zusätzlichen Anreiz, ist
mittlerweile aber ein etwas schal gewordener Werbespruch,
denn soviele Tabus, wie sich einträglich brechen ließen, gibt
es gar nicht. Der Skandal ist das reine Vergnügen. Das wird
Ärger machen ist ein besonderes Lob, um so besserer Laune
vorgetragen, als die, die solcherart loben, sich selber gewiß
nicht ärgern. Die Formel kündigt meist gar keine Unan-
nehmlichkeiten an. Sie ist nichts als eine Ermächtigung zur
Schadenfreude. Diejenigen, die sich bestimmt nicht ärgern
werden, dürfen sich über die hypothetischen anderen freuen,
denen das betreffende Werk eigentlich schlecht bekommen
müßte; nur daß die, sofern es sie überhaupt gibt, gar nicht
daran denken, Geld und Zeit für das ihnen zugedachte Är-
gernis aufzubringen. »Prinzipiell fällt nichts Oppositionelles
mehr aus dem Produktionsprozeß der Kulturindustrie her-

208
aus. Weil aber alles möglich und interessant ist, wird es auch
beliebig. Beim Adressaten wird eine Haltung indifferenter
Neugier eingeübt, die ich nicht vorurteilslos nennen möchte,
weil nichts bis zur Schicht der Vorurteile durchdringt« (Die-
ter Wellershoff ).

Half of what I say is meaningless.


John Lennon

Leben ohne zu sprechen wäre doch angenehm.


Nana S.

Die Sprache im Kulturbetrieb hat mit einem besonderen


Handicap fertig zu werden, das die Sprachen anderer Betrie-
be nicht kennen, nicht die des Sports, nicht die der Politik,
nicht die der Wirtschaft. Es handelt sich um ein komplizier-
tes Syndrom, das ich als Aphasie-Angst bezeichnen möchte:
Angst vor dem Sprachverlust. Alexander Kluge brachte den
Sachverhalt in einem der Sprüche der Leni Peickert auf die
kürzeste Formel: »Je näher man ein Wort ansieht, desto fer-
ner sieht es zurück.«
Die Aphasie-Angst, wo sie vorhanden ist, ist verschieden
begründet und verschieden beschaffen. Gemeinsam ist allen
ihren Symptomen, daß das naive Vertrauen in die selbstver-
ständliche Angemessenheit der Sprache eingebüßt wurde.
Wo andere allenfalls fragen, ob es in einem Satz sei oder wäre
heißen müsse, können die Leute des Kulturbetriebs, schon

209
von der Beschäftigung mit ihren Gegenständen her, nicht
umhin, Zweifel ganz anderer Art mit sich herumzutragen.
Zum einen ist da das Mißtrauen gegen abstrakte Begrif-
fe. Das war der Fall des Lord Chandos, wie Hofmannsthal
ihn beschrieb: »Mein Fall ist, in Kürze, dieser: Es ist mir
völlig die Fähigkeit abhanden gekommen, über irgendetwas
zusammenhängend zu denken oder zu sprechen … Die ab-
strakten Worte, deren sich doch die Zunge naturgemäß be-
dienen muß, um irgendwelches Urteil an den Tag zu geben;
zerfielen mir im Munde wie modrige Pilze … Es zerfiel mir
alles in Teile, die Teile wieder in Teile, und nichts mehr ließ
sich mit einem Begriff umspannen.«
Realität, Wirklichkeit, Gesellschaft, Kultur, Kunst, Be-
wußtsein, Struktur, Form, Inhalt, Witz, Spannung, Kitsch,
Quatsch … und was ist das alles? Wir hantieren ganz flott
mit diesen Begriffen, sie sind uns willig zu Diensten, ohne
sie könnten wir ja gleich einpacken, und so ungefähr denken
wir uns eine Bedeutung dazu. Aber keiner dieser Begriffe
verträgt, daß man ihn näher ansieht, oder er starrt so bös-
artig zurück, daß es einem kalt den Rücken herunterläuft,
denn sein Blick bedeutet: Sie, mein Herr, meine Dame, ha-
ben ja keine Ahnung.
Neben dem Begriffszerfall ist es vor allem der Automa-
tismus des Sprechens. Die Sprache als ein abgeklappertes
Instrument, das notwendig banale und immer verbrauch-
tere Töne erzeugt: »Als äußerte sich die Fülle der Seele
nicht zuweilen durch die leersten Metaphern, da niemand
jemals das genaue Ausmaß seiner Bedürfnisse, seiner Vor-

210
stellungen, seiner Schmerzen mitzuteilen vermag und da
die menschliche Sprache wie ein rissiger Kessel ist, auf dem
wir Melodien hämmern, als sollten Bären nach ihnen tan-
zen, während man doch die Sterne rühren möchte« (Gustave
Flaubert in »Madame Bovary«). Eugène Ionesco zu seinem
ersten Bühnenstück, der »Kahlen Sängerin«: »Der Text der
›Kahlen Sängerin‹ oder des Lehrbuchs, das Englisch (oder
Russisch oder Portugiesisch) beibringen soll, zeigte mir mit
seinen fixfertigen Formulierungen und den ausgewalzten
Klischees, aus denen er zusammengesetzt ist, die Automatis-
men der Sprache und des menschlichen Verhaltens. Er führ-
te mir das ›Reden, ohne etwas zu sagen‹ vor Augen, das Re-
den, weil es nichts Persönlicheres zu sagen gibt, das Fehlen
eines Innenlebens, den Mechanismus des Alltäglichen und
den in seinem sozialen Milieu befangenen und aufgehenden
Menschen. Die Smithens und Martins können nicht mehr
sprechen, weil sie nicht mehr denken können. Sie können
nicht mehr denken, weil sie nichts mehr bewegt.«
Während sich Ionesco immerhin noch den Gegensatz
dazu vorstellen kann, das authentischer gedachte und ge-
fühlte Sprechen, äußerte der junge Peter Handke einen ra-
dikaleren Verdacht: Wir könnten ganz aus präfabrizierten
Sprachelementen montiert sein. »Ich habe die Regeln der
Sprache nicht beachtet. Ich habe Sprachverstöße begangen.
Ich habe die Worte ohne Gedanken gebraucht. Ich habe den
Gegenständen der Welt blindlings Eigenschaften gegeben.
Ich habe den Worten für die Gegenstände blindlings Worte
für die Eigenschaften der Gegenstände gegeben. Ich habe mit

211
den Worten für die Eigenschaften der Gegenstände blind-
lings die Welt angeschaut. Ich habe die Gegenstände tot ge-
nannt. Ich habe die Mannigfaltigkeit bunt genannt. Ich habe
die Traurigkeit dunkel genannt. Ich habe den Wahnsinn hell
genannt. Ich habe die Leidenschaft heiß genannt. Ich habe
den Zorn rot genannt. Ich habe die letzten Dinge unsagbar
genannt …«
Hier unsere Empfindungen, Gefühle, Intuitionen, das,
was wir wissen, ohne daß es uns jemals verbalisiert einfällt
– dort unsere Sprachproduktionen: Gerade wer sich von Be-
rufs wegen bemüht, beides halbwegs zur Deckung zu brin-
gen, bleibt sich des Grabens dazwischen bewußt. Borges zi-
tiert eine Bemerkung von G. K. Chesterton als »das Klügste,
was man über die Sprache sagen kann«: »Der Mensch weiß,
daß es in der Seele Schattierungen gibt, die beunruhigender,
zahlloser und namenloser sind als die Farben eines Herbst-
waldes … Dennoch glaubt er ernsthaft, daß diese Schat-
tierungen in all ihren Mischungen und Übergängen durch
einen willkürlichen Mechanismus von Grunz- und Krächz-
lauten wiedergegeben werden können.«
Radikalerer Argwohn noch sieht den Menschen als ei-
nen Automaten, der sich nicht der Sprache bedient, um sich
auszudrücken: Vielmehr drückt sich die Sprache durch den
Menschen aus. Nicht sie wäre sein Werkzeug, sondern er
das ihre. Diesen Zweifel hat der schwedische Schriftsteller
Lars Gustafsson ausgesprochen, unter Hinweis auf Noam
Chomsky, der die Grammatik als eine Art imaginärer Ma-
schine vorstellte, welche aus dem Chaos aller möglichen

212
Artikulationen grammatikalische Sprache erzeugt: »Wem
dieser Gedanke vertraut geworden ist, der kann sich schwer
von der Vorstellung freimachen, daß unseren Worten und
unserem Sprechen etwas Mechanisches und gleichsam Un-
persönliches anhaftet, als wären nicht wir es, die unsere
Gedanken hervorbrächten, sondern als dächte die Sprache
in uns, und als liehen wir bloß einer größeren, unüberseh-
baren sprachlichen Struktur unsere Stimme … oder … als
wäre die Sprache ein enormer, unsichtbarer mechanischer
Prozeß. Es gibt wohl keinen Menschen, der nie erfahren hät-
te, mit welch paradoxaler Selbständigkeit die Wörter in uns
leben und denken, und der es nicht am eigenen Leib erlebt
hätte, wie diese Objektivität der Sprache uns mit fremden,
entfernten oder halbvergessenen Gedanken, mit verschwun-
denen historischen Erscheinungen und mit Haltungen be-
haftet, die uns völlig fremd sind.«
Von solchen Einsichten bedrängt, produzieren die Spre-
cher des Kulturbetriebs selber Sprache. Sie haben meist ihr
Chandos- oder Artaud-Erlebnis hinter sich; und nun sitzen
sie in den Redaktionen und Lektoraten und müssen so tun,
als hätten sie sich ein ungebrochenes Verhältnis zum eige-
nen Sprechen gerettet. Man könnte ihren ganzen scheuen,
ironischen, komplizenhaften Habitus aus diesem Dilemma
ableiten wie aus dem anderen: daß sie zu einem großen Teil
Sprache immer nur über Sprachliches hervorbringen und
nur mit Spiegelbildern der Wirklichkeit Umgang haben.
Wo der Kulturbetrieb nicht Sprachliches zum Gegenstand
hat, ist er noch viel direkter von der Sprachlosigkeit bedroht.

213
Da einfach nicht verbalisierbar ist, was beim Anhören einer
Musik oder beim Betrachten eines Bildes im Bewußtsein ge-
schieht, gibt es auch wenig Möglichkeiten, darüber zu spre-
chen. Mir fehlen einfach die Vokabeln: die übliche Klage ei-
nes ehrlichen Kunst- oder Musikkritikers. Zur Beschreibung
seiner Gegenstände muß er vage generalisieren (prägnante
Strukturen, frappante Verwischungen, mokante Rubati) oder
vage vergleichen (Erinnerungen an submarine Szenerien).
Diese Schwierigkeiten erklären auch, warum die Sprache
des Kulturbetriebs insgesamt weniger standardisiert ist als
die Sprache anderer Bereiche und sich immer wieder Ex-
travaganzen leistet, über die die Kollegen aus den anderen
Sparten nur mitleidig oder indigniert die Achseln zucken.
Sie fürchtet nichts wie das Klischee, das automatische Spre-
chen, und dieser Horror ist selber zum Klischee geworden.
Es erklärt weiter die vielerlei Ironien, Distanzierungen und
Brechungen, mit denen sich diese Sprache des schlechten Ge-
wissens von sich selber zu distanzieren wünscht – als würde
vieles nur sozusagen gesagt, in Anführungszeichen nur und
weil die Zeit drängt und das Geld verdient sein will und et-
was sich ja immerhin auch provisorisch sagen lasse.
Das Fazit? Kein Fazit. In der Sprache des Kulturbetriebs
würde es zum Beispiel heißen: »Einige solcher Beispiele sa-
gen mehr als manches dicke wissenschaft liche Werk.« Oder:
»Das ist unbequem.« Oder: »Das läßt aufhorchen« – als wäre
der Normalzustand im Kulturleben der Schlaf. Oder: »Das
stimmt einen nachdenklich« -als wäre Nachdenken eine
dumpfe, brütende Stimmung, ausgelöst durch einen Denk-

214
anstoß, der eine Art geistiger Tritt in den Hintern zu sein
scheint. Wir wissen oder ahnen, daß wir uns in Gefahr bege-
ben. Aber wir reden.
Lysol, ja Lysol.
WÖRTER UND FAHNEN

Politik
als Sprachkampf
D ie politische Auseinandersetzung ist, unter anderem,
auch ein Sprachstreit. Nicht ein Streit mit Hilfe von
Worten, sondern ein Streit um Worte. Jenem Machthaber
gehöre die Zukunft, der neue Sprachregelungen durchsetzen
könne, schrieb Nietzsche einmal. Und Friedrich Heer: »Je-
der weltgeschichtliche Kampf ist Kampf um Machtübernah-
me in der Sprache.«
Denn Wörter, und vor allem die großen Wörter, die ge-
fühlssatten Kolossalbegriffe wie Freiheit, Frieden, Demokra-
tie, Volk, Sozialismus, bezeichnen nicht nur, worum gestrit-
ten wird. Sie sind nicht nur Mittel. Sie gehören selber zum
Besitz, sind Teil der Sache, um die die Auseinandersetzung
geht. Der Streit um Worte ist nicht ein Streit nur um Worte
und als solcher überflüssig, er ist ein Streit um ein Stück Ei-
gentum der streitenden politischen Faktionen: um ihr ver-
bales Eigentum.
Dieses verbale Eigentum ist der Gruppe so wichtig, weil
es Gemeinsamkeit schafft, ganz wie anderes immaterielles
Eigentum, Fahnen, Lieder, Gesten, Embleme, Kleidung. Sehr
genau hat dies der Philosoph Hermann Lübbe einmal ge-
sehen und beschrieben: »Es handelt sich … keineswegs um
schlechterdings sinnleere sprachliche Elemente; sie alle ha-
ben Deutlichkeit genug, um Freund-Feind-Gruppierungen

219
sichtbar zu machen oder zu stiften. Man ist in Solidaritäten
eingewiesen. Es sind politische Kategorien, die zu sagen er-
lauben, was man solle und wer man sei, und sie treffen wich-
tige Unterscheidungen. Dabei ist die geringe Präzision dieser
Begriffe kein Mangel, sondern Bedingung ihrer politischen
Wirksamkeit. Ihre hohe Allgemeinheit erlaubt es nämlich,
sie durch geeignete Interpretationen an Unvorhergesehenes
anzupassen … Der Kampf gegen den politischen Gegner
wird nicht zuletzt geführt als Kampf gegen seinen politi-
schen Sprachgebrauch.«
In den Wahlkampf 1976 zog die CDU/CSU mit dem Slo-
gan Freiheit statt Sozialismus. Sehr sinnvoll war seine Aus-
sage nicht. Zum einen, weil es Begriffe sehr unterschiedli-
cher Dimension waren, so daß ihre Gegenüberstellung klang
wie Sommerurlaub statt Scheuersand. Zum andern, weil er
unterstellte, der politische Gegner strebe sozialistische Skla-
verei an – eine Verdächtigung, die selbst der schwärzeste
Unionswähler für eine gelinde Verkennung der Realität ge-
halten haben muß. Dennoch war der Slogan vermutlich wir-
kungsvoll. Er war nämlich gar keine Aussage, sondern eine
Schaustellung. Eine Gruppe marschierte auf und führte vor,
daß sie im Besitz der Wortfahne Freiheit war; dem Gegner
heftete sie den Wortwimpel Sozialismus an den Rücken. Der
Politologe Wolfgang Bergsdorf notiert dazu, daß in demo-
skopischen Umfragen des gleichen Jahres Freiheit als der mit
Abstand sympathischste politische Begriff dastand – 93 Pro-
zent der Deutschen zogen ihn jedem andern vor. Dagegen
hatte Sozialismus den Deutschen seit 1961 immer negativer

220
in den Ohren geklungen. Die Parole konfrontierte nicht zwei
politische Programme. Mit ihr reklamierte eine Partei einen
in diesem Zusammenhang nahezu sinnleeren, aber jeden-
falls hochsympathischen Großbegriff, der bis dahin allen
gehört hatte, für sich allein. Die SPD antwortete mit Freiheit
und Sozialismus und gab damit kund, daß sie sich das Logo
Freiheit nicht wegnehmen lasse. Hätte sie sich rabiater weh-
ren wollen, so hätte sie ihrerseits dem Gegner die Besitzrech-
te an dem Wort Freiheit streitig machen müssen, mit einer
Parole wie Freiheit statt Unternehmerfilz.
Wörter als Dinge: Das sind nicht nur derlei fahnenhafte
Gruppensymbole. Wörter können auch Schleier sein. Auf-
trag, Dienst, Arbeit, Pflicht, Verantwortung lassen sich wie
Schleier über schlechthin alles breiten, was der Politiker im
einzelnen tut. Wir haben einen Auftrag bekommen und tun
jetzt unsere Pflicht: Das teilt nur mit, daß irgend etwas ge-
macht werden soll, daß dieses Irgendetwas aber von vorn-
herein den höchsten Respekt beansprucht, welchen solche
weihevollen Wörter heischen. Ich übernehme die Verant-
wortung sagt der Politiker gern, wenn er sie sowieso hat und
nichts daraus folgt.
Wörter oder ganze Netzwerke von Wörtern werden ange-
schwärzt, um ihnen die Zustimmung zu entziehen und diese
auf die eigenen Wörter herüberzuziehen. Wörter rempeln
Wörter an, um sie als unterlegen und eklig erscheinen zu
lassen. Erfolgreiche Wörter, die eine zu stabile positive Be-
deutung besitzen, um sie mit Aussicht auf Erfolg schlecht zu
machen und zu verdrängen, werden dem Gegner entwun-

221
den, umgedeutet und dem eigenen Vokabular einverleibt.
Da es sich in der Regel um sehr weite und verschwomme-
ne Begriffe handelt, denen man viele Bedeutungen entneh-
men oder unterschieben kann, ohne sie allzu offensichtlich
zu verdrehen, ist diese Operation nicht besonders schwierig
und recht aussichtsreich. Selbst ein Polizeistaat gewährt sei-
nen Bürgern irgendwelche Freiheiten und kann mit einiger
Sophistik erklären, Garant der wahren Freiheit zu sein; auch
Hitler sprach vom Freiheitskampf des deutschen Volkes (ge-
gen den Schandfrieden von Versailles).
Jede politische Bewegung hat ihre Wörter, und je aus-
schließlicher ihre Macht wird, desto ausschließlicher
herrscht auch ihre Sprache. Am Ende sprachlicher Entde-
mokratisierung steht unweigerlich der »Zwang, sich zu be-
stimmten Vorgängen in einem bestimmten Vokabular zu
äußern« (Heinrich Böll). Dem Gegner wird mit der Verfe-
mung oder Enteignung seiner Sprache eines seiner Gemein-
samkeit schaffenden Gruppensymbole genommen und seine
spezielle Beziehung zur Wirklichkeit zerstört. »Die nazisti-
sche Sprache«, stellte ihr geheimer Archivar Victor Klempe-
rer fest, »ändert Wortwerte und Worthäufigkeiten, sie macht
zum Allgemeingut, was früher einem Einzelnen oder einer
winzigen Gruppe gehörte, sie beschlagnahmt für die Partei,
was früher Allgemeingut war, und in alledem durchtränkt
sie Worte und Wortgruppen und Satzformen mit ihrem Gift,
macht sie die Sprache ihrem fürchterlichen System dienst-
bar, gewinnt sie an der Sprache ihr stärkstes, ihr öffentlich-
stes und geheimstes Werbemittel.« Wer die Macht hat, hat

222
in einiger Hinsicht auch die Macht über die Sprache; und
wer die Macht über die Sprache hat, befestigt seine politische
Macht.
Die Sprachregelungen, die zu erlassen jeder gutorgani-
sierte Polizeistaat für notwendig hält, reglementieren nicht
notwendigerweise das Denken; aber sie legen fest, welche
Gedanken öffentlich werden können – und wenn in der
Öffentlichkeit nur noch bestimmte Gedanken in bestimm-
ten Wörtern und Wendungen vorkommen, kann niemand
sich deren Allgegenwart entziehen und wird sie auch selber
benutzen. Wer aber den Sprachgebrauch des Gegners über-
nimmt, läßt ihn ein in seinen Kopf. »Neusprech«, so heißt es
in Orwells »1984«, »sollte nicht nur ein Ausdrucksmittel für
die … gemäße Weltanschauung und Geisteshaltung bereit-
stellen, sondern auch alle anderen Denkweisen unmöglich
machen. Es war geplant, daß … ein ketzerischer Gedanke …
buchstäblich undenkbar sein sollte, insoweit wenigstens, als
Denken an Worte gebunden ist.« Nach dem Militärputsch
von 1973, so berichtet Isabel Allende, wurden in Chile Wör-
ter wie Freiheit oder Genosse verboten.

Der letzte große Sprachkampf in Deutschland wütete, als


die Studentenbewegung Ende der sechziger Jahre mit ihrer
scharfen, schneidenden Sprache zum Sturm auf die recht
laxe und trottelige Sprache jener Kreise ansetzte, die seit-
dem das Establishment heißen. Plötzlich wurde verklärt,
was vorher ein bescheidenes Schattendasein geführt hat-
te: Kritik. Es war die Zeit, als das Wort kritisch noch nicht

223
gleichbedeutend war mit »besonders unkritisch irgend-
welche modischen fortschrittlichen Parolen nachbetend«,
sondern einige eigene und originelle Gedankenarbeit ver-
sprach. Plötzlich wurde die Gesellschaft in Kategorien von
Herrschaft, Autorität, Repression, Ausbeutung und deren
Abschaffung (Emanzipation) beschrieben. Die Tatbestän-
de, die damit benannt werden sollten, waren alles andere
als neu; erst recht wurden sie nicht von dieser Sprache ge-
schaffen. Sie holte sie nur aus dem Dunkel des bis dato nur
diffus und matt Bezeichneten und lenkte so die Aufmerk-
samkeit darauf. Despotische Lehrer waren schon lange ein
persönliches und seit einiger Zeit auch öffentliches Ärgernis
gewesen. Indem ihre Manier jetzt aber plötzlich als Unter-
drückung oder Repression bezeichnet und damit der politi-
schen Tyrannei gleichgestellt wurde, wurde eine Empörung
mobilisiert, die es vordem nicht gegeben hatte. Indem aber
das Kleine groß benannt? wurde (jeder Huster gleich eine
politische Tat), leierten die Begriffe aus; es blieben keine
übrig, die wirklich »großen« Tatbestände zu bezeichnen.
So schaufelte sich dieser Sprachgebrauch schnell sein eige-
nes Grab. Die Oppositionsbewegung jenen Stils zerfiel, ihre
Reizworte verloren an Reiz. Eine zunächst triumphale neue
Sprache, die einen unerhört neuen und machtvollen Zu-
griff zur Wirklichkeit versprochen hatte – jede Vokabel ein
emphatischer Aufruf zum Handeln (»du mußt dein Leben
ändern!« – denn da ist kein Wort, das dich nicht prüft) – ,
geriet in Bedrängnis – oder auch ganz unbedrängt, in sich
erschlaffend, in Vergessenheit.

224
An zwei Beispielen aus dem Jahre 1977 läßt sich die Tech-
nik des politischen Sprachkampfs genauer studieren. Das
eine ist ein von ›Le Monde‹ auf der ersten Seite veröffent-
lichter Artikel, in dem der Dichter Jean Genet dem Terroris-
mus das Wort zu reden versuchte. Das andere eine Rede, die
Franz Josef Strauß etwa zur gleichen Zeit auf einem Parteitag
der CSU hielt. Beide werden hier nicht darum nebeneinan-
dergestellt, um Genet und Strauß gleichzumachen, sondern
weil sie beide einen Vorgang besonders deutlich vorführen,
der sich in seiner mikroskopischen Winzigkeit und in seiner
Verkapptheit normalerweise dem Blick entzieht.
Jean Genet ist es wie jedem politischen Redner darum zu
tun, Zustimmung zu erzeugen. Geradewegs zu sagen, daß er
Mord, Überfall und Erpressung für etwas Gutes hält, ver-
schaffte ihm zweifellos wenig Zustimmung. Will er es sagen,
muß er es also anders sagen. Die Aktionen der Terroristen
erscheinen bei ihm nur unter ihrem allerallgemeinsten Be-
griff: Gewalt, Die blasse Abstraktion verhindert, daß die
Phantasie eine Genet nicht erwünschte Richtung nimmt
und ihn in ihrer Genauigkeit dementiert. Nun ist aber im
allgemeinen Sprachgebrauch auch noch Gewalt recht negativ
besetzt. Genet muß also den Begriff Gewalt erstens positiv
umdeuten, ihn in dieser positiven Umdeutung einzig den
Terroristen zuweisen und die Gewalt, die die Gegner der Ter-
roristen anwenden, gleichzeitig davon semantisch abheben
und abwerten. Also zerrt er den Gewaltbegriff von seiner ge-
wohnten, politisch neutralen Bedeutung von »(unrechtmä-
ßige) Anwendung von physischem Zwang« weg, um ihn in

225
einer sehr persönlichen Weise anzufüllen mit der Bedeutung
»konstruktive Heftigkeit«, welche die Kernbedeutung zwar
strapaziert, aber eine noch gerade mögliche Randbedeutung
ist, und schon steht die Gewalt da als das positive Urprinzip
allen Lebens: »Gewalt und Leben sind fast Synonyme.«
Nachdem der Begriff der Gewalt von seinen negativen
Konnotationen gereinigt ist, ergibt sich prompt eine für Ge-
nets Argumentationsziel fatale Gefahr: daß die Gewalt, die
aufgeboten wird, die terroristische Gewalt zu unterdrücken,
an dieser Aufwertung teilhat. Was der Staat unternehme,
sagt er darum, verdiene nicht den (nunmehr edlen) Begriff
Gewalt – es handele sich dabei um Brutalität. Die Brutalität
aber sei so hassenswert, wie die Gewalt verehrungswürdig ist;
Gewalt sei die einzig gerechte und würdige Antwort auf Bru-
talität. So hat Genet zwei fast synonyme Begriffe, Gewalt und
Brutalität (denn Brutalität ist im normalen Sprachgebrauch
nichts anderes als »rohe Gewaltanwendung«), mit gegensätz-
lichen Vorzeichen versehen und den Gegnern zugeteilt: den
positiven den Terroristen, den negativen dem Staat.
Da diese Zuteilung aber vermutlich als einigermaßen
willkürlich aufgefaßt würde, muß der Begriff Brutalität um-
fassender und dazu verabscheuenswerter als der der Gewalt
gedeutet werden. Was genau ist es, das den verächtlichen Be-
griff Brutalität verdient und den Menschen zur Gewalt her-
ausfordert? In den Sack Brutalität stopft Genet die verschie-
densten und, wie er selber zugibt, die unerwartetsten Dinge:
»Die Architektur des sozialen Wohnungsbaus, die Bürokra-
tie, die Ersetzung des Worts durch die Zahl, die Vorrechte,

226
die im Straßenverkehr die Autos gegenüber den Fußgängern
haben, die Vorherrschaft der Maschine über den sie bedie-
nenden Menschen, die Kodifizierung des Rechts auf Kosten
des Brauchtums, die zahlenmäßige Zunahme der Strafen,
die Benutzung des Geheimnisses zum Ausschluß der Öf-
fentlichkeit, unnütze Ohrfeigen auf Polizeiwachen, das Du-
zen von Personen dunkler Hautfarbe durch Polizisten, der
diensteifrige Bückling vor dem Trinkgeld und die Ironie
oder die Grobheit, wenn das Trinkgeld ausbleibt, der Gänse-
marsch, die Bombardierung Haiphongs, der Rolls-Royce zu
200 000 Mark …«
Es interessiert hier nicht die Frage, ob Genet ernstlich an-
nimmt, der Terrorismus würde oder wollte auch nur all dem
ein Ende machen. Es geht hier einzig um die Sprache.
Genets Brutalität ist so gut wie deckungsgleich mit dem,
was in Deutschland strukturelle Gewalt heißt. Nun ist die
Zusammenfassung disparatester Gegenstände unter einem
bestimmten Gesichtspunkt eine der grundlegenden Lei-
stungen des menschlichen Geistes, gemeinhin als Abstrak-
tionsvermögen bekannt; es erkennt das Gemeinsame im
Verschiedenen, im Tretroller, Autobus und Güterzug das
»Fahrzeug«.
Alle Fälle, in denen Wille oder Würde oder Wohlleben
durch die Gesellschaft und die Institutionen irgendwie be-
einträchtigt werden, unter einem Begriff wie Brutalität oder
strukturelle Gewalt zu versammeln, ist darum zunächst we-
der unsinnig noch unerlaubt, sondern durchaus eine Er-
kenntnisleistung. Nur darum übrigens konnte der Begriff

227
so wirksam werden: weil er bei vielen einen Erkenntnis-
schock auslöste. Die opake Wirklichkeit hatte, so schien
es, eine ihrer Eigenschaften preisgegeben. Gefährlich wird
eine solche Abstrahierung nur, wenn die Erkenntnis bei ihr
auch schon wieder stehenbleibt und das Bewußtsein der
Unterschiede verwischt oder auslöscht, wenn also der neue
Begriff geradezu verhindert, daß die zusammengeworfe-
nen Einzelphänomene weiter sortiert werden, zum Beispiel
nach dem Grad ihrer Schädlichkeit oder Vermeidbarkeit
oder Legitimation.
Dann kann es dazu kommen, daß bloß individuell als är-
gerlich Empfundenes oder relativ harmlose oder unschöne,
aber leider unabänderliche oder von der Allgemeinheit ge-
radezu gewünschte Tatbestände sprachlich in den gleichen
Rang mit nach Veränderung schreienden und der Verände-
rung zugänglichen Abscheulichkeiten gehoben werden und
ihre Bezeichnung als Gewalt den Schluß nahelegt, daß diese
ganz besondere Gewalt nur mit sozusagen normaler Gewalt
bezwungen werden könne.
So unterlaufen verwegene Schlüsse wie der von Genet, der
im Kern ja so geht: Mich stört vieles, zum Beispiel wie der
Kellner mich ansieht, weil ich ihm kein Trinkgeld gegeben
habe; daß er so schief guckt, ist ein Attentat auf (seine, unse-
re) Menschenwürde; Attentate auf die Menschenwürde ha-
ben etwas Brutales; Brutalität muß auf jeden Fall ausgemerzt
werden; kein anderer Wert geht über den der Ausmerzung
von Brutalität; Brutalität kann nur mit Gewalt ausgemerzt
werden; mordende Terroristen üben Gewalt aus; bitte seht

228
also ein, daß in einer Welt, in der ein Kellner schief blickt,
gemordet werden muß.
Wer den ganzen Aufsatz von Genet liest, mag aus seinen
Sympathiebekundungen für die Sowjetunion, deren Poli-
tik angeblich nie falsch sein könne (die Millionen Opfer des
Sowjetregimes werden beiläufig als »Anekdoten von Kreml-
Astrologen« abgetan), schließen, er sei orthodoxer Kommu-
nist; aus seiner Verklärung der heroischen blutigen Gewalt-
tat, er sei Faschist; aus der Kombination seiner vermengten
Sympathien für Kommunismus, Faschismus und Terroris-
mus, er sei völlig unpolitisch – der Kern seines Arguments ist
eine rein sprachliche Manipulation: Zwei fast synonyme Be-
griffe werden auseinanderinterpretiert, mit Emotion geladen
und an Freund und Feind vergeben, damit sie sich bekriegen.
Die Welt hat sich dadurch nicht verändert; aber sie ist neu
interpretiert, nämlich sprachlich neu geordnet und bewertet.
Und das ist eine Einladung zur realen Veränderung.
Franz Josef Strauß, in seiner Münchner Parteitagsrede,
will die geistigen Wurzeln des Terrorismus bloßlegen. Daß
der auch komplexere soziale Ursachen haben könnte, wird
ebensowenig in Betracht gezogen wie die Tatsache, daß die
»geistige« Verursachung ebenso in Provokation von Wider-
spruch wie in der von Zustimmung besteht – das heißt, daß
der Terrorismus sich »geistig« ebenso aus der Wut über rech-
te Realitätsverzerrungen und -beschönigungen speist wie
aus der Übereinstimmung mit Elementen linker Theorien.
Daß es sich um einen Sprachkampf handele, erklärt
Strauß selber: »Am Anfang der Kette stehen die Verfälscher

229
der Wertordnung, stehen die Vergifter der Sprache, stehen
die Verführer der Begriffe …« Zieht man die polemische Auf-
ladung (Verfälschung, Vergiftung, Verführung) ab, so bleibt
eine Wahrheit übrig – und nur die Evidenz dieser Wahrheit
gestattet es dem Redner, sie polemisch in die gewünschte
Richtung zu wenden. Nämlich: Die geltende Wertordnung
wurde in Frage gestellt, die Sprache wurde verändert, einla-
dende Begriffe wurden eingeführt. So formuliert, büßt der
Vorgang allerdings seine Eignung als Objekt der Entrüstung
ein.
Daß diese Infragestellung »am Anfang der Kette« zum
Terrorismus stand, ist ebenfalls im großen und ganzen rich-
tig. Falsch ist nur die Insinuation, daß die Kette notwendig
und ausschließlich zum Terror führe; gerade auf sie aber
kommt es Strauß an. Offenkundig wurde die ganz große
Mehrheit jener linken Wert- und Sprachveränderer durchaus
keine Terroristen und litten sogar noch in einem besonderen
Sinn unter ihm: weil er ihren Gegnern Gelegenheit gab, sie
zu seinen Komplizen (Sympathisanten) zu stempeln und da-
mit auch ihre Ideen wieder aus der öffentlichen Diskussion
zu verdrängen. Es ist Augenwischerei, die linken Wurzeln
des Terrors zu leugnen; es ist eine Zwecklüge, zu behaupten,
daß aus linken Wurzeln zwangsläufig Terror erwachse.
Einer der Schlüsselvorgänge jener Wert- und Sprachver-
änderung, die Strauß im Sinn hat, war die Aufwertung des
Wortes Kritik. Nicht Zustimmung und Gehorsam (Affirma-
tion) wurden mehr als höchste Tugenden aufgefaßt, sondern
Infragestellung (eben Kritik), bis hin zum leeren Automatis-

230
mus, dem es nicht mehr darauf ankam, was da bejaht und
was verneint wurde, sondern nur noch auf die Gestikulation
der Verneinung.
Es wäre falsch, der Linken vorzuwerfen, sie habe den Be-
griff Kritik usurpiert. Der Wortschatz ist ein Schatz, der kei-
nem einzelnen, auch keiner Gruppe oder Institution gehört.
Jeder kann sich daraus bedienen. Die einzige Kontrolle ist der
Erfolg: daß andere in genügender Zahl einen neuen Sprach-
gebrauch als tauglich zur Bezeichnung ihrer Erfahrungen
akzeptieren. Außerdem wurde das Schlagwort Kritik nie-
mandem entwendet: Es lag, sogar einigermaßen verachtet,
unbenutzt herum und konnte überhaupt nur im Zuge einer
Bewegung, die alles Hohe herab- und alles Niedere herauf-
setzte, zu einem Leitbegriff werden.
Inzwischen hatte sich Kritik als Wert so fest etabliert, daß
ein Sprecher, der das Wort seinen Zuhörern verleiden wollte,
sich dem Verdacht der Blödheit ausgesetzt hätte – es wäre,
als schwüre er dem Denken selber ab. Kein Wunder also,
daß Strauß sich nicht darauf einließ, mit dem Wort Kritik so
zu verfahren wie etwa mit dem ebenfalls linke Gemeinschaft
stiftenden Wort Konflikt, das ähnlich unscharf ist und dem
konfliktfreudigen Strauß auch nicht von vornherein mißfal-
len müßte. Wo einem gegnerischen Begriff die Respektie-
rung nicht zu nehmen ist, hilft nur eins: den Gegner als un-
rechtmäßigen Besitzer hinzustellen und den Begriff selber in
Anspruch zu nehmen.
Genau das unternimmt er in dem folgenden Passus seiner
Rede: »Ich bin wahrlich ein kritischer Geist, und wir alle sind

231
kritische Geister. Sind denn kritische Geister nur solche, die
die bestehende Gesellschaftsordnung unterminieren, zer-
setzen, verneinen, die nur von der Konflikttheorie reden,
die das Leben schon der heranwachsenden Generation mit
Haß und Verneinung erfüllen wollen gegen das Elternhaus,
gegen alle natürlichen Autoritäten, gegen die Kirche, gegen
die Schule, gegen andere gesellschaft liche Institutionen, sind
das die kritischen Geister? Nein, meine Damen und Her-
ren, das sind keine kritischen Geister, das sind destruktive
Geister, das sind Zeitzünder, das sind geistige Bombenleger,
aber nicht kritische Geister! Da wollen wir den Unterschied
aber sehr genau ziehen zwischen kritischen Geistern und de-
struktiven Geistern.«
Deutlich ist die Geste der sprachlichen Entsetzung: Die
Gegner nennen sich kritische Geister, wir sind – in einem
semantisch zulässigen anderen Verständnis – auch welche
(da es nun einmal begehrenswert ist, ein kritischer Geist zu
sein), die Gegner sind gar keine echten kritischen Geister,
sie sind etwas anderes, das wir mit einem widerwärtigen
Namen benennen wollen, und als kritische Geister bleiben
allein wir zurück. Es ist unwahrscheinlich, daß sich unter
dem Eindruck einer solchen Sprachneuregelung jemand, der
inhaltlich Strauß sekundieren wollte, es mit den nunmehr
»falschen« Wörtern täte: »Wir müssen ständig den Konflikt
mit den kritischen Intellektuellen suchen!«
Es handelt sich, wie man sieht, bei Genet und Strauß
um sehr ähnliche Operationen an der Sprache: Dem Geg-
ner wird eine Wortfahne (dort die negative Gewalt, hier die

232
positive Kritik) entrissen, sie wird gründlich ausgeschüttelt
und stolz mit leicht geänderter Bedeutung am eigenen Fah-
nenmast hochgezogen, während dem Gegner als Ersatz ein
mutwillig zerfranster, verächtlicher Wortlappen (Brutalität,
Destruktivität) hinübergeworfen wird.
Genets und Strauß’ sprachliche Neuerungen haben keine
Schule gemacht. Sie waren zu subjektiv, ihr Nutzen für die
Beurteilung der Realität war zu gering. Die Allgemeinheit
dachte gar nicht daran, sich davon überzeugen zu lassen, daß
die Kritik der Linken gar keine sei und ein Mord, sofern ihn
Terroristen begehen, etwas Schönes.
Wörter werben um Sympathie, Wörter ächten, Wörter
lehren uns unterschwellig, wie die Dinge gesehen werden
sollen, Wörter können buchstäblich töten (Tote auferwecken
aber höchstens in frommen Märchen). Es wäre naiv, eine Be-
endigung dieses Sprachkampfs zu verlangen. Die chemisch
reine, präzise, von Sous-entendus freie, nur rationale Kom-
munikation wird es im politischen Bereich niemals geben.
Man kann nur versuchen, selber in diesem Sprachkampf
nicht ganz hilflos hin und her geworfen zu werden. Man
muß dazu sein Gespür dafür schärfen, daß Begriffe nur
fehlbare Versuche sind, der Realität eine Ordnung abzuge-
winnen. Man muß sich bewußt machen, daß Vokabeln im
politischen Streit nicht nur Bezeichnungen für das sind,
worum es eigentlich zu gehen hätte, sondern durchaus ein
Teil jener Sache sein können. Man darf auf eine unannehm-
bare Sache nicht darum hereinfallen, weil sie einem in einem
harmlosen oder sogar stattlichen Sprachkostüm angeboten

233
wird. Man darf sich von dem emotionalen Nimbus, in dem
manche Wörter plötzlich erstrahlen, nicht mitreißen lassen.
Man muß sich darüber im klaren bleiben, daß viele Wörter,
die scheinbar nur unschuldig benennen, bereits eine Beur-
teilung der benannten Sachverhalte enthalten und damit zu
Handlungen herausfordern und mittelbar möglicherweise
doch Fakten setzen.
WETTBEWERB DER ÜBERSETZER

Die einstweilige Unentbehrlichkeit


des Humantranslators
A nfang 1965 veranstaltete die Freie Akademie der Künste
in Hamburg einen internationalen Übersetzerkongreß
und in Verbindung damit, zusammen mit der Wochenzei-
tung ›Die Zeit‹, einen Übersetzerwettbewerb. Zu übersetzen
war eine in deutscher Sprache noch nicht vorliegende kurze
Prosaskizze von Graham Greene, »The Revenge«. Die Betei-
ligung war rege: 620 Übersetzungen wurden eingesandt, alle
anonym. Als Feuilletonredakteur der ›Zeit‹ geriet ich in die
Jury, wohl weil ich selber einige Erfahrungen als literarischer
Übersetzer hatte machen können. Eine Übersetzungstheorie
hatte ich nicht und sollte ich auch später nicht entwickeln
(bei der Praxis des Übersetzens hilft sie genauso wenig wie
die Thermodynamik bei der Zubereitung eines Rostbra-
tens). Aber ich hatte einen Autor übersetzt, der sich selber
ein Leben lang zwischen zwei Sprachen bewegt hatte und
Ansprüche stellte – Vladimir Nabokov. »Wenn ein Über-
setzer daran geht, den ›Geist‹ und nicht den bloßen Sinn
eines Textes wiederzugeben, dann schon beginnt er seinen
Autor zu verraten«, hatte Nabokov geschrieben; und im üb-
rigen eine unzureichende (schwedische) Übersetzung seiner
»Lolita« rundheraus vernichten lassen. Sicher wollte er nicht
abstreiten, daß ein Werk auch so etwas wie einen »Geist«
haben kann; er wollte sich nur gegen Übersetzer verwahren,

237
die sich im Namen eines vagen und sicher nie dingfest zu
machenden »Geistes« grob am Wortsinn vergingen. Kurz,
eine gewisse Genauigkeit schien mir sehr wünschenswert;
aber mit dem Wunsch nach Genauigkeit kam auch die Ein-
sicht, daß eine Übersetzung auf vielen verschiedenen Ebe-
nen genau sein kann und daß die Genauigkeit der einen die
Ungenauigkeit der anderen Ebene sein kann. Sie kann zum
Beispiel versuchen, den Lautcharakter des Originals nachzu-
ahmen, seine Anklänge, Alliterationen – und dabei die Satz-
bedeutungen verzerren und verbiegen. Oder sie kann die
Satzkonstruktionen möglichst äquivalent wiedergeben und
gerade dadurch einen Grad der Flüssigkeit oder Schwierig-
keit erzielen, der dem Original nicht eigen ist, und insofern
ungenau sein. Die gute Übersetzung, so schien mir, kann
nur eine Kompromißlösung sein, die die Ungenauigkeiten
der verschiedenen Ebenen wenigstens zu minimieren sucht.
Kommt hinzu, daß selbst gleichbedeutende Wörter zweier
Sprachen meist nicht wirklich ganz äquivalent sind; und
daß sich selbst die allereinfachsten Sätze meist auf mehre-
re Weisen übersetzen lassen, so wie die dahinterstehenden
Propositionen sich auch schon in der Originalsprache auf
mehrere Weisen hätten ausdrücken lassen. Alles dies hatte
mich davon überzeugt, daß jede Übersetzung nur approxi-
mativ sein kann, leider – und daß ihr Kritiker darum eine
gewisse Milde walten lassen muß: Das, was er selber für »die
richtige« Übersetzung zu halten beliebt, kann keineswegs
das Maß aller Dinge sein.
Diese Läßlichkeit war der Lektüre von 620 Übersetzungen

238
desselben Textes dann allerdings nicht gewachsen. Man kann
sich ohne weiteres vorstellen, wie es ist, einen Text dreimal zu
lesen; selbst dreißigmal ist noch im Bereich des Vorstellbaren.
Aber 620 mal, jenseits aller Verwunderung, aller Verzweif-
lung – das ist mehr, als irgend jemand sich zumuten sollte.
So kam es, daß ich zum Abschluß dieses Wettbewerbs in der
›Zeit‹ einen gar nicht läßlichen, sondern mißmutigen und ge-
radezu höhnischen Artikel schrieb, der vor allem ein unsyste-
matischer Katalog jener Übersetzersünden war, die mir beim
Lesen jener 620 Versionen derselben Geschichte aufgefallen
waren und für die mir alle Geduld verflogen war.
Für einen Text wie jenen, um den es hier ging – moderne
Prosa aus einem nahen Kulturkreis, der vor allem um des
Erzählens willen gelesen werden will und soll und nicht aus
linguistischen oder anderen Sonderinteressen – , für einen
solchen Text also, und er stellt schließlich den Regelfall dar,
erwarte ich vom Übersetzer, daß er erstens so getreu wie
möglich den Wortsinn wiedergibt; und daß er zweitens so-
viel wie möglich von dem erhält, was ich die Aura eines Tex-
tes nennen möchte: Tonfall, Tempo, Stilebene, die Assozia-
tionen, die er auslöst, die historische Fracht seiner Sprache.
Das, meine ich, ist die Aufgabe.
Besonders schwierig war die Skizze von Graham Greene
nicht. Der Nachteil: Wirklich guten Übersetzern bot sie
kaum Gelegenheit, ihr ganzes Können unter Beweis zu stel-
len. Der Vorteil: daß keine extremen Bedingungen bestan-
den, sondern die des übersetzerischen Alltags.
Trotzdem, ihre Haken hatte, wie man sehen wird, auch

239
»Die Rache«. Es ist gar nicht leicht, die Trockenheit, das
scheinbar mühelose, gelöste, aber nicht unnuancierte Par-
lando der Greeneschen Diktion im Deutschen nachzuah-
men; auf dem Weg in unsere Sprache wird das unversehens
alles schwer wie ein Schwamm, der sich vollsaugt. Außerdem
gab es da Fallen. Die, in die die meisten stolperten, bestand
aus ganzen sechs Wörtern, einer Dialogstelle: He went into
Cables and died. Cables, großgeschrieben: in Wörterbüchern
steht das nicht. Gemeint war: Er ging zu Cable & Wireless
(der heute der britischen Post unterstehenden Gesellschaft
für den überseeischen Telephon- und Telegraphenverkehr)
und ist gestorben.
Zugegeben, das muß niemand wissen. Nur gehört es
zur alltäglichen Aufgabe des Übersetzers, auch mit Sachen
fertigzuwerden, die man eigentlich nicht wissen muß und
kann. Entweder man versteht, sich die fehlende Kenntnis zu
beschaffen; oder man zieht sich wenigstens einigermaßen
elegant aus der Aff äre. Wer also übersetzt: Er ging ins Ka-
belgeschäft und starb, der hat zwar nicht ganz recht, aber we-
nigstens hat er gemerkt, daß es sich bei Cables um eine Art
Firma handeln muß, und seine Lösung fügt sich bruchlos in
den Zusammenhang.
Nun aber die Verrenkungen dessen, der sich gar nicht zu
helfen weiß: Er geriet zwischen Schiffstrossen; er geriet in ein
Kabelgewirr und starb daran; er kam zu den Strippenziehern;
er fuhr nach Cables (einer noch zu gründenden Ortschaft,
anderswo schlechten Gewissens auch einfach C. genannt);
er fiel beim Einmarsch in Cables. Andere lassen ihn einen

240
Tropenkoller bekommen oder in ein Minenfeld geraten. Ge-
heimnisvoll klingt: Er ist ins Cables gegangen (ein Kino oder
Freudenhaus?). So geht das fort bis zu den wahrhaft pitto-
resken Gewaltlösungen: Er hatte Pech und kratzte ab; er ging
hops: Starkstrom!; er kämpfte gegen die Kabylen; er ging nach
Kabul; er ging in die Kabale, einen besonders in Malaya ver-
breiteten Geheimbund; er beschäftigte sich mit Kurzgeschich-
ten à la Cable; er sagte »puh« und verblich. Und das ist nur
ein kleiner Ausschnitt.
Nun, man sieht wohl schon, worauf das hinauslaufen will:
Dieser Wettbewerb zeigt ein einigermaßen trostloses Bild
von den Übersetzerfähigkeiten, die in diesem unserem Lan-
de schlummern. Woran liegt das? Daran, daß jedermann
teilnehmen konnte und Dilettanten und erwachsene Abc-
Schützen in großer Zahl dabeiwaren? Vielleicht. Nur machte
das das Ergebnis, fürchte ich, kaum weniger trostlos: Erstens
nämlich darf man wohl annehmen, daß eine so kurze, leich-
te, zu einem Wettbewerb eingereichte Geschichte sorgfäl-
tiger bearbeitet wird als ein im Akkord übersetztes dickes
Buch, daß also sonst die (oft unvermeidliche) Schluderei be-
sorgt, was hier die Stümperei anrichtete; und zweitens gibt es
ja Verlage, die auch noch den größten Pfuschern zum Druck
verhelfen.
Kurz, unter allen diesen sechshundertzwanzig Manu-
skripten war keins, das ich ganz ohne die Kontrolle eines
hoffentlich verständigen Lektors gedruckt sehen möchte;
und unzählige beyond repair, was ihre Urheber sicherlich
mit hinter dem Schlupfwinkel übersetzen würden. Die Jury

241
war sich darüber im klaren, daß sich für jeden einzelnen Satz
der Preisträger irgendwo in den übrigen Manuskripten eine
bessere Lösung fand – nur eben dort dann in zweifelhafterer
Umgebung. Ebenso wäre es möglich, für fast jeden Satz der
p. 189 abgedruckten Kümmerfassung einen noch kümmer-
licheren zu finden; aber eine allzu entwickelte Abstrusität
besitzt eine Originalität eigener Art und läßt sich in keinen
Zusammenhang mehr fügen.
Der Übersetzer kann Schlimmeres machen als Fehler.
Eine fehlerlose Übersetzung gibt es nicht, und wer sich sei-
ner Sache zu sicher ist, der ist von vornherein verloren. Der
gute Übersetzer ist ein Mensch, der es fertigbringt, auch
die gebräuchlichsten Wörter noch einmal im Wörterbuch
nachzuschlagen, und der sein Verständnis wie seine Einfalle
ständig in Zweifel zieht.
Hier sollen deshalb nicht – was zweifellos sehr unterhal-
tend wäre – die abenteuerlichsten Fehler zusammengestellt
werden, die mir bei der Durchsicht der Wettbewerbsmanu-
skripte begegnet sind. Vielmehr waren an ihnen typische
Untugenden der Übersetzer in so großer Zahl zu studieren,
daß hier ein »klein Register von Schulschnitzern« (Lessing)
stehen soll, jedermann zur Warnung. Auf schwierigere
Fragen (wie: darf, soll, muß eine Übersetzung sich wie ein
Original lesen oder vielmehr das Original durchscheinen
lassen?) soll dabei ebensowenig eingegangen werden wie
auf die primitivste Voraussetzung jedes Übersetzers: die
ausreichende Kenntnis der fremden und der eigenen Spra-
che. Wer to spend für spendieren hält, einen demagogue für

242
einen Gewaltherrscher, Aufrührer, Scharlatan, Streber oder
Gernegroß, wer die Unterschiede zwischen einem Folterer
und einem Quälgeist nicht begreift und wer Sätze zu Papier
bringt wie sein Gedächtnis hatte einen völlig unterschiedli-
chen Eindruck als meines behalten, dem ist sowieso nicht zu
helfen.

1. Besserwisserei
Jede Übersetzung ist eine Interpretation. Sie versucht wieder-
zugeben, was der Übersetzer von einem Text verstanden hat,
und das kann mehr, das kann weniger, das kann ganz etwas
anderes sein, als der Autor ausdrücken wollte. Überdies ist
kaum ein Satz so primitiv, als daß er sich nicht auf vielerlei
Weise sagen ließe. Der Übersetzer ist dem Instrumentali-
sten vergleichbar: Wie dieser hat er einem von jemand an-
derem erdachten, für ihn sozusagen nur virtuell vorhande-
nen Gebilde eine neue Gestalt zu geben. Es ist gedankenlos,
die »interpretierende Übersetzung« zu verurteilen, wie es
dauernd geschieht. Die Übersetzung kann gar nicht umhin,
Interpretation zu sein. Die Frage ist nur, ob der Übersetzer
richtig interpretiert hat – oder doch wenigstens im Rahmen
der Plausibilität geblieben ist.
Etwas ganz anderes aber ist die besserwisserische Über-
setzung. Der Translateur, der alles immer genauer weiß als
der Autor, bei jedem Satz krampfhaft bemüht, sich interes-
sant zu machen, dem es nicht genügt, The Revenge schlicht
mit Die Rache zu übersetzen, der dafür Eines Mannes Rache
oder Versteinerte Rache hinsetzen muß – er richtet fast noch

243
schlimmere Verheerungen an als der simple Ignorant (ein
Ignorant aber ist er meist noch obendrein).
Greene vergleicht das Rachebedürfnis in seiner Erzählung
an entscheidender Stelle mit einem Wesen, einem Tier unter
einem Stein: a creature under a stone, Tier, Wesen – den Bes-
serwissern reicht das nicht. Ihre vereinten Anstrengungen
bringen einen halben Zoo hervor. Ihr Stein deckt Würmer,
Gewürm, Kröten, Käfer, Schlangen, Nattern, Blindschlei-
chen, Echsen, Eidechsen, Reptilien, Maden, tierische Wesen,
Geziefer, Ungeziefer, Untiere, Biester, Dämonen und Mon-
stren; es gibt darin blinzelnde Käfer, den Kopf zum Licht
reckende Asseln, rachebrütende Kerbtiere, selbst ein Gold-
hamster, den man in eine dunkle Blechschachtel gesperrt hat
und mit Kieselsteinen füttert, fehlt nicht.
Die dreisteren der Besserwisser scheuen sich nicht, ganze
Sätze eigener Fabrikation einzuflechten. Der aufmerksame
Leser merkt es meist an deren Dummheit.

2. Zensur
Eine Abart der Besserwisserei ist die Gepflogenheit, den über-
setzten Autor moralisch zu zensieren. Greenes Geschichte
bot wenig Anlaß dazu; anstößige Stellen oder Wörter, die zu
Streichungen oder Abschwächungen eingeladen hätten, gab es
nicht. Trotzdem, wer einen Satz wie mich interessierte der Hö-
hepunkt der Geschichte weniger hinüberspielt in die Bedeutung
für sittliche Werte brachte ich damals noch wenig Verständnis
auf, hat sich bereits als moralischer Zensor betätigt. Der Über-
setzer muß seine eigenen Ansichten verleugnen können.

244
3. Flüchtigkeit
Übersetzungen, sagt man, werden immer länger. Das ist
wohl wahr – andererseits aber kommt auch immer einiges
abhanden. Wörter, Satzteile, Sätze, Absätze verschwinden
spurlos: Sie werden bei einem der Abschreibvorgänge ver-
gessen. Flüchtigkeit macht aus dem Pazifik den Atlantik,
aus einer sehr moralischen Geschichte eine sehr unmora-
lische.
Sie zeitigt besonders groteske Ergebnisse, wenn sie über
unverstandene Wendungen hinweghuscht. Sitting successful-
ly for the viva stand da, und wie mit Hilfe eines Wörterbuchs
mühelos herauszufinden wäre, kann das nichts anderes hei-
ßen als die mündliche Prüfung bestehen. Der Flüchtige liest
indessen vivat oder visa statt viva, und das führt dann zu
Übersetzungen wie: erfolgreich die Huldigungen der Men-
ge entgegennehmen (die Rede ist, wohlgemerkt, von einem
Mann, der Konsul werden will); erfolgreich für das Visa
sitzen (das demnach eine Art Porträt des Paßinhabers sein
muß); Visen richtig ausstellen können.

4. Ignorierung des Zusammenhangs


Das eifrigste Wörterbuchwälzen enthebt den Übersetzer
nicht der Notwendigkeit des Mitdenkens. Er muß merken,
daß in Greenes Geschichte der Junge den Roman »Foe-Farre-
ll« so oft gelesen hat, weil er sich damals mit Rachegedanken
trug, und nicht umgekehrt. Im übrigen sagt Fritz Güttinger
in seinem anregenden Buch über die Praxis des literarischen
Übersetzens, »Zielsprache«, etliches zu diesem Punkt.

245
Zum Beispiel weist er daraufhin, daß dinner oft falsch
übersetzt wird. Es heißt »Hauptmahlzeit«. Die wurde bis zur
Mitte des 18. Jahrhunderts mittags eingenommen oder am
frühen Nachmittag. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhun-
derts verschob sich in vornehmeren Kreisen die Essenszeit
immer weiter in den Abend. Kommt in einem modernen
englischen Text ein Dinner vor, so wird es in der Regel das
Abendessen sein, auch wenn in Deutschland das Mittages-
sen die Hauptmahlzeit ist. Und in älteren Texten wird nur
der es richtig übersetzen können, der alle Indizien der Tages-
zeit beachtet, welche der Zusammenhang hergibt. »Der Zu-
sammenhang ist ein ebenso wesentlicher Bestandteil der Be-
deutung wie die lautliche Form des Wortes … Die Vernach-
lässigung des Zusammenhangs oder anders ausgedrückt,
der arglose Glaube, die Bedeutung sei in der Wortgestalt ent-
halten wie der Tee in der Tasse; dinner heiße ›Mittagessen‹,
einerlei in welchem Zusammenhang das Wort gebraucht
wird«, sei eine der häufigsten Fehlerquellen.

5. Satzhack
Es wird nicht immer möglich sein, die Satzeinheiten der Origi-
nalsprache genau zu erhalten. Daß im Deutschen das Verb oft
ans Ende muß und bequeme Partizipialsätze kaum möglich
sind, macht den deutschen Satz leicht unübersichtlich. Lieber
eine entschlossene Zäsur in solchem Fall als ein unentwirrba-
res Sprachknäuel, das ja auch im Original nicht vorhanden ist.
Zu fürchten aber sind Übersetzer, die jede lange Periode zer-
hacken, aus jedem Legato ein hechelndes Stakkato machen.

246
6. Faule Emphase
Es gibt Übersetzer, die es nicht fertigbringen, to read a book
mit ein Buch lesen zu übersetzen. Bei ihnen wird ein Schmö-
ker durchgeschwartet. Aus jedem sehr machen sie allemal ein
übermäßig, Rache kommt bei ihnen nicht vor, wenn sie nicht
gleich eiskalt, gnadenlos, unbarmherzig sein kann, und groß-
zügig verteilen sie Ausrufezeichen über den Text. Manchmal
zwei oder drei hintereinander, denn man könnte ja taub ge-
worden sein von ihrem Gebrüll.

7. Teutonisierung
Wie man weiß, hat die deutsche Sprache einen Hang zu
klotzigen, bedeutungsschweren Substantivbildungen (Ken-
taurenwörter nannte sie Martin Walser), und manche von
ihnen haben einen vernehmlichen völkischen Unterton.
Man sollte sie dem ausländischen Autor ersparen. Wenn
Greene loyalty sagt, so meint er nicht Gefolgschaftstreue
oder schuldige Pflichttreue, und der conflict of loyalties ist
kein Gesinnungskampf Jene Urtiefe, in der etwas wie scheue
Bewunderung bestehen soll, ist ein Greene völlig fremdes
Geraune. Von der tiefdummen Instinktlosigkeit, climax mit
Endlösung zu übersetzen, ganz zu schweigen.

8. Sprachklischees
Wer sein Deutsch vornehmlich aus Groschenromanen be-
zieht, sollte sich lieber nicht ans Übersetzen machen. Wenn
solch einer das Wort Rache hört, fällt ihm sofort die Glut
dazu ein, und diese wiederum schwelt Wo ich fühlte ein Ra-

247
chebedürfnis stand, schreibt er in mir schwelte die Glut der
Rache (mit dem Ergebnis, daß in der Folge aus dem Tier un-
ter dem Stein die heiße Asche werden muß, in der ab und zu
herumgestochert wird).

9. Mangelnde Sprachphantasie
Der Übersetzer muß Wörterbücher zu schätzen wissen und
sich dennoch über sie hinwegsetzen können. Wer sich zu
krampfhaft an sie klammert, bringt ein Volapük, aber kein
Deutsch zu Papier. Und was will er erst machen, wenn das
Wörterbuch ihn ganz im Stich läßt, und das tut es ja immer
wieder?
Da kommt gegen Ende der Geschichte das Wort anti-cli-
max vor; als ein anti-climax, enttäuschend anders als der
erwartete Höhepunkt, erweist sich die letzte Begegnung der
beiden alten Schulkameraden, und das Wort spielt gleichzei-
tig sowohl auf den Wunsch, dramatisch Rache zu nehmen,
wie auf den Höhepunkt (climax) der Jugendlektüre an. Der
Übersetzer hätte also nicht nur eine deutsche Entsprechung
zu anti-climax zu liefern, er hätte auch diese Bezüge deut-
lich zu machen. Das Wort Antiklimax erfüllt keinen dieser
Zwecke, und als der Antiklimax ist es obendrein ein falscher
Max. Da hilft also nur die Umschreibung, und die braucht
die Fähigkeit des freieren Umgangs mit der Sprache. Leicht
geschieht es, daß der Übersetzer sich unnötig große Freihei-
ten nimmt: ich fühlte mich wie ein Luftballon, aus dem das
Gas entwichen ist. Oder er ist zu ängstlich und rettet sich zu
Wortmißgeburten wie Anti-Zuspitzung oder Nicht-Höhe-

248
punkt. Sprachphantasie: das heißt, Möglichkeiten erproben
können, Nuancierungen gegeneinander abzuwägen wissen,
Abweichungen riskieren, aber mit Augenmaß und keinen
Schritt zu weit.

10. Direkte Rede


Den genauen Ton eines Gesprächs zu treffen, ist nicht ein-
fach. Auf der einen Seite droht Gestelztheit (ei, du halfest
uns doch stets bei der Lateinpräparation), auf der anderen
eine Karikatur der Umgangssprache (Mensch, wir ham in
der Penne doch immer Latte gepaukt!). Auch gute Übersetzer
scheitern oft an der direkten Rede. Vor einer wieviel schwie-
rigeren Aufgabe steht der Übersetzer erst, wenn er es mit
Dialekten, Slangs, Argots und dergleichen zu tun hat!

11. Schiefe Bilder


Unfreiwillige Komik produziert jener Übersetzer am ehe-
sten, dem das Gespür für ungemäße Bilder und Vergleiche
fehlt, der nicht merkt, daß die figürliche Seite eines Vergleichs
diejenige ist, die die Formulierung des übrigen bestimmen
muß. Hämische Spitznamen, heißt es in der Geschichte,
wurden ihm wie Splitter unter die Nägel getrieben. Hier geht
weder Spitznamen trafen wie Splitter (die schließlich keine
Wurfgeschosse sind), noch wurden eingestreut, eingepflanzt,
eingeschaltet, eingeflochten oder hingeschmissen. Heraus
kommt dabei immer nur eine Katachrese.

249
12. Importbarrieren
Immer tauchen in fremdsprachigen Texten Dinge auf, die
gibt es in Deutschland nicht. Was tun? Zunächst wollen sie
erkannt sein. The head of the house ist der Hausälteste, der
Hauspräfekt einer englischen Internatsschule (Klassenspre-
cher wäre bereits zu deutsch). Wer das nicht merkt, gerät
auf absonderliche Abwege. Für ihn wird dieser ältere Bru-
der zum Familienoberhaupt, Haushaltsvorstand, leitenden
Geist meines Zuhause, Eigentümer des Hauses, Hausmeister.
Auf ungewöhnliche Familienverhältnisse läßt die Variante
schließen: Mein Vater war Oberhaupt, mein älterer Bruder
Haupt meiner Familie. Aber auch wer das Richtige ungefähr
erkennt, muß es noch lange nicht ausdrücken können. Der
Häuptling ist hier genauso unangebracht wie der Ordnungs-
hüter, der Leiter der Schuldivision, der Chef des Schulhauses
oder gar der Gruppenleiter und der Gruppenführer.

13. Oktroyierung von Sprachmarotten


Dem fremden Autor sollten höflicherweise nicht die eigenen
Sprachmarotten aufgezwungen werden. Wenn für einen sel-
ber auch alles einen Clou hat oder ein Gag ist oder nicht nur
einfach so geschieht, sondern recht eigentlich geschieht, so
verdient doch der übersetzte Autor Schonung.

14. Kenntnismängel
Jede Übersetzung macht Erkundigungen und Nachfor-
schungen notwendig. Bei schwierigeren Texten ist es dieser
Teil der Arbeit, der die meiste Zeit kostet. Greenes Geschich-

250
te verlangte in dieser Beziehung eher wenig; ein typisches
Beispiel liefert sie trotzdem.
Malaya, Malacca und Kuala Lumpur kommen vor – da
studiert ein argwöhnischer Übersetzer doch lieber erst ein-
mal den Atlas. Er stellte dabei zunächst fest, daß man Malaya
auf deutsch gewöhnlich nicht Malaja oder Malaia schreibt
und Malakka mit -kk- und nicht -cc- (wie überhaupt die
Kenntnis einiger Grundregeln deutscher Orthographie und
Interpunktion jemandem, der übersetzen will, keinen Scha-
den täte); aber das wäre längst nicht alles. Malakka, sähe er,
kann dreierlei sein: die Halbinsel, der auf ihr liegende malai-
ische Staat Malakka (eins der ehemaligen britischen Straits
Settlements) oder dessen Hauptstadt. Der Erzähler äußert in
der malaiischen Stadt Kuala Lumpur, er sei gerade auf dem
Sprung nach Malakka; da Kuala Lumpur aber auch auf der
Halbinsel Malakka liegt, kann er die nicht meinen, denn da
ist er ja bereits. Er muß also den Staat oder die Stadt im Sinne
haben und später nicht von Malakka zurück kommen, son-
dern nur aus. Erst recht kann er nicht Malaysia gründlich
satt haben, denn die Geschichte spielt 1951, und Malaysia, zu
dem heute auch der Malaiische Bund gehört, gibt es erst seit
1963. Die kleine falsche Präposition verrät den Ahnungslo-
sen, das kleine falsche s den ahnungslosen Besserwisser.
Das seien nur Bagatellen und Malaya weit? Gerade Über-
setzer dürfen so nicht sprechen: Ihre Arbeit setzt sich aus
lauter Bagatellen zusammen, und weit dürfte nichts sein für
Leute, deren Berufes ist, die Völker einander näher zu brin-
gen. Der japanische Übersetzer etwa, der seine Deutschen

251
auf dem Heidelberg Beeren suchen ließe oder in die Celle
sperrte, wäre uns zu Recht nicht willkommen.
Das alles also sollte der Übersetzer bedenken und noch
viel mehr: Die eigentliche Kunst fängt ja erst später an.
Für das Entgelt, das er in der Regel dafür bekommt, näh-
me – macht er sich die gebotene Mühe – keine Putzfrau den
Besen in die Hand. Auf andere Anerkennung darf er nicht
rechnen; bemerkt ein Kritiker seine Arbeit überhaupt, so
meist nur, um ihm ohne große Unkosten eine schnelle Rüge
zu erteilen, nach dem Motto: Übersetzungen zu kritisieren
ist immer richtig, man muß dazu keinen Blick ins Original
werfen. Die einen tun es, als wäre es dennoch ein richtiger
Beruf, Übersetzer zu sein. Den Mitmenschen zuliebe dürften
es die wenigsten tun. Die meisten wahrscheinlich können es
darum nicht lassen, weil für sie jeder fremdsprachige Text
herausfordernd ist wie ein ungelöstes Rätsel; weil sie quälend
empfinden, daß einem erst gehört, was allen Widerstän-
den zum Trotz auch in der eigenen Sprache gesagt werden
kann; weil sie die Freuden solcher Inbesitznahme nicht mis-
sen möchten. Sie sind dem alten Entdeckungsreisenden zu
vergleichen, den die weißen Flecken der Landkarte magisch
anzogen; nur daß des Übersetzers Expedition selten ein Ziel
erreicht, wo er sich befriedigt ausruhen kann.
Beim Wiederlesen nach fast zwanzig Jahren fällt mir
auf, daß ich die beiden gefährlichsten Fehlerquellen damals
übersehen habe.
Die eine möchte ich Tiefenvermutung nennen. Wir ha-
ben uns dermaßen daran gewöhnt, daß Literatur ein Recht

252
daraufhat, unverständlich zu sein und selbst den größten
Scharfsinn zuschanden werden zu lassen, daß wir oft unsere
Verständnisbemühungen schon bei den ersten Hindernissen
abbrechen und den unverstandenen Rest als je nachdem zu
»tief« oder zu »hoch« auf sich beruhen lassen.
Der Übersetzer, der von dieser Einstellung befallen ist,
verzichtet von vornherein darauf, sich jeden Satz bis in sei-
nen letzten Winkel klarzumachen. Er sagt sich: Ich verstehe
ihn nicht, er ist wohl auch gar nicht dazu bestimmt, verstan-
den zu werden, aber bestimmt hat er einen tieferen Sinn,
und wenn ich nur die Wörter richtig hinschreibe, wird der
schon irgendwie erhalten bleiben. So, wie die Wörter dann
zu stehen kommen, verraten sie meist jedoch nur, daß die
Verständnisbemühungen viel zu früh aufgegeben worden
waren.
So stößt der Leser denn, in einem in der Tat nicht »leich-
ten« Roman von Gabriel García Márquez, zum Beispiel auf
Sätze wie diese: »… er fragte sich entsetzt, wo könntest du
wohnen in diesem Knotenknäuel aus teuflisch gereckten
Stachelblicken blutrünstiger Hauer einer Zeterspur flüchti-
gen Gebells mit eingezogenem Schwanz des Gemetzels von
Hunden, die sich in den Schlammpfützen zähnefletschend
zerfleischen …« – und nimmt nur zu leicht an, seine Unver-
ständlichkeit sei ein Ingredienz seiner Tiefe, seiner Poesie.
Aber gute Schriftsteller sind meist genau, sehr genau sogar.
Wer die Stelle im Original nachschlägt, stößt auf einen trotz
der fehlenden Satzzeichen völlig verständlichen Satz: »… wo
wohnst du wohl inmitten dieser wilden Hatz aus Knäueln

253
gesträubter Wirbelsäulen aus teuflischen Blicken aus blut-
gierigen Reißzähnen aus der Spur fliehenden schwanzeinge-
kniffenen Gekläffs aus dem Gemetzel von Hunden, die sich
in den Schlammpfützen zerfleischen …« Die Poesie eines
solchen Satzes beruht jedenfalls nicht auf seiner Wirrnis und
Undurchdringlichkeit. Die Pseudo-Poesie des Undurch-
dringlichen war erst die Zugabe seines Übersetzers. Wann
immer man in einer solchen Übersetzung auf eine merk-
würdige, jedem Verständnis trotzende Stelle stößt, empfiehlt
sich ein Blick ins Original. Meist löst sich das Rätsel auf der
Stelle.
Die andere Fehlerquelle mit dem großen Ausstoß ist eine
ordinäre Verwandte der Tiefenvermutung: die Originali-
tätsvermutung. Sie beruht auf mangelhafter Kenntnis der
Herkunftssprache. Durchaus konventionelle Formeln hält
sie, weil sie dem Übersetzer nicht geläufig sind, für originale
sprachliche Prägungen. Darum werden sie nicht in andere
ebenso konventionelle Formeln übersetzt, sondern in ge-
suchte Originalitäten. Auch diese Vermutung führt Bizarre-
rien in den Text ein, den sein Original nicht hatte. Da findet
man in aus dem Englischen übersetzten Texten manchmal
eine sonderbare Ellenbogenmanie – alles mögliche, Feuer-
zeuge, Zeitungen, Freundinnen des Helden finden sich im-
mer wieder neben seinem Ellbogen, in Verkennung der Tat-
sache, daß »at his elbow« nur »neben« oder »an der Hand«
oder »in seiner Reichweite« heißt. Oder in Texten, die aus
dem Französischen apportiert wurden, verwundert ab und
zu ein oberhalb des Marktplatzes – wo »par-dessus le mar-

254
ché« stand und ein schlichtes »obendrein« angebracht gewe-
sen wäre. Der bedeutende amerikanische Übersetzer Ralph
Manheim (er übertrug Celine, Grass und Handke ins Eng-
lische) sagte von sich einmal: »Mein Hauptstolz ist der, daß
ich einfach sein kann. Wenn unerfahrene Leute in einem
ausländischen Werk auf einen Alltagsausdruck stoßen, der
ihnen seltsam vorkommt, so machen sie etwas ebenso Selt-
sames daraus. Doch wenn man eine Sprache gut kann, so
kann man das Natürliche in etwas Natürliches übertragen.«
Alle diese Fehler, Unarten, Sünden lassen sich auch unter
einem einzigen Stichwort zusammenfassen: Sie verstoßen ge-
gen das Prinzip der Wirkungsadäquatheit. Dieses und nicht
die Schimäre der Richtigkeit ist es, welches heute Überset-
zer leitet. Was eine Übersetzung leisten soll, ist leicht gesagt.
Nicht Wörter übertragen und Sätze nachbauen, auch wenn
es manchmal den Anschein hat, als täte sie nichts anderes.
Sie muß die Aussagen, die Propositionen ausschöpfen und
vermitteln, die der Originaltext enthält; und sie muß dabei
möglichst jene »Register« anwenden, jene – zum Beispiel hi-
storischen oder sozialen – Kolorierungen des Sprechens, die
sich wiedergeben lassen. (Ein Register wie »Sprache eines
siebenjährigen Kindes« wird sich ohne weiteres erhalten las-
sen, gleich aus welcher in welche Sprache übersetzt wird. Ein
Register wie »irisch getöntes Englisch« wird sich auf keine
Weise in irgendeiner anderen Sprache reproduzieren lassen,
denn es gibt keine Tönung des Deutschen oder des Däni-
schen, die einen irgend »irischen« Eindruck machen könn-
te.) Damit jedoch ist nur das Selbstverständliche gesagt. Zu

255
dem Ziel führen viele Wege, und es kann verschiedene Ge-
stalt haben. Dem Übersetzer ist mit solchen Auskünften we-
nig gedient.
Auch die Wissenschaft hat ihm wenig zu sagen. In einem
großen linguistischen Lexikon kann er lesen, was von ihm
verlangt ist: nämlich »die über das Lesen und Schreiben hin-
ausgehende Fähigkeit zur interlingualen Umsetzung, dem
sogenannten Kode-Umschaltverfahren«. Und was er mit
dieser Fähigkeit (die, ohne weiteres einleuchtend, noch etwas
anderes sein muß als bloßes Lesen- und Schreibenkönnen,
auch wenn er keinen Kode-Umschaltknopf an seinem Kopf
finden kann) anzufangen hätte: nämlich »wirkungsäquiva-
lente Zielsprachentexte – den jeweiligen ko- und kontextu-
el-len Bedingungen entsprechend – über einzelne theorie-
gesteuerte, zumindest aber bewußte Übersetzungsschritte
zu produzieren« (Bausch 1980). (Zur Verdolmetschung: Der
»Kontext« ist die sprachliche – syntaktische und semantische
– Umgebung einer Äußerung; ihr »Kotext« ist die Situation,
in der sie fällt.)
So richtig sie sein mögen, den Übersetzer füllen solche
Sätze über sein Tun leicht mit höhnischer Bitterkeit. Einer-
seits enthalten sie wenig mehr als die Tautologie, daß Über-
setzen Übersetzen sei und gutes Übersetzen gutes Überset-
zen, und sie verkünden dies in einer Sprache, die er sich sel-
ber verbietet und deren sonstige Präzision er in diesem Fall
auch gar nicht schätzen lernen kann, denn hier wird nur ein
Fast-Nichts präzisiert. Andererseits kommen sie drohend
daher: Hast du denn eine Theorie, fragen sie, arbeitest du

256
wenigstens bewußt genug, und wie bitte ordnet dein ärm-
liches Theoriesurrogat, dein Bewußtsein, seine Schritte an?
Liest er in dem Lexikon aber ein paar Sätze weiter, so ist er
auch schon absolviert. Diese »komplizierten mentalen Um-
setzungsverfahren« des Übersetzens, steht da sehr richtig,
sind »quasi unerforscht«. Wie aber sollte eine Theorie über
das quasi Unerforschte aussehen? Da es sie (noch) nicht gibt,
gar nicht geben kann, muß er sich auch nicht von ihr durch
die Unbilden des Ko- und Kontexts steuern lassen. Er kann
wochenlang grübeln, wie ein einfacher kleiner Satz (zum
Beispiel Here is what sometimes happened to me: …) zu über-
setzen wäre, ohne sich ein Gewissen daraus machen zu müs-
sen, daß keine Theorie ihm dabei heimleuchtet.
Ein Wort in jenem Lexikonartikel allerdings könnte ihm
doch einen Ratschlag geben: »wirkungsäquivalent«. Dahin-
ter steckt eine moderne Übereinkunft (keine Theorie), die
einen jahrhundertealten Streit um das Wesen der Überset-
zung einstweilen beigelegt hat. Die beiden widerstreitenden
Positionen wurden am klarsten in Friedrich Schleiermachers
Schrift »Über die verschiedenen Methoden des Überset-
zens« (1813) formuliert: »Entweder der Übersetzer läßt den
Schriftsteller möglichst in Ruhe, und bewegt den Leser ihm
entgegen; oder er läßt den Leser möglichst in Ruhe und be-
wegt den Schriftsteller ihm entgegen.« Entweder er deutscht
den fremden Text ein; oder er verfremdet das Deutsche,
um die Begriffssysteme und die Syntax des fremden Textes
möglichst zu bewahren. Die eine Methode will vergessen
machen, daß der Leser einen ursprünglich nicht deutschen

257
Text vor sich hat; die andere will ihn darauf gerade stoßen.
Schleiermacher nimmt entschieden Partei für die letztere
Methode, die die eigene Sprache »zu einer fremden Ähn-
lichkeit hinüber(biegt)«. Viele vor und nach ihm wählten sie,
und das ist viel verständlicher, als es uns heute auf den ersten
Blick erscheinen mag. Denn sie übersetzten in Zeiten, als sie
die deutsche Sprache im Vergleich zu den bewunderten klas-
sischen Sprachen, mit denen vor allem sie es zu tun hatten,
für minderwertig hielten. Das grobe Instrument, das für sie
die deutsche Sprache war, konnte es gut vertragen, etwas ge-
schliffen und gebogen zu werden. Noch unentrinnbarer war
die Methode der Verfremdung für den Bibel-Übersetzer, der
des Glaubens war, er habe einen Text göttlichen Ursprungs
vor sich. Er konnte doch Gott nicht korrigieren. Wenn Gott
durch seine irdischen Schreiber das Konzept damals durch
die griechische Redewendung es begab sich aber zu der Zeit,
daß … auszudrücken beliebt hatte, wie konnte sich dann sein
Knecht erdreisten, daraus ein simples »damals« zu machen?
Luthers Bibelübersetzung und die meisten in ihrem Ge-
folge strotzen denn auch von Gräzismen und Hebraismen
– und sind ein bleibender Beweis dafür, daß die Methode
der Verfremdung gar nicht immer so absurde Folgen haben
muß, wie es uns zunächst erscheinen mag. Daß sie die deut-
sche Sprache strapazieren, bereichert diese auch; die Luther-
bibel hat einen ganz eigenen deutschen Stil geschaffen, der
zwar vom normalen Deutsch weit entfernt ist, aber eine der
ganz markanten, kostbaren historischen Alternativen dazu
darstellt.

258
Aber die Minderwertigkeit des Deutschen würde heute so
leicht niemand mehr behaupten, und die Bibel ist eine Aus-
nahme, von der man besser keine Regeln ableitet. Sie ist eine
Ausnahme einmal, weil ihr Fortleben völlig unabhängig von
dem Wortlaut irgendeiner Übersetzung gesichert war, und
sie ist eine Ausnahme zum andern, weil ihr »verbogenes«
Deutsch ihr zwar einen Stich ins Irreale und Unbegreifbare
gibt, dieser ihr aber nicht nur nicht schadet, sondern sogar
nützt, kommt es doch bei aller Religion entscheidend darauf
an, nichts genau zu nehmen und in vagen Bedeutungswol-
ken zu denken.
Wie klingt das alles seltsam und geheimnisvoll: »Es be-
gab sich aber zu der Zeit, daß ein Gebot von dem Kaiser
Augustus ausging, daß alle Welt geschätzt würde. Und die-
se Schätzung war die allererste und geschah zu der Zeit, da
Cyrenius Landpfleger in Syrien war. Da machte sich auf auch
Joseph aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das jüdische
Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, darum daß
er von dem Hause und Geschlechte Davids war, auf daß er
sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe, die
war schwanger … Und alsbald war da bei dem Engel die
Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und
sprachen: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden
und den Menschen ein Wohlgefallen!«
Dagegen hat die moderne Übersetzung der Deutschen Bi-
belgesellschaft den Vorzug großer Klarheit. Sie erzeugt keine
zusätzlichen Dunkelheiten »interlingualer« Art: »Zu jener
Zeit ordnete Kaiser Augustus an, daß alle Bewohner des rö-

259
mischen Reiches in Steuerlisten erfaßt werden sollten. Es war
das erste Mal, daß so etwas geschah. Damals war Quininius
Statthalter der Provinz Syrien. So zog jeder in die Heimat
seiner Vorfahren, um sich dort eintragen zu lassen. Auch Jo-
sef machte sich auf den Weg. Von Nazaret in Galiläa ging er
nach Betlehem, das in Judäa liegt. Das ist der Ort, aus dem
König David stammte. Er mußte dorthin, weil er ein Nach-
komme Davids war. Maria, seine Verlobte, ging mit ihm. Sie
erwartete ein Kind … Plötzlich stand neben dem Engel eine
große Schar anderer Engel, die priesen Gott und riefen: ›Alle
Ehre gehört Gott im Himmel! Sein Friede kommt auf die
Erde zu den Menschen, weil er sie liebt!‹«
Das Geschehen bleibt wunderbar, wunderlich genug
– aber wie glasklar ist es plötzlich ausgedrückt! So glasklar,
wie es das für den Sprecher des Griechischen vor nun fast
zweitausend Jahren war, also »wirkungsäquivalent«. Glas-
klar – aber wer möchte sich schon die schöne Weihnachts-
stimmung davon verderben lassen?
Der normale Übersetzer indessen hat es nicht mit der
Bibel zu tun, hinter ihm steht keine Kirche, die sein Werk
durchsetzte, er überträgt auch nicht aus einer superioren
in eine inferiore Sprache; also unterläßt er es auch besser,
die Zielsprache zur Herkunftssprache hin zu verbiegen. Er
hält sich besser an das, was vor allem der englische Linguist
Eugene A. Nida – gar nicht praxisfern wie mancher deut-
sche Übersetzungstheoretiker – wie es scheint mit ziemli-
cher Endgültigkeit formuliert hat: »Der Übersetzer muß
sich um Gleichwertigkeit und nicht um Gleichheit bemü-

260
hen. (Er soll) nicht die Aussageform erhalten, sondern den
Inhalt der Botschaft wiedergeben … Der guten Überset-
zung merkt man es nicht an, daß sie eine Übersetzung ist
… Obwohl der Stil gegenüber dem Inhalt zweitrangig ist,
ist er dennoch wichtig. Poesie sollte nicht wie Prosa über-
setzt werden, noch eine Abhandlung, als sei sie Erzählgut
… Bei dem Versuch, den Originalstil wiederzugeben, muß
man sich jedoch davor hüten, etwas zu schaffen, das nicht
wirkungsgleich ist. Markus verwendet ein typisch semiti-
sches Griechisch, wenn er immer wieder die Konjunktion
kai ›und‹ gebraucht, um viele Sätze einzuleiten. Das ist völ-
lig angemessen semitisiertes Koinē-Griechisch, weil es die
entsprechende Verwendung der hebräischen Konjunktion
waw genau wiederspiegelt. In Luthers Übersetzung werden
die meisten dieser Konjunktionen wörtlich wiedergegeben,
mit dem Ergebnis, daß mehr als 30 Sätze in Markus 1 mit
›und‹ anfangen. Dadurch entsteht … der Eindruck von
›Kindersprache‹ … Wenn ein hoher Prozentsatz von Lesern
die Wiedergabe eines Textes in der eigenen Sprache nicht
versteht, kann nicht von einer legitimen Übersetzung ge-
sprochen werden … Die Elberfelder Bibel sagt zum Beispiel:
›Denn auch das Verherrlichte ist nicht in dieser Beziehung
verherrlicht worden, wegen der überschwenglichen Herr-
lichkeit‹ (2. Korinther 3,10). Riethmüller baut diese Stelle
ganz richtig um, daß sie lautet: ›Mehr noch: Jene Herrlich-
keit verblaßt sogar völlig vor diesem alles überstrahlenden
Glanz.‹ … Ein guter Übersetzer wird keiner Sprache die
formale Struktur einer anderen aufzwingen, sondern bereit

261
sein, jede notwendige Änderung der Form vorzunehmen,
um die Botschaft in den natürlichen Strukturformen der
Empfangersprache wiederzugeben.«
Was Nida hier an praktischen Beispielen der Bibelüber-
setzung erläutert, ist erstens das Prinzip der Funktionalität.
Es gibt nicht die an sich gute Übersetzung; mehr oder we-
niger gut kann eine Übersetzung nur im Hinblick auf die
Funktion sein, die ihr zugedacht ist. Die Interlinearversion
für den Lateinschüler wird anders aussehen müssen als die
wortgenaue Übersetzung für den Fachmann der Altertums-
wissenschaften, und diese wieder anders als eine Fassung,
die das nichtfachkundige Publikum verständlich finden soll.
Das zweite Prinzip ist eben das der Wirkungsäquivalenz: Die
Übersetzung soll bei ihrem Publikum möglichst die gleichen
Gedanken und Assoziationen und Gefühle auslösen wie das
Original bei dem seinen, sie soll auch ebenso zugänglich
sein, ebenso verständlich.
Dem Übersetzer bürdet das Prinzip der Wirkungsäquiva-
lenz neben der Wiedergabe von Propositionen und Registern
noch eine dritte Aufgabe auf: Er muß jederzeit abschätzen
können, ob sein Autor eine in seiner Sprache konventionelle
Sprachfigur gebraucht, die er äquivalent mit einer gleichfalls
konventionellen Figur der Zielsprache ausdrücken muß,
oder ob der Autor sich von der Konventionalität entfernt.
So long and soon see, sagt eine Figur in Nabokovs Roman
»Durchsichtige Dinge«, und das darf eben nicht tschüß und
bis bald heißen.
Eine Übersetzung nach dem Prinzip der Wirkungsäqui-

262
valenz wird einige Regeln einhalten, die Regeln der prakti-
schen Vernunft sind und keine Theorie:
1. Inhalt geht vor Form, Sinn vor Klang. Wortspiele, Rei-
me, Rhythmus, Assonanzen, Alliterationen, also Effekte, die
an den Lautcharakter der Originalsprache gebunden sind,
werden sich nur in Fällen zufälliger glücklicher Überein-
stimmungen zwischen beiden Sprachen wiedergeben lassen.
Wo diese Effekte konstitutiv sind, etwa bei einem Buch wie
Carrolls »Alice im Wunderland«, müssen größere Sinnab-
weichungen hingenommen werden.
2. Gleiche Wörter sind nicht immer gleich zu übersetzen.
In jeder Sprache wird die Wirklichkeit durch die Begriffe et-
was anders aufgeteilt, und selbst gleichbedeutende Begriffe,
vor allem Abstrakta und Gefühlsbegriffe, haben einen un-
terschiedlichen Nimbus von Konnotationen, mit dem zu
rechnen ist. Wer aus dem Deutschenins Spanische übersetzt,
kann einen so klaren Begriff wie Ecke nicht immer gleich
übersetzen. Er muß von Fall zu Fall zwischen rincón (Zim-
merecke), esquina (Straßenecke), ángulo (Winkel), porción
(Käseecke) und so weiter hin- und herwechseln.
3. Der Übersetzer soll keine Kultur-,sondern eine Sprach-
übersetzung leisten. Eine Kulturübersetzung würde eine
Wendung wie Fish’n Chips nicht nur sprachlich übersetzen
(so daß so etwas wie »Fisch un’ Fritz« herauskäme), sie wür-
de fragen, was denn ein eiligerdeutscher Städter an einer
Imbißbude äße, und wartete mit einer Lösung wie »Curry-
wurst« auf. Das führt schnell zu grotesken Ergebnissen. Die
Kulturübersetzung ließe die Wüstensöhne auf Pferdenstatt

263
auf Kamelen ins Dorf statt in die Oase mit ihren Kirchtür-
menstatt Minaretts reiten, und aus dem Colablätter kauen-
den, Pulquetrinkenden Indio machte sie einen biertrinken-
den Kaugummikauer. All das ist völlig unannehmbar.
4. Um den Inhalt zu wahren und dem Sprachfluß sei-
nen jeweiligen Grad an »Natürlichkeit« zu erhalten, müssen
grammatische undsemantische Formen zuweilen geändert
werden, um so mehr, je größer der kulturelle, zeitliche und
sprachliche Abstand zwischen den beiden Sprachen ist. »Und
das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen
seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen
Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit« ist wörtlich
richtig, aber nahezu unverständlich und höchst unnatürlich.
Handelte es sich nicht um die Bibel, so müßte die Überset-
zung lauten: »Das Wort wurde ein Mensch und lebte eine
Weile bei uns. Wir sahen seine Herrlichkeit. Sie zeigte sich in
dem, was er, der einzige Sohn, von seinem Vater erhielt: das
Geschenk der göttlichen Wahrheit.«
5. Oft kommt es vor, daß die Kulturtatsache, die ja nicht
eingedeutscht werden sollte, gerade in einer bestimmten
Sprachtatsache besteht – in einer für die fremde Kultur ty-
pischen Redefigur, einer Begrüßungsformel etwa, einer An-
rede, einem Anruf, einer Beschimpfung, einer illustrativen
Metapher. Dann sollte, durch eine relativ wörtliche Überset-
zung, konsequent die Kulturtatsache in ihrer Fremdartig-
keit erhalten bleiben. Zwar könnte der Übersetzer den mit
Schalom grüßenden Israeli durchaus »Guten Tag« oder »Ser-
vus« sagen lassen; aber wahrscheinlich wird er die Kultur-

264
tatsache, daß die Grußformel in Israel »Friede« lautet, für so
mitteilens-wert halten, daß er die deutsche Sprache vorsich-
tig zur Quellsprache hinbiegt – oder das Schalom unüber-
setzt stehen läßt. Der Amerikaner flucht son of a bitch, wo
der Deutsche ein Schimpfwort wie »Mistkerl« oder »Arsch-
loch« gebraucht. So wird der Übersetzer wahrscheinlich die
Kulturtatsache der sexuellen Beschimpfung erhalten wollen
und einen eigentlich undeutschen Huren- oder Hundesohn
oder gar den ganz wörtlichen Sohn einer Hündin wählen. Er
wird vielleicht auch die Kulturtatsache erhalten wollen, daß
die Quellsprache mit sehr viel mehr Diminutiven arbeitet als
die deutsche, und so etwa das russische Väterchen und Müt-
terchen stehenlassen. Auch metaphorische Wendungen mag
er zuweilen mit gutem Grund in ihrer kulturellen Fremd-
artigkeit bewahren wollen, etwa das semitisch-biblische »er
sammelte feurige Kohlen aufsein Haupt«, das sonst einfach
»er machte ihm schwere Vorwürfe« lauten müßte. Die Er-
haltung von sprachlichen Kulturtatsachen läuft darauf hin-
aus, daß am Ende denn doch meist auch die Originalsprache
durchscheint; sie ist eine Hintertür, durch die die Zielspra-
che schließlich doch ein wenig zur Herkunftssprache hin-
übergebogen wird. Auf diese Weise läßt sich sogar eine leich-
te Verfremdung der deutschen Grammatik rechtfertigen,
denn auch grammatische Eigenheiten lassen sich schließ-
lich als Kulturtatsachen interpretieren. Bei nah verwandten
Sprachen stellt sie auch kaum ein Problem dar. Bei Sprachen
mit einer sehr unähnlichen Syntax dagegen wird eine sol-
che Verbiegung nicht möglich sein, und soweit sie möglich

265
wäre, erzeugte sie so lächerliche oder unverständliche Er-
gebnisse, daß selbst Schleiermacher nicht auf ihr bestanden
hätte. Agglutinierender Satzbau etwa (also die Herstellung
syntaktischer Bezüge durch Silben, die den Stammformen
angehängt werden) läßt sich in indogermanischen Sprachen
kaum nachahmen; täte man es, so käme zum Beispiel die tür-
kische Entsprechung zu »meine Häuser« (evlerim) als »Haus-
mein-mehrere« heraus. Wie ein Nutka-Indianer auf der
Vancouver-Insel spräche, etwa den Satz, dessen Lautgestalt
mit tl’ imsh-üa-’is-ita-’ itl-ma nur höchst unvollkommen an-
gedeutet ist, läßt sich unmöglich in seiner vollen kulturellen,
syntaktischen und lexikalischen Fremdheit wiedergeben.
Heraus käme bestenfalls so etwas wie »Gekochtes-Essende-
aufsuchen-tut-er«. Andererseits wäre auch die vollständige
Überführung in die äquivalente deutsche Formel »Er lädt
Gäste zum Fest ein« nicht eben zufriedenstellend, weniger
weil ihr die Nutka-Syntax, sondern vielmehr weil ihr die
Kulturtatsache abhanden gekommen wäre, daß das Fest für
den Indianer im Genuß gekochten Fleisches besteht und er
die Gäste selber herbeiholt. Also wird der Übersetzer Kom-
promisse suchen müssen. Vielleicht stünde in seiner Fassung
dann so etwas wie »Er holt Gäste zum festlichen Fleisches-
sen«. An solchen Beispielen wird die Zuversicht, daß es ad-
äquate Übersetzungen zwischen sehr verschiedenen Kultu-
ren und Sprachen geben könne, leider zuschanden. Sie lassen
das Übersetzen weniger als eine triumphale Kunst und mehr
als einen letzten Notbehelf erscheinen.
Das Prinzip der Wirkungsäquivalenz enthebt den Über-

266
setzer nicht der Notwendigkeit, sich laufend zwischen ver-
schiedenen Möglichkeiten zu entscheiden (und erst recht
nicht der anderen, sich die Möglichkeiten zunächst einmal
einfallen zu lassen). Er erlebt ständig, wie die Erhaltung des
einen – des Sinns, des Satzbaus, des Klanges, der aus dem
Text verweisenden Allusionen, der Natürlichkeit – eine Ein-
buße an dem anderen mit sich bringt, und muß versuchen,
den Schaden zu minimieren, Kompromisse zu schließen, ein
Gleichgewicht zu finden – und das alles im Rahmen dessen,
was Stil heißt und ebenso schwer definierbar wie greifbare
Realität ist.
Am Anfang der Computerzeit dachten einige, eines Tages
würde ein Maschinenübersetzer den »Humantranslator« ab-
lösen können. Es besteht kein Grund, dies schadenfroh ein
für allemal auszuschließen, in dem üblichen Ton: Na also,
da braucht man uns Menschen doch noch. Computer haben
in wenigen Jahrzehnten menschliche Intelligenzleistungen
simuliert und weit übertroffen, die man noch vor einem
Menschenalter für völlig unnachahmlich gehalten hätte.
Aber der Computer, der mehr täte, als sehr reduzierte und
völlig normierte Fachsprachen ineinander zu übersetzen, ist
tatsächlich nicht in Sicht und bei den Versuchen, zu erfas-
sen, was der Humantranslator denn nun eigentlich genau
tut, nur in immer weitere Ferne gerückt. In der Euphorie des
Anfangs hat man den Computer über- , weit mehr aber noch
den menschlichen Geist unterschätzt.
Das beginnt bei den Eingabeschwierigkeiten. Der Geist
hat eine ganz erstaunliche Fähigkeit, Wörter und Sätze in

267
den verschiedensten Aussprachen zu erkennen und auch
dann, wenn einzelne Bestandteile gröblich entstellt oder
völlig ausgelöscht sind. Ein geschriebenes Wort erkennt er
in den verschiedensten Schriften. Der Computer ist vor ver-
stümmelten oder zu stark von der Norm abweichenden Laut-
oder Schriftzeichen hilflos und »versteht gar nichts mehr«.
Der Geist versteht so effizient, weil er ständig Erwartungen
errechnet: Er hat Hypothesen über den Zusammenhang und
braucht einzelne Zeichen (Laute oder Striche) nur so weit zu
analysieren, daß er bestimmte Hypothesen ausscheiden und
andere bestätigen kann. Er muß nicht das Ende einer Äu-
ßerung abwarten, um sie bearbeiten zu können. Er erzeugt
seine Hypothesen schon laufend, während er sie hört oder
liest. Das läßt sich leicht demonstrieren. Diese Striche wird
niemand entziffern können:

Aber im Zusammenhang werden sie sofort klar:

Wir füllen ständig aus dem Zusammenhang auf, was uns


im einzelnen unentzifferbar bleibt. Auch fast unleserliche
Schrift, auch fast unverständliche Sprache verstehen wir,
wenn wir nur ein wenig über den Zusammenhang wissen, in
dem ein Wort oder eine Äußerung steht. Darum werden wir
auch mühelos mit großen Normabweichungen fertig. Der

268
Computer hat diese Fähigkeit (noch) nicht. Jeder falsche Ab-
strich an einem Buchstaben, jedes Räuspern macht ihn ratlos.
Es wäre schwierig genug, ihm ein ausreichend differenzier-
tes Lexikon einzugeben. (Die kleinen Dolmetsch-Computer
in der Größe eines Taschenrechners haben ein Lexikon von
4000, ihren fremdsprachigen Pendants 1:1 gegenüberstehen-
den Wörtern; es ließe sich auf drei Dutzend Taschenwör-
terbuchseiten unterbringen und ist also nur wenig mehr als
Null.) Sein Lexikon müßte berücksichtigen, daß sich Wörter
sehr häufig eben nicht 1:1, nicht linear übersetzen lassen – er
müßte also etwa entscheiden können, wann das deutsche
Eis im Italienischen mit ghiaccio (Natureis) und wann mit
gelato (Speiseeis) wiederzugeben ist. Auch ephemere Gele-
genheitswörter (den Rentensumpf, das Umweltimage) müßte
er analysieren und selber erzeugen können. Satzfehlern und
Wortspielen müßte er gewachsen sein (und also entscheiden
können, ob der Einsatz von Mikroprofessoren ein Versehen
oder ein Kalauer ist – und falls letzteres der Fall wäre, wie
das zu verstehen ist). Spontan gebildete übertragene Begrif-
fe müßte er als solche erkennen können (Eis im Blick), und
dazu müßte er das Tertium comparationis aufspüren.
Noch viel schwieriger wäre es, die Grammatik zweier
Sprachen so explizit und unzweideutig und vollständig zu
analysieren, daß der Computer eine Form in eine gleichwer-
tige andere Form verwandeln kann – vorläufig ist an nichts
Derartiges auch nur zu denken. Und selbst wenn er das alles
könnte, hätte er immer noch keinen Stil – nämlich kein Kri-
terium, nach dem er unter konkurrierenden Wörtern und

269
Satzformen wählen kann. Aber eben noch vorstellbar ist,
daß ihm auch der eines Tages beigebracht wird.
Die Hauptschwierigkeit bliebe aber selbst dann ungelöst.
Die Sprache ist kein sozusagen digitales System, in dem jeder
Begriff eine genau bestimmte und scharf begrenzte Bedeu-
tung besäße. Die Grenzen der Begriffe .verfließen, Begriffe
gehen ineinander über, decken sich teilweise, haben neben
ihrer Bedeutung bestimmte, sich verändernde Wertigkeiten,
die Spuren ihrer Geschichte und ihr gegenwärtiges emotio-
nales Standing. Und die Sprache ist auch kein abgeschlos-
senes System, keins, in dem keine anderen als sprachliche
Operationen stattfinden. Die Sprache ist aufs engste mit un-
serem gesamten »Weltwissen« verbunden. Die meisten Wör-
ter und Sätze sind mehrdeutig. Wenn wir sie meist dennoch
ohne weiteres verstehen, so weil wir sie im Lichte unseres
gesamten Weltwissens interpretieren. Die Plakatbotschaft
Jugendarbeit heute in der Sackgasse verstehen wir auf Anhieb
und ohne Hilfe aus dem Kontext richtig.
Damit aber der Computer ihr nicht den Sinn »An die-
sem Montag arbeiten Jugendliche in einer Straße mit nur
einem Zugang« gibt, müßte er eine Menge über Sackgassen,
Jugendliche und Arbeit wissen. Ein Satz wie Die Fliege frißt
die Spinne enthält keinen linguistischen Hinweis darauf,
wer hier wen frißt; wenn wir ihn richtig verstehen, so nur,
weil wir einiges über die Freßgewohnheiten von Fliegen und
Spinnen wissen. All ihr linguistisches Wissen hülfe der Ma-
schine angesichts solcher Sätze überhaupt nichts.
Ein Satz wie Die Spitze des Werks weicht dem Druck der

270
Presse enthält fünf Inhaltswörter. Nur die groben gezählt,
enthalten sie vier plus vier plus zwei plus drei plus zwei Be-
deutungen. Das ergibt 192 verschiedene Kombinationen.
Sie alle müßte der Computer nachprüfen. Der menschliche
Geist eliminiert die allermeisten auf der Stelle; zum Bei-
spiel macht ihm das »dem« nach »weicht« klar, daß hier
kein Aufweichen gemeint ist, und schon sind es nur noch
96 Bedeutungen. Dieser Satz ist so beschaffen, daß am Ende
zwei Sinnmöglichkeiten übrig bleiben; er selber bietet kei-
ne Handhabe, das Dilemma zu lösen, und ist darin wie ein
Necker-Würfel, jene Umrißzeichnung eines Würfels, die
man wahlweise entweder als einen Würfel von schräg oben
oder einen von schräg unten sehen kann. Hat die Leitung
eines Unternehmens einer Zeitungspolemik nachgegeben?
Oder wird ein Kunstwerk unter einer Presse zertrümmert?
Um solche Ambiguität zu lösen, ziehen wir schlechterdings
jedes Mittel heran: wer den Satz sagt, in welcher Situation
er ihn sagt, in welchem Ton er ihn ausspricht. Tatsächlich
ist er nur zweideutig, solange er, wie hier, aus jedem Kon-
und Kotext säuberlich herausgelöst ist. Das mindeste zusätz-
liche Licht auch aus der unvorhersehbarsten Richtung löst
die Ambiguität sofort. Sätze, die ihren Hörer/Leser auf eine
falsche Fährte locken und erst von , ihrem Ende her richtig
verstanden werden können, gibt es fast nicht, und wo sie vor-
kommen, wirken sie humoristisch: »Drohend pflanzte sich
der Boxer vor ihm auf und verfolgte jede seiner Bewegungen,
bereit zum Angriff- doch dann bellte er nur.«
Gerade wegen der Unschärfe ihrer Operationen, die dann

271
in ihrer Summe aber doch wieder ein nicht unbeträchtli-
ches mittleres Schärfenniveau erzeugen, ist Sprache für den
»maschinellen Übersetzer« so schwer zu handhaben. Darum
wird es in absehbarer Zukunft keinen Ersatz für den Hum-
antranslator geben.

272
Das englische Original:

THE REVENGE
BY GRAHAM GREENE

When I was a boy I must have read Q’s novel Foe-Farrell three
or even four times. It was a dramatic story of a mans revenge
and I very much wanted an opportunity for dramatic revenge.
As I remember the tale apolitical demagogue ruined the ex-
periments of a great surgeon by inciting a mob to wreck his
laboratory where it was believed that he was practising vivi-
section. From that moment Foe (or was it Farrell?) pursued
Farrell (or was it Foe?) across the world and through the years
with the one object of revenge—I think he even found himself
alone in an open boat on the Pacific with his enemy, improb-
able though this may seem. Then under the long drawn torture
of the pursuit the characters changed: the pursued took on no-
bility, the pursuer the old vulgarity of his enemy. It was a very
moral story, but I dont think it was the climax that interested
me—simple revenge was what I wanted.
For there was a boy at my school called Carter who perfected
during my thirteenth and fourteenth years a system of mental
torture based on two aspects of my rather difficult situation—
my father was headmaster and my elder brother head of my
house. Carter had an adult imagination—he could conceive
the conflict of loyalties, loyalties to my age group, loyalty to my
father and brother. The sneering nicknames were inserted like
splinters under the nails.

273
I think that in time I might have coped with Carter—there
was an element of reluctant admiration, I think, on both sides.
I admired his ruthlessness and in an odd way he admired what
he wounded in me. Between the torturer and the tortured aris-
es a kind of relationship—so long as the torture continues the
torturer has failed, and he recognises an equality in his victim.
I never seriously in later years desired revenge on Carter. But
Watson was another matter.
At that period of my life I had very few friends. I was iso-
lated like a black-leg—“Old So-and-So’s son”. Watson was one
of these friends and he deserted me for Carter. He had none
of Carter’s finesse—Carter continually tempted me with of-
fers of friendship snatched away like a sweet, but leaving the
impression that somewhere sometime the torture would end,
while Watson imitated him only at a blundering unimagina-
tive level.

274
Als abschreckendes Beispiel:

EINES MANNES VERSTEINERTE RACHE


VON N. N.

Als ich noch ein kleiner Junge war, da mußte ich wohl mal
die Novelle Foe/Forrel von Sir Arthur Quiller-Couch (1863–
1944) dreimal, wenn nicht sogar viermal gelesen haben. Es
war der hochdramatische Bericht von einer eiskalten Rache-
aktion, die ein Mann ausübte, und sie flößte mir allmählich
den inbrünstigen Wunsch nach einer günstigen Gelegenheit
ein, genauso gnadenlos Rache zu nehmen.
Wie ich die Mär im Gedächtnis habe, ruinierte ein po-
litischer Gewaltherrscher die experimentelle Versuchsreihe
eines berühmten Wundarztes.
Er verführte ein paar zwielichtige Gesellen und stachelte
diese lärmenden Rebellen dazu an, seine wissenschaftlichen
Arbeitsräume zusammenzuschlagen. Der Wundarzt, es ist
sicher, sezierte dort nämlich lebendige Menschen!!!
Von diesem Moment an jagte Foe Forrel (oder hießen sie
umgekehrt) bis an alle Enden der Erde und durch die Jahre
hindurch als das einzige Objekt seiner: RACHE. Ich vermu-
te, daß er inmitten eines offenen Schiffes, mit seinem Wi-
dersacher, zeitweise auf dem Atlantik schwamm – unwahr-
scheinlich, aber möglich. Unter der langgezogenen Tortur
der Verfolgung änderten sich plötzlich die Charaktere: Das
Wild nahm eine erhabene Gesinnung an, den Jäger überkam
die gewohnte Niedrigkeit seines Feindes. Es war eine Story

275
mit einer tiefen Ethik, aber für diese höheren Aspekte hatte
ich damals noch kein Verständnis – ich lechzte nach Rache
an sich.
Da war ein Knabe in meiner Schule, Carter geheißen. Der
übte an mir, in meinem vierzehnten und fünfzehnten Schul-
jahr war es, ein System intellektueller Quälerei aus, das auf
zwei wunden Punkten meiner Situation fußte. Er dachte sich
zum Beispiel einen Loyalitätskonflikt aus, indem er meine
schuldige Ergebenheit gegenüber meinem Vater und die Ge-
folgschaftstreue gegenüber meinem Jahrgang auf die Probe
stellte. Die hohnlächelnden Übernamen, die er jenen gab,
wurden mir hingeschmissen, wie Splinter unter die Nägel.

276
Alone he would have had no power to hurt. None the less it
was on Watson that I swore revenge, for with his defection my
isolation became almost complete.
For many years when I thought back on that period, I found
the desire for revenge alive like a creature under a stone. The
only change was that I looked under the stone less and less
often. I began to write, and the past lost some of its power—I
wrote it out of me. But still every few years a scent, a Stretch of
wall, a book in a shelf, a name in a newspaper, would remind
me to lift the stone and see the creature move its head towards
the light.
In December 1951 I was in the shop of the Cold Storage
Company in Kuala Lumpur buying whisky for Christmas
which I was going to spend in Malacca. I had just got back
from a three day jungle patrol with the 2/7th Gurkha Rifles in
Pahang, and I was feeling very tired of Malaya. A voice said,
“You are Greene, aren’t you?” A foxy-faced man with a small
moustache stood at my elbow.
I said, “Yes, I’m afraid … “
“My name is Watson.”
“Watson?” It must have been a very long time since I had
lifted the stone, for the name at first meant nothing to me, nor
the flushed colonial face.
“We were at school together, dont you remember. We used
to go around with a chap called Carter. The three of us. Why,
you used to help me and Carter with our Latin prep.”
At one time, in the days when I still day-dreamed, I would
imagine meeting Watson at a Cocktailparty and smacking his

277
face in public. Nothing could have been more public than the
Cold Storage Company of Kuala Lumpur during the Christ-
mas rush, but all I could find to say was, “I didn’t think I was
any good at Latin.”
“Better than we were anyway.”
I said, “What are you doing now?”
“Customs and excise. Do you play polo?”
“No.”
“Come along and see me play one evening.”
“I’am just off to Malacca.”
“When you get back. Talk over old times. What inseparab-
les we were—you and me and old Carter.”
It was obvious that his memory held quite a different im-
pression to mine.

278
M. E. konnte ich damals sogar mit dem Carter kämpfen. Da
war recht eigentlich in der Urtiefe ein Körnchen von Bewun-
derung auf beiden Seiten. Ich bewunderte seine Kaltschnäu-
zigkeit, und er stellte mit einer gewissen Bewunderung fest,
was er alles in mir verwundete. Zwischen dem Quälgeist
und dem Gequälten entsteht ja gemeinhin so etwas wie ein
inniges Freundschaftsverhältnis. Wenn der Quälgeist quält,
ist er schuldig und hat damit versagt, und der Gequälte tut
es ihm gleich. In späteren Jahren habe ich nie mehr ernsthaft
den Wunsch nach Rache gegen Carter gespürt. Der Watson
war eine andere Sache.
In jener Lebensperiode habe ich sehr wenig Freunde ge-
habt. Ich war isoliert wie ein Schwarzfußindianer – der da,
der ist »des alten Eckenstehers Sprößling«. Watson war einer
von diesen Freunden, aber er stand weiter hinter Carter zu-
rück. Wir haben niemand gehabt, der Carters Verschmitzt-
heit gehabt hat. Carter verleitete mich dauernd mit Freund-
schaftsangeboten, die ich ihm wie eine süße Labe wegriß,
wobei er den Eindruck hinterließ, daß die Marter eines Ta-
ges an irgendeinem Ort zu Ende gehen wird, während Wat-
son ihn nur imitierte. Ich habe Watson trotzdem Vergeltung
geschworen, denn durch seinen Treuebruch war ich völlig
isoliert.
Wenn ich mich viele Jahre später an diese Periode zurück-
erinnerte, dann fand ich in mir Rachegier. Sie gleichte einem
Käfer, den man unter einem Felsblock gefangen hält! Die
einzige Wandlung war, daß ich unter dem Felsblock immer
weniger oft nachguckte. Ich begann zu Schriftstellern, und

279
die Vergangenheit verlor ein bißchen an Gewalt. Ich schrieb
es mir von der Seele ab. Aber alle paar Jahre pflegten mich
ein Parfüm, der Anblick eines Schulgebäudes, ein Buch auf
einem Bord, ein Name in einer Zeitung zu erinnern, den
Stein wegzurollen. Ob das Biest noch lebte, den Kopf auf-
bäumte und ins Licht blinzelte?
Dezember 1951. Ich war in der Handelsniederlassung der
Gekühltwaren-Kompanie in Kuala Lumpur, um eine Flasche
Whisky zu kaufen, die ich auf Malacca zu Weihnachten eini-
gen Bekannten spendieren wollte. Ich war soeben von einer
dreitägigen Jungelpatrouille mit 2/7. Gurkhagewehren in Pa-
hang zurückgekehrt, und ich hatte von Malaja die Nase sehr
voll. Eine Stimme rief: »Ist das nicht der alte Green, was?«
Ein listig aussehender Mann stand an meinem Ellbogen.
»Ja, leider!« Darauf der andere: »Ich heiße Watson!« »Wat-
son?« Es muß eine sehr lange Zeit gewesen sein, seitdem ich
den Stein gelüpft hatte, denn zuerst sagte mir der Name gar
nichts. Auch nicht das Gesicht, das so aufgedunsen war, wie
es für Kolonialisten typisch ist.
»Mensch, wir sind doch zusammen auf die Penne gegan-
gen. Wir pflegten doch immer mit einem Burschen zu ver-
kehren, der Carter hieß. Wir alle drei. Ei, du halfest doch mir
und dem Carter immer bei der Lateinpräparation!«
Einmal, als ich noch bei Tageslicht an uns zurückdachte,
stellte ich mir vor, daß ich Watson auf einer Cocktail-Par-
tie traf und ihm öffentlich eine schallende Ohrfeige run-
terhaute. Nirgends gab es mehr Menschen als in der Han-
delsniederlassung der Gekühltwaren-Kompanie von Kuala

280
“What’s happened to Carter?”
“He went into Cables and died.”
I said, “When I get back from Malacca …” and went
thoughtfully out.
What an anti-climax the meeting had been. I wondered all
the way back to my hotel whether I would ever have written
a book if it had not been for Watson and the dead Carter, if
those years of humiliation had not given me an exzessive de-
sire to prove that I was good at something, however long the
effort might prove. Was that a reason to be grateful to Watson
or the reverse? I remembered another ambition—to be a Con-
sul in the Levant—I had got as far as sitting successfully for
the viva. If it had not been for Watson … So speculating, I felt
Watson sliding out of my mind, and when I came back from
Malacca I had forgotten him.
Indeed it was only last week I remembered that I had never
rung him up, hadn’t watched him play polo, nor exchanged
memories of the three inseparables. Perhaps, unconsciously,
that was my revenge—to have forgotten him so easily. Now
that I have raised the stone again, I know nothing lives be-
neath it. Copyright Paul Zsolnay Verlag, Wien

281
Lumpur während des Weihnachtsrummels. Aber ich konnte
nur sagen: »Ich dachte gar nicht, soviel in Latein getaugt zu
haben!«
»Du warst jedenfalls besser, als wir es waren.«
Ich sagte: »Was hast du jetzt vor?«
»Steuerfinanzen und etwas Sport.«
»Spielst du Polo?«
»Nein.«
»Komme mit und schau mir eines abends zu beim Spiel.«
»Ich gehe gerade auf Malacca.«
»Wenn du zurückkommst. Mal über alte Zeiten klöhnen.
Was für Unzertrennliche wir waren – du und ich und der
olle Carter.«
Sein Gedächtnis hatte offensichtlich einen völlig unter-
schiedlichen Eindruck als meines behalten.
»Was ist mit Carter passiert?«
»Starkstrom! Ist abgekratzt!«
Ich sagte: »Wenn ich von Malacca zurückkomme«, und
ging versonnen aus der Tür.
Was war dieses Treffen doch für eine Antizuspitzung ge-
wesen! Auf dem Weg zum Hotel fragte ich mich, ob ich je-
mals ein Buch geschrieben haben würde, das nicht für Wat-
son und den toten Carter bestimmt gewesen war, und wenn
diese Jahre der Erniedrigung und Demütigung in mir nicht
den innigen Wunsch ausgelöst hätten zu beweisen – mochte
es noch solange – , daß ich zu etwas wenigstens gut war. Soll-
te ich Watson dafür danken, oder dem Umschwung? Mir
kamen andere Gedanken. Konsul in Levant sein … Dasitzen

282
und erfolgreich die Vivats der Menge über sich ergehen las-
sen … Wie ich noch philosophierte, spürte ich, wie Watsons
Bild in meiner Erinnerung verbleichte, und als ich von Ma-
lacca zurück war, hatte ich ihn vergessen.
Wahrhaftig, es fiel mir erst vorige Woche ein, daß ich nie
mit ihm telephoniert habe, daß ich ihm nicht beim Polospiel
zugeschaut habe (das er, der Zivilist, mir dem Offizier ge-
genüber ja nur als Angabe erwähnt hatte) und daß ich mit
ihm nie Erinnerungen über die drei Unzertrennlichen aus-
getauscht habe. Vielleicht ist es unbewußt meine Vergeltung
gewesen – ihn so schnell aus dem Gedächtnis zu verlieren.
Als ich den Stein zum letztenmal wegwälzte, kam mir die
Erkenntnis: Es war kein Käfer darunter versteckt!!
DER ARGAN-EFFEKT

Die Liebe
zur Pseudo-Wissenschaft
I m Nachspiel zu Molières »Hypochonder« findet eine Pro-
motion statt. Der so sehr von der Medizin besessene Ar-
gan wird selber unter die Doktoren aufgenommen. Dazu
muß er seine wissenschaft liche Qualifikation unter Beweis
stellen. Er tut es in schauderhaftem Küchenlatein: empfiehlt
für jegliches Gebrechen Einläufe, Abführmittel und Blutegel
oder erklärt die einschläfernde Wirkung von Opium mit
dessen »virtus dormitiva«, nämlich seiner einschläfernden
Wirkung. Die übrigen Doctores sind hellauf begeistert. Un-
ter Vivat-Rufen (»vivat … Novus Doctor qui tam bene par-
lat«) heißen sie den neuen Kollegen willkommen.
Argan wußte, worauf es ankommt. Nicht auf Wissen-
schaft, wohl aber auf den Anschein von Wissenschaft lich-
keit: auf das »bene parlat«, auf das eindrucksvolle, wiewohl
leere Parlieren. Es geht ihm nicht um irgendein Verstehen, es
geht ihm um Effekthascherei. Das Als-ob genügt völlig; oder
vielmehr: gerade das Als-ob stößt auf begierigere Abnehmer,
als eine ernsthaftere Bemühung um irgendeine Wahrheit je
zu finden hoffen könnte.
Dies möchte ich den Argan-Effekt nennen: die dümmli-
che Verballhornung von Wissenschaft; und den Umstand,
daß sie nicht trotzdem, sondern gerade deswegen Anklang
findet.

287
Auf den Argan-Effekt ist auch heute, dreihundert Jah-
re später, noch Verlaß. Sonst könnte keine Werbeagentur
männliche Models mit wichtigen und reifen Gesichtszügen
in propere weiße Kittel stecken, ihnen zwei oder drei Fremd-
wörter in den Mund legen (»… Toxine in der Mauer aus
Plaque … klinisch getestet«) und hoffen, damit eine Zahn-
pasta zu verkaufen.
Meine These ist die: Auch bei der Eindeutschung wissen-
schaft licher Literatur ist der Argan-Effekt im Spiel. Nicht
nur, nicht immer; rühmliche Gegenbeispiele gibt es manche.
Insgesamt ist es dennoch ein schleichender Skandal. Der Ar-
gan-Effekt wütet vor allem bei der Betitelung, der Überset-
zung und vor allem bei der Auswahl dessen, was überhaupt
ins Deutsche übersetzt wird. Er zeigt sich hauptsächlich dar-
in, daß wissenschaft liche oder wissenschaftsbezogene Lite-
ratur bei Verlagen, Buchhandel und Publikum immer dann
einen Bonus zu genießen scheint und eine größere Chance
hat, wenn sie jenes zusätzliche Etwas aufweist: das Pseudo-
hafte, den bewußten Hautgout, den Anflug von Chichi, die
faule Stelle, den Touch von Unseriosität.
Das alles gibt es in den angelsächsischen Ländern ebenso,
sonst wäre diese Ware dort ja nicht zu holen. Aber daneben
ist dort eine wissenschaftliche Publizistik heimisch, die ihre
Leser für erwachsene und verständige Menschen hält, zwar
ohne die Spezialkenntnisse, die der Autor in seinem Buch
oder Artikel zusammengetragen hat, aber neugierig auf sie,
und das um ihrer selbst willen. Ihnen muß nichts untergeju-
belt werden. Diese Publizistik setzt voraus, daß es sich lohnt,

288
schwierige Zusammenhänge in unaufgeregter, klarer Sprache
und ohne sensationsgeile Aufmöbelung auch den NichtFach-
leuten auseinanderzusetzen (und tatsächlich schreitet ja die
Spezialisierung in den Wissenschaften so schnell voran, daß
selbst der Fakultätskollege drei Türen weiter auf dem eigenen
Gebiet ein Nicht-Fachmann ist). Daß ein Gegenstand nicht
erst dann Interessenten findet, wenn er, bis zur Unkenntlich-
keit verdünnt, dem Buchkäufer eine plötzliche und endgül-
tige Erleuchtung, eine mirakulöse Lebenshilfe anbietet. Daß
es Buchkäufer gibt, denen bei den marktschreierisch angebo-
tenen Patentmedizinen nicht das Wasser im Mund zusam-
menläuft, sondern das Würgen kommt. Für solche Bücher
und Artikel gibt es im Englischen das nette Wort semipopu-
lar, halb volkstümlich. Semi, auf halbem Weg: Der Forscher
erkennt in ihnen seine Wissenschaft wieder, findet sogar hin
und wieder eine brauchbare Idee in ihnen und genierte sich
äußerstenfalls nicht allzu sehr, sie gar zu zitieren; der Laie
braucht nicht mehr mitzubringen als Offenheit und die Be-
reitschaft, sich einen neuen Gegenstand zu überlegen, und er
kann sich darauf verlassen, daß ihm keine faulen Eier unter-
geschoben werden. Diese semipopuläre Tradition fehlt hier-
zulande weitgehend. Jene Literatur, die sich zwischen tech-
nischster Tiefe und seichtester Untiefe auf einem normalen
Intelligenzniveau bewegt, ist die Ausnahme. Den Fachleuten
erscheint sie zu oberflächlich, und schon gar nicht möchten
sie selber sich mit ihrer Abfassung kompromittieren – viel
eher üben sie sich in der entgegengesetzten Kunst, auch »Ein-
faches kompliziert und Triviales schwierig auszudrücken«

289
(Sir Karl Popper) – für manche besteht eben darin die ganze
Wissenschaft. Und die Laien, sie sind es gewöhnt, daß Wis-
senschaft eben nichts für sie ist, bis ein Buch oder Artikel sie
anmacht wie auf dem Jahrmarkt: He, Sie da, schon mal den
sensationellen Ismus und die fabelhafte Logie probiert?
Die Beispiele kommen schon noch. Zunächst aber muß
eine Frage zumindest aufgeworfen werden: Ist es denn über-
haupt nötig, diese Art von Literatur zu übersetzen? Die neue
lingua franca, die internationale Sprache der Wissenschaft
ist Englisch. Der Wissenschaft ler, der sich an seine zweihun-
dert über die ganze Welt verstreuten Fachkollegen wendet,
tut es heute überall auf englisch. Forschungsberichte und
selbst Forschungsübersichten werden auf der ganzen Welt
und nicht nur in den Naturwissenschaften auf englisch ab-
gefaßt. Es ist kein Geheimnis: Je wichtiger ein Forschungser-
gebnis, um so größer die Wahrscheinlichkeit, daß es gleich
auf englisch festgehalten wird und die deutsche Sprache
nie passiert. Hier, im Erdgeschoß der Wissenschaft, wurde
Deutsch sang- und klanglos verabschiedet; hier wird nichts
übersetzt und muß nichts übersetzt werden.
Die Frage, ob etwas in die deutsche Sprache importiert
werden soll, stellt sich erst in den Obergeschossen mit dem
breiteren Publikumsverkehr. Dort aber ist die Sache die: Je
mehr die wissenschaft lich Tätigen sich auf ihren jeweils ei-
genen Gebieten des Englischen bedienen, um so eher werden
sie auch auf den ihnen ferner liegenden Gebieten mit den
englischen Originalen auskommen. Bis eine Übersetzung
erscheint, vergehen Jahre; sie wird notwendigerweise immer

290
teurer sein als das Original und ihm selten ganz ebenbür-
tig. Wozu also der ganze Aufwand der Eindeutschung, wenn
die meisten der in Frage kommenden Interessenten mit dem
Original selber viel besser bedient sind?
So logisch das klingt, es wäre vorerst dennoch schade,
wenn sich alle daran hielten. Dann gäbe es eine Eindeut-
schung wissenschaft licher Literatur nur noch im Dach-
geschoß, dort wo die Fete stattfindet, in deren Trubel nur
Deutsch gelallt wird. Eine Folge wäre zum Beispiel, daß dem
Deutschen die Terminologie immer mehr abhanden käme.
Die Wissenschaft handelt ja meist von Phänomenen, die
dem bloßen Auge und dem gemeinen Verstand nicht ohne
weiteres erkennbar sind und für die die Gemeinsprache
darum auch keine Wörter bereithält. Werden diese stän-
dig entstehenden neuen Begriffe nicht sehr bald ordentlich
verdeutscht, so werden alle, die sich dennoch ernsthaft über
diese Dinge unterhalten wollen, einfach die englischen Ter-
mini übernehmen. So kommt es, daß selbst die deutschen
Texte immer englischer werden, nämlich immer stärker
durchsetzt mit ausgeliehenem Fachvokabular. Für höchst re-
ale Phänomene wie arousal, REM-Schlaf oder split brain gibt
es keine brauchbaren deutschen Begriffe. Jeder Text, der sich
mit ihnen befaßt, auch der deutscheste, muß sie verwenden
– und irgendwann werden dann nur noch die Konjunktio-
nen und Hilfsverben deutsch sein.
Dieser Prozeß ist möglicherweise nicht aufzuhalten. An
seinem Ende haben wir alle dann zwei Sprachen, eine für den
Alltag und eine fürs Denken, und Übersetzungen werden

291
nicht mehr benötigt. Ganz so weit sind wir aber noch nicht.
Noch lohnt es sich, in jedem einzelnen Fall abzuschätzen,
ob die Eindeutschung nicht doch ein Publikum fände, wel-
ches das Original nie erreicht. Es macht sich sogar manch-
mal bezahlt. Jacques Monods »Zufall und Notwendigkeit«
oder Poppers/Eccles’ »Das Ich und sein Gehirn« waren an-
spruchsvolle Bücher ohne jeden Hauch von Chichi; zur all-
gemeinen Verblüffung wurden sie sogar Bestseller. Es kann
also nicht sein, daß es im deutschen Sprachgebiet – welches
allerdings durch seine relative Kleinheit erheblich gehandi-
capt ist – einfach kein Publikum gibt, das die unhochstap-
lerische Spielart der »öffentlichen Wissenschaft« von ihren
Pseudo-Formen zu unterscheiden weiß.
Solange die Frage der Eindeutschung nicht von vornher-
ein negativ entschieden ist, wären Findigkeit und Kompetenz
in den Lektoraten, Agenturen und bei den Übersetzungen
subventionierenden Stiftungen und Verbänden nach wie vor
gefragt. Statt dessen aber scheinen diese Stellen oft, viel zu
oft Unfallorte an der Kreuzung von Ahnungslosigkeit und
erbarmungsloser Hit-Mentalität zu sein.
Das heißt nicht, daß die Verlage alle Schuld an der Ma-
laise trügen. Sie sind in der Tat eingebunden in einen wei-
teren Zusammenhang, der »Markt« heißt. Darin spielen die
Bibliotheken eine Rolle, die, weil nur unzureichend mit An-
schaffungsmitteln ausgestattet, nicht genug Bücher abneh-
men. Daran wirkt die Presse mit, die jeden Lyrik-Debütan-
ten für wichtiger hält als eine wissenschaft liche Arbeit und,
wenn sie einer solchen einmal das Augenmerk schenkt, in

292
Ermangelung von Maßstäben leicht auf jene hereinfällt, die
nichts weiter als den Reiz des Aparten, des Nur-Interessan-
ten für sich hat – die Frage, ob irgendein Gebilde, das sich da
als neue Theorie präsentiert, denn auch tatsächlich zutreffe,
ist man in den deutschen Feuilletons schlechterdings nicht
gewöhnt. Als Theorie wird dort jenes Herbe und Trocke-
ne goutiert, das irgendwie geistreich wirkt; ein besonderes
Verhältnis zur Wahrheit braucht es nicht zu haben, ja die
Feststellung, daß es das durchaus haben könnte und daß es
dafür Kriterien gibt, würde wohl meist nur auf ungläubige
Verwunderung stoßen.
Jetzt wird es bunt. Selbstverständlich kann ich nicht über
und für »die Wissenschaft« sprechen; ich übersehe nur eini-
ge der Strecken ein wenig, auf denen sich verschiedene Diszi-
plinen – Psychologie, Physiologie, Biologie, Anthropologie,
Kybernetik – auf das Geheimnis aller Geheimnisse zutasten,
den menschlichen Geist. Das nebensächlichste Gebiet ist es
immerhin nicht. Aber wer sich seinetwegen auf den deut-
schen Bücherbasar wagt, erlebt sein Wunder.
Thema Sexualität. Es ist notorisch dafür, daß hier selbst
der allerletzte Schrott übersetzt wird. Das Seriösere, sollte
man denken, müßte dann doch wenigstens aus Versehen mit
unterlaufen. Aber es ist, als würde es gezielt weggefiltert. Das
durchaus auch für Nichtfachleute geschriebene Buch von Sy-
mons oder Moneys »Love & Love Sickness« sucht man im
Deutschen vergebens; sogar Mellens semipopuläre »Evolu-
tion of Love«. Keinem der Vermittler scheint es in den Sinn
zu kommen, daß irgend jemand ein ernsthaftes Interesse an

293
dieser Seite unseres Lebens haben könnte. Statt dessen drük-
ken sie auf jeden erreichbaren G-Punkt.
Thema Intelligenzforschung: Wenige wissenschaft liche
Artikel der letzten Jahrzehnte dürften so viele Diskussionen
ausgelöst haben wie der IQ-Artikel des amerikanischen Er-
ziehungspsychologen Arthur Jensen aus dem Jahre 1969, der
Argumente dafür zusammentrug, daß schulische Interven-
tionsprogramme die Intelligenz nicht drastisch anheben –
nebst möglichen Erklärungen, warum es sich so verhält. Je-
der anständige Mensch hierzulande hält sich für berechtigt,
den »Faschisten« Jensen zu verabscheuen. Gelesen dürften
ihn die wenigsten haben. Selbst jenen umstrittenen Aufsatz
gab es auf Deutsch nur einmal und in Ausschnitten in einem
Sammelband zu lesen. Seine anderen Bücher, die hochkom-
plizierten (»Bias in Mental Testing«) wie die eingängigen
(»Straight Talk About Mental Tests«): Fehlanzeige. Auch die
seriösesten anderen, die von Loehlin/Lindzey/Spuhler und
von Vernon, sucht man auf dem deutschen Büchermarkt
vergeblich. Dabei bin ich sicher: Erschiene morgen auf Haiti
ein Buch, das den Leuten einreden möchte, eine im Energie-
feld von Mars und Saturn gewachsene Kartoffelknolle, von
menstruierenden Jungfrauen zu Mus gestampft, mache je-
den zu einer Intelligenzbestie, es wäre schon in der nächsten
Saison übersetzt, man würde kaufen und mampfen.
Die Übersetzung müßte relativ schnell da sein – nicht,
weil jede wissenschaft liche Erkenntnis nach ein paar Jahren
sowieso durch eine neue abgelöst wird und infolgedessen
auch ohne weiteres übergangen werden könnte. Eben das ist

294
eins der aus dem Argan-Effekt rührenden Mißverständnis-
se. Wissenschaft ist keine Fabrikationsanlage für endgültige
Wahrheiten, sie ist ein offener Prozeß der Wahrheitsfindung
unter verschärften Ansprüchen. Dieser Prozeß beschleunigt
sich – heute forschen mehr Wissenschaft ler gleichzeitig als in
der ganzen Menschheitsgeschichte zuvor. Eine solide wissen-
schaft liche Erkenntnis wird nicht nach einiger Zeit als falsch
ausrangiert; sie geht in einem weiteren Zusammenhang auf,
so wie die Newtonsche Mechanik zu einem bedeutenden
Sonderfall der Relativitätstheorie wurde. Wissenschaft liche
Bücher sind verderblich, aber nicht weil sie soviel Unsinn
enthielten, der nach einigen Saisons vom nächsten Unsinn
ersetzt würde, sondern weil das ganze Feld in ständiger Be-
wegung ist, weil dauernd verschiedene neue Erkenntnisse
zusammenschießen und die Fragestellungen verschieben.
Bei der Eindeutschung müßte man sich also schon beeilen.
Wenn ein Pionierbuch der Kybernetik wie der Sammelband
zur »Theorie der Automaten« von Shannon/McCarthy (1956)
erst, wie geschehen, mit 18 Jahren Verspätung auf deutsch
erscheint, so ist es nicht schlecht und nicht falsch, aber ein
Museumsstück geworden. Wenn die deutsche Linguistik
L. S. Wygotskis »Denken und Sprechen« (1934) erst 35 Jahre
später zur Kenntnis nimmt (und das Original, da russisch,
dürfte so gut wie niemand gekannt haben), schwant einem
Schlimmes.
In deutscher Sprache gibt es zum Beispiel nicht: MacLeans
so einflußreiche und weittragende Theorie vom »dreieinigen
Gehirn«, Pribrams holographische Theorie des Bewußt-

295
seins, Gregorys verschiedene Bücher über die Mechanismen
des Sehens, Premacks Bücher über Intelligenz und Spra-
che der Menschenaffen, Jerisons maßgebliches »Evolution
of the Brain and Intelligence«. Selbst so brillante Schreiber
wie Peter Medawar oder Stephen Jay Gould wurden (fast)
verschmäht. Die eigentlich wissenschaft lichen Werke des
Biologen Edward O. Wilson (vor allem seine epochale »So-
ciobiology«, 1975) liegen in deutscher Sprache nicht vor; und
sein Buchessay »Über die menschliche Natur« (1978) erhielt
den deutschen Titel »Biologie als Schicksal« – er ist etwa so
sinnvoll, wie es der Titel »Astronomie als Fluch« über ei-
nem Essay über Schwarze Löcher wäre. Die so luziden wie
ansprechenden psycholinguistischen Standardwerke von
Herbert und Eve Clark sowie Donald Foss und David Hakes,
Musterbeispiele dafür, daß sich sogar moderne linguistische
Fragestellungen in einer Weise abhandeln lassen, daß nicht
jeder, der zufällig in ein solches Buch gerät, auf der Stelle
entsetzt kehrtmacht: Fehlanzeige. Dafür gibt’s Alexander
Lowens gesamte »Bioenergetik«, wird jeder »Urschrei«, jedes
Urräuspern aufmerksamst registriert.
In Windeseile übersetzt wurde 1983 Derek Freemans
Buch über »Margaret Mead and Samoa« (so der englische Ti-
tel). Auf deutsch heißt es nun »Liebe ohne Aggression«, und
dieser Titel wiederholt eben jene Rattenfänger Strophe von
der leichten und problemlosen Promiskuität, den das Buch
im Innern als eine abwegige Illusion enthüllt. Der Untertitel
macht die Sache nicht besser: »Margaret Meads Legende von
der Friedfertigkeit der Naturvölker« behandelt Freemans

296
Buch schon darum nicht, weil Mead eine solche Legende
niemals vertreten hat. Nein, es geht darin um nichts anderes
als um die Zuverlässigkeit ihrer so immens einflußreichen
Recherchen über das Liebesleben junger Samoaner, und ich
fürchte, daß jemand, den dieses Thema nicht interessiert, da-
für auch mit keinem auf ein modisches Softietum zielenden,
irreführenden Titel gewonnen werden kann. Als Turnbulls
dramatische Studie über den sozialen Niedergang des Volks
des Ik (»The Mountain People«) unter dem deutschen Titel
»Volk ohne Liebe« verkauft werden sollte, wohl in der Hoff-
nung auf zahlende Kunden aus dem Kreis der Pornokinogän-
ger, fiel der Verlag damit auf den Bauch. Aber der Trick wird
immer wieder versucht. Es war geradezu eine Sternstunde
deutscher Verlegerei, als Jane Lawick-Goodalls großartige
Untersuchung über einen Schimpansentrupp in Tansania,
die schon einen guten englischen Titel hatte (»In the Shadow
of Man«), auf deutsch noch sachlicher und bescheidener und
nicht zum Schaden des Verlags einfach »Wilde Schimpan-
sen« genannt wurde. Unerfindlich wird mir bleiben, wie ein
Verleger meinen kann, eine Untersuchung über die Macht-
verhältnisse in einem Schimpansentrupp würde eher Leser
finden, wenn sie nicht, wie im Original schon schmissig ge-
nug, »Schimpansenpolitik« heißt, sondern »Unsere haarigen
Vettern« (der Autor ist Frans de Waal) – ein Buch über »Un-
sere nackichten Onkel« würde der für solche Studien einzig
in Frage kommende Lesertyp doch auch von vornherein
nicht kaufen. Der weiß, Wissenschaft ist kein Karneval, und
wird hinter der Büttenrede auch keine Wissenschaft suchen.

297
Das Thema Split-Brain, oder die funktionalen Unter-
schiede zwischen der linken und der rechten Hirnhälfte, war
eines der meistbearbeiteten und aufregendsten neurowis-
senschaft lichen Gebiete der letzten beiden Jahrzehnte: Wer
als Büchermacher dem deutschen Leser Einblick in diese
Forschungen geben wollte und auch nur über eine Spur von
Sachverstand verfügte (oder sich diesen heranholte), würde
einen Sammelband mit Aufsätzen des Nobelpreisträgers Ro-
ger Sperry und seiner ehemaligen Mitarbeiter Levy, Nebes,
Gazzaniga zusammenstellen, mit dem einen oder anderen
Essay von Bogen zur spekulativen Abrundung. Er könnte
aber auch auf eine der in den letzten Jahren erschienenen
Zusammenfassungen zurückgreifen, die gute von Segalo-
witz, die höchst lesbare von Springer/Deutsch, die kritische
von Bryden oder gar die sehr anspruchsvolle und detaillierte
von Bradshaw/Nettleton. Aber mit geradezu unheimlicher
Sicherheit wurde gerade das Buch von Blakeslee zur Über-
setzung ausersehen, das das mit Abstand ungenaueste und
suspekteste zu diesem Thema sein dürfte. Ein mäßiges Buch
mehr, was soll’s, kann man vergessen? Jedoch habe ich den
Eindruck, daß es nicht trotz, sondern gerade wegen seiner
faulen Stellen übersetzt wurde. Einer Vorbemerkung des
Verlags nämlich ist zu entnehmen, daß die Übersetzung von
einer »Anthropologischen Förderungsgesellschaft m. b. H.«
in Auftrag gegeben wurde, die sich von dem »Gedankengut«
dieses Buches nicht weniger verspricht als dies: »… die ei-
gentlichen Gründe einer seelenlosen Welt … Antwort dar-
auf, warum in der heutigen Zeit Intuition und Kreativität

298
immer mehr schwinden, warum durch die einseitige Aus-
bildung des linken Gehirns und die Vernachlässigung der
rechten Hirnhälfte automatisch die seelische Dekadenz des
Menschen in Form von Lethargie, Aggressivität, Brutalität
und Kriminalität zunehmen muß.« Das heißt, das Buch setzt
auf eben jene spekulative Links-Rechts-Folklore, die von der
Forschung eben nicht gestützt wird.
Dann gibt es auch noch ein Buch von Gazzaniga/LeDoux,
und warum nicht, es formuliert zwar einen Außenseiter-
standpunkt, ohne daß das deutschsprachige Publikum seine
Außenseiterhaftigkeit durchschauen könnte, aber ist anre-
gend und schlüssig. Das Original wendet sich an ein brei-
teres Publikum und heißt darum auch einladend »The Inte-
grated Mind« (1978). Der deutsche Verlag scheint das – eine
Art spiegelverkehrter Argan-Effekt – für zu unwissenschaft-
lich gehalten zu haben und hat daraus »Neuropsychologi-
sche Integration kognitiver Prozesse« gemacht, wohl um ja
jeden vorwitzigen Leser abzuschrecken, und bei näherer An-
sicht tat er recht daran. Aus der Übersetzung werden näm-
lich selbst die ausgebufftesten Fachleute kaum einen Tropfen
Sinn wringen. Eine Kostprobe (es geht um die sogenannte
»kognitive Gefühlstheorie« von Schachter/Singer, derzufolge
sich alle Gefühle gleich anfühlen, als eine unspezifische Er-
regung, die nur den Umständen gemäß mit jeweils anderen
kognitiven Etiketten versehen wird – eine in der Psychologie
hochberühmte, wenn auch nicht gerade glaubhafte Theorie):
»Solche Beobachtungen führen uns zu der Vermutung, daß
das Gehirn wirklich eine wichtige Rolle bei der Determina-

299
tion von der Beschaffenheit erlebter Emotionen spielt, wäh-
rend Erkenntnisvorgänge gewiß emotionale Reaktionen in
Gang setzen können und die viszerale (sympathische) Erre-
gung bei der Emotion unspezifisch ist. Obwohl diese Anmer-
kung allzu offenkundig ist, sind die sich daraus ergebenden
Folgerungen wegen der Auffassung über die emotionalen
Mechanismen im Sinne der ›black box‹ getrübt worden. Die-
se Auffassung ist das Resultat einer einfachen Billigung der
kognitiven Theorie.« Gegen solches außerirdisches Gebrab-
bel hilft nur der Griff zum Original. Da stand etwa: »Sol-
che Beobachtungen legen die Vermutung nahe, daß zwar
Kognitionen emotionale Reaktionen einleiten und daß das
Arousal des vegetativen Nervensystems unspezifisch ist, daß
die Natur des erlebten Gefühls jedoch durchaus vom Gehirn
bestimmt wird. Das ist zwar nur zu offensichtlich; aber die
Implikationen wurden davon verdeckt, daß die Gefühlsme-
chanismen im Gefolge der kognitiven Gefühlstheorie bloß
als eine ›black box‹ angesehen wurden.« Für jene Malträtie-
rungen nicht nur der Sprache, sondern des Intellekts sollte
der Leser nicht bezahlen, sondern ein Schmerzensgeld ver-
langen.
Und damit bin ich schon beim pursten Chichi. Gute Bü-
cher über Themen aus der Physik sind nicht häufig. (Im-
merhin gibt es Weinbergs »Die ersten drei Minuten« des
Weltalls.) Dafür finden sich in der deutschen Sprache aber
Zukavs »Die tanzenden Wu Li Meister«, avisiert als der
»Östliche Pfad zum Verständnis der modernen Physik«
(der westliche ist wohl zu spießig und schwierig), und es

300
gibt alles von dem – immerhin anregenden – Großmeister
des Chichi, dem Physiker Fritjof Capra, dessen Hauptent-
deckung in einer mehr als diffusen Analogie besteht, die
er als neue Heilslehre predigt: Moderne Physik und östli-
che Weisheit besagten genau das gleiche. Im kalifornischen
Esalen ertrommelt man sich denn inzwischen auch das
physikalische Wissen.
Capra zur Seite steht eine andere Kalifornierin, die »Hirn-
reporterin« Marilyn Ferguson, deren Gesamtwerk ebenfalls
einer prompten Übersetzung für wert gehalten wurde. Fer-
guson schafft es, alles, was es überhaupt irgendwo an Schrä-
gem gibt, von Drogen über Schamanismus, Wunderheilen,
»ganzheitliche« Medizin zu Rebirthing, Kundalini und au-
ßersinnlicher Wahrnehmung, zu einem einheitlichen Labs-
kaus zu verarbeiten, sicher auch manche relativ gesunde Er-
kenntnis mit in den Fleischwolf reißend. Dieses Mus wird
garniert mit ein paar Gürkchen in Form einiger ursprüng-
lich ganz echter, aber von Ferguson zuvor gründlich in para-
normaler Lake marinierter wissenschaft licher Theorien. Das
Ganze, im Original »Verschwörung im Zeichen des Was-
sermanns«, auf deutsch »Die sanfte Verschwörung« betitelt,
ist ein Plädoyer für jeden Spuk, den die Autorin irgendwie
als »Bewußtseinserweiterung« einstufen kann (»Spinner al-
ler Richtungen, vereinigt euch!«), und hat mit Wissenschaft
eigentlich nicht das geringste zu tun. Aber es gibt sich als
letzter Schrei der Wissenschaft aus und wird von einer nicht
kleinen Lesergemeinde wohl auch dafür gehalten. Wie nett
und überzeugend klingt doch ein Aufruf zur allgemeinen

301
Gehirnerweichung, wenn er sich – in bester Argan-Manier
– als »aquarische Transformation« oder Ähnliches drapiert.
Die Übersetzung dieses »Quellenwerks«, dem der Stuß
tatsächlich aus jedem Spatium quillt, ist so unbeholfen, sie
legt einen so flirrenden Schimmer von Irrsinn über den
Traktat, daß es in diesem Fall schon wieder passend wirkt.
Besonders gelungen fand ich zwei Fußnoten von rarer Be-
griffsstutzigkeit.
Die eine Stelle lautet: »Das Gehirn ist hoffnungslos kom-
plex. Der Biologe Lyall Watson sprach von dem sogenannten
Catch 22-Phänomen der Gehirnforschung: ›Wenn das Ge-
hirn so einfach wäre, daß wir es verstehen könnten, dann
wären wir so einfach strukturiert, daß wir es nicht verstehen
könnten.‹« Fußnote: »Catch 22 : amerikanischer Anti-Kriegs-
film; steht symbolisch für Sinnlosigkeit und Widersprüch-
lichkeit.« Zur Erinnerung: »Catch 22« war zunächst einmal
ein Roman, von Joseph Heller nämlich, und der Titel spielt
an auf eine fiktive militärische Dienstanweisung Nummer
22, die regelt, wann der Frontsoldat in die Irrenstation ge-
steckt wird: Will er selber in den Kampf geschickt werden, so
ist er irre und wird interniert; will er aber selber als verrückt
interniert werden, so muß er gesund sein, und deswegen
wird er in den Kampf geschickt.
Schön ist auch dies: »In einem in der Zeitschrift New Yor-
ker erschienenen Cartoon verkündet ein König, daß er auf
diese und jene Art und Weise Humpty Dumpty helfen könn-
te, aber er benötige dazu mehr Pferde und mehr Männer.«
Fußnote: »Humpty Dumpty: Wörtlich: kleine dicke Person;

302
Figur aus einem Märchen von Lewis Carroll. In den USA
feststehendes Idiom – Bedeutung hier: das Problem läßt sich
nicht auf der Ebene des Problems lösen.« Zur Erinnerung:
Humpty Dumpty ist das von der Mauer fallende Ei-Männ-
chen aus dem berühmten alten englischen Kinderreim, das
»alle Pferde und alle Mannen des Königs nicht wieder zu-
sammensetzen konnten«, als es von der Mauer fiel. Bedeu-
tung: Unmögliches ist auch dann nicht zu schaffen, wenn
mehr als alle sich daran versuchen. (Dieser Humpty-Dump-
ty des Kinderlieds tritt auch in Lewis Carrolls »Alice im
Spiegelreich« auf; ein »Märchen« ist das nicht eben, und auf
diesen höchst »unbefriedigenden Herrn« spielt die aquari-
sche Revolutionärin jedenfalls nicht an.)
Sollte man die Kindsköpfe beim Spielen mit solchen ver-
borgenen Perlen, die sie vermutlich gar nicht bemerken, nicht
sich selber überlassen? Vielleicht. Die bedauerliche Wahrheit
ist nur die, daß sich jedem, der sich auf einem Fachgebiet
nicht auskennt, sehr leicht ein X für ein U vormachen läßt
– es braucht schon einiges an Erfahrung, um auch bei ferner-
liegenden Themen das Echte vom Unechten, das Solide vom
Chichi unterscheiden zu können. Wo sich Okkultismus mit
Wissenschaft drapiert, ja wie hier geradezu als unausweichli-
ches Ergebnis alleraktuellster Wissenschaft ausgibt, wo also
durchaus eine gewisse Faktenbasis ins Feld geführt wird, fal-
len solche Unterscheidungen besonders schwer. Darum er-
reichen solche Bücher nicht nur jene, die sowieso für nichts
Besseres empfänglich sind. Sie nehmen Geld und Zeit auch
derer in Anspruch, die Besseres vertrügen und denen damit

303
ein groteskes – und übrigens eminent enttäuschbares – Bild
der Wissenschaft beigebracht wird. Sie verkleistern die Köp-
fe und den Markt. Der Argan-Effekt, entstanden aus Maß-
stablosigkeit, trägt das Seine zur Perpetuierung der Verblö-
dung bei.
ANHANG
NACHBEMERKUNG

Die neun Kapitel dieses Buches gehen zurück auf Aufsätze,


die zu anderer Zeit, an anderem Ort und zu anderem Zweck
geschrieben wurden. Dennoch handelt es sich nicht um eine
pietätvolle Versammlung alter Artikel. Einige (»Neudeutsch«
und »Der Jargon der wahren Empfindung«) haben mit den
ursprünglichen Fassungen nicht viel mehr als das Thema
und eine Reihe von Beispielen gemein. Einige wurden zu
größeren Teilen neu geschrieben (»Das wird Ärger machen«,
»Wörter und Fahnen«, »Wettbewerb der Übersetzer«). Und
alle wurden erweitert und gründlich renoviert: Es wurde
reichlich gekürzt, ergänzt, geändert, ausgetauscht. Daß die
meisten Beispiele in dem Kapitel über die Sprache des Kul-
turbetriebs unverkennbar aus den späten 60er Jahren stam-
men, viele aus den frühen 80ern und nur ganz wenige aus
den 70ern, ist schon der »historischste« Zug dieses Buches.
Daß mir dies geradezu lieb wäre, kann ich nicht behaupten;
andererseits wird auf diese Weise deutlicher, aus welchen
Zuflüssen sich die heutige Sprache des Kulturbetriebs gebil-
det hat. Auch Meinungen habe ich geändert, wo immer die
alten mir nicht mehr haltbar schienen (es war seltener nötig
als erwartet, am stärksten in dem Kapitel »Wörter und Fah-
nen«). Denn es sollte hier nicht für die Nachwelt festgehalten
werden, was ich irgendwann einmal zu dem oder jenem The-
ma zu sagen hatte. In diesem Buch steht nur, was ich heute
dazu sagen möchte.

307
Dennoch soll nicht unerwähnt bleiben, wann und wo die
ursprünglichen Fassungen erschienen sind. »Von Schlaf-
fis, Schmusis und Schleimis – Trends und Triften in der
deutschen Gegenwartssprache (I)«, ›DieZeit‹, 17/1981, S. 59f.
– »Die Zweierkiste läuft eben nicht mehr – Trends und Trif-
ten in der deutschen Gegenwartssprache (II)«, ›Die Zeit«,
18/1981, S. 58f. – »Schön verlogen«, ›Die Zeit‹, 8/1985, S. 63.
– »Das brüderliche Du«, ›Die Zeit‹, 20/1980, S. 51 f. – »Echt
ätzend, wie du abblockst – Die Sprache der Psychoszene«,
›Die Zeit‹, 40/1983, S. 65f. – »Die der das -Sprache und Sexis-
mus«, ›Die Zeit‹, 17/1984, S. 62. – »Sprache im Kulturbetrieb«,
›Der Monat‹, 247/1969 und 248/1969. – »Wörter und Waffen«,
›Die Zeit‹, 44/1977, S. 47f. – »Der Wettbewerb der Überset-
zer«, ›Die Zeit‹, 15/1965, S. 18ff. – »Der Argan-Effekt«, ›Die
Zeit‹, 10/1984, S. 41 f. – Die Kurzgeschichte »The Revenge«
von Graham Greene wurde mit freundlicher Genehmigung
des Paul Zsolnay Verlags in Wien aufgenommen.
Einige jener Artikel – vor allem der über Sprache und Se-
xismus, der über den Psycho-Jargon und der über die Eu-
phemismen – stießen bei manchen Lesern seinerzeit auf em-
pörte Ablehnung. Daß ich bei der erneuten Bearbeitung der
gleichen Themen ihren Vorstellungen näher gekommen bin,
kann ich nicht versprechen; im Gegenteil, in den meisten
Fällen werden sie mich ganz und gar renitent finden.
Dieses Buch steht in untergründigem Zusammenhang
mit einem zweiten, das gleichzeitig erscheint. Es trägt den
Titel »So kommt der Mensch zur Sprache«, ist stärker wis-
senschaft lich orientiert und stellt – in hoffentlich allgemein

308
zugänglicher Weise – die nach meiner Meinung wichtig-
sten und deutlichsten jener überaus reichen Erkenntnisse
dar, die Psycholinguistik, Neurolinguistik, Paläontologie,
Ethnolinguistik und kognitive Psychologie zu einigen der
»letzten Fragen« auf diesem Feld gewonnen haben: Wie der
Einzelne seine Sprache erwirbt, wann und warum die Gat-
tung Mensch die Sprache entwickelt hat, ob es auch tierische
Vorformen von Sprache gibt und ob das Denken in der Spra-
che gefangen ist. Im Unterschied zu den meisten Sprachkri-
tikern, denen Sprachwissenschaft ein Greuel ist, hätte ich
mich ohne diesen sprachwissenschaft lichen Hintergrund
zu der Kritik an einigem heutigem Sprachgebrauch, die das
vorliegende Buch betreibt, nicht für befugt gehalten.

Hamburg, im Juni 1985 Dieter E. Zimmer


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NEUDEUTSCH
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REGISTER*
Abstrakta 31–32, 132–133 Bierce, Ambrose 69–70
Adjektive, zusammengesetzte Böll, Heinrich 153
15–16 Borges, Jorge Luis 147
Adorno, Theodor W. 114, 123 bis Bürokratie 10, 13, 16, 38
124 Burton, Richard 102
Agglutination 184
Allende, Isabel 154 Capra, Fritjof 206
Ambiguität 185–187 Carroll, Lewis 182, 207
Amerika und England, Anreden Chauvin 18
in 60–62
Chesterton, G. K. 147
Améry, Jean 138
Chomsky, Noam 28, 147
Anglizismen 23–30 Chotjewitz, Peter O. 138
Anreden 53–62 Claudius, Matthias 116
Aphasie-Angst 145–147 Computer-Sprache 24, 26–27
Argan-Effekt 197–208 Computer-Übersetzung 184–187
Ayren, Armin 72
DDR-Deutsch 12–13, 126–127
Balzac, Honoré de 119 Dialektik 101–103, 133–138
Barthes, Roland 126 Dienst, Rolf-Gunter 139
Bausch, Karl-Richard 177–178 Duzen und Siezen 53–62
Bayer, Klaus 54, 58
Benjamin, Walter 140 Elative 20
Bergsdorf, Wolfgang 152 Englisch als Wissenschafts-
Berufsbezeichnungen 46–47, sprache 199–200
72–73 Ervin-Tripp, Susan 60–62
Bewußtsein 91–104, 128, 206 Etymologie 75
Bibel 179–181, 183 Euphemismen 45–50

* Seitenangaben gelten für das Original und nicht diese E-Ausgabe

319
Faschismus und Sprache Hohler, August E. 33
113–114, 153 Holl, Adolf 36
Feminismus und Sprache 65–79 Honecker, Erich 37
Ferguson, Marilyn 206–207
Fernsehen 13, 17, 29 Ionesco Eugene 146
Flaubert, Gustave 146 Indianer 184 Irrealis 36
Fremdwörter 20–25, 199–200
Freud, Sigmund 91, 96–98, 107 Jargon der dialektischen Kritik
Freytag, Gustav 115 127–140
Fuchs, Erika 40 Jargon der Eigentlichkeit
114, 123 bis 131
Jugendsprache 19–20
Gallizismen 22–23
García Márquez,
Klemperer, Victor 153
Gabriel 175
Kluge, Alexander 145
Gattungsnamen 71–75
Kolb, Walter, 114
Genet, Jean 155–158
Konjunktiv 35–36
Gewalt 65–67, 140, 155–157
kritisches Idiom 127–140
Goethe, Johann Wolfgang v. 21
Kulturbetrieb, Sprache im
Greene, Graham 165–175, 188–194 102 bis 103, 111–148
Gremliza, Herbert L. 116 Kultur(tatsachen)übersetzung
Grimms Wörterbuch 68–69 182 bis 184
Gustafsson, Lars 147 Kunstkritik 116, 120–121, 139, 148
Güttinger, Fritz 170–171 Kürnberger, Ferdinand 116

Handke, Peter 146–147 Lautverschiebung 10


Hayakawa, S. I. 142 Lenz, Reimar 132
Heer, Friedrich 151 Lichtenberg, Georg Christoph 115
Heiss, Robert 133–134 Liebe 34–35, 86, 107, 201
Heller, Joseph 207 Lübbe, Hermann 151
Henscheid, Eckhard 25, 49, 56, 89 Lück, Hartmut 132
Hofmannsthal, Hugo v. 145 Luria, Alexander 106

320
Luther, Martin 179–181 Rahmungszwang 37–38
Rechenberg, Gerda 68
Manheim, Ralph 176 Reiners, Ludwig 36
Marcuse, Herbert 134 Rezensionen 116–122, 135–145, 166,
Martina, Wendy 77 200–201
Merian, Svende 90–91 Richtlinien zur Vermeidung
sexistischen Sprachgebrauchs
Michel, Karl Markus 106
65–66
Mickymausdeutsch 39–40
Rogers, Carl 85
Moliere 197
Rühmkorf, Peter 41
Moser, Hugo 15, 41–42
Russell, Bertrand 97
Movieren von Substantiven
72–73, 78
Müller, Manfred 129–130 Schleiermacher, Friedrich 178, 184
Schmied, Wieland 116
Nabokov, Vladimir 165, 181 Schmock 114–115
Neologismen 11–12 Schopenhauer, Arthur 47
Nettelbeck, Uwe 136 semipopuläre Literatur 198–199
Nida, Eugene A. 180–181 Nomi- Sexismus und
nalstil 36–38 Sprache 65–79
Shakespeare, William 21
Ödipus 93, 109 Sheer, Ireen 86
Orwell, George 134, 153–154 Sicker, Frank 122–123
Siezen und Duzen 53–62
Politik und Sprache 48, 113–114, Skasa-Weiß, Ruprecht 14
151–161 Sowjetunion, Anreden in der 56
Popitz, Heinrich 140 Spanien, Anreden in 59
Popper, Sir Karl 198, 200 Sparmann, Herbert 11
Präpositionen 36 Spitzer, Leo 141
Privatsphäre 34–35 Sprachbilder 40–41, 78, 116, 173
Pronominaladverbien 39 Sprachgeschichte 9–10, 54–56,
Psychoanalyse 91–104 68–71, 78, 179–181
Psycho-Sprache 81–110 Sprachkritik 9–11, 42, 114, 160–161

321
Steiner, George 113 Walser, Martin 113, 171
Stieler, Kaspar 69 Walther von der Vogelweide 69
Strauß, Franz Josef 158–160 Watzlawick, Paul 101, 105
Swoboda, Helmut 37 Wecker, Konstantin 88
Substantive auf -i und -o 18–19 Wegner, Bettina 88
Substantive, zusammengesetzte Wellershoff, Dieter 145
13 bis 14 Werbung, Sprache in der 13, 16, 17,
Syntax 11–12, 35–40, 184, 24–25, 29, 140–145
Wissenschaftsnamen als Sachna-
Trömel-Plötz, Senta 65–67, 72–73 men 32–34
Twain, Mark 37 Wygotski, Lew S. 202

Übersetzen 165–194, 205–208 Zilbergeld, Bernie 85


Unbewußtes 91–104 Zusammensetzungen 13–16

Verkürzung, Tendenz zur


42, 73 bis 74, 76