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Zeitschrift

für kritischen Okkultismus


und Grenzfragen des Seelenlebens
Mit Unterstützung von Dr. E. Bohn, Breslau
Dr. A. Hellwig, Potsdam • Graf Carl v. Klinckowstroem, München
Graf Perovsky-Petrovo-Solovovo, Brüssel

herausgegeben von

DR. R. BAERWALD
BERLIN

I. Band
Mit 15 Abbildungen

1926

VERLAG VON FERDINAND ENKE IN STUTTGART


Zeitsehet
für kritischen Okkultismus
und Grenzfragen des Seelenlebens
Mit Unterstützung von Dr. E. Bohn, Breslau • Dr. A. Hellwig, Potsdam
Graf Carl v. Klinckowstroem, München. Dr. R. Tischner, München
herausgegeben von

DR. R. BAERWALD
BERLIN

I. Band / 1. Heft
Mit 5 Textabbildungen

l. 9.25

VERLAG VON FERDINAND ENKE IN STUTTGART

Die Zeitschrift erscheint vierteljährlich in Heften zu 80 Seilen. Vier


»Atte. s Asete Send Attieeis ihtee .11httudiuddee
Alle Rechte vorbehalten

Druck der Hoffmannschen Bushdruckerei Felix Krais Stuttgart.


Inhalt des ersten Bandes.
Seite
I. Einführung 1
Erklärung 161
II. Originalarbeiten.
Baer wal d, Dr. Richard: „Urteilsblendung durch psychische Osmose in der
Prophetie und Psychoanalyse" 277
D erselb e: „Das dämonische Unterbewußtsein" 99
Bohn, Dr. Erich (Breslau): „Zur Geschichte der Apporte" 7
D a rm staedter, Dr. Ernst: „Die Alchemie" 13
D essoir, Max • „Hellsehen durch telepathische Einfühlung" 3
Din g w all, E. J. (London): „Ein neuer Geisterphotograph" 263
Fr eu denb er g, Dr. Franz : „Über Exteriorisation der Sensibilität" 120
Greiser, Wolfgang : „Von Amuletten und Talismanen" 299
Hellwi g , Dr. A.: „Psychologische Glossen zu dem Berliner Okkultistenprozeß" 54
Hofmann, Albert (Mehlem) : „Zur Frage der Biostrahlen". Mit 4 Abb. . . 241
Derselbe: „Zur _Energetik des Wollens" 179
Derselbe: „Zur Mechanik der Odstrahlen" 41
K 011 mann, Prof. Artur (Leipzig): „Taschenspiel und Okkultismus" . . 115 192
K1 in ckow s troe m, Graf Carl v. : „Ein Beitrag zur Geschichte derTelepathie" 205 269
Derselbe: „Glossmt zur Entlarvung Guziks in Krakau" 125
D er selbe: „Mediumistisches" 48
D er selbe: „Okkultistische Wandere nekdoten" 274
M oll, Geh. Sanitätsrat Dr. A.: „Der Hellseher Ludwig Kahn" 161
Paas ehe, Ernst : „Trickmäßige und okkulte Erscheinungen" 289
Per ovsky -P e tr e vo-Sol ov ovo, Graf • „Ein indirekter Beitrag zum Fall
Slade-Zöllner" 297
D er s elb e: „Versuche zur Feststellung des sog. Hellsehens der Medien" . 81
Derselbe: „Mitteilung über einen Fall von Fakir-Elevation" 196
Schult e, Dr. R. W. (Berlin): „Experimental-psychologische Untersuchungen
zur Prüfung der Kontrollbedingungen bei okkultistischen Dunkelsitzungen".
Mit 2 Abb. 248
D er s elb e: „Kritische Betrachtungen zum Problem des Okkultismus" . . 200
Schultz, Prof. J. H. (Berlin): „Psychotherapie und Okkultismus" 217
T is ehner, Dr. Rudolf : „Zur Methodologie des Okkultismus" 22 131
W alter, Prof. Daniel (Graz) : „Grazer Brief" 304
III. Verschiedenes.
Berichtigungen 306
Erie dlän de r, Prof. A. A. (Frankfurt a. M.): „Verbot der Bildung einer Ge-
sellschaft für Mediumforschung" 222
Hellwig, Dr. Albert (Potsdam): „Die Frage des Hellsehens und der Tele-
pathie im Bernburger Prozeß" 139
Hofmann, A.: „Neues über Dunkelseancen" . 223
K lin ck o w s tr o em, Graf Carl v.: „Bemerkung zur Erwiderung Schrenck-
Notzings" 305
Derselbe: „Offener Brief an Herrn Dr. R. Baerwald" 146
Der s elb e: „Von Gliedabgüssen in Paraffin" 223
S chr en ck -N otzing, Dr. Freiherr v.: „Erwiderung" 304
D erselb e: „Zur Richtigstellung der Bemerkungen des Grafen Klinckowstroem" 305


IV Inhalt des ersten Bandes.

IV. Zeitschriftenreferate und Buchbesprechungen. Seite


Baerw a 1 d: „Coud-Literatur" 73. 229
Derselbe: „Aus den Psychischen Studien" 149
Derselbe: „Der Okkultismus" 312
Derselbe: "Zeitschrift für Psychologie" 149
D er seib e: „Zeitschrift für Parapsychologie" 312
Derselbe: „Psychologie und Medizin" 225
Baerwald, R.: „Die intellektuellen Phänomene (R. Hennig) 154
B esant, A. und Lea db ea t er, C. W.: „Okkulte Chemie" (H-nn) 313
Blacher, K.: „Das Okkulte von der Naturwissenschaft aus betrachtet"
(Elinckowstroem) 313
B ohn, Erich : „Der Spuk in Oels" (Baerwald) 235
Brij, Carl Christian: "Verkappte Religionen" (Klinckowstroem) 238
Co heu, „Das Wesen der Träume (Baerwald) 159
D an z el , Th. W.: „Magie und Geheimwissenschaft in ihrer Bedeutung für die
Kultur und Kulturgeschichte" (Klinckowstroem) 316
Dorn seif f: „Das Alphabet in Mystik und Magie" (Danzel) 316
Fischer, 0.: „Experimente mit Raphael Schermann" (Baerwald) 318
Fournier, d'Albe : „The life of Sir William Crookes" (Klinckowstroem) 79
G ei ey , G.: „Vom Unbewußten zum Bewußten" (0. Kraus) • 234
Grub er, K.: „Parapsychologische Erkenntnisse" (Klinckowstroem) I V2
Gulat-Wellenburg, W. v., Klinckowstroem, Graf C. v., Rosen-
busch, Hans : „Der physikalische Mediumismus" (A. Hellwig) 155
Henning, H.: „Psychologie der Gegenwart" (Baerwald) . . . . , 314
euzö, Paul: „Oü en est la Mötapsychique, ?" (Klinckowstroem) 231
Hofmann, A.: „Revue Mötapsychique" 225. 310
Houdini, Harry : „A Magician among the Spirits" (Klinckowstroem) . . . 78
Illig , Joh. : „Ewiges Schweigen" (Baerwald) 237
K 1 in cko w str o e m: „Indische Zauberkünste" (Baerwald) 158
D er s elb e: „Proceedings of the Society for Psychical Research" 71. 146 306
Kr ön er, W.: „Mediale Diagnostik" (Friedländer) 318
Lehmann, A.: „Aberglaube und Zauberei" (Baerwald) 157
Moll A.: „Der Spiritismus" (Friedländer) 318
Nie oul la nt , Charles : „Nostradamus" (Bohn) 77
0 es t er reich, T. K.: „Der Okkultismus im modernen Weltbild" (Buchner) 317
Pagens t e cher, G.: „Außersinnliche Wahrnehmung" (0. Kraus) 235
Piobb, Pierre: „Les anticipations de Phistoire selon les prophöties de Nostra-
damus" (Bohn) 76
R atclif f, A T J.: „Traum und Schicksal" (Baerwald) 314
„Revelations of a Spirit Medium" (Klinckowstroein) 238
Salz er: „Augendiagnose und Okkultismus" (Dreyfuß) 239
Schreeder, Chr.: „Pseudoentlarvungen" (Klinckowstroem) 153
Tischne r, Rud.: „Revue Mkapsychique", Jahrg. 1924 65
Tischner: „Das Medium D. D. Home" (Klinckowstroem) 232
D er selbe: „Geschichte der okkultistischen (metapsychischen) Forschung
(Klinckowstroem) 150
Wen dl er, A.: „Experimentaluntersuchungen zum Problem der Wünschelrute
und biologischen Strahlung" (11-nn) 315
Z eile r, G.: „Okkultismus und deutsche Wissenschaft seit Kant" (Buchner) 240
Einführung.
Der Gedanke, der den Begründer dieser Zeitschrift, Herrn Land-
gerichtsdirektor A. Hellwig, leitete und den er mit außerordentlicher
Zähigkeit und Hingabe zu verwirklichen strebte, unterscheidet sich in
doppelter Hinsicht von den Leitideen der bisher bestehenden okkultisti-
schen Organe. Erstlich : Diese Zeitschriften treiben Propaganda für okkul-
tistische, oft auch für spiritistische Weltanschauung. Sie können sich da-
her nicht so kritisch, so streng auswählend verhalten, wie eine rein der
Erkenntnis dienende Fachzeitschrift, sonst würden sie Agitationsstoff ver-
lieren und Parteigänger verstimmen. Durch diese Haltung müssen sie
ihren Einfluß auf die wissenschaftliche Welt verringern. Es fehlte noch
eine Zeitschrift, die die für unsere Gesamterkenntnis so wichtigen okkui-
tistischen Probleme zum Gegenstand voraussetzungsloser und leidenschafts-
loser Untersuchung machte.
Voraussetzungslosigkeit aber bedingte ein Zweites : Parteilosigkeit.
Als Dr. Hellwig seine Werberufe für das neue Unternehmen ausgehen
ließ, zeigte das Echo, das er weckte, wie schwer gerade dieser Grund-
satz Boden gewinnen konnte. Manche fanden es selbstverständlich, daß
die neue Zeitschrift im Sinne des Okkultismus wirke, anderen schien es
gerade darauf anzukommen, daß nun endlich einmal der okkultistischen
Täuschung Einhalt geboten würde. Die Forderung, kritisch zu,sein, wurde
ausgelegt: „Kritisch ist, wer so denkt, wie ich!" Demgegenüber galt es
zu betonen, daß der wilde Kampf entgegengesetzter Meinungen uns bisher
nur eine Gewißheit gegeben hat : Die, daß noch niemand den echten Ring
besitzt, und daß wir nur hoffen können, durch geduldiges und aufmerk-
sames Anhören der Vertreter aller Standpunkte schließlich ein endgül-
tiges Ergebnis zu gewinnen. Darum ließ sich Dr. Hellwig von dem
Wunsche leiten, unsere Zeitschrift solle eine Plattform bilden, auf der
sich jeder zum Worte melden kann, der etwas Geprüftes und auf Sach-
kunde Beruhendes vorzubringen hat.
Die jetzige Leitung gedenkt in den Bahnen des Begründers weiter
zu gehen. Den Grundsatz der Parteilosigkeit versuchte sie dadurch be-
sonders deutlich zum Ausdruck zu Yiingen, daß sie bestrebt war, unter
den Personen, die ihr als Berater und Helfer zur Seite stehen sollten,
möglichst für jede der rivalisierenden Richtungen wenigstens einen Ver-
treter zu gewinnen. -
Das Wort Okkultismus ist doppeldeutig : Man versteht darunter bald
eine mystische Überzeugung und Glaubenslehre, bald ein Wissenschafts-
gebiet, einen Teil der Psychologie, der auch von Zweiflern betrieben
Zeitschrift für Okkultismus I. 1
2 Einleitung.

werden kann. Daß das Wort im Titel unserer Zeitschrift nur im zweiten
Sinn gemeint sein kann, bedingt schon der Grundsatz voraussetzungs-
loser Forschung. Um vollends jeden Zweifel auszuschließen, haben wir
das Wort „kritisch" hinzugefügt. Dadurch wird, hoffen wir, der den
Skeptikern so verdächtige Ausdruck, „Okkultismus" hinreichend desinfi-
ziert sein. Etliche von ihnen hätten freilich gern das Wort durch ein
anderes ersetzt gesehen, aber was hätten wir dadurch gewonnen? „Meta-
psychik„" und „Parapsychologie" sind schon längst ebenso desinfektions-
bedürftig und haben noch den Nachteil geringerer Verständlichkeit.
Inhalt unserer Zeitschrift aber sollen nicht nur die Probleme sein,
die sich auf die „okkulten Phänomene" beziehen, sondern ebenso sehr
die sogenannten „Grenzfragen des Seelenlebens", die es mit Unterbewußt-
sein und Doppel-Ich, mit Dämmerzuständen und automatischen Tätig-
keiten, mit sensitiver und mediumistischer Anlage zu tun haben. Der
zweite Teil des Titels bedeutet, daß wir unsere Mitarbeiter und Leser
nicht nur im Kreise der okkultistisch Interessierten, sondern auch der
Psychotherapeuten, Psychiater, Psychologen suchen. Die beiden Problem-
kreise sind untrennbar verbunden, sachlich, weil die Versuchspersonen
okkultistischer Experimente, von Betrügern abgesehen, Menschen mit
verselbständigtem Unterbewußtsein sind, geschichtlich, weil Okkultismus
und Unterbewußtseinspsychologie vielfach in ein ähnliches Verhältnis ge-
treten sind wie weiland Astrologie und Astronomie, oder Alchemie und
*Chemie: Wo der Okkultismus fragte und forschte, erntete die Psycho-
logie des Unterbewußtseins, der Wahrheitskern der untersuchten Er-
scheinung fiel in ihr Bereich.
Es war von je der Traum vernünftiger Okkultisten und Antiokkul-
tisten, daß der leidenschaftliche persönliche Streit verstummen und
Vertreter aller Richtungen sich zu sachlicher, haßfreier Diskussion ver-
einigen könnten. Bisher ist jeder Versuch, der diesen Wunsch zu ver-
wirklichen strebte, an der Fülle persönlicher Differenzen gescheitert. Unser
Unternehmen ist der gleichen Gefahr ausgesetzt. Man wird es daher be-
gründet finden, wenn wir alle unsere Mitarbeiter bitten, sie möchten, wie
sie auch sonst im Leben einander gegenüberstehen, doch im Rahmen
unserer Zeitschrift etwas wie einen Gottesfrieden aufrecht erhalten und
den theoretischen Gegner mit ritterlicher Sachlichkeit bekämpfen. Polizei
freilich kann die Schriftleitung nicht spielen; eine Zeitschrift, die das
Glück hat, hervorragende Sachkenner und Autoritäten als Mitarbeiter zu
gewinnen, kann sie nicht bevormunden wollen. Aber der bloße Hinweis
darauf, daß ein parteiloses Organ über okkultistische Fragen gefährliche
Explosivstoffe enthält, wird wohl schon verhindern, daß man mit brennen-
den Streichhölzern in ihm umherwirft.
Die Schriftleitung.
Hellsehen durch telepathische Einfühlung?
Von Max Dessoir, Berlin.
Auf die Hellseherin Helene Schnelle — dies war der Mädchen-
name einer im Sommer 1923 vorzeitig verstorbenen Nürnberger Dame
— ist die Öffentlichkeit durch mehrere Schriften hingewiesen worden.
Am einläßlichsten hat sich Herr Dr. Joseph Boehm über sie geäußert
und zwar in einer 1921 erschienenen Schrift „Seelisches Erfühlen". Die
eigentümliche Fähigkeit der Frau Schnelle soll darin bestanden haben,
daß sie durch bloßes Betasten von Briefen und anderen Schriftstücken
in die Lage versetzt wurde, ein zutreffendes Charakterbild des Schreibers
zu entwerfen. Ich habe im Januar 1922 Gelegenheit zu eigenen Beob-
achtungen gehabt, über die ich in der nächsten Auflage meines Buches
„Vom Jenseits der Seele" berichten werde. Im Anschluß an diese Beob-
achtungen wurden weitere Versuche insbesondere von Herrn Privat-
dozenten Dr. AlfredBaeumler angestellt, die nach meinen Vorschlägen
eingerichtet waren. Einen dieser Versuche, über den in meinem soeben
genannten Buch nicht berichtet werden wird, will ich hier zur Erörterung
stellen.
Herr Dr. Baeumler hatte von einem ihm befreundeten Münchener
Gelehrten, „Dr. X.", einen Brief zugesandt erhalten, von dem er wußte,
daß der Schreiber oder die Schreiberin zur nächsten Verwandtschaft des
„Dr. X." gehöre. Er vermutete, die Mutter sei die Schreiberin;eine Dame,
die ihm ihrem Charakter nach aus gelegentlichen Schilderungen einiger-
maßen bekannt war. Der Brief stammte aber in der Tat nicht von der
Mutter, sondern von der Schwiegermutter des „Dr. X." Von dieser
Schwiegermutter hatte „Dr. X." vorher eine Charakteristik schriftlich
entworfen und in einem erst nach dem Versuche zu öffnenden Umschlage
an Dr. Baeumler geschickt. Die Charakteristik lautete folgendermaßen:
„ Die Schreiberin ist eine verheiratete Frau von 55 Jahren. Eine gemüts-
tiefe Natur, echter Hingebung und Teilnahme fähig. Von großer Wärme
und Herzlichkeit der Empfindung, von „mütterlichem" Wesen. Damit ver-
bindet sich ein praktischer Verstand, Nützlichkeitssinn, Organisationstalent.
Die Vereinigung der weiblich-hingebenden Eigenschaften mit dem sehr
aktiven praktischen Sinn gelingt nicht immer ohne Schärfen, obgleich
das persönliche Gesamtbild kein typisch unharmonisches, keine „Kon-
fliktsnatur" ist. Ein gewisser Unabhängigkeitsdrang, außergewöhnliche
Energie, Tätigkeitslust und seelisch-körperliche Widerstandskraft ist die
Ursache dafür, daß sie ihren Tätigkeitsbereich über das engere Feld der
Familie hinaus erweitert hat und sich sozialen und kulturpolitischen Auf-
gaben zugewandt hat. (Sie stand, besonders in früheren Jahren, der Frauen-
4 M. Dessoir.

bewegung als gemäßigte Anhängerin nahe). Sie gehört zu den Menschen,


die überall selbst angreifen und zupacken, helfen, organisieren, refor-
mieren müssen. Ihre Beweggründe dabei sind rein altruistisch, in jeder
Weise von persönlichem Herrschtrieb frei. Immerhin hat sie ihr rastloser
Betätigungsdrang über die ursprüngliche Form ihres Wesens hinaus-
geführt, zumal ihre Intelligenz nicht in dem Maß objektiv und systematisch
durchgebildet ist, wie es die von ihr gesetzten Aufgaben verlangen. Da-
durch kommt zuweilen etwas Forciertes und Verhetztes in ihre Haltung.
Anstatt die reine spontane Empfindung sprechen zu lassen, kann sie plötz-
lich mit großer Hartnäckigkeit einen abstrakten Grundsatz geltend machen
und mit großer Intoleranz verfechten. Ihr zum Logisch-Diskursiven nur
mit Wille und Anstrengung erzogenes Denken rächt sich oft gerade dann
für den angetanen Zwang (durch Sprunghaftigkeit und Inkonsequenz),
wenn der Schreiberin besonders überzeugendes und strenges Argumen-
tieren am Herzen liegt. Ebenso wie der starken Empfänglichkeit ihres
Gemüts durch ein — doch nicht völlig realisierbares — Bestreben nach
männlich-objektiver Einstellung gleichsam Fesseln auferlegt sind, so er-
scheint auch die von Natur vorwaltende künstlerisch-beschauliche Seite
ihrer Begabung (außergewöhnliche, nicht nur reproduktive Musikali-
tät) durch jene in gewissem Maß künstliche und durch „sittliche Ver-
pflichtung" diktierte überordnung der praktischen Tendenzen bedrückt
und allzusehr in den Hintergrund gedrängt. Eine tiefe Natürlichkeit und
gesunde Daseinsfreudigkeit sorgen indessen immer wieder für einen Aus-
gleich der entstehenden Spannungen."
Als Dr. B ae umler die Angaben der Frau Schnelle, die ich erst
im nächsten Abschnitt wiedergebe, mit dieser Charakteristik verglich,
die er jetzt las, fand er sie völlig verschieden. Er kam nun auf den
Gedanken, daß die ihn bei dem Versuch beherrschende falsche Ansicht,
es läge ein Brief der Mutter vor, von Einfluß auf die Psychographie
der Frau Schnelle gewesen sein möge. Infolgedessen sandte er einen
Fragebogen, der sich auf die Mutter des „Dr. X." bezog, an diesen. Die
Fragen waren den Angaben der Frau Sehn eile entnommen. Die Ant-
worten des „Dr. X." sind von mir der S eh ne 11 e sehen Psychographie
eingefügt und durch eckige Klammern und Kursivsatz als nachträgliche
Bestätigungen bezeichnet worden. Außerdem schickte „Dr. X " nunmehr
eine kurze Charakteristik seiner Mutter. Diese Charakteristik hatte fol-
genden Wortlaut: „Meine Mutter ist mittelgroß und körperlich zart. Sie
litt von früh an unter quälenden Kopfschmerzen und Depressionen. So-
weit meine Erinnerung zurückreicht, wurde sie von ihrem Mann und
ihren Bekannten als die Leidende und Nervenschwache behandelt. Schon
die kindliche Kritik stellte fest, daß ihre Stellung als leidende Dulderin
durch ihr eigenes Verhalten und das der Umgebung allzusehr betont
und befestigt wurde. Zeitweise exzedierte sie geradezu in der Produktion
von Angstvorstellungen, Sorge- und Depressionszuständen, so daß im Haus
ein trübseliges, unfrohes und weinerliches Wesen herrschte. Sie ist auf
ihre Zustände und Leiden konzentriert, in Fällen der Not verschwindet
Hellsehen durch telepathische Einfühlung. 5

aber ihre Schwäche. Abhängig von Stimmungen und Launen, schroff


und rigoros in Forderungen an andere. Verschlossen, schließt sich schwer
an. Nimmt leicht die Haltung der unverstandenen Frau an. Sie gibt viel
auf äußere Formen, gemessenes Wesen, gewisse Starrheit der Haltung."
Ich lasse jetzt den stenographischen Bericht über die Aussagen der
Frau Schnelle folgen: „Sitzung vom 21. März 1922. Brief von „Dr. X."
(Stützt den Kopf in die linke Hand und sieht traurig vor sich hin).
Wieder das Müde. Es ist grad so, wie wenn ich hypnotisiert wäre. Ich
bin nicht frei. [Man fühlt sich in ihrer Gesellschaft unfrei] Wie wenn
mein Gedanke gehemmt wäre. (Streicht über den rechten Oberarm, langt
an den Hals, legt den Finger auf den Mund und sieht starr vor sich
hin. Stirn in senkrechten Falten.) Aber etwas muß die Person haben :
eine starke suggestive Kraft. [Sie übt einen starken lähmenden Einfluß
auf ihre Umgebung • aus.] Ich komme aus etwas nicht heraus. Und dann
kommt das Wort „sammeln". (Hält die linke Hand vor die Stirn, streicht
über die Nasenwurzel. Starrt mit geschlossenen Augen vor sich hin, faßt
an die Brust, seufzt.) Dasjenige ist stark nervös. Das kommt von den
Geschlechtsorganen her (faßt an den Leib und an die Brust, an die Stirn.
Seufzt tief und sinkt zusammen. Ungeduldige Bewegungen). Es ist zu
eng. Als ob dasjenige Platz brauchte. Gedrückt, gedrückt, wissen Sie,
gedrückt, ja (Stirn in senkrechten Falten). Zu viel im Kopf. Sorgen.-
[Eine stereotype Wendung von ihr. „Kinder, ich habe so viel im Kopf"
und: „ich mache mir Sorgen".] Alles Mögliche, kein richtiger Ausweg.
Durcheinander. Es geht alles in Abschnitten, es geht net so weiter, wie
Bretterwände davor. (Schleudernde Handbewegung.) Dasjenige will sich
frei machen, von Umständen, von Verhältnissen (immer die senkrechten
Stirnfalten, faßt wieder mit den Fingerspitzen an die Nasenwurzel. Seufzt).
Die Gedanken der Person 4ind oft negativ, klein; sind die, Umstände
schuld, bedrückend. Wie eine Blume, die nicht den richtigen Boden hat.
[Das Urteil aller Verwandten ist: in anderer Umgebung aufgewachsen
(sie ist sehr streng erzogen), wäre sie eine ganz andere Frau gewor-
den. „Unentfaltet".] Es ist ein gewisser Eigensinn in der Person darin.
Dasjenige muß etwas überbrücken. Hat sich schon oft verrannt, ist oft
angehutzt. Hängt die erste Person mit dieser zusammen ? Ein Gefühl
spielt her zu dieser Person. Bei dieser Person kommen oft Sachen wie
der Blitz. — Dasjenige wird gut beeinflußt von einer Person, die ge-
storben ist. [Ein verstorbener Vetter verstand sie besonders gut zu
nehmen und wohltätig zu beeinflussen] Für die Person betet jemand.
Es ist etwas da, ich will es nicht teuflisch nennen. Ist es (der Brief-
schreiber) ein Mann? Baeumle 1. 1 ): Nein. — Ist sie klein? B.: Mittel.
Was wegreißen von den Augen. Mit dem Leib wissen Sie nichts?
B.: Ja, ich glaube. — (Starrt wieder vor sich hin). Weiß dasjenige was
vom Okkultismus? Und doch ist eine geheime Kraft da, was besonderes.
Eine Macht, ein Konzentrieren, ein Handeln. [Ist großer Willensanspan-

') Die Antworten von Dr. Baeumler sind aufs Geratewohl gegeben.
6 M. Dessoir. Hellsehen durch telepathische Einfühlung?

nung fähig.] Wohl auch bewußt. Quält sich oft selbst. Ist die Person
ledig? B. Nein. — Sonderbar. Hat sie ihren Mann noch? Mit der Frau
ist es eigenartig. Das Geschlechtliche ist nicht richtig. Äußerlich sieht
man es ihr aber gar nicht an. Ist der Mann der Frau ein bißchen ruhig,
gemächlich? B.: Ja. — Was bei ihr nicht richtig ist, kommt von der
Vaterseite her. Belastet. Die Unterleibsorgane sind beschwert. (Stützt
den Kopf auf.) Ich glaub, da muß ich still sein. Hat in der Familie von
dem Herrn einer einen Bart? B.: Ja. — Ist der verheiratet? B.: Ja. —
Hat seine Frau mehr ein rundes als ein ovales Gesicht? B.: Ja. —
Haben die ein Bild in ovalem Rahmen? Mit einem Mann und einer Frau,
die haben auch mit der Person was zu tun. Die mit dem runden Gesicht
ist doch älter? B.: Ja. — Dann nochmal sehe ich großen breitschultrigen
Mann, kräftig. Auswärts. Hund. [Der erwähnte Vetter war groß und
breitschultrig; er trug ein Jahr lang einen Vollbart. Seine Frau hat ein
entschieden rundliches Gesicht.] Die Person (der Briefschreiber) ist un-
zufrieden, unbefriedigt, aber der Hund gehört doch zu ihr? B.: Das weiß
ich nicht. — Nicht groß. Können Sie sagen, ob ein Hund eine Rolle ge-
spielt hat? Oder ob diese Dame an einem Hund sehr gekangen hat?
Es kommt : Geh, Lieber! Aber „Lieber" groß geschrieben. Es geht immer
in der alten Leier weiter. („Es ist halt immer das alte." Sie gefällt sich
in Trostlosigkeit] Dasjenige denkt was und das geht immer im Kreis
herum. Kann sich nicht herausreißen."
Ein zweiter Fragebogen, den Dr. Baeumler an „Dr. X." schickte,
sei zugleich mit den Antworten des „Dr. X." zum Schluß wiedergegeben:
Sitzt ihre Mutter oft da und sieht starr vor sich hin? -- Ja. Sehr
charakteristisch.
Ist sie in ungewöhnlichem Maße eine gehemmte Natur? — Ja. Und
dies ist wesentlich.
Hat sie die Gewohnheit, sich körperlich zu betasten (Stirn und
Leib)? — Sie hat eine typische Bewegung: bei starken Kopfschmerzen
(häufig) pflegt sie leise mit der Hand über die Stirnrunzeln und Schläfen
zu streichen.
Stark nervös? — Ja, und zwar in der bekannten schreckhaften
Form.
Liegt die Ursache dafür in den Geschlechtsorganen? — Nicht in i t
Bestimmtheit anzugeben.
Hat sie gedrücktes Wesen? — Ja. Von ärztlicher Seite wurde sie
wiederholt als der Typus der „konstitutionell Verstimmten" bezeichnet.
Drücken die Verhältnisse besonders auf sie? Ja. Vgl. die Bemer-
kungen (in die Psychographie der Frau Schnelle eingefügt).
Faßt sie plötzliche Entschlüsse? — Nein. Sie hat wenig Spontaneität.
Ist die Person sehr unruhig, beweglich? Nein, im Gegenteil: steif
und gemessen.
Ist sie von Vaterseite her belastet zu nennen? — IhreVater war
in seinen letzten Jahren ein Geizhals. Sonderling mit hypochondrischen
E. Bohn. Zur Geschichte der Apporte. 7

Zügen. Sie sagt oft, daß sie ihre quälenden Eigenschaften von ihrem
Vater habe.
Hat ein Hund eine besondere Rolle in ihrem Leben gespielt? —
Sie spricht heute noch mit Rührung von einem Dackel, den wir hatten.
„Ja, wenn unser Jacques noch lebte."
Ist die Äußerung: „Geh, Lieber" für die Person bezeichnend? —
So viel mir bekannt ist, nein.
Ist die senkrechte Stirnfalte für Ihre Mutter besonders charakte-
ristisch? — Ja, stark ausgeprägt. Sie zieht diese Falte besonders bei den
häufigen „ Kopfschmerzen " .
Nach diesen Zeugnissen kann es keinem Zweifel unterliegen, daß
die Aussagen der Frau Schnelle in unserem Fall auf die eigentliche
Schreiberin des Briefes, der ihr in die Hand gegeben wurde, nicht zu-
treffen, daß sie dagegen in einem ziemlich weiten Umfang mit der Cha-
rakterbeschaffenheit derjenigen Person übereinstimmen, die Dr. Baeum-
1 e r bei seiner Sitzung mit Frau Schnelle als Urheberin des Briefes
im Bewußtsein hatte '). Da nun aber manches, was Dr. Baeumler tat-
sächlich nicht wissen konnte, in der Schilderung der Frau Schnelle
auftaucht oder aufzutauchen scheint, so hätten wir nach der üblichen
Weise der Erklärung mit einem ungemein verwickelten Vorgang zu
rechnen. Es müßte aus dem Bewußtsein des anwesenden Experimentators
die Vorstellung der Mutter des „Dr. X." telepathisch in das Bewußtsein
der Frau Schnelle übergegangen sein, und es müßte nun von diesem
Ausgangspunkte aus eiltweder eine neue telepathische Verbindung zu
„Dr. X." oder zu seiner Mutter hin sich gebildet haben. Diese sehr weit-
gehende Vermutung läßt sich vielleicht durch einfachere Hypothesen er-
setzen; aber nur, wenn eine sehr viel breitere Experimentalunterlage ge-
wonnen ist, als sie in dem, Fall Schnelle vorliegt. Ich werde über
diesen Punkt in meinem Buche genauer zu sprechen haben und möchte
mich daher vorläufig darauf beschränken, den immerhin bemerkens-
werten Einzelfall an dieser Stelle mitzuteilen.

Zur Geschichte der Apporte.


'Von Dr. Erich Bohn, Breslau.
Eine Wellenbewegung hebt die okkulten Erscheinungen in der Ge-
schichte bald sichtbar empor, bald sinken sie wieder zusammen, um mit
der nächsten Welle wieder zu erschein'en. Die deutsche Forschung hat im
Gegensatz zur französischen Wissenschaft die geschichtliche Einstellung
vernachlässigt. Kiesewetters Verdienst war es, den Zusammenhang des
amerikanischen Okkultismus mit der Vergangenheit aufzudecken und dort
') Es darf allerdings nicht übersehen werden, daß die Beschreibung der Schwieger-
mutter lediglich seelische Eigenschaften betrifft, während diejenige der Mutter auch
das körperliche Befinden einbezieht.
8 E. Bohn.

Entwicklung nachzuweisen, wo angeblich eine Offenbarung vom Himmel


stürzte. Ludwig und Tischner (1924) haben sein Werk fortgesetzt.
Die Apporte sind eine der merkwürdigsten und verdächtigsten ok-
kulten Erscheinungen. Aksakow erwähnt ihr erstes Auftreten im Jahre
1861 durch das Medium Kate Fox (Aksakow, Animismus und Spiritis-
mus, 4. Aufl., I, S. 128). Er war einseitig auf den anglo-amerikanischen
Okkultismus eingestellt, und merkwürdigerweise hat man bisher nie nach-
geforscht, ob ältere Quellen über Apporte vorliegen. Ich möchte deswegen
auf einige geschichtliche Fälle hinweisen. Die Idee des Apportes ist
völker-psychologisch leicht zu erklären. Mit dem Glauben an übersinnliche
Kräfte verbindet sich auch der Wunsch, sie sich dienstbar zu machen.
Uraltes Volksgut sind der Schatzgräber, das „Tischchen deck dich" und
Zauberformeln, mit denen dienstwillige Geister alle Wünsche erfüllen. Als
man versucht, mit der Kraft der Seele dem Übersinnlichen zu gebieten,
als Mystik zur Magie wird, will man auch sinnlichen Erfolg sehen. Im
16. Jahrhundert hat ein Engländer John Dee (1527 1608) das ganze
große Gebiet des Okkultismus gekannt, das später unter amerikanischer
Führung wieder entdeckt wurde. D e e hat richtige Sitzungen abgehalten,
und ein Teil der Protokolle wurde später von Casaubonus veröffentlicht
(M e ri cus Casaub onus: A True and Faithful Relation of Dr. John
nee. London 1659, Folio 3 Teile. — Charlotte Fell: Smith Jon
Dee. London 1909, 342 Seiten. — Carl Kiesewetter: John Dee,
Leipzig 1893, 79 Seiten). Das Buch gehört unter die seltensten Bücher
der Welt, weil es gleich nach dein Druck verbrannt wurde. Mir sind drei
Exemplare bekannt, eins in meinem Besitz, das andere im Besitz der
Breslauer Stadtbibliothek, das dritte im Besitze eines Berliners Sammlers.
Es existieren in England aber noch mehrere Exemplare. Es ist fabelhaft,
was man bei Dee alles findet. Vom Tischrücken bis zur Materialisation
entfaltet sich das ganze Theater des Okkultismus. In Hunderten von
Protokollen — im 16. Jahrhundert! — spricht das ganze Zeitalter,
der Königliche Hof, England, ganz Europa, — es ist das größte ma-
gische Werk aller Zeiten. Die Sprachschöpfungen von Helene S m ith
finden wir schon bei Dee. D e e berichtet auch einen Apport. In der Ak-
tion vom 21. November 1582 erschien ein Engel in der Gestalt eines
vierjährigen Knaben und brachte Dee einen Kristall, in dem Dee viele
Visionen hatte. Dees Apport fand bei einer Tischrücksitzung statt, die er
regelmäßig mit seinem Medium Kelley veranstaltete. — Durch den Mes-
merismus fand man einen neuen Hebel, um die okkulten Erscheinungen zu
erschließen. Wäre der amerikanische Okkultismus nicht in Europa einge-
brochen, so hätte er sich aus den Experimenten des tierischen Magnetismus
notwendig entwickelt. Der Augenblick, in dem amerikanischer Okkultis-
mus und europäischer Mesmerismus sich berühren — Ende einer Strö-
mung und Beginn einer neuen — zeigt, wie die alte Entwicklung in
ihrer letzten Komponente bereits Geburt einer neuen Zeit ist. In einem
Werke, das der Arzt Billot im Jahre 1839 herausgab, und das er
„Psychologische Untersuchungen oder Briefwechsel über den Lebens-
Zur Geschichte der Apporte. 9

magnetismus" nannte, berichtet er Band II, S. 1 ff. (B illo t, Recherches


Psychologiques ou Correspondance sur le Magnetisme Vital. Paris 1839,
2 Bände) in einem Briefe an den damals 80 jährigen Magnetiseur Deleuze
über merkwürdige Sitzungen, die im Jahre 1819 stattfanden. Er nimmt
Gott zum Zeugen der Wahrheit seiner Beobachtungen. Sein Bericht
lautet:
',
Eine Dame, die seit einiger Zeit fast völlig erblindet war, bat
unsere Somnambulen um Hilfe, um den Fortschritt der Blindheit aufzu-
halten. Eines Tages, am 27. Oktober 1820, sagte ihr eine Somnambule :
„Ein junges Mädchen zeigt mir eine Pflanze in voller Blüte, ich kenne
sie nicht, man sagt mir auch den Namen ;licht, indessen sie ist für Frau
J. notwendig." „Wo soll ich sie finden," sage ich, „denn wir haben
keine blühenden Pflanzen auf dem Felde in der kalten Jahreszeit. Müssen
wir sie weit von hier suchen?" „Beunruhigt euch nicht," sagte die
Somnambule, man wird sie euch verschaffen, wenn es notwendig ist."
Während wir uns unterhalten, an welchem Ort das junge Mädchen uns
die Pflanze zeigen würde, ruft die blinde Dame, die vor der Somnambulen
sitzt: „Mein Gott, auf meiner Schürze liegt eine Pflanze mit Blüten, die
man eben hergelegt hat, seht doch, ist das die Pflanze, die man uns
angekündigt hat?" „Ja, gnädige Frau, das ist sie," antwortete die
Somnambule. „Wir wollen Gott für seine Güte loben und segnen." —
Bill ot stellte fest, daß es eine Art Tymian ist. Er hielt 1819 eine
weitere Sitzung ab, an der drei Somnambule teilnahmen. Mitten in der
Sitzung rief eine der Somnambulen : „Seht, eine Taube kommt, weiß wie
Schnee, sie fliegt im Zimmer, im Schnabel hält sie ein Papier", und nach
einigen Minuten Schweigen fährt sie fort: „Seht das Papier, das hier
eben zu den Füßen der blinden Dame gefallen ist." — Man hebt ein parfü-
miertes Papier auf, öffnet es und findet darin kleine Knochenstückchen,
die in Papier eingewickelt sind. Auf dem einen liest man hl.'Maximus,
auf dem andern hl. Sabine. Die Somnambule sagt : „Das ist für mich und
für euch. Für mich um die Reliquien zu hüten, für euch um euren
Glauben wach zu halten, daß diese Gegenstände von der Taube gebracht
worden sind." B i 11 o t erzählt, daß er mit einem Ärzte über diese Nach-
richt gesprochen habe, und dieser ihm geantwortet hätte, daß ähnliche
Fälle ihm aus seinen eigenen Erfahrungen bekannt seien.
C ah agn et in seiner magnetischen Magie (erste Ausgabe 1854) hat
sich mit Apporten in der vierten Unterhaltung (S. 127 ff., 2. Ausgabe)
beschäftigt. Für Billot und C ah a gn e t sind schon Apporte heilig wie
ein Evangelium.
Grasset hat in seinem ausgezeichneten Buch : L'occultisme hier
et aujourd'hui, 2. Aufl., Montpellier 1908, sich auch mit Apporten be-
schäftigt. Er streift zunächst Anna Rothe und Heinrich M elz e r
und kommt zu demselben Ergebnis wie ich. Meine Sitzungen mit M elz er
habe ich nie veröffentlicht. Melzer war ein schwach begabtes Medium,
bei dem sich Anfänge okkultistischer Sprachbildungen (Sanskrit), Sprach-
und Schreibmediumschaft und Apporte zeigten. Es waren kindliche Streif-
10 E. Bohn.

züge einer Psyche ins Land des Unterbewußten. Grasset bringt uns
einen Bericht von Jan et 1 ), der für die Anhänger des Glaubens an
Apporte lehrreich ist: „Vor zwei Jahren brachte man zu Professor
Raymond ein junges Mädchen, 26 Jahre alt, das angeblich von unan-
genehmen Halluzinationen gequält war. Die Kranke wurde von ihrer
Mutter und ihrer Tante begleitet, die beide dem Kleinbürgertum, auf
verhältnismäßig kultivierter Stufe, angehörten. Der verstorbene Vater des
Mädchens war Offizier gewesen, die Kranke war gut gekleidet, drückte
sich gewandt aus, und ihre Erscheinung und Bildung überstiegen das
übliche Maß. Das Mädchen konsultierte mich wegen Halluzinationen.
Nachdem ich den gegenwärtigen Zustand der Kranken festgestellt hatte,
drang ich in die Verwandten, mir zu erzählen, wodurch die merkwürdigen
Halluzinationen wachgerufen wurden. „Das junge Mädchen", sagte ich,
„muß einmal früher Anfälle gehabt haben, z. B. Nervenanfälle". Die beiden
Damen protestierten entrüstet, daß die Kranke jemals etwas ähnliches
gehabt habe. Ich fragte, ob sie nicht früher Gesichts-Halluzinationen
gehabt hätte. Irr diesem Augenblick wurden die beiden Damen verwirrt.
Die Tante sagte ja, die Mutter nein. Nach einem Streit erwiderte die
Mutter, „aber das ist eine ganz andere Geschichte, das geht den Arzt
nichts an." Das reizte meine Neugier und ich fragte nun die beiden Damen
und die Kranke getrennt und konnte mir eine ziemlich genaue Geschichte
zusammenstellen.
Das junge Mädchen war die Tochter eines Absinthtrinkers. Sie hatte
Halluzinationen gehabt, die ersten schon in der Kindheit. Mit 8 Jahren
sah sie Engel in schönen weißen Gewändern, die ihr selbst bei Tag er-
schienen. Bei Eintritt der Pubertät zwischen 10 und 12 Jahren wurde sie
viel von diesen Erscheinungen verfolgt, die immer religiösen Charakter
hatten. Gehörs-Halluzinationen vermischten sich damit. Die Engel gaben
ihr gute Ratschläge und lehrten sie den Katechismus. Sie vergnügte sich
damit, einen der Engel mit dem Namen der hl. Philomena zu taufen,
und die kleine Heilige, wie sie sie nannte, spielte nunmehr eine große
Rolle in ihrem Leben. Zwischen 12 und 17 Jahren hören die Halluzi-
nationen auf. Mit 17 Jahren bewegt eine unglückliche Liebe und der
Tod des Vaters sie heftig, und die Halluzinationen beginnen wieder. Bis
zum Alter von 26 Jahren haben sie nicht mehr aufgehört. Um diese Zeit
wird auch die Mutter, die inzwischen Witwe geworden war, geistergläubig.
Sie glaubt an die Halluzinationen ihrer Tochter und an das Dazwischen-
treten von Geistern und Engeln. Als ich mir einige Einwürfe erlaubte,
wurden die beiden Damen unangenehm und beteuerten mir, sie hätten
Beweise von der Wirklichkeit der hl. Philomena und der Engel. Das
wären Gegenstände, die die Heilige vom Himmel gebracht hatte. Nun
sah ich zu meinem Erstaunen, daß die Halluzinationen von Apporten-
erscheinungen begleitet waren.
Das junge Mädchen brachte mir, um mich zu überzeugen, eine
') Vgl. auch: Pierre Janet, L'kat mental des Hysteriques, Paris 1911, S. 499
bis 505; ferner: P. S aintyv es , La simulation du Merveilleux, Paris 1912, S. 215.
Zur Geschichte der Apporte. 11

Sammlung von solchen Wunderapporten. Ich habe einen ganzen Kasten


voll. Es sind Vogelfedern, hauptsächlich von einem Daunenbett, das ihr
als Deckbett diente, einige getrocknete Blumen, Kieselsteine, die bizarr
bemalt sind und einige silberne Schmuckstückchen, wie ein kleiner Engel
mit entfalteten Flügeln, wahrscheinlich von einer zerbrochenen Brosche.
Die Kranke hatte, wie sie angab, eine Schublade voll von solchen Kost-
barkeiten. Sie hütete sie sorgfältig als Geschenke der Heiligen. Mit großer
Naivität stellte sich die Kranke zu meiner Verfügung, um festzustellen,
wie die hl. Philomena diese Dinge brachte. Die Kranke selbst half mir
ihren Irrtum aufzuklären und war selbst über die Erklärung erstaunt.
Frl. M. erzählte mir, wie die Dinge sich entwickelten. Von Zeit zu Zeit
fand sie irgendwo, aber meistens auf der Treppe, im Zimmer usw. Gegen-
stände, die nicht auf ihrem Platz standen. Das ist das Wesentliche. Gegen-
stände an einem außergewöhnlichen und bizarren Platz, beispielsweise
glänzende Steine auf der Straße, Vogelfedern auf dem Eßtisch, oder ein
paar Federn in Form eines Kruzifixes auf dem Tisch des Schlafzimmers.
Sie wunderte sich über diese Gegenstände, oder richtiger, über den Platz
dieser Gegenstände. Und ohne zu wissen warum, wurde sie von der Idee
ergriffen, daß die Heilige sie gebracht hätte. Der Glaube ließ sie nicht
los, und sie teilte ihn den andern mit. Allmählich wurden die Vorgänge
bekannt und alles erstaunte, z. B. fielen, während die Familie bei Tisch
saß, Federn von der Decke auf den Tisch. Allgemeine Überraschung und
alle waren darüber einig, daß dies nicht mit richtigen Dingen zuginge,
die Heilige hätte die Federn gebracht. Ich versuchte nun auf jede Weise
die Erinnerung der Kranken zu beleben, zuerst während des Wachens,
dann während des hypnotischen Schlafes. Es genügte, die Aufmerksam-
keit auf die Augenblicke zu richten, die vor oder nach der Entdeckung
der Gegenstände lagen. Die Kreike gewann mit Erstaunen die Erinnerung
daran zurück, und ich konnte feststellen, daß die Apporte nicht mehr auf
ein und dieselbe Weise stattfanden. Man muß drei Phänomene unterscheiden
die immer etwas komplizierter werden. Der erste Fall ist der einfachste.
Der Gegenstand befindet sich wirklich an seinem Platze. Also ein glän-
zender Stein auf der Straße. Er würde bei jedem einen Augenblick Auf-
merksamkeit erregen. Aber er erstaunt die Kranke, weil sie schon durch
die Objekte am falschen Platz voreingenommen ist. Es löst somit eine
Emotion, dann eine Art Taumel aus; eine Art Senkung des Bewußtseins,
in der sie in Halluzinationen sinkt.
Die Heilige erscheint nun und erklärte einfach, sie hätte den Stein
dorthin gelegt, um dem Mädchen ein Vergnügen zu machen. Die Idee des
Apportes hat also die Kranke vorher eus ihrem spiritistischen Milieu
heraus beschäftigt. Diese Idee erzeugt ein unterbewußtes Phänomen, das
zu Gesichts- und Gehörs-Halluzinationen führt. Diese Umformung der
Idee in eine Halluzination läßt im Geiste dieser suggestiblen Hysterika
die Überzeugung entstehen.
Diese Überzeugung wirkt ansteckend und nun staunt die ganze
Gruppe über das Wunder.
12 E. Bohn. Zur Geschichte der Apporte.

Das ist der einfachste Fall. Verwickelter wird er, wenn es sich um
fremde Gegenstände im Zimmer der Kranken handelt. M. ist Somnambule,
sie bewegt sich schlafwandelnd, sucht einen kleinen blauen Stein und
verbirgt ihn in der Tasche. Sie legt selbst die Glasstückchen als Kreuz
auf den Tisch usw. Wenn sie erwacht, ist sie erstaunt über das Wunder
und ob nun Philomena in der Halluzination auftrat oder nicht — der-
selbe Glaube an sie festigt sich.
In der dritten Gruppe endlich tritt der Somnambulismus am Tage ein.
Die eingeschläferte Kranke ist selbst verwundert : „Aber es ist wahr,
ich selbst habe ja diese kleine silberne Brosche gesucht, ich selbst habe
sie in die Mitte des Zimmers getragen. Das ist stark. Ich nahm die Federn
von dem Tisch und habe sie auf die Treppe gelegt."
Ich (der Arzt), belebte ihre Erinnerung an eine merkwürdige Szene.
Sie sieht sich vor dem Familienessen, wie sie auf einen Tisch steigt, dort
noch ein Tischchen drauf stellt, um höher zu kommen und Federn mit
Zuckerwasser anklebt. Darauf ist sie heruntergestiegen, hat alles in Ord-
nung gefunden, ist in ihr Zimmer gegangen, um sich anzuziehen, ohne
eine Erinnerung an diesen schlechten Witz zu haben. AM die Federn in-
folge der Lampenwärme beim Essen herunterfallen, ist sie aufrichtig er-
staunt. —
„Aber," fragte sie jetzt, „wieso konnte ich dies alles tun?" Man
frägt sich, warum sie versucht hat, so die Leute zu täuschen. Die Er-
klärung ist sehr einfach: Es genügt, die Szene durch Suggestion vor un-
sern Augen zu wiederholen.
So hat sie den Stein in das Museum der Klinik gebracht, und hat
mit großer Überzeugung die Überraschung vorbereitet. Während sie dies
erklärt, sind ihre Züge würdig und lächelnd, sie wiederholt gute Rat-
schläge und Fragen aus dem Katechismus, mit einem Worte, sie hält
sich für die heilige Philomene." —
Apporte sind verdächtig und bedürfen zu ihrer Prüfung besonderer
Vorkenntnisse und höchster Aufmerksamkeit. Um die Apporte zu ver-
stehen, muß man die manuelle und die psychologische Technik des
Taschenspielers kennen. Der Trick ist einfach, die psychologische Irre-
führung des Zuschauers ist das eigentliche Meisterstück. Man muß, wie
der Fall von Jannet aufs neue zeigt, auch mit der psychischen Eigenart
des Mediums vertraut sein. Dann zeigt gerade dieses anrüchige Phäno-
men seinen Reichtum an Problemen und Erkenntnissen.
E. Darmstaedter. Die Alchemie. 13

Die Alchemie.
Von Dr. Ernst Darmstaedter, München.
Nach uralter Anschauung wachsen und reifen die Mineralien in der
Erde. Die Metalle verändern sich dabei, werden reiner und vollkommener
und werden schließlich zu Silber und Gold. Das Schaffen der Natur zu
ergründen und nachzuahmen, war immer das Streben der Menschheit,
und die künstliche Darstellung der Edelmetalle durch Veredelung der
„unvollkommenen" Metalle, Blei, Zinn, Eisen und Kupfer 1 ) mußte als
hohes Ziel gelten.
Nicht nur die auri sacra faules war also dabei die Triebfeder, sondern
in hohem Grade der Wunsch, tief verborgene Naturvorgänge aufzudecken.
Wie diese selbst mit dem Schleier des Geheimnisvollen und Göttlichen
verhüllt sind, so galt auch die Alchemie, die Wissenschaft der Metall-
umwandlung, deren Entstehung und Inhalt hier gezeigt werden soll, als
geheimnisvolle, große, heilige Kunst, die nur wenigen zugänglich war.
Wie bei allen menschlichen Dingen finden sich natürlich auch hier
verschiedene Auffassungen, Absichten und Ziele, von mehr oder weniger
primitiven Fälscherkünsten bis zu Äußerungen tiefen philosophischen
Denkens und religiös-mystischer Schwärmerei.
Die Grundidee der -wissenschaftlichen Alchemie war die Auffassung,
daß die Metalle keine einheitlichen, sondern zusammengesetzte Körper
seien, und es war deshalb durchaus logisch, ihre Veränderung und Um-
wandlung, z. B. durch künstliche Umstellung ihrer — angenommenen —
Bestandteile, für möglich zu halten, praktisch zu versuchen und damit die
Metallveredlung — die künstliche Herstellung des Silbers und Goldes —
erreichen zu wollen. Die Wiss'enschaft von heute steht solchen Gedanken
— wenn auch auf anderer Grundlage — näher, wie die vor einigen
Jahrzehnten, welche das „Element" als etwas in jedem Sinne durchaus
Feststehendes, Unangreifbares ansah und deshalb die „Umwandlung der
Elemente", also auch die der Metalle, für etwas ganz Unmögliches hielt.
Ein Verdienst hat man der Alchemie auch in der neueren Zeit
wohl immer zugebilligt: Entdeckungen und Erfindungen chemischer und
chemisch-technischei Art, die aus alchemistischen Versuchen mehr oder
weniger zufällig hervorgingen, mit Metallumwandlung u. dgl. nichts
zu tun hatten, aber für die Entwicklung der Wissenschaft und Technik
bedeutungsvoll waren. So etwa die Erfindung, oder besser, Neuerfindung
des Porzellans durch B ö tt ge r.
Wenn man in solchem Sinne die Alchemie als Vorläuferin der
modernen Chemie bezeichnet, so muß man doch berücksichtigen, daß schon
lange v o r der Alchemie und später neb en ihr, eine Chemie empirischer
Art bestand, bei der Metallumwandlungs-Gedanken keine, oder keine
') Das Quecksilber w urde von den Alchemisten meist nicht zu den eigentlichen
Metallen, sondern zu den „Spiritus", den flüchtigen Stoffen gerechnet — wegen seiner
Sublimierbarkeit.
14 E. Darmstaedter.

ausschlaggebende Rolle spielten, eine Erfahrungswissenschaft mit pharma-


zeutischen, sowie metallurgischen und sonstigen, z. B. färbetechnischen
Zielen.
Andererseits muß zugegeben werden, daß der mystische Zug, den die
Alchemie oft zeigt, schon sehr frühe, vor ihrem Auftreten, vorkommt,
etwa bei der Bereitung von Heilmitteln, bei der Verwendung von Pflanzen
und Mineralien, überhaupt bei Hantierungen und Gebräuchen, die — nicht
zum geringsten Teile — auch magische Handlungen, Abwehrzauber gegen
Dämonen u. dgl. waren 1).
Solche Dinge spielen z. B. in den Brahmanatexten, frühen indischen
Schriften über das Opferritual, die vielleicht um 1000 vor Christus ent-
standen sein mögen, eine Rolle 2).
In den Vers- und Spruchsammlungen des Atharvaveda werden z. B.
Tieren, Pflanzen und Mineralien magische Eigenschaften zugeteilt, und
es ist bemerkenswert, daß z. B. in einem Spruche des Yajurveda, wo
Gold, Erz, Eisen, Kupfer, Blei und Zinn genannt werden, das Gold
besonders gepriesen wird.
Es gilt dort als glückbringend und als Träger des 'Lebens und der
Gesundheit — ein sehr frühes Vorkommen der Anschauungen über die
Kräfte der Metalle, und des Goldes im Besonderen 3).
Die Verbindung religiös-mystischer Ideen mit Dingen und Han-
tierungen des täglichen Lebens, z. B. Gewinnung und Verarbeitung von
Erzen, Mineralien, Metallen, Herstellung von Heilmitteln u. dgl., läßt
sich aus den Lebensbedingungen und Gefühlen des einfachen, in der
Natur lebenden Menschen heraus wohl verstehen. Für ihn ist alles, was
er sieht und erlebt, ein Teil der Natur, der Gottheit, ein Etwas, das auf
ihn, den Menschen in gutem oder bösem Sinne einwirkt und besondere
Handlungen nötig macht, wie Anruf, Beschwörung, Zauber, Magie, Opfer
und Ritual aller Art.
So ersieht man aus den Resten von babylonisch-assyrischen Auf-
zeichnungen chemisch-technischen Inhaltes, daß man bei dem Bau von
Öfen für Herstellung lasursteinartiger und anderer Glasflüsse, glasierter
Ziegel u. dgl., gewisse Gottheiten — nach der Übersetzung Professor
Zimmern s die „Embryo-Götter" — anrufen sollte, wahrscheinlich des-
halb, weil die Produkte, die man dabei gewann, wie der erwähnte Lasurstein
(Lapis Lazuli) in Babylonien-Assyrien hochangesehen waren und in der
Götterlehre und im Kultus erstaunliche Geltung hatten 4). Vielleicht war
der blaue Lasurstein das Symbol, das irdische Gegenstück des blauen
Himmels und verdankte diesem Umstande seine Sonderstellung und Ver-
1) Vgl. die Arbeit des Verfassers über das "A.urum Potabile", Chemiker-Zeitung
1924, Nr. 112 und 115.
2) Vgl. H. 0 1 d enb er g: Die Religion des Veda, Stuttgart 1917. Derselbe: Vor-
wissenschaftliche Wissenschaft usw., Göttingen 1919. Calan d: Altindisches Zauberritual.
3) Vgl. die Literaturangaben in genanntem Aufsatze. Auch Levy-Bruhl: Les
Fonctions mentales des Socia6s inf6rieures.
4) Vgl. Br. M eisner: Babylonien und Assyrien. Besonders Bd. H. Heidelberg 1925.
Die Alchemie. 15

ehrung, ähnlich wie das Gold schon in sehr früher Zeit der Sonne, das
Silber dem Mond und die übrigen Metalle den Planeten entsprachen 1).
Die Bedeutung der Makrokosmus-Mikrokosmus-Idee in Babylonien ist
bekannt. Teile dieser babylonisch - assyrischen Aufzeichnungen, z. B.
das erwähnte Anrufen bestimmter Gottheiten, haben eine gewisse Ähn-
lichkeit mit Stellen bei spätgriechischen Alchemisten. Ob man sich in
Babylonien mit der Metallumwandlung theoretisch oder praktisch befaßt
hat, ist aber mindestens sehr zweifelhaft. Vielleicht hat man Metall-
Legierungen u. dgl. dargestellt, die man aber von echtem Gold und
Silber ohne Zweifel unterscheiden konnte. R. Eisler deutet die baby-
lonischen Fragmente ganz ausgesprochen in dem Sinne, daß sie zum Teile
alchemistische Angaben darstellen und spricht sogar von dem „Baby-
lonischen Ursprung der Alchemie" '), m. E. zu voreilig.
Es ist zur Zeit kaum möglich, scharf zu bestimmen, wann wirkliche
alchemistische Ideen zum ersten Male aufgetreten sind, d. h. Gedanken
über die tatsächliche Um w an dlun g der Metalle.
Der Stockholmer und der Leidener Papyrus, zwei Urkunden, die
mit anderen zusammen 1828 bei Theben in Ägypten gefunden wurden
und etwa aus dem dritten Jahrhundert nach Christus stammen, enthalten
Rezepte für Herstellung von Metall-Legierungen und -Färbungen, sowie
von „künstlichen" Edelsteinen, aber weniger eigentlich Alchemistisches.
Hier handelt es sich im allgemeinen uni Ersatzstoffe und um Fälschungen,
die von einigermaßen Einsichtigen wohl auch als solche anerkannt worden
sind, wenn auch Überschriften, wie etwa „Herstellung von Silber" viel
versprachen. Manche alte Methoden der Färberei wandte man, mehr
oder weniger verändert, auch beim Färben von Halbedelsteinen und
dgl. an und benutzte auch hei der oberflächlichen chemischen Bear-
beitung von Metallen wahrscheinlich Salze, die von der Färberei her
bekannt waren. Übrigens findet sich z. B. im Stockholmer Papyrus eine
ganze Reihe von Rezepten, auch für Purpurfärberei und sonstige rein
praktische Angaben.
Anschauungen, die man als alchemistisch bezeichnen kann, weil
bei ihnen die Idee der Metallumwandlung zum Ausdruck kommt und
weil der theoretische, philosophische und mystische Einschlag un -
verkennbar ist, finden sich bei den griechisch-alexandrinischen Alchemisten,
deren Schriften, wenn auch in späteren Überarbeitungen, zum Teile er-
halten sind, z. B. in einer Handschrift der S. Markus-Bibliothek zu Venedig.
Ich nenne nur die Schriften des (Pseudo-). Demokritos, des Zosimos aus
Panopolis, der etwa um 300 nach Chr. lebte, des Pelagios und des
Heliodoros vom 3.-5. Jahrhundert.

') Über Planeten und Metalle, sowie entsprechende Farben, vgl. v. Lippmann,
Alchemie S. 211 ff.
2) Chemiker-Zeitung 1925, Nr. 83 und 86. Diese Fragen werden demnächst von Prof.
Zimmern, Leipzig und dem Verfasser dieses Aufsatzes i. d. Zeitschr. f. Assyrologie
behandelt.
16 E. Darmstaedter.

Auch die Vertreter dieser Richtung sind wohl ursprünglich von


Metall-Legierungen und -Färbungen u. dgl. ausgegangen, aber nicht hier-
bei stehen geblieben. Sie suchten zunächst vielleicht Erklärungen für
beobachtete Erscheinungen, z. B. bei Metallfärbungen, bei der Herstellung
von Legierungen u. dgl., wobei sie wohl auch Gelegenheit fanden, über
theoretische Fragen nachzudenken und Zusammenhänge zu suchen.
Andrerseits haben sicher rein philosophische Studien zu praktischen
Versuchen angeregt, und es ist klar, daß die Berührungspunkte, z. B. zwischen
griechischer Philosophie und laboratoriumsmäßiger Betätigung, in erster
Linie auf dem Gebiete der Anschauungen über die Materie lagen, über
die Grundstoffe und deren Umwandlungen.
Schon die jonischen Philosophen um etwa 600 vor Chr. sahen das
einheitliche Prinzip aller Dinge in der Physis, dem Urstoffe — wie
Thales von Milet, oder in einem Prinzip-Arche — wie Anaximander.
Aus dieser Urmaterie gehen die vier Elemente hervor und aus ihnen die
einzelnen Stoffe, die auch wieder in sie zerfallen können. Als Urstoff
galt bisweilen das Wasser, oder das Feuer, z. B. bei Heraklit. Von den
Anschauungen der Pythagoräer mögen nur kurz ihre geometrischen Vor-
stellungen, z. B. Tetraeder = Feuer, Oktaeder = Luft, erwähnt werden.
Großen Einfluß auf spätere Anschauungen, auch in der Medizin, hatten die
Gedanken des Empedokles über die Entstehung der einzelnen Stoffe durch
Vermischung und Entmischung der kleinsten Teilchen der Grundstoffe.
Von hervorragender Bedeutung sind auch in diesem Zusammenhänge
die Lehren Platons. Die vier Elemente sind bei ihm Modifikationen
eines gemeinsamen, unsichtbaren Urwesens, der Mutter alles Gewordenen.
Die Elemente gehen ineinander über und zwar unmittelbar, oder auf dein
Wege über die Ursubstanz. Die Ideen Platons, der sich auch, z. B.
im Timäus, über die Enstehung der verschiedenen Stoffe aus den Elementen
ausspricht, sind ohne Zweifel für die Entstehung alchemistischer Lehren
von größter Bede atung gewesen 1), ebenso viele Gedanken des Aristoteles.
Auch er kennt eine Ursubstanz, Prote Hyle, Materia prima, aus der sich
die vier Elemente bilden.
Aus diesen entstehen die verschiedenen Stoffe, Mineralien und Metalle,
z. B. durch Einwirkung von Wärme und Kälte, durch Verdichtung. Die
Stoffverwandlung ist bei Aristoteles angedeutet und man kann erkennen,
wie die alchemistische Lehre der Metallumwandlung daraus entstehen
konnte. Andere philosophische Richtungen, wie die der Stoiker, sind
in diesem Zusammenhange ebenfalls wichtig.
Durch die Vereinigung philosophischer Anschauungen mit magischen,
mystischen Ideen, griechischer, orientalischer und ägyptischer Herkunft
1 ) Die Bedeutung der nicht unbekannten Stelle in Platons „Staat", 414--415:

Das Märchen vom gold-, silber-, kupfer- und eisenhaltigen Menschen, wird, m. E. von
Eisler a. a. 0. überschätzt. Es ist dort ganz deutlich von sozialen Schichtungen und
Klassen, Berufsarten die Rede Immerhin konnte die Stelle schon in alter Zeit viel-
leicht in alchemistischem Sinne gedeutet werden, und man kann sich vielleicht auch
vorstellen, daß Platons Erzählung uralte Metallumwandlungsideen zugrunde liegen,
vielleicht unbewußt. Sicher ist dies aber nicht. Verwandtes hei .Z o s im o s.
Die Alchemie. 17

und durch ihre Verbindung mit den oben erwähnten, praktisch chemischen
Erfahrungen und Kenntnissen, die sich auf die Gewinnung und Ver-
arbeitung von Metallen, die Darstellung von Legierungen und Färbungen
bezogen, konnten sich in den ersten Jahrhunderten nach Christus An-
sichten und Lehren über Metallumwandlung und -veredelung entwickeln,
die man als Alchemie bezeichnen kann 1). Man nimmt an, daß sie in
Ägypten, in den Kreisen ägyptisch - hellenistischer Priester entstanden
sind und, zuerst in den Tempeln und später in geheimen Zirkeln, bis
zur Zeit der arabischen Eroberung, praktisch angewandt wurden. Aus
dem alten Ägypten ist bisher nichts bekannt, was sich auf Alchemie,
also auf Metallumwandlung , u. dgl. bezieht. Ob solche Ideen dort nie
bestanden haben, oder ob wir nur noch keine Kenntnis von entsprechenden
Urkunden haben, sei dahingestellt. Vielleicht bringen künftige Funde
Aufklärung darüber.
Die griechischen Alchemisten neigen dazu, ihr Wissen als uralt
hinzustellen und auf das alte Ägypten zurückzuführen. Solche Ansichten
finden sich z. B. in den Schriften des schon erwähnten Zosimo s, der etwa
um 300 nach Christus lebte und in der übrigen griechisch-alexandrinischen
Literatur, die zum Teil von M. B er thel ot herausgegeben wurde 2).
Schon vorher hatte sich Herrmann Kopp, der ausgezeichnete Historiker
der Chemie, mit den griechischen Alchemisten beschäftigt.
Nach Z os in es beruht, wie erwähnt, die Alchemie, das heilige Werk
der Metallumwandlung, auf uralten ägyptischen Kenntnissen und Künsten,
die von den Priestern behütet und geheimgehalten wurden. Von den
Jüngern der Metallumwandlungskunst wird Frömmigkeit und Reinheit,
Fähigkeit zu seelischer Versenkung und Uneigennützigkeit verlangt.
Die Metallumwandlung erfolgt nach Zosimos und anderen griechi-
schen Alchemisten in der Weise, daß die Metalle z.B. durch die „Taricheia",
das Behandeln mit Salzen, zunächst in „Das Schwarze", die Materia
prima zurückgeführt werden, von der aus der Aufbau des neuen, edleren
Metalles gelingt. Man erkennt hier deutlich die oben erwähnten Pla-
tonischen und Aristotelischen Ansichten über die Urmaterie. — Aus dem
„Schwarzen" entsteht durch richtige „Färbung", Weiß- und Gelb-
färbung, Silber und Gold. Die „Qualitäten" dieser Edelmetalle werden
auf das „Schwarze" die Urmaterie übertragen, und der Träger dieser
Qualitäten ist der „Stein der Philosophen" — der „Stein der Weisen".
Es scheint sicher zu sein, daß die Priester, in der hellenistischen Zeit,
in den Tempeln Manipulationen chemischer oder alchemistischer Art aus-
führten und sie als etwas Heiliges ansahen. Aber es ist noch keineswegs
klar, was eigentlich dabei geschah.
') Als beste Erklärung für die Herkunft des Namens Chemie kann wohl die
Ableitung von dem ägyptischen „chemie" = das Schwarze, gelten. Chemeis, Chemie
wäre dann die Beschäftigung mit dem „Schwarzen", vielleicht dem oben erwähnten
schwarzen Präparat, der Urmaterie. Das Wort Alchemie ist durch die Verwendung
des arabischen Artikels al entstanden. Vgl. Hof f mann und Laden bur g., Hand-
wörterbuch der Chemie, Bd. 2 und v. Lippmann „Alchemie".
Collections des Anciens Alchimistes Grecs .. par M. Berthelot Paris 1888.
3 Bde.
Zeitschrift für Okkultismus I. 2
18 E. Darmstaedter.

Daß die Priester sich damit begnügt haben sollen, einige Legierungeu
und Metallfärbungen herzustellen, wie dies als Ziel und Resultat de,
griechischen Alchemie wohl meist angenommen wird, kann man siel
doch kaum vorstellen. Welchen Zweck könnte dies gehabt haben und wat_
sollte mit diesen ziemlich wertlosen Produkten geschehen sein? Man hal
auch kein Recht, die Produzenten und Konsumenten für so einfältig
zu halten, daß sie Fälschungen von echten Edelmetallen nicht unter
scheiden konnten.
Man kann sich vorstellen, daß chemische und alchemistische Vor-
stellungen und Manipulationen mit religiösen Gedanken in Verbindung
gebracht werden konnten, daß z. B. die „Zurückführung der Metalle in
das Schwarze" — die Urmaterie, und die Entstehung der Edelmetalle
daraus, mit Tod und Auferstehung verglichen wurden, zunächst im Zu-
sammenhange mit dem Osiriskult und später in christlichem Sinne; man
kann sich aber m. E. nicht vorstellen, daß die Herstellung einiger
Legierungen und Färbungen klugen und gebildeten Menschen, wie den
ägyptischen Priestern, als Symbol und heilige Handlung genügt haben
soll. Hier ist noch vieles aufzuklären.
Der erwähnte „Stein" wirkt ähnlich wie Hefe. Eine kleine Menge
verwandelt große Mengen Metall in Silber und Gold. Auch Teilchen von
Silber und Gold wirken als „Goldsamen" und bewirken die Bildung von
neuem Edelmetall. Die Metallveredlung ist eine Art von Vereinigung von
Männlichem und Weiblichem — dem Edelmetallsamen und dem zu ver-
edelnden Metall. Es findet sich auch die Anschauung, daß hierbei ein
Embryo entsteht, der eine gewisse Entwicklungszeit braucht, die Monate
dauert, aber künstlich verringert werden kann. Das Produkt ist Silber
und Gold. Es kommen bei solchen Vorstellungen, die hier nur angedeutet
werden können, Gedanken zum Ausdrucke, die in Wort und Bild — in
ähnlicher Weise sich im Mittelalter und später zeigen, und vielleicht
auch in der Homunkulus-Idee (Goethe, Faust) nachklingen.
Bei der Umwandlung und Veredelung wirken die Pneumata, die
Geister, d. h. flüchtige Stoffe, auf die Somata, die Körpermetalle ein und
vereinigen sich mit ihnen zu einem durchgeistigten Körper. Das ist, wie
alle diese Dinge, eine Verbindung von ursprünglich rein philosophischen
Vorstellungen (Pneumalehre der Stoiker), mit praktisch-chemischen bzw.
alchemistischen Dingen. Die Pneumata-Spiritus sind flüchtige, subli-
mierende Stoffe, wie Arsenik, Schwefel und auch Quecksilber.
Das Quecksilber hat durch seine merkwürdigen Eigenschaften, seinen
flüssigen Zustand und seine Sublimierbarkeit, bei gleichzeitigem metal-
lischem Charakter, immer das besondere Interesse der Alchemisten her-
vorgerufen. Sehr früh schon wurde es als Grundsubstanz aller Körper,
besonders der Metalle, betrachtet; aber auch andere, flüchtige Substanzen
wurden als Quecksilber, Merkur, bezeichnet. Schließlich war die Be-
zeichnung: Quecksilber, Merkur usw. zu einem Symbol geworden, unter
dem man weniger das alltägliche, gewöhnliche Quecksilber verstand, als
Die Alchemie. 19

die hypothetische, wichtigste Ursubstanz der Metalle. Neben ihm galt


schon bei den griechischen Alchemisten der Schwefel als Grundstoff,
wobei kurz erwähnt werden kann, daß die Vorstellung von Quecksilber
und Schwefel als Grundstoffe vielleicht aus der griechischen Elementen-
lehre in der Weise entstand, daß diese Substanzen als Typen der Ele-
mentenpaare Wasser — Erde bzw. Luft —Feuer, auftraten (v.L ippmann).
Seit Paracelsus kam als weiterer Grundstoff noch das „Salz" dazu.
So sagt er im Buch Paramirum:
„Drey sind der Substanzen, die da einem jeglichen sein Corpus geben:
Das ist . . . Sulphur, Mercurius, Sah."
Wie das bei Par ac elsu s gemeint ist, sieht man an einem Beispiel
von brennendem Holze: „Nun laßt brennen, so ist, das da brennt, der
Sulphur, das da raucht, der Mercurius, das zu Aschen wird, Sal." Er
überträgt dann diese Anschauung auf alle Körper, besonders die Metalle
und vergleicht die drei Grundstoffe mit Geist, Seele und Leib, wobei
Merkur der Geist, Sah das nicht Flüchtige, corpus, Leib ist, und Sulfur
die Seele, die Körper und Geist vereinigen soll.
Da zwischen den bekannten, alltäglichen Stoffen Quecksilber, Schwefel
und Salz, und den gleichnamigen hypothetischen Grundstoffen nicht
immer scharf unterschieden wird, entstehen oft Schwierigkeiten und Miß-
verständnisse.
Der philosophische und mystische Gehalt der Alchemie, ihre Ver-
bindung mit theologischen Gedanken, tritt sehr stark hervor. Mit über-
heblichem Lächeln lassen sich solche Dinge nicht erledigen. Ernstes
Studium ist vielmehr nötig. Es handelt sich dabei um letzte Fragen, um
die Ursachen, um die Entstehung, Art und Zusammensetzung der Dinge
und der Welt. Die Lehre von den drei Grundstoffen wird deshalb auch
von Jakob Boehme oft und vielseitig aufgegriffen und behandelt. Er
sagt z. B.: „Siehe, es sind vornehmlich drei Dinge, daraus sind worden
alle Dinge, Geist und Leben, Weben und Begreiflichkeit, als : Sulphur,
Mercurius und Sal." Dies sicher im Anschlusse an Paracelsus.
Die Vermengung religiöser und alchemistischer Gedanken, die bei
Boehme und anderen auffällt, ist sehr alt und zeigt sich, wie erwähnt,
schon im späten _24ypten, wo alchemistische Vorgänge und Manipula-
tionen auf den Osiriskult zurückgingen oder mit ihm vermengt wurden.
Im Mittelalter und später wurde bisweilen die Metallveredlung mit der
Auferstehung verglichen, und die Dreizahl der Grundstoffe mit der heiligen
Dreifaltigkeit.
Auch die Urmaterie, aus der alle .entsteht, findet sich später, als
wichtiger Begriff, als „Chaos" und Mysterium Magnum, z. B. bei Para-
celsus und Boehme.
Auch die erwähnten Anschauungen über den Samen des Goldes,
und über die Vereinigung von Männlichem und Weiblichem bei der
Metallveredlung u. dgl. finden sich immer wieder im Laufe der Jahr-
hunderte, auch in bildlichen Darstellungen.
20 E. Darmstaedter.

Nun noch einige Worte über die Metallumwandlung, das eigentliche


Ziel der Alchemie und ihr wichtigstes Mittel hierzu, den „Stein der
Philosophen". Dies ist, nach den Lehren der Alchemie eine Substanz,
ein Präparat, das die Kraft hat, unedle Metalle in Silber und Gold um-
zuwandeln, zu veredeln, auch Tinktur, Elixier (arabisch Al Iksir vom
Griechischen Xerion = Streupulver), auch „Medizin" usw. genannt wird.
Wie der „Stein" ein „Heilmittel" für „unvollkommene" sozusagen kranke
Metalle ist, so ist er auch ein Heilmittel, Kräftigungs- und Verjüngungs-
mittel für den Menschen.
Es wurde schon gesagt, daß der „Stein" wie Hefe wirkt, d. h. daß
eine kleine Menge davon eine große Menge Metall umwandeln kann.
Dieser Vergleich, der schon in alter Zeit gemacht wurde, ist ganz klar
und läßt an die modernen Kenntnisse von den Wirkungen der Fermente,
und auch der anorganischen Katalysatoren (z. B. feinverteiltes Platin)
denken. Nimmt man einmal an, die Metalle seien zusammengesetzte Körper,
so könnte man sich vorstellen, daß, durch katalytische WirKung, Spaltung,
Abbau, und andererseits Synthese möglich wäre. Der „Stein der Weisen"
wäre dann ein Katalysator.
Er konnte, nach den Berichten der Alchemisten in verschiedener
Stärke dargestellt werden. Geber z. B. unterscheidet eine Medizin erster,
zweiter und dritter Ordnung. Nur die letztere war die eigentliche in
Gold umwandelnde Tinktur.
Der höchste Grad der Medizin, ein Präparat, das jedes Metall in
jedem Mengenverhältnis in Gold umwandeln sollte, wurde in späterer
Zeit „Universal" genannt, ein geringerer Grad Partikular. Die 'Tinktur
wurde auf das erhitzte oder geschmolzene Metall geworfen, meist in
Wachs oder Papier gehüllt, um das Verbrennen oder Zerstäuben des
Präparates, vor seiner Wirkung, zu vermeiden.
über die Gewinnung, die „Projektion" des „Steins" gibt es, wie über
das ganze Gebiet der Alchemie, eine ungeheure Literatur. Nur weniges
davon galt bei den Kennern als brauchbar. Die Angaben werden an den
entscheidenden Stellen immer unklar, denn der Adept, der Besitzer der
Kunst, sprach und schrieb nur in versteckten Worten über das Geheimnis,
dessen Preisgabe an Unbefugte nur Unglück bringen konnte.
Wie schon erwähnt wurde, sind die Grundstoffe der Metalle, nach
der älteren alchemistischen Auffassung, Quecksilber und Schwefel.
Der eigentliche Metall- und Edelmetall-Charakter war durch den
Grundstoff „Quecksilber" gegeben. Wenn es also gelingt, dieses eigent-
liche Prinzip des Silbers und Goldes zu isolieren und auf unedle Metalle,
z. B. Blei, zu übertragen bzw. mit ihnen zu verbinden, so müssen sie
selbst veredelt und in Silber und Gold umgewandelt werden.
Dieser Stoff, der am besten aus dem Gold selbst gewonnen wird,
in welchem er ja am reichlichsten enthalten sein muß, wird verschieden
bezeichnet. Von Geber z. B. Merkur, Lapis, „Unser Stein", „Unser
Quecksilber" usw. Auch der Ausdruck Az oth bedeutet meist nichts
Die Alchemie. 21

anderes. Er ist übrigens aus dem arabischen Worte Zawuk (mit dem
Artikel al) Quecksilber, entstanden.
Nach G- eher werden die unedlen Metalle, z. B. Blei, Zinn, „präpa-
riert", d. h. es werden gewisse Salze hergestellt. Andererseits wird
das Gold „präpariert" und der erwähnte „Merkur" aus ihm gewonnen.
Durch die Vereinigung dieser Präparate entsteht dann erst die „Medizin"
— durch deren Wirkung die eigentliche Veredlung vor sich geht. Wenn
man den „Merkur" aus dem Golde gewinnen, isolieren will, muß man
das Gold in seine Bestandteile zerlegen. Die Alchemie behauptet das zu
können, im Gegensatz zur modernen Chemie. Es geschieht z. B. durch
die „Putrefactio" — die „Fäulnis" des Goldes.
Soviel über die Anschauungen und den Sinn der Alchemie. Die hier
angedeuteten Theorien sind im Verlaufe vieler Jahrhunderte im Prinzip
etwa die gleichen geblieben, erscheinen aber in der älteren Literatur
klarer und ursprünglicher, als etwa in der letzten Zeit der Alchemie,
z. B. im 17. und 18. Jahrhundert, wo allzuviel mißverstanden und ver-
wirrt wurde.
Auf die Geschichte dieser merkwürdigen Wissenschaft, die für viele
bedeutende Männer etwas Sicheres, Feststehendes war, auf ihre Stellung
bei den Arabern und ihre Ausbreitung in Europa, kann hier ebensowenig
eingegangen werden, wie auf die praktischen Methoden der Alchemisten,
und es muß auf die alte Literatur und auf die modernen Handbücher
usw. verwiesen werden 1).
Das Studium der alchemistischen Literatur, besonders der Älteren
bietet schon durch die eigenartige Verbindung chemischer, naturphilo-
sophischer und zum Teil mystischer, religiöser Gedanken — von Späteren
seien die Rosenkreuzer erwähnt — außerordentlich viel Wichtiges. Das
Gebiet der Alchemie ist nah rätselhaft genug und enthält' noch viele
unklare Dinge, die den Forscher dazu führen müssen, sich nicht nur mit
historischen Zusammenhängen, Schulen und Persönlichkeiten zu beschäf-
tigen, sondern mehr als bisher das eigentliche Wesen und die Leistungen
der Alchemie zu ergründen.

1 ) Ich nenne die Werke von H. Kopp, B er th el o t, E. v. Lippmann „Ent-


stehung und Ausbreitung der Alchemie' 1919. Ders elb e: Abhandlungen und Vor-
träge, sowie „Beiträge zur Geschichte der Naturwissenschaften" usw. Berlin 1923.
Die Schriften von J. kus k a uber arabische Alchemisten usw., Heidelberg 1924.
E. Darmstädter, „Die Alchemie des Geber", Berlin 1923. Die Abhandlungen
von E. Wiedemann, sowie eine interessante kunsthistorische Schrift, die auf
Alchemie Bezug nimmt : Hart 1 au b, Giorgiones Geheimnis. München 1925.
22 R. Tischner.

Zur Methodologie des Okkultismus.


Von Dr. med. Rudolf Tischner, München.
(Eingesandt am 28. Februar 1925.)
Wenn man die Erörterungen über die metapsychischen Phänomene,
wie sie vor fünfzig Jahren üblich waren, mit denen vergleicht, die heute
an der Tagesordnung sind, so sieht man einen recht geringen Fortschritt;
trotz der seitdem geleisteten Arbeit sind die Einwände ungefähr dieselben
wie damals und die beiden Parteien stehen sich recht verständnislos und
auch ohne viel Aussicht auf Verständigung gegenüber. Auf der einen
Seite stehen diejenigen, die von einer ganzen Anzahl Phänomene fest
überzeugt sind und sowohl die Realität der p a rapsyc his c h en Phä-
nomene, wie Telepathie und Hellsehen anerkennen, als auch die p ar a-
phy sis ch en, wie die Materialisation und die Telekinese. Wir finden,
wenn wir von den Fachgelehrten dieses Spezialgebietes absehen, Phi-
losophen wie Driesch, Österreich, Messer, Gutberlet, den
Berliner Zoologen Zimmer, den Münchener Kriminalisten van Ca lk e r
und zahlreiche andere angesehene Gelehrte für die Wirklichkeit der
Phänomene, sei es auf Grund von eigenen Erlebnissen, sei es auf Grund
des Literaturstudiums, eintreten. Von ausländischen Gelehrten nenne ich
unter anderen den Nobelpreisträger 0. Lodge (Physiker), F 1 am marion
(Astronom), .R i ehet (Physiologe), Morseil i (Psychiater), Willi am
J am es (Philosoph), Bergs on sowie M a et e rl in c k. Auf der andern
Seite steht die große Zahl derer, die in dem Ganzen nur ein Gewebe
von Betrug, Irrtum, Täuschung und falscher Deutung sehen. Ihnen allen
genügen die vorliegenden Berichte nicht, um die Phänomene anzuerkennen,
sie zerpflücken die Arbeiten so lange, bis von dem Ganzen nur ein Haufen
widerlegter Argumente übrig ist. Es steht also Behauptung gegen Be-
hauptung. Auf der einen Seite diejenigen, die fest behaupten, es gibt
diese Erscheinungen, auf der anderen Seite die Verneiner, die behaupten,
daß kein Phänomen als bewiesen angesehen werden kann. Die Gegner
werfen den Anhängern Kritiklosigkeit und Mangel an intellektuellen
Fähigkeiten vor, was die Anhänger mehr oder weniger erwidern, zumal
aber sind diese geneigt, dem Gegner den guten Glauben abzusprechen.
Was den Mangel an Kritik angeht, so werden wir im Laufe dieser
Arbeit sehen, wo der wirkliche Mangel an echter Kritik in unserem
Falle steckt, und was die mangelnden intellektuellen Fähigkeiten angeht,
so sind gewiß die Köpfe, die sich für die Realität der Erscheinungen
ausgesprochen haben, wohl kaum denen unterlegen, die die Wirklichkeit
b es treiten; wir finden darunter eine große Menge von Köpfen, die in
der Wissenschaft sonst den besten Ruf haben. Was nun den Vorwurf
angeht, dem Gegner fehle der gute Glaube, so meine ich, sollten die
Anhänger mit dieser Meinung zurückhaltender sein. Gewiß gibt es Ge-
lehrte, die sich aus irgendwelchen unsachlichen Gründen nicht entschließen
können, "ja" zu den Erscheinungen zu sagen, sei es, daß eine gewisse
Zur Methodologie des Okkultismus. 23

Unentschlossenheit oder gar Feigheit sie daran hindert, zu den verpönten


Dingen „ja" zu sagen, sei es, daß sie infolge weltanschaulicher Gründe
sich nicht zur Anerkennung entschließen können, sei es, daß sie „Recht
behalten" wollen ; aber man sei im allgemeinen mit dem Vorwurf des
schlechten Willens vorsichtig. Ein Gelehrter, der die Metapsychik anerkennt,
der Zoologe Professor Zimmer sagte einmal: „Keiner der zahlreichen,
in der Literatur niedergelegten Berichte über Sitzungen mit Medien,
konnte mir eine feste Überzeugung bringen, trotzdem ich durchaus nicht
fanatisch ablehnend der Frage gegenüberstand. Erst das eigene Erleben
brachte das zustande. So kann ich es auch niemandem übelnehmen, der
ebenso denkt, wie ich gedacht habe, und kann die Skepsis begreifen" ').
Wir werden später sehen, ob dieser Standpunkt Zimmers berechtigt
ist, aber gewiß ist er psychologisch verständlich. Die Ansicht Zimmers
ist jedenfalls für die Anhänger insofern beherzigenswert, daß sie nicht
ohne weiteres jedem Gegner den guten Glauben absprechen sollten. Es
ist genug in den letzten Jahrzehnten hin- und hergestritten worden, ohne
wesentlichen Erfolg, man steht auf so verschiedenen Standpunkten, daß
man sich kaum versteht, und ohne daß die beiderseitigen Behauptungen
irgendwie miteinander vereinbar wären. Es liegt deshalb wohl die Ver-
mutung nahe, daß in den Grundvoraussetzungen etwas nicht stimmt, so
daß man aneinander vorbeiredet und man noch nicht einmal in den
Grundfragen miteinander einig geworden ist. Fast immer hat man unter
stillschweigender Voraussetzung gewisser Grundüberzeugungen um die
einzelnen Tatsachen gestritten, ohne zum Ziel zu kommen. Vielleicht
kommen wir weiter, wenn wir einmal nicht am Boden der Tatsachen
hinkriechen, die nur die Aussicht beengen, und wenn wir nicht in kurz-
sichtiger Kritik der einzelnen Phänomene das tausendmal Gesagte wieder-
holen, sondern wenn wir uns im Fluge einmal über die kleinlichen
Tatsachen und den oft noch kleinlicheren Tatsachenstreit erheben und
von höherer — den meisten wohl zu luftig erscheinender — Warte
versuchen, die Dinge von einer neuen Seite zu sehen, ohne daß man den
Wahl vor Bäumen nicht sieht und im Gestrüpp der Tatsachen hängen bleibt.
Damit sollen die Tatsachen nicht gering geschätzt werden, ich glaube
aber, nachdem man sich eine Übersicht verschafft hat, wird es leichter
zu sehen sein, wo das Ziel der Forschung und damit der Diskussion liegt.
Vielleicht ist es zweckmäßig, in dieser Zeitschrift zuerst ganz kurz
meinen Standpunkt zu kennzeichnen: Ich bin auf Grund eigener Er-
fahrung auf allen Hauptgebieten, wie Telepathie, Hellsehen, Fernfühlen,
Telekinese und Teleplastik zu einer positiven Stellungnahme gelangt, ohne
daß ich den Sachen kritiklos und gläubig gegenübergetreten bin. (Näheres
siehe meine Schriften, besonders „Einführung in den Okkultismus ",
München 1923; „Telepathie und Hellsehen", München 1921; „Geschichte
der okkultistischen Forschung", Pfullingen 1924).

1 ) v. Schien ek-Notz i lig, Experimente der Fernbewegung. Stuttgart 1924, S. 82.


24 R. Tischner.

Betrachten wir einmal die Gegner, unter denen es zahlreiche Ab-


stufungen gibt. Die Extremsten sind wohl die Aprioristen, von denen
ich aus vergangenen Zeiten z. B. Helmholtz anführe, der zu dem
Physiker B arr et t einst sagte: „Die Telepathie gibt es nicht, denn sie
ist unmöglich." Diese Behauptung setzt voraus, daß wir die Naturgesetze
alle schon irrtumslos und vollständig kennen. Da wir das nicht behaupten
und noch weniger beweisen können, erledigt sich im Prinzip der Einwurf,
und wir dürfen zur zweiten Gruppe übergehen, zu denen, die behaupten:
„Ehe ich das nicht selbst erlebe, kann ich diese Dinge nicht annehmen."
Hierin spricht sich eine überschätzung der eigenen Beobachtungsfähigkeit
im Gegensatz zu der aller Anderer aus, die früher sich mit dem Gebiete
beschäftigt haben, so daß man diese Einstellung als methodisch nicht gerecht-
fertigt ansehen kann. Und diese Stellungnahme wird auch nicht richtig,
wenn man sagt, in der Wissenschaft gelte nur das, was man jederzeit
jedenorts jedermann vorführen könne. Von manchen Einwänden, die wir
später besprechen werden, abgesehen, stimmt dieser Einwand nicht einmal
in so exakten Wissenschaften wie der Astronomie. Ich kann z. B. nicht
den Venusdurchgang jederzeit demonstrieren, und wenn ,ich eine Sonnen-
finsternis studieren will, kann es mir passieren, daß die Sonne hinter
Wolken sich verbirgt. Also in dieser Allgemeinheit stimmt der Einwand
gar nicht. Eine dritte Gruppe sagt, solange gewisse Phänomene nur im
Dunklen vor sich gehen, könne man diese Erscheinungen nicht anerkennen,
ein Einwand, der bekanntlich dadurch widerlegt wird, daß es nicht von
vornherein angeht, die Bedingungen vorzuschreiben, auch sonst gehen
gewisse Erscheinungen, wie bei der Photographie und manche Wachs-
tumsvorgänge, nur im Dunkeln vor sich; außerdem trifft der Einwand
in dieser Allgemeinheit nicht zu, indem manche Telekinesen schon im
Hellen sich ereignet haben. Endlich gibt es eine Gruppe, die sich
schließlich auch auf Versuche im Dunkeln einlassen würde, die aber die
bisherigen auf diese Weise erzielten Ergebnisse nicht anerkennen will ;
mit dieser Gruppe werden wir es hauptsächlich zu tun haben.
Bevor ich jedoch auf die Methodologie, besonders in Hinsicht auf
die Ansichten letzterer Gruppe eingehe, sei vorher noch ein Punkt erörtert,
der es gerade auf unserem Gebiete so erschwert, auf Grund möglichst
einwandfreier Methodik und sachlicher Erörterung zu sicheren allgemein
anzuerkennenden und anerkannten Ergebnissen zu kommen ; es ist die
Schwierigkeit, die ganze Frage losgelöst von allen möglichen affekt-
betonten Problemen zu studieren. Denn auch in der Wissenschaft gilt
bis zu einem gewissen Grade, um mit Schopenhauer zu reden, der
„Primat des Willens " , d. h. unser Denken ist sehr schwer von allen
Beeinflussungen durch unser Wollen und Wünschen rein zu halten. Wie
der geistreiche Zoologe P auly in seinen „ Aphorismen" einmal sagt :
„Sie sind mit den Gründen leicht zufrieden, wenn ihnen nur die Be-
hauptungen gefallen".
Was der Mensch wünscht, das glaubt er gern; was sich leicht in
den Rahmen seiner bisherigen Anschauungen einfügt, prüft er nicht mit
Zur Methodologie des Okkultismus. 25

solch unerbittlicher Sachlichkeit wie das, was sich nicht einfügt; ja bei
letzterem wird er häufig nicht rein sachlich prüfen, sondern im Gegenteil,
nach der andern Seite zu weit gehen und statt mit sachlichem Ur teil
mit Vorurteil die Angelegenheit entscheiden, indem er nicht, wie es
die Sache eigentlich erfordern würde, die für eine Sache sprechenden
Gründe auf die eine Wagschale tut und die dagegensprechenden auf die
andere und beide je nach ihrer Gewichtigkeit wertet; einige dagegen-
sprechende Argumente fallen allzu leicht überhaupt unter den Tisch und
die anderen werden nicht in ihrem vollem Gewicht berechnet, sondern
leichter genommen als sie es verdienen würden').
Bis zu einem gewissen Grade ist das eine allgemein menschliche
Eigenschaft, und sie ist auch verständlich, ja, bis zu einem gewissen
Grade vielleicht berechtigt. Denn wenn man von einer Sache eine be-
stimmte Meinung hat, so wird man von vornherein die dagegen sprechenden
Gründe nicht so stark werten, als die dafür sprechenden, da man sich
schon eine feste Meinung gebildet hatte. Zu verlangen ist nur, daß man
trotzdem sich vorurteilslos mit der Sache beschäftigt und nun nicht
wirklich seine Meinung von vornherein für fest und unerschütterlich hält.
Aber abgesehen von dieser sozusagen logischen Wertung sprechen bei
dieser Wertung meist noch andere unsachliche und gefühlsmäßige Gründe
mit. Das ist schon bei gleichgültigen Themen der Fall, indem der Forscher,
falls er sich innerlich oder gar vor der Öffentlichkeit festgelegt hat, sich
nur schwer dazu entschließen kann, seine liebgewordenen Ansichten
aufzugeben, falls er nicht gar unbedingt Recht behalten will.
Noch schwerer ist natürlich eine völlig objektive Haltung des Forschers.
wenn irgendwelche anderen Affekte, Gemütsmomente wie weltanschauliche
Momente eine Rolle spielen.
Hätte ausschließlich die evissenschaftliche Objektivität das Wort
gehabt, so wäre z. B. vor 65 Jahren die Anerkennung der Darwinschen
Selektionstheorie nicht so schnell erfolgt, wie es der Fall war. Sie paßte
aber in das mechanistische Weltbild, ja, sie war der Schlußstein in dem
Gebäude des Mechanismus, indem nun auch die Zweckmäßigkeit der
organischen Welt, die bisher immer der mechanistischen Erklärung ge-
trotzt hatte und irgendwie einen psychischen Faktor zu fordern schien,
auf rein mechanischem Wege erklärbar schien. In dieser affektiv betonten
Einstellung zugunsten einer mechanistischen Anschauung übersah man
die dagegen sprechenden Momente, oder wertete sie jedenfalls zu niedrig,
und es bedurfte einer Arbeit von Jahrzehnten, um das damals Versäumte
nachzuholen. Denn es ist nicht so, wie man wohl manchmal sagt, daß
man auf Grund des damaligen Wissens zu diesen Schlüssen kommen
.

mußte, und erst auf Grund der späteren Forschungen die Unhaltbarkeit
der Selektionstheorie einsehen konnte; Leute wie Karl Ernst von Baer,
der Botaniker Wigand und besonders der Philosoph Eduard von
1 ) Über diese nicht objektive Einstellung des Menschen hat vor einigen Jahren

der Züricher Psychiater BI euler ein lesenswertes Buch geschrieben: „Das autistisch-
undisziplinierte Denken in der Medizin". Berlin 1919.
26 R. Tischner.

Hartmann zeigten schon in den 60er und 70er Jahren das Unhaltbare
der Selektionstheorie, aber sie drangen nicht durch, da ihre Argumente
bei all ihrer Richtigkeit wegen der affektiven Einstellung der Gegner
nicht anerkannt wurden. Dieses Beispiel diene als Vorbild für das, was
wir in verstärktem Grade jetzt beim Okkultismus erleben. Denn kaum
eine Frage der Wissenschaft ist mit solchen unsachlichen, affektiven
Momenten belastet, die ich jedoch nur kurz andeuten kann, ohne auf
die weltanschauliche Bedeutung der Metapsychik hier näher eingehen zu
können. Auf der einen Seite stehen die Vertreter der positivistischen,
mechanistischen Wissenschaft, die fürchten, daß die Metapsychik ihre
liebgewordenen Ansichten ihnen rauben und sie in die Gefilde der
„Mystik" und des Irrationalismus führen könne, deshalb tritt man der
Metapsychik mit mehr oder weniger unverhohlenem Mißtrauen entgegen
und stellt Beweisforderungen, die man auf andern Gebieten nicht erhebt.
Auf der andern Seite stehen diejenigen, die auf dem Okkultismus eine
mystische Weltanschauung aufbauen, ohne geprüft zu haben, ob er denn
nun wirklich eine tragfähige Grundlage dafür abgeben kann. Beide also
reagieren affektiv auf die im Okkultismus angeblich ver'borgene Mystik.
Mir scheint das nun von beiden Seiten voreilig zu sein, ich glaube früher
(Psych. Studien, 1924, Nr. 1 und 2) gezeigt zu haben, daß vorerst kein
Anlaß zu der Annahme vorliegt, daß der Okkultismus im Prinzip
„mystisch" oder irrational ist, mag auch zur Zeit vieles in ihm für unser
heutiges Wissen nicht recht erklärlich sein. Es liegt meiner Ansicht kein
Anlaß zu der Meinung vor, daß der Okkultismus wesentlich irrationaler
sei, als sonstige Wissenschaften, in denen ja, was man häufig übersieht,
gleichfalls starke nichtrationale Elemente vorhanden sind.
Die Gegner des Okkultismus werfen nun vielfach den Anhängern des
Okkultismus vor, sie hätten eben den Glauben an die okkulten Phäno-
mene und deshalb sei mit ihnen schwer über diese Erscheinungen zu
diskutieren, da man sich diesen Glauben nicht rauben lassen wolle. Da-
gegen ist nun manches zu sagen. Gewiß ist zugegeben, daß viele An-
hänger des Okkultismus stark affektiv eingestellt sind, zumal soweit sie
darin einen Beweis für das Fortleben nach dem Tode erblicken. Aber
von den Forschern gilt das keineswegs in diesem Ausmaße, ja in Deutsch-
land ist keiner der angesehenen Forscher Spiritist, man treibt vielmehr
diese Untersuchungen ebenso sachlich wie auf jedem andern Gebiete. Wir
werden hier nicht mehr affektives Denken voraussetzen dürfen, als man
auch sonst — wie oben dargelegt — auf andern Gebieten findet, indem
man das zu den sonstigen Ansichten Stimmende leichter annimmt als das,
was ihnen widerstreitet und jeder nur ungern seine früher geäußerten
Ansichten widerruft. Aber man darf weiter gehen und den Spieß um-
drehen, indem man behauptet, daß sogar bei den Gegnern ein höheres
Maß von affektivem Denken vorhanden ist als bei den Anhängern. Denn
bei diesen finden wir eine Anzahl Gelehrter, die sich zum Okkultismus
bekannt haben, nicht weil er zu ihren Ansichten paßte, sondern ob-
wohl er ihnen wi de rsp r a c h. Diese negativ affektive Einstellung fehlt
Zur Methodologie des Okkultismus. 27

aus begreiflichen Gründen bei den Gegnern, so daß bei diesen also ein
Plus an positiv affektiver Einstellung gegen die Metaphysik besteht.
Wir sehen also, daß abgesehen davon, daß es überhaupt methodisch
falsch ist, schon bei der Tatsachenfrage die theoretischen Erklärungs-
möglichkeiten mit hineinspielen zu lassen, es zur Zeit zum mindesten ver-
früht ist, das Gebiet deshalb abzulehnen, weil es angeblich irrational oder
„mystisch" ist. Weiter sahen wir, daß affektives Denken bei den For-
schern, die für die Realität der Erscheinungen eintreten, zum mindesten
keine größere Rolle spielt als bei den Gegnern, eher das Gegenteil.
Nach Klärung dieser Vorfragen sei nun auf die Methodologie näher
eingegangen. Ein Blick in die Literatur zeigt, daß hier in der Be-
urteilung von Versuchen die größten Unterschiede bestehen. Der eine hält
Versuche für beweisend, bei denen der andere starke Fehler findet und
dabei kann man nicht von vornherein dem einen „Gläubigkeit" und
mangelnde Intelligenz vorwerfen und den andern nicht ohne weiteres des
bösen Willen bezichtigen. Es erhebt sich also die Frage, was für An-
sprüche muß man an Versuche stellen, um sie als beweisend anerkennen
zu können, wo ist der Zweifel berechtigt und wo schießt die Zweifelsucht
über das Ziel hinaus ?
Die Methodologie des Beweisverfahrens ist je nach den Wissenschaften
verschieden., Gewisse Tatsachen der Mathematik und Logik sind apriorisch,
sie sind einem Beweise gar nicht zugänglich und bedürfen dessen auch
nicht, weil sie in der Struktur des Geistes selbst begründet sind. Von
diesen apriorischen Sätzen anfangend geht die Mathematik vielfach rein
deduktiv vor. Es ist von vornherein klar, daß in der modernen Meta-
psychik diese Methode nicht am Platze ist, indem man etwa aus dem Be-
griff eines Geistes deduziert, was er für Eigenschaften hat und was er
infolgedessen leisten kann. Diese Methodik müssen wir den gläubigen
Spiritisten überlassen. Für uns handelt es sich darum, auf Grund von
Erfahrungen unserer Sinne induktiv die Tatsachen festzustellen. Nun
gibt es verschiedene Arten von Wissenschaften, die sich auch durch ihre
Methodik vielfach unterscheiden. Es fragt sich also, wohin gehört die
Metapsychik?
Bevor wir aber auf diese Frage eingehenL können, muß ich zuerst
allgemein über die Einteilung der Wissenschaften sprechen, erst auf Grund
dieser allgemeinen Darlegungen wird klar werden, was die Metapsychik
ist, und was man von ihr in methodologischer Hinsicht zu halten hat.
Besonders die beiden Heidelberger Philosophen Wind elb and und
Rickert haben eindringende Arbeit auf diesem Gebiete geleistet. Windel-
band kam auf Grund seiner Untersuchungen dazu, zwei Arten der Wissen-
schaft zu unterscheiden, die er „nomothetische" und „idiographische"
nannte. Der erste Name drückt aus, daß wir es hier mit Wissenschaften
zu tun haben, die ihre Hauptaufgabe darin sehen, Gesetze aufzustellen,
man kann sie also auch „generalisierende" nennen ; es ist im wesentlichen
die Naturwissenschaft, die so eingestellt ist. Das einzelne Ereignis —
z. B. der Fall eines Steines — interessiert sie als solches gar nicht,
28 R. Tischner.

sondern nur insofern, als dies Ereignis sich unter ein Gesetz einordnen
läßt. Die idiographischen Wissenschaften haben es dagegen mit den
Einzelgeschehnissen zu tun, man kann sie also auch als „individuali-
sierende" bezeichnen. Diese individualisierende Einstellung finden wir
besonders ausgeprägt in den Geschichtswissenschaften. Hier interessiert
das einzelne Ereignis, soweit es irgendwie von Bedeutung ist. So er-
forscht die Geschichte z. B. die einzelnen Handlungen von Wallenstein,
handle es sich um eine Schlacht oder um diplomatische Verhandlungen
mit dem Kaiser oder den Schweden.
Aber diese Zweiteilung in die kausalforschende und Gesetze suchende
Naturwissenschaft und die den Einzelfall untersuchende und beschreibende
Geschichtswissenschaft ist doch recht schematisch und greift nicht durch.
Denn auch in den Naturwissenschaften hat man es nicht selten mit der
Erforschung von Einzeltatsachen zu tun, wie z. B. bei der Mondforschung,
andererseits sind aber auch in den sog. Geisteswissenschaften starke nomo-
thetische Bestandteile nachzuweisen, indem der Philologe etwa Sprach-
gesetze aufstellt, und auch in der Geschichte kann ich versuchen, Ge-
setze aufzustellen und Gemeinsamkeiten zu finden, so kann ich z. B. an
Wallenstein nicht die Einzelhandlung zum Ziele meines Forschens machen,
sondern ich kann Wallenstein als einen Typus, also als Vertreter eines
Allgemeinen ansehen und kann etwa das Gemeinsame und die Unterschiede
zwischen ihm und den italienischen Condottieri untersuchen.
Da diese Unterscheidung in Natur- und Geschichtswissenschaften
nicht durchgreifend ist, sich vielmehr beide Methoden in beiden Wissen-
schaftsarten anwenden lassen, so kommt man zu dem Ergebnis, daß es
sich nicht um zwei scharf unterschiedene Wissenschaftsarten handelt,
sondern um zwei verschiedene Einstellungen, die auf die meisten
Gegenstände anwendbar sind, vielfach wird je nach Art des in Rede
stehenden Gegenstandes bald die eine, bald die andere Methode zweck-
mäßiger und ergiebiger sein, bald werden auch beide mehr oder weniger
gemischt zur Anwendung kommen können oder müssen. Die nomotheti-
sehe Methode spielt aus innern Gründen in den Naturwissenschaften die
überwiegende Rolle, während in den Geschichtswissenschaften die idio-
graphische ein großes Anwendungsbereich hat.
Man hat diese methodologischen Untersuchungen noch weitergeführt,
ich kann aber in diesem Zusammenhange darauf naturgemäß nicht ein-
gehen; da wir jedoch gelegentlich auch andere Namen gebrauchen werden,
sei hier wenigstens gesagt, daß man die Wissenschaften von etwas andern
Gesichtspunkten aus auch in Real- und Geisteswissenschaften oder auch
Natur- und Kulturwissenschaften eingeteilt hat, die sich nicht mit den
nomothetischen und idiographischen decken ; in allen diesen Einteilungen
haben wir aber den Versuch, einen zweifellos vorhandenen Unterschied zu
fixieren. (Vgl. E. B eche r, Geisteswissenschaften und Naturwissenschaften,
München-Leipzig 1921.)
Wenn wir nun auf die Psychologie im allgemeinen und die Meta-
psychik im besonderen übergehen, so haben wir es in der Psychologie
Zur Methodologie des Okkultismus. 29

an sich mit einer Geisteswissenschaft zu tun, aber man würde sich täuschen,
wenn man von vornherein annehmen würde, auch die Methodik sei die
geisteswissenschaftliche. Wie erinnerlich, tobte vor einigen Jahren ein
wissenschaftlicher Streit darüber, ob man die Psychologie zu den Natur-
oder den Geisteswissenschaften rechnen müsse. Schon die Tatsache, daß
darüber ein Streit entstehen konnte, zeigte, daß die Sachlage nicht ganz
einfach ist, und wir können hier auch nicht näher darauf eingehen, es
genüge uns die Feststellung, daß zahlreiche Forscher die Psychologie als
eine Geisteswissenschaft ansehen, was bei einer Wissenschaft vom Geiste
eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein sollte, aber der Tatbestand
wurde dadurch verdunkelt, daß die Psychologie zweifellos einen stark
naturwissenschaftlichen Einschlag in bezug auf ihre Forschungs m eth o dik
hat, der besonders in der Psychophysiologie hervortritt.
Was die Metapsychik im besonderen angeht, so liegen die Verhält-
nisse hier wieder etwas anders. Wenn wir rein die wahrnehmbaren
Phänomene betrachten, so haben wir es vielfach mit anscheinend rein
physischen Geschehnissen zu tun, wie irgend einem physikalischen Er-
eignis, indem sich telekinetisch ein Gegenstand bewegt oder dgl. Aber
es ist wohl keine willkürliche Deutung, sondern ein durch alles, was wir
von diesen Dingen wissen, aufgedrängter Schluß, daß alle diese Erschei-
nungen durch die Psyche des Mediums hervorgebracht werden, wenn auch
direkt davon meist keine Kunde zu erhalten ist, da diese psychische
Verursachung im Unterbewußtsein verläuft und uns das Medium im Ober-
bewußtsein keine Auskunft darüber geben kann. Wir haben es also wie
in der Psychologie und andern Wissenschaften mit einer Geisteswissen-
schaft zu tun, indem es sich nicht — wie etwa in der Physik — um
rein materielle, physische, sondern um psychisch bedingte Vorgänge handelt,
-

wie in andern Geistes- und Kulturwissenschaften, die es auch vielfach


nicht mit dem Geiste an sich zu tun haben, sondern in erster Linie mit
physischen Gegenständen wie etwa Schriftstücken, Bauten u. dgl., die
aber in letzter Linie auf eine geistige Tätigkeit zurückgeführt werden
müssen.
Im Gegensatz wiederum zu diesen handelt es sich in der Meta-
psychik, wenn wir von den übernormal erzeugten Klopflauten absehen,
soweit sie zu Verständigungszwecken und Mitteilungen dienen, bei den
paraphysischen Erscheinungen meist nicht um geistige Wirkungen und
Erzeugnisse, wie Schriftstücke, Kunstwerke und dergleichen, deren Sinn
und Bedeutung untersucht werden soll, sondern um psychisch bedingte
physische Ereignisse, wie etwa Schweben eines Gegenstandes, dem an
sich kein Sinn zukommt, dessen Bedeutung vielmehr darauf beruht, daß
-

diese Bewegung auf ungewöhnlichem Wege erzeugt worden ist, indem etwa
eine Violine sich vom Tische hebt, ohne daß anscheinend sich eine nor-
male Ursache nachweisen läßt. Es gilt also bei diesen paraphysischen
Ereignissen, die besonderen physikalischen und in letzter Linie psychischen
Bedingungen zu untersuchen.
Wir werden also erwarten können, in der Metapsychik eine Mischung
30 R. Tischner.

von naturwissenschaftlicher und geisteswissenschaftlicher Forschung zu


finden, wobei, da es sich vorerst im wesentlichen um die Erforschung
der physikalischen Bedingungen handelt, die naturwissenschaftliche Metho-
dik vorwiegen wird, und in der Tat wird die Forschung in der Meta-
psychik ganz von naturwissenschaftlichen Gesichtspunkten beherrscht.
Wir haben es also, wie nicht anders zu erwarten, auch in dieser metho-
dologischen Hinsicht in der Metapsychik mit einer ausgesprochenen
„Grenzwissenschaft" zu tun, indem wir in ihr eine Geisteswissenschaft
mit sehr starkem naturwissenschaftlichem Einschlag haben, etwa wie man
es bei der physiologischen Psychologie findet.
Um noch einige Worte über die parapsychischen Phänomene zu
sagen, so haben wir dabei von vornherein psychische Phänomene vor
uns, die allerdings auch vielfach unterbewußt verlaufen, wodurch die rein
psychologische Forschung vielfach erschwert, ja unterbunden wird. Soweit
es sich um Experimente handelt, stehen auch hier vielfach naturwissen-
schaftliche Methoden im Vordergrund, wenn auch z. T. infolge der grös-
seren tbersichtlichkeit der Versuchsbedingungen und des Fehlens phy-
sikalischer Erscheinungen die rein physikalischen Fragestellungen nicht
eine solch große Rolle wie bei den paraphysischen Erscheinungen spielen.
Wir sehen also schon bisher, daß die Metapsychik nicht als reine
Naturwissenschaft angesehen und betrieben werden kann. Dazu kommt
aber als Wichtigstes noch ein anderer eigentümlicher Umstand, der es
nicht gestattet, die Metapsychik rein als Naturwissenschaft zu betreiben,
es ist die Eigenart ihres Materials. Die Medien sind selten, infolgedessen
ist es meist nicht möglich, wie es sonst in der Naturwissenschaft üblich
ist, die Angaben eines Forschers durch eigene Untersuchungen nachzu-
prüfen, wie etwa der Chemiker das betreffende Ausgangsmaterial nimmt
und an ihm untersucht, ob die Angaben des andern Forschers richtig sind,
und wie es auch der Physiker und der Biologe tut. Das ist in der Meta-
psychik wegen cler Seltenheit der Medien meist nicht möglich; und falls
ein anderer Forscher auch über ein Medium verfügt, dann wird er in den
seltensten Fällen bei einer Nachuntersuchung an ihm zu bindenden
Schlüssen über das Medium des früheren Forschers kommen können, da
kein Medium dem andern gleicht und infolge dieses individuellen Faktors
ein zwingender Schluß von dem einen Medium auf das andere selten ge-
macht werden kann. Infolgedessen ist man also meist darauf angewiesen,
die Angaben des Forschers kritisch zu analysieren.
Man hat es also bei dieser Analyse mit früheren, abgelaufenen Ge-
schehnissen zu tun, die uns nur noch durch die Berichte zugänglich
sind, es ist mithin hier nicht die experimentelle naturwissenschaftliche
Forschung möglich, hier ist vielmehr dieselbe Methode vonnöten, wie
man sie in der Geschichtswissenschaft anwendet: die Untersuchung eines
„historischen Ereignisses". Es ist selbstverständlich, daß man sich bei
dieser historischen Untersuchung auch der Methoden bedient, die sonst
in den Geschichtswissenschaften angewendet zu werden pflegen.
Zur Methodologie des Okkultismus. 31

Eine wichtige Aufgabe des Historikers ist die Quellenkritik, er muß


die Zuverlässigkeit und Vollständigkeit seiner Quellen prüfen, um auf
diese Weise zu einer Wertung des ihm zur Verfügung stehenden Mate-
rials zu gelangen. Wenn dann der Historiker nach Kenntnisnahme des
ganzen ihm zugänglichen Materials zu einer kritischen Darstellung seines
Themas übergeht, so ist es seine Hauptaufgabe, unter Verwendung des
gesamten ihm bekannten Stoffes an Urkunden und Berichten, unter
Berücksichtigung des Für und Wider ein möglichst objektives Bild zu
entwerfen, ohne einseitig gewisse Seiten zu verschweigen und anderes
ungebührlich zu betonen, wenn er als Gelehrter und nicht als Tendenz-
schriftsteller gewertet werden will.
Wenn beispielsweise der Historiker das Leben eines Staatsmannes
oder Feldherrn erforscht, und er bat es gerade mit der Darstellung und
Kritik einer Unternehmung zu tun, die schließlich unglücklich ausging,
so wird er nicht ohne weiteres seinem Helden die törichtsten Motive
unterschieben dürfen, sondern diejenigen, die auf Grund der Urkunden
und darauf beruhender sorgfältiger Analyse des Charakters, der Begabung,
seiner sonstigen Anschauung die wahrscheinlichsten sind. Wie er
den einen nicht unterschätzen darf, so darf er auch nicht den Gegen-
spieler, zu dessen Gunsten das Unternehmen ausschlug, überschätzen und
daraus einen Halbgott an Klugheit und Voraussicht machen. Auch hier
gilt es auf Grund des gesamten vorliegenden Materials zu untersuchen,
was der Gegner gewollt und was er auf Grund seiner Pläne erreicht hat.
Auch die widersprechenden Berichte von Zeitgenossen darf er nicht ein-
seitig in dem ihm genehmen Sinne verwenden, sondern so, wie die Wer-
tigkeit der Quellen und sorgfältiges Abwägen sämtlicher Momente es
nahelegt oder zu entscheiden gestattet. Bei jeder historischen Persön-
lichkeit und jedem Ereignis gibt es sich widersprechende Berichte, es
gilt aber als Kennzeichen einer Tendenzhistorik schlimmster Art, wenn
man nur das in eine Richtung weisende Material benützt und anderes
unberücksichtigt läßt. Manchmal wird man auf Grund des vorliegenden
Materials zu keiner endgültigen Entscheidung kommen können und ent-
weder die Frage völlig in der Schwebe lassen müssen oder wenigstens
nicht zu einer streng bewiesenen Auffassung kommen können.
Wenn man diese Stellung der iVIetapsychik im Rahmen der Wissen-
schaft bedenkt, dann folgt daraus, daß der Naturwissenschaftler gar nicht
ohne weiteres der Richtige ist, ein maßgebliches Urteil über die Meta-
psychik abzugeben, er wird als Nomothetiker allzu sehr zum Generali-
sieren geneigt sein, gerade so, wie wir es auf einem andern Gebiete
beobachten können: in der Medizin. Der 'herrschenden Medizin, die in
der Physik und Chemie ihre wissenschaftlichen Ideale sieht, wirft man
bekanntlich vor, daß sie vielfach zu wenig individualisiere ; diese geringe
Neigung und Fähigkeit zum Individualisieren hängt meiner Meinung nach
zweifellos mit ihrem im wesentlichen nomothetischen Charakter zusammen.
(Vgl. meine Untersuchung z. Method. d. IVIediz. Ärztl. Rundsch. 1916/17.)
Denselben ungünstigen Einfluß hat nun die rein naturwissenschaftliche
32 R. Tischner.

Betrachtungsweise der meisten Kritiker, so daß man in gewissem Sinne


behaupten könnte, daß nicht der Naturwissenschaftler, sondern der Histo-
riker — sei er nun Fachhistoriker oder Jurist, der es ja bekanntlich auch
meist mit der Untersuchung einmaliger „historischer" Ereignisse zu tun
hat — der geeignetste Kritiker der Metapsychik wäre. Jedenfalls be-
herrscht er die historische Analyse und Kritik, während das vom Natur-
wissenschaftler nicht so ohne weiteres gilt; wenigstens muß man von
letzterem verlangen, daß er sich des Unterschiedes der Methodik bewußt
wird und sich bemüht, diesem Umstande gerecht zu werden.
Der Historiker und Jurist muß bei dem zu untersuchenden Ereignis
bei jeder Einzelheit zwecks ihrer Wertung feststellen, unter welchen Um-
ständen diese oder jene Beobachtung von einem Zeugen gemacht worden ist,
wie sein Zeugnis auf Grund seiner Intelligenz, Vorbildung, geistigen Ein-
stellung und seines Interesses an dem Fall zu wägen ist. Und falls es
ein Jurist etwa mit mehreren Geschehnissen anscheinend desselben
Tatbestandes zu tun hat, so hat er zuerst festzustellen, ob denn nun
wirklich beiden Fällen der im Prinzip gleiche Tatbestand zugrunde liegt.
Der Jurist darf sich nicht damit begnügen, daß in Jaeiden Fällen an-
scheinend „eine Wegnahme einer fremden beweglichen Sache", d. h. ein
Diebstahl vorliegt. Abgesehen davon, daß es sich ja um eine falsche Be-
schuldigung handeln kann, könnte im einen Fall etwa ein „Mundraub"
vorliegen, den eine verzweifelte Mutter für ihre hungernden Kinder begeht,
im andern Fall handelt es sich vielleicht um einen Einbruchsdiebstahl
mit Totschlag einer dem Einbrecher in den Weg kommenden Person.
Immer muß die genaueste Einzelanalyse getrieben werden, die sich nicht
nur auf den äußeren Tatbestand bezieht, sondern auch auf die Umwelt,
die psychischen Beweggründe usw.
Wenn ich hier im Gegensatz zur gewöhnlichen Anschauung das
historische Moment betone, so möchte ich doch, um Mißverständnissen
zuvorzukommen, noch ausdrücklich sagen, daß ich den starken natur-
wissenschaftlichen Anteil durchaus nicht übersehe, der bei diesen For-
schungen eine Rolle spielt. Ebenso wie sich die Kriminalistik natur-
wissenschaftlicher Untersuchungsmethoden bei ihrer historischen For-
schung bedient, indem sie etwa von einem Mediziner eine Untersuchung
von Blutflecken oder vom Chemiker die Untersuchung einer Flüssigkeit
vornehmen läßt, so mischen sich auch in der Metapsychik beide Methoden,
wobei bei der Kritik früherer Versuche das naturwissenschaftliche Moment
vom historischen überwogen wird, während ersteres im Experiment nach
der Alleinherschaft strebt.
Ehe wir ins Einzelne gehen, sei noch ein anderer Punkt besprochen.
Man hat wohl gesagt — ich jedenfalls habe den Einwand in einer
wissenschaftlichen Diskussion von hervorragender juristischer Seite ge-
hört —, daß diese einseitige Stellungnahme der Gegner und Anhänger
ihr Gutes habe, sei ja auch bei der gerichtlichen Wahrheitsforschung
in einem Prozeß die Rolle des Anwalts die, alles das herauszuarbeiten,
was zugunsten seines Klienten spricht. So könne man auch in der
Zur Methodologie des Okkultismus. 33

Wissenschaft und insbesondere der Metapsychik die Rollen so verteilen,


daß der Eine die Rolle des Anwalts spielt und der Andere die Rolle des
Staatsanwalts oder des gegnerischen Anwalts, auch auf diese Weise
könne die Wahrheit gefunden werden. Ich will nun nicht verkennen,
daß in der Tat dieser Anwaltsstandpunkt auch in der Wissenschaft neue
Gesichtspunkte zutage fördern kann und dazu erzieht, daß die andere
Partei ihren Standpunkt noch klarer und unangreifbarer zu gestalten
sucht. Aber im Grunde beruht dieser methodologische Standpunkt doch
auf einer Verkennung der Wahrheitsfindung in der Wissenschaft im
Gegensatz zu der im Prozeßrecht. In letzterem ist es der Richter,
der in Parallele mit dem Forscher steht, während der Anwalt in der
Wahrheitsfindung nur eine untergeordnete Rolle spielt, indem er dem
Richter einseitig beschaffenes Material unterbreitet, der es zu seiner
Urteilsfindung benützt, sich aber durchaus über diesen einseitig dar-
gestellten Rohstoff erheben muß. In der Wissenschaft fehlt nun ein
solches Parteisystem mit darüber stehendem Richter, und wenn ein in
seinen Mitteln häufig durchaus nicht wählerischer Advokatenstandpunkt
im Prozeß bis zu einem gewissen Grade notwendig ist und jedenfalls
erträglich sein mag, ist er in der Wissenschaft fehl am Platze, wo man
eine Teilung der Funktionen in Anwalt und Richter nicht kennt und
infolge der Organisation der wissenschaftlichen Forschung auch nicht
brauchen kann. Wer in der Wissenschaft einseitig nur das für einen
Standpunkt Sprechende hervorhebt, degradiert sich eigenhändig auf den
Standpunkt des Advokaten und kann überhaupt nicht als Forscher an-
gesehen werden, sondern analog zum Anwalt nur als ein Kärrner der
Wahrheit.
Wenn wir nun die Ergebnisse unserer bisherigen Überlegungen
auf die metapsychische Forschung anwenden, so ergibt sich., daß auf
unserm Gebiet die Kritiker durchaus ohne Berücksichtigung der histo-
rischen Methodik vorgehen, indem man die Forscher nicht nach ihren
sonst gezeigten Fähigkeiten würdigt, man macht vielmehr aus ihnen
wahre Zerrbilder und dichtet ihnen vielfach ohne Grund eine Harm-
losigkeit und Mangel an Beobachtungsfähigkeit und Kritik an, die durch
das, was wir von den Forschern sonst wissen, nicht begründet ist.
Auch verstößt es gegen jede historische Methodik bei widersprechenden
Berichten anzunehmen,. daß alles höchst unglaubwürdig ist, ja daß das
Ereignis gar nicht stattgefunden hat. Es gilt eben in sorgfältiger Analyse
die verschiedenen Berichte nach ihrer Wertigkeit abzuwägen, nicht selten
ist es dem Historiker Möglich, dann doch zu einem im wesentlichen
zutreffenden Urteil zu kommen. Mit afigünstiger Einstellung und Über-
kritik, die jeden kleinsten Widerspruch und die unbedeutendste Lücke
zum willkommenen Anlaß nimmt, um alles zu entwerten, ist es möglich,
alles in Frage zu stellen. Bekanntlich gibt es ein Buch, das die Existenz
Napoleons bezweifelt und — ob im Spiel oder ernsthaft — mit an-
scheinend recht guten Gründen darlegt, daß Napoleon nie gelebt hat,
sondern nur eine Personifikation des Sonnengottes ist.
Zeitschrift für Okkultismus I. 3
34 R. Tischner.

Eine solche empiristische Überskepsis erinnert ein wenig an die


bekannte Scherzfrage, wer von den Anwesenden schon einmal einen
toten Esel gesehen habe; da alle Anwesenden verneinen, je einen ge-
sehen zu haben und der Fragende bisher noch keinen Menschen getroffen
hat, der einen gesehen hat, so wird auf Grund der vorliegenden Empirie
gefolgert, daß Esel überhaupt nicht sterben !
Im folgenden soll nun die Kritik, die man dem Okkultismus hat
angedeihen lassen, erörtert werden, soweit sie vom methodologischen
Standpunkt aus Interesse bietet, insbesondere wollen wir also unter-
suchen, wie weit die Forderungen einer individualisierenden historischen
Kritik erfüllt werden. Aber auch der Anwaltsstandpunkt soll beleuchtet
werden, da ja auch er, wie wir gesehen haben, auf einem methodo-
logischen Fehler beruht. Die Kritik soll jedoch noch etwas weiter ge-
spannt werden, indem wir uns auch mit rein naturwissenschaftlichen
Fragestellungen und Untersuchungen beschäftigen wollen, da auch hier
vielfach, ohne daß historische Gesichtspunkte eine Rolle spielen, mehr
als es bisher geschieht, eine ins Einzelne gehende Erörterung gefordert
werden muß. •
Ich werde dabei nur auf einige ältere Autoren ausführlicher ein-
gehen, während ich mir die namentliche Besprechung neuerer Arbeiten
von diesem Gesichtspunkt aus auf später verspare.
Eine Methode, mittelst deren man es vermeidet, überhaupt auf die
Versuche einzugehen, ist die, daß man irgendwelche kleinen Versehen
dazu benützt, die Arbeit zu diskreditieren, indem man sie zu grundlegen-
den Fehlern aufbläst, die angeblich die Unfähigkeit des Forschers zeigen,
so daß es sich gar nicht lohne, auf die Arbeit im einzelnen einzugehen,
oder man konstruiert durch mehr oder weniger absichtliches Mißver-
stehen einer Äußerung Widersprüche, wo für den Objektiven gar keine
Widersprüche oder jedenfalls keine Fehler irgendwie ernsterer Art vor-
handen sind, um sich dadurch einer genauen Kritik der Arbeit zu ent-
heben. Es ist klar, daß das keine objektive Stellungnahme zu unserm
Problem ist; unsere Sprache ist recht unvollkommen, auch Gesetze, bei
denen jedes Wort durch eine ganze Anzahl Instanzen filtriert wird, ent-
halten Unklarheiten, werden mißverstanden und müssen nachträglich
interpretiert werden; wenn man also will, kann man sehr vieles Ge-
schriebene mißverstehen. Wenn nicht aus der ganz en Arbeit eine große
Unklarheit und Ungenauigkeit hervorleuchtet, dann hat der Kritiker
nicht das Recht, an kleine Unvollkommenheiten, die jedem Menschen-
werk anhaften, anknüpfend, von vornherein die ganze Arbeit zu zerreißen.
Eine andere Methode besteht darin, irgendwelche schwachen Ver-
suche herauszufischen, sei es, daß der Autor wirklich gewisse Versuche
falsch und zu günstig beurteilt hat, sei es, daß es eben schwache Ver-
suche sind, wie es ja auf allen Gebieten schwache und gute Versuche
gibt. Wenn dann diese schwachen Versuche entwertet sind, glaubt der
Kritiker sein Werk getan. Er übersieht dabei vollständig, oder er will
Zur Methodologie des Okkultismus. 35

es nicht sehen, daß es methodisch falsch ist, einen guten Versuch durch
die Widerlegung eines schwachen Versuches entwerten zu wollen, falls
nicht alle Einwände, die gegen den schlechten Versuch sprechen, auch
gegen den besseren geltend gemacht werden können und nichts anderes
für ihn spricht.
In der 1VIetapsychik finden nun die Versuche aus mehreren Gründen
meist nicht unter den gleichen unveränderlichen Bedingungen statt, so daß
es also nötig ist, jeden einzelnen Versuch daraufhin zu untersuchen,
welche schwachen Seiten er darbietet. Das wird nun schon aus Raum-
gründen selten in der gebotenen Ausführlichkeit möglich sein. Infolge-
dessen ist es um so nötiger nicht die schwächsten Versuche zur
bequemen Zielscheibe seiner Kritik zu machen, sondern sich an den
Versuchen die Zähne auszubeißen, die solcher billigen Kritik keine Hand-
habe bieten. Erst an ihnen kann sich zeigen, ob die Schlußfolgerungen,
zu denen der Forscher auf Grund seiner Versuche kommt, richtig sind,
oder ob nicht auch bei diesen besten Versuchen Versuchsfehler unter-
gelaufen sind, oder die Erörterung gewisse Punkte, wie etwa den Zufall,
nicht genügend beiücksichtigt.
Man muß demnach verlangen, daß der Kritiker der Metapsychik
wie der Historiker Quellenkritik treibt, vorerst also auf Grund des ganzen
Materials zu einem Urteil über die Zuverlässigkeit und Urteilsfähigkeit
des Autors kommt, wobei die gesamte Tätigkeit des Autors in Rück-
sicht zu ziehen ist. Falls der Autor also sonst im allgemeinen Vorsicht
und Kritikfähigkeit zeigt, darf der Kritiker nicht aus ihm einen Ab-
schaum von Leichtsinn und Urteilslosigkeit machen. Immer hat der
Kritiker darauf zu sehen, ob sein Einwand auch alle Versuche trifft
oder ob bei gewissen Versuchen der betreffende Einwand durch die Ver-
suchsanordnung von vornherein ausgeschlossen ist. Nur auf diese Weise
ist die in der Wissenschaft übliche Methodik durchführbar, daß man
objektiv alle Versuche berücksichtigt.
Nun ist gewiß das Ideal absoluter Vorurteilslosigkeit und Objekti-
vität nicht erreichbar, aber man sollte wenigstens das Streben nach
diesem Ideal finden, und da muß man allerdings sagen, daß es daran
vielfach fehlt. Und ich glaube sogar, ohne die Objektivität zu verletzen,
sagen zu dürfen, daß man in den besseren für den Okkultismus sprechen-
den Schriften mehr Objektivität findet als in den entsprechenden geg-
nerischen, indem in ersteren die positiven Instanzen, die fü r die Echtheit
sprechenden Gründe gegen die dage gp n sprechenden wie Betrug, Zu-
fall usw. abgewogen werden. Und wenn auch ein ideales über den Par-
teien schwebendes Urteil zu dem Ergebnis kommen sollte, daß die Ge-
wichte nicht ganz richtig verteilt sind und das Gewicht der Gründe
nicht richtig gewertet ist, so ist doch meist die Methode wenigstens im
Prinzip richtig. Wenn wir dagegen die Schriften der Gegner darauf an-
sehen, so finden wir meist ganz einseitig das herausgehoben, was gegen
die Echtheit spricht. Vielfach stehen die Ausführungen in Verkennung
36 R. Tischner.

der methodologischen Forderungen der Wissenschaft auf der Stufe einer


Anwaltsrede oder der Schriften eines Tendenzhistorikers.
Im folgenden sei nun noch bei einigen Schriftstellern an Einzel-
beispielen gezeigt, wie einseitig in der Tat die Einstellung vielfach ist.
Das gilt z. B. von Lehmann in seinem bekannten Buche „Aberglaube
und Zauberei". Bei den Versuchen von Cr ookes an Home behauptet
er, daß sie im Grunde ganz gewöhnliche spiritistische Sitzungen gewesen
seien, in denen das Medium machen konnte, was es wollte, und die
Sitzer sich den Anordnungen des Mediums fügen mußten. Nun berichtet
allerdings Cr ookes, daß Home mehrfach die Sitzanordnung beeinflußte
und auch sonst Vorschläge machte, aber außerdem geht aus den Berichten
auch unzweideutig hervor, daß sich 110 nie vielfach Cr o okes' Anord-
nungen willig unterwarf; so berichtet Cr ook es ausdrücklich mehrfach,
daß der Versuch so lange fortgesetzt wurde, bis sich alle Anwesenden durch
Nachschauen unter dem Tisch oder dergleichen davon überzeugt hätten,
daß es ausgeschlossen war, daß Horn e die Erscheinungen auf normalem
Wege hervorbrachte 1 ).
Ganz ähnliches finden wir bei der Beurteilung der berühmten Ver-
suche von Cr o okes mit Florence Co o k. Wenn ich hier die Kritik,
die man den Versuchen hat angedeihen lassen, abfällig beurteile, so
möchte ich ausdrücklich betonen, daß ich selbst nicht zu einer positiven
Wertung der Versuche komme, ich lasse mein Urteil in der Schwebe.
Sowohl P o dm or e als auch E. v. Hartmann und Lehmann erwähnen
wichtige Punkte nicht. Hartmann hat zum Beispiel in seiner Kritik der
Versuche (Der Spiritismus, Leipzig 1885) gelegentlich seiner Einwände
gegen die elektrische Bindung übersehen, daß Cr o okes Kontrollunter-
suchungen bei normalen Menschen gemacht hat, also über den Verlauf
der Kurve bei Nichtmedialen unterrichtet war. Wenn Cro okes das Er-
gebnis nicht weiter verwendet, so wird sich eben nichts Auffallendes
gezeigt haben, was gegen die Versuche an Florence Cook mißtrauisch
machen könnte. Podmore (Modern Spiritualism, London 1902) wiederum
kritisiert an den Versuchen, man habe keine Gewähr, daß das elektrisch
gebundene Medium nicht das Kabinett verlassen habe, da über die Länge
der Drahte nichts gesagt sei. Er erwähnt nicht einen späteren Versuch,
bei dem ausdrücklich bemerkt ist, daß die Länge der Drähte ein Her-
vortreten aus dem Kabinett nicht gestattet haben würden. An einer
andern Stelle behauptet Po dmore, daß, als man in das Kabinett ein-
mal hineinschauen konnte, die angeblich daliegende Gestalt ein Kleider-
bündel hätte sein können. Dem steht aber Cr o ok es ausdrückliche Be-
merkung gegenüber, daß 7-8 Personen „unter dem vollen Glanz des
elektrischen Lichtes" die daliegende Gestalt sich bewegen sahen. (Vgl.
dazu meine ausführliche Erörterung dieser Fragen in der von mir heraus-
gegebenen Schrift „Materialisationsversuche" von W. Cr o ok es, Leipzig
1923, wo ich mich bemühe, die dafür und dagegen sprechenden Punkte
gerecht gegeneinander abzuwägen.)
i) Vgl. Tischn er , Das Medium D. D. Home. Leipzig 1925.
Zur Methodologie des Okkultismus. 37

An den Versuchen Zöllners mit Slade hat man gleichfalls solch


einseitige nicht alle Punkte berücksichtigende Kritik geübt. Lehmann
bemängelt, und andere haben es ihm nachgeschrieben, daß man während
eines Versuches mit einer zusammengebundenen Tafel magnetische Ver-
suche angestellt habe. Damit erweckt Lehmann den Eindruck, als ob
das Medium während dieser Zeit unbeobachtet gewesen sei. Nun geht
aber aus Zöllners Mitteilungen selbst hervor, daß S la d e das Objekt
dieser Versuche war und zwar in der Art, daß Slade durch Einfluß
seiner Hände einen Kompaß bewegen sollte. Es befanden sich infolge-
dessen die Hände von S la de gerade in der allerbesten Kontrolle, die
zum mindesten ebenso gut war, als sie gewesen wäre, wenn man da-
gesessen und auf den Erfolg des Tafelexperimentes gewartet hätte. (Siehe
„Vierte Dimension und Okkultismus" von Zöllner, aus den „Wissen-
schaftlichen Abhandlungen" ausgewählt und herausgegeben von R. T i seh-
n er , Leipzig 1922, 5. 38 und 116.)
Um noch einiges wenige bei den Zöllnerschen Versuchen herauszu-
greifen, so hat man mehrfach gemeint, daß bei dem Spielen der Harmonika
Slade irgendwo versteckt in der Tasche ein Instrument gehabt habe,
mit dem er die Töne der Harmonika nachgeahmt habe. Abgesehen davon,
daß man das doch wohl an Bewegungen gemerkt haben sollte und daran,
daß die Töne von einem andern und viel kleineren Instrument hätten
herrühren müssen und außerdem aus der Tasche wohl hätten gedämpft
klingen müssen, berücksichtigt man dabei nicht die Versuche, bei denen
andere, z. B. der Matherratiker Scheibner, allein die Harmonika am
tastenlosen Ende in der Hand hielten. Da „fühlt" man gewissermaßen die
Töne durch die Erschütterungen des Instrumentes. Wenn Slade die Töne
auf betrügerischem Wege hervorgebracht hätte, dann würden diese Er-
schütterungen gefehlt haben, was doch zweifellos Sc heibn er laufgefallen
wäre.
Der Amerikaner Carr in gton macht sichs noch leichter, indem er
bei dem Fußabdruck die ausdrückliche Angabe Zöllners, daß er nach Er-
zielung eines Fußabdruckes Slades Hände und Füße auf Ruß untersucht
habe, einfach bezweifelt. Auch ist es nicht richtig, daß Z öllner berichtet,
er habe nur einmal daraufhin untersucht. Zöllner teilt das vielmehr noch
ein zweites Mal mit. Wenn man allerdings derartige ausdrückliche Angaben
eines Forschers bezweifelt, dann ist es doch viel einfacher, wenn man
von vornherein sich weigert, auf die Untersuchungen einzugehen, da der
Forscher ganz unglaubhaft sei oder gar unehrlich oder geistesgestört.
Man kann eine derartige Stellungnahme nicht als richterliche Ob-
jektivität bezeichnen. '.
Man wertet also nicht die Zeugen, wie es der Richter zu tun ver-
pflichtet ist, nach ihrer objektiven Zeugnisfähigkeit, sondern schätzt ihre
Berichte und Urteile, so wie es dem Forscher nach seiner eigenen sub-
jektiven Einstellung zu dem Gebiete genehm ist.
Abgesehen davon, daß durch diese unterschiedliche Behandlung der
Zeugen nicht ihrer objektiv vorhandenen Geeignetheit zu derartigen
38 R. Tischner.

Untersuchungen Rechnung getragen wird, finden wir nun auch sonstige


Entstellungen der tatsächlich vorhandenen Umstände, indem man erstens
auf die Psychologie der Zeugenaussagen aufmerksam macht und dem-
entsprechend ungünstige Schlüsse auf die Berichte der Zeugen zieht, und
außerdem betont man die ungünstigen Bedingungen, unter denen man die
Beobachtungen anstellt, dabei besonders auf die Dunkelheit und die lange
Dauer der Sitzungen aufmerksam machend. Diese Einwände klingen
sicherlich recht gewichtig, und sie sollen gewiß nicht unterschätzt werden,
aber in dieser allgemeinen Formulierung tragen auch sie zu einer Ent-
stellung der wirklich bestehenden Verhältnisse bei. Sicherlich hat man
früher die menschliche Beobachtungsfähigkeit und infolgedessen den Wert
der Zeugenaussagen überschätzt, aber genauere Analyse zeigt denn doch,
daß, auf die metapsychischen Untersuchungen angewendet, das Argument
nicht so schwer wiegt als man meint ; in mehr als einer Hinsicht liegen
die Verhältnisse wesentlich günstiger, als nach der üblichen summarischen
Kritik der Skeptiker anzunehmen war. Verwickelte Handlungen sind in
ihrer Reihenfolge, ihrer ursächlichen Verknüpfung usw., wie die Beob-
achtungspsychologie gezeigt hat, recht schwer völlig richtig zu berichten
Bei den metapsychischen ITntersuchungen handelt es sich aber vielfach
nur darum, ob ein bestimmtes Ereignis unter bestimmten Bedingungen
eintritt oder nicht. Es soll also gar nicht ein „Vorher" und „Nachher"
bestimmt werden, sondern nur der Eintritt eines Ereignisses ziemlich
grober Natur. Da zudem bei den besten Untersuchungen die Hände ge-
halten werden und außerdem an den Hand- und Fußgelenken sich Leucht-
bänder befinden, so ist eine derartige Beobachtung, daß es sich um Phäno-
mene handelt, die nicht vom Medium betrügerisch hervorgebracht werden,
ziemlich leicht. Und falls mehrere Gegenstände nacheinander bewegt
worden sind und sich nachher in den Berichten über die Reihenfolge
kleine Unterschiede finden, so ist das bei sonst durchsichtigen Bedingungen
ein untergeordneter Punkt, von dem aus man nicht alles andere entwerten
und etwa gar folgern darf, da sich über die Reihenfolge Meinungsver-
schiedenheiten fänden, sei es gar nicht sicher, ob überhaupt etwas ge-
schehen sei. Gewiß kommt es auch vor, daß die Beobachter Halluzinationen
haben oder Illusionen unterliegen, aber wie die Photographie gezeigt hat,
ist das wesentlieh seltener, als die Skeptiker früher oder auch jetzt oft
behauptet haben. Und außerdem zeigt die geringste psychologische Er-
fahrung, daß die Reihenfolge voneinander unabhängiger, nicht in un-
mittelbarer ursächlicher Verknüpfung stehender Handlungen besonders
schwer ihrer genauen Reihenfolge nach erinnert wird. Es gilt also in
genauer Einzelanalyse die Wertigkeit jeder Aussage im Lichte der Be-
obachtungs- und Aussagenpsychologie festzustellen, anstatt in der Art der
Gegner mit Allgemeinheiten alles entwerten zu wollen.
Ein scharfsinniger, skeptisch eingestellter Physiologe meinte mir
gegenüber einmal, die menschliche Beobachtungsfähigkeit sei auch abge-
sehen von den andern bei der Psychologie der Zeugenaussage mitspielenden
Momenten so gering, daß man auf die Beobachtungen in metapsychischen
Zur Methodologie des Okkultismus. 39

Sitzungen nichts geben könnte. Wenn der Physiologe z. B. am überlebenden


Tierherz die zeitliche Reihenfolge der Kontraktionen der Vorhöfe und
Kammern untersuche, so sähe man zuerst überhaupt gar keine Ordnung
und wenn man schließlich glaube, zur Klarheit gekommen zu sein, dann
zeige die Photographie, daß es falsch gewesen sei. So etwas klingt ganz
entwaffnend, da ja diese Beobachtungen bei bester Beleuchtung und in
aller Ruhe angestellt werden, aber die Kraft dieses Argumentes ist doch
nur scheinbar, denn es handelt sich ja vorerst in den metapsychischen
Sitzungen gar nicht um derartig feine Beobachtungen geringer Zeitunter-
schiede, sondern um allergröbste Beobachtungen von größeren Bewegungen,
also auch hier wieder Allgemeinheiten als Argumente, wo es sich darum
handeln müßte, Einzelanalyse zu treiben. Es wäre gerade so, als wenn
man zwei Kaufleute beide wegen Betrugs verurteilen wollte, weil in
beiden Fällen sich auf der einen Wagschale noch „ein anderer Gegenstand",
der nicht dahin gehörte, befunden habe, obwohl es sich in dem einen Falle
um ein Weizenkorn, im andern aber um einen schweren Gegenstand ge-
handelt habe. Ein solcher, etwas grober Vergleich macht vielleicht klar,
wie verallgemeinernd ohne Einzelanalyse bei den Gegnern des Okkultis-
mus meist gearbeitet wird.
Auch der Einwand von der langen Dauer der Sitzungen in der
Dunkelheit, in denen man dasitze und seine Aufmerksamkeit anspanne,
ohne doch sie auf etwas Bestimmtes richten zu können, trifft vielfach
gar nicht zu. Die Medien machen oft darauf aufmerksam, daß jetzt etwas
passieren wird, oder man merkt es an ihrem Benehmen, so daß der Er-
fahrene vorher gar nicht seine Aufmerksamkeit in besondere Bereitschaft
zu setzen braucht, gerade so wie auf einer stundenlang dauernden Jagd
der erfahrene Jäger erst dann seine Aufmerksamkeit anspannt, wenn es
nötig ist. Wenn z. B. das Medium sagt, wie es mir in einer Siteung vor-
kam, ich solle eine Wange an den Gazeschirm legen, der die zu bewe-
genden Gegenstände von dem Medium und den Untersuchern trennte,
dann ist das zu erwartende Ereignis recht eindeutig räumlich und zeitlich
festgelegt. Da ich außerdem neben dem Hauptkontrolleur saß, konnte ich
bei dem Vorneigen tastend feststellen, daß die Handkontrolle völlig in
Ordnung war, und konnte in Erwartung der kommenden Dinge außerdem
noch sehen, daß auch die Füße, wie an den Leuchtstreifen zu sehen war,
an Ort und Stelle waren. Nach einigen Sekunden erhob sich nun einer
der auf dem Tische liegenden mit Leuchtstreifen versehenen Gegenständen
jenseits des Wandschirms in die Luft und schlug dreimal leicht gegen
meine Wange. Eine solche Feststellung grober Seh- und Tateindrücke ist
mit Zuverlässigkeit zu machen, und kagn nicht durch Hinweis auf unsere
unsichere Beobachtungsfähigkeit usw. entwertet werden, sie kann keines-
falls auf eine Stufe mit der Beobachtung feiner Bewegungen oder Zeit-
unterschiede gestellt werden ; an Wertigkeit sind solche Feststellungen
grober Berührungen oder Bewegungen derartigen Beobachtungen bei weitem
überlegen, zumal, wie schon betont, das tberraschungsmoment oft fort-
fällt und man sich in aller Ruhe darauf einstellen kann.
40 R. Tischner.

Wenn ich die zeitliche Konzentrierung der Aufmerksamkeit auf kürzere


Zeiten eben betont habe, so will ich damit natürlich nicht sagen, daß man
in der Zwischenzeit schlafen kann und darf, aber die Aufmerksamkeit,
die dazu notwendig ist, das Medium daraufhin zu kontrollieren, daß es
nicht aufsteht oder die Hände freimacht, kann mit der scharfen Konzen-
trierung für die Zeit, in der etwas in Aussicht steht, nicht verglichen
werden. Wenn man beide Handgelenke umfaßt hält und man seine Hände
auf die Oberschenkel des Mediums legt, merkt man jede Bewegung des
Mediums und ist allein schon dadurch in engerem Kontakt mit ihm.
Außerdem wird man sich in der Zwischenzeit öfter vergewissern, daß
man das Medium noch in Kontrolle hat.
Wenn man behauptet, daß es unmöglich ist, die in Frage stehenden
groben Bewegungen zu sehen, dann muß man die ganze Frage der
menschlichen Beobachtungsfähigkeit auf völlig neuer Basis wieder erör-
tern, denn diese Bestreitung sagt nicht weniger, als daß man überhaupt
kein Ereignis mit Sicherheit feststellen kann, womit weite Gebiete wieder
wankend werden und womit besonders die meisten Verurteilungen in der
Rechtsprechung, die auf Grund von Zeugenaussagen erfolgen, zu glattem
Justizmord werden. Gerade letztere werden dadurch sehr bedenklich, denn
bei ihnen handelt es sich oft um Urteile auf Grund von Aussagen über
wesentlich schwerer zu erinnernde Dinge, die unerwartet auftreten und
deren Reihenfolge schwer zu behalten ist.
Dabei ist außerdem zu bedenken, daß auch sonst noch zwischen den
Zeugen in einer metapsychischen Sitzung und den Zeugen vor Gericht
in mehrfacher Hinsicht bedeutende Unterschiede bestehen, die auch die
Wertigkeit ihrer Aussagen ganz verschieden sein läßt. Wenn ich die
wissenschaftlichen Zeugen, die in einer metapsyehischen Sitzung anwesend
sind, mit den gerichtlichen Zeugen vergleiche, so finden sich unter anderem
folgende Unterschiede : Die Zeugen des metapsychischen Ereignisses sind :
1. mit der ausdrücklichen Absicht da, um wissenschaftliche Beobach-
tungen zu machen ; 2. sie sind, soweit sie Wissenschaftler sind, darin
geübt, zu beobachten und objektiv zu berichten ; 3. sind es meist Men-
schen, die daran kein anderes als rein wissenschaftliches Interesse haben,
so daß also nicht selbstische Interessen einen entstellenden Einfluß haben
können ; 4. handelt es sich vielfach um Ereignisse, die erwartet, ja
nicht selten sogar an gek ün d i gt worden sind ; 5. weiß jeder, der der-
artige Sitzungen mitgemacht hat, daß die psychische Atmosphäre einer
ruhigen Beobachtung durchaus nicht hinderlich ist, und daß die von
Skeptikern mitunter berichtete Aufregung jedenfalls bei den meisten eine
im wesentlichen künstlich gemachte Begeisterung ist, um das Medium
anzufeuern; 6. wird der Bericht meist sofort oder bald nachher ange-
fertigt.
Dem steht bei den gerichtlichen Zeugen durchschnittlich gesprochen
folgender Sachverhalt gegenüber : 1. Es handelt sich vielfach um uner-
wartete Ereignisse, deren zufälliger Zeuge man ist, infolgedessen ist 2. die
Aufmerksamkeit so gering, wie es bei derartigen an sich gleichgültigen
A. Hofmann. Zur Mechanik der Odstrahlen. 41

Ereignissen meist der Fall zu sein pflegt. 3. Falls aber das Ereignis auf-
regender Natur ist, etwa ein Streit mit Totschlag, dann wird durch den
Affekt sowohl bei den unbeteiligten Zeugen des Vorgangs als auch be-
sonders bei den direkt Beteiligten eine stark subjektive Färbung fast
unvermeidlich sein. 4. Nur selten handelt es sich um Zeugen, die im
ruhigen Beobachten geübt sind. 5. Hat der Zeuge nach der einen oder
anderen Richtung meist ein Interesse daran, seinen Bericht subjektiv zu
färben, was er unwillkürlich oder auch absichtlich tut. 6. Wird selten
sofort nach dem Ereignis oder kurz nachher ein schriftlicher Bericht nieder-
gelegt, der den bewußten Zweck hat, das Ereignis möglichst objektiv zu
schildern. Der Zeuge wird vielmehr meist erst später über das Ereignis
vernommen ; entweder ist es dann, weil es an sich gleichgültig und nicht
affektbetont war, mehr oder weniger vergessen und wird mit starken
Lücken oder Erinnerungsanpassungen und -fälschungen berichtet, oder
falls es affektbetont war, wird es durch häufiges der Vernehmung vor-
hergehendes Erzählen — oder auch ohne das — nach einer bestimmten
Richtung gesteigert und entstellt.
Man sieht also, die ältesten Ladenhüter im Inventar der Kritik sind
bei genauerer Analyse nicht viel wert, auch hier zeigt sorgfältige Unter-
suchung, deren ausführliche Erörterung ich mir vorbehalte, daß mit all-
gemeinen Analogien nichts gesagt ist. Erst ausführliche Einzelunter-
suchung kann jeweils zeigen, was TOM Werte eines Arguments zu
-

halten ist.
(Schluß folgt in Heft .2.)

Zur Mechanik der Odstrahlen.


Von Albert Hofmann, Mehlem.
Freiherrn von Reichenbachs Odlehren sind bekannt. An seine
Schriften haben sich unzählige andere angeschlossen, welche seine „Be-
hauptungen" meist bestätigen, sogar sie überbieten. Wir können nicht
umhin, diesen Ausdruck zu wählen, weil von Reichenbach keine eignen
Beobachtungen beibringt, sondern sich auf die Angaben seiner Sensi-
tiven verläßt. Ähnliches gilt auch von vielen seiner Nachfolger. Dies
ist der Grund, warum die- Berichte über das Od angezweifelt wurden.
Über die angeblichen Lichtwirkungen des Ods habe ich ausführlich
berichtet („Die odische Lohe, Heft 11 der okkulten Welt, Joh. Baum
Verlag, Pfullingen), es blieb noch übrig zu untersuchen, ob von Reichen-
bachs Behauptung zu Recht bestehe:
„Die Körper emanieren oder radiieren etwas aus, das ihr Gewicht
nicht verringert, durch Glas hindurchgeht, und das auch auf Entfernung
so mächtige Wirkungen ausübt, daß es motorische Tatsachen vollbringt,
-

d. i. die Bewegungen des Pendel beherrscht" 1).


1 ) „Die odische Lohe" von v. Reichenbach, S. 60. Leipzig, Max Altmann 1909.
42 A. Hofmann.

Aus dem großen angeblichen Tatsachenmateriale wollen wir hier


die mechanische Wirkung der aus Kristallen ausgehenden Odstrahlen
betrachten, trotzdem es höchst unwahrscheinlich sein muß : in den Kri-
stallen sei eine unendliche Kraftquelle enthalten.
Die von Reichenbach sehe Schule behauptet, aus den Spitzen der
Kristalle strahle eine Lohe aus, die motorische Leistungen vollbringe,
der also eine repulsive Wirkung zuzuerkennen sei.
Ein jeder Bergkristall soll verschiedene Lohen ausstrahlen, an den
Enden seiner Hauptaxe am stärksten. Die positive Lohe und damit das
positive Ende des Kristalls ist stets da, wo der Kristall mit seiner Basis
aufgewachsen ist. Das negative Ende ist an seiner freien Spitze.
Die Länge der Loheausströmung am positiven Pole verhält sich
zu der des negativen etwa wie 1:2; „damit soll aber nur gesagt werden,
daß das negative Ende die längern und verhältnismäßig dickem n Lohe
liefert" 1).
Bringt man die Kristalle in die Richtung des Meridians „den nega-
tiven Pol rechtsinnig nach Norden gekehrt, so wachsen .die Ausströmungen
beider Pole".
Selbst wenn die Kristalle widersinnig in den Meridian gebracht
werden, behauptet der negative Pol immer noch den Vorzug der Größe
-vor dem positiven Pole (wenn auch in verringertem Maße 2).

Faßt man diesen dualen Gegensatz ins Auge, so kann nichts auf-
fallender sein als der Umstand, daß die Lohen von positivem •und nega-
tivem Werte sich einander nicht anziehen, nicht abstoßen und nicht neu-
tralisieren; also nicht ineinander aufgehen, sondern selbstständigen Fort-
bestand nebeneinander, sogar in- und durcheinander behaupten. Wenn
ungleichnamige Kristallpole einander entgegengeführt werden, so sehen
wir ihre Lohen, sobald sie einander berühren, sich einander zur Verdickung
nötigen zu Ellipsoiden gegenseitiger Pressung sich eher umstülpen und
sich auftürmen als neutralisieren und vernichten.
Aus dem Vorgetragenen können wir als Ergebnis buchen, daß, nach
von Reichenb ach, die leuchtende Lohe das Gebiet ihrer mechanischen
Wirkung illustriert. Nehmen wir beispielsweise zwei Bergkristalle von
gleicher Größe, welche wir in den Meridian des Ortes hintereinander
legen, so werden in ihrem Zwischenraume die Lohen, das jeweilige Kraft-
feld des betreffenden Poles darstellend, gegeneinander abgeplattet er-
scheinen 8), an den freien Enden dagegen pilzförmig sich erheben.
Beim Umkehren der Kristalle (Drehung derselben um 180 0 ) wird
nunmehr die Basis rot und die Spitze blau leuchten. Wenn wir Ferdinand
') „Die odische Lohe" von v. Reichenbach, 8.56.
2 ) „Die odische Lohe" von v. Reichenbach, S. 36 ff. unter der -Überschrift
Neutralisation.
2 ) Wir wollen auf die spezifische Form der Kraftfelder nicht eingehen und be-

trachten diese Frage rein schematisch.


Zur Mechanik der Odstrahlen. 43

Scheminzk y 1 ) Glauben schenken wollen, so ist dies eine für alle


Kristalle zutreffende Tatsache (M) Wollten wir die Versuche des Herrn
von R ei chenb a eh in dessen Maßstab wiederholen, so müßten wir mit
Kristallen von größtem Ausmaße arbeiten, Bergkristalle von 10-35 Pfund,
Gipsspate von 15-25 cm Länge usw., also mit wahren Museumsstücken,
die nicht jedermann zur Verfügung stehen. Wir werden uns also be-
scheidener Stücke bedienen und feinere Beobachtungsmethoden anwenden.

Meridian, > N

Abb. 1.

Die Beschreibung derselben stellen wir an die Spitze. Für die


Wiederholung der Pendelversuche bedienen wir uns einer auf einer
schweren Glasplatte ruhenden Glasglocke. Diese hat einen äußeren Durch-
messer von 25 cm und einen inneren von 21 cm. Ihre Höhe beträgt
50 cm.
Sie ruht auf einem festen Holzuntersatze von 12 cm Höhe, in welchem
ein Fernmikroskop Mi seitlich eingepaßt ist zur Beobachtung der
Schwingungen des Pendels P.
Dieser Holzuntersatz ist im Innern vollständig mit Staniol überklebt,
um jedwede elektrische Ladungk , des Innern durch den Körper des Ex-
perimentators zu verhüten.
Ferner sind darin die Verschiebe vorrichtungen angebracht, um die
zu prüfenden Kristalle einführen zu können und sie an dem gewünschten
Platz fein einzustellen.
Als Pendelfäden dienten: ein Silberdraht von 0,02 mm Stärke, ein
Nickelindraht von 0,03 mm und ein Quarzfaden von 0,015 mm. Diese
Fäden waren an zylindrischen Metallstücken befestigt, welche mittelst
einer Einstellvorrichtung im Halse der Glocke höher und tiefer gestellt
werden konnten.
Die Pendelkörper wurden mittelst einer kleinen Dreiklau aus Silber
an das untere Fadenende gehängt.
Ein Thermometer T dient zur Feststellung der Temperatur.
Um für alle Pendelversuche genau gleichwertige Bewegungen zu er-
zielen, bediente ich mich meiner elektromagnetischen Abwurfvorrichtung 2).

1 ) Die Emanation der Mineralien (Verlag J. C. Huber, Diessen).


Wünschelrute und siderisches Pendel (Verlag Joh. Baum, Pfullingen) S. 54.
44 A. Hofmann.

Die Ankerplatte A eines kleinen Elektromagneten wurde auf dessen


Fundamentholzplättchen um ihre Längsseite kippbar und leicht beweglich
befestigt. Sie trug eine Messinggabel von 2 1 / 2 cm Länge, deren beiden
Zweige S mittelst eines Stückchen Seidenstoffes überzogen sind. Dieses
bildet einen flachen dazwischenhängenden Sack. Solange der elektrische

Abb. 2 a.
Elektromagnetische Abwurfvorrientung. Durch
Abb. 2. Stromschluß wird in deo Eisenkörpern E Ma-
gnetismus erregt und dadurch der Anker A
Auf der Glasglocke G der Hals, in angezogen, der in Scharnieren beweglich. An A
welchem die Aufhängevorrichtung A sind zwei Stifte befestigt, zwischen welchen
zentral befestigt ist. Das Thermometer ein Stückchen Seide eingespannt ist. Dieses
dient zur Kontrolle der Temperatur. trägt den Pendelkörper. Beim Offnen des Strom-
Der Pendelkris( all E wird mittels der kreises fällt der Anker, die Seidenfangfläche
elektromagnetischen Abwurfvorrichtung kommt in geneigte Lage und gibt den Pendel-
ins Schwingen geb' acht und mittels des körper frei (Wenn A in Abb. 2 richtig einge-
Mikroskops Mi beobachtet. Ti Tisch- stellt, kommt eine absolut stoßfreie Pendelung
fläche aus Glas. zustande.)

Strom geschlossen und der Anker angezogen, hat das Seidenstück eine
schwach ansteigende Lage. Sobald der Strom geöffnet, fällt der Anker
und damit kommt der Stoff in eine geneigte Lage und gibt den auf ihm
ruhenden Pendelkörper frei. Derselbe kommt dann stets in ein stoßfreies
Schwingen, wenn vorher zwei bis drei blinde Ablaufe versucht waren,
wodurch falscher Drall des Fadens bzw. Drahtes ausgeglichen wird.
Diese kleine Vorrichtung hat sich ausgezeichnet bewährt. Abb. 2 gibt
eine schematische Skizze des geschilderten Aufbaues, sie ist ohne weitere
Erklärun g verständlich.
Der Zweck der Pendelversuche war, zu ergründen, ob ein schwin-
gender Kristall von der angeblichen Lohe eines größeren Kristalls der-
selben oder anderer Art irgend eine Beeinflussung erlitte. Zu diesem
Zwecke wurden verwendet als Pendelkörper :
Zur Mechanik der Odstrahlen. 45

Kugeln 1 ) aus Bergkristall von 54,8 g und 3,05 g


71

Gips 71 1,2 „ „ 5,4

Schwefel 2,3 „ „ 6,1
77 11

Kristalle Bergkristall 22 mm Länge


11 Gips 71 26 77

Als ablenkende Kraftquellen :


1 Bergkristall von 90 mm Länge und 40 mm Basisdurchmesser
1 Gipskristall ,, 68 „ 26 „ Durchmesser
1 Schwefelkristall „ 40 „ 11 „ 24 71

Die Einwirkung wurde versucht:


a) mit gleichsinnigen Polen zueinander gekehrt
b) „ widersinnigen 77 71

Die Einwirkungsstelle der beiden Kristalle aufeinander war stets


der Endpunkt der Schwingung. Weil dort die Geschwindigkeit des pen-
delnden Körpers fast Null, mußte die Wirkung der Anziehung bzw.
Abstoßung am intensivsten sein.
Die Schwingungsrichtung des Pendels war O—W, damit die Aus-
strahlung der Kristalle im Meridiane blieben, also ihre größte Kraft ent-
falten konnten.
Die verwendeten Kristalle waren vorher viele Monate lang im Dunkel-
raum aufbewahrt gewesen, die Achsen alle richtig im Meridiane orientiert,
damit sie ihre Lohen in höchster Kraft entwickeln konnten, ohne einander
irgendwie falsch zu beeinflussen. Wie denn überhaupt alle Vorsichts-
maßregeln, die von Reichenbach an verschiedenen Orten aufzählt,
im Sinne seiner Lehre auf das gewissenhafteste befolgt wurden.
Wie aus der Abb. 3 (die Horizontalanordnung des Versuches dar-
stellend) ersichtlich, mußte, falls eine auch nur ganz geringe Anziehung
oder Abstoßung des Pendels durch die Lohe des Ablenkungskristalles X
oder Y erfolgte, die normale Schwingungsebene derselben m—m nach
n—n oder o—o verlegt werden. Die Messung der eventuellen Ablenkung
der Schwingungsebene geschah mittelst des Fernmikroskopes Mi, welches
genau in der Schwingungsrichtung des Pendels stand und dessen Objektiv
auf eine scharfe Marke des Pendelkörpers eingestellt war. An der Ver-
schiebung dieser Marke .auf einer im Okular befindlichen Feinteilung
nach rechts oder links konnten 1 / 100 mm mit Leichtigkeit gemessen und
kleinere Entfernungen noch erkannt werden.
Alle möglichen Kombinationen der genannten Körper wurden in
diesem Apparate geprüft 1), aber bei keiner einzigen konnte eine Ab-
1 ) Auf den Kugeln waren die Endpunkte der`Achsen durch feine Kreislinien kennt-
lich gemacht, eine einfache umgab die vormalige Spitze und eine doppelte die Seite
der Basis. Es war somit leicht, diese Kugeln kristallographisch nach den ablenkenden
Kristallen gegenüber zu orientieren.
') Es wurden jedesmal 2-300 Doppelschwingungen des Pendels wenigstens be-
obachtet. In einzelnen Fällen sogar 500, ohne eine Veränderung in der Schwingungs-
ebene auffinden zu können.
46 A. Hofmann.

lenkung der Schwingungsebene festgestellt werden, weder im positiven


noch negativen Sinne; so daß wir in der Lage sind, behaupten zu können,
jene Annahme von Reichenb achs sei eine irrige.
Als Kontrolle des richtigen Funktionierens des Apparates wurde
bei den Versuchen mit Bergkristall plötzlich der Strahlenkegel einer
Bogenlampe auf die aneinander vorbeipassierenden Körper geleitet.
Durch die in demselben enthaltene große Wärmeinenge entstand auf den
Kristallen Aktinoelektrizität, der Pendelkörper wurde kräftig aus seiner
Bahn geschleudert und der Silberfaden, der ihn trug, zerriß. Bei Wieder-
holung des Experimentes wurde das Licht des Strahlenkegels durch eine
Zelle, worin sich eine Lösung von Jod in Schwefelkohlenstoff befand,
vollständig absorbiert, aber die Wärmestrahlen fast ungemindert, wie
vorhin erwähnt, auf die Kegelstelle geleitet. Dieselben flogen wieder aus-
einander.

TZ ---
M — Gm Mt

iArb

im Abb. 3.
Darstellung der Versuchsbedingung von oben gesehen. x bzw. y sind die be-
einflusseulen Kristalle in — bzw. + Stellung. Die normale Schwingungsrichtung
ist m—m, das kleine Quadrat darin bezeichnet den schwingenden Kristall in
einer Endlage, die durch das Mikroskop Mi beobachtet wird. Sobald eine An-
ziehung oder Abstoßung durch X oder Y erfolgt, muß die Schwingungscbene sieh
nach n—n bzw. o—o verlagern, was in der Okularskala von Mi leicht festgestellt
werden kann

Wenn auch kein Einwand zu befürchten ist, die Art der beschrie-
benen Methode sei zu unvollkommen, um ein einwandfreies Ergebnis
zu gewährleisten, so wurde doch eine Kontrollserie von Versuchen an-
gestellt, nach Art der Coulomb'schen Drehwage.
Auf dem Halse der Luftpumpenglocke wurde ein, im Zentrum einer
Teilung, drehbar eingesetzter Zapfen angebracht, der an seinem unteren
Ende den feinen Silber- oder Nickelindraht trug, an dessen Ende der
kleine Wagebalken hing, an dem wiederum Kristall und Gegengewicht
befestigt waren.
Der Wagebalken schwebte in der Mitte des Holzuntersatzes. Er trug
über seiner Mitte einen feinen Galvanometerspiegel von 8 mm Durch-
messer. Im Abstande von 1 m war eine spaltförmige Lichtquelle auf-
gestellt mit vorgesetzter Linse, um eine scharfe Lichtlinie auf einer
über der Lampe horizontal aufgestellten Millimeterteilung gespiegelt zu
entwerfen. Jede noch so geringe Drehung des Wagebalkens mußte sich
durch eine entsprechende Verschiebung dieser Lichtlinie erkennen lassen,
wobei sich diese Winkelverschiebung auch messen ließ.
Abb. 4 stellt einen solchen Wagebalken dar. Sp. der Galvanometer-
spiegel, K der zu prüfende Kristall und G ein verschiebbares Gegen-
Zur Mechanik der Odstrahlen. 47

gewicht. Vor Anstellung eines jeden Versuches wurde sowohl der Wage-
balken als auch der Wirkungskristall mit der Erde verbunden, um jede
Elektrizitätsansammlung auf ihnen abzuleiten.
Als Wagebalken wurden angewendet:
Aluminiumdraht, Glasfaden, Silberdraht.
Als Untersuchungskörper:
1 kleiner Bergkristall von 7 g Schwere, 1 natürlicher Gipskristall
von 2,5 g Gewicht und 1 natürlicher Schwefelkristall von Girgenti von
äußerst scharf gebildeter Pyramide von 3,6 g.
Als Gegenkörper :
die oben genannten großen Kristalle.

Abb. 4.
Das untere Ende der Drehwage. An dem Ende des Fadens hängt die Gabel-
klaue. In die offenen Haken derselben wird der Wagebalken eingehängt.
Dieser trägt einerseits den zu prüfenden Kristall K und andererseits ein
verschiebbares Gegengewicht 0-. Die Drehung des Wagebalkens wird durch
die Wanderung des im Spitgel Sp. reilektierten Lichtstreifens auf der Skala
beobachtet.

Zunächst wurde der Gegenkörper an seinen Platz gebracht, alsdann


durch Drehung des oberen Zapfens der Wagebalken mit dem Unter-
suchungskörper ihm genähert, lars zwischen beiden nur noch ein Abstand
von 0,2 mm blieb, der durch die Beobachtung mittelst des Mikroskops
kontrolliert wurde.
Bei den vorläufigen Versuchen war ein Probescheibchen, bestehend
aus Goldschaum, an einem Aluminiumdraht befestigt, zwischen die beiden
Kristalle gelegt worden und der Wagebalken nun dem Gegenkörper ge-
nähert, bis eine schmale Linie zwischen dem Gold und dem zu unter-
suchenden Kristalle verblieb. Es sollte damit jede vorherige Berührung,
wodurch Elektrizität erzeugt werden konnte, vermieden werden. Diese
Vorsicht erwies sich als unnötig: es gelang leicht, die Körper in den
richtigen Abstand zu bringen ohne jede ungewollte Berührung derselben.
Auf die zahllosen, mit dieser Versuchsanordnung angestellten Ver-
suche einzugehen erübrigt sich: sie fielen alle negativ aus.
Es dürfte damit endgültig der Beweis für die Nichtexistenz einer
mechanischen Wirkung der odischen Lohe erbracht sein.
48 Graf C v Klinckowstroem.

Mediumistisches.
Von H ou dini, Slade, Weiß und anderen Dingen.
Von Graf C. von Klinckowstroern, München.
Als der Unterzeichnete in der „Umschau" (1922, Nr. 47, S. 736) auf
Grund einer Angabe in Paul He uz s Buch „Les morts vivent-ils?"
2. Teil, Paris 1922, S. 207, aus einer Sitzung mit dem Medium Franck
Kluski, das von Dr. Geley übergangene Detail des Paraffinabgusses eines
angeblich „teleplastisch" entstandenen Gesäßes mitteilte, da fielen die
Metapsychiker über mich her und warfen mir vor, daß ich unbeglaubigte
„Klatschgeschichten" des Journalisten Heu z e leichtfertig in Umlauf setze
und damit die okkultistische Forschung lächerlich machen wolle. Ich
ging dann der Sache nach und vermochte den Tatbestand als zutreffend
festzustellen („Der physikalische Mediumismus", 1925, S. 407 ff.).
Der gleiche Vorwurf wurde neuerdings gegen mich erhoben im
Zusammenhang mit einem eingehenden Referat über 11.g o U di rii' s Buch
„A Magician among the Spirits" 1) in der „Umschau", 1925, Nr. 15.
Dr. R. T i s ch n e r hat dieses Referat zum Anlaß genommen für ein paar
prinzipielle Bemerkungen über de,n Mangel an Kritik, die die Gegner
des Okkultismus bei Benutzung ihnen „in den Kram passender" Quellen
bekunden — den gleichen Mangel, den sie sonst den Okkultisten vor-
zuwerfen pflegten. Dabei sei es an sich gleichgültig, ob ein besonderer
Fall sich bei der Nachprüfung als richtig herausstellt oder nicht. Tis chn e r
denkt hier vornehmlich an das Selbstbekenntnis von Si ade. Er beschließt
seine in durchaus korrektem und sachlichem Tone gehaltener" Ausführungen
mit der zweifellos richtigen Erfahrung: „Wir alle neigen dazu, das,
was zu unseren sonstigen Ansichten paßt, nicht mit solch scharfer Kritik
zu untersuchen als das, was ihnen widerspricht." Tis c hner erkennt H o u -
dini nicht als wissenschaftlich zuverlässigen Gewährsmann an 2 ).
Das ist nun in der Tat nicht unrichtig. Das Buch des Taschen-
spielers Houdini ist kein wissenschaftliches Werk im eigentlichen Sinne
und will es auch nicht sein. H o u dini ist kein Gelehrter, philologische
Akribie ist ihm fremd. Es sind ihm auch eine Anzahl Fehler und Un-
genauigkeiten unterlaufen, u. a. auch in der Schreibung der Namen. Aber
hierin wird sein Buch von Oh. R i chets „Traite des Metapsy - chique",
das den Anspruch auf Wissenschaftlichkeit erhebt, bei weitem übertroffen!
Während sich T i sehne r in ganz sachlicher und ruhiger Weise ausge-
sprochen hat, hat hingegen Dr. Frhr. v. Sehr enck-Notzing (ebenda S.311)
seinem Ärger ungehemmt die Zügel schießen lassen. Er beschäftigt sich
hier nur mit dem Detail, daß Houdin i in einer seiner Sitzungen mit
Eva C. in London eine betrügerische Manipulation bemerkt zu haben
1) Vergl. das Referat über dieses Werk im vorliegenden Hefte, S. 78. Daselbst
auch der Wortlaut des Slade-Bekenntnisses.
2) „Psychische Studien", Juni 1925, S. 349 ff.
Mediumistisches. 49

behauptet. „Daß blinde Negativgläubigkeit die Gegenpartei leicht zu


einer mangelhaften Quellenkritik verführt, dazu bietet der kürzlich er-
schienene Artikel, „Houdini und der Mediumismus", von Graf Carl v.
K1 inck 0W str oem ein lehrreiches Beispiel („Umschau" 1922, Heft 15). In
diesem Aufsatz wird von dem Referenten behauptet, daß Houdini bei der
englischen Nachprüfung der Materialisationsphänomene von Eva C. Ge-
legenheit bekommen habe, an 11 Sitzungen teilzunehmen, bei denen
dieser Taschenspieler gewisse Tricks wahrgenommen haben will, die in
der „Umschau" näher geschildert werden. K lin ckowstroem spricht
sogar von einem Ergebnis der Houdinischen Untersuchungen, wonach
Evas Produktionen betrügerisch seien. In Wirklichkeit hat Houdini
überhaupt nur an 2 Sitzungen, nämlich am 23. und 25. Mai 1920, teil-
genommen, die beide negativ ausfielen. Am 23. Mai 1920 erschienen
Speichel auf der linken Schulter und weiße Flecken auf rechter und
linker Schulter, sowie weißer Schaum auf der Brust. Am 25. Mai 1920
erfolgte kein Phänomen. Das sind die Gesamtwahrnehmungen dieses
Taschenspielers, die ihm genügten, Eva C. als Schwindlerin zu bezeichnen,
sowie den Verdacht des Betruges auf Madame Biss on zu werfen.
Ein Autor wie Graf Klinekowstroem gibt sich dazu her, die leicht-
fertigen und unerhörten Ehrabschneidungen eines materiell interessierten
professionellen Gauklers ohne jede Nachprüfung als Beweismittel gegen
den Mediumismus in seiner Arbeit öffentlich zu verbreiten, obwohl die
genauen Protokolle der Soc. of Psych. Research in englischer und deutscher
Sprache vorliegen, nur weil die Houdinischen Verleumdungen geeignet
sind, die mediumistische Forschung zu verunglimpfen."
Man sollte nun meinen, daß Dr. v. Schrenck-Notz in g , wenn er
einen solchen Ton anschlägt, sich die Mühe genommen hat, den Tat-
bestand an der Hand der von ihm zitierten Originalprotokolle besonders
sorgfältig nachzuprüfen. Er hat das nun merkwürdigerweise nicht ge-
tan, sondern sich von Mad. Bisson, „um jeden Irrtum auszuschließen",
bestätigen lassen, daß Houdin i nur an 2 Sitzungen teilgenommen habe
(„Umschau" 1925, Nr. 25, S. 505). An wie viel Sitzungen hat Houdini
nun wirklich teilgenommen, und was hat er gesehen? In seinem Buch
nennt er die Zahl 8. In meinem zitierten Referat, wo ich 11 sagte, ist
mir bedauerlicherweise ein Schreib- oder Druckfehler unterlaufen. Auch
lFl oudini irrt in diesem .unwesentlichen Punkt Wie aus der Original-
veröffentlichung der S.P.R. (Proceedings, vol. 32, part 84, 1922) hervor-
geht, waren es deren 6: die Sitzungen vom 23. Mai, 18., 21., 23., 24.
und 25. Juni 1920. Hiervon waren 3 negativ. Am 25. Mai war Houdini
nicht anwesend.
Was hat nun Houd in i gesehen? Das von ihm mitgeteilte Detail
hat er nach seiner Angabe in der Sitzung vom 22. Juni erlebt, was ein
Schreibfehler für den 21. Juni ist. Es handelt sich um das laut Proto-
koll (Proc. a. a. 0., S. 294; Schrenc k, „Materialisationsphänomene" II,
S. 368) um 11 Uhr 35 beobachtete Gebilde vom Aussehen „einer Mem-
bran aus Wachs" (im Original: like a membrane or oilskin), das „plötz-
4
Zeitschrift für Okk ultismus I.
50 Graf C. v. Klinekowstroem.

lieh verschwand". Houdini hatte als einziger gesehen, w je es ver-


schwand: im Munde des Mediums mittels einer dem Magiker geläufigen
Trickbewegung. Dingwall sagt in seinem Kommentar zu dieser Stelle,
die in der Schrenckschen übersetzung fehlt: „Die vergleichsweise nächst-
kommende normale Substanz wäre ein abgerissenes längliches Stück
sehr dünnen weißen Gummis oder Goldschlägerhaut. Dieses wurde nahe
dem Munde von den Fingern (des Mediums) gezogen, geknetet und be-
arbeitet. Es verschwand schließlich augenscheinlich in einer sehr merk-
würdigen Weise". D ingw all und die anderen Anwesenden haben das
„Wie" des Verschwindens also nicht beobachtet.
Die Schrenckschen Schlußfolgerungen sind mithin hinfällig. Mag
man Houdinis Beobachtung einer Trickbewegung bei Eva C. für richtig
halten oder nicht, in der Weise, wie S ehren ck es getan hat, seine
Glaubwürdigkeit in Zweifel zu ziehen, ist jedenfalls nicht angängig.
Ich komme nunmehr zum Fall Slad e. Wie im Falle Kluski habe
ich mich bemüht, über Slades Selbstbekenntnis des Betrugs, welches
Ho u di n i in seinem Buche (S. 99) mit einem ausführlichen Bericht von
Remigius Weiß mitteilt, Näheres zu erfahren. Denn „selbstverständlich
konnte dieses Dokument den Okkultisten zu an sich nicht unbegründeten
Zweifeln Anlaß geben, zumal H oudini seinen Gewährsmann als „altes
Medium" bezeichnet hat. Hier ist zunächst wieder eine Ungenauigkeit
Ho udi nis zu verzeichnen. Wie aus einem nachträglich ausgegebenen
Deckblatt mit Korrekturen zu seinem Buch hervorgeht, ist Remigius Weiß
nicht ein altes Medium, sondern im Gegenteil ein alter erfahrener Medium-
forscher, der namentlich in der Blütezeit des amerikanischen Spiritismus
durch Vorträge und Veröffentlichungen zur Aufklärung beizutragen ge-
sucht und eine ganze Anzahl von Schwindelmedien entlarvt hat, die,
wie Weiß angibt, zum Teil mit schönen Titeln als „Doktoren", „Pro-
fessoren", „Colonels" usw. auftraten.
Amerika ist fern. Was aus Amerika kommt, begegnet in Europa viel-
fach einem nicht unberechtigten Mißtrauen. Der Nachweis für die Echtheit
des Sladeschen Selbstbekenntnisses ist nicht leicht zu führen, da eine
unmittelbare Nachprüfung nicht möglich erscheint. Denn weder eine
photographische Reproduktion des Originalschriftstückes noch eine notariell
beglaubigte Abschrift würde an sich die Echtheit des Originals bezeugen,
sondern nur die Existenz desselben. Immerhin besitzt Weiß außerdem
noch zwei Sladetafeln mit „Geisterschrift", die Ho udini in seinem
Buch reproduziert hat. Hinsichtlich des Bekenntnisses schrieb mir Remigius
Weiß in einem sehr ausführlichen Brief vom 13. Juni 1925 u. a. : „Sie
werden fehlgehen und verkennen den springenden Punkt des Ziels der
Okkultisten, wenn Sie glauben, daß diese jemals Slades Bekenntnis als
Beweisstück für dessen mediumistischen, Schwindel und Scharlatanerien
anerkennen werden, obwohl es von seiner eigenen Hand geschrieben ist."
Ich bin im Besitz einer ausführlichen, von Remigius Weiß vor einem
Notar beschworenen Aussage über das Selbstbekenntnis Slades, über die
Entlarvung und was damit zusammenhängt.
Mediumistisches. 51

Nun verfolgen die Okkultisten in ihrer Polemik neuerdings gern


die Taktik, ihre Gegner zu diskreditieren und ihnen unsachliche Motive
unterzuschieben. Wie wir gesehen haben, hat das Schre nck -N otzing
hinsichtlich Houdinis in recht krasser Weise getan"). Ein weiteres Bei-
spiel dafür ist die an anderer Stelle dieser Zeitschrift (Heft II) noch zu
kennzeichnende Veröffentlichung von Chr. Schröder in den „Psychischen
Studien" (1924). Ich habe mich deshalb mit dem in Deutschland un-
bekannten Herrn Remigius Weiß (Philadelphia) in Verbindung gesetzt
und ihn um nähere Auskunft über seine Tätigkeit usw. gebeten. Herr
Weiß hat in einem 22 Seiten langen temperamentvollen Schreiben aus-
führlich geantwortet, das ihn als einen vielseitig gebildeten Mann zeigt,
und hat diesem auch eine kleine Photographie beigelegt. Das Porträt
zeigt einen weißbärtigen alten Herren von energischem Gesichtsausdruck
und mit lebendigen Augen vom Typ William Cr ooke s. Ein sym-
pathischer Gelehrtenkopf. Ich entnehme diesem Schreiben, was für unseren
Fall von Bedeutung ist.
Remigius Weiß, unter dem Schriftstellernamen Remedius Alb us
bekannt, ist auf den Gebieten der experimentellen Psychologie, der Sozio-
logie, Sozialökonomie, der sozialen, intellektuellen und ethischen Er-
ziehung als Schriftsteller und Vortragsredner tätig und ist ein offenbar
angesehenes Mitglied der Ethical Society in Philadelphia. Er hat mir
eine Anzahl prominenter Mitglieder dieser Gesellschaft als Referenzen
genannt. In den Jahren 1883/84 hat er nach seiner Angabe in englischen
und deutschen Zeitschriften und Zeitungen eine Anzahl Aufsätze über
Spiritismus, Aberglauben, psychische Epidemien usw. veröffentlicht. Auch
der Seybert-Kommission hat er nach seiner Angabe seiner Zeit als Be-
rater nahe gestanden. In der letzten Zeit scheint er sich mit dem Thema
nicht mehr praktisch befaßt zu, haben.
Über Slade hat mir Herr Weiß allerhand neue und interessante
Details mitgeteilt. „Da Henry Sla de tot ist", meint er an einer Stelle
seines langen Briefes, „sollten wir da nicht sagen : de mortuis nil nisi
bene? Wäre es nicht am Platze, wenn Sie Ihren okkultistischen Gegnern
mit Lincolns Worten sagten: I am not bound to win, but I am bound
to be true. I am not bound to succeed, but I am bound to live up to
the light I have. I must stand. with anybody that stands right, stand
with him while he is right, and part with him when he goes wrong."
Das Original des Slade-Bekenntnisses, dessen Text uns Houdini
in seinem Buch erstmals mitgeteilt hat, haben bei Weiß viele Leute
gesehen. Weiß hat mir einige Namen in Amerika bekannter Persön-
lichkeiten genannt, z. B. den Historiker und Sozialisten Samuel W. Penny-
1)
1 ) In den Vereinigten Staaten scheint man jedenfalls Hou dini höher einzu-
schätzen. Wie auch aus einem Referat des okkultistischen Schriftstellers General
J. P eter im Juliheft 1925 der „Psychischen Studien" (S. 399 ff.) hervorgeht, hat sich
Ho udini bei den vom .,Scientific American" unternommenen Experimenten mit
dem Medium „Margery" als sehr wertvolle Kontrollperson bewährt und den Schwindel
aufgedeckt.
52 Graf C. v. Klinckowstroem.

p a ck e r , seiner Zeit Gouverneur des Staates Pennsylvania, mit dem


Weiß befreundet ist; Prof. St. Grimes; Lawrence Grön lun d (Jurist);
F. W. Fritz sehe, Verfasser von „Labor Laws", ein Deutsch-Amerikaner,
der mit dem bekannten Journalisten Viereck nach Amerika kam und
als Schriftleiter in Philadelphia wirkt; der Spiritist Paul Bunz, der in
den Vereinigten Staaten unter dem Schriftstellernamen B u rn s bekannt
ist ; Luis Werner, langjähriger Hauptschriftleiter in Philadelphia usw.
Die Genannten waren auch vielfach Zuhörer bei Vorträgen von Weiß
und Zeugen von Medienentlarvungen durch ihn in ihren eigenen Woh-
nungen. Zu seinen Freunden zählen u. a. auch der Okkultist Prof.
W. R. New bold, Prof. Constantin Hering, der Vater der Homöopathie
in Amerika, der Okkultist Dr. H. Tiedemann usw.
Ich stehe daher nicht an, den Mitteilungen von Weiß Glaubwürdig-
keit zuzuerkennen und halte diese einer Wiedergabe für wert.
Nach Angabe von Weiß sagte ihm Slade selbst nach seiner Ent-
larvung, das Bekenntnis würde ohne Wirkung auf die Spiritisten bleiben
und seinem Ruf als stärkstes Medium der Zeit nicht schaden. Die
tausende intelligenter Beobachter, Spiritisten und Nichtspiritisten, die
seine wunderbaren Phänomene gesehen und für echt gehalten hätten,
würden seinem eigenen Bekenntnis nicht glauben. Slade legte diesem
Bekenntnis selbst niemals einen praktischen Wert bei. Weit peinlicher
war es ihm, daß Weiß und seine Mitarbeiter seinen modus operandi
durchschaut hatten. Deshalb bat er Weiß sehr eindringlich um das
Versprechen, das Bekenntnis nicht zu veröffentlichen und seine Tricks
nicht bekannt zu geben, bis er eine Möglichkeit gefunden habe, seine
Laufbahn als „Medium" aufzugeben. Es war die Furcht vor dem Ge-
fängnis, die Slade veranlaßte. das Bekenntnis zu schreiben, daß alle
seine Manifestationen, ebenso wie die aller anderen Medien, die er ge-
sehen habe, betrügerisch seien. Später behauptete Slade gelegentlich,
daß Weiß, der „Psychologe und Hypnotismus-Experte", ihn unter hyp-
notischem Zwang zur Niederschrift des Geständnisses genötigt habe. Die
Spiritisten hätten derartige Lügen geglaubt und Weiß beschimpft und
bedroht.
„Als ich 1872 nach Newyork kam", schreibt Weiß, „war Slade
dort so radikal entlarvt worden, daß nicht nur die „New York Sun",
sondern sogar spiritistische Blätter wie das „Religio-philosophical Jour-
nal" Slade als das niedrigste Schwindelmedium, als den demoralisier-
testen und demoralisierendsten Schurken der Erde bezeichneten. Als ich
ihn (1882) entlarvte, und er sein Bekenntnis schrieb, da nannten dieselben
spiritistischen Blätter, von denen einige von ihm bezahlt wurden, S1 a d e
„absolut ehrlich" und traten für die Echtheit seiner Produktionen ein."
Die Herausgeber dieser Spiritistenblätter waren nach Weiß zum Teil
auch von reichen und einflußreichen Spiritisten finanziert.
Es hat ein ganzes Jahr gedauert, bis es W eiß gelang, von Slade
im Jahre 1882 zu einer Sitzung zugelassen zu werden. Für diese erste
Mediumistisehes. 53

Sitzung, die in Girards Hotel in Slades Zimmer stattfand, hat Weiß


5 Dollar zahlen müssen, für die zweite in seiner eigenen Wohnung
25 Dollar. Da dort anstatt 3 Personen als Teilnehmer der Sitzung sich
deren 4 vorfanden, verlangte Sla de eine Nachzahlung von 4 Dollar,
die ihm Weiß ins Hotel bringen sollte. Daselbst erfolgte dann die Ent-
larvung und das von Weiß veranlaßte schriftliche Selbstbekenntnis.
„Als ich 1882 Sla de in Philadelphia entlarvte, traf dieser auch mit
J. L. Lewis vom „Intelligencer" ein Abkommen, einer in Belleville,
Ontario (Kanada) erscheinenden Zeitung, dort gegen ein Honorar von
150 Dollar nebst Erstattung aller Spesen eine Sitzung zu geben. Bald
nach seiner Ankunft in Belleville wurde er entlarvt und durch den dor-
tigen Polizeichef Mo Kinn an in Haft genommen. Nach seinem Geständnis
und der Aufklärung über die Art seiner Tricks wurden ihm 5 Minuten
Frist gegeben, den Ort zu verlassen. Mehrere Zeugen der Entlarvung
und des Geständnisses hatten den Polizeichef gebeten, mit dem minder-
wertigen Subjekt milde zu verfahren, ihn nicht ins Gefängnis zu werfen,
sondern laufen zu lassen. Slade packte seine Koffer. .. Dann ging er
nach Detroit und Battle Creek, einem wahren Nest von Spiritisten, und
dort log er in Gesprächen und Vorträgen, daß er in Belleville betäubt
worden sei (drugged), daß er „wild and ill" war und nicht gewußt habe,
was er tat.. . Das Urteil seiner spiritistischen Freunde ging denn auch
dahin, daß Sla de ein echtes, ehrliches und hervorragendes Medium sei,
welches in schmählicher Weise mißbraucht und ungerecht verdammt
worden sei."
So viel von Sla de 1 ). Für die Richtigkeit der nicht nachprüfbaren
Details über Sla de müssen wir die Verantwortung Herrn Remigius
Weiß überlassen, an dessen Glaubwürdigkeit zu zweifeln für mich
kein Grund vorliegt. Mag rn,an ihm mit Recht oder Unrecht, den Vor-
wurf zu extrem-negativistischer Einstellung machen, wie es Houdini
gegenüber seitens englischer und amerikanischer Okkultisten geschieht,
so darf das den objektiven Chronisten nicht hindern, der Aufklärung
dienliche Beobachtungen und Mitteilungen von dieser Seite zu verwerten.
Wir haben im übrigen keinen Anlaß, uns zum Anwalt Houdinis zu
machen. Wenn aber von okkultistischer Seite diesem ohne hinreichende
Begründung unverblümt der Vorwurf der Unehrlichkeit und der Interessen-
politik gemacht wurde, so sahen wir uns um so mehr veranlaßt, den
Sachverhalt klarzustellen, als manche Okkultisten in Deutschland sich
neuerdings in dieser Hinsicht als besonders empfindlich zeigen und eine
neue Taktik der Drohungen und Beleidigungsklagen anzuwenden be-
lieben. Vielleicht wird ihnen der Ansgang des Prozesses Vollhart-Moll
klarmachen, daß dieser Weg nicht geeignet ist, wissenschaftliche Streit-
fragen zu fördern, und daß die in ihrer Ehre sich gekränkt fühlenden
Medien lieber ihren Kritikern Gelegenheit geben sollten, sich von der
angeblichen Echtheit ihrer Produktionen zu überzeugen.
') Weiteres über ihn siehe in dem Werk: Der physikalische Mediumismus, Ber-
lin 1925, S. 149 ff., wo Literatur genannt wird.
54 A. Hellwig.

Psychologische Glossen zu dem Berliner


Okkultistenprozeß.
Von Landgerichtsdirektor Dr. Albert Hellwig, Potsdam.
Der Berliner Arzt Dr. Schwab hat im Jahre 1923 die Ergebnisse
seiner „zweijährigen Experimentalsitzungen mit dem Berliner Medium
Maria Voll hart in einem Büchlein über „Teleplasma und Telekinese"
veröffentlicht. Er kommt auf Grund seiner Erfahrungen zu dem Ergebnis
daß telekinetische Phänomene, Apporte, Materialisationsphänomene, Leucht-
erscheinungen und andere paraphysische Phänomene festgestellt seien.
Im Schlußwort (5. 98) gibt er allerdings auch zu, daß die Versuchs-
bedingungen für den „Skeptiker" auch bei seinen Versuchen noch zu
wünschen übrig ließen ; besonders werde man in die Wagschale werfen,
daß das Medium nicht körperlich untersucht worden sei. Das sei bisher
aber nicht möglich gewesen ; doch könne es eventuell nachgeholt werden,
wenn man das Medium dazu bringen könne. Doch stehe und falle die
Sache nicht mit diesem Faktum; „Das Urteil darf ticht von Einzel-
heiten geleitet werden; diese werden auch die vorsätzliche Skepsis, der
gerade die okkulten Phänomene immer wieder ausgesetzt waren, nicht im
positiven Sinne beeinflussen „Die sogenannten exakten Versuchs-
bedingungen werden übrigens nie ausreichend sein im strengsten Sinne".
In dem seinem Buch eingefügten Nachtrag (S. 113 ff.) bringt
Dr. Schwab noch das Protokoll über eine nicht von ihm geleitete
und ohne ihn stattgefundene Sitzung mit dem gleichen Medium. Er
nennt diese Sitzung vom 11. April 1923 „eine bedeutungsvolle Sitzung"
und erwähnt, daß an ihr u. a. „der Vorsitzende der ärztlichen Ge-
sellschaft für parapsychische Forschung" Dr. med. Sünn er (Psychiater)
sowie Dr. Vieregge, ebenfalls Psychiater, und der durch seine ergebnis-
reichen Experimente auf dem Gebiete der Telepathie bekannt gewordene
Sanitätsrat Dr. Bruck teilnahmen. Sämtliche Teilnehmer der Sitzung
sprachen sich einstimmig für die Echtheit der beobachteten Phänomene
dem Verfasser gegenüber aus."
Außer diesen Herren und dem Medium und ihrer Tochter nahmen
an der Sitzung noch teil Dr. med. Grad en w it z sowie Rittmeister a. D.

Das Protokoll wird in seinem ganzen Wortlaut von Dr. Schwab


abgedruckt. Es schließt mit den Unterschriften der sechs Sitzungs-
teilnehmer.
In diesem Protokoll werden Apporte von zwei Reifen und von
Buchsbaumzweigen geschildert. Es handelte sich um eine Dunkelsitzung;
das Zimmer war nicht untersucht worden; desgleichen nicht das Medium.
Die Kontrolle des Mediums wurde rechts durch Dr. Bruck und links
durch Dr. Sünner ausgeübt, die beide, wie sich jetzt herausgestellt hat,
damals zum erstenmal einer derartigen Sitzung beigewohnt haben, und
Pereholesehe Glossen zu dem Berliner Okkultistenprozeß. 55

von denen Bruck außerdem noch ziemlich schwerhörig ist. Bezüglich


der Art der Kontrolle heißt es in dem Protrokoll: Die Hände des Me-
diums werden sofort nach Lichtlöschen rechts von Dr. B ru c k und links
von Herrn Dr. Sünner festgehalten und auf die Tischplatte aufgepreßt."
Dieses Protokoll hatte Geheimer Sanitätsrat Dr. Moll in einer
Sitzung der „Forensisch-medizinischen Vereinigung in Berlin sowie so-
dann auch in seinem Büchlein „Der Spiritismus" (Stuttgart o. J). ab-
gedruckt und kritisiert. Er bezeichnete die Sitzung als bedeutungsvoll
in dem Sinne, daß sie „ein dauerndes Dokument für die geistige Ver-
fassung einiger Führer der Berliner Okkultisten" sei. Er sprach ferner
als seine Überzeugung aus, daß Frau V ollhart in dem Augenblick, als
das Licht gelöscht war, und bevor Kette gebildet wurde, sich die beiden
Reifen über ihre Hände und Handgelenke gestreift habe. Moll sprach
in diesem Zusammenhang auch von einem Trick und von Manipula-
tionen, die das Medium vorgenommen habe.
Das Medium oder vielmehr der Ehemann, ein Herr Rudloff,
strengte wegen dieser Ausdrücke gegen Dr. Moll die Privatklage an
wegen übler Nachrede. Das Amtsgericht Berlin-Schöneberg eröffnete
auch das Hauptverfahren, trotzdem richtiger Auffassung nach 1) schon
die Eröffnung des Hauptverfahrens hätte abgelehnt werden müssen, da
bei richtiger rechtlicher Würdigung der Sachlage schon damals kein
Zweifel bestehen konnte, daß Dr. M oll zum mindesten in Wahrnehmung
berechtigter Interessen gehandelt habe. Trotzdem ist das allerdings sehr
erhebliche Opfer an Zeit und Kraft, das der dreitägige Prozeß, der am
4., 8. und 11. Juli von dem Amtsgericht Berlin-Schöneberg verhandelt
worden ist, gekostet hat, nicht vergeblich gewesen.
Sowohl von dem Richter als auch von den Sachverständigen wurde
von Anfang an betont, daß es sich nicht darum handeln könne, die Echt-
heit der angeblichen okkult-en Phänomene zu erweisen. Des Medium
aber und seine Hintermänner, jene Pseudosachverständigen, die, wie manche
Episode des stürmisch verlaufenen Prozesses zur Genüge zeigte, nach
Kräften das Medium bei der Vorbereitung des Prozesses unterstützt
hatten, jene Pseudosachverständigen, die das Gericht mit Recht als Sach-
verständige abgelehnt hat, — das Medium und seine Hintermänner
wollten unter Mißbrauch der Formen eines Strafverfahrens den Nach-
weis erbringen, daß die in dem denkwürdigen Protokoll vom 11. April
1923 geschilderten Apporte echte Apporte gewesen seien. Wenn es auch
bestritten wird, so geht dies doch aus einer mir gegenüber gemachten
mündlichen Äußerung eines der Sachverständigen des Privatklägers
hervor, wonach Frau Rudloff von Anfang an darnach gestrebt hat, als
Zeugin unter Eid vernommen zu werden. Das ist doch nur dann ver-
ständlich, wenn sie und ihre Berater der Meinung gewesen sind, durch
eidliche Bekundungen eines Mediums, daß es keinerlei Tricks vor-
genommen habe, könne irgendwie die Echtheit der betreffenden angeb-
lichen okkulten Phänomene erwiesen werden. Davon kann natürlich
keine Rede sein. Und auch in den Gutachten der Sachverständigen kam
56 A. Hellwig.

übereinstimmend zum Ausdruck, daß die Echtheit der okkulten


Phänomene der Sitzung vom 11. April 1923 keineswegs
als erwiesen gelten könne. Ja selbst einer der Sitzungsteilnehmer,
Dr. Vier egg e, von dem Dr. Schwab behauptet hat, er habe sich gleich
den anderen Sitzungsteilnehmern ihm gegenüber für die Echtheit der
Phänomene ausgesprochen, äußerte sich als Zeuge dahin, daß er zwar
keinerlei Bemerkungen gemacht habe, die auf einen Trick des Mediums
hingedeutet hätten, daß er aber keineswegs von der Echtheit der angeb-
lichen Apporte überzeugt sei.
Über den Verlauf der Verhandlungen, so interessant sie auch nach
den verschiedensten Richtungen hin waren, eingehend zu berichten, würde
hier zu weit führen. Ich werde dies vielleicht später an anderer Stelle
tun. Ich will nur die positiven Ergebnisse des Prozesses, soweit sie von
allgemeiner Bedeutung für die kritische okkultistische Forschung sind,
kurz skizzieren.
Jeder von uns, der sich kritisch mit okkultistischen Problemen
befaßt hat, wird die Erfahrung gemacht haben, daß die Hauptschwierig-
keit darin liegt, daß hier in ganz anderem Maße als bei wissenschaft-
lichen Untersuchungen anderer Art alles mit dem Vertrauen auf die
Persönlichkeit des Experimentators steht und fällt. Die Erfahrung zeigt
leider nur allzu oft, daß auch Männer, von denen man es an und für sich
vielleicht nicht erwarten sollte, sobald es sich um Beobachtungen oder
um Experimente okkulter Art handelt, schwere Fehler machen, ohne
daß sie es im geringsten gewahr werden. Die Bestimmtheit der sub-
jektiven Überzeugung eines Forschers steht nicht selten im umgekehrten
Verhältnis zur Verlässlichkeit ihrer objektiven Grundlagen. Es ist des-
halb eine der wichtigsten Aufgaben des kritischen Okkultismus, die er-
forderlichen Unterlagen zur Psychologie der okkultistischen Forschung
im allgemeinen und zur Psychologie der einzelnen okkultistischen
Forscher im Besonderen zu schaffen. Das ist natürlich nicht gleich-
bedeutend damit, daß der Kampf um die Probleme persönlich werden muß.
Die gehässig persönliche Art der Polemik, wie sie insbesondere von den
„Psychischen Studien" geführt wird, ist unsachlich. Aus dieser Atmo-
sphäre des Kampfes, die der Sache nie und nimmer nützen kann, heraus-
zuführen, war gerade eine der Aufgaben, die sich unsere Zeitschrift ge-
stellt hat. Wohl aber ist mit einer sachlichen Behandlung des Problems
durchaus verträglich das Eingehen auf die Psychologie der einzelnen
Forscher, soweit sie von sachlicher Bedeutung für die Einschätzung ihrer
Arbeiten auf okkultem Gebiet ist.
In dieser Hinsicht hat der Prozeß höchst beachtenswerte Aufschlüsse
insbesondere über Dr. Schwab, Dr. Sünn er und Dr. B ruck ergeben.
Das von Dr. Schwab veröffentlichte Protokoll ist, wie jetzt all-
gemein anerkannt wird, außerordentlich mangelhaft. Die Mängel sind so
offensichtlich, daß die Kritik, die Moll an Hand dieses Protokolls an der
Sitzung und an den Sitzungsteilnehmern geübt hat, eher zu milde als
zu scharf ist. Trotzdem hat Dr. Schwab dies offenbar nicht erkannt,
Psycho14r,ische Glossen zu dem Berliner Okkultistenprozeß. 57

denn sonst würde er sich wohl gehütet haben, dieses Protokoll über eine
„bedeutungsvolle Sitzung" noch in letzter Minute seinem Buch einzu-
verleiben. Es läßt das nicht darauf schließen, daß Dr. Schwab bei seinen
Untersuchungen über okkulte Phänomene mit der erforderlichen Selbst-
kritik und Besonnenheit vorgeht. Er veröffentlicht das Protokoll auch
mit sechs Unterschriften, während sich unter dem Orginal tatsächlich
nur zwei Unterschriften befunden haben, nämlich die von Dr. Sün ner
und von Dr. Bruc k. Er hat allerdings nach der Sitzung im Gespräch
anscheinend — bei Dr. Bruck ist es zweifelhaft — die allgemeine Ein-
willigung der Sitzungsteilnehmer zur Veröffentlichung des Protokolls,
aber nicht in der vorliegenden Fassung, erhalten. Damit aber durfte er
sich nicht begnügen. Es hat deshalb später zwischen ihm und Dr. Bruck
eine heftige Auseinandersetzung stattgefunden. Das Verhalten des Herrn
Dr. Schwab soll gewiß nicht gerechtfertigt werden; doch muß mit allem
Nachdruck betont werden, daß es keineswegs so ist, daß Dr. Sch w ab
der allein Schuldige oder auch nur der Hauptschuldige sei, wie es an-
scheinend Dr. Bruck und Dr. Sünner hinstellen wollen.
Weit schlimmere Fehler haben Dr. Bruck und besonders Dr. Sünner
begangen. Daß sie an einer Sitzung teilnahmen, ohne daß die einfachsten
Vorsichtsmaßregeln gegen Täuschung oder Selbsttäuschung ergriffen
wurden, mag noch hingehen. Auch daß sie, trotzdem sie zum erstenmal
eine Sitzung dieser Art mitmachten, die Kontrolle des Mediums über-
nahmen, soll ihnen nicht als Fehler angerechnet werden. Daß sie aber
trotz dieser Umstände der Überzeugung waren und sind, daß die Phäno-
mene, die sie erlebt haben wollen, echt sind, daß sie es für ausgeschlossen
halten, daß sie hätten getäuscht werden können, trotzdem doch Dr. M oll
sogar die Möglichkeit einer Selbttäuschung dem Richter gegenüber
Gerichtssaal in einwandfreier Weise demonstriert hat, das zeigt, daß sie
die kritische okkultistische Literatur, wenn überhaupt, so doch nur sehr
ungenügend kennen und daß sie von ihrer Unfehlbarkeit mehr überzeugt
sind, als gut ist. Je weniger jemand es für möglich hält, daß er getäuscht
werden kann, desto leichter gelingt dies bekanntlich. Solange man nicht
auf dem Standpunkt Molls steht, der trotz seiner jahrzehntelangen Erfah-
rung doch noch in jedem einzelnen Fall mit der Möglichkeit rechnet, daß
er getäuscht wird oder sich selbst täuscht, darf man nicht erwarten,
daß man Vertrauen findet, wenn man einen Versuch als beweiskräftig
bezeichnet.
Weit schlimmer aber noch ist, was sich über die Auffassungen
Dr. Brucks und Dr. Siinners über Protokollwahrheit ergeben hat.
Gewiß ist es richtig, daß vollkommen überzeugende Protokolle über
Experimente dieser Art wohl kaum möglich sind. Das ist ja auch einer
der Hauptgründe, die uns Skeptiker veranlassen, bis auf weiteres uns
auch auf die schönsten Protokolle nicht zu verlassen und zu erklären,
daß man nach dem gegenwärtigen Stande unseres Wissens nur dann zu
der begründeten Überzeugung von der Echtheit der okkulten Erschei-
nungen gelangen könne, wenn man sie selbst unter zwingenden Be-
58 A. Hellwig.

dingungen erlebt habe. Auf dem gleichen methodologischen Standpunkt


stehen übrigens auch Männer wie Professor Dr. Zimmer, einer der
Sachverständigen des Herrn Ru dl of f , der mir dies auch noch nach
dem Prozeß brieflich bestätigt hat.
Verkehrt aber ist es, daraus die Folgerung zu ziehen, daß man, da
Protokolle ja doch nicht voll beweiskräftig wären, nunmehr mit der Pro-
tokollwahrheit nach Belieben umgehen könne.
Wenn wohl auch kaum theoretisch, so doch praktisch — und das ist
das Entscheidende — scheinen Dr. Sünner und Dr. Bruck auf diesem
Standpunkt zu stehen. Das zeigt die Geschichte des Protokolls der „be-
deutungsvollen" Sitzung vom 11. April 1923 zur Genüge.
Da es sich um eine Dunkelsitzung handelte, also gleichzeitige Auf-
zeichnungen während der Sitzung nicht möglich waren, würde das
Prokoll zweckmäßigerweise so hergestellt worden sein, daß, ohne daß
vorher darüber gesprochen worden war, jeder Teilnehmer unmittelbar
nach der Sitzung seine Eindrücke möglichst ausführlich und genau
niederschrieb. Wollte man dieses etwas umständliche Verfahren nicht
wählen, so konnte man schließlich auch — wenngleich die Fehlerquellen
dadurch vermehrt wurden — unmittelbar nach der Sitzung die Beob-
achtungen austauschen und dann das Ergebnis niederschreiben.
Man wählte den letzten Weg. Anstatt aber dem Protokoll sogleich
eine einwandfreie Fassung zu geben, schrieb man zunächst nur eine
flüchtige, für das „Hausbuch" des Mediums bestimmte Fassung des Proto-
kolls nieder. Sie wurde von Dr. Bruck und Dr. Siinn er unterschrieben.
Weshalb dieses vorläufige Protokoll, das eingestandenermaßen grobe
Unrichtigkeiten enthält, von Dr. S ünn er und Dr. Bruck unterschrieben
worden ist, konnte nicht zweifelsfrei festgestellt werden. Im allgemeinen
ist es üblich, durch die Unterschrift zum Ausdruck zu bringen, daß man
mit dem Inhalt des Geschriebenen einverstanden ist. Insbesondere gilt
dies, soweit es sich um Protokolle handelt, und zwar nicht nur um
gerichtliche Protokolle, sondern auch um wissenschaftliche. Wenn aber
Dr. Bruck und Dr. Sünn er von Anfang an der Überzeugung gewesen
sind, daß das Protokoll den Sachverhalt nicht zuverlässig wiedergebe,
so scheint es hiermit schwer vereinbar zu sein, daß sie trotzdem das
Protokoll unterschrieben haben.
Nun kam allerdings bei der Vernehmung von Dr. B r u ek die sehr
erstaunliche Anschauung zutage, daß Dr. Bruck der Meinung ist, durch
das Unterschreiben solcher Protokolle bezeuge keineswegs jeder der
Unterschreibenden, daß sich der Vorfall tatsächlich in allen seinen
Einzelheiten so abgespielt habe, wie es in dem Protokoll geschildert
worden sei. Das Protokoll stelle vielmehr eine Art Kompromiß dar; in
ihm komme zum Ausdruck, was man nach der Aussprache aus den von-
einander abweichenden und einander ergänzenden Eindrücken der ver-
schiedenen Sitzungsteilnehmer schließlich als aller Wahrscheinlichkeit nach
dem Sachverhalt entsprechend annehme. Dieser eigenartigen Protokoll-
Psychologi;che Glossen zu dem Berliner Okkultistenprozeß. 59

wahrheit ist, jedenfalls während der beiden ersten Sitzungstage, während


ich als Sachverständiger anwesend war, von keinem der anderen beteiligten
Herren widersprochen worden. Es scheint danach, als habe Dr. Bruck hier-
mit die in seinen Kreisen geltenden Anschauungen über Protokollwahrheit
zum Ausdruck gebracht. Es ist allerdings schwer verständlich, wie ein
Arzt, der sich mit okkultistischen Forschungen befaßt, derartig laxe Auf-
fassungen der Protokollwahrheit haben kann. Auch wenn man noch so
gewissenhaft sich bemüht, in dem Protokoll den wahren Sachverhalt
zum Ausdruck zu bringen und wenn man noch so sehr bestrebt ist,
die voneinander in Einzelheiten abweichenden Wahrnehmungen der ein-
zelnen Sitzungsteilnehmer hervorzuheben, wird das Protokoll erfahrungs-
gemäß doch nicht fehlerfrei sein. Wenn man aber gar nicht einmal
ernstlich den Versuch macht, das Protokoll so zuverlässig wie nur
möglich zu gestalten, dann tut man besser, die öffentliche Meinung durch
die Veröffentlichung von derartigen Pseudoprotokollen, die mich an gar
manche angeblichen Protokolle erinnern, wie ich sie aus den Akten
gegen betrügerische Hellseher kenne, nicht erst irrezuführen.
Dr. Sünner erteilte, wie - Dr. Bru ck schon früher festgestellt hat 1 )
und wie auch in der Verhandlung zur Sprache kam, Dr. Schwab die
Erlaubnis, jenes „Protokoll" als Nachtrag zu seinem Buche zu veröffent-
lichen. Er ging dabei, wie er als Zeuge erklärt hat, von der Voraus-
setzung aus, daß Dr. Schwab sich vorher noch mit Dr. Bruck und
wohl auch mit den anderen Sitzungsteilnehmern in Verbindung setzen
werde. Dr. Schwab hat das allerdings nicht für erforderlich gehalten.
Aber auch, wenn er dies getan hätte, würde das Verhalten Dr. Sünners
kaum anders zu beurteilen sein. Wenn er persönlich seine Einwilligung
zum Abdruck erteilt hat, so geht daraus zwingend hervor, daß er die
groben Fehler und Flüchtigkeiten jenes vorläufigen Protokolls — Bruck
spricht sehr milde von einer „et7was saloppen Fassung" des Protokolls —
nicht erkannt hat und daß er gleich Dr. S c hw ab die Sitzung und das
Protokoll darüber vom wissenschaftlichen Standpunkt aus als bedeutungs-
voll angesehen hat.
Dr. B ruck hatte inzwischen erkannt, daß sich in diesem vor-
läufigen Protokoll verschiedene Fehler und Lücken befänden. Er brachte
daher — anscheinend nach einer Besprechung mit den anderen Sitzungs-
teilnehmern — schon am 19. April 1923, als er von der „Deutschen Ge-
sellschaft für wissenschäftlichen Okkultismus" in Berlin einen Vortrag
hielt, eine von ihm revidierte Fassung des Protokolls zum Vortrag.
Diese zweite Fassung des Protokolls ist in dem Augustheft 1924 der
„Psychischen Studien" abgedruckt worden 2).
Ein Vergleich beider Fassungen zeigt, daß sie in der Tat in einer
ganzen Reihe von Punkten voneinander abweichen. Dr. Bruck hatte,
wie er als Zeuge zugab. seinerzeit Dr. Moll telephonisch mitgeteilt,

1) Bru eh „Ein Protokoll" (.,Psychische Studien") 1924, S. 483,


2) Ebendort S. 485 IT.
60 Psychologische Glossen zu dem Berliner Okkultistenprozeß.

daß die Abweichungen unwesentlich seien. Ob dies für sämtliche Ab-


weichungen tatsächlich zutrifft, mag zweifelhaft sein; doch kann dies
auf sich beruhen.
Seinen eigenen Worten nach hat sich Dr. Bruck für die Authen-
tizität dieser zweiten Fassung verbürgt '). Aber auch diese zweite Fassung
ist noch recht mangelhaft: ja sie soll sogar, wenn man Zeugenaussagen
Glauben schenken kann, in sehr wesentlichen Punkten unrichtig sein.
In der Hauptverhandlung wurde auf Antrag Dr. Molls das hand-
schriftliche Original des Sitzungsprotokolls herbeigeschafft und dabei
stellte es sich heraus, daß es in einer großen Anzahl von Punkten —
wenn ich nicht irre, gegen 50 — von den gedruckt vorliegenden Fas-
sungen des Protokolls abwich, darunter auch in mehreren sehr wesent-
lichen Punkten. Diese Änderungen waren nachträglich von Dr. Sünner,
wie er als Zeuge zugeben mußte, eigenmächtig vorgenommen worden.
Aus seiner Vernehmung ging aber des weiteren hervor, daß seiner
Überzeugung nach keine der drei bisher bekannten Fassungen des Pro-
tokolls als authentisch angesehen werden kann, obgleich Dr. Bruck
sich schon für die Authentizität der zWeiten Fassling verbürgt hat.
Dr. Sünner erklärte nämlich als Zeuge, es seien verschiedene wesent-
liche Punkte in den Protokollen nicht richtig geschildert, so insbesondere
auch der Zeitpunkt der Kettebildung. Während nämlich nach den ge-
druckt und handschriftlich vorliegenden Protokollen die Kette zwischen
dem Medium, Dr. Bruck und Dr. SU nner erst nach Lichtlöschen
gebildet worden ist und Dr. Bruck bezüglich seiner Person dabei auch
bei seiner Zeugenvernehmung verblieb, hat Dr. S ünn e r geglaubt, ein-
undeinviertel Jahr nach der Sitzung als Zeuge beschwören zu können,
daß er die Hand des Mediums schon v o r Verdunkelung des Zimmers
erfaßt habe. Es bestehen zwei Möglichkeiten: Entweder ist diese Be-
kundung wahr oder sie ist nicht wahr. Mag man zu ihr im übrigen
stehen, wie man will : vom Standpunkt wissenschaftlicher Quellenkritik
aus ist es selbstverständlich, daß die protokollarisch unmittelbar nach
der Sitzung festgelegte den Vorzug verdient vor der, soweit ersichtlich,
zum erstenmal nach 15 Monaten mündlich bekundeten Fassung. Sollte
aber wider alles Erwarten Dr. S ün ne r s Gedächtnis ihn nicht trügen,
so wäre die Tatsache, daß er die Bedeutung dieser Bekundung für die
Frage der Echtheit der in dem Protokoll geschilderten Phänomene offenbar
bis in die jüngste Zeit nicht erkannt hat und daß er die dann falsche Be-
urkundung dieser außerordentlich wichtigen Tatsache nicht nur in dem
ersten vorläufigen Protokoll, sondern auch in dem zweiten und dritten
angeblich endgültigen Protokoll nicht gewahr geworden ist, ein Zeichen
für eine kaum zu überbietende Leichtfertigkeit bei der Behandlung an-
geblich wissenschaftlicher Protokolle.
Die Lehren des Mollprozesses für den Okkultismus sind leider
negativer Art: Für die Frage der Echtheit oder der Unechtheit der
') Ebendort S. 483.
Verschiedenes. 61

okkulten Phänomene hat der Prozeß nichts ergeben und konnte er auch
nichts ergeben ; lediglich die Psychologie eines Teils der okkultistischen
Forscher hat eine weitere Beleuchtung erfahren; dadurch sind die be-
dauerlichen Fehlleistungen, mit denen wir auf diesem Gebiete in ganz
besonderem Maße zu rechnen haben, in ihrer die wirklich exakte For-
schung außerordentlich hemmenden Bedeutung klargestellt worden.

Verschiedenes.
Unmittelbar vor Schluß des ersten Heftes erreicht uns die Nachricht, daß laut
Nr. 7 der Mitteilungen des Volksgesundheitsamtes vom 30. Juli d. J. der Oberste
Sanitätsrat in Wien beschlossen hat, sein Verbot der Bildung einer „Gesellschaft für
Medienforschung" aufrecht zu erhalten und den dagegen eingelegten Rekurs zu ver-
werfen. An der Spitze dieses Vereins stand Frau M. Holub, die Witwe des bekann-
ten Chefarztes der Irrenanstalt Steinhof in Wien, der die vielberufenen Experimente
mit Willy Schneider veranstaltet hat, sowie zwei Ärzte. In den vorgelegten Statuten
war als Zweck des Vereins angegeben „Systematische Erforschung der Phänomene des
Mediumismus und der verwandten Gebiete". Maßgebend für die Verwerfung des
Rekurses war ein Gutachten des Hofrats Prof. Wagner- Ja uregg, der darauf hin-
wies, daß im Jahre 19'24 auch ein „Wiener parapsychisches Institut" und ein „Wiener
metapsychologisehes Institut- die Genehmigung nachgesucht habe. Die Häufung der-
artiger Anträge zeige, daß auf die frühere hypnotische Seuche eine spiritistische Seuche
gefolgt sei. „Für die Sanitätsbehörde kommt in erster Linie in Betracht, ob die Teil-
nahme an solchen Veranstaltungen für die Zuschauer und für die als Medien ver-
wendeten Personen eine gesundheitliche Gefährdung bedeuten kann. Diese Frage ist
auf Grund der Erfahrungen der psychiatrischen Klinik zu bejahen. Wenn dagegen (im
Rekurse) eingewendet wird, daß man mit demselben Rechte die Gründung von Rad-
fahrvereinen oder Rudervereinen verbieten könnte, weil einzelne Personen durch über-
mäßiges Radfahren und Rudern Schaden leiden können, hinkt dieser Vergleich. Durch
diese Sportbetätigung wird so viel an= Gesundheitsförderung erzielt, daß im Vergleiche
damit die Schäden, welche einzelne wenige erreichen, nicht in die Wagschale fallen.
Man müßte da zum Vergleiche Vereine heranziehen, die sich etwa zum Z:ele setzen,
sich durch Schnapstrinken oder Äthereinatmen in einen abnormen Bewußtseinszustand
zu versetzen." Das Gutachten empfiehlt nicht bloß das generelle Verbot allgemein
zugänglicher okkulter und spiritistischer Experimente, sondern auch jeder Beschäfti-
gung mit übersinnlichen Problemen im Wege der Vereinstätigkeit.
Bei der großen prinzipiellen Bedeutung, die dieser Maßnahme beizumessen ist,
wird es wichtig sein, die Stellungnahme der Gelehrten kennen zu lernen, die sieh mit
parapsychologischen Problemen beschäftigen, gleichviel ob sie den okkultistischen oder
antiokkultistischen Standpunkt vertreten. Wir bitten die Leser unserer Zeit-
schrift, sich unter Mitteilung ihrer Gründe über diese Frage zu
äuß e rn. Wir werden die etwa einlaufenden Darlegungen, soweit der Raum es zuläßt
und neue Gesichtspunkte darin enthalten sind, in einem der nächsten Hefte zum Ab-
druck bringen, je nach dem Wunsche der Verfasser mit oder ohne Namensnennung.
Die „Deutsche Gesellschaft für wissenschaftlichen Okkultismus" veranstaltete vom
23. April bis 6. Mai d. J. eine Ausstellung von Werken des holländischen Malmediums
B. C. Man sv el d , in der Kunsthandlung von Hugo Gr aez, Aschenbachstr. 21 in
Berlin. Der bekannte Okkultist Dr. Walter Krön er hielt einen einführenden Vor-
trag. Mehrere Berichte von Augenzeugen und Kunstkritikern liegen uns vor, so u. a.
ein „Inspiravit" betitelter von Fritz S tahl im Berliner Tageblatt vom 25. April und
ein anderer von H. G. in der Deutschen Allgemeinen Zeitung vom gleichen Tage.

62 Verschiedenes.

Mansveld soll einfacher Anstreicher gewesen sein ; nach Strahls Ansicht


wohl eher Dekorationsmaler, denn er macht nicht den Eindruck eines schlichten
Arbeiters. Beim Malen befindet er sich in Halbtrance. Wie Kröner beobachtet hat,
bedient er, sonst ausgesprochener Rechtshänder, sich beim Malen der linken Hand, was
bekanntlich für viele Fälle von Bewußtseinsspaltung typisch ist. Das Medium steht
unter dem Eindruck, daß hervorragende Maler der Vergangenheit wie F a nt in Lato ur,
Isr aöls, Mesdag ihn beherrschen und ihn zwingen, genau in ihrer Malweise zu
produzieren. Zuweilen streiten sie sich um die Herrschaft, wie wir das von den an-
drängenden Geisterscharen der Frau Pip er her kennen, gelegentlich tun sich einige
zusammen und veranlassen in seltsamer Harmonie ein Bild gemischten Stils. Ob die
Leistung künstlerisch hervorragend ist, ob wirklich der historische Stil der genannten
Großen genau getroffen wurde, darüber gehen die Ansichten der Beurteiler ausein-
ander. Etliche Schilderungen lauteten sehr günstig, H. G. dagegen fand manches kitschig,
vermutet die Vorbilder in holländischen Ansichtskarten und G ärtnereiprospekten, meinte,
-

daß ein posthumer F a n ti n Latour zwar die Unterschrift gut nachahmte, sonst aber
die charakteristische mondäne Eleganz dieses Künstlers vermissen ließ.
Steckt hinter diesen Leistungen etwas Übernormales, vielleicht sogar etwas, das
wirklich für den Spiritismus sprechen könnte? Wenn wir der Versicherung Glauben
schenken wollen, daß Maus veld sonst nie gemalt, und daß er namentlich das Malen
mit der linken Hand nie geübt habe, so würde dies in der Tat eine Leistung darstellen,
die die Fähigkeiten des Wachbewußtseins überträfe. Allein die Behauptung der früheren
-

Nichtübung ist bei Medien dieser Art so stereotyp, daß die ganze Zunft sich einen
Gummistempel mit der Aufschrift : „Habe nie gezeichnet, gemalt, getanzt, gesungen,
nie eine Taste berührt" anfertigen lassen könnte. Genaue Nachahmung eines fremden
Stils ist keine Mehr-, sondern eher eine Minderleistung; ein Maler, der Eigenes leisten
will, hat oft Sorge zu tragen, daß er von seinem Vorbilde loskommt. Aber eins, meint
K röner, könne ihn fast in seiner Gegnerschaft gegen den Spiritismus wankend machen :
Die Tatsache, daß ei n Mensch die Stile ganz verschiedener Maler vollendet beherrschen
könne. Hier steht Kr ön er vor demselben Befund, der auch Hodgson infolge seiner
Versuche mit der Pip er zum Spiritismus bekehrt hat. Auch er fand, daß die Wissens-
komplexe von hunderten verschiedener Geister, reinlich geschieden, jahrelang im Ge-
dächtnis des Mediums aufgespeichert blieben, und hielt eine solche Fülle und Unver-
mischbarkeit im seelischen Raum einer einzigen Persönlichkeit für unglaubwürdig. Tat-
sächlich liegt hier doch nichts vor als die allerdings erstaunliche Hypermnesie des
Unterbewußtseins und die namentlich durch den Fall Staudenmaier belegte Tatsache,
daß die verschiedenen Sektionen des zerspaltenen Unterbewußtseins — die sich so gern
als verschiedene fremde Intelligenzen maskieren -- nicht nur getrennte Konstellations-
gebiete mit oft sehr dicken Scheidewänden sind, sondern auch die Tendenz haben, in
ausgesprochenen Gegensatz zueinander zu treten.

Die Zeitung „Der Deutsche" vom 19. April d. J. berichtet folgenden Vorfall: In
der französischen Stadt Capelle la Grande war der zwanzigjährige Charles Co emel
am 5. März bei der Arbeit au einer Dynamomaschine vom elektrischen Strom getötet
worden. Da die Bevölkerung ihn zuerst nur für scheintot hielt, wurde er erst nach
5 Tagen, also am 10. März beerdigt. Seine dauernd kranke Mutter mußte während der
Bestattung zu Hause bleiben, in dem Augenblicke aber, als man den Sarg in die Erde
senkte, sah sie die Hand des Toten an der Fensterscheibe. Sie hielt es zuerst für
Sinnestäuschung und beobachtete es nicht weiter, aber nach einigen Minuten gewahrte
sie einen deutlichen Fingerabdruck auf der Scheibe, der auch nicht abzuwaschen war.
Ihr Sohn hatte oft, wenn er abends aus der Fabrik heimkehrte, ans Fenster geklopft
und auch dabei Fingerspuren hinterlassen. Nun schien der Tote auf gleiche Weise von seiner
Anwesenheit Kenntnis zu geben. Die „Spiritistische Gesellschaft" von Dünkirchen sandte
2 Mitglieder nach Capelle la Grande, die den Abdruck besichtigten, und bestätigen, daß
alle 5 Finger der rechten Hand ihren Abdruck hinterlassen hatten.
Hier also schien der verbreitete Glaube an den Fingerabdruck der Toten Be-
stätigung zu finden. Ein Ingenieur aber, der in der gleichen Fabrik wie Charles Coemel
Verschiedenes. 63

arbeitete, löste das Rätsel in überraschend einfacher Weise, indem er darauf hinwies,
daß letzterer mit verschiedenen chemischen Substanzen, darunter auch mit glasätzen-
der Flußsäure hantiert hatte, die, als er am Abend vor seinem Tode wieder wie ge-
wöhnlich ans Fenster klopfte, ihre Wirkung auf der Scheibe geübt haben mußte. Die
Spiritisten von Dünkirchen wenden allerdings ein, die alte Frau habe in den 5 Tagen
zwischen Tod und Beerdigung nichts von der Handspur bemerkt, diese müsse also erst
im Augenblick der Beerdigung entstanden sein. Offenkundig genügt diese Überlegung
nicht, um die naheliegende natürliche Erklärung des Ingenieurs abzulehnen. Die
Fingerspur war anscheinend wenig sichtbar, das Oberbewußtsein der Mutter hatte sie
nicht bemerkt, wohl aber das schärfer wahrnehmende Unterbewußtsein, und das Zu-
sammenwirken des Wissens, daß im Augenblicke gerade die Leiche des Sohnes der
Erde übergeben wurde, des starken hierdurch ausgelösten Affekts, der Erinnerung an
seine frühere Gewohnheit, ans Fenster zu klopfen, und der latenten Kenntnis von der
achtlos gesehenen Fingerspur konnte sehr leicht eine Illusion wie die geschilderte
erzeugen. In vielen Fällen, in denen sich kürzlich Verstorbene angeblich durch physische
Veränderungen, z. B. durch stehenbleibende Uhren, in Erinnerung brachten, mag ein
ähnlicher Zusammenhang vorgelegen haben.

Go df r ey Raupert, ein in Amerika geborener Theologe, war ehedem Mitglied


der englischen S.P. R. (Gesellschaft für psychische Forschung) und ebenso eifriger wie
erfahrener Spiritist. Erschütternde Erlebnisse veranlaßten seinen Übertritt zum Katholi-
zismus, seitdem wurde er ein Führer und Kämpfer der katholischen Kirche gegen den Spiri-
tismus. Auf seine zahlreichen englischen Streitschriften, z. B. „The Dangers of Spiritism",
hat er jetzt ein Buch in deutscher Sprache „Der Spiritismus im Lichte der vollen
Wahrheit" (Verlag Tyrolia) folgen lassen. Die Lehre, zu der er sich heute bekennt,
würden wir nun allerdings nicht als eigentlichen Verzicht auf den Spiritismus, d. h. auf
die Geisterhypothese gelten lassen können. Er ist nur vom „posthumen" zum „dämo-
nischen Spiritismus" übergegangen, d. h. seiner Ansicht nach sprechen aus den Medien,
den klopfenden Tischen usw. 'dreht die Geister verstorbener Menschen, sondern Lügen-
geister, die sich nur mit den Namen und Erinnerungen unserer verblichenen Freunde
und Verwandten ausstaffieren, um uns zu umgarnen und der wahren Religion abspenstig
zu Mtsehen. Was Raup e rt zu dieser seltsamen Ansicht, in der er aber keineswegs
ohne Vorgänger dasteht, führt, ist erstens die Beobachtung, wie unwürdig sich die an-
geblichen Seelen befreundeter oder berühmter Menschen oft in der Sitzung präsen-
tieren, tütd daß sie nicht selten Medien und eifrige Teilnehmer in geistige Zer-
störung, in Unglück und Verwirrung führen, ja manchmal zum Selbstmord drängen.
Ferner aber machen ihn die zahlreichen Widersprüche, Selbstentlarvungen, Zusammen-
brüche stutzig, die bei den Geistern zutage treten. In den Sitzungen, an denen R a up ert
selbst teilnahm, offenbarte sich längere Zeit sein verstorbener Freund T. J. und gab
mannigfache Beweise seiner Identität. Trotzdem beobachtete R aupert seine Bekun-
dungen mit dauerndem Mißtrauen. „An einem Abend", fährt Raup er t fort, „der mir
unvergeßlich ist, machte T. J. eine Aussage, die nicht wahr war und nicht wahr sein
könnte, denn das 13ehauptete gehörte gar nicht zu seinem vergangenen Leben. Ich
deutete nun auf die Tatsache hin, daß das Gesagte unmöglich wahr sein könnte. Ein
.

tiefes Schweigen seitens des geistigen Wesens und der Mitsitzenden folgte auf meine
Bemerkung. Ich erhob mich und sagte in feierlichem Tone : ,Ich frage dich jetzt im
Namen Gottes, bist du wirklich der verstorbene T. J.?' Zum grenzenlosen Erstaunen
aller AnWesenden kam die Antwort kurz und bündig : ‚Nein!' Ich sagte weiter : ‚Dann
frage ich dich im Namen Gottes: Wo hast du die Information hergenommen, durch
die es dir möglich geworden ist, diesen großen Betrug auszuführen?' Die höhnende
Antwort war ,Aus euren eignen dummen Gedankenkasten (thought boxes). Ihr sitzt
da wie die Narren, in passivem Zustande, in welchem ich eure Gedankenbilder fast
genau so ablesen kann, vele ihr eine Seite eures neuen Testaments.' Ich brauche kaum
zu versichern, daß mit dieser erschütternden Episode unsere Experimente auf lange
Zeit unterbrochen wurden".
Die Antwort des Pseudogeistes scheint eigentlich sowohl als Erklärung wie als

64 Verschiedenes.

Kritik vortrefflich zu sein und die Angelegenheit bestens zu erledigen. Warum hält
Raupert es trotzdem für wahrscheinlicher, daß die aus den Medien tönenden Stimmen
von Lügengeistern stammen, als daß sie bloß die Gedanken der Sitzungsteilnehmer
wiedergeben ? Nun, erstens bestimmt ihn dazu der Widerspruch, in dem die Angaben
der Geister zu den Ansichten und dem Willen der Medien und Anwesenden stehen.
Das „dämonische und rebellische Unterbewußtsein" erscheint auch hier als Zentralproblem
des Spiritismus, wird es zum Gegenstand gründlicher Untersuchung gemacht, so raubt
man der Geisterhypothese ihr Hauptargument. Ferner aber läßt Raupert sich be-
stimmen durch die Wahrnehmung, daß hochgebildete Geister aus ganz ungebildeten
Medien, philosophierende Geister aus kleinen Kindern reden — und nach seiner Angabe
gibt es in England Hunderte solcher Kindermedien, — und daß das Reden der Medien
in Sprachen, die sie sicher nicht gelernt haben können, sich nicht auf bloße aufge-
schnappte Redensarten beschränkt, die sich noch normalpsychologisch erklären ließen,
sondern sie zu stundenlangen sinnvollen Gesprächen befähigt. Diese Phänomene be-
weisen, daß hinter dem Medium eine andere, unabhängige, ihm oft weit überlegene
Intelligenz stehe. — Gewiß, dieser Schluß ist unanfechtbar. Aber warum soll diese
unabhängige Intelligenz nicht die der Sitzungsteilnehmer sein, aus deren Unterbewußtsein
das Medium zapft? Mögen die Beobachtungen, auf die sich Ra up ert stützt, noch so
weit reichen und noch so gesichert sein (was sie z. T. wohl in cht sind), sie würden
immer nur eine sehr weitgehende Fassung der telepathischen These erzwingen, nie
aber den Spiritismus beweisen. Somit scheint es doch, daß der Pseudogeist T. J. die
Sachlage am richtigsten beurteilt hat.

Auf Veranlassung der Schriftleitung des Berliner „Lokalanzeiger" (vgl. Nummer


vom 23. Juni d. haben Prof. M. Dessoir und Geheimrat Albert M 011 ein un-
garisches Ehepaar K. geprüft, das sich durch seine erfolgreichen telepathischen Ver-
suche einen Namen gemacht hatte. Herr K. pflegt seine Frau durch Anstarren an-
scheinend in hypnotischen Schlaf zu versenken. Danach ist sie imstande, Gegenstände,
die man ihm in die Hand gibt, sowie Zahlen Buchstaben und Worte, die ihm auf-
;

geschrieben überreicht werden, ziemlich gut zu erraten. Die Versuche der beiden
Forscher gingen zunächst darauf aus, die Möglichkeit einer Zeichengebung auf dem
Gebiete der verschiedenen Sinne zu unterbinden. Da während der Prufung Herr und
Frau K. sich in verschiedenen Zimmern befanden, war die Mitwirkung des Gesichtssinns
leicht auszuschließen. Elektrische Signale konnten nicht gegeben werden, da körper-
liche Untersuchung des Herrn K. keine Apparate zutage förderte. Auch eine Verbindung
durch Fäden wäre durch sinnreiche Vorkehrungen, die man traf, nachzuweisen gewesen,
fand aber nicht statt. Dagegen wurde es bald offenbar, daß der Gehörssinn eine Rolle
spielen müßte, denn rasselnde Geräusche im Zimmer verhinderten die Übertragung, und
wenn Herrn K. eine Binde über den Mund gelegt wurde, so verschlechterten sich die
Resultate. Schließlich erregte es Verdacht, daß Herr K., der während der Versuche
sehr aufgeregt und unruhig war, häufig, wenn ihm eine Zahl oder ein Buchstabe auf
Zetteln übergeben wurde, unartikulierte, interjektionsartige Laute ausstieß. Man be-
obachtete schärfer und fand, daß stets, wenn solch ein Laut geäußert wurde, die Zahl
richtig geraten wurde. Nun führten mehrere Beobachter unabhängig voneinander
Protokoll, verglichen ihre Resultate und stellten einwandfrei fest, daß z. B. der Aus-
ruf „esch" r bedeutete. Ebenso war „geh" b, „homma" 7, „mek" 4. Da solche Tem-
peramentzeichen nicht immer erfolgten und stets schon dann, wenn die Anwesenden
den Versuch noch gar nicht im Gange befindlich glaubten, so konnte dieser Trick
lange der Aufmerksamkeit entgehen. Er war so erfolgreich gewesen, daß z. B. eine
zehngliedrige Kommission einer süddeutschen „Gesellschaft für psychische Forschung"
attestiert hatte, sie habe „einwandfrei und einstimmmig festgestellt, daß bei K. ein
Fall von Mentalsuggestion, d. h. von sogenannter Gedankenübertragung vorliegt".
Der Fall lehrt aufs neue, daß es bei der Aufdeckung mediurnistischer Tricks vor
allem auf die unbewachten „Übergangsmomente" zu achten gilt, und daß der natürliche
oder fingierte Aufregungszustand, Krampf, Schütteltremor usw. der Medien die beste
Gelegenheit zur Anbringung taschenspielerischer Kniffe bildet.
Revue metaphysique, Jahrg. 1924. 65

Referate und Besprechungen.


Revue metapsychique, Jahrgang 1924.
Nr. 1. Januar-Februar.
1. Charles Riehet, Die Verteidigung der Metapsychik; Antwort
an Dr. Achille D ei in a s. Polemik gegen eine Besprechung von Richets „Trait6 de
Maapsychique".
2. Hans Driesch, Die metapsychischen Phänomene. Driesch legt
zuerst seine vitalistische Philosophie dar, die ich hier als bekannt voraussetzen darf,
um dann die metapsychischen Phänomene mit seinen Ansichten in Beziehung zu setzen.
Was geschieht, wenn in Gegenwart eines Mediums Hände, Gesichter, Gestalten auf
treten? Man brauche nicht anzunehmen, daß hier Materie geschaffen werde, es genüge
die Annahme, daß das vom Medium ausgehende Agens Materie ordne. Im Grunde
liege dann nichts anderes vor als beim normalen vitalen Geschehen. Allerdings könne
man einwenden, daß es sich beim Medium um Fernwirkungen außerhalb des Körpers
handle und um körperfremde Materie. Dieser Einwand schlage aber nicht durch, erstens
seien es wahrscheinlich gar keine echten Fernwirkungen und außerdem gäbe es ja
auch im normalen biologischen Geschehen ein Einbeziehen von ursprünglich leibfremder
Materie unter die Kontrolle der Entelechie, nämlich beim Stoffwechsel, bei der Assi-
milation. Wenn wir uns dies klar machen, dann treten die metapsychischen Phänomene
prinzipiell aus ihrer Isolierung heraus, und sie werden dann wohl auch nicht mehr mit
solchem Entsetzen betrachtet.
3. G. Geley, Vitalismus und Metapsychik. Weitere Ausführungen
über ähnliche Ideen. Gel e y verweist auf sein Buch vom „Unbewußten zum Bewußten"
(Stuttgart 1925).
4. Wilhelm Neumann, Versuche mit dem Medium Jan Guzik zu
Baden-Bade n. Das polnische Medium G. arbeitet meist im Dunkeln, jedoch wurden
auch bei schwachem Rotlicht Phänomene beobachtet. Über die Kontrolle schreibt N e u-
m a n n: „Die Kontrolle Guziks b9stand darin, daß die rechts und links von ihm sitzen-
den Kontrolleure ihn an den Händen hielten. Die Kontrolleure hatten die Aufgabe,
die Beine des Mediums dauernd zu fühlen. Außerdem waren zumeist die Stühle der
Kontrolleure so nahe an den Stuhl Guziks gerückt, daß er gleichsam wi,e in einem
Stuhlkäfig steckte". Betrug wurde,' obwohl man mit großer Skepsis an die Unter-
suchungen heranging, nicht festgestellt.
An Erscheinungen wurde folgendes festgestellt :
1. Berührungen der dem Medium nächst sitzenden Personen, höchstens die über-
nächste wurde auch noch berührt. Meist waren sie sanft, unter Umständen aber stärker.
2. Akustische Phänomene wie Herumstapfen im Zimmer, Klopflaute, Kratzen
an Möbeln. Zweimal wurde eine Gitarre, die 1,20 m vom Stuhl des Mediums entfernt
war, 10 Minuten lang gezupft und„zwar rhythmisch und angenehm melodisch. N en-
mann selbst kontrollierte auf der rechten Seite, die Gitarre lag rechts hinten von ihm
und er betont, daß er den Kontakt mit Hand, Arm, Bein und Fuß nicht verloren habe.
3. Telekhaesen wurden mehrfach beobachtet. Ein Tisch, der 1,50 m hinter dem
Stuhl des Mediums stand, näherte sich dem Sitzungstisch zwischen dem Medium und
N e um a n n , hob sich dann in die Höhe und stand schließlich, die Platte nach unten,
auf dem Sitzungstisch. Neumann gibt an, deri: Kontakt mit dem Medium nicht ver-
loren zu haben. In einer Sitzung mit Rotlicht bewegte sich ein Papierkorb, der 1,25 m
hinter dem Medium stand.
In einer Sitzung mit Rotlicht hatte man auf den Flügel hinter dem Medium
Papier und einen Bleistift gelegt, damit man direkte Schrift erziele. Nach der Sitzung
fand man keine Schrift, jedoch etwa acht kleine Häufchen eines äußerst feinen, schwarzen,
glänzenden Staubes, der sich als Graphitpulver herausstellte. Neumann betont, daß
es ihm unmöglich gewesen sei, mit einem Messer einen derartig feinen Staub zu erzeugen.
Zeitschrift für Okkultismus. r. 5

66 R. Tischner.

Ausführlich schildert Neumann schließlich einen Überrumpelungsversuch. Ein


taschenspielerisch geübter Herr setzte sich außerhalb des Kreises ; als sich eine Gitarre,
die sich hinter dem Medium auf einem Stuhl befand, vom Stuhl herunter fiel und sich
auf der Erde herumbewegte, schlich sich der Herr heran und knipste eine mit rotem
Papier umhüllte, aber ziemlich helle Taschenlampe an ; er beleuchtete damit die Gitarre,
konnte jedoch nichts Verdächtiges finden. Guzik bekam kurz nach Aufleuchten des
Lichtes einen kollapsartigen Zustand, sein Oberkörper fiel auf N e um anns linken
Arm und er preßte dessen linke Hand heftig, die Beine hielt er ruhig.
5. G. Geley, Einführung in das praktische Studium der Mediu-
mit ä t. Ein Kapitel aus seinem Buche "L'Ectoplasmie et la Clairvoyance".
Nr. 2. März-April.
1. Schrenck-Notzing, Der Betrug des Mediums Ladislas Laszlo.
Übersetzung aus dem Deutschen. Ausführlicher Bericht über S chrencks anscheinend
gute Sitzungen in Budapest, in denen trotz aller möglichen Kontrollen "Materiali-
sationen" erschienen, bei denen man früher auch Selbstbeweglichkeit beobachtet haben
wollte. Daß er selbst nicht bei den Sitzungen, denen er beiwohnte, eingriff, um den
Betrug zu entlarven, begründet Sc hr en ck damit, daß er als Gast anwesend war und
nicht als Versuchsleiter, jedoch hatte er seine Bedenken gegen die Echtheit bald nach
seiner Rückkehr brieflich dem Versuchsleiter ausgesprochen, ohne allerdings anderseits
damals schon von dem Betrug üb erz engt zu sein.
Eine direkte Entlarvung erfolgte überhaupt nicht, der Betrug kam dadurch
heraus, daß sich Las z 1 o einem Manne gegenüber, der sein Hegershelfer auf einer
Reise sein sollte, offenbarte.
2. Riehet, "Fast" automatis ehe Schrift. KurzerBericht über eine Dame.
die eines Tages einen Vortrag über die medianimen Verse Victor Hugos gehört und
in der Nacht nach diesem Vortrage das Gefühl hatte, als ob jemand ihr Verse vor-
spräche, die sie jedoch vergaß. Den nächsten Tag schrieb sie dann bei vollem Bewußt-
sein und vollem Willen die Verse nieder, die recht gut sind und wohl als für Victor
Hugo kennzeichnend gelten können. Während sie sonst nur mit Anstrengung dichtete,
schrieb sie diese Verse in voller Passivität und leicht nieder.
3. G. Geley, Die Versuche des "Institut m6tapsychique inter-
nationale" mit dem Medium Guzik (Fortsetzung und Schluß aus der Arbeit
Gel eys in Nr. 6. Rev. ragt., 1923. S. 133). Die Kontrolle war die "übliche", d. h. nach
dem früheren Bericht mußte sich das Medium in Gegenwart von zwei Zeugen aus-
ziehen und dann einen taschenlosen Pyjama anziehen. Weiterhin hakten die Nachbarn
den kleinen Finger der entsprechenden Hand in den kleinen Finger von Gu z ik s
Händen ein, außerdem waren seine Handgelenke mit denen seiner Nachbarn durch ein
plombiertes Band um das Handgelenk verbunden. Die Nachbarn hielten engen Kontakt
mit seinen Armen und Beinen. Die Beleuchtung war stark herabgesetzt. Die andern
Sitz er waren untereinander durch kurze Ketten mit Vorhängeschlob von Handgelenk
zu Handgelenk verbunden. Die Türen des Saales des Instituts waren verschlossen und
versiegelt, dgl. die Fenster. Das Zimmer bot keinem Helfershelfer einen Unterschlapf.
Der Boden wurde mehrfach mit Sägemehl bestreut, es wurden dann nachher keine
Spuren menschlicher Tritte gesehen. "Unter diesen Umständen war die materielle Kon-
trolle trotz der Dunkelheit vollständig und die Kontrolle von Guzik, die von einer
außerordentlichen Einfachheit war, war vollständig befriedigend."
Als Probe gebe ich einen Bericht über die Sitzung vom 24. April 1923, 3 Uhr
nachmittags. Anwesend Sir Oliver Lodge, Graf A. v. Gr am on t, Fr. v. C. Herr
011ivi er, Graf Bourg de B o zas, Dr. Gel e y. Kontrolle im ersten Teil rechts :
Fr. v. C., links : 0. Lo dg e. Mehrfache und starke Berührungen der Fr. v. C. Geräusch
von Schritten, ein schwerer Tisch, 1 Meter hinter dem Medium, wird mehrmals bewegt.
Die Gestalt eines Hundes etwa von der Größe eines Foxterriers geht zwischen
den Beinen von Fr. v. C. und ihrem Nachbarn dem Grafen Gram ont durch. Beide
fühlen die Berührung. Der "Hund" springt auf die Kniee der Fr. v. C., die das Fell
fühlt, dann auf die Schultern ; die üblichen Liebkosungen eines Hundes. Graf B ourg geht
Revue metapsychique, Jahrg. 1924. 67

fort. Kontrolle im zweiten Teil: links Frau v. C., rechts Oliv er Lodg e. Sofort starke
Erscheinungen, Schritte, Verstellen von Möbeln. Papier und Bleistift, die 1,20 m hinter
dem Medium auf einem Tisch lagen, werden zu Boden geworfen. Beide Kontrolleure
fühlen zahlreiche Berührungen. zwei Glieder wie Hände ohne Finger stützen sich auf
L o dges Schultern. Sein Hut wird mehrmals auf dem Kopf verschoben. Man hört
unbestimmtes Flüstern, dann spricht eine Stimme ganz nahe an Oli ver Lo cl ges
Ohr. Alle hören die Worte „Votre nom". Das Medium hustet und erwacht. Es hält
die Hand von Fr. v. C. ganz nach hinten und oben. Sie fühlt ein Wesen von der Größe
eines stehenden Menschen. Ihre Hand berührt einen behaarten Schädel. Dasselbe dann
mit Oliv er L o dg e. Nach dem Lichtmachen sieht man unzusammenhängende Zeichen
auf dem auf die Erde geworfenen Papier.
Ähnlich waren die Phänomene in den anderen Sitzungen, der Hund erschien
öfter und es wird auch berichtet, daß ein Geruch auftrat wie von einem feuchten Hunde-
fell, das verschwand, wenn der Hund nicht mehr bemerkbar war. Irgendwelche Ver-
dachtsmomente werden nicht mitgeteilt.
4. E. Bozzano, Über die Kryptästhesie und die Arten, durch die
si e sich manifestiert. Eine Polemik gegen R i ch ets Auffassung, gegen den er
den Standpunkt vertritt, daß die Kryptästhesie vielfach nicht auf physikalischen
Schwingungen beruht, die das Medium treffen, es handle sich meist um einen aktiven
Prozeß beim Medium. Viele Fälle des Hellsehens seien nur zu erklären, wenn man
einen aktivea dynamischen Prozeß von Seiten des Mediums annehme.
5) G. Geley. Über die Histolyse der Insekten. Antwort auf einen Auf-
satz von Prof. Zimmer, der Geleys Auffassung der Histolyse bestritten hatte.
Während Gel ey früher irrtümlich behauptet hatte, daß die Larve sich in einen amor-
phen Brei verwandele, aus dem sich dann das fertige Insekt materialisiere, muß er
jetzt zugeben, daß der Aufbau aus Zellen vor sich geht. Er verschiebt aber die Streit-
frage, indem er jetzt den Hauptwert darauf legt, daß die Larve im Gegensatz zur
normalen Ernährung sich von den Stoffen des eigenen Körpers nährt.
Nr.3. Mai-Juni.
1. C.Geley, Der Fall des Mediums Erto. Geley hatte schon früher
über diesen Neapolitaner berichtet. Obwohl er damals bei der Vielgestaltigkeit der
Phänomene Betrug für unwahrscheinlich hielt, so war er doch nur unter Vorbehalt
für die Echtheit der Phänomene eingetreten. In diesem Aufsatz teilt er nun mit, daß
Er to bei Betrug ertappt worden sei. Das Hauptphänomen bei Er to waren Blitze und
blitzähnliche Lichterscheinungen, während im Raum sonst völlige Dunkelheit herrschte.
Ert o wurde nach Entkleidung von Ärzten genau untersacht, mehrfach auch
das Rektum, dann zog er ein für ihn nach Maß angefertigtes Trikot an, das an den
Öffnungen (Handgelenke und Rücken) plombiert wurde, über den Kopf bekam er einen
Tüllschleier, der an das Trikot angenäht wurde. Über das Trikot zog er noch einen
Pyjama. An den Händen trug er sehr dicke Boxhandschuhe, um ihm die Verwendung
der Hände zu erschweren. Das Sitzungszimmer konnte er sonst nie betreten, man führte
ihn direkt vor der Sitzung iu das Zimmer, ließ ihn auf:einem Weidensessel Platz nehmen
und setzte sich um ihn in völliger Dunkelheit in einem Abstand von etwa 3 m.
Irgendwelche Beleuchtung ertrug Er t o nicht, weder durch Rotlicht noch Leucht-
streifen, er reagierte dann mit negativen Sitzungen. Aula das Fesseln der Hände ge-
stattete er nicht, so daß Gele y trotz der anscheinenden Strenge die Bedingungen
nicht für zufriedenstellend hielt.
Die bei ihm auftretenden Erscheinungen waren hauptsächlich Lichterscheinungen,
in Form von Lichtblitzen, vielfachen Lichtpunkten u. dgl.
Gel ey stellt das für die Echtheit und gegen sie sprechende nebeneinander.
Für die Echtheit spricht die genaue Untersuchung des Mediums vor der Sitzung sowie
die Vielgestaltigkeit der Phänomene, die verschiedene Instrumente zu fordern scheinen
würden. Gewisse Phänomene konnten künstlich nicht nachgeahmt werden. Außerdem
waren zwei Röntgenuntersuchungen des Mediums negativ.

68 R. Tischner.

Nach einer Sitzung fand man nun, nachdem sich Erto an einem Waschtisch
gewaschen hatte, im Siphon ein kleines Cereisen. Schon vorher hatte man festgestellt,
daß man damit fast alle seine Produktionen nachmachen konnte. In andern Sitzungen
wurde dann bei Erto auch Cereisen gefunden.
2. E. Bozzano, Hypothesen, die man nicht begreifen kann und
Hypothesen, die man nicht denk en kann. Polemik gegen die vierte Dimension
und das gegenwärtige Ewige (&ernel prsent).
3. R. Sudre, Die Hypothese der Reinkarnation. Sudre betont,
daß weder die von den Anhängern der Reinkarnation angeführten Fälle von Wunder-
kindern noch die angebliche Erinnerung an frühere Leben beweisend sind. Wenn die
Erinnerung an ein früheres Leben wirklich in das neue hinubergenommen würde,
dann sollte man erwarten, daß es nicht nur Wunderkinder auf dem Gebiete der
Musik und Mathematik — wo besondere Verhältnisse vorliegen — gäbe, sondern auch
auf dem Gebiete der Chemie und anderen Wissenschaften. Auch die Angaben von
Rochas in seinem Buche „Die aufeinandertolgenden Leben" beweisen nichts, da die
Angaben der Hypnotisierten über ein früheres Leben auf Phantasie beruhen können
und keinen Identitätsbeweis geben. Desgleichen sagen die Reinkarnationen der Helene
S m it h nichts, da sich einenteils beweisen und zum andern Teil sehr wahrscheinlich
machen ließ, daß es sich bei Helene Smith um subliminale Erinnerungen handelte.
Schließlich seien auch die angeblichen moralischen Beweise hinfällig. Was könne eine
Reinkarnation für einen Wert haben, wenn man an sein früheres Leben gar keine
Erinnerung habe und infolgedessen gar nicht wissen könne, für welche' Sünden man büßt?
Nr.4. Juli-August.
I. Charles Riehet, Gustave Geley, Nekrolog.
2. G.Geley, Der Fall des Mediums Erto. Mit 18 Bildern. Abgesehen
von den früher beschriebenen Erscheinungen bietet Erto noch andere. In den Sitzungen
mit Erto wurden vielfach Lichteindrücke auf photographischen Platten erhalten, die
z. T. in versiegelten Kassetten und Schachteln in die Nähe von Erto gelegt wurden,
z. T. sich auch in photographischen Apparaten befanden. Geley selbst hatte die Platten
gekauft und selbst allein vorsichtig eingelegt, die Schachteln oder Kassetten mit seinem
Siegel versiegelt und sie bis zur Sitzung in einem Geldschrank aufbewahrt. Trotzdem
traten, wenn Erto sie in der Dunkelheit kurze Zeit in der Hand hielt, bei der Ent-
wicklung z. T. dunkle, z. T. helle Flecke auf. Die Flecke waren z. T. wolkenartig, teils
scharf umrissen, kreisförmig oder strichförmig. Weiter traten Fingerabdrücke auf, die
nach den Hautlinien als solche des Mediums erwiesen wurden. Diese Fingerabdrucke
waren z. T. positiv, z. T. auch negativ. Dabei hatte das Medium die versiegelten Schachteln
nur kurze Zeit während der Dunkelsitzung zur Verfügung, ohne daß sie ihm für längere
Zeit in einem andern Zimmer als dem Sitzungsraum zugänglich gewesen wären, um
Manipulationen damit vorzunehmen. Auch andere Herren wie z. B. S u dr e brachten
sorgfältig versiegelte Schachteln mit, auch hier traten dieselben Flecke auf, während
andere Platten aus derselben Schachtel, die nicht in den Händen Ertos gewesen waren,
keine derartigen Spuren aufwiesen. Andere Platten zeigten Veränderungen, als ob sie
der Hitze ausgesetzt gewesen wären. Die Gelatine war beulig, hatte Sprünge, ja sie
war sogar geschmolzen.
Ähnliches fand sich auf Platten, die sich im photographischen Apparat befunden
hatten, obwohl die Kassette und das das Objektiv tragende Brett verklebt waren.
Natürlich erhob man als erstes die Frage des Betrugs und Geley ist ihr auch
ausführlich nachgegangen. Wie er betont, sei es natürlich für Erto leicht gewesen,
unter den gegebenen Bedingungen die Siegel usw. zu entfernen, aber es wäre, wie er
sagt, unmöglich gewesen, unter diesen Bedingungen sie unbemerkt wieder anzubringen,
da er, wenn er auch die Platten in der Dunkelheit in der Hand hatte, doch im übrigen
überwacht wurde und nicht die Möglichkeit hatte, die Kassetten auch wieder zu ver-
siegeln. Zudem hatte er nicht die Siegel der verschiedenen Experimentatoren zur Ver-
fügung. Auch das Vertauschen der Platten oder Kassetten sei unmöglich gewesen, dgl.
würde die Anwendung radioaktiver Substanzen die Erscheinungen nicht erklären, da-
Revue mAtapsychique, Jahrg. 1924. 69

durch würden höchstens die Flecken auf den Platten, aber nicht die Fingerabdrücke
erklärt werden.
G el ey betont zum Schluß, daß man natürlich, da bei Erto Betrug erwiesen sei,
in erster Linie an Betrug denken müsse. Er habe das Problem mit Taschenspielern,
Physikern und Chemikern überlegt, sei aber zu einem abschließenden Ergebnis nicht
gekommen. Abgesehen von dem moralischen Argument könne nichts Stichhaltiges gegen
die Echtheit angeführt werden. Man werde also die Echtheit des Phänomens ernsthaft
in Betracht ziehen müssen. Einerseits müsse man dann Erto für ein bewundernswertes
Medium und anderseits für einen Betrüger halten. Es sei das wissenschaftlich nicht
absurd.
3. BahudaSyamSundarlal.Fälle von anscheinender Erinnerung
an frühere L eben. Bericht über mehrere Fälle, in denen indische Kinder Tatsachen
aus ihrem früheren Leben angaben, die bestätigt werden konnten und die sie nicht
wissen konnten, ja von denen auch ihre Umgebung keine Kenntnis gehabt habe.
4. Die Arbeiten der Gesellschaft für psychische Forschung in
R ey ki avik. Ein vorläufiger Bericht von E. 11. Kvaran in einer dänischen Zeitung
über Sitzungen mit dem bekannten Medium Einer Ni els s en. Das Medium mußte
sich in den Sitzungen des Kontrollausschusses völlig entkleiden und zog dann einige
seiner vorher genau untersuchten Kleidungsstücke wieder an. Dann setzte es sich ohne
Handkontrolle in das Kabinett und die Sitzung ging bei Rotlicht vor sich. Mitglieder
des Ausschusses waren ein Jurist, ein Theologieprofessor, zwei Ärzte und ein Schrift-
steller. Man erlebte die Bildung teleplasmatischer Massen im Schoß des Mediums so-
wie die Bildung ganzer Gestalten, die sich in der Vorhangspalte zeigten. Irgendwelche
durchschlagenden Gründe, daß es nicht das Medium war, werden nicht angegeben. Sonst
erlebte man noch Telekinesen und Levitationen, die Beschreibung ist aber zu summa-
risch, um über die Versuchsbedingungen ins klare kommen zu können.
Nr.5. September-Oktober.
1. R.Sudre, Die Philosophie von Geley.
2. St anley de Brath, Ein übernormales Porträt von D r. Gele y. Bald nach
dem Tode Geleys erschien in einer Sitzung mit dem bekannten Medium für „Tran-
szendentalphotographie" Hope auf einer Platte ein Kopf, den der Autor als den von
Geley deutet, die Reproduktion ist zu undeutlich, um sich ein Urteil zu bilden.
3. R.Warcollier, Aktive und passiv e Telepathie. Theoretische Er-
örterungen über die Telepathie auf Grund einer physikalischen Wellentheorie.
4. E.Bozzano, Die zeitliche Vorschau und der Fatalismus. Unter
Bezugnahme auf metapsychisches Material wird das Thema eindringend erörtert. B o z-
z an 0 kommt zu dem Schluß, daß nicht der absolut freie Wille noch der Fatalismus,
sondern eine bedingte Freiheit den Tatsachen am besten gerecht werde.
5. P.v.Smurlo, Wechselseitige Tätigkeit zweier Medien. Schlägt
vor, bei den Sitzungen zwei Medien zu verwenden, er meint, daß man auf diese Weise
unter Umständen Ergebnisse erziele, die auf andere Weise nicht zu erreichen sind.
Nr.6. November-Dezember.
1. G.Gelev, Neuä Versuche mit dem Medium Kluski.
Sitzung vom 20.Juni 1924 in dem Arbeitszimmer von Kluski.
Genaue Kontrollmaßnahmen wie Durchsuchung der Wohnung, der Kleidung des
Mediums, Umkleidung usw. werden nicht angegpben. Geley kontrolliert auf der rechten
Seite, sein kleiner Finger der linken Hand ist in den kleinen Finger der rechten Hand
des Mediums eingehakt. Hände und Unterarme liegen gegeneinander. Sein linkes Bein
ist in enger Berührung mit dem rechten Bein des Mediums. Die Tür ist mittels Schlüssel
verschlossen. Alle Anwesenden bilden Kette. Dunkelheit. Bald nachdem das Medium
eingeschlafen ist, hört Gele y zuerst ein Rauschen hinter dem Medium, sofort darauf hat
Geley den Eindruck, als oh jemand neben ihm stände. Dann spürt er eine Berührung
durch eine Hand zuerst an der Seite, dann im Nacken. Kleine Lichter bilden sich um

70 Revue metapsychique, Jahrg. 1924.

das Medium, man nimmt einen Ozongeruch wahr. Neue Berührungen, eine sehr kleine
Hand streichelt Geley im Gesicht und kneift ihn in die Ohren. Er fühlt zu gleicher
Zeit zwei kleine Hände an den Ohren, dann auf dem Kopf und auf den Schultern.
Die beiden links von dem Medium Sitzenden fühlen auch kleine Hände gleichzeitig
mit Geley.
Dann sieht man ein Licht oberhalb des Eimers mit Paraffin schweben, man hört
mehrfach das Plätschern im Paraffin. Kinderfinger berühren Geley an der linken Hand.
Einen Augenblick später wird — in noch warmen Zustand — ein Paraffinhandschuh
gegen seine Rechte gelegt. (Dieser und die andern Abgüße sind bei dem Absturz von
Geley zerstört worden.) Dann wird ein zweiter Handschuh geliefert. Eine kleine Hand
ergreift die Geleys und schüttelt sie freundschaftlich. Die Materialisation war voll-
ständig, es war die Hand eines Kindes, warm und lebend. Dann fühlt er die Be-
rührung durch eine sehr große Hand, auch sie ergreift seine Hand und schüttelt sie,
derselbe Eindruck des Lebens.
Ein Leuchtschirm, der auf dem Tisch entfernt vom Medium lag, wird ergriffen
und sehr hoch gehalten. Sodann sieht man von dem Leuchtschirm beleuchtet einen
Oberkörper nebst Kopf und Armen. Die eine Hand hält den Schirm. Der Kopf ist
von einem Soldatenkäppi bedeckt. Junges Gesicht, kleiner Schnurrbart, es gleicht dem
Bruder von Ossowiecki, das Gesicht ist sehr lebendig. Er grüßt auf militärische Weise.
Dasselbe tut er vor jedem Anwesenden. Dann legt er den Schirm vorsichtig hin und
verschwindet. Dann ein Mann von 40-50 Jahren, er hat eine Glatze. Als Dritter kommt
ein junger brauner Mensch mit einer Mütze auf dem Kopf. Der Paraffineimer wird
von unsichtbaren Händen über die Köpfe der Sitzer gehoben und auf die Erde gestellt.
Dann nochmals Lichter und Berührung von zwei groben Händen an den Schultern.
Eine Dame fühlt eine große, sehr kalte Hand.
Sitzung vom 3 0.Juni bei Kluski.
Abgesehen vom Medium 6 Anwesende. Geley hat, wie er ausdrücklich betont,
keinen Einfluß auf die Versuchsanordnung, da die Sitzung für ein Ehepaar veranstaltet
wurde, die einige Jahre vorher einen Sohn, der Soldat war, verloren hatten. Die Ver-
suchsanordnung war ungefähr dieselbe. Geleys Stuhl stand gegen die Tür, so daß sie
nicht geöffnet werden konnte, ohne daß er es gemerkt hätte. Die Erscheinungen sind
im wesentlichen von gleicher Art wie die der letzten Sitzung. Es kommt u. a. eine
Materialisation, die die Eltern des verstorbenen Soldaten als ihren Sohn bezeichnen.
2. Lodge,William Crookes und die Metapsychik. Ein Abdruck aus
den Proceedings for Psychical Research, Bd. 34. Plaudereien, die z.T. auf persönlichen
Mitteilungen beruhen. Lodge verteidigt Crookes und tritt für seine Untersuchungen
und auch für die Materialisationserscheinungen bei Florence Cook ein.
3. Rene Sudre, Metapsychik und Taschenspielerei. Besprechung
eines 1891 erschienenen Buches „Enthüllungen eines spiritistischen Mediums", das
Harry Price und Eric Dingwall auf englisch neu herausgegeben haben.
4. Delanne, Die Hypothese der Reinkarnation. Erwiderung auf Su-
dres Artikel.
Er bestreitet die Stringenz von Sudres Beweisen und meint, daß man die Leist-
ungen von Wunderkindern wie die des Lübecker Knaben Heineken nur verstehen
könne, wenn man eine Reinkarnation annimmt. Die Fälle, in denen Menschen aus ihrem
früheren Leben Angaben machten, die bestätigt werden konnten, seien durch Elellsehen
nicht erklärbar, da dieses immer eine Beziehung zwischen dem Seher und dem ge-
sehenen Objekt voraussetzt. Wenn eine Mutter, wie es mehrfach vorgekommen sei,
mitteile, daß durch sie sich eine verstorbene Tochter reinkarniere, so könne man das
nicht durch Hellsehen, Autosuggestion und Ideoplastik erklären. Die moralischen Folgen
seien auch durchaus nicht beklagenswert, wie Sudre meine, die aufeinanderfolgenden
Leben seien vielmehr durch eine immanente Gerechtigkeit geregelt, durch die In-
karnation komme gerade in moralischer Beziehung erst Sinn in das menschliche Leben.
Dr. Rudolf Tischner.
Pro*ceeding of the Society for Psychical Research. 71

Proceedings of the Society for Psychical Research. London (W. 0.1,


31 Tavistock Square). 1924.
Vol. XXXIV, part 90, Mai 1924: For and against Survival. The Difficulty of
Survival from the Scientific Point of View. By Prof. Charles Riehet.
The Possibility of Survival from the Scientific Point of View. By Sir Oliver Lodge.
Vol. XXXIV, part 91, July 1924: I. Presidential Address. By J. G. Piddington.
II. Elucidation of Two Points in the "One-Horse Dawn Scripts" (W. II. Salter und
J. G. Piddington). III. The Mechanism of the so-called Mediumistic Trance. By
Dr. Sydney Alrutz. IV. A Method of Scoring Coincidences in Tests with Playing
Cards. By R. A. Fisher, M. A. — Supplement: Reviews.
Vol XXXIV, part 92, Dec. 1924: I. In Memoriam Gustave Geley, 1868-1924.
By Sir Oliver Lodge. F. R. S. II. Report on Further Experiments in Thought-
Transference carried out by Prof. Gilbert Murray, LL. D., Litt. D. By Mrs. Henry
Sidgwick. III. Some Reminiseenees of Fifty Years' Psychical Research. By Sir
William Barrett, F. R. S. IV. Some Further Consideration of the Modus Operandi
in Mediumistic Trance. By Una Lady Troubridge. Supplement: Reviews.
Vol. XXXV, part 93, June 1924: Experiences in Spiritualism with D. D. Home
By the Earl of Dunraven, eingeleitet von Sir Oliver Lodge.
Die S. P. R. wurde von einer Anzahl englischer Forscher — u. a. Sir W. F. Bar-
r et t, Prof. der Physik in Dublin, Prof. Henry Sidgwick, Prof. Balfour Stewart,
Edm. G u r e y usw. — im Jahre 1882 begründet zu dem Zweck, die sog. okkulten
Erscheinungen zu erforschen. Man muß zugestehen, daß die Gesellschaft in den nunmehr
43 Jahren ihres Bestehens vielfach gute Arbeit geleistet hat und daß sie Wissenschaftler
von Ruf zu ihren Mitgliedern zählt. Wir haben ihr in Deutschland nichts Gleichwertiges
an die Seite zu stellen. Unter den kritisch eingestellten aktiv tätigen Mitgliedern
nennen wir in erster Linie Dr. R. Hodgson, F. W. H. My er s, Frank Podmore
und Mrs. Sidg wick, von denen die ersten drei bereits gestorben sind. Während
diese im Lauf ihrer jahrzehntelangen Erfahrungen zur Anerkennung der psychischen
Phänomene wie Telepathie und Hellsehen gelangt sind, haben sie sich von der Echt-
heit der sog. physikalisch-mediumistischen Erscheinungen dennoch niemals überzeugen
können. Stets handelte es sich um mehr oder weniger durchsichtigen Betrug. Wir
verdanken namentlich Po dm or e zwei wertvolle größere Werke : Modern Spiritualism.
2 Bände, 1902; und : The newer Spiritualisna, 1910. — Neuerdings scheint der „rechte
Flügel" in der S. P. R. die Oberhaed zu gewinnen. Der Research Officer E. J. Ding-
wall ist positiv eingestellt und Oliver L odge bekennt sich sogar zum Spiritismus.
Wir werden hier fortlaufend über die Tätigkeit der S. P. R. berichten.
Unter den Veröffentlichungen des vorliegenden Jahrganges verdienen die von
Prof. Gilbert M urr ay (Oxford) durchgeführten Versuche der Gedankenübertragung
eine eingehendere Würdigung. Die erste Reihe dieser bemerkenswerten Experimente
war von Mrs. V er r all 1915 (Bd. XXIX der „Proc.", S. 46 ff.) veröffentlicht worden :
es waren 504 Einzelversuche. Mrs. Henry Sidgwick hat nun die zweite Serie, die
zwischen April 1916 und April 1924 lag, publiziert und eingehend kommentiert (236 Einzel-
versuche). Beide Reihen haben zu einem auffallend hohen Prozentsatz positive Erfolge
ergeben. Die Versuche weichen in der Art der gestellten Aufgaben von der üblichen Art —
Übertragung von Vorstellungen, geometrischen Figuren, einfachen Zeichnungen usw. —
ab : als Motive wurden meist irgendwelche Vorgänge oder Ereignisse aus dem Leben, aus
einem Roman oder Verse aus Dichtungen usw. gewählt. Prof. Murr ay diente dabei
selbst als Versuchsperson, als „Perzipient", eine seiner Töchter meist als „Agent". Die
dabei angewendete einfache Methode war im allgemeinen die folgende : Murra y ver-
läßt den Sitzungsraum und begibt sich außer Hörweite in ein anderes Zimmer Die
als Agent wirkende Person gibt nun kurz das Thema an. Dieses wird von einem Pro-
tokollführer notiert, der dann im Verlauf der Sitzung das gleiche Blatt Papier zur
weiteren Protokollierung der Angaben der Versuchsperson benutzt. Mur r ay wird nun
hereingerufen. Gewöhnlich ergreift er die Hand seiner Tochter und vermag sodann,
wenn er disponiert ist und keinerlei Störung eintritt, sogleich mit allen Einzelheiten

72 Graf 0. v. Klinckowstroem.

anzugeben, was der Agent gedacht bat. Die 236 Einzelversuche verteilen sich auf
26 Sitzungen : ihre Zahl während einer Sitzung variierte zwischen 3 und 26. Sie ver-
liefen also relativ schnell.
Mrs. Sidgwick, bekanntlich eines der auf diesem Gebiete erfahrensten Mit-
glieder der S.P.R., hat mit gewissen Vorbehalten eine prozentuale Berechnung der
Erfolgsziffer angestellt und gibt selbst zu, daß man über die Bewertung der einzelnen
Versuche verschiedener Meinung sein kann. Sie kommt bei Anlegung eines strengen
Maßstabes zu folgenden Zahlen : 36 0 /0 Erfolge (85 Versuche), 23,3 0 / 0 Teilerfolge (55)
und 40,7 V o Mißerfolge. Die entsprechenden Ergebnisse der ersten Reihe waren nach
Mrs. Verr all s Berechnung: 33,19 0 Erfolge, 27,9 5/, Teilerfolge, 390/ Mißerfolge. Hin-
sichtlich der Fehlergebnisse ist aber zu bemerken, daß hier Prof. Murray oft nicht
etwa Falsches angab, sondern aussagte, er könne es nicht erkennen. Er gibt selbst an,
sich bei den Versuchen in einem Zustande leichter Hyperästhesie zu befinden, die ihn
auch auf jede Störung, namentlich Geräusche, sowie auf jede Änderung der gewohnten
Versuchsanordnung, auf die Anwesenheit neuer Sitzungsteilnehmer usw. unverhältnis-
mäßig stark reagieren läßt. Man kann die Mißerfolge also als die Folge von Dispo-
sitionshemmungen auffassen. Von diesem Gesichtspunkt aus betrachtet, muß man das
Ergebnis als außerordentlich günstig bezeichnen. Es fragt sich nur, ob man bei der
angewendeten Versuchsmethode genötigt ist, als Erklärung nur mehr echte parasenso-
rische Gedankenübertragung gelten zu lassen. Sind alle Fehlerquellen vermieden worden?
Im Hinblick auf die von Mur ray angegebene leichte Hyperästhesie während der
Versuche erwägt Mrs. Sidgwick (S. 230/31) mit Recht die Möglichkeit einer ab-
normen Steigerung des Gehörsinnes als Fehlerquelle. Obwohl es gelegentlich nachgeprüft
worden war, daß sich die Versuchsperson in dem Zimmer, in weiches sie sich jeweils
vor Beginn eines Versuchs begab, tatsächlich normalerweise außer Hörweite befand,
vermag Mrs. Sidgwick einige Fälle nachzuweisen (z. B. Versuch 24 und 25) , bei
welchen Mur r a y einen Namen oder ein Wort vernommen hatte. Das konnte dann
leicht zum Erraten des Motivs führen, welches der Aufgabe zugrunde lag. In wie
viel Fällen mag Murray unbewußt derartige Wahrnehmungen gemacht haben ? Es
wäre doch leicht gewesen, diese Fehlerquelle auszuschalten. Auch erscheint der alte
vielumstrittene L eh mann sehe Einwand des „unbewußten Flüsterns" seitens der
als Agent wirkenden Person oder eines anderen Anwesenden nicht hinreichend be-
rücksichtigt. Auch hinsichtlich der gewählten Motive bleibt für den Fernstehenden
noch manche Frage offen. Sehr oft handelt es sich um Szenen aus dem Leben der
Familie Murray oder aus Romanen. Im Murr ay sehen Familienkreise wird offen-
bar viel Lektüre getrieben, wohl auch viel darüber gesprochen. Es fragt sich also,
inwieweit die gestellten Aufgaben für Mitglieder der Familie nahelagen ob etwa
gerade eines der gewählten Bücher kurz zuvor Gegenstand der Unterhaltung gewesen
war, usw. Das würde naturgemäß manchen geradezu verblüffenden Erfolgen viel von
ihrem Wert nehmen.
Um die Art der Versuche anschaulich zu machen, mag hier ein solcher wieder-
gegeben werden (Vers. 7), den Mrs. Sidgwick nur als einen Teilerfolg gelten läßt :
Miß Agnes Murray (Agent): „Terence (ein Neffe von Prof. Murray) und Na-
poleon stehen auf einem Hügel oberhalb der Marne und beobachten das Artillerigefecht
im Grunde."
Prof. Murr a y: „Dies ist eine Handlung — ich kann die Personen nicht klar
erkennen, ich glaube auf einem Hügel auf Artillerie herabschauend. Es ist nicht Sau-
marez. Es mögen Oxfordleute sein. Ich vernehme das Bersten von Granaten. Ich möchte
annehmen, daß es Terence und noch jemand ist — ich glaube nicht, daß ich die andere
Person kenne. Nein, ich glaube nicht, daß ich sie kenne. Nein, ich kann sie nicht
erkennen."
Bis auf das Nichterkennen Napoleons, das aber auch auf eine nicht hinreichend
scharfe und anschauliche Vorstellung des Agenten zuruckgeführt werden kann, ist die
Aufgabe richtig gelöst. (Proc. Vol. XXXIV, Part 92, S. 201--274.)
"Cone-Literatur". 73

Vol. XXXV, Part ••3, June 1924: Experiences in Spiritualism with D. D. Horn e. By
the Earl of Dunrav en. Dieser Band ist ein von Oliver Lodge eingeleiteter, vorn Earl of
Dunrav en (Sohn) herausgegebener Neudruck des Privatdrucks von 1870, in welchem
seinerzeit der Earl of Dunr av en (Vater) seine Aufzeichnungen über 78 Sitzungen aus den
Jahren 1867-69 mit Daniel Dunglas Horn e veröffentlicht hatte 5. Die Veröffentlichung
kann nicht mehr als historisches Interesse beanspruchen. Sogar General Peter („Psych.
Studien", Mai 1925, S. 270) sagt zu diesen Sitzungen, daß die Mehrzahl im Fahrwasser
des reinen Offenbarungsspiritismus sich bewege und den Skeptiker schwerlich über-
zeugen werde. Hinsichtlich der Phänomene, die Home produzierte, sei auf das ent-
sprechende Kapitel in dem Werk „Der physikalische Mediumismus" von Gulat -Wellen-
burg, Klinckowstroem und Rosenbusch verwiesen (Berlin, Ullstein, 1925).
Graf Carl v. Klinckowstroem.

Journal of the Society for Psychical Research. London. Vol XXI, 1924.
8°. Nr. 401-410.
Neben den „Proceedings" gibt die S.P.R. ein nur für die Mitglieder bestimmtes
„Journal" heraus, das jetzt auch bereits im 22. Jahrgang steht. Während in den „Pro-
ceedings" größere Arbeiten zum Abdruck gelangen, finden im „Journal" neben ge-
schäftlichen Mitteilungen kleinere Artikel, Buchbesprechungen usw. Aufnahme. Meist
handelt es sich bei diesen Artikeln um irgend welche Fälle von Hellsehen, Telepathie usw.,
die der S.P.R. mitgeteilt und von dieser dann nach Möglichkeit geklärt werden. Das
so gewonnene Material, naturgemäß sehr verschiedenwertig, ist immerhin geeignet,
schon durch seine Masse einen gewissermaßen kumulativen Beweis für das Bestehen
solcher Erscheinungen mi erbringen. Aus dem Inhalt des Jahrganges 1924 heben wir
einen Artikel von Ch. Riehet (Juniheft) über Metapsychik und Fortleben nach dem
Tode heraus, in welchem Riehet an seine Auseinandersetzung mit Sir Oliver Lodge
(Spiritist) über diese Frage anknüpft (Proceed., Vol XXXIV, pag. 113 ff.). Riehet
steht bekanntlich auf dem Standpunkt, daß die von ihm in vollem Umfange anerkannten
mediumistischen Phänomene für die Annahme des Fortlebens nichts beweisen.
Graf Carl v. Klincko w stro em.

Coue-Literatur.
Der Coueismus gehört nicht zum Okkultismus, wohl aber zu den "Grenzfragen
des Seelenlebens", denn indem er bestrebt ist, die „Einbildung", d. h. die unterbewußte
Autosuggestion, zu einer vom bewußten Willen ganz unabhängigen Macht zu entwickeln
und für medizinische und pädagogische Zwecke brauchbar zu machen, bedient er sich
der keimhaften Ansätze zur Bewußtseinsspaltung und Verselbständigung des Unter-
bewußtseins, die bei sehr vielen, wenn nicht bei allen Menschen vorhanden sind. Außer-
dem gibt es, wie wir sehen werden, interessante verknüpfende Gedankenfäden zwischen
Okkultismus und Coueismus. Aus beiden Gründen gehört letzterer in das Betrachtungs-
gebiet unserer Zeitschrift.
Überblickt man die immer üppiger emporwachsende Literatur, die sich an
C u e und Baudo uin anschließt, so erkennt man sofort, daß ihre Bewegung nicht,
wie ihre Gegner wollten, als Kurpfuscherei, auch nicht als flüchtige Modeströmung
angesehen werden kann. In steigendem Maße beschäftigen sich Fachmänner von Ruf
mit dieser Lehre, und selbst in dem vielfachen Hersagen des Zauberspruches „Es geht
mir von Tag zu Tag besser und besser in jeglicher Hinsicht", das man zuerst dem

') Referent besitzt ein Exemplar dieses sehr seltenen Privatdrucks, das nach dem
handschriftlichen Besitzvermerk aus der Bibliothek des Viscount Adar e, eines Teil-
nehmers an diesen Sitzungen, stammt. Die Einleitung Adares ist im Neudruck weg-
gelassen worden. Der Titel des Privatdrucks lautet: Experiences in Spiritualism with
Mr. D. P. Home. By Viscount Adare, with introductory remarks by the Earl of Dun-
raven. o. 0. (London) u. .J. (1870). 8°. XXXII und 179 S.

74 R. Baerwald.

Gesundbeten hat gleichstellen wollen, erkennen sie einen vernunftigen Zweck. Man sieht
bereits, daß der CouAismus sich durchsetzen wird. Allerdings wird von den diesen
Gegenstand behandelnden Ärzten durchweg betont, daß die systematische Autosuggestion
nicht etwa den Arzt darf ersetzen wollen. Sie macht sorgfältige Diagnosestellung und
körperliche Behandlung organisch bedingter Krankheiten nicht überflüssig, und auch
wo es sich um rein funktionelle Störungen handelt, wird für die meisten Patienten
der Psychotherapeut als Lehrer der Methode und Führer für den Anfang unentbehr-
lich sein.
Dr. Fritz Schulhof: „Couismus, die Kunst der Selbstüberredung als
eine neue psychische Behandlungsmethode". Wien und Leipzig, Mor. Perles,
3. Aufl. 1925. Der Verfasser ist Primärarzt an einer großen Anstalt für Nervenleidende. Das
für die Selbstunterweisung von Laien berechnete Buch ist klar und gut geschrieben und
bietet namentlich eine wertvolle Erweiterung jener Vorübungen, durch die Cou dem
Patienten den Glauben an die Allmacht der Autosuggestion und die Gegenwart eines von
seinem Willen unabhängigen Unterbewußtseins beibringen will. Co u rät bekanntlich den
Gebrauch des Chev r eul schen Pendels an, das, als ob es in der Hand der Versuchs-
person lebendig würde, in einer bestimmten Richtung schwingt, sobald diese Richtung
vorgestellt wird, und zu schwingen aufhört, sobald an Ruhe gedacht wird. Nun rät
Schulhof , daran anschließend dem Patienten die Weisung zu geben : „Sehen sie
den Ring ganz gleichgültig, teilnahmlos an, denken sie gar nichts dabei!" Auf diesen
Befehl hin entsteht, weil der Patient Zeit zur Selbstbeobachtung gewinnt, große Müdig-
keit des lange wagrecht gehaltenen Arms. Wird sie aber so überwältigend, daß der
Patient glaubt, er müsse den Arm sinken lassen, dann gibt der Arzt den Befehl, aufs
neue an eine bestimmte Riclitung zu denken, und siehe da, der Ring beginnt wieder
zu schwingen, die Müdigkeit wird vergessen, der Arm kann noch lange ohne Er-
schöpfung wagerecht gehalten werden. Dieses Hin und Her kann man 10 Minuten lang
wiederholen. So wird dem Kranken der erstaunliche Einfluß der Vorstellung auf den
Körper von einer anderen Seite her, durch die Macht der Ablenkung, demonstriert. —
Schwingt der Ring, durch die bloße Vorstellung einer Richtung in Bewegung gesetzt,
und sagt man dem Patienten, er solle jetzt mit dem Willen eingreifen und versuchen,
das Pendel zur Ruhe zu bringen, so bewegt sich, wie schon Coue und Baudouin
festgestellt haben, bei vielen der Ring erst recht und stärker als vorher. Dieses Sym-
ptom betrachtet Schulhof als Unterscheidungsmerkmal dafur, we!che Patienten für
das Cou'C' -Verfahren geeignet sind. (Trifft diese Beobachtung zu, so beweist sie, daß
die Methode namentlich auf solche Personen zugeschnitten ist, bei denen das "rebellische
Unterbewußtsein", d. h. das antagonistische, dem Oberbewußtsein vielfach zum Tort
handelnde Unterbewußtsein sich stark ausgebildet hat. Bei den meisten Nervenkranken,
Degenerierten, Desequilibrierten wird diese Bedingung erfüllt sein). — Manchen vor-
wiegend geistig beschäftigten und interessierten Personen läßt sich die Macht der
Autosuggestion besser durch Denkubungen als durch Exerzitien der Körperbeeinflussung
veranschaulichen. Für solche Patienten empfiehlt Schulhof: Man solle ihnen ein
Schaufenster, ein Gebäude, ein Bild zeigen und sie veranlassen, sich mit leiser Mit-
bewegung der Lippen einzureden, sie hätten nie etwas Schöneres gesehen, und sich
alle einzelnen Schönheiten vorzusprechen, die dem Kunstwerke eigen seien. Ist diese
Selbstüberredung einigermaßen gelungen, dann soll die Versuchsperson ein verächt-
liches Lächeln annehmen und sich nun umgekehrt das Bild nach Kräften zu verleiden
suchen, seine Fehler aufstöbern, sich sagen, was man anders gemacht hätte, was da
und dort besser dargestellt worden sei usw. (Wer beobachtet hat, wie leicht uns ein
blasierter Mäkler die höchste Begeisterung trüben, das bewundertste Kunstwerk, indem
er es als Kitsch und Mache hinstellt, trotz unseres Protestes mit unaustilgbaren Flecken
besudeln kann, der weiß, wie wirksam diese Übung in ästhetischer Suggestion sein muß.)
Dr. v. G u 1 at-Wellenburg: „Das Wunder der Autosuggestion". Kempten
im Allgäu, Gesellsch. f. Bildungs- und Lebensreform, 1925, Kennt man die große Skepsis,
mit der der bekannte Münchener Nervenarzt zu urteilen pflegt, so sieht man nicht
ohne Verwunderung, wie weit er ohne Widerspruch den Bahnen Co u s folgt. Vor
allem bestätigt er zum Teil dessen Angabe, daß suggestive und sonstige seelische Ein-
„Cou6-Literatur”. 75

flüsse auch organische Erkrankungen zu heilen vermögen ; die geläufige Ansicht, daß
nur nervöse und andere funktionelle Störungen in das Bereich des Psychotherapeuten
fallen, sieht er als durch die neueren Erfahrungen überwunden an. Er hat mehrere Fälle
fortgeschrittener, unzweifelhaft richtig diagnostizierter Lungentuberkulose gesehen, in
denen die übliche Behandlung durch Futtern, Schonen, Luftkur versagte und die Kranken
dem Untergange geweiht schienen, bis ein starker seelischer Anstoß, Liebe, Ausbruch
des Weltkrieges, suggestive Einwirkung eines Wallfahrtsortes das Bild völlig veränderte
und eine Besserung oder sogar in mehreren Fällen eine totale Heilung einleitete, die
durch den lokalen Krankheitsbefund bestätigt wurde. Gulat sieht die Abhängigkeit
der Abwehrkraft der Phagozyten vom seelischen Zustand des Patienten als Ursache
solcher psychisch bedingten Heilungen an. Ferner werden bei manchen Geschwülsten,
zumal Myomen, bei Schleimhautpolypen, bei Warzen, bei infektiösem Schnupfen,
Suggestivheilungen beobachtet vermutlich dadurch, daß seelischer Einfluß die Blutzufuhr
und damit die Ernährung des Gewächses abschneidet oder die Blutanschoppung ver-
hindert, also die Wirkung des Codein oder Adrenalin nachahmt. Indessen über-
schätzt C o u 6 die Reichweite solcher Suggestivheilungen organischer Krankheiten, vor
allem hält er sie für zu gesichert. Es handelt sich um Vorgänge, die gelegentlich vor-
kommen, auf die man aber nicht rechnen kann, um deren Möglichkeit willen man also
keinesfalls die übliche körperliche Behandlung durch einen Arzt verabsäumen darf. —
Als besonders wichtigen Kunstgriff zur Verstärkung der Suggestionswirkung empfiehlt
Gulat das Erzeugen einer autosuggestivan Illusion, d. h. der Suggestionsgedanke soll,
wenn möglich, nicht bloße Vorstellung bleiben, sondern Empfindung werden. Jener
berühmte Fall, in dem ein in der Autosuggestion trainierter Mann unter einer auf
seine Haut gelegten Münze willkürlich Brandblasen entstehen ließ, war nur dadurch
möglich, daß er sich mit geschlossenen Augen einredete: „Ach, wie heiß, sehr heiß,
wie es brennt !", daß er schließlich schrie und wie im Schmerz stöhnte und durch diese
eindringliche Form der Autosuggestion sie zur wirklichen Schmerzempfindung steigerte.
Prof. Ferdinand W ink 1 er: „Gesundung durch Erziehung. Pädagogische
Psychogymnastik, Persua sion und Coueismus".Pfullingen,Joh.Baum.Einkennt-
nisreiches, aber seltsam eigenwilliges Buch, das zwar Cou6s Erfolge anerkennt, sie aber
systematisch in genau entgegengesetzter Weise erklärt als er selbst. Vor allem ver-
zichtet Winkl er mit El. K 1 em p erer auf den Begriff des Unterbewußtseins, weil seine
Bedeutung für seelische Prozesse noch zu ungeklärt sei. Damit verschwindet das meiste
in der Versenkung, was die neuere Zeit über den Mechanismus der Heilsuggestion
gelehrt hat. Die Vorübungen C o u s, Nie doch dazu bestimmt sind, dem Patienten das
Vorhandensein einer vom bewußten Willen unabhängigen psychischen Macht zu zeigen,
nennt W inkler Willensübungen, Turnen des Willens, Wegräumen von Hemmungen
des Willens, kehrt also den Befund der Selbstwahrnehmung einfach um. Alle Auto-
suggestion sei eigentlich Fremdsuggestion. — Co u 6 vertritt bekanntlich den um-
gekehrten Standpunkt —‚ denn, wie wiederum K le mp er er behauptet, der Patient
suggeriere sich nur auf Grund ärztlicher Ratschläge, gelesener Bucher, gesehener Bei-
spiele. (Wenn ein Hysterischer sich durch unbewußte oder bewußte Autosuggestion
krank macht, tut er das auch unter dem Einfluß solcher Fremdsuggestion ?) Ja vielfach
sei C ou6s Autosuggestion überhaupt nicht Suggestion, sondern „Persuasion", d. h.
das Aufzeigen vorhandener Tafbestände oder in Bereitschaft stehender Wege, auf denen
der Patient sich helfen kann. Was Winkle r praktisch unter Persuasion versteht und
als besonders wirksames psychotherapeutisches Mittel betrachtet, zeigt er an mehreren
Beispielen. Er beseitigt Zahnschmerzen oder nervöses Jucken einmal durch Amylnitrit,
und nun stellt sich der Patient bei späteren Anfällen den auffallenden Geruch dieses
Mittels und die Empfindung der Blutüberfüllung, die es veranlaßt, deutlich vor und
vermag das Leiden so zu verscheuchen. Der Schlaflose wird einmal in der Sprech-
stunde durch Äthernarkose eingeschläfert, von der ab hilft ihm die Vergegenwärtigung
der Situation der Narkose und des Äthergeruchs. (Was hier vorliegt, ist offenbar auch
Suggestion und Autosuggestion, die durch eine gleichgerichtete objektive Einwirkung
sozusagen auf den Trab gebracht wird, ein den Suggestionstherapeuten vertrauter,
namentlich von Dr. J. G- ro 13m ann viel angewendeter Trick.)

76 R. Baerwald. E. Bohn.

Heinrich Jürgens: „Coudismus und Neugeistpraxis. Praktischer Rat-


geber für geistige S elbsth ei 1 un g". Pfullingen, Joh. Baum. Das Buch eines Magneti-
seurs, dessen mitgeteilte Erfahrungen nicht so kritisch gesichtet und bearbeitet sind, daß
man sicher beurteilen könnte, wieviel von den erzielten Heilungen und Besserungen auf die
Rechnung der Autosuggestion oder auf diejenige anderer, mitwirkender Faktoren kommt.
Etliche Beobachtungen sind dennoch wertvoll. Der Verfasser wurde jahrelang von
schreckhaften Traumphantasien gequält, in denen ein Ungeheuer, halb Mensch halb
Tier, die Hauptrolle spielte. Eines Abends dachte Jürgens intensiv: „Wenn es dies-
mal wiederkommt, stehe ich auf und haue ihm auf den Schädel." Der Unhold erschien
nun wieder im Traume. Jürgens verwirklichte (natürlich auch nur im Traum) seine
Autosuggestion, führte einen gewaltigen Schlag auf den Kopf des Phantoms und sah
es kopfüber zur Tür hinauskollern. Von da ab war er befreit. Wir sehen hier eine
viel geübte Form der Konkretisierung einer Autosuggestion : Man läßt sie sich zu
einem Erlebnis verdichten. Sämtliche Kunstgriffe der suggestiven Technik, die wir hier
aus Schriften verschiedener Autoren zusaminengetragen haben, dienen dem gleichen
Zwecke : Sie wollen die Suggestion anschaulicher und dadurch wirksamer gestalten.
Die „Neugeistlehre", von der Jürgens redet, stellt jenes Bindeglied zwischen
Coudismus und religiös-mystischem Okkultismus dar, von dem eingangs die Rede war.
Das Unterbewußtsein, das durch seine Suggestion so Gewaltiges über den Körper ver-
mag, wird aufgefaßt als ein unsterbliches, immaterielles, mit dem Allgeist verbundenes
Agens. Wir haben hier denselben dualistischen Spiritualismus, der auch die Triebkraft
in allen okkultistischen Bewegungen der Gegenwart bildet. So oft auch dieser extreme
Spiritualismus sich in der Geschichte des menschlichen Denkens 'betätigt hat, nie hat
er es vermocht, eine philosophisch zureichende Form zu gewinnen und den Drang zu
klarem, logischem Denken und kausaler Erklärung ebenso zu befriedigen wie eine
monistische, spinozistische, identitätsphilosophische Deutung der Welt. Warum lebt er
trotzdem in immer neuen Formen auf? Weil er selbst eine Art suggestiven Hilfsmittels
darstellt. Gewiß kann auch ein Monist, der Gedanken und Gehirnbewegung für identisch
oder äquivalent hält, die Autosuggestion erfolgreich anwenden. Aber wer das Denken
als ein geheimnisvolles, mit Zauberkräften ausgestattetes Mädchen aus der Fremde
ansieht, fur ein göttliches Wesen, das durch den bloßen Denkakt die Materie regiert,
wer sich das Ringen nach Gesundheit, Veredlung, Selbstbeherrschung als dramatischen
Kampf zweier Prinzipien des Lichts und der Finsternis in uns v3rstellt, wer seine
Leiden und Gebrechen ignorieren und abschütteln kann, indem er sie aus seinem
geistigen Kern-Ich in ein gleichgültiges, verachtetes, materiell beeinflußtes Appendix-
Ich abschiebt — der hat es leichter und arbeitet mit besser überredenden Vorstellungen.
Nur um dieser seiner praktischen, lebenserhaltenden Wirkung willen lebt der Dualismus
weiter. Diesen Zusammenhang einmal grundlich darzustellen, wäre eine ebenso dank-
bare Aufgabe für den Historiker der Philosophie wie für den Suggestionspsychologen.
Dr. Richard Ba er wal d.
Pierre Piobb. Les anticipations de l'histoire sclon les propheties
de Nostradamus. 1924, 35 Seiten.
Die Broschüre von Pio bb ist Anfang 1924 in Paris ohne Titel erschienen. Sie
enthält den Vortrag vor der Theosoph. Gesellschaft und ist ein Separatabdruck aus einer
Zeitschrift. Unter den vielen Kommentaren des Nostradamus ist sie der kurzeste.
Piobb hat sich nicht auf lange Studien eingelassen (er hält die Ausgabe des Nostra-
damus von Amsterdam 1668 für die erste vollständige !), sondern hat frisch darauf los-
geredet. Der Vortrag zerfällt in zwei Teile. Im ersten Teil macht uns Pi obb mit der
Geschichte des französischen Sehers sehr dürftig bekannt und bringt uns die Über-
raschung, daß er den Schlüssel zu Nostradamus gefunden hat. Dieser Schlüssel liegt,
wie der Brief Edgar Po es, offen dar ; er liegt auf dem Einband, auf dem Titel, am
Anfang und am Ende des Buches. Der Schlüssel ist das Wort Nostradamus. Dieses Wort
schreibt man hebräisch. Jeder hebräische Buchstabe entspricht einer Zahl, und aus der
Zusammensetzung dieser Zahlen ergibt sich die geheimnisvolle Anordnung der „Pro-
phdties". Nostradamus hat nämlich seine Vierzeiler in Zenturien zusammengestellt, hat
aber die einzelnen Vierzeiler absichtlich durcheinandergewürfelt, um das Verständnis
E. Bohn. Pierre Piob. 77

seines Buches zu erschweren. Seit Jahrhunderten (die erste Ausgabe des Nostradamus
erschien 1555, gedruckt von Mace Bonhomme in Lyon) bemühen sich die Gelehrten,
die richtige Anordnung zu finden. Pi obb ist das geglückt. Leider verschweigt er uns,
wie man auf Grund seiner kabbalistischen Methode mit Hilfe des Schlüssels das Buch
enträtselt. Er schlägt sich zwar vor die Brust und beteuert, er stelle die Vertrauensfrage,
ob er den Schlüssel auch richtig angewendet habe, aber den zweiten Teil seines Buches
könnte er auch ohne Zauberschlüssel geschrieben haben. Dieser zweite Teil bringt eine
Reihe von Versen des Nostradamus und ihre Entschlüsselung. Es sind z. T. bekannte
Auslegungen, die so dehnbar sind wie der Versailler Friedensvertrag. Man möchte
meinen, sie seien auf Gummi gedruckt, damit man sie immer länger auseinanderziehen
könne. Hm eine Probe zu geben, zitiere ich Seite 26. Der Krieg von 1914, schreibt
Pi obb, ist von Nostradamus mit der peinlichsten Genauigkeit beschrieben worden.
Beweis: 1,64 spricht Nostradamus von Le Pourceau Demi-Homme : „Das halb-
menschliche Schwein", mitunter auch „Halbschwein" genannt, ist der Deutsche Kaiser,
Wilhelm der Zweite, und die wilden Tiere, von denen Nostradamus spricht, sind die
Deutschen. „Nostradamus liebt nicht die Deutschen". Er bezeichnet sie als „M örde r,
furchtbare Ehebrecher, große Feinde des Menschengeschlechts, unmenschlich usw.".
An einer anderen Stelle spricht Nostradamus von dem Greis, der von dem Halbschwein
geboren wurde, das ist natürlich der Deutsche Kronprinz. Das Wort Madric braucht
man nur umzustellen, so liest man Damrick, das man als „D'Amerik" lesen muß.
So wird die Teilnahme Amerikas am Krieg bewiesen. Braucht es weiterer Beweise?
Am Schluß des Vortrages entschleiert uns Pi obb die Zukunft. 1927 wird Ruhe in allen
Schwierigkeiten eintreten. 1927 bis 1930 wird die französische Verfassung geändert.
Zwischen 1930 und 1940 allgemeine Entwaffnung, dann neue Kriege und so geht es
weiter bis zum Jahre 7000. Nach 1927 wird Frankreich die lebende Flamme der
Menschlichkeit sein".
Ein Witz der Weltgeschichte will es, daß im Jahre 1914 vor Kriegsausbruch
noch ein Kommentar über Nostradamus erschienen ist.
Charles Nicoulland: Nost-adamus Les propheties. Perrinet & Co.,
Paris 1914, 271 Seiten.
Er ist von einem Katholiken verfaßt und ganz auf kirchliche Geistesrichtung
eingestellt. Während das Buch von Piobb kaum mehr Wert hat, als den eines unfrei-
willigen Witzes vor einer Korona von alten Weibern, ist das Buch von Nico ul 1 an d
ernster zu nehmen. Ni c oul 1 an d hat Unmerhin Vorkenntnisse mitgebracht. Auch ihm
fehlt die Kenntnis der ältesten Nostradamus-Drucke (die Klinckowstroem schon im
Jahre 1913 im Heft 12 des 4. Jahrganges der Zeitschrift für „Bücherfreunde" so vor-
züglich bearbeitet hat). Auch er geht nicht auf die ältesten Drucke zurück. Bei der
Auslegung von Nostradamus kommt es aber auf die ältesten Drucke an, weil sie er-
heblich untereinander abweichen. Aber Nico ull an d hat doch einigermaßen Über-
blick über das Material, während Pi ob b mit einer leichtfertigen Geste, die er patrio-
tisch anstreicht, das Werk des Nostradamus zu beherrschen glaubt. Der Witz des
Buches von Nie oull an d liegt in der Tatsache, daß in diesem Buche der ganze Welt-
krieg nicht geahnt wurde, 1914, als schon der Donner das Gewitter ankündete ! Während
also Pi ob b 1924 behauptet, der Krieg sei mit größter Genauigkeit von Nostradamus
beschrieben worden, hat Nie oull and im Jahre 1914 davon nichts geahmt. Der Schlüssel
des Herrn Floh b bringt uns in die angenehme Lage, nun zwei Schlüssel zu dem Werk
des französischen Nationalpropheten zu besitzen. Im Jahre 1921 hat Loog in der
Schrift „Die Weissagungen des Nostradamus", Verlag von Joh. Baum, einen anderen
Schlüssel veröffentlicht. Leider hat auch er die Anwendung dieses Schlüssels einer
späteren Zeit vorbehalten. Das Loog sehe Schlüsselwort lautet : a deo, a natura. Wie
damit das Geheimnis des Nostradamus erschlossen wird, hat L oog nicht verraten.
Für das Studium des Nostradamus ist die erste Grundlage : Die Kenntnis der
alten Drucke. Die drei ältesten Drucke von Mac e Bonhomme 1555, von Pierr e
Roux Av ign on 1555 und 1556, sind verschollen. Der viertälteste Druck Lyon bei
A nt oin e Du R osne 1557 befindet sich auf der Staatsbibliothek in München. Über
alte Drucke und Manuskripte aus meinem Besitz veröffentliche ich demnächst einige
Angaben. Erich Bohn.
78 Graf c. v. Klinckowstroem. A Magician among the Spirits.

Houdini, Harry. A Magician among the Spirits. New York and London,
Harper & Brothers, 1924, 8°, XIX und 294 S. Mit 25 Abb.
Nach der leicht ironisch gefärbten Besprechung dieses Buches durch E. J. Ding-
wall im „Journal" der S.P.R., in welcher dem Verf. eine Reihe von Flüchtigkeits-
fehlern nachgewiesen werden, glaubte ich nicht viel davon erwarten zu dürfen, als ich
das Buch aufschlug. Ich war daher überrascht, dennoch eine Menge neuen und wich-
tigen Materials zu finden. Houdini ist ein bekannter Taschenspieler und Entfesselungs-
künstler, der seine erstaunlichen Künste auch in Deutschland schon gezeigt hat (z. B. vor
dem Kriege in Berlin im Wintergarten). Er ist kein bloßer Routinier, sondern ein schöpfe-
rischer Kopf. Und solche erscheinen mir neben demVertreter der modernen Experimental-
pschyologie als die geeignetsten Sachverständigen bei der Untersuchung physikalisch-
mediumistischer Phänomene. Seit vielen Jahren hat H ou dini für die mediumistischen
Phänomene großes Interesse gehabt und sie studiert, wo sich ihm Gelegenheit dazu
bot. Das Ergebnis war stets negativ. Wir wollen hier nur auf ein paar Punkte hin-
weisen, die Neues bringen. So sind die endgültigen Aufklärungen lehrreich, die uns
Houdini über die Entfesselungstricks der Gebrüder Dav enp ort gibt, die von Beginn
der 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts an als „Medien die Welt bereisten und
großes Aufsehen erregten. Houdini hatte sich mit dem erst 1911 verstorbenen
jüngeren der beiden Brüder, Ira Erastus, angefreundet und ist von diesem in die Tricks
eingeweiht worden. Dazu ist zu bemerken, daß im Gegensatz zu englischen Okkultisten,
wie z. B. II. C ar ringto n, in Deutschland sogar ein immerhin kritisch zu nennender Ok-
kultist wie Tis eh n er (in seiner „Geschichte der okkultistischeneForschung", 1924, S. 41
und 42) die Produktionen der Davenports wenigstens zum Teil als echt mediumistisch
ansprechen möchte, wie in dem ganzen, im übrigen sehr verdienstvollen Buch von
Tischner das Bestreben zutage tritt, trotz mannigfacher Einwände und Bedenken.
die sich ihm aufdrängen, doch möglichst überall noch etwas für die Echtheit der
Phänomene herauszuschlagen.
Nicht minder interessant ist ein von Houdini wiedergegebenes bisher unbekanntes
Selbstbekenntnis des Betruges von Henry S1 a d e, der durch die bekannten Versuche
von Zöllner zu einer unverdienten Berühmtheit gelangte. Im Jahre 1882 wurde ihm
dieses Selbstbekenntnis von Remigius Weiß, der seine Tricks durchschaute, abgenötigt.
Weiß machte, nachdem er Sl a des modus operandi kennen gelernt hatte, ihm
schließlich den Vorschlag, einmal die Rollen zu tauschen : Er wolle die Slade schen
Tafelschriftexperimente ausführen, und Sla de solle ihn dabei beobachten. In der
Tat machte Weiß seinem Partner die gleichen Phänomene mit genau den gleichen
Mitteln vor. Sla de war äußerst verblufft und ließ nach einer weiteren Aussprache
die Maske fallen. Weiß gab sich damit nicht zufrieden. Er stellte Sla de vor die
Alternative : Entweder sollte er ein Selbstbekenntnis, das Weiß aufsetzte, unterzeichnen,
oder er, Weiß, werde ihn wegen Betruges ins Gefängnis bringen. Sla de ließ sich
darauf herbei, das folgende Selbstbekenntnis zu unterzeichnen (S. 99) : „Der Unter-
zeichnete, Henry S la de, bekannt unter dem Berufsnamen Dr. Henry Sla de, das
starke spiritistische Medium, der vor Jahren infolge ungünstiger Umstände zum spiri-
tistischen Tafelschrift- usw. Medium und zum spiritistischen Vortragsredner wurde, be-
kennt hiermit, daß alle (!) seine angeblich spiritistischen Manifestationen betrugerisch
waren und sind, ausgeführt mittels Tricks. (gez.) LI. S I ad e." Weiß verlangte noch
von Sla de, er solle seine Laufbahn als Medium aufgeben, aber Sla de bat ihn himmel-
hoch, Mitleid mit ihm zu haben, da er ja davon sein Leben friste. Leider hat Weiß
tatsächlich bis jetzt keinen Gebrauch von dem Selbstbekenntnis Slade s gemacht.
Houdini hat seinem Buch keine photographische Reproduktion dieses Dokuments
beigegeben, dessen Echtheit vermutlich seitens der Okkultisten angezweifelt werden
wird. Die Echtheit vorausgesetzt, würde es die Streitfrage über S1 ade , über die
viel Tinte geflossen ist, endgültig abschließen. — Im Jahre 1920 hatte Ho udini Ge-
legenheit, in London einer Reihe von Sitzungen der S.P.R. mit Eva C. beizuwohnen.
Mad. Bi sson hatte von ihrem Prinzip, Taschenspieler von den Sitzungen mit ihrem
großen Medium auszuschließen, eine Ausnahme gemacht, da sie sich von der Loyalität
H oudi nis überzeugte. Obwohl eine Entlarvung nicht stattfand — eine solche ist ja
Fournier d'Albe, E. E. The Life of Sir William Crookes. 79
schon durch die Versuchsbedingungen so gut wie ausgeschlossen, denn diese Bedingungen
dienen ja weit mehr der Sicherung des Mediums als der der Kontrolle —, kommt
H o u di ni, der ganz objektiv zu beobachten den besten Willen hatte, zu dem Schluß,
daß Betrug vorlag, und zwar auf Grund verdächtiger Indizien, die er wahrnahm. Nach
den Beobachtungen Dr. v. Gulat s 1 ) kann uns das nicht weiter überraschen.
Auch sonst bringt das Buch eine Fülle interessanten Materials. Eine deutsche
Übersetzung mit Fortlassung einiger Abschnitte, die nur für amerikanische Leser In-
teresse bieten, weil der Spiritismus in Europa nicht solche extravaganten Formen zeigt,
wäre jedenfalls erwünscht.
Graf Carl v. Klin ckowstroem.

Fournier d'Alb e, E. E. The Lif e of Sir William Crookes. With a fore-


word by Sir Oliver Lodge. London, P. Fisher Unwin (1923). 8° XIX u 413 S.
Mit 4 Portr. u. 1 Abb. im Text.
Die vorliegende eingehende und liebevolle biographische Würdigung des Chemikers
und Physikers Sir William Cr o ok es (17. Juni 1832-4. April 1919) ist ein wertvoller
Beitrag zur Gelehrtengeschichte des 19. Jahrhunderts. Unter Benutzung handschrift-
lichen Materials (Briefe, Tagebücher) hat der Verfasser es verstanden, ein lebendiges
Bild des vielseitigen und unermüdlichen Forschers zu entwerfen. Cr o oke s — wie
Fa r a da y ohne regelrechte Universitätsausbildung — war bekanntlich nicht nur ein
Mann der Wissenschaft, dem wir eine Reihe wichtiger Entdeckungen und Unter-
suchungen verdanken. Durch seine Beschäftigung mit den mediumistischen Phänomenen
gilt er bei den Okkultisten noch heute als einer der Grundpfeiler der Metapsychik.
Seine in diesen Kreisen als klassisch geltenden Versughe mit den Medien D. D. Home
und Florence Cook werden immer noch als die Höchstleistung auf diesem Gebiet
gewertet, sowohl hinsichtlich der Methodik wie der Stärke der beobachteten Phänomene.
Wir haben uns hier nicht mit dem Entdecker des Thalliums (1861), des Radio-
meters (1874), den fruchtbaren und folgereichen Untersuchungen der Strahlungserschei-
nungen in möglichst luftleeren Räumen (Crookesschen Röhren) usw. zu beschäftigen.
Cr o oke s' Verdienste auf diesen Gebieten, obwohl seinerzeit stark umstritten, werden
heute vollauf gewürdigt. Uns interessiert hier nur der Forscher auf dem schwankenden
Boden des Mediumisrnus. Cr ookes' Interesse für diese Phänomene wurde bereits 1868
geweckt durch den spiritistisch eingestellten Elektriker Cr. Fl. V arl e y, und durch
den Amateur-Astronomen W. Hu g gim s. Die ernstere Beschäftigung damit begann im
Jahre 1870. Diesem Teil des Crookesschen Interessengebietes hat F o u rni er d'A lb e
das 12. Kapitel (S. 174-239) gewidmet. Fo ur ni er d 'Alb e hat als Physiker und
Okkultist an diesem Abschnitt zweifellos ein besonderes Interesse gehabt, und er muß
auch als der geeignetste Interpret dafür angesehen werden, da er, obwohl überzeugter
Okkultist, dennoch durch seine Versuche mit dem „Medium" Kathleen G oli gh er über
das Raffinement mediumistischen Betruges eigene Erfahrungen hat sammeln können
und daher nicht unkritisch alles als echt hinnimmt. Er hat sich daher bemüht, ein
objektives Bild zu gewinnen, und wenn wir auch seinem Ergebnis, das im wesentlichen
die Crookesschen Beobachtungen unangetastet läßt, nicht beistimmen können, so ist
doch die sachliche Art seiner Berichterstattung und seines Urteils voll anzuerkennen.
Wie Referent im 4. Kapitel seines mit Dr. v. Gu 1 a t -W ell enb urg und
Dr. H. R os en b u s eh zusammen bearbeiteten kritischen Buches „Der physikalische
Mediumismus" (Berlin 1925) dargelegt hat, können weder die Versuche mit Hom e
als ein zwingender Beweis für das Bestehen mediumistischer Kräfte angesehen werden,
noch bieten gar Cr o oke s' Berichte uber die erstaunlichen Phänomene der Florence
Co ok (Materialisation einer völlig ausgebildeten menschlichen Gestalt) die Gewähr,
daß hier nicht ein grober Schwindel vorlag. Cr o ok es war Physiker, nicht Psychologe.
Von taschenspielerischen Tricks verstand er nichts. Er hatte volles Vertrauen zu seinen

1 ) Siehe: Der physikalische 1VIediumismus. Von Dr. W. v. Gulat -W eilen bu r g,


Graf Carl v. Klin ck ow s tr o e rn und Dr. H. R o senbus c h. Berlin, Ullstein, 1925,
S. 315 fE.
80 Graf C. v. Klinckowstroem.

Versuchspersonen und war mit ihnen befreundet. Er trat an die Versuche als über-
zeugter Spiritist heran (wir kommen darauf zurück). Merkwürdig ist, daß fast die
ganze Korrespondenz aus jener Zeit, die sich mit den mediumistischen Phänomenen
beschäftigt, aus dem Buch mit den sorgsam bewahrten Briefkopien wie auch die er-
haltenen Briefe offenbar absichtlich entfernt worden sind. Ob Cr o o k'e s damit die
Erinnerung an diese Periode seines Schaffens, die ihm nur Unannehmlichkeiten und
Streitigkeiten gebracht hat, hat ausstreichen wollen? Fournier d'A 1 b e beklagt den
Verlust von mehr als 200 Briefen, die noch manches Licht auf dieses interessante
Kapitel aus der Geschichte des Mediumismus hätten werfen können. Einen aufschluß-
reichen Brief von Cr o o k es an Huggins vom 12. April 1871 vermag F ournier
jedoch mitzuteilen, in welchem Cr o o k es über wunderbare Phänomene berichtet, die
er in einer Dunkelsitzung mit den Medien Home, Herne und Williams erlebte.
F o urni er sagt aber selbst in seinem Kommentar dazu, daß die von Cr o okes als
„exciting and satisfactory" bezeichneten Phänomene jeder Beweiskraft entbehren und
nur für den plumpen Schwindel zeugen, dessen mindestens zwei dieser Medien, Herne
und Williams, später überführt werden konnten. Wir wollen in diesem Punkt dem
Biographen nicht widersprechen. „Wir erkennen unsern Crook es nicht wieder," sagt
Fourni er d'A 1 b e , „wenn wir diesen Bericht lesen. Es scheint da zwei Cr o okes
zu geben : der eine, der gewissenhafte, sorgfältige, exakte Mann der Wissenschaft ...
und der andere, der impulsive, reizbare Wundersüchtler, dessen Vorsicht und gesunder
Menschenverstand durch ein paar Possentreiber über den Haufen geworfen werden..."
Auf jeden Fall wirft dieser Bericht ein bedenkliches Licht au f die Einstellung von
,

Crookes zu dem Phänomenkomplex und ist geeignet, seine Qualifikation als Beob-
achter mediumistischer Phänomene auch bei kritisch denkenden Okkultisten stark zu
erschüttern. Und daß Horn e mit den beiden Schwindelmedien offenbar im Einver-
nehmen stand, spricht auch nicht für ihn als das über jeden Verdacht des Betruges
erhabene Medium.
Cr o okes hat bekanntlich die von ihm beobachteten Phänomene mit einer
„psychischen Kraft" erklärt und gilt nicht als Spiritist. Ich habe in dem oben zitierten
Werk bereits ausgesprochen, daß Cr o okes wohl selbst diese Erklärung bei den Mate-
rialisstionsphänomenen, wie er sie bei Florence Cook erlebte, als unzureichend
empfunden haben muß. Von F o urni er d 'A 1 b e erfahren wir nun, daß Cr o ok es
zur Zeit seiner Experimente tatsächlich „a spiritnalist at heart" gewesen ist und als
solcher auch bei einer Anzahl seiner Freunde bekannt war. Öffentlich hat er das aber
nie zugegeben. Er wollte nach F o urni er d 'Alb e damit warten, bis die fraglichen
Phänomene von der Wissenschaft offiziell anerkannt sein würden. Ihm selbst gelang
es nicht dies durchzusetzen. Und heute, nach mehr als 50 Jahren, sind wir davon noch
fast ebensoweit entfernt.
Nach 1874 hat sich Cr o ok es nicht wieder mit dem Mediumismus beschäftigt.
Die unerquicklichen Polemiken, in die er sich verwickelt sah, haben ihn veranlaßt,
sich von da ab wieder ausschließlich seinen wissenschaftlichen Forschungen zuzuwenden.
Graf Carl v. Klin ckowstro em.
Versuche zur Feststellung des sog. Hellsehens
der Medien.
Von Graf Perovsky-Petrovo-Solovovo, Brüssel,
Ehrenmitglied der "Gesellschaft für psychische Forschung", London.

Hiermit gebe ich einen Bericht — dem später eine Kritik folgen
wird — über Versuche, in denen ich gewisse Erscheinungen des intellek-
tuellen Mediumismus zu prüfen unternahm, besonders solche des sog.
Hellsehens.
Einer dieser Versuche hat schon 1891 stattgefunden. Ich zählte
damals kaum 20 Jahre, war aber schon leidenschaftlich für okkulte
Fragen interessiert. Daher benutzte ich mit Freuden die unverhoffte Ge-
legenheit, die sich mir an einem Winterabend in Petrograd — damals
hieß es noch St. Petersburg — bot, an einer spiritistischen Sitzung teil-
zunehmen.
In Begleitung zweier Freunde war ich gekommen. Wir trafen einen
kleinen Kreis von Studenten, zwei von ihnen wirkten als Medien. Die
Sitzung fand statt in der Wohnung des Herrn Dimitri Schilkin, der
auch Student war und später einer meiner besten Freunde wurde.
Die Medien stehen an einer Seite eines großen Tisches; ihre Augen
sind verbunden, vor ihnen auf dem Tisch liegt ein großes Stück Pappe,
sie haben den Finger der einen Hand auf eine umgekehrte Untertasse
gelegt, und diese gleitet auf der Pappe hin und her und gibt recht ge-
schwind einen Buchstaben nach dem anderen an. Das Licht ist aus-
reichend, die Art, wie die Augen der Medien verbunden sind, scheint mir
einwandfrei.
Ich frage den angeblichen Geist: „Kannst Du lesen?", und als er be-
jaht, bringt man irgend ein Buch aus dem Nebenzimmer. Ich nehme ein
Blatt Papier, halte es über das Buch, öffne dieses aufs Geradewohl und
decke es mit dem Papier zu. Man bittet den Geist, er möchte die Seiten-
zahl angeben. Er antwortet:
„Ich muß nachsehen".
Darauf hebt sich die — natürlich von den Fingern der Medien ge-
l enkte — Untertasse zu dem Buche empor, das auf der Mitte des Tisches
liegt, gleitet unter das Papier, bleibt dort einige Zeit still, rutscht dann
wieder auf die Tischfläche herab und buchstabiert: "Es steht gar keine
Seitenzahl da."
Man sieht nach: Wirklich, die Seite ist leer! Große Aufregung! Wir
wiederholen den Versuch, diesmal wird als Seitenzahl „89" angegeben.
Und das war richtig!
Zeitschrift ftir Okkultismus I. 6
82 Graf Perovsky-Petrovo-Solovovo.

Bald danach Schluß der Sitzung. Einige Tage danach wird sie
wiederholt, aber diesmal gelingen die gleichen Versuche nicht. Man ver-
sucht es noch einmal, wieder mit negativem Erfolg. Aus irgend einem
Grunde hören bald nachher die Sitzungen überhaupt auf.
Ich muß gestehen, die Sache hatte großen Eindruck auf mich ge-
macht. Die Bedingungen, unter denen die geglückten Versuche statt-
gefunden hatten, schlossen, wie mir schien, einen Betrug beinahe aus.
Da die Medien standen, konnten sie meiner Meinung nach kaum unter
das Blatt Papier blicken, ganz abgesehen von den Taschentüchern, mit
denen man ihnen die Augen verbunden hatte.
Freilich war da das „Beinahe"! Aber damit wollte ich mich nicht
aufhalten. Und welchen Zweck, welches Motiv hätte auch ein Betrug
gehabt? Die Dringlichkeit, mit welcher die Untertasse die Seitenzahl
hatte „sehen" wollen, ehe sie sie angab, schien allerdings merkwürdig.
Aber als ich über die fragliche Sitzung mit dem damaligen Hohepriester
des russischen Spiritismus, Herrn Alexander Aksak ow 1 ) sprach,
fand er in seiner eigenen Erfahrung ähnliche oder gar identische Fälle.
Auch in ihnen war, seiner Angabe nach, das „Hellselen" der „Geister"
durch ganz physische Erfordernisse eingeschränkt. Kurz, alles dies sah
ebenso interessant wie ungewöhnlich aus.
Nur hatte ich leider etwa 10 Jahre lang zu warten, um wieder Zeuge
eines ähnlichen Vorganges zu werden. Eines schönen Tages lernte ich
einen gewissen G. kennen, der in Petrograd irgend ein Amt am Militär-
gericht bekleidete und durchaus ein Ehrenmann zu sein schien. Bei ihm
wurden spiritistische Sitzungen abgehalten, in denen sieh Tisch-
elevationen und ähnliche Dinge ereignen sollten. Mir war es vergönnt
etwas zu sehen, was für mich noch interessanter war. Als G. und noch
eine andere Person sich mit verbundenen Augen an einem Tische nieder-
gelassen hatten, erhielten wir schnell und mühelos „Botschaften", wieder
mit Hilfe einer Untertasse; und dieses Gerät „las" ganz richtig die Namen
von Visitenkarten, die man aufs Geradewohl aus einem Haufen gegriffen
hatte und die angeblich niemand von uns konnte.
Die Gutgläubigkeit der „anderen Person", die mit G. zusammen-
arbeitete, braucht nicht in Zweifel gezogen zu werden, was sie selbst be-
traf; nur die verbundenen Augen haben mir niemals übertriebenes Ver-
trauen eingeflößt. Ich wäre gern zu etwas exakteren, besser kontrollierten

') Den Titel „Hohepriester" verleihe ich ohne Ironie. Herr Aksakow war ein
reicher Grundbesitzer und ein rechtschaffener, vortrefflicher Mensch. Er hat eine Reihe
geschätzter Werke über den Spiritismus veröffentlicht, vor allem das zweibändige „Ani-
mismus und Spiritismus". Ich möchte glauben, daß er am Ende seines Lebens viel
von seinen einstigen Illusionen verloren hatte. Jedenfalls hatte er, als ich ihn kennen
lernte, nur noch eine sehr mäßige Schätzung der sog. Geister, wie sie sich in den
Sitzungen offenbaren. Gelegentlich entschlüpfte ihm einmal das Wort, nach seiner An-
sicht seien sie „Kanaillen". Wahrscheinlich haben die Medien ihn im Laufe seiner zahl-
losen Sitzungen mehr als einmal hineingelegt, aber mehrere hat er doch entlarvt. Jeden-
falls hatte seine Leichtgläubigkeit Grenzen. Er starb 1903. Friede seiner Asche!
Versuche zur Feststellung des sog. Hellsehens der Medien. 83

Versuchen übergegangen, aber solche fanden nicht statt, obgleich ich


mich vage entsinne (soweit die lange Zwischenzeit es zuläßt), daß ich mit
G. innerhalb des Kreises Schilkin noch gewisse andere Versuche unter-
nahm, die zu nichts führten.
G-. erzählte mir folgenden sonderbaren Vorfall, der uns vielleicht
den Schlüssel des Rätsels gibt und es uns ermöglicht, die fraglichen Er-
fahrungen natürlich zu erklären, ohne seinen guten G- lauben
nzuzwei f el n. Er hatte einmal ein sehr schwieriges Examen zu be-
stehen; seinem subjektiven Eindruck nach hatte er sich gründlich
blamiert und nicht eine einzige Frage beantwortet. Wie erstaunt war er,
später zu vernehmen, daß er die Prüfung mit größter Auszeichnung
absolviert hatte! Ist diese Erzählung richtig, so kann G. ebensogut ver-
stohlen unter seiner Binde sowohl nach dem Alphabet wie nach den
Visitenkarten gespäht und doch dieses sein Tun sofort vergessen haben.
Das eine ist ebenso ungewöhnlich und unwahrscheinlich wie das andere.
Diese Überlegung kam mir damals in den Sinn und scheint mir noch
heute berechtigt. Sollte dagegen die Geschichte mit dem Examen einfach
erfunden sein, nun, dann wäre G. kein zuverlässiger Berichterstatter,
wäre nicht vertrauenswürdig, und dann

Es vergehen e0 Jahre. Im Februar 1921 bin ich in Finnland in Z.,


dicht an der russischen Grenze, wo ich eine gleich mir in der Ver-
bannung lebende alte Freundin besuchen will. Z. ist teilweise eine
russische Stadt, besitzt eine russische Kathedrale, deren sanfter Glocken-
klang allmorgendlich hörbar wird, die Seele und Stütze der kleinen
russischen Kolonie ist eben meine erwähnte Freundin. Im Sommer wie
im Winter ist Z. recht hübsch, vielleicht noch anziehender im Winter.
wenn morgens weiße Rauchsäulen aus hundert Schornsteinen zum
rosigen, kalten Himmel aufsteigen. Schön ist das Land in seiner
Melancholie, schön selbst in seiner Einförmigkeit!
In Z. lerne ich eine Familie Y. kennen, auch eine der zahllosen heimat-
flüchtigen russischen Familien, durchaus achtbare und sympathische
Menschen: Vater, Mutter, drei Kinder. Die ältere der beiden Töchter, wir
wollen sie Nadia nennen, macht meiner oben erwähnten Freundin,
Prinzessin H., ihren Besuch. Sie ist groß, ungezwungen, hübsch und
macht den besten Eindruck. Irgendwie kommen wir auf den Spiritismus
zu sprechen. Ich schlage einen Versuch vor. Rasch wird ein Alphabet
gezeichnet und eine Untertasse beschafft, mit einem schwarzen Strich
darauf, der auf die Buchstaben hinweisen soll. Nadja legt die Finger
einer Hand auf die umgestülpte Untertasse, und sofort kommen die Bot-
schaften hageldicht angeschwirrt.
Ein „Geist" sagt, er heiße Fürst Romodanovsky und habe im
18. Jahrhundert gelebt. Er will der Neffe des berühmten Mitarbeiters
Peters des Großen gewesen sein, der den gleichen Namen trug, und
84 Graf Perovsky-Petrovo-Solovovo.

gibt zahlreiche Einzelheiten seines Lebens wieder, die wir bestätigen


sollen 1 ).
Ich bitte den angeblichen Fürsten Romodanovsky, er möchte uns
eine Probe seiner unabhängigen Existenz geben. Ob er uns z. B. die
Seitenzahl eines Buches angeben könne, das aufs G-eradewohl geöffnet
wird, ohne daß einer von uns hinsieht? Er bejaht, und ich hole ein Buch,
das mir gehört und das Nadia sicher noch nie gesehen hat: „History of
English Rationalism in the XIX Century" von Benn, einen dicken Band
von 450 Seiten.
Ich halte das Buch unter den Tisch und schlage es an einer Zufalls-
stelle auf. Ich lege eine Zeitung darauf, noch immer unter dem Tisch.
Dann erst lege ich es, zugedeckt wie es ist, auf den Tisch. Wir bitten den
Geist, uns die Nummer zu sagen. Die Antwort erfolgt promt: 193. Wir
sehen nach: Es stimmt!
Wir sind zu Dreien in dem von bleicher Februarsonne erleuchteten
Zimmer: Prinzessin H., Nadja und ich. Brauche ich unsere Verblüffung
zu schildern? Ich selbst habe ein Gefühl, als habe nr.iir jemand einen
Stockhieb über den Kopf versetzt. „Träume ich oder bin ich wach?"
Als wir uns etwas beruhigt haben, dringe ich auf Wiederholung.
Einmal ist noch kein Beweis, nicht wahr! Zwei geglückte Versuche
dagegen hätten in meinen Augen jeden Zweifel für immer beseitigt. Ich
schlage also einen zweiten Versuch vor. „Romodanovsky" versucht auszu-
weichen, er behauptet, er sei müde. Ich dringe auf Gewährung meiner
Bitte, und da mir der Versuch des Jahres 1891 in den Sinn kommt,
schlage ich vor, das Experiment dadurch leichter zu gestalten, daß man
die Untertasse die Zahl „sehen" läßt. Der „Geist" willigt schließlich ein.
Aber jetzt gelingt der Versuch nicht, die angegebene Zahl ist falsch. Und
doch hatte diesmal die Untertasse genau „hingesehen", beim ersten Ver-
such dagegen nicht.
Die Sitzung ist hiermit zu Ende und wir gehen auseinander, trotz
des mißglückten zweiten Versuches unter dem Banne eines starken Ein-
drucks. Die Bedingungen, unter denen der erste Erfolg gehabt hatte,
schienen mir tatsächlich lückenlos. Und sie kommen mir immer noch ein-
wandfrei vor, trotz allem, was sich seitdem ereignet hat.

Noch 5 weitere Versuche fanden in Z. statt, dann verließ ich Finnland


und reiste nach Deutschland. Zur Frage des Hellsehens lieferten diese
5 Sitzungen fast nur negative Resultate. Eine ziemlich beträchtliche
Zahl von Versuchen wurde unternommen, immer handelte es sich um

') Ich habe zuletzt zu diesem Zwecke das klassische vierbändige Werk des Fürsten
Dolgorukow eingesehen, das die Familien des russischen Adels behandelt. Das
ausgestorbene Geschlecht der Romodanovsky ist natürlich darin erwähnt, aber an-
scheinend nicht derjenige, den wir suchten. Ich habe ihn nicht finden können.
Versuche zur Feststellung des sog. Hellsehens der Medien. 85

Erraten der Seitenzahl; nur zwei hatten Erfolg, einer eitien vollen und
einer einen teilweisen. Bei jedem dieser Versuche sah die Untertasse unter
dem Papier nach, welches das Buch bedeckte; wie man sieht, verbesserte
dies kaum die Resultate.
Die Familie Y. siedelte ihrerseits im Mai nach Deutschland über und
mietete sich in K. bei Berlin ein. (Fast alle Anfangsbuchstaben in diesem
Artikel sind frei erfunden.) Ich verbrachte den Sommer 1921 im Harz
und fuhr von Zeit zu Zeit ein paar Tage nach Berlin hinüber. Ich benutzte
diese Reisen, um die Familie Y. zu besuchen, und jedesmal nach dem
Abendessen wurde eine Sitzung veranstaltet. Im August nahm ich selbst
meinen dauernden Aufenthalt in Berlin, von da ab wurden die Experi-
mente regelmäßiger fortgesetzt. Durchschnittlich alle 8 Tage fuhr ich
nach K.
In jeder Sitzung wurden auch Hellsehexperimente unternommen,
die Bedingungen waren immer oder fast immer die gleichen. Bald glück-
ten die Versuche, bald, und zwar viel öfter, gingen sie fehl. Jedesmal „sah
die Untertasse nach". Aber Fortschritte erzielten wir nicht, die Er-
folge blieben ziemlich auf gleicher Höhe. Mehr und mehr gewann ich den
Eindruck, daß man immer auf derselben Stelle herumstapfte. Außerdem
waren die allgemeinen Bedingungen recht unzureichend. Es standen fast
immer viele Leute um uns herum, es war ein beständiges Kommen und
Gehen. Frau Y. interessierte sich zwar für die Sitzungen, fand aber die
Hellsehversuche langweilig und störte die „Geister" mit ungereimten
Fragen. Aus Höflichkeit nrul3te ich gute Miene zum bösen Spiel machen,
aber innerlich ärgerte ich mich. Kurz, von Experimenten, die diesen
Namen verdienten, konnte unter solchen Umständen keine Rede sein, und
danach verlangte ich doch hier wie überall. Schließlich traf ich, wie wir
sehen werden, andere Anordrinngen, aber zunächst verlor ich viel Zeit mit
diesen Sitzungen in K.
Immerhin passierten auch hier, wie ich gleich zeigen werde, recht
merkwürdige Vorfälle. Für das Hellsehproblem war die Sitzung vom
22. August die wertvollste: Folgende Episoden waren besonders interessant:
Einmal teilte der sog., sich gerade manifestierende „Geist" mit, im
Schlafzimmer auf dem Divan läge ein Buch mit Erzählungen von
Tschechow, und dieses Buch sei bei der und der Seite aufgeschlagen,
auch gab er kurz den Inhalt der Seite wieder.
Wir sahen nach, alles traf zu. Aber ich legte der Sache kein Gewicht
bei, da das Buch der Familie Y. gehörte, deren Mitglieder es deswegen
nach Belieben hatten einsehen können. Das Buch wurde auf den Tisch
gelegt, an dem ich mit Nadja saß, die dauernd die Finger der einen Hand
auf der Untertasse liegen hatte. Ich warf eine Serviette darüber, öffnete
das Buch aufs Geradewohl und sagte zum „Geist": .,Kannst Du uns eine
Stelle der rechten Seite zitieren?" Darauf gleitete die Untertasse wie ge-
wöhnlich unter die Serviette, bleibt dort einige Augenblicke ganz still,
kommt wieder hervor und antwortet: „Wörtlich kann ich nicht zitieren,
aber dem Sinn nach bittet Alexis Michailowitsch die Julie Michailowna
86 Graf Perovsky-Petrovo-Solovovo.

um ihre Hand und erhält eine Absage." Ich hebe die Serviette auf und wir
sehen nach. Auf der fraglichen Seite ist in der Tat die Rede von einem
Heiratsantrag, den jemand der Julie Sergejewna (nicht Michailowna) ge-
macht hat, sie hat ihn abgelehnt und erzählt den Vorfall einem Dritten.
Der Name des Freiers wird hier nicht genannt, ich finde ihn aber an
anderer Stelle, er heißt in der Tat Alexis, aber der Vatersname lautet
Fedorowitsch, nicht Michailowitsch.
Allgemeines Erstaunen, um nicht zu sagen: Begeisterung! Nadja ver-
sichert, sie habe die fragliche Erzählung nicht einmal gelesen.
Es folgen noch andere Experimente. Diesmal operiere ich mit einem
dicken Buch, einer Naturgeschichte. Ich öffne es an beliebiger Stelle,
nachdem ich es vorher wieder zugedeckt habe, und frage nach der Seiten-
zahl.
Erster Versuch: Die Untertasse gibt die Zahl 398, sie erweist sich
tatsächlich als richtig.
Zweiter Versuch: In sehr gewählten Ausdrücken, was durchaus nicht
immer seine Gewohnheit ist, bittet uns der „Geist" um Erlaubnis, statt
Angabe der Seitenzahl das Bild schildern zu dürfen, da e sich an der be-
treffenden Stelle befindet. Als wir einwilligen, buchstabiert die Unter-
tasse
„Entweder ist es ein Rebhuhn oder eine Henne". Tatsächlich war es
ein Frosch.
Wir gehen weiter zu den Zitatversuchen, wobei die Untertasse, wie
gewöhnlich, „nachsieht". Beim ersten Versuch gibt sie an, die Seite sei
leer, und sie ist es wirklich. Bei zwei weiteren Versuchen werden zwei
Wortgruppen, die sich, wovon wir uns später überzeugen, auf der frag-
lichen Seite befinden, richtig wiedergegeben. Nur bemerkc ich mit Be-
dauern, daß der .,Geist" beidemal gerade die Worte der untersten, auf
der Seite stehenden Linie buchstabiert, und das behagt mir nicht sonder-
lich. Denn wenn Betrug im Spiele ist, muß Nadja diese Zeile am
leichtesten sehen können, weil das Buch gerade vor ihr liegt. Andererseits
stehen die Seitenzahlen ganz oben, man sieht also nicht recht ein, wie
Frl. Y. sie wahrnehmen kann, selbst wenn sie betrügen will. Und warum
sollte sie schwindeln, was hätte es für einen Zweck? — Alles in allem ist
mir diese Sitzung sehr interessant.
Nach 8 Tagen findet eine neue Sitzung statt. Ich bringe meinen
Sohn mit, der am gleichen Tage aus London angekommen ist, weil ich
wissen möchte, was er dazu sagt. Die Geister fordern diesmal das
französische Alphabet (Nadja spricht französisch), und wir erhalten
mehrere Botschaften von der Form: Auf der und der Seite des „Journal
des Voyages" (das sich im Besitz der Familie Y. befand) steht die und die
Zeile. Die Zitate stimmen, aber ich sehe darin natürlich nichts besonders
Auffälliges. Ich hatte aber selbst ein Buch mitgebracht, eingeschlagen
in Papier und mit Bindfaden zugebunden, und von diesem hatte ich keine
Zeile gelesen und hielt vor allen, selbst vor meinem Sohn, den Titel
geheim. Es war der vierte Band von dem Meisterwerke des General Kras-
Versuche zur Feststellung des sog. Hellsehens der Medien. 87

nov: „Vom Doppeladler zur roten Fahne", das soeben erschienen war.
Wären uns nur einige Worte dieses Buches mit Angabe der Seitenzahl
richtig übermittelt worden, so wäre dies gewiß eine ausgezeichnete Probe
von „Hellsehen" oder „zweitem Gesicht" gewesen. Unglücklicherweise
waren die Geister außerstande, uns diesen Gefallen zu tun, und ein Ver-
such, die Zahl der Seiten zu nennen, die das fragliche Buch enthielt und
die uns allen unbekannt war, ergab ein ungenaues Resultat: 216 statt
185.
Um nun dem ein Ende zu machen, was ich oben ein „Herumstapfen
auf derselben Stelle" nannte, und um meinen Versuchen einen mehr
wissenschaftlichen Anstrich zu geben, entschloß ich mich zu einem
Gesuch an die ausgezeichnete „Society for Psychical Research'' in
London, der ich seit 32 Jahren angehöre und deren Ehrenmitglied ich seit
1917 bin. Ich bat, mir eine Summe von 10 Pfund Sterling anzuweisen, mit
deren Hilfe ich mich anheischig machte, eine Reihe von Sitzungen durch-
zuführen, die zu einer Klärung der Angelegenheit ausreichend sein und
unter zufriedenstellenderen Bedingungen stattfinden würden. Man
wundert sich vielleicht über die kleine Summe; aber man bedenke, daß
in dem Augenblick, als ich die Bitte geltend machte, das Pfund Sterling
etwa 450 Mk. wert war.
Ich sagte mir: Nadia ist russische Emigrantin, es geht ihr Gott sei
Dank besser als vielen anderen, aber sie wird nichtsdestoweniger sehr
froh sein, fast alle 8 Tage 150-200 Mk. mehr zu haben. Als daher die
,,Society for Psychieal Research" mein Gesuch bewilligt hatte, schlug
ich Nadja eine neue Sitzungsreihe vor, aber nunmehr mit Bezahlung. Sie
sagte mit größter Bereitwilligkeit zu. Ich setzte mit freundschaftlichen
Worten hinzu, diese Sitzungen müßten einen etwas ernsthafteren
Charakter haben als die frühereh, vor allem müsse das Tohuwabolu, von
dem sie manchmal in K. begleitet gewesen seien, aufhören, und ihr
einziges Ziel werde die Veranstaltung von Hellsehversuchen, die Prüfung
des Lesens ohne Hilfe der Augen sein — in derselben Art und Weise wie
bei den bisherigen Experimenten. Nadia fügte sich wie sonst immer— das
will ich gern anerkennen — bereitwillig in alle meine Forderungen.
Inzwischen hatte am 1. Oktober eine unvorbereitete Sitzung statt-
gefunden, nicht mehr in K., sondern in Berlin, und zwar bei Frau von S.,
bei der Nadja ihren Besuch gemacht hatte und ich mit ihr zusammentraf.
Ein Hellsehversuch mit einem Buche aus dem Besitz der Frau von S. war
glänzend geglückt, der „Geist" gab einige Worte wieder, die auf einer
von mir beliebig aufgeschlagenen Seite s4nden, selbst das Komma hatte
er gesehen. Allerdings standen die fraglichen Worte schon wieder auf der
ersten Linie und die Untertasse hatte wie immer „nachgesehen". Aber die
allgemeinen Versuchsbedingungen schienen gut zu sein, das Buch war
sorgfältig zugedeckt. Daher waren auch die Teilnehmer sehr zufrieden.
Sie wurden es noch mehr, als ihnen ein sog. physikalisches Phäno-
men vorgeführt wurde. Man fand plötzlich ein abgerissenes Stück eines
Buchblattes vor einem der Teilnehmer liegen, die Untertasse hatte dies
88 Graf Perovsky-Petrovo-Solovovo.

vorher angekündigt. Betrug war in diesem Falle nicht ausgeschlossen,


wir legten damals dem Ereignis nicht viel Wert bei, da uns der ent-
schiedene und eindrucksvolle Erfolg des vorher geschilderten Versuches
ganz gefangen genommen hatte.
Die neue, von der Gesellschaft für psychische Forschung autorisierte
und bezahlte Versuchsreihe begann also, wie es schien, unter glück-
bringenden Sternen. Das Hellsehen, das Nadias „Geister" geleistet hatten,
machte einen vorzüglichen Eindruck auf mich. Freilich waren durchaus
nicht alle Versuche geglückt, viele Antworten waren wenigstens in ihren
Zahlenangaben ungenau, einige Fehlangaben sahen sogar ziemlich ver-
dächtig aus, aber trotzdem waren doch, wie wir gesehen haben, recht
überraschende Erfolge zu verzeichnen. Ich glaubte mich daher berech-
tigt, Herrn Dr. Max Dessoir den Vorschlag zu machen, er möchte an den
neuen Sitzungen teilnehmen; und der Gelehrte, der seit Jahrzehnten zahl-
lose Untersuchungen auf dem gleichen okkultistischen Gebiete durch-
geführt hatte, sagte bereitwilligst zu.
Von da ab fanden die Sitzungen bald bei ihm, bald bei der oben er-
wähnten Frau von S., bald in meiner Wohnung statt. Die neue Versuchs-
-

reihe umfaßte 10 Sitzungen; die allgemeinen Bedingungen waren diesmal


durchaus zufriedenstellend, von einem fröhlichen Durcheinander wie in
K. war fürder nicht mehr die Rede, ein kritischer und besonnener Geist
waltete über den Experimenten. Gleichzeitig wurde aber Nadia durchaus
freundschaftlich behandelt, mit aller Achtung, die einer jungen Dame
aus guter Familie gebührte. Kurz, in den äußeren Bedingungen klappte
alles vorzüglich. Aber — —!
Aber die Geister wollten nicht mehr mitklappen oder setzten sich
wenigstens in den Kopf, daß sie uns den entscheidenden und überzeugen-
den Beweis, den wir brauchten, vorenthalten wollten.
Es gab da manches „Beinahe", und das war allemal ganz natürlich
zu erklären. Anderseits kamen dafür einige verdächtige Zwischenfälle
vor. Der Veranschaulichung halber folge hier ein fast wörtlicher Auszug
aus dem Protokoll der Sitzung vom 2. November 1921, das ich am
gleichen Abend aufgenommen habe:
„Nach Beginn der Sitzung entsteht die Schriftl) sehr schnell und
sehr leicht. Nachdem mehrere Sätze buchstabiert worden sind, wird der
„Geist" gefragt, ob er lesen kann. Anwort: Ja. Frau von S., in deren
Wohnung die Sitzung stattfindet, schiebt eins ihrer Bücher (oder
genauer: ein Buch, das sie aus der Bibliothek geliehen hat) unter das
Tischtuch. Die Kontrollbedingungen sind gut. Die Untertasse buchsta-
biert:
Jetzt kann ich nur die Seitenzahl angeben, aber später werde ich
den Inhalt sagen.'
Genannt wird die Zahl 35. Beim Nachsehen ergibt sich, daß das
Buch bei Seite 104-105 aufgeschlagen war.
') Der Ausdruck „Schrift" ist natürlich nicht ganz wörtlich zu nehmen, es handelt
sich ja um eine Untertasse, welche die Buchstaben des Alphabets angibt.
Versuche zur Feststellung des sog. Hellsehens der Medien. 89

‚Offnen Sie das Buch noch einmal!'


Das Buch wird wieder unter die Tischdecke gesteckt. Bedingungen
gut; die Untertasse gleitet wie immer unter das Tuch, aber normaler-
weise ist es unmöglich, etwas zu sehen. Die Untertasse buchstabiert:
,Auf Seite 135 ist die Rede von Olesia. Es heißt da, ich (sie) säße an
einem Tisch und habe nicht gehört, wie Jarmola mit bloßen Füßen
hereingeschlichen ist, so daß man es nicht wahrnehmen konnte.' Man
blättert nach und findet den Inhalt eines Teils der Seite 135 (nicht aber
der Seite, bei der das Buch wirklich aufgeschlagen worden war) richtig
beschrieben: Olesia ist der Titel der Erzählung (und dieser Name steht
oben auf der Seite); der Autor spricht dort in der ersten Person von sich
selbst und berichtet, Jarmoia sei auf Pantoffeln (p otol y) herein-
gekommen: Dieses russische Wort war mir bis dahin unbekannt. Das
Buch ist ein Novellenband von A. Kuprin.
Als die Aufregung der Teilnehmer über diesen Erfolg (?) des Ver-
suchs sich gelegt hat, bittet man den Geist um einen weiteren Versuch.
Antwort:
,Das kann ich tun, aber dafür werde ich das nächste Mal nichts mehr
lesen.'
Frage: ‚Heute?'
Antwort: ,Nein, das langweilt mich.'
Frau von S. steckt nochmal das Buch unter das Tischtuch.
ach kann nur die erste Erzählung, und davon nur den Titel an-
geben. Wollte ich mehr sagen, so könnte ich leicht fehlgehen.' Darauf
gibt die Untertasse als tY1,‘-‘rschrift der ersten Novelle das Wort ‚Verhext'
(Nawoshdenie) an.
Frl. Y. und ich hatten nach dem ersten Versuch den Band durch-
blättert und sagen, der Titel der ersten Novelle sei ‚Gambrinus', aber
nunmehr erklärt Frau von S., sie habe heimlich das erste Buch mit einem
zweiten vertauscht, und in letzterem ist die erste Erzählung tatsächlich
‚Verhext' betitelt.
Bald darauf ist die Sitzung zu Ende."
Wie man sieht, sah das alles noch recht bemerkenswert aus. Aber
leider gab es da einen Zweifel; denn als ich am nächsten Tage Frau von S.
besuchte, sagte sie mir, Nadia sei gestern um 3 oder 1 / 2 4 Uhr bei ihr ge-
wesen, während die Sitzung um 1 / 2 6 Uhr begonnen hatte, und sie selbst
sei unbedachterweise aus dem Zimmer gegangen und habe Nadia allein
darin gelassen. Nun lagen aber die oben erwähnten beiden Bücher auf
dem Tische. Frau von S. sagte mir auch, ihrer Meinung nach hätte
Frl. Y. die Vertauschung des Buches nach dem ersten Versuch wohl be-
merkt haben können.
Die Tatsache nun, daß der „Geist" nicht den Inhalt der Seite angab,
bei der ich das Buch aufgeschlagen hatte, sondern den einer anderen, be-
weist zwar noch keinen Betrug, mußte aber natürlich Zweifel wecken.
Daher beschlossen wir beide, Frau von S. und ich, Nadia Y. eine gewiß
zulässige Falle zu stellen und sie auf frischer Tat zu ertappen, falls sie
90 Graf Perovsky-Petrovo-Solovovo.

wirklich ihre Angaben über Bücher vorbereiten sollte. Wir gingen so vor:
Die „Geschichte des englischen Rationalismus", die oben erwähnt wurde,
besteht aus zwei genau gleich eingebundenen Bänden Am Vormittag des
Tages der nächsten Sitzung, d. h. am 9. November, brachte ich diese
beiden Bände zu Frau von S. Der erste wurde augenfällig auf einen Tisch
des Sitzungszimmers gelegt, der zweite dagegen in einer Schublade ver-
steckt. Als Nadia kam, richtete Frau von S. es so ein, daß sie sie
3 Minuten allein im Zimmer ließ. Darauf legte sie, wieder recht auf-
fallend, diesen ersten Band in dieselbe Schublade, in der sich bereits der
zweite befand. Als danach die Sitzung begonnen hatte, nahm sie den
zweiten Band heraus, um ihn als Material für die Versuche zu be-
nutzen. Aller Wahrscheinlichkeit nach mußte Nadja annehmen, sie habe
es mit dem ersten Bande zu tun, zu dessen raschem Durchblättern ihr,
wenn sie es gewollt hätte, durch das absichtliche Hinausgehen der Frau
von S. Zeit und Gelegenheit geboten worden war.
Diese Gegenprobe hat kein entscheidendes Resultat ergeben. Zwei-
mal gaben die „Geister" vor, daß sie ins Russische übersetzte Stellen aus
dem Benn'schen Buche reproduzierten. Es ist mir aber nicht gelungen,
diese Stellen in einem der beiden Bände wiederzufinden. Es war also fast
sicher, daß Nadja wenigstens diesmal die dargebotene Gelegenheit zum
Betruge nicht ausgenutzt hatte.
Der allgemeine Eindruck, den Frau von S., Dr. De ss eir 1 ) und ich
selbst aus den 10 Sitzungen gewannen, war trotzdem schlechtweg un-
günstig. Es ereigneten sich, wie schon gesagt, etliche verdächtige Vor-
fälle 2 ), und kein Versuch glückte, der einwandfrei beweisend gewesen
wäre. Besonders Frau von S. verlor das Vertrauen, das sie zuerst Nadja
entgegenbrachte, und behauptet, sie habe von da ab das Spiel unseres an-
mutigen Mediums deutlich durchschaut und hege keinen Zweifel mehr
an der Tricknatur der „Phänomene".
Was mich betrifft, so bin ich trotz all er Bedenken geneigt, wenigstens
einen Teil der „Botschaften", welche die verzauberte Untertasse unter
den geschickten Fingern der Nadja Y. aufzeichnete, für echt zu halten.
„Echt" bedeutet hier nichts weiter als „nicht mit Bewußtsein gefälscht".
Ich glaube nicht, daß Nadja von Anfang an bis zum Schluß nur betrogen
hat: Alles in allem, eine solche Taschenspielerei kommt mir unwahr,
scheinlich vor. Der Wahrheit hat sie uns trotzdem nicht näher gebracht,
im Gegenteil, der Nebel ist vielleicht noch dichter geworden. Aber im
Bereiche des Okkultismus und Spiritismus sind wir es ja nicht anders
gewöhnt.

Vom „Hellsehen" abgesehen ereigneten sich in den Sitzungen


der Nadja ein paar merkwürdige Episoden, von denen ich etliche be-
1) Dr. Dessoir war bei drei Sitzungen zugegen.
2) Besonders in der zweiten Sitzung gewann Dr. Dessoir die Überzeugung, daß
Nadia den Titel einer Broschüra nachgesehen hatte, den hinterher die Untertasse
buchstabierte.
Versuche zur Feststellung des sog. Hellsehens der Medien. 91

richten möchte. Freilich tue ich es mit einiger Zurückhaltung, weil die
im Gebiete des Hellsehens erzielten Ergebnisse zum mindesten ein
zweifelhaftes Licht auf die Gutgläubigkeit des Mediums werfen. Da ich
jedoch, wie gesagt, dazu neige, trotz allem gewisse Botschaften für echt
(im soeben erläuterten Wortsinne) zu halten, so möchte ich diese Epi-
soden nicht mit Stillschweigen übergehen; denke man darüber, wie man
will!
Fall S—n.
Die Sitzung findet im Verlauf des Sommers 1921 in K. statt. Einige
Tage zuvor hatte man die Nachricht erhalten, daß der Sohn des Herrn
S—n in Konstantinopel verstorben sei. Dieser Sohn manifestiert sich an-
geblich durch Vermittlung eines anderen „Geistes". Er gibt den 25. Mai
als sein Todesdatum an — was sich später als ungenau herausstellte') —
und spricht von einem „arabischen" Viertel in Konstantinopel, das
Nadia, wie sie mir erklärt, nicht kennt.
Plötzlich bellt ein im Zimmer anwesender Hund, und die Untertasse
unter den Fingern der Nadja macht einen förmlichen Sprung und
buchstabiert darauf: „Habe Schiki wiedererkannt". Schiki hieß der Hund,
und der angebliche Geist hatte ihn zu seinen Lebzeiten gekannt. Es lag
etwas ungemein — wie soll ich sagen? — Lebendiges, Natürliches,
Menschliches in diesem Sprung der Untertasse und diesem Wieder-
erkennen. Ich gestehe, der Vorfall machte einen starken Eindruck auf
mich.
Fall K—n.
Ein Geist meldet sich, gibt an, er sei K—n, ein alter Offizier der
russischen Garde, will einen anderen Gardeoffizier namens B. kennen, der
augenblicklich in R. wohnt, und diktiert, von mir dazu aufgefordert,
einige Sätze, die an diesen Kameraden gerichtet sind. Unter anderem
spricht er von einem Frl. Maikoff, von der B's. Mutter es gern sähe, daß
er sie heiratet; er selbst rät ihm das Gleiche mit Wärme. Nadja sagt, sie
wisse von alledem nichts; ihre Mutter aber (die zugegen ist, ohne an den
Versuchen teilzunehmen) gesteht, sie sei durch die Briefe ihres gleich-
falls in R. wohnenden Gatten über die Angelegenheit informiert. Eine
Abschrift der Botschaft wird an Herrn Y. gesandt, er soll sie B. über-
geben, dieser ist, wie es scheint, stark davon beeindruckt. Die „Bot-
schaft" schloß mit den Worten: „Wie langweilig ist es hier!", und B.,
versichert man mir, habe diesen Stoßseufzer als sehr bezeichnend für
K—n befunden.
Fall Kranni .

In der Sitzung vom 10. Oktober 1921 wurde der Name Knorrich ge-
nannt. (Später sagte der „Geist", er wisse den Namen nicht ganz sicher,
1 ) Doch möchte ich bemerken: S—n endete durch Selbstmord und starb erst

nach einigen Leidenstagen ; sein Versuch, sich zu töten, fand aber tatsächlich, wie man
mir mitgeteilt hat, am 25. Mai statt.
92 Graf Perovsky-Petrovo-Solovovo.

dieser könne auch Knobich oder ähnlich lauten, jedenfalls, sagt er,
endige der Name mit eh.) Der „Geist" will ein Deutscher und Neffe des
Rechtsanwalts gleichen Namens sein. Dann fährt er fort: „Ichi bin in
Knorrich eingedrungen und habe ihn unterjocht. Ich habe seine Seele ge-
tötet Als Bewohner von Knorrich's Leib habe ich eine große Sühne
vollzogen; iah habe keine Erinnerung an irgend etwas anderes. Aber er
war tot und man hielt mich für ihn. Das kommt sehr häufig vor, und ihr
Menschen ahnt nichts davon. Darum begibt es sieh manchmal, daß ein
Mensch sich von Grund aus ändert oder daß sich Gedanken und Wünsche
in euch auftun, über die ihr euch selbst wundert. Ich kann die Adresse
meines Onkels angeben: Breite Straße 57 in Berlin, Telephon Spandau
111" usw.
Man schlug nach, es fand sich aber kein Knorrich im Berliner
Telephonbuch; aber später teilte mir Dr. Dessoir, der auf meine Bitte
hin Nachforschungen angestellt hatte, mit, daß ja dem angegebenen
Hause ein Rechtsanwalt namens Krannich wohnte. Sein angeblicher
Neffe aber manifestierte sich noch einmal in der Sitzung vom 22. Ok-
tober, der Dr. Dessoir beiwohnte, und übermittelte uns auf eigenen
Antrieb folgende Einzelheiten:
Er war 1918, 22 Jahre alt, an Lungenentzündung gestorben.
Er nannte sich Otto, sein Onkel hieße Walter.
Er hatte Beziehungen zu einer Frau namens Ludwiga Jatsina aus
Warschau.
Dr. Dessoir hatte an Rechtsanwalt Krannich geschrieben und er-
hielt eine Antwort, aus der folgendes hervorging:
Er hieß nicht Walter, sondern Alexander, seine anderen Vornamen
lauteten Arthur und Konstantin.
Einen Neffen namens Otto hatte er nie gehabt. Sein einziger Neffe,
ein Brudersohn mit Namen Eckehardt, zählte — 4 Wochen.
Weder er noch seine Familie hatten mit Warschau oder überhaupt
mit Polen etwas zu tun.

Die serbische Botschaft.


In der Sitzung vom 26. September 1921 zu K. waren mehrere Ver-
wandte der Familie zugegen, die erst kürzlich aus Belgrad zugereist
waren, und die Untertasse buchstabierte einige Sätze, die einer der Teil-
nehmer als in serbischer Sprache abgefaßt erkannte. Weder Nadja, nach
ihrer eigenen Angabe, noch ich selbst konnten Serbisch. Die fraglichen
Sätze schienen nur ein fernes Echo der Erinnerung zu sein und auf die
Sitzung selbst keinen Bezug zu haben.

Fall Abamelek.
Gleich darauf meldet sich ein neuer .,Geist". Er nennt sich Basil
Abamelek-Lasareff, sei 1921 gefallen, habe im Heere Wrangels bei der
berittenen Artillerie gedient, sei alter Kürassier gewesen. Seine „Bot-
Versuche zur Feststellung des sog. Hellsehens der Medien. 93

schaft" ist lang und charakteristisch. Es lebt darin ein reges patriotisches
Gefühl, etliche Absurditäten kommen vor, aber sie wären im Munde oder
unter der Feder eines jungen Gardeoffiziers, der in gewisse Vorurteile
verfangen ist und von den Fragen hoher Politik wenig versteht, ebenso
möglich. Kurz, diese „Botschaft" macht einen eminent persönlichen Ein-
druck.
Von diesem Abamelek weiß ich nichts, Nadja versichert das Gleiche.
Meine Tochter, die der Sitzung beiwohnt, erinnert sich eines Garde-
kürassiers dieses Namens. Nachforschungen haben ergeben, daß dieser
Abamelek, der aber anscheinend nur diesen einfachen Namen, nicht den
Doppelnamen Abamelek-Lasareff getragen hat, tatsächlich unter dem
Befehl Wrangels gestanden hat und 1921 oder 1920 gefallen ist; sein
Vorname soll Wladmir, nicht Basil gelautet haben. Weiter ließ sich die
Bestätigung der Botschaft nicht treiben.
Dies sind die merkwürdigsten Episoden, die in den Sitzungen mit
Nadia vorgekommen sind, abgesehen von den eigentlichen Hellseh-
versuchen. Offenbar liegt, wie ich wohl schon angedeutet habe, eine
Atmosphäre des Zweifels über allen diesen Manifestationen; wo steckt
der Beweis, wird man fragen, daß sie nicht gefälscht sind? Ich habe oben
meinen Eindruck wiedergegeben, der eher der Echtheit wenigstens eines
Teils der von Nadja aufgenommenen „Botschaften" zuneigt. Ich werde
übrigens noch zeigen, daß sie, selbst unter dieser Voraussetzung, leicht
eine natürliche Erklärung zulassen.
Ich habe noch hinzuzufügen, daß sehr oft im Verlaufe der
Sitzungen der Versuch gemacht wurde, auf rein innerlich gedachte
Fragen Antwort zu erhalten, Fragen, die der eine oder andere Teilnehmer
sich ausdachte. Alle diese Versuche waren fruchtlos, und glückte einer
ausnahmsweise, so konnte mau leicht vermuten, um welche Frage es sich
handelte.
In den Sitzungen zu K. kamen auch Töne von geheimnisvollem
Charakter vor, die dem Läuten der Türklingel ähnelten. Ich legte ihnen aber
keinen Wert bei, es waren dort zu viele Leute im Sitzungszimmer, so daß
es unmöglich war, diese Töne auf zufriedenstellende Weise zu unter-
suchen. Manchmal kündigte der sog. „Geist" sie vorher an. Zuweilen
blieben solche, die angemeldet waren, nachher aus. Ich stehe den „physj-
kalischen Phänomenen': des Spiritismus mit weitgehender Skepsis gegen-
über und ermutigte daher nicht gerade diese Ansätze, gleichviel welcher
Art sie wirklich sein mochten. Mich interessierte nur das Hellsehen, weil
ich glaubte, auf diesem Gebiete könne man etwas Faßbares in die Hand
bekommen, etwas, das sieh für eine des Namens würdige wissenschaftliche
Kontrolle eignete. Wie wir sahen, hat diese Hoffnung getrogen, nach mehr
als dreißig Sitzungen mit Nadja habe ich, trotz einiger recht fragwürdigen
positiverer Erfahrungen, die r arissima avis, nach der ich schon so
lange pürschte, immer noch nicht fangen können. übrigens tröste ich
mich darüber.
94 Graf Perovsky-Petrovo-Solovovo.

Was können wir aus allen diesen Experimenten schließen? Ich


spreche zunächst vom Hellsehen.
Erstens dies: Wie bei allen spiritistischen Untersuchungen standen
die Resultate ungefähr im umgekehrten Verhältnis zur Striktheit der
Vorsichtsmaßregeln, durch die man Betrug zu verhindern suchte. Ab-
gesehen von ein, zwei oder höchstens drei Vorfällen, die eine spezielle
Untersuchung verdienen, ist kein Elellsehversuch unter wirklich guten
Bedingungen geglückt; dagegen sind mehrere von glänzendem Erfolge
gekrönt worden, wenn die Bedingungen offenkundig lückenhaft waren.
Zwei- oder dreimal haben mich entschieden verdächtige Umstände stutzig
gemacht. Alles das bietet natürlich keinen zwingenden Beweis dafür, daß
Nadias „Hellsehen" nur auf Betrug beruhte; trotzdem ist es der An-
nahme der Echtheit der Phänomene sehr abträglich. Daß nicht ein
einziges durchaus beweisendes Experiment wirklich geglückt ist im Ver-
laufe von 10 speziell dieser Frage gewidmeten Sitzungen, in denen die
Betrugsmöglichkeiten im ganzen auf ein Minimum reduziert waren, ist
ein Umstand, der beredt gegen die Echtheit spricht.
Man erinnert mich vielleicht an das Fehlschlagen der Gegenprobe,
durch welche Frau von S. und ich selbst festzustellen suchten, ob das
Medium seine Angaben über Buchstellen nicht vorher zu ermitteln be-
strebt war. Ich antworte: Dieser Umstand spricht für die Gutgläubigkeit
des Mediums, aber nicht für die Echtheit seines Hellsehens. Ich bitte mir
zu sagen: Auf welcher Seite lastet das onus probandi? Und wer garantiert
uns, daß sie bei dieser Gegenprobe nicht doch eine Falle gewittert hat!
Wenn aber diese Leistungen auf Betrug beruhten — was wahr-
scheinlich ist — so haben wir wieder einmal einen Beweis dafür, wie
wenig Vertrauen die sog. privaten Medien verdienen. Geld ist durchaus
nicht das einzige in Betracht zu ziehende Motiv des Betruges. Fürwahr,
man betrügt aus zahlreichen anderen Gründen: weil man seinen Nächsten
gern foppt, weil es einem Spaß macht, weil man sich eine erhöhte soziale
Stellung sichern möchte (spiritistische Sitzungen nivellieren, was wir
nicht vergessen dürfen, in hohem Grade die gesellschaftlichen Unter-
schiede und das Medium kann sich dabei gelegentlich mit sehr großen
Tieren — sit venia verbo — auf den Fuß vollkommener Gleichheit
stellen). Andererseits kann ein privates Medium sieh einer lästigen
Kontrolle, oder einer solchen, die es unberechtigt streng findet, viel
leichter entziehen als ein Berufsmedium, dessen Kunden etwas für ihr
Geld haben wollen. Die Umgebung, in der sich ein privates Medium aus-
bildet, ist meist einer wirklich ernsthaften Prüfung ungünstig; der
Forscher stößt hier Schritt für Schritt auf ganz unsachliche Bedenken,
die ihm Knittel vor die Beine werfen. Was unsere Nadia betrifft, so muß
ich feststellen: Erst von dem Augenblick an, wo ich dank der Freigebig-
keit der Gesellschaft für psychische Forschung sie einige Wochen lang
zu einem bezahlten Medium machen konnte, war ich imstande, den Ver-
suchen einen wirklich wissenschaftlichen Charakter zu verleihen. Frei-
lich haben wir darum keine besseren Beweise erhalten.
Versuche zur Feststellung des sog. Hellsehens der Medien. 95

Ein anderer Punkt: Meine Sitzungen haben mir wieder einmal ge-
zeigt, wie wenig Intelligenz und Beobachtungsgabe identische Eigen-
schaften sind. Personen von eher überdurchschnittlicher Intelligenz waren
ganz verblüfft über gewisse mit Nadja angestellte Versuche, während die
betreffenden Leistungen sich leicht ganz einfach und natürlich hätten
erklären lassen. Aber noch mehr: Ich selbst bin doch gewiß kein Neuling
auf dem unfruchtbaren Felde der „psychischen Forschung" und habe
doch zweifellos, ohne es zu wollen, den Betrug in hohem Maße erleichtert
(sofern Betrug im Spiele war), indem ich den Geistern eine Methode
suggerierte, welche die Kontrolle viel schwieriger gestaltete und die Be-
dingungen arg komplizirte. Denn schwerlich würde Nadia, falls sie über-
haupt mit Tricks arbeitete, den Vorschlag riskiert haben, die Untertasse
sollte die Seitenzahl „nachsehen", wenn ich nicht so freundlich gewesen
wäre, ihn selbst in Anregung zu bringen. Allerdings darf ich mildernde
Umstände für mich in Anspruch nehmen: Den Präzedenzfall von
31 Jahren vorher, wo derartige Veranstaltungen nötig schienen.

Dies veranlaßt mich, einige Worte über die sog. „Gesetze" zu sagen,
die vermeintlich die spiritistischen Phänomene, oder wenigstens gewisse
derartige Phänomene, regieren. Diese Gesetze sind äußerst variabel, aber
eins haben sie alle gemein: Sie erleichtern durchweg den Be-
trug.
Mehr als das- Ein Spiritist, der sich nicht selbst widersprechen will,
kann fast niemals beweisen, daß sein Medium wirklich getäuscht hat.
Kann ein „materialisierter Geist" je von einem Skeptiker in einer
Materialisationssitzung ergriffen werden mit dem Ergebnis, daß das ver-
kleidete Medium selbst seine Rolle gespielt hat? Nein, man ergärt: Weil
die „materialisierte Form", die sich, nach der spiritistischen Hypothese,
aus der Substanz des Mediums gebildet hatte, durch das Zugreifen ver-
hindert worden ist, in das Medium zurückzufließen, so ist letzteres selbst
von seiner materialisierten Form angezogen worden, die Wieder-
vereinigung hat unter abnormen Bedingungen stattgefunden, und darum
— hat man an der Stelle des Geistes das Medium zu fassen bekommen.
Oder kann es je passieren, daß man eine angeblich „fluidische" Hand mit
Farbstoff befleckt und diesen hinterher an der Hand des Mediums wieder-
findet? Nein, es heißt in solchem Falle, ein Transfert der Moleküle des
Farbstoffes habe stattgefunden, weil die fluidische Hand sich dernateriali-
si ert hat. Oder hat man schon je im Dunkelkabinett, wo, wie man an-
nimmt, das Medium während der Materialisationen in tiefem Trance
liegt, Schleier und Masken gefunden? Gott bewahre, das waren
.,Apporte", die Geister haben sie hereingebracht.
Und so weiter! In den letzten Jahren sind auf diesem Gebiete neue
Theorien aufgeblüht, die an Lächerlichkeit noch die hier angeführten
übertreffen, soweit das möglich ist. Aber wenn ich mir's recht überlege,
96 Graf Perovsky-Petrovo-Solovovo.

muß ich mir eingestehen, daß eine Untertasse, die liest (und sich sogar
ziemlich oft v e r liest) auch nicht viel besser ist als ein materialisierter
Faden, an dem ein Gegenstand hängt (wie bei den Versuchen mit Stanis-
lawa Tomczyk), oder eine flache Materialisation, auf der die Buch-
staben Mirol) stehen (welches Wunder sich bei Eva C. begeben hat).
Und doch, ich Skeptiker, ich hartgesottener Skeptiker sogar war dicht
daran, an diese lesende Untertasse zu glauben, oder ich verfuhr wenigstens
ganz so, als ob ich daran glaubte. So stark wirkt das Milieu, das die Spiri-
tisten zu ihrem Spezialvergnügen um ihre Phänomene geschaffen haben.
Indem man sich in diese Dinge einlebt, wird man schließlich die Ab-
surditäten und Albernheiten nicht mehr gewahr, die bei jedem Schritt
wie die Pilze aufschießen; man wird geradezu hypnotisiert. Bei wie
vielen ist der gesunde Menschenverstand in dieser Flut ertrunken! Ich
war glücklicher und konnte widerstehen, aber doch nicht ganz, da ich bei-
nahe zugestanden hätte, daß — eine Untertasse lesen kann!!!
Man sollte jetzt aufstehen und es deutlich und laut aussprechen, daß
alle oder fast alle diese sog. Gesetze, denen nach Aussage der Spiritisten
die Phänomene gehorchen, keine wirkliche Berechtigung haben und ganz
und gar erfunden sind, und zwar nur zu dem Zwecke, 'um entweder den
Betrug geradezu zu begünstigen oder um ein ungeschicktes Medium
herauszuhauen, wenn es ertappt wird. Mögen zukünftige Experimenta-
toren dies beherzigen und die Herren Geister es sich gesagt sein lassen!

Offenbar verlieren, wie schon gesagt, bei der Annahme, das Hell-
sehen der Nadia beruhe auf Tricks, auch die „Botschaften'', die wir in
ihren Sitzungen erhielten, viel von ihrer Bedeutung. Hat sie dort zu
Täuschungsmitteln gegriffen, so kann sie es auch hier getan haben.
Nimmt man es genau, so kann man auch die Fälle Krannich, Abamelek,
die Botschaft in serbischer Sprache usw., von denen oben die Rede war,
auf Schwindel zurückführen.
Tatsächlich glaube ich, wie schon gesagt, keineswegs, daß Nadia
immer und überall betrogen hat — selbst wenn das Hellsehen bloß trick-
mäßig zustande gekommen sein sollte — und ich neige zu der Ansicht,
daß manche dieser Botschaften wenigstens nicht bewußter Schwindel
waren. Aber wer sollte nicht erkennen, daß selbst hier alle diese Bot-
schaften sehr leicht aus dem „subliminalen Ich" des Mediums si ammen
können und daß die Hypothese der latenten Erinnerung oder Kryptomnesie
ihren Inhalt zufriedenstellend erklärt? Gibt man zu, daß Nadia guten
Glaubens war, als sie versicherte, sie wüßte nichts weder von der Existenz
noch von der Adresse z. B. der Krannich oder Knorrich oder Frl. Maäkoff
(vgl. Botschaft K—n!), wer garantiert uns, da ß sie das alles nicht doch
gewußt, später aber wieder vergessen hat? Jene Hypothese hat nichts be-
sonders Unwahrscheinliches an sich, jedenfalls weniger als jede andere.
') Aus dem Kopfdruck der Zeitung „Le Miroir".
Versuche . zur Feststellung des sog. Hellsehens der Medien. 97

Wenn es beispielsweise wirklich eine „external intelligence" war, wie


die Engländer sagen, die sich im Falle Krannich meldete, so hätte sie uns
doch wahrscheinlich noch andere authentische Tatsachen mitgeteilt als nur
Adresse und Telephonnummer des besagten Herrn Krannich. Wir haben
aber gesehen, daß es damit nichts war und es dem fraglichen Geist nach-
gewiesen werden konnte, daß er von diesem besonderen Punkte abgesehen
gröblich gelogen hatte. Man kann aber leicht einen Namen oder eine
Adresse, die man nicht kennt, aufschnappen, auf der Straße z. B. oder
beim Sprechen durch das Telephon, und sie doch wieder aus der bewuß-
t e n Erinnerung verlieren; ja man braucht sie sogar niemals bewußt
gekannt zu haben. Das „subliminale Ich" aber steht zur Verfügung,
registriert, behält, speichert alle Eindrücke auf, die dem Gehirn zu-
strömen. Und im gegebenen Augenblick projizieren diese oder jene un-
bewußten oder halbbewußten Eindrücke sich nach außen und nehmen
die Form von Geisterbotschaften an').
Die dramatische Form mancher Vorgänge (man denke nur an die
Episode mit „Schiki" im Falle S---n!) kann gleichfalls dem subliminalen
Ich zugeschrieben werden. Man füge noch einige zufällige übereinstim-
mungen hinzu, und man braucht nach anderen Erklärungsgründen nicht
mehr zu suchen.
Es ist oft so schwer nachzuweisen, das Medium könne nicht auf diese
oder jene Weise Kenntnis von einem bestimmten Faktum erhalten
haben, daß wir, wenn wir versuchen wollen, einen unumstößlichen Be-
weis für das Eingreifen einer „äußeren Intelligenz" zu gewinnen, uns
notgedrungen den Hellsehversuchen oder ähnlichen ungewöhnlichen Er-
fahrungen zuwenden müssen. Aber leider gelangt man da, wie wir sahen,
sobald die Kontrollbedingungen wirklich gut sind, gewöhnlich zu keinen
Resultaten. Das steigert denn ,noch unsere Zweifel, und wie sollte man
sich schließlich nicht fragen, ob man wirklich die Quelle der „Botschaf-
ten" im subliminalen Ich und der Kryptomnesie zu suchen hat, ob es
dafür nicht vielleicht eine viel trivialere Erklärung gibt! Eine solche
Hypothese logisch zu entkräften ist schwer. Endergebnis: Ungewißheit
immer und überall auf diesem ganzen Gebiete — sofern man nicht sicher
ist, daß man es wirklich mit Betrug zu tun hatte!
Unter den Hellsehversuchen verdienen immerhin zwei oder drei eine
besondere Betrachtung; zunächst der allererste, wo bei fraglos einwand-
freien Versuchsbedingungen die Seitenzahl eines aufs Geradewohl auf-
geschlagenen Buches (193) richtig angegeben wurde, ohne daß der Geist

1) Auf diese Weise kann selbstverständlich auch die „Botschaft" in serbischer

Sprache entstanden sein. Bezeichnend für die Botschaften in fremden Sprachen ist es,
daß die in deutschen Worten mitgeteilte des angeblichen Neffen des Herrn Krannich
Fehler enthielt, die nach Aussage des Herrn Dr. Dessoir ein Deutscher nie gemacht
hätte. Auch manche französischen Wendungen schienen mir nicht einwandfrei ; und ein
angeblicher Auszug einer Stelle aus dem mehrfach erwähnten Buche von Benn, der
in der Sitzung vom 9. November vorgebracht wurde, erwies sich als unsinniges Gr 'e-
mengsel.
Zeitschrift für Okkultismus I. 7
98 Graf Perovsky-Petrovo-Solovovo.

darauf bestanden hätte, mit Hilfe der Untertasse vorher nachzusehen;


und dann ein Versuch vom 22. August, bei dem der Inhalt einer Seite sehr
genau wiedergegeben und speziell die Namen Alexis und Julie richtig an-
gegeben wurden.
Was den erstgenannten Fall betrifft, so steht mir, wie ich gestehen
muß, keine ausreichende Erklärung zur Verfügung. Ich kann nur darauf
hinweisen, daß in einer sehr großen Zahl von Fällen die Seitenzahl
schließlich ungenau angegeben wurde, so daß für diesen einen besonderen
Fall ein Zufallstreffer in Betracht gezogen werden kann. Bei dem
zweiten geglückten Versuche gehörte das benutzte Buch der Familie
Nadias, Jetztere hätte also Gelegenheit zu genauer Lektüre gehabt; die
Kontrollbedingungen waren nun leider wahrscheinlich nicht so exakt,
daß sie es Nadia unmöglich gemacht hätten, die letzte Zeile der Seite, viel-
leicht auch die beiden letzten zu sehen, so daß sie sich aus dem Gedächtnis
den ganzen Inhalt der Seite rekonstruiert haben könnte; bezüglich der
Familiennamen hat sie sich trotzdem geirrt. Ich kann nicht sagen, daß
ich diese beiden Deutungen besonders plausibel finde; nein, aber unmög-
lich sind sie nicht; darum sind wir genötigt, bei ihnen Halt zu machen.
Meiner Auffassung nach entspräche es nicht den wissenschaftlichen
Forderungen, wenn fast alle anderen Versuche ein Eingreifen „äußerer"
Mächte mit Sicherheit ausschließen, einige Vorfälle sogar entschieden
verdächtig sind und man doch, nur um dieser zwei Fälle willen, eine
supranormale Erklärung zulassen wollte 1). Man kann letztere, wenn man
will, auf der Kredit-Seite unseres Mediums buchen, aber sie können uns
nicht hindern, ein negatives Endurteil abzugeben.

Nachwort vom Juni 1925.


Dem obigen Bericht (von 1922) habe ich wenig hinzuzufügen, nur
einige Bemerkungen seien mir gestattet:
1. In aller beschriebenen Versuchen berührte ich gleichzeitig mit
Nadja die Untertasse mit den Fingern meiner einen Hand. Dieser Um-
stand ist im Bericht nicht erwähnt worden, ich hole dies hier nach. Den
Grund meines Stillschweigens über diesen Punkt kennt Herr Dr. Baer-
wald. Nur ein einziges Mal nahm in Gegenwart von Herrn Dr. Dessoir
noch eine dritte Person, die Tochter der Frau von S., aktiv an den Schreib-
versuchen teil.
2. Nach Schluß der geschilderten Versuchsreihe hatte ich Gelegen-
heit, noch zwei- oder dreimal mit Nadia zu experimentieren. Das Ergebnis
bestätigte nur meine negativen Folgerungen.
3. Der allererste Versuch, in dem die Untertasse die Seitenzahl des
aufs Geradewohl aufgeschlagenen Bennschen Werkes (193) ohne nach-

1 ) Noch einen dritten Fall könnte ich anführen : Die Seitenzahl 398 wurde in der
Sitzung vom 22. August richtig angegeben (vgl. oben). Die Kontrollbedingungen schienen
mir damals recht gut.
Richard Baerwald. Das dämonische Unterbewußtsein. 99

zusehen genau angab, ist mir auch heute noch unerklärlich. Ich bleibe
dabei, daß die Versuchsbedingungen ausgezeichnet waren; Nadja sah das
Buch zum erstenmal.
Nachträglich aber habe ich bemerkt, daß das Buch sich immer be-
sonders leicht bei Seite 192-193 öffnete. Soll man daraus den Schluß
ziehen, daß ich unbewußt diesen Umstand wahrgenommen hatte?
Dann wäre ich selbst es gewesen, der unbewußt die Ziffern der Zahl 193
zusammengefügt hätte. Man muß gestehen, das ist wenig wahrscheinlich.
Kurz, dieser Vorfall bleibt im Schatten des Geheimnisses.
Man wird mir vielleicht die Frage stellen, warum ich nicht zu entscheiden-
deren Experimenten übergegangen sei, welche die von der S. P. R. sog. „con-
tinual observation" (ständige Überwachung) überflüssig gemacht hätten.
Hierauf eine einfache Antwort: Nach meiner Ansicht sollte man auf
metapsychischem Gebiete nur stufenweise vorgehen, es widerspricht den
wissenschaftlichen Forderungen, sofort mit den schwierigsten Tests zu
beginnen. In den Nadiasitzungen schien es mir daher wesentlich, das
Phänomen zuerst in seiner einfachsten Form zu studieren, aber natürlich
doch in systematischer Weise. Wäre dies geglückt, so hätte ich strengere
Tests angewendet. Leider bin ich, wie wir gesehen haben, nicht über jene
erste Stufe hinausgekommen.

Das dämonische Unterbewußtsein.


Von Dr. Richard Baerwald.

Der scharfe Antagonismus, in dem unsere beiden Bewußtseinshälften


zueinander stehen, die häufige Rebellion des „Unterbewußtseins" gegen das
,.Wach-" oder „Oberbewußtsein" ist zu allen Zeiten bemerkt worden, ja bei
minderkultivierten Völkern tritt sie noch viel greller in Erscheinung als inner-
halb der modernen westeuropäischen Zivilisation, Aber in früheren Epochen
gingen derartige Beobachtungen für die Wissenschaft verloren, weil sie
mythologisch, als Besessensein durch Geister und Dämonen gedeutet wurden.
Wahrscheinlich kann man die wissenschaftliche Behandlung des Problems
nicht über die Mitte des 19. Jahrhunderts zurückdatieren, und zwar dürfte sie
gleichzeitig in England- Amerika und Deutschland begonnen haben. In seinem
1853 in Boston erschienenen Werke „Philosophy of Mysterious Agents"
führte Roger s aus, das Gehirn eines Medi tims könne unabhängig von seinem
Wunsch und Willen, ja sogar im Widerspruch dazu arbeiten, so daß man
Trancemitteilungen oder automatische Schriften, die mit dem Willen und
Charakter des Mediums in Konflikt stehen, nicht auf den Einfluß abge-
schiedener Geister zurückführen dürfe. Diese Behauptung von R oger s war
ein erstes Wetterleuchten der neuen Erkenntnis. Als vollständige Theorie trat
sie wohl zuerst bei dem genialen Heinrich Bruno 5 eh in dler auf, der in
100 Richard Baerwald.

mehr als einer Beziehung ein Neubeginner war und seiner Zeit vorauseiltel),
und zwar in seinem 1857 veröffentlichten Werke „Magisches Geistesleben".
Im Anschluß an den Polaritätsgedanken der Schelling sehen Naturphilo-
sophie behauptet er die Polarität, d. h. den sich ergänzenden Gegensatz von
Gehirn und (sympathischem) Gangliensystem, von Tag- und Nachtseite des
Geisteslebens. Die Tagseite strebt nach Intelligenz und Wissen, die Nachtseite
nach Glauben, erstere will die Natur beherrschen, letztere ist in sie eingesenkt,
die Vernunft der Tagseite steht in ewigem Kampfe mit der Triebhaftigkeit
der Nachtseite. Die Kulturgeschichte ist eine Epopöe des Kampfes beider
Seelenhälften, die ältere Zeit ist vorwiegend magisch, die neuere strebt nach
Intelligenz. Was die Tätigkeit des Gehirns hemmt, wie Nacht, Krankheit,
Schlafwandeln, Geisteskrankheit, Agonie, steigert die magische Seelentätig-
keit. Schindler kann hiernach als der eigentliche Begründer der Lehre vom
dämonischen Unterbewußtsein angesprochen werden.
In den dramatischen Kampf der Weltanschauunger trat diese Theorie
namentlich in den neunziger Jahren ein. Aksakow hatte in seinem 1890
erschienenen Buche „Animismus und Spiritismus" den Spiritismus, d. h. die
Lehre vom Eingreifen übersinnlicher Intelligenzen namentlich durch solche
Erfahrungen stützen wollen, in denen der „Geist" gegen den Willen des
Mediums handelte. Aksakow wies (Bd. II, S. 352 ff.) auf Medien hin, die
von ihrem Spirit zum Ausplaudern ihrer Geheimnisse gezwungen wurden, auf
ein junges Mädchen z. B., das trotz heftigen Widerstrebens die beschämenden
Fehltritte seines Lebens preisgeben mußte; auf Richter Edmonds, der,
vorher ungläubig, von einer unsichtbaren Macht am Arm ergriffen und
zum Schreiben von Geisterbotschaften genötigt wurde; auf anständige
Frauen und Kinder. die, von einem Geiste besessen, gelegentlich in un-
flätiges Schimpfen und Fluchen ausbrachen, was ihrem Charakter, ihren
Gewohnheiten, ihrer Erziehung strikt entgegengesetzt sei. Gegen diese
Beweisführung nun macht Eduard v. Hartmann in seinem 1891 er-
schienenen Buche „Die Geisterhypothese des Spiritismus und seine Phan-
tome" Front und weist auf antagonistische Unterströmungen unseres
Seelenlebens hin, die schon im Bewußtsein der Normalen, noch mehr aber
in der Hysterie und anderen Dissoziationszuständen eine Rolle spielen.
Hartmann, in dieser Beweisführung ein Gesinnungsgenosse von
Rogers, hat in seinem Kampfe mit Aksakow unstleitig gesiegt.
Beide beweisen, daß das allgemeine Bekanntwerden der Lehre vom dämo-
nischen Unterbewußtsein dem Spiritismus wahrscheinlich ein Ende be-
reiten wird 2 ).
Soviel über die Geschichte unseres psychologischen Problems. Um die
Äußerungen des dämonischen Unterbewußtseins selbst in ihrer deutlichsten
Form zu studieren, wenden wir uns am besten zunächst dem Gebiete zu, auf
dem sie extrem, ins Übermaß gesteigert aufzutreten pflegen, nämlich dem
') Man vergleiche den dämonologischen Spiritismus von Godfrey Raupert (Heft 1
dieser Zeitschrift, S. 63), der zweifellos bei ausreichender Kenntnis des dämonischen
Unterbewußtseins unmöglich wäre.
2 ) Vgl. Ru d. Tischner, „Geschichte der okkultistischen Forschung", S. 109 ff.
Das dämonische Unterbewußtsein. 101

Gebiete des Doppelich, der Bewußtseinsspaltung. Betrachten wir einige be-


kannte und typische Fälle mit Bezug auf diesen speziellen Punkt!
Die in der medizinisch-psychologischen Literatur unter dem Namen
„Miß Beauchamp" bekannt gewordene Patientin des Dr. Prince 1 ) zersprang
infolge eines heftigen Schrecks in drei verschiedene, mit eigenen Erinnerungs-
reihen ausgestattete Persönlichkeiten, von denen I und II Splitter des Ober-
bewußtseins, III dagegen, die sich „Sally" nannte, offenbar das frühere Unter-
bewußtsein waren. Beauchamp I, der Hauptteil der vorherigen normalen Per-
sönlichkeit, war ernst, übergewissenhaft und setzte die Kränklichkeit des
einstigen Oberbewußtseins fort, Sally dagegen war heiter und gesund; man
denke daran, wie eine Hysterika, clic den ganzen Tag über krank zu Bette
liegt, bei der Abendgesellschaft alle Leiden vergessen haben und in strah-
lendster Laune glänzen kann, so daß ein derartiger Gegensatz dissoziierter
Seelenteile auch da zutage tritt, wo er nicht in vollständige Bewußtseins-
spaltung ausgeartet ist! Vor allem war Sally boshaft und tückisch und haßte
die gute Beauchamp I, deren Beliebtheit ihr ein Dorn im Auge war, ingrimmig.
Gingen die Gefühle und Gedanken beider Teilpersonen nebeneinander her, so
freute sich Sally über alle Leiden, die ihre Hirnnachbarin litt, über alles Miß-
geschick, das ihr widerfuhr. Da Sally in solchen Zeiten die 1Vlitherrschaft über
Sprachwerkzeuge und Glieder hatte, so log sie, legte die Füße auf den Kamin-
sims und beging allerlei Unschicklichkeiten, über die Beauchamp I, sich mit-
verantwortlich fühlend, äußerst unglücklich war. Welches Licht wirft diese
Tatsache auf die tickartigen Böswilligkeiten, Ungezogenheiten, Unaussteh-
lichkeiten vieler Hysteriker, bei denen es nicht zu eigentlicher Bewußtseins-
teilung gekommen ist! Gewani , Sally allein die Herrschaft über den Körper,
so trennte sie die Handarbeiten auf, die Beauchamp 1 vorher angefertigt hatte.
Merkte sie, daß ihre Zeit zu Ende ging, so sandte sie Büchsen mit Schlangen
und Spinnen ab, die später, zur Herrschaftszeit der Beauchamp I bintreffen
mußten und dieser hysterische Anfälle verursachten. Endlich, bevor der
Moment des „Kippens" eintrat, fuhr sie aufs Land hinaus. und Beauchamp I
fand sich nachher beim Erwachen draußen ohne Geld in der Tasche und
mußte, da sie angesichts ihrer Hinfälligkeit nicht heimgehen konnte,
einen vorüberfahrenden Kutscher bitten, sie mitzunehmen, was für die
Übersensible auch keine erfreuliche Aufgabe war. Daß Sally tatsächlich
das entfesselte Unterbewußtsein war, ergab sich aus manchen Beob-
achtungen: Sie besaß noch Erinnerungen aus frühester Kindheit, die das
Oberbewußtsein jedes Menschen vergißt, entsann sich z. B. noch ihrer
Wiege und der Zeit des ersten Gehenlernens. Sie wußte von vielen Erleb-
nissen, die Beauchamp I nicht kannte, und „diese stellten gewöhnlich
Vorgänge dar, die sich ereignet hatten, Wenn Beauchamp I in Gedanken
versunken oder abgelenkt war, während Sally als Unterbewußtsein sie
wahrgenommen hatte." Es war also klar, daß diese mystische Sally als
mephistophelischer Begleiter der sittlich erzogenen Hauptpersönlich-
keit zeitlebens unsichtbar neben ihr hergegangen war und der Kampf
5 Dr. Morton Prince, „The Development and Genealogy of the Misses Beau-
champ". Proceedings of the Society for Psychical Research XV, S. 466 ff.
102 Richard Baerwald.

zwischen beiden aus einer Feindschaft resultierte, die nicht von heute
und gestern war.
Fast die ganzen Erscheinungen der Besessenheit und des großen hyste-
rischen Anfalles gehören hierher; auch in ihnen gibt es einen erbitterten
Kampf mit einem scheinbaren dämonischen oder feindseligen Wesen, das in
Wahrheit nur ein abgesprengtes Bewußtseinsstück ist. Einen besonders lehr-
reichen Einblick bietet uns der Fall des Professors der Chemie Ludwig
S t a udenm aier 1 ), der sich die Besessenheit künstlich andressiert hat. Das
durch automatisches Schreiben zu ungewöhnlicher Selbständigkeit erzogene
Unterbewußtsein, das sich in „Stimmen" und Visionen äußerte, nahm selbst
bei diesem wissenschaftlich gebildeten Manne, der sich über den physischen
Ursprung der Erscheinungen völlig klar war, dieselbe spiritistische Ver-
kappung und denselben rebellisch dämonischen Charakter an, der uns von den
Wahngestalten der Besessenheit wie von den „Geistern" der Medien her so
geläufig ist. Die Stimmen legten sich Geisternamen bei, jedoch nur solche, die
S taudenmaier vorher gelesen hatte, machten falsche Angaben, erklärten
sich, wenn sie deswegen befragt wurden, für böse Spottgeister, die lügen
müßten; ärgerte sich St audenmaier über sie, so begannen sie zu schimpfen;
„zeitweilig bedingte schon der geringste unvorsichtige Gedanke an mein
Inneres einen Wutausbruch der inneren Stimme." In Wolken, Zweigen und
anderen formlosen Objekten sah er allerlei Gestalten, namentlich koboldartige
Spottgeister und Teufelsfratzen. Nachts hatte er zuweilen die Empfindung,
eine Kette werde um seinen Hals gelegt, gleich danach nahm er üblen
Schwefelwasserstoffgeruch wahr und eine unheimliche, aus seinem Innern
tönende Stimme sagte: „Jetzt bist du mein Gefangener, ich bin der Teufel!"
Manchmal versuchte er, ob er, vor einer chemischen Wage sitzend, durch seinen
Willen die eine Schale telekinetisch zum Sinken bringen könn re. Gelegentlich
kam es ihm vor, als habe er Erfolg, zuweilen aber schien gerade die andere
Schale der Wage, auf die er sich nicht konzentriert hatte, nach unten ge-
drückt zu werden. und gleichzeitig zeigte sich eine Spottfigur mit langer Nase
am Zünglein der Wage. Doch noch eine zweite Art von Gesichtshalluzinationen
neben den teuflischen und koboldartigen machte sich geltend. Bei Jagdaus-
flügen im Walde sah S taudenmaier neben den dämonischen Fratzen über-
all verführerische Mädchengestalten; das Phantom einer Dame, die er verehrte,
sah er nachts neben sich im Bette liegen. Wer denkt bei diesem Gemisch von
Teufeln und erotischen Trugbildern nicht an bekannte Bilder von der Ver-
suchung des heiligen Antonius!
Manches lehrt uns dieser Fall über die Gründe und Folgen der feindselig-
rebellischen Natur des sich emanzipierenden Unterbewußtseins. Wir erkennen
deutlich, wie dieser Damonismus der Nachtseite unserer Persönlichkeit mit
seinen höhnisch-fratzenhaften Halluzinationen der Ursprung des Teufels-
glaubens sein muß. Gewiß liegt in letzterem auch der tiefsinnig-abstrakte,
schon eine hohe Denkfähigkeit verlangende Gedanke von dem ewigen Wider-
streit des Guten und Bösen im Weltall. Aber diese Zoroasterphilosophie ist
1 ) L. S t a ud enmaier, „Die Magie als experimentelle Naturwissenschaft". Leipzig,

Akademische Verlagsgesellschaft, 2. Aufl., 1922.


Das dämonische Unterbewußtsein. 103

sicherlich viel jünger als der Dämonenglaube unkultivierter Völker und ist
wahrscheinlich teilweise dessen Produkt. Die primitive Wurzel des Teufels-
glaubens dürfte vielmehr die unmittelbare Anschauung der Tatsachen der
Bewußtseinsspaltung bilden. Und dann gewahren wir, wie eng Teuflisches
und Erotisches zusammengehören.Warum wohl? Die Psychoanalyse erklärt
es uns: Der Kulturmensch „verdrängt" alles, was ihm peinlich, verboten,
unschicklich, gefährlich erscheint, indem er sich Mühe gibt, nicht daran zu
denken, ins Unterbewußtsein herab; mit allem Tierischen, Unmoralischen,
Aggressiven stürzt auch das Sinnlich-Erotische in jene „Hölle" unserer Seele
hinab. Kommt das Unterbewußtsein zur Herrschaft, im Traum, im Delirium,
in der Geisteskrankheit, so hebt es jene verstoßenen Gedanken, Triebe und
Gefühle wieder ans Licht; die reine Ophelia, irrsinnig geworden, singt zotige
Lieder. Das Teuflische, Höhnische, Revoltierende und das Erotische steigen
somit aus der gleichen Tiefe empor. — Aber noch mehr erkennen wir bei
dieser Gelegenheit. Im Unterbewußtsein muß sich durch den geschilderten
Verdrängungsprozeß ein „Gegenreich" gegen das moralische, gebändigte Ober-
bewußtsein bilden, ähnlich wie im sozialen Organismus die Verbrechergesell-
schaft gegenüber der bürgerlichen. Dieses Gegenreich muß mit Notwendigkeit
dem Oberbewußtsein feindselig und gefährlich sein, nicht etwa aus Rache.
weil es verdrängt und in die Finsternis hinabgestoßen wurde — soweit darf
man gewiß das Gleichnis nicht treiben — wohl aber, weil eben alles Ver-
botene, Tückische, Widerstrebende, Bedenkliche in uns, weil das Tier, das im
Besten und Reinsten von uns verborgen weiterlebt, in das unterbewußte Gegen-
reich verbannt ist und diesew nun z. T. seinen eigenen rebellischen Charakter
verleiht. Dieses Gegenreich wird nicht bei allen Menschen zu deutlicher Ent-
wicklung kommen: Nicht bei dem kindlich-reinen oder spießbürgerlich leiden-
schaftslosen Menschen, der wenig zu verdrängen hat; nicht bei dem gefestigten
Charakter und systematischen Denker, bei dem sich keine Hirnteile di'ssoziieren
können, also das Unterbewußtsein unter so starkem Druck gehalten wird, daß
es sich gar nicht organisieren kann; er gleicht einem patriarchalischen Staate
von, strengen, spartanischen Sitten, die keiner Verbrechergesellschaft Raum
lassen. Endlich bildet sich kein bedenkliches Gegenreich bei dem gesund-
sinnigen, harmonischen, natürlich empfindenden Menschen, der gleichfalls
nicht viel zu verdrängen hat, weil er ohne Ängstlichkeit, Sündengefühl und
Prüderie dem Leiblichen wie dem Seelischen, dem Animalischen wie dem
Kulturellen in uns die ihm zukommende Form des Sichauslebens gestattet.
Goethe berichtet in der Iphigenie, wie er durch reine Menschlichkeit seiner
Furien Herr wurde. Wo aber solche günstigen Bedingungen fehlen, kann der
Gegensatz zwischen Unter- und Oberbewußtsein zu deutlicher Ausbildung ge-
langen, ja er kann so gewaltsam werden, daß er schließlich die Einheit der
Persönlichkeit zerreißt.
Nicht immer braucht das rebellische Unterbewußtsein Träger des schlech-
ten Prinzips zu sein. Auch gute Gedanken und Gefühle können „verdrängt"
werden, zumal da, wo sie dem Egoismus, der Bequemlichkeit, der Gewohnheit
im Wege stehen. Den Gegensatz zu dem dämonischen Unterbewußtsein im
schlechten Sinne -- wir könnten ihn als „heiliges" oder „erlöstes Unterbewußt-
104 Richard Baerwald.

sein" bezeichnen — sehen wir in den sog. „Bekehrungen" 1 ). In einem Men-


schen entwickelt sich unterha; b der Herrschaftszone seines gewöhnlichen
Tagelebens eine entgegengesetzt gerichtete Unterströmung; meist ist es der
religiöse Mensch, der sich gegen den sinnlich-materiellen aufzulehnen sucht.
Aus dem Oberbewußtsein verdrängt organisiert sich diese Gegentendenz in den
verborgenen Gründen der Seele. Die Gesamtpersönlichkeit empfindet sich
dabei als verworren, melancholisch, mit sich selbst zerfallen. Es kommt oft zu
einer förmlichen Abdankung des Oberbewußtseins, des normalen Ich durch
hoffnungslose, auf das Leben resignierende Verzweiflung, Sündengefühl, Be-
wußtsein des Verlorenseins, sowie durch restlose, auf jeden eigenen Rettungs-
versuch verzichtende Hingabe an Gott, dem man sein ganzes Dasein anheim-
gibt. In diesem Augenblick kann, oft unter Einsetzen einer Ekstase, einem
plötzlichen Aufleuchten höchster Seligkeit, die neue Wesensart, die sich so
unterirdisch kristallisiert hatte, geradezu vulkanisch hervorbrechen, und ein
ganz anderer Mensch kommt zutage, bisweilen dem bisherigen in Ansichten
und Lebensgewohnheiten so entgegengesetzt, wie es durch einfach verstandes-
mäßige Umorientierung der Weltanschauung, durch willkürlichen Verzicht
auf liebgewordene Bedürfnisse wie Alkohol, Tabak, Geschlechtsverkehr, durch
freiwilligen Entschluß zu Handlungen und Worten der Liebe und Selbstlosig-
keit kaum möglich wäre. Das ist die „Wiedergeburt", wie sie auf dem Boden
der verschiedensten Religionen eine Rolle spielt. Einen interessanten Spezial-
fall, bei dem der einer Bekehrung zugrunde liegende Gegensatz die einheitliche
Persönlichkeit wirklich ganz in zwei Stücke zerriß, bilden die Erfahrungen
des englischen Theologen Staint on Mo s e s. Er war ein orthodoxer An-
hänger der anglikanischen Kirche. Eines Tages fühlte er sich zu automatischem
Schreiben genötigt. Als er diesem übermächtigen Triebe nachgab, offenbarte
sich durch seine schreibende Hand der angebliche Geist eines anderen, ver-
storbenen Theologen, der einer ganz freireligiösen Richtung huldigte und
selbst den göttlichen Charakter Christi abstritt. Es kam zu einem langen, mit
den feinsten Waffen der Wissenschaft geführten Disput zwischen den beiden
Fachgenossen, dem toten und dem lebenden, und das Ergebnis war, daß
Stain ton Moses zwar nicht für eine freiere kirchliche Richtung, wohl
aber für den Spiritismus gewonnen wurde, womit die Bekehrung gewisser-
maßen entgleist war. Wer ausgerüstet mit den Erklärungsmöglichkeiten der
modernen Psychologie des Unterbewußtseins an den Fall herantritt, wird es
für wahrscheinlich halten, daß jener angeblich verstorbene Amtsbruder tat-
sächlich — der Zweifel gewesen ist, der kaum einem nachdenkenden Theologen
erspart bleibt, daß dieser, gewaltsam von der Gewissensangst wie vom Selbst-
erhaltungstriebe verdrängt, im Unterbewußtsein des Mannes eine Zuflucht ge-
funden, sich hier zu einer vollständigen, abgerundeten zweiten Persönlichkeit
ausgebaut hatte und nun mit Hilfe des automatischen Schreibens, dieses
„Steigrohres des Unterbewußtseins", den Weg nach oben fand.

1 ) Vgl. William Jam es, "Die religiöse Erfahrung in ihrer Mannigfaltigkeit".


Deutsch von Georg Wobbermin, Leipzig, Hinrichs, S. 199 ff.)
Das dämonische Unterbewußtsein. 105

Soviel weiß uns die Lehre von der Bewußtseinsteilung und die sich an-
schließende Okkultismusforschung vom Antagonismus der beiden Bewußt-
seinshälften zu berichten.
Fast ganz unabhängig von diesem Wissenschaftskreise haben einige ärzt-
liche und psychologische Forscher auch im normalen oder halbnormalen
Seelenleben die gleiche Erscheinung wiedergefunden. Mar cinowsk i 1 ),
Cone und B au do ui n 2 ) haben wenigstens einen wichtigen Teil des Pro-
blems erkannt, sie sind nämlich darauf aufmerksam geworden, daß heftiges
Streben nach Gesundheit oft nervöse Krankheiten verschlimmert, ja daß über-
haupt der bewußte Wille vielfach sein Ziel systematisch verfehlt, weil eine
dunkle Gegenmacht ihm ein Bein stellt. Die französischen Autoren und An-
hänger des Coueismus nennen diesen inneren Feind „Einbildungskraft", sie
meinen aber tatsächlich die unterbewußte Autosuggestion. M arcin o wski
schalt die Torheit der Ärzte, die einem Hysteriker oder Neurastheniker sagen:
„Nimm dich zusammen, gehe dagegen an!" Gerade das „verfluchte Mühe-
geben und Besonders-gut-und-richtig-machen-wollen" sei der Fehler der
Nervenkranken. Nur durch „korrekte Geringschätzung", durch Leichtnehmen,
durch eine gewisse Dickfelligkeit dem Leiden gegenüber kommt man ans Ziel.
„Das Schicksal narrt uns gewöhnlich so lange, bis wir das Wünschen endlich
aufgegeben haben, erst dann pflegt es in Erfüllung zu gehen." Darum die
Bibellehre von der Gnade: Gott läßt sich nichts abtrotzen. Das Unterbewußt-
sein vergleicht Marcino wski mit einer Spiralfeder: Je heftiger wir sie
niederdrücken, desto stärker drückt sie dagegen. Den Kranken, der zu leiden-
schaftlich gesund werden will und gerade dadurch seinen Zustand ver-
schlimmert, vergleicht er mit einem Verwundeten, der an dem eingedrungenen
Pfeil zerrt und dadurch dessen Widerhaken nur tiefer ins Fleisch bohrt. Der
soziale Organismus zeige das gleiche Bild: Eine revoltierende Bewegung
nimmt durch Unterdrückung zu. (Natürlich rät M. nicht bl oß Gehen- und
Gewährenlassen des Leidens. Wir haben ja hier nicht seine ganze Lehre dar-
zustellen.) Cone und B audou in stellen gleichfalls das „Gesetz der das
Gegenteil bewirkenden Anstrengung" auf. Der leidenschaftlich Wollende ist
ihnen ein Wanderer im Triebsand, der, je mehr er sich herausarbeiten will,
nur desto tiefer im Sande versinkt. Wo Wille und „Einbildungskraft" mit-
einander kämpfen, siegt nach ihrer Behauptung stets die letztere, denn wenn
der Wille sich in arithmetischer Progression steigert, wächst die Kraft der
gegenstrebenden Einbildungskraft in geometrischer. (Das ist offenbar eine
Übertreibung, denn wäre es richtig, so vermöchte, wo die Dämonen unserer
Brust ins Spiel kommen, Willenskraft und Selbstbeherrschung überhaupt
nichts.)
Die Erfahrungen und Beobachtungeii, durch die sich dieses Teilgebiet
der Lehre vom dämonischen Unterbewußtsein belegen läßt, finden sich bei
Mar cino wski bereits in so großer Vollständigkeit, daß die Franzosen —
') J. Marcinowski. "Im Kampf um gesunde Nerven". Berlin, Salle, 3. Aufl.
1907.
2 ) Charles Baudouin, „Suggestion und Autosuggestion". Dresden, Sibyllen-
verlag, 4. Aufl. 1925.
106 Richard Baerwald.

die diesen Bahnbrecher der neuen Erkenntnis übrigens nirgends nennen —


kaum etwas Neues über ihn hinaus haben beibringen können. Betrachten wir
die wichtigsten Beispiele! Wer sich anstrengt, eine knarrende Tür oder tickende
Uhr nicht zu hören, den stört sie doppelt. Wer eine krankmachende Vor-
stellung beiseite schieben möchte, dem drängt sie sich erst recht auf. Alle von
einer Leidenschaft, einem krankhaften oder lasterhaften Hang Gequälten ver-
spotten den Moralprediger, der ihnen zuruft: „Sei ein Mann, lerne dich be-
herrschen!" und meinen: „Im sichern Port läßt sich gemächlich raten. Ver-
such es selbst, wenn du in meiner Lage bist!" (Zur Frage leidenschaftlichen
Trieblebens sei noch dieses beigesteuert: Es gibt eine Liebe, die so heiß ist,
Wünsche, die so brennend sind, daß man sich durch sie „versündigt". Diese
christliche Empfindung hat ganz recht: Man darf nicht sein ganzes Lebens-
glück von einem irdischen Gut abhängig machen, sonst wird der Dämon in
uns gereizt und raubt uns gerade dieses.) Wer durchaus schlafen will, ver-
fällt sicher in Schlaflosigkeit. Wer sich gewaltsam auf einen Namen besinnt,
dem entgleitet er in immer größere Ferne. (Man kann es geradezu merken, wie
der Name, der uns schon auf der Zunge lag, in dem Moment, indem wir uns
anstrengen, uns entgleitet und in die Tiefe kollert.) Legt man aber die Sache
beiseite und denkt an etwas anderes, so springt nach einigen Minuten der
Name von selbst ins Bewußtsein. Wenn ein ungeübter Radfahrer einem Baum
oder Prellstein ausweichen will, so fährt er geradewegs darauf los. Wer sich
bemüht, ernst zu bleiben, platzt erst recht mit lautem Lachen heraus. (Es gibt
ein unter jungen Mädchen übliches Spiel, welches erheischt, mit todernstemn
Gesicht dreimal zu sagen „Ich bin so tief-, tieftraurig, ich kann durchaus nicht
mehr lachen und vergnügt sein." Dieses Spiel gewinnt fast niemand, denn
es stellt eine kecke Herausforderung an das rebellische Unterbewußtsein
dar.) Wünscht ein Patient allzu dringend, daß die Hypnose gelinge, weil
er von ihr alles Heil erwartet, so wird manchmal eben dadurch der Erfolg
des Hypnotisierens vereitelt. Prahlt aber jemand mit der Behauptung, ihn
könne niemand hypnotisieren, so erliegt er zuweilen schon den ersten
Suggestionen. Ein Klavierspieler, der eine schwierige Stelle besonders
brilliant spielen, ein Redner, der einen speziellen Trumpf ausspielen und
seine Sache sehr gut machen will, bleibt leicht stecken. Klaviervirtuosen
suchen sich daher häufig während der Konzerts im Zustande einer etwas
schwebenden Aufmerksamkeit zu erhalten und gewissermaßen ihre
Finger allein die Sache erledigen zu lassen.
Zu diesen Fällen, mit deren Hilfe die oben genannten Psychologen und
Ärzte illustrierten, wie heftig sich das von Autosuggestionen gelenkte Unter-
bewußtsein gegen bewußtes und krampfhaftes Wollen zur Wehre setzt,
möchte ich noch einige besonders schlagende Beispiele hinzufügen. Darwin
ging mit einigen jungen Leuten eine Wette ein, daß sie, auch wenn sie sich
noch so sehr die Nase mit Schnupftabak vollstopften, nicht würden niesen
können; er gewann die Wette, gerade weil es eine Wette war und seine Gegen-
spieler zu niesen wünschten). —Der Gedankenleser Sugden stellte fest, daß
1 ) Nicht alle hier erwähnten Beispiele sind bloß Resultat des dämonischen Unter-
bewußtseins, bei einigen gibt es mehrere konkurrierende Gründe. So ist an diesem
Das dämonische Unterbewußtsein. 107

Personen, die ein pekuniäres Interesse am Erfolg seiner Vorführung hatten,


wenn sie einmal als seine „Führer" dienen sollten, ihre Sache besonders
schlecht machten. — St oll l) berichtet von indischen Zauberern, die einen
Wettkampf ausfechten, wem von ihnen es zuerst gelingen würde, ein auf den
Boden gelegtes Goldstück aufzuheben. Jeder von ihnen sucht den anderen
durch Bewerfen mit verzauberter Asche und durch Hersagen von „Mantras"
(Zaubersprüchen) zu hindern. Sie fühlen sich zurückgestoßen, der Schweiß
rinnt ihnen von der Stirn, manchmal werden sie von unsichtbarer Kraft zu
Boden geworfen und bleiben ohnmächtig liegen. In diesem letztgenannten
Falle ist auch Fremdsuggestion im Spiele, die aber bei allgemeinen Volks-
überzeugungen kaum von Autosuggestion zu trennen ist. — Aus den dar-
gestellten Tatsachen haben die genannten Psychotherapeuten geschlossen, daß
es falsch ist, nervöse Krankheiten von außen her durch Gegenwillen zu be-
kämpfen. Mar cinow ski empfiehlt statt dessen die Ablenkung, während
Couö und Baudouin zu ihrer einflußreich gewordenen Lehre gelangten,
man müsse durch Autosuggestion im Halbschlafzustand gewissermaßen in das
Unterbewußtsein selbst hineinkriechen und es von innen her lenken.
In all den angeführten Beispielen lag ein krampfhaftes Wollen vor, durch
welches das Unterbewußtsein zum Widerspruch herausgefordert wurde. In
'anderen, ähnlichen Fällen aber, die von den oben genannten Forschern noch
nicht beachtet worden sind, will der bewußte Wille gar nichts
f or cier en, das Unterbewußtsein erspäht, ohne von ihm gereizt zu sein,
irgend eine Situation, in der es seinem Gegner einen niederträchtigen Hieb
versetzen kann. Marcinowski und Baudouin haben also das Phä-
nomen noch nicht in seinem ganzen Umfang erkannt, sie hielten das für
eine spezielle Willenswirkung, was tatsächlich aus einem allgemeinen
Antagonismus unserer beiden Bewußtseinshälften hervorgeht.
Man sitzt in der Kirche, hegt ernste und feierliche Gedanken', und plötz-
lich fallen einem lauter lächerliche oder unschickliche Dinge ein, die durchaus
nicht an den geweihten Ort passen. In den Gottesdiensten der Methodisten
entwickelten sich gelegentlich Lachepidemien, die längere Zeit anhielten und
für Anfechtungen des Teufels gehalten wurden -- nicht ganz zu Unrecht,
denn unser dämonisches Unterbewußtsein stellt ja den Wahrheitskern des
Teufelsglaubens dar. Wir stehen am Sarge eines lieben Freundes, und plötz-
lich fallen uns gerade die Zerwürfnisse ein, die uns zeitweilig von ihm getrennt
hatten, allerlei lächerliche Situationen seines Lebens, einstige respektlose Ur-
teile, die wir über ihn ausgesprochen und gedacht, kehren uns wieder, und
diese frivolen Ideen summen wie die Bremsen um uns und werden um so
zudringlicher, je mehr wir uns selbst empörte Vorwürfe machen. — Wir
stehen auf dem Eisenbahnsteig, ein Zug *braust heran, und wir fühlen uns so
magisch unter die Räder der Lokomotive gezogen, daß wir einen Schritt
zurücktreten, um uns durch Einleitung einer Gegenbewegung vor uns selbst
Nichtniesenkönnen auch der störende Einfluß schuld, den das Großhirn ausübt, wenn
es sich an reflektorischen Funktionen subkortikaler Zentren beteiligt.
') Otto St ol I, „Suggestion und Hypnose in der Völkerpsychologie". Leipzig,
Veit.
108 Richard Baerwald.

zu schützen. Ähnlich ergeht es uns, wenn wir auf einem hohen Viadukt oder
am Rande eines Abgrundes stehen: Die Tiefe zieht magnetisch an, der sicht-
bare Tod lockt. Lenau hat dieser Empfindung in einem schönen Gedicht
Ausdruck verliehen. Bei großen Feuersbrünsten rennen manche Menschen
direkt in die Flammen, bei ihnen wird das Oberbewußtsein vom tückischen
Unterbewußtsein überrumpelt. Einer meiner Hörer wurde, auf einer hohen
Rampe stehend, von seinem „Dämon" derart gepackt, daß er wirklich hinab-
sprang. Er war als kleines Kind einmal von einem Hausdache herabgerollt
und nur gerade am Dachrande noch hängen geblieben. Das hatte er inzwischen
ganz vergessen gehabt. Hier konnte also das Unterbewußtsein einen ver-
drängten Komplex in den Dienst seiner Tücke stellen und dadurch alle Hem-
mungen niederbrechen. — Kommt man zum Arzt, um ihm sein Leiden zu
demonstrieren, so verflüchtigt sich das Symptom, auf das es ankommt, im
Vorzimmer, um nach dem Verlassen der Sprechstunde wiederzukehren. Will
ein Darmkatarrhaliker einen Besuch machen, so wird er fast regelmäßig unten
an der Haustür von seinem häßlichen Leiden befallen. — Rühme dich nicht,
daß deine Krankheit sich erfreulich gebessert hat, sonst hast du morgen einen
Rückfall. Der von Paul Emile L 6 v y und seinen Nachfolgern, den Coueisten,
gegebene Rat, man solle nur optimistisch von seiner Krankheit und den Er-
folgen der autosuggestiven Kur sprechen, um sich den Glauben an diese°
Erfolge, indem man sie anderen gegenüber hervorhebt, selbst einzureden --
dieser Rat ist ein recht zweischneidiges Mittel zur Besserung. Lobe keinen
Schüler, sonst schießt er in der nächsten Minute einen dicken Bock! Daher die
internationale Angst vor dem „Berufen" und die entsprechenden Abwehr-
zeremonien — Toi-toi-toi-sagen, dreimal unter den Tisch klopfen. Ausspucken
— durch die man sich selbst eine Gegen- und Schutzsuggestion erteilt und den
Dämonen unseres eigenen Unterbewußtseins ein Sühnopfer darbringt. Weit
verbreitet ist daher der Glaube, man dürfe nie von seinem Glücke sprechen,
sonst verscheuche man es. Ein anmutiges altjüdisches Märchen erzählt von
einem alten Ehepaar, das wegen seiner Frömmigkeit und zärtlichen Gatten-
liebe von Gott gesegnet wurde, so daß ihm Brot und 01 nicht mehr weniger
wurden, so viel sie auch davon genossen. Keiner von ihnen aber sprach ein
Wort darüber. Als nun die alte Frau zu sterben kam, konnte sie das große
Geheimnis nicht mehr für sich behalten und begann mit brechender Stimme:
.,Hast du wohl gemerkt, daß Gott --" Hier aber hielt ihr der Gatte den Mund
zu und sagte: „Warte noch ein Weilchen, drüben wollen wir es uns erzählen!"
Bei den früher erwähnten Bewußtseinsteilungen wird es besonders deut-
lich, daß unsere These von einer allgemeinen Feindseligkeit des Unterbewußt-
seins im Rechte ist und Mar cin o wskis und Couös Ansicht, das
Unterbewußtsein wirke nur bei Pressung durch krampfhaftes Wollen als
obstinate Spiralfeder, bloß eine halbe Erkenntnis des Sachverhalts darstellt.
Das zweite Ich unternimmt hier seine Gehässigkeiten ganz von selbst, es ist
durchaus der aggressive Teil. Sally B e au eh am p s Niederträchtigkeiten,
Staudenmaiers teuflische Stimmen und Fratzen traten ohne besondere
Veranlassung auf. Die Dämonen bei der Besessenheit gehen ohne Heraus-
forderung zum Angriff über. Selbst bei jener Spezialform der Besessenheit, in
Das dämonische Unterbewußtsein. 109

der nicht ein teuflisches, sondern ein heiliges Unterbewußtsein dem wachen Ich
gegenübersteht und sich nicht etwa gegen den bewußten Willen zu wehren hat,
sondern seinerseits als fordernder Prophet dem alten Adam zu Leibe geht,
selbst hier scheint mir die Tendenz hervorzutreten, das normale Ich zu quälen
und zu Handlungen zu nötigen, vor denen es sich fürchtet. Darum heischt
diese angeblich höhere Macht be3tändig ein hartes Leben, Hunger und Ent-
sagungen, Selbstgeißelungen, Schlafminderung, andauernde Schweigsamkeit,
und wenn sie phantasievoll ist, verurteilt sie den unglücklichen „Heiligen"
dazu, jahrelang Tag und Nacht auf einer hohen, engen Säule zu stehen und
nicht einen Augenblick ohne Gefahr tödlichen Sturzes schlafen zu können,
oder eine Kette um den Leib zu tragen, deren Stacheln sieh in das Fleisch
bohren. Die Askese hat viele Wurzeln, aus denen sie erwachsen ist, aber
gerade ihre extravaganten Formen würden ohne die Tatsache des selbst-
quälerischen Unterbewußtseins kaum verständlich sein. Bei Tischklopf- und
Planschettesitzungen melden sich Spottgeister, die nicht etwa irgend eine
leidenschaftlich ersehnte Enthüllung zu verhindern, sondern schlechtweg
Schabernack zu treiben und die Sitzung zu stören suchen. So schildert Kin d-
b o rg i) eine Sitzung, in der die Geister durch Glasschreiben ihre Gedanken
kundtun. Plötzlich schreibt das Glas: „Gebt euch heute keine Mühe, heute
geht es nicht.' Die Beantwortung weiterer Fragen wird in unmotiviert
neckischem Ton abgelehnt. Die gleiche Neigung zum Stören schlechtweg, auch
wo bestimmt kein krampfhaftes Wollen vorliegt, konstatieren übrigens
manche, die ihrem Unterbewußtsein eine Autosuggestion im Sinne der
Methode C oue -Bau dou in einflößen wollen. Wenn sie sieh zu diesem Zwecke
in den Zustand einer somnolenten „Sammlung" und Willenlosigkeit zu bringen
suchen, so fühlen sie bald hier, bald da ein Zucken und Zwicken, Niesreiz
stellt sich ein, die Unterlage beginnt zu drücken, die Lage erscheint immer
wieder unbequem, kurz der Kobold in uns sucht auf hundert Arten die ganze
Vornahme zu erschweren. Auch als Kritiker zeigt das sich abtrennende Unter-
bewußtsein offen und deutlich jene Gehässigkeit, die uns da, wo es sich noch
nicht emanzipiert hat und nur in der Tiefe unserer Seele murrt, als Kleinmut,
Verzagtheit, geringes Selbstvertrauen Schwierigkeiten bereitet. In einem von
Tischner ') beobachteten Falle schimpfte das abgespaltene zweite Ich bei
gegebener Gelegenheit über die normale Persönlichkeit, äffte ihr karikierend
nach, sagte: „Dazu ist er viel zu dumm und ungeschickt! Er ist furchtbar
langsam, an einem Buch liest er 8 Tage, die einfachsten Sachen kapiert er
nicht." Bei solchen hämischen Bemerkungen kann von Widerstand gegen
krampfhaftes Wollen nicht die Rede sein, sie bedeuten Antagonismus sans
phrase.
Wir müssen also konstatieren: Die Psychologen, die bisher dieses Phä-
nomen beobachtet hatten, haben ihm eine zu beschränkte Reichweite gegeben.
Das rebellierende Unterbewußtsein verfolgt das normale Ich durchaus und
überall mit seiner Tücke, nicht weil es etwas ihm Mißliebiges will, oder weil
') Psychische Studien, April- und Maiheft 1924.
2) R u d. Tischner, „Einführung in den Okkultismus und Spiritismus". München
und Wiesbaden, Bergmann, 1921.
110 Richard Baerwald.

es zu stark will, sondern bloß weil es das Oberbewußtsein ist und weil der aus
dem Himmel des Wachbewußtseins gestürzte Teufel unseres Innern Übles im
Schilde führt. Als Grund der ganzen Erscheinung nahm Marcinowski an:
Wenn z. B. der Radfahrer dem Prellstein mit bewußtem Wollen ausweichen
will und seine Blicke auf ihn richtet, so beleuchtet er ihn mit allzu hellem
Licht der Aufmerksamkeit, auch macht Cr die Idee des gefährlichen
Gegenstandes, indem er sie mit Angstgefühl tränkt, überwertig, und
durch diese beiden Steigerungsmittel verleiht er ihr die Gewalt, seine Hand-
lungen zu bestimmen und ihn selbst magnetisch anzuziehen. Eben um eine
solche bedenkliche Beleuchtung des Hemmnisses zu vermeiden, empfahl M a r -
cinowski die Ablenkung und die „korrekte Geringschätzung" der Schwierig-
keit. Diese Erklärung, die das ganze Phänomen auf sog. „Konträrsuggestion"
zurückführt, ist gewiß teilweise richtig, sie bezeichnet einen Umstand, der mit
im Spiele ist, sie gibt ein Heilmittel an, das sich sehr oft trefflich bewährt;
aber sie kann gar nicht zureichend sein, weil die Gegensätzlichkeit des
Unterbewußtseins sich auch bei solchen Fällen zeigt, in denen die geschilderte
Übertonung eines Hemmnisses durch den Willen nicht stattfindet. Den
entscheidenderen, umfassenderen Grund haben wir daher anderwärts zu
suchen, nämlich in dem oben dargelegten Umstande, daß das Unter-
bewußtsein das Refugium des verdrängten Bewußtselnsabfall es ist. —
Wir fallen auch nicht bloß der Gefahr zum Opfer, weil wir durch ihre
angstweckende Drohung und ihre das Bewußtsein monopolisierende Ein-
drucksgröße fasziniert werden wie das Kaninchen durch den Blick der
Schlange, nein es ist etwas in uns, das die Gefahr und Schädigung positiv
wünscht und sucht, von ihr angelockert wird, weil es überhaupt auf
Schadenstiften ausgeht. Ganz deutlich wird das in den erwähnten
Fällen, in denen wir uns unter die Räder der heranbrausenden Lokomotive
oder in den Abgrund hinunter gezogen fühlen. Da ist nicht bloß etwas vor-
handen, das schreckt, sondern auch etwas geheimnisvoll Berückendes, als
spräche der Tod zu uns wie Erlkönig in Goethes Ballade. Einen in dieser Be-
ziehung lehrreid en Fall schildert Prof. Daniel Walter'): „Eine Dame hatte
nachts wiederholt geträumt, es sei bei ihr eingebrochen und Verschiedenes ge-
stohlen worden. Wer die Frau kennt, wird nicht überrascht sein, weil sie von
jeher sehr mißtrauisch gegenüber verschiedenen im Hause verkehrenden Per-
sonen war. Längere Zeit nach den berichteten Träumen fehlten im Haushalt
bald Wäschestücke, bald kleinere Mengen Speisevoträte u. dgl., die nachweis-
bar vorhanden waren und von keiner fremden Person hatten entfernt werden
können. Durch genaue Beobachtung ergab sich nun, daß die Frau selbst im
Dämmerzustand die Gegenstände von ihrem Aufbewahrungsort weggenom-
men und versteckt hatte. Beständig klagte sie aber, daß Sachen gestohlen
würden." Ist ein solcher Fall mit Hilfe von Marci 110W skis Erklärung zu
deuten? Blendung durch übermäßige Aufmerksamkeitsbeleuchtung, über-
wertigwerden einer Angstvorstellung kann sehr wohl den Radfahrer zu un-
geschickten Bewegungen zwingen, so daß er direkt auf den Prellstein losfährt.
Aber daß er durch diese Umstände genötigt werden kann, komplizierte Hand-
') Psychische Studien, Juli 192o.
Das dämonische Unterbewußtsein. 111

lungen auszuführen, um die Gefahr erst zu schaffen, daß er auf solche Weise
etwa dazu gelangen könnte, im Dämmerzustand hinzugehen und Prellsteine
zu setzen oder Glasscherben auf die Landstraße zu streuen, das sieht doch un-
glaubwürdig aus. Wo derartige Wirkungen entstehen, ist es wahrscheinlich,
daß ein positiver Schädigungswille vorhanden ist, der sich freut, wenn der
Gegenstand der Angst obsiegt. Nur die Lehre vom feindseligen Unterbewußt-
sein kann solchen Erfahrungen gerecht werden.

Betrachten wir nunmehr die Konsequenzen der Theorie des dämo-


nischen Unterbewußtseins.
Für die Deutung okkulter Erscheinungen ist die Gegensätzlich-
keit beider Bewußtseinshälften von fundamentaler Bedeutung. Der Vertreter
naturwissenschaftlicher Weltanschauung nimmt an, daß die aus den Medien
redenden Geister tatsächlich nur Sektionen des Unterbewußtseins sind, die
sich durch Bew'ußtseinsteilung abgespalten haben; sie werden aber ähnlich wie
bei der Besessenheit als fremde Mächte empfunden, die mit den Sprachwerk-
zeugen, der Hand usw. des Mediums ihr Spiel treiben. Der bloße Eindruck,
man sei es nicht selbst, der da schreibe, spreche, den Tisch klopfen lasse, das
bloße „Fremdhei tsgefübl", meint der Wissenschaftler, sei noch durchaus kein
Beweis, daß man es wirklich mit Geistern zu tun habe. Schon diese Be-
hauptung erscheint dem Spiritisten als eine Zumutung. Er fühlt, daß er den
Tisch nicht drückt und schiebt, und nun will ein anderer ihm einreden, er tue
es doch, er merke es nur nicht! Kann ein anderer besser beurteilen, was ich tue,
als ich selbst? Die Bewußtseinsteilung erscheint dem normalen Menschen, der
sich stets als absolute Einheit empfindet, so widersinnig, wird auch so selten
wahrgenommen und ist im PublAum so unbekannt, daß diese Begrinidung der
Phänomene geradezu vom Verständnis der Nichtpsychologen abprallt. Aber
nun kommt es noch besser: Die Geister vergreifen sich an dem Medium,
erweisen sich ihm gegenüber als gehässig und niederträchtig, fügen ihm Ver-
luste zu. Soll es nun immer noch das Unterbewußtsein des Mediums sein, das
derartig zum Feinde der eigenen Gesamtseele wird? Von jeher haben die
Spiritisten auf Fälle hingewiesen, in denen diese Feindseligkeit des Unter-
bewußtseins kraß zutage trat, haben sie als unwiderlegliche Beweise für das
Mitwirken von Geistern ausgespielt, und der Laie, sofern er überhaupt selbst
nachdenkt und sich nicht blindlings der spiritismusfeindlichen Suggestion der
Tagespresse und der öffentlichen Meinung überläßt, kann zunächst gar nicht
anders als ihnen beipflichten Man denke hier an die eingangs dieser Arbeit
erwähnten, von Aksakow gesammelten Fälle, in denen Medien zu pein-
lichen Selbstbezichtigungen oder vulgärem Schimpfen genötigt oder, wenn sie
ihren Geistern ungehorsam zu sein versuchten, auf den Boden geworfen und
gequält wurden! Eine Fundgrube für derartige Erscheinungen sind die Spuk-
phänomene. Die „Geister", die in ihnen ihr Wesen treiben, sind keine freund-
lichen Diener ihres Mediums gleich den Geistern der Lampe, die Aladin sich
untertan gemacht hatte, sondern sie verfolgen es mit höllischer Bosheit,
112 Richard Baerwald.

werfen es mit Steinen, zerschlagen oder verstecken ihm seinen liebsten Besitz,
schnellen das Geschirr, wenn das Medium es ergreifen möchte, blitzschnell zur
Seite, binden das Vieh im Stalle, so daß es halb erdrosselt, flechten den Pferden
Zöpfe in die Mähne, die schwer wieder aufzudröseln sind, ziehen nachts die
Bettdecke weg und lassen die Betten wie in sturmbewegter Schiffskoje
schaukeln, hängen das Medium gebunden an Bäume, klingeln ohrenzerreißend
ganze Tage lang; überdies kommt das unschuldige Opfer solcher Quälereien
oft bei der abergläubischen Umgebung in Verruf, gilt als behext und vom
Teufel besessen und wird zuweilen gezwungen, seinen Wohnort zu verlassen.
Ist es denkbar, vorstellbar, daß ein Mensch solche Pönitenz selbst über sich
verhängt? Haben wir hier nicht den klaren Beweis, daß fremde, unsichtbare
Mächte als verfolgende Furien im Spiele sind? Der gesunde Menschenverstand
wird von solchen Belegen ohne weiteres überwältigt. Wenn mir Laien der-
artige Fälle vorlegen und mich fragen, ob diese denn nicht unbedingt zur
Annahme der Geisterhypothese zwingen, und wenn ich ihnen dann in kurzen
Worten auseinandersetzen muß, es handele sich um Folgen von Bewußtseins-
spaltungen, so habe ich stets den Eindruck, daß ich niemand überzeuge und
der mit sarkastischem Lächeln dreinschauende Befrager alles, was ich vor-
bringe, für Verlegenheitsausflüchte einer hilflos gewordenen Gelehrsamkeit
hält. Erst durch eingehende Beschäftigung mit den Seltsamkeiten des
dämonischen Unterbewußtseins, durch die man jene auffallenden okkul-
tistischen Phänomene in den Zusammenhang einer natürlichen psychologischen
Gesetzmäßigkeit einordnen lernt, vermag sich ein denkender Mensch innerlich
davon zu überzeugen, daß die Geister selbst durch rabiateste Feindseligkeit
nicht imstande sind, ihre eigene Existenz zu beweisen.
Gewisse okkultistische, auf Bewußtseinsteilung zurückführbare Er-
scheinungen, die bisher schwer zu erklären waren, werden uns unter Zuhilfe-
nahme der Dämonie des Unterbewußtseins sofort deutlich. Dazu gehört die
Geheimniskrämerei, die der „Geist" so gern dem normalen Ich gegenüber
treibt. Nicht selten wird ein Schriftstück, das durch automatisches Schreiben
entsteht, mit allerlei Symbolen ausgestattet, mit Kreuzen, Sternen, Halb-
monden usw., und erst allmählich wird man gewahr, daß alle mit einem be-
stimmten Symbol signierten Schriftstücke auf ein und dieselbe schreibende
Intelligenz hinweisen. Die englische Automatistin Frau Holland ist durch
das Lesen des Buches „Human Personality" von F. W. My er s zum Spiri-
tismus bekehrt worden. In einer ihrer automatischen Schriften beginnt die
erste Seite mit einem mysteriösen F und schließt mit einem M, die Zeichen
17/, /1, /01 sind am Ende dreier Paragraphen verteilt. Erst allmählich kommen
die Erklärer dahinter, daß F und M die Initialen von F. Myers und 17. 1. 01
(17. Januar 1901) sein Todesdatum darstellen, M y er s also als „Kontrolle"
des Mediums wirke). Häufig werden die Buchstaben einer Geistermitteilung
zu „Anagrammen" durcheinander geschüttelt, so daß man sie erst umstellen
muß, um einen Sinn darin zu finden. Beliebt ist Spiegelschrift, desgleichen
Umkehrung der Buchstabenreihenfolge. Ein gutes Beispiel, dem das Ergebnis
') Alic e Johns on, „On the lutomatic Writings of Mrs. Holland". Proceedings
S.P.R. XXI, 1908, S. 178 ff.
Das dämonische Unterbewußtsein. 113

einer Kristallvision zugrunde liegt, bringt Prof. Alfred Lehmann


,,Miß Z. sah im Kristall eine Menge Buchstaben, die einzeln in leuchtend roter
Farbe hervortraten. Sie notierte sich die ganze Reihe: detnawaenoemosotnio-
jaetavirpelcrictsumebgnilliwotevigsevlesmehtpuotehttcejbus. Zuletzt entdeckte
sie, daß es wirklich Wörter waren, von denen jedes rückwärts geschrieben
war; jetzt stellte sich folgender Sinn heraus: ,Wanted a someone to join a
private circle, must be willing to give themselves up to the subject.' (Gesucht
wird ein Teilnehmer an einem Privatzirkel, bitte den Namen aufzugeben an
den Inserenten.) In einer Zeitung fand sich diese 4nnonce, auf der das Auge
der Dame kurz vorher geruht hatte, indes, wie sie bestimmt wußte, ohne daß
sie dieselbe mit Bewußtsein gelesen hatte." Wie die sprachliche Form, so ist
auch der Inhalt automatischer Schriften oft gesucht dunkel, mit Anspielungen,
mit Zitaten gespickt, die erst durch philologische Erklärerkünste zu enträtseln
sind. Wozu das alles? Die Spiritisten haben eine bestechende Erklärung bereit:
Die Geister wollen, wenn sie sich mit ihren noch auf Erden weilenden Freun-
den unterhalten, das Medium zwar sozusagen als Schreibmaschine benutzen,
sie wollen es aber nicht als ungerufenen Dritten an der Unterhaltung be-
teiligen. Darum richten sie ihre Mitteilungen so ein, daß das Medium sie nicht
verstehen kann. Diese Erklärung entspricht ganz dem Empfinden des Auto-
matisten, daß er selbst mit dem Inhalt des Geschriebenen nichts zu tun habe
und die Rolle eines Menschen spiele, der in ein fremdes Telephongespräch ein-
geschaltet wird und sich dabei recht indiskret vorkommt. Frau 11 011 an d
wagte deshalb in den ersten Jahren ihrer Automatistentätigkeit nicht, ihre
eigenen automatischen Schriften zu lesen, sie empfand das wie ein Erbrechen
fremder Briefe. Freilich gib es hier wie überall störende Disharmonien zwi-
schen spiritistischer Theorie und Wirklichkeit; warum z. B. wenden in dem
soeben vorgeführten Beispiel die Geister ihre Verhüllungstaktik bei der Mit-
teilung einer Zeitungsannonce an, die gewiß kein tiefes Geheimnis ist! Für
den Nichtspiritisten, der nicht einen Geist, sondern eine Sektion des Unter-
bewußtseins für den Verfasser hält, ist es nicht schwer, eine andere Erklärung
für das Versteckspielen in den „G eistermitteilungen" zu finden. Geheimnis-
-volltun, Spielen mit mystischen Symbolen, mit esoterischen Kennworten,
Emblemen und Siegeln, das alles entspricht der an Räuberromantik ge-
mahnenden Phantastik des Unterbewußtseins; vor allem aber ist es der Aus-
druck seiner Dämonie, des Neck- und Spottverhältnisses, in dem es zum Ober-
bewußtsein steht. Wir haben gesehen, wie sehr der Antagonismus der beiden
Bewußtseinshälften dazu" beiträgt, den Eindruck zu vertiefen, daß die okkulten
Phänomene nicht unser eigenes geistiges Produkt, sondern Geisterwirkungen
seien. Die gleiche Wirkung hat das rebellische Unterbewußtsein auch hier,
denn es ist dem psychologischen Laien schwer klar zu machen, daß eine
Intelligenz, die Verstecken mit uns spielt und uns zum Narren hat, nur ein
Bruchstück unserer eigenen sei.
Eine ausführliche Darstellung der medizinischen Bedeutung der
Lehre vom dämonischen Unterbewußtsein überschreitet die Aufgabe unserer

2 ) „Aberglaube und Zauberei". Stuttgart. Enke, 3. Aufl., 1925, S. 580.


Zeitschrift für Okkultismus I. 8
114 Richard Baerwald.

Zeitschrift, doch sei sie hier wenigstens angedeutet, damit die Reichweite des
neuen psychologischen Problems ersichtlich wird. Ein Krebsschaden jeder
Suggestionstherapie, gleichgültig, ob sie mit Fremd- oder mit Autosuggestion
arbeitet, waren von je die häufigen, erst allmählich einzudämmenden Rück-
fälle, das lang andauernde Flattern des Erfolges. Kaum nimmt der Patient
einen Fortschritt wahr, kaum beginnt er innerlich zu triumphieren oder äußer-
lich seine Kur zu loben, so stellt sich eine geheime Angst ein, die ganze Bes-
serung könne doch nur eingebildet, nur Momenterfolg sein, Zweifelsucht regt
sich, die mühsam eingeprägte überzeugung wird schwankend, und diese ge-
heime Gegensuggestion des Flau- und Mießmachers, des Nörglers und Kritt-
lers, des schadenfrohen Kobolds in uns verfehlt denn auch nicht ihr Ziel und
schafft einen schleunigen Rückfall. Kein Patient, der diesen Hergang in sich
selbst beobachtet hat, wird im Zweifel darüber sein, daß mindestens ein großer
Prozentsatz der Rückfälle, die für Suggestionsheilungen typisch sind und
viele namhafte Ärzte zu Gegnern der suggestiven Therapie gemacht haben.
auf Rechnung des dämonischen Unterbewußtseins kommt. Sieht und weiß
man das aber, und kennt man das Verfahren, durch Hypnose oder mit Hilfe
somnolenter Zustände die Suggestion direkt an das Unterbewußtsein heran-
zubringen und dieses von innen her zu lenken, so liegt es nähe, diese Lenkung
auch zur Austreibung des Feindes zu benutzen, der in uns zu unserem Schaden
wirkt. Der Patient sage sieh im Zustande der Sammlung (oder der Arzt sage
es ihm): „Nach dem errungenen Erfolge ist jeder Zweifel überflüssig, ich
weiß jetzt todsicher, daß dieser Fortschritt anhalten und sich steigern wird,
ich sehe und weiß, die Autosuggestion ist unwiderstehlich, es wird dem
Kobold in mir nicht gelingen, mich zu neuer Kopfhängerei zu beschwatzen,
ich mache ihn mit der starken Waffe meiner Autosuggestion unschädlich, ich
vertreibe ihn, ich erdrossele ihn, nachdem ich ihn und sein Tun kennen gelernt,
ist sein Spiel verloren!" Und so weiter. Man sieht, es handelt sich hier um
eine Art psychologischer Exorzisation. Die alten kirchlichen Exorzisationen
hat man mit Recht getadelt, denn sie gaben den unglücklichen Besessenen erst
ihren Vorrat an Wahnvorstellungen an die Hand und verbreiteten psychische
Seuchen durch öffentliche Schaustellungen abschreckender Seelenkrankheiten.
Diese schädlichen Nebenwirkungen sind bei unserem wahnfreien und ganz
privaten Verfahren nicht zu befürchten. Abgesehen von diesen unerwünschten
Nebeneffekten hat aber schon das kirchliche Exorzisieren oft große Heil-
erfolge zu verzeichnen; noch heute heißt es in manchen Berichten über Spuk-
häuser, daß die unheimlichen Erscheinungen sofort auf Nimmerwiedersehen
verschwinden, sobald ein Geistlicher die Exorzisation daselbst ausübte. Das
ist auch leicht zu verstehen, denn erstlich ist der Glaube ein mächtiger Ver-
stärker jeder Suggestion, und zweitens kommt noch der Appell an den
Kampftrieb hinzu, der, wie die politische Propaganda zeigt, gleichfalls die
Eindringlichkeit und Gefühlswirkung von Einflüsterungen zu steigern pflegt.
Eine ärztliche oder autosuggestive Exorzisation wird sich wenigstens etwas
von diesen Vorteilen zunutze machen können. In der Tat schien es mir, daß
in einigen Fällen die Rückfälle durch das geschilderte Verfahren abgekürzt
werden konnten.
A. Kollmann. Taschenspiel und Okkultismus. 115

Taschenspiel und Okkultismus.


Von Prof. Dr. med. Artur Kollmann, Leipzig.
(Eingesandt am 9. April 1925.)

Die Kunst des Taschenspiels ermöglicht nicht nur eine angenehme


Unterhaltung, sondern sie bietet auch der wissenschaftlichen Psychologie eine
große Menge von wichtigem Stoff dar. Bisher hat man sich in diesen Kreisen
nur wenig damit beschäftigt; die mir bekannt gewordenen Veröffentlichungen
dringen außerdem nicht tiefer in die Sache ein. Eine Ausnahme macht ein
Aufsatz von Max Dessoir , der schon 1893 in einem geistvoll geschriebenen
Büchlein „Psychologische Skizzen" (Leipzig, Verlag Ambr. Abel) unter dem
Pseudonym Rells die Psychologie der Taschenspielerkunst in den Kreis
seiner Betrachtungen zog. Als guter Kenner derselben durfte er sich aber auch
ein Urteil in okkultistischen Dingen erlauben. Ich verweise diesbezüglich auf
den Schluß dieses Artikels, vor allem aber auf sein großes Buch „Vom Jen-
seits der Seele" (Verlag von Ferdinand Enke). Welche Bedeutung dem
Studium der Taschenspielkunst für die Beurteilung okkultistischer Dinge
zukommt, geht schon aus diesen Arbeiten von Dessoir ganz deutlich hervor.
In dem umfangreichen, äußerst gründlichen Werk „Aberglaube und Zauberei"
von Prof. Al f red Lehm ann, Direktor des psychophysischen Labora-
toriums an der Universität Kopenhagen (deutsche Übersetzung von Dr. med.
Petersen, Verlag von Ferdinand Enke, 3. Aufl. 1925) wird man speziell über
diese Frage nur wenig finden. Der Verfasser sagt in dem von den technischen
Hilfsmitteln der Magie handelnden Kapitel selbst, daß es außerhalb seiner
Aufgabe liege, auf die einzelnen Zweige der Taschenspielerei näher einzu-
gehen. Im Gegensatz hierzu habe ich, genau wie D e ssoir , es von jeher als
meine Aufgabe betrachtet, gerade das Studium des Taschenspiels als einer
unbedingt nötigen Vorschule zur Kritik des Okkultismus ganz besonders zu
pflegen, und als ich glaubte, darin eine leidliehe Erfahrung zu besitzen, be-
mühte ich mich, auch an der Universität Interesse hierfür zu erwecken. Mit
kleinen bescheidenen Anfängen beginnend, ist mir dies nunmehr gelungen.
Das erste war eine Vorstellung im großen Auditorium des physikalischen
Instituts von Geh. Rat Wiener im März 1919, die sehr gut besucht war
und die einen außerordentlichen Erfolg hatte. Die Zuhörerschaft bestand zum
größten Teil aus Professoren und deren Familien, sowie aus anderen intellek-
tuellen Kreisen der Staat. Der Vortragende, ein Dilettant, Christ o s Pha s-
so ula, Grieche von Geburt — er ist leider 1924 einem tragischen Schicksal
erlegen — war für so etwas wie geschaffen, da er geradezu enthusiastisch an
der Zauberkunst hing und mit dieser glühenden Liebe auch ein hervorragendes
Können verband. Die Vorstellung, die an einem Sonntag nachmittags
1 / 2 5 Uhr mit einer kurzen geschichtlichen Einführung von mir begann und
erst um 8 Uhr abgebrochen werden konnte, weil das Publikum immer wieder
Zugaben wünschte, zeigte deutlich, daß gerade geistig hochstehende Kreise
das Taschenspiel besonders zu schätzen wissen, sich übrigens auch viel eher
einer angenehmen Täuschung hingeben als der sog. Un- oder Halbgebildete.
116 A. Kollmann.

Nach dieser Vorstellung brachten meine Bemühungen um weitere Fort-


schritte in der Sache aber lange Zeit keinen wesentlichen Erfolg, bis es mir
im Sommer 1924 doch endlich geglückt ist, das einst von Wilhelm Wundt
gegründete Institut für experimentelle Psychologie an der Universität Leipzig
(jetziger Direktor Prof. Felix Kruege r) definitiv dafür zu gewinnen.
Unterstützt von der Ortsgruppe Leipzig des magischen Zirkels von
Deutschland, konnte ich während der großen Ferien im Sommer und
Herbst 1924 in dem Übungssaal des Instituts wöchentlich je eine,
immer mehrere Stunden dauernde Vorstellung veranstalten. Diese Vor-
stellungen hatten den Zweck, den Herren des Instituts und geladenen Gästen
einen möglichst großen Teil der guten modernen Zauberkunst vorzuführen.
Da die Mitglieder des magischen Zirkels äußerst tüchtige Praktiker sind, so
war auch hier der Erfolg höchst befriedigend. Erklärungen wurden niemals
gegeben, sondern man überließ es den Zuschauern, sich selbst zurecht zu
finden. Erst im Wintersemester 1924/25 fand im engsten Kreise der Instituts-
leitung eine Vorstellung statt, bei der der Vortragende zum Schluß auch
zeigte, wie er die Täuschung hervorrief. Ohne eine ausdrückliche Erklärung
wäre aber auch bei dieser Vorstellung den Herren, obwohl, sie aus nächster
Nähe zuschauten und obwohl einige Dinge mehrmals wiederholt wurden, ein
Teil der Geschehnisse unerklärlich geblieben; und diese Herren sind doch
sämtlich wirklich recht geübte, kritische und einwandfreie Beobachter! Die
Frage, wie kommen die Täuschungen zustande, soll im Laufe der Zeit ge-
nauer geprüft und beantwortet werden; desgleichen sollen Untersuchungen
stattfinden betreffs der Wirkung von ein und derselben Vorstellung auf ein
Publikum von verschiedener Intelligenz und von verschiedenem Alter und
Geschlecht, sowie Untersuchungen anderer damit zusammenhängender Dinge.
Um immer das dazu Nötige an der Hand zu haben, entschloß ich mich, meine
große Sammlung von Zauberapparaten und dazu gehörigen anderen Sachen
nach dem psychologischen Institut zu schaffen. Dieses hat Ende 1924 der
Sammlung ein schönes Zimmer mit mehreren großen Schränken zur Ver-
fügung gestellt. Wenn sich die Angelegenheit so weiter entwickelt, kann mit
der Zeit aus dieser ersten Gründung in andern Händen leicht eine feste
Position werden, die — als Teil der Psychologie der Wahrnehmung — die
gesamte Psychologie der Täuschung zu untersuchen und zu lehren hätte. Ich
sage absichtlich „in andern Händen"; denn, da ich selbst der medizinischen
Fakultät angehöre, so betrachte ich mich in allen Dingen der reinen Psycho-
logie nur als Anreger, Einführer und Helfer, aber nicht als den, der die Sache
wirklich selbst ganz durchführen kann. Für mich selbst lege ich besonderes
Gewicht auf das Lehren. Wissenschaftliche Untersuchungen allein werden in
der Hauptsache immer nur in einem kleinen Kreis von Fachleuten Beachtung
finden. Es soll aber die Materie zum allgemeinen Besten jedem zugänglich
werden, der sich für sie interessiert, und zwar nicht wie bisher ausschließlich
durch Bücher, sondern durch Kolleg, Seminar und Arbeitsgemeinschaft. Das
würde einen großen Fortschritt bedeuten.
Im Sommersemester 1925 haben Prof. Otto Klemm vom psycho-
logischen Institut und ich selbst bereits mit Studierenden Übungen betreffs
Taschenspiel und Okkultismus. 117

der Psychologie des Okkultismus abgehalten, die zumeist auch mit taschen-
spielerischen Demonstrationen verknüpft waren. Im Wintersemester 1925/26
werden wir diese Übungen fortsetzen, dabei aber das Taschenspiel noch mehr
berücksichtigen.
Was ich im Laufe der Jahre bisher teils allein, teils zusammen mit
meinem Freund Professor 0. Frey vom Lehrerseminar betreffs der
Psychologie des Taschenspiels ermittelt habe, ist im wesentlichen ledig-
lich das Folgende: Erstens haben wir gefunden, daß bei Prüfungen
von Volksschulkindern der obersten Klasse ein deutlicher Unterschied be-
stand im Erfassungsvermögen der Knaben und dem der Mädchen, und
zweitens, daß es auch Erwachsenen nicht möglich ist, eine Vorstellung
betreffs ihrer Einzelheiten genau im Gedächtnis zu behalten. Bittet man eine
Anzahl von sonst urteilsfähigen Menschen um einen schriftlichen Bericht, so
kann man sicher sein, daß von zwölf verschiedenen Personen zwölf ver-
schiedene Berichte eingehen. Der mit der gesamten Magie aufs engste ver-
traute Schriftsteller Karl Willmann- Hamburg, der zugleich auch Grün-
der einer berühmten Werkstatt für magische Apparte war, hat schon viel
früher genau die gleichen Erfahrungen gemacht, und ebenso die bekannten
Engländer H o gson und Davey (siehe Proceedings of S. P. R., Bd. 4,
London 1887).
Ich habe bereits zu Anfang auf die Beziehungen des Taschenspiels zum
Okkultismus hingewiesen; sie sind äußerst mannigfaltig, zunächst ganz im
allgemeinen Man muß die hundert verschiedenen Tricks und den Fuchsbau
der Irreführung genauest 'rennen, um durch gewisse Wunder eines angeblich
echten, in Wirklichkeit aber nur künstlichen, betrügerischen Okkultismus
nicht überrascht zu werden. Aber es gibt auch besondere Teile des Taschen-
spiels, die für den Okkultismus ganz spezifische Bedeutung haben; ich meine
z. B. Fadenführungen verschiedener Art, sowie die Bildung von Knoten und
Verknüpfungen an Schnüren, Stricken, Tüchern usw. Diese Sachen sind zum
Teil äußerst kompliziert. Es soll sich nur niemand einbilden, daß man dies
bloß mit dem gesunden Menschenverstand oder mit recht genauem Aufpassen
richtig verstehen kann. Ja mir selbst ist es zum Teil nur schwer möglich, bei
manchen dieser Dinge vollkommen klar zu begreifen, warum das schließliche
Resultat so sein muß, wie es wirklich ist, das heißt, warum z. B. eine so und
so gebildete Knotenmasse bei der oder jener bestimmten Behandlung sich
zuletzt lösen muß, bei einer anderen Behandlung aber die Lösung nicht
erfolgt, und dies, obgleich ich die Ausführung der Tricks nicht nur genau
kenne, sondern diese auch selbst vorführen kann. Ich besitze eben das dafür
nötige räumliche Vorstellungsvermögen nicht im genügenden Maße. Ich habe
aber gesehen, daß es sehr vielen anderen Menschen genau so geht. Ich muß
mir daher sagen, wenn ich selbst als Fachmann nicht einmal imstande bin,
mir die Vorgänge stets ganz klar zu machen, um wie viel weniger wird es
andern möglich sein, die ohne alle Vorkenntnisse an solche Sachen heran-
treten! Sind diese mit besonderen Umständen verknüpft (wie z. B. Anwesen-
heit eines berühmten Mediums), so ist man dann schnell geneigt, an echt
okkultistische Kräfte zu glauben.
118 A. Kollmann.

Aber auch für ein anderes wichtiges Gebiet ist die Kenntnis des Taschen-
spiels und seine psychologische Durchforschung von großer Bedeutung; ich
meine die Rechtspflege. Da sich, wie oben angedeutet, aus den bei taschen-
spielerischen Vorstellungen gewonnenen Erfahrungen ergibt, daß kein Mensch
imstande ist, Vorgänge, die nur einigermaßen kompliziert sind, sowohl be-
treffs der einzelnen Bestandteile, als auch betreffs der zeitlichen Reihenfolge
genau im Gedächtnis zu behalten. so darf man daraus wohl ganz im all-
gemeinen die Schlußfolgerung ziehen, daß man auch gewissen Zeugen-
aussagen vor Gericht nur einen beschränkten Wert beimessen darf.
Ich sprach zuvor von der Schwierigkeit, die es bereitet, sich gewisse
Vorgänge durch räumliche Analyse klarzumachen. Ich will im folgenden
mehrere Beispiele davon geben; man kann sie leicht nachprüfen. Das erste
betrifft einige sonderbare Erscheinungen an zerschnittenen Papierringen. Man
verfertige zunächst einen Papierstreifen von etwa 1 in Länge und etwa 5 cm
Breite. Klebt man beide Enden zusammen, ohne zuvor den Streifen um seine
Längsachse zu drehen und schneidet dann den so entstandenen Ring seiner
ganzen Länge nach in der Mitte mit einer Schere durch, so erhält man selbst-
verständlich zwei einzelne, von einander getrennte Ringe. Was entsteht aber,
wenn man vor dem Zusammenkleben den Streifen in seiner Längsachse um
180 0 , resp. um 360° dreht? Wer das Experiment nicht kennt, wird kaum im-
stande sein, beide Fragen richtig zu beantworten und er wird sieh höehlichst
wundern, wenn er es selbst vornimmt. Bei der Drehung um 180° entsteht näm-
lich ein doppelt so großer einfacher Ring, bei der Drehung um 360° entstehen
aber zwei ineinanderhängende. Ich habe dieses Beispiel absichtlich gewählt,
weil das überraschende Resultat ohne alle tasehenspielerischen Manipulationen
ganz von selbst eintritt. Um wieviel mehr kann man aber in Erstaunen ver-
setzt werden, wenn bei diesen oder ähnlichen Experimenten auch letztere noch
im Spiele sind!
Ein anderes kleines höchst interessantes Experiment, das die Schwierig-
keit räumlicher Vorstellung ebenfalls dartut, betrifft eine Bindeproduktion.
Seine Wirkung is am amüsantesten, wenn man es von zwei Personen aus-
führen läßt. die nichts von der Sache wissen. Zu diesem Behufe fesselt man
mit einem starken Bindfaden die eine derselben an beiden Handgelenken,
während dazwischen ein langes Stück des Fadens herunterhängt. Nun nimmt
man einen anderen ebenso langen Faden, schlingt ihn um den ersten und
bindet dann, wie zuvor die erste Person, so auch eine zweite an beiden Hand-
gelenken. Die Personen 1 und 2 sind also durch eine Fadenschleife mitein-
ander verbunden. Die Aufgabe lautet, diese Verbindung zu lösen, ohne die
Faden zu zerschneiden, oder die Fesselung der Handgelenke irgendwie zu ver-
ändern. Man wird sehen, daß die zwei Personen, wenn sie nicht eingeweiht
sind, stets damit beginnen, über die Faden hinwegzusteigen, oder unter ihnen
durchzukriechen. Sie schaffen dadurch aber gerade das Gegenteil von dem
Gewollten, nämlich nur eine um so festere Verbindung miteinander. Die
einzige Möglichkeit, die Fadenschleifen der beiden Personen voneinander zu
lösen, besteht in etwas ganz anderem. Man muß nämlich den Faden der einen
Person anfassen und ihn in der Richtung vom Unterarm her unter der
Taschenspiel und Okkultismus. 119

Fesselung des einen Handgelenks der anderen Person hindurchschieben. Ist dies
geschehen, so genügt eine kleine Bewegung dieser Hand, um die Befreiung
der zwei Personen voneinander zu bewirken.
Auf diesem Prinzip beruhte z. B. eine der Bindeproduktionen der Ge-
brüder Davenp ort , die in den sechziger Jahren auch in Deutschland öffent-
liche Vorstellungen gaben. Ein anderer, von der gleichen Truppe und später
auch von Cumberlan d öfters angewandter Trick benutzt die sog. Schiebe-
knoten. Das taschenspielerische Kunststück, mehrere Tücher miteinander zu
verknüpfen und die Knoten dann ohne Berührung wieder zu lösen, beruht auf
der Bildung von solchen Schiebeknoten. Ein richtig gebildeter Knoten wird
nämlich dadurch verschiebbar, daß man ihn — wie der Ausdruck lautet —
umzieht; man tut dies unter dem Vorwancle, ihn absichtlich noch fester zu-
sammenzuziehen. Diese Knoten lassen sich bequem hin- und herschieben, was
man jedoch dem Knoten nicht ansieht. jedes bessere Lehrbuch der Taschen-
spielkunst (von älteren deutschen sei vor allem genannt Willmanns
„Moderne Salonmagie", Leipzig, Verlag von Spanier) gibt darüber genauere
Auskunft.
Solche und ähnliche Knotenbildungen und Bindeproduktionen, z. T. sehr
komplizierter Art, wurden früher bei okkultistisch en Sitzungen, als Siche-
rung gegen Betrug. regelmäßig angewandt; die Umbindungen wurden sehr oft
auch noch vernäht und versiegelt. Es hat sich aber gezeigt, daß auch die
ausgeklügeltsten Vorkehrungen durch gewisse Tricks unwirksam zu machen
sind.
In okkultistischen Schriften findet man häufig merkwürdige Phänomene
mit einer angeblichen Durchdringung der Stoffe erklärt. Man kann solche aber
auch in natürlicher Weise durch taschenspielerische Kniffe hervorrufen. Man
zeigt z. B. einen geschlossenen Ring in der Größe einer weiten Armspange.
Darauf läßt man sich mit einer Schnur an beiden Handgelenken fesseln. Die
Aufgabe ist, daß zuletzt der Ring an der Schnur hängen muß, ohne daß an
den Fesselungen irgend etwas geschieht. So verblüffend die Wirkung erscheint,
so einfach ist in Wirklichkeit die Ausführung. Während man sich umdreht,
steckt man nämlich den gezeigten Ring in eine Rocktasche oder unter die

Weste, zieht aber einen anderen, diesem gleichen, der, von dem Rockärmel
verdeckt, über den einen Unterarm geschoben war, über die Schnur hinweg.
Ein schwierigeres Kunststück besteht darin, daß der Vortragende, nach-
dem er, richtig gefesselt, in einem mit Vorhang versehenen spiritistischen
Kabinett Platz genommen hat, seine Weste herauswirft, trotzdem aber nach
Offnung des Kabinetts mit zugeknöpftem Rock und gänzlich unverletzten
Fesselungen vorgefunden wird. Das einst berühmte Mülsener Medium Emil
Schrap s zeigte dies öfters. gab es aber als echtes, durch Geisterhilfe be-
wirktes okkultistisches Phänomen aus. Um es vorführen zu können, muß man
natürlich vor allem die Knoten- und Bindetechnik beherrschen.
Englische Medien leisteten noch viel erstaunlicheres. Nach Wieder-
öffnung des Kabinetts fand man sie bei gänzlich unverändeter Bindung sogar
mit umgewendeter Weste unter dem vollständig zugeknöpften Rock; sie
konnten das Experiment auch nochmals wiederholen, selbst wenn ihnen einer
120 Fr. Freudenberg.

der Anwesenden seine eigene Weste zur Verfügung stellte. Aber auch hierfür
wurde bald eine Erklärung gefunden; die dazu nötigen Griffe sind allerdings
ziemlich kompliziert. Für unsere gegenwärtigen Betrachtungen ist das
Experiment von Emil Schraps und das zuletzt genannte englischer
Medien vor allem deswegen von Wert, weil es uns von neuem zeigt, wie
schwierig es ist, gewisse Vorgänge räumlich zu begreifen, und zwar auch
dann, wenn man das ihnen zugrunde liegende Geheimnis kennt.
Wer sich für diesen Gegenstand besonders interessiert, dem ist vor allem
zu raten, die Knotentechnik zu studieren, wie sie bei mehreren Gewerben seit
langen Zeiten ausgeübt wird; in Betracht kommt besonders das Gewerbe der
Zimmerer und Leineweber. Außerdem ist es aber auch sehr nützlich, behufs
Übung im räumlichen Denken, sich mit den kleinen Spielen zu beschäftigen,
die, zumeist aus Draht gebogen, als Vexier- oder Geduldspiele bekannt sind;
man findet sie fast in jedem Spielbuche beschrieben und abgebildet, kann sie
auch an allen größeren Plätzen in Spielwarenhandlungm und ähnlichen
Geschäften käuflich haben.
Als die den verschiedenen Fesselungsarten zugrunde liegenden Tricks in
weiteren Kreisen bekannt wurden, nahm man mehr und mehr, davon Abstand;
sie werden neuerdings bei okkultistischen Sitzungen nur noch selten an-
gewandt. Daß sie aber hie und da doch noch auftauchen und daß auch heute
noch selbst geschulte Beobachter durch sie getäuscht werden können, zeigt
u. a. eine Veröffentlichung von Geh. Rat Prof. Dr. S o m iii e r, Direktor der
psychiatrischen Universitätsklinik in Gießen („Zur Psychologie der Aussage
über das Geisterhafte und Wunderbare", Deutsche med. Wochenschrift,
Nr. 39, 1924). Während Sommer den Trick einer, irreführender Weise als
echte Telepathie bezeichneten Demonstration ganz richtig erkannte, blieb ihm
das einer einfachen Bindeproduktion zugrunde liegende Geheimnis zunächst
unerschlossen, bis es ihm später von dem Vortragenden freiwillig erklärt
wurde. (Schluß folgt in Heft 3.)

Über Exteriorisation der Sensibilität.


Erinnerungen und Versuche.
Von Dr. med. Franz Freudenberg, Elberfeld.
Es zählt nach Jahrzehnten, als ich eines Tages von dem dirigierenden
Arzt eines Dresdener Krankenhauses eingeladen wurde. einigen Experi-
menten beizuwohnen, die mit einem Insassen des Hauses vorgenommen
werden sollten. Es war das ein junger Mann, anfangs der zwanziger
Jahre, von Beruf Krankenpfleger. Die Versuche fanden in einem großen
Saale der Anstalt statt. Anwesend waren etwa 8 Herren, meist Kollegen.
Der junge Mann wurde durch wenige Längsstriche fast augenblicklich in
Hypnose versetzt. Seine Augäpfel rollten sich nach oben, und er zeigte
eine vollständige Empfindungslosigkeit gegen Nadelstiche u. dgl. Da-
Über Exteriorisation der Sensibilität. 121

gegen erwies sich seine Sensibilität als enorm gesteigert, indem er durch
die ganze Länge des rechtwinkeligen Saales hindurch bei fest ver-
bundenen Augen unterscheiden konnte, ob man ihm eine warme Hand
entgegenstrecke oder eine solche, mit der flüchtig eine kalte Fenster-
scheibe berührt worden war.
Von den auf hypnotischer Leichtgläubigkeit beruhenden Experi-
menten, die im Verlauf der Sitzung mit der Vp. angestellt wurden, er-
wähne ich nur das eine, welches überdies spontan eintrat. Es war der
Vp. gesagt worden, sie werde einen bestimmten Herrn, wenn dieser das
Zimmer verließe, bei seinem Wiedereintritt nicht sehen können. Da dieser
Herr nun, um sich zugleich dringender Geschäfte wegen von der Gesell-
schaft zu verabschieden, mit dem Zylinder auf dem Kopf wieder in den
Saal trat, lachte der Hypnotisierte laut auf und schrie: „Herr Hofrat
(Experimentator), da fliegt ja ein Zylinder in der Luft herum!" Doch nun
zur eigentlichen Sache.
Der Vp. wurde ein Paket Visitenkarten, etwa 100 Stück, in die
Hand gegeben und von einer vorher auf der Rückseite leicht markierten
Karte gesagt, daß sie eine Photographie Bismarcks sei. Die Vp. behielt
sie einige Zeit in der Hand und bestätigte dann, immer mit fest-
verbundenen Augen, daß sie Bismarck erkenne. Auf die Frage, ob es
ganze Figur oder Kniesttick sei, erfolgte ein kurzes Besinnen. Darauf
entschied sie: Kniestück. Die Karten wurden nun gemischt, ihr sodann
zurückgegeben, einzeln von ihr betastet, bis sie die heimlich markierte
Karte dem Experimentator als die Photographie bezeichnete.
Es war das für mich das erste Mal, daß ich einer Exteriorisation der
Sensibilität beiwohnte. Denn als solche wenigstens imponierte mir der
Vorgang, indem ich annahm, daß die betreffende Karte von der Vp. mit
einem Teile ihrer Nervenkraft verladen worden war, die sich ihr später
hei der neuen Berührung wieder bemerklich machte.
Ich lasse es dahingestellt, ob ich bei dieser naiven Deutung das
Richtige traf oder nicht. Was war es denn, was die Vp. unter dem Ein-
fluß der Suggestion auf die Karte warf? Ein imaginäres Bild. Aber
dieses Bild war weder eine Selbsttäuschung, noch eine flüchtige
Schöpfung, sondern vielmehr für die Vp. etwas Standhaltendes und zu-
gleich Lebendiges, indem von ihm die Kraft ausging, sich ihr bei späterer
Berührung wieder wahrnehmbar und erkennbar zu machen. Man wird
einen derartigen Vorgang wohl verschieden zu deuten suchen, je nach-
dem man auf einem mehr mechanistischen oder psychistischen Stand-
punkt steht; seiner Rätselb aftigkeit ist er trotz unserer vorgeschrittenen
Erkenntnis überzeugenderweise bis heute wohl noch nicht völlig ent-
kleidet.
Später lernte ich dann ähnliche Verladungen von Wasser durch sog.
Magnetiseure kennen. Hierbei handelte es sich angeblich um die Aus-
scheidung von sog. Od aus dem menschlichen Organismus und die Über-
tragung desselben auf eine Portion Wasser, die dadurch ihre Eigenschaf-
ten insofern änderte, als ihr Geschmack sie für Sensitive, aber auch für
122 Fr. Freudenberg.

Nichtsensitive kenntlich und so von anderem Wasser unterscheidbar


machte.
In wie weit bei diesen Verladungen die Sensibilität eine Rolle spielt,
bleibe, wie gesagt, hier unentschieden. Jedenfalls ist eine solche Ver-
ladung, sei es einer Karte, sei es eines Glases Wasser mit irgendeiner vom
menschlichen Wollen ausgehenden Beeindruckung nicht das, was wir seit
Dr. Rochas Exteriorisation der Sensibilität nennen. Die von uns beob-
achteten Vorgänge könnten zu dieser höchstens einen Übergang bilden,
oder wenigstens einen gewissen Zusammenhang mit ihr erkennen lassen.
Denn indem die Vp., sei es spontan, sei es unter hypnotischem Einfluß,
durch einen Willensakt auf einen Gegenstand ein Etwas überträgt,
welches diesen nicht nur für sie selbst, sondern — wie im Falle des mag-
netisierten Wassers — auch für andere kenntlich macht, ohne daß der so
behandelte Gegenstand eine äußerlich mit normalen Sinnen wahrnehm-
bare Veränderung erleidet, wird diesem Gegenstand eine Empfindbarkeit
verliehen, welche vorher nicht bestand. Indes wird hierbei der beein-
druckte Gegenstand nur passiv empfindbar gemacht, nicht selbst emp-
findlich. Das aber erst ist das, was de Roches l'exteriorisation de la sensi-
bilite nennt. Und hierbei bedarf es nicht einmal eines bewußten oder un-
bewußten Willensaktes. De Rochas ermittelte, daß bei medialen Personen
nach Einschläferung das Empfindungsvermögen spontan nach außen
trete und zwar schichtweise abnehmend mit Entfernung von der Körper-
oberfläche. Ähnliche Beobachtungen wurden später von Durville, dessen
Söhnen und anderen gemacht. Durville brachte dieselben mit dem hypo-
thetischen Astralkörper in Zusammenhang. Als Mitglied der Societe
metapsychique in Brüssel habe ich solchen Versuchen mehrfach bei-
gewohnt, stets mit positivem Erfolg und unter guten Kontroll-
bedingungen. Der in tiefen Trance versetzten Vp. wurde bei aufwärts-
gerollten, zudem noch durch Watte und Binde festverschlossenen Augen
der Befehl erteilt, ihre Sensibilität nach außen treten zu lassen. Wir
manipulierten hinter ihrem Rücken und stellten eine an den verschiedenen
Tagen in gewissen Grenzen schwankende Empfindlichkeit bei Berührung
fest. Gewöhnlich trat diese bei Berührung einer 6 cm von der Körperober-
fläche entfernten Zone ein und nahm bei größerer Annäherung noch zu.
Berührungen in weiteren Abständen lösten keine Empfindungen aus.
Auch auf ein mit Wasser halbgefülltes Glas ließen wir nach Boiracs
Vorgang Sensibiliät übertragen und stellten fest, daß Berührungen
dieser Flüssigkeit, ohne daß die Vp. sie sehen konnte, von ihr empfunden
wurden.
Allen derartigen Experimenten aber fehlte die völlige Beweiskraft
insofern, als Telepathie dabei ins Spiel kommen konnte. Es war daher
ein glücklicher Gedanke Tischners, sog. unwissentliche Versuche anzu-
stellen. Er klebte auf die Außenseite des Bodens dreier gleich aussehender
Gläser eine Ziffer und ließ die Vp. eines dieser Gläser in die linke Hand
nehmen. Die Fingerspitzen der rechten Hand wies er die Vp. an, 5 Minuten
lang dicht über das Wasser zu halten, ohne dies selbst zu berühren. Zu-
Über Exteriorisation der Sensibilität. 123

gleich gab er der Hypnotisierten den Befehl, in dieser Weise ihr Haut-
empfindungsvermögen auf das Wasser zu übertragen. Hierauf stellte T.
hinter dem Rücken der Vp. die Gläser mehrfach durcheinander und be-
auftragte sodann eine Assistentin, der er Handschuhe zum Anziehen
gab, um das behandelte Glas nicht etwa an der Wärme kenntlich zu
machen, die Gläser weiterhin umzustellen, während er selbst den Rücken
wandte. So wußte allerdings niemand, welches das beeindruckte Glas
war. Und da die Vp. unter diesen Umständen bei Berührung des Wassers
eines bestimmten Glases mit einer Pinzette regelmäßig Empfindungen
zu haben angab, so war allerdings der Beweis einer Art von Sensibilitäts-
übertragung auf einen leblosen Gegenstand gelungen.
Nun machte ich im verflossenen Spätherbst in einem Sanatorium zu-
sammen mit einem Kurgast, der ein sehr eindrucksvoller Hypnotiseur
war, an drei Abenden an drei weiblichen Angestellten der Anstalt
hypnotische Versuche. Alle drei Damen fielen rasch in Hypnose und ver-
richteten in dieser die bekannten sensationellen Handlungen, zu denen
sie sich wachbewußt nicht verstanden haben würden. Auch posthypno-
tischen Befehlen kamen sie ausgiebig nach. Als am übernächsten Abend
-

eine zweite Sitzung stattfinden sollte, erschienen nur zwei von den dreien,
da die eine, der erzählt worden war, was sie in der Hypnose für kuriose
Dinge getrieben hatte, strikte. Die beiden erschienenen jungen Damen
(beide den gebildeten Ständen angehörig) wies nun der Hypnotiseur, ein
Anhänger der Mesmer'schenTheorie, nacheinander an, ihre Fingerspitzen
5 Minuten lang über eins von 4 etwa dreiviertel voll mit Wasser gefüllten
Gläsern zu halten, um dieses, wie er den 5 Anwesenden und den in tiefer
Hypnose befindlichen Vpp. sagte, mit Od zu füllen. Nun wurden die Gläser
von ihm und den übrigen, vor und nach an den Tisch Herantretenden auf
dem Tisch hin- und hergeschoben und verstellt, bis in jedem der beiden
Fälle niemand mehr wußte, welches Glas behandelt worden war. Und nun
kosteten die Anwesenden von den verschiedenen Gläsern und einigten
sich dahin, daß eines derselben besonders erfrischend schmecke, während
der Inhalt der anderen einen faden Geschmack habe. Da aber dieser Ver-
such in keiner Weise vorbereitet war und ohne Kontrolle stattfand, so
blieb er natürlich bedeutungslos, ließ mich aber hoffen, daß bei unseren
beiden Getreuen an einem dritten Abend auch ein korrekt nach der
Tischnersehen Anordnung durchgeführtes Experiment gelingen werde.
Zwei Tage später stellte ich dieses Experiment mit 4 markierten
Gläsern an. Die Vpp. erhielten den Befehl, indem sie ihre Fingerspitzen
über das Wasser eines der Gläser hielten, bestrebt zu sein, ihre Emp-
findungsfähigkeit auf dieses zu überirrtgen. Zu diesem Zweck wurden
beide Vpp. nacheinander an den Tisch mit den Gläsern geführt und
darauf geachtet, daß jede ein eigenes Glas beeindruckte.
Das Experiment gelang bei beiden in überraschender Weise. über-
flüssig zu sagen, daß sich die Vpp. in tiefem Trance und mit fest-
verbundenen Augen befanden. Mit einem stumpfen Instrumente machte
nun der Versuchsleiter vorsichtige Stöße wahllos in den Inhalt der
124 Fr. Freudenberg.

Gläser, mit dem Erfolg, daß bei beiden Vpp. die Berührung je eines
Glases Empfindungen hervorrief, die sie bald in diese, bald in jene
Körperteile verlegten. Bei näherer Prüfung stellte sieh nun heraus, daß
es bei beiden Vpp. nur das von je einer derselben beeindruckte Glas war,
welches bei Berührung die betreffenden Empfindungen auslöste. Nur bei
einer der beiden Damen kam eine einzige Fehlangabe vor, als ich die
Oberfläche des Wassers in einem nicht von ihr behandelten Glase be-
rührte und sie doch eine Empfindung zu haben glaubte. Es war dies
wohl die Folge der Übermüdung und verschwand fast ganz gegenüber
den voraufgegangen zahllosen richtigen Angaben.
Der Versuch war ein vollständig unwissentlicher. Die Umstellung
der Gläser erfolgte genau nach der strengen Tischnerschen Anordnung,
vielleicht dadurch noch um so mehr gesichert, als die Person, welche
die Umstellung der Gläser mit Handschuhen in einer dunkeln Ecke des
Zimmers zu besorgen hatte, den Raum überhaupt erst betrat, nachdem
seitens anderer Teilnehmer die Gläser bereits mehrfach umgestellt
worden waren, so daß damals schon niemand die beeindruckten von den
nichtbeeindruckten Gläsern zu unterscheiden imstande war. Nach dieser
letzten Umstellung wurden die Gläser wieder auf den Fisch zurück-
gebracht. Während ich nun die Gläser, wie oben angegeben, berührte, be-
fanden sich die Vpp. noch immer in tiefem Trance und standen, mir den
Rücken zukehrend, abseits. Weder wußten sie, welches Glas ich berührte,
noch auch, ob ich überhaupt eins berührte, da ich nicht bei jedem Stich
fragte: „Fühlen Sie etwas?" Auch wohl so fragte, ohne in ein Glas ein-
zustechen. Gerade daß ungefragt Berührungen angegeben wurden, hatte
etwas vollkommen Überzeugendes.
Was ist es nun, was von den beiden jungen Damen auf das Wasser
übertragen wurde? An dem einen Abend waren sie angewiesen, ..0d" aus-
zuscheiden, an dem andern ihr _Gefühl". Von Od hatte die eine der beiden
nie etwas gehört, und beide hatten sicher keine irgendwie bestimmte Vor-
stellung davon. Noch ratloser aber standen sie dem anderen Befehl. ihr
Hautempfindungsvermögen auf ein Glas Wasser zu übertragen, gegen-
über, wenn sie gleich als gehorsame Hypnotisierte auf die Frage, ob sie
verstanden hätten, was sie sollten, mit Ja antworteten. Was also wurde
von ihnen auf das Wasser übertragen? Der Lösung dieses Rätsels kam
unser Experiment freilich nicht näher. So viel aber geht aus ihm hervor,
daß die Fähigkeit derartiger Sensibilitätsübertragungen doch wohl nicht
so selten ist, wie man im allgemeinen bisher angenommen hat, denn
unsere beiden Vpp. waren an Leib und Seele gesunde Menschenkinder.
Nichts ließ uns ahnen, daß wir bei ihnen auf solche hervorragende
„mediale" Begabungen stoßen sollten, und erst aus dem Spiel wurde ein
wissenschaftliches Experiment in strenger Durchführung. Bietet sich
aber der Forschung, wie ich daraufhin annehmen möchte, häufiger Ge-
legenheit zu solchen Versuchen, so dürfte wohl damit gerechnet werden,
daß sich das gegenwärtige Dunkel allmählich lichtet.
Graf C. v. Klinckowstroem. Glossen zur Entlarvung Guziks in Krakau. 125

Glossen zur Entlarvung Guziks in Krakau.


Von Graf Carl v. Klinckowstroem, München.
Das polnische Medium Jan G u z ik ist gelegentlich einer Sitzungs-
serie, die im Dezember 1924 von der Krakauer Metapsychischen Gesell-
schaft angestellt wurde, durch Blitzlichtaufnahmen des Betruges über-
führt worden. Ein interessanter und in vieler Hinsicht lehrreicher Bericht
über diese Sitzungen ist von Ludwig Szczepanski in den
„Psychischen Studien" 1925, S. 311 ff., veröffentlicht worden (mit 2 Abb.
nach Blitzlichtaufnahmen).
Guzik galt von jeher als Betrüger, auch Dr. v. Sehr e nck-
Notzin g bezeichnet ihn als routinierten Professionel, der von Sach-
kundigen nie ernst genommen worden sei. Erst eine längere Versuchs-
reihe Dr. Geleys in seinem Pariser Institut Maapsychique brachte
ihn in okkultistischen Kreisen zur Anerkennung. In über 80 Sitzungen
hat Guzik dort unter anscheinend strenger Kontrolle, freilich bei
völligem Dunkel, allerhand Phänomene: Leuchterscheinungen, Fern-
bewegungen usw., produziert, und der von 34 gelehrten Teilnehmern
unterzeichnete Schlußbericht wird von G eley als ein besonders
wichtiges Datum in der Geschichte der metapsychischen Forschung be-
zeichnet 1 ). Eine sehr sorgfältige Prüfung des Mediums durch eine
Sorbonne-Kommission im Dezember 1923 führte dann zum sicheren
Nachweis betrügerischer Manipulationen Guziks, wobei die Art, wie
er seine Beine der taktilen Kontrolle entzog, ganz genau festgestellt
werden konnte (a. a. 0., S. 459 ff.). Zu den einfachen Phänomenen, die er
hier zum besten gab, brauchte er die Hände nicht.
Der Bericht S z cz ep anskis gibt über Guzik neue und
interessante Aufschlüsse. Man glaubt in ihm, der sich meist schweigsam
verhält, einen ganz einfachen Menschen vor sieh zu sehen. „Wenn man
jedoch Gelegenheit hat, Guzik lange und genau zu beobachten, kommt
man zu der Überzeugung, daß man ihn mit Unrecht für einen ganz un-
intelligenten Menschen gehalten hat. Er ist wohl ungebildet, besitzt aber
einen sehr scharfen praktischen Verstand, versteht ausgezeichnet zu
beobachten und kann sich wohl beherrschen, so daß er nie die Ruhe und
Geistesgegenwart verliert. Beim Eintritt in das Zimmer schaut er sich
stets genau um, pflegt auch unauffällig hinzuhorchen, wenn er bemerkt,
daß einige der Anwesenden abseits etwas im Geheimen miteinander be-
sprechen. Kurz, er ist durchaus nicht dieser schläfrige, indifferente,
geistesabwesende Mensch, für den oberflächliche Beobachter ihn halten
und als welchen er selbst wohl gelten möchte" (S. 313).
Szczepanski beschreibt die von Geley angewendeten Kontroll-
maßnahmen und fährt dann fort (S. 314): „Eine solche Kontrolle schien
1 ) Siehe das Kapitel über Guzik in dem Werk „Der physikalische Mediumismus"
von Dr. v. Gulat-Wellenburg, Graf v Klinckowstroem und Dr. H. Rosenbusch. Berlin,
Ullstein, 1925, 5. 457 ff.
126 Graf C. v. Klinckowstroem.

vollkommen ausreichend und zuverlässig zu sein. War sie es auch tatsäch-


lich? Wenn ich die Pariser Protokolle .... mit unseren Protokollen in
Krakau vergleiche, die von vollkommen identischen Phäno-
menen berichten, kann ich mich gewisser Zweifel nicht erwehren". Er be-
dauert, daß G- eley nicht versuchte, photographische Aufnahmen zu
machen. Von G- uziks Leuchterscheinungen, von denen übrigens der Be-
richt der 34 als offenbar nicht hinreichend zuverlässig beobachtet
schweigt, behauptete Riehet, daß sie keinen Phosphor- oder Ozon-
geruch entwickelt hätten. Demgegenüber stellt Szczepanski fest
(S. 315): „Ganz im Gegenteil, während der Lichterscheinungen bei
Guzik wird gewöhnlich Ozon- oder Phosphorgeruch wahrgenommen,
was Dr. Geley selbst .... ausdrücklich feststellte".
Den Krakauer Metapsychikern ist es zum erstenmal gelungen, von
Guzik die Erlaubnis zu photographischen Blitzlichtaufnahmen zu er-
halten. „Wir wollten .. die objektive Gewißheit erlangen und zugleich
versuchen, photographische Aufnahmen während der Sitzungen zu
machen, da die photographische Kontrolle eigentlich als die einzig
sichere betrachtet werden kann. Wir wollten Guzik nicht umkleiden
und fesseln, was immer umständlich ist und oft störend wirkt; wir
hielten die übliche Kontrolle der Hände und Füße des
Mediums, ausgeübt durch ei fahrene Persönlichkeiten,
für ausreichend — und meinten, Blitzlichtaufnahmen der
eventuellen Erscheinungen würden uns hinlänglich bezüglich ihrer
Resultate aufklären." „Die ersten Sitzungen, welche ohne photo-
graphische Apparate vorgenommen wurden, verliefen in ganz gewohnter
Weise; es wurden telekinetische und Lichterscheinungen, nebelhafte
materialisierte Köpfe usw. beobachtet. Die Kontrolle h at ni chts
Verdächtiges wahrgenommen" (vom Referenten gesperrt). „In der
sechsten Sitzung stellten wir vier photographische Apparate auf —
und installierten einen Apparat zur elektrischen Entzündung des Ma-
gnesiums. Der Leitungsdraht vom Scheinwerfer endigte mit einer Birne,
die hinter dem Medium in einer Entfernung von 60 bis 70 cm an der
Wand angebracht wurde. Wir ersuchten das Medium. es möge bewirken,
daß im gegebenen Augenblick das Phantom selbst durch einen
Druck auf die Birne den elektrischen Strom einschalte und das Ma-
gnesium zur Entzündung bringe. Guzik erklärte sich damit einver-
standen." G- uzik durfte also selbst den Moment der Exposition be-
stimmen. „Plötzlich riß ‚etwas' mit starker Kraft und starkem Geräusch
die elektrische Leitung von der Wand, und nach einigen Minuten blitzte,
in einem Augenblick, da vollständige Ruhe herrschte
und kein Phantom sichtbar war, das Magnesiumlicht auf.
Natürlich waren alle Anwesenden der Meinung, daß das Lieht durch die
mediale Kraft entzündet wurde; man wunderte sich nur, daß dies in
einem Moment erfolgte, in dem sonst gar nichts Jos war'. Bedenklicher
wurde die Sache, als die entwickelten Platten und das Bild Guziks
zeigten, wie er am Tisch saß, mit angelehntem Kopf, offenbar im Trance.
Glossen zur Entlarvung Guziks in Krakau. 127

Und ganz deutlich war auf der Platte zu sehen, daß der von der Wand
weggerissene Leitungsdraht zu seinem Sessel sieh hinzog und um
seinen Ärmel sich windet ... Daraus konnte man wohl schließen, daß
nicht durch mediale Kraft, nicht durch ein Phantom, aber durch Guzik
selbst, der sich eine Hand irgenwie befreite, das Magnesiumlicht ent-
zündet wurde. Auch die nächste Sitzung ergab daselbe Resultat ..".
Die erhaltenen Photographien wurden Guzik nicht gezeigt. Die
Krakauer Metapsychiker beschlossen nun, was sehr zu begrüßen ist, in-
folge dieser Betrugsindizien der Sache auf den Grund zu gehen. „Am
dritten Tage wurde aber, ohne Wissen des Mediums, ein
zweiter Zünder im Zimmer angebracht, und zwar gegenüber
dem ersten. Die Seance war diesmal ganz ergiebig. Es gab viele Be-
rührungen der Teilnehmer, Lichter flackerten herum, man sah ein nebel-
haftes Phantom, das undeutliche Worte murmelte und sich zum
Kontrolleur, der zur linken Seite Guziks saß (einem bekannten Maler,
HerrnW.), wandte... In diesem Momente blitzte das Licht
a u f. Aber es wurde nicht vom Phantom und nicht vom Medium, sondern
von m i r entzündet -- und zwar im interessantesten Augenblick."
Guzik zuckte zusammen, der Rest der Sitzung verlief ohne weitere Er-
scheinungen. Auch zwei weitere Sitzungen blieben vollkommen negativ.
Die Apparate mußten auf Wunsch Guziks entfernt werden.
Und das Ergebnis der Aufnahme?
„Auf den photographischen Platten sah man auf dem Tisch vor
Guzik nur drei Hände, anstatt vier. Die vierte Hand (die linke Hand
Guzik s) war über den Tisch erhoben. Guzik hatte sich nämlich
zweifellos seine linke Hand befreit. Wie war das möglich? Er hatte doch
den kleinen Finger dieser Hand um den kleinen Finger der Hand seines
linken Nachbars eingehängt! Nun, er hat eben den kleinen Finger frei-
gemacht und seinem Nachbar den Daumen oder vielleicht den Zeige-
finger seiner r echten, von einem anderen Herrn gehaltenen Hand ge-
reicht. Offenbar ist Guzik in diesem Kunstgriff sehr gewandt und weiß
ihn geschickt anzuwenden, wenn die Aufmerksamkeit des Beobachters
durch verschiedene geheimnisvolle Vorgänge in der Seance abgelenkt ist.
Dieses Kunststück ist übrigens gar nicht schwer nachzumachen.
Wir versuchten es nachträglich selbst, und es zeigte sich, daß das bei
Guzik übliche System der Handkontrolle Täuschungen leicht ermög-
licht. Bei manchen Personen ermüden die Finger so, daß sie ziem-
lich gefühllos werden. Auch eine ziemlich große Erfahrung
in medialen Sitzungen schützt gewisse Personen nicht
v or Täuschungen (vom Referenten gesperrt). Herr W., der wohl
vierzigmal schon mit Guzik saß, merkte es nicht, wie das Medium
sich seine Hand befreite.
Mit dieser freigewordenen linken Hand, resp. mit dem Arm, hatte
Guzik den schwarzen Vorhang, der in einer Entfernung von 1 m seit-
wärts hing, emporgehoben, hatte sich mit dem Tuch die Hand umwickelt,
deren Finger wohl mit einer phosphoreszierenden Pasta be-
128 Graf C. v. Klinckowstroem.

strichen waren, und täuschte die Erscheinungen der Ektoplasmie und


Materialisation vor. Die Worte, die wir dabei hörten, kamen (wie wir
später feststellten) aus seinem Munde mit verstellter Stimme".
Auch diesmal wurde das Ergebnis der Aufnahmen vor Guzik ge-
heimgehalten, und nach Entfernung der Apparate konnten ihm in
weiteren Sitzungen weitere betrügerische Tricks nachgewiesen werden.
„Wir stellten u. a. fest, daß Guzik, wenn ihm die Hände festgehalten
werden, die Berührungen mit dem Fuß ausführt, daß er Apporte vor-
täuscht, daß er mit dem Kopf (und mit dem Mund) manipuliert, kurz,
daß er ein ziemlich geschickter Taschenspieler ist, der jede Gelegenheit
zu benützen versteht".
Am Schluß der Sitzungsserie wurden dann dem Medium die Auf-
nahmen gezeigt und ihm in freundschaftlicher Weise erklärt, was die
Krakauer Gesellschaft von ihm halte. Nach anfänglichem Leugnen be-
quemte er sich schließlich zu dem Geständnis: „Nun ja, eh habe mir ge-
holfen! Alle tun es ...".
„Unsere Erfahrungen mit Guzik führen zum Schluß, daß er schon
seit längerer Zeit schwindelte und einen großen Teil seiner scheinbar
medialen Erscheinungen auf betrügerische Weise produzierte" (S. 319).
Einen großen Teil? in der Tat ist Sz cz epanski der Ansieht, daß
Guzik dennoch Euch echte Leistungen zu vollbringen imstande sei; er
sei wahrscheinlich nur stark erschöpft. Wir begegnen also hier wieder
der üblichen Logik der Okkultisten, die ein Phänomen so lange für echt
halten, als es nicht als betrügerisch nachgewiesen ist.

Für jeden wissenschaftlichen Denkens Fähigen bedeutet nun das


Verhalten der Krakauer Metapsychiker im Falle G- uzik eine Selbst-
verständlichkeit, die eigentlich einer besonderen Erwähnung nicht wert
ist. Leider verhalten sich jedoch die Metapsychiker im allgemeinen
anders. Wie die Erfahrung immer wieder lehrt, ist es in diesen Kreisen
üblich, alle Versuchsbedingungen im Einvernehmen mit den Medien zu
treffen und niemals etwas ohne Vorwissen derselben zu unternehmen. Die
OkTtiltTsten haben sich daran gewöhnt, sich die Bedingungen von ihren
Medien diktieren zu lassen und halten die Bedingungen der Medien für
solche der Phänomene. Deshalb kommen sie bei ihren Forschungen auch
nicht weiter. So wurden z. B. die Blitzlichtaufnahmen im Goligherkreise
stets nur in einem Augenblick gemacht, den das Medium bzw. die „Opera-
toren" bestimmten. Meist nahm sich K at hle en Goligher sogar
je 5 Minuten Zeit vor und nach der Aufnahme, um in völliger Dunkelheit
die nötigen Arrangements zu treffen und sie nachher wieder zu ent-
fernen. Das ist Prof. Cr a wf ord jahrelang nicht als verdächtig auf-
gefallen! Bei Eva C. war es nicht viel anders. Sie saß im Schutze des
Kabinetts 'm1—lmtte Voile Freiheit, für den Augenblick der Exposition
-

herzurichten was ihr 15elieNte. Nur einmal, als in der Sitzung vom
Glossen zur Entlarvung Guziks in Krakau. 129

9. August 1912 v. Gulat-Wellenburg im richtig abgepaßten


Moment das Kommando zum Entzünden des Blitzlichtes gab, hat sie das
Pech gehabt, daß die Aufnahme neben dem „Phantomkopf" ihre
führende Hand zeigte 1 ). Auch bei der bekannten Miveiraffäre-istihr ein
Versehen_unterlaufen, und es bedeutet schon eine wahrlich sehr weit-
gelrnn1e7 Gutgläubigkeit seitens der Okkultisten, wenn sie diese so offen-
kundige Entlarvung durch den photographischen Apparat nicht als
solche anerkennen wollen (a. a. 0., S. 350). Auch Guzik sollte in
Krakau zunächst selbst den Augenblick der Aufnahme bestimmen, aber
es wurde ihm zum Verhängnis, daß er sich nicht des Schutzes eines
Kabinettes erfreuen konnte. Er hat sich wohl vorher nicht klar gemacht,
welche Gefahr für ihn unter diesen Umständen der photographische
Apparat bedeutete. Offenbar rechnete er auch nicht mit der eigen-
mächtigen Handlungsweise seiner Untersucher. Die Medien Willy und
Rudi Schneider dürften recht gut wissen, warum sie Blitzlichtauf-
nahmen in ihren Sitzungen strikt verbieten. Vom Standpunkt der Be-
trugshypothese aus betrachtet — bzw. vom Standpunkt der Prävalenz
der natürlichen Erklärungsmöglichkeiten — erscheint ein solches Verbot
durchaus einleuchtend. Denn wenn die unentwegten Okkultisten vor dem
geradezu entlarvenden Aspekt der photographierten „Teleplasmagebilde"
einer Eva C. bisher noch die Augen verschließen konnten, so würde eine
Blitzlichtaufnahme der telekinetischen Phänomene der Brüder
Schneider gegebenenfalls die Betrugstechnik selbst auf-
decken, wie das auch bei Guzik der Fall war. Als Willy Schneider
noch Teleplasma produzierte, vor seiner Entlarvung in Braunau am
7. April 1920 (a. a. 0., S. 414 ff.), konnte er noch Aufnahmen gestatten,
denn er wußte ja aus S chr en ck s Buch „Materialisationsphänomene",
wie viel sich die Metapsychiker bieten lassen ohne stutzig zu werden.
Es ist eigentümlich zu beobachten, daß die Metapsychiker eine Ent-
larvung ihrer Medien ebenso sehr scheuen wie diese selbst. Als gelegent-
lich der Münchener Sitzungen mit Eva C. im August 1912 die Betrugs-
indizien durch Entdeckung mehrerer Gruppen von Nadeleinstichlöchern
im Kabinettvorhang an der Stelle, wo Phantomköpfe erschienen waren,
so stark geworden waren, daß es Dr. v. G ula t gelang, dem Sitzungs-
leiter Dr. v. S chr en ck-Not zing das Einverständnis zu einem Zu-
griff in der folgenden Sitzung abzuringen (a. a. 0., S. 396 ff.), da sabo-
tierte Sehr enck die geplante Entlarvung, die sogleich Klarheit ge-
bracht hätte, indem er den Plan der Beschützerin des Mediums, Mad.
Bis son, verriet. Dr. v. Gulat wurde daraufhin zu keiner Sitzung
mehr zugezogen. Auch im Falle Willy Schneider hielt es Dr. v.
-Sehr enck für richtig, die vom Verfasser dieses in seinem ersten
Sitzungsbericht dargelegten Verdachtsmomente seinem Medium mitzu-
teilen und sogar im Verlaufe der nächsten Sitzung eine kleine Komödie
aufzuführen, die den Zweck haben sollte, diese Verdachtsmomente als

a. a. 0., S. 379/80.
Zeitschrift für Okkultismus I. 9
130 Graf C. v. Klinckowstroem.

haltlos darzutun (a. a. 0., S. 428). Das gleiche naive Vertrauen zum
Medium bekundete nach der Darstellung von Prof. Dr. Busch
(„Psychische Studien" Juni 1925, S. 335), der Gymnasialprofessor
Chr. Schröder bei Frau Vollhart. Es handelte sich um vertrauliche
Äußerungen Buschs über gewisse Verdachtsmomente, die er bei
Frau V. beobachtet hatte. „Obwohl ich in keiner Weise gebunden war",
schreibt Busch, „hatte ich nur einigen Herren vorwiegend okkulter
Richtung und nur unter dem Siegel der Verschwiegenheit Mitteilung ge-
macht, denn es war für jeden wissenschaftlich Denkenden klar, daß be-
hufs ungestörter Weiterprüfung unter keinen Umständen das Medium
etwas davon erfahren durfte. Ein Standpunkt, den selbstverständlich
auch diese Herren teilten. Was aber tat Herr Schröder? Man sollte es
nicht für möglich halten, bei jemand, der doch auch wissenschaftliche
Vorbildung hat.Er teilte es schleunigst dem Medium mit. Er
machte somit bewußt und absichtlich eine Nachprüfung unmög-
lich, trieb also die eindeutigste Verschleierungspolitik." Es kann jeden-
falls nicht wundernehmen, daß die Medien mit solchen „Forschern" und
„Sachverständigen" ein leichtes Spiel haben, und diese dürfen sich ihrer-
seits nicht wundern, wenn sie von der Wissenschaft nicht ernst ge-
nommen werden. Als solche fühlen sich aber die Metapsychiker, wenn sie
eine Zeitlang mit einem oder mehreren Medien in dieser Weise gearbeitet
haben, und dünken sich erhaben über die Kritik Unerfahrener. Hätten die
Krakauer Herren nach dem üblichen Prinzip, das Medium vor Über-
raschungen zu sichern und nichts ohne sein Wissen vorzunehmen, ge-
handelt, so würde sicherlich seitens der Okkultisten auch weiterhin an
die Allgemeinheit das Ansinnen gestellt werden, an die Echtheit der
Guzik sehen Phänomene, wie sie Geley, Neumann und andere be-
schrieben haben, zu glauben. Es sei in diesem Zusammenbange auch an
Eusapia Paladino erinnert, deren jetzt durchsichtige Betrugstechnik
durch MetapsyeIker wie Lodge, Lombroso oder Riehet niemals enthüllt
worden wäre. Glücklicherweise geriet sie im Laufe ihrer jahrzehntelangen
Praxis auch in die Hände besserer Beobachter und wirklich sachkundiger
Forscher, die ihr überlegen waren und ihre Bedingungen zu umgehen
wußten, ohne daß sie es merkte: Hodgson, Krebs, Davis usw.
(a. a. 0.. S. 230 ff.). Ehe nicht die mediumistische Forschung in die
Hände dafür wirklich qualifizierter und mit der Materie vertrauter Fach-
gelehrter gelangt, die mit der psychologisch richtigen Behandlung der
Medien eine wissenschaftlich zuverlässige Untersuchungsmethode zu ver-
binden wissen, wird eine Förderung dieser umstrittenen Fragen sowie ein
Fortschritt im Sinne einer allgemeingültigen Sicherstellung der Ver-
suchsergebnisse und einer Erkenntnis der Kausalzusammenhänge nicht
zu erwarten sein.
Es erübrigt noch, der Betrugstechnik Guziks einige Worte zu
widmen. Man sollte es kaum glauben, daß Guzik mit einem so alten
Trick wie dem der Handvertauschung, mit dem sieh jeder Durchschnitts-
Metapsychiker vertraut glaubt, noch Erfolg haben konnte. Daß dies aber
171. Tischner. Zur Methodologie des Okkultismus. 131

der Fall war, ist besonders lehrreich. Die links neben Guzik sitzende
Kontrollperson, der Maler W., wird von Szczepanski als erfahrener
Metapsychiker bezeichnet, der in 40 Sitzungen neben Guzik saß. Und
niemals hat er etwas von der Handsubstitution gemerkt! Wer wird den
auf ihre Erfahrung pochenden Okkultisten noch glauben wollen, wenn
sie behaupten, auf solche Tricks könnten sie nicht hereinfallen? Die Er-
fahrung lehrt immer wieder das Gegenteil. Die Okkultisten unter-
schätzen offenbar im allgemeinen die Schwierigkeiten der Beobachtung
sowie der Überwachung eines gewandten Mediums unter den in
mediumistischen Sitzungen üblichen Verhältnissen. Im 6. Kapitel des
oben zitierten Werkes ist ausführlich dargelegt, wie beispielsweise
Eusapia, die Meisterin in der Handvertauschung, ihre Untersucher,
darunter auch tasc,henspielerisch ausgebildete und erfahrene Meta-
psychiker, immer wieder zu täuschen wußte. Das liegt durchaus nicht
etwa immer an der Unfähigkeit der Beobachter. Dem menschlichen
Beobachtungs - und Erkenntnisvermögen sind Grenzen gesetzt, die in
der begrenzten Leistungsfähigkeit der Sinne begründet liegen.
„S ehre n ck s Vertrauen in die Leichtigkeit der Sinneserkenntnis ist
viel zu groß", sagt Rosenbusch (a. a. 0., S. 274) einmal im Zusammhang
mit Schrencks Versuchen mit Stanislawa Tomczyk. „In seinem
ganzen Buch findet sich auch bei den schwierigsten Feststellungen unter
ungünstigsten Verhältnissen kein Wort des Zweifels an der Überein-
stimmung seiner Angaben mit dem wirklichen Vorgang selbst. Daß nur
die Unfähigkeit nicht imstande sein soll, dieses schwierige Gebiet wie
einen ‚außerordentlich einfachen Trick zu durchschauen', widerspricht
aller Erfahrung."

Zur Methodologie des Okkultismus.


Von Dr. med. Rudolf Tischner, München.
(Schluß) 1 ).

Nun ist allerdings in der Metapsychik insofern die Sachlage etwas


anders als in den historischen Wissenschaften sonst, als in ihr der Betrug
eine große Rolle spielt. Zwar kommen Fälschungen von Urkunden, Denk-
') Im ersten Teile meiner Arbeit, in Heft 1 dieser Zeitschrift, ging ich von der
bekannten Unterscheidung der :naturwissenschaftlichen und der geisteswissenschaftlichen
Methodik aus. Die erstere, übrigens nicht nur auf die Naturwissenschaften beschränkte
Einstellung hat es auf Gesetze und Verallgemeinerungen abgesehen, der einzelne Fall
interessiert sie meist gar nicht als solcher, 'lin so weniger, da in den experimentellen
Naturwissenschaften ein Versuch, von dem berichtet wird, einfach von einem andern
Forscher nachgeprüft werden kann. Das ist nun in den Geschichtswissenschaften, die
es mit einmaligen, nicht wiederholbaren Ereignissen zu tun haben, nicht der Fall, hier
muß das Ziel der Forschung genaue Einzelanalyse sein. Aus mehreren Gründen, be-
sonders wegen Seltenheit der Medien, ist nun auch in der Metapsychik vielfach die
historische Einstellung vonnöten. Ich fordere infolgedessen genaue Einzelanalyse und
und zeige, daß bisher diese Forderung meist nicht erfüllt worden ist. R. Tischne r.
132 R. Tischner.

würdigkeiten und sonstigen Berichten, also Betrug, auch in der Geschichte


vor. Das gilt sowohl von der Weltgeschichte als auch von der Kirchen-
geschichte, und auch die Literaturgeschichte weiß bekanntlich von Fäl-
schungen zu berichten. Aber man hat deshalb noch nicht alle Urkunden
als gefälscht betrachtet, weil Betrug nicht selten ist. Über die Häufigkeit
des Betrugs in der Metapsychik ist man noch geteilter Meinung, und ich
will es ganz dahingestellt sein lassen, wie häufig er nun wirklich ist,
jedenfalls ist er häufiger als die Fälschung von Urkunden. Das ist aller-
dings nur ein quantitativer Unterschied, der aber auf einem auch sonst
so heiklen Gebiete mit Recht ins Gewicht fällt.
Ich kann nun hier nicht die Frage des Betrugs der Medien in ihrer
ganzen Breite aufrollen (vgl. meine Arbeit : „Der Betrug der Medien",
Umschau 1924, Nr. 30, Wiederabdruck in den Psychischen Studien, 1924,
Heft 11). Ich will hier nur auf einen dort nicht besprochenen Punkt ein-
gehen, zumal er auch auf die Methodik der Versuche gewissen Einfluß hat.
Studienrat Rudolf L am b er t hat in seiner kürzlich erschienenen
Schrift „Die okkulten Tatsachen und die neuesten Medienentlarvungen"
(Stuttgart, 1925) zum Vergleich mit Recht auf den Betrug der Schüler
aufmerksam gemacht; es gäbe wohl keinen Schüler, der nicht gelegent-
lich einmal zu unerlaubten Hilfsmitteln gegriffen habe, daraus schließe
man aber nicht, daß der Schüler im in er betrogen habe. Was würde man
zu einem Lehrer sagen, der einen guten älteren Schüler bei einem Täuschungs-
versuch ertappte und nun erklärte, der Schüler habe stets betrogen und
die früheren Lehrer seien alle blöd genug gewesen, das immer zu über-
sehen und einem Ignoranten gute Zeugnisse zu geben. Das wäre gewiß
eine sehr voreilige Verallgemeinerung. Ich möchte nun diesen Vergleich
mit dem Schüler weiter führen und fragen : Sind das nur zwei analoge
Fälle des Betrügens oder liegt ihnen etwas Gemeinsames zugrunde, und
finden wir vielleicht auch sonst noch Analogien oder vielmehr wesens-
ähnliche Fälle in der Welt der normalen Erwachsenen? Ich möchte da
auf die kleinen Betrügereien aufmerksam machen, die bei der Zollkon-
trolle von den Reisenden vielfach verübt werden.
Oft spielt dabei gewiß nicht so sehr das Streben, einen kleinen
Vermögensvorteil zu haben, eine Rolle als das Vergnügen, einer Kontrolle,
der man sich unterwerfen muß, ein Schnippchen zu schlagen. Es gibt
da Menschen, die mit hoher technischer Vollendung und Mühe alle mög-
lichen Sachen durchschmuggeln und sich nachher über den Schwindel
königlich freuen, ohne sich Rechenschaft abzulegen, was sie denn wirk-
lich dabei an Geld gespart haben, dieser Gesichtspunkt steht vielfach
durchaus im Hintergrund. Es bestätigt diese Tatsache nicht nur den alten
Spruch „Nitimur in vetitum, semper cupimusque negata", sondern die
Sache hat noch ihre besondere Färbung. Gegen diese unausweichliche
Kontrolle wehrt sich das Freiheitsbewußtsein des Menschen und reagiert
auf diese Weise mit Betrug. Ganz ähnlich liegt es auch bei dem Schüler-
betrug, wobei ich nicht verkenne, daß andere, sehr reale Gründe auch
eine Rolle spielen; aber auch bei den Schülern wiegt häufig das Bewußt-
Zur Methodologie des Okkultismus. 133

sein, den Lehrer hinter das Licht geführt zu haben, das andere, sich aus
einer unangenehmen Lage befreit zu haben, durchaus auf. Mir scheint
nun, auch bei den Medien spricht dieser Punkt mit, ohne daß ich auch
hier die andern schon häufig erörterten Gründe übersehen will, und ge-
rade je mißtrauischer, ich sage nicht „j e besser" — die Kon-
trolle ist, desto eher werden manche Medien der Versuchung unterliegen,
der Kontrolle ein Schnippchen schlagen zu wollen. Der Skeptiker pflegt
nun meist sein Mißtrauen unverhohlen zu zeigen und fordert dadurch
gerade diese Reaktion des Mediums heraus, es ist das also neben man-
chem Anderen eine Ursache, warum der Skeptiker so oft schlechte Er-
gebnisse hat, ja direkt betrügerische Ergebnisse erzielt. Wenn ich diesen
psychologischen Grund hier betone, so verkenne ich natürlich nicht, daß
es daneben noch viele andere gibt, und übersehe besonders nicht, daß
vielfach auch die lässige Kontrolle der Gutgläubigen Betrug hervorruft,
der von diesen nur vielfach nicht als solcher erkannt wird. Für die
Methodik folgt daraus, daß man gut tut, die Kontrolle nicht in unver-
kennbar mißtrauischer Einstellung gegen das Medium durchzuführen,
sondern zu versuchen, dem Medium begreiflich zu machen, daß diese
Kontrolle aus methodischen Gründen so sein muß, zumal um auch dem
Außenstehenden das Gefühl der Sicherheit diesen Versuchen gegenüber
zu geben. Diese vertrauensvolle Darlegung wird vielfach besser wirken
— ohne jedoch gegen bewußten oder unbewußten Betrug zu sichern
als das dem Medium unverhohlen entgegengebrachte Mißtrauen.
Aus diesen methodologischen Erwägungen heraus muß man verlangen,
daß die Metapsyehik deDselben Weg geht, den man in andern Wissen-
schaften mit stark historischem Einschlag schon längst beschritten hat:
den der genauen Einzelanalyse des individuellen Falles, wobei es sich
darum handelt, jedes einzelne Medium einzeln zu behandeln, anstatt
zu sagen, alle Medien betrügen und sind deshalb der BeaCitung der
Wissenschaft gar nicht wert. Und auch beim einzelnen Medium handelt
es sich nicht darum, die einzelnen Sitzungen zu kritisieren, man muß
vielmehr verlangen, daß jedes einzelne Phänomen auf seine Bedingungen,
unter denen es sich ereignete, untersucht wird. Da das vielfach zu weit
führen würde, muß man jedenfalls fordern, daß gerade die besten Ver-
suche auf ihte Stichhaltigkeit untersucht werden. Und auch in der Be-
wertung muß man Unterscheidungen treffen, indem von „streng bewiesen"
bis zu „betrügerisch hervorgebracht" oder „auf Sinnestäuschungen oder
falscher Deutung beruhend" ein weiter Weg ist, der viele Stationen hat,
wie „sehr wahrscheinlich echt", „zweifelhaft", „unerwiesen" u. dgl.
Wer diese Forderung nicht erfüll,t sondern sich darauf beschränkt
an Hand von schwachen Seiten der Versuche ein einseitiges Bild zu ent-
werfen, kann nicht als Forscher gewertet werden, er stellt sich damit
auf den Standpunkt des Anwalts und des Tendenzhistorikers, deren Stel-
lung in der Wahrheitsforschung wir oben kennen gelernt haben.
Wenn ich hier die methodologische Forderung erhebe, daß der For-
scher sich als Richter und nicht als Advokat fühlen und dementsprechend
134 R. Tischner.

handeln sollte, so schließt das natürlich nicht aus, daß man im gegebenen
Falle als Antwort auf eine gegnerische Arbeit nur die der Ansicht des
Gegners widerstreitenden Punkte erwähnt oder diese wenigstens in den
Vordergrund rückt, aber im allgemeinen muß man fordern, daß beide
Seiten berücksichtigt werden, zumal in Darstellungen, die ein Gesamtbild
eines Gegenstandes geben wollen.
Ein paar Worte seien nun noch den para psychischen Phänomenen,
soweit sie nicht oben schon besprochen wurden, und den spontanen Er-
eignissen gewidmet.
Diese Experimente finden unter weniger verwickelten Bedingungen
statt als die paraphysischen, insbesondere ist es leichter möglich — und
es sollte auch immer geschehen — ein genaues Protokoll zu führen,
so daß die historischen Quellen auch für eine spätere Kritik durchsichtiger
und zuverlässiger sind als bei den paraphysischen Dunkelsitzungen. Ins-
besondere können „Hellsehversuche" d. h. Versuche, bei denen kein An-
wesender oder überhaupt niemand um den in Frage stehenden Gegen-
stand weiß, so klar angelegt werden, daß auch der Außenstehende sich
ein genaues Bild von den Versuchen machen und auf Grund des Berichtes zu
einem Erteil kommen kann, falls man nicht den Forscher on vornherein
für einen Betrüger halten will. Zumal wenn die Teilnehmer mehrfach
wechseln, darf man auch den Einwand ausschließen, daß eine Konspira-
tion eines Mitarbeiters mit dein Medium stattgefunden hat. Da ich hier
im wesentlichen über die Methodologie und nicht die Methodik handle,
kann ich auf Einzelheiten in bezug auf Anstellung der Versuche nicht
eingehen. Immer handelt es sich darum, möglichst einwandfreies histori-
sches Quellenmaterial zu liefern.
Was nun die spontanen Ereignisse wie z. B. die Anmeldung Ster-
bender usw. angeht, so haben wir es mit rein historischem Material zu
tun ; gerade bei ihm spielt die genaue Anwendung der historischen Me-
thode eine große Rolle. Immer gilt es, die Glaubwürdigkeit der Bericht-
erstatter und die Genauigkeit des Berichtes zu untersuchen. Hier spielen
auch die Fehler der Berichterstatter und der Zeugenaussagen eine wesent-
lich größere Rolle als bei den Versuchen, denn es handelt sich dabei
fast immer um spontane Ereignisse, die vielfach erst später aufgezeichnet
und berichtet werden. Besonderer Wert ist auf den Bericht von zwei
voneinander unabhängigen Zeugen zu legen, da gerade auf diesem
Gebiete wegen des vielfach vorhandenen affektiven Momentes Erinnerungs-
fälschungen, Auto- und Fremdsuggestionen eine große Rolle spielen.
Wir sahen oben, daß im Widerspruch mit der historischen Methodik
die Forscher meist als ganz leichtsinnige Beobachter und kritiklose
Untersucher hingestellt zu werden pflegen. Im Gegensatz dazu macht
man aus ihren Gegenspielern, den Medien, Halbgötter an Klugheit,
Menschenkenntnis und Geschicklichkeit. Durch diese unterschiedliche Be-
handlung tritt nun eine völlige Verzeichnung der tatsächlich bestehenden
Verhältnisse ein. Die Gewichte sind so verschieden verteilt, daß es in
der Tat dann nicht schwer fällt, alle Untersuchungen zu entwerten. Ge-
Zur Methodologie des Okkultismus. 135

wiß soll man den Gegner nicht unterschätzen, aber auch hier gilt es zu
untersuchen, ob denn wirklich diese Voraussetzung, daß das Medium ein
Taschenspieler von hohem Range ist, mit den Tatsachen durchweg über-
einstimmt. Da macht man darauf aufmerksam, daß, je strenger die Kon-
trolle ist, desto weniger ergiebig die Phänomene zu sein pflegen. Dieser
Einwand ist erstens noch nicht einmal richtig, und dann wäre zu unter-
suchen, ob die veränderte Versuchsbedingung nicht auch nach der Rich-
tung wirken könne, daß eben die übernormalen Fähigkeiten auf irgend
eine Weise behindert werden; auch hier vermißt man die genauere Ana-
lyse. Ich sagte eben, daß die Behauptung von der geringeren Ergiebig-
keit der strengeren Sitzungen an Phänomenen nicht einmal ganz richtig
sei; so betonen die skeptischen Untersucher von Eusapia Paladino B a g -
g all y, Feilding und Carrington ausdrücklich, daß gerade die Sitz-
ungen mit besser er Beleuchtung mehr Phänomene gebracht hätten
als die andern, in denen es dunkler war. Und bei den Gebrüdern
Schneider sind auch unter strengen Bedingungen reichlich Phänomene
aufgetreten. Außerdem ist es doch klar, daß es nicht angeht zu fordern,
daß die Phänomene nicht durch Änderung der Bedingungen beeinflußt
werden ; hier fordert der Skeptiker gerade das Wunder des bedingungs-
losen unveränderlichen Auftretens der Erscheinungen. Dabei werden diese
Einflüsse z. T. psychischer Natur sein, z. T. physischer.
Weiter sei noch kurz an das oben Gesagte erinnert, daß die Medien
vielfach ein Phänomen anzeigen oder dasselbe Phänomen mehrfach hinter-
einander wiederholen, was ganz den taschenspielerischen Grundsätzen
widerspricht. Ein Taschenspieler, der unter den Bedingungen der meta-
psychischen Sitzungen Positives leistet (Durchsuchung, Festhalten an
Händen und Füßen, Leuchtbänder, ohne Helfeshelfer in fremden Räumen)
muß erst gefunden werden. Auf die Henning sehen Mitteilungen gehe
ich hier nicht ein, da sie so unklar sind, daß sie wohl für den Gegner
der Metapsychik ein gefundenes Fressen, aber sonst in historischer Hin-
sieht völlig ungenügend sind, was Berichterstattung usw. angeht, so daß
eine kritische Auseinandersetzung unmöglich ist.
Endlich sollen hier noch einige Worte über diejenigen Forscher
gesagt sein, die dem Okkultismus bej ah en d gegenüberstehen. Ich sagte
oben, daß im Prinz ip mir deren Stellungnahme richtiger zu sein scheine ;
das schließt natürlich nicht aus, daß im Einzelnen auch hier vielfach
Fehler gemacht werden. Wer von den Erscheinungen überzeugt ist, wird
naturgemäß dazu neigen, wenn er einem neuen Medium gegenübertritt
oder neue Untersuchungen kennen lernt, die Echtheit in stärkerem Maße
in das Bereich der Möglichkeit zu ziehen als der Skeptiker, der noch
nicht überzeugt ist. Da liegen gewisse Gefahren, wenn man voreilig, weil
man von andern Phänomenen überzeugt worden ist, auch jetzt von vorn-
herein zugunsten der Phänomene gestimmt ist. Besonders was die histo-
rische Kritik anlangt, werden hier vielfach Fehler gemacht, indem die
negativen Momente nicht so stark gewogen werden als die positiven und
man die Betrugsmöglichkeiten, die Erinnerungsfehler und sonstigen Irr-
136 R. Tischner.

tümer in der Berichterstattung und in der Deutung nicht genügend wür-


digt. Dasselbe gilt von den spontanen Ereignissen, auch hier finden wir
nicht selten eine nicht genügende Beachtung der hier besonders in Be-
tracht kommenden Punkte, wie Erinnerungsfälschung u. dgl. Auch der
Anhänger sollte allem, was ihm an Okkultem begegnet, mit der Naivität
des Neulings, der sich alle Möglichkeiten offenhält, gegenübertreten.
Fehler finden wir also auf beiden Seiten, da völlige Objektivität
uns Menschen nicht gegeben ist. Infolge der verschiedenen taktischen
Lage der beiden Parteien findet aber leicht eine optische Täuschung
statt, indem man die negativ Eingestellten, weil sie viel kritisieren, für
wahrhaft kritisch hält. KQWEIV heißt „unterscheiden", es wird aber, wie
wir sahen, vielfach nicht analysiert und geschieden, sondern alles in den
großen Topf des Betrugs und Selbstbetrugs geworfen. Im Grunde ist
das ebenso unkritisch wie das unbesehene Annehmen ; meist bleibt jedoch
diese Art der Kritiklosigkeit unter der Oberfläche, da sie äußerlich im
Gewande der Kritik auftritt. Mitunter aber tritt sie doch zutage, wenn
sie sich ohne Quellenkritik auf historische Berichte stützt, weil sie ihr
genehm sind, wie ich das kürzlich z. B. an einem Beispiel nachweisen
konnte (s. Psych. Stud. 1925, S. 349).
• Dieser Gesichtspunkt eines starken historischen Elements in der
Metapsychik wirkt aber auch noch nach anderer Richtung klärend. Von
einem historischen Ereignis verlangt niemand, daß er es, um von der
Existenz überzeugt zu sein, selbst erlebt haben muß. Auch ohne daß man
selbst dabei gewesen ist, ist man überzeugt, daß die Schlacht bei Leuthen
wirklich stattfand und daß Wallensteins Ermordung keine Sage ist, wenn
auch im einzelnen mehr oder weniger große Widersprüche in den ein-
zelnen Berichten bestehen und auch die Darstellungen der Forscher nicht
völlige Klärung bringen. Da nun die Metapsychik aus Mangel an Medien
vielfach nach historischer Methode arbeiten muß, so kann nicht nur der
Anspruch, erst davon überzeugt zu sein, wenn man es selbst gesehen
hat, tatsächlich meist nicht erfüllt werden, sondern dieser Anspruch ist
auch theoretisch aus methodologischen Gründen unberechtigt. Nur
wer der menschlichen Autorität überhaupt die Gefolgschaft verweigert,
wird darauf beharren wollen, alles selbst sehen zu müssen; er sei dann
aber folgerichtig und kündige auch allen historischen Wissenselementen
das Vertrauen !
Man hat neuerdings wieder die Forderung gestellt (5 omme r, Deutsche
med. Wochenschr. 1921, Nr. 23), daß man zur Überzeugung von der Echt-
heit der Phänomene nur gelangen könne, wenn das Medium mechanisch
gefesselt sei und alle seine Bewegungen automatisch registriert würden.
Ich will durchaus nicht verkennen, daß das ein in mancher Hinsicht
recht erwünschtes Ziel wäre, aber die entscheidende Bedeutung, die man
dieser Methodik beilegt, kann ich ihr doch nicht zuerkennen. Bekanntlich
war schon in früheren Jahrzehnten die mechanische Fesselung üblich, bis man
erkannte, daß sie durchaus nicht so zuverlässig sei, wie man glaubte
annehmen zu dürfen. Wenn man sie jetzt wieder einführen will, so be-
Zur Methodologie des Okkultismus. 137

deutet das also gar keinen prinzipiellen Fortschritt. Falls bei der S omm er-
schen Fesselung Phänomene, also sagen wir einmal Bewegungen eines
Gegenstandes auftreten, so fragt es sich, waren diese Phänomene echt
oder sind auch sie betrügerisch hervorgebracht. Von den verschiedenen
Möglichkeiten erwähne ich zwei, um zu zeigen, daß auch bei dieser
Methodik nicht das absolut sichere Ergebnis wie aus einem Automaten
herausspringt, auch hier muß erst die Erörterung Klarheit schaffen. Wenn
bei einer Sitzung mit S omm er scher Fesselung die Bewegung eines Gegen-
standes eintritt und außerdem die gleichzeitige Bewegung einer Hand auf-
gezeichnet wird, so beweist das nicht, daß Betrug vorliegt, es könnte
sich auch um eine konkomitierende Bewegung handeln, wie man sie öfter
bei Medien wahrgenommen hat. Falls aber eine Bewegung des Gegen-
standes eintritt und keine gleichzeitige Bewegung eines Gliedes auf-
gezeichnet worden ist, dann braucht das Phänomen trotzdem nicht echt
zu sein, indem es dem Medium gelungen sein könnte, sich vorher — etwa
während eines fingierten klonischen Krampfes — zu befreien, und mit der
befreiten Gliedmaße die Bewegung betrügerisch hervorzubringen. Unter
der ja gerade von den Gegnern so oft betonten Voraussetzung, daß keine
mechanische Fesselung vor Betrug schützt, beweist also eine Bewegung,
ohne daß sich gleichzeitig eine Kurve aufgezeichnet findet, nichts für die
Echtheit des Phänomens.
Noch ein anderer Punkt bedarf der Erörterung. Bei dieser historischen
Bewertung eines historischen Eieignisses ist es natürlich besonders wichtig,
daß die Zeugen, die darüber berichten, auch dazu geeignet sind, so daß
ihrem Zeugnis auch Gewicht zukommt. Es ist also zu fordern, daß ihr
Zeugnis hochwertig ist. Demnach ist es erwünscht, daß die Untersucher
und Zeugen nicht nur die jeweils in Frage kommenden naturwissenschaft-
lichen Punkte kennen, wie z. B. bei Untersuchung auf den Ferromagnetis-
mus eines Mediums die Lehre von der Elektrizität und dem 1V1agnetismus,
sondern auch psychologisch geschult sind. Sie müssen sowohl das Medium
als sehr heiklen Untersuchungsapparat, der zum Unterschiede zu andern
Apparaten auch eine Seele mit all ihren Tücken (Betrug!) hat, kennen
und berücksichtigen, als auch die Probleme der Beobachtungspsychologie
und Zeugenaussage mit ihren zahlreichen Fehlerquellen kennen. Nur auf
diese Weise wird man ein Material bekommen, das den Forderungen
-

entspricht, die der Historiker an ein gutes Material zu stellen berechtigt


ist. Vielfach wird die Auswahl der Zeugen nicht genügend unter diesem Ge-
sichtspunkt vorgenommen, und dadurch die Untersuchung unnötig entwertet.
Es genügt für den Zweck nicht, Doktor irgend einer Fakultät oder gar
Professor zu sein, in Rücksicht auf die Metapsychik sind sie alle Dilet-
tanten und Laien. Man muß von einen maßgebenden Urteil fordern, daß
derjenige, der es abgibt, die Materie mit all ihren Schwierigkeiten nicht
nur oberflächlich kennt, sondern auch selbst durchdacht hat und darin
lebt, andernfalls wiegt es nicht viel.
Zu Beginn zitierte ich eine Äußerung von Professor Z immer, der
von sich selbst betont, daß er von den Berichten, die er gelesen habe,
138 R. Tischner.

nicht überzeugt worden sei, die Überzeugung von der Wirklichkeit der
metapsychischen Phänomene habe ihm erst das persönliche Erleben ge-
bracht. So sehr man einen derartigen Standpunkt psychologisch verständ-
lich finden wird, so wird man doch diesen Ausspruch nicht zu einem
methodologischen Prinzip erheben dürfen. Wenn es überhaupt möglich
ist, Geschehenes auf Grund von Zeugenaussagen sicherzustellen, dann ist
es auch im Bereich der metapsychischen Untersuchung möglich, und
wenn man behauptet, es sei hier nicht möglich, dann fallen, wie schon
oben erwähnt, auch zahlreiche auf Zeugenaussagen beruhende Urteile
und Feststellungen, sei es nun in Wissenschaft oder Leben, in sich
.

zusammen. Es muß aber betont werden, daß die positiv eingestellten


Forscher sich ja nicht nur auf sinnliche Wahrnehmungen während der
Sitzungen berufen, vielfach sind auch nachher noch wahrnehmbare und
feststellbare Veränderungen vorhanden, indem etwa ein Gegenstand, der
sich nach der Aussage von Zeugen nach einer Stelle hin bewegt hat,
nach der Sitzung bei bester Beleuchtung und unter Verhältnissen, wo
man Halluzinationen ausschließen kann, an diesem Ort gefunden wird.
Im Anfang warf ich die Frage auf, welche Ansprüche an Unter-
suchungen zu stellen sind, die man als beweisend anerkennen muß, wo
der Zweifel berechtigt sei, und wo die Zweifelsucht über das Ziel hinaus-
schösse. Eine allgemeine Vorschrift ist da nicht zu geben, und es ist hier
auch nicht der Ort. im einzelnen aufzuzählen, welche Untersuchungen
man wohl als beweisend anerkennen muß. Ich habe versucht, in meiner
„Geschichte der okkultistischen Forschung" an Hand des mir zugäng-
lichen Materials diese Fragen zu beantworten. Da man keine scharfen
Kriterien hat und auch von vornherein keine aufstellen kann, denn es
kann auf tausend kleine Nebenumstände ankommen, so wird wohl mancher
zu einem andern Ergebnis kommen. Immerhin scheint mir meine Be-
urteilung im großen Ganzen wohl der Wahrheit näher zu kommen, als
die der negierenden Skeptiker, da, wie ich in dieser Arbeit gezeigt zu
haben glaube, deren Vorgehen nicht den notwendigen methodologischen
Forderungen entspricht, indem sie die historischen Berichte vielfach mit
einer übertriebenen Zweifelsucht beurteilen.
Mancher wird nun vielleicht fragen, was denn mit solchen rein
theoretischen und methodologischen Erörterungen gewonnen sei, damit locke
man keinen Hund hinter dem Ofen hervor, geschweige daß man die er-
bitterte Diskussion zwischen Anhängern und Gegnern dadurch irgendwie
beeinflussen und in andere Bahnen lenken könne. Ich meine aber doch,
daß auch solch rein theoretische Erörterungen ihren Wert haben. Es
ist immer gut, über die theoretischen Grundlagen einer Wissenschaft
ins klare zu kommen, und außerdem glaube ich doch, daß es keine ganz
graue Theorie zu bleiben braucht; diese Überlegungen sind vielmehr im-
stande, die Brüchigkeit mancher Beweisführung zu zeigen, die ganz
logisch aussehen mag, aber eben durch den Mangel einer historischen
Einstellung und dadurch fehlende Individualisierung in der Kritik das
Ziel gar nicht trifft. Jeder objektiv Denkende sollte demnach einsehen,
Verschiedenes. 139

daß diese meist übliche Kritik wertlos ist und wir erst dann zu einer
fruchtbringenden Erörterung gelangen, wenn die hier erhobene Forderung
einer individualisierenden Kritik erfüllt ist, die die Gewichte zwischen
Forscher und Medium richtig verteilt.

Verschiedenes.
Die Frage des Hellsehens und der Telepathie im Bernburger Prozeß.
Von Dr. Albert Hellwig, Potsdam.
Vom 12. bis zum 17. Oktober d. J. hat gegen den Lehrer Dr o st in Bernburg
vor dem dortigen großen Schöffengericht eine Hauptverhandlung wegen Betruges
stattgefunden. Dr o st ist freigesprochen worden. Eine Entschädigung für un-
schuldig erlittene Untersuchungshaft — er hat fünf Monate in Untersuchungshaft
gesessen — hat das Gericht ihm nicht zugebilligt. Daraus ergibt sich nach den
maßgebenden gesetzlichen Bestimmungen, daß das Gericht nicht der Ansicht
gewesen ist, daß das Verfahren die „Unschuld" des Angeklagten ergeben oder
dargetan hat, daß ein „begründeter Verdacht" gegen ihn nicht vorliegt 1 ). Das
Urteil ist rechtskräftig geworden.
Es handelte sich in diesem Verfahren um die sog. Kriminaltelepathie.
Dr ost hatte nämlich seit Jahren in sehr großem Umfange versucht, durch „hell-
sehende" Medien Verbrechen aufzuklären. Er hatte zweifellos mehrere auf den
ersten Blick verblüffende Scheinerfolge aufzuweisen; dagegen ist in keinem
einzigen der Fälle der Nachweis erbracht, daß die Medien von Dr ost tatsächlich
auch durch ihre auf supranormalem Wege gewonnenen Kenntnisse irgendwie zur
Aufklärung eines Verbrechens beigetragen haben.
Die anscheinende Aufklärung eines Mordes durch D ro st begründete seinen
Ruhm. Am 26. Februar 1921 wurde Anzeige erstattet, daß eine Frau He ese tot
aufgefunden sei; es bestehe der Verdacht, daß ihr Mann sie erdrosselt habe. Eine
Reihe von Einzelheiten, die nachher auch in den Aussagen des Mediums wieder-
kehren, waren schon vor der Sitzung mit dem Medium bekannt. Die 'Sitzung fand
am 1. März 1921 statt. Ein eigentliches Protokoll über diese Sitzung, die am
Tatort stattfand, besteht Eicht. Wir sind auf einen Bericht angewiesen, den der
bei dem Versuch anwesende Polizeikommissar Hildebrandt am nächsten
Tage erstattet hat. Wenn dieser Bericht zuverlässig wäre, so würde allerdings
eine nicht geringe Wahrscheinlichkeit dafür bestehen, daß die Angaben des
Mediums auf Telepathie oder Hellsehen beruhten. Es wird ausdrücklich erklärt,
weder Dr o st noch sein Medium seien informiert worden. Das trifft aber, wie
sich in der Voruntersuchung gegen Dr o st ergeben hat, nicht zu, da zwar nicht
Hilde br an dt sie informiert hatte, wohl aber sein Kollege Rössel, zum
mindesten Dr o st. wahrscheinlich auch das Medium, die beide bei dem
Schwiegervater Rössels, bei dem sie ihren ersten kriminaltelepathischen Ver-
such gemacht hatten, freundschaftlich verkehrten. Daß der Bericht Hilde-
br an dt s nicht zuverlässig ist, dafür spricht auch, daß nach einem am 5. März
1921 — also nach der Sitzung — in dein „Anhaltischen Generalanzeiger" er-
schienenen ausführlichen Aufsatz über den Verlauf der Sitzung, der offenbar auf
Informationen von unterrichteter Seite zurückgeht, "das Medium „wohl an die
fünfzig Fragen" beantwortet hat: ,.jedesmal, wenn ihm die Hellseherei nach-

i) Vgl, jetzt auch die Darstellung, die der Berichterstatter des Bernburger großen
Schöffengerichts, Amtsgerichtsrat Dr. Ei s in g, in der Dezembernummer der „Deutschen
Juristenzeitung" gibt.

140 Verschiedenes.

zulassen drohte, wurde es von Dr ost stets neu und mit Erfolg angefeuert." In
dem Bericht Hildebr andts kommt dagegen in keiner Weise zum Ausdruck,
daß Fragen an das Medium gestellt worden sind. In einer mir am 20. Februar 1924
von der Polizeiverwaltung Bernburg gemachten brieflichen Mitteilung, deren
Grundlagen ich noch nicht habe nachprüfen können, heißt es: „Sobald das Medium
eine falsche Angabe gemacht hatte, verbesserte es sieh." Das sind alles Tatsachen,
die sicherlich geeignet sind, zur größten Vorsicht bei der Verwertung des Berichts
von Hildebr andt über die Sitzung zu mahnen. Vor allein aber ist von Be-
deutung, daß ich in meinem schriftlichen Gutachten nachgewiesen habe, daß
schon die „Bernburgische Zeitung" vom 28. Februar 1921 einen ganz ausführlichen
Bericht über den mutmaßlichen Verlauf der Mordtat gebracht hat, und zwar mit
zahlreichen Einzelheiten, die dann in den Angaben des Mediums in der am
nächsten Tage veranstalteten Sitzung wiederkehren. Keine einzige Angabe des
Mediums ist derart, daß man aus ihr auch nur einen Wahrscheinlichkeitsschluß
auf Hellsehen zu ziehen berechtigt wäre Der ganze Sachverhalt war vielmehr so,
daß man, soweit nicht auf dem üblichen Wege schon \ or der Sitzung erworbene
Kenntnisse vorliegen, auf Muskellesen schließen müßte. Dies :st auch die Auf-
fassung Professor Dr. Heyses, die er in seinem Gutachten in der Haupt-
verhandlung zum Ausdruck gebracht hat. Der Fall ist im übrigen in der Haupt-
verhandlung nicht näher erörtert worden.
Andererseits ist der Fall Heese auf den ersten Blick so verblüffend, daß es
vollkommen zu verstehen ist, daß Dr ost die Angaben seines Mediums in diesem
Falle als einen Beweis für Hellsehen angesehen hat. Ich habe deshalb auch stets
betont, daß alles dafür spricht, daß Dr ost selbst in der ersten Zeit seiner
kriminaltelepathischen Tätigkeit gutgläubig gewesen ist.
Der Fall Heese hat auch den Anlaß gegeben, daß ich mich mit Dr ost
beschäftigt habe.
Ich war an die Polizeiverwaltung Bernburg herangetreten und hatte sie um
Auskunft gebeten, ob der Bericht der "Täglichen Rundschau" über die Aufklärung
des Mordes an Frau Reese durch ein Medium von Dr ost den Tatsachen ent-
spreche. Am 26. Februar 1924 äußerte sich die Polizeiverwaltung Bernburg über
diesen Fall in äußerst skeptischer Weise. Am 15. März 1924 schrieb ich an Dr ost
folgendermaßen: „Es ist mir bekannt geworden, daß Sie glauben imstande zu sein,
durch Hellsehen Straffälle aufklären zu können. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn
Sie mir nähere Mitteilungen machen würden, insbesondere mir Fälle angeben
könnten, in denen Sie Ihrer -Überzeugung nach Erfolge erzielt haben. Es müßte
sich aber um Fälle handeln, die ich nachprüfen kann. Deshalb wären mir solche
Fälle von besonderem Wert, die nachher zur gerichtlichen Verhandlung ge-
kommen sind. Ich will Ihnen offen sagen, daß ich nach meinen bisherigen Er-
fahrungen sehr skeptisch in dieser Frage bin, da ich bisher immer erlebt habe,
daß es sich um Scheinerfolge handelt. Immerhin halte ich es nicht für aus-
geschlossen, daß ich eines Tages noch zu einer anderen Überzeugung gelange. Ich
würde mich jedenfalls nicht scheuen, wenn ich auf Grund sorgsamer Nachprüfung
eines bestimmten Falles zur Überzeugung gelange, daß hier ein Hellsehen als
erwiesen gelten muß, dieser 'Überzeugung auch öffentlich Ausdruck zu geben" 1 ).
Ich bat dann noch um möglichst genaue Angaben, leihweise überlassung etwaigen

1 ) Das habe ich schon vor 10 Jahren erwiesen, als ich mich in meinem Buche
über „Die Bedeutung des kriminellen Aberglaubens für die gerichtliche Medizin",
Berlin 1914, S. 39 ff. entgegen den zur Vorsicht mahnenden Warnungen Geheimrat
M oll s auf Grund des Berichts von Prof. Schotte li u s und auf Grund meines Akten-
studiums öffentlich für die hellseherischen Fähigkeiten von K ahn eingesetzt habe.
Später ist Kahn, auch in der okkultistischen Literatur, in der Regel als ein Schwindler
hingestellt worden. Neuerdings wird auf Grund von neuen Ve2suchen nachdrücklich
wieder für seine supranormalen Fähigkeiten eingetreten. Vgl. Tischner in den
„Psychischen Studien", Oktoberheft 1925.
Verschiedenes. 141

Materials und sagte, ich würde mich freuen, seine persönliche Bekanntschaft zu
machen, wenn er einmal nach Berlin komme'). Eine Antwort habe ich auf diesen
Brief nicht erhalten.
Durch Schreiben vom 22.Apri11924 teilte mir die Bernburger Polizeiverwaltung
zu meinem Erstaunen mit, daß Dr o st wegen seiner kriminaltelepathischen
Schwindeleien verhaftet worden sei. Ich trat nunmehr erst mit der Staatsanwalt-
schaft in Verbindung, wies auf die großen Schwierigkeiten eines jeden derartigen
Betrugsverfahrens hin, riet, nachdem nun einmal das Betrugsverfahren ein-
geleitet und Dr o st sogar verhaftet worden sei, das gesamte Material sorgsam
nachzuprüfen, da sich dann wohl die zuverlässigen Unterlagen für eine sach-
gemäße Beurteilung der Sachlage ergeben würden. Ich gab dann noch aus meiner
Erfahrung einige Winke für die anzustellenden Ermittlungen und erbot mich,
wenn Versuche mit den Medien angestellt würden, auf meine Kosten nach Bern-
burg zu kommen, wenn sich dies dienstlich ermöglichen ließe. Ich habe dann Ende
Mai und Anfang Juni 1924 derartigen Versuchen beigewohnt und bin erst dann,
ohne daß ich das angeregt hätte, zum Sachverständigen ernannt worden. Ich habe
dann mehrere umfangreiche schriftliche Gutachten erstattet und auch der Haupt-
verhandlung beigewohnt. Es war mir anfangs außerordentlich zweifelhaft, ob
nicht Dr o st zum mindesten davon überzeugt gewesen sei, daß seine Medien im-
stande seien, durch Hellsehen Verbrechen aufzuklären, ich bin dann aber schließ-
lich zu der überzeugung gelangt, daß Dr o st seit Jahr und Tag diesen Glauben
nicht mehr gehabt haben könne. Ich bin also in die ganze Sache erst hinein-
gekommen, als das Betrugsverfahren schon schwebte und als Professor Dr. He y s e,
der Direktor der Bernburger Heil- und Pflegeanstalt, als Sachverständiger schon
tätig war. -über die Frage der Gutgläubigkeit Dr o st s habe ich mich in meinem
schriftlichen Gutachten auf ausdrücklichen Wunsch der Staatsanwaltschaft ge-
äußert, wie dies in gleicher Weise auch Professor Heyse getan hat. Desgleichen
haben wir und Dr. T i sehn er, der auf Wunsch Dr osts, den ich auf Anfrage
warm unterstützt habe, schon in einem späteren Stadium der Voruntersuchung
als dritter Sachverständiger hinzugezogen worden war, uns in der Hauptverhand-
lung über diese Frage auf aosdrücklichen Wunsch des Vorsitzenden geäußert.
Auch Professor Dr. He yse war schon in seinem schriftlichen Gutachten im End-
ergebnis zu dem gleichen Ergebnis gelangt wie ich. Irgend einen Einfluß auf die
Erhebung der Anklage habe ich selbstverständlich nicht ausgeübt. Dagegen ist es
andererseits auch nur selbstverständlich, daß die Anklage sich auf unsere Gut-
achten, besonders auf mein ausführliches Gutachten, in welchem ich zu den
einzelnen Fällen das gesamte damals vorhandene Material zusammengetragen
und kritisch analysiert hatte, stützte”. Noch im Laufe der Hauptverhandlung
wurde ich einmal schwankend, ob ich die Persönlichkeit Dr o sts richtig
beurteilt habe; ich rechnete damals mit der Möglichkeit, daß ich mein Gutachten
nach der subjektiven Seite hin werde zugunsten Dr o st s abändern müssen. Ich
erklärte dem Staatsanwalt, ich werde ihm, wenn ich zu der überzeugung komme,
daß ich nicht die bestimmte Überzeugung von der mangelnden Gutgläubigkeit
Dr o st s gewinnen könne, sofort Mitteilung machen, damit dann, wenn das Ge-
richt dies für zulässig und zweckmäßig halte, die Beweisaufnahme abgekürzt

1) Unter den vielen Märchen, die über mich verbreitet worden sind, ist auch das,
ich habe mich heimtückisch an Drost herangemacht und habe dann seine Verhaftung
veranlaßt. Vgl. schon Sc hr öder, „Pseudoentlarvungen", S. 739 f. auf Grund brieflicher
Mitteilungen Dr ost s. So auch Otto -0 tto in Gegenwart Dr osts unter ausdrück-
licher Bezugnahme auf meinen Brief in einem Vortrag, den er am 31. Oktober 1925 in
Berlin gehalten hat.
2) Um ein- für alle allemal den entstellenden Preßberichten usw., die z. T. nach-
weisbar durch Dr ost und seinen Anhang beeinflußt worden sind, entgegenzutreten,
habe ich hier die Vorgeschichte des Prozesses, soweit es sich um meine Beteiligung
handelt, etwas ausführlicher geschildert.

142 Verschiedenes.

werden könnel). Durch den weiteren Verlauf der Verhandlung wurden meine Be-
denken zerstreut. Ich habe daher nach Schluß der Hauptverhandlung mein Gut-
achten in genau dem gleichen Sinne abgegeben wie in der Voruntersuchung. Das
Gleiche gilt für Professor Dr. He ys e. Dr. Tischner dagegen, der in seinem
Schlußgutachten erklärte, er sei auf Grund der Ergebnisse der Voruntersuchung
sehr skeptisch Dr ost gegenüber gewesen, hatte aus dem Ergebnis der Haupt-
verhandlung die tberzeugung gewonnen, daß Dr ost gutgläubig sei.
Sowohl Professor Dr. He yse als auch Dr. Tischner und ich stimmen
darin überein, daß in keinem einzigen der mehr als 40 Fälle, die in der Haupt-
verhandlung erörtert worden sind, in wissenschaftlich einwandfreier Weise der
Beweis für Hellsehen oder auch nur für Telepathie geführt worden ist. Ich gebe
zu, daß, wenn man Telepathie und Hellsehen überhaupt als schon erwiesene Tat-
sachen ansieht, dann allerdings bei einigen Angaben der Medien eine gewisse
Wahrscheinlichkeit dafür sprechen könnte, daß diese Angaben durch Hellsehen
oder durch telepathische Einfühlung gewonnen sein könnten. Im Gegensatz zu
den beiden anderen Sachverständigen genügt mir aber diese Wahrscheinlichkeit
nicht. Dies umsoweniger, als in einer ganzen Reihe von Fällen sich oft erst durch
einen bloßen Zufall schließlich herausgestellt hat, daß sieh hier eine bestimmte
Angabe des Mediums, bei der man mindestens mit gleicher Berechtigung auf
supranormal erworbene Kenntnisse hätte schließen können, sich ungezwungen
durch Information, durch eine nachweisbare Erinnerungsfälschung, durch ein
nachweisbar falsches Protokoll usw. erklärte 2 ).
Die Angaben, die Professor Dr. Heyse und Dr. Tischner als aller
Wahrscheinlichkeit nach auf Telepathie oder auf Hellsehen zurückführbar be-
zeichneten, betrafen so gut wie ausschließlich solche Angaben der Medien, die
kriminalistisch ohne irgendeine Bedeutung waren, so etwa Beschreibung einer
gestohlenen Uhr oder Schilderung des Tatortes usw. Für die rechtliche Würdigung
der Angaben der Medien war diese Tatsache in dem Betrugsverfahren von erheb-
licher Bedeutung. Vom psychologischen Standpunkt aus dagegen, der uns hier
allein interessiert, ist es natürlich ganz gleichgültig, ob die betreffende Mitteilung
des Mediums kriminalistisch verwertbar war oder nicht.
Es ist mir natürlich nicht möglich, auf den wenigen Seiten, die mir zur
Verfügung stehen, auch nur einen einzigen Fall in allen seinen in Betracht
kommenden wesentlichen Einzelheiten zu schildern. Dafür ist die Sachlage zu
kompliziert. Ich werde aber selbstverständlich das auch psychologisch außer-
ordentlich interessante Material, das der Prozeß geboten hat, nach und nach ver-
arbeiten und hoffe, den einen oder anderen Fall auch in einem der nächsten Hefte
unserer Zeitschrift darstellen zu können. Ich will mich für heute im wesent-
lichen damit begnügen, einige allgemeine Gesichtspunkte hervorzuheben.
Was zunächst die Terminologie betrifft, so haben wir uns in der Haupt-
verhandlung auf meine Anregung hin aus rein praktischen Erwägungen heraus
dahin geeinigt, daß wir als „Hellsehen" nicht nur diejenigen auf supranormalem
Wege erlangten Erkenntnisse bezeichnen wollten, die überhaupt keinem zur Zeit
lebenden Menschen bekannt waren, sondern auch diejenigen, die nur keinem der
bei dem Versuche anwesenden Personen bekannt waren. Der Begriff der Tele-
pathie wurde also auf die sog. Nahtelepathie eingeschränkt, während wir die
Ferntelepathie mit zum Hellsehen rechneten.

1) Als Richter weiß ich ans Erfahrung, daß das vorläufige Urteil, das man sieh
aus dem Studium der Akten bildet, sich nicht selten durch die Ergebnisse der Haupt-
verhandlung ändert. In Erfurt ist eine Chiromantin auf Grund meines Gutachtens frei-
gesprochen worden. In meinem schriftlichen Gutachten hatte ich mich skeptischer über
ihre Gutgläubigkeit ausgesprochen.
2) Über die Stellungnahme von Professor Dr. Heyse, Dr. Tischner und mir
vgl. ferner Hellwig, „Psychologische Bemerkungen zu dem Bernburger Hellseher-
prozeß" („Deutsche medizinische Wochenschrift" 1925, Nr. 45).
Verschiedenes. 143

Ein Fall von Hellsehen im engeren Sinne kam meines Wissens überhaupt
nicht in Frage. Dagegen haben die beiden anderen Sachverständigen mehrfach
geglaubt, einzelne Angaben der Medien auf Hellsehen in jenem weiteren Sinn,
also auf Ferntelepathie, zurückführen zu sollen.
Wie unübersichtlich die Verhältnisse waren, mag folgendes Beispiel zeigen.
Im Jahre 1922 wurde auf dem Bahnhof in Magdeburg ein Bahnbeamter
erschossen. Der Zeuge Gr an t z gab bei seiner am 2. Juni 1924 vor dem Amts-
gericht in Bernburg erfolgten Vernehmung an, er habe Dr ost über die Auf-
findung informiert, so gut er es gekonnt habe. Die erste Sitzung, die in der Woh-
nung von Dr ost in Bernburg stattgefunden habe, sei von Dr ost nach einer
Stunde abgebrochen worden, weil das Medium ermüdet sei und nichts heraus-
gebracht habe. Die zweite Sitzung habe in Magdeburg stattgefunden. Auch hier
habe das Medium „im wesentlichen" nur das gesagt, was ihnen schon bekannt
gewesen sei und worüber Dr ost im großen und ganzen informiert gewesen sei.
Als Täter habe das Medium zwei Brüder Br aß angegeben. Die Personalien habe
das Medium „ziemlich genau' beschrieben. Es habe die Orte Duisburg und Reck-
linghausen genannt. Er sei nun hingefahren und habe dort zufällig in der Zeitung
gelesen, daß die beiden Brüder Br aß in Marl gefaßt worden seien. In Marl habe
er erfahren, daß die beiden Brüder wegen 20 Mordtaten verfolgt würden. Von den
beiden Brüdern sei der eine erschossen worden, der andere habe sich aufgehängt.
Den Erschossenen habe er gesehen; auf ihn habe die Beschreibung des Mediums
„auffallend" gepaßt. Trotzdem glaube er nicht, daß das Medium habe hellsehen
können, sondern nehme an, Dr ost werde über das Mörderpaar schon irgend
etwas gelesen haben. Inwiefern die Personalbeschreibung „ziemlich genau" ge-
wesen sei, welche Einzelheiten das Medium angegeben habe, darüber konnte der
Zeuge in der Hauptverhandlung Angaben nicht machen. Er erwähnte aber, daß
ihn ganz besonders frappiert habe, daß das Medium von einem „Doppelrock"
gesprochen habe und daß der Erschossene tatsächlich zwei Jacken übereinander
getragen habe.
Nimmt man einmal an. die Angaben des Zeugen seien zuverlässig und die
Brüder Braß hätten tatsächlich auch den Mord in Magdeburg verübt und das
Medium habe vorher auf keinerlei Weise davon erfahren können, daß der eine
der Brüder einen Doppelrock trage, so würde es sich allerdings um einen Fall von
„Hellsehen" handeln, denn keiner der bei dem Versuch Anwesenden wußte ja,
daß die Mörder Br aß die Täter seien und daß der eine von ihnen einen Doppel-
rock trage. Ich halte es aber methodisch für durchaus unzulässig, in solchen
Fällen auch nur mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit einen Fall von Hellsehen
anzunehmen.
Zunächst ist in keiner Weise festgestellt oder auch nur wahrscheinlich, daß
die Brüder Br aß tatsächlich den Mord, der aufgeklärt werden sollte, begangen
haben. Ferner ist es unzulässig, auf Grund einer wenigstens zwei Jahre nach der
Sitzung gemachten Zeugenaussage bestimmte Angaben des Mediums als einwand-
frei festgestellt zu betrachten. Die Behauptung des Zeugen, daß die Beschreibung
„ganz genau" gestimmt habe, wird man deshalb skeptisch betrachten müssen. Es
ist überdies auch eine jedem Kriminalisten bekannte Tatsache, daß auf Grund
der Beschreibung von Vermißten oder Verunglückten sich zahlreiche Personen
zu melden pflegen, die der Überzeugung sind, daß die Beschreibung auf ihnen
bekannte Personen zutrifft, während dies ‚doch nicht der Fall ist, ja daß nach
Photographien in zahlreichen Fällen falsche Wiederverkennungen erfolgen und
(laß Leichen, ja Lebende, die in Wirklichkeit ganz anders aussehen als der Ver-
mißte, trotzdem gutgläubig mit Bestimmtheit wiedererkannt werdenn. Man kann
1 ) Reiß, „Fausse ou non-reconnaissance par les tümoins d'individus vivants
morts" („Archives d'anthropologie criminelle", Bd. 25, S. 473 ff.); Hellwig, „Einige
merkwürdige Fälle von Irrtum über die Identität von Sachen oder Personen" („Archiv
für Kriminalanthropologie", Bd. 27, 5. 352 ff.); Go rph e, „La critique du tümoignage",
Paris 1924, S. 391 ff.; Altavilla, „La psicologia giudiziaria", Turin 1925, S. 356 ff.

144 Verschiedenes.

daraus entnehmen, wie wenig auf die Angabe eines Zeugen zu geben ist, daß eine
Beschreibung auf eine bestimmte Person genau zugetroffen habe, es sei denn, daß
tatsächlich ganz eindeutige Besonderheiten angegeben waren, die dann auch tat-
sächlich zugetroffen haben. Lehrreich ist in dieser Hinsicht auch der Fall des
Heidelberger Bürgermeistermordes, bei dem eine Frankfurter Hellseherin zwei
Beschreibungen gegeben hatte, einmal eine solche des Ortes, an dem die Leichen
der ermordeten Bürgermeister liegen sollten, und dann des Wohnhauses des
Täters. Der Untersuchungsrichter hat mir seinerzeit mitgeteilt, die Angaben über
den Fundort der Leichen hätten zwar nur zum Teil zugetroffen, die Beschreibung
des Wohnhauses des Täters dagegen sei zutreffend gewesen. Trotzdem hier also
der Untersuchungsrichter glaubte, nach der Beschreibung, die die Hellseherin
gegeben hatte, das Haus identifizieren zu können, erklärte die Hellseherin selbst,
als sie später das Haus besichtigte, so habe das Haus nicht ausgesehen, das sie in
ihrem Gesicht geschaut habet).
Andererseits kann man hier nicht annehmen, daß alles, was der Zeuge über
angebliche Angaben des Mediums macht, unzuverlässig ist, auch nicht, soweit es
sich erst um in der Hauptverhandlung, also nach mehr als drei Jahren, gemachte
Bekundungen handelt. Wenn er nach Duisburg und Recklinghausen auf Grund
der Angaben des Mediums gefahren ist, so wird man annehmen müssen, daß das
Medium diese beiden Orte auch genannt habe. Ob die Brüder Br aß in diesen
beiden Städten gewesen sind, kann aber wieder nicht als festgestellt angesehen
werden.
• Daß der eine Bruder einen Doppelrock trug, ist auch eine so eigenartige
Bekundung, daß man es kaum für möglich halten möchte, daß ein Zeuge sich
darüber irren kann. Für ganz unmöglich wird man allerdings selbst einen so
krassen Irrtum nicht halten können, wenn man an einen anderen Fall denkt, der
auch in Bernburg verhandelt worden ist. Ein durchaus skeptischer Sanitätsrat
bekundete nämlich als Zeuge, daß die Angaben des Mediums in der Hauptsache
zwar nicht zugetroffen hätten, doch seien immerhin einige Angaben „merk-
würdig" gewesen. Sc insbesondere, daß ihn erst das Medium darauf aufmerksam
gemacht habe, daß ihm auch ein Scheckbuch gestohlen worden sei. Er sei dann
an seinen Schreibtisch gegangen, habe festgestellt, daß ihm das Sci -,eckbuch tat-
sächlich gestohlen worden sei. Auch hier sollte man einen Irrtum für fast undenk-
bar halten. Und doch kann man dem Zeugen einwandfrei nachweisen, das er sich
geirrt hat. Bei seiner schon 19 Tage vor der Vernehmung des Mediums erstatteten
Anzeige hat er selbst nämlich unter den gestohlenen Sachen auch das Scheckbuch
mit angeführt').
Aber auch wenn wir einmal annehmen, das Medium habe tatsächlich den
später Erschossenen richtig beschrieben, es habe auch richtig angegeben, er trage
einen Doppelrock: Auch dann ist noch in keiner Weise Hellsehen erwiesen. Daß
von einem wegen zwanzig angeblicher Mordtaten verfolgten Brüderpaar schon in
den Zeitungen gestanden haben wird, läßt sich mit Bestimmtheit sagen. Es ist
auch auf jeden Fall mit der Möglichkeit zu rechnen, daß das Medium davon schon
gelesen hatte. Und auch die Möglichkeit is+ nicht von der Hand zu weisen, daß
als besonderes Kennzeichen des einen in der Zeitung schon geschildert war, daß er
einen Doppelrock zu tragen pflegen).

1) Hellwig, „Okkultismus und Strafrechtspflege", Bern und Leipzig 1924,


S. 59, 71 f. •
2) Einen tragischen Fall, in dem die Aussagen des Mediums von Dr o st dem
festgestellten Sachverhalt nach als mit größter Wahrscheinlichkeit zutreffend ange-
sehen werden mußten, obgleich sie in Wirklichkeit durchaus falsch und verhängnis-
voll irreführend waren, habe ich kürzlich dargestellt. Vgl. Hellwig, „Die Gemein-
gefährlichkeit der Kriminaltelepathie" („Die Polizei", Jahrg. 22, Nr. 16, S. 449 ff.).
3 ) Interessant ist, daß der in der Voruntersuchung anscheinend noch recht skep-
tische Zeuge in der Hauptverhandlung seine Aussage so gemacht hat, daß man aus
Verschiedenes. 145

Ich könnte es nicht verantworten, auf so unsicheres Material hin es auch


nur als wahrscheinlich zu bezeichnen, daß hier ein Fall von „Hellsehen" vorliege.
Man kann in keinem einzigen der erörterten Fälle mit hinreichender Ver-
läßlichkeit feststellen, was das Medium tatsächlich gesagt hat, geschweige denn,
was es an Informationen vor der Sitzung und während der Sitzung erfahren hat.
Und selbst wenn man das wüßte, dann bliebe immer noch die gleichfalls nicht
leicht zu lösende Aufgabe übrig, einwandfrei die oft mehrdeutigen oder richtiger
vieldeutigen Angaben zu deuten.
Solange nicht Telepathie und Hellsehen auf Grund von einer größeren
Anzahl zweifellos exakter Versuche als einwandfrei festgestellt angesehen werden
können, darf man sich meines Erachtens auch in Fällen wie den hier erörterten
nicht damit begnügen, bloße Wahrscheinlichkeiten als Gewißheiten zu behandeln.
Handelt man anders, so stützt man eine unsichere allgemeine Hypothese schein-
bar dadurch, daß man Einzelfälle, die gleichfalls nicht exakt erwiesen sind, als
erwiesen behandelt. Ich kann mich hier nicht so nebenbei mit den von anderem
Gesichtspunkt aus ausgehenden methodologischen Erörterungen B a er w al d s 1 ),
Mat tie ssens 2 ) und Tis lin er s 2) auseinandersetzen. Das muß einer
späteren Gelegenheit vorbehalten bleiben.
Nur das eine möchte ich noch sagen. In seinem Bernburger Gutachten meinte
T i sehn er, ich negiere mich selbst, da meine Skepsis dazu führe, daß man auch
vor Gericht sich auf die Zeugenaussagen nicht verlassen könne, weil man sonst
stets in Gefahr sei, einen Justizirrtum zu begehen). Nun bin ich der letzte, der die
Gefahr eines Justizirrtums unterschätz -0); ich bin mir auch als Richter im Grunde
bei jeder einzelnen Verurteilung dessen bewußt, daß wir uns auch irren können.
Wenn ich mir trotzdem die Wahrscheinlichkeit, über die wir hier nie hinaus-
kommena), genügen lasse, so geschieht dies aus dem sehr einfachen Grunde, daß
die Strafrechtspflege eine Aufgabe des praktischen Lebens ist, die im Interesse
der Allgemeinheit gelöst werden muß, so gut und so schlecht, wie es eben prak-
tisch möglich ist. Dagegen handelt es sich bei der Untersuchung okkultistischer
Probleme, insbesondere der Telepathie und des Hellsehens, um eine wissenschaft-
liche Frage, deren Beantwortung zwar außerordentlich erwünscht, aber keines-
wegs lebensnotwendig ist. Daher läßt es sieh sehr wohl vereinbaren, wenn man
sich als Organ der Rechtspflege mit der bloßen Wahrscheinlichkeit genügen läßt,
die man auf Grund der Aussagen von Zeugen erhalten kann, nicht dagegen, wenn
man als wissenschaftlicher Forscher auf so dunklem und bestrittenem Gebiet wie
dem des Okkultismus tätig ist.

ihr wohl entnehmen mußte, daß er dazu neige, Hellsehen als erwiesen anzusehen. Es
dürfte das vermutlich einer der Fälle sein, in denen es sich um die Suggestivwirkung der
entstellenden und suggerierenden Zeitungsberichte handelt. Vgl. darüber v. S ehren ck-
N o tzing, „Kriminalpsychologische und psychopathologische Studien", Leipzig 1902,
S. 115 ff.; Seile, „Zur Psychologie der cause c6läbre", Berlin 1910; Hellwig,
„Justiz und Presse" („Archiv für Kriminalanthropologie", Bd. 58, S. 193 ff.).
1) Bär w ald, „Die intellektuellen Phänomene" (D e ssoir, _Der Okkultismus in
Urkunden", Bd. II, Berlin 1925), S. 155 fr.
2) Matti e s s e n, „Der jenseitige Mensch", Berlin 1925, S. 362 ff.
2) Tischner, in dieser Zeitschrift, S. 30 ff.

4 ) a. a. 0., S. 40.

2 ) S e 110, „Die Irrtümer der Strafjustiz »und ihre Ursachen", Berlin 1911; Als -

b er g, „Justizirrtum und Wiederaufnahme", Berlin 1913; Hellwig, „Justizirrtümer",


Minden i. W. 1914.
6 ) Hellwig, „Wahrheit und Wahrscheinlichkeit im Strafverfahren" („Der Ge-

richtssaal", Bd. 88, S. 417 ff.).


Zeitschrift ftir Okkultismus I. 10
146 Zeitschriftenreferate.

Offener Brief an Herrn Dr. R. Baerwald.


München, den 2. Oktober 1925.
Sehr geehrter Herr Doktor!
Sie teilten mir vor nicht langer Zeit mit, daß einige okkultistische Forscher
eine Propaganda gegen die vorliegende Zeitschrift eingeleitet haben, mit dem Er-
folg, daß eine Reihe von Okkultisten, die ihre Mitarbeit zugesagt hatten, daraufhin
ihre Einwilligung mit Entrüstung wieder zurückgezogen hätten. Zu den Gründen,
mit denen diese Agitation arbeite, gehöre auch die Behauptung, Sie, der Heraus-
geber unserer Zeitschrift, seien das abhängige Sprachrohr ausgesprochen anti-
okkultistischer Gelehrten und hätten schon früher in deren Sinne geschrieben.
Man wild in den Kreisen, die dieser Propaganda nahestehen, Ihre program-
matische Erklärung, die eine neutrale Plattform zu schaffen sucht, mit Miß-
trauen aufnehmen. Nachdem aber Ihr auf einem vermittelnden Standpunkt
stehendes Buch „Die intellektuellen Phänomene" (Bd. III der von M. Dessoir
herausgegebenen Sammlung „Der Okkultismus in Urkunden", Verlag Ullstein,
Berlin) erschienen ist, wird wcdd kein Okkultist, der noch selbständigen Urteils
fähig ist, Sie fürderhin noch als unbelehrbaren Negativisten bezeichnen können.
Und ich möchte mich bei dieser Gelegenheit gegen einen solchen Vorwurf, wie
ihn in besonders krasser und unbegründeter Form Gymn.-Prof. Chr. Sehr öder
gegen mich erhoben hatte, ebenfalls verwahren. Wenn ich bisher ein Gegner des
physikalischen Mediumismus bin, so bin ich deshalb noch keift Verneiner aller
sog. okkulten Erscheinungen. Ich stehe hinsichtlich der parapsychischen Phäno-
mene so ziemlich auf Ihrem Standpunkte und habe mich in dieser Hinsicht oft
genug öffentlich ausgesprochen. Ich verweise auf meinen Aufsatz „Hellsehen und
Prophezeien" in der Zeitschrift „Natur und Kultur". 1922, Heft 10, auf meinen
Artikel „Parapsychische Phänomene" im „Neuen Wiener Journal" vom 12. Juni
1925, sowie auf zahlreiche Buchbesprechungen in der „Umschau", wie z. B. 1924,
Nr. 5 (Riehet), 1925, Nr. 6 (Fischer), Nr. 30 (Bruck) usw. Ich glaube, es ist an der
Zeit, einmal energisch dagegen Einspruch zu erheben, daß unbequeme Kri tiker
wie Sie und ich von seiten gewisser Okkultisten mit der Begründung, wir seien
durch weltanschauliche Voraussetzungen voreingenommen, beiseitegeschoben
werden, während es uns in einer kritischen Analyse doch lediglich auf die Tat-
sachenfrage ankommt.
Mit ergebenstem Gruß
Ihr
Graf Klinckowstroem.

Zeitschriftenreferate.
Proceedings of the Society for Psychical Research.
Vol. XXXIV, Appendix to Part XCII. Julie, 1925.
Enthält das Verzeichnis der Mitglieder und das Inhaltsverzeichnis zu
Band XXXIV.
Vol. XXXV, Part XCIV. May, 1925.
Inhalt: An introductory study of hypnagogic Phenomena, by F. E
Leaning, S. 287-411. Eine sehr eingehende, kasuistisch reich belegte
Abhandlung über pseudohalluzinatorische und illusionäre Erscheinungen, wie
sie beim Einschlafen auftreten. Manches, was bisher bei diesen Erscheinungen
schwer erklärlich schien, mag durch E. R. J a en schs Lehre von den
„eidetischen Bildern"Aufklärung finden, die Verf. nicht kennt. Vgl. Ja en schs
neues Werk „Eidetik", Leipzig 1925.
Vol. XXXV, Part XCV. July, 1925.
Zeitschriftenreferate. 147

Inhalt: Nachruf auf Sir W. F. Barret (mit Porträt). Nachruf auf


Camille Flammario n. — S. 422-444: Oh. Riehet, Des Conditions de la
Certitude. — S. 445-465: T r et he wy, Mrs. Piper and the Imperator Band of
Controls. — Buchbesprechungen.
Aus dem Inhalt des vorliegenden Bandes interessiert uns nur der Aufsatz
von Riehet, in welchem er sich in geistvoller Weise mit dem Begriff der G e -
wißheit auseinandersetzt, die wir den Tatsachen zubilligen. Er beginnt seinen
Gedankengang mit einer Prüfung der elementaren Gewißheit in der Wahrschein-
lichkeitsrechnung. Mathematisch bedingt eine sehr geringe Wahrscheinlichkeit
niemals eine Gewißheit, aber „moralisch" liegt die Sache anders. Wird die Wahr-
scheinlichkeit äußerst gering, so wird die Gewißheit des Gegenteils äußerst groß,
moralisch nahezu absolut. Im Roulettespiel z. B. ist die Wahrscheinlichkeit, daß
Bot 50 mal hintereinander herauskommen wird, sehr gering: ( 1 / 2 ) 50 , d. h. ungefähr
1
100 000 000 000 •
Trotzdem ist die Gewißheit, daß Rot nicht 50 mal hintereinander herauskommt,
doch keine absolute. — Es gibt Abstufungen, Grade der Gewißheit. In allen
Wissenschaften, meint Riehet, in der Mathematik wie in anderen, und ebenso
in der gewohnten Praxis des Lebens, begnügen wir uns hinsichtlich der Gewißheit
mit weit geringeren Wahrscheinlichkeitsgraden als ( 1 / 2 )" oder ( 1 / 2 ) 25 oder gar nur
0/ 2) 10 . Riehet erläutert seine Gedanken an Beispielen. Die Gewißheit, daß
Kalkutta existiert, ist für ihn eine absolute, obwohl er nicht selbst dort war. Er
kann sich jederzeit davon überzeugen. Riehet ist nicht minder dessen sicher,
daß Karthago existiert hat, denn die historischen Zeugnisse und die noch vor-
handenen Ruinen lassen darüber keinen Zweifel. Allein, verglichen mit der Gewiß-
heit der Existenz von Kalkutta ist diejenige der einstigen Existenz von Karthago
doch relativ eine geringere. Ein anderes Beispiel nimmt Riehet aus der Ge-
schichte und kommt zudem Schluß: Die Gewißheit ist umso größer, je
zahlreicher die Zeugnisse dafür sind. Allerdings spielt hier, das gibt
Riehet zu, die Qualität der Zeugnisse eine wesentliche Rolle. Die historische
Gewißheit kann auf jeden Fall niemals eine absolute sein. Besonders schwierig ist
es, wenn einander widersprechende Zeugnisse vorliegen. Auf die Bedingungen
der historischen und juristischen Gewißheit gebt Verf. besonders ein, weil wir
die metapsychischen Tatsachen oft auch nur nach Zeugenaussagen -beurteilen
können. Und ein wie unsicherer Boden das ist, das zeigt uns das sattsam bekannte
Material zur Psychologie der Zeugenaussage (u. a. Seminarversuch on
Franz v. Liszt 1901 in Breslau, ähnlich anscheinend von Flournoy nach
Riehet wiederholt oder vielleicht auch nur wiedererzählt). Riehet korrigiert
und ergänzt daher mit Recht seinen obigen Satz dahin: Die Gewißheit
wächst nicht nur mit der Zahl, sondern auch mit der Qualität
der Zeugnisse. — Riehet fährt dann mit Beispielen fort, um zu zeigen,
daß die wissenschaftlich nicht zu bezweifelnden Tatsachen hinsichtlich des Grades
ihrer Gewißheit verschiedenwertig sind. Absolute Gewißheit hat man nur bei
gewohnheitsmäßigen Tatsachen. Je seltener und ungewohnter eine Er-
scheinung ist, um so schwerer ist es, dafür Gewißheit zu gewinnen. Hier findet
Riehet den übergang zu den metapsychischen Phänomenen, und er zitiert zwei
Beispiele, die für ihn persönlich den Wert absoluter Gewißheit gewonnen haben,
die er aber dennoch gern wiederholen möchte, um sich daran zu gewöhnen. Das
eine Beispiel betrifft einen Hellsehf all St. Os s owieckis, der den Inhalt eines
ihm von Riehet übergebenen undurchsichtigen und sorgfältig versiegelten
Briefes vor seinen Augen richtig erkannt hat. Es war ein Vers aus Rostands
-Ohanteelee. Zufall scheidet aus; eine Wahrscheinlichkeitsberechnung, daß
0 s s o wiecki den richtigen Vers durch Zufall hätte treffen können, berechnet
Riehet mit 1 zu 10 000 000. Der zweite Fall betrifft ein Phänomen der Eusapia
Paladino, das Riehet während einer Sitzungsreihe auf seinem Schloß, auf
der Insel Ribaud, gemeinsam mit J. 0 cho r o w i cz, F. W. II. Myers und
148 Zeitschriftenreferate.

Oliver Lodge erlebt hat. Beim Licht einer Kerze hatte Richets Zeigefinger,
von Eusapia über ein Blatt Papier geführt, eine Blaustiftspur gezogen, ohne
daß die Beobachter sich hätten erklären können, wie diese Spur entstand. Riehet
hat keinen Zweifel an der Echtheit dieses merkwürdigen Phänomens. — In der
Zusammenfassung gibt Riehet zu, daß man damit beginnen müsse, die persön-
liche Gewißheit zu erlangen, und das könne nur durch wiederholte Versuche er-
reicht werden. Ist man einmal so weit, so wird es sich darum handeln, die Öffent-
lichkeit an dieser persönlichen Gewißheit teilnehmen zu lassen. Riehet ver-
kennt nicht, wie schwierig das ist. „Lä encore il faudra la repkition. II faudra
rendre les phenom6nes m6tapsychiques habituels ..". Ganz richtig! Da liegt
der Hase im Pfeffer. Riehet weist auf eine geschickt herangezogene Parallele:
Bis in die ersten Jahre unseres Jahrhunderts glaubte niemand an die Möglichkeit
des Fliegens mit Maschinen, die schwerer sind als die Luft. Man lachte deren
Konstrukteure aus. Bis der Erfolg da war. Und jetzt meint jeder, niemals an der
Möglichkeit gezweifelt zu haben. Ebenso wird es — das ist Richets Zuversicht
— mit den metapsychischen Phänomenen gehen.
Richets Aufsatz ist in vieler Hinsicht interessant und geistvoll durch-
geführt. Der Verf. definiert und entwickelt logisch richtig den Begriff der „Ge-
wißheit". Vielleicht unterschätzt er doch ein wenig den Grad der Gewißheit, den
wir für wissenschaftliche Tatsachen beanspruchen. So steht z. B. (nach A. Mosz-
k owsk i) die von Kirchhof f für die Spektralanalyse festgestellte Wahr-
scheinlichkeit in einem Verhältnis von einer Trillion gegen eins, was eine weit
höhere Gewißheit bedeutet, als irgendeine überzeugung von der Wahrheit irgend-
welcher historischen Tatsache. Und ähnlich steht es mit der Gewißheit der
modernen Atomtheorie. Sehr zutreffend erkennt Riehet, daß die Gewißheit
einer Tatsache nicht von der Zahl, sondern insbesondere auch von der Qualität
der Zeugnisse bestimmt wird, lind die Qualität der Zeugen für die Echtheit meta-
psychischer Phänomene scheint uns Riehet stark zu überschätzen. Es handelt
sich ja hier nicht um ethische Qualitäten der betreffenden Zeugen, an deren
gutem Glauben niemand zweifeln wird, sondern um die Gewißheit, daß diese
keiner Täuschung anheimgefallen sein können. Und diese Gewißheit ist leider,
wie die Erfahrung lehrt, eine sehr gering e. Das zeigt deutlich das von
Riehet angeführte zweite Beispiel aus seiner eigenen Erfahrung. Man muß
schon wissen, was sich die Okkultisten als mediumistische Phänomene bieten zu
lassen gewöhnt haben, um es überhaupt begreiflich zu finden, daß ein Mann vom
Range Riehet s einen solchen kindischen Trick der Eusapia auch nur ernst-
haft diskutabel findet — weil er den Trick nicht durchschaut hat. Und dann will
uns Riehet zumuten, daß wir mit ihm diejenigen Phänomene, deren natürliche
Entstehung er nicht erkennt und damit für echt hält, ebenfalls für echt ansehen
sollen. An der Realität des von Riehet beobachteten und beschriebenen
Eusapianischen Phänomens zweifeln wir nicht, wohl aber vermögen wir Richets
überzeugung von dessen Echtheit keineswegs zu teilen. Für uns ist es eine nahezu
absolute Gewißheit, daß hier nur einer der gewandten Tricks der Neapolitanerin
vorliegt. Das von Riehet hier herangezogene Phänomen ist auch in dem „Drei-
männerbuch": „Der physikalische Mediurnismus" (S. 181/82) analysiert worden.
Wir setzen den betreffenden Absatz hierher: Den Taschenspielcharakter der
Phänomene zeigt noch das Folgende: Nach der Sitzung gab es eine merkwürdige
Schreibepisode, bei der Prof. Richets „blanker Fingernagel, von Eusapia
gehalten, wie ein Blaustift zu wirken begann und eine dicke Blaustiftspur hinter-
ließ, als er bei vollem Kerzenlicht über das weiße Papier gezogen wurde .. Es
schien Lodge, wie wenn die blaue Linie nicht direkt unter dem Nagel erschien.
sondern leicht seitlich, als hätte sie in Wirklichkeit ... eine unsichtbare Ver-
längerung von Eusapias Finger hervorgebracht". Hodg so n bemerkt hierzu:
„Wie, im einzelnen, wurde Prof. R ichet s Fingernagel von Eu sapia gehalten?
Welche Untersuchung von Eusapias Hand oder Händen war unmittelbar vor
und nach der Episode gemacht worden? Wieso weiß Prof. Lodge, daß ein Stück
Zeitschriftenreferate. 149

Blaustift nicht verstohlen von Eusapia gehalten und hinter ihrem eignen oder
Richets Finger verborgen war? über solche Einzelheiten, die einzig wichtigen
der ‚merkwürdigen Schreibepisode' — nicht ein Wort!" Wer noch einer Erklärung
dieses dem Physiker Oliver Lodge unerklärlichen Phänomens bedarf, findet sie
bei Dr. v. Sehr enck-Notzing 1 ): „Am 20. Febr. 1903 erzeugte sie eine
,direkte Schrift' auf meiner Hemdmanschette. Indessen hatte ich vorher bemerkt,
daß sie mit einem Bleistift spielte, dessen Spitze, wie sich nachträglich heraus-
stellte, abgebrochen und sicherlich von ihr verwendet worden war". — Sapienti sat!
Riehet s Abhandlung über die Bedingungen der Gewißheit ist sehr instruk-
tiv, nur hinsichtlich der von ihm gezogenen Nutzanwendung können wir ihm
nicht folgen. Wir müssen vielmehr daraus lernen, daß die persönliche überzeugt-
heit eines okkultistischen Forschers von der Echtheit eines mediumistischen
Phänomens für die Gewißheit des supranormalen Zustandekommens dieses Phäno-
mens sehr wenig bedeutet. Hier kann in der Tat nur die Wiederholung des Ex-
periments unter exakter Methodik Klärung schaffen. Vielleicht daß dann mit der
Zeit eine relative Gewißheit der Echtheit gewisser Phänomene einmal gewonnen
wird. Aber erst müssen solche Fälle wie Eva 0., Kathleen Goligher usw. aus
der Diskussion über deren mögliche Echtheit überhaupt ausscheiden; erst muß
einmal reiner Tisch gemacht werden mit den Phänomenen, die eine ernste Be-
achtung nicht verdienen. Graf Klinckowstroem.

Zeitschrift für Psychologie, Band 98 (1925).


Prof. Hans Henning: „Das willkürliche Anhalten des Herz-
schlages".
Dieses bei Medien, Fakiren und Yogis öfter erwähnte Phänomen scheint
auf 4 Arten zustande zu kommen. Manche Personen können durch äußerst inten-
sives phantasiemäßiges Vergegenwärtigen schrecklicher Situationen ihren Herz-
schlag ähnlich verlangsamen, als ob sie solche Vorkommnisse wirklich erlebten.
Andere bringen den Arzt durch geschickte Suggestion dahin, daß er nicht das
Herz, sondern bloß den Pulsschlag eines Armes untersucht, und klemmen nun,
indem sie mit dem Oberkörper einen Ruck nach der betreffenden Seite hin machen
und sich vielleicht noch dabei gegen eine Stuhllehne stemmen, die Armschlagader
so zwischen Rippen und Clavicttla ein, daß ihr Pulsschlag zeitweilig aufhört.
Macht man ihnen den bezeichnenden Ruck nach, so sagen sie: „Ah, monsieur est
connaisseur!" Drittens kann Herzneurose und Präkordialangst zwar nicht zu
einem völligen Aussetzen, aber doch zu starker Verlangsamung des Herzschlages
führen. Ob es viertens das eigentliche Fakirwunder des tagelang unterbrochenen
Herzschlages gibt, läßt sich, so lange man dabei mehr auf Hörensagen als auf
wirklich vorgeführte und kontrollierte Experimente angewiesen ist, schwer be-
urteilen. Manches in Europa Gezeigte war unstreitig Betrug. Ein Fakir ließ sich
in Berlin eingraben, zur Seite seines Grabes hatte er heimlich eine Nebenhöhle
ausheben lassen, die ihm die Atemluft zuführen sollte. Der lockere märkische Sand
aber gab nach, die Nebenhöhle brach zusammen und der unglückliche Betrüger er-
stickte. R.Baerwald.

Aus den „Psychischen Studien".


Januar 1925: Prof. Dennert-Godesberg: „Das Feuergehen der Inder".
Im Jahrgang 1922 S. 609 der Psychischen Studien hatte Rich. Danger
auf eine Reihe von Erfahrungen hingewiesen, welche die Deutung nahelegen, daß
das Feuerlaufen der Inder nicht eine einfache Trickleistung sei, sondern darauf
beruhe, daß die Teilnehmer an derartigen Zeremonien sich durch Hypnose und
Suggestion bis zu einem gewissen Grade gegen die Einwirkung glühender Kohlen
') „Materialisationsphänomene", 1914, S. 11.
150 Zeitschriftenreferate.

unverwundbar machen. Denner t nun veröffentlicht den Augenzeugenbericht


einer Frau M., die als Tochter und Gattin deutscher Missionare lange in Indier
gelebt hat. Sie wohnte in der Stadt Virudachellam in Südindien einem Feuerlaufen
bei. Als der Zug von 25-30 barfüßigen Männern und Frauen, aus dem Tempel
kommend, sich der mit glühender Holzasche bedeckten Feuerstelle näherte, fiel
Frau M. der starre Ausdruck in allen Gesichtern auf; sie gingen ohne Anzeichen
von Bewußtsein der Gefahr auf den "brennenden Ort" zu. Als sie ihn überschritten
hatten, erwachten die meisten Feuerwandler sofort von selbst. Es standen aber
rechts und links vom Ausgang zwei Männer mit Peitschen aus Lederriemen, und
verharrte einer der Hindurchgehenden in seinem geistesabwesenden Zustande, so
wurde er durch 1-2 energische Hiebe geweckt. — Sollte in der Tat die Macht
hypnotischer Suggestion über den Körper auch dieses „Wunder" vollbringen, so
würden uns manche Gottesurteile des Mittelalters verständlich, die man bisher
wohl meist für Legende gehalten hat.
Februar: Josef Peter: "M a lme die n".
Herr Oberregierungsrat Krey (Bremen) malt automatisch. P. berichtet
über seine Methode: „Sehr selten ist von vornherein das später vollendete Bild zu
erkennen. Häufig werden anscheinend wahllos zunächst hier ein paar schwache
Striche, dort ein paar starke Striche hingesetzt, die erst später miteinander ver-
bunden werden. Diese Manier ist ein merkwürdiges und rätselhaftes Charakteristi-
kum fast bei allen Malmedien. Bei Frl. K. F i sehe r sah ich käuzlich den Anfang
eines Bildes. An einer Stelle des noch leeren Blattes wurden drei Punkte und
darunter eine geschwungene Linie hingesetzt. Dann begann das Malen an einer
dritten Stelle und erst allmählich sahen wir mit Staunen die zuerst unerklärliche
Bedeutung jener Anfänge". Was Peter hier zittre fiend schildert, bedeutet ein
ähnlich neckendes Verfahren, wie es uns manchmal im Film geboten wird, wo ein
Konzertzeichner zunächst einen Sonnenuntergang anzulegen scheint, der sich aber
zuletzt durch ein paar kecke Striche in einen Kahlkopf verwandelt, welcher über
einen Zaun hinwegragt. An anderer Stelle dieses Heftes findet man in meinem
Aufsatze „Das dämonische Unterbewußtsein (hier Seite 112) gleichartige
Neckereien aus dem Bereiche des automatischen Schreibens, in denen ebenfalls
der Kobold im Unterbewußtsein mit der anderen Seelenhälfte sein Spiel treibt.
Bringt man das Phänomen in diesen Zusammhang, so hört es auf, ein „rätsel-
haftes Charakteristikum" zu sein.
Auf den ungewöhnlich schönen und tiefen Aufsatz "Kultur und Mystik"
von Prof. J. M. V er w eyen- Bonn kann hier nur kurz hingewiesen werden, denn
so fruchtbar er für Religionsphilosophie und Soziologie ist, so wenig hat er mit
Okkultismus zu tun.

Buchbesprechungen.
Tischner, Rudolf : Geschichte der okkultistischen (meta-
psychischen) Forschung von der Antike bis zur Gegen-
wart. II. Teil: Von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart.
Pfullingen, Verlag Johannes Baum, 1924. gr. 8 0 . 371 S.
Während für das englische Sprachgebiet in zwei wertvollen Werken von
Frank Podmo r et) eine kritische und zuverlässig orientierende historische Be-
handlung des Gesamtgebietes des Mediumismus gegeben ist, hatten wir in Deutsch-
land dem bisher nichts ähnliches an die Seite zu stellen. Denn die „Geschichte des
Spiritismus" von Vesme (3 Bde., Leipz. 1895/1903) ist völlig wertlos, und auch
K iesewett e rs "Geschichte des neueren Okkultismus" (Leipz. 1891) ist veraltet

1 ) P odmore, Modern Spiritualism. A History and a Criticism. 2 vols. London


1902. — Und: The newer Spiritualism. London 1911.
Buchbesprechungen. 151

und wissenschaftlich ganz unzureichend. Da war es denn zu begrüßen, daß ein so


guter Kenner des Gebietes wie Tischner uns nunmehr ein Werk geschenkt hat,
welches in sorgsamer Stoffauswahl als ein wertvoller Führer durch die schier un-
übersehbar gewordene Literatur des Okkultismus gelten darf. Tischner ist mög-
lichst überall auf die Quellen zurückgegangen und hat sieh durchweg sein selb-
ständiges Urteil bewahrt. Er ist als ein kritischer Okkultist anzusprechen, d. h.
er verkennt nicht die Schwächen des besprochenen Materials. Freilich wird der
Kritiker sich oft genug mit Tischners Urteil nicht einverstanden erklären
und seine kritischen Einwände, namentlich hinsichtlich cier sog. physikalisch-
mediumistischen Phänomene, als sehr schüchtern empfinden. Auf jeden Fall macht
aber die quellenmäßig zuverlässige Verarbeitung des Stoffes das Buch zu einem
sehr verdienstvollen und brauchbaren Handbuch, dessen Studium einem jeden, der
in das Gebiet eindringen will, empfohlen werden kann. Es umschließt den Zeit-
raum von den Vorläufern der von Amerika ausgegangenen spiritistischen Be-
wegung (1848) — Kerne r. J ung-Stilling usw. — bis in die neueste Zeit
mit ihren aktuellen Streitfragen.
Die ersten drei Kapitel hat Tischner der spiritistischen Bewegung in
Amerika und England bis zum Jahre 1882, dem Gründungsjahr der S.P.R., ge-
widmet, in denen er die wichtigsten Probleme, Versuche, Forscher und Medien in
sachkundiger Auswahl behandelt. Das 4. Kapitel gilt dem gleichen Zeitraum in
Deutschland, wo man sich vorwiegend philosophisch mit dem Thema beschäftigte.
Die folgenden Kapitel bis zum zehnten bringen dann die weitere Entwicklung seit
1882. Sehr begrüßenswert ist es, daß Tischner uns auch mit den philosophischen
Ausdeutungen genauer und im Zusammenhang vertraut macht, wie sie Fechner ,
I. LI. v. Fichte, Bruno Schindler, Maximilian Perty, Eduard v. Hart-
mann und dann die eigentlichen Philosophen des Spiritismus, L. v. Hellen -
b ach und Carl du Prel, dargestellt haben. Ein breiter Baum ist den Forschern
aus dem Kreise der S.P.R. gewidmet, unter denen namentlich F. W. H. My er s,
R. Hodgson, W. J ames und der als überskeptisch bezeichnete Frank P o d -
more zu nennen sind. Podmore ist aber erst auf Grund seiner Erfahrungen
zum Skeptiker geworden! Da die Originalschriften, namentlich die des Auslandes,
die von Tischner herangezogen werden, oft schwer erreichbar sind, so ist der
Überblick, den er uns gibt, sehr dankenswert.
Kapitel 11 ist den parawychischen, Kapitel 12 den parapligsischen Er-
scheinungen gewidmet. Im ersteren werden die Versuche über Gedankenüber-
tragung und Hellsehen von Riehet, der S.P.R., Chow rin, K ol ik ,
v. Wasielewski, Tischner, G eley usw. eingehend behandelt. Es läßt
sich nicht leugnen, daß dieser Phänomenkomplex heute bereits so gut bezeugt ist,
daß man derartige Erscheinungen nicht mehr a limine ablehnen darf. Anders liegt
es freilich mit den sog. paraphysischen Erscheinungen, die schon in ihrer ganzen
Aufmachung weit verdächtiger anmuten und der Betrugsmöglichkeit einen viel
größeren Spielraum gewähren. Man denke allein an die sonderbaren Be-
dingungen der Medien, die der okkultistische Forscher als Bedingungen der Phäno-
mene zu nehmen sich gewöhnt hat. Hier wird sich der Skeptiker mit Tischner s
Schlüssen und seiner Urteilsbegründung nicht befreunden können. Alle die be-
kannten Medien wie Eusapia Paladino, Stanislawa Tomczyk, Eva C.,
Kathleen Goligh er usw. werden als echte Medien anerkannt trotz zugegebenen
"gelegentlichen" Betruges. Aber Tischner s Darstellung bleibt stets sachlich,
und er hält auch nicht mit Bedenken zurücr (so bei Eva C. und Klusk i), wenn
sich ihm dazu Anlaß bietet. In dem doch eigentlich recht durchsichtig liegenden
Fall Goligher hätte man allerdings von Tischner, unbeschadet dessen, daß eine
Detailanalyse der einzelnen Versuchsreihen nicht in den Rahmen seines Buches
fällt, eine schärfere Erfassung der Minderwertigkeit dieser Experimente Cr aw -
f ords erwarten dürfen, wie sie jetzt auch R. Lambert de facto nicht mehr ver-
kennt. Graf Carl von Klinckowstroem, München.

152 Buchbesprechungen.

Gruber, K., Parapsychologische Erkenntnisse. München, Drei


Masken Verlag, 1925. 8° XI und 30 S. Brosch. Hrn. 8,50; geb. Rm. 9,50.
In der Hochflut der okkultistischen Literatur, die neuerdings auf den
Markt geworfen wird, verdient die vorliegende Schrift des langjährigen Mit-
arbeiters von S chr en ck -N o tzing, Prof. Dr. Karl Gruber, Zoologe an
der Münchener Technischen Hochschule, deshalb Beachtung, weil hier ein Natur-
forscher sich in sachlicher Weise und in einem von der üblichen unerquicklichen
Polemik sich freihaltenden Tone mit dem ganzen parapsychologischen Phänomen-
komplex, der in übersichtlicher Stoffgruppierung behandelt wird, eingehend aus-
einandersetzt. In geschickter Weise sucht der Verfasser, vielfach auf eigene Er-
fahrungen sich stützend, von den Grenzgebieten ausgehend (Unterbewußtsein,
Suggestion, Automatismen, Persönlichkeitsspaltung), das Verständnis für die
eigentlichen parapsychologischen Erscheinungen zu vermitteln. Freilich nimmt
er das behandelte Beweismaterial a priori als gegebene Tatsachen hin, die einer
umständlichen Beweisführung nicht mehr bedürften, und knüpft daran theore-
tische Erörterungen, wobei er sich namentlich auf Dr iesch, Tischner,
Kindborg, K ohnstamm usw. stützt. Hinsichtlich der intellektuellen Phä-
nomene der Parapsychologie (Telepathie, Hellsehen) wird auch der Skeptiker
dem Verfasser ein gut Stück Weges folgen können, denn hier liegt in der Tat ein
beachtenswertes Erfahrungsmaterial vor (Experimente der S.P.R., von Cho w-
rin, Tischner, Wasielewski, Bruck usw.), und auch die Betrugs-
möglichkeiten lassen sich hier viel leichter ausschalten. Der Kömplex der sog.
paraphysischen Phänomene hingegen wird auch durch Grubers Darstellung
für denjenigen, der sich kritisch und historisch etwas eindringender mit dem
Thema beschäftigt hat, nicht an Glaubwürdigkeit gewinnen. Die Unwahrschein-
lichkeit und Fragwürdigkeit dieser Gruppe von Erscheinungen (Teleplasma, Tele-
kinese, Materialisation, Ideoplastie) verkennt auch Gruber nicht. Es liegt in
der Natur der Sache begründet, daß man sich bei dieser Art von Phänomenen die
betreffenden Forscher, die über sie berichten, genau ansehen muß Da wird man
die Wertschätzung, die Gruber wie seine okkultistischen Glaubensgenossen
z. B. Ochor owicz oder Cr awf or d angedeihen läßt, keineswegs teilen
könneni). Die ganz wertlosen Versuche Cr awf ords zum Beispiel, die auch von
maßgebenden Kritikern der Londoner S.P.R. (wie 3tErs. Sidgwic k) nicht
anders eingeschätzt werden, als „klassisch" (S. 162) oder sein Werk als „grund-
legend" (S. 224) zu bezeichnen, zeugt doch von einem beträchtlichen Mangel an
kritischem Scharfblick für das, worauf es ankommt. Sogar ein Okkultist wie
R. L ambert verkennt neuerdings die Schwächen dieser Experimente nicht
mehr, und es bedurfte wahrlich nicht erst der ernüchternden Erfahrungen von
Dr. Fournier d' Al be, um den Goligher-Circle als hinreichend betrugsver-
dächtig erscheinen zu lassen. Mit dem Betrug der Medien setzt sieh G ruber in
einem besonderen Kapitel auseinander. „Der mediumistische Betrug ist eine
Fehlerquelle, aber niemals ein Gegenargument gegen die Parapsychologie" (S. 174),
so lautet das Fazit dieses Abschnittes. Das wäre richtig, wenn hinreichend viele
Versuchsreihen vorlägen, die mit Sicherheit den völligen Betrugsausschluß ge-
währleisten. In dieser Hinsicht steht der Verfasser auf einem grundsätzlich
anderen Standpunkt als der Referent, der hier nur auf das oben zitierte Werk
verweisen möchte. Wie alle Okkultisten, die persönlich die Überzeugung von der
Echtheit der Phänomene gewonnen haben, legt Gruber den betrügerischen
Manipulationen, die er an sieh gar nicht leugnet, keine große Bedeutung bei;
denn alle Medien suchen durch Betrug „nachzuhelfen", wenn man ihnen dazu
Gelegenheit gibt. Daher besteht bei den Okkultisten die Tendenz, derartige Beob-
achtungen, die auch bei Willi und Rudi Sch. gar nicht geleugnet werden, als
nebensächlich gar nicht für erwähnenswert zu erachten. Das ist m. E. ein
1 ) Vgl. darüber die entsprechenden Kapitel in dem neuen Werk: „Der physikalische
Mediumismus" von Dr. v. Gulat-Wellenburg, Graf v. Klinckowstroem und Dr. 1E. Rosen-
busch, Berlin, Ullstein 1925. gr. 8°.
Buchbesprechungen. 153

schwerer Fehler. Auch ist es für die Frage der Echtheit gleichgültig, ob ein
Betrug bewußt oder unbewußt geschieht. Im Gegensatz zu Gruber möchte ich
doch die Betrugstechnik für wichtiger halten als die Frage der Betrugsmotive,
die nur ein psychologisches Interesse bieten, während sich jeder Forscher auf dem
schwierigen Gebiet der Parapsychologie mit der Betrugstechnik so weit wie
irgend möglich vertraut machen sollte.
Im Einleitungskapitel wiederholt Verfasser die üblichen Gründe, die für
die Ablehnung der okkulten Phänomene von seiten der Wissenschaft angeblich
maßgebend sein sollen: „Das Phänomen . . . kann ich mir nicht erklären, f o 1 g -
lich muß es falsch sein." Diese kindliche Logik wird sich wohl kein ernst zu
nehmender Gelehrter zu eigen machen wollen. Dagegen findet man bei Okkul-
tisten vielfach den logischen Fehlschluß: Ich sehe keine Betrugsmöglichkeit,
f olglich ist das Phänomen echt. Wenn ein Kenner wie Dessoir neuerdings
bei Hellsehversuchen mit einem sog. Telepathenpaar erst nach neun Sitzungen
dem Trick auf die Spur kam, so kann man sich wohl denken, wie leicht ein
glaubensfreudiger Okkultist sich zur Echtheit eines Phänomens bekennen wird.
überhaupt scheint mir die Argumentation der Okkultisten, daß Weltanschauungs-
fragen für die ablehnende Haltung bestimmend seien, stark übertrieben zu sein.
Gewiß spricht das mit. Aber es handelt sich doch hier zunächst um die ,reine
T atsachenf r age, und da ist der Mann der exakten Wissenschaft eben
gewohnt, andere Anforderungen zu stellen als der Okkultist, der die Schwierig-
keiten unterschätzt. Man bedenke auch, wie unendlich viel schwieriger parapsycho-
logische Experimente mit launischen, schwer zu behandelnden Medien anzu-
stellen sind als beispielsweise physikalische Experimente, die unmittelbar nach-
prüfbar sind und für 20 mannigfaltige Täuschungsmöglichkeiten keinen Raum
bieten. Graf Carly.Klinekowstroem.

Sehr öder, Christoph, Pseud o-E ntlar v ung e n. Ein kritischer Beitrag
zur „Medien"-Entlarvungstaktik. S.-A. aus den „Psychischen Studien", Ok-
tober-Dezemberheft 1924. Leipzig, 0. Mutze, 1925. 8 0 .
Unter den prominenten Vertretern der okkultistischen Bewegung sind
einige, die ob ihrer gründlichen Sachkenntnis und ihres loyalen Verhaltens gegen-
über gegnerischen Ansichten durchaus ernst genommen zu werden verdienen. Ich
möchte nur Tischner und L amber t nennen. Diesen wird durch okkultistische
Heißsporne wie den Verfasser der vorliegenden Broschüre ein schlechter Dienst
geleistet. Gymnasial-Professor Sehr öder mag als Insektenbiologe, etwa mit
einer Varietätenstatistik der Marienkäferchen, Bahnbrechendes geleistet haben
— auf dem nicht ganz einfachen Gebiet der okkulten Erscheinungen steht er
offenbar ganz traditionslos da und wirkt durch seine schulmeisterlich abkanzelnde
Art mehr komisch als imponierend. Die ganze Schrift ist eine weitschweifige und
unbeholfene Polemik mit ganz unzureichenden Mitteln, in welcher Sachlichkeit
ersetzt wird durch maßlose Gereiztheit im Ton und persönliche Verunglimpfung
der Gegner, die bedenklich an Zöllner unseligen Angedenkens gemahnt. Es
sei gar nicht bestritten, daß Sehr öder in einzelnen Punkten im Recht ist.
Aber konnte er das nicht in einer anständigen Form sagen? Was er sich hier
gegen Dessoir, Hellwig, Henning, Mollund den Referenten heraus-
nimmt, ist schon ein starkes Stück. Man wird an die Zeiten erinnert, da Fichte
seinen Gegner Friedrich Nicolai als „literarisches Stinktier" apostrophierte.
Auf solch einer Plattform ist eine Diskussion nach meinem Dafürhalten unmög-
lich, und es muß als ein sehr weitgehendes Entgegenkommen bezeichnet werden,
wenn Prof. Dessoir in einem „offenen Brief" („Psych. Studien", Febr, 1925)
Gelegenheit genommen hat, einige Punkte richtigzustellen. Allerdings besitzt
Schröder für die feine Ironie dieses offenen Briefes, wie sein Schlußwort
zeigt, kein Organ. Was speziell Sehr öder gegen den Referenten vorgebracht
hat, ist teils völlig belanglos, teils irrig, teils geradezu kindisch. Er hat nicht
154 Buchbesprechungen.

einmal den Versuch gemacht, die von ihm zitierten Aufsätze des Referenten in
der „Umschau" sachlich zu widerlegen, was ihm freilich auch bei größerer Sach-
kenntnis schwer gefallen wäre. Was nützt es, wenn mir z. B. Dr. Frhr. v.
Sehr enck-Notzing brieflich versichert, daß er sich mit den Ausführungen
Sehr ö cl e r s durchaus nicht identifiziere und dafür keinerlei Verantwortung
trage. Sollen doch die Herren Okkultisten unter sich etwas mehr auf Disziplin
sehen und dafür sorgen, daß derartige Pamphlete, die der ganzen Bewegung nur
schaden können und sie auf ein nicht mehr diskutables Niveau herabdrücken,
nicht ohne Vorzensur oder mindestens nicht an einer Stelle, die Anspruch auf
Beachtung erhebt, an die Öffentlichkeit gelangen. Bezeichnend für den Mangel an
Einsicht in gewissen Kreisen ist es aber, daß der Schmähschrift S ehr öder s
durch die Broschürenausgabe, wie verlautet: noch eine besondere Verbreitung ver-
liehen werden soll. Nun denn, Glückauf! Graf Carl v. Klinekowstroe m.

Dr.phil.Richard Baerwald:"Die intellektuellen Phänomene".


Bd.II des „Okkultismus in Urkunden" von Max Dessoir.— Ber-
lin, Verlag Ulistein, 1925.
,Okkultismus, Mystizismus, Spiritismus stehen seit Jahren bei der großen
Menge wieder sehr in Gunst. Leider kommt bei der ausgedehnten Beschäftigung
mit diesen Problemen die Wissenschaft meist recht erheblich zu kurz. Der Masse
kommt es weniger auf wissenschaftliche Erkenntnis an als auf Sensation. Unser
an Kinodramen und Sportwettkämpfen geschultes Zeitalter verlangt Nervenauf-
regung um jeden Preis. Wer dem Wunderglauben schmeichelt, hat gewonnenes
Spiel; die nüchterne, unvoreingenommene Kritik aber, die nur für die ernsten
Wahrheitsforscher ist, steht bei der Menge nicht in Gunst. So kann seichte Litera-
tur, die auf den Wunderglauben und das Wunderbedürfnis spekuliert, in immer
neuen Auflagen erscheinen, zumal wenn sie in recht schnoddrigem Ton geschrieben
ist, der jeden Skeptizismus lächerlich macht, wie etwa die zahlreichen, höchst ver-
derblichen und verdummenden Schriften des allzu fruchtbaren Müncheners
Kemmeric h. Ernste Werke aber, die Front machen gegen Leichtgläubigkeit
und Wundersüchtelei, die so manche okkultistische und spiritistische Riesen-
sensation mitleidslos zerpflücken und in ihrer Belanglosigkeit bloßstellen, sie er-
freuen sich nur bei kleinen Gemeinden wirklicher Wertschätzung, aber in einem
einzigen von ihnen steckt mehr Wissenschaft und mehr Dienst an der Wahrheit
als in Hunderten von salopp hingeworfenen „Aufklärungs"-Schriften wunder-
dürstender Jünger der okkulten Lehren.
Baerwalds umfangreiches, 382 große Druckseiten umfassendes Werk
muß als eine höchst erfreuliche Bereicherung der wirklichen psychologischen
Wissenschaft betrachtet werden. Sein Wirkungskreis wird unter allen Umständen
begrenzt bleiben. Für die große Menge der Wundersüchtler ist es viel zu kritisch,
steilt es viel zu hohe Ansprüche an das Denkvermögen, ist es viel zu wenig
sensationell und nervenaufpeitschend, stürzt es zu viele mystisch-übersinnliche
Dogmen vom Thron; aber für den Jüngling von Sais, der ernst die Wahrheit sucht,
wird diese Entschleierung eines verhüllten Rätsels ein überaus dankenswerter und
dauernder Gewinn sein. Dieser Gewinn ist für jeden wahren und unvorein-
genommenen Psychologen um so sicherer zu erwarten, als Baerwald alles andre
als ein unbedingter Skeptiker ist. Er ist geneigt, Zugeständnisse zu machen, be-
trachtet z. B. seelische Fernwirkung, Telepathie, in gewissem Umfang als mög-
lich, ist geneigt, aus der Spaltung des Bewußtseins weitgehende Deutungsmöglich-
keiten in bezug auf das Doppelgängerproblem, automatisches Schreiben, Hellsehen
usw. abzuleiten; aber ebenso entschlossen wendet er sich gegen alle willkürlichen
Deutungen, die jede unbedeutende mediumistische Leistung als übernatürliches
Werk der Geisterwelt anstaunen und sich die Erklärung überaus bequem machen,
indem sie in jede Gleichung mit einer Unbekannten eine neue Unbekannte ein-
führen und damit die „Lösung" gefunden zu haben glauben.
Buchbesprechungen. 155

Baerwalds Werk scheidet grundsätzlich das spiritistische Problem aus


(das in einem andern Band der Dessoirschen Sammlung behandelt wird), ebenso
alles, was mit dem Hypnotismus zusammenhängt (auch ihm wird ein eigner Band
gewidmet); es beschränkt sich streng auf das Thema der „Intellektuellen Phäno-
mene". Was die letzten hundert Jahre an erstaunlichen, berühmten, okkulten
Phänomenen hervorgebracht haben, von der Seherin von Pr ev o r st bis auf
gewisse Vorkommnisse der Nachkriegszeit, erscheint inAuszügen aus den Original-
publikationen, die dann hinterher scharf kritisch, aber wohlwollend und ohne jede
Spur einer verletzenden Ausdrucksweise unter die Lupe genommen werden.
Einer umfassenden, sehr anschaulich geschriebenen theoretischen Ein-
leitung folgt ein Kapitel über die Seherin von Pr evor st, worin für den viel-
ngegriffenen Justinus Kerner ritterlich eine Lanze gebrochen wird, da er in
jener Zeit, ohne das moderne Rüstzeug psychologischer Erkenntnis, einen so
extrem schwierigen Fall gar nicht anders als vom Standpunkt des unbegreiflichen
Wunders betrachten konnt e. Es folgen Kapitel über Telepathie einschließlich
Fernhypnose und Hellsehen. Die sehr gründliche Kritik führt zu dem Ergebnis
(S. 108): "Telepathie läßt sich restlos aus unserer gewohnten Naturerkenntnis
heraus verstehen, und Hellsehen ist noch kein Faktum, sondern eine Hypothese, und
nach überwiegender Ansicht der Psychologen eine fehlerhafte". Ein weiterer, um-
fassender Abschnitt behandelt die Erscheinungen der Lebenden und Toten, ein
andrer die Prophezeiungen, ein letzter die Geistermitteilungen, soweit sie auf
intellektuelle Phänomene zurückzuführen sind.
überall stoßen wir auf strengste wissenschaftliche Nüchternheit, ein
Forschen sine ira et studio, ein sorgsames Abwägen jedes Für und Wider. Die Bei-
bringung der zahlreichen, vielfach sonst kaum beschaffbaren Original-Dokumente
würde an sich schon geeignet sein, dem Buche einen hohen Wert zu verleihen. Die
kritische Zergliederung des in den Dokumenten dargebotenen Materials aber erhebt
Baerwalds schönes Werk zu den wertvollsten Publikationen der gesamten
okkultistischen Literatur Dr. R. He n n ig.

W. v. Gulat-Wellenbutg, Graf Carl v. Klinekowstroem, Hans Ro-


senbuseh: „Der physikalische Mediumismus" (Der Okkultis-
mus in Urkunden", herausgegeben von Max Dessoi r, Bd. I). Berlin 1925,
Ullstein. XIII, 494 S. Lex. 16 Rm., ganzleinen 18 Rm.
Die Verfasser haben es sich zur Aufgabe gemacht, die Frage zu untersuchen,
ob in der umfangreichen okkultistischen Literatur Versuche beschrieben sind, die
mit Sicherheit den völligen Ausschluß jeder Betrugsmöglichkeit gewährleisten.
Sie haben diese Fragen an den besonders markanten Fällen, die besonders
genau geprüft und in der okkultistischen Literatur besonders gründlich dar-
gestellt worden sind, zu lösen versucht. trittersucht sind die Berichte über folgende
Medien und Pseudomedien: Home, Florence Co ok, Slade, Eusapia P ala-
dino, Stanisiawa Tomczyk, Kathleen Goligher, Lucia Sor di, Linda
0 azerra. Eva C., Franek-Kluski. Willi Schneider, Jan Guzik,
Einar Nielsen, Ladisl aus Laszlo, Maria Silber t. Die Beiträge über die
einzelnen Medien sind schon äußerlich nicht gleichwertig. Es ist das zum größten
Teil zweifellos sachlich durchaus gerechtfertigt. Am eingehendsten sind mit
Recht die Versuche mit Eva C. und mit Eusapia Paladino erörtert worden,
und zwar je auf etwa 80 Seiten. Dem gegenüber macht sich der Beitrag über
Maria Silb er t, der nur 5 Seiten umfaßt, recht dürftig. Es hängt das damit
zusammen, daß irgendwelches ernste Experimentieren mit ihr gar nicht möglich
ist, da sie eine körperliche Untersuchung nicht gestattet und selbst die Versuchs-
bedingungen vorschreibt. Ob es unter diesen Umständen nicht richtiger gewesen
wäre, Frau Silber t — wie auch so manches andere physikalische Medium —
in das Buch gar nicht aufzunehmen, möchte ich dahingestellt sein lassen. Jeden-
falls habe ich aus der Lektüre des Abschnittes über Frau Silbert nicht in dem
gleichen Maße wie aus der Lektüre anderer Abschnitte den Eindruck gewonnen,
156 Buchbesprechungen.

daß ich mir ein einigermaßen zuverlässiges Bild von den scheinbaren oder wirk-
lichen Leistungen des betreffenden Mediums machen kann. Natürlich hängt hier
wie bei allen derartigen kritischen Berichten alles von dem Vertrauen zu der
Sachkenntnis und zu dem unbedingten Willen der Verfasser zur Objektivität ab.
Aus den sonstigen mir bekannten Veröffentlichungen der drei Verfasser habe ich
dieses Vertrauen gewonnen.
Ich habe das ganze Buch von der ersten bis zur letzten Seite mit immer
gleichbleibendem Interesse durchstudiert. Auch derjenige, der als überzeugter
Okkultist, vielleicht auf Grund eigener Erlebnisse, trotz alledem fest von der
Echtheit der Erscheinungen überzeugt ist, kann aus der scharfsinnigen kritischen
Analyse, die die Verfasser an den Protokollen und den Sitzungsberichten vor-
nehmen, ihrer Kritik der Versuchsanordnung, ihren Bemerkungen, die sie über die
Persönlichkeit der Medien und der Versuchsleiter sowie der sonstigen Teilnehmer
und der Berichterstatter machen, viel lernen, vorausgesetzt, daß er lernen will.
Wenn man die soeben in den „Psychischen Studien" erschienene polemische Er-
örterung v. Schrenck-Notzings liest — eine Besprechung kann man seinen
Artikel nicht nennen — so wird man allerdings keine allzu große Hoffnung
hegen, daß die, die es in besonderem Maße angeht, aus dein Buche viel lernen
werden. Anders zu beurteilen sind die Einwände, die La mber t, gleichfalls im
Novemberheft der „Psychischen Studien", gegen die Verläßlichkeit der Darstellung
der Versuche mit Eusapia Paladino durch Rosenb usch macht. Mit ihnen
wird sich R osenbusch noch auseinandersetzen müssen. Ohne ,ein eingehendes
Studium der Quellen läßt sich nicht nachprüfen, inwiefern die Einwände etwa be-
gründet sind. Die große Mehrzahl derjenigen, die nicht die Möglichkeit haben,
selbst Experimente zu veranstalten oder ihnen doch beizuwohnen, die auch sich
nicht die mühevolle Arbeit machen können, die Originalberichte selbst durch-
zuarbeiten, wird den Verfassern für ihre ausgezeichnete Arbeit dankbar sein. Die
Früchte ihrer Arbeit werden sich in den Untersuchungen der nächsten Jahre
vielfältig zeigen. Ihre Arbeiten sind — auch on dem einleitenden allgemeinen
,,

Teil abgesehen — außerordentlich aufschlußreich in methodologischer Hinsicht.


Seite für Seite zeigt sich auch, von wie grundlegender Bedeutung die Erfahrungen
der Beobachtungs- und Aussagepsychologie für die kritische Stellungnahme zu
Experimenten und Beobachtungen über Probleme des physikalischen Mediumis-
mus sind, in gleicher Weise übrigens natürlich auch für die intellektuellen
Phänomene.
Ich kann in dieser kurzen Besprechung unmöglich eine kritische Analyse
des Inhalts des Werkes geben. Ich werde in späteren Arbeiten noch oft genug
Gelegenheit haben, dankbar die äußerst wertvollen Materialien heranzuziehen,
die uns hier geboten werden. Ich will mich heute damit begnügen, auf einige
bedeutsame Erörterungen hinzuweisen, die aus dem Register, das auf die Einzel-
heiten wohl mehr hätte eingehen können, nicht zur Genüge zu ersehen sind.
Berichte von Beweisen normaler und okkulter physikalischer Phänomene
sind grundlegend verschieden (100). Experimente auf okkultistischem Gebiet
bieten besondere Schwierigkeiten (15 ff.). Formulierung von Bedingungen, die
einen Betrug ausschließen (23 ff.). Fehlerquellen der okkultistischen Methode
(30 ff.). Sehr enek-No tzing urteilt über Imodas Experimente, trotzdem
er an ihnen nicht teilgenommen hat und trotzdem er sonst eine derartige Kritik
für unzulässig erklärt (303); er entlarvt ein Medium durch Zugriff, was er sonst
auch verpönt (308); er entwickelt bei der Entlarvung Linda Gazerras ganz
richtige allgemeine Grundsätze über Beweiskraft, berücksichtigt diese Erkennt-
nisse aber bei seinen eigenen Medien nicht (313 f.). Er behauptet in vielen Fällen,
ein Betrug sei „unmöglich" gewesen, trotzdem davon gar nicht die Rede sein
kann (277). Die Beobachter müssen mit der Beobachtungspsychologie genau ver-
traut sein (23 f.). Sie müssen vor allem auch praktische Menschen sein; Gelehr-
samkeit genügt nicht (23). Beobachtungslücken können nachträglich nicht mehr
ausgefüllt werden (182). Beispiel ungenauer Beobachtung durch Schrenck-
Buchbesprechungen. 157

N o tzing (195). Bestimmte Tricks können nicht erkannt werden, da dies jen-
seits der menschlichen Beobachtungsfähigkeit liegt (273 f.). Erst durch die Photo-
graphie bemerkt Schrenck-Notzing in einem bestimmten Fall, daß er
falsch beobachtet hat (194 f.). Sein Vertrauen auf die Richtigkeit der sinnlichen
Erkenntnis ist viel zu groß (274). Wer von der Realität der Erscheinungen über-
zeugt ist, kontrolliert nicht mehr genau (203). Experimenteller Nachweis, daß die
Fußkontrolle nicht exakt war, trotzdem der Kontrolleur fest davon überzeugt
war (231). über die Unfähigkeit okkultistischer Forscher einwandfrei zu beob-
achten (71). Falsch ist es, es auf den Gesamteindruck der verschiedenen Unter-
suchungen abzustellen (273). Eingehende Analyse des gesamten Beweismaterials
ist erforderlich, wenn man sich ein Urteil bilden will (210). Zur Klärung eines
Berichts über nicht nachprüfbare Vorgänge muß man sich über Kritik und Phan-
tasie des Erzählenden gut unterrichten (161). Das Stenogramm muß genau sein.
ist dies aber selten (210 f.). Durch das Diktieren eines Stenogramms während der
Sitzung werden die anderen Teilnehmer leicht suggestiv beeinflußt (300).
Sehrenek-Notzing hat wichtige Protokolle nicht veröffentlicht (435 Anm.,
Ziff. 6).
Ein irreführendes Referat Osterreichs (488). Sitzungsberichte geben ein
falsches Bild (193). Unzuverlässigkeit von Berichten auch erfahrener Forscher
(208). Ein ganz besonders ausgezeichneter Bericht, der kaum übertroffen werden
kann und trotzdem nicht ausreicht (200). Entstellung eines Berichts durch Oste r-
r eich (229). Es ist fast unmöglich, ein Referat über mediumistische Experimente
so zu sichern, daß es schlüssige Gewißheit verschafft (188). Das Problem ist, fest-
zustellen, ob die bei den Experimenten verwendete Methode geeignet ist, eine
natürliche Erklärungsweise der berichteten Phänomene mit wissenschaftlicher
Sicherheit auszuschließen (271). Ein Phänomen, das man sich nicht erklären
kann, ist deswegen noch nicht okkult (153). Es ist eine irrige Annahme, daß der
Inhalt einer bestimmten Beschreibung durch das Vorhandensein einer Anzahl
ähnlicher Beschreibungen Tatsache werden kann (100). Es hängt oft alles von
dem Vertrauen auf die Persönlichkeit des Untersuchenden ab (241). Bedeutung
der Dunkelheit (83 f.), der Musik (84), der Kettenbildung (84 f.). Berichte statt
Protokolle genügen nicht (210). Die zusammenfassenden Berichte geben keine
objektiven Merkmale des momentanen Tatbestandes (105). Ihre Wertlosigkeit (101).
Das Buch ist übrigens flüssig geschrieben. Sein Inhalt ist, soweit sich das
eben ohne eigene Nachprüfung des Quellenmaterials beurteilen läßt; gediegen und
zuverlässig. Die endgüldige Beurteilung der Versuche von Cr ook es mit Home
(129) hat mich überrascht, da ich nach den vorher gemachten Feststellungen (124.
125) eine etwas schärfere Ablehnung erwartet hätte. Die Bedeutung des Falles
Laszlo könnte meines Erachtens weit eindringlicher dargelegt werden; eine
Umarbeitung dieses Abschnittes würde ich bei einer Neuauflage für erwünscht
halten.
Alles in allem kann ich sagen: Herausgeber, Verfasser und — für die
mustergültige buchtechnische Ausstattung bei außerordentlich billigem Preis —
auch der Verlag haben in gleichem Maße Anspruch auf unsere Dankbarkeit.
Albert Hellwig (Potsdam).

Prof. Alfred Lehmann: „Aberglaube und Zauberei von den älte-


sten Zeiten an bis in die Gegenwart." Dritte deutsche Ausgabe
übersetzt und nach dem Tode des Verfassers bis in die Neuzeit ergänzt von
Dr. med. D. Petersen, Nervenarzt in Düsseldorf. Stuttgart, Enke, 1925.
„Aberglaube und Zauberei" war ehedem das hauptsächliche Lehrbuch der
kritischen Richtung innerhalb der okkultistischen Forschung. Da aber die zweite
deutsche Auflage 17 Jahre lang keine Nachfolge fand und gerade in dieser Zeit
die wichtigen Kämpfe um Schrenck-Notzing ausgefochten wurden, so galt
das Werk bei uns als veraltet. Inzwischen ist 1920, kurz vor dem Tode Prof. L e h -
158 Buchbesprechungen.

manns, die zweite dänische Auflage erschienen, deren unifassende Um-


arbeitungen und Ergänzungen erst jetzt, in der dritten deutschen Auflage, dem
deutschen Leser zeigen, welche Stell ing der Verfasser zur Weiterentwicklung des
Okkultismus eingenommen hatte. Auf den Referenten wirkte diese Standpunkts-
anpassung einigermaßen überraschend; es ergibt sich aus ihr, daß Lehmann, wenn
seine Haltung auch immer zurückhaltend und sehr kritisch blieb, doch nicht der
unbelehrbare Verneiner war, als den ihn die Okkultisten hinzustellen pflegen. Er
neigte wohl dazu, die Dinge rationalistisch zu vereinfachen, so daß auch seine
Leser etwas zu vorschnell in das Fahrwasser der reinen Betrugshypothese ge-
rieten. Aber wo neue Erscheinungen eindringlich an die Tür klopften, war L e h
in a n n Empiriker genug, um sich zu fügen. In der zweiten Auflage sprach er nur
von der Möglichkeit, daß es wohl eine Telepathie gebe. In der dritten dagegen
bekennt er sich an mehreren Stellen unverhohlen zu ihr, was uni so merkwürdiger
ist, als er die besten Stützen der telepathischen Hypothese noch gar nicht berück-
sichtigt. Die N ahversuche kennt er und überschätzt ihren Wert, von den viel
wichtigeren telepathischen Fernversuchen dagegen erwähnt er bloß diejenigen
von M iles und Ramsde n. Seine eigenen Versuche, radioaktive Wirkungen der
Denkvorgänge im Gehirn zu ermitteln, hatten noch keinen deutlichen Erfolg, von
den deutschen und russischen Versuchen, die bessere Resultate gezeitigt haben,
wußte er noch nichts. Die große Bedeutung solcher Experimente für das Tele-
pathieproblem würdigte er vollkommen und sagt (S. 679): „Wenn die Radio-
aktivität sich wirklich nachweisen läßt, hat man damit wahrscheinlich eine
physikalische Unterlage für die telepathischen Wirkungen, deren Existenz sieh
kaum bestreiten läßt". Cazzamalis Versuche würden also auch ihm als Auf
findung des „missing link" in der Telepathiefrage erschienen sein. --- Ferner er-
kennt Lehmann einen Teil der Erscheinungen bei Eva C. als echt an; zwar
nicht die Bildfiguren oder handartigen Gest alten, wohl aber die aus Brust. Schul-
tern und Schenkeln anscheinend heraustretenden schleimartigen Massen. Von
ihnen sagt er: „Hier kann schwerlich von einem Betrug die Rede >sein; es scheint
sich um eine Sekretion von uns bisher unbekannter Art zu handeln, die, wie man
annehmen muß, bei einem hysterischen Medium möglich ist." Da haben wir also
zwar noch nicht eine Anerkennung der eigentlichen Materialisationen, wohl aber
ein sich Anheischigmachen, die Grenzen der Taschenspielerei abzustecken. Wäre
Lehmann Zeuge der Willy-Experimente gewesen, so wäre er vielleicht über-
zeugt worden.
Dr. Petersen hatte als Fortsetzer eines Werkes, das ein geradezu uni-
versales Wissen verlangte, eine schwierige Aufgabe. Er mußte sich kurz referierend
verhalten, nicht nur weil jedes eigene Analysieren und Eingehen in Detailfragen
das Buch übermäßig umfangreich gestaltet hätte, sondern auch weil in diesem
Falle Differenzen des Standpunktes zutage getreten wären. Petersen hat seine
Aufgabe mit guter Kenntnis, mit Pietät und Takt gelöst. Freilich, bei der Be-
urteilung okkultistischer Experimente kommt es ja nur wenig auf das grobe
„Was", sondern viel mehr auf das „Wie" und die Finessen an. Aber daraus folgt
nicht, daß der Bearbeiter sich ins Kleine und Einzelne hätte vertiefen sollen,
sondern nur, daß heute, wo die okkultistische Forschung sieh so kompliziert und
widerspruchsvoll gestaltet hat, ein Kompendium dieser Art kein "Lehrbuch" mehr
sein kann, nach dessen Lektüre man sich für fachkundig halten dürfte, sondern
ein Einführungs- und Orientierungsbuch, das eine erste Übersieht über das riesige
Gesamtgebiet zu vermitteln sucht. Als letzteres dürfte das Werk Le hmanns und
Peter sens nach wie vor unentbehrlich sein R.Baerwald.

Graf Carl von Kl'inckowstroem: „Indische Zauberkünste".


Waldenburger Schriften, Heft 4, 1925.
Das Hauptinteresse der kleinen Schrift gilt dem „Seiltrick"; er besteht be-
kanntlich darin, daß ein Fakir ein Seil in die Luft wirft, welches in unwahrnehm-
Buchbesprechungen. 159

barer Höhe ohne sichtbaren Befestigungsgrund hängen bleibt. Ein Knabe klettert
am Seil empor, der Fakir ihm nach, beide verschwinden in der Höhe. Die blutigen
Glieder des Kindes fallen herab, der Fakir kommt wieder herunter, fügt die Glieder
zusammen, und der Knabe steht plötzlich lebendig und unversehrt auf. Das Zauber-
kunststück vollzieht sich mit allerlei Varianten und Auslassungen, die obligaten
Grundelemente sind das Stehenbleiben des Seils in der Luft und das Verschwinden
der Kletterer in der Höhe.
Kl. hat sämtliche ihm erreichbaren Berichte gesammelt und stellt fest, daß
der Seiltrick, wenn er auch selten in Indien zu sehen ist, doch wirklich hier und da
zur Ausführung gekommen ist. Er muß da, wo er lückenlos vorgeführt wird, auf
Suggestion beruhen, auch der vielfach angezweifelte Zug, daß, wenn man die Vor-
gänge photographiert, nur der Fakir und eventuell auch der Knabe, lächelnd auf
dem Boden hockend, auf der Platte sichtbar sind, kann als verbürgt gelten. Das
Problem, das hier zu lösen bleibt, ist dies: Wie kann man ganze Massen von
Menschen, die einer solchen Produktion zuschauen, so einheitlich in tiefe Hypnose
versetzen, daß ihnen sämtlich die gleiche Halluzination suggeriert werden kann?
Zu dieser für das ganze Kapitel der Massenhalluzinationen wichtigen Frage er-
gaben die Berichte folgendes: Nicht immer nehmen sämtliche Zuschauer an der
Täuschung teil, manche blicken ganz unbeteiligt zu und wollen später nichts Auf-
fallendes gesehen haben; nach Prof. Hans Hennings Annahme sind das nament-
lich solche Personen, welche die Sprache des Fakirs nich+ verstehen, so daß bloße
Mentalsuggestion ohne Worte keine Rolle zu spielen scheint (eine Annahme, die
sich aber mit dem Tnh alt anderer Berichte nicht deckt). Dr. Paul V ag ele r macht
geltend, daß eine solche FIypnotisierung ganzer Massen bei uns im kühlen phan-
tasiearmen Norden nicht glücken würde; in Indien aber wirken Hitze, ein-
schläfernde Musik und die phantastische Anlage des Volkes zusammen, um der-
artige Wunder der Suggestion zu ermöglichen. Man muß sich, möchte Referent
hinzufügen, auch vergegenwärtigen, wie entgegengesetzt sich mit Bezug auf
Suggestibilität und somnambule Anlage die Auslese bei halb- und bei vollzivilisier-
ten Völkern vollzieht; bei ersteren ist der Halluzinant ein Begnadeter, ein werden-
der Prophet, bei letzteren ein Anwärter auf das Irrenhaus. Schon hieraus ist es ver-
ständlich, daß im heutigen Indien wie im europäischen Mittelalter für Massen-
halluzinationen ein weit geeigneter Boden vorhanden war: als im modernen West-
europa. Schließlich führt Kl. zwei Fälle an, in denen einmal ein indischer
Mahatma, ein andermal ein bekannter Hypnotiseur, allerdings in kleinerem
Kreise, auch in Europa einer Gesellschaft Vorgänge vorspiegelte, die später als
illusionär entlarvt wurden. Eine ungewöhnliche Schulung in der Konzentration,
wie sie den indischen Esoterikern eigen ist, kann also wohl auch bei Europäern
seltsame Massenhalluzinationen stiften. Richard B a er w al d.

Dr. G. Cohen- Hannover: „Das Wesen der Träum e. Eine psychologisch-


metaphysische Abhandlung." Dresden-Leipzig, Piersson, 1925.
Unser „Ich" ist im Leben an den leidbringenden Körper, den Zellenstaat,
gekettet. Im Schlafe lockert sich dieser Zusammenhang, wie uns namentlich die
Fliegeträurne zeigen, in denen wir die Last des Körpers teilweise abschütteln.
Darum sind wir im Einschlafen so glücklich, darum haben wir (?) fast nur har-
monische und angenehme Träume. Je tiefer der Schlaf, je gründlicher die Los-
lösung vom Körper, desto beseligender der Traum, der Opium- und Haschischrausch
beweist es. Der Traum ist aber nur eine Vorstufe des Todes, in dem das Ich sich
ganz vom Körper befreit. Wie glücklich werden wir erst nach dieser totalen Be-
freiung sein!
Meist halten wir die Eindrücke des Wachens für Wirklichkeit. die des
Traumes für — nun eben für „Träume". Warum wohl. Man sagt: Weil die wachen
Erlebnisse eine kontinuierliche Reihe bilden und sieh gegenseitig bestätigen,
während die Träume wie isolierte Inseln in diesem zusammenhängenden Meere

160 Buchbesprechungen.

schwimmen. Aber ist denn das richtig? Auch die Träume prätendieren, einen Zu-
sammenhang, eine Tradition zu besitzen. Ich träume, ich mache eine Abend-
gesellschaft mit, und erinnere mich ganz sicher, vorgestern die Einladung dazu
erhalten und heute abend längere Zeit Toilette dafür gemacht zu haben. Ich
träume von einer Gegend, die ich wachend nie gesehen, und bin im Traum gewiß,
sie seit Jahren zu kennen. "Aber diese Tradition widerspricht doch der Erfahrung
des wachen Lebens!" Was tut das, sie kann trotzdem wirklich sein, wir waren uns
ihrer im Wachen nur nicht bewußt, es handelt sich hier um zwei Wirklichkeiten,
die auf verschiedenen Ebenen liegen. Wenn wir aus einem Traum erwachen, sind
wir oft überrascht und müssen uns erst sammeln, im Beginn des Traumes sind wir
es nie, sind sofort im Bilde, fühlen uns gleich heimisch und alles Erlebte selbst-
verständlich, selbst wenn wir fliegen oder Millionäre sind. Die Traumwirklichkeit
liegt uns also näher, ist uns natürlicher als die Wachwirklichkeit. Haben wir uns
einst im Tode ganz vom Körper befreit und sind völlig in die Traumwirklichkeit
übergegangen, so werden wir auch keinen Verlust, keine Veränderung merken.
nur eine entbehrliche Nebenreihe von Erlebnissen ist weggefallen.
Im leichten Schlaf freilich hängen wir noch eng mit dem Körper zusammen,
Sinnesreize verweben sich in den Traum, so daß z. B. Uhrticken sich in die Fuß-
tritte eines die Treppe heraufkommenden Mannes verwandelt, Erinnerungen de:,
gestrigen Tages, Wünsche für den kommenden Tag werden zu Träumen des
flachen Schlafes und können nicht als Wirklichkeit angesprochen werden. Aber
wenn der Schlaf sich vertieft, verschwinden mit wachsender Lockerung vom Kör-
.

per diese rein subjektiven Träume (?) und die realen beginnen.*
Aber selbst die Träume des leichten Schlafes sind keine chaotisches Durch-
. einander, sie haben Sinn und Zusammenhang. Nicht das Ich hat diesen Zu-
sammenhang ersonnen, denn es weiß nichts davon, auch wehrt und verteidigt es
sich oft gegen die Geschehnisse, die im Traum auf es eindringen, auch reden
Traumgestalten zuweilen undeutlich und unverständlich, was alles unmöglich
wäre, wenn das Ich selbst der Dichter seiner Träume wäre. Es gibt also andere,
traumwirkende Mächte außer uns. 17nd sie müssen z. T. gleichfalls in unserem
Körper wohnen, denn körperliche Sinnesempfindungen spielen, wie gesagt, in den
Traum hinein. Unser Ich beherrscht ja nicht unseren ganzen Körper, wie die
unbewußten und organischen Vorgänge beweisen. Der Organismus besteht aus
Milliarden Zellen, jede ist ein lebendes Wesen, muß also auch eine Seele haben (?).
Alle diese Ichs sind von der Außenwelt ähnlich beeindruckt wie unser bewußtes
Ich, nur merken sie im Wachen nichts voneinander, weil ihre Wechselwirkung
durch das Getöse der Außenwelt überdröhnt wird. Sie gleichen vielen, in Logen
sitzenden Theaterbesuchern, die alle die Bühne, aber nicht einander sehen können.
Rückt uns aber im Traum Körper und Außenwelt ferner, dann fallen die Logen-
wände, die zahllosen Ichs treten in sichtbaren Verkehr miteinander, sie werden
meine Traumpersonen. In unsichtbarem Verkehr standen sie schon früher mit
..mir", die Einladung zu jener geträumten Gesellschaft hat mir mein Zellen-
nachbar schon während meines Wachens zukommen lassen, nur blieb mir das
damals unbewußt, jetzt, im Traum, wird es erinnert. Aber nicht nur meine Zellen-
nachbarn bilden die Wirklichkeiten meiner Träume. Wir träumen zuweilen von
himmlischer Musik, überirdisch schönen Gestalten. Das kann nicht aus unserem
Körper stammen, die Wirklichkeit höherer Sphären enthüllt sich uns in solchen,
von Erdenschwere ganz befreiten Träumen.
Man sieht, Cohen ist bei der Leibniz sehen Monadenlehre angelangt.
Nur hat er deren bestes Stück, den Entwicklungsgedanken, verloren, denn seine
Ichs sollen, weil absolut einfach, unveränderlich sein. Das Buch ist eine Begriffs-
dichtung, in der eine gedankenreiche, sinnige, gesund-harmonische, frohgestimmte
(also auch Leibniz ähnliche) Persönlichkeit sich spiegelt. Sie hat die ästhetischen
und kulturhistorischen Werte einer solchen Dichtung; über ihren Wahrheitswert
läßt sich natürlich streiten. R. Baerwald.
Erklärung.
Herr Dr. Rudolf Tise hn er hat die Schriftleitung der Zeitschrift
„Der Okkultismus" (Verlag Gustav Wittler, Bielefeld) übernommen und
ist deswegen aus unserer Redaktion ausgeschieden. Wir erhoffen von
diesem Wechsel einen Gewinn an Beziehungen, denn beide Organe ge-
denken gute Kameradschaft zu halten und einander durch Mitarbeit zu
fördern.
An Stelle des Herrn Dr. T is ah n er ist 'Herr Graf P er ov sky-
P et rovo-Solovovo, Brüssel, in unser Redaktionskollegium eingetreten.
Unser Programm der Parteilosigkeit erleidet durch den Personen-
wechsel keine Änderung. Daß bisher mehr Gegner als Anhänger des
Okkultismus in unserem Blatte das Wort ergriffen haben, beruht auf
Umständen, auf die wir keinen Einfluß haben.
Die Schriftleitung.

Der „Hellseher" Ludwig Kahn und seine Untersucher.


Von Geheimem Sanitätsrat Dr. Albert Moll.
In den letzten Jahren vor dem Kriege veranlaßte in Süddeutschland
ein Mann namens Ludwig Kahn durch angebliches Hellsehen eine ge-
wisse Erregung. Durch den Freiburger Universitätsprofessor Max
Schotte] ius wurde der Fall allgemeiner bekannt. Von ihm erschienen
mehrere Veröffentlichungen, eine in der naturwissenschaftlichen Zeit-
schrift Kosmos, Dezember 1913. Schotte s teilte dort zunächst
einiges über die Persönlichkeit Kahns mit; wenn er auch den Namen
nicht nannte und einen falschen Anfangsbuchstaben angab, so kann es
sich doch nur nm Ludwig Kahn gehandelt haben. Dieser war 1913 etwa
40 Jahre alt und hatte eine recht bewegte Vergangenheit hinter sich. Als
Dreijähriger habe er eine auffallende Begabung für Rechnen gezeigt; er
konnte damals schon mit fünfstellige"' Zahlen im Kopfe arbeiten. Er
wanderte bald nach Amerika aus; dort soll er seine Gabe als Gedanken-
leser entdeckt und damit viel Geld verdient haben. Im September 1912
ist Kahn nach Deutschland zurückgekommen und wohnte eine Zeitlang
in Freiburg i. Br. Dort wurde er von Schottelins untersucht. Die
Visitenkarte Kahns lautete: „Professeur Akldar, Paris, London, New
York".
Zeitschrift für Okkultismus. I. 11
162 Albert Moll.

Einen von ihm vorgenommenen Versuch beschreibt Schott eli n s


in folgender Weise: „In meinem Arbeitszimmer befand ich mich mit K. 1)
allein. Er beauftragte mich, drei Zettel — ich teilte ein Oktavblatt
Schreibpapier in vier Teile und benutzte davon drei — mit irgend welchen
Sätzen oder Zahlen in seiner Abwesenheit zu beschreiben, die Zettel
vielfach fest zusammenzufalten, in die geschlossene Hand zu nehmen und
ihn dann wieder in das Zimmer zu rufen." Schottelius führte Kahn
hinaus, ging in sein Zimmer zurück, verschloß die Doppeltüren und
überzeugte sich, daß auch alle anderen Türen fest geschlossen waren.
Dann schrieb er folgende drei Notizen nieder :
1. Trüb nie den Brunnen, der dich tränkte. Wirf keinen Stein herein.
2. 15. November 1849.
3. Afar ata weel afar teschub.
Er faltete dann die Zettel achtfach zusammen, nahm zwei in seine
linke, einen in seine rechte geschlossene Hand, und min rief er K. hinein,
nachdem er sich überzeugt hatte, daß dieser noch neben der Personen
wage stand, die sich in dem anderen Zimmer befand, und an die er ihn
herangeführt hatte. „K. schloß die Tür hinter sich undtrat neben meinen
Schreibtisch, an dem ich mit den Zetteln in den geschlossenen Fäusten
Platz genommen hatte. K. sagte mir dann, ich möge einen der drei
Zettel irgendwo im Zimmer hinlegen und nur einen in jeder Hand be-
halten, damit er mir jeden Zettel für sich vorlesen könnte." Schotte-
uns legte darauf einen der beiden in der linken Faust befindlichen
Zettel — ohne die rechte Hand zu öffnen — abgekehrt von K unter
die Schreibunterlage seines Tisches. K. fragte ihn, welchen Zettel er
zuerst lesen solle, den in der rechten Hand, den in der linken oder den
unter der Unterlage. „Ich selbst wußte nicht, welches der Inhalt des
rechten, des linken und des dritten Zettels war, da ich sie alle ganz
gleich zusammengefaltet und geschlossen in die Hände genommen hatte."
Schottelins verlangte jetzt, daß der Zettel, den er in der rechten
Faust halte, verlesen würde, und er zeigte ihm die geschlossene rechte
Faust. K. stand etwa anderthalb Meter rechts von Schotte liu s neben
dessen Schreibtisch. Er sah nicht auf die geschlossene rechte Faust des
Schotte liu s , sondern starrte schräg nach oben ins teere. Er nahm
einen Bleistift von 5 eh o tt el ins' Schreibtisch und kritzelte damit auf
das Papier eines Notizblockes zitternde Striche und Punkte. „Nüch kaum
einer Minute sprach K.: ‚Trüb ein — — ‚Nein,' sagte ich, ‚der erste
Buchstabe des Wortes ist ein n, der letzte Buchstabe des Wortes ist
ein e.' — ,Ach so, ja,' antwortete K., und las schlank den etwas undeut-
lich mit deutschen Lettern geschriebenen Talmudvers vor, den ich in
zwei') Wortreihen in kleiner Schrift auf dein vielfach zusammengefalteten
Zettel in der rechten Faust hielt."
') Ich setze statt des von S ch o t telt us gebrauchten unrichtigen Anfangsbuch-
stabens H. den richtigen, K.
`2 ) Das ist falsch ; es warer drei Wortreihen.
Der „Hellseher" Ludwig Kahn und seine Untersucher. 1(33

Schott el iu s war, wie er beschreibt, erschrocken, eine Art Gänse-


haut lief ihm über den Rücken. Den Inhalt der beiden anderen Zettel
las K. nach dem Bericht von Scho ttedius ebenso sicher und fehlerfrei.
lieber Kahn wurden dann noch weitere ähnliche Mitteilungen ge-
bracht; unter anderen suchte Robert M ey er aus Berlin ihn auf. R o-
bert Meyer 1 ) hob den Mut von Schottelius hervor. Er kam zu
einem nicht ungünstigen Urteil über K. Er hatte mit ihm an vier Tagen
Unterredungen. Zunächst ergab sich, daß K. selbst gar nicht an sein
Hellselie,n glaubte. Die Annahme der Beobachter, sie hätten die Zettel
so vertauscht, daß sie sie angeblich nicht kannten, sei falsch, sie hätten
sie unbewußt doch gekannt, sagte Kahn. Robert Meyer kam zunächst
zu dem Ergebnis, daß vielleicht Kahn wohl ein Gedankenleser in der
Art Cumberlands sei, der durch Mienen und andere unwillkürliche und
unbewußte Zeichen des Experimentators den Inhalt der Zettel erfuhr.
Robert Meyer hat später') diese Vermutung korrigiert. Hatte er
früher schon das Hellsehen nicht angenommen, auch nicht einmal eine
Telepathie, sondern eine unbewußte Zeichengebung, so kam er durch
Beobachtung eines ähnlichen Hellsehers, des „Professor" Reese 3) aus
New York, zu einem anderen Ergebnis. Auch Reese arbeitete mit mehreren
Zetteln. Meyer kam zu dein Ergebnis, daß Reese die Zettel vertauschte
und einen substituierte. Unabhängig von Robert Meyer hat später
13. B jrn b au m 4) in zwei Sitzungen Beobachtungen bei Reese gemacht,
und er hat einwandfrei das Vertauschen des Zettels in der zweiten
Sitzung festgestellt. Bi T ab a um hat am 9. Februar 1924 einen Vortrag
in der von mir geleiteten Psychologischen Gesellschaft über den Fall
Reese gehalten. Er war unabhängig von Meyer, dessen Arbeit er da-
mals noch nicht kannte, zu dem gleichen Ergebnis wie dieser gekommen.
Wenn man vier Zettel hat und Reese anscheinend den Inhalt des ersten
zusammengefalteten Zettels mitteilt, sagt er in Wirklichkeit den Inhalt
eines anderen Zettels, den er im Augenblick der Berührung gegen einen
mitgebrachten vertauscht und dadurch herauseskamotiert hatte. Wenn
er jetzt scheinbar den zweiten Zettel mitteilt, so sagt er das, was auf
dem ersten Zettel stand, den er, da die Aufmerksamkeit der anderen
nicht auf ihn gelenkt ist, entfaltet hatte. Wenn er den dritten Zettel
angeblich las, nannte er das, was er nun auf dein zweiten Zettel ge-
sehen hatte usw. Daß Reese mit diesem Trick arbeitete, kann als ganz
sicher gelten.
Robert Meyer hatte nun weiter die Frage geprüft, ob es sieh
nicht auch bei Ludwig Kahn um ein gleiches handelte, und er weist
zunächst auf gewisse Gleichm3ßigke4en, auch in den äußeren Lebens-
') Berliner Klinische Wochenschrift 1914, Nr. 23.
2) Berliner Klinische Wochenschrift 1914, Nr. 32.
3) Reese heißt in Wirklichkeit Riese und ist kein amerikanischer Professor,
sondern ein Kaufmann, der aus Pudewitz in der früheren Provinz Posen stammt.
4 ) Vergleiche den Bericht in der Zeitschrift für Psychotherapie und medizinische
Psychologie. Stuttgart 1924, VIII. Bd., 5./6. Heft, S. 368 ff.
1(;4 Albert Moll.

umständen, von Reese und Kahn hin. Beide waren in früher Jugend
nach ihren Angaben nach Amerika geschickt, beide lebten in New York,
und Kahn hätte auch den Trick in Amerika erlernt 1 ). Robert Mey er
teilte noch weiteres aus der Vergangenheit Kahns mit und kam zu dem
Ergebnis, daß es sich auch bei Kahn um Vertauschung von Zetteln
handle. Er schloß die zweite Arbeit mit den Worten : „Der Fall Reese
und der Fall Kahn hören somit auf, die Wissenschaft anzugehen ; es gibt
dafür nur ein kriminalistisches Forum."
Schon vor einiger Zeit las man, daß Kahn großes Aufsehen in Paris
bewirke, den ersten Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, u. a. Poin-
care, Loucheur, die Gabe seines Hellsehens gezeigt hätte und von Ok-
kultisten untersucht würde. Den Bericht dieser Untersuchungen bringt
Eugene Osty in zwei Heften der Revue Metapsychique, und zwar
vom März/April und Mai/Juni 1925 2).
Die meisten Untersuchungen, über die Osty beridtet, fanden nicht,
wie die von S c hottelius , unter vier Augen statt, sondern es waren
mehrere Personen zugegen. Die Sitzungen fanden am 4. Februar, 7. Fe-
bruar, 21. Februar, 10. März und 23. März 1925 statt.
Nehmen wir als Beispiel etwa den folgenden Versuch vom 3. März :
Leiter der Sitzung ist Riehet. Als Beobachter nehmen teil : Berth e-
1 o t Ferrie, Riehet Vater, Riehet Sohn, Lassabliere, Ripert,
Frau L e B er und 0 sty.
Experimentatoren sind Bertb elot und Frau Le Ber.
Kahn fordert sie auf, sie möchten jeder auf zwei Zettel schreiben.
Berthelot und Frau Le Ber bleiben allein in Richets Atbeitszimmer,
Kahn und die anderen gehen in den daneben liegenden Salon, der durch
eine Doppeltür von dem Arbeitszimmer getrennt ist.
1) Die Gleichartigkeit in den Lebensschicksalen von Reese und Kahn wird zum
Teil auch dadurch erklärbar, daß sich tatsächlich beide gut kannten Bei einer gericht-
lichen Vernehmung hat der am 21. Juni 1873 in Offenburg geborene Kahn folgendes
angegeben : „Ich besuchte in Offenburg die höhere Bürgerschule bis zu meinem
14. Lebensjahre, dann ging ich 1888 nach Amerika zu meinem Schwager, Kaufmann
Schott in Mississippi. Nachdem ich in seinem Geschäft die englische Sprache erlernt
und etwa 3 Monate bei ihm gearbeitet hatte, war ich etwa 6 Monate in Memphis in
einem Geschäft angestellt. Während meines Aufenthalts in Memphis lernte ich einen
Professor Rees kennen, der als Gedankenleser tätig war, und wurde durch den Ver-
kehr mit ihm darauf gebracht, mich ebenfalls mit derartigem zu befassen. Ich war
eine Zeitlang sein Gehilfe, machte mich aber schon im Alter von 16-17 Jahren
(1888/1890) selbständig."
2) Eine Übersetzung dieser Arbeit durch Tischner findet sich in den Psychi-
schen Studien, Oktober und November 1925. Diese von S ünn er herausgegebene Zeit-
schrift enthielt im März 1924 ein Artikelchen von S im n n e r , in dem es u. a. heißt,
daß Ludwig Kahn ein „amerikanischer Humbugprofessor" sei und eine übelberüchtigte
Existenz. Er sei, ebenso wie Reese, schon von Robert Meyer als Spielernatur ab-
getan worden, und zwar mit dem Schlußsatz : „Der Fall Reese und der Fall Kahn
hören somit auf, die Wissenschaft anzugehen ; es gibt dafür nur ein kriminalistisches
Forum".
Der „Hellseher" Ludwig Kahn und seine Untersucher. 165

Kahn nimmt an der Unterhaltung im Salon teil und spricht fast


dauernd.
Berthelot schreibt unterdessen auf zwei Stücke von Papier, das er
mitgebracht hat, und Frau Le Ber auf zwei Stücke von Papier, die von
dem Arbeitstische 'ffichets stammen.
Nach dem Schreiben werden die Papierstücke gefaltet. Berthelot
öffnet die Tür zum Salon und teilt Kahn mit, daß alles bereit sei.
Berthelot und Frau Le Ber halten ihre beiden Papiere fest in ihren
Händen geschlossen.
Kahn bleibt etwa anderthalb Meter entfernt vor ihnen stehen.
Berthelot vereinigt jetzt alle Zettel in seiner Hand, er schüttelt sie
hin und her und gibt auf das Geratewohl zwei davon Frau Le Her.
Es hält jetzt jeder von ihnen zwei Zettel in der Hand, deren In-
halte die Haltenden nicht kennen.
Kahn fragt, mit welcher Hand er beginnen solle; Berthelot ant-
wortet, er solle mit Frau Le Ber beginnen. Frau Le Ber zeigt ihre ge-
schlossen, linke Hand. Kahn bittet, dieses erste Papier berühren zu
dürfen. Er macht es sehr schnell mit der Spitze des Zeigefingers, ohne
(laß Frau Le Ber den Zettel losläßt, und sofort schließt sie wieder ihre
Hand über dem Papier. Keines der anderen Papiere wird von Kahn be-
rührt, und es geschieht das auch nicht im weiteren Verlauf. Kaum ist
sein Finger in Kontakt mit dem Papier, da ruft Kahn aus: „Es ist
schon fertig. Dieses Papier ist nicht von Ihnen beschrieben, sondern von
Herrn Berthelot. Es steht darauf: ,vul . . . vulnant omnes . . . ultima
ecat ."
Das geöffnete Papier enthält, von Berthelot mit Tinte geschrieben:
Vulnerant emnes, ultima necat.
Berth.elot hatte den teilweisen Irrtum mit _Beziehung auf das Wort
v ulnerant nicht bemerkt. Kahn hat den Irrtum nicht richtiggestellt,
während er fast stets die entstellten Wörter verbessert, wenn man ihm
sagt, es sei ein Irrtum vorhanden.
Kahn fragt, zu welcher Hand er jetzt sich wenden solle. Berthelot
zeigt seine rechte Hand. Sofort sagt Kahn : „Es befindet sich dort:
,Aris . . . Aristees panakaion‘."
Berthelot entfaltet das in seiner rechten Hand gehaltene Papier und
findet den Text, den er mit Bleistift geschrieben hatte: Aristees pana-
kaion.
Jetzt geht Kahn ohne Verzug und ohne Anstrengung zur linken
Hand von Berthelot über, dann zur rechten Hand von Frau :Le Ber und
er gibt an, was sich auf jedem Zettel findet.
Ähnlich verliefen die meisten Versuche, bis auf die unter vier Augen,
ähnlich wie bei Schotte ii u s, vorgenommenen.
Nun sagt Osty, daß sich zwei Rätselaufgaben bei Kahn finden :
1. die Wiedererkennung des Schreibers und 2. die Enthüllung des Ge-
166 Albert Moll.

schriebenen. Osty fügt hinzu : „Diese Phänomene hängen von einer


Physik ab, die wir noch nicht kennen. Sie setzen die Wahrscheinlich-
keit von energetischen Ausscheidungen voraus, von Ausstrahlungen, für
die unsere gewöhnlichen Sinne unempfindlich sind, für die aber gewisse
Personen eine Sensibilität haben, die so weit beeindruckt wird, dass sie
sich in Sensationen überträgt".
Ich gestehe, daß dieser Satz allein schon das größte Mißtrauen gegen
die Fähigkeiten der Experimentatoren für Untersuchungen erwecken muß.
Es ist vollkommen unklar, wie die Experimentatoren sich hier in Theorien
verlieren, denen jede Voraussetzung fehlt. Was mich gegen die Experi-
mentatoren so mißtrauisch macht, ist zunächst die Tatsache, daß sie bei
der Frage vor einem Rätsel stehen, wie Kahn den Schreiber jedes Zettels
erkennt, und zwar ehe dieser entfaltet ist.
Schon aus den Versuchen von 5 eh ottelius geht hervor, daß alle
Zettel verschieden gefaltet sind. Er hat die Photographien der geschrie-
benen Zettel sowohl geöffnet wie gefaltet veröffentlicht; alle vier ge-
falteten Zettel sind voneinander äußerlich verschieden. Man wird auch
bei den Pariser Versuchen vermuten können, daß die gefalteten Zettel
. voneinander abweichen. Mehrere Zettel sind geöffnet reproduziert. In dem
einen Fall zeigt sich ganz deutlich, daß schon Form und Größe der drei
Zettel vollkommen verschieden ist. Der eine Zettel ist in der Veröffent-
lichung (die in verkleinertem Maßstabe erfolgte) etwa 4,5 cm lang, an
der einen Seite 1,8 cm, an der anderen Seite 1,5 cm breit. Ein zweiter
Zettel dieser Gruppe ist 4,2 cm lang, auf der einen Seite 3,6 ein, auf der
anderen 3,1 cm breit. Der dritte Zettel ist an der einen Längsseite 4,7 cm
lang und auf der einen Seite 3,5 cm breit. Die beiden anderen Seiten
messe ich nicht, denn es ist ein großes Stück abgerissen. Diese drei
Zettel können kaum so gefaltet werden, daß sie nach der Faltung gleich
aussehen und ununterscheidbar sind. Diese drei Zettel dienten freilich
einem Versuche, bei dem nur ein General experimentierte. Aber grund-
sätzlich ist es von großer Wichtigkeit, daß diese Zettel ganz deutlich
voneinander verschieden sind. Auch in einem anderen Fall sind die
Zettel veröffentlicht, und sie zeigen, zumal da sie gerissen zu sein scheinen,
ebenfalls deutliche Unterschiede. Aber auch wenn das nicht der Fall
wäre und wenn man genau kongruente Zettel nimmt, sind sie voneinander
zu unterscheiden. Zunächst sieht ein weißes Blättchen nicht genau aus
wie das andere. Man findet oft kleine im Papier gelegene Pünktchen.
Daß man darauf geachtet und solche Fehler vermieden hätte, davon er-
fahren wir nichts.
Ferner aber falte man einen kleinen Zettel mehrfach, so wird man
linden, daß die Faltung auch dann nicht ganz gleichmäßig wird und die
theoretisch zueinander passenden Ränder bei dem einen Zettel nicht
genau so liegen wie bei dem anderen. Man kann eher einen zweimal
gefalteten Zettel dem anderen möglichst ähnlich machen, einen achtmal
gefalteten, selbst mit dem schönsten weißen Papier, wird man kaum bei
Aufwendung von ganz besonders großer Mühe imstande sein, einent

Der „Hellseher" Ludwig Kahn und seine Untersuchen 167

anderen ebenso oft gefalteten Zettel so ähnlich zu machen, daß er nicht


-ohne weiteres zu unterscheiden ist.
Ich mache ferner auf folgendes aufmerksam : Je häufiger man zwei
Zettel faltet, um so kleiner wird die Wahrscheinlichkeit, daß die beiden
Zettel die freien Ränder: und Faltungen gleichmäßig verteilt zeigen.
Faltet man einen Zettel einmal, so ist die Verteilung gleichmäßig, faltet
man den Zettel jetzt noch einmal, so ist die Verteilung ebenfalls noch
gleichmäßig. Bei der dritten Faltung gibt es schon zwei Möglichkeiten,
auch wenn man beide Zettel in derselben Linie faltet. Sind bei der
dritten Faltung die freien Ränder links, so entsteht eine andere Faltung,
als wenn sie rechts stehen. Jeder kann sich ganz leicht überzeugen, daß
dann das Aussehen der Zettel sofort verschieden wird, weil dabei in.
dem einen Fall die Lage der früheren Faltung zu den freien Rändern
verschieden wird. Faltet man noch weiter, so wird jedesmal die Wahr-
scheinlichkeit einer anderen Faltung 50 °/, sein usw. Also ist die Wahr-
scheinlichkeit der gleichen Faltung bei der ersten Faltung 100 °/,„ bei
der zweiten Faltung ebenfalls 100 0 /0 , bei der dritten Faltung 50 0 / 0 , bei
der vierten 25 7 0 , bei der fünften 12 1 /2 °/0 , bei der sechsten Faltung
9/„, bei der siebenten 37,7,, bei der achten Faltung 1 5 /,°/,. Je häufiger
man faltet, uni so größer ist die Wahrscheinlichkeit, daß die beiden
Zettel schon durch die Lage der Falten sich voneinander unterscheiden
lassen. Bei der achtmaligen Faltung ist die Wahrscheinlichkeit des Unter-
schiedes schon 987 8 %, d. 11. man ist nahezu sicher, daß sich die Zettel
schon durch die Lage der Falten voneinander unterscheiden lassen, selbst
wenn sie ganz gleiches Papier haben, und selbst wenn das Zusammen-
falten so genau erfolgt, daß Rand auf Rand jedesmal scharf aufliegt.
Daß aber auch dies im allgemeinen nicht der Fall ist, habe ich schon
erwähnt.
Haben denn die Pariser Untersucher nicht an diesen einfachen Tat-
bestand gedacht, als sie sich die .Frage vorlegten, woher kommt es, daß
Ludwig Kahn jedem Schreiber seinen Zettel zuweist? Bei gutem Auge
ist nur eine Übung von wenigen Stunden nötig, um dieses Ziel zu er-
reichen, und nun bedenke man, daß Ludwig Kahn Jahrzehnte mit diesem
Wunder herumreist.
Man wende etwa nicht ein, daß Kahn die Mischung der Zettel nicht
sieht. Das Gegenteil ist nach der Schilderung der Fall. Die Faltung er-
folgt in Kahns Abwesenheit, die Mischung und Weitergabe der Zettel
vor seinen Augen. Es sitzt jeder mit seinem Zettel oder seinen Zetteln
vor Kahn. Dieser braucht, da sich die Zettel voneinander unterscheiden
lassen, nur zu merken, welchen gefalteteia.Zettel zunächst der eine, welchen
der zweite, welchen der dritte hat. Dann kann er nachher, wenn er den
Zettel wieder sieht, sofort sagen, ob der ihn Haltende den eigenen Zettel
oder den eines andern hält. Ich komme zu dem Ergebnis, daß ein acht-
mal gefalteter Zettel aus dem schönsten weißen Papier durchaus von
einem anderen ebenfalls achtmal gefalteten Zettel zu unterscheiden ist,
und infolgedessen Kahn ohne weiteres auch nach dem Mischen und Ver-
168 Albert Moll.

tauschen imstande ist, jedem zu sagen, von wem der Zettel, den einer in der
Hand hat, beschrieben ist. Daß er den Zettel sehen kann, ist gar nicht
zweifelhaft. Ohne diesen einfachen Kniff auszuschließen, werden uns Ge-
dankengänge entwickelt von EM an ationen und Radiationen. Dazu gehört
in der Tat schon eine erhebliche Kritiklosigkeit.
Wenn wir nun aber uns sagen, wie sehr die Experimentatoren, ein-
schließlich Riehet, ihren Mangel an Begabung für Experimente ausschließ-
lich durch das Nicht-Erkennen dieses Tricks bewiesen haben, so werden
wir ihren anderen Angaben schon recht mißtrauisch gegenübertreten.
Dabei haben wir zu berücksichtigen, daß für den Hellseher die nötige
Stimmung etwas Wesentliches ist, und die Stimmung, die Überzeugung
von einem Wunder ist, wie gerade die Berichte zeigen, bei den Experi-
mentatoren schon dadurch hervorgerufen, daß sie in der Wiedererkennung
des Schreibers eine okkulte Leistung, eine Kryptästhesie erblicken, da-
bei an Emanationen und andere gelehrte Dinge denkea.
Man wende etwa nicht in der beliebten Weise ein, die beiden werden
schon „die Zettel so gehalten haben, daß Kahn es nicht gesehen hat."
Aus der ganzen Beschreibung geht vielmehr hervor, daß allen Teilnehmern
• die Fähigkeit, die Bedeutung dieses Sehens zu erkennen, abgeht. Und des-
-

halb muß nicht die Möglichkeit, sondern die Gewißheit, daß Kahn ge-
sehen hat, wer vor dem Tausch den einzelnen Zettel hielt, nach wissen-
schaftlichen Voraussetzungen angenommen werden.
Noch mehr zeigt uns das Verhalten Kahns bei den Versuchen. Es
muß jedem auffallen und ist sogar den Pariser Untersuchern aufgefallen,
daß Kahn so häufig einen Zettel zu berühren fordert. Das hat er auch
in diesem eben geschilderten Versuche getan. Aus der Beschreibung sehen
wir, wie das Berühren verlief. Frau Le Ber, Richets Tochter, zeigt ihre
linke geschlossene Hand. Kahn verlangt, daß er dieses erste Papier be-
rührt; er macht das angeblich nur mit der Spitze des Zeigefingers, ohne
daß Frau Le Ber angeblich das Papier Iosläßt, und sofort schließt sich
ihre Hand über dem Papier. Es gehört nicht viel Fähigkeit dazu, zu
sehen, was in diesem Augenblick Kahn gemacht hat ; Kahn hat den Zettel
vertauscht. Jeder auf diesem Gebiete erfahrene Taschenspieler macht die
Kunst nach, ein Geldstück oder Stück Papier, das jemand in der Hand
hat und das er berührt, mit einem anderen zu vertauschen. Das andere
ist vorher in seiner hohlen Hand verborgen, und in diese kommt nach-
her der berührte Zettel. Dieses Vertauschen ist ein so alter Taschenspieler-
trick, daß ich einstweilen auch bei Kahn dessen Ausführung annehme. Daran
ändert auch nichts, daß Frau Le Ber behauptet, er hätte den Zettel nur
mit dem Zeigefinger berührt. Für eine klassische Zeugin kann Frau Le
Ber nicht gerade gelten, ebensowenig wie die anderen, nach dem, was ich
oben schon erwähnt habe. Dabei ist zu berücksichtigen, daß Frau Le
Ber die Zettel in der hohlen Hand gehalten hat, dafür spricht die Er-
wähnung von der geschlossenen Hand. Schwerer wäre es, den Zettel zu
vertauschen, wenn sie ihn nur mit zwei Fingern hielte, etwa zwischen
Der „Hellseher" Ludwig Kahn und seine Untersucher. 169

Daunien und Zeigefinger der Hand. Aber auch dann würde es einem ge-
wandten Taschenspieler möglich sein, besonders durch Ablenkung der
Aufmerksamkeit, einen anderen Zettel zwischen Daumen und Zeigefinger
hineinzuschieben und den richtigen herauszunehmen. Ich erinnere hier an
die „Schere" des Taschendiebes. Es wird uns nicht mitgeteilt, wie Frau
Le Ber und in den anderen Fällen die anderen Experimentatoren, als
Kahn einen Zettel berührte, es kontrollierten, daß sie denselben Zettel
in der Hand behielten. Nichts davon findet sich, ob sie es mit den Augen,
ob sie es mit dem Gefühl allein kontrollierten. Das Wichtigste ist in
solchen Fällen aber die Ablenkung der Aufmerksamkeit, und wie es bei
den Pariser Versuchen zuging, darüber werde ich sofort weitersprechen.
Nun wird allerdings im Bericht sehr oft behauptet, Kahn hätte die
anderen Zettel nicht berührt, er hätte also beispielsweise zwar den ersten
Zettel, nicht aber die drei anderen berührt. Die Botschaft hör' ich wohl,
allein mir fehlt der Glaube. Hier haben wir uns zunächst die Frage vor-
zulegen, wie der ganze Bericht zustandegekommen ist, und in dieser Be-
ziehung haben wir das Analogon von dem, was ein Berliner Okkultist in
neuerer Zeit „Kompromißprotokoll" genannt hat. Die Teilnehmer treten
nachher zusammen, jeder erzählt, was er beobachtet hat, und danach
wird ein „Protokoll" zusammengestellt. Hat ein solches Protokoll irgend
etwas mit Wissenschaft zu tun? Mancher Berliner Okkultist hat vielleicht
allmählich einzusehen begonnen, daß ein solches „Kompromißprotokoll" allen
wissenschaftlichen Wertes ermangelt. Um so typischer ist es, daß Pariser
Okkultisten offenbar noch denselben Weg wandeln, womit ich nicht etwa
sagen will, daß sonst die Berliner ihnen überlegen sind. Denn auch diese
werden wohl auch fürder ihre alten, unwissenschaftlichen Methoden an-
wenden.
Daß ich mit dem Kompromißprotokoll in Paris nicht nur unbegründete
Behauptungen aufstelle, ergibt sich aus dem Aufsatz Ost ys. Hier heißt es
z. B. bei der Sitzung vom 4. Februar am Schluß des ersten Versuchs
-

(5. 72): „Alle Anwesenden vereinigen sich dann im Salon. Die Erzählung
von dem, was vorgegangen ist, erfolgt der Reihe nach durch jeden der
Professoren in dem, was sie betrifft. Was man eben gelesen hat, ist die
Reproduktion davon." Die Reproduktion sagt durchaus nicht, was jeder
einzelne gesagt hat. Es wird nur eine summarische Zusammenfassung ge-
geben, die 0 sty offenbar aus den Mitteilungen der einzelnen gewonnen
hat. Wie die Mitteilung jedes einzelnen lautete, und was jeder gesagt
hat, davon erfahren wir nicht das geringste. Es muß diese Art Bericht-
erstattung als ein Kardinalfehler bezeichnet werden. Unbedingt mußte
jeder einzelne mitteilen, was er beobachtet hat, und zwar jeder für sich
allein, ohne daß er mit dem anderen sprach. Ich_ halte es nicht gerade
für unwahrscheinlich, daß sich dann schon manche Differenzen ergeben
hätten, die die Untersucher wenigstens hätten belehren können, wie trüge-
risch solche „Beobachtungen" sind.
Das Kompromißprotokoll scheint auch sonst der Bericht zu bieten.
Beim zweiten 'Versuch heißt es wieder: „Diese drei Experimentatoren
170 Albert Moll.

gaben, nachdem sich alle Teilnehmer der Sitzung vereinigt hatten, über
den Ablauf dieses zweiten Teils einen Bericht. Sie bezeugen das Wunder-
bare des Phänomens. Kein Einwand ihrerseits wird ausgedrückt." Auch
das zeigt, wie der Bericht zustarde gekommen ist. Auch hier erzählen
wieder die Teilnehmer etwas, und danach wird der Bericht gemacht.
Was jeder einzelne gesehen hat, erfahren wir nicht. Stets hätte jeder
getrennt seine Beobachtungen aufschreiben müssen, um wenigstens eine
Vergleichsmöglichkeit zu bieten.
Noch einige weitere Punkte, die uns zeigen, daß doch nicht die
nötige Zuverlässigkeit den Teilnehmern eigen war. Bei dem einen Ver-
such hatte Humbert mit Bleistift folgendes geschrieben:
Une epidemic de
variole sevit
parmi les Indiens
de Montreal en
l'annee 1498.
In einer Anmerkung des veröffentlichten Berichts heißt es nun: „Nach
der Sitzung sagte Dr. Humb er t zu mir (d. h. zu 0 s ty): ",Ich bitte Sie,
in dem zur Veröffentlichung bestimmten Bericht (compte rendu) den Lapsus,
den ich begangen habe, auszubessern (reparer). An Stelle von 1498 setzen
Sie 1640. Man würde mir einen groben Irrtum zuschreiben." Humbert
sagt etwa nicht zu 0 st y, er solle nachträglich mitteilen, daß er (II um -
b ert) sieh geirrt urd diesen Irrtum nach der Sitzung richtiggestellt hätte,
sondern nach der eigenen Mitteilung von 0 st y hat num b er t verlangt,
daß man im Protokoll den Lapsus ändere. 0 sty hat das nicht getan,
und das ist richtig. Immerhin scheint mir mit dem Ernst der Forschung
Hu in b er ts Äußerung nicht ganz vereinbar zu sein. Es heißt ausdrück-
lich: „An Stelle von 1498 setzen Sie 1640."
Dabei behaupte ich etwa nicht, daß die französischen Untersucher
unvorsichtiger waren als deutsche. Man lese die Veröffentlichung von
Schottelius (Kosmos, Dezember 1913); da sagt z. B. Schottelins
von dem einen Zettel : er hätte einen Talmudvers in zwei Wortreihen in
kleiner Schrift auf dem vielfach zusammengefalteten Zettel in der rechten
Faust gehalten. In Wirklichkeit hatte der Tahnudvers drei Zeilen. An
sich wäre das gleichgültig; es beweist nur, wie ungenau berichtet wird.
Die Ablenkung der Aufmerksamkeit versteht Kahn, ebenso wie R e es e,
glänzend. Offenbar sucht K ahn, ähnlich wie andere Medien, die Auf-
merksamkeit vom Wichtigen abzulenken und auf Iinwiehtiges hinzu-
lenken. Nur irren sieh die Untersucher gewöhnlich über das, was wich-
tig ist. Schottelius hatte berichtet, daß K ab n nicht auf die Faust
sieht, in der der Experimerrtator den Zettel hält, sondern in die Luft
starrt. In Wirklichkeit ist es ganz gleichgültig, wohin der Hellseher später
sieht. Denn den Zettel hat er längst gelesen, während der andere glaubt,
er sei nie aus seinen Händen gekommen, und durch allerlei „Theater"
auf Gleichgültiges hingelenkt wird. Es wird berichtet, K ahn bemühe
Der „Hellseher" Ludwig Kahn und seine Untersucher. 171

sich, sich in den für seine spezielle Arbeit günstigen Seelenzustand zu


versetzen. Er entnerve sich (s'enerve). Der Mann entnervt sich natürlich
nicht, sondern tut so, als ob er sich in den andern Seelenzustand ver-
setzt. Der einzige Seelenzustand, den er braucht, ist die Zerstreuung der
Aufmerksamkeit der andern, oder die Ablenkung. Dem dient nach meiner
rberzertgung ausschließlich die zu diesem Zweck angenommene „Ent-
nervung".
Noch ein weiterer Zwischenfall zeigt, wie unzuverlässig die Pariser
Untersucher waren.
Am Schluß der Versuche wurde noch ein Versuch gemacht nach der
Richtung, ausschließlich festzustellen, wodurch K ahn den Schreiber des
Zettels erkennt, nachdem die Zettel gemischt sind. Hierbei begab sich
folgendes: K ahn wird gefragt, ob er noch an diesem Abend arbeiten
könnte. Er erwiderte: es wäre nicht nötig, daß er noch arbeite, das Ex-
periment sei schon gemacht, und er fährt fort: „Eben als ich mich vor
Herrn (er bezeichnet Dr. Lass ab lier e) gesetzt habe, habe ich sogleich
gefühlt und gesagt, daß das gefaltete Papier, das er in seinen Händen
hielt, dasjenige wäre, das er geschrieben hatte. Ich habe auch ge-
fühlt, aber es nicht gesagt, daß dieses Stück Papier nicht eines von denen
wäre, die ich') von einem Blatt abgerissen und verteilt hatte. Er hat auf
ein anderes Stück Papier geschrieben." L ass ab li r e bestreitet das und
behauptet, er hätte auf das Papier geschrieben, das ihm Kahn gegeben
hätte. Kahn erklärt, das sei nicht möglich, „ich habe nicht gefühlt, daß
das Papier, das Sie in Händen hatten, dasjenige war, das ich berührt
hatte, und niemals habe ich mich darin getäuscht". L assab ii r e bleibt
bei seiner Meinung, Kahn bei der seinigen. Fraisse, einer der Teil-
nehmer der Sitzung, mischt sich in das Gespräch und sagt zu Lass a-
blier e: „Vielleicht haben Sie unrecht, Herr Doktor, so positiv- zu sein;
ich denke, daß Herr Kahn vielleicht recht hat, denn, ohne dessen sicher
zu sem, glaube ich mich zu erinnern, daß ich Sie schreiben, dann ein
Papier wegwerfen (jeter) und dann von neuem schreiben sah. Erinnern Sie
sich!" Lassa bliire blieb zunächst bei seiner Meinung; es werden Tisch
und Fußboden untersucht, ohne daß man etwas findet. Dann untersucht
La ssabliere mit seinen Händen die beiden unteren Taschen seines
Rockes (veston), und mit seiner rechten Hand zieht er eine Papierkugel
heraus, er entfaltet sie und findet dort einen Teil eines Verses von Victor
Hugo, den Text seines eigenen Experimentes. L as sabli er e ruft aus:
„Das ist unwahrscheinlich, und doch ist es wahr! Jetzt erinnere ich mich
dessen, was vorgegangen ist. Der Anblick des Papiers führt mir den Vor-
gang ins Gedächtnis zurück. Wegen ein6s schlecht geschriebenen, durch-
strichenen und wieder zugeschriebenen Wortes wollte ich neu beginnen
1 ) Hier erfährt man plötzlich, daß Kahn das Papier abgerissen hat, was selbst-

verständlich aus den obengenannten Gründen an sich schon ein grober Fehler ist.
Aber noch wichtiger ist der Umstand, daß diese wichtige Tatsache so ganz beiläufig
erwähnt wird. Es zeigt sich immer wieder, daß Okkultisten die wichtigsten Dinge für
nebensächlich ansehen.
172 Albert Moll.

und habe den Satz auf einem anderen Stück Papier wieder begonnen.
Das Unbedeutende des Aktes hat mich ihn vergessen lassen. Ich bin da-
rüber glücklich!"
Anstatt die Konsequenz zu ziehen, daß das Abstreiten durch Lass a-
bliere beweist, wie unzuverlässig seine, aber auch unter Umständen
anderer Untersucher Mitteilungen sind, wird dieser Fall nur angeführt,
um zu beweisen, daß Kahn den Schreiber jedes Zettels herausfindet. Auch
Fraisse gab etwas Falsches an. Er sah L a s s a 1)1 i 1 r e einen Zettel
wegwerfen (jeter), während dieser in die Tasche gesteckt wurde. Wie
K ahn es erkannt hat, daß Lass ab li i r e seinen früheren Zettel nicht
hatte, ist natürlich sehr einfach, denn Kahn hatte selber die Zettel zer-
rissen, auf denen geschrieben wurde. Aus den oben angegebenen Gründen
konnte 'Kahn erkennen, daß der von ihm gegebene Zettel sich nicht unter
den in Frage kommenden befand. Anstatt ein bißchen gesunden Menschen-
verstand mitsprechen zu lassen, kommen hier die Untersuch er wieder auf eine
ganz falsche Fährte, indem der sehr kluge K ahn sie in sehr geschickter
Weise nach der Richtung beeinflußt, daß ohne neues Experiment er so-
fort sagen könne, was vorgegangen ist. Ist nicht der ganze Zwischenfall
vielmehr ein Kriterium dafür, wie ungenau die Autoren vorgingen ? Denn
'das hätte doch zunächst ins Protokoll gehört, daß Lassabliere einen
Zettel weggetan und einen neuen genommen bat. Das ist ein so wichtiger
Vorgang, daß dessen Verschweigung allein genügt, das Experimentieren
dieser Art vollkommen wertlos erscheinen zu lassen. Aber Lassabli er e
sagt, der Vorgang sei so unbedeutend, daß er ihn deshalb vergessen hatte.
Man kann von diesem Versuch auf andere schließen. Was der Untersucher
für unwichtig hält, ist oft das Wichtigste. Da die Untersucher in Paris
dauernd auf falscher Fährte waren, haben sie offenbar manches, was sie
für unwichtig hielten, nicht gemerkt. Dabei wohnte Osty diesen Ver-
suchen bei.
Nun weiter: Riehet erklärte eines Tages (5. 75), er fürchte einen
Trick, es handle sich um etwas zu Außerordentliches. Er wollte deshalb
mit Kahn unter vier Augen experimentieren, und nun heißt es weiter:
„Denn meines Erachtens sind besonders und bei äußerster Strenge allein
wertvoll die Versuche, die man unter vier Augen macht, ohne durch die
Bemerkungen und Unterhaltungen der Anwesenden zerstreut zu werden."
Diese Worte Richets sprechen Bände. Erstens kann unter kritischen
Forschern doch gar kein Zweifel darüber bestehen, daß nur solche Ver-
suche Beachtung verdienen, die bei äußerster Strenge (extreme rigueur)
gemacht sind; alles andere gehört in den Papierkorb und ist höchstens
für die Psychologie der Experimentatoren zu verwerten, hat aber mit
beweisenden Versuchen nichts zu tun. Trotzdem sehen wir, daß den über-
wiegenden Teil der vorliegenden Arbeit die Versuche ausmachen, die nicht
unter vier Augen gemacht wurden, denen also nach Ri ehe ts eigener An-
sicht vom Standpunkt äußerster Strenge aus ein Wert nicht beizumessen
ist. Dabei sehen wir, wie schnell Anwesende, auch ohne daß die Versuche
unter vier Augen gemacht sind, gelegentlich auf Grund eines ihnen im-
Der „Hellseher" Ludwig Kahn und seine Untersucher. 173

ponierenden Versuches überzeugt sind. Es ergibt sich also aus Rich et s


Worten, daß die überwiegende Zahl der uns mitgeteilten Versuche zur
Stütze des Hellsehens wertlos ist. Es ergibt sich aber noch ein zweites
aus Rich et s Worten, nämlich die Tatsache, daß sich die Anwesenden
während der Versuche unterhalten und Bemerkungen gemacht haben.
}laben Versuche, bei denen sich die Anwesenden unterhalten, noch etwas
mit wissenschaftlichen, beweisenden Experimenten zu tun? Ein so kluger
und durch viele Jahre erfahrener Mann , wie Kahn, will das Hellsehen
.

beweisen, und die Anwesenden unterhalten sieh und stören. Kahn braucht
nicht einmal durch eigene Reden oder Handlungen die Aufmerksamkeit
der anderen Teilnehmer abzulenken oder zu zerstreuen, wenn er zwei
Papierstücke vertauscht. Die Anwesenden unterhalten sich und sorgen
selbst für Ablenkung. Ich würde, wenn sich Anwesende bei Versuchen
über Hellsehen unterhalten, nach einmaliger Verwarnung sie wegschicken.
Vielleicht würde ich aber auch nicht einmal verwarnen, da ich vorher
stets die Art des Versuches überlege und allen Anwesenden untersage,
während des Versuches irgendwelche Bemerkungen zu machen oder sich
gar zu unterhalten. Nun könnte man vielleicht annehmen, daß der von
Riehet unter viel Augen gemachte Versuch eine Bedeutung hätte, da
bekanntlich ein positiver Fall, wenn der Versuch korrekt angestellt ist,
genügen könnte. Sehen wir deshalb, wie Rich et den Versuch angestellt
hat, soweit wir ihn nach der Beschreibung beurteilen können:
„Kahn ließ mich auf zwei kleine Stückchen Papier zwei Sätze
aufschreiben, und nachdem ich sie niedergeschrieben hatte, hat er diese
.

Papiere nicht berührt. Er befand sieh am anderen Ende meiner großen


Bibliothek, als ich sie niederschrieb. Selbst mit einer unfaßbaren Seh-
schärfe der Netzhaut konnte er nichts sehen. Ich habe dann die Papiere
achtfach gefaltet, und ohne, daß er sie berührte, legte ich das eine in
meine linke, das andere in meine rechte Hand. Nach einem Zaudern von
etwa einer halben Minute sagte er mir: Auf dem 'Papier der linken Hand
befindet sich : ‚Welches ist der Vorname in eines Vaters? Das war ge-
nau. Dann sagte er mir: In der rechten Hand (die ich nicht geöffnet
habe) befindet sich: ‚Welches ist das Alter meines älteren Sohnes?' Was
ebenso genau wie die vorhergehende Angabe stimmte." Warum sagt
Rich et, er hätte die rechte Hand nicht geöffnet? Hatte er die linke
geöffnet? Von diesem doch sehr wichtigen Vorgang erfahren wir nichts.
Immer neue Unklarheiten!
Riehet erklärt diesen Versuch für einwandfrei; offenbar machte er
auf ihn einen enormen Eindruck. Kahn wollte noch ein weiteres Experi-
ment nach derselben Richtung machen, jedoch mit einer kleinen weiteren
Komplikation.
„K ahn geht in das Vorzimmer, und da ich dann allein in meiner
Bibliothek bleibe, schreibe ich vier Sätze auf vier verschiedene Stücke
Papier nieder. Ich falte diese Papiere achtmal und lasse dann Kahn
in meine Bibliothek zurückkehren, und, ohne daß er die Papiere berührt,
lege ich eines unter ein lieft auf meinen gut beleuchteten Tisch, ein
174 Albert Moll.

anderes lege ich in meine rechte Hand, die ich geschlossen halte, ein
anderes in meine linke, gleichfalls geschlossene Hand, und das vierte
Stück, stets gefaltet, wird durch mich selbst mit einem Streichholz ver-
brannt, bis nur noch ein Pakctehen mit Asche übrig bleibt."
Auch hier sehen wir ein positives Ergebnis. Indem ich auf den
weiteren Versuch, bei dein sich Frau Riehet beteiligte, nicht eingehe,
bemerke ich folgendes zunächst : Riehet hat ein Papier in der rechten
Hand, ein weiteres in der linken Hand, das vierte verbrennt er selbst
mit einem Streichholz. Das ist möglich, obwohl ich gern etwas darüber
erfahren hätte, wie er das Streichholz angezündet hat ; denn wenn er
einen Zettel verbrennt, kann er nicht mehr die ganze Hand geschlossen
halten. Hier müßte genau alles geschildert sein. Wo standen die Streich-
hölzer? Wie hat R ichet die Streichhölzer ergriffen, wie hat er das
Streichholz angezündet, und wie hat er das Papier, das verbrannt werden
sollte, gehalten ? Es ist das keineswegs eine ganz einfache Aufgabe, die
Band geschlossen zu halten, während man ein Streichholz ergreift. Hat
er das Streichholz aus einer Schachtel genommen ? Alles dies ist des-
wegen sehr wichtig, weil der Verdacht, daß, trotz er Vorsichtsmali-
regeln von Riehet, K ahn die Zettel vertauscht hat, unabweisbar bleibt,
und zwar, weil wir über die Manipulationen 11 ichets bei dem Ent-
zünden des Streliiholzes und dem Verbrennen des Zettels nichts Genaues
erfahren.
Es ist folgender 'Fall zu bedenken : Während Eichet diese ziem-
lich komplizierte Handlung ausführt, niete er gleichzeitig auf den Zettel
unter dem Hefte achten. Wir erfahren auch nichts darüber, wie er das
gemacht hat. Hatte ar den Arm auf dem Heft liegen? Aber selbst dann
bleiben große Zweifel übrig. Solche Versuche unter vier Augen sind
keineswegs so einfach, wie sie sich Riehet vorstellt, weam der andere
seinen Trick versteht. Riehet traut sich etwas viel zu, wenn er glaubt,
er könne gleichzeitig das Experiment machen, gleichzeitig alles beob-
achten und glei2hzeitig womöglich Protokoll führen. Oder hat er nach-
träglich nur aus der Erinnerung geschöpft? Die Versuche unter vier
Augen sind grundsätzlich falsch. Das erbrennen des Zettels führt viel-
mehr zu der Annahme, daß Kahn denselben Trick angewendet hat.
den wir schon von Reese kennen, der ebenfalls gelegentlich einen Zettel
verbrennen ließ, von dem B. Birnbaum seinerzeit nachgewiesen hat.
daß es der eingeschmuggelte war, während der Sitzungsteilnchilier ge-
wöhnlich glaubt, der Zettel sei einer der beschriebenen. Mindestens ver-
-

brennt er den Zettel nicht, bevor er ihn entfaltet hat. Das können wir
aus der genauen Beschreibung, die seinerzeit Birnbaum gegeben hat.
mit Recht annehmen.
Die ganze Versuchsanordnung, die bei Kahn getroffen wird, ist
falsch. Dabei lasse ich unerörtert, daß von Riehet die Raumanordnung
uns nicht genügend klar beschrieben wird, nicht einmal ob die Tür zum
Nebenzimmer bei dem zweiten Versuch geschlossen war. Wir erfahren
auch nichts darüber, ob Riehet auf einen Block schrieb, so daß das
Der „Hellseher.' Ludwig Kahn und seine Untersucher. 175

Geschriebene sich durchdrücken konnte. Man wird daher zunächst ver-


muten müssen, daß Kahn den Inhalt der Zettel doch erfuhr, wahr-
scheinlich indem er die Zettel auszutauschen verstand. Vielleicht arbeitete
er aber gelegentlich auch mit Durchpausen. Wir erfahren nicht einmal
ganz klar, ob die Feststellung dessen, was jeder einzelne Zettel enthielt,
stets unmittelbar nachdem der Inhalt von Kahn mitgeteilt wurde, ge-
schah. Wir erfahren nichts, wo die Zettel blieben, kurz und gut : die
Beschreibung des ganzen Versuchs ist im höchsten Grade unklar. Die
einfache Behauptung Ric hets, Kahn hätte keinen Zettel berührt,
wird niemanden überzeugen, der sieh mit den Elementen der Taschen-
spielerei beschäftigt hat, und der gleichzeitig die entsprechenden Lehren
daraus gezogen hat.
Und nun zum Schluß eine ganz einfache Bemerkung : Es ist voll-
kommen unklar, weshalb in Paris nicht endlich einmal ein einfacher
Versuch gemacht wird, warum vielmehr die Untersucher immer wieder
auf die Versuchsanordnung von Kahn eingehen, und zwar auch da, wo
es offenbar ganz überflüssig ist. Entscheidende Versuche dürfen nicht
unter vier Augen stattfinden. Schon bei einer anderen Gelegenheit habe
ich auseinandergesetzt, daß es nicht richtig ist, Protokollant, Experi-
mentator und Beobachter in einer Person zu sein. Schon der Umstand,
daß eine Person nicht nur das Experiment vorbereitet, sondern auch
während des Experiments Verschiedenes ausführen muß, macht sie un-
geeignet, gleichzeitig das Medium zu beobachten. Hier spielt gerade die
Ablenkung der Aufmerksamkeit eine erhebliche Rolle. Wer sich mit
der Ablenkung und Verteilung der Aufmerksamkeit gründlich beschäftigt
hat, weiß, daß kaum jemand imstande ist, mehrere komplizierte Tätig-
keiten gleichzeitig auszuüben, ohne daß die der einen zugewandte Auf-
merksamkeit durch die andere Tätigkeit leidet. Man müßte eine Kontrolle
haben dafür, daß R ich e t in der Tat mit den Zetteln so umgegangen
ist, wie er glaubt, daß besonders Kahn durch Ablenkung der Aufmerk-
samkeit nicht etwas getan hat, was Riehet nicht bemerkte. In dieser
Beziehung ist niemand genügend kompetent, besonders nicht Riehet 1 ),
der offenbar, wenn es sich um Okkultismus handelt, ähnlich verfährt
wie jene deutschen Okkultisten, die sich persönlich mehr zutrauen als
ein e Person zu leisten vermag.
Es müßten mehrere Personen teilnehmen, aber auch nicht so, wie
es in Paris geschah. Jede Person hat nur die ihr vorher mitgeteilte Aufgabe

') Man ist in Deutschland leicht geneigt, die ausländischen Forscher zu uber-
schätzen. Weder Riehet, noch die Hauptforscher der S.P.R. in England sind beson-
ders kritisch. Ich beabsichtige, in kurzem besonders wegen der Überschätzung der
Engländer, an anderer Stelle auf diesen Punkt zurückzukommen. Das ist um so not-
wendiger, als gerade aus England uns so häufig Persönlichkeiten genannt werden,
deren Kompetenz als Taschenspieler besonders in die Wagschale geworfen wird,
während sie in Wirklichkeit ebenso unbeholfen wie die meisten deutschen Okkultisten
sind. Heute erwähne ich nur, daß z. B. B aggally, einer der „taschenspielerisch ge-
schulten" Untersucher von Eusapia P al 1 a dino, sogar die beiden Z an ci g s für
echte Medien hielt, wie H ou din i mitteilt. Und gerade bei diesen Zan cigs ist es
Dessoir und mir schon in der ersten Sitzung gelungen, den Trick festzustellen.
176 Albert Moll.

zu erfüllen. Das bezieht sieh wesentlich darauf, daß nach Richets


Mitteilungen die Anwesenden sich unterhielten, während experimentiert
wurde. Es müßten z. B. eine oder zwei Personen ausschließlich zu dem
Zwecke zugezogen werden, festzustellen, welchen Zettel Kahn berührt ;
das müssen aber taschenspielerisch geschulte Personen sein. Diese haben
weiter nur darauf zu achten, ob irgend eine Möglichkeit zur Substituierung
eines Zettels besteht. Unterhalten dürfen sieh diese Personen nicht. Nur
das haben sie zu beobachten, was ich eben erwähnte.
Ferner dürfen nicht drei oder vier Zettel genommen werden. Es
wird doch ernstlich keiner behaupten, daß, wenn K ah n drei Zettel lesen
kann, er nicht auch einen sollte lesen können. Kahn läßt den Trick
mit mehreren Zetteln nicht ausführen, weil er, wie 0 sty denkt, das
'Hellsehen erschwert, sondern weil er dadurch den Trick verdecken will.
Das ist mit drei Zetteln viel leichter, als mit einem. Und nun mache
man den Versuch in folgender Weise: eine beliebige Person beschreibt
zwanzig Zettel mit Sätzen, die sie aus einem Buche sich wählt. Diese
zwanzig Zettel werden gefaltet, durcheinandergeschüttelt, und dann wird
einer durch eine zweite Person ausgelost. Diesen Zettel soll dann einer
der Sitzungsteilnehmer in die Hand nehmen. Von den weiteren Sitzungs-
teilnehmern, die etwa vier oder fünf im ganzen sein müßten, sollen nun
die beiden taschenspielerisch geschulten darauf achten, ob Kahn, wenn
er verlangt, einen Zettel zu berühren, hierbei ihn austauschen kann
oder austauscht. Dann soll Kahn den Inhalt des Zettels mitteilen.
Nachdem dies geschehen ist, geht der Experimentator, der den Zettel
hält, mit einem Zeugen in ein anderes Zimmer, um festzustellen, ob,
was Kahn gesagt und was sofort natürlich niedeigeschrieben sein müßte,
mit dem Inhalt dieses Zettels übereinstimmt. Ich würde es sogar für
wünschenswert halten, daß der, der den Zettel hält, selbst taschenspiele-
risch geschult ist.
Bevor in solcher Versuchsanordnung Ludwig Kahn sein Hellsehen
bewiesen hat — das Wichtigste ist die Beobachtung durch taschen-
spielerisch geschulte Personen, die nichts weiter zu tun haben, als zu
beobachten , wird über die Frage nicht diskutiert werden können.
Daß keine von diesen Personen gleichzeitig Protokollant sein darf, ist
selbstverständlich. Hierfür kann eine oder zwei Personen extra gewählt
werden. Der Versuch muß natürlich vorher zwischen den Untersuchern
genau besprochen werden.
Wenn aber meinem einfachen Vorschlag gegenüber die Okkultisten
behaupten sollten, daß eine solche Kraft, wie das Hellsehen, sich nicht
beliebig durch Befehl herbeiführen läßt, so kann man den Versuch ruhig
öfter wiederholen, aber immer nur unter den eben genannten Bedin-
gungen. Nur e in Zettel 1), der vorher ausgelost ist, zwei Beobachter, be-
') Es müßte doch der Umstand, daß die modernen Hellseher so oft mit mehreren
Zetteln statt mit einem operieren, mißtrauisch machen. Reese tat es, Ludwig Kahn,
desgleichen eine Versuchsperson Tischners, R. Auch Fritz Grunewalds Freund, Peter
.J oh nn sen, der Fragen beantwortete, die sich auf verschlossenen Zetteln befanden,
Der „flellseher" Ludwig Kahn und seine Untersucher. 177

sonders für die Zeit, wo Herr K ah n den mit der Hand festgehaltenen
Zettel berührt. Sollten die Okkultisten ernstlich behaupten, K ahn könne
wohl drei Zettel lesen, aber nicht einen, was ich bei dem psychischen
Zustand vieler Okkultisten durchaus für denkbar halte, so würde sich
eine weitere Diskussion erübrigen. Jedenfalls füge ich ausdrücklich noch-
mals hinzu : K ahn wählt nach meiner festen Überzeugung einen Ver-
such mit mehreren Zetteln, nicht um ihn zu erschweren, sondern um es
sieh zu erleichtern. Ich verweise hier nochmals auf das, was B. B irrt-
baum über den .Fall Reese mitgeteilt hat, desgleichen Robert Meyer,
der mit vollem Recht das Vertauschen der Zettel auch da annimmt,
wo die Anwesenden bestreiten, daß es möglich gewesen sei, der auch
mit vollem Recht es bezweifelt, ob die Angabe, der Hellseher hätte
einen bestimmten Zettel nicht berührt, den Tatsachen wirklich entspricht.
Ich rechne mit der starken Wahrscheinlichkeit, daß, wenn in dieser
einfachen Weise durch einige wenige zuverlässige Personen der Versuch
gemacht wird, die „Emanationen" aus dem Zettel ausbleiben werden,
und daß sich Ludwig K ahns Hellsehen so aufklären wird, wie das von
Rees e und anderen aufgeklärt worden ist.
Meine Mitteilungen wären nicht vollständig, wenn ich nicht noch
auf die ganze Art der Sitzungen in Paris kurz eingehen würde. Ich
bringe im folgenden zunächst eine kleine Liste der Sitzungsteilnehmer bei
den einzelnen Sitzungen. Wir \N erden sofort sehen, wie lehrreich diese ist.
-

4. Februar 1925 (S. 67).


Aktive Teilnehmer überhaupt : E. Leclainche, Professor Vallee, Xavier
Leclainclie, Jean Vallee, E. Osty, Frau Leclainch.e, Frau Vallee, Frau Laval.
1. Teil : Professor Leclainche, Frau Vallee, Frau Leclainche, Osty.
2. Teil : Frau Laval, Professor Vallee, Frau Xavier Leclainche,
e an Vallee.
7. Februar 1925 (S. 71).
Experimentatoren : Ch. Riehet, Cuneo, Gosset, Lardennois, Laignel-
Lavastine, Santoliquido, Humbert.
1. Versuch : Cuneo, Gosset, Lardennois, Laignel-Lavastine.
2. Versuch : Ch. Riehet, Santoliquido, Humbert.

8. Februar 1925 S. 76).


Ch. Riehet, später auch Frau Riehet.
.•
'21. Februar 1925 (S. 132).
Berthelot, Ferrie, Ch. Riehet, Osty.
hat nach meinen Informationen — und ein Brief, den mir Herr Grunewald seinerzeit
schrieb, scheint mir dies zu bestätigen — seine Fähigkeiten unter Benutzung mehrerer
Zettel zu demonstrieren versucht.
Zeitschrift für Okkultismus I. 12
178 Albert Moll.

3. März 1925 (5. 134).


Beobachter: Berthelot, Ferrie, Ch. Riehet Vater, Ch. :Riehet Sohn,
Lassabliere, Ripert, Frau Le Her (Tochter von Riehet), Osty.
1. Teil: Berthelot, Frau I,e Rer.
2. Teil: Ch. "Riehet Vater, Ch. Riehet Sohn.
10. März 1925 (5. 137).
Beobachter : Berthelot, :Riebet Vater, Riehet Sohn, Osty.
1. Teil : Berthelot.
2. Teil : Riehet.
23. März 1925 (5. 139).
Anwesend: Berthelot, Lassabliere, Montier, Fraisse, Osty.
Es ergibt sieh daraus zunächst zweierlei: erstens, daß der Unter-
suchungszirkel eine dauernde Veränderung erfuhr, und das widerspricht
jeder wissenschaftlichen Methodik ; zweitens ergibt sich aber auch daraus,
daß die einen häufiger, andere nur einmal den Sitzungen beiwohnten.
Wenn man weitergeht, findet man ferner, daß mehrfach Mann und
Frau oder Vater und Tochter, auch wohl sonst derselbe Name mehr-
fach vertreten ist. Wer mit solchen Dingen Bescheid weiß, wird schon
daraus schließen können, in welcher Weise der Untersucherkreis ge-
wählt wurde. Offenbar handelt es sich nicht um methodische Unter-
suchungen, sondern jeder wollte gern etwas sehen. Ich kenne diese Art
„Untersuchung" auch aus Erfahrung, wo bald der, bald jener dein
Experimentator sagt, er interessiere sich sehr für solche Dinge, ‚seine
Frau auch", die Schwiegertochter hätte auch großes Interesse. Oft werden
nach solchen Familienbeziehungen, und lediglich um Neugierige zu be-
lustigen, die Zirkel zusammengesetzt, nicht aber nach dem Crrundsatz
wissenschaftlicher Methodik. Dieser würde fordern, daß derselbe Kreis
von etwa fünf Personen jedesmal zusammentritt, und die Untersuchungs-
bedingungen bei jeder neuen Sitzung modifiziert werden, um zu einem
Ergebnis zu kommen. Es ist in Paris genau dasselbe, was wir bei
S chr enck-N otz in g finden, daß möglichst vielen die Sache demon-
striert werden soll, die dann als Zeugen auftreten, ohne daß ihnen irgend-
welche wissenschaftliche Legitimation zukommt. Solche Experimente sind
-

keine Familienbelustigungen, auch keine Schaustücke für Neugierige.


Nicht einmal 0 st y oder Rich et haben an allen Sitzungen teilgenommen.
Aus den einzelnen Sitzungen ergibt sich folgendes :
E. L e cl ain ehe finden wir nur am 4. Februar vertreten, Professor
Vallee, XavierLeclainche undFrau Leclainehe, „reanValleeund
Frau V all ee und Frau L a v al ebenfalls nur an diesem Tage. (Jh. Riehet
Vater nimmt an fünf Tagen teil, am 7., 8., 21. Februar, 3. und 10. März;
ähnlich 0 s ty am 4. und 21. Februar, 3., 10. und 23. März. C un e o ,
Gosset, Lardennois, Laignel-Lavastine, Santoliquido und
Humb ert nur an einem Tage, dem 7. Februar. F errie am 21. .Februar
und 3. März, L ass abli er e am 3. und 23. März, Ripe rt nur am
Zur Energetik des Wollens. 179

3. März, Montier und 1' r aisse nur am 23. März, Berthelot am


21. Februar, 3., 10. und 23. März, Frau L e B er nur am 3. März. Dieser
Tag scheint ein Familientag für Rie h et s gewesen zu sein, da Vater,
Sohn und Tochter teilnahmen. Erforscht man in dieser Weise derartige
Phänomene?
Das Ganze zeigt den immer wiederkehrenden Fehler der Okkultisten,
daß ihnen jede Methodik fehlt; und es ist sehr wertvoll, daß wir das
auch bei Riehet hier von neuem feststellen können, da einige Deutsche
wohl immer noch meinen, daß Ri.c h et zuverlässiger im Gebiete des
Okkultismus arbeitet als andere. Die ganze Versuchsserie beweist, daß
Riehet die wissenschaftliche Methodik nicht beherrscht, oder sie nicht
anwenden will, und im großen und ganzen ergibt sich aus den Ver-
suchen mit Ludwig Kahn , daß man etwas sehen oder zeigen wollte,
aber von wissenschaftlichen :Bedingungen überhaupt nicht die Rede ist.
Weder die Versuche, die R i ehet unter vier Augen gemacht hat, noch
die, bei denen ein größerer Zuhörerkreis vorhanden war, können den
Anspruch auf wissenschaftliche Untersuchungen erbeben, da ihnen die
wissenschaftliche Methodik fehlt. Wenn jemand die Versuche fortsetzen
will, so empfehle ich, das zu berücksichtigen, was ich oben gesagt habe:
etwa fünf Personen, davon mehrere taschenspielerisch geschult, stets
derselbe Kreis, jede Personbekonmit eine bestimmte Aufgabe (Beobachtung
der Hand, Beobachtung des Zettels, Protokolli ernng usw.).

Zur Energetik des Wollens.


Von Albert Hofmann, Mehlem.
Mit 3 Abbildungen.

Beim Niederschreiben vorstehenden Titels drängt sich die Frage auf,


ob da s • was er besagen soll, auch von ihm zum Ausdrucke gebracht
werde. Sollte es vielleicht besser heißen ,,des Willens" oder sogar „kine-
tische Fernwirkung des Gedankens"?
Der Leser selber möge entscheiden.
Es handelt sich um einige Versuche, die Grundlagen des Fernwirkens
eines in Willenskraft = „ein Wollen" umgesetzten Gedankens zu er-
forschen.
Durch manche Beobachtung, während' einer Zeitspanne von annähernd
50 Jahren gemacht, ist mir die Tatsächlichkeit einer mechanischen Fern-
wirkung eines Gedankens sicher gestellt und handelt es sich darum,
diese Beobachtungen in ein System zu bringen.
Zunächst sei des Ausgangspunktes meiner bezügl. Studien gedacht.
Es war um die Mitte der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, ich
arbeitete damals als Student im Eschen chemischen Laboratorium zu W.
180 Albert Hofmann.

Es galt einmal, die Gewichtskonstanz einer Substanz nach mehr-


fachem Glühen festzustellen. Dieselbe befand sieh in einem Platintiegei
und wurde in der üblichen Weise, nach der Glühoperation, im Exsikkator
abkühlen lassen und zur Wage gebracht. Das Gewicht war bereits fest-
gestellt und konstant, es handelte sich mir noch um Zehntel von Milli-
grammen, die durch die Schwingungsweite der Wage bestimmt wurden.
Während dieses Versuches schlug die Schale stark nach unten aus,
es schien also, das Gewicht der Substanz habe erheblich zugenommen,
ein gänzlich unerklärbares Verhalten derselben.
Es wurde erneut geglüht und nun zeigte sich wieder das ursprüng-
liche Gewicht. Eine Prüfung der Wage ergab deren Richtigkeit. Eigent-
lich hätte ich den Versuch damit als beendet betrachten können, aber
ein gewisses Gefühl von Unsicherheit war geblieben; ich wiederholte
das Experiment des Glühens und fand beim nachherigen Wägen wieder-
holt eine starke Gewichtszunahme der fraglichen Substanz.
An der Nebenwage — es standen 4 Wagen zum Gebrauche der
Praktikanten nebeneinander auf demselben festen Tische — saß ein
Kollege, dessen eigentümliches „Feixen" mir beim Feststellen des Ge-
wichtes auffiel. Ebenderselbe hatte auch beim erstmaligen Versuche dort
gesessen und, wie mir jetzt deutlich in die Erinnerung trat, starr auf
meine Tiegelschale geblickt. —
Ich schloß auf irgend einen von ihm ausgeübten Schabernack, wog
meinen Tiegel, nachdem jener unter einem Vorwande aus dem Wage-
zimmer entfernt war, nochmals und fand das richtige ursprüngliche Ge-
wicht bestätigt.
Den Vorfall besprach ich mit meinem Lehrer. Derselbe riet, über
die Sache zu schweigen, aber jenen Kollegen zu überwachen. Da meine
Wage auch von anderen Praktikanten benutzt wurde, war es ein leichtes,
einen neuen Fall festzustellen, wo jener „Feixer" seine „okkulte Kunst"
bei einem andern versuchte.
Nun wurde er offen der Störung der Wägungen beschuldigt, aber,
da ihm direkt keine bösartige Handlung nachzuweisen war, nur gewarnt,
seinen Unfug einzustellen.
Nach einiger Zeit hatte ich den Schlüssel seines Tuns erkannt, es
gelang mir selber, durch Konzentration der Willenskraft eine Wageschale
einer feinen Präzisionswage von 200 g Tragkraft, welche Zehntel eines
Milligramms deutlich bestimmen ließ, sowohl im unbelasteten Zustande
als mit 20 und mit 50 g belastet, nachdem durch Gewichtsauflage das
Gleichgewicht hergestellt war, um 0,0060-0,0070 g zu stören.
Diese Versuche stellte ich aber bald ein, weil mir deren Gefährlichkeit
für meine Arbeiten klar wurde. Ich begann nämlich, ohne mir Rechen-
schaft zu geben, meine eignen Wägungen zu beeinflussen und hatte einige
Mühe, diese Fähigkeit abzulegen. —
Später, als ich der praktischen Ausübung der analytischen Chemie
entsagt hatte und mich anderen Arbeiten zuwandte, habe ich gelegent-
Zur Energetik des Wollens. 181

lich eine Versuchsreihe mit einer feinen physikalischen Wage angestellt


und die alte Fähigkeit, durch Willenskraft eine Wageschale zum Sinken
zu bringen, bald wieder erworben.
Das zunächst interessante Ergebnis dieser Versuche war, daß Glas —
denn diese feinen Wagen sind in dicht schließenden Glasgehäusen unter-
gebracht, um sie vor Staub und Luftströmungen zu schützen -- dem
Durehgange der supponierten Gedankenkraft anscheinend kein Hindernis
darbietet. Der „Wille" wirkte durch die Glaswand hindurch. Es mußte
also Metall die Schalen sind aus stark verplatiniertem Messing --
dem Durchgange ein Hindernis bieten und die „Kraft" in „Druck" uni-
wandeln.
Dies zu untersuchen \rin de das Wagengehäuse durch ein vor-
geschobenes Messingblech vom Experimentator getrennt und durch einen
Gehilfen von der andern Seite aus das Verhalten der Wageschale beob-
achtet. -- Es gelang nicht, die Wage zum Ausschlage zu bringen,
während ohne das Vorhandensein des Bleches mit leichter Mähe ein
Ausschlag, entsprechend 20 Milligrammen Gewicht, erzielt wurde.
Es wurde ein Gegenversuch gemacht: Ein Uhrglas wurde als Wage-
schale benutzt, es war an Platindrähten aufgehängt und an die Stelle
der eigentlichen Wageschale gebracht.
Es gelang kaum eine Bewegung dieser Schale mittelst „Wollen" zu
erzielen, wenn sie leer war. Dagegen sank sie, wenn belastet, aber durch
Gegengewicht auf der andern Wagschale ausgeglichen, auf „Wollen" hin,
wenn auch unbedeutend, da jetzt der „Wille" nur die auf der Schale
liegende Substanz als Angriffsfläche hatte. Wurde die Uhrglasschal.e mit
Aluminiumfolie bedeckt, so konnte man sie wieder leicht zum Sinken
bringen.
Es wurde eine große Wasserkuvette mit parallelen Wänden, wie
sie zu optischen Versuchen dienen, zwischen Wage und Operateur ge-
stellt. Leer und mit destilliertem Wasser gefüllt bildete sie kaum ein
Hindernis für den „Willen". Leider mußten diese Versuche vorzeitig ab-
gebrochen werden und konnte nicht mehr der Einfluß verschiedener Salz-
lösungen auf den Durchgang des „Willens" geprüft werden. Vorversuche
hatten wahrscheinlich gemacht, daß Metallsalzlösungen -- es war eine
8 proz. Kupfersulfatlösung und eine 6proz. Tonerdelösung versucht
worden den „Willen" nicht durchlassen würden.
Jedenfalls haben wir beim Wiederholen und Fortsetzen dieser Ex-
perimente manche interessante Aufklärung zu erwarten.
An diese Versuche wurde ich vor. 14 Jahren lebhaft erinnert, als
mir das Staudenmaier sehe Werk „Magie als experimentelle Natur-
wissenschaft" zur 'Hand kam. Er hat genau die gleiche Beobachtung
mit seiner Wage gemacht, aber ohne ihr weitere Folge zu geben.
Seiner Angabe, „man könne auch leichte, kleine Gegenstände, wie
Kugeln, runde Bleistifte, die sich in unmittelbarer Nähe der auf dem
Tische liegenden Hand befinden, in Bewegung zu setzen versuchen", ist
182 Albert Hofmann.

hinzuzusetzen, daß in diesem Falle weniger die Gedankenkraft zur Wir-


kung kommt als wie die sog. Handstrahlen -- vgl. meine Experimetital-
studie „Das Rätsel der Hanelstrablen", 2. Aufl. Verlag Oswald Nutze,
Leipzig.
Es handelt sieh nur um Bewegungserscheinungen, hervorgerufen
-

durch den Pulsschlag des Experimentators. Von den durch den Puls-
schlag der Hand, bzw. der Fingerspitzen in Bewegung gesetzten kleinen
Körpern machte man vielfach abergläubischen Gebrauch zu Wahrsage-
zwecken. •
Wer sich dafür interessiert, findet reiches Material in einem jetzt
sehr selten gewordenen Schriftehen: Citrus St erne „Die Wahrsagung
aus den Bewegungen lebloser Körper unter dem Einflusse der mensch-
lichen Hand. (1)okt 0°month'). Ein kulturgeschichtlicher Versuch mit
-

23 Illustrationen" 1862.

Abb. 1 Abb. '2


zeigt den fertig geklebten Drehkörper. zeigt den Holzklotz, zwei Stücke zu-
sammengelegt und das dritte etwas
verschoben

Der experimentierende Forscher findet hier manches Material zu


seinen Studien, soweit meine Erinnerung reicht; ich habe das _Heft seit
vielen Jahren nicht mehr in den Händen gehabt.
Will man die Willenskraft zu motorischen Zwecken benützen, so
fertige man sich kleine, leicht bewegliche Körper ans Papier. So gelingt
es beispielsweise nach kurzem Bemühen, eine Rolle in Bewegung zu
setzen, die aus Bristolkarton (dem Stoffe, auf dem die Visitenkarten ge-
druckt werden) folgendermaßen gefertigt ist: Man lasse sich von einem
Drechsler etwa ein Dutzend solcher Karten, zwischen Holz festgepreßt,
auf einmal rund drehen auf einen Durchmesser von etwa 40 inm. Zwischen
zwei der so erhaltenen kleinen Kartonscheiben werden mittelst Syn-
detikon 3 Streifen aus dem gleichen Karton ganz exakt geschnittene
Parallelogramme von 50 X 15 mm geklebt, die sich in der _Achsenlänge ,

des zu bildenden Drehkörpers berühren. Am besten werden sie auch in


dieser Achse mit einer Spur der: Klebemittels aneinander befestigt.
Um diese Kleberei leicht von Hand gehen zu lassen, läßt man sich
vom Drechsler einen Holzkörper von 50 min Länge und 39 nun Durch-
messer drehen, den man durch drei Schnitte bis zur Mitte der Achse
in drei gleiche Teile teilen läßt. Die Schnitte müssen einander unter
120' treffen.
Zur Energetik des Wollens. 183

Man stellt nun einen der Schnitte senkrecht auf den Rand einer
der Kreisscheiben aus Karton und befestigt zwei der vorgenannten
Parallelogramme daran, darauf schiebt man den zweiten Schnitt ein
und klebt nun das dritte .Kartonstück an und darauf schiebt man den
letzten Schnitt ein. Man hat nun einen festen handlichen Körper, auf
dem man die zweite Kreisscheibe leicht aufkleben kann. Nach dem
Trocknen des Klebstoffes — was eine Stunde etwa dauert — kann man
den Bewegungskörper fertig aus der Hilfsform herausnehmen. Legt man
denselben auf eine glatte Spiegelglasplatte, die auf dem Tische genau
horizontal mittelst feiner untergelegter Holzkeile festgelegt ist, so kann
man durch Konzentration des Willens, indem man scharf auf den Mittel-
-

punkt des Kartonsystems blickt, dasselbe in Bewegung setzen. Natür-


lich nur in der Richtung vom Experimentator aus vorwärts ni e-
in als kann man ihn auf sieh zulaufen lassen. Die vom Willen aus-
-

gehenden Kräfte können nur im positiven Sinne wirken, niemals im


negativen.
Ganz entschieden ist abzuraten, den Versuch mittelst einfach aus-
geschnittener Kreisscheiben zu machen. Auch beim sorgfältigsten Ar-
beiten gelingt es nicht, den Schnitt absolut kreisförmig zu führen, man
erhält ein Polygon. das natürlich, wenn der Bewegungskörper geklebt
ist, auf einer solchen Polygonseite ruhen bleibt und nicht in Bewegung
kommt.
Eine andere, sehr leicht auszuführende, Art, die Bewegung von Gegen-
ständen durch den Willen zu untersuchen, besteht darin, leichte Körper
an einem langen Faden, om besten von der Decke eines Zimmers aus,
aufzuhängen.
Ich versuchte unter anderem eine Glaskugel, innen versilbert, wie
sie zum Schmucke der Weihnachtsbäume dienen. Sie hatte 50 mm Durch-
messer, der Haken, der nur lose in ihrem oberen Ansatze eingesteckt
war, wurde mit einer Spur Klebestoff befestigt, um jedes Verändern seiner
Lage unmöglich zu machen. Die Kugel wog 4,4 g.
Um Luftströmungen fern zu halten, wurde ein Becherglas aus
sehr dünnem Glas, wie es zu chemischen Zwecken dient -- darum ge-
stellt, das von mir gebrauchte hat 10 cm Durchmesser und 19 cm Höhe.
Die Kugel schwebte in der Mitte desselben.
Zu diesen Versuchen dürfen aber nur die sog. „schlechten, billigen"
Qualitäten von Bechergläsern aus Thüringer Glas genommen werden.
Böhmisches und noch mehr Jenaer Glas setzt dem Durchgange der
„Willensstrahlen" ein grösseres Hindernis entgegen; sie werden zum
größten Teile davon absorbiert umgewandelt). Am besten arbeitet
man natürlich ohne Glasumhüllung der Kugel. Gegen Luftströmungen und
besonders die Luftbewegung die durch das Atmen des zu Prüfenden
;

hervorgebracht werden, schützen Pappwände, die rechts und links von


der Kugel aufgestellt werden und die sieh vorn unterhalb der Kugel durch
ein niedriges Stück verbinden. Bei meinen Versuchen waren diese Papp-
wände im Innern mit Silberpapier beklebt.
184 Albert Hofmann.

Als eine Substanz, die dem Durchgange der „Strahlen" kaum ein
Hindernis bildet, habe ich eine Gelatineplatte gefunden, wie sie der
Handel in prachtvoll durchsichtiger Qualität bringt. Leider sind diese
oft mit Alaun stark gehärtet und dieser Körper als solcher ist an sich
ein stärkeres Absorbens für diese „Strahlen". Aber mit leichter Mühe
sind solche klare Gelatineplatten ohne Alaunzusatz herzustellen. Man gießt
in eine Entwicklungsschale für photographische Platten, etwa für 9 X 12,
eine Schicht Quecksilber, 4-5 mm genügen, und stellt diese Schale an
einen ruhigen staubfreien Ort. Auf diese Quecksilberschicht gießt man.
eine Schicht von 1 1 1 / 2 mni Stärke, bestehend aus reiner photographischer
Gelatine.
2 Tafeln davon in Wasser gequollen, sie wiegen etwa 3,4 g
man setzt dazu an klarem reinem Glyzerin 0,5 g
und an Zucker 0,1 g
Die Mischung wird im Wasserbade bei möglicl. st niedriger Tem-
peratur geschmolzen und 0,1 ccm =-- 10 Tropfen Fonwahn zugesetzt und
umgerührt.
Diese Schicht erstarrt zu einer niemals spröde mid hart, also nie-
mals brüchig werdenden _Cafei, die man mittelst eines vierseitig gebogenen
Drahtrahmens herausnimmt. Derselbe wird zusammengelötet und nachher
lackiert, man läßt ihn in der auf dem Quecksilber in dünner Schicht be-
findlichen Gelatine schwimmen, faßt dieselbe nach dem Eintrocknen und
kann sie als Schutztafel überall verwenden.
Vier solcher Tafeln -- deren jede etwa 0,2 mm Stärke hatte —
hintereinander geschaltet gaben bei einer geprüften Person eine kaum
geminderte Intensität der Willenskraft. Dagegen gaben vier Spiegelglas-
tafeln it 1,2 mm Stärke eine Verminderung der Kraft auf etwa 1 /4 der
ursprünglichen!
Bei den Versuchen, die Kugel in Bewegung zu setzen, hat man
seinen Willen auf deren Mitte zu konzentieren und diese scharf mit dein
Blick zu erfassen. Gleitet der Blick nur ein wenig zur Seite, so tritt
das ein, was auf dein Billard ein exzentrischer Stoß genannt wird. Die
Kugel weicht aus und wird nach der entgegengesetzten Seite getrieben.
Es entsteht ein elliptisches Pendeln derselben in der Querrichtung. —
Man muß solche Versuche abbrechen und die Kugel erst wieder zur
Ruhe kommen lassen, ehe man sich vergebens abmüht.
War diese obengenannte Kugel mittelst eines feinen Drahtes von
0,05 mm Stärke aufgehängt, so gelang es nicht, sie in Bewegung zu
setzen, wohl aber wenn zum Aufhängen ein feiner gut gewachster Seiden-
faden genommen wurde. Leicht gelang es, die Kugel zum Anschlagen
an den gegenüberliegenden Rand des Becherglases zu bringen.
Wurde der Draht im ersten Falle nicht am Haken der Decke direkt
befestigt, sondern unter Zwischenschiebung eines Porzellanringes, dann
gelang der Bewegungsversuch fast ebensogut.
Zur Energetik des Wollens. 185

Einen gleichen .Erfolg hatte ich mit einem mit Metallfarben bunt
bemalten Zelluloidballe, der in jedem Spielwarengeschäft zu haben war.
Derselbe hatte 5,4 cm Durchmesser und wog nur 4,9 g. Zum Aufhängen
desselben wurde ein feines Loch in seine dünne Haut gebohrt und ein
aus einem Glasfaden gebogener Haken von einigen Millimetern Höhe
eingekittet; sein Gewicht betrug 0,01 g.
Auch dieser Ball folgte dem Willen und schlug an den Rand des
ihn vor Luftströmungen schützenden Becherglases nach kurzer Zeit an 1).
Lange Aufhängefaden wählte ich deshalb, um ein merkbares lieben
der Kugeln beim Versuche zu verhindern, was die Frage vielleicht
kompliziert haben würde; die Bewegung der Kugel geht in einer hori-
zontalen Linie während des geringen Ausschlages. (Es sei daran er-
innert, daß in der Trigonometrie die Tangente und der Sinus bis 2°
als identisch angesehen werden, und da das entsprechende Bogenstück
des Kreises dazwischen liegt, kann es als gerade Linie angesprochen
werden). Es gelang unter keinen Umständen, eine Christbaumkugel
gleicher Art, wie vorhin beschrieben, in Bewegung zu setzen, wenn ihre
Versilberung durch einige Tropfen Salpetersäure aufgelöst und sie nach
dem Ausspülen in gut trockenem Zustande sie war wenigstens
30 Stunden im Trockenschranke gewesen und es war mehrfach die Luft
darin, durch Aussaugen mittelst einer Kapillare, gewechselt worden, uni
jede Spur von Feuchtigkeit zu entfernen dem Versuch unterworfen
war. Manchmal, wenn eine Störung in der Willenskonzentration eintritt,
schlägt der Ball 7i ixtick, weil die treibende Kraft aussetzt. Man darf
-

sich in diesem Falle nicht ermüden, den pendelnden Ball weiter anzu-
treiben, denn es gelingt nur sehr schwer, seine Kraft synchronisch den
Pendelungen anzupassen. Beim Gegenlauf bremst die Kraft und der Ball
kommt schnell zur Ruhe. Am besten versucht man noch einmal seinen
Willen an dem ganz zur Ruhe gekommenen Balle. Uni die Aufmerk-
samkeit des Blickes nicht abzulenken, habe ich bei meinen Experimenten

') Für diejenigen, denen solche Kugeln nicht zur Hand sind, die Notiz, daß man
sich leicht für ähnliche Versuche brauchbare Körper aus Papier formen kann. Man
schneide drei Kreise von 55 mm Durchmesser aus weißem Briefpapier. Den einen teile
man durch glatte Scherenschnitte in zwei Hälften und den andern in vier Viertel.
Nun klebe man mit ein wenig Syndetikon die beiden Halbkreise so an den Vollkreis,
daß zwei senkrecht zueinander stehende Vollkreise sich ergeben. Die vier Viertelstücke
werden nun in die Mitten der vier eben entstandenen Winkel eingeklebt, so daß sie
zusammen wieder in einer Ebene liegen. Es resultiert ein kugelförmiges Gebilde, dem
die Kugeloberfläche fehlt; es läßt sich sehr leicht für diese Versuche an einem Faden
aufhängen. Ein solches Gebilde aus mittlerem weißen Briefpapier von den angegebenen
Dimensionen wog inkl, des verwendeten Klebstoffes nur 0,64 g.
Klebt man zwei Stücke Gold- und Silberpapier (am besten solches, welches mit
Aluminiumbronze bedeckt ist) mit sehr dünnem Roggenkleister aufeinander und läßt
sie glatt zwischen den Blättern eines Buches trocknen, so erzielt man daraus leicht
einen Versuchskörper, welcher bei einem Gewichte von 1,4 g auch die Ladefähigkeit,
bzw. Umwandlung der Kraft des „Wollens" in „Elektrische Kraft" studieren läßt. Für
manche Versuche sind diese Körper zu leicht und muß man dann einen Tropfen Siegel-
lack am unteren Ende des Fadens ankleben, um diesen etwas zu spannen.
186 Albert Hofmann.

ein größeres Stück Wellpappe uni den Apparat gestellt, in einer Ent-
fernung von etwa 25 ein vom Rande des Becherglases. Dieser eintönige
Hintergrund begünstigt nicht eine Gedankenabsehweifung. Auch diese
Versuche bestätigten den Befund der Wageversuche: Glas lässt den
_Willen" hindurch, er wird nicht in motorische Kraft umgewandelt.
Wurde bei der versilberten Kugel die „Willenskraft", die viel -
lei c ht in Elektrizität umg2wandelt wird (Ionenladung), durch
den Faden abgeleitet, so tritt keine Bewegung ein, wohl aber dann, wenn.
die Ableitung durch die gewachste Seide oder den eingeknoteten Por-
zellanring verhütet wurde.
'Ein gleiches gilt von dem Wageversuch. Die Wageschale ist mittelst
Bergkristallschneiden vom, meist aus Aluminium hergestellten,Wagebalken
isoliert. Sie kann also die Kraft aufnehmen und umwandeln und einige
Zeit aufspeichern. Da beide Wageschalen isoliert aufgehängt sind, beide
-

haben Kristallschneiden, kann die der einen Wageschale mitgeteilte Kraft


nicht auf die andere übergehen, es kann also die Differenzwirkung ein-
treten. Die „Entladung.' der Schalen erfolgt durch die Berührung mit
den Pinseln bei der Arretierung, wodurch die statische tAdung zur Erde
abgeführt wird.
Wir hätten also wahrscheinlich eine Umwandlung der „Willens-
kraft" in „elektrische Kraft" beim Auftreffen auf geeignete Körper und
wäre das ganze Phänomen ein leicht verständliches geworden.
Was die Bewegung des Rollkörpers ans Bristolkarton angeht, so
hätten wir einen ladungsfähigen Kollektor, der auf bestem isolierenden
Fuße -- der Spiegelscheibe ruht und nun von den weiter andringenden
„Willensstrahlen- — die gleichnamige Elektrizitätsbildung beim Auftreffen
darstellen -- zurückgestoßen wird.
Eine solche Umwandlung ist nichts Ungewöhnliches im physikalischem
Sinne. Ich erinnere nur an das für uns unsichtbare ultraviolette Licht,
das beim 'Projizieren eines Spektrums hinter dein violetten Lichtbande
liegt -- aber für unser Auge unerkennbar ist. Schieben wir aber einen
Streifen von fluoreszierendem (Hase auf das Spektralband, so finden wir
nun das Spektrum weit über das sichtbare Violett verlängert, und ein
gleicher Erfolg entsteht, wenn wir ein mit Chinin bestrichenes Papier-
blatt zum Auffangen des Spektrums benützen. Unsere „Arbeit4iypothese"
leuchtet ein, wenn wir beachten, daß diese Willenskonzentration eine
merkbare Anstrengung des Gehirns darstellt, die oft ganz empfindlichen
Kopfschmerz im Gefolge hat, der lange nachhält, ehe er abflaut. Ver-
suche sind also nicht für jeden zu empfehlen und dürfen auch nicht zu
lange andauern, wenn der Experimentator nicht Schaden leiden will.
Dabei ist nicht ausgeschlossen, daß es auch Personen gibt, denen
ihre Konstitution eine andauernde Beschäftigung mit derartigen Fragen
gestattet. Dem Schreiber dieses gelang es früher leicht, jene motorischen
Wirkungen zu erzielen, jetzt, in vorgerücktein Alter, fällt es ihm
schwer, sich mit diesen Studien abzugeben.
Zur Energetik des Wollens. 187

Ob dies nicht mit der fortschreitenden Rückbildung der Zirbeldrüse


zusammenhängt, mit ihrer gewaltigen Zunahme an Bindegewebe und
der damit verbundenen Verkalkung?
Wie ich bereits vor 5 Jahren ausspracht), haben wir in der Stirn-
höhle die Endorgane des früheren Einauges des Menschen zu suchen,
dessen allerdings verkrüppeltes Organ die Zirbeldrilse darstellt, die
(ilandula pinealis der Hirnanatomie, die wahrscheinlich in früheren
Epochen der Entwicklungsgeschichte des Menschen zur Erkennung elek-
trischer Strömungen besonders organisiert war. Wenn diese Endorgane
zur Rezeption elektrischer Spannungsunterschiede befähigt erscheinen,
dann dürfen sie wohl auch zum Aussenden kleiner Kräfte dienlich er-
scheinen, die bei ihrer Umwandlung als elektrische Kräfte statischer
Art anzusprechen sind.
In einem Aufsatze, betitelt: „Was heißt Sensitiv?", Psych. Stud. 1924,
8. 540, habe ich nachgewiesen, wie sehr gewisse Personen für solche
äußere Spannungsunterschiede empfindlich sind. Meist verliert sich diese
Empfindlichkeit mit den Jahren. In der Jugend vor der Pubertäts-
entwicklung ist sie am größten, und zu dieser Zeit und bei manchen
Personen noch bis Ende der zwanziger Jahre ist sie zur Anstellung
aller in unserer Hinsicht in Betracht kommenden Versuche in reichem
Maße noch vorhanden.
Zu ihrer Erprobung kann eine einfache Versuchsanwendung dienen,
deren Beschreibung die nachfolgenden Ausführungen gewidmet sind.
Ist unsere „Arbeitshypothese", das Denken sei mit einer in elek-
trische Spannung umwandelbaren physikalischen Kraftäußerung verbunden.
richtig, so muß diese gemessen werden können.
Das „Wie" war nun die Frage, zu deren Ergründung zahlreiche ver-
gebliche Versuche angestellt wurden.
Zunächst wurde versucht, die Versuchsperson vor einen Hohlspiegel
zu setzen, in dessen konjugierten Punkt') ein feines Elektrometer seine
Auffangvorrichtung streckte. Ich glaubte auf diesem Wege eine größere
Menge der elektrischen Kraft sammeln zu können.
Aber aus welchem Materiale ist der Hohlspiegel zu wählen? Glas
läßt, wie wir sahen, anscheinend diese Strahlen hindurch, Metall nimmt
sie auf und verwandelt sie in elektrische Kraft, die entweder abgeleitet
wird oder wenn der Hohlspiegel isoliert aufgestellt wird, sich darauf
ansammeln, aber nicht reflektiert werden kann. Es schien aus vorläufigen
1) Seite 32 in „Wunschelrute und siderischer Pendel" (Okkulte Welt 1923/24).
2) Zur Erläuterung des Begriffes konjugierter Punkte sei daran erinnert, daß jeder
_Hohlspiegel, der die Form eines Kugelabschnittes hat, alle Strahlen, die aus dem Un-
endlichen kommen, die also parallel einfallen, in seinem Brennpunkte vereinigt. Strahlen,
die aus seinem Mittelpunkte kommen, werden in diesen reflektiert. Strahlen, die aus
einem zwischen EJnendlich und dem Mittelpunkte des Kugelabschnittes liegenden Punkte
kommen, fallen zwischen den Mittelpunkt und den Brennpunkt. Je näher der aus-
sendende Punkt am Mittelpunkte des Spiegels liegt, um so näher liegt ihr Vereinigungs-
punkt am Mittelpunkte. Die Stellungen des Strahlenaussenders und des Vereinigungs-
punktes der reflektierten Strahlen nennt man konjugierte Punkte.
188 Albert Hofmann.

Versuchen hervorzugehen, daß Paraffin geeignet sei, diese Strahlen zu


reflektieren.
Deshalb wurde ein Hohlspiegel aus Papier geklebt, indem eine ganze
Menge von Papierstreifen kreuz und quer über eine gefirnißte Kugel ge-
legt wurden und mit Roggenmehlkleister aufeinander befestigt wurden.
Es resultierte eine Kugelkalotte aus „Papier mache", die nach dem voll-
ständigen langsamen Trocknen mit Paraffin getränkt wurde und nachher in
ihrer Höhlung noch mit demselben dick überzogen wurde. Um den Überzug
zu glätten, wurde eine mit kochendem Wasser gefüllte runde Kochfläche
in seine Nähe gebracht und in geringer Entfernung kreisförmig hin- und
hergeführt, wobei die Kugelfläche fortwährend gedreht wurde, derart, (laß
gerade das zu behandelnde Stück horizontal lag. Es war eine recht mühe-
volle Arbeit, die aber ein ganz leidliches Resultat gab. Der von mir vor-
versuchte Hohlspiegel hatte einen Durchmesser von 33 cm. Sein Radius
betrug also 16 1 /2 cm. Der Brennpunkt lag 87, cm -v l)n der Kugelfläche
ab. Saß di.e Versuchsperson mit ihrer Stirn V, In VGT1 der Kugelfläche
entfernt, so lag der Kreuzungspunkt der reflektierten Strahlen 9,2 cm
von der Kugeloberfläche ab. Saß das Objekt mit der Stirn 40 cm von
der Spiegelfläche ab, dann war der Vereinigungspunkt' bei 9,9 cm. Die
Unterschiede mögen z. T. von der Ungenauigkeit meines Spiegels und
seiner Montierung stammen, zum größten Teile setze ich sie auf die Lage
des Ursprungspunktes der Strahlen, der einige Zentimeter hinter der
Vorderseite des Kopfes liegt; es ist außerdem zu beachten, daß der Aus-
gangspunkt kein Punkt ist, sondern eine Fläche anscheinend einige
hundert Quadratmillimeter groß -- die natürlich kein punktförmiges Bild
liefert.
Es ist nicht ausgeschlossen, daß ein mit den nötigen Hilfsmitteln aus-
gestattetes Institut in der Lage sein wird, den Sitz des Ausgangspunktes
der „Kraft" in der Kopfhöhle genau festzulegen.
Als Elektrometer diente ein W. Thomsonsches Quadrantelektrometer,
als Auffänger eine vergoldete Messingkugel von 4 mm Durchmesser. Die
Zuleitung zum Elektrometer war mittelst Bernsteinfassung durch eine
gut isolierende Glasröhre frei hindurchgeführt.
Trotzdem mit aller Sorgfalt gearbeitet wurde, konnte kein positives
Resultat auf diesem Wege erzielt werden, nur die Wahrscheinlichkeit
wurde gezeigt, daß der Versuch mit feinerein Elektrometer gelingen werde.
-- Ein solches ist zur Zeit aber nicht zu beschaffen ... Wenn ich trotz-
dem meine Versuchsanordnung ausführlich gab, so geschah es in der Er-
wartung, es werde später einein besser ausgestatteten Forscher gelingen,
diesen Weg zu Ende zu gehen. Es mußte eine andere Methode gesucht
werden, die Umwandlung der „Gedankenkraft" in elektrische Spannung
zu zeigen.
Ich verfiel auf ein II. W. Schmidtsches Elektroskop mit Mikroskop-
ablesung, in der Form, wie es für die Untersuchung radioaktiver Körper
benutzt wird.
Es wurde auf ein Potential von etwa 150 Volt aufgeladen und der Ab-
Zur Energetik des Wollens. 189

fall der Spannung beobachtet. Wurde der Zuleitungsknopf aus Aluminium


genommen, so konnte im Momente der Formulierung der Gedankenarbeit
ein plötzlicher starker Spannungsabfall festgestellt werden. Als Versuchs-
personen dienten Schulkinder im Alter von 9 14 Jahren, welchen ein-
fache Aufgaben gestellt wurden aus dem Gebiete des Kopfrechnens, der
Geographie und der Geschichte, die meist mit einem Worte oder einer
Zahl beantwortet werden konnten.
Wenn der normale Spannungsverlust des 11Nektroskops unter den
Verhältnissen meines Arbeitsraumes etwa 1 Volt pro Minute betrug, so
fiel er im Momente des Aussprechens der Antwort, d. h. im Augenblicke
des Zuckens des Mundes zur Antwort, um 3 5-8 Volt, unter Um-
ständen, wenn die Antwort sehr prompt erfolgte, 15 18 Volt. Die Zeit
der Antwort war nicht vorauszusehen. Sie entfiel ganz unregelmäßig über
den Verlauf des Zeigers über die Instruinentenskala. Ein Einwurf, es
handle sich um eine schlechte Montierung des Elektrometers, ist somit
ausgeschlossen. Obschon eine ganze Reihe von Versuchen angestellt wurden,
konnten keinerlei Regelmäßigkeiten betreffend Alter, Geschlecht oder
Fähigkeit der Schüler festgestellt werden. Es hätte dazu eine größere
Zeitspanne zur Verfügung stehen müssen und die Mitarbeit von inter-
essierten Lehrern, die damals nicht zu finden waren.
Als ich später diese Beobachtungen nochmals vornahm, um sie weiter
auszubauen, beschloß ich, eine etwas bequemere Methode zu versuchen,
denn jedem Sachkenner ist es ersichtlich, wie schwierig die Handhabung
eines Elektrometers in Anwesenheit von mehreren Personen ist. Statt der
elektrometrischen Messung versuchte ich eine Strommessung einzuführen,
die gegen jene Störungen — auf welche hier nicht einzugehen ist —
mehr gefeit ist,
Ich baute zwei gleichartig auf der Drehbank gewickelte Spulen von
Draht von 1,35 nim Dicke, die je einen Zylinder von 25 cm lichter Weite
und 23 cm Höhe darstellen, Die Drahtwindungen berühren einander nicht;
sie sind um sechs runde Stäbe, die im Sechseck zwischen zwei kräftigen
Holzringen eingeleimt sind, gewickelt. Diese beiden Solenoide wurden
an den Enden eines Stabes von 1,10 ni Länge isoliert aufgehängt und
dieser in der Mitte drehbar auf einem Stativ von 1,75 in Höhe befestigt.
Das System bildete eine Art Wage, auf deren Wagebalken die Drähte
für die elektrischen Leitungen gut isoliert befestigt waren, damit bei dem
nötigen Hantieren keinerlei Änderungen in denselben möglich werden
sollten. Die Windungszahl beider Solenoide war 27.
Auf den Wagebalkenenden ruhten je zwei Kondensatoren von genau
gleicher Größe, also genau gleicher Kapazität. Sie bestehen aus runden
Stanniolblättern, die glatt auf Glasscheiben aufgeklebt sind und mittelst
Zelluloidstreifen von 0,06 mm Stärke in genau gleichem Abstande ge-
halten werden. Meine Kondensatoren haben einen Durchmesser von 9 cm.
Die oberen Enden der Solenoide waren fest mit den unteren Kon-
densatorplatten verbunden. Die oberen Kondensatorplatten untereinander
ebenso.
190 Albert Hofmann.

Die unteren Enden der Solenoide gingen zu den entsprechenden Klemm-


schrauben eines Differentialgalvanometers. Dasselbe besteht aus zwei genau
gleich langen, gut isolierten Drähten, die miteinander aufgewunden sind.
Leitet man durch den einen Draht einen Strom und durch den zweiten
Draht einen gleich starken Strom von entgegengesetzter Richtung, so
bleibt eine im Mittelpunkt des Galvanometerstromkreises schwingende
magnetische Nadel in Ruhe, weil die beiden Wirkungen einander aufheben.

Abb. 3.
Eine schematische Darstellung der Vorrichtung. A=Wecuselstromerzeuger. 13Batterie
von zwei Elementen (Akkus). G=Differentialgalvanometer. Sp l =Spule 1, in welche der
Kopf der Versuchsperson kommt. Sp 2=Spule 2, in welche der (zum Ausgleich des sta-
tischen Feldes bestimmte) Puppenkopf gestellt wird. K1 und K 2= zwei gleiche Konden-
satoren, von denen die oberen Platten verschiebbar sind zmn Ausgleichen ungleicher
elektrischer Verteilung im System.

Die freien Polschrauben des Galvanometers stehen mit einem Wechsel-


strom erzeugenden Induktorium in Verbindung, dessen anderer Pol mit der
Mitte des Verbindungsdrahtes der beiden oberen .Kondensatorplatten in
Kontakt ist 1 ).
Ist das Stromsystem genau ausgeglichen, d. h. sind alle Teile gleich-
wertig, dann werden die beiden Kondensatoren abwechselnd gleich stark
geladen und entladen. Solange im System keine :Änderung eintritt, zeigt
das Differentialgalvanometer keinen Ausschlag, weil der entstehende Gleich-
strom in den beiden Hälften des Systems gleich stark ist. Wird die eine

1 ) Der Hammer des den Wechselstrom erzeugenden Induktoriums war durch einen

Mikrophonkontakt "Summer" ersetzt; es werden dadurch nur Widerstandsschwankungen


im Primärkreise erzeugt und man erhält fast reine Sinusschwingungen im Wechsel-
stromkreise.
Zur Energetik des Wollens. 191

Hälfte durch irgend eine elektrische Kraft gestört, dann zeigt sich ein
Ausschlag des Galvanometers. Zum Verständnisse dieser etwas ungewohnten
Art der Schaltung sei den Nichtphysikern unter den Lesern kurz gesagt,
daß, wenn statt des Wechselstromes ein Gleichstrom an den genannten
Stellen angelegt würde, überhaupt kein Strom im System zirkulieren
könnte, weil die Kondensatoren als Stromunterbrecher dienen.
Der Wechselstrom von hoher Spannung ladet aber die einander gegen-
überstehenden Kondensatorplatten und haben diese in jedem Augenblicke
die Spannung der Stromquelle. Die Spannung der Platten wechselt aber
konstant zwischen positiver Elektrizität und negativer Elektrizität. Es
ist ein permanentes Schwingen zwischen Maximum und Minimum, es
kommt so ein Strom zustande, den das Galvanometer anzeigt, wenn er
nur einseitig hindurchgeht. Da aber beide Stromhälften an das Galvano-
meter angeschlossen sind, und zwar gegeneinander, so kann, solange der
Strom in beiden Hälften gleich stark ist, kein Nadelausschlag resultieren.
Sowie aber in einer Hälfte des Systems irgend eine sekundäre elek-
trische Kraft wirkt, wird je nach der Art derselben ein Nadelausschlag
in der einen oder andern Weise erfolgen.
Eine hohle Pappmache-Kopfform, wie sie zum Garnieren von Hüten
und ähnlichen Arbeiten benützt werden, wurde in das Innere des einen
der beiden Solenoide gestellt, in das Innere des andern steckte die Ver-
suchsperson den Kopf. Sie war gebeten, an nichts zu denken und erst
zu reagieren, wenn eine direkte Frage an sie gestellt wurde.
Ein geringes Verstellen des einen der beiden Kondensatoren brachte
die beiden Hälften des Systems wieder ins Gleichgewicht; das Differential-
galvanometer stand auf Null ein.
Wurde nun plötzlich der Versuchsperson eine Frage zugerufen (z. B.
„Wieviel ist 8 x 7?" oder „die Hauptstadt von Polen heißt?"), so trat
im Momente des Denkens eine erhebliche Störung des elektrischen Feldes
ein. Die Ladung des Solenoids, das den „Denkenden" umgab, wurde ent-
spannt. Wir dürfen wohl daraus entnehmen, daß beim Denkprozeß irgend
welche .... (sagen wir kurz einmal) Elektronen den Kopf verlassen und
den elektrischen Zustand des Solenoids verändern. Leider waren die Aus-
schläge des mir zu Gebote stehenden Differentialgalvanometers, obwohl
recht kräftig, doch nicht zu messenden Versuchen zu verwenden. Meine
Arbeit ist in dieser Hinsicht nur als eine wegsuchende zu bezeichnen.
Mit einem so unvollkommenen Instrumentarium, wie es z. Zt. den Privat-
personen zu Dienste stehen kann, sind weitergehende Forschungen nicht zu
ermöglichen. Es gelang aber, das Prinzip des Verfahrens festzustellen
und darzutun, daß besser ausgerüsteten Forschern hier ein Weg zu dankens-
werter Betätigung sieh bietet.
Außer mit diesen Versuchen beschäftigte ich mich, die Wirkung der
vom Kopfe ausgehenden „Strahlen.' auf eine Branlysche Röhre zu stu-
dieren. Eine solche, mit Silber- und Nickelfeilspänen gefüllt, wurde in
der .A Ase eines Paraffinhohlspiegels aufgestellt und die zu prüfende Person
192 A. Kollmann.

in den konjugierten Punkt gesetzt. Beim Denkprozeß läutete eine ein-


geschaltete Glocke; um ihn zum Schweigen zu bringen, mußte die Branly-
sehe Röhre angeklopft werden. Ein recht umständlicher Prozeß.
Als später die hochempfindlichen Radiodetektoren in den Handel
kamen, wurden die Versuche mittelst dieser aufgenommen. Ein Telephon
diente als Empfänger und zwar in der einfachen Schaltung oder als sekun-
däre, wobei Blockkondensatoren zwischengeschaltet waren. Das Knacken,
das beim Auftreten der Gedankenstrahlen sich hören ließ, war je nach
der Intensität des Denkprozesses von verschiedenem Grade. Wie diese Ver-
suche in vergleichende, messende umzugestalten sind, wird die nächste
Zeit lehren.
Da aber, wie aus verschiedenen Vorstudien hervorgeht, die in Frage
kommenden Wellen eine sehr kurze Wellenlänge laben, ist mit rund-
funkähnlichen Geräten nichts zu erreichten. Es wird am meisten zu er-
reichen sein mit der von mir angewendeten Branlyschen Röhre, vielleicht
mit einer Füllung von Silber- und Bleiglanzraspelspänen. ‚Jedenfalls
dürfte die Wellenlänge weit unter 10 cm liegen.
Eine empfindliche Störung erlitten meine Arbeitete durch die fremde
Besatzung, die hier im besetzten Gebiete doch oft unangenehmer sich fühl-
bar macht, als den im freien Vaterlande Lebenden denkbar. Manche Haus-
suchung habe ich erlitten ; man vermutete ‘4ne Beschäftigung mit radio-
technischen Experimenten und suchte die Ursache von, den fremden Radio-
-

betrieb arg störenden, Erscheinungen u. a. auch in meinem Arbeitsraume.


Trotzdem ich keinerlei derartige Absichten hatte, war doch schon das
Vorhandensein von Spulen, Widerständen, Akkubatterien, Galvanometern
usw. recht verdächtig. Ich gab also der freundlichen Mahnung eines
fremdländischen höheren Militärs nach und enthielt mich weiterhin einer
für meine Freiheit so gefährlichen Übung. Hoffentlich können wir bald
wieder frei uns der Wissenschaft widmen.
Fertiggestellt Januar 1923.
Eingegangen November 1925.

Taschenspiel und Okkultismus.


Von Prof. Dr. med. Artur Kollmann, Leipzig.
(Schluß.)
Um sich vor Betrug zu schützen, läßt man neuerdings das Medium, statt
es wie früher zu binden, von einer oder mehreren Personen an den Armen und
Beinen festhalten. Die übrigen an der Sitzung Teilnehmenden müssen wie
ehedem „Kette" bilden. Diese Vorkehrungen sind aber ebensowenig Garantie
gegen Täuschung, wie die Fesselungen. Schon das Festhalten des Mediums
ist eine unsichere Sache. Das Medium bekommt in seinem Trancezustand
gewöhnlich Zuckungen, und im Dunkeln weiß man zuletzt gar nicht mehr
Bescheid, hauptsächlich, wenn die Sitzung stundenlang dauert.
Taschenspiel und Okkultismus. 193

Wie ein Medium, obwohl es an Händen und Füßen festgehalten, resp.


von dem rechten und linken Nachbar wenigstens dort berührt wird, sich von
dieser Kontrolle befreien kann, wird in dem schon früher erwähnten Buch
von Prof. Lehmann („Aberglaube und Zauberei") erörtert, und zwar in
Abschnitt III, Kap. 26, die physikalischen Manifestationen. Es werden
an dieser Stelle u. a. Sitzungen von Riehet und M o 11 mit dem italienischen
Medium Eu s a p ia Palladino besprochen. M 011 beschreibt auch die Art,
wie das Medium sogar beide Hände und beide Füße freibekam, wodurch es in
den Stand gesetzt wurde, die überraschenden Phänomene und Manifestationen
ohne Mühe selbst zu erzeugen. Noch ausführlicher als in dem Buch von
Lehmann wird dieser Gegenstand in dem am Schluß dieses Aufsatzes
zitierten großen Werk „Der physikalische Mediumismus" behandelt.
Die soeben erwähnten Tricks lassen sich natürlich von einem Helfers-
helfer auch beim Bilden der „Kette" der übrigen Sitzungsteilnehmer an-
wenden.
Ein anderer Trick, um beim Bilden der „Kette" eine Hand frei zu be-
kommen, wurde vor kurzem von dem Zauberkünstler Hu go s beschrieben
(Magie, Monatsschrift des magischen Zirkels, Mai 1925). Hugos verwendet
einen Handschuh mit ausgestopftem kleinen Finger, den er im gegebenen
Moment schnell hinlegt; die nebenan sitzende Person glaubt den wirklichen
kleinen Finger zu berühren.
Eine wissenschaftlich wirklich zuverlässige Methode, die Bewegung der
Medien stets zu kontrollieren, ist die von Geh. Rat Sommer bereits 1921
angegebene („Zur Kontrille der Medien im Gebiet des Okkultismus und
Spiritismus", Deutsche med. Wochenschrift 1921, Nr. 23). Sie ermöglicht für
beide Hände und für beide Füße eine Darstellung aller Bewegungen in Form
von Kurven, ohne daß die Bewegungen des Mediums irgendwie gehemmt
werden,
In älteren Berichten über okkultistische Sitzungen liest man oft von
C eisterhänden und Geistergesichtern, die im Finstern sichtbar wurden. wenn
man darnach griff aber wieder verschwanden Man kann dies mit einfachen
Mitteln auf natürlichem Wege ausführen. Man nehme z. B. ein dünnes
Stäbchen und befestige an dem einen Ende desselben ein Stück von schwarzem
Karton; auf der einen Seite von diesem hat man mit Leuchtfarbe eine Geister-
hand oder ein Geistergesicht gemalt. Im Finstern wird das Gemalte leuchten,
-und wenn man es hin- und herbewegt, ist der Zuschauer nicht imstande, die
Entfernung von sich richtig zu taxieren. Greift jemand darnach, so dreht man
die Scheibe um, und das Phänomen ist verschwunden.
Ein guter Trick war früher auch der. daß das Medium unter seinem
gewöhnlichen Anzug noch ein schwarzes Trikot trug, auf dessen vorderer
'Seite mit Leuchtfarbe ein Skelett gemalt war. In der Dunkelsitzung zog das
Medium den Anzug aus, legte ein Paar gleichfalls präparierte schwarze Hand-
schuhe und eine schwarze Gesichtsmaske an, und ging nun im Trikot unter
den Zuschauern umher. Drehte es sich um, so war die Erscheinung natürlich
verschwunden. Als man diese Tricks allgemein als solche erkannt hatte,
nahmen die Medien ihre Zuflucht zu Mullstücken, die, mit leuchtenden Sub-
Zeitschrift für Okkultismus r. 13
194 A. Kollinann.

stanzen imprägniert, in einzelnen kleineren Teilen an verschiedenen Stellen


ihres Körpers verborgen wurden. Sie konnten diese sowohl als Geistergewand
umhängen, als auch aus ihnen verschiedene Gestalten formen, die man bei
Öffnung des Kabinetts abseits von dem in Trance befindlichen Medien wahr-
nahm.
Ein besonderes Kapitel für sich bildet die Tafelschrift, die wohl von allen
bedeutenden Medien vorgeführt worden ist. Am meisten bekannt und erörtert
wurden die Versuche, die der Leipziger Professor Zöllner diesbezüglich mit
dem Medium Henry Si ad e vornahm. Die Tafelschrift wird erzeugt durch
zwei ganz verschiedene Methoden. Bei der einen werden Tafeln verwandt, die
präpariert sind, bei der andern benutzt der Vortragende aber ganz gewöhn-
liche Tafeln ohne jede Präparation. Die Schrift bringt er dann dadurch her-
vor, daß er unter einem Fingernagel ein ganz kleines Stück Schiefer, Kreide
oder eine andere harte Schreibmasse eingeklemmt hat. Man kann dazu den
Zeigefinger verwenden; leichter arbeitet es sich aber mit dem Daumen. Auch
kleine Hilfsapparate, an denen ein winziges Stück Schreibmasse befestigt ist,
werden zur Ausführung dieses Tricks empfohlen; sie sind so konstruiert, daß
sie leicht an dem schreibenden Finger befestigt werden .können. Die Tafel
wird stets auf der einen Seite mit dem Daumen, auf der anderen aber mit den
vier übrigen Fingern erfaßt. Damit die Zuschauer das Schreiben nicht be-
merken, wendet man die betreffende Seite de Tafel von ihnen ab, oder man
,

hält die ganze Tafel unter den Tisch. Es würde zu weit führen, in diesem
Aufsatz auf die Einzelheiten dieser Tafelexperimente näher einzugehen.
Andere öfters vorkommende Täuschungen betreffen das akustische
Gebiet. Man weiß vom sog. Bauchreden her, wie leicht man sich betreffs des
Ortes. von dem der Schall kommt, irrt. Der Vortragende bewegt eine Puppe,
während er selbst, vor allein in seinem Gesicht, ganz ruhig bleibt. und unwill-
kürlich glaubt man, daß das Gesprochene von der bewegten Puppe kommt.
Aber auch bei ausgeschaltetem Sehen ist diese Unsicherheit vorhanden, ja sie
ist hierbei sogar noch stärker ausgeprägt. Um sich davon zu überzeugen, lasse
man z. B. eine Person auf einem Stuhl Platz nehmen und binde ihr ein Tuch
uni die Augen. Dann nehme man zwei kleine metallene Gegenstände, die
einen lauten Klang geben, z. B. zwei Münzen, und schlage mit ihnen anein-
ander. Wenn man dies über dem Kopf der sitzenden Person, vor ihrem Gesicht
und unterhalb des Kopfes verschiedene Male ausführt, wird man zu seinem
Erstaunen sehen, wie unrichtig lokalisiert wird.
An alles dies sollte man stets denken, wenn man von merk würdigen
akustischen Phänomenen hört, die bei okkultistischen Sitzungen auftreten.
Als ein Beispiel solcher Art erwähne ich die geheimnisvolle Spieldose, die
angeblich durch mediale Kräfte in Bewegung gesetzt wird. Das Taschenspiel
liefert uns auch dazu einen Beitrag. Seit vielen Jahrzehnten kennt man hier
das Kunststück, eine jede beliebige Taschenuhr repetieren zu lassen. Um dies
auszuführen, benutzt der Künstler einen zumeist in der Westentasche ver-
borgenen Apparat, der bei einem leisen Druck des Ellbogens oder sogar nur
durch tiefes Atemholen ein Schlagwerk auslöst. Bei der Produktion der
pseudookkultistischen Spieldose würde es natürlich dann nicht diese sein, die
Taschenspiel und Okkultismus. 195

spielt, sondern eine verborgene zweite, die entweder der die Sitzung Leitende
oder ein Helfershelfer, eventuell sogar das Medium selbst irgendwie in Tätig-
keit setzt. In der Literatur wird von einem Fall berichtet, in dem ein solcher
Trick wirklich angewandt worden ist. Die betreffende pseudo-okkultistische
Sitzung fand bei hell erleuchtetem Zimmer statt. Die Spieldose wurde in ein
Kistchen verschlossen auf einen Tisch gestellt; die Teilnehmer an der
Sitzung und der die Sitzung Leitende saßen um den Tisch herum und bildeten
Kette. Letzterer trug eine zweite Spieldose unter der Hose verborgen; sie war
am Oberschenkel in der Nähe des Knies befestigt. Ein Heben des Knies und
Andrücken gegen die untere Seite des Tisches ließ diese zweite Spieldose er-
klingen; wenn der Druck nachließ, hörte das Spiel wieder auf. Die an der
Sitzung Teilnehmenden, die von dieser zweiten Spieldose nichts wußten,
glaubten natürlich, daß es die in dem Kistchen verschlossene Spieldose sei,
welche spiele.
Die umfangreiche Weltliteratur des Taschenspiels und des Antispiritis-
mus macht uns mit der Ausführung aller bisher erwähnten Tricks in ihren
Einzelheiten auf das genaueste bekannt. Da sie nicht jedem zugänglich ist,
verweise ich deutsche Interessenten vor allem auf das schon weiter oben
zitierte Buch von Karl W illmann „Moderne Salonmagie". sowie auf sein
anderes Buch ,.Moderne Wunder" (beide im Verlag von Otto Spamer,
Leipzig). Das sechste Bändchen von W i 11 in an im illustrierter magischer
Bibliothek (Leipzig, Verlag Alfred Hahn) enthält eine gedrängte
Darstellung des Gegenstandes. Außerdem findet man auch eine große
Reihe von äußerst lehrreichen Aufsätzen in den zehn Jahrgängen von W ii 1 -
m anns Monatsschrift „Die Zauberwelt". Obgleich diese Willmann scheu
Publikationen älteren Datums sind, haben sie doch auch heute noch ihren
unbestreitbaren Wert. Viele hierher gehörigen Dinge finden sich außerdem in
den Spielbüchern des bekannten Verlags von Otto Maier in Ravensburg.
Daß eine mit Hilfe taschenspielerischer Kenntnisse vorgenommene
Prüfung okkultistischer Vorgänge wirklich etwas leisten kann, wird übrigens
neuerdings wieder durch das Buch von Harry Houdini Magician
among the Spirits, New York an.d London, 1924, ausführlich besprochen von
Carl v. Klinekowstroem im ersten Heft dieser Zeitschrift] bewiesen.
Houdini konnte trotz seines großen Interesses für den Gegenstand niemals
zur überzeugung von der Echtheit der Phänomene gelangen. Ich kenne H o u -
dini persönlich sehr genau von seiner einstigen Anwesenheit in Leipzig her;
wir kamen öfters zusammen. Ich habe dabei Dinge von ihm gesehen und ge-
lernt, von denen ich zuvor nichts wußte, und die ich auch später niemals bei
einem andern Zauberkünstler wieder gesehen habe. Er kannte sogar den ge-
heimnisvoll-mystischen Apparat. den Graf de Grisy-Torrini bei der
Ausführung seines berühmten Kunststückes "Die Partie Piquet eines Blinden"
benutzt hat'. Ich habe also allen Grund. auf Houdinis Urteil Wert zu legen.
Trotz alledem möchte ich aber raten, die taschenspielerische Erfahrung
niemals zur Voreingenommenheit gegen okkultistische Phänomene werden zu
lassen; man soll an die Prüfung jedes einzelnen Falles stets unparteiisch
herantreten. Wenn ich einmal wirklich Erscheinungen erleben sollte, die ich
196 Graf Perovsky-Petrovo-Solovovo.

mir in natürlicher Weise nicht erklären könnte, würde ich dies mit Freuden
bekennen. Bei der Beurteilung der Echtheit oder Unechtheit okkultistischer
Phänomene ist aber meiner absoluten Überzeugung nach die genauere Kennt-
nis des Taschenspiels nicht zu entbehren. Wer sich in diesem praktisch aus-
bilden will, dem ist vor allem zu empfehlen, Mitglied des in diesem Aufsatz
schon mehrfach genannten magischen Zirkels zu werden (1. Vorsitzender
Ferdinand Ut er, Leipzig, Kolonnadenstraße 18). Dadurch, daß jede
Ortsgruppe monatlich mindestens einmal Zusammenkünfte mit Vor-
führungen abhält und durch das jeden Monat erscheinende Vereinsorgan
„M a g i e", das stets auch eine Anzahl neuer Tricks bringt, wird man am
sichersten mit der Materie vertraut.
Daß man die Sache nicht vorwiegend vorn Standpunkt des Taschen-
spielers aus betrachten darf, ist natürlich klar; ich habe darauf auch schon
hingewiesen. Wem es mit dem Gegenstand wirklich ernst ist, der muß daher
auch die wissenschaftlichen Publikationen, das gewaltige Gebiet des Okkul-
tismus betreffend, gründlich studieren. Enter den neuesten Werken deutscher
Herkunft ragt vor allem eine Schöpfung hervor: „D er Okkultismus in
Urkunde n". herausgegeben von Max Dessoir tVerla Ullstein, Berlin).
Ein Band, bearbeitet von v. Gulat-Wellenburg, Graf Carl
v. Klinckowstroem und Hans Rosenbusch behandelt den physi-
kal ischen Mediumismus, ein zweiter, bearbeitet von Richard Bae r-
wald, die intellektuellen Phänomene. Ein dritter, Suggestion
und Hypnose, bearbeitet von Albert Moll, wird in Bälde folgen. „Der
physikalische Mediumismus" geht übrigens an vielen Stellen auch auf die
Beziehungen des Taschenspiels zum Okkultismus ganz besonders gründlich
ein.
Daß die Leitung der vorliegenden Zeitschrift bemüht ist, bei dem
weiteren Ausbau der wissenschaftlichen Forschung und der Verbreitung der
einschlägigen Kenntnisse nach besten Kräften mitzuwirken, wird aber hoffent-
lich auch bald allgemein anerkannt werden.

Mitteilung über einen Fall von Fakirelevation.


Von Graf Perovsky-Petrovo-Solovovo, Brüssel.
Der folgende Bericht über eine 'Fakirelevation scheint mir recht
merkwürdig zu sein, und ich persönlich lege ihm um so größeres Ge-
wicht bei, als ich den Verfasser, Herrn Michael Schipovsky, genau
kenne und keinen Zweifel an seinem guten Glauben hege. Herr S c h i-
p o v sk y ist ein russischer Flüchtling, Mitarbeiter der russischen Zeitung
„Rul" in Berlin und wohnt jetzt in der Umgebung von Nizza. Einige
Jahre lebte er in Berlin, wo ich ihn kennen und schätzen lernte. Ich
bewundere die Energie und Zähigkeit, mit der dieser Ehrenmann den
Kampf gegen sein sehr hartes Schicksal führt.
Mitteilung über einen Fall von Fakirelevation. 197

Die Beschreibung, die S chipovsk y von seinen Beobachtungen im


Mai 1914 entwirft, betrifft einen sehr seltenen Levitationsfall. Da die
subjektive Zuverlässigkeit des Zeugen als gesichert gelten kann, haben
wir mir unter folgenden Erklärungsmöglichkeiten zu wählen: Es handelt
sieh entweder um a) eine physische Erscheinung oder b) um eine Massen-
halluzination oder c) eine Erinnerungstäuschung. Mancher entscheidet
sich vielleicht für die letztere Erklärung, da Herr S eh ip ovsk y zu-
gestandenermaßen (vgl. unten) im Kriege eine Verletzung erlitten hat,
die sehr ernste und unangenehme Folgen hat. Deswegen ist es sicherlich
zu bedauern, daß sich heute keine Bestätigung für seinen Bericht mehr
auftreiben läßt. Ich kann aber bekunden, daß ich mit Herrn Schipov sk y
in Berlin während zweier Jahre oft zusammengekommen bin, ohne daß
ich j era als irgend etwas Abnormes an ihm bemerkt hätte.
Deswegen verwerfe ich für meinen Teil die Deutung c; anderer-
seits kann ich in der ganzen metaphysischen Literatur bis jetzt keine
unzweideutigen Beispiele wirklicher Levitationen finden; auch ein Trick
ist in unserem Falle wohl ausgeschlossen. Nach allem, was man zu
hören bekommt,, würde ich mich zwar durchaus nicht wundern, wenn
sich in 50 Jahren jeder von uns mittelst eines kleinen, unter den Kleidern
versteckten Apparats in die Luft erheben könnte. Aber einstweilen ist
er noch nicht erfunden, man braucht sich also bei dieser Möglichkeit
nicht aufzuhalten. Es bleibt also nur Deutung b übrig: Der Fakir oder
Yogi muß suggestiv eine Massenhalluzination erzeugt haben.
Ich selbst stand früher solchen Hypothesen sehr skeptisch gegen-
über. Vor 20 Jahren hielt ich einmal in St. Petersburg einen öffentlichen
Vortrag über die physikalischen Erscheinungen des Spiritismus und suchte
im Verlauf desselben zu beweisen, daß diese Hypothese sich auf nichts
stützen könne und daß u. a. die Geschichte von einem Fakirzauber, der
photographiert, aber nicht auf der photographischen Platte sichtbar ge-
worden sein sollte, auf freier Erfindung beruhte. (Vgl. „Journal of tue
Society for Psychical Research", Juni oder Juli 1891.) Nach dem Ab-
schluß in eines Vortrages aber sagte mir einer der Hörer, ein Marine-
offizier namens Byl i m -K o 1 o s so wsk y, ich wäre im Irrtum; er sei in
Indien gewesen und habe an Bord seines Schiffes selbst Vorführungen
eines Fakirs beigewohnt (ich weiß nicht mehr, welcher Art sie waren).
Sie wurden photographiert, aber auf der Platte war hinterher nichts zu
sehen. Leider gelang es mir nicht, von Kapitän B.-K. einen schriftlichen
Bericht über das Experiment mit seiner Unterschrift zu erhalten, ob-
gleich ich ihm vorschlug, ich wollte selbst mit meiner Schreibmaschine
zu ihm kommen und nach seinem Diktat schreiben, um es ihm so leicht
wie möglich zu machen.
.Dieser Zwischenfall, Schipo vsk ys Bericht und gewisse Tatsachen,
die Graf K 1 inc k owstr o cm in seinem überaus interessanten Vortrag
„ Indische Zauberkünste" 1 ) vorgebracht hat, haben mich heute zu der
') Vgl. Heft 2, S. 158-159 unserer Zeitschrift.
198 Grat Perovsky-Petrovo-Solovoro.

Ansicht bekehrt, daß suggestiv erzeugte Massenhalluzinationen vielleicht


vorkommen. Gewiß kein Umstand, der geeignet wäre, dem Forscher auf
dem schon so verwickelten Gebiet der physikalischen Metapsychik seine
Aufgabe zu erleichtern, zumal wenn wir mit Graf Klinckowstroem
(5. 23 des erwähnten Vortrags) annehmen, der Fakir könne nicht bloß
-

positive, sondern auch negative Halluzinationen suggerieren : eine Hypo-


these, die zwar geistvoll erdacht und schwer zu widerlegen ist, aber
sich, wie ich sagen muß, vorläufig noch auf kein Beweismaterial stützen
kann.
Wir lassen nun den Bericht des Herrn Schipovsk y in möglichst
wortgetreuer Übersetzung des russischen Originals folgen
Ein Mann, der sich in die Luft erhebt.
Anfang Januar 1914 brach ich von Taschkent auf in der Richtung
nach Pamir, in Gesellschaft meines 'Kameraden Sergei Alexandrovitsch
Barsukoff, der damals an der Handelsschule in Moskau studierte, und
eines Berufsführers, eines „Tadschik" aus der Stadt Taschkent; letzterer
war schon mehrmals in Indien gewesen und kannte rocht wohl die Wege
(oder wenigstens einige von ihnen) und die Mundarten der Eingeborenen.
Die Reise, anfangs ziemlich kurz geplant, zog sich in die Länge, und
erst im Mai erreichten wir nach Durchquerung des Ilimalaya die von
tropischen Wäldern erfüllten Täler, die in gewaltigen Terrassen den
Südabhang des Gebirges hinabsteigen.
Es war ein stiller Abend, die Luft war von den unzähligen Stimmen
der indischen Tierwelt erfüllt. Wir schritten durch ein kleines Gehölz
und sahen eine Lichtung von geringem Umfange vor uns, einen offenen
Platz, der die Strebepfeiler der Felsenberge im Hintergrunde sichtbar
werden ließ. Der Führer meinte, wir würden nun bald ein Dorf erreichen,
was uns sehr froh machte, denn mehrere Nächte hatten wir unter freiem
Himmel zugebracht, waren erschöpft und hungrig und hatten uns beeilt,
um endlich wieder ein Dach über dem Kopf zu haben und etwas aus-
ruhen zu können.
Der Rand des Waldes war erreicht, wir traten aus den Bäumen
heraus, aber statt des Dorfes (das noch in einiger Entfernung lag), sahen
wir eine Ansammlung von Eingeborenen, etwa 100 120 an der Zahl,
auf einem Grasplatz. Sie waren halb nackt, die meisten trugen lang-
herabfallende Haare; so bildeten sie einen engen Kreis, aus dessen Mitte
die taktmäßigen, uns unverständlichen Laute einer menschlichen Stimme
zu uns drangen. Bei unserer Annäherung teilte sich die Menge, wir bil-
deten gleichsam neue Ringe in der Kette und sahen nun im Mittelpunkt
des Kreises einen Mann stehen, offenbar denselben, der schon vor unserer
Ankunft gesprochen hatte. Er war dürr und hochgewachsen, die Haare
fielen ihm über die Schultern herab, mit der einen Hand hielt er über
der Schulter ein Stück Stoff fest, das ihm als Gewand diente. Langsam
ging sein Blick in der Runde herum.
Einen Moment lang richtete sich dieses durchbohrende Auge auch
Mitteilung über einen Fall von Fakirelevation. 199

auf uns. Alle schwiegen, es herrschte Totenstille. Ich glaube, meine Ge-
danken standen auch still. Ich kann mich jetzt nicht mehr entsinnen,
ob ich in jenem Augenblick an irgend etwas denken konnte, mir irgend
eine Frage vorlegte. Aber mit meinen Augen blieb ich unverwandt an
dem Manne in der Mitte des Kreises hängen.
Und wirklich, ich sah es ganz deutlich, wie er sieh vom Boden zu
lösen begann. Der Korb, den er neben sich hatte, blieb unten stehen,
während er selbst höher und immer höher emporschwebte. Schon mußte
man den Kopf heben, um dem Steigen seines Körpers folgen zu können.
Die Umrisse des Mannes waren deutlich sichtbar, aber sein Gesicht
(Form, Nase, Augen) konnte man nicht mehr unterscheiden. Wie hoch
war der Inder gestiegen?
Schon einige Tage nachher, und auch nach Jahren immer wieder,
habe ich, wenn ich mir jenes Ereignis zurückrief, versucht, mir diese
Frage zu beantworten, konnte aber zu keiner Entscheidung kommen.
Auch heute vermag ich es nicht. Nur wenn ich eine fünfstöckige städtische
Mietskaserne ansehe, denke ich mir, daß der Inder anderthalb bis zwei-
mal so hoch emporgestiegen sein muß.
Ich blickte in die Luft und sah nichts um mich herum, fühlte aber
eine tiefe Stille um mich. Kein Schürfen eines Gewandes, kein Ton, kein
tiefer Atemzug durchbrach sie. Alles war wie erstarrt während eines
Zeitraumes, den ich durchaus nicht abzuschätzen vermag. Gegenwärtig
scheint es mir, die Geschwindigkeit, mit welcher der Inder emporgeführt
wurde, glich der eines gemächlich schreitenden Mannes.
Am höchsten Punkt seines Aufsteigens angelangt, blieb der Inder
einen Augenblick unbewegt, dann begann er ebenso langsam wieder zu
sinken. Er ließ einen Arm parallel dem Körper herabhängen, mit dem
anderen hielt er das Tuch fest, das ihn umhüllte; so berührte ,er schließ-
lich den Erdboden, nahm seinen dort stehenden Korb auf, ließ seinen
Blick über die Menge rundum gleiten, sprach einige Worte mit scharfer
Stimme und verließ den Kreis.
Die Schar war in großer Erregung; viele warfen sich auf den Boden,
als wären sie von hysterischen Anfällen gepackt; man hörte bald wilde,
bald klagende Ausrufe, Der Inder aber entfernte sich schweigend, ruhig
geradeaus blickend, von dem Kreise, der sich sofort zerstreut hatte, uni
ihn hindurchgehen zu lassen, und verschwand in dem Walde, aus dem
wir gekommen waren.
Die Menge begann sogleich auseinander zu gehen, nur einige blieben
noch auf der Erde liegen, den Kopf gegen den Boden gestemmt, ihre
Schultern wurden von konvulsivischen' Zuckungen geschüttelt. Erfüllt
von dem Gefühl eines unverständlichen, die Grenzen unserer Vernunft
überschreitenden Erlebnisses, ohne Fragen, ohne Worte, ja, wie ich glaube,
selbst ohne Gedanken setzten wir unsere Wanderung fort.
Michael Schipovskyi).
1 ) Ich muß hinzufügen : Schon 2-3 Jahre, ehe ich diese Darstellung von Herrn

Schipovsky erhielt, hatte er mir einen anderen schriftlichen Bericht über den gleichen,
200 R. W. Schulte.

Ich lasse nunmehr die Antworten folgen, mit denen Herr 8 eh i-


p o vsky die Fragen erwiderte, die ich ihm in einem Briefe vom 10. August
1925 stellte :
1. 'Das in Frage stehende Ereignis begab sieh etwa Ende Mai 1914.
2. Schauplatz war der der Ostküste Hindostans zugewandte Süd-
abhang des Himalaya.
3. Die Dauer der Levitation kann ich nicht bestimmen. Unser Ein-
treten in den Kreis der Eingeborenen, der Blick, den der Inder auf uns
warf, sein Schweigen vor dem Emporsteigen, das alles zählte nur nach
Sekunden, der Aufstieg selbst dagegen nach Minuten.
4. Ich bin aufs festeste davon überzeugt, daß meine Begleiter ebenso
wie die gesamte Volksmenge dasselbe gesehen haben wie ich selbst.
5. Den Namen meines Reisebegleiters habe ich in meinem Bericht
genannt. Auf den Namen des Tadschik kann ich mich nicht mehr be-
sinnen. In Taschkent kannte ihn jedermann. Ich weiß flicht, wo er sich
jetzt befindet.
6. Ich wüßte nicht, daß ich vor 1914 je Gesichtshalluzinationen ge-
habt hätte.
7. Während des Krieges habe ich im Juni 1916 eine starke Quetschung
am Kopf erlitten. 1 1 / 2 Monat lang war ich in einem ganz abnormen Zu-
stand. Noch 8 Monate hindurch litt ich an schrecklichen Kopfschmerzen.
Die Quetschung hatte starken Einfluß auf die Gehirntätigkeit. Mein Ge-
dächtnis, die Geschwindigkeit des Auffassens, meine gesamten Fähig-
keiten litten zweiffellos darunter. Spuren dieser Schädigung machen sich
manchmal noch jetzt bemerkbar.

Kritische Betrachtungen zum Problem des


Okkultismus.
Von Dr. R. W. Schulte, Berlin, prakt. Psychologe, Dozent,
Leiter der Psychotechnischen Hauptprüfstelle für Sport und Berufskunde.
Der kürzlich gegen den Geheimen Sanitätsrat Dr. A. Mo 11 ange-
strengte Beleidignngsprozeß von seiten eines Mediums ist durch zweimaligen'
Freispruch des Gerichts beendet worden. Dieser Prozeß steht in der Ge-
schichte der menschlichen Kultur und Wissenschaft wohl einzigartig da.
Das Hin und Her der prozessualen Verhandlungen hat nicht nur den
Fachwissenschaftler, sondern auch vielleicht in noch erheblicherem Maße

Zwischenfall nach Berlin gesandt. In dieser früheren Schilderung war die Höhe, bis
zu welcher der Fakir emporstieg, noch weit größer angegeben worden, so daß ich Herrn
Sebipovsky auf diesen Punkt aufmerksam machte. In seinem zweiten Bericht hat er
sie dann viel zurückhaltender taxiert. Ich messe dieser Abweichung kein besonderes
Gewicht bei. Sonst glichen sich die beiden Darstellungen vollkommen.
Kritische Betrachtungen zum Problem des Okkultismus 201

die Öffentlichkeit beschäftigt. Handelt es sich doch um Probleme, die


über die rein formale Frage der Beleidigung hinaus von grundsätzlicher
Bedeutung für menschliches Erkennen und menschlichen geistigen Fort-
schritt sind. Die reine Rechtsfrage, die verhandelt wurde und die durch
die Entscheidung des Gerichts zugunsten der wissenschaftlichen Frei-
heit des Forschers geklärt wurde, kann hier nicht zur Diskussion stehen.
Dagegen soll an dieser Stelle einmal mit allem Nachdruck die logische
und methodologische Stellungnahme der Wissenschaft zu den angeschnit-
tenen Problemen objektiv grundsätzlich und kritisch erörtert werden.
Ob es „okkulte Phänomene" gibt, das kann nach Ansicht des Ge-
richts und der Wissenschaft niemals vor Gericht entschieden werden. Aber
auch für das Vorkommen von derartigen Erscheinungen wurden von seiten
der Sachverständigen sowohl zustimmende wie gegenteilige Ansichten in
schärfster Zuspitzung geäußert.
„Okkult" heißt nach dem Wortsinn „dunkel, unklar, verworren"; die
okkulten Phänomene sind Erscheinungen, die rein äußerlich zumeist an
besondere Vorbedingungen begünstigender Art wie völlige oder annähernde
Dunkelheit gebunden sind und den cherno-physikalischen Erscheinungs-
weisen offenbar widersprechen. Daß es psychische Phänomene gibt, die
wir heute noch nicht kennen oder zu erklären vermögen, ist auf jeden
Fall zugegeben und liegt durchaus im Bereiche der Möglichkeit, und die
Entwicklung der menschlichen Erkenntnis liefert ja stets Beispiele der
zunehmenden Korrigierung unseres Erfahrungsumfanges. Von Geheimrat
M ohl. war niemals die tatsächliche Existenz derartiger, heute noch nicht
voll oder einwandfrei erklärbarer Erscheinungen bestritten worden, und
viele andere moderne Fachleute stehen auf einem ähnlichen a priori durch-
aus nicht ablehnenden Standpunkte. So weit haben wir es aber mit dem
Glaub en, mit der persönlichen Überzeugung, die subjektiv durchaus
wahr sein kann, zu tun, gegebenenfalls werden wir uns an das „igno-
ramus" erinnern.
Nun aber kommt die entscheidende Wendung: die okkultistische Rich-
tung verlangt als Wissenschaft anerkannt zu werden. Sie zieht wissen-
schaftlich vorgebildete Persönlichkeiten, besonders Ärzte, in ihre Kreise
hinein, sie beruft sich bekanntlich auf das Zeugnis von Wissenschaftlern,
die von der Wahrheit okkultistischer Phänomene überzeugt sind. In
demselben Augenblick jedoch, wo der Okkultismus wissen-
schaftlich ernst genommen zu werden bestrebt ist, wird er
sich den in dem Lande der wissenschaftlichen Logik herr-
schenden Gesetzen unterwerfen lullssen.
Wenn ich als gläubiger, religiöser, gefühlstief veranlagter oder künstle-
risch-schöpferisch tätiger Mensch Anschauungen, Begriffe, Vorstellungen von
unerklärlichen Kräften und Wirkungen habe, so kann das in meinem Be-
wußtsein ein unumstößliches Erlebni s sein. Aber es berechtigt mich in
keiner irgendwie zulässigen Weise, anzunehmen, daß die bei den soeben
genannten psychischen Akten tätigen Kräfte irgendwie über den Rahmen
202 R. W. Schulte.

des biologisch jetzt oder später „klar um! deutlich" Faßbaren (im Gegen-
satz zum Okkultismus) hinausgingen.
Im Okkultistenprozeß handelte es sich u. a. wesentlich um die Fest-
stellung, ob die in Frage stehenden Phänomene (Apport von Holzreifen
und Buchsbaum, Durchdringung der Materie und Materialisation durch
die psychischen Kräfte des Mediums) echt, wahr, objektiv seien. Zeugen
und Gegenzeugen, Sachverständige beider Richtungen traten auf. Über
die Bewertung all dieser Aussagen soll kein Werturteil gefällt werden.
Eins aber mußte jedem Fachmann auffallen, daß in diesem rein psycho-
logischen Fragen gewidmeten Prozeß mit Ausnahme des Professor Dessoir
kein einziger F ach psych olo ge, insbesonders experimenteller Psycho-
loge, vernommen wurde. Von der medizinischen Fakultät kann nur der
speziell psychologisch vorgebildete Nervenarzt als sachverständig bezeich-
net werden, während dem nicht psychologisch orientierten Arzt als solchem
unbedingt die Fähigkeit eingehender Sachbeurteilung abgesprochen werden
muß. Und auch der Nervenarzt wiederum beschäftigt sich ja mit den
pathologischen Verzerrungen des Seelischen, aber nicht mit den seltenen
„übernatürlichen" Formen der psychischen Begabung, wie sie zur De-
' hatte stehen. Die gerichtliche Verhandlung ergab eine solche Fülle ab-
solut strittiger und der fachlichen Kritik jener Phänomene Anhaltspunkte
bietender Momente, daß es nicht nur für die Wissenschaft, sondern gerade
in diesem Fall für den Gerichtshof als den Vertreter der juristischen Ob-
jektivität zweckmäßig gewesen wäre, neben dem Mediziner und Physiker
in allererster Linie die Fachpsychologen zu befragen, unter denen nach
unserer Kenntnis führende Hochschulprofessoren besondere (häufig experi-
mentelle) Erfahrungen von z. T. ausgedehnter Art besitzen.
Die genaue Durchsicht des in Frage stehenden Protokolls') der
okkultistischen Sitzung ergibt, nach der Beurteilung vom fachpsycho-
logischen Standpunkte aus, eine solche 1' 1111 e von 1' ehlermö gli ch-
k eit en , daß man sich auf das höchste wundern muß, wenn derartige
Protokolle mit dem Begriff einer wissenschaftlichen Feststellung über-
haupt in Zusammenhang gebracht werden. Wir zweifeln nicht daran, daß
die Führer der Berliner Okkultistenbewegung- subjektiv von der Wahr-
heit der von ihnen beobachteten Phänomene überzeugt waren. Aber
es muß ebenso nachdrücklich festgestellt werden, daß irgendein Be-
weis ihrerseits absolut nicht erbracht worden ist. Man fordert
von dem Standpunkte der wissenschaftlichen experimentellen Psychologie
und überhaupt jeder empirischen Disziplin vor allen Dingen Wide r-
spruchslosigkeit, Eindeutigkeit, tunlichste Ausschaltung
von technischen und menschlichen Fehlermöglichkeiten,
beliebige Wiederholbarkeit des Phänomens, allmähliche
-

zielbewußte und systematische Einschränkung der Ab-


leitungmöglichkeiten. Alle diese Forderungen sind von den Berliner
Okkultisten nahezu völlig übergangen worden. Wer übersinnliche seelische
Erscheinungen erforschen will, dem müssen doch die primitivsten
1 ) Vgl. A. Moll, Der Spiritismus. Neue Auflage, Stuttgart 1925, S. 37 ff.
Kritische Betrachtungen zum Problem des Okkultismus. 203

Grundgesetze der Bewußtseinswirkung bekannt sein, der müßte


doch wissen, daß unter den nur allzu unzureichend beschriebenen Versuchs-
umständen die mannigfachsten Täuschungsmöglichkeiten der
subjektiven Aufmerksamkeit nicht nur möglich und wahrscheinlich, son-
dem nahezu sicher sind. Die Schwierigkeit der Verteilung der Aufmerk-
samkeit auf disparate, d. h aus verschiedenen Sinnesgebieten stammende
Reize, die jedem Psychologie-Studenten aus jedem Lehrbuch bekannten
Aufmerksamkeitsschwankun gen besonders bei zunehmender Ermüdung
oder in der Dunkelheit, die wechselweise Beeinflussung von Druckempfin-
dungen bei Händedruck, die Adaptation (Gewöhnung) an länger währende
Reize, die ITnmöglichkeit, gleichzeitig seine volle Aufmerksamkeit nach
verschiedenen Richtungen zu verteilen, die Fehlermöglichkeiten, die sieh
dadurch einschleichen, daß nach dem Auslöschen des Lichtes die Augen
noch einige Sekunden geblendet sind oder Nachbildererscheinungen sich
zeigen, die unter den im Protokoll geschilderten Umständen typisch auf-
tretenden Parästhesien und Anästhesien, d. h. unklare Berührungsempfin-
dungen und dann völliges Schwinden dieser Empfindungen aus dem Bewußt-
sein, endlich vor allem die außerordentlich affektbetonte Stimmungslage
aller Sitzungsteilnehmer, die etwas „erleben" wollen, also die gleichzeitige
Anwesenheit von starken emotionellen und kritik-logischen Faktoren,
spielen eine so gewaltige Rolle, daß man sich über die Unvorsichtigkeit
und Leichtgläubigkeit jener Berliner Okkultistenführer wundern muß, die
unter so zweifelhaften Versuchsumständen die betreffendem Phänomene
als eine „bedeutungsvolle" Erscheinung hinstellen und veröffentlichen,
woraus dann die, rein wissenschaftlich betrachtet, nicht nur berechtigte,
sondern sogar pflichtgemäße .Kritik des Geheimrats Moll resultierte.
Wohl alle Sachverständigen, nicht zum mindesten die peinlich gewissen-
haften aus dem Lager der Okknitisten, haben sich klar und deutlich dar-
über ausgesprochen, daß irgendeine stichhaltige Annahme, daß in dem
von Geheimrat Moll kritisierten Fall das Medium „übersinnliche Kräfte-
besäße , nicht gerechtfertigt ist. Da weiterhin von einem selbst para-
psychologisch interessierten Universitätsprofessor ein Fall, sogar in dem
Zentralorgan der Berliner Okkultisten, veröffentlicht worden ist, worin
von vermutlicher Täuschung gesprochen wird, wird man sich vom wissen-
schaftlichen Standpunkte aus zunächst skeptisch verhalten müssen und
nicht eher bei dem Medium derartige außergewöhnliche Fähigkeiten an-
nehmen dürfen, als bis ihr Vorhandensein unter zwingen den Vor-
sichtsmaßregeln in längeren Versuchsreihen absolut ein-
deutig und kontrollierbar erwiesen worden ist. Zweifellos wird
sich mit der wissenschaftlichen Untersuchung dieses Mediums die Wissen-
schaft, und zwar eine aus den erfahrensten Fachleuten verschiedener Ge-
biete zusammengesetzte Kommission, noch zu beschäftigen haben. Wenn
auch vor diesem, am besten paritätisch ans Freunden, Gegnern und un-
voreingenommenen Spezialisten bestehenden Ausschuß von Vertretern der
Physik, Medizin, der Naturwissenschaften und insbesondere der experi-
mentellen Psychologie sich übernatürliche Erscheinungen zu wiederholten
204 R. W. Schulte.

Malen und einigermaßen konstant feststellen und beweisen lassen, so haben


wir es, wie auch treffend ein Sachverständiger ausführte, hier mit dein
größten Medium aller Zeiten und Völker zu tun.
Vorläufig jedoch liegt für die Berliner Okkultisten nicht ein irgend-
wie gearteter Anlaß vor, an die außergewöhnlichen parapsychischen Fähig-
keiten dieses Mediums zu glauben. Im Gegenteil muß die Fachwissen-
schaft und ebenso der gesunde Menschenverstand es auf das schärfste ab-
lehnen, im vorliegenden Falle den Folgerungen der Berliner Okkultisten
zuzustimmen. Daß die scharfe Kritik eines der erfahrensten Forscher auf
dein Gebiete des Okkultismus, des Geheimrats Moll , durchaus, sogar
formal, berechtigt war, ergibt die freisprechende Entscheidung des Gerichts.
Im übrigen muß die dem wissenschaftlichen Geiste widersprechende
unkritische Stellungnahme einiger Okkultisten, die als Sachver-
ständige vor Gericht auftraten, durchaus beanstandet werden. Subjektive
Überzeugung und objektive Feststellung sind für den kritischen Forscher
eben absolut getrennte Gebiete. Wenn als „parapsychologisches Grund-
gesetz" die Tatsache hingestellt wurde, daß mit zunehmender Genauigkeit
der Versuchsbedingungen die okkulten Phänomene immer niehr schwinden,
bis sie schließlich den Nullwert erreichen, also nicht mehr nachweisbar sind,.
so muß einem jeden, der in der klaren und reinen Luft der wissenschaftlichen
Logik zu arbeiten gewohnt ist, der Atem vergehen. Auf der anderen Seite
muß durchaus anerkannt werden, daß auch von seiten der Berliner Okkul-
tisten einige Herren mit einer überaus erfreulichen Objektivität ihre Be-
denken bestimmten Phänomenen gegenüber rückhaltlos zugaben.
Wenn also zusammenfassend festgestellt werden muss, daß die eigent-
lich unerläßlichen experimentell- und allgemein-psycho-
logischen G- es je htsp unkte von den Berliner Okkultisten-Forschern
ganz und gar oder sehr erheblich vernachlässigt wurden, obwohl es
sich doch gerade um besondere seelische Eigenschaften handelt, und wenn
festgestellt werden muß, daß die 5 chlußf olgerun gen, die aus miß-
verstandenen oder fehlerhaft beobachteten Phänomenen
hervorgehen, zu der Annahme einer falschen Kausalität führen oder führen
können, so kann doch diese Tatsache der Wissenschaft und dem einzelnen
Menschen gleichgültig sein, sobald sie nicht in die breitere Öffentlichkeit
eindringt. Mehrere Sachverständige haben vor Gericht dargetan und wir
selbst können dies auf Grund eigener Erfahrungen bestätigen, daß e i n
mißverstandener 0kkultismus schwere Gefahren für unser öffent-
liches Geistesleben in sich birgt. Wir stehen hier auf einem Grenzgebiete,
das jedem ehrlichen und verantwortungsbewußt denkenden Forscher und
Wissenschaftler es zur unerläßlichen Pflicht macht, erst dann über der-
artige Phänomene in der Öffentlichkeit und besonders vor breiteren Kreisen
eines unkritischen Publikums zu berichten, wenn es sich um tatsächlich
nach jeder Richtung hin gesicherte Ergebnisse von zweifelsfreier Be-
schaffenheit handelt.
Es ist außerordentlich zu bedauern, daß die fraglos berechtigte und
wichtige Beschäftigung mit einigen noch nicht erforschten parapsychischen
Ein Beitrag zur Geschichte der Telepathie. 205

Problemen wir denken insbesondere hier an biologische, psycho-physio-


logische und psycho-chemische Phänomene -- unseres Erachtens durch die
unkritische Methodik der Berliner Okkultisten eine Einbuße erleidet und
daß durch den Glauben an solche Phänomene, wie sie in dem vor Gericht
zitierten Protokoll aufgetreten sein sollen, die ernste Forschung und die
ehrliche Wissenschaft von der Beschäftigung mit parapsychischen Proble-
men eher abgehalten als zu ihr ermutigt wird.
Über unsere eigenen umfangreichen experimentalpsychologischen Stu-
dien zur Prüfung der Zuverlässigkeit der Kontrollbedingungen bei ok-
kultistischen Dunkelsitzungen (Referat in der Berliner Arbeitsgemeinschaft
für praktische Psychologie vorn 26. Februar 1925) wird von uns im
nächsten Heft dieser Zeitschrift berichtet werden 1 ).

Ein Beitrag zur Geschichte der Telepathie.


Von Graf Carl v. Klinckowstroem.
Wir dürfen wohl heute die Erscheinungen, die man unter „Tele-
pathie" versteht, als gesicherte Tatsachen buchen, für deren Vorkommen
hinreichend zuverlässiges Beobachtungsmaterial vorliegt. Dr. Richard
Baerwald hat in seinem neuen Werk „Die intellektuellen Phänomene"
(1925) die einschlägige Kasuistik sorgfältig und kritisch geprüft und
gelangt zu einer glatten Anerkennung des Phänomens. Mag man auch
1 ) Den oben erwähnten Bericht gab Herr Dr. Schulte vor einem ausgedehnten,

meist aus Fachwissenschaftlern bestehenden Zuhörerkreise. Er konnte sich dabei auf


ein großes, mit allen Hilfsmitteln der modernen Experimentalpsyehologie gewonnenes
Tatsachenmaterial, besonders aus seinen eigenen Prüfstellen, berufen. Einige unter Mit-
wirkung der Hörer veranstaltete Demonstrationen dienten zur Feststellung der Genauig-
keit der Beobachtung und der Verteilung der Aufmerksamkeit auf verschiedene Kontroll-
xituaticnen; die Unmöglichkeit, absolut zuverlässig zu beobachten, das typische Auftreten
von Illusionen und Halluzinationen konnte überzeugend klargelegt werden. Im Mittel-
punkt dem Ausführungen standen jedoch die eigenen Versuche des Vortragenden, die
sich mit den vielfachen Täuschungsmöglichkeiten der Sinnesorgane in der Dunkel-
heit befaßten und die auch von manchen Okkultisten zugegebene Notwendigkeit be-
weisen sollten, mit exaktem psychotechnischen Rüstzeug an die Beobachtung okkulter
Erscheinungen heranzugehen. Wie S. ausführte, ist er selbst, ursprünglich vom Interesse
fur okkulte Phänomene ausgehend. durch seine und seiner Mitarbeiter Erfahrungen zu
der begründeten Anschauung gelangt, daß infolge der Fehlerhaftigkeit der Beobachtungen
viele Sitzungsprotokolle der Okkultisten wertlos sind. Insbesondere bezieht sich das,
wie an genauen Versuchsreihen dargelegt wurde auf die Sitzungen der Berliner Ok-
kultisten, die zu dem Berliner Okkultistenprozeß führten und den äußeren Anlaß fur
ehe Vornahme der in dem Vortrag geschilderten Studien bildeten.
Eine ausgedehnte Diskussion, die sich an den Vortrag anschloß, gab Gelegenheit,
die Meinungen von Vertretern für und wider den Okkultismus zu hören. Hervorgehoben
wurde von einem Diskussionsredner, daß die vom Referenten durchgeführten Versuche
_neben den im Jahre 1886 von Ho dgson und D av ey veranstalteten berühmten Unter-
suchungen „on malobservation" einen Markstein in der Geschichte der wissenschaft-
lichen Erforschung okkulter Phänomene darstellen. Steht und fällt doch mit der Ge-
nauigkeit der Versuchskontrolle die ganze Möglichkeit, übersinnliche Kräfte im Welt-
geschehen anzunehmen.
20G Graf C. v. Klinckowstroem.

den oft außerordentlich verwickelten Zusammenhängen skeptisch gegen-


überstehen, die sieh ergeben, Arenn Baer wald sogenannte Rellsehfälle
auf telepathische Komponenten zurückzuführen sucht, weil er reines
llellsehen aus philosophischen Gründen nicht glaubt anerkennen zu dürfen,
so kann wohl an der Tatsächlichkeit des Vorkommens parasensorischer
Übertragung psychischer Inhalte — Gedanken, Vorstellungen usw. --
von einem Hirn als „Geber" auf ein zweites Hirn als „Empfänger"
nicht mehr gezweifelt werden, wenn auch die Erklärung solcher Vor-
gänge noch eine offene Streitfrage ist.
Steht man erst einmal auf diesem Standpunkte, so gewinnen auch
ältere Berichte über spontane telepathische Erlebnisse ein erhöhtes Inter-
esse. Freilich genügen selbstverständlich derartige Berichte nicht den.
-

modernen Anforderungen an eine exakte Fixierung und Registrierung


solcher Fälle : schriftliche Aufzeichnung durch denjenigen, der das Er-
lebnis hat, vor der Bestätigung der Riehtigkeit seiner Vision oder seines
Tramnes, Gegenbestätigung von anderer Seite durch Zeugen usw. Aber
diese älteren Fälle tragen doch oft den Stempel der Wahrheit, wenn sie
von sonst als zuverlässig bekannten wissenschaftlich gebildeten Zeugen
berichtet werden. Es ist daher immerhin von Interesse. einmal eine Aus-
wahl derartiger Berichte aus der älteren medizinischen oder philosophischen
_Literatur wiederzugeben. Die Berichte, die im folgenden mitgeteilt werden
sollen, entstammen nicht der älteren okkultistisehen Literatur. Die zahl-
reichen Fälle, die z. B. Georg Konrad Horst in seinem übrigens recht
interessanten Werk „Deuteroskopie" (2 Bde., Frankfurt a. M., 1830) zu-
sammengetragen hat, sind absichtlich unberücksichtigt geblieben. Eine
Anzahl Telepathiefälle aus alter Zeit hat auch Karl Ki e s e, wetter in
der „Sphinx", 1889, 8. Bd., S. 97 ff., mitgeteilt.
Was meines Erachtens für den mindestens relativen Wert von Tele-
pathie-Berichten aus älterer Zeit spricht, sofern sie von nüchtern denken-
den, nicht mystisch eingestellten Gelehrten stammen, ist das, daß sie
offensichtlich den Berichterstattern wegen der Koinzidenz des telepathischen
Erlebnisses mit einem entsprechenden Ereignis, mit dem es in kausalem.
Zusammenhang steht, als besonders auffallend und berichtenswert er-
schienen. Wir erfahren allerdings, nach Art der üblichen medizinischen
Anamnese, meist nicht die Namen der beteiligten Personen, wenn es
sich nicht um den Berichterstatter selbst handelt. Es wäre aber ungerecht,
gerade das Auffallende, das Anlaß zu dem Bericht gab, diese Koinzidenz,
bezweifeln zu wollen. Von diesem Gesichtspunkt ans erscheinen die nach-
stehend berichteten Fälle beachtenswert, wenngleich sie natürlich als
Beweis material für das Vorkommen von Telepathie nicht bindend er-
scheinen können. Wir wollen ja auch gar nicht damit einen solchen Beweis
führen, sondern nehmen, wie gesagt, die Tatsche selbst als gegeben hin.
Den ersten Fall entnehmen wir einem medizinisch-kasuistischen Werk
des vielseitigen königlichen Leibarztes Pierre Borel: „Historiarum et
observationum medico-physicarum Centuriae IV". Paris 1653 (in der Aus-
gabe von 1(>5(; auf S. 145). Der Fall ist auch von J. G. Krüger im Anhang
Ein Beitrag zur Geschichte der Telepathie. 207

zu seiner „Experirnental-Seelenlehre" (Potsdam 175(3) mitgeteilt worden.


Eine Frau unterhielt sieh eben, vollkommen munter und gesund, mit
mehreren anderen Frauen, als sie mitten im Gespräch züsammenfuhr,
plötzlich an die Stirn griff und darüber klagte, daß sie in eben diesem
Augenblick einen starken Schlag an der Stirn verspürt habe. Wenige
Tage darauf erfuhr man, daß ihr Mann in demselben Augenblicke im
Kriege von einer Kugel gerade vor die Stirn getroffen und getötet
worden war.
Über die telepathische Tramnvision eines Todesfalles berichtet sehr
ausführlich das „Allgemeine Magazin der Natur, Kunst und Wissen-
schaften" im Jahre 175(3 (Bd. 8, S. 10(3 ff.), nach dein „Magasin franeis
Londres" vom August 1751. Eine Dame mußte ihren innig geliebten
Gatten unter vielen Tränen in den Krieg ziehen lassen, nicht ohne ihm
das Versprechen abzunehmen, ihr bei jeder Gelegenheit Nachricht von
seinem Befinden zu geben. „Die Dame wartete stets mit der größten
Ungeduld auf die Ankunft des Kuriers. Die Lesung der Briefe war ihre
liebste Beschäftigung, und sie las diese jeden Abend wieder durch, ehe
sie sich dein Schlaf überließ. Mit dieser Beschäftigung hatte sie einmal
einen Teil der Nacht zugebracht und u ar mit einem Briefe, den sie des
-

Abends zuvor bekommen hatte, in der Hand eingeschlafen. Ihr Liebster


versicherte sie in demselben, daß er sich vollkommen wohl befinde und
es nicht das Ansehen hätte, als würde er irgend Gefahr laufen. Auf
einmal erwachte sie mit einem kreischenden Geschrei. Ihre Kammerfrauen
laufen zusammen und finden sie in einem kalten Schweiß und in einem
Strom von Tränen. Mein Liebster ist dahin, sagt sie zu ihnen: ich habe
ihn eben sterben sehen. Er war an einer Wasserquelle, um welche einige
Bäume herumstanden. Sein Gesicht war schon von dem Schatten des
Todes bedeckt. Ein Offizier in einem blauen Kleide bemühte sich, das
Blut zu stillen, das aus einer großen Wunde aus seiner Seite floß. Er
gab ihm darauf aus seinem Hut zu trinken und schien vom Schmerz
durchdrungen, als er ihn die letzten Seufzer tun sah. So erschrocken
auch die Kammerfrauen über den Zustand ihrer Herrschaft waren, so
bemühten sie sich doch, ihr Gemüt zu beruhigen, indem sie ihr vor-
stellten, daß dieser Traum keinen anderen Grund hätte, als ihre ungemein
große Zärtlichkeit gegen ihren Eheherrn. Die Mutter dieser Dame,
welche bei ihr im Hause war und aufgeweckt wurde, stellte ihr vor, daß
sie sich beruhigen müsse, denn sie habe doch eben erst einen Brief von
ihrem Liebsten bekommen. Allein man mochte tun, was man wollte, so
blieb doch diese unglückliche Frau hartnäckig dabei, daß sie ihr Unglück
als gewiß glauben müsse, Ihre Mutter blieb an ihrem Bette sitzen und
sah mit Vergnügen, daß sie sich, durch die vielen Tränen entkräftet, vorn
Schlafe hinreißen ließ. Aber es dauerte nicht lange. Es war kaum eine
Viertelstunde, daß sie eingeschlafen war, als sie durch ebendenselben
Traum abermals erweckt ward und sich keinen Zweifel mehr machte,
ihn für übernatürlich anzusehen. Sie ward alsbald von einem heftigen
Fieber mit einer Verrückung des Gehirns überfallen." Vierzehn Tage
2O8 Graf C. v. Klinckowstroem.

schwebte die Dame trotz sofortiger ärztlicher Hilfe zwischen lieben und
Tod, und während dieser Zeit lief zu aller Erstaunen die Nachricht ein,
daß ihr Ehegatte tatsächlich gefallen war. Man verheimlichte der Dame,
als sie sich langsam wieder erholt hatte, diese unglückliche Nachricht sorg-
fältig und fälschte sogar Briefe ihres Mannes, so daß sie sich allmählich
wieder beruhigte. „Als sie in der Besserung war, betrog sie die Wach-
samkeit ihrer Hüterinnen ; und wie sie ihren Traum tief ins Gedächtnis
eingegraben bewahrte, so zeichnete sie den Ort, wo sie ihren Liebsten
gesehen hatte, nebst dem Offizier, der seine letzten Seufzer empfing, ab.
Da man hierauf ihre Gesundheit wiederhergestellt sah, so trug man
ihrem Beichtvater auf, ihr den Verlust, den sie erlitten hatte, zu hinter-
bringen. Und ungeachtet der Bewegungsgründe, die er ihr ins Gedächt-
nis brachte, sich dem göttlichen Willen zu ergeben, zitterte man lange
Zeit für ihr Leben.
Es waren schon vier Monate vergangen, seitdem sie Witwe war,
-

als sie gegen den Anfang des Winters eine Messe hörte. Die Messe war
-

fast vorbei, da sie auf einen Kavalier, der neben ihr einen Stuhl nahm,
einen Blick warf, ein großes Geschrei erhob und in Ohnmacht fiel. Man
gab sich alle Mühe, ihr zu Hilfe zu kommen. Sie öffnete endlich die
Augen, und der erste Gebrauch, den sie von ihrer Sprache machte, war,
daß sie ihren Leuten befahl, den Herrn aufzusuchen, der die Ursache-

ihrer Ohnmacht gewesen war, und ihn zu beschwören, daß er zu ihr


käme. Er war noch nicht aus der Kirche weg, und da er hörte, daß die
Dame ihn zu sprechen wünsche, folgte er ihr nach. Ach ! meine liebe
3lutter, rief die Witwe, als sie nach Hause kam, ich habe eben den-
jenigen erkannt, der die letzten Seufzer meines unglückseligen Gemahls
angenommen hat. Und unverzüglich beschwor sie den Offizier, ihr von
den Umständen der so traurigen Begebenheit Nachricht zu geben. Der
Offizier konnte nicht begreifen, wie eine Dame, die er niemals gesehen
hatte, ihn kennen konnte. Er bat sie, ihm ihren Namen zu sagen und
stutzte, als er ihn gehört hatte, über die Erinnerung einer Begebenheit,
die er fast aus seinem Andenken verloren hatte. Inzwischen erzählte er
ihr, wie ihn ein ungefährer Zufall an den Ort geführt hatte, wo ihr
Liebster verwundet worden war und wo er ihm Hilfe zu leisten gesucht
hatte. Ich sah ihn sterben, setzte der Fremde hinzu, und ob er mir
gleich ganz unbekannt war, so konnte ich mich doch nicht enthalten,
gerührt zu werden, da ich sah, daß keine Hoffnung war, ihn zu retten.
Ich verließ ihn, sobald er tot war, ohne zu wissen, wer er sei. Aber Ihr
Name, den er bis auf den letzten Seufzer aussprach, prägte sich meinem
Gedächtnis tief ein, und ich habe mich desselben ohne Mühe wieder
erinnert, als Sie mir die Ehre gaben, mir denselben zu nennen. Und
wie erstaunte nun der Offizier, als ihm die Dame zeigte, was sie nach
ihrem Traume gemacht hatte. Er erkannte den Bach, die Bäume, seine
Stellung und die Lage des Sterbenden. Sogar seine Züge waren so ähn-
lich, daß er sie nicht verkennen konnte."
Der Erklärungsversuch, den der nicht genannte I3erichterstatter dieser
Ein Beitrag zur Geschichte der Telepathie. 209

Begebenheit dafür findet (8. 130), weist auf telepathische Übertragung:


„Ich glaube, daß unsere Seelen unter sich und mit anderen Wesen von
ihrer Natur eine Sprache haben, eine Art, sich ohne Gemeinschaft der
Sinne auszudrücken und einander zu verstehen."
Einige weitere Fälle entnehmen wir dem von dem Schriftsteller
und Ästhetiker Karl Philipp Moritz herausgegebenen „Magazin zur
Erfahrungsseelenkunde" (10 Bände, 1783 93). Diese Zeitschrift war ein
Sammelpunkt für Seelenanalyse mit vollkommenster Offenheit unter Fort-
fall moralischer Werturteile. Sie bezweckte eine Sammlung von Tat-
sachen und darauf beruhenden vergleichenden theoretischen Betrachtungen,
mit besonderer Berücksichtigung der halbpathologischen bzw. abnormen
Erscheinungen des Seelenlebens. Bei den letzten _Bänden zeichnete der
Philosoph Salomon Maimon als Mitherausgeber. Unter den hier ver-
öffentlichten psychologischen Tatsachen und Erlebnissen finden wir des
öfteren auch solche, die wir heute als „okkulte" Erlebnisse bezeichnen
würden.
Der Legationsrat 0. 0. F. von F. sandte einen vom 20. Dezember 1787
datierten brieflichen Bericht über eine telepathische Vision an Moritz,
die dieser im 6. Bande seines ,,Magazins", 1788, 8. 78 ff. veröffentlicht
hat. Wir geben dem Berichterstatter das Wort :
„Meine nunmehr° selige Mutter lag im November vorigen Jahres
äußerst elend an der Auszehrung darnieder, zu welcher Zeit ich mich
bei ihrer Schwester, der Obristin v. B. auf ihrem Gute M., sieben Meilen
von ihr entfernt, aufhielt. Die letzten Nachrichten, die ich von ihrem
Befinden erhalten, hatten inzwischen aufs neue mich eine Besserung hoffen
lassen. Sehr vergnügt hierüber, fuhr ich einige Tage darauf mit meiner
Tante und ihrer Familie nach einer nicht weit von dort entlegenen Stadt
in Gesellschaft, und der Wagen ward zurückgeschickt. Wie wir nach
Mitternacht nach Hause fahren wollten, war der Wagen noch nicht
wieder angekommen ; und da wir nicht länger warten wollten, so suchte
ich in der Stadt Wagen und Pferde zu erhalten, uni uns zurückzubringen.
Endlich kam der Wagen, und wir fuhren bei einer eingetretenen strengen
Kälte nach Hause. Sowohl unterwegs als nach unserer Zuhausekunft
waren unsere Unterhaltungen von Gegenständen aus der Gesellschaft und von
dem erwähnten unangenehmen Ausbleiben des Wagens. Meine Seele, nur
bloß mit diesen Gedanken beschäftigt, dachte damals so wenig an meine
kranke Mutter wie den ganzen Tag über, als ich durch die verschiedenen
Gegenstände und Vorfälle sehr zerstreut worden war. Es war gleich
nach 1 Uhr in der Nacht, wie ich mich zu Bette legte. Ich war ziem-
lich erfroren und hatte mich_ im Bette eingewickelt, als ich in dem
Nebenzimmer einen kleinen Hund winseln hörte, der von ungefähr ein-
gesperrt war. Unschlüssig, ob ich aufstehen und ihn hereinlassen, oder
ob ich warten sollte, bis es ein anderer hörte, kam einer der Bedienten
auf die Hausdiele, den ich deshalb rief, der es aber nicht hörte. Kurz,
ich war schon entschlossen aufzustehen, als ich die Türe öffnen hörte
und der Hund in Freiheit gesetzt ward. Wie dies kaum geschehen war
Zeitschrift fiir Okkaltismus 1. 14
210 Graf C. v. Klinckowstroem.

und ich, wie ich mich genau erinnere, in dem Augenblick an das Karten-
spiel dachte, was ich in der Gesellschaft gespielt hatte, über dessen
Ausgang ich Reflexion machte, so hörte ich im Zimmer ein Klopfen, als
wenn jemand mit einem Finger auf die 'Leisten der Panelung klopft, ob-
gleich keine solche im Zimmer war; und dies Klopfen ging im ganzen Zimmer
herum und war abwechselnd mit einem Geräusch verbunden, das dein
ganz ähnlich war, wenn man die eine platte Hand unter der andern
stark wegstreicht. Meine Lage im Bette dabei war mit dem Gesicht
gegen die Wand. Ohne daß ich im mindesten dadurch beunruhiget ward
oder nur entfernt den Gedanken hatte, daß dies ein unnatürliches Ge-
räusch oder gar Vorbedeutungen von meiner kranken Mutter sein könnten,
an die ich auch im Augenblick gar nicht dachte, glaubte ich, es wären
Ratten oder Mäuse und wunderte mich über die große Menge, die im
Zimmer sein müßte, welche ich doch niemals vorher bemerkt hatte, ob
ich gleich schon einige Wochen darin logiert hatte. Von diesen Gedanken
eingenommen, klopfte es, mit dein bemerkten Geräusch begleitet, an der
Wand, dicht vor meinem Gesicht, so daß ich glaubte, weil ich in dem
Wahn der Ratten und Mäuse stand, daß mir solche ins Gesicht springen
würden. Ich kehrte mich daher im Bette nach der andern Seite hin und
ward darauf in einer Entfernung von einem Schritte von meinem Bette
eine weiße Dunstfigur gewahr, die in einer gebückten Stellung stand
(wie auch damals die Stellung meiner kranken Mutter war), mir den
_Rücken zugekehrt hatte und mich mit bei Seite gedrehtem Kopf ansah.
Ich erkannte sie sogleich für die Gestalt meiner Mutter und rief in
Bestürzung: Herr Jesus, Mutter ! Sie schien dies zu hören und drehte
den Kopf in dem Augenblick weiter, mit einem wehmütigen Blick zu
mir herum, und ich erkannte deutlich ein violettes Band das sie auf der
Nachthaube hatte. Ich fuhr aus dein Bette heraus, stand auf den Füßen
und sie war noch da. In eben dem Augenblick aber floh sie einige
Schritte von mir weg, ich sah auf der Stelle, wo sie verschwand, einen
Feuerstrahl, der vorne spitz, hinten breit und etwa 1 1 /2 Ellen lang war,
entstehen, welcher sich in einen Dunst, wie eine Wolke auflöste, immer
dünner durch seine Ausdehnung ward, bis er gänzlich verschwand. Es
war Mondenschein, so daß ich im Zimmer alles unterscheiden konnte.
Ich war im Begriff, mich wieder zu Bette zu legen, uni keine -Unruhe
im Hause zu machen, aber es überfiel mich ein so heftiger Schauder,
daß ich es für ratsam hielt, Hilfe zu suchen. Ich hielt es für ausgemacht
gewiß, daß meine kranke Mutter in dem Augenblick der Erscheinung
gestorben sei, bis ich einen Tag nachher durch einen Wagen von dort-
her, der den Arzt abholen sollte, vom Gegenteil überzeugt wurde. Meine
Tante fuhr zwei Tage nach diesem Vorfall mit dem Arzt zu meiner
Mutter, und ich blieb, um mich einigermaßen von diesem Schreck wieder
zu erholen, noch dort. Auf Befragen des Arztes in Gegenwart meiner
Tante, wie sich meine Mutter seit seiner Abwesenheit befunden, hat sie
alle Zufälle und die Zeit derselben genau angeführt, hauptsächlich aber
die Nacht, wo ich die Erscheinung hatte, und die Stunde zwischen
Ein Beitrag zur Geschichte der Telepathie. 211

1 und 2 Uhr, bemerkt, wo sie äußerst elend gewesen ist und gewiß
geglaubt hätte zu sterben. Sie hat hierbei ausdrücklich, in Gegenwart
des Arztes, ihre Schwester gefragt, ob sie nicht ihr oder mir erschienen
sei ; sie hätte so sehnlich und stark in den Augenblicken an uns, und
besonders an mich, gedacht und gewünscht, daß ich da sein möchte,
um, wenn sie stürbe, ein Beistand meines Vaters und meiner Geschwister
zu sein. Auch hat sie damals ein violettes Band, wie ich es gesehen,
nm ihre Nachthaube gehabt, und die Wächter haben mir hoch und teuer
versichert, daß sie in der Nacht und um die Zeit, als ich sie gesehen,
wie tot gelegen, daß sie keinen Atemzug von ihr gehört und daher auch
.

schon wirklich geglaubt hätten, daß sie tot wäre, bis sich nach mehreren
Minuten solcher wieder eingestellt hätte. Jenes habe ich aus dem eigenen
Munde meiner Tante und des Arztes." Die Mutter des Berichterstatters
starb erst sieben Wochen nach der Erscheinung. Dieser beteuert noch
bei allem, was ihm lieb und heilig sei, die volle Wahrheit seines Be-
richtes und versichert, daß er weder leichtgläubig noch für dergleichen
Geschichten eingenommen sei. "Daher habe ich bei mir selbst die ge-
naueste Untersuchung angestellt, ob hierzu ein Betrug der Sinne, ein
lebhaftes Bild der Imagination oder sonst etwas könne beigetragen haben.
Allein ich habe dergleichen nicht bei mir, nur wahrscheinlich, entdecken
können. Ich hatte zu Abend wenig gegessen und gar keinen Wein ge-
trunken, ich hatte den ganzen Tag über nicht an meine Mutter gedacht,
ich war nicht im Schlafe, nicht krank, und die Geschichte selbst und
die Harmonie aller dabei konkurrierenden Umstände heben, wie ich
glaube, alle Einwendungen, die man hiergegen machen könnte. Aber
welcher Philosoph erklärt mir diese Geschichte nach seinen einfachen
und zusammengesetzten Begriffen von Geist und Körper?" Im Anschluß
daran erzählt derselbe Berichterstatter noch einen weiteren Fall von
„Anmeldung eines Sterbenden", den er als Knabe erlebt hatte, als sein
Bruder starb.
Die Schilderung hinterläßt den Eindruck, daß der Berichterstatter
ein intelligenter und guter Beobachter war. Unstreitig liegt eine starke
telepathische Einwirkung seitens der in einer schweren Krankheitskrise
liegenden Mutter auf den Sohn vor, die sich in Halluzinationen des Ge-
sichts und des Gehörs äußerte.
Von der telepathischen tbertragung eines Traumes erzählt uns aus.
eigener Erfahrung der Philosoph Salomon Maimon im 10. Bande des ge-
nannten „Magazins" (1793, 5. 7ff.). Maim o n (1754-1800) war ein Philosoph,
der die Skepsis innerhalb des Kritizismus vertrat. Er hat an Kant scharfe
Kritik geübt und wurde von diesem 1790 als derjenige Gegner anerkannt,
der ihn am besten verstanden habe. Seine natürliche Begabung und seine
Talmudstudien -- er war ein Jude aus Neschwitz in Litauen ließen
ihn zu besonders haarspaltendem Scharfsinn gelangen. Rosenkranz
bezeichnet ihn geradezu als einen rechten talmudischen Ideenspalter, als
einen „Zerdenker". Maimon nannte sieh sellYst K ant gegenüber einen
„empirischen Skeptiker", d. h. einen Zweifler an der Wirklichkeit der
212 Graf C. v. Klinckowstroem.

Erfahrung. Auf jeden Fall ist es bemerkenswert, einen solchen Mann, der
als der Typ des mehr zersetzenden als sehöpferischen jüdischen Geistes
bezeichnet werden kann, über „okkulte" Erlebnisse berichten zu hören.
„Im Jahre ...", schreibt Mai ni o n , „ war ich Hofmeister bei einem
Pächter in P., bei dem ich sowohl wegen der damaligen Hungersnot
in P. als besonders wegen des armseligen Zustandes dieses Mannes und
der Ungelehrigkeit meiner Schüler viel auszustehen hatte. Dazu kam
noch eins, daß ich einige Tage nacheinander außerordentliche Zahn-
schmerzen leiden mußte. In diesem Zustande der Betrübnis und der
Schmerzen schlief ich eines Abends auf meinen) harten Lager ein. Es
träumte mir, daß ich, ohne zu wissen wie, im himmlischen Jerusalem
angelangt sei. Ein alter ehrwürdiger Mami empfing mich am Tor lieb-
reich, führte inich nach dem Tempel des Herrn, um in3r alle Merkwürdig-
keiten darin zu zeigen. Ich kam in einen großen Saal, worin ich einen
Bücherschrank fand. Ich griff also meiner Gewohnheit nach nach einem
Buche, um es zu besehen. Sobald ich es aufmachte, fand ich gleich auf
dem Titelblatt den Titel eines mir dem Namen nach schon längst be-
kannten kabbalistischen Buchs, und darunter den Namen Jehova mit
großen Lettern. Ich blätterte darin weiter und fand überall heilige Namen
und Stellen aus der Bibel nach kabbalistischer Art erklärt.
Dieses versetzte mich in einen Gemütszustand, der ans Erstaunen,
Ehrfurcht und Freude zusammengesetzt war. Ich hatte darauf noch mehr
Szenen dieser Art, konnte mich aber beim Aufwachen derselben nicht
erinnern. Sobald ich aus diesem Schlafe erwacht war, kamen meine
Schüler (die in einem entfernten Zimmer geschlafen hatten) zu mir,
schauten mich (wider ihre Gewohnheit) mit der größten Aufmerksamkeit
an und schienen über meinen Anblick in Verwunderung zu geraten. Ich
fragte sie nach der Ursache ihres seltsamen Benehmens, konnte aber
anfangs von ihnen nichts herausbringen. Da ich aber weiter in sie drang,
so sagten sie mir: ihr Bruder, der Pächter des nächsten Dorfs, der
gestern hier (wie er öfters zu tun pflegte) zum Besuche gekommen und
über Nacht geblieben war, wäre heute morgen in ihre Wohnstube ge-
kommen (er schlief des Nachts in einer Heuscheune, die sowohl t on
der Wohnstube als von meiner Studierstube, wo ich geschlafen hatte,
entfernt war) und habe ihnen allen einen sonderbaren Traum erzählt,
den er diese Nacht gehabt hätte, und der hauptsächlich mich anginge.
Es kam ihm nämlich vor, als sähen sie mich alle nach dem himmlischen
Jerusalem zugehen. Ein alter ehrwürdiger Greis kam mir am Tor ent-
gegen, führte mich hinein und stieß sie, indem sie mir nachfolgen wollten,
zurück. Sie blieben am Tor stehen, um ineine Rückkunft abzuwarten
endlich kam ich wieder heraus, meine Gestalt war sehr ehrwürdig, mein
Angesicht leuchtete wie das Angesicht Mosis, da er die zwei Tafeln
empfing. Sie fürchteten sich, sich mir zu nähern, und waren in der größten
Verlegenheit, wie sie mit mir in Zukunft umgehen sollten. Dieses,
sagten meine Schüler ferner, war die Ursache, warum wir Sie mit einer
solchen Aufmerksamkeit ansahen, und über Ihren Anblick unsere Ver-
Ein Beitrag zur Geschichte der Telepathie. 213

wunderung. äußerten. Bald darauf kam auch der träumende Bruder und
bekräftigte dieses alles aufs neue. Seit der Zeit bin ich auch in diesem
hause ganz anders als vorher behandelt worden."
Der philosophische Kommentar dazu, den Mai m on im Anschluß
gibt, lautet: „Alle menschlichen Seelen sind gleichsam verschiedene Aus-
flüsse aus einerlei quelle, sie mögen daher in ihrem gegenwärtigen Zu-
stande voneinander noch so sehr entfernt sein, so kommunizieren sie doch
in ihrem Ursprung miteinander. Diese Kommunikation ist aber zwischen
einigen Seelen mehr, zwischen anderen weniger, nach dem Grad ihrer
Ähnlichkeit untereinander. Die Wirkung dieser Kommunikation wird
aber hauptsächlich im Schlaf, da die Seelen zu ihrem Ursprung zurück-
kehren (in der philosophischen Sprache würde es heißen: da die innere
Seelenwirkung durch die sinnlichen Eindrücke nicht mehr unterbrochen
wird) und folglich unmittelbar einander anschauen. Daher konnte dieser
Mann im Traum sehen, alles was mit mir zur Zeit vorging. Wenn ich
jetzt diese Sache reiflich überlege, so muß ich gestehen, daß, alle schwär-
merischen Vorstellungen abgerechnet, in der Sache weit mehr stecken
muß, als wovon unsere bisherige Psychologie Rechenschaft geben kann."
Maimon gesteht hier also zu, daß ihn sein Grundsatz von der
Einheit des Prinzips: das Oekonomieprinzip, im Stich läßt. An anderer
Stelle (ebenda 8. 100) hat er seine Ansicht von der „zu einer jeden
Wissenschaft erforderlichen Sparsamkeit des Prinzips" ausgesprochen,
„so daß man kein unbekanntes Prinzip annehmen darf, solange die Er-
scheinungen aus den ,.chon bekannten Prinzipien sich erklären lassen.
Solange daher die psychologischen Erscheinungen sich aus dem Gesetz
der Ideenassoziation (dem einzigen bekannten psychologischen Prinzip)
erklären lassen, haben wir kein Recht, zur Erklärung gewisser Erschei-
nungen andere Prinzipien außer demselben anzunehmen."
Von einer anderen, nicht minder interessanten, telepathischen Traum-
vision berichtet uns J. D. 1\i auch in seinem „Allgemeinen Reper-
torium für empirische Psychologie" (2.Bd., 1792, 5. 116 ff.), Wir geben
ihm das Wort. „Ein Beamter in einer Württembergischen Amtsstadt
hatte zween Schreiber, wovon der eine als Substitut, der andere aber
noch als Lehrling in seinen Diensten stand. Der Substitut war ein un-
ordentlicher, ausschweifender Mensch, der gerne auch den Lehrling ver-
fährt und zum Genossen seiner Ausschweifungen gemacht hätte, um sich
dadurch sicher zu stellen, daß sie nicht durch eben diesen jungen Men-
schen dem Beamten. der auf strenge Ordnung bei seinen Untergebenen
hielt, verraten werden möchten. Allein der Jüngling, von Haus aus durch
eine gute Erziehung und eingepflanzte gute sittliche Grundsätze gegen.
das Gift der Verführung gewappnet, widerstand lange standhaft. Doch,
als die nämlichen tberredungen immer wiederholt wurden und er viel-
leicht fühlen mochte, daß er am Ende schwach genug werden könnte,
nachzugeben, so wußte er sich endlich nicht mehr anders zu helfen, als
daß er dem Beamten die Ausschweifungen des Substituten entdeckte und
ihn bat, ihn vor seinen Verführungen sicher zu stellen.
214 Graf C. v. Klinckowstroem.

Dadurch zog er dem Substituten strenge Verweise und 'Drohungen


von dem Beamten, sich selbst aber, wie leicht zu erachten, den Baß des
Substituten zu, der ihm nun grimmige Bache schwul..
Einst kam der Substitut in später Nacht von einer seiner gewöhn-
liehen Ausschweifungen betrunken nach Hause und traf den Lehrling
noch außer Bette, in der Schreibstube arbeitend, an. Seine Trunkenheit,
das unvermutete Antreffen des Lehrlings, den er vielleicht längst schlafend
zu finden geglaubt, und von dem er nun neue Entdeckung seiner Aus-
schweifungen zu befürchten hatte, auch wohl der Anblick des mit seiner
eigenen Lebensart so sehr kontrastierenden Fleißes des Lehrlings und
sein längst gefaßter Vorsatz der Rache, das alles mochte zusammen-
wirken, um diesem Vorsatz gerade jetzt Leben und Ausführung zu geben.
Er fuhr, sowie er ihn erblickte, mit grimmiger Gebärde auf den Jüng-
ling zu, und nach einigen Vorwürfen über seine boshaften Verleum-
dungen, wie er das von dem Jüngling gewählte Rettungsmittel seiner
Tugend nannte, packte er ihn beim Halse, warf ihn zu Boden und drückte
ihm die Kehle so fest zu, dass der arme Jüngling schon ganz blau zu
werden und die Besinnung zu verlieren anfing. •
Während dies in der Schreibstube vorging, träumte die Gattin des
Beamten, die eben im Wochenbett und in einem von der Schreibstube
ziemlich entfernten Zimmer lag, als ob sie den Lehrling halb entseelt,
mit ganz blau unterlaufenem Gesicht und dem völligen Ersticken sehr
nahe, auf dem Boden liegen sähe. Erschrocken fuhr sie aus diesem
Traume auf, rief ihrer Wärterin, die bei ihr wachte, erzählte dieser
ihren Traum und befahl ihr, nach dem Jüngling zu sehen. Diese tat das
und trat gerade um die Zeit in die Schreibstube, da ein kleiner Verzug
noch dem Jüngling hätte tödlich werden können. Bei ihrem Anblick fuhr
der Substitut auf und ließ den Jüngling gehen, der sich nach einiger
Zeit wieder erholte und auf diese Art durch einen Traum von einem
wahrscheinlichen Tode gerettet wurde."
Der Herausgeber 3'1 auch art ist in Verlegenheit, wie er diesen Fall
erklären soll. Er sagt dazu in seinem Kommentar : „Ich enthalte mich
absichtlich jeden Versuchs, diese Geschichte erklären zu wollen, teils,
weil wohl jeder Versuch vergeblich sein und jede Erklärung nur auf
unerweisbaren Hypothesen beruhen würde, teils, weil überhaupt mein
aufrichtiges Glaubensbekenntnis von Ahndungen das ist, daß ich über-
zeugt bin, es lasse sich weder für noch gegen das Dasein eines Ahndungs-
vermögens in unserer Seele etwas Entscheidendes aus der Erfahrung
a priori ohnedie s nicht vorbringen, und daß die empirische Psycho-
-

logie nur durch Zusammenstellung einer Reihe von Erfahrungen zuletzt


auf eine, wiewohl immer noch unvollkommene, Induktion kommen kann,
welche das Übergewicht für oder wider das Ahndungsvermögen geben
könnte. Allein so weit sind wir bis jetzt noch nicht."
In einem ausführlichen Aufsatz „Beiträge zur Oneirologie" hat dann
Mauchart im 6. Bande seines Repertoriums (1801, S. 180) n. a. ein
weiteres telepathisches Erlebnis mitgeteilt, das ihm von einer angesehenen
Ein Beitrag zur Geschichte der Telepathie. 215

und geistreichen adeligen Dame eingesandt wurde. „Etliche Jahre nach-


her erkrankte meine ewig teure Schwester. Ihre Krankheit wurde mir
so lang als möglich verhehlt, und ich sollte durch die erste Nachricht
davon auf ihren für mich unersetzlichen Verlust vorbereitet werden. Da
träumte mir, ieh wäre mit ihr ins Grüne spazieren gegangen, über eine
weite schöne Wiese hin. Plötzlich stand sie an einem Grashügel stille
und sagte : Ich bin müde ; ich kann nicht mehr weiterkommen, worüber
ich erwachte und mir unwillkürlich ein Seufzer entfuhr. Ich schlief
hierauf wieder ein, und nun träumte mir, ich wäre vor einen großen
Palast gefahren, vor welchem meine Schwester mir entgegenkam, mich
hierauf durch viele prächtige Zimmer führte und mir die herrlichsten
Aussichten auf Gärten und lachende Gefilde zeigte. Mir war so wohl bei
ihr, daß ich den Wunsch äußerte: Liebe, hier möchte ich auch wohnen.
Aber sie antwortete mir : Nein, noch ist es dir nicht erlaubt, hier zu
wohnen, aber einst komme ich, dich zu mir abzuholen.
Als ich wieder erwachte, so war mir nicht anders, als ob mir ein
Engel zugelispelt hätte: Deine gute Schwester ist in der seligen Ewig-
keit; und dies wurde mir auch wenige Tage darauf durch ein Trauer-
schreiben bestätigt."
Zwei weitere hierher gehörige Fälle entnehme ich einem der zahl-
reichen Werke, die gegen Ende des 18. Jahrhunderts, im Zeitalter der
Aufklärung, zur Tilgung des Aberglaubens geschrieben wurden und mit
oft recht flachem Rationalismus alle okkulten Phänomene auf ihre natür-
lichen Ursachen zurückzuführen suchten. Dies geschah, wie nach dem
Staude der damaligen Wissenschaft nicht zu verwundern, oft mit recht
unzulänglichen Mitteln. Ein solches Buch sind die „Unterhaltungen über
die auffallendsten neuem Geistererscheinungen, Träume und Ahndungen"
von Gottfried Immanuel Wenzel ans dem Jahre 1800.
Wenz el berichtet hier S. 11 ff.: „Die Frau eines gewissen Herrn
Kahlow in Stralsund befand sich, da ihr Mann amtshalber außer Hause
war und sie ihre Niederkunft hielt, des Nachts auf ihrem Zimmer allein.
Im Nebenzimmer schlief die Wärterin.
Frau Kahlow ist noch völlig munter und wird mit einem Male einen
Gegenstand gewahr, der ihre ganze Aufmerksamkeit an sich zieht. Eine
menschliche Figur nämlich stellt sich in der Größe eines Erwachsenen,
als Türke oder Orientale gekleidet, neben die Stubentür. Die Frau, die
überhaupt an Spukerei nicht glaubt, lächelt über die Figur, weil sie der
Meinung ist, ihr Mann habe sich von seinen Geschäften entfernt und
wolle als Maske in scherzhafter Laune sich ihr darstellen, und redet
daher auch dieselbe als ihren Gatten an. ';Ei, Kahlow,' sagt sie lächelnd,
,was machst du?' Die Figur bleibt un verrückt stehen. Die Frau wieder-
holt ihre Anrede noch öfter und ernstlich, aber immer vergebens. Sie
ruft endlich der in der Nebenstube schlafenden Wärterin und erhält von
dieser die Antwort, daß sie gleich kommen würde. Jetzt fällt der Frau
Kahlow ihr Bruder ein, der sie immer zärtlich geliebt hatte und vor
einigen Jahren nach Konstantinopel abgegangen war. Bei seiner Tren-
216 Graf C. v. Klinckowstroern.

nnng von der geliebten Schwester sagte er damals unter anderen auch
die Worte zu ihr: ‚Schwester, wenn ich weit von dir sterben sollte,
dann überbringe ich dir selber die Todespost.' Selten nur hatte Frau
Kahlow, nach einer mehrjährigen Entfernung ihres Bruders, so lebhaft
an denselben gedacht, und unter den gegenwärtigen Umständen gar nicht,
daß er ihr gerade jetzt hätte einfallen sollen. Sobald aber, wie sie in
dem täuschenden Mann den abwesenden Bruder erblickt, schreit sie auch
auf: ‚Ach, Leopold, mein Bruder!' und weg ist das Bild. Frau Kahlow
erzählte diese Begebenheit ihrem Mann, der Tag und Stunde aufzeichnete.
Ungefähr 18 Wochen hierauf kamen Briefe aus Konstantinopel, welche
meldeten, daß an dem und dem Tage, zu dieser und dieser Stunde, der
Bruder verschieden sei."
Wenzel siebt die Geschichte als ein Werk der Einbildungskraft
und des Zufalls an und sucht sie damit zu erklären, daß die Wöchnerin
in einem Zustand gewesen sei, der für derartige Einbildungen disponiere.
Den zweiten Fall erzählt der skeptische Verfasser als eigenes Er-
lebnis (5. 44 ff.): „Mein seliger Vater praktizierte in seinen jüngeren
Jahren bei einem Geschäftsmann namens Palm. Die Jahre der Praxis
waren vorüber, und mein Vater trat in Dienste. Noch einige Jahre kor-
respondierte er mit seinem ehemaligen Anführer und erholte sich 'Rats
bei demselben. Der Briefwechsel hörte endlich auf, und es verflossen
volle 25 Jahre, daß in meinem väterlichen _Hause von dem alten Palm-

nichts mehr zu hören war. Im Jahre 1779, als ich im September gerade
zu Hause war, trat eines Morgens es war, wenn ich mich recht er-
innere, der 18. dieses Monats ganz unvermutet mein Vater vor mein
Bett und weckte mich aus dem Schlafe. ,Ich habe sehr sonderbar in
dieser Nacht geträumt,' sagte er, ‚und bin sehr unruhig darüber. Der
alte Palm, von welchem ich dir öfters erzählte, war bei mir und sprach
viel von Amtsgeschäften mit mir, küßte mich und sah mich beim Ab-
gehen sehr wehmütig an. Ich fragte ihn nach. der Ursache. Ich sterbe,
war seine Antwort, und so verschwand er aus meinen Augen. Ich er-
wachte. Schreibe doch auf jeden .Fall das heutige Datum auf. Ich be-
sorge, der Mann ist wirklich gestorben.'
Ich verzeichnete das Datum und den Inhalt des Traumes. 14 Tage
vergingen, und mein Vater erhielt Briefe, die ihm meldeten, daß Palm
am 18. September nachts 2 Ehr verschieden wäre und sich bei seinem
Hinscheiden meines Vaters, den er immer sehr liebte, erinnert hatte."
Dazu schreibt Wen z cl: „Man hielt diesen Traum allgemein für
bedeutend. Mir scheint er es nicht zu sein; denn die Seele meines Vaters
hatte keine Data vor sieh, aus denen sie hätte auf den gerade jetzt er-
folgten Tod eines alten abwesenden, schon vergessenen Freundes schließen
können. Daß er sterben würde, dies täglich zu erwarten, dazu berech-
tigte das hohe Alter des Mannes, daß er aber just in dieser Nacht sterbe,
das konnte unmöglich erraten werden. ‚Aber Palm erschien ja im Traum
meinem Vater und sagte ihm, (laß er sterbe.' Bloß Spiel der Phantasie,
dessen Inhalt bloß durch einen Zufall in Erfüllung kam. ,Wie aber eilt-
Psychotherapie und Okkultismus. 217

stand der Traum?' Ich behaupte, mein Vater habe an Palm gedacht,
habe sich der bei ihm zugebrachten Jahre erinnert, und der Gedanke
sei flüchtig in ihm rege geworden, daß der Greis nun wohl auch bald
abtreten dürfte. Freilich wußte von alledem mein Vater nichts; aber dies
beweist nicht, daß diese Ideen nicht die Vorgänger des Traumes waren."
(Schluß folgt in Heft 4.)

Psychotherapie und Okkultismus.


Von Prof. Dr. I. H. Schultz, Berlin, Nervenarzt.
Spezialarzt für Psychotherapie.
Enter Psychotherapie verstehen wir modernerweise nicht mehr die
Anwendung einer einzelnen Methode psychischer Beeinflussung durch den.
Arzt, sondern die systematische Verwendung der bisher bekannten solchen
zu Heilzwecken; in diesem Sinne umschließt die Psychotherapie die hyp-
notische und Suggestivtherapie, die rationale, hauptsächlich mit den Me-
thoden der Aufklärung, Belehrung, Übung usw., besonders auch mit Unter-
-

stützung experimentell psychologischer Anordnungen, arbeitende Wach-


psychotherapie und das Gesamtgebiet psychoanalytischer Bestrebungen
aller Richtungen. Von diesen Methoden haben namentlich die erste und
die letzte nahe Beziehungen zu den Problemen des Okkultismus und den
okkultistischen Forschungen.
Die große und gefährliche 'Holle suggestiver Einflüsse
in der okkultistischen Forschung ist schon von vielen Seiten
eingehend gewürdigt worden. Sie ist im Prinzip in den verschiedensten
Punkten des okkultistischen Experimentierens als besonders wirksam
nachzuweisen.
1. Suggestive Fälschungen der Wahrnehmungen, wofür
in dem neuen Standardwerk von Dessoir „Der physikalische Mediumis-
mus" (Berlin, Ullstein 1925) zahlreiche Belege zu finden sind. Besonders
interessant ist in dieser Beziehung die Selbstschilderung eines kritischen
Autors, der nach langem Warten in Rotlicht deutliche Bewegungen einer
Kugel auftreten sah, die, wie exakte Fa.denkreuzkontrolle unmittelbar
nachher ergab, sicher nicht stattgefunden hatte.
Ganz kompliziert wird diese ganze Seite der Frage dadurch, daß,
wie wir jetzt sicher wissen, auch die Selbstbeobachtung des ganz normalen
Menschen in weitesten' Maße durch derartige Erscheinungen kompliziert
wird. Erfahrungen an ungefähr 500 normalen Menschen, die ich persönlich
autosuggestiv trainiert habe, ergeben mit Sicherheit, daß wir uns hier nicht
in dem abstrakten Gebiet der sog. „Einbildung" bewegen, sondern daß
bei der Mehrzahl ganz normaler Versuchspersonen autosuggestive Uni-
stellungen kiirperliehe Organismusschwankungen darstellen. Richten z. 13.
die von mir trainierten Versuchsperson en ihre Konzentration auf das Blut-
gefäßsystem, so entstehen nicht etwa mir subjektive Veränderungen, sondern
objektiv veränderte Körperhaltungen. Mit einem von der Firma Zeiß mir
218 I. H. Schultz.

zur Verfügung gestellten, noch nicht im Handel befindlichen, überaus emp-


findlichen thermo-elektrischen Apparate konnte ich nachweisen, daß bei
derartigen Gefäßumstellungen die strahlende Wärme des lebendigen mensch-
lichen Körpers in weiten Grenzen verändert wird. Die Versuchspersonen
schildern spontan das Erlebnis der Gefäßverengerung als Kältegefühl, fast
immer in dem Sinn, „es weht mich ein kühler Hauch an", die Gefäß-
erweiterung wird als umhüllender und strahlender Wärmestrom geschil-
dert. Beide Beobachtungen begegnen uns vielfach als Gründe zum Miß-
verständnis okkultistischer Forschung. Die mit der inneren Hinwendung
auf einen Körperteil verbundene aktive Blutwelle läßt durch das be-
gleitende Wärmegefühl den Irrtum einer von außen einwirkenden Kraft
entstehen und stellt deswegen von jeher ein Paradestück der Magneto-
pathen dar ; zahlreiche Kranke haben mir berichtet, daß für sie der
sichere Beweis einer besonderen Kraftbegabung eines früher behandeln-
den Magnetiseurs darin gegeben sei, daß sie eine deutliche strahlende
Wärmeempfindung erlebten, wenn er seine Hand über ihre Körperober-
fläche führte und waren je nach Einstellung überrascht oder enttäuscht,
wenn ich ihnen demonstrierte, daß sie dasselbe Erlebnis ojine jeden Mag-
,

• netiseur jederzeit bei sich selbst herstellen könnten. Das Erlebnis der
Gefäßverengerung, der „kühle Hauch", hat bis in die letzte Zeit im
Okkultismus im Sinne eines Geisterhauches mißverständliche Beachtung
gefunden; in der Tat genügt eine ganz leichte Kontraktion der Blut-
-

gefäße irgendeiner Hautpartie, um die Erscheinung bei gefäßerregbaren


Menschen mit stärkster Intensität auftreten zu lassen. Wer diese grund-
legenden Tatsachen nicht kennt, wird hier ebenso wie im vorigen uni-
gekehrten Falle geneigt sein, dem Innenerlebnis fälschlich eine äußere
- Ursache zuzuordnen. Es wäre daher dringend zu wünschen, daß die bei
okkultistischen Versuchen beteiligten Kontrollpersonen genügend instruiert
wären, um diese Fehlerquellen nach Möglichkeit auszuschalten.
2. Suggestive Fälschungen der Bewegungen sind weiter
in einem Ausmaße wirksam, von dem sich der Fernerstehende kaum einen
Begriff macht. Wir dürfen zunächst das allgemeine Gesetz formulieren,
daß die intensive seelische Vergegenwärtigung irgendeiner Bewegung ent-
sprechende, bei genauer Beobachtung oft mit bloßem Auge, in schwieri-
geren Fällen mit entsprechenden Anzeige-Apparaten wahrnehmbare Muskel-
aktionen auslöst, die nicht mit einem bewußten Willkürerlebnis verbunden
sind, also, um ein jetzt viel mißbrauchtes Wort zu verwenden, „unbewußt"
geschehen. Ein bekanntes Beispiel für diese Tatsache ist das von Bacon
1826 mitgeteilte kleine Experiment (nach Hilg er): „Man legt eine Taschen-
uhr mit dein Zifferblatt gerade nach oben vor sich auf den Tisch. Zu beiden
Seiten der Uhr setzt man die Ellenbogen auf die Tischplatte auf, in der-
-

selben Entfernung voneinander wie man es zu tun pflegt, wenn man


seinen Kopf auf beide Hände stützen will. Man nimmt aber zwischen
seine Hände nicht den Kopf, sondern vereinigt die Fingerspitzen beider
Hände in freier Luft vor dem Kopfe gerade senkrecht über der auf der
Tischplatte liegenden Uhr und nimmt zwischen die Fingerspitzen (etwa
Psychotherapie und Okkultismus. 219

der Zeigefinger) das eine Ende eines dünnen Fadens, den man so lang
wählt (etwa 30 cm), daß ein Knopf oder Ring, den man an das untere
Ende anbindet, gerade über dem Zifferblatt schwebt, ohne es zu berühren."
Während man den zunächst stillestehenden Ring beobachtet, gebe
man sich dem Gedanken hin : jetzt wird der Ring in der geraden Linie
zwischen der Ziffer 6 und der Ziffer 12 hin und her pendeln und ver-
folgt dann diesen Gedanken eine Zeitlang. Sehr bald schlägt der Ring die ge-
dachte Richtung ein. Stellt die Versuchsperson sich dann auf eine andere
Richtung ein, so arretiert das Pendel, uni sehr bald in die neue Rich-
tung überzugehen, ebenso beschreibt es Kreise und Ellipsen, alles nach
Wunsch und Gedanken. Es wäre sehr wünschenswert, wenn die Wünschel-
rutengänger, Pendeldiagnostiker e tutti quanti sich diese kleine Banali-
tät in ihr Tagebuch schreiben wollten! Gewiß liegt es dem modernen
kritisch und psychologisch orientierten Nervenarzte gänzlich fern, als
.

überheblicher Doktor Allwissend den gesamten Problemkreis des Okkul-


tismus irgendwie ex cathedra aburteilen zu wollen. Die besonderen Kennt-
nisse und Erfahrungen seiner Tätigkeit machen es ihm aber zur dringen-
den, leider dem fanatisierten Okkultisten unliebsamen Pflicht, unermüdlich
auf die sich aus seinem Fachgebiet ergebenden Fehlerquellen hinzuweisen.
Gerade die hier liegenden Gefahren sind so besonders groß, weil dem
„gesunden Menschenverstande-' nichts weniger einleuchtet als der Gedanke,
es wisse der normale Mensch nichts von seinen Bewegungsleistungen. Sie
scheinen ihm so sehr die eigentlichste Domäne des Willensgebietes, daß
ein berechtigter Zweifel an (dieser Gottähnlichkeit meist verübelt wird.
Andererseits bedingt es der völlig unbewußte Verlauf solcher Reaktionen,
daß die Versuchspersonen zu vollem Rechte jede wissentliche Bewegungs-
ausführung bestreiten, ja unter Eid ableugnen können. Vorschnelle Pseudo-
kritik, der es an der nötigen Kenntnis und Erfahrung mangelt, ist dann
allzuschnell mit der Annahme willkürlicher Schwindelmanöver bei der
Hand. Es ist zu denken, daß gelegentlich durch unbewußte Be-
wegungen von Kontrollpersonen Effekte vorgetäuscht wer-
den könn en, wenn man auch natürlich diese Annahme mit der nötigen
Kritik handhaben wird. Von prinzipieller Bedeutung ist endlich noch der
Punkt, daß suggestive Bewegungsmodulationen weit über die Muskeln
hinweggreifen, die der bewußten Willkür engeren Sinnes untergeordnet
sind, ein Punkt, der welliger für die Bewertung der Kontrollpersonen
und ihrer Leistungen, als für das Vers