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Spagyrik, Alchymie und die Prinzipien

Wir müssen davon ausgehen, daß das, was wir


von der Welt wahrnehmen, nur ein Ausschnitt
der Realität sein kann – und daß wir diesen Aus-
schnitt entsprechend unserem Bewußtsein in
unserer Wahrnehmung verändern.

Der geistige Ursprung der Spagyrik liegt in der »Wissenschaft vom Leben in der Materie«,
kurz gesagt in der Alchymie. Die Alchymie war schon im alten China, im alten Indien und im
alten Ägypten bekannt. Unsere europäische Spagyrik mit ihren keltisch-germanischen
Wurzeln wurde wahrscheinlich stark von der ägyptischen Alchymie beeinflußt.

Der bekannteste Vertreter der europäischen Spagyrik im ausgehenden Mittelalter war


Theophrast von Hohenheim, genannt Paracelsus. Er hatte eine Sicht, die wir heute
ganzheitlich nennen würden. Er sah krankheitsauslösende Einflüsse aus fünf Bereichen und
nannte diese die »fünf Entien«. Nach meiner Ansicht entsprechen die Entien folgenden
Einflüssen:

 Ens astrale: Physikalische Einflüsse; z.B. Strahlung, Hitze, Kälte


 Ens veneni: Toxische Einflüsse; endo- und exogene Stoffe mit giftartiger Wirkung
 Ens naturale: Hereditäre Einflüsse; Veranlagung: Konstitution, Disposition, Diathese
 Ens spirituale: Seelische Einflüsse; Psychosomatik
 Ens Dei: Karma oder Schicksal; geistige Ursachen, gewissermaßen die Quintessenz
der vier ersten Entien

Die Alchymie oder die »Wissenschaft vom Leben in der Materie« ist die Grundlage der
Spagyrik. Sie darf nicht mit der Biologie gleichgesetzt werden, und sie ist auch nicht ein
primitiver Vorläufer der Chemie. Für das Verständnis ist es hilfreich, wenn man sie von den
anderen Richtungen abgrenzt und sich vergegenwärtigt, daß die Chemie die Wissenschaft von
den Stoffen ist und die Biologie die Wissenschaft von der belebten Materie.

Chemie = Wissenschaft von den Stoffen

Biologie = Wissenschaft von der belebten Materie

Alchymie = Wissenschaft vom Leben in der Materie

Die menschliche Konstellation


Die menschliche Konstellation entspricht den vier Elementen Erde,Wasser, Feuer und Luft. In
den Bereichen Erde,Wasser und Feuer findet man die drei philosophischen Prinzipien Sal,
Merkur und Sulfur.

Die Physis des Menschen allein, ohne das Leben etc., ist der Leichnam, welcher der Erde
zugeordnet wird (»Erde zu Erde«). Die Essenz der Erde ist das Sal, das Salz der Erde.

Das Vital, der ätherische Bereich, ist dem Wasser zugeordnet. Es ist die Grundlage für das
vegetative Leben. Es ist das »Wasser des Lebens«, »Aqua vitae«. Die Essenz des Wassers ist
der Merkur.

Die Seele, der astrale Bereich, ist dem Feuer zugeordnet. Hier finden wir den fixen und den
flüchtigen Sulfur. Der fixe Sulfur ist der physiszugewandte, und der flüchtige Sulfur der
geistzugewandte Teil der Seele.

In der astralen Seelenwelt ist übrigens für die christliche Mythologie das Fegefeuer. In diesem
höllischen Bereich findet sich Feuer, Pech und Schwefel. Hier verbrennen alle unreinen
Seelenanteile, die nicht nach oben in den geistigen Bereich steigen können.

Spagyrik

Die Spagyrik ist die praktische Umsetzung alchymistischer Erkenntnisse in Diagnose,


Prophylaxe, Therapie und Arzneimittelherstellung. Spagyrische Arzneimittel entsprechen dem
Menschen in den drei Bereichen Sal, Merkur und Sulfur. Sie wirken damit auf die Physis, auf
das Vital und auf die Seele.

Die Begriffe Sal, Merkur und Sulfur sind in der Spagyrik nur eine technisch-laborantische
Bezeichnung von Stoffgruppen, die zwar zu Mißverständnissen führen kann, sich aber im
spagyrischen Labor seit vielen Jahrhunderten bewährt hat.

In der Laborarbeit ist Sal das Feuerfeste, Merkur das Flüchtige, Sulfur das Verbrennliche. Die
Begriffe werden bevorzugt nur als Symbole verwendet. Sie haben ursprünglich eine viel
wichtigere und tiefere Bedeutung.

Beim Menschen haben die »drei philosophischen Prinzipien« folgende Entsprechung:

Sal = physischer Leib


Merkur = Vital, Lebenskraft, Äther – »anonym«

Sulfur = astrales formgebendes Prinzip – nicht »anonym«

Die philosophischen Prinzipien müssen für eine gute Gesundheit in einem Gleichgewicht
stehen.

Zuwenig Sal äußert sich in Form von Mangelerkrankungen. Bei einer Merkur- Schwäche
würde der ungehinderte Sulfur die Verbrennungsprozesse überschießen lassen. Daraus würde
Entzündung und Abbau entstehen.

Sulfur ist gewissermaßen der Gegenspieler des Merkurs. Bei einer Sulfur- Schwäche würde
durch den ungehinderten Merkur ein ausuferndes vegetatives Wachstum entstehen, Gewebe
würden proliferieren. Sulfur begrenzt dieses Wachstum.

Spagyrische Arzneimittel

Die drei Kriterien für spagyrische Arzneimittel sind, daß sie eine spezifische stoffliche Basis,
eine Heilkraft und eine indikationsspezifische Ausrichtung dieser Heilkraft aufweisen
müssen. Beim spagyrischen Heilmittel haben die »drei philosophischen Prinzipien« folgende
Bedeutung:

Sal = spezifische stoffliche Grundlage eines spagyrischen Präparats

Merkur = unspezifische, »anonyme« Heilkraft

Sulfur = die indikationsspezifische Ausrichtung der Heilkraft

Richtig hergestellte spagyrische Präparate stellen dem Organismus spezifische (Lebens-


)Kräfte – gebunden an eine entsprechende stoffliche Basis – zur Verfügung. Gewissermaßen
sind dies an eine passende stoffliche Grundlage gekoppelte organspezifische
morphogenetische Felder, mit denen der Erkrankte seine Defizite auffüllen und seine Defekte
reparieren kann. Echte spagyrische Arzneimittel können daher auch bei alten und
vitalschwachen Patienten eingesetzt werden, ohne daß ein Risiko besteht, da sie dem
Organismus die nötige Energie zuführen. Erstverschlimmerungen sind in der Spagyrik
unbekannt. Was allerdings entstehen kann, sind Entgiftungsreaktionen. Diese unterscheiden
sich von den Erstverschlimmerungen der Homöopathie u. a. auch dadurch, daß der Patient
sich dabei wohler, gewissermaßen »über dem Berg« fühlt.

Die Zukunft der Spagyrik

Die »Wissenschaft vom Leben in der Materie« ist die Grundlage der Spagyrik. Wenn wir uns
einmal mehr um das »Leben« kümmern und weniger um die mechanistische Seite der Welt,
wird die logische Konsequenz sein, daß auch die Spagyrik mehr und mehr in den Mittelpunkt
des therapeutischen Spektrums gelangt. Dafür ist es nötig, daß sowohl Pharmazeuten und
Therapeuten an der Spagyrik als auch »Philosophen« an einer Alchymie der Zukunft
mitschaffen. Dabei sind die alten Schriften und Überlieferungen wichtig; sie sind unsere
Basis, wir dürfen nur nicht bei ihnen stehenbleiben. Vieles ist in den alten Schriften
verfälscht, der Patient ist heute nicht mehr der gleiche Patient wie vor fünfhundert Jahren,
einiges für unser Bewußtsein nicht mehr nachvollziehbar. Daher ist es essentiell wichtig, daß
wir uns in selbstbewußter Weise auf unsere eigenen Erfahrungen und Erkenntnisse verlassen
und an der Weiterentwicklung einer Alchymie und Spagyrik der Zukunft arbeiten. Dabei
müssen wir den Mut haben,Wege zu gehen, die sich von den vergangenen und gegenwärtigen
unterscheiden.

Jürgen Christian Bauer, zusammengestellt von Daniel Schanz

Dies war ein Auszug aus dem Vortrag, den Heilpraktiker Jürgen Christian Bauer 2001 auf
dem Gießener Symposium des Forschungskreises gehalten hat. (ds)