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Fünftes Buch.

Erstes Kapitel.
(1129a) In Bezug auf die Gerechtigkeit[Fußnote] Bisher sind die Tugenden behandelt worden, die 
sich auf die Affekte, die fliehenden wie die strebenden, beziehen. Jetzt kommt diejenige an die 
Reihe, die es mit den Handlungen zu tun hat, die Gerechtigkeit, nicht als ob nicht auch jene mit dem 
Handeln befaßt wären, aber es kommt bei ihnen doch erst an zweiter Stelle in betracht, insofern es 
aus den Affekten entspringt, während bei der Gerechtigkeit die äußere Handlung an erster Stelle in 
betracht kommt und der Affekt und die Gesinnung nur insofern, als sie dieselbe erleichtern oder 
 erschweren. – Da hier eine dritte Haupttugend behandelt wird, und später, im 6.    Buche, auch noch  
die einzig übrige, die Klugheit, so dürfte eine Bemerkung über die verschiedene Stellung 
 angebracht sein, die diesen Tugenden bei Aristoteles und bei anderen Autoren, z.    B.  Cicero
    und
    
 Seneka , angewiesen wird. Bei den genannten beiden sind sie die Hauptgenera der Tugenden, denen
    
die anderen Tugenden je und je untergeordnet sind. Die Klugheit ist die Verstandestugend, die die 
Vernunft über das rechte Handeln belehrt, die anderen drei sind die Hauptgenera der 
Charaktertugenden. Die Gerechtigkeit ist die Tugend, die die Vernunft bestimmt, in allem Handeln 
die Gleichheit zu beobachten; die Mäßigkeit und der Starkmut bestimmen die Vernunft zum rechten 
Verhalten gegenüber der Lust und gegenüber der Unlust. Aber dieser Auffassung der Haupttugenden 
als höchster Gattungen stehen zwei Bedenken im Wege. Einmal, daß sie zu jeder Tugend gehören 
und so keinen Einteilungsgrund der Tugenden abgeben können, sodann, daß die einzelnen Tugenden 
und Laster aus den Objekten und nicht aus dem verschiedenen Verhalten der Vernunft abzuleiten 
sind. So erscheint denn die Systematik des Aristoteles als besser, der die Tugenden wirklich nach 
den Objekten unterscheidet und einteilt und den vier Haupttugenden insofern eine bevorzugte 
Stellung gibt, als er ihnen innerhalb ihrer Gattung und Art bevorzugte Objekte zuweist, so daß das 
Charakteristische der verschiedenartigen Tugenden bei ihnen besonders hervortritt. Die Klugheit ist 
ihm nicht die Lehrerin jeder praktischen Erkenntnis ohne Unterschied, sondern sie gibt für jeden 
praktischen Fall die rechte Vorschrift; die Gerechtigkeit beobachtet nicht jede Gleichheit, sondern 
jene wichtigere, die anderen gegenüber beobachtet wird; die Mäßigkeit hat es nicht mit jeder Lust, 
sondern mit der des Gefühls zu tun und der Starkmut nicht mit Unlust überhaupt, sondern mit jener 
Unlust und Angst insbesondere, die Todesschrecken uns einflößen können. So verhalten sich denn 
zu diesen vier Haupttugenden die andern Tugenden nicht wie die Arten zur Gattung, sondern wie 
 das Sekundäre zum Primären. Nach  Thomas von Aquin
   , Kommentar zur Ethik, II.
      Buch, 8.    Lektion.  
  
und die Ungerechtigkeit ist zu untersuchen, mit was für Handlungen sie es zu tun hat, was für eine 
Mitte die Gerechtigkeit ist, und wovon das Gerechte die Mitte ist [Fußnote] Hier treten drei 
 Momente hervor, die die Gerechtigkeit von den bisher behandelten Tugenden unterscheiden: 1)    sie  
 hat es mit , Handlungen, nicht mit , Affekten, zu tun; 2)    sie ist eine Mitte der Sachen und Werte, wie  
 im Verfolg erklärt wird, nicht der Gemütsverfassung; 3)    sie ist keine Mitte zwischen zwei Lastern,  
wie ebenfalls weiter unten deutlich werden soll. 
  
. Bei dieser Untersuchung wollen wir dasselbe Verfahren wie bei den vorhergehenden beobachten 
[Fußnote] Dasselbe Verfahren, einmal indem das Wahre nur allgemein und ohne den Anspruch auf 
absolute Gültigkeit dargelegt wird, dann, weil von dem , nicht von dem ausgegangen wird. Vgl. . 
  
.
Wir sehen, daß jedermann mit dem Worte Gerechtigkeit einen Habitus bezeichnen will, vermöge 
dessen man fähig und geneigt ist, gerecht zu handeln, und vermöge dessen man gerecht handelt und 
das Gerechte will, und ebenso mit dem Worte Ungerechtigkeit einen Habitus, vermöge dessen man 
ungerecht handelt und das Ungerechte will. Dieses gelte denn auch uns als erste und allgemeinste 
Voraussetzung. Denn mit einem Habitus hat es eine andere Bewandtnis als mit den Wissenschaften 
und Vermögen. Ein und dasselbe Vermögen und ein und dasselbe Wissen umfaßt die Gegensätze 
[Fußnote] Das Gesicht sieht das Schwarze wie das Weiße, und die Medizin ist Wissenschaft wie von 
der Gesundheit, so auch von der Krankheit. 
  
; ein Habitus aber, der es mit dem einen Glied des Gegensatzes zu tun hat, hat es nicht auch mit dem 
anderen zu tun. Von der Gesundheit z. B. kann nicht Entgegengesetztes ausgehen, sondern nur 
Gesundes. Wir sprechen von gesundem Gange, wenn Einer so geht, wie es ein gesunder Mensch tut. 
Demgemäß wird ein Habitus bald aus dem entgegengesetzten Habitus, bald aus seinem Subjekt 
erkannt. Weiß man was guter Stand der Gesundheit ist, so weiß man auch was schlechter Stand der 
Gesundheit ist, und ebenso wird aus dem was Gesundheit schafft, die Gesundheit und aus dieser 
jenes erkannt. Ist guter Stand der Gesundheit so viel als Festigkeit des Fleisches, so muß ihr 
schlechter Stand Schwammigkeit des Fleisches, und was Gesundheit schafft das sein, was dem 
Fleische Festigkeit gibt.
Wird das eine Glied eines Gegensatzes vieldeutig ausgesagt, so folgt meistens, daß auch das andere 
so ausgesagt wird; ist z. B. das Wort Recht [Fußnote] Das Recht, , eigentlich das Gerechte. Ein 
eigenes Wort für unser deutsches Recht, wie das lateinische ius, hat Aristoteles nicht. vieldeutig, so 
ist es auch das Wort Unrecht.

Zweites Kapitel.
Man scheint nun tatsächlich von Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit in mehrfachem Sinne zu 
sprechen, nur daß diese Homonymie, diese Verschiedenheit der Bedeutung bei Gleichheit des 
Wortes [Fußnote] Homonymie, Gleichheit des Wortes bei Verschiedenheit der Bedeutung, im 
Gegensatz zu Synonymie, Übereinstimmung verschiedener Worte in der Bedeutung. Ein Beispiel 
fürs erste ist , Hausschlüssel und Schlüsselbein, fürs zweite und , die beide tugendhaft bedeuten. 
  
, nicht groß ist und sich darum versteckt oder nicht so offen hervortritt wie bei Dingen, die weit von 
einander liegen. Der Unterschied ist ja groß, wenn er in der Gestalt liegt, wenn z. B. das Wort 
Schlüssel gleichzeitig den Knochen unter dem Halse der Tiere und das Werkzeug zum Schließen der 
Türen bezeichnet.
Bestimmen wir also, wie viele Bedeutungen der Ausdruck »der Ungerechte« hat. Ungerecht scheint 
zu sein: einmal der Gesetzesübertreter, sodann zweitens der Habsüchtige, der andere übervorteilt, 
endlich drittens der Feind der Gleichheit. Hieraus erhellt denn auch, daß gerecht sein wird wer die 
Gesetze beobachtet und Freund der Gleichheit ist. Mithin ist das Recht das Gesetzliche und das der 
Gleichheit (1129b) Entsprechende, das Unrecht das Ungesetzliche und das der Gleichheit 
Zuwiderlaufende [Fußnote] Es gibt dreierlei Ungerechte und zweierlei Gerechte; Ungerechte: der , 
der , der für sich zu viel (Gutes) haben will, und der , der für sich zu wenig vom Unliebsamen haben 
will; Gerechte: der und der , der in einem dem und dem [ ] gegenübersteht. Der Satz mit »mithin« 
 ist eine Anwendung der Bemerkung im vorigen Kapitel, Absatz    2, daß der Habitus es je mit einem  
Objekt zu tun hat. Also wird dieses aus ihm abgenommen. 
  
.
Da nun in der einen Klasse der Ungerechten der Habsüchtige steht, so wird derselbe es mit den 
Gütern zu tun haben, nicht mit allen, sondern mit denen, die äußeres Glück und Unglück bedingen, 
die zwar schlechthin und an sich immer gut sind, aber nicht immer für den Einzelnen. Die Leute 
aber beten und bemühen sich einzig um sie. Das sollte nicht sein. Sie sollten vielmehr beten, daß 
das schlechthin Gute auch ihnen gut sein möge, und sollten erwählen was für sie gut ist.
Der Ungerechte will aber nicht immer zu viel haben, sondern unter Umständen auch zu wenig, 
nämlich von dem, was an sich ein Übel ist. Da aber das kleinere Übel gewissermaßen als ein Gut 
erscheint und die Habsucht auf Güter gerichtet ist, so scheint ein solcher Mensch habsüchtig zu sein. 
In Wirklichkeit aber ist er ein Freund der Ungleichheit. Das ist nämlich der weitere und gemeinsame 
Begriff [Fußnote] Freund der Ungleichheit, , wörtlich der Ungleiche, kann beides bedeuten, einen 
der zu viel, und einen der zu wenig haben will. Da nun für das erste ein eigenes Wort vorhanden ist, 
, so empfiehlt es sich, das dem, der zu wenig haben will, vorzubehalten. .
Auch der Gesetzesübertreter ist ungerecht. Dieses, die Gesetzwidrigkeit oder die Ungleichheit, 
umfaßt jede Ungerechtigkeit und ist jeder Ungerechtigkeit gemeinsam [Fußnote].

Drittes Kapitel.
Da uns der Gesetzesübertreter als ungerecht und der Beobachter des Gesetzes als gerecht galt, so ist 
offenbar alles Gesetzliche in einem bestimmten Sinne gerecht und Recht. Was nämlich von der 
gesetzgebenden Gewalt vorgeschrieben ist, ist gesetzlich, und jede gesetzliche Vorschrift bezeichnen 
wir als gerecht oder Recht. Die Gesetze handeln aber von allem, indem sie entweder den 
allgemeinen Nutzen verfolgen oder den Nutzen der Aristokraten oder den der Herrscher, mögen sie 
dies dank ihrer Tugend oder sonst einer auszeichnenden Eigenschaft sein. Und so nennen wir in 
einem Sinne gerecht was in der staatlichen Gemeinschaft die Glückseligkeit und ihre Bestandteile  
hervorbringt und erhält.
Das Gesetz schreibt aber vor, sowohl [Fußnote] Das heißt nicht auch, sondern sowohl, und ihm 
entspricht das vor . Dieser Absatz erklärt nämlich, was das Gesetz vorschreibt, wie der vorige, wozu 
es das tut. Dem im letzten Satze des vorigen Absatzes: , entspricht nicht das im ersten des 
 gegenwärtigen Absatzes, sondern nachdem es im folgenden, 1129b    25 und 1130a    8: , zweimal  
 wiederholt worden, das am Anfang des 4.    Kap.  
  
die Werke des Mutigen zu verrichten, z. B. seinen Posten nicht zu verlassen, nicht zu fliehen, nicht 
die Waffen von sich zu werfen, als auch die Werke des Mäßigen, z. B. nicht Ehebruch zu treiben und 
keine Gewalttat zu begehen, und die des Sanftmütigen, z. B. nicht zu schlagen oder zu schimpfen. 
Und ebenso verfährt es bezüglich der anderen Tugenden und Laster, hier gebietend, dort verbietend, 
und zwar tut es das in der rechten Weise, wenn es selbst gut gefaßt ist, dagegen schlechter, wenn es 
nachlässig, wie aus dem Stegreif entworfen ist.
Diese Gerechtigkeit ist die vollkommene Tugend, nicht die vollkommene Tugend überhaupt, 
sondern so weit sie auf andere Bezug hat – deshalb gilt sie oft für die vorzüglichste unter den 
Tugenden, für eine Tugend so wunderbar schön, daß nicht Abend­ nicht Morgenstern gleich ihr 
erglänzt [Fußnote] »Der Vergleich rührt von Euripides her, der in der Tragödie »Melanippe« von 
 dem goldigen Antlitz der Gerechtigkeit sprach und jenen Vergleich gebrauchte,«  Lasson
   . 
  
  
; daher auch das Sprüchwort: in der Gerechtigkeit ist jegliche Tugend enthalten [Fußnote] 
Ursprünglich ein Vers des Theognis. 
  
; und für die vollkommenste Tugend, weil sie die Anwendung der vollkommenen Tugend ist –. 
Vollkommen ist sie aber, weil ihr Inhaber die Tugend auch gegen andere ausüben kann und nicht 
bloß für sich selbst. Denn viele können die Tugend in ihren eigenen Angelegenheiten ausüben, aber 
in dem, was auf andere (1130a) Bezug hat, können sie es nicht. Darum scheint es ein treffender 
Spruch von Bias[Fußnote]
   Bias
    von Priene bei Milet, einer der sieben Weisen Griechenlands. 
   zu 
sein: »Erst das Amt zeigt den Mann«. Denn der Amtsinhaber hat es ja mit anderen zu tun und 
gehört der Gemeinschaft an. Eben darum scheint auch die Gerechtigkeit allein unter den Tugenden 
ein fremdes Gut zu sein, weil sie sich auf andere bezieht. Denn sie tut was anderen frommt, sei es 
dem Herrscher, sei es dem gemeinen Wesen. Der Schlimmste ist also wer seine Schlechtigkeit 
sowohl gegen sich selbst wie gegen seine Freunde kehrt, der Beste aber wer seine Tugend nicht 
sowohl sich als anderen zugute kommen läßt. Denn dieses ist ein schweres Ding.
Die gesetzliche Gerechtigkeit ist demnach klein bloßer Teil der Tugend, sondern sie ganz, und die 
ihr entgegengesetzte Ungerechtigkeit kein Teil der Schlechtigkeit, sondern wieder sie ganz.
Wie die Tugend und diese Gerechtigkeit sich trotzdem unterscheiden, erhellt aus dem Gesagten. 
Beide sind dasselbe, ihr Begriff aber ist nicht derselbe, sondern insofern es sich um die Beziehung 
auf andere handelt, redet man von Gerechtigkeit, insofern es sich aber um einen Habitus handelt, der 
sich in den Akten der Gerechtigkeit auswirkt, redet man von Tugend schlechthin.

Viertes Kapitel.
Jedoch wir fragen nach der Gerechtigkeit als Teil der Tugend [Fußnote] Also nicht nach der 
Gerechtigkeit im weiteren Sinne oder der Legalität, sondern nach der Gerechtigkeit im engeren 
Sinne als einer der vier Haupttugenden. Daß es eine solche partikuläre Gerechtigkeit gibt, zeigt sich 
 z.    B. darin, daß man fehlen kann, ohne gegen die Gleichheit zu fehlen, etwa durch Feigheit, Zorn,  
Unbarmherzigkeit. ; eine solche gibt es nämlich, behaupten wir; und desgleichen nach der 
Ungerechtigkeit als besonderem Laster. Ein Zeichen für das Vorhandensein beider ist folgendes. 
Wer eine dem Gebiete anderer Verkehrtheiten angehörende Handlung begeht, tut zwar Unrecht, 
macht sich aber keiner Habsucht schuldig; z. B. wenn er aus Feigheit seinen Schild wegwirft oder in 
der Bosheit schimpft oder aus Geiz nicht mit Geld aushelfen will; handelt er aber habsüchtig, so 
begeht er oft keine von diesen Verkehrtheiten und auch gewiß nicht alle möglichen, und doch begeht 
er eine bestimmte Schlechtigkeit – denn man tadelt ihn – und zwar eine Ungerechtigkeit. Mithin 
gibt es noch eine andere Ungerechtigkeit, als einen besonderen Teil der ganzen, und ein Unrecht als 
einen besondern Teil des Unrechts, des Ungesetzlichen, überhaupt.
Ferner, wenn der eine einem Gewinne zuliebe Ehebruch begeht und noch Geld dazu bekommt, der 
andere dasselbe Verbrechen aus Wolllust verübt, so daß er Geld dafür ausgibt und Einbuße erleidet, 
so scheint der letztere vielmehr zuchtlos als habsüchtig zu sein, der erstere dagegen ungerecht, nicht 
zuchtlos; dies also offenbar des Gewinnes wegen.
Ferner, alle anderen Verstöße gegen die Gerechtigkeit lassen sich immer auf eine bestimmte 
Untugend zurückführen, z. B. der Ehebruch auf Zuchtlosigkeit, das Entweichen aus Reih und Glied 
auf Feigheit, Mißhandlung auf Zorn, unerlaubter Gewinn aber auf keine andere Untugend als auf 
Ungerechtigkeit.
So leuchtet denn ein, daß es außer der allgemeinen Gerechtigkeit noch eine andere, partikuläre gibt, 
die ihr darum synonym ist, weil in ihrer Begriffsbestimmung dieselbe (1130b) Gattung wiederkehrt. 
Beide bedeuten nämlich etwas, was auf andere Bezug hat, nur bezieht sich die eine auf Ehre oder 
Eigentum oder Gesundheit oder in welchen Ausdruck wir das alles zusammenfassen mögen, und 
entspringt aus der unordentlichen Freude am Gewinn, während sich die andere auf alles bezieht, 
womit der Tugendhafte es zu tun hat.

Fünftes Kapitel.
Daß es also mehrere Gerechtigkeiten gibt und noch eine Gerechtigkeit neben der ganzen Tugend, ist 
klar. Bestimmen wir also, was und welcher Art sie ist.
Das Ungerechte zerfällt in das Ungesetzliche und das der Gleichheit Widerstreitende [Fußnote] Vgl. 
, letzten Absatz. , das Gerechte in das Gesetzliche und das der Gleichheit Entsprechende. Dem 
Ungesetzlichen entspricht nun diejenige Ungerechtigkeit, von der vorhin die Rede war. Da aber das 
der Gleichheit Zuwiderlaufende und das Ungesetzliche [Fußnote] nicht dasselbe, sondern 
verschieden sind wie Teil und Ganzes – denn alles, was wider die Gleichheit verstößt, ist 
ungesetzlich, aber nicht alles Ungesetzliche streitet mit der Gleichheit, grade wie auch alles Zuviel 
die Gleichheit verletzt, aber nicht alles, was die Gleichheit verletzt, auch ein Zuviel ist [Fußnote] –, 
so folgt, daß auch das Ungerechte und die Ungerechtigkeit hierin nicht dasselbe, sondern 
verschieden sind. Denn jene Ungerechtigkeit ist ein Teil der ganzen Ungerechtigkeit, und ebenso ist 
die Gerechtigkeit, nach der wir gegenwärtig fragen, ein Teil der ganzen Gerechtigkeit. Mithin 
müssen wir uns auch mit der Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit und mit Recht und Unrecht im  
engeren Sinne beschäftigen. Jene Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit also, die sich auf den ganzen 
Umfang der Tugend bezieht und die die Anwendung der ganzen Tugend, beziehungsweise des 
ganzen Lasters, auf unser Verhältnis zu anderen Menschen ist, möge als erledigt gelten. Ebenso ist 
leicht zu ersehen, wie das diesen entsprechende Recht und Unrecht zu bestimmen ist. Der größte 
Teil der Gesetzesvorschriften nämlich betrifft Handlungen der ganzen Tugend. Denn das Gesetz 
gebietet, im Leben jede Tugend zu üben und verbietet, irgend welchem Laster Raum zu geben. Das 
Mittel aber diese ganze Tugend zu verwirklichen sind jene gesetzlichen Bestimmungen, die die 
Erziehung für das Gemeinwesen regeln. Was freilich die Einzelerziehung betrifft, die da zum 
tugendhaften Manne schlechthin bildet, so ist die Frage, ob sie zur Staatslehre oder zu einer anderen 
Disziplin gehört, weiter unten zu erledigen. Denn vielleicht ist es nicht dasselbe, ein guter Mensch 
und ein guter Bürger eines beliebigen Staates zu sein [Fußnote] Die Hinweise und Bemerkungen zu 
 dem »weiter unten, ,« bei  Susemihl
   , Appendix
      279 sind vielleicht nicht ganz zutreffend. Im  
Schlußkapitel der Ethik kommt eine Aussprache über die Erziehung als Recht und Pflicht des Staats 
vor und erfolgt somit auch eine Beantwortung der Frage nach der Stellung der Pädagogik im System 
der Wissenschaften. Freilich eine eigentliche Erledigung dieser wichtigen Frage ist damit nicht 
gegeben. Aristoteles scheint aber an dieses Problem bei dem zunächst weniger gedacht zu haben, 
 sondern eher an das im Schlußsatz des Absatzes angedeutete. Dieses wird aber in der  Politik
    III,
      4  
erörtert. Dort hören wir, daß es nicht in jedem Staate schlechthin dasselbe ist, ein guter Mensch und 
ein guter Bürger zu sein, sondern nur in dem Staate dasselbe wäre, der die beste Verfassung hätte. 
Daraus scheint freilich hervorzugehen, daß nur in einer Art Idealstaat die Erziehung schlechthin 
Staatssache wäre, wobei wieder der Fall, daß eine von Gott gesetzte Erziehungsanstalt, die Kirche, 
bestände, außer betracht bliebe. .
Von der partikulären Gerechtigkeit aber und dem ihr entsprechenden Rechte ist eine Art die, die 
sich bezieht auf die Zuerteilung von Ehre oder Geld oder anderen Gütern, die unter die 
Staatsangehörigen zur Verteilung gelangen können – denn hier kann der eine ungleich viel und 
gleich viel erhalten wie der andere –; eine andere (1131a) ist die, die den Verkehr der Einzelnen 
unter einander regelt. Die letztere hat zwei Teile. Es gibt nämlich einen freiwilligen Verkehr und 
einen unfreiwilligen. Zum freiwilligen Verkehre gehören z. B. Kauf, Verkauf, Darlehen, Bürgschaft, 
Nießbrauch, Hinterlegung, Miete. Hier spricht man von freiwilligem Verkehr, weil das Prinzip der 
genannten Verträge beiderseits der freie Wille ist. Zu dem unfreiwilligen Verkehr gehören teils 
heimliche Handlungen, wie Diebstahl, Ehebruch, Giftmischerei, Kuppelei, Sklavenverführung, 
Meuchelmord, falsches Zeugnis, teils gewaltsame, wie Mißhandlung, Freiheitsberaubung, 
Todtschlag, Raub, Verstümmelung, Scheltreden, Herabwürdigung.

Sechstes Kapitel.
Da aber der Ungerechte wie das Unrecht die Gleichheit verletzen, so gibt es offenbar auch ein 
Mittleres zwischen dem Ungleichen. Es ist das Gleiche. Denn bei jeder Handlung, bei der es ein 
Mehr und ein Weniger gibt, gibt es auch ein Gleiches. Ist demnach das Unrecht ungleich, so ist das 
Recht gleich, wie übrigens auch jedem ohne Beweis einleuchtet. Da aber das Gleiche ein Mittleres 
ist, so ist also auch das Recht ein Mittleres.
Gleiches kann sich in nicht weniger Dingen finden als in zweien. Nun muß das Recht ein Mittleres, 
Gleiches und Relatives [Fußnote] sein, das heißt eine Beziehung auf bestimmte Personen haben. 
Also muß es als ein Mittleres die Mitte zwischen bestimmten Momenten, dem Mehr und dem 
Weniger, sein; als ein Gleiches muß es ein Gleiches von zweien Dingen, und als Recht muß es ein 
solches für gewisse Personen sein. Somit fordert das Recht mindestens eine Vierheit. Denn zwei 
sind der Personen, für die es ein Recht gibt, und zwei der Sachen, in denen ihnen ihr Recht wird. 
Und es muß dieselbe Gleichheit bei den Personen, denen ein Recht zusteht, vorhanden sein, wie bei 
den Sachen, worin es ihnen zusteht: wie die Sachen, so müssen auch die Personen sich verhalten. 
Sind sie nämlich einander nicht gleich, so dürfen sie nicht gleiches erhalten. Vielmehr kommen 
Zank und Streit eben daher, daß entweder Gleiche nicht Gleiches oder nicht Gleiche Gleiches 
bekommen und genießen. Das ergibt sich auch aus dem Moment der Würdigkeit. Denn darin, daß 
eine gewisse Würdigkeit das Richtmaß der distributiven Gerechtigkeit sein müsse, stimmt man 
allgemein überein, nur versteht nicht jedermann unter Würdigkeit dasselbe, sondern die 
Demokraten erblicken sie in der Freiheit, die oligarchisch Gesinnten in Besitz oder Geburtsadel, die 
Aristokraten in der Tüchtigkeit [Fußnote] Hier wird gezeigt, daß es sich bei der distributiven 
Gerechtigkeit um proportionale Gleichheit handelt. Die Dinge, die verteilt werden, müssen sich 
verhalten wie die Personen, unter die sie verteilt werden; der dreimal Verdientere und Würdigere 
bekommt dreimal mehr, sonst bekommt er nicht Gleiches. Von den vier bei jeder Proportion 
erforderlichen Gliedern werden zwei aus der Sache und zwei von den beteiligten Personen 
abgeleitet. Die Zweiheit des Zuviel und des Zuwenig bleibt außer betracht. Denn die Gerechtigkeit 
findet sich nicht darin, sondern die Ungerechtigkeit. – Der Schlußsatz des Absatzes ist so gemeint: 
die Demokraten sagen: gleiches Recht für alle, weil alle die gleichen Freiheiten genießen; die 
Oligarchen und die Aristokraten: die größeren Rechte für uns, weil wir mächtiger oder tüchtiger 
sind. 
  
.
Das Recht ist demnach etwas Proportionales. Proportionalität findet sich nämlich nicht blos bei der 
aus Einheiten bestehenden Zahl, sondern auch bei der Zahl überhaupt [Fußnote] Wo Zahl da ist 
auch Verhältnis. Zahl ist aber überall, wo Quantität ist, stetige oder diskrete Größe. 
  
. Proportionalität ist Gleichheit der Verhältnisse und verlangt mindestens eine Vierheit, worin sie 
sich finde. Daß die diskrete Proportionalität sich in mindestens vier Gliedern finden muß, ist klar; 
aber es gilt ebenso von der kontinuierlichen. (1131b) In ihr wird eins wie zwei verwandt und 
zweimal gesetzt, z. B. in der Proportion: wie die Linie a zu  b, so verhält sich die Linie b zu  c. Hier 
wird b zweimal genannt, und so bekommt man, wenn man b doppelt zählt, vier Glieder [Fußnote] 
Das Beispiel zeigt, was mit kontinuierlicher und diskreter Proportionalität gemeint ist: Gleichheit 
zweier Verhältnisse, die in einem Gliede übereinstimmen, ist kontinuierliche, sonst diskrete 
 Proportionalität. Ein Beispiel fürs erste: 8:4    =    4:2; fürs zweite: 6:3    =    10:5.  
  
.
So setzt also auch das Recht mindestens vier Glieder voraus, unter denen dasselbe Verhältnis 
besteht. Denn die Personen sind nach demselben Verhältnis unterschieden wie die Sachen. Es 
verhalte sich also wie Glied a zu  b, so Glied c zu  d, und also auch umgekehrt, wie Glied a zu  c, so 
Glied b zu  d. So wird sich denn auch in derselben Weise das Ganze zum Ganzen verhalten, und das 
ist die Verbindung, die die Zuerteilung vornimmt, und wenn sie die Personen und Sachen so 
zusammenstellt, so geschieht die Verbindung in gerechter Weise [Fußnote]    a
   und 
   b
   seien etwa 2 und
    
 1 Mark,  c   und 
   d
   Kastor und Pollux; jener habe 2, dieser 1
      Tag gearbeitet. Der gerechte Lohn des  
 einen ist also 2    M., der des anderen 1    M. Also auch umgekehrt: wie 2    M. zu Kastor, so 1    M. zu  
 Pollux, d.    h. jedes ist je gerechter Lohn. Dasselbe Verhältnis hat das Ganze zum Ganzen: a    +    b  
 verhält sich zu c    +    d, wie a    zu    c oder wie b    zu    d, oder der Lohn von 3    M. ist gerechter Lohn für  
Kastor und Pollux zusammen. .

Siebentes Kapitel.
Mithin liegt darin, daß a mit c und b mit d verbunden wird, das Gerechte der Verteilung, und dieses 
Gerechte ist das Mittlere zwischen dem, was der Proportionalität zuwiderläuft. Denn das 
Proportionale ist die Mitte, und das Gerechte ist das Proportionale. Eine solche Proportion nennen 
die Mathematiker eine geometrische. Denn in der geometrischen Proportion verhält sich das Ganze 
zum Ganzen wie das Glied zum Gliede. Diese Proportionalität ist keine kontinuierliche, da die 
Person, der zugeteilt wird, und die Sache, die zugeteilt wird, nicht der Zahl nach eines sind.
Das Recht ist also dieses Proportionale, das Unrecht aber ist was wider die Proportionalität anläuft. 
Es ist also teils ein Mehr, teils ein Weniger, wie es auch tatsächlich zutrifft. Denn wer Unrecht tut, 
eignet sich vom Guten zuviel an, und wer Unrecht leidet, bekommt davon zuwenig. Beim Übel aber 
ist es umgekehrt. Denn das kleinere Übel kann im Vergleich zum größeren Übel als ein Gut gelten, 
da das kleinere Übel vor dem größeren der Vorzug hat, und was den Vorzug hat, ein Gut ist, und 
zwar ein um so größeres, je mehr es den Vorzug hat.
Das ist also die eine Art des Rechtes. Die noch übrige ist die ausgleichende, die im Verkehr, dem 
freiwilligen wie dem unfreiwilligen, Anwendung findet [Fußnote] Aristoteles nennt dieses Recht mit 
dem Zusatz , das andere das wohl mit dem Zusatz , oder . 
  
. Dieses Recht hat eine andere Form als das erstere. Die das Gemeinsame austeilende Gerechtigkeit 
verfährt immer nach der angegebenen Proportionalität; wenn z. B. eine Geldverteilung aus 
öffentlichen Mitteln stattfindet, so muß sie nach dem Verhältnisse geschehen, das die Leistungen der 
Bürger zu einander haben; und das diesem Rechte entgegengesetzte Unrecht ist was diesem 
Verhältnisse zuwiderläuft. Dagegen ist das Recht im Verkehr zwar auch ein Gleiches und das 
Unrecht im Verkehr ein Ungleiches, aber nicht nach Maßgabe (1132a) der genannten, sondern 
gemäß der arithmetischen Proportionalität. Es trägt ja nichts aus, ob ein guter Mann einen 
schlechten verkürzt oder ein schlechter einen guten, oder ob ein guter oder ein schlechter Mann 
einen Ehebruch begeht; vielmehr sieht das Gesetz nur auf den Unterschied des Schadens, und es 
behandelt die Personen als gleiche, wenn die eine Unrecht getan, die andere es erlitten, die eine 
Schaden zugefügt hat, die andere geschädigt worden ist. Daher versucht der Richter dieses Unrecht, 
als welches in der Ungleichheit besteht, auszugleichen. Denn wenn der eine geschlagen worden ist, 
der andere geschlagen hat, oder auch der eine getödtet hat, der andere getödtet worden ist, so ist 
dieses Leiden und jenes Tun in ungleiche Teile geteilt; aber der Richter sucht durch die Strafe einen 
Ausgleich herbeizuführen, indem er dem Täter seinen Vorteil entzieht.
In diesen Dingen redet man nämlich ganz allgemein von Vorteil, wenn auch der Ausdruck für 
einzelne Verhältnisse nicht eigentlich paßt, wie wenn z. B. der Schläger Vorteil und der Geschlagene 
Nachteil haben soll; aber bei Abmessung erlittenen Unrechtes ist es nun einmal so, daß man 
dasselbe Nachteil, das zugefügte Unrecht aber Vorteil nennt.
So ist denn das Gleiche die Mitte zwischen dem Zuviel und dem Zuwenig, der Vorteil und Nachteil 
aber sind in entgegengesetzter Weise ein Zuviel und ein Zuwenig, indem der Vorteil ein Zuviel des 
Guten und ein Zuwenig des Übels, der Nachteil aber das Umgekehrte ist. Zwischen ihnen war die 
Mitte das Gleiche, das wir als das Recht bezeichnen. Und so wäre denn das ausgleichende oder 
wiederherstellende Recht [Fußnote] Das ausgleichende Recht heißt hier . 
  
die Mitte zwischen Nachteil und Vorteil.
Deshalb nimmt man auch in zweifelhaften Fällen seine Zuflucht zum Richter. Zum Richter gehen 
heißt aber soviel, als zur Gerechtigkeit gehen, da der Richter gleichsam die lebendige Gerechtigkeit 
sein soll. Auch sucht man in dem Richter einen Mann der Mitte, und Manche nennen sie 
Mittelsmänner [Fußnote] Mittelsmänner = . 
  
, als träfen sie, wenn sie die Mitte treffen, das Recht. So ist denn das Recht ein Mittleres, wie es ja 
auch der Richter ist. Der Richter stellt die Gleichheit her und macht es, wie wenn er eine in 
ungleiche Teile geteilte Linie vor sich hätte, von deren größerem Teile er das Stück, um welches 
derselbe größer ist als die Hälfte, wegnähme und zu dem kleineren Teile hinzutäte. Wenn aber das 
Ganze in zwei Teile geteilt ist, so sagt man; »jeder hat sein Teil«, wenn sie gleiches bekommen 
haben. Das Gleiche aber ist die Mitte zwischen dem zu Großen und dem zu Kleinen nach der 
arithmetischen Proportion. Darum heißt es auch »dikaion« (gerecht), weil es »dicha« (zweiteilig) 
ist, wie wenn man sagte »dichaion« und statt »dikastes« (Richter) »dichastes« (Zweiteiler). Denn 
wenn man von zwei gleichen Großen die eine um ein Stück vermindert und die andere um dasselbe 
Stück vermehrt, so übertrifft diese jene um diese beiden Stücke. Würde die eine nur vermindert, 
ohne daß die andere vermehrt (1132b) würde, so würde diese jene nur um das einfache Stück 
übertreffen. So aber übertrifft sie die Mitte um das einfache Stück, und die Mitte wieder die 
verminderte Größe um dasselbe. Hieraus also mögen wir erkennen, was man dem, der zu viel hat, 
wegnehmen und dem, der zu wenig hat, hinzugeben muß. Dem, der zu wenig hat, muß man so viel 
hinzugeben, als die Mitte sein Teil übertrifft, und dem, der das Meiste hat, so viel wegnehmen, als 
die Mitte von seinem Teil übertroffen wird.
Die Linien aa, bb, cc seien einander gleich. Von aa werde ae genommen und zu cc als cd 
hinzugesetzt, so daß die ganze Linie dcc die Linie ea um das Stück cd und ef übertrifft, und mithin 
die Linie bb um das Stück cd.
Das Gesagte muß auch noch in anderer Hinsicht, bei den Leistungen der verschiedenen Künste, vor 
Augen gehalten werden. Es wäre um sie geschehen, wenn der Künstler nicht tätig ein Produkt 
schüfe, das sich quantitativ und qualitativ bewerten ließe, und nicht leidend dafür sowohl quantitativ 
als qualitativ entsprechend ausgelohnt würde [Fußnote] Wörtlich heißt es: »wenn nicht das Tätige 
so viel und solches täte, und das Leidende dieses und so viel und solches litte.« Unter dem wäre also 
das Empfangen des Lohnes verstanden. Der Grieche sagt ja: , ich empfange Wohltaten. 
  
.
Die Ausdrücke Verlust (Einbuße, Nachteil) einerseits und Gewinn (Zubuße, Vorteil) anderseits 
stammen aus dem freiwilligen Verkehr. Gewinnen bedeutet nämlich eigentlich mehr erhalten, als 
man hatte, und Verlieren bedeutet weniger erhalten, als man vorher besaß, wie bei Kauf und Verkauf 
und jedem solchen gesetzlich erlaubten Verkehr. Und wenn nicht mehr und nicht weniger 
vereinnahmt wird, sondern gleiches um gleiches, dann sagt man, man erhalte das Seinige und 
erleide weder Verlust noch mache man Gewinn.
So ist denn dieses Recht eine Mitte zwischen einem nicht auf freiem Willen beruhenden Gewinn 
und Verlust, also dies, daß man vor wie nach das Gleiche hat [Fußnote] Die kommutative 
Gerechtigkeit geht auf das, was zwischen Schaden und Gewinn in der Mitte liegt. Sie schützt also 
vor unfreiwilligem Schaden, bzw. nicht gewolltem Gewinn des anderen Teils. .

Achtes Kapitel.
Einige Philosophen vertreten aber auch die Ansicht, die Wiedervergeltung sei das Recht schlechthin. 
So die Pythagoreer, die schlechthin das Recht als das bestimmten, was man von einem anderen 
wiedererleide. Allein die Wiedervergeltung stimmt mit der ausgleichenden Gerechtigkeit so wenig 
wie mit der austeilenden überein, obschon man in diesem Sinne das Recht des Rhadamanthys 
deuten möchte: »Leidest du was du getan, so ist richtiges Recht dir geworden.« Denn sie steht 
vielfach mit ihr in Widerspruch. Wenn z. B. eine obrigkeitliche Person jemanden geschlagen hat, so 
darf sie nicht wiedergeschlagen werden, und wenn jemand eine solche Person geschlagen hat, so 
muß er nicht blos geschlagen, sondern auch außerdem noch bestraft werden. Sodann trägt auch das 
Freiwillige und das Unfreiwillige der Handlung viel aus.
In jedem auf Gegenseitigkeit beruhenden Verkehr freilich begreift die Wiedervergeltung das 
fragliche Recht in sich, jedoch eine Wiedervergeltung nach Maßgabe der Proportionalität, nicht 
nach Maßgabe der Gleichheit. Denn dadurch, daß nach Verhältnis vergolten wird, bleibt der 
Bürgerschaft ihr Zusammenhalt gewahrt. Entweder nämlich sucht man das Böse zu vergelten, und 
ohne diese Vergeltung hätte (1133a) man den Zustand der Knechtschaft, oder das Gute, und ohne 
das wäre keine Gegenleistung, auf der doch die Gemeinschaft beruht. Darum errichtet man auch das 
Heiligtum der Chariten auf öffentlichen Plätzen, damit man der Gegenleistung gedenke, die der 
Dankbarkeit eigen ist. Denn man muß dem, der uns gefällig gewesen ist, Gegendienste erweisen und 
auch selbst wieder zuerst ihm gefällig sein.
Der Entgelt nach Verhältnis kommt zustande durch eine Verbindung der Daten nach Maßgabe der 
Diagonale; z. B. a sei Baumeister, b Schuster, c Haus und d Schuh. Der Baumeister muß nun vom 
Schuster dessen Arbeit bekommen und selbst ihm die seinige dafür zukommen lassen [Fußnote] In 
 dem Quadrat  abcd
    mit den Diagonalen 
   ad
    und 
   bc
    sei 
   ac    die Leistung des Baumeisters, 
   ad
    sein
    
 Anspruch auf die Leistung des Schusters;  bd    sei dann die Leistung des Schusters und 
   bc
    sein
    
Anspruch auf die Leistung des Baumeisters. Im Verhältnis der Leistung eines jeden wachsen seine 
Ansprüche, wie die Diagonale im Verhältnis der Kathete. Nun muß ermittelt werden, was ein Haus 
gegenüber einem Schuh wert ist und umgekehrt. Daraus ergibt sich, was der Schuster und was der 
Baumeister zu leisten hat. Ist das Haus hundertmal so viel wert als der Schuh, so hat der Schuster 
hundert Schuhe und der Baumeister ein Haus zu liefern. . Wenn nun zuerst die Gleichheit im Sinne 
der Proportionalität bestimmt ist, und dann der Ausgleich nach diesem Verhältnisse stattfindet, so 
geschieht das, was wir meinen. Geschieht jenes aber nicht, so ist keine Gleichheit da, und ein 
geordneter Verkehr und Austausch kann nicht stattfinden. Denn nichts hindert, daß die Leistung des 
einen wertvoller sei als die des anderen, und folglich muß hier ein Ausgleich geschafft werden. 
Dasselbe Verhältnis findet sich bei den anderen Künsten und Handwerken. Es wäre um sie 
geschehen, wenn der Werkmeister nicht tätig ein Produkt schüfe, das sich quantitativ und qualitativ 
bewerten ließe, und nicht leidend dafür sowohl quantitativ als qualitativ entsprechend ausgelohnt 
würde. Denn aus zwei Ärzten wird keine Gemeinschaft, sondern aus Arzt und Bauer, und überhaupt 
aus verschiedenen und ungleichen Personen, zwischen denen aber eine Gleichheit hergestellt 
werden soll.
Daher muß alles, was untereinander ausgetauscht wird, gewissermaßen gleich den Zahlen addierbar 
sein, und dazu ist nun das Geld bestimmt, das sozusagen zu einer Mitte wird. Denn das Geld mißt 
alles und demnach auch den Überschuß und den Mangel; es dient also z. B. zur Berechnung, wie 
viel Schuhe einem Hause oder einem gewissen Maße von Lebensmitteln gleich kommen. Es 
kommen also nach Maßgabe des Verhältnisses eines Baumeisters zu einem Schuster so und so viel 
Schuhe auf ein Haus oder auf ein gewisses Maß von Lebensmitteln. Ohne solche Berechnung kann 
kein Austausch und keine Gemeinschaft sein. Die Berechnung ließe sich aber nicht anwenden, wenn 
nicht die fraglichen Werte in gewissem Sinne gleich wären. So muß denn für alles ein Eines als Maß 
bestehen, wie vorhin bemerkt worden ist. Dieses Eine ist in Wahrheit das Bedürfnis, das alles 
zusammenhält. Denn wenn die Menschen nichts bedürften oder nicht die gleichen Bedürfnisse 
hätten, so würde entweder kein Austausch sein oder kein gegenseitiger. Nun ist aber kraft 
Übereinkunft das Geld gleichsam Stellvertreter des Bedürfnisses geworden, und darum trägt es den 
Namen Nomisma (Geld), weil es seinen Wert nicht von Natur hat, sondern durch den Nomos, das 
Gesetz, und es bei uns steht, es zu verändern und außer Umlauf zu setzen.
So hat man denn eine wirkliche Wiedervergeltung, wenn eine Gleichung von der Art durchgeführt 
wird, daß wie der Bauer zum Schuster, so die Leistung des Schusters sich zu der des Bauers verhält. 
Man muß aber bei Herstellung (1133b) des Ausgleiches die verschiedenen Glieder des Verhältnisses 
nach dem Schema der Proportionalität einsetzen [Fußnote], weil sonst auf das eine der beiden 
Extreme ein doppeltes Plus entfiele [Fußnote] Gäbe der Bauer einen Schäffel Weizen für einen 
Schuh, so hätte er erstens ein Plus an Arbeit bei der Erzielung der Ernte und zweitens ein Plus an 
Schaden beim Tausch, weil er mehr geben als nehmen wollte. 
  
. Dagegen wenn jeder das Seine bekommt, dann stehen sie sich gleich, und es kann ein geregelter 
Verkehr stattfinden, weil diese Gleichheit zwischen ihnen verwirklicht werden kann.
Gesetzt wir haben Bauer a, einen Schäffel Getreide c, Schuster  b, seine nach der Regel des 
Ausgleichs bemessene Leistung  d. Ließe sich die Wiedervergeltung nicht in dieser Weise 
durchführen, so gäbe es keine Gemeinschaft des Verkehrs [Fußnote] Vgl. . .
Daß aber das Bedürfnis als eine verbindende Einheit die Menschen zusammenhält, erhellt daraus, 
daß wenn kein Teil des anderen bedarf, oder auch nur der eine des anderen nicht, sie in keinen 
Verkehr des Austausches treten, wie sie es tun, wenn der eine Teil dessen benötigt, was der andere 
hat, z. B. Wein, und darum die Getreideausfuhr freigibt. Hier ist also eine Gleichheit herzustellen.
Für einen späteren Austausch ist uns, wenn kein augenblickliches Bedürfnis dafür vorliegt, das Geld 
gleichsam Bürge, daß wir ihn im Bedürfnisfalle vornehmen können. Denn wer mit Geld kommt, 
muß nach Bedarf erhalten können. Freilich geht es mit dem Gelde, wie mit anderen Dingen: es 
behält nicht immer genau seinen Wert. Jedoch ist derselbe naturgemäß mehr den Schwankungen 
entzogen.
Daher muß alles seinen Preis haben; denn so wird immer Austausch und somit 
Verkehrsgemeinschaft sein können. Das Geld macht also wie ein Maß alle Dinge kommensurabel 
und stellt dadurch eine Gleichheit unter ihnen her. Denn ohne Austausch wäre keine Gemeinschaft 
und ohne Gleichheit kein Austausch und ohne Kommensurabilität keine Gleichheit. In Wahrheit 
können freilich Dinge, die so sehr von einander verschieden sind, nicht kommensurabel sein, für das 
Bedürfnis aber ist es ganz gut möglich. Es muß also ein Eines geben, welches das gemeinsame Maß 
vorstellt, und zwar kraft positiver Übereinkunft vorstellt, weshalb es auch Nomisma heißt, 
gleichsam vom Gesetz, Nomos, aufgestelltes Wertmaß. Denn alles wird nach ihm gemessen.
a sei ein Haus, b zehn Minen, c ein Bett, a ist nun ½  b, wenn das Haus fünf Minen wert oder ihnen 
gleich ist. Das Bett  c sei 1/ 10  b. So sieht man denn, wie viel Betten dem Hause gleich sind, 
nämlich fünf. Daß in dieser Weise der Austausch vor sich ging, bevor das Geld aufkam, ist klar. 
Denn es trägt nichts aus, ob man fünf Betten für ein Haus gibt oder den Geldwert der fünf Betten.

Neuntes Kapitel.
So wäre denn erklärt, was das Unrecht und was das Recht ist. – Auf grund der gegebenen 
Bestimmungen sieht man nun auch, daß die Ausübung der Gerechtigkeit die Mitte ist zwischen 
Unrecht tun und Unrecht leiden. Jenes heißt zu viel, dieses zu wenig haben. Die Gerechtigkeit ist 
aber nicht in derselben Weise eine Mitte wie die übrigen Tugenden, doch ist sie es insofern, als sie 
die Mitte herstellt, während die Ungerechtigkeit die Extreme hervorbringt.
(1134a) Näherhin ist die Gerechtigkeit jene Tugend, kraft deren der Gerechte nach freier Wahl  
gerecht handelt und bei der Austeilung, handele es sich nun um sein eigenes Verhältnis zu einem  
anderen oder um das Verhältnis weiterer Personen zu einander, nicht so verfährt, daß er von dem  
Begehrenswerten sich selbst mehr und den anderen weniger zukommen läßt und es beim  
Schädlichen umgekehrt macht, sondern so, daß er die proportionale Gleichheit wahrt, und dann in  
gleicher Weise auch einem anderen mit Rücksicht auf einen Dritten zuerteilt.
Die Ungerechtigkeit ist umgekehrt jenes Laster, das freiwillig ungerecht handeln und ungerecht  
austeilen macht. Das Ungerechte liegt aber in einem der Proportionalität zuwiderlaufenden Zuviel 
und Zuwenig des Nützlichen oder Schädlichen. Darum ist die Ungerechtigkeit gleichzeitig ein 
Zuviel und ein Zuwenig, weil sie nämlich auf das Zuviel und das Zuwenig gerichtet ist, so zwar, daß 
sie für sich selbst ein Plus des schlechthin Nützlichen und ein Minus des Schädlichen vorsieht, bei 
Anderen aber im Ganzen gleich ungerecht verfährt, nur daß es vom Zufall abhängt, wie auf beiden 
Seiten das richtige Verhältnis verletzt wird. Beim ungerechten Hergang liegt das Zuwenig im 
Unrechtleiden, das Zuviel im Unrechttun.
So viel sei denn gesagt über die Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit und die Natur beider, und ebenso 
über Recht und Unrecht im allgemeinen.
Zehntes Kapitel.
Da man ein Unrecht begehen kann, ohne schon ein Ungerechter zu sein, so fragt es sich, durch was 
für ungerechte Handlungen man nach den einzelnen Arten der Ungerechtigkeit ein Ungerechter 
wird, ein Dieb z. B. oder ein Ehebrecher oder ein Räuber. Oder sollte etwa der Unterschied 
überhaupt darin nicht liegen? Kann man doch mit einem Weibe verkehren, wohl wissend, daß sie 
einem Anderen angehört, aber nicht aus prinzipieller Schlechtigkeit, sondern von der Leidenschaft 
verführt. Man begeht dann ein Unrecht und ist doch kein Ungerechter: man kann also stehlen, ohne 
ein Dieb, die Ehe brechen, ohne ein Ehebrecher zu sein, und so weiter [Fußnote] Einer kann einen 
Ehebruch begehen, ohne darum schon schlechthin ein Ehebrecher zu sein, und einen Diebstahl, 
ohne darum schon schlechthin ein Dieb zu sein, wenn es nämlich nicht mit voller Überlegung, 
sondern unter dem Einfluß eines starken Reizes geschieht. 
  
.
Wie nun die Wiedervergeltung sich zum Recht verhält, ist vorhin erklärt worden. Man bemerke aber, 
daß es sich um das Recht schlechthin, nämlich das politische Recht, fragt. Dieses Recht hat seine 
Stelle, wo eine Anzahl freier und gleichgestellter Menschen zwecks vollkommenen Selbstgenügens in  
Lebensgemeinschaft stehen, und richtet sich teils nach der Regel der Proportionalität (distributive 
Gerechtigkeit), teils nach der Regel der Zahl (kommutative Gerechtigkeit); unter Menschen also, bei 
denen die Voraussetzung der Freiheit oder der Gleichheit nicht zutrifft, gibt es kein politisches 
Recht, immerhin aber noch ein gewisses, diesem ähnliches Recht. Ein eigentliches Recht ist da 
vorhanden, wo ein Gesetz ist, das das gegenseitige Verhältnis bestimmt; ein Gesetz wieder da, wo 
Personen sind, bei denen sich Ungerechtigkeit finden kann; denn der gesetzliche Rechtsspruch ist 
nichts anderes als ein Urteil über Recht und Unrecht. Bei wem sich aber Ungerechtigkeit findet, bei 
dem findet sich auch Unrechttun, wenn auch nicht immer umgekehrt bei dem, der Unrecht tut, 
Ungerechtigkeit vorhanden ist. Das Unrecht aber besteht darin, daß man sich selbst zu viel des 
schlechthin Guten und zu wenig des schlechthin Übeln zuteilt.
Darum lassen wir keinen Menschen, sondern die Vernunft herrschen, weil der Mensch sich in der 
bezeichneten Weise (1134b) zuteilt und ein Tyrann wird. Der wahre Herrscher ist Wächter des 
Rechtes und mit dem Rechte auch der Gleichheit. Und da er vor den Anderen nichts voraus zu haben 
meint, wenn er anders gerecht ist – denn er teilt sich selber kein Plus vom schlechthin Guten zu, 
außer etwa nach dem bei ihm in Betracht kommenden Verhältnis, und wirkt darum für einen 
Anderen, daher der oben schon berührte Ausspruch, die Gerechtigkeit sei ein fremdes Gut –, so muß 
ihm also ein gewisser Lohn zugestanden werden, und dies ist die Ehre und der Ruhm. Wem aber 
dieses nicht genügt, der wird ein Tyrann.
Das Recht des Herrn über den Sklaven und des Vaters über das Kind ist dem politischen Rechte 
nicht gleich, sondern ähnlich. Gibt es ja doch keine Ungerechtigkeit in Bezug auf das, was 
schlechthin unser eigen ist. Der häusliche Besitz und das Kind, solange es noch in einem 
bestimmten Alter steht und nicht selbständig geworden ist, sind wie ein Teil der eigenen Person. 
Sich selbst aber zu schaden hat niemand die Absicht. Darum kann man auch gegen sich selbst nicht 
eigentlich ungerecht sein, und kann es in Bezug auf einen selbst kein politisches Recht oder Unrecht 
geben. Denn ein solches beruhte uns ja auf dem Gesetze und galt uns nur für solche, bei denen es 
nach der Natur der Sache ein Gesetz geben kann, das heißt für Personen, die sich in Bezug auf 
Befehlen und Gehorchen gleich stehen.
Daher gibt es eher ein Recht gegenüber der Frau als gegenüber den Kindern und Sklaven, das 
ökonomische oder häusliche Recht nämlich, das aber auch von dem politischen verschieden ist.
Das politische Recht [Fußnote] Das politische Recht, , ist jenes, das im Staate gilt, nicht jenes, das 
vom Staate kommt. Aristoteles verficht die sehr wichtige und einzig wahre Lehre, daß nicht alles 
Recht positiv und Menschensatzung ist, sondern auch ein natürliches Recht und Gesetz besteht, das 
in den Dingen selbst und ihren Beziehungen seinen Grund hat. Er ist also ein Zeuge für die lex 
aeterna. zerfällt in das natürliche und das gesetzliche (positive). Natürlich ist jenes, das überall die 
nämliche Geltung hat, unabhängig davon, ob es den Menschen gut scheint oder nicht; gesetzlich 
jenes, dessen Inhalt ursprünglich indifferent ist, das aber, einmal durch Gesetz festgelegt, seinen 
bestimmten Inhalt hat, z. B. die Anordnung, daß das Lösegeld für einen Gefangenen eine Mine 
betragen, oder daß man eine Ziege, keine zwei Schafe, opfern soll, ferner gesetzliche 
Bestimmungen, die für einzelne Fälle getroffen werden, z. B. daß dem Brasides geopfert werden 
soll, und endlich alles, was durch Plebiscite festgesetzt wird.
Einige sind aber der Meinung, alles Recht sei von dieser letzteren Art, weil alles Natürliche 
unbeweglich ist und überall dieselbe Kraft hat – wie z. B. das Feuer bei uns so gut wie bei den 
Persern brennt –, während man das Recht der Bewegung und dem Wandel unterworfen sieht. Allein 
es ist damit doch nicht grade so, wie man sagt, sondern nur mit Unterschied. Bei den Göttern 
freilich mag sich gar keine Bewegung finden. Bei uns dagegen ist zwar auch ein Naturbereich, 
derselbe steht aber ganz unter dem Gesetze der Bewegung. Und doch bleibt der Unterschied dessen, 
was von Natur und dessen, was nicht von Natur ist, aufrecht. Welches Recht aber in den Dingen, die 
auch anders sein können, natürlich ist und welches es nicht ist, sondern auf Gesetz und 
Übereinkunft beruht, obschon beides gleichermaßen beweglich ist, ist von selbst einleuchtend. 
Diese Unterscheidung gilt ja auch sonst. Die rechte Hand ist z. B. von Natur stärker, und doch kann 
es Menschen geben, die beide Hände gleich gut gebrauchen. (1135a) Mit denjenigen 
Rechtsbestimmungen aber, die auf der Übereinkunft und dem Nutzen beruhen, verhält es sich 
ähnlich wie mit den Maßen. Die Maße für Öl und Getreide sind nicht überall gleich, sondern da, wo 
diese Erzeugnisse gekauft werden, sind sie (wegen des größeren Vorrats) größer, dagegen wo sie 
wieder verkauft werden, kleiner. Ebenso sind die nicht natürlichen, sondern vom menschlichen 
Willen getroffenen Rechtsbestimmungen nicht allerorts dieselben, grade so, wie es auch die 
Staatsverfassungen nicht sind, und doch ist eine allein von Natur die beste, finde sie sich, wo sie 
wolle.
Jede einzelne Bestimmung des Rechtes und Gesetzes verhält sich wie das Allgemeine zum 
Besonderen. Der konkreten praktischen Fälle sind ja viele, jene Bestimmungen sind aber je eine 
einzelne, weil sie allgemein für alle einschlägigen Fälle gelten.
Es ist ein Unterschied zwischen ungerechter Handlung und Unrecht, so wie zwischen gerechter 
Handlung und Recht. Unrecht ist etwas von Natur oder kraft Verordnung. Eben dieses ist, wenn es 
getan wird, eine ungerechte Handlung; bevor es getan wird, ist es das noch nicht, sondern Unrecht. 
Dasselbe gilt von der gerechten Handlung. Als gemeinsame Bezeichnung ist das Wort 
»Dikaiopragema« gebräuchlicher, während der Ausdruck »Dikaioma« speziell für die Berichtigung 
des Unrechts gebraucht wird.
Welcherlei und wie viele Unter­Arten der beiden Rechte es im einzelnen gibt, und mit was für 
Gegenständen diese es zu tun haben, werden wir später (in der Politik) betrachten.
Da es mit Recht und Unrecht so bestellt ist, so wird eine ungerechte oder eine gerechte Handlung 
nur dann begangen, wenn man freiwillig recht oder unrecht tut. Geschieht es unfreiwillig, so kommt 
nur zufällig oder mitfolgend eine ungerechte oder eine gerechte Handlung zustande, indem man 
nämlich tut was mitfolgend recht oder unrecht ist. Über die ungerechte und gerechte Handlung aber 
entscheidet das Moment der Freiwilligkeit und Unfreiwilligkeit. Erst wenn ein Unrecht freiwillig ist, 
unterliegt es dem Tadel, und dann liegt zugleich eine ungerechte Handlung vor, so daß etwas so 
lange blos Unrecht und noch keine ungerechte Handlung ist, als nicht die Freiwilligkeit herzutritt.
Als freiwillig gilt mir, wie schon früher erklärt worden, eine Handlung, die zu verrichten bei ihrem 
Urheber steht, und die man mit Wissen verrichtet, ohne bezüglich der Person, der sie gilt, und des 
Werkzeuges und des Beweggrundes, z. B. darüber, wen man schlägt, und womit und weshalb man 
ihn schlägt, in einem Irrtum befangen zu sein; auch muß man alles dieses an sich und nicht blos 
mitfolgend wissen und muß frei von Zwange sein. Wenn z. B. einer meine Hand nimmt und damit 
einen Dritten schlägt, so tue ich das nicht freiwillig, weil es nicht bei mir stand. Es kann auch 
geschehen, daß der Geschlagene der Vater des Schlägers ist und der letztere zwar weiß, daß der 
Geschlagene ein Mensch oder einer der Anwesenden ist, nicht aber, daß es sein Vater ist. Dieses gilt 
in gleicher Weise von dem Beweggrund und allen anderen Umständen einer Handlung. Demnach ist 
unfreiwillig was man unwissentlich tut oder zwar nicht unwissentlich, aber doch ohne anders zu 
können, oder was man aus Zwang tut. Denn auch manches, was die Natur mit sich bringt, tun und 
leiden wir wissentlich, was doch weder (1135b) freiwillig noch unfreiwillig ist, wie daß wir alt 
werden und sterben.
Ebenso ist es mit der Zufälligkeit, wenn es sich um Recht und Unrecht handelt. Einer kann ein 
Pfand unfreiwillig und aus Furcht zurückgeben, und doch darf man darum nicht sagen, der 
Betreffende tue was recht ist oder verrichte eine gerechte Handlung, außer zufälliger oder 
mitfolgender Weise. Ebenso ist von einem, der ein Pfand nur gezwungen und unfreiwillig nicht 
ausfolgt, zu sagen, daß er nur mitfolgend eine ungerechte Handlung begeht und tut was unrecht ist.
Das Freiwillige tun wir teils vorsätzlich, teils unvorsätzlich: vorsätzlich was wir vorher überlegt 
haben, unvorsätzlich was wir nicht vorher überlegt haben. Von den drei Arten von Schädigungen 
nun, die im Verkehre vorkommen, liegen die unwissentlichen Verfehlungen dann vor, wenn die 
Person, der man etwas tut, und ebenso der Inhalt, das Werkzeug und der Erfolg der betreffenden 
Handlung andere sind, als der Handelnde meinte. Er mag nämlich gedacht haben, er werfe oder 
stoße überhaupt nicht, oder nicht mit dem betreffenden Instrument, oder den nicht, oder nicht mit 
dem Ausgang. Nun aber geschieht es mit einem Erfolg, an den er nicht gedacht hat, daß er z. B. eine 
Wunde schlägt, wo er nur die Haut ritzen wollte, oder es geschieht an jemanden, den er nicht 
gemeint hat, oder in einer Art und in einem Grade, die nicht in seiner Absicht lagen. Ist die 
Schädigung ohne irgend welche Absicht herbeigeführt worden, so liegt ein Unglück vor; ist sie aber 
nicht ganz unabsichtlich, aber doch nicht aus böser Absicht geschehen, so ist es eine Verfehlung. 
Denn eine Verfehlung liegt vor, wenn die erste Ursache des Vorgangs im Handelnden selbst liegt, 
ein Unglück dagegen, wo sie außer ihm liegt.
Hat man zwar wissentlich gehandelt, aber ohne vorherige Überlegung, so ist es eine ungerechte  
Handlung, z. B. alles, was dem Menschen im Zorn oder in anderen notwendigen oder natürlichen 
Affekten zu tun begegnen kann. Denn wenn man in dieser Weise einen schädigt und sich verfehlt, so 
tut man zwar unrecht und liegt eine ungerechte Handlung vor, aber man ist doch deswegen noch 
kein Ungerechter und kein Bösewicht, da die Schädigung nicht aus Bosheit geschehen ist.
Handelt man aber mit Vorsatz, so ist man ein ungerechter und böser Mensch.
Daher heißt es treffend: »Im Zorn getan, gilt nicht als vorbedacht getan.« Denn der Anfang der 
Handlung liegt nicht in dem, der im Zorn handelt, sondern in dem, der ihn zornig gemacht hat. 
Ferner streitet man auch in solchen Fällen nicht darüber, ob etwas wirklich geschehen ist oder nicht, 
sondern darüber, ob es recht war. Denn der Zorn wird durch eine vermeintliche Ungerechtigkeit 
hervorgerufen. Man streitet ja hier nicht über die Tatsache wie bei Verträgen, wo der eine der 
Kontrahenten ein schlechter Mensch sein muß, wenn er nicht etwa seine entgegengesetzte 
Behauptung aus Vergeßlichkeit aufstellt, sondern über die Tatsache herrscht Einverständnis, und der 
Streit bewegt sich nur darum, ob etwas recht gehandelt war oder nicht. Der Betrüger aber weiß den 
Sachverhalt recht wohl, und so meint der eine wirklich Unrecht zu leiden, der andere nicht.
(1136a) Wenn man einen aber vorsätzlich schädigt, so begeht man eine Ungerechtigkeit. Und erst 
wer in diesem Sinne Unrecht begeht, ist ungerecht, wenn was er tut, gegen die Proportionalität oder 
die Gleichheit anläuft. Ebenso ist man gerecht, wenn man vorsätzlich gerecht handelt. Gerecht 
handelt man aber, wenn man nur freiwillig handelt. Die unfreiwilligen Handlungen aber sind teils 
solche, die Nachsicht verdienen, teils solche, die Nachsicht nicht verdienen. Nachsicht verdienen 
fehlerhafte Handlungen, wenn sie nicht blos in Unwissenheit, sondern auch aus Unwissenheit 
geschehen. Keine Nachsicht dagegen verdienen jene fehlerhaften Handlungen, die nicht aus 
Unwissenheit geschehen, sondern zwar in Unwissenheit, aber einer solchen, die durch eine weder 
natürliche noch menschliche Leidenschaft verschuldet ist.

Elftes Kapitel.
Man könnte aber zweifeln, ob die gegebenen Bestimmungen über Unrechtleiden und Unrechttun 
zutreffend sind, wenn es für's erste einen Fall geben kann, wie den, den Euripides[Fußnote] Man 
weiß nicht bestimmt in welcher Tragödie. 
  
in den ungereimten Worten vorträgt:

»Getödtet hab' ich meine Mutter, kurz gesagt, 
Sie wollt', ich wollte – nein, sie wollt', ich wollte nicht«;

ob es nämlich in Wahrheit möglich ist, mit Willen Unrecht zu leiden, oder ob nicht vielmehr alles 
Unrechtleiden unfreiwillig ist, wie alles Unrechttun freiwillig. Und ist etwa alles (Unrechtleiden) 
dies, oder (alles) jenes, wie alles Unrechttun freiwillig, oder ist es bald freiwillig, bald unfreiwillig?
Sodann wirft die gleiche Frage sich beim Rechtleiden auf. Alles Rechttun ist nämlich freiwillig, und 
so scheint die Annahme begründet, daß zu beidem (dem Unrecht­ und Rechttun) das Unrecht­ und 
Rechtleiden in Bezug auf Freiwilligkeit und Unfreiwilligkeit sich gleichmäßig umgekehrt verhält. 
Es erschiene auch beim Rechtleiden als Ungereimtheit, wenn es immer freiwillig sein sollte, da 
manche auch ihr Recht gar nicht freiwillig erleiden.
Es liegt auch noch insofern Anlaß zu Bedenken vor, als man zweifeln kann, ob jeder, der erlitten hat 
was Unrecht ist, auch Unrecht leidet, oder ob es sich nicht vielmehr mit dem Erleiden ebenso wie 
mit dem Tun verhält. Man kann ja an beiden Weisen des Rechts (dem Tun und Leiden) mitfolgend 
Anteil haben, wie auch an den beiden Weisen des Unrechts. Etwas Unrechtes tun ist ja nicht 
dasselbe mit Unrechttun, etwas Unrechtes erleiden nicht dasselbe mit Unrechtleiden. Und dieselbe 
Bewandtnis hat es mit dem Rechttun und Rechtleiden. Denn es ist unmöglich, Unrecht zu leiden, 
wenn niemand ist, der Unrecht tut oder sein Recht zu leiden, wenn niemand ist, der recht tut.
Und, wenn Unrechttun nichts weiter ist, als freiwillig einen schädigen, und freiwillig schädigen so 
viel ist, als schädigen mit Erkenntnis der geschädigten Person und des Mittels und der Weise der 
Schädigung, und wenn z. B. der Unenthaltsame freiwillig sich selber schädigt, so leidet er demnach 
freiwillig Unrecht, und so wäre es möglich, sich selbst Unrecht zu tun – das ist auch noch eine 
Schwierigkeit, die der Lösung harrt, ob man sich selbst Unrecht tun kann.
(1136b) Ferner, man kann sich aus Unenthaltsamkeit freiwillig von einem anderen, der ebenfalls 
freiwillig handelt, Schaden zufügen lassen, so daß es also möglich wäre, mit Willen Unrecht zu 
leiden.
Oder sollte etwa die gegebene Bestimmung nicht richtig sein, sondern zu der Bedingung, daß die 
Schädigung mit Erkenntnis der geschädigten Person und des Werkzeugs und des Wie geschehen 
muß, noch als weitere gehören, daß sie gegen den Willen des Geschädigten erfolgen muß? 
Geschädigt werden demnach und materielles Unrecht leiden kann man mit Willen, aber förmliches 
Unrecht leidet niemand mit Willen. Denn das will niemand, auch der Unenthaltsame nicht, vielmehr 
handelt derselbe nur gegen seinen eigenen Willen. Einerseits will ja niemand solches, was er nicht 
für tugendhaft hält, und anderseits tut der Unenthaltsame nicht, was er selber glaubt tun zu sollen. 
Wer aber das Seinige hingibt, wie Homer den Glaukus dem Diomedes geben läßt:

»Die goldene Rüstung für Erz; 
Jene war hundert Ochsen an Wert gleich, diese nur neunen« [Fußnote] , 236. ,

der leidet kein Unrecht; denn es steht bei ihm zu geben, Unrecht zu leiden aber steht nicht bei uns, 
sondern dazu gehört, daß Einer sei, der Unrecht tut.
So erhellt denn, daß das Unrechtleiden nicht freiwillig ist.

Zwölftes Kapitel.
Noch sind von den Fragen, die wir uns zur Besprechung vorgesetzt haben, zwei zu erledigen, die 
eine, ob etwa Unrecht tut wer mehr als billig austeilt, oder wer mehr als billig empfängt; die andere, 
ob man sich auch selbst Unrecht tun kann.
Bezüglich der ersten Frage erhebt sich folgendes Bedenken. Wenn es so sein kann, wie wir oben 
gesagt haben, daß der, der zuviel austeilt, nicht der, der zuviel erhält, Unrecht tut, so tut einer, wenn 
er dem anderen mit Wissen und Willen mehr zuteilt als sich, sich selbst Unrecht. Nun aber sind es 
erfahrungsmäßig grade die bescheidenen Charaktere, die so zu handeln pflegen. Der billige Mann 
ist ja sich selbst zu verkürzen geneigt. Oder ist es mit der Selbstverkürzung doch nicht so 
schlechthin richtig? Der Betreffende gewinnt nämlich etwa bei Gelegenheit ein Mehr an anderem 
Gut, an Ehre z. B. oder sittlichem Verdienste. Eine weitere Lösung dieser Schwierigkeit ergibt sich 
aus der gegebenen genaueren Bestimmung des Unrechttuns. Dem Manne, an den wir denken, 
geschieht nichts gegen seinen vernünftigen Willen, daher er auch wegen seiner Liberalität kein 
Unrecht, sondern, wenn man denn will, nur einen Schaden erleidet.
Es ist aber auch aus positiven Gründen klar, daß immer der zuviel Austeilende, nicht der Empfänger, 
Unrecht tut.
Nicht der, bei dem sich Ungerechtes vorfindet, sondern der, von dem es wahr ist, daß er dies mit 
Willen herbeigeführt hat, tut Unrecht. Das ist aber der, in dem der Anfang der Handlung liegt, ein 
Anfang, der eben in dem Austeilenden, nicht in dem Empfänger zu suchen ist.
Da ferner das Tun vieldeutig ausgesagt wird, und eine Tödtung z. B. auch durch Unbeseeltes und 
durch die Hand und durch einen von seinem Herrn beauftragten Diener geschehen kann, so tun 
Diener, Hand und Seelenloses kein Unrecht, sondern blos was unrecht ist (und so tut auch der 
leidend das zuviel Empfangende kein Unrecht, wohl aber der Austeilende).
Ein Richter endlich, der unwissentlich ein Urteil gefällt hat, begeht kein gesetzliches Unrecht, und 
sein Urteil ist nicht ungerecht, wenn es auch so gut wie ungerecht ist – denn das gesetzliche 
(positive) Recht ist ein anderes als das erste, das natürliche Recht (worüber man nicht unwissend 
sein kann) –; hat er aber wissentlich ungerecht entschieden, (1137a) so teilt er sich auch selbst ein 
ungerechtes Mehr zu, sei es an Gunst bei der einen, sei es an Rache gegenüber der anderen Partei. 
Gerade so nun, wie wenn einer sich in ungerechtes Gut mit anderen teilte, hat der, der aus solchen 
Rücksichten einen ungerechten Spruch gefällt hat, zu viel. Denn auch wer in einem Prozesse über 
den Besitz eines Ackers (in gewinnsüchtiger Absicht) entschieden hat, bekommt nicht den Acker, 
sondern Geld.

Dreizehntes Kapitel.
Die Leute meinen nun, es stehe bei ihnen, Unrecht zu tun, und deshalb sei es auch leicht gerecht zu 
sein. Aber dem ist nicht so. Der Frau des Nachbars beiwohnen, seinen Nächsten schlagen, ihm mit 
der Hand das geschuldete Geld geben ist leicht und steht in des Menschen Gewalt, aber aus einem 
festen Habitus heraus so zu handeln, ist nicht leicht und steht nicht ohne weiteres in des Menschen 
Gewalt.
Desgleichen meint man, Recht und Unrecht zu kennen sei keine besondere Weisheit, da es nicht 
schwer sei, zu verstehen wovon die Gesetze reden. Aber das ist ja nur mitfolgend das Recht: Recht 
an sich ist was in konkret bestimmter Weise getan und zugeteilt wird. Und hier immer das Richtige 
heraus zu finden, erfordert mehr, als z. B. die medizinischen Heilmittel zu kennen. Denn auch hier 
ist es leicht, die Wirkung von Honig, Wein und Nießwurz, vom Brennen und Schneiden zu kennen; 
aber zu wissen, wie und bei wem und wann man alles dieses anwenden muß, damit es der 
Gesundheit diene, ist gerade so schwer, als Arzt zu sein.
Eben darum meint man auch, der Gerechte sei ebenso gut im Stande, Unrecht zu tun, weil der 
Gerechte ebenso gut, ja, noch besser, die einzelnen Handlungen der Ungerechtigkeit ausführen 
könne; ebenso gut könne er einem Weibe beiwohnen und Schläge austeilen, als der Mutige den 
Schild wegwerfen, dem Feinde den Rücken kehren und Hals über Kopf davon laufen könne. Aber 
feige sein und Unrecht tun heißt nicht eben Handlungen der Feigheit und Ungerechtigkeit begehen 
außer mitfolgend, sondern sie aus einem bestimmten Habitus heraus begehen, grade so wie Arztsein 
und Heilen nicht heißt schneiden oder nicht schneiden, Arzneien geben oder nicht geben, sondern es 
in konkret bestimmter Weise tun.
Das Recht hat seine Stelle unter Wesen, die an den Gütern schlechthin teilhaben und davon ein 
Zuviel und ein Zuwenig haben können. Es gibt Wesen, die kein Zuviel davon haben können, und 
dies sind vielleicht die Götter, und wieder Andere gibt es, unheilbar Schlechte, denen kein Teil 
davon frommt, sondern alles schadet, und endlich gibt es solche, denen sie innerhalb bestimmter 
Grenzen nützlich sind. Darum ist das Recht ein menschliches Ding.

Vierzehntes Kapitel.
Hiernächst ist von der Billigkeit (Epikie) und dem Billigen zu handeln und zu erklären, wie sich die 
Billigkeit zur Gerechtigkeit und das Billige zum Recht verhält. Denn bei näherer Betrachtung 
erscheinen beide weder als schlechthin einerlei, noch als der Gattung nach von einander 
verschieden; und einerseits loben wir das Billige und den billigen Mann in der Art, daß wir lobend 
diesen (1137b) Ausdruck statt gut auch auf anderes übertragen und zu verstehen geben, daß das 
Billigere das Bessere ist, anderseits erscheint es, wenn man sich an die Logik hält, als ungereimt, 
daß das Billige Lob verdienen und doch vom Recht verschieden sein soll [Fußnote] Das Wort ist 
einmal gleichbedeutend mit , dem fehlenden Adjektiv zu , und mit ; sodann hat es die hier erörterte 
 spezielle Bedeutung des billig und rücksichtsvoll Urteilenden. Dank der Aussprache des in wie    i 
 und der Zusammenziehung der beiden    i entstand das Wort Epikie.  . Denn entweder ist das Recht 
nicht trefflich und gut, oder das Billige, wenn vom Recht verschieden, nicht gerecht, oder wenn 
beide trefflich und gut sind, sind sie einerlei.
Das ist es so ziemlich, weshalb sich für den Begriff der Billigkeit Schwierigkeiten ergeben. Allein 
alles ist in gewisser Weise richtig, und von einem verborgenen Widerspruch, den es etwa 
einschlösse, kann keine Rede sein. Einerseits nämlich ist das Billige, mit einem gewissen Recht 
verglichen, ein besseres Recht, anderseits ist es nicht in dem Sinne besser als das Recht, als wäre es 
eine andere Gattung. Recht und Billigkeit sind also einerlei, und obschon beide trefflich und gut 
sind, so ist doch die Billigkeit das Bessere. Die Schwierigkeit rührt nur daher, daß das Billige zwar 
ein Recht ist, aber nicht im Sinne des gesetzlichen Rechts, sondern als eine Korrektur desselben. 
Das hat darin seinen Grund, daß jedes Gesetz allgemein ist und bei manchen Dingen richtige 
Bestimmungen durch ein allgemeines Gesetz sich nicht geben lassen. Wo nun eine allgemeine 
Bestimmung zu treffen ist, ohne daß sie ganz richtig sein kann, da berücksichtigt das Gesetz die 
Mehrheit der Fälle, ohne über das diesem Verfahren anhaftende Gebrechen im unklaren zu sein. 
Nichts destoweniger ist dieses Verfahren richtig. Denn der Fehler liegt nicht an dem Gesetze noch 
an dem Gesetzgeber, sondern in der Natur der Sache. Denn im Gebiet des Handelns ist die ganze 
Materie von vornherein so (daß das gedachte Gebrechen nicht ausbleibt). Wenn demnach das Gesetz 
allgemein spricht, aber in concreto ein Fall eintritt, der in der allgemeinen Bestimmung nicht 
einbegriffen ist, so ist es, in Betracht daß der Gesetzgeber diesen Fall außer Acht läßt und, allgemein 
sprechend, gefehlt hat, richtig gehandelt, das Versäumte zu verbessern, wie es auch der Gesetzgeber 
selbst, wenn er den Fall vor sich hätte, tun, und wenn er ihn gewußt hätte, es im Gesetze bestimmt 
haben würde. Daher ist das Billige ein Recht und besser als ein gewisses Recht, aber nicht besser als 
das Recht schlechthin, sondern als jenes Recht, das, weil es keinen Unterschied kennt, mangelhaft 
ist. Und das ist die Natur des Billigen: es ist eine Korrektur des Gesetzes, da wo dasselbe wegen 
seiner allgemeinen Fassung mangelhaft bleibt. Dies ist auch die Ursache davon, daß nicht alles 
gesetzlich geregelt ist; denn über manche Dinge läßt sich kein Gesetz geben, so daß es hier eines 
Plebiscites bedarf. Das Unbestimmte hat ja auch ein unbestimmtes Richtmaß, ähnlich wie bei der 
lesbischen Bauart ein bleiernes Richtmaß zur Verwendung kommt. Denn wie dieses Richtmaß sich 
der Gestalt des Steines angleicht und nicht dieselbe Länge behält, so gleicht das Plebiscit sich den 
besonderen faktischen Verhältnissen an.
So ist denn klar, was das Billige ist, und daß es ein Recht ist, und besser als ein gewisses Recht. 
Hieraus sieht man aber auch, wer der Billige sei: wer solches Recht will, (1138a) wählt und übt, wer 
nicht das Recht zu Ungunsten Anderer auf die Spitze treibt, sondern vom Rechte, ob es ihm gleich 
beisteht, nachzulassen weiß, der ist billig und sein Habitus die Billigkeit, die eine Art Gerechtigkeit 
und kein von ihr verschiedener Habitus ist.

Fünfzehntes Kapitel.
Aus dem Gesagten erhellt nun auch, ob man sich selbst Unrecht tun kann oder nicht.
Recht in einem Sinne ist was vom Gesetze in Bezug auf jede einzelne Tugend geboten ist. Nun 
gebietet das Gesetz aber z. B. nicht, sich selbst zu tödten; was es aber nicht zu tödten gebietet, das 
zu tödten verbietet es.
Ferner, wenn man jemanden freiwillig wider das Gesetz schädigt, ohne damit eine erlittene 
Schädigung zu rächen, so tut man Unrecht. Freiwillig handelt aber wer da weiß, gegen wen die 
Handlung gerichtet ist, und womit sie vollzogen wird. Wer aber aus Zorn sich selbst entleibt, tut 
freiwillig gegen die rechte Vernunft was das Gesetz nicht zuläßt, tut also Unrecht.
Aber wem? Nicht etwa dem Gemeinwesen, sich aber nicht? Er leidet ja freiwillig, und niemand 
leidet freiwillig Unrecht. Darum straft ihn auch die Obrigkeit und haftet dem Selbstmörder, als 
einem Menschen, der sich am gemeinen Wesen versündigt hat, eine Makel an.
Es kann aber auch wer nur Unrecht tut und nicht ganz schlecht ist, in dem, worin er ungerecht ist, 
sich nicht selbst Unrecht tun – dieses (Ungerechtigkeit nach einer bestimmten Seite) ist nämlich mit 
jenem (gesetzlicher Ungerechtigkeit überhaupt) nicht einerlei. Ein solcher Ungerechter ist ungefähr 
in der Weise schlecht wie der Feige, also nicht als haftete ihm die ganze Schlechtigkeit an, und 
demnach tut er auch nicht in diesem Sinne Unrecht –.
Denn sonst könnte einem etwas gleichzeitig entzogen worden und zugefallen sein, was unmöglich 
ist: Recht und Unrecht setzt immer ein Verhältnis von mehreren voraus.
Ferner (ist das Unrechttun) freiwillig und vorsätzlich und früher (als das Unrechtleiden). Denn wer 
ein Unrecht erlitten hat und dem anderen dafür dasselbe wieder antut, scheint kein Unrecht zu tun. 
Um aber sich selbst Unrecht zu tun, müßte man etwas zugleich leiden und tun.
Ferner könnte man freiwillig Unrecht leiden.
Überdies tut niemand Unrecht, ohne eine einzelne ungerechte Handlung zu begehen; nun kann aber 
niemand mit seiner eigenen Frau die Ehe brechen oder in sein eigenes Haus einen Einbruch verüben 
oder seine eigene Habe stehlen.
Die vollständigste Lösung der Frage wegen der Möglichkeit sich selbst Unrecht zu tun, ergibt sich 
immer vom Gesichtspunkte der früheren Bestimmung, nach der niemand freiwillig Unrecht leiden 
kann.
Es leuchtet auch ein, daß zwar beides, Unrechtleiden und Unrechttun, vom Bösen ist. Denn bei dem 
einen hat man weniger als die Mitte, bei dem anderen mehr; die Mitte aber ist dem ähnlich, was in 
der Heilkunst die Gesundheit, in der Gymnastik die gute Leibesbeschaffenheit ist; aber es ist doch 
schlimmer, Unrecht zu tun. Denn Unrechttun führt Schlechtigkeit mit sich und ist tadelnswert, und 
jene Schlechtigkeit ist entweder die vollendete und schlechthinnige oder steht ihr doch nahe – denn 
nicht alles Freiwillige ist ungerecht –; das Unrechtleiden aber führt keine Schlechtigkeit und 
Ungerechtigkeit mit sich. Also an (1138b) sich ist Unrechtleiden weniger schlimm, mitfolgend aber 
kann es gar wohl das größere Übel sein. Darum aber bekümmert sich die Wissenschaft nicht. Für 
sie ist eine Lungenentzündung ein schlimmerer Fall als eine Verstauchung, gleichwohl kann es 
mitfolgend auch einmal umgekehrt kommen, wenn der Verstauchte durch seinen Fall in die Hände 
der Feinde gerät und von ihnen getödtet wird [Fußnote] So kann man durch eine kleine 
Ungerechtigkeit zu einer größeren gereizt werden. 
  
.
Im übertragenen Sinne aber und im Sinne einer gewissen Ähnlichkeit gibt es allerdings ein Recht 
nicht der Person gegen sich selbst, aber doch des einen Teils von ihr gegen die anderen, ein Recht 
jedoch, das nicht mit allem Recht, sondern nur mit dem des Herrn gegen die Sklaven oder des 
Hausvaters gegen seine Kinder zu vergleichen ist. Nach diesen Verhältnissen nämlich bemißt sich 
der Abstand zwischen dem vernünftigen und dem unvernünftigen Seelenteil. Im Hinblick hierauf 
meint man also [Fußnote] Plato meinte, man tue sich selbst Unrecht, wenn man aus böser Lust oder 
Zorn tue was die Vernunft verbietet. , es gebe auch eine Ungerechtigkeit gegen sich selbst, weil es 
nämlich durch die Macht der Affekte geschehen kann, daß man etwas gegen das eigene Begehren 
erleidet. Wie es sonach ein Recht zwischen Herrscher und Untertan gibt, so soll es auch ein Recht 
zwischen den verschiedenen Seelenteilen geben.
So mag denn von der Gerechtigkeit und den anderen sittlichen Tugenden in dieser Weise gehandelt 
sein.