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THEMA

Mittwoch, 31. Dezember 2014/Donnerstag, 1. Januar 2015, Nr. 302

12 THEMA Mittwoch, 31. Dezember 2014/Donnerstag, 1. Januar 2015, Nr. 302

N iemand hat sie gewählt, niemand wurde oder wird gefragt, ob er ihr angehören will, eine Minderheit weiß überhaupt von ihrer Existenz, und doch bestimmt sie das Leben

der Weltbevölkerung bis in die Kapillaren unse- res Alltags: die Welthandelsorganisation (World Trade Organization, WTO). Vor 20 Jahren wurde sie gegründet. 123 Länder traten ihr sofort bei; heute zählt sie 160 Mitgliedsstaaten. Neben dem Internationalen Währungsfond (IWF), der Weltbank und der Bank für Interna- tionalen Zahlungsausgleich (BIZ) ist die WTO die zentrale Institution – in Fachkreisen wird von

einem zentralen internationalisierten Staatsappa- rat gesprochen –, der die Globalisierung des Ka- pitalismus vorantreibt. Während Erstgenannte die

internationale Finanzarchitektur frei handelbarer Währungen und der Kapitalmobilität bilden sol- len – der IWF zur Sicherung der internationalen Finanzstabilität auf dem Wege von Notkrediten, die Weltbank zur Finanzierung von Wirtschafts- erholung –, hat die multilaterale WTO die Funkti- on, den internationalen Handel zu regulieren und weitgehend uneingeschränkte Kapitalmobilität zu ermöglichen. Die Ursprünge der Welthandelsorganisation reichen allerdings bis in die unmittelbare Nach- kriegszeit und den Kalten Krieg zurück. Die WTO ging aus dem von den USA initiierten GATT (All- gemeines Abkommen über Zölle und Handel) von

1947 hervor, das danach in sieben siebenjährigen

Runden immer wieder bestätigt und unter wach-

des Lebensstandards, Vollbeschäftigung und ein hohes und stetig wachsendes Volumen der Real- einkommen und der effektiven Nachfrage, eine Expansion der Produktion von und des Handels mit Gütern und Dienstleistungen bei gleichzeitiger optimaler Verwendung der weltweiten Rohstoffe in Übereinstimmung mit den Zielen einer nach- haltigen Entwicklung, die die Umwelt schützt und erhält«. Die dahinterstehende wirtschaftsliberale Theorie war und ist die der komparativen Kosten- vorteile. Die WTO schreibt ihren Mitgliedsstaaten entsprechend vor, tarifäre Handelshemmnisse wie Außenhandelszölle und nichttarifäre Handels- hemmnisse wie strafende Steuerarrangements, (Umwelt-)Auflagen, planwirtschaftliche Maßnah- men und staatliche (Produktions-)Vorschriften abzubauen. Zu letzteren gehört auch das Verbot bestimmter Produktionsweisen, von Inhaltsstoffen für Lebensmittel usw. Die einzige Ausnahme bil- det das – wie auch immer definierte – »nationale Interesse«. Die WTO entfesselte so die Marktkräfte und ermöglicht dem expansiven Kapital eine schran- kenlose Mobilität von Investitionen, Gütern und Dienstleistungen. Die Vision war und ist eine Welt, in der jedes Land sich und »seine« Lohnar- beiter spezialisiert und nur das produziert, worin es – aufgrund von Standort, natürlichen Umwelt- bedingungen etc. – am konkurrenzfähigsten ist. Dies solle zu einer optimalen Allokation von Ka- pital führen; nichteffiziente Produktionsmethoden scheide man auf diese Weise vom Produktionspro- zess aus, die Produktivität würde steigen, Preise

»American Empire«, das sich zum Ziel setzte, den globalen Kapitalismus zu schaffen und zu mana- gen. Nur die Existenz der Sowjetunion und der Ostblockstaaten beschränkte es zunächst auf die »Grand Area« des »Westens«. Die WTO wurde damit vor allem im (Expansi- ons-)Interesse der großen Konzerne und einer sich transnationalisierenden kapitalistischen Klasse gegründet. Sie sollte den Konzernen Sicherheiten schaffen, nicht nur im Inland produzierte (Indu- strie-)Güter im Ausland zu verkaufen, sondern ausländische Direktinvestitionen, also auch Ka- pitalverlagerungen, zu ermöglichen. Hiermit rea- gierten die politischen und ökonomischen Eliten auf die neuen Expansionsmöglichkeiten, die sich im Zuge des Mauerfalls 1989, der Auflösung der Sowjetunion und im Rahmen der Schockstrategie- Privatisierung von volkseigenen Betrieben erge- ben hatten. Die »Grand Area« war jetzt global.

Eine globale Kapitalistenklasse

Der Zusammenbruch der realsozialistischen Staa- ten schuf für das Kapital neue Chancen, aber auch Strukturzwänge. Im Zuge der Privatisierungen ent- stand in Osteuropa ein riesiges neues Proletariat. Die WTO schuf die Grundlagen, das Lohngefälle zwischen West und Ost systematisch auszunut- zen. Bis heute ist der größte Teil des Welthandels Intrafirmenhandel, d. h., transnationale Konzerne verlagern durch »Offshoring« und »Nearshoring« die arbeitsintensiven (und damit [lohn-]kostspieli- gen) Teile der Produktionsabläufe und Wertschöp-

Eine »flache Welt«

Vor 20 Jahren nahm die Welthandelsorganisation ihre Arbeit auf. Teil I: Globalisierung für 0,01 Prozent der Menschheit. Von Ingar Solty

sender Zahl der beteiligten Länder erweitert wur- de. Ursprünglich gehörten 23 Staaten dem GATT an. Im kapitalistisch rekonstruierten »Westen« schuf der US-Staat so einen »eingebetteten (Wirt- schafts-)Liberalismus« (»embedded liberalism«), der über das 1944 geschaffene Bretton-Woods- System internationalen Handel erleichterte, aber zugleich mit Kapitalverkehrskontrollen, fixen Wechselkursen und die Dollar-Gold-Bindung die Entwicklung keynesianisch regulierter, nationa- ler Wohlfahrtsstaaten erlaubte. Das GATT wurde geschaffen, um einen allmählich auszuweiten- den einheitlichen Handelsraum zu schaffen. Sein Hauptzweck bestand darin, »diskriminierende Handelspraktiken« (Protektionismus) zu vermei- den, die für die Fragmentierung des Weltmarkts und die Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre verantwortlich gemacht wurden. Dazu diente das multilaterale Vorgehen: Das GATT zentralisierte die Handelsvereinbarungen und sollte so helfen, den Aufstieg von privilegierten Handelsblöcken zu verhindern. Dazu diente die Klausel »most favored nation« (MFN). Sie bedeutet, dass jedes- mal, wenn ein Mitgliedsstaat die Bedingungen für einen Handelspartner verbessert, er dieselben Konditionen auch allen anderen Mitgliedsstaaten ermöglichen muss.

Neoliberale »Freihandels«-Vision

Die Gründung der WTO war das Ergebnis der

1986 begonnenen Uruguay-Runde des GATT. Die

Welthandelsorganisation ging – begleitet von star- ker Lobbytätigkeit seitens der Großkonzerne und ihrer Thinktanks – allerdings weit über das GATT hinaus. Die »most favored nation«-Regel wurde beibehalten; im Gegensatz zum GATT reguliert die WTO allerdings den Welthandel allgemein. Die Uruguay-Runde war die erste, bei der es we- niger um den multilateralen Abbau von Zöllen auf Handelsgüter ging als vielmehr um Fragen der ausländischen Direktinvestitionen, um Handel mit Dienstleistungen und um geistige Eigentumsrech- te. Dazu gehört ein Regelwerk, das automatisch Sanktionen nach sich zieht (dazu mehr im Teil II). Der WTO-Vertrag versprach der Weltbevöl-

kerung paradiesische Zustände: die »Anhebung

für Güter und Dienstleistungen würden dagegen fallen. Neue Waren bereicherten die Märkte und befriedigten die Konsumbedürfnisse der Mittel- klassen vor allem im globalen Süden. Transpa- renz und Planungssicherheit würde für das Kapi- tal sichere Investitionsbedingungen schaffen, die wiederum zu vermehrter Investitionstätigkeit und damit zu mehr Arbeitsplätzen führen sollten. Wie bei allen Freihandelsabkommen wurden Verspre- chungen über ein Sonderwirtschaftswachstum ge- macht, um die Bedenken, was denn etwa aus den Arbeiterinnen und Arbeitern der nicht mehr kon- kurrenzfähigen Unternehmen wird, zu zerstreuen. Mit der Schaffung einer Freihandelswelt würde global Wachstum generiert. Soweit Theorie und Versprechen. Schon beim englischen Ökonomen David Ricardo (1772–1823) war diese Theorie kapita- listisch-imperiale Ideologie. Der Freihandel ist immer im Interesse der am weitesten entwickelten kapitalistischen Staaten und dominanten Kapitali- en und Industrien auf der Suche nach profitablen Anlagesphären (ausländische Direktinvestitionen) sowie Rohstoff- und Absatzmärkten. Das britische Empire etwa hatte sich bis 1840 zunächst merkan- tilistisch vom Weltmarkt abgeschottet, die eigene Industrie aufgebaut und erst danach weltweit Frei- handel zugunsten ihrer Expansion durchgesetzt – und zwar oft mit »Kanonenbootdiplomatie« und militärischer Gewalt. Zusammen mit den USA bildete das britische Empire das »Herzland« des Weltkapitalismus und verfolgte im ausgehenden 19. Jahrhundert eine »Politik der offenen Tür«, die zu Recht mit dem Begriff des Freihandelsimperia- lismus beschrieben worden ist. Der britische und der US-Staat suchten mit ihm auf Grundlage einer letztlich falschen Annahme von den inneren Ex- pansionsgrenzen des Kapitalismus dessen Über- akkumulationsproblematik durch vermehrten Ka- pitalexport zu entgehen. Tatsächlich war auch das GATT aus Furcht der USA vor einem Rückfall in die Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre entstan- den, die letztlich nicht durch den »New Deal«, sondern erst durch den Eintritt in den Zweiten Weltkrieg und die Kriegskredite an Großbritanni- en und Frankreich wirklich behoben worden war. Das GATT gehörte somit zur Geburtsstunde des

fungskette ins Ausland. Ohne die WTO wäre dies

nicht möglich gewesen. Es entstand die Vision ei- nes grenzenlosen »neoliberalen« Globalkapitalis- mus, einer »flachen Welt« (Thomas L. Friedman). Das Ergebnis ist bis heute ein mörderischer Konkurrenzkampf der entlang nationalstaatlicher Grenzen gespaltenen Weltarbeiterklasse. Im glo- balisierten Kapitalismus spielt das transnationa- lisierte Kapital die nationalen Arbeiterklassen gegeneinander aus und erzwingt mit der Andro- hung von Kapitalverlagerungen (oder Investiti- onsstreiks) Lohnzurückhaltung und Arbeitsinten- sivierung. Priesen neoliberale Ökonomen aus dem globalen Süden die »Globalisierung« des Kapi- talismus als das »Ende der westlich dominierten Weltwirtschaft« an, so ist das Ergebnis in Wahr- heit eine Entkopplung der Produktion von der Bin- nennachfrage sowohl im globalen Norden als auch im globalen Süden. Darum fiel nach Angaben des »ILO Global Wage Report 2014–2015« seit Gründung der WTO 1995 die Lohnquote, also der Anteil der Löhne und Gehälter am Bruttoinlands- produkt, in allen entwickelten OECD-Ländern (Deutschland: von 61 auf 58 Prozent; Japan: von

67 auf 60; USA: von 60 auf 56; Italien: von 62 auf

55) genauso wie in sämtlichen Schwellenländern

(etwa Mexiko: von 44 auf 38 Prozent, Türkei: von

42 auf 33). Auch in China ging sie seit dem – mit

drakonischen Bedingungen forcierten – Beitritt 2001 von 54 auf 47 Prozent zurück. Zudem plündert das transnationalisierte Ka- pital die miteinander um ausländische Kapital- direktinvestitionen konkurrierenden National- staaten – einschließlich deren Bundesländer und Kommunen – über Steuersubventionen, die nach den WTO-Regelungen sowohl für »inländisches« wie »ausländisches« Kapital gleichermaßen und nichtdiskriminierend gelten müssen, regelrecht aus. Nach einer umfangreichen, zehnmonatigen Studie der New York Times von Dezember 2012 erhalten beispielsweise multinationale Konzerne jährlich durchschnittlich 80,4 Milliarden US-Dol- lar an Steuergeldern von US-Einzelstaats- und Lokalregierungen. Auf die Steuerkrise und den globalen Standortkrieg reagieren die Staaten wie- derum mit Sozialabbau sowie dem Umbau des keynesianischen Wohlfahrts- in den neoliberalen

Umbau des keynesianischen Wohlfahrts- in den neoliberalen Ölförderung durch Fracking ist ein Beispiel für die

Ölförderung durch Fracking ist ein Beispiel für die Funktion d

Workfare-Staat. In ihm wird mit Kürzungen der Arbeitslosenversicherungen oder Sanktionen ge- gen Erwerbslose die Arbeitskraft diszipliniert und der Marktzwang erhöht. Das Ergebnis dieses Prozesses ist entsprechend eine gigantische Umverteilung von der globalen Arbeiter- hin zur globalen Kapitalistenklasse. Sin- kenden Einkommen aus Arbeit stehen immens steigende Einkommen aus Kapital gegenüber. Die Folge: die Entwicklung einer Welt, wie sie der französische Starökonom Thomas Piketty be- schrieben hat, mit einer dramatisch zunehmen- den Anhäufung und Konzentration von Vermögen in den Händen der globalen 0,1 bzw. sogar nur 0,01 Prozent. Für diese Entwicklung und die Ent- stehung einer transnationalen Bourgeoisie aber schaffte die WTO die entscheidenden Vorausset- zungen. Erst jetzt konnten Konzerne wie Siemens beispielsweise ihre Software-Ingenieursabteilun- gen nach Indien »offshoren«.

Beherrschen der Entwicklungsländer

Das Ergebnis war allerdings lange vorhersehbar:

Nicht nur Marxisten warnten vor einer solchen Entwicklung. In einem Dissensgutachten hatten zwei Weltbank-Ökonomen schon 1993 prophezeit, dass die WTO den Druck auf die Unternehmen erhöhen werde, Kosten zu senken, um wettbe- werbsfähig zu bleiben. Dies werde, so der Bericht, die Löhne senken und die Einkommen der Arbei- terklasse reduzieren. Dabei gehe es nicht (nur) um die Ausbeutung der »Entwicklungsländer« durch die kernkapitalistischen Länder, sondern um die Polarisierung von Reich und Arm auf der gan-

Mittwoch, 31. Dezember 2014/Donnerstag, 1. Januar 2015, Nr. 302 THEMA 13

Mittwoch, 31. Dezember 2014/Donnerstag, 1. Januar 2015, Nr. 302

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2014/Donnerstag, 1. Januar 2015, Nr. 302 THEMA 13 er WTO. Imperiale Staaten importieren wenig, exportieren

er WTO. Imperiale Staaten importieren wenig, exportieren viel. Für »Entwicklungsländer« gilt das umgekehrte Prinzip. So werden sie noch abhängiger vom »Westen« (Wyoming, Mai 2006)

zen Welt mit kleinen Inseln der Multimillionäre und Milliardäre, erodierenden Lohnabhängigen- Mittelklassen und einer breiten Verarmung der ge- ringqualifizierten Lohnarbeiter: Man sei »besorgt, dass die globale wirtschaftliche Integration über den Freihandel zur Bevorteilung einer kleinen privilegierten Minderheit zu Lasten der Mehrheit in sowohl Industrie- als auch Entwicklungsländern führen wird«. Die Staaten wurden von dieser »Globalisie- rung« tatsächlich nicht, wie von Globalisierungs- fatalisten oft suggeriert, überrannt; sie schufen sie mit Institutionen wie der WTO aktiv selbst. Die Gründung der Welthandelsorganisation bezweckte oder akzeptierte wenigstens als Kollateralschaden einen globalen »Wettlauf nach unten«: in bezug auf Löhne, Arbeitsstandards (Arbeitszeit, Arbeits- schutz) und Umweltstandards. Dieser ist zwar nicht ungebrochen: Denn dort, wohin Kapital sich verlagert, in den Schwellenländern, entsteht eine neue kämpferische Arbeiterklasse. Und dennoch ist – wie die Entwicklung der Lohnquote in Chi- na, Mexiko oder Türkei zeigt – die Wirkung der Globalisierung des Kapitalismus eine dramatische Verschiebung der Kräfteverhältnisse zwischen Ka- pital und Arbeit im Weltmaßstab. Sie war aber seit der Profitklemme des Kapitals in den 1970er Jahren der eigentliche Zweck des Staatsprojekts »(neoliberale) Globalisierung«. Der globale Ka- pitalismus ist ein Klassenprojekt. Sein Zweck war die Wiederherstellung von Kapitalprofitabilität und Kapitalmacht. Dieses Projekt war zunächst weitgehend erfolgreich. Zugleich produzierte es seine eigenen inneren Widersprüche, die in die globale Krise von 2007 ff. mündeten.

Für die Entwicklungs- und Schwellenländer bedeutete der Freihandelsimperialismus darüber hinaus aber folgendes: Insofern alle Länder, die der WTO beitreten, sich dazu verpflichten, auslän- disches Kapital wie inländische Unternehmen zu behandeln und ihnen die gleichen Steuervorteile etc. zu gewähren, verhindern sie zum Beispiel den Aufbau von nationalen Industrien und so- mit auch jene importsubstituierenden Entwick- lungs- und Unabhängigkeitsstrategien, wie sie die Drittweltländer in den 1950er und 1960er Jahren verfolgt hatten. Die Länder des globalen Südens werden so in Richtung von exportorientierten Wachstumsmodellen umstrukturiert. So werden sie aber auch vom Export und von fluktuierenden Weltmarktpreisen abhängig gemacht. Sind sie auf die Produktion einiger weniger weltmarktkonkur- renzfähiger Produkte beschränkt und fallen dann plötzlich die Weltmarktpreise wie gegenwärtig die Energiepreise für ölexportierende Länder wie Irak, Iran, Libyen, Venezuela, Nigeria etc., dann werden auf diese Weise Entwicklungsmodelle und -länder quasi über Nacht ins Chaos gestürzt. Zum Beispiel hat auch die Frackingtechnologie die USA gerade von einem Nettoenergieimporteur in einen Nettoenergieexporteur verwandelt. Das hatte zur Folge, dass die USA zwischen 2011 und 2014 etwa ihre Ölimporte aus Nigeria von 1,15 Millionen auf unter 50.000 Barrel reduzierten! Hieran sollte man denken, wenn man das nächste Mal Zeitungsartikel über Boko Haram liest – oder über Occupy Nigeria. Ein weiterer Punkt ist: Für die Entwicklungs- länder verschlechtern sich im globalen Freihan- delskapitalismus die »terms of trade« stetig, da

die Preise für Hochtechnologieimporte nicht in demselben Maße fallen wie die Preise für Agrar- produkte und Ressourcen. Es herrscht das Prinzip des »ungleichen Tausches«. Das bedeutet, dass die herrschenden Eliten im Inland die Ausbeu- tungsrate durch Unterdrückung und Verfolgung der Gewerkschaften und Verschärfung der Ar- beitsmarktzwänge erhöhen »müssen«, um in ih- ren Bereichen global wettbewerbsfähig zu bleiben und durch Mehrexport ihre Außenhandelsschul- den zu begleichen, damit so die entwicklungs- notwendigen Technologien importiert werden können. Der Freihandel ist somit auch ein System der entwickelten kapitalistischen Länder, aus dem Süden Tribute zu extrahieren.

Brechen der eigenen Regeln

Dies gilt umso mehr, als sich die kapitalistischen Kernstaaten des »Westens« selbst nicht an den Freihandel halten und Monopolrenten einfahren. Das beste Beispiel für diese Art von Tributextrak- tion ist das 1996 für alle WTO-Mitgliedsstaaten in Kraft getretene TRIPS-Abkommen (Agreement on Trade-Related Aspects of Intellectual Property Rights). Dieses soll den Konzernen »geistige Ei- gentumsrechte« sichern. Es bedient vor allem die Interessen der pharmazeutischen Konzerne, aber auch von Musik-, Film- und IT-Konzernen. Das TRIPS ist zum einen das Paradebeispiel für die kapitalistische In-Wert-Setzung der »Commons«. Ob frei verfügbare Güter wie Luft, Wasser oder ein Zugang zum Meer, ob freie Software oder auch öffentliche Dienstleistungen wie kostenlose Bildung oder Gesundheitsversorgung unabhängig

vom Geldbeutel – alles wird »eingehegt«, d. h. privater Verfügungsgewalt und dem Profitprinzip unterworfen. Diese »Commons« werden zu »han- delbaren Waren« (gebührenfinanziertes Studium, Privatstrände, Luftrechte wie Überflugszonen, di- gitale Informationen wie Wetterberichte etc.). Es ist tatsächlich eine aus den Fugen geratene Welt, die mit der neoliberalen Wende in den 1980er Jahren geboren und mit der WTO – diesem »neoliberalen Quintessenzdokument« (David Harvey) – beschleunigt wurde. Aber der Kapita- lismus tendiert inhärent zur Barbarei. Zivilisatori- sche Standards wie das Verbot von Kinderarbeit, der Achtstundentag, das arbeitsfreie Wochenen- de, die öffentlichen Sozialversicherungssysteme, Mindestlöhne oder Kündigungsschutz mussten historisch von der Arbeiterbewegung immer ge- gen den Widerstand von Kapital und Staat er- kämpft werden. Aus sich selbst heraus treiben das Konkurrenzgesetz und der Zwang zur Profitmaxi- mierung den Kapitalismus zur Barbarei.

n Ingar Solty schrieb zuletzt auf diesen Seiten am

14.8.2014 über die Eröffnung des Panamakanals vor 100 Jahren.

n Lesen Sie Freitag auf den jW-Themaseiten:

Teil II (und Schluss):

Vom Aufstieg zur Krise

Von Ingar Solty