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01.09.2012 / 0 / Seite 1 Rechtspopulismus im Vergleich Letzter Teil des Interviews mit Ingar

01.09.2012 / 0 / Seite 1

Rechtspopulismus im Vergleich

Letzter Teil des Interviews mit Ingar Solty

Max Böhnel

nd: Gibt es Parallelen zwischen dem amerikanischen und dem europäischen Rechtspopulismus?

Solty: Der Rechtspopulismus ist als Ausdruck einer Repräsentationskrise im Neoliberalismus ein staatenübergreifendes Phänomen in den sozialstaatlich organisierten, fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern. Gleichzeitig unterscheidet er sich zum Teil in seiner sozialen Basis und seinen weltanschaulichen Wurzeln: Dort, wo der Rechtspopulismus eine stärkere Arbeiterbasis hat wie in den Niederlanden, Frankreich oder Österreich, trägt er dieser Tatsache Rechnung, indem er die nationalistischen mit antineoliberalen Forderungen verknüpft und beispielsweise gegen die Erhöhung des Renteneintrittsalters opponiert. Außerdem bezieht er wie der französische Front National oder die Schwedendemokraten seine Wurzeln teilweise noch aus dem antisemitischen Rechtsextremismus/Altfaschismus. In den USA kommt er als autoritäre Radikalisierung des kriselnden Neoliberalismus und statt mit Antisemitismus mit Islamfeindlichkeit daher. Dem islamfeindlichen „Rechtsliberalismus" gehört die Zukunft auf der radikalen Rechten.

Und in Deutschland im Vergleich zu den USA?

Die Ideologie in den USA könnte man als „rechtslibertär"-marktradikal bezeichnen. Aber es gibt in Deutschland einige Hürden, die ihren Import aus den USA verlangsamen: die Strafverfolgungspolitik, die Schuldhypothek der Rechten und die NS-Nostalgie. Der rechtslibertäre Populismus hält eher mit Sarrazin, Sloterdijk, Broder, Giordano etc. durch die Parteien der Mitte Einzug.

Der Rechtspopulismus hat auch in den USA keine eigene Partei

Das ist eine Stärke und Schwäche zugleich: Eine Stärke, weil er sich die etablierten Republikaner zunutze machen kann; eine Schwäche, weil mit der Institutionalisierung (z.B. als Tea-Party-Caucus im US-Kongress) gewöhnlich auch eine entradikalisierende Vereinnahmung einhergeht. Zugleich gilt für Rechtspopulismus hier wie dort, dass es sich bei ihm um ein reaktionäres Projekt handelt, das wie alle radikalen Bewegungen von rechts (einschließlich des historischen Faschismus) über kein eigenständiges und kohärentes politisches Projekt verfügt, sondern letzten Endes aufs nackte Ressentiment hinausläuft. Darum auch seine historische intellektuelle Schwäche.

Wo sehen Sie Widersprüche innerhalb des rechtspopulistischen Milieus in den USA?

Die Widersprüche sind tatsächlich enorm: Rechtspopulisten wie Michael Savage sind nationalistische Protektionisten und Unterstützer des American Empire zugleich. Dagegen will Präsidentschaftskandidat Ron Paul den Freihandel, während er die militärische Aufrechterhaltung des globalen Kapitalismus im Rahmen des American Empire „isolationistisch" ablehnt. Aus diesem Grund werden die Rechtspopulisten von der herrschenden Klasse analog zum historischen Faschismus bislang skeptisch beäugt, selbst wenn sie ähnlich wie einst die NSDAP durch Thyssen von einigen der reichsten Männer in den USA großzügig finanziert werden. Gefährlich bleiben sie trotzdem, denn je tiefer die Repräsentationskrise ist, umso weniger können die politischen Eliten der transnationalisierten Bourgeoisie, zu denen Romney gehört, die Rechtspopulisten unter Kontrolle halten. Denn deren prekäre Lage sorgt für den Wunsch, mehr zu sein als bloß Stimmvieh der großbürgerlichen (Partei-)Eliten.