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4 DAS THEMA DER WOCHE | Illusion Inklusion? | DIE FURCHE • 45 | 5. November
4 DAS THEMA DER WOCHE | Illusion Inklusion? | DIE FURCHE • 45 | 5. November
4 DAS THEMA DER WOCHE | Illusion Inklusion? | DIE FURCHE • 45 | 5. November

DAS THEMA DER WOCHE | Illusion Inklusion? |

DIE FURCHE • 45 | 5. November 2015

„Man darf auch mit besten Absichten nicht so blauäugig sein, dass man die Realität verweigert.
„Man darf auch mit besten Absichten
nicht so blauäugig sein, dass man die
Realität verweigert. Und die Realität
ist, dass es momentan für Inklusion
kein Geld gibt. (Gabriela Standhartinger) “

| Das Gespräch führte Doris Helmberger

| Fotos: Costa Konstantinou

M oritz ist 13 Jahre alt und intel- lektuell schwer beeinträch- tigt. Er kann nicht sprechen und wird in größeren Grup- pen rasch zappelig und laut:

Dann schmeißt er Gegenstände zu Boden oder fegt den ganzen Tisch leer. Weil der In- tegrationskindergarten 30 Kilometer ent- fernt gewesen wäre, hat Moritz vier Jahre lang den Regelkindergarten in seinem Hei- matort Gröbming im steirischen Ennstal be- sucht – eine „großartige Leistung der Kin- dergartenchefin“, erzählt seine Mutter, Gabriela Standhartinger. Später kam er auf ausdrücklichen Wunsch seiner Eltern ins Zentrum für Inklusiv- und Sonderpädago- gik Gröbming – eine Institution, die im In- klusions-Vorreiterland Steiermark in abseh- barer Zeit geschlossen wird (s.u.). Soll das so sein? Standhartinger ist nach Wien gekom- men, um darüber mit Rainer Grubich, Leiter des Büros für Inklusive Bildung der Pädago- gischen Hochschule Wien, zu diskutieren.

DIE FURCHE: Frau Standhartinger, Sie haben mit anderen Eltern am ZIS Gröbming eine Petition verfasst. „Wir sind in großer Sorge“, heißt es. „Das Gespenst der Inklusion geht um.“ Was ist an Inklusion so gespenstisch? Gabriela Standhartinger: Gespenstisch ist für uns nicht die Idee der Inklusion als solche, ganz im Gegenteil: Dort wo sie hin- passt, würde ich sie sehr begrüßen. Aber für uns ist vor allem gespenstisch, dass Inklusi- on zwar durch alle Medien geistert, es aber kein konkretes Konzept dafür gibt. Überall herrscht große Verwirrung. Offiziell heißt es, dass Eltern weiterhin die Wahlmöglich- keit haben sollen, ob ihr Kind in eine Son- der- oder Regelschule gehen soll. Gleich- zeitig stellt man etwa in der Steiermark für Kinder mit schwersten Verhaltensauffällig- keiten keine Bescheide mehr für einen son- derpädagogischen Förderbedarf (SPF) aus. Eltern, die in der Regelschule mehrmals pro Woche in die Schule zitiert werden, weil es wirklich nicht mehr geht, müssen mittler- weile schon mit einem Anwalt drohen, da- mit ihr Kind in die Sonderschule gehen darf. Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand, der aus humanistischen Gründen für Inklu- sion ist, das gemeint haben kann. Rainer Grubich: Ich kann Ihre Sorgen ver- stehen, weil auch ich erlebe, dass punk- to Inklusion häufig nur alter Wein in neu-

Kann Inklusion in der Praxis funktionieren? Eine betroffene Mutter und ein Inklusionsexperte haben darüber diskutiert – und gezeigt, dass hier zwei Welten aufeinanderprallen.

Eine heile Welt ohne

BAUPLAN UND GELD?

en Schläuchen verkauft wird. Trotzdem bin ich davon überzeugt, dass sie in der Praxis funktionieren kann. Die Frage ist, wie das Setting aussieht. Wir müssen wegkommen von der alten Vorstellung von Klassen und vom gesamten Schulstandort ausgehen, in

Ich bin überzeugt, dass Inklusion in der Praxis funktionieren kann. Wir müssen dazu aber weg- kommen von der alten Vorstellung von Klassen – und vom gesamten Schulstandort ausgehen.

dem die Kinder in Stammgruppen von etwa 15 Schülerinnen und Schülern organisiert sind, sich aber im gesamten Schulhaus frei bewegen können. Es soll sehr offene Unter- richtsformen geben und Ateliers für Natur- wissenschaften, Sprachen oder Kunst. Das Problem von sozio-emotional benachteili- gten Kindern, wie Sie sie beschrieben ha- ben, wäre hier schon geringer: Diese Kinder

beschrieben ha- ben, wäre hier schon geringer: Diese Kinder können sozial adäquates Verhalten ja nur in

können sozial adäquates Verhalten ja nur in einer heterogenen Gruppe lernen. Wenn nötig muss es für manche Kinder auch eine Eins-zu-eins-Betreuung geben. Das alles er- fordert Organisationsarbeit – und auch ei- nen möglichst flexiblen Ressourceneinsatz. DIE FURCHE: Wird dieses System nicht zwin- gend teurer sein? Grubich: Ich glaube nicht. In den bishe-

rigen Integrationsklassen mit zumindest fünf SPF-Kindern muss ja permanent ei- ne zweite Lehrerin anwesend sein. Aber wenn Inklusion mehr kostet, muss ich mir als Bildungspolitiker überlegen, ob es mir das wert ist. Ich bin jedenfalls überzeugt, dass es das wert ist. Ich war selbst 19 Jah- re lang Klassenlehrer, davon 13 in einer In- tegrationsklasse, und hatte auch Kinder mit schweren Beeinträchtigungen, unter ande- rem ein Mädchen mit frühkindlichem Autis- mus, das die ganzen vier Jahre nicht gespro- chen, sich selbst geschlagen und Scheren geschmissen hat. Und ich durfte erleben, welch enorme Fortschritte das Mädchen in seiner sozialen Entwicklung gemacht hat – und auch ihre Mitschülerinnen und Mit- schüler. Das war eine Win-Win-Situation. Standhartinger: Ich gestehe Ihnen gern zu, dass es in Ihrer Klasse funktioniert hat, und ich bin mir auch sicher, dass es viele Päda- gogen gibt, die so engagiert sind wie Sie und

viele Päda- gogen gibt, die so engagiert sind wie Sie und INKLUSIVE MODELLREGIONEN Steirische Initiativen –

INKLUSIVE MODELLREGIONEN

Steirische Initiativen – und Ängste

Foto: Shutterstock
Foto: Shutterstock

E s war bereits 1985, als in der Stei- ermark die erste integrative Klasse gestartet wurde, und bis heute gilt

das Bundesland als Vorreiter in Sachen Inklusion: 85 Prozent der Kinder, denen ein sonderpädagogischer Förderbedarf (SPF) bescheinigt wurde, besuchen eine Regelschule; in allen Regionen gibt es bereits inklusive Best-Practice-Mo- delle. Trotzdem gibt es gegen die geplanten „inklusiven Modellre- gionen“ in Graz und Umgebung so- wie im Bezirk Voitsberg große Vor- behalte und Ängste. Wie ist das zu erklären? „Diese Umwandlung ist ein komplexer Prozess, der neben Geduld

und Zeit auch viel Information erfordert. Die hat es nicht überall gegeben, mögli- cherweise ist das der Grund für die Sor- gen“, meint Sabine Haucinger, steirische Landesschulinspektorin für Inklusive Bildung, Sonderpädagogik, Interkultu- ralität und Mehrsprachigkeit, zur FUR- CHE. Es gehe aber nicht darum, „brachi- al“ Sonderschulen zuzusperren, sondern darum, „die pädagogische Qualität und den Support an den Regelschulen so zu heben, dass Sonderschulen möglichst nicht mehr gebraucht werden“. Diese Entwicklung verläuft laut Hau- cinger in drei Schritten: Erstens sollen unabhängige pädagogische Beratungs-

zentren eingerichtet werden, die inklusi- ve Regelschulen mit Knowhow und Sup- port-Systemen unterstützen sowie die nötigen Ressourcen steuern.

„Sichselbstüberflüssigmachen“

„Die bisherigen ZIS-Leiter haben ja eine schwierige Doppelrolle: Sie müs- sen Inklusion vorantreiben und sind zu- sätzlich Sonderschuldirektoren. Da stellt sich schon die Frage: Wie berate ich die Eltern?“, so Haucinger. Dass manche Lei- ter den Plänen äußerst kritisch gegenü- berstehen, kann sie persönlich nachvoll- ziehen, schließlich sei es „schwierig, von