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Wolfgang Wieland

Urteil und Gefühl

Kants Theorie der Urteilskraft

Vandenhoeck & Ruprecht

2001.

L2932

Die Deutsche Bibliothek -

CIP-Einheitsaufnahme

Wieland,

Wolfgang:

Urteil und Gefühl : Kants Theorie der Urteilskraft /

- Göttingen : Vandenhoeck und Ruprecht, 2001 ISBN 3-525-30136-7 (kart.) ISBN 3-525-30137-5 (Ln.)

Wolfgang Wieland.

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Gedruckt auf alterungsbeständigem

]

I Staatsbibliothek I

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Papier.

Die Urteilskraft ist eine schwierige Sache.

(Martin Heidegger an Hannah Arendt)

Inhaltsübersicht

 

Einleitung

15

I.

Der Begriff des Ästhetischen

25

§1

Weil sich die Welt des Schönen durch keine Wissenschaft, son- dern mangels eines Begriffs allein durch den Geschmack er- schließen läßt, verzichtet Kants „Kritik der Urteilskraft" auf den Gebrauch des Wortes „Ästhetik". Im Gegensatz zu den bei- den anderen Kritiken will die Dritte Kritik keine rationale, sy- stematische Doktrin fundieren; daß die Dinge, die den Ge- schmack herausfordern, als solche von keiner Wissenschaft er- reicht werden, gehört zu ihren Resultaten: „Daher muß der Schulname Ästhetik vermieden werden, weil der Gegenstand keinen Unterricht der Schulen verstattet". Dem Ausdruck „Äs- thetik" verbleibt nur die Aufgabe, seinem ursprünglichen Wort- sinn gemäß eine Wissenschaft von der Sinnlichkeit zu bezeich- nen

25

§2

Entsprechendes gilt auch für Kants Gebrauch des Wortes „äs- thetisch", insofern es immer nur dazu bestimmt ist, eine Sache der Sphäre der Sinnlichkeit überhaupt, aber gerade nicht not- wendig der Welt des Geschmacks und ihrer Inhalte zuzuordnen. Sinnliches wird als solches von der Subjektivität nur als eine Modifikation ihrer selbst erfahren; ästhetische Urteile sind demnach nicht auf objektive Gegenstände, sondern auf die Sinn- lichkeit der urteilenden Instanz bezogen. Die Urteilskraft ist äs- thetisch insofern, als ihre Tätigkeit vom Urteilenden sinnlich empfunden werden kann; unter dem Aspekt ihrer sinnlichen Er- fahrbarkeit läßt sie sich am besten dort studieren, wo sie in der Rolle des Geschmacks am Werk ist

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Inhaltsübersicht

§3

Die Ästhetik Alexander Baumgartens und seiner Schule macht ein wesentliches Stück des polemischen Kontextes von Kants Dritter Kritik aus. Diese neue Wissenschaft konzipiert Baumgar- ten zunächst als eine propädeutische Theorie von der Sinnlich- keit überhaupt und führt sie als Pendant zur Logik als der Pro- pädeutik des Verstandes ein. Ihre Aufgabe besteht darin, die sinnliche Erkenntnis zu vervollkommnen, soweit dies nicht erst von dem ihr übergeordneten Verstand, sondern schon innerhalb ihrer eigenen Sphäre erreicht werden kann. Dem Geschmack fällt die Aufgabe zu, dies zu leisten; nur deswegen wird er mit- samt seiner Welt zum Thema der bei Baumgarten als Wissen- schaft auftretenden Ästhetik

II. Das Urteil als Leitfaden der philosophischen Untersuchung

§4

Kants Urteile haben ihren Ort nicht in der Sprache, sondern im Bewußtsein des Urteilenden; von sprachlichen Aussagen werden sie, oft fehlerhaft, lediglich dokumentiert. Urteile im engeren Sinn des Wortes sind Erkenntnisurteile, die sich mit Hilfe von Begriffen auf objektive Gegenstände beziehen. Zu den Urteilen im weiteren Sinn gehören auch bloße Vorstellungsverbindungen von der Art der Wahrnchmungsurtciie; sie verweisen nicht auf Wahrnehmungen oder Empfindungen, sondern enthalten sie als ihre Elemente. Ihre auf die urteilende Instanz und auf deren Ur- teilsakt beschränkte monovalente Gültigkeit folgt bereits aus ih- rer Faktizität. Anders als Erkenntnisurteile lassen sie sich weder negieren noch quantifizieren

§5

Analytische Urteile unterscheiden sich durch die Art der Relati- on zwischen den in ihnen enthaltenen Begriffen von den synthe- tischen Urteilen. Diese Dichotomie der beiden Urteilsartcn ist je- doch nicht für die formale Logik, sondern nur für die Transzcn- dcntalphilosophic bedeutsam; deren Probleme lassen sich in der Frage nach der Möglichkeit erfahrungsunabhängiger Synthesen zusammenfassen. Gegebene Begriffe stehen niemals zwischen si- cheren Grenzen; für die Klassifizierung gegebener Urteile oder

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9

ihrer Dokumentationen ist jene Unterscheidung daher nicht von

trotz seiner apriorischen

Nutzen. Weil das Geschmacksurteil

 

Fundicrung keine Begriffe enthält, kann es nur ein synthetisches Urteil sein

104

 

§6

 

Sowohl im Bereich der theoretischen als auch in dem der prakti- schen Vernunft kommt die Philosophie ihren Aufgaben nach, indem sie bereits gegebene Begriffe und gegebenes Wissen auf dem Weg der Analyse deutlich macht. Sie expliziert dabei nur,

 

was schon vor aller Reflexion jedem auf latente, ungegenständ- liche Weise vertraut ist und prüft es auf seine Legitimation hin. Dazu gehört auch die einwertige transzendentale Wahrheit, durch die Erfahrung erst möglich wird und an der jedes zweiwer- tige Urteil unabhängig von seinem Inhalt auch dann noch teilhat, wenn es irrig ausfällt. Wo immer geurteilt wird, kann es daher

nur

einen partiellen, niemals aber einen totalen Irrtum geben

115

III.

Die Urteilskraft und ihre Leistungen

130

 

§7

 

Die Urteilskraft verfügt selbst über keinen eigenen apriorischen Besitz, den sie zum Inhalt einer Erkenntnis beisteuern könnte, wenn sie sinnliche und begriffliche Elemente zu einem Urteil fügt. In der Ersten Kritik zeigt die Transzendentale Doktrin der Urteilskraft, wie sie apriorische Gehalte der Sinnlichkeit und des Verstandes subsumierend verknüpft und mit Hilfe der Sche- mata die Grundsätze des reinen Verstandes hervorbringt. Als be- stimmende Urteilskraft subsumiert sie auch in der Empirie Sinn- liches unter Begriffliches, nachdem sie zuvor als „bloß" reflek- tierende Urteilskraft Elemente, die für eine solche Subsumtion geeignet sind, ausfindig gemacht und geprüft hat. In ihrer Rolle als Geschmack ist sie ausschließlich in ihrer reflektierenden Funktion am Werk

130

§8

Die Urteilskraft läßt es nicht zu, ihre Tätigkeit letztgültig unter Regeln zu stellen. Da jede Anwendung einer Regel selbst wie- derum eine Regulierung fordern würde, ergäbe sich ein unend-

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Inhaltsübersicht

licher Regreß. Diese Aporie der Urteilskraft umgeht Kant zu- nächst mit ihrer Naturalisierung. Als eine von der Natur gege- bene, nicht übertragbare, durch Übung und Reifung jedoch per- fektionierbare Disposition bleibt sie schon durch ihren Status von allem gelehrten Wissen unterschieden. Ihr Fehlen macht die Dummheit aus, „und einem solchen Gebrechen ist gar nicht ab- zuhelfen". Von pragmatischen Regeln kann die Urteilskraft Ge- brauch machen, sofern ihr das Recht verbleibt, über Ausnahmen zu entscheiden

§9

Eine Domäne der Urteilskraft ist die Welt des Handelns. Sie fin- det sich dort mit singulären Situationen konfrontiert, die von den generellen Normen des Handelns allein nicht erreicht wer- den. Sie dominiert auch in den praktischen Disziplinen wie Me- dizin und Jurisprudenz, die letztlich nicht auf Erkenntnis, son- dern auf die Ermöglichung sinnvollen Handelns abzielen. We- gen des der Urteilskraft eigenen Begründungsdefizits tendieren die theoretischen Wissenschaften dazu, sie zu entlasten; die Aus- grenzung von „mechanisch" lösbaren Teilproblemen, der Ersatz klassifikatorischer durch metrische, die Verdrängung gegebener durch gemachte Begriffe und auf deren Basis die Gestaltung ei- ner artifizicllen Welt schaffen Reservate, in denen ihr oft nur noch triviale Aufgaben gestellt sind

IV. Das Urteil des Geschmacks und die okkasionelle Finalität seiner Elemente

149

160

185

§10

Wie jedes andere ästhetische, nur auf das Subjekt bezogene Ur- teil enthält auch das Geschmacksurteil lediglich sinnliche Ele- mente. Mangels eines Begriffs kann es einen Gegenstand als sol- chen nicht objektiv bestimmen, sondern in Gestalt der Vorstel- lung von ihm nur seine Form als eines seiner Elemente in sich aufnehmen. Da die Sinne nichts Allgemeines, sondern nur Ein- zelnes präsentieren, ist sein formallogischer Status der eines Sin- gulärurteils, das keine Quantifizierung erlaubt. Als ein nicht auf ein Objekt bezogenes Urteil involviert es auch den individuellen Urteilenden in seinen Inhalt; seine korrekte, elaborierte Doku-

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11

mentation

der ersten Person nahe

legt deswegen eine präsentische Singuläraussage in

§11

In der sprachlichen Dokumentation des Geschmacksurteils ver-

weist der Prädikator („

begriff, sondern unmittelbar auf das lustbetonte Gefühl des in- teresselosen Wohlgefallens. Die aktuelle Gefühlsempfindung selbst, nicht ihr Begriff nimmt im Urteil die Stelle des Prädikats ein. Dieses Gefühl ist weder Gegenstand noch Rechtfertigungs- grund dieses Urteils, sondern eines seiner Elemente; anders als das Prädikat im Erkenntnisurteil wird es von keinem Objekt ausgesagt. So erübrigt es sich, vor diesem Urteil noch einen be- sonderen Akt ästhetischer Erfahrung anzusetzen. Da es ihrem formalen Status nach negative Gefühle nicht geben kann, ist je- des Geschmacksurteil in logischer Hinsicht stets ein positives Urteil

ist schön") nicht auf einen Wert-

185

204

§12

Was die Dokumentation des Geschmacksurteils als seinen Ge- genstand auszuweisen scheint, gibt in Wirklichkeit nur den An- laß für das Urteil und das in ihm enthaltene Gefühl. Als Anlaß ist er lediglich durch seine Eignung und damit durch die Zweck- mäßigkeit charakterisiert, eben dies zu leisten, da er von dem Urteil selbst inhaltlich nicht weiter bestimmt wird. Diese Zweckmäßigkeit läßt sich auch aus keinen seiner objektiv be- stimmbaren Eigenschaften ableiten. Insoweit ist sie zufällig:

„Zweckmäßigkeit ist eine Gesetzmäßigkeit des Zufälligen als ei- nes solchen". Dieser Finalität, für den Urteilenden wahrnehm- bar, verdankt es der Gegenstand, daß er durch die okkasionelle Funktion nicht entwertet wird, die er im Urteil erfüllt 221

V. Der Geltungsanspruch Geschmack

des Geschmacksurteils und der

irrende

240

§13

Indem das Geschmacksurteil nicht nur für den individuellen Ur- teilenden, sondern in strenger, apriorisch fundierter Allgemein- heit für jedermann gelten will, erhebt es einen bivalenten Gel-

12

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tungsanspruch, der es dem Risiko möglichen Irrtums aussetzt. Nur deswegen wird es zu einem Thema der Transzendentalphi- losophie. Weil sich sein Geltungsanspruch nicht durch objektive Gründe stützen läßt, kann es der Urteilende seinesgleichen im- mer nur „ansinnen". Beim Erkenntnisurteil kommt sein durch eine Gegenstandsreferenz gestützter Anspruch auf objektive Geltung mit dem Anspruch auf subjektive Gültigkeit für jeder- mann stets nur gemeinsam vor; das Geschmacksurteil fordert dagegen eine Entkopplung dieser beiden Geltungstypen

§14

240

Der Anspruch des Geschmacksurteils auf apriorisch gestützte Geltung läßt sich auf der Grundlage eines freien Spiels von Ein- bildungskraft und Verstand legitimieren. Da diese Vermögen, die dabei keinerlei empirische Inhalte intendieren, an diesem Spiel nur als solche beteiligt sind, kann jeder Urteilende an ihm teilhaben. Kant erprobt verschiedene Modelle, um den empiri- schen Charakter des Anlasses zum Geschmacksurteil mit seinem Anspruch auf apriorisch fundierte Gemeingültigkeit und auf Reinheit zu vereinbaren. Diese final, modal, hypothetisch oder an einem Stufenmodell orientierten Ansätze liefern Beiträge zu einer Theorie dieses Urteils, die auch seinem vom Urteilenden erfahrenen sinnlichen Charakter gerecht werden wollen 2.57

§15

Auch der Anspruch des Geschmacksurteils auf Geltung für je- dermann wird dem Urteilenden auf sinnliche Weise bewußt; in diesem Urteil wird nicht nur ein Lustgefühl verallgemeinert, sondern ein Gemeingültigkeitsanspruch wird auf lustbetonte Weise wahrgenommen. Durch seinen Geschmack als eine der Gestalten des gemeinschaftlichen Sinnes (sensus communis) ist der Urteilende befähigt, die in seinem Urteil enthaltene Empfin- dung der Allheit von seinesgleichen „mitzuteilen" und sich so mit ihr verbunden zu fühlen. Er hat von der Kontingcnz der ei- genen Person schon abgesehen, wenn ihm auf diese Weise seine in einem apriorisch-emotionalen Fundament gründende Soziali- tät bewußt wird

280

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13

VI.

Die Erfahrung des Urteilens und die Reflexionslust

293

§16

Wie jedes andere ästhetische Urteil ist auch das Geschmacks- urteil nur im Akt des Beurteilens selbst existent. Er bringt kein von ihm selbst verschiedenes Resultat hervor, sondern findet sein Ziel in sich selbst. Als eine Tatsache des Bewußtseins ist je- der Beurteilungsprozeß für den Urteilenden ein Vorgang, der auch sinnlich empfunden werden kann. Die ästhetischen Beur- teilungen, auch die des Geschmacks, werden von ihren sinnlich empfindbaren Eigenschaften jedoch dominiert, die hier, anders als bei den Urteilen des Erkennens, nicht durch gegenständliche Intentionen überlagert und verdeckt werden. Weil jede Empfin- dung ein passiv rezipiertes Widerfahrnis ist, wird das Ge- schmacksurteil vom Urteilenden eher erfahren als im vollen Sinn des Wortes aktiv gefällt

293

§17

Anders als beim gewöhnlichen Sinnenurteil geht beim Ge- schmacksurteil der Beurteilungsprozeß dem mit ihm verbunde- nen spezifischen Lustgefühl vorher. Es ist weder Gegenstand noch Voraussetzung noch Anlaß der Beurteilung. In ihm wird vom Urteilenden vielmehr das Reflektieren seiner ästhetischen Urteilskraft und damit das Spiel der an ihr beteiligten, noch nicht auf einen Gegenstand ausgerichteten Vorstcllungsver- mögen unmittelbar empfunden. Mit seiner begrifflichen Aus- legung wird der Theoretiker nur „zum Dolmetscher für die, welche die Sinnensprachc nicht genug verstehen". Der Urteilen- de kann dieses Spiel nicht willkürlich ins Werk setzen. Stellt sich das Gefühl bei einem geeigneten Anlaß ein, kann es der Urtei- lende nur gewähren lassen

303

§18

Das Fehlen eines eigenen Gegenstandsbereichs der Urteilskraft wird ebenso wie das Fehlen eines objektiven Prinzips, das ihre Tätigkeit regulieren könnte, durch ihre subjektive Autonomie kompensiert. Solange sie nur reflektiert, braucht sie nur sich selbst vorauszusetzen; sie macht sich damit zum Gegenstand und zugleich zum Gesetz ihrer selbst. Am Beispiel des Ge- schmacks läßt sich zeigen, wie die reflektierende Urteilskraft, die in dieser Rolle nicht im Dienst anderer Ziele steht, sondern

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Inhaltsübersicht

sich selbst genügt, sich mit Hilfe des lustbetonten Gefühls selbst

zu steuern

empfindet. Wie jedes Lustgefühl strebt auch die Reflexionslust

Reflektieren

vermag,

in dem

der

Urteilende

sein

 

danach, sich selbst zu erhalten

335

VII.

Die Urteilskraft im Vorfeld des Erkennens

344

§19

Das Prinzip des Geschmacks ist zugleich das subjektive Prinzip der reflektierenden Urteilskraft überhaupt. Wird die Urteils- kraft im Dienst der Erkenntnis beschäftigt, reguliert dieses Prin- zip zwar nicht deren Begründung, wohl aber deren Genese. In der Reflexionslust wird der Raum der nichtpropositionalen „Er- kenntnis überhaupt" erschlossen, die selbst zwar das Denken an- regt, aber selbst bestimmte Erkenntnisse weder enthält noch vermittelt, weil sie lediglich eine Fülle von Möglichkeiten eröff- net. Wenn der Erkennende unter ihnen eine Wahl trifft, gewinnt er propositionales, mitteilbares Wissen. Auch die ästhetische Idee ist ein Gebilde, das viel zu denken veranlaßt, ohne selbst be- reits konkrete Erkenntnisse zu verkörpern 344

§20

Weil die reflektierende Urteilskraft, unverstellt empfindbar in den Beurteilungen des Geschmacks, zwar nicht an der Begrün- dung, wohl aber an der Genese der objektiven Erkenntnis betei- ligt ist, hat alles Erkennen auch eine ästhetische Vorgeschichte. Daraus ergibt sich die nur scheinbare Paradoxie, daß der Bereich des Erkennbaren mit dem des Schönen zusammenfällt. Wie jede Empfindung gehört auch die Reflexionslust zu den intensiven Größen, die in unterschiedlichen, wenngleich niemals negativen Graden realisiert sein können. Das gilt auch für die in diesem Gefühl präsente Erfahrung des Schönen. Es ist der Scharfsinn, ebenfalls eine Gestalt der Urteilskraft, der das Empfinden selbst noch von minimalen Graden dieser Lust für das Erkennen fruchtbar machen kann

362

Abschluß

383

Literaturverzeichnis

389

Einleitung

In einer kleinen Schrift aus der vorkritischen Epoche seines Denkens fragt Kant, „was denn dasjenige für eine geheime Kraft sei, wodurch das Urtei- len möglich wird" 1 . Diese Frage stellt sich ihm bei der Erörterung des Pro- blems, wie sich vernunftlose von vernünftigen Wesen angesichts der Tatsa- che abgrenzen lassen, daß Vernunftbesitz nicht zu den notwendigen Vor- aussetzungen der Fähigkeit gehört, Dinge voneinander zu unterscheiden. Doch allein den vernünftigen Wesen gesteht Kant das Privileg zu, Dinge nicht nur unterscheiden, sondern die Unterschiede auch erkennen zu kön- nen. Es ist die Fähigkeit des Urteilens, die ihnen diese Differenzierungslei- stung ermöglicht. Kant deutet an, wo er die Antwort auf die Frage nach der gesuchten, hinter dem Urteilen stehenden geheimen .Kraft finden zu können hofft, wenn er vermutet, daß es gerade nicht ein intellektuelles, sondern ein sensuelles Vermögen, nämlich der innere Sinn ist, der das Ur- teilen möglich macht. Damit ist bereits die Richtung angezeigt, in der er später die Antwort finden wird. Die Frage nach dem Ursprung und nach der Tätigkeitsweise des Urteils- vermögens hat Kant fortan immer wieder beschäftigt, ja sogar irritiert. Freilich scheint es, als hätte er diese Frage zunächst einmal suspendiert, nachdem er das Konzept der kritischen Philosophie entworfen und sich mit Hilfe der Techniken transzendentalphilosophischer Analyse auf die Suche nach der apriorischen, nicht in der Erfahrung gründenden Ausstat- tung der Subjektivität und nach den von ihr gezogenen Grenzen der für den Menschen erreichbaren Erkenntnis begeben hatte. Die „Kritik der rei- nen Vernunft" befaßt sich mit der Urteilskraft als solcher, mit ihrer Struk- tur und mit den Gesetzen ihrer Tätigkeit nur auf eine eher beiläufige Wei- se. Eine ausgearbeitete Theorie über dieses Vermögen findet man hier ebensowenig wie in der „Kritik der praktischen Vernunft". Gleichwohl ist die Urteilskraft in beiden Kritiken auf andere Art präsent. Auch wenn die- ses Vermögen dort kaum einmal selbst zum Thema wird, so liefern den- noch mit den Urteilen und mit den Sätzen seine Produkte den Leitfaden für bestimmte Prinzipienuntersuchungen. Das geschieht beispielsweise dort, wo sich Kant an den Urteilsformen orientiert, um die reinen Verstan-

1

II60.

16

Einleitung

desbegriffe, die Kategorien herzuleiten und in eine systematische Ordnung zu fügen. Auf andere Weise ist die Urteilskraft präsent, wo sie in Gebrauch genommen wird, um bestimmte Aufgaben zu lösen, die von keiner ande- ren Instanz bewältigt werden können. Das gilt für die theoretische Urteils- kraft, wenn sie mit apriorischen Materialien arbeitet und dabei die Grund- sätze des reinen Verstandes hervorbringt, aber auch für die praktische Ur- teilskraft, wenn sie das Sittengesetz mit dem Feld des Handelns im konkre- ten Hier und Jetzt vermittelt. Trotz dieser unübersehbaren Präsenz der Urteilskraft und ihrer Hervor- bringungen werden in Kants ersten beiden Kritiken allenfalls Fragmente einer sich thematisch mit ihr befassenden Theorie vorgestellt. Dafür läßt sich ein einfacher Grund finden. Die Urteilskraft müßte, um selbst zu ei- nem Gegenstand der kritischen Transzendentalphilosophie werden zu kön- nen, über eigene apriorische Prinzipien verfügen. Solche Prinzipien kann Kant zunächst jedoch noch nicht entdecken, da für ihn die Urteilskraft als solche, ähnlich wie die formale Logik, der Unterscheidung von Apriori- schem und Empirischem gegenüber neutral bleibt. Ebenso wie für die Lo- gik scheint auch für sie der formale Status der Materialien gleichgültig zu sein, mit denen sie umgeht. Gewiß können bestimmte Produkte ihrer Tä- tigkeit als Leitfaden für philosophische, auch für transzendentalphiloso- phische Analysen in Dienst genommen werden. Doch für sie selbst gibt es, wie es Kant zunächst noch scheint, kein objektives Prinzip, keinen Leitfa- den und keine Regel, an die sie sich bei ihrer Tätigkeit halten könnte. Auf welche Weise sie wirkt, auf welchem Weg sie zu ihren Ergebnissen gelangt, bleibt daher offen. Erst in der „Kritik der Urteilskraft" schickt sich Kant an, die Frage nach der Struktur und nach der Vorgehensweise des Urteilsvermögens zu beant- worten. Einer Kritik im kantischen Sinn läßt sich dieses Vermögen aller- dings nur unterwerfen, wenn ihm ein apriorisches Prinzip zugrunde liegt, das einer Prüfung sowohl fähig als auch bedürftig ist, da es sonst noch nicht einmal „selbst der gemeinsten Kritik ausgesetzt sein würde" . Dieses Prinzip, von Kant erst spät und zu seiner eigenen Überraschung entdeckt, unterscheidet sich aber nicht nur inhaltlich, sondern bereits in seiner Struktur und in seiner Eigenschaft als Prinzip von jenen Prinzipien, mit de- ren Analyse die ersten beiden Kritiken befaßt waren. Kant hatte entdeckt, daß die Urteilskraft in ihrer Tätigkeit dem Urteilenden nicht nur auf un- mittelbare Weise in einem Gefühl bewußt wird, sondern daß sie diesem Gefühl überdies auch ihre Beziehung zum Reich des Apriorischen ver- dankt. Kant verdeutlicht dies an Hand des Gcschmacksurteils, eines Ur- teils, das ihm, entgegen dem ersten Anschein, auch in der Dritten Kritik

2

V169.

Einleitung

17

nur als Paradigma dient, an dem er Strukturen von allgemeinerer Relevanz ablesen will. Eine Überraschung bedeutete jene Entdeckung aber vor allem deswegen für ihn, weil er bis dahin im Urteilen eine kognitive Leistung ge- sehen hatte, die fernab von allen Emotionen erbracht wird oder doch zu- mindest erbracht werden sollte. Jetzt aber ist es gerade eine Emotion, nämlich ein bestimmtes Gefühl, dem die Aufgabe übertragen wird, eine Beziehung zur Sphäre des Apriorischen anzuzeigen. Es ist ein Gefühl, das zwar nicht selbst in das Resultat einer auf den Gewinn von Erkenntnis zie- lenden Beurteilung eingeht und deshalb auch zur Erkenntnis nichts Inhalt- liches beiträgt, das aber trotzdem die Wirkungsweise der Urteilskraft be- stimmt und reguliert, da es hinter der Genese nicht nur des Geschmacks- urteils, sondern ebenso auch des Erkenntnisurteils steht. Bei der Konzepti- on der kritischen Philosophie hatte Kant zunächst jedenfalls noch nicht da- mit gerechnet, daß die apriorische Ausstattung der Subjektivität die Sphä- re der Emotionen berühren und an wenigstens einer Stelle sogar in sie hin- einreichen könnte. Von ihren Anfängen an hatte die Philosophie zu den Gefühlen, zu den Emotionen überhaupt eine in der Sache distanzierte oder zumindest ambi- valente Haltung eingenommen. Damit ist nicht gemeint, daß Gefühle und Empfindungen, Triebe und Stimmungen für das Interesse des philosophi- schen Denkens gleichgültig geblieben wären. Die Philosophen hatten im Gegenteil dieser Sphäre von jeher ihre Aufmerksamkeit zugewendet, sie aber sehr oft - und durchaus nicht immer grundlos - mit Argwohn und Reserve angesehen. Diese Reserve gründete zu einem guten Teil darin, daß selbst sehr starke Emotionen flüchtige Gebilde sind, die sich schwer oder gar nicht objektivieren und mangels Randschärfe auch kaum eindeutig identifizieren und voneinander abgrenzen lassen. Nicht zu übersehen ist auch, daß Gefühle leicht von denen als asylum ignorantiae mißbraucht werden, die nicht bereit sind, die Anstrengung des Begriffs auf sich zu neh- men. Auch Kant distanziert sich von allen, die nicht denken können und deshalb „sich durchs Fühlen auszuhelfen glauben" 3 . Auf der anderen Seite gibt es nichts, was dem Menschen auf eine so unmittelbare und ungegen- ständliche, jede denkbare Distanzierung noch unterlaufende Weise so ver- traut wäre wie seine Emotionen. Leicht in Verlegenheit gerät indessen, wer diese Vertrautheit auf den Begriff bringen will und die Beziehung des Fühlenden zu seinem Gefühl präzise zu bestimmen sucht. Dazu kommt, daß niemand seine Gefühle förmlich zu Gegenständen seiner Aufmerk- samkeit machen kann, ohne sie eben dadurch zugleich in ihren spezifischen Qualitäten und in ihrer Gegebenheitsweise zu modifizieren.

Die Reserve der Philosophie gegenüber den Emotionen zeigt sich vor al-

3 IV 442.

IS

Einleitung

lern darin, daß sie in ihnen oft nur Störfaktoren sah, von denen die Gefahr droht, daß sie die Rationalität des Denkens ebenso wie die normative Aus- richtung des Handelns durchkreuzen. So schien es geboten zu sein, den von ihnen ausgehenden, schwer zu zügelnden Einfluß zu neutralisieren und ihnen gegenüber sogar eine Abwehrhaltung einzunehmen. Dann kommt es darauf an, zunächst in der theoretischen Sphäre Vorkehrungen dagegen zu treffen, daß die Intentionen des Urteilenden durch sie verwirrt oder abgelenkt werden, daß sie ihn zu Irrtümern verleiten oder daß sie ihn dazu verführen, eigene Wünsche und Absichten schon für Realität zu neh- men. Dann geht man dem Geschäft des Erkennens im Idealfall nur noch in einem Raum nach, der gegenüber allen Emotionen abgeschirmt bleibt. Freiheit und Unabhängigkeit von Emotionen wird so zu einem Wesens- merkmal einer Rationalität, an der Gefühle keinen Anteil mehr haben. „Emotional" wird unter diesen Umständen leicht zu einem Ausdruck, der vorwiegend in abwertendem Sinn verwendet wird. Ähnlich liegen die Dinge in der Sphäre der Praxis. Wie immer man die Leitnormen des Handelns inhaltlich bestimmen, wie immer man sie legiti- mieren mochte - auch das normgemäße Handeln schien einer Abschir- mung gegenüber den Emotionen zu bedürfen, von denen die Gefahr aus- geht, daß sie das durch die Normen zu regulierende Handeln durchkreu- zen und in Verwirrung bringen. Deswegen hat sich die angewandte Ethik von alters her auch darum bemüht, praktikable Regeln zu erarbeiten, die es ermöglichen, Emotionen unter Kontrolle zu halten und ihrem Einfluß auf die Ausrichtung des eigenen Handelns zuvorzukommen. So konnten Emotionen zum Gegenstand von Bemühungen um eine Disziplinierung werden, die ihnen gerade noch ein Reservat für die Fälle garantiert, in de- nen man vom Menschen im lebensweltlichen Umgang mit seinesgleichen erwartet, daß er bestimmte Emotionen selbst dann noch kundzugeben be- müht ist, wenn er sie selbst gar nicht wirklich empfindet. Daß man in den Emotionen bis heute oftmals nur Störfaktoren des Er- kennens und des normierten Handelns sieht, kommt freilich nicht von un- gefähr. Sein Denken und sein Verhalten glaubt jedermann in der Hand zu haben und darüber verfügen zu können. Emotionen ist es dagegen eigen- tümlich, daß man sie vielleicht nicht ausschließlich, aber doch vorwiegend auf passive Weise, als Widerfahrnisse erfährt, als Geschehnisse, die einem zustoßen, denen man manchmal geradezu ausgeliefert ist, ohne Herr über sie werden zu können. Die Tatsache, daß einem seine Emotionen nicht wie objektive Sachverhalte, sondern in einer eigentümlichen Unmittelbarkeit und Distanzlosigkeit begegnen, führt überdies dazu, daß sich die Person mit ihnen sogar zu identifizieren pflegt. Arbeit läßt sich verteilen, da man seine eigene Arbeit grundsätzlich immer auch von anderen verrichten las- sen kann. Auch viele Erkenntnisleistungen lassen sich delegieren; anderen-

Einleitung

19

falls wäre es gar nicht möglich, auch die Wissenschaft dem Prinzip der Ar- beitsteilung zu unterwerfen. Gegenüber seinen Gefühlen kann man sich dagegen nicht so distanzieren, daß auch nur der Gedanke an eine Delegati- on sinnvoll erscheinen könnte. Man kann sie immer nur auf authentische Weise, immer nur in eigener Person empfinden. In Dingen der Emotionali- tät kann man sich niemals vertreten lassen. Darauf beruht es auch, daß Herrschaft von Menschen über Menschen am wirkungsvollsten dort aus- geübt wird, wo man mit Erfolg auf ihre Emotionen Einfluß nimmt. Natürlich darf man nicht übersehen, daß die konstruktiven Funktionen und Leistungen der Emotionen niemals völlig vergessen waren. Damit ist natürlich nicht die Trivialität gemeint, daß schwerlich ein Mensch bereit wäre, ein gänzlich emotionsfreies Leben zu wählen, gesetzt den Fall, eine derartige Option stünde ihm offen. Gemeint ist auch nicht, daß man in der zwischenmenschlichen Kommunikation von jedermann erwartet, bei be- stimmten Gelegenheiten bestimmte Emotionen zu empfinden oder dies zu- mindest vorzugeben. Zu denken ist hier vielmehr an das stets auch von Emotionen durchwirkte Kraftfeld, innerhalb dessen sich das gesamte be- wußte Leben des Menschen abspielt. Aus ihm bezieht das Erkennen ebenso wie das Handeln die Triebkräfte, ohne die beides schwerlich ins Werk ge- setzt und in Gang gehalten werden könnte. Es gibt schlechterdings kein Erkennen und kein Handeln, das nicht von Empfindungen und von Gefüh- len zumindest begleitet wäre. Vor allem sollte man nicht aus dem Auge verlieren, daß Emotionen fä- hig sind, bestimmte Seiten der Welt und der Wirklichkeit allererst zu er- schließen. Sie können auf unmittelbare Weise Phänomene noch diesseits der Gegenständlichkeit sichtbar machen, deren Eigenart man leicht ver- fehlt, wenn man sie vorschnell zum Gegenstand von Erkenntnisurteilen macht. Was Gefühle zu verstehen geben können, läßt sich durchaus nicht immer ohne Rest von einer Theorie einholen, die sich auf sie bezieht. Dazu gehört ein guter Teil dessen, was sich in den interpersonalen Beziehungen zwischen Menschen abspielt, dazu gehört vieles von jenen Gestalten des Wissens, die man heute als nichtpropositional zu bezeichnen pflegt, dazu gehört auch der stumme Hintergrund, der allem ausdrücklichen, gegen- standsbezogenen und propositionalen Wissen erst Zusammenhang und Kontur verleiht. Gewichtige Gründe sprechen für die Annahme, daß auch die mit dem Selbstbewußtsein verbundenen Probleme nicht zu lösen sind, wenn die Ebene der Emotionen übersprungen wird. Philosophische Entwürfe der neueren Zeit haben sich, wenngleich auf sehr unterschiedliche Weise, die Rehabilitierung von Emotionen und des von ihnen Angezeigten und Erschlossenen angelegen sein lassen. Zu den- ken ist dabei beispielsweise an Heideggers phänomenologische Fundamen- talontologie, an die von Whitchead den Gefühlen zugewiesene Rolle inner-

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Einleitung

halb seines Entwurfs einer kosmologisch ausgerichteten Metaphysik, aber auch an das von Hermann Schmitz vorgelegte System der Philosophie, das den rehabilitierten und hier auf bislang ungewohnte Weise präsentierten Gefühlen eine zentrale Stellung einräumt. Das sind freilich Ansätze, die in gänzlich andere Richtungen weisen als Kants Dritte Kritik. Kant ist weit davon entfernt, den Gefühlen insgesamt im Entwurf der kritischen Trans- zendentalphilosophie eine beherrschende Stellung zuzugestehen. Um so wichtiger wurde für diese Philosophie aber die Entdeckung, daß sich, wenn auch in einem sehr schmalen Bereich, die Sphäre der Gefühle mit der des Apriorischen überschneidet. Zwar ist es eine Sphäre, die zum Inhalt begründbarer Erkenntnis nichts beiträgt. Gleichwohl ist es mit der Refle- xionslust ein spezifisches, universell präsentes, nicht in der Empirie grün- dendes und im Geschmacksurteil sogar unmittelbar und unverstellt emp- findbares Gefühl, das allererst eine reelle Chance eröffnet, konkrete Er- kenntnisse zu erarbeiten. Am Beispiel dieses Gefühls läßt sich studieren, in welcher Weise dem Menschen sowohl die von der Wissenschaft erforschte Welt als auch die Welt, in der er lebt und mit seinesgleichen kommuniziert, auf originäre, unmittelbare und unvertretbare Weise auch mit Hilfe des Emotionalen erschlossen wird.

Die vorliegende Abhandlung unternimmt es, Kants Dritte Kritik, ins- besondere deren erste Hälfte, die „Kritik der ästhetischen Urteilskraft", im Blick auf derartige Zusammenhänge zu untersuchen. Es liegt in der Natur der Sache, daß bei einer solchen Untersuchung nur bestimmte Gesichts- punkte zum Tragen kommen können, andere dagegen ausgeblendet blei- ben müssen. So kommen die wirkungsgeschichtlich höchst folgenreichen Elemente von Kants Dritter Kritik, die für eine Philosophie der Kunst und der Künste relevant sind, allenfalls beiläufig zur Sprache. Auch tritt die Analytik des Erhabenen gegenüber der des Schönen in den Hintergrund. Nicht im einzelnen behandelt werden auch die Konsequenzen, die sich aus den Überlegungen der Dritten Kritik in bezug auf die moralische Bestim- mung des Menschen und damit für die Ethik ergeben. Vor allem der ent- wicklungsgeschichtliche Hintergrund der „Kritik der Urteilskraft" bleibt in der vorliegenden Untersuchung ausgeblendet. Sie stellt sich nur der Aufgabe, den Kern jener Theorie zu rekonstruieren, die Kant mit seiner im Jahre 1790 erschienenen Dritten Kritik intendiert, zum großen Teil aus- gearbeitet und - oft freilich nur in der Art eines begrifflichen Steno- gramms - dokumentiert hat. Gewiß hat Kant die einzelnen Lchrclemente dieser Theorie nicht gleich- zeitig konzipiert. Um so mehr muß man in Rechnung stellen, daß es sich um eine Theorie handelt, die schwerlich als solche eine Entwicklung durchlaufen hat, die auf diese Bezeichnung rechtens Anspruch erheben könnte. Es sind vielmehr heterogene, sogar aus unterschiedlichen Diszipli-

Einleitung

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nen stammende Entwicklungslinien, die sich in dieser Theorie treffen. Wer nach den Stationen auf Kants Denkweg sucht, insofern er schließlich zur „Kritik der Urteilskraft" geführt hat, wird zunächst natürlich von der Er- sten und von der Zweiten Kritik ausgehen müssen. Essentielle Elemente der Theorie von 1790 tauchen indessen zum ersten Mal in Zusammenhän- gen auf, die von der kritischen Fragestellung unabhängig sind, so beispiels- weise im Rahmen der Reflexionen zur Metaphysik und vor allem zur Lo- gik, deren Ergänzung durch eine Ästhetik im Sinne einer zweiten pro- pädeutischen Disziplin ein zentrales Anliegen Alexander Baumgartens, des Namenspaten der modernen Ästhetik, gewesen war; andere Elemente wer- den erstmals in Kants Überlegungen zur empirischen Psychologie und zur pragmatischen Anthropologie greifbar. Hier finden sich mancherlei Mate- rialien, die unterschiedlichen Epochen der Entwicklung von Kants Denken entstammen. Kant hat sie zum Teil unabhängig von der transzendentalphi- losophischen Fragestellung bearbeitet, aber eben doch erst nach der ent- scheidenden Entdeckung des im Geschmacksurteil faßbaren emotionalen Apriori für die Prinzipienuntersuchungen der Transzendentalphilosophie fruchtbar gemacht. Erst durch diese Entdeckung wurde der Geschmack zu einem Thema nicht nur der mit der Erhebung und der Erklärung von Fak- ten befaßten empirischen Psychologie, sondern auch der kritischen Phi- losophie, insofern sie nach Möglichkeitsbedingungen und nach nicht der Erfahrung entstammenden Legitimationsgründen des Erkennens und des Handelns fragt.

Trotz ihrer Konzentration auf die in der „Kritik der Urteilskraft" doku- mentierte Theorie ist es nicht inkonsequent, wenn die vorliegende Arbeit Materialien aus Kants Nachlaßrcflexionen und aus seinen Vorlesungen auch ohne Rücksicht auf ihre unterschiedliche Entstehungszeit heranzieht. Die Vorlesungen sind für das Studium der von Kant selbst veröffentlichten Werke auch deswegen von Nutzen, weil sie für alles das hellhörig machen, was Kant bei seinen Lesern bereits voraussetzen konnte. Vor allem jedoch sind sie, ebenso wie die Reflexionen aus dem Nachlaß, unabhängig von al- len genetisch orientierten Interessen auch deswegen bedeutsam, weil man hier immer wieder auf körnige Formulierungen stößt, auf Dokumente der ersten und unmittelbaren Konzeption eines Gedankens, die einem gute Dienste leisten, wenn es darum geht, den Text der Dritten Kritik zu deuten und ihm Kontur zu verleihen. Ihr Inhalt ist in diesen Text oft nur in modi- fizierter und reflektierter Gestalt eingegangen, in der sie die ursprüngliche Frische und die Prägnanz ihrer Diktion eingebüßt haben. Das gilt entspre- chend auch für die von Kant zurückgezogene Erste Einleitung in die Dritte Kritik und für die Materialien, die in die in Kants Auftrag aus seinen Ma- terialien von Jäschc kompilierte Logik eingegangen sind. Trotzdem schien es ratsam zu sein, diese Materialien, ungeachtet ihrer Entstchungszcit, nur

22

Einleitung

zur Ergänzung, zur Erläuterung und zur Konturierung der von Kant in der „Kritik der Urteilskraft" vorgelegten Theorie zu verwenden und ihnen in deren Rekonstruktion, sieht man von der Theorie der Unmöglichkeit eines totalen Irrtums als der einzigen Ausnahme ab 4 , keine Aufgabe anzuver- trauen, bei deren Auflösung sie die Funktion von tragenden Elementen übernehmen müßten. In der umfangreichen, mittlerweile nur noch mit Mühe zu überschauen- den Forschungsliteratur werden immer wieder wirkliche oder vermeintli- che Inkonsistenzen in Kants Dritter Kritik zur Sprache gebracht, die nicht selten zu dem vorschnell gefällten Urteil führen, dieses Werk sei in wesent- lichen Teilen mißlungen. Nun läßt sich schwerlich in Abrede stellen, daß Kants Darbietung seines Gedankengangs an manchen Stellen auch in in- haltlicher Hinsicht einer letzten Abgleichung und Glättung noch entbehrt. Auch ist nicht zu übersehen, daß die heterogene Herkunft der dort frucht- bar gemachten und eingearbeiteten gedanklichen Materialien ihre Spuren hinterlassen hat. Doch manche scheinbare Inkonsistenzen und Widersprü- che ergeben sich nur dann, wenn man den Unterschied vernachlässigt, der zwischen den phänomenologisch zu beschreibenden, der Sinnlichkeit ver- hafteten Bewußtseinsinhalten dessen besteht, der selbst Geschmacksurteile fällt, und der Ebene des mit Begriffen arbeitenden und analysierenden Theoretikers, der sich solche Urteile mitsamt der hinter ihnen stehenden urteilenden Instanz zum Gegenstand einer Theorie macht, ohne selbst Ur- heber eines derartigen Urteils zu sein 5 . Wo ein seinem Wesen nach in der Sphäre des Sinnlichen verortetes Geschmacksurteil gefällt wird, stehen dem Urteilenden selbst keinerlei Begriffe zur Verfügung; erst recht hat er keinen Zugriff auf die Hilfsmittel, mit denen der analysierende Theoreti- ker arbeitet. Es ist nicht immer leicht, diese beiden Einstellungen in der Ar- beit an einem Text randscharf auseinanderzuhalten, der die Dinge bald von der einen, bald von der anderen Position aus zur Sprache bringt. Schwierigkeiten, jedem Textstück Kants eine dieser beiden Einstellungen eindeutig zuzuordnen, ergeben sich auch daraus, daß jeder Phänomenolo- ge schon deswegen stets zu Konzessionen gezwungen ist, weil er für seine Beschreibungen keine Sprache findet, die nicht durch eine ihr als Sprache schon von Hause aus immanente Theorielastigkeit vorgeprägt wäre.

Vernachlässigt man die auf diesen Dingen beruhende Mehrschichtigkeit von Kants Dritter Kritik, macht es wenig Mühe, in diesem Werk angeb- liche Widersprüche aufzuspüren. Trivial bleibt dennoch die Feststellung, daß dem Sinn eines philosophischen Textes nicht gerecht wird, wer dem mit dessen Inhalt verbundenen Wahrheitsanspruch ausweicht oder ihn auf

4 Vgl. unten S. 121 ff.

'

Vgl.dazuSchaper(1979),S.67f.

Einleitung

23

sich beruhen läßt. Jeder derartige Text will vom Leser auf diesen Anspruch hin verstanden und geprüft, notfalls auch kritisiert werden. Deshalb emp- fiehlt es sich, ihn zunächst stets sub ratione veritatis zu lesen, also mit der Hypothese, daß er Wahrheit enthält und mitzuteilen hat. Dann ist es die Aufgabe des Interpreten, nach Bedingungen zu suchen, unter denen sich die vom Autor mitgeteilten Gedanken als zutreffend erweisen. Natürlich muß er sich bei einem solchen Vorgehen darauf gefaßt machen, mit dieser Hypothese im Einzelfall immer wieder zu scheitern. Doch selbst dann noch erweist sie sich beim Umgang mit den klassischen Texten der Phi- losophie oftmals als fruchtbar. Natürlich zeigen die einschlägigen Resulta- te, daß es bei weitem nicht jeder philosophische Text verdient, unter der Voraussetzung dieser gewiß häufig auch leerlaufenden Hypothese inter- pretiert zu werden. Aber es ist fraglich, ob sich eine nicht an der Meinung des Autors, sondern an den von ihm intendierten Sachverhalten orientierte Beschäftigung mit einem philosophischen Text für den überhaupt noch lohnt, der von dieser Hypothese keinen Gebrauch macht.

Eine Schwierigkeit, mit der man gerade beim Umgang mit philosophi- schen Werken von Rang immer wieder konfrontiert wird, steht mit den Verwerfungen in Zusammenhang, die daher rühren, daß auch Innovatio- nen im Denken zunächst stets mit Hilfe überkommener, ihr nicht immer adäquater Ausdrucksmittel dargestellt werden müssen. Gerade Kant wuß- te, daß auch jede Innovation von der Nachahmung eines schon Gegebenen ausgehen muß . Daraus pflegen sich Deutungsschwierigkeiten in bezug auf manche Details der Texte zu ergeben. Der Blick auf Kants eigentliche Leistung der Dritten Kritik, die Entdeckung und die Analyse eines emotio- nalen Apriori der Urteilskraft, braucht dadurch jedoch nicht verstellt zu werden. Es ist ein Apriori, für das es kein Urteil gibt, in dem man es als ei- nes seiner Elemente wiederfinden könnte, das aber die Genese von Urtei- len aufzuhellen fähig ist. Außerdem erschließt es dem Menschen einen Be- reich seines bewußten Lebens, der vom begrifflichen und vom wissen- schaftlichen Denken nicht unmittelbar erreicht wird, von dem aber auch noch dieses Denken getragen und ermöglicht wird. Darin gründet die Hoffnung, daß nicht alle Bemühungen des Menschen von vornherein zum Scheitern verurteilt sind, die sich darauf richten, begriffliche und wissen- schaftliche Erkenntnis zu gewinnen, treffende Urteile zu fällen und sie sei- nesgleichen mitzuteilen. Jenes Apriori kann freilich den Inhalt konkreter, einzelner Urteile inhaltlich weder begründen noch widerlegen. Wohl aber prägt es den Status dessen, dem man attestiert, daß er - wie man zu sagen pflegt - ein Urteil hat, dem also eine bestimmte Disposition eigen ist und

6 „Es gibt keinen Fortschritt des Geistes, keine Erfindung, ohne das, was man schon kennt, in neuer Beziehung nachzuahmen" (R 778).

24

Einleitung

der Fähigkeiten kultiviert hat, die sich in der Fällung von treffenden Ein- zelurteilen bewähren, jedoch niemals erschöpfen. Am Beispiel dieses emo- tionalen Apriori hat Kant jedenfalls ein Stück jener Tiefenschicht des Er- kennens und zugleich des menschlichen Zusammenlebens sichtbar ge- macht, die auf ihre vollständige theoretische Durchdringung immer noch wartet.

I. Der Begriff des Ästhetischen

§1

Wer in unseren Tagen das Wort „Ästhetik" verwendet, bezieht sich ge- wöhnlich auf eine Disziplin, die der Welt der Kunst und ihren Phänomenen auf der Ebene des Begriffs gerecht zu werden sucht. Wer die historische Dimension dabei nicht außer Acht lassen will, wird berücksichtigen, daß die Thematik dieser Disziplin vormals nicht an der Welt der Kunst selbst, sondern an den Phänomenen des Schönen in Natur und Kunst orientiert war. Doch das Schöne in der Natur, dem in der Vergangenheit gegenüber dem Kunstschönen oft der Vorrang zuerkannt wurde, vermag in unserer Gegenwart das Interesse des Ästhetikers nur noch selten auf sich zu ziehen. Die Entwertung des Naturschönen wurde indessen durch eine der Kunst neu zugewachsene Dignität in dem Maße kompensiert, manchmal sogar überkompensiert, in dem die Schönheit ihren Rang als oberste Leitnorm für die Beurteilung von Kunstwerken einbüßte. In der gegenwärtigen Zeit der nicht mehr schönen Künste haben sich der Kunst Möglichkeiten eröff- net, zugleich aber auch Aufgaben gestellt, von denen niemand etwas ahnen konnte, als man die einstmals unter dem Namen der schönen Künste zu- sammengefaßten Disziplinen lediglich gegenüber den mechanischen und den handwerklichen Künsten abzugrenzen brauchte. Diese Umschichtungen im Bezugsbereich der Ästhetik haben der Aner- kennung Kants als eines der klassischen Autoren dieser Disziplin trotz sei- ner Verwurzelung in jener älteren Tradition keinen Abbruch getan. Die Einschätzung der „Kritik der ästhetischen Urteilskraft" als eines auch für die gegenwärtige Diskussion immer noch bedeutsamen Textes wird nicht dadurch gemindert, daß ihr Autor dem Naturschönen den Vorrang vor dem Schönen in der Kunst zugesteht, auch nicht dadurch, daß für ihn die Kunst, sofern sie die ästhetische Urteilskraft beschäftigt, nur schöne Kunst sein kann, sieht man von der Sonderstellung des Erhabenen ab. Diese Ein- schätzung wird noch nicht einmal dadurch relativiert, daß Kants Dritte Kritik nur in bescheidenem Umfang Spuren von Begegnungen ihres Autors mit konkreten Inhalten aus dem Bereich des Schönen oder dem der Kunst erkennen läßt. Man könnte fast den Verdacht hegen, Kant sei geradezu ängstlich darum bemüht gewesen, solche Spuren gar nicht erst entstehen

26

I. Der Begriff des Ästhetischen

zu lassen. Bei der Analyse des Geschmacksurteils gibt er jedenfalls nur ge- legentlich einmal konkrete Beispiele von Dingen, die ein solches Urteil ver- anlassen können. Die Orientierung am Beispiel einer eher trivialen Aussage wie „Die Rose, die ich anblicke, erkläre ich durch ein Geschmacksurteil für

tut ihm für die Realisierung der mit seinen Analysen verbundenen

Absichten auf weite Strecken durchaus Genüge. Gelegentlich versucht man, diese Dinge vor dem Hintergrund von Kants Biographie zu erklären. Solche Versuche pflegen sich auf ein vermeintliches Defizit an eigenen ein- schlägigen Erfahrungen Kants zu berufen und damit auf eine Distanz, die er zur Welt der Kunst angeblich eingehalten hat, zu einer Welt, der er, wie es scheinen könnte, nicht erlaubt hat, auf sein Denken Einfluß zu nehmen. Doch solche Erklärungsversuche greifen zu kurz. Was wir von Kants Le- ben und von seiner Persönlichkeit wissen, berechtigt niemanden zu einem Zweifel daran, daß er die von ihm mit dem Namen des Geschmacks be- zeichnete Fähigkeit, zumindest unter den Bedingungen seiner individuellen kulturellen Lebenswelt 2 , auf differenzierte Weise kultiviert hatte, auch wenn sich im Laufe der Jahre sein Interesse abschwächte, Gelegenheiten aufzusuchen, bei denen er diese Fähigkeit hätte bewähren müssen. Zudem gilt für Kant ebenso wie für jeden Denker von Rang, daß von den Ergeb- nissen seiner Arbeit in der Sache nur Bestand hat, was sich einer Reduktion auf biographische Tatsachen widersetzt.

schön" 1 ,

Kants Rang als der eines Klassikers der philosophischen Ästhetik wird durch seine persönliche Einstellung zu den ihm vertrauten Inhalten des äs- thetischen Bewußtseins ebensowenig berührt wie durch manche Annah- men und Überzeugungen, die zu den zeitgebundenen, kontingenten Rand- bedingungen gehören, unter denen seine Schriften entstanden sind. Die Zu- erkennung dieses Ranges gründet in einem anderen Sachverhalt. Kant hatte bei seiner lebenslangen theoretischen Beschäftigung mit den Phänomenen des Geschmacks erst spät und zu seiner eigenen Überraschung Strukturen entdeckt, deren Untersuchung dazu zwang, sie in die Erörterung der auf das Apriorische zielenden Prinzipienfragen der kritischen Philosophie ein- zubeziehen 3 . Diese Entdeckung veranlaßte ihn, eine Begrifflichkeit zu ent- wickeln, die dazu bestimmt war, eine Analyse des Geschmacks im Blick auf eben diese Prinzipienfragen zu ermöglichen. So war mit der Überantwor- tung der Welt des Geschmacks an die Kompetenz der philosophischen Prin- zipientheorie ein Maßstab gesetzt, auf dessen Verbindlichkeit man sich

1 V215.

2 Vgl. dazu Böhme (1999). Die erste eindeutige Dokumentation dieser Entdeckung findet sich in dem Brief an Rein- hold vom 28.12.1787 (X 487ff.); vgl. aber auch die Briefe an Schütz vom 25.6.1787 (X 466 f.) und an Jakob vom 11.9.1787 (X 471 f.).

§1

27

auch heute noch unabhängig davon einigen kann, ob man die zentralen Fragen einer solchen Theorie in bezug auf Kant im Zeichen der Nachfolge, der Kritik oder der Gegnerschaft erörtert. Viele pflegen sich heute einer Kurzform zu bedienen und von Kants Äs- thetik zu sprechen, wenn von der „Kritik der ästhetischen Urteilskraft" die Rede sein soll. „Kants Begründung der Ästhetik" lautet der Titel jenes Standardwerks von Hermann Cohen, das die Deutung von Kants Dritter Kritik geraume Zeit beherrscht hat und auch in der gegenwärtigen Diskus- sion zumindest untergründig immer noch präsent ist. Gegen die Rede von Kants Ästhetik wäre wenig einzuwenden, würde sie nur dazu dienen, ein bestimmtes Lehrstück seiner Philosophie bibliographisch eindeutig zu kennzeichnen. Ohnehin ist der Titel manch eines klassischen philosophi- schen Textes in der Fachdiskussion oft nur in einer Kurzform präsent. Da- durch entsteht allerdings die Gefahr, daß sich solche Verkürzungen selb- ständig machen und ein Eigenleben führen, das mit einem adäquaten Ver- ständnis der Sache nicht selten in Konflikt gerät. So wird durch die gängi- ge Rede von Kants Ästhetik die Tatsache verdunkelt, daß Kant eine Ästhe- tik im Sinne einer wissenschaftsfähigen, philosophischen Disziplin von der Welt des Geschmacks und des Schönen weder begründet hat noch begrün- den wollte. Statt dessen bemüht er sich um den Nachweis, daß es eine Äs- thetik im Sinne einer Wissenschaft von den Dingen, die den Geschmack herausfordern, aus prinzipiellen Gründen nicht gibt und auch niemals wird geben können. Nun braucht man sich gewiß nicht daran hindern zu lassen, auch eine prinzipientheoretische philosophische Untersuchung, unter de- ren Resultaten sich die These von der Unmöglichkeit einer Wissenschaft von der Welt des Geschmacks findet, als eine im weiteren Sinn des Wortes zu verstehende Ästhetik zu bezeichnen. Dann ist freilich Vorsicht geboten, da man die Frage nach dem formalen Status der Aussagen, mit denen man die Ergebnisse derartiger Untersuchungen dokumentiert, nicht auf sich be- ruhen lassen darf. So bleibt es eine nichttriviale Frage, ob und gegebenen- falls in welchem Sinn Kants Dritte Kritik eine Ästhetik enthält.

Unter diesen Umständen wird ein terminologischer Befund bedeutsam. In der „Kritik der Urteilskraft" verzichtet Kant nämlich auf den Ausdruck „Ästhetik" - von einer einzigen, als echtes Gegenbeispiel wenig tauglichen Tcxtstelle abgesehen 4 . Dieser Befund fällt um so mehr auf, als sich Kant in anderen Werken bekanntlich nicht scheut, von diesem Terminus Gebrauch zu machen. Man wird hier natürlich vor allem an die „Transzendentale Äs- thetik" denken, trotz ihrer Knappheit eines der tragenden Elemente der „Kritik der reinen Vernunft", das nicht dem Umfang, wohl aber der syste- matischen Position nach der ungleich umfangreicheren „Transzendentalen

28

I. Der Begriff des Ästhetischen

Logik" die Waage hält. Diese Ästhetik macht bekanntlich die nicht in der Erfahrung gründenden, sondern sie allererst ermöglichenden Formen der Anschauung zum Gegenstand, die überall dort bereits vorausgesetzt sind, wo Dinge auf sinnliche Weise zur Erscheinung kommen. So bezeichnet der Name der Transzendentalen Ästhetik eine der theoretischen Philosophie zugehörige Teildisziplin, von der Raum und Zeit, also die nicht in der Er- fahrung gründenden Fundamentalstrukturen der Sinnlichkeit, der An- schauung und der Wahrnehmung unter prinzipientheoretischen Fragestel- lungen untersucht werden. Wollte Kant vielleicht den Ausdruck „Ästhetik" ausschließlich für die Bezeichnung einer Lehre von der Sinnlichkeit über- haupt reservieren und die Konsequenz in Kauf nehmen, daß er damit für die Lehre vom Geschmack und vom Schönen in Natur und Kunst nicht mehr zur Verfügung steht? Es ist zweckmäßig, vor einer Beantwortung dieser Frage die Architektonik der kritischen Philosophie ins Auge zu fas- sen. Sinnvoll ist dies auch deswegen, weil Kant, obwohl in den Fragen der Terminologie oft auf eine den Leser verwirrende Weise großzügig, der ar- chitektonischen Ordnung des philosophischen Gedankens stets besondere Aufmerksamkeit schenkt. Überdies läßt sich gerade hier deutlich machen, welche besondere Bewandtnis es mit der Dritten Kritik im Unterschied zu den beiden anderen Kritiken hat.

Kant betrieb sein „kritisches Geschäft" als eine Vorbereitungsarbeit, die damit befaßt ist, die Grenzen, die der Reichweite der menschlichen Subjek- tivität durch ihre eigene Natur gezogen sind, in ihrem Verlauf nach- zuzeichnen, aber auch zu sichern. Die Vermessung des so eingegrenzten Bereichs sollte es zugleich ermöglichen, dem Aufbau des Systems der Phi- losophie ein tragfähiges Fundament zu liefern. Kritik und System haben daher unterschiedliche Aufgaben zu erfüllen: „Die Philosophie der reinen Vernunft ist nun entweder Propädeutik (Vorübung), welche das Vermögen der Vernunft in Ansehung aller reinen Erkenntnis a priori untersucht, und heißt Kritik, oder zweitens das System der reinen Vernunft (Wissenschaft), die ganze (wahre sowohl als scheinbare) philosophische Erkenntnis aus reiner Vernunft im systematischen Zusammenhange, und heißt Metaphy- sik" 5 . Der Kritik wird keineswegs die Aufgabe gestellt, unmittelbar be- stimmte Fachwissenschaften wie die Mathematik oder die Physik zu be- gründen. Zwar kann sie Bedingungen aufzeigen, unter denen diese Wissen- schaften erst möglich werden. Auf die Kritik ist aber nicht angewiesen, wer lediglich innerhalb dieser Disziplinen mit Aussicht auf Erfolg wissen- schaftlich arbeiten will. Die Kritik soll nur die Elemente bereitstellen, aus denen ein geplantes System einer von der Erfahrung nicht abhängigen theoretischen wie auch praktischen Erkenntnis unter dem Titel einer Me-

1

A 841 /

B 869; vgl. B XXXV], A 11 /

B 25 ff.,

A 204 /

B 249; V 161, 194.

§1

29

taphysik aufgebaut werden kann. Die Erfahrung bietet manche Gelegen- heiten, von denen die Entwicklung einer solchen Disziplin begünstigt wird. Die von ihr erarbeiteten Begründungen dürfen hingegen niemals auf Fak- ten zurückgreifen, wie sie nur durch die Erfahrung vermittelt werden. Nach einem verbreiteten, vor allem auf den Neukantianismus der Mar- burger Schule zurückgehenden Mißverständnis soll Kant die reale Existenz bestimmter, von ihm vorgefundener Wissenschaften als ein Faktum gese- hen haben, das von der Philosophie nicht mehr in Frage gestellt, sondern als eine der Voraussetzungen ihrer Arbeit nur noch hingenommen werden kann. Nun läßt sich schwerlich daran zweifeln, wie bedeutsam Kants Ver- trautheit mit der Mathematik und der Physik seiner Zeit und das Interesse, das er an ihnen nahm, für die Entwicklung seines philosophischen Denkens war. Die Entstehung und der „sichere Gang" 6 dieser Disziplinen diente ihm sogar zum Vorbild bei seinen Bemühungen, nunmehr auch die Metaphysik mit Hilfe der Entwicklung von neuen, nur ihr eigenen Methoden nach lan- gen Irrwegen endlich in den Rang einer strengen Wissenschaft zu erheben. Trotzdem dienen die von ihm vorgefundenen, bereits etablierten strengen Wissenschaften in seinen Überlegungen nur der Orientierung. Ihre fakti- sche Existenz liefert der Philosophie keine Prämissen, die sie nur zu über- nehmen brauchte, um sie ihrer Arbeit zugrunde zu legen. Im Rahmen des systematischen Aufbaus der kritischen Philosophie wird der bloßen Exi- stenz einer Fachwissenschaft denn auch nirgends eine Begründungslei- stung abverlangt. Das gilt auch dort, wo Kant dem Faktum bestimmter Wissenschaften zum Zweck einer didaktisch orientierten Aufbereitung des Stoffes eine Schlüsselstellung einräumt.

Für die theoretische Philosophie geschieht dies in den „Prolegomena". Anders als die synthetisch vorgehende „Kritik der reinen Vernunft" bedie- nen sich die „Prolegomena" einer analytischen Methodik, wenn sie es un-

ternehmen, die Möglichkeit einer reinrationalen theoretischen Philosophie darzutun 7 . Der Vortrag ihrer Analysen bedarf einer Voraussetzung: „Sie

müssen sich also auf etwas stützen, was man schon als zuverlässig

kennt" 8 .

Diesen Bezugspunkt liefert die Faktizität von schon existenten, exakten Wissenschaften . Auf dieser Basis kann man dem Lernenden entgegen- kommen, wenn man ihm auf dem Weg einer analytischen Erörterung von schon Bekanntem die Quellen der Erkenntnis, aber auch deren Grenzen aufzeigen will. Doch dieser Weg zeichnet nicht die architektonische Ord-

6 Vgl. B VII ff.

7 Vgl. IV 274ff.

8 IV 274f.; vgl. IV 263; IX 149; aber auch B 128, 395. Auch die von Kant erst in der zweiten Auflage der „Kritik der reinen Vernunft" in die Einleitung eingefügten Ausführungen B 14-24 sind der analytischen Methodik im Sinne der „Prolegomena" verpflichtet.

30

I. Der Begriff des Ästhetischen

nung des Aufbaus und der Begründung der Erkenntnis nach, da die Mög- lichkeit der geplanten, systematischen Metaphysik der Sache nach erst noch durch die ihr vorgeordnete Kritik legitimiert werden muß. Diese Folgeord- nung läßt sich nicht umkehren. Die neukantianische, am „Faktum der Wis- senschaft" orientierte Deutung nimmt hingegen für bare Münze, was Kant in den „Prolegomena" nur als Resultat einer didaktisch orientierten Auf- bereitung des Stoffes vorträgt. Wer von diesem Hilfsmittel einmal auf an- gemessene Weise Gebrauch gemacht hat, bedarf seiner fortan nicht mehr. Kants Kritik stellt sich die Aufgabe, die Metaphysik als eine systemati- sche, erfahrungsunabhängige Wissenschaft zu ermöglichen und zu legiti- mieren. Erst im Rahmen dieses Systems lassen sich die apriorischen Grund- lagen darlegen, die von der Mathematik und von der Physik bereits vor- ausgesetzt werden, um auf den Titel einer Wissenschaft im strengen Sinne des Wortes rechtens Anspruch erheben zu können. Für das Verständnis der Dritten Kritik ist die Erinnerung an diesen dreistufigen, von der Kritik über das System zu den Fachwissenschaften führenden Aufbau deswegen nützlich, weil sich im Blick auf ihn verdeutlichen läßt, warum die „Kritik der Urteilskraft" hinsichtlich der Architektonik der kritischen Philosophie eine Sonderstellung einnimmt. Zunächst könnte man erwarten, daß die „Kritik der ästhetischen Urteilskraft", auch wenn sie selbst keine Ästhetik im Sinne einer Wissenschaft vom Schönen oder von der Kunst entwickelt, eine derartige Disziplin doch zumindest ermöglicht, sei es als eine Fachwis- senschaft oder als deren Grundlegung. Denn sowohl die Erste als auch die Zweite Kritik will Kant als systematisch, jedoch nicht didaktisch vor- gehende Propädeutiken verstanden wissen, die dazu bestimmt sind, be- gründungsfähige Metaphysiken der Natur und der Sitten zu ermöglichen. Dann liegt es nahe, von der Dritten Kritik zu erwarten, daß sie in analoger Weise den Weg zu einer - kantisch ausgedrückt - Metaphysik des Schö- nen, vielleicht auch der Kunst eröffnet, die dann als Grundlage für die Le- gitimation einer wissenschaftlichen Ästhetik dienen könnte.

Wer solche Erwartungen hegt, wird jedoch enttäuscht, weil die Dritte

Kritik in der Architektonik der kritischen Philosophie insoweit eine Asym- metrie aufweist. Auf sie macht Kant sogleich in der Vorrede aufmerksam:

„Hiermit endige ich also mein ganzes kritisches Geschäft. Ich werde unge-

Es versteht sich von selbst, daß für die

Urteilskraft darin kein besonderer Teil sei, weil in Ansehung derselben die

Kritik statt der Theorie dient; sondern daß nach der Einteilung der Phi- losophie in die theoretische und praktische und der reinen in ebensolche Teile die Metaphysik der Natur und die der Sitten jenes Geschäft aus- machen werden" 10 . Die Versicherung, dies verstehe sich von selbst, über-

säumt zum doktrinalen schreiten

§1

31

fordert freilich den Leser der Vorrede, der noch keine Gelegenheit hatte, die Gründe kennenzulernen, auf denen die Asymmetrie beruht, die es der Dritten Kritik versagt, eine systematische metaphysische Disziplin und mit- telbar möglicherweise auch noch eine Fachwissenschaft zu fundieren. Hier ist jedoch zu bedenken, daß die Vorrede der Dritten Kritik als ihr spätestes Textstück entstanden ist . Von selbst versteht sich die architektonische Sonderstellung der „Kritik der Urteilskraft" nur für den, der die dort vor- getragene Lehre bereits in ihrem Zusammenhang und in ihrer Begründung überblickt. Nur er sieht ein, warum die Dritte Kritik keine Ästhetik im Sin- ne einer doktrinalen, also einer metaphysischen oder gar einer fachwissen- schaftlichen, Disziplin zu fundieren vermag. Daß es eine derartige Wissen- schaft auch niemals wird geben können, gehört zu den Resultaten, mit de- nen Kant den Anspruch verbindet, sie in der Dritten Kritik erzielt und be- gründet zu haben. Gleichwohl bleibt die Frage, warum nach der Aussage der Vorrede schon „die Kritik statt der Theorie" dient. In der Tat will die Dritte Kritik ihre Thematik in einer Weise erschöpfen, zu der es in den beiden anderen Kritiken keine Parallele gibt, wenn sie sich damit abfinden muß, daß es ihr ihre Sonderstellung versagt, eine metaphysische und eine fachwissen- schaftliche Disziplin zu fundieren. Entgegen dem ersten Anschein und im Gegensatz zu den in der Ersten und in der Zweiten Kritik untersuchten Verhältnissen korrespondiert nämlich den von ihr entdeckten und analy- sierten Strukturen der Subjektivität gerade kein eigener Gegenstands- bereich, der dann von einer Wissenschaft erforscht werden könnte. Nur aus diesem Grund übernehmen diese Strukturen in der Dritten Kritik zu- gleich Funktionen, wie sie auf der Ebene der Ersten und der Zweiten Kri- tik erst von den ihnen zugeordneten systematischen Disziplinen erfüllt werden. Kann es nämlich keine Wissenschaft geben, die sich auf die Resul- tate der Dritten Kritik gründen läßt, so muß die Kritik, sofern überhaupt möglich, diese Leerstelle auf ihre Weise kompensieren. Die „Kritik der rei- nen Vernunft" will eine Disziplin begründen, in Kants Sprache eine Meta- physik der Natur, von der die Prinzipien vorstellig gemacht werden, die je- der mit der natürlichen Welt befaßten Erkenntnis zugrunde liegen. Die „Kritik der praktischen Vernunft" soll eine Metaphysik der Sitten fundie- ren, der die Aufgabe zukommt, konkrete Normen für das praktische Ver- halten zu formulieren und die von ihnen beanspruchte Verbindlichkeit zu legitimieren. Die Dritte Kritik erarbeitet dagegen bei ihrer Analyse des Ge- schmacksurtcils keine Prinzipien, die geeignet wären, die Betätigung des hinter diesem Urteil stehenden Vermögens zu regulieren und Wege auf- zuzeigen, auf denen sich die Resultate dieser Tätigkeit auf bündige Weise

" Vgl. di e Briefe an d e la Gard e vom 9.2. , 9.3 . un d 25.3.179 0 (XI 129 f., 140 f., 142 ff.).

32

I. Der Begriff des Ästhetischen

begründen und gegen mögliche Irrtümer sichern lassen. Umgekehrt will sie einsichtig machen, warum jede Hoffnung vergeblich ist, jemals Prinzi- pien aufzufinden, die es erlauben, Geschmacksurteile zu begründen und sie in eine systematische Wissenschaft von den Gegenständen der Welt ein- zufügen, die den Geschmack herausfordern.

Einen Weg zu einer derartigen systematischen Doktrin kann die Analyse des Geschmacksurteils in Kants Dritter Kritik schon deswegen nicht wei- sen, weil dieses Urteil keine Begriffe enthält, wie sie zum Aufbau einer je- den Theorie notwendig sind. Die Einsicht in die Struktur dieses Urteils eröffnet schon deswegen keine Möglichkeit, zu einer objektiven und be- gründungsfähigen Erkenntnis von Inhalten zu gelangen, wie sie ihrer Na- tur nach nur vom Geschmack selbst erschlossen werden können, aber schon nicht mehr von einer Wissenschaft vom Geschmack. Deshalb kann es im Umkreis der „Kritik der Urteilskraft" keine Prolegomena zu einer je- den künftigen Ästhetik geben, die als Wissenschaft würde auftreten kön- nen. Eine Ästhetik, die sich thematisch mit den Gegenständen befaßt, die den Geschmack beschäftigen, könnte immer „nur empirische Prinzipien" haben; sie könnte „nie Wissenschaft oder Doktrin sein, wofern man unter Doktrin eine dogmatische Unterweisung aus Prinzipien a priori versteht, wo man alles durch den Verstand ohne anderweitige, von der Erfahrung

erhaltene Belehrungen einsieht" 12 . Diese

gik skizzierte Position läßt sich in das Konzept der „Kritik der ästhetischen

von Kant in den Papieren zur Lo-

Urteilskraft" nahtlos einpassen. Es ist ein Konzept, dem die Entdeckung zugrunde liegt, daß auch der Geschmack zu den Vermögen gehört, die durch ein apriorisches Prinzip reguliert werden. Mit diesem Prinzip hat es deswegen eine besondere Bewandtnis, weil es trotz seiner Apriorität der Begriffslosigkeit des Geschmacksurteils wegen keinen Weg zum Aufbau

einer Ästhetik als einer mit den Gegenständen des Geschmacks befaßten Disziplin eröffnet, die dem Anspruch auf Wissenschaftlichkeit würde ge- nügen können. In bezug auf die Urteilskraft dient also die „Kritik statt der

Theorie" 13 , weil es eine Wissenschaft nur

kann, beispielsweise vom Geschmack als einer ihrer Gestalten, nicht aber von den Gegenständen, von denen dieses Vermögen herausgefordert wird und an denen es sich bewähren muß. Diese Wissenschaft beschränkt sich darauf, in transzendentaler Absicht am Beispiel des Geschmacks die Mög- lichkeit einer auf Grund eines apriorischen Prinzips tätigen Urteilskraft darzutun 14 .

Die Sonderstellung der Dritten Kritik in der Architektonik der kanti-

von der Urteilskraft selbst geben

12 1X15.

"

14 Vgl. V 286.

V170.

§1

33

sehen Philosophie kommt auch in der Einleitung zu diesem Werk zur Spra- che, wenn dort gesagt wird, „daß die ästhetische Urteilskraft zum Er-

kenntnis ihrer Gegenstände nichts beiträgt und also nur zur Kritik des ur-

teilenden Subjekts und der Erkenntnisvermögen desselben

den muß"' \ Die Urteilskraft tritt hier als ein Vermögen auf, das immerhin mit einem bestimmten Sachbereich befaßt ist, wenn auch auf eine eigen- tümliche Weise. Sie steht durchaus nicht gänzlich außerhalb jeder intentio- nalen oder rcferenziellen Beziehung. Es ist sogar gerade die zumindest in- direkte Beziehung der ästhetischen Urteilskraft auf einen Referenzbereich, die es nicht nur möglich, sondern sogar notwendig macht, sie einer Kritik zu unterziehen und die Tragweite der Geltungsansprüchc zu prüfen, die sie auf der Grundlage dieser Beziehung erhebt. Diese Kritik muß aber zu- gleich dem Irrtum vorbeugen, als sei die Urteilskraft in der Rolle des Ge- schmacks ähnlich wie der Verstand fähig, schon auf Grund ihrer Ausstat- tung über die Verfassung der Gegenstände ihres Intentionsbereichs etwas auszumachen. Da der Geschmack - anders als der Verstand - zur inhalt- lichen Bestimmung seiner Gegenstände jedoch nichts beisteuert, kann seine Untersuchung nur zu einer Aufklärung über bestimmte Strukturen der Subjektivität beitragen.

Hier liegt einer der Gründe dafür, daß schon die Einleitung in die „Kri- tik der Urteilskraft" Aufgaben zu erfüllen hat, mit denen die Einleitungen in die beiden anderen Kritiken nicht belastet sind. Gerade weil die Dritte Kritik keine Aussicht auf eine noch zu erarbeitende systematische Doktrin über einen bestimmten Gegenstandsbereich eröffnet, entscheidet sich Kant dafür, in der Einleitung die Ordnung des Ganzen der kritischen Philoso- phie zu skizzieren und die Idee ihrer Systematik vor Augen zu stellen. Das gilt in gleicher Weise auch für die von ihm zurückgezogene Erste Einlei- tung. Dort bittet er den Leser im Blick auf die Untersuchung der Urteils- kraft um die Erlaubnis, „in der Bestimmung der Prinzipien eines solchen Vermögens, das keiner Doktrin, sondern bloß einer Kritik fähig ist, von der sonst überall notwendigen Ordnung abzugehen und eine kurze enzy-

klopädische Introduktion derselben

voranzuschicken" IA . Eine derartige

Einleitung soll an die Stelle der sonst üblichen, propädeutisch orientierten Einleitungen treten, die „zu einer vorzutragenden Lehre vorbereiten, in- dem sie die dazu nötige Vorerkenntnis aus anderen schon vorhandenen Lehren oder Wissenschaften anführen" 17 - wie dies auf exemplarische

gezählt wer-

ls V194. 16 XX 242; Kant wollte diese Einleitung nicht zufällig auch typographisch vom Haupttext der Dritten Kritik abgehoben wissen (vgl. den Brief an de la Garde vom 25.3.1790 (XI 142 ff.). 17 XX 241.

34

I. Der Begriff des Ästhetischen

Weise in der Vorrede und in Teilen der Einleitung zur zweiten Auflage der „Kritik der reinen Vernunft" geschieht. Sinnvoll ist dies, weil sich im Ein- zugsbereich der Urteilskraft keine Wissenschaft auffinden läßt, die von ei- ner propädeutischen Einleitung zu ihrem Ausgangspunkt gemacht werden könnte. Das gilt in gleicher Weise auch für die endgültige Einleitung in die Dritte Kritik. Auch sie ist, wenngleich nicht mehr so bezeichnet, ihrem Charakter und ihrer Anlage nach keine propädeutische, sondern eine enzy- klopädische Einleitung. Wenn sich die Resultate der Dritten Kritik nicht für die Grundlegung ei- ner apriorisch fundierten Wissenschaft über einen bestimmten Gegen- standsbereich fruchtbar machen lassen, findet sich auch für eine andere Asymmetrie im Aufbau von Kants kritischen Hauptwerken eine zwanglose Erklärung. In der Ersten wie in der Zweiten Kritik folgt auf eine Elemen- tarlehre, in der die einschlägigen Prinzipien entwickelt werden, als zweiter Hauptteil eine Methodenlehre. In beiden Fällen soll sie als Bindeglied zwi- schen Kritik und systematischer Doktrin dienen, weil es zu ihren Aufgaben gehört, den Aufbau der durch die Kritik fundierten Metaphysik der Natur und der Metaphysik der Sitten vorzubereiten. Die „Kritik der ästhetischen Urteilskraft" muß auf eine so ausgerichtete Methodenlehre verzichten. Freilich trägt ihr Schlußparagraph den Titel „Von der Methodenlehre des Geschmacks". Er ist jedoch ausdrücklich als „Anhang" gekennzeichnet. Er

soll nur noch einmal an die in der Kritik bereits erörterten Sachverhalte er- innern, die den Grund dafür abgeben, warum der Platz einer Methoden- lehrc leer bleiben muß: „Die Einteilung einer Kritik in Elementarlehre und Mcthodcnlehrc, welche vor der Wissenschaft vorhergeht, läßt sich auf die Geschmackskritik nicht anwenden, weil es keine Wissenschaft des Schönen gibt noch geben kann, und das Urteil des Geschmacks nicht durch Prinzi-

Dritten Kritik entwickelte Prinzipienleh-

re ist in der Tat nicht von der Art, daß sie inhaltlich bestimmte Urteile legi- timieren könnte. Was sie begründen will und begründen kann, ist nur die Struktur und die grundsätzliche Möglichkeit von Geschmacksurteilen überhaupt, ferner die Möglichkeit, daß der von solchen Urteilen erhobene spezifische Gcltungsanspruch legitim ist, daß überdies Gebilde von der Struktur der Geschmacksurteile unvertretbare Funktionen zwar nicht in der Begründung, wohl aber in der Genese der Erkenntnis erfüllen. Zu- gleich zeigt sie aber auch auf, warum sich das einzelne, individuelle Ge- schmacksurteil jedem Zugriff eines Begründungsversuchs entzieht. So er- innert Kant in jenem Schlußparagraphen nur an Überlegungen, deren Re- sultat schon an einer früheren Stelle zusammengefaßt ist: „Es gibt weder

pien bestimmbar ist" 18 . Die in der

18 V354f.

§1

35

eine Wissenschaft des Schönen, sondern nur Kritik, noch schöne Wissen- schaft, sondern nur schöne Kunst" 1 . In einer früheren Phase der Entwicklung seines Denkens hatte Kant noch mit dem Gedanken an eine solche Wissenschaft gespielt . Doch er mußte einsehen, daß selbst seine Entdeckung einer das Geschmacksurteil fundierenden apriorischen Struktur keinen Weg zur Begründung einer Metaphysik des Schönen oder einer Wissenschaft vom Schönen eröffnet. „Vom Schönen gibt es keine Wissenschaft" 21 - so lautet eine These, die Kant in den Reflexionen wiederholt notiert, zunächst allerdings nur auf den empirischen Charakter des Schönen gründet. Aber auch seine spätere Entdeckung eines emotionalen Apriori im Geschmacksurteil, eines aprio- risch fundierten Lustgefühls 22 , modifiziert nicht die These selbst, sondern nur die Art ihrer Begründung. Auf den Geschmack und seine Prinzipien läßt sich, der in ihm verborgenen Apriorität zum Trotz, schon seiner Di- stanz zur Welt der Begriffe wegen keine wissenschaftliche Disziplin grün- den. Es kann noch nicht einmal eine wissenschaftliche Disziplin geben, die seiner Betätigung die Richtung vorzeichnen könnte. Deswegen bleibt er letztlich immer auf sich selbst gestellt. Auch kennt er keine Kriterien, die ihm für die Richtigkeit seiner konkreten Beurteilungen in Zweifelsfällen eine Bestätigung vermitteln oder gar Sicherheit geben könnten. Er darf noch nicht einmal darauf hoffen, eine dermaleinst noch zu entwickelnde wissenschaftliche Ästhetik würde ihm eines Tages solche Kriterien viel- leicht doch noch liefern können. Andererseits braucht er aber auch nicht damit zu rechnen, die Resultate seiner Betätigung jemals dem Richter- spruch einer solchen Disziplin unterwerfen zu müssen.

Erörtert man die Frage, warum Kant eine Wissenschaft von den durch den Geschmack erschlossenen Dingen für unmöglich hält, so muß man ei- nem Mißverständnis vorbeugen, das sich leicht in bezug auf eine oft zitier- te Stelle in den „Metaphysischen Anfangsgründen der Naturwissenschaft" einstellt. In der Vorrede zu dieser Schrift attestiert Kant der Chemie und der empirischen Psychologie ihren Mangel nicht nur an Wissenschaftlich- keit, sondern auch an Wissenschaftsfähigkeit; er rechnet sie folglich nicht zum Kreis der Disziplinen, für die von der kritischen Philosophie Begrün- dungsleistungen erbracht werden können 23 . Jedem dieser beiden Fach- gebiete will er nur den Status einer praktischen Kunst zugestehen, die auf einer apriorischer Prinzipien nicht bedürftigen Erfahrungskunde basiert.

19 V 304; vgl. R 5063.

20 Vgl. R 670, 1753; ferner die Briefe an M.Herz vom 7.6.1771 und vom 21.2.1772 (XI16 ff., 123 ff.).

21

22

21

Vgl. R 1585, 1588,1892.

Vgl. VI 87; XX 207.

Vgl. IV 471; vgl. aber V 26.

36

I. Der Begriff des Ästhetischen

Überdies gibt er ein Kriterium an, das es ihm erlaubt, die Wissenschaftlich- keit und die Wissenschaftsfähigkeit zumindest bestimmter Fachdisziplinen zu beurteilen: „Ich behaupte aber, daß in jeder besonderen Naturlehre nur so viel eigentliche Wissenschaft angetroffen werden könne, als darin Ma- thematik anzutreffen ist" 24 . Der Gehalt an Mathematik taugt demnach al- so nur dort als Kriterium, wo eine „besondere Naturlehre" vorliegt. Eben dies wird oftmals übersehen. Ein Fach, dem der Status einer besonderen Naturlehre nicht zukommt, ermangelt der Wissenschaftsfähigkeit nicht schon deswegen, weil es nicht zum Einzugsbereich der Mathematik gehört und vielleicht sogar niemals dort angesiedelt werden kann. Mathematisicr- barkeit ist für Kant daher keine notwendige Bedingung für Wissenschaft- lichkeit überhaupt. Für die allgemeine reine Naturwissenschaft, zu der die „Metaphysischen Anfangsgründe der Naturwissenschaft" einen Beitrag liefern wollen, die selbst freilich nicht den Status einer „besonderen Na- turlehre" hat, erhebt Kant durchaus den Anspruch auf Wissenschaftlich- keit, obwohl die Mathematik in ihrem Aufbau allenfalls von untergeord- neter Bedeutung ist. Entsprechendes gilt für die Rechtslehre und für die Tugendlehrc der „Metaphysik der Sitten", also für zwei Disziplinen, die gänzlich außerhalb des Einzugsbereichs der Mathematik stehen. Es gilt schließlich sogar für die allgemeine, reine Logik. Ihren Status als den einer Wissenschaft zieht Kant niemals in Zweifel 25 , obgleich an ihrem Aufbau und an ihren Begründungsmethoden - für den heutigen Logiker überra- schend, wenn nicht gar befremdend - seiner Deutung ihres systematischen Status gemäß die Mathematik schon deswegen niemals beteiligt sein kann, weil sie in ihrem Aufbau an keiner Stelle auf die Anschauung rekurrieren darf, auch nicht auf die reine Anschauung, die der Mathematik allererst den Raum eröffnet, innerhalb dessen sie ihrer Arbeit nachgehen kann, Be- griffe in der reinen Anschauung zu konstruieren.

Die Erinnerung an diese Dinge ist von Nutzen, wenn man dem Mißver- ständnis zuvorkommen will, das den Grund der Unmöglichkeit einer als Wissenschaft vom Schönen betriebenen Ästhetik in ihrer mangelnden Ma- thematisierbarkeit finden zu können glaubt. In Wahrheit beruht die von Kant behauptete Wissenschaftsunfähigkeit der Welt des Geschmacks auf ihrer Begriffsferne, also darauf, daß sie sich der Erfassung nicht nur durch die Mathematik, sondern durch Begriffe überhaupt entzieht. Auch das Ur- teil des Geschmacks besetzt einen Ort jenseits des begrifflichen Einzugs- bercichs. Es enthält keinen Begriff und es wird auch durch Begriffe weder bestimmt noch begründet. Das gilt für seinen Inhalt ebenso wie für den Modus seiner Geltung. Gerade jene dem Geschmacksurteil eigene, essen-

24

25

IV 470.

Vgl. B VIII f., A 52 /

B 7 6 ff.

§1

37

helle Begriffsferne verbietet es, die Ergebnisse der Beurteilungen des Ge- schmacks in Inhalte wissenschaftlicher Erkenntnisse zu überführen, da es keine Wissenschaft ohne Begründungen und keine Begründungen ohne Be- griffe geben kann. Im Innenbcrcich einer Wissenschaft können Begriffe unterschiedliche Rollen übernehmen. Man kann unmittelbar nach logi- schen Regeln mit ihnen umgehen, man kann durch die Anwendung von Begriffen auf Anschauung Erfahrung entstehen lassen und begründen, schließlich kann man, wie in der Mathematik, Begriffe in der Anschauung konstruieren. Wenn bei den Urteilen des Geschmacks jedoch, wie noch zu zeigen sein wird, Begriffe überhaupt nicht im Spiel sind, fehlt eine der un- abdingbaren Voraussetzungen, die erfüllt sein müssen, wo wissenschaftli- che Erkenntnis gewonnen, aufgebaut und begründet werden soll. Die Sonderstellung der Dritten Kritik in der Architektonik der kanti- schen Philosophie ergibt sich nicht ausschließlich aus der Einsicht in die Unmöglichkeit einer Ästhetik als einer Wissenschaft von den Gegenstän- den des Geschmacks oder vom Schönen. Handelte es sich nur darum, könnte man immer noch an die Möglichkeit einer Ästhetik denken, die sich dem Kreis jener Künste und Fertigkeiten zuordnen ließe, die aus- schließlich auf Empirie basieren und deswegen an jener apriorisch legiti- mierten Allgemeingültigkeit und Notwendigkeit keinen Anteil haben, wie sie von jeder wirklichen Wissenschaft für ihre Grundlegung in Anspruch genommen wird. Nun schließt aber die mangelnde Wissenschaftsfähigkeit der Welt des Geschmacks keineswegs die Möglichkeit aus, dieses Ver- mögen selbst einer im kantischen Sinn verstandenen Kritik zu unterziehen. Es ist nämlich gerade das von Kant entdeckte, hinter seiner Tätigkeit ste- hende apriorische Prinzip, das es dem Geschmack ermöglicht, mit eben dieser Tätigkeit einen Geltungsanspruch besonderer Art zu verbinden. Nach dem Verzicht auf früher einmal gehegte Hoffnungen hatte sich Kant zunächst freilich mit der Annahme der Wissenschaftsunfähigkeit der Welt des Geschmacks und ihren Gegenständen abgefunden und daraus die Fol- gerung gezogen, dem Geschmack einen Ort gänzlich außerhalb des Ein- zugsbereichs apriorischer Strukturen anzuweisen.

Diese Position hat in der ersten Auflage der „Kritik der reinen Vernunft" Spuren hinterlassen. Dort kommen im Rahmen der Transzendentalen Äs- thetik als der mit den apriorischen Formen der Sinnlichkeit befaßten Dis- ziplin beiläufig die Gründe zur Sprache, aus denen sich Kant nicht dazu verstehen kann, das Wort „Ästhetik" auch für die Bezeichnung einer mit der Welt des Geschmacks befaßten Disziplin in Anspruch zu nehmen:

Wenn sich allein die Deutschen des Wortes „Ästhetik" bedienen, wo ande- re von der Kritik des Geschmacks sprechen, so „liegt hier eine verfehlte Hoffnung zum Grunde, die der vortreffliche Analyst Baumgarten faßte, die kritische Beurteilung des Schönen unter Vernunftprinzipien zu bringen

38

I. Der Begriff des Ästhetischen

und die Regeln derselben zur Wissenschaft zu erheben. Allein diese Bemü- hung ist vergeblich. Denn gedachte Regeln oder Kriterien sind ihren Quel-

len nach bloß empirisch, und können also niemals zu Gesetzen a priori die-

nen, wonach sich unser Geschmacksurteil richten müßte

ist es ratsam, diese Benennung wiederum eingehen zu lassen, und sie derje- nigen Lehre aufzubehalten, die wahre Wissenschaft ist" 26 , nämlich der Lehre von der Sinnlichkeit und von ihren Formen. Die hier dokumentierte Position Kants ist unmißverständlich: Wo der Ausdruck „Ästhetik" verwendet wird, könnte schon seine sprachliche Ge- stalt zu der Annahme verführen, es sei von einer Wissenschaft die Rede. Gerade Alexander Baumgarten hatte von diesem Wort Gebrauch gemacht, um eine neue, mit dem Anspruch einer Wissenschaft ausgestattete Dis- ziplin zu bezeichnen. Nach seiner Konzeption war sie dazu bestimmt, ein Pendant zur Logik zu bilden, zu einer Disziplin also, deren Wissenschafts- charakter ohnehin niemals strittig war. Kant lehnt es indessen ab, der mit der Welt des Geschmacks befaßten Ästhetik im Sinne Baumgartens den Status einer Wissenschaft zuzuerkennen, weil er, jedenfalls noch zur Zeit der ersten Auflage der „Kritik der reinen Vernunft", im Einzugsbereich des Geschmacks keinerlei apriorische Strukturen ausmachen kann. Die Wissenschaftsunfähigkeit, die er einer Ästhetik attestiert, die sich mit den Gegenständen des Geschmacks befaßt, beruht also gerade darauf, daß die- ses Vermögen, wie ihm hier noch scheint, an keiner Stelle die Sphäre des Apriorischen berührt oder gar an ihr teilhat.

Um deswillen

Wissenschaftsfähig ist dagegen eine Disziplin, die sich, übrigens der ur- sprünglichen Wortbedeutung des Ausdrucks „Ästhetik" gemäß, lediglich mit den Formen und Strukturen der Sinnlichkeit befaßt. Ihr will Kant den Namen der Ästhetik vorbehalten wissen. Gewiß hatte er sich der Aus- drucksweise, von der er sich in der „Kritik der reinen Vernunft" distan- ziert, zuvor auch selbst gelegentlich einmal bedient 27 und sich insoweit dem durch Baumgarten geprägten Sprachgebrauch angeschlossen. Der von ihm im Jahre 1781 vorgeschlagenen terminologischen Konvention bleibt er in der Folgezeit dann aber treu. Konsequent verwendet er fortan das Wort „Ästhetik" ausschließlich zur Bezeichnung einer wissenschaftli- chen Disziplin, die sich mit den Strukturen der Sinnlichkeit, also der An- schauung, der Wahrnehmung und der Empfindung befaßt. Nur noch eine Ästhetik im Sinne einer „Wissenschaft der Regeln der Sinnlichkeit über- haupt" 28 ist er bereit, als Pendant zu der mit dem Verstand und seinen Re- geln befaßten Logik zu akzeptieren. Diese Dichotomie von Ästhetik und

A21; vgl. IX 15. Vgl. II 311; R 670, 716, 1753. A52/B76 ; vgl. R 1584,4276

§1

39

Logik bestimmt bekanntlich auch die Architektonik der Elementarlehre der Ersten Kritik. Eine der transzendentalen, auf apriorische Strukturen ausgerichteten Fragestellung verpflichtete Ästhetik bildet dort als die „Wissenschaft von allen Prinzipien der Sinnlichkeit a priori" 29 den ersten der beiden Teile der Elementarlehre, dem die der Analyse der apriorischen Prinzipien des Verstandes gewidmete transzendentale Logik als gleichran- giger anderer Teil gegenübersteht. Auch die Zweite Kritik enthält ein Lehrstück, das den Namen der Äs- thetik trägt. Kant spricht dort, wenngleich nur im Sinne einer Analogie, von einer „Ästhetik der reinen praktischen Vernunft" 30 . Auch diese Ästhe- tik ist mit einer nicht der Erfahrung entstammenden Gestalt der Sinnlich- keit befaßt. Allerdings handelt es sich hier weder um eine gegenstands- bezogene Anschauung noch um deren Form, sondern um ein bestimmtes moralisches Gefühl, nämlich um die vom Sittengesetz geforderte Achtung, insofern sie dem Menschen unmittelbar im Modus einer Empfindung be- wußt wird. Anders als die unübersehbare Vielfalt der meisten anderen Ge- fühle zeichnet sich diese Achtung durch ihren apriorischen Ursprung aus,

der nicht in der Natur, sondern im intelligiblen Bereich, nämlich im Be- wußtsein des Sittengesetzes liegt. Dieses Gefühl wirkt zugleich als Triebfe- der, durch deren Vermittlung das Sittengesetz reale Wirkungen zeitigen kann, indem es auf den Willen und damit auf das Handeln des Menschen Einfluß nimmt. Die Fähigkeit der praktischen Vernunft, den Willen zu mo- tivieren, läßt sich daher nicht nur auf dem Wege über eine prinzipientheo- retische Reflexion einsehen. Sie wird schon vor jeder theoretischen Refle- xion und unabhängig von ihr durch jenes Gefühl der Achtung unmittelbar erschlossen. Daher überrascht es nicht, daß Kant sogar den Plan erwägt, die „Metaphysik der Sitten" durch eine „Ästhetik der Sitten" zu ergän-

Obwohl sie nicht selbst zu einem Bestandteil der Metaphysik der

zen 31 .

Sitten würde, bliebe sie ihr zugeordnet, weil sie dazu bestimmt ist, die We- ge zu untersuchen, auf denen sich die Inhalte dieser Metaphysik, also die

Prinzipien der Moralität, dem Subjekt im Hinblick auf seine sinnliche Ver- fassung vor Augen stellen und für sein Handeln fruchtbar machen lassen.

Die angeführten Beispiele belegen, daß Kant dort, wo er das Wort „Äs- thetik" zulassen will, immer eine Lehre von der Sinnlichkeit im Auge hat. Erörtert man die Probleme seiner Philosophie am Leitfaden der Termino- logie, deren er sich bei der Dokumentation seines Denkens bedient, so ist freilich Vorsicht geboten. Den Fragen, die mit der sprachlichen Vermitt- lung des Denkens zusammenhängen, widmet er zwar nicht in allen, so

29

A 21 /

B 35.

30 V 90; vgl. XX 206 f.

" VI 406; vgl. IV 401.

40

I. Der Begriff des Ästhetischen

doch in den meisten Fällen nur ein begrenztes Maß an Aufmerksamkeit. Jede Erwartung terminologischer Konstanz wird beim Kantstudium im- mer wieder aufs neue enttäuscht. Kant befürchtet sogar, daß der Leser die Aufmerksamkeit von der verhandelten Sache in dem Maße abzieht, in dem er sie auf das ihrer Erschließung dienende sprachliche Instrumentari- um lenkt. Diese Befürchtung ist nicht unbegründet. Sie wird aber durch die Erwartung aufgewogen, jede ernsthafte und sachgerechte Beschäfti- gung mit den jeweiligen Inhalten werde am Ende, gleichsam als Nebenfol- ge, eine zweckmäßige sprachliche Vermittlung des Gedankens von selbst herbeiführen 32 . In der Tat kann man dem, was ein sachgerecht gestalteter Text zu verstehen geben will, schwerlich gerecht werden, wenn man den einzelnen sprachlichen Ausdruck als eine unveränderliche, ein für allemal fixierte Größe ansieht und darauf verzichtet, den Sinn und die Bedeutung dieses Ausdrucks stets auch im Blick auf den vom Autor jeweils intendier- ten Sachverhalt zu ermitteln und zugleich auf die Vielfalt der wechselnden Kontexte Rücksicht zu nehmen, von denen die Bedeutung eines jeden ein- zelnen Ausdrucks ständig aufs neue modifiziert wird. Für die Texte Kants gilt dies nicht weniger als für die Texte jedes anderen Autors von Rang.

Gerade wegen Kants notorischer Großzügigkeit in terminologischen Dingen sollte das Interesse zu denken geben, das er an der Regulierung des Umgangs mit dem Wort „Ästhetik" erkennen läßt. Es beruht schwerlich auf einem bloßen Zufall, wenn die Dritte Kritik, die in ihrem ersten Teil gerade nicht eine generelle Wissenschaft von der Sinnlichkeit überhaupt, sondern eine Theorie der Urteilskraft am Paradigma des Geschmacks ent- wickelt, den Gebrauch dieses Wortes konsequent vermeidet. Lehrreich wird in diesem Zusammenhang die Modifikation, die Kant in der zweiten Auflage der „Kritik der reinen Vernunft" an der Begründung der von ihm in der ersten Auflage vorgeschlagenen terminologischen Konvention vor- nimmt, ohne die Konvention selbst zu widerrufen. Nach der ersten Auf- lage sind die Regeln oder Kriterien des Gcschmacksurtcils „ihren Quellen nach bloß empirisch, und können also niemals zu Gesetzen a priori die- nen" , nach denen sich dieses Urteil anderenfalls zu richten hätte. Nach dem Text der zweiten Auflage sind diese Regeln oder Kriterien jedoch nur „ihren vornehmsten Quellen nach bloß empirisch und können also niemals

jetzt rechnet Kant mit der

Möglichkeit, daß bei den Geschmacksurteilen zumindest mittelbar auch apriorische Momente im Spiel sind. Aber auch die Existenz solcher Mo- mente würde nicht ausreichen, um eine wissenschaftliche Disziplin zu fun-

zu bestimmten Gesetzen a priori dienen" 34 . Erst

a Vgl. etwa VIII 152.

"

A21.

§1

41

diercn und eine Ästhetik als Wissenschaft von der Welt des Geschmacks und seinen Gegenständen zu ermöglichen. So braucht Kant seine termino- logische Konvention nicht zu modifizieren, die den Namen „Ästhetik" al- lein für die Bezeichnung einer Wissenschaft von der Sinnlichkeit reserviert. Trotzdem erwägt er jetzt noch einen Vermittlungsvorschlag, der es ermög- licht, „sich in die Benennung mit der spekulativen Philosophie zu teilen und die Ästhetik teils im transzendentalen Sinne, teils in psychologischer Bedeutung zu nehmen" 35 . Dieser Vorschlag stellt es frei, mit dem Namen der Ästhetik nicht nur eine Lehre von der Sinnlichkeit zu bezeichnen, die den Bedingungen genügt, die an eine Wissenschaft zu stellen sind, sondern in einer zweiten Bedeutung auch eine Disziplin vom Status einer empiri- schen Technik, die sich damit befaßt, das Geschmacksvermögen auszubil- den, einzuüben und zu vervollkommnen. Von dieser Konzession hat Kant selbst jedoch keinen Gebrauch gemacht. Er hält sich auch fortan an den Sprachgebrauch, der den Namen der Ästhetik, für den sich Kant hier auch an seinem ursprünglichen Wortsinn orientiert, ausschließlich der Bezeich- nung einer Wissenschaft von der Sinnlichkeit vorbehält.

Gleichwohl sieht er sich durch die Entdeckung apriorischer Momente im Umkreis des Gcschmacksurtcils veranlaßt, das „kritische Geschäft" aus- zuweiten. Jede Kritik im Sinne seiner Philosophie setzt bei Geltungs- ansprüchen an, die auf Grund einer Legitimitätsprüfung entweder bestä- tigt oder zurückgewiesen werden. So vermessen die ersten beiden Kritiken die Grenzen, innerhalb deren eine auf Erfahrung zwar stets bezogene, von ihr aber nicht abhängige Vernunft in ihrem theoretischen ebenso wie in ih- rem praktischen Gebrauch rechtens Gcltungsansprüchc erheben darf. Vor allem in bezug auf ihren theoretischen Gebrauch wird sie darüber belehrt, wie viel enger das ihr zugewiesene Feld begrenzt ist als das Gebiet, das man ihr in der Tradition der Metaphysik für ihre Betätigung glaubte zu- weisen zu können. Es erweist sich, daß es die der Vernunft eigenen Hilfs-

mittel und Techniken nicht erlauben, „einen Turm,

. der bis an den Him-

mel reichen sollte" zu bauen, sondern lediglich ein Wohnhaus, „welches zu unseren Geschäften auf der Ebene der Erfahrung gerade geräumig und hoch genug" A ist. Anders verhalten sich die Dinge in der Sphäre, mit der sich die Dritte Kritik befaßt. Die Analyse des Geschmacks im Blick auf die an ihm und an seiner Betätigung beteiligten apriorischen Momente kommt ebenso wie die Prüfung der von ihm erhobenen Gcltungsansprüchc zu dem Ergebnis, daß auch diese Momente keine Möglichkeit eröffnen, die Grenzen zu revidieren, die der dem Menschen zugänglichen Erkenntnis ge- zogen sind. Diese Untersuchungen sind nicht geeignet, eine ihren sicheren

»

B36.

*

A 707 /

B 735

42

I. Der Begriff des Ästhetischen

Gang aufnehmende Wissenschaft von der durch den Geschmack erschlos- senen Welt zu ermöglichen, die durch überprüfbare Begründungen gesi- cherte Ergebnisse erzielen könnte. Deswegen kann die „Kritik der Urteils- kraft" - in der Metaphorik der Ersten Kritik ausgedrückt - mit ihren eige- nen Mitteln noch nicht einmal ein „Wohnhaus" errichten. Das führt zu ih- rer Sonderstellung, die es ihr verwehrt, die Grundlegung für eine auch noch so eng begrenzte doktrinale Lehre zu liefern. Weil die Kritik den Be- reich, den sie hier eröffnet, mit ihren Untersuchungen der Struktur der Urteilskraft auch schon erschöpft, muß sie in diesem Fall selbst „statt der Theorie" dienen 37 . Kant stellt die einschlägigen Untersuchungen am Ende unter den Titel einer „Kritik der Urteilskraft" und nicht unter den von ihm anfangs erwo- genen Titel einer „Kritik des Geschmacks", der im Text der Dritten Kritik gleichwohl noch manche Spuren hinterlassen hat. Dies mag überraschen, wenn man berücksichtigt, daß Kant gerade in seinem Plädoyer für die Ein- schränkung des Ausdrucks „Ästhetik" auf die Bezeichnung einer Theorie von der Sinnlichkeit eine Vorliebe für den Titel „Kritik des Geschmacks"

Sein Verzicht auf ihn läßt sich noch nicht einmal dadurch

erklären, daß in der Dritten Kritik schließlich auch die Erörterungen der mit der teleologischen Urteilskraft verbundenen Probleme ihren Platz fin- den mußten. Auch den ersten Teil der Dritten Kritik stellt Kant thematisch nicht als eine Kritik des Geschmacks, sondern als eine Kritik der ästheti- schen Urteilskraft vor, obgleich dort die Urteilskraft in ihrer Rolle als Ge- schmack im Vordergrund steht. Doch seinem systematischen Status nach erfüllt der Geschmack in diesem Fall nur die Aufgabe, als Paradigma für die Urteilskraft überhaupt, zumindest in ihrer reflektierenden Funktion zu dienen. Diese Funktion hindert Kant nicht daran, von einer Kritik des Ge- schmacks gelegentlich auch dann zu sprechen, wenn er nicht die Kultivie- rung dieses Vermögens oder den praktischen Umgang mit den Resultaten seiner Betätigung, sondern die transzendentale Untersuchung im Sinn hat, die sich seine Grundverfassung und die Legitimität der von ihm erhobenen Geltungsansprüche zum Thema macht. Zu einer Kritik der Urteilskraft, genauer zu einem Teil dieser Kritik wird diese Untersuchung nur deswe- gen, weil sich der Geschmack als ein Vermögen erweist, in dem sich die Urteilskraft in ihrer reflektierenden Funktion in reiner und unverstellter Form studieren läßt. Nur deswegen gewinnt diese Untersuchung eine Be- deutsamkeit, die über die Sphäre des Geschmacks und der ihm zugeord- neten Inhalte weit hinausreicht.

Ein Titel „Kritik des Geschmacks" bliebe überdies doppeldeutig. Einmal

erkennen läßt 38 .

V170.

Vgl. A 21 /B35.

§1

43

könnte er so verstanden werden, als würde er die Untersuchung des Ge- schmacks in das Programm einfügen, das dazu bestimmt ist, die Grenzen des menschlichen Wissens nachzuzeichnen und zu sichern. Zugleich könn- te er aber auch in der Bedeutung, die ihm Kant in der Ersten Kritik reser- vieren will, auf lediglich empirische Erörterungen verweisen, mit denen man die Resultate konkreter Betätigungen des Geschmacks zu prüfen und zu explizieren pflegt, um damit der Bildung und der Kultivierung dieses Vermögens zu dienen. Die „Kritik der Urteilskraft" versagt dem Ge- schmack keineswegs das Recht, solche Hilfen in Anspruch zu nehmen. Ei- ne so verstandene Geschmackskritik kann aber immer nur eine pragmati- schen Zwecken dienende Übung sein, wie sie Kant auch in der Dritten Kri- tik gegenüber der mit dem Anspruch einer als Wissenschaft auftretenden Transzendentalphilosophie präzise abgrenzt . Wer diese Unterscheidung

im Auge behält, wird sich daher schwerlich von den Stellen irritieren las- sen, an denen Kant, vornehmlich in den genetisch älteren Passagen der Dritten Kritik, von einer Kritik des Geschmacks auch in dem Sinn spricht, in dem dieser Ausdruck ein Lehrstück der Transzendentalphilosophie be-

begründeter Zweifel dar-

zeichnet 40 . An solchen Stellen kann ohnehin kein

an aufkommen, daß die von dieser Philosophie erarbeitete kritische Dis- ziplin ihren Anspruch auf Wissenschaftlichkeit nicht mit einer im Sinne ei- ner praktischen Kunst betriebenen, empirischen Geschmackskritik teilen kann. Somit ergibt sich das Fazit, daß der Name „Ästhetik" in der Tat aus- schließlich der Wissenschaft von der Sinnlichkeit vorbehalten bleibt, daß die Untersuchung des Geschmacks und seiner Geltungsansprüche der Be- griffslosigkeit des Geschmacksurteils wegen niemals eine lchrbarc, be- gründende Wissenschaft im strengen Sinne des Wortes fundieren kann und daß schließlich eine als praktische Kunst betriebene Geschmackskritik keinen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit im strengen Sinn erheben kann. „Daher muß der Schulname Ästhetik vermieden werden, weil der Ge-

genstand keinen Unterricht der

Schulen verstattet" 41 . Dieser Forderung, in

einer Reflexion notiert, ist Kant in der „Kritik der Urteilskraft" nach- gekommen. Für die oben erwähnte, einzige Ausnahme bietet sich eine zwanglose Erklärung an. Es handelt sich um eine Stelle, an der Kant for-

dert, es müsse „in der transzendentalen Ästhetik der Urteilskraft lediglich

sind apriorisch

von reinen ästhetischen Urteilen die Rede sein" 42 . Damit

fundierte Urteile gemeint, die als Geschmacksurteile nicht durch Begriffe,

39 Z. B. V 286; vgl. auch V 355; R 4455, 5063.

40 Z. B. V 216, 227, 278, 286, 337, 354.

41 R 626; vgl. auch R 5063: „Critic des Geschmacks

man mußte ihr nicht den Namen

einer Wissenschaft geben, vornehmlich nicht den, der aus einer alten Benennung, die einen ganz weiten Gebrauch hat, entlehnt ist".

42 V269f.

44

I. Der Begriff des Ästhetischen

auch nicht durch den Begriff des Zwecks bestimmt oder begründet sind, zumal da sie lediglich sinnliche Elemente enthalten. Aber selbst an dieser Stelle ist Kant weit davon entfernt, mit dem Gedanken einer Wissenschaft von den Gegenständen der Geschmackswelt zu spielen. Mit dem Ausdruck „transzendentale Ästhetik der Urteilskraft" bezieht er sich nur auf die vor- angegangenen Teile der Untersuchung, vor allem auf die Analytik des Schönen 43 . Diese mit verwickelten Erscheinungsformen der Sinnlichkeit befaßten Lehrstücke werden hier und nur hier unter den Obertitel einer transzendentalen Ästhetik gestellt. Diese transzendentale Ästhetik der Ur- teilskraft ist daher, wie der Zusammenhang beweist, in Wirklichkeit nichts anderes als die unter einem variierten Namen vorgestellte Kritik der ästhe- tischen Urteilskraft. Den Kenner von Kants Erster Kritik und ihrer Systematik könnte es dennoch befremden, einer Untersuchung zu begegnen, die zwar unter dem Obcrtitel der auf eine Lehre von den apriorischen Formen der Sinnlichkeit verweisenden transzendentalen Ästhetik auftritt, die ihm aber zugleich als eine Analytik, nämlich des Schönen und des Erhabenen präsentiert wird, die sie der Sphäre der Logik zuzuordnen scheint. Dieser Widerstreit läßt sich indessen auflösen. Es sind Urteile, nämlich Beurteilungen des Ge- schmacks, die Kant für seine Untersuchungen als Leitfaden benutzt. Für deren Methodik bietet sich der Name der Analytik an, weil sie der Logik als der Disziplin zuzuordnen sind, die von Hause aus für die Analyse von Urteilen zuständig ist. Zugleich kann die Untersuchung den Namen einer Ästhetik aber auch deswegen tragen, weil sie sich mit Urteilen von einem besonderen, exzeptionellen Status befaßt. Wie noch zu zeigen sein wird, handelt es sich bei ihnen um Gebilde, deren Eigenart sich nur fassen läßt, wenn man die Aufmerksamkeit darauf richtet, auf welche Weise sie sich mitsamt ihren Elementen unmittelbar in der Sinnlichkeit, nämlich in der Empfindung darbieten. Die Lehre von der Sinnlichkeit ist für die Unter- suchung dieser Urteile deswegen zuständig, weil sie sinnliche Elemente

auf Sinnliches referieren 44 .

In der von ihm zurückgezogenen Ersten Einleitung in die Dritte Kritik hatte Kant von dem Ausdruck „Ästhetik" immerhin noch Gebrauch ge- macht. Das gilt vor allem für den achten Abschnitt dieses Textes, der den Titel „Von der Ästhetik des Beurteilungsvermögcns" 4<i trägt. Aber auch hier hat dieser Ausdruck nicht die Bedeutung, von der sich Kant schon in der Ersten Kritik distanziert hatte. Wenn er auch hier auf eine Lehre von

enthalten und nicht nur

43

Noch die Erste Einleitung hatte für diesen ersten Teil der Dritten Kritik die Bezeich Dung „Ästhetik der reflektierenden Urteilskraft" vorgesehen, vgl. XX 249.

44 Vgl. unten S. 50 ff., 89 ff., 206 ff.

45 XX 221; vgl. 250.

§1

45

der Sinnlichkeit verweist, geht es nicht darum, einen Weg zu finden, der es ermöglicht, die Ergebnisse des in der Rolle des Geschmacks tätigen Beur- teilungsvermögens zu einer systematischen Doktrin zusammenzufassen. Dieses Vermögen betrachtet Kant vielmehr im Blick darauf, daß dessen Tätigkeit dein Urteilenden im Modus einer Empfindung auf unmittelbare Weise sinnlich präsent ist. Mit Erkenntnisurtcilcn werden stets objektive Gegenstände intendiert, die entweder getroffen oder verfehlt werden. Zwar kann der Urteilende auch hier den Urteilsprozeß sinnlich empfinden. Im Mittelpunkt seiner Aufmerksamkeit steht aber in der Regel dieser Ge- genstand und nicht die Tätigkeit des Urteilens. Das Geschmacksurteil be- zeichnet hingegen den Ort, an dem diese Tätigkeit unverstellt empfunden werden kann, ohne daß sie von gegenständlich ausgerichteten Intentionen überdeckt oder aus dem Zentrum der Aufmerksamkeit verdrängt würde. Solche sinnlich erfahrbaren Momente des Urteilens sind es, mit denen sich diese Ästhetik des Beurteilungsvermögens befaßt. Noch ein anderer Abschnitt der Ersten Einleitung macht deutlich, wes- halb der Ausdruck „Ästhetik" auch im Umkreis der Dritten Kritik der Be- zeichnung der Lehre von der Sinnlichkeit vorbehalten bleiben soll. In be- zug auf die Urteilskraft heißt es: „Wir werden die Kritik dieses Vermögens nicht Ästhetik (gleichsam Sinnenlehre), sondern Kritik der ästhetischen Urteilskraft nennen, weil der erstcre Ausdruck von zu weitläufiger Bedeu- tung ist, indem er auch die Sinnlichkeit der Anschauung, die zum theoreti- schen Erkenntnis gehört" 46 bedeuten könnte. Auch hier besteht kein Zwei- fel daran, daß es sinnliche Strukturen von besonderer Art sind, die hier den Gegenstand der Untersuchung bilden. Noch enger hält sich schließlich die endgültige Einleitung an die hinter der terminologischen Entscheidung Kants stehende Absicht, wenn sie auch auf die Formel „Von der Ästhetik des Beurteilungsvermögens" verzichtet und statt dessen nur noch „Von der

ästhetischen Vorstellung der

dant zu der entsprechenden „logischen Vorstellung" 48

als einem Pen-

Zweckmäßigkeit der Natur" 47

spricht.

Kants Verzicht darauf, für die Bezeichnung der im ersten Teil der Drit- ten Kritik behandelten Thematik den Ausdruck „Ästhetik" zu benutzen, hat nunmehr eine einfache Eiklärung gefunden. Dieser Verzicht zeigt ein- mal eine bewußte Distanzicrung gegenüber einem verbreiteten Sprach- gebrauch an. Mit ihr will Kant dem Mißverständnis zuvorkommen, Aus- sagen über Gegenstände und Inhalte, die das Geschmacksvermögen be- schäftigen können, ließen sich innerhalb einer „Ästhetik" auf eine Weise bündig begründen und systematisieren, die den Anforderungen genügt,

XX 247.

V188.

V192.

46

I. Der Begriff des Ästhetischen

die an eine Wissenschaft zu stellen sind. Zum anderen trägt er mit seinem Verzicht der Entscheidung Rechnung, mit der er diesen Ausdruck im Rah- men der kritischen Philosophie schon früher ausschließlich für die Be- zeichnung der Lehre von der Sinnlichkeit reserviert hatte. Für die Fra- gestellungen der vorliegenden Untersuchung ist es nicht von Belang, daß Kant hinsichtlich seines in den Kritiken konsequent durchgehaltenen Sprachgebrauchs kaum Nachfolge gefunden hat. Vom 19. Jahrhundert ab bis in unsere Gegenwart verwendet man den Ausdruck „Ästhetik" zumeist in der Bedeutung, von der sich Kant ausdrücklich distanziert. Er begegnet außerhalb der Kantforschung und außerhalb der phänomenologischen Schule allenfalls in jüngster Zeit wieder in der Bedeutung, die eine all- gemeine Lehre von der Sinnlichkeit anzeigt. So ist es gewiß kein Zufall, daß der heute übliche, eine Wissenschaft vom Schönen, vor allem aber eine Wissenschaft von der Kunst anzeigende Sprachgebrauch auch in der Kant- deutung zu gravierenden Mißverständnissen Anlaß geben und den Sach- verhalt verdunkeln konnte, daß Kant eine Ästhetik als eine Wissenschaft nicht von der Sinnlichkeit, sondern von den Dingen, die den Geschmack herausfordern, aus prinzipiellen Gründen für unmöglich hält. Eine derarti- ge Ästhetik will die dritte Kritik weder liefern noch begründen.

§2

So konsequent Kant in der Dritten Kritik darin ist, das Wort „Ästhetik" zu vermeiden, so wenig sieht er sich veranlaßt, auf das Epitheton „ästhetisch" zu verzichten. Es ist ihm geradezu ein Schlüsselwort im Zuge der Behand- lung von Problemen, die er an Hand des Geschmacks und der Welt des Schönen in Natur und Kunst erörtert. Offensichtlich trägt er gegenüber der Verwendung des Wortes „ästhetisch" keine Bedenken von der Art, wie er sie gegenüber dem Ausdruck „Ästhetik" erkennen läßt. So spricht er in der „Kritik der Urteilskraft" von ästhetischen Quantitäten und Qualitäten, von ästhetischem Wohlgefallen und ästhetischer Allgemeingültigkeit, von ästhetischen Vorstellungen und ästhetischen Ideen, von ästhetischen Zu- ständen und noch von manchen anderen Elementen, die mit Hilfe des Wortes „ästhetisch" klassifiziert werden, vor allem aber von ästhetischen Urteilen, von der ästhetischen Urteilskraft und vom ästhetischen Gebrauch der Urteilskraft. Die ästhetische Urteilskraft bildet mitsamt den von ihr er- hobenen Geltungsansprüchen sogar den Gegenstand, an dem er mit seiner transzendentalen Kritik ansetzt. Dieser Befund legt die Frage nahe, ob Kant im Umgang mit dem Termi- nus „ästhetisch" nur eine besondere Großzügigkeit an den Tag legt oder

§2

47

ob er hier mit den Mißverständnissen gar nicht erst rechnet, denen er mit seiner Entscheidung zuvorkommen will, das entsprechende Substantiv aus- schließlich der Bezeichnung einer Wissenschaft von der Sinnlichkeit vor- zubehalten. So ergibt sich das Problem, ob der Ausdruck „ästhetisch" die Inhalte, mit denen er verbunden wird, dem Bereich der Sinnlichkeit über- haupt oder aber der Welt des Geschmacks zuordnen soll, sofern das Wort nicht bald in der einen, bald in der anderen Bedeutung gebraucht wird. Die Lösung ist in diesem Fall nicht trivial. Kants Dritte Kritik enthält eine Viel- zahl von Stellen, an denen das Wort auf den ersten Blick in jeder der bei- den Bedeutungen einen vertretbaren Sinn zu ergeben scheint. Schwierig- keiten bereitet unter diesen Umständen vor allem die Aufgabe, den Aus- druck „ästhetische Urteilskraft" korrekt zu deuten. Ist die so klassifizierte Gestalt der Urteilskraft durch ihre Beziehung zur Sphäre der Sinnlichkeit oder aber durch die Ausrichtung auf die Welt der den Geschmack heraus- fordernden Dinge charakterisiert? Der landläufige Gebrauch der Wörter „Ästhetik" und „ästhetisch" in unserer Gegenwart suggeriert zunächst eine der zweiten Alternative entsprechende Deutung. Sie scheint sich zunächst auch deswegen anzubieten, weil es gerade der Geschmack mitsamt seiner Welt ist, den Kant für seine der Urteilskraft gewidmeten Untersuchungen als Leitparadigma wählt. Auch die Teilnehmer an der Kantforschung nei- gen in ihrer Mehrheit dieser Alternative zu, wenngleich nicht immer auf Grund einer bewußten und begründeten Entscheidung. Im folgenden soll indessen gezeigt werden, warum eine von dieser Voraussetzung ausgehen- de Deutung der „Kritik der ästhetischen Urteilskraft" in die Irre führt, warum hingegen die korrekte Deutung des Wortes „ästhetisch" im Sinne einer Zuordnung der so klassifizierten Sache zur Sphäre der Sinnlichkeit einen Schlüssel zur Vermeidung mancher Schwierigkeiten liefert, die ei- nem angemessenen Verständnis von Kants Dritter Kritik sonst im Wege stehen würden.

Nun leistet der Ausdruck „ästhetisch" allein, anders als das Substantiv „Ästhetik", gewiß noch nicht dem Mißverständnis Vorschub, als ließe sich eine systematisch aufgebaute, begründende Wissenschaft von der Sphäre jener Dinge entwickeln, an denen sich das Geschmacksvermögen bewährt. Wer von dem Adjektiv „ästhetisch" in der Rede über Geschmacksdinge Gebrauch macht, unterstellt allein damit den Erörterungen, die sich mit dieser Welt befassen, nicht schon Wissenschaftlichkeit oder auch nur Wis- senschaftsfähigkeit. Das gilt auch für Kant selbst 49 . Wo er Überlegungen vorträgt, die nicht im engeren Sinne zum kritischen Geschäft gehören und die sich überdies auch an ein breiteres Publikum wenden, schließt er sich gelegentlich auch einmal dem landläufigen Sprachgebrauch an, wenn er

Vgl.z.B.R 1578, 1585.

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I. Der Begriff des Ästhetischen

die mit Hilfe des Adjektivs „ästhetisch" klassifizierte Sache der Welt des Geschmacks zuordnet. Das gilt beispielsweise für die Anthropologie, die ja nicht zur Transzendentalphilosophie im engeren Sinn gehört, obwohl sie sich mit deren Problemen an manchen Stellen berührt: „Der ästhetische Egoist ist derjenige, dem sein eigener Geschmack schon genügt; es mögen nun andere seine Verse, Malereien, Musik u.d. g. noch so schlecht finden, tadeln oder gar verlachen" 50 . Die spärlichen Beispiele dieser Art verschaf- fen einem jedoch nicht die Berechtigung, das Wort „ästhetisch" auch dort, wo es in der Dritten Kritik vorkommt, in demselben Sinn zu verstehen und in der Folge die ästhetische Urteilskraft als ein Vermögen zu deuten, das ausschließlich dort zum Zuge kommt, wo es mit der Welt des Schönen oder mit der Welt der Kunst konfrontiert wird. Es ist also die Frage, ob sich auf dem Umweg über das Adjektiv „ästhetisch" die landläufige Rede von Kants Ästhetik als einer philosophischen Gcschmackslehre oder einer Kunsttheoric schließlich doch noch rechtfertigen läßt, wenn vielleicht auch nur im Sinn einer Formel, die der intendierten Sache näherungsweise gerecht wird.

Eine derartige Deutung scheint sich zunächst zwanglos anzubieten. Als Indiz hierfür könnte man den Erfolg werten, der ihr in der Kantforschung beschieden war. Den von Kant mit der Dritten Kritik verfolgten Intentio- nen wird sie in der Sache indessen ebensowenig gerecht wie seinem Sprachgebrauch. Genau besehen findet sich entgegen dem ersten Anschein indessen kein Anlaß zu der Annahme, Kant hätte sich in bezug auf den Ge- brauch des Adjektivs „ästhetisch" im Rahmen der kritischen Philosophie zu einem Kompromiß verstanden, den er im Hinblick auf das Wort „Äs- thetik" ablehnt. Die vorliegende Untersuchung wird deswegen die Hypo- these erproben, daß Kant nicht nur in der „Kritik der reinen Vernunft", wo dies ohnehin nicht strittig ist, und in der „Kritik der praktischen Ver- nunft" , sondern auch in der „Kritik der Urteilskraft" von dem Adjektiv „ästhetisch" regelmäßig nur Gebrauch macht, um die so klassifizierte Sa- che nicht lediglich dem Umkreis des Geschmacks, sondern der Sphäre der Sinnlichkeit überhaupt zuzuordnen, also dem Bereich der Anschauungen und der Wahrnehmungen, der Empfindungen und der Gefühle, wie es der von ihm gelegentlich verwendeten Formel „ästhetisch, d.i. sinnlich" ~ ent- spricht. Unternimmt man es, diese Hypothese am Text zu erhärten, wird man erstaunt sein, mit welcher Konsequenz sich Kant dieser Semantik des Wortes „ästhetisch" auch in der Dritten Kritik verpflichtet weiß. Mit allen einschlägigen Stellen ist diese Deutung verträglich, die Mehrzahl von ihnen

50 VII129.

51

, 2

Vgl. V 90, 112, 117. XX 222.

§2

49

fordert sie sogar. Gut stimmt damit zusammen, daß jener Ausdruck an Textstellen fehlt, an denen man ihn erwarten dürfte, hätte ihn Kant auch in der anderen, ausschließlich auf die Geschmackswelt bezogenen Bedeu- tung verwenden wollen. Mit dieser Deutung übernimmt man allerdings auch eine Erklärungslast besonderer Art. Man muß verständlich machen können, warum eine Untersuchung, von der Dinge allein auf Grund ihrer Zugehörigkeit zur Welt des Sinnlichen als ästhetisch klassifiziert werden, dennoch dem im landläufigen Sinne des Wortes verstandenen Ästheti- schen, nämlich dem Geschmack und seiner Welt immerhin exemplarische Bedeutsamkeit zugesteht. Die hier formulierte Hypothese läßt sich nicht allein auf der Grundlage von Untersuchungen des kantischen Sprachgebrauchs erhärten. Nahege- legt wird sie auch von dem systematischen Ansatz der „Kritik der ästheti- schen Urteilskraft" im ganzen und einer darauf aufbauenden, an der dort verhandelten Sache orientierten Rekonstruktion der von Kant intendierten Theorie. Trotzdem läßt sich auf der Basis einfacher Beobachtungen schon einmal vorgängig ihre Plausibilität dartun. So trägt der erste Paragraph

der Dritten Kritik die Überschrift „Das Geschmacksurteil ist ästhetisch" 53 .

Wollte man den Ausdruck „ästhetisch" hier so verstehen, als sollte er die- ses Urteil nur der Sphäre des Geschmacks und der Inhalte zuordnen, die ihn beschäftigen, so wäre diese These ihrer Trivialität wegen einer Inter- pretation schlechterdings nicht bedürftig. In Wahrheit nimmt sie jedoch eine nichttriviale Klassifikation vor, die weit davon entfernt ist, lediglich eine Tautologie zu dokumentieren, da der Begrifflichkeit der Dritten Kri- tik gemäß die Gcschmacksurteile eine echte Tcilklassc der ästhetischen Ur- teile bilden. Jedes Geschmacksurteil ist ein ästhetisches Urteil, aber umge- kehrt ist nicht jedes ästhetische Urteil ein Geschmacksurtcil. So sind die in den „Prolegomcna" behandelten Wahrnehmungsurteile, aber auch die von Kant als ästhetische Sinnenurteile bezeichneten Urteile über Angenehmes und Widriges seiner Begrifflichkeit gemäß zwar ästhetische Urteile, aber gerade keine Gcschmacksurteile. Der Titel des ersten Paragraphen der Dritten Kritik ordnet die Gcschmacksurteile somit einer Klasse zu, die auch Urteile anderer Art enthält.

Im Text dieses Paragraphen wird die in der Überschrift dem Ge- schmacksurteil zugesprochene Eigenschaft des Ästhetischen erläutert. Zu- nächst wird auf die Bedingungen verwiesen, unter denen es möglich ist, „zu unterscheiden, ob etwas schön sei oder nicht" . Sie machen bereits das Proprium des Geschmacksurtcils aus; ästhetisch ist ein Urteil daher nicht nur dann, wenn es eine solche Unterscheidung trifft. Der Charakter

53 V 203; vgl. 282.

M

V203.

50

I. Der Begriff des Ästhetischen

des Ästhetischen kommt ihm zu, wenn der Urteilende in ihm eine Vorstel- lung, anders als beim Erkenntnisurteil, nicht auf ein gegenständliches Ob- jekt bezieht, sondern sie lediglich mit seiner Subjektivität, beispielsweise mit einem Gefühl verbindet. „Das Geschmacksurteil ist also kein Erkennt- nisurteil, mithin nicht logisch, sondern ästhetisch, worunter man dasjenige versteht, dessen Bestimmungsgrund nicht anders als subjektiv sein kann" 55 . Dies ist darin begründet, daß sich Gefühle, wie sie bei Ge- schmacksurteilen im Spiel sind, im Gegensatz zu manchen Empfindungen anderer Art, noch nicht einmal dann intentional auf einen Gegenstand oder die Vorstellung von ihm bezichen lassen, wenn sie von ihm veranlaßt worden sind. Frei von Einbindungen in intentionale Beziehungen sind sie ausschließlich dem Innenbereich der fühlenden, insoweit nicht über sich selbst hinausgreifenden, urteilenden Instanz zugeordnet. Als logisch ist ein Urteil dagegen dann qualifiziert, wenn es einen vom urteilenden Subjekt verschiedenen Gegenstand intendiert. Der von Kant in der Transzendentalphilosophie verwendete Begriff des Logischen ist nicht an der formalen Logik orientiert. Auch wenn ein Urteil nicht gegen die Regeln der formalen oder - in Kants Ausdrucksweise - der allgemeinen reinen Logik verstößt, reicht dies noch nicht aus, um es als ein im Sinne der kritischen Philosophie logisches Urteil klassifizieren zu kön- nen. Dazu bedarf es außerdem noch der Intention auf einen Gegenstand. Zwar sind auch bei einem im kantischen Sinn logischen, weil gegenstands- bezogenen Urteil immer noch subjektbezogene Momente im Spiel. Doch dort sind auch diese Elemente in die Aufgabe eingebunden, die Beziehung auf ein gegenständliches Objekt herzustellen. Als ästhetische, sinnlich empfindbare Elemente fallen sie erst auf, wenn man diese Intention gleich- sam einklammert und die Aufmerksamkeit auf ihre Verankerung im sen- suellen Innenbereich der urteilenden Subjektivität, in ihrem inneren Sinn konzentriert. Mit dieser Einstellung lassen sich indessen beliebige Vorstel- lungen betrachten, weil ohne Ausnahme jede Vorstellung sinnliche Mo- mente enthält, da sie in jedem Fall auch mit dem inneren Sinn verbunden ist. Schon die Einleitung zur Dritten Kritik setzt dies voraus: „Was an der Vorstellung eines Objekts bloß subjektiv ist, d.i. ihre Beziehung auf das Subjekt, nicht auf den Gegenstand ausmacht, ist die ästhetische Beschaf- fenheit derselben; was aber an ihr zur Bestimmung des Gegenstandes (zum Erkenntnisse) dient oder gebraucht werden kann, ist ihre logische Gültig- keit" 56 . Auch alle objektbezogenen Vorstellungen oder Vorstellungskonfigura- tionen, beispielsweise Erkenntnisurteile, enthalten demnach ästhetische,

" V 203 (Hervorhebung von Kant); vgl. 228.

, 6

V188f.

§2

51

also sinnliche Momente. In ihnen und mit ihnen wird das Subjekt zugleich seiner selbst inne. Ohnehin ist es ihm eigentümlich, daß es sich auf objekti- ve Gegenstände nur beziehen kann, wenn es sich zugleich auf sich selbst bezieht. Es könnte sonst schwerlich einen Gegenstand von sich selbst un- terscheiden. Freilich handelt es sich hier um Beziehungen, die nicht nur der Eigenart ihrer Relate wegen, sondern schon strukturell, als Beziehungen voneinander verschieden sind. Auch wenn das Subjekt diese Selbstbezie- hung im Modus der Sinnlichkeit, beispielsweise in einem Gefühl realisiert, wird es dadurch nämlich nicht zu einem Objekt seiner selbst. Die Aufklä- rung der höchst verwickelten, mehrschichtigen Struktur dieses funktionel- len Zusammenspiels von Selbstbewußtsein und Objektbezug bildet in Kants Erster Kritik den Themenkern der Transzendentalen Deduktion der reinen Verstandesbegriffe. Diese Struktur wird in den Logikvorlesungen auf eine prägnante Formel reduziert: „Wir haben alle unsere Erkenntnis

nur dadurch, daß wir uns erkennen" 57 . Das sind freilich

Erkennens, die nicht nur inhaltlich, sondern auch hinsichtlich ihrer forma-

len Struktur unterschieden sind. Diese Formel führt daher leicht in die Ir- re, wenn man der Vielfalt möglicher Selbstbeziehungen nicht gerecht wird und die problcmträchtigen Differenzen zwischen Selbsterkenntnis, Selbst- empfindung und Selbstbewußtsein vernachlässigt.

Auch der Unterschied zwischen logischen und ästhetischen Urteilen, auf den Kant im ersten Paragraphen der Dritten Kritik aufmerksam macht, gründet nicht in ihrem jeweiligen Inhalt, sondern in ihrer Struktur. So ste- hen bei jedem logischen, im kantischen Sinn also gegenstandsbezogenen Urteil die subjektbezogenen Komponenten im Schatten der Momente, die den Gegenstandsbezug realisieren. Ein ästhetisches Urteil, beispielsweise das Geschmacksurteil, ist entgegen dem ersten Anschein jedoch nicht in demselben Sinn wie ein logisches Urteil mit einem Gegenstand befaßt; auch der Urteilende selbst ist bei ihm auf andere Weise als bei einem logi- schen Urteil im Spiel. Die Feinanalysc dieser Beziehung gehört zu den Auf- gaben, die mit den in der Dritten Kritik vorgetragenen Überlegungen ge- löst werden sollen. Nicht weil beim Geschmacksurteil Phänomene aus dem Bereich des Schönen oder der Kunst im Spiel sind, aber auch nicht weil es, wie ohnehin jedes Urteil, auch eine Rückbeziehung auf das urtei- lende Subjekt enthält, gehört es zu den ästhetischen Urteilen, sondern nur deswegen, weil diese Rückbeziehung auf eine Empfindung und damit auf die Sinnlichkeit des Subjekts zielt, in der überdies der Kern des Urteils ver- ortet ist. Wenn Kant das Geschmacksurteil dadurch, daß er es als ästhetisches Ur- teil klassifiziert, der Sphäre der Sinnlichkeit zuordnet, unter dem Aus-

zwei Gestalten des

XXIV 438.

52

I. Der Begriff des Ästhetischen

druck „ästhetisch" zugleich aber etwas versteht, dessen Bestimmungsgrund

nur subjektiv sein kann, stellt sich die Frage, wie die Beziehung zwischen Subjektivem und Sinnlichem hier zu verstehen ist. Die Korrespondenz zwi- schen beidem wird deutlich, wenn man Kants Zweistämmekonzept der

Subjektivität in Rechnung stellt 58 . Bei ihm handelt

Lehrstücke, denen Kant zentrale Bedeutsamkeit für die kritische Philoso- phie zubilligt; selbst noch die modale Differenz von Möglichkeit und Wirklichkeit wird auf die Heterogenität dieser beiden Stämme zurückge- führt . Dieses Konzept sieht in Sinnlichkeit und Verstand gleichrangige Erkenntnisstämmc, die sich weder aufeinander noch auf eine dem Men- schen zugängliche, gemeinsame Wurzel zurückführen lassen. Begrün- dungsfähige Ergebnisse entstehen nur, wenn sie kooperieren. Zum Stamm der Sinnlichkeit gehören dabei sämtliche Empfindungen sowie die nicht in der Erfahrung gründenden, weil in der Struktur der Subjektivität ver- ankerten reinen Anschauungsformen Raum und Zeit. Gerade die Empfin- dungen stuft Kant als unmittelbare Bestimmungen des Subjekts ein, auf die es sich nicht als auf intentionale Korrelate bezieht. In einer Empfin- dung ist das Subjekt allein bei sich selbst, ohne jedoch damit zugleich zum Gegenstand seiner selbst zu werden. Es erfährt in ihr lediglich eine „Modi- fikation seines Zustandes" 6 . Das gilt auch dann, wenn der Verstand von dieser Modifikation Gebrauch macht, um sie auf einen objektiven Gegen- stand zu beziehen. Allerdings ist nicht jede Empfindung dazu geeignet. Sämtlichen Elementen aus der Sphäre der Sinnlichkeit ist aber gemeinsam, daß sich das Subjekt rezeptiv zu ihnen verhält und sich selbst insoweit als passiv erfährt.

es sich um eines der

Empfindungen beziehen sich daher als solche noch nicht auf Objekte, auch nicht auf die Gegenstände, von denen sie verursacht worden sind. Durch die Sinnlichkeit allein erfährt das Subjekt noch nichts über die Din- ge, die von ihm selbst verschieden sind. Erst mit Hilfe des mit sinnlichen Elementen operierenden Verstandes kann es Empfindungen auf objektive Gegenstände in der Welt der Erscheinungen beziehen und sie damit zu- gleich von sich selbst unterscheiden. Solange der Verstand seine objektivie- renden Leistungen noch nicht eingesetzt hat, bleibt hingegen alles Sinn- liche eine bloße Modifikation der sich selbst empfindenden Subjektivität. Zwar kann ein Gegenstand, den der Verstand denkt und erkennt, nur durch die Sinnlichkeit gegeben werden 6 . Doch damit ist nur gesagt, daß der Verstand mit seinen eigenen Mitteln und für sich allein noch keinen

, s

Vgl. A 15 /

B 29 ff.,

A 50 /

B 74 ff.,

A 835 /

B 863.

59 An ihre Bedeutung für die Dritte Kritik wird V 401 ff. erinnert.

611 A 320 / B 376; V 267.

61 Vgl. A 50/ B 75.

§2

53

objektiven Gegenstand erreicht. Der durch Empfindungen modifizierten Sinnlichkeit allein ist der Gegenstand noch nicht als Gegenstand gegeben,

wenngleich ihn der Verstand

Vor diesem Hintergrund, vor allem aber durch die Deutung des Sinn- lichen als einer bloßen Modifikation der Subjcktivtät wird verständlich, warum Kant die Ausdrücke „sinnlich" (oder „ästhetisch") und „subjektiv" in manchen Kontexten als Wcchselbegriffe gebrauchen kann, die sich ge- genseitig vertreten können und denen umfangsgleiche Sachbereiche zuge- ordnet werden. Auf prägnante Weise drückt dies eine Reflexion aus:

„Sinnlich heißt in unserer Erkenntnis alles, was bloß subjektiv gilt" 63 . Die Fähigkeit des Verstandes, bestimmte sinnliche Empfindungen auf Objekte zu beziehen, wird dadurch natürlich nicht berührt. „Bloß" subjektiv bleibt ein sinnliches Phänomen ohnehin immer nur, solange es noch nicht in eine solche Beziehung als Element eingebunden worden ist. Seine Fähigkeit, Be- ziehungen zu Objekten aufzubauen, kann den Verstand manchmal aller- dings auch in die Irre führen, vor allem dann, wenn er übersieht, daß er stets auf sinnliches Material angewiesen bleibt, um seine Ziele erreichen zu können. Kants Erste Kritik hat es zu einem guten Teil damit zu tun, die hier einschlägigen Fehlerquellen aufzuspüren und namhaft zu machen. Dagegen gibt es keine analoge Gefahr, von der die Sinnlichkeit bedroht würde, da ihr die Option, sich aus eigener Kraft auf Objekte zu beziehen, gar nicht offen steht.

Schon an dieser Stelle ist es zweckmäßig, an eine Differenzierung inner- halb der Sphäre des Sinnlichen zu erinnern, die in der Folge noch des öfte- ren zur Sprache kommen muß. Denn es sind nur bestimmte sinnliche Emp- findungen, die vom Verstand auf Gegenstände bezogen werden können. Den Gefühlen, einer echten Tcilklasse der Empfindungen ist es eigen- tümlich, daß sie sich vom Verstand gerade nicht auf Dinge in der Welt der Erscheinungen beziehen und ihnen beilegen lassen. Dadurch unterscheiden sie sich von den durch die äußeren Sinne vermittelten, objektivierungsfähi- gen Empfindungen. Auch mit Hilfe des Verstandes können Gefühle keine Funktion in der Begründung gegenstandsbezogener Erkenntnis erfüllen. Zwar wird auch ihre Entstehung zumeist unmittelbar oder mittelbar durch Gegenstände oder Ereignisse außerhalb der empfindenden Subjekti- vität ausgelöst. Aber auch dort, wo sich eine derartige Kausalrclation nachweisen läßt, erlauben es die Gefühle nicht, vom Verstand zur objekti- ven Bestimmung dieser Gegenstände nutzbar gemacht zu werden. Aus dic-

nur mit ihrer Hilfe erreichen kann 62 .

62 Vgl. A 92/ B 125 f.

63 R2160; vgl. V218, 249, 347, 362, 461; R 227; ferner VI 211: „Man kann Sinnlichkeit durch das Subjektive unserer Vorstellungen überhaupt erklären; denn der Verstand bezieht allererst die Vorstellungen auf ein Objekt"'.

54

I. Der Begriff des Ästhetischen

sem Grund kommt den Gefühlen unter allen Empfindungen der Charakter des Subjektiven in einem eminenten Sinn zu. Da sie noch nicht einmal po- tentielle Kandidaten für eine Rolle im Aufbau begründbarer, objektiver Erkenntnis sind, bestand für Kant kein Anlaß, im Rahmen der von der Er- sten Kritik behandelten Thematik auf sie und auf ihre Sonderstellung ein- zugehen. Ohnehin treten schon im Umkreis der äußeren Sinne Empfindun- gen auf, die sich für eine Objektbeziehung entgegen dem ersten Anschein nicht problemlos und nicht ohne Einschränkung fruchtbar machen las- sen 64 . Es sind Empfindungen, zu deren Abgrenzung Kant von der Unter- scheidung primärer und sekundärer Sinnesqualitäten Gebrauch macht. Die besondere Bewandtnis, die es mit der Region der Gefühle hat, wird erst im Rahmen der in der Dritten Kritik erörterten Fragestellungen hin-

reichend deutlich. Sie richten das Interesse auf die Geschmacksurteile, in- sofern sie eine Vorstellung gerade nicht auf ein Objekt, sondern „auf das

Lust und Unlust desselben" 65 beziehen und da-

Subjekt und das Gefühl der

mit zugleich einen Geltungsanspruch besonderer Art verbinden. Es ist dar- an zu erinnern, daß von einem Beziehen hier nicht in demselben Sinn die Rede sein kann, in dem vom Erkenntnisurteil ausgesagt wird, daß es eine Beziehung auf ein gegenständliches Objekt herstellt. Wenn sich nämlich Gefühle in keiner Weise auf einen Gegenstand beziehen lassen, wird auch das Subjekt, das sie auf sich bezieht, dadurch nicht zu einem Gegenstand des Erkennens, da sie noch nicht einmal zur Erkenntnis des eigenen Zu-

sich das fühlende Subjekt befindet 66 . Dagegen wird

ein Gegenstand zu einem Objekt der Erkenntnis, wenn eine geeignete Empfindung der äußeren Sinne auf ihn bezogen wird: „Alle Beziehung der

nur

Vorstellungen, selbst die der Empfindungen aber kann objektiv sein

nicht die auf das Gefühl der Lust und Unlust, wodurch gar nichts im Ob- jekte bezeichnet wird, sondern in der das Subjekt, wie es durch die Vorstel- lung affiziert wird, sich selbst fühlt" 67 - aber sich nicht zugleich auch selbst erkennt. Aus diesem Grund lassen sich bestimmte Eigentümlichkei- ten des Sinnlichen, kantisch gesprochen des Ästhetischen, gerade seiner Verhaftung mit dem Subjekt wegen am deutlichsten am Beispiel der Ge- fühle ablesen, weil es sich dort unverstellt, in keine Gegenstandsbeziehung einbezogen darstellt 6 . Weil in ihnen unmittelbar kein Gegenstand, auch

stands taugen, in dem

64

a

66

67

Vgl. A 28 /

B 44.

V203.

Vgl. VI 211 f.

V 20 3 f.; vgl. XX 22 2 f.

68 Die Frage nach der Möglichkeit, innerhalb der Sphäre der Gefühle noch einmal zu dif- ferenzieren, darf man im vorliegenden Zusammenhang auf sich beruhen lassen. Wenn Kant von dem „Gefühl der Lust und Unlust" spricht, geht es ihm ohnehin nicht immer um eine di- chotomische Differenzierung. Mit dieser Formel bezeichnet er in Übereinstimmung mit einem

§2

55

nicht die Subjektivität selbst erkannt wird, lassen gerade sie sich für exem- plarische Fallstudien im Blick auf das untrennbar mit der Subjektivität ver- haftete Ästhetische fruchtbar machen. Es ist dann ein Grundproblem der „Kritik der ästhetischen Urteilskraft", wie sich innerhalb dieses Bereichs dennoch apriorisch fundierte Geltungsansprüche anmelden und rechtferti- gen lassen. Zur Klasse der ästhetischen Urteile gehören der Sache nach, wenngleich von Kant nicht so benannt, auch die in den „Prolegomena" behandelten Wahrnehmungsurteile 69 . Ihre Theorie läßt sich auch für die Lösung man- cher durch die Dritte Kritik gestellten Probleme fruchtbar machen. In den zwischen den ersten beiden Auflagen der „Kritik der reinen Vernunft" ent- standenen „Prolegomena" werden sie an der Stelle eingeführt, an der sich Kant anschickt, zwar nicht die in der Ersten Kritik in der Transzendentalen Deduktion der reinen Verstandesbegriffe vorgeführten Analysen selbst, wohl aber deren Ertrag in einer Weise zu resümieren, die ihn der Notwen- digkeit enthebt, zugleich auch allen Begründungspflichten nachzukom- men, denen er sich in diesem Lehrstück unterworfen hatte. Die Lehre von den Wahrnehmungsurteilen in den „Prolegomena" enthält daher zwar nicht in inhaltlicher und systematischer Hinsicht, wohl aber in der Metho- de der Darstellung eine Innovation. Daß Kant mit ihr der Sache nach nur ein der analytischen Methodik der „Prolegomena" verpflichtetes Resümee vorträgt, stimmt gut damit überein, daß er in der für die zweite Auflage der Vernunftkritik ausgearbeiteten Neufassung der Kategoriendeduktion auf den Wortlaut der Lehre von den Wahrnehmungsurteilen nicht zurück- kommt, obwohl die Sache selbst präsent geblieben ist 70 .

Das Problem der Deduktion, wie die Möglichkeit gültiger, gegenstands- bezogener und begründbarer Erkenntnis legitimiert werden kann, wird in den „Prolegomena" in Gestalt der Frage exponiert, wie der Verstand auf der Grundlage von elementaren Primärurteilen, in denen lediglich Wahr- nehmungen verknüpft werden, zu gegenstandsbezogenen Erfahrungs- urteilcn gelangen kann. Ein mit dem Anspruch auf objektive Gültigkeit

von ihm vorgefundenen Sprachgebrauch auch in der Dritten Kritik nicht nur individuelle Ge- fühlscmpfindungcn, sondern im Sinne der Vermögenspsychologie, der seine Diktion ver- pflichtet ist, sowohl den Gattungsbegriff für Gefühle überhaupt als auch generell das disposi- tionelle Vermögen des Menschen, Gefühle zu empfinden, insofern es bestimmt ist durch „die Fähigkeit, Lust oder Unlust bei einer Vorstellung zu haben" (VI 211); vgl. auch V 167 ff., 177f., 186f., 189, 196ff., 288; VII 230ff., 239f.; XX 206ff., 222, 225, 228f., 245ff.; ferner unten S. 213 f • 6V IV 298 ff. Es ist vor allem das Verdienst von Prauss (1971), die Forschungsdiskussion wieder auf die Bedeutung der mit diesen Urteilen befaßten, oft vernachlässigten Lehre Kants aufmerksam gemacht zu haben.

70 Vgl. vor allem B 142.

56

I. Der Begriff des Ästhetischen

auftretendes Erfahrungsurteil kann er nur fällen, wenn er das ihm eigene Instrumentarium der Kategorien ins Spiel bringt. „Alle unsere Urteile sind zuerst bloße Wahrnehmungsurteile: sie gelten bloß für uns, d.i. für unser Subjekt, und nur hinten nach geben wir ihnen eine neue Beziehung, näm- lich auf ein Objekt, und wollen, daß es auch für uns jederzeit und ebenso für jedermann gültig sein solle" 71 . Nicht alle Arten von Wahrnehmungs- urteilen sind geeignet, vom Verstand mit Hilfe der Kategorien zu gegen- standsbezogenen Erfahrungsurteilen transformiert zu werden. Wo aber der Aufbau, die Begründung und die Grenzen möglicher Erkenntnis die Themen der Untersuchung bilden, ziehen auch die einschlägig geeigneten Urteile nur insoweit ein unmittelbares Interesse auf sich, als sie Material für Erfahrungsurteile liefern, nicht dagegen um ihrer selbst willen. Die sprachliche Dokumentation eines Urteils läßt für sich allein nicht immer sicher erkennen, ob ein nur subjektbezogenes Wahrnchmungsurtcil oder aber ein gegenstandsbezogenes Erfahrungsurteil mitgeteilt werden soll. Die Umgangssprache hat einen natürlichen Hang, Ausdrucksweisen zu bevorzugen, die objektbezogene Urteile anzuzeigen scheinen. Nur so ist es zu verstehen, daß Kant in den „Prolegomena", um Verwechslungen zu- vorzukommen, den Charakter der Wahrnehmungsurteile vor allem mit Beispielen verdeutlicht, die einer Transformation zu gegenstandsbezoge- nen Erfahrungsurteilen schon ihrer Struktur wegen gar nicht fähig sind, nämlich mit Beispielen ästhetischer Sinnenurteile auf der Basis von nicht objektivierungsfähigen Gefühlscmpfindungcn. Die als Beispiele präsentier- ten Urteile, „daß das Zimmer warm, der Zucker süß, der Wermut widrig sei" , sind natürlich trivial. Eine Textanmerkung läßt aber die Absicht er- kennen, von der sich Kant leiten läßt, wenn er gerade solche Urteile als Beispiele wählt. Denn schon die Aussagen, von denen sie dokumentiert wer- den, können gar nicht erst in den Verdacht geraten, Merkmale namhaft zu machen, die sich einem realen Objekt als Eigenschaften zusprechen lassen. Solche nicht zu Erkenntnisurtcilen transformierbaren Beispiele dienen des- wegen als Platzhalter, um die Eigenart von Wahrnehmungsurteilen zu ver- deutlichen, weil gerade sie für den Aufbau und für die Begründung gegen- ständlicher Erkenntnis funktionslos bleiben. Kant macht auch sogleich darauf aufmerksam, „daß diese Beispiele nicht solche Wahrnehmungs-

weil

sie sich bloß aufs Gefühl, welches jedermann als bloß subjektiv erkennt

urteile vorstellen, die jemals Erfahrungsurteile werden könnten,

7 IV 298. Im gegenwärtigen Zusammenhang sind die Wahrnchmungsurteilc vorerst nur deswegen von Bedeutung, weil sie auf eine später noch näher zu bestimmende Weise lediglich mit Sinnlichem befaßt sind. Zu ihrer genaueren Bestimmung im Hinblick auf ihren Charakter als Urteile vgl. unten S. 89 ff.

72 IV 299.

§2

57

und welches also niemals dem Objekt beigelegt werden darf, beziehen" 73 . Die Art, in der Urteile aller Art in der Umgangssprache üblicherweise durch gegenstandsbezogene Aussagen dokumentiert werden, verführt da- zu, den Unterschied zu vernachlässigen, der zwischen den zu Erkenntnis- urtcilen transformierbaren und den dazu nicht transformierbaren Urteilen besteht. Ohnehin pflegt die Umgangssprache noch nicht einmal den gene- rellen Unterschied zwischen Wahrnehmungsurteilcn und Erkenntnisurtei- lcn präzise wiederzugeben, wenn sie sich in beiden Fällen unterschiedslos derselben gegenstandsbezogenen Aussagetypen bedient. Ungeachtet ihrer möglichen Transformierbarkeit müssen jedoch sämtliche Wahrnehmungs- urteile zunächst einmal als ästhetische, der sinnlichen Sphäre des Subjekts zugeordnete und auf sie beschränkte Urteile eingestuft werden, die dieser Eigenschaft nur verlustig gehen, wenn sie, sofern überhaupt möglich, vom Verstand mit Hilfe der Kategorien auf Objekte bezogen und so zu Erfah- rungsurteilen erhoben werden. Seine Anpassungsfähigkeit in den Fragen der Terminologie erlaubt es Kant, von Sinn und Sinnlichkeit gelegentlich auch so zu sprechen, daß le- diglich objektivierungsfähige Empfindungen durch diese Ausdrücke abge- deckt werden. So soll sich nach der „Metaphysik der Sitten" das Wort „Sinn" ausschließlich auf solche Vermögen beziehen, die fähig sind, in eine Gegenstandsbczichung eingebunden zu werden 74 . Diese Eingrenzung nimmt Kant bei Gelegenheit der Erörterung des moralischen Gefühls vor. Weil es gleich allen anderen Gefühlen eine nicht objektivicrungsfähige Empfindung und daher etwas in eminenter Weise „bloß Subjektives" ist, lehnt er es ausdrücklich ab, von einem „moralischen Sinn" zu sprechen. Als ein unverrückbar dem Innenbcrcich der Subjektivität verhaftet bleibendes Phänomen klassifiziert er es statt dessen mit Hilfe des Epithetons „ästhe- tisch". Ähnlich dem Gewissen, der Menschenliebe und der Selbstachtung als den anderen „ästhetischen Vorbegriffen der Empfänglichkeit des Ge- müts für Pflichtbegriffe überhaupt" 5 enthält auch das moralische Gefühl zwar nicht unmittelbar das Bewußtsein der Pflicht, wohl aber setzt es eine der subjektiven Bedingungen, unter denen der Mensch für ein derartiges Bewußtsein empfänglich werden kann. Weil Kant den Ausdruck „Sinn" hier auf die Funktion einengt, ausschließlich ein „theoretisches, auf einen Gegenstand bezogenes Wahrnehmungsvermögen" 76 zu bezeichnen, benö- tigt er für das moralische Gefühl, das sich als „etwas bloß Subjektives,

7 '

IV 299; vgl. R 3146.

74 Vgl. VI 400. VI 399; die Ausdrücke „Begriff" und „Vorbegriff" werden hier, wie bei Kant auch sonst nicht selten, nur in einem untechnischen Sinn verwendet, der die Differenz zwischen der sensi- blen und der intelligiblcn Sphäre vernachlässigt.

76 VI 400.

58

I. Der Begriff des Ästhetischen

was kein Erkenntnis abgibt" darbietet, einen anderen Oberbegriff. Ihn ver- mittelt „der ästhetische Zustand (der Affizierung des inneren Sinnes)" . Der Begriff des so benannten Zustandes bleibt damit jenem Teilbereich des Sinnlichen vorbehalten, dessen Elemente nicht geeignet sind, sich zum Zweck der Erkenntnis auf Gegenstände beziehen und als deren Eigen- schaften verstehen zu lassen. Der rezeptive Charakter alles Sinnlichen und des - hier und nur hier von ihm unterschiedenen - Ästhetischen wird na- türlich auch in diesem Fall nicht in Frage gestellt. So läßt es die allem Sinn- lichen und erst recht allen Gefühlen eigentümliche Passivität nicht zu, den Menschen zum Besitz des moralischen Gefühls zu verpflichten. Weil nie- mand über die Widerfahrnisse verfügen kann, die ihn treffen, kann es kei- ne moralische Pflicht zu Widerfahrnissen, also auch nicht zu Gefühlen ge- ben. Weil aber das moralische Gefühl in einer Gemütsanlage gründet, mit der jeder Mensch schon von der Natur ausgestattet worden ist, kann er immerhin dazu verpflichtet werden, diese Anlage zu kultivieren. In der Religionsphilosophie begegnet der Ausdruck „ästhetisch" in ei- nem ähnlichen Sinn, wenn Kant von der „ästhetischen Beschaffenheit" handelt, welche „gleichsam das Temperament der Tugend sei" . Das ge- schieht in einer längeren Textanmerkung, in der er auf die von Schiller in „Über Anmut und Würde" an den Prinzipien seiner praktischen Philoso- phie geübten Kritik antwortet. Er identifiziert die ästhetische Beschaffen- heit der Tugend mit einer Gefühlsregung, die er als eine „Gemütsstim-

ist

Diese Stimmung darf

die Befolgung der Pflicht begleiten; dagegen darf sie nicht das Motiv sein, das den Menschen allererst veranlaßt, dem Gebot der Pflicht zu folgen, da es sich selbst in einem solchen Fall noch um eine fremdbestimmte, weil nicht in der Autonomie der sittlichen Person wurzelnde Pflichterfüllung handeln würde. Daher kommt jener Gemütsstimmung nur der Status einer Nebenwirkung zu, die von einer allein durch das Bewußtsein der Pflicht motivierten Befolgung des Sittengesetzes gezeitigt wird. Im übrigen nimmt auch sie an der Rezeptivität und Passivität alles Sinnlichen teil. Deswegen ist es nicht möglich, diese Gemütsstimmung als solche zu intendieren, es sei denn in rein theoretischer Absicht. Diese Beispiele dürften hinreichend deutlich gemacht haben, daß Kant mit dem Ausdruck „ästhetisch" spätestens seit dem Beginn der kritischen Periode seines Philosophierens die durch ihn klassifizierte oder charakteri- sierte Sache in jedem Fall der Region der Sinnlichkeit, dort aber nicht not-

mung" einstuft: „Das fröhliche Herz in der Befolgung seiner Pflicht

ein

Zeichen der Echtheit tugendhafter Gesinnung" 79 .

VI 399.

Vgl. VI 23 f.

§2

59

wendig der Geschmackswelt zuordnet. Damit ist noch nichts darüber aus- gemacht, welchen Ort die Sache in dieser Sphäre besetzt. Auf jeden Fall hat alles, was in diesen Bereich fällt, den Status einer passiven Bestimmung im Sinne einer Modifikation der Subjektivität, nicht den einer von ihr ak- tiv hervorgebrachten Leistung. Alles Sinnliche bleibt als solches stets ein Widerfahrnis, das von der Subjektivität nur konstatiert und hingenommen werden kann, die Phänomene des inneren Sinnes nicht ausgenommen. Auch wenn der Verstand von seiner Fähigkeit Gebrauch macht, geeignete Empfindungen auf Gegenstände zu beziehen, sind sie ihrem Ursprung nach zunächst einmal Widerfahrnisse der Subjektivität. Nur weil es Emp- findungen gibt, die sich ihrer Natur nach gar nicht auf Gegenstände bezie- hen lassen, ist es verständlich, wenn Kant bestimmte Phänomene von der Art der Gefühle und der Gemütsstimmungen zum Zweck der Abgrenzung gelegentlich als ästhetisch auch in einem engeren Sinn des Wortes aus- zeichnet. Benutzt man sie als Beispiele, um an Hand ihrer die Eigenschaf- ten des Sinnlichen zu studieren, so ist nicht zu befürchten, daß die auf sie gerichtete Aufmerksamkeit durch eine vom Verstand ins Werk gesetzte und sie überlagernde Gegenstandsbeziehung abgelenkt wird. Damit wird bestätigt, inwiefern bei Kant die Begriffe des Ästhetischen, des Sinnlichen und des Subjektiven auf denselben Bereich verweisen. Sie können sich in vielen Fällen gegenseitig vertreten, selbst wenn sie gelegentlich auch ein- mal dazu verwendet werden, innerhalb dieses Bereichs Differenzierungen zu markieren.

Im Blick auf die Konvergenz des Ästhetischen und des Subjektiven bleibt gleichwohl noch eine Schwierigkeit bestehen. Sic gründet in der Tatsache, daß natürlich auch der Verstand zu den Vermögen der Subjektivität ge- hört. Das gilt auch dann, wenn er von seinem apriorischen Besitz Gebrauch macht und mit Hilfe der Kategorien auf der Basis gegebener Empfindun- gen gegenständliche Objekte intendiert. Doch auch wenn er eine Bezie- hung zur Welt gegenständlicher Objekte anstrebt oder herstellt, wird er damit nicht zu einem Element dieses Bereichs. Eine solche Feststellung mag trivial erscheinen. Um so mehr hat man Anlaß, die Aufmerksamkeit auf den Unterschied zu richten zwischen dem, was der Verstand als eines der Vermögen der Subjektivität selbst ist und dem, was er leistet und wor- auf er sich bezieht, wenn er seiner Natur gemäß tätig wird. Die Unter- suchungen der „Kritik der reinen Vernunft" machen in der Transzendenta- len Logik immer nur die Leistungen des Verstandes und deren Resultate zum Gegenstand, vor allem natürlich seine Intention auf Objekte mitsamt den Geltungsansprüchen, die er mit dieser Intention verbindet. Diese Dinge setzt auch die Dritte Kritik voraus, ohne sie noch einmal eigens zur Spra- che zu bringen. Nun kann der Verstand aber nicht nur auf seine Leistun- gen hin betrachtet werden, die sich als solche untersuchen und auf ihre Le-

60

I. Der Begriff des Ästhetischen

gitimation hin beurteilen lassen. Als eines der Vermögen der Subjektivität kann er auch unabhängig von seinen Resultaten in der Faktizität seiner Tä- tigkeit auf unmittelbare, sinnliche Weise präsent sein, weil der mit ihm ausgestattete Mensch zwar nicht jene Resultate, wohl aber diese Tätigkeit als eine Modifikation seiner selbst zu empfinden vermag. Der Verstand kann sich nur auf Gegenstände beziehen, wenn er dabei zugleich von sinn- lichen Empfindungen Gebrauch macht. Diese Gegenstände sind ihm des- wegen jedoch gerade nicht als Empfindungen präsent. Nachdem die Erste Kritik, nur mit der Prüfung der von den Erkenntnis- vermögen gezeitigten Resultate und ihrer Geltungsansprüche befaßt, die Tatsache auf sich beruhen lassen konnte, daß alle diese Vermögen, wenn sie tätig sind, auch empfunden werden können, rücken sie in der Dritten Kritik in den Mittelpunkt des Interesses. Dort werden bestimmte Tätigkei- ten und Widerfahrnisse der Subjektivität und ihrer Vermögen gerade unter dem Gesichtspunkt bedeutsam, daß sie unabhängig von allfälligen Leistun- gen im Dienst der Erkenntnis sinnlich empfunden werden können. Im Ge- schmacksurteil findet Kant das Paradigma, an dem sich dergleichen mit Aussicht auf Erfolg studieren läßt, weil eine Empfindung vom Typus eines Gefühls mit zum Inhalt dieses Urteils gehört. Deshalb lenkt es auch, kor- rekt gedeutet, das Interesse des Betrachters nicht von der Faktizität der subjektiven Vermögen und von ihrer Selbstgegebenheit in der Empfindung ab. Überdies erlaubt es die Analyse dieses Urteils, eine in diesem Bereich verankerte apriorische Struktur und den mit ihr verbundenen Geltungs- anspruch vor Augen zu stellen. Dies schließt nicht aus, daß sich dieser un- gcgcnständlichen, weil nur empfundenen Präsenz der Tätigkeit subjektiver Vermögen, auch des Verstandes, eine Funktion zwar nicht in der Begrün- dung, wohl aber in der Genese der Erkenntnis zuschreiben läßt.

Begriffsinhalte lassen sich nicht abgelöst von dem Netz bestimmen, in- nerhalb dessen jeder einzelne Begriff seine Stelle hat und das ihn mit ande- ren Begriffen verknüpft. Das gilt vor allem für ihre Beziehung zu den je- weiligen Gegenbegriffen, da jeder Begriff immer auch eine Abgrenzungs- funktion erfüllt. Es war schon davon die Rede, inwiefern der kantische Be- griff des Ästhetischen durch seinen Gegensatz zu dem Begriff des Logi- schen bestimmt ist, wie er sich schon im Aufbau der Elemcntarlehre der „Kritik der reinen Vernunft" spiegelt. Ihm entsprechen die Dichotomien von Sinnlichkeit und Verstand, von Rezeptivität und Spontaneität, von Subjektivität und Gegenstandsbezogenheit. Auch in der „Kritik der Ur- teilskraft" bleibt der Begriff des Ästhetischen durch diesen Gegensatz be- stimmt, wenn nach der dort vorgetragenen Lehre eine Vorstellung im äs- thetischen Urteil auf das Subjekt und seine Sinnlichkeit, vorzugsweise auf sein Gefühl, im logischen Urteil dagegen auf ein Objekt bezogen wird. Beim ästhetischen Urteil - und damit auch beim Gcschmacksurtcil - ist der

§2

61

Ursprung jener Vorstellungen jedoch nicht von Belang, die auf das urtei- lende Subjekt und sein Gefühl bezogen werden. Auch darauf macht sogleich der erste Paragraph der Dritten Kritik auf-

merksam: „Gegebene Vorstellungen in einem Urteile können empirisch (mithin ästhetisch) sein; das Urteil aber, das durch sie gefällt wird, ist lo- gisch, wenn jene nur im Urteile auf das Objekt bezogen werden. Umge- kehrt aber, wenn die gegebenen Vorstellungen gar rational wären, würden aber in einem Urteile lediglich auf das Subjekt (sein Gefühl) bezogen, so

sind sie sofern

bestätigt, daß die These „Das Geschmacksurteil ist ästhetisch" in der Tat eine Klassifikation vornimmt und deswegen keine spezifische Differenz angibt, die dem Geschmacksurteil und nur ihm eigentümlich wäre. Auch in der Dritten Kritik bildet somit das Logische den eigentlichen Gegen- begriff jenes Ästhetischen, zu dessen Sphäre längst nicht nur die Welt des Geschmacks, sondern ohne Unterschied alles Sinnliche gehört. Das ist frei- lich zunächst nur eine vorläufige Zuordnung. Sic sagt noch nichts darüber aus, was es für ein Urteil bedeutet, ein ästhetisches, mithin ein subjektbe- zogenes Urteil zu sein. Der Gegensatz zum logischen, durch seine Intention auf einen Gegenstand charakterisierten Urteil liefert für sich allein noch keine positive Bestimmung des Propriums eines ästhetischen Urteils, son- dern zunächst nur eine Abgrenzung, solange noch nichts darüber aus- gesagt ist, in welchem Sinn bei diesem Urteil von einer Beziehung auf das Subjekt die Rede sein kann.

Wenn der Ausdruck „ästhetisch" auch in Kants Dritter Kritik lediglich eine Zugehörigkeit der so klassifizierten Sache zur Sphäre der Sinnlichkeit anzeigt, fragt es sich, in welcher Hinsicht sich die dort analysierte Urteils- kraft als ein spezifisch ästhetisches Vermögen zeigt. Die landläufige Deu- tung, die von einer ausschließlich auf gcschmacksrelevante Inhalte aus- gerichteten Urteilskraft ausgeht, greift zu kurz, weil sie nicht berücksich- tigt, daß der Geschmack lediglich das Leitparadigma für die Untersuchun- gen der „Kritik der ästhetischen Urteilskraft" abgibt. Die exemplarische Ermittlung eines Prinzips der Urteilskraft am Beispiel der Beurteilungen des Geschmacks bildet dort nicht das Endziel, sondern im Gang der Analy- se nur „das wichtigste Stück einer Kritik dieses Vermögens" 81 . Wenn Kant zugleich darauf verweist, daß es eben diese Beurteilungen sind, „die man ästhetisch nennt, die das Schöne und Erhabene betreffen" 8 "', so zitiert er damit nur einen verbreiteten Sprachgebrauch, ohne sich ihm anzuschlie- ßen. Zudem wird die „Verlegenheit wegen eines Prinzips", wie sie sich bei

jederzeit ästhetisch" 80 . Mit diesem Passus wird noch einmal

8U V 204.

81 V169.

82 V169.

62

I. Der Begriff des Ästhetischen

der Analyse der Urteilskraft ergibt, nicht ausschließlich, sondern nur

„hauptsächlich" bei der Untersuchung der Geschmacksurteile virulent. Diese Verlegenheit kann in den Fällen, in denen die Urteilskraft, anders als in ihrer Rolle als Geschmack, auch mit Begriffen arbeitet, zwar nicht be- hoben, aber dennoch leicht überspielt werden. Als Paradigma für die Ur- teilskraft überhaupt dient Kant der Geschmack mitsamt den Geltungs- ansprüchen, die er mit seinen Beurteilungen verbindet, auch deswegen, weil gerade seine Analyse zugleich „eine Eigenschaft unseres Erkenntnis- vermögens aufdeckt, welche ohne diese Zergliederung unbekannt geblie- ben wäre" 84 . Schon wegen ihrer Relevanz für das Erkenntnisvermögen im ganzen kann die Analyse des Geschmacks nur im Hinblick auf seine exem- plarische Funktion das Kernstück, in systematischer Hinsicht aber gerade nicht das eigentliche Thema der Kritik der ästhetischen Urteilskraft bil-

wird noch zu zeigen sein, warum gerade der Geschmack dazu

prädestiniert ist, hier die Funktion eines Leitparadigmas zu übernehmen. Sind die hier skizzierten, von Kants Umgang mit dem Ausdruck „ästhe- tisch" ausgehenden Überlegungen begründet, so verbietet es sich, ästheti- sche Urteilskraft und Geschmack zu identifizieren. Auch wenn die ästheti- sche Urteilskraft unverstellt im Geschmack faßbar wird, ist ihre Tätigkeit bei weitem nicht auf das Einzugsgebiet dieses Vermögens eingeschränkt. Deshalb darf man die ästhetische Urteilskraft nicht kurzschlüssig als ein nur für die Beurteilung geschmacksrelevanter Inhalte kompetentes Ver- mögen deuten. Das Problem, in welchem Sinn Kant von einer Urteilskraft spricht, die als solche ästhetisch ist und sich nicht lediglich Ästhetisches zu ihrem Gegenstand macht, läßt sich nicht schon dadurch umgehen, daß man vermeidet, Kant in der Dritten Kritik hinsichtlich des Ausdrucks „äs- thetisch" einen Rückfall in einen Sprachgebrauch zu unterstellen, von dem er sich bereits distanziert hatte oder ihm eine Äquivokation vorzuwerfen. Doch auch wer akzeptiert, daß dieses Wort eine Beziehung auf die Sphäre der Sinnlichkeit überhaupt signalisiert, steht immer noch vor der Frage, ob das Wesen der ästhetischen Urteilskraft durch ihre Fähigkeit bestimmt ist, Urteile zu fällen, die mit bestimmten Phänomenen im Reich des Sinnlichen befaßt sind, oder ob sich diesem Vermögen auch unabhängig von seinen Gegenständen die Eigenschaft des Ästhetischen zusprechen läßt. Hier ist es nützlich, die Vorliebe zu registrieren, mit der Kant schon in den Reflexio- nen der vorkritischen Zeit von den Ausdrücken „sinnliche Urteilskraft"

den 85 . Es

Über die nur exemplarische Gültigkeit des Gcschmacksurteils als eines bloßen Beispiels für ein Urteil des Gemeinsinns vgl. V 239.

§2

63

und „sinnliches Beurteilungsvermögen" Gebrauch macht . Die einschlägi- gen Stellen entstammen zumeist einem Umkreis, in dem Kant mit der Leh- re Alexander Baumgartens vom Judicium sensitivum" und vom „Judicium sensuum" befaßt ist 87 . Dies mag ihre Aussagekraft zunächst einschränken, da man nicht berechtigt ist, die Bedeutung dieser Ausdrücke vorschnell mit der Bedeutung der „ästhetischen Urteilskraft" gleichzusetzen. Auf je- den Fall befindet man sich hier aber zumindest in der Nähe des Bereichs, innerhalb dessen Kant von dem Ausdruck „ästhetische Urteilskraft" Ge- brauch macht, um eine Theorie zu entwickeln, die sich auf dieses Ver- mögen als auf ihren Gegenstand richtet. Mit Baumgarten und seiner Schule ist sich Kant darin einig, daß in Ur- teilen auch Elemente vorkommen können, denen ein prälogischer Status zukommt. Nicht nur Begriffe im strengen Sinn des Wortes gehen in Urtei- le als ihre Elemente ein, sondern manchmal auch sinnliche Elemente von der Art der Empfindungen und der Gefühle und damit nicht lediglich Zei- chen, die auf sie verweisen. Eigene Wege schlägt Kant ein, wo er die Fein- struktur solcher Urteile analysiert und nach der Art und der Legitimation des von ihnen erhobenen Geltungsanspruchs fragt. Hier wird eine Diffe- renz zwischen Kant und Baumgarten in der Deutung des Verhältnisses von Sinnlichem und Intelligiblem sichtbar. Während das kantischc Zweistäm- mekonzept zwei heterogene, aber gleichrangige Vermögen annimmt, bil- den für Baumgarten alle Vorstellungsvermögen im Sinne des auf Leibniz zurückgehenden und von Christian Wolff weiter entwickelten Modells ei- ne Klimax. Die sinnlichen und die intelligiblen Vermögen unterscheiden sich diesem Modell gemäß nur durch den Grad an Deutlichkeit, mit dem sie ihre Inhalte repräsentieren. Die Elemente dieser Klimax haben ein ge- meinsames Fundament und unterscheiden sich nur durch ihre Rangstufe. Im Blick auf diese Gradation hat Baumgarten keine Schwierigkeiten, auch Sinnliches, beispielsweise Wahrnehmungen als undeutliche Begriffe anzu- erkennen 88 . Zum Kernbestand der kantischen Lehre gehört dagegen dem Zweistämmekonzept gemäß die Annahme einer nicht graduellen, sondern prinzipiellen Differenz von Wahrnehmen und Denken: „Der Verstand ver- mag nichts anzuschauen, und die Sinne nichts zu denken" 89 , zumal da be- gründungsfähige Erkenntnis nur durch ihre Kooperation entstehen kann.

86 R 806, 818, 819, 823, 837, 842, 1748,1774, 1851, 1856,1935; vgl. VII 240; XXIV514, 611. Vgl. auch Dumouchel (1998), S.25 f.

87 Vgl. bei Baumgarten vor allem Metaphysica §§ 606 ff.

88 Vgl. unten S. 97ff.

89 A 51 / B 75 ; vgl. auch A 43 / B 60f. sowie VII 140f.: „Die Sinnlichkeit bloß in der Un- deutlichkeit der Vorstellungen, die Intellcktualitat dagegen in der Dcutlichkeit zu setzen und hiermit einen bloß formalen (logischen) Unterschied des Bewußtseins statt des realen (psy- chologischen), der nicht bloß die Form, sondern auch den Inhalt des Denkens betrifft, zu set-

64

I. Der Begriff des Ästhetischen

Will man dem Zweistämmekonzept gerecht werden, kann man der Ur- teilskraft den Charakter des Ästhetischen schwerlich in dem Sinn zuspre-

chen, daß man sie damit eindeutig den sinnlichen Vermögen zuordnet. Oh- nehin pflegt sie Kant zusammen mit Verstand und Vernunft in Anlehnung an die Tradition unter dem Obertitel der oberen Erkenntnisvermögen zu- sammenzufassen und sie damit der Region der sinnlichen Vermögen zu entheben 90 . Die dieser Tradition verpflichtete Rede von „oberen" Erkennt- nisvermögen mag angesichts des kantischen Konzepts zweier gleichrangi- ger Stämme des Erkennens nicht mehr ganz angemessen erscheinen. Da sie sich aber an einem gängigen Sprachgebrauch orientiert, führt sie nicht

zwangsläufig

läßt sich die ästhetische Urteilskraft nicht als ein mit der Fähigkeit des Ur- teilens ausgestattetes Vermögen verstehen, das eindeutig und ausschließ-

lich den sinnlichen Vermögen zuzuordnen wäre.

Bei der Bemühung, eine wenigstens vorläufige Antwor t auf die Frage nach dem Sinn zu finden, in dem man von einer Urteilskraft sprechen kann, die als solche ästhetisch ist, darf man wiederum auf die Erste Einlei- tung in die Dritte Kritik zurückgreifen. Wenn Kant dort die Grundsätze ei- ner „Ästhetik des Beurteilungsvermögens" 92 skizziert, die er als eine „Äs- thetik der reflektierenden Urteilskraft" 93 versteht, lassen sich diese Aus- drücke schwerlich so deuten, als würden sie nur auf den sensuellen Status der Inhalte verweisen, mit denen diese Urteilskraft befaßt ist. Beide For- meln bleiben freilich mehrdeutig, solange unklar ist, ob subjektive oder objektive Genitive vorliegen. Diese Mehrdeutigkeit läßt sich indessen auf- lösen, wenn man berücksichtigt, daß Kant hier „den Ausdruck ästhetisch weder von der Anschauung, noch weniger aber von Vorstellungen des Ver-

den Handlungen der Urteilskraft braucht" 94 .

zu Mißverständnissen. „Weil die Sinne gar nicht urteilen" 91 ,

standes, sondern allein von

Nun gilt aber auch der Grundsatz: „Urteilen gehört schlechterdings nur dem Verstände (in weiterer Bedeutung genommen) zu, und ästhetisch oder sinnlich urteilen, sofern dieses Erkenntnis eines Gegenstandes sein soll, ist selbst alsdann ein Widerspruch, wenn Sinnlichkeit sich in das Geschäft des

zen, war ein großer Fehler der Lcibniz-Wolffischen Schule, nämlich die Sinnlichkeit bloß in einem Mangel (der Klarheit der Tcilvorstelltingen), folglich der Undeutlichkeit zu setzen, die Beschaffenheit aber der Verstandesvorstcllung in der Deutlichkeit; da jene doch etwas sehr

Positives und ein unentbehrlicher Zusatz zu der letzteren ist, um ein Erkenntnis hervorzubrin- gen". Vgl. auch die „Apologie für die Sinnlichkeit" (VII 143 ff.).

9U

Vgl. A 130/ B

169; V 345 ; VII 196 f.

91 IX 53 ; vgl. VII 146; A

92

XX 221. XX 249. 94 XX 222.

93

29 3 /

B 350 ; XX 22 2 f.

§2

65

Verstandes einmengt und

Was die Urteilskraft zum Erwerb oder zur Begründung einer Erkenntnis beiträgt, wird hier ebensowenig thematisch wie das Verhältnis dieses Ver- mögens zu den Gegenständen der Erkenntnis. Lediglich ihre Tätigkeit wird hier als ästhetisch qualifiziert, jedoch weder die Objekte noch die Resulta- te dieser Tätigkeit. Die Rede von der ästhetischen Urteilskraft kann dann aber nur auf die Aktivität eines Vermögens verweisen, wie und insofern sie von seinem Subjekt sinnlich empfunden und erfahren wird. Auf entspre- chende Weise ist auch ein Urteil ästhetisch nicht dann, wenn es mit Inhal- ten der Welt des Geschmacks befaßt ist, sondern nur wenn und insofern es durch Elemente konstituiert ist, die der Sphäre des Sinnlichen zuzuordnen sind.

Leicht übersieht man, daß Kant in der Urteilskraft ein gegliedertes, komplexes Vermögen sieht, an dessen Tätigkeit unterschiedliche Kom- ponenten beteiligt sind. In ihr werden „Verstand und Einbildungskraft im Verhältnisse gegeneinander betrachtet" 96 . Aber auch als ein komplexes, auf der Beziehung zweier Kräfte beruhendes Vermögen läßt sich die Ur- teilskraft auf die Leistungen hin untersuchen, die sowohl die Genese als auch die Begründung einer Erkenntnis vorbereiten. In der „Kritik der rei-

nen Vernunft" gibt die Schematismuslehre das Beispiel einer Theorie, die eine derartige Beziehung zum Gegenstand hat. Dort handelt es sich freilich um einen Sonderfall, weil sich diese Lehre auf die apriorischen Strukturen beschränkt, die einer jeden durch die Urteilskraft vermittelten Gcgen- standserkenntnis zugrunde liegen. Nun läßt sich die Beziehung zwischen den in der Urteilskraft kooperierenden Elcmentarvermögcn nicht nur im Blick auf deren Objekte betrachten, sondern auch in bezug auf die Weise, in der diese Vermögen vom Urteilenden in ihrem Zusammenwirken emp- funden werden. Eine auf diese subjektive Seite jener Beziehung gerichtete Untersuchung kann die an der Urteilskraft beteiligten Erkenntnisver- mögen insofern sichtbar machen, als „eins das andere in eben derselben Vorstellung befördert oder hindert und dadurch den Gemütszustand affi-

„Verhältnis, welches empfindbar ist" 9 . Empfin-

ziert", und zwar in einem

dungen aber gehören zur Sphäre der Sinnlichkeit. Eine Untersuchung, die gerade solche Empfindungen thematisiert, läßt sich daher als eine „Ästhe- tik des Beurteilungsvermögens" bezeichnen, wenn das Wort „Ästhetik" ei- ne Wissenschaft von der Sinnlichkeit überhaupt intendiert. Die Funktion des Gcnitivs in dieser Formel ist damit klar. Gemeint ist nicht eine von der Urteilskraft oder für sie entwickelte Geschmackslehre, sondern eine Un-

dem Verstände eine falsche Richtung gibt" 95 .

95 XX 222; vgl. aber 248.

96 XX 223; vgl. auch unten S. 147 f. 97 XX 223.

66

I. Der Begriff des Ästhetischen

tersuchung des Beurteilungsvermögens im Hinblick darauf, wie es sich in seiner Aktivität der Sinnlichkeit des Urteilenden im Modus einer Gefühls- empfindung auf unmittelbare Weise präsentiert.

Kant verzichtet in der Dritten Kritik schließlich aber doch auf die noch in der Ersten Einleitung verwendeten Bezeichnungen „Ästhetik der reflek- tierenden Urteilskraft" und „Ästhetik des Beurteilungsvermögens" und stellt seine Untersuchungen unter den Titel einer „Kritik der ästhetischen Urteilskraft". Die Gründe, die zu dieser Entscheidung geführt haben mö- gen, lassen sich schon der Ersten Einleitung entnehmen: Der Name der Äs- thetik ist von zu weitläufiger Bedeutung, da er „auch die Sinnlichkeit der

bedeuten könnte, daher wir auch schon den Ausdruck der

Ästhetik ausschließungsweise für das Prädikat, was in Erkenntnisurteilen zur Anschauung gehört, bestimmt haben" 98 . Dieser Name soll also auch jetzt der Wissenschaft von der Sinnlichkeit vorbehalten bleiben. Überdies soll er, bedingt durch die transzendentale Ästhetik der Ersten Kritik und ihren erkenntnistheoretischen Kontext, eine Disziplin bezeichnen, von der die Sinnlichkeit im Blick auf ihre Rolle beim Aufbau der Erkenntnis unter- sucht wird. Auch noch aus einem anderen Grund verdient der Titel „Kritik der ästhetischen Urteilskraft" den Vorzug vor seinen Konkurrenten. Nur er signalisiert unzweideutig die Zugehörigkeit der einschlägigen Unter- suchung zum „kritischen Geschäft". Er deckt die Möglichkeit ab, daß sich im Umkreis des sinnlich Empfindbaren auch unabhängig von jeder Bezie- hung auf Objekte apriorische, mit Geltungsansprüchen verbundene Struk- turen auffinden lassen. Solche Ansprüche bedürfen einer Kritik, von der berechtigte Ansprüche legitimiert, unberechtigte hingegen zurückgewiesen werden. Eine Schlüsselfunktion wächst bei diesem Geschäft jenen Gefüh- len zu, in denen der Urteilende eine geglückte Tätigkeit seiner Urteilskraft unmittelbar empfindet.

Anschauung

So hat sich bestätigt, daß der Ausdruck „Ästhetik" auch dort, wo ihn Kant in der Ersten Einleitung zur „Kritik der Urteilskraft" noch verwen- det, keine Lehre vom Geschmack bezeichnet, sondern eine Theorie, die da- durch charakterisiert ist, daß sie bestimmte Phänomene aus der Sphäre des Sinnlichen untersucht. Sein Umgang mit diesem Ausdruck ermöglicht da- mit auch eine korrekte Deutung des Terminus „ästhetische Urteilskraft". Zwar liefert der Geschmack das Paradigma, an dem Kant in der Dritten Kritik die Tätigkeit der Urteilskraft studiert. Doch nicht deswegen tritt sie in der Rolle einer ästhetischen Urteilskraft auf, auch nicht deswegen, weil sie sich auf sinnenfällige Dinge als auf ihre Objekte richten würde, sondern nur deshalb, weil sie, wenn sie am Werk ist, am deutlichsten in der Gestalt des Geschmacks - aber eben nicht nur in ihr - vom Urteilenden auf sinn-

§3

67

liehe und damit auf unmittelbare Weise im Modus einer Empfindung sinn- lich wahrgenommen wird, die zugleich fähig ist, der Tätigkeit dieses Ver- mögens die Richtung zu weisen. Dem Leser der Dritten Kritik mutet Kant eine nichttriviale Differenzie- rungsleistung zu. Wie schon in der Ersten Kritik soll er das Wort „ästhe- tisch" auch hier im Gegensatz zum landläufigen Sprachgebrauch aus- schließlich so verstehen, daß es eine Zuordnung der mit ihm charakteri-

sierten Sache nicht zur Welt des Geschmacks, sondern generell zur Sphäre der Sinnlichkeit anzeigt. Er soll sich aber nicht durch die Fragen gänzlich absorbieren lassen, die speziell den Geschmack und damit „Beurteilungen

, die das Schöne und Erhabene, der Natur oder der Kunst betreffen" 99 ,

mit denen er gleichwohl in großer Ausführlichkeit konfrontiert wird. Denn es sind Fragen, die Kant nur deswegen erörtert, weil der exemplari- schen Funktion des Geschmacks wegen die kritische Untersuchung eines Prinzips der Urteilskraft in jenen Beurteilungen nicht das einzige, sondern nur „das wichtigste Stück einer Kritik dieses Vermögens" 100 ist. So liefert der Geschmack in der Tat lediglich das Paradigma, dessen Analyse es er- möglicht, dem eigentlichen Thema der Analyse, nämlich der Urteilskraft als solcher mitsamt ihrer vom Urteilenden im Modus eines Gefühls zum Bewußtsein kommenden Tätigkeit am Ende auch dort noch gerecht zu werden, wo sie im Dienst des Erkennens am Werk ist.

§3

Jede philosophische Lehre steht im Kraftfeld eines polemischen Kontextes. Will man sie verstehen, tut man gut daran, sich zunächst mit den Eigenhei- ten der Sprache und der Begrifflichkeit vertraut zu machen, deren sich der Autor bedient, um seine Gedanken den von ihm ins Auge gefaßten Adres- saten zu vermitteln. Jeder Text ist im Blick auf Adressaten formuliert, die der Interpret berücksichtigen und in Rechnung stellen muß. Wie alle Tex- te, die mit dem Anspruch auftreten, Wahrheit mitzuteilen, fassen auch philosophische Werke stets wirkliche oder mögliche Gegner ins Auge. Selbst wenn sich ein Autor darum bemüht, seine Überlegungen von der Fiktion eines gedanklichen Nullpunktes aus zu entwickeln, kann er nicht davon absehen, daß er sich unter den Realbedingungen einer jeweils kon- kreten und zugleich kontingenten Situation äußert, unter denen er in eine bestimmte Diskussion eingreift und auf die ihr entsprechende Bewußt-

99

V 169.

68

I. Der Begriff des Ästherischen

seinslage Rücksicht nimmt. Er steht unter dem Zwang, sich abzugrenzen, wenn er seinen Gedanken nicht jene Kontur vorenthalten will, ohne die sie von ihren Adressaten schwerlich angemessen verstanden und rezipiert werden können. Deswegen ist jeder philosophische Text, ausgesprochen oder unausgesprochen, von einem polemischen Kontext wie von einem Hof umgeben. Wer versucht, Kants Dritte Kritik zu verstehen, muß berücksichtigen, daß die Ästhetik Alexander Baumgartens und seiner Schule ein wesentli- ches Stück ihres polemischen Kontextes bildet. Will man ihm gerecht wer- den, darf man nicht den Einfluß übersehen, den ein Gegner indirekt gerade dadurch ausüben kann, daß er bekämpft wird. Zwar lassen sich trotz der unterschiedlichen Ansätze und Fragestellungen manche Lehrelemente identifizieren, die sich in Kants ebenso wie in Baumgartens Konzept fin- den. Doch eine Identität isolierter Lehrstücke ist nur von nachrangiger Be- deutung, wo sich das philosophische Denken dem Anspruch auf systemati- sche Einheit verpflichtet weiß. Den Unterschieden in den Funktionen, die ein Lehrelement in differenten Systemkonzepten übernimmt, wächst in solchen Fällen eine größere Relevanz zu als der Identität einzelner Inhalte. Daher muß die „Kritik der ästhetischen Urteilskraft" auch im Blick auf den Problemkomplex gedeutet werden, der Kant veranlaßt hat, das kriti- sche Geschäft in Angriff zu nehmen und zu erledigen. Es ist ein Problem- zusammenhang, der sich nicht mit den Fragestellungen kompatibel ma- chen läßt, die bei Baumgarten zur Entwicklung einer Ästhetik geführt hat- ten. Nun weiß Kant, daß er sich mit der Dritten Kritik an ein Publikum wendet, dem die Diktion, die Begrifflichkeit und die Fragestellungen der Schule Baumgartens vertraut sind. Übereinstimmungen und Diversitäten, auf die der zeitgenössische Adressat nicht eigens hätte aufmerksam ge- macht werden müssen, muß der moderne Leser dagegen auch dort, wo sie sich ihm nicht expressis verbis darbieten, in Rechnung stellen und zunächst einmal als solche aufspüren.

Ein Faktum von nicht nur äußerlicher Bedeutsamkeit kommt hinzu. Ge- mäß dem damaligen Reglement hatte Kant seinem akademischen Unter- richt von der Aufsichtsbehörde approbierte Kompendien zugrunde zu le- gen. In manchen Fällen waren dies Texte Baumgartens oder Texte aus sei- ner Schule. Die mittlerweile veröffentlichten Nachschriften und Doku- mentationen von Kants Vorlesungen belegen, in welchem Maße er sich sei- nen Hörern gegenüber auf die Sprache und auf die Begrifflichkeit dieser Schule auch dort einläßt, wo er Kritik übt und in der Sache ganz andere als die in den Kompendien vorgezeichneten Wege einschlägt. Wenn dabei einzelne sprachliche Ausdrücke, oft gleichsam unter der Hand, ihren Sinn ändern, so entspricht dies nur dem Gesetz, unter dem jeder Umgang mit der Sprache steht. Die - noch nicht abgeschlossene - Edition der Vorlesun-

§3

69

gen hat jedenfalls den Blick dafür geschärft, wie Kant auch in seinen Publi- kationen auf den Inhalt seiner an Kompendien orientierten Lehrtätigkeit nicht nur sprachlich und begrifflich, sondern auch im Hinblick auf das Problembewußtsein in einer weit subtileren Weise bezogen ist als man dies zunächst vermuten mochte. Diese Sachlage macht die Unterscheidung zwi- schen Eigenem und Fremdem, von Rezeption und Kritik der Bezugs- autoren bei der Interpretation der Vorlesungsnachschriften zu einer schwierigen, in manchen Einzelfragen nicht immer eindeutig lösbaren Aufgabe. Alexander Baumgarten gilt, nach der in den „Meditationes philosophi- cae de nonnullis ad poema pertinentibus" von 1735 geleisteten Vorarbeit, vor allem dank der in zwei Bänden 1750 und 1758 erschienenen lateini- schen „Aesthetica" als Begründer und als Namenspate der neuzeitlichen Ästhetik als einer eigenständigen philosophischen Disziplin 101 . Nur wenig älter sind die „Anfangsgründe aller schönen Wissenschaften", deren ersten Teil sein Schüler Georg Friedrich Meier schon im Jahre 1748 vorgelegt hatte. Vor allem diesem Werk verdankt das Konzept Baumgartens seine Breitenwirkung im deutschen Sprachraum. Meier stellt sich dem Publikum dort als Schüler Baumgartens vor und bekennt sich dazu, im Ansatz wie in den Grundgedanken seines Werkes den Vorlesungen seines Lehrers ver- pflichtet zu sein. Keine jeden Zweifel ausschließende Gewißheit läßt sich indessen darüber gewinnen, in welchem Grad Kant mit dem Text von Baumgartens „Aesthetica" vertraut war. Dagegen kann schwerlich in Fra- ge gestellt werden, daß auch er den Kern von Baumgartens Ästhetik in er- ster Linie aus Meiers „Anfangsgründen" rezipiert hat. Meier hat die Ausformulicrung der von Kant konzipierten Gedanken nicht nur über die „Anfangsgründe" beeinflußt. Sein weit verbreiteter „Auszug aus der Vernunftlehre" war das Kompendium, das Kants Logik- vorlcsungen zugrunde lag. Die Aufgaben der Logik decken bei Meier ein auf andere Weise eingegrenztes Problemfeld ab als beispielsweise das ari- stotelische Organon. So berühren sie mancherlei Fragen, deren Beantwor- tung man heute der Kompetenz der Erkenntnistheorie, der Wissenschafts- theorie, zum Teil auch der Psychologie zuzuweisen pflegt. Meiers Kom- pendium ist denn auch geradezu ein Musterbeispiel für die Vermengung von Logik und Psychologie, wie sie Kant neueren Vertretern der Logik vorwirft 102 . Trotzdem verbindet Meier mit seiner Logik den Anspruch, ein Organon im Sinne einer formalen Disziplin zu liefern, von der die Anfor- derungen erfüllt werden, die an eine Propädeutik für alles philosophische und wissenschaftliche Denken zu stellen sind und die zudem gegenüber al-

, ü l

Vgl. auch Amoroso (1998).

,U2 Vgl. B VIII, A.53 / B 77 f.

70

I. Der Begriff des Ästhetischen

len denkbaren Inhalten neutral bleibt. In der Nachfolge Baumgartens for- dert er, daß die Logik ihre propädeutische Aufgabe künftig mit einer neu- en Disziplin, der Ästhetik teilt. Damit weist er ihr zugleich einen systemati- schen Ort zu, wenn er sie innerhalb seines Konzepts als Teilgebiet einer im erweiterten Sinn des Wortes verstandenen Vernunftlehre versteht. Im Ge- gensatz zur Logik im engeren Sinn fällt der Ästhetik die Aufgabe zu, den sinnlichen Anteil an der Erkenntnis und an den zu ihrem Erwerb führen- den Tätigkeiten zu erforschen und diese Tätigkeiten zugleich unter Regeln zu stellen. Ästhetik und Logik treten gemeinsam als sich ergänzende pro- pädeutische Disziplinen auf, die dazu bestimmt sind, Wege zu finden, auf denen sich der Gebrauch aller Erkenntnisvermögen zur Perfektion entwik- keln läßt. Die so konzipierte Ästhetik erfüllt daher in Meiers Vernunftleh- re die Aufgaben einer Wissenschaft von der Sinnlichkeit überhaupt. Damit steht sie in einer Linie mit der Disziplin, für die später auch Kant den Na- men der Ästhetik reservieren wird. Es bleibt die Frage, wie es dazu kom- men konnte, daß gerade dieser nach Analogie zur Logik und als Pendant zu ihr konzipierten propädeutischen Disziplin in der Schule Baumgartens zugleich die Aufgaben einer Geschmackslehre übertragen werden konn- ten.

Wenn Kant in der „Kritik der reinen Vernunft" zwei Verwendungswei- sen des Wortes „Ästhetik" unterscheidet, um für den eigenen Sprach-

gebrauch nur eine von ihnen zu übernehmen, distanziert er sich zugleich von dem „vortrefflichen Analysten Baumgarten", der die Beschäftigung mit den Dingen des Geschmacks zum Rang einer Wissenschaft erheben

im-

mer klar gesehen wird: Die Linie, mit der Kant die eigene Position ab- grenzt, verläuft nicht genau dort, wo man sie heute zunächst vermuten mag. Gewiß will Kant den Namen „Ästhetik" nur noch gebrauchen, um die mit der Sinnlichkeit im ganzen befaßte Wissenschaft zu bezeichnen, wenn er es ablehnt, ihn auch auf die Geschmackskritik anzuwenden. Nun läßt sich aber gerade der Ästhetikbegriff Baumgartens nicht eindeutig auf die von Kant zurückgewiesene Bedeutung festlegen. Für den Ansatz seiner Schule ist gerade die Weise charakteristisch, in der sie die von Kant unter- schiedenen Bedeutungen verknüpft. Die von Baumgarten konzipierte Äs- thetik soll beide Aufgaben erfüllen, die einer Geschmackslehre und die ei- ner generellen Wissenschaft von der Sinnlichkeit überhaupt. Mit der Wis- senschaft von der Sinnlichkeit überhaupt wird die Erwartung verbunden, daß sie und nur sie den Geschmack und seine Welt dem methodischen Zu- griff einer Wissenschaft erschließen wird.

Georg Friedrich Meier klagt in der Einleitung seiner „Anfangsgründe"

wollte 103 . Dem zeitgenössischen Leser war vertraut, was heute nicht

§3

71

für diese doppelgesichtige neue Ästhetik den Status einer Wissenschaft ein:

„Die Ästhetik soll eine Wissenschaft sein. Da nun eine Wissenschaft eine Erkenntnis ist, welche aus ganz unumstößlichen Gründen hergeleitet wird, so muß auch die ganze Ästhetik auf dergleichen Gründe gebaut werden. Es ist dieses auch um so viel nötiger, je leichter man, um der unendlichen

Verschiedenheit des Geschmacks an den Werken des Geistes willen, von den Schönheiten verschieden zu urteilen pflegt" 104 . Daß diese Ästhetik ih- rem Begriff nach dennoch nicht auf die Phänomene des Schönen und auf die Welt des Geschmacks beschränkt ist, unterstreicht Meier mit einer Definition dieser Disziplin, für die er sich ausdrücklich auf seinen Lehrer beruft: „Die Wissenschaft, die ich ietzo unter Händen habe, ist von ihrem Erfinder die Ästhetik genennt worden, und sie handelt von der sinnlichen Erkenntnis und der Bezeichnung derselben überhaupt" 1 . Es ist Baumgar-

tens Begriff einer „scientia cognitionis sensitivae" 106 , den Meier

Formulierung expliziert. Damit ist die Frage gestellt, wie diese neue Wissenschaft von der Sinn- lichkeit mit jener Lehre vom Geschmack und vom Schönen zusammen- hängt, auf Grund deren Baumgarten als Begründer der neuzeitlichen Äs- thetik gilt. Die Antwort findet sich, wenn man die Aufmerksamkeit darauf richtet, daß die hinter dem Ansatz Baumgartens und Meiers stehende Kon- zeption dem von Leibniz entwickelten Modell verpflichtet ist, das alle Er- kenntnisvermögen mitsamt ihren Leistungen in ein lineares, durch das Prinzip einer durchgängigen komparativen Ordnung reguliertes System fügt. Die Stelle jedes Vermögens innerhalb dieser Ordnung wird durch den Grad an Deutlichkeit markiert, den es zu erreichen fähig ist. Die nach die- sem System von den intellektualen Vermögen nicht prinzipiell, sondern nur graduell unterschiedene Sinnlichkeit kann daher nicht den Rang einer gänzlich eigenständigen Erkenntnisquelle beanspruchen. Noch der von Kant im Blick auf sein Zwcistämniekonzept systemwidrig adoptierte Sprachgebrauch, der „obere" und „untere" Erkenntnisvermögen unter- scheidet, basiert auf diesem am Kriterium der Deutlichkeit orientierten, komparativ geordneten Stufenmodcll. Die Schule Baumgartens läßt es bei der Exposition der dieses Modell charakterisierenden Klimax nicht bewenden. Eine von ihr vorgeschlagene Modifikation soll eine Differenzierung ermöglichen, bei der die Eigen- arten der „unteren", also der sinnlichen Vermögen nicht nur negativ, also nicht ausschließlich im Blick auf Merkmale und Eigenschaften bestimmt werden, die ihnen im Gegensatz zu den intellektualen Vermögen abgehen.

mit dieser

11,4 Mcicr, Anfangsgründe I, S.5. Meier, Anfangsgründe I, S. 3. Ul * Baumgarten, Aesthetica § 1.

72

I. Der Begriff des Ästhetischen

Der Sinnlichkeit soll ihr angestammter Platz in der Stufenordnung der Er- kenntnisvermögen erhalten bleiben, ohne sie deswegen lediglich als defi- zienten Modus einer ihr übergeordneten Größe ansehen zu müssen, die sie selbst nicht repräsentieren kann. Das Interesse wird damit auf die positiven Leistungen gelenkt, deren die Sinnlichkeit nur deshalb fähig ist, weil sie selbst jene Stufe der Deutlichkeit gerade noch nicht erreicht, die den intel- lektualen Vermögen vorbehalten bleibt: „Alle unsere Erkenntnis ist entwe- der deutlich vernünftig philosophisch, oder undeutlich und sinnlich. Mit der ersten beschäftigt sich die Vcrnunftlehre, mit der letzten die Ästhetik. Es wird demnach nicht undienlich sein zu bemerken, wie sich die Ver- nunftlehrc und Ästhetik gegeneinander verhalten. Diese beiden Wissen- schaften kommen darin miteinander überein, daß sie beide Regeln vor- schreiben, wie wir eine Erkenntnis erlangen und vollkommen machen sollen. Sie sind aber darin voneinander unterschieden, daß die eine die Vollkommenheiten der vernünftigen, und die andere die Schönheiten der sinnlichen Erkenntnis zum Zwecke hat. Ja man kann sagen, daß die Ver- nunftlehre die Ästhetik voraussetze. Unsere ersten Begriffe sind sinnlich, und die Vernunftlehre zeigt, wie wir dieselben deutlich machen sollen. Die Vernunftlehrc setzt die Empfindungen und Erfahrungen voraus, und lehrt nur, wie wir sie auf eine philosophische Art anwenden sollen. Die Ästhetik muß also der Vcrnunftlehre den Stoff zubereiten und einen Menschen ge- schickt machen, ein guter Logicus zu werden. Weil nun die Ästhetik sich gegen die sinnliche Erkenntnis eben so verhält, als die Vcrnunftlehre gegen die vernünftige, so kann man sie die Logik der unteren Erkenntniskraft nennen (Gnoscologiam inferiorem)" 1 " . Der Ästhetik wird damit die Auf- gabe zugedacht, die höhere, intcllektuale Erkenntnis vorzubereiten und ihr zuzuarbeiten. Innerhalb dieses Rahmens kann sie der Garantie einer relativen Eigenständigkeit sicher sein.

In diesem Sinn ist es die von alters her mit dem Namen der Logik, von Meier mit dem Namen der Vcrnunftlehre bezeichnete Disziplin, die nun- mehr durch eine Ästhetik ergänzt werden soll. Ihrem propädeutischen Sta- tus gemäß hat die Logik wie auch die Ästhetik instrumcntcllcn Charakter; beide stellen weniger inhaltliche Fragen als vielmehr Methodcnproblcme in das Zielgebiet ihres Interesses. Die neue Wissenschaft der Ästhetik soll Wege zeigen, auf denen sich die sinnlichen Vermögen als solche schon in ihrem angestammten Bereich unter Wahrung ihrer sensuellen Eigenart kultivieren lassen, ohne sie damit auf die Stufe der intellcktualen Ver- mögen zu heben. Auf diese Weise soll sie zu Bewertungen befähigt werden, die nicht mehr ausschließlich der Dimension verpflichtet sind, in der die Erkenntnisvermögen gemäß des unterschiedlichen von ihnen erreichbaren

Mcicr, Anfangsgründe I, S. 8 f.

§3

73

Grades an Deutlichkeit eine Klimax bilden. Hier wächst den geschmacks- relevantcn, insbesondere den schönen Dingen eine Schlüsselstellung zu, je- doch immer nur innerhalb einer Disziplin, von der sie für Aufgaben im Dienst der Erkenntnis in Anspruch genommen werden. Das Kriterium der Vollkommenheit (perfectio), ebenfalls ein Zentral- begriff der Leibniztradition, liefert den Maßstab für die hier anstehenden Bewertungen. In Meiers „Anfangsgründen" macht sogleich der erste Para- graph die zentrale Stellung dieses Begriffs deutlich, wenn er auf die Ord- nung und dic Regelmäßigkeit aufmerksam macht, welche „ist insonderheit alsdenn am augenscheinlichsten, wenn eine Erscheinung vollkommen ist, und man kann sagen, daß man diese Vollkommenheit nicht eher einzuse- hen vermögend ist, ehe man nicht dic Regeln versteht, durch deren genaue Beachtung die Vollkommenheit hervorgebracht wird. Die schöne Erkennt- nis gehört unter diejenigen Veränderungen der Geisteswelt, welche, weil sie so vollkommen ist, ihre Schönheit durch dic Übereinstimmung mit den

des Menschen, Voll-

Regeln der

kommenes artifiziell hervorzubringen, erleichtert es ihm, auch gegebene Vollkommenheiten als solche wahrzunehmen und zu beurteilen. Die Schönheit, von der Meier spricht, hat selbst den Status einer Perfektion, die aber zunächst gerade nicht als Merkmal bestimmter Gegenstände ver- standen wird. Dem instrumentcllcn Charakter der um die Ästhetik erwei- terten logischen Propädeutik gemäß ist sie primär eine Eigenschaft von be- stimmten Formen des Erkennens, wie sie von den „schönen Wissenschaf- ten" kultiviert werden, über deren Anfangsgründe Meier das Publikum be- lehren will. Nur im Rahmen dieses Systems der schönen Wissenschaften findet dann auch dic Wissenschaft vom Schönen ihren Ort.

Das am Gedanken der Perfektion orientierte Konzept deutet dic Stufen- ordnung der Erkenntnisformen auf telconomc Weise. Diese Tcleonomic weist eine eigentümliche Gabelung auf. Das sinnliche Erkennen erfährt in jedem Fall seine Vervollkommnung in der ihm an Deutlichkeit überlege- nen und deswegen übergeordneten inrcllcktualcn Erkenntnis. Neben die- ser Finalbcziehung und unabhängig von ihr ist dic Sinnlichkeit aber auch einer autochthonen Perfektion von ganz anderer Art fähig, dic »ich bereits innerhalb ihrer eigenen Sphäre realisieren läßt. In diesem Sinne spricht auch Kant in den auf der Grundlage von Meiers Kompendium gehaltenen Logikvorlcsungen von einer ästhetischen Vollkommenheit der Erkennt- nis 109 ; freilich deutet er sie dort, seinen eigenen Voraussetzungen gemäß, auf eine mit den Intentionen Meiers nicht kompatible Weise. Gemäß der Konzeption ßaumgartcns läßt sich die für die Sinnlichkeit schon innerhalb

Vollkommenheit erhält" 108 . Die Fähigkeit

Meier, Anfangsgründe I, S. 1 f. Z.B. XXIV43, 56, 344, 517, 705, 809; vgl. auch R 1748, 1800, 1876.

74

I. Der Begriff des Ästhetischen

ihrer eigenen Sphäre erreichbare Perfektion mit der für diesen Bereich charakteristischen Verworrenheit und Undeutlichkeit vereinbaren. Nur diese autochthone Spielart der in der sinnlichen Sphäre verbleibenden Per- fektion trägt den Namen der Schönheit. Sie ist ein Phänomen, das nur durch ein sinnliches Vermögen besonderer Art, nämlich durch den Ge- schmack erschlossen werden kann. So bezeichnet Baumgarten die Schön- heit (pulchritudo) formelhaft als die Vollkommenheit der sinnlichen Er- kenntnis (perfectio cognitionis sensitivae) und unterstreicht, daß damit die Vollkommenheit der sinnlichen Erkenntnis als einer solchen (qua talis) ge- meint ist, die sich gerade nicht erst auf der Stufe des Intellektualen errei- chen läßt 110 . Im Blick auf die Differenzen dieser zwei Spielarten der Perfektion wird es evident, daß die Ästhetik der Baumgartenschule schon von ihrer Grund- legung her ambivalent bleibt. Sie soll eine Wissenschaft von der Sinnlich- keit und eine Wissenschaft vom Schönen zugleich sein. Der für die beiden propädeutischen Disziplinen der Philosophie, die Logik und die Ästhetik, auf zwei unterschiedliche Weisen differenzierte und damit fruchtbar ge- machte Begriff der Vollkommenheit vermag es indessen, beide Spielarten der Ästhetik in ein einheitliches Konzept einzufügen. Erst im Blick auf die Schlüsselstellung, die Baumgarten dem Begriff der Perfektion einräumt, läßt sich überdies verstehen, warum Kant in der Dritten Kritik einen so großen Nachdruck auf die Begründung seiner These legt, mit der er die uneingeschränkte Unabhängigkeit des Geschmacksurteils vom Begriff der Vollkommenheit behauptet 111 . Aus dieser Begründung gewinnt er zugleich eines der Argumente, die dazu bestimmt sind, die Lehre von der prinzipiel- len Unbeweisbarkeit des Geschmacksurteils zu stützen. In seinen „Anfangsgründen" widmet Meier den weitaus größten Raum der Formulierung von Regeln, deren Befolgung den Geschmack befähigen soll, auf den verschiedenen Feldern seiner Betätigung Schönes zu erfassen und treffend zu beurteilen. Ihm kommt es zu, in der sinnenfälligen Welt die Vollkommenheiten aufzuspüren, die sich in ihr und nur in ihr finden lassen. Zwar ist Schönheit nicht die höchste Erscheinungsform der Voll- kommenheit. Dennoch kommt ihr eine Sonderstellung zu, weil sie sich auf der Stufe des Intelligiblen gerade nicht mehr realisieren läßt. Man kann sie noch nicht einmal an diese Stufe weitergeben. So bleibt der Schönheit als einer spezifischen, der Region der Sinnlichkeit vorbehaltenen Spielart der

110 Baumgarten, Acsthctica § 14; vgl. auch seine Definition der Ästhetik, Mctaphysica § 533: „Scientia sensitive cognoscendi et proponendi est Acsthctica (logica facultatis cognos- citivae inferioris, philosophia gratiarum et musarum, gnoseologia inferior, ars pulchre cogi- tandi, ars analogi rationis)".

' '

'

Vgl. V 22 6 ff., 231 , 340 f.; X X 22 6 ff.; vgl. abe r auc h V 311 .

§3

75

Perfektion eine unverrückbare Stelle in der teleonomen Stufenordnung des Erkennens gesichert. Überdies repräsentiert das sinnliche Erkennen in dieser Ordnung eine Stufe, die sich weder in der Genese noch in der Per- fektionierung der Erkenntnis überspringen läßt: „Da nun die Natur keinen Sprung tut, so muß ein dunkler Begriff, ehe er deutlich wird, erst verwor- ren werden. Folglich ist die verworrene Erkenntnis bei uns Menschen eine Bedingung, ohne welche wir niemals zur Erkenntnis der Wahrheit kom- men können" 112 . Dieser Weg zur Wahrheit findet in vielen Fällen nicht aus prinzipiellen, wohl aber aus pragmatischen Gründen schon auf der Ebene der Sinnlichkeit sein Ende. In vielen Situationen ist es nicht unmöglich, wohl aber unzweckmäßig, die Sphäre der höheren, intellektualen Erkennt- nis überhaupt noch anzustreben: „So gibt es Millionen Kleinigkeiten, bei denen es sich der Mühe nicht verlohnt, den Verstand mit der Unter- suchung derselben zu beschäftigen. Soll man also die Erkenntnis dieser Dinge gar nicht verbessern? Eins hebt ja das andere nicht auf" 113 . Es dient der Rationalisierung nicht nur der Arbeit an der Erkenntnis, sondern der Lebenspraxis überhaupt, wenn man intellektuale Erkenntnis in vielen Fällen gar nicht erst anstrebt, sondern die Möglichkeit, sie zu er- langen, dahingestellt sein läßt. Dann kann man die Aufgabe, die sinnliche Sphäre in ihrem eigenen Bereich zu kultivieren und zu perfektionieren, al- lein und endgültig dem Geschmack anvertrauen, weil es der Mitwirkung der intellektualen Vermögen nicht bedarf, wenn es um Dinge geht, die den Bereich der alltäglichen Üblichkeiten nicht verlassen. Gerade deswegen soll der Geschmack gezielt in den Dienst der gesamten Lebenspraxis gestellt werden: „Der Geschmack ist eines der allerunentbehrlichsten Vermögen unserer Seele. Unsere allermeisten Handlungen und Reden, auch im ge- meinen Leben, müssen durch den Geschmack bestimmt werden. Die Ver- nunft ist vergleichungsweisc bei uns Menschen sehr klein. Die allerwenig- sten Geschäfte des menschlichen Lebens verdienen nach der Vernunft be- urteilt zu werden" 114 . Hier werden die pragmatischen Motive virulent, die in der Schule Baumgartens die Entwicklung einer Disziplin begünstigt hat- ten, der die Aufgabe zukommt, die spezifische Vervollkommnung der Sinnlichkeit in ihrem eigenen Bereich zu regulieren. Das Stufenmodell der Erkenntnisvermögen wird damit gleichwohl nicht angetastet. Auch wird das unumkehrbare Ranggefälle zwischen Logik und Ästhetik ebensowenig in Frage gestellt wie das an der Erkenntnis orientierte Ziel der Ästhetik. Eine Ästhetik im heutigen Sinn, die sich, nicht mehr mit propädeutischen, erkenntnistheoretischen oder methodologischen Aufgaben belastet, nur

1 , 2 Meier,

113

1,4

Anfangsgründe I, S. 34.

Meier, Anfangsgründe I, S. 35. Meier, Anfangsgründe I, S. 28.

76

I. Der Begriff des Ästhetischen

noch als eine philosophische Theorie der Kunst versteht, findet man in der Schule Baumgartens daher ebensowenig wie bei Kant. Indem diese Schule die Geschmackslehre in ein erkenntnistheoretisch ausgerichtetes Konzept einbaut und sie zugleich in den Rang einer Wissen- schaft erheben will, liefert sie ein bedeutsames Stück des polemischen Kontextes, in dessen Einflußsphäre Kant die in der „Kritik der ästhetischen Urteilskraft" dokumentierten Überlegungen anstellt. Die Differenzen zwi- schen den Prinzipien, die hinter beiden Konzeptionen stehen, sollten einen aber nicht übersehen lassen, was den Theorien Kants und der Schule Baumgartens gemeinsam ist. In beiden Fällen wird die Ästhetik von ihrer Thematik her als eine generelle Theorie der Sinnlichkeit konzipiert und de- finiert. Ferner gesteht Kant ebenso wie Baumgarten dem Geschmack eine Funktion zu, die nur er erfüllt und in der er sich deshalb auch durch kein anderes Vermögen vertreten lassen kann. Beide Ansätze gehen schließlich davon aus, daß es Erkenntnisvermögen sind, die bei der Tätigkeit des Ge- schmacks am Werk sind. Die Differenzen zwischen den beiden Konzeptio- nen gründen dagegen vor allem in den zugehörigen fundamentalphiloso- phischen Entwürfen und betreffen damit den systematischen Rahmen, in den im einen wie im anderen Fall alles Inhaltliche eingefügt wird. Erst wenn man diese Differenzen berücksichtigt, wird klar, warum von der Äs- thetik Baumgartens kein direkter Weg zu Kants „Kritik der ästhetischen Urteilskraft" führt. Zwischen beiden steht mit der „Kritik der reinen Ver- nunft" ein Werk, das ohnehin zu einer Revision aller philosophischen Fra- gestellungen geführt hat. Auch die am Beispiel des Geschmacksurteils ori- entierten Analysen in Kants Dritter Kritik erweitern niemals den durch die Fragestellungen und die Resultate der „Kritik der reinen Vernunft" abge- steckten Rahmen. Die Bedeutung und der Stellenwert eines jeden Thcoric- clcmcnts wird auch hier in erster Linie durch den Ort bestimmt, der ihm innerhalb dieses Rahmens zukommt.

Dies betrifft auch die Glcichursprünglichkcit, die Kant gemäß seinem Zweistämmekonzept der Sinnlichkeit und dem Verstand zugesteht. Vor al- lem aber betrifft es die Tatsache, daß die Ergebnisse von Kants Dritter Kri- tik im Gegensatz zu den Thesen Baumgartens jede Möglichkeit ausschlie- ßen, das Geschmacksurteil als Derivat eines Erkenntnisurtcils zu deuten, beispielsweise als ein Erkenntnisurteil niederer Stufe, wenngleich auch nach Kants Konzeption nur Erkenntnisvermögen in den Beurteilungen des Geschmacks am Werk sind. Trotzdem billigt Kant dem Geschmack eine paradigmatischc Funktion gerade dort zu, wo die Bedingungen untersucht und auf den Begriff gebracht werden, unter denen zwar nicht die Begrün- dung, wohl aber die Genese einer Erkenntnis allererst möglich wird. Doch auch diese Verflechtungen erlauben es nicht, die Resultate der Beurteilun- gen des Geschmacks als Erkcnntnisinhalte besonderer Art zu deuten. Die

§3

77

Schule Baumgartens hatte Regeln ausgearbeitet, die den Geschmack dazu befähigen sollen, die bereits auf der Ebene der Sinnlichkeit mögliche Per- fektion zu realisieren. Gewiß übersieht auch Kant nicht die Möglichkeit, den Geschmack in seiner Kultivierung und in seiner Tätigkeit hilfsweise mit Regeln zu unterstützen. Diesen Regeln kommt jedoch niemals der Rang bindender Vorschriften zu. Kraft seiner Autonomie bleibt der Ge- schmack Herr auch über alle Kunstregeln und über deren Anwendung. Weil sie immer nur gleichsam bis auf Widerruf gelten, können sie allenfalls subsidiäre Funktionen erfüllen. Auch deswegen kann es nach Kants Ein- sicht niemals eine Geschmackslehre geben, die auf den sicheren Gang einer Wissenschaft gebracht werden könnte. Dem Geschmack bleibt daher bei Kant, im Gegensatz zur Baumgartenschule, ein Betätigungsfeld zugeord- net, das von keiner Wissenschaft jemals erreicht wird. Daraus folgt, daß aus prinzipiellen Gründen „der Gegenstand keinen Unterricht der Schulen verstattet" 115 .

115 Vgl. R 626.

IL Das Urteil als Leitfaden der philosophischen Untersuchung

§4

Wenn sich Kant anschickt, eine Kritik der ästhetischen Urteilskraft aus- zuarbeiten, setzt er mit seiner Untersuchung nicht sogleich bei diesem Ver- mögen selbst und schon gar nicht bei den Gegenständen an, von denen es herausgefordert wird. Indem er die Urteilskraft im Spiegel ihrer Leistun- gen und der Resultate ihrer Tätigkeit betrachtet, wählt er für den Zugang zu ihr einen Umweg. Es sind die ästhetischen Urteile, unter ihnen vor allem die Geschmacksurteile, die er bei seinen Überlegungen zunächst ins Auge faßt. Wenn er ein Vermögen der Subjektivität in dieser Weise am Leitfaden seiner Hervorbringungen untersucht, macht er von einer Methodik Ge- brauch, die er schon in der Ersten Kritik erprobt hatte. Auch dort sind es Analysen von Urteilen und Urteilsformen, die darauf abzielen, die Verfas- sung der Subjektivität, die Reichweite und die Geltung der dem Menschen möglichen Erkenntnis sowie den Status von deren Objekten zu bestimmen. Versucht man dagegen, sich die einzelnen Vermögen der Subjektivität in unmittelbarem Zugriff zum Gegenstand zu machen, sie zu identifizieren und randscharf gegeneinander abzugrenzen, gerät man sogleich in Schwie- rigkeiten. Sie bringen heute manch einen dazu, zu dem Vermögenskonzept als zu einem anscheinend zeitgebundenen, der Sache nach längst obsolet gewordenen Modell Distanz zu halten. Diese Schwierigkeiten lassen sich indessen reduzieren, wenn man von den Hervorbringungen der Subjektivi- tät, den Resultaten ihrer Tätigkeit ausgeht. Dies empfiehlt sich auch des- wegen, weil Kant mit seinem kritischen Geschäft auch die Frage nach der Legitimationsfähigkeit dieser Leistungen beantworten will, wenn er es un- ternimmt, die Grenzen zu vermessen, innerhalb deren begründbare Urteile gefällt werden können.

Wer mit der Arbeit der Philosophie unserer Tage vertraut ist, könnte zu- nächst meinen, hinsichtlich der Methodik einen ihm vertrauten Boden zu betreten, wenn er Kants kritische Schriften studiert. Heute ist es ein be- liebter Eröffnungszug philosophischer Analysen, zuerst nach den Spuren zu suchen, die ihr Gegenstand in der Sprache hinterlassen hat. Wohl könn- te man zunächst an der Realitätsnähe eines Unternehmens zweifeln, das

§4

79

die Dinge an Hand der Schatten betrachtet, die sie auf die Ebene der Spra- che werfen, da man die Befürchtung ernst nehmen muß, daß einem dabei Kategorienfehler unterlaufen, die dazu verleiten, Sprachliches und Gegen- ständliches unkritisch zu vermengen. Doch im Verhältnis zu dem Nutzen, den man sich von diesem Vorgehen versprechen darf, fordert dieses Risiko keinen zu hohen Preis, sofern man sich seiner bewußt bleibt. Philosophi- sche Überlegungen befassen sich nun einmal häufig mit Inhalten, bei denen bereits ihre Identifikation nichttriviale Probleme stellt. In manchen Fällen können sich die Partner der einschlägigen Diskussionen noch nicht einmal ganz sicher sein, wirklich von der gleichen Sache zu reden, wenn sie von denselben Ausdrücken Gebrauch machen. Das zeigt sich vor allem dort, wo dispositionelle Vermögen des Menschen, Strukturen der Subjektivität oder Phänomene des Bewußtseins thematisiert werden. Identifikations- problemen kann man in solchen Fällen oft ausweichen, wenn man zu- nächst jene Ausdrücke thematisiert. Selbst wenn die Resultate der Unter- suchungen kontrovers bleiben, können sich die Kontrahenten in solchen Fällen immer noch der Identität der Sache versichern, an der die Erörte- rung ansetzt.

Nicht nur der leichteren Identifizierbarkeit des Primärobjekts der Un- tersuchung verdanken die an der Sprache ansetzenden Methoden der Phi- losophie die Verbreitung und die Beliebtheit, die sie derzeit genießen. Der methodische Ansatz, als Leitfaden für philosophische Analysen die Spra- che zu wählen, hätte aber gewiß nicht so viele Anhänger gefunden, wäre er nicht durch die Logik und die Linguistik in ihren modernen Gestalten begünstigt worden. Diese Disziplinen liefern leistungsfähige Instrumenta- rien, die es ermöglichen, höchst differenzierte Detailanalysen zu erarbei- ten. Ohne sie liefe die Projektion philosophischer Probleme auf die Ebene der Sprache Gefahr, steril zu bleiben. Mit logischen und linguistischen Techniken haben sich für die philosophische Analyse indessen spezifische Methoden entwickeln lassen, deren Anwendung gerade dort fruchtbar wird, wo man die Prinzipienfragen ausklammert, um sich der Erörterung von Spezialproblemen zuzuwenden. Zwar kann die Sprache auch als sol- che zum Ziel philosophischer P.eflexionen gemacht werden. Die Frucht- barkeit der analytischen Methoden beruht indessen gerade darauf, daß die Sprache von ihnen nicht als Gegenstand, sondern nur als Organon in An- spruch genommen wird, wenn sie die Dinge in ihrem Spiegel betrachten. Die Philosophiehistorie konnte mit Hilfe dieses Instrumentariums die Eigendynamik vor Augen stellen, mit der die Sprache immer wieder auf die Ausgestaltung philosophischer Theorien mitsamt ihrer Begrifflichkeit Einfluß genommen hat. Allerdings wurde dieser Einfluß, weil in der Regel nur unterhalb der Aufmerksamkeitsschwclle virulent, zumeist auf unkon- trollierte Weise wirksam. Zwar entwickelt sich jede natürliche Sprache aus

8 0

II. Das Urteil als Leitfaden der philosophischen Untersuchung

den vielfältigen Erfahrungen, die der Mensch in seiner Lebenswelt macht. Hat sich eine Sprache aber erst einmal etabliert, gibt sie selbst dann, wenn sie nur Möglichkeiten von bescheidenem Differenzierungsgrad eröffnet, hinfort ein Raster vor, in das neue Erfahrungen eingeordnet werden. Ge- wiß lassen sich vermeintliche Denknotwendigkeiten nicht immer zwanglos auf Sprachgewohnheiten zurückführen. Trotzdem muß man stets mit der Möglichkeit rechnen, daß sich hinter einer angeblichen Denknotwendig- keit nur eine Konvention des Sprachgebrauchs verbirgt, die um so nach- haltiger wirksam ist, je weniger man sich ihrer bewußt ist. Macht man von der Sprache als von einem Medium der Kommunikation nur unreflektiert Gebrauch, pflegt man manche ihrer Strukturen unbesehen den Gegenstän- den zuzuschreiben, von denen man redet. Durchschauen läßt sich derglei- chen nur dann, wenn man die Sprache zugleich auch selbst zu einem Ge- genstand der Reflexion macht. Schwerlich läßt sich abstreiten, daß die sprachanalytischen Methoden bei der Erschließung klassischer philosophischer Texte der Vergangenheit, besonnen angewendet, in vielen Fällen nützliche Dienste geleistet haben. Auch die Kantforschung hat sich dieser Methoden mit Gewinn bedient. Nun scheint Kant mit seinem eigenen Vorgehen auf den ersten Blick eine gewisse Affinität zu den modernen analytischen Methoden zu zeigen, wenn er sich den Leitfaden seiner Untersuchungen von der Urteilstafel vorgeben läßt, um die Gegenstände seiner Untersuchung im Spiegel von Urteilen und ihren Formen zu betrachten. Auch in der „Kritik der ästheti- schen Urteilskraft" geht er, wenn er für seine Untersuchungen exempla- risch das Geschmacksurteil als Leitfaden wählt, weder von der Urteilskraft selbst noch vom Schönen und Erhabenen in Natur und Kunst aus, sondern von Urteilen, die mit den einschlägigen Inhalten befaßt sind. Sie sollen ei- nen Weg bahnen, auf dem es möglich wird, die Verfassung des mensch- lichen Urteilsvermögens sichtbar zu machen, dem sie ihre Entstehung ver- danken. Dennoch ist Vorsicht geboten, wenn man Kants Ansatz bei der Urteils- analyse nach dem Muster moderner sprachanalytischer Methoden zu deu- ten sucht. Zwar lassen sich einige Entsprechungen aufzeigen, die ein klei- nes Stück eines gemeinsamen Weges markieren. Weitaus bedeutsamer sind aber die Differenzen. Sie darf man auf keinen Fall nivellieren, wenn man Kants Denken gerecht werden will. Den Vorteil, den der Ansatz bei sprach- lichen Ausdrücken als leicht zu identifizierenden Phänomenen bietet, nutzt der moderne Analytiker auch deswegen sehr gerne, weil er es ihm erlaubt, die zwischen der Sprache und den besprochenen Dingen liegende Region des Bewußtseins zu überspringen und damit gleichsam einzuklammern. So kann er das Bewußtsein als eine Größe behandeln, die sich zumindest über- all dort vernachlässigen läßt, wo man berechtigt ist, Isomorphien zwischen

§4

81

der Sphäre der Sprache und der Sphäre der Dinge anzunehmen. Dann sieht er auch davon ab, daß die Sprache nicht nur Sachstrukturen, sondern auch Inhalte des Bewußtseins darstellt. Jedenfalls vernachlässigt er, wenn er die Beziehung zwischen der Sprache und der Welt ins Auge faßt, die Zwi- schenglieder, von denen diese Beziehung vermittelt wird. Kant hingegen klammert die Region des Bewußtseins niemals ein, wenn

er für seine Untersuchungen das Urteil

ist deshalb gehalten, das Urteil selbst von den sprachlichen Gebilden, den Sätzen und Aussagen, stets zu unterscheiden, von denen es lediglich doku- mentiert wird. Denn der natürliche Ort der Urteile und der Begriffe ist bei Kant gerade nicht die Sprache, sondern das Bewußtsein, die „subjektive Form aller unserer Begriffe" 2 . Oft sind es gerade die Aussagen als die sprachlichen Dokumentationen der Urteile, über die Kant, obwohl er stän- dig Gebrauch von ihnen macht, hinwegsieht und auf deren Thematisierung er verzichtet. Zwar kann man sich über Urteile niemals unabhängig von ihren sprachlichen Dokumentationen verständigen. Von der Warte der Ur- teile aus betrachtet bleiben diese Dokumentationen dennoch kontingente, ihr Wesen nicht berührende Fakten. Empirische Gegebenheiten sind sie selbst in den Fällen, kl denen sie apriorische Urteile dokumentieren. Die Einstellung, mit der Kant der Sprache gegenübertritt, steht daher ei- ner Semantik fern, die bei sprachlichen Ausdrücken ansetzt und sie unmit- telbar auf objektive Sachverhalte bezieht, um diese am Leitfaden der Spra- che und in ihrem Spiegel zu betrachten . Bei der Interpretatio n seiner Text e kann man dennoch in manchen Fällen einer solchen Semantik gemäß ver- fahren, ohne befürchten zu müssen, sich katcgorialcr Fehler schuldig zu machen. Auch Kant sieht in den Sprachlautcn immer noch „die geschickte- sten Mittel der Bezeichnung der Begriffe" 3 . Doch es sind für ihn keine Mittel, die sich unbesehen unter Umgehung der Regionen des Bewußtseins und der Begriffe zur Bezeichnung von Gegenständen verwenden lassen. Auch läßt sich die Differenz zwischen den der Sphäre des Bewußtseins an- gehörenden Begriffen und den sprachlichen Elementen, von denen sie do- kumentiert werden, zwar überbrücken, aber nicht einebnen, wenn Sprach- laute auf unmittelbare Weise „wenigstens keine Objekte, sondern allenfalls nur innere Gefühle bedeuten" 4 . Eine bei der Sprache ansetzende Untersuchungsmethode müßte somit, für das Verständnis Kants fruchtbar gemacht, zunächst in die Region des subjektiven Bewußtseins, der Empfindungen und der Gefühle führen. Kei-

als Leitfaden wählt 1 . Der Interpret

1

2

5

4

Vgl. dazu Schapcr (1979) S. 18 ff.

A361.

VI! 155.

VII155.

8 2

II. Das Urteil als Leitfaden der philosophischen Untersuchung

nen wesentlichen Unterschied würde es ausmachen, ob man dabei die ge- sprochene Sprache oder ihre Fixierung in der Schrift zugrunde legt. Nun gehören zur Region des Bewußtseins nicht nur Empfindungen und Gefüh- le, sondern neben Anschauungen und Wahrnehmungen vor allem auch Be- griffe als Produkte des Verstandes, ferner Urteile, die ja in vielen Fällen Begriffe als ihre Elemente enthalten. Nur sie befähigen das Bewußtsein, über sich selbst hinauszuweisen und mit Aussicht auf Erfolg die Welt ge- genständlicher Objekte zu intendieren. Auf diese Welt kann sich die Spra- che immer nur durch die Vermittlung eines Bewußtseins beziehen. Kants Urteilsanalysen sind ihrem Wesen nach daher auch dann keine Sprachana- lysen, wenn sie auf eine Weise vorgetragen werden, die an Sprachanalysen erinnert. Selbstredend muß sich auch Kant der Sprache bedienen, um seine nicht nur mit Empfindungen und Gefühlen, sondern auch mit Begriffen, Urteilen und anderen Tatsachen des Bewußtseins befaßten Analysen dar- zustellen und mitzuteilen. Auch ihn enthebt nichts der Notwendigkeit, Ur- teile durch Aussagen, Begriffe durch Wörter zu dokumentieren. Doch die- se Dokumente bilden nicht selbst den Bezugspunkt oder gar den eigentli- chen Gegenstand seiner Analysen. Sie müssen stets präzise von dem unter- schieden werden, was durch sie dokumentiert wird.

Unter diesen Umständen verdienen solche Textstellen besondere Auf-

merksamkeit, die Kants Desinteresse an der Sprache nicht nur manifestie- ren, sondern überdies auch begründen. Es ist vor allem durch die Irritatio- nen bedingt, die von der Sprache als einer Irrtumsquelle ausgehen: „Einer verbindet die Vorstellung eines gewissen Wortes mit einer Sache, der ande-

Damit verdeutlicht Kant in der „Kritik der

reinen Vernunft", warum sich im Ausgang von der Sprache kein Weg fin- den läßt, der sicher und auf unmittelbare Weise zur transzendentalen Ein- heit der Apperzeption, zur objektiven Einheit des Selbstbewußtseins füh- ren würde. Wer sich allein auf die Sprache stützt, gelangt allenfalls zur subjektiven, zur empirischen Einheit des Bewußtseins. Denn sie gehört mit allen ihren Elementen untrennbar zu dieser Welt der Empirie und der Er- scheinungen, deren Kontingenz auch ihren Status charakterisiert. Sprach- liche Gebilde als solche können daher niemals jene apriorisch fundierte Allgcmeingültigkeit und Notwendigkeit von Erkenntnissen verkörpern, deren Erreichbarkeit Kant in der Ersten Kritik nachzuweisen unternimmt. Weil apriorische Geltung nur bestimmten Urteilen, niemals aber den sprachlichen Gebilden zukommt, von denen sie in der Erfahrungswelt symbolisiert oder dokumentiert werden, sind diese Gebilde keine mögli- chen Gegenstände einer transzendentalen Untersuchung. Nicht zufällig wird die Sprache daher gerade für den leicht zu einer Fehlerquelle, der

re mit

einer anderen Sache" 5 .

s B 140.

§4

83

nicht gelernt hat, die Ebene der Urteile und die Ebene der sie dokumentie- renden sprachlichen Aussagen voneinander abzuheben. Schon die Preisschrift von 1763 über die Deutlichkeit der Grundsätze der natürlichen Theologie und der Moral läßt der Sprache gegenüber die Haltung skeptischer Reserve erkennen, die Kant auch in der von der kriti- schen Fragestellung beherrschten Epoche seines Denkens nicht mehr auf- geben wird: „Die Zeichen der philosophischen Betrachtung sind niemals

etwas anderes als Worte, die weder in ihrer Zusammensetzung die Teil- begriffe, woraus die ganze Idee, welche das Wort andeutet, besteht, anzei- gen, noch in ihren Verknüpfungen die Verhältnisse der philosophischen

bezeichnen vermögen" 6 . Deswegen ist es ratsam, sich weder

noch an Formeln fest zu binden 7 . Darin drückt sich die-

selbe Skepsis aus, die Kant in der „Kritik der praktischen Vernunft" dazu führt, von allen Bestrebungen Abstand zu nehmen, die darauf zielen, „we- sentliche und nie zu vereinigende Unterschiede in Prinzipien dadurch auf- zuheben, daß man sie in Wortstreit zu verwandeln sucht und so dem Schein nach Einheit des Begriffs bloß unter verschiedenen Benennungen erkünstelt" 8 . Dennoch bleibt Kant in seinen Schriften um Genauigkeit auch in der Darbietung seiner Gedanken bemüht. Aber er weiß, daß Genauigkeit nicht schon dann erreicht, manchmal sogar geradezu verspielt wird, wenn man an einer vorgegebenen Terminologie starr festhält. Neue Gedanken wer- den ohnehin zuerst stets mit Hilfe von alten, überkommenen Ausdrucks- mitteln vorgetragen. Deren Bedeutung kann sich allerdings ändern, oft ge- rade dadurch, daß eben dieser Vortrag den sprachlichen Elementen neue Bedeutungen zuwachsen läßt. Das ist der Grund, warum der Blick auf die intendierte Sache ein immer noch höheres Maß an Genauigkeit ermöglicht als der Blick auf die Terminologie von deren sprachlicher Dokumentation. Auf diese Weise erklärt sich zwanglos die Großzügigkeit, die Kant im Um- gang mit der Sprache immer wieder zeigt. Er kultiviert diese Haltung frei- lich nur deswegen, weil er sich zugleich der Grenzen bewußt bleibt, die ih- rer Leistungsfähigkeit gezogen sind. Er vertraut darauf, daß Fehler, wie sie dort leicht auftreten, wo man der Sprache ein zu hohes Maß an Auf- merksamkeit zuwendet, nicht selten von selbst korrigiert werden, sobald man wieder dazu übergeht, von ihr wie von einem Werkzeug auf ungegen- ständliche Weise nur noch Gebrauch zu machen, ohne daß es gleichzeitig dazu noch einer auf eben diesen Effekt gerichteten Absicht bedürfte. „Wir achten so wenig der Worte, wenn wir sie in concreto anwenden, daß, wenn

an Terminologien

Gedanken zu

6 II278 f.

7 Vgl. R 3411.

8 V 111 f.

8 4

II. Das Urteil als Leitfaden der philosophischen Untersuchung

der Gedanke verschieden ist, ob wir gleich uns einerlei Worte bedienen,

in der Anwendung doch sehr bald den Unterschied wahrnehmen" 9 .

Auf diesen Sachverhalt läßt sich die Berechtigung gründen, allem Stre- ben nach begrifflicher Präzision zum Trotz der Sprache gegenüber eine li- berale und großzügige Haltung einzunehmen. Allerdings garantiert einem niemand, daß sich Fehler, die von der Sprache verschuldet sind, in jedem Fall durch ihren Gebrauch von selbst korrigieren. Vor solchen Fehlern muß man vor allem dort auf der Hut sein, wo man sich nicht mehr der Er- fahrung als eines Korrekturfaktors bedienen kann. Das gilt gerade für das sich nur im Bereich der Begriffe bewegende, selbst kein neues Erfahrungs- material beibringende philosophische Erkennen: „An dem Mangel des Be- zeichnungsvermögens, oder dem fehlerhaften Gebrauch desselben (da Zei- chen für Sachen und umgekehrt genommen werden) liegt es, vornehmlich in Sachen der Vernunft, daß Menschen, die der Sprache nach einig sind, in Begriffen himmelweit voneinander abstehen; welches nur zufälligerweise, wenn ein jeder nach dem seinigen handelt, offenbar wird" 10 .

Die von der Sprache verschuldeten Fehler und Mißverständnisse sollten

jedoch nicht die Leistungen verdunkeln, die sie - und nur sie - für das Wis- sen und für die Erkenntnis erbringt. Als ein in der Welt lebendes, auf Er- fahrung angewiesenes und in dieser Welt mit seinesgleichen kommunizie- rendes Wesen kann der Mensch auf sie und auf ihre Leistungen schlechter- dings nicht verzichten. Er bedarf ihrer für den Verkehr nicht nur mit ande- ren Menschen, sondern auch mit sich selbst: „Die vorzüglichste Art der Gedankenbezeichnung ist die durch Sprache, dieses größte Mittel, sich selbst und andere zu verstehen. Denken ist Reden mit sich selbst"". „Wir bedürfen Worte, um nicht allein anderen, sondern uns selbst verständlich zu werden" 12 . Nun sind nicht alle natürlichen Sprachen in gleicher Weise geeignet, Denkinhalte zu dokumentieren und mitteilbar zu machen. Es macht einen erheblichen Unterschied aus, ob eine Sprache unmittelbar nur gegenständliche Inhalte der Wahrnehmung und der Erfahrung darstellt oder ob sie daneben auch über Mittel verfügt, die es ihr erlauben, abstrak- te Beziehungen und Denkbestimmungen darzustellen. Oft sind es gerade ihre unscheinbarsten Elemente, beispielsweise Partikel oder Funktional- ausdrücke, durch die Denkbestimmungen dokumentiert werden, die nicht der Erfahrung entstammen. So notiert Kant in einer Reflexion: „Die Wör-

nicht ganz

wir

ter 'an, durch, zu' sind die Funktionen der Kategorien" 13 . Die

9

R398.

10 VII 193; vgl. dazu den V 207 f. erwähnten Fall.

11 VII 192.

12 R 3444; vgl. A 312 / B 368; XXIV 580, 1001.

13 R5107.

§4

85

präzise Ausdrucksweise braucht nicht zu irritieren; natürlich sind die von Kant erwähnten Wörter nicht selbst Kategorienfunktionen, da sie solche Funktionen lediglich dokumentieren. Den Interessen des Philosophen kommen Sprachen entgegen, von denen die Funktionen des Denkens durch Ausdrücke bezeichnet werden, bei de- nen schon ihre äußere Gestalt dem Mißverständnis vorbeugt, es könnte von dingartigen, erfahrbaren Gegenständen die Rede sein. Auf jeden Fall ist es für die Rangstufe einer Sprache bedeutsam, ob sie derartige Elemen- te enthält. Gerade in der deutschen Sprache, und zwar auch in der Um- gangssprache, sieht Kant ein zur Dokumentation philosophischen Denkens besonders gut geeignetes Medium. Darauf macht er in einer Vorlesung aufmerksam: „Der Philosoph geht nicht ohne Bedacht und Not vom ge- meinen Sprachgebrauch ab. Die deutsche Sprache scheint neben der grie-

zu sein" 14 . Wem das gängige Kantbild

vor Augen steht, mag über das Lob erstaunt sein, das der vermeintlich ein- seitig am Latein orientierte Kant hier dem Griechischen zollt. Obwohl er mit dieser Sprache in seinen späteren Jahren allenfalls noch sporadische Kontakte pflegt, sind ihm die Vorzüge ihrer Struktur präsent geblieben. Es ist eine Struktur, die es beispielsweise Aristoteles erlaubt, Funktionalaus- drücke zu thematisieren und gerade sie für die Darstellung von abstrakten Strukturen und Denkbestimmungen fruchtbar zu machen. Nicht zufällig wird in einer Vorlesung gerade sein Name in einem einschlägigen Zusam- menhang erwähnt: „Aristoteles hat es hierin am weitesten gebracht; zu den abstrakten Ideen fand er Wörter, wozu die griechische Sprache sehr gclcnksam war. Hierin der deutschen ähnlich" , Es ist gerade diese „Ge- lenksamkeit" des Griechischen, wie sie Kant auch dem Deutschen zuge- steht, die es erlaubt, vorschnelle Vergegenständlichungen und Fixierungen zu vermeiden, zu denen eine zu rigide eingehaltene terminologische Dis- ziplin und eine einseitig nur auf die inhaltsbezogenen Elemente der Spra- che gerichtete Aufmerksamkeit verleiten kann.

chischen am meisten philosophisch

Dennoch kann man mit der Existenz eines nicht leeren Bereichs rechnen, innerhalb dessen Sprachclementc und Denkbestimmungen einander ent- sprechen. „Da die Form der Sprache und die Form des Denkens einander parallel und ähnlich ist, weil wir doch in Worten denken und unsere Ge-

danken anderen durch die Sprache mitteilen, so gibt es auch eine Gramma-

Denkens" 16 . Diese Parallelität berechtigt dazu, sich auch in der

tik des

Kantexegese dort, wo Denkbestimmungen thematisiert werden, wenig- stens vorläufig einmal an deren sprachliche Dokumentationen zu halten,

14 XXIV 685.

15 XXIX (1)758 "• XXIV 1001.

8 6

II. Das Urteil als Leitfaden der philosophischen Untersuchung

ohne befürchten zu müssen, sich in jedem Fall eines Kategorienfehlers schuldig zu machen. In diesem Sinne kann man auch den bei Kant nicht seltenen Formulierungen gerecht werden, die zumindest ihrem Wortsinn nach die strukturelle Differenz zwischen den Sphären des Denkens und des Sprechens zu vernachlässigen scheinen. So spricht die „Kritik der Urteils- kraft" einmal von dem, was sich „in einem Begriffe, mithin in einem be- stimmten Sprachausdruck zusammenfassen läßt" 17 . Diese Formulierung läßt sich durch die Einsicht rechtfertigen, daß der Weg zu den logischen Bestimmungen trotz ihrer strukturellen Differenzen in der Regel seinen Ausgang von der Sprache nimmt: „Wir müssen uns auch zu Urteilen, die wir nicht für Sätze ausgeben, in Gedanken der Worte bedienen"' 8 . Gerade deswegen aber muß man überall dort, wo es die Sache erfordert, darauf bedacht sein, die beiden Sphären auseinander zu halten: „Die Regel muß von der Formel derselben unterschieden werden" 19 . Man kann das Verhältnis der Sprache zu den in ihr dokumentierten Denkstrukturen hinsichtlich einiger Merkmale mit der Beziehung zwi- schen der Welt der Erfahrung und den hinter ihr stehenden apriorischen Strukturen vergleichen. Nicht in der Begründungsordnung, wohl aber fak- tisch und genetisch geht auch der Weg zur Ebene des Apriorischen immer von der Welt der Erfahrung aus. Von der transzendentalen Reflexion darf die Erfahrung aber immer nur als Material benutzt werden, wenn an ihr und in ihr Strukturen aufgewiesen werden, von denen sie zeigt, daß Erfah- rung durch sie allererst möglich wird. Keinen Weg gibt es, der die Erfah- rung umgehen und den Bereich des Apriorischen in direktem Zugriff, etwa über eine Intuition oder über eine intellektuale Anschauung zugänglich machen könnte. Denn der konkrete Mensch verläßt seinen realen Standort in der Welt der Erscheinungen auch dann nicht, wenn er seine mentale In- tention auf die Ebene des Apriorischen richtet. Niemals kann er eine Posi- tion einnehmen, von der aus er ein sprachfreies Denken realisieren oder lo- gische Gebilde vom Status der Begriffe unter Umgehung der Sprache auf unmittelbare Weise intendieren könnte. Weil man den Zauberkreis der Sprache faktisch niemals verlassen kann, bleibt nur der Ausweg, ihm ge- genüber eine skeptische Einstellung zu kultivieren, wenn man seinen Kon- tingenzen ebenso wenig zum Opfer fallen will wie den Fehlerquellen, die er enthält. Die Sprache bleibt stets ein Werkzeug, auf das man schlechter- dings nicht verzichten kann, das aber auf der anderen Seite ständig neu ju- stiert werden muß. Logisch-begriffliche Analyse und Sprachanalyse blei-

17 V315.

18 VIII194.

19 R4809.

§4

87

ben unterschiedlichen Bereichen auch dann zugeordnet, wenn ihre Wege gelegentlich einmal ein Stück weit parallel verlaufen. Diese Dinge sollte im Auge behalten, wer den an Urteilen und an ihrer Form ansetzenden Analysen Kants gerecht werden will. Wenn Kant von Urteilen und von Begriffen spricht, meint er stets Gebilde, deren natürli- cher Ort im Bewußtsein und damit gerade nicht in der Sprache liegt, von deren Sätzen und Aussagen, auf die man gleichwohl stets angewiesen bleibt, Urteile lediglich dokumentiert werden. Als sprachlicher Ausdruck verweist die Aussage auf das von ihr dokumentierte Urteil nicht in dersel- ben Weise, in der ein Erkenntnisurteil auf seinen Gegenstand verweist. Deswegen lassen sich Urteile, genau genommen, auch nicht zitieren; zitier- fähig sind immer nur die Ausdrücke, von denen sie in der Sprache doku- mentiert werden. Spricht man, wie es auch in der Kantdeutung nicht selten geschieht, von bestimmten sprachlichen Ausdrücken als von Urteilen, so ist dies gewiß nicht ganz korrekt. Dennoch brauchen die Ergebnisse, die unter diesen Umständen erzielt werden, nicht in jedem Fall wertlos zu sein. Ist nämlich das mittels einer sprachlichen Aussage dokumentierte Urteil von der Art, daß es, wie im Fall des Erkenntnisurteils, einen objektiven Ge- genstand intendiert, kann man gefahrlos von der Intention nicht nur des Urteils, sondern auch des Ausdrucks sprechen, durch den dieses Urteil do- kumentiert wird.

In solchen, aber auch nur in solchen Fällen kann das Urteil seine inten- tionalen Momente an seine sprachliche Dokumentation gleichsam ver- erben. Werden auf diese Weise zwei Relationen zu einem Relationenpro- dukt verknüpft, so intendiert die Aussage den objektiven Sachverhalt auf indirekte, durch das Urteil vermittelte Weise, der vom Urteil selbst unmit- telbar intendiert wird. Bei der Erörterun g gegenstandsorientierter Fra- gestellungen im Sinne der Ersten Kritik darf man in diesem Fall auch bei der das Urteil dokumentierenden Aussage ansetzen und das in der Sphäre des Bewußtseins verortete Urteil selbst als vermittelndes Element gleich- sam einklammern. In solchen Fällen kann die Anwendung sprachanaly- tischer Techniken bisweilen höchst nützlich werden. Sinnvoll ist derglei- chen aber immer nur dort, wo ein Urteil der „Normaiform" im Hirnei- grund steht, also ein Urteil, das auf einen gegenständlichen Sachverhalt ge- richtet ist, den es treffen, aber auch verfehlen kann. Zu den Aufgaben, die sich Kant in der Ersten Kritik stellt, gehört der Nachweis, welche Art von Urteilen sich aus welchen Gründen und unter welchen Umständen mit Aussicht auf Erfolg auf solche Sachverhalte beziehen lassen. Die gewöhnliche Aussage, die zur Dokumentation von Urteilen unter- schiedlichster Art benutzt zu werden pflegt, ist auf diese Normalform des gegenstandsbezogenen Urteils zugeschnitten. Doch längst nicht jedes Ur- teil weist die Struktur dieser Normalform auf. Das wird sofort klar, wenn

8 8

IL Das Urteil als Leitfaden der philosophischen Untersuchung

man Wahrnehmungsurteile untersucht, die sich ja gerade nicht auf gegen- ständliche Objekte beziehen. Auch das Geschmacksurteil ist nicht von der Art eines gegenstandsbezogenen Urteils. In solchen Fällen wird die Doku- mentation leicht zu einer Fehlerquelle, weil man der Aussage allein nie- mals mit Sicherheit ansehen kann, ob hinter ihr ein Urteil der Normal- form, also ein gegenstandsbezogenes Urteil steht. Natürlich ist die ge- wöhnliche sprachliche Aussage im Regelfall dazu bestimmt, mittels des durch sie dokumentierten Urteils auf einen Gegenstand zu verweisen. Ihre Dominanz in der Umgangssprache führt aber dazu, daß man auf sie auch dann zurückgreift, wenn ein andersartiges, nicht gegenstandsbezogenes Urteil dokumentiert werden soll. Der Realkontext der jeweiligen konkreten Sprechsituation kommt Miß- verständnissen in der Regel zuvor. Trotzdem muß man mit Kategorienfeh- lern rechnen, wenn man sich durch die Art ihrer Dokumentation dazu ver- leiten läßt, Urteile auch dann als gegenstandsbezogen einzustufen, wenn ihnen diese Eigenschaft in Wirklichkeit abgeht. Es wird noch zu zeigen sein, warum das Geschmacksurteil der Gefahr einer solchen Mißdeutung sogar in besonderem Maße ausgesetzt ist. Weil die Verwendung gegen- standsbezogener Aussagen von der Sprache begünstigt wird, zwingt der Umgang mit nicht gegenstandsbezogenen Urteilen zu besonderer Acht- samkeit, wenn man dem Unterschied zwischen dem Urteil selbst als einem im Bewußtsein verorteten Gebilde und seiner Dokumentation in der Spra- che gerecht werden will. Stets muß man mit der Möglichkeit rechnen, daß das Urteil selbst die intcntionalen Momente gar nicht aufweist, die in der Aussage greifbar zu werden scheinen, von der es dokumentiert wird. Auch deswegen dürfen sprachliche Aussagen niemals unbesehen für bare Münze genommen werden. „Die Vereinigung der Vorstellungen in einem Bewußtsein ist das Ur-

das Bewußtsein als seinen natürlichen Ort zu-

weist, verbindet ihn mit der Tradition, die seine denkerische Entwicklung zunächst geprägt hatte. Das gilt in bezug auf die Logik Christian Wolffs ebenso wie für das Kompendium Georg Friedrich Meiers, das Kant seinen

im Bewußt-

sein der Subjektivität und ihren Aktivitäten wird durch keine der Front-

teil" 20 . Daß Kant dem Urteil

Logikvorlesungen zugrunde legte 21 . Die Verortung des Urteils

20 IV 304.

21 Vgl. Christian Wolffs Definition des Urteils als eines „actus mentis" im § 39 der lateini- schen Logik von 1740: „Actus iste mentis, quo aliquid a rc quadam diversum eidem tribui- mus, vel ab ea removemus, Judicium appellatur" ( S. 129); das erste Kapitel dieses Werks, mit dem nach seinen l'rolcgomena die systematische Darstellung der Logik beginnt, behandelt die klassische Trias von Begriff, Urteil und Schluß unter dem Titel „De tribus mentis operationi- bus in generc" (S. 125). Vgl. dazu bei Meier, Auszug aus der Vernunftlehre §§ 10ff., 249ff., 292 ff.

§4

89

Stellungen berührt, die sich als Folge der Abkehr Kants von der Wolffschu- le und ihrer Metaphysik ergeben hatten. Von hier aus läßt sich im übrigen auch der praktizistisch geprägten Ausdrucksweise besser gerecht werden,

gerne bedient 22 .

Allenfalls das Bewußtsein, nicht aber ein sprachliches Gebilde kann man sich in einem nicht lediglich metaphorischen Sinn als tätig oder handelnd vorstellen. Vom gewöhnlichen, gegenstandsbezogenen Urteil spricht Kant als von einer „Handlung, durch die gegebene Vorstellungen zuerst Erkenntnisse eines Objekts werden" . Es ist eine Handlung, deren Ort und Aktionszen- trum im Bewußtsein liegt. Auch wenn man von der Beziehung dieses Ur- teils auf das von ihm intendierte Objekt absieht, verbleibt ihm immer noch die Eigenschaft, eine „Vereinigung gegebener Vorstellungen in einem Be-

wußtsein" 24 zu sein, oder, noch genauer, eine „Vorstellung der Einheit des

Für seinen Status als Urteil

ist es gleichgültig, welche Instanz den Anstoß zu einer solchen Einheitsstif-

tung gibt. In jedem Fall aber steht hinter dem Urteil eine Tätigkeit, näm- lich der Vollzug des Urteilens: „Urteile sind Handlungen des Verstandes und der Vernunft" 26 . Gewiß hat jedes gegenstandsbezogene Urteilen ein Resultat. Es darf jedoch nicht mit diesem Resultat oder mit einem sprach- lichen Protokoll der Handlung verwechselt werden, als die es vom Urtei- lenden realisiert wird. Am Beginn der Genese auch des gegenstandsbezogenen Erkenntnis- urteils steht immer eine bloße „Verknüpfung der Wahrnehmungen in mei- nem Gemütszustände" . Ihr entspricht, solange noch keine Kategorie im Spiel ist, der Status eines Wahrnchmungsurtcils. Manche Urteile gelangen nicht über dieses Stadium hinaus, in dem sie verbleiben, solange kein auf einen Gegenstand bezogener Gcltungsanspruch mit ihnen verbunden wird. Hier ist daran zu erinnern, daß auch Urteile mit allen anderen Vorstellun- gen ihrer nie fehlenden sinnlichen Komponente wegen darin übereinkom- men, ihrem Status nach zunächst einmal „Modifikationen des Gemüts" zu sein, dem inneren Sinn zugeordnet und daher in der Anschauungsform

Bewußtseins verschiedener Vorstellungen" 25 .

deren sich Kant in der Rede vom

Urteil und vom Urteilen

11 Zur praktizistischen Ausdrucksweisc in der Deutung des Urteils vgl. neben zahlreichen Stellen in den Kritiken vor allem den Brief an Beck vom 3. 7. 1792 (XI 333 ff.). Vgl. auch Ens- kat (1978) S. 117ff., 226ff.

2 3

24

IV

475; vgl. A

68 / B

93.

IV

305 ; vgl.

R 3049 ff.

25 IX 101; vgl. A 69/ B 94.

26 R2142.

27

IV 300; vgl. R 5193. A 99; vgl. A 28, A 34 / B 50, A 139 / B 178, A 320 / B 376, A 367; V 277; R 1705, 5636; XX 222.

2S

9 0

II. Das Urteil als Leitfaden der

philosophischen Untersuchung

der Zeit, wenn auch nicht in der des Raumes präsent. Selbst jeder Begriff ist, unbeschadet der von ihm ermöglichten Referenz auf ein Objekt, zu-

nächst einmal „eine

„Modifikationen des Gemüts" studieren zu können, wie sie in unverstellter Gestalt in den Phänomenen der Sinnlichkeit vorliegen, ist es nötig, die vom Verstand ins Werk gesetzte Referenz gleichsam einzuklammern, falls man sich nicht sogleich an den Gefühlen orientiert, die einer solchen Referenz gar nicht fähig sind. Auf beiden Wegen kann man sich klar machen, inwie- fern jede Tatsache und jede Tätigkeit des Bewußtseins mit einer Empfin- dung verbunden ist 30 .

Obwohl sich das Urteil auch als eine Modifikation des Gemüts darstel- len läßt, fällt seine Erforschung nicht ohne Rest in die Kompetenz der em- pirischen Psychologie. Das Interesse, das Kant an ihm und an seinen Ele- menten nimmt, zielt nicht auf seine pure psychische Faktizität im Bewußt- sein, sondern auf die Legitimität des Geltungsanspruchs, den es erhebt. Dieser Anspruch kann mit psychologischen Methoden weder bestätigt noch verworfen werden. Aber selbst er ist mit bestimmten Modifikatio- nen, Tatsachen oder Handlungen des „Gemüts" verbunden, wenngleich er in ihnen niemals aufgeht; nur er liefert den Reflexionen der Transzenden- talphilosophie ihren Anknüpfungspunkt. Andererseits läßt sich nur im Blick auf ein in der Sphäre des Bewußtseins verortetes Urteil sinnvoll be- haupten, daß die Vorstellung „Ich denke" die Form eines jeden Vcrstandes-

urteils überhaupt enthält und alle meine Urteile begleitet oder zumindest dazu fähig sein muß 31 . Bezöge man solche Thesen lediglich auf die sprach- lichen Dokumentationen der einschlägigen Urteile, müßten sie gänzlich abwegig zu sein scheinen. Nur wenn man das Urteil nicht der Sphäre der Sprache, sondern der des Bewußtseins zuordnet, kann man mit Kant in dem Gedanken „ich bin nicht" eine Inkonsistenz finden: „Bin ich nicht, so

kann ich mir auch nicht

bewußt werden, daß ich nicht bin" 32 . Diese Über-

Bestimmung meines Zustandes" 29 . Um auch solche

legung findet sich in Kants Anthropologie; sie wird dort im Rahmen einer Erörterung vorgetragen, von der die Aporie entwickelt wird, in die sich verstrickt, wer die Möglichkeit eines Todesbewußtseins annimmt. Diese Inkonsistenz repräsentiert indessen keinen logischen, sondern einen per- formativen Widerspruch. Er entsteht nur in der Sphäre, in der auch das Urteil seinen Ort hat, nämlich in der Sphäre des Bewußtseins. So ist es konsequent, wenn Kant hier nicht nur den propositionalen Gehalt, son-

29

A 599 /

B 627.

10 Vgl. R 711: „Weil die Selbstempfindung der letzte Beziehungsgrund von allen unseren Tätigkeiten ist, bezieht sich alles auf das Gefühl"; deshalb gilt auch, „daß alle unsere Vorstel- lungen mit einem Gefühle begleitet" sind (R 619).

31 A 34 8 /

Vgl. B XL , B 131 f.,

32 VII 167.

B

406 .

H

91

dem zugleich auch den faktischen Vollzug des Gedankens „ich bin nicht" ins Auge faßt. Die Formulierungen, mit denen Kant die Verortung des Urteils im Be- wußtsein und damit gerade nicht in der Sprache verdeutlicht, sind weit da- von entfernt, lediglich psychologische Obertöne anklingen zu lassen, wie sie in der Kantforschung gelegentlich gedeutet werden, um sie als bloße Ir- ritationen der hier angeblich ausschließlich zuständigen transzendentalen Betrachtungsweise neutralisieren zu können. Denn gerade die transzen- dentale Reflexion ist immer auf ein Substrat angewiesen, das sich auf Gel- tungsansprüche apriorischer Natur hin befragen und untersuchen läßt. In diesem Sinn bleibt auch das transzendentale Bewußtsein auf die Faktizität des empirischen Bewußtseins angewiesen. Nur folgt daraus nicht, daß es möglich wäre, über die Legitimität der von ihm erhobenen Geltungs- ansprüche auf Grund dieser Faktizität zu befinden. Auch hier handelt es sich um Instanzen von Kants Grundsatz, daß alle apriorischen Strukturen, selbst die der Mathematik, zwar dazu bestimmt sind, auf die Welt mögli- cher Erfahrung angewendet zu werden, ohne jedoch ihre Legitimität auf Erfahrung gründen zu können. Die Verortung des Urteils in der Sphäre des Bewußtseins wird vor allem dort bedeutsam, wo ein Urteil gar keinen Gegenstand intendiert und des- wegen auch kein geeignetes Substrat für transzendentale, auf apriorische Strukturen und Legitimationsprobleme ausgerichtete Fragestellungen ab- gibt. Von dieser Art sind Urteile, die Elemente sinnlicher Natur, nämlich Gefühle oder andere Empfindungen enthalten, die nicht oder zumindest noch nicht auf einen Gegenstand bezogen werden. Diesen Bedingungen ge- nügen die meisten ästhetischen Urteile. Eine Reflexion sagt von ihnen:

ästhetisch, wenn es eine Empfindung enthält" 33 . Diese

„Ein Urteil ist

Bestimmung ist, was das „Enthalten" anbetrifft, ganz wörtlich zu verste- hen. Hier ist nicht von einem Urteil die Rede, das von einer Empfindung nur veranlaßt ist oder das sich auf eine Empfindung als auf seinen Gegen- stand bezieht, um ihm ein Prädikat zuzuordnen. Gedacht ist an ein Urteil, das eine Empfindung weder intendiert noch dokumentiert, sondern in das die Empfindung selbst als eines »einer Elemente eingeht. Von einer Aus- sage als der sprachlichen Dokumentation eines Urteils läßt sich derglei- chen sinnvollerweise gar nicht behaupten, da Aussagen als ihre Elemente keine Empfindungen enthalten, sondern allenfalls Ausdrücke, die auf Empfindungen verweisen.

Manche Schwierigkeiten, die sich beim Studium von Kants Dritter Kri- tik ergeben, lassen sich auflösen, wenn man nicht übersieht, daß gerade die ästhetischen Urteile, unter ihnen die Wahrnehmungsurteile und die

R2127.

9 2

II. Das Urteil als Leitfaden der philosophischen Untersuchung

Geschmacksurteile, Empfindungen enthalten und sie daher nicht nur in- tendieren oder auf sie referieren. So muß, wenn der § 9 der „Kritik der Ur- teilskraft" die Frage stellt, „ob im Geschmacksurteile das Gefühl der Lust vor der Beurteilung des Gegenstandes, oder diese vor jener vorhergehe" 4 , die Rede vom Gefühl der Lust im Geschmacksurteil dem Wortsinn nach verstanden werden, wenn das Geschmacksurteil auf dieses Gefühl nicht mit Hilfe eines Zeichens verweist, sondern es als eines seiner Bestandteile enthält. Das Lustgefühl selbst, also gerade nicht ein auf dieses Gefühl nur referierender Ausdruck muß deswegen dort, wo es als Element eines Ge-

schmacksurteils auftritt, so behandelt werden, „als ob es ein

wäre" . Ein solches Urteil beantwortet bereits mit seiner puren Existenz die Frage, ob schon die „bloße Vorstellung des Gegenstandes in mir mit

Wohlgefallen begleitet sei" 36 . In ihm wird

fühl und Gegenstandsvorstellung realisiert und nicht nur bezeichnet. Diese Eigentümlichkeit des Geschmacksurteils wird seines Gemeingültigkeits-

anspruchs wegen leicht übersehen, dem in der Tat Kants besonderes Inter- esse gilt, weil er den Anlaß dazu gibt, den Geschmack in seiner Rolle als Paradigma der Urteilskraft einer transzendentalen Kritik in bezug auf den mit seinen Urteilen verbundenen Geltungsanspruch zu unterwerfen. Das gewöhnliche ästhetische Urteil bedarf mangels eines vergleichbaren Gel- tungsanspruchs einer solchen Kritik nicht und ist ihrer noch nicht einmal fähig.

Eine generelle, alle seine unterschiedlichen Gestalten einbeziehende Leh- re vom Urteil hat Kant nirgends in systematischem Zusammenhang dar- gestellt. Wo er vom Urteil spricht, ist in der Mehrzahl der Fälle, so auch in den Erörterungen zur Urteilstafel, das Interesse vom Erkenntnisurteil ab- sorbiert, ein Interesse, das in weit höhcrem Maße auf seine Gegenstands- bezogenheit und auf seinen Geltungsanspruch als auf seine Verortung im Bewußtsein gerichtet ist. Immerhin könnte man versuchen, wenigstens die Elemente einer generellen Lehre vom Urteil überhaupt auf der Basis einer Vielzahl von Stellen zu rekonstruieren, an denen Urteile thematisiert wer- den, die wie die Wahrnehmungsurteile nicht auf einen Gegenstand referie- ren. Es ist kein Zufall, daß gerade der Mangel an einem Gegenstandsbezug ihre Verortung im Bewußtsein unübersehbar ins Auge fallen läßt. Kant hat sogar damit gerechnet, bestimmte Lehrinhaltc „durch einen einzigen Schluß aus der genau bestimmten Definition eines Urteils überhaupt" herleiten zu können. Doch wo er den Begriff des Urteils erläutert, präsen-

eine Verknüpfung von Lustge-

Prädikat

34

M

V216.

V 191; vgl. 288.

V205.

*

17 IV 475.

§4

93

tiert er allenfalls Elemente einer Definition. Die „genau bestimmte Defini- tion eines Urteils überhaupt" wird von ihm nirgends in extenso entwickelt. Die in der Methodcnlehrc der „Kritik der reinen Vernunft" enthaltene Mctaphilosophie erklärt, warum damit auch nicht zu rechnen war. Elabo- rierte Definitionen, die einer Untersuchung schon am Anfang vorgegeben werden, um ihr Gebiet einzugrenzen, kann es nicht in der Philosophie, son- dern nur dort geben, wo mit gemachten, konventionell eingeführten Be- griffen gearbeitet wird, vor allem also in der Mathematik. Die stets mit ge- gebenen Begriffen arbeitende Philosophie bedient sich dagegen einer zur Mathematik gegenläufigen Methodik. Die endgültige Definition ihrer zen- tralen Begriffe bleibt für sie ein ideelles Fernziel 38 . Kants Großzügigkeit in den Dingen der Terminologie gibt auch in der Urteilslehre leicht zu Mißverständnissen Anlaß, wenn man übersieht, daß er sich bald an einem weiteren, bald an einem engeren Urteilsbegriff orien- tiert. Ein weit gefaßter Begriff vom Urteil hebt lediglich auf die Verbin- dung von Vorstellungen in einem Bewußtsein ab, mögen dies nun Empfin- dungen, Wahrnehmungen, Gefühle oder aber Begriffe sein. Dann kann es Kant sogar vorziehen, auf den Ausdruck „Urteil" bewußt zu verzichten und von bloßen Vorstellungsverbindungen zu sprechen, wenn das entspre- chende Gebilde keinen Begriff enthält 39 . Das kann beispielsweise im Zuge einer Untersuchung geschehen, die das im engeren Sinn des Wortes ver- standene Urteil auf seine Fähigkeit hin erörtert, begründbare Erkenntnis zu verkörpern. Zu diesem engeren Urtcilsbegriff gehört als Merkmal die nur unter bestimmten Voraussetzungen mögliche Referenz auf Objekte. Das gilt vor allem im Blick auf die Thematik der „Kritik der reinen Ver-

nunft" 40 . Nach der Lehre der Ersten Kritik ist das

Urteil „die Art, gegebe-

ne Erkenntnisse zur objektiven Einheit der Apperzeption zu bringen" 41 . Das ist eine Einheit, von der Vorstellungen, hier leicht mißverständlich selbst schon als „Erkenntnisse" bezeichnet, nicht nur zusammengefaßt, sondern außerdem auch auf Gegenstände bezogen werden.

Eine Verbindung von Vorstellungen in einem Bewußtsein liegt freilich

"* Vgl. A 726/ B 754 ff.

39

Vgl. B 140 f.;

IV 29 7 ff.

40 Kant arbeitet hier, wie in der Mehrzahl der Schriften der kritischen Periode, mit diesem engeren Urteilsbegriff, sieht man einmal von bestimmten Stellen in den „Prolegomena" und von der Dritten Kritik ab. Nur wenn man ausschließlich diesen Begriff zugrunde legt und die Möglichkeit begriffsioser Urteile von der Art der Wahrnchimingsurtcile nicht berücksichtigt, ist man berechtigt, von dem durch ihn nicht abgedeckten Geschmacksurteil festzustellen, daß es „vielleicht ganz irreführenderweise ein .Urteil' heißt"; vgl. Kulcnkampff (1995) S.41. Auch die von Mccrbot c (1998) S.416 ff. gegen die Möglichkeit begriffsioser Urteile vorgebrachten Argumente lassen sich unter der Voraussetzung des weiteren Urteilsbegriffs entkräften.

41 B 141.

9 4

II. Das Urteil als Leitfaden der philosophischen Untersuchung

einem jeden, auch dem im weiteren Sinn des Wortes verstandenen Urteil zugrunde. Ohne Gegenstandsbezug ermangelt eine solche Verbindung aber eines Merkmals, das jedem Urteil im engeren Sinn zukommt. Nur wenn eine Vorstellungsverbindung, also ein Urteil im weiteren Sinn, in der trans- zendentalen Einheit der Apperzeption verankert wird, entsteht aus „die- sem Verhältnisse ein Urteil, d. i. ein Verhältnis, das objektiv gültig ist, und sich von dem Verhältnisse eben derselben Vorstellungen, worin bloß sub- jektive Gültigkeit wäre, z.B. nach Gesetzen der Assoziation, hinreichend

Urteil im engeren Sinn wird eine Vorstellungs-

verbindung also erst dann, wenn mit ihr zugleich ein spezifischer, gegen-

standsbezogener Geltungsanspruch verknüpft wird. Diesen Anspruch kann gemäß der Lehre der Ersten Kritik allein der Verstand anmelden und er- füllen, da nur er Vorstellungen nicht lediglich verbindet, sondern diese

Verbindung mittels der Kategorien zugleich auch auf Objekte bezieht 4 . Für jedes derartige Urteil gilt, daß es einen Begriff enthält, „der für viele gilt, und unter diesem Vielen auch eine gegebene Vorstellung begreift, wel-

wird" 44 . Dies

wird dadurch ermöglicht, daß jeder Begriff ein Prädikat möglicher Urteile

ist und sich „auf irgendeine Vorstellung von einem noch unbestimmten Gegenstande" 45 bezieht.

Ein Urteil im engeren Sinne des Wortes, also ein gegenstandsbezogenes

Erkenntnisurteil, liegt also nicht schon dort vor, wo im Sinn seines wei- teren Begriffs lediglich Vorstellungen in einem Bewußtsein verbunden werden, auch wenn bereits hier über die bloße Assoziation hinaus elemen- tare Funktionen der formalen Logik im Sinne einer „logischen Verknüp-

Urteilselemcnten im Spiel sind. „Wenn ich einen Körper trage,

so fühle ich einen Druck der Schwere" 47 - mit dieser Aussage dokumen- tiert Kant eine Konfiguration von Vorstellungen, die den Status eines Ur- teils im engeren Sinn noch nicht erreicht hat und nur für das vorstellende

Subjekt Geltung beanspruchen kann. „Der Körper ist schwer" soll dagegen als eine Aussage gelten, die ein Urteil dokumentiert, das objektive Geltung beansprucht. „Diese beiden Vorstellungen sind im Objekt, d. i. ohne Unter- schied des Zustandes des Subjekts, verbunden und nicht bloß in der Wahr-

oft sie auch wiederholt sein mag) beisammen" 48 . Dadurch

unterscheidet sich das so dokumentierte Urteil von einer bloßen Vorstel-

unterscheidet" 42 . Zu einem

che letztere dann auf den Gegenstand unmittelbar bezogen

fung" 46 von

nehmung (so

42 B 142.

43 Vgl. B XVII, 137.

44 A 68 /

B 93.

45 A 69 /

B 94.

46 IV 298.

47 B142.

48 B 142.

§4

95

lungsverbindung, also von einem „Verhältnisse nach Gesetzen der repro- duktiven Einbildungskraft (welches nur subjektive Gültigkeit hat)" 4 . Die- ses Beispiel zeigt zugleich, weshalb eine nur auf die sprachliche Dokumen- tation eines Urteils gestützte Analyse leicht in die Irre führt. Dem sprach- lichen Ausdruck allein kann man niemals mit Sicherheit ansehen, ob er ein Urteil im engeren Sinn oder nur eine Vorstellungsverbindung dokumentie- ren soll. Denn eine Aussage von der Art „der Körper ist schwer" bietet sich in der Alltagssprache ihrer Einfachheit wegen auch dort an, wo es nur eine Vorstellungsverbindung von lediglich subjektiver Gültigkeit zu dokumen- tieren gilt. Jeder kompetente Sprecher stellt die konkrete Sprechsituation stets als Korrektiv in Rechnung. Er muß ebenso wie sein Adressat wissen, daß man gerade in der Alltagssprache keinen einzelnen Ausdruck pedan- tisch beim Wort nehmen darf. Versäumt man es, das im Bewußtsein verortete Urteil von seiner sprach- lichen Dokumentation präzise zu unterscheiden, fällt man einem Mißver- ständnis auch dann leicht zum Opfer, wenn man jede Normalaussage al- lein ihrer grammatischen Form wegen auf ein reales Objekt beziehen zu müssen glaubt und mangels eines Gegenstandes in der Welt der äußeren Erscheinungen dieses Objekt dann in einer Verbindung subjektiver Vor- stellungen sucht. Natürlich ist niemand daran gehindert, eine solche Ver- bindung zum Gegenstand eines Urteils zu machen. Dergleichen geschieht überall dort, wo man erkenntnistheoretische, semantische oder psycho- logische Untersuchungen anstellt und in diesem Rahmen Metaurteile, also Urteile über Urteile fällt. Die Aussage in Kants Musterbeispiel („wenn ich einen Körper trage, so fühle ich einen Druck der Schwere") soll aber kein Metaurteil dokumentieren, das sich auf eine bestimmte Tatsache des Be- wußtseins als auf seinen Gegenstand bezieht. Sie soll vielmehr diese Tatsa- che selbst dokumentieren. Die Aussage des Gegenbeispiels („der Körper ist schwer") dokumentiert ebenfalls zunächst eine Bewußtseinstatsache, refe- riert aber gemeinsam mit ihr und auf dem Weg über sie zugleich auf einen objektiven Gegenstand. Derartigen Unterschieden muß man seine Aufmerksamkeit zuwenden, wenn man die Verhältnisse in der Region der Urteile korrekt darstellen und auf den Begriff bringen will. Leicht übersieht man, daß sich nur ganz bestimmte Vorstellungsverbindungen zugleich auch auf Gegenstände rich- ten und damit einen objektiven Geltungsanspruch verbinden. Daneben werden aber in jedem Bewußtsein stets in großer Zahl Vorstellungsverbin- dungen geknüpft, die keinen oder vorerst noch keinen Gegenstand inten- dieren. Beide Gebilde lassen sich sprachlich dokumentieren. Solche Doku- mentationen beziehen sich aber auf das Urteil oder auf die Vorstellungs-

49 B141.

9 6

II. Das Urteil als Leitfaden der philosophischen Untersuchung

Verbindung, die sie ausdrücken, gerade nicht so, wie sich ein Erkenntnis- urteil auf einen Gegenstand bezieht. Zu einer solchen Intention bedürfte es immer noch der Vermittlung eines Urteils im engeren Sinn, wie es hier noch gar nicht im Spiel zu sein braucht. Eine bloße Vorstellungsverbin- dung, die keinen Gegenstand intendiert, wird allein durch ihre Dokumen- tation nicht schon selbst zu einem Gegenstand der sie dokumentierenden Aussage, da eine Aussage nur dann gültig auf einen Gegenstand referieren kann, wenn sie ein Urteil im engeren Sinn dokumentiert, das einen Begriff enthält, mit dessen Hilfe es sich auf einen Gegenstand bezieht. Die Weisen, in denen sich eine Dokumentation auf das dokumentierte Urteil und ande- rerseits dieses Urteil selbst gegebenenfalls auf ein Objekt bezieht, sind ih- rem Relationstypus nach voneinander verschieden. Es handelt sich um un- terschiedliche Rclationsmuster, wenn sich ein Urteil unmittelbar auf einen Gegenstand bezieht oder wenn ein Urteil, als solches gegenstandsbezogen oder nicht, selbst zum Gegenstand eines Urteils zweiter Stufe gemacht wird oder wenn schließlich ein Urteil durch eine Aussage lediglich doku- mentiert wird.

Wenn Kant in der „Kritik der reinen Vernunft" den Ausdruck „Urteil" nur in der engeren Bedeutung des Wortes verwendet, kann er die so be- zeichneten Gebilde leicht gegenüber allem abgrenzen, was ihnen ähnlich ist, im Gegensatz zu ihnen aber nicht auf einen Gegenstand referiert. Nun

ist die formale Logik eine Disziplin, die zwar mit Urteilen befaßt ist, aber davon absieht, ob sich ein Urteil auf ein Objekt bezieht oder nicht: „Die

von allem Inhalt der Erkenntnis, d.i. von

aller Beziehung derselben auf das Objekt, und betrachtet nur die logische Form im Verhältnisse der Erkenntnisse aufeinander" . Dann aber müßte sich die Urteilslehre der formalen Logik auch auf die Vorstellungsverbin- dungen anwenden lassen, die von der transzendentalen Logik mangels ei- nes Objektbezugs aus dem Kreis der Urteile im engeren Sinn des Wortes ausgeschlossen werden. In der Sache muß die formale Logik, auch wenn sie üblicherweise gegenstandsbezogene Urteile als Beispiele heranzieht, von allem abschen, was den Gegenstandsbezug eines Urteils ausmacht, wenn sie lehren will, was für alle Urteile schlechthin gilt. Dazu gehören auch die Gebilde, die lediglich „die Vorstellung eines Verhältnisses zwi- schen zwei Begriffen" enthalten. Die Begriffe, von deren Verhältnissen hier die Rede ist, dürfen an dieser Stelle gefahrlos in jenem weiteren Sinn verstanden werden, in dem schon die für Kant durch die Logik Georg Friedrich Meiers repräsentierte Tradition von ihnen spricht, die zwischen Sensiblem und Intelligiblcm bekanntlich keinen Hiatus, sondern nur gra-

allgemeine Logik abstrahiert

50

A 55 /

51 B140.

B 79.

§4

97

duelle Differenzen annimmt. Wo die Stufen des Bewußtseins nicht prinzi- piell, sondern durch den ihnen eigenen Grad an Klarheit und Deutlichkeit nur graduell voneinander unterschieden werden, braucht man keine prin- zipielle Diversität zwischen Begriffen und sinnlichen Empfindungen anzu- setzen. Meiers Logikkompendium kann daher als Begriffe auch Gebilde einstufen, die Begriffe im engeren Sinn der kantischen Transzendentalphi- losophie weder sind noch werden können: „Es sind demnach alle unsere Vorstellungen Begriffe" 52 . „Alle unsere Empfindungen sind Begriffe" 53 . Vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum Kant gelegentlich auch einmal von dem weiteren Urteilsbegriff Gebrauch machen und als Urteile auch Gebilde einstufen kann, denen er in der Sprache der am Para- digma des Erkcnntnisurteils orientierten Ersten Kritik lediglich den Rang von Vorstellungsverbindungen zugesteht. Dafür liefert die Lehre von den Wahrnehmungsurteilen in dem mit dem § 18 beginnenden Abschnitt der „Prolegomena" das beste Beispiel 54 . Gewiß wäre heute nur noch eine Min- derheit der Sachkundigen bereit, der Auffassung von Kemp Smith bei- zupflichten, der diese Lehre für „entirely worthless" und ihre zentrale The- se für „extremely confused" hält . Daß die „Prolegomena" mit dieser Lehre oftmals irritierend gewirkt haben, läßt sich dennoch verstehen. Hält man sich nur an den Wortlaut, könnte man auf den ersten Blick in ihr ei- nen Denkversuch sehen, von dem Kant in den auf die „Prolegomena" zeit- lich folgenden Texten sogleich wieder Abstand nimmt. Schon in der zwei- ten Auflage der „Kritik der reinen Vernunft" geht Kant, als gäbe es inso- weit keine Alternative, wieder von dem engeren, eine Objektbezichung fordernden Urtcilsbcgriff aus, der die bloßen Vorstcllungsvcrbindungcn nicht abdeckt. Gerade dort hätte man erwarten können, dieser Lehre wie- der zu begegnen, zumal da Kant die Transzendentale Deduktion der Kate- gorien von Grund auf neu formuliert, die Lehre also, deren systematischer Ort in den „Prolegomena" durch die Theorie der Wahrnehmungsurteile vertreten wird. In Gestalt der Lehre von den Vorstcllungsvcrbindungcn bleibt sie der Sache nach in der Ersten Kritik dennoch präsent. So ist es zwar nicht zu rechtfertigen, wegen der durch die wechselnde Terminologie hervorgerufenen Irritationen dennoch verständlich, daß man in der Theo- rie der Wahrnchmungsurteile eine Doktrin sehen konnte, die als eine Art von dogmatischem Sondergut nicht zum Kernbereich der kritischen Phi- losophie gehört. Man sollte hier aber nicht übersehen, daß es gerade der

52 Meier, Auszug aus der Vernunftlchre § 249.

§ 255.

s ! Meier, Auszug aus der Vernunftlchre

S4 IV 297 ff.; den Wahrnehmungsurteilcn der „Prolegomena" entsprechen in der Diktion der Dritten Kritik die Sinnenurteile (V 215, 244, 337) und die Empfindungsurteile (V288); zu ihnen gehören alle ästhetischen Urteile mit Ausnahme der Geschmacksurtcilc.

s ! Kemp Smith (1923) S. 288; vgl. auch Paton (1936) Bd. I S. 330 f.

9 8

II. Das Urteil als Leitfaden der philosophischen Untersuchung

Gebrauch der analytischen, an Bekanntes anknüpfenden Methode 56 in den „Prolegomena" ist, die es erlaubt, von einem weiteren Urteilsbegriff aus- zugehen, der auch noch das abdeckt, was in der Sprache der Kritik als blo- ßes Vorstellungsverhältnis allenfalls eine Vorstufe des eigentlichen, des ob- jektbezogenen Urteils im engeren Sinn des Wortes darstellt. Die „Prolegomena" gehen in der Entwicklung der Lehre von den Wahr- nehmungsurteilen nicht von der Frage nach den Bedingungen aus, unter denen sich ein Gegenstandsbezug aufbauen und legitimieren läßt. Weil Kant hier, der analytischen Methode dieser Schrift gemäß, die Existenz einer Er- fahrungswissenschaft wie der Physik und damit zugleich die Existenz von gegenstandsbezogenen Erfahrungsurteilen bereits voraussetzt, kann er nach den Elementen fragen, zu denen man bei der Zergliederung solcher Urteile gelangt. Auf diese Weise kommt er zu den Gebilden, die er unter dem Namen der Wahrnehmungsurteile vorstellt. Diese Urteile „bedürfen keines reinen Verstandesbegriffs, sondern nur der logischen Verknüpfung der Wahrnehmungen in einem denkenden Subjekt" 57 . Hier ist der Verstand noch nicht mit den Kategorien am Werk und stellt daher auch keine Refe- renz auf einen objektiven Gegenstand her, sondern beschränkt sich darauf, eine lediglich formallogische Verknüpfung vorzunehmen. Es sind jedoch nicht Begriffe oder Bezeichnungen von Wahrnehmungen, sondern die Wahrnehmungen selbst, die in einem derartigen Urteil verbunden werden. Diese Verbindung wird vom Wahrnehmungsurteil also nicht intendiert, sondern zustande gebracht und damit zugleich verkörpert. Weil solche Ur- teile aus sinnlichen Elementen aufgebaut sind, aber nichts intendieren, auch nichts Sinnliches, erheben sie keinen Anspruch, der über die Faktizi- tät des aktuellen Urteilens hinausweist: „Sie drücken nur eine Beziehung zweier Empfindungen auf dasselbe Subjekt, nämlich mich selbst und auch nur in meinem diesmaligen Zustande der Wahrnehmung aus" 8 . Das ist der Grund, warum sie als lediglich empirische Fakten der mit der Legiti- mation von apriorisch fundierten Geltungsansprüchcn befaßten Transzcn- dentalphilosophie keine Probleme stellen. Die zu den „Prolegomena" in methodischer Hinsicht gegenläufige Erste Kritik hat daher keinen Anlaß, sich mit diesem Urteilstypus ausführlicher zu befassen.

Wenn die Wahrnehmungsurteile nur in der Faktizität der in einem kon- kreten Bewußtsein realisierten jeweiligen Vorstcllungsverbindung existie- ren, dürfte ihre korrekte sprachliche Dokumentation, die zugleich ihrem

56 Vgl. IV 276. ,7 IV 298; vgl. auch Kants Rede vom „bloß" logischen Gebrauch des Verstandes (B 128), die hier nur auf die formale, nicht aber auf die an Gegenständen überhaupt orientierte trans- zendentale Logik abhebt.

58 IV 299.

§4

99

formalen Status gerecht wird, streng genommen nur präsentische Aus- sagen in der ersten Person enthalten. Weil Wahrnehmungen und Empfin- dungen zudem stets singulare Ereignisse sind, die im Gegensatz zu Begrif- fen die Ebene des Allgemeinen weder erreichen noch intendieren, scheidet auch die Möglichkeit aus, Wahrnehmungsurteile als solche zu quantifizie- ren. Berücksichtigt man schließlich noch die im Hintergrund der kanti- schen Überlegungen stehende, traditionelle Lehre vom iudicium sensiti- vum, vom anschauenden Urteil , so muß man außerdem auch die Mög- lichkeit negativer Wahrnehmungsurteile ausschließen. „Kein verneinendes Urteil ist ein anschauendes Urteil" 60 . Auch bei Kant finden sich als Beispie- le für sprachliche Dokumentationen von Wahrnehmungsurteilen aus- schließlich positive Aussagen. Daß dies von der Sache her gefordert ist, ist leicht zu begreifen; denn „Abwesenheit läßt sich nicht sehen" 61 , und „die Negation kann die Sinne nicht affizieren" 62 . Wenn Wahrnehmungsurteile also stets singulare, positive und präsentische Urteile sind, die überdies in der ersten Person gefällt werden, wird verständlich, warum sich bei wei- tem nicht alle von der formalen Logik unterschiedenen Urteilsformen für Wahrnehmungsurteile fruchtbar machen und durch entsprechende Doku- mentationen exemplifizieren lassen. Zunächst mag man versucht sein, ge- rade in diesen Urteilen Kandidaten zu sehen, die für eine solche Exemplifi- zierung prädestiniert sind, da sie Formen „nur der logischen Verknüp- fung" 63 enthalten, die noch nicht von einem Gegenstandsbezug überlagert sind. Doch es ist nur ein geringer Teil der von der allgemeinen Logik be- reitgestellten Formen, der von den Wahrnehmungsurtcilen in Anspruch genommen wird. Wenn aber solche Urteile - anders als die sie dokumen- tierenden Aussagen - noch nicht einmal negationsfähig sind, handelt es sich in Wirklichkeit um monovalente Gebilde, deren Wahrheit schon durch ihre Faktizität verbürgt wird.

Hier wird aufs neue deutlich, warum gerade die Sprache leicht Fehldeu- tungen provoziert, wo Wahrnchmungsurteile dokumentiert werden. So findet die Unmöglichkeit negativer Wahrnehmungsurteile auf der Ebene der sprachlichen Dokumentation keine Entsprechung. Die Sprache stellt es

l9 Vgl. Meier, Auszug aus der Vernunftlchre § 319: „Das anschauende Urteil besteht aus lauter Erfahrungsbegriffen und ist eine unmittelbare Erfahrung"; Meier, Vernunftlehre: „Ein anschauendes Urteil ist eine unmittelbare Erfahrung und es muß aus lauter Empfindungen zusammen gesetzt sein, oder das Subjekt, das Prädikat und der Verbindungsbegriff eines an- schauenden Urteils mu ß eine Empfindung sein" (S. 520, zitiert nach XVI 674). Zum „iudicium sensitivum" im allgemeinen vgl. Baumgarten, Metaphysica § 606 ff.

6 0 Meier, Auszug aus der Vernunftlehre

61 XXV1II62

62 XXVIII 235; vgl. XXIV 468; A 172 / B 214.

6 3 IV 298.

§ 321.

10 0

II. Das Urteil als Leitfaden der philosophischen Untersuchung

frei, jede grammatisch korrekt geformte positive Aussage zu negieren. Wer sich nur an die übliche Dokumentation hält, übersieht deswegen leicht, daß eine positive und damit negationsfähige Aussage möglicherwei- se ein Urteil dokumentieren soll, das selbst gar nicht negationsfähig ist. Die Sprache kann hier zu einer Fehlerquelle werden, weil es manchmal ein und dieselbe Aussage ist, die zur Dokumentation sowohl eines Wahrnch- mungsurteils als auch eines objektbezogenen Erkenntnisurteils verwendet wird. Wahrnehmungsurteile liefern Materialien, aus denen sich unter be- stimmten Bedingungen gegenstandsbezogene Erfahrungsurteile erzeugen lassen. Während Kant in den „Prolegomena" die Eigenart der Wahrneh- mungsurteile nur an Hand von Beispielen verdeutlicht, die sich gar nicht

zu Erfahrungsurteilen transformieren lassen 64 , macht er

sonst auch von

Beispielen anderer Art Gebrauch. So orientiert er sich in den Texten zur Logik auch an transformationsfähigen Wahrnehmungsurteilen: „Ein Ur- teil aus bloßen Wahrnehmungen ist nicht wohl möglich als nur dadurch, daß ich meine Vorstellung, als Wahrnehmung, aussage: Ich, der ich einen Turm wahrnehme, nehme an ihm die rote Farbe wahr. Ich kann aber nicht

sagen: er ist rot. Denn dieses wäre nicht bloß ein empirisches, sondern auch ein Erfahrungsurteil, d.i. ein empirisches Urteil, dadurch ich einen

an dieser

als der

Begriff der Erfahrung. Zur Empirie gehört danach alles, was an der Sphäre der Empfindungen teilhat. Die Erfahrung ist dagegen außerdem auch auf die Mitwirkung der Kategorien und anderer Begriffe angewiesen, mit de- ren Hilfe Empirisches verarbeitet wird. Wenn sich Kant an der angeführ- ten Stelle, an der er die Feinstruktur eines bestimmten Urteils analysiert,

Begriff vom Objekt bekomme" 65 . Der Begriff der Empirie hat

Stelle, ähnlich wie in den „Prolegomena" 66 , einen weiteren Umfang

64 Vgl. IV 299; hier handelt es sich um Urteile, die Empfindungen von der Art der Gefühle enthalten. Derartige Empfindungen lassen sich grundsätzlich nicht durch ein Erkenntnisurteil auf einen objektiven Gegenstand beziehen; vgl. XX 224. Dem steht nicht entgegen, daß Kant den Gegenstand, der zu einem Gefühl Anlaß gibt, gelegentlich auch einmal - in einem durch- aus untechnischen Sinn - als Objekt dieses Gefühls bezeichnen kann, vgl. V 211. Über die Möglichkeit intcntionaler Gefühle überhaupt ist damit weder positiv noch negativ etwas aus- gesagt. IX 113. - Es kann dahingestellt bleiben, inwieweit Empfindungen aus dem Bereich der sekundären Sinncsqualitäten wie die von Farben, von Tönen oder von Wärme objektivie- rungsfähig sind und die Basis von Erfahrungsurteilcn abgeben können. Kants Auffassung hin- sichtlich dieser Dinge scheint zu schwanken, vgl. einerseits A 28 / B 44 und IV 299, anderer- seits V 203, VI 212 und IX 113; für den gegenwärtigen Zusammenhang ist nur von Bedeu- tung, daß Kant die Gefühle jedenfalls als nicht objektivicrungsfähige Empfindungen einstuft. Zum Problem der sekundären Sinncsqualitäten im Bereich der Dritten Kritik vgl. auch Gins- borg (1998) S. 451 ff.

66 Vgl. IV 297 ff.

§4

101

zunächst an die elaborierte Dokumentation dieses Urteils hält, verdeutlicht er zugleich, warum sich der Status eines Urteils nicht immer mit Sicherheit an Hand seiner sprachlichen Darstellung bestimmen läßt. Nur eindeutig thcorieoricnticrtc Kontexte bieten gelegentlich den Ausnahmefall, in dem ein Wahrnehmungsurteil mit Hilfe einer umständlichen Formel wie „ich,

der ich

sprache bedient sich auch in solchen Fällen der objektbezogenen Normal- aussage.

Kant ist in den „Prolegomena" am Wahrnehmungsurteil nicht um seiner

selbst willen interessiert, sondern nur deswegen, weil es in manchen Fällen als Element und als Vorstufe eines Erfahrungsurteils dienen kann. Zu- nächst gelten derartige Urteile nur für den Urteilenden; „sie gelten bloß für uns, d. i. für unser Subjekt, und nur hinten nach geben wir ihnen eine

hergestell-

te neue Beziehung ist ein Werk des Verstandes, der sich in diesem Fall nicht darauf beschränkt, eine formallogische Verknüpfung vorzunehmen, da er mit der Referenz auf einen Gegenstand zugleich den Anspruch auf all- gemeine Gültigkeit verbinden muß. Als ein dem Augenblick verhaftetes, faktisches Ereignis in der Sphäre des Bewußtseins bleibt das Wahrneh- mungsurteil an das individuelle Subjekt gebunden, von dem es gefällt wird. Mit einem Erfahrungsurteil hingegen erhebt sich der Urteilende ebenso über dessen kontingente zeitliche Entstchungsbcdingungen wie auch über die Schranken seiner eigenen Individualität. Nicht mit dem Wahrneh- mungsurteil, sondern nur mit dem Erfahrungsurteil verbindet er den An- spruch, „daß es auch für uns jederzeit und ebenso für jedermann gültig

sein solle" 68 . Erst Urteile

dieser Art stellen Gcltungsansprüchc, zu deren

neue Beziehung, nämlich auf ein Objekt" 67 . Diese „hinten nach"

wahrnehme, nehme

wahr" dokumentiert wird. Die Alltags-

genereller Legitimation es der Transzendentalphilosophic bedarf. Allfällige

Verständnisschwierigkeiten lösen sich auf, sobald man in Rechnung stellt, daß Kant in der „Kritik der reinen Vernunft" und in den „Prolegomena", bedingt durch die gegenläufige Methodik der beiden Werke, nicht mit identischen Begriffen vom Urteil arbeitet. So belegt sein Umgang mit dem Ausdruck „Urteil" die Aktualität der schon in der vorkritischen Zeit aus- gesprochenen Warnung: „Weil aber bei sehr ähnlichen Begriffen, die den- noch eine ziemliche Verschiedenheit versteckt enthalten, öfters einerlei Worte gebraucht werden, so muß man hier bei jedesmaliger Anwendung

des Begriffs

mit großer Behutsamkeit Acht haben, ob es auch wirklich

einerlei Begriff sei, der hier mit ebendemselben Zeichen verbunden wor-

IV

IV

II

298.

298.

28 4 f.,

vgl . 29 1 f.;

B 140 .

10 2

II. Das Urteil als Leitfaden der philosophischen Untersuchung

Die Differenz zwischen dem engeren und dem weiteren Begriff vom Ur- teil wird gerade dort bedeutsam, wo der Status und die Struktur des Ge- schmacksurteils zu bestimmen ist. Die übliche sprachliche Dokumentation

ist schön") mag zunächst die Zuordnung zu den Urteilen nahelegen,

die einen objektbezogenen Geltungsanspruch erheben. Es scheint, als wür- de hier einem Gegenstand ein Wertprädikat zugesprochen. Auch Kants ei- gene Diktion leistet einer solchen Interpretation gelegentlich dort Vor-

schub, wo er sich in der Behandlung dieser Dinge einer abkürzenden Rede- weise bedient. Nimmt man das Geschmacksurteil jedoch in dieser Weise

beim Wort, fällt man wieder einem durch die Sprache induzierten Irrtum zum Opfer, die auch hier zunächst die Normalform der gegenstandsbezo- genen Aussage anbietet. Die Untersuchungen der Dritten Kritik sollen aber gerade zeigen, daß dieses Urteil gerade nicht in der Weise mit einem Ge- genstand befaßt ist, wie dies die ihm gewöhnlich zugeordnete Normalaus-

sage zu suggerieren scheint, da sich hinter dem Prädikator „

in Wirklichkeit eine ganz andersartige Struktur verbirgt. Das Geschmacksurteil gehört nicht zur Klasse der Wahrnehmungsurtei- le im Sinne der „Prolegomena", wohl aber in ihre unmittelbare Nachbar- schaft. Wenn Kant in der Dritten Kritik eine bestimmte Klasse von Urtei- len mit dem Namen der ästhetischen Urteile bezeichnet, so übersetzt er damit eigentlich nur den Ausdruck „Wahrnehmungsurteil". Wenn er dort

die ästhetischen Urteile auch dadurch charakterisiert, daß er sie mit den

logischen Urteilen konfrontiert 70 , so macht er in der Sache

der aus den „Prolegomena" vertrauten Alternative von subjektiven Wahr- nehmungsurteilen und objektbezogenen Erfahrungsurtcilen Gebrauch. Die Bestimmung, daß die Wahrnchmungsurteile „nur eine Beziehung zwei- er Empfindungen auf dasselbe Subjekt, nämlich mich selbst" 71 ausdrük- ken, läßt sich auch auf die Geschmacksurteile insofern anwenden, als sie dadurch bestimmt sind, daß sie „die Vorstellung nicht durch den Verstand auf das Objekt zum Erkenntnisse, sondern durch die Einbildungskraft auf das Subjekt und das Gefühl der Lust oder Unlust derselben" 72 bezie- hen. Da die Einbildungskraft als sinnliches Vermögen, anders als der Ver- stand, keine objektiven Gegenstände intendiert, bezieht sie sich mit jener Vorstellung natürlich auch auf das Subjekt nicht als auf einen Gegenstand; das Subjekt wird in diesem Fall lediglich „durch die Vorstellung affiziert" .

damit nur von

ist schön"

(„

Eine korrekte, claborierte sprachliche Dokumentation würde unter die- sen Umständen auch für das Geschmacksurteil eine präsentische Aussage

Vgl. V 203 f. und passim. IV 299.

V203.

$4

103

in der ersten Person verlangen , weil nur sie ihren Inhalt auf unmittelbare Weise zugleich auf das nur bei Aussagen in der ersten Person mit der aus- sagenden Instanz zusammenfallende Satzsubjekt bezieht. Wenn die land- läufige Dokumentation dieses Urteils dennoch den Anschein einer Objekt- beziehung erweckt, so ist dies dadurch bedingt, daß es unter allen ästheti- schen Urteilen eine Sonderstellung insofern einnimmt, als es einen bivalen- ten Geltungsanspruch erhebt, der über die Individualität und die momen- tane Präsenz des Urteilenden hinausweist. Nur aus diesem Grund bedarf es einer transzendentalen Kritik. Überindividuelle Geltungsansprüche wer- den sonst nur erhoben, wo sich ein Urteilender auf ein Objekt bezieht. We- gen der Begrenztheit der Ausdrucksmittel der natürlichen Sprache bietet sich deshalb auch für die Dokumentation des Geschmacksurteils zunächst die objektbezogene Aussage an. Kants Orientierung am engeren Urteilsbegriff, wie er ihn in der Ersten Kritik durchgehend verwendet, hat auch auf dem Weg zur Dritten Kritik

Spuren hinterlassen. Lehrreich ist der Vorbehalt, den noch die Erste Einlei- tung zur „Kritik der Urteilskraft" gegenüber dem Gebrauch des Ausdrucks „ästhetisches Urteil" erkennen läßt: „Ein ästhetisches Urteil, wenn man es zur objektiven Bestimmung brauchen wollte, würde so auffallend wider- sprechend sein, daß man bei diesem Ausdruck wider Mißdeutung genug

Urteilen gehört schlechterdings nur dem Verstände zu" 75 .

gesichert ist

Der Anlaß dieses Vorbehalts ist klar: Hält man sich an den engeren Urteils- begriff, so mag einem die Bezeichnung „ästhetisches Urteil" auch deswe- gen widersinnig erscheinen, weil Urteilen keine Leistung der Sinnlichkeit sein kann. Für sich allein präsentiert sich die Sinnlichkeit immer nur in Modifikationen des wahrnehmenden und empfindenden, noch keine Ge- genstände intendierenden Subjekts. So schließt der in der Ersten Einleitung in die Dritte Kritik eingeführte Urtcilsbcgriff auch die Möglichkeit ein, daß das Urteil „nicht die Bestimmung des Objekts, sondern des Subjekts und seines Gefühls" 6 vornimmt. Diese Erweiterung neutralisiert die Skru- pel gegenüber dem Gebrauch des Ausdrucks „ästhetisches Urteil" und er- laubt es zugleich, in der Lehre vom Geschmacksurteil fortan von einem Urteilsbcgriff auszugehen, der den „Prolegomena" deswegen näher steht als der Ersten Kritik, weil er nicht in jedem Fall eine Objektbeziehung und die Existenz eines Elements vom Status eines Begriffs verlangt.

74 Vgl. Kants Beispiel V 215.

75 XX 222; vgl. A 293 / B 350; VII 146. - Eine Ausnahme bildet das Geschmacksurteil; ihm liegt die „einzige mögliche Art, ästhetisch zu urteilen" zugrunde (XX 248).

76 XX 223.

1 0 4

II. Das Urteil als Leitfaden der philosophischen

Untersuchung

§5

Will man Kants Urteilslehre für die Analyse des Geschmacksurteils und damit für die Untersuchung der Urteilskraft fruchtbar machen, führt kein Weg an einer Crux jeder Kantinterpretation, nämlich an der Unterschei- dung analytischer und synthetischer Urteile vorbei. Da ähnliche Klassifi- zierungen auch in der gegenwärtigen Philosophie diskutiert werden, scheint diese Lehre auch von der Sache her unmittelbare Aktualität bean- spruchen zu können. Um so weniger darf man die Differenzen vernachläs- sigen, durch die sich die kantische Dichotomie von den modernen Klassifi- kationen unterscheidet. Gerade hier wird bedeutsam, daß Kant, anders als die meisten Teilnehmer an den heutigen Diskussionen, nicht von der sprachlichen Aussage, sondern von dem im Bewußtsein verorteten Urteil ausgeht. Sprachliche Gebilde haben in jedem Fall eine Semantik, die den mit den einschlägigen Methoden arbeitenden Analytikern als Leitfaden dient. Von einer Semantik kann man dagegen durchaus nicht in bezug auf alle Urteile im kantischen Sinn sprechen, wenn es Urteile gibt, die wie die Wahrnehmungsurteile schon deswegen nichts intendieren, weil sich ihr Sinn bereits in ihrer Faktizität erfüllt, die zugleich ihren Geltungsanspruch einlöst. Eine semantisch orientierte Methodik findet an diesen monovalen- ten Urteilen keinen Ansatzpunkt.

Nun werden analytische und synthetische Urteile von Kant nicht unter dem Blickwinkel der allgemeinen reinen Logik, sondern allein im Rahmen der Fragestellungen der transzendentalen Logik unterschieden. Es ist eine Unterscheidung, die nicht an der logischen Form der Urteile, sondern an ihrem Inhalt, wenn auch nur an dessen allgemeinsten Bestimmungen an-

Logik darf diese Unterscheidung Kants ausdrücklicher

Warnung gemäß noch nicht einmal dem Namen nach kennen und berück- sichtigen 7 * 1 . Man muß daher damit rechnen, daß man den Sinn von Kants Unterscheidung der beiden Urtcilstypcn verfehlt, wenn man sie für Unter- suchungen fruchtbar machen will, die außerhalb der Thematik des kriti- schen Geschäfts liegen. Zwar kommt Kant auf diese Unterscheidung auch in den Logikvorlesungen zu sprechen. Doch diese Vorlesungen enthalten ohnehin manche Exkurse, deren Thematik außerhalb der engen Grenzen liegt, in die Kant die allgemeine reine, also die formale Logik eingeschlos- sen sehen will.

Nicht nur für die Analyse der Struktur und der Geltungsbedingungen von Erkcnntnisurteilen wird die Lehre von den analytischen und den syn-

setzt 77 . Die formale

Vgl. IV 266. A 154 / B 193; vgl. auch IV 270; XX 271 f.

§5

105

thetischen Urteilen bedeutsam. Ihre wichtigste Funktion wächst ihr in Kants Überlegungen dort zu, wo sie mithilft, ein komplexes Problem- geflecht mittels einer einheitlichen Formel überschaubar zu machen. So hat Kant die Fragestellungen der Vernunftkritik sowohl in den „Prolego- mena" als auch in der zweiten Auflage der „Kritik der reinen Vernunft" in der Formel konzentriert „Wie sind synthetische Urteile a priori mög- lich?" 79 Auf sie hin sollen alle Probleme konvergieren, von deren Lösung

es abhängt, ob sich eine Metaphysik entwickeln läßt, die den Standards ei- ner Wissenschaft genügt und die zudem den Inbegriff ihrer Ergebnisse nicht durch einen Rekurs auf Erfahrung begründet. „Auf die Auflösung dieser Aufgabe nun kommt das Stehen oder Fallen der Metaphysik und al-

der mit dieser Aufgabe

verbundenen Tcilprobleme wegen hatte Kant nach einer einheitlichen For-

mel gesucht, die zugleich der Orientierung dienen soll: „Man gewinnt da- durch schon sehr viel, wenn man eine Menge von Untersuchungen unter

die Formel einer

lesung gesteht Kant nach dem Zeugnis des Grafen Dohna, „wieviel Mühe es ihm gemacht, da er mit den Gedanken, die Kritik der reinen Vernunft zu schreiben, umging, zu wissen, was er eigentlich wolle. Zuletzt habe er gefunden, alles ließe sich in die Frage fassen: Sind synthetische Sätze a priori möglich?" 82 .

Die Unterscheidung zwischen analytischen und synthetischen Urteilen ist nicht nur für den Einzugsbercich der „Kritik der reinen Vernunft" rele- vant. So macht die praktische Philosophie von ihr Gebrauch, wenn sie den formalen Status des Sittengesetzes als den eines synthetischen apriorischen Satzes bestimmt 8 '. Auch in der Dritten Kritik greift Kant auf diese Unter- scheidung zurück, wenn er das Geschmacksurteil als ein synthetisches apriorisches Urteil oder zumindest als ein auf apriorischen Prinzipien be- ruhendes Urteil einstuft und damit auch die Erörterungen der „Kritik der ästhetischen Urteilskraft" unter das Generalthcma der Transzcndcntalphi- losophie stellt 84 . Wer dem Geschmacksurteil die apriorische Fundierung abspricht, kann schwerlich erklären, warum es überhaupt zu den Themen gehören soll, deren Erörterung in den Kompetenzbereich der Transzen- dcntalphilosophie fällt. So darf man erwarten, daß die Lehre von den ana- lytischen und den synthetischen Urteilen auch bei dem Versuch hilfreich ist, schwierige Abschnitte der Dritten Kritik zu entschlüsseln.

einzigen Aufgabe bringen kann" 81 . In einer Logikvor-

so ihre Existenz gänzlich an" 80 . Der Komplexität

B 19; vgl. IV 276. 8,1 IV 276. B 19.

Sl

82 XXIV 783 f.

83 Vgl. IV 420.

9

84

Vgl. V 191 , 221 f., 266,27 8 f., 28 8 f.

10 6

II. Das Urteil als Leitfaden der philosophischen Untersuchung

Diese Erwartung wird allerdings zunächst einmal enttäuscht, da ja gera- de jene Lehre in erheblichem Maße zu jenen Schwierigkeiten des Kantstu- diums beiträgt, die auch dann noch bestehen bleiben, wenn man sie kor-

rekterweise auf die in der Sphäre des Bewußtseins verorteten Urteile und nicht auf deren sprachliche Dokumentationen bezieht. Nur auf den ersten Blick scheint sie darauf abzuzielen, beliebige vorgegebene Urteile zu klassi- fizieren, wenn sie beispielsweise ein bejahendes Urteil als erläuternd und damit als analytisch dann einstuft, wenn ein einstelliges Prädikat im Be- griff des Subjekts enthalten ist, dagegen als erweiternd und damit als syn- thetisch, wenn dies nicht der Fall ist : „Analytische Urteile sagen im Prä- dikate nichts als das, was im Begriffe des Subjekts schon wirklich, obgleich

nicht so klar

und mit gleichem Bewußtsein gedacht war" 86 . Diese Bestim-

mungen sind am Paradigma des positiven Erkenntnisurteils orientiert, das ein einstelliges, begriffliches Prädikat enthält und sich durch seine Ver- mittlung auf einen Gegenstand bezieht. Es ist nicht schwierig, sie so zu er- weitern, daß sie auch auf Urteile mit mehrstelligen Prädikaten und auf ne- gative Urteile passen. Doch selbst dann lassen sie sich nicht unmittelbar für die Analyse von ästhetischen, keine Begriffe als ihre Elemente enthal- tenden Urteilen fruchtbar machen.

Schwierigkeiten sind mit der kantischen Dichotomie auch deswegen ver- bunden, weil sie Kant am Beispiel universeller Urteile zu exemplifizieren pflegt. Hier bedarf es schon einer nichttrivialen Analogie, um sie auch für die Analyse partikulärer oder gar singulärer Urteile fruchtbar zu machen. Ferner paßt Kants Unterscheidungskriterium selbst auf universelle positive Urteile präzise nur dann, wenn sie wahr ausfallen. Natürlich ist das Prädi-

kat eines positiven Urteils, wenn es falsch ausfällt, im Begriff des Subjekts in Wirklichkeit gerade nicht enthalten. Trotzdem kann der analytische oder der synthetische Charakter eines Urteils nicht gut davon abhängen, ob das Urteil wahr ist. Der Sache nach kann nur von Bedeutung sein, ob über seine Verifikation bereits auf der Grundlage der in ihm enthaltenen Begriffe ent- schieden werden kann. Kant deutet eine solche Präzisicrung an, wenn er für das analytische Urteil fordert, daß seine Wahrheit jederzeit nach dem Satz

Widerspruchs hinreichend muß erkannt werden können 87 . Wenn man

dann umgekehrt jedes Urteil als synthetisch gelten läßt, über dessen Verifi- zierung man nicht auf diesem Wege entscheiden kann, so hat man damit zu-

gleich alle bcgriffslosen und daher auch alle ästhetischen Urteile mit Ein- schluß der Geschmacksurteile als synthetische Urteile eingestuft 88 .

des

u

86

87

HH

Vgl. A6/B10f .

IV 266.

Vgl. A 151 /B190 .

Vgl. R 3140.

$5

107

Nicht immer gelingt es, faktisch vorgegebene, sprachlich dokumentierte Urteile zweifelsfrei und eindeutig einer der beiden Urteilsklassen zuzuord- nen. Das läßt sich schon an Hand von Kants Musterbeispiel der aus- gedehnten und der schweren Körper verdeutlichen 89 . Nicht von den Kon- tingenzen der Sprache, in der ein Urteil dokumentiert ist, sondern schon von den Kontingenzen der im Urteil selbst enthaltenen Begriffe hängt es ab, ob der im jeweiligen Fall verwendete Begriff des Körpers das Merkmal der Schwere enthält oder nicht. Nur empirisch läßt sich klären, wie die Be- griffsinhalte gegeneinander abgegrenzt sind, von denen der Urteilende ausgeht. Dem Wort „Körper" allein läßt sich niemals entnehmen, welche Merkmale den Begriff bestimmen, den es im konkreten Einzelfall doku- mentiert. So macht schon dieses Beispiel deutlich, warum durch gleichlau- tende Aussagen gelegentlich auch unterschiedliche Urteile dokumentiert werden können. Man kann „von eben demselben Dinge sich einen solchen Begriff machen, daß ein gewisses Prädikat wesentliches Stück, oder auch einen solchen, wo es bloß Attribut ist" . Jedermann steht es frei, Begriffe nach Bedarf so zu bilden oder zu modifizieren, daß sie es ermöglichen, je-

dem synthetischen Urteil ein auf die gleiche Weise dokumentiertes analy- tisches Urteil an die Seite zu stellen. Diese Möglichkeit setzt Kant voraus, wenn er in einer Reflexion notiert: „Wenn man den ganzen Begriff hätte, wovon die Notionen des Subjekts und Prädikats compartes sind, so wür-

den die synthetischen Urteile sich in analytische verwandeln" 91 . Was

Kant

unter dem „ganzen Begriff" versteht, kann hier dahingestellt bleiben. Fest- zuhalten bleibt, daß die Techniken der Bildung von Begriffen, des Um- gangs mit ihnen mitsamt den Techniken ihrer Dokumentation logische Operationen erlauben, von denen die Bedeutsamkeit der Unterscheidung analytischer und synthetischer Urteile gleichsam unterlaufen wird, wenn man versucht, sie für die Klassifizierung von vorgegebenen, sprachlich ausformulierten Beispielsätzen fruchtbar zu machen. Die Frage bleibt, warum Kant dieser Unterscheidung gleichwohl eine so zentrale Stellung zuerkennt, daß sie schließlich selbst noch für die Charakterisierung des Geschmacksurteils fruchtbar gemacht wird.

Will man einsehen, warum jeder Versuch einer präzisen Abgrenzung analytischer und synthetischer Urteile zu Schwierigkeiten führt, sobald konkrete Beispiele in Gestalt sprachlicher Aussagen betrachtet werden, kann man auf Kants Begriffslehre zurückgreifen, wie sie in der Transzen- dentalen Methodenlehre der Ersten Kritik skizziert und in den Logikvor- lesungen expliziert wird. Sie unterscheidet zunächst gegebene von ge-

89 Vgl. A7/B11;IV266.

90 XX 375 f.; vgl. auch 408.

91 R3928.

10 8

II. Das Urteil als Leitfaden der philosophischen Untersuchung

machten Begriffen. Die meisten gegebenen Begriffe stammen aus der Er- fahrung; aber auch die ihrer Natur nach apriorischen Kategorien gehören zur Klasse dieser Begriffe. Gemacht sein können Begriffe ebenfalls entwe-

der

scheidungen hängt es ab, ob sich ein Begriff überhaupt definieren läßt oder nicht. Ein empirischer Begriff kann nicht definiert, sondern nur ex- pliziert werden. „Da wir an ihm nur einige Merkmale von einer gewissen Art Gegenstände der Sinne haben, so ist es niemals sicher, ob man unter

dem Worte, der denselben Gegenstand bezeichnet, nicht einmal mehr, das

der Begriff steht also

niemals zwischen sicheren Grenzen" 93 . Denn Begriffe, nicht Wörter bilden den Gegenstand von Definitionen. Soll ein Begriff definiert werden, kön- nen sprachliche Ausdrücke höchstens Hilfestellung leisten, indem sie ihn gleichsam als „Wächter" begleiten 94 . Trotzdem sind die meisten Wörter der Umgangssprache nicht umkehrbar eindeutig einem und nur einem Be- griff zugeordnet. So können sie ihr Wächtcramt nicht ausüben, wenn der Sprachgebrauch mehrdeutig ist. Deswegen muß man immer darauf gefaßt sein, daß sich eine vermeintliche Begriffsdefinition als eine bloße Worter- klärung herausstellt 95 .

andere Mal weniger Merkmale desselben denke

auf apriorische oder auf aposteriorische Weise 92 . Von diesen Unter-

Auf derartige Schwierigkeiten muß man bei allen Begriffen gefaßt sein, deren Bedeutung nicht auf einer konventionellen Definition beruht. Das

gilt auch für die gegebenen Begriffe von apriorischem Status. „Alle gege- benen Begriffe, sie mögen a priori oder a posteriori gegeben sein, können

Da man durch keine Probe gewiß

werden kann, ob man alle Merkmale eines gegebenen Begriffs durch voll- ständige Analyse erschöpft habe: so sind alle analytischen Definitionen für unsicher zu halten" 96 . Gegebene empirische Begriffe sind dafür offen, durch Erfahrung immer wieder aufs neue modifiziert und mit neuen In- halten angereichert zu werden. Aber auch für die Kategorien, ihrem Status nach gegebene apriorische Begriffe, von denen gegenstandsbezogene Er- fahrung erst ermöglicht wird, bleibt die endgültige Definition ein uner- reichbares Idealziel 97 . Entsprechendes gilt für die Grundbegriffe einer je- den wissenschaftlichen Fachdisziplin, beispielsweise der Jurisprudenz:

nur durch Analysis definiert werden

„Noch suchen die Juristen eine Definition zu ihrem Begriffe vom Recht" 9S . Damit ist nicht gemeint, die Juristen seien, was die Bestimmung

92

Vgl. IX 93 ff.,

140 ff.;

A 72 7 /

B 755 ff.

n A 727/ B 755 ff.; vgl. IX 141 f.

94 Vgl. VII 191. Ein viel diskutiertes Beispiel findet sich A 58 / B 82.

96

IX 142.

97 Vgl. A 240/ B 299 ff.

98 A731 / B 759; vgl. V] 229.

§5

109

dieses Begriffs anbelangt, bisher ganz in die Irre gegangen. Daß sie wesent- liche Merkmale des Rechtsbegriffs erarbeitet haben, spricht ihnen Kant nicht ab. Weil aber gegebene Begriffe, seien sie empirischen oder apriori- schen Ursprungs, niemals zwischen sicheren Grenzen stehen, kann man auch in diesem Fall allenfalls Explikationen zustande bringen, die sich ei- ner Definition mehr oder weniger annähern . Die Lehre von der Undefinierbarkeit der Kategorien, am ausführlichsten in der ersten Auflage der „Kritik der reinen Vernunft" vorgetragen, hat ge- legentlich Befremden erregt. „Die logischen Funktionen der Urteile über-

haupt

weil die Definition doch selbst ein Urteil sein, und also diese Funktionen schon enthalten müßte" 100 . Dazu kommt, daß sich der Gebrauch auch der apriorischen Begriffe allemal unter den Bedingungen der auch von der Sinnlichkeit geprägten, prinzipiell unabschließbaren Erfahrung abspielt. Deshalb müssen auch sie durch empirische Beispiele in der Anschauung dargestellt werden können . Ihre Analyse soll immer nur so weit führen, wie es die Begründung der Transzcndcntalphilosophie unbedingt verlangt, die sich vornehmlich dafür interessiert, welcher Gebrauch legitimerweise

die endgültige Definition

selbst eines a priori gegebenen Begriffs vom Status einer Kategorie ein un- erreichbares Idealziel bleibt, läßt sich die Unsicherheit über den analy- tischen oder synthetischen Charakter eines konkreten, sprachlich doku- mentierten Urteils mit Hilfe von Explikationen allenfalls reduzieren, aber niemals ganz aufheben. Allein bei den gemachten, auf Willkür und Kon- vention beruhenden Begriffen der Mathematiker sind die Bedingungen er- füllt, unter denen sich ihre Merkmale mit dem Anspruch auf Vollständig- keit angeben lassen, weil sie mit dem Definitionsakt erst entstehen. Nu r hier steht eine erschöpfende Definition schon am Beginn einer Arbeit, die jederzeit auf sie zurückgreifen kann. Der Gegensatz zwischen den Funktio- nen, die von gegebenen und gemachten Begriffen erfüllt werden, liefert im übrigen auch einen der Gründe, die es der Philosophie verwehren, ihre an apriorischen, aber stets gegebenen Begriffen orientierte Arbeit unter das Gesetz mathematischer Methoden zu stellen 103 .

von ihnen gemacht werden

können, ohne einen Zirkel zu begehen, nicht definiert werden,

kann 102 . Wenn aber

Kants Skepsis gegenüber allen Bemühungen, in der Philosophie zu end- gültigen Definitionen zu gelangen, hat in seinem Werk vielfältige Spuren hinterlassen. So klagt er: „Die Philosophie wimmelt von fehlerhaften Defi-

99

100

101

102

103

Vgl. A 43/ B 61; A 729/ B 757; IX 142f.;XX226.

A 245.

Vgl. V 342 f.

Vgl. A 241.

Vgl. A 726 / B 754ff.; vgl. v. Wolff-Mcttcrnich (1995) S.71 ff.

11 0

II. Das Urteil als Leitfaden der philosophischen Untersuchung

nitionen" 104 . Damit sind keine Formeln gemeint, die falsch ausgefallen sind, sondern Ausdrücke, denen man auch dann, wenn sie ihren Gegen-

stand treffen, nicht den Status einer Definition zuerkennen kann. In diesel- be Richtung zielt die Kritik, die Kant in den Logikvorlesungen an Christian

in der Philosophie falsch" 105 .

So ermahnt er den Philosophierenden zur Behutsamkeit, deren er bedarf, um „seinen Urteilen vor der vollständigen Zergliederung des Begriffs, die

oft nur sehr spät erreicht wird, durch gewagte Definition nicht vorzugrei- fen" 1 6 . Es ist deshalb kein Zufall und noch weniger das Anzeichen eines Unvermögens, wenn die Suche nach Definitionen der in Kants Texten den Gedankengang tragenden Grundbegriffe kaum Erfolge zeitigt. Weil au- ßerhalb des Einzugsbereichs der Mathematik die vollständige Definition nur den ideellen Endpunkt der Arbeit am Begriff markiert, gerät Kant auch nicht in Beweisnot, wenn er in den „Metaphysischen Anfangsgründen der Naturwissenschaft" konstatiert, die Erklärung der Möglichkeit der Erfahrung könne „beinahe durch einen einzigen Schluß aus der genau be-

verrichtet werden" 107 .

Denn in Wirklichkeit erreicht man niemals den Punkt, an dem man über sämtliche Prämissen verfügen würde, deren man bedürfte, um einen sol- chen Schluß ziehen zu können.

Auch mit der Erkenntnis eines realen Gegenstandes in der Welt der Er- scheinungen kommt man ebensowenig an ein unüberholbares Ende wie mit dem Versuch, einen gegebenen Begriff abschließend zu definieren. Vollendet wäre eine solche Erkenntnis erst, wenn man von jeder über- haupt denkbaren Eigenschaft wüßte, ob sie diesem Objekt zukommt oder nicht zukommt. Weil aber jede Einzelerkenntnis in einen umfassenden und ganzheitlichen Kontext eingebettet ist, repräsentiert sie in Wirklichkeit immer nur ein unselbständiges Teilelement einer unübersehbar langen Kette von Disjunktionsgliedern, von denen ein jedes entweder positiv oder negativ bewertet werden müßte, um den Erkenntnisprozeß zu einem na- türlichen Abschluß bringen zu können: Ein disjunktives Urteil enthält also „eine gewisse Gemeinschaft der Erkenntnisse, die darin besteht, daß sie sich wechselseitig einander ausschließen, aber dadurch doch im Ganzen die wahre Erkenntnis bestimmen, indem sie zusammengenommen den ganzen Inhalt einer einzigen gegebenen Erkenntnis ausmachen" 1 . „Um ein Ding vollständig zu erkennen, muß man alles Mögliche erken-

stimmten Definition eines Urteils überhaupt

Wolff übt: „Jede seiner Definitionen ist

104 A 731 / B 759.

105 XXIV 917.

UM

y 9

107 IV475.

108 A 74 /

B 99.

§5

111

nen, und es dadurch, es sei bejahend oder verneinend, bestimmen" . Der Ausdruck „alles Mögliche" bezieht sich hier, im Gegensatz zu seiner höchst vagen Bedeutung in der Alltagssprachc, auf die „gesamte Möglichkeit, als den Inbegriff aller Prädikate der Dinge überhaupt" 1 lü . An diesem Inbegriff aller Möglichkeiten, seinem formalen Status nach eine Vernunftidee, hat jedes einzelne Ding nur Anteil. Hier wird die holistische Leitlinie in Kants Erkenntnistheorie deutlich: „Um ein Ding ganz zu erkennen, muß man nicht allein wissen, was es enthält, sondern überdem alles, was ihm fehlt" 111 . Erst dann wäre es endgültig und vollständig erkannt. Auch wenn man eingesehen hat, daß eine derartige Erkenntnis unter Realbedingungen niemals zu erreichen ist, kann ihre Idee im Prozeß des Erkennens immer noch als Orientierungsgröße dienen 112 . Weil eine derartige Erkenntnis aber notwendig wäre, um außerhalb der Mathematik zu einer Definition zu gelangen, besteht selbst dann, wenn man die Kontingenzen der Sprache auf sich beruhen läßt, keine reale Aussicht, ein vorgelegtes, konkretes Ur- teil jemals zweifelsfrei als analytisches oder als synthetisches Urteil einstu- fen zu können.

Unter diesen Umständen wird verständlich, daß Kants Interesse an der seinem ausdrücklichen Bekunden nach allein für die Transzendentalphi- losophie relevanten Unterscheidung analytischer und synthetischer Urteile nur durch ein Prinzipienproblem wachgehalten wird. Sie soll keine eindeu- tige Klassifizierung vorgegebener Urteile oder gar Aussagen ermöglichen, sondern Einsicht in die Bedingungen vermitteln, unter denen sich über- haupt analytische und synthetische Leistungen im Umkreis von Urteilen und in bezug auf sie erbringen lassen. So konzentriert sich Kants Interesse hinsichtlich der synthetischen Urteile auf die Frage, ob das urteilende Sub- jekt bereits auf Grund seiner nicht in der Erfahrung gründenden Ausstat- tung überhaupt imstande ist, solche Urteile zu fällen und zu begründen, oder ob es dazu in jedem Fall auf die Empirie rekurrieren muß. Die Fällig- keit des Subjekts, empirische Syntheseleistungen zu erbringen, braucht nicht eigens nachgewiesen zu werden, da die Möglichkeit von Erfahrung und der zu ihrem Zustandekommen erforderlichen Synthesen ohnehin von niemandem ernstlich bezweifelt wird. Selbst Wahrnehmungsurteile verkörpern Resultate von Synthesen, von denen unbegriffliche, sinnliche Daten verknüpft werden. Erst recht gilt dies für die Ergebnisse, die von den auf ihrem sicheren Gang fortschreitenden Erfahrungswissenschaften

l w

A 573/ B 601. A 572/ B 600.

111 R 6209, vgl. 4244.

" "

112 Vgl. schon bei Meier, Auszug aus der Vcrnunftlehrc § 125: „Alle unsere klare Erkennt- nis ist uns allemal eines Teils dunkel, weil wir keine einzige Sache völlig zu durchdenken ver- mögend sind".

1 1 2

II. Das Urteil als Leitfaden der philosophischen Untersuchung

erarbeitet werden. Auch die Möglichkeit analytischer Urteile läßt sich um so weniger in Zweifel ziehen, als sich stets nur das analysieren läßt, was zuvor durch eine Synthese, sei sie apriorisch oder empirisch, verbunden worden ist. „Wo der Verstand vorher nichts verbunden hat, da kann er auch nichts auflösen" 113 . Die Dichotomie der beiden Urteilstypen dient unter diesen Umständen letztlich also nur dazu, die generelle Prinzipienfrage zu präzisieren, ob der dem Menschen überhaupt erreichbaren Erkenntnis auch Urteilsakte zu- grunde liegen, von denen ausschließlich solche Elemente synthetisiert wer- den, die bereits zu seiner nicht in der Erfahrung gründenden Ausstattung gehören. Selbst hier ist es die Anwendung einer analytischen Methodik, die im Bereich der theoretischen ebenso wie in dem der praktischen Phi- losophie synthetische Sätze a priori zutage fördert 114 . In diesem Sinn be- müht sich Kant in der „Analytik der Grundsätze" der Ersten Kritik darum, Synthesen namhaft zu machen, die aller Erfahrung als unvordenkliche Voraussetzungen immer schon zugrunde liegen und ihre Resultate, von al- lem empirischen Beiwerk befreit, vor Augen zu stellen. Es sind Synthesen, mit denen die Subjektivität heterogene apriorische Elemente, nämlich Ka- tegorien und reine Anschauungsformen, durch Vermittlung der Schemata aufeinander bezieht. Auf diesem Weg gelangt die Untersuchung zu den Grundsätzen des reinen Verstandes, die überall dort, wo konkrete Erfah- rungserkenntnis erarbeitet wird, der Sache nach implizit bereits anerkannt sind, ohne daß es dazu ihrer sprachlichen Dokumentation bedurft hätte. Weil aber die Erfahrung einen stetigen Wandel des Bewußtseins auch von jenen Begriffen im Gefolge hat, durch die sie erst ermöglicht wird, läßt sich für eine konkrete empirische Aussage niemals mit letzter Sicherheit ausmachen, ob sie ein analytisches oder ein synthetisches Urteil dokumen- tiert. Aus diesem Grund hat die Unterscheidung der beiden Urteilstypcn für die formale Logik nur geringe Bedeutung. Versucht man, sie für die Klassifizierung konkreter, vorgegebener Aussagen nutzbar zu machen, kann sie sogar systematischen Irreführungen Vorschub leisten. Von dieser Dichotomie kann Kant deshalb sagen, zwar sei sie im Rahmen der Trans- zendentalphilosophic unentbehrlich; „sonst wüßte ich nicht, daß sie irgend anderwärts einen beträchtlichen Nutzen hätte" 115 .

Erst nach dem Erscheinen der Ersten Kritik wurde Kant darauf auf- merksam, daß die Lehre von den apriorischen Syntheseleistungen der Sub- jektivität einer Ergänzung bedarf. Diese Entdeckung zwang ihn nicht dazu, die Tafel der Grundsätze des reinen Verstandes zu erweitern. Denn ent-

113

114

115

B130; vgl. A77/B10 3

Vgl. auch IV 444 f.

IV 270; vgl. V 213.

§5

113

deckt hatte er nur, daß auch die Genese begründungsfähiger Erkenntnis von bestimmten apriorischen Synthcseleistungen zehrt, die sich seiner Auf- merksamkeit bislang noch entzogen hatten. Es handelt sich dabei aber nicht um unvordenkliche Basisurteile, wie sie in allen konkreten Erkenntnissen als deren Fundamente oder Elemente präsent sind, sondern um ein Prinzip, das dem Auffinden und dem Erarbeiten gültiger Urteile die Richtung weist. Es zeichnet der Urteilskraft für ihre Tätigkeit die Richtung vor, ohne in die Resultate dieser Tätigkeit selbst einzugehen. Dabei steht es gleichsam im Rücken der Prozesse, die zu gegenstandsbezogenen Erkenntnissen führen. Von den Untersuchungen, die sich nur auf die Resultate des Erkennens und auf ihre Begründung konzentrieren, wird es gewöhnlich übersehen. Über- raschenderweise wird es dagegen gerade im Geschmacksurteil faßbar. Die Klassifizierung der gleich allen anderen ästhetischen Urteilen außer- halb der Sphäre des Begriffs angesiedelten Geschmacksurteile im System der analytischen und synthetischen Urteile fällt nicht schwer. Schon ihres ästhetischen Charakters wegen sind es allesamt synthetische Urteile, „weil sie über den Begriff und selbst die Anschauung des Objekts hinausgehen und etwas, das gar nicht einmal Erkenntnis ist, nämlich Gefühl der Lust (oder Unlust), zu jener als Prädikat hinzutun" 116 - wohlgemerkt also gera- de nicht den Begriff dieses Gefühls. Weil dieses Prädikat selbst gar nicht von der Art eines Begriffs ist, kann es allenfalls unter einen Begriff sub- sumiert werden, nicht aber in einem anderen Begriff, beispielsweise in dem des jeweiligen Urtcilssubjekts, enthalten sein. Denn hier handelt es sich um ein Gefühl exzeptioneller Art, da es nicht der Erfahrung entstammt, da in ihm überdies ein Geltungsanspruch von besonderer Art gründet und da es zudem der Tätigkeit der Urteilskraft die Richtung vorzeichnet. Die Unter- suchung des Geschmacksurteils gehört allein wegen dieses durch sein apriorisches Fundament ausgezeichneten, in ihm als Element enthaltenen Gefühls „unter das allgemeine Problem der Transzcndcntalphilosophie:

sind synthetische Urteile a priori möglich?" 117 Unter ihnen finden sich

Wie

also auch Urteile, die keinen Erkcnntnisanspruch erheben, aber dennoch Allgemeingültigkeit von der strengen Art beanspruchen, wie sie sich nur auf apriorischer Basis rechtfertigen läßt.

Die synthetischen Urteile a priori, mit denen sich die kritische Philoso- phie befaßt, werden nicht von ihr gefällt. Sie gehören zu ihren Gegenstän- den, weil die einschlägigen Synthcseleistungen und deren Resultate von ihr nicht erbracht, sondern bereits vorgefunden und lediglich analysiert wer- den. Die Philosophie kann sie nur rekonstruieren, aufklären und gleichsam zu Protokoll nehmen. Wenn Kant feststellt, „wir sind wirklich im Besitz

116 V 288; über Prädikate ästhetischer Sinnenurteile vgl. auch XX 224. 1, 7 V289.

1 1 4

II. Das Urteil als Leitfaden der philosophischen Untersuchung

„wir" alle diejenigen, die

über ein die beiden Stämme der Sinnlichkeit und des Verstandes umfassen- des Erkenntnisvermögen verfügen und von ihm Gebrauch machen. Dieser Kreis ist bei weitem nicht nur auf die Theoretiker eingeschränkt, die in ih- ren philosophischen Reflexionen darum bemüht sind, die Grundlagen des Erkennens auf Begriffe zu bringen und in einen systematischen Zusam- menhang zu fügen. Denn die von der kritischen Philosophie aufgesuchten

synthetischen Urteile a priori, begrifflicher wie auch außerbegrifflicher Art, sind in allen strengen Wissenschaften, teils in ihren Ergebnissen, teils in den sie ermöglichenden Methoden, ja sogar in jedem kontrollierten Ver-

standesgebrauch als deren

nommen gehören sie noch nicht einmal unmittelbar zu dem Text, mit dem Kant sein Denken dokumentiert und mitteilt, da sie als Gegenstände dieses Denkens eine Position einnehmen, die am ehesten noch der von Zitaten vergleichbar ist. Die Aufgaben der philosophischen Untersuchung erschöpfen sich trotz- dem nicht darin, diese Urteile nur aufzuspüren und zu rekonstruieren. Sie werden von ihr auch einer Prüfung auf die Legitimität der von ihnen erho- benen Geltungsansprüche hin unterzogen. Auch insoweit sind die „gehei- men Urteile der gemeinen Vernunft" 120 nicht Resultate, sondern Gegen- stände einer Untersuchung, von der Fragen aufgeworfen werden, die von der gemeinen Vernunft selbst nicht gestellt werden und noch nicht einmal gestellt werden könnten. So erledigt die Philosophie auch dort Aufgaben analytischer Natur, wo sie der Entdeckung von unvordenklichen, dem ge- wöhnlichen Bewußtsein jedoch zumeist verborgenen Syntheseleistungen auf der Spur ist. Ihre analytische Arbeit muß dennoch immer nur so weit

Prinzipien immer schon enthalten 11 . Streng ge-

synthetischer Erkenntnisse a priori" 118 , so sind

gehen, „als sie unentbehrlich nötig ist, um die Prinzipien der Synthesis a

priori

übernimmt sie Aufgaben der Zergliederung und der Erläuterung, der Do- kumentation und der Rechtfertigung. Dabei muß sie stets auf den Unter- schied zwischen den von ihr gefällten und den von ihr untersuchten Urtei-

len achten. Am Ende zeigt sich, daß es nur sehr wenige synthetische Urteile a priori sind, die sie mit ihren analytischen Methoden zutage gefördert ha- ben wird. Kant unterstreicht in bezug auf die Philosophie ausdrücklich „dieser ihre Armut in Ansehung dergleichen Sätze (indessen daß sie an

analytischen

in ihrem ganzen Umfange einzusehen" . Zu diesem Zweck

reich genug ist)" 122 .

118

" 9

,2Ü

A 762/ B 790. Vgl.BHff.

R436.

121 A 12; vgl. A 14/B28 .

122 VIII 246.

§6

115

Die Differenz zwischen den von der Philosophie gefällten und den von ihr untersuchten Urteilen ist nicht nur innerhalb ihrer theoretischen He- misphäre bedeutsam. Nicht die praktische Philosophie, sondern die von ihr untersuchte praktische Vernunft ist es, deren Gesetzgebung den in Ge- stalt von verschiedenen Formulierungen dokumentierten Imperativ her-

vorbringt. Der philosophierende Theoretiker

Faktum der Vernunft bereits vor, das er auf klare Begriffe bringt und zu- gleich zum Gegenstand einer Prinzipienanalyse macht. Auch dieses Gesetz hat den Status eines synthetischen apriorischen Satzes. Es liegt dem ge- wöhnlichen sittlichen Bewußtsein schon zugrunde und wird von der Phi- losophie mit Hilfe ihrer analytischen Methoden nur entdeckt und ausfor- muliert 123 . Entsprechendes gilt für die von Kant in der Zweiten Kritik vor- getragene Postulatenlehre 124 . Die Existenz Gottes und die Unsterblichkeit der Seele werden von ihr als Inhalte von Postulaten gedeutet, die nicht erst von der Kritik der praktischen Vernunft, sondern von der praktischen Ver- nunft selbst erhoben werden. Der Moralphilosophie bleibt nur die Auf- gabe, den Inhalt dieser Postulate zu analysieren, zu dokumentieren sowie über die Art und den Grund ihrer Legitimität zu befinden.

Die „Kritik der Urteilskraft" verlangt für ihre Analysen ähnliche Diffe- renzierungen, wenn sie in ihrem ersten Teil die Untersuchungen am Para- digma der Geschmacksurteile orientiert. Sie selbst fällt niemals solche Ur- teile; als eine ihrem Wesen nach theoretische Untersuchung wäre sie dazu auch gar nicht fähig. Auch der mit einem Geschmacksurteil verbundene Geltungsanspruch wird von der kritischen Philosophie nicht erhoben, son- dern nur auf Begriffe gebracht und auf seine Legitimität hin geprüft. So kommt auch den Geschmacksurtcilen mitsamt ihren sprachlichen Doku- mentationen im Kontext der Dritten Kritik ein Status zu, der am ehesten dem Status von Zitaten vergleichbar ist. Wenn die Kritik den Geltungs- anspruch dieser Urteile untersucht, wiil sie zugleich zeigen, warum alle Versuche scheitern, Geschmacksurteile mit begrifflichen Techniken zu be- gründen und eine als Geschmackslehre verstandene Ästhetik als Wissen- schaft zu entwickeln.

findet das Sittengesetz als ein

§6

Der methodische Status der ihrem Wesen nach stets analytischen Auf- gaben, deren Lösung Kant der Philosophie anvertraut, wird häufig ver- kannt. Wohl entdeckt sie als Frucht ihrer Analysen auch synthetische Sät-

Vgl. IV 440,445. Vgl. V I 22 ff.

11 6

II. Das Urteil als Leitfaden der philosophischen Untersuchung

ze, gelegentlich sogar solche von apriorischem Status. Sie erzielt dabei aber keine Resultate, die für den Erkennenden in jeder Hinsicht neu wären, da sie nur Materialien und Voraussetzungen analysiert und auf den Begriff bringt, die ihm auf andere, wenngleich zumeist unausgesprochene, unre- flektierte und latente Weise schon vertraut sind. „Der Philosoph macht

Wären wir uns alles dessen bewußt, was

wir wissen, so müßten wir über die große Menge unserer Erkenntnisse er-

staunen" 125 .

So ist die Philosophie mit Aufgaben befaßt, die sich daraus ergeben, daß sich identische Wissensinhalte in unterschiedlichen Gestalten präsentieren können. Als ein auf analytische und explikative Aufgaben verpflichtetes Unternehmen fördert sie keine bislang gänzlich unbekannten Sachverhalte in der Weise zutage, wie dies in den Realwissenschaften oder in der Ma- thematik geschieht. Trotzdem ist es ein Erkenntnisgewinn eigener Art, wenn ein implizit schon vorhandenes Wissen deutlich gemacht und auf die Ebene der Ausdrücklichkeit gehoben wird. Deshalb gleicht der formale Status der Resultate philosophischer Arbeit nicht dem Status von For- schungsergebnissen, wie sie auf Grund geplanter Erfahrung oder forma- len Konstruiercns erzielt werden und dann ein Wissen repräsentieren, wie es zuvor weder explizit noch implizit existent war. „Wenn ich aber einen Begriff deutlich mache, so wächst durch diese bloße Zergliederung mein Erkenntnis ganz und gar nicht dem Inhalte nach" 1 6 . Geht die Philoso- phie auf diese Weise vor, lehrt sie „eigentlich nicht etwas erkennen, was man nicht wußte, sondern das besser erkennen, was man wußte" 127 . Denn „alles, was in der Metaphysik und Moral gelehrt wird, das weiß schon jeder Mensch, nur war er sich dessen nicht bewußt" 128 . Schon die Umgangssprache verbirgt Einsichten, die erst von der philosophischen Reflexion aufgespürt, auf den Begriff gebracht und ausdrücklich ge- macht werden: „Unsere gemeine Sprache enthält schon alles das, was die transzendentale Philosophie mit Mühe herauszieht" 129 . Aus diesem Grund lassen sich die von der Philosophie erarbeiteten Innovationen im- mer auch als Gewinn an Selbsterkenntnis deuten: Die „Metaphysik ist

der sich selbst kennende Verstand" 130 . Die analytische Explikation gege-

bener Begriffe ist deshalb „ein sehr notwendiges Geschäft, um sich zuerst

selbst wohl zu verstehen" 131 . Solche Bestimmungen konkretisieren zu-

nur gegebene Begriffe deutlich

125 IX 64; vgl. XXIV 123,410.

126 1X64.

127 R 1696; vgl. R 3948,4626,5115.

128 XXIX (1)80; vgl. 29.

129 XXIX (1)804.

130 R4284.

131 XX 323.

§6

117

gleich den Grundsatz, daß „eben darin Philosophie besteht, seine Grenzen zu kennen" 132 . Die von Kant der Philosophie zugedachte Aufgabe ist nicht so neuartig, wie es zunächst scheinen mag. Schon immer hatten die Klassiker des phi- losophischen Denkens Ziele verfolgt, die man auch mit den hier zitierten Formulierungen Kants auf treffende Weise charakterisieren könnte. Den- noch hat man von der Philosophie immer wieder Ergebnisse erwartet, die nicht nur latentes Wissen ausdrücklich machen, sondern dem Erkennen auch den Weg zu bisher gänzlich unbekannten Regionen eröffnen sollten. Vor allem an die von Christian Wolff und von seiner Schule gelehrte Me- taphysik denkt Kant, wenn er fordert, überzogene Erwartungen in bezug auf die Philosophie zu reduzieren und die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit neu zu bestimmen. Dazu bedarf es vor allem einer Besinnung auf die der philosophischen Arbeit angemessene Methode: „Ein großer Teil, und viel- leicht der größte von dem Geschäfte unserer Vernunft besteht in Zerglie- derungen der Begriffe, die wir schon von Gegenständen haben" 1 . Auch wenn das Ergebnis solcher Zergliederungen manchmal den Anschein des Neuen erweckt, betrifft die eigentliche Innovation weniger den Inhalt als die Form und die Reflexionsebene der Erkenntnis. In diesem Sinn will die Vernunftkritik Aufgaben gerecht werden, deren Lösungen „nicht zur Er- weiterung, sondern nur zur Läuterung unserer Vernunft"