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Abgrenzung Fahrverbot - Entziehung der Fahrerlaubnis (Quelle Fallsammlung FHR)


Anmerkungen und Ergänzungen von Gerd Hildebrandt, StA Bochum

Fahrverbot, § 44 StGB Entziehung der Fahrerlaubnis, §§ 69,


Ungeeignetheit nicht festgestellt, auch 69a StGB
wegen einer nicht mit dem
Ungeeignetheit festgestellt; es muss eine
Straßenverkehr zusammenhängenden
Tat, § 44 Abs. 1 S. 2 StGB Verurteilung wegen der Anlasstat erfolgen
bzw. nur wegen (möglicher)
Schuldunfähigkeit nicht erfolgen

Nebenstrafe, die neben Geld- oder Maßregel der Besserung und


Freiheitsstrafe verhängt werden kann Sicherung; ist stets verbunden mit
Sperrfrist nach § 69 a StGB

Dauer:

1 – 6 Monate, § 44 I S. 1 StGB Sperrfrist: 6 Monate – 5 Jahre


1 - 3 Monate, §§ 25 StVG, 8 Abs. 3 S. 2
Ggf. unbefristet, § 69 a I S. 2 StGB
JGG
wird wirksam:

Spätestens 1 Monat nach Rechtskraft mit Rechtskraft, § 69 III S. 1 StGB


bzw. vorher mit Abgabe, § 44 II S. 1
StGB, Keine Fahrerlaubnis oder bei
Sicherstellung, § 111 a StPO,
Beschlagnahme ab Rechtskraft
Grube in: Freymann/Wellner, jurisPK-
Straßenverkehrsrecht, 1. Aufl. 2016,
§ 44 StGB 1.
§ 25 I StVG ab Rechtskraft, rechnerisch
ab Abgabe, § 25 II a StVG ab Abgabe,
spätestens nach 4 Monaten
Folgen:

Fahrerlaubnis ruht Fahrerlaubnis erlischt mit RK, § 69


III S. 1 StGB

Sonstige vollstreckungsrelevante Vorschriften

§ 59 a StVollstrO § 56 StVollstrO

Vollstreckungsrechtliche Besonderheiten:
-2-
Führerschein wird für die Dauer des Eigentum am (inländischen) Führerschein
Fahrverbots verwahrt, § 44 II S. 2 StGB,
geht auf den Staat über, §§ 69 III S. 2, 74 e
§ 59 a I StVollstrO; danach erhält VU
diesen Führerschein wieder zurück. I StGB
Führerschein wird unbrauchbar gemacht
und an das zuständige
Straßenverkehrsamt übersandt. Nach
Fristablauf muss der Verurteilte eine
neue FE beantragen!

Verbotsfrist: Sperrfrist:

Beginn:

Grds. mit Abgabe in amtl. Verwahrung, Grds. mit Rechtskraft des Urteils/
spätestens 1 Monat ab Rechtskraft, § 44 Strafbefehls, § 69 a V S. 1 StGB
I S. 2 StGB, 59 a V S. 1 StVollstrO bei
Versendung per Post ist der
Posteingangsstempel maßgebend

Ausnahme: Ausnahmen:
VU ist inhaftiert, § 44 III S. 2 StGB In Fällen von §§ 111a oder 94 StPO:
Beginn dann: Entlassung Sperrfrist beginnt mit Urteilsverkündung /
Strafbefehlserlass (Letzte
Tatsacheninstanz!) Liegt kein Fall von §§
OLG Hamm 2 Ws 233/07, 111a oder 94 StPO vor, hat VU aber FS
Haftzeiten eines Freigängers sind in die in Hauptverhandlung abgegeben –
Fahrverbotsfrist des § 44 Abs. 4 S. 2 Sperrfrist beginnt mit Urteilsverkündung
StGB nicht einzurechnen. Hintergrund: VU darf nicht schlechter
gestellt werden, als ob die FE vorläufig
entzogen gewesen wäre
Fristberechnung §§ 187, 188 BGB

Anrechnung / Einrechnung
-3-
§ 51 V StGB: Zeit der vorläufigen Anrechnung erfolgt grds. durch
Sicherstellung (§ 111a StPO) oder Einrechnung, weil § 69 a V StGB diese
Beschlagnahme (§ 94 StPO) ist gem. §§ Methode vorschreibt!
51 V StGB, 59a StVollstrO anzurechnen
Im Einzelfall kann das Fahrverbot bereits (=> Beginn der Frist auf letzte
durch Anrechnung erledigt sein, Tatsachen-Entscheidung vorziehen)
frühestens jedoch am Tage der
Rechtskraft. => keine weitere An- oder Einrechnung!

Nicht einzurechnen ist die Zeit, die VU in OLG Köln, 2 Ws 136/08,


Anstalt verwahrt wird, § 44 III S. 2 Allein der Ablauf der gemäß § 69 a StGB
angeordneten Sperrfrist besagt nicht,
StGB

Frist wird unterbrochen dass die vorläufige Entziehung der


Fahrerlaubnis aufzuheben ist. Das gilt auch,
wenn die Frist während des
Zeit der freiwilligen Abgabe des FS vor Berufungsverfahrens abläuft. Eine
Eintritt der Rechtskraft ist anzurechnen, Aufhebung der vorläufigen Maßregel bei
einer ungewöhnlich langen Dauer oder
§ 51 V StGB einem Verstoß gegen das
Beschleunigungsgebot ist wegen des
Ich bin anderer Auffassung, da § 51 V Sicherungszwecks der Maßregel auf
Ausnahmefälle beschränkt.
StGB nur die „zwangsweise
Sicherstellung, Verwahrung,
Fischer StGB, 62. Auflage, 12 zu § 69 a
Beschlagnahme und § 111 a StPO“
StGB,
meint, rechne aber aus
Eine Sperrfrist von unter 3 Monaten ist auch
Billigkeitsgründen gem. § 51 V StGB bei Verkürzung der Maßnahme im Hinblick
auf eine vorausgegangene vorläufige
analog an. Entziehung der FE, Sicherstellung,
Beschlagnahme rechtswidrig, § 69 a Abs. 4
S.2 StGB, so auch OLG Zweibrücken, 1 Ss
252/85 und
Hamm VM 78, 21
Das gilt auch für die neue Entziehung ab 6
Monaten Sperrfrist!

Merkblatt: Fahrverbot gern. § 44 StGB


-4-
1. VU hat keine FE:

- Wirksamkeit der Verbotsfrist: ab Rechtskraft des Urteils/Strafbefehls

- Berechnung der Verbotsfrist: ab Rechtskraft des Urteils/Strafbefehls

2. VU hat eine FE: - Wirksamkeit der Verbotsfrist mit Abgabe, spätestens 1 Monat
ab Rechtskraft des Urteils/Strafbefehls-
Berechnung der Verbotsfrist: ab Abgabe (Eingang) der FE bei der
Staatsanwaltschaft, spätestens nach 1 Monat

Ist der Führerschein sichergestellt, beschlagnahmt oder vorläufig entzogen


beginnt das Fahrverbot ab Rechtskraft.
War der FS im Ermittlungsverfahren beschlagnahmt oder vorläufige entzogen, ist
diese Zeit gem. § 51 Abs. 5 StGB anzurechnen

Übersteigt die anzurechnende Zeit die Dauer des Fahrverbotes, ist dieses durch
Anrechnung erledigt, frühestens aber mit Rechtskraft!

EU-Führerscheine werden bei einem Wohnsitz in Deutschland ebenfalls verwahrt.

Andernfalls wird das Verbot auf dem FS vermerkt und zurückgesandt.

Merke: § 44 Abs. 3 StGB - Haftzeiten werden nicht berücksichtigt.


(Verbotsfrist ist zu unterbrechen)

Merke: VU wird bei Einleitung aufgefordert, den FS zur Akte zu reichen. Sollte der FS
nicht eingereicht werden, ist der Führerschein von der Polizei zu beschlagnahmen, §
463 b StPO. Ggf. ist die eidesstattliche Versicherung über den Verlust des FS
abzunehmen – Zuständig der Gerichtsvollzieher - es reicht aber auch die
abgegebene eidesstattliche Versicherung beim Straßenverkehrsamt.

LG Berlin v. 25.10.2005: Wohnungsdurchs. zw. Führerschein-beschlagnahme:


Gesetzliche Grundlage für die Anordnung der Durchsuchung einer Wohnung zum
Auffinden eines Führerscheins zwecks Vollstreckung eines Fahrverbots ist § 25 II 4 i. V.
m. § 25 IV 1 StVG. Die Durchsuchung der Wohnung ist Folge der Weigerung, den
Führerschein in amtl. Verwahrung zu geben. Maßgeblich für die Verhältnismäßigkeit der
Durchsuchung ist neben dem (mit Fahrverbot sanktionierten) ursprünglichen
Pflichtenverstoß auch der Umstand, dass ein Fahrverbot ohnehin nur in Fällen grober
und beharrlicher Verletzung der Pflichten eines Fahrzeugführers in Betracht kommt.

Hinweis: Eine freiwillige Abgabe des Führerscheins vor Rechtskraft ist keine
-5-
(zwangsweise) Verwahrung, Sicherstellung oder Beschlagnahme im Sinne des § 94
StPO. Aus Billigkeitsgründen rechnet der überwiegende Teil der Praxis diese Zeit
trotzdem entsprechend an (streitig!). Es wird empfohlen, Führerscheine nur unter
gleichzeitigem Rechtsmittelverzicht entgegenzunehmen und den

Rechtmittelverzicht am selben Tage z.B. per Fax dem Gericht zuzuleiten!

Vollstreckung des Fahrverbotes bei Verurteilten im Ausland Fahrverbot:

2. Aufforderung zur Einreichung wie üblich, da Fahrverbotsfrist erst mit

3. Einreichung I amtlichen Gewahrsam (EU-Ausland etc. mit Wohnsitz im Inland)

3. Anbringung Vermerk in den übrigen Fallen beginnt

4. gilt auch, wenn keine Belehrung gem. § 268 c erfolgen konnte, da z.B. der

Strafbefehl erst mit Zustellung an den Zustellungsbevollmächtigten in Rechtskraft

erwachsen konnte

5. Bei Nichteinreichung ist die Beschlagnahme anzuordnen, § 463b II StPO –

Ausschreibung zur Führerscheinbeschlagnahme (Im Inpol-System allein wegen

Fahrverbot jedoch unverhältnismäßig)

6. Verjährung ist nicht in den §§ 79 StGB, 34 OWiG geregelt!

Vgl. aber Merkblatt „Vollstreckungsverjährung auf einen Blick“

Merkblatt: Fahrverbot gern. § 25 StVG

1. VU hat eine FE: Wirksamkeit der Verbotsfrist: ab Rechtskraft des


Urteils/Strafbefehls

Berechnung der Verbotsfrist:

a. ab Abgabe (Eingang) der FE bei der Staatsanwaltschaft


-6-
b. spätestens nach Ablauf von 4 Monaten beginnend mit RK, § 25 Abs. 2 a StVG
Die Dauer einer vorläufigen Entziehung der Fahrerlaubnis (§ 111a der

Strafprozessordnung wird auf das Fahrverbot angerechnet. Es kann jedoch

angeordnet werden, dass die Anrechnung ganz oder zum Teil unterbleibt, wenn sie

im Hinblick auf das Verhalten des Betroffenen nach Begehung der

Ordnungswidrigkeit nicht gerechtfertigt ist. Der vorläufigen Entziehung der

Fahrerlaubnis steht die Verwahrung, Sicherstellung oder Beschlagnahme des

Führerscheins (§ 94 der Strafprozessordnung) gleich, § 25 Abs. 6 StVG

Beachte: Häufig wird der FS bei der Polizei, der Stadtverwaltung oder dem Gericht
abgegeben; auch das sollte aus Billigkeitsgründen als amtliche Verwahrung
angerechnet werden (streitig)

Kein Gesamt-Fahrverbot im Straf- und OWi-Recht

BGH, 4 StR 227/15

Wird über zwei Ordnungswidrigkeiten, die in Tatmehrheit stehen und jeweils mit einem
Fahrverbot als Nebenfolge geahndet werden können, gleichzeitig entschieden, so ist nur
ein einheitliches Fahrverbot zu verhängen. …obwohl im
Strafrecht die Verhängung zweier Fahrverbote in demselben Verfahren nicht in Betracht
kommt (§ 53 Abs. 4 i.V.m. § 52 Abs. 4 Satz 2 StGB)

Berechnung des Fahrverbotes bei Verlust des Führerscheins, bei vorläufiger


Entziehung oder Fahrverbot

Verlust des Führerscheins vor Rechtskraft:

LG Essen, 23 Qs 160/05:
Kommt einem Betroffenen vor rechtskräftiger Entscheidung über ein Fahrverbot der
Führerschein abhanden, so beginnt bei anschließender rechtskräftiger Entscheidung der
Ablauf der Verbotsfrist bereits mit (Eingang der) Mitteilung des Verlustes bei Gericht
oder der Vollstreckungsbehörde.
-7-

Falls die Vollstreckungsbehörde den Angaben des Verurteilten keinen Glauben schenke,
müsse sie förmlich die amtliche Beschlagnahme durch die Polizei, bei Erfolglosigkeit
dieser Maßnahme die Abgabe der eidesstattlichen Versicherung veranlassen. Erneuter
Hinweis: Das Fahrverbot kann trotz Anrechnung frühestens am Tag der Rechtskraft
erledigt sein.

Verlust des Führerscheins nach Rechtskraft:

AG Neunkirchen, 19 OWi 6/05,


Wenn ein Betroffener seinen Führerschein nach Rechtskraft der ein Fahrverbot
anordnenden Entscheidung verloren hat, ist für den Beginn der Verbotsfrist auf den Tag
des Verlustes abzustellen. (so auch Hentschel, a.a.O.)

Weiter dazu:

AG Viechtach, 7 II OWi 808/06:


…Die Berechnung der Verbotsfrist erst ab Abgabe einer eidesstattlichen
Versicherung des Betr. über den Verlust seines Führerscheins verstößt gegen das
Analogieverbot. Für eine solche Auslegung findet sich im Gesetzestext keine Stütze.
Entscheidend für den Beginn der Verbotsfrist ist daher, ob man dem Betr. den
behaupteten Verlust am … glaubt. Allerdings kann unter Berücksichtigung des
Grundsatzes „in dubio pro reo” nur eine nachgewiesen unwahre Erklärung des Betr.
dazu führen, das Fahrverbot nicht mit dem Tage beginnen zu lassen, an dem der Betr.
seinen Führerschein verloren haben will“…

Fazit: Dem Verurteilten ist die Abgabe in amtliche Verwahrung durch den Verlust des
Führerscheins faktisch nicht möglich. Der Verlust des Führerscheins sei der freiwilligen
Abgabe gleich zu stellen. Die Glaubwürdigkeit des Verurteilten ist hierbei entscheidend.
Praxislösung: Bei Unglaubwürdigkeit ist nach Abgabe der eidesstattlichen
Versicherung rückwirkend auf den behaupteten Tag des Verlustes abzustellen.

Nichtbesitz/ vorläufige Entziehung der Fahrerlaubnis und Fahrverbot:

OLG Karlsruhe, 1 Ss 201/04:


1. pp.
2. Trifft ein derartiges Fahrverbot mit dem durch eine Verwaltungsbehörde angeordneten
vorläufigen Entzug der Fahrerlaubnis zusammen, so steht das Analogieverbot einer
Anschlussvollstreckung des Fahrverbots nach § 25 II a 2 StVG entgegen.
-8-
3. In einem solchen Fall ist es für den Beginn der Verbotsfrist ausreichend, wenn der
Betroffene der Vollstreckungsbehörde nach Eintritt der Rechtskraft der
Bußgeldentscheidung mitteilt, dass sich der Führerschein bei einer anderen Behörde
in amtlicher Verwahrung befindet und ab welchem Zeitpunkt innerhalb der
Viermonatsfrist das Fahrverbot wirksam werden soll.

AG Viechtach, 7 II OWi 27/06:


Ein Fahrverbot wird mit Rechtskraft des Bußgeldbescheides wirksam, wenn der
Betroffene zu diesem Zeitpunkt aufgrund eines Entzugs seiner Fahrerlaubnis nicht im
Besitz eines Führerscheines ist, sei es, dass er den Führerschein aufgrund des
Fahrerlaubnisentzuges selber in amtliche Verwahrung gegeben hat, sei es, dass sein
Führerschein sichergestellt oder beschlagnahmt ist.

Zur Abgabe bei einer falschen Behörde:

AG Nürtingen, 16 OWi 741/94

• Die amtliche Verwahrung des Führerscheins beim Fahrverbot beginnt erst mit dem
Zeitpunkt, zu dem der Führerschein bei der zuständigen Verwaltungsbehörde (hier:
Landratsamt) eingeht.

• Die Abgabe des Führerscheins beim Polizeirevier stellt keine amtliche Verwahrung
dar. Der Betroffene darf jedoch darauf vertrauen, dass die Verbotsfrist bereits ab
Abgabe des Führerscheins bei einem Polizeirevier läuft, wenn er dort nicht darauf
hingewiesen worden ist, dass für den Fristbeginn der Eingang bei der zuständigen
Verwaltungsbehörde maßgeblich ist.

Vollstreckung mehrerer Fahrverbote – nacheinander oder parallel?


Zusammengefasst von Gerd Hildebrandt, StA Bochum
Ganz neu: §§ 44 Abs. 4 StGB, 25 Abs. 2 b StVG, nacheinander!

Kein Fahrverbot neben Strafvorbehalt

OLG Frankfurt, 2 Ss 139/13,


Keine Verbindung einer Verwarnung mit Strafvorbehalt mit Fahrverbot