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§ 55 StGB - Nachträgliche Bildung der Gesamtstrafe

§ 55 Abs. 1 StGB

Sinn und Zweck einer Entscheidung nach § 55 StGB

Grundgedanke des § 55 StGB

Grundsätzliches

Zeitpunkt

Umfang der Entscheidung nach § 55 StGB

Instanzenübergreifende Beachtung

Gesonderte Verhängung einer Gesamtgeldstrafe neben Freiheitsstrafe

Gesamtstrafenbildung mit ausländischen Strafen

Gesamtstrafenbildung in Auslieferungsangelegenheiten
Gesamtstrafenbildung und Strafreduzierung wegen Verfahrensverzögerung

Rechtskraft früherer fehlerhafter Gesamtstrafe

Zäsurwirkung von Vorverurteilungen

Erste unerledigte Vorverurteilung

Zwischen zwei Vorverurteilungen begangene Taten

Gesamtstrafenrechtlich verbrauchte Urteile

Entscheidungshinweise

Härteausgleich

Zu hohes Gesamtstrafübel bei mehreren Gesamtstrafen

Härteausgleich bei vollstreckten Strafen

Härteausgleich bei lebenslanger Freiheitsstrafe

Härteausgleich für entgangene Bewährung / Verhängung zeitiger Freiheitsstrafen

Auslieferungsangelegenheiten
Härteausgleich bei ausländischen Strafen

Einzubeziehende Bewährungsstrafen

Erlassene und erlassreife Bewährungsstrafen

Fehlende Festsetzung von Einzelstrafen

Zeitpunkt der Nachholung

Gewährung des Härteausgleichs


Anrechnung erbrachter Bewährungsleistungen
Anrechnung von erbrachten Bewährungsleistungen im Erwachsenenstrafrecht

Berücksichtigung von erbrachten Bewährungsleistungen bei Anwendung von

Jugendstrafrecht

Gesamtfreiheitsstrafe aus Einzelgeldstrafen und Einzelfreiheitsstrafen

Berücksichtigung einer erstinstanzliche einbezogenen, jedoch vor Erlass des

Berufungsurteils getilgten Strafe

Keine Auftrechterhaltung der im einbezogenen Urteil ausgesprochenen Einziehungsanordnung


Reihenfolge bei der Strafenbildung

Einheitsjugendstrafe und einzubeziehende Entscheidungen Jugendstrafe und


Freiheitsstrafe des allgemeinen Rechts
§ 55 Abs. 2 StGB

Vermögensstrafen, Nebenstrafen, Nebenfolgen und Maßnahmen

Maßregelanordnungen im Jugendstrafrecht

Urteil

Urteilsformel

Anrechnung erbrachter Bewährungsleistungen

Urteilsgründe

Mitteilung der Strafzumessungserwägungen

Prozessuales

Rechtsmittel
Anwendungspflicht

Schweigen des Urteils zum Vollstreckungsstand

Gesetze

Verweisungen

Vollstreckungsreihenfolge

Kosten

Verfahrenskosten bei nachträglicher Gesamtstrafenbildung

§ 55 StGB Nachträgliche Bildung der Gesamtstrafe

(1) Die §§ 53 und 54 sind auch anzuwenden, wenn ein rechtskräftig Verurteilter, bevor die gegen
ihn erkannte Strafe vollstreckt, verjährt oder erlassen ist, wegen einer anderenStraftat verurteilt
wird, die er vor der früheren Verurteilung begangen hat. Als frühere Verurteilung gilt das Urteil in
dem früheren Verfahren, in dem die zugrundeliegenden tatsächlichen Feststellungen letztmals
geprüft werden konnten.

(2) Vermögensstrafen, Nebenstrafen, Nebenfolgen und Maßnahmen (§ 11 Abs. 1 Nr. 8), auf die in
der früheren Entscheidung erkannt war, sind aufrechtzuerhalten, soweit sie nicht durch die neue
Entscheidung gegenstandslos werden. Dies gilt auch, wenn die Höhe der Vermögensstrafe, auf die
in der früheren Entscheidung erkannt war, den Wert des Vermögens des Täters zum Zeitpunkt der
neuen Entscheidung übersteigt. Strafgesetzbuch, Stand: 18.12.2015

Zweck der nachträglichen Gesamtstrafenbildung ist es, einen Angeklagten so zu stellen, wie er
stünde, wenn er bei gemeinsamer Aburteilung aller Straftaten in einem Verfahren zu einer
Gesamtstrafe verurteilt worden wäre (vgl. BVerfG, Beschl. v. 23.3.1990 - 2 BvR 51/90 - NJW 1991,
558; BGH, Beschl. v. 9.11.2010 - 4 StR 441/10 - NJW 2011, 868). Durch die nachträgliche Gesamt-
strafenbildung sollen die Vor- und Nachteile ausgeglichen werden, die dem Angeklagten infolge der
getrennten Verurteilung entstanden sind (BGH, Urt. v. 30.4.1997 – 1 StR 105/97 - BGHSt 43, 79, 80
mwN; BGH, Beschl. v. 4.7.2012 - 4 StR 228/12). Die Bezugnahme in § 55 StGB auf die §§ 53, 54
StGB zeigt, dass die nachträgliche Gesamtstrafenbildung nach denselben Regeln wie die
Gesamtstrafenbildung bei gemeinsamer Aburteilung mehrerer Straftaten erfolgen soll. Ein
Angeklagter, dessen mehrere Straftaten aus irgendwelchen Gründen in verschiedenen
Verfahren abgeurteilt werden, soll nicht schlechter, aber auch nicht besser gestellt werden,
als wenn alle Taten in einem, und zwar dem zuerst durchgeführten Verfahren abgeurteilt
worden wären (BGH, Urt. v. 16.12.1954 - 3 StR 189/54 - BGHSt 7, 180, 181; BGH, Beschl. v.
30.6.1960 - 2 StR 147/60 - BGHSt 15, 66, 69; BGH, Urt. v. 6.3.1962 - 5 StR 16/62 - BGHSt 17, 173,
174 f.; BGH, Beschl. v. 7.12.1983 - 1 StR 148/83 - BGHSt 32, 190, 193; BGH, Urt. v. 13.11.1985 - 3
StR 311/85 - BGHSt 33, 367, 368; BGH, Beschl. v. 13.10.1998 - 4 StR 485/98 - NStZ-RR 1999, 268;
BGH, Beschl. v. 15.1.2002 - 1 StR 494/01; BGH, Urt. v. 6.6.2002 - 3 StR 118/02; BGH, Urt. v.
22.5.2003 - 4 StR 130/03; BGH, Urt. v. 9.7.2003 - 2 StR 125/03 - wistra 2003, 422; BGH, Beschl. v.
23.9.2003 - 3 StR 294/03; BGH, Beschl. v. 29.10.2008 - 2 StR 386/08; BGH, Urt. v. 10.6.2009 - 2
StR 386/08 - NStZ 2010, 30; BGH, Beschl. v. 20.1.2010 - 2 StR 403/09 - StV 2010, 244; BGH,
Beschl. v. 9.11.2010 - 4 StR 441/10 - NJW 2011, 868; BGH, Beschl. v. 22.2.2012 - 4 StR 22/12). Auf
eine Appell- oder Warnfunktion der noch nicht erledigten Strafe kommt es deshalb nicht an (vgl.
BGH, Beschl. v. 24.11.1988 - 1 StR 566/88 - BGHR StGB § 55 Abs. 1 Satz 1 Anwendungspflicht 1;
BGH, Beschl. v. 17.7.2001 - 4 StR 212/01 - NStZ-RR 2001, 368,369). Maßgeblich kommt es allein
auf die materiell-rechtliche Regelung und nicht auf die erfahrensrechtliche Situation an (vgl. BGH,
Beschl. v. 7.12.1983 – 1 StR 148/83 - BGHSt 32, 190, 192 f.; BGH, Beschl. v. 22.2.2012 - 4 StR
22/12). Der Tatrichter, dem sich die Frage nachträglicher Gesamtstrafenbildung stellt, muss sich in
die Lage des Richters versetzen, dessen Entscheidung für eine nachträgliche Einbeziehung in Frage
kommt. Für ihn ist deshalb maßgeblich, wie der frühere Richter bei richtiger Rechtsanwendung
weitere Vorent-scheidungen hätte berücksichtigen müssen (BGH, Beschl. v. 22.7.1997 - 1 StR
340/97 - BGHR StGB § 55 Abs. 1 Satz 1 Zäsurwirkung 13; BGH, Beschl. v. 17.6.2009 - 2 StR
180/09).
Die Bemessung der Gesamtstrafe ist auch im Falle ihrer nachträglichen Bildung nach §§ 55, 54 Abs.
1 StGB ein eigenständiger und zu begründender Zumessungsakt (vgl. BGH, Beschl. v. 5.8.2010
- 2 StR 340/10; BGH, Beschl. v. 13.11.2008 - 3 StR 485/08), der unter zusammen-fassender
Würdigung der Person des Täters und der einzelnen Straftaten durch angemessene Erhöhung der
höchsten Einzelstrafe (sog. Einsatzstrafe) erfolgt (BGH, Urt. v. 26.1.2011 - 2 StR 446/10).

Scheitert eine nach § 55 StGB an sich mögliche nachträgliche Gesamtstrafenbildung daran,


dass die zunächst erkannte Strafe bereits vollstreckt, verjährt oder erlassen ist, so ist die
darin liegende Härte nach ständiger Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs bei der
Bemessung der nunmehr zu verhängenden Strafe auszugleichen (BGH, Urt. v. 29.7.1982 - 4
StR 75/82 - BGHSt 31, 102, 103; BGH, Urt. v. 23.1.1985 - 1 StR 645/84 - BGHSt 33, 131, 132; BGH,
Beschl. v. 20.1.2010 - 2 StR 403/09 - StV 2010, 244; BGH, Beschl. v. 9.11.2010 - 4 StR 441/10 -
NJW 2011, 868; siehe hierzu unten --> Rdn. 60 ff.).
Alle Strafen für die vor jenem Urteil begangenen Taten - aber auch nur diese - sind auf eine
Gesamtstrafe zurückzuführen. Hat sich der Täter nach dem früheren Urteil erneut strafbar gemacht,
so sind insoweit eine Einzelstrafe oder eine oder mehrere weitere Gesamtstrafen festzusetzen (vgl.
BGH, Beschl. v. 7.12.1983 - 1 StR 148/83 - BGHSt 32, 190, 193; BGH, Beschl. v. 24.11.1988 - 1 StR
566/88 - BGHR StGB § 55 Abs. 1 Satz 1 Anwendungspflicht 1; BGH, Beschl. v. 28.11.1986 - 3 StR
499/86 - BGHR StGB § 55 Abs. 1 Satz 1 Zäsurwirkung 1; BGH, Urt. v. 23.6.1988 - 4 StR 164/88 -
BGHR StGB § 55 Abs. 1 Satz 1 Zäsurwirkung 4; BGH, Beschl. v. 28.7.1998 - 4 StR 259/98 - wistra
1998, 344; sog. "Rückprojektion", vgl. auch BGH, Urt. v. 12.8.1998 - 3 StR 537/ 97 - BGHSt 44,
179, 181; BGH, Beschl. v. 15.1.2002 - 1 StR 494/01; BGH, Beschl. v. 7.5.2013 - 4 StR 111/12).

Die Höhe einer aufgelösten Gesamtfreiheitsstrafe darf bei der Bildung der (neuen)
Gesamtstrafe nicht unterschritten werden (BGH, Beschl. v. 4.10.2001 - 4 StR 329/01; BGH, Urt.
v. 26.1.2011 - 2 StR 446/10; Rissing-van Saan in LK 12. Aufl. § 55 Rn. 31). Die Tatsache, daß eine
durch Vollstreckung erledigte Strafe nicht mehr in eine Gesamtstrafe einbezogen werden kann,
ändert nichts an der Forderung nach einem Ausgleich der sich durch getrennte Aburteilung
ergebenden Nachteile (vgl. BGH, Urt. v. 29.7.1982 - 4 StR 75/82 - BGHSt 31, 102, 103; BGH, Urt. v.
23.6.1988 - 4 StR 169/88 - BGHR StGB § 55 Abs. 1 Satz 1 Härteausgleich 1 jeweils m. w. N.; BGH,
Urt. v. 6.6.2002 - 3 StR 118/02).

Zwar hat das erkennende Gericht grundsätzlich § 55 Abs. 1 StGB anzuwenden, wenn die
Voraussetzungen vorliegen (BGH, Beschl. v. 30.6.1958 - GSSt 2/58 - BGHSt 12, 1, 3 ff.; BGH,
Beschl. v. 24.10.2002 - 4 StR 332/02 - NStZ 2003, 200, 201). Es ist aber nicht zulässig, Einzelstrafen
- auch für sich genommen rechtskräftige -, die schon zur Bildung einer Gesamtstrafe in einem nicht
rechtskräftigen anderen Urteil gedient hatten, in eine Gesamtstrafe einzubeziehen, da dies die
Gefahr einer verbotenen Doppelbestrafung (Art. 103 Abs. 3 GG) begründen würde (BGH, Urt. v.
10.11.1965 - 2 StR 387/65 - BGHSt 20, 292, 293; BGH, Urt. v. 13.4.1956 - 2 StR 93/56 - BGHSt 9,
190, 192; BGH, Beschl. v. 17.10.1989 - 4 StR 481/89 - BGHR StGB § 55 Abs. 1 Satz 1 Strafen,
einbezogene 3; BGH, Urt. v. 8.7.2005 - 2 StR 120/05 - BGHSt 50, 188 f. - wistra 2005, 422; BGH,
Beschl. v. 29.6.2011 - 1 StR 191/11; in diese Richtung auch BGH, Urt. v. 24.7.1997 - 1 StR 216/97 -
NJW 1997, 2892, 2893).

Grundsätzliches 10

Nach § 55 Abs. 1 StGB ist eine Gesamtstrafe zu bilden, wenn ein rechtskräftig Verurteilter, bevor
die gegen ihn erkannte Strafe vollstreckt, verjährt oder erlassen ist, wegen einer anderen Straftat
verurteilt wird, die er vor der früheren Verurteilung begangen hat. "Begangen" i.S.v. § 55 Abs. 1
S. 1 StGB ist eine Tat erst mit deren Beendigung (BGH, Beschl. v. 18.5.2010 - 1 StR 111/10;
Fischer StGB 57. Aufl. § 55 StGB Rn. 7; LK/Rissing-van-Saan 12. Aufl. § 55 StGB Rn. 9 jew.
m.w.N. auch zu abweichenden Ansichten). Dies gilt auch für echte Unterlassungsdelikte (BGH
BGHR StGB § 55 Abs 1 Begehung 1; BGH, Beschl. v. 18.5.2010 - 1 StR 111/10; zu Dauerdelikten
BGH, Urt. v. 2.12.2003 - 1 StR 102/03; BGH NJW 1999, 1344).
Der Tatrichter, dem sich die Frage nachträglicher Gesamtstrafenbildung stellt, muß sich in die Lage
des Richters versetzen, dessen Entscheidung für eine nachträgliche Einbeziehung in Frage kommt.
Alle Strafen für die vor jenem Urteil begangenen Taten sind auf eine Gesamtstrafe zurückzuführen,
aber auch nur diese. Hat der Täter sich nach dem früheren Urteil erneut strafbar gemacht, so ist
insoweit eine gesonderte Einzelstrafe oder eine weitere Gesamtstrafe festzusetzen (BGH, Beschl. v.
7.5.2004 - 2 StR 24/04; vgl. auch BGH, Beschl. v. 17.6.2009 - 2 StR 180/09).

Tat 1 Tat 2 Urt. 1 zu Tat 2 Tat 3 Urt. 2 zu Taten 1 u. 3, nachtr.


Gesamtstrafe

mit Strafe aus Urt. 1


--- 1.1.o8 --- 1.2.o8 ------- 1.3.o8 --------------- 1.4.o8 ---------------------------------- 1.6.o8

Die nachträgliche Bildung einer Gesamtstrafe ist nach ständiger Rechtsprechung des
Bundesgerichtshofs (seit BGHSt - GS - 12, 1; vgl. BGH, Beschl. v. 2.2.1999 - 1 StR 3/99; BGH,
Beschl. v. 21.3.2000 - 4 StR 43/00; Rissing-van Saan in Leipziger Kommentar zum StGB, 11. Aufl.,
§ 55 Rdn. 47; Stree in Schönke/Schröder StGB, 26. Aufl., § 55 Rdn. 72, 73; Tröndle/Fischer StGB,
51. Aufl., § 55 Rdn. 34, 35; jeweils m.w.N.; siehe auch nachstehend --> Anwendungspflicht ;
kritisch hierzu: Fitzner, Gesamtstrafenbildung trotz §§ 460, 462 nur noch nach mündlicher
Verhandlung?, NJW 1966, 1206) grundsätzlich Sache des Tatrichters. Er darf dies in der Regel
nicht dem Beschlußverfahren nach §§ 460, 462 StPO überlassen (vgl. BGHSt 12, 1 ff.; BGH StV
1982, 569; BGH, Beschl. v. 24.1.2001 - 2 StR 422/00; BGH, Beschl. v. 10.11.2010 - 5 StR 456/10 -
StV 2011, 225; Fischer, StGB 57. Aufl. § 55 Rdn. 35; siehe auch unten Rdn. Z.7.1). Es gibt jedoch
Ausnahmen. Der Tatrichter darf die nachträgliche Gesamtstrafenbildung insbesondere dann dem
Beschlußverfahren überlassen, wenn er auf Grund der bislang gewonnenen Erkenntnisse keine
sichere Entscheidung fällen kann, etwa weil die Unterlagen für eine möglicherweise gebotene
Gesamtstrafenbildung nicht vollständig vorliegen - ohne daß dies auf unzureichender Termins-
vorbereitung beruht - und die Hauptverhandlung allein wegen deshalb noch notwendiger
Erhebungen mit weiterem erheblichem Zeitaufwand belastet werden würde (BGHSt - GS - 12, 1
[10]; BGHSt 23, 98 [99], mit Anmerkung Küper, MDR 1970, 885; BGHR StGB § 55 Abs. 1 Satz 1
Anwendungspflicht 2; BGH NJW 1997, 2892 [2893]; BGH, Urt. v. 17.2.2004 - 1 StR 369/03; vgl.
auch: BGH, Beschl. v. 10.11.2010 - 5 StR 456/10 - StV 2011, 225 betr. Nichtvorliegen der
Ausnahmevoraussetzungen; Rissing-van Saan in Leipziger Kommentar zum StGB, 11. Aufl. § 55
Rdn. 48; Stree in Schönke/Schröder StGB, 26. Aufl., § 55 Rdn. 72; Tröndle/Fischer StGB, 51. Aufl.,
§ 55 Rdn. 34).

Bei Anwendung des § 55 StGB (anders als bei § 31 Abs. 2 JGG) sind nicht die früheren Urteile,
sondern nur die ihnen zugrunde liegenden Strafen einzubeziehen (allgemeine Praxis und st. Rspr.;
vgl. BGH, Beschl. v. 15.9.2005 - 3 StR 313/05; BGH, Beschl. v. 6.10.2005 - 3 StR 328/05; BGH,
Beschl. v. 7.8.2007 - 3 StR 326/07 - NStZ 2008, 40; Tröndle/Fischer, StGB 54. Aufl. § 55 Rdn. 15).
Im früheren Urteil abgeurteilte Straftaten erscheinen im neuen Urteilstenor nicht (BGH, Beschl. v.
15.9.2005 - 3 StR 313/05). Unter der "früheren Verurteilung" sind auch Strafen aus Strafbefehlen
zu verstehen und einzubeziehen. Als Zeitpunkt der früheren Verurteilung gilt dabei der Erlass des
Strafbefehls und nicht etwa dessen Rechtskraft (BGHSt 33, 230; BGH, Beschl. v. 19.1.2005 - 4 StR
223/04; BGH, Beschl. v. 11.11.2008 - 5 StR 486/08 - NStZ-RR 2009, 74; Schönke/Schröder, StGB,
27. Aufl. 2006, § 55 Rdnr. 6, 10; zum maßgeblichen Zeitpunkt bei späterer Entscheidung nach
Einspruch durch Urteil siehe unten --> "Erste unerledigte Vorverurteilung").
Enthält die gesamtstrafenfähige Vorverurteilung zu einer Gesamtstrafe keine Einzelstrafen, so
findet § 55 StGB keine Anwendung. Der Tatrichter hat in diesem Fall einen Härteausgleich bei
der Bemessung der neuen Strafe vorzunehmen (BGHSt 43, 34; BGH, Beschl. v. 20.2.2002 - 3
StR 338/01; vgl. auch Rissing-van Saan in LK StGB 11. Aufl. § 55 Rdn. 26).

Zeitpunkt 15

Maßgebender Zeitpunkt für die nach § 56 StGB zu treffende Entscheidung ist grundsätzlich der des
Urteils (vgl. Stree in Schönke/Schröder StGB 26. Aufl. § 56 Rdn. 17; vgl. auch BGH StV 1992, 417;
siehe auch nachstehend unter "Instanzenübergreifende Beachtung" betr. Berufungsurteile). Dieser
Grundsatz gilt auch für eine im Rahmen einer Gesamtstrafenbildung (§ 55 StGB) zu verhängende
Strafe (BGH, Urt. v. 9.7.2003 - 2 StR 125/03 - wistra 2003, 422). Bei der Bildung einer Gesamtstrafe
nach § 55 StGB und ihrer Neufestsetzung ist abzustellen auf den Kenntnisstand des jetzigen
Tatrichters. Für die Bemessung der (neuen) nachträglichen Gesamtstrafe gelten die Grundsätze des
§ 54 StGB. Es können mithin Umstände herangezogen werden, die dem früheren Richter noch
unbekannt waren oder die erst später entstanden sind (BGH, Urt. v. 9.7.2003 - 2 StR 125/03 - wistra
2003, 422; Rissing-van Saan in LK 11. Aufl. Rdn. 27; Stree in Schönke/Schröder StGB 26. Aufl. Rdn.
39 jeweils zu § 55).

Nach Aufhebung einer Gesamtstrafe und Zurückverweisung durch das Revisionsgericht muss in
der erneuten Verhandlung die Gesamtstrafbildung gemäß § 55 Abs. 1 Satz 1 StGB nach Maßgabe
der Vollstreckungssituation zum Zeitpunkt der ersten Verhandlung erfolgen; sonst würde einem
Revisionsführer wegen seines Rechtsmittels ein durch die Gesamtstrafbildung erlangter
Rechtsvorteil genommen (BGH, Beschl. v. 2.5.1989 - 1 StR 213/89 - BGHR StGB § 55 Abs. 1 Satz 1
Erledigung 1; BGH, Beschl. v. 21.8.2001 - 5 StR 291/01 - BGHR StGB § 55 Abs. 1 Satz 1 Erledigung
2 - NStZ 2001, 645; BGH, Beschl. v. 27.11.2002 - 5 StR 355/02; BGH, Beschl. v. 13.11.2007 - 3 StR
415/07 - NStZ-RR 2008, 72 f. BGH, Beschl. v. 8.7.2008 - 3 StR 213/08; BGH, Beschl. v. 29.10.2008
- 5 StR 443/08 - NStZ-RR 2009, 41; BGH, Beschl. v. 28.10.2008 - 5 StR 493/08 - NStZ-RR 2009, 44;
BGH, Beschl. v. 3.11.2009 - 3 StR 427/09; BGH, Urt. v. 9.12.2009 – 5 StR 459/09 - NStZ-RR 2010,
106; BGH, Beschl. v. 3.5.2011 - 3 StR 110/11; BGH, Beschl. v. 5.7.2011 - 3 StR 188/11; BGH,
Beschl. v. 10.11.2011 - 3 StR 355/11; BGH, Beschl. v. 20.12.2011 - 3 StR 374/11; BGH, Beschl. v.
31.1.2012 - 3 StR 428/11; BGH, Beschl. v. 14.4.2010 – 2 StR 92/10; BGH, Beschl. v. 31.7.2012 - 4
StR 229/12; Fischer, StGB 59. Aufl. § 55 Rdn. 37).

Dabei soll jedoch nicht nur eine ungerechtfertigte Benachteiligung des Angeklagten vermieden
werden, sondern er soll hierdurch auch nicht bevorzugt werden. Dies gebietet nach verbindlicher
Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs in den Fällen, in denen der Erlass einer
einbeziehungsfähigen Bewährungsstrafe erst nach dem ersten (erstinstanzlichen) Urteil des
Landgerichts erfolgt (vgl. BGHR StGB § 55 Abs. 1 Satz 1 Fehler 2; BGH NStZ 1982, 377 m.w.N.), die
Einbeziehung einer nach dem maßgeblichen ersten Urteil erlassenen Bewährungsstrafe (vgl. BGH,
Urt. v. 9.12.2009 - 5 StR 459/09 - wistra 2010, 99; siehe hierzu auch unten --> Rdn. 60.6).

Dies gilt nicht nur in dem speziellen Fall, in dem die Urteilsaufhebung gerade wegen fehlerhaft
unterbliebener nachträglicher Gesamtstrafbildung erfolgt ist; vielmehr ist regelmäßig so zu verfahren
(vgl. BGH, Beschl. v. 6.11.2008 - 4 StR 495/08 - NStZ 2009, 263). Bleibt fraglich, ob eine Tat vor
oder nach der Zäsur begangen worden ist, kommt die Anwendung des Zweifelssatzes in
Betracht (vgl. BGH, Beschl. v. 26.5.2000 - 3 StR 162/00 - NStZ 2000, 540; Kleinknecht/MeyerGoßner,
StPO 44. Aufl. § 261 Rdn. 30).
Die Auffassung, eine einzubeziehende Strafe sei mit der „Genehmigung der Vollstreckung der
Ersatzfreiheitsstrafe durch den Vorsitzenden“ erledigt, so dass die Voraussetzungen des § 55 StGB
nicht mehr gegeben seien, ist unzutreffend. Nach der Rechtsnatur der gemäß § 122 Abs. 1 Satz 2
StVollzG, § 126 StPO zu erteilenden Genehmigung der Unterbrechung der Untersuchungshaft zum
Zwecke der Strafvollstreckung, dient diese der Sicherung der Untersuchungshaftzwecke (vgl. hierzu
Meyer-Goßner, StPO 51. Aufl. Vor § 112 Rdn. 14; Callies/Müller-Dietz, StVollzG 11. Aufl. § 122 Rdn.
4), lässt den Vollstreckungsstand hinsichtlich der zu verbüßenden Ersatzfreiheitsstrafe aber unberührt
(vgl. BGH, Beschl. v. 28.10.2008 - 5 StR 493/08 - NStZ-RR 2009, 44). ÜBERHOLT!!!

Nach § 53 Abs. 2 Satz 2 StGB verhängte Geldstrafen aus einer früheren Verurteilung sind
solange einbeziehungsfähig, wie diese Verurteilung noch nicht insgesamt im Sinne des § 55 Abs. 1

Satz 1 StGB erledigt ist (BGH NStZ-RR 2007, 232; Fischer StGB 55. Aufl. § 55 Rdn. 6). Bei Bildung
einer nachträglichen Gesamtstrafe tritt eine Erledigung der einbezogenen Strafen nur ein, wenn die
in der Gesamtstrafenentscheidung verhängten Strafen vollständig vollstreckt, verjährt oder erlassen
sind.
Mit der Rechtskraft der nachträglichen Gesamtstrafenbildung scheidet eine gesonderte
Vollstreckung der einbezogenen Strafen aus (vgl. BGH NStZ-RR 2006, 337; BGH, Beschl. v.
25.6.2008 - 2 StR 176/08; BayObLG NJW 1957, 1810; v. Heintschel-Heinegg in MüKo StGB § 55
Rdn. 23).

Umfang der Entscheidung nach § 55 StGB 20

Liegen die Voraussetzungen des § 55 StGB vor, so sind - wie bei gleichzeitiger Aburteilung aller
Taten - auch Nebenstrafen, Nebenfolgen und Maßnahmen gleicher Art durch das spätere Urteil
einheitlich anzuordnen. Über sie ist deshalb, sofern ihre Voraussetzungen auch in Bezug auf die
Taten bestehen, die dem späteren Urteil zugrunde liegen, grundsätzlich durch den neuen
Gesamtstrafenrichter neu zu entscheiden (vgl. BGH, Urt. v. 22.5.2003 - 4 StR 130/03; BGH,
Beschl. v. 12.10.2004 - 4 StR 304/04; Bringewat, Die Bildung der Gesamtstrafe. Rdn. 135, 142 ff.;
Lackner/Kühl StGB 24. Aufl. § 55 Rdn. 17; Stree in Schönke/Schröder StGB 26. Aufl. § 55 Rdn. 53,
54, jew. m.w.N.).

So ist beispielsweise auch die Anordnung des Wertersatzverfalls eines früheren Urteils bei der
Gesamtstrafenbildung zu berücksichtigen und einzubeziehen (vgl. BGH, Urt. v. 22.5.2003 - 4 StR
130/03). Die Entscheidung über die Frage der Anordnung einer Sperre für die Erteilung einer
neuen Fahrerlaubnis unterliegt einer Gesamtbetrachtung nach Bildung der Gesamtstrafen (vgl. OLG
Hamm, Beschl. v. 14.1.1999 - 4 Ss 1502/98; OLG Hamm, Beschl. v. 6.5.2003 - 4 Ss 304/03; zu den
Ausnahmen gemäß § 55 Abs. 2 StPO - etwa im Fall der Erledigung einer Maßnahme - siehe unten).

Instanzenübergreifende Beachtung 25

Bei Aufhebung einer Gesamtstrafe durch das Revisionsgericht und Zurückverweisung an das
Tatgericht ist in der neuen Verhandlung die Gesamtstrafenbildung nach Maßgabe der
Vollstreckungssituation zum Zeitpunkt der ersten tatrichterlichen Verhandlung vorzunehmen,
weil dem Angeklagten ein erlangter Rechtsvorteil nicht genommen werden darf (vgl. BGH, Beschl. v.
13.11.2007 - 3 StR 415/07; BGH, Beschl. v. 8.7.2008 - 3 StR 213/08; BGH, Beschl. v. 17.9.2008 -5
StR 284/08 - NStZ 2009, 107; Fischer, StGB 59. Aufl. § 55 Rdn. 37a m. w. N.; siehe auch
nachstehend unter Härteausgleich --> Rdn. 60). Vom neuen Tatrichter sind daher auch
zwischenzeitlich erledigte Strafen einzubeziehen (vgl. u.a. BGH, Beschl. v. 21.8.2001 - 5 StR
291/01 - NStZ 2001, 645; BGH, Beschl. v. 25.9.2003 - 4 StR 381/03; BGH, Beschl. v. 9.7.2004 - 2
StR 170/04; BGH, Beschl. v. 20.10.2004 - 2 StR 408/04; BGH, Beschl. v. 22.7.2009 - 2 StR 191/09;
BGH, Beschl. v. 14.4.2010 - 2 StR 92/10; BGH, Beschl. v. 8.10.2010 - 3 StR 368/10; BGH, Beschl. v.
10.1.2012 - 3 StR 370/11: zwischenzeitlicher Erlass der verhängten Strafe; Rissing-van Saan in LK
12. Aufl. § 55 Rdn. 25 und 45; Fischer, StGB 58. Aufl. § 55 Rn. 6a).

Wie bei der nachträglichen Gesamtstrafenbildung nach § 55 StGB ist auch im Jugendstrafrecht gemäß § 31
Abs. 2 JGG auf die Vollstreckungssituation zum Zeitpunkt der ersten Tatsachen-verhandlung abzustellen (vgl.
BGH, Beschl. v. 13.11.1991 - 2 StR 463/91 - BGHR JGG § 31 Abs. 2 Einbeziehung 6; BGH, Beschl. v.
12.9.2000 - 4 StR 358/00 - StV 2001, 179; BGH, Beschl. v. 31.3.2011 - 2 StR 8/11 - StraFo 2011, 288;
Eisenberg, JGG 14. Aufl. § 31 Rn. 27; siehe auch § 31 JGG Rdn. 40 - Einbeziehung).

Voraussetzung für die nachträgliche Gesamtstrafenbildung ist gemäß § 55 Abs. 1 Satz 1 StGB, dass
die später abzuurteilenden Taten "vor der früheren Verurteilung" begangen worden sind. Für die
Auslegung der Worte "vor der früheren Verurteilung" begangen kommt es auf die letzte
tatrichterliche Entscheidung zur Schuld- oder Straffrage an (vgl. BGH, Beschl. v. 1.9.2009 - 3
StR 178/09 - NStZ-RR 2010, 41; Rissing-van Saan in LK 12. Aufl. § 55 Rdn. 6). Dies kann auch ein
nach Teilaufhebung ergangenes zweites Urteil sein, wenn dieses eine Sachentscheidung im Sinne
des § 55 Abs. 1 Satz 2 StGB enthielt. Hierfür genügt auch eine Entscheidung über die Bildung einer
Gesamtstrafe, wenn sie aufgrund einer tatrichterlichen Verhandlung ergangen ist (vgl. BGH, Beschl.
v. 1.9.2009 - 3 StR 178/09 - NStZ-RR 2010, 41; Fischer, StGB 56. Aufl. § 55 Rdn. 7).

§ 55 StGB gilt auch für das Berufungsgericht (vgl. Fischer StGB 57. Aufl. Rdn. 20 zu § 55). Der
Tatrichter ist grundsätzlich verpflichtet, auf eine Gesamtstrafe zu erkennen, wenn im Zeitpunkt
seines Urteils die Voraussetzungen der §§ 53 ff. StGB vorliegen. Er darf die Festsetzung der
Gesamtstrafe nicht dem Verfahren nach §§ 460 ff. StPO überlassen (BGHSt 12, 1; 20, 292, 293;
23, 98, 99; 25, 382, 384; BGH, Beschl. v. 7.7.2010 - 1 StR 212/10; vgl. auch KK-Appl StPO 6. Aufl.
Rdn. 4 zu § 460). Dies ergibt sich aus dem Grundgedanken des § 55 Abs. 1 StGB, die durch eine
getrennte Aburteilung entstandenen Vor- und Nachteile auszugleichen. Danach sind Taten, die bei
gemeinsamer Aburteilung nach §§ 53, 54 StGB behandelt worden wären, auch nach getrennter
Aburteilung noch nachträglich so zu behandeln, dass der Täter im Ergebnis weder besser noch
schlechter gestellt ist (st. Rspr.; vgl. Fischer aaO Rdn. 2 zu § 55 mwN). Hierbei kommt es allein auf
die materiell-rechtliche Regelung und nicht auf die verfahrensrechtliche Situation an (BGHSt 32,
193; BGH, Beschl. v. 7.7.2010 - 1 StR 212/10). Weder die eingetretene Teilrechtskraft, noch die
Dispositionsbefugnis stehen der nachträglichen Gesamtstrafenbildung durch das Berufungsgericht
entgegen. Für die Bildung der Gesamtstrafe nach § 55 StGB gibt die sachliche, nicht die
verfahrensrechtliche Lage den Ausschlag (vgl. BGH, Beschl. v. 7.7.2010 - 1 StR 212/10).

Gesonderte Verhängung einer Gesamtgeldstrafe neben Freiheitsstrafe 30

§ 53 Abs. 2 Satz 2 StGB findet auch bei der nachträglichen Gesamtstrafenbildung Anwendung (vgl.
BGH, Beschl. v. 4.9.2002 - 3 StR 276/02; Stree in Schönke/Schröder, StGB 26. Aufl. § 55 Rdn. 36).
Die Nichtanwendung des § 53 Abs. 2 Satz 2 StGB bedarf insbesondere dann einer
ausdrücklichen Erörterung, wenn bei der gesonderten Festsetzung einer Geldstrafe die
zeitige Freiheitsstrafe noch zur Bewährung hätte ausgesetzt werden können (vgl. BGHR StGB
§ 53 Abs. 2 Einbeziehung, nachteilige 4 und 6; Nichteinbeziehung 2 m.w.N.; BGH, Beschl. v.
19.1.2000 - 2 StR 628/99 - wistra 2000, 177; BGH, Beschl. v. 26.9.2006 - 4 StR 390/06). Dies liegt
jedenfalls bei einer verhängten Gesamtfreiheitsstrafe von zwei Jahren und drei Monaten, bei der
zehn Einzelgeldstrafen Bestandteil des Strafausspruches sind, nicht fern. Die Nichtanwendung des §
53 Abs. 2 Satz 2 StGB ist in diesen Fällen ausdrücklich zu begründen (vgl. BGH, Beschl. v.
26.9.2006 - 4 StR 390/06; BGH, Beschl. v. 11.9.2007 - 5 StR 388/07; BGH, Beschl. v. 3.12.2007 - 5
StR 504/07 - NStZ 2009, 27). Zwar bedarf die Nichtanwendung der genannten Vorschrift
grundsätzlich dann einer ausdrücklichen Begründung, wenn nach den besonderen Umständen des
Falles die Bildung einer Gesamtfreiheitsstrafe als das gegenüber dem Bestehenlassen der
Geldstrafen schwerere Übel erscheint. Anders verhält es sich aber, wenn sich sämtliche Taten
gegen dasselbe Rechtsgut richteten und deshalb die Einbeziehung der Geldstrafen in eine
Gesamtfreiheitsstrafe nahelag (vgl. BGH, Urt. v. 2.8.2000 - 2 StR 172/00 - BGHR StGB § 53 Abs. 2
Einbeziehung, nachteilige 6; BGH, Beschl. v. 7.10.2010 - 1 StR 484/10 - wistra 2011, 19).

Gesamtstrafenbildung mit ausländischen Strafen 35

Die Möglichkeit einer Gesamtstrafenbildung mit im Ausland verhängten Strafen besteht nicht. Eine
Zusammenfassung von Strafen, die verschiedenen Strafsystemen angehören, ist unmöglich; es ist
nicht nachprüfbar, in welchem Verhältnis die nach ausländischem Strafrecht angewandte Strafart zu
der auf Grund des deutschen Strafgesetzbuchs anzuwendenden steht. Dies gilt sowohl für Art und
Höhe der im Ausland verhängten Strafe als auch für das im Ausland bestehende System der
Vollstreckung. Dabei würde die Anwendung des Gedankens des § 55 StGB dazu nötigen, nicht
vereinbare Straf- und Vollstreckungssysteme zu vergleichen, deren Anwendung im Einzelfall ungewiss
ist. Auch ist eine in Deutschland verhängte Gesamtstrafe von der deutschen Strafvollstreckungs-
behörde zu vollstrecken. Würde darin eine durch ein ausländisches Gericht verhängte Einzelstrafe
einbezogen, entfiele dadurch nach deutschem Recht die Vollstreckbarkeit des ausländischen Urteils,
dessen Strafe in die Gesamtstrafe einbezogen wurde. Dies wäre ein unzulässiger Eingriff in das
Justizhoheitsrecht des anderen Staates (vgl. schon RGSt 75, 256; BGH LM Nr. 1 zu § 335 StGB; BGH,
Urt. v. 4.12.1979 - 5 StR 571/79; BGH, Beschl. v. 29.10.2008 - 2 StR 386/08; BGH, Urt. v. 10.6.2009 - 2
StR 386/08 - NStZ 2010, 30; OLG Bremen NJW 1950, 918; OLG Hamm JMBl. NW 1950, 144; OLG
Düsseldorf GA 1991, 271 f.).
Gesamtstrafenbildung in Auslieferungsangelegenheiten 37

Gesamtstrafenbildung und Strafreduzierung wegen Verfahrensverzögerung 40

Bei der Bildung einer Gesamtstrafe und der Einbeziehung eines Abschlags infolge einer mit Art. 6

Abs. 1 Satz 1 EMRK nicht zu vereinbarenden Verfahrensverzögerung, besteht die Verpflichtung das
Maß der gebotenen Kompensation durch Vergleich der an sich verwirkten und der tatsächlich
verhängten Strafe zu bestimmen nicht nur für die Gesamtstrafe, sondern auch für alle Einzelstrafen
(vgl. BGH, Beschl. v. 17.6.2003 - 3 StR 183/03 - BGH NStZ 2003, 601; BGH, Beschl. v. 13.12.2006 -
2 StR 520/06). Im zugrunde liegenden Fall hatte der Tatrichter der Vorinstanz aus 2 Einzelstrafen
zunächst eine fiktive Gesamtfreiheitsstrafe von sechs Jahren und sechs Monaten gebildet und von
dieser wegen eines Härteausgleichs (Erledigung einer gesamtstrafenfähigen Vorstrafe) eine
Minderung um einen Monat und wegen einer "mit Art. 6 Abs. 1 Satz 1 EMRK nicht zu
vereinbarenden Verfahrensverzögerung" einen weiteren Abschlag von elf Monaten vorgenommen;
er hat dann auf die ausgeurteilte Gesamtfreiheitsstrafe von fünf Jahren und sechs Monaten erkannt.
Der BGH hat dann die Einzelfreiheitsstrafen angemessen herabgesetzt und hinsichtlich der ersten
Tat auf eine Freiheitsstrafe von einem Jahr und drei Monaten und hinsichtlich der zweiten auf eine
solche von fünf Jahren. Im Ergebnis ist es damit bei der ausgeurteilten Strafe von 5 Jahren und 6
Monaten verblieben (BGH, a.a.O, vgl. auch BGH, Beschl. v. 20.2.2007 - 2 StR 566/06; BGH, Beschl.
v. 16.5.2007 - 2 StR 78/07).

Rechtskraft früherer fehlerhafter Gesamtstrafe 45

Die Rechtskraft der früheren Verurteilung, die den Bestand der einzubeziehenden Einzelstrafen
sicherstellt (vgl. BGH, Urt. v. 6.8.1969 – 4 StR 233/69 - BGHSt 23, 98, 100; von Heintschel-Heinegg
in MK-StGB, 2. Aufl., § 55 Rn. 21), ist zwingende Voraussetzung der nachträglichen Gesamtstrafen-
bildung gemäß § 55 Abs. 1 StGB (vgl. 24.4.2013 - 4 StR 125/13).

Die Rechtskraft einer fehlerhaften Gesamtstrafbildung steht bei weiterer nachträglicher


Gesamtstrafbildung gemäß § 55 Abs. 1 StGB der nunmehr gebotenen Korrektur nicht entgegen
(BGHSt 35, 243; BGH, Beschl. v. 13.10.1995 - 3 StR 431/95 - BGHR StGB § 55 Abs. 1 -
Einbeziehung 3; BGH, Beschl. v. 5.12.1990 - 3 StR 407/90 - BGHR StGB § 55 Abs. 1 Satz 1 -
Strafen, einbezogene 4; BGH, Beschl. v. 11.11.2000 - 5 StR 651/99; Stree in Schönke/Schröder
StGB 25. Aufl. § 55 Rdn. 17 m.w.N.).

Zäsurwirkung von Vorverurteilungen 50

Für die nachträgliche Gesamtstrafenbildung ist hinsichtlich der maßgeblichen Zäsurwirkung nicht
auf die Tatzeit der - dort abgeurteilten - Tat abzustellen sondern, wie es der klare Wortlaut des § 55
Abs. 1 Satz 1 StGB bestimmt, auf den Zeitpunkt der „früheren Verurteilung“ (vgl. BGH, Urt. v.
1.9.2005 - 4 StR 331/05). Für die Zäsurwirkung ist unerheblich, dass von einer
Gesamtstrafenbildung nach § 52 Abs. 3 S. 2 StGB abgesehen worden ist (vgl. BGH, Beschl. v.
7.12.1983 - 1 StR 148/83 - BGHSt 32, 190, 194; BGH, Urt. v. 12.8.1998 - 3 StR 537/97 - BGHSt 44,
179, 184; BGH, Beschl. v. 7.12.2000 - 4 StR 449/00; BGH, Beschl. v. 8.9.2010 - 2 StR 423/10 -
StraFo 2011, 61; BGH, Beschl. v. 10.1.2012 - 3 StR 370/11; Rissing-van Saan LK 12. Aufl. StGB §
55 Rn. 21; Fischer StGB 57. Aufl. § 55 Rn. 9a).
[ Erste unerledigte Vorverurteilung ] 50.1

Zäsurwirkung entfaltet gemäß § 55 Abs. 1 Satz 2 StGB das Urteil in dem früheren Verfahren, in
dem die zugrunde liegenden tatsächlichen Feststellungen letztmals geprüft werden konnten; das
kann auch ein Berufungsurteil sein (vgl. BGHSt 4, 366; BGH, Beschl. v. 16.5.2002 - 3 StR 448/01;
Tröndle/Fischer, StGB 50. Aufl. § 55 Rdn. 7). Zäsurwirkung entfaltet die erste unerledigte
Vorverurteilung, so dass eine Gesamtstrafenbildung nur für die bis dahin begangenen Taten
möglich ist (BGH, Beschl. v. 28.7.2006 - 2 StR 215/06 - NStZ 2007, 28, 29; BGH, Beschl. v.
8.6.2011 - 4 StR 249/11; zu den Anforderungen an die Entscheidungsgründe bei Bildung einer
nachträglichen Gesamtstrafe vgl. BGH, Beschl. v. 8.2.2011 - 4 StR 658/10; BGH, Beschl. v.
3.5.2011 - 3 StR 110/11). Für danach begangene Straftaten ist auf eine selbstständige Einzel- oder
Gesamtstrafe zu erkennen (vgl. BGH Beschl. v. 7.12.1983 - 1 StR 148/83 - BGHSt 32, 190, 193;
BGH, Beschl. v. 28.11.1986 - 3 StR 499/86 - BGHR StGB § 55 Abs. 1 Satz 1 Zäsurwirkung 1;
BGH, Urt. v. 23.6.1988 - 4 StR 164/88 - BGHR StGB § 55 Abs. 1 Satz 1 Zäsurwirkung 4; BGH, Urt.
v. 12.2.1988 - 4 StR 606/87 - BGHR StGB § 55 Abs. 1 Satz 1 Zäsurwirkung 6; BGH, Beschl. v.
14.11.2003 - 2 StR 394/03; BGH, Beschl. v. 10.8.2004 - 3 StR 209/04; BGH, Beschl. v. 28.7.2006 -
2 StR 215/06; vgl. auch BGH, Urt. v. 30.8.2006 - 2 StR 231/06 - wistra 2006, 460; BGH, Beschl. v.
27.9.2012 - 4 StR 329/12; BGH, Beschl. v. 22.11.2012 - 2 StR 419/12; Rissing-van Saan in
LKStGB, 12. Aufl., § 55 Rn. 15; Tröndle/Fischer, StGB, 53. Aufl., § 55, Rdnr. 9 f.; siehe auch oben
Rdn. 5.1 - "Rückprojektion").
Auch ein Berufungsurteil, das nur die Strafaussetzungsfrage betraf, gilt als frühere
Verurteilung im Sinne des § 55 Abs. 1 StGB (vgl. BGH, Beschl. v. 16.6.2004 - 5 StR 211/04;
Tröndle/Fischer, StGB 51. Aufl. § 55 Rdn. 5; Rissing-van Saan in LK 11. Aufl. § 55 Rdn. 5 f.). Ist
die der zweiten Vorverurteilung zugrundeliegende Tat vor der ersten Vorverurteilung begangen
worden, dann sind die den Vorverurteilungen zugrundeliegenden Taten gesamtstrafenfähig, da sie
bei der ersten Vorverurteilung hätten abgeurteilt werden können (vgl. BGH, Beschl. v. 1.9.2011 - 5
StR 309/11; BGH, Beschl. v. 1.8.2012 - 4 StR 186/12; Schäfer/Sander/van Gemmeren, Praxis der
Strafzumessung, 4. Aufl., Rn. 685; Fischer, StGB, 58. Aufl., § 55 Rn. 11).

Beispiel: Bei der Bildung der nachträglichen Gesamtstrafe nach § 55 Abs. 1 StGB ist für das mit
der Gesamtstrafenbildung befasste Landgericht Bochum von einer Zäsurwirkung des Urteils des
Amtsgerichts Recklinghausen vom 11. März 2010 auszugehen. Die in dem späteren Urteil des
Amtsgerichts Recklinghausen vom 28. Juni 2010 abgeurteilte Tat wurde bereits am 18. November
2009 und damit vor der Zäsur durch das Urteil vom 11. März 2010 begangen. Die Geldstrafe aus
dem Urteil vom 28. Juni 2010 ist daher mit in die Gesamtfreiheitsstrafe einzubeziehen (vgl. BGH,
Beschl. v. 1.8.2012 - 4 StR 186/12).

Einer erledigten Verurteilung kommt in keinem Fall eine Zäsurwirkung zu (vgl. BGH, Beschl. v.
17.8.2011 - 2 StR 296/11; Fischer, StGB 58. Aufl., § 55 Rn. 10). Dies gilt auch dann, wenn es
fehlerhaft unterlassen worden ist, eine Strafe in eine solche Verurteilung einzubeziehen, und diese
noch nicht erledigt ist (BGH, Beschl. v. 17.8.2011 - 2 StR 296/11).

Bei einem Strafbefehl ist für die Zäsurwirkung zwar regelmäßig der Zeitpunkt des Erlasses
maßgeblich (BGHSt 33, 230; BGH, Beschl. v. 11.11.2008 - 5 StR 486/08 - NStZ-RR 2009, 74), dies
gilt jedoch nicht, wenn nach Einspruchseinlegung durch Urteil entschieden wird (BGH, Beschl. v.
7.12.1990 - 2 StR 513/90 - BGHR StPO § 358 Abs. 2 Nachteil 4; BGH, Beschl. v. 16.5.2002 - 3 StR
448/01; Stree in Schönke/Schröder, StGB 26. Aufl. § 55 Rdn. 10). Denn dann ist der Tag der
Urteilsverkündung als der letzte Tag der Hauptverhandlung, in dem die tatsächlichen Feststellungen
letztmals geprüft werden konnten, zugrunde zu legen (vgl. § 55 Abs. 1 Satz 2 StGB). Dies gilt auch
dann, wenn infolge der Beschränkung des Einspruchs gegen den Strafbefehl auf den Rechtsfolgen-
ausspruch nur noch zur Straffrage verhandelt wurde (vgl. BGH, Beschl. v. 9.8.2000 - 2 StR 286/00).

Der zur nachträglichen Bildung einer Gesamtstrafe berufene Richter muß sich jeweils auf den
Standpunkt des Richters stellen, dessen Entscheidung als früheste noch nicht erledigt ist.
Grundsätzlich sind alle Taten, die vor Erlaß dieser Entscheidung begangen wurden,
gesamtstrafenfähig (BGH, Beschl. v. 21.12.1995 - 1 StR 697/95 - NStZ 1996, 225). Bei einer
Vorverurteilung durch Strafbefehl ist eine Straftat nur dann im Sinne des § 55 Abs. 1 StGB vor der
früheren Verurteilung begangen worden, wenn sie in die Zeit vor Unterzeichnung des Strafbefehls
durch den Richter fällt (vgl. BGHSt 33, 230, 232; BGH, Beschl. v. 5.12.2006 - 4 StR 484/06). Lässt
sich in der neuen Hauptverhandlung nicht klären, ob der Strafbefehl am Tattage bereits unterzeichnet
war, als der Angeklagte die neuerliche Straftat beging, ist hiervon nach dem Zweifelsgrundsatz
auszugehen und aus den verhängten Einzelfreiheitsstrafen eine Gesamtstrafe zu bilden (vgl. BGH,
Beschl. v. 5.12.2006 - 4 StR 484/06). Ein Urteil kann wegen vollständiger Vollstreckung keine
Zäsurwirkung mehr entfalten (st. Rspr. vgl. BGHR StGB § 55 Abs. 1 S. 1 Zäsurwirkung 2, 3, 5, 7;
BGH, Beschl. v. 11.9.2007 - 5 StR 388/07; vgl. auch BGH, Beschl. v. 7.3.2006 - 5 StR 58/06 für den
Fall, dass die Verurteilung aus rechtlichen Gründen nicht einbeziehungsfähig ist, weil bereits in eine
Jugendstrafe einbezogen). Ausgehend von dem Grundsatz, dass der Angeklagte in diesem Fall weder
besser noch schlechter gestellt werden sollte als bei gemeinsamer Verhandlung (vgl. hierzu BGH, Urt.
v. 23.6.1988 - 4 StR 169/88 - BGHR StGB § 46 Abs. 1 Schuldausgleich 14; BGH, Beschl. v. 22.7.1997
- 1 StR 340/97 - BGHR StGB § 55 Abs. 1 Satz 1 Zäsurwirkung 13), muss das Tatgericht in diesen
Fällen den dem Angeklagten konkret entstandenen Nachteil in den Blick nehmen. Ist diesem durch die
zwischenzeitliche Vollstreckung der Vorverurteilung die andernfalls zwingend gesondert
vorzunehmende Bildung einer Gesamt-geldstrafe und einer - wohl noch bewährungsfähigen -
Gesamtfreiheitsstrafe entgangen, kann dieser Nachteil durch die Verhängung einer gesonderten
Gesamtgeldstrafe nach § 53 Abs. 2 Satz 2 StGB ausgeglichen werden (vgl. BGH, Beschl. v.
11.9.2007 - 5 StR 388/07).

Gemäß § 54 Abs. 1 Satz 2, § 55 StGB ist daher für die Einzelstrafen für die vor dem die
Zäsurwirkung auslösenden anderweitigen Urteil begangenen Taten unter Einbeziehung der Strafe
aus diesem Urteil eine Gesamtstrafe und wegen weiterer (restlicher) Einzelstrafen für die nach der
Vorverurteilung begangenen Taten eine weitere Gesamtfreiheitsstrafe zu bilden (vgl. hierzu auch
BGH, Beschl. v. 13.11.2007 - 4 StR 424/07). Die Addition der beiden Gesamtstrafen ergibt das
(Mindest-)Gesamtstrafenübel (vgl. BGH, Urt. v. 11.10.2006 - 2 StR 311/06; BGH, Beschl. v.
18.2.2005 - 2 StR 460/04).

Die Zäsurwirkung entfällt nicht deshalb, weil das Tatgericht vor einer Zurückverweisung gemäß § 53
Abs. 2 Satz 2 StGB davon abgesehen hat, diese Strafe in die Gesamtfreiheitsstrafe einzubeziehen
(st. Rspr.; vgl. BGHSt 32, 190; 44, 179, 184; BGH, Beschl. v. 16.4.1991 - 5 StR 156/91 - BGHR
StGB § 55 Abs. 1 Satz 1 Zäsurwirkung 9; BGH, Beschl. v. 23.11.2000 - 3 StR 353/00 - NStZ-RR
2001, 103; BGH, Beschl. v. 17.12.2003 - 2 StR 331/03; BGH, Beschl. v. 22.7.2004 - 4 StR 256/04;
BGH, Beschl. v. 12.1.2005 - 2 StR 449/04; BGH, Beschl. v. 30.8.2007 - 4 StR 356/07 - NStZ 2008,
90; BGH, Beschl. v. 21.2.2008 - 4 StR 666/07).

Beispiel 1 nach BGH, Urt. v. 11.10.2006 - 2 StR 311/06 :

Unerlaubtes Handeltreiben mit Betäubungsmitteln in 6 Fällen in dem Zeitraum März 2004 bis Juli
2005. Für die ersten 4 Taten, die vor dem 5.10.2004 begangen wurden, werden Einzelstrafen von
zweimal 2 Jahren und zweimal 1 Jahr 9 Monate verhängt. Für die danach begangenen Taten 5 und 6
werden Einzelstrafen von 1 Jahr 9 Monate bzw. 3 Jahren 9 Monate verhängt und aus diesen sechs
Einzelstrafen eine Gesamtfreiheitsstrafe - ohne Einbeziehung einer Vorverurteilung - von fünf Jahren
gebildet. Es besteht eine Vorverurteilung durch ein Amtsgericht vom 5.10.2004 - Freiheitsstrafe von 4
Monaten - wegen Körperverletzung.

Die Gesamtstrafe ist dabei in 3 Schritten zu bilden:

1. Einzelstrafen der ersten 4 Taten vor dem 5.10.2004 und Einzelstrafe der Vorverurteilung.
Höchste Einzelstrafe unter Einbeziehung und Berücksichtigung der Vorverurteilung (Einzelstrafe 4
Monate) und damit Einsatzstrafe beträgt 2 Jahre, welche mindestens um einen Monat erhöht
werden muss. Es ergibt sich somit zwangsläufig mindestens eine Gesamtstrafe für den Komplex 1
von 2 Jahren und 1 Monat.

2. Einzelstrafen der Taten 5 und 6 (Einsatzstrafe 3 Jahre 9 Monate), somit nach Erhöhung der
Einsatzstrafe von mindestens 1 Monat ergibt sich für den Komplex 2 eine Mindestgesamtstrafe von
3 Jahren 10 Monaten.
3. Die Addition beider Freiheitsstrafen zu 1. und 2. ergibt ein Mindeststrafübel 5 Jahren und 11
Monaten.

Die Bildung einer Gesamtstrafe nach § 55 StGB ist dann ausgeschlossen, wenn der Richter, der
früher entschieden hat, eine Strafe, die in einer noch früheren Verurteilung ausgesprochen worden
ist, in eine Gesamtstrafenbildung hätte einbeziehen können. In diesem Fall geht von der ersten
Vorverurteilung eine Zäsurwirkung aus, die zur Folge hat, daß die Strafe aus der späteren
Vorverurteilung und die Strafe, die im anhängigen Verfahren für eine Tat ausgesprochen wird, die
zwischen den Vorverurteilungen begangen worden ist, nicht mehr Gegenstand einer
Gesamtstrafenbildung sein kann. Eine nachträgliche Gesamtstrafenbildung im anhängigen Verfahren
scheidet wegen der sog. Zäsurwirkung des ersten Urteils (vgl. Bringewat, Die Bildung der
Gesamtstrafe 1987 Rdn. 233) mithin nur dann aus, wenn die Taten aus der zweiten Verurteilung
zeitlich vor der ersten Verurteilung begangen worden sind (BGHSt 32, 190 ff.; BGH, Beschl. v.
24.10.2002 - 4 StR 332/02). Dann gilt nach dem Grundgedanken des § 55 StGB, daß der Verurteilte
so gestellt werden soll, wie er bei gleichzeitiger Aburteilung aller vor dem zweiten Urteil begangenen
Taten stünde (st. Rspr., vgl. BGHSt 7, 180; 181; 15, 66, 69; 32, 190, 193; BGH, Beschl. v.
24.10.2002 - 4 StR 332/02).
Einer Vorverurteilung kommt dann keine Zäsurwirkung zu, wenn sämtliche in ihr abgeurteilten Taten
schon in eine frühere Vorverurteilung einzubeziehen sind (BGH, Beschl. v. 20.9.2007 - 4 StR
431/07; BGH, Urt. v. 5.3.2009 - 4 StR 594/08 - NStZ-RR 2009, 172; vgl. auch Fischer, StGB 56.
Aufl. § 55 Rdn. 12).

Beispiel 2: nach BGH, Urt. v. 2.12.2004 - 3 StR 348/04:

Unerlaubtes Handeltreiben mit Betäubungsmitteln im April 2003 und später. Verurteilung deswegen

durch ein Landgericht im April 2004.

Es liegt ein Urteil eines Amtsgerichtes vom 19.5.2003 wegen einer Betrugstat vor. In dem Urteil vom
19.5.2003 wird nach § 55 StGB eine nachträgliche Gesamtstrafe von fünf Monaten und zwei
Wochen unter Einbeziehung einer Vorverurteilung vom 31.3.2003 gebildet. Es stellt sich hierbei die
Frage, ob die Betrugstat aus dem Urteil vom 19.5.2003 in die Strafenbildung des Landgerichts
einfließen muss. Wegen der Maßgeblichkeit der jeweils frühesten Vorverurteilung begründet das
Urteil v. 31.3.2003 eine Zäsur. Die im April 2003 und später verübten (Betäubungsmittelstraftaten)
sind erst nach dieser Zäsur begangen worden, so dass eine nachträgliche Gesamtstrafenbildung
mit der vom Amtsgericht am 19.5.2003 verhängten Freiheitsstrafe nicht in Betracht kommt (vgl.
BGHSt 32, 190, 193; BGHR StGB § 55 Abs. 1 Satz 1 Zäsurwirkung 13; Rissing-van Saan in LK 11.
Aufl. § 55 Rdn. 15).
Der Schlüssel zu diesem nur scheinbar komplizierten Ergebnis ergibt sich aus der Anwendung von §
55 StGB durch das Amtsgericht, wonach im vorliegenden Fall eine nachträgliche
Gesamtstrafenbildung in dem Urteil vom 19.5.2003 nur mit einer Tat erfolgen konnte, die vor dem
31.3.2003 begangen wurde.

Liegen die abzuurteilenden Taten zwischen zwei Verurteilungen, aus denen eine Gesamtstrafe zu
bilden war, kommt eine Gesamtstrafenbildung aus der Strafe für die abzuurteilenden Taten mit der
Strafe aus der letzten Vorverurteilung nicht in Betracht (vgl. BGHSt 32, 190, 193; BGH NStZ 2003,
200; BGH, Beschl. v. 9.11.2004 - 4 StR 426/04 - wistra 2005, 187). Ist dies jedoch nur zum Teil der
Fall, weil die im zweiten ausgeurteilten Taten zeitlich zum Teil nach der ersten Vorverurteilung liegen,
werden die für diese Taten verhängten Einzelstrafen von der Zäsurwirkung des ersten Urteils nicht
erfaßt und können noch Gegenstand einer nachträglichen Gesamtstrafenbildung im anhängigen
Verfahren sein (vgl. BGH, Beschl. v. 24.10.2002 - 4 StR 332/02).
Liegen die neu abzuurteilenden Taten zwischen mehreren nach § 460 StPO auf eine Gesamtstrafe
zurückzuführenden Verurteilungen, darf aus den Strafen für die neu abgeurteilten Taten und der Strafe aus
der letzten Vorverurteilung keine Gesamtstrafe gebildet werden; denn bereits die erste, mit den neuen Taten
nicht gesamtstrafenfähige Vorverurteilung bildet eine Zäsur (BGH NStZ-RR 2007, 369; BGH, Beschl. v.
21.7.2009 - 5 StR 269/09).
Durch eine fehlerhafte Einbeziehung von zugrundeliegenden Einzelstrafen kann der Angeklagte
etwa deshalb beschwert sein, weil er damit den Vorteil der bei der - fehlerhaft einbezogenen -
Gesamtfreiheitsstrafe ausgesprochenen Strafaussetzung zur Bewährung verliert, die für die neu
gebildete Gesamtfreiheitsstrafe ihrer Höhe wegen ausscheiden muss (vgl. BGH, Beschl. v. 5.7.1990
- 1 StR 273/90; ferner BGHR StGB § 55 Abs. 1 Satz 1 Zäsurwirkung 9; BGH, Beschl. v. 25.3.2003 -
5 StR 90/03).

An einer Beschwer des Angeklagten durch die unterlassene Prüfung des Landgerichts, ob eine
(oder mehrere) der Einzelfreiheitsstrafen, die es für die früheren durch den Angeklagten
begangenen Taten festgesetzt hat, mit der gegen diesen durch das zäsurbildende Urteil des
Amtsgerichts ausgesprochenen Geldstrafe gesamtstrafenfähig ist oder war, kann es fehlen, wenn
das Landgericht auf zwei Gesamtstrafen hätte erkennen müssen und das Revisionsgericht
ausschließen kann, dass das Landgericht diese beiden Gesamtstrafen in der Summe niedriger
bemessen hätte als die von ihm ausgesprochene Gesamtfreiheitsstrafe oder die Vollstreckung
einer oder beider Gesamtstrafen zur Bewährung ausgesetzt hätte (vgl. BGH, Beschl. v. 15.5.2012 -
3 StR 66/12). Aus diesem Grund war auch kein Härteausgleich für den Fall veranlasst, dass die
Geldstrafe im Zeitpunkt des landgerichtlichen Urteils bereits erledigt gewesen sein sollte und
deswegen für eine Gesamtstrafenbildung nicht mehr herangezogen werden konnte; daher ist der
Angeklagte auch durch die Nichterörterung eines derartigen Ausgleichs nicht benachteiligt (vgl.
BGH, Beschl. v. 15.5.2012 - 3 StR 66/12).

Nicht dem erstinstanzlichen, sondern dem Berufungsurteil ist Zäsurwirkung beizumessen, wenn im
Berufungsverfahren die tatsächlichen Feststellungen geprüft wurden (§ 55 Abs. 1 Satz 2 StGB; vgl.
auch BGH, Beschl. v. 22.10.2001 - 5 StR 439/01 - wistra 2002, 57). Hinsichtlich der Straftaten, die
den vom Tatgericht einbezogenen Einzelstrafen zugrunde liegen, kann auch einem
Berufungsverfahren die Zäsurwirkung zukommen, etwa, wenn sämtliche Taten vor Verkündung des
Berufungsurteils begangen worden waren und dem Berufungsgericht die Bildung einer Gesamtstrafe
auch möglich gewesen wäre, da es eine Sachentscheidung zur Straffrage getroffen hat (vgl. hierzu
Rissing-van Saan in LK 11. Aufl. § 55 Rdn. 5). Das Berufungsurteil bildet demnach eine Zäsur mit
der Folge, dass für die danach begangenen verfahrensgegenständlichen Taten eine gesonderte
Einzelstrafe bzw. eine weitere Gesamtstrafe zu verhängen ist (vgl. BGH, Beschl. v. 23.9.2003 - 3
StR 294/03).

Die Möglichkeit, auf Geldstrafe gesondert zu erkennen, ist kein Grund, die Zäsurwirkung einer auf
Geldstrafe lautenden Vorverurteilung zu verneinen (BGHSt 32, 190, 194; BGHR StGB § 55 Abs. 1
Satz 1 Zäsurwirkung 9; BGH, Beschl. v. 27.6.2007 - 2 StR 4/07 - NStZ 2008, 41). Ein früheres Urteil
behält auch dann seine Zäsurwirkung, wenn später eine Entscheidung gemäß § 460 StPO
ergangen ist und hierbei eine gesonderte Geldstrafe (§ 53 Abs. 2 S. 2 StGB) bestehen blieb (vgl.
BGH, Beschl. v. 25.10.2001 - 3 StR 376/01).

Der Angeklagte kann durch die fehlerhafte Bildung von nur einer Gesamtfreiheitsstrafe statt
von zwei Gesamtfreiheitsstrafen etwa dadurch beschwert sein, wenn deren denkbare Höhen
- anders als bei der verhängten Gesamtstrafe - noch eine Strafaussetzung zur Bewährung
ermöglicht hätten (vgl. BGH, Beschl. v. 17.7.2002 - 2 StR 216/02).

Sind mehrere Verurteilungen vorhanden, deren Strafen einzubeziehen sind, können diese
untereinander gesamtstrafenfähig sein (vgl. BGH, Beschl. v. 15.3.2007 - 5 StR 42/07).

Eine rechtskräftig verhängte Geldstrafe kann gemäß § 55 StGB in eine Verwarnung mit
Strafvorbehalt einbezogen werden (BGH, Urt. v. 7.2.2001 - 5 StR 474/00 - BGHSt 46, 279 - StV
2001, 684).

- Zwischen zwei Vorverurteilungen begangene Taten 50.1.3

- Gesamtstrafenrechtlich verbrauchte Urteile 50.1.5

Entscheidungshinweise 55

Zur Gesamtstrafenbildung siehe auch: BGH, Beschl. v. 19.6.2002 - 4 StR 141/02; BGH, Beschl. v.
17.1.2006 - 4 StR 493/05; BGH, Beschl. v. 10.7.2007 - 3 StR 232/07; BGH, Beschl. v. 26.7.2007 - 4
StR 204/07; BGH, Beschl. v. 17.7.2007 - 4 StR 266/07; BGH, Urt. v. 1.9.2005 - 4 StR 331/05; BGH,
Beschl. v. 31.5.2005 - 5 StR 85/05; BGH, Beschl. v. 19.1.2005 - 4 StR 223/04; BGH, Beschl. v.
20.11.2007 - 4 StR 529/07; BGH, Urt. v. 2.12.2004 - 3 StR 348/04; BGH, Beschl. v. 22.7.2004 - 5 StR
161/04; BGH, Beschl. v. 26.3.2003 - 1 StR 79/03; BGH, Beschl. v. 27.3.2003 - 3 StR 42/03; BGH,
Beschl. v. 15.11.2000 - 3 StR 452/00; BGH, Beschl. v. 9.7.2004 - 2 StR 170/04; BGH, Beschl. v.
28.1.2003 - 5 StR 589/02; BGH, Beschl. v. 5.9.2008 - 5 StR 358/08 zum "Gesamtstrafübel"

ferner: BGH, Beschl. v. 7.5.2003 - 5 StR 193/03; BGH, Beschl. v. 21.3.2003 - 2 StR 53/03 mehrere
Gesamtstrafen: BGH, Beschl. v. 16.4.2003 - 2 StR 85/03; BGH, Beschl. v. 25.6.2008 - 5 StR 273/08; BGH,
Beschl. v. 18.7.2008 - 2 StR 298/08; BGH, Beschl. v. 6.5.2009 - 5 StR 143/09; BGH, Beschl. v. 28.5.2009 - 5
StR 114/09; BGH, Beschl. v. 9.12.2009 - 2 StR 468/09; mehrere Zäsuren und mehrere Gesamtstrafen: BGH,
Beschl. v. 17.7.2000 - 5 StR 280/00

Härteausgleich 60

Der Härteausgleich soll die durch die getrennte Aburteilung entstandenen Nachteile ausgleichen (vgl.
BGH, Urt. v. 12.8.1998 – 3 StR 537/97 - BGHSt 44, 179, 185 f.; BGH, Beschl. v. 17.8.2011 - 5 StR
301/11). Ziel des Härteausgleichs muss deshalb sein, den Angeklagten so zu stellen, wie er bei einer
Gesamtstrafenbildung gestanden hätte. Die hierfür maßgeblichen Umstände zu gewichten und die
hiernach angemessene Strafe zu bestimmen, obliegt grundsätzlich dem Tatgericht. Das
Revisionsgericht greift – ebenso wie bei der Kontrolle der Gesamtstrafenbildung – nur dann ein,
wenn der Umfang des Härteausgleichs nicht mehr ausreichend begründet wurde (BGHSt aaO; BGH,
Beschl. v. 17.8.2011 - 5 StR 301/11; vgl. auch BGH, Beschl. v. 2.9.1997 – 1 StR 317/97 - NStZ 1998,
134).

Scheitert eine nach § 55 StGB an sich mögliche nachträgliche Gesamtstrafenbildung daran,


dass die zunächst erkannte Strafe bereits vollstreckt, verjährt oder erlassen ist, so ist die
darin liegende Härte nach ständiger Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs bei der
Bemessung der nunmehr zu verhängenden Strafe auszugleichen (BGH, Urt. v. 29.7.1982 - 4
StR 75/82 - BGHSt 31, 102, 103; BGH, Urt. v. 23.1.1985 - 1 StR 645/84 - BGHSt 33, 131, 132;
BGH, Urt. v. 23.6.1988 - 4 StR 169/88 - BGHR StGB § 55 Abs. 1 Satz 1 Härteausgleich 1; BGH,
Urt. v. 15.9.1988 - 4 StR 397/88 - BGHR StGB § 46 Abs. 1 Schuldausgleich 15; BGH, Urt. v.
2.5.1990 - 3 StR 59/89 - NStZ 1990, 436; BGH, Beschl. v. 9.11.1995 - 4 StR 650/95 - BGHSt 41,
310, 311; BGH, Urt. v. 30.4.1997 - 1 StR 105/97 - BGHSt 43, 79, 80; BGH, Beschl. v. 8.10.2003 - 2
StR 328/03 - BGHR StGB § 55 Abs. 1 Satz 1 Härteausgleich 13; BGH, Beschl. v. 16.9.2008 - 5 StR
408/08 - NStZ-RR 2008, 370; BGH, Beschl. v. 10.3.2009 - 5 StR 73/09 - StV 2010, 240; BGH,
Beschl. v. 9.11.2010 - 4 StR 441/10 - NJW 2011, 868). Die Tatsache, dass § 55 Abs. 1 Satz 1 StGB
in diesen Fällen eine Gesamtstrafenbildung ausdrücklich ausschließt, ändert nichts an der dem
Prinzip der nachträglichen Gesamtstrafenbildung zu Grunde liegenden Forderung nach einem
Ausgleich der sich durch getrennte Aburteilung ergebenden Nachteile. Dieser Grundsatz gilt auch,
wenn die Zäsurwirkung einer früheren Strafe die Bildung einer Gesamtstrafe verhindert (BGH,
Beschl. v. 7.12.1983 - 1 StR 148/83 - BGHSt 32, 190, 193; BGH, Beschl. v. 9.11.1995 - 4 StR
650/95 - BGHSt 41, 310, 312; BGH, Beschl. v. 29.10.2008 - 2 StR 386/08; BGH, Urt. v. 10.6.2009 -
2 StR 386/08 - NStZ 2010, 30).

[ Zu hohes Gesamtstrafübel bei mehreren Gesamtstrafen ] 60.1

Zur Vermeidung von Doppelbestrafungen dürfen Strafen in eine Gesamtstrafe nicht mehr
einbezogen werden, wenn sie bereits zur Bildung einer anderen noch nicht rechtskräftigen
Gesamtstrafe gedient haben; sie sind vielmehr verfahrensmäßig so zu behandeln, als wären sie
noch nicht rechtskräftig (vgl. BGH, Urt. v. 10.11.1965 - 2 StR 387/65 - BGHSt 20, 292 ff.; BGH,
Urt. v. 23.1.2003 - 4 StR 412/02 auch betr. § 31 JGG; vgl. auch BGH, Urt. v. 13.4.1956 - 2 StR
93/56 - BGHSt 9, 190, 192; 44, 1 ff.; BGH, Beschl. v. 7.11.2002 - 5 StR 401/02 - wistra 2003,
97; Tröndle/Fischer aaO § 55 Rdn. 35).
Nötigt die Zäsurwirkung einer einzubeziehenden Verurteilung zur Bildung mehrerer Gesamtstrafen,
muss das Gericht einen sich daraus möglicherweise für den Angeklagten ergebenden Nachteil in
Folge eines zu hohen Gesamtstrafübels ausgleichen (vgl. BGH, Beschl. v. 9.11.1995 - 4 StR 650/95
- BGHSt 41, 310, 313; BGH, Urt. v. 9.9.1997 - 1 StR 279/97 - BGHSt 43, 216, 217; BGH, Urt. v.
12.8.1998 - 3 StR 537/ 97 - BGHSt 44, 179, 185 f.; BGH, Beschl. v. 14.11.1995 - 4 StR 639/95 -
BGHR StGB § 55 Abs. 1 Satz 1 Zäsurwirkung 11; BGH, Beschl. v. 8.2.2000 - 4 StR 488/99; BGH,
Beschl. v. 21.8.2002 - 5 StR 342/02; BGH, Beschl. v. 24.7.2007 - 4 StR 237/07; BGH, Beschl. v.
17.4.2008 - 4 StR 118/08; BGH, Beschl. v. 29.10.2008 - 2 StR 386/08; BGH, Beschl. v. 7.4.2009 - 4
StR 663/08 - wistra 2009, 272; BGH, Beschl. v. 22.7.2009 - 5 StR 243/09 - NStZ-RR 2009, 367;
BGH, Beschl. v. 9.8.2011 - 4 StR 367/11).
Eine Auseinandersetzung mit dem Gesamtstrafübel ist insbesondere dann erforderlich, wenn die
durch die Zäsurwirkung erzwungene Bildung von mehreren Strafen statt einer Gesamtstrafe zu
einer in ihrer Summe außergewöhnlich hohen Strafe führt (vgl. BGH, Beschl. v. 27.10.1999 - 3 StR
309/99 - NStZ 2000, 137; BGH, Urt. v. 5.12.2001 - 2 StR 273/01 - NStZ 2002, 196 f.; BGH, Beschl.
v. 20.8.2008 - 5 StR 350/08 - wistra 2008, 476). Bei derartigen Fallgestaltungen hat der Tatrichter
in den Urteilsgründen darzulegen, daß er sich seiner Verpflichtung bewußt ist, ein zu hohes
Gesamtstrafübel ausgleichen zu müssen (vgl. BGH, Beschl. v. 9.11.1995 – 4 StR 650/95 - BGHSt
41, 310, 312f.; BGH, Beschl. v. 8.2.2000 - 4 StR 488/99; BGH, Urt. v. 5.12.2001 - 2 StR 273/01 -
NStZ 2002, 196 f.; BGH, Beschl. v. 9.8.2011 - 4 StR 367/11; SSW-StGB/Eschelbach § 55 Rn. 21).

[ Härteausgleich bei vollstreckten Strafen ] 60.2

Der BGH hat mehrfach entschieden (BGHSt 31, 102, 103; BGHSt 33, 131, 132), dass dann, wenn
eine frühere Strafe, weil sie bereits vollstreckt ist und nicht mehr zur Gesamtstrafenbildung
herangezogen werden kann, die darin liegende Härte bei der Bemessung der neu zu
verhängenden Strafe auszugleichen ist. Daß ein angemessener Härteausgleich
vorgenommen worden ist, muß aus den Urteilsgründen zu entnehmen sein (vgl. auch
BGH, Beschl. v. 9.11.1995 - 4 StR 650/95 - BGHSt 41, 310; BGH, Beschl. v. 22.2.2001 - 4 StR
25/01 - NStZ-RR 2001, 298; BGH, Beschl. v. 5.11.2002 - 5 StR 473/02; BGH, Beschl. v.
22.11.2006 - 2 StR 433/06; BGH, Beschl. v. 6.3.2008 - 5 StR 622/07; BGH, Beschl. v. 1.12.2009
- 3 StR 478/09; vgl. auch BGH, Beschl. v. 17.9.2008 - 5 StR 397/08 - NStZ-RR 2009, 45). In der
Entscheidung darf diese Frage nicht dahingestellt bleiben (vgl. BGH, Beschl. v. 4.10.2007 - 2
StR 253/07).
Ist eine Ersatzfreiheitsstrafe vollstreckt worden, ist ein Härteausgleich wegen der nicht
mehr möglichen Gesamtstrafenbildung wie bei einer vollstreckten Freiheitsstrafe zu
gewähren, denn es steht fest, daß der Angeklagte durch die Verbüßung einen Nachteil
erlitten hat (vgl. BGH, Beschl. v. 30.1.2001 - 4 StR 587/00 betr. in Unterbrechung der U-Haft
vollständig verbüßte Ersatzfreiheitsstrafe; BGH, Beschl. v. 1.8.2003 - 2 StR 250/03; vgl. auch
BGH, Beschl. v. 28.10.2008 - 5 StR 498/08 - NStZ-RR 2009, 43). Dem steht die Erwägung nicht
entgegen, daß bei einer gemeinsamen Aburteilung aller Taten möglicherweise neben der
Freiheitsstrafe gesondert auf Geldstrafe hätte erkannt werden können (vgl. BGHR StGB § 55
Abs. 1 Satz 1 Härteausgleich 3). Ist die Geldstrafe im Wege der Ersatzfreiheitsstrafe verbüßt
worden, besteht diese Möglichkeit nicht mehr; eine Gesamtstrafe kann nach § 55 Abs. 1 Satz 1
StGB nur aus nicht vollstreckten Strafen gebildet werden. Deshalb ist auch eine kurze
Ersatzfreiheitsstrafe im Wege eines Härteausgleichs bei der Strafzumessung zu
berücksichtigen, wobei es dem Tatrichter überlassen bleibt, wie er den Härteausgleich
vornimmt (vgl. BGHR StGB § 55 Abs. 1 Satz 1 Härteausgleich 1; BGH, Urt. v. 15.9.2004 - 2
StR 242/04).
Beispiel: Der Angeklagte war nach Begehung der Tat durch Urteil des Amtsgerichts X (vom ...) zu
einer Freiheitsstrafe (von ...) verurteilt worden, die er bis zum Urteil in der nunmehr zu
entscheidenden Sache vollständig verbüßt hatte. Da danach eine Gesamtstrafenbildung mit der
Strafe aus dem amtsgerichtlichen Urteil nicht mehr möglich ist, muss das Gericht einen
Härteausgleich vornehmen (vgl. BGH, Beschl. v. 10.12.2003 - 2 StR 286/03).

Ein Härteausgleich setzt voraus, dass eine an sich gesamtstrafenfähige Vorstrafe gegeben ist,
die zum Zeitpunkt der neuen Verurteilung nach § 55 Abs. 1 Satz 1 StGB nicht (mehr) einzubeziehen
ist (vgl. Fischer, StGB 55. Aufl. § 55 Rdn. 21). Die verhängte Freiheitsstrafe ist etwa nicht
gesamtstrafenfähig; wenn sie vor Begehung der zeitlich frühesten der gegenständlichen Straftaten
verhängt worden ist (vgl. BGH, Urt. v. 3.4.2008 - 3 StR 60/08 - NStZ 2008, 471).

Ein Härteausgleich kommt indes nur dann in Betracht, wenn in der Erledigung der früheren Strafe
tatsächlich eine Härte für den Angeklagten zu sehen ist. Für ihn ist kein Raum, wenn der
Angeklagte durch die Erledigung der an sich gesamtstrafenfähigen Strafe nicht benachteiligt wird
(vgl. BGH, Urt. v. 6.6.2002 - 3 StR 118/02).

Einen zugunsten des Angeklagten vorgenommenen Härteausgleich wegen einer


einbeziehungsfähigen, aber bereits durch Bezahlung vollstreckten Geldstrafe hat der
Bundesgerichtshof als rechtsfehlerhaft erachtet, weil eine ausgleichspflichtige Härte für den
Angeklagten hier – anders als bei Vollstreckung einer Geldstrafe durch Ersatzfreiheitsstrafe
– nicht entstehen kann (vgl. BGH, Beschl. v. 14.12.2010 - 1 StR 275/10 - wistra 2011, 186;
Fischer, StGB, 58. Aufl., § 55 Rn. 21 f. mwN). Ein Härteausgleich ist nicht veranlasst, wenn eine
Geldstrafe wegen vollständiger Bezahlung nicht mehr in eine Gesamtfreiheitsstrafe einbezogen
werden kann (vgl.

BGH, Beschl. v. 8.10.2003 - 2 StR 328/03 - BGHR StGB § 55 Abs. 1 Satz 1 Härteausgleich 13;
BGH, Beschl. v. 24.2.2011 - 4 StR 488/10; BGH, Urt. v. 8.3.2012 - 4 StR 629/11; vgl. auch BGH,
Urt. v. 14.3.2012 - 2 StR 547/11).

- Härteausgleich bei lebenslanger Freiheitsstrafe 60.2.1

Leitsatz Bei der Verhängung lebenslanger Freiheitsstrafe ist ein Härteausgleich für erledigte,
an sich gesamtstrafenfähige Vorstrafen im Wege der Vollstreckungslösung zu gewähren
(BGH, Beschl. v. 20.1.2010 - 2 StR 403/09 - Ls. - StV 2010, 244 zur Veröffentlichung in BGHSt
vorgesehen).
In Abkehr von früherer Rechtsprechung (BGH NStZ 1999, 579, 580 f.; BGH Urt. v. 14.3.1990 - 3
StR 109/89) für erwägenswert hat der Bundesgerichtshof grundsätzlich einen Härteausgleich im
Wege der Vollstreckungslösung auch bei der lebenslangen Freiheitsstrafe (vgl. BGH, Beschl. v.
17.1.2008 - GSSt 1/07 - BGHSt 52, 124 - NJW 2008, 860, 863 - wistra 2008, 137 ff.; BGHSt 52, 48,
56 f.) im Blick auf erledigte und daher nicht nach § 55 StGB einbeziehungsfähige spätere
Bestrafungen des Angeklagten gehalten (vgl. BGH, Beschl. v. 23.7.2008 - 5 StR 293/08).
Diese Vollstreckungslösung hat der Bundesgerichtshof in BGH, Beschl. v. 8.12.2009 - 5 StR
433/09 (NJW 2010, 1157) angewandt und bei einem zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilten
Angeklagten die in Unterbrechung der Untersuchungshaft vollstreckten und aus diesem Grunde
nicht mehr gesamtstrafenfähigen 60 Tage Ersatzfreiheitsstrafe im Wege des Härteausgleichs auf
die MIndestverbüßungsdauer der lebenslangen Freiheitsstrafe angerechnet. Der zu gewährende
Härteausgleich ist insoweit durch Anrechnung auf die Mindestverbüßungszeit (§ 57a Abs. 1 Nr. 1
StGB) unter doppelt analoger Anwendung des § 51 Abs. 1 Satz 1 StGB vorzunehmen (vgl. BGH,
Beschl. v. 8.12.2009 - 5 StR 433/09 - NJW 2010, 1157: insoweit offen gelassen, ob eine
Verpflichtung zum Härteausgleich - und in Vollanrechnung - bei anderen
Sachverhaltskonstellationen besteht, die nicht im Verantwortungsbereich der Justiz anzusiedeln
sind; BGH, Beschl. v. 20.1.2010 - 2 StR 403/09 - StV 2010, 244).

Ist die besondere Schwere der Schuld festgestellt, ist die Strafvollstreckungskammer nicht
gehindert, bei der Festsetzung der Verlängerungsdauer der Mindestverbüßungszeit der verhängten
lebenslangen Freiheitsstrafe (§ 57a Abs. 1 Nr. 2 StGB) zu berücksichtigen, dass der Angeklagte eine
Freiheitsstrafe aus einer an sich gesamtstrafenfähigen Vorverurteilung vor Erlass des angefochtenen
Urteils voll verbüßt hatte (§ 57a Abs. 1 Satz 2 i.V.m. § 57 Abs. 1 Satz 2 StGB; vgl. BGH, Beschl. v.
9.12.2008 - 4 StR 358/08 - NStZ-RR 2009, 104 - StraFo 2009, 124; BGH, Beschl. v. 8.12.2009 - 5
StR 433/09 - NJW 2010, 1157; vgl. auch BVerfG Beschl. v. 29.1.2007 - 2 BvR 2025/06; BGH,
Beschl. v. 20.1.2010 - 2 StR 403/09 - StV 2010, 244; Fischer, StGB 55. Aufl. § 57a Rdn. 17; a.A.
OLG Saarbrücken NStZ-RR 2007, 219). Wurde hingegen die besondere Schuldschwere nicht
festgestellt, besteht diese Möglichkeit nicht (vgl. BGH, Beschl. v. 8.12.2009 - 5 StR 433/09 - NJW
2010, 1157).

- Härteausgleich für entgangene Bewährung / Verhängung zeitiger Freiheitsstrafen 60.2.2


Die Vollstreckungslösung hat der 5. Strafsenat des Bundesgerichtshofs auch für den Fall für
vorzugswürdig erachtet, in dem der Angeklagte die ausgeurteilten Taten nicht nach der
Aussetzungsentscheidung, sondern weit über ein Jahr zuvor begangen hatte und ohne die
vollständige Ersatzfreiheitsstrafenvollstreckung die Strafaussetzung infolge anderweitiger
Gesamtstrafenbildung bestehen geblieben wäre. Die Bildung der Gesamtfreiheitsstrafe unter
Heranziehung einer erheblichen, zur Bewährung ausgesetzten Freiheitsstrafe als
Einsatzstrafe wirkte sich dabei für den Angeklagten überaus nachteilig aus und erforderte die
Gewährung eines besonders nachhaltigen Härteausgleichs (vgl. BGHR StGB § 46 Abs. 1
Schuldausgleich 15 m.w.N.; BGH, Beschl. v. 26.1.2010 - 5 StR 478/09 - StV 2010, 239). Bei
ähnlicher Sachlage hat der 4. Strafsenat des Bundesgerichtshofs nunmehr daran
festgehalten, dass der Ausgleich für eine in dem Ausschluss einer nachträglichen
Gesamtstrafenbildung liegenden Härte bei der Verhängung zeitiger Freiheitsstrafen nicht in
Anwendung des Vollstreckungsmodells, sondern bei der Bemessung der Strafe für die
nunmehr abzuurteilende Tat vorzunehmen ist (BGH, Beschl. v. 9.11.2010 - 4 StR 441/10 -
NJW 2011, 868; BGH, Beschl. v. 1.2.2011 - 4 StR 604/10).

[ Auslieferungsangelegenheiten ] 60.3

Ein Härteausgleich hat auch zu erfolgen, wenn keine Gesamtstrafe gebildet werden kann, weil in
einer Auslieferungsbewilligung die Zustimmung hierzu verweigert wurde (BGH, Beschl. v. 22.4.2004
- 3 StR 115/04). In einem anderen Fall hat es der Bundesgerichtshof gebilligt, dass das Landgericht
wegen eines Vollstreckungshindernisses nach § 456a StPO für die frühere Strafe, weil die
Auslieferung nur für das neue Verfahren erfolgt ist, von einem Härteausgleich abgesehen hat (vgl.
BGH, Urt. v. 14.12.1999 - 1 StR 471/99 - NStZ 2000, 263); desgleichen bei lebenslanger
Freiheitsstrafe und einem Vollstreckungshindernis nach Art. 54 SDÜ (BGH, Urt. v. 10.6.1999 - 4 StR
87/98 - NStZ 1999, 579, 581) (vgl. die zusammenfassende Darstellung in BGH, Beschl. v.
29.10.2008 - 2 StR 386/08).
[ Härteausgleich bei ausländischen Strafen ] 60.4

Im Ausland verhängte Strafen sind der nachträglichen Gesamtstrafenbildung über § 55 StGB nicht
zugänglich, weil eine Gesamtstrafe mit einer von einem ausländischen Gericht verhängten Strafe
schon wegen des damit verbundenen Eingriffs in deren Vollstreckbarkeit ausgeschlossen ist (vgl.
BGHSt 43, 79; BGHR StGB § 55 Abs. 1 Satz 1 Härteausgleich 16; BGH NStZ 2008, 709, 710;
BGH, Beschl. v. 27.1.2010 - 5 StR 432/09 - StV 2010, 238; siehe hierzu näher oben).
Der Bundesgerichtshof hat es allerdings für notwendig erachtet, auch auf diese Fälle den
Rechtsgedanken des Härteausgleichs zu übertragen, wenn die im Ausland und die im Inland
begangene Straftat vom zeitlichen Ablauf her miteinander hätten abgeurteilt werden können. Der
Nachteil, der dem Angeklagten dadurch entstanden ist, dass im Ausland verhängte Strafen nicht
gesamtstrafenfähig sind, kann auch durch eine anderweitige Gesamtstrafenbildung ausgeglichen
werden (vgl. BGHSt 43, 79, 80; BGH NStZ-RR 1998, 204; 2000, 105; NStZ 1998, 134; NJW 2000,
1964, 1965; BGH NStZ 2008, 709, 710; BGH, Urt. v. 26.9.2007 - 1 StR 276/07 - StV 2008, 338; vgl.
auch BVerfG, Beschluss der 3. Kammer des 2. Senats vom 25. Januar 2008 - 2 BvR 1532/08 - Tz. 5;
BayObLG NJW 1993, 2127; Tröndle/Fischer, StGB 54. Aufl. § 55 Rdn. 21).

Beispiel: [ Fiktive Gesamtstrafenbildung mit Vollstreckungsabschlag ] Der Angeklagte wird


wegen Betäubungsmittelstraftaten zu einer mehrjährigen Gesamtfreiheitsstrafe verurteilt. Es wird
angeordnet, dass – im Blick auf eine potentiell gesamtstrafenfähige Verurteilung in den
Niederlanden zu einem Jahr Freiheitsstrafe – neun Monate der Strafe als vollstreckt gelten (vgl.

BGH, Beschl. v. 28.3.2012 - 5 StR 111/12).

Anfragebeschluss Der 2. Strafsenat beabsichtigt zu entscheiden, dass ein Härteausgleich in den

Fällen nicht zu gewähren ist, in denen eine nachträgliche Gesamtstrafenbildung mit Strafen aus
ausländischen Verurteilungen nicht vorgenommen werden kann. Er hat bei den übrigen
Strafsenaten angefragt, ob an der bisherigen Rechtsprechung festgehalten wird (vgl. BGH, Beschl.
v. 29.10.2008 - 2 StR 386/08). Der 2. Strafsenat ist der Auffassung, dass ein Härteausgleich für im
Ausland verhängte Strafen nicht in Betracht kommt, wenn wegen der dort abgeurteilten Taten in
Deutschland ein Strafverfahren nicht hätte durchgeführt werden können, d. h. nicht der „Zufall“ der
Handhabung durch die beteiligten Behörden eine Aburteilung der im Ausland begangenen Tat im
Inland verhindert hat. Ist eine Aburteilung im Ausland begangener Taten in Deutschland mangels
entsprechender rechtlicher und tatsächlicher Voraussetzungen grundsätzlich nicht möglich,
sondern bietet das Strafanwendungsrecht der §§ 3 ff. StGB hierfür allenfalls unter dem Aspekt der
stellvertretenden Strafrechtspflege (§ 7 Abs. 2 Nr. 2 StGB) einen Ansatz, erscheint die Gewährung
eines Härteausgleichs nicht angezeigt. Ein Härteausgleich dient zum Ausgleich der Nachteile, die
dem Täter dadurch entstehen, dass keine nachträgliche Gesamtstrafenbildung gemäß § 55 StGB
erfolgen kann. In den Fällen des § 7 Abs. 2 Nr. 2 StGB ist eine Gesamtstrafenbildung nach
deutschem Recht aber von vornherein so fern liegend, dass ein Ausgleich für ihr Unterbleiben eine
zusätzliche Bevorzugung des Täters wäre. Es ist nicht notwendig, international agierende
Mehrfachtäter bei der Strafzumessung auf Grund rein hypothetischer Erwägungen zu begünstigen.
Die Anwendung des Rechtsgedankens des Härteausgleichs könnte im Einzelfall dazu führen, dass
hohe im Ausland verhängte Freiheitsstrafen nur noch im Ergebnis schuldunangemessene Strafen
in Deutschland zuließen, die sogar mit der gesetzlichen Strafuntergrenze in Konflikt gerieten. In
diesen Fällen, in denen ein ausländischer Täter im Ausland Straftaten begangen hat, die weder
inländische noch international geschützte Rechtsgüter betreffen, besteht kein Anlass, ihn so zu
stellen, als wären diese Taten gemeinsam mit im Inland begangenen hier abgeurteilt worden. Dass
es zu Aburteilungen in verschiedenen Staaten kommt, ist bei einer solchen Fallgestaltung vom
Täter durch die Wahl der Tatorte selbst herbeigeführt worden. Die kriminelle Energie eines solchen
Vorgehens kann im Übrigen gegen den Täter sprechen und bei der Strafzumessung erschwerend
berücksichtigt werden (BGH, Beschl. v. 29.10.2008 - 2 StR 386/08).

Der 1. Strafsenat hat hierzu beschlossen, dass die beabsichtigte Entscheidung nicht seiner
Rechtsprechung widerspricht unter Berücksichtigung des Umstands, dass laut Begründung des
zugrunde liegenden Beschlusses (BGH, Beschl. v. 29.10.2008 - 2 StR 386/08) dies nur für diejenigen
Fälle gelten soll, in denen eine gemeinsame Aburteilung aller Taten in Deutschland nicht oder
allenfalls theoretisch nach § 7 Abs. 2 Nr. 2 StGB möglich gewesen wäre (vgl. BGH, Beschl. v.
21.1.2009 - 1 ARs 2/09).

Unter Berücksichtigung der vorgenannten Einschränkung hat auch der 5. Strafsenat beschlossen,
dass seine Rechtsprechung der beabsichtigten Entscheidung nicht entgegensteht. Ohne
Berücksichtigung dieser Einschränkung würde die beabsichtigte Entscheidung jedoch der
Entscheidung des Senats vom 15. Dezember 1999 - 5 StR 608/99 (NStZ-RR 2000, 105)
widersprechen. An der dort zugrunde gelegten Rechtsauffassung hält der Senat auch fest. In dem
vorgenannten Beschluss hat der 5. Strafsenat entschieden, dass dann, wenn die besondere Härte
nicht allein bei der nach § 54 Abs. 1 Satz 2 StGB zu bestimmenden Gesamtstrafe ausgeglichen
werden kann, dieser Gesichtspunkt schon bei der Bemessung der Einzelstrafe berücksichtigt werden
muss (vgl. auch BGHSt 36, 270, 275 f.). Diese Auffassung hat der 5. Strafsenat im Antwortbeschluss
insbesondere unter Hinweis darauf, dass das besondere Gesamtstrafübel ein wesentlicher
Strafmilderungsgrund ist, bekräftigt (vgl. BGH, Beschl. v. 11.3.2009 - 5 ARs 3/09) und in einer
weiteren Entscheidung im Leitsatz ausgesprochen, dass eine ausländische Vorverurteilung, die an
innerstaatlichen Maßstäben gemessen gesamtstrafenfähig wäre, im Rahmen der Allgemeinen
Strafzumessung mit Blick auf das Gesamtstrafübel zu berücksichtigen ist (BGH, Beschl. v. 27.1.2010
- 5 StR 432/09 - BGHR StGB § 55 Abs. 1 Satz 1 Härteausgleich 19 - StV 2010, 238). Dies gilt wegen
gleicher Interessenlage auch bei einer sicher zu vollstreckenden Strafe durch einen Mitgliedstaat der
Europäischen Union und für die hier festzusetzende Jugendstrafe wegen einer Tat eines seit vielen
Jahren erwachsenen Heranwachsenden (vgl. BGH, Beschl. v. 26.1.2011 - 5 StR 569/10).

[ Einzubeziehende Bewährungsstrafen ] 60.5

Die Strafaussetzung zur Bewährung in dem Urteil mit den einzubeziehenden Strafen steht einer
nachträglichen Gesamtstrafenbildung nicht im Wege, auch wenn die neu zu bildende
Gesamtstrafe nicht mehr aussetzungsfähig ist (BGHSt 7, 180, 182; 36, 378; BGHR StGB § 55 Abs.
1 Einbeziehung 2 m.w.N.; BGH, Beschl. v. 22.11.2001 - 1 StR 488/01; BGH, Beschl. v. 26.11.2008
– 5 StR 450/08 - wistra 2009, 271). Dies gilt grundsätzlich selbst dann, wenn die Bewährungszeit
aus den früheren Strafen abgelaufen ist (vgl. hierzu BVerfG, Beschl. v. 23.3.1990 - 2 BvR 51/90 -
NJW 1991, 558; BGH, Beschl. v. 19.7.2000 - 3 StR 259/00 - wistra 2000, 462; BGH, Beschl. v.
26.11.2008 - 5 StR 450/08 - wistra 2009, 271). Dass eine einbezogene Freiheitsstrafe zur
Bewährung ausgesetzt war, die durch die Einbeziehung entfiel, kann außer Acht bleiben, wenn es
andernfalls auf Grund der neuen Straftat zu einem Bewährungswiderruf gekommen wäre (vgl.
BGH, Urt. v. 5.12.2001 - 2 StR 273/01 - NStZ 2002, 196; BGH, Beschl. v. 29.10.2008 - 2 StR
386/08).

Etwas anderes gilt hingegen, wenn die zur Bewährung ausgesetzte Strafe erlassfähig war; in
diesen Fällen ist wiederum ein Härteausgleich zu gewähren (BGH, Urt. v. 12.1.1993 - 5 StR
606/92 - NStZ 1993, 235; BGH, Beschl. v. 10.1.2001 - 3 StR 516/00; BGH, Beschl. v. 29.10.2008
- 2 StR 386/08).

Stehen die einzubeziehenden, zur Bewährung ausgesetzten Strafen vor dem Erlass und führt deren
Einbeziehung zum Wegfall der Bewährungsaussetzung, müssen die sich aus dieser
Gesamtstrafsituation ergebenden Härten besonders bedacht werden. Denn ohne dass ein
Widerrufsgrund nach § 56f StGB gegeben wäre, wird der Angeklagte nach Ablauf der
Bewährungszeit so gestellt, als wäre die Strafaussetzung widerrufen worden (BVerfG -
Vorprüfungsausschuss - wistra 1990, 262; BGH NStZ 1991, 330; BGH, Urt. v. 12.1.1993 - 5 StR
606/92 - NStZ 1993, 235; BGH, Beschl. v. 26.11.2008 - 5 StR 450/08 - wistra 2009, 271).

[ Erlassene und erlassreife Bewährungsstrafen ] 60.6

Die Einbeziehung der zur Bewährung ausgesetzten Strafe aus dem früheren Urteil setzt voraus,
dass noch kein Erlass nach § 56g StGB erfolgt war (vgl. BGH, Beschl. v. 26.11.2008 - 5 StR
450/08; BGH, Beschl. v. 26.3.2009 - 5 StR 74/09 - NStZ-RR 2009, 205; Fischer, StGB 56. Aufl. §
55 Rdn. 6)

Ein Härteausgleich ist nur dann erforderlich, wenn die Einbeziehung einer früher verhängten Strafe
an deren zwischenzeitlicher Vollstreckung scheitert, jedoch nicht, wenn sie zur Bewährung
ausgesetzt und später erlassen worden ist (vgl. BGH NStZ-RR 1996, 291; NStZ-RR 2004, 330; BGH,
Urt. v. 25.10.2005 - 4 StR 139/05 - NJW 2006, 1073; StV 2007, 82; vgl. auch BGH, Urt. v. 9.12.2009
- 5 StR 459/09 - wistra 2010, 99; zum maßgeblichen Zeitpunkt siehe oben --> Rdn. 15). Dann stellt
sich der Angeklagte mit dem Erlaß der früheren Bewährungsstrafe sogar besser, als wenn deren
Einbeziehung eine erst noch zu vollstreckende nachträgliche Gesamtfreiheitsstrafe möglicherweise
noch erhöht hätte (vgl. BGH NStZ 1983, 261; NStZ-RR 1996, 291; BGH, Urt. v. 10.10.1978 - 4 StR
444/78; BGH, Urt. v. 18.8.2004 - 2 StR 249/04; BGH, Beschl. v. 17.11.2010 - 1 StR 145/10 - wistra
2011, 115; BGH, Beschl. v. 15.2.2011 - 1 StR 19/11; Rissing-van Saan LK 11. Aufl. § 55 Rdn. 23;
Fischer, StGB, 58. Aufl., § 55 Rn. 21a). Es fehlt in diesen Fällen an einem ausgleichsbedürftigen
Nachteil, so dass ein Härteausgleich nicht in Betracht kommt (BGH NStZ-RR 1996, 291; NStZ-RR
2004, 330; BGH, Beschl. v. 29.10.2008 - 2 StR 386/08; BGH, Urt. v. 10.6.2009 - 2 StR 386/08 - NStZ
2010, 30).

Im Spannungsverhältnis zwischen der nachträglichen Bildung einer Gesamtstrafe gemäß § 55 StGB


und dem Straferlaß gemäß § 56g StGB kommt keiner der Vorschriften Priorität zu. Der Konflikt soll
vielmehr im Einzelfall unter Beachtung des Grundsatzes der Verhältnismäßigkeit aufgelöst werden (vgl.
BVerfG, Beschl. v. 23.3.1990 - 2 BvR 51/90 - NJW 1991, 558; BGH NJW 1991, 2847; BGHR StGB § 55
Abs. 1 Einbeziehung 2; vgl. auch BGH, Beschl. v. 26.3.2009 - 5 StR 74/09 - NStZ-RR 2009, 205).

Beispiel: Dass das Tatgericht eine nachträgliche Gesamtstrafe gebildet hat, anstatt dem Erlaß der

Strafe aus dem früheren Urteil den Vorrang zu geben, kann im Einzelfall schon deshalb nicht zu
beanstanden sein, weil auch die Vollstreckung der neuen Strafe zur Bewährung ausgesetzt worden
ist (vgl. Stree in Schönke/ Schröder, StGB 25. Aufl. § 56 g Rdn. 1) und das Tatgericht den
erforderlichen Härteausgleich (vgl. BGH NJW 1993, 235) bei der Gesamtstrafenbildung
vorgenommen hat (vgl. BGH, Beschl. v. 10.1.2001 - 3 StR 516/00).

Der 4. Strafsenat hat in einem Beschluss vom 3.7.2012 ergänzend bemerkt, dass allein der
Umstand, dass die Bewährungszeit bereits mehr als zwei Jahre und vier Monate abgelaufen ist,
nicht belegt, dass diese Strafe bei der Gesamtstrafenbildung außer Betracht zu bleiben hatte, weil
ihr Erlass ungebührlich lange hinausgezögert worden ist und der Angeklagte deshalb auf ihre
Nichtberücksichtigung vertrauen durfte (vgl. BGH, Beschl. v. 3.7.2012 - 4 StR 191/12; BGH, Urt. v.
12.1.1993 - 5 StR 606/92 - NStZ 1993, 235). Feststellungen zu den Gründen für diesen Zeitablauf
hat das Landgericht nicht getroffen. Ein Erfahrungssatz, dass eine solche Verzögerung regelmäßig
auf Versäumnissen der Justizbehörden beruht und zu einem Vertrauenstatbestand bei dem
Angeklagten geführt hat, besteht nicht. Eine auf die Sachrüge zu beachtende Lücke in den
Feststellungen liegt daher nicht vor. Eine Verfahrensrüge wurde nicht erhoben (vgl. BGH, Beschl.
v. 3.7.2012 - 4 StR 191/12).

[ Fehlende Festsetzung von Einzelstrafen ] 60.7

Leitsatz § 55 StGB findet keine Anwendung, wenn das frühere Urteil auf eine Gesamtstrafe erkannt
hat, aber keine Einzelstrafen enthält. Der Tatrichter hat in diesem Fall einen Härteausgleich bei der
Bemessung der neuen Strafe vorzunehmen (BGH, Beschl. v. 26.3.1997 - 2 StR 107/97 - Ls. -
BGHSt 43, 34 - NJW 1997, 1993; BGH, Beschl. v. 15.11.2002 - 2 StR 401/02; BGH, Beschl. v.
13.11.2002 - 2 StR 422/02; BGH, Beschl. v. 29.10.2008 - 2 StR 386/08; BGH, Beschl. v. 22.1.2009
3 StR 594/08; Rissing-van Saan in LK 11. Aufl. § 55 Rdn. 26).

Der Nachteil, der dem Angeklagten dadurch entsteht, daß Einzelstrafen fehlerhaft nicht festgesetzt
sind und deshalb nicht einbezogen werden können, ist durch eine Herabsetzung der Strafe
auszugleichen (BGHSt 43, 324; BGH, Beschl. v. 13.11.2002 - 2 StR 422/02; BGH, Beschl. v.
15.11.2002 - 2 StR 401/02; BGH, Beschl. v. 29.10.2008 - 2 StR 386/08). § 55 StGB ermächtigt und
verpflichtet den Tatrichter, in rechtskräftige frühere Gesamtstrafen einzugreifen (BGHSt 35, 243, 245;
41, 374, 375). Der spätere Tatrichter ist aber nicht befugt, die vom früheren Tatrichter verabsäumte
Festsetzung einer Einzelstrafe - aufgrund eigener Erwägungen nachzuholen (BGHSt 41, 374, 376).
Für diese richterliche Entscheidung (BGHSt 4, 345; 41, 374, 375) fehlt ihm die
Zuständigkeit (BGH, Beschl. v. 26.3.1997 - 2 StR 107/97 - BGHSt 43, 34 - NJW 1997, 1993).

[ Zeitpunkt der Nachholung ] 60.8

Eine unter Verletzung des § 55 StGB unterbliebene Bildung einer Gesamtstrafe ist auch dann
nachzuholen, wenn die früher verhängte Strafe inzwischen - etwa durch Vollstreckung - erledigt ist
(st. Rspr.; vgl. BGHR StGB § 55 Abs. 1 Satz 1 Erledigung 1 m. w. N.; BGH, Beschl. v. 18.1.2000 - 4
StR 633/99; BGH, Beschl. v. 25.5.2000 - 4 StR 143/00; BGH NStZ-RR 2003, 139; BGH, Beschl. v.
6.3.2007 - 3 StR 19/07; BGH, Beschl. v. 11.7.2006 - 4 StR 197/06; BGH, Beschl. v. 15.10.2008 - 5
StR 383/08). Wird eine Gesamtstrafe aufgehoben, so ist in der erneuten Verhandlung die
Gesamtstrafenbildung gemäß § 55 Abs. 1 Satz 1 StGB nach Maßgabe der Vollstreckungssituation
zum Zeitpunkt der ersten Verhandlung vorzunehmen. Andernfalls würde einem Revisionsführer
wegen seines Rechtsmittels ein durch die frühere Gesamtstrafenbildung erlangter Rechtsvorteil
genommen (BGHR StGB § 55 Abs. 1 Satz 1 Erledigung 2 m.w.N.; BGH, Beschl. v. 7.4.2006 - 2 StR
63/06 - wistra 2006, 305). Allerdings kann eine Beschwer des Angeklagten durch die unterlassene
Einbeziehung von Einzelstrafen entfallen, wenn eine Zäsurwirkung für eine einzubeziehende
Verurteilung hätte beachtet werden müssen und deshalb zwei Gesamtstrafen zu bilden gewesen
wären (vgl. BGH, Beschl. v. 7.4.2006 - 2 StR 63/06 - wistra 2006, 305).
[ Gewährung des Härteausgleichs ] 60.9

Auf welche Weise der Tatrichter den Härteausgleich vornimmt, steht dabei in seinem Ermessen. Er
kann von einer unter Heranziehung der bereits vollstreckten Strafe gebildeten "fiktiven Gesamtstrafe"
ausgehen und diese um die vollstreckte Strafe mindern oder den Umstand, dass eine Gesamt-
strafenbildung mit der früheren Strafe ausscheidet, unmittelbar bei der Festsetzung der neuen Strafe
berücksichtigen. Erforderlich ist nur, dass er einen angemessenen Härteausgleich vornimmt und dies
den Urteilsgründen zu entnehmen ist (vgl. nur BGH, Urt. v. 29.7.1982 - 4 StR 75/82 - BGHSt 31, 102,
103; BGH Urt. v. 23.1.1985 - 1 StR 645/84 - BGHSt 33, 131, 132; BGH, Beschl. v. 9.11.2010 - 4 StR
441/10 - NJW 2011, 868).

Der 5. Strafsenat des Bundesgerichtshofs hält an seiner Rechtsauffassung fest, dass es


grundsätzlich vorzugswürdig ist, den gebotenen Härteausgleich im Rahmen der
Vollstreckungslösung durch eine Anrechnung vorzunehmen (vgl. BGH, Beschl. v. 26.1.2010 – 5
StR478/09 - BGHR StGB § 55 Abs. 1 Satz 1 Härteausgleich 18; BGH, Beschl. v. 28.9.2010 – 5 StR
343/10; BGH, Beschl. v. 11.4.2011 – 5 StR 100/11; BGH, Beschl. v. 17.8.2011 - 5 StR 301/11; siehe
hierzu auch oben Rdn. 60.2.1 u. 60.2.2).
Die Gewährung eines Härteausgleichs ist nicht durch eine die Strafvollstreckung verkürzende
Anrechnung auf die verhängte Freiheitsstrafe vorzunehmen, wie z. B. der gebotene Ausgleich für die
Nichterstattung von Geldleistungen, die in Erfüllung einer Auflage nach § 56b Abs. 2 Nr. 2 StGB
erbracht worden sind, zu bewirken ist (vgl. hierzu BGHSt 36, 378 f.), also Beispiel: nicht: "die
bezahlte Geldstrafe aus der Verurteilung des ... vom ... (Aktenzeichen: ...) wird mit drei Wochen
Freiheitsstrafe auf die verhängte Freiheitsstrafe angerechnet.", sondern durch eine entsprechende
Milderung im Rahmen der Strafzumessung. Dabei kann das Tatgericht entweder eine "fiktive
Gesamtstrafe" bilden und diese um die vollstreckte Strafe mindern (vgl. etwa BGH, Beschl. v.
17.6.2009 - 1 StR 212/09) oder den Härteausgleich unmittelbar bei der Festsetzung der neuen Strafe
berücksichtigen (vgl. BGHSt 31, 102, 103; 33, 131, 132; BGH, Beschl. v. 8.10.2003 - 2 StR 328/03;
BGH, Beschl. v. 10.3.2009 - 5 StR 73/09 - StV 2010, 240). Erforderlich ist jedoch, dass ein
angemessener Härteausgleich vorgenommen wird und dies den Urteilsgründen hinreichend deutlich
zu entnehmen ist (vgl. BGHSt 31, 102, 103; BGH, Beschl. v. 3.9.1975 - 2 StR 400/75; BGH, Beschl.
v. 10.3.2009 - 5 StR 73/09 - StV 2010, 240).

Beispiel: Hinsichtlich einer vom Amtsgericht verhängten, grundsätzlich gesamtstrafenfähigen, aber


bereits vollständig bezahlten Geldstrafe in Höhe von 50 Tagessätzen war bei der Gesamt-
strafenbildung der notwendige Härteausgleich unterblieben. Dies hat der Bundesgerichtshof durch
Abzug von einem Monat in entsprechender Anwendung von § 354 Abs. 1 StPO selbst nachgeholt
(vgl. BGH, Beschl. v. 31.7.2002 - 1 StR 235/02).

Der zu gewährende Härteausgleich in Bezug auf eine nach Tatbegehung anderweit verhängte, an
sich gesamtstrafenfähige, aber mittlerweile vollständig vollstreckte Freiheitsstrafe ist in die
Bemessung der Gesamtfreiheitsstrafe einzustellen und nicht bei der Festsetzung der
Einzelfreiheitsstrafen zu würdigen (vgl. BGH, Beschl. v. 27.5.2009 - 5 StR 187/09 - NStZ-RR 2009,
279).

Anrechnung erbrachter Bewährungsleistungen 65

[ Anrechnung von erbrachten Bewährungsleistungen im Erwachsenenstrafrecht ] 65.5


Im Wege nachträglicher Gesamtstrafenbildung kann die Anrechnung erbrachter
Bewährungsleistungen nach § 58 Abs. 2 Satz 2 StGB i.V.m. § 56f Abs. 3 Satz 2 StGB erfolgen
(vgl. BGH, Beschl. v. 22.2.2007 - 4 StR 49/07 u. BGH, Beschl. v. 3.3.2004 - 1 StR 71/04 betr.
Jugendstrafrecht; BGH, Beschl. v. 7.8.2007 - 4 StR 269/07).

Leitsatz Entfällt eine Strafaussetzung zur Bewährung wegen Einbeziehung der Strafe in eine
Gesamtfreiheitsstrafe, deren Vollstreckung nicht zur Bewährung ausgesetzt wird, und ist für die
Nichterstattung von Geldleistungen, die in Erfüllung einer Auflage nach § 56b Abs. 2 Nr. 2 StGB
erbracht worden sind, ein Ausgleich geboten, so ist dieser nicht durch eine Herabsetzung der
Gesamtstrafe vorzunehmen, sondern durch eine die Strafvollstreckung verkürzende und in den
Urteilstenor aufzunehmende Anrechnung auf die Gesamtfreiheitsstrafe zu bewirken (teilweise
Aufgabe von BGHSt 33, 326; st. Rspr. seit BGH, Beschl. v. 20.3.1990 - 1 StR 283/89 - BGHSt 36,
378 - Ls. - NJW 1990, 1674; BGHR StGB § 58 Abs. 2 Satz 2 Anrechnung 3; BGH, Beschl. v.
21.7.1998 - 4 StR 334/98; BGH, Beschl. v. 7.12.2000 - 4 StR 449/00; BGH, Beschl. v. 12.7.2002 -
2 StR 200/02; BGH, Beschl. v. 13.11.2002 - 2 StR 422/02; BGH, Beschl. v. 17.6.2004 - 1 StR
24/04; BGH, Beschl. v. 23.8.2006 - 1 StR 327/06; BGH, Beschl. v. 18.7.2007 - 2 StR 256/07;
BGH, Beschl. v. 11.6.2008 - 2 StR 243/08).

[ Berücksichtigung von erbrachten Bewährungsleistungen bei Anwendung von 65.10


Jugendstrafrecht ]

Gesamtfreiheitsstrafe aus Einzelgeldstrafen und Einzelfreiheitsstrafen 70

Treffen Einzelfreiheitsstrafen und Einzelgeldstrafen zusammen, so ist in der Regel eine


Gesamtfreiheitsstrafe zu bilden (BGH NStZ-RR 2002, 264 m.w.N.). Dem Tatrichter ist jedoch
gemäß § 53 Abs. 2 Satz 2 StGB ein Ermessen dahingehend eingeräumt, dass er aus den
Einzelfreiheitsstrafen eine Gesamtfreiheitsstrafe und daneben aus den Einzelgeldstrafen eine
gesonderte Gesamtgeldstrafe bilden kann. Dieses Ermessen hat er nach Strafzumessungs-
gesichtspunkten auszuüben. Die Urteilsgründe müssen grundsätzlich erkennen lassen, ob
sich das Tatgericht des ihm eingeräumten Ermessens bewusst gewesen ist (vgl. etwa BGH,
Beschl. v. 27.3.2001 - 4 StR 592/00). Allerdings bedarf es einer ausdrücklichen Darlegung,
dass sich der Tatrichter der Möglichkeit der Ermessensausübung gemäß § 53 Abs. 2 Satz 2
StGB bewusst war, nur dann, wenn die Anwendung dieser Ausnahmevorschrift nahe liegt
(vgl. Fischer, StGB 56. Aufl. § 53 Rdn. 6 m.w.N.). Dies ist bei Serienstraftaten (vgl. BGH,
Beschl. v. 17.4.1996 - 5 StR 93/96) und bei anderen im Wesentlichen gleich gelagerten Taten
(vgl. BGH NStZ-RR 2002, 264) regelmäßig nicht der Fall (vgl. BGHR StGB § 53 Abs. 2
Nichteinbeziehung 3). Etwas anderes gilt dann, wenn sich aufgrund besonderer Umstände
des Falles eine einheitliche Gesamtfreiheitsstrafe als das schwerere Übel erweist (vgl. BGH,
Urt. v. 2.8.2000 - 2 StR 172/00), weil erkennbar erst die Einbeziehung der Geldstrafen zur
Bildung einer Gesamtfreiheitsstrafe führt, deren Höhe keine Strafaussetzung mehr zulässt
(vgl. BGHR StGB § 53 Abs. 2 Einbeziehung, nachteilige 2,4 und 6; BGH NStZ-RR 2002, 264;
jeweils m.w.N.; BGH, Beschl. v. 3.12.2007 - 5 StR 504/07 - NStZ 2009, 27) oder aber
zwingende beamtenrechtliche Folgen (Beendigung des Beamtenverhältnisses) auslöst (BGHR
StGB § 53 Abs. 2 Einbeziehung, nachteilige 1, 3).

Die Einbeziehung einer Geld- in eine Freiheitsstrafe bedarf insbesondere dann einer Begründung,
wenn sich die geahndeten Taten gegen unterschiedliche Rechtsgüter richten (vgl. BGHR StGB § 53
Abs. 2 Einbeziehung, nachteilige 5; BGH, Beschl. v. 20.11.2001 - 4 StR 467/01).

Der Festsetzung der Tagessatzhöhe für Einzelgeldstrafen bedarf es auch dann, wenn aus
Einzelgeldstrafen und Einzelfreiheitsstrafen eine Gesamtfreiheitsstrafe gebildet wird (vgl. u. a.
BGHSt 30, 93, 96; BGHR StGB § 54 Abs. 3 Tagessatzhöhe 1; BGH, Beschl. v. 19.3.2003 - 2 StR
530/02; BGH, Beschl. v. 21.6.2006 - 2 StR 10/06; BGH, Beschl. v. 11.1.2006 - 2 StR 571/05;
BGH, Beschl. v. 3.12.2002 - 4 StR 432/02). Das Revisionsgericht kann dies nachholen und setzt
in diesen Fällen regelmäßig die Tagessatzhöhe auf den Mindestsatz des § 40 Abs. 2 Satz 3 StGB
fest (BGHR StGB § 54 Abs. 3 Tagessatzhöhe 2; BGH, Beschl. v. 26.10.2004 - 4 StR 216/04;
BGH, Beschl. v. 11.1.2006 - 2 StR 571/05), der einen Euro beträgt.

Hat das frühere Tatgericht gemäß § 53 Abs. 2 Satz 2 StGB von der Bildung einer
Gesamtfreiheitsstrafe ausdrücklich abgesehen, darf dem Angeklagten dieser Vorteil nicht mehr
genommen werden. Die Einbeziehung der Geldstrafe würde zu einer Erhöhung der
Gesamtfreiheitsstrafe führen und einen Verstoß gegen das Verschlechterungsverbot begründen
(BGH, Beschl. v. 22.3.1995 - 2 StR 700/94; BGH, Urt. v. 23.7.1997 - 3 StR 146/97 - NStZ-RR 1998,
136 m.w.N.; Fischer StGB, 56. Aufl. § 55 Rdnr. 8; vgl. hierzu auch Beschl. v. 27.3.2001 - 4 StR
592/00; BGH, Beschl. v. 25.7.2012 - 2 StR 111/12). Jede Erhöhung einer Freiheitsstrafe - selbst bei
Wegfall der Geldstrafe - ist als das schwerere Übel anzusehen (BGH, Urt. v. 21.5.1975 - 3 StR 71/75
(S); BGH, Beschl. v. 1.12.2009 - 3 StR 463/09).

Berücksichtigung einer erstinstanzlich einbezogenen, jedoch vor Erlass des 75


Berufungsurteils getilgten Strafe

Ist eine erstinstanzlich einbezogene Geldstrafe vor Erlass des Berufungsurteils vollständig getilgt
worden, so hat das Berufungsgericht dies nicht nur zwecks Härteausgleichs zu berücksichtigen,
sondern wegen des Verschlechterungsverbots die getilgte Strafe vollständig anzurechnen. Dies gilt
selbst dann, wenn dadurch die gesetzliche Untergrenze einer Gesamtstrafe unterschritten werden
muss (OLG Oldenburg, Beschl. v. 23.3.2006 - Ss 36/06 (I 16)).
Keine Aufrechterhaltung der im einbezogenen Urteil ausgesprochenen 80
Einziehungsanordnung

Der Aufrechterhaltung der in dem einbezogenen Urteil ausgesprochenen Einziehungsanordnung


bedarf es im angefochtenen Urteil nicht. Da das Eigentum an den betreffenden Gegenständen mit
der Rechtskraft des amtsgerichtlichen Urteils nach § 74e StGB auf den Staat übergegangen war
(BGHR StGB § 55 Abs. 2 Aufrechterhalten 8), hat sich die Einziehung erledigt (vgl. BGH, Beschl. v.
2.6.2005 - 3 StR 123/05).
Reihenfolge bei der Strafenbildung 85

Zunächst ist die Höhe der schuldangemessenen Strafe zu finden und erst dann über die Frage der
Aussetzung der Vollstreckung der Strafe zur Bewährung zu befinden. Nicht etwa darf das
Bestreben, dem Angeklagten Strafaussetzung zur Bewährung zu bewilligen, dazu führen, dass die
schuldangemessene Strafe unterschritten wird (st. Rspr. des Bundesgerichtshofs, vgl. nur BGHSt
29, 319; BGHR StGB § 46 Abs. 1 Begründung 19 und Schuldausgleich 29; BGH NStZ 1992, 489
und 2001, 311; BGH, Urt. v. 11.1.2006 - 5 StR 442/05).

Einheitsjugendstrafe und einzubeziehende Entscheidungen 90

Bei einer Verurteilung zu Einheitsjugendstrafe sind im Gegensatz zur Gesamtstrafenbildung


im Erwachsenenstrafrecht bei der Gesamtstrafenbildung die Urteile einzubeziehen.

Beispiel: Der Angeklagte wird wegen ... unter Einbeziehung der Urteile des Amtsgerichts X vom ... -
(Az.) -, vom ... - (Az.) - ... und vom ... - (Az.) - zu einer Einheitsjugendstrafe von ... verurteilt (vgl.
BGH, Beschl. v. 19.11.2008 - 2 StR 488/08).

Wird ein früheres Urteil gemäß § 31 Abs. 2 Satz 1 JGG in die nunmehrige Entscheidung
einbezogen, so entfallen die in dem einbezogenen Urteil verhängten Rechtsfolgen, als wäre diese
Entscheidung nicht ergangen. Dies gilt auch, wenn in dem früheren Urteil Maßregeln verhängt
worden waren (BGH, Urt. v. 27.10.1993 - 3 StR 432/93; BGH, Beschl. v. 12.6.1996 - 2 ARs 130/96 -
NStZ 1997, 100, 101; BGH, Beschl. v. 17.3.2011 - 4 StR 49/11; zur Zulässigkeit der Einbeziehung,
wenn in dem einbezogenen Urteil im Hinblick auf eine angeordnete Unterbringung gemäß § 5 Abs.
3 JGG von der Verhängung einer Jugendstrafe abgesehen wurde: BGH, Urteil vom 9. Dezember
1992 - 3 StR 434/92, BGHSt 39, 92, 93). Der die Entscheidung einbeziehende Tatrichter hat
deshalb die Voraussetzungen für die Anordnung der Maßregel neu zu prüfen und sie
gegebenenfalls neu festzusetzen und nicht wie in den Fällen des § 55 Abs. 2 StGB auszusprechen,
dass die Maßregel aufrechtzuerhalten sei (vgl. BGH, Beschl. v. 1.12.1987 - 4 StR 577/87 - BGHR
JGG § 31 Abs. 2 Einbeziehung 1; BGH, Beschl. v. 17.3.2011 - 4 StR 49/11).

Jugendstrafe und Freiheitsstrafe des allgemeinen Strafrechts 95

Nach ständiger Rechtsprechung des Bundesgerichtshofes ist die Bildung einer Gesamtstrafe aus
einer Jugendstrafe und einer Freiheitsstrafe des allgemeinen Strafrechts bei getrennter
Aburteilungnicht zulässig (BGHSt 14, 287, 288; BGH, Urt. v. 12.10.1989 – 4 StR 445/89 - BGHSt
36, 270; BGHSt 36, 294, 295; BGH, Beschl. v. 8.2.2012 - 5 StR 486/11). Die Verhängung einer
Einheitsstrafe für Straftaten, auf die teils Jugendstrafrecht, teils allgemeines Strafrecht anzuwenden
wäre, kommt nach § 32 JGG nur bei gleichzeitiger Aburteilung in einer Verhandlung in Betracht
(vgl. etwa BGH, Beschl. v. 29.10.2008 - 2 StR 386/08). Die durch die getrennte Aburteilung
begründete Härte hat der Tatrichter jedoch nach ständiger Rechtsprechung (beispielsweise BGHR
StGB § 55 Abs. 1 Satz 1 Härteausgleich 6) bei der Strafzumessung für die Erwachsenenstraftat zu
berücksichtigen. Es kann etwa eine durch die Schwere der Straftat nicht gerechtfertigte Härte
darstellen, wenn gegen einen Angeklagten sowohl eine Jugend- als auch eine in ihrer Wirkung
dieser gleichstehende Freiheitsstrafe deshalb unverkürzt vollzogen werden soll, weil eine
gleichzeitige Aburteilung nach § 32 JGG nicht stattgefunden hat. Der Bundesgerichtshof hat daher
stets gefordert, eine solche Härte bei der Strafzumessung zu berücksichtigen und auszugleichen
(BGHSt 14, 287, 290; BGH, Urt. v. 12.10.1989 - 4 StR 445/89 - BGHSt 36, 270, 275 - NJW 1990,
523; Beschl. v. 11.5.1995 - 4 StR 172/95; BGH, Beschl. v. 9.11.1995 - 4 StR 650/95 - BGHSt 41,
310 f. - NStZ 1996, 382; BGH, Beschl. v. 5.3.2002 - 3 StR 22/02; BGH, Beschl. v. 25.7.2002 - 4 StR
242/02; BGH, Beschl. v. 7.3.2006 - 5 StR 58/06: betr. Einbeziehung nach § 105 Abs. 2 JGG, vgl.
dazu BGHSt 37, 34; BGH, Beschl. v. 16.9.2008 - 4 StR 316/08). Eine infolge des Härteausgleichs
vorgenommene Strafmilderung ist hierbei deutlich zu dokumentieren (BGH, Urt. v. 12.10.1989 - 4
StR 445/89 - BGHSt 36, 270, 277; BGH, Beschl. v. 8.2.2012 - 5 StR 486/11; vgl. auch BGH, Beschl.
v. 27.1.2010 – 5 StR 432/09; BGH, Beschl. v. 9.11.2010 – 4 StR 441/10 - BGHR StGB § 55 Abs. 1
Satz 1 Härteausgleich 19 und 20).

§ 55 Abs. 2 StGB
... (2) Vermögensstrafen, Nebenstrafen, Nebenfolgen und Maßnahmen (§ 11 Abs. 1 Nr. 8), auf die in
der früheren Entscheidung erkannt war, sind aufrechtzuerhalten, soweit sie nicht durch die neue
Entscheidung gegenstandslos werden. Dies gilt auch, wenn die Höhe der Vermögensstrafe, auf die
in der früheren Entscheidung erkannt war, den Wert des Vermögens des Täters zum Zeitpunkt der
neuen Entscheidung übersteigt.

Vermögensstrafen, Nebenstrafen, Nebenfolgen und Maßnahmen 100

Im Fall der nachträglichen Gesamtstrafenbildung sind Maßnahmen, auf die in der früheren
Entscheidung erkannt war, aufrechtzuerhalten, soweit sie nicht durch die neue Entscheidung
gegenstandslos werden (§ 55 Abs. 2 StGB). Darüber hinaus ist in der Rechtsprechung
anerkannt, dass ein Aufrechterhalten von Maßnahmen dann nicht in Betracht kommt, wenn die
tatsächlichen oder rechtlichen Voraussetzungen für ihre (weitere) Vollstreckung entfallen sind
(vgl. BGH, Urt. v. 27.11.1996 - 3 StR 317/96 - BGHSt 42, 306, 308 m.w.N. - Zeitablauf bei
Sperrfrist nach § 69a StGB; BGH, Urt. v. 22.5.2003 - 4 StR 130/03 - BGHR StGB § 55 Abs. 2
Aufrechterhalten 8 - Eigentumsübergang nach § 74e Abs. 1 StGB; BGH, Urt. v. 10.2.2011 - 4
StR 552/10 - Anordnung des Wertersatzverfalls).

Liegen die Voraussetzungen für die nachträgliche Bildung einer Gesamtstrafe vor, so ist gemäß §
55 Abs. 2 StGB - wie bei der gleichzeitigen Aburteilung aller Taten - der Verfall durch das spätere
Urteil einheitlich anzuordnen. Das Gericht, das die Gesamtstrafe zu bilden hat, muss daher
grundsätzlich auch über den in dem einzubeziehenden Urteil angeordneten Verfall neu
entscheiden. Dabei hat es sich auf den Standpunkt des früheren Tatgerichts zu stellen, weil der
Angeklagte durch die Entscheidung nach § 55 StGB so gestellt werden soll, als wenn über alle
einzubeziehenden Straftaten gleichzeitig befunden worden wäre; er soll durch die Aburteilung in
getrennten Verfahren weder benachteiligt noch bevorzugt werden. Dies wird regelmäßig dazu
führen, dass der aufgrund einheitlicher Anordnung im neuen Urteil festzusetzende Verfallsbetrag
nicht niedriger ausfallen wird als in der früheren Entscheidung (vgl. BGHR StGB § 55 Abs. 2
Aufrechterhalten 7 m. w. N.; BGH, Urt. v. 29.5.2008 - 3 StR 94/08).

Leitsatz Ist bei der nachträglichen Gesamtstrafenbildung die in dem früheren Urteil angeordnete
Sperrfrist zur Erteilung der Fahrerlaubnis durch die Festsetzung einer einheitlichen neuen
Sperrfrist "gegenstandslos" geworden, so ist, wenn im Rechtsmittelzug die Verurteilung wegen der
Anlaßtat entfällt und der Maßregelausspruch deshalb aufgehoben wird, auszusprechen, daß die
früher erkannte Maßnahme aufrechterhalten bleibt (BGH, Beschl. v. 19.9.2000 - 4 StR 320/00 - Ls.
NStZ 2001, 245).
Bei einer nachträglichen Gesamtstrafenbildung nach § 55 Abs. 2 StGB hat der Tatrichter, wenn in
der früheren Entscheidung eine Sperre gemäß § 69a StGB bestimmt war und der Angeklagte
erneut wegen einer Straftat verurteilt wird, die seine fehlende Eignung zum Führen von
Kraftfahrzeugen erneut belegt, eine neue einheitliche Sperre festzusetzen (OLG Köln VRS 61, 348
f; Hentschel Trunkenheit Fahrerlaubnisentziehung Fahrverbot 8. Aufl. Rdn. 741 m.w.N.), die dann
die alte Sperre gegenstandslos werden läßt (BGH, Beschl. v. 19.9.2000 - 4 StR 320/00 - NStZ 2001,
245).

Bietet die neu abzuurteilende Tat keine Grundlage für die Anordnung einer Sperre, so muß die
frühere Sperre, wenn die Frist nicht schon abgelaufen ist (vgl. dazu BGH, Beschl. v. 29.7.2009 - 2
StR 264/09), bei der nachträglichen Gesamtstrafenbildung aufrechterhalten bleiben. Dies ergibt sich
unmittelbar aus § 55 Abs. 2 Satz 1 StGB, der damit die Bindung des für die nachträgliche
Gesamtstrafenbildung zuständigen Gerichts an die Rechtskraft der früheren Entscheidung zum
Ausdruck bringt (BGH NStZ 1992, 231), und ist auch dann zu beachten, wenn im
Rechtsmittelverfahren als Folge einer Beschränkung des Schuldspruchs - etwa bei Einstellung nach §
154 Abs. 2 StPO - die Anlaßtat wegfällt und die noch verbleibenden Taten die Anordnung einer
Maßnahme nach den §§ 69, 69a StGB nicht rechtfertigen können. In einem solchen Fall kann die
Festsetzung der neuen Sperrfrist im angefochtenen Urteil keinen Bestand haben; an ihre Stelle muß
der Ausspruch treten, daß die im früheren Verfahren festgesetzte Sperre - hier die vom Amtsgericht
Buchen bestimmte - aufrechtzuerhalten ist. Dieser Ausspruch obliegt, weil zwingend, im
Revisionsverfahren entsprechend § 354 Abs. 1 StPO dem Revisionsgericht selbst (BGH, Beschl. v.
19.9.2000 - 4 StR 320/00 - NStZ 2001, 245).

Bei dem Vergleich, den die Beachtung des Verschlechterungsverbots verlangt, sind
gegenüberzustellen der Nachteil, der den Angeklagten träfe, wenn es bei der von der Vorinstanz
festgesetzten neuen Sperrfrist verbliebe, und derjenige, der ihn als Folge des Ausspruchs trifft, daß
die im früheren Verfahren angeordnete Sperre - bei Wegfall der neuen Sperre - aufrechterhalten
bleibt (BGH, Beschl. v. 19.9.2000 - 4 StR 320/00 - NStZ 2001, 245).

Ausgenommen werden gemäß § 55 Abs. 2 StPO Maßnahmen, die sich tatsächlich erledigt haben
und gegenstandslos geworden sind und demzufolge die tatsächlichen oder rechtlichen
Voraussetzungen für ihre (weitere) Vollstreckung entfallen sind, wie z.B. bei der - bereits rechtskräftig
gewordenen - Einziehung sichergestellter Betäubungsmittel (Eigentumsübergang nach § 33 Abs. 2
Satz 1 BtMG i.V.m. § 74e StGB auf den Staat) oder einer nach § 69a StGB bestimmten Sperrfrist,
wenn diese durch Zeitablauf aus tatsächlichen Gründen erledigt ist (vgl. BGH NJW 2002, 1813 f.;
NStZ 1996, 433; BGH, Urt. v. 11.12.2003 - 4 StR 398/03 betr. Entziehung der Fahrerlaubnis und
die Einziehung des Führerscheins; BGH, Urt. v. 22.5.2003 - 4 StR 130/03; BGHSt 42, 306, 308;
BGH, Beschl. v. 25.6.2008 - 2 StR 176/08: Sperrfrist war zum Zeitpunkt der Hauptverhandlung
verstrichen; BGH, Beschl. v. 28.10.2009 - 2 StR 351/09 - NStZ-RR 2010, 58: Sperrfristendigung
zum Zeitpunkt der Verkündung; BGH, Urt. v. 8.12.2009 - 1 StR 277/09 - NJW 2010, 2528; BGH,
Beschl. v. 9.3.2010 - 4 StR 606/09 - NJW 2010, 1824).

Nach der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs ist, wenn bei einer Gesamtstrafenbildung ein
Urteil einzubeziehen ist, das unter anderem auf Entziehung der Fahrerlaubnis und Anordnung
einer Sperrfrist erkannt hat, zu prüfen, ob sich die Sperrfrist infolge Zeitablaufs erledigt hat (BGH
NStZ 1996, 433; BGH, Beschl. v. 25.7.2007 - 2 StR 279/07). Sollte sich die Sperrfrist infolge des
Zeitablaufs erledigt haben, so ist lediglich die Entziehung der Fahrerlaubnis, nicht aber die Sperrfrist
aufrecht zu erhalten (BGH NJW 2002, 1813, 1814; StV 1983, 14; BGH, Beschl. v. 14.2.2008 - 1 StR
542/07; vgl. auch BGH, Beschl. v. 13.6.2008 - 2 StR 213/08). Bei der Gesamtstrafenbildung muss in
der Urteilsformel mitgeteilt werden, welche der unterschiedlichen Sperrfristen für die
Wiedererteilung einer Fahrerlaubnis aufrechterhalten wird, damit Klarheit über den Fristablauf
besteht (vgl. BGH, Beschl. v. 3.4.2002 - 3 StR 33/02). Eines Ausspruchs über die Aufrechterhaltung
der Entziehung der Fahrerlaubnis und der Einziehung des Führerscheins bedarf es hingegen nicht,
wenn diese Rechtsfolgen unmittelbar mit der Rechtskraft des einbezogenen Urteils wirksam wurden
und sich deshalb erledigt haben (vgl. BGH NStZ-RR 2004, 247; BGH, Beschl. v. 6.8.2009 - 3 StR
296/09). Insoweit bedarf es deshalb keiner weiteren Vollstreckung mehr; diese Maßnahmen sind
"erledigt" (vgl. BGH NStZ-RR 2004, 247; BGH, Beschl. v. 28.10.2009 - 2 StR 351/09 - NStZ-RR
2010, 58; Rissing-van Saan in LK StGB 12. Aufl. § 55 Rdn. 60).

Die Regelung des § 55 Abs. 2 StGB trägt dem Umstand Rechnung, daß mit der nachträglichen
Gesamtstrafenentscheidung diese die alleinige Vollstreckungsgrundlage bildet. Ist aber eine im
früheren Urteil angeordnete Maßnahme - aus welchen Gründen auch immer - erledigt, so fehlt es
an der Notwendigkeit, gleichwohl über ihre Aufrechterhaltung zu befinden, wenn dies auch
regelmäßig unschädlich, in Zweifelsfällen sogar sinnvoll sein wird (BGH, Urt. v. 11.12.2003 - 4 StR
398/03; BGH, Urt. v. 22.5.2003 - 4 StR 130/03).
So ist etwa auch auszusprechen, dass es bei der bestimmten Anrechnung der Auslieferungshaft
im Maßstab 1:2 verbleibt (§ 55 Abs. 2 StGB; vgl. BGH, Beschl. v. 5.3.2008 - 2 StR 56/08).

Ist bei einem Berufungsurteil auch über die Strafhöhe entschieden worden, liegt eine
Sachentscheidung vor (vgl. BGH NStZ-RR 2004, 9; BGH, Beschl. v. 6.2.2007 - 4 StR 602/06;
Rissing-van Saan in LK 12. Aufl. § 55 Rdn. 6 und 7).

Leitsatz Ist der Angeklagte rechtskräftig bestraft und im psychiatrischen Krankenhaus


untergebracht worden, so ist bei einer Verurteilung wegen einer zuvor begangenen Tat, die zur
nachträglichen Gesamtstrafbildung nach § 55 StGB führt, allein die Aufrechterhaltung der Maßregel
geboten, hingegen die erneute Anordung der Unterbringung nach § 63 StGB nicht zulässig (im
Anschluss an BGHSt 30, 305) (BGH, Urt. v. 23.6.2009 - 5 StR 149/09 - Ls. - NJW 2009, 2903).

Neben der gemäß § 55 Abs. 2 Satz 1 StGB zutreffend erfolgten Aufrechterhaltung der Anordnung
der Unterbringung im psychiatrischen Krankenhaus ist die erneute - doppelte - Anordnung einer
Maßregel mit gleichem Inhalt nicht zulässig (vgl. BGHSt 30, 305, 307; 42, 306, 309; BGHR StGB §
55 Abs. 2 Aufrechterhalten 4; BGH NZV 1997, 183; NStZ 1998, 79; BGH, Beschlüsse vom 8.
November 1991 - 2 StR 409/91 und vom 22. Juli 2005 - 2 StR 258/05; BGH, Beschl. v. 6.7.2010 - 5
StR 142/10 betr. Anordnung der Sicherungsverwahrung). Denn der Täter soll auch insoweit
entsprechend dem Grundgedanken des § 55 StGB so gestellt werden, wie er bei gleichzeitiger
Aburteilung aller Taten gestanden hätte (Rissing-van Saan in LK StGB 12. Aufl. § 55 Rdn. 58; vgl.
auch Fischer, StGB 56. Aufl. Rdn. 31; Stree/Sternberg-Lieben in Schönke/Schröder, StGB 27. Aufl.
Rdn. 58a). Bei gleichzeitiger Aburteilung wäre die Unterbringung im psychiatrischen Krankenhaus
nur einmal angeordnet worden. Auf die Frage der Berechtigung einer wiederholten Anordnung unter
Verhältnismäßigkeitsgesichtspunkten (vgl. hierzu BGH, Beschl. v. 14.7.2005 - 3 StR 216/05 - BGHSt
50, 199, 205 - StraFo 2005, 472; BGH, NStZ-RR 2007, 8, 9) kommt es hier nicht an, da eine solche
im Anwendungsbereich des § 55 Abs. 2 Satz 1 StGB gänzlich ausscheidet. Durch das Hinzutreten
einer weiteren, die Unterbringung bereits für sich rechtfertigenden Anlasstat verändert sich die
Maßregel nicht. Vielmehr entspricht sie in jeder Hinsicht der bereits angeordneten Unterbringung im
psychiatrischen Krankenhaus (BGH, Urt. v. 23.6.2009 - 5 StR 149/09 - NJW 2009, 2903).
Bei Einbeziehung von früheren Verurteilungen in eine neu zu bildende Gesamtstrafe ist es
erforderlich, die einzelnen Taten und die jeweils verhängten Einzelstrafen konkret zu bezeichnen
(BGH NStZ 1987, 183; BGH, Beschl. v. 9.7.2008 - 1 StR 336/08). Bei mehreren Gesamtstrafen
muss sich aus dem der Vollstreckung dienenden Urteilstenor ergeben, für welche Taten welche
Gesamtfreiheitsstrafe verhängt worden ist (BGH, Beschl. v. 21.11.2006 - 2 StR 341/06). Sind
mehrere Gesamtstrafen zu verhängen, ist die Urteilsformel so zu fassen, dass sie erkennen lässt,
welchen Taten die jeweilige Gesamtstrafe zuzuordnen ist (vgl. BGH, Beschl. v. 5.10.2000 - 4 StR
377/00; BGH, Beschl. v. 24.7.2007 - 4 StR 237/07; BGH, Beschl. v. 9.1.2008 - 2 StR 531/07;
BGH, Beschl. v. 11.6.2008 - 2 StR 13/08; BGH, Beschl. v. 28.10.2009 - 2 StR 351/09 - NStZ-RR
2010, 58; Meyer-Goßner/Appl, Die Urteile in Strafsachen, 28. Aufl. Rdn. 83).

Beispiel: Der Angeklagte wird wegen Bandendiebstahls unter Einbeziehung der Strafe aus dem Urteil des
Amtsgerichts Mainz vom ... zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von einem Jahr und sechs Monaten sowie wegen
Diebstahls unter Auflösung und Wegfall der in dem Urteil des Amtsgerichts ... vom ... gebildeten Gesamtstrafe
und unter Einbeziehung der Strafen aus diesem Urteil zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von drei Jahren und
neun Monaten verurteilt (vgl. BGH, Beschl. v. 11.6.2008 2 StR 13/08).

Urteilsgründe U.2

In den Urteilsgründen sind, wenn eine nachträgliche Gesamtstrafenbildung in Betracht kommt, die
hierfür maßgeblichen Umstände darzulegen, insbesondere also die Daten von Vorverurteilungen
oder Gesamtstrafenbeschlüssen, deren Rechtskraft, Tatzeiten der abgeurteilten Fälle,
Erledigungsstand der in Betracht kommenden Strafen sowie Höhe und wesentliche
Zumessungsgründe von Einzelstrafen (BGH, Beschl. v. 27.7.1988 – 3 StR 236/88; BGH, Beschl.v.
11.1.2000 - 5 StR 651/99 - BGHR StGB § 55 Abs. 1 Satz 1 Strafen, einbezogene 7; BGH, Beschl. v.
11.1.2011 - 4 StR 450/10; Fischer, StGB, 58. Aufl.,, § 55 Rn. 34).
[ Mitteilung der Strafzumessungserwägungen ] U.2.1

Bei einer nachträglichen Gesamtstrafenbildung muss der Tatrichter die Strafzumessungs-


erwägungen bezüglich der einzubeziehenden Strafen im Urteil mitteilen. Eine bloße
Bezugnahme hierauf reicht nicht aus, weil damit in unzulässigerweise auf Erkenntnisquellen
außerhalb des eigenen Urteils verwiesen wird (vgl. BGH, Beschl. v. 23.1.2002 - 2 StR 520/01 -
NStZ-RR 2002, 137).

[ Anwendungspflicht ] Z.7.1
Die Anwendung des § 55 StGB ist für den Tatrichter zwingend. Die Bildung der Gesamtstrafe darf
nicht dem Beschlußverfahren nach § 460 StPO überlassen werden, sondern ist vom neuen
Tatrichter nachzuholen (st. Rspr.; vgl. BGH, Beschl. v. 30.6.1958 – GSSt 2/58 - BGHSt 12, 1 ff.;
BGH StV 1982, 569; BGH, Beschl. v. 24.1.2001 - 2 StR 422/00; BGH, Urt. v. 17.2.2004 – 1 StR
369/03 - NStZ 2005, 32; BGH, Beschl. v. 22.2.2012 - 4 StR 22/12; siehe hierzu oben Rdn. 10).
Dies gilt auch für den Tatrichter, der nach in der Rechtsmittelinstanz erfolgter (teilweiser)
Aufhebung und Zurückverweisung mit der Sache befasst wird. Eine durch Teilaufhebung und –
zurückverweisung eingetretene Teilrechtskraft des Strafausspruchs steht – bei neu entstandener
oder bislang unbekannt gebliebener Gesamtstrafenlage im Sinne des § 55 StGB – einer
Anwendung des § 55 StGB durch den Tatrichter nicht entgegen. Da im Beschlussverfahren nach
§ 460 StPO die Durchbrechung der Rechtskraft auch in dem Verfahren, in welchem die Vorschrift
des § 55 StGB außer Betracht geblieben ist, ohne Weiteres zulässig ist, besteht kein Anlass, dem
Tatrichter aus Gründen der Teilrechtskraft eine nachträgliche Gesamtstrafenbildung im
Erkenntnisverfahren zu verwehren (vgl. BGH, Beschl. v. 7.7.2010 – 1 StR 212/10 - BGHSt 55, 220
Tz. 34 ff. für den Fall der wirksam beschränkten Berufung).

Die Entscheidung über eine nachträglich zu bildende Gesamtstrafe noch im Erkenntnisverfahren


entspricht vielmehr dem Grundsatz der Verfahrensökonomie und dem Beschleunigungsgebot.
Zudem bietet das Erkenntnisverfahren insbesondere wegen des vom Angeklagten in der
Hauptverhandlung gewinnbaren unmittelbaren persönlichen Eindrucks regelmäßig eine bessere
Garantie für eine gerechtere Strafzumessung als das schriftliche Beschlussverfahren (vgl. BGH,
Beschl. v. 22.2.2012 - 4 StR 22/12; BGH, Beschl. v. 18.9.1974 – 3 StR 217/74 - BGHSt 25, 382,
384; BGH, Beschl. v. 7.7.2010 – 1 StR 212/10 - BGHSt 55, 220 Tz. 26 ff.). Das Urteilsverfahren
ist wegen des in ihm erhobenen Strengbeweises und wegen des in der Hauptverhandlung
gewinnbaren unmittelbaren persönlichen Eindrucks dem Beschlussverfahren grundsätzlich
überlegen (vgl. Rissing-van Saan in Leipziger Kommentar StGB 12. Aufl. Rdn. 46 zu § 55). Im
Nachverfahren wird hingegen gemäß § 462 Abs. 1 Satz 1 StPO ohne mündliche Verhandlung im
Freibeweisverfahren entschieden (BGH, Beschl. v. 7.7.2010 - 1 StR 212/10).

- Schweigen des Urteils zum Vollstreckungsstand Z.7.1.1

Der 1. Strafsenat des Bundesgerichtshofs hat im Urteil vom 17. Februar 2004 (BGH, Urt. v.
17.2.2004 - 1 StR 369/03 - BGHR StGB § 55 Abs. 1 Satz 1 Anwendungspflicht 4) entschieden,
dass das Schweigen eines Urteils zum Vollstreckungsstand einer gesamtstrafenfähigen
Entscheidung keinen Erörterungsmangel darstellt, weil in diesem Fall grundsätzlich davon
auszugehen sei, dass dem Tatrichter insoweit Feststellungen nicht möglich waren. Gegen diese
Rechtsansicht hat der 2. Strafsenat Bedenken geäußert (vgl. BGH, Beschl. v. 15.9.2006 - 2 StR
280/06).

Die Anwendung des § 55 ist zwingend und darf grundsätzlich nicht dem Nachtragsverfahren nach §
460 StPO überlassen werden (BGHSt 12, 1, 5 f.; 23, 98, 99; BGHR StGB § 55 Abs. 1 Satz 1
Anwendungspflicht 2 und 3; BGH, Beschl. v. 21.3.2000 - 4 StR 43/00; BGH, Beschl. v. 24.10.2002 -
4 StR 332/02; BGH, Beschl. v. 4.12.2002 - 2 StR 410/02; BGH, Beschl. v. 17.7.2007 - 4 StR 293/07).
Zwar stellt das Schweigen eines Urteils zu § 55 StGB u.U. dann keinen auf die Sachrüge hin zu
prüfenden Erörterungsmangel dar, wenn z.B. die Unterlagen für eine möglicherweise gebotene
Gesamtstrafenbildung - trotz sachgerechter Terminsvorbereitung - nicht vollständig vorliegen und die
Hauptverhandlung allein wegen deshalb noch erforderlicher Erhebungen mit weiterem erheblichen
Zeitaufwand belastet werden würde (BGHR StGB § 55 Absatz 1 Satz 1 Anwendungspflicht 4
m.w.N.). Dies gilt allerdings nicht, wenn das Tatgericht die Möglichkeit der Gesamtstrafenbildung
ersichtlich nicht geprüft und in der Folge bewusst dem Beschlussverfahren überlassen, sondern
diese übersehen hat (vgl. dazu BGH, Beschl. v. 15.9.2006 - 2 StR 280/06; BGH, Beschl. v.
17.7.2007 - 4 StR 293/07).

Auf § 55 StGB wird verwiesen in:

§ 58 StGB siehe auch: § 58 StGB, Gesamtstrafe und Strafaussetzung

§ 354 StPO siehe auch: § 354 StPO, Eigene Sachentscheidung; Zurückverweisung

§ 460 StPO siehe auch: § 460 StPO, Nachträgliche Gesamtstrafenbildung

Vollstreckungsreihenfolge Z.11

Vollstreckungsbehörde und Gericht haben grundsätzlich darauf zu achten, dass eine Freiheitsstrafe,
mit der nachträgliche Gesamtstrafenbildung in Betracht kommt, jedenfalls nicht vor einer früher
verhängten, nicht gesamtstrafenfähigen Freiheitsstrafe vollstreckt wird (§ 43 Abs. 2, 4 StVollstrO;
BGH, Beschl. v. 8.7.2009 - 5 StR 217/09 - NStZ-RR 2009, 323).