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Gefügeumwandlungen in

Fe–C-Legierungen (FE)

1 Grundlagen

1.1 Zustandsdiagramm Fe–C


Der Zustand und die Eigenschaften einer Legierung sind keineswegs durch die
Konzentrationsangaben eindeutig gekennzeichnet. Sie werden vielmehr weitgehend durch die
Vorgeschichte festgelegt. Ein typisches Beispiel hierfür bilden die Umwandlungen in Fe-C-
Legierungen, zu denen unter anderem die Martensitbildung gehört, die als die wichtigste
Grundlage der gesamten Stahlhärtung anzusehen ist.
In Abb. 1 ist der praktisch wichtige Teil des Fe-C-Zustandschaubildes bis 25 Atomprozent
Kohlenstoff wiedergegeben. Es handelt sich also nur um ein Teildiagramm. Als
Gefügebestandteil wird Fe3C mit Zementit bezeichnet. Die gestrichelten und ausgezogenen
Linien im Schaubild bedeuten, daß der Kohlenstoff in zwei verschiedenen Phasen vorkommen
kann: als Graphit, also reiner Kohlenstoff, und als Zementit. Im stabilen System tritt Graphit als
Gefügebestandteil auf, der jedoch infolge sehr geringer Keimbildungsgeschwindigkeit
außerordentlich träge kristallisiert und im festen Zustand erst nach mehrtägiger
Wärmebehandlung in Erscheinung tritt. Da der Aufbau der Stähle aber in erster Linie von dem
metastabilen Gleichgewicht Fe-Fe3C bestimmt wird, ist dieses als das technisch wichtigere
anzusehen.
Reines Eisen hat zwischen 1536 und 1392°C (δ-Fe) sowie unterhalb von 911°C (α-Fe) eine
kubisch-raumzentrierte und im Temperaturbereich von 911 bis 1392°C (γ-Fe) eine kubisch-
flächenzentrierte Struktur (Abb. 2). Das kubisch-flächenzentrierte γ-Gitter kann als dichteste
Kugelpackung beschrieben werden, das raumzentrierte Gitter des δ- und α-Eisens ist weniger
dicht gepackt. Dementsprechend verkleinert sich das Volumen bei der Umwandlung α → γ
(um etwa 1%) und vergrößert sich wieder bei der Umwandlung γ-δ (um etwa 0,5%)
sprunghaft. Das Lösungsvermögen des Eisens für Kohlenstoff hängt von der Struktur und der
Temperatur ab. Die Kohlenstoffatome lagern sich in das Eisengitter ein, und zwar beim γ-Eisen
in der Würfelmitte und auf der Kantenmitte, beim α-Eisen auf der Mitte der Würfelkanten und
Würfelflächen.
Gefügeumwandlungen FE 2

Abb. 1 Fe-C-Zustandsschaubild

Abb. 2 Kubisch-flächenzentrierte (kfz) und kubisch-raumzentrierte (krz) Elementarzelle

Durch Zusatz von Kohlenstoff wird die Temperatur der δ-γ-Umwandlung erhöht und die der γ
-α-Umwandlung erniedrigt. Die Kombination des δ-γ-Umwandlungsgleichgewichtes mit dem
Schmelzgleichgewicht bedingt ein Peritektikum bei 1493°C, bei dem gleichzeitig δ- und γ-
Mischkristalle mit der Schmelze im Gleichgewicht sind. Das bei der Erstarrung der
eutektischen Schmelze durch gleichzeitige Kristallisation von Zementit und γ-Mischkristallen
erhaltene Gefüge wird als Ledeburit bezeichnet. Die γ-Mischkristalle werden Austenit und die
α-Mischkristalle werden Ferrit genannt. Die Löslichkeit des Kohlenstoffs ist in α- und δ-Fe
Gefügeumwandlungen FE 3

gering, im γ-Fe jedoch recht erheblich. Im γ-Fe nimmt diese Löslichkeit von Kohlenstoff mit
sinkender Temperatur ab. Das bedingt im γ-Mischkristallgebiet einen eutektoidischen Punkt bei
727°C und 0.7 Gew.% C. In der hier ablaufenden nonvarianten Reaktion zersetzt sich der
Austenit in Ferrit und Zementit. Der Zementit scheidet sich in dünnen Plättchen aus der Matrix
aus und erzwingt so ein lamellares Zerfallsgefüge das als Perlit bezeichnet wird. Der Perlit tritt
selbstverständlich auch bei allen anderen Legierungszusammensetzungen, die die
eutektoidische Reaktion bei der Abkühlung ungestört durchlaufen, in dem entsprechenden
Mengenanteil neben Ferrit bzw. Zementit auf.
Sowohl bei der γ-α-Umwandlung als auch bei der Ferritausscheidung kann bei Fehlen
entsprechender Keime der Austenit unterkühlt werden. Durch die in den Korngrenzen
vorhandenen Störungen werden die Umwandlungsreaktionen besonders hier ausgelöst, so daß
der Ferrit- bzw. Zementitüberschuß häufig an den Rändern der Körner ausgeschieden wird.
Die Abschreckgeschwindigkeit hat dabei einen erheblichen Einfluß auf die Gefügebilder. Auch
die Lamellenabstände im Perlit werden dadurch beeinflußt. Bei Ofenabkühlung erhält man
Perlit. Mit steigender Abkühlungsgeschwindigkeit werden die Diffusionswege des Kohlenstoffs
kürzer und damit die Lamellenabstände kleiner. Wird ein Probenwürfel von etwa 1 cm
Kantenlänge aus dem Beständigkeitsgebiet des eutektoidischen Austenits an Luft abgekühlt,
dann ist das Zerfallsgefüge so fein, daß die Lamellen im Lichtmikroskop praktisch nicht mehr
aufgelöst werden können. Das Zerfallsgefüge erscheint im geätzten Schliff in Form dunkler,
fleckiger Flächen. Dieses Gefüge von feinlamellarem Perlit wird Sorbit genannt. Bei schneller
Abkühlung (Abschrecken in Öl) erfolgt der eutektoidische Zerfall nur noch von einzelnen
Keimen ausgehend, wodurch das Gebiet des Zerfalls in Form von Sphäroliten im Gefüge -
bevorzugt in der Nähe von Korngrenzen - entsteht. Diese Zerfallsstufe wird Troostit genannt.
Der verbliebene Restaustenit erfährt im Verlaufe der weiteren Abkühlung eine sogenannte
Martensitumwandlung.

1.2 Martensitumwandlung
Bei noch höheren Abkühlungsgeschwindigkeiten (Abschrecken in Wasser) können Keime für
die Perlitbildung kaum mehr entstehen und die vorhandenen Keime infolge ungünstiger
Diffusionsbedingungen nicht wachsen. Der eutektoidische Zerfall des Austenits unterbleibt. Bei
etwa 200°C tritt die Martensitumwandlung ein. Dieses Verhalten ist darauf zurückzuführen,
daß die γ-α-Umwandlung des reinen Eisens auch durch sehr schroffes Abschrecken nicht
unterdrückt werden kann. Da jedoch die Konzentration des Kohlenstoffs bei dieser
Umwandlung erhalten bleibt, entsteht ein mit Kohlenstoff stark übersättigtes α-Fe-Gitter,
wodurch dieses stark tetragonal verzerrt wird.
Das Schema der Martensitumwandlung des Eisens ist aus Abb. 3 ersichtlich. Abb. 3 a) zeigt
zwei Elementarzellen eines kubisch-flächenzentrierten Gitters, in die eine tetragonal-raumzen-
trierte Zelle (c/a = 2 ) als eine alternative Beschreibung des Gitters eingezeichnet ist. Abb. 3
b) zeigt eine tetragonal-raumzentrierte Zelle von Austenit und Martensit. Die Gitterstauchung
oder Deformation, die nötig ist, um vom Austenit zum Martensit zu gelangen, besteht genau in
der Differenz der zwei Zellen in Abb. 3b. Die Deformation ist mit einer kleinen
Volumenzunahme verbunden. Beim Übergang wird die c-Achse verkürzt und die a-Achse
verlängert, wobei das c/a-Verhältnis vom Kohlenstoffgehalt abhängt und ungefähr 1,1 bis 1,4
reicht. Die Strukturumwandlung erfolgt in Wirklichkeit jedoch nicht durch eine einfache
Stauchung des Gitters, sondern in komplizierter Form.
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Abb. 3 a) Kubisch-flächenzentriertes Gitter mit einem eingezeichneten tetragonal-


raumzentrierten Gitter. O Fe-Atome; x mögliche Positionen für C-Atome
b) Gitterzelle des Austenits (in tetragonaler Beschreibung) und Elementarzelle des
Martensits

Der Kohlenstoff ist im Austenit in den Zellenmitten und Kantenmitten eingelagert (vgl. Abb.
3a). Nach der Umwandlung befindet er sich entsprechend auf den Kantenmitten der nun
innenzentrierten Elementarzelle und verhindert die Erreichung der exakt kubischen Struktur.
Das Umwandlungsprodukt wird tetragonaler Martensit genannt. Durch geeignete
Wärmebehandlung (statistische Verteilung der C-Atome und eventueller Zerfallsprodukte unter
Bildung von Fe3C auf andere mögliche Plätze) kann nachträglich auch kubischer Martensit
entstehen. Beim Umwandlungsvorgang Austenit-Martensit werden die Gitterbausteine nur um
Bruchteile eines Atomabstandes aus ihren alten Lagen verschoben. Ist ein solcher
diffusionsloser Umwandlungsvorgang einmal ausgelöst, dann erhalten die einzelnen Atome des
Austenitgitters den Anstoß zum Übergang in die neue Lage des Martensitgitters durch die
Gitterverzerrung, die durch den gleichartigen Übergang eines Nachbaratoms bewirkt wird.
Dieser „Umklappmechanismus“ ist analog der mechanischen Zwillingsbildung in Kristallen. Die
Umwandlungsgeschwindigkeit ist annähernd gleich der Fortpflanzungsgeschwindigkeit
elastischer Störungen in dem Material (Schallgeschwindigkeit).
Die Auslösung bedarf keiner thermischen Aktivierung, ist jedoch erheblich von inneren und
äußeren mechanischen Spannungen abhängig. Da infolge des Umklappmechanismus ein
bestimmter Probenteil nach der Strukturänderung nicht dieselbe geometrische Gestalt hat wie
im Ausgangszustand, werden innere Spannungen hervorgerufen, die einem Fortschreiten der
Umwandlung entgegenwirken. Erst bei weiterer Abkühlung, die eine Erhöhung der
thermodynamischen Triebkraft für den Übergang Austenit-Martensit bedingt, können weitere
Bereiche des Materials umgewandelt werden. Die Umwandlung läuft niemals vollständig ab.
Neben Martensit ist im Gefügebild stets eine den Abschreckbedingungen entsprechende Menge
von Restaustenit vorhanden. Da bei der hohen Umwandlungsgeschwindigkeit der im Austenit
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gelöste Kohlenstoff nicht den Gleichgewichtsbedingungen gemäß ausgeschieden werden kann,


resultiert eine erhebliche Übersättigung des α-Fe-Gitters an C. Der dadurch bedingte
Zwangszustand äußert sich neben der tetragonalen Gitterverzerrung auch in der hohen Härte
und der chemischen Widerstandsfähigkeit des Martensits.

1.3 Das ZTU-Diagramm


Die Kinetik der Austenitumwandlung kann man in einem Zeit-Temperatur-
Umwandlungsdiagramm (ZTU-Diagramm) darstellen (Abb. 4). In dem ZTU-Diagramm sind
der Zeitpunkt des Anfangs und der des Endes der Austenitumwandlung (Austenitzerfall,
Martensitbildung) als Funktion der Temperatur wiedergegeben, und zwar ist die Temperatur
auf der Ordinate und der Logarithmus der Zeit auf der Abszisse abgetragen. Anfang- und
Endpunkt des Zerfalls sind definitionsgemäß auf 1 bzw. 99% Umsatz festgelegt.

Abb. 4 ZTU-Diagramm eines eutektoiden Stahls

Die Form des ZTU-Diagramms und der Martensitpunkt Ms (Startpunkt der Martensitbildung)
hängen vom Kohlenstoffgehalt ab, dieser muß deshalb als Parameter gegeben sein. Mit
steigender Unterkühlung unter den Perlitpunkt nimmt die Umwandlungstendenz zu. Dabei
nimmt die Keimbildungsgeschwindigkeit zu und die Keimwachstumsgeschwindigkeit ab.
Daraus resultiert die typische C-Form der Zerfallskurve im ZTU-Diagramm.

2 Untersuchungsmethoden (Metallographie)
Die Metallographie befaßt sich mit Untersuchungen des Gefügeaufbaues von Metallen und
Legierungen. Arbeitstechnisch wird dabei an einem Metallkörper durch geeignete mechanische
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und chemische Verfahren das Gefüge sichtbar gemacht. Die Korngrenzen sind Stellen erhöhten
Energieinhaltes und werden daher von chemischen Ätzmitteln im allgemeinen bevorzugt
angegriffen (Korngrenzenätzung). Die dadurch mögliche Sichtbarmachung von Abgrenzungen
der Kristallite wird zweckmäßigerweise an mechanisch geschliffenen und polierten Oberflächen
durchgeführt. Durch starke Ätzmittel werden auch die Kornflächen angegriffen. Der Abbau der
Metalloberfläche erfolgt dabei treppenförmig, und zwar gemäß der kristallographischen
Orientierung der einzelnen Körner (Abb. 5). Es ergeben sich dadurch für verschieden
orientierte Kristallite unterschiedliche Reflexionsbedingungen und damit
Helligkeitsunterschiede (Kornflächenätzung). Meistens sind die Körner so klein, daß man auf
eine mikroskopische Beobachtung angewiesen ist.

Abb. 5 Optische Reflexionsbedingungen bei Korngrenzen- und Kornflächenätzung

3 Aufgabenstellung
a) Durch unterschiedliche Abkühlung von Proben gleicher Zusammensetzung (0,6 Gew.% C)
sind verschiedene Zustände zu erzeugen und zu fixieren. Der Ausgangszustand aller Proben
ist Perlit in lamellarer Form. Diese wird durch langsames Abkühlen im Ofen erhalten. Drei
an Drähten befestigte Proben werden in einem Tiegelofen an Luft etwa 15 min auf 1000°C
erhitzt. Eine von diesen wird in Wasser abgeschreckt, die zweite in Öl, während man die
dritte an der Luft erkalten läßt.
b) Schliffherstellung und Ätzung der vorbehandelten Proben. Als Versuchseinrichtungen
stehen ein Schleif- und Polierstand, Einrichtungen für die Ätzbehandlung sowie ein
Metallmikroskop zur Schliffbeobachtung zur Verfügung. Um eine ebene Schlifffläche zu
erhalten, bettet man die Proben in eine Kunstharzmasse ein. Das Schleifen erfolgt von Hand
auf einem Schleifpapier, das auf einer Drehscheibe aufliegt. Als Schleifmaterial dient
Schmirgel. Die Papiersorte darf erst dann gewechselt werden, wenn die Schleifkratzer, die
beim Schmirgeln auf dem vorherigen, gröberen Papier entstanden sind, verschwunden und
nur noch solche vom gerade benutzten vorhanden sind. Zur Prüfung wechselt man
zweckmäßigerweise die Schleifrichtung von Papiersorte zu Papiersorte um 90°. Die vom
Schmirgeln auf dem feinsten Papier noch verbliebenen Kratzer werden durch Feinpolieren
auf einer rotierenden Tuchscheibe entfernt, wobei gleichzeitig der Schliff seinen Glanz
erhält. Zum Polieren wird in Wasser aufgeschlämmte Tonerde (Al2O3) benutzt. Während
des Polierens läßt man ständig Wasser aus einem kleinen Vorratsgefäß auf die Scheibe
auftropfen. Es ist zweckmäßig, die Schliffprobe beim Polieren langsam aber stetig zu
drehen, um eine einseitig ausgerichtete Politur zu vermeiden. Der Druck, mit dem die Probe
auf die Polierscheibe aufgedrückt wird, richtet sich nach der Härte des Materials. Mit dem
Mikroskop wird geprüft, ob die Kratzer beseitigt sind. Ein fertig polierter Schliff muß sofort
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unter einem kräftigen Wasserstrahl gereinigt werden, wobei man die Fläche mit feuchtem
Finger oder einem nassen Wattebausch überwischen kann. Nach dem Spülen wird mit
Fließpapier vorsichtig abgetupft. Nicht reiben! Besonders empfindliche Schliffe sind mit
destilliertem Wasser und anschließend mit Ethanol zu spülen und werden mit einem Föhn
getrocknet. Die nachfolgende Ätzung erfolgt mit alkoholischer Salpetersäure (einige
Tropfen HNO3 auf 20 cm3 Methanol, ca. 5 s).
c) Die verschiedenen Gefügeausbildungen (Martensit, Troostit, Sorbit) sind mikroskopisch zu
betrachten und zu beschreiben. Ferner ist die Änderung der mechanischen Eigenschaften
durch Bestimmung der Vickers-Härte der Proben im Ausgangs- und Endzustand
nachzuweisen. In das Fe-C-Zustandsdiagramm sind die fehlenden Bezeichnungen
einzutragen.

4 Literatur
[1] P. Haasen, Physikalische Metallkunde, Springer Verlag, Berlin, 1994

[2] R. E. Reed-Hill, Physical Metallurgy Principles, PWS-Kent Publishing, Boston, 1992,


Chapter 17

[3] W. Pitsch und G. Sauthoff, in: Werkstoffkunde Stahl: Grundlagen, Herausgeber:


Verein Deutscher Eisenhüttenleute, Springer Verlag, Heidelberg, 1984

[4] H. Schumann, Metallographie, Deutscher Verlag für Grundstoffindustrie, Leipzig,


1991, Kapitel 4