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Vorwort 9

0. Einleitung: Architektur und Mechanische Künste als Wurzeln 11


technischer Konstruktionspraxis

1. Gelehrte technische Kunstkultur, der Ingenieur und die 46


Ingenieurwissenschaften: Mathematisierung technischer
Konstruktionspraxis

2. Industrielle Revolution, Maschinenkonstruktion und 82


Produktionsorientierung der technischen Konstruktion

3. Verwissenschaftlichung der Technik: 104


Naturwissenschaftsbasierte Technologien, technische
Laboratorien, Großindustrie und die technische Universität

4. Computer Aided Design und autonom-intelligente Technik: 166


Transformation der technischen Konstruktion zum
transklassisch-hypermodernen Techno-Design

5. Schluss: Neue Nutzerorientierung: Vom Technikvertrauen zum 235


„Joy of Use“

Literaturverzeichnis 282

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Vorwort
Dieses Buch versucht, das Berufsfeld des Ingenieurs technikgeschichtlich und philosophisch-
systematisch, d.h. phänomenologisch und begrifflich zu untersuchen und näher zu bestimmen.
Während der Architekt und der Mechanikus noch Phänomene sind, die sich in der
Technikentwicklung weltweit finden, erweist sich die Konzeption des Ingenieurs als
europäisch, nicht zuletzt durch die enge Verknüpfung mit der Mathematik und der
europäischen Konzeption experimenteller Naturwissenschaft, die zu einer engen Verknüpfung
von moderner Technologie und naturwissenschaftlicher Forschung führt. Zugleich wird
aufgezeigt, wie die Konzeption des Ingenieurswesens abgelöst wird durch eine neue
Konzeption von Technoresearch in der hypermodernen Technologie etwa ab der Mitte des 20.
Jh., in der zunehmend der technologisch ausgebildete und disziplinär weniger gebundene
Forscher die Entwicklungs- und Konstruktionsaufgaben in den neuen Forschungsfeldern
übernimmt. Damit wird der Ingenieur nicht überflüssig, genauso wenig wie der Handwerker
mit der Industriellen Revolution. Nur verschieben sich Aufgabenfelder und die Struktur seiner
Aufgaben. Und es ändert sich ein weiteres Mal die Struktur technischer Konstruktion, die nun
künstliche Lebewesen genauso umfasst wie eine autonome intelligente Technik, in der
technische Strukturen zwar weiterhin vom Menschen geschaffen werden, aber dann als
Lebewesen wie als Artefakte unabhängig von weiterer menschlicher Intervention technisch
agieren, d.h. technische Handlungen ausführen können. Epistemologisch ist entscheidend,
dass technische Konstruktion im Handwerk, Ingenieurswesen und im Technoresearch-Design
nicht ohne Kompetenzen im Umgang mit technischen Potenzialen auskommt, daher auch für
das Ingenieurswesen das „implizite Wissen“ oder „tacit knowledge“ konstitutiv ist und dieses
nach der Produktionsorientierung der industrielle Phase der Technologieentwicklung wieder
aufgewertet wird wie die Kundenorientierung überhaupt. Dieses Buch ist also nicht nur für
Ingenieure und für Philosophen von Interesse, sondern vor allem für die, welche die Technik
des 21. Jh. verstehen lernen wollen.

Die Fragestellung und erste konzeptionelle Entwürfe gehen zurück auf drei gemeinsame
Hauptseminare mit meinem Kollegen aus der Technikgeschichte Prof. Dr. Thomas Hänseroth
zur Industriellen Revolution und ihrem Verhältnis zur Philosophie in Großbritannien,
Deutschland und Frankreich in den Jahren 1997 bis 2000 und einem Seminar zur technischen
Konstruktion 2001. Ergänzt wurden diese Anregungen durch die Beschäftigung mit
Technikkulturen bei dem Kollegen Carl Mitcham 2003 in Golden. Dabei ist die geschichtliche
Entstehung des Berufsfeldes des Ingenieurs und der Ingenieurswissenschaften durch die
Technikgeschichte gut rekonstruiert. Das philosophische (epistemologische und wissen-
schaftsphilosophische) interessantere – und viel schwieriger zu bestimmende – Problem stellt
die Entwicklung seit der Mitte des 20. Jh. dar. Ihr gilt mein besonderes Interesse. Herzlich
danken möchte ich für das Korrekturlesen und die produktive Kritik Herrn David Pinzer.

Bernhard Irrgang; Dresden im Sommer 2009

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0. Einleitung: Architektur und Mechanische Künste als Wurzeln
technischer Konstruktionspraxis
Aristoteles unterscheidet technisches Handeln (1) als Gebrauch technischer Mittel und
Produkte wie der Steuermann das Steuerruder gebraucht und (2) technisches Handeln des
Schiffbauers, der das Steuerruder herstellt. Insofern bedarf es einer Wissenschaft vom
Material, das bei der Herstellung Verwendung findet. Die Konstruktion eines technischen
Hilfsmittels ist etwas anderes als sein Gebrauch, denn ein geübtes Gebrauchswissen setzt
keinesfalls ein Konstruktionswissen voraus. Allerdings kann man sich fragen, ob ein
Konstruktionswissen nicht doch zumindest ein gewisses Wissen von dem späteren Gebrauch
voraussetzt. Dieses Problem diskutiert Aristoteles nicht. Allerdings ist es für diese Zeit nicht
unplausibel zu unterstellen, dass Konstruktions- und Gebrauchswissen nicht auseinander
fallen, weil Konstruktion und Gebrauch rückgekoppelt sind. Aristoteles schreibt: „Da unsere
Handwerkszweige das Material teils überhaupt erst erzeugen, teils es wenigstens zur Verwen-
dung aufbereiten, behandeln wir auch alles, was es gibt, als Mittel für unsere Zwecke – denn
in einem bestimmten Sinn sind ja tatsächlich auch wir ein (Natur-)Zweck. Der Terminus
‚Zweck’ ist ja doppeldeutig; es sei auf die Schrift über die Philosophie verwiesen. Nun gibt es
aber jeweils zwei Gewerbe, welche über das Material bestimmen und ein Wissen um das, was
das Material involviert, nämlich einerseits diejenigen Gewerbe, welche (das aus dem Material
herzustellende) in Verwendung nehmen werden, andererseits diejenigen, die bei der
Herstellung die leitende Funktion innehaben […]. Wir unterscheiden also herstellendes
Handwerk, dass Wissen über das Material besitzt. So versteht sich der Schiffssteuermann auf
die Gestalt des (von ihm zu bedienenden) Steuerruders und gibt an, wie dieses zu gestalten ist,
der andere aber (der Schiffsbauer) weiß und gibt an, wie dieses zu gestalten ist, der andere
aber (der Schiffsbauer) weiß und gibt an aus welchem Holz es gemacht werden muss und
welche Arbeitsgänge (zu seiner Herstellung) erforderlich sind. Der Gebrauchende muss nur
die Erkenntnis des Zwecks, den das betreffende jeweils zu erfüllen hat, kennen“ (Aristoteles
1979, 37f).

Die traditionelle Wissenschaftstheorie technischen Wissens hat den Aspekt des Umgangs-
wissens und des impliziten Wissens, das den Kunstcharakter technischen Könnens (und
Wissens) begründet, also den Gebrauch, vernachlässigt. Ein hermeneutisches Konzept techni-
schen Wissens und Verstehens geht von diesem impliziten Wissen aus und entwickelt auf
dieser Basis ein Verständnis technischen Handelns, basierend auf einer Phänomenologie des
Werkzeuggebrauchs bzw. des Umgangs mit natürlichen Prozessen im instrumentellen Ver-
stehen als implizitem Umgangswissen. Nicht die Analyse des Werkzeuges ist von vorrangiger
Bedeutung, sondern die des Erfolges, der mit Hilfe eines instrumentellen Handelns erreicht
werden kann. Erforscht wird die Art der Realisierung einer intendierten Wirkung. Die
Interpretation des impliziten technischen Wissens geht dabei über Martin Heideggers
Existentialanalyse des technischen Umgangs mit der Dingwelt hinaus (Irrgang 2001), der
seinerseits an Aristoteles anknüpft (Irrgang 2008). Das Konzept eines impliziten Umgangs-
wissens aufgrund eines Verstehensprozesses der Verwendungsmöglichkeiten natürlicher Pro-
zesse oder von Werkzeugen wird Ausgangspunkt für ein Philosophieren über Technik. Dieses
implizite Umgangswissen sollte dabei im Sinne eines ineinander verwobenen Wissens und
Könnens rekonstruiert werden, bestimmt von der Sachstruktur, mit der umgegangen wird, und
der Habitualität des Umgehenden.

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Für eine phänomenologische Handlungstheorie der Technik begegnet ein Gegenstand oder ein
Artefakt einem Handelnden in einem bestimmten Verweisungszusammenhang, z.B. ein Stein,
der als Faustkeil benutzt werden kann, ein Atomkraftwerk, das elektrische Energie liefern
soll. In technischen Artefakten wurde technisches Wissen implementiert, sei es impliziter oder
expliziter Art, und die Rekonstruktion dieses Wissens als Umgangswissen erlaubt eine
Bestimmung technischer Potentialität. Dieser Ansatz soll auch die Grundlagen für eine
Wissenschaftstheorie der Technikwissenschaften bereitstellen (Irrgang 2008; Irrgang 2009b).
Intelligente Technik basiert auf der Implementierung impliziten oder expliziten technischen
Wissens in technische Artefakte. Das Segel repräsentiert den Umgang mit Wind zum Zwecke
der Fortbewegung (Energieerzeugung), der Bogen den Umgang mit mechanischer Kraft, um
einen Pfeil in Bewegung zu setzen. Die Dampfmaschine basiert auf dem Umgangswissen mit
Dampf in eine Maschine, um eine Drehbewegung zu erreichen. Und schon in der
traditionellen Züchtung wird Umgangswissen mit Naturprozessen in technische Artefakte
implementiert (Nutztiere, Nutzpflanzen). Gleiches gilt für Fermentationsprozesse in der Nah-
rungsmittelproduktion. Seitdem das technische Umgangswissen nicht mehr am Endprodukt
erzeugt werden muss, sondern im Labor, werden die Verfahren und Produkte ungleich effek-
tiver und damit „intelligenter“.

Technisches Konstruieren ist ein wichtiger Vorgang im Bereich der Technik zwischen
Invention und Innovation, also beim Entstehen des Neuen in der Technik. Dazu soll jenes
technische Wissen und technische Können analysiert werden, welches Konstruieren im
Spannungsfeld von Wissen und Kunst bzw. von Rationalität und Routine und Kreativität und
Intuition bedingen. Insbesondere zwischen dem Kopf des Ingenieurs und dem Reissbrett bzw.
dem Computer spielen sich Interaktionen ab, die nicht-sprachlicher Natur sind, die aber als
visuelle Phänomene das Konstruieren bis in den Nerv hinein bestimmen. Es sind allerdings
nicht nur konstruktive Ideen, die sogenannte Eigenlogik des Technischen, die das Konstru-
ieren bestimmen, sondern soziokulturelle oder ökonomische Vorstellungen bzw. Rahmen-
bedingungen, die technische Pfadabhängigkeiten kultureller oder auch nationaler Art begrün-
den. Langfristige kulturelle Prägungen können sich auf die Technikentwicklung auswirken bis
hin zu nationalen Konstruktionskulturen bzw. Konstruktionsstilen. Zentral für unseren Zu-
gang zum Prozess des technischen Konstruierens ist die These von Michael Polanyi vom
„impliziten Wissen“ (im Original „tacit knowledge“), auf dem alles andere explizite techni-
sche Wissen aufbaut. Polanyi beschreibt eine dynamische Auffassung von Wissen, das sich
im Handeln konstituiert und damit an den Handlungsvollzug des Ingenieurs bzw. des
technischen Kollektivs gebunden ist.

Eine weitere wichtige Unterscheidung im Umfeld des technischen Umgangswissens im


Hinblick auf Erfindung ist die könnensorientierte und die gebrauchsorientierte Erfindung in
der Technik. So ist es zwar schön, wenn man eine Technik beherrscht, gerade wenn sie neu
ist, z.B. Rundbögen bauen. Wenn diese Technik brauchbar ist, in die technische Routine
eingebaut werden kann und in lebensweltliche Zusammenhänge passt, hat diese technische
Neuerung auch eine Chance, kulturell akzeptiert zu werden und Anwendung bzw.
Verwendung zu finden. Anders war dies z.B. in der grünen Gentechnologie bei der HR-
Technologie (Herbizidresistenz-Technologie in der Pflanzenzucht). Die Gentechnik be-
herrschte die Einbringung solcher Gene zuerst, die sich daraus ergebenden Anwendungen
wurden wegen ökonomischer Ineffizienz der ersten Produkte auf längere Sicht bei den
Produzenten und mangelnder Vorteile für die Konsumenten nicht akzeptiert. Ungeklärte
Risikoaspekte kamen hinzu, waren aber wohl nicht der Hauptgrund für die breite Ableh-
nungsfront gegenüber der neuen Technik, die ohne Zweifel für die Grundlagenforschung
einen erheblichen Wissenszuwachs gebracht hat, was aber ökonomischen Erfolg keinesfalls
garantiert.

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In der technischen Konstruktion wird nicht Wahrheit entborgen oder eine Idee realisiert,
sondern ein technisches Artefakt gewinnt allmählich Gestalt, zunächst in der Vorstellung,
dann in zeichnerischer oder mathematisch modellhafter Form, dann als Prototyp und später
als technisches Produkt. Eine weitere Gestaltung erfolgt durch den Nutzer. Insofern kann
nicht technisches Wissen allein Gegenstand einer wissenschaftlichen Reflexion über Technik
sein. Vielmehr ist es die technische Praxis in ihren vielfachen Facetten, hier als technische
Konstruktionspraxis verstanden, die zum Gegenstand eines epistemologischen Verständnisses
von Technik herangezogen wird. Wissen aber im Kontext einer Praxis ist nicht als
theoretisches Wissen zu konzipieren, sondern hat die Struktur des „tacit knowledge“ (Irrgang
2001). Bewusste Konstruktion setzt zwar technisches Wissen voraus, vielleicht sogar techni-
sches Regel- und Gesetzeswissen, die fundamentalere Voraussetzung ist aber die jeweilige
technische Praxis. Bevor sich aber eine Konstruktionspraxis herausbilden kann, gab es eine
Herstellungspraxis technischer Artefakte. Die Voraussetzung für eine technische Praxis
überhaupt ist Tradition, eine lehrhafte Tradition durch Vormachen, aber auch mithilfe von
Sprache. Auch frühere Herstellungspraxis war gelegentlich innovativ, aber das Neuerungs-
tempo und die Geschwindigkeit, mit der Erfindungen gemacht und durchgesetzt wurden,
waren noch sehr langsam. Die Voraussetzung für eine Konstruktionspraxis ist ein Mindest-
maß an Institutionen und damit an urbane Zivilisationen gebunden, wie noch aufzuweisen
sein wird. Ein technisches Artefakt hat zumindest eine pragmatische Bedeutung, oft auch eine
darüber hinausgehende Bedeutung.

Die evolutionäre Betrachtung der Genese impliziten Wissens geht vom Phänomen der
Emergenz aus. Im Prozess der Genese impliziten Wissens entstehen neue Stufen des Wissens
und neue Paradigmen der technischen Praxis. Paradigmen technischer Praxis sind Leitbilder,
die ein adäquates, d.h. offenes Interpretationsverständnis von technischer und anderer Formen
von Praxis ermöglichen. Repräsentationswissen und Umgangswissen sind letztendlich zu
unterscheiden. Aufgabe einer Theorie des impliziten Wissens ist die Modellierung und das
Management von Umgangswissen. Das explizite Wissen folgt dem Regelparadigma. Das tacit
knowledge verfolgt das Kunstparadigma bzw. das Selbstorganisationsparadigma technischen
Wissens bzw. technischen Konstruktionswissens. Dieses arbeitet die impliziten Bedingungen
von implizitem Wissen heraus und orientiert sich an einer lebenspraktischen, überlebens-
orientierten Pragmatik. Zugrunde gelegt wird eine pragmatische Sicht auf das Thema Wissen
und Können. Dabei rekurriert das Umgangswissen auf Bedingungen im Sinne einer als-ob-
Kausalität (Irrgang 2007b).

Implizites Wissen meint intuitives bzw. kreatives Wissen und umschreibt Phänomene des
Wissens im Hinblick auf Implizitheit, Unbewusstheit und Vagheit. Die traditionelle
Technikwissenschaft kennt nur eine Stufe des Wissens und bestenfalls technische Prozesse,
jedes Verfahren sauber und flüssig abgeschlossen zu betrachten. Dieser mehr oder weniger
methodologische Atomismus erhöht zwar vielleicht die Sicherheit des technischen Wissens,
nicht aber die Konsistenz technischer Theoriebildung. Die Erschließung von Dispositionen,
die Interpretation von Kompetenzen, die Modellierung von implizitem Wissen und von
Handeln können ist die Aufgabe einer Wissenschaftstheorie des technischen Handelns auf der
Basis einer Konzeption des impliziten Wissens. Eine Reduktion auf das Nochnichtwissen ist
bloß traditionell und bringt für die eigentliche Fragestellung nichts. Es handelt sich um prag-
matische Implikationen. Unser Können ist imstande, etwas Bestimmtes hervorzubringen.
Dieses bestimmte, das hervorgebracht werden soll kann dann wiederum Gegenstand unseres
Wissens sein. Dispositionsprädikate lassen sich aber nicht operationalisieren. Daher ist eine
heuristische Herangehensweise erforderlich. Diese bezieht sich auf Analogien, fallbasiertes
Schließen, exemplarisches Lernen und ungenaue Suchpfadarchitekturen. Sie läuft auf eine
Gestaltung der Ausgangsbedingungen hinaus (Irrgang 2004).

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Vertrauen ist ein Kennzeichen von Unsicherheit, von Kompetenz und impliziten Wissen. Wo
Sicherheit (Kontrolle) herrscht, ist Vertrauen nicht erforderlich. Kompetenz und implizites
Wissen ist insbesondere bei interdisziplinärer Erforschung erforderlich. Zentral sind hier
Vertrauensbildungsmechanismen. Implizites Wissen ist erfolgreich bei der Visualisierung
großer Informationsmengen. Es handelt sich kontextualisiertes Wissen, verkörpertes Wissen,
eingebettetes Wissen. Die Methoden der Erforschung impliziten Wissens über eine bestimmte
menschliche Form der Praxis ist (1) zunächst die Bestimmung des Teilnehmermodus an der
Praxis. (2) kann eine experimentelle Störung der Praxis erfolgen und (3) diese Praxis bildlich
aufgezeichnet werden, also der Beobachterstatus der Praxis dokumentiert werden, um (4) aus
dem Ineinandergreifen dieser drei Dimensionierungen der Methodenproblematik im Hinblick
auf Praxis zu einem Ergebnis zu kommen. Dabei darf man nicht davon ausgehen, dass
Rahmen und Praxis getrennt sind, sondern dass mit der Praxis zugleich der Rahmen für die
Handlungsfelder mit erzeugt wird und sich mit fortschreitender Praxis auch der Rahmen für
die Handlungsfelder mit modifiziert. Paradigmen sind damit Felder impliziten Wissens und
nicht explizierter Regeln. Der Versuch, Paradigmen oder Leitbilder zu operationalisieren, d.h.
in abbildbare Regelsysteme zu überführen, verkennt letztendlich die eigentliche Bedeutungs-
dimension von Leitbildern bzw. Paradigmen. Paradigmen sind Begriffe der Einbettung bzw.
der Inkulturation.

Explizites Wissen dominiert den gesellschaftlichen Diskurs, vor allem in einer Welt, die
zunehmend Fragen der Kontrolle, der Überprüfbarkeit, der Evaluierbarkeit, der rechtlich-
verifizierbaren Verantwortbarkeit betont. Unsere Gesellschaft bewegt sich massiv in Richtung
auf ein Regelparadigma. Dennoch gibt es eine weitverbreitete Überzeugung, dass man mit
expliziten Mechanismen der Wissensverarbeitung allein dem realen Verhältnis nicht gerecht
wird, dass es so etwas wie ein objektives Abbild der Realität gar nicht gibt, sondern dass in
Form von Selbstorganisationsprozessen neuronale Strukturen im menschlichen Gehirn
aufgebaut werden, die Überleben ermöglichen. Die Grenzen des explizit Beschreibbaren
lassen sich mit Charisma, Führungsfähigkeit, Motivationskraft umschreiben (Radermacher
u.a. 2001a, 7). Der fortschreitende Prozess der immer weitergehenden Explizitmachung von
Abläufen in der Industriegesellschaft dient der Qualitätssicherung und wird nicht zuletzt auf
Grund gerichtlicher Entscheidungen immer mehr eingeführt (Radermacher u.a. 2001a, 22).
Mit der Aufklärungsphilosophie und der Industriellen Revolution beginnt die Krise der
technischen „Kunstkultur“. Zunächst wird die Mathematik als Hilfsprogramm für die Praxis
angesehen und sie hilft nur dann, wenn man auch die Praxis kennt. Dann aber wird der
Kunstkultur das szientifische Wissenschaftsverständnis entgegengesetzt. Der alte Kanon ist
tot, es wird ein neuer Weg propagiert, nämlich die Wissenschaftlichkeit, die sich nicht auf
Vorbilder oder Tradition beruft. Angesichts der Neuartigkeit muss man fehlendes Erfah-
rungswissen ersetzen und sucht nach einer neuen Legitimationsstrategie für Technik. Der
traditionelle Legitimationserweis geschah durch das Können, aber für Eisenbrücken und
Eisenbahnen gab es zunächst keinen Erfahrungsbeweis. Also suchte man nach der
Wissenschaft als Legitimationsinstanz, wobei der Wahrheitsnachweis einer vermeintlich
objektiven Technik an die Stelle der Kunst trat. Die Sachzwangdebatte entsteht vor dem Hin-
tergrund des Ausgreifens des Positivismus auch auf die Ingenieurwissenschaften. Bestimmte
Konstruktionsformen werden von der Könnenskultur ausgeschlossen. Tragwerke werden auf-
grund formelhafter Zeichensysteme bestimmt. Berechenbarkeit tritt an die Stelle von Effekti-
vität als Bewertungskriterium. Das Aussterben der Könnenskultur durch technische Ausbil-
dung und Professionalisierung ist nicht zu leugnen. Technische Hochschule erhielten Bil-
dungspatente, wobei Teilarbeitsmärkte durch Bildungspatente abgeschottet werden.

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Das Konzept der technischen Rationalität ist Erbe einer positivistischen Epistemologie der
Praxis. Aus der Perspektive der technischen Rationalität ist professionelle Praxis eine Frage
des Problemlösens (Schön 1991, 39f). Konstruktionswissen wurde als Wissen um Kochbuch-
regeln verstanden. Aber unser technisches Wissen ist ursprünglich implizit und unausge-
sprochen in unseren Handlungsmustern, in unserem Gefühl für das Material, mit dem wir uns
beschäftigen, enthalten. Dies ist unser Wissen in unseren Handlungen. Es ist ein unaus-
gesprochenes Wissen („tacit knowledge“) in der Handlung selbst. Unausgesprochene Gestalt-
erkenntnisse, Urteile und bedeutsame Rahmenbedingungen werden erkannt (Schön 1991,
49f). „Learing by doing“ = „knowing-in-action“, übersetzt „Lernen durch Handeln“ = „Wis-
sen im Handeln“, so umschreibt Schön den Modus des gewöhnlichen praktischen Wissens.
Schön unterscheidet ein Reflektieren über die Handlung und ein Reflektieren in der
Handlung. Das Reflektieren in der Handlung vergleicht er mit dem Gefühl für Musik, der
Erfahrung einer Überraschung. Das Nachdenken über das Nachdenken in der Handlung führt
zu einer Konzeption von Theorie in der Handlung. Der Praktiker lernt, wonach er zu suchen
hat und wie er auf das reagiert, was er findet. Solange seine Praxis stabil ist, d.h. dieselben
Typen von Wirkungen hervorbringt, verliert er immer mehr das Überraschungsmoment
(Schön 1991, 60). Diesem Ziel dient auch die Spezialisierung. Es geht darum, schwer durch-
schaubare Situationen zu meistern. Dazu bedarf es auch der Instruktion und der Erziehung.
Weil der Professionalismus allerdings auch heute noch in der Regel mit technischer Expertise
identifiziert wird, ist das Konzept eines Nachdenkens in der Handlung nicht allgemein akzep-
tiert, selbst von denen nicht, die dieses als eine legitime Form professionellen Wissens all-
täglich praktizieren (Schön 1991, 69).

Die Aufgabe der Vermittlung von Selbst– und Fremdinterpretation von technischen
Handlungen und technischen Produkten muss in eine reflektierte Fremdinterpretation
überführt werden. Ansatzpunkt einer technischen Kultur ist die Genese und Entwicklung
technischer Artefakte. Diese dienen einem praktischen Ziel, sie sind geschaffen worden für
den praktischen Gebrauch. Technische Objekte haben ein Funktionselement und eine Struk-
tur. Der Gebrauch vereinigt das strukturale und das funktionale Element, auch wenn es
heterogen sein sollte. Das technische Objekt wird hervorgebracht durch die Konvergenz und
durch Anpassung an dieses Objekt. Insofern gibt es eine natürliche technische Evolution.
Stabilität ist das Charakteristikum technischer Objekte. Die Konkretisierung gibt dem tech-
nischen Objekt einen Platz zwischen den natürlichen Objekten und der wissenschaftlichen Re-
präsentation. Simondon geht von einer essentiellen Künstlichkeit aus. Es handelt sich um eine
Verkünstlichung eines natürlichen Objektes. Die Verkünstlichung ist ein Prozess der Abstrak-
tion im künstlichen Objekt. Es geht um die Konkretisierung eines technischen Objektes und
um Fragen der Renaturalisierung. Dabei stellt sich die Frage nach der internen Kohärenz
(Simondon 1969, 19-47).

Design beschreibt mehr als eine rationale Konstruktion. Es indiziert eigentlich einen Vor-
schlag bzw. einen Entwurf. Ein technisches Artefakt ist definiert in den Begriffen seines
praktischen Gebrauchs. Damit spielt die intendierte Rolle im Lebenslauf und in der Lebens-
welt der Produzenten wie Nutzer eine zentrale Rolle. Wir brauchen daher, wenn wir von
Design sprechen ein verständliches Modell technologischer Innovation, die in jeder Hinsicht
auch einen Begriff kulturellen Wandels impliziert. Evolvieren heißt also Element eines
soziokulturellen Wandels zu sein, dabei übernehmen Emotionen, Institutionen, Rollen und
Verhaltensweisen wichtige Funktionen, die das Gebrauchen erleichtern, aber auch erschweren
können. Daher versucht die evolutionäre Ökonomik und Theorie der technischen Entwicklung
ein Modell vom kulturellen Wandel zu geben. Es geht darum, ein realistisches evolutionäres
Modell technologischen Wandels zu entwickeln (Ziman 2000, 7-10). Dabei wird Anpassung
durch Selektion erklärt. Der Selektion erfordert starke Mechanismen für die Wiederholung,

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Veränderung und Erneuerung der ausgewählten Varianten. Dabei spielt die Ökologie eine
zentrale Rolle. Selektionismus arbeitet aber auch innerhalb von Organismen. Zum Verständ-
nis des Selektionsprinzips haben Modelle von künstlichem Leben (AL) immens viel beige-
tragen (Ziman 2000, 44-47). Dabei geht es ebenfalls darum, Selektion und Anpassung
genauso wie die Fitnesslandschaft mathematisch beschreiben und berechnen zu können (Zi-
man 2000, 50).

Die evolutionäre Ökonomik und die evolutionäre Entwicklungstheorie technischen Wandels


möchte die Evolutionstheorie auf bestimmte Felder der Ökonomie anwenden. Selektion
erscheint vor dem Hintergrund von Überfluss. Jedes evolutionäres System besitzt bestimmte
dynamische Eigenschaften, die Prozesse der Gegenwart mit der Vergangenheit verbinden.
Unvermeidbar stellt dabei die Vergangenheit gewisse Weichen für die Gegenwart, wie die
Gegenwart sich in vielfacher und breiter Form von der Vergangenheit her ableitet. Dabei gilt
es für die evolutorische Konzeption technischen Wandels ein Set von technologischer
Information bereitzustellen, die charakteristisch ist für Wege, in denen sich technisches
Verhalten in der Geschichte tatsächlich ausgedrückt hat. Dabei geht Technik von technischer
Routine aus. Diese umschließt ein Set von nützlichem Wissen. Wissen produziert technische
Artefakte. Daher ist technisches Wissen mehr als Wissenschaft. Eine Technik ist ein Fahrzeug
bzw. ein Vehikel für die zugrunde liegende technologische Information. In der Beziehung
zwischen dem unterliegenden technologischen Informationen und der Technik selbst besteht
die Herausforderung technologischen Wissens. Dabei funktioniert die meiste Technik ohne
dass ohne Konstrukteure und Designer genügend Wissen haben von den operationalen
Prinzipien, die ihren technischen Artefakten zugrunde liegen. Meisten haben sie nicht einmal
die geringste Ahnung. Dabei bereitet Wissen Werkzeuge vor, die Probleme Lösen könne
(Ziman 2000, 52-55).

Die Existenz von Wissen über einen Gegenstand garantiert nicht, dass eine erwünschte
Technik auch entsteht. Wenn eine neue Technik vorgeschlagen wird, dann haben die Nutzer
die Wahl zwischen dem Alten und den neuen Wegen, irgendwelche Dinge zu tun und zu
realisieren. So besteht ein Prozess der Selektion zwischen existierenden Techniken. Die
Geschichte der Evolution der Produktion von Technologie hält eine Reihe Parallelen zum
Darwinismus bereit. So gibt es in gewisser Weise auch induzierte Innovationen. Generelles
Wissen ist ebenfalls erzeugt worden in einer sehr viel schnelleren als der technologischen
Rate. Eine andere Ähnlichkeit besteht zu dem Phänomen der Exaptation. Die zugrunde
liegende Idee besteht darin, dass eine Technik, die ursprünglich für ein bestimmtes Ziel
entwickelt worden ist, später ihren Erfolg und ihr Überleben anderen Eigenschaft oder
Fähigkeiten verdankt, als denen , die bei ihrem ersten Auftreten von Belang waren. Der
evolutionäre Prozess der Technikentwicklung wie der biologischen Entwicklung knüpft an
den Gipfel der Fitnesslandschaft an. Techniken jedoch replizieren sich nicht in der Art und
Weise, wie dies Organismen tun. Die Entwicklung von Wissen und die Umsetzung in ein
präzises Set von Anleitungen sind sehr unterschieden von dem natürlichen Prozess der
Ontogenie. Dabei können sowohl in der Biologie, wie in der technischen Entwicklung
negative Folgen auftreten, bei denen die Ökonomen von Externalitäten und Nebeneffekten
sprechen (Ziman 2000, 56-59). Allerdings ist zu berücksichtigen, dass menschliche Selektion
als technisches Handeln anderen Kriterien verpflichtet ist als natürliche Selektion.

Die Sache, die sich entwickelt, die Technik, ist eine Verfahrensweise oder eine Routine in der
die Hauptakteure in der Geschichte der Technologie, nämliche Menschen, Organisationen und
Artefakte, unterschiedliche Rollen spielen. Wandel ereignet sich durch blinde Variation und
selektive Auswahl im Hinblick auf das Artefakt. Aber die technologische Evolution ist in der
Tat lamarcktistisch in diesem Sinne, dass die Rückkoppelung des Nutzers auf das Artefakt mit

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einkalkuliert werden muss. Die zugrunde liegende Struktur des Wissens wird beeinflusst
durch den Gebrauch der Technik. Die Entwicklung des technischen Artefaktes ist spontan und
unvorhersehbar (Ziman 2000, 63f), allerdings doch nicht identisch mit der blinden
darwinistischen Evolution. Die Kathedrale von Chartres ist ein Beispiel für verteiltes Design,
wo trotz oder gar aufgrund des Zusammenwirkens vieler, auch Generationen von Architekten
und Konstrukteuren, eine Homogenität des Gesamtergebnisses erreicht wird, trotz einer
Heterogenität der Akteure, die neues Wissen hervorgebracht haben, um dieses Bauwerk zu
errichten. Hinzukommt die Vielzahl an Menschen mit ihren Fähigkeiten und technischen Ein-
fällen, die mit dem technischen Artefakt interagierten und gleichzeitig eine kognitive und
soziale Ordnung mit dem Gebäude schufen (Ziman 2000, 115). Dies setzt im Gegensatz zur
bloßen Selektion Konstruktion und einen geplanten Entwurf des zu bauenden voraus.

Ganz entscheidend ist die Analyse der Artefakte während ihres Gebrauchs (Ziman 2000, 116).
Der Gebrauch des Terminus „lernen“ in der ökonomischen Literatur unterscheidet zwei völlig
verschiedene Basiskonnotationen: die Erste bedeutet Lernen, eine produktive Erfahrung und
eine Verbesserung, die registriert werden kann durch einen Index produktiver Verwandlung in
der Aktivität des Konstruierens; die Zweite beschreibt die Art und Weise des Einflusses des
Menschen auf das Artefakt unter den Bedingungen der Unsicherheit. Hier meint Fortschreiten
in typischer Weise die systematische Prüfung und Abfragung der Alternativen und ihrer
Wahrscheinlichkeiten, dass die Handelnden unterschiedliche mögliche Zustände in der Welt
durchlaufen, und zwar in einer Art und Weise, die ihre Glaubenszustände in eine engere und
weitere Verbindung mit dem tatsächlichen Zustand des Artefaktes bringen. So haben wir ein
spezifisches, rekursives Modell des intentionalen und adaptiven Verhaltens unter Unsicherheit
gewonnen (Ziman 2000, 119-121).

Technologie ist nicht einfach eine Realisierung von Ideen, sondern beruht auf einer
Koevolution von Artefakten, technologischem Wissen und Organisationsformen (Ziman
2000, 248). Bei einer technologischen Innovation handelt es sich um eine Interaktion mit der
wirklichen Welt. Die Fähigkeit, Technologie effektiv zu handhaben, kann als Umgangs-
kompetenz mit einer Blackbox verstanden werden, das heißt als eine Kompetenz, die formal
nicht beschrieben und analysiert werden kann. Organisationen bereiten den Kontext für den
Gebrauch einer Technologie und die Matrix für die Hervorbringung und Erhaltung dieses
Wissens, dass Voraussetzung für den erfolgreichen ist. In der Erklärung der Logik und der
Fokussierung des Wissens, welches der Technologie zugrunde liegt, können Designkon-
figurationen, Entwürfe für Konstruktionen und die fundamentalen Designparameter geschrie-
ben werden, die Produkten zugrunde liegen und Prozesse konstituieren, welche die Wissens-
grundlage für die Unternehmen bei der Innovation bilden (Ziman 2000, 255f).

Das Mittel oder die Mittel (oder Technik als Inbegriff der Mittel) sind ein fundamentales
Thema einer Philosophie der Technik. Denn der Mensch ist wesensmäßig gerade dadurch
ausgezeichnet, dass er nicht (mehr) in einem unmittelbaren Verhältnis zur Welt steht. Es ist
darauf angewiesen, unter Einsatz eigens entwickelter Mittel die Welt theoretisch zu
erschließen und praktisch zu bewältigen (Hubig 2002, 6). Allgemein verstehen wir unter
Mitteln diejenigen Handlungsereignisse oder diejenigen Gegenstände oder Artefakte, die
geeignet sind bzw. sich in ihrer Eignung bewährt haben, unsere Handlungszwecke zu
realisieren. Wir erfahren Mittel-Zweck-Komplexe in einer Bewandnisganzheit, inkorporiert
im Zuhandenen des Zeugs, in dem sich das Worumwillen der Dinge antreffen lässt. Wir
finden uns in solchen Traditionen der Bewährtheit von Dingen und entsprechenden Nutzungs-
routinen in der Welt verortet (Hubig 2002, 10f). Technische Mittel passen sich an die
menschliche Produktion an, sie passen sich an die Aufgabe an, für die sie konstruiert wurden.
So kann es sogar zu funktioneller Überanpassung kommen. Die Adaption kann aber auch

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nicht gelingen. Adaption kann man auch als Konkretisierung verstehen. Dabei ist die Kohä-
renz eines technischen Ensembles entscheidend. Dabei ist die Technik als Mittel und Artefakt
beherrschbarer als die Praxis, die dahinter steht. Es besteht eine interne Verteilung und Selbst-
regulierung der Aufgabe. Die Individualität der Technik ist eine Imitation der Individualität
des Menschen (Simondon 1969, 50-81).

Technische Regeln sind Aussagen über bewährte Mittel-Zweck-Relationen. Technik ist damit
die Suche nach Regularitäten und basiert auf einem pragmatischen Schluss auf die beste
Erklärungsstrategie, wobei das eigentliche Kriterium die Bewährung in der Praxis ist. Damit
soll eine Zuverlässigkeit technischer Funktionen begründet werden, sowohl in der Theorie,
wie in der Praxis. Eine technologische bzw. technikwissenschaftliche Theorie besteht aus
miteinander verknüpften technischen Regeln und impliziert die Frage nach der Kohärenz
dieses Regelwerkes. Zu unterscheiden sind

(1) Eine strukturelle Theorie des theoretischen Artefaktes (Know that).


(2) Eine operative Theorie des Umgangs mit ihm (Know how).

Beide Dimensionen sind wichtig für eine umfassende Technikwissenschaft. Das Verhältnis
von technischem Wissen zu technikwissenschaftlichem Wissen besteht in der Objekttheorie in
ihrem Verhältnis zur Metatheorie. Die Metatheorie muss dabei insbesondere die
methodologische Fragedimension und die soziale Dimension aufeinander beziehen. Es geht
dabei um das Verstehen sowohl der technischen Artefakte wie ihres Gebrauchs, wobei
letzterer von besonderem Interesse ist, weil diese Dimension in der Technikwissenschaften
bislang vernachlässigt wurde. Es geht also um beide Dimensionen: (1) Wahrheitswerte
technischen Wissens und technischer Wissenschaft, (2) Gebrauchswerte technischer Arte-
fakte.

In der europäischen Techniktradition bestand die Tendenz zur Rationalisierung in dem


Versuch, technische Handlungen berechenbar zu machen. Nicht zuletzt der ökonomische
Verwertungsdruck im Hinblick auf technische Produkte erhöhte die Effizienzanforderungen
an weitere Formen kulturell eingefärbter Technikhermeneutiken. Bevorzugter Ansatz in der
Interpretation technischen Handelns war die Mathematisierung und Rationalisierung
technischer Handlungen durch Berechnung. Die mathematische Rationalisierung des
technischen Umgangs mit der Realität z.B. in der Mechanik ist die Hermeneutik eines vorher
bloß leiblichen Handlungsvorganges. Technikhermeneutik hingegen möchte zeigen, dass vor
aller wissenschaftlichen Betrachtung technischer Konstruktionspraxis ein fundamentaleres
Paradigma herausgearbeitet werden muss, das des impliziten Wissens und des Umgangs-
wissens mit technischen Artefakten. Dabei bedient sich die Technikhermeneutik
phänomenologischer Beschreibungen, erklärend-verstehender Interpretationen, Symboli-
sierung und Modellierung technischer Handlungen, aber auch des pragmatischen Konzeptes
der Abduktionen (Dewey 1989, Dewey 1995, Peirce 1991, Riemer 1988). Hier geht es um
technisch induzierte Verallgemeinerungen, die zu einem allgemein geteilten Befund werden.

Die Perspektive der Alltäglichkeit erlaubt es der Technikphilosophie, aus dem impliziten
Wissen im technischen Handeln die Frage nach dem Ansatz der praktisch-technischen
Rationalisierung des Umgangswissens zu stellen. Die Reflexion dieses Vorgangs ist
theoretisches Wissen und identifiziert Komplexitätssteigerung, Spezialisierung und
Professionalisierung des technischen Umgangswissens als Grund für die mathematische
Rationalisierung des Umgangswissens bis hin zur Entwicklung einer Technologie. Sie geht
damit über die Alltagswelt und ihre mathematische Rationalisierung hinaus und reflektiert

18
auch Verfahrenskunde im Sinne einer mathematischen Rationalisierung der Arbeit und einer
technisierten Methodenlehre der Forschung. Ansatzpunkt dieser technikphilosophischen
Reflexion ist die Unterscheidung von technischem Verstehen, technischem Wissen und
technisch-instrumentellem Handeln, das in einem Konzept des technischen Handelns kon-
vergiert.

Technische Konstruktion soll hier nicht als isolierter Akt der Erfindung begriffen werden,
sondern im Kontext der Alltäglichkeit wie der technischen Entwicklung. Technische
Entwicklung ist eine Mischung aus Plan und nicht geplanten Folgen, also keine Evolution
oder keine Selbstorganisation im naturwissenschaftlichen Typus. Sie führt zu technisch-
kulturellen und gesellschaftlichen Entwicklungspfaden, die nur teilweise prognostizierbar
sind. Einige durchgängige Entwicklungslinien lassen sich eruieren, obwohl es im strengen
Sinn keine „Entwicklungslogik" technischen Handelns gibt. Technisches Umgangswissen
stellt eine Art von Rationalität dar, die nicht mit bisher bekannten wissenschaftstheoretischen
Konstrukten von Rationalität identifiziert werden kann. Das Umgangswissen basiert sowohl
auf Versuch und Irrtum wie auf Nachahmungshandeln. Damit stellt diese Rationalität eine
Mischung der Rationalität technischer Traditionsvorgänge und der Rationalität von Versuch
und Irrtum dar, wobei es ebenfalls rational ist, das Verfahren von Versuch und Irrtum durch
Methode abzukürzen und die Anzahl der Versuche zu verändern. Durch diesen Ansatz beim
Umgangswissen wird der Rationalitätsbegriff gegenüber der konstruktivistischen Philosophie
des technischen Handelns in einer hermeneutischen Konzeption technischen Handelns ver-
ändert (Irrgang 2006; Irrgang 2007d).

Immer wieder sollte eine Theoretisierung und Mathematisierung die Rationalität technischen
Handelns erhöhen. Versuche der mathematischen Rationalisierung technischer
Konstruktionen und der Verwissenschaftlichung technischen Umgangswissens haben
Grenzen, insbesondere dann, wenn der Umgang mit technisch erzeugten Produkten erfasst
werden soll. Komponenten einer solchen Verwissenschaftlichung sind Planungsrationalität
(Technologie), Effizienzsteigerung durch Systematisierung von Versuch und Irrtum,
Organisation und Institutionalisierung technischen Handelns und Systematisierung der
naturwissenschaftlichen Grundlagen technischen Handelns und einer Verwissenschaftlichung
im Sinne der Technikwissenschaften. Zur Rationalisierung technischen Handelns gehört die
Spezialisierung technischen Handelns und die Teilung der technischen Arbeit in jenen
umfassenden Prozess der technischen Rationalisierung, der ein wesentlicher Motor techni-
scher Entwicklung ist. Ein weiterer wesentlicher Faktor nicht erst seit der industriellen Revo-
lution ist die Ökonomisierung technischen Handelns, die ebenfalls zur Effizienzsteigerung
führt. Aber nicht jede Form der Verwissenschaftlichung erhöht die Rationalität technischen
Handelns.

Die Architektur ist die älteste Konstruktionsdisziplin. Der Praktiker hat ein Repertoire von
Beispielen, Bildern, Verständnissen und Handlungsmustern aufgebaut, um eine Situation
strukturieren zu können. Auch Lösungsschemata können eingebaut werden. Zudem muss er
ein Verhalten entwickeln, das neue Probleme löst. Dies geschieht vor dem Hintergrund des
Vertrauten, der Kunstfertigkeit eines Praktikers. Variationen und neue Erfahrungen spielen
eine zentrale Rolle. Der Praxiskontext ist vom experimentellen Kontext verschieden. Der
Praktiker reflektiert in der Handlung, der Experimentator geht von einer erklärenden
Hypothese aus, die er testet (Schön 1991, 147). Die Methode des kontrollierten Experimentes,
das eine Hypothese testet, ist von der Situation des Praktikers verschieden. Praxis ist zwar
eine Art von Forschung, allerdings keine experimentelle Forschung. Dem Konzept der
technischen Rationalität ist das Konzept einer Reflektion in der Handlung entgegenzustellen
(Schön 1991, 165). Dabei ist die reflektierte Praxis in wissensbasierten Professionen von

19
alltäglichen technischen Professionen zu unterscheiden. Medizin, Landwirtschaft,
Ingenieurwesen sind prototypische Beispiele für Berufe mit einer Basis im wissenschaftlichen
Wissen (Schön 1991, 168).

Eine Epistemologie der Praxis berücksichtigt, dass der technische Experte Teil eines
utopischen technologischen Programms, einer technischen Elite ist und Technokratie
versinnbildlicht. Die Abwesenheit klar identifizierbarer Beziehungen zwischen Professio-
nellen und Klienten hat einen unterminierenden Effekt für den Professionellen. Der kompe-
tente Kunde ist nicht der Feind des Profis, sondern einer, der sich selbst in vielfacher Form als
ein reflektierter Praktiker verstehen lernen soll. Die Kompetenz des Klienten ist im Hinblick
auf die reflektierte Konversation mit dem Professionellen zu kultivieren. Der Professionelle
soll im Hinblick auf sein Wissen in der Handlung reflektiert werden. Auch wo universitäres
Wissen im Sinne von technischem Handeln angewandt wird, handelt es sich nicht um
angewandte Wissenschaften. Die Unterschiedlichkeit von Praxis und Forschung ist nicht
aufzuheben (Schön 1991, 309). Konstruktion ist eine moderne Praxis, die den Fortschritt des
Ingenieurwesens vorantreibt. Dabei folgen die technischen Zeichnungen dem Ingenieurfort-
schritt und dem Konstruktionsprozess selbst. Es handelt sich um einen individuellen Akt, dem
aber häufig eine gemeinsame Konstruktionspraxis zugrunde liegt, die auf detaillierten
gemeinsamen Berechnungen beruht. Es bleibt noch viel Konstruktionsarbeit übrig, wenn der
generelle Entwurf bereits fertig ist. Vielleicht liegen sogar auch mehrere alternative Entwürfe
vor. Petrowski betrachtet Konstruktion als Evolutionsprozess. Es geht um Detailarbeit und
Berechnung z.B. einer Brückenkonstruktion, bei der Spannungen zwischen Ingenieursan-
sprüchen und ästhetischen Ansprüchen auftreten können. Er kann zudem immer wieder auf
fehlerhafte Berechnungen eines Assistenten angewiesen sein, die er nicht immer durchschaut.
Außerdem hat er Probleme mit konfligierenden Konstruktionsanweisungen.

Theoretische Anweisungen eines akademischen Ingenieurs und die praktischen Probleme


eines trainierten Konstruktionsingenieurs in der Praxis im Hinblick auf mechanische
Zeichnungen machen dieses Dilemma offenkundig. Hinzu kommt der Zeitdruck für die
Konstruktionsaufgabe. Außerdem können immer noch neue Probleme auftreten, wenn
Ingenieure sehen, dass ihre Befürchtungen ignoriert werden, wie z.B. beim Start der
Challenger. Immer wieder trifft man auf bestimmte akzeptierte und glaubwürdige Lösungen
zu Konstruktionsherausforderungen, die letztendlich nicht haltbare Versprechungen beinhal-
ten. So entstand der Glaube, dass Software die Konstruktionstätigkeit und die Verantwortung
dafür übernehmen könnte. Aber Konstruktionssoftware bleibt ein Werkzeug. So entstand das
falsch platzierte Vertrauen in die Computersoftware bei der technischen Konstruktion. Fehler
bei der Analyse einer Ölplattform beweisen dies. Außerdem führt die computerunterstützte
Konstruktion zu einem zu schnellen Maschinenoutput, der von den Ingenieuren nicht mehr
ausreichend kontrolliert werden kann. Eine fundamentale Aktivität der Ingenieure und Wis-
senschaftler besteht darin, Versprechen in Gestalt von Konstruktionsplänen und Theorien zu
machen. Da ist es nicht gerecht, allein die Computersoftware zu diskreditieren auf der Basis,
dass ihre Versprechen und das Vertrauen in ihre Versprechen letztendlich ein problematisches
Werkzeug ist und man den Konstruktionsplänen der Maschine zu sehr vertraut hat. Nichts
desto weniger sollten Benutzer von Konstruktionssoftware sehr vorsichtig sein und einen
gesunden Skeptizismus entwickeln, denn die Geschichte der Wissenschaft und des
Ingenieurwesens unter Einschluss der noch sehr jungen Geschichte des Softwareingenieurs-
konstruktionswesen ist gespickt mit fehlerhaften Versprechungen (Petrowski 1997, 57-77).

Das Konstruktionshandeln ist als ein kultureller Prozess, als ein Prozess der Traditionen zu
rekonstruieren. Ein solcher Prozess versteht sich als Vorgang des Instruierens und des
Zeigens, nicht als ein System von Aufforderungssätzen, wie es das technokratische Modell

20
unterstellt. In einer Philosophie des technischen Umgangswissens reflektiert der Philosoph
nicht seine eigene praktisch technische Kompetenz, sondern Interpretationen von anderen
über ihre technische Kompetenz oder über technische Kompetenz überhaupt. Die theoretische
Modellierung technischer Kompetenz im Konstruktionshandeln geht damit über technische
Kompetenz selbst hinaus, es handelt sich dabei selbst um eine Professionalisierungsstrategie
technischen Wissens. Die Angst vor Misserfolg, der Kompetenzschutz, wenn man den
Misserfolg nicht vermeiden kann, die Suche nach neuem Wissen, Kompetenzschutz durch
Informationsabwehr und Umdeutungsprozesse greifen ineinander und verringern die
Effektivität der getroffenen Entscheidungen. Denken und Planen sind zudem heute soziale
Prozesse, wobei die Effektivität der Gruppe und Gruppenstrukturen eine zentrale Rolle
spielen (Strohschneider/Wet 1993, 53).

Das Verstehen einer Konstruktionspraxis ist Grundlage einer Epistemologie der Technik-
wissenschaften. Die Theorie der technischen Konstruktion soll als ein wichtiges Thema der
Technikwissenschaften von ihrer Praxis her neu bestimmt werden. Von der Praxis haben wir
zunächst nur „tacit knowledge“, das nur bis zu einem gewissen Grad explizit gemacht werden
kann. Der Ansatzpunkt ist hier das Umgangswissen der Anwender mit Blackboxes, z.B. mit
Motoren, Kernkraftwerken, Computern und der entsprechenden installierten Software. Die
Ursprünge der Verwissenschaftlichung technischer Praxis liegen in Architektur und der
Baustatik, nicht im Maschinenwesen oder der Mechanik. Die Architektur war eher als das
Maschinenwesen auf Nutzer und Konsument ausgerichtet. Dieses Verstehen führt zu unter-
schiedlichen Formen des expliziten Wissens über technische Konstruktion und damit zu
verschiedenen Arten von Technikwissenschaft.

Typologisierung von Epistemologien technischer Konstruktion:

(1) Technische Kunstlehre: Technisches Erfahrungswissen mit Ansätzen der


Verwissenschaftlichung als beschreibende Wissenschaft beginnend mit der
Architektur und Mechanik in Griechenland. Es handelt sich um ein technisches
Umgangswissen mit ersten Versuchen der Beschreibung und der Zeichnung mit
noch unzureichenden Erklärungsansätzen. Eine epistemische Rechtfertigung oder
ein Verständnis als Konstruktionswissenschaft bzw. handlungsanleitende Wissen-
schaft entwickelt sich noch nicht, wenn auch einzelne Handlungsanweisungen
insbesondere in der Architektur bzw. der Mechanik formuliert werden (Kunst-
paradigma).
(2) Ingenieurwissenschaften als regelgeleitete Anleitung zur Mathematisierung
mechanischer Wissenschaften im Sinne einer Dynamisierung. Es ist eine
Konstruktionswissenschaft zumindest in Ansätzen sowie die Entwicklung einer
Bauingenieurskunst. Es gibt Erklärungsansätze neben der Mathematisierung so-
wie eine Konstruktionslehre im Sinne der Inventionslehre. Christian Wolff nennt
diese Form ebenfalls Technologie (Mathematisierungsparadigma).
(3) Technologie im Sinne Johann Jacob Beckmanns als Klassifikation zunächst der
Handwerke, dann aber auch der Bereiche technischer Produktion (Arbeit) ins-
besondere in der Manufaktur und der Versuch der Optimierung technischer Pro-
duktionsverfahren (Technologieparadigma).
(4) Technikwissenschaften als Handlungsanweisungen zur technischen Konstruktion
unter Berufung auf das Ideal der kausalen Erklärung. Hilfestellung bei der natur-
wissenschaftlichen Theoriebildung und Vorbereitung des Einbezugs naturwissen-
schaftlicher Erkenntnisse.

21
Technische Wissenschaften und ihre erste Phase der Technologisierung in dem
naturwissenschaftlich und industriell begründete Technik als Produkt und als
Verfahrenskunde formuliert wird. Der Begriff der technischen Wissenschaften
tritt an die Stelle des Technologiebegriffs, versucht aber, beide Bereiche
Konstruktion und Produktion aufeinander zu beziehen. Es kommt hier zu einer
breiten Verwissenschaftlichung technisch industrieller Praxis. Ganz neue Dis-
ziplinen entstehen durch Anwendung der Naturwissenschaften (Wissenschafts-
paradigma).
(5) Moderne Technologie als im Laboratorium erzeugtes Regel- und Modellie-
rungswissen wird als Konstruktions- und Programmieranleitung für das Schaffen
neuer, auf Konsumenten zugeschnittener Produkte aufgefasst (Technoresearch
Paradigma). Ein neuer Berufsstand entsteht, den man als Technodesigner, Inge-
nieurdesigner oder Technorearcher bezeichnen könnte.

Die Technikwissenschaften als Reflexion auf die konstruktive technische Praxis zielen dann
ab auf methodisch strukturierte Handlungsanweisungen zur Errichtung technischer Anlagen.
Technikwissenschaften und Ingenieurwissenschaften verstehen sich als Wissenschaft der
technisch ingenieurmäßigen konstruktiven Praxis. Damit wird unterstellt, dass in der kon-
struktiven technischen Praxis bestimmte paradigmenabhängige Umstrukturierungen vorge-
kommen sind, die man auch als epochalem Wandel in der konstruktiven technischen Praxis
verstehen kann. So unterscheidet sich die handwerkliche von der industriellen und der techno-
logischen Praxis. Im Hinblick auf Metatechnologie kann ich auf eine früher herausgearbeitete
Unterscheidung zurückgreifen und diese im Hinblick auf technische Konstruktion weiterent-
wickeln:

(1) Handwerksparadigma: Technische Kunstkultur und traditionelle handwerkliche


Technologie (im Sinne von Beckmann); Theoretisierung durch Konstruktions-
zeichnungen und Mechanisierung; Verfahrenskunde hinsichtlich Züchtung,
traditionelle Biotechnologien, Bergbau und Verhüttung (Umgangswissen); Legiti-
mierung der technischen Konstruktion durch Erfahrung des vergangenen Ge-
lingens;
(2) Maschinenparadigma (unter Einschluss großer technischer Systeme) und indu-
strielle Technologien (wissenschaftsbasiert); Mathematisierung und Verwissen-
schaftlichung der technischen Konstruktion und Entwurf semiautonomer intelli-
genter Technik vom Menschen gesteuerte und überwachte Maschinen und techni-
sche Systeme); Umgangswissen zweiter Stufe (Umgang mit Maschinen); Experi-
mentalkunst und technisches Labor; Legitimierung durch Rationalisierung als
Vorausberechnung des Gelingens;
(3) Das Paradigma autonom-intelligenter Technik auf der Basis von Technoresearch.
Technoresearch ist eine Mischform von Umgangswissen, Laboratoriumswissen,
Verfahrenswissen und mathematischer Modellbildung, führt zu gänzlich neuen
Formen technischen Konstruierens und erfordert ein Umgangswissen dritter Stufe,
nämlich mit autonom-intelligenter Technik (Autopilot, Verkehrssysteme, Roboter,
automatische Produktion, synthetische Lebewesen); Legitimierung wodurch wird
sich wohl erst noch erweisen müssen (Irrgang 2008).

Technik ist die Transformation der Realität, gemäß dem Erfindungsparadigma und sie
konstituiert eine Ontologie, die historisch-dynamisch und parasitisch ist. Technische Kon-
struktion setzt zumindest technologisches Wissen impliziter Art voraus. Technologie ist ur-

22
sprünglich eine Bezeichnung für technisches Wissen, Technologie nennt man auch die
vernetzten Strukturen technischer Artefakte seit der industriellen Revolution, in denen
wissenschaftsbasiertes technologisches Wissen (Technoscience oder Technoresearch) imple-
mentiert wurde. Insofern gibt es eine prätechnologische Welt, aber keine prätechnische.
Technologisches Wissen kann man als Umgangswissen mit der Textur technischer Praxen
und Artefakte verstehen. Die moralische Bedeutsamkeit des Umgangswissens ist nicht zu
leugnen. Technische Praxis ist gleichfalls sittliche (oder unsittliche) menschliche Praxis. Denn
Umgangswissen ermöglicht Können und beruht auf Können. Dieses technologische Wissen
konstituiert eine Ontologie (Borgmann 2008, 5) und ist damit Grundlage technischer Macht
(Irrgang 2007d). im Sinne von Mächtigkeit. Umgehen Können konstituiert auf diese Art du
Weise so etwas wie ihre eigene Epistemologie.

Im Hinblick auf die Mathematisierung der Realität, die der modernen Technik zugrunde liegt,
ist auf die Gefahr der Verdinglichung und Verwechselung des mathematischen Kalküls mit
seinem phänomenalen Objekt hinzuweisen. Das wohl schlagkräftigste Argument gegen den
Nutzen empirischer Daten und für eine metastufige Absicherung der Theorieebene ist die
Entdeckung, dass ausnahmslos jeder Inhalt des Objektbereichs prinzipiell durch theoriestufige
Erklärung überbestimmt ist, ein empirischer Messwert somit bei mehr als einer Theorie oft
keine Entscheidungshilfe anbieten kann (Gallee 2003, 314-317). Die Sicherung des Steue-
rungserfolges dient der Stabilität und der Störunterdrückung im Rahmen von Technik als
Kontingenzmanagement (Hubig 2006, 181). Jedes Experiment ist in dieser Hinsicht eine Pro-
be auf Realisierbarkeit. Und über diese Modelle rekonstruieren wir unsere Welt als äußere
Welt von Mitteln unter unseren Zwecken (Hubig 2006, 199). Hubig unterscheidet vier Model-
le der Abduktion:

(1) abduktive Induktion vom Resultat auf den Fall unter anerkannten Regeln,
(2) hypostatische Abstraktion – Schluss auf die Regel,
(3) abduktive Schlüsse auf die beste Erklärung – kreative Abduktionen,
(4) abduktive Schlüsse auf die beste Erklärungsstrategie (Hubig 2006, 208-213).

Die Delegation der Verkettung von Mitteln und Zwecken an technische Systeme kann nun in
doppelter Weise vollzogen werden. Zentriert auf die Mittel wird sie an Apparate delegiert, die
die Effizienz erhöhen, die darüber hinaus vom Einsatz der Mittel zu entlasten vermögen oder
deren Einsatz unterstützen (Assistenzsysteme) und überdies qua Wahrnehmung von
Überwachungsfunktionen die Sicherheit des Mitteleinsatzes gewährleisten und sein Gelingen
garantieren. Zentriert auf die Medialität der Technik kann eine Delegation dahingehend
stattfinden, dass Systeme gleichsam als höherstufige Apparate den Handlungsraum selbst in
eine bestimmte Gestalt bringen. Wenn also Systeme derart gestaltet werden, dass bereits die
Medialität die Anwendung reguliert (typisches Beispiel ist das Ubiquitous Computing, das
darauf abzielt, unsere Handlungsumgebung selbst intelligent zu machen), dann wird nicht nur
eine Technik selbstverständlich, sondern die Medialität des Technischen wird in einer Weise
selbstverständlich, die es nicht mehr erlaubt, jenseits ihrer konkurrierenden Weltbezüge
positiver oder negativer Art wahrzunehmen und zu gestalten. Weil die Differenzerfahrung
zwischen vorgestellten und realisierten Zwecken insofern verloren geht, als die Vorstell-
barkeit von Mitteln und Zwecken selbst schon in Systemen angelegt ist, wird der Korrektur-
mechanismus in die Systeme verlegt. Die Chance einer Selbstvergewisserung der Handlungs-
vernunft geht verloren. Die Lebenswelt wird selbst virtualisiert, da die Wahrnehmbarkeit
authentischer Ursprünge ihrer Gestaltung zugunsten der Funktionalität ihrer Effekte aufgege-

23
ben ist. Unsere theoretischen und praktischen Weltbezüge werden im Grenzfall insgesamt
virtualisiert (Hubig 2006, 253f).

Eine solche Technik, die Hubig als transklassische Technik bezeichnet, ist gekennzeichnet
durch Undurchschaubarkeit, zumindest für den Alltagsverstand. Doch Undurchschaubarkeit
muss nicht zwangsläufig erfolglosen Umgang mit Technik nach sich ziehen. Für die
Beschreibung der Ingenieurmethode sind die Begriffe Wechsel, Ressource, beste Lösung und
Ungewissheit fundamental. Der Ingenieur weiß nicht, wohin er geht, wie er geht und wie er
an sein Ziel gelangen will oder ob irgendjemand sich darum kümmert, wenn er dieses tut.
Wenn er am Beginn einer Konstruktion steht, kann der Ingenieur nicht mit Sicherheit
vorhersagen, welchen Wechsel er durch sein Konstruktionsprojekt auslösen wird. Er weiß
auch nicht, welche Kosten dabei letztendlich entstehen werden. In der Regel besteht eine Zahl
von Alternativen, jede durch die Umstände limitiert. Ein ingenieurmäßiges Ziel hat einen
Weg vor sich und möchte einen Wandel durch Konstruktion bewirken. Um die angestrebte
Lösung erreichen zu können, brauchen wir entsprechende Ressourcen. Die meisten Menschen
denken über Ingenieure in Begriffen ihrer Artefakte anstelle ihrer Kunst. Die Ressourcen, die
zur Verfügung stehen, sind ein integraler Teil des technischen Problems und zusammen
definieren sie die möglichen Wege für eine Lösung. Anstelle eines Blicks auf die Antwort zu
einem Problem, wie es der Wissenschaftler tun würde, sucht der Ingenieur auch nach einer
Antwort auf ein bestehendes Problem mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln (Koen
1985, 5-9).

Die beste Lösung wird als die optimale Lösung eines technischen Problems gesehen, für die
der Ingenieur die bestmögliche Konstruktionsweise herauszufinden versucht. Ein geeigneter
Blick auf die Natur der Optimierung ist nicht ein objektives vertrauenserweckendes Modell
aus der gesellschaftlichen Perspektive, sondern es schließt die spezifischen Kriterien ein, die
nur dem Ingenieur bekannt sind (Koen 1985, 10-12). Eine Heuristik garantiert keine Lösung.
Sie kann möglicherweise anderen Heuristiken widersprechen. Eine Heuristik reduziert die
Suchzeit im Hinblick auf Problemlösung und eine Heuristik bzw. ihre Anerkennung hängt ab
von dem unmittelbaren Kontext mehr als von einem absoluten Standard (Koen 1985, 17).
Einige Probleme beim Konstruieren sind so ernsthaft und dafür geeignet, weil Strategien, um
das Problem zu lösen, entweder nicht vorhanden oder so zeitaufwendig sind, dass eine
heuristische Lösung einer Nichtlösung vorzuziehen ist (Koen 1985, 20).

Die Ingenieursstrategie bezweckt einen wünschbaren oder gewünschten Wandel in einer


unbekannten Situation innerhalb der zur Verfügung stehenden Ressourcen und dem Gebrauch
von Heuristiken. Stand der technischen Kunst als ein Substantiv oder ein Adjektiv bezieht
sich immer auf ein Set von Heuristiken. Der Stand der technischen Kunst besteht aus einem
spezifischen Set von Heuristiken, die Konstruktion definieren im Hinblick auf ein bestimmtes
Niveau und einen bestimmten Zeitpunkt. Dieser wechselt in der Zeit und verändert sich von
Ingenieur zu Ingenieur entweder direkt, durch technische Literatur oder durch die Vollendung
einer Konstruktionsaufgabe. Verschiedene Sets von Heuristiken werden nun gebraucht, um
(1) individuelle Ingenieure miteinander zu vergleichen, (2) verschiedene Nationen hinsicht-
lich ihres technischen Standards vergleichbar zu machen, (3) verschiedene pädagogische Stra-
tegien zu analysieren, die für die erzieherische Ingenieurskunst von Bedeutung sind und (4)
die Verknüpfung zwischen Ingenieur und Gesellschaft zu definieren (Koen 1985, 23-28). Das
allgemeine Paradigma zum Stand der Ingenieurskunst repräsentiert die beste Ingenieurspraxis
und ist der am meisten verpflichtende vernünftige praktische Standard, vor dessen Hinter-
grund der individuelle Ingenieur zu bewerten ist. Es handelt sich dabei um einen relativen
Standard. Spezielle Aufmerksamkeit ist erforderlich, die es dem Ingenieur erlaubt, eine Heuri-
stik zu suchen, die herangezogen werden kann, um den persönlichen Ingenieurszustand mit

24
dem Zustand oder dem Stand der Kunst der besten Ingenieurspraxis zu vergleichen (Koen
1985, 39-42).

Die Taxonomie der Ingenieursheuristiken umfasst

(1) einige Faustregeln und Größenordnungen,


(2) einige Sicherheitsfaktoren,
(3) einige Heuristiken, die des Ingenieurs Haltung gegenüber seinem Werk
definieren,
(4) einige Heuristiken die Ingenieure beibehalten, um das Risiko in akzeptable
Grenzen zu halten, und
(5) einige Faustregeln, die bedeutend sind für die Ressourcenverfügung (Koen 1985,
45).

Zentral ist die Aufgabe des Ingenieurs Antworten zu geben, wenn er gefragt wird und die
Bestimmung seines Werkes an den Grenzen lösbarer Probleme. Der Ingenieur ist also im
Allgemeinen optimistisch und überzeugt, dass ein Problem gelöst werden kann, wenn es nicht
schon anderweitig gelöst worden ist und er versucht, es mit so wenig Aufwand wie möglich
zu betreiben. Falls er Teammitglied ist, empfängt er die Ehren nur anonym. Wichtig sind
risikokontrollierende Heuristiken die insofern darauf hinauslaufen, dass zunächst kleine
Änderungen im Rahmen des Standes der Kunst gemacht werden, um Risiko zu minimieren
(Koen 1985, 49-51). Die Ingenieurskunst lässt sich nicht auf einen einfachen Versuch und Irr-
tumsprozedur reduzieren. Tatsächlich ist die Ingenieurskunst eine zielgerichtete problem-
lösende Aktivität. Allerdings ist diese neutrale Definition der Ingenieurskunst als ziel-
gerichtete Aktivität keine große Hilfe, denn sie charakterisiert menschliches Handeln
überhaupt (Koen 1985, 65-67). Die Benutzung von Ingenieursheuristiken fokussiert die Auf-
merksamkeit auf den zur Diskussion stehenden Punkt (Koen 1985, 72).

Die Ingenieursmethode wird in dem Buch von Billy Vaughan Koen „Discussion of The
Method“ als Prototyp der Suche nach der universalen Methode angesehen. Die Ingenieurs-
methode ist die Strategie um die beste Veränderung in einer nur wenig verstandenen Situation
mit den zur Verfügung stehenden Ressourcen zu verursachen. Von einem Ingenieurs-
standpunkt aus sind nicht alle Veränderungssituationen oder alle möglichen Zwecke gleich
wünschenswert. Der Ingenieur sucht seine Lösung jeweils im Rahmen der zur Verfügung
stehenden Ressourcen. Die letzte Schwierigkeit ist die des Hervorrufens eines Wandels, den
ein ingenieurmäßiger Zweck, Ziel oder Weg mit Hilfe von Konstruktion impliziert. Im
Vergleich zu einem wissenschaftlichen Problem hängt ein technisches von Ressourcen ab.
Geld und Zeit müssen für ein Unternehmen zu Hilfe gezogen werden und dies sind ganz klar
Ressourcen aber von welchem Interesse und welchem Einsatz. Die vier Charakteristiken eines
Ingenieursproblems bestehen im Wandel, in den Ressourcen, im Besten und in der Ungewiss-
heit. Es liegt der ingenieurmäßigen Methode eine Optimierungstheorie zugrunde. Das Beste
wird redundant definiert, indem das bestehende Konstruktionswissen konstruiert wird. Dies
setzt ein allgemeines Maß für Güte voraus. Obwohl die theoretische Vorgehensweise um die
bestmögliche Konstruktion zu bestimmen wohl definiert ist, ist es die praktische Verfahrens-
weise nicht. In einigen komplizierten Ingenieursprojekten haben wir die experimentelle Evi-
denz, dass das zugrundeliegende System letztendlich gewählt worden ist im Hinblick auf das,
was in einer Gesellschaft als defizient gilt. Das Kriterium ist die bestmögliche und best-
erreichbare Lösung aus dem Blickwinkel und der Perspektive eines spezifischen Ingenieurs
(Koen 2003, 7-24).

25
Um die Beziehung zwischen der Ingenieurskonstruktion und der Heuristik definieren und
analysieren zu können, gibt es folgende Bereiche, die eine vorläufige Definition der Inge-
nieursmethode anbieten. Um den technischen Ausdruck Heuristik verstehen zu können, ist es
erforderlich, die Ingenieursstrategie für Wandel (1), den Stand der technischen Kunst (2), die
Hauptregel für die Einführung der Ingenieursmethode (3) zu definieren. Die Ingenieurs-
konstruktion ist das Wesen der Ingenieurskunst. Die Ingenieursmethode beruht auf dem
Gebrauch von Heuristiken, um den bestmöglichen Wandel in einer nur unvollständig
verstandenen Situation mit Hilfe der zur Verfügung stehenden Ressourcen zu bewirken. Die
heuristische Methode definiert ihre wesentlichen Bestandteile, Synonyme und Charakte-
ristiken im Hinblick auf bestimmte konkrete Beispiele. Eine Heuristik bietet eine plausible
Hilfe oder eine Wegweisung zur Lösung eines Problems, bleibt aber in der Endanalyse unge-
rechtfertigt, unfähig zur Rechtfertigung und möglicherweise fallibel. Heuristiken sind
charakterisiert durch folgende Aussagen: (1) eine Heuristik garantiert keine Lösung; (2) eine
Heuristik widerspricht möglicherweise anderen Heuristiken; (3) sie reduziert die Zeit, die
nötig ist für die Lösung eines Problems, und ihre Akzeptanz hängt ab von dem unmittelbaren
Kontext und nicht von einem absoluten Standard (Koen 2003, 28f).

Daher führt eine gute Faustregel in schmalen Schritten von dem Bekannten zu dem
Unbekannten. Ein Set von Heuristiken kann auch in ein Unterset unterteilt werden. Im
Unterschied zu wissenschaftlichen Theorien können sich zwei Heuristiken widersprechen
oder unterschiedliche Antworten zu demselben Problem geben und bleiben dennoch nützlich.
Voraussetzungen für die Anwendung von Heuristiken: Einige der Ingenieur-Probleme sind so
gravierend und geeignete wissenschaftliche Techniken, um diese Probleme zu lösen, sind
entweder nicht vorhanden oder so zeitaufwendig, dass eine heuristische Lösung dem vorzu-
ziehen ist. Insofern kann die Heuristik als eine Annäherung an die Realität verstanden werden.
Synonyme für Heuristik bedeuten in Französisch richtige Nase haben, in Deutsch die Faust-
regel, in Japan Augenmaß und in Russisch das Fingerspitzengefühl. Alle diese Begriffe sind
plausibel in der Beschreibung dessen, wie der Ingenieur vorgeht, auf jeden Fall fallibel und
basierend auf Erfahrung, die nötig ist, um Probleme zu lösen. Der geeignete Punkt in einem
Projekt ist, die Konstruktionsmethode zu bestimmen und Ressourcen zu sammeln, bis die
Kosten des Nichtwissens die Kosten des Herausfindens übersteigen. Die Allokation von
ausreichenden Ressourcen ist dabei das schwächste Glied. Und Problemlösung durch nach-
folgende Annäherung ist ebenfalls wichtig (Koen 2003, 29-35).

Manche Heuristiken sind so wichtig, dass in bestimmten begrenzten Fällen der Ingenieur eine
theoretische Ausformulierung für dieses Problem in Form von Algorithmen zur Lösung
vornimmt. Die zur Koordination so vieler verschiedener Aufgaben notwendigen Bedingungen
müssen berechnet werden, um große Ingenieursprojekte zu vollenden. Wichtig ist für eine
Heuristik, dass Probleme durch aufeinanderfolgende Approximation gelöst werden (Koen
2003, 37f). Der Stand der Technik als Substantiv oder als Adjektiv wurde in der Regel auf ein
Set von Heuristiken angewendet. Da verschiedene heuristische Sets möglich sind, gibt es
verschiedene Stände der Kunst und damit Verwirrung vermieden wird, sollte darauf
verwiesen werden, welche ihrer Teile noch zur Diskussion stehen. Der Stand der Kunst ist ein
in sich verknüpftes Netzwerk von Heuristiken, die kontrollieren, sich gegenseitig anheben und
sich gegenseitig bestärken. Verschiedene Faustregeln sind verfügbar, um die Zahl der Ping
Pong Bälle in einem Raum zu berechnen, und aus diesem Grunde bedarf es einer zusätzlichen
Heuristik, um die geeignetste Faustregel in jeder Situation zu finden. Diese Heuristik dient
nicht direkt dazu, die Zahl der Ping Pong Bälle abzuschätzen, sondern soll die Wahl zwischen
verschiedenen Strategien ermöglichen. Der junge Ingenieur entwickelt sein eigenes Set von
Heuristiken so lange er in seinem Beruf lebt und er am Anwachsen des Standes der Technik

26
beteiligt ist (Koen 2003, 42-47). Die Definition einer Methode schließt das Wissen um ihren
Gebrauch nicht ein (Koen 2003, 57).

Die Ingenieurslösung eines Problems hat keine Realität außerhalb der verwendeten Heu-
ristiken und muss ihnen folgen. Alles im Bereich des Engineerings ist eine Heuristik.
Heuristik beruht auf Induktion (Koen 2003, 62-65). Es gibt Heuristiken, die das Risiko kon-
trollieren sollen. Eine Heuristik besagt, dass wissenschaftliche Methoden angewendet werden
sollen, sofern sie geeignet sind. Ansonsten genügt das wissenschaftliche Versuchen und Irren.
Dass Heuristiken im Ingenieurswesen eine so hohe Erfolgsrate haben liegt daran, dass
Ingenieure sorgfältig vermeiden, dass sie Probleme lösen sollen, von denen sie wissen, dass
sie nicht lösbar sind. Tatsächlich ist der Ingenieur ein guter Prophet, weil er nur sich selbst
erfüllende Prophezeiungen macht. Ingenieurskunst ist so also eine problemlösende, ziel-
orientierte und bedürfniserfüllende Aktivität (Koen 2003, 89f). Eine weitere wichtige Grund-
heuristik ist, wenn alle Experten in einer Frage übereinstimmen, dann sollten wir ihre Mei-
nung sehr hoch ansetzen (Koen 2003, 129). Der Ingenieur hat schon immer seit Beginn der
Menschheit Faustregeln, Fingerzeige und das beste Urteil des Ingenieurs als Heuristiken
benutzt (Koen 2003, 225).

Technikentwicklung und Technikgestaltung gehören zusammen. Technikgestaltung bewirkt


(manchmal) kleine Veränderungen der Entwicklungspfade, die aber nicht radikal von den
bestehenden technischen wie gesellschaftlichen Vorgaben abweichen. Wichtig ist die Frage
nach den Subjekten der Veränderung wie Intellektuellen, Interessengruppen, Firmen,
Organisationen, Ingenieuren usw. Technikentwicklung entsteht durch die Kooperation vieler
technisch arbeitender Menschen, so dass das Ganze in einer allgemeinen Modellierung als
Selbstorganisationsprozess aussieht. So gibt es Modelle, die der Technik und ihrer Entwick-
lung ein Quasisubjekt hinter dem Rücken der konkret handelnden Menschen zuschreibt.
Dabei können wir noch so viel spekulieren und Theorie einsetzen. Letztlich lässt sich die
Technologieentwicklung nicht antizipieren, sondern nur ausprobieren. Dies ist mit gewissen
Risiken verbunden, nicht allzu groß in vielen Bereichen, wenn man die erfahrungsgesättigte
Ingenieursarbeit professionell betreibt. Wenn die Unterscheidung von Poiesis und Praxis
überhaupt einen Sinn macht, dann ist Poiesis routinisierte technische Praxis. Warum diese
aber minderwertig sein soll, ist so nicht einzusehen. Sie verhilft vielmehr gewissen Sicher-
heitsstandards zu ihrer Realisierung. Außerdem ermöglicht sie die Entwicklung von Vertrauen
in Technik.

Die technische Konstruktionsleistung orientiert sich gemäß der Technikhermeneutik an einer


dreifachen Ordnung des Gelingens (oder Misslingens). Neben den Wert (oder das Maß) des
Funktionierens technischer Artefakte bzw. technischer Praxen tritt der Wert des Nutzens,
genauer gesagt des Dienlichen im Sinne eines ethisch qualifizierten Nutzens, eines am
Menschlichen (Bedarf usw.) orientierten Nutzens. Das technisch Machbare ist definiert durch
das Gelingen, durch das technische Können des Menschen und das Funktionieren der
Artefakte; das Dienliche durch das Glücken der Einbettung des technischen Artefaktes in
seinen anthropologisch-kulturell-sozialen Kontext. Wenn eine technische Praxis nicht gelingt,
kann sie auch nicht glücken. Technikhöhe als Zivilisationshöhe bedarf dieses doppelten
Maßes des Gelingens und Glückens, auch wenn dieses auch nicht immer leicht zu beurteilen
ist. Die Beurteilungsmaßstäbe liefern die Klugheit und das Gemeinwohl. Das „naturhafte“
Gelingen technischer Handlungen und das „vernünftige“ Glücken technischer Handlungen
sind als komplementär zu betrachten, wobei das „vernünftige“ Gelingen einer doppelten
Beurteilungsperspektive bedarf, einer pragmatischen und einer sittlichen. Der zufällige und
der planmäßige Gebrauch der Technik müssen konvergieren, soll technische Praxis insgesamt
gelingen. Technik dient nicht primär dem guten, sondern dem angenehmen Leben. Die

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komplementäre Betrachtungsweise des Funktionalen und des Nützlichen, des Technischen
und des Angenehmen sind für die Technikhermeneutik zwei Weisen des Gelingen und
Misslingen Könnens technischer Praxis. Eine Ausdifferenzierung des Praxisbegriffes ist erfor-
derlich.

Nutzung und Versorgung (Bedürfnisbefriedigung) genügen als Maß für das technische Kon-
struieren nicht. Technik um der Technik selbst willen ist höchst selten anzutreffen. Technik
dient dem Überleben (Jagd und Behausung), der Kunst (z.B. Höhlenmalerei, Musikinstru-
menten), der Religion (Begräbnisanlagen, Tempel), der Ökonomie (Handelsobjekte, Trans-
portmittel), dem Staat (Militärtechnik) und der Wissenschaft (Instrumente und Intellek-
tualtechniken). Technikhermeneutik ist die Interpretationskunst des Dienlichen unter Berück-
sichtigung des Funktionalen (Struktur der technischen Sachsysteme) in seinem Verhältnis
zum Sittlichen. Damit ergibt sich eine dreifache Ordnung der Paradigmen des Gelingens bzw.
Misslingen technischer (konstruktiver) Praxis:

(1) Das Funktionale der technischen Sachsysteme


(2) Das Dienliche technischer Sachsysteme durch Einbettung
(3) Das Sittliche technischer Praxis (Bewertung, Akzeptanz bzw. Akzeptabilität).

Dabei soll Technikhermeneutik in einer nicht-technischen, nicht-instrumentalistischen und


nicht-szientifischen Sprache über Technik bzw. technische Konstruktion reflektieren. Zentral
ist zunächst die Rahmenanalyse zur Bewertung des Gelingens bzw. Misslingens technischer
Praxis, wobei mein persönlicher Schwerpunkt im zweiten und dritten Bereich der Analyse
liegt.

Zur Konzeptualisierung technischer Konstruktionspraxis sind vier Ebenen zu unterscheiden:


1.) Das Artefakt als technisches Mittel in seinem Verlaufszyklus. 2.) Die Leitbilddimension,
d.h. die kulturelle Dimension, die Entwicklungspfade definiert und herausstellt. 3.) Die
institutionell-berufsspezifische Arbeit und 4.) die ökonomisch-politische Dimension, z.B. der
Handel. Entwicklungspfade werden in der Regel durch alle vier Aspekte konstituiert. Sie
schaffen eine Tradition und einen Ausgangspunkt für die weitere Entwicklung, der nicht
eliminiert werden kann. In diesen gehen Zufallselemente in allen Bereichen mit nötigenden,
manchmal günstigen, manchmal fatalen Folgen ein. Innovationen, selbst solche mit basalem
Charakter, setzen eine Paradigmengenese voraus. Der Normalbetrieb mit kleinen technischen
Veränderungen ist die Voraussetzung auch für technische Revolutionen im Sinne der Genese
neuer Paradigmen bzw. von Paradigmenwandel. Bei der technischen Konstruktion ist der
Paradigmenwandel vorbereitet durch einen Wandel in der Artefaktdimension. Leitbild-
dimension und Artefaktdimension durchdringen sich gegenseitig und führen zu einer Art
Selbstaufbau, Selbstorganisation und Selbstordnungsprozess, der sich in einem technischen
Entwicklungspfad manifestiert.

Die eine Quelle technischer Konstruktionspraxis ist die Baukunst, die andere die Mechanik.
Neben dem theoretischen Zugang zum Bauen und Wohnen gibt es ein Wissen, Kennen und
Verstehen der Welt des Wohnens und Bauens, das sich aus unserer Lebenserfahrung speist.
Und das Können aus Erfahrung ist viel älter als das spätere theoretische Wissen. In ver-
stehend-hinnehmendem Umgang mit Architektur lassen wir uns von ihr ansprechen. Das
Wohnen erfüllt eine menschliche Bedürftigkeit. Es ist die vorzügliche Art des Menschen, sich
in der Welt zu halten. Bedeutungsgenetisch kompliziert das Wort Wohnen eine Haltung wie:
bleiben wollen und zufrieden sein. Diesem Wohnen im weitesten Sinne dient das Bauen.
Wohnen und Bauen sind untrennbar mit der Situation des Menschen verknüpft, wie sie die

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philosophische Anthropologie und Kultursoziologie immer wieder beschrieben haben (Hahn
2002, 3-6). Architektur ist immer Architektur in einer Umwelt und Umgebung. Sie wird stets
betrachtet mit Augen, die ihr Sehen geschult haben, in einer bestimmten Zeit und Geschichte
und an bestimmten Beispielen und Gegenbeispielen gemacht. Es gibt kein Betrachten von
Architektur, ohne einen Standpunkt, eine Perspektive. Die architektonisch gestaltete Umwelt
und Umgebung ist eine kulturelle, eine sinnausdrückende Umwelt (Hahn 2002, 7f). Das
Bauen ist eine gezielte Reaktion und Antwort auf unsere Leiblichkeit. Es ergänzt das Wohnen
und gibt ihm einen zeitlich-historischen ebenso wie räumlich-örtlichen Ausdruck. Der
Architekt kann das Wohnen weder erfinden, noch machen oder herstellen. Er kann nur das
herbringen, was es schon an sich gibt. Jedes Werkzeug hat also diese beiden Seiten: Ausdruck
und Gebrauch (Hahn 2002, 12f), oder technisch gesehen Struktur und Funktion und der
Gebrauch im Sinne einer kulturellen Einbettung. Die pragmatisch ästhetische Architektur-
auffassung greift also auf die entsprechende Erfahrung und das implizite Wissen des Gebrau-
chen Könnens zurück.

Die frühesten Ingenieure waren Steinkonstrukteure. Bereits in den Zeiten der Jäger und
Sammler gab es von Menschen konstruierte Wohnungsstrukturen im Sinne von Schutzvor-
richtungen, die über 13 Meter lang waren, aber auch Tempel- und Grabanlagen. Mit der
Entwicklung der urbanen Zivilisationen an den großen Flusssystemen beginnt die Institutiona-
lisierung und Professionalisierung der technischen Praxis. Es entsteht im eigentlichen Sinn
technische Kultur. Architektur und die damit verbundene Konstruktionspraxis ist der Motor
dieser Entwicklung. Die Herstellungspraxis alltagstechnischer Gegenstände auf der Basis von
„tacit knowledge“ wird verfeinert. Zugleich ist hier der Anfang der Ökonomisierung der
alltagstechnischen Praxis zu sehen. Es kommt zur Produktion von Waren nur für den Handel,
nicht für den eigenen Bedarf. Edelmetalle sind die Voraussetzung für die Entwicklung von
Finanzmärkten, und eine eine Infrastruktur wird geschaffen, die die Voraussetzung ist für den
Kreislauf von Konstruktion, Produktion und Konsum technischer Mittel und Artefakte als
Grundlage für technische Praxen. Eine radikale Änderung der Konsumstrukturen und der
Konsumdichte aufgrund der Dichte des menschlichen Zusammenlebens in Städten führt zu
neuen Formen der Produktion, insbesondere zu Formen der Massenproduktion und zu neuen
Formen der Verteilung technischer Güter. Dies wiederum führte zu Inventionen im Konstruk-
tionsbereich, so dass sich mit der Einrichtung von Stadtstaaten zu einer durchgreifende Um-
strukturierung in einer ganzen Reihe von technischen Praxen kam. Insofern lässt sich in die-
sem Kreislauf von einer Umstrukturierung technischer Kultur, ja erst von der Erzeugung einer
technischen Kultur sprechen. Verschiedene Formen technischer Praxen werden in diesen
Stadtstaaten aufeinander bezogen und nicht mehr wie in früheren Stufen technischer Kultur
oder in den Vorläuferstufen technischer Kultur separat nebeneinander gepflegt. Es entsteht
zum ersten Mal noch sehr lokal begrenzt eine Vernetzung technischer Praxen und ansatzweise
eine Art von Technostruktur. Nebenbei entstehen die Schrift und die damit verbundenen
Formen kultureller Tradition, so dass auf dieser Basis auch höhere Kulturstufen anfangen
können, aufgebaut zu werden. Verbunden mit religiösen Zeremonien entwickelt sich auf der
Basis materialer Kultur eine Form von literarischer Kultur, die weitergehende Formen
kulturellen Lebens möglich macht (Irrgang 2008).

Zu den ältesten Dokumenten der Baukunst bzw. der Architektur gehören Bauzeichnungen.
Aus dem antiken Zweistromland, dem alten Ägypten, aus dem antiken Griechenland oder der
römischen Baukultur sind einige höchst interessante Baupläne erhalten. Es lohnt sich, diesen
Zeugnissen Aufmerksamkeit zu schenken, denn sie können uns Aufschlüsse über die Arbeits-
weise, die Entwurfsmethodik und die Bautechniken der antiken Baumeister vermitteln, die
aus den Bauten selbst und aus den wenigen schriftlichen Dokumenten nicht zu erschließen
sind. Es geht um eine differenziertes Bild der zeichnerischen Planungstechniken. Dabei hat

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die mangelnde Qualität der Zeichnungsträger immer wieder zu Problemen und Ein-
schränkungen geführt. Eine wichtige Frage ist hier die Maßstäblichkeit (Heisel 1993, 1-6).
Mit der Tontafeltechnik war man seit frühsumerischer Zeit technisch in der Lage, kleine
transportable Bauzeichnungen anzufertigen. Die Festlegung der Gebäudeform am Bauplatz
selbst ist wohl die älteste Planungsmethode im Bauwesen. Beginnend mit der Zeit ab 2.350 v.
Chr. sind aus dem Zweistromland eine Reihe von kleinmaßstäblichen Gebäude-, Lage- und
Stadtplänen erhalten. Der Grundriss bestimmt die Zuordnung der Räume sowie die
Anordnung der Wände und Durchgänge. Häufig ist der Plan zunächst unmaßstäblich (Heisel
1993, 8-12).

Gemäß der These von Eugene S. Ferguson sind entscheidend zur Lösung eines technischen
Problems Planzeichnungen. Bevor etwas Technisches gemacht wird, existiert es als Gedanke,
als deutliche Vorstellung oder als ein Hauch einer Möglichkeit (Ferguson 1993, 16). Erfah-
rungen, die im Umgang mit Artefakten gemacht werden, die von Handwerkern umgesetzt
werden, bilden die Grundlage für den Entwurf. Der Ingenieur entwirft mit Hilfe von Zeich-
nungen technische Artefakte. Es handelt sich um ein bildhaftes Wissen, das vom „inneren Au-
ge“ des Technikers erfasst und gezeichnet werden kann. Technische Probleme werden gestalt-
haft erfasst und gezeichnet. Seit über 500 Jahren verwenden Ingenieure Zeichnungen, um
Handwerkern zu zeigen, was sie im Sinn haben. Genauer ist die Verwendung von Zeich-
nungen im Bau seit 1235 v. Chr. nachgewiesen, eine vorherige Verwendung höchst wahr-
scheinlich, die ersten in Sumer mehr als 4.000 Jahre. Die technische Innovation beginnt mit
einer Vorstellung von einer fertigen Maschine, dem fertigen Bauwerk oder dem fertigen Gerät
(Ferguson 1993, 18). Die Zeichnungen vermitteln bildliche, nichtsprachliche Informationen.
Zeichnungen machen es darüber hinaus möglich, dass Teile von Maschinen in verschiedenen
Werkstätten angefertigt werden können.

Die Strukturierung einer technischen Problemlösung orientiert sich an der Oberflächen-


struktur des Gebildes, das technisch erzeugt werden soll, es kann zeichnerisch dargestellt oder
zeigend (deiktisch) vorgeführt werden. Das Wissen des Konstrukteurs beruht auf fortgesetzter
Erfahrung, die wie jede Form von Erfahrung „theoriegeleitet“ ist, auf experimentellen
Erkenntnissen, auf Beobachtungen von Materialien und Systemen und auf Modellbildung.
Ingenieurwissenschaften werden innerhalb vorgegebener Grenzen mathematisch und exakt
konstruiert. Sicher gibt es die mathematische Analyse eines technischen Systems und sie ist
auch erforderlich. Aber mathematische Modelle sind immer weniger komplex als wirkliche
Strukturen, als die Vorgänge oder die Maschine. Der Entwurf ist schließlich eine Erfindung
und Erfindung lässt Gedanken wirklich werden. Naturwissenschaftliches Denken aber bildet -
zumindest für Ferguson - die Realität ab, obwohl in den letzten Jahren auch im Bereich der
Naturwissenschaften die konstruktiven Elemente in der Theoriebildung immer stärker erkannt
wurden. Daher ist klar, dass Erfindung nicht angewandte Naturwissenschaft ist. Im Entwurf
werden die Elemente in einer endgültigen Form zusammengefügt. Dabei sind die Grenzen
eines Entwurfs kulturgebunden. Alle erfolgreichen Entwürfe haben Vorläufer (Ferguson
1993, 29).

Entwürfe sind angewiesen auf anschauliches Denken, auf Denken in Modellen, auf visuelle
oder taktile Bilder. Auch das durch Tast- und Muskelbewegung erworbene Wissen nicht-
sprachlicher und nichtvisueller Art ist wichtig für den technischen Entwurf. In den Entwurf
geht auch das stillschweigende Wissen und die Geschicklichkeit der Arbeiter ein. Die Stärke
der Technik liegt in der Verwurzelung ihrer Grundlagen. Hunderte von Generationen gewis-
senhafter und sorgfältiger Handwerker schufen diese Grundlagen, bewahrten das von ihren
Vorvätern erworbene technische Wissen auf, um es zu verbessern, zu erweitern und dann an
ihre Nachfahren weitergeben zu können. Hier liegen die Wurzeln des technischen Konser-

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vativismus. Angesichts der Innovation wird die Kontinuität der Tradition in der Weitergabe
technischen Wissens leicht übersehen (Ferguson 1993, 65). Ähnlich den mesopotamischen
Kulturen waren in Ägypten die Planung offizieller und sakraler Bauten von kultisch religiösen
Vorstellungen und Traditionen beeinflusst. Aus dem alten Reich sind bis heute Gebäude-
planungen nur als Grundrisse im Maßstab 1:1 auf den Fundamentplatten und als Ausriss von
Maßstababböschungen in Medum bekannt (Heisel 1993, 76-79). Eine große Zahl ägyptischer
Bauzeichnungen ist auf Kalksteintafeln aufgetragen. Solche Ostraka boten den Zeichnern im
Regelfall deutlich größere Zeichenflächen als die mesopotamischen Tontafeln. Die Papyrus-
pläne sind deutlich größer als die Pläne auf den Holz- oder Steintafeln. Sie bewegen sich mit
ursprünglichen ca. 45 mal 150 cm bzw. 41 mal 282 cm in Dimensionen, die auch bei Schrif-
tenpapyri gebräuchlich waren. Auffallend ist, dass fast alle bisher untersuchten Zeichnungen
aus dem Nil-Tal Grabanlagen, Sakralbauten oder damit zusammenhängende Anlagen zum
Inhalt haben. Unter den untersuchten Zeichnungen befindet sich nur eine Darstellung eines
Profanbaus. In ägyptischen Darstellungen sind häufig verschiedene Projektionsebenen kom-
biniert, um deren jeweiligen Vorteile zur optimalen Darstellung eines Objektes zu nutzen
(Heisel 1993, 111-120). Die Genauigkeit der Grundrisse und der Orientierungen bereits im
alten Reich lässt vermuten, dass die Bauten vor den Absteckzeremonien von Vermes-
sungsfachleuten, dem Harpedonapter, eingemessen wurden (Heisel 1993, 128).

Zweifellos waren es Meister ihrer Kunst, die in vor- und frühgeschichtlicher Zeit Silex-
knollen, Jaspis und Obsidian zuschlugen, um aus den Abschlägen Messer, Schaber, Pfeil-
spitzen und Äxte zu schleifen. Sie waren meisterlich arbeitende Handwerker, genau so wie die
ältesten Bronzegießer oder die Schmiede es waren. Ingenieure darf man sie noch nicht nen-
nen, sofern man unter dieser Bezeichnung Männer versteht, die technische Werke planen und
die Ausführung des Geplanten leitend anordnen und überwachen. Ahnherren der heutigen
Ingenieurschaft werden wir also erst dort zu suchen haben, wo es sich um die Durchführung
größerer technischer Unternehmungen handelte, wie der Bau von Pyramiden oder Tempel-
anlagen, von Bewässerungssystemen und dergleichen, so wie der damit zuweilen verbundene
Transport schwerer Lasten über weite Entfernungen hin, sie darstellten. Wir dürfen daher ver-
muten, dass die Herausbildung ingenieurmäßiger Tätigkeiten mit der Entstehung von Städten
und mit der Staatenbildung ursächlich verknüpft ist. Bereits im dritten vorchristlichen Jh. gab
es im Industal eine der sumerisch-babylonischen und altägyptischen ebenbürtigen Hochkultur
(Schimank 1961, 5).

Dabei geben Steininschriften Zeugnisse davon, dass die Anlage einer Gleitebene für die
Steinblöcke einen keineswegs so nahe liegenden Gedanken darstellte, wie wir heute, einige
Jahrhunderte später, meinen (Schimank 1961, 7). Nur für die Bürger erster Klasse galt in aller
Strenge der Grundsatz: ‚Auge um Auge, Zahn um Zahn’, und darum dürfen wir schließen,
dass sowohl der Baumeister, als auch der Schiffbauer in Babylon dem Patriziat angehörte und
diese darum angesehene Leute waren, wenn wir in den §§ 229-233: „229: wenn ein
Baumeister für jemanden ein Haus baut und es nicht fest ausführt, und das Haus, dass er
gebaut hat stürzt ein, und erschlägt den Eigentümer, so soll jener Baumeister getötet werden.
230: Wenn es den Sohn des Eigentümers erschlägt, so soll der Sohn jenes Baumeisters getötet
werden. 231: Wenn es einen Sklaven des Eigentümers erschlägt, so hat der Baumeister
Sklaven für Sklaven dem Eigentümer des Hauses zu geben. 232: Wenn es Gut vernichtet, soll
er alles, was es vernichtet hat, ersetzen, und weil er das von ihm erbaute Haus nicht fest
ausgeführt hat, so dass es einstürzte, soll er aus eigenem Besitze das eingestürzte Haus
ausführen. 233: Wenn ein Baumeister für jemanden ein Haus baut und hat es nicht völlig
ausgeführt, so soll, wenn die Mauer baufällig wird, der Baumeister von eigenem Gelde die
Mauer festmachen“. Ähnlich strengen Bestimmungen wird auch der Schiffbauer unterworfen:
„235: Wenn ein Schiffbauer ein Schiff für jemanden baut und es nicht fest fügt und wenn im

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selben Jahr das Schiff abgeschickt wird und auf der Fahrt einen Schaden erleidet, soll der
Schiffbauer das Schiff abbrechen und aus eigenem Gute solide bauen und das gut gebaute
Schiff soll er dem Schiffseigner übergeben“ (Schimank 1961, 8f).

Entwurf und Vorplanung großer Bauwerke waren in der griechischen Antike spätestens seit
dem 4. Jh. v. Chr. Aufgabe eines besonders ausgebildeten Mannes, des Architekten. Die
traditionelle Bauweise erlernte ein griechischer Architekt durch eigene Beobachtungen
und/oder eine handwerkliche Ausbildung. Die Bildung eines Architekten beruhte somit
spätestens seit der griechischen Klassik wohl nicht mehr nur auf einer handwerklichen
Ausbildung, sondern auch auf einem Studium der Fachliteratur. Vitruv betont die Bedeutung
der wissenschaftlichen Ausbildung (Heisel 1993, 157f). Die frühesten Zeugnisse zeich-
nerischer Vorplanung sind in allen Kulturen naturmaßstäbliche Grundrissvorzeichnungen. Die
Planung in natürlicher Größe an Ort und Stelle ist die älteste exakte Planungsmethode. Diese
Vorgehensweise ist so naheliegend, dass sie keiner besonderen Entwicklung bedarf. Man trifft
sie z. T. auch noch in unserer heutigen Baupraxis. Eine Planung vor Ort ist jedoch unüber-
sichtlich, aufwendig und eignet sich schlecht zu konzeptionellen Überlegungen, die jede
komplexe Bauaufgabe erfordert. Die unterschiedlichen Grundrissdarstellungen Mesopota-
miens, Ägyptens und der römischen Antike notieren stets nur wichtige raumbildende, tekto-
nische und funktionale Elemente. Entscheidend für die Anwendung und den Umfang der
zeichnerischen Planung waren, neben der formalen, funktionalen, konstruktiven und maßstäb-
lichen Komplexität eines Bauvorhabens, auch der Anspruch an die Genauigkeit der
Bauausführung und die Einhaltung wichtiger baulicher oder maßlicher Zusammenhänge. Da
die Ansichten der offiziellen Architekturen meist auch Signets des symbolischen Gehalts der
Bauten waren, besaßen sie oft eine von der Tradition vorgegebene Form. Eine zeichnerische
Notation der Gebäudeansichten war daher im Entwurfstadium wenig erforderlich. Man wuss-
te, wie eine Toranlage, eine Palastmauer oder ein Pylon prinzipiell aussahen. Baubeschrei-
bungen konnten die Bauzeichnungen nur in wenigen Bereichen ersetzen. Architektur ist
zutiefst kulturspezifisch und somit nicht ohne weiteres auf andere Kulturen zu übertragen
(Heisel 1993, 219-224).

Bei den Römern oblag die Technik überwiegend dem "architectus". Sein Aufgabenfeld
beschreibt Vitruv in "Über die Architektur". Geometrie und Baukunst gingen eine enge Ver-
bindung ein, wobei drei Teile der Architektur zu unterscheiden sind: (1) Bauen, (2) die
Herstellung von Uhren und (3) die Herstellung von Maschinen (Vitruv1991, 3-8). Die Tech-
nik der römischen Kaiserzeit war vornehmlich Staatstechnik: Straßen-, Brücken-, Aquäduk-
ten-, Kriegsmaschinen- und Hochbau. Hinzu kam die römische Bergwerkstechnik, wobei in
Spanien Silbererzbergwerke bis in 200 Meter Tiefe vorangetrieben wurden. Zu den großen
Erfindungen der römischen Technik gehören auch die Wasserräder. In keinem anderen
Bereich der antiken Technik kam es zu einem so schnellen und umfassenden Wandel wie im
römischen Bauwesen. Während nur weniger Jahrzehnte wurden völlig neue Techniken ent-
wickelt, die der Architektur zuvor ungeahnte Möglichkeiten eröffneten. Für diese Inventionen
war nicht so sehr die Verwendung neuer Werkzeuge oder Geräte entscheidend, als vielmehr
die Nutzung neuer Baumaterialien. Voraussetzung für die in der römischen Bautechnik erziel-
ten Fortschritte war die Übernahme des im Hellenismus zuerst in Süditalien entwickelten
Mörtelmauerwerkes. Mörtel, der aus Sand und Kalk hergestellt wird, besitzt die Eigenschaft
zu erhärten und ein festes Konglomerat – Gestein zu bilden (Hägermann/Schneider 1991,
261). Keiner der großen Kuppelbauten der Renaissance oder des Barock hat die Ausmaße der
Kuppel des Pantheons übertroffen. Die ästhetische Wirkung dieses Innenraumes beruht
wesentlich darauf, dass die Distanz zwischen dem Boden und dem höchsten Punkt der Kuppel
genau ihrem Durchmesser entspricht (Hägermann/Schneider 1991, 266).

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Die andere Wurzel technischer Konstruktionspraxis findet sich in den Mechanischen Künsten
und dem Bau von Maschinen. Das Segelschiff benutzte die Windkraft, so dass man das Schiff
als Maschine betrachten kann. Die Windmühle stammt aus Persien und Afghanistan (Garrison
1999, 101). Wichtig waren auch die Wassermühlen der Griechen. Die Konstruktion tech-
nischer Hilfsmittel und Artefakte ist trotz erster Ansätze der Mathematisierung und Versuche
einer wissenschaftlichen Behandlung der Mechanismen von Maschinen keine systematische
Konstruktionslehre oder gar eine Ingenieur- oder Technikwissenschaft, sondern eine Mi-
schung aus implizitem und explizitem Konstruktions- und Gebrauchswissen. Beide Arten des
technischen Wissens sind noch nicht getrennt- in beiden technischen Kulturen-, sondern ver-
weisen aufeinander. Mathematische Erklärungsversuche sind spärlich und beschränken sich
auf einige Maschinen, insbesondere Hebelwerkzeuge für den Bau und den Transport sowie
Kriegsmaschinen, die aber im Sinne von Verwissenschaftlichung und Kausalerklärung wie
auch Anwendungsversuchen nicht sehr weit gingen. Aristoteles fordert keine Übereinstim-
mung mit der Natur allgemein, sondern Sachgerechtigkeit technischen Handelns (Schneider
1989, 258).

Im Altertum kann von einer Ingenieurwissenschaft oder Technikwissenschaft im engeren


Sinne noch nicht die Rede sein. Mathematik und Geometrie waren allerdings von jeher
notwendige Hilfswissenschaften bei der Errichtung von großen Bauwerken. Bei den Ägyptern
und den Babyloniern bildeten jedoch Mathematik und Geometrie im Großen und Ganzen nur
praktische Hilfswissenschaften. In Archimedes von Syrakus ist erstmals ein genialer Geo-
meter entstanden, der mit hervorragender mathematischer Begabung in hohem Maße
technisches Geschick mit praktischem Blick für mechanische Fragen verband. Archimedes
haben wir als den Vater derjenigen mathematisch-physikalischen Betrachtungsweise anzuse-
hen, die dann in der neueren Zeit, etwa seit der Renaissance, die erstaunliche Entwicklung der
technischen Mechanik bewirkte (Straub 1992, 47-49). Die ausführenden Bauhandwerker und
Arbeiter waren zum Teil Freigeborene und Freigelassene, zum Teil, vor allem bei Hand-
langerdiensten, Sklaven. Vitruv beschreibt im 10. Buch, Kapitel 2 und 3 seines Werkes über
die Baukunst verschiedene zu seiner Zeit im Gebrauch stehende Baumaschinen wie Rolle,
Flaschenzug und dergleichen, und erläutert deren Wirkungsweisen (Straub 1992, 61f).

Als Dionysos, der Tyrann von Syrakus, im Jahr 399 v. Chr. einen Feldzug gegen die Kar-
thager, die weite Gebiete im Westen Siziliens beherrschten, vorbereitete, holte er eine große
Zahl von Handwerkern aus Unteritalien sowie aus Griechenland und selbst aus den kartha-
gischen Gebieten nach Syrakus. Er zahlte hohe Löhne und motivierte die Techniker außerdem
durch große Geschenke. Auf diese Weise erreichte er, dass die Handwerker und Techniker
mit großem Engagement neue Waffen entwickelten. Besonders wichtig war der Bau neuar-
tiger Belagerungsgeräte. Dionysos reagierte damit auf die Erfahrungen des vorangegangenen
Krieges. Bei der Belagerung von Selinunt hatten die Karthager mehrere hölzerne Türme, die
die Mauern der Stadt überragten, sowie Rammböcke erfolgreich eingesetzt. Gerade die fahr-
baren Türme, von denen aus die Verteidiger der Stadt beschossen werden konnten, verschaff-
ten den Karthagern bei der Belagerung eine erdrückende Überlegenheit. Die Erfindung des
Katapultes gehörte ebenfalls zu den Rüstungsanstrengungen in Syrakus während des Jahres
399 v. Chr. (Hägermann/Schneider 1991, 187-189).

In der Antike bilden Sklaven und Werkzeuge eine funktionale Einheit. Gerade im Bereich
einer spielerischen Technik (der seltene Fall einer Technik als Selbstzweck), die nicht anwen-
dungsorientiert war, konnte sich die technische Phantasie antiker Mechaniker voll entfalten
und zu Problemlösungen gelangen, die zwar keinen Bezug zur antiken Produktion aufweisen,
aber dennoch als mechanische Erfindungen von hohem Rang anerkannt werden müssen. Eine
technische Konstruktionspraxis konnte daraus allerdings – im Gegensatz zur Architektur –

33
nicht entstehen. Dabei zeigt gerade die Pneumatik, welch enger Zusammenhang zwischen
Naturerkenntnis und Technik der Antike bestand. Das technologische Schrifttum sollte nicht
nur das vorhandene technische Wissen zusammenfassen und vermitteln, sondern durch die
mathematische Analyse mechanischer Instrumente ein Regelwissen formulieren, das weit
über die manuelle Geschicklichkeit und das Erfahrungswissen von Handwerkern hinausreicht.
Die besondere Wirkung mechanischer Instrumente wurde zum ersten Mal in den chirurgi-
schen Schriften des Corpus Hippocraticum thematisiert und beschrieben (Schneider 1992,
201-209). Heron entwickelte eine große Anzahl von Automaten, Maschinen, die mit Dampf
oder heißer Luft arbeiteten. Es blieben Kuriositäten: eine Wasserorgel, Tempeltüren, die sich
öffneten und schlossen, Puppen die sich bewegten und tanzten und eine Dampfturbine.
Warum nutzte man das erworbene Wissen mit Dampf und Luftdruck nicht, um Maschinen
und Apparate für die Betriebe zu mechanisieren? In Griechenland war die starre Trennung der
gesellschaftlichen Klassen die Ursache dafür, dass es nicht zu einer Industriellen Revolution
kam. Die Oberschicht, die Bürger hätten die Zeit gehabt, sich mit Wissenschaft und
Erfindungen zu beschäftigen. Mit der Unterschicht, den Handwerkern, Landarbeitern und
Sklaven, hatten sie aber keinen Kontakt, ganz zu schweigen davon, dass sie Erneuerungen
unterstützt hätten. Die griechischen Bürger sahen lediglich geringschätzig auf das Handwerk
nieder. Die soziale Kluft war nicht zu überbrücken.

Heron hat die Schwächen der mechanischen Instrumente gesehen und diskutiert. Er be-
schränkte sich nicht darauf, die Geräte zu beschreiben, sondern er bemühte sich, klare Anwei-
sungen für ihre Herstellung zu geben. Dieser Abschnitt der Mechanik richtet sich also an
Praktiker und zielt auf eine Anwendung der mechanischen Kenntnisse im Bereich des Bau-
gewerbes und der Landwirtschaft ab. Damit kann im Hellenismus bereits von einer Kon-
struktionslehre im eigentlichen Sinn gesprochen werden. Aber es handelt sich bei Heron noch
um eine isolierte Lehre von der Konstruktion, die sich auf die Anleitung zur Herstellung
(Konstruktion) mechanischer Mittel (insbesondere Maschinen) beschränkte. Eine praxisbezo-
gene mechanische Technikwissenschaft findet sich zumindest in Ansätzen. Es handelt sich
allerdings nicht um eine Konstruktionswissenschaft im Sinne der Technikwissenschaften des
19. und 20. Jh., sondern um eine Art von Konstruktionskunst. Ferner ist bei Heron ein
Interesse an der Sicherheit der arbeitenden Menschen und an der Vermeidung von Arbeits-
unfällen erkennbar. So weist er ausdrücklich auf die Gefahr hin, dass auf einer Baustelle ein
herabfallender Steinblock Arbeiter treffen könnte, und die Seilwindenpresse wird als unsicher
bezeichnet, weil beim Drehen der Winde der Hebel aufbrechen oder aus seiner Lagerung
rutschen kann, so dass der Stein fällt und dabei Menschen verletzt (Schneider 1992, 213-215).
Der technische Fortschritt vollzog sich in den verschiedenen Epochen der griechischen und
römischen Geschichte und in den einzelnen Regionen des Mittelmeerraumes keineswegs
gleichförmig, vielmehr kam es unter jeweils besonderen historischen Bedingungen in einzel-
nen Zivilisationszentren zu Inventionsschüben.

In der modernen technikhistorischen Literatur wurde wiederholt kritisierend hervorgehoben,


dass die Automaten und pneumatischen Geräte eher Erstaunen und Verwunderung hervorrie-
fen als praktischen Zwecken dienen sollten. Tatsächlich gehörten die Automaten in den
Kontext des Hofes von Alexandria und hatten die Aufgabe, durch ihre überraschenden Effekte
zur Unterhaltung der höfischen Gesellschaft beizutragen. Obgleich eine Verwendung von
Automaten im Produktionsbereich nicht intendiert gewesen ist, besitzen sie eine eminente
technikhistorische Bedeutung. Für die alexandrinischen Mechaniker bestand die Möglichkeit,
frei von wirtschaftlichen Zwängen komplizierte Mechanismen zu konstruieren und zu
erproben. Da bei der Bewegung der Automaten keine großen Gewichte zu bewältigen waren,
brauchten die Techniker auch keine Rücksicht auf die Grenzen der Materialbeherrschung zu
nehmen und gelangten unter solch günstigen Umständen zu technischen Lösungen, die weit in

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die Zukunft hinauswiesen. So war das für den Antrieb der Automaten gewählte Prinzip – der
Zug eines Gewichtes – im Mittelalter grundlegend für die Funktionsweise der mechanischen
Uhr, und die Umwandlung der Rotationsbewegung in eine schlagende Bewegung in der ersten
Szene von Philons Automatentheater nahm das Prinzip der Nockenwelle vorweg, das im
mittelalterlichen Gewerbe vielfach wirtschaftlich genutzt wurde. Die Automatentechnik stellte
für die Mechaniker ein großes Experimentierfeld dar und trug so entscheidend dazu bei, das
Verständnis für komplizierte Mechanismen, vor allem für die Transmission von Bewegungen
zu erhöhen. Allerdings wurden auch einzelne Instrumente entworfen, die einen erheblichen
praktischen Nutzen besaßen (Hägermann/Schneider 1991, 205).

Eine gerechte Bewertung der Errungenschaften antiker Technik ist nur möglich, wenn man
darauf verzichtet, sie an dem in der Neuzeit Erreichten zu messen. Die an sich richtige
Feststellung, in Griechenland und Rom sei es nicht gelungen, durch Erfindung und Einsatz
von Maschinen die Arbeitsproduktivität wesentlich zu steigern, muss ergänzt werden durch
den Hinweis auf die Kumulation kleiner Fortschritte und jeweils geringfügiger Verbesserun-
gen, die jedoch in ihrer Gesamtheit nachhaltige Wirkungen auf die antike Zivilisation beses-
sen haben. Außerdem waren die Verbesserungen im technisch-konstruktiven Bereich gar
nicht so unbedeutend, im Automatenbau in hellenistischer Zeit sogar enorm, wenn es auch an
der kulturellen Einbettung der Alltagstechnik mangelte, die von der der Techno-Science
gänzlich verschieden war, was allerdings keineswegs nur an der Technikentwicklung lag.
Neben den Neuerungen in Landwirtschaft und Gewerbe sind die durchaus bahn brechenden
Leistungen auf solchen Gebieten wie der Infrastruktur oder der Mechanik zu berücksichtigen.
Außerdem darf Technik nicht nur im Kontext wirtschaftlicher Aktivität untersucht werden,
denn in der Antike waren nicht allein wirtschaftliche Zielsetzung für die technische Entwick-
lung entscheidend, sondern in vielen Fällen auch religiöse Überzeugungen, soziale Normen
oder das Bestreben, Herrschaft zu legitimieren. Auf diese Weise kann gezeigt werden, dass
Griechen und Römer einen wichtigen Beitrag zur Geschichte der europäischen Technik gelei-
stet und die Voraussetzungen für die weitere Entfaltung der technischen Kapazitäten im
Mittelalter und in der frühen Neuzeit geschaffen haben (Hägermann/Schneider 1991, 60).

Die wissenschaftliche Diskussion über die antike Technik und ihre Entwicklung konzentrierte
sich seit Hermann Diels wesentlich auf die Frage, aus welchen Gründen griechische und
römische Technik verglichen mit der Situation der Neuzeit so rückständig blieb und ein
Prozess kontinuierlichen technischen Fortschritts nicht in Gang gesetzt werden konnte. Die
Naturbeherrschung war in der Antike theoretisch antizipiert, die Tatsache, dass dies aber nicht
Realität geworden ist, wird von Gigon auf die Grenzen und den Zerfall der Naturwissenschaf-
ten zurückgeführt. In vorindustriellen Gesellschaften benötigten Inventionsprozesse normaler-
weise einen sehr langen Zeitraum (Schneider 1989, 1-4). In der Antike war technisches
Schaffen mehr oder weniger die Aufgabe der Metöken (d. h. der Fremden) und der Sklaven,
deren Zahl zu manchen Zeiten, besonders seit der hellenistischen Epoche, in Griechenland
ungemein hoch war. Im Umkreise der Alexandinischen Mechaniker allerdings kam es zu ei-
ner Verbindung von praktisch technischer Arbeit und wissenschaftlicher Erkenntnis. Die
Maschine spielte dabei kaum eine Rolle, abgesehen von Kriegsmaschinen. Im Alexandrien
des 3. Jh. v. Chr. begann jene feinmechanische Kunst des Apparatebaues zuerst zu blühen.
Das Mouseion in Alexandria, um 300 v. Chr. durch die Ptolemäer gegründet, war das größte
wissenschaftliche und technische Zentrum der damaligen Zeit (Schürmann 1991, 1). Warum
aber förderten die Ptolemäer die mechanischen Künste, wenn Sklavenarbeit oder Kapital-
mangel für die mangelnden technischen Inventionen zur Zeit der Griechen verantwortlich sein
sollten. Mit der Frage nach der gesellschaftlichen Bedeutsamkeit der Technik soll hier an die
Mechanik der Spätantike herangegangen werden. Die mechanischen Werke beschreiben die
Anwendung der fünf einfachen Werkzeuge Hebel, Keil, Rolle, Schraube und Flaschenzug

35
(Schürmann 1991, 10). Es gibt keine Überlieferung für die Gründe der staatlichen Förderung
der Mechanik zu dieser Zeit.

Mit dem beginnenden Mittelalter verändert sich das Leitbild für technische Praxis, welches
sich auch auf die technische Konstruktionspraxis auswirkt. Die Frühphase der technisch-
ökonomischen Entwicklung von der Spätantike in die fränkische Epoche der europäischen
Geschichte wurde entscheidend von mentalen und wirtschaftssozialen Veränderungen in der
Gesellschaft getragen, mit verursacht durch die theoretische Neubewertung von Arbeit,
insbesondere von Handarbeit, als sozialem Phänomen, die ihrerseits wesentlich ökonomisch-
technische Impulse auslöste. Im christlichen Verständnis ist Arbeit als Fortsetzung des
göttlichen Schöpfungswerkes zu sehen. Im Kloster, später bei Benediktus mit seiner Regel
bestimmte der göttliche Schöpfungsauftrag den Alltag der Mönche grundlegend in dem Sinne,
dass es eine Aufteilung der Stunden für Arbeit und Gebet, Lesung und Ruhe gab, wobei diese
Aufteilung grundlegend bereits durch Augustinus vorgeprägt war (Hägermann/Schneider
1991, 322-324). Technikgeschichte des Frühmittelalters ist weitgehend identisch mit Agrar-
technik, mit der Geschichte der Arbeitsgeräte, der Anspannformen und der Feldernutzung im
Rahmen der Agrarverfassung (Hägermann/Schneider 1991, 338).

Die technisch-konstruktiven Mittel, die die gotischen Baumeister dazu befähigten, mit einem
Minimum an Materialaufwand ein Maximum von Raum zu umspannen und vor allem den
Mittelschiffen ihrer Kathedralen jene von der mystischen Gläubigkeit ersehnte himmelstre-
bende Höhe zu verleihen, waren bekanntlich im Wesentlichen die folgenden: Die Aufteilung
der Mauern in tragende Pfeiler und raumabschließende (meist durch Fenster gebildete)
Füllflächen, durchgehende Verwendung des anpassungsfähigen Spitzbogens, Auflösung der
Gewölbe in stützende Rippen und zwischen diese gespannte leichte Gewölbekappen, ein
ausgebildetes System von Strebepfeilern und Strebebogen zur Aufnahme des Bogenschubs.
Es handelt sich also gewissermaßen um eine Skelettbauweise, die aber, da alle Bauglieder nur
Druckkräfte aufnehmen und weiterleiten können, ungleich komplizierter und kunstvoller
ausgebildet sein musste als unsere heutigen Systeme, die neben Pfeilern und Druckstreben
auch Zugglieder und biegungssteife Riegel zur Verfügung haben (Straub 1992, 67f).

Welche weitgehende Einsparung an Masse durch die konsequente Anwendung des ökonomi-
schen Prinzips erzielt werden konnte, lässt sich hier ablesen. Die große Materialersparnis
wurde allerdings hinsichtlich der Kosten zum Teil wieder aufgehoben durch den Arbeitsauf-
wand, den die komplizierte Konstruktion und die sorgfältige steinmetzmäßige Bearbeitung
jedes einzelnen Steines erforderten. Das höchste Zeugnis für die berufliche Erfahrung und für
das ausgebildete statische Gefühl der gotischen Baumeister bildet schließlich das kunstvolle
System von Strebepfeilern und Strebebogen. Die Formeln und mathematisch-geometrischen
Konstruktionsregeln, in denen die Berufserfahrung der Bauhütten zusammengefasst und von
Meister zu Meister überliefert wurden, bezogen sich in der Hauptsache auf Fragen der
Formgebung und Komposition. Sie hatten mit Ingenieurwissenschaft im engeren Sinne nichts
zu tun (Straub 1992, 68-70). Die Architekturentwicklung des Kirchenbaus im Mittelalter
brachte bautechnische Neuerungen mit sich und führte zur Verwendung unterschiedlicher
materieller Mittel des technischen Könnens und des künstlerischen Genius. Eine das Kon-
struktive besonders betonende Herangehensweise fand Zustimmung. Man ahnt, welchen
Massen transportiert werden mussten, um das Gelände den Erfordernissen des Bauwerks an-
zupassen und große Mengen an Baumaterial bereitzustellen. Die Gewölbe, die sich scheinbar
so selbstverständlich über die Räume spannen, enthalten große Baumassen, die der Erdbe-
schleunigung zum Trotz in großer Höhe stabil gehalten werden. Damit wird es nicht generell
möglich sein, handwerkliche Tätigkeit und konstruktive Lösungen an Stilbegriffe zu koppeln
(Conrad 1990, 8-11).

36
Es erhebt sich die Frage, ob in dieser Situation des Probierens und Lernens schriftliche
Hilfsmittel zur Verfügung standen. Unter Bezug auf Vitruvs Bücher, die in klösterlichen
Schreibschulen vervielfältigt und in Bibliotheken aufbewahrt wurden, könnte die Frage mit Ja
beantwortet werden, die vorwiegend verneinend gehaltenen Aussagen in der Forschung
werden damit begründet, dass das Bauen im Mittelalter durch rein handwerklich gebildete
Werkleute betrieben worden sei und die Kenntnis von Existenz und Inhalt der Bücher Vitruvs
in den gebildeteren, den Bauherren nahestehenden Kreisen anzunehmen sei. Diese Aussage
wird zu relativieren sein. Jeglicher manuellen Arbeit geht eine Phase geistiger Aktivität
voraus, in der Bedürfnisse, Lösungswege und Aufwendungen zueinander in Bezug gebracht
werden. Von dieser Kompetenz her erklärt sich auch die besondere Wertschätzung, deren sich
zumeist aus bürgerlichen Handwerkerstande stammenden Werkmeister erfreuten. In der An-
schauung, Macht und Reichtum sei über Gott verliehen, schlug sich Repräsentationsbedürf-
nis direkt oder indirekt nieder.

Die Regeln der Werkmeisterausbildung sind seit dem 15. Jh. in den einschlägigen Hütten- und
Steinmetz-Ordnungen fixiert (Conrad 1990, 51). Als notwendige und selbstverständliche
Grundlage für die Herstellung eines Bauwerks gilt heutigentags die Zeichnung. Sie wird ein-
mal angefertigt und danach vervielfältigt. Je nach Größe und Kompliziertheit des Bauobjektes
sind zeichnerische Darstellungen in unterschiedlicher Anzahl mit wechselnden Abbildungs-
maßstäben unumgänglich. Das geplante Bauobjekt wird durch Übersichten in starker Ver-
kleinerung als Lageplan, durch Ausführungszeichnungen, als Grundrisse, Ansichten und
Schnitte bis hin zu detaillierten Ausbildungen in natürlicher Größe fixiert. In der Phase der
Vorplanung bei der Festlegung komplizierter Details werden die Aussagen von Zeichnungen
durch Modelle ergänzt. Diese Perfektionierung ist notwendig, weil die Arbeitsteilung
zwischen projektierenden und ausführenden Baufachleuten sehr weit fortgeschritten ist. Im
Mittelalter mag die Bauplanung in mancherlei Hinsicht einfacher verlaufen sein. Weniger
fortgeschrittene Arbeitsteilung beließ Bauplanung und Bauleitung üblicherweise in den Hän-
den des Werkmeisters, ungeklärte Detailprobleme fanden im Gespräch am Arbeitsplatz ihre
Lösung. Der Baufortschritt verlief langsamer, der Werkmeister verfügte dadurch über die
Zeit, die Teillösungen dann auszuarbeiten, wenn der Bauablauf dies erforderte. Die Bauar-
beiten waren hinsichtlich der unterschiedlichen Baugewerke leichter überschaubar. Es wäre
sicher nicht richtig, einer allgemein gültigen mittelalterlichen Methode der Bauplanung
nachspüren zu wollen. Vitruv nennt in seinem ersten Buch drei Arten von Zeichnungen: den
Grundriss, das aufrechte Bild, die Ansicht und die räumliche Wiedergabe von Fassaden und
zurücktretenden Seiten (Conrad 1990, 74f).

Eine Skizze, als Vorstufe zu einer Zeichnung kann bereits einen hohen Informationsgehalt
über das tatsächliche oder beabsichtigte Aussehen eines Produktes enthalten. Die meisten der
heute bekannten alten Zeichnungen erhielten sich in den Sammlungen der Bauhütten und der
Werkmeister. Beide Sammlungsgruppen sind hinsichtlich der Eigentumsansprüche nicht
exakt trennbar. Ursache für ein mehr als hundert Jahre währendes Rätsel um Zeichnungs- und
Baumaße und das Ausweichen in angebliche und Geheimnisse Proportionierungsmethoden
sieht man heute in zwei Gründen: der Vergleich aus Zeichnungen entnommener Maße mit
vermutlich entsprechenden Bauteilen führte zu unbefriedigenden Ergebnissen, weil die
Zuordnung von Zeichnung und Bauwerk nicht zweifelsfrei sichergestellt war und weil die bis
zu 5% betragenden Maßänderungen des Schreibstoffes unberücksichtigt blieben. Weiterhin
wurde gelegentlich in zweifellos seltenen Fällen Maßeintragungen auf Zeichnungen über-
sehen. Es wird jedoch noch zu begründen sein, wie mittelalterliche Werkmeister trotz so
weniger Maßeintragungen nach den Zeichnungen arbeiten konnten. Heute weiß man, dass die
Außen- und Innenmaße der Bauten runde Dezimal- oder duodezimale Vielfache der aktuellen
Maßeinheiten betrugen. Alle überlieferten Zeichnungen lassen sich auf die von Vitruv be-

37
zeichneten Typen zurückführen. Für das Festlegen der Proportionen und Maße eines
Bauwerkes oder eines seiner Teile bzw. der anzuwendenden Schmuckelemente griffen die
Meister aller Zeiten auf den Erfahrungsschatz zurück, der in bereits geschaffenen Bauten und
gesammelten Wissen bereitstand (Conrad 1990, 77-79).

Der Bau gotischer Kathedralen zeichnete sich durch eine gänzlich neue Konstellation aus: Die
Bauten wurden größer und höher, die dabei verwendeten Steine besaßen jedoch kleinere
Formate und damit geringere Transportmassen. Das Problem verlagerte sich nunmehr vom
schwergewichtigen, aber einmaligen Transport zum sich vielfach wiederholenden Vorgang
mit kleineren Transportmassen, bei dem es um rationellen Einsatz von Arbeitskraft und
Hebezeugen bzw. Transportmitteln ging. Die Perfektionierung des Mauerwerkbaus ermög-
lichte handlichere Steinformate; nur dort, wo der Mauerwerksverband den Monolith nicht zu
ersetzen vermochte, hielt man an ihm fest. Dazu stand ein reiches Arsenal von Geräten und
Erfahrungen bereit. Jenes technische Wissen, dessen Urformen handwerklich-empirischer
Tätigkeit entwuchsen, soll im Mittelpunkt der folgenden Betrachtung stehen. In der vorlie-
genden Epoche bildeten sich seine bestimmenden methodischen Charakteristika aus: Es nahm
deskriptive Formen an, wurde stetig mit kalkulatorischen Elementen angereichert, seine
inneren Strukturen prägten sich aus. Festgehalten werden soll, dass die Ströme des techni-
schen Erfahrungswissens und der naturwissenschaftlichen Erkenntnis in der Entwicklung zu
den Ingenieurwissenschaften hinführen (Hänseroth/Mauersberger 2001, 87).

Freilich bedurfte es eines ausgedehnten Reifeprozesses, ehe beide Komponenten in wechsel-


seitiger Durchdringung und Verschmelzung zusammengeführt werden konnten. In technik-
historischen Darstellungen wird dabei oft übersehen, wie weit die Keime technik-
wissenschaftlicher Erkenntnis zurückreichen und dass sich im Mittelalter bereits ein bemer-
kenswertes Niveau ingenieurtechnischen Wissens abzuheben begann. Der Aufschwung des
technischen Wissens in der behandelten Periode war maßgeblich an den Wandel der
Bedürfnisse gebunden. Im Vorfeld der Gotik sind wesentliche bautechnische Errungen-
schaften mit dem Aufleben der karolingischen Baukunst zu konstatieren. Die mit der Reichs-
und Städtebildung verbundenen Aufgaben stellten höhere Anforderungen an das Wissen und
Können von Bauhandwerkern und Baumeistern. Entscheidende Bedeutung für den Fortschritt
im Baugeschehen West- und Mitteleuropas erlangte der sich seit dem 10. Jh. verstärkende
Übergang vom Holz- zum Steinbau bei Groß- und Gemeinschaftsbauten. Er bewirkte einen
immensen Aufschwung der Bautechnik sowie der Arbeitsorganisation, Spezialisierung und
Arbeitsteilung im Bauhandwerk (Hänseroth/Mauersberger 2001, 87).

Zum Brennpunkt dieser Fortschritte avancierte der Kirchenbau im Hoch- und Spätmittelalter.
Besondere Aufwertung erfuhren mit den komplizierten Konstruktionssystemen der Kathe-
dralen freilich die seit alters her innerhalb des bautechnischen Wissens einen exponierten
Rang einnehmenden Probleme der Standsicherheit und Festigkeit von Bauwerken. Linien-
führung und Dimensionierung von Strebebögen und Pfeilern gotischer Kirchen verweisen auf
den hohen Stand des Wissens um statisch-konstruktive Zusammenhänge sowie auf ein ausge-
prägtes statisches Gespür. Dies lässt den Schluss zu, dass auch die Fähigkeit, auf der Grund-
lage von Erfahrungswissen innerhalb enger Grenzen Gesetzmäßigkeiten von Struktur und
Funktion technischer Objekte (z.B. technischen Wissens des Kräftespiels in der Konstruktion)
intuitiv zu erfassen, eine wichtige Rolle im Kanon der technischen Kenntnisse bildet. Ein
besonderes Merkmal von Bauarbeiten aber war der sehr hohe Arbeitsaufwand für Transport-
leistungen. Er überstieg oft das Arbeitsmaß an eigentlicher Bautätigkeit vor Ort ganz erheb-
lich (Hänseroth/Mauersberger 2001, 87f).

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Bereits der Begriff Bauhütte impliziert die Möglichkeit der über die saisonal bedingte
Versatzperiode hinausgehenden Vorfertigung in der Hütte und eine darauf gegründete höhere
Kontinuität und Planmäßigkeit des Baugeschehens. Dies erhöhte auch die konstruktiven
Kompetenzen des Architekten. Hinsichtlich ihrer Funktion der Akkumulation und Fortbildung
des technischen Wissens zeigt die Bauhütte ihre besondere Relevanz vermöge ihrer Stellung
im unmittelbaren Baubetrieb. Organisationsform und Konzentration der Produktion in den
Bauhütten deuten bereits im ausgehenden 12. und 13. Jh. auf die Existenz protomanu-
faktureller Züge hin. In den Bauhütten flossen die mit der Mobilität von Handwerkern und
Baumeistern von Baustelle zu Baustelle transferierten Kenntnisse und Fähigkeiten zusammen.
Sie bildeten ungeachtet aller Imponderabilien und Lücken des Transfers und der Rezeption
von technischen Wissens im Mittelalter einen fruchtbaren Nährboden für dessen Generierung
und Verbreitung (Hänseroth/Mauersberger 2001, 90).

Die Emanzipation und der soziale Aufstieg des gotischen Architekten erreichte bald ein
Ausmaß, das die Arteficii der Renaissance ahnen lässt. Die aus dem gotischen Baubetrieb
resultierenden Anforderungen an Arbeitsteilung, Organisation und Planungsfähigkeit
(besonders auch für die Transportaufgaben) konnte nur ein neuer Architektentypus
bewältigen, der mit seinem Wissen und Können einerseits fest im Handwerk wurzelte, ande-
rerseits aber Gelegenheit erhalten hatte, sich weitgehend auf die Bauvorbereitung und damit
einhergehende Wissensanreicherung und Verbreitung zu konzentrieren. Die Frage ob und in
welchem Umfang ihn dabei das Schulwissen der Artes liberales zu Gebote stand und inwie-
weit er selbst Anteil an der wissenschaftlichen Bildung seiner Zeit hatte, wird seit geraumer
Zeit kontrovers erörtert. Im Gegensatz zu der uns durch Vitruv überlieferten Art der Wissens-
vermittlung, die auch auf formale, funktionale und ästhetische Aspekte des Bauens rekur-
rierte, lassen die Bauhüttenbücher eine Reflexion der den gotischen Kathedralen inne-
wohnenden Vorstellungen von Architektur vermissen. Dies wiederum lässt auf den hohen
Rang mündlichen Wissenstransfers und ihrer Rezeption durch persönliche Kontakte
schließen. Die von den Baumeistern zur Reproduktion des Wissens verfassten Kompendien
enthielten jene Beispiellösungen, Regeln, Rezepte, Erfahrungen und Methoden, die dem
Autor für die Bewältigung unmittelbarer Entwurf-, Fertigungs-, Transport- und Errich-
tungsaufgaben wesentlich erschienen. Die praktischen Probleme bei Hebezeugen lagen in
erster Linie bei der Festigkeit der Krankonstruktion, den Möglichkeiten der Kraftübertragung
und –übersetzung sowie in der Schwenkbarkeit und Mobilität der Hebezeuge (Hänse-
roth/Mauersberger 2001, 91-93).

Der klassische Maschinenbegriff ist weitgehend der Kriegsmaschine bzw. den vielfältigen
Hebezeugen entlehnt, die wiederum aus den einfachen Maschinen des Altertums abgeleitet
werden. Jene mechanischen Vorrichtungen (Hebel, Keil, Rolle, schiefe Ebene, Schraube,
durchziehen das mechanisch-technische Wissen wie ein roter Faden. Das Bildungsgesetz für
immer kompliziertere Maschinen scheint in der sinnvollen Variation und Modifikation
einfacher Maschinen zu liegen. Die Einbindung des maschinentechnischen Wissens in bau-
und kriegstechnische Zusammenhänge ist nicht nur logisch-genetisch bedingt, sondern folgt
auch dem beschränkten Einsatzgebiet von Maschinen bis zum Mittelalter. Erst mit dem
Aufblühen des Erzbergbaus, des Mühlenbetriebs und Manufakturwesens nahm die Darstel-
lung des maschinentechnischen Wissens zu Beginn der Neuzeit eigenständige Züge an. Die
komplizierte Problematik der Tradierung und schriftlichen Fixierung des technischen Wissens
um Bauwerke und Maschinen, auf dessen Grundlage die apostrophierten konstruktiven und
fertigungstechnischen Fortschritte wachsen konnten, lenkt unser Augenmerk auf jene mit dem
gotischen Kirchenbau entstehenden großen Bauorganisationen, die Bauhütten und in ihrem
Umkreis tätigen Baumeister (Hänseroth/Mauersberger 2001, 88f).

39
Der Begriff „artes liberales“ wird bereits in der Antike verwendet: die früheste Nennung
findet sich bei Cicero. Das Problem, dass die artes liberales selber und ein Großteil der im
Studium benutzten Texte von heidnisch-antiken Autoren stammte, bestand für die folgenden
Generationen, von denen eine ganze Reihe von Klerikern der antiken weltliche Literatur
ablehnend gegenübersteht (Binding 1998, 167f). Das Trivium umfasste Grammatik, Rhetorik
und Dialektik, das Quatrivium Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie (Binding 1998,
172). Die Aussagen der mittelalterlichen Autoren über die artes liberales, besonders die
Definition der einzelnen Fächer, sind keineswegs einheitlich. Andererseits gehen viele
Auffassungen besonders auf Boethius und Isidor von Sevilla zurück, so dass über die
karolingische Zeit hinaus eine relativ einheitliche Stellungnahme zu den artes erfolgte, von
solchen Ausnahmen wie Honorius Augustunemsis einmal abgesehen (Binding 1998, 205).
Gemeinhin bezeichnen die artes mechanicae alle körperlichen Tätigkeiten, das heißt
Handwerke, und beziehen sich auf die praktische Ausführung, die fabricatio. Die
mechanische Kunst ist die Kunst der erfahrenen Fabrikation metallischer, hölzerner und
steinerner Dinge (Binding 1998, 209).

Hugo von Saint-Victor in Paris (gestorben 1141) hob die mechanischen Künste als Wissen-
schaften mit der christlich-theoretischen Einordnung auch auf die Ebene sozialer Attraktivität.
Damit gab er dem technischen Tun eine Sinndeutung, die bis ins 14. Jh. hinein vertreten
werden sollte. Entsprechend den sieben freien Künsten erschien der Komplex der Mechanik
bei ihm ebenfalls in einer siebener Reihe: (1) Lanificium umfasste das Textilwesen mit
anderen Handwerken, die organisches Material – mit Ausnahme von Bauholz – bearbeiteten;
(2) Armatura, die Waffenkunst einschließlich der Geräteherstellung, der Bau- und der
verschiedenen Schmiedearbeit, (3) Navigatio, die Schifffahrt mit dem Handel im weitesten
Sinn, (4) Agricultura, die Landwirtschaft, (5) Venatio, die Jagd samt Fischfang und allgemei-
nem Ernährungsgewerbe, (6) Medicina, die Heilkunde, und (7) Theatrica die darstellende
Kunst. Ziel dieser Künste, die in der Summe das technisch-handwerkliche Tun des Menschen
repräsentierte, war es nach Hugos Aufgabe des wissenschaftlichen Schulwerks „Didascalion“,
die unvermeidbaren Folgen der Mangelerscheinungen, denen unser gegenwärtiges Leben
unterworfen ist, zu mildern. Um die Zuordnung der mechanischen Künste zu entsprechenden
Berufen, den Mechanicis Profissionibus, bemühten sich lexigrafische Werke, die in den
Jahrzehnten vor und nach 1200 geschrieben wurden. Deren Verfasser – Alexander Neckam,
Johannes v. Garlandia und andere – warben um Anerkennung ihrer Gegenstände durch
Klassifizierungen der Praxis. Namentlich Neckams Bücher, die in der Forschung schon lange
vor einer heutigen Alltagsgeschichte zur Beschreibung des täglichen Lebens des 12. Jh.
herangezogen worden sind, erhalten einen besonderen Wert. Albertus Magnus (1200-1280)
erkannte eine Gefahr darin, dass die Menschen die Mechanik beziehungslos weiterentwickeln
und damit zulassen würden, dass sie den Geist und die Seele sich selbst entfremde. Einige
Zeit später konnte einer seiner Schüler, der Dominikaner Thomas von Aquin (1225-1274) von
den „artes serviles“, den dienenden Künsten, eher geringschätzig sprechen, bevor in der
italienischen Renaissance unter veränderten Vorzeichen die Mechanik als Ingenieurstätigkeit
wieder einer Aufwertung erfuhr (Ludwig/Schmidtchen 1992, 26f).

Günther Binding untersucht, welche Bedeutung der früh- und hochmittelalterliche Bauherr
beim Bau einer Kirche und bei der Wahl der Bauform beabsichtigt hat. Dabei ist das
Fundament des geistlichen Bauens die Erkenntnis des Wortsinns (Binding 1998, 7f). Bedeu-
tende Bauherren waren im Mittelalter meistens zugleich angesehene und einflussreiche
Kirchenherren. Die im Reichsdienst stehenden, zumeist dem Adel entstammenden Bischöfe,
aber auch die Äbte bedeutender Klöster hatten im frühen und hohen Mittelalter nicht geringen
Einfluss auf die allgemeine Lebensgestaltung, nicht nur auf den wichtigen Bereich der
Religion und des Kultes, sondern auch auf die regionale Herrschaft und die königliche Politik.

40
Sie waren vorrangig an der Übernahme und Vermittlung der antiken Kultur beteiligt. Wenn
sich die Hinwendung der Kirchenherren zu weltlicher Macht in übertriebenem Druck äußerte,
wurden sie immer wieder zur Bescheidenheit ermahnt (Binding 1998, 35-37). Die Auflistung
der ungebildeten Herrscher zeigt, dass auch im Hochmittelalter der hohe Laienadel kaum
formal gebildet war. Dagegen wurde den Frauen des Adels, vor allem denen des Herrscher-
hauses, von früh an ein gewisses Maß literarischer Bildung und Lateinkenntnisse vermittelt
(Binding 1998, 163).

Neubauten werden toleriert oder auch gelobt, sofern sie die vorhandenen Finanzmittel nicht
überforderten und vollendet werden konnten und nicht der bauwillige Abt oder Bischof der
ambitio, dem Ehrgeiz, verfällt (Binding 1998, 241). Dieser gilt als sapiens architectus, als
weiser Architekt (Binding 1998, 247). In den Quellen des zehnten bis zwölften Jh. findet sich
mehrfach für Kirchenherren die Bezeichnung „sapiens architectus“ (Binding 1998, 263).
Auftraggeber und Nutzer waren im Mittelalter durch eine gemeinsame Kultur des
Gebrauchens verbunden. Der richtige Brauch kann plausibel gemacht werden erstens durch
den bestätigten Erfolg (Gebrauchsroutinen), zweiten durch Erfahrung im Gebrauch (Experten-
tum, Professionalität), drittens durch Regelwerk und Standartisierung (für Routinetätigkeiten).
Bis zum Mittelalter hatte sich eine dreifache Struktur des homo technicus herausgebildet und
umfasste erstens die Berufsgruppe des Architekten, zweitens die Berufsgruppe der Hand-
werker und drittens die Berufsgruppe der Mechaniker, Maschinenbauer und Mühlenbauer.
Diese Einteilung erfolgte stärker nach der Ausdifferenzierung technischer Mittel, während das
mittelalterliche Konzept der sieben mechanischen Künste die Ausdifferenzierung der techni-
schen Mittel mit sozialen Funktionen der Technik verband. Mit der Renaissance, verstärkt
aber mit der Bildung von Ingenieursschulen im Zeitalter des französischen Absolutismus
entstand der Ingenieur. Voraussetzung für diese Berufsgruppe als sozusagen viertem Stand
der Techniker war der cartesische Rationalismus und der französische Absolutismus als
Ausdruck politischer Herrschaft. Hier entwickelte der französische Sonnenkönig eine Art von
zentral gesteuerter Herrschaft mit Hilfe von Technik und technischer Macht als einer frühen
Form von Technokratie. Der Staat ist der einzige Nutzer dieser insbesondere von Ingenieuren
betriebenen Form von Technik.

Im Mittelalter wurde eine weitere Erfindung gemacht, welche den Begriff der Maschine
veränderte und die Mechanik zu überwinden half, das die treibende Kraft des Schießpulvers
nutzende Pulvergeschütz. Eine Weiterentwicklung der Mechanik findet sich nicht im
Bauwesen, sondern eher im militärischen Bereich, für den die Impetustheorie sich über den
Stand der antiken Mechanik hinaus entwickelte. Die Herstellung und Bedienung des Pulver-
geschützes machte vielerlei handwerkliche Verrichtungen nötig wie Gussarbeiten, Schmie-
den, Zimmermann und Schreinertätigkeit und die Zubereitung des Schießpulvers. So bildete
sich ein neuer Beruf, der alle diese Betätigungen umfasste, der des sogenannten Büchsen-
meisters heraus (Klemm 1999, 66-69). Die Büchsenmeister waren die eigentlichen Ingenieure
ihrer Zeit. Sie mussten, da ihnen Herstellung und Bedienung des Geschützes oblag, über
vielerlei praktisches Können auf metall- und holztechnischem Gebiet und im Bereich der
chemischen Künste verfügen. Auch einiges Wissen in der Bautechnik und praktischer
Geometrie sollten sie besitzen.

Das Schießpulver als ein Gemenge aus Holzkohle, Salpeter und Schwefel wurde im
Unterschied zu den chinesischen Experimenten mit Frühformen von Raketen und
Feuerwerkskörpern und der arabischen Nutzung für Brandsätze erst in Europa als Treibmittel
für Geschosse verwendet. Dies setzte die Erkenntnis voraus, dass der Expansionsdrang von
entzündetem Pulver als kinetische Energie genutzt werden konnte. Entgegen dem Mythos von
Berthold Schwarz, der in der Bezeichnung Schwarzpulver weiter lebt, sind die frühen

41
Feuerwaffen und ihre Ladetechnik nicht das Resultat einer einzigen Erfindung gewesen
(Ludwig/Schmidtchen 1992, 312f). Die erhalten gebliebenen Exemplare bronzener Büchsen
dokumentieren die uneingeschränkte Eignung des Werkstoffes für nahezu alle beliebigen
Größen von Feuerwaffen. Die Technik des Geschützgusses beruhte auf dem Wachsaus-
schmelzverfahren, das Leonardo da Vinci als einer der ersten schon im 15. Jh. beschrieben hat
(Ludwig/Schmidtchen 1992, 318). Kleiner dimensionierte und auf Bockgestellen montierte
Büchsen dienten den Verteidigern belagerter Plätze als sehr wirksame Defensivwaffen
(Ludwig/Schmidtchen 1992, 324). Die Kosten für Aufbau und Unterhalt von Artillerie waren
im 16. Jh. so hoch, dass nur sehr reiche Landesherren oder große und kapitalkräftige Städte
entsprechende Geschützparks zu finanzieren vermochten.

Der Ursprung der Feuerwaffen ist unklar. Die Steinbüchse besteht aus den funktionellen
Einheiten der Pulverkammer und dem Lauf. Dazu ist die Technik des Ladens erforderlich.
Rasch veränderte sich die Länge der Büchse. Ab 1370/1375 ist eine Steinbüchsenproduktion
bekannt. Gerhard Kramer verweist im Zusammenhang mit der Frage nach dem Ursprung des
Schwarzpulvers auf ein Feuerwerkerbuch eines anonymen Autors, das zwischen 1376 und
1378 abgefasst wurde. Von 1378 ist bekannt, dass von Augsburg aus die Steinbüchse ihren
Weg nach Süden fand. Über Augsburg wurde Venedig unterrichtet. Das älteste datierbare
Exemplar der Handschrift des Feuerwerkerbuches ist das der Universität Freiburg aus dem
Jahre 1432. Es gibt dabei zwei verschiedene Textschichten, eine ältere um 1380 und eine
jüngere um 1400 plus minus fünf Jahre (Kramer 1995, 93-98). Nirgendwo wird ein Mönch als
Autor erwähnt. Aber 1374 erscheint die erste Steinbüchse am Oberrhein. Nicht das Feuer
zerstörte die Gefäße, sondern der bis dahin unbekannte Druck. Berthold war als geübter
Experimentator mit dem Problem vertraut. Er nahm nur noch Salpeter, Schwefel und Kohle
und konstruierte daraus eine neue Art des Pulvers. In dem Feuerwerkerbuch wird nur die
Erfindung des Pulvers geschildert. Dabei wird auch ein vages Bild eines schwarzen Berthold
gezeichnet. Der Autor des Feuerwerkerbuchs schreibt ihm die Steinbüchse und die Erfindung
der Pulverchemie zu. Erstmals erscheint das gekörnte Pulver (Kramer 1995, 123).

Bei dem Erfinder des Pulvers und der Steinbüchse handelt es sich wohl nicht um einen
einsamen Mönch in Freiburg, sondern um einen systematischen Experimentator, um einen
Alchimist. Wahrscheinlich arbeitete er in der Umgebung Freiburgs. In einer Stadt wäre dies
nicht möglich gewesen, da Schießpulver Schießversuche implizierte. Das entscheidende
Problem war die Pulvermischung, das setzt eigentlich einen Chemiker voraus. Es lässt sich
rekonstruieren, dass Berthold 1388 gestorben ist, offenbar nach Anklage durch einen
Landesfürsten und mit hoher Wahrscheinlichkeit zum Tode verurteilt wurde. Auffällig ist,
dass die Schriften über den Erfinder des Schießpulvers alle anonym sind (Kramer 1995, 137).
Die neue Waffe war ein Angriff auf das Ritterwesen und die alte feudale Herrschaftsordnung.
Trotz der Verurteilung Bertholds wurden aber Büchsenmeister gebraucht, mussten jedoch
vorsichtig sein und offenbar anonym schreiben, um für die neue Kunst zu werben. So ist auch
die Mahnung des Berichterstatters zu verstehen, man solle sich von der öffentlichen Meinung
nicht beeinflussen lassen. Gegen den verarmenden Ritterstand, der um seine Existenz
angesichts der neuen Waffen fürchtete, verteidigt der anonyme Autor die schweren
Geschütze. So lässt sich vermuten, dass Berthold das Geschütz erfand und dafür zum Tode
verurteilt wurde. Das Geschütz selbst stellt eine einfache Wärmekraftmaschine dar, wobei die
Probleme mit dem hohen Gasdruck dazu führten, dass das Geschütz erst später erfunden
wurde. Als erster hatte Leonardo da Vinci vorgeschlagen, eine pulverbetriebene
Kraftmaschine zu bauen. Insofern geht Kramer davon aus, dass Bertholds verschollenes
Werk, das im Feuerwerksbuch zusammengefasst ist, erhalten blieb und von der Erfindung des
Pulvers bzw. des Geschützes berichtet (Kramer 1995, 142).

42
Das Schießpulver in Kombination mit der Büchse bzw. den Handfeuerwaffen und den
Kanonen war die Schlüsselerfindung des Mittelalters, die eine militärische Revolution
inklusive letztlich auch der Kolonisation auslöste. Zentral für diese war nicht die Erfindung
des Schießpulvers allein, sondern die Erfindung des Schießpulvers in Kombination mit einem
Metallrohr, das es erlaubte, Geschosse nun mit sehr viel höherer Geschwindigkeit und sehr
viel weiter zu schießen als es mit den Methoden der Chinesen möglich war. Auch die
Chinesen hatten versucht, das Schießpulver als Waffe zu gebrauchen und es kam immer
wieder zum Einsatz einfacher Feuerwaffen, die aber vor dieser Schlüsselerfindung offenbar
relativ wirkungslos waren. Die Verknüpfung von Schießpulver und Metallrohr war
Konsequenz der Experimentierkunst, allerdings einer Experimentierkunst ohne
Beweischarakter für irgendeine Theorie. Dieses Experiment war nicht ein Experiment der
modernen Naturwissenschaften gewesen, sondern ein Experiment technischen Handelns, wie
sie im Bereich der Alchimie offenbar häufiger vorgekommen sind. Die Alchimie umfasste
neben der Metallurgie und den Bergbau auch den Versuch, den Stein der Weisen zu finden
oder Menschen zu schaffen. Aus dem letzteren Grunde ist die Alchimie in Verruf geraten.
Auf der anderen Seite löste das Geschütz eine soziale Revolution aus, der Niedergang des
Ritterstands nicht zuletzt durch die Bauernaufstände, die nun mit den neuen Waffen bewaffnet
waren und die sich gegen die Landesherren aufrichten konnten, das Zeitalter der Religions-
kriege, Veränderung in der Wehrarchitektur und in der Waffentechnik. All dies waren Kon-
sequenzen einer technischen Revolution. Das Geschütz in der Kombinationseinheit von
Schießpulver und Metallrohr war eigentlich eine einfache Wärmekraftmaschine und damit in
gewisser Weise der Vorläufer der Industriellen Revolution und ohne Geschütze und Hand-
feuerwaffen wäre nicht nur die Eroberung Südamerikas keineswegs so schnell vonstatten
gegangen wie sie nachher tatsächlich erfolgt ist. Mit der Erfindung der Büchse bzw. der
Kanone beginnt die experimentell induzierte Hybridisierung europäisch-neuzeitlicher Natur-
wissenschaft, Technologie und Ökonomie, die weit über das bis dahin herrschende Handels-
paradigma hinausgeht (Irrgang 2003c; Irrgang 2006).

Kehren wir zum Schluss der Einleitung wieder zur Systematik zurück. Technikphilosophie im
engeren Sinn stellt, ganz analog zur Wissenschaftstheorie, eine Teildisziplin der theoretischen
Philosophie dar. Ihre Aufgabe ist unter anderem die Klärung von Begriffen und Methoden im
Vorfeld ethischer Diskurse. Technikdiskurse beziehen sich als Planungsdiskurse auf die
Zweckrealisierung durch geplante Technik (Baue eine Brücke oder Maschine!), d.h. auf die
Zweckrealisierung durch die Handlungskette von Plänen, Ausführen des Planes und
Verwendung der artifiziellen Resultate dieser Ausführung. Der Technikdiskurs ist, anders als
der wissenschaftsimmanente Diskurs, nicht hauptsächlich ein theoretischer Diskurs über die
Geltung von Hypothesen, sondern in vermittelter Weise ein praxisbezogener Diskurs (Hart-
mann/Janich 1998, 197f). Bedingung der Möglichkeit von technischen Artefakten ist ihre
Herstellbarkeit. Dieses wiederum bedarf einer vorgängigen Planung. Technik ist handlungs-
theoretisch allerdings keineswegs eine Frage des Könnens und der Möglichkeit überhaupt,
sondern viel eher eine Frage des Sollens und des Dürfens. Aufgabe der Technikphilosophie ist
die Analyse der Wissenstypen technischen Handelns, ihrer Geltungsbedingungen und Begrün-
dungsverfahren. Die Besonderheit poietischen Handelns liegt darin, dass seine Resultate
Relikte bilden. Da technische Artefakte relikthaft sind, können sie immer wieder eingesetzt
werden, sowohl zur Realisierung gleicher Zwecke wie auch zur Realisierung von Zwecken
(Hartmann/Janich 1998, 199-201).

Die Einführung technischer Regeln zur Formulierung technischen Wissens ist damit
verträglich, dass in der Regel verschiedene Handlungsschemata zur Realisierung von Zwek-
ken in Frage kommen: Die Werk-Mittel-Ambiguität verhindert, dass aus der intendierten
Zwecksetzung eindeutig auf Handlungsmittel geschlossen werden kann. Technische Planun-

43
gen stehen daher vor der Notwendigkeit, zwischen verschiedenen Optionen wählen zu
müssen. Gegenstandsbereiche der Technikphilosophie sind damit Aufstellung und Rechtferti-
gung einer Pragmatik technischer Regeln. Dabei ist zu berücksichtigen, dass Technik oft in
realen Kontexten funktionieren muss, in denen nicht, wie im Labor, alle relevanten
Sachverhalte hergestellt oder kontrolliert werden können. Die Basis der Rechtfertigung tech-
nischer Regeln bilden prototheoretische (zweckrelative) Rechtfertigungen von Gerätefunk-
tionsnormen der basalen (Labor-) Geräte unter der Prämisse der Einhaltung der methodischen
Ordnung. Dabei sind Unsicherheiten im technischen Wissen, Unsicherheiten hinsichtlich des
Geltungsbereiches und Unsicherheiten der Einhaltung des Geltungsbereiches zu berücksich-
tigen. Auch Widerfahrnisse im poietischen Handeln sind wichtige methodische Korrektive der
Rekonstruktion (Hartmann/Janich 1998, 204-208).

Das Handeln im Labor ist der Ausgangspunkt für moderne Technologie. Die Theorie der
Technikwissenschaften besteht in einer Theorie des technischen Wissens als eines lückenlos
und zirkelfrei begründbaren Know-how in Form von technischen Regeln. Natur- und
Technikwissenschaften unterscheiden sich in ihren primären Zwecken, der Bereitstellung
technischer Regeln, gerade nicht. Auf dieser identischen handlungstheoretischen Basis verfol-
gen sie jedoch in kulturalistischer Sicht verschiedene weitere Zwecke. Planbare Entwick-
lungen sind auch verhinderbar (Hartmann/Janich 1998, 210-213). Letztlich beruht der Kate-
gorienfehler des Evolutionismus darin, dass er versucht, die Beobachterperspektive einzu-
nehmen und die technische Entwicklung von außen zu erklären. In der Teilnehmerperspektive
jedoch stellt sich die angebliche Evolution als flexible Planung heraus (Hartmann/Janich
1998, 216). Technologischer Determinismus ist kein brauchbares theoretisches Modell zur
Erklärung sozialen Wandels. Diese Einsicht ändert nichts an der Tatsache, dass Technisie-
rungsschübe mit schicksalsgleicher Gewalt über uns hereinbrechen (Daele 1989, 197). Seit
dem 17. Jh. brechen in Europa die kulturellen Dämme gegen technische Neuerungen.
Technische Dynamik wird in einem bis dahin historisch unbekannten Ausmaß kulturell
konzessioniert. Eine funktionale, bloß technische Sichtweise der verwendeten Mittel und
damit Offenheit für Innovation gelten in einer zunehmenden Zahl privater und öffentlicher
Handlungsbereiche als normgerecht und normal (Daele 1989, 200). Die Veralltäglichung und
Gewöhnung führt zum Natürlichwerden neuer Technik. Logisch führt kein Weg vom Sein
zum Sollen. Als soziologisches und kulturelles Phänomen ist es eine Trivialität, dass neues
Tatsachenwissen unsere Wertvorstellungen verändert. Es fragt sich jedoch, ob solche Tabus
der Natürlichkeit im Hinblick auf den menschlichen Leib und seine Reproduktion dem
Ansturm neuer technischer Möglichkeiten standhalten (Daele 1989, 207-210).

Konstruktivistische Technikphilosophie verdankt sich zunächst der zentralen Einsicht, dass


Wissenschaft einer technischen Praxis erwächst. Technik aber wird wissenschaftstheoretisch
vom Rechtfertigungsdialog aus rekonstruiert. Wenn aber Wissenschaft und Technik andere
Arten von Handlungen zugrunde liegen - Begründungspraxis und Herstellungspraxis -, dann
bedarf es auch eines anderen methodologischen Rüstzeugs, um Technik zu begreifen. Aus
hermeneutischer Sichtweise stellt konstruktivistische Technikphilosophie eine Verengung auf
Rekonstruktionen in Rechtfertigungsabsicht dar. Aber technisches Handeln primär meint ein
„sich-verstehen-auf“, nicht ein „sich-rechtfertigen“. Aus wissenschaftstheoretischer Sicht auf
Technik ist die Rechtfertigungsfrage in der Tat leitend. Sie führt zu einer Theorie der
rationalen Folgenbewertung (Grunwald/Saupe 1999, 96). Technikgestaltende Praktiker stehen
mit ihren Bedürfnissen, in konkreten Einzelfällen oder auch kontinuierlich, ethische
Hilfestellung zu erhalten, außerhalb des universitären Systems. Den meisten an
Technikgestaltung Beteiligten fehlen Informationen über die jeweils andere Seite, wodurch
bereits im Vorfeld mögliche ethische Beratung verhindert wird, zum anderen sind die
Kontaktmöglichkeiten mit eher abschreckend hohem Aufwand verbunden. Es fehlt zum einen

44
der Überblick über die vorhandenen Angebote, bzw. die Nachfrage, zum anderen ein
Mechanismus, Angebot und Nachfrage zusammen zu bringen. Mit anderen Worten: es fehlt
ein funktionierender Markt. Wir brauchen einen passend gestalteten Marktplatz für Ethik in
der Technikgestaltung (Grunwald/Saupe 1999, 102-105). Sie wird allerdings von einer herme-
neutischen Technikphilosophie in wesentlichen Punkten ergänzt.

45
1. Gelehrte technische Kunstkultur, der Ingenieur und die
Ingenieurwissenschaften
In der „Querelle des anciens et des modernes" („Streit der Traditionalisten und der Moder-
nen") über den Wert der Tradition in der Bestimmung des Menschen) profiliert sich der
Fortschrittsbegriff zum ersten Mal in einer positiven Variante. Charles Perrault hat 1691 den
Siegeszug der rationalen Philosophie und der experimentellen Wissenschaften zum Anlass
genommen, Fortschritt im Sinne des wissenschaftlichen Fortschrittes zu definieren. Perrault
geht von der Überlegenheit der Modernen aus und verzeitlicht dabei das Konzept des
Fortschrittes. Der Begriff des Fortschrittes steht anfangs noch im Bann der humanistischen
„Perfectio", der Vervollkommnung des Menschen und der Menschheit. Die Formulierung der
Fortschritte der Künste und der Wissenschaften kommt bei diesem Streit am häufigsten vor.
Zwar wird in der „Querelle" der Fortschritt häufiger umschrieben als direkt versprachlicht,
aber sobald sich das neue Weltbild Bahn gebrochen hat, steht sein Leitbegriff bereit, der
freilich durch seine Rückbindung an die „perfectio" noch nicht in eine offene Zukunft
ausgreift. Neben Perrault war Bernard de Fontenelle der zweite Wortführer der Modernen. Er
versteht Fortschritt und Entwicklung analog zum Vorgang des organischen Wachstums. Hier
liegt noch das Perfektionsmodell zugrunde, das von einer Präformation des Endes im Anfang
der Geschichte ausgeht. Die wachsenden Erkenntnisse im Bereich der exakten Wissen-
schaften können nicht mit den künstlerischen Leistungen einer Zeit verglichen werden: Zu
unterscheiden ist zwischen den in einer kurzen Periode vollendbaren künstlerischen Dingen
der Einbildungskraft und der erst allmählich sich entwickelnden und nie wirklich abgeschlos-
senen Methode des Nachdenkens. Beide zu vereinen gelang ihm schließlich durch den
Kunstgriff, dass er die Menschheitsgeschichte mit der Lebenszeit und den Altersstufen der
Menschheit parallelisiert. Im epochalen Prozess der Ablösung des Zyklenmodells ist die
Fortschrittstheorie bei Fontenelle als Wendepunkt zu bezeichnen (Gembicki, Reichardt 1993,
111-114).

In der Abhandlung „Vom Wesen und Weg der geistigen Bildung“ von Vico werden nicht
unsere Wissenschaften, sondern unsere Studiermethoden mit denen der Alten verglichen. Die
Vorteile unserer Studienart in Anbetracht der Werkzeuge unserer Wissenschaften wie Mikro-
skop, Teleskop und Kompass sind mit den Nachteilen der neuen Kritik zu vergleichen,
insofern sie der klugen Einsicht im Wege stehen (Vico 1947, 7). Den Künsten dienen als
gemeinsame Werkzeuge die neue Wissenskritik und ihre Methode, die an die Stelle der
Klugheit getreten ist. Der Anatomie dient das Mikroskop, das Teleskop der Astronomie, der
Geographie endlich der Kompass. Die alten Zeiten der praktischen Erfahrung bzw. Klugheit
werden nun instrumentell ersetzt. Allgemein verehrt und gepriesen wird jedoch übergreifend
die Wahrheit. Auch wenn man im Einzelnen nicht immer ein klares Urteil zu Gunsten der
neueren Methoden fällen kann, so erscheint jedoch auch für Vico ohne Zweifel die Art und
Weise unserer Studien gegenüber der des Altertums als die wichtigere und bessere (Vico
1947, 17-19). Bei den Modernen beginnen alle Studien mit der Erkenntniskritik. Allerdings
sollte man den Jugendlichen auch den natürlichen Allgemeinsinn, den sensus communis, nahe
bringen. Denn der natürliche Allgemeinsinn ist die Norm aller praktischen Klugheit (Vico
1947, 27). Wenn wir die Wunderwerke des Altertums betrachten, so zeugen diese mehr von
ihrer Macht, als von einer Technik, in der sie uns etwa überlegen wären. Von den
schwebenden Kuppeln der Kirchen aber hat, ehe sie gebaut wurden, die Architektur selbst
erklärt, sie könnten nicht gebaut werden. Philippo Brunelleschi baute trotz aller Einwände auf

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vier frei schwebenden Punkten die ungeheuren Massen einer ins Unermessliche aufsteigenden
Kuppel. P. Perotus konstruierte nach analytischen Regeln mit allen Vermessungen ein Schiff,
von dem er hoffte, es würde alle an Beweglichkeit übertreffen; als es ins Meer kam, lief es auf
eine Klippe. Also stellt Vico in Frage, ob die moderne mathematische Methode tatsächlich
das leisten könnte, was man ihr zuschreibt und ein wirkungsvoller Ersatz für berufliche
Erfahrung darstellen kann (Vico 1947, 49-51).

Und darin besteht eigentlich der Unterschied zwischen Wissenschaft und Klugheit, dass in der
Wissenschaft diejenigen groß sind, die von einer einzigen Ursache möglichst viele Wirkungen
in der Natur ableiten, in der Klugheit aber all diejenigen Meister sind, die für eine Tatsache
möglichst viele Ursachen aufsuchen, um dann zu erschließen, welche die wahre ist. Und das
ist so, weil die Wissenschaft auf die obersten, die Klugheit auf die untersten Wahrheiten
blickt (Vico 1947, 61). Vico also plädiert für das Ziel, dass wir den Alten in der Weisheit und
in der Redekunst ebenso gleich kommen, wie wir sie im Wissen übertreffen (Vico 1947, 75).
Darin sind die Geometriker ausgezeichnet, die aus falschen Voraussetzungen und falschen
Gegebenheiten Kraft ihrer Methode folgerichtige Wahrheiten hervor gehen lassen. Denn der
Dichter lehrt durch Lust, was der Philosoph mit Strenge lehrt; beide lehren die Pflichten,
beide beschreiben die Sitten der Menschen, beide ermuntern zur Tugend und wenden vom
Laster ab; aber der Philosoph, der es mit Geschulten zu tun hat, spricht davon in allgemeinen
Begriffen – der Dichter dagegen, der sich an das Volk wendet, überzeugt durch die erhabenen
Taten und Worte seiner Personen, die er als Beispiele erdacht hat (Vico 1947, 79).

Eine Experimental- und Instrumentenkunst auf Erfahrungsbasis entwickelt sich in der Renais-
sance. Das „Kunde-“, „Kunst-„ oder „Ars“-Paradigma von Technik wurde damit aber noch
nicht verlassen. Es bildete sich aber allmählich eine gelehrte Kunstkultur technischer Art
heraus, vor deren Hintergrund allmählich ein neues technisches Berufsbild entstand, der Inge-
nieur, verbunden mit einer neuen technischen Konstruktionspraxis, die allmählich die Stufe
des Handwerkers, zumal in seiner zunftmäßigen Begrenzung überwand. So etwas wie eine
technische Intelligenz entstand im Zeitalter der Renaissance. Leonardo da Vinci gilt als erster
Künstleringenieur, wobei er eine Reihe von Vorläufern hatte. Mittlerweile hat die Forschung
deutlich gemacht, dass die meisten seiner Entwürfe eher eine Verbesserung oder eine Erwei-
terung von bereits vorhandenen Erfindungen darstellen, einige allerdings eigene Entwürfe
sind. Brunelleschi stand in enger Verbindung zur mathematischen Konstruktionslehre und
entdeckte die Zentralperspektive, der Schritt von der reinen Wahrnehmungslehre zur Abbil-
dungslehre, zum mathematisch konstruierten perspektivischen Bild war gelungen. In ver-
gleichbarer Weise entwarf Albrecht Dürer 1527 in seinem Werk über die Befestigungskunst
Anlagen, die hervorragend durchdacht und optimal konstruiert, aber aufgrund der dafür erfor-
derlich gehaltenen Abmessungen allein aus Kostengründen kaum zu realisieren waren. Auch
Leonardo da Vinci betonte den Wert der schriftlichen Überlieferung von Technik. Als er 1519
in Amboise starb, hatte die Trennung von Technik und Kunst zugunsten einer neuen
Kombination von Technik und Wissenschaft bereits begonnen. Der Prozess sollte noch zwei
Jahrhunderte andauern, an deren Ende die strikte berufliche Trennung in die ausschließlich
den Naturwissenschaften zugewandten Ingenieure und die auch weiterhin der Kunst
verbundenen Architekten stand (Ludwig, Schmidtchen 1992, 588-598).

Humanismus und Renaissance des 14. und 15. Jh. gehen von einer Rückorientierung in Kunst
und Architektur an der Antike aus – allerdings aus einer neuen Perspektive, der des kreativen
Individuums. Vitruvs Werk über Architektur wird rezipiert. Das 10. Buch über Mechanik fin-
det besonderes Interesse, wobei das geometrische Denken bei Aristoteles und bei Archimedes
vorbildlich wirken. Zentraler Anknüpfungspunkt war die römische Wölbekunst. Die Beherr-
schung der Geometrie auf der Zeichnung auf dem Brett und auf dem Riss mit dem Schnür-

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boden durch räumliche Vorstellungskraft, die Grund- und Aufrisszeichnungen zum Raum
verdichtet bis zur gestalterischen Durchdringung des Details gehören zu den Voraussetzun-
gen, um den Bauentwurf zur konstruktiven durch Bildung des Bauwerkes zur gestalterischen
Einheit zu bringen. Ebenso muss der Bauingenieur über organisatorische Fähigkeiten ver-
fügen, um den Baubetrieb zu beherrschen. Der Vergleich mit heute überrascht durch Überein-
stimmung. Der Bauingenieur musste mit privaten, halböffentlichen und öffentlichen Bauher-
ren umgehen können (Jesberg 1996, 31). Im Kontext des Humanismus und der Renaissance
entstand die Idee der ingeniösen Tätigkeiten nicht zuletzt im Rahmen der Ingenieurbaukunst.
Der Techniker hat die Aufgabe, ein Sachsystem entstehen zu lassen. Dem Architekten obliegt
die Gestaltung des Bauwerkes. Durch die Trennung von Architekt und Bauingenieur wurden
der geistige und der technische Teil im Bauwesen getrennt. Der Ingenieur ist für die
Widerstandsfähigkeit und Brauchbarkeit des baulichen Artefaktes und für die Sicherheit
gegenüber vorhersehbaren Risiken verantwortlich. Dabei wird auf Grenzwerte hin optimiert.
Dadurch entsteht die Gefahr einer Beschränkung nur auf die bautechnische Seite. Aber insge-
samt gesehen hat sich der Mensch mit seiner Technik entwickelt und seinen Lebensraum im-
mer ausgeprägter artifiziell gestaltet (Jesberg 1996, 9f).

Brunelleschi war ein neuer Typ von Ingenieur, der sich durch Vermittlung Toscanellis
(angeblich) ungeheueres geometrisches Wissen angeeignet hatte (Jesberg 1996, 46f). Der Bau
der Kuppel des Florentiner Doms folgte der Methode der ansteigenden Segel ohne (äußeres)
Gerüst durch die Errichtung zweier Schalen, die sich gegenseitig stützten. Alberti sprach vom
universal gebildeten Menschen und Antonio Averlino (1400-1469) entwarf eine Idealstadt
und das Ospedale Maggiore in Mailand (Jesberg 1996, 52). Anthropometrie und Anthropo-
morphie im Bauen wurden angestrebt. Die Lehre des zentralen Platzes wurde entdeckt und
schiffbare Kanäle zum Transport schwerer Lasten in die Idealstadt eingeführt. Die humane
und die humanistische Stadt sollten realisiert werden. Leonardo da Vinci war der Naturwis-
senschaftler als Künstler und Ingenieur. Die Idee, die jeder technischen Handlung zugrunde
liegen sollte, muss jeweils möglichst ganzheitlich sein. So waren architektonische Entschei-
dungen raumordnend und gestaltbezogen. Die Beanspruchung von Werkstoffen zur Zeit
Leonardos war nur aufgrund von Verformungen nach Bauschäden abzuschätzen. Dabei ent-
wickelte Leonardo beeindruckende Tragwerksideen. Die in einer Zeichnung implizit enthalte-
nen mathematischen Aussagen verrieten ein umfassendes Wissen.

Die Methode der anschaulichen Naturforschung, nicht die der mathematischen Beweis-
führung war der Ausgangspunkt einer humanistischen Idee der Bauingenieurkunst. Dabei
ging es um den Vergleich von Verhältnissen und Proportionen. Das forschende Denken im
Bereich der Mechanik und der Festigkeitslehre orientierte sich an der Naturforschung. Das
Gleichgewicht der Kräfte, das Kräfteparallelogramm, wurde in seiner Bedeutung von
Leonardo als einem der ersten erkannt. Hebelgesetze, Biegefestigkeit und Widerstandsmo-
ment wurden mit Eigenschaften von Werkstoffen kombiniert, so dass Kriegsmaschinen, Zen-
tralbauten und Stadtanlagen neu konstruiert werden konnten. Dies alles diente der
Vervollkommnung des Menschen, dem fundamentalen Ziel des Humanismus. Beschrieben
wird dies bei Mariano Giachomo Vanni (1382 - 1453), genannt Taccola, in seinem Werk „De
Ingeneis“ (1433) und in „De Machinis“ (1449). Zu den Handwerksingenieuren gehörte Nicolo
Tartaglia (1499/1500 -1557), der niederer Herkunft war, einen Sprachfehler hatte und mathe-
matischer Autodidakt war. Das Ingenium als Grundlage des Begriffs des Ingenieurs enthält
drei Bedeutungsdimensionen: (1) die angeborene Beschaffenheit des Menschen aus Tempera-
ment, Charakter und Sinnesart, (2) die Fähigkeit des Menschen, durch Beweglichkeit des
Denkens, Scharfsinnigkeit und Phantasie den Phänomenen zu begegnen und sie zu durch-
schauen und (3) den Einfallsreichtum des Menschen, seine Fähigkeit zur forschenden Ent-
deckung (Jesberg 1996, 61-64).

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Die ingeniöse Tätigkeit umfasste ein konzeptionelles wie auch induktives Denken und
Handeln. Es handelt sich um ein konstruktiv-entwerfendes Denken in der Praxis, wodurch
letztlich das Kunst-Konzept und Kunst-Paradigma charakterisiert ist. Die Hauptvertreter eines
humanistischen Ingenieursverständnisses waren Leonardo Bruni (1369-1444), Juan Luis
Vives (1492-1540) und Gracian Y. Morales (1601-1658). Zur humanistischen Baukultur ge-
hörten Sebastiano Serlio (1475-1553/44) und Vincenzo Scamozzi (1548-1616). Als eines der
vollkommendsten Werke dieser Idee gilt Palladios Brücke über die Brenta bei Bassano und
eine Reihe von Villen an diesem Fluss. Die Villenanlagen basierten auf einem harmonischen
Proportionssystem gemäß dem humanistischen Leitbild des Zentralbaus. Das Kuppelgewölbe
wird zum Abbild des erhobenen menschlichen Hauptes, dem Zentrum des Denkens. Auch der
Idealplan für Sankt Peter ging zunächst von einem Zentralbau aus. Dies führte zu einer
Auseinandersetzung zwischen der scholastischen Kreuzvorstellung und der humanistischen
Zentralbauidee für Sankt Peter. Michelangelo vertrat die Idee des Zentralbaus. Wesentlich
Neues für die Konstruktion brachte die Kuppel des Petersdomes nicht.

Die Begegnung zwischen Wissenschaft und Technik am Ende des 15. Jh. ist sicherlich eine
der interessantesten Konsequenzen des Humanismus. Leonardo war insgesamt betrachtet ein
Stubengelehrter, ein Bücherwurm, ein Künstler, der gleichzeitig auch Techniker und
Gelehrter war. Aber Entlehntes und Eigenes im Werke von Leonardo sind nicht einfach
voneinander zu trennen. Leonardos Aufzeichnungen sind nie eine reine Kopie. Aber die enge
Verbindung zwischen technischem und naturwissenschaftlichem Denken tritt klar zutage.
Seine Behandlung von Versuchsmodellen verweist auf die Experimentalwissenschaft voraus.
Leonardo aber war ein Prophet und kein Mann der Tat. Seine Zeichnungen und sein Sinn für
die Technik erscheinen als eine Art von Spielerei. Dieses Denken ist aber das für die damalige
Zeit typisch (Gille 1968, 7-13). Er ist eher ein Mann des Entwurfes und nicht der Kon-
struktionspraxis. Dennoch ändern sich die Leitbilder für die Konstruktionspraxis allmählich.

Als positiv ist der Einbruch der Mathematik in das scholastische Lehrwesen zu bewerten. Es
kommt zu einer gegenseitigen Durchdringung der Wissensgebiete. Italienische Fürsten
gründeten die ersten Forschungszentren. Um die Mitte des 15. Jh. war Mailand bereits ein
Zentrum der Technik. Urbino wurde ein Zentrum des Humanismus. Aus der verachteten
Technik war nunmehr am Ende der Renaissance eine der beherrschenden Tätigkeiten der
modernen Gesellschaft geworden. Der Ingenieur bekommt eine Zukunft. Es kommt zur Erfin-
dung des vierrädrigen Wagens mit lenkbarer Vorderachse, zur Erfindung von Blasebälgen für
die Eisenverhüttung. Erst im 16. Jh. begann die eigentliche Verbreitung des Hochofens und
des Tretspinnrades. Kanonen wurden möglicherweise zuerst von den Verteidigern einer Fes-
tung benutzt. Eine andere Bauweise von Festungen war durch die Kanonen erforderlich
geworden. Frankreich ging in diesem Punkt der Entwicklung voran. Der technische Humanis-
mus half zur Verbreitung der Bibel durch den Buchdruck. Am Ende des 15. Jh. waren schon
recht viele technische Werke im Druck erschienen. Die meisten Ingenieure der Renaissance
lebten in einer stark von Platon geprägten Welt (Gille 1968, 49-71).

In der Renaissance fand ein tiefgreifender Wandel der Kriegstechnik durch die Feuerwaffen
statt. Vor dem letzten Viertel des 15. Jh. hatten die Feuerwaffen aber noch keinen
entscheidenden Einfluss auf den Ausgang von Schlachten. Der typische Vertreter dieser
neuen Generation ist Leon Battista Alberti (1404-1472). Er war aber eher Forscher als
Praktiker, stammte von neureichen politischen Eltern, dessen Familie sich im politischen Exil
befand. Aufgrund der vielseitigen Erziehung in mehreren oberitalienischen Städten entwickel-
te sich sein Sinn für Wissenschaft und Technik. Viele technische Schriften sind verloren
gegangen, darunter die über die Physik und die Perspektive. Seine Abhandlung über die
Architektur stellt die Arbeitsgebiete dar, die fortan zu den Aufgabengebieten von Ingenieuren

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gehören. Sein Streben nach mathematischer und städtebaulicher Harmonie ist charakteristisch
geworden. Der eigentlich ingenieurmäßige und kriegstechnische Anteil in seinem Werk ist
jedoch noch unbedeutend. Aus seinem Werk spricht nicht der präzise Techniker, sondern ein
sich von der Wirklichkeit lösender Lehrer und Denker (Gille 1968, 110-131). Antonio
Francesco Averlino (1416-1470) war ein konkreter Techniker, aber weniger gebildet. Er
entwarf die Idealstadt Sforzinda. Ein großer Teil der technischen Literatur dieser Zeit bleibt
noch dem herkömmlichen verhaftet. Aber man spürt die Suche nach neuen Wegen besonders
im Bereich der Architektur. So lässt sich allmählich das Aufkommen universeller Ingenieure
feststellen. Der technische Fortschritt ist das Ergebnis aller Bemühungen der Praktiker und
wohl auch aus dem Hang entstanden, aufgetretene Probleme zu verallgemeinern. Lorenzo
Ghiberti (1378-1455) schrieb seine Kommentare am Ende seines Lebens. Er behandelt
Architektur, Metallurgie, Artillerie und vor allem das Gießereiwesen sowohl für Glocken wie
Geschütze. Ein zentrales Problem zu dieser Zeit stellt die Eichung der Kaliber und Visiere
dar. Es kommt insgesamt in der Renaissance zu einer Verschriftlichung der mündlichen
Tradition, allerdings erst gegen Ende (Gille 1968, 131-143).

Der Neubeginn der Ingenieurstechnik geht trotz der Phantasie der Ingenieure langsam vor
sich. Ein zentrales Gebiet des Fortschreitens im Ingenieurwesen waren Getriebe für Maschi-
nenkonstruktionen. Ein wichtiges Element war die Suche nach einem Mechanismus zur
Änderung der Geschwindigkeit. Neu war der Kurbelantrieb. Ein Schwungrad wurde ent-
wickelt für die beiden Todpunkte bei der Kreisbewegung. So entwickelte sich die Idee eines
Fliehkraftreglers. Die Getreidemühle war ein häufiger Gegenstand der Darstellung. Auch
Rammen für Bohrungen wurden häufig gezeichnet. Die Praktiker der damaligen Zeit hatten
keine Zeit zum lesen. In den nachfolgenden Generationen werden der Festungsbau und die
Mechanik Sache für Spezialisten unter den Ingenieuren (Gille 1968, 144-173). Die Ingenieure
benutzten die durch Überlieferung und handwerkliche Erfahrungen gewonnenen Erkennt-
nisse, ohne sie zum Mittelpunkt ihres Schaffens zu machen. Sie waren geprägt durch den
Zeitgeist. Der Ingenieur des hier beschriebenen Typus starb im ersten Viertel des 16. Jh. aus.
Es erfolgte eine weitere Spezialisierung. Aber alle interessierten sich weiterhin für mecha-
nische Spielereien. Das ist die letzte Bindung an die antike Tradition. Leonardo war ein ge-
schickter Zeichner von allen Arten von Maschinen, aber war er wirklich ein geschickter
Maschinenbauer? Er interessierte sich jedenfalls für Maschinen. Dabei gab es rein technisch
gesehen Schwierigkeiten bei der konkreten Verwirklichung des Kurbelantriebs. Leonardo
teilte das Streben nach Mechanisierung. Viele mechanische Probleme kann der Zeichenstift
nicht ausdrücken, nicht berücksichtigen und nicht lösen. Zwischen einer Zeichnung
Leonardos und ihrer Verwirklichung liegen oft Jahrhunderte. Die maschinentechnischen
Kenntnisse Leonardos waren insgesamt ziemlich begrenzt. Er entwarf aber und vervollkomm-
nete Textilmaschinen. Seine eigentliche Stärke war die Verbesserung von Verfahren und der
Mechanismen von Arbeitsvorgängen (Gille 1968, 220-236).

Leonardo da Vinci hat versucht, der Technik einen anderen Sinn zu geben als den der reinen
Zweckmäßigkeit und des puren Erfolgs. Wissenschaftliches Erkennen und technisches Ex-
perimentieren sollten sich miteinander verbinden. Damit stellte sich auch die Frage nach der
Methode der Erfindung. Bei der Suche nach geeigneten Getrieben konnte er diese Experimen-
tierphase verwirklichen, aber die Getriebe waren aus Holz und somit aus einem ungeeigneten
Material. Die technische Konstruktionspraxis und die Idee von ihr verändern sich. Durch die
Experimentierkunst wird Innovation zum leitenden Paradigma technischer Konstruktions-
praxis noch im Kunst-Paradigma. Es ist schlecht vorstellbar, dass er nicht begriffen hätte, dass
die Lösung der Getriebeprobleme für das ganze künftige Maschinenwesen von ausschlag-
gebender Bedeutung war. Leonardo aber verwendete die falsche Geometrie und das falsche
Material. So ging es ihm zwar um eine Art Gangschaltung, er kam aber nicht zu realisierbaren

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Resultaten. Die Suche nach Getrieben mit größerer mechanischer Festigkeit und gleichmäßi-
gerem Lauf und nach statischer Festigkeit der Bauten waren zwar die richtigen Themen, aber
seine Ansatzpunkte zur Realisierung waren letztendlich für die Lösung nicht geeignet. Im
Hinblick auf die Frage von Festigkeit von Mauern bemühte er sich um einzelne Formeln und
um die Deutung von Rissen. Dazu stellte er Biegeversuche an. Der Ingenieur begnügte sich
oft mit angenäherten Zahlen und Formeln und kam letztendlich im Hinblick auf die Theorie
des steinernen Bogens doch ein ganzes Stück voran. Er bemühte sich um Gesetze zur
Festigkeit von Säulen (Gille 1968, 242-251).

Leonardo hat Versuche mit kleinen Modellen gemacht. Er benutzte dazu gefärbtes Wasser.
Diese Experimente hatten aber ihre Grenzen: Vor allem waren es unklare sprachliche Mittel
zur Beschreibung von Experimenten, die an einer präzisen Erfassung des Untersuchten
hinderten. Er untersuchte Wasserfälle und Strudel, Wasserräder und beschrieb die Leistungen
des Rades. Wenn die Technik wissenschaftlichen Normen entsprechen soll, muss sie be-
stimmten Bedingungen genügen. Die Probleme des Messens lagen dabei zwischen Wissen-
schaft und Technik. Alle Messinstrumente von Leonardo dienen der besseren Lösung tech-
nischer Aufgaben. Auch die Gedanken Leonardos über den Dampf bewegen sich völlig in der
herkömmlichen Überlieferung. Diese knüpft an die Dampfkugel Herons an. Leonardo hat die
Geheimnisse des Dampfes nicht ergründet. Seine Zielsetzung in diesem Bereich ist nicht
wissenschaftlich, sondern pragmatisch. Dabei geht es ihm allerdings um das Streben nach
rationaler Erkenntnis (Gille 1968, 252-272).

Die Zeichnungen enthüllen nicht das ganze technische Wissen der damaligen Zeit. In der Zeit
der Renaissance setzte eine Spezialisierung in der technischen Forschung ein. Jacques Besson
und Agostino Ramelli waren Verfasser von Maschinenbüchern. Erwähnt werden vielfach
Ideen, die sich zu dieser Zeit noch nicht ausführen ließen. Größere Bauten entstanden im
Zeitalter des beginnenden Absolutismus. Auch Deichbauanlagen und Anlagen zur Land-
gewinnung gehören zu den damaligen Großprojekten. Der Frischofen und der Redu-zierofen
im Zusammenhang mit Hochöfen demonstrieren die neuen Möglichkeiten in der Verarbeitung
von Metall, insbesondere von Eisen. Ende des 15. Jh. befindet sich die Kriegstechnik in einem
tiefgreifenden Wandel. Die französische Artillerie hatte 1494 in Italien durchschlagende
Wirkung. Aufgrund des Rückgriffs auf die Antike schleppte man viele nutzlose Waffen (für
die Erstürmung fester Plätze) mit. Die Zeit des Experimentierens auf dem Gebiet des
Festungsbaus ist eindrucksvoll. Man brauchte insbesondere primitivere Naturen, die es ver-
standen, Kanonen zu gießen und Bastionen zu bauen, ohne sich mit einer überholten Vergan-
genheit zu belasten (Gille 1968, 275-309).

Die Ingenieure der Renaissance stehen dem Neubeginn der Wissenschaft sehr nahe. Es sind
aber noch immer wenig entwickelte Formen der Mathematik, die an der Universität gelehrt
werden. Ingenieure waren bemerkenswert, weil sie nicht nur Ingenieure waren, sondern an
den Bemühungen teilhatten, aus denen die neue Wissenschaft hervorging. Die Gemeinsamkeit
zwischen Wissenschaftlern und Technikern, die bis zum Ende des 18. Jh. erhalten blieb,
wurde in der Renaissance generiert. Die aufsteigende Bedeutung von Buchhaltungsfragen war
zweifellos der Ursprung der abstrakten mathematischen Spekulation. Nur die doppelte
Buchführung konnte den Begriff der negativen Zahlen prägen. Die Geometrie scheint rein
technischen Zwecken gedient zu haben. Dies kann man z.B. an der Impetus-Theorie ablesen.
Hier geht es um die Flugbahn eines Geschosses. Die Berechnung der Flugbahn eines
Geschosses war bis zu einem gewissen Grad abhängig von theoretischen Berechnungen. Aber
auch die Erfahrungen des Geschützmeisters waren relevant. Die Ballistik von Tartaglia ist auf
diesem Gebiet erwähnenswert. Giovanni Battista Benedetti (1530-1590) steht von allen
Praktikern der Renaissance der modernen Wissenschaft am nächsten und ist der unmittelbare

51
Vorgänger von Galilei. Falsche Interpretationen der Praxis waren genauso hinderlich wie
falsche Theorien (z. B. die Impetus-Theorie). Es kam zu einem Wandel der Denkmethoden
durch die Technik. Das Pendel und die Uhr: An diesen Bereichen der Mechanik wurde
deutlich, dass neue Denkformen erforderlich waren. Auch die Erfassung der kontinuierlichen
Drehbewegung, die Arbeit am Trägheitsprinzip und die Definition des Massebegriffs waren
wichtige Elemente in der Entwicklung der Ingenieurwissenschaften (Gille 1968, 311-342).
Der Hunger nach Macht treibt die Menschen zum Fortschritt.

Auch der Späthumanismus war durch eine Nähe zum Ingenieurbau gekennzeichnet und
ebenfalls an die Stadtkultur gebunden. Öffentliche Bauten, insbesondere die neuen
Universitäten, konnten aus der Stadtkultur des Späthumanismus heraus gestaltet werden.
Hinzu kam ein neues Interesse am Montanwesen, wie es sich im Werk von Agricola
manifestiert. Es geht um die Genauigkeit der Darstellung der Maschinen. Ansatzpunkt für
eine weiterentwickelte Wölbkunst waren die Hallenkirchen in Sachsen (Freiberg, Annaberg,
Pirna). Sie manifestierte sich aber auch z.B. in der Burg zu Meißen und in Prag. Der Ingenieur
wurde zum Gestalter des Raums. Die Zimmermannskunst gründet sich auf statisch-
konstruktives Wissen aus der Erfahrung und aufgrund von intuitiven Erkenntnissen über die
Verteilung der Kräfte in Zug und Druck und deren Übertragung zu Fachwerk- und
Bindekonstruktionen in gegenseitiger Abhängigkeit (Jesberg 1996, 95).

An einem Sommertag im Jahre 1455 genossen die Bürger Bolognas ein ganz unglaubliches
Schauspiel: Während ein Junge die Glocken auf dem Kirchturm von S. Maria del Tempio
zum Festtagsgeläut schlug, setzte der sich in Bewegung und wurde um einige Meter
verschoben. Inszeniert wurde dies von dem städtischen Ingenieur Aristotele Fioravanti (ca.
1415-1485). Dieser sollte zeitlebens dafür berühmt bleiben, Türme komplett zu versetzen;
leider wissen wir nicht, welche Hebe- und Zugsysteme er dabei einsetzte. Gewagte
Konstruktionen, komplexe Maschinen, logistisch anspruchsvolle Bauprojekte – wer solche
Aufgaben erfolgreich bewältigte, dem winkte nun Ruhm und Ehre. Diese Männer waren Teil
einer neuen „technischen Intelligenz“, deren Vertreter außerhalb des Zunftwesens der
Handwerker anspruchsvolle technische Aufgaben realisierten. Den Anstoß zu dieser
europäischen Entwicklung mit Zentren in Italien und den Niederlanden lieferten die Fürsten
mit ihren politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Ambitionen. Experten im Festungs-,
Wasser- und Maschinenbau verstanden sich nun als Gelehrte mit besonderen Fähigkeiten. Die
Abgrenzung untereinander war ebenso fließend wie die zum Architekten. Anspruchsvolle
technische Aufgaben stellten sich traditionell im Kirchenbau. Leonardo da Vinci war mit
seinen Studien zu Maschinenelementen und seinen Versuchen, grundsätzliche Probleme wie
die Reibung oder die Kraftübertragung zu untersuchen und dafür allgemeine Regeln
aufzustellen, ein wichtiger Bestandteil dieser gelehrten technischen Kultur (Popplow 2004,
2f).

Doch auch viele andere Zeitgenossen suchten die Leistungen von Mühlenwerken,
Wasserhebeanlagen und Hebezeug zu verbessern und der Maschinentechnik neue Anwen-
dungsgebiete zu erschließen. Das Ergebnis waren beispielsweise Mühlen, deren Wasserrad
sich je nach Pegelstand verstellen ließ, neue Arten von Nassbaggern zum Säubern von
Hafenbecken oder aber leistungsfähige Pumpwerke zur Grubenentwässerung im Bergbau.
Neben komplexer mechanischer Technik waren insbesondere Großprojekte der Karriere eines
Ingenieurs förderlich. Kanäle zur Be- und Entwässerung prägten in den Niederlanden und
auch Italien ganze Landstriche, Wasserstraßen boten im Binnenland zudem den kosten-
günstigsten Transport für Massengüter. Lukrativ und anspruchsvoll war auch der Festungs-
bau. In ganz Europa entstanden im 16. Jh. völlig neue Festungsanlagen mit ausladenden
Bastionen aufgrund der neuen Feuertechnik (Popplow 2004, 3). Wie wichtig den Territorial-

52
herren solch technischer Fortschritt war, zeigen die sog. Erfinderprivilegien, die eine
Grundlage des modernen Patentwesens darstellen. Seit dem 15. Jh. boten zahlreiche europä-
ische Herrscher Schutz vor dem unbefugten Nachbau von Erfindungen. Ausgehend von
Italien und den deutschen Bergbaugebieten wurden bis um 1600 europaweit mehrere tausend
solcher Privilegien vergeben, die meisten für kleine Innovationen der Maschinentechnik.
Dieses Rechtsinstrument sollte Ingenieure ermutigen, ihre technischen Geheimnisse zum
Wohl der Allgemeinheit preiszugeben. Um den Erfinder zu schützen, erhält dieser das
Privileg häufig schon, bevor er seine Erfindung vollständig offengelegt hatte – allerdings
musste er die Funktionsfähigkeit seiner Anlage im Laufe eines halben Jahres nachweisen,
ansonsten verfiel der Schutz vor unbefugtem Nachbau (Popplow 2004, 4).

Demgegenüber blieben die sozialen Auswirkungen der Maschinentechnik in der Renaissance


im Vergleich der industriellen Revolution des 19. Jh. doch sehr begrenzt. Mobilität war ein
zentrales Charakteristikum der Biografien dieser beginnenden Ingenieure. Technische
Zeichnungen, deren Darstellungsmöglichkeiten sich nach der Erfindung der Perspektive im
15. Jh. rapide entwickelte, spielten nun eine zentrale Rolle in der Kommunikation mit
Auftraggebern und Kollegen. Wie auch anderen gesellschaftlichen Gruppen bot der Buch-
druck den Ingenieuren ganz neue Möglichkeiten der Selbstdarstellung in der Gelehrtenkultur.
Im 16. Jh. erschienen, in Anlehnung an die mittelalterlichen Vorläufer prachtvoll gedruckte
Schaubücher der Maschinentechnik, häufig mit dem Titel „Maschinentheater“. Neu, nützlich
und erfindungsreich – mit diesen Attributen charakterisierten die Ingenieure ein um das
andere Mal ihre Projekte. Sie entstammen einer intensiven Theoriediskussion. Häufig wurden
an kleinen Modellen von Maschinenelementen einzelne technische Probleme getestet. Dabei
kam es bisweilen bei der Übertragung in den 1:1 Maßstab zu teuren Experimenten. Der
Übergang von technischem Herumexperimentieren zum wissenschaftlichen Experiment war
hier aus heutiger Perspektive durchaus fließend. War Galileio Galilei Wissenschaftler oder
Ingenieur, Leonardo da Vinci Künstler oder Erfinder? Alle diese Etiketten versagen in einer
Zeit, die für neue technische Herausforderungen noch keinen fest gefügten Karrierepfad
bereithielten. Angespornt von ständig neuen Herausforderungen seitens der Auftraggeber
eigneten sich Technikexperten Gelehrtenwissen und konfrontierte ihrerseits die Wissenschaft
mit neuen Fragestellungen (Popplow 2004, 4f).

Die technische Revolution, mit der es die Mechaniker der Renaissance und der Neuzeit zu tun
haben, besteht nicht in der bloßen Vervielfältigung des Gebrauchs der einfachen Maschinen
oder Kombinationen einfacher Maschinen. Das spezifisch neue der technischen Revolution
besteht darin, dass nicht nur Instrumente, sondern auch Bewegungen von Instrumenten
gebraucht werden, und zwar so, dass Kräfte gespart werden können. Diese Nutzbarmachung
von Bewegung setzt die Organisation der Instrumente in einem besonderen Mechanismus
voraus, der am frühesten in Mühlen verwirklicht worden ist. Die Mühle bleibt bis zum Beginn
der Industriellen Revolution der am höchsten entwickelte Maschinentypus. Zum Gebrauch der
Mühle gehört, dass ihr Räderwerk in Bewegung gehalten wird. Die Bewegung in der sie
dauerhaft gehalten wird, soll den Antrieb zur Bewegung spezieller Werkzeuge liefern. Wenn
erst einmal der Werkzeuggebrauch auch innerhalb einzelner Arbeitszweige mechanisierbar
geworden ist, besteht der weitere Verlauf der technischen Revolution innerhalb dieser
Arbeitszweige darin, die Anzahl der an die Bewegungsmaschinerie angeschlossenen
Werkzeugmaschinen zu vergrößern. Nun beginnt der Transmissionsmechanismus, der die
hinzukommenden Werkzeugmaschinen verbindet, komplexer und weitläufiger zu werden; die
mechanischen Widerstände, die die Bewegungsmaschinerie zu überwinden hat, beginnen
unverhältnismäßig zu wachsen. Das Problem des Anschwellens des Transmissionsmechanis-
mus, das zu unverhältnismäßigen Vergrößerung der Widerstände führt, wird technisch da-
durch gelöst, dass man den Transmissionsapparat gerade noch mehr vergrößert durch

53
Anbringung von Schwungelementen (Wolff 1978, 270-273). Während die Probleme des
Transmissionsmechanismus in einer sachlichen Beziehung zu Deutungen des Trägheitsphäno-
mens stehen, ist der Bewegungsmechanismus Gegenstand dynamischer Fragestellungen
(Wolff 1978, 277). Die Entdeckung der Kraftmaße fällt zusammen mit dem Ende der
Impetustheorie (Wolff 1978, 181). Eines der theoretischen Hindernisse für die antike
Mechanik, ein Kraftmaß zu finden, bestand darin, dass sie den Unterschied zwischen natür-
lichen und künstlichen Bewegungen für einen absoluten Gegensatz hielt (Wolff 1978, 297).

Für die Technisierung der Naturwissenschaften ist dabei in erster Linie von Bedeutsamkeit,
dass für Galileo die Anwendung von Instrumenten in der Naturwissenschaft ein natürlicher
Vorgang ist, um im Experiment natürliche Zusammenhänge zu erfassen. So baut er sich ein
Fernrohr aus Linsen, deren Prinzip bereits seit dem 13. Jh. bekannt ist, und wendet seinen
Blick auf die Jupitermonde, ohne zu bezweifeln, was er da mithilfe eines technischen Artefak-
tes sieht. Die Mechanik auf der Erde gilt auch im Weltraum. Eine Entgegensetzung von Natur
und Experiment gibt es nun nicht mehr. Geschult am Paduaner Aristotelismus eines Jacopo
Zabarella und dessen Betonung der Ursachenerkenntnis propagiert Galilei eine neue Bedeut-
samkeit des Experimentes. Die quantitative Bewegung wird zum Paradigma natürlicher Ab-
läufe. In dieser Quantifizierung der Natur liegt das eigentlich Neuzeitliche an der Methodo-
logie Galileis. Nominalistische und scholastische Positionen mischten sich und verbanden
sich in Italien besonders im 16. Jh. mit handwerklichen und künstlerischen Traditionen. Die
Beobachtung erhält einen zentralen Rang in der Methodik der Naturphilosophie insbesondere
in Padua. Im 16. Jh. taucht zunehmend Kritik am traditionellen Schema auf. Der sich neu ent-
wickelnde Standpunkt oszillierte zwischen Spekulationen magischer und astrologischer Art
und Ideen eines direkten Eingriffes in die Natur aufgrund eines aus der Beobachtung gewon-
nenen Gesetzeswissens. Der Florentiner Platonismus kritisierte den Paduaner Aristotelismus
und betonte die Bedeutung der Mathematik wie der Astrologie. Natürliche Magie wird zur
Kunst im neuplatonischen Paradigma, während im aristotelischen Schema bei Pietro Pompo-
nazzi und Thomas Campanella (1568-1639) im Rahmen eines extremen Naturalismus die
"scientia experimentalis" befürwortet wird.

Die Technik in den Naturwissenschaften wurde oft übersehen (Janich 1992, 199). Erst
Normen, also bestimmte Formen von Vorschriften nichtsittlicher Art, definieren Messgeräte.
Der Gewinnung eines Messresultates geht die Technik der Konstruktion, Erzeugung und
Kontrolle der korrekten, d.h. ihren spezifischen Zweck erfüllenden Funktion des Messgerätes,
voraus. Ein Experiment unterscheidet sich nur unwesentlich von der Erfindung, der
Konstruktion einer Maschine (Janich 1992, 205-207). Im Unterschied zu theoretischen Para-
digmenwechseln und Grundlagenkrisen hat es totale Zusammenbrüche der technischen
Grundlagen der Naturwissenschaften nie gegeben. Damit werden die Schwächen einer
Wissenschaftstheorie deutlich, die den technischen Charakter der Naturwissenschaften igno-
riert. Sie übersieht, dass Naturwissenschaft kein von außen verhängtes Schicksal ist, sondern
das Ergebnis einer zielorientierten Suche nach dem technisch Machbaren (Janich 1992, 210-
213). Mit der Experimentalkunst wird Naturwissenschaft zu einer technisch-kulturellen Pra-
xis. Abbildung der Natur, obwohl als theoretisches Leitbild immer noch gültig, wird von der
Praxis untergraben. Das Kunst-Paradigma selbst unterliegt am Ende des Mittelalters und zu
Beginn der Neuzeit in Europa einem fundamentalen Wandel.

Neben den Veränderungen im Kunst-Paradigma zeichnen sich fundamentale Perspektiven-


verschiebungen auch in der Theorie der Konstruktion technischer Mittel ab. Die Mathemati-
sierung der Navigation verlangte immer stärker elementare Rechenkenntnisse. Nicht nur für
die Navigation, sondern auch zur Landvermessung, im Montanbereich und im Bauwesen, hier
hauptsächlich beim Festungsbau, wurden mehr und mehr Messinstrumente benötigt.

54
Landvermessung und kartografische Erfassung setzten im größeren Umfang während des 16.
Jh. in Europa ein (Ludwig, Schmidtchen 1992, 552-557). Als es im 16. Jh. darum ging, die
Reichtümer der neu entdeckten und mit dem Schwert unterworfenen Regionen der Erde nach
Europa zu transportieren, benötigte man einen Schiffstyp, mit beträchtlichem Raumgehalt und
großer Ladefähigkeit. Genueser Schiffbaumeister entwickelten für die Fahrten ihrer Kaufleute
durch die rauen Gewässer des Atlantik aus der Karacke die Galeone als ein Frachtschiff von
kurzer gedrungener Form im Längen-, Breiten-Verhältnis von höchstens 4 zu 1. Die Galeonen
besaßen kein vorderes überhängendes Kastell mehr. Es war vom Bug zurückversetzt und den
Bordwänden eingepasst, um mehr Stabilität für das Schiff zu gewinnen. Gleiches galt für das
Verhältnis zu den unteren Decks, erheblich schmalere Oberdecks, auf denen die Geschütze
nahe an den Mittellinien des Schiffes aufgestellt werden konnten. Bis zu 7 eigene Decks
enthielt das sehr hoch gebaute Achterschiff (Ludwig/Schmidtchen 1992, 479-481).
Schreckenerregend wurde die Piraterie durch Korsaren von eigenen Gnaden wie von engli-
schen, niederländischen und französischen Kaperfahrern, die von ihren Herrschern rechtlich
äußerst zweifelhafte Kaperbriefe erhalten hatten (Ludwig/Schmidtchen 1992, 490).

Seit dem 14. Jh. war vor allem im Zuge der Gründung der ersten europäischen Universitäten
der Bedarf an Büchern gestiegen und konnte nicht mehr durch die herkömmlichen Formen der
Vervielfältigung gedeckt werden. Ein erster Fortschritt in diese Richtung war das seit Beginn
des 15. Jh. verwendete xylografische Verfahren für Bilder und kurze Texte. Es musste jeweils
eine ganze Seite in einem Holzblock geschnitten und von ihm auf ein Blatt abgezogen
werden. Das Papiermacherhandwerk entstand in den Städten vorwiegend in enger Nachbar-
schaft zum Wasser und zu den Textilgewerben, die mit ihren Abfällen billige Rohstoff-
lieferanten waren. Gutenberg setzte seine Idee, den Schriftsatz für den Druck aus einzelnen
Buchstaben zusammenzustellen, in Anwendung der Techniken des von ihm erlernten
Goldschmiedehandwerkes um. Als Goldschmied war Gutenberg den Techniken des Stempel-
schneidens, Prägens, Gravierens und Gießens vertraut. Die mit dem Gießen gegebene fast
unbegrenzte Vervielfältigungsmöglichkeit der einzelnen Lettern bildete die Lösung für die
Produktion maßgerechter Typen in beliebiger Menge (Ludwig/Schmidtchen 1992, 573-576).
Um 1500 gab es in 60 deutschen Städten bereits fast 300 Druckereien. Doch deutsche Drucker
hatten längst den Weg über die Grenzen des Reiches gefunden. Sie zogen nach Italien, Spa-
nien und Portugal, in die Schweiz, nach Frankreich, in die Niederlande und nach England. Sie
arbeiteten in Dänemark wie in Schweden und verbreiteten die Technik auch mit nach
Böhmen, Mähren, Ungarn und auf den Balkan. Neben den Klassikern wurden seit Beginn des
16. Jh. zunehmend Flugschriften der Reformationszeit zu einem äußerst wichtigen Mittel für
die Bewussteinsänderung im religiösen wie im politischen Bereich (Ludwig/Schmidtchen
1992, 583-585). Die Künstleringenieure des 15. und 16. Jh. preisen zwar laut den Wert der
Mathematik, wenn es aber darauf ankommt, müssen sie mit den Proportionalbeziehungen,
zum Beispiel denen des Hebelgesetzes, unter Durchrechnung immer neuer Einzelbeispiele in
ähnlicher Weise experimentieren, wie sie es bei ihren waffen- oder festungstechnischen
Untersuchungen tun, wenn sie die Wirksamkeit von Geschützen oder Geschossen, den
Rückstoß beim Abfeuern oder die Widerstandsfähigkeit des Mauerwerks beim Aufprall von
Kugeln durch viele einzelne Versuche zu bestimmen sich bemühen.

Mit der Renaissancezeit beginnt eine stärkere Mathematisierung technischen Gestaltens.


Wichtig dafür sind Künstleringenieure und experimentierende Meister. Es geht um die Ver-
einigung von wissenschaftlicher Überlieferung und praktischer Erfahrung. Dies beschreibt
z.B. Alberti in "De re aedificatoria". Fortschritte wurden insbesondere gemacht in der Ziegel-
brennerei, in der Errichtung von Gewölben und Kuppeln sowie in der Errichtung von Stein-
brücken. Wichtig ist in diesem Zusammenhang die Beschreibung und Konstruktion der stei-
nernen Bogenbrücke bei Alberti. Fortschritte wurden gemacht in der Bewegung von Lasten

55
durch Flaschenzüge und Winden (Klemm 1999, 73). Vor allem wurde die angemessene
Dimension der Werkzeuge entdeckt. Die Berücksichtigung der Reibung führte zur Über-
windung der rein geometrisch betriebenen Mechanik bei Aristoteles. Bei Leonardo da Vinci
gibt es Bemühungen, das Problem des Menschenfluges zu lösen. Die Renaissance bemüht
sich, wissenschaftliches Gut weiteren Kreisen der Bevölkerung nutzbar zu machen. Die "Piro-
technica" mit der Technik des Drahtziehens und der Eisenhämmer wird in der Renaissance
stark verbessert. In dieser Zeit findet die Alchimie ein großes Interesse. Der Mensch gilt als
Vollender der Natur. Dies schreibt Agricola in seinem Werk "De re metallica", erschienen in
Basel 1556. Allerdings durften durch die Zunftordnung keine Erfindungen von einem
Zunftbereich in einen anderen übertragen werden.

Vor der Mathematisierung technischen Wissens stand das Erfahrungswissen im Vordergrund.


Mit der Herausbildung verschiedener Staaten und Staatsformen sowie neuer Gesellschafts-
schichten erwuchsen neue gesellschaftliche Bedürfnisse. In den Städten bildeten sich
Handwerker-Berufsgruppen mit eigenständigen Organisationsformen. Sie erwarben techni-
sche Spezialkenntnisse und vermittelten sie von Generation zu Generation. Dieses Wissen
ging jedoch in der Regel nicht als das beschreibenswürdig in die überkommenen schriftlichen
Quellen ein. Allerdings wurden hervorragende Baumeister von Chronisten als Künstler ge-
rühmt. Praktisches technisches Wissen und Wissenschaft entwickelten sich über Jahrhunderte
hinweg parallel. Zunächst bestand nur ein geringer Bedarf der handwerklichen Produktion an
wissenschaftlicher Erkenntnis und den eng begrenzten Möglichkeiten der Wissenschaft
(Buchheim, Sonnemann 1990, 19f). Technisches Wissen in dieser ersten Phase beruht auf der
Verallgemeinerung tausendfach bewährten Erfahrungswissens. Es manifestiert sich in kon-
struktiven Faustregeln für die Bemessung wichtiger Bauglieder. Die Architekten rangen
vornehmlich um eine gefühlsmäßige Vertrautheit mit dem Baustoff und um die Ergründung
des Trageverhaltens von Baukonstruktionen. Ein besonderes Problem stellte die Wölbtechnik
dar. Den Baumeistern in der Antike standen keine wissenschaftlichen Grundlagen zur Erfas-
sung des Trageverhaltens zur Verfügung. Für Vitruv spielen handwerkliche Praxis und
wissenschaftliche Bildung eine Rolle. Sehr wichtig war die Verallgemeinerung und Struktu-
rierung des Stoffes in Handlungsvorschriften und Faustregeln (Buchheim, Sonnemann 1990,
31). Bei gotischen Kathedralen oder oströmischen Gewölben wird der Fortschritt in der Erfah-
rung deutlich. Dabei spielt das Lernen aus Bauschäden eine große Rolle.

Das konstruktive Gefüge gotischer Kathedralen zerlegt und bündelt die Lasten und bildet das
Kräftespiel in Kathedralen gleichsam ab. Hier manifestiert sich ein hoher Stand des Wissens
um statisch konstruktive Zusammenhänge und ein ausgeprägtes statisches Gespür. Die
Emanzipation und der soziale Aufstieg des Baumeisters in der Gotik ließen schließlich die
"Artifici" der Renaissance ahnen. In Bauhüttenbüchern manifestiert wird dieses Umgangs-
wissen im Stil einer Rezeptsammlung aufgezeichnet. Erfahrungswissen erweist sich damit als
Näherungswissen. Allerdings zeigen sich hier im konstruktiven Bereich bald die Grenzen
einer empirischen Wissensgrundlage, die noch nicht auf die Unterstützung durch die Mecha-
nik hoffen konnte. Der reale Kern mittelalterlichen wissenschaftlichen Denkens und seiner
Ergebnisse vermittelte freilich dem Aufblühen von Naturwissenschaften und einer rationalen
Technikbetrachtung in der Neuzeit wichtige Impulse (Buchheim, Sonnemann 1990, 35-41).
Zunächst wurde jedes technische Wissen um Aufbau, Wirkungsweise und Fertigung von
Maschinen durch Tradition weitergegeben. Gleiches gilt für den Gebrauch von Werkzeugen
und technischen Mitteln. Die Grenze dieses Verfahrens zeigte sich mit der fortschreitenden
Vielfalt und Kompliziertheit technischer Mittel und ihrer Vernetzung. Handwerkliches
Erfahrungswissen kam damit an eine Grenze. Immer deutlicher wurde die Bedeutung der
Erfindungskunst und der Arbeitsorganisation. Den Reihen der Handwerker, Mechaniker und
Kriegstechniker entspross auch der Beruf des Ingenieurs. Die technischen Kenntnisse ent-

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falten sich unabhängig und parallel zu den etablierten Wissenschaften seit dem Altertum. Dies
zeigt auch der unvergleichliche Aufschwung technischen Wissens in der Epoche des
Hellenismus sowie zu Zeiten von Alexander dem Großen und seiner Diadochenreiche. Ein
konsequent theoretisches Denken in der Technik tritt erstmals bei Archimedes im Rahmen der
hellenistischen Kultur auf. Mehr als in den vorhergehenden Epochen wurde Technik im
Römischen Reich als Kulturfaktor akzeptiert und der Ingenieur als Vermittler des technischen
Fortschritts gesellschaftlich anerkannt.

In der Gestalt des Handwerker-Ingenieurs tritt die instrumentelle Arbeit an die Stelle
handwerklicher Arbeit. Der Handwerkeringenieur ist noch ein Handwerker, doch ist er ein
kritisch beobachtender, ein erfinderischer, ein experimentierender, d.h. ein messender und
analysierender und schließlich auch ein theoretisch-kalkulierender, der Mathematik und
Geometrie anwendet (Hassenpflug 1990, 500). Die Künstleringenieure sind erfüllt vom Ideal
der schöpferischen und selbstmächtigen Persönlichkeit, die über den Regeln, Traditionen und
altehrwürdigen Lehren des zünftigen Handwerks erhaben ist. Sie sind begierig auf jede sich
bietende Gelegenheit eine technische Neuerung auszuprobieren und machen Jagd auf jede
kleine Erfindung. Das Neue besteht vor allen Dingen in einer Überdehnung handwerklicher
Technik, in einer Inanspruchnahme von Elementen derselben in Kontexten, die eine Unter-
fütterung methodischer und sonstiger instrumenteller Art zu ihrer Realisierung erheischen.
Planungen auf Basis von Berechnungen werden der Implementierung vorangestellt, Experi-
mente werden durchgeführt und Modelle verfertigt. Projekte werden theoretisch antizipiert
und einem theoretischen und experimentellen Verlauf ausgesetzt. Die Folge der kühnen
Imaginationen es sich selbst als schöpferisch begreifenden Menschen ist, dass der Bedarf an
mathematischem Wissen, an Geometrie und Arithmetik, an methodischem und instrumen-
tellem Wissen ständig ansteigt. Der demiurgische Gott wird durch den ingeniösen Mecha-
niker-Gott ersetzt, einem großen Erfinder. Seine Schöpfung ist ein Ingenieursprodukt, eine
Maschine (Hassenpflug 1990, 504-510). Das Kunst-Paradigma öffnet sich zwar in Richtung
Erfindung und Innovation, wird aber keineswegs ersetzt. Allerdings finden durch die Formu-
lierung von Regeln erste Formen von Verallgemeinerung, Geometrisierung und Mathemati-
sierung statt.

Beim Brückenbau wurden die durch Erfahrungen bestimmten Faustregeln für die Gewölbe in
Form einfacher mathematischer Korrelationen mitgeteilt und überall spürt man bei Alberti das
Streben, den praktisch technischen Nutzen wissenschaftlich zu durchdringen. Leonardo, der
uns einige tausend Blatt Manuskript hinterlassen hat, mochte wohl einmal die Absicht gehabt
haben, ein großes enzyklopädisches Werk in der italienischen Volkssprache anhand alter
Autoren der Antike und des Mittelalters und aufgrund auch eigener Untersuchungen zusam-
menzustellen. Dieses Werk sollte vielerlei des Nützlichen und Interessanten besonders für den
Gebrauch der nicht gelehrten Künstler und Techniker seiner Zeit bieten. Es kam aber nicht so
weit (Klemm 1999, 80). Für Theophrastus Bombastus von Hohenheim, genannt Paracelsus
(1494-1541), waren Hüttenleute und Schmiede, Zimmerleute, Baumeister, Apotheker und
Ärzte, also die Handwerker, Techniker, Künstler und Wissenschaftler in der einen und in
einer weiteren tiefen Bedeutung allesamt Alchimisten. Alle diese schaffenden Menschen
wirkten durch göttliche Kraft an der Vervollkommnung der Welt (Klemm 1999, 57).

Paracelsus, der Arzt, beispielsweise macht Ernst mit einem radikalen Empirismus, der bereits
vor der Herausbildung der Naturwissenschaften entstanden ist. Erfahrung (Experientia) und
Vernunft (Ragione) sind bei den italienischen Popularphilosophen und Humanisten hoch im
Kurs. Die Berufung auf Erfahrenheit und der Hinweis auf Natur als Lehrmeisterin und der
daraus folgende Empirismus nötigen zu einer neuen Sprache. Paracelsus führt die deutsche
Muttersprache lange vor Thomasius in die Wissenschaft ein (Goldammer 1953, 27-31). Mit

57
einem völlig neuen Programm tritt Paracelsus im Februar 1537 in Basel an. Paracelsus weist
darauf hin, dass er nicht aus alten und längst überholten Autoritäten doziere, sondern seine
eigene, auf Erfahrung beruhende Lehre vortrage. Dies ist der Hintergrund für seine Kon-
zeption der Heilkunde im Sinne einer Kunst oder Technik (Schipperges 1983, 39-45). Heil-
kunde beruht auf geübter Praktik, auf Erfahrung, Theorie und Praxis, auf Medizin als Philo-
sophie und zwar im Sinne eines „examen naturae“, einer Erprobung der Natur (Rueb 1995,
150-152). Im Buch „Paragranum“ spricht er von den vier Säulen der Medizin: (1) Natur-
philosophie, (2) Astronomie bzw. Astrologie, (3) Alchemie und (4) Ethik (Rueb 1995, 124-
132). Die eigentlich Heilenden sind die Naturkräfte. Die Gewinnung von Arzneien ist
entscheidend. Der Heilgarten hat eine enorme Bedeutung (Rueb 1995, 139-147). Die sieben
freien Künste, nicht die mechanischen Künste, geben einen Interpretationsrahmen auch für
Naturkunde und Medizin ab. Sein Ansatz bezieht sich aber eher auf das klassische Techne-
Konzept, wie es bereits von Aristoteles aufgezeigt wurde. Kunst bedeutet bei ihm berufliches
Können des Handwerkers, des Naturkundigen und des Arztes. Manchmal wird mit Kunst
sogar Weisheit und Wissenschaft bezeichnet. Kunst hat bei Paracelsus ein sehr breites
Bedeutungsspektrum und insgesamt keinen großen Stellenwert (Rueb 1995, 40-45).

Alchemie ist eine Kunst. Vulcanus, der Gott der Schmiedekunst (griechisch Hephaistos),
regiert das Feuer. Paracelsus hat wie Aristoteles ein sehr weites Technikverständnis im Sinne
von Technik als Kunst bzw. Kunstfertigkeit. Paracelsus vertritt keinen Standpunkt, der als
Vorbereitung der experimentellen Naturwissenschaften betrachtet werden kann. Er sagt
selbst: So kann die Experientia nicht ein Experiment sein, denn die Experimente sind unvoll-
kommen (Paracelsus 1993, 249). Man kann seiner Methode mehr Erfahrungssättigung zu-
schreiben als den mittelalterlichen scholastischen Philosophen, obwohl auch dieses vielfältig
nur ein Vorurteil darstellt, radikal erscheint jedenfalls der Bruch mit dem Mittelalter in der
Erkenntnistheorie und Wissenschaftstheorie des Paracelsus noch nicht. Nur die Magie ist der
Lehrer, Schulmeister und Pädagoge, der die Arznei zu finden und zu lehren hat. Also ist die
Heilkunst eine Kunst des Findens, Lehrerin die natürliche Magie als Anleitung zur Inter-
pretation des göttlichen Willens in der Natur (Paracelsus 1993, 259). Die Alchemie ist eine
Lehre der Stoffwechselprozesse, modern gesprochen der biochemischen Energetik eines Or-
ganismus. Alchemie ist das gewaltige Feld der natürlichen Dinge und wird jetzt zugerichtet
und spezifisch verfügbar gemacht. Die Welt der Naturstoffe muss erst erschlossen werden.
Das Nützliche herauszuarbeiten ist Aufgabe des Vulcanus, eine technische Aufgabe (Schip-
perges 1983, 47-52). Durch Alchimie wird die Welt der Naturstoffe zu einer Welt der Kunst-
stoffe. Der Arzt ist in der Heilkunst ebenfalls ein Techniker. Das examen naturae, die Prüfung
der Natur auf ihre Eignung für den menschlichen Gebrauch, beruht auf großer lebenslanger
Erfahrenheit im Umgang mit der Natur. Dieses darf nicht mit dem Experiment im modernen
Sinne des Wortes verwechselt werden. Dnn der Experimentator ist für Paracelsus nur der
Herumprobierer. So darf Paracelsus eben noch nicht als Vorläufer der modernen experi-
mentellen Naturwissenschaften gesehen werden (Schipperges 1983, 53-67).

Die Kunst des Verwandelns ist Gegenstand der Alchemie. Ein wichtiges Element der
„Laborkunst“ ist das Destillieren. Die alchemistische Kunst und das alchemistische Labor
heben den technischen Charakter der Medizin gemäß Paracelsus hervor (Rueb 1995, 163-
172). Der Streit um die Berechtigung der neuen Medizin wurde bei den Interpreten von
Paracelsus vehement geführt. Dabei weist die Bedeutung der Astronomie und Alchemie bei
Paracelsus darauf hin, dass seine Wurzeln im Mittelalter noch sehr stark sind. Die
Problematik seines unsteten Lebens kommt hinzu und leistet sicher einer gewissen unsys-
tematischen Vorgangsweise Vorschub. Im Berg liegen die Mineralien. Diese müssen
erschlossen werden. Die eigentlichen Künstler, die Alchemisten, Astronomen und Philoso-
phen sind dies auf Grund der Durchforschung der Natur, wobei die Praxis im Vordergrund

58
steht, die allerdings immer durch eine christliche Theorie angeleitet ist (Rueb 1995, 28-33).
Der Bericht seines Gehilfen Johannes Oporicis über Hohenheims Labor-Praxis ist glaubhaft.
Er beschreibt ein Verfahren, das auf einem gegen Galen gerichteten Alchemiebegriff aufbaut.
Das Ziel der Laborarbeit ist die Heilung der menschlichen Krankheiten. Paracelsus ist
überzeugt von der therapeutischen Überlegenheit alchemistischer Arzneimittel. Pflanzliche,
tierische und mineralische Stoffe sind keine fertigen Arzneien, sondern müssen erst
alchemistisch bearbeitet werden, damit die heilenden Kräfte besser wirken können. So
impliziert seine Methode die Suche nach dem stofflich Reinen und dem medizinisch
therapeutisch Hochwirksamen (Fellmeth, Kothidir 1993, 39f).

Die Alchemie orientiert sich an sichtbaren Demonstrationen und nicht an Argumentationen.


Es handelt sich um eine operative Wissenschaft, die sich mit Einzelheiten beschäftigt, die
Gegenstand der sinnlichen Wahrnehmung sind. Aufgrund der Perfektion einer Arbeit wird
eine Substanz erkannt durch ihre Qualitäten und Tugenden d. h. die Eigentümlichkeiten eines
Dinges. Bewegung beruht auf spirituellen und feurigen Prinzipien, die in den Dingen
verborgen sind. Die Art aber, wie Substanzen generiert werden, ist in der Natur und im Labor
verschieden. Wichtig ist die Rolle von Hitze und Fermentation bei den Laborexperimenten
(Pagel 1982, 260f). Die Lehre der Quintessenz bleibt auch bei Paracelsus noch von
Bedeutung. Die Ablehnung des Goldmachens als letztem Ziel der Alchemie wird schon im
Mittelalter zugunsten ihres Gebrauchs für die Heilkunst von Krankheiten und für die
Verlängerung des Lebens propagiert (Pagel 1982, 267-270). Paracelsus bereitet den Grund für
die moderne medizinische Chemie. Er hat darüber hinaus ursprüngliche Erfahrung im
routinisierten Laborbetrieb. Sein Beitrag zur Chemie sollte aber auch nicht überschätzt wer-
den. Während er ideengeschichtlich mit Neuplatonismus, Gnosis, kabbalistischer und herme-
tischer Geheimlehre und Magia naturalis doch noch relativ weit von einer experimentellen
Naturwissenschaft entfernt ist, ist seine Konzeption einer alchemistisch begründeten Pharma-
kologie und Medizin im Sinne einer handwerklichen Technik und Laborpraxis wegweisend
(Irrgang 2005b).

Die stärkere Konzentration der neuen Mächte Holland, England und Frankreich auf den
Überseehandel und die damit verbundene Sicherung von Einflussgebieten und Kolonien ging
mit einer Verlagerung des innovativen Zentrums, das im Mittelalter eindeutig in Oberitalien
und Oberdeutschland gelegen hatte, an die Nordwestküste Europas einher. Erst als sich
allmählich eine breite Techniker- und Handwerkerschicht ein technisches Grundwissen
angeeignet hatte, erhielten die Maschinenbücher oder die Mühlenbücher ihren Wert als
Vorlagen. Wichtiger aber war vielleicht, dass die technische Literatur dem fachkundigen
Benutzer Anregungen für Verbesserungsinnovationen an bereits vorhandenen Maschinen und
Apparaten lieferte, die ohne große Schwierigkeiten realisiert werden konnte. Nach wie vor
erfolgte der Technologietransfer im Wesentlichen also über Personen. War Technologie-
transfer durch Vertreibung eher eine unbeabsichtigte Nebenerscheinung religiöser Intoleranz,
so versuchten insbesondere die absolutistisch regierten Staaten die gewünschten Techniker
durch Abwerbung ausländischer Spezialisten ins Land zu holen (König 1991, 20-22).

Obwohl also das vorindustrielle Energiepotenzial feste Grenzen hatte, waren innerhalb des
Systems Spielräume gegeben, die besonders im 17. und 18. Jh. weitgehend ausgelotet wurden
und eine solide Plattform für die späteren industriellen Prozesse abgaben (König 1991, 26).
Die regionalen Engpässe in der Holzversorgung und das damit verbundene Preisniveau
führten seit der zweiten Hälfte des 16. Jh. zu verstärkter Verwendung eines längst bekannten
Brennstoffes, nämlich der Steinkohle. In zahlreichen Gewerben begann man, mit der
Steinkohle als Brennstoff zu experimentieren. Überall dort, wo die Verbrennungsgase nicht
direkt mit dem Erzeugnis in Berührung kamen oder keine nennenswerten nachteiligen

59
Einflüsse auf sie ausübten, konnte die Steinkohle mit Erfolg eingesetzt werden. Freilich
mussten, beispielsweise im Nahrungsmittelbereich, spezielle Brennöfen dafür entwickelt
werden. Das Salz Sieden und das Ziegel Brennen erfolgten nun ebenfalls mit Steinkohle
(König 1991, 30f).

Im engeren technischen Sinn besteht die Mühle aus drei Grundelementen: der
Energieaufnahme durch Wasser- oder Windrad, der Transmission zwischen Locken- oder
Kurbelwelle, Getriebe: dem Antrieb, zum Beispiel einem mit dem Mahlwerk fest verbun-
denen Stockgetriebe (König 1991, 33). Im Jahr 1685 wurde bei Marly an der Seine die damals
größte Wasserkraftanlage der Welt in Betrieb genommen, die wie kein anderes Werk die
Fähigkeiten, aber auch Grenzen der Mühlenbaukunst aufzeigte. Man errichtete zunächst 14
unterschlächtige Wasserräder mit einem Durchmesser von 11 m, die über ein mit Ketten
ausgerüstetes Feldgestänge insgesamt 259 Pumpen, davon 221 Saug- und Druckpumpen in
Gang setzten. Diese große Zahl an Pumpen war notwendig, da man zu dieser Zeit noch nicht
im Stande war, das Wasser direkt über einer Strecke von ungefähr 1200 m auf eine solche
Höhe zu pumpen. Man vermochte noch nicht, die Pumpenzylinder und -kolben präzise genug
herzustellen, und die Ledermanschetten konnten die Pumpen nur unzureichend abdichten. Im
Verhältnis zu ihrer imposanten Größe waren die Leistungen der Maschine von Marly
zumindest nach heutigen Maßstäben eher bescheiden zu nennen. Gaben alle 14 Wasserräder
an den Wellen immerhin respektable 750 PS ab, so blieb durch die hohe Reibung der
Pumpenstiefel in den Zylindern sowie des Feldgestänges davon 4/5 buchstäblich auf der
Strecke (König 1991, 39f).

Die Holländermühle gab es mehreren, den unterschiedlichen Bedingungen angepassten


Bauformen. Aus der Bockwindmühle war übrigens schon zu Beginn des 15. Jh. die
sogenannte Köcher- oder Wippmühle hervorgegangen, bei der ein viel kleineres, drehbares
Gehäuse auf einem pyramidenförmigen oder – in Südeuropa – prismenförmigen Unterbau
ruhte. Der Mühlenkonstrukteur Edmund Lee hatte im Jahre 1745 ein Patent auf Mühlenflügel
angemeldet, die es erlaubten, auch bei wechselnden Windrichtungen ständig im Wind die
Flügel zu behalten. Die Mühlenbauer bezeichnet man nicht zu Unrecht als Vorläufer der
Maschinenbauingenieure und Wegbereiter des industriellen Maschinenbaus. Obwohl ihre
Zahl gemessen an der Menge der errichteten Mühle sehr groß gewesen ist, weiß man über den
durchschnittlichen Mühlenbauer kaum etwas. Seine Arbeit fußte auf Erfahrungswissen, das
über Generationen angesammelt und vom Meister an den Schüler häufig noch unter dem
Siegel der Verschwiegenheit, weitergegeben wurde. Dazu gehörte ein ganzer Kanon von
mechanischen Grundkenntnissen, Faustformeln, Rechenmethoden sowie empirisches Wissen
über Materialverhalten und die Naturkräfte Wind und Wasser. Hohe Präzision bei der
Fertigung war bei dem organischen Werkstoff Holz noch nicht zwingend erforderlich, da
elastisch auf Stoß oder Druck reagierte, was beim Windmühlenbau sogar von Vorteil war.
Neue Kenntnisse gewannen die Mühlenbauer nach der Methode Trial and Error. Aus der Zeit
vor 1700 sind nur wenige Konstruktionszeichnungen von Wind- und Wassermühlen
überliefert. Man muss sich deshalb vorwiegend auf die Abbildungen in den seit der Mitte des
16. Jh.s erschienen Maschinenbüchern stützen (König 1991, 41-45).

Aus der Fülle von Problemen der Physik und der Mechanik im weiteren Sinne, mit denen sich
die Naturforschergenerationen des ausgehenden 16. Jh. und des 17. Jh. befassen, sind vor
allem zwei Fragen für die Bauwissenschaft von fundamentaler Bedeutung, nämlich das
damalige Grundproblem der Statik, die Zusammensetzung der Kräfte (zum Kräfteparal-
lelogramm) und die wichtigste Aufgabe der elementaren Festigkeitslehre, das Problem der
Biegung. Mit dem Eintritt der Renaissance beginnt eine Anzahl von Architekten und bilden-
den Künstlern, diese zu erforschen. Für eine kurze Weile scheint es, als ob sich zwischen der

60
exakten Wissenschaft, der Mathematik, Geometrie und Mechanik auf der einen, sowie der
Praxis des Bauens und der gewerblichen Technik auf der anderen Seite eine gewisse
Wechselwirkung einstellen wolle: in Italien setzten sich Künstleringenieure und experimen-
tierende Meister an die Spitze des Fortschritts (Straub 1992, 89f). Die Praktiker der Baukunst
waren hervorragende Konstrukteure, denen neben einem außergewöhnlich entwickelten
statischen Gefühl höchstens gewisse Erfahrungsgrundsätze zur Verfügung standen, die von
Architekturtheoretikern wie beispielsweise Leon Battista Alberti in Zahlenregeln zusammen-
gefasst wurden. In seiner Eigenschaft als Hofmathematikus mag der eine oder andere mit
statischen Ingenieuraufgaben, mit Wasser-, Kanal- und Festungsbauten oder mit dem Bergbau
zu tun und dabei Gelegenheit gehabt zu haben, seine Kenntnisse in Geometrie und Vermes-
sungskunde anzuwenden. Doch seine Beschäftigung mit Fragen der Statik und
Festigkeitslehre wird wohl kaum von dieser amtlichen Tätigkeit ausgegangen sein. Besonders
in Frankreich vollzog sich das Aufblühen der Mechanik. Zu Beginn der Entwicklung der
Mechanik bemühten sich die Forscher von Jordanus bis Varignon, vor allem für die
grundlegenden Gesetze der Statik (Hebel, schiefe Ebene, Kräfteparallelogramm, Momenten-
satz usw.) strenge und lückenlose Beweise der euklidischen Art zu finden. Die großen
Entdeckungen auf dem Gebiet der Mathematik im letzten Drittel des 17. und in der ersten
Hälfte des 18. Jh., insbesondere die Erfindung der Infinitesimalrechnung, forderten und
vollendeten jene innige Verknüpfung von Naturerkenntnis und Mathematik, die seither Kenn-
zeichen der exakten Wissenschaften, der Physik und der Mechanik geblieben ist (Straub 1992,
208-111).

Mathematische und geometrische Konstruktionsregeln waren theoretische Hilfsmittel. Vorerst


ging es noch nicht um eine Anwendung der Mechanik und Statik auf die Baupraxis, sondern
um Sätze, die man heute Faustregeln nennen würde (Straub 1992, 128f). Der Einsatz von
Maschinen und mechanischen Geräten bei der Errichtung von Großbauten war von jeher
Kennzeichen ingenieurmäßigen Bauens (Straub 1992, 132). Die handwerkliche Vertrautheit
mit den Baustoffeigenschaften, die sich der Zimmermann, der Maurer und Steinmetz durch
den langjährigen Umgang mit seinem Material erwirbt und die zum guten Teil seine
Berufserfahrung ausmacht, kann sehr gründlich und umfassend sein. Als Wissenschaft wird
die Baustoffkunde erstmals von den Architekturtheoretikern behandelt. Leon Battista Alberti
beschreibt in seinem Werk über die Baukunst Holzarten nach ihrer Eignung für die verschie-
denen Zwecke. Zum unentbehrlichen und leistungsfähigen Hilfsmittel des Ingenieurs wurde
die Baustoffkunde jedoch erst auf der dritten Stufe ihrer Entwicklung, als die den Ingenieur
vorzugsweise interessierenden Festigkeitseigenschaften der Baumaterialien zum Objekt der
Forschung und systematischen Beobachtung gemacht wurden. Zu den frühesten Festigkeits-
versuchen gehören die von Mersenne (um 1626) sowie diejenigen, die Mariotte in den 70er
Jahren des 17. Jh. zur Biegung von Holz-, Metall- und Glasstäben durchführte. Die Ergebnis-
se bestätigten die Theorie Galileis. Um dieselbe Zeit untersuchte Robert Hooke (1635-1703)
das Verhalten elastischer Körper, insbesondere von Spiralfedern, und fand dabei das nach ihm
benannte Gesetz (Straub 1992, 149-151). In Deutschland hat der Mechaniker Jakob Leupold
unter anderem Versuche über die Wirkungsweise zusammengesetzter Balken durchgeführt.
Die Kenntnis der Festigkeitszahlen der wichtigsten Baumaterialien bildete eine unerlässliche
Voraussetzung für die praktische Anwendung (Straub 1992, 152f).

Die Entstehung der Ingenieurwissenschaften wie des traditionellen Begriffs von Technologie
als Verfahrenskunde in der Manufaktur im Sinne Beckmanns wird vorangetrieben durch eine
stärker theoretisch ausgerichtete Konzeption zunächst handwerklicher Technik, später der
Technik, die in Manufakturen verwendet wurde. Die Verwissenschaftlichung der Technik
lässt sich bereits an der Verwendung des Begriffs "Techné" in Europa ab dem 16. Jh. ablesen.
Dabei wurde oft nicht genau unterschieden zwischen Technik im englischen Sinn von

61
"technology" und Technik im französischen Sinn als Methode. So kam es zur Verführung
durch die Lautgestalt. Technik meinte auch die handwerkliche Fertigkeit des Künstlers. Es ist
nicht schlichtweg falsch, das Adjektiv "technisch" in diesen Verwendungsweisen mit dem
Begriff der Technik im Sinne der Ingenieurstechnik in Zusammenhang zu bringen. Vielmehr
hat sich der Begriff der Ingenieurstechnik aus einem allgemeinen Technikbegriff erst
allmählich herausgelöst. Der ältere Wortgebrauch aber lebt noch heute in zahlreichen
Wendungen weiter. Wir haben es daher heute mit mindestens zwei homonymen Wörtern von
Technik zu tun, von denen nur dasjenige, was sich auf die technische Technik bezieht, als
Schlüsselwort angesehen werden kann. Die Darstellungen springen dann allerdings unmittel-
bar in die Zeit der Industriellen Revolution über, aus welcher der moderne Begriff der Tech-
nik hervorwächst. Diese moderne Technik, die nicht vor das 18. Jh. zurückreicht, wird ent-
weder als vollkommen neue Erscheinung behandelt oder nur als besonders hervortretende
Entwicklungsstufe des "Homo technicus", eines Bruders des "Homo faber", behandelt (Sei-
bicke 1968, 5f).

Nach den Ermittlungen von Seibicke ist Biringuccios "Pirotechnia" von 1540 die erste
Übernahme des griechischen Begriffes "techné" in eine neue europäische Sprache. Zudem
wird in diesem Buch erstmals so ausschließlich und in aller Ausführlichkeit nur dieser eine
Sachbereich abgehandelt, der sich mit allen Techniken, die mit dem Feuer zusammenhängen,
darstellt. Vorher gab es nur einzelne Sammelschriften zu technischen Bereichen. 1530 war der
"Bermannus" und 1556 waren die zwei Bücher "De re metallica" von Georg Agricola
erschienen. Die Vielseitigkeit der meisten Schriften erklärt sich daraus, dass der Stand der
Wissenschaften und die Stellung des Architekten und Ingenieurs der Renaissance gewöhnlich
keine Spezialisierung auf ein technisches Fachgebiet nach unseren Begriffen zuließen
(Seibicke 1968, 23). Ob die Prägung des Wortes auf Biringuccio selbst zurückgeht oder ob er
ein bereits vorhandenes Wort aufgegriffen hat, lässt sich schwer entscheiden. Allerdings
reichen erst in die späte Renaissance die Anfänge der Montanwissenschaften, die in der
Gründung der ersten Bergakademien kulminierten. Den Schritt zur Montanwissenschaft im
Wissenschaftssystem des 16. Jh. vollzog Georgius Agricola (1494-1555). Zum Aufbruch zu
den Bauingenieurwissenschaften kam es in der italienischen Renaissance. Damit erweiterte
sich das Bewusstsein von der möglichen Entdeckung des Natürlichen im Technischen. In das
Erfahrungswissen und in die Intuition wurden Geometrie und Mathematik einbezogen.
Geometrische Methoden und Näherungsverfahren wurden zu einem wichtigen Bestandteil der
Verwissenschaftlichung der Technik. Dabei richtete sich die Mathematisierung nicht gegen
die aus dem Erfahrungswissen gewonnen Konstruktionsregeln. Es gab Akademien in Florenz,
die das Technische stärker am Künstlerischen orientierten. Die Gelehrten waren eher an einer
mathematischen Formulierung technischer Probleme interessiert und die Gesellschaft hatte
bei der Gründung wissenschaftlicher Gesellschaften und Akademien im Wesentlichen
utilitaristische Gedanken merkantilistischer Ausprägung im Hinterkopf.

Der Mühlenbauer des 17. und 18. Jh. war bis zu einem gewissen Grad der alleinige Vertreter
der Maschinenbaukunst. So war der Mühlenarzt des 18. Jh. ein umherziehender Ingenieur-
mechaniker, der hohes Ansehen genoss. Die Barockzeit ist eine Zeit wesentlicher neuer Ent-
wicklungen, insbesondere der dynamischen Wissenschaften und einer aufblühenden experi-
mentellen Forschung. Eine Reihe wissenschaftlicher Instrumente und Apparate wurden ent-
wickelt, so dass von einer weitgehenden Technisierung der Forschung gesprochen werden
kann (Klemm 1999, 128-130). Bis in das späte 18. Jh. hinein kann von einer Technisierung
der Gesellschaft nicht die Rede sein. Im so genannten goldenen Jahrhundert, das bis zur Mitte
des 17. Jh. reichte, entwickelte sich Holland zum europäischen Handels- und Finanzzentrum,
besaß ein hochinnovatives Textilgewerbe, führte neue Methoden und Geräte in der Land-
wirtschaft ein und war zeitweise führend bei bauwissenschaftlichen Instrumenten. Frankreich

62
hat im 17. und 18. Jh. in etlichen technischen Bereichen einen führenden Platz eingenommen.
Statt technischem Fortschritt spricht man neutraler heute vom technischen Wandel oder
technischen Veränderungen. So kann sich der Blick auf den stillen, den allmählichen und den
für das 17. und 18. Jh. so typischen technologischen Wandel öffnen. Eng mit der Mühlen-
technologie war zudem das Bestreben verbunden, Produktionsprozesse so weit wie möglich
zu mechanisieren (König 1991, 12-20).

Descartes bestätigt den praktischen Wert der Wissenschaft und einer realistischen Erziehung,
die eine Bildung im Buch der Welt bzw. der Natur empfiehlt (Leon 1968, 13). In der
Aufklärung wird das Ideal des Fortschritts formuliert und auf die Technik angewendet (Leon
1968, 19). Dies führte zu einer Institutionalisierung technischer Bildung. Bislang konnte man
auf der einen Seite in die Lehre bei einem tüchtigen Baumeister gehen, bei einem
Hüttenmeister oder bei einem im Bergwesen erfahrenen Kunstmeister, auf der anderen Seite
stand die Lehrzeit bei einem Kriegsbaumeister, bei einem tüchtigen Praktiker des
„Zeugwesens“. In Frankreich kam es gegen Ende des 17. Jh. dann zu einer ersten Spezia-
lisierung im Bereich des Militäringenieurswesens. Durch königlichen Erlass vom 15.4.1689
wurde nämlich angeordnet, dass die Erbauer der Schiffe seiner Majestät, des Königs von
Frankreich, fortan den Titel des ‚Ingenieurs-Constructeuers de la Marine’ führen sollen.
Wenige Jahre später wurden die Feldmesser und Kartographen zu einem ‚Corps de Ingenieurs
Geographes’ zusammengefasst. Die Organisation und Ausrüstung des stehenden Heeres
sowie bei den Seemächten der Aufbau der Kriegsflotte stand an erster Stelle. Obwohl merk-
liche Weiterentwicklungen nur bei den Handfeuerwaffen geschahen, sorgten einheitliche
Bewaffnung und Uniformierung sowie das Exerzierreglement, das die Handhabung des
Gewehrs in eine Vielzahl von Einzeloperationen zerlegte, für eine gewisse Standardisierung,
die ohne Zweifel auch die arbeitsteilige Kooperation in den sich ausbreitenden Manufakturen
bestimmte (König 1991, 23-25).

In der lateinischen Etymologie von „ingenium“ wird dieses Wort von „geno“ abgeleitet. Es
bezeichnet einen inneren Charakter, eine naturale Disposition von Menschen, nämlich im
Speziellen eine natürliche Anlage des Geistes im Sinne des Genies und der Erfindung. Huarte
schließt in seinem Buch über die Prüfung der Genies auf die hervorbringende Kraft und
Macht des Geistes. Im 17. Jh. erscheint oftmals in der Literatur ein neues Wort, genannt
„ingeniator“, das einen spezialisierten Handwerker im Hinblick auf Kriegsmaschinen, speziell
Belagerungsmaschinen, meint (Vérin 1984, 19-21). Der Ingenieur beschäftigt sich insbeson-
dere mit mechanischen Maschinen, bzw. mit Instrumenten. Auch die technische Idee löst ein
zu Grunde gelegtes Problem. Dabei wird die Idee der Anwendung von allgemeinen wissen-
schaftlichen Prinzipien auf einen singulären Einzelfall angestrebt. In diesem Sinne meint
Ingenieur den Macher von Kraftmaschinen, mechanischen Maschinen, aber auch den Mecha-
niker und Architekten, also denjenigen, der die Pläne für eine Arbeit entwirft und ihre
Ausführung anleitet und überwacht. Insbesondere geht es um die Anwendung der geometr-
ischen Prinzipien (Vérin 1984, 22-24).

Als Konstrukteur von Kraftmaschinen ist der Techniker der Kunst der Belagerung mehr
Handwerker, weil diese Maschinen aus Holz sind. Die Ingenieure werden daher also auch als
die Begründer der Maschinen für die Artillerie gesehen, so wie der Architekt, der in der Kunst
der Kriegsführung bewandert ist, für die Befestigungsanlagen zuständig ist und sich an den
Maschinen der Belagerungskunst orientieren muss. Zu gleicher Zeit muss er sich aber auch
mit hydraulischen Prinzipien vertraut machen, die eine Verbesserung der Agrikultur oder des
städtischen Lebens ermöglicht (Vérin 1984, 29). Zum Schluss gibt es die Existenz des
mechanischen Ingenieurs, von dem Vaucansson ein Beispiel ist. Diese Art von Ingenieuren

63
bauen Automaten. Erforderlich für den Berufsstand des Ingenieurs ist es seine Fähigkeiten im
Hinblick auf die mathematischen Instrumente Auszubilden und zu üben (Vérin 1984, 34).

Die Kunst des Festungsbaus beruht auf nichts anderem, als erneut und erneut Linien zu
ziehen, die aufgespannt wurden zwischen den Fundamenten und der Befestigungsanlagen
sowie der Bollwerke, die einen Platz schützen sollten, welchen der Feind in besonderer Art
und Weise angreifen konnte. Insofern bestand die Kunst darin, ein gewisses Verhältnis zwi-
schen Fronten und Flanken aufzubauen. Diese Art und Weise der Konstruktion lief darauf
hinaus flankierende Maßnahmen zu ergreifen (Vérin 1984, 255f). Hier waren die mathe-
matischen Beweise in besonderem Maße gefragt. Der Geometriker Errard führte eine Ord-
nung von Maximen und Regeln in der Geometrie ein, die er Demonstration nannte (Vérin
1984, 258). Das Ingenieurswesen führte dazu, dass die Erfahrungen, die Beobachtungen und
die Experimente im Bereich der Technik in ihrer Anzahl vergrößert werden mussten. Die
Intelligenz der Konstruktion wird nun verwissenschaftlicht. Dabei spielt eine zentrale Rolle,
inwiefern die Operationen bzw. die Konstruktionshandlungen definiert und bestimmt werden
können (Vérin 1984, 272f). In zunehmendem Maße wird es nötig zwischen mathematischen
und mechanischen Demonstrationen zu unterscheiden. Nun kommt die Statik ins Spiel. So
wurde in zunehmendem Maße die Differenz zwischen der Theorie und der Praxis der
Konstruktion unterschieden. Konstruktion wurde in zunehmendem Maße die Ausübung von
mathematischen Prinzipien (Vérin 1984, 276).

Diese Physik für Ingenieure, bzw. für Techniker hatte wie alle Theorien ihren blinden Punkt
und dieser bestand in dem Konzept des Widerstandes. Zwischen dem Interesse der Physiker
der Epoche für das Ökonomieprinzip und der Sorge, dafür eine theoretische Formulierung zu
finden, sowie dem Inhalt, der im Zusammenhang mit dem Widerstandsprinzip häufig dunkel
und schlecht bekannt und geregelt war, als dass sie dieses in ihrer Physik benutzten, konnte
man letztendlich nur weiter nach Indizien suchen, die eine technische Behandlung des
Widerstandsprinzips erlauben würden, welches sich ansonsten physikalisch-theoretisch nicht
in angemessenem Maße als fassbar erwiesen hatte. Nur so ließ sich die Kohärenz ihres
Disputes über das Widerstandsprinzip aufrechterhalten. Die Überlegungen über mathemati-
sche Fortschritte und mathematische Ordnungen verschwanden im Diskurs der Ingenieure
(Vérin 1984, 283f). Angeregt durch Messinstrumente, die notwendig wurden durch die
Umsetzung von Konstruktionsplänen sowohl auf dem Papier, wie im Terrain und aus der
Sorge heraus, niemals die technischen Möglichkeiten aus dem Auge zu verlieren, ging es da-
rum, Methoden und Entwicklungspfade der Geometrie zu entwickeln, die die Vernunftpfade
nicht verlassen sollten. So spielten notwendige Proportionen eine zentrale Rolle, genau so wie
das Prinzip des Ausgleiches der Kräfte, die allerdings noch quantifiziert werden mussten
(Vérin 1984, 288f).

Eine neue Art des Ingenieurswesens entstand durch die Pyrotechnik, die die Kunst der
Artillerie als mechanische Kunst weiter entwickelte, nachdem das Schießpulver erfunden war
(Vérin 1984, 307). Erfahrungen und Experimente wurden immer dringlicher, um die Modelle
näher zu bestimmen und zu determinieren (Vérin 1984, 324). Insofern kann von einer Intelli-
genz der Konstruktion gesprochen werden, die in die Strukturierung des technischen
Artefaktes und technischen Gegenstandes Eingang findet. Wichtig aber ist die Definition der
erforderlichen Operationen, nicht ausschließlich der technischen Artefakte. So erfolgt im Rah-
men der Ingenieurwissenschaften ein Übergang von der Beschreibung des technischen Arte-
faktes zur Operation seines Hervorbringens im Hinblick auf seinen Gebrauch. Eine solche
Tendenz wird schon von Simon Stevin 1634 beschrieben. Statik ist also nicht mehr nur
Mathematik, sondern Mechanik. Man braucht nicht Mathematik, um Kathedralen und Festung
zu bauen, sondern Statik. Der mechanische Ingenieur bezog sich auf die Physik, der Pyro-

64
techniker auf die Chemie. Eine immer stärkere naturwissenschaftliche Grundlegung der
technischen Konstruktion führte zu einer starken Artefaktorientierung der Ingenieurwissen-
schaften.

Vorläufer waren die mittelalterlichen Ingenieure und ihre Maschinen. Es waren Experten für
das Handwerk (Vérin 1984, 42f). Ein charakteristisches Merkmal dieser Ingenieure war, dass
sie Modelle sowohl aus Ton oder aus Holz benutzten, um Architekturprobleme zu begreifen
und sie für die Handwerker, bzw. Mechaniker aufbereiten zu können (Vérin 1984, 45). Auch
im Mittelalter, vor allem aber in der Renaissance, war die Aufgabe des Ingenieurs im
besonderen Maße die Kunst des Krieges. Schon im zwölften Jahrhundert gab es Ansätze eines
Ingenieurswesens, in dem vorfabrizierte Teile verwendet wurden (Vérin 1984, 56). Es gab
eine technische Meisterschaft. Im dreizehnten Lahrhundert spielte die Artillerie eine zentrale
Rolle im Ingenieurswesen (Vérin 1984, 60). Es gab aber auch andere Arten von Ingenieuren,
die eher in den Bereich der Technoscience gehörten, so die Nähe der Medizin, insbesondere
in der Chirurgie rückten, oder aber auch in der Astrologie, insofern hier astronomische Instru-
mente verwendet werden mussten (Vérin 1984, 62). Durch den Kontakt mit den arabischen
Naturwissenschaftlern, Mathematikern und Ingenieuren, wie Avicenna und Al Farabi, wurden
auch die mechanischen Künste und das Ingenieurswesen gefördert (Vérin 1984, 72).

Die „Enzyklopädie methodique“, die den Konstruktionsingenieuren der Marine am Ende des
18. Jh. zugeordnet war, zeigt den Platz des modernen Ingenieurs als Kriegsingenieur auch
noch am Ende des 18. Jh. Die Ingenieure wurden in zunehmendem Maße Unternehmer und
eine große Anzahl von ihnen kam aus Familien von Handwerksmeistern. Sie begründeten
einen eigenen Berufsstand außerhalb der staatlich angestellten Ingenieure, die in den
Militärschulen, insbesondere in Frankreich herangebildet wurden (Vérin 1984, 181f). Bis ins
18. Jh. hinein waren die Aufgaben des Ingenieurs in der Regel so groß, dass es sich um
Staatsaufgaben gehandelt hat. Insofern wurden auch die ersten Ausbildungsinstitutionen
zunächst vom französischen König, aber dann auch von der französischen Nationalversam-
mlung nach der Revolution als Staatsaufgabe angegangen. Der moderne absolute Staat wird
zum Staat der Ingenieure. Die Ingeniere bringen Serviceleistungen und formieren das moder-
ne Staatswesen durch den Aufbau einer Infrastruktur, einer militärische, wie auch einer
zivilen. Insofern werden Befestigungsanlagen genauso gebaut wie Straßen und Brücken. Eine
besondere Rolle spielen die Ingenieure der Marine, die die Befestigungsanlagen des 16. Jh.
ergänzen. Insofern sind seit Beginn des 17. Jh. die ersten Ingenieure ein Berufsstand des
Königs (Vérin 1984, 186f). Eine besondere Rolle spielte in diesem Konzept der Ingenieur-
geograph oder Kartographieingenieur. Die Karte des Ingenieurs ist ein Instrument im Sinn der
Dienstleistung einer militärisch-ökonomischen Strategie (Vérin 1984, 196).

Der Anfang des eigentlichen Ingenieurswesens ist mit der ersten Militärakademie in
Frankreich verbunden. Vauban war ihr erster Leiter. Vauban hat ein Bild vom Staat als einer
durch einen Alleinherrscher als leitenden Ingenieur zu lenkenden Maschine. Von 1651 bis
1703 leitete er die militärischen Angelegenheiten des Sonnenkönigs. In diesem halben Jahr-
hundert wurde Vauban mit dem Ausbau von mehr als 300 Festungen, darunter 33 Neubauten,
zum größten Festungsbaumeister seiner Zeit, und zwar keineswegs nur durch Innovationen in
diesem Bereich. Ferner nahm Vauban in dieser Zeit an mehr als 40 erfolgreichen und
abgeschlossenen Belagerungen teil, davon 20 unter dem Kommando des Königs. Insofern hat
er den Rang eines Klassikers der Kriegskunst erworben. Noch 1870/71 hat man sich im
Festungskrieg an die von ihm entwickelten Maximen und Regeln des methodischen Angriffs
gehalten (Gembruch 1983, 49). Unter dem Namen „Corps du Genie Militaire“ wurde 1691
unter der Führung von Vauban die erste genuine Ingenieursschule gegründet (Picon 1992,
31).

65
Mit dem Ingenieur des 17. und 18. Jh. wird der Staat zum Arbeitgeber und Nachfrager von
Ingenieursleistungen. Dies führt zu einer Entindividualisierung, Standardisierung, Vermas-
sung und Ökonomisierung der Technik. Die technische Versorgung des stehenden Heeres
machte eine langfristige Planung erforderlich und profitabel. Der Konsument von
Ingenieurstechnik wurde immer abstrakter, der Auftraggeber für Großaufträge wurde zuneh-
mend „der“ Staat im Sinne einer Staatsbürokratie. Die technische Konstruktion verlor immer
mehr an Eigenständigkeit und wurde in Produktionsverfahren eingeordnet und untergeordnet.
Technische Konstruktion wurde zu einem Teil der Technologie als Verfahrenskunde im Sinne
von Beckmann. Die Ökonomisierung wurde immer deutlicher und so der Weg in die
Produktionsorientierung der Technologie vorbereitet, die sich mit den industriellen Revolu-
tionen durchsetzt. Belidor schrieb 1729 ein Buch „Die Wissenschaft des Ingenieurs im
militärischen Bereich“. Schon im 17. Jh. gab es Anfänge der Begründung einer Ingenieurs-
wissenschaft. Die Verwandlung der Kunst des Festungsbaus in eine Wissenschaft von der
Bauzeichnung führte zu einer Mathematisierung und Geometrisierung der Konstruktions-
kunst. Aber nicht nur die Geometrisierung war Teil der neuen Ingenieurswissenschaft, son-
dern auch die Einführung der Experimentalmethode in die Kunst der Technik.

Schon vor der Industriellen Revolution entsteht in Frankreich der neue Berufsstand der Zivil-
Ingenieure. Mit ihm und mit veränderten Formen von technischem Handeln als Berufsarbeit
und Produktion verändern sich technische Institutionen, genauer gesagt, es kommen neue
hinzu. Die zivilen Ingenieure beschäftigten sich mit Brücken, Straßen und Bergwerken, die
selbstverständlich auch eine militärische Dimension hatten (Vérin 1984, 199). Für das
Ingenieurcorps wurden auch Inspektoren gebraucht, die sowohl die Ausbildung, wie die
Konstruktion selber, sowohl auf dem Land wie zur See überwachten. Insofern entstand mit
dem Ingenieurstand sogleich ein neuer Verwaltungsstand. Der Merkantilismus des 17. und an
Anfang des 18. Jh. ist eine politische Ökonomie, die in systematischer Art und Weise das
Staatsunternehmen bevorzugt und fördert und den Staat als großen Auftraggeber und Unter-
nehmer sieht (Vérin 1984, 218-221). Der neue Berufsstand war sofort mit einer neuen sozia-
len Verpflichtung verbunden (Vérin 1984, 229). Spätestens seit der Mitte des 18. Jh. führte
die Verbindung zwischen Wissenschaft und Gewerbe zu Fortschrittsschüben, noch vom Ver-
ständnis der sog. nützlichen Wissenschaften der Aufklärung beeinflusst. Während der Zeit der
Französischen Revolution wurden Studien in den exakten Wissenschaften und ihre praktische
Anwendung durch die Gründung der Ecole Polytechnique in Paris besonders gefördert.
Dagegen nahm in England der technische Fortschritt seinen Ausgang in den Werkstätten
einfacher, empirisch arbeitender, aber häufig wissenschaftlich gebildeter Praktiker. So
entsteht seit dem späten 17. Jh. und verstärkt im 18. Jh. die Berufsgruppe der Ingenieure. In
Frankreich existierte schon vor der „Enzyklopädie“ eine längere Tradition technisch-wissen-
schaftlicher Literatur. Sie beruhte auf verschiedenen technisch-wissenschaftlichen Bildungs-
einrichtungen, die aus den staatlichen, militärischen und wirtschaftlichen Bedürfnissen ent-
standen waren. Zu Beginn des 18. Jh. wurden mit dem „Corps des Ponts et Chaussees“ auch
im zivilen Bereich spezialisierte Kader aufgebaut, deren hoher Standard weithin anerkannt
war. In England dagegen vollzog sich die Entwicklung zu einer Berufsgruppe der Ingenieure
außerhalb des öffentlichen Dienstes und ohne ein formalisiertes technisch-wissenschaftliches
Unterrichtswesen (Ludwig 1981, 2-6).

Die älteste zivile Ingenieursschule französischer Art hat mehr als zweitausend Schüler her-
vorgebracht. Diese Schule bildete eine homogene Gruppe aus und dies war von einer nicht zu
unterschätzenden Bedeutung, neben der Anzahl, in einer Epoche, in der Ingenieure selten wa-
ren. Es war eine Institution, in der wissenschaftliche und technische Größen arbeiteten und
sich austauschten. Schließlich wurden in dieser Institution technische Rationalität und eine
Organisation des entsprechenden Wissens zusammengebracht (Picon 1992, 13-16). Die

66
Geschichte der Schule enthüllt eine ganze Reihe von entgegen gesetzten Positionen und
Elementen, die dazu geführt haben, dass es zu einer fortgesetzten Entfernung und
Entfremdung der technischen Ausbildung und der Erziehung in der Architektur kam (Picon
1992, 21). 1747 errichtete Jean Rodolphe Perronet ein Büro für Ingenieure in Paris. Es war
eine neue Verwaltung für die Brücken und Straßen, für die diese Institution nun
verantwortlich war. Perronet war der Direktor der Schule der Brücken und Straßen bis zu
seinem Tod im Jahr 1794. Die Ernennungsurkunde bzw. die Einrichtungsurkunde wurde von
General Mault am 11. Dezember 1747 unterzeichnet (Picon 1992, 34-37).

Mehr als die Straßen waren die Flüsse und Kanäle Gegenstand der Regierungsarbeit. Perronet
war sich bewusst, dass Straßen eine große und breite Faszination ausübten, und ihre
Entwicklung auf der ganzen Welt im Hinblick auf politische und technische Entscheidungen
beobachtet wurden. Die Politik der Straßen war eine Sache der Aufklärung (Picon 1992, 39f).
Die Karten der Straßen und Brücken hatten Anteil an der Bedeutung dieser ganz allgemeinen
Bewegung einer nationalen Erforschung und eines allgemeinen Investitionsprogramms,
welches sich seit dem Ende des 17. Jh. mit den ersten Kampagnen der Akademie der Wissen-
schaften verband und sich im 18. Jh. verschärfte, um die Infrastruktur des Landes im Sinne
der Aufklärung zu verbessern (Picon 1992, 47). Der Zivilingenieur, der Gegenstand der neuen
Schule war, beschäftigte sich auch mit Neuerungen, wie zum Beispiel der Wasserbau-
architektur. Dabei spielte die Theorie eine außerordentlich Rolle, die insbesondere die Mathe-
matik, die Mechanik und die Hydraulik umfasste. Allerdings sind nur sehr wenige Ingenieure
vertraut mit den Abstraktionen der Wissenschaftler. Die Geometrie spielte eine zentrale Rolle
in der Theorie und in der Praxis des Ingenieurswesens. Denn man formte eine klare Idee aus,
was die Kunst des Ingenieurs betraf im Zusammenhang mit den Privilegien, die für diese
Schule formuliert wurden. Die Wasserbaukunst, die insbesondere den Abhandlungen von
Belidor ihren Namen gegeben hatte, spielte dabei keine so zentrale Rolle (Picon 1992, 53-55).

Bis zur Einrichtung der Polytechnischen Schule spielten die Ingenieure der Brücken und
Wege nur eine sehr moderate Rolle in der Mathematisierung der technischen Wissenschaften
(Picon 1992, 58). Die Krise der Ingenieurskunst führt in unmittelbarem Maße zu dem
traditionellen Konzept der Solidität. In der klassischen Theorie der Bauwerke markiert die
Solidität den Zugang zu einer korrekten Dimensionierung einer guten Ausführung der zu
bevorzugenden Produktionsweise auf den Betrachter. So kam es zur Einführung der Analyse
auf die Baustelle, wobei verschiedene Phasen der Baustelle unterschieden wurden. Immer
deutlicher wurde die Bedeutsamkeit der theoretischen Rechtfertigung (Picon 1992, 76f). Mit
der zivilen Ingenieursschule wurde eine neue technische Elite im Zeitalter der Aufklärung
geschaffen. Es gab zudem noch das Modell des Architekturingenieurs, des Kunstingenieurs
und Bauingenieurs. Die dreisemestrigen Kurse der Schüler erlaubten eine ausreichende
Aufmerksamkeit, die Perronet tatsächlich auf die Weiterentwicklung jedes seiner Schüler
warf (Picon 1992, 83-85). Um eine so verschiedenartige Mannschaft von Technikern zusam-
menzufassen, welches eine solche Reputation hatte, mussten eine ganze Reihe von Arbeits-
modalitäten von großer Bedeutsamkeit eingeführt werden (Picon 1992, 91).

Mathematik und Mechanik erhielten den ersten Rang der theoretischen Wissenschaften und
Kenntnisse, die von den Schülern der Schule der Brücken und Wege angeeignet werden
mussten. An dieser Schule wurden die Studien komplettiert durch die wechselseitige
Erlaubnis, die Schüler und ihre wissenschaftlichen Kenntnisse zu kontrollieren. Im Jahre 1775
kam die Instruktion von Turgot, die die Anzahl der Semester auf drei festlegte, ein elemen-
tarer Grundkurs in Geometrie, ein Kurs der Algebra praktizierte und einer über Mechanik,
Hydraulik und die verschiedenen Differenzial- und Integralrechnungen. Eine Ausrechnung für
den eigentlichen Architekten zum Beispiel an dem Buch über „L’Architecture pratique de

67
Bullet“ fand nicht statt. Die Architekten und die künftigen Ingenieure wurden in der Majorität
in der Lektion ausgebildet, die Blondel in der Mitte des Jahres 1769 gab. In den ersten Jahren
des Büros der Zeichenschule wurde der praktische Unterricht der Schüler von Perronet ein
solcher, der auf eine breite Anforderungsskala professionell antwortet. Mit dem Wiederer-
starken der schulischen Charaktere in den Unterrichtsfächern wurden auch die Straßenkarten
professionalisiert. Es gab eine Kollektion von Modellen an der Schule (Picon 1992, 107-112).
Auch die praktischen Kenntnisse sind bedeutsam. Neben den theoretischen und praktischen
Kenntnissen war der Zustand des Geistes, in dem die Schüler sich befanden und in dem sie
sich bewegten eines der wesentlichen Kriterien für die Teilnahme am Kurs. Sie mussten
Beweise abliefern für ihre Gelehrsamkeit und dass sie in der Lage waren, das eine oder andere
theoretisch aufzunehmen und praktisch anzuwenden (Picon 1992, 117). Im Lauf ihrer
Existenz wechselte die Schule mehrfach ihren Standort (Picon 1992, 124). Ein ökonomischer
Liberalismus entsprach nicht dem Erziehungsgeist der Schule und dem Staat. Daher gibt es
nur wenige Absolventen dieser Schule, die philosophische oder ökonomische Kenntnisse
hatten. Intellektuelle sind rar in der Verwaltung der Schule (Picon 1992, 134f).

Am Ende der Schulzeit wurden die meisten Schüler von Perronet zu Unteringenieuren
ernannt. Die Chancen, Ingenieur zu werden oder sogar etwas Höheres, waren für sehr lange
Zeit nicht sehr hoch. Es sind sehr viele Unteringenieure ihr ganzes Leben lang ohne weitere
Aufstiegsmöglichkeiten in ihrem Job geblieben. Der Status des Unteringenieurs war mit viel
Arbeit versehen. Die Unteringenieure und die Ingenieure arbeiten zusammen und haben sich
in der Tat häufig über ihre Mittelmäßigkeit und ihre Einkommen beklagt (Picon 1992, 139-
143). Die Industrialisierung hat all dies grundsätzlich geändert. Das Niveau der Entschei-
dungen und der Arbeitsplätze multiplizierte sich, während der Arbeitsaufwand der Ingenieure
ebenfalls an stieg und so die Nachfrage nach ihnen wuchs. Dabei war ganz entscheidend, dass
sich der neue Ingenieur immer mehr physikalisch-mathematische Kenntnisse aneignete. Mit
der Polytechnischen Schule war die Schule der Brücken und Straßen eine wichtiges
Bindeglied in dem Plan, die Ausbreitung neuer nützlicher, analytischer Kenntnisse unter den
Ingenieuren zu propagieren. So kam es zu einer Transformation der technischen Rationalität
und der Entwicklung unter den Ingenieursstudenten. In England kam es zu einer Erneuerung
und Aufwertung der Intellektuellen, auch in Hinblick auf Techniker, die nachrangig ist dem
Prozess der Industrialisierung (Picon 1992, 621-624).

Vor der Revolution von 1789 gab es nur Staatsingenieure. Diese hohen technischen Beamten
– ursprünglich alles Offiziere – erhielten eine praktische Ausbildung innerhalb ihres Corps.
Allerdings besuchten sie zuvor Jesuitenschulen und haben dort Mathematik und Geographie
gelernt. 1716 gründet der Staat das Ingenieurcorps „Ponts et Chaussees“. 1744 errichtete die
Regierung in Paris ein Zeichenbüro, mit dem Auftrag, eine Karte des Netzes der Verkehrs-
wege zu erstellen. Zum Zeitpunkt seiner Gründung im Jahre 1716 umfasste das Corps an die
20 Ingenieure. Am Anfang der Revolution waren es schon mehr als 200. 1748 entscheidet der
Kriegsminister sicherlich angeregt durch die Erfahrung des Zeichenbüros, die Gründung einer
„Ecole du Genie“ in Mezieres, einer Grenzstaat im Norden Frankreichs. Die letzte der großen
Schulen des Ancien Regime ist die „Ecole de Mines“, die durch einen königlichen Erlass vom
19. März 1783 gegründet wird. Sie hat die Aufgabe, Berginspektoren auszubilden, die bis
dahin in der EDP unterrichtet wurden. Es gibt zwar auch ein kleines „Corps d’Inspecteurs des
Manufactures“ und der berühmteste dieser Inspektoren entwickelte sogar einen Plan zur
Gründung einer Schule für Inspektoren der Manufakturen und des Handels, der allerdings in
der Schublade blieb. Auf diesem Hintergrund schlugen Gaspard Monge und andere
Wissenschaftler vor dem Nationalkonvent zu Beginn des Jahres 1794 die Gründung einer
einheitlichen Einrichtung zur Ausbildung aller technischen Beamten im zivilen und militä-
rischen Bereich des Staates vor. Diese Schule, die am Anfang „Ecole Central Travaux

68
Publics“ hieß, wird 1795 in die Ecole Polytechnique umgetauft. Der neue Begriff wurde
sicherlich von Monge selbst erfunden. Die einzige Neuerung unter Napoleon, die allerdings
von großer Bedeutung ist, besteht darin, die Ecole Polytechnique unter die Regie des Militärs
zu stellen. Die Ecole d’Arts et Metiers wird 1806 in einer alten Abtei zu Chalons-Sur-Marne
im Osten Frankreichs untergebracht (Grelon, Stück 1994, 16-22).

Die „Ecole Central des Art et Manufactures“ will ihren Unterricht auf der industriellen
Wissenschaft aufbauen, welche als einzigartige und in sich stimmige Synthese von Theorie
und Praxis, Wissenschaft und Technologie zu verstehen ist. Dabei geht es darum, die
Ausbildung der Ingenieure nach einem neuen Konzept zu bestimmen, damit diese ihren
gesamten Wirkungskreis in den Unternehmen konsolidieren können. Die Einrichtung ist
privat und will auch gar nicht mit staatlichen Subventionen rechen. Die Gründer haben viel
vor. 147 Stundenten sind schon beim ersten Jahrgang 1829 eingeschrieben (Grelon, Stück
1994, 27). Die Frage nach einer strukturierten Organisation des technischen Unterrichts-
wesens wird nunmehr de facto gestellt (Grelon, Stück 1994, 30). Die Ingenieure des Corps de
Ponts et Chaussees entwickelten die Tendenz, sich auf eine abstrakte, mathematikzentrierte
Ausbildung zu berufen. Sie begannen, Anspruch auf einen sozialen Status im direkten
Verhältnis zum selektiven Charakter dieser Ausbildung zu erheben, Machtpositionen anzu-
streben, die zur Vernachlässigung der Technik im eigentlichen Sinne zugunsten der Verwal-
tungs- und Managementaufgaben führten (Grelon, Stück 1994, 77f).

Als erste in Frankreich gegründete zivile Ingenieursschule erinnert die „Ecole des Ponts et
Chaussees“ indessen in vielerlei Hinsicht noch an die traditionellen Ausbildungsstätten
(Grelon, Stück 1994, 80). Sie war ausgezeichnet durch einen ganz besonderen Corpsgeist. Der
Nutzen der Verkehrswege bildete das vorherrschende Thema der Ausbildung der künftigen
Ingenieure. Dazu gehörte neben dem Straßen- und dem Brückbau selbstverständlich noch der
traditionelle Kanalbau für die Schifffahrt. Lange Zeit beschränkt auf Straßen und Brücken
werden in den letzten Jahrzehnten des Ancien Regime immer häufiger auch die
Flussregulierung und der Kanalbau herangezogen (Grelon, Stück 1994, 83-85). Die Gründung
der „Ecole Polytechnique“ erwies sich als richtungsweisend. Im Laufe des 19. Jh.s, genauer
gesagt seit den 30er und 40er Jahren setzt in Frankreich die Industrialisierung ein. Drei Typen
von Infrastruktur spielen bei dieser Revolution eine Rolle: Straßen, Wasserwege und
Eisenbahnen. Auch wenn sie für den Eisenbahnbau zunächst eher eine Bremse darstellen,
tragen die Ingenieure der Straßen und Brücken in der Folge doch zu ihrer Entwicklung bei
(Grelon, Stück 1994, 88f). So bereiteten die Ingenieure in Frankreich im 18. Jh. den Schritt
vom Infrastrukturmanagement zur Raumordnung vor (Grelon, Stück 1994, 93).

In den Ingenieurschulen im Vergleich zwischen Deutschland und Frankreich spiegeln sich die
gegensätzlichen Strukturen des Erziehungswesen wider: Zentralismus in Frankreich,
Förderalismus in Deutschland (Grelon, Stück 1994, 419). Nach der französischen Revolution
werden die Zünfte aufgehoben – mit der für die Berufsausbildung Frankreichs langfristig
verheerenden Folge, dass zugleich die Einrichtung des Lehrvertrages aufgehoben wird, so
dass eine staatliche normierte Berufsausbildung zu Beginn der zweiten Phase der Industria-
lisierung in Frankreich nicht existiert: Erst 1880 wird ein Gesetz für das mittlere Niveau der
technischen gewerblichen Ausbildung geschaffen und erst nach dem Ersten Weltkrieg das
untere Niveau der technisch gewerblichen Ausbildung institutionell aufgebaut (Grelon, Stück
1994, 426). Technische Hochschulen konnten sich in Frankreich – wie in Deutschland in
Orientierung an den Universitäten – im 19. Jh. nicht entwickeln, weil in Frankreich die
Universitäten bis zum Beginn der Dritten Republik faktisch nicht existierten. Die Universi-
täten konnten demnach auch kein Leitbild für die bereits seit Anfang des 19. Jh. bestehenden,
unter Napoleon noch in ihrer Stellung verstärkten, staatlichen Ingenieurschulen abgeben

69
(Grelon, Stück 1994, 430). Die Ausbildungssysteme von Ingenieuren und Handwerkern in
Frankreich und Deutschland waren ganz anders, auf Grund der unterschiedlichen
gesellschaftlichen Organisation mit zentralistischer Staatsgewalt und Französischer Revolu-
tion einerseits, Förderalismus andererseits. Technik schafft gesellschaftliche Strukturen, wird
aber auch in diese eingebettet. So fehlte eben die Idee der Universität, die in Deutschland eine
ganz zentrale Rolle gespielt hatte.

In der Ecole Polytechnique wurde der Gedanke leitend, dass die technischen Wissenschaften
eine gemeinsame theoretische Grundlage besaßen. In Deutschland kam man der
Akademisierung der Ausbildung durch die Umbenennung von Gewerbeakademien in
technische Hochschulen ein Stück näher (Ludwig 1981, 7-9). Die Bezeichnung Ingenieur, mit
der bis weit in das 19. Jh. hinein nur der Kriegsbaumeister mit Erd-, Geschütz- und Maschi-
nenbaukenntnissen, mit der nach der Jahrhundertmitte auch der zivile Bau- und Maschinen-
kundige gemeint waren, wird im folgenden mit dem „höheren Techniker" verbunden, der über
das rein handwerkliche Erfahrungswissen hinaus reichende Kenntnisse verfügte oder eine
theoretisch-wissenschaftliche Ausbildung erhalten hatte. Dennoch konnte sich jeder beliebige
Monteur, Maurer, Polier oder Mechaniker Ingenieur nennen. Man war der Meinung, dass
durch Bildung und technisches Schulwesen eine gewerbliche Wirtschaft zum Wohl des
gesamten Vaterlandes anzukurbeln sei, während die Ingenieure darüber hinaus glaubten, dass
sich ihre Eingliederung in die Gesellschaft aus der sozialen Höherbewertung der Technik
mehr oder weniger von selbst ergeben würde. Bis heute ist jedoch keineswegs untersucht
worden, in welchem Ausmaß die produzierte technische Bildung tatsächlich dem gewerblich-
industriellen Wirtschaftswachstum die entscheidenden Impulse gegeben hat (Ludwig 1981,
17f).

Im Zeitraum um 1800 gibt es erhebliche Verschiebungen und Brüche im Selbstverständnis


und in der Arbeitsweise etlicher Wissenschaften. Die Arbeit von Matthias Paul soll Bezüge
herstellen zwischen der Entwicklung der Geometrie und der des Bildungsproblems im
Zeitalter erster praktischer Lösungsversuche, und zwar zentriert um die „Geometrie
descriptive“ Gaspard Monges (1745-1818). Mit der „Geometrie descriptive“ liegt das organi-
sierende didaktische Prinzip der Ecole Polytechnique vor, und es handelt sich bei ihr um die
Verbindung von Mathematik und Zeichnen zu einer neuen Einheit. Die Grundvoraussetzung
ist dabei die Quantifizierbarkeit von Gegenständen, die zur Voraussetzung von Rationa-
lisierung erklärt wurde. Dabei ist zu zeigen, dass durch diese Methode ihre Präzision erhöht
werden soll, und messbar gemacht wird (Paul 1980, 1-4). Dabei ist das Theorie-Praxis-
Verhältnis in gewisser Weise vom Utilitarismus geprägt. Die von Monges vorgelegte
Methode hat zur Entwicklung einer deutlichen Anschauung beigetragen. Wichtig ist auch für
den Hintergrund der Etablierung der Ecole Polytechnique, dass nach dem Terror nach der
französischen Revolution das Bildungswesen neu aufgebaut werden sollte. Die Entstehung
eines neuen Bildungssystems, dessen Ausbau zur Schaffung neuer Ämter führte, wirkte nun
aber auch auf die Realisierung der Gruppeninteressen bestimmter Intellektueller nach
Karrieremöglichkeiten zurück (Paul 1980, 5-9).

Das Bildungskonzept der Ecole Polytechnique in den frühen Jahren war stark durch den
Condorcet’schen Ansatz geprägt. Zentrale Anliegen waren durch die Indienstnahme der Ecole
Polytechnique für Staatszwecke bezüglich der Lehrinhalte nur vermittelt technischer Natur;
wichtiger war ihre soziale Ausrichtung, und vor allem dadurch erhielt ihr Curriculum einen
grundlegenden Wandel. Die Ausbildungsdauer wurde zunächst auf drei Jahre festgelegt, 1799
dann für alle Absolventen auf zwei Jahre verkürzt. Die Befürchtung, dass durch die Ecole
Polytechnique neue Privilegien für den Zugang zum Staatsdienst geschaffen würden, war
nicht unberechtigt. Die Zukunft sollte zeigen, dass auch die aus antifeudalen Erwägungen

70
heraus geschaffene leistungsorientierte Aufnahmeprüfung diese Befürchtung nicht gegen-
standslos werden ließ. Bis etwa 1815 erfolgte keine grundlegende theoretische Neubestim-
mung der Funktionen der Ecole Polytechnique., die den einzelnen Wissenschaften bei der
Ausbildung der Ingenieursschüler zugewiesen wurde (Paul 1980, 94).

Zentral war die Stellung der Mechanik. Mit dem Wissen über die Mechanik sollten die
Naturkräfte ausgenutzt und die durch Maschinen ausgeführte Arbeit so erweitert werden, so
dass dem Bürger nur geistige Arbeit zu tun bleibe. Mit dem physikalischen und chemischen
Wissen sollten die natürlichen Ressourcen besser ausgenutzt werden können. Die Auffassung
von der prinzipiellen Erkennbarkeit der Welt und der Beherrschbarkeit der Naturprozesse
finden wir gepaart mit dem Glauben an die unbegrenzte Perfektibilität des Menschen und der
Menschheit, sprich Gesellschaft. Die zu erwerbenden Kenntnisse sind von zweierlei Art: die
einen beziehen sich auf die Formen und die Bewegungen der Körper; ihre Natur fordert die
Aneignung durch den Verstand; sie fordert entweder die Benutzung des Kalküls, oder den
Gebrauch von Zirkel und Lineal; sie bilden einen Teil der Mathematik. Die anderen beziehen
sich auf die Zusammensetzung der Körper, auf die Eigenschaften der Moleküle, die sie
bilden; sie erwirbt man durch die Erfahrung in den Laboratorien, in den Werkstätten, und sie
sind Teil der Physik (Paul 1980, 96f).

Insofern kam es zu einer Einteilung der zu lehrenden mathematischen Disziplinen nach ihren
verwendeten Methoden und ihren Gegenstandsbereichen. Die „Geometrie descriptive“ hatte
darüber hinaus den Vorteil, dass sie als Wissenschaftssprache und Metatheorie für die techni-
schen Wissenschaften gelten konnte. Sie erlangte so den Charakter eines Mittels, die Wahr-
heit zu suchen (Paul 1980, 98f). Die Lehre an der Ecole Polytechnique soll nicht nur einmal
auf die Höhe der Wissenschaft gebracht werden, sondern wird unter ein ständiges Innova-
tionsgebot gestellt. Die angewandte bzw. demonstrative Geometrie wird als die Methode
angesehen, in der die Zusammenfassung der existierenden Disziplinen angeboten wird, die
mit analytischen Methoden arbeiten. Das vom Innenminister La Place eingebrachte und am
17.12.1799 verabschiedete Gesetz beendet die Unsicherheit über den Fortbestand der Ecole
Polytechnique. Die Schülerzahl wird auf 300 festgelegt, das Mindestalter der Bewerber
beträgt 16, das Höchstalter 20 Jahre. Die Begehrtheit einer solchen Ausbildung mit guten
Karrieremöglichkeiten für Absolventen der Ecole Polytechnique erklärt sich fast von selbst
(Paul 1980, 109-119).

Napoleons häufig wechselnde Pläne zur Umgestaltung dieser Hochschule erstrecken sich
insgesamt auf einen Zeitraum von etwa 10 Jahren, und die oft hervorgehobenen Exaltierungen
im Bereich der Militarisierung besitzen keine Dauer. Wichtiger sind die in seiner Ära
vollzogenen Festschreibungen des Sozialcharakters der Ecole Polytechnique, so die Regeln
im Hinblick auf die Kostenpflichtigkeit der Ausbildung und die Erweiterung der Aufnahme-
prüfung um literarisch-humanistische Anteile. Die von De Monge befürchtete Tendenz, dass
durch die beschlossenen Veränderungen eine neue, privilegierte Gruppe geschaffen würde,
läuft diametral seiner alten revolutionären Zielvorstellung entgegen, die auf reale Gleichheit
der Staatsbürger durch Bildungsprozesse herzustellen hinauslief. Doch waren seine Befürch-
tungen durchaus nicht unbegründet (Paul 1980, 126f). Ausgebildet wurden auf der Ecole
Polytechnique technische Verwaltungsbeamte, die, obwohl sie am Industrialisierungsprozess
nicht aktiv teilnahmen, eine wichtige Funktion für diesen besaßen, denn sie wirkten als eine
Art Filter für private Unternehmungen. Eine aktive und fördernde Rolle übernimmt der Staat
jedoch erst frühestens mit dem Eisenbahnbau in den 40er Jahren (Paul 1980, 129).

Die Ecole Polytechnique konnte zumindest von den dort gebotenen Inhalten her so etwas wie
eine mathematisch-naturwissenschaftliche Universität werden, auch wenn dies ihre eigent-

71
liche Zielsetzung und die Motivation ihrer Studenten nicht recht traf (Paul 1980, 141). Die
Ecole Polytechnique hatte jedenfalls einen erheblichen Anteil an der Theoretisierung von
Technik (Paul 1980, 218). Poncelet kann bezüglich seiner Vorstellungen zum Bildungspro-
blem und der Anwendungsorientierung von Wissenschaft überhaupt als repräsentativ für eine
ganze Gruppe von Polytechnikern gelten, die innerhalb der Mathematik über Geometrie
arbeiteten, gleichzeitig als Ingenieure tätig waren, und den Prozess der Verwissenschaft-
lichung technischen Wissens voranzutreiben halfen, in der Regel auf dem Gebiet der industri-
ellen Mechanik. Im Bereich der Theoretisierung von Technik übernimmt diese die Position,
die Monge der „Geometrie descriptive“ zugedacht hatte (Paul 1980, 344). Die ökonomischen
Kontexte werden zunehmend ausgeblendet. Der Zusammenhang von Alchemie und Technik
findet vor allen Dingen im Hinblick auf den Bergbau und Verhüttung statt, aber auch bei der
Porzellan- und Glasherstellung. Der Zusammenhang zwischen Biologie und Technik wird in
den Agrarwissenschaften erst im 19. Jh. manifest. Dabei werden im 18. Jh. immer noch Ver-
nunftnotwendigkeiten und physikalische Notwendigkeiten parallelisiert.

Wachsendes Bauvolumen brachte eine Komplizierung der Aufgaben mit sich. Allerdings
dominierte das technische Element in der Lehre nur an Ingenieur- und Militärakademien. Jetzt
interessierten auch immer mehr die Zusammenhänge zwischen Struktur und Wirkungsweise
von Baukonstruktionen und das Strömungsverhalten von Gewässern. Die mathematische
Berechnung von Balkensicherheit wird für Bautechnik wichtig. Die Verwissenschaftlichung
der Bautechnik lässt sich schon recht früh nachweisen. Allerdings stieß der Einzug wissen-
schaftlicher Grundlagen auf den Widerstand so mancher Baumeister. Die kühnsten Ingenieure
der Renaissance versuchten, Kunst und Technik in eine Einheitswissenschaft einzuschließen,
die praktische Mechanik und Maschinenkunde im Spannungsfeld von Naturwissenschaften
und Technik konzipierte. Das zentrale Problem der Gelehrten waren der freie Fall und der
Wurf. Dem gezielten Experiment ging stets die gedankliche Durchdringung des technischen
Vorgangs bzw. natürlichen Phänomens voraus. Galilei bemühte sich eine konsequente Quan-
tifizierung mechanischer Prozesse. In Ständebüchern wie in Theatern der Maschinen mani-
festierte sich ein ingenieurmäßiges, wissenschaftlich untermauertes Herangehen an ein
Problem. Damit bereitete sich bereits Ausgang des 17. Jh. der Gedanke einer Einheit der
Technikwissenschaften aus. Dies manifestiert sich in der Begründung der deskriptiven Ma-
schinenkunde durch Jakob Leupold. Dieser setzte auf ein einigendes System der Mathesis.
Darin manifestierte sich auch ein frühaufklärerischer Impetus, zunehmend die angewandten
Wissensgebiete untereinander zu verknüpfen (Buchheim, Sonnemann 1990, 117-123). Der
Ausbau der modernen Naturwissenschaften ging von der Mechanik fester Körper aus. Er
bereitete aber auch die Untersuchung anderer Phänomene vor.

Uhr und Mühle gelten dabei als Vorbilder der Maschinerie. Ein wichtiger Anknüpfungspunkt
war auch die technologische Untersuchung der Metalle. Ende des 17. Jh. werden in den
Universitäten Naturwissenschaftenr mit Vertretern der angewandten Richtung. Ob nun
Technik zum Prüffeld und zur anregenden Demonstration von Naturgesetzen wurde, der
mathematischen Spielerei oder dem Ausbau experimentellen Methoden diente, die aufge-
schlossenere Haltung vieler Naturwissenschaftler auch zu Problemen der Maschinentechnik
ist nicht mehr zu übersehen. In Jacob Leupolds Werk "Theatrum machinarum" von 1724-
1729 fließen die Ströme empirischer und theoretischer Betrachtung zusammen. In diesem
Werk finden sich auch hervorragende Zeichnungen. Die Verwissenschaftlichung der Bau-
zeichnungen ist auch ein Indikator für die Verwissenschaftlichung der Technik. Auch
chemische Produkte sind seit dem 15. Jh. einem steigenden Bedarf ausgesetzt. Allerdings
waren die oft planlosen Versuche nicht immer von Erfolg gekrönt, da ausreichende chemische
und mineralogische Kenntnisse nicht zur Verfügung standen. Um die Mitte des 18. Jh. war
der Zeitpunkt gekommen, da zum ersten Mal versucht wurde, die Methoden der exakten

72
Wissenschaft auf eine praktische Bauaufgabe anzuwenden. Es entsprach der Geistesrichtung
des Aufklärungszeitalters, auch das statische Verhalten von Bauwerken, die bis dahin nur
nach dem architektonischen Gefühl entworfen worden waren, der Kontrolle des geprüften
Verstandes zu unterstellen und die Tragwerke nach den Regeln der nun als Wissenschaft
etablierten Mechanik zu bemessen. Der Übergang vom handwerklich-gewohnheitsmäßigen
Schaffen zur modernen, wissenschaftlich fundierten Baukunst bedeutet etwas grundsätzlich
Neues. Es handelt sich um die statischen Untersuchungen der Peterskuppel in Rom, die im
Auftrag von Papst Benedikt XIV in den Jahren 1742 und 1743 durchgeführt wurden (Straub
1992, 154f).

Zu Beginn des 18. Jh.s gewann die technische Literatur eine neue Qualität. Nicht mehr das
Bizarre, Kuriose war gefragt, sondern die nüchterne präzise Information. Die nun edierten
Mühlenbücher stellten mit ihren bemaßten Grund- und Seitenrissen, Detailzeichnungen und
Textbeschreibungen eine wirklich brauchbare Hilfe für den Mühlenbauer dar. Diese Darstel-
lungen enthalten das empirische Wissen des zeitgenössischen Wasser- und Windmühlenbaus,
gehen aber auch auf ökonomische Belange ein. Als Beispiel dient hier die Arbeit „Archi-
tekturhydraulik“ von Belidor, der schon Erfahrungswissen mit wissenschaftlicher Theorie zu
verknüpfen suchte. Auch die Versuche des großen schwedischen Maschinenbauers und Theo-
retikers Christopher Polhem, der um 1701 eine aufwendige Versuchsapparatur die Ermittlung
der günstigsten Wasserradform konstruiert hatte, blieben letztlich ohne größeren Erfolg,
obwohl auch sie ein Zeichen für die sich anbahnende Verbindung von Theorie und praktischer
Mechanik waren (König 1991, 45-47). Die Ergebnisse der wissenschaftlichen Berechnungen
unterschieden sich nicht grundsätzlich von den Urteilen aufgrund der Erfahrung. Als Ursache
für die größeren Risse und der aufgetretenen Schäden im Kuppelbereich wird das Nachgeben
des Kämpferrings der Kuppel genannt. Dies wird nun allerdings aufgrund der Berechung der
Größe des Horizontalschubs als Nachweis erbracht, dass die damals eingerichteten zwei
eisernen Zugringe dem Druck nicht gewachsen waren. Dagegen wandten die Praktiker ein,
dass die Kuppel schon längst hätte einstürzen müssen, wenn der errechnete Druck tatsächlich
um ein so vielfaches höher liegen sollte als auf Grund der Erfahrung erwartet. Trotz der
Meinungsverschiedenheiten über die Ursache der Schäden herrschte indessen zwischen den
Parteien Übereinstimmung über die zu ergreifenden Maßnahmen, dass zur Sicherung des
Bauwerks weitere eiserne Zugringe anzubringen seien (Straub 1992, 156-160).

Zum ersten Mal in der Geschichte des Ingenieurbaus treten Erkenntnisse aus den
Naturwissenschaften und der Forschung an die Stelle von intuitivem Wissen um statische
Gleichgewichtszustände und der Anwendung von Erfahrungsregeln zur Bemessung. Mathe-
matische Berechnungsmethoden werden herangezogen, um das Gleichgewicht im Tragwerk
eines Gebäudes nachzuweisen und die Dimensionierung von Bauelementen vorzunehmen.
Den Berechnungen zugrunde gelegt wurde das Prinzip virtueller Verschiebungen aus
Bauschäden. Die Gutachten kommen zu dem Schluss, die Kuppel mit zusätzlichen Ringan-
kern zu sichern, was die Praktiker auch ohne statische Berechnungen aus Erfahrung längst
erkannt hatten. Mit diesem Vorgang wird das humanistische Primat der Anschaulichkeit
verlassen (Jesberg 1996, 74-76). Es entsteht eine ingenieurwissenschaftliche Technikwis-
senschaft, ansatzweise realisiert in der französischen ingenieurwissenschaftlichen Schule
(insbesondere dem Bauingenieurwesen) und in der Montanindustrie.

Im technisch zunehmend voraussetzuungsreichen Bergbau artikuliert sich Ende des 18. Jh.
anwachsend eine Nachfrage nach technisch-wissenschaftlicher Kompetenz, die in Europa und
Lateinamerika zwischen 1765 und 1795 zur Entstehung einer Reihe von Bergakademien
führte (Stichweh 1984, 44). Mitte des 18. Jh. beginnt die Innendifferenzierung der Naturlehre.
Es entsteht eine dezentrale Struktur des Wissenschaftssystems. Technikwissenschaften konsti-

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tuieren sich als Disziplinen in Analogie zu den Naturwissenschaften etwas später als diese.
Der Prozess beginnt in der zweiten Hälfte des 17. Jh. Der Prozess der Mathematisierung der
Theorien in der Physik führt zu einer sich neu etablierenden Hierarchie des Wissens (Stich-
weh 1984, 217). Experimentalforschung wird identisch mit Präzisionsmessung, die optimale
Koordination mit mathematischer Theorie gewährleistet. Dem dienten auch die Fehler-
rechnung und die Fehlertheorie. Eine neue Experimentalauffassung kommt so unter dem
Druck der Mathematisierung physikalischer Theorie zu stande. Dadurch wird die Technizität
mathematischer Aussagenzusammenhänge immer deutlicher (Stichweh 1984, 249).

Ein besonders wichtiges Beispiel für das Zusammenwirken von Naturwissenschaft und
Technik in dem Sinne, dass man Technik als angewandte Wissenschaft betrachten konnte,
wird 1770 in Deutschland durch den Blitzableiter eingeführt. Dabei gewinnt seine Vorführung
bisweilen in manchen Formen Ähnlichkeiten zum Mesmerismus, der Elektrizitation als Mittel
medizinischer Therapie begreift. Der Blitzableiter hat eine singuläre Stellung in der Inter-
aktion von Naturwissenschaft und Technik im 18. Jh., denn er kommt als technische Inven-
tion völlig überraschend und wurde kurz nach 1750 entwickelt. Es handelt sich um einen
wirksamen Schutz ohne nachteilige Nebenwirkungen (Stichweh 1984, 279f). Er ermöglichte
erst den fahrenden Elektrikus, der durch Verkauf von Blitzableitern und Installation dieser
Anlagen sich sein Geld verdient. Insbesondere die Zusammenhänge von Elektrizität und Ma-
gnetismus interessieren am Ende des 18. Jh.

Maschinen dienten insbesondere dem Antrieb für Fontänen durch Wasserpumpen. Jakob
Leupold hatte eine Reihe von solchen Maschinen beschrieben. Allerdings kam bei einem
hohen Aufwand häufig nur eine geringe Leistung zustande. Die Fragen der Wasser-
förderungen waren dabei vor allem bei Gruben wichtig. So entwarf z.B. Leibniz eine
Pumpkraftmaschine, um Grubenwasser zu heben. Windmühlen waren als Antrieb nicht kon-
stant genug. Maschinen zum Antrieb für Pumpen ließen sich mit den Mitteln des 17. Jh. nicht
entwickeln. Das 18. Jh. brachte den Siegeszug der quantitativen Naturwissenschaft und in der
zweiten Hälfte große und fruchtbare technische Schöpfungen (Klemm 1999, 122). Mitte des
17. bis Ende des 18. Jh. datierte die Blüte des Merkantilismus. Die Aufklärungsepoche be-
mühte sich um eine stärkere und rationalere Durchdringung des technischen Schaffens. Nun
wurde systematisch versucht, Reibungsverluste zu vermeiden. Durch Reibung blieben Ma-
schinen in praxi weit meist hinter ihrem theoretischen Wirkungsgrad zurück. Im zweiten
Drittel des 18. Jh. war man bestrebt, die Wissenschaft auf das technische Schaffen anzuwen-
den. B. F. de Bélidor war bemüht, die Theorie der Mechanik auf die Maschinen anzuwenden,
wie Christian Wolff berichtet. Ch. A. de Coulomb, J. R. Perrouet und M. R. de Prony ver-
suchten die Anwendung der Wissenschaft in der Technik voranzutreiben. Diese stieß aller-
dings allzuoft auf den Widerstand der reinen Praktiker. Die Wirksamkeit der mathematischen
Methode in der Technik wurde vielfach bezweifelt (Klemm 1999, 118). Hinzu kamen viele
Fehlschläge der Mathematik bei der Darstellung mechanischer Probleme. So machte sich
Friedrich der Große über Eulers Berechnung zum Wasserhebewerk lustig. Insgesamt war
Coulomb erfolgreicher. Insbesondere Gewölbeberechnungen erwiesen sich als Ansatzpunkt
für eine theoretische Durchdringung der mechanischen Künste.

Eine stärkere wissenschaftliche Durchdringung der technischen Arbeit setzte zuerst in


Frankreich ein. Während man sich dort bemühte, die Technik an die Wissenschaft anzuschlie-
ßen, verfolgte England im Allgemeinen mehr die Wege der praktischen Erfahrung. Aber doch
auch hier gehen Naturwissenschaften voran, Mechanik und Chemie einerseits, und Gewerbe-
wesen und Industrie andererseits, vornehmlich in der zweiten Hälfte des 18. Jh. gerade in den
industriereichen Gebieten vielfach zusammen. Die Wissenschaften pflegenden fachlichen
Abendschulen, Akademien und Kurse wandernder Lehrer vermitteln den praktisch Tätigen

74
bescheidene praktische naturwissenschaftliche Grundlagen. Das Streben, die Wissenschaften
auf die Technik anzuwenden, war auf dem Kontinent zunächst das Anliegen einzelner Wis-
senschaftler oder staatlicher Stellen. Aber doch zeigte sich schon in der ersten Hälfte des 18.
Jh. wie auch Handwerker von sich aus bemüht waren, ihre praktische Arbeit ein wenig wis-
senschaftlich zu unterbauen (Klemm 1969, 320). Die Männer, die im 18. Jh. vor dem Einzug
der Dampfkraft als Praktiker den Bau von großen Maschinen betrieben, waren Kunstmeister,
die vornehmlich Bergwerksmaschinen konstruierten, und Mühlenbauer. Diese Männer ver-
banden mit ihrem praktischen Können auch einiges theoretisches Wissen. So vereinte der
Leipziger Mechaniker, Maschinenbauer und Bergwerkskommissar Jakob Leupold (1674-
1727) in besonders glücklicher Weise wissenschaftlichen Sinn mit praktischer Fertigkeit. In
seinem „Theatrum Machinarum“ hob er immer wieder hervor, dass der Erbauer von Instru-
ment und Maschine mathematische und mechanische Studien betreiben müsse. In sachlich-
rationalem Geist wandte er sich besonders gegen die bloßen Projektemacher, an denen es seit
den Tagen der Spätrenaissance und Barock nicht fehlte. Leupolds Buch ist die letzte große
Zusammenstellung der technischen Vorrichtung vor dem Einbruch der neuen Kraft und Ar-
beitsmaschinen in der zweiten Hälfte des 18. Jh. (Klemm 1969, 321).

Gegen Ende des 18. Jh. vollenden sich zwei technikwissenschaftliche Paradigmen: (1) die
Ingenieurwissenschaft in der französischen ingenieurwissenschaftlichen Schule und in der
Montanindustrie, theoretisch erfasst von Christian Wolff unter dem Begriff „technologia“ als
Kausalwissenschaft und Unterdisziplin der Physik; (2) die handwerkliche, manufaktur-
orientierte Technologie als Verfahrungskunde im Sinne von Johann Jacob Beckmann. Der
Begriff der Technologie taucht im Rahmen der Renaissance erstmals 1656 auf, wobei
Technologie im Sinne der Sprachkunst verstanden wird. Dabei handelt es sich um grammati-
kalische Lehrbücher. Im Englischen ist technology "treatment of grammar" für das Jahr 1683
belegt. Allerdings sind von diesem Technologiebegriff keine neuen Impulse ausgegangen
(Seibicke 1968, 100). In der philosophischen Auseinandersetzung des 16. und 17. Jh. über
Logik und Dialektik spielt die Frage nach dem Wesen der freien Künste und ihrer Gliederung
in verschiedene Abteilungen eine wichtige Rolle. Dabei stehen sich die aristotelische Defini-
tion der Techne als eines subjektiven Habitus (hexis) des Verstandes und die stoische Auffas-
sung, nach der Techne ein System von Regeln darstellt, einander gegenüber, doch überwiegt
die stoische Auffassung. Insbesondere in England und in den USA ist der Begriff der philoso-
phischen Technologie verbreitet, in Deutschland ist er bekannt, doch wird von ihm nicht so
ein reger Gebrauch gemacht. Dennoch ist nicht anzunehmen, dass philosophische Techno-
logie gegen Ende des 17. Jh. spurlos verschwunden ist. Unklar ist, wie der Begriff Techno-
logie in die Philosophie übernommen worden ist. Auch außerhalb der Schulphilosophie ist
Technologia nämlich in der Bedeutung der Kunstlehre nachweisbar. Technologia bezieht sich
insbesondere auf universale Zeichen, Schriften oder Symbolsysteme oder auf eine universale
Begriffs- und Symbolschrift.

Im 18. Jh. findet bei Christian Wolff und Johann Jacob Beckmann ein Begriffswandel statt.
Technologie wird zur Bezeichnung für den Begriff Gewerbekunde, so im damaligen
Brockhaus, wobei diese Begriffsbestimmung einseitig ökonomisch ist. Manchmal gibt es
noch die Verwendungsweise Technologie für Poetologie, aber das Adjektiv technologisch
konnte um 1800 auf alles bezogen werden, was zum Sachgebiet der Technologie gehört. Dort
bestand von Anfang an eine Konkurrenz mit dem Wort technisch, da technologisch streng
genommen nur das bezeichnete, was zur Lehre vom Technischen gehört (Seibicke 1968, 156).
Der Begriff "technica" als kollektiver Plural neutrum gebildet und sekundär als Feminin-
endung behandelt, hat eine Bedeutung, der der Charakter eines Wissenschaftsbegriffs völlig
abgeht. Er ist ein reiner Sammelbegriff, eine Kontamination von singularischer Form und
pluralischem Inhalt. Der Gedanke einer inneren Systematik der handwerklichen Künste ist

75
damit grundsätzlich nicht verbunden, kann aber durch den Begriff der Wissenschaft über-
lagert werden.

Zwei Programme einer Technikwissenschaft waren unter der Bezeichnung „Technologie“


bereits im 18. Jh. diskutiert worden: Die Forderung nach einer theoretisch-philosophischen
Reflexion von Technik bei Christian Wolff am Anfang des 18. Jh. unter dem Namen "Tech-
nologie" und andererseits das Modell einer Klassifikation aller Techniken im Sinne der
Technikwissenschaften bei Johann Jacob Beckmann, ebenfalls unter dem Namen "Techno-
logie" am Ende des 18. Jh. Diese Verwissenschaftlichung der Technik wird seit der Renais-
sance betrieben und in der Industriellen Revolution verstärkt realisiert. Eine Folge davon ist
der Übergang von einer Handwerkstechnik zur Ingenieurstechnik. Hier verknüpfen sich in der
Entwicklung der Dampfmaschine Wissenschaft und Technik erstmals gegen Ende des 18. Jh.
Etwas später erfolgt eine Verwissenschaftlichung der technischen Produktion durch Ausbil-
dung einer technischen Verfahrenskunde, genannt Technologie. Johann Jakob Beckmann
prägte diesen Begriff 1772 in Göttingen. Sein Programm einer kameralistischen, d.h.
ökonomischen Theorie der Technikverwendung artikuliert sich bereits im Titel seines Werkes
"Anleitung zur Technologie, oder zur Kenntniß der Handwerke, Fabriken und Manufacturen,
vornehmlich derer, die mit der Landwirtschaft, Polizey- und Cameralwissenschaft in Ver-
bindung stehn. Nebst Beyträgen zur Kunstgeschichte" (Beckmann 1777).

Eine alle Bereiche umfassende Handwerkskunde hatte es bis dahin nicht gegeben. Beckmanns
Einteilung nach Arbeitsverfahren ist als das Neue zu sehen. Damit wird technische
Konstruktion unter veränderten Gesichtspunkten, aber noch im Kontext konstruktiver
technischer Praxis gesehen. Bei allen Systematisierungstendenzen ist eine pädagogisch-
pragmatische Absicht nicht zu übersehen. Im Unterschied zu Christian Wolff wird
Technologie als Wissenschaft des Handwerks bei Beckmann nicht in das System der
Naturwissenschaften integriert, sondern vom technischen Vorgehen, von der technischen
Arbeit oder - allgemein gesprochen - vom technischen Handeln aus verstanden. Beckmann
schlägt 1772 erstmals vor, den Begriff der Technologie anstelle des herkömmlichen Begriffes
der Kunstgeschichte für die Beschreibung von Ingenieurswerken einzuführen. Das Wort
Technologie gewann sehr schnell einen nicht mehr einzuholenden Vorsprung vor allen
anderen bereits gebräuchlichen Bezeichnungen. Dabei ist von besonderer Wichtigkeit die
Verzahnung von Ökonomie und Technologie bei Beckmann. Technikwissenschaft ist eine
Wissenschaft des Maschinenwesens und der Fabriken. Den Begriff der Kunstgeschichte hat
Beckmann abgelehnt, weil sich inzwischen der Begriff der Geschichte insbesondere durch
Kant und Herder gewandelt hat. Aber auch Wandlungen im Begriff der Kunst haben zu dieser
Trennung beigetragen. Kunst, Fabrik und Manufaktur sind am Ende des 18. Jh. nicht mehr
identisch. Für Beckmann heißt der neue Oberbegriff also nicht Kunst, sondern Handwerk. Er
ist aus dem Prinzip der Verarbeitung abgeleitet. Ob es sich dabei um schöne oder nützliche
Gegenstände handelt, ist für Beckmann belanglos. Es geht ihm also um die Aufwertung der
Handwerke. Die schönen Künste gehören bei Beckmann noch zum Handwerk, aber der alte
Verband der Künste und der Handwerke ist in Auflösung begriffen (Seibicke 1968, 144).

Sein reifstes Werk erscheint 1806, nämlich der "Entwurf einer allgemeinen Technologie".
Hier geht es um die Neubegründung einer streng wissenschaftlichen Systematik der
Technologie im Sinne einer vergleichenden Technologie. Beckmann erstellt ein Verzeichnis
der verschiedenen Absichten der Handwerker und Künstler (Beckmann 1985, 10). Es handelt
sich allerdings um eine Klassifikation, die heute nicht mehr ganz überzeugt (Beckmann 1985,
22). Insgesamt wird Ende des 18. Jh. und Anfang des 19. Jh. das Bedeutungsspektrum des
Wortes Technologie immer unschärfer. Übersetzt in moderne Terminologie von Technologie
benutzt Beckmann zur Klassifikation technischen Handelns die Ziele technischer Handlungen

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bzw. von Arbeitsverfahren, die Arbeitsmittel und die dadurch erzeugten Wirkungen, Folgen
oder Produkte. Dabei ist das Entwicklungstempo technischer Neuerungen nicht besonders
schnell. Die Erfahrung lehrt vielmehr, dass von Zeit zu Zeit Verbesserungen gemacht werden,
welche die Arbeit erleichtern, sichern oder abkürzen (Beckmann 1983, 467). Technologie ist
also gemäß Beckmann Verfahrenskunde der Produktion oder Arbeitskunde, während sich die
Technikwissenschaften mit Erkenntnismethoden, mit Erfindung und Konstruktionsmethoden,
mit der Spezialisierung in der Technik und ihrer wissenschaftlichen Durchdringung sowie mit
einer wissenschaftlichen Reflexion der Technologie beschäftigen. Zu Zeiten der Handarbeit
bis in das Zunftwesen des Mittelalters hinein waren Technikwissenschaften und Technologie
unnötig. Dabei ist der Begriff der Verwissenschaftlichung der Technik unscharf. Vielmehr
kam es zu einem Anwachsen der Komplexität technischer Handlungen und zu Formen der
Arbeitsteilung bereits vor der Industriellen Revolution, z.B. in Manufakturen, aber auch im
Bergbau und in der Metallverhüttung. So wurde allmählich eine zunehmende theoretisch-
wissenschaftliche Durchdringung von Teilaspekten technischen Handelns erforderlich. Vor
diesem Hintergrund differenziert sich auch der Begriff der Technologie im Sinne von (1)
Nutzung von Naturprozessen in artifiziellen Kontexten, (2) die Bearbeitung von Gegen-
ständen im Sinne einer Transformation von Stoff, Energie sowie Information und (3) die
schrittweise theoretische und pragmatische Verallgemeinerung.

In Beckmanns Definition der Technologie wird der Technikbegriff auf die Handwerke, d.h.
auf alle Formen der Verarbeitung von Materialien festgelegt. Das geschieht noch vor der
Ausbreitung der Begriffe „technisch“ und „Technik“ für Regeln, Verfahren und Mittel der
Zweckrealisation im weitesten Sinn und kann deshalb nicht davon abgeleitet sein. Dagegen
kann man die Verwendung des Begriffes technisch allein für handwerkliches Herstellen auf
den Einfluss von Beckmanns Technologie zurückführen (Seibicke 1968, 212). Handwerkliche
manufakturmäßige Technologie entsteht als Erfahrungskunde im Sinne von Johann Jacob
Beckmann. Für stoffumwandelnde Operationen bedeutete die Regelung des Feuers ein
permanentes Problem. Da die Gelehrten die Handarbeit verachteten, kam es nur zufällig und
vereinzelt zu einer Verknüpfung von empirischen und theoretischen Erkenntnissen. Mit der
Renaissance wandelten sich die gnoseologischen Grundpositionen. Die Gelehrten der
Renaissance bemächtigten sich der Antike aus der kritischen Distanz einer mehr als
tausendjährigen Entwicklung und negierten sie auf eine dialektische Art (Buchheim,
Sonnemann 1990, 57-64). Das von Bacon angestrebte Ziel, nämlich auf wissenschaftliche
Weise zu erfinden, war vorerst nicht zu erreichen.

Der Staat hatte längst die indirekte und auch die direkte Förderung technische Entwicklung
übernommen: indirekt, weil er Hauptabnehmer, vor allem von militärischen Produkten war,
und direkt etwa in dem ausdrücklichen Auftrag an die Akademien, nutzbringende, die
Wissenschaften anwendende Erfindungen zu tätigen oder zu beurteilen. In diesem
Zusammenhang kommt der Technik die Rolle des eigenen Rades in dem theoretischen
Konzept des Staates als Maschine zu. Aus der Tradition der Beschreibung der Handwerke,
des Durchlaufs eines Rohstoffs durch die Bearbeitung bis hin zum fertigen Endprodukt, leitet
sich auch die Benennung einer neuen Wissenschaft der Technologie her. Die Vorstellungen
einer physiokratisch reorganisierten Landwirtschaft und Formulierungen, wie sie Diderot in
seiner Enzyklopädie, vor allem mit seinem Artikel „Arts“ benutzte, fließen zusammen (Weber
1983, 175f). Zielte bei Diderot die Systematisierung der handwerklichen Erfahrungen auf eine
Verbesserung der Produktion in den Manufakturen auf bessere Materialgüte, höhere
Arbeitsteilung und vollkommenere Produkte, zu deren permanenter Verbesserungen die
Arbeiter dann intensiv selber beitragen könnten, so baute Beckmann den Nutzen der
Technologie in das System der landesfürstlichen Wohlstandspolizei ein. Man sieht aber
schon, wie wenig hilfreich diese Technologie als Orientierungswissenschaft für die

77
Konstruktion von Maschinen, sowohl Werkzeug- wie Kraftmaschinen, sein musste. Doch
nicht nur in Deutschland, sondern auch in Paris fand die Technologie durch den französischen
Bergbauexperten und Chemiker J. H. Hassenfratz Fürsprecher (Weber 1983, 177-179).
Heynitz versuchte dann erneut 1799 in der eben begründeten Bauakademie Unterrichtsfächer
wie Maschinenlehre, Hafenbau, Land- und Stadtbau unterzubringen. Die Aversion der
Berliner Universität gegen die „materielle“ Richtung des Polytechnismus und Amerikanismus
hatte um 1830 ihren Höhepunkt erreicht (Weber 1983, 180-183). Auch die Naturwis-
senschaften standen in den Jahren 1790 bis 1830 in Deutschland unter dem wesentlichen
Einfluss der romantischen Naturphilosophie (Weber 1983, 187).

Zu Beginn der Neuzeit entwickelte sich ein Patentsystem, so in Venedig Ende des 15. Jh. Im
16. Jh. bildeten sich besonders in den Niederlanden und in Kursachsen feste Formen der
Gewährung von Erfinderanleihen heraus. Auch kaiserliche Patente für das ganze Reichsgebiet
wurden bereits seit dem 16. Jh. erteilt. Die bedeutsame Entwicklung des deutschen Erfin-
dungsschutzes in der zweiten Hälfte des 16. wurde im 17. Jh. durch den Dreißigjährigen Krieg
unterbunden. In England führte das Unterhaus am Ende des 16. Jh. einen Kampf gegen den
Missbrauch der Krone, Privilegien nach Belieben auch für den Handel mit allen möglichen
Waren, insbesondere solchen des täglichen Bedarfs zu vergeben (Klemm 1999, 99).
Allerdings blieb die Vergebung eines Erfinderprivilegs noch immer ein Gnadenakt der Krone;
erst Ende des 18. Jh. wurde dem Erfinder ein Rechtsanspruch auf ein Patent für seine
Erfindung eingeräumt (Klemm 1999, 100). Die Auffassung, dass die Benutzung der einfachen
Maschinen zu partikulären Zwecken ein Handeln wider die Natur sei, wurde bald danach
überwunden. Galileo Galilei in seinem Werk „Le mecchaniche“, 1593 geschrieben, und
Francis Bacon in seinem „Novum Organum“ (1620) weisen darauf hin, dass der Gebrauch
von Maschinen kein Handeln gegen die Natur bedeute (Klemm 1999, 93).

Mit der Durchsetzung des mechanischen Weltbildes seit dem späten 16. Jh. schlug auch die
Geburtstunde der modernen Naturwissenschaften. An die Stelle des bislang vorherrschenden
spekulativen Denkens als der wesentlichsten Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnis trat
nun in der Verbindung von Theorie und empirischer Beobachtung das naturwissenschaftliche
Experiment. Erstmals wurde die bis heute in der Forschung gültige Grundregel der Nach-
prüfbarkeit durch andere angewandt (König 1991, 52). In der Mitte der naturwissen-
schaftlichen Revolution erlangte das Instrument, das im Praxisbereich weiterhin seine
wichtige Funktion behielt, auch in der Wissenschaft eine herausragende Bedeutung (König
1991, 200). Nicht zuletzt gehörten Uhren zu diesen Instrumenten. Insgesamt unterstellte man
der barocken regulären Bastionsbefestigung eine logisch fortschreitende Entwicklung, geprägt
von militärischer Zweckrationalität. Technische Rationalität erweist sich aber gerade in
diesem Bereich nicht als eine feste Größe, die als solche Motor der historischen Veränderung
ist. Sie wird selbst relativ und veränderlich. Für den Festungsbau des 17. Jh. bedeutet dies
z.B., dass eine reguläre Anlage einer irregulären auch dort vorgezogen werden konnte, wo das
nach heutigem Verständnis nicht zweckmäßig ist (König 1991, 228). Auch die Schleusen bei
Kanalbauten konnten beträchtliche Größen erreichen. Bei aller Bewunderung dieser tech-
nischen Großleistung bleibt darauf hinzuweisen, dass es sich dabei nur um partiell
weiterentwickelte neue Techniken gehandelt hat. Beachtenswerter ist, ähnlich wie beim
Festungsbau, die geschickte Organisation von Arbeitermassen, die größtenteils aus Soldaten
und fronenden Bauern der Region bestanden hat. Der Einsatz technischer Mittel war im
gesamten Bauwesen durch die Tatsache bestimmt, dass sich auf den Baustellen im Regelfall
nur menschliche und tierische Muskelkraft einsetzen ließ. Erdbewegungen geschahen in
Handarbeit mit der Schaufel, der Transport von Erde und Baumaterialien erfolgte mit
Schleifen, Karren und Wagen. Schwere Lasten wurden mit Kränen und Hebezeugen bewegt
(König 1991, 238).

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Jean Adolphe Peronnet hat dem Brückenbau ein wissenschaftliches Fundament zu geben
gesucht und selbst hervorragende Brücken entworfen und gebaut. Berühmt wurde er vor allem
Dingen mit dem Pont de Neuilly in Paris (König 1991, 240). Ein Ingenieur war im späten
Mittelalter ein Mann, der Kriegsgerät herstellte, im Gegensatz zum Architekt, der sich mit
dem Zivilbau befasst hat. Diese Scheidung, die auch in den Architekturbüchern vorgenommen
wurde, war jedoch eher formaler Natur-. Denn in der Realität waren Architekt und Ingenieur
sehr häufig ein und die selbe Person, das heißt sie mussten sich auf beides verstehen und
darüber hinaus erhebliche organisatorische Fähigkeiten besitzen, wie sie bei der
Durchführung großer Bauvorhaben gefordert wurden. Durch die Gründung der Ingenieur-
korps wurden eine allmähliche Trennung von Zivil- und Militärbauwesen sowie eine
Spezialisierung innerhalb des Heeres vorangetrieben. Obwohl zur Architektur auch die
Mechanik im weiten Sinne zählte, und mancher Baumeister die für seine Arbeit notwendigen
Maschinen entwarf oder verbesserte, hatte der eigentliche Maschinenbau seine Hauptwurzeln
in jenen Bereichen, die eng mit den Gewerben, also mit der Produktionstechnik verbunden
waren. Ihre Hauptvertreter, die Mühlenbauer, die vor allen mit dem Werkstoff Holz um-
gingen, oder die Kunstmeister, die die bergbaulichen Maschinen sowie die städtischen
Wasserkünste bauten und es hervorragend verstanden, dabei Metall zu verwenden, waren
reine Empiriker, die ihr Wissen und Können von Generation zu Generation weiter gaben
(König 1991, 249-252).

Entwurf, Planung nicht nur des technischen Artefakts selbst, sondern auch seine Erzeugung
und Herstellung umfasst das Prinzip der technischen Konstruktion. Die routinisierte techni-
sche Konstruktionspraxis, von der es immer wieder kleine Abweichungen gegeben hat, ist das
kontinuierliche Entwicklungsprinzip letztendlich auch der technologischen Fortschritt und
Innovation hervor gebracht hat. Die Konstruktionsstruktur mechanischer Geräte, wie sie z.B.
Mühlen in verschiedenen Variationen enthalten, basiert auf einer Implementierung von
technischem Umgangswissen in Geräte. Dabei gehen auch gelegentlich lokale Versionen oder
Alternativen dieses technischen Umgangswissens in die technischen Geräte selbst mit ein.
Während das funktionale Wissen in den Maschinen weltweit gleich funktioniert, kann es
lokales Umgangswissen geben, welches in lokalen Bereichen in technische Artefakte
implementiert wird und dann möglicher Weise in anderen Bereichen ganz andere und
ungeahnte Wirkungen hervorruft. Technisches Umgangswissen ist zunächst eine Kompetenz,
die aus der ersten Personperspektive zu beschreiben ist. Diese muss, um sie in Maschinen
implementieren zu können, zunächst in technologisches Umgangswissen transformiert wer-
den, bevor es zum mechanischen Wissen um Ereignisabfolgen transformiert werden kann,
welches dann in mechanische Ereignisabläufe transformiert werden kann. Die theoretische
Erfassung und Präzisierung des Umgangswissens war eine wesentliche Voraussetzung für die
Erfassung komplexer Bewegungsabläufe welche technische Handlungen aufgrund von
technischem Umgangswissen darstellen. Dies lag zum Beispiel bestimmten Teilprozessen der
Tuchherstellung zugrunde, nicht zuletzt des Vorgangs des Spinnens und Webens. Dies war
Gegenstand von Beckmanns Technologiebegriff, der allerdings mit Verwissenschaftlichung
noch nichts zu tun hat.

Eine der für die Technik wichtigsten Folgen der Buchdruckerkunst war die Verbreitung
technischen Wissens durch das Buch. Das wichtigste technische Problem bestand in der
Erzeugung von Kraft, um mechanische Apparate zu bewegen. In diesem Zusammenhang sind
zunächst Wasserräder zu erwähnen. Der Fortschritt mit der Vergrößerung des Mehlrades darf
auf jeden Fall nicht unterschätzt werden. Außerdem gab es Innovationen im Bereich der
Windmühlen. Die Holländer erfanden offenbar schon im 14. Jh. die Windmolen, bei der nur
die Turmhaube bewegt zu werden brauchte. Eine wichtige Neuerung war die Verbindung der
Windmühle mit der Säge. Eine der wichtigsten Anwendungsmöglichkeiten war die

79
Schraubenpresse für den Druck und die Münze (Kellenbenz 1979, 116-121). Der Umgang mit
Metallen gipfelte in der Probierkunst, die auf der Basis des Experimentes betrieben wurde.
Die Darstellungen bei Biringuzzio, Agricola und besonders Ercker zeigen, dass dieser
Höhepunkt im 16. Jh. erreicht wurde (Kellenbenz 1979, 122).

Die Zünfte waren immer bestrebt, ihren Besitzstand zu erhalten. Sie verteidigten die
Interessen ihrer Mitglieder gegen Außenseiter und so auch gegen die Erfinder, die mit ihren
neuen Apparaten und Techniken die Ruhe des Besitzstandes ihrer Mitglieder bedrohten.
Deshalb waren sie gegen den Fortschritt. Aber ihr Gewicht hing von ihrer politischen Rolle in
der Gemeinschaft, im Staat ab. Im Allgemeinen lässt sich sagen, dass ihr Gewicht mit dem
Aufstieg des Absolutismus abnahm. Es gab ferner die privilegierten Meister, die so genannten
Freimeister, und es gab die ländliche Produktion, die nicht organisiert war oder vom
Verlagssystem erfasst war. Hier konnten moderne Techniken umso besser Eingang finden.
Das Verlagssystem existierte schon in den Industrielandschaften des Mittelalters. Es weitete
sich im Laufe des 16. und des 17. Jh. mit dem weiteren Aufschwung der Exportindustrie und
namentlich dem Anwachsen der ländlichen Gewerbe aus. Das Verlagssystem begünstigte den
Prozess der Differenzierung. Häufig hatten diejenigen Handwerker die Möglichkeit zu
Unternehmern aufzusteigen, die über den Rohstoff verfügten, der für den Endprozess der
Fabrikationskette erforderlich war (Kellenbenz 1979, 152f).

Wenn besondere Kenntnisse und Technik erforderlich waren, dann waren die Unternehmer an
der Konzentration des Produktionsprozesses unter einem Dach in Form der Manufaktur
interessiert. Angesichts des Widerstandes der Zünfte und der Politik des Staates, setzte eine
neue Tendenz zur Manufakturbildung zu Anfang des 16. Jh. ein und verstärkte sich in der
zweiten Hälfte des 17. Jh. Häufig war die zentralisierte Manufaktur, das heißt der
zentralisierte Betrieb, und die Verlagsorganisation miteinander kombiniert. Gelegentlich kam
es zur Großproduktion mit fortgeschrittener technischer Apparatur. Ein wesentlicher Zug der
Manufaktur war es, dass sie die Handarbeit zusammenfasste. Andererseits benutzten viele
Produktionszweige einen technischen Apparat mit Pumpen, Öfen, Hämmern und Maschinen.
Das galt besonders für den Bergbau, die Verhüttung und weitere Metallverarbeitung. Die
unterdeutschen Handelsgesellschaften wurden führend in der Ausbeutung der Buntmetall-
vorkommen in Mitteleuropa in dem sie die Kapitalien für den kostspieligen Betrieb der
Saigerhütten und anderer Anlagen beschafften. Häufig war technische Innovation mehr eine
Frage der Organisation, als der Technik selbst (Kellenbenz 1979, 153-157).

Insgesamt ist für die Zeit zwischen dem 15. und dem 18. Jh. vor allem die Brückenfunktion
zwischen den Neuerungen des hohen und späten Mittelalters und de starken Veränderungen
zu betonen, die die industrielle Revolution mit sich brachte. Das Zeitalter, dem die großen
Gelehrten Kopernikus, Galilei und Newton angehörten, wurde in technischer Hinsicht nicht
durch die Leistungen der Gelehrten geprägt, sondern war das Werk von Praktikern. Die
wichtigsten technischen Innovationen gehörten früheren Jahrhunderten an. Die am meisten ins
Auge fallenden Fortschritte erfolgten im Bergbau und in der Aufbereitung der Metalle, in
geringerem Maße im Textilsektor, Landwirtschaft und Bauwesen hinkten nach. Einer der
Hauptgründe, die neuen Maschinen im Bergbau nicht oder nicht mehr zu verwenden, waren
die hohen Kosten im Vergleich zum Ertrag. Ein weiteres Hemmnis war der zunehmende
Mangel an Brennmaterial, besonders Holzkohle. Ein anderer Grund warum der Fortschritt
sich nicht voll entfalten konnte, lag darin, dass die Einführung technischer Verbesserungen
zurückgestellt wurde, weil ältere Verfahren zu einem gegebenen Zeitpunkt einen größeren
Gewinn abwarfen (Kellenbenz 1979, 164f). Gibt es also bedarfsorientierte Innovationen?
Natürliche wäre es gut, wenn wir unsere erfinderischen Fähigkeiten an unseren wahrhaften
Bedürfnissen ausrichten könnten. Aber Erfindungen werden gemacht, indem wir heraus-

80
finden, dass etwas funktioniert, was einem als nützlich, neu oder sonstwie brauchbar er-
scheint. Ob eine Invention brauchbar ist, finden wir durch den Gebrauch heraus. Was wir
nicht gebrauchen können, wird keine Innovation, vielleicht später unter anderen Umständen,
wenn der Zufall zur Wiederentdeckung führt. Wichtig für die Idee eines Fortschritts in der
Technik ist der spätere Gebrauch einer Invention, wobei spätere Umnutzungen oftmals konsti-
tutiv für die Erfindung werden.

81
2. Industrielle Revolution, Maschinenkonstruktion und
Produktionsorientierung der technischen Konstruktion
Die verstärkte Hinwendung der Wissenschaft zu dem Problem der Produktion und damit der
Technik ist ein prägendes Charakteristikum für die Zeit nach 1840. In dieser Epoche fand die
tief greifende Veränderung in den wechselseitigen Beziehungen zwischen Praxis und
Wissenschaft durch das Zusammenwirken der Autodidakten, Techniker-Unternehmer und
Forscher, die nicht in wissenschaftlichen Institutionen beschäftigt waren. Die Hand-Werk-
zeug-Technik zeichnete sich eben dadurch aus, dass sie vom Menschen im Einklang mit den
Gesetzen der klassischen Mechanik, aber ohne deren Kenntnis gemacht und eingesetzt
werden konnte. Die Tüftler-Konstrukteure verfügten außer der praktischen Erfahrung und den
handwerklichen Fertigkeiten auch über solide theoretische Kenntnisse (König 1991, 456-458).
Die wichtigste Form des Informationsaustausches auch im 19. Jh. über die Technik war die
persönliche Kommunikation. Die Verbreitung erfolgte überwiegend durch den Verkauf von
Maschinen, die danach gebaut wurden (König 1991, 464). Exportverbote erwiesen sich als
nicht effektives Verfahren zur Unterbindung des Technologietransfers (König 1991, 473). Die
häufig anzutreffende Behauptung, die Arbeitsintensität sowie die Arbeitszeit seien von der
Technik bestimmt gewesen, ist irreführend. Sie wurden von den ökonomischen Erwartungen
der Unternehmer bestimmt. Der Dauerbetrieb basierte auf ökonomischen Überlegungen, die
die Erwartungen des Öfteren nicht erfüllten. Der aus dem Dauerbetrieb resultierende Ver-
schleiß der Maschinen und der Menschen hatte gezeigt, dass mit einer Schicht die Nutzung
der Anlagen letztendlich kostengünstiger zu gestalten war (König 1991, 485).

Das häufigste Argument gegen eine technische Revolution ist die Betonung eines
nichtsprunghaften, vielmehr kontinuierlichen Charakters der technischen Entwicklung seit
dem Mittelalter bis in die Gegenwart. Man hat sogar die Theorie der permanenten Revolution
bemüht. Allerdings entwickelte sich in dieser Zeit die Fähigkeit, sich vom technischen
Grundprinzip des Vorhandenen zu lösen. Was den Bruch im geschichtlichen Ablauf herbei-
geführt hat, war nicht diese oder jene Maschine, sondern der größte allgemeine Nenner: das
Realisieren des Prinzips der Maschinenarbeit, oder genauer gesagt: des Prinzips der maschi-
nellen Ausführung der Relativbewegung zwischen Werkzeug und Werkstück in der Form-
veränderung von Stoffen. Die in der Produktionstechnik der industriellen Revolution
massenweise realisierte Übertragung einiger Funktionen des Menschen auf technische
Einrichtungen war das wichtigste Merkmal der Maschinisierung. Sein Verlauf, das Tempo der
Technisierung, wurde von den in der Wirtschaft herrschenden Kräften bestimmt. Der
unverkennbare ökonomische Erfolg der Maschinisierung, das Bewusstsein, auch die führende
technische Macht der Welt zu sein, brachte eine euphorische Bewunderung der Technik
zunächst in Großbritannien, dann aber auch insbesondere in den USA hervor (König 1991,
491-494).

Das Kernstück der industriellen Revolution war eine ineinander verzahnte Folge
technologischer Umwandlungen. Die materiellen Fortschritte fanden auf drei Gebieten statt.

(1) traten mechanische Anlagen an die Stelle menschlicher Fertigkeiten;


(2) ersetzte die Natur-Kraft – insbesondere der Dampf – die menschliche und tie-
rische Kraft; und

82
(3) wurden, speziell im Bereich der metallurgischen und chemischen Industrie, die
Verfahren der Erzeugung und der Verarbeitung der Rohstoffe wesentlich
verbessert.

Die Disziplin in den Fabriken war anders geartet. Sie erforderte und erzeugte eine neue
Generation von Arbeitern, die sich den unerbittlichen Forderungen der Uhr beugen mussten.
Sie barg auch den Keim weiteren technologischen Fortschritt in sich, denn die
Arbeitskontrolle implizierte die Möglichkeit der Arbeitsrationalisierung. In der ganzen Man-
nigfaltigkeit des technologischen Fortschritts wird eine einheitliche Entwicklung sichtbar: der
Wandel erzeugt den Wandel. Einmal waren viele technische Verbesserungen erst nach
Fortschritten auf benachbarten Gebieten möglich. Die Dampfmaschine ist ein klassisches
Beispiel dieser technologischen Interdependenz. Eine funktionsfähige Kondensationsma-
schine konnte erst gebaut werden, nachdem verbesserte Methoden der Metallverarbeitung die
Konstruktion geeigneter Zylinder ermöglicht hatten. Zum anderen übte die Erhöhung der
Produktivität und der Produktion durch eine bestimmte Erfindung einen Druck auf verwandte
Industrietätigkeiten aus. Die Nachfrage nach Kohle führte dazu, dass die Gruben immer tiefer
führten, bis das Sickerwasser eine ernste Gefahr darstellte; die Antwort war die Konstruktion
einer wirksameren Pumpe, betrieben mittels der pneumatischen Dampfmaschine (Landes
1973, 15-17).

In diesem Sinne stellt die industrielle Revolution einen bedeutsamen Wendepunkt in der
Geschichte der Menschheit dar. Bis dahin waren die Fortschritte in Handel und Industrie, so
befriedigend und eindrucksvoll sie auch gewesen sein mögen, im Wesentlichen oberfläch-
licher Art. Sie hatten lediglich höheren Wohlstand, mehr Waren, blühende Städte und schwer-
reiche Kaufleute hervorgebracht. Erst die industrielle Revolution initiierte einen kumulativen
und sich selbst tragenden technischen Fortschritt, dessen Auswirkungen in allen Bereichen
des Wirtschaftslebens spürbar wurden. Der technische Fortschritt ist keineswegs ein reibungs-
loser und ausbalancierter Prozess. Vielmehr scheint jede Neuerung eine bestimmte Lebens-
spanne zu umfassen: experimentierende Jugend, kraftvolle Reife und ein den Verfall ankün-
digendes Alter. Aus diesem Grunde begann der Aufstieg jener Industrien, die das Kernstück
der industriellen Revolution bildeten – der Textilindustrie, der Eisen- und Stahlindustrie, der
schweren chemischen Produkte, der Dampftechnik, des Eisenbahnverkehrs -, gegen Ende des
19. Jh. in den fortschrittlichsten westeuropäischen Ländern langsam abzuflauen. Tatsächlich
haben aber die fortgeschrittenen industriellen Volkswirtschaften bewiesen, dass sie über eine
beachtliche technologische Vitalität verfügen. Der am Ende des 19. Jh. in den damals moder-
nen Industriezweigen abklingende Impuls wurde durch das Entstehen neuer Industrien mehr
als kompensiert. Letztere basierten auf spektakulären Fortschritten auf den Gebieten der
Chemie und Elektrotechnik und einer neuen mobilen Kraftquelle – dem Verbrennungsmotor.
Diese Gruppe von Erfindungen hat man häufig als die zweite industrielle Revolution be-
zeichnet. Die Industrialisierung bildet das Kernstück eines größeren und komplexeren
Prozesses, den man häufig als Modernisierung bezeichnet. Es geht um die Erzeugung materi-
ellen und kulturellen Reichtums. Der einzige geradezu unentbehrliche Bestandteil der Moder-
nisierung ist die technologische Reife und die mit ihr verbundene Industrialisierung. Jeder
Wandel hat etwas Dämonisches. Er schafft Neues, vernichtet aber auch Bestehendes. So ging
die Zahl der Opfer der industriellen Revolution in die Hunderttausende und selbst in die
Millionen (andererseits wäre es so vielen dieser Opfer ohne die Industrialisierung noch viel
schlechter ergangen). Sie vertiefte insbesondere in ihrem Frühstadium die Kluft zwischen
Reichen und Armen, zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern und stieß dadurch das Tor zu
Klassenkonflikten von einer nie geglaubten Bitterkeit auf. Sie erschuf zwar nicht die ersten

83
Kapitalisten, doch eine Geschäftsklasse von beispielloser Größe und Stärke (Landes 1973, 17-
21).

Die Bereitwilligkeit, von anderen, auch von den übrigen europäischen Staaten, zu lernen – die
Industriespionage ist eine Erscheinung, die die ganze Geschichte des modernen Europas
durchzieht -, ist der Beweis dafür, dass es bereits damals eine aufblühende einheimische
Technologie gab; gute Erneuerer gaben auch gute Nachahmer ab (Landes 1973, 40). Die
europäische Wissenschaft und Technologie zogen auch großen Nutzen daraus, dass der
Kontinent nicht unter der Herrschaft eines ökumenischen Reiches vereint, sondern in
Nationalstaaten geteilt war. Die Zergliederung erzeugte einen Wettbewerb unter gleichen
(Landes 1973, 43). Warum fand diese technische und organisatorische Revolution der Manu-
faktur zuerst in England statt? Der technologische Wandel geschieht niemals automatisch. Er
bedeutet vielmehr die Abschaffung bestehender Methoden, Schädigung verwurzelter Interes-
sen und häufig auch Standortveränderung des Menschen. Zunächst muss die Möglichkeit
einer Verbesserung gegeben sein, weil die vorherrschenden Techniken nicht mehr den Anfor-
derungen genügen oder aber weitere Verbesserungen in Folge selbständiger Erhöhungen der
Faktorkosten notwendig werden. Ferner müssen die neuen Methoden den älteren derart
überlegen sein, dass sie einen ausreichenden Gewinn abwerfen, um die Kosten der Verän-
derung zu decken. Die Fabrik bildete eine neue Art von Gefängnis – die Uhr eine neue Art
von Kerkermeistern (Landes 1973, 53f).

Beim Spinnen und Weben geschah der erste Durchbruch. Man benötigte mindestens fünf
Spinnräder, um einen Webstuhl zu versorgen, was sich gewöhnlich wegen der Zusammen-
setzung der Bevölkerung als unmöglich erwies. Als sich aber die Webindustrie auf das Land
ausdehnte und immer mehr Bauern in diesen Beruf überwechselten, wurde dieses
Ungleichverhältnis zu einem Hemmnis für die Expansion. So zog der Garnpreis Ende des 17.
bis Mitte des 18. Jh. stark an. Die industrielle Aktivität ermöglichte dadurch, dass sie neue
Hilfsquellen erschloss, eine extensive Teilung des Landes. Sie begünstigte die Frühehe und
schuf eine Bevölkerungsdichte, die ansonsten undenkbar gewesen wäre. Wir müssen die
Bedingungen für die Erfindung arbeitssparender Maschinen und die Voraussetzung
untersuchen, die die Verwendung dieser Maschinen und ihre Verbreitung im industriellen
Bereich beeinflusst haben. Der Technologie flossen relativ wenige Ideen und Methoden von
Seiten der Wissenschaft zu. Erstaunlich ist, dass die meisten Erfinder von Textilmaschinen
der Mittelklasse entstammten. Im 18. Jh. bedeutete es für die Kinder aus guten Familien keine
Erniedrigung, bei Webern oder Tischlern in die Lehre zu gehen. Manuelle Arbeit und
Geschicklichkeit hatte nicht die Bedeutung von Stigmata (Landes 1973, 66-70).

Die Impulse für die Anwendung technischer Neuerungen aber gingen vom Manufakturwesen
aus. Die Mechanisierung erstreckte sich allerdings in der Regel nicht auf den gesamten
Fertigungsvorgang, sondern vorwiegend auf die Bereiche der Rohstoffaufbreitung und der
Produktveredelung, wobei die mechanisierten Einzelarbeitsschritte manchmal Jahrzehnte oder
gar Jahrhunderte auseinanderlagen (König 1991, 145f). Der komplizierte Bewegungsablauf
des Aufrauens von Tüchern wurde schon frühzeitig, nämlich im 17. Jh. mechanisiert. Erst
gegen Ende des 18. Jh. wurden sie in einem Arbeitsgang zusammengefasst, mechanisiert und
automatisiert. Auch die Seidenzwirnmühlen sind solche vorindustriellen Mechanisierungen
von Arbeitsabläufen. In diesem Zusammenhang ist der geniale Automatenbauer Jacques de
Vaucanson zu erwähnen, der auch Leiter einer Seidenspinnmaschine gewesen ist (König
1991, 151-152). Man versuchte bereits im 17. Jh. den gesamten Webvorgang zu mechani-
sieren. Zu diesem Zweck mussten alle Bewegungen, die bisher von den Händen des Webers
ausgeführt wurden, durch eine sinnvolle Kombination von hölzernen Zahnrädern, Wellen und
Gestängen ersetzt werden (König 1991, 158). Bei der Beschreibung eines Bleiplattenwalz-

84
werks von 1670 ist bemerkenswert, dass an dem ganzen Fertigungsprozess, zumindest nach
der bildlichen Darstellung, nur 6 Arbeiter, und rechnet man den nichtsichtbaren Göpelknecht
hinzu, 7 Arbeiter beteiligt gewesen sind. Ofen, Kran und Walzwerk waren, um jeden
unnötigen Weg zu vermeiden, in der Reihenfolge der Verfahrensschritte im Betriebsgebäude
aufgestellt – ein Organisationsprinzip, wie man es erst bei Fabriken und Hüttenbetrieben des
19. Jh.s vermuten würde. Bei aller Bewunderung für diese vorindustrielle Betriebsorgani-
sation darf man jedoch nicht vergessen, dass es sich bei Blei um einen leicht verformbaren
Werkstoff handelt, der zudem das Kaltwalzen erlaubt. Schon beim Kupfer und dem spröden
Messingblech musste das Walzgut immer wieder im Ofen geglüht werden, was den zügigen
Arbeitsablauf unterbrach, außerdem ließen sich nur wesentlich kleinere Werkstücke walzen
(König 1991, 189).

Seit dem Anfang des 18. Jh. mehrten sich die Klagen der Unternehmer über einen Garn-
mangel. Sie offenbarten, dass in der dominierenden Wollverarbeitung das Spinnen mit dem
Handrad für die nachfragegerechte Steigerung der Tuchproduktion zu einem Engpass
geworden war. Es war keine technische Überlegenheit gegenüber anderen Erfindungen,
welche die Spinnmaschine zum Auslöser einer technischen Umwälzung werden ließ, sondern
das sozialökonomische und technische Umfeld, in das diese Arbeitsmaschine der Form-
veränderung dieses Mal hineingeboren wurde. Einmalig an diesem Prozess des Überganges
von der Hand- zur Maschinenarbeit war nicht bloß der Einsatz von Maschinen für die
Formveränderung von Stoffen, sondern der Umstand, dass die Maschinen in einem
volkswirtschaftlich führenden Sektor massenhaft eingesetzt wurden. Dies ließ den Prozess der
Maschinisierung vorerst nur im Textilgewerbe unumkehrbar erscheinen. Solche Engpässe
konnten vermieden oder schnell überwunden werden, weil sich gleichzeitig, aber ohne einen
Kausalzusammenhang mit den breiter verwendeten Arbeitsmaschinen, nicht weniger epochale
Veränderungen in der Energietechnik und in der Stoffumwandlung ereigneten. James Watt
(1736-1819) hatte mit seinen Verbesserungen der Dampfmaschine zwischen 1769 und 1784
den Schritt von der optimierten Einzweckdampfmaschine zum universal einsetzbaren Motor
vollzogen und damit die Energieversorgung auf Kohlebasis ökonomischer entwickelt und
attraktiv gemacht. Ebenfalls ohne Zusammenhang mit den Veränderungen im Textilgewerbe
war in den 60er Jahren nach gut vier Jahrzehnten des Experimentierens die Verhüttung von
Eisenerzen mit Koks technisch so ausgereift, dass die Nutzung der reichen Ressourcen an
Kohle und Eisenerz auf breiter Basis in Angriff genommen werden konnte (König 1991, 276-
278).

Es gab keinen anderen Bereich des Textilgewerbes, in dem das Fingerspitzengefühl eine so
wesentliche Rolle gespielt hat wie bei den verschiedenen Techniken des Handspinnens. Beim
kontinuierlichen Spinnen mit dem Flügelspinnrad geschieht das Aufwinden, dank der
Konstruktion der Flügelspindel, ohne Unterbrechung des Spinnvorgangs (König 1991, 286).
Die Arkwright Mills waren nicht nur der Prototyp der Fabrik, sondern schon mit der
technischen Ausstattung der 80er Jahre auch die Geburtstätte der modernen Massenproduk-
tion (König 1991, 300). Längst bevor sie eine Gewerkschaft gründeten und in den 20er Jahren
mit Methoden des kollektiven Arbeitskampfes versuchten, ihre Lohnforderungen durchzu-
setzen, versuchten einige Unternehmer – Techniker, die „Mule“ (Spinnmaschine) selbsttätig
zumachen. Das erste Patent auf eine „Selffacting Mule“ erhielt im Jahr 1792 William Kelly.
Das Ziel seiner Bemühungen um den maschinellen Antrieb und die Steuerung des Auf-
windens war mit jungen Leuten oder anders formuliert mit angelernten Arbeitskräften gedacht
(König 1991, 304). Die Werkstatt des Mühlenbauers, Millwrights Shop, wie die ersten
Fertigungsstätten für Textilmaschinen hießen, wich der Werkstatt des Maschinenbauers, dem
„Machine-Maker“ oder dem „Engineering Shop“ (König 1991, 324). Ganz zentral für die
Weiterentwicklung der industriellen Evolution war die Entwicklung der

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Universaldrehmaschine, mit der Schrauben und Gewinde nun sehr viel präziser als zuvor ge-
fertigt werden konnten (König 1991, 330).

Die Erfinder fanden relativ leicht Geldgeber, die ihre Projekte finanzieren, und die Produkte
ihres Einfallsreichtums auch bei den Unternehmern schnell Anklang. In dieser Hinsicht wurde
der Baumwollfabrikant des 18. Jh. durch die Neuartigkeit der industriellen Revolution
begünstigt. Die ersten Maschinen stellten zwar für den Menschen der damaligen Zeit
komplizierte Gebilde dar. In Wirklichkeit waren sie einfache Holzkonstruktionen, die für
lächerlich geringe Beträge gebaut werden konnten. Nicht das Kapital an sich bewirkte
demnach den großen Fortschritt in England. Die britische Wirtschaft zeichnete ein besonders
gut ausgebildetes Empfinden für günstige ökonomische Gelegenheiten aus. Die Engländer
ließen sich als einzelne und als Volk von Reichtum und von Geschick nicht faszinieren
(Landes 1973, 71-73). In England erzeugte der Druck der Nachfrage auf die Produktionsweise
die neuen Techniken, und das überreiche elastische Angebot an Produktionsfaktoren
ermöglichte ihre rasche Ausnutzung und Verbreitung (Landes 1973, 82). Die vielen kleinen
Fortschritte hatten fast die gleiche Bedeutung wie die aufsehenerregenden frühen
Erfindungen. Keine diese Neuerungen erwies sich sofort als vollkommen. Seit den 30er
Jahren des 18. Jh. verwendeten die britischen Schmiedemeister viel Mühe und Geld darauf,
ein kürzeres und sicheres Verfahren zu finden, bei dem an Stelle von pflanzlichem
mineralischer Brennstoff verwendet werden konnte. Die Suche dauerte ein halbes
Jahrhundert. Der erste Fortschritt, den man dabei erzielte, stellte nur eine Teillösung dar.
Indem zwischen den Hochöfen und der Schmiede ein Frischofen und zuweilen auch ein
reversierendes Feuer (bei dem die Flammen nicht unmittelbar das Metall erfassten)
eingeschaltet wurden, war es möglich, zunächst für einen Teil und schließlich für die gesamte
Frischarbeit Kohle oder Koks statt Holzkohle zu verwenden. In dieser Zeit feierte die Kohle
durch eine technische ganz andere Erfindung – Henry Corts Puddleverfahren, das 1783 und
1784 patentiert wurde – ihren endgültigen Triumph (Landes 1973, 93).

In der Eisenindustrie haben wir es wie in der Textilindustrie mit einem ständigen auf und ab
von Herausforderung und Antwort zu tun. So übt die Verwendung des Kokses bei der
Eisenverhüttung trotz der Erfindungsgabe der Schmiedemeister in der Entwicklung neuer
Bearbeitungsmethoden für das Gusseisen einen neuen Druck auf das Frischen des Eisens aus.
Corts erfolgreicher Versuch, das Puddlen und das Walzen miteinander zu kombinieren
verminderte zwar zeitweise die Schwierigkeiten, doch hatte der Bau neuer und größerer
Hochöfen im 19. Jh. erneut ein Ungleichgewicht zur Folge. Die grundlegende Schwierigkeit
bestand darin, dass das Puddlen eine außergewöhnliche physische Kraft und Ausdauer
verlangte. Das Ungleichgewicht wurde jedoch erst korrigiert, als es Bessemer und seinen
Nachfolgern gelang, billigen Stahl herzustellen. In der Eisen- wie in der Textilindustrie waren
die kleinen anonymen Fortschritte auf die Dauer bedeutsamer als die großen Erfindungen. Die
Ursache hierfür ist teilweise der empirische Näherungswert dieser ersten Neuerungen. Die
Patente stellten sowohl einen Anfang als ein Ende dar, und die Eisenfabrikanten fanden, dass
jegliche Kombination von Erz und Brennstoff oder von Metall und Brennstoff ein eigenes
Rezept erforderlich machte. Denn die Eisenproduktion war ihrem Wesen gemäß eine Art
Kochkunst, die ein feines Gefühl für die Verwendung und das Verhältnis der einzelnen
Zutaten zueinander sowie ein Instinkt dafür erforderte, wie lange der Topf auf dem Ofen
bleiben musste. Erst in der Mitte des 19. Jh. kannten die Naturwissenschaftler den Prozess der
Umwandlung des Eisenerzes in Metall so genau, dass sie Anleitungen für eine rationale
Technik geben und Vorkehrungen für eine Überprüfung dieser Verfahren zu treffen
vermochten (Landes 1973, 94).

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Bei der Anpassung des Schmelz- und Frischprozesses an verschiedenartige Erze und
Brennstoffe konzentrierten sich die kleineren Verbesserungen in der Eisentechnologie im
wesentlichen auf drei Bereiche: (1) Einsparung von Brennstoff; (2) Anpassung an das
Wachstum, (3) die ständige Vergrößerung des Hochofens bezweckte weniger Rohstoffe
einzusparen, als die Produktion und wenn möglich auch die Arbeitsproduktivität zu erhöhen.
Gleichzeitig erzeugte die größere Vertrautheit im Umgang mit Eisen die Nachfrage nach
immer größeren Metallstücken (Landes 1973, 94f). Diese Entwicklung der mechanisierten
Industrie, die sich in großen Produktionseinheiten konsentrierte, wäre nicht ohne eine
Energiequelle möglich gewesen. Die die menschliche und tierische Kraft bei weitem übertraf
und nicht von den Launen der Natur abhing. Die Lösung des Problems wurde in einem neuen
Energieumwandler, der Dampfmaschine, und der gigantischen Ausnutzung eines seit langem
bekannten Brennstoffs, der Kohle gefunden (Landes 1973, 97). Hierin lag der große Vorzug
der Dampfmaschine. Sie ermüdete nicht, und man konnte ihre wenigen Pferdestärken viel
wirksamer einsetzen als die Kraft von fünfhundert Pferden miteinander verbinden. Außerdem
und dies war für die revolutionären Auswirkungen der Dampfmaschine auf das Tempo des
ökonomischen Wachstums entscheidend, verbrauchte sie mineralischen Brennstoff und stellte
damit der Industrie eine neue und offenbar unerschöpfliche Energiequelle zur Verfügung
(Landes 1973, 99).

Die standardisierte Präzisionsarbeit, die die Herstellung austauschbarer Maschinen und Teile
ermöglichte, war die Vorläuferin gemeinsamer Normen im gesamten industriellen Bereich
(Landes 1973, 108). Während die Fabrik mehr Güter billiger erzeugen kann, ist der
Handwerker eher in der Lage, einen spezifischen Auftrag ökonomischer auszuführen. Das
Verlagssystem erwies sich als widerstandsfähiger als erwartet. Es schleppte sich insbesondere
in den Gewerben fort, in denen der technologische Vorteil der Kraftmaschinen noch gering
war (wie beim Weben) oder in denen sich der Heimhandwerker selbst rudimentäre
mechanische Geräte bauen konnte (Landes 1973, 118f). Nur einige Industrien waren infolge
besonderer Bedürfnisse gezwungen, sich an geeigneten Plätzen zu konzentrieren: die
Porzellanmanufakturen, gewisse Branchen der chemischen Industrie und die Produktions-
stätten von Nichteisenmetallen. Gewiss gab es auch in den besonders stark zersplitterten
Industriebereichen Zentren außergewöhnlicher Aktivität, die mehr als die örtlichen Bedürfnis-
se befriedigten: das französische Flandern, Verviers, Sachsen, die Normandie und der Lan-
guedoc in der Wolltuchfabrikation; die Schweiz, Süddeutschland und die Normandie in der
Herstellung von Baumwoll- und Barchentstoffen; Wallonien, die Provinz von Nevers, das
obere Marnetal, das Siegerland, Schlesien und die Steiermark in der Eisenindustrie. Es
verwundert kaum, dass sich diejenigen Zentren am besten entwickelten, d. h. am raschesten
wuchsen und die höchsten Produktionsziffern aufwiesen, die durch keine Gildenvorschriften
eingeengt waren. Die Wettbewerbsfreiheit erwies sich als entscheidend. Etwas überraschend
ist, dass die freien Unternehmen die staatlichen an Leistungsfähigkeit übertrafen (Landes
1973, 133f).

Wenn man alles erwägt, gestalteten sich die Versuche, Großbritannien nachzueifern, nach
Waterloo wahrscheinlich schwieriger als vorher. Die technologische Lücke hatte sich
verbreitert, während die grundlegenden erziehungsmäßigen, ökonomischen und sozialen
Hindernisse für eine Nachahmung fortbestanden. Die Geschichte der Generation nach 1815
ist daher weitgehend von dem Bemühen gekennzeichnet, diese Hemmnisse zu beseitigen oder
doch wenigstens zu verkleinern (Landes 1973, 144f). Allgemein hinkte die französische
Baumwollindustrie beträchtlich hinter der britischen zurück. Die Anlagen waren kleiner und
die Maschinen älter und weniger leistungsfähig. Auch die Arbeit gestaltete sich, selbst wenn
man die Unterschiede in der Ausrüstung berücksichtigt, weniger produktiv. Dessen unge-
achtet war Frankreich der bedeutendste Erzeuger von Baumwollfabrikaten auf dem Kontinent

87
(Landes 1973, 159). Strukturell und technologisch glich die deutsche Industrie stark der
französischen. Auch sie war geographisch verstreut, mit Schwerpunkt im Rheintal, Sachsen
(mit der höchsten Produktion aller Gebiete vor 1850), Schlesien und Bayern. Es handelt sich
jedoch in der Regel um kleine Familienunternehmen (Landes 1973, 162). Die außerge-
wöhnlich billigen Arbeitskräfte und der durch die britischen Unternehmen verursachte
Wettbewerbsdruck bildeten die größten Hindernisse für die Entwicklung einer großen
Maschinenindustrie. Die meisten kleinen Firmen verdankten ihre Existenz der Tatsache, dass
sie sich auf einen speziellen Artikel konzentrierten, der im Ausland nicht produziert wurde
(Landes 1973, 167).

In technischer Hinsicht ist der Beitrag der Industriellen Revolution in der Übertragung der
Funktion des Haltens und Führens sowohl des Werkstückes als auch des Werkzeuges vom
Menschen auf eine technische Vorrichtung zu sehen (Paulinyi 1989). Es entsteht eine indu-
striell-teilautomatisierte Maschinenkunde im Sinne der Industriellen Revolution. In der
Epoche der Hand-Werkzeug-Technik hat sich in der Produktionstechnik von der Steinzeit bis
zum Mittelalter und bis ins 18. Jh. hinein nichts grundsätzlich geändert. Die Optimierung der
Hand-Werkzeug-Technik bis zur Mechanisierung der Werkzeuge wie Hammerwerk, Spinn-
rad, Trittwebstuhl und Drehbank ändern daran nichts. Auch die Entstehung und Vermehrung
von Arbeitsmaschinen zur Formveränderungen im Manufakturbereich ist dagegen kein
Einwand. Selbst das Textilgewerbe Ende des 13. Jh. mit Seidenzwirnmaschinen als erster
Arbeitsmaschine der Fadenverarbeitung ändert an dem grundlegenden Schema nichts. Zwar
haben Transport und Energietechnik im 13. Jh. gewaltige Fortschritte gemacht. Aber auch
dies ist kein Argument gegen die Datierung der Industriellen Revolution ins 18. Jahrhundert.

Maschinen simulieren nun Aspekte technischer Praxis wie Spinnen und Weben. Es entsteht
eine semiautonom „intelligente“ Technik, die vom Ergebnis her bestimmte menschliche
Kompetenzen nachahmt. Noch laufen die Maschinen nicht ohne menschliche Einrichtung,
Überwachung, Energiezufuhr usw., aber eine Reihe technischer Prozesse laufen teilweise
ohne menschliche Eingriffe. Auch ein Segel repräsentiert technische Intelligenz, denn es fängt
den Wind ein und setzt die so gewonnene Energie in Fortbewegung um. Aber das Segel setzt
sich nicht selbst (erst heute im Zeitalter autonomer intelligenter Technik gibt es solche
Segelschiffe), repräsentiert also technisches Umgangswissen in einer nichtautonomen Weise.
Daneben gibt es aber auch eine „eigene“, vom Konstrukteur nicht intendierte und hineinkon-
struierte technische Intelligenz von technischen Artefakten (Mitteln und Werken), ein Poten-
tial, das im Gebrauch dieser Technik „entdeckt“ wird oder sich zeigt („entbirgt“).

Mit dem Beginn der Industriellen Revolution ergibt sich eine Veränderung in der Struktur
technischer Mittel. Nicht zu leugnen ist die Abbildung von technischem Umgangswissen in
Maschinen durch Übertragung von Handlungsschemata, wie es sich insbesondere in der
Spinnmaschine zeigt. Der Übergang zu einer anderen Energietechnik erfolgt als zweiter
Schritt um 1800 in der Mitte der sog. Industriellen Revolution. Das technische Umgangs-
wissen ist ein operatives Wissen. Aber technische Konstruktion und andere operative
Theoriebildungen technischen Wissens gab es bereits vor der Industriellen Revolution, z. B.
Konstruktionszeichnungen, operative Theorien, Modellbildung und Simulation. So lässt sich
also eine gewisse Eigenlogik technischen Wissen und technischen Konstruierens konstatieren,
aber seine Entwicklungsrichtung ist nicht determiniert, weil sich diese auch aus anderen,
nicht-methodischen Randbedingungen technischen Wissens ergeben. Die Gestaltung
(Regulation) technischen Wissens ist eine Konsequenz der Interferenz einer Reihe von
Steuerungsfaktoren nicht nur interner Art (Verfahrens-, Konstruktions- und Methodologie-
kriterien), sondern auch ökonomischer, kultureller, weltanschaulicher und sozialer Art
(institutioneller Art). Institutionalisierung technischer Entwicklung ist daher nicht nur von

88
Gesellschafts- oder Ökonomietypen abhängig, sondern auch von erkenntnisgeleiteten Paradig-
men wie von Werten. Auch der kulturelle Einfluss auf technische Entwicklung durch Leit-
bilder, Normen und Werte ist nicht zu leugnen.

Der Übergang von der Hand-Werkzeug-Technik zur Maschinen-Werkzeug-Technik markiert


einen entscheidenden Wandel in der technischen Konstruktion und im technischen Handeln.
Der erste massenhafte Einsatz der Maschinen-Werkzeug-Technik fand im britischen
Textilgewerbe statt. Großbritannien war schon vor der Industriellen Revolution der Spitzen-
reiter des europäischen Textilgewerbes. Die Verbreitung der Spinnräder und des Trittweb-
stuhls im ausgehenden Mittelalter und die 1733 patentierte Schnelllade John Kays sowie der
1589 von Wilhelm Lee entwickelte Strumpfwirkstuhl erhöhten die Produktivität gegenüber
der Handwirkerei um das 10 bis 15fache. In Großbritannien war eine breite Rohstoffbasis
durch die Schafzucht vorhanden. Ein Mischsystem hatte sich entwickelt zwischen Hand-
werksbetrieben, Heimspinnerein und einer Reihe von Zwischenhändlern. Die Tuchweberei
war von der Gewinnung des Garns bis zur Herstellung des Tuches ein relativ komplexer
technischer Vorgang, der Spinnen, Krempeln, Kämmen und Weben umfasste.

Dabei dauerte es Jahrzehnte, bis das technische Umgangswissen mit Artefakten und die
Geschicklichkeit der Arbeiter in Maschinen implementiert werden konnte. Technisches
Handeln verselbständigte sich und löste sich vom Leib-Schema ab, obwohl auch die neu
entstandenen Maschinen überwacht und bedient werden mussten, wozu leibhaft vollzogene
Erfahrung und Geschicklichkeit nun im Umgang mit Maschinen entwickelt werden mussten.
Da sich die technischen Medien veränderten, musste sich auch das Umgangswissen ändern.
Keinesfalls aber kam es zu einer Aufgabe des Umgangswissens. Das Leib-Schema
handwerklichen technischen Handelns wird durch das industrielle Schema technischen
Handelns nicht völlig ersetzt, sondern vielmehr transformiert. Umgangswissen ist nun
weniger unmittelbar, aber keineswegs aufgehoben. Die Industrielle Revolution erhöht die
Komplexität technischer Medien und damit auch die technischen Handelns, zerstört aber
keineswegs den Umgangscharakter technischen Handelns. Es entwickeln sich verschiedene
Formen semiautonomer intelligenter Formen von Technik.

Die Versuche, die Produktivität durch die Automatisierung aller Abläufe zu erhöhen,
begannen schon in den neunziger Jahren des 18. Jh., erfolgreich jedoch waren sie erst um
1830. Mit dem Erfolg der Spinnmaschine wurden nun Maschinen für das Krempeln und
Vorspinnen erforderlich. Lösungen wurden erreicht durch Zuführung des Faserstoffes mit
Hilfe eines Förderbandes. Kadiermaschinen und Streckmaschinen wurden Ende des 18. Jahr-
hunderts entwickelt. Um 1810 konnten alle Arbeitsgänge der Verarbeitung der Baumwolle
zum Garn maschinell durchgeführt werden (Paulinyi 1989). Damit ist der lange Weg zur
Maschinenweberei als der Initialzündung der industriellen Revolution umschrieben. Die neue
Technik der Industriellen Revolution wurde im Wesentlichen zunächst von Praktikern ent-
wickelt. Im Hinblick auf die Industrielle Revolution muss die überhöhte Einschätzung der
Rolle der Wissenschaft bei der Entstehung der Technik des 19. Jh. zurückgenommen werden.
Zwar ist die professionelle Herkunft der meisten Erfinder zu konstatieren, und wissenschaft-
liche Erkenntnis erhält im Rahmen der Aufklärungsphilosophie immer mehr Praxisbezogen-
heit, dennoch muss von einem eigenständigen Charakter der Industriellen Revolution ausge-
gangen werden. Die Industrielle Revolution meint immer die zuerst in Großbritannien voll-
zogenen technischen Neuerungen und die grundlegenden Veränderungen der gesamten
Technik im Hinblick auf eine Maschinentechnik. Zentral war das Leitbild des kontinuier-
lichen Betriebs. Man verstand darunter, dass alle Elemente des unmittelbaren Fertigungs-
prozesses pausenlos in Bewegung sind, benutzt werden, bzw. der Veränderung unterliegen.
Als Engpass erwies sich dabei die Montage (Wengenroth 1990, 243). Die zunehmende Ver-

89
netzung führte dabei von der Werkstattzentrale zur Verbundwirtschaft (Wengenroth 1990,
484).

Der zweite Schub der Industriellen Revolution beruhte auf der Technisierung des
Umgangswissens mit Naturprozessen, bei der Verwendung der Dampfenergie, im Bergbau
und in Verhüttungsprozessen sowie schließlich beim Aufbau der pharmazeutisch-chemischen
Industrie. Die chemische Industrie war von Anfang an durch stärkste Rückkoppelung an die
Entwicklung der Wissenschaften gebunden. Von der Apotheke zur Großindustrie erfolgte die
Entwicklung in wenigen Jahrzehnten, wobei die Großproduktion der drei Grundstoffe
Schwefel-säure, Soda und Chlor die moderne chemische Industrie begründete (Paulinyi
1989). Wichtig war vor allem die industrielle Nachfrage nach Schwefelsäure für Papiererzeu-
gung und Desinfektionsmittel. Hier könnte man von einer zweiten Welle der industriellen
Revolution sprechen, die tatsächlich auf eine Anwendung naturwissenschaftlichen Wissens
hinausläuft. Insgesamt ist der Prozess der Industrialisierung technischer Entwicklung jedoch
komplexer und manifestiert sich zunächst in einer Ökonomisierung der Berufsarbeit und
später in einer Verschränkung von empirisch-naturwissenschaftlichem Forschungshandeln mit
technischem und ökonomischem Handeln, die sich in zunehmendem Maße in industrieller
Produktion verdichtet.

Dass man durch das Erhitzen von Wasser in einem geschlossenen Gefäß Dampf erzeugen
kann, der bei seinem Austritt durch ein enges Rohr zu scharfer Strahlarbeit leistet, hatte schon
der antike Mechaniker Heron von Alexandria mit seinem Dampfreaktionsrad gezeigt, das
allerdings eher als Spielzeug gedacht. Auf den Gedanken, die anderen Erfindungen von ihm
verwendeten Zylinder, Kolben und Ventile mit der Dampferzeugung zu kombinieren, ist
Heron nicht gekommen-. Vermutlich wären die Materialprobleme seiner Zeit unüberwindbar
gewesen. Im Jahre 1575 erschienen Herons Schriften erstmals als Buch in lateinischer
Sprache, dem mehrere Übersetzungen in die verschiedenen Landessprachen folgten. Gerade
das Dampfreaktionsrad scheint die für das ungewohnte, das „Curiöse“ empfänglichen
Menschen das Barock besonders angesprochen zu haben (König 1991, 47f).

Die Vorstellung, dass die Dampfmaschine irgendeine Erfindung des Handwerks sei, und die
damit zusammenhängende Meinung, das die Naturwissenschaftler an solchen praktischen
Erfindungen uninteressiert gewesen seien, hält sich hartnäckig und kehrt in unterschiedlichen
Zusammenhängen immer wieder. Ihre Erfindung wurde verursacht durch die Notwendigkeit,
Bergwerke zu entwässern und die Wasserversorgung für die wachsenden Städte
sicherzustellen – Bedürfnisse die zu Anfang des 17. Jh. dringend geworden waren. Zumindest
diejenigen Versuche, die uns überliefert sind, wurden eher von begüterten und gelehrten
Männern durchgeführt, als von Praktikern in den Bergwerken. John-Thomas Savery erhielt
auf seine Maschine 1698 ein Patent. Seine Maschine erwies sich jedoch als ein Fehlschlag, da
sie nicht betriebsfähig war und zwar nicht wegen einer unrichtigen Anwendung wissen-
schaftlicher Prinzipien, sondern wegen Unzulänglichkeiten in der technischen Ausführung
und im Material. Tatsächlich ist Savery´s Prinzip in modifizierter Form und mit einem auto-
matischen Dampfventil in die moderne Vakuumpumpe eingegangen (Hausen, Rürup 1975,
96-98). Newcomens Leistung bestand darin, das zuerst von Papin entwickelte Konzept in eine
praktisch brauchbare Maschine umzusetzen. Mit Sicherheit war Newcomen, als Papin seinen
Plan im Jahre 1690 veröffentlichte, bereits damit beschäftigt, Savery´s Maschine zu ver-
bessern. Natürlich muss jede Maschine eine praktische Sache sein und jeder Erfinder ein
Mann der Praxis. Wie fest auch immer so eine Maschine auf wissenschaftlichen Prinzipien
gegründet sein mag, für den Erfinder bleiben dennoch Probleme: Die Montage der Teile, die
Festigkeit der Werkstoffe und die notwendigen Konstruktionen, die die Maschine nicht nur
einfach funktionieren, sondern effizient, das heißt wirtschaftlich arbeiten lassen. Die Wissen-

90
schaftler des 17. Jh. waren außerordentlich stark an der praktischen Nutzbarkeit von
Wissenschaft interessiert, und viele ihrer Probleme waren an Gegenständen orientiert, die für
die technische Entwicklung nützlich waren. Angesichts des wirtschaftlichen Erfolges der
Newcomen-Maschine seit etwa 1712, waren die weiteren Fortschritte bis in die Zeit Watts in
erster Linie konstruktiver und handwerklich-mechanischer Art. Durch Verbesserungen der
Gestaltung und Ausführung der Teile erreichte die Newcomen-Maschine ihre Höchstleistung.
Darüber hinausgehende Fortschritte setzten eine grundlegende technische Neuerung voraus,
die dann von James Watts geleistet wurde. Seine Erfindung des getrennten Kondensators
führte zu einem bedeutenden Fortschritt in der Technikgeschichte. Es ist bemerkenswert, dass
Watt die Dampfmaschine zunächst als Versuchapparat und nicht als Maschine kennerlernte.
Watt standen als Freunde und Ratgeber zwei der wissenschaftlichen Köpfe seiner Zeit zur
Verfügung, nämlich Black und John Robinson (Hausen, Rürup 1975, 98-101).

Bei der Erfindung der Dampfmaschine haben wir es mit einem kumulativen Prozess zu tun,
der sich über zwei Jahrhunderte erstreckte und tausende von Schritten umfasste, so dass der
Erfindungsvorgang sich auf vielen Ebenen vollzog. Die Dampfmaschine war ein Produkt des
Zeitalters der Wissenschaft und leitet sich aber nicht von den Naturwissenschaften her. Watt
selber hatte die Expansionswirkung des Dampfes entdeckt und benutzt und obschon er
persönlich der Hochdruckmaschine gleichgültig gegenüberstand, erkannten einige seiner
Mitarbeiter wie auch andere sehr deutlich ihre Vorteile. So gab um die Wende zum 19. Jh.
noch einmal eine Überfülle an neuen Entwürfen. Ein großer Teil der Dampfmaschinen und
Turbinenkonstruktionen wurde, besonders in Frankreich, von der neuen Klasse der
Berufingenieure entwickelt. In Frankreich versorgten die großen Ingenieursschulen, wie die
Ecole Polytechnique, Ecole de Mines, Ecole des Ponts et Chausses und viele andere in den
Provinzen die Armee, die Beamtenschaft und die Industrie mit Ingenieuren, die durchdrungen
waren von der besten Tradition der Naturwissenschaften und der Forschung. In der ersten
Hälfte des 19. Jh. überholte Frankreich aufgrund der Ausbildungsanstrengungen England
hinsichtlich der Quantität guter wissenschaftlicher und technischer Arbeit. Es ist bezeichnend,
das der nächste größere Durchbruch in der Dampftechnologie mit dem Namen von Charles
Parsons und seiner Erfindung einer erfolgreichen Dampfturbine 1884 verbunden ist.
Schließlich können wir auf den jungen französischen Dampfmaschineningenieur Sadi Charnot
hinweisen. Die Naturwissenschaft stellt der Technik verschiedenen Instrumente, Daten, Kon-
zepte, Theorien etc. bereit. Sie bietet niemals eine völlig fertige Theorie. Es ist noch nicht
einmal nötig, das die allerneuste Theorie vermittelt wird, um den Anspruch zu rechfertigen,
das eine bestimmte technologische Innovation durch die Wissenschaft ermöglicht wurde
(Hausen, Rürup 1975, 102-104).

Im Rahmen der Industriellen Revolution entwickelte sich die Ingenieurtechnik durch


Verwandlung von implizitem in explizites technisches Wissen, wobei technisches als
industriell nutzbares Wissen konzipiert wurde. Dies impliziert eine gewisse Veränderung der
erkenntnistheoretischen Fragestellung: „tacit knowledge“, gebunden an das Leib-Schema
technischen Handelns, wird durch die Maschinenimplementation technischen Handelns
verändert, allerdings in keineswegs allen Fällen zum expliziten, mathematisch erfassbaren
ingenieurmäßigen Wissen. In der Regel muss allerdings ein Mechanismus entwickelt werden,
der technisches Handeln in Maschinen simuliert, so z.B. die technische Praxis des Spinnens
und Webens. Dabei muss die Antriebskraft nun von anderen Quellen als dem menschlichen
Umgang mit dem Werkzeug kommen. Hier bieten sich Energiemaschinen an. Damit verändert
sich aber auch das Paradigma technischer Konstruktion. Wurden bislang eher Endprodukte als
Werkzeuge konstruiert, werden nun die Werkzeuge selbst zum Gegenstand der Konstruktion,
insofern sie Maschinen sind. Werkzeugmaschinen sind in gewisser Weise dafür
paradigmatisch, denn nun stellen Maschinen Werkzeuge her. Die konstruktive Leistung be-

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trifft nun nicht mehr die Werkzeuge, sondern die sie herstellenden Maschinen. Die Bedeutung
des technischen Umgangswissens wird dadurch aber nicht geschmälert, sondern verlagert sich
auf eine andere Ebene. So kommt es zu einem sekundären Umgangswissen mit technischen
Mitteln, die nun keine Werkzeuge mehr sind, sondern Mascinen (später ganze Anlagen und
große technische Systeme).

Eine andere Form semiautonomer „intelligenter“ Technologie, in der nicht eine bestehende
technische Praxis in Maschinen implentiert wurde, sondern für Maschinen eigene Formen
„technischer Praxis“ mittels Umgangswissen mit Maschinen entwickelt wurde, war die
Dampfmaschine. Otto von Guericke hatte schon 1661 gezeigt, dass ein Kolben, der durch den
Luftdruck in einem evakuierten Zylinder hineingetrieben wird, zur Arbeitsleistung genutzt
werden kann. 1706 baute Papin erneut eine direkt wirkende Dampfpumpe, die mit Hochdruck
arbeitete. Papins Dampfmaschinen, so richtungsweisend auch seine Erfindungsgedanken
waren, kamen wegen technologischer Schwierigkeiten nicht über das Versuchsstadium
hinaus. In England erfand Thomas Savery 1698 eine Dampfpumpe, bei der ein Wechselspiel
stattfand von direkter Arbeit des Dampfes und indirekter Wirkung durch Erzeugung eines
Vakuums. „The Miner’s Friend“ nannte Savery 1702 eine kleine Schrift über seine Erfindung,
denn die Maschine sollte dem mit dem Grubenwasser kämpfenden Bergmann helfen.
Praktische Arbeit in Bergwerken leisteten seit 1711/1712 erst die von Henry Newcomen wohl
im Anschluss an Papins Versuche gebauten großen atmosphärischen Dampfmaschinen. Die
Newcomensche Maschine funktionierte. Sie wurde in zahlreichen Bergwerken eingeführt.
Doch sie war wegen ihrer großen Energieverluste unrationell. Erst als man die Wärme-
verhältnisse des Wasserdampfes genauer erkannt hatte, konnten neue Wege beschritten wer-
den. Hier setzte die Arbeit Watts ein. Die Aufklärung des 18. Jh. rückte die Vernunft aus dem
Bereich der Wissenschaft in Leben. Die Aufnahme der Naturwissen-schaften und Technik in
die allgemeine Bildung bereitete einen günstigen Boden für den weiteren Fort-schritt der
Technik (Klemm 1999, 119-123). All die genannten wissenschaft-lichen Erfolge wirkten sich
früher oder später fördernd auf die Technik aus, die gerade im 18. Jh. teilweise zur ange-
wandten Naturwissenschaft zu werden begann. Der Newcomen-Maschine wurde allseits ihre
praktische Unbrauchbarkeit bescheinigt. Dabei ist festzustellen, dass mindestens 1.300
solcher Maschinen im England des 18. Jh. Verwendet wurden. Möglicherweise waren es
sogar 2.200 bzw. 2.500 (Harris 1982, 208 f).

Die Bezeichnung “revolutionär” an der industriellen Revolution ist immer mehr umstritten.
Die Wandlungsvorgange, die sich graduell vollzogen haben und die britische Ökonomie an
ihren Wurzeln transformiert haben, begann bereits in voller Auswirkung im 17. Jh. und führt
zu einem Verständnis dieser Kontinuität, die hier kritisch eingewandt wird gegen die Analyse
des Wandels. Das Ausmaß an Kontinuität in Strukturen, Organisationsformen und Arbeits-
prozessen des frühen modernen Großbritanniens im 17. Jh. mit denen des industriellen
Zeitalters sind hervorzuheben. Dabei wird im Hinblick auf die Industrielle Revolution häufig
genug die Bedeutsamkeit der Wandlungsprozesse im landwirtschaftlichen System vergessen.
Diese Wandlung kennzeichnet sich auch darin, dass z. B. jetzt der Maschinenbau mehr denn
bisher als Teil der Mathematik behandelt wurde, wohingegen er in der Renaissancezeit als
Anhängsel der Architektur erschien. An der Spitze der großen technischen Errungenschaften
der zweiten Hälfte des 18. Jh. stand die mit genialem technischen Sinn und wissenschaftlichen
Geist konstruierte Dampfmaschine Watts. Sie erst ermöglichte einen ungeahnten Siegeszug
der Erz- und Kohleförderung. Die Einführung des Kokses in den Hochofenprozess, die
Erfindung des Tiegelgussstahles, des Zylindergebläses und des Flammofenfrischens brachen
dem Eisen als wichtigsten Werkstoff die Bahn. Verbesserte Werkzeugmaschinen und neue
Arbeitsmaschinen, besonders im Gebiet der Textiltechnik, führten bald zusammen mit der
Dampfmaschine als Antriebskraft zu einer völligen Umgestaltung der industriellen Verhält-

92
nisse. Der durch den rapiden Aufstieg der Textiltechnik, insbesondere durch die Zunahme der
Baumwollverwendung, gesteigerten Bedarf an Chemikalien gab der chemischen Industrie
kräftigen Auftrieb, die in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts die ersten Verfahren zur
Herstellung von Schwefelsäure und Soda im großen Stil, das Bleichkammer und Leblanc-
Verfahren, entwickelte (Klemm 1999, 124-126).

Carnot suchte nun die allgemeinen Bedingungen zu ergründen, unter denen aus Wärme
mechanisch Arbeit gewonnen werden kann. Durch das Gedankenexperiment des umkehrbaren
Kreisprozesses gelangte er zu Erkenntnis des idealen Arbeitsmaximums, das lediglich
abhängig ist von der überführten Wärmemenge und den Temperaturen, zwischen denen die
Überführung stattfindet, nicht aber vom Arbeitsmittel. Der an Carnot anschließende Ausbau
der Thermodynamik schuf die Grundlage für die neuere wissenschaftliche Behandlung des
Wärmemotors, und um die sich zunächst seit 1860 Gustav Zeuner besonders bemühte
(Klemm 1999, 145). Ein bedeutsames formales Mittel für das wissenschaftliche technische
Schaffen wurde neben der Infinitesimalrechnung die darstellende Geometrie. Sie fand ihre
erste wissenschaftliche systematische Behandlung 1799 durch Monge, den Organisator der
Ecole polytechnique. J. N. P. Hachette, Lehrer an dieser hohen Schule der Technik, wandte
die Methoden der darstellenden Geometrie als Erster 1811 in umfassender Weise auf dem
Maschinenbau an. In seinen „Prinzipien“ hob Redtenbacher 1852 die Notwendigkeit der
technischen Zeichnung für den Maschinenbau mit Nachdruck hervor (Klemm 1999, 162). Die
Dampfmaschine leistet technische Arbeit und stellt als Produkt Antriebsenergie bereit.

Der Wissenschafts- und Technikhistoriker muss auch die nichtverbalen, visuellen Vorstufen
des technischen Schaffensaktes zum Gegenstand der Untersuchung erheben. Dies lenkt die
Aufmerksamkeit auf den Entwurfsprozess. Gewöhnlich werden die Wurzeln des wissen-
schaftlichen Maschinenbaus vorrangig in den Naturwissenschaften gesehen. Aber es kam
bereits frühzeitig zu einer Verdichtung handwerklich-künstlerischen Könnens zu technischem
Wissen. Die Visualisierung technischer Gebilde und Verfahren war dabei ein Mittel, kausale
Zusammenhänge aufzudecken. Die damit einhergehende Geometrisierung mechanisch-
technischer Sachverhalte leitete die wissenschaftliche Durchdringung ein und mündete in der
Herleitung elementarer Methoden und Theoriefragmente. Eine besondere Rolle spielte dabei
die technische Zeichnung, welche über das jeweilige Niveau des Entwurfsdenkens Aufschluss
gibt. Die Herausbildung der Maschinenmechanik ging zunächst mit der Entwicklung der
praktischen Geometrie einher. Elementarisierung und Systematisierung waren im 18. Jh. die
wesentlichen methodischen Bausteine einer deskriptiven Maschinenkunde. Bereits im Zei-
chen der Industriellen Revolution stand die auf der deskriptiven Geometrie begründete
kinematische Maschinenlehre der Monge-Schule an der Pariser Polytechnischen Schule. Da-
rauf aufbauend wurde im Weiteren konsequent der Übergang von geometrischen (visuellen)
zu mechanischen (analytischen) Prinzipien im wissenschaftlichen Maschinenwesen vollzogen
(Mauersberger 1994, 8-11).

Mit der Dampfmaschine als Antriebskraft erschienen auch neue Arbeitsmaschinen auf dem
Plan. Das Zusammentreffen beider ermöglichte erst jene ungeheuere Mechanisierung und
Industrialisierung, die wir als Industrielle Revolution bezeichnen. Die Maschine bedurfte zu
ihrer Herstellung wieder der Maschine. Mit der Erzeugung immer leistungsfähigerer und
komplizierter Kraft- und Arbeitsmaschinen in immer größerer Anzahl ging die Ausbildung
immer präziser arbeitender Werkzeugmaschinen, insbesondere für die Metallbearbeitung,
einher. Wichtig für die Werkzeugmaschinen war die absolute Genauigkeit, mit dem man
bestimmte Teile herstellen konnte. Voraussetzung war dabei die den Handwerkern eigene
technische Gewandtheit, die sie befähigte, Einzelteile von Maschinen und Mechanismen
herzustellen, bei denen vollkommen ebene Oberflächen erforderlich waren. In den meisten

93
Fällen kam man zum Ziele durch den geschickten Gebrauch der Feile, so dass das Planfeilen
damals, wie noch heute, eine der höchsten Fertigkeiten des gewandten Handwerkers war. Die
große Genauigkeit in der Herstellung von Maschinenteilen und damit zusammenhängenden
Möglichkeiten, genau gleiche Teile – zunächst handelte es sich um Schrauben – mehrfach zu
erzeugen, so dass also ein Austausch vorgenommen werden konnte, waren revolutionierende
Leistungen (Klemm 1999, 148-150).

Die Dampfmaschine war eng mit dem Aufstieg der Mechaniker zu Ingenieuren verbunden.
Die Dampfmaschine war keine Triebkraft des Geschehens, aber auch kein bloßer Reflex eines
ökonomischen Bedarfs. An dieser Geschichte manifestiert sich die Frage nach angepasster
Technik im Kontext eines regionalen Ansatzes. Ansatzpunkt waren Erfindungen im
Maschinenbau, die sich günstig auf den Fortschritt in der Bergbauindustrie, der Metallurgie,
im Straßen- und Kanalbau und im Dampfschiff- und Lokomotivenbau auswirkten
(Schuchardin u.a. 1981, 138). James Watt studierte dabei zur Optimierung der Dampfma-
schine die Literatur (Schuchardin u.a. 1981, 158) und trug damit zur Verwissenschaftlichung
der Technik bei. Erst durch diese Verbesserungen war eine gewerbliche Nutzung möglich.
Die Dampfmaschine erzwang dann den Übergang vom Holz zur Kohle als dem wichtigsten
Energieträger. Die Entwicklung der Dampfmaschine basierte dabei auf einem Zusammen-
wirken von Forschern und Erfindern mit innovativen und risikobereiten Unternehmern.
Bevorzugte Abnehmer von Dampfmaschinen waren die Erzgruben von Cornwall. Und durch
Dampfmaschinen wurde das Erzeugen mechanischer Energie bedeutend preisgünstiger
(Schuchardin u.a. 1981, 163). Ein weiterer wesentlicher Schritt war die Erfindung von Uni-
versalwerkzeugmaschinen. Durch die manuelle Produktion von Maschinen waren Maschinen
teuer und der Ausstoß gering. Die Erfindung von Maschinen zur Produktion von Maschinen
bedeutete hier einen erheblichen Fortschritt. So erfand man die Universalwerkzeugmaschine
mit beweglichem Support (Werkzeugschlitten). Auch dieses veränderte die Arbeitsorganisa-
tion (Schuchardin u.a. 1981, 172f). Hooke entwickelte die wissenschaftlichen Grundlagen der
Elastizitätslehre, wodurch die Festigkeit der Materialen besser berechnet werden konnte. J.
Smeaton gelang dann in der zweiten Hälfte des 18. Jh. ein entscheidender Fortschritt, der zur
Entwicklung der Technikwissenschaft führte. Er begründete die wissenschaftlich fundierte
experimentelle Analyse der Arbeitsweise von Maschinen unterschiedlicher technischer Vor-
richtungen (Schuchardin u.a. 1981, 118f). Zudem war bereits seit der ersten Hälfte des 18. Jh.
begonnen worden, zur Lösung praktischer Aufgaben wissenschaftliche Erkenntnisse heran-
zuziehen.

Für die Industrielle Revolution charakteristisch ist auch der Wechsel von Holz zu Eisen. Um
weitere Verbreitung zu erlangen, musste der Preis für Eisen attraktiv sein. England war um
1750 alles andere als ein Massenproduzent von Eisen, hatte jedoch gute Voraussetzungen
dafür, es zu werden. Seit dem 17. Jh. stiegen die Holzpreise. Nicht zuletzt war das Anwachsen
des Eisenhüttenwesens mit Schmelzen und Umgießen eine wichtige Quelle für den steigenden
Preis von Holz. 1709 gelang es, den Schmelzbetrieb auf Koks umzustellen und somit die
Nachfrage nach Holz zu dämpfen. Steinkohle war zu diesem Zeitpunkt sehr viel billiger als
Holzkohle, da die Holzkohle sehr effektiv eingesetzt werden konnte. So wurden schließlich
Lufterhitzer für Hochöfen gebaut. Im ausgehenden 18. Jahrhundert verdrängt Walzen das
Schmieden. Und die Walztechnik ist eine Maschinen-Werkzeug-Technik. 1792 wird die erste
Dampfmaschine in einem Walzwerk eingesetzt. Ein Glücksfall war, dass in Großbritannien
bei den wichtigsten Produktionsstätten Eisenerz und Kohle gemeinsam vorkamen (Paulinyi
1989, 135). England war der größte Kohlenpott Europas vor der Industriellen Revolution.
Dabei verleitete die Entwicklung von Sicherheitslampen zu riskantem Abbau und erhöhte so
ungewollt das Unfallrisiko beim Kohleabbau (Paulinyi 1989, 145). Es gibt eine (1)
Technologie der Maschine, (2) eine Technologie der Chemie und (3) eine Technologie der

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Elektrizität als Motor und Ursache für die Ausbildung spezifischer industriegesellschaftlicher
Systemgefüge. Diese hat Auswirkungen auf die Familie und Stadtstrukturen. Zu analysieren
sind also die Grundbedingungen der Entstehung dieses Systems (Pohlmann 1997, 13-15).

Die wachsende Zahl an erteilten Patenten auf landwirtschaftliche Geräte und Maschine in der
zweiten Hälfte des 18. Jh.s ist ein deutlicher Hinweis auf eine zunehmende Innova-
tionsbereitschaft im ländlichen Raum (König 1991, 110). Welchen ungeheuren Aufschwung
der Kutschenverkehr innerhalb von rund 100 Jahren genommen, verdeutlichen zwei Zahlen:
1658 zählte man in Paris 320 Kutschen und Karossen, 1762 war ihre Zahl auf ungefähr
14.000 angestiegen (König 1991, 121). Aus der Fülle von Publikationen zu physikalischen
Problemen des Schiffbaus darf jedoch keinesfalls geschlossen werden, dass damit eine
Verwissenschaftlichung verbunden gewesen wäre. Auch weiterhin blieb die Arbeit auf dem
Werfplatz von der Empirie bestimmt. Aber die Untersuchungen der Wissenschaftler so
praxisfern sie vorerst sein mochten, stellten – und hier müssen Isaak Newton und Gottfried
Wilhelm Leibniz genannt werden – Theorien und vor allem Rechenmethoden zur Verfügung,
die dann in weiter entwickelter Form seit der 2. Hälfte des 18. Jh.s allmählich Eingang in den
Schiffbau fanden. Wachsende Konkurrenz bekam das städtische Gewerbe durch das sich
immer stärker ausdehnende, durch die Trennung von Produktion und Absatz charakterisierte
Verlagssystem, das nun auch im städtischen Raum breiten Fuß fasste. Die Impulse für die
Anwendung technischer Neuerungen aber gingen vom Manufakturwesen aus. Die Mechani-
sierung erstreckte sich allerdings in der Regel nicht auf den gesamten Fertigungsvorgang,
sondern vorwiegend auf die Bereiche der Rohstoffaufbreitung und der Produktveredelung,
wobei die mechanisierten Einzelarbeitsschritte manchmal Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte
auseinander lagen (König 1991, 143-146).

Erst die zunehmende, mit der Frühaufklärung einhergehende Ökonomisierung des Denkens,
bei der zudem alles auf seinen Nutzen und Zweck hin bedacht wurde, führte im Maschi-
nenbau zu Überlegungen, z. B. Material so sparsam wie möglich zu verwenden, unnötige
Reibung zu vermeiden, Brennstoff einzusparen und so die Gesamtkosten zu senken. Dabei
wurden die Regeln der mechanischen Wissenschaften berücksichtigt, andernfalls zog man
sich auf Proportionen zurück. Die Maschinenbücher waren ein zentrales Element der Ver-
breitung technischen Wissens. Erst im letzten Drittel des 17. Jh. lassen sich in der den
Maschinenbau berücksichtigenden Literatur tendenzielle Veränderungen wahrnehmen, die
stärker auf ökonomischen Einsatz der technischen Mittel, auf bessere Wirkungsgrade und auf
die Einbeziehung wissenschaftlicher Erkenntnisse bei der Konstruktion von Maschinen ab-
gehoben, den Bau nützlicher Maschinen als Beitrag zur Steigerung der Landeswohlfahrt
betrachten hat. Obwohl mit Leupolds Werk, das man als deskriptive Maschinenkunde be-
zeichnen kann, empirische und theoretische Technikbetrachtung zumindest ansatzweise
miteinander verbunden worden sind, bemerkte später der Philosoph und Mathematiker Chri-
stian Wolff, dass die Anfertigung von Instrumenten diesem keine Zeit gelassen habe, sich in
die Theorie allzu sehr zu vertiefen, und auf deren Applikation in der Kunst zu gedenken.
Weitere wichtige Werke der technischen Literatur waren die Enzyklopädie von Johann
Heinrich Zedler und die Enzyklopädie von D’Alembert und die Diderot (König 1991, 253-
259).

Im Hinblick auf die französische Revolution hat man die Enzyklopädie und die
Enzyklopädisten oft als die Avantgarde des dritten Standes des Bürgertums bezeichnet. Es
muss da festgestellt werden, dass der große Bereich gewerblicher und handwerklicher Tech-
nik in einem bis dahin nicht gekannten Umfang in die Enzyklopädie einbezogen worden war.
Das geschah umfassender, als in allen enzyklopädischen Vorläufern, so dass die Enzyklopädie
von Diderot und d’Alembert geradezu als ein technisches Kompendium angesehen werden

95
muss. Das Ziel ist nicht zuletzt Veränderung der Gesellschaft durch Wissenschaft und Tech-
nik. Die Ausrichtung auf Naturerkenntnis als Naturbeherrschung, auf die Praxis und auf
praktische Ziele fand mit der in hervorragendem Maße erfolgten Einbeziehung der gewerb-
lichen Technik, die in enger methodischer Wechselbeziehung mit den exakten Naturwissen-
schaften potenziell als angewandte Naturwissenschaft gesehen wurde, erst ihren entscheiden-
den Ausdruck (Manegold 1979, 46-18).

Die Würdigung der Handwerker und der technischen Arbeit korrespondierte im gewaltigen
Bildungsoptimismus der Zeit mit der angestrebten Demokratisierung der Wissenschaften
(Manegold 1979, 51). Das hier auftauchende unbewältigte Theorie-Praxisproblem sprach
Diderot deutlich im Artikel „Art“ an: wie viele schlechte Maschinen werden uns doch täglich
von Leuten vorgeschlagen, die sich eingebildet haben, dass die Elemente einer Maschine in
der Praxis eben so wirken, wie theoretisch auf dem Papier. Er hatte selbst vielfach auf die
Untauglichkeit einer theoretischen, abstrakten Mathematisierung hingewiesen und die Not-
wendigkeit einer praktischen, handwerklichen Geometrie beschworen. Diderot ließ verschie-
dentlich eigenes Werkzeug oder Maschinen oder deren Modelle anfertigen, um sie bis ins
Einzelne studieren zu können. Die Enzyklopädie war bemüht gewisser Maßen eine Moment-
aufnahme zeitgenössischer Gesamttechnik zu geben. Eine Absicht freilich, die naturgemäß
nicht bewältigt werden konnte. Es handelt sich hier wie auch in den Deskriptionen um die
letzten technischen Abbildungen innerhalb der technisch-wissenschaftlichen Literatur, die im
Gegensatz zu der mathematisierten, technischen Zeichnung bei allen wesentlichen Verrich-
tungen immer auch den Menschen in Verbindung mit den Werkzeugen und der Maschine
zeigen (Manegold 1979, 57-60). Es war bezeichnend, dass die „Descriptiones“ der Akademie
andererseits sogleich die Aufmerksamkeit der deutschen Kavalleristen im 18. Jh. erregte, lag
hier doch ein ihnen verwandter Geist zu Grunde (Manegold 1979, 63).

Die chemische Fabrikation, die Elektrifizierung und so weiter stellen aus technischer
Perspektive Formen des Umgangswissens mit technisch erzeugten Naturprozessen (Labor-
phänomenen) dar, welche in Maschinen implementiert werden sollten. Dies gelang natürlich
nicht immer, sondern nur in den Bereichen, und in den Situationen, in denen die erforderli-
chen Randbedingungen gegeben waren. Das Produkt technischkonstruktiver Praxis ist seit der
Mechanisierung nicht mehr ein einzelnes technisches Artefakt, sondern eine Technologie. Die
Mechanisierung beruht auf einer Implementierung des Umgangswissens mit physikalisch
beschreibbaren Theorien auf Gegenstände und Prozesse. Später gab es eine Elektrifizierung,
eine Chemisierung, eine Pharmakologisierung und eine Biotechnologisierung. Die Mechani-
sierung und die Maschinisierung erzwingen sukzessive die Explizierung des impliziten tech-
nologischen Wissens. Das Experiment bzw. das Labor erzeugen bevorzugt technologisches
Wissen als Umgangswissen und erst in zweiter Sicht naturwissenschaftliches Gesetzes- oder
Regelwissen. Der Bedarf nach einer besonderen Antriebsenergie führte zur Suche nach
Maschinen, die sonst von den Werkzeug führenden Menschen geliefert wurde. Die
Mathematisierung des Ingenieurswesens im 16. und 17. Jh. erfolgte in der Regel nicht aus
technischer Zweckrationalität, sondern aufgrund des mathematischen Zeitgeistes. Der
Übergang von der Mechanik zur Maschinenkunde bedeutete insbesondere eine ökonomische
Transformation, denn Maschinen waren in erster Linie Produktionsmittel. Die Spinnmaschine
gehört noch in den Bereich der sinnlich wahrnehmbaren Technik. Die Dampfmaschine ist
bereits eine Blackbox.

Seit der 2. Hälfte des 18. Jh. entstanden mit der Produktion von Schwefelsäure, Soda und
Chlor, zu denen sich in den ersten Jahrzehnten des 19. Jh. die Erzeugung von Leuchtgas aus
Steinkohle gesellte, die Grundlagen der chemischen Industrie. Die Reinigungsvorgänge sowie
das Färben der Fasern und Gewebe in allen Sparten der Textilindustrie und hauptsächlich das

96
unumgängliche Bleichen der Leinen- und Baumwollgarne oder –gewebe verlangte nach so
großen Mengen an Säuren und Alkalien, dass die herkömmliche, überwiegend pflanzliche
Basis – Holz, Seetank, Barrilla, Buttermilch – bzw. wie bei der Schwefelsäure, die alte
Verfahrenstechnik der Stoffumwandlung, den ständig wachsenden Bedarf allmählich nicht
mehr decken konnten. Das Vitriolöl, das seit dem 18. Jh. hauptsächlich in Sachsen und
Böhmen aus einem Schiefer gewonnen wurde, wurde seit Ende des 18. Jh. in den größten
Unternehmen der chemischen Industrie produziert (König 1991, 412). Die Pottasche wurde
durch künstliches Soda verdrängt. Die wichtigsten Verfahrensschritte des von Leblanc
entwickelten mehrstufigen Prozesses der Sodagewinnung sind die Erzeugung von Natrium-
sulfat oder calcinierten Glaubersalz aus Schwefelsäure und Kochsalz in einem Flammofen.
Die Entfaltung einer Massenproduktion von Glas zu Preisen, die es zum ersten Mal in der
Geschichte allmählich breiteren Schichten zugänglich machte geschah ebenfalls im 19. Jh.
(König 1991, 418-420). In kurzer Folge entstanden weitere öffentliche Gasgesellschaften in
London, Glasgow, Edinburgh, Manchester, Liverpool, Dublin und andernorts. Um 1820 hatte
London 4 Gasgesellschaften, 47 Gasometer mit einem Gesamtvolumen von 28.000 m3,
51.000 Gaslichter und das Röhrennetz war etwa 300 km lang. Der schnellen Verbreitung der
Gasbeleuchtung waren die fallenden Kohlepreise förderlich. Die Verbreitung der Eisenbahn
und die damit verbundenen Umstellungen wurden zu einem der wesentlichen Faktoren des
Wandels im industriellen Zeitalter. Die Railwaysgentlemen, die Projektemacher im ersten
Eisenbahnfieber der 30er Jahre, waren hier die Pioniere (König 1991, 425-429).

Ein weiterer Fortschritt war die Verwendung von Gusseisen für die Tragkonstruktionen von
Brücken, die durch die Eisenbahn im verstärkten Maße erforderlich wurden. Dennoch blieben
Wasserstraßen und Kanäle zunächst die wesentlichen Faktoren der Verkehrsinfrastruktur. In
zunehmendem Maße gab es Versuche, Bewegungsabläufe von Lebewesen mit mechanischen
Mitteln nachzuahmen zunächst war die Lokomotive ein echtes Dampfross, das sich auf den
Schienen mit zwei von der Dampfmaschine betriebenen Hinterbeinen fortbewegen sollte. Die
erste Industrialisierungsphase war vorwissenschaftlich. Die Naturwissenschaft und ihr Willen
zur Naturbeherrschung und der primatkontrollierter Erfahrung haben eine implizite Techni-
zität. Technik ist ein wesentliches Element der Naturwissenschaften. Dazu gehört insbeson-
dere auch der rationale Kausalitätsbegriff (Pohlmann 1997, 71-74). Die Arbeits- bzw. Werk-
zeugmaschine kann mit der Dampfmaschine verknüpft werden. Die Auswirkungen der
Maschinisierung der Arbeit sind immens. Für den nach Verwissenschaftlichung der Technik
strebenden Ingenieur wurde der Übergang vom Holz zum Eisen eine Prinzipienfrage,
unabhängig vom ökonomischen Kalkül. Die herkömmliche Auffassung, der zufolge die Tech-
nik im 16. Jh. bis zur Industriellen Revolution im Wesentlichen stagnierte und danach die
Dampf- und Spinnmaschine den Fortschritt in eine archaische Agrarlandschaft brachten, ist in
neuerer Zeit mit Recht revidiert worden. Sie beruhte auf einem bestimmten Bild von
Fortschritt: auf der Vorstellung, dass der Weg des Fortschritts nur über Basisinnovationen,
über Steigerung des Energieeinsatzes und über die Ersetzung von menschlicher Arbeit durch
Maschinen führte. Was wirtschaftlich rational war, hing wesentlich von den Vorstellungen ab,
die man sich über künftiges wirtschaftliches Wachstum machte. Wenn mit den Maschinen
auch zeitweise die Vorstellung verknüpft wurde, dass diese bei den Arbeitern Können,
Wissen und Erfahrung überflüssig machten, war diese Einbildung doch nur vorübergehend.
International betrachtet fällt auf, dass eine erfolgreiche Industrialisierung vor allem dort ge-
lungen ist, wo es zunftartige Traditionen professioneller Arbeit gab. Der Werkstoff Holz
beflügelte die Experimentierfreude, auch die unprofessionelle und dilettantische. Dadurch,
dass es überall und in großer Artenvielfalt vorhanden, ungemein vielseitig zu verwenden und
obendrein viel bequemer als Metalle zu bearbeiten war. Holz begünstigte die Handarbeit
(Radkau 1989).

97
Die Dampfmaschine warf mit dem Übergang zu höheren Brücken zugleich die Sicher-
heitsfrage als zentrales Thema auf: Kesselexplosionen waren schockierende Ereignisse. Der
Übergang zu massenhaftem Kohlegebrauch um die Mitte des 19. Jh. bedeutete nicht nur
Wirtschafts- sondern auch umweltgeschichtlich eine tiefe Zäsur durch die Bindung der indu-
striellen Dynamik an eine nicht regenerative Ressource und durch die von nun an
unaufhaltsam wachsende CO2-Belastung der Atmosphäre. Die volle ökologische Tragweite
dieses Vorganges war zu jener Zeit nicht zu überblicken; dass jedoch Kohlerauch schädlich
sei, war seit Alters eine verbreitete Überzeugung, die der sinnlichen Wahrnehmung entsprang.
Dabei wurde bemerkenswert rasch erkannt, dass eine Unschädlichkeitsgrenze der Schadstoffe
nicht bestand, eine weitere Verteilung durch hohe Schornsteine also nur eine breite Streuung,
aber keine Verhütung von Schäden bewirkte. Es gab jedoch Untergrenzen, unterhalb derer ein
exakter Kausalnachweis der Schädigung nicht mehr zu führen war. Im späten 19. Jh. setzte
sich in der Gewerbeaufsicht das Konzept der Toleranzgrenze durch, das die Umweltbelastung
legalisierte und der Kontrolle einen Schein von Exaktheit verlieh (Radkau 1989, 201).

Mit dem beginnenden 19. Jahrhundert fängt die theoretisch-wissenschaftliche Behandlungs-


weise bautechnischer Probleme allmählich an, zur Selbstverständlichkeit zu werden und die
einseitig wissenschaftsfeindlich eingestellten Praktiker werden in die Verteidigungsstellung
gedrängt. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Theoretiker damals noch häufiger als heute
über ihr Ziel hinausschossen, indem sie sich der Grenzen, der Unzulänglichkeit der Methoden
und der Unsicherheit der Voraussetzung ihrer Rechnungen nicht genügend bewusst blieben.
Rondelet versuchte 1810 noch einmal in einem Werk trotz der eingetretenen Spezialisierung
alle Aspekte der Baukunst, nämlich Kunst und Statik, Architektur und Ingenieurwesen in
einem universalen Opus zu vereinigen (Straub 1992, 176). Neben den Hafenbauten bildete die
Anlage von Schifffahrtskanälen die wichtigste Aufgabe der Tiefbauingenieure des 17. und 18.
Jh. (Straub 1992, 181). Die Baustatik entsteht in Frankreich zwischen 1750 und 1850. Die
ersten theoretischen Untersuchungen über die Wirkungsweise des Gewölbes, dieser vielleicht
wichtigsten Tragwerksform des Ingenieurbaus, finden sich gegen Ende des 17. Jh. Vor der
Erfindung des Betons hat im Massivbau der Steinschnitt von jeher eine wichtige Rolle
gespielt. Weil der Einsturz und die Zerstörung von Gewölben meist durch das Nachgeben der
Kämpfer verursacht werden, ist für den Konstrukteur die Bestimmung der Größe des Bogen-
schubs und die davon abhängige Bemessung der Widerlager beinahe noch wichtiger als eine
genaue Kenntnis der Wirkungsweise des Bogens selbst (Straub 1992, 191-194).

Der für die Entwicklung der Wissenschaft bedeutendste Vertreter der französischen Inge-
nieuroffiziere des 18. Jahrhunderts ist Charles Auguste Coulomb (1736-1806). Er verfasste
zwischen 1773 und 1776 die bedeutendsten Werke der Bauingenieurkunst. In der ersten, nur
knapp 40 Seiten umfassenden Schrift wird das klassische Problem der Biegung eines Balkens
endlich erschöpfend und richtig behandelt. Auch die Frage der Beanspruchung durch Schub
wird angeschnitten. Die Materialkonstanten, die Coulomb für seine Lösungen baustatischer
Aufgaben benötigt, sind die Reibung und die Kohäsion. Zusammenfassend kann man sagen,
dass es Coulomb mehr als allen seinen Vorgängern gelungen ist, die Baukunst unmittelbar
interessierende Probleme durch Anwendung wissenschaftlicher Methoden, aber unter
Berücksichtigung der Bedürfnisse der Praxis zu behandeln (Straub 1992, 198-201). Auf
keinem anderen Gebiet des Hochbaus kommt die Entwicklung der Berechnungsmethoden, der
Wandel der statischen Auffassungen in der sichtbaren Erscheinung des Bauwerks so deutlich
zum Ausdruck wie bei den großen eisernen Fachwerkbrücken der zweiten Hälfte des 19.
Jahrhunderts (Straub 1992, 263). Neben der Verwendung von Eisen und Stahl wurde
revolutionär für das Bauwesen der Eisenbeton (Patent 1855). Schließlich stellte das Spann-
betonverfahren zwar hohe Anforderungen an Rechnung und Ausführung, da es dem
Brückenbauer mit dem Hochbauingenieur eine Fülle neuer Möglichkeiten bietet, hat sich

98
seine Anwendung auf allen Gebieten des Massivbaus rasch ausgebreitet. Nun wurden ganz
andere Bogenkonstruktionen möglich als früher. Neben dem Entstehen der Baustatik und der
Verwendung der neuen Baustoffe Eisen und Beton bringt das 19. Jh. als dritte umwälzende
Neuerung für den Ingenieurbau eine weitgehende Mechanisierung, ja Maschinisierung der
Bauarbeiten (Straub 1992, 281). An erster Stelle sind mechanische Betonmischer, Sortier- und
Waschtrommeln, Schaufelbagger für Erdbewegungen, Dampf- und Presslufthämmer, Bohr-
maschinen, Kompressoren usw. zu nennen. Hinzu kommen leistungsfähige eiserne Turm- und
Derrickkrane, Kabelkrane und dergleichen.

Im historischen Kampf der beiden Fortschrittsideologien Marxismus und Liberalismus, der


nunmehr offenbar zugunsten des Liberalismus als historisch entscheidbar gilt, ist mit dem
notwendigen Gestus der akademischen Erfurcht von den Fachkollegen sehr kontrovers die
Kategorie des technischen Fortschritts bewertet worden (Pirker u.a. 1987, 14). Das Konzept
der Industriellen Revolution das zu den lange Zeit gültigen historisch wertvollen und
prägenden sozialwissenschaftlichen Paradigmen gehört hat, kann den heutigen Stand der
Forschung jedoch nicht mehr Aufnehmen, geschweige denn noch befruchten, sondern ist zu
einem wirklichen Hindernis der Forschung geworden, dass mehr Irrwege als Anregungen
enthält (Pirker u.a. 1987, 25). Auf der Basis der Marxschen Industrieanalyse kann man die
Berechtigung des Revolutionsbegriffs mit dem Kriterium der Zäsur zwischen ingenieurs-
wissenschaftlich prinzipiell unterschiedenen Systemen der Technik unterstützen und sich
gegen das evolutionäre Konzept der großen Schar kleiner Verbesserungen wenden (Pirker u.a.
1987, 120).

Die Technologie des Manufakturwesens vor allem im 18. Jh. und die Entwicklung der
Mühlenmaschinen vom 15. bis 19. Jh. lassen von einer Industriellen Evolution vom 15. bis
zum 19. Jh. sprechen. Hinzu kommt ein technisch gewerblicher Umbruch von erheblicher
Qua-lität im Spätmittelalter dessen Errungenschaften in einer evolutionären Fortentwicklung
bis zum 18. Jh. die Basis schufen, die erst den Vorgang der (englischen) Industriellen
Revolution erklärbar macht. Technologie verschiedener Produktionsprozesse (Spiegelglas-
herstellung, Draht- und Nadelproduktion, Papiermacherei), ferner Alltagstechniken (Wasch-
maschine) oder infrastrukturelle bzw. Kommunaltechniken (Wasserversorgungssysteme) sind
hier wichtig. Die Entwicklung der Mühlentechnologie wird als technologisches Kernsystem
dieses Zeitraums im Überblick erarbeitet und durch Fallstudien vertieft. Das Repräsenta-
tionsbedürfnis des Absolutismus führte zur Nachfrage bestimmter Waren und damit in
verschiedenen Gewerben zur Konzentration auf eine entsprechende Luxusproduktion. Hohl-
und Flachglas wurde in Deutschland bereits seit dem Mittelalter hergestellt, wobei die
Produktion in bestimmten Regionen konzentriert war (Böhmen, Bayern). Neben der Verfüg-
barkeit entsprechender Rohstoffe war das Vorhandensein größerer Waldgebiete eine wichtige
Standortvoraussetzung (Pirker, Müller 1987, 123f).

Bis zum Ende des 18. Jh. waren somit in der Papiermühle eingeführt: Wasserpumpwerke,
Lumpenwaschmaschine, Lumpenschneider, Lumpenstampfwerk, Holländer, Rechenkasten
oder Rührwerk, Wasserpresse, Schlagstampfe, Glättzylinder. So war der arbeitsteilige, aber
auch auf Handarbeit beruhende Kernprozess des Schöpfens von einem Kranz von
Maschineninnovationen umgeben, die Arbeitsprozesse der Rohstoffaufbereitung und der
Veredelung mechanisiert hatten. Der Papiermühle folgte am Ende des 18. Jh. die Papier-
maschine. Der Mechanisierungsgrad in den Produktionszweigen auch außerhalb des Montan-
gewerbes war deutlich höher als bislang in der wirtschafts- und technikgeschicht-lichen
Literatur dargestellt wurde. Die Mechanisierung erstreckt sich in der vorindustriellen Zeit in
der Regel nicht auf den gesamten Fertigungsprozess, sondern vorwiegend auf die Bereiche
Rohstoffaufbereitung und Produktveredelung (Ausrüstung), wobei die Mechanisierung der

99
Einzelarbeitsschritte zu unterschiedlichen Zeiten erfolgen kann. Der eigentliche Kernprozess
der Produktion – die Darstellung des Produktes, die Stoffumwandlung und Verformung – sind
in der Regel mit den damals zur Verfügung stehenden Mitteln nicht mechanisierbar, da dieser
Bereich erhebliche manuelle und sinnliche Fähigkeiten erfordert und zudem Steuerungs- und
Kontrollfunktionen komplexer Art auszuführen sind. Im Zentralbereich der Produktion war
ein „bottleneck“, ein Flaschenhals entstanden. Die erste Phase der Industriellen Revolution
war dadurch gekennzeichnet, dass diese Lücke des alten technologischen Systems geschlos-
sen wurde. Bei einer zunehmend steigenden Bevölkerung entstanden Bedürfnis- und Nach-
fragesituationen, die befriedigt werden konnten (Pirker u.a. 1987, 133f).

Marx hat zumindest versucht, aus den mannigfaltigen Erscheinungen der Werkzeugma-
schinen das ihnen gemeinsame technische Prinzip herauszufinden und fand es in der Über-
tragung des Werkzeuges (aus der Hand des Menschen) auf einen Mechanismus der, wie er es
formulierte die Operationen des Menschen ausführen, oder wie es heute der Fertigungs-
techniker oder Industriesoziologe sagen würde, auf den einige entscheidende Funktionen des
Menschen übertragen wurden (Pirker u.a. 1987, 148). Alle Artefakte und Handlungen sind
unge-achtet ihrer sozial-ökonomischen Bedingtheit und Eingebundenseins Elemente einer
nach technischen Merkmalen strukturierten Ganzheit (eines technischen Systems). Sie sind
Elemente, die zueinander und zu der Ganzheit (zu dem System) in Beziehung stehen, die
einander und dem System zugeordnet sind und deren Zuordnung nicht beliebig geändert
werden kann. Diese Beziehungen (Zuordnungen) ergeben eine Struktur und das Überwiegen
gewisser technisch definierbarer Elemente prägt den Gesamtcharakter des Systems (Pirker
u.a. 1987, 140).

Durch Verbesserungen des Handspinnrades entsteht ein besseres Spinnrad, aber keine
Spinnmaschine. Durch die Perfektionierung des Handwebstuhls ein anderer Webstuhl, mit
dem der Handweber mehr Stoff weben kann, aber nicht ein Maschinenwebstuhl. Um vom
Handspinnen zum Maschinenspinnen zu kommen, bestand die Aufgabe nicht in der
Perfektionierung der Funktion der Spinnerin oder in der Einführung einer anderen
Übersetzung zwischen Antriebsrad und Spindel, sondern in dem Verlassen des Grundprinzips
der Spinnerei, in der Übertragung der Werkstoffführung und anderer Funktionen der
Spinnerin auf eine technische Einrichtung (Pirker u.a. 1987, 143f). Zwischen dem fossilen
Energiesystem der Industriegesellschaft und dem solaren Energiesystem der Agrargesellschaft
besteht ein fundamentaler Unterschied. Beide besitzen Systemeigenschaften, die unterschied-
lichen Entwicklungen Raum geben, die unterschiedlichen Innovationsgeschwindigkeiten
alimentieren und somit an der Definition des Evolutionskorridors teilnehmen (Pirker u.a.
1987, 157). Zwar waren in Großbritannien spätestens seit dem Ende des 18. Jh. die neuen
Techniken auch ökonomisch den traditionellen Verfahren deutlich überlegen, jedoch galt dies
nicht in den meisten Regionen Kontinentaleuropas. Vielmehr konnten traditionelle oder
teilmodernisierte Techniken hier lange Zeit in ihren Revieren oder traditionellen Absatz-
märkten sehr wohl konkurrieren (Pirker u.a. 1987, 168).

John Stuart Mill zählt zu den Hauptantriebskräften für die Industrielle Revolution. Er
unterstützt das Wachstum der Produktion, den Fortschritt der Wissenschaft und Technik, das
Bildungswesen und das Unternehmertum, wie auch die Kapitalbildung, das Bevölkerungs-
wachstum, die Arbeitsteilung und die Verbesserung des Könnens. Das Bildungswesen hielt er
für den dynamischsten Faktor, einmal wegen seines allgemeinen gesellschaftlich- wirtschaft-
lichen Impulses und zum anderen wegen der Entwicklung und Verbreitung wissen-schaftlich-
technischer Kenntnisse (Musson 1977, 12). Dabei müssen auch die dynamischen Faktoren
wie der technische Wandel erklärt werden. In welchem Maße sind technische Veränderungen
Reaktionen auf die Nachfrage, in welchem Maße schaffen sie etwa neue Märkte? Inwieweit

100
werden sie von Veränderungen der Industriestruktur beeinflusst. Das langsam aufdämmernde
Bewusstsein der Wirtschaftswissenschaftler, dass Wissenschaft und Technik grundsätzlich
realistischerweise nicht mehr als exogen behandelt werden können, führt zu einem neuen
Verständnis. Es wurde immerhin von einem Take-of Englands während der Industriellen
Revolution gesprochen (Musson 1977, 21-23). Nun gibt es in der Tat Probleme der direkten
Messung des technischen Wandels. Neue Untersuchungen haben gezeigt, dass die Zunahme
des intellektuellen Kapitals, die Entwicklung und Verbreitung neuen technischen Wissens
eine wesentlich größere Rolle gespielt haben als die Akkumulation physischen Kapitals und
daher die ökonomischen Faktoren in den Hintergrund gedrängt haben. Allerdings sind Erfin-
dungen das Ergebnis von Angebot und Nachfrage: Auf der Angebotsseite ergeben sich
Projekte aus der Ansammlung technischen Wissens, doch auf der Nachfrageseite werden sie
unter Nutzergesichtspunkten bereitgestellt zur Befriedigung von Verbraucherwünschen.
Aller-dings muss oft ein Markt für neue Erzeugnisse erst gefunden werden (Musson 1977, 33-
38). Es sind mehrere Phasen nötig, ehe eine konkrete Technik zustande kommt. Verschiedene
Formen der sozialen Organisation und konkreter Produktionsfaktoren treten hinzu und
bringen die Möglichkeiten in der Produktion voll zum tragen (Musson 1977, 42).

Der Hauptanstoß sei von Wandlungen in der Industrie ausgegangen, doch Adam Smith´s
Erklärungen dieser Wandlungen sei immer noch die beste, nämlich das es sich aus einer
Ausdehnung des Handels, einer Ausweitung des Marktes, aus Zunahme und Verschiebungen
der Nachfrage ergaben, die zu stärkerer Arbeitsteilung, höherer Effizienz, zu Erfindungen und
Verbesserungen von Maschinen führten. In jedem Falle war die allgemeine Wirtschafts-
entwicklung und nicht die technische Neuerung als solche für den Verlauf des Wandels
maßgeblich. Schon vor 200 Jahren ganz wie heute waren führende Neuerer wie Boulton oder
Wedgewood oder die Baumwollfabrikanten von Manchester es, die in sehr erheblichem Maße
die Märkte für ihre neuen Erzeugnisse durch nachdrückliche Verkaufsförderungen schufen
(Musson 1977, 52-54). Trotz aller Plausibilität bleibt die Unterscheidung zwischen Erfindung
und Neuerung oder kommerzieller Ausnutzung schwierig. Watt erfand nicht nur den
getrennten Kondensator, sondern beschäftigte sich auch mit den langwierigen technischen,
finanziellen und organisatorischen Problemen seiner Entwicklung und diese erforderten
weitere Erfindungen und Verbesserungen (Musson 1977, 59).

Das steigende Interesse an experimenteller und angewandter Wissenschaft war jedenfalls auf
nationaler Ebene in Großbritannien ein wesentlicher Faktor zum Anstoß für die Industrielle
Revolution. Das englische wissenschaftliche Denken, das von den Lehren Francis Bacons
ausging und durch Boyle und Newton bereichert wurde, war einer der Hauptbeiträge zur
industriellen Revolution. Neuere Untersuchungen haben die Bedeutung der Verbindungen
zwischen Industrie und Wissenschaft zu dieser Zeit bestätigt. Einige führende Industrielle
haben eine Ausbildung an einer Universität, vor allem in Schottland, oder aber einer der
Dissidentenakademie genossen, während andere höchst bemerkenswerte autodidaktische
Leistungen vollbrachten mithilfe von Büchern und Bibliotheken, wie auch Kursen von
Gastdozenten, die ihrem oft großen und heterogenen Publikum viele praktische Maschinen-
typen und ähnliches vorführten. Ganz entscheidend war auch die Entwicklung des Bildungs-
wesens (Musson 1977, 72-74). Herkömmliche rein empirische Geschicklichkeiten waren bei
der Ausbreitung der Industriellen Revolution zweifellos von Bedeutung (Musson 1977, 114).
Die Schlüsselrolle kommt auf jeden Fall der Textilindustrie zu und in deren Geschichte sucht
man vergeblich nach der geringsten Spur eines wissenschaftlichen Einflusses außer beim
Bleichen und Färben des fertigen Erzeugnisses (Musson 1977, 141).

Übereinstimmung besteht zunächst darin, dass im Hinblick auf die Verwissenschaftlichung


technischen Wissens die Industriellen Revolutionen des 18. bzw. des 19. Jh. große historische

101
Zäsuren bildeten. Allerdings ist diese zweite Entwicklungsphase nicht zu unterschätzen, in der
Maschinen mit Hilfe von Maschinen hergestellt werden. Unter diesen Bedingungen musste
das überlieferte technische Wissen versagen, wenn sich ihm nicht wissenschaftliche
Überlegungen zur Seite stellten. Mit dem Übergang von der handwerklichen zur maschinellen
Produktion vollzog sich ein Umbruch, der eine dynamische, auf erweiterte Reproduktion
orientierte marktwirtschaftliche Wirtschaftsform hervorbrachte. Erst dadurch wurde es allge-
mein notwendig, die Wissenschaft als produktive Potenz einzubeziehen. Die Verwissenschaft-
lichung der Technik ist zum unumkehrbaren Prozess geworden. Ihr Ort ist verbunden mit dem
technischen und industriellen Labor. Bei dem Werk von August Koelle "System der Technik"
(Berlin 1822) macht sich ein wissenschaftliches Bestreben bei der Sammlung des technischen
Wissens und der Aufstellung ihrer Systematik bemerkbar. Hier bemerkt man die Bearbeitung
der Technik durch die Wissenschaft. Für die wissenschaftlich systematische Behandlung bie-
ten sich 4 Hauptansichten der Technik dar, nämlich die des Materials, der Werkzeuge, der
Arbeit und des Produktes. Dabei werden vier Stufen unterschieden, nämlich (a) Erzeugung,
(b) Entfaltung, (c) Verarbeitung und (d) Veredelung. Ziel der Systematisierung ist die Verein-
fachung des Prozesses (Seibicke 1968, 223). Um das Jahr 1800 sind im Hinblick auf die
Technik-Terminologie demnach alle materiellen und geistigen Voraussetzungen und
Möglichkeiten der Be- oder Verarbeitung von Materialien gegeben (Seibicke 1968, 243). Es
sind die Methoden und Verfahrensweisen, die den Forscher und Gelehrten vom Techniker
unterscheiden. Kunstfertigkeit umschreibt auch die artistische Technik des Restaurateurs oder
die Technik der Malerschulen. Das technische bleibt aber im Sinne eines neuen Begriffes der
Kunstfertigkeit stets ein Mittel des künstlerischen Schaffens. Der Künstler ist auf Verfahren
und Kunstfertigkeiten angewiesen. Ein technischer Künstler ist aber ein Künstler, der ein
Meister eines technischen Faches oder Handwerkes ist.

Am Ende des 18. Jh. setzt sich Technik allmählich anstelle von Kunst. Um die Mitte des 17.
Jh. beginnen sich die so genannten schönen Künste aus der Gesamtheit der Artes zu lösen.
Der Kunstbegriff verlagert sich nun immer mehr auf den Bereich der ästhetischen
Phänomene. Das Wort verliert damit seine Eindeutigkeit. Mit Beckmanns bewusster Um-
gehung des Wortes Kunst entfaltet das Wort Technik seine Wirkmacht. Der in dem Wort
Technik enthaltene sprachliche Zugriff konstituiert überhaupt erst dieses Sachgebiet als
gedankliche Einheit. Denn in der Realität gibt es nur einzelne Handwerke, Gewerbe, Künste,
Fabriken, Manufakturen (Seibicke 1968, 267). Die Möglichkeiten autodidaktischer wissen-
schaftlicher Bildung waren vielfältig. Wissenschaftliche Gesellschaften spielten hier eine
bedeutende Rolle. Von der Industriellen Revolution zu unterscheiden ist eine zweite Phase, in
der Maschinen von Maschinen gebaut wurden (Buchheim/Sonnemann 1990, 145). Allerdings
blieb die Gewinnung und Nutzung von wissenschaftlicher Erkenntnis der privaten Initiative
überlassen. Die technischen Schulen entstanden in Großbritannien erst um die Mitte des 19.
Jh., während in Frankreich bereits 1795 aus militärischem Interesse die Polytechnische
Hochschule gegründet wurde. Allerdings setzte sich in Frankreich nach der Französischen
Revolution die Industrielle Revolution nur zögerlich durch.

So wurde die Kenntnis der Mechanik einschließlich der Reibung als naturwissenschaftliche
Grundlage der Streckenführung und -förderung ab 1800 berücksichtigt. Die Industrielle
Revolution brachte vielfältigste Bauaufgaben mit sich. Dies führte zur Herausbildung der
Bauingenieurwissenschaften in der Polarität von traditioneller und neuer Bautechnik. Dabei
war der Vorstoß in bautechnisches Neuland ohne ausreichende Erfahrungsbasis und wissen-
schaftliche Absicherung von vielen Unfällen begleitet. Daher bezeichnete man diese Zeit
häufig als "heroische Zeit" des Ingenieurbaus. In der Baumechanik wurde in zunehmendem
Maße Eisen verwendet. Die Baumechanik war einem strikten Determinismus rechnend
experimenteller Wissenschaft verpflichtet. Die Aufgabenfelder von Ingenieur und Architekt

102
begannen sich zu trennen. Die Eisenbahn und der Eisenbahnbau waren zum Katalysator der
Wissenschaftsentwicklung der Technik aufgestiegen. Die Verwissenschaftlichung der Tech-
nik nimmt in rasantem Maße zu. Technische Biegelehre und mathematische Elastizitätslehre
griffen ineinander. Watts Erfindertätigkeit bei der Verbesserung der Dampfmaschine wies
eine gänzlich neue, den handwerklichen Schaffensprozess sprengende Merkmale durch die
Verwendung der Wissenschaften auf. Er verwendete bei der Optimierung seiner Maschine
Kenntnisse über die Eigenschaft des Dampfes und der Umwandlung von Wärme in mechani-
sche Energie. Allerdings war dieses Wissen am Anfang noch recht unvollkommen. Die
äußerst leistungsschwachen Niederdruckdampfmaschinen ließen einfache geometrisch kine-
matische Betrachtungen zu. Watts Erfindertätigkeit, die sporadische Einbeziehung techni-
schen Wissens und naturwissenschaftlicher Erkenntnisse mit einfachen theoretischen Mitteln
zum Programm erhob, machte bald bei den englischen und anderen europäischen Ingenieuren
Schule (Buchheim/Sonnemann 1990, 182).

103
3. Verwissenschaftlichung der Technik:
Naturwissenschaftsbasierte Technologien, Laboratorien,
Großindustrie und die technische Universität
Das kinematische Konzept wurde zu einem tragfähigen Fundament der Maschinen-
wissenschaften, das freilich noch mancher Ergänzungen bedurfte. Die technische Thermody-
namik entsprang den Bedürfnissen der Wärmekraftmaschinen (Buchheim/Sonnemann 1990,
200). Zu Beginn des 19. Jh. war es daher vor allem die kinematische Schule in der Nachfolge
von Monge, welche das Bewegungsspiel der immer komplizierter werdenden Maschinerie
zum Gegenstand erhob. Auf der Grundlage einer konsequenten Elementarisierung konstruk-
tiver Strukturen gelang es Wissenschaftlern im Umfeld der Ecole Polytechnique Jean Nicolas
Pierre Hachette, Jose Maria Lanz und Augustin de Betancourt Methoden zur Erzeugung und
Koordinierung praktisch sinnvoller Bewegungsvorgänge zu entwickeln und ein Ordnungs-
raster für die Synthese der nach Art und Richtung definierten Bewegungsformen vorzugeben.
Eine solche Art orientierte Maschinenlehre war vorwiegend auf die Belange der Kraftmaschi-
nen, des Kraftbedarfs industrieller Technik und der Festigkeit der Bauteile ausgerichtet. Im
Mittelpunkt theoretischer Erwägungen stand die energetische Optimierung und Effizienzstei-
gerung (Mauersberger 1997, 46-52).

Reuleaux‘ Werk führte zu einer vehement geführten methodischen Auseinandersetzung, die


sich vor allem an theoretischen Einseitigkeiten, an einer Überbetonung mathematisierbarer
Modellbildung gegenüber der praktischen Beherrschung des Gegenstandes entzündete. Für
den mathematisch gebildeten Ingenieur war es durchaus verlockend, das neu gewonnene
theoretische Instrumentarium zum dominierenden Prinzip zu erheben und dabei stärker
praxisbezogene Ansätze zu vernachlässigen. Gerade die Kinematik bot ein weites Feld für
überzogene Theoretisierung. Vollends gesprengt wurde das kinematische Konzept durch
Wandlungen im Maschinenwesen, die auf den Begriff gebracht werden können: Das dynami-
sche Gewissen des Ingenieurs erwacht. Johann von Radinger, einem österreichischem Ingeni-
eur, gebührt das Verdienst, diese Wende herbeigeführt zu haben. Während die Entwicklung
der schnelllaufenden Dampfmaschine in den 70er Jahren zunächst eine typisch amerikanische
Angelegenheit war, drang Radinger in die wissenschaftlichen Probleme des „Schnellbetriebs“
ein, untersuchte die Einflüsse auf Unwuchten, Massenwirkungen und den unruhigen Gang der
Maschinen, kurzum, legte die wissenschaftlichen Grundlagen der Maschinendynamik. Die
Ingenieurpraxis selbst war mithin zum Korrektiv gegen die Einseitigkeiten der kinematischen
Herangehensweise an den Entwurf von Maschinen geworden (Mauersberger 1997, 54f).

Franz Reuleaux geht es um die Gesamtheit der Kinematik in ihrer ungeteilten Einheit. Die
Vorgänge in der Maschine und in der Natur sind dieselben, zumindest wenn es um das
Analysieren geht. Maschinenvorgänge sind äquivalent den mechanischen Naturerscheinun-
gen. Die Maschine ist ein Beispiel der reinen Mechanik. Reuleaux schreibt: „Während die
Maschine für den Unbefangenen sich in ihrem Wesen von den in der Natur tätigen Bewe-
gungs- und Kraftspendern stark unterscheidet, besteht für den theoretischen oder reinen
Mechaniker zwischen beiden eine solche Verschiedenheit nicht“. Reuleaux geht es um die
wissenschaftlichen Grundlagen des Maschinenbaus, nicht um die Einschränkung auf techni-
sche Nützlichkeit oder auf gebräuchliche Einrichtungen. Die Verhinderung der störenden Be-
wegungen durch latente Kräfte ist in der Maschine Prinzip. In ihr herrscht die bezweckte
Bewegung. Reuleaux definiert: „Eine Maschine ist eine Verbindung widerstandsfähiger

104
Körper, welche so eingerichtet ist, dass mittelst ihrer mechanische Naturkräfte genötigt
werden können, unter bestimmten Bewegungen zu wirken“. Der Zweck der Maschinenwis-
senschaften ist die Beleuchtung des Kausalzusammenhanges der Erscheinungen in der Ma-
schine (Reuleaux 1875, 31-39). Die allgemeine Maschinenlehre behandelt die Gesamtheit der
vorhandenen Maschinen, und zwar beschreibend. Die theoretische Maschinenlehre befasst
sich mit Vorliebe mit den Kraftmaschinen, also den Dampfmaschinen, Wasserrädern, Tur-
binen, Windrädern usw. oder, um auf seine Definition zurückzugehen, mit derjenigen beson-
deren Einrichtung der Maschine, vermöge deren sie die Naturkräfte auf die günstigste Weise
aufnimmt. Dieser spezielle Teil der Maschinenlehre ist der mechanischen Technikwissen-
schaft zuzurechnen. Der dritte Teil der Kinematik ist die Maschinenbaukunde oder Konstruk-
tionslehre. Ausschlaggebend ist hier die Eigenschaft der Widerstandsfähigkeit. Ein weiterer
Teil ist die Maschinengetriebelehre (Reuleaux 1875, 41-43).

Eine Maschine beruht auf Ketten, auf einen spezifischen Mechanismus über Getriebe. Dieses
besteht aus paarweise zusammengehörigen Körpern. So entsteht eine geschlossene kinema-
tische Kette, ein Mechanismus mit einem Antrieb, der als Maschine bezeichnet werden kann.
Die Konstruktion einer Maschine bzw. das Erfinden einer Maschine geschieht mit Hilfe des
„Pröbelns“ (Reuleaux 1875, 56). Die Maschinenwissenschaft beschreibt die Zusammen-
setzung der Maschine aus Gruppen von Bestandteilen. Dabei lassen sich Rezeptur, Trans-
mission und Werkzeug unterscheiden (Reuleaux 1875, 472f). Das Werkzeug ist keine
Grundlage für die Definition der Maschine (Reuleaux 1875, 480). Kraftmaschinen und
Arbeitsmaschinen können ebenfalls unterschieden werden. Die Maschinenwissenschaft ist
eine beschreibende Analysierung der Bestandteile der Maschine. Eine Konsequenz des
vermehrten Einsatzes von Maschinen ist die auffallende Abnahme der Geschicklichkeit der
Arbeiter. Es führte dazu den Arbeiter auf den bloßen Wärter der Maschine herabzudrücken
(Reuleaux 1875, 519f). Reuleaux spricht von einer neuen allgemeinen Technologie und meint
damit das, was heute Technikwissenschaft genannt wird. Die mechanische Technologie ist die
Lehre von der Gestaltung von Körpern durch mechanische Bearbeitung. Die Technologie der
geschichtlich älteren Handarbeiten enthält nicht, wie viele annehmen, die Maschinentechno-
logie vorgebildet in sich. Nach Analogie der strengen Maschinentechnologie sollte eine allge-
meine mechanische Technologie entwickelt werden. Die alte Definition von Technologie, die
auf Beckmann zurückgeht, basiert auf der Fachvereinzelung, die die Ordnung nach Stoffen
mit sich bringt, die allerdings nur wenige anzieht. Die eigentliche Gelehrsamkeit für die
Werkstatt liegt doch bei der neuen Technologie (Reuleaux 1900, 711-714).

Franz Reuleaux möchte eine wissenschaftliche Begründung für Inventionen bringen. Dabei ist
eine theoretische Fundierung eigentlich kaum von Interesse. Die Kinematik legt den Schwer-
punkt auf Bewegungsgeometrie unter Vernachlässigung der wirkenden Kräfte. Die darstel-
lende Geometrie dient als Forschungsmethode und Kommunikationsmittel des Ingenieurs.
Mit dieser Methode sollen komplizierte Bewegungsvorgänge erfasst werden. Das synthetische
Erfinden soll dadurch befördert werden, das Getriebe nach inneren Strukturen Schrauben-,
Kurven-, Kurbel-, Rollen-, Räder-, Gesperrtrieb gegliedert werden. Dabei kommt es zur
Überbetonung mathematischer Modelle gegenüber der praktischen Beherrschung der Ma-
schinenkonstruktion. Neuere Anforderungen an Maschinen wie Schnelligkeit der Rotation,
hohe Drücke, Schwingungen und Unwuchten werden nicht berücksichtigt. Außerdem fehlt
eine praxisnahe Ausbildung an der Maschine. Reuleaux entwickelt ein heuristisches Grund-
konzept, wobei die mathematische Behandlung zur größeren Klarheit im Detail führt.

Die historische Analyse unterstreicht die Evidenz der spezifischen integrierenden Funktion
der Technikwissenschaften bei der Herausbildung qualitativ neuer Beziehungen zwischen
Wissenschaft und Produktion. In der Genese technikwissenschaftlicher Disziplinen überlagert

105
sich eine Vielzahl unterschiedlicher Entwicklungslinien, Wissen mannigfacher Herkunft
verschmilzt, so dass theoretische Voraussetzungen oft mehrerer naturwissenschaftlicher Dis-
ziplinen zur notwendigen Bedingung einer Lösung werden. Die Entstehung technikwissen-
schaftlichen Wissens ist durch das Zusammenfließen unterschiedlichen Wissens nach der Art
der Gewinnung gekennzeichnet. Erst das 19. Jh. zeitigte jene gravierende Spezialisierung, die
Integration auf höherer Stufe wieder notwendig machte. Das anfängliche Überwiegen mecha-
nischer Prinzipien wurde schon bald verdrängt durch höhere und komplexere Formen. Die
Beherrschung solch komplizierte Prozesse erforderte frühzeitig die Vereinigung zu großen
Disziplingruppen wie das wissenschaftliche Maschinenwesen, das Bauingenieurwesen oder
das Montanwesen. Freilich waren solche disziplinären Konstellationen genuin vorgeformt und
setzte die Ansatzpunkte der Vorperiode bezüglich der Gliederung des technischen Wissens
kontinuierlich fort. Schon die Pariser „Ecole Polytechnique“ ging von der Einheit der techni-
schen Bildung aus (Mauersberger 1986, 20-23).

Kognitive Prozesse in den Technikwissenschaften sind in dieser Phase von einer


ausgesprochenen Theoriendynamik gekennzeichnet. Ein Musterbeispiel für solcherart
Entwicklungsgang gab die Kinematik und Getriebelehre der Schule um Franz Reuleaux
(1829-1905). Die Theorienbildung war zunächst wie in anderen traditionellen Disziplinen,
durch methodische Anleihen bei den Naturwissenschaften, namentlich der analytischen
Mechanik, vorgezeichnet und wurde von dort tradiert. Das sich eröffnende weite Feld theore-
tischer Fundierung elementarer Bewegungsformen an Mechanismen und Maschinen brachte
die Kinematik allerdings nicht der Ingenieurpraxis näher, sondern glitt in bewegungs-
geometrische Eingleisigkeit ab. Kollisionen mit praktischen Erfordernissen der fortgeschrit-
tenen Zweige des Maschinenbaus führten zu vehement ausgetragenen methodischen Ausein-
andersetzungen, die bald auch auf andere Disziplinen übergriffen. Die Praxis wurde so zum
Regulativ für ein neuerliches Hinwenden zu integrativen Leitlinien im Maschinenbau. Ein
neues Paradigma brach sich ausgangs des 19. Jh. in den Technikwissenschaften Bahn, die
Einbeziehung moderner experimenteller Mittel in den Prozess der theoretischen Bildung. Eine
Folge davon war die Errichtung großer Maschinenlaboratorien (Mauersberger 1986, 22).

Als Darby mit einer Wanne zum Zwecke des Schmelzens von Eisen experimentierte oder
Paul mit Wolle für das Spinnen von Baumwolle (eine Idee, die später durch Arkwright wieder
aufgenommen wurde), verstanden sie sich weiterhin in einer Reihe alter Traditionen
technologischer Innovationen. Wenn die Einführung des Experimentes in die technische
Praxis vor dem Ende des 18. Jh. geschah, so ist das noch eine sehr vage Idee vom Experimen-
tieren, die bisweilen eher zufällig in eine systematische Form geriet und es sind sehr graduell
die Konstruktionen von Mühlenbrücken und chemischen Anlagen, die hier auf eine
rationalere Basis gestellt wurden. Die Alternative, technologische Praktiken entweder vom
wissenschaftlichem Wissen abzuleiten oder nur durch Tradition bzw. durch Zufall, Erfahrung
und Faustregeln entstehen zu lassen, führt notwendigerweise dazu, die Rolle von kohärenten
Konstruktionsprozeduren zu übersehen, die in vielen Handwerken (der Schiffbau ist ein
offensichtliches Beispiel) den Kern von technologischen Kompetenzen konstituieren. So
schlecht begründet diese Prozeduren im Hinblick auf abstrakte und demonstrierende
Prinzipien auch sein mögen, sie hatten Erfolg und zwar nicht allein im Hinblick auf
ökonomische und effiziente Maxima. Wissenschaftliches Wissen war ungeeignet, die meisten
der Experimente vor der Mitte des 19. Jh. durchzuführen. Weder der Schiffbau noch der
Ruderbau, die Mühle oder der Uhrmacher der vorindustriellen Revolution wurden durch diese
nichterklärbare Mystik geleitet oder traten nur sklavische Kopierer auf. Allerdings ist es
weniger den Konstrukteuren als dem Wandel des Geschmacks der Konsumenten zu
verdanken, dass sie in beträchtlicher Art und Weise durch nichtwissenschaftliche Erkenntnis-

106
verfahren und ein Wissen, was eine gute Konstruktion ausmacht, in ihren jeweiligen Hand-
werken ausgestattet wurden (Hall 1994, 147).

Smeaton, Wedgwood, Watt, Telford, Trevithick, Stephenson und Rennie verfügten alle über
große technische Konstruktionsfähigkeiten. Sicher hatten sie exaktere und ausgefeiltere
Methoden der Experimentierkunst als ihre Vorgänger, sie vertrauten auch mehr auf die Ana-
lyse quantitativer Daten. Aber diese neuen Charakteristika – und ihre Bedeutung war immer
noch begrenzt genug – sollte betrachtet werden eher als vorauslaufende Modifikation einer
alten Tradition, teilweise verstärkt durch den Wunsch, neue Materialien zu verwenden wie
etwa Eisen, welches als Effekt der Revolution innerhalb der Technologie in seiner Bedeutung
angewachsen war durch eine Verknüpfung von wissenschaftlichen Theorien und Entdeckun-
gen. Hall übernimmt nicht nur die Ergebnisse einer historischen Unterscheidung zwischen
technischer Forschung und der Verbesserung technischer Konstruktion auf der einen Seite
und wissenschaftlicher Forschung oder ihrer Anwendungen in der Industrie auf der anderen
Seite (Hall 1994, 147f).

Der Fortschritt einfacher Ingenieurmechanik verdankte seit den Zeiten von Huygens und
Newton im späten 18. Jh. viel mehr einem unbestimmten Konzept von Kraft (gewöhnlich als
Synonym betrachtet für Macht) als der Physik, die Ingenieure waren keine Spezialisten in
Wissenschaft oder Mathematik. Experimentelle Studien der Maschinen starteten nicht bei der
Analyse der Bewegungsgesetze, auch wenn sie diese bekannt waren. Die Ingenieure ver-
wendeten kein klares Konzept des Momentbegriffes und der kinetischen Energie und
begannen mit Informationen über die Vorgangsweise aktuell funktionierender Maschinen, um
sie mit ihren Konstruktionsplänen zu vergleichen. Die Konstruktionsweise des einen Teils
von Maschinen sollte mit der Konstruktion anderer Teile verglichen werden (so z. B. das
vorschiebende oder zurückschiebende Rad in einer Kompressionsmaschine). Oder sie mach-
ten wie Smeaton ein Modell, um damit mehr und präzisere komparative Daten zu erhalten.
Sie erforschten die Beziehungen zwischen der Geschwindigkeit und dem Rad und dem
Wasser, welche sie bewegten. Sie erforschten den Effekt von Platten mit verschiedenen Stär-
ken oder von Erhitzern mit verschiedenen Konstruktionsmechanismen. Sie entwickelten eine
Einheit für ihr eigenes Maß oder die Bemessung der Kraft von Maschinen, die nicht in das
wissenschaftliche Vokabular Eingang fand. Durch jeden dieser Versuche der Suche nach
perfekten Maschinen wuchs ihre Bereitwilligkeit, nur gemäß den rationalsten effizientesten
Konstruktionsmechanismen zu suchen. Durch ihren Willen, nützliche Aufgaben zu unter-
suchen, wurden die Mühlen allmählich verbessert (Hall 1994, 149).

Diese neuen Konstrukteure waren wissenschaftlich in ihrem Zugang zum Ingenieurswesen,


aber sie hatten kein adäquates Verständnis von Wissenschaft. Weil sie neue Windmühlen oder
Turbinenräder konstruieren konnten, indem sie das Schmelzen oder Puddeln zu managen ver-
standen oder die chemischen Fabriken ihre Rezepte meisterten, wurde eine neue Art von
Ingenieurkunst geschaffen, in der ein quantitativer Gebrauch von in Tabellen erfassten empi-
rischen Daten und einfachen Gleichungen, die verschiedenen Variablen miteinander ver-
banden, die für den Konstrukteur von Maschinen wichtig wurden, konstitutiv war. In einem
bestimmten Sinn ist diese neue Form der Konstruktion empirisch wie die alten Regeln der
Schiffbauer, Holz zu bearbeiten. In den meisten Fällen konnten keine fundamentalen physika-
lischen Gründe dafür angegeben werden, warum die angewandten Prinzipien gültig waren.
Sie wurden durch Testverfahren entwickelt und waren in der Lage, ein Maß und eine Analyse
des aktuellen Verhaltens zu geben oder aber ein Modell von Maschinen und Strukturen zu
liefern. Die größten englischen Ingenieure waren völlig unfähig, die Druckverhältnisse einer
elastischen Struktur durch ein basistheoretisches Modell zu bestimmen, das nicht vor
Coulomb formuliert wurde. Die Techniker und Unternehmer der frühen industriellen Revolu-

107
tion in Großbritannien waren höchst erfolgreich in der Kunst, Ideen in Metall zu transfor-
mieren. Sie hatte ein Problem, das überall da auftauchte, wo in größerer Art und Weise ihr
Wunsch durchgesetzt werden sollte, neue Materialien und neue Methoden zu erproben (Hall
1994, 150f). Bei dieser Art Ingenieurkunst handelt es sich ebenfalls um Umgangswissen, um
implizites Wissen, nur anders im heuristischen Aufbau als in vorindustriellen Zeiten. Durch
experimentelle Verfahren wird implizites Wissen expliziter.

In der Tat jedoch hatten sie sehr schnell viele Probleme zu lösen, die sich ihnen stellten. Sie
konnten nicht warten auf eine langsame Ansammlung von Erfahrungen im Umgang mit dem
Schmelzen und Verarbeiten von Eisen, so wie es die Architekten in der Hauskonstruktion
angesammelt hatten, noch konnte die Dampfmaschine wie die Wassermühle sich über
Jahrhunderte hin entwickeln. Die Gelegenheit für Ingenieure, große feuersichere Gebäude
bauen zu können oder kräftigere und mächtigere Maschinen zu entwerfen und geeignetere
Transportbehälter zu schaffen, ist offenkundig. Daher bezogen sie in ihre Konstruktions-
Berechnungen und ihr Experimentieren mit ein, was Naturwissenschaftler zu sagen hatten,
aber auch ihre eigene Erfahrung und ihre technische Intuition. Sie schufen ihre eigenen
Methoden der Konstruktion, um so ihre Erfahrungen machen und diese in der Wissenschaft
anwenden zu können (Hall 1994, 151). Angesichts der Beschreibung der Entstehung der Inge-
nieurskunst der industriellen Revolution ist das Konzept der technologischen Regel in diesem
Kontext eine Explizierung des impliziten Wissens und als Verwissenschaftlichung von techni-
schem Wissen extrem abstrakt beschrieben (Hall 1994, 97).

Ein Indikator für integrative Prozesse ist in allen Etappen der Entwicklung der
Technikwissenschaften das Verhältnis von „Konstruktion“ und „Technologie“ gewesen.
Einheit zwischen beiden wesentlichen Bereichen technikwissenschaftlicher Forschungstätig-
keit wurde stets angestrebt, die Geschichte freilich kennt temporäre Diskrepanzen. Die gegen-
seitige Durchdringung auf immer höherer Ebene setzte die Verwissenschaftlichung beider
Bereiche voraus. Schon der klassische Maschinenbau suchte die konstruktive Arbeit auf ein
wissenschaftliches Fundament zu heben. Die klassische Konstruktionslehre im 19. Jh. war ein
Konglomerat aus darstellender Geometrie, Maschinenzeichen, Festigkeitslehre und Kinema-
tik. Gegenwärtig formiert sich die moderne Konstruktionstechnik als eine Art Metadisziplin
mit Querschnittscharakter. Sie wächst deutlich aus dem Maschinenbau heraus. Der methodi-
scher Aspekt herrscht vor: Die Bereitstellung handlungsorientierter Denktechnologie. Der
Prozess des Konstruierens steht im Zentrum der Entstehung von wissenschaftlicher Technik.
Manche Ingenieure sahen und sehen im Konstruieren einen kreativen, künstlerischen Schaffen
gleichkommenden Akt, in dem sich schöpferische Kraft und Intuition der Konstrukteure
entfalten. Diese Interpretation kontrastiert mit Beschreibungen des Konstruktionsprozesses,
welche die Bedeutung von Routine und Erfahrung betonen. Gemäß Wolfgang König über-
führt der Konstrukteur Funktionsanforderungen in eine technische Gestalt. Konstruktion
geschieht in einem sozialen Raum (König 1999, 9). Dabei gibt es nationale Konstruktions-
kulturen, insbesondere ist von einer amerikanischen Produktionskultur zu sprechen. Hat es
sich im Rahmen der Industriellen Revolution die Entwicklung der britischen Technik weit-
gehend empirisch in der industriellen Praxis vollzogen, ohne das Bildungsinstitutionen eine
wesentliche Rolle spielten, so setzte man im deutschen Staaten von vorne herein stärker auf
technische Bildung. Am stärksten praxisbezogen war die 1821 gegründete Berliner Gewerbe-
schule. Die französische theoretische Tradition beeinflusste am stärksten die Gründung von
Karlsruhe.

Dort wirkte Ferdinand Jacob Reddenbacher (1809-1863). Ihm ging es um die Entstehung und
den Ausbau einer Maschinenbaulehre als eigenständiger wissenschaftlicher Disziplin. Es
stellte die Verbindungen her zwischen der britischen Empirie und der französischen theore-

108
tischen Schule. Er richtete eine mechanische Werkstatt ein und initiierte Modellsammlungen.
Dabei schrieb er ein Werk über Wasserräder und Lokomotiven (König 1999, 15-18). In
technisch-wissenschaftlicher Intelligenz sah er Art Substitut für Geld und Erfahrung, es ging
ihm um die Frage der Dimensionierung der Maschinenteile und um die Methode der
Verhältniszahlen. Reddenbachers Verdienst war, das Zeichenwesen einer systematischen
Betrachtung unterzogen zu haben. Er betonte die Nützlichkeit von Maschinenzeichnungen.
Auf der anderen Seite stellte er Gefühl und Berechnung in Rechnung. Er vertrat damit einen
Methodenpluralismus und einen Methodeneklektizismus (König 1999, 25f). Franz Grashof
betonte die experimentelle Arbeit. Grashof war Gründungsmitglied und langjähriger Direktor
des 1856 gegründeten VDI. Gustav Zeuner beschäftigte sich mit der technischen Thermo-
dynamik als Vermittlung zwischen Physik und Technik (König 1999, 30-32). Franz Reuleaux
war eher Konstrukteur, er betrachtet die Kinematik als Erfindungslehre. Er suchte nach der
direkten allgemeinen kinematischen Synthese. Es ging vor allem um die Herstellung einer
gebrauchsfähigen Maschine. Reuleaux spricht immer vom Erfinden und nicht von einer
Wissenschaft des Konstruierens. Die Maschinenwissenschaft umfasst drei Teilbereiche (1)
Maschinenlehre (beschreibend theoretisch), (2) Maschinenkunde bzw. Konstruktionslehre, (3)
Kinematik oder Maschinengetriebelehre (König 1999, 45).

Peter Klimentitsch von Engelmeyer schrieb eine Systematik des Konstruktionsprozesses.


Engelmeyer unterscheidet vier Schulen der Maschinenlehre: die technologische, die
kinematische, die konstruktive und die wirtschaftliche und er entwickelt eine synthetische
Maschinenlehre. Engelmeyer schrieb ein Buch über das Entwerfen. Für den ersten Akt, das
Erfinden nennt er besonders Gedächtnis und die konstruierende Einbildungskraft, während
Fachkenntnisse erst in zweiter Linie gebraucht würden. Um die Gedanken wenigstens
andeutungsweise zu Papier zu bringen, müsse der Ingenieur skizzieren können. Der Erfolg
des zweiten Aktes, der Festlegung der Maschinenbewegungen, hänge von der Stärke der Ein-
bildungskraft, vom Gedächtnis, von der kinematischen Schulung und dem Vorrat an fak-
tischen Kenntnissen ab. Besonders die Reuleauxsche Kinematik soll im Unterricht eher noch
ausgebaut werden. Fertigkeiten im einfachen Zeichnen und Risszeichnen seien zu erwerben.
Der dritte Akt, das Konstruieren im engeren Sinn, erfordere eher bescheidene wissenschaft-
liche Kenntnisse: elementare Mathematik, ein wenig Mechanik, einige Kenntnisse der Festig-
keitslehre. Darüber hinaus müsse man sich in den Hilfsbüchern auskennen, in denen
zahlreiche Konstruktionen als Vorbilder aufgeführt seien. Die praktische Arbeit in Maschi-
nenwerkstätten sei eine notwendige Voraussetzung. Für weitere Aufgabenbereiche empfiehlt
er die darstellende Geometrie. Intuition, Schöpfungskraft sei, wenn auch in unterschied-
lichem Ausmaß, überall voll von Nöten. Konstruktion beruht auf der Klärung der Aufgaben-
stellung und das Konzipieren als Einheit gefasst im ersten Akt, das Entwerfen im zweiten Akt
und das Ausarbeiten im dritten Akt. Damit ist Engelmeyer wohl der erste Maschinen-
theoretiker, der in größerem Umfang Konstruieren als Prozess betrachtet und sich ansatzweise
bemühte, den Bereich der Intuition genauer zu erfassen und damit einzugrenzen (König 1999,
59f). Während sich Franz Grashof in seiner analytischen Maschinentheorie bemühte, Maschi-
nenkonstruktionen durch ein geschlossenes System von mathematisch formulierten physika-
lischen und mechanischen Regeln und Gesetzen zu erfassen, wollte Reuleaux mit den Regeln
der Logik ein allgemeines konsistentes Beschreibungssystem für Maschinen schaffen. Unab-
hängig davon, wie man den wissenschaftlichen Erfolg oder Misserfolg dieser Unternehmun-
gen beurteilt, ist zumindest schon deutlich geworden, dass sich die Maschinentheoretiker auf
diesem Weg von den technisch-industriellen Bedürfnissen entfernen.

Auch in den USA kommt es zur Professionalisierung des mechanischen Ingenieurs. Die an-
wachsende Nachfrage nach trainierten Fähigkeiten organisatorischer Art führt dazu, dass eine
sich auf Dauer etablierende feste Elite und rigide Oberklassenstruktur nicht mehr herausbilden

109
konnte. Die Beziehungen zwischen Individuen, die an wenigen signifikanten Maschinenjobs
arbeiteten, waren der Ursprung der amerikanischen Kultur des mechanischen Ingenieurs und
der damit verbundenen Elite und auch die soziale Grundlage von Amerikas Entwicklung.
Insofern entstand hier eine Vorherrschaft des Arbeitens für Kollegen über der des Arbeitens
für Klienten, also eine Kollegenorientierung an Stelle einer Klientenorientierung bei den
Praktikern, die insbesondere eine standesethische Lösung des Ethikproblems nahe legte. Die
Klientenorientierung erschien damals zu exklusiv und war daran ausgerichtet den Klienten,
den Kunden und den Boss zu befriedigen, wie der Fall jeweils lag. Calverts Untersuchung
versucht nicht, den letztendlichen Erfolg oder das Misslingen des Konzeptes des mecha-
nischen Ingenieurs zu bewerten, doch einen professionellen Status zu erreichen. Vielmehr ist
der Gegenstand dieser Studie der Wandel im Status und in der Aufgabenbeschreibung des
mechanischen Ingenieurs und seiner Grundhaltung im Hinblick auf professionelles Verhalten
und den entsprechenden Status (Calvert 1967, VIII-XVII).

Spätestens seit dem Beginn des 19. Jh. haben die Amerikaner eine ungewöhnliche Liebe zur
Technik und zur Praxis der mechanischen Künste entwickelt. Eine ganze Menge dieser Liebe
kann stimuliert worden sein durch den Glauben, dass es durch die Anwendung der neuen
Quellen der Machtmittel von Produktion so wie Arten und Weisen des Transportes möglich
sein könnte, den amerikanischen Kontinent zu bevölkern und zu entwickeln. Seitdem das
Maschinengeschäft parallel zum Eisenbahngeschäft und dem Schiffgeschäft sich entwickelte,
begann die Geschichte des mechanischen Ingenieurs in den USA. Das Flussdampfschiff war
ein sehr früher Stimulus für den amerikanischen Ingenieur, gefolgt von den ozeangängigen
Dampfschiffen und der Eisenbahn nach 1830. Das große relativ spezialisierte Maschinen-
geschäft erhielt seine eigene Entwicklung zwischen 1840 und 1860. Gemeinsam war all die-
sen Arbeiten und Ingenieuren der gemeinsame Glaube an die Würde der Handarbeit (Calvert
1967, 3-8). In den USA gab es zunächst keine großen unpersönlichen Fabriken, in denen Rei-
hen von Arbeitern an entsprechenden Vorrichtungen saßen, stattdessen gab es kleine
experimentelle Shops und/oder sogar Laboratorien, in denen Innovationen in relativ neuen
technischen Künsten und Wissenschaften statt fanden. Die geringe Größer dieser Unter-
nehmen (in der Regel einige dutzend Mitarbeiter, meistens deutlich weniger als einhundert)
machten es möglich, dass persönliche Begegnungen und Beziehungen stattfanden, und ein
Faktor wurden in der Entwicklung und Anwendung, sowie Ausbildung von entsprechenden
Fachkräften. Der Maschinenshop bot beides an: intellektuelle Herausforderung und die Gele-
genheit, einen respektablen Verdienst einzufahren. Nach den Werkzeugmaschinen- und den
Maschinenshops, gab es als nächstes die Eisenbahnshops. Um 1850 näherte sich die
amerikanische Entwicklung der Eisenbahn solchen Ausmaßen an, die über den Status von
Eisenbahnshops hinausging und fordert neue administrative und technische Talente erst-
klassiger Ingenieure (Calvert 1967, 12f).

Um 1850 begannen die Eisenbahningenieure ein eigenes Selbstbewusstsein zu entwickeln im


Hinblick auf die Verwaltung der Eisenbahnlinien. Insgesamt ist um 1850 zwar von einem
Oberbegriff des mechanischen Ingenieurs auszugehen, aber die Ausdifferenzierung hat schon
in starkem Maße stattgefunden. Um 1850 entstand auch ein breiteres Sicherheitsbewusstsein
und wurde als Werbemittel für die eigene Eisenbahngesellschaft eingesetzt. Die Eisenbahn
schuf bestimmte mechanische Probleme, welche am besten gelöst wurden durch Leute, die in
den mechanischen Künsten ausgebildet waren. Die Schiffbaukunst war eine andere Quelle
professioneller mechanischer Ingenieure, und sie wurde in einer sehr eigentümlichen Shop-
kultur entwickelt. Aus strategischen Gründen wurden Kriegsschiffe häufig nicht gebaut für
Reparaturen in Kriegszeiten selbst und so musste die Funktionsfähigkeit des gesamten
Maschinenparks in der Schlacht gewährleistet sein, und zwar zu jeder Zeit. Wissenschaftliche
Ingenieure mit einer Spezialität in der Dampftechnik und in der Konstruktion dieser

110
Techniken waren erforderlich, um jedenfalls auf dem Schlachtfeld siegreich hervorzugehen.
Diese Position musste attraktiv gemacht werden für Gentleman, also für höher stehende Leute
mit den entsprechenden technischen Künsten. Damit verlor der Nimbus der Handarbeit etwas
von seiner Attraktivität. Die Schifffahrtsingenieurskunst schuf einen eigentümlichen profes-
sionellen Status für mechanische Ingenieure, die gerade junge Ingenieure, auch Autoren ein-
lud, um über diesen Bereich zu schreiben (Calvert 1967, 16-21).

Die Seeschifffahrtsingenieurskunst entwickelte einen Weg, aber die Shopkultur schützte den
Einzelnen und seine Orientierung. Es gab diesen Gentlemaningenieursstatus und dieser
trennte die mentale und die Handarbeit und beide Kulturen mischen sich nicht untereinander.
Mechanische Ingenieure, selbst in der frühen Periode der Professionalisierungen, erkannten
ihre Abhängigkeit von den Mühleningenieuren an. Die Organisation der mechanischen Inge-
nieure und ihre Magazine blühten zwischen 1820 und 1850 im industriellen Nordosten und
waren repräsentativ für die Shopkultur (Calvert 1967, 23-29). Junge Ingenieure mit einer Vi-
sion einer Welt, die durch die Dampfmaschine in ein Paradies verwandelt wurde, traten auf.
Dabei gab es ein gewisses Bewusstsein für eine Lücke zwischen der Theorie und der Praxis.
Diese kann in den früher periodischen Schriften gefunden werden. Einer der wichtigsten
Faktoren, der die letztendliche Spezialisierung der Ingenieure beeinflusste, war der erziehe-
rische Komplex, welcher so schnell in der Periode nach 1850 wuchs, dass er eigene Probleme
schuf. Auf verschiedenen Wegen führte nun die Ausbildung im Ingenieurswesen zu Bedürf-
nissen, die sich durch die Auflösung der Organisation der Ingenieure um diese Zeit
andeuteten. Aber sie brachten einen starken Trend im Hinblick auf eine Verwissen-
schaftlichung und Mathematisierung der Erziehung und führten so auch zu einer stärkeren
Definition der Rolle des Ingenieurs (Calvert 1967, 35-40).

Ausbildungsinstitutionen und professionelle Gesellschaften, die sich um die Erziehung der


Ingenieure kümmerten, mussten spezielle Formen der Sozialisierung für individuelle
professionelle Ingenieure entwickelten. Sie mussten verschiedene Stufen und Grade dieser
neuen Karrieren definieren sowie Fähigkeiten, Standards des Wissens und Fertigkeiten
festlegen, die ihnen jeweils zuzuordnen waren. Eine ganze Reihe dieser mechanischen
Institute wurden zwischen 1820 und 1870 gegründet und waren tatsächliche Versuche, die
Funktionen der professionellen Gesellschaften und die der Schulkultur zu verknüpfen. Die
Schiffsakademie diente dabei als eine Trainingsinstitution für mechanische Ingenieure.
Thurston´s Erfahrung im Schiffsbereich war wertvoll in dem Sinn, dass er eine ganze Reihe
von mechanischen Ingenieuren kannte. Dies erlaubte ihm, einige Tests durch zuführen im
Hinblick auf die Beratung der Regierung und zum Schluss hatte er noch einige Erfahrungen in
der Shopkultur. So entwickelte er eine Theorie der Ausbildung von Ingenieuren. Aus
Deutschland kam die Praxis, dass man Schulen aufbaute, und technisches Personal auf allen
Ebenen der Ausbildung trainierte (Calvert 1967, 43-47).

Ab 1870 hatten sich dann die Dampfmaschinenlaboratorien in etablierter Form mit der
Forschung solcher Fragen zu beschäftigen, wie die von Dampfkesselexplosionen. Die
Ausbildung wurde immer wissenschaftlicher, die Ingenieursschule wurde zum Teil einer
Universität oder eines Colleges. Die zweite Art von Erziehungsinstitutionen im Hinblick auf
Technik war der Handel oder die industrielle Erziehungsschule, die zu ihren Objekten das
Training oder die Ausbildung von in hohem Maße talentierten und kompetenten Ingenieuren
hatte, die in höhere Positionen in der Industrie aufrücken sollten. Um 1890 wurde die
Ingenieurserziehung selbst professionell (Calvert 1967, 56f). So war in gewisser Weise ein
Konflikt zwischen der Schulkultur und der Shopkultur in der Ausbildung von Ingenieuren
gegeben. Insgesamt gab es aber neben dem Konflikt in zunehmendem Maße Kompromisse.
Natürlich gab es Defizite der Shopkultur als einer Institution, um Ingenieure zu selektieren, zu

111
erziehen, zu sozialisieren und zu professionalisieren. In ihnen stand tatsächlich die
persönliche Erfahrung und Kompetenz im Vordergrund. Auf Grund von strukturellem Wandel
in der Rolle des mechanischen Ingenieurs in der Industrie waren sie wegen der Ausbildung in
der Shopkultur nicht mehr in allen Dingen auf den Erfolg vorbereitet. Auf der anderen Seite
kann man sich natürlich fragen, ob die mechanischen Laboratorien nicht aus der Shopkultur
herausgekommen sind. Technische Erziehung bot ein Potenzial für mechanische Ingenieure,
um sich zu professionalisieren (Calvert 1967, 63-65).

Die kommerziellen Bedingungen der Shopkultur brachten eine fruchtbarere Grundhaltung der
Akkuratheit hervor als die Schulkultur (Calvert 1967, 67). Die leitende Kritik an der
technischen Erziehung durch die Verteidiger der Shopkultur lief darauf hinaus, dass die
Mitglieder Teil der mechanischen Ingenieurselite wurden. Sie waren also nicht gegen techni-
sche Erziehung, aber sie glaubten, dass das Shoptraining in vielfacher Hinsicht einer rein the-
oretischen Schulausbildung überlegen sei, da diese nur auf eine formale Erziehung hinaus-
liefe. Die sehr schnelle Ausdehnung der technischen Erziehung sprach aber in gewisser Weise
gegen die Shopkultur. Denn sie war eher dezentral ausgerichtet und vermochte so den Wün-
schen einer neuen Bürokratie in den anwachsenden Industrien nicht gerecht zu werden. Zum
Beispiel wurde das technische Zeichnen immer wichtiger. Dies war eine theoretische Kompo-
nente. Die technischen Studenten unter diesem Programm mussten mit geringerem Verdienst
in den ersten zwei Jahren arbeiten, in denen sie dann das technische Zeichnen lernten. Zu spä-
teren Zeiten durften sie dann aktiv in das Unternehmen eingreifen. Diese technischen Zeich-
ner wurden trainiert für spätere Managementpositionen. Die elektrische Industrie war der
Pionier in diesem Bereich einer Theoretisierung. Dieser Prozess war um 1910 abgeschlossen
(Calvert 1967, 70-75).

In zunehmendem Maße wurde die Idee zurückgewiesen, dass die Shopkultur und die darin
erworbene Erfahrung eigentlich vor der technischen Erziehung kommen sollten. Die Debatte,
die sich daran anschloss, führt zu verschiedenen Auseinandersetzungen zwischen der „Ameri-
can Society of Civil Engineers“ (ASCE) und dem „American Institute of Mining Engineers“
(AIME) in Philadelphia. Die meisten der technischen Erzieher glaubten, das es nicht
notwendig war für den mechanischen Ingenieur in handwerklichen Fähigkeiten ausgebildet zu
sein, sondern sie entwickelten einen Elitegedanken, der häufig darin sich ausdrückte, dass er
theoretisch ausgebildet sein sollte. William F. Durfee repräsentierte die Reaktion auf eine
ganze Reihe Vertreter der Shopelite in seinem Skeptizismus, dass ein vernünftiges Maß an
Intelligenz, Geld und drei oder vier Stunden Ingenieurschule ausreichen könnten, um
jemanden zu einem wirklichen Ingenieur zu machen. Ingenieure würden geboren und nicht
gemacht. Insofern unterschied sich die technische Erziehung auch von klassischen Erzie-
hungsidealen (Calvert 1967, 77-81).

Thurston war charakterisiert durch seine intensive Erforschung der Methoden für die
Ausbildung von Ingenieuren, er wurde sowohl in England und Frankreich, wie auch in
Deutschland anerkannt (Calvert 1967, 101). Die Verteidiger der Shopkultur wiesen darauf
hin, dass der mechanische Ingenieur als ein ausgebildeter und kreativer Handwerker anfangen
müsse, der dann höhere Mathematik und andere Werkzeuge der Ingenieurswissenschaften
anwenden können sollte, aber sollte durch sie keine eingeengte Sichtweise entwickeln. Der
American Engineer entstand als technisches Journal 1860 in New York City. In ihm kann man
einen Teil des Streites zwischen der Shopkultur und der Schulkultur ablesen (Calvert 1967,
107). Der ASCE hatte keine Massenmitgliedschaft und eine entsprechend umfangreiche
Organisation (Calvert 1967, 117). Der ASCE war eine Organisation für die Elite der Shop-
kultur (Calvert 1967, 120). So kam es zu einem Konflikt zwischen den beiden Gesellschaften.
Es entstanden neue Ingenieurszeitschriften wie der „American Machinist“ (1885), die sich an

112
der Diskussion beteiligten (Calvert 1967, 127). Der in der Shopkultur groß gewordene
konservative mechanische Ingenieur konnte nicht die innovative Rolle weiter spielen, die er in
früheren Zeiten einmal innehatte. Der bürokratisch orientierte, auf dem College trainierte
Ingenieur hatte seinen Platz an einer anderen Stelle gefunden als die Vertreter der frühen
Shopkultur. Es waren die großen industriellen Unternehmen, die früher einmal Teil der Shop-
kultur gewesen waren, aber durch immer größeres Wachstum einen immer größeren Bedarf
an Ingenieuren hatten (Calvert 1967, 152).

Wichtig wurde der professionelle Status für Ingenieure als Rechtfertigungsinstrument für
private oder öffentliche Auftraggeber, die freie Ingenieurs-Beratung nachfragten. Insofern
entwickelte sich eine strenge professionelle Union von Ingenieuren. Der mechanische
Ingenieur musste ein Minimum an Einkommen für die Dienste bzw. Ratschläge erhalten, aber
es gab keine Regeln und keinen Ethikcode und in der Tat schützte nichts oder wenig die
Mitglieder vor den Effekten eines unkontrollierten Wettbewerbs um Arbeit. Daher waren die
Ingenieursschulen nicht in der Lage, ein uniformes Produkt heranzubilden (Calvert 1967, 156-
160). Die Mitglieder und die Verteidiger der Shopkultur kümmerten sich nicht um den Status
des Ingenieurs, weil die meisten der Individuen, die von der Shopkultur her kamen, bereits
einen sozialen oder ökonomischen Status höherer Ordnung hatten. Allerdings gab es auch die
am College trainierten Ingenieure, die aus der Mittelschicht kamen. Aus diesem Grund hatten
die Erzieher und ihre Produkte ein anwachsendes Interesse an der Ausbildung eines neuen
Status des mechanischen Ingenieurs als einer Profession (Calvert 1967, 166f).

Am Ende des 19. Jh. entstand der Berufsstand eines nicht professionellen Maschinenführers
(Calvert 1967, 190). Nun wurde in zunehmendem Maße der Ingenieursstatus fragmentiert.
Anfang des 20. Jh. wurde der Ingenieursberuf im Wesentlichen ein Geschäft. Die
konsumentenorientierte Industrie ist oft als sehr viel instabiler beschrieben worden, zumindest
in den frühen Stadien, als die Industrie, die ihre Produkte an andere Industrien weiter
verkaufte (Calvert 1967, 227). Auch das Konzept des wissenschaftlichen Managements
gewann Einfluss auf die Ausbildung und Entwicklung von Ingenieuren (Calvert 1967, 236).
Eine wichtige Rolle im Hinblick auf die Disziplinierung spielte die Kriegsmarine. Diese
erwarb auch einen entsprechenden Einfluss auf die Ingenieurskorps unter ihrer Leitung bei
der Einführung von Stahlschiffen in einem breiten Umfang. Hier entdeckten Schiffsingenieure
täglich, was sie für einen militärischen Rang hatten und was das bedeutete. Einige Ingenieure
hatten fortlaufend Schwierigkeiten, mit der militärischen Disziplin in der Navy und dem
damit verbundenen Kommandierungssystem (Calvert 1967, 254). Die amerikanischen
mechanischen Ingenieure dachten vor 1910 nicht ernsthaft über eine berufsständische Ethik
und ihre Entwicklung nach (Calvert 1967, 263). In zunehmendem Maße ging durch die
Verwissenschaftlichung das intuitive Element, das Fingerspitzengefühl (engl. Fingerknow-
ledge) verloren (Calvert 1967, 279).

Im Laufe des 18. Jh. befanden sich die gewerblichen Produktionsformen in einem Wand-
lungsprozess, durch die Entfaltung von Verlagssystemen, Manufaktur, Handwerk und – auf
dem Lande - nebenberuflichem Handwerk. Daneben gab es das Zunftmäßige Handwerk, das
sich seit dem Dreißigjährigen Krieg seinerseits beträchtlich verändert hatte. Durch die
Einführung der Gewerbefreiheit in einigen deutschen Territorien, einschließlich Mainz, hatte
die französische Revolution den Handel beschleunigt. Dieser Wandel in der Organisation der
Produktion setzte sich in den ersten Jahren der napoleonischen Zeit fort und verstärkte sich
zwischen 1830 und 1860. In vielfacher Form schlossen sie sich zur Fabrik zusammen,
verstanden als arbeitsteilige Kooperation mit Arbeitsmaschineneinsatz. Diese Phase war
indessen erfüllt vom ständigen Experimentieren im Bereich der Organisation und Produktion

113
mit fortwährenden Verbesserungen durch neue Technologien und ausgeklügelten Anwen-
dungen der Dampfkraft (Engelhardt 1984, 146-148).

Die Agrarkrise von 1846/47 führte zu einer doppelten Belastung der Handwerker durch die
unmittelbaren Auswirkungen der Hungersnot und Teuerungen und zusätzlich durch den
gravierenden Rückgang an Nachfrage und Verdienst (Engelhardt 1984, 326f). Die Diskon-
tinuität zwischen Handwerkstradition und Arbeiterklassenbildung, erscheint als viel ausge-
prägter als die Kontinuität. Handwerksgesellen verteidigten ihre Autonomie und ihr Recht
nicht nur gegen Meister und – später - gegen Unternehmensleitungen, sondern ebenso gegen-
über anderen Arbeitern, ungelernten und weiblichen zumal. Auf jeden Fall sollte eine Neu-
interpretation der frühen Arbeiterbewegung erfolgen. Die Arbeiterbewegung war nicht
ausschließlich das Resultat eines Konfliktes zwischen Kapital und Arbeit, sondern auch Pro-
test herkömmlicher, bedrohter Lebenswelten gegenüber Neuerungen, die im Kapitalismus,
Industrialisierung und Staatsbildung steckten und sich durchsetzten. Die Abwendung von der
Tradition, deren Nachteile man kannte, die Orientierung am Fortschritt an dem man mehr
teilhaben wollte, ohne ihn zu Bekämpfen, die Akzeptanz der industrielaisierten Gesellschaft,
deren kapitalistische Aspekte man verändern wollte, ohne sie rückgängig zu machen – all dies
kennzeichnete auch die frühe Arbeiterbewegung. In Deutschland hatten jedenfalls ständig
zünftige Traditionen in gewissen Hinsichten ein längeres Leben als in England und Frank-
reich (Engelhardt 1984, 461-467). Die Handwerkskultur war vor allem eine Arbeitskultur.
Arbeit bedeutete für den Handwerker sinnstiftenden Mittelpunkt seines Lebens: Sie war Le-
bensform. Der Stolz auf die eigene Arbeit und die Zugehörigkeit zu einem abgegrenzten
Berufsstand, beruhte auch auf der Überzeugung, die eigene Tätigkeit habe einen besonderen
Wert für das Allgemeinwohl und die christliche Gesellschaft. Die Sicherung der Nahrung auf
ehrliche Weise setzte die Beachtung der Prinzipien der Gegenseitigkeit und der Solidarität
voraus. Arbeitsstolz und Standesehre verknüpften sich miteinander. Ausdruck dieser Solidari-
tät war die soziale Fürsorge für arme und kranke Mitglieder wie die feierlichen Bestattungs-
züge der gesamten Zunft bei Beerdigungen von Mitgliedern (Engelhardt 1984, 473-479).

Die moderne, auf Wissenschaft basierende Technologie entstand durch eine Entfesselung des
überwältigenden Imperativs der Manufakturen: profitable Nützlichkeit. So erfolgte die
Transformation der Wissenschaft in ein Mittel der Kapitalakkumulation. Wissenschaft wurde
eingeführt in die Welt der Produktion durch die kombinierten Anstrengungen von innovativen
Unternehmern. Die moderne wissenschaftsbasierte Industrie, das industrielle Unternehmen
mit andauernden wissenschaftlichen Forschungen und einer systematischen Anwendung
wissenschaftlichen Wissens auf den Prozess der Unternehmensproduktion entstand im späten
19. Jh. und wurde Routine. Sie war das Produkt von signifikanten Fortschritten in der Chemie
und in der Physik und gleichfalls des anwachsenden Willens und der Anstrengungen der
Kapitalisten, kostenintensive, zeitintensive und unsicheren Pfade der Erforschung und der
Entwicklung anzuwenden. Das Zeitalter der neuen Industrien war 1880 bis 1920. Insbe-
sondere die chemische und die elektrische Industrie spielte hier eine Rolle (Noble 1979, 3-6).

Am 21.10.1879 hatte Edison sein erstes erfolgreiches elektrisches Licht installiert. So wurde
die Formation der General Electric Company vorbereitet. Thomsons Houston und General
Electric hielten jeweils Patente, die für die Entwicklung der jeweils anderen Firma essentiell
waren. So schwebten sie jeweils beide in Gefahr, die Rechte der jeweils konkurrierenden
Firma zu verletzen. Die systematische und strategische Entwicklung ihrer eigenen patentierten
Erfindungen war erklärtes Ziel dieser Firmen (Noble 1979, 9f). Benjamin Franklin erkannte
schon früh die Bedeutung technischer Erziehung. 1756 wurde die Public Academy of Phil-
adelphia gegründet. Bis 1815 gab es nur wenige Ingenieure in den USA. Der Bau des Erie-
Kanals erforderte Fachkräfte und erhöhte die Anzahl der Ingenieure. 1846 wurde Yale ge-

114
gründet. Ab 1870 gab es mehr Ingenieurschulen und eine stärkere Verwissenschaftlichung
ihrer Lehrpläne. So entstand ein Trend hin zur Wissenschaft und zur Mathematik in den
Ingenieurakademien und warf genauso viele Probleme auf wie sie löste. Die „Shop Culture“
und die „Field Culture“ wurden von einer „School Culture“ abgelöst (Noble 1979, 20-27).

Der Ingenieur in Amerika war das legitime Kind der epochalen Hochzeit von Wissenschaft
und den nützlichen Künsten. Die moderne Technologie hatte längst das Ingenieurswesen
erfasst und es entstand ein industrieller Kapitalismus. Ziel des Ingenieurwesens war es nun,
die Kosten für die ausgebildeten Arbeiter herunterzusetzen. 1852 wurde die amerikanische
Gesellschaft für Zivilingenieure gegründet. Danach entstanden Ingenieursvereinigungen für
das Montanwesen, für Mechanik und Chemie. Da sie keine Traditionen hatten, wurden die
hierarchische Struktur und die wissenschaftliche Ausbildung dominant. Es erfolgte eine
rasche Expansion der Ingenieure in den ersten drei Dekaden des 20. Jh. Auch die
Unternehmerführerschaftsfunktion wurde immer mehr Ingenieuren übertragen. Ingenieure
wurden damit zu Angestellten eines Unternehmens und die wissenschaftliche Natur des
Ingenieurswesens wurde immer stärker betont. Es bestand eine Heraushebung der Verant-
wortlichkeiten für das Management. Die Ingenieure aber fanden, dass die Organisation von
Arbeit schwierig sei. Ingenieure waren Individualisten, Firmenmitarbeiter sollten aber eher im
Kollektiv denken. So entwickelte sich das wissenschaftliche Ingenieurswesen, das wissen-
schaftsbasierte Unternehmen und der Unternehmensmanager (Noble 1979, 33-47).

Die Unternehmen erhielten Kontrolle über die Produktion, über Preise und über die Märkte.
So wurde die wissenschaftliche Expertise der Ingenieure stark hervorgehoben. Das rasche und
unkontrollierte Wachstum der modernen Industrie führte zu einer modernen industriellen
Standardisierung. Die Ausbildung kompetenter Mechaniker legte die Basis für die moderne
Werkzeugmaschinenindustrie, die wissenschaftliche Standardisierung für die industrielle
Standardisierung und führte zum Geschäftsmanagement (Noble 1979, 69-82). Das Patent-
system wurde geschaffen für den wechselseitigen Nutzen des Erfinders und der Gesellschaft.
Damit bekam wissenschaftliche Forschung ein Ziel. Die einzelnen Firmen wandelten sich
nicht in signifikanter Weise aufgrund ihrer Dominanz. Die Frustration der unabhängigen
Erfinder führte dazu, dass die große Mehrzahl der Erfinder in den Forschungslaboratorien der
großen Unternehmen in den Prozess der Erfindung selbst transformiert wurde. Es entstand die
Teamforschung, und es gab keine individuellen Erfindungen mehr. Von der Firma bezahlte
Patentanwälte setzten die Patentforderungen durch. Die Firmen erhielten einzelne For-
schungsabteilungen oder Sektionen. So bekam der neue unternehmensabhängige Erfinder eine
neue Rolle und war vom Patentsystem hervorgebracht worden. Die Erfinderaußenseiter wur-
den eliminiert. Insofern gab es eine gewisse Entwertung der einzelnen Erfindung. Es kam
darauf an, Standardisierung sowohl im Blick auf Patentverfahren und auf die juristische
Evaluierung von Patenten zu einer behördlichen Praxis zu überführen (Noble 1979, 84-103).

Patente versteinerten den Fortschritt der Wissenschaft. Vor 1900 war sehr wenig organisierte
Forschung in der amerikanischen Industrie zu finden. Mit dem Jahr 1920 gab es eine Reihe
von großen Kompanien, die begonnenen hatten, dem Beispiel der elektrischen und chemi-
schen Unternehmen zu folgen und eigene Forschungslaboratorien einzurichten. Außerdem
entstanden private Forschungsförderungsvereine. Die finanzielle Hilfe für die chemische
Ausbildung wurde eingeführt. Ab 1900 verstärkten sich die Versuche, das Erziehungssystem
nach den Bedürfnissen der Industrie umzustrukturieren. Industrielle Sponsorenschaft und die
Ausrichtung von universitätsbasierter wissenschaftlicher Forschung wurde angeregt (Noble
1979, 110-147). Gemäß Laytons Analyse wurde der Erfolg von Amerikas technologischer
Entwicklung im 19. Jh. nicht allein auf der Basis einer wissenschaftsbasierten Technologie-
entwicklung erreicht, wie dies bei der Elektrizität und der Chemie der Fall war, sondern mit-

115
hilfe eines breiten Spektrums von Technologien einschließlich des Transportes von Dampf,
Eisen und Stahl, Mechanik, Maschinen und Strukturen. Eine wirklich wissenschaftliche For-
schung in der Industrie kam gemäß der gängigen Interpretation der amerikanischen Technik-
entwicklung erst um 1900 in Gang, als General Electric 1901 ihr erstes Forschungslabor
begründete. Das US-Marine-Forschungslaboratorium wurde erst 1923 gegründet. Allerdings
weist Layton auf die sehr wichtigen hydraulischen Experimente hin, die durch James B.
Francis und andere schon sehr viel früher im 19. Jh. durchgeführt wurden. Die späteren dieser
Experimente waren sicher wissenschaftlich, aber in diesem Fall benutzten Ingenieure Experi-
mente und theoretische Methoden, um auf diese Art und Weise ein wissenschaftliches Wissen
zu erzeugen, das die Technologieentwicklung brauchte. Die Verknüpfung von Ingenieurs-
wesen und Wissenschaft im Hinblick auf die Erforschung der Wasserkraft waren ein wesent-
licher Entwicklungsfaktor im industriellen Leben der USA (Layton 1979, 64-66).

In der Mitte des 19. Jh. entwickelt sich die Physik stürmisch und die Chemie wird auf eine
neue experimentelle Grundlage gestellt. 1842 formuliert Julius Robert von Mayer das Gesetz
von der Erhaltung der Energie. Justus von Liebig begründet die Agrikulturchemie und macht
Gießen zu einem Zentrum der chemischen Forschung. Der Physiologe Johannes Peter Müller
führt insbesondere die mikroskopische Forschung ein. Ein ganz entscheidender Schritt in der
Industrialisierung war aber die Entdeckung der organischen Synthese durch Friedrich Wöhler.
Diese führte zum Aufbau der Industrie der synthetischen Farbstoffe, Arzneistoffe und
Sprengstoffe (Schuchardin u.a. 1981, 212). Nun begann die Schwefelsäureproduktion auf
breiter Basis, die Kaliindustrie produzierte Stickstoffdüngemittel, Salpetersäure und Spreng-
stoffe. Hinzu kamen zahlreiche aromatische Kohlenwasserstoffe, Arzneimittel und Kosme-
tika. So entstand in der zweiten Hälfte des 19. Jh. die technische Chemie als Zweig der ange-
wandten Wissenschaft. Die These der Technik als angewandter Naturwissenschaft gewinnt
damit für die Chemie in der zweiten Hälfte des 19. Jh. eine gewisse Plausibilität, sie gilt aber
keineswegs für Technik in ihrer Gesamtheit. Die chemische Industrie war von Anfang an
durch stärkste Rückkoppelung an die Entwicklung der Wissenschaften gebunden. Von der
Apotheke zur Großindustrie erfolgte die Entwicklung in wenigen Jahrzehnten, wobei die
Großproduktion der drei Grundstoffe Schwefelsäure, Soda und Chlor die moderne chemische
Industrie begründete (Paulinyi 1989, 151). Wichtig war vor allen Dingen die industrielle
Nachfrage nach Schwefelsäure für Papiererzeugung und Desinfektionsmittel.

Die angestrebte Synthese von Naturwissenschaft und Technik, von theoretischer Erkenntnis
und praktisch-konstruktiver Anwendung begründete die rationelle, die wissenschaftliche,
Technik oder die technischen Wissenschaften, wie jener Bereich mit unfester Begrifflichkeit
im bezeichnend wechselnden Sprachgebrauch etwa seit Beginn des 19. Jh. umschrieben wird
(Manegold 1969, 379). Erst wo die wesensmäßige Einheit der modernen Technik und ihre
wissenschaftliche Begründung erkannt und ausgesprochen wurde, konnte auch die Form der
technischen Hochschule ihre eigene Rechtfertigung finden und den Anspruch erheben, nicht
lediglich Spezial- oder Fachschule im engeren Sinne, viel mehr eine „Universitas Scientiarum
Technicarum“, die Hochschule für einen ganzen eigenständigen Lebensbereich sein, nichts
weniger als dies ist damals in Wien praktisch geschehen. Noch vor dem Jahr der Revolution
kam der Chemiker und ehemalige Assistent an Liebigs Labor, Friedrich Schödler, in einer
vergleichenden Betrachtung von Anspruch und Wirklichkeit, der bestehenden Anstalten zu
dem Ergebnis, die konsequente Durchführung des Parallelismus zwischen technischer
Hochschule und Universität muss durchgeführt werden, wie sehr auch immer die Universi-
täten sich dagegen wehrten (Manegold 1969, 386-389).

Die Entwicklung der höheren technischen Anstalten vollzog sich in engem Zusammenhang
mit dem industriellen Aufschwung, der in Deutschland erst nach der Jahrhundertmitte mit

116
besonderer Intensität einsetzte und entsprach ganz den steigenden Bedürfnissen der Industrie
und der Staatsdienste nach „höheren Technikern“, in dem sich allmählich stärker differen-
zierende Fachrichtungen bildeten (Manegold 1969, 390). In den entsprechenden Beschlüssen
des VDI und in gemeinsamen Erklärungen traten sie dafür ein, die Mathematik in ihrer
ganzen Ausdehnung nach wie vor als grundlegend für alle technischen Aufgaben und als
entscheidend für den wissenschaftlichen Rang der technischen Hochschulen zu erklären. Eine
öffentliche Gegenerklärung, unterzeichnet von der doppelten Anzahl der Professoren, meist
aus den Ingenieurfächern, ließ nicht auf sich warten. Sie bekräftigten den technischen
Standpunkt. Klarer und energischer als zuvor waren jetzt die Bemühungen bewusst, auf einen
eigenständigen Raum „technische Wissenschaft“ gerichtet (Manegold 1969, 395).

Neu war der Gedanke, technische Laboratorien für die Ingenieurfächer einzurichten. Es war
ursprünglich nicht in dem Zusammenhang mit den Anforderungen des Unterrichts gefasst
worden, sondern ging aus den Bedürfnissen der Praxis nach genauer Kenntnis der Elastizität
und Festigkeitsverhältnisse der Werkstoffe hervor, aus der Notwendigkeit, theoretische
Grundlagen durch systematische Materialprüfung zu ergänzen. Die kleine Prüfungsanstalt, die
Johann Bauschinger, Professor der technischen Mechanik und graphischen Statik bei der
Eröffnung der technischen Hochschule München im Jahre 1868 einrichtete und bald zum
mechanisch-technischen Laboratorium entwickelte, ist als Anfang planvoller, experimenteller,
technischer Forschung an den Hochschulen anzusehen. In München wurden zum ersten Male
auch organisatorisch die Folgerungen aus der Erkenntnis gezogen, dass die Technik
experimenteller Forschung bedurfte, dass hier aber andere Methoden nötig waren, als in der
Physik, nämlich Versuche an Maschinen in natürlichen Maßstäben und unter Bedingungen,
die einer wirklichen Ausführung entsprachen. Erst zu Beginn der neunziger Jahre ist es
allgemein zur Forderung nach systematischer Einführung von technischen Laboratorien
gekommen (Manegold 1969, 396f).

Zunächst ist der Kontext bedeutsam, in dem die Gründungen von Maschinenbau-Laboratorien
und deren Zielsetzung gegen Ende des 19. Jh. stehen. Dabei lohnt es sich, die Entwicklung
der technischen Wissenschaften zu verfolgen zwischen dem Gründungszeitraum der
polytechnischen Schulen in Deutschland in den 1820er und 30er Jahren und der Zeit ab 1880
(Feuchte 2000, 7f). Die technische Entwicklung begann einen Stand zu erreichen, der generell
die Beibehaltung und das Praktizieren der empirischen Methode an ihre Grenzen stoßen ließ.
Innovationen konnten mit Erfahrung und Empirie nicht mehr befriedigend ökonomisch und
nicht mehr ausreichend sicher realisiert werden. Zunächst unlösbare Probleme förderten eine
strenge wissenschaftliche Untersuchung und Herangehensweise geradezu heraus, wenn ihnen
ausreichend sichere Lösungen zuteil werden sollten. Diesem Ansatz fühlten sich die
„Theoretiker“ verpflichtet: Nur ein wissenschaftlicher Maschinenbau mit exakten Ergebnissen
und Methoden kann die tragfähige Grundlage einer zukünftigen Entwicklung der Technik und
Maschinenbau-Praxis sein. Die zeitgenössische Kritik an der Lehre und der Methodik der
technischen Hochschulen gegen Ende des 19.Jhd. war umfassend und massiv, durchaus
berechtigt, angemessen und notwendig. Der in der technikhistorischen Literatur zu findende
Begriff „Übertheoretisierung“ für einen in der zweiten Hälfte des 19. Jh. liegenden
Entwicklungsabschnitt der Technikwissenschaften ist für einen bestimmten, näher zu
erläuternden Blickwinkel treffend gewählt (Feuchte 2000, 12-15).

Nicht allzu viel an Theorie im naturwissenschaftlichen Sinn und ein Desinteresse gegenüber
der Praxis, sondern Schwierigkeiten, Fehltritte und mangelhafte Richtungsbestimmungen bei
der ausreichend umfassenden Nutzbarmachung und Rezeption vorhandenen Wissens, also der
klassischen Mechanik und Physik als Naturwissenschaften für die Anwendung im
Maschinenbau und die Lösung praktischer, ingenieurstechnischer Probleme durch spezifisch

117
technikwissenschaftliche Theorie- und Modellbildung kennzeichnen die Epoche und führten
zu untauglichen ingenieurwissenschaftlich-theoretischen Systemen. Trotzdem folgte gerade
aus der Trennung von Theorie und Praxis durch den Versuch strikter theoretischer Systeme,
mit denen gerade die zukunftsträchtige Erkenntnis verunreinigenden empirische Element der
Praxis als Quelle und hoch unzureichend genauer Analyse und Beschreibung maschinen-
technischer Objekte eliminiert werden sollten, eine zwangsläufige Umkehrung der eigent-
lichen Absicht. Ein Grund liegt in der Bedeutung theoretischer Einsicht als wichtiger
Voraussetzung kompetenter und gewinnbringender Durchführung und Anwendung experi-
menteller Methoden, die bald in die Ingenieursausbildung genauso wie in die Forschung an
den Hochschulen und der Industrie als unverzichtbares Reformelement Eingang fanden und
sich als Nukleus für die Lösung praktischer und theoretischer Probleme der damaligen Zeit
erwiesen. Das Prinzip „Probieren geht über studieren“ hat zwar, und dies gilt aufgrund des
Standes der technischen Entwicklung damals stärker als heute, von Fall zu Fall den Vorteil,
kurzfristiger, objektbezogen-befriedigender Problemlösungen, lässt aber kaum ein verallge-
meinerndes Verstehen und Erklären als Voraussetzung einer Übertragbarkeit zu, die noch-
maliges Probieren überflüssig machen kann und die den langfristig entwicklungshemmenden
Rahmen sich wiederholender empirischer Erfolgshandlungen im Maschinenbau sprengen
kann (Feuchte 2000, 16-18).

Die zunehmende Inadäquatheit zwischen den überwiegend theoretisch ausgerichteten


technischen Wissenschaften, wie sie sich an den technischen Hochschulen entwickelt hatten,
und wie sie in mehr oder weniger universitärer Form gelehrt wurden, und der industriellen
Praxis mit ihren stark wachsenden Anforderungen and die Ingenieure und deren Ausbildung,
entwickelte sich im Laufe des letzten Viertels des 19. Jh. zu einem in den 1890er Jahren
heftig diskutierten Problem. Insbesondere Alois Riedler (1850-136) initiierte und verstärkte
massiv den Ruf nach praktischen Elementen im Ingenieursstudium und der Einführung von
Laboratoriumsunterricht, wie er an amerikanischen Ingenieursschulen als Ausbildungsteil
dominierend im Vordergrund stand. Auch der VDI hat eine gezielte Kampagne initiiert, die
den Staat zum Laboratoriumsbau bewegen sollte, sich für die Einrichtung neuer, freistehender
Maschinenlaboratorien eingesetzt und leistete den technischen Hochschulen unverzichtbare
Hilfestellungen. Die frühen Bemühungen und die Einrichtung maschinentechnischer Labors
dienten in der Hauptsache der Verbesserung und Vervollkommnung der Lehre. Eine
Verbindung zwischen Polytechnikum und Fabrik, wie sie etwa der Verbindung von Klinikum
und Krankenhaus in den Universitätsstädten entsprechen würde, sei allerdings ein frommer
Wunsch gewesen. Die staatlichen Hochschuletats wurden in großzügiger Weise der
Einrichtung elektrotechnischer Loboratorien zugewandt, was die mechanisch-maschinen-
technischen Bereiche zwar als kaum abwendbares Schicksal feststellten konnten, aber doch
hinzunehmen hatten. Zweifellos liegt hierin ein schwerer Grund für die chronische
Mittelknappheit unter der die Maschinenabteilung der technischen Hochschulen litten, und die
nur durch besonderes Engagement und Beharrlichkeit einzelner Professoren die Einrichtung
maschinentechnischer Laboratorien oder die verstärkte Nutzung in dieser Zeit meist vorhan-
dener Materialprüfanstalten für Unterrichtszwecke erlaubten. In München war von Carl Linde
bereits Ende der 1870er Jahre ein Laboratorium für theoretische Maschinenlehre eingerichtet
worden, welches bald darauf auch in die Lehre integriert wurde. In Dresden wurde um 1883
unter Ernst Hartig begonnen, ein technologisches Laboratorium mit einem Unterrichtsprak-
tikum für Studierende aufzubauen. 1884 konnte in Darmstadt ein Maschinenmesskundelabor
eröffnet werden. Das sind Beispiele für frühe Bemühungen und Erfolge, maschinentechnische
Laboratorien an den technischen Hochschulen aufzubauen (Feuchte 2000, 21-28).

Um 1884 stand jedoch die Verbesserung der Ausbildung im Vordergrund. Der Meinungs-
austausch zur Spezialisierung der Maschinenbaufächer und zur Notwendigkeit einer Umge-

118
staltung der Lehrpläne wurde auch vor dem Hintergrund der wichtigen Frage geführt, welche
Experimente und Versuche in welchem Umfang in den Lehrveranstaltungen in den einzu-
richtenden maschinentechnischen und technologischen Versuchsräumen zur Durchführung
gelangen sollten. Unklarheit bestand über die Ausstattung und Einrichtung der Labore. Sollte
man im Interesse größtmöglicher Praxisnähe Kraft- und Arbeitsmaschinen, wie sie in der
Industrie zum Einsatz kamen im Laboratorium bereitstellen? Das Maschinenaggregate aus der
industriellen Praxis für Experimente ungeeignet, und systematische Fragestellungen an modi-
fizierten Objekten zielgerichteter zu untersuchen sind, kann, je nach Fragestellung, durchaus
zutreffen (Feuchte 2000, 31-35). Um Abhilfe zu schaffen, propagierte Ernst den Ausbau der
vorhandenen Prüfungsanstalten und Versuchsinstitute an den technischen Hochschulen zu
vollständigen Maschinenbaulaboratrien (Feuchte 2000, 37). Riedler suchte aus taktischen
Gründen eine umfassende Bildungsreform zunächst auf die Einrichtung von Maschinenbau-
laboratorien zu beschränken (Feuchte 2000, 43). Die Einrichtung von Maschinenbaulabora-
torien an den technische Hochschulen im deutschsprachigen Raum um die Jahrhundertwende
beeinflusste sowohl die Lehre als auch die Forschung in den Ingenieurwissenschaften
grundlegend und zukunftsweisend (Feuchte 2000, 58). Mit der Gründung von Laboratorien
und immer engeren Kontakten zwischen Hochschulen und Industrie entwickelte sich eine
fruchtbare Interaktion, die einerseits zu einer fortschreitenden Verwissenschaftlichung im
Maschinenbau führte und andererseits an den Hochschulen den theoretischen Blick verstärkt
auf praktische Anwendung, Problemlösung und maschinentechnische Innovation lenkte. Am
Züricher Polytechnikum machten weniger beklagenswerte Mängel in der Lehre und über-
mäßig theoretisierte Ausbildungskonzepte das Maschinenlabor erforderlich, vielmehr dräng-
ten der technische Fortschritt, verstärkte ökonomische Bedingungen und neue Anforderungen
an die Ausbildung seitens der Industrie zum Bau neuer technischer Hochschu-len in Deutsch-
land (Feuchte 2000, 241).

Verbunden ist die Entstehung der Industrietechnik mit dem wissenschaftlichen und dem
technischen Labor. Das Laboratorium ist der Platz, an dem die Wissenschaftler und die
Erfinder arbeiten. Wissenschaftliche Aussagen werden aus den Instrumenten abgelesen.
Meistens wird damit ein visueller Beweis begründet. Es geht um die Interpretation von
Diagrammen. So werden audiovisuelle und verbale Instrumente zugleich eingesetzt. So steht
am Ausgang wissenschaftlicher und technischer Theorie die Kunstkultur des Laboratoriums.
Heute sind Laboratorien mächtig genug, um die Realität zu definieren sowie den Zugang zur
Natur (Latour 1987, 97-99). Maschinen sind gezeichnet, beschrieben, begutachtet und
ausgerechnet, bevor sie gebaut werden (Latour 1987, 253). Berücksichtigen wir das implizite
Wissen, das in Instrumente inkorporiert ist (Latour 1987, 44), studieren wir Wissenschaft in
Aktion und nicht als Resultat. So erreichen wir ein Stadium der Wissenschaft, bevor Fakten
und Maschinen entstanden und zur Blackbox geworden sind. Außerdem gibt es die Möglich-
keit, die Kontroversen zu rekonstruieren, die zu ihrer Konstruktion geführt haben und diese
wieder zu eröffnen und möglicherweise alternative Wege der Konstruktion zu gehen. Das
Konzept einer Anthropologie der Wissenschaft läuft darauf hinaus, dass anstelle des Begriffs
der wissenschaftlichen Wahrheit die Glaubwürdigkeit und die Vertrauenswürdigkeit eine
zentrale Rolle spielt (Latour, Woulgar 1986, 191). Zentral für die Beschreibung des Labors
und seinen Möglichkeiten sind Fertigkeiten, Arbeitsgewohnheiten und Apparate, die zu ihrer
Verfügung stehen (Latour, Woulgar 1986, 56). Wissenschaftliche wie technische Daten
werden nicht aus der Natur abgelesen, sondern in einem Prozess laboraturmäßiger Verfahren
konstruiert.

Die Laboratoriumssituation gehört in je unterschiedlicher Weise zum Entdeckungs- und zum


Rechtfertigungskontext (Knorr-Cetina 1991, 28). Dort findet die Selektion von Interpreta-
tionen, Methoden und Verfahren im Sinne von Antworten auf bestimmte Umstände statt.

119
Damit wird die Frage mit einer kontextabhängigen Variabilität konfrontiert, die der
Sozialwissenschaftler nicht endgültig bestimmen kann. Die Unbestimmtheit in der Erfassung
der Laborsituation trägt diesem Ansatz den Vorwurf der Irrrationalität ein (Knorr-Cetina
1991, 31). Das Labor ist der Ort der Innovationen. Aus einem Pool von Variationen werden
Innovationen ausgewählt, wobei Innovation insgesamt kein intentionaler Prozess ist, sondern
wesentlich zufallskonstituiert ist. Im Hinblick auf Innovationen kann man von einer gewissen
Indeterminiertheit aufgrund der Freiheit und Kreativität des Einzelwissenschaftlers ausgehen.
Allerdings sind Innovationen nicht der reine Zufall (Knorr-Cetina 1991, 37f). Messinstru-
mente sensibilisieren in der Laborsituation, objektivieren aber nicht. Die Situationspragmatik
des spezifischen Beobachtungsfeldes muss die teilnehmende Beobachtung aus der Nähe
betrachten und in kulturspezifische Beschreibungskategorien einordnen. Dies führt zu einer
Art von Ethnoscience. Es genügt nicht, standardisierte makroskopische Verfahren durch
hermeneutische Tiefenverfahren zu ersetzen, um eine konzeptionelle Kontrolle durch das Feld
anstelle durch den Beobachter zu erreichen. Daher ist für Laboratoriumswissenschaft ein
Fallstudienansatz erforderlich (Knorr-Cetina 1991, 44-46).

Die Projekte werden an das, was machbar ist, angepasst. Die Möglichkeiten von Labors
werden für die Projekte genutzt, auch vorhandene Messinstrumente und Geräte werden
einbezogen. Genauso wird auf vorhandene Ideen in einer Forschergruppe und die üblichen
Präferenzen zurückgegriffen (Knorr-Cetina 1991, 65-68). Die allgemeine Energiekrise führte
zum Einbezug von Fragen des Energieverbrauchs im Labor. Sehr wichtig für Projekte ist auch
Knowhow bei Messungen (Knorr-Cetina 1991, 90). Vergleiche sind wichtig für konzeptio-
nelle Innovationen. Dabei spielen halberahnte Ähnlichkeiten eine zentrale Rolle für die La-
borwissenschaft. Eine gewisse Konservativität des Analogieräsonierens sowie die Beschäfti-
gung mit lösbaren Problemen machen einen Teil der opportunistischen Forschungslogik aus.
Innovative Ideen werden vor dem Hintergrund von bereits getätigten Erfahrungen gemacht.
Fragen der Datierungen und der Urheberschaft von Innovationen können nicht durch Beob-
achtung geklärt werden. Das integrierende Prinzip für die Rekonstruktion einer Innovation ist
der Prozess, in dem Laborideen zu Innovationen werden. Innovationen stellen damit einen ge-
wissen Erfolg bei der Konstruktion im Labor dar (Knorr-Cetina 1991, 123). Merton stellte als
Motor der Wissenschaft einen quasi ökonomischen Wettbewerb fest. Die teilnehmerzentrierte
Perspektive der Laborwissenschaft zielt auf Glaubwürdigkeit der erzeugten Ergebnisse ab.
Die Mitarbeiter wissen oft nicht, was von ihnen erwartet wird (Knorr-Cetina 1991, 164). Bei
den Laborselektionen spielen nicht-epistemische Erwägungen z.B. finanzieller Art etwa bei
der Auswahl von Versuchstieren eine große Rolle. Dabei liegen epistemische und nicht
epistemische Erwägungen, also Geld- und Zeitfragen einen Entscheidungspfad in der
Laborsituation fest (Knorr-Cetina 1991, 168f). Bei der Abfassung der Publikation müssen
gewisse Regeln beachtet werden. Die Papierversion der Labormethode hat ihre eigene
Organisation und ihre eigene Regeln. In der Einleitung wird die Relevanz des Themas insze-
niert. Man hat den Eindruck eines Rezeptes. Auch ein Abschnitt über Material und Methoden
der Laboroperationen darf nicht fehlen. Eine Typisierung der Laboroperationen zeigt die
Konstruktivität der Laboroperationen. Die Komponente des impliziten Wissens in Gefolge
von Kuhns Wissenschaftstheorie wird allerdings von Knorr-Cetina für problematisch gehalten
(Knorr-Cetina 1991, 238).

Knorr-Cetina geht von der Universalität von Interpretieren und Verstehen aus.
Hintergrundannahmen gibt es auch in den Naturwissenschaften. Auch wissenschaftliche
Praxis ist durch Interessen, Interpretationen und Verständigungen charakterisiert. In die
Wissenschaft gehen alltägliche Beobachtungsterme mit ein. Allerdings ist Habermas
Unterscheidung von Arbeit und Interaktion für den Prozess der Wissenschaft nicht klar genug
zu trennen. Die Fabrikation von Wissen ist entscheidungsgeladen. Insofern müssten konstruk-

120
tive anstatt deskriptive Operationen als Grundlagen für die wissenschaftlichen Interpretations-
prozesse herangezogen werden. Außerdem ist die opportunistische Logik der Fabrikation von
Wissen zu berücksichtigen. Die interpretative Komponente wissenschaftlicher Rationalität
müsste mehr als bislang berücksichtigt werden (Knorr-Cetina 1991, 271f). Im Labor werden
in einer ersten Instrumentalisierung technische Objekte dekontextualisiert und aus den un-
mittelbaren Zusammenhängen ihrer Umgebung herausgenommen, um herauszufinden, wie sie
in einer neuen Umgebung funktionieren, d. h. in einer zweiten Phase wird das dekontextua-
lisierte technische Objekt kontextualisiert, kombiniert und koordiniert mit allen anderen
Systemen in einer erneuerten Umwelt (Achterhuis 2001, 90). Daraus ergibt sich, dass die
Mensch-Technologie-Interaktion multistabil ist. Instrumente konstituieren die erforschte Rea-
lität mit. Sie macht Dinge der Realität sichtbar die auf andere Art und Weise nicht sichtbar
geblieben wären, Aspekte, die repräsentiert und interpretiert werden durch die entsprechenden
Instrumente (Achterhuis 2001, 145). Im Labor wird technisches Umgangswissen erzeugt,
sowohl im wissenschaftlichen wie im technischen. Im wissenschaftlichen Labor handelt es
sich um ein technisches Umgangswissen mit physikalischen, chemischen und biologischen,
im technischen Labor um Umgangswissen mit technischen Ereignissen. Dieses technische
Umgangswissen kann man versuchen, in technische Artefakte zu implementieren. Im Labora-
torium erzeugtes Umgangswissen lässt sich daher in hervorragender Weise technisch verwer-
ten.

Der Inhalt der Ingenieurserziehung insbesondere in seiner institutionellen Form hat zu einer
sehr viel stärkeren Zusammenarbeit von Wissenschaft mit den industriellen Anforderungen
geführt. Zunehmend wurde die Universitätsausbildung als Vorbereitung für das Industrie-
unternehmen verstanden. Die Universitäten und technischen Schulen führten zum Unterneh-
men. Es entwickelten sich systematische Forschung und eine Transformation der höheren
Erziehung. Die industrielle Laboratoriumsforschung konstituierte sich. Es gab Testkurse zum
Training in technischen Fragestellungen. So entstand das Teamwork der Industrieunter-
nehmen. Es wurde sozialisiert für eine Beschäftigung im Rahmen von Subordination. Zu den
wichtigsten erzieherischen Zielen der Western Electric gehörte der graduierte Kurs für
Ingenieure. Das Bell Erziehungsdepartment entwickelte Trainingsprogramme für andere
Unternehmen, um graduierte Ingenieure für Managementaufgaben wie für technische Positio-
nen im Rahmen eines Unternehmens vorzubereiten. So gab es auch Schulausbildung im Rah-
men von Unternehmen. Die tatsächlichen Anfänge der chemischen Ingenieurserziehung in
den USA und in der modernen chemischen Industrie wurden am MIT (Massachusetts Institute
of Technology) zentriert. Das MIT entwickelte ein Programm für eine Schule der Ingenieurs-
praxis. Es waren unternehmerische Pläne einer Ingenieurserziehung (Noble 1979, 170-195).

Neben an der an Unternehmen ausgerichteten Methode der Ingenieurserziehung gab es auch


eine Koordination und Ausrichtung durch die Regierung. Dies führte zu einer Zentralisierung
der Ingenieursausbildung und zu einer neuen Wissenschaft der Erziehung (Noble 1979, 241-
252). Menschen nicht Maschinen erzeugen Profite. Die fundamentale Innovation des Kapita-
lismus war nicht die Einführung des Maschinenwesens in den technischen Produktions-
prozess, sondern eher die Transformation der menschlichen Arbeit in ein abstraktes Mittel der
Produktion von Waren und der Kapitalakkumulation. Eine wichtige Rolle spielt die des
modernen Managements. Die Ingenieure waren die ersten Menschen, die in der Industrie
versuchten, systematisch die intellektuellen Methoden des Business Managements anzu-
wenden. Der originale wissenschaftliche Managementzugang zum menschlichen Ingenieur-
wesen hingegen war weniger als adäquat (Noble 1979, 259-264).

Frederick, W. Taylor führte auf der Basis der Managementbewegung 1895 die Karriere des
beratenden Managers ein. Ehe 1911 Taylor untersuchte, wie ein Geschäft mit minimaler

121
Arbeitsorganisation zu führen sei, konzentrierte er seine Aufmerksamkeit auf den Arbeiter.
Der neue menschliche Fokus auf das Ingenieurswesen forderte eine Disziplin, die die
Ingenieure selber verpflichtete, zu expandieren und die neuen Methoden der sozialen Wis-
senschaft einzuschließen. Die Widerlegung oder Zurückweisung der Vorschläge des wissen-
schaftlichen Managements selbst basierte auf zu engen Konzepten von Wissenschaft. Diese
Methoden schlossen psychologisches Training und formales Management durch Erziehung
ein. Die wissenschaftliche Managementbewegung und die unternehmensliberale Reform-
bewegung griffen ineinander (Noble 1979, 268-277). Die Personalmanagement-Bewegung
hob zwei sich wechselseitig bedingende Aspekte eines Menscheningenieurswesens hervor. Es
ging darum, die abhängigen Arbeiter zu motivieren und effizient das Humanmaterial der
Industrie zu gebrauchen. Die industrielle Erziehung, die systematische Befähigung und das
Training der arbeitenden Klassen gemäß einer optimalen Leistungserbringung im Sinne des
Unternehmens standen oben an. Insofern gab es sowohl eine Industriepsychologie wie eine
Unternehmensreform. Das moderne Management hatte einen Schwerpunkt auf dem mensch-
lichen Faktor in der Industrie. Darauf basierend wurde ein .Lehrplan für das Ingenieurswesen
entwickelt (Noble 1979, 290-317). Die soziale Transformation, hervorgerufen durch die
wissenschaftliche Managementbewegung und die Parallelisierung von modernem Unterneh-
mertum und wissenschaftlich-technologischer Forschung ist nicht zu leugnen.

Die Förderung der Technik und die Entwicklung der Industrie gründeten sich in England ganz
auf private Initiative. Der englische Techniker wurde in der Praxis gebildet. Frankreich schuf
sich am Ende des 18. Jh. in seiner „École polytechnique“ ein Institut, das mit den an sie
anschließenden hohen Spezialschulen die erste große Pflanzstätte einer streng wissenschaft-
lich betriebenen Technik wurde. Im Umkreis dieser Hochschule wurden in der ersten Hälfte
des 19. Jh. die wissenschaftliche Baumechanik und Maschinenlehre begründet. Seit 1825
entstanden auch die ersten deutschen Polytechnischen Schulen, voran die zu Karlsruhe. Sie
ließ in ihrem Aufbau eine gewisse Abhängigkeit von der Pariser Polytechnischen Schule
erkennen. Weitere polytechnische Schulen folgten 1827 in München, 1828 in Dresden, 1829
in Stuttgart und 1831 in Hannover. 1857 begründete Ferdinand Redtenbacher in Karlsruhe
den wissenschaftlichen Maschinenbau. Während die Pariser École polytechnique die Technik
mehr als mathematische und physikalische Disziplin theoretisch betrieb, trat Redtenbacher für
eine selbständige Maschinenlehre ein, bei der die wissenschaftliche Beherrschung der
Maschinenwelt aus dieser selbst heraus entwickelt wurde und zwar im Sinne eines reinen
technischen Denkens. Im Ganzen wünschte Redtenbacher zur Verwirklichung jener großen
Aufgabe der Heranbildung von Männern für den Aufbau eines deutschen Industriestaates, die
Wissenschaft stärker mit der Praxis zu verbinden als in Paris (Klemm 1999, 160).

Erörterungen über das „American system of manufactures“ reichen bis in die Zeit der
Londoner Weltausstellung von 1851 zurück. Aus deutscher Sicht gehörte der verschwen-
derische Umgang mit natürlichen Ressourcen zu den auffallenden und ärgerlichen Zügen der
amerikanischen Wirtschaftsweise. Amerika war das Land, wo man immer bereit war, rasch
etwas Neues anzuschaffen, anstatt das Alte zu pflegen und zu reparieren: eine Verhaltens-
weise, die das Wirtschafts- und Innovationstempo beflügelte. Amerikanische Maschinen
mussten auf eine häufig wechselnde, kurzzeitig angelernte Bedienungsmannschaft eingestellt
sein. Deutsche Fabriken kultivierten mit Vorliebe einen festen Arbeiterstamm und einen
Arbeitertypus, der sich mit bestimmten Tätigkeiten identifizierte und diese ein Leben lang
betrieb. Wie weit die in Deutschland beliebte Professionalisierung der Arbeit einer techni-
schen Notwendigkeit entsprang, wird bei einem Blick über die deutschen Grenzen zur offenen
Frage (Radkau 1989, 35-38). Fortschritt durch Verwissenschaftlichung: dieses Geschichts-
und Zukunftsbild ist für die Interpretation der deutschen Technikgeschichte von zentraler
Bedeutung. Eine Überprüfung der These vom deutschen Weg zur wissenschaftlichen Technik

122
ist umso nötiger, als es sich dabei nicht um einen allumfassenden und logisch zwingenden
Trend der Technikgeschichte handelte.

Mit der Entwicklung der Industrie stieg die Dringlichkeit wissenschaftlicher Lösungen
sprunghaft an. In England gab es keine eigentliche wissenschaftliche Fundierung der techni-
schen Inventionen. Dies war in den USA und in Deutschland anders. Deutschland war bis in
die 30er Jahre des 20. Jh. führend in der Industrieforschung. Mit der Integration des Kaliberg-
baus in Forschung und Lehre der Bergbaukunde sowie der Eisenhüttenkunde in die Metal-
lurgie kann die Herausbildung der Montanwissenschaften als Wissenschaftszweig um 1875
als abgeschlossen gelten (Buchheim, Sonnemann 1990, 238). Technikwissenschaften und
Ingenieurausbildung fanden in den aufstrebenden polytechnischen Schulen eine stabile
institutionelle Basis. Die Ingenieurwissenschaften konnten erste Erfolge bei ihrer praktischen
Umsetzung vorweisen (z.B. bei der Konstruktion leistungsfähiger Wasserräder und –turbi-
nen); wissenschaftlich begründete Technik wurde aber gleichermaßen von herben Misser-
folgen und Rückschlägen heimgesucht (genannt seien Brückeneinstürze, Kesselexplosionen,
Radreifenbrüche u.a.m.). Am Ende des Jahrhunderts bildete die Trias technischer Hochschule,
Industrieforschung und staatlicher Forschungs- und Prüfanstalten ein leistungsfähiges Netz
interaktiven Wissenschaftstransfers. Das 19. Jh. war aber gleichwohl gekennzeichnet von
Spannungsfeldern auf dem Gebiet technikwissenschaftlicher Erkenntnis sowie von Möglich-
keitsfeldern konstruktiver und technologischer Entwicklungen. Es war eine Zeit des Wider-
streits unterschiedlicher konzeptioneller Vorstellungen und der Suche nach alternativen Me-
thoden und Verfahren innerhalb der sich entfaltenden technikwissenschaftlichen Disziplinen.
Eine Zeit der verallgemeinernden und übergreifenden Denkweise, der Herausbildung wissen-
schaftlicher Schulen und Denkstile sowie regionaler und nationaler technologischer Stile, aber
auch eine Zeit des zumindest ansatzweise bzw. strukturell vollzogenen Übergangs von
disziplinären zu interdisziplinären Strukturen in den Technikwissenschaften (Mauersberger
1997, 45).

Die Betrachtung der „Wiener technologische Schule“ mit ihren Repräsentanten Johann Josef
Prechtl, Georg Altmutter und Karl Karmarsch und die Anwendung des Konzeptes der
Disziplinengeneseforschung auf das Konzept der Spezifik der Technikwissenschaften kommt
zu dem Ergebnis, dass Technikwissenschaften keine angewandten Naturwissenschaften sind.
Vielmehr liegt eine zweiseitige Transformation im Sinne einer Wechselwirkung zu Grunde.
(1.) Transformation naturwissenschaftlicher Erkenntnisse und Methoden in eine für die
technische Praxis applikable Form. (2.) Vermittlung von Anforderungen aus der technischen
Praxis an die naturwissenschaftliche Forschung. Insgesamt kann man von einer Verwissen-
schaftlichung von Technik allgemein sprechen, die sich in zwei Bedingungen manifestiert:
(1.) Verallgemeinerung und theoretische Verdichtung von Erfahrungswissen (Eruierung von
Regeln). (2.) Aufbereitung und Anwendung naturwissenschaftlicher Theorien (Mauersberger
1997, 47-49). Die historische Entwicklung der deutschen technischen Bildungsstätten im 19.
Jh. ist aufschlussreich. Die Gewerbeschulen und Polytechnischen Schulen in Deutschland, seit
den 20er Jahren des 19. Jh. auf eher niedrigem wissenschaftlichen Niveau entstanden,
steigerten sukzessive die Ansprüche an sich selbst und an ihre Schüler und erhoben etwa seit
der Jahrhundertmitte zunehmend einen Anspruch auf Gleichwertigkeit mit den Universitäten.
Bei den sich nun allmählich entfaltenden und über ein Jahrhundert andauernden Ausein-
andersetzungen zwischen technischen Hochschulen und Universitäten ging es im Kern um
zwei unterschiedliche Bildungskonzeptionen: zweckfreie versus praxisbezogene Bildung.

Wenngleich zwischen den Exponenten dieser Bildungskonzeptionen grundsätzliche, häufig


polemische Auseinandersetzungen stattfanden, so war doch die Politik der technischen
Hochschulen von einer grundlegenden Ambivalenz geprägt. Einerseits setzten sie sich mit den

123
Universitäten auseinander und grenzten sich von ihnen ab, andererseits lehnten sie sich
organisatorisch und inhaltlich an das Vorbild der Universitäten an. Zunächst trug man an den
Polytechnischen Schulen der vorausgegangenen bzw. geplanten Entwicklung insofern
Rechnung, als man sich in den siebziger und achtziger Jahren – Stuttgart und Dresden waren
im Jahr 1890 Nachzügler -, die höherwertige Bezeichnung Technische Hochschule zulegte.
Preußen übernahm 1879 endgültig die Führung bei der Entwicklung der deutschen techni-
schen Hochschulen mit der Zusammenlegung der Bauakademie und der Gewerbeaka-demie
zur Berliner Technischen Hochschule. An den Technischen Hochschulen wurden die allge-
meinbildenden Fächer, die zwischen 1850 und 1865 einen vorübergehenden Rückgang zu
verzeichnen hatten, wieder ausgebaut und zu allgemeinen Abteilungen zusammengefasst. Die
technischen Wissenschaften bezogen ihren Inhalt aus der Mathematik, der Mechanik, der
Naturwissenschaften, formten ihn auf eine nicht beschriebene Weise um und gaben diese Er-
kenntnisse dann an die Industrie weiter: technische Wissenschaft als Mittlerin zwischen
Naturwissenschaft und Industrie, Technik als angewandte Naturwissen-schaft (König 1999,
52-55).

Zentrum der Auseinandersetzungen zwischen Theoretikern und Praktikern war die Berliner
Technische Universität. Der Rücktritt Reuleauxs und die Streichung der Kinematik aus dem
Lehrplan hatte eine Aufwertung der Praktiker zur Folge. H. von Reiche schrieb 1869 „Die
Maschi-nenfabrikation. Entwurf, Kritik, Herstellung und Veranschlagung der gebräuch-
lichsten Maschinenelemente“. Er führte die Auseinandersetzung um die Rolle der Mathematik
in den technischen Wissenschaften. Das Hauptproblem bei der analytischen Erfassung lag in
der Modellbildung (König 1999, 56f). Bei der Einrichtung von Maschinenbaulaboratorien
tauchten Kriterien auf wie leichte Herstellbarkeit, Reparaturfreundlichkeit, Brennstoffökono-
mie, Wartungsbedarf und Betriebskosten. Hierin manifestierten sich unterschiedliche Ziel-
vorstellungen. Alois Riedler mit seinem Werk „Maschinen-Zeichnen“ gehört ebenfalls in die
Reihe der Praktiker. Die Maschinenzeichnung ist das Mittel, die Vorstellungen des Kon-
strukteurs für einen bestimmten Zweck auszudrücken. Zeichnen sollte im Konstruktions-
unterricht gelernt werden. Dabei beschränkte man sich auf Schwarz-Weiß-Zeichnungen.
Riedler darf als einer der Begründer des modernen technischen Zeichnens betrachtet werden
(König 1999, 63-66). Bei Alois Riedler geht das Konzept des Gestaltens über in den des
Konstruierens und über den des Zeichnens hinaus. Er bezieht sich auf eine allgemeine
Gestaltungslehre und schließt damit die kreativen und wirtschaftlichen Dimensionen mit ein.
Damals wurden dann auch einseitige Konstrukteure angeprangert (König 1999, 71). Es geht
um die Überwindung des Gegensatzes zwischen Theorie und Praxis durch Spezialisierung.
Carl Bach schreibt ein Werk über Maschinenbau als experimentelle Erfahrungswissenschaft.
Er erhebt die Forderung nach einem Industriepraktikum. Aurel Stodola schreibt eine Theorie
und Praxis der Turbinenkonstruktion. Die schöpferischen Tätigkeiten sind die des praktischen
Ingenieurs (König 1999, 59). Die Kinematik verbreitet sich schnell im Unterricht der TUs.
Ein weiteres Hilfsmittel ist das Modell. Der Eintritt in den Staatsdienst war für Maschi-
nenbauer in Preußen erst ab 1876 möglich. Der Einfluss des technischen Staatsdienstes auf
das Sozialprestige von Ingenieuren war groß (König 1999, 90).

Karl Laudien beschäftigte sich mit den Anfängen einer Konstruktionslehre unter dem Einfluss
der Rationalisierungsbewegung. Diese Rationalisierungsbewegung der Ingenieure richtete
sich insbesondere auf das Sparen in der Konstruktion. Zwischen 1860 und 1890 gab es die
Maschinenwissenschaften beherrschende Bestrebungen, die Maschinentechnik theoretisch zu
durchdringen. Je weiter aber dieses Vorhaben erfolgreich betrieben wurde, umso mehr
entfernte man sich von den Problemen des praktischen Maschinenbaus (König 1999, 98). Die
methodische Durchdringung des Konstruktionsprozesses fand kaum statt. Bis zum ersten
Weltkrieg sollte der technische Unterricht im Konstruieren kulminieren. Dieses im Konstru-

124
ieren enthaltene Moment der künstlerischen Intuition wurde von vielen Ingenieuren in mehr
oder weniger feierlichen Worten beschworen. Zu Beginn wie am Ende des 19. Jh. ging es
darum, Vorstellungen über die Wirksamkeit mechanischer Kräfte auch auf einer visuellen
Erfahrung der von ihnen ausgelösten und getragenen Bewegungsabläufe zu gründen und diese
in die bei der Konstruktionstätigkeit unerlässliche Intuition münden zu lassen. Meist aller-
dings ließ sich selbst an den Modellen von Kraftmaschinen lediglich der raum-zeitliche
Ablauf der Bewegung einzelner Elemente veranschaulichen. Gezeichnet wurde inzwischen
auch weniger, um die Beobachtungsfähigkeit und das gedankliche Operieren in Bildern
räumlicher Zusammenhänge sowie das entsprechende Geschick auszubilden, als vielmehr, um
lediglich Konstruktionsmuster zu reproduzieren (Mende 1994, 20f).

Jetzt bildete sich die eigentliche Konstruktionspraxis in der Industrie heraus. Die
Kommunikation zwischen den Konstrukteuren und den Fertigungsleuten über funktionale und
hierarchische Differenzierungen der Konstruktionsabteilungen führte zu unterschiedlichen
Konzeptionen des erfindenden Ingenieurs: (1) die Meisterkonstruktion: hier stand die münd-
liche Anweisung im Zentrum; es wurden Modelle und Skizzen benutzt und die unbemaßte
Werkstattzeichnung propagiert. (2) die Erfinderkonstruktion stützte sich auf die unbemaßte
Werkstattzeichnung. (3) die Konstrukteurskonstruktion: hier herrschte die bemaßte Werkstatt-
zeichnungen vor. (4) die Firmenkonstruktion: ging von schwarz-weiß-bemaßten Werkzeug-
zeichnungen aus und erstellte auf dieser Basis Stücklisten, Arbeitsvorbereitungs-, Mittel- und
Packpapierlisten auf. Damit ist endlich die Trennung von Konstruktion und Fertigung, Wirt-
schaften und Wissenschaft gestrichen. Die Trennung von Konstruktion und Fertigung geschah
aus arbeitsorganisatorischen Gründen, aus Gründen der Rationalisierung.

Bei der Meisterkonstruktion war die Einheit von Konstruktion und Fertigung gegeben. Selbst
Siemens arbeitete in dieser Weise und nach diesem Schema. Die Meister gingen in Zeitraum
von 1847 bis 1867 ausschließlich aus den handwerklich gebildeten Arbeitern hervor (König
1999, 105). Die Erfinderkonstruktion hat sich die Herauslösung der Konstruktion aus der
Fertigung zum Ziel gesetzt. In Fabriken kam es zur Serienfabrikation. Ein erstes Beispiel
dafür war Hefners Konstruktionsbüro. Auch Siemens verlegte seine Untersuchungen mehr
und mehr in sein privates Labor. Ein eigener Bote für den Kontakt zwischen Werkstatt und
Modelltischlerei war erforderlich. Die Arbeitsteilung zwischen Konstrukteur und Zeichnern
war insbesondere wichtig. Es gab große Freiheiten beim Umsetzen der Pläne und umfang-
reiche Nacharbeiten waren erforderlich. Unbemaßte Werkstattzeichnungen in Originalgröße
gezeichnet erlaubte nur eine höchst ungenaue Fertigung. Häufig traten Konstruktions- und
Werkstattfehler bei Montagen oder bei Revisionsarbeiten zutage (König 1999, 117). Eine
räumliche Nähe zwischen Konstruktionsbüro und Werkstätten wurde angestrebt. Es bildete
sich eine hierarchische Strukturierung zwischen Konstrukteuren und Zeichnern, zwischen
Copisten und Zeichnern heraus. Es gab aber keinen großen Wandel in der Ausstattung der
Zeichenbüros. Die Konstrukteure skizzieren mit Bleistift, ins Reine gezeichnet wurde mit
Feder und Tusche. Ein weiterer Schritt voran geschah mit der Konstrukteurskonstruktion. Es
kam zu einer Entwicklung der Herrschaft des Büros. Zweitens traten die Erfordernisse der
Fertigung hinter der Konzeption des Produktes zurück. Es entstand so ein neues konstruk-
tionsorientiertes Denken. Mit der Werkstattzeichnung gab man die Perspektive auf und stellte
das Objekt nach den Kriterien der Eindeutigkeit und Vollständigkeit in orthogonalen Projek-
tionen im Grundriss, im Schnitt und in verschiedenen Ansichten dar. Zeichnen ist jetzt vor
allem eines von Maschinenteilen. Angebotszeichnungen für Kunden sind ein eigenes Metier.
Dabei gibt es Zeichnungen mit Symbolen für bestimmte Bearbeitungsverfahren. Bürokrati-
sierungstendenzen traten auf.

125
Im internationalen Vergleich lassen sich für diesen Zeitraum unterschiedliche nationale Kon-
struktionstraditionen herausarbeiten. In Großbritannien ist das geringe Engagement der
britischen Industrie zugunsten der Ingenieurausbildung auffällig. Die Konstruktions- und
Zeichenbüros rekrutierten ihren Nachwuchs vor allem aus der Werkstatt. Dieser spezifisch
britische Konstruktionsstil bedingte, dass man im britischen Werkzeugmaschinenbau im
Unterschied zu dem der USA mehr Einzweck- als Mehrzweckmaschinen baute und nicht auf
Lager, sondern auf Bestellung fertigte (König 1999, 174-179). In den USA entstand die
Berufsgruppe der Maschinenbauingenieure vor allem in der industriellen Praxis. Diese
beruhte auf dem Selbststudium der Arbeiter. 1861 wurde MIT gegründet. Die Ingenieur-
ausbildung in den USA hatte unterschiedliches Niveau. Positiv war die Praxisnähe. Allerdings
bestanden unterschiedliche Zeichnungssysteme. Aus dem langjährigen Umgang mit Maschi-
nen entstand die Praxisnähe der amerikanischen Ingenieurausbildung im späten 19. Jh. Sie
manifestiert sich im relativ späten Zeitpunkt der Gründung einer Vereinigung der Maschinen-
bauingenieure. Zwischen 1880 und 1900 bildete sich die bemaßte oder unbemaßte Zeichnung
für Konstruktion und Fertigung nur im Zusammenhang mit anderen Kommunikationsmitteln
wie mündliche Anweisung und Modelle heraus (König 1999, 191). Die Fortschritte in der
Fertigungstechnik hatten einen Bedeutungszuwachs des Konstruktionsbüros zu folge. Es kam
zu einer stärkeren Trennung von Konstruktions- und Zeichenbüro im Sinne einer starken
Arbeitsteilung. Große Zeichensäle, aber auch Einzelbüros konnte man finden. Es gab mehr
Zeichenroutine und repetitive Tätigkeiten. Das „American system of manufacture“ schloss
handwerkliche Nacharbeit bei Maschinenteilen mit ein. Bessere Werkzeugmaschinen und
eine präzisere Auftragsvergabe an Zulieferer war die Folge, setzte aber umfangreichere
Normierung bzw. Typisierung voraus. Dies erlaubte die Produktion weit höherer Stückzahlen,
führte andererseits zur Entwicklung eines besonderen Konstruktionsstils, in dem nicht techni-
sche Perfektion angestrebt wurde, sondern Funktionsfähigkeit (König 1999, 199).

In Frankreich gab es technische Bildungseinrichtungen schon aufgrund der Bedürfnisse des


absolutistischen Staates. Dieser wollte eine Verkehrsinfrastruktur schaffen. Das Überwech-
seln in die Industrie allerdings war schwierig. Im Hinblick auf die Industrielle Revolution
kam es zu einer nachholenden Industrialisierung Frankreichs. Es gab zwei Ingenieurschulen,
wobei die eine die Theorie, die andere die Praxis in den Vordergrund stellte. Im 19. Jh.
erfolgte der Aufbau eines dichten Netzes technischer Primär- und Sekundärschulen etwa seit
1880. Dies verhindert aber nicht die hohe Bedeutung des technischen Self-made-man (König
1999, 206f). Die Technikentwicklung ist im Wesentlichen von externen Faktoren gesteuert. P.
Hughes Begriff des Technological Style hat aber gewisse Grenzen. Bei Hughes bezeichnet
Technological Style Variationen von technisch Gleichartigem. Darin manifestieren sich noch
Reste eines Technikdeterminismus. Hinzu kommen die kunstwissenschaftlichen Implika-
tionen des Stilbegriffs. Daher sollte man eher von Technik- und Konstruktionskultur spre-
chen. Hierin ergeben sich Konnotationen zum Kulturbegriff der modernen Anthropologie, die
im Rahmen einer Praxiskultur von einer Gesamtheit der Technik ausgeht. So lassen sich eine
Schul- und eine Praxiskultur unterscheiden. Die Schulkultur herrschte insbesondere in
Deutschland und in Frankreich. Hier wurde das technische Bildungssystem zunächst für die
Bedürfnisse des Staates geschaffen und es bedurfte einer Umorganisation für die Bedürfnisse
der Industrie. Die Angebotsorientierung im technischen Ausbildungs- und Beschäftigungs-
system, die Hochschätzung von Bildung und sozialer Aufstiegsmöglichkeiten sind Kenn-
zeichen der Schulkultur.

Durch die Weltkriege des 20. Jh. wurde die Verwissenschaftlichung der Technik zum interna-
tionalen Trend. Dabei ging es nicht nur um die experimentell im Labor zu reproduzierende,
sondern auch um die in der Praxis gewonnene, einmalige und personengebundene Erfahrung.
Dieses praktische Wissen überschreitet den im engeren Sinne technischen Bereich. Technik-

126
wissenschaft umfasst, so verstanden Wissenstypen, die ganz sozialer, politischer und
kultureller Art sind. Mit Begriffen wie Erfahrung, Know how, Tacit Knowledge ist ein
Phänomen angesprochen, dem man in der Technikgeschichte auf Schritt und Tritt begegnet.
Das gilt besonders für die Großtechnik: für den Bau und den Betrieb großer und komplexer
Anlagen, wo langfristige Materialeigenschaften, schwer überschaubare Wechselwirkungen
zwischen der Vielzahl der Komponenten und auch sehr seltene, zunächst mehr hypothetische
Störfallmöglichkeiten ins Gewicht fallen (Radkau 1989, 41-43). In der Technik gibt es keines-
wegs nur den Trend zum Großen und Komplexen. Aber die Verwissenschaftlichung der Tech-
nik wurde bereits zu einer Zeit emphatisch programmiert, als in Wahrheit davon noch keine
Rede sein konnte. An die Stelle der Zufallserfolge der frühen Jahre trat die wissenschaftliche
Sicherheit, zielte wissenschaftlich mit Sicherheit assoziiert, vor allem auf geregelte,
systematisierte Verfahren. Die Missachtung der Technik durch die humanistischen Bildungs-
eliten war in der Tat aufreizend und nahm im Laufe des 19. Jh. eher noch zu. Entgegen einer
verbreiteten Annahme ergab sich die Verwissenschaftlichung der Technikerausbildung
keineswegs von selbst aus der wachsenden Komplexität der Technik, sondern erforderte eini-
gen Legitimationsaufwand. In mehrfacher Hinsicht konsolidierte der Kampf um das Patentge-
setz das Bündnis zwischen Industrie und Wissenschaft (Radkau 1989, 158-161).

Werner von Siemens erfand die dynamoelektrische Maschine durch Probieren, und noch
Jahre danach versprach er sich von studierten Leuten kaum einen Nutzen für seine Firma.
Rein empirisch, ohne jede Systematik verfuhr der berühmte Edison. Nach in den zwanziger
Jahren waren weder die Vorgänge im Hochofen noch die im Walzwerk in theoretischer
Hinsicht vollständig geklärt. Ein besonders typisches und erfolgreiches Exportgut der deut-
schen Eisen verarbeitenden Industrie wurde Ende des 19. Jh. die Werkzeugmaschinen. Gerade
sie aber blieben laut Georg Schlesinger, dem ersten Inhaber eines Lehrstuhls für Werkzeug-
maschinen, von der deutschen Wissenschaft arg vernachlässigt. Die Werkzeugmaschine wur-
de eben nicht als vollwertige Maschine angesehen, sondern nur als maschinelles Werkzeug,
zu dessen Entwurf und Herstellung ein erfahrener Meister und vielleicht noch ein besserer
Techniker gut genug war. Ein Theoriebedarf bestand in besonderem Maße beim Großma-
schinenbau, überhaupt bei Großbauten; denn dort war das Risiko am höchsten und die
Möglichkeit, sich an ständig wiederholten Alltagserfahrungen zu orientieren, am geringsten.
Der Großbrückenbau, insbesondere der Bau der Eisenbahnbrücken gab seit der Mitte des 19.
Jh. der wissenschaftlichen Statik entscheidende Impulse. Gerade bei Großbrücken, wo Wind-
druck und Materialprobleme am stärksten ins Gewicht fielen, waren Berechnungen unzu-
verlässig (Radkau 1989, 164-167).

Die entscheidende Triebkraft bei der Verwissenschaftlichung der Ingenieurausbildung waren


nicht die Anforderungen der Technik, sondern Standesinteressen der Ingenieurselite,
unterstützt durch die in Deutschland vorherrschende Bildungsideologie. Das Verhältnis
zwischen Wissenschaft und Technik ist keineswegs nur durch die wachsende Affinität,
sondern auch durch die Entstehung neuer Spannungsfelder – vor allem der Spannung
zwischen Grundlagen- und angewandter Forschung – gekennzeichnet (Radkau 1989, 170f).
Die Niedergangsthese entsprang einer Idealvorstellung vom alten Zunfthandwerk, die sich mit
der Realität nur begrenzt deckte, und einem Zukunftsbild, in dem Fortschritt mit höherer
Mechanisierung identisch war. Anders verhält es sich, wenn man das Handwerk arbeits-tech-
nisch und anthropologisch definierte: als eine Arbeitswelt, in der es entscheidend auf manuel-
le Fertigkeiten, Erfahrung und Gefühl für Werkstoffe ankommt, wo Planung und Ausführung
nicht oder nicht überwiegend getrennt sind und die Arbeit Selbstbewusstsein vermittelt.
Handwerk, so verstanden, kann es auch in den Fabriken geben. Solingen überwand in den
70er Jahren des 19. Jh. den Makel des Billigen und Schlechten und überflügelte Sheffield, so
war das entgegen einer herkömmlichen Meinung nicht nur der Mechanisierung des Schmiede-

127
verfahrens, sondern auch der Neuformierung der Schleifer als qualifizierter Facharbeiter zu
verdanken (Radkau 1989, 188f). In der Frühzeit der Firma Siemens, als diese noch eine
Mechanikerwerkstatt und keine Fabrik war, fanden die Brüder Siemens wiederholt Anlass zu
Ärger über die Handwerker-Freiheiten, die sich ihre Mechaniker, die Herren Künstler heraus-
nahmen (Radkau 1989, 191). Im aufsteigenden Ingenieurstand waren verächtliche Bemer-
kungen über die Handwerker verbreitet. Der Sturz des Meistersystems um die Jahr-
hundertwende war das erklärte Ziel der wissenschaftlichen Ingenieure. Bis dahin war der
Ingenieur vor allem Konstruktionszeichner gewesen. Aber je mehr das Konstruieren zur
Routinearbeit wurde, und die Methoden der Massenfertigung den Ruf nach fertigungsgerech-
ter Konstruktion aufkommen ließen, desto mehr ging das Bestreben der Ingenieure dahin,
auch die Fertigung unter ihre Kontrolle zu bekommen.

1847 gründeten Werner Siemens und Johann Georg Halske eine mechanische Werkstatt zur
Ausführung elektrischer Telegrafen, doch ohne Ausschließung anderer Arbeitsgebiete. Der
Siemenssche Zeigertelegraf wurde schon zu Beginn der 1850er Jahre von dem Morseapparat
verdrängt (Hausen, Rürup 1975, 267). Aufgrund eines Großauftrages aus Russland waren die
Anfangsjahre begünstigt. Siemens stand gut da. Allerdings weisen Beschreibungen der Arbeit
in den Werkstätten aus dem Jahre 1850 auf den handwerklichen, wenig arbeitsteiligen, kaum
Werkzeug und deshalb auch kaum Kraftmaschinen erfordernden Einsatz der in der Werkstatt
vorherrschte, selbst als sie schon um die 150 Arbeiter beschäftigte. Es scheint dieser
handwerkliche Kern der Arbeiter gewesen zu sein, der sich gegen eine Rationalisierung der
Arbeit durch größere Arbeitsteilung sträubte. Die handwerklich orientierten und gelernten
Arbeiter wurden nicht Arbeiter genannt, sondern als Mechaniker, Schlosser und so weiter
insgesamt aber Gehilfen bezeichnet. Arbeiter nannte man nur die ungelernten Hilfsarbeiter,
die in der besprochenen Periode eine verschwindende Minderheit bilden. Das große Gewicht,
das auf Ausbildung, Erfahrung und Geschick der Arbeiter gelegt wurde, führte zu großen
Differenzen bei den Löhnen der Arbeiter, je nach deren Qualifikation, Geschick und Erfah-
rung. Dennoch war der tatsächlich gezahlte Unterschied im Lohn minimal. In der klaren
Arbeitsbegrenzung wie in der strikten Trennung von Arbeitsplatz und Arbeiterwohnung, aber
auch in der Möglichkeit der schnellen Entlassung von Arbeitern zeigt sich die klare
Abgrenzung der Telegrafenbauanstalt vom traditionellen Handwerksbetrieb. Um 1855 gab es
schon sechs Arbeitssäle. Jede der Säle wurde von einem der Meister geleitet. Somit fand die
erste Strukturierung der Arbeiterschaft in überschaubaren Einheiten statt. Weder die Differen-
zierung der Herstellungsobjekte, noch die Aufteilung der Arbeitsprozesse hatte einen Grad
erreicht, der sie als Gliederungsmerkmal benutzbar gemacht hätte. Mit zunehmender Diffe-
renzierung und Ausweitung des Arbeitsprozesses stellte sich das Koordinationsproblem in
verschärfter Weise. Im vorwiegend handwerklichen Arbeitsprozess scheint der Meister seine
Autorität gegenüber den Arbeitern hauptsächlich aus seiner Beherrschung des Handwerks, aus
seiner beruflichen Qualifikation gezogen zu haben. Die Art der Arbeit verlangte, dass er
seinen Untergebenen praktisch zeigen konnte, was sie tun sollten. Er hatte die Funktion, neue
Arbeiter einzuweisen (Hausen, Rürup 1975, 270-275).

Erst die Aufschwungsperiode am Ende der 1860er und am Beginn der 1870er Jahre, mit der
in Deutschland die erste Phase der Industrialisierung die Industrielle Revolution abschloss,
und die auch für die Firma Siemens intensiven Aufschwung und Expansion bedeutete, brachte
die noch immer unvollkommene Umwandlung der Telegrafenbauanstalt in eine Fabrik. bevor
der Beginn der Depression 1873 den Prozess der Ausdehnung und Umstrukturierung zunächst
bei Siemens stocken ließ. Die Grenze fand die Expansion der Firma im Mangel an Arbeits-
kräften. Die konsequente Einführung von Werkzeugmaschinen und damit auch der verstärkte
Gebrauch von Kraftmaschinen, die Hauptsächliche Antwort der Firmenleitung auf das Pro-
blem der Arbeiterknappheit und Arbeiterforderungen. Innerhalb des Berliner Geschäftes über-

128
nahm Werner Siemens die Initiative und Führung dieses Modernisierungsprozesses. Das Aus-
scheiden Halskes erleichterte es ihm, den schon lange anhaltenden Ermahnungen seiner Brü-
der aus England zu folgen und gegen den Widerstand er Werkstatt Massenfabrikation – diesen
Ausdruck gebrauchte er selbst – einzuführen. Die sich durchsetzende Maschinisierung und
veränderte Marktorientierung im Zuge des Übergangs von der Manufaktur zur Fabrik,
bedeutete nicht nur zunehmende Fremdbestimmung und Statusverlust für den einzelnen
Industriehandwerker, sondern auch Funktionsverlust für die Werkstatt im Ganzen. Die
Anstrengung wurde auf gute Konstruktion verlegt, dass Bestreben ging dahin, Normal-
konstruktionen einzuführen, welche dann billig fabriziert werden konnten und so die Konkur-
renz erleichterten. Im Juli 1869 wurde ein Zeichenzimmer eingerichtet, ein zweiter Zeichner
eingestellt und ein Tagelöhner vermittelte als Bote die Gänge zwischen Zeichenzimmer und
Modelltischlerei. Ungefähr zur selben Zeit entstanden ein technisches Vertriebsbüro und ein
erstes Laboratorium. Alle drei Abteilungen bedeuten zunehmende Fremdbestimmung für die
Werkstatt als solche. Kopf- und Handarbeit hatten sich in zwei Produktionsbereiche getrennt
(Hausen, Rürup 1975, 278-282).

Besonders die Elektrizität begründete gegen Ende des Jahrhunderts einen neuen populären
Traum vom technischen Fortschritt und einen Glauben an die Fähigkeit der Technik, die
durch sie entstandenen Probleme auf Dauer selbst lösen zu können. Erst mit der Elektrizität
wurde eine Allgegenwart der Technik, eine Technisierung des gesamten Lebens, eine Versöh-
nung von Technik und Kultur vorstellbar (Radkau 1989, 217). Der Glaube an eine wachsende
Einheit von Technik und Wissenschaft war bei sozialistischen Theoretikern besonders beliebt:
die Vergeistigung der Technik versprach, die Atmosphäre brachialer Gewalt aus der Arbeits-
welt zu verbannen und die Einheit von Hand- und Kopfarbeit wiederherzustellen. Sie glaub-
ten, dass der Weg der kollektiven Emanzipation der Arbeiterklasse über den technischen Fort-
schritt führe. In der ersten Hälfte des 20. Jh. kam es zu einer Technisierung aller Lebens-
bereiche und zur Vergesellschaftung des technischen Risikos (Radkau 1989, 222). Der
Rückgang des Dienstpersonals in vielen bürgerlichen Haushalten nach dem Krieg verstärkte
das Interesse an der Technik. Technisierung und Rationalisierung, ja Verwissenschaftlichung
des Haushalts wurden in den zwanziger Jahren zu einem beliebten Thema. Eine technische
Revolution im Haushalt wurde bis in die fünfziger Jahre durch die sparsame Gewohnheit,
vorhandene Geräte so lange wie möglich zu gebrauchen, behindert (Radkau 1989, 233f). Der
Elektroingenieur war ein anderer Typus als die herkömmlichen Maschinenbauer. Die Technik
war in dieser abstrakten Form im 19. Jh. kein Thema gewesen. Jetzt begannen Betrachtungen
über Mensch und Technik, Kultur und Technik zur Mode zu werden (Radkau 1989, 254).
Rein technisch gesehen besteht tatsächlich ein fließender Übergang zwischen Spar- und
Vergrößerungsmaßnahmen. Denn die Wärmeverluste lassen sich durch Vergrößerung der
Dampfkessel, Erhöhung des Drucks und Kombination mehrerer Produktionsprozesse vermin-
dern.

Im Zentrum der theoretischen Auseinandersetzung stand der Streit um die Mathematik und
die mathematischen Methoden in der sich ausbildenden technologischen Diskussion. Eine
idealisierte mathematische Theorie wird dabei in der Regel bestimmte Faktoren vernach-
lässigen, die für die Theorie keine Rolle spielen. Dies ist jedoch in der technologischen
Diskussion nicht so einfach möglich. Daher richtete sich der fundamentale Einwand der
Ingenieure im Hinblick auf die mathematische Theorie, dass sie eine solche Idealisierung
vornahm. Idealisierung ist fundamental für das Verständnis der Interaktion zwischen Wissen-
schaft und Technologie. Die klassischen Methoden der mathematischen Physik haben sehr oft
Linearisierung benutzt und wurden auf diese Art eine Idealisierung natürlicher Phänomene,
die sie häufig unbrauchbar machten für technologische Lösungen. So unterstellte man im
Turbinenbau ideale, homogene und uniforme Flüssigkeiten. Aber im tatsächlichen Turbinen-

129
bau spielten Wirbel, Unregelmäßigkeiten und Störungen eine zentrale Rolle, so dass die
idealisierte Theorie oft unbrauchbar war für die vitalen Interessen der Technologen. Zu den
größten Problemen für die Turbinenbauer, welche eine mathematische Theorie nicht beach-
tete, waren Probleme der Maßeinheiten, des Strömungsabbruchs und des internen Wider-
standes des Wassers. Diese einzelnen Wirkungen mussten aber in der Technologie berück-
sichtigt werden. Die unvermeidbare Idealisierung der mathematischen Theorie führten
Boyden und Francis dazu, diese zurückzuweisen verbunden mit dem Versuch eine
Turbinentheorie mit den Mitteln der klassischen Mechanik aufzustellen (Layton 1979, 76-78).

Weder Boyden noch Francis hatten irgendetwas Ähnliches wie eine allgemeine Theorie des
Widerstandes von Flüssigkeiten, aber sie dachten darüber nach, welche Effekte Turbulenzen
hervorbringen könnten. Was die beiden an theoretischen Verständnismöglichkeiten durch die
Aufgabe der Idealisierung verloren, das gewannen sie aber an Konstruktionseinsichten. Die
vollzogene Verwerfung mathematischer Theoriebildung durch Boyden und Francis wurde
ergänzt durch eine erneute Betonung der Bedeutsamkeit des Experimentes. Es war eine Art
experimenteller wissenschaftlicher Forschung, die kontinuierlich seit den 1840er Jahren bis
zum Ende des Jahrhunderts verbessert wurden, die als eine der wesentlichsten Gründe für die
bemerkenswerten Erfolge amerikanischer Turbinenkonstrukteure angeführt werden kann. Die
industrielle Erzeugung von Turbinen begann mit dem Zusammenbau von Turbinen gemäß
den von Francis vorgeschlagenen Typs und zwar in großer Stückzahl, um diese auf einem
Massenmarkt zu verkaufen. Ohne Zweifel verfolgten die Ingenieure eine Methode des
Erprobens und Versuchens inklusive Fehlversuche, aber auch die Methode rationalen
Konstruierens (Layton 1979, 80-84).

Boyden und Francis wiesen die Anstrengungen zurück, die Wissenschaft von den Turbinen in
die klassische Mechanik zurückzuversetzen und in der Tat wiesen sie fast jede mathematische
Theoriebildung zurück. An dessen Stelle entwickelten sie Konstruktionsprinzipien und ex-
perimentelle Verfahren, die die Grundlage einer empirischen Wissenschaft bildeten. Im Falle
der Turbinenkonstruktion beugten sich die Ingenieure und adaptierten die Methode und den
Geist der Naturwissenschaft, um eine eigene Ausprägung eines Typs von Wissenschaft und
Experimentierkunst zu etablieren, der in der Technologie gebraucht wurde. Aber diese
ursprüngliche Ablehnung mathematische Idealisierung zeigt den Weg auf, in denen Technik-
wissenschaften sich von Forschung und Wissenschaft unterscheiden. Forschung und Wissen-
schaft wollen Wissen, sie suchen generelle und exakte Lösungen auch um den Preis der
Idealisierung. Technikwissenschaften bzw. Ingenieurwissenschaften, da sie praktischen Zie-
len dienen, hat keine von diesen Aufgaben. Die Ingenieure nutzen Theorie aber für ihren
tatsächlichen Erfolg für die Entwicklung von technischen Artefakten ist deren Testung, Über-
prüfung und Beschreibung in Maßeinheiten nach wie vor zentral (Layton 1979, 88 f).

Der Ingenieur ist sowohl Wissenschaftler wie Geschäftsmann. Die Ingenieurskunst ist eine
wissenschaftliche Profession. Allerdings liegt der Test auf das erfolgreiche Bestehen der
Aufgabe des Ingenieurs nicht im Laboratorium, sondern auf dem Marktplatz. Dabei gibt es
einen Konflikt zwischen professioneller Unabhängigkeit und bürokratischer Loyalität. Der
Ingenieur ist der eigentliche und ursprüngliche Organisator bzw. Manager in großen Unter-
nehmen. Im 18. und weitgehend auch im 19. Jh. entwickelte sich Amerika recht schnell zu
einer Nation mit fortgeschrittenen Technologien, ohne dabei auf ein Heer wissenschaftlich
ausgebildeter Experten zurückgreifen zu können. Erst die großen Firmen und das Militär
benötigten nach dem Bürgerkrieg Experten. Zwischen 1816 und 1850 erfolgte die erste
Nachfragewelle nach Ingenieuren durch den Bau von Kanälen und Eisenbahnlinien (Layton
1986, 1f).

130
1850 gab es 2.000 Zivilingenieure in den USA, von 1880 bis 1920 wuchs die Zahl von 7.000
auf 136.000 neue technische Spezialisten. Der Ursprung der Ingenieursprofession wurde
begleitet durch eine wissenschaftliche Revolution in der Technologie. Der Professionalismus
war ein Mittel des Schutzes der Umsetzung und der Vermehrung dieses technologischen
Wissens. Der Übergang von einer traditionellen an Faustregeln orientierten Methoden zur
wissenschaftlichen Rationalität in der Technologie beinhaltet einen Wandel sowohl in
momentkraftorientierten Hinsichten wie in den langfristigen Folgen der Industriellen Revolu-
tion selbst. Ein zentrales Element in diesem Zusammenhang war die Entwicklung des Erzie-
hungswesens im technischen Bereich. Die frühen Zivilingenieure wurden durch Selbst-
studium und durch die Erfahrung in der Lehre beim Jobtraining vermittelt. Eine College-
Erziehung wuchs erst nach 1870 in den USA an. Das College-Trainung war ein Anzeichen für
eine größere Betonung wissenschaftlicher Verfahren. Aber auch hier war der Wandel eher
evolutionär als revolutionär. Das Argument für eine Kontrolle auf College-Ebene der profes-
sionellen Arbeit der Ingenieure ist eng verbunden mit der Forderung nach Autonomie für die
Ingenieure. Die professionelle Freiheit impliziert soziale Verantwortlichkeit. Für Ingenieure
war das meiste und wichtigste Element an Professionalismus der Anspruch auf einen sozialen
Status. Professionelle Autonomie ist wichtiger als Schutz gegenüber der Bürokratie. Der
Professionalismus ist nicht in sich demokratisch, aber er setzt Hierarchien unter Druck. So hat
er eine mächtige Gegenbewegung gegen die Geschäftswelt ins Leben gerufen. Er ist eine
Quelle für das Verständnis des beruflichen Hintergrundes des Ingenieurs. Außerdem geht es
darum, Selektionskriterien in der Rekrutierung von Ingenieurstudenten insbesondere aus der
Mittelklasse, aus kleineren Städten und aus alteingesessenen Familien heraus zu entwickeln.
Die meisten Ingenieure arbeiten in industriellen Bürokratien. Das professionelle Ideal wird
ausgedrückt durch Morgan. Es geht um den Einfluss auf die Geschäftswelt, es ist aber ein
indirekter und subsidiärer Einfluss auf die Geschäfte (Layton 1986, 4-18).

Die Entwicklung der Ingenieursprofession macht sich an der Qualifikation der Mitglieder in
den entsprechenden Ingenieursvereinigungen bemerkbar. Es geht um Kreativität, Design,
Konstruktion um letztendlich eine Ingenieursgesellschaft in Amerika zu formen. Die Mitglie-
der waren dazu aufgefordert einen aktiven professionellen Status in den entsprechenden
Bereichen aufzuweisen. Erforderlich für die Mitgliedschaft waren fünf Jahre Berufserfahrung
und die aktuelle Beschäftigung in einem Ingenieursbereich. Der ASCE bezahlte einen hohen
Preis für seine exklusiven Standards der Mitgliedschaft. Es gilt dabei eine Linie zu ziehen
zwischen Ingenieuren und Managern. Es war allerdings in der Tat sehr schwierig dies zu tun.
Die Definitionsmöglichkeit technischer Konstruktion war eine der Hauptschwierigkeiten der
Ingenieursgesellschaft. Der ASCE entwickelte ein ausgearbeitetes Set von Prozeduren um
professionelle Standards aufrecht zu erhalten. Es ging um die Sicherung von professioneller
Autonomie. Dazu dienten die Weltausstellungen nicht zuletzt auch um die rivalisierenden
Gesellschaften präsentieren zu können (Layton 1986, 28-32). Von 1871 bis 1912 war der
AIME mehr oder weniger eine Einmannveranstaltung. Es handelt sich um den Vorsitzenden
W. Raymond. In diesem Verein gab es gewisse Annäherungen an die Unternehmen. Mit
anwachsender Größe wurde mehr Bürokratie erforderlich. Die Mitglieder forderten
Beteiligung an den Angelegenheiten der Gesellschaft. Ein Grund für die Bildung neuer
Gesellschaften im Ingenieursbereich war die Unzufriedenheit mit dem einzelnen Ausgleich
zwischen Geschäft und Professionalität in den bestehenden Ingenieursgesellschaften. Es ging
um das Verhältnis von Geschäft und die Aufteilung der Ingenieursprofession. Der Geist
professioneller Einigkeit wurde immer wieder betont (Layton 1986, 34-46).

Ingenieure beanspruchen nicht, Philosophen zu sein. Die Konsistenz einer Theorie des
Ingenieurswesens wurde zwar immer angestrebt, war jetzt aber kein zentraler Punkt, um
dessen Einlösung man sich bemühte. Die Ingenieure haben die Spannungen innerhalb ihres

131
Konzeptes und mit den Philosophen dadurch angeheizt, dass sie den Ausdruck Gesetzmäßig-
keit in ihren Theorien sehr unterschiedlich angewendet haben. Darin manifestierte sich der
gespaltene Charakter des Ingenieurs. Die Ingenieure waren beeinflusst von Spencer, sie teilten
aber seinen Determinismus nicht. Die Ingenieure waren auf der Suche nach einer eigenen
Identität und nach einer eigenen sozialen Rolle. So wurden professionelle Werte hervorge-
hoben. Ingenieure schufen eine eigene Ideologie indem sie professionelle Werte auf eine
Spencer’sche Metaphysik begründeten. Technologie galt als angewandte Wissenschaft. Diese
professionelle Ideologie umfasste (1) Professionalismus, (2) den Ingenieur als Rationalisten,
(3) eine spezielle soziale Verantwortung (Layton 1986, 53-57). Zentral war dafür das wissen-
schaftliche Selbstverständnis. Der bindende Zement der Ingenieursgesellschaften war der
Ingenieur in seinem Verhältnis zu seiner Profession als wissenschaftlichem Wissen. Die wich-
tigste Differenz zwischen Ingenieuren und progressiven Reformern bestand in der Haltung
gegenüber der Demokratie. Die Ingenieure teilten nicht den Glauben der Progressiven an die
Demokratie. So gab es Grundstrukturen für die Rekonstruktion der Ingenieursgesellschaften.
Der Glaube an die Möglichkeiten wissenschaftlicher Lösungen sozialer Probleme gehörte zu
den Grundannahmen der Ingenieursgesellschaften. Das war ein technokratisches Modell.
Ingenieure sahen keine Gefahr in der Macht und in den Vorgaben der Geschäftswelt. Es gab
nur schwache Einflüsse der Gewerkschaften auf die Ingenieursgesellschaften. Leitend wurden
die Ideen des Erfolgs und der Kontrolle des Ingenieurswerkes (Layton 1986, 58-73).

Die Professionalität der Mitglieder wurde ein zentrales Motiv, auch um die formalen
Voraussetzungen für den Beitritt neu zu klären. In den 20er Jahren des 20. Jh. fand eine
Wende von Professionalismus zum Geschäft statt. Es entstand eine professionelle Elite
(Layton 1986, 79-93). Veränderungen in den Aufgaben des Ingenieurs im 20. Jh. warfen
erneut Statusfragen auf. Die zu schnelle Ausdehnung der Erziehung der Ingenieure führte zu
einer Verlängerung der Studienzeit. Der Technokratieansatz macht den Menschen zum Mate-
rial. So entstand die Idee einer Ingenieurskooperation mit anderen professionellen Feldern.
Das Ingenieurskonzil schlug fehl in der Aufgabe einer Vereinigung der Ingenieursprofession
(Layton 1986, 111-127). Im Zeitalter der wirtschaftlichen Depression erfolgte auch eine Para-
lyse der Ingenieursprofession. Es gab keine Ingenieurslösung für die wirtschaftliche Depres-
sion. Dies war auch in gewisser Weise ein Rückschlag für die technokratischen Ideale. So
wurde 1935 der New Deal formuliert der auf stärkeren Regionalismus setzte. Das Ingenieurs-
konzil für die professionelle Entwicklung wurde 1932 gegründet und sollte der Professio-
nalitätssicherung dienen. Der wissenschaftliche Professionalismus war aber letztendlich nicht
unbedingt erfolgreich. Es kam zu gewissen Verwerfungen in der Ingenieurstechnologie.

Henry Perkin, der Entdecker des ersten Teerfarbstoffs, hat sein Verfahren nur dadurch
erfolgreich industriell umsetzen können, dass er sich von der erlernten chemisch-wissen-
schaftlichen Methodologie löste und sich der traditionell britisch handwerklich-empirischen
chemischen Technologie anvertraute (König 1995, 289). In der Zeit, als die Chemieunter-
nehmen noch über keine Forschungslaboratorien verfügten, aber auch noch später, erwarben
sie von den Leitern der chemischen Hochschulinstitute Verfahren, die zu Stoffen führten, für
die man sich Chancen auf den Markt ausrechnete. Die Synthesen der wichtigsten Naturfarb-
stoffe kamen alle aus den Hochschulen (König 1995, 291f). Für die Elektrotechnik kann man
durchaus von einer Verwissenschaftlichung sprechen. Der Verwissenschaftlichungsprozess
der Elektrotechnik lief im 19. Jh. langsam an, erfuhr seit den 1890er Jahren eine enorme
Beschleunigung und ist bis zur Gegenwart nicht abgeschlossen. Die wissenschaftliche Elek-
trotechnik entwarf zur Beschreibung und Erklärung elektrotechnischer Maschinen, Apparate
und Prozesse technikwissenschaftliche Modelle.

132
In diese Modelle flossen naturwissenschaftliche Gesetzesaussagen ein, Ergebnisse technik-
wissenschaftlicher Versuche, aber auch formuliertes praktisches Erfahrungswissen. Mit der
Verbesserung der Abbildungsqualität der Modelle wurden sie zunehmend in der elektro-
technischen Praxis zur Vorausberechnung von Variantenkonstruktionen sowie bei Entwick-
lungsarbeiten eingesetzt. Zum Verhältnis von Wissenschaft und Technik gibt es in der Litera-
tur unterschiedliche Thesen:

(1) Technik und Wissenschaft sind unabhängig voneinander, weil prinzipiell unter-
schieden,
(2) Technik und Wissenschaft sind zufälligerweise interdependent, die Richtung des
Einflusses wechselt,
(3) Das Verhältnis von Wissenschaft und Technik hat sich dahingehend historisch ge-
wandelt, dass die zunächst bestehende Unabhängigkeit und die spätere Führung-
srolle der Technik gegenüber der Wissenschaft durch die Verwissenschaftlichung
der Technik abgelöst wird,
(4) Technik und Wissenschaft befinden sich in einem systematischen Abhängig-
keitsverhältnis, es gibt eine Verwissenschaftlichung der Technik und eine gleich-
zeitige Technisierung der Wissenschaft (König 1995, 297f).

Im Hinblick auf die Elektrotechnik und ihre Verwissenschaftlichung lassen sich drei Phasen
unterscheiden: (1) eine Zeit des Probierens, die bis in die 1880iger Jahre hinein dauerte, (2)
eine Zeit der empirischen Rechnungsformeln in den 1880er Jahren und (3) eine Zeit der
theoretischen Durchdringung, die um 1890 einsetzte (König 1995, 305). Selbst manche
Formeln in den Lehrbüchern drückten einfach Erfahrungswissen aus, das aber nur einen auf
eine Reihe von Maschinen begrenzten Gültigkeitsbereich besaß (König 1995, 310). Verwis-
senschaftlichung der Elektrotechnik lässt sich verstehen als Dominanz antizipativer Theorie in
erfolgreichen Erfindungs-, Entwicklungs- und Konstruktionsprozessen. Bei den genannten
Beispielen kann man zwar den Standpunkt vertreten, dass Technik aus Wissenschaft hervor-
ging, aber nicht aus dem wissenschaftlichen Wissen, sondern aus Wissenschaft als sozialem
System. Mit der qualitativen Expansion der Wissenschaft im 18. und 19. Jh. ist eine grundle-
gende Verschiebung der kognitiven Beziehungen zwischen Wissenschaft und Technik nicht
gegeben (König 1995, 316-318).

Anfang der 1880er Jahre richteten die Hochschulen erste Vorlesungen und kurz danach
Professuren und Laboratorien für Elektrotechnik ein. Der Institutionalisierungsschub stand im
Zusammenhang mit einem Aufschwung der praktischen Elektrotechnik, insbesondere mit der
Einrichtung von Lichtstromnetzen in den großen Städten (König 1995, 1). Die Elektrotechnik
entstand im Spannungsfeld zwischen naturwissenschaftlichen und technikwissenschaftlichen
Disziplinen, wobei die letzteren erst in der Zeit um die Jahrhundertwende ihre methodo-
logische Eigenständigkeit erreichten. Die fachliche Herkunft der Elektrotechnikprofessoren
wandelte sich in den 1890er Jahren radikal. Die Gründergeneration des Fachs entstammt in
erster Linie der Hochschulphysik. Nach der Jahrhundertwende vertraten solche Professoren
allenfalls die theoretische Elektrotechnik, während die für Elektromaschinenbau und Anla-
genprojektion zuständigen Fachvertreter jetzt Elektrotechnik und Maschinenbau studiert hat-
ten und über in der Industrie gewonnene praktische Erfahrung verfügten.

An den Hochschulen herrschte anfangs große Unsicherheit bezüglich der Gestaltung des
elektrotechnischen Studiums. Die rivalisierenden Konzeptionen bewegten sich zwischen den
Polen Theorieorientierung und Praxisorientierung sowie Physik und Maschinenbau (König

133
1995, 3f). Außerdem geht es um die Nahtstelle zwischen Ausbildungs- und Beschäftigungs-
system. Das Bewusstsein einer Forschungsaufgabe der technischen Hochschulen begann sich
Ende des 19. Jh. durchzusetzen. Dann gab es gut ausgestattete Maschinenlaboratorien auch
für die Elektrotechnik. Zwar lieferte die Hochschule über die Ausbildung von Elektrotechnik-
studenten Wissen an die Industrie, aber die Inhalte dieses Wissens stammten letztendlich aus
der Industrie selbst. An die Hochschule berufene Industrieingenieure wirkten als Wissensver-
mittler. Die Hochschule war also eher eine Instanz der Wissensvermittlung als der Wissens-
erzeugung. Insofern kann man hier von einer industriebasierten Wissenschaft reden. König
bestimmt Verwissenschaftlichung als Dominanz antizipativer Theorien in Erfindungs-, Ent-
wicklungs- und Konstruktionsprozessen. Die soziale und akademische Institutionalisierung
der Elektrotechnik geht also der kognitiven Verwissenschaftlichung voraus (König 1995, 5f).

Wegen der geringen zur Verfügung stehenden elektrischen Arbeit im 18. Jh. blieb das
Repertoire elektrischer Experimentier- und Unterhaltungskünste begrenzt. Als dann Allessan-
dro Volta 1799 mit seiner „Säule“ den Prototyp einer Batterie der Öffentlichkeit präsentierte,
stand eine konstante Stromquelle zur Verfügung, die systematisches Experimentieren mit der
neuen Naturkraft der Elektrizität erlaubte. Um 1880 begann sich eine neue Fachgemeinschaft
der Elektrotechnik herauszubilden. 1879 gründete sich in Berlin der Elektrotechnische Verein
und entwickelte sich die Starkstromtechnik. Die Frage liegt nahe, warum für die Elektro-
technik nicht im Zusammenhang mit der Einführung und Verbreitung der Telegrafie,
immerhin eine Industrie und ein technischer Anwendungsbereich von beträchtlicher Potenz,
ein Institutionalisierungsprozess einsetzte. Der Bedarf an Technikern war in der telegrafischen
Industrie klein und ließ sich ohne weiteres durch innerbetrieblichen Aufstieg qualifizierter
Arbeiter befriedigen. Auf diese Weise stand das staatliche Post- und Telegrafenmonopol
einem Ausbau der Telegrafie an den technischen Hochschulen im Wege (König 1995, 9-13).
Es lag in der besonderen Situation der Darmstädter Hochschule, dass die bestehenden
Tendenzen zur akademischen Institutionalisierung der Elektrotechnik gerade hier einen
fruchtbaren Boden fanden. Die für die weitere Entwicklung des Faches entscheidende Frage
lag darin, wie man die Elektrotechnik in das Fächerspektrum der Hochschule eingliedern
sollte. Der Erfolg Darmstadts beruhte auf der Person Kittlers, der frühen zukunftsweisenden
Institutionalisierung und den im Vergleich zu anderen Hochschulen erheblichen für den Auf-
und Ausbau der Übungseinrichtungen zur Verfügung stehenden Mittel. Werner Siemens
Anregung, an den Technischen Hochschulen Lehrstühle für Elektrotechnik einzurichten,
scheint in Stuttgart eine größere Rolle gespielt haben als in anderen Hochschulen (König
1995, 13-21).

Im Jahre 1882 begann eine intensive Diskussion über die Institutionalisierung der Elek-
trotechnik an den Technischen Hochschulen; einige Hochschulen und Regierungen bereiteten
spezielle elektrotechnische Veranstaltungen oder schon die Einrichtung von Laboratorien und
Lehrstühlen vor. Siemens und Halske war das einzige elektrotechnische Großunternehmen in
Deutschland. Viel spricht dafür, dass es sich bei der fraglichen Passage von Siemens mit der
Aufforderung der Einrichtung von Elektrotechnikprofessuren um eine Nebenbemerkung
handelte, hinter der keine durchdachte oder ausgearbeitete Institutionalisierungsstrategie
steckte. Darüber hinaus lässt es der Quellenbefund sogar sehr fraglich erscheinen, dass
Siemens den Institutionalisierungsprozess in irgendeiner Weise auch nur beschleunigte (Kö-
nig 1995, 87-89). Schließlich kam Siemens geringes Interesse auch daher, dass er der Auf-
fassung war, Elektrotechniker werde man erst in der industriellen Praxis und nicht auf der
Hochschule. Ganz falsch antizipierte Siemens die beruflichen Einsatzfelder der Elektrotech-
niker und die Größe des Bedarfs (König 1995, 92f). Die Bedeutung der technisch-industriel-
len Ursache der Institutionalisierung übertraf die der wissenschaftlich-kognitiven bei weitem.
Weder gab es um 1880 entscheidende Durchbrüche bei der theoretischen Erklärung elektri-

134
scher Maschinen, dem Schlüsselelement der sich entwickelnden Starkstromtechnik, noch
nahm die Industrie die Institutionalisierungs-Diskussion auf Ergebnisse der theoretischen
Elektrizitätslehre überhaupt Bezug. Die Institutionalisierungsmaßnahmen zielten auf die Aus-
bildung von Elektrotechnikern, nicht auf die Produktion theoretischen Wissens. Die Anstöße
für eine Institutionalisierung der Elektrotechnik fielen in einen Zeitraum als die Technischen
Hochschulen eine Krise durchzumachen hatten. Sie durchschritten eine Talsohle in der
Besuchsfrequenz, deren tiefster Punkt 1883/84 lag. Die Existenzfrage stellte sich besonders
für die kleineren Hochschulen und wurde oft mit dem Versuch der Institutionalisierung neuer
Studiengänge beantwortet (König 1995, 102f).

In der Zeit zuvor war an Technischen Hochschulen Wissenschaft und Theorie identifiziert
worden, als deren Zentrum und Inbegriff die Physik galt. Technik dagegen galt als bloße
Anwendung und deswegen als eine außerhalb der Naturwissenschaften stattfindende wissen-
schaftliche Behandlung. Aus dieser Betrachtungsweise heraus erschien die an den Techni-
schen Hochschulen zu lehrende Elektrotechnik als Addition von physikalischer Wissenschaft
und technischer Anwendung. Wenn dann Lehmann und Brown noch die Aussagen hinzu-
fügten, Anwendungskenntnisse seien besser in der Industrie als an der Hochschule zu erwer-
ben, dann war es nur noch ein Schritt, um Technischen Hochschulen generell ihre Existenz-
berechtigung abzusprechen (König 1995, 105). In der Technik geht es um die Lösung von
Aufgaben unter ungünstigen Bedingungen. Mehrere Prinzipien technischer und technikwis-
senschaftlicher Arbeit finden Verwendung:

(1) Das Ökonomieprinzip: Technik steht in wirtschaftlichen Zusammenhängen. Diese


Zusammenhänge haben technik- und technikwissenschaftliche Lösungen zu be-
achten.
(2) Das Ziel–Mittel–Prinzip: Technische Lösungen sind nur unter Bezugnahme auf
Ziele zu beurteilen. Eine Veränderung der Ziele führte zu einer Veränderung der
Mittel.
(3) Das Prinzip der Offenheit technischer Systeme: Auf technische Systeme wirken
immer zahlreiche Einflussfaktoren ein. Während es in den Naturwissenschaften
darum geht, das zu untersuchende System von Störgrößen zu isolieren, geht es in
den Technikwissenschaften darum, diese einzubeziehen. Aus diesem Grund legten
die Elektrotechniker auch keinen Wert darauf, ihre Laboratorien von Außen-
einflüssen, wie durch Straßenbahn herrührende Erdströme oder Erschütterungen
abzuschirmen. Im Gegenteil: Diese waren erwünscht, denn so ließen sich praxis-
nähere Messmethoden und Erklärungsmodelle entwickeln (König 1995, 108f).

Sieht man von Hannover als Ausnahme ab, so hemmte eine Anlehnung an die Physik die
Entwicklung des Faches. Das Fach Physik bewahrte an den Technischen Hochschulen im
Großen und Ganzen seine Stellung. Allerdings hieß dies in der Zeit vor dem 1. Weltkrieg,
dass die Physik an den meisten Hochschulen ein auf die Lehre konzentriertes Schattendasein
führte. In der Elektrotechnik dagegen entstanden materiell ausgezeichnet ausgestattete Groß-
institute. Aus einem Randbereich des Fächerspektrums der Technischen Hochschule war die
Elektrotechnik in das Zentrum der Ingenieurfächer gerückt. Früher ein Teilgebiet der Physik
nutzte Elektrotechnik diese jetzt als Hilfswissenschaft. Günstige Bedingungen für eine
gedeihliche Entwicklung des Faches ergaben sich vor allem da, wo sich die Elektrotechnik
möglichst früh verselbständigte. Die Gegner einer Differenzierung und Spezialisierung der
Elektrotechnik standen auf verlorenem Posten. Zuerst bahnte sich dieser Prozess in Form von
thematischen Lehrveranstaltungen an; nach der Jahrhundertwende nahm er durch die
Einrichtung spezieller Professuren seinen Lauf. Zu dieser Zeit ging die scientific community

135
der Elektrotechniker zumindest von einer Dreigliederung des Faches aus: die theoretische
Elektrotechnik, Elektromaschinenbau und Anbauprojektion (König 1995, 110-116).

Die Entwicklung des Faches hing im hohen Maße von der Person des ersten Fachvertreters
ab. Bei den Hausberufungen lag ein Problem darin, dass die Dozenten bereits in die Physik
oder in den Maschinenbau eingebunden waren, was sie zur Rücksichtnahme nötigte. Das
machte es ihnen schwer, für das Fach Elektrotechnik einen Neuanfang zu setzen. Der
fachliche Erfolg hing nicht davon ab, ob die Elektrotechniker Physik oder Maschinenbau oder
beides studiert hatten, sondern davon, ob es ihnen gelang, sich in die durch die Industrie
geschaffene Elektrotechnik einzuarbeiten und mit ihrer Entwicklung Schritt zu halten. Die
grundsätzliche Einsicht, dass man an die Technischen Hochschulen Industrietechniker
berufen müsse, ließ sich nur langsam in die Tat umsetzen. Eine Standardkarriere des
Hochschullehrers für Elektrotechnik hatte sich noch nicht endgültig herausgebildet (König
1995, 121-128). Hinsichtlich der Frage einer möglichen Dominanz des Siemenskonzerns
besagt die eine Hypothese, dass im Technologiekonzern Siemens Forschung und Entwicklung
einen größeren Stellenwert besaßen als bei anderen Firmen, so dass sich die Mitarbeiter in
diesem Bereich besonders qualifizieren konnten. Und die andere Hypothese, die die erste
gegebenenfalls ergänzt, geht dahin, dass der Siemenskonzern seinen Mitarbeiter größere
Freiräume ließ, Forschungs- und Entwicklungsergebnisse in der Fachöffentlichkeit vorzu-
stellen wie Patente zu erwerben und sich dadurch für einen Lehrstuhl zu qualifizieren. Für ein
elektrotechnisches Unternehmen bedeutete die Berufung eines ihres Mitarbeiters an die
Technische Hochschule Gewinn und Verlust gleichermaßen. Kurz und mittelfristig überwog
der Verlust bei weitem (König 1995, 133). Gegenüber der Industrieerfahrung standen alle
anderen Kriterien zurück (König 1995, 137). Indem die maschinentechnische Interpretation
der Elektrotechnik gegenüber der physikalischen und die praxisorientierte gegenüber der
theorieorientierten das Übergewicht gewann, verschoben sich auch die Gewichte in der
Ausbildung (König 1995, 149). Deutlich wird die zunehmende Praxisorientierung des
elektrotechnischen Studiums bei einer differenzierten Betrachtung der elektrotechnischen
Studienanteile (König 1995, 157). Bis zu einem Tiefpunkt 1908/1909 verminderte sich die
Zahl der Elektrotechnikstudenten um mehr als die Hälfte (König 1995, 183).

Schon die Zeitgenossen, aber auch Historiker haben eine Verbindung zwischen dem
wirtschaftlichen Aufstieg Deutschlands in der Hochindustrialisierung und dem deutschen
System der technisch-naturwissenschaftlichen Bildung hergestellt (König 1995, 189). Ein
wichtiger Faktor war der Konkurrenzkampf unter den Technischen Hochschulen im Fach
Elektrotechnik. Mit der Zeit und besonders nach der Jahrhundertwende drangen immer mehr
Ingenieure in die Spitzen der technischen Leistungsverwaltungen der Kommunen ein (König
1995, 235). Für viele Hochschulabsolventen bildete die Konstruktion die Anfangsstellung in
der Industrie, ehe sie in andere Abteilungen wechselten (König 1995, 242). Während die
elektrotechnische Elite im Staatsdienst teils von den Universitäten, teils von Technischen
Hochschulen kamen, entstammte die elektrotechnische Elite in der Industrie zum ganz über-
wiegenden Teil den Technischen Hochschulen. Die Universitäten, die technischen Mittel-
schulen und die praktische Ausbildung in der Industrie teilten sich den Rest. Nach der Jahr-
hundertwende, als die Technischen Hochschulen das Promotionsrecht errungen hatten, waren
die Professoren im allgemeinen auf angewandte Forschung und Lehre als gleichgewichtige
Aufgaben an und damit den Jahrzehnte dauernden Internalisierungsprozess dieses zentralen
Elementes des Humboldt‘schen Universitätsideals abgeschlossen (König 1995, 255-257).

Nach der Jahrhundertwende tauchten vereinzelt Klagen von Hochschullehrern auf, dass das
Beratungsgeschäft schwieriger geworden oder ganz eingeschlafen sei. Befanden sich die
Professoren in den 1880er Jahren noch auf einer weiten Flur, so hatte sich inzwischen die

136
selbst großgezogene Konkurrenz in Gestalt ihrer Absolventen zu ihnen gesellt. Es gab
freiberuflich tätige Elektrotechniker, die ihre Dienste anboten. Dazu kam der konjunkturelle
Einbruch in den Jahren 1901/02, der die Firmen zumindest vorrübergehend veranlasste, selbst
für die Kunden detailliert ausgearbeitete Projektangebote zu erstellen. Die städtische Verwal-
tung hatte mittlerweile eigene elektrotechnische Kompetenz aufgebaut und ihre Abhängigkeit
vom Gutachten Externer verringert. In den 1880er und 1890er Jahren hatten die Professoren
wichtige Anstöße für die Elektrifizierung gegeben. Nun hatte diese eine Eigendynamik
gewonnen und lief auch ohne sie (König 1995, 276f). Der Karriereweg der Professoren verlief
als Einbahnstraße von der Industrie zur Hochschule. Das in der Industrie erzeugte
Forschungswissen war – implizit oder explizit – in den elektrischen Maschinen, Apparaten,
Anlagen und Verfahren inkorporiert, mit denen sich die Professoren und die Studenten prak-
tisch und theoretisch beschäftigten. Wenn König den Begriff Science-based-Industry
problematisiert und stattdessen die akademische Elektrotechnik als Industriewissenschaft, als
industry-based-science charakterisiert, dann liegt dieser Umkehrung eine Analyse des Rich-
tungsverlaufes der Wissensströme zwischen der Industrie und Wissenschaft zugrunde (König
1995, 286f).

Im Bereich der Technikwissenschaften gibt es eine eigene Grundlagenforschung. Viele


technische Probleme konnten nur durch ingenieurwissenschaftliche Grundlagenforschung
gelöst werden. Die Ingenieursleistung sollte als eigenständige wissenschaftliche, also geistige
Leistung anerkannt werden. Demgegenüber wird Technik bevorzugt als manuelle Leistung
empfunden. Dies ist allerdings nicht richtig, denn Technik trägt zur Durchgeistigung der
materiellen Welt bei. Zunächst ist die Tatsache wichtig, dass nach dem zweiten Weltkrieg die
theoretische, insbesondere auf Mathematik und Physik aufbauend Komponente der Ingenieur-
wissenschaften, von der auch die entscheidenden Konstruktivleistungen abhängig sind, an
Wichtigkeit für die Gesamtentwicklung erheblich zugenommen hat (Klöppel 1961, 1145f).
Vorraussagen über die Sicherheit der Konstruktion aufgrund solcher Forschungsergebnisse
sind auch noch mit einem hohen Maß persönlicher Verantwortung belastet, wie sie viele
Wissenschaften nicht kennen. Auch das Experiment spielt bei dieser Grundlagenforschung
der Ingenieurwissenschaften eine immer größere Rolle; darum hat auch die Anzahl der
Laboratorien für ingenieurwissenschaftliche Lehrstühle in den letzten Jahrzehnten bedeutend
zugenommen (Klöppel 1961, 1149-1151). Leiblichkeit ist ein Mittelding zwischen Körper-
lichem und Geistig-Seelischem. Umgangswissen enthält einen impliziten Anteil an Gegen-
standsbezug, nämlich zur Natur und zum technischen Artefakt wie mit dem anderen
Menschen, denn Technik ist ein kultureller und als solcher auch einer leiblicher Vorgang.

Die wachsende Wissenschaftsorientierung der Technik gilt gemeinhin als ein Signum der
Moderne. Bis zur zweiten Hälfte des 19. Jh. hatten die Wissenschaften im Wesentlichen Welt-
beschreibungen abgeliefert. Jetzt aber begannen sie, substantiell an der Möblierung der Welt
mit Artefakten mitzuwirken und zugleich ein Sicherheitsversprechen dafür abzugeben. In
Gestalt der, grob veranschlagt, zwischen dem späten 17. und der zweiten Hälfte des 19. Jh. in
ihrer klassischen Form entstehenden Technikwissenschaften schufen sich Ingenieure ein
identitätsstiftendes Sonderwissen und eine genuine Wissenschaftskultur mit spezifischen
Anwendungskontexten, Sprachen, Denk- und Argumentationsstilen, Methodenarsenalen,
symbolischen Repräsentationen und Traditionsbildungen, die vornehmlich die deutsche
Ingenieurkultur nachhaltig prägte. Die Operationalisierung der mit der Technisierung des
Alltags und des Konsums im 20. Jh. allmählich reifenden Einsicht, dass technisches Wissen
nicht nur in den Sphären von Wissenschaft und Gütererzeugung entsteht, sondern die Nutzer
von Technik als aktive Koproduzenten zu begreifen sind, die im Umgang mit technischen
Objekten ebenfalls relevantes Wissen erzeugen, würde unser Thema sprengen (Hänseroth
2003, 16).

137
Ein die Gesellschaftlichkeit von Technik integrierendes Technikverständnis hatte bereits in
dem 1806 von Johann Beckmann alternativ zu den entstehenden klassischen Technikwissen-
schaften entwickelten Wissenschaftsprojekt der allgemeinen Technologie zugrunde gelegen,
das freilich noch stark von vormodernen Entstehungs- und Anwendungskontexten geprägt
war (Hänseroth 2003, 18). An bau- und maschinenmechanischen Erkenntnissystemen
orientierte wissenschaftliche Verfahren begannen auf breiterer Front seit den 1850er und
1860er Jahren, zuerst in Deutschland und Frankreich, in die Konstruktionsbüros einzuziehen.
Bald auch im Fall zu erteilender staatlicher Genehmigungen für neue Technik im Zuge der
Entstehung der modernen technischen Bürokratie zwingend gefordert wurden wissenschaft-
liche Verfahren zu einer festen und obendrein zunehmend professionellen Identität. Dies
führte zu technikbezogenen Praktiken, Routinen und Habitualisierungen von Konstrukteuren
und damit auch allmählich zu funktions- und gestaltbestimmenden Bestandteilen technischen
Handelns (Hänseroth 2003, 20).

Dabei verhalf zunächst keineswegs der Nachweis überlegener Leistungsfähigkeit in der


Konstruktionspraxis wissenschaftlichen Methoden zum Durchbruch. Ihre Bedeutung war
vielmehr in jenen wenigen Fällen, in denen bis dahin bau- und maschinenmechanische
Analysen in den Konstruktionsprozess Eingang gefunden hatten, eher gering. Die Konstruk-
tionspraxis kam zu dieser Zeit noch ohne wissenschaftliche Verfahren aus, die ohnehin erst ex
post zur wissenschaftsgestützten Analyse eingesetzt wurden. Zudem waren angesichts sowohl
noch gering ausgeprägter Praxisrelevanz bau- und maschinenmechanischer Verfahren
einschließlich ihres mathematischen Apparates als auch ungenügend entwickelten Umgangs-
wissen der Akteure mit den neuen Theorien gravierende Fehler bei mechanischem Ansatz und
im Rechnungsgang an der Tagesordnung. Insofern erlangte das nunmehr in den Alltag des
Konstruierens einziehende Leitbild verwissenschaftlichter Ingenieurtätigkeit zwar handlungs-
orientierende Kraft und prägt im Verein mit der Durchsetzung der Schulkontur im Maschi-
nenwesen und in den technischen Berufen des Bauwesens rasch die professionelle Identität
von Ingenieuren, vermochte dagegen keineswegs handlungsbestimmend zu wirken. Die tech-
nische Praxis musste mit ihrem Zwang zu geschlossenen, komplexen Lösungsstrategien, die
den methodischen vize versa vorgehenden und ohnehin nur Teilbereiche erfassende inge-
nieurwissenschaftlichen Ansätzen eine unterstützende Funktion einräumen konnten, dass
szientistische Leitbild Tag für Tag ad absurdum führen. Für die Gesellschaft geriet Wissen-
schaft primär zu einer Instanz, die in Technik umsetzbares sicheres Wissen zu erzeugen hat
(Hänseroth 2003, 21).

Das der offenen Situation einer Umbruchzeit geschuldete Defizit zeigt sich bei der näheren
Betrachtung zu dem als Defizit an allgemein akzeptierten Legitimationsquellen neuer Technik
sowohl gegenüber Fachkollegen, Nutzern und Auftraggebern sowie ihren Banken und
Versicherungen und im Schadensfall eventuell. unternommenen Versuchen, den Konstrukteur
haftbar zu machen, als auch in freistaatlicher Genehmigungspflicht. Hatte man doch zusam-
men mit den nunmehr als defizitär begriffenen Wissens- und Könnensbeständen auch der für
die vorindustrielle Technikgenese typisch personengebundenen Könnensnachweis funktio-
nierender Technik seine Beweiskraft verloren. Das Paradigma vermeintlicher Unfehlbarkeit
wissenschaftlich begründeter Aussagen sorgte dafür, dass in die aufgebrochene Lücke der
Apologie und Legitimation neuer Technik nunmehr scheinbar objektives, allgemeingültiges
wissenschaftliches Wissen als abstrakter Wahrheitsnachweis einer von der Autorität der
Wissenschaft gestützten, „objektiv richtigen“, gleichsam sachzwangartig zustande gekomme-
nen Technik hineinwuchs. Zur Vertrauensbildung in den Fortschritt der Wissenschaft als
Fundament modernen Fortschrittsglauben vermochten sich jetzt natur- und technikwissen-
schaftliche Ergebnisse und Erkenntnissysteme zur Kompensation all dieser Legitimations-
defizite zu präsentieren (Hänseroth 2003, 22-24).

138
Heftige Auseinandersetzung um Umfang, Inhalt, Methoden und Stellenwert der mathemati-
schen Ausbildung für Ingenieure wurde in den 90er Jahren des 19. Jh. hauptsächlich auf der
Ebene der technischen Hochschulen geführt und sie sind unter der zeitgenössischen Bezeich-
nung „antimathematische Bewegung“ in die Geschichte eingegangen. Der Streitpunkt war die
Praxiswirksamkeit der Mathematik. Das Kernproblem bei der mathematischen Modellierung
lässt sich wie folgt umreisen: Ziel ist es, einen realen Sachverhalt hinreichend genau in eine
mathematisches Problem abzubilden. Die Wirklichkeit ist aber im Allgemeinen viel zu
komplex, um in einem noch überschaubaren und handhabbaren Modell ausgedrückt werden
zu können. Daher erfordert die Modellbildung stets eine Vereinfachung, indem bestimmte, für
das jeweilige Modellierungsziel „unwesentliche“ Faktoren vernachlässigt, andere Faktoren
von ihrem Charakter her idealisiert werden (Hensel u.a. 1989, 1-4). Die Genese der
Technikwissenschaften wird in drei große Perioden gegliedert. Die Vorperiode reicht bis etwa
1780, wobei von etwa 1450 bis etwa 1780 die unmittelbaren Voraussetzungen für die
Herausbildung der Technikwissenschaften geschaffen wurden. An die klassische Periode (von
1780 bis etwa 1950) schließt sich die moderne Periode an. Die klassische Periode wird in eine
Herausbildungsphase (1780 bis etwa 1860), eine Konsolidierungsphase (etwa 1860 bis etwa
1920) und eine Phase der Vorbereitung der modernen Periode unterteilt. Da das Maschinen-
wesen aber auch noch um die Wende zum 20. Jh. den Kern der Technikwissenschaften
ausmachte, die Auseinandersetzungen um die mathematische Lehre für Ingenieure wesentlich
von Vertretern des Maschinenwesens getragen wurden und sich zunächst vor allem auf die
Ausbildung der Maschineningenieure bezogen, werden wir uns jetzt und im Folgenden
vorrangig an diesen Teil der Technikwissenschaften konzentrieren (Hensel u.a. 1989, 5).

Insbesondere das englische Ausbildungssystem war dadurch charakterisiert, dass die techni-
schen Fachkräfte noch fast bis zum Ende des 19. Jh. nach dem Lehrlingssystem oder dem
sogenannten „On the Jobtraining“ ausgebildet wurden. Frankreich und Deutschland waren in
Bezug auf ihre ökonomische Entwicklung im Rückstand. Um ihn wettzumachen, gingen sie
den für sie am aussichtsreichsten erscheinenden Weg, nämlich die Wissenschaft in die
Produktion und das gesamte technische Schaffen hineinzutragen. Diese Gedanken beruhten
auf einem Analogieschluss: Da sich Mathematik und Naturwissenschaften bereits im Bereich
der Naturerkenntnis, insbesondere beim Ausbau der Himmelsmechanik großartig bewährt
hatten, lag es nahe, sie auch zur Förderung der Gewerbe einzusetzen. In den deutschen
Staaten waren die zumeist als höhere Gewerbeschulen gegründeten polytechnischen Schulen
direkter Ausdruck der Suche nach Wegen, den Erfordernissen der industriellen Revolution zu
entsprechen (Hensel u.a. 1989, 6). Im deutschsprachigen Raum formierte sich in Anlehnung
an die Vorzüge der französischen Ingenieursausbildung und die Besinnung auf die Gestalt der
Bergakademien vorhandenen eigenen Traditionen ein eigenständiges polytechnisches
Konzept, das methodisch auf das Erfassen des Verhältnisses von naturwissenschaftlichen
Erkenntnissen und praktischen Erfahrungen gerichtet war. Die auf G. Monge zurückgehende
Grundidee, dass Mathematik und Naturwissenschaften einschließlich der Mechanik grund-
legende Disziplinen für den Ingenieur seien, war auch bei der Organisation der polytech-
nischen Schulen maßgebend gewesen und drückte sich in dem hohen Anteil aus, den diese
Fächer im Studienplan einnahmen (Hensel u.a. 1989, 7).

Das Wirken Redtenbachers kennzeichnet den Abschluss der Herausbildung des


wissenschaftlichen Maschinenwesens als technikwissenschaftliche Disziplin. Die Periode der
Konsolidierung des wissenschaftlichen Maschinenwesens war vor allem dadurch charak-
terisiert, dass ihre Vertreter bewusst über die mathematische Modellierung technischer Sach-
verhalte, wie sie die französischen Polytechniker bereits ausgeführt hatten, hinausgingen. Es
kam ihnen dabei darauf an, aus dem Maschinenwesen selbst sich ergebende theoretische
Konsequenzen von möglichst hohem Allgemeinheitsgrad zu schaffen. Als Ziel schwebte

139
ihnen vor, das Erfinden und Konstruieren deduktiv zu gestalten und die Probleme des
Maschinenbaus damit vorausberechenbar, also aufgrund sicherer Regeln in hohem Maße
beherrschbar zu machen. Dabei kam nun der Mathematik eine grundlegende Rolle zu. Sie
stellte für die zu schaffenden technikwissenschaftlichen Konzeptionen nicht nur Rechenhilfs-
mittel bereit, sondern lieferte in erster Linie das methodische Vorbild (Hensel u.a. 1989, 10).
Für das Verhältnis von Technik und Mathematik ist insbesondere die Mechanik von Bedeut-
samkeit:

(1) Erkenntnis und Methoden der Mathematik finden vor allem über die Mechanik
Eingang in die Technikwissenschaften.
(2) Die Mechanik ist für die Technikwissenschaften des mechanischen Zyklus eine
grundlegende Wissenschaft.

Im Mechanikunterricht kam es allmählich besonders aber im Zusammenhang mit der anti-


mathematischen Bewegung, zu wesentlichen Veränderungen (Hensel u.a. 1989, 11f).

Das relativ niedrige Niveau der mathematischen Lehre ist zum einen auf die noch geringen
Anforderungen der Ingenieurtätigkeit an die Verwendung von Mitteln der höheren Mathe-
matik zurückzuführen, zum anderen auch auf das niedrige Vorbildungsniveau der Ingenieure
bei ihrem Eintritt (zwischen dem 15. und 17. Lebensjahr) in die polytechnischen Schulen.
Somit musste ein erheblicher Teil des Unterrichts zur Vermittlung der notwendigen Grund-
lagenkenntnisse für die Aufnahme eines technischen Studiums aufgewendet werden, die
später beim Eintritt in die Technische Hochschule vorausgesetzt wurden. Die Aufnahme-
bedingungen wurden erst in der zweiten Hälfte des 19. Jh. mit der Entwicklung der poly-
technischen Schulen zu Technischen Hochschulen einheitlich geregelt. Die erhöhten Anforde-
rungen an die technischen Wissenschaften infolge der Vollentfaltung der industriellen Revo-
lution in Deutschland um die Mitte des 19. Jh. führte zu einem bedeutendem Entwicklungs-
und Emanzipationsprozess der Technischen Hochschulen. Eingeschlossen war darin ein
starker qualitativer Aufschwung der mathematischen Lehre an diesen Bildungseinrichtungen,
der aber sehr widersprüchlich erfolgt. Ausschlaggebend für diese Entwicklung waren die um
die Mitte des 19. Jh. einsetzenden Bemühungen um ein wissenschaftliches Maschinenwesen
auf theoretischer Grundlage (Hensel u.a. 1989, 13-15).

Trotz der bei den Berufungen ausgesprochenen Orientierung, dass die spezifischen
Bedürfnisse der TH von den Mathematikern in ihrer Lehrtätigkeit zu beachten seien, spiegeln
sämtliche Gutachten die vorzugsweise Orientierung der Technischen Hochschulen an den
Universitäten wieder (Hensel u.a. 1989, 20). Fragen der Anwendung mathematischer Modelle
Methoden auf technikwissenschaftliche und technikwissenschaftlich relevante Probleme oder
solche Gebiete, die wie die numerische Mathematik in der Folgezeit an Bedeutung für die TU
gewannen, spielten in den 80er Jahren noch eine untergeordnete Rolle in Forschung und
Lehre der Mathematik. Mathematische Methoden, die zunächst für einzelne Disziplinen
zunehmend an Bedeutung gewannen, wurden an den Hochschulen zuerst von Nichtmathe-
matikern, später parallel auch von Mathematikern behandelt. Dazu gehörte vor allem die
Vektoranalyse, die ihre Darstellung in ihrer heutigen Form zuerst durch den Technikwis-
senschaftler und Ingenieur A. Föppl erhielt. Die Potentialtheorie wurde als Gegenstand der
mathematischen Physik zuerst von den Physikern vorgetragen und fand seit 1870 Eingang in
die fakultativen Vorlesungen (Hensel u.a. 1989, 27).

Die daraus resultierende Praxisbezogenheit der Mechanikausbildung und ihr ungenügendes


Potential, die Voraussetzungen für die technischen Disziplinen in ausreichendem Maße zur

140
Verfügung zu stellen, trugen zur Entstehung der Kluft zwischen Theorie und Praxis bei und
lagen somit der Kritik vieler Techniker an der Lehre in der Mechanik und an den betreffenden
Lehrkräften zugrunde. Forderungen nach Erhöhung der Anschaulichkeit und nach engeren
Beziehungen zu den Anwendungsgebieten in den Mathematikvorlesungen wurden erhoben
(Hensel u.a. 1989, 31f). Das Hauptwerk von G. Zeuner, seine „Technische Thermodynamik“
von 1877 begründete im Wesentlichen seinen bedeutenden Anteil an der Herausbildung einer
wirklich technischen Thermodynamik. Insbesondere im Hinblick auf die Einbeziehung der
Mathematik barg das Zeunersche Werk gegenüber Erashof und Reuleaux eine gewisse
Spezifik. Bei Zeuner stand das Bemühen, den Ingenieursstudenten möglichst verständlich zu
leiten mehr im Vordergrund. Die Elektrotechnik als technikwissenschaftliche Disziplin
bildete sich – um 1880 beginnend – zuerst als Starkstromtechnik heraus. Damit fiel ihre
Herausbildungsphase in eine Zeit, als sich andere technikwissenschaftliche Disziplinen,
insbesondere das Maschinenwesen, bereits in ihrer Konsolidierungsphase befanden. Schon in
der Herausbildungsphase der Elektrotechnik wurde also die grundlegende Rolle der
Mathematik, insbesondere in Verbindung mit den physikalischen Grundlagen, für die
Entwicklung dieser technikwissenschaftlichen Disziplin deutlich (Hensel u.a. 1989, 48-51).

Der Begriff „antimathematische Bewegung“ ist keine Interpretation der entsprechenden


Auseinandersetzungen und Veränderungen bezüglich der mathematischen Ausbildung der
Ingenieure vom heutigen Standpunkt aus. Er wurde von Zeitgenossen geprägt und weist
darauf hin, dass es einen breiten und in die Öffentlichkeit gedrungenen Affront gegen die zu
starke Betonung der Theorie besonders auch gegen die Mathematik und die Mathematiker
gab. Die Stärke der amerikanischen Technik wurde anerkannt, es wurde aber auch darauf hin-
gewiesen, dass ihre Stärken im Wesentlichen in der Weiterentwicklung vorhandener Technik
auf der Grundlage von Erfahrungen lagen. Es bestand also aller Grund für die deutsche
Bourgeoisie, die bereits als dringend notwendig empfundene Reform der Ingenieurausbildung
unverzüglich in Angriff zu nehmen. Als die wichtigste Schlussfolgerung, die im deutschen
Hochschulwesen eine schnelle positive Auswirkung versprach, betrachtete Riedler die Tätig-
keit des Studierenden in Laborpraxen: Wir sollten die wissenschaftlichen Laboratorien als
Lehrmittel ersten Ranges ohne Verzug auch bei uns einführen und ausbilden, so Riedler
(Hensel u.a. 1989, 55-58).

Ernst forderte zunächst die Ergänzung der weitgehend theoretisch ausgerichteten und
angelegten Lehre der Maschinenwissenschaften durch die Einführung der regulären
Ausbildung in Maschinen- oder Ingenieurlaboratorien. Diese wissenschaftsorganisatorische
und wichtige inhaltliche sowie methodische Veränderung wurde mit Bezug auf die bisher
vorherrschende und oft zum Widerspruch zwischen Theorie und Praxis führende Methode
begründet, die darin bestand, dass eine ganze Reihe von Hypothesen mit weitschweifigem
mathematischem Apparat verarbeitet wurde, deren Voraussetzungen nicht zutrafen und deren
Schlussfolgerungen deshalb auch zu falschen Ergebnissen führten. Im Enthusiasmus, den
Anforderungen zu genügen, wurde der bisher einseitig theoretisch ausgerichteten Ingenieurs-
ausbildung eine stark pragmatische Richtung entgegengesetzt, die dazu neigte, den Wert theo-
retischer Forschung und Lehre und besonders der Mathematik für ihr Ziel zu unterschätzen
und deshalb glaubte, ihre Bestrebungen hauptsächlich durch die Kürzung und Zusammen-
drängung der mathematischen Lehre auf das erste Studienjahr realisieren zu können (Hensel
u.a. 1989, 55-62).

Ein eindeutiger Beleg für eine Entwicklungsrichtung innerhalb der antimathematischen


Bewegung ist der Jahrgang 1897 der Zeitschrift für Architektur und Ingenieurwesen. Nach
dieser Kulmination der Kontroversen flauten die vehementen Auseinandersetzungen relativ
schnell wieder ab (Hensel u.a. 1989, 75-77). Sie waren insbesondere auf die TH Berlin kon-

141
zentriert. Andererseits entwickelten sich nicht in allen Technischen Hochschulen solche
harten Kontroversen, wie an der TH Berlin und auch oftmals in der öffentlichen Diskussion
zum Ausdruck gekommen waren. Auch in Frankreich, England, Russland und Österreich kam
es zu einer antimathematischen Bewegung (Hensel u.a. 1989, 81). Unter den Ingenieur-
wissenschaften des 19. Jh. kommt Franz Reuleaux aufgrund seines Wirkens im universitären
und politischen Bereich sowie nicht zuletzt aufgrund seiner umfangreichen und vielseitigen
schriftstellerischen Tätigkeit sicherlich eine Ausnahmestellung zu (Hensel u.a. 1989, 112).

Die das Gebiet der Kinematik betreffenden Neuerungen Reuleaux’ waren indessen nicht auf
die Idee eines logisch-deduktiven Aufbaus gemäß dem Vorbild der Mathematik beschränkt.
Mit der Forderung der Axiomatisierung in formaler Hinsicht stellte sich zugleich die Aufgabe,
das formale Gerüst auch inhaltlich auszufüllen. Im ersten allgemeinen Grundsatz von
Reuleaux, das zum Zweck der Bewegungserzwingung mindestens zwei Maschinenteile oder
Maschinenelemente unter Berührung gegenseitig aufeinander einwirken bzw. sich gegenseitig
umhüllen, zeigt auf, dass die kinematischen Elemente der Maschine nicht einzeln, sondern
immer nur paarweise zur Verwendung kommen. Die Kraft verrichtet dabei eine mechanische
Arbeit, welche unter bestimmten Bewegungen vor sich geht; das Ganze ist also dann eine
Maschine. Es geht um das Bildungsgesetz der Maschine. Hinter Reuleaux’ Konzeption steht
die Idee, dass in allen Erfindungen und Neuerungen eine mehr oder weniger deutliche
logische Gedankenfolge enthalten ist. Gelingt es nun, diese offen zu legen, so gewinnt man
damit gewissermaßen den theoretischen Hintergrund zum Verstehen der entstandene Getriebe
und Maschinen. Das Ziel, das Reuleaux bei dem methodischen Aufbau der Kinematik
verfolgte, nämlich den ganzen gestalteten Reichtum der zu behandelnden Gegenstände auf
einfache logische Grundsätze zurückzuführen, soll durch die Zeichensprache ergänzt werden,
da sie es ermöglicht, die kinematischen Prinzipien zu operationalisieren (Hensel u.a. 1989,
131-135).

Gerade die Entwicklung eines theoretisch anspruchsvollen Gebietes, wie das der
Elektrotechnik, hat gezeigt, dass theoretische Idealisierung und vertiefte Anwendungs-
beziehungen keine Gegensätze sein müssen, sondern korrespondierende Prozesse darstellen
können. Die Vertreter der Elektrotechnik haben sich einerseits nur zu einem geringen Teil an
der sogenannten „antimathematischen Bewegung“ der Techniker beteiligt, aber sie haben
andererseits auch die traditionelle Mathematikauffassung und insbesondere das mit dieser
verbundene kartesische Anwendungsideal keinesfalls geteilt. Reuleaux entwickelt in diesem
Zusammenhang eine deutsche Auffassung des Maschinenkonstruierens als eine wissen-
schaftlich begründete selbstständige technische Kunst, gegenüber einem in England herr-
schenden rein empirischen Verfahren einerseits und einer französischen Auffassung, die die
Technik als angewandte Mathematik und Physik sieht (Hensel u.a. 1989, 191f). Das Bild von
rapide zunehmenden Wechselwirkungen zwischen Wissenschaft, Technik und Industrie
entspricht den tatsächlichen Verhältnissen in den Beziehungen zwischen Technik und Wis-
senschaft besser als die reine Einbahnstraße einer auf Wissenschaft beruhenden Industrie. Die
Naturwissenschaft bildete im Inventionsprozess die Vorhut, indem aus ihren Forschungen
Ergebnisse resultierten, die als Prinziplösungen für Technikentwicklung zu benutzen sind. Die
Hauptstreitmacht, die Industrie, schafft den Durchbruch, indem sie auf vorwiegend empiri-
schem Weg aus Prinziplösungen marktfähige Techniken entwickelt. Und die Wissenschaft
sichert nach und langfristig diesen Durchbruch ab, indem sie die Wirkprinzipien, auf denen
diese Technik beruht, theoretisch durchdringt (König 1995, 324-328).

Je autonomer Werkzeuge und Maschinen wurden, umso mehr repräsentieren sie das sie in
ihnen inkorporierte technische Wissen, später Forschungswissen. Sie werden intelligenter. So
entstand im Laufe der Technikgeschichte neben der technischen Kompetenz der Techniker die

142
technische Kompetenz der technischen Mittel, aber immer noch in mehr oder weniger starker
Abhängigkeit von der technischen Kompetenz des Technikers. Die Technikwissenschaften
beschäftigen sich im Unterschied zur Technik nicht mit dem Machen, sondern mit dem Mach-
baren. Für die Bestimmung der Ziele technikwissenschaftlicher Arbeit ist es wichtig, dass es
sich bei der Produktion gesichertem Wissens über vorhandene oder mögliche Technik um ein
Ziel handelt, das inhaltlich noch nicht bestimmt ist, also noch weiterer Bestimmung bedarf
(König 1995, 332-333). Letztendlich wird nur der Ingenieur mit wirtschaftlicher und allge-
meiner Bildung in der Lage sein, die ihm gestellten Aufgaben auch zu erfüllen (Schimank
1961, 43). Mit der Erfindung des Schießpulvers wird aus dem handwerklichen Betrieb des
Bergbaus ein ingenieursmäßiger. Als im Laufe des 19. Jh. die Technischen Hochschulen
zunehmend ihre Forschungsaufgaben in den Vordergrund stellten, stieß dies lange Zeit auf
Widerstand von Seiten staatlichen Behörden. Allerdings geht es Wissenschaft nicht immer
nur um kognitive Ziele, sondern auch um Selbsterhaltung und die Erweiterung ihrer institutio-
nellen Grundlagen (König 1995, 335-339). Wissenschaft entsteht nicht durch die Kumulation
von thematisch bestimmtem Wissen, sondern erst durch organisierte, normen- und regelge-
leitete Überprüfung neuen Wissens und durch institutionalisierte Bewahrung des Wissens, das
diese Überprüfung übersteht (König 1995, 345). Als die Technischen Hochschulen in der
zweiten Hälfte des 19. Jh. sich bemühten, ihre gesellschaftliche Anerkennung durch eine An-
lehnung an das Forschungsideal der Universitäten sowie an Mathematik und Naturwissen-
schaften zu erhöhen, erreichten sie zwar dieses Ziel, das Promotionsrecht war Zeichen für
diesen Erfolg, aber auf Kosten anderer Konzeptionen wie der der Abbildungsqualität der tech-
nikwissenschaftlichen Modelle und der praktischen Brauchbarkeit der Ingenieursabsolventen.
So mussten soziale Problemlösungstraditionen geschaffen werden (König 1995, 359).

Über die These eines Zusammenhanges zwischen der Verwissenschaftlichung der Technik
und der Industriellen Revolution gibt es unterschiedliche Meinungen. Zunächst ist festzu-
stellen, dass es verschiedene Wissenskulturen technischen Wissens in Großbritannien und in
Frankreich gab. Die Verwissenschaftlichung von Technik hängt mit Technikwissenschaften
zusammen und setzt bereits im 17. Jh. ein. In Frankreich handelte es sich um Staatsinge-
nieure, die eine technische Elite bildeten, während in Großbritannien Techniker häufiger Aka-
demiemitglieder waren. Die Wissenschaftsgläubigkeit führte zur These von der Technik als
angewandter Naturwissenschaft, wobei der Kulturfaktor Technik zunächst unberücksichtigt
blieb. Allerdings wollten die Ingenieure im 19. Jh. gleichberechtigt sein und sprachen von
einer technisch induzierten Kultur. Nicht zu leugnen ist, dass durch die Industrielle Revo-
lution ein stärkerer Einbezug der Wissenschaft stattgefunden hat. Tatsache ist auch, dass bis
zum 17. Jh. kein Naturgesetz mit Hilfe der experimentellen Methode gefunden worden ist.
Erst Galilei mit seinen Fallgesetzen setzt hier entsprechende Wegzeichen. Viele Wissen-
schaftler sind zudem an technischen Problemen gescheitert, wenn es um wissenschaftliche
Fragestellungen gegangen ist, darunter Leibniz, Huyghens und Papin. Ein Austausch
zwischen Wissenschaftlern und Handwerkern war zum Teil nicht einfach, weil Handwerker
häufig Analphabeten waren. Leibniz weigerte sich sogar, mit Handwerkern überhaupt zu
reden. Allerdings gingen diese Handwerker häufig auf Sonntagsschulen, das Bild vom
primitiven englischen Techniker ist falsch, auch wenn gerade unter den innovativen Köpfen
viele Analphabeten waren. Eine genauere differenzierte Betrachtung der Industriellen
Revolution ergibt, dass zunächst eine Ökonomisierung der technischen Inventionen
stattgefunden hat bzw. technische Inventionen durch ökonomische Engpässe überhaupt her-
vorgerufen worden sind. Erst später kam es zu einer Verwissenschaftlichung. Allerdings
lieferten technische Probleme entscheidende Impulse.

Viele halten Ingenieurswissen für angewandte Wissenschaft. Der Charakter von Inge-
nieurswissen unter erkenntnistheoretischer Rücksicht ist bislang wenig untersucht. Ausgangs-

143
punkt einer theoretischen Reflexion ingenieurmäßigen Wissens und Handelns sollte das sein,
was Ingenieure wirklich tun. Es geht um die autonome Rückverankerung des ingenieu-
rmäßigen Wissens. Vincenti möchte das kreative konstruktive Wissen des Ingenieurs
untersuchen. Bisher war man in der Regel von der Unterordnung des technologischen Wis-
sens unter das wissenschaftliche ausgegangen. Aber das Wissen ist für den Ingenieur nicht
Selbstzweck, sondern dient der Konstruktion, ist eigentlich Konstruktionswissen. Es geht um
konkrete Effizienzverbesserungen: Ein besserer Wirkungsgrad der Motoren, weniger Benzin-
verbrauch und geringeres Gewicht. Die Konstruktionswissenschaft geht von einer geeigneten
Untergliederung des Konstruktionsfeldes aus. So geschah eine Aufteilung des Flugzeug-
problems in immer kleinere Parzellen (Vincenti 1990, 3-9). Ingenieurswissen reflektiert auf
das Faktum, dass technische Konstruktion nicht um ihrer selbst willen stattfindet und in
Isolation von anderen Problemen. Vielmehr geschieht ingenieurmäßige Konstruktion als so-
ziale Aktivität, ausgerichtet von einem praktischen Set von Zielen mit der Absicht,
menschlichen Wesen zu dienen. Es geht um ein internes Wissen, das durch Konstruktions-
probleme hervorgerufen wird. Dabei gibt es Spannungen zwischen der technischen Konstruk-
tion und ihrer Umgebung. Wissen entsteht bevorzugt aus den internen Bedürfnissen des
Konstruktionsprozesses selbst (Vincenti 1990, 11). Die Erkenntnistheorie des Ingenieurs-
wesens ist offenkundig erst an ihrem Anfang.

Eines dieser Konstruktions-Segmente im Flugzeugbau war die Konstruktion der Flügel. Die
wesentlichen Fortschritte wurden hier in einem Zeitraum von 1908 bis 1945 in mehreren
Schüben erreicht. Dabei treten unter den normalen alltäglichen Konstruktionsbedingungen
eine ganze Reihe von Unsicherheiten auf, die abgearbeitet werden müssen. Dies zeigte sich an
der aerodynamischen Konstruktion von Flugzeugflügeln (Vincenti 1990, 17). Erforderlich für
eine Reihe von Lösungstypen war eine Kombination von Theorie und Experiment. Diese
methodische vorgehensweise wurde möglich, weil die allgemeine Lösung, der Flugzeugflügel
bekannt war und mit gut definierten Problemen verbunden werden konnte. Unterschiedliche
Kalkulationen des aerodynamischen Profils der Flugzeugflügel waren die Folge. Das
Optimum galt es dabei aus unterschiedlichen Anforderungen heraus zu berechnen. Davis war
dabei ein Unternehmer und autodidaktischer Erfinder und Konstrukteur von Flügeln von dem
Typ der Pioniertage des Flugzeugbaus, die allmählich in den 1930ern verschwanden. Die
Zweifel an Davis Berechnungen wurden im Windkanal ausgetestet (Vincenti 1990, 27). Das
Problem, mit dem die Flugzeugkonstrukteure konfrontiert waren, ist, wie man den Quer-
schnitt und Durchschnitt eines Flügels konstruiert, um den Luftwiderstand möglichst gering
zu halten und Wirbelbildungen zu vermeiden. Dabei waren die Anforderungen unterschied-
lich, je nach dem, ob es sich um einen Langstreckenbomber oder einen schnellen Jäger han-
delte.

Durch einen Mix von Methoden, der mit der Zeit sich änderte, ersetzte die Fließdyna-
miktheorie langsam die Regeln der Erfahrung. Atmosphärische Turbolenzen konnten abgebil-
det werden und allmählich wurden die Effekte mit der Viskosität der Luft in Verbindung
gebracht und ließen sich im Windkanal modellieren. Dies führte zu unterschiedlichen Opti-
mierungsstrategien. Durch die Variation der drei wichtigsten Parameter sowohl unabhängig
von einander wie systemisch verbunden, wurden eine ganze Reihe von Problemlösungen
konstruiert und getestet (Vincenti 1990, 34-37). Wenn das Wachstum des Ingenieurwissens
ein evolutionärer Prozess der Variation und Selektion ist, so sind Fehler in der historischen
Analyse von konstruktiven Problemen verbunden mit dem Erfolg bei weiteren Pro-
blemlösungen. Konstruktion war eine unsichere und wechselnde Kombination von theore-
tischem Denken und Berechnen und einem Schritt für Schritt erprobenden Empirismus
(Vincenti 1990, 50). Eine größere Stabilität des Fliegens konnte durch die Konstruktion des
Flugzeugs oder aber durch eine bessere Ausbildung von Piloten erreicht werden (Vincenti

144
1990, 64). Insgesamt wurde im Folgenden sowohl auf neue Instrumente gesetzt, wie auch auf
bessere Piloten.

Zur Optimierung der Motoren wurde die Ingenieursthermodynamik entwickelt. Bei dieser gibt
es keine Notwendigkeit, Genaues über das Innere der Flüssigkeit oder über die Mechanismen
der Bewegung innerhalb dieser Flüssigkeit zu wissen. Diese Theoreme sind gewöhnlich nütz-
lich, auch wenn die Bewegungsgleichungen in der Regel nicht niedergeschrieben werden oder
zumindestens nicht integriert werden können, aber sie geben ein Wissen um die generellen
Rahmenbedingungen der Molekularbewegung, ohne jedoch all zu sehr ins Detail zu gehen.
Ingenieure müssen sich häufig mit Fließbewegungen abgeben, die so komplex sind, dass die
zugrundegelegte Physik nicht vollständig verstanden ist, sodass die Information für die Kon-
struktion sich nur auf die Randbereiche erstreckt und die interne Physik nicht berücksichtigt.
Die Flüssigkeitsmechanik in den früheren 1900er Jahren musste daher noch erheblich verbes-
sert werden. Dabei erarbeiteten Prandl an der TU München zwischen 1910 und 1920 und
Theodor von Karman an der Universität Göttingen zentrale Hilfestellungen (Vincenti 1990,
116-120). Nun hatten die Studenten und auch die praktizierenden Ingenieure eine klare Me-
thode und ein Beispiel, dem sie in der Bearbeitung von anderen Problemen folgen konnte
(Vincenti 1990, 123). Mit Prandls Synthesis lang das Material für die weitere Entwicklung
bereit.

Die physikalische Theorie braucht keine Strömungslehre und die Idee der Kontrollvolumina,
wohl aber die Ingenieurwissenschaft. Der Ingenieur braucht über das physikalische Wissen
hinaus noch das Wissen und die Prognostik von Materieeigenschaften. Ingenieure
beschäftigen sich nicht mit einer allgemeinen Verteilung von Materie, sondern mit spezi-
fischen Gegenständen und Artefakten. Die allgemeinen Beschreibungen physikalischer Eigen-
schaften und Ergebnisse reichen nicht aus, um zu ingenieurmäßigen Problemlösungen zu
kommen. Somit gibt es eine andere Wissensorganisation in den Ingenieurwissenschaften.
Außerdem ist die Berücksichtigung der Ökonomie für die Ingenieurwissenschaften konsti-
tutiv. Es reicht einfach nicht die Freiheit vom Irrtum. Es gibt jedenfalls eine spezielle Natur
ingenieurmäßiger Probleme, einen Bedarf an ingenieurmäßigen Lehrern, um das Wissen zu
organisieren, und ingenieurmäßige Forderungen für die ökonomische Entwicklung. Diese
wechselseitig verknüpften Anforderungen an das ingenieursmäßige Konstruieren müssen die
Notwendigkeiten, die sich aus Artefakten ergeben, begreifen und analysieren. Spezialisierung
und Ausrichtung wissenschaftlichen Wissens sind erforderlich, um die Bedürfnisse des
Ingenieurs zu treffen. Wesentliche Aspekte der Ingenieurwissenschaften umfassen: Natur-
und Ingenieurwissenschaften basieren auf denselben Naturgesetzen. Sie haben ähnliche
Verbreitungsmechanismen und ähnliche Institutionalisierungen. Es gibt eine kumulative
Wissensanhäufung in beiden Bereichen (Vincenti 1990, 129-134). Die Unterscheidungs-
merkmale bestehen in einem allgemeinen Wissen im Spezialfall bei den Ingenieurwis-
senschaften, im Bezug zur Ökonomie und in der Genauigkeit des Konstruktionsprozesses. Es
geht in den Ingenieurwissenschaften um anwachsende Effizienz.

Mit Durand und Lesley an der Stanford Universität wird in der Entwicklung von
Flugzeugpropellern Knowing how zu einer eigenständigen ingenieursmäßigen Wissensform.
Es kommt zu einer Konvergenz des Wissens und der Methodologie in den Ingenieurwis-
senschaften. Der Zuwachs des Wissens und ein unauffälliger Wandel im Ingenieurwissen
greifen ineinander. John Smeaton hatte 1759 vor der Royal Socienty über Windmühlen zwei
Hauptmethoden der Ingenieurwissenschaften herausgearbeitet: Systematisches Experimen-
tieren und Modellbildung. Diese beiden sind die Basis einer autonomen Tradition im inge-
nieurwissenschaftlichen Forschen. Zentral ist die Parametervariation, die definiert werden
kann als Prozess der ständig wiederholten Determinierung bei der Durchführung einiger

145
Materialerprobungsprozesse oder die ständig wiederholte Variation von Parametern, die das
interessante Objekt definieren bzw. die Bedingungen der Handhabung. Smeatons Modell der
Wirkungsmessung ist wichtig bei allen Flüssigkeitsmodell wie bei Wind- und Wassermühlen
(Vincenti 1990, 137-139).

Eiffels Marinepropeller waren Vorbilder für die Propeller an Flugzeugen. Friederick Durands
an der Stanford Universität entwickelte im Windkanal Modellpropeller, wobei die Versuche
und Triumphe dieser Art des Vorgehens in den Ingenieurwissenschaften charakterisiert sind
durch eine Versuch- und Irrtumsmethode, in der in seltener Form auch formale Zugänge
erprobt wurden. Die Anwendung des Gesetzes der Ähnlichkeit in dieser Methode ist generell
für all die Zweige des Ingenieurswesens, in denen Skalenmodelle gebraucht werden. Inge-
nieurmäßiges Wissen wächst und konsolidiert sich als Antwort auf die Anforderungen der
Forschung wie der Konstruktion. Das Wachstum des ingenieurmäßigen Verstehens erweitert
den Blick auf das Programm neuer Kenntnisse, wobei weitere Kenntnisse nützlich sind und
anwachsende Beherrschung der Technik anwachsendes Vertrauen fördert (Vincenti 1990,
150f). Dabei lässt sich eine Korrelation zwischen Theorie und Modellexperiment feststellen.

Die Erkenntnistheorie der industriellen Produktion führt zu produktionsausgerichteten


Inventionen. Abhängig sind Innovationen (1) von der inneren Logik technologischer Ent-
wicklung, von (2) internen Konstruktionsbedürfnissen und (3) Bedürfnissen nach einer
Absenkung der Unsicherheit (Vincenti 1990, 204f). Die Lösung von Konstruktionsproblemen
hängt vom Wissen ab. Dabei ist Michael Polanyis operationales Prinzip von besonderer Be-
deutung. Das komplette Wissen einer Maschine als eines Objekts erzählt uns nichts über das,
was sie als Maschine ist (Vincenti 1990, 209). Phänomenologische Theorien haben wenig
erklärendes Potential. Wichtig ist auch Fergusons Methode eines visuellen Denkens bei
Ingenieuren (Vincenti 1990, 221). Das Wachstums ingenieurmäßigen Wissen basiert bevor-
zugt auf der Weiterentwicklung von ingenieurmäßigem Wissen und wird insbesondere durch
Ingenieursaktivitäten vorangetrieben. Die Wissenschaft-Technologie-Beziehung bedarf einer
präziseren Untersuchung. Dabei sollte ingenieurmäßiges Wissen als eine eigenständige epis-
temologische Art anerkannt werden. Ingenieurswissen ist auf Gebrauchswissen angelegt und
zwar im Unterschied zum wissenschaftlichen Wissen. Das Wissen, welches von Ingenieuren
benutzt wird, unterscheidet sich vom Wissen, das durch Wissenschaftler hervorgebracht
worden ist (Vincenti 1990, 225-228).

Der Transfer von der Wissenschaft kann zu einer Invention führen, wobei ein theoretischer
ingenieurmäßiger Forschungsprozess von einem experimentell ausgerichteten ingenieur-
mäßigen Forschungsprozess unterschieden werden kann. Hinzu kommt eine Konstruk-
tionspraxis, eine Produktionspraxis und direkte Versuche über alle Ebenen hinweg (Vincenti
1990, 229). Ingenieure praktizieren darüber hinaus theoretische Forschungen um Konstruk-
tionsprozesse zu unterstützen. Auch Computerprogramme können für die Optimierung von
Konstruktionsprozessen herangezogen werden. Ingenieurmäßiges Konstruieren gebraucht
bestimmte Methoden in ihrer eigentümlichen Art und Weise. Dabei beschäftigt sich
ingenieurmäßiges Konstruieren damit, wie Dinge sein sollten (Vincenti 1990, 237). Die
Entwicklung ingenieurmäßigen Wissens ist als Variations-Selektions-Prozess zu modellieren.
Damit vertritt Vincenti eine evolutionäre Theorie der Entwicklung ingenieurmäßigen Wis-
sens. Naturwissenschaftlich industrialisierte Technik entstand in der zweiten Hälfte des 19.
Jh. und führte zur Entwicklung der technischen Wissenschaften unter Einbezug der ange-
wandten Naturwissenschaften.

Die Trennung der Ingenieurwissenschaften von der Physik ist ein instruktives Beispiel für
Disziplinbildung in den Technikwissenschaften. Sie bleiben Schwesterdisziplinen, auch wenn

146
Fragen der Anwendbarkeit unterschiedliche Schwerpunktsetzungen erforderlich machen
(Layton 1971, 568). Wichtig in diesem Zusammenhang sind auch die Versuche, eine mathe-
matische Theorie für Brücken zu entwickeln. Hermann Haupt mit seiner „General theory of
Bridges Construction“ (1853) gehört in diesen Zusammenhang (Layton 1971, 574). Techno-
logie ist eine Form des menschlichen Wissens. Epistemologische Forschungen haben die
Validität alles menschlichen Wissens, seine Bedingungen und seine Natur herauszuarbeiten
(Skolemowski 1966, 372). Denken in Begriffen der Akkuratheit ist höchst instrumental im
Sinne des Überlebens. Das Denken des Bauingenieurs erfolgt vor allem in Termen der Halt-
barkeit. Spezifisch für mechanische Ingenieure ist das Denken in Effizienz (Skolemowski
1966, 379-381). Es ist zu bemerken, dass im Verlauf des 19. Jh. das ehedem persongebundene
und mit nur wenigen verbalisierbaren Handlungsroutinen versehene Können, das traditionell
als „Kunst“ bezeichnet wurde, in den Ingenieurwissenschaften aufging. Letztere „objekti-
vierten“ diese „Kunst“ durch die systematische Anwendung von allgemein anerkannten For-
men und Methoden. Es entstanden also technikwissenschaftliche Disziplinen mit gemein-
samen Inhalten, Methoden, Institutionen und Organisationsstrukturen. Die gemeinsame
Auffassung war, dass der Fortschritt einzig und allein an die immer intensivere und umfassen-
dere Anwendung wissenschaftlicher Methoden gebunden sein müsse. Trotzdem bleibt die
Frage, ob die Arbeit in der Praxis tatsächlich so aussah, bestehen. Die Konstruktion eines in
seinen Ausmaßen neuen Gasometers in Berlin ist wohl im Jahre 1845 wie üblich intuitiv
erfolgt. Die Berechnungen für den statischen Nachweis zur Erteilung der Baugenehmigung
und zur Beruhigung der Sorge um die öffentliche Sicherheit wurden jedoch nachträglich
übergestülpt. Dadurch wurde ein irrrationales Idealbild der Konstruktion aufgebaut, welche
man rational erklärte. Entwurfsmethoden waren und sind durchaus hilfreich und machen das
Entwerfen erst lehrbar (Seliger 2001, 77f).

Zentral im Bauingenieurwesen ist der Entwurf. Der Entwurf entspricht der vollständigen,
ausführungsreifen Beschreibung des Bauwerkes. Im Bauwesen jedoch sind generelle
Methoden weniger exzessiv gesucht worden. Für Bauwerke aber werden keine Sicher-
heitsgarantien gegeben, sondern Versagenswahrscheinlichkeiten angegeben. Die Vielzahl der
Optimierungsvarianten von Entwurfsarbeit, welche seit den 1970er Jahren vor allem durch die
aus der Luftfahrt stammenden Methoden der finiten Elemente (FEM) geschaffen wurde, kann
durchaus als ein Gelingensbeweis der Wissenschaft gegenüber der Kunst gewertet werden
(Seliger 2001, 83-87). Zur Beschreibung technischen Konstruierens ist implizites Wissen,
Können (Kompetenz/Kunst) und technische Handlung zu berücksichtigen. Ob ein Techniker
über implizites Wissen verfügt, muss er an der Kompetenz, einen Entwurf zeichnen zu
können, demonstrieren. Ob sein implizites Wissen und seine Kompetenz zum Entwerfen
ausreichten, erweist sich aber erst in der Ausführung der technischen Handlung und manch-
mal erst am technischen Produkt. Selbstverständlich kann ich implizites Wissen ver-
wissenschaftlichen und dadurch den Entwurf sicherer machen. Vielleicht kann ich auch
dadurch das Gelingen wahrscheinlicher machen. Letztendlich beurteilen kann ich aber das
Gelingen von Technik nur an der technischen Handlung und ihrem Resultat. So lässt sich von
drei Dimensionen technischen Handelns sprechen: (1) implizites und /oder explizites
technisches Wissen, (2) Kompetenz zum Umgehen Können wie Entwerfen Können techni-
scher Handlungen wie technische Artefakte und (3) Durchführung technischer Handlungen
bzw. Realisierung und technisches Artefakt. Für Konstruktionshandeln entspricht dieser
Phasenablauf (1) der Intuition, (2) dem Modell und (3) dem Prototyp.

Implizites technisches Wissen habe ich als isoliertes Faktum nicht, auch Kompetenz als
solche erschließt sich mir nicht. Ohne die Durchführung einer technischen Handlung kann ich
nicht beurteilen, ob ein Konstrukteur über implizites Wissen oder technische Kompetenz
verfügt. Mit Ausbildungsdiplomen bescheinigt man eben nicht implizites Wissen oder Kom-

147
petenz, sondern nur die Teilnahme an wissenschaftlichen Veranstaltungen. Wenn Technik-
wissenschaft nur zum technischen Entwurf anleitet, aber nicht letztlich zum technischen
Handeln, so hat sie ihren eigentlichen Gegenstand verfehlt, denn der ist ein technisches
Gebilde und nicht ein Modell oder ein Skizzenbuch. Ein weiterer Gesichtspunkt ist der, dass
implizites Wissen und Kompetenz nicht allein durch implizites oder explizites Wissen erzeugt
werden kann, sondern durch Erfahrungen mit technischen Handlungen. Einem technischen
Entwurf liegt eine Konstruktionshandlung zugrunde, sie ist symbolisch realisiert und noch
nicht technisch-materiell. Wenn es technische Wissenschaften nur mit technischem Wissen zu
tun hätten, würden sie einem szientistischen Missverständnis erliegen und sich mit Entwürfen
und Intuitionen begnügen, aber nicht mit realer, materialer Technik. Gewusstes Wissen ist
Wissen. Gewusste Technik aber ist nicht nur gewusstes technisches Wissen.

Die kulturelle Aneignung von Technologie ist ein Prozess, bei dem Neuigkeit unter mensch-
liche Kontrolle gebracht wird. Es ist eine Art und Weise, unsere Gesellschaften zu erneuern
bzw. neu zu schaffen und uns selbst, so dass neue Produkte und neue Ideen Sinn machen. Die
Geschichten der Aneignung sind daher weder Romanzen in dem Sinne, dass die dominante
produktorientierte bzw. zentrierte Theorien bestätigt werden, noch sind es Tragödien der Ver-
gewaltigung, so dass sie im Allgemeinen die Gegenerzählungen einer Umweltzerstörung und
Globalisierung vorbringen. Es handelt sich einfach um dialektische Geschichten einer Hybri-
disierung, von Kombinationen, formuliert im Hinblick auf Praxis und Identitäten der Insti-
tutionen und Organisationen sowie der Diskurse und Disziplinen. Es ist dabei wichtig anzu-
erkennen, dass Aneignung bzw. Inkulturation nicht nur ein Grundzug gegenwärtiger
Gesellschaften und dieser Epoche ist, sondern sich in der Geschichte bereits mehrfach statt-
gefunden hat (Hard, Jamison 2005, 3f). In vielfacher Form hat der Mythos des Fortschritts
verhindert, diese Aneignungsprozesse in adäquater Form wahrzunehmen. Wenn wir nur die
zugrunde liegende andauernde technische Fixierung, die tief eingefleischt ist in unseren
Begriffen der Realität, aufbrechen könnten, könnte auch der Mythos des Fortschrittes ein
adäquates Verständnis finden. Die dominante Struktur einer ewigen Evolution und eines
ewigen Fortschreitens ist zu konfrontieren mit alternativen Geschichten und hat den Zweck,
andere Botschaften zu verkünden (Hard, Jamison 2005, 5-7).

Viele frühe Wissenschaftler waren erstaunlich hybride Charaktere, indem sie neue Methoden
der Forschung und neue Begriffe bzw. Theorien mit älteren diskursiven Horizonten und
Rahmenvorstellungen, Gebräuchen und Praktiken zu verbinden vermochten. Die Geschichte
der Einführung der Haushaltsindustrie zeigt, dass diese neuen Haushaltstechnologien nach
ihrer Einführung nicht notwendiger Weise die Last der Hausfrauen verminderten. Andere
Aufgaben und neue Standards schufen zusätzliche Arbeiten, manche durch die Maschinen
selbst, andere durch neue gesellschaftliche Standards. Modernität ist so zu einem recht-
fertigenden Paradigma geworden. Und Technologie und Wissenschaft haben durch die Jahr-
hunderte immer mehr ein janusmäßiges Gesicht bekommen. In diesem Buch soll die Ge-
schichte von Technologie und Wissenschaft als multiperspektivischer Prozess im Sinne einer
kulturellen Aneignung verstanden werden. Ihre Interpretation, die Meinung bzw. die Bedeu-
tung, die wir den Produkten von Technologie und Wissenschaften geben, führen dazu, die
fundamentalen Arten und Weisen zu transformieren, in denen wir leben, d.h. unsere Diskurse
führen institutionell und politisch zu Normen und Werten. In unseren Tagen sind Informa-
tionsmaschinen dabei, zu persönlichen Computern und zum Cyberspace zu mutieren wie in
früheren Tagen ein pferdeloser Wagen zu einem Automobil transformiert wurde. Wir dürfen
darauf hoffen, dass in der Zukunft auch Gentechnologie in grüne umweltfreundliche Produkte
umgewandelt werden kann (Hard, Jamison 2005, 11-15).

148
Seit Francis Bacon ist die eigentümliche Idee eines wissenschaftsbasierten Fortschritts die
große Rahmenerzählung der Moderne geworden. Die Gründungsväter der modernen Wissen-
schaft wie Robert Boyle und Isaac Newton kamen nicht von ungefähr. Sie waren vielmehr
Teil eines Prozesses im Sinne einer politischen und sozialen Bewegung die sich allmählich in
eine akademische Kultur verwandelte. Man nannte sie experimentelle Philosophen und sie
bewirkten eine wissenschaftliche Revolution (Hard, Jamison 2005, 20-22). Mindestens
genauso bedeutend wie die mechanische Philosophie in der Formierung der modernen
Wissenschaft war der wachsende Einfluss bestimmter Denkwege über Wissen und seine
Funktion in der Gesellschaft, die Francis Bacon als nützliches Wissen bzw. nützliche Wissen-
schaft bezeichnete (Hard, Jamison 2005, 24). Wahrhaft kreative Milieus erlauben, dem Uner-
warteten zu begegnen. Innovation erfordert Freiheit und Flexibilität. Ein solcher Ort war
insbesondere im 19. und 20. Jh. das Laboratorium, nicht zuletzt an den technischen Universi-
täten. Innovatives Leben vollzog sich zwischen dem Vorlesungssaal und dem Laboratorium.
In diesem Transformationsprozess entstanden neue Formen des Lernens, des Trainings und
der Forschung, die in diesen neuen Typen von Institutionen geschaffen wurden. Ein solches
experimentelles Milieu war zunächst die Textilindustrie, dann die Manufakturen von land-
wirtschaftlichen Maschinen und der Energiesektor. Das Maschinenlabor wurde zum inte-
gralen Bestandteil einer stärker akademisch orientierten Schulkultur, die verschiedene syste-
matische Parameter der Variation und exakte Methoden der Forschung und Erfindung lehrten.
Mit dem Laboratorium entstanden auch ein Forschungsimperativ und eine Forschungs-
landschaft. Wie in den Naturwissenschaften wurde das Ingenieurlabor ein Platz, wo Studenten
ausprobieren konnten, was sie im Vorlesungssaal gehört hatten (Hard, Jamison 2005, 84-88).

Der Erfolg des Laboratoriums war Wissensproduktion und Wissensverbreitung und nicht
allein eine Frage ökonomischer Handlungen. Von dieser Zeit an wurde dem Laboratorium
eine im Allgemeinen mystische Dimension zugeschrieben, zumindest in der öffentlichen
Vorstellung. Auf diese Art und Weise wurde die Wissenschaft von der Technik angeeignet
und inkorporiert. Das Establishment der industriellen Forschungslaboratorien wurde durch
einen Prozess von anwachsender Anonymität begleitet. Die allgemeine Benutzung des Hauses
als Platz des Laboratoriums wurde ersetzt durch das große Laboratorium. Während zu
früheren Zeiten einzelne Experimente zu Hause durchgeführt werden konnten, war dies nun
aufgrund des immer größer werdenden Aufwandes nicht mehr möglich. Erst nachdem die
Naturwissenschaften und die Ingenieurswissenschaften eine vollständige Legitimierung und
Anerkennung im Rahmen der Universitäten gefunden hatten, wurde es im 19. Jh. möglich,
Universitätslaboratorien zu bauen. Selbst Liebig hatte am Anfang enorme Schwierigkeiten,
ein gut ausgestattetes Labor zu erhalten. In den Jahren 1870 und 1880 war Edison in der Lage,
eine aktive Rolle in der Entwicklung von Produkten wie dem elektrischen Licht, dem
Plattenspieler und dem Filmvorführapparat zu spielen. Aber Forschung und Entwicklung
wuchsen an Zahl und an Dimensionen an und der Prozess der Erfindung und Innovation
wurde immer stärker die Frucht gemeinsamer Anstrengungen. Mit der Zeit allerdings orien-
tierte sich auch General Electric an der Einrichtung von ersten Forschungslaboratorien und
zwar im Jahr 1900. Forschung und Entwicklung hatte sich nun in Teamwork verwandelt und
der Forschungsprozess hatte sich in eine projektorientierte Aktivität, die durch Manager
geführt wurde, transformiert. Die Bürokratisierung großer Wissenschaft hatte begonnen
(Hard, Jamison 2005, 92). Max Weber sah Professionalisierung der Wissenschaft als Teil
eines allgemeinen Prozesses der Rationalisierung der westlichen Welt. Ein etwas stärkerer
und klarerer Blick auf Ricardos Laboratorium enthüllt allerdings unterschiedliche Perspek-
tiven. Die Arbeiten, die im Rahmen des Laboratoriums ausgeführt wurden, liefen zwar unter
dem Leitbild der angewandten Forschung, aber die Erkenntnisakte und die wissenschaftlichen
Interessen, die mit der Laboratoriumsforschung verbunden waren, waren weder abstrakt noch

149
rein, also im strengen Sinne wissenschaftlich, sondern waren von dem Bild der Wissen-
schaftler geprägt, das sie ihrer Arbeit geben wollten (Hard, Jamison 2005, 93f).

Das amerikanische System der Produktion wurde nicht identifiziert mit Ford Taylor oder
Edisons Innovationen. Es schloss auch den weit verbreiteten Gebrauch von auswechselbaren
Teilen innerhalb der industriellen Landschaft ein und verbreitete sich durch neue Fabri-
kationsstätten und Hausbaumaterial wie Stahl oder anderes. Diese neuen Materialien und neue
Quellen von Energie wie Öl oder Elektrizität erlaubten nun eine ganz andere Art von Pro-
duktion. Die Massenproduktion führte letztendlich zu Massenkonsum und an der Wende des
Jahrhunderts kam es zu neuen Formen der kulturellen Anpassung und der ökonomischen
Steuerungen, die zu bedeutenden Faktoren des gegenwärtigen Lebens geworden waren (Hard,
Jamison 2005, 102). Die Lebensreformbewegung als Vorläuferbewegung auch des National-
sozialismus formulierte ihre eigene philosophische Weltanschauung und ihre eigene Ethik.
Sie können als eine Form von alternativer Modernität verstanden werden. So ähnlich wie die
Eisenbahn und das Automobil hat der Telegraf und das Telefon in einer metaphorischen Art
und Weise die Ausdehnung von Raum und Zeit und die Eliminierung der geografischen
Distanz bewirkt. Unternehmen, die den Eisenbahntransport und die telegrafische Kommuni-
kation in ihre tägliche Operationalität einbauten, um ihre Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen,
sowie normale Bürger entwickelten neue Haltungen des Besuchens und in Kontaktbleibens
mit Fremden, Freunden und Verwandten (Hard, Jamison 2005, 209f).

Die frühe Geschichte des Telegrafen ist eine Geschichte der Indifferenz und der Ablehnung
der neuen Technologie. In Großbritannien machte William Cooke ursprünglich die Erfahrung
desselben Mangels an Verständnis, wie Morse dieses in Washington erfahren hat. Obwohl
eine große Zahl von Erfindern in verschiedenen Ländern intensiv an der elektrischen
Transmission von Signalen für mehrere Dekaden Arbeit hatte, wollte keiner der potenziellen
Nutzergruppen vor der Mitte des Jahrhunderts diese technischen Möglichkeiten nutzen. Sie
zeigten mehr oder weniger überhaupt kein Interesse am Telegrafen und an diesen neuen
Kommunikationstechnologien vor der Mitte der 1840er. Zeitungen und Geschäftsleute Eisen-
bahnkompanie und das Militär spielten eine abwartende Rolle. Betrachtet man dies von der
heutigen oder aus späterer Sicht, waren die offenbaren Vorteile der elektrischen Transmission
von wichtiger Information nicht von so ausschlaggebender Bedeutung wie man das im
Nachhinein meinen würde. Diese vorsichtige Grundeinstellung gegenüber neuen Technolo-
gien mag möglicher Weise überraschen. Bestimmte Faktoren zeigen jedoch an, dass die Vor-
teile des Telegrafen nicht so offenkundig zu dieser Zeit waren. Auf der einen Hand hatte die
Technologie ihre Vorteile. Aber in den 1820ern und den 1830ern war weder die Hard- noch
die Software in ausreichendem Maße etabliert und entwickelt noch war es für die Art und
Weise, wie ihre Fürsprecher agierten. Das technische Material war schwach oder schlecht und
funktionierte nicht unbedingt im gewünschten Sinne. Der Standard für die Transmission und
der Interpretation von Signalen war noch nicht vorhanden. Außerdem waren die Erfinder als
sehr fremd und exzentrisch aufgetreten. Hard und Jamison erklären die mangelnde Akzeptanz
der neuen Kommunikationsmittel durch die kulturelle Form und dadurch, dass sich der Bedarf
für diese Techniken erst dann ausbilden konnte, nachdem der Kult der Geschwindigkeit sich
durch die Eisenbahn und das Automobil zu verbreiten begann (Hard, Jamison 2005, 211).

Frauen spielten eine aktive Rolle bei der Verbreitung dieser neuen Technologien. Sie
übernahmen in wohlwollenderer Weise die neuen Kommunikationsmittel, um Waren und
Dienstleistungen zu bestellen und soziale Beziehungen über größere Distanzen aufrecht zu
erhalten. In dem sie die Telefone benutzten verknüpften sie die Fähigkeit von Leuten und
managten zum Beispiel die Aufrechterhaltung von Verwandtschafts- und Freundschafts-
beziehungen zu Verwandten, die in weit entfernten Städten und Regionen wohnten. Die

150
Mütter akzeptierten diese Technik, um im direkten Kontakt mit ihren Kindern zu bleiben,
auch wenn die in weiter entfernte Städte ziehen mussten. Insbesondere Hausfrauen akzep-
tierten die neue Technologie, um ihre sozialen Beziehungen und ihre Aufgaben als Haus-
frauen besser durchführen zu können. Insbesondere die Frauen von Farmern und die Hausfrau
in städtischen Regionen, die in größeren Distanzen zum Zentrum wohnten, nahmen das Tele-
fon schneller an, um aus ihrer geografischen und sozialen Isolation zu entkommen (Hard,
Jamison 2005, 215-221). Allerdings verbrauchten die neuen Maschinen mehr Energie. In der
zweiten Hälfte der 1960er kam es zu einem Wendepunkt in den Beziehungen zwischen
Wissenschaft, Technologie und Gesellschaft in gewisser Weise wie während des 2. Welt-
krieges. Hier fanden fundamentale Verschiebungen in den Bereichen von Wissen und Macht
statt (Hard, Jamison 2005, 251). Nun sind wir dabei, einen weiteren Schritt zu gehen, nämlich
den von angepasster bzw. geeigneter Technologie hin zu einem grünen Ökomanagement in
Wirtschaft und Politik.

Das erste industrielle Forschungslaboratorium, wie wir es heute kennen, entstand vermutlich
in der deutschen Farbstoffindustrie während der zweiten Hälfte des 19. Jh. Dass es innerhalb
der chemischen Industrie der Farbstoffsektor war, in dem erstmalig das Industrielaboratorium
entwickelt wurde, kann weitgehend mit der Besonderheit des Farbstoffgeschäfts erklärt wer-
den, das als Zulieferer für das Kurzwaren- und Textilgeschäft äußerst anfällig war für die
launischen Schwerpunkte des Geschmacks und dem unstillbaren Drang nach neuem, wie er
die Welt der Mode charakterisiert. Neue Farben erfreuen sich jeweils nur kurzer Popularität.
Erstens musste die Farbstoffindustrie Leistung und Qualität ihrer Produktion verbessern, um
wenigstens teilweise den unvermeidlichen Abwärtstrend der Farbstoffpreise auszugleichen
und zweitens musste sie neue Farben finden, um die alten und nicht mehr profitablen ersetzen
zu können. Die Etablierung einer von der Wirtschaft getragenen Forschung war jedoch nicht
ganz so einfach, wie schon durch die Tatsache bezeugt wird, dass während der gesamten Zeit
vor dem Ersten Weltkrieg weder die Franzosen, noch die Engländer trotz ihrer anfänglich
führenden Rolle in der Herstellung von Anilinfarben, in der Lage waren, auch nur ein einziges
industrielles Forschungslaboratorium einzurichten das diesen Namen zurecht verdient hätte.
Man darf sich auch nicht vorstellen, dass das Forschungslaboratorium, wie wir es heute
kennen dadurch entstanden wäre, das man einfach einen oder mehrer Forschungsassistenten
beschäftigte. Es dauerte mehr als 40 Jahre, von 1868 bis 1910, ehe diese Institution voll
entwickelt war (Hausen, Rürup 1975, 106f).

Ein volles Jahrzehnt lang von 1864-1874 waren diese fachlich ausgebildeten Werkmeister
allein für die Produktion und Forschung in den Bayerwerken verantwortlich. Zwei Ereignisse
des Jahres 1876 zwangen die Bayerwerke, dem Problem der Entdeckung neuer Farben
ernsthafte Aufmerksamkeit zuzuwenden. In diesem Jahr wurde das deutsche Patentgesetzt
erlassen, dass das hoffnungslose Stückwerk der Patentgesetze aus der Zeit vor der
Reichsgründung von 1871 durch ein einziges Gesetz für die gesamte Nation ersetzte. Nahezu
über Nacht endete die bis dahin mit eindrucksvollem Erfolg von den deutschen Farbewerken
angewandte Nachahmungspraxis. Die Fabriken mussten nun ihre eigenen neuen Farben
finden oder sie waren vom Untergang bedroht. Die neue Fabrik der Bayer AG hatte einige
originelle Merkmale der inneren Ausstattung, die von Karl Duisberg selbst entworfen waren
und die seitdem von industriellen Laboratorien oft kopiert worden sind. Zum Laborpersonal
gehörten Glasbläser, Färber, Analytiker und eine Menge anderer Techniker, sowie junge
Laborgehilfen, die alle den Chemiker von der Routinearbeit befreiten und ihm die
ausschließliche Konzentration auf Forschung und Gedankenarbeit gestatteten. Die
Forschungsarbeit in den Laboratorien der Bayerwerke galt nur zu einem Bruchteil der
Erforschung von Farbstoffen auf der Basis völlig neuer chemischer Verbindungen. Der weit-
aus größte Teil der Zeit war unspektakulären oder routinemäßigen Experimenten vorbehalten.

151
Von 2378 Farben, die im Jahre 1896 hergestellt und getestet wurden, erreichten nur 37 den
Markt. Die industriellen chemischen Forschungslaboratorien in Deutschland entstanden im
Jahrzehnt vor dem ersten Weltkrieg bereits weitgehend institutionalisiert, bis auf die Tatsache,
dass sie sich stärker auf die akademische Forschung verließen und selbst wenig zur Grund-
lagenforschung beitrugen. Sie hatten große Ähnlichkeit mit dem kommerziellen Forschungs-
labors unserer Tage (Hausen, Rürup 1975, 108-112).

Derzeit steht keine umfassende Theorie zur Verfügung, die imstande wäre, Ursachen, For-
men, Wirkungen und Richtung des technischen Fortschritts zu verorten (Hausen, Rürup 1975,
121). Bereits im 18. Jh. wurde die enge Verknüpfung des technischen Wandels mit dem öko-
nomischen Wachstum gesehen. Alle diese Aspekte der industriellen Revolution gingen auf
die Übernahme neuer Herstellungstechniken zurück. Es ist jedoch die Frage, ob die Einsicht
in die Wachstumsbedeutung des technischen Wandels begleitet wurde von einem Verständnis
des Prozesses, durch den die Veränderungen der Technologie geschaffen wurden. Gibt es ei-
nen automatischen Hang zur Innovation, so hängt dieser allein mit dem Hang zum Profit
zusammen. Es scheint als ob die Erfindung der frühen industriellen Revolution in erster Linie
Antworten auf ökonomische Erfordernisse waren. Wenn man den technischen Wandel unter
dem Oberbegriff der Innovation analysiert, so spielen Engpässe eine bedeutende Rolle. Die
These, dass das ökonomische Wachstum in der Industriellen Revolution von einem konti-
nuierlichen Prozess des technischen Wandels abhing, ist mittlerweile gut geprägt. Es handelt
sich wohl um einen Prozess der Innovationen. Hinter den meisten Innovationen der industri-
ellen Praxis steht systematisches Denken. Die Wirtschaftshistoriker haben den technischen
Wandel nicht systematisch analysiert. Sie haben vielmehr den technischen Wandel als eine
Veränderung in dem auf industrielle Fertigkeiten bezogenen Wissen verstanden. Historiker
haben zudem kein genaues Maß für den Grad des technischen Wandels im 18. Jh. Es ist zu
klären wie und warum Erfindertätigkeit zumindest zunimmt und warum sie erfolgreich ist. So
hat sich die These erhärtet, dass technischer Wandel als Reaktion auf Nachfrage durch Input
an Wissen, Fertigkeiten und Kapital induziert wird. Eine besondere Rolle spielt dabei die
traditionelle Engpassanalyse (Hausen, Rürup 1975, 127-131).

Erfindungen und Innovationen scheinen stets von fünf Faktoren abzuhängen: 1. Vom Wis-
sensstand, das heißt von der Begrenztheit des technischen und naturwissenschaftlichen Wis-
sens, ohne das es neues Wissen nicht gibt, 2. Von einer genügend großen Anzahl ausgebil-
deter Arbeitskräfte in der passenden Technologie, ohne die die Ideen nicht erfolgreich in
wirkliche Technologie umgesetzt werden können, 3. Von der Nachfrage oder dem gesell-
schaftlichen Bedarf, was sich im Marktwert einer neuen Technologie ausdrückt, 4.Von der
Bereitschaft in die Produktion von Erfindungen zu investieren, d. h. Menschen und Ressour-
cen auf die Erfindertätigkeit zu lenken, 5. Von günstigen Faktoren, die die Umleitung der
Ressourcen auf Erfindung und Innovation gestattet. Als gegen Ende des Jahrhunderts der
Zinsfuß stieg, verlegten sich die Erfinder auf kapitalsparende Erfindungen. Der technische
Fortschritt hängt wesentlich von wirtschaftlichen Phänomenen ab. Ohne Zweifel gibt es
„cultural lags“ in der Sozialgeschichte. So ließ das Automobil viele zuvor existierende gesell-
schaftliche Vereinbarungen und Verhaltensmuster veralten. Es ist unwahrscheinlich, dass
neue Waren und Techniken auftauchen und in das Leben einer Gesellschaft eintreten, ohne
eine vorausgehende vielleicht auch nur latente Nachfrage. Andererseits aber gibt es auch die
technologische Lücke (Hausen, Rürup 1975, 132-136).

Der wesentliche Punkt ist, das der Anreiz eine Erfindung zu machen, genau wie der Anreiz
irgendeine andere Ware herzustellen, von dem Überschuss der erwarteten Gewinn über die
erwarteten Kosten beeinflusst wird. Die Begleitumstände ergeben sich aus den Verän-
derungen der voraussichtlichen Marktchancen für eine Ware oder ein Verfahren; sie hängen

152
nicht von wissenschaftlichen Entdeckungen ab, sondern vom sozio-ökonomischen Wandel,
wie Urbanisierung, Verminderung der Familiengröße, Wandel des Status der Frau, Verän-
derungen bei den relativen Faktorkosten, Bevölkerungsvermehrung, Steigerung des Pro-Kopf-
Einkommens etc. (Hausen, Rürup 1975, 154). Mit der systematischen Industrieforschung
wurden Forschung, Erfindung und Innovation zunehmend zu einem einzigen Prozess ver-
schmolzen und damit die spätere industriemäßige Anwendung von Erfindung von vornherein
in die Planung und Durchführung der Entwicklungsarbeiten einbezogen (Hausen, Rürup
1975, 160). Unter Berücksichtigung all dieser Faktoren war das Handweben nicht nur ein
monotoner, sondern hinsichtlich der vielen Ablenkungen der tatsächlichen Webtätigkeit auch
ein langwieriger Vorgang. Die Einführung von Kays fliegendem Schiffchen ist eine der
bedeutendesten Webererfindungen des 18. Jh. Um 1800 gab es viele Versuche, sowohl den
Handwebstuhl zu verbessern, als auch einen mechanischen Webstuhl zu entwickeln. Diejeni-
gen, die sich mit dem Handwebstuhl beschäftigten, richteten ihre Aufmerksamkeit auf zwei
Hauptprobleme – eine automatische Vorrichtung zur Aufnahme des Tuches auf den Zeug-
baum und eine zeitsparende Methode zum Aufbereiten der Kettfäden. Beide Probleme wur-
den durch die Experimente von William Ratcliff gelöst (Hausen, Rürup 1975, 166-168).

Nach dem Preissturz des Jahres 1826 wurde allgemein anerkannt, dass jetzt der Triumph des
mechanischen Webstuhls unvermeidlich war. Die Abneigung des Unternehmers in unaus-
gereifte Maschinen zu investieren, war gewichtiger als die Sorge der Weber, ihr Handwerk
könne zerstört werden. Trotzdem blieben noch drei Hauptschwierigkeiten bestehen. Sobald
die Webbewegungen durch nicht-menschliche Kraft angetrieben wurden, ließ die Aufmerk-
samkeit des Webers nach und es bestand die Möglichkeit, dass er Fehler, die ihn beim Hand-
weben sofort zur Unterbrechung des Webens veranlasst hätten nicht mehr bemerkte. Der
mechanische Webstuhl benötigte eine automatische Vorrichtung, die den Webstuhl anhielt,
wenn der Schussfaden riss oder zuende war oder wenn das Schiffchen in der Mitte der Kette
stehen blieb. Zweitens war ein automatischer Spannstab notwendig, um das gerade gewobene
Tuch auf der richtigen Breite zu halten und die natürliche Tendenz des Aufrollens auf den
Kanten zu verhindern. Beim Handwebstuhl geschah dies durch einen Satz Stifte auf beiden
Seiten des Zeugbaums, deren Stellung der Weber im Verlauf des Webvorgangs manuell
veränderte. Schließlich gab es noch das Problem, die Drehgeschwindigkeit des Zeugbaums zu
verändern, mit der Zunahme des aufgerollten Tuchs wuchs sein Umfang. Das hatte zur Folge,
dass es sich langsamer drehte, während sich gleichzeitig der leichter werdende Kettbaum
schneller bewegte (Hausen, Rürup 1975, 172f).

Zuerst entstanden Maschinenwerkstätten als Anhängsel von Fabriken, die auf die Herstellung
eines Endproduktes spezialisiert waren. So war die Werkzeugmaschinenindustrie ihrerseits
das Ergebnis von spezifischen Produktionserfordernissen einer Reihe von Industrien, die
während dieser Zeit Techniken der Maschinenproduktion übernahmen. Die Werkzeugma-
schinenindustrie entwickelte sich daher als Antwort auf den Maschinenbedarf einer Reihe von
Spezialindustrien; noch während diese Werkstätten mit ihrem Mutterbetrieb verbunden
waren. Durch die ständig wachsende Nachfrage nach einer immer größeren Zahl von Spezial-
maschinen wurde die Werkzeugmaschinenherstellung als besonderer Industriezweig aner-
kannt, der aus einer großen Zahl von Firmen bestand, deren Produktion beschränkt war auf
einen eng begrenzten Produktionsbereich. Häufig auf einen einzigen Typ von Werkzeugma-
schinen mit geringfügigen Modifikationen in der Größe, der Zusatzausrüstung oder der Be-
standteile. 1914 gab es in den Vereinigten Staaten 409 Werkstätten für Werkzeugmaschinen,
die zusammen im Wert von 31.464.660 Dollar produzierten (Hausen, Rürup 1975, 219-221).

Der erreichte Spezialisierungsgrad verdankt seine Existenz größtenteils der Tatsache, dass
bestimmte technische Verfahren gleichzeitig für viele Industriezweige von Bedeutung waren.

153
Die metallverarbeitenden Industrien wurden ständig mit ähnlich gelagerten Problemen
konfrontiert, die der Lösung bedurften und die, sobald sie einmal gelöst waren, ihren Platz
sehr schnell bei der Herstellung anderer Produkte fanden, die nach ähnlichen Verfahren ver-
langten. Ihre Hauptbedeutung lag daher in der strategischen Rolle für den mit der
Industrialisierung verbundenen Lernprozess. Die Einführung von Thomas Blanchards Holz-
drehbank für das Formen der Gewehrkolben im Jahre 1818, stellte insofern eine interessante
Innovation dar, als sie ursprünglich für das Glätten von Holz entwickelt worden war, jedoch
ein Prinzip enthielt, dass schließlich weitere Anwendungen bei anderen Materialien zur
Reproduktion unregelmäßiger Formen fand. Die Schusswaffenindustrie förderte die Entwick-
lung einer ganzen Reihe von Werkzeugen und Zubehörteilen, von denen die Großproduktion
der Präzisionsmetallteile abhängig war. Obwohl 1850 noch kaum eine Nähmaschinenpro-
duktion gab, war sie 1860 ein blühender Industriezweig. Ein weiterer Schritt ist die Entwick-
lung der Universalfräsmaschine durch Braun und Sharpe. Um 1880 hatte die Ausbreitung
neuer Werkzeugmaschinen in der amerikanischen Industrie überwältigende Proportionen
angenommen. Die Einführung des Hochgeschwindigkeitsstahls bei den maschinellen Schnei-
dewerkzeugen und der Einsatz von besseren künstlichen Poliermitteln sind die hervorra-
gendsten Beispiele der letzteren Entwicklung (Hausen, Rürup 1975, 223-229).

Die technologische Revolution und ihr Resultat – hypermoderne Technologie - sind


gekennzeichnet durch Verselbständigungstendenzen des Konglomerates aus Wissenschaft,
Technologie und Ökonomie (Irrgang 2008). Auch dieser Prozess lässt sich noch gesell-
schaftlich-kulturell gestalten und steuern, es sei denn, es gelingt, Wissenschaft, Technologie
und Ökonomie, selbst die kulturellen Rahmenfunktionen zu übernehmen. Ansätze dazu sind
in den modernen Medien zu finden, aber das Bildungssystem insgesamt erweist sich noch als
weitgehend resistent. Die Ökonomisierung der Werte ist nicht identisch mit der Bewertung
von Nutzenfunktionen. Die Nachhaltigkeit empfiehlt sich als Leitbild für die neue Allianz von
Technologie, Wissenschaft und Ökonomie. In der Phase nach dem 2. Weltkrieg werden wir
Zeugen einer Durchdringung der amerikanischen Gesellschaft mit einer technologischen
Transformation. Seit 1945 ist in den USA ein militärisch-industriell-universitärer Komplex im
Aufbau begriffen, der keine Entsprechung weltweit hat.

Die technologische Revolution verschärft den Wettbewerb von Innovationskulturen.


Wichtiger gemeinsamer Ausgangspunkt für das Nachdenken über nationale Innovations-
systeme (NIS) und nationale Innovationskulturen ist der empirische Befund, dass die
technologische Leistungsfähigkeit der führenden Volkswirtschaften – widergespiegelt etwa in
deren Handelsbilanzen und Patentierungs- bzw. Publikationsverhalten – deutliche Unter-
schiede aufweist. Zur Beschreibung soll vor allen Dingen auf folgende Punkte hingewiesen
werden:

(1) Ursachen von Innovationen, die als interaktive Lernprozesse verstanden werden.
(2) Innovationsprozesse werden von einem System getragen, d.h. von mehr oder
weniger lose strukturierten Faktoren bestimmt, die in einer wechselseitigen Ab-
hängigkeit stehen.
(3) Dieses System umschließt ein organisatorisches und institutionelles Gefüge.
(4) Ökonomische und technologische Entwicklungen werden aus einem evolu-
tionstheoretischen Blickwinkel betrachtet, d.h. die historische Perspektive wird
anerkannt.

154
(5) Der Nationalstaat besitzt zentrale Bedeutung für die Organisation von Inno-
vationsprozessen; daher werden die Bereiche zwischen den Volkswirtschaften be-
tont; ein optimales NIS kann nicht konstruiert werden.
(6) Umfassender und interdisziplinärer Forschungsansatz, der neben ökonomischen
Faktoren z.B. auch soziale und politische berücksichtigt (Wieland 2002, 1).

Im Zentrum des Studiums nationaler Innovationskulturen steht die Frage, wie das nationale
Innovationssystem auf technisch-ökonomische Herausforderungen reagiert. Wie werden neue
Technologiephasen im deutschen Innovationssystem eröffnet bzw. etablierte Technologie-
pfade neu ausgerichtet? Was besonders interessiert, sind typische Verhaltens- bzw. Reaktions-
muster. Innovationskultur ist

(1) als theoretisches Konstrukt,


(2) als methodologisches Konzept bzw.
(3) analytisches Raster, (4.) als empirischer Befund und
(5) als Forschungs- und technologiepolitische Herausforderung zu sehen.

Erforderlich ist eine Abgrenzung von Institution und Organisation. Unter dem Begriff der
Innovationskultur lassen sich jene grundlegenden (wohl überwiegend nicht kodifizierten)
Institutionen versammeln, welche die Verhaltens- und Reaktionsmuster des Innovations-
systems – verstanden als Gesamtheit innovationsrelevanter Organisationen und Akteure -
bestimmen, indem sie kollektive (d.h. auch organisatorische) und individuelle Wahlmög-
lichkeiten inhaltlich einschränken und lenken (Wieland 2002, 2-4).

Innovation gilt als die Quelle der Produktivität, des materiellen Reichtums und der Zerstörung
alter Arbeitsplätze. Der Ansatz bei Systemen der Innovation gilt dem Studium der Innovation
und dem technologischen Wandel. Innovationen sind neue Schöpfungen ökonomischer Signa-
tur. Es handelt sich um Prozesse, durch welche technologische Innovationen hervorkommen.
Diese sind extrem komplex und umfassen Wissenselemente, Handlungselemente und die
Überführung von technischem Wissen und Handeln in neue Produkte. Innovationen werden
heute nicht allein oder von einzelnen Firmen durchgeführt. Wenn wir den Prozess der
Innovation beschreiben, verstehen, erklären und möglicherweise auch beeinflussen wollen,
müssen wir alle wichtigen Faktoren erfassen, die Innovationen gestalten und beeinflussen. Es
geht um die Struktur und die Dynamik solcher Systeme. Der Ausdruck „Nationales System
der Innovation“ (NIS) wurde von Dosi (Dosi 1984) sowie von Nelson und Winter (Nelson,
Winter 1982) verwendet. Es handelt sich um eine Theorie der Innovation und des interaktiven
Lernens im Rahmen eines technologischen Systemzugangs (Edquist 1997, 1-4).

Die Situation der Arbeit hat sich durch den Tatbestand, dass Maschinen, Werkzeuge und
andere Einrichtungen zu integrierten technischen Einheiten zusammengefasst werden, ver-
ändert. Organisation ist das Schüsselwort der modernen Industrie. Es entsteht ein technisches
System. Der rationalisierte Betrieb stellt den Arbeiter so vor eine grundlegend neue Situation.
Die Erfordernisse des einen Systems der Arbeit, dass man beruflich nennen kann und des
anderen Systems das man technisch nennen kann müssen zusammengebracht werden. Die
Geschichte der Industriearbeit zwischen 1914 und 1940 wird dadurch bestimmt, dass die
Spezialisierung der Arbeit zunimmt, das heißt, dass sie ganz auf die Erfordernisse der
Serienfertigung ausgerichtet wird. Es ist schwierig, eine genaue Grenze zwischen den
Erfordernissen der Technik und dem Einfluss ökonomischer und sozialer Bedingungen, unter

155
denen die Technik angewandt wird, zu ziehen. Industriearbeit wird vielmehr durch bestimmte
ökonomische Ziele definiert. Dieses Prinzip der kollektiven Organisation kann auch ohne
Fließbandarbeit im eigentlichen Sinne zur Geltung gebracht werden. Humanisierung der
Arbeit bedeutet hier in erster Linie Abbremsen der Produktion (Hausen, Rürup 1975, 291-
297).

Die vorderste Front wissenschaftlicher Forschung führt direkt zu Fortschritten in der


Technologie. Insofern ist es für Unternehmen sehr interessant zu wissen, wie ökonomische
Fortschritte sich aus einer Ausweitung von Forschungsanstrengungen ergeben, um zu wissen,
ob sich solche Anstrengungen auch lohnen. Die industrielle Forschung hat die Art und
Weise, wie Amerikas Ökonomie funktioniert, radikal verändert. Im Zentrum stehen indu-
strielle Forschungslabors, die komplexe Institutionen darstellen. Sie haben einen beträcht-
lichen Einfluss nicht nur auf die Art und Weise wie sie den Unternehmen Unterstützung
gewähren, sondern auch auf den Wettbewerb zwischen Unternehmungen, auf die Beziehun-
gen von Wissenschaft und Technik selbst und auf die Struktur der Industrie. General Electric
(GE) gegründet aus dem Zusammenschluss von Edison General Electric mit der Thomson-
Houston Company im Jahre 1892 wurde zur dominanten Kraft in der amerikanischen
elektrischen Industrie und konkurrierte mit der American Telephone and Telegraph (AT&T),
der ökonomischen Konsequenz von Alexander Graham Bells Erfindung des Telefons 1876.
Laboratoriumsforschung wurde insbesondere von der GE etabliert und zwar um 1900 herum
und half einem Typ von Forschungsinstitution zum Durchbruch in den USA, welche in der
deutschen chemischen und pharmazeutischen Industrie einige Jahrzehnte vorher konstituiert
wurde. Die Forschungsanstrengungen expandierten sehr viel schneller als diejenigen der
Ökonomie überhaupt. Die meisten der Laboratorien waren für Test- und Prüfverfahren im
Ingenieurwesen zuständig. In ihnen arbeiteten Wissenschaftler und Ingenieure zusammen, um
die Konsistenz und Effizienz der Produktion zu überprüfen und zu gewährleisten. Das
industrielle Laboratorium entstand unabhängig von Produktionskapazitäten. Analyse und
Testverfahren, Testlabors und Ingenieurslabors wurden anfänglich in den USA in den Jahren
nach dem Bürgerkrieg gegründet. Industrielle Forschung per se konzentrierte sich auf die
Gebiete, die technologisch am meisten entwickelt waren (Reich 1985, 1-3).

Mit dem Beginn der industriellen Forschung konnten große Unternehmen beginnen, die Art
und Weise des technologischen Wandels und seiner Ausrichtung zu kontrollieren. So konnte
man von richtigen Entwicklungspfaden für den technischen Wandel sprechen. Die industrielle
Forschung brachte den Unternehmen auch die Möglichkeit, ein progressives Bild von sich
selbst zu entwickeln und damit in gewisser Weise Werbung für Wissenschaft und Techno-
logie in der Gesellschaft zu betreiben und mit Industrie als Fortschrittsfaktor zu verbinden.
Natürlich war der Nutzen für manche Unternehmen im Wettbewerb ein Grund für Schwierig-
keiten für andere. Unternehmen entwickelten ursprünglich Forschungsprogramme um ihre
Interessen auf bestimmten Marktsegmenten zu verfolgen und zu unterstützen. Aber sie fanden
bald heraus, dass Laboratorien sehr viel größere Kapazitäten hatten. Industrielabore
eröffneten ebenso Karrierechancen für Wissenschaftler und Ingenieure zu einer Zeit, in der
diese Chancen begrenzt waren. Als die ersten Laboratorien im frühen 20. Jh. gegründet wur-
den, hatten die meisten amerikanischen Wissenschaftler wenig Zeit oder Hilfestellung bei der
Forschung. Industrielle Forschungslaboratorien boten amerikanischen Wissenschaftlern und
forschungsorientierten Ingenieuren willkommene berufliche Entwicklungspfade. Als die An-
zahl der Forschungslaboratorien in amerikanischen Unternehmen wuchs, unterschieden sie
sich immer deutlicher von den ersten industriellen Laboratorien in den USA. Die Anforde-
rungen, die an die industrielle Forschung gerichtet waren, und die Wege, auf denen man diese
realisieren konnte, führten zu einer immer spezielleren und neuen Umgebung für Forschungs-

156
laboratorien. Industrielle Forschung verband Wissenschaft und Ingenieurskunst um das zu
schaffen, was wir heute High-Technology nennen (Reich 1985, 4-9).

Die Industrie wandelte sich in den 1880er und 1890er Jahren in den USA selbst in drama-
tischer Art und Weise, sowohl was die Struktur, die Technologiebasis und als auch die Anzahl
betraf. Dies war die Voraussetzung dafür, endlich industrielle Forschungslabore zu schaffen.
Die USA waren reich an natürlichen Ressourcen, aber durch einen Bevölkerungsmangel
gekennzeichnet. Außerdem fehlte es an agrarischen Methoden, Manufakturtechnologien und
Transportfähigkeiten, die erforderlich waren, um eine technologische Gesellschaft aufzu-
bauen. Insofern war ein Technologiemanagement erforderlich. Der Glaube an die Effizienz
von Wissenschaft für direkte Inventionen und für die Verbesserung der ökonomischen
Struktur führt dazu, dass mechanische Institute, deren Hauptaufgabe darin bestand, Methoden
und Inhalte von Wissenschaften direkt zu Arbeitern und Mechanikern zu bringen in ihrer
Anzahl anwuchsen (Reich 1985, 12-15). Das Franklin-Institut öffnete 1824 und wurde
erweitert durch das Rensselaer Polytechnische Institut. Die Militärakademie in West Point
wurde im Jahre 1802 gegründet und als eine Art Ecole Polytechnique institutionalisiert.
Außerdem entstand eine Verstärkung technischer Erziehung nach 1818. Der nächste
Einschnitt war eine gewaltige Expansion des US- Erziehungssystems nach dem Bürgerkrieg.
Während der späteren Jahrzehnte des 19. Jh. entwickelte sich eine strenge Ideologie der
Wissenschaft in den USA (Reich 1985, 17-20). Die elektrische Industrie zum Beispiel beute
auf der Basis des mechanischen Ingenieurswesens, auf Mathematik und Physik und
entwickelte sich als eine eigene Disziplin in den 1880ern und 1890ern während enge
Beziehungen zwischen der Elektrizität und dem Magnetismusabteilungen der Physik
bestanden. Die amerikanische Ingenieurspraxis hatte ursprünglich wenig Beziehung zu
Forschung gehabt. Ein Verständnis und eine Kodifizierung der natürlichen Phänomene wurde
ebenfalls in der zweiten Hälfte des 19. Jh. vorangetrieben. 1870 wurden weitere Fortschritte
in der Stahlerzeugung gemacht und so entwickelten sich enge Verbindungen zwischen
Wissenschaft und Ingenieurswesen in verschiedenen Industrien im letzten Drittel des 19. Jh.,
zum Beispiel in der Ölraffinierung, in der Gummiherstellung und in der elektrischen
Industrie. In all diesen Bereichen, war Standardisierung als Erfolgskriterium erforderlich
(Reich 1985, 24-29).

Während der früheren Jahrzehnte des 19. Jh. bestand das amerikanische Geschäft meistens
aus kleinen lokal orientierten Firmen, die begrenzte Interessen und begrenzte Möglichkeiten
hatten. Die Einführung von stationären Dampfmaschinen transformierte die amerikanische
Industrie. Die frühesten Manufakturen, die das kleine Firmenstadium überschritten, ent-
wickelten sich entlang den Strömen und Flüssen, wo sie adäquate Wasserkraft geliefert beka-
men. Das heißt diese Fabriken wurden meistens nicht in die Städte, sondern auf dem Land
errichtet. Mit der Dampfmaschine fanden die Fabriken Eingang in die Städte. Eine weitere
Entwicklung ergab sich aus der Einführung von Dampfmaschinen, nämlich die Notwendig-
keit, nach Steinkohle zu suchen. Während der 1840er und 1850er Jahre war die Dampfkraft
tatsächlich eine reale Möglichkeit industrieller Produktion. Die nun von Standortfragen
befreiten Unternehmer konnten andere Gesichtspunkte der Allokation berücksichtigen. Eine
ganze Reihe der neuen Unternehmen wurden in den rapide wachsenden Großstädten
angesiedelt, in denen auch die Arbeiter sich ansammelten. Dies war einer der wesentlichen
Faktoren für das dramatische Anwachsen der Bevölkerung in der zweiten Hälfte des 19. Jh.,
die letztendlich durch die wachsenden Beschäftigungsmöglichkeiten gegeben waren. Die
Eisenbahnen waren in der Tat die ersten großen Geschäfte in den USA, wie sonst in keinem
anderen Land. So kam es dazu, dass die Preise für viele industrielle Produkte im letzten
Drittel des 19. Jh. nachhaltig fielen. Neue organisatorische Strukturen entstanden und die
tatsächlich sehr schwierigen ökonomischen Bedingungen, insbesondere in den 1890er Jahren

157
wurden nicht zuletzt durch die Agrarrevolutionen im frühen 20. Jh. überwunden. Ein
wesentlicher Faktor des ökonomischen Erfolges, waren auch die Antitrust-Bemühungen der
amerikanischen Regierung. Industrielle Forschung wurde immer begehrter bei Unternehmen,
insbesondere dann, als Physiker fortgeschrittene analytische Methoden und Instrumente durch
diese neuen Forschungsprogramme entwickelten (Reich 1985, 31-38).

Thomas Edison war einer der ersten, der Wissenschaft, Technologie und Geschäft mitein-
ander verbinden konnte. Er eröffnete am 4. September 1882 in Manhattan ein erstes zentrales
Kraftwerk. Edisons Labor im Menlo-Park wurde installiert, als das erste amerikanische
industrielle Forschungslabor, wie es in dem Sinne von Reich entwickelt wurde (Reich 1985,
42 f.). Edisons Fabrik produzierte Dynamos. Er war nicht der einzige, sondern die Thomson-
Houston Electric Company war sein Konkurrent (Reich 1985, 46). 1894 nach ihrer Vereini-
gung installierte GE das erste große elektrische Motorkraftwerk in einem Fabrikgelände.
Nicht zuletzt weil das Management neue Bereiche und neue Wege bescheiten wollte (Reich
1985, 53). Obwohl GE den amerikanischen Markt für elektrische Beleuchtung in den späten
1890ern dominierte, gab es Konkurrenz. Als Edison das elektrische Licht und die elektrischen
Kraftwerkssysteme während der späten 1870er und frühen 1880er erfand, profitierte er von
der Nachfrage nach Gasbeleuchtung, die bereits vor seiner Erfindung installiert worden war.
Das elektrische Licht von Edison fügte der Bequemlichkeit bei der Beleuchtung eine Menge
hinzu, da elektrische Lampen automatisch angezündet werden konnten, im Gegensatz zu
Gaslaternen, die jede jeweils von Hand erleuchtet werden musste und sie eliminierte das
Flimmern, welches Gaslaternen immanent war. Außerdem erschien elektrisches Licht sicherer
als Gas und hatte die Aura der letzten wissenschaftlichen Technologie. So fand diese neue
Technik schnell breite Akzeptanz bei den Verbrauchern. Allerdings hatte auch die elektrische
Beleuchtung gewisse Nachteile, insbesondere nur beschränkte Möglichkeiten bei der Kon-
struktion. Außerdem war das Lichtspektrum dieser alten elektrischen Glühbirnen eher dem
niedrigeren roten Ende des sichtbaren Bereiches zuzuordnen und bot daher nur ein unnatür-
lich rot eingefärbtes Licht. Außerdem produzierte es eine ganze Menge an Wärme. Gegen
Ende des Jahrhunderts, gab es zwei neue Entwicklungstendenzen, die in Deutschland stattge-
funden hatten und die GE bestimmte Konkurrenz machten. Die allgemeine Elektrizitäts-
gesellschaft in Deutschland (AEG) und Westinghouse in Amerika wurden die neuen Kon-
kurrenten für Edisons Unternehmen. Am Ende des 19. Jh. gab es eine Reihe unabhängiger
amerikanischer Forscher, die elektrische Glühbirnen und Röhren entwickeln wollten, die auf
ionisiertem Gas und Unterdruck basierten (Reich 1985, 62-64).

Die Entwicklung von elektrischen Glühbirnen und Leuchtröhren war eine wichtige Aufgabe
zu Beginn des 20. Jh. für Forschungslaboratorien. Es war eine ziemliche Herausforderung für
diese Forschungslabore eine Lampe zu konstruieren, die billig und langlebig genug war, um
in Amerika verkauft werden zu können (Reich 1985, 77). Durch die Forschungslabore
gewann GE eine außerordentliche Vormachtstellung im Hinblick auf die industrielle
Entwicklung selbst. Dies führte dazu, dass es zu einer Diversifizierung der Forschung und der
Forschungsgegenstände industrieller Labore kam. Die elektrische Glühbirne und Leuchtstoffe
waren nur der Ansatzpunkt für eine Ausweitung des Programms. Ganz wichtig wurden für die
weitere Entwicklung der Forschungslabore die Sicherheitsfrage und ihre Überprüfung für die
moderne Technologie. 1909 wurde Irving Langmoir der neue Forschungsleiter der Labora-
torien. Durch ihn kam es zu einer Verstärkung der Grundlagenforschung auch bei General
Electric. Dabei war die Optimierung elektrischer Glühbirnen nach wie vor eine zentrale
Aufgabe, auch über das erste Jahrzehnt des 20. Jh. hinaus. Neue Technologien wurden
ausprobiert. Neben der Entwicklung der Radioastronomie entstand aufgrund der Entdeckung
der X-Strahlen (Röntgen-Strahlung) in den ersten Jahrzehnten des 20. Jh. anscheinend ein
neues Forschungsfeld (Reich 1985, 88). Dies führte zu einer Neuausrichtung des Labors

158
(Reich 1985, 91). Das Labor hatte insbesondere ab den 1920er Jahren neue Aufgaben zu
bewältigen, was die Verwaltung und den Erwerb von Patenten betraf. Alle paar Jahre musste
ein großes Unternehmen neue Produkte auf den Markt bringen, damit seine Gewinnspanne
nicht abzusinken drohte. So musste GE sich um die Schaffung neuer Märkte bemühen (Reich
1985, 95).

Während der zweiten Dekade des 20. Jh. änderte sich die Beziehung zwischen dem
Forschungslabor und der Patentabteilung eines Unternehmens. Nun wurden bestimmte
Forscher angestellt, die systematisch alle Patente, die relevant waren, auf ihre mögliche
Verwendbarkeit im eigenen Firmenkontext hin prüften, eingestellt. Laboratoriumsforscher
wurden ebenso informiert und in die Entwicklung des gesamten Unternehmens und seiner
Operationen integriert wie andere wichtige Mitarbeiter, allerdings auf einer weniger formalen
Basis. Ingenieure und Manager aller Sparten des Unternehmens trafen sich zu Meetings im
Forschungslaboratorium und diskutierten ihre Bedürfnisse (Reich 1985, 103-105). Die
Bücherei des Forschungslaboratoriums war ein anderes wichtiges Betriebsmittel und eine
bedeutsame Voraussetzung zur Ermöglichung von Forschung. Edisons Laboratorium enthielt
1915 ungefähr 1400 Bände und 65 Zeitschriften, die von einem Vollzeitbibliothekar verwaltet
wurden (Reich 1985, 109). Das Radio setzte die Tendenz, die durch das Telefon als
Entwicklungspfade gesetzt wurden, fort (Reich 1985, 157). 1913 hatte sich das Niveau der
Radioforschungsaktivitäten durch unabhängige Erfinder und eine Reihe von amerikanischen
Unternehmungen in signifikanter Art und Weise erhöht. Früh, im Jahre 1915, formte Arnold
eine Radioentwicklungsgruppe um Arbeitsabläufe im Forschungslaboratorium zu testen und
neu zu konstruieren. Laboratoriumsforscher begannen erste Versuche mit Fernverbindungen
im Radiowesen zwischen Long Island und Delaware im April 1915 (Reich 1985, 170-173).
Die Entwicklung eigener Laboratoriumseinrichtungen bei den Belllaboratorien, ausgestattet
mit Wissenschaftlern und forschungsorientierten Ingenieuren, ist gekennzeichnet durch einen
früheren Zugang zur Entwicklung für Technologie. Diese Bewegung passte in die Bemü-
hungen von Unternehmungen, kostengünstige Telefonservice anzubieten, als Teil ihrer
Intentionen, sich selbst gegen eine potenziell zerstörerische neue Technologie abzuschotten,
wie zum Beispiel das Radio. Innerhalb weniger Monate gelang es, die Laboratorien auf die
amerikanische militärische Produktion umzustellen. Als die Vereinigten Staaten 1917 in den
Krieg eintraten, waren sie in der Lage zur Massenproduktion. Die AT&T entwickelten Radio-
und Kommunikationstechnologien für die Kriegserfordernisse (Reich 1985, 177-180).

Zwischen 1912 und 1915 entwickelte sich die Forschungsabteilung langsam weg von den
strengen Aufgaben eines Allokationssystems, um Ingenieursaktivitäten zu dokumentieren und
zu koordinieren. Die Wissenschaftler und Forscher in diesen Laboratorien bekamen ein
Minimum an Freiheit um ihre Forschung adäquat verfolgen zu können (Reich 1985, 191). Die
Bedeutsamkeit von Wissenschaft in den Forschungslaboratorien der Industrie beruhte auf der
Fähigkeit und der Unterstellung einer direkten Anwendung. Wissenschaftliches Wissen, das
zur Anwendung führte, hatte offenbar Wert. Das Wissen allerdings, dass weitere Forschung in
Anspruch nahm und vorschlug, führte nur theoretisch zu neuen Konstruktionen, konnte aber
langfristig durchaus nützlich sein (Reich 1985, 205). Die Ingenieure benutzten Mathematik
und ihre statistischen Techniken in der Vakuumlampenentwicklung, um bestimmte Produk-
tionspfade auszuprobieren und Elemente herauszufinden, die diese Strukturen unterstützten
konnten. Es ging um konkrete Hilfen bei der Konstruktion für die Produktion (Reich 1985,
212f).

In den 1920er waren General Electric und Bell die führenden Unternehmen mit den führenden
Forschungslaboratorien in den USA. General Electric dominierte den Markt für elektrisches
Licht, insbesondere durch seine Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten. Jedoch war der

159
Markt für elektrisches Licht mit Bells Kontrolle der Radiotechnologie verbunden, die sich
beide um Forschungs- und Entwicklungstechnologien bemühten. Allerdings war das Radio
nicht so bedeutsam für den sich entwickelnden Markt, dass er durch Forschung abgedeckt und
unterstützt werden musste. An Stelle dessen bewegten sich mehrere Unternehmen in der
Zusammenarbeit ihrer Forschungstätigkeiten, um den wachsenden und potenziell profitablen
neuen Markt kontrollieren zu können. In diesem Zusammenhang machte die Entwicklung des
Industrielaboratoriums weitere neue Wandlungen in den 20er und 30er Jahren durch. Mitte
der 20er Jahre war GE in der Lage, eine Radiostation und Empfängerstationen zu bauen, die
beide auf der Halbvakuumtriode beruhten. Die Forscher von AT&T haben 1914 die ersten
umfangreichen Forschungen über das Radio durchgeführt, als sie ein Programm eröffneten,
welches die Entfernung über den atlantischen Ozean überwinden helfen sollte. Während
Amerikas Beteiligung am ersten Weltkrieg wurden diese Anstrengungen intensiviert. Die
Kriegsmarine übernahm einen Teil der finanziellen Verantwortung für jede Art von Patent-
verletzung, die im Rahmen dieses nationalen Kriegsprogramms auftreten konnten, und bot
Radiotechnologie für die Forschung insgesamt bei allen industriellen Unternehmungen an. So
erreichte die Radioindustrie in den Jahren während des ersten Weltkrieges in den USA den
Status der Massenproduktion (Reich 1985, 218f).

AT&T hatte ernsthafte Anstrengungen unternommen, die transozeanische- und Schiff-zu-


Schiff-Kommunikation zu intensivieren. Obwohl ihnen dabei wichtige Patente fehlten, die
von anderen gehalten wurden, insbesondere was die Empfängertechnik anbelangte, bestand
keine Notwendigkeit in der Annahme, dass die schnelle Ausbreitung der wissenschaftlichen
und technologischen Fortschritte sehr schnell andere Rechte von gleichem oder größerem
Wert bringen würde. AT&T war dadurch sehr erfolgreich in zumindest bestimmten Bereichen
aufgrund ihrer Forschung, Entwicklungsabteilungen und Techniken, die dem Unternehmen
einen gewissen Anteil am Segment der Entwicklung der Radiotechnologie sicherstellte.
Indem Bell aus dem Konkurrenzbereich der Radiokommunikation herausgenommen wurde,
konnte die GE-Gruppe sich selbst in dem Bereich der Erforschung der Radiotechnologie
stabilisieren (Reich 1985, 223). Industrielle Forschungslaboratorien in den USA wurden
eingerichtet, um die Firmen in den USA vom Wettbewerb her zu schützen bzw. sie im
Wettbewerb zu unterstützen. General Electric und Bell entwickelten institutionalisierte For-
men von industrieller Forschung aus einem Grund, nämlich Technologien unmittelbar zu kon-
trollieren, im Hinblick auf ihre kommerzielle Verwertung. Indem industrielle Forschung
durchgeführt wurde, begannen sie einen kontinuierlichen Strom von technischen Mitteln zu
schaffen, um die technologische Diskontinuität zu kontrollieren. Diese Diskontinuität führte
dazu, dass die ökonomische Entwicklung von Unternehmen immer wieder destabilisiert wur-
de (Reich 1985, 239-242).

Die zweite Industrielle Revolution fand während der zweiten Hälfte des 19. Jh. statt (ca 1850
bis 1920) und ist charakterisiert durch die Anwendung formalen wissenschaftlichen Wissens
in der Industrie. Deren größten Anteil an der Anwendung hatte die chemische Industrie. Das
tiefere chemische Know-how basierte auf den neuen Theorien der organischen Chemie, die
durch Kekulé und seinen Benzolring inspiriert wurde und insbesondere in Deutschland zu
einer ganzen Reihe von Innovationen führte, besonders nach 1870, allerdings kaum zu
irgendwelchen Innovationen in Großbritannien (Homburg u. a. 1998, 99-101). Es gab eine
ganze Reihe von Gebieten, in denen die britische Regierung indirekt oder auch direkt die
chemische Industrie unterstützte. Natürlich gab es eine ganze Reihe von Gruppen auch in der
britischen Wirtschaft, die eine solche Unterstützung wünschte. So war eine der Forderungen
immer wieder, die Steuern auf Industriealkohol herabzusetzen. Auch in Deutschland
versuchte die Industrie, sich Wettbewerbsvorteile zu verschaffen, indem sie den Staat um
Unterstützung bat. Trotz beachtlicher Lobbyanstrengungen gelang es der britischen Industrie

160
in der zweiten Hälfte des 19. Jh. nicht, nennenswerte Steuersubventionen zu bekommen. Nach
1870 wurde die britische Kooperation zwischen der akademischen Welt und der Industrie
niemals so stark wie diejenige in Deutschland. Häufig wurde in Deutschland eine Kooperation
auch zwischen Unternehmen im Sinne der Standardisierung durchgeführt (Homburg u. a.
1998, 108-114).

Das Interesse der britischen Regierung und Bevölkerung an Innovationen war geringer als in
anderen Ländern. Die Bürger der reichsten Gesellschaft in der Welt vor 1914 hatten wenig
Bedarf, nach neuen ökonomischen Visionen und Wegen zu suchen. Das alltägliche Leben
hatte ein Niveau erreicht, in der Ökonomie und Administration als besonders gut erschienen.
In Deutschland hingegen war dies nicht so, so dass das Bewusstsein vorherrschte, dass Inter-
ventionen zugunsten besserer Konditionen für Innovationen von Staats wegen durchaus
erforderlich sein könnten, um Wachstum von Ökonomie und Industrie zu befördern In (Hom-
burg u. a. 1998, 118). In Großbritannien wurde immer mehr registriert, dass in den städtischen
Umgebungen die Sache um die öffentliche Gesundheit nicht gut stand. Insbesondere in den
1830er und 1840er Jahren führte die schnelle Urbanisierung zu Epidemien, Armut, Pauperis-
mus und machte die Augen offen für die öffentlichen Kosten einer unregulierten Industri-
alisierung. Angst vor sozialem Abstieg und die Bemühungen um die Stabilität von Institu-
tionen erregte die Öffentlichkeit und vor allen Dingen die Mittelklasse hatte neue Formen von
Politik zu entwickeln. So erscheinen viele Zeitungsartikel als Ausdruck der sozialen Kosten
der Industrialisierung der Gesellschaft und sie definierten neue Felder öffentlichen Interesses
und sittlicher Verpflichtungen. Die Debatte über die industrielle Verunreinigung von Wasser,
Luft und Nahrungsmitteln wurden im engen Zusammenhang zwischen den Fabrikbesitzern
und den Landbesitzern der bürgerlichen Gemeinden ausgetragen. Sie fand in Großbritannien
ab 1860 statt. Die Luftverschmutzung war der Ausgangspunkt britischer Kritik an der Indu-
strie und führte zur Forderung nach angepasster Technologie (Homburg u. a. 1998, 121f).

Hier erfolgte eine gewisse Akzeptanzverweigerung für neue Technologien, da sie das
Umweltproblem verschärften. Insbesondere die chemische Industrie wurde dafür verantwort-
lich gemacht, dass sie die Luft in Großbritannien verschmutzte. Daher musste sie Ein-
schränkungen durch die Gesetzgebung hinnehmen, allerdings nicht vor den 1860er Jahren.
Obwohl die chemische Industrie eine ganze Reihe von Argumenten und Abwehrstrategien
entwickelte, und den öffentlichen Druck und das öffentliche Verlangen nach gesetzlicher
Regulation von Umweltverschmutzungen erfolgreich abwehrte, gelang es ihnen nicht, im
Rahmen der öffentlichen Auseinandersetzungen, die Industrie vor gesetzlichen Restriktionen
und Regulationen zu bewahren. Sie musste damit Einschränkungen der Produktion und der
Gewinnerwartungen in Kauf nehmen (Homburg u. a. 1998, 135). Ein weiterer wichtiger
Punkt war die Entwicklung des industriellen Laboratoriums in der chemisch-pharmazeuti-
schen Industrie in Deutschland in den 70er und 80er Jahren des 19. Jh. Heinrich Caro
gründete das erste industrielle Laboratorium bei der BASF 1868 (Homburg u. a. 1998, 241).

Thomas P. Hughes bezeichnet die Industrialisierung der USA als die zweite Entdeckung
Amerikas. Die heutigen industriellen Städte entstanden früh im 20. Jh. und erblickten eine
langen Prozession von Erfindern, Ingenieuren und Unternehmern und Arbeitern, die ein neues
Amerika schufen. Die Mechanisierung übernahm das Kommando in der Industrialisierung.
Die europäischen Künstler sahen in der amerikanischen Maschine das Symbol einer
technischen Modernität (Hughes 1989, 107-109). Tatsächlich entwickelte sich in den USA am
Ende des 19. und am Anfang des 20. Jh. eine völlig neue Form von Großtechnik, die zwar in
gewisser Weise auch in anderen Ländern kopiert worden ist, für die aber die USA als Leitbild
steht. Das Telefon hat die Lebensgewohnheiten und die Bedingungen des täglichen Lebens
verändert, aber sie hat nicht den basalen Charakter dieses Lebens determiniert. Anstelle einer

161
solchen fundamentalen Umstrukturierung haben die Menschen die neuen Erfindungen im
Horizont unterschiedlicher Vorstellungen und Vorschläge interpretiert, darunter eine ganze
Reihe, die die Erfinder und Produzenten nicht vorhergesehen haben oder gar gewünscht
hätten. In diesem Zusammenhang haben Menschen ihr Leben den veränderten Umständen
angepasst, die durch die neuen Technologien hervorgerufen und geschaffen wurden. Sie
haben also diese Technologien ihrem Leben angepasst. Es gibt zwei Arten eines
technologischen Determinismus: Der ältere war hart, einfach und mechanistisch; der neue ist
sanft, komplex und psycho-kulturell (Fischer 1992, 12).

Wenn man Geld ausgibt für die Benutzung einer neuen Technologie, so muss man andere
Ausgaben begrenzen. Wenn man ein Automobil benutzt, setzt man sich anderen kulturellen
Einflüssen aus, als wenn man zuhause bleiben würde. Also stellt sich die Frage:

(1) Warum benutzen Individuen eine neue Technologie?


(2) Wie benutzen sie diese und wie beeinflussen neue Technologien die unmittelbaren
Aspekte ihres Alltagslebens?
(3) Wie veränderte der kollektive Gebrauch einer Technologie und die kollektive
Antwort auf eine Technologie soziale Strukturen und ihre Kultur?

Also ist entscheidend eine Heuristik des Gebrauchs von neuer Technologie. Wenn im Jahre
1875 ein Amerikaner eine Nachricht verschicken wollte, musste er reisen oder jemanden
finden, der für ihn reiste. Die Nachrichten waren kurz und nur in eine Richtung zu versenden
und die Kommunikationsmöglichkeiten über längere Distanzen waren stark eingegrenzt. 1925
konnten die meisten Amerikaner zueinander sprechen, von Stadt zu Stadt oder von Land zu
Land, schnell Antworten erhalten und relativ. Die Möglichkeiten der persönlichen Kommuni-
kation haben sich in diesen 50 Jahren in weitem Umfang ausgedehnt. Wie haben Menschen
diese drastischen neuen Bedingungen für ihr soziales Leben angenommen und verarbeitet?
(Fischer 1992, 18-23).

Die erste Periode der Einführung des Telefons geschah von 1876 an, als Alexander Graham
Bell und sein Unternehmen das Telefonsystem aufstellten. Das Telefon bedeutete einen
radikalen Wandel in der persönlichen Kommunikation. Für die allermeisten Geschäftsaktivi-
täten allerdings war die Bedeutsamkeit weniger offenkundig. Das Geschäft beruhte auf Brie-
fen und Telegrammen oft mit komplexem Code ausgestattet, um geschriebene Berichte ihrer
Transaktionen zu liefern. Wie Gray hatte auch Bell versucht, den Telegrafen zu verbessern,
als er das erste Telefon im März 1876 konstruierte. Die Monate, in denen er seinen Patentan-
trag formulierte, führten später zu rechtlichen Auseinandersetzungen, und im Mai zeigte er
eine primitive Erfindung auf der Weltausstellung in Philadelphia. Es handelte sich um eine
Art Ferngespräch. Aus der Erfindung ein Geschäft zu machen, war schwieriger. Im Juli 1877
organisierten drei Männer die Bell Telefon Company, verbunden mit dem Hubart-Trust, und
begannen ernsthaft, die Erfindung zu vermarkten. Hubarts Ausrichtung der Firma führte dazu,
dass die Firma zum exklusiven Produzenten von Telefonen wurde und sowohl die Instru-
mente wie die Lizenzen an lokale Vertreter und Betreiber von Telefonservicen weitergab. Bell
kontrollierte sowohl den Service wie die Art und Weise, wie Konsumenten die Technik ge-
brauchen konnten (Fischer 1992, 34-36).

Bell kümmerte sich um den Betrieb der Instrumente und der technischen Apparatur und
erhielt dafür Renten. Mitte 1878 hatte sich das Telefongeschäft stabilisiert, ungefähr 10.000
Apparate waren verkauft. Die Western Union hatte bereits eine ganze Reihe von Telegrafen-
büros überall und nahm auch Telefone auf, die durch Thomas Edison und Elisha Gray als

162
ergänzender Service angeboten wurde. Die gemeinsame Praxis während dieser Periode und
danach war Kunden mit einer Flatrate für den Telefonservice zu belasten und ihnen dabei
unbegrenzte Telefongespräche zu erlauben. Aufgrund der unterschiedlichen Unternehmen und
unterschiedlichen Ansätze zwischen Bell und Edison waren unterschiedliche Visionen von
dem Potenzial des Telefons im Umlauf. Es war nicht jedermann von Anfang an klar, wem das
Telefon dienen könnte und auf welche Art und Weise. Während der ersten Jahrzehnte des
Telefons boten industrielle Vermarkter eine ganze Bandbreite von Anwendungen an ein-
schließlich der Übermittlung von Gesprächen, neuen Nachrichten, Weckrufen und einer Reihe
von anderen Experimenten. Die Industrie verbrachte eine beträchtliche Zeit speziell am
Beginn des 19. Jh. allein damit, der Öffentlichkeit die Nützlichkeit ihrer Instrumente klarzu-
machen und den Kunden falsche Vorstellungen von Telefonnutzung auszureden. Die industri-
ellen Führer fanden den Zugang zum Telefon über ihre Erfahrung mit dem Telegrafen. Dabei
wurde der Telegraf ausschließlich als ein Geschäftshilfsmittel gebraucht. Es war in diesem
Zusammenhang einsichtig, dass Bell das Telefon als Erfindung für das Büro einführte. Ärzte
und Geschäftsleute formten den ersten Markt für Telefone (Fischer 1992, 36-41).

Die Entwicklung der Elektrizität und des Telefonsystems haben manche Ähnlichkeiten.
Obwohl die Europäer ihre ersten Automobile entwickelten und popularisierten, waren es die
USA, die die Primärnation wurde, die Automobile benutzte. So ähnlich war es auch mit dem
Telefonsystem (Fischer 1992, 56f). Die Verkäufer der neuen Technologien waren alles
Männer und sie dachten in dem Sinne auch wie Geschäftsmänner. Sie waren nicht offen
genug für die Bedürfnisse der Konsumenten (Fischer 1992, 60). Am Anfang standen die
technischen Demonstrationen. Allerdings hatten die Telefonverkäufer eine stärkere Heraus-
forderung zu bewältigen, nämlich Leute dazu zu überreden, für diese Erfindung zu bezahlen.
Die Entwicklung des Telefons war am Anfang sehr langsam, weil die Bevölkerung erst erzo-
gen werden musste. Aber sobald die Bevölkerung erzogen war und von der Notwendigkeit
und von den Vorteilen des Telefons überzeugt war, dann begann die Wachstumsrate in der
Tat sich zu beschleunigen (Fischer 1992, 62f).

Die Erziehungsarbeit der Industrie sollte den Basisservice für die ganze Zeit verkaufen,
Ergänzungsangebote wie bessere Telefone und Ferngespräche für eine bestimmte Zeit
schmackhaft machen und nicht zuletzt die Gutwilligkeit der Leute disziplinieren. Es galt
jedenfalls, Nutzer für diese Technik zu finden. Sie wiesen immer wieder darauf hin, dass das
Telefon als Ersatz für den Telegrafen Geschäftsnotizen versenden konnte und zwar viel
leichter als beim Telegrafen und ohne Operator. In den frühesten Jahren schenkte die Indu-
strie dem Marktservice in den einzelnen Wohnungen nur wenig Aufmerksamkeit. Erst in spä-
terer Zeit, etwa ab 1920, wurden häusliche Dienste propagiert und zwar in diesem Sinne, dass
das Telefon den Haushalt managen helfen könne. Auch auf das Marketing durch das Telefon
wies die Firma AT&T ab 1910 hin. Eine Sonderaktion 1910, das Telefon zu Weihnachten, in
dem die Organisation des Festes als vom Telefon unterstützt vorgestellt wurde, zeigt, dass erst
langsam über neue Anwendungen nachgedacht wurde. Es wurde also immer deutlicher, dass
den Verbrauchern die Nutzungsmöglichkeiten des Telefons erst beigebracht werden mussten
(Fischer 1992, 65-69).

Die Erziehungsmaßnahmen trafen auch die Höflichkeit und die Etikette am Telefon. Der
Kampf der Telefongesellschaften ihren Kunden Zivilisation beizubringen, ließ verschiedenen
Interpretationen zu. Allmählich kam es dazu, dass für die Telefonnutzung auch hin und
wieder eine nichtgeschäftliche Art und Weise vorgeschlagen wurde. Im Jahr 1920 entwickelte
die Telefonindustrie eine technische Atmosphäre, die weniger auf das Produkt und mehr auf
seine Konsequenzen für den Verbraucher abstellte. Die praktische Seite der Erfindung wurde
stärker hervorgehoben. Komfort und Bequemlichkeit wurden zum Gegenstand einer

163
Kampagne für die Verbraucher. Die soziale Konversation erscheint ebenfalls als Verkaufs-
argument, aber erst ab den 1920ern. In der Mitte der 20er konnte sich die Industrie dazu
durchringen, das Telefon nicht mehr nur als Mittel für die Abwicklung von Geschäftsverkehr
zu propagieren, sondern ebenfalls als einen Haushaltsgegenstand zu sehen, der zumindest
gelegentlich einen sozialen Gebrauch von kurzen Nachrichten erlaubte. Die Nutzung des
Telefons für Geschwätz, sozialen Austausch und Gerede war den Telefonmanagern ein
Gräuel. So musste es den Managern erst klargemacht werden, dass ihnen das eigentlich egal
sein konnte, Hauptsache sie verdienen dabei, wenn Menschen miteinander reden wollen,
gleichgültig aus welchen Gründen. Da die Telefonindustrie direkt von der Telegrafenindustrie
abstammte, ist es nicht verwunderlich, dass sie die Nutzer in denselben Kreisen suchte wie
beim Telegrafen. So kam es, dass AT&T noch 1928 versuchen musste den frivolen Gebrauch
des Telefons zu verteidigen, weil noch immer das Business-Modell im Vordergrund stand.
Die Industriellen unterdrückten den sozialen und vulgären Gebrauch des Telefons, weil sie
glaubten, dass soziale Konversation nicht das richtige Verständnis für ihre Technologie dar-
stellte. Nur ernsthafte Anwendungen sollten dem Telefon vorbehalten bleiben. Die Telegra-
fenerbschaft des Telefons führte dazu, dass das Telefon es in den ersten Jahrzehnten sehr
schwer hatte, entsprechende Nutzergruppen zu finden, die den spezifischen Gebrauch eines
Telefons zu würdigen wussten. Die allgemeine Verbreitung des Telefons war verbunden mit
dem Wechsel der Nutzervision. Vom Geschäftsinstrument zum Hilfsmittel beim alltäglichen
Austausch kleiner Probleme (Fischer 1992, 70-81).

Heute benutzen die Menschen das Telefon als Alltagsinstrument, um soziale Kontakte
aufrecht zu erhalten, Gespräche zu führen, auch über zwei oder drei Generationen hinweg.
Die Telefonindustrie unterstützt heute solche Unternehmen, indem sie die Leute darauf
hinweist, dass mit Hilfe des Telefons jedermann mit jedermann in Kontakt bleiben könnte.
Insofern hat sich das Leitbild der sozialen Nutzbarkeit des Telefons nach den ersten 20 bis 30
Jahren ihrer Nutzung radikal gewandelt. Die Automobilindustrie hatte am Anfang auch ein
völlig anderes Nutzerfeld ihrer Produkte, denn sie stammte von der Fahrradindustrie ab. Für
sie war das neue Fahrzeug ein Luxusgegenstand für Reisen, für Lustfahrten und Rennen. Die
Zeitungen verbreiteten diese Automobilleitbilder und berichteten bevorzugt über Autorennen.
Die ersten Hinweise auf ein Nutzermodell für das Telefon und für das Automobil kamen aber
nicht auf einem sozialen Nutzungsgrad, sondern hatten spezielle Nutzungen im Blick. Nicht
zuletzt das Ford Modell T, welches Nützlichkeit und Brauchbarkeit mit einem geringen Preis
verband, machte diese Technologie auch Kunden mit geringerem Einkommen zugänglich und
so wurde der soziale Gebrauch der neuen Technologie auf breiter Ebene möglich. Man kann
hier quasi von einer zweiten Erfindung dieser Technologie sprechen. So war das neue Leitbild
des Telefons dieses, Familien näher zusammenzubringen (Fischer 1992, 83f).

Eine der Schwierigkeiten und Gründe für Fehlschläge bei der Vorhersage des Erfolgs einer
Innovation und des Nutzungspotenzials liegt darin, dass neue Technologien möglicherweise
neue Nutzungsformen entwickeln können, jedenfalls in späterer Zeit, die am Anfang noch
nicht als möglich erschienen bzw. gegen die sozialen Gewohnheiten und Erfahrungen im
Umgang mit früherer Technologie gestanden haben. Manche benutzen auch heute noch das
Telefon aus beruflichen Gründen. Am Anfang waren dies insbesondere die Ärzte. Diese
brauchten Telefone, um nicht zuletzt auf dem Land ihre Arbeit zu koordinieren. Insofern
waren hier soziale und wirtschaftliche Gründe korreliert. Diese Gruppe enthielt eine ganze
Reihe von ländlichen und vorstädtischen Nutzern, junge Leute und speziell auch Frauen, die
gerade den sozialen Nutzen des Telefons für ihre persönlichen Angelegenheiten erkannten.
Außerdem wiesen sie darauf hin, wie wichtig ein häusliches Telefon gerade bei Notfällen war
(Fischer 1992, 260 f).

164
Auf die Art und Weise ließen sich Spaziergänge ersetzen durch ein Telefonat. Es war leichter
möglich, in Kontakt zu bleiben, vor allen Dingen, wenn Verwandte oder Freunde durch
berufliche Gründe über weite Distanzen verteilt waren. Diese direkte Nutzung des Telefons
hatte psychologische Konsequenzen für die Bewältigung des Alltags. So untergruben die
Kommunikationsmöglichkeiten durch das Telefon die Art und Weise der Kontakthaltung zwi-
schen den Haushalten. In der Tat veränderte diese Technik die Kommunikationsmöglich-
keiten nicht unbedingt stark, aber strukturierte sie ganz anders. Das häusliche Telefon erlaubte
nun eine neue Form der Privatheit, die mit ihrem Haus verbunden war, und auf andere Art
und Weise schwer in Einklang mit öffentlichen Aktivitäten zu bringen gewesen wären, so
zum Beispiel, einen Doktor zu rufen, Wein zu bestellen oder ein Date mit einem Liebhaber
auszumachen (Fischer 1992, 263-265). So haben wir hier einen instruktiven Fall, wie im
Zeitalter der Produktionsdomminanz die Kundenmitwirkung zur Abklärung des Nutzungs-
potentials einer Technik in erheblichem Maße beitrug.

165
4. Computer Aided Design und autonom-intelligente Technik:
Transformation der technischen Konstruktion zum
transklassisch-hypermodernen Techno-Design
Der Grundstein für die digitale Produktion wurde in den 60er Jahren mit den ersten
Programmen zur Abwicklung administrativer Prozesse, z. B. der Lohn- und Gehalts-
abrechnung gelegt. Später kamen Programme für technisch-organisatorische Prozesse, wie die
Material- und Fertigungswirtschaft hinzu. Alle diese Programme waren Insellösungen ohne
eine Verbindung miteinander. Entsprechend wurden die benötigten Daten mehrfach vorgehal-
ten und gepflegt. Die in den 70er Jahren entstandene Produktionsplanung und Steuerungs-
systeme (PPS-Systeme) lösten dieses Problem, in dem sie auf eine integrierte Datenbank
zurückgriffen. So konnten komplette Aufträge im gleichen System abgewickelt werden.
Parallel setzte sich in den 70er Jahren eine neue Produktionstechnologie durch: Numerisch
gesteuerte Maschinen (NCE-Maschinen) bearbeiteten weitgehend selbstständig Produktteile
nach einem auf einem Lochstreifen oder einem Magnetband in digitaler Form gespeicherten
Computerprogramm. NC oder CNC-Maschinen (Computerized Numerical Control) fanden
eine rasche Verbreitung. Der nächste Meilenstein bestand in der Entwicklung von technischen
Informationssystemen, den sogenannten CAX-Systemen (Computer Aided Systems: das X
steht für die unterschiedlichen Anwendungen). Entwurf und Konstruktion konnten gleich im
Computer durchgeführt werden. CAM-Programme (Computer Aided Manufacturing) greifen
auf die gleichen Geometriedaten zurück. Daten aus der PPS und der CAX-Welt waren bis in
die 80er Jahre nicht kompatibel. Daraus entstand die Vision der Computer Integrated
Manufactury (CIM). Dieses Konzept hatte das Ziel, sämtliche Aufgaben der Produktentwick-
lung, der Auftragsabwicklung, der Produktion und des Absatzes in einem integrierten System
zusammenzufassen, der sogenannten digitalen Produktion (Bullinger 2007, 434).

Ein Handy ist ein schnelllebiges Konsumgut. Alle 9-12 Monate bringen die Hersteller neue
Modelle in den Handel. Mit dieser Frequenz müssen in den Fabriken die notwendigen
Anpassungen vorgenommen werden. Insgesamt wird hier die Problematik deutlich, dass
Fabrikeinrichtungen weit länger leben, als die mit ihnen hergestellten Produkte. Insofern
bedarf es verschiedener Bausteine der digitalen Produktion. Die digitale Produktion zielt
darauf ab, die Planung und Umsetzung von Produktneuabläufen sowie die im laufenden Be-
trieb erforderlichen Adaptionen, wie Maschinenbelegung, Zuordnung der Mitarbeiter zu den
Arbeitsprozessen, Produktionsmengen oder die Dimensionierung von Bereitstellungsflächen
schneller, besser und preiswerter als bisher zu realisieren. Die digitale Produktion bedeutet
das Abbilden ganzer Produktionsbereiche in digitaler Form. Dabei werden drei wesentliche
Bausteine unterschieden: Die digitale Fabrik, die virtuelle Fabrik und das entsprechende Da-
tenmanagement (Bullinger 2007, 434 f.).

Der Begriff „digitale Fabrik“ charakterisiert die modellhafte, statische Abbildung einer realen,
heute existierenden Fabrik in einem Rechner. Die virtuelle Fabrik entsteht, wenn die digitale
Fabrik in die Zukunft projiziert und das Systemverhalten über den Zeitablauf simuliert wird.
Dabei wird durch die Einbeziehung des Parameters Zeit die statische Abbildung der digitalen
Fabrik durch die dynamische Betrachtung ergänzt. Die virtuelle Fabrik ist eine im Rechner
vorhandene Fabrik, die sich wie eine reale verhält und an der zukünftige Veränderungen
erprobt werden können. Zum Beispiel das Verhalten der Durchlaufzeit oder der Auslastung.
Ein wichtiges Werkzeug der virtuellen Fabrik ist die Simulationstechnik. Das zentrale

166
Anwendungsgebiet der digitalen Produktion liegt im Bereich der Planung der Produktion –
also im Bereich zwischen der Produktentwicklung und der physischen Herstellung von
Produkten. In der digitalen Fabrik wird die komplexe Produktion ausgehend von dem digi-
talen Produkt geplant. Die Planung führen viele Spezialisten aus unterschiedlichen Diszipli-
nen durch. Beteiligt sind Ingenieure aus den Bereichen Fabrikplanung, Konstruktion und Ar-
beitsvorbereitung, aber auch Betriebswirtschaftler. Für diese Form ist eine zentrale aktuelle
und konsistente Datenhaltung von großer Bedeutung. So gelingt die Planung des Produktions-
prozesses. Echtzeitfähigkeit und mehrskalige Simulation sind die Zukunftstrends dieser Art
der Produktion (Bullinger 2007, 436f.).

Damit hat sich auch die technische Konstruktion fundamental verändert. Als englisches Wort
ist „Design“ ein modernes Derivat des lateinischen Wortes „designare“, was soviel bedeutet
wie markieren, ausführen, zeichnen und zuordnen und dem französischen „designer“,
bezeichnen, entspricht. Es ist jedoch bemerkenswert, dass weder das Griechische noch das
Lateinische irgendein exaktes korrespondierendes Wort zu dem modernen Wort Design bzw.
Entwerfen oder Konstruieren kennen (Mitcham 1995, 173). Design ist also eine grundlegende
Aktivität und manifestiert originär die Kunst des Zeichnens in Form von Grundrissen bzw.
Entwürfen für Bilder. Die nichtvollendeten Räume ägyptischer Gräber zum Beispiel enthalten
solche Zeichnungen, die manchmal nicht zu Gemälden verarbeitet worden sind (Mitcham
1995, 176). Die historische Entdeckung des Design als systematische antizipatorische Ana-
lyse und Modellierung als einer einzigartigen Form menschlicher Handlung entstand ziemlich
gleichzeitig mit der Entstehung der modernen Wissenschaft und Technologie und entbirgt auf
diese Art und Weise eine neue Art, in der Welt zu sein (Mitcham 1995, 179). Design wird im-
mer mehr zu einer modernen Form technischen Konstruierens, nach meinem Dafürhalten
geeignet für die Beschreibung des Prozesses technologischer Konstruktion im Zeitalter hyper-
moderner Technologie (Irrgang 2008).

Design bedeutet entwerfen, (auf)zeichnen, skizzieren, gestalten, ausführen, anlegen, planen,


beabsichtigen, bestimmen, ausersehen, Zeichner, Konstrukteur sowie Entwurf, Zeichnung,
Plan. Design und Konstruktion decken sich in ihrem Bedeutungsgehalt in vielfacher Hinsicht,
doch scheint es mir in Bezug zur technischen Konstruktion doch interessante Bedeutungs-
unterschiede zu geben. Konstruieren beschreibt eher das mathematische Konstruieren (z.B.
mit dem Zirkel) streng rational vorgehend, Design als Entwurf trägt eher Projektcharakter und
ist Ausdruck der Kunstkultur der Technik und menschlicher Kreativität. Die Wiederkehr des
Experten scheint mir ein Indikator für die Wiederkehr der Kunstkultur zu sein, dies wird noch
herauszuarbeiten sein. Diese Schwerpunktverlagerung führt nun auch zu gewissen Verände-
rungen im Ingenieurswesen, da die Idee der Ingenieurs-Konstruktion eng mit der Mathematik
verknüpft war, wie bereits aufgezeigt werden konnte. Dazu sind noch einige Rahmenüberle-
gungen erforderlich.

Der Diskurs über Modernität beruht auf Voraussicht und Kontrolle. Drei Eigenschaften
unterscheiden das Mittelalter von der Moderne: lokale Begrenztheit, kosmische Zentrums-
losigkeit und göttliche Konstitution. Technologie und Ökonomie sind die Disziplinen, durch
die das moderne Projekt ausgearbeitet und in eine soziale Ordnung überführt wurde, die durch
aggressiven Realismus, durch methodischen Universalismus und umfassenden Individualis-
mus charakterisiert ist (Borgmann 1992, 5). Der technologische Hypermodernismus ist eine
mögliche Nachfolgeinstitution für die technische Moderne. Diese wäre gekennzeichnet durch
Hyperrealität, durch Hyperaktivität und durch Hyperintelligenz. Nicht zu bestreiten ist die
Krise des Modernismus. Dabei ist Ausdruck der Moderne der amerikanische Weg, Schulden
zu machen, um konsumieren zu können. Selbstdisziplin und Selbstregulierung sind nicht mehr
die Charakteristika der Zeit. An diese Stelle ist Drogenkonsum und Kinderlosigkeit getreten.

167
Aber Kompensation bewirkt keine Heilung. Als Beispiel für Hyperaktivität ist hyperaktives
Arbeiten zu sehen. Damit ist eine gewisse Aufhebung der Bürgerlichkeit gegeben. Die
Menschen sind mit Schwierigkeiten unvertraut und können sie nicht bewältigen. Sie meinen,
Hyperaktivität bewirkt ökonomischen Fortschritt.

Vielfach angekündigte Postmodernismen haben dazu geführt, dass heute der Modernismus
global geworden ist. Die Moderne entstand als eine Verknüpfung von Bacons, Descartes und
Lockes Projekten. Die Natur wird bestimmt im Rahmen eines aggressiven Realismus, wobei
dieser auf Herrschaft über die Natur abzielt. Es kam zu einer Fusion von Humanität und
Technologie, die zu einem ambivalenten Individualismus führte. Dies mündete in eine Art
von Ideologie der Privatheit. Aber 80 % der Freizeit wird mit passivem Konsum verbracht.
Reichtum ist der Frucht individueller Aneignung und Vermehrung. Die postmoderne Kritik
am Realismus, Universalismus und Individualismus manifestierte sich zunächst in der neuen
Architektur. Die postmoderne Ökonomie läuft auf einen Postindustrialismus hinaus. Im Um-
gang mit Ressourcen und Materialien hat sich eine Dematerialisierung und der Rückgriff auf
andere Materialien durchgesetzt. Das Industriesystem ist an seine ökologischen Grenzen
geraten. So ergibt sich eine gewisse Ambivalenz der Moderne. Das Anwachsen der Kommu-
nikation hat die Grenzen in der menschlichen Kompetenz der Informationsverarbeitung offen-
kundig gemacht. Die Antwort ist eine flexible Spezialisierung und eine informierte Koopera-
tion. Es geht nun um kleine Unternehmen mit gut ausgebildeten Mitarbeitern (Borgmann
1992).

Der zentrale Fehler im modernen Projekt ist an der Stelle zu suchen, wo Produktion und
Konsum aufeinander treffen. Der instrumentelle Hyperrealismus führt in eine virtuelle Welt.
Die technologische Versprechung einer Befreiung der Realitätsverhaftetheit der Dinge führt
in Virtualität. Eine Hyperrealität macht sich in Flugsimulatoren und Workstationen bemerk-
bar. Videospiele zeigen eine elektronische Hyperrealität, eine instrumentelle Hyperrealität.
Die Freizeitgesellschaft besteht aus hyperaktiven Spielern. Die Intelligenz der Experten-
systeme führt zu einer Hyperintelligenz. Die telefonischen Netzwerke sind frühe Versionen
hyperintelligenter Netzwerke. Letztlich ist es Musik und Unterhaltung, die wir wünschen und
die uns eine solche Hyperintelligenz bietet. Moralisch fundamentale Entscheidungen haben
Auswirkungen auf die materiale Kultur. Die Hypermoderne öffnet für rhetorisch eloquente
Realität. Technologie ist Teil des postmodernen Geschicks. So entsteht eine hypermoderne
Technologie (Borgmann 1992). Daran anschließend habe ich eine Konzeption hypermoderner
Technologie entworfen, die durch permanente Innovation gekennzeichnet ist (Irrgang 2008).

Kehren wir zum Ingenieurwesen zurück. Die technische Konstruktion von Produkten des
Maschinenbaus wird in jüngster Zeit von der Konstruktionswissenschaft zunehmend als
Vorgang begriffen, bei dem das menschliche Denken mit seinen Möglichkeiten auf der einen
und seinen Grenzen auf der anderen Seite eine wesentliche Rolle spielt. Damit wird eine
Phase eingeleitet, in der das technische System und dessen abstrakte Beschreibung als
Hauptgrundlage für die Entwicklung von Methoden und Vorgehensplänen zurücktreten.
Dieser Wandel hat vor allem zwei Gründe: Die vorgeschlagenen Methoden und Vorgehens-
pläne finden in der betrieblichen Praxis nicht immer die Anerkennung, die sich ihre Autoren
erhofft haben. Die zunehmende Einbeziehung des Computers in den Prozess der Produktent-
wicklung bedingt die intensive Auseinandersetzung mit der Arbeit und der Denkweise des
Konstrukteurs. Die derzeit notwendige Umorientierung vom technischen Objekt zum gedank-
lichen Prozess führt auf das Gebiet der Denkpsychologie. Das Lösen komplexerer Probleme,
ohne klar definiertes Endergebnis wurde bisher mit wenigen Ausnahmen kaum erforscht.
Dylla stellt sich die Aufgabe, eine deskriptive Theorie des Konstruktionsprozesses zu schaf-
fen. Eine empirisch gesicherte, allgemein gültige Theorie lässt sich nicht im Rahmen eines

168
Projektes erarbeiten. Hier können nur die ersten Schritte in diese Richtung gemacht werden
(Dylla 1991, 2f).

Reichen die in der empistemischen Struktur gespeicherten Handlungsprogramme (Operato-


ren) zur Bewältigung einer Situation nicht mehr aus, so nimmt diese Problemcharakter an. Für
diese muss eine heuristische Struktur erarbeitet werden. Ein Grundschema für Heurismen
sieht Dörner in der Konzeption „Test-Operate-Test-Exit“, einem zyklischen Wechsel von
Prüf- und Handlungsphasen. Wenn kein Problem, sondern eine Aufgabe vorliegt, kann der
Bearbeiter den Zustand durch den Abruf von bereits fertigen Lösungselementen und
festgelegten Handlungsprogrammen (Algorithmen) aus der epistemischen Struktur erreichen.
Dies ist jedoch bei Neukonstruktionen nicht möglich. Zu Beginn der Bearbeitung liegt kein
vollständiger und widerspruchsfreier Katalog von Forderungen vor und muss daher erst noch
entwickelt werden (Dylla 1991, 10-13). Konstruktionswissenschaft hat ihre Wurzeln im
Bestreben, die konstruktive Tätigkeit nicht mehr als Kunst, sondern als Tätigkeit wie jede
andere im technischen Bereich zu begreifen, sie dadurch planbar, optimierbar und lehrbar zu
machen. Im Vordergrund steht dabei nicht die empirische Analyse und die begriffliche
Rekonstruktion des Konstruktionsprozesses, sondern das Aufstellen von Regeln und Normen,
von Phasenschemata, Algorithmen und Konstruktionsprogrammen. Gegenstand des Konstru-
ierens ist ein Produkt. Produkte lassen sich durch Produktmerkmale beschreiben. Nach DIN
2330 können diese in Beschaffenheitsmerkmale, Funktionsmerkmale und Relationsmerkmale
unterteilt werden. Beschaffenheitsmerkmale gehen Eigenschaften an, die am Produkt selbst
festgestellt werden können, Funktionsmerkmale beschreiben den gewollten Zweck eines Pro-
duktes. Relationsmerkmale kennzeichnen die Eigenschaften des Produktes, die erst in Rela-
tion zu anderen Subjekten oder Objekten relevant werden (Dylla 1991, 16f).

Bei Produktmerkmalen wird insbesondere Vollständigkeit und Korrektheit angestrebt. Beim


Konstruieren sind folgende Arbeitsschritte zu berücksichtigen:

(1) Klären und Präzisieren der Aufgabenstellung;


(2) Formulierung einer Anforderungsliste,
(3) Ermitteln von Funktionen und deren Strukturen, Formulierung einer Funktions-
struktur,
(4) Suchen nach Lösungsprinzipien und deren Strukturen,
(5) Formulierung der prinzipiellen Lösung,
(6) Gliedern in realisierbare Module,
(7) Formulierung der modularen Struktur, Gestalten der maßgebenden Module,
(8) Formulierung von Vorentwürfen, Gestalten des gesamten Produktes,
(9) Formulierung eines Gesamtentwurfes,
(10) Ausarbeiten der Ausführung und Nutzungsangaben,
(11) Formulierung der Produktdokumentation und
(12) weiterer Realisierungsschritte.

Einflussgrößen beim Konstruktionsprozess sind individuelles Faktenwissen des


Konstrukteurs, sein Operationswissen, seine individuellen Fähigkeiten wie Kreativität, seine
Denk- und Handlungsstile, sein individuelles Wertesystem, seine Emotionen im Laufe des
Prozesses, seine aktuelle Leistungsbereitschaft, seine aktuelle Leistungsfähigkeit, die Auf-

169
gabenstellung, die verfügbare Information, die verfügbaren Arbeitsmittel, die Arbeitsum-
gebung, die zur Verfügung stehende Zeit, die soziale und organisatorische Einbindung in die
betriebliche Umgebung (Zusammenarbeit im Team, Stellung im Betrieb, Verhältnis zu Mitar-
beitern und Vorgesetzten) sowie Entscheidungen von Außen, z.B. von Mitarbeitern und Vor-
gesetzten bei der Auswahl von Lösungsalternativen (Dylla 1991, 21-28).

Ein Modell der technischen Konstruktion sollte möglichst realitätsnahe Konstruktions-


situationen (praxisnahe Aufgabenstellung, gebräuchliche Arbeitsunterlagen, Arbeitsmittel und
Arbeitsumgebung sowie geringe Störung des Prozesses durch die Versuchssituation) umfas-
sen, die Möglichkeit zur detaillierten Erfassung der wesentlichen Merkmale des Konstruierens
als Denk- und Handlungsprozess bieten, Möglichkeiten zur Erfassung der auf dem Konstruk-
tionsprozess fortwirkenden individuellen Einflüsse aufzeigen, Konstanthaltung der auf den
Konstruktionsprozess wirkenden äußeren Einflüssee und Vergleichbarkeit der Konstruktions-
ergebnisse garantieren. Die Anforderungen verdeutlichen die Zielkonflikte, mit denen diese
Art der Forschung zu kämpfen hat: um gültige Aussagen machen zu können, sollte der
untersuchte Konstruktionsprozess so realitätsnah wie möglich sein. Dem widerspricht die
Forderung nach einer genauen Beobachtung des Konstruierens (insbesondere der Denkprozes-
se), welche zwangsläufig den Ablauf stört. Dieser Widerspruch ist prinzipiell nicht zu lösen.

Technisches Konstruieren heißt, einen Plan zu machen, ein späteres Resultat zu antizipieren,
ein Ziel technischen Handelns in nichtsprachlicher Weise festzulegen und zu modellieren
(technische Zeichnung, Konstruktionspläne). Auch wenn sich Technikwissenschaft auf das
technische Konstruieren spezialisiert, so erfasst sie nur einen kleinen Teil von Technik,
nämlich die epistemischen Strukturen, die zu technischen Gebilden führen und die episte-
mischen Strukturen, die technische Gebilde abbilden, aber letztlich nicht die Realtechnik und
deren Anwendung. Eine Epistemologie im engeren und weiteren Sinn lässt sich unterscheiden
genau so wie die Konstruktion von der Handhabung und deren jeweilige Epistemologie. So
lassen sich im Rahmen einer Epistemologie der Handhabung Grundzüge eines technisch-
sachgemäßen Gebrauchs herausarbeiten. Die Konstruktionswissenschaft im Sinne der
Technikwissenschaft beschreibt zu nicht unerheblichen Teilen ein von ihr entworfenes Mo-
dell, das mit dem tatsächlichen technischen Konstruieren wenig zu tun hat. Das Problem hier-
bei ist der Einbezug der technischen Praxis. Realitätsnahes Konstruieren ist nach dem
technikwissenschaftlichen Modell (mögliche wissenschaftliche formale Form des Konstruk-
tionsverfahrens) ein Widerspruch; eine andere Epistemologie des technischen Konstruierens
ist also erforderlich.

Zwischen 1963 und 1984 wurde EDV in die Konstruktionswissenschaften und in die
Konstruktionsmethodik eingebaut. Nun stellt sich die Frage, ob diese als Retter in der Krise
der Konstruktionswissenschaften auftreten kann. So kam es in den jeweiligen Phasen zu einer
Dominanz entweder der Konstruktion, der Fertigung oder der Gemeinschaftsarbeit (Nie-
mitz/Paulsen 1992, 4-7). Das Konstruktionsbüro umfasst den Ingenieur, Techniker, Zeichner,
jüngere Zeichner, Lehrlinge und Pauser, wobei eine weitgehende Organisation und Arbeits-
teilung im Konstruktionsbüro zu verzeichnen ist. Betriebliche Normierung und die Nor-
mungsbewegung wurden im Zeitalter der Massenproduktion immer deutlicher. Die Massen-
produktion führte auch zu einer Dominanz der Fertigung und dem Leitbild der Verein-
heitlichung. Werkstattgerechtes Konstruieren war gefragt, wobei die Zeichnungsorganisation
die Arbeitskarten und die Zusammenstellzeichnung aufeinander abgestimmt werden mussten.
Ab 1920 gab es Zeichenmaschinen, eine Kombination von Steilbrett und Zeichenmaschine
(Niemitz/Paulsen 1992, 15), die sich allerdings nicht durchsetzte wegen der verhältnismäßig
hohen Kosten. Vor 1925 hatte der konstruktive Unterricht keine große Bedeutung. 1928
wurde Konstruktion als systematisches Lehrgebiet angeboten. Es kam zur Ausbildung von

170
Betriebsingenieuren. Ein technisches Team initiiert Konstruktion und organisiert die Ausbil-
dung der Konstrukteure. Leitbild ist die werkstattgerechte Konstruktion.

Arbeitsvorbereitung wird im Konstruktionsbüro geleistet. Verbesserte Organisation und


Arbeitsteilung wird angestrebt. Dabei sind Bearbeitungsfolgen, Materialanweisungen, Kon-
struktionsunterlagen und Arbeitsabläufe zu sichten. Im Dritten Reich wurde der Versuch
unternommen, von Rohstoffimporten unabhängig zu werden. Der Mangel und knappe Res-
sourcen führten zu diesem Ansatz. Er wollte die anstehenden Probleme durch Erfahrungs-
austausch-Gruppen bewältigen. In vielfacher Form wurde nach Austauschstoffen gefragt,
wobei Sicherheitsfragen und Stoffeinsparungsfragen bisweilen in einen Gegensatz gerieten.
Für die Typenprägung im Rahmen von Konstruktionshandlungen war das Baukastensystem
für Werkzeugmaschinen besonders geeignet. 1939 wurde der technische Zeichner als Lehr-
beruf anerkannt. Im Krieg kamen auch Frauen zum Einsatz. Sie wurden als Hilfszeichner
eingesetzt. Durch die Frauen geschah eine Umorganisation der Konstruktionsarbeit. Auch
wurden spezielle Zeichenbretter für Kriegsversehrte entwickelt. Die Bedeutung der Fotografie
für die technische Konstruktion ist nicht zu unterschätzen. Nun konnten technische Pläne
platzsparend gelagert werden (Niemitz/Paulsen 1992, 26).

Ingenieurstätigkeiten umfassen Konstruieren, Entwerfen, Gestalten. Dabei sind der Pro-


zesscharakter und die Nähe zur Handlung hervorzuheben. Wichtig sind Organisation und
Konfiguration bzw. Selbstorganisation des Konstruktionsprozesses. Es geht um intelligentere
Produkte, ohne dass die Fertigungsfreundlichkeit aufgehoben würde. Die im Konstruieren
intuitiv vollzogene Praxis soll rational rekonstruiert werden. Die Praktikerbewegung hob die
Bedeutung der Konstruktionswissenschaften für die Ingenieursausbildung hervor. Dazu soll-
ten Konstruktionssystematiken entwickelt werden. Die Konstruktionsforschung war in der
DDR eine eigenständige Entwicklung. Regeln des Konstruierens wurden herausgearbeitet und
Konstruieren als eigener technischer Schöpfungsakt begriffen. Dabei fehlt es an Konstruk-
tionswissen. Es wird nicht gelehrt, wie Konstruieren, Entwerfen und Gestalten vor sich geht.
Vorgehens- und Planungsmethoden sind zu unterscheiden. Die Konstruktionsmethodiken im
Maschinenbau sind am weitesten vorangeschritten. Heute geht es darum, ein strukturiertes
Entwerfen im Sinne einer Designmethodologie zu entwickeln.

Dabei wird Entwerfen als Prozess des permanenten Entscheidens modelliert. Eine Struktu-
rierung ist von oben nach unten und umgekehrt möglich. Das Finden einer lösbaren Problem-
stellung wird von diesem Modell jedoch nicht erfasst. Designprozesse sind als soziale
Prozesse zu rekonstruieren. Konstruktionsprozesse verlaufen in der Praxis vorwiegend nach
Erfahrungen mit ähnlichen Problemen, intuitiv, sehr spezifisch und produktnah. Die Kon-
struktionsmethoden sind präskriptiv und können daher empirisch nicht widerlegt werden
(Glock 1998, 20). Kybernetische Maschinen und KI werden als Problemlöser angesehen.
„Konstruieren = Problemlösen = Denken = Informationsverarbeitung“; so lautet das zugrunde
gelegte Schema. Zu unterscheiden sind dabei Aufgaben (einfache Varianten- und
Anpassungskonstruktion), Mittelprobleme (Konstruktionen mit sich widersprechenden Zie-
len), Zielproblematik (Produkt-Anforderungen sind nicht zu ermitteln) und Ziel- und
Mittelprobleme (Anforderungen und Lösungen sind unklar). Dadurch wird ein Problemraum
umschrieben. In einem Plan werden Instruktionen hierarchisiert. Dabei ist ein Festhalten am
Bekannten, an Vorbildern bei Konstruieren zu konstatieren. Das Vorgehen aufgrund von Er-
fahrungen ist kaum verbalisierbar. Verbalisierungen können dabei vom beobachtbaren Ver-
halten abweichen. Und oft sind opportunistische Abweichungen von hierarchischen Planungs-
strategien zu beobachten (Glock 1998, 34).

171
Konstruktionshandeln ist Zweckhandeln. Dabei stellen Pläne eine Art Problemlösen für
vorgefasste Zwecke dar. Der Plan geht der Zweckhandlung voraus, wenn man sich selbst als
rational Handelnden versteht. Verstehen von Handlungen hat Einsicht in die Pläne zur Vor-
aussetzung. Dabei ist ein gewisser Dualismus von Geist und Körper, von Zielen und Mitteln,
von Wissen und Handeln im kognitiven Ansatz festzustellen. Technik gilt dann als ange-
wandte Naturwissenschaft. Doch lassen sich in diesem Rationalitätsmodell nicht alle
Handlungen erfassen. Die Beschreibungen solcher Handlungen in Organisationsgefügen und
Handlungsfigurationen setzen das Zweck-Mittel-Schema als Variante der kausalanalytischen
Auffassung vom Handeln voraus. Ziele werden durch die Mittel beeinflusst. So ist eine
Reziprozität von Zielen und Mitteln zu konstatieren. Die Problemformulierung geht Hand in
Hand mit der Entwicklung eines Lösungsvorschlages: es gibt keine Trennung von Projekt-
phase und Designarbeit (Glock 1998, 36-39).

Handlungsfähigkeiten und –fertigkeiten können Ausgangspunkte für die Handlungserklärung


sein. Die Situation tritt an die Stelle des Zweck-Mittel-Schemas. Situationen sind durch
Interaktion konstituiert. So ist Design als Dialog zu konzipieren. Der grundsätzliche situative
Bezug von Handlungen kann nicht aufgehoben werden. Eine Situation wird aus der Erfahrung
heraus strukturiert. Ein Konstrukteur richtet seine Aufmerksamkeit auf die zu konstruierenden
Produkte, nicht auf den Konstruktionsprozess selbst. Ausgebildete, aber unerfahrene Kon-
strukteure produzieren die umfangreichsten Zielanalysen. Situative Ursachen sind Erfahrung
und Intuition, Fertigkeiten, Gewohnheiten sowie Routinen als Grundelemente des Wissens-
vorrates gehören zunächst in die natürliche Einstellung. Davon ist ein Gebrauchs-, Rezept-
und Gewohnheitswissen zu unterscheiden. Der Wissensvorrat setzt sich aus beiden Elementen
zusammen. Gewohnheitswissen hat eine paradoxale Relevanzstruktur. Es ist einerseits von
größter Relevanz, insofern es die Voraussetzung ist, andererseits jedoch von untergeordneter
Relevanz, weil ihm keine Aufmerksamkeit mehr zukommt (Glock 1998, 46-49). Routinen
können auch zu einem Nachteil werden. Fertigkeiten, Gewohnheiten und ihre Struktur sind
als „tacit knowledge“ zu verstehen. Charakterisiert sind sie durch Verbindungen zu einem
Muster und zu ihrer Ganzheit. Beschrieben wird dieser Wissensvorrat durch Konzepte wie
„tacit knowledge“ (Polanyi), „knowing how“ (Ryle), das Wiedererkennen von Gestalten
(Merleau-Ponty). Sie haben die Struktur von Intuitionen und sind einem rationalen Diskurs
nicht zugänglich.

Konstruktionsprozesse hängen wesentlich von der Erfahrung ab, von den zunehmenden
Fertigkeiten erworbenen impliziten Wissens. Der Kontext, d.h. der Situationsbezug von
Handeln, ist konstitutiv. Lernen erfolgt auf unterschiedlichen Ebenen. Es kann als Zuordnung
zu bestimmten Kontexten verstanden werden. Lernen heißt auch, Gewohnheiten zu
entwickeln, aber auch Veränderung oder Kultur. Wichtig ist aber die Frage welches Niveau
des Lernens Maschinen erreichen können. Beim individuellen Konstruktionsprozess handelt
es sich nicht so sehr um persönliche Eigenschaften, sondern eher um Transaktionsmuster.
Routinisiertes Konstruktionshandeln erreicht nur selten die Schwelle bewusst geplanter
Tätigkeiten. Die persönlichen Vorgehensweisen von Konstrukteuren zu begreifen heißt die
Vorgehensweise in einer Situation zu interpunktieren, typisieren, interpretieren und eine
entsprechende Handlung einzuleiten. Die Voraussetzung dafür ist eine unthematisierte
Routine. In einer Situation ist in diesem Sinne nach Versuch und Irrtum vorzugehen. Das
implizite Wissen ist gegenüber Veränderungen relativ resistent, wenn nicht der Irrtum Anlass
für die Veränderung einer Handlung wird. Versuch und Irrtum sind in diesem Sinne als Inter-
punktion zu begreifen. Sie sind Teil einer instrumentalen Lebensanschauung. Verallge-
meinerungen und das Sehen von Kontexten (Muster) sind konstitutiv für das implizite Wis-
sen. Die Ebenen des Lernens müssen in der Ingenieursausbildung mit berücksichtigt werden.
Die Vorgehensweise bei der Konstruktion des Mechanismus einer Maschine, des Entwurfs

172
eines Programms usw. liegt auf einer anderen Ebene. Sie ist selbst kein Mechanismus, sie ist
aber auch nicht durch einen Diskurs zu klären (Glock 1998, 56-59).

Konstruktionswissen ist kein physikalisches Wissen und lässt sich nicht als Zusammenwirken
von Teilen zu einem Ganzen verstehen. Vielmehr müssen die Organisationsprinzipien
verstanden werden. Die Theorie des impliziten Wissens lässt sich auch auf Maschinen
anwenden. Hier wird ein konventionalisierter Umgang mit Technik rekonstruiert. Wie beim
Werkzeuggebrauch wird die Maschine zum proximalen Term im Verwendungszusam-
menhang. Im Umgang mit einer Maschine kann man große Geschicklichkeit erreichen, ohne
genau zu wissen, wie die Maschine funktioniert. Der Konstrukteur der Maschine wird nicht
der beste Anwender sein, aber er wird die Anwendung mit berücksichtigen müssen. Das Kon-
struieren setzt Fertigkeiten im Umgang mit Technik voraus. Auch das CAD-Programm muss
man als Konstrukteur nicht genau verstehen, aber damit umgehen können. Die Ahnung, die
Intuition einer Lösung, das Erkennen eines Problems in einer Konzeption des impliziten
Wissens: damit stellt Polanyi die methodologische Trennung von Natur- und Geisteswis-
senschaften infrage. Das Zusammenfassen einzelner Merkmale zu einem Muster oder Kontext
geschieht im impliziten Wissen. Das implizite Wissen leistet den potentiellen Zusammenhang
bislang unzusammenhängender Dinge. Das Verstehen von problematischen Situationen ist
parallel dem Verstehen anderer Personen zuzuordnen (Glock 1998, 62f). Polanyis Begriff des
impliziten Wissens muss mit dem Kontextbegriff verbunden werden. Wichtig sind hier Typi-
sierungen und Kontextualisierungen einer Situation. Problematische Situationen können
mehrdeutig sein.

Designer-Prozesse beginnen nicht mit technischen Problemen, sondern mit dem Wunsch nach
Veränderung der Situation. Problematische Situationen sind durch Unsicherheit gekenn-
zeichnet. Das technische Problem entsteht aus einer unbefriedigenden Situation. Dieses Pro-
blem herauszufinden, ist ein wesentlicher Teil des Gestaltungsprozesses. Konstruktion reicht
aber über technisches Problemlösen hinaus. Es geht darum, eine geeignete Problemstellung zu
erfinden. Der Wunsch nach Veränderung einer Situation, die potentielle Wünsche des Auf-
traggebers oder Nutzers machen Konstrukteure zu Interpreten eigener wie fremder Handl-
ungen. Die Rahmen stellen dabei Interpretationsschemata zur Verfügung. Rahmen organi-
sieren die Erfahrung. Rahmen sind typisierbare Handlungszusammenhänge. Sie manifestieren
sich in der Kultur einer sozialen Gruppe, in Interaktion und Spiel oder im „technological
frame“. Handlungsmuster, -typen und -strategien konstituieren solche Rahmen. Dabei gibt es
Grenzen von Simulationen, Grenzen der KI-Forschung. Problemlöser sollen ein internes
symbolisches Modell bzw. eine Repräsentation von Welt haben (Glock 1998, 66-71).

Der Frame-Ansatz basierte auf den Versuch, ähnliche Situationen in einer Klasse zusammen-
zufassen. Es geht um typischerweise relevante Fakten. Alltagswelt wird in Form von typi-
schen Situationen klassifiziert. Der Rahmen aber ist ein Problem der Repräsentation. Das
Experiment ist ähnlich wie das Üben aufzufassen. Konstrukteure arbeiten nicht mit den wirk-
lichen Materialien. Entwerfen ist damit als Konstruieren in Modulationen zu verstehen.
Konstruiert wird im kulturellen Rahmen. Es handelt sich um eine Weise, Erfahrung zu
organisieren. Technische Zeichnungen hatten zunächst eine andere Funktion. Technik heißt
dann, Dinge aus einer ingenieurmäßigen Perspektive zu sehen. Es geht um eine Übersetzung
von Problemen in technische Rahmenbedingungen. Die Gegenstände haben Bedeutung,
insofern sie verwendet werden. Technische Artefakte sind als Rahmenbestandteile aufzu-
fassen. Technikgestalter sind auch Technikanwender. Der Modulcharakter der konstru-
ierenden, entwerfenden und planenden Tätigkeit von Ingenieuren ist hervorzuheben. Sie be-
nutzen technische Zeichnungen bzw. Konstruktionszeichnungen. Gearbeitet wird nicht mit

173
den wirklichen Materialien, sondern mit Zeichnungen als Repräsentation (Glock 1998, 97-
81).

In der Maschine wird die Struktur einer menschlichen technischen Fertigkeit verändert. Es
geht um die Fähigkeit, die Erfahrung eines technischen Gegenstandes umzuorganisieren.
Damit gibt es neue Arten des Teilnehmerstatus für den Umgang mit Maschinen. Die
Konventionen des Rahmens von Konstruktionszeichnungen sind zu überlegen und erweiterte
Möglichkeiten in der Modulation herauszuarbeiten. In der Modellierung können hypothe-
tische Handlungskontexte, verschiedene Gestaltungsprozesse, Pläne für ein Bauwerk, Skiz-
zen, Rahmen und Gestaltung durchgespielt werden (Glock 1998, 87). Designprozesse sind
Interpretationsprozesse. Es geht um die Transformation der Gestaltungsprozesse. Konstruk-
tionen protokollieren Handlungsschritte. Dazu sind Konstruktionsziele zu präzisieren. Die
Rolle der Auftraggeber besteht in der Festlegung eines Entwicklungspfades und der Auslö-
sung eines Entwurfsprozesses. Die Zielbestimmung ist am Anfang in der Regel ungenau. Die
Konstruktionsmethoden sind zwangsläufig normativ. Das Modell zweckrationalen Handelns
ist für das Konstruktionshandeln nicht geeignet. Konstruktion ist ein ein Ziel auslegender,
zielinterpretierender und zielgenerierender Prozess (Glock 1998, 95). Konstruktionshand-
lungen sind zudem nicht mit teleologischen Handlungsmodellen auszulegen. Wünsche und
Konstruktionsziele müssen verstanden, d.h. interpretiert werden. Jeder Konstruktionsprozess
enthält auch Elemente des Erfindens. Das Wählen also ist eine interpretative Entscheidung.
Eindeutige Zielbeschreibungen müssen einer formalen Sprache folgen. Die abbildende
Beschreibung ist aber nicht eindeutig. Zu fragen ist, wie Bedeutung in der Interaktion oder
Kooperation zustande kommt. Hierbei ist das Konzept der Rollenübernahme im Sinne des
symbolischen Interaktionismus zentral. Die Verständigungsbasis muss dem situativen Kontext
und die hervorgerufenen Kosten berücksichtigen. Design oder Konstruktion ist damit als
Interaktion zu rekonstruieren. Ein interaktionistischer Arbeitsbegriff berücksichtigt das
Anfertigen von Teilen und von Versuchen. Wichtig sind dafür Kontakterfahrungen des
Handelnden. Die Fertigkeiten entstehen durch den im Umgang erfahrenen Widerstand des
Dinges. Bedeutung wird erzeugt nicht zuletzt durch reflektierende Unterbrechung von
Handlungsverläufen. Konstruktionsziele haben eine antizipierte Bedeutung (Glock 1998,
110).

Konstruieren ist entscheidend für eine Technikphilosophie, die die Artefakte in den
Mittelpunkt stellt. Es geht um die Überführung technischer Funktionsanforderungen in einer
ideellen Vorwegnahme oder zeichnerischen Repräsentation. Dabei ist der Gedanke der
Konstruktionskulturen wichtig. Die Weltmärkte bedeuten eine Angleichung der Kulturen. Das
Konstruieren im Unternehmen wird von der Gesellschaft beeinflusst, wobei das Unternehmen
wiederum Einfluss auf die Gesellschaft ausübt. Im Hinblick auf die Gliederung des
Konstruktionsbüros kann man einen Technikstil und einen Kulturstil unterscheiden, eine
Technik- und eine Konstruktionskultur (Mackensen 1997, 9). Die Konstruktionskultur
erwächst aus dem Wissen und Können der Konstrukteure. Für diese ist insbesondere das
Ausbildungssystem von Bedeutung. Großbritannien und die USA basieren ihre technischen
Kulturen auf technische Empiriker, Deutschland und Frankreich bilden ihre Techniker durch
den Staat aus. In den Ländern der Praxiskultur mussten technische Ausbildungsstätten in der
zweiten Hälfte des 19. Jh. erst gegründet werden. Die Heterogenität der Berufgruppe der
Ingenieure macht Vereinheitlichungen schwierig. Dabei gibt es deutliche Unterschiede zwi-
schen Ländern mit Schul- und mit Praxiskultur.

Am weitesten war die europäische Konstruktionskultur im deutschen Maschinenbau ausge-


prägt. In Deutschland entstand um die Wende zum 20. Jh. die Kluft zwischen Konstruieren
und Fertigen. In den USA herrschte eine Produktionskultur, in Europa eher eine Kon-

174
struktionskultur (Mackensen 1997, 18). In den frühen 50er Jahren setzte ein Prozess der
systematischen Verwissenschaftlichung der Konstruktionsarbeit bei Dampfturbinen ein. Es
ging zunächst um die Standardisierung der Turbinen. Die Größe der Turbinen stand mit ihrem
Wirkungsgrad in einer Beziehung. Die computerunterstützte Berechnung sollte diese Wir-
kungsgrade optimieren. Einer der Fertigungsprinzipien war das Baukastenprinzip. In den
späten 70er Jahren gelang es, Experimente mit mathematischen Modellen und mit CAD
(Compu-ter Aided Design = computerunterstütztes Konstruieren) zu koppeln. Rationa-
lisierung und teilautomatisches Konstruieren griffen ineinander. Grafisch orientierte und ferti-
gungstechnisch orientierte CAD griffen ineinander. Die Computereinführung führte zu Aus-
bildungsproblemen. Es fehlte ein fundamentales wissenschaftliches Verständnis des
Konstruktionsprozesses (Mackensen 1997, 29-35). Im Konstruktionsbereich sind Computeri-
sierung und Standardisierungstendenzen zu beobachten. Diese Prozesse erfolgten primär aus
wirtschaftlichen Gründen. Zunehmend wurden APTs (Automaticaly Programmed Tools) ver-
wendet (Mackensen 1997, 43).

Die konstruktive Aufgabe (konstruktive Verwendung) wird als idealisierte Umsetzung kon-
kreter physikalischer Funktionen zur Erfüllung des gestellten Zweckes bestimmt. Die Eintei-
lung der Elemente führte zur Forderung nach werkstattgerechtem Konstruieren. In der
Modellierung eines umfassenden Systems aller Konstruktionselemente sahen diese
Theoretiker die Möglichkeit, durch Kombinatorik der Konstruktionselemente kausal determi-
niniert neue technische Objekte formalisiert zu synthetisieren. Der funktionslogische Ansatz
vergleicht die einzelnen physikalischen Grundoperationen (mechanischer, hydraulischer,
elektrischer usw. Art) der Elemente nach ihrer gleichen logischen Funktion (Leiten, Koppeln,
Wandeln usw.) und führte zur qualitativ neuen Stufe des theoretischen Konstruktionswissens
dem Wirk-Vergleich der Funktionselemente. Die Suche nach Konstruktionsgesetzen z. B. in
der theoretischen Maschinenlehre von Zeuner fragt nach dem inneren Prinzip des
Konstruktionsgegenstandes. Nachteilig wirkt sich aus, dass die Aufgabe des Konstrukteurs
reduziert wurde auf die Berechnung neu zu erbauender Dampfmaschinen (Mackensen 1997,
61-64).

Anfang des 20. Jh. wurde die Erfindungslehre als heuristische Heilslehre in die nicht
eindeutig beherrschbare Planung und Fertigung technischer Objekte aufgeteilt. Die
Formulierung von Konstruktionsregeln vor allem stimuliert durch das Arbeiten mit dem
Baukastensystem. Dies bedeutete eine Rationalisierung geistiger Arbeit im Konstruk-
tionsbüro. Sie begünstigte durch den methodischen Plan auch die Wirtschaftlichkeit der
Förderung. Die Konstruktionssystematik umfasst die logischen Wirkprinzipien, die aus dem
Kundenauftrag bestimmt werden (Anforderungsliste). Die logischen Wirkungszusam-men-
hänge werden als physikalische Energie-, Stoff- bzw. Informationsgrößen konkretisiert. Die
konstruktiven Mittel, die die physikalischen Wirkzusammenhänge erzwingen, werden
gesucht. Dieser Schritt endet mit der Festlegung der konstruktiven Wirkzusammenhänge. Das
Ergebnis der Analyse des methodischen Konstruierens (Schaffensmethodik) bildet den
Übergang zur rechnerunterstützten Konstruktion (Mackensen 1997, 65-69). Durch die
Rechnerunterstützung geschieht eine Vereinfachung des technischen Handelns. Gefordert ist
die Modifizierung bzw. der Neuentwurf einer Handlungstheorie, die rechnergestütztes
Konstruktionshandeln zu modellieren erlaubt. Dabei geht es um eine Analyse der normativen
Dimension, der Wissenstypen und um eine Infragestellung der Systemrationalität sowie um
eine Kritik der Metaphern der Mensch-Rechner-Interaktionen. Technische Geräte enthalten
bestimmte Handlungsaufforderungen. Verantwortlicher Umgang mit den Maschinen wird
auch für den Nutzer gefordert. Auch für diesen gibt es eine Wahl von Handlungs-
möglichkeiten (Mackensen 1997, 87-90).

175
Für das Bedienen komplexer Computersysteme ist eine Rückholung der technischen
Hilfestellung in eine eigene Handlungskompetenz nicht mehr sinnvoll zu leisten. Das in der
Maschine bereitgestellte fremde Können muss berücksichtigt werden. Dabei muss das fremde
Wissen im Hinblick auf die Zweckbestimmung des eigenen Handelns eingeholt werden. Die
Zuordnung von Computerwissen beruht auf regelgeleitetem Erfahrungswissen. Dieses ent-
zieht sich jeder strengen Formalisierung. Dennoch können Fehlleistungen vorkommen. Eine
Selektionsleistung ist bei der Anwendung erforderlich selbst bei einfachsten Algorithmen. Die
Programmierung ist davon abhängig, wie sich der Programmierer Einsatzsituationen vorstellt.
Dabei gibt es eine Modellierung im Sinne einer regelgeleiteten, starren Kriterien folgende
Anwendung auf implementierte Funktionen und Routinen, die auf konkrete Situationen
angewandt werden sollen. Die Werte aber lassen sich nicht definieren, sondern nur
explizieren. So ist eine Strukturierung erforderlich im Sinne eines intentionalen Teilens des
ungegliederten Kontinuums (Mackensen 1997, 91-94). Die Diskrepanz zwischen den Vorstel-
lungen des Programmierers und den Präferenzen des Anwenders sind als Einsatzbedingungen
zu berücksichtigen. Eine Möglichkeit, diese Diskrepanz zu überwinden, ist die Typisierung,
die Orientierung an einem idealisierten Standardfall. Die vollständige Konstruktions-
zeichnung und eine lückenlose Konstruktionsanleitung sind anzustreben.
Unternehmenskulturen legen Wert auf Heuristik und Kreativität. Eine Einigung auf
gemeinsame Wertvorstellungen ist erforderlich. Gemeinsame Wahrnehmungsmuster und
Handlungsabsichten sowie eine regelgeleitete Lenkung gehören zu Unternehmenskulturen.
Sie bedeuten eine intrinsische Motivation zur Arbeitsleistung (Mackensen 1997, 98).

Die normativen Handlungsspielräume des Konstrukteurs machen eine Handlungslegitimation


erforderlich. Dienstethos und Arbeitsethos unterscheiden sich von Jobmentalität. Dabei wird
häufig das Ideal der Erleichterung des menschlichen Lebens durch Technik angegeben. Die
konstruktiven Anforderungen werden in ihrer Normativität beurteilt. Hier kann auch eine
ethische Beurteilung greifen. Dazu müssen bewusst wahrgenommene Freiräume der
Konstruktionsaufforderungen berücksichtigt werden. In der arbeitsteiligen Planung und
Fertigung aber sind diese Freiräume kaum noch zu realisieren. Der Anspruchskatalog wird
kaum mehr moralisch reflektiert werden (Mackensen 1997, 105). Auf die situative Verwen-
dung kann noch Bezug genommen werden. Der CAD-Einsatz ist ethisch problematisch, weil
er die Beurteilungskompetenz der meisten Nutzer übersteigt. Dazu kommt es durch den
Zugriff auf das Wissen von anderen, für das das Hintergrundwissen fehlt. Oft gibt es zudem
undifferenzierte Vorstellungen von wünschenswerter Technik. Technikbewertung ist damit
als fortlaufender Lernprozess zu konstituieren.

Die benutzerbeteiligte Programmierung wäre eines der methodischen Desiderate. Routini-


siertes Handeln ist schemenhaft situativ geregelt. Dabei ist die professionelle Kultur des
Erfinders ganz verschieden von dem routinisierten Handeln. Häufig können Benutzer nicht
einbezogen werden. Dennoch enthält ein technisches Produkt einen modellierten Benutzer. So
kann der Computer auch als virtueller Kommunikationspartner betrachtet werden. Wichtig in
diesem Zusammenhang wäre Systemtransparenz. Die Bedeutung computerbasierten Kon-
struierens beruht auf Interpretationsprozessen sowohl des Entwicklers wie des Benutzers.
Dazu müsste die kommunikative Funktion des Systems offen gelegt werden. Das Konstru-
ieren ist in seinem methodischen Ablaufplan zu rekonstruieren. Konstruieren kann als Prozess
menschlicher Informationsverarbeitung interpretiert werden. Das wissensbasierte Konstruk-
tionssystem soll das Wissen, das programmiert wird, andern Konstrukteuren zugänglich ma-
chen. Handlungswissen beruht auf Kenntnissen, wie ein Konstruktionsziel unter Beachtung
der Randbedingungen am besten zu erreichen ist (Mackensen 1997, 282).

176
Der Konstruktionsraum ist der Problemlösungsraum des Konstruierens. Er systematisiert
Konstruktionswissen. Dazu werden Wissenseinheiten für Funktionen z.B. im Sinne von
Wissensbasen eingeführt und somit Konstruktionswissen klassifiziert.
Klassifizierungsmerkmale sind Funktionen, Effekte, Maschinenkomponenten, Produkte,
Attributselemente und Relationen (Mackensen 1997, 302). Die wissensbasierte
Arbeitsumgebung ist konstruktionsbegleitend. Es geht um das Erkennen der wesentlichen
Probleme. Die Wissensbasen werden dann als Grundlage für das Baukastenprinzip
herangezogen. Die Formalisierung von konkretem konstruktivem Handlungswissen ist
allerdings schwierig. Die Ähnlichkeitskriterien einer Konstruktion können nicht eindeutig und
vollständig angegeben werden (Mackensen 1997, 355). Die Arbeit am Computer isoliert den
konstruierenden Ingenieur nicht. Der gesteigerte Informations- und Kommunikationsbedarf
führt zu veränderten Organisationsformen im Unternehmen. Es kommt zu einer Aufwertung
der konstruierenden Ingenieure und von Kooperationsformen. Dies stellt Anforderungen an
die Organisation sozialer Prozesse. Strukturwandel und Kulturwandel gehen Hand in Hand.
Lebensweltlich geprägte Werte und Normvorstellungen werden in den Konstruktionsprozess
integriert. Die Strukturierung des Konstruktionshandelns ist damit eine Form der sozialen
Rationalisierung. Es geht um die Aufrechterhaltung und Weiterentwicklung funktionaler,
sozialer und technischer Kompetenz. Der als Strukturierung verstandene Prozess des
Konstruktionshandelns ist durch Wandel gekennzeichnet: soziale Akteure handeln im
Rahmen der für sie gültigen Bedingungen, die als organisationsspezifische
Interaktionsordnungen ausdifferenziert wurden. Dabei konfirmieren und festigen sich die
vorgefundenen Strukturen durch routinisiertes Handeln, die aber Kraft ihres reflexiven
Bewusstseins und diskursiver Momente der Aufmerksamkeit verändert werden. In
technikerzeugenden und –verwendenden Sozialsystemen sind die vorgefundenen Strukturen
durch Aufgabentypen, Prozesslogiken, technische und organisatorische Infrastrukturen sowie
durch changierende und sich neuformierende Konfigurationen von sozialen Akteuren ge-
geben. Nichtintentionale und intentionale Strukturierungsmuster müssen unterschieden wer-
den.

In Prozessen der technischen Entwicklung lässt sich dann festhalten, dass soziale Akteure
nach Regeln, Methoden, Interpretationsschemata und Orientierungsmustern handeln, die von
ihnen als selbstverständlich angesehen werden und als praktisches Bewusstsein ihr Handeln
affizieren. Die Regeln werden in außer- und innerbetrieblichen Sozialisations- und Arbeits-
kontexten erfahren, tradiert und mehr oder weniger unbewusst angewandt bzw. zu quasi insti-
tutionalisierten Erfahrungshintergründen verdichtet. Die rekursive Reproduktion dieser Re-
geln durch soziale Akteure bedeutet, dass nicht intendierte Handlungen als unerkannte Hand-
lungsbedingungen in den Prozess der Strukturierung z.B. von Aufgaben eintreten. Der
Prozess des Konstruktionshandelns enthält damit eine Form, die in Bewegung ist und auf-
grund von Strukturierungsmechanismen von sozialen Akteuren immer wieder neu inszeniert
wird. In der Konzeption von Giddens ist Kommunikation ein dem Handeln integraler Be-
standteil, ein Interaktionselement (Mackensen 1997, 361-365).

Die durch Technisierung hervorgerufene Mediatisierung der Tätigkeiten bzw. in diesem Falle
des Konstruktionshandelns, kann als Veränderung der Kommunikations-/oder Informations-
weise gesehen werden: jedes soziales System, also auch das technisch-innovative Subsystem,
verfügt über ein spezifisches Modell des symbolischen Austausches – der Kommunikation
und Interaktion -, das nicht nur entsprechend den spezialisierten Aufgaben, sondern auch nach
Maßgabe der zur Verfügung stehenden und sich ausbildenden Medien und Sprachformen
konturiert wird. Dabei kommt es zur Veränderung der Sprachform und der Kommuni-
kationsweise. Andererseits ist nicht von der Hand zu weisen, dass das Arbeiten in elektroni-
schen Netzen die Zunahme an unbeabsichtigten und damit auch unkontrollierbaren Hand-

177
lungsfolgen erheblich vergrößern kann (Mackensen 1997, 387-369). Die Frage nach der
Strukturierung der Organisation durch Technik lässt es erforderlich erscheinen, Vorgänge der
Standardisierung und Normierung konstruktiver technischer Handlungen vor allem bei
Arbeitsteilung anzunehmen. In der Modellierung eines umfassenden Systems aller
Konstruktionselemente manifestiert sich das Modell einer Kombinatorik der Konstruktions-
elemente auf der Basis physikalischer Grundelemente und ihrer Zuordnungen.

Fertigungstechnische Ingenieure oder Maschinenbauingenieure stehen in der Hierarchie ganz


weit unten. Gemeinsame Werte, Symbole, Denkformen und die Manifestationen daraus
resultierender unbewusster Dynamiken ebenso wie nationale Zukunftsvisionen sind Elemente,
die einer Kultur ihre spezifische Gestalt geben. Es geht um die Innovationsfähigkeit einer
Kultur. Die Modernisierung der Produktionsanlagen, die Innovation der Produkte sowie die
Qualifizierung der Arbeitskräfte sind unumgängliche Voraussetzungen für die sich fortent-
wickelnde, erfolgreiche Industrie. Im zweiten Weltkrieg wird Fabrikarbeit in den USA mit
einem negativen Image besetzt. Nach dem zweiten Weltkrieg ermöglichte die boomende
Wirtschaft vielen US-Amerikanern, ihre Kinder aufs College zu schicken. Ein starker
Individualismus war im Ausbildungssystem vertreten. Die amerikanische Idee vom unabhän-
gigen Erfinder verbreitete sich im Hinblick auf Technikgenese. Es gab ein verbreitetes Miss-
trauen gegenüber staatlichen Regulativen. Eine Orientierung am Jetzt ist in den USA durchaus
zu konstatieren. Die amerikanischen Gewerkschaften sind stark betriebgebunden. Es gibt
keine übergreifenden tariflichen Vereinbarungen. Das Image der amerikanischen Gewerk-
schaften ist bei den Betriebsleitern, aber auch bei den Arbeitern, eher negativ besetzt. In den
südlichen ländlichen Gebieten gibt es so gut wie keinen Einfluss der Gewerkschaften (Laske
1995, 28-31).

Mitte der 70er Jahre übernahm die CNC-Technologie den deutschen Werkzeugmaschinenbau.
In Deutschland sind die Gewerkschaften eine ernst zu nehmende politische Macht. Sie tragen
bei zu Aushandlungsprozessen zwischen den Interessen. Ein Einfluss auf den VDI und die
staatliche Förderpolitik von Technologie und Wissenschaft ist alltäglich (Laske 1995, 32—
36). 1990 waren der Höhepunkt des deutschen und der Tiefpunkt des US-amerikanischen
Maschinenbaus. Danach entstand eine aktuelle Krise des Welt-Werkzeugmaschinenbaus, die
insbesondere Deutschland und die USA betrafen. Die Einbrüche lassen Rückschlüsse auf eine
veränderte Produktpalette zu. Die USA konzentrierte ihre Exporte auf Asien, Nord- und
Mittelamerika. In dem von heimischen Herstellern vernachlässigten Markt preiswerter Stan-
dardmaschinen der USA drängten dann in den 70er Jahren japanische Firmen. Während
japanische Werkzeugmaschinenhersteller die vielfältigen kulturellen Differenzen und Unver-
träglichkeiten, die mit Firmengründung und Produktvermarktung in den USA verbunden sind,
antizipieren und mit möglichst geringen Reibungsverlusten zu managen suchten, haben
deutsche Werkzeugmaschinenhersteller auf die Reputation ihrer hervorragend konstruierten
Maschinen gesetzt. Sie verzichteten auf einen Distributor und hatten mit dieser Strategie Er-
folge in den 70er und in den 80er Jahren (Laske 1995, 41-53).

Japanische Maschinen sind einfach und flexibel. Der Verkaufsstil und die Verkaufsstrategie
deutscher Hersteller sind viel zu unflexibel insbesondere im Mentalitätsbereich. Umbrüche in
den Absatzmärkten führten zu einem Fiasko beim Verkauf. Europa ist der wichtigste Absatz-
markt für deutsche Werkzeugmaschinen. Aber die Sowjetunion brach aus politischen Grün-
den weg und die Verluste solcher Absatzmärkte sind in umsatzkritischen Zeiten problema-
tisch. So kam es zu einem dramatischen Absatzeinbruch der deutschen Werkzeugmaschi-
nenhersteller in den 90er Jahren. Die amerikanischen Firmen versuchten, einen Weg aus der
Krise nicht mit Hilfe des Rotstiftes, sondern durch die Suche nach neuen Wegen zu finden.
Intensive Marktanbindung und intensiver Kundenkontakt sollten aus der Krise führen (Laske

178
1995, 54-60). Das Beharren auf firmenspezifischen Steuerungslösungen in Deutschland und
die Fixierung auf Optimallösungen verbanden sich mit einem engen Kontakt mit dem
Kunden. In den USA gibt es große Steuerungshersteller, wobei einer Dominanz von Fanuc zu
konstatieren ist. Steuerungs- und Robottechnologie gehen ineinander über. Monopolstel-
lungen verführen zu Arroganz. Fanuc bietet weltweite Steuerungskonzepte an, während
Deutschland auf werkstattorientierte Programmierung setzt. Neue Ansätze beziehen sich auf
Systemintegration der offenen Steuerungsarchitektur. Nur wenige Hersteller haben den Be-
darf anwenderfreundlicher Programmierung aufgegriffen. Man muss verschiedene Benutzer-
oberflächen anbieten. Die amerikanische Industriekultur ist stark von der Entwicklung der
Elektronikindustrie geprägt. Werkstattorientierte Programmierverfahren sind zu fördern. Ein
von Erfahrung geleitetes oder ein informatikorientierten Paradigma des Programmierens sind
zu unterscheiden. Die Zielgruppe dieser Werkzeugmaschinen sind erfahrene, fähige Fach-
arbeiter zumindest in Deutschland (Laske 1995, 117-157).

In Deutschland gab es eher kollektive Ingenieurleistungen, in den USA standen Einzel-


leistungen im Vordergrund. Beispiele waren hier die Ingenieure Taylor und Ford. Dabei
wurde in Deutschland häufig die praktische Seite vernachlässigt. Lehre, Forschung und
Verbände nahmen Einfluss vor allem auf den deutschen Werkzeugmaschinenbau. In Deutsch-
land herrschte die Leitidee der Qualität. Kundenwünsche müssen mit technologisch hervor-
ragenden Konzepten befriedigt werden. Angesichts der konjunkturellen Krise ist dabei eine
neue Ingenieurphilosophie erforderlich. Deutsche wollen auch in Standardmodellen Serienele-
mente einbauen. In den USA gehört Werkzeugmaschinenbau nicht zur Hochtechnologie. For-
schung ist hier nicht gefragt. Der US-Markt für Werkzeugmaschinen hat an Spitzentechno-
logie kein Interessen (Laske 1995, 164-196). In der metallverarbeitenden Industrie in
Deutschland sind der Fahrzeug- und der Flugzeugbau höher automatisiert. Produktionsleitbild
ist der Taylorismus. Seine Folgen für Produktionsabläufe und Arbeitsorganisation sind enorm.
Dies führt zur Vernachlässigung qualifizierter Arbeit. Das Konzept der schlanken Produktion
ist gefragt. In Deutschland allerdings herrscht eher ein hohes Ausbildungsniveau. Erfahrungs-
wissen und Fertigkeiten werden aber nur in der lebendigen Arbeit und nicht in der Technik
verankert. In den USA wird nur in wenigen Ausnahmefällen Qualifikation an sich gefördert.
Der Automatisierungsgrad deutscher und amerikanischer Betriebe ist im Vergleich zu japa-
nischen Betrieben wesentlich niedriger. Ist dies nun ein Modernisierungsrückstand? Der
Programmieraufwand für CNC-Maschinen begrenzt ihre Einsatzmöglichkeiten. Die Frage
nach dem Modernisierungsgrad muss daher präziser gestellt werden: Welcher Grad der CNC-
Durchdringung ist sinnvoll? Kundenwünsche, kundenspezifische Bedürfnisse, kurz das An-
wendermilieu muss berücksichtigt werden. Welcher Kunde kann den gebotenen Komfort
überhaupt nutzen? Die CNC-Werkzeugmaschine ist ein Produktionsmittel. In der amerika-
nischen Industrie arbeitet ein Einwanderungsgemisch und herrscht hohe Fluktuation. Die
Vernachlässigung der Qualifikation hat entscheidend zum Verlust der Vormachtstellung der
USA in diesem Bereich beigetragen. Deutsche Meister- und Handwerkskultur ist zu tief in der
Tradition verhaftet, als dass hier Qualifikation ausgeschaltet werden könnte. Die neue Tech-
nologie veränderte die arbeitsteiligen Strukturen. Im Umgang mit Maschinen kann sich
Know-how entwickeln, und der Stolz auf das handwerkliche Können lebt weiter (Laske 1995,
203-262).

Trotz hervorragender technischer Spitzenleistungen gerieten die Hersteller von Uni-


versalwerkzeugmaschinen unter enormen Druck. In Deutschland liegt die Entwicklung und
Konstruktion von Produktionstechnik in der Hand von Ingenieuren, die eine Hochschul-
ausbildung hinter sich haben. Hier herrscht ein technikorientiertes Denken, in dem Aus- und
Weiterbildung von Ingenieuren einen hohen Stellenwert haben. Die deutschen Werkzeugma-
schinenhersteller haben sich fast ausschließlich auf das Marktsegment der hochentwickelten

179
Maschinen konzentriert. Die amerikanische Industrie hat vorgemacht, wie wichtig es ist, die
Bedürfnisse von vielen kleinen Kunden zu berücksichtigen. Die deutschen verkaufen ständig
Neuerungen, oft mit Kinderkrankheiten. Der Taylorismus hatte die Steuerungskonzepte
bestimmt, nun geht es stärker anwendungsorientiert und damit auch individueller zu. Die
Entwicklung einer Industrie- und Unternehmenskultur, in der die Facharbeit die gebührende
Wertschätzung erfährt, ist von zentraler Wichtigkeit. Genauso muss es darum gehen, neue
Konzepte von Arbeit zu entwickeln.

Die Theorie der Strukturierung des Konstruktionshandelns weist auf regionale Besonderheiten
der Technik und einen nationalen technologischen Stil hin. Technik als Fortschritt ist dabei
als Leitbild zu verstehen. Die Strukturierung sozialer Gebilde kann über die Organisation der
Handlungsstrukturen erfasst werden. Wichtig hierfür sind Strukturmuster und Schemata
technischer Prozesse. Unter Berücksichtigung des Verhältnisses von Technik und Arbeit sind
Einzel-, Kleinserien-, Massen- oder Fließtechnik und ihre jeweilige Organisationsformen zu
unterscheiden und der kulturelle Ansatz zu berücksichtigen. Die organisatorische Anpassung
lässt sich als permanenter organisatorischer Lernprozess nach gewissen Aufgabentypen
unterscheiden. Es geht um Arbeitszusammenhänge und technische Konfigurationen. Struk-
turierung wird als reflexive Selbststeuerung des Handelns begriffen. Sie basiert auf einem
handlungstheoretisch Machtbegriff, wobei Macht als Fähigkeit verstanden wird, Entschei-
dungen durchzusetzen. Strukturierungsmuster sind intentional zu begreifen. Soziale Akteure
handeln nach Regeln, Methoden, Interpretationsschemata und Orientierungsmustern, die von
ihnen als selbstverständlich angesehen werden und als praktisches Bewusstsein ihr Handeln
affizieren (Helten 1993, 52). Beschrieben werden Interaktionen in Arbeitsprozessen und das
kollektive Konstruktionsvermögen technisch-innovativer Subsysteme. Eine Strukturierung
sozialer Beziehungen entsteht auch durch elektronisch vermittelte Kommunikation (Helten
1993, 60). Die technische Zeichnung ist als Verstehensmedium auch als Verbreitungsmedium
zu sehen, ist insbesondere in der Arbeitsvorbereitung wichtig. Dabei ist nicht nur das
Verstehensmedium als solches zu berücksichtigen, sondern auch der soziale Raum, in dem
diese Methode Anwendung findet. Die Anwesenheit bzw. die Verfügbarkeit der einzelnen
Arbeitsgruppenmitglieder ist heute durch elektronische Medien erweitert (Helten 1993, 68).

Eine komplexe Umweltplanung ohne Computer ist heute nicht mehr möglich. Die Com-
puterisierung impliziert eine Steigerung des Rationalitätsmodells und verändert die Kon-
struktionszeichnungen. Der Zusammenhang von Hand und Auge hat sich dadurch verändert,
die Normierungsvorschriften der Zeichnungen jedoch sind geblieben (Helten 1993, 75). Für
die neuen Möglichkeiten besteht ein höherer Ausdeutungsbedarf. Dies gilt auch für neue
Formen der Kommunikation und Kooperation, die neue Formen der Strukturierung technisch
innovativer Systeme durch den Computer nach sich ziehen. Es kommt zu einer Erweiterung
und Neuzusammensetzung der Wahrnehmungsmöglichkeiten im Konstruktionsprozess. Aller-
dings sind auch neue Formen der Betäubung und der Selbstamputation durch diese tech-
nischen Möglichkeiten gegeben. Andere Weisen der Taktilität werden durch elektronisierte
Formen des Tastsinns gegeben. Spezielle Formen der Aufmerksamkeit werden durch
Computerprogramme vorinterpretiert. Das CAD-System arbeitet mit interpretations-
bedürftigen Symbolen. CAD ist eine Art Hypermedium und interessant ist die arbeitsorgani-
satorische Einbindung von CAD (Helten 1993, 89).

Es gab eine sozialwissenschaftliche Netzwerkforschung zunächst in der Sozialanthropologie


und der Ethnologie. Dort wurden als soziale Kräftefelder Umweltbedingungen und innerorga-
nisatorische Strukturierungen untersucht (Helten 1993, 93). Das mündliche, das schriftliche
und das elektronische Konstruktionshandeln lassen sich unterscheiden. Fehlhandlungen sind
funktional und dysfunktional für Konstruktionshandlungen. Wichtig ist hierbei das individuell

180
und interpersonell erworbene Konstruktionsvermögen und Beziehungskapital, technische und
soziale Kompetenz im Hinblick auf routinemäßig regelhafte Abläufe und die Arbeitsorgani-
sation (Helten 1993, 133). Dabei lässt sich Technik als Sache und Technik als Aushandlungs-
und Strukturierungsprozess (Projekt) begreifen. Letzterer bezieht sich auf innerbetriebliche
Arbeitsteilung und Kooperationsprozesse insbesondere in der Genese und Steuerung von
Konstruktionshandeln (Helten 1993, 138).

Die Strukturierung von Technik durch Interaktion und Kommunikation bezieht Konstruk-
tionshandeln auf Technikentwicklung und Technikumgang, auf das Technikfeld, auf Medien
bzw. Ressourcen und auf technisches Wissen. Für die funktionelle Differenzierung organisa-
torischer Entwicklungen sind institutionalisierte Modelle eines generalisierten Konstruktions-
handelns zu erarbeiten. Es geht um den Forschungsprozess und seine Strukturierung. Dabei
müssen für einzelne Unternehmen Aufgabenkoordinierung und technisch-innovative Subsys-
teme beschrieben werden. Im Rahmen einer Rekonstruktion des generalisierten Konstruk-
tionshandelns lässt sich ein allgemeines Ablaufmodell der Produktentwicklung erstellen.

Projektphase Aufgabe Teilnehmer Ergebnis


Checkpoint Abschätzung einer Geschäftsltg.. Auftrag an Abt., eine
1 Idee höheres und mittleres Investigation
Management durchzuführen.
Investigation-Studie Machbarkeit Ingenieure versch. Bericht an
Marktchancen Fachrichtungen Geschäftsleitung
2 Kosten aus F & E
Personal
Investigation-to-lab Diskussion, Geschäftsltg. höheres Entscheidung evtl.
meeting Beurteilung und mittleres Auftrag an Abteilung
des Berichts Management
Entwicklung, Umsetzung, evtl. Projektgruppe Prototyp
Konstruktion Korrektur der Vorgaben unterschiedlicher Bis zur Serienreife
des Invest.- Größe;
Berichts Projektleit.
3 - Reviews Projektmanag.
- Test Ingenieure
- Optimierg. Praktikanten
Release Übergabe an Produktion Produktionsingenieur Serienproduktion
Optimierung, Verbesserung des einzelne Mitarbeiter aus Geräte- und
Ergänzung, Produkts Projektgruppe produktionstechn.
Erweiterung Ergänzung

Tabelle 1: Phasen des generalisierten Konstruktionshandelns (Helten 1993)

Die Aufgabe des Konstruktionshandelns wird am Anfang nur grob strukturiert vorgegeben.
Das Sondieren des Feldes unter bestimmten Anforderungen gehört zu den ersten Schritten.
Zunächst werden grobe Vorstellungen entwickelt und diese präzisiert. Es gibt keine allgemein
verbindliche Konstruktionsmethode. Die meisten Ingenieure meinen, dass ihre eigene Me-
thode bzw. ihr praktisch-konstruktives Vorgehen richtig ist. Gegenüber allgemeinen Kon-
struktionsmethoden oder einer allgemeine Konstruktionssystematik herrscht eine eher skepti-
sche Einstellung. Das durch Erfahrung erworbene Wissen um das Machbare unterliegt einem
Selektions- und Spezialisierungsprozess (Helten 1993, 189). Hinzu kommt das jedem Kon-
strukteur als kollektive Leistung zur Verfügung stehende Konstruktionsvermögen der Firma.

181
Hinsichtlich verschiedener Firmen lassen sich individuelle Konstruktionsstile ausdiffe-
renzieren. Der praktische Arbeitsstil von Gruppen geht zurück auf bestimmte Dozenten an
den Technischen Hochschulen. Es gibt einen eng gekoppelten Austausch unter Konstruk-
teuren. Praktisches Schließen und Ausprobieren wird als wesentlich effektiver angesehen, da
allgemeine Konstruktionsmethoden als zu zeitaufwendig und zu umständlich gelten. Wichtig
sind die Begrenzung des Erkenntnisfeldes und die Gewinnung begründeter Vermutungen über
Fehler. So entwickelt sich allmählich ein Konstruktionsvermögen. Die Ausbildung an der
Hochschule bringt eine Kombination von Theorie und Praxis als Erfahrungshintergrund für
das konkrete Konstruktionshandeln. Wichtig hierbei ist die Kooperationspraxis des Unterneh-
mens. Das generalisierte Konstruktionshandeln ist als institutionalisiertes Problemlösen anzu-
sehen (Helten 1993, 197-200).

Konstruieren ist als ein allmähliches Verfertigen der konstruktiven Prinziplösung im


Skizzieren zu verstehen. Die Ideenerzeugung ist der oder erfolgt im verbalakustisch-motori-
schen bzw. visuell-motorischen Vorgang von variablem Verkürzungsgrad. Entwurfshandeln
ist eine Variable, gleichsam pendelhafte Position zwischen Denken oder Vorstellen als „Han-
deln im Kopf“ und Sprechen, Schreiben, Zeichnen oder Anklicken als äußerem Handeln. Der
Wechsel von Verinnerlichung und Entäußerung spielen für das Entwurfshandeln eine wesent-
liche Rolle. Die Lösungen dürften in wiederholt durchlaufenen Zyklen von internem und
externem Handeln allmählich entstehen (Hacker 1994, 3). Die Skizze ist nicht zu sehr die
Fixierung der Denkprodukte, sondern stellt in erster Linie ein Denkmittel für den Konstruk-
teur dar, mit dessen Hilfe er sich die konstruktive Lösung sukzessive erarbeitet. So ergibt sich
die Vermutung, dass beim Konstruieren das räumliche Vorstellen die in herkömmlicher Wie-
se zugeschriebene Bedeutung nicht hat. Bisher zeichnet sich sowohl für manipulative wie für
geistige Aufgaben ab, dass die besten Leistungen bei einer Kombination von textlich-begriff-
lichen plus schematisch-bildhaften Informationsangeboten entstehen (Hacker 1994, 7-10).
Technisches Konstruieren ist also eine hermeneutische Tätigkeit.

Konstruieren ist schöpferisches und lückenloses Vorausdenken eines technischen Gebildes,


das den Forderungen des historisch bedingten Standes der technischen Entwicklung ent-
spricht, und das Schaffen aller zweckmäßigen Unterlagen für seine stoffliche Verwirklichung.
Wirklich sichere Kostenbeurteilung wäre erst dann möglich, wenn es zu spät ist. Was also ist
eine Technikwissenschaft effizienten Konstruierens anderes als Denktätigkeit, genauer als
schöpferisch-entwerfendes Problemlösen, wobei Denktätigkeiten Gegenstand der kognitiven
Psychologie sind. Zunächst ist entscheidend, dass gute und schlechte Konstrukteure nicht
kurzer Hand die gebräuchliche Intelligenz im Sinne herkömmlicher Intelligenztests unter-
scheidet. Auch das räumliche Vorstellenkönnen trägt nur wenig bei zur Unterscheidung guter
und schlechter Konstrukteure. Selbst die Berufserfahrung, hier nicht verstanden als Dauer der
Berufsausübung, sondern als das beim Konstruieren selbst erarbeitete Wissen und Können,
erklärt noch nicht an sich, was den guten Konstrukteur auszeichnet. Wir sprechen von
geistiger oder Denktätigkeit, weil Denken ein Probehandeln im Kopfe ist. Denken als
Handeln im Kopfe darf nicht gleichgesetzt werden mit Logik- oder Regelanwendung.
Entscheidend beim Handeln sind die Vorgehensweisen. Vorgehensweisen guter Konstruk-
teure integrieren zutreffend gewählte Ziele mit effizient handlungsleitend eingesetztem Wis-
sen und Können (Hacker/Sachse 1995, 1-4).

Vorausgesetzt wird, dass der Konstrukteur einen lösungsdienlichen Suchraum im Kopfe hat.
Der Entwurfsprozess benötigt eine bewegungsmäßige und sinnliche (sensomotorische)
Stützung. Menschen denken mit der Hand und arbeiten mit dem Kopf. Die meisten Konstruk-
teure arbeiten vorwiegend skizzierend ihre Lösungsentwürfe, wobei die Skizze Gedanken

182
verdeutlicht sowie als Verständigungsmittel mit anderen dient. Modelle sind wesentliche
Hilfsmittel beim technischen Konstruieren. Zu unterscheiden sind

(1) anschaulich physikalische Modelle,


(2) gegenständliche Modelle, die entweder eigens erstellt oder vorgefertigt aus
Ausbaukästen hergestellt werden,
(3) abstrakt-funktionale Modelle, z.B. Berechnungsmodelle, und die
(4) zeichnerisch-symbolhaften Modelle.

Auch da gibt es eigens erstellte Modelle, z.B. Freihandskizzen oder Konstruktionszeich-


nungen oder vorgefertigte Modelle wie CAD. Schließlich ist Entwerfen wissensbasiertes Ent-
wickeln von Lösungen, nämlich das Aufgreifen schon gewusster Lösungen und das Ausden-
ken neuer, nicht gewusster, als ausschlaggebende Vorgehenskombinationen. Zentral für die
Konstruktionstätigkeit ist das Langzeit-Arbeitsgedächtnis. Für die Lösung von neuartigen
Problemen sind die in der epistemischen Struktur gespeicherten Handlungsprogramme (Ope-
ratoren) unzureichend (Sachse/Hacker 1998, 3-8). Insgesamt ist Konstruieren als kreativer
Problemlösungsprozess zu begreifen. Wichtig sind in diesem Zusammenhang Konstruktions-
strategien (Sachse/Hacker 1998, 12-18).

In allen Untersuchungen mit nichtkonstruktionsmethodisch als auch mit konstruktions-


methodisch ausgebildeten Versuchspersonen wurde festgestellt, dass es verschiedene Wege
gibt, um zu guten Lösungen zu gelangen. Das Forschungsteam konnte nicht einen einzigen,
den Königsweg finden, sondern stellte fest, dass Konstrukteure gleich welcher Ausbildung ein
individuell unterschiedliches und zugleich erfolgreiches Vorgehen praktizieren. Ungeachtet
dieser Aussage hat aber jedes individuell praktizierte Vorgehen seine speziellen Vor- und
Nachteile, die angesichts der ermittelten Lösungsgüte und im Vergleich zur bekannten Kon-
struktionstheorie bzw. –methodik gemäß den VDI-Richtlinien 2221 (1986) besser erkannt und
eingeordnet werden konnten. Alle Versuchspersonen befassten sich am Anfang mit der Auf-
gabenstellung, um sie zu verstehen. Während der Bearbeitung wird auf sie aus aktuellem
Anlass immer wieder zurückgegriffen. Umformulierungen der Aufgabenstellung wie Erweite-
rung, Präzisierung o. ä. wurden kaum beobachtet. Im Allgemeinen sind bei der Neuent-
wicklung eines Produkts mehrere Teilfunktionen (Teilprobleme) zu beachten, die entspre-
chenden Teillösungen nach sich ziehen und kombiniert werden müssen. Lösungen werden
meist nur mit wenigen Suchbegriffen (Merkmalen) gesucht. Eine verallgemeinernde
Abstraktion der Suchbegriffe wird relativ wenig genutzt und prinzipielle Lösungsideen wer-
den überwiegend im Gedächtnis gesucht. Praxiserfahrene Konstrukteure ohne jegliche Hoch-
schulausbildung kommen recht schnell zu Lösungen aus ihrem Erfahrungsschatz, unterliegen
dabei aber auch den Gefahren von nicht miteinander verträglichen oder nicht optimal abge-
stimmten Teillösungen. Dies führt zu korrigierenden Arbeitsschritten, die aufgrund der ange-
eigneten Konstruktionsroutine aber rasch vollzogen werden (Pahl 1998, 4-7).

Der Entwickler und Konstrukteur neigt aufgrund seiner individuellen Fähigkeit und Erfahrung
zu dieser oder jener Vorgehensweise, ohne sich aber häufig über die Vorteile oder Gefahren
des jeweiligen Wegs klar zu sein. Bei praxiserfahrenen Konstrukteuren besteht grundsätzlich
ein Bestreben den Arbeitsaufwand zu minimieren. Dieses Streben ist positiv zu werten, birgt
aber das Risiko einer nichtausgereiften Lösung. Erfolgreiche Methodiker konzentrieren sich
bei der Lösungssuche in erster Linie auf die Hauptfunktionen und greifen für Neben-
funktionen zeitsparend auf konventionelle Lösungen aus dem Erfahrungsschatz zurück.
Grundsätzlich haben Methodiker mit Hochschulausbildung und ohne mehrjährige Erfahrung

183
mehr Zeit zur Lösung benötigt als erfahrene Praktiker. Die Ergebnisse der Methodiker weisen
im Allgemeinen in den Lösungen für die einzelnen Teilfunktionen eine höhere Kompatibilität
für die Gesamtlösung auf. Dies ist auf den Effekt der Ablauforientierung an den Vorgehens-
plänen zurückzuführen (Pahl 1998, 8-10).

Die Untersuchungen haben gezeigt dass gute Lösungen dann entstehen, wenn die Kon-
strukteure, gleichgültig ob sie konventionell oder methodisch ausgebildet sind, sich durch die
nachfolgenden Strategien auszeichnen: gründliche Zielanalyse zu Beginn der Arbeit und auch
bei der Formulierung von Teilzielen während des Konstruktionsprozesses insbesondere bei
unscharfer Problemformulierung, Durchlaufen einer konzeptionellen Phase zwecks
Erarbeitens oder Erkennens des günstigsten Lösungsprinzips und nachfolgender konkreter
Gestaltung in einer Entwurfsphase, eine zuerst divergierende und dann rasch konvergierende
Lösungssuche mit nicht zu vielen Varianten auf der jeweils angemessenen Konkretisie-
rungsebene mit wechselnder Betrachtungsweise, z.B. abstrakt-konkret, Gesamtproblem-Teil-
problem, Wirkzusammenhang-Bauzusammenhang. Häufig sind diese Lösungsversuche nach
umfassenderen Kriterien einzuordnen ohne zu starke Betonung der persönlichen Präferenzen
und ständige Reflexion des eigenen Vorgehens und dessen Anpassung an die jeweilige
Problemlage (Pahl 1998, 11).

Der Begriff der heuristischen Kompetenz blieb insgesamt nicht recht fassbar. Es gibt
offensichtlich eine erkennbare Fähigkeit, Probleme lösen zu können, die von Ausbildung und
Erfahrung gefördert werden kann. Welche Kriterien mit Einflussgrößen genauer wirken, ist
ungewiss. Es lässt sich aber sagen, dass das einzelne Individuum meist eine mehr oder
weniger klare Vorstellung hat, über welche Kompetenzen es verfügt. Dementsprechend wird
es sein Vorgehen individuell planen bzw. den auftretenden Problemen anpassen. Das jewei-
lige Vorgehen unterscheidet sich damit von anderem individuellen Vorgehen, kann aber zu
gleich guten Ergebnissen führen. Das Wort Erfahrung ist im Kontext von technischer Kon-
struktion nicht leicht zu definieren. In diesem Zusammenhang soll Erfahrung als ein
Handlungswissen verstanden werden, welches sich bewusst oder unbewusst aus vergangener,
eigener Anwendung ergibt. Dieses nennt man aber insgesamt besser Umgangswissen. Es
zeigte sich, dass Erfahrungen in der Konstruktionspraxis zu einer deutlich schnelleren Bear-
beitung beitrugen. Auch war die Lösungsgüte bei den erfahrenen Konstrukteuren höher als bei
nichterfahrenen, gleichgültig ob sie methodisch ausgebildet waren oder nicht (Pahl 1998,
13f). Wegen grundsätzlicher Schwierigkeiten konnte kein Vergleich zwischen Nichtmetho-
dikern und Methodikern auf annähernd gleicher Erfahrungsstufe mit für die Versuchs-
personen jeweils neuartigen Problemstellungen durchgeführt werden. Aus Einzelbeob-
achtungen gab es jedoch Hinweise, dass erfahrene und auch weniger erfahrene Methodiker
bei jeweils neuen bzw. anders gearteten Aufgabenstellungen erfolgreicher sein werden als
erfahrene Nichtmethodiker (Pahl 1998, 21).

Wir müssen

(1) Typen technischer Praxis,


(2) Paradigmen technischer Praxis und
(3) epochale Paradigmen technischer Praxis

unterscheiden. Für Letztere charakteristisch ist die Höhe und der Stand des technischen
Könnens sowie die Höhe und der Stand des technischen Wissens. Der Handel bzw. der
Fernhandel spielt eine konstitutive Rolle bei der Entwicklung einer Technik als Basis der
politischen Ökonomie. Diese Technik als Basis einer politischen Ökonomie macht eine

184
Erweiterung des Untersuchungsgegenstandes der klassischen Technikwissenschaften
erforderlich. Zu unterscheiden sind

(1) Technikwissenschaften als Konstruktionswissenschaften (technisches Konstruk-


tionswissen),
(2) Technologie als Wissenschaft der Technik als Grundlage für die politische Ökon-
omie.

Epistemologische Grundlagenprobleme des Verhältnisses von Technik und Wirtschaft werden


in der Technologie abgehandelt werden. Gegenstand der epistemischen Rechtfertigung sind
die Technikwissenschaften. Gegenstand der Technologie sind die praxeologischen und
ökonomischen Absicherungen bzw. Rechtfertigungen im Rahmen einer Technologierefle-
xionskultur.

Technische Konstruktionskultur entsteht durch Interferenz der Werkzeuge bzw. Maschinen


mit der herstellenden zunächst überwiegend handwerklichen Praxis, in zweiter Linie aus der
Stadtarchitektur und in dritter Linie aus der Techno-Science (insbesondere ihrem
neuzeitlichen Produkt, der experimentellen Naturwissenschaft). Prämoderne Techno-Science
im Sinne einer naturkundlich-technischen Praxis umfasst Bergbau, Chemie und Alchemie,
Medizin und Pharmazie wie Astronomie und Astrologie. Die verschiedenen Technologien
beschreiben unterschiedliche Gestalten einer Technik, die sich nach einem Paradigmen-
wechsel in ihrer jeweiligen Potentialität und Macht unterschiedlich ausprägt. Kultur besteht
aus einem jeweiligen Sachsystem (Artefakte) und einem jeweiligen Deutungssystem. Arte-
fakte materialer Art sind künstlich geschaffene Gegenstände. Artefakte struktureller Art sind
Ordnungen, Institutionen. Artefakte sind auf einer dritten Ebene Vorgehensweisen im Sinne
von Prozeduren als Strategien und Methoden.

Jede neue Technik entwickelt sich gemäß der Analyse von Terry Winograd und Fernando
Flores aus dem Jahr 1986 vor dem Hintergrund eines unausgesprochenen Verständnisses der
Natur des Menschen und der menschlichen Arbeit. Der Umgang mit Technik wiederum führt
zu fundamentalen Änderungen unserer Verhaltensweisen. Mit der Erkenntnis, dass wir durch
das Herstellen von Werkzeugen Lebensformen gestalten, stoßen wir auf grundlegendere
Fragen der Gestaltung (Winograd/Flores 1989, 11). In diesem Sinne suchen wir nach
hilfreichen Bildern, die uns die Auswirkungen von Computern vorstellbar machen. Dabei
gehen wir von der Analogie zwischen Rechenoperationen und menschlichem Denken aus.
Eine gewisse Fixierung geschieht dabei durch das Bild vom Elektronengehirn. Beim Über-
prüfen dieser Denk- und Konstruktionstradition ist den beiden Autoren allmählich klar gewor-
den, dass diese zwar einen fruchtbaren Boden für die Entwicklung neuer Technologien abgibt,
aber keine angemessene Erklärung dafür liefert, was Computer als Maschinen im Zusammen-
spiel mit menschlichem Handeln wirklich tun. Das Zusammenspiel von Verstehen und Her-
stellen umschreibt die Frage der Gestaltung und macht den Gedanken der Hintergrund-
annahmen und des Pfades bedeutsam (Winograd/Flores 1989, 19-21).

Komplette und detaillierte Problemlösungen sind nicht für alle Vorgänge erforderlich. Ein
Standardzugang besteht in der Erforschung des gewärtigen Zustandes der Lösungen eines
Systems (Newell/Simon 1972, 12). Technikwissenschaft versucht, den Konstruktionsprozess
so zu rekonstruieren, als ob nicht ein Konstrukteur etwas erfinden oder konstruieren würde,
sondern als ob sich dieser Prozess automatisch von selbst vollzieht. Das technische Objekt
generiert sich also quasi selbst durch einen Konstrukteur hindurch. Die Zuhilfenahme der
Psychologie erscheint als überflüssig. Aus der Struktur des neu erfundenen technischen Arte-

185
fakts kann der Weg der Konstruktion rekonstruiert werden. Und letztlich kann dies ein Com-
puterprogramm, ein sogenanntes intelligentes, d.h. problemlösendes Expertensystem. Aber
die Struktur eines bisher nicht vorhandenen technischen Artefaktes gibt es noch nicht. Also
wird es auch bei innovativen Konstruktionen nicht möglich sein, den Konstruktionsprozess
ohne den konstruierenden Techniker und Ingenieur zu rekonstruieren.

Anfangs war CAD auf spezielle Bereiche, z.B. im Flugzeugbau, beschränkt. Mittlerweile ist
CAD aber aus vielen Bereichen nicht mehr wegzudenken. Beispielsweise ist der Entwurf
integrierter Schaltungen ohne CAD gar nicht mehr denkbar. Außer den bereits erwähnten
Anwendungsbereichen findet man die Anwendung von CAD typischerweise noch in den
Bereichen Maschinen- und Anlagenbau, Architektur und Bauwesen, sowie in der Karto-
grafie. CAD vereinfacht und beschleunigt die Zeichnungserstellung. Die mit Hilfe von CAD-
Systemen erzeugten Informationen können an andere Softwarebausteine zur Weiterverar-
beitung übergeben werden. Der CAD-Anwender hat die Möglichkeit, alternative Entwürfe zu
erproben (Bullinger u.a. 1989, 13f). Eine wesentliche Zeitersparnis kann beim Konstruieren
mit CAD erzielt werden, indem man auf vorhandene Elemente zurückgreift und diese mani-
puliert oder miteinander verknüpft (Bullinger u.a. 1989, 18). Ein wichtiger Bereich ist die
ergonomische Gestaltung von Bauteilen. Auch die rechnergestützte Arbeitsplanerstellung
gehört zum Aufgabenbereich von Expertensystemen. Vorteile dieser Methode sind: schnelle
und rationelle Erstellung von häufig wiederkehrenden Arbeitsplänen mit nur geringem
Änderungsaufwand, und eine kurze Einführungsphase. Nachteile dagegen: der Anpassungs-
aufwand ist bei größeren Änderungen sehr hoch und die Arbeitspläne sind nicht repro-
duzierbar (Bullinger u.a. 1989, 39). Bei der Einführung der rechnerunterstützten Arbeitsplan-
erstellung ist es notwendig, ein umfassendes Planungssystem unternehmensspezifisch aufzu-
bauen. Eine Entscheidungstabelle weist grundsätzlich zwei Bereiche auf: Im oberen Teil sind
die Einflussgrößen (Bedingungen) aufgelistet, von deren Ausprägungen die im unteren Teil
ausgeführten Maßnahmen (Aktionen) abhängen (Bullinger u.a. 1989, 48).

Die Konstruktion von Software stellt die Kreuzung aller Bedingungen dar, unter denen die
Computerdisziplinen auftreten: das Hardware- und Software Ingenieurswesen, die
Programmierung, Erforschung bestimmter Faktoren des Menschlichen und seiner Ökonomie.
Aufgrund eines Studiums der Interaktion zwischen Mensch und Maschine sollen verschie-
denste Interfaces (physikalische, sensorische, psychologische) verknüpft werden. Wenn je-
mals Objekte für den Gebrauch durch die Menschen erforderlich waren, so konnte das Design
„überzeugend“ bzw. „überredend“ konstruiert werden. Die Konstruktion selbst gerioet zur
Methode, wobei jeweils Entscheidungen gefällt werden müssen. Das Erziehungsmodell muss
daher für Computerprofessionelle auf andere Fälle hin erweitert werden. Konstruktionen sind
häufig methodisch, genau und gemäß klaren Gesichtspunkten durchzuführen. Manchmal
allerdings geschahen sie auch aus reiner Zufälligkeit. Nun enthalten die Maschinen die Inten-
tionen des Konstrukteurs. Es sind virtuelle Welten, die Konstrukteure schaffen. Konstruktion
ist bewusst und stellt den Menschen in das Zentrum der Bemühungen. Zudem ist sie eine
Konversation mit dem Material. Konstruktion ist kreativ, kommunikationsbehaftet und eine
soziale Aktivität (Winograd 1996, XV-XXIV).

Mangel an Brauchbarkeit von Software und die schlechte Konstruktion von Programmen sind
die heimliche Crux der Industrie. Architekten und Ingenieure gelten als Konstrukteure. Die
Selektion verschiedener Komponenten überall auftretender Bedingungen des Gebrauchs und
der Bedürfnisse, die von dem Benutzer entwickelt worden ist ihre Aufgabe. Programmierer
sind bis heute anonym. Ihnen fehlt damit ein wesentlicher Anreiz, die Programme zu ver-
bessern. Professionelle Anerkennung müsste gegeben werden. Das Programmieren müsste als
eigenständige Disziplin anerkannt werden. In vielfacher Form werden Gegenstände nicht

186
konstruiert, sondern nur verändert im Hinblick auf die Mensch-Maschinen-Beziehung. Es gibt
ein professionelles Training für Konstrukteure. Sie entwickeln verschiedene professionelle
Kompetenzen. Es geht um den professionellen Praktiker. Es gibt technologische Kurse für
den Ingenieursstudenten, die sich mit den Prinzipien und Methoden eines Computerpro-
gramms auseinandersetzen sollen. Die Wahrnehmungsgegenstände schließen Computer-
systemarchitekturen, Mikroprozessorarchitekturen, Handlungssysteme, Netzwerkkommunika-
tionen, Datenstrukturen und Algorithmen, Datenbasen und verteilte Computerprogramme und
ihre Umgebung ein, genauso wie Methodologien, die objektorientiert sind. Konstrukteure
müssen studieren, wie ihr integratives Softwaredesign überall auf der Welt in einen Software-
entwicklungsprozess eingebracht werden kann (Winograd 1996, 3-8).

Softwaredesign und Softwareingenieurskunst, interaktives Design, verschiedene Berufe und


Arbeitsteilung kommen im Bereich des Ingenieurswesens vor. Sie beziehen sich auf die
Tradition des Lehrens in der Architektur (Winograd 1996, 10-12). Künstlerisch orientierte
Konstrukteure und Ingenieurskonstrukteure ergänzen sich gegenseitig. Es geht um die
Funktion und um die Ästhetik. Im Zusammenhang mit der Konstruktion der Interaktion liegt
mehr Können als Wissenschaft vor (Winograd 1996, 39-56). Die Sprache eines Hauses oder
eines Fotokopierers als Beispiele für Konstruktionssprachen machen die Bedeutung von
Gegenständen deutlich. Es geht um die Interpretation von Konstruktionssprachen und um das
Transparentmachen von Konstruktionen. Henry Ford erfand eine Konstruktionssprache für
Automobile und eine Art und Weise, die es ihm erlaubte, eine Massenproduktion von Autos
durchzuführen und Kunden zu erreichen. Der durchschnittliche Konsument ist allerdings
begrenzt hinsichtlich Geld und Geduld (Winograd 1996, 93).

Die heutigen CAD-Systeme verfügen zumeist über einen Funktionsumfang, der für eine große
Zahl der Anwendungen zu umfangreich ist. Andererseits vermissen viele Anwender
Funktionen, die die individuellen Bedürfnisse abdecken. Der Anpassungsaufwand ist bei der
Komplexität heutiger CAD-Systeme zu aufwendig (Bullinger u.a. 1989, 73). Der Aufbau
objektorientierter Softwaresysteme erfolgt dadurch, dass Klassen definiert und diesen Klassen
bestimmte Attribute und Methoden zugeordnet werden. Ausgehend von bestehenden Klassen
werden nun Unterklassen entsprechend bestimmt, so dass sich durch die Wiederholung dieses
Zyklusses das fertige Gesamtsystem ergibt. Als Vorteil objektorientierter Systeme ist zu
werten, dass im Falle von Erweiterungen oder Anpassungen nur ein neues Objekt in eine
Klasse eingefügt werden bzw. eine Unterklasse neue definiert werden muss (Bullinger u.a.
1989, 77). Voraussetzung ist einerseits die Formalisierung des produktbezogenen Konstruk-
tions- und Erfahrungswissens sowie andererseits die Analyse von Handlungs-struk-turen des
Konstrukteurs (Bullinger u.a. 1989, 92).

Der CAD-Einsatz gilt menschlichem Konstruieren als überlegen. Er ist ein Beispiel für das
wissenschaftsorientierte Paradigma des Konstruierens. Schließlich basiert er auch auf
gesättigter Intuition und sedimentierter Erfahrung, denn auch Maschinenvorschläge müssen
umgesetzt werden, bedürfen also der Anwendung. Technische Konstruktion ist nicht in
technischen Regeln modellierbar. Die Bildhaftigkeit des entwerfenden Ingenieurs (Ferguson),
lasse sich im Computer simulieren. Dies ist eine zentrale These der modernen Position des
CAD. Das Gefühl für die Stimmigkeit eines Entwurfes lasse sich ebenfalls im Computer
abbilden. Das Operieren mit Expertensystemen setzt „tacit knowledge“ voraus, ersetzt dieses
also nicht. Das stillschweigende Expertenwissen ist für erfolgreiches Entwerfen konstitutiv –
mit und ohne Expertensysteme. Unerfahrene Ingenieure finden in den CAD-Systemen eine
trügerische Sicherheit. Das technische Konstruktionswissen ist nicht direkt aus naturwissen-
schaftlichem Wissen ableitbar, sondern bedarf einer eigenen ingenieursmäßigen Kreativität
und entsprechenden technischen Intuitionen, die sich nicht komplett ausschalten lassen. Es

187
entwickelt sich gerade bei jungen und unerfahrenen Ingenieuren ein blindes Vertrauen in den
Computer, weil man die eigene Konstruktionstätigkeit nicht in Worte zu fassen vermag.

„Tacit knowledge“ macht eine andere Art der Reflexion erforderlich, die sich nicht im Defi-
nierenkönnen bewährt, sondern im Gelingen des Konstruktionsentwurfs im fertigen Gerät.
Das Vorzeigenkönnen des Meisterstücks als Ersatz für die Definition und das Hinterlegen des
Beleges im Patentierungsverfahren sind Konsequenzen dieses unterschiedlichen Ansatzes des
Konstruierens in Technik und Wissenschaft. Eine technische bzw. eine technologische Kultur
interpretiert diesen Vorzeigeprozess, eröffnet Verständnishorizonte, interpretiert technische
Entwicklung, ist damit Teil der Öffentlichkeitsarbeit, die technisch wissenschaftliche
Information zur Akzeptanzerzielung vermitteln möchte. Die Eröffnung von Verständnis-
horizonten schließt die Eröffnung utopischer Horizonte im positiven wie im negativen Sinn
ein. Technologische Kultur erfordert eine neue Idee von philosophischer Reflexion des Prag-
matischen, eine neue Hermeneutik der technischen Konstruktion wie der technologisch
fixierten und transformierten Natur. Reflexion ist dabei nicht vollständig erklärbar, demon-
strierbar. Konstruktionen sind mit Realitätserfahrung kombinierbar. Es bedarf eines Vorwis-
sens der Ingenieure um Realität (Methoden, Material usw.).

Am Anfang standen zeichnerische Entwürfe und Visionen wie die von Leonardo da Vinci.
Heute gibt es genormte Darstellungsmittel in technischen Lehrbüchern. Konstruktive
Entwürfe von Vorgängern wurden traditionell berücksichtigt. Insofern stellt sich die Frage, ob
CAD als falsches oder als richtiges Hilfsmittel einzustufen sind. Die Zentralperspektive war
ein wichtiges darstellerisches Mittel für die technische Zeichnung. Das Lesen der Symbole
wurde zum Problem einer beim Nachvollzug der Konstruktionszeichnung auftretenden
hermeneutischen Fragestellungen. CAD als nicht lebensweltliches System sagt nichts über die
Nutzerfreundlichkeit der entsprechenden Entwürfe. Er enthält keine Aussagen über die
Brauchbarkeit für den Benutzer. CAD-Systeme sind insbesondere gut zur Verbesserung des
alten wobei auf virtuelle Modelle zurückgegriffen werden kann. Experimentelle Belastungs-
proben und Proben des Materialverschleißes wurden einbezogen. Legitimationsstrategien von
technischen Ideen waren die Mathematik und die Verwissenschaftlichung. Der Wissensbe-
weis verdrängte den Könnensbeweis. Der Könnensbeweis aber basierte auf sedimentierter
Erfahrung und ist damit keineswegs irrational. Er enthält keine übernatürlichen Inspirationen
wie bei Friedrich Dessauer. Rational begründete Intuition ist damit als Grundlage der Kon-
struktion anzusehen, auch in einer Position, die vom impliziten Umgangswissen ausgeht. Ziel
der Technologiekultur ist der Aufbau des Vertrauens der Nutzer in die neuen technischen
Artefakte. Dabei entwickelt das CAD-Verfahren ein Gefühl für die Notwendigkeiten des Ent-
werfens selbst. Der Bezug zur Realität ist konstitutiv für den Prozess des technischen Entwer-
fens. Es entstehen Fehler beim Programmschreiben, nicht nur bei den Nutzern von CAD-Pro-
grammen.

Die Entwicklung der Ingenieurswissenschaften führte zu einer Verwissenschaftlichung der


Konstruktionsarbeit, wobei zunehmende Unübersichtlichkeit zu konstatieren ist, die Kom-
munikationsarbeit abbauen soll. Arbeitskommunikation und Motivationskommunikation sind
zentral. Wichtig sind Arbeitsbesprechungen oder das gemeinsame Mittagessen von Konstruk-
tionsgruppen. Normierungsabteilungen haben fertigungstechnischen Einfluss und führen zu
einer Formalisierung der Arbeitsprozesse. Es handelt sich um mitlaufende Koordinationen.
CAD führt zur entformalisierten Strukturierung des Konstruktionshandelns, wobei Entwick-
lung und Programmieren wichtig sind. Konstruktives technisches Handeln ist der Ansatzpunkt
für die Theoretisierung und Mathematisierung im Horizont des überlegten, vorausschauenden
und planenden Umgangswissens. Dabei ist neben der sozialwissenschaftlichen Strukturierung
die erkenntnistheoretische Modellierung konstruktiven technischen Handelns vom Umgangs-

188
wissen her Ausgangspunkt technikphilosophischer Überlegungen zum Konstruktionshandeln.
Gemäß dem Paradigma der Automatisierung entwickelte sich unter Einbezug der CAD-unter-
stützten Konstruktion automatisierte Technologie, die Fließbandtechnologie, das papierlose
Büro und die Automatisierung vieler Produktionsvorgänge einschloss.

Jan Noyes schaut auf 40 Jahre Mensch-Maschinen-Interaktionsforschung zurück. Die Ergo-


nomik möchte die Sicherheit, die Effizienz und den Komfort durch Verbesserung der Kon-
struktion erhöhen und die technische Handlung an physikalische und psychologische Kompe-
tenzen wie soziale Bedürfnisse des Nutzers anpassen. Es geht um intuitive Konstruktion der
Interfaces zwischen Mensch und Maschine, wobei intuitiv für jeden etwas anderes meint. Es
gibt kontraintuitives Design, das hervorragend arbeitet (z.B. das Drücken des Gas- und
Bremspedals; Noyes 2001, Xf). Humanfaktoren sind ein nebulöser Begriff, der erstmals 1890
durch den Quäker Ingenieur Friedrich W. Taylor erwähnt wurde. Taylor studierte die
Handlungen der Arbeiter, ihren Gebrauch der Arbeitsmittel und ihre Erholungsperioden und
stellte eine Verbindung zu den verschiedenen Ebenen der Produktivität her. Es ging um die
Art und Weise, am besten seinen Job zu tun. Die systematische und empirische Beobachtung
von Arbeitern im Zeit- und Bewegungsablauf wurde fortgesetzt von Frank und Lillian
Gilbreth. Die Entwicklung neuer Methoden, bestimmte Ziegel anzuordnen und zu stapeln,
führte zu weiteren Ergebnissen. Das primäre Interesse der beiden war nicht die Wohlfahrt der
Arbeiter, sondern die Anhebung der Produktivität. Es ging in bevorzugter Weise um
Handarbeit. Dabei entsteht ein Anpassungsdruck insbesondere für neue Mitglieder im Produk-
tionsteam (Noyes 2001, 1-4).

Der Zweite Weltkrieg veränderte die technologische Struktur. Gemäß meiner Interpretation
konstituierte sich hypermoderne Technologie (Irrgang 2008). Es kam zu immer schnellerem
Konstruktionsverhalten. Die Geburt der Humanfaktoren kurz nach dem Zweiten Weltkrieg
und der Ergonomik, die sich mit den Gesetzen des Arbeitens beschäftigte, sollte die Effizienz
der Arbeit erhöhen. Menschliche Irrtumsmöglichkeiten und menschliche Verantwortung in
der technischen Praxis wurden herausgestellt. Sicherungssysteme wurden konstruiert, hinzu
kamen Automatisierung und das Training von Kompetenzen. Die Ingenieurspsychologie
führte zur kognitiven Ergonomik. Durch die Informationstechnologien haben die Human-
faktoren in der Technologie an Bedeutung gewonnen. Der Humanfaktor in der Mensch-
Maschine-Interaktion wird immer wichtiger. Humanfaktoren in der Ergonomik ist ein Körper
für Wissen um menschliche Fähigkeiten, um menschliche Grenzen und andere Charakteri-
sierungen des Menschen, die für den technischen Konstruktionsprozess relevant sind. Eine
Ingenieurskunst auf der Basis von Humanfaktoren im Sinne einer Praxis der Ergonomik ist
die Anwendung der Humanfaktoren auf die Konstruktion von Werkzeugen, Maschinen,
technischen Systemen, Aufgaben, Berufen und deren Umgebung, um sichere, komfortable
und effektive menschliche Gebrauchsformen zu ermöglichen. Ergonomik ist somit eine
Ingenieursdisziplin, aber auch angewandte Psychologie (Noyes 2001, 5-18).

Anthropometrie, physikalische Aspekte, Biomechanik und psychologische Aspekte greifen in


der Ergonomik ineinander. Aufmerksamkeit, selektive Aufmerksamkeit und die Wahrneh-
mung spielen eine zentrale Rolle. In der Ergonomik greifen normative, deskriptive und
präskriptive Modelle ineinander. Es geht um Pfade zur Entscheidungsfindung. Der naive
Nutzer, der Anfänger, der Geübte und der Experte müssen unterschieden werden (Noyes
2001, 20-34). Menschen haben Ziele. Bei der Durchführung der technischen Praxis bedarf es
Kontrollen und der Gebrauchsgerechtigkeit. Dabei gibt es Möglichkeiten einer Maschine,
menschliche Aktivitäten zu erkennen. Es gibt primäre und sekundäre Formen der Kontrolle.
Im Rahmen der technischen Sicherheit wurde in zunehmendem Maße auf Automation und
Systemdesign wert gelegt. Heute geht es um die Konstruktion irrtumstoleranter Systeme. Das

189
Ziel ist eine symbiotische Beziehung zwischen Mensch und Maschine, wobei Mensch und
Maschine in Verbindung zusammen arbeiten. Es geht um eine Mensch-Maschinen Koopera-
tion. Die Gebrauchsfähigkeit ist ein wesentlicher Gesichtspunkt bei der Konstruktion. Es geht
um die Leichtigkeit des Gebrauchs, Sicherheit, Tragbarkeit, Einpassung in die Umwelt, auto-
matische Funktion, Flexibilität, Kompatibilität, Größe, Aufrechterhaltung und Ästhetik eines
technischen Werkzeuges (Noyes 2001, 38-66).

Eine der wesentlichen Elemente der Nutzer zentrierten Konstruktionsmodells ist die
Umgebung. Der Arbeitsplatz und die Konstruktion des Arbeitsplatzes z. B. eines Computer-
arbeitsplatzes. Dabei spielen physikalische Parameter wie Licht, Farbe, Temperatur und Lärm
genauso eine Rolle wie ästhetische Parameter (Noyes 2001). Gemäß der Organisationstheorie
ist auch das Jobdesign und die Arbeitsorganisation von zentralem Interesse. Auch die Gesund-
heit am Arbeitsplatz insbesondere im Zusammenhang mit dem Gebrauch von Computern
stellt wesentliche Gesichtspunkte dar. Die Sicherheitsaspekte gegenüber Unfällen und Zufäl-
len sind sehr zentral. Abhängig davon sind die Risikowahrnehmung und das Verhalten der
Nutzer. Diese müssen auf zurückliegende Erfahrung zurückgreifen können. Es gibt aber auch
menschliche Irrtümer und Unfälle. Verkehrsunfälle, Schiffsunfälle, Flugunfälle. Sehr wichtig
ist der Umgang von technischen Artefakten mit menschlichen Irrtümern und Fehlern. Ein
Training zur Unfallbewältigung und Unfallprävention ist erforderlich. Auch gesetzliche Rege-
lungen können helfen, Sicherheit und Gesundheit zu erhalten. Zentral ist die Konstruktion von
gesunden und sicheren Arbeitssystemen. Ergonomik ist damit all das, was mit Konstruktion
und ihrer Bewertung zusammenhängt. Viele positive Faktoren im Hinblick auf Arbeitssicher-
heit lassen sich aber nicht quantifizieren.

Das dringendste Desiderat einer Technikphilosophie ist die Weiterentwicklung einer


Wissenschaftstheorie der Technik, der Technikwissenschaften und der Ingenieurswissen-
schaften. Die Mängel auf diesem Gebiet sind auf drei Ursachen zurückzuführen: (1.) Das fort-
während gepflegte Missverständnis, wonach die Technikwissenschaften lediglich angewandte
Naturwissenschaften seien. Damit meint man, verkürzt gesprochen, dass man Technik ver-
standen hätte, wenn man die Physik versteht. (2.) Obwohl schon Ludwig Bolzmann meinte,
dass es nichts Praktischeres gebe als eine gute Theorie, herrscht in den Technikdisziplinen
eine immer noch anhaltende Theoriefeindlichkeit vor. Auch falsch verstandener Pragmatis-
mus, Sparzwänge, Zeitdruck und ein gewisser Mangel an Neugier mögen eine Rolle spielen.
(3.) Die Wissenschaftstheoretiker im akademischen Bereich haben sich bei dem Ausbau der
Wissenschaftstheorie hauptsächlich auf Naturwissenschaften und Methodenfragen der
Sozialwissenschaften konzentriert, da diese mit analytischen Mitteln eher zu behandeln wa-
ren. Hinzu kamen institutionelle Vorlieben – Wissenschaftstheorie fand selten an technischen
Hochschulen oder Universitäten statt (Banse/Ropohl 2004, 8-10).

So sind die genuin wissenschaftstheoretischen Beiträge aus den letzten Jahrzehnten etwas
spärlich und zielen vornehmlich auf das Verhältnis von Technikwissenschaft und Handeln.
Die Ziele einer Beschäftigung mit einer Wissenschaftstheorie der Technikwissenschaften und
einer theoretischen Beschäftigung mit den Charakteristika technischen Wissens sind unter
anderem:

(1) besseres Verstehen der Technik und der Technikwissenschaften und dadurch ein
besseres Verstehen der Grenzen ihrer Methodik und ihrer Wissensdynamik,
(2) besseres Verstehen von Experiment, Text, Theorie, Wissensstrukturen und Be-
gründungszusammenhängen (Erklärung),
(3) Aufspüren des normativen Gehalts technologischer Theorien,

190
(4) besseres Verständnis der Wechselwirkung zwischen den Artefakten und ihrer
organisatorischen Einbettung,
(5) Die Analyse der wechselseitigen Abgrenzung von technischem, naturwissen-
schaftlichem und organisatorischem Wissen,
(6) Präzisierung und Untersuchung der jeweiligen Inhalte und Methoden und eine
Klärung der Frage, inwieweit eine Formalisierung des Wissens als möglich, als
wünschenswert oder effizient erscheint (Banse/Ropohl 2004, 10).

Es geht um eine pragmatische und technologische Fundierung der Wissenschaftstheorie von


Technik und Technologie. Während wissenschaftliche Theorien in der zeitgenossischen
Wissenschaftstheorie als Subsystem aufgefasst werden, die bestimmte Bedingungen erfüllen
oder die bestimmten Bedingungen gehorchen müssen, wie Widerspruchsfreiheit und
Anschlussfähigkeit an empirische Gesetze, wobei die historische Entwicklung solcher
Subsysteme nicht außer Acht gelassen werden darf (Theoriendynamik), wird eine
technologische Theorie strukturalistisch gedeutet, also als ein Prädikat für mögliche
Anwendungsmodelle. In der Technologie führte Bunge die Unterscheidung von substanzieller
und operativer Theorie ein. Es ist nicht die Praxis, die als Validierung nicht naturhafter
Gesetzmäßigkeiten oder Muster (z.B. in der Organisation) mit ontologischen Unterstellungen
arbeiten muss, sondern es sind die im Test durch Häufigkeit festgestellten Regelmäßigkeiten,
die sich als Regeln des technischen Handelns formulieren lassen. Dies ist die Basis einer
technologischen Theorie. Diese besteht aber eben, wie die Praxis in unterschiedlichen Fällen
zeigt, aus impliziten Wissen, das nicht als formalisierbare Aussage in einer Theorie erscheint,
sondern sich erst im Handlungsvollzug bei der Exekution einer Regel bemerkbar macht.
Dieses anders strukturierte Verhältnis von Tun und Wissen in der Technik macht die An-
schlussfähigkeit an die Wissenschaftstheorie herkömmlicher Art, die gerne methodisch wie
ontologisch reduktionistisch vorgeht, schwierig – Analogien alleine helfen da nicht weiter
(Banse/Ropohl 2004, 18-20).

Wissenschaftstheorie war der Versuch, aus einer Beobachterperspektive zu beschreiben und


zu erklären, was die Forscher bei ihren Erkenntnisbemühungen tun oder doch tun sollten: Wie
sie Begriffe einführen, wie sie Hypothesen und Gesetzeserklärungen gewinnen und wie sie
kritisch prüfen, ob ihre Theorie der Erfahrung standhalten oder anderweitig sich bewähren.
Die technischen Wissenschaften haben nicht in erster Linie den Ingenieur, sondern dessen
Tätigkeitsfeld zum Gegenstand: Die Technik. Auch der Einwand, diese Unterschiede würden
in neueren Arbeitsfeldern, besonders in Molekularbiologie und Biotechnik, verschwimmen,
ist nicht stichhaltig. Richtig ist lediglich, dass auf diesen Gebieten zahlreiche Naturwissen-
schaften, aus welchen Gründen auch immer, in die Rolle von Ingenieuren geschlüpft sind
(Banse/Ropohl 2004, 27-29). Der technischen Praxis geht es, noch ausgeprägter als den Tech-
nikwissenschaften, nicht um die Wahrheit, sondern um den Erfolg. Lässt sich ein technisches
Projekt erfolgreich realisieren, fragt man selten danach, ob die zugrunde gelegten Annahmen
auch wahr sind; durch den Erfolg gelten sie als bewährt. Wenn wir also die Wissensformen
im technischen Handeln untersuchen wollen, brauchen wir nicht so sehr eine Wissenschafts-
theorie der Technikwissenschaften, sondern eine Wissenstheorie der technischen Praxis, die
allerdings auch den Wissenschaftsaustausch zwischen den Technikwissenschaften und der
technischen Praxis, ein bislang völlig ungeklärtes Verhältnis, endlich aufhellt (Banse/Ropohl
2004, 31-33).

Das technische Können ist zwar kein explizites Wissen, doch will ich es als Teil des tech-
nischen Wissens betrachten, weil die pragmatischen und kognitiven Anteile dieser Hand-
lungskompetenz in der Praxis häufig eng miteinander verflochten sind. Technisches Können

191
bedeutet die besondere Fertigkeit und Geschicklichkeit im Umgang mit Sachsystemen. Bei
der Sachverwendung ist technisches Können gleichbedeutend mit Bedienungskompetenz,
wobei freilich Bedienung in einem sehr weiten Sinn zu verstehen ist. Im Herstellungszusam-
menhang besteht technisches Können auch in intuitivem Problemlösungsverhalten, das, auch
ohne Methodik, beträchtliche Erfolgsraten aufweist (Banse/Ropohl 2004, 39). Nach Günter
Ropohl umfasst technisches Wissen folgende Elemente:

(1) naturwissenschaftliches Wissen,


(2) technologisches Gesetzeswissen,
(3) strukturales Regelwissen,
(4) funktionales Regelwissen,
(5) technisches Können,
(6) ökosozial-technologisches Systemwissen und
(7) sozioökonomisches Wissen.

Naturwissenschaftliches Wissen ist lediglich in zwei Handlungsphasen relevant.


Technologisches Gesetzeswissen wird zwar ein wenig öfter benötigt, aber auch nur in einer
Minderzahl von Handlungsphasen. Strukturales und funktionales Regelwissen sowie techni-
sches Können einschließlich des impliziten Wissens, sind für viele Handlungsphasen relevant.
Häufiger wären öko-sozio-technologisches Systemwissen und sozioökonomisches Wissen
erforderlich. Der größte Teil des technischen Wissens besitzt keineswegs denjenigen Status,
den die traditionelle Wissenschaftstheorie zum Kriterium der Wissenschaftlichkeit gemacht
hatte. Freilich sollte man daraus nicht den voreiligen Schluss ziehen, technisches Wissen wäre
unwissenschaftlich. Vielmehr wird man für eine Theorie des technischen Wissens den
Wissenschaftsbegriff liberalisieren und ausweiten müssen (Banse/Ropohl 2004, 42f).

Eine Begriffsbildung wie Wissenschaftstheorie der Technik beruht auf einem Kategorien-
fehler, der es von Anfang an verhindert, dass die Bemühungen der Technikwissenschaften um
theoretische und praktische Stützung der technischen Praxis mit wissenschaftlichen Mitteln
begrifflich überhaupt noch eingeholt werden können (Banse/Ropohl 2004, 48). Die Aufgaben
einer Wissenschaftstheorie der Technikwissenschaften müssten an den Zielen der Tech-
nikwissenschaften orientiert werden (Banse/Ropohl 2004, 59). Die Technikwissenschaften
dienen vor allem als Stütze der technisch-konstruktiven Praxis, während die Naturwissen-
schaften auch darüber hinausgehende methodologische Zwecke der Verallgemeinerung und
Vereinheitlichung verfolgen. Sie entfernen sich weiter von der technischen Praxis und können
diese nur noch vermittelt über die Technikwissenschaften stützen (Banse/Ropohl 2004, 62).
Entwurfs- oder Konstruktionshandeln umfasst den gesamten Prozess des Findens technischer
Lösungen von der Aufgabenstellung über ihre Präzisierung, die Konzeptfindung und die
Gestaltfestlegung im Rahmen eines Entwurfs bis hin zur Erarbeitung der endgültigen
Fertigungs- und Montageunterlagen mit Gebrauchs- und Entsorgungsanleitungen für ein
Produkt – womit also die den Entwurfsprozess abschließende bzw. vollendende gesell-
schaftliche Durchsetzung, die Bewährung des Neuen am Markt, keinesfalls ausgeschlossen,
sondern immanenter Bezugspunkt diese Handelns ist. Dass dies unter großindustriellen und
stark arbeitsteiligen Bedingungen häufig ein räumlich, zeitlich, wie personell getrennt
ablaufender Prozess sein kann (aber nicht muss, darf nicht dazu führen, den inneren Zusam-
menhang aller Phasen des Geneseprozesses technischer Neuerungen aus dem Blick zu
verlieren (Banse/Ropohl 2004, 119f).

192
Derek DeSolla Price kommt hinsichtlich der Unterscheidung von Wissenschaft und Techno-
logie zu folgendem Ergebnis:

(1) Wissenschaft hat eine kumulierende, enggestrickte Struktur, das bedeutet, dass
neues Wissen von eng verknüpften und ziemlich neuen Stücken alten Wissens
verändert wird.
(2) Diese Eigenschaft unterscheidet Wissenschaft von Technologie und von human-
istischer Gelehrsamkeit.
(3) Diese Eigenschaft ist charakteristisch für viele soziale Phänomene in der Wissen-
schaft.
(4) Technologie teilt mit Wissenschaft dieselbe hohe Wachstumsrate, aber sie zeigt
sehr viele komplementäre soziale Phänomene mehr insbesondere im Hinblick auf
die Literatur.
(5) Technologie mag darüber hinaus eine ähnliche kumulierende eng geschnittene
Struktur wie die der Wissenschaft haben, aber der Technikstand ist entscheidender
als die wissenschaftliche oder technische Literatur.
(6) Wissenschaft und Technologie haben ihre eigenen und getrennten Kumulie-
rungsstrukturen.
(7) Da diese Strukturen getrennt sind, erfolgen sie nur in speziellen und traumatisch
wirkenden Fällen wie der Veränderung von Paradigmen Direkteinflüsse von der
Wissenschaft auf die Technologie oder umgekehrt.
(8) Es ist wahrscheinlich, dass die Technologie an der Forschungsfront eng mit der
Wissenschaft und nur in diesen Teilen des wissenschaftlichen Wissens verbunden
ist, die beschrieben werden können als Teil des Lern- und Erziehungssystem und
nicht die Forschungsfront betreffen.
(9) Ähnlich ist Forschungsfrontwissenschaft nur mit dem äußeren technologischen
Wissen verknüpft, indem vorangegangene Generationen von Studenten nicht mehr
an der Forschungsfront des technischen Standes und seinen Innovationen be-
schäftigt sind.
(10) Die reziproke Beziehung zwischen Wissenschaft und Technologie involviert, dass
die Forschungsfront des einen mit den etablierten Phasen des anderen verbunden
ist. Die ist allerdings nicht desto weniger ausreichend diese beiden in den Phasen
ihrer separaten Wachstumsraten miteinander oder anders als mit unabhängiger
Kumulation zu beschreiben.
(11) Es ist daher naiv, Technologie als angewandte Wissenschaft zu betrachten oder
aber klinische Praxis als angewandte medizinische Wissenschaft.
(12) Daher sollten wir uns bewusst sein, dass die Ziele einzelwissenschaftlicher
Forschung möglicherweise gebraucht werden für einzelne technologische
Problemlösungspotentiale und umgekehrt. Aber beide Kumulationseffekte können
nur unterstützt werden für ihre jeweils unterschiedlichen Ziele (Price 1965, 568).

Der Produktzyklus Konstruktion, Nutzung und Instandhaltung – Entsorgung gilt zwar


zunächst für technische Artefakte und technische Mittel, sie gilt aber auch letztendlich für die
Infrastruktur. Daher muss heute technisch Konstruktion mehr umfassen als nur die Her-
stellung einews techischen Artefaktes. Eine pragmatische Wissenschaftstheorie der Technik-
wissenschaften ist eine des sowohl als auch. Sie geht aus von Determinanten der technischen

193
Entwicklungsstränge wie technisches Know-how, Naturgesetze, unter denen die technischen
Artefakte stehen usw., eine soziale Konstruktion von Technologien insbesondere durch Leit-
vorstellungen, aber auch durch den Gebrauch der Nutzer. Beide Komponenten in
Wechselwirkung gelten für alle drei Phasen des Produktzyklus. Damit erhalten wir einen
extrem dynamischen Prozess, dessen Dynamik in der Theoriekonstruktion häufig unterschätzt
wurde.

Hughes möchte der Technologie ein neues gemeinsames Charakteristikum geben und
definiert Technologie als Mittel der Kontrolle einer vom Menschen gemachten Welt.
Technologie bietet kreative Mittel für eine Vielzahl von Zielen und Zwecken an. Bereits in
dem Schöpfungsmythos des Buches Genesis geht es um das Konzept einer vom Menschen
gemachten Welt. Hier ist das Ziel die Transformation der natürlichen Erde durch den
Menschen. Es gibt keine besseren Definitionsbeispiele für diese vom Menschen gemachte
Welt als industrielle Metropolen. Das Leben in einer vom Menschen gemachten Welt hat
Amerika zum ersten Mal hervorgebracht. Diese Welt schließt eine vom Menschen gemachte
Umwelt mit ein. Betrachtet man die vom Menschen gemachte Welt und Umwelt, so glauben
Ingenieure, Naturwissenschaftler und Manager, dass sie die kreative technologische Macht
haben, eine eigene Welt gemäß ihren Bauplänen zu konstruieren. Sie betrachteten die natür-
liche Welt als abschaffbar und ausbeutbar oder einfach nur als eine Rahmenszenerie. Straßen,
Eisenbahn, Telegraphen und Telefonlinien erlauben den Transport und die Kommuni-
kationssysteme, um jedes noch so entfernte Hinterland zu erreichen. Elektrische Energie treibt
Fabriken weit entfernt von Eisenbahninfrastruktur und einer Industrie, die von Kohle abhän-
gig ist. Künstliche Fruchtbarkeitshormone und die Agrikulturindustrie erhöhen den landwirt-
schaftlichen Ertrag des Bodens, der früher ausgelaugt wurde. Chemiker transformieren Mate-
rie und liefern Überfluss, während in früherer Zeit die Natur Ressourcen verweigert hat auch
mit Nebeneffekten, die teilweise für Jahrzehnte verborgen blieben. Der kreative Geist, eine
vom Menschen gemachte Welt zu erzeugen, erschien in erreichbarer Nähe (Hughes 2004, 5-
10).

Die digitale Fabrik ist ein ganzheitliches System. Sie postuliert und nutzt die Fabrik noch vor
der Benutzung und Inbetriebnahme. Eine solche Optimierung muss auch Produktions- und
Betriebsleitsysteme mit einbeziehen. Der Mensch bleibt hierbei in der Rolle des Entscheiders
und Problemlösers. Die Komplexität einer modernen Fertigung kann er allerdings nicht ohne
Helfer bewältigen: Softwareagenten, die komplexe, intelligente Aufgaben erfüllen und Infor-
mation bereitstellen (Bullinger 2004, 170). Einerseits ermöglichen der technischen Fortschritt
und das Aufkommen der virtuellen Welten neue Formen der Arbeit – räumlich verteilt
arbeitende Teams entstehen überall auf der Welt und Telearbeit ist eine weitverbreitete Form
der Beschäftigung. Andererseits hat diese Entwicklung Einfluss auf unsere Mobilität und
häuslichen und städtischen Umgebungen (Bullinger 2004, 190). Visionen bilden eher den
Hintergrund von Projekten der Technikentwicklung. Es sind die Konzepte der Konstruktion,
in denen die anvisierte Gestalt der Technik ausbuchstabiert wird. Für diese Auswahl der
optimalen Konstruktionsweise gibt es Anfangs noch keine allgemein akzeptierten technischen
Parameter und vor allem noch keine Erfahrungswerte; die Auswahl hängt vom kulturellen
Modell ab, das man sich vom Nutzer, seinen Fähigkeiten und Vorlieben macht. Es handelt
sich also um eine kulturelle Konstruktion, die der Maschine oder dem technischen System
eingeschrieben wird (Rammert 1998, 56). Letztendlich wird mit einer technischen Kon-
struktion – dazu zähle ich nicht nur die Geräte, sondern auch die Programme und die weitere
technische Infrastruktur – ein Rahmen für soziale Beziehungen gestaltet. Dies manifestiert
sich als struktureller Konservativismus der Ingenieurkultur. Stärker als Naturwissenschaftler
neigen Ingenieure aus guten Gründen dazu, sich gegenüber Neuerungen, sofern sie über den
anerkannten Stand der Technik hinausgehen, skeptisch und zögerlich zu verhalten. Soweit wie

194
möglich greifen sie auf gesicherte Verfahren zurück und entwerfen häufig neue Techniken
nach dem Schema der vorherrschenden Technik, um das Risiko des Scheiterns in der
praktischen Bewährung gering zu halten. Statt neue Visionen der Techniknutzung zu ersinnen
und alternative Entwürfe von Techniken zu erproben, werden neue Ideen allzu schnell in die
alten Bahnen der Entwicklung gezwängt (Rammert 1998, 56f).

Viele Probleme mit neuen Informationstechniken z. B. entstehen durch die Tatsache, dass sie
immer noch nach dem gewohnten Muster klassischer Maschinentechnik entworfen und nach
dem Vorbild industrieller Produktionstechnik eingesetzt werden. Geistige Arbeit lässt sich
nicht ebenso problemlos wie körperliche Arbeit durch Maschinen substituieren. In jeder
technischen Konstruktion wird schon ein Bild des späteren Nutzers entworfen. Dieses
kulturelle Modell entspricht dem American Way of Engineering. Das zeigt sich z. B. an der
Tatsache, dass fast alle amerikanischen Autos mit Automatikschaltung ausgestattet sind. Geht
der Entwickler jedoch vom rational kalkulierenden und lerneifrigen Nutzer aus, wird er viele
Wahlmöglichkeiten, Erklärungen und Unterstützungen in die technischen Systeme einbauen.
Zu diesem die Nutzer häufig überfordernden Modell scheint eher die deutsche Ingenieurkultur
zu neigen (Rammert 1998, 56-58).

Die kulturelle Orientierung neuer Techniken erfolgt über Visionen und Konzepte der Nutzung
und über Bilder vom individuellen Nutzer, die in die technische Gestaltung eingeschrieben
werden. Als prägende Orientierungen können nationale Konstruktionsstile (American Way of
Engineering), universitäre Ingenieurschulen (Aachener Maschinenbaukultur) und betriebliche
Konstruktionstraditionen (Audi-Motorenbautradition) ausgemacht werden. Die Rahmenbedin-
gungen für eine reflexive und diskursive Techniksteuerung waren bisher eher ungünstig. Es
scheint z.B. auch bei der Entwicklung neuer Informationstechniken der Fall zu sein, dass die
Ingenieure eher die Steigerung der technischen Leistungsparameter als den zukünftigen
Nutzungskontext im Blick haben (Rammert 1998, 58-61). Ein Schlüsselproblem für den
gesellschaftlichen Erfolg einer neuen Technik besteht schlicht darin, die Nutzermodelle in den
Technikentwürfen besser mit den Nutzerpraktiken im Alltag abzustimmen. Ingenieure
konstruieren mit simplifizierenden Nutzermodellen. Diese folgen in der Regel einem univer-
salistischen und kognitiv-rationalem Menschenbild (Rammert 1998, 64).

In diesem Sinn soll nun ein Fallbeispiel analysiert werden, der amerikanische Traum von
einer Elektrifizierung der Küche. Ab dem Jahr 1920 wurde eine große Anzahl von US-
amerikanischen Haushalten modernisiert. Gemäß dem Leitbild der elektrischen Moderni-
sierung erschienen häusliche elektrische Anwendungen erschienen als durch die Wahl der
Konsumenten hervorgerufen. Eine eingehende Untersuchung zeigt hingegen, dass es eine
größere oder gar allgemeine Akzeptanz häuslicher elektrischer Anwendungen im Jahr 1920
nicht zu konstatieren ist. Bemerkenswerte Folgen der kommerziellen Visionen einer häus-
lichen elektrischen Technologie, einer Welt, in der Maschinen und nicht Personen arbeiten,
kann in einer überwältigenden Majorität amerikanischer Haushalte einfach nicht wahr gewe-
sen sein. In den 20er Jahren waren etwa 30 % der amerikanischen Haushalte elektrifiziert. Es
waren insbesondere die Haushalte mit hohem Einkommen, die allerdings sozial eher kon-
servativ eingestellt waren. Um die Möglichkeit einer Technologisierung des Haushalts in
Erwägung ziehen zu können, ist es erforderlich, die Arbeitsrolle und das Arbeitsverständnis
von Frauen im Haus daraufhin zu analysieren, ob eine Einführung elektrischer Technologien
in gewisser Weise auch konservative Werte verstärkte. Eingeführt wurden vor allen Dingen
elektrische arbeitssparende Anwendungen. Im Jahre 1920 legte eine anwachsende Prosperität
die Grundlagen für eine umfangreiche Elektrifizierung und Modernisierung, die aber erst nach
1945 stattfand (Tobey 1996, 1-6).

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In den 20er Jahren wurde der Strompreis herabgesetzt, um den Verkauf elektrischer Geräte zu
fördern. Sicherheit wurde zu einer zentralen Forderung. Ein gestaffeltes Preissystem, das
Mehrverbrauch belohnte, wirkte ebenfalls unterstützend. Rauschenbush und Laidler hatten
eine progressive Vision sozial modernisierter amerikanischer Haushalte mit Elektrifizierung
und Anhebung des Lebensstandards selbst kleiner Städte und Farmhäuser. Die konservative
Vision setzte mehr auf Industrialisierung und hatte andere Ideen von der Verwendung der
Elektrizität. Die Modernisierung vergrößerte die Schulden der Haushalte. Neue Wasserkraft-
werke mussten gebaut werden. Es entstand die Bewegung zur Rationalisierung des Haus-
haltes. Es ging darum, die Familie im Namen der Freiheit zu reorganisieren. Leitbilder waren
die effiziente Küche. Die Bewegung für die Rationalisierung des Haushaltes brachte eine
ganze Reihe von Lehrbüchern hervor, die Haushaltsführung, Haushaltsbudget, Konsum und
die Aneignung von Haushaltstechnologien beschrieben und wie sie stattzufinden haben
innerhalb der neuen Welt der Massenmärkte. John Dewey wurde zum Philosophen der Nation
und ihrer Fortschrittsvorstellungen. Er klärte über die Bedeutung von Elektrizität auf (Tobey
1996, 41-55).

Die kalifornische Bewegung für öffentliche Macht und Modernisierung sprach sich für die
Entwicklung von Hydroelektrik aus. Elektrizität sollte für die Industrialisierung und die
Elektrifizierung der Haushalte angeboten werden können (Tobey 1996, 62-81). 1930 propa-
gierte Franklin Roosevelt das neue Abkommen (New Deal) und deklarierte ein nationales
politisches Rahmenwerk, welches den meisten amerikanischen Familien erlaubte, ihre Häuser
mit Elektrizität zu modernisieren. Eine vollständige Ausnutzung der Elektrizität sollte eine
höhere Lebensqualität bringen. 1934 hält Roosevelt viele Reden für die Modernisierung.
Davor aber bestand eine Finanzierungskrise für Häuser. 1934 entstand auch ein Banken-
verbund für ein neues Abkommen zugunsten des Hausbaus. Erlassen wurde ein nationaler
Hausbauakt. Das neue Abkommen zur elektrischen Modernisierung wurde zwischen 1933
und 1935 ins Leben gerufen. Es kam zu einer Expansion privater Konsumentenkredite (Tobey
1996, 92-119). So haben wir hier ein Beispiel staatlich inszenierter Nachfragemacht einer
neuen Technologie, genauer gesagt eines ganzen Technologiefeldes vor uns.

Nicht in allen Fällen hilft der Staat und so kommt es häufiger vor, dass eine aussichtsreiche
Ingenieurerfindung nicht zu einer erfolgreichen Innovation wird. So entsteht der Eindruck, die
technische Entwicklung sei einem geraden, rationalen Pfad aus der Vergangenheit in die
Gegenwart gefolgt. Die Untersuchung gescheiterter Innovationsversuche bringt allerdings ans
Tageslicht, dass etwa 85% aller Entwicklungen in Firmen nie zur Marktreife gelangen.
Insofern wird hier eine falsche Erfolgsgeschichte angegeben. Die fehlgeschlagenen
Innovationen sind zum Beispiel das Riesenwindrad „Growian“, der „Schnelle Brüter“ und der
Frachtzeppelin „Cargolifter“. Innovation meint dabei die erstmalige wirtschaftliche
Verwertung einer neuen Problemlösung. Meist ist dies verbunden mit der Neueinführung
eines Produktes. Erfolgreich ist eine Innovation dann, wenn sie die Wettbewerbssituation des
Innovators verbessert. Dazu bedarf es eines kommerziellen Erfolges. Der Begriff des
Akzeptablen meint eine umfassende Objektivierung von Erfolg und Scheitern, gelingt aber
nicht. Manchmal muss die Einführung einer neuen Technologie an einem anderen Ort und
später mit mehr Erfolg durchgeführt werden. Dabei gibt es unterschiedliche Kriterien für das
Scheitern und für den Erfolg (Bauer 2006, 9-15).

Technikgeschichtliche und techniksoziologische Ansätze sind dabei zu unterscheiden. Im


Hinblick auf die Erfassung von Innovationen gibt es sehr unterschiedliche Ansätze, Methoden
der Datenerhebung und der Heterogenität der Ergebnisse. Dabei gab es Failure Studies bereits
in früheren Zeiten. Allerdings bestanden sie ausschließlich aus Einzelfallstudien. Gründe für
das Scheitern von Innovationen sind: 1. spezifische Konkurrenzsituationen des innovativen

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Produktes, 2. technische Probleme, 3. Fehleinschätzung der potenziellen Nutzer, 4. zu hohe
Anpassungserfordernisse, 5. instabiler Entwicklungsraum. Wichtig ist auch der Innovations-
zeitpunkt. Das Forschungsfeld ist noch nicht genau umrissen. Bereits in der Technik-
geneseforschung gibt es Erklärungsansätze. Gesucht wird nach Ursachen des innovatorischen
Scheiterns (Bauer 2006, 20-38).

Untersuchen wir ein Fallbeispiel. Ein gescheitertes Innovationsprojekt ist der Stirlingmotor.
Dieser ist eine Verbrennungskraftmaschine, bei der das Arbeitsmedium periodisch erhitzt und
wieder abgekühlt wird. Das recht komplexe Verhältnis, bzw. die Relativbewegung zwischen
Verdrängungs- und Arbeitskolben führte dazu, dass der eigentlich ideale Stirlingprozess
praktisch nicht zu verwirklichen war. Der theoretisch unschlagbar gute thermische Wirkungs-
grad aufgrund kontinuierlicher äußerer Verbrennung konnte in der Praxis nicht erreicht
werden. Die Verbrennungsquelle für diesen Motortyp ist gleichgültig. Der Verbrennungs-
prozess ist sehr gut einstellbar. Das erste Patent auf diesen Motor wurde 1817 erteilt. Ein
Kompressor erhöht den Wirkungsgrad. Er spielte eine prominente Rolle in der Entwicklung
der jungen Thermodynamik. 1843 formulierte das Prinzip James Stirling. Die Modelle schei-
terten im 19. Jh. alle an Materialproblemen. Es kam zu einer Wiederentdeckung des Stirling-
motors in den 1930er Jahren. 1953 wurde ein gewisser Durchbruch durch die Firma Philips in
Holland mit dem Rhombengetriebe erreicht. Dichtungsprobleme zwischen heißem Expan-
sions- und kaltem Kompressionsraum stellten sich unweigerlich ein. 1960 kommt es zu einer
weiteren Entwicklung des Stirlingmotors hauptsächlich in den USA. 1970 begann das
schreckliche Jahrzehnt für die US-Automobilindustrie. Grund dafür war ein verändertes
Käuferverhalten, welches sich nach der ersten Ölkrise auf Kleinstwagen und alternative Pkws
ausrichtete. Der neue Wert ab dieser Zeit lautete: Senkung des Kraftstoffverbrauchs. Mitte der
80er Jahre nach einer weiteren schweren Ölpreiskrise erfolgte eine gewisse Beruhigung und
ein Nachlassender Innovationsdruck in der Automobilindustrie (Bauer 2006, 194-227).

Was war der Grund für das Scheitern? Wechselnde Akteure und abgebrochene Projekte waren
der eine Bereich. Zum Einen handelte es sich bei dem niederländischen Unternehmen Philips
um ein marktfremdes Unternehmen, das nichts mit dem Automobilmarkt zu tun hatte und in
den USA mit Generalmotors ein Entwicklungspartner hatte, der allein offenbar zu schwach
war, marktfähige Produkte in diesem Bereich herzustellen. Stirlingmotoren waren eher für
schwere Pkws geeignet, oder für Lkws, bzw. Busse. 1975 wurde der erste Ford Torino mit
Stirlingmotor ausgeliefert. Er hatte eine Minute Vorheizzeit, gute Emissionswerte, aber der
Verbrauch war überraschend hoch, vor allem bei kleineren Motorversionen. Die United
Stirling of Sweden und Ford entwickelten unter Berücksichtigung von staatlichen
Entwicklungsprogrammen Motortypen, wobei die Umweltauflagen der 80er und 90er Jahre
dem Stirlingmotor eine neue Nische verschafften. Philips sah sich immer nur als Lizenzgeber,
nicht als künftiger Motorenhersteller. Der Konzern suchte die Zusammenarbeit mit einem
PKW-Hersteller. Die Ölpreiskrise steigerte kurzfristig das Interesse an diesem Motor. Aber
letztendlich führte die mangelnde Zusammenarbeit mit den großen Automobilkonzernen zu
einem entscheidenden Schwachpunkt. Daher gelang wohl die Kommerzialisierung auch nicht.
Die Erprobung von Stirlingmotoren an Kleintransportern erbrachte bei weitem nicht den
erhofften Erfolg. Denn diese stoppten häufig und fuhren meist im niedrigen Geschwindig-
keitsbereich, wofür diese Motoren nicht gebaut wurden. Das Ziel der Verbrauchssenkung
konnte nicht erreicht werden. Wobei der Betrieb der Motoren im Van-Bereich sicherlich für
den Stirlingmotor nicht optimal war. Der industriefern entwickelte Stirlingmotor bot letzt-
endlich keine so großen Vorteile gegenüber dem Ottomotor oder dem Diesel, dass er die ho-
hen Kosten für eine massenhafte Einführung gerechtfertigt hätte. Warum wurde er trotzdem
so lange weiterentwickelt und war damit kein völliger Fehlschlag? Es gab Ende der 80er
keinen hinreichenden Grund für die Serieneinführung. In Nischen bietet sich sein Einsatz

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weiter an. Zum Beispiel ist die Tieftemperaturkühlung eine enorme Hilfe für U-Bootantriebe,
die deren Aufenthalt unter Wasser auf mehr als zwei Monate verlängern kann. Gefahr droht
allerdings dem U-Bootantrieb von der Brennstoffzelle, die noch längere Tauchfahrten bei
noch geringeren Geräuschemissionen erlaubt. Neue Chancen entstehen für dieses Maschi-
nenkonzept durch die Vielstofffähigkeiten der Maschinen im Rahmen der Szenarien erneuer-
barer Energien. Dieser Motorenkonzept lässt sich auch sehr gut für dezentrale Energie-
erzeugung aufrechterhalten (Bauer 2006, 278-287).

Was lässt sich aus dem Scheitern dieser Innovationen herauslesen? Die besondere Bedeutung
der jeweiligen Konkurrenzsituation ist herauszuarbeiten. Misserfolg beruhte auf grund-
sätzlichen, systembedingten Eigenschaften der Inventionen. Außerdem kam es zur Fehlein-
schätzung von Nutzerbedürfnissen. Die ungenügende Abstimmung zwischen Entwicklern und
Nutzern und zu hohe Anpassungserfordernisse führen zu diesem Problem. Insofern gab es
Schwierigkeiten im Entwicklungsraum, im Timing und in der Zielerschließung, bzw. Ziel-
verschiebung während der Entwicklungsphase. Eine Theorie des Scheiterns muss auf die