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Frank Schadt

WaLdheideweg 95
46562 Voerde

Frank Schadt • WaLdheideweg 95 • 46562 Voerde

An den
Bundesminister für Gesundheit
Herrn Jens Spahn
11011 Berlin

Offener Brief

Voerde, 31. Dezember 2019

Geplante Abstimmung zur Änderung des Transplantationsgesetzes am 16.01.2020


Bitte um Abstandnahme von der „doppelten Widerspruchslösung"(BT-Drs. 19/11096)

Sehr geehrter Herr Bundesminister,

da mir die von Ihnen mitinitiierte „doppelte Widerspruchslösung" als Irrweg erscheint, wen
de ich mich mit den nachfolgenden Überlegungen nebst Anlage an Sie und an alle Abge
ordneten des Deutschen Bundestages.

Erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland droht mit der „doppelten
Widerspruchslösung" eine transplantationsrechtliche Regelung bundesweit Gesetzeskraft
zu erhalten,^ die fremden Menschen einen direkten Weg ebnen würde, in das beschützte
Sterben von Mitbürgern ohne deren Kenntnis und Einverständnis in Fällen der Entwick
lung des Krankheitsbildes des isolierten Hirnfunktionsausfalles (Hirntod) gewaltsam ein
greifen zu können: durch Selektion Schwerstkranker als potentieller Organspender bei
möglichem Hirntod, durch sie fremdnützig instrumentalisierende, vergewaltigende inten
sivmedizinische Lebensverlängerung - nach Hirntoddiagnostik als "organprotektive The
rapie" - und schließlich durch ihren Lebenszustand beendende Organentnahme.

Es dürfte mit ein Ergebnis der vor über 20 Jahren intensiv geführten und nachwirkenden
öffentlichen Diskussionen sein, daß das Dogma vom isolierten Hirnfunktionsausfall als
Tod des Menschen heute zunehmend Boden verloren hat, zum Exempel: „In der Kom
mentarliteratur zum Grundgesetz ergibt sich inzwischen sogar ein Übergewicht an Kriti
kern der Hirntodkonzeption."^

Aber auch ganz unabhängig davon ist ohnehin jedem unvoreingenommenen Blick auf die
Tatsachen unübersehbar, daß das Krankheitsbild des isolierten Hirnfunktionsausfalles
(dissoziierter Hirntod) und der Tod des Menschen sich ausschließen.^ Entstehung, Dia
gnostik und Fortbestehen des isolierten Hirnfunktionsausfalles sind nur im Rahmen eines
belebten Organismus mit erhaltener Herz-Kreislauf- und anderen Organ- und Stoffwech
selfunktionen möglich, gestützt von intensivmedizinischen Maßnahmen (z.B. apparative
Lungenbelüftung). Das sich so in seinen beobachtbaren Erscheinungen bezeugende Fort-
setzen und Vorherrschen des Lebensprinzipes ist rational nicht bezweifelbar, und der
Verlust der leibgebundenen Bewußtseinsform des Patienten tut in diesem Betracht
nichts zur Sache. Daher finden Organentnahmen (der Hirntod ist hier Krankheitsbild)
nicht "postmortal", sondern ausnahmslos intravital statt.

Beim Tod des Menschen gibt es keinen isolierten Hirnfunktionsausfall. Charakteristisch


sind der endgültige Herz-Kreislaufstillstand, der endgültige Funktionsausfall des Zentral
nervensystems (Gehirn und Rückenmark, hier zutreffend Todeszeichen) wie auch der
restlichen Organe mit dem anschließenden Auftreten der sicheren Todeszeichen Toten
flecken, Totenstarre, Autolyse, Fäulnis und Verwesung, welche beim isolierten endgülti
gen Hirnfunktionsausfall mit erhaltenen Vitalfunktionen weder auftreten noch auftreten
können. So kann übrigens auch immer nur ein Leichnam einer Autopsie unterzogen wer
den, niemals aber ein Mensch mit dem Krankheitsbild des isolierten Hirnfunktionsaus
falls. Dieser Zustand findet sein Ende erst durch spontanes Zusammenbrechen des Or
ganismus oder durch Einstellung intensivmedizinischer Maßnahmen oder - durch Organ
entnahme.^

Die die Diskussion um die transplantationsrechtliche Neuregelung wie auch die Öffent
lichkeitsinformation maßgeblich prägende ständige Betonung der Liste von wartenden
potentiellen Organempfängern und zu niedrigen "Spenderzahlen" blendet schlicht aus,
daß Menschen nicht an Organmangel, sondern an einer Grunderkrankung sterben. Wie
hier besonders deutlich, ist überhaupt Wachsamkeit geboten vor vielfach geradezu Ge
wohnheit gewordener unmerklicher, zu wenig distanzierter (jbernahme von Denkmustern
und Vorstellungsvorgaben aus dem gedanklichen Umfeld vehementer Wollensorientierung
in Richtung Organtransplantation. Eine verantwortungsvoll gestaltete Neuregelung bedarf
aber unbedingt mit Loslösung von solchen Einflüssen einer objektiven Besinnung auf die
Realitäten der mit der Organtransplantation zwangsläufig verbundenen, sie mitbedingen
den Grundlagen.

Man braucht wahrhaftig kein Gegner der Transplantationsmedizin zu sein, um sehen zu


müssen, daß die Organtransplantation mit gängigen Therapierichtungen und -maßnah
men eben nicht gleichgesetzt und auch keinesfalls als selbstverständlich betrachtet wer
den kann, da sie im Unterschied zu allen anderen Behandlungsmethoden u. a. mit der
Entnahme von Leibesbestandselementen auf dem destruktiven Eingriff in Leib und Le
ben anderer Menschen beruht. Problematisch ist diesbezüglich also nicht die Or
gantransplantation als solche, um die es in diesen Ausführungen auch nicht geht, son
dern die sie ermöglichende Organgewinnung durch Organentnahme mitsamt den beglei
tenden Prozessen und den alles andere als unerheblichen Implikationen eines solchen
Vorgehens.

Charakteristisch für diese - bereits mit der als Spenderidentifizierung möglichen Aus
spähung und Selektion des Patienten als potentielles Explantationsobjekt schon bei dro
hendem Hirnfunktionsausfall beginnende - Prozeßkette ist in Reinkultur im Falle der Wi
derspruchslösung die fremdnützig orientierte, den Patienten instrumentalisierende athe
rapeutische Abwendung von der Menschenindividualität des Schwerstkranken. Die auch
bei infauster Prognose aufrechterhaltenen intensivmedizinischen Maßnahmen unter Ein
treten (bzw. Eintretenlassen"^) des Hirntodes und über diesen hinaus stabilisieren zwar
den Vitalzustand, können folglich aber nicht auf die Therapie oder Genesung des Kranken
ausgerichtet sein, ebensowenig auf ihre Einstellung zwecks eines - im Patienteninteresse
gebotenen - beschützten In-Ruhe-sterben-Lassens; mit Diagnose des Hirntodes als wei-
terem Schritt zielen sie ohne jede therapeutische Zuwendung zum Patienten expressis
verbis als "organprotektive Therapie" allein auf dessen Organe zur Transplantatoptimie
rung, bis dieser Zustand unter der Organentnahme sein Ende findet.

Damit tritt de facto auch eine funktioneUe Abwendung von Ärzten und Pflegenden von
der von ihrer Aufgabe her ausschließlich auf den behandelten Patienten hin ausgerichte
ten Fürsorge für diesen ein zu ihn preisgebenden, fremdnützig orientierten instrumentali
sierenden Handlungsabläufen, die im Kern, essentiell den Charakter ärztlichen und pfle
gerischen Handelns verlieren, welches stets nur einem Kranken zugewandt sein kann, -
den sie vor, unter und nach abgeschlossener Hirntoddiagnostik in der realen Patienten
begegnung in Übereinstimmung mit den beobachtbaren Erscheinungen seines Vitalzu
standes selbstverständlich als lebenden Schwerstkranken erfahren müssen und erleben.
Dieser im Falle der Widerspruchslösung ihnen zur Gänze aufgezwungene, da strukturell
immer angelegte Verrat am Patienten (nicht individuell als etwa moralisches Versagen
des einzelnen!), dem sie sich i. d. R. von ihrem Arbeitsverhältnis her nicht entziehen kön
nen und der sie damit auch ungewollt bzw. gegen ihren Willen in diesem Sinne zu Tätern
macht, wird bereits schon unter gegenwärtigen Bedingungen eines bloß erweiterten Zu
stimmungsmodus von vielen Beteiligten als belastend bis schwer erträglich empfunden.
Die einzige Möglichkeit einer nicht nur rechtlichen, sondern auch ethischen und mensch
lichen relativen Abfederung kann sich nur mit der Gewißheit der persönlichen Zustim
mung des von ihnen zu betreuenden Patienten zu einem solchen Vorgehen ergeben.

(In Parenthese sei angemerkt, daß selbst unter Bedingung der höchstpersönlichen ("en
gen") Zustimmung ärztlicherseits die Überantwortung eines betreuten Patienten an den
Explantationsprozeß wie pflegerischerseits die Durchführung funktioneil immer auch
fremdorientierter Maßnahmen, sollten sie auch rechtlich zulässig gestaltet werden kön
nen, ethisch durchaus problematisch bleiben.)

Nicht minder beklagenswert als ebenso bezeichnend für die einseitig dominierte Sicht
weise der vornehmlich an Steigerung der Organspendezahlen orientierten Gesetzesent
würfe ist es, daß sie keine Schutzregelungen enthalten für Ärzte und Pflegekräfte, die
sich aus Gewissensgründen an derartigen, ihrem Berufsethos zuwiderlaufenden und sie
auch in den unterbewußten Tiefen ihrer Menschlichkeit verletzenden Maßnahmen nicht
beteiligen können oder wollen. Hierzu müßten im Klinikalltag Freistellungsmöglichkeiten
geschaffen werden, ohne daß daraus für sie berufliche Nachteile erwachsen. Solchen
Haltungen ist Rechnung zu tragen, sie verdienen Respekt und erfordern einen beschüt
zenden Raum.

Wer sich hierzulande als Patient in ein Krankenhaus begibt, bringt durch kulturelle Prä
gung und gewohnte rechtsstaatliche Verhältnisse mehr oder weniger bewußt mindestens
in seinem Empfinden das Grundvertrauen mit, daß man ihm nach bestem Wissen und
Gewissen möglichst zu helfen versucht, und wenn das einmal nicht mehr möglich sein
sollte, er von einem ärztlicher- wie pflegerischerseits behüteten Sterben unter Achtung
seiner Selbstbestimmung ausgehen darf. Diese Haltung ist Ausdruck gesunden Empfin
dens und kennzeichnend für das normale bürgerliche Bewußtsein, das dunkler oder
deutlicher eine Mitwahrnehmung hat von den die Gestaltung der allgemeinen Lebensver
hältnisse noch immer mitprägenden, im Grundgesetz niedergelegten Grundrechten.

In einem für die Bundesrepublik Deutschland bislang einzigartigen Vorgang schlägt dem
die mit zur Abstimmung stehende Widerspruchslösung in für den Normalbürger kaum für
möglich zu haltendem Ausmaße - auch als regelrechte Institutionalisierung des Vertrau
ensmißbrauchs - ins Gesicht, muß doch von ihm die gesetzliche Zulässigkeit eines auch
ohne sein Wissen und ohne sein Einverständnis erfolgen dürfenden Übergriffs auf seinen
Leib, sein Leben und sein Sterben als gewaltsamer, organraubähnlicher Beschaffungsmo
dus, zudem noch mit Todesfolge, empfunden werden. Eine einwilligungslose Organweg
nahme beraubt die Rede von Organ"spende" jeglichen Sinnes.

Daß die Widerspruchslösung gegen das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit
(Art. 2 Abs. 2 Satz 1 GG) verstößt, wird vielfach durchaus gesehen. Nicht mit gleicher Of
fensichtlichkeit wirft sich auf Anhieb ihre Unvereinbarkeit mit der Unantastbarkeit und
dem Schutz der Menschenwürde (Art. 1 Abs. 1 GG) ins Auge. Mit seiner individuellen Ein
zigartigkeit, Selbstbestimmung, Selbstgestaltungsfähigkeit und -aufgäbe ist die Würde
des Menschen in seinem leiblich-seelisch-geistigen Wesensumfang nicht von seiner
Leiblichkeit abzutrennen, auf der sie als Ausdruck seiner Individualität und physiologi
sche Bedingung seiner Individuation aufruht und die sie mitumfaßt, eben in ihrer ganzen
von Menschen weder zugemessenen noch zumeßbaren Lebensspanne einschließlich des
Sterbeprozesses.^ Daher kann niemals die Legalisierung von Übergriffen, sondern allein
der Schutz des Menschen vor solchen, besonders in seinem wehrlosen Ausgeliefertsein
als Schwerstkranker, verpflichtende Aufgabe des Staates und grundgesetzkonform sein
und wird jedes Phantasieren von einer etwaigen Sozialpflichtigkeit von Bestandselemen
ten der Leiber von Mitmenschen in seiner Absurdität offenbar. Es kann keinen Bedarf ge
ben an dem, was dem einzelnen Menschen an leiblicher Ausstattung für sein Erdenleben
mitgegeben und grundrechtlich geschützt ist.

Schon 1997 gelegentlich der Verabschiedung des Transplanationsgesetzes bestand drin


gender Anlaß, der bis heute gepflegten gefährlichen Organbedarfsideologie in einem öf
fentlichen Appell Grenzen aufzuzeigen:

„Bei allem Bemühen, der Transplantationsmedizin gerecht zu werden, muß festge


halten werden, daß es die Aufgabe der Vertreter dieser Medizin ist, ihr Vorgehen
bei der Organgewinnung in Einklang mit den wissenschaftlichen Tatsachen und
dem Rechtsbewußtsein der Menschen zu bringen, und nicht umgekehrt die Aufga
be der Gesellschaft, der Transplantationsmedizin unter Mißachtung von anthropo
logischen, geisteswissenschaftlichen und rechtlichen Bedenken den möglichst un
gehinderten Zugang zu 'lebensfrischen' menschlichen Organen zu ebnen."®

Daran hat sich nichts geändert.

Es ist unbegreiflich, wie nach der Erfahrung des Dritten Reiches und der des oft gerne so
bezeichneten "Unrechtsregimes" der DDR, deren praktizierter Gesinnung im Umgang mit
ihren Bürgern die Widerspruchslösung zugegebenermaßen angemessen war, man in der
sich von diesen Systemen abheben wollenden Bundesrepublik Deutschland den Gedan
ken der Widerspruchslösung auch nur ernstlich thematisieren kann.

Sie sind daher nachdrücklich gebeten, in Ihrer volksvertretenden Funktion als Abgeordne
ter des Deutschen Bundestages mit Ihrer Stimme die Menschen in diesem Lande vor der
sie in zentralen Grundrechten verletzenden und mißachtenden Widerspruchslösung zu
schützen, in der mit der darin angelegten Verfügungsmöglichkeit über Leib und Leben
anderer Menschen ohne deren Einverständnis ein Regelwerk mit brutal-totalitärem
Grundzug Gestalt angenommen hat.
Ich jedenfalls möchte, wenn wir uns künftig mit der Frage konfrontiert sehen werden:
Wie hast du dich verhalten, als es wieder einmal geschah? vor meinem Gewissen, vor
meinen Mitmenschen wie vor der Geschichte sagen können: Ich habe Widerstand gelei
stet.

Mit freundlichen Grüßen

Frank Schadt

Anlage
Broschüre Zum Lebend-Status des Menschen im Zustand des isolierten Hirnfunktionsaus-
falles (dissoziierter Hirntod)

1) Karl Lauterbach, Georg Nüßlein, Petra Sitte, Jens Spahn et al.: „Entwurf eines Gesetzes zur Regelung der dop
pelten Widerspruchslösung im Transplantationsgesetz." BT-Drs. 19/11096, 25.06.2019. - Die zur Abstimmung ste
henden Positionen sind in Verbindung zu sehen mit dem am 01.04.2019 in Kraft getretenen Gesetz: „Zweites Ge
setz zur Änderung des Transplantationsgesetzes. Verbesserung der Zusammenarbeit und der Strukturen bei der
Organspende." BGBl. I 2019, S. 352-356.
2) Deutscher Ethikrat: Hirntod und Entscheidung zur Organspende. Stellungnahme. 2015. S. 96.
3) Vgl. zur Vertiefung: Frank Schadt: Zum Lebend-Status des Menschen im Zustand des isolierten Hirnfunktionsaus-
falles (dissoziierter Hirntod). 1999.
4) Siehe diesbezügl. etwa: „Denn den Hirntod kann man machen." Stephan Sahm: „Die Leerstelle in Spahns Debat
te." In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. Nr. 252, 30.10.2018, S. 14.
5) Jens Heisterkamp, Frank Meyer, Frank Schadt: „Appell zum Transplantationsgesetz." In: Die Zeit. Nr. 26, 21.06.
1996, S. 20.