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KANTS BEGRIFF DES NICHTS UND SEINE

BEZIEHUNGEN ZU DEN KATEGORIEN*)


von Erncsto Mayz Vallenilla, Caracas1)

Der Zusammenhang des Problems des Nichts mit den Kategorien ist eine Fra-
ge, auf welche Kant selbst in der Entfaltung der Kritik der reinen Vernunft auf-
merksam gemacht hat, freilich in einer scheinbar 2ufälligen und nebensächlichen
Weise. Am Schluß der Transzendentalanalytik, im Abschnitt zur Amphibolie
der Reflexionsbegriffe und als eine Anmerkung, die nach Kants eigenen Worten
bloß den systematischen Bau vervollständigen soll, heißt es:
„Ehe wir die transzendentale Analytik verlassen, müssen wir noch etwas hinzufügen,
was, obgleich an sich von nicht sonderlicher Erheblichkeit, dennoch zur Vollständigkeit
des Systems erforderlich scheinen dürfte. Der höchste Begriff, von dem man eine Tran-
szendentalphilosophie anzufangen pflegt, ist gemeiniglich die Einteilung in das Mögliche
und Unmögliche. Da aber alle Einteilung einen eingeteilten Begriff voraussetzt, so muß
noch ein höherer angegeben werden, und dieser ist der Begriff von einem Gegenstande
überhaupt (problematisch genommen, und unausgemacht, ob er Etwas oder Nichts sei).
Weil die Kategorien die einzigen Begriffe sind, die sich auf Gegenstände überhaupt
beziehen, so wird die Unterscheidung eines Gegenstandes, ob er Etwas, oder Nichts sei,
nach der Ordnung und Anweisung der Kategorien fortgehen." (B 346—B 347)
In Übereinstimmung mit solcher Bemerkung zeigt Kant, wie den vier Gruppen
von Kategorien, seiner berühmten Tafel gemäß, vier Modi des Nichts entspringen,
und zwar: das Nichts als „leerer Begriff ohne Gegenstand" (ens rationis), das Nichts
als „leerer Gegenstand eines Begriffs" (nihil privativum), das Nichts als „leere An-
schauung ohne Gegenstand" (ens imaginarium) und das Nichts als „leerer Gegenstand
ohne Begriff" (nihil negativum).
Kurz und bündig, aber mit bewunderungswürdiger Genauigkeit, zeigt Kant
ferner in jedem dieser Modi des Nichts seine Grundcharaktere, führt jeweils das
entsprechende Beispiel an und fixiert letztlich einige Unterschiede und Zusammen-
hänge unter ihnen, die für die strenge Erfassung und Abgrenzung ihrer Begriffs-
merkmale von großer Bedeutung sind. All das ist jedoch in wenigen Zeilen, 70
insgesamt, zusammengefaßt, und zwar auf den Seiten A 290—A 292.
Es ist nicht unsere Absicht, uns in diesem Vortrag bei der Betrachtung der
besonderen Probleme aufzuhalten, die jeder dieser Modi des Nichts in Bezug auf
die entsprechende Kategoriengruppe, der er entspringt, auf weis t. Das würde ja
eine Ausführlichkeit erfordern, welche die Grenzen unserer Darlegung überschrei-
ten würde. Wir gedenken vielmehr eine Grundfrage im allgemeinen auszuarbei-

*) Das Thema dieses Vertrags gehört zur Problematik, die der Verfasser in seinem
unlängst erschienenen Werk in spanischer Sprache El Problema de la Nada en Kant
entwickelt hat.
x
) Aus dem Spanischen'übersetzt von Alberto und Renoe Rosales.

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ten, die all diesen Modi des Nichts zugrunde liegt. Diese Frage verleiht dem all-
gemeinen Problem des Nichts eine Grundbedeutung im Denken Kants, insofern
begründeter Zweifel nicht nur darüber auf kommt, ob die Kategorientafel zureicht,
die ganze Konstitution des Gegenstandes zu ermöglichen, bzw. ob diese Tafel
vollständig ist, sondern auch, ob sie nicht, anscheinend gegen Kants eigene An-
sicht, funktionieren kann, wenn der Gegenstand überhaupt in der Gestalt des
Nichts auftritt. In der Tat, die Grundfrage, die das Problem des Nichts auf wirft,
wenn es in Kants Denken aufbricht, besteht darin, zu wissen, wie die Kategorien
auf den Gegenstand überhaupt angewandt werden können, damit dieser als Nichts
offenbar wird. Die Kategorien dienen nämlich zur Offenbarung des Seins, insofern
sie den Gegenstand überhaupt als Etwas in seinen Modi darstellen. Oder noch
schärfer gefragt: Was setzt, in der Tat, solche Anwendung zum Nichts voraus und
welche Züge weist dieses Nichts auf, wenn es als Ergebnis einer solchen Handlung
entspringt? Insofern die Kantischen Kategorien im Dienste der phänomenologi-
schen Konstitution des Gegenstandes als Etwas stehen, d. h. als darstellendes
Verzeichnis des Seins, ist es erforderlich, sie einer besonderen Negation zu unter-
werfen, wenn sie gebraucht werden, um das Nichts zu offenbaren. Dieser Nega-
tion zufolge verwandelt sich das Sein — oder seine entsprechende kategoriale
Bestimmung — in ein Nichtsein. Insofern der Begriff des Nichts bei Kant dem
Begriff des Etwas entgegengesetzt ist, ergibt er sich als der Begriff eines Nicht-
seienden, welches einem Verfahren verneinender Natur entspringt.
Es wäre jedoch ungerecht, wollten wir darin einen Mangel sehen. Absurd wäre
es auch, Kant vorzuwerfen, er habe nicht einen Begriff des Nichts entwickelt, der
unserer zeitgenössischen Denkart näher und zugänglicher wäre. Wir sind weit
davon entfernt, diesen Einspruch zu erheben. Unser Anliegen ist vielmehr Fol-
gendes: Die vierfache Idee des Nichts bei Kant geht inhaltlich nicht über die
Tradition hinaus, welche Kant aus der Schule von Leibniz und Wolff über Baum-
garten empfangen hat. Ihr Wert für uns besteht jedoch in der Ausarbeitung und
Entfaltung dieser Idee durch Kant, wenn er sie in seine Lehre einarbeitet und ihr
damit eine Rolle verleiht, die uns gestattet, eine für uns heute wichtige Frage zu
stellen, nämlich die nach dem problematischen Zusammenhang von Zeitlichkeit
und Nichts, sowie die nach den Grenzen dieser im System des Schematismus auf-
gebauten Zeitlichkeit. Von hier aus kann man die angemessene Erfassung einer
Idee des Nichts versuchen, das nicht das bloße Ergebnis einer Negation ist (d. h.
als Nichtsein oder Nicht-etwas), sondern eine solche, in der sich das positive
Antlitz des Nichts selbst in seiner positiven Ursprünglichkeit als Nichts des Seins
als solchen zeigt. Bevor wir einen solchen Gedanken darlegen, ist es erforderlich,
den Weg einer systematischen Darstellung zurückzufinden, um so das Problem,
das wir stellen wollen, völlig einsichtig zu machen.
Wie gesagt, bedient sich Kant in der Tat einer Idee des Nichts, welche der
Anwendung der ontologischen Kategorien entspringt, indem sie von einer Nega-
tion betroffen werden, damit sich ein Nichtsein oder ein Nicht-etwas als Darstellung
des Nichts zeigt. Diese Negation ist limitativ, z. B. bei dem ens rationis und den

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Kategorien der Quantität; privativ, wenn sie sich auf das nihilprivativum bezieht,
welches den Kategorien der Qualität entspringt, usw. Obwohl die auf diesem
Wege liegenden Hindernisse zu Kants Lebzeiten nicht bewußt geworden waren,
gilt es jedoch auf folgendes zu achten. Da die Kategorien eine ontologische (wenn
nicht eine ontischc) Bedeutung haben, und da das Nichts auf Grund der genannten
Negation gedacht wird (welche ihrerseits eine ontologiscbe Position impliziert), kommt
ein solches Nichts nur zum Vorschein, wenn das Sein negiert wird. Damit wird die
Idee des Nichts mit einem erschlichenen Sinn behaftet, der sowohl der Struktur
der Kategorien, durch die das Nichts begriffen wird, als auch der ontologischen
Negation entspringt, die die Kategorien trifft. Allgemein ausgedrückt: insofern das
Nichts auf einem Zusammenspiel von ontologischen Kategorien beruht und einer
Negation gleicher Natur entspringt, ist es von diesem doppelten Hintergrund her
zwiefach behaftet. Dieser Hintergrund verhindert eine positive Einsicht des Nichts
und entkräftet diese in ihrem Wesen. Anstatt in seiner Ursprünglichkeit erfaßt,
d. h. in seiner absoluten Nichtigkeit offenbart zu werden, tritt das Nichts bei Kant
in einer Gestalt auf, die den echten Sinn eines solchen Begriffes entkräftet. War
sich Kant etwa dessen bewußt? Sah er, wenn auch nur dunkel, eine solche Per-
spektive ? Besteht irgendein begründetes Indiz, das uns die Mutmaßung gestattet,
Kant habe etwa eine verhüllte Ahnung dieses Problems gehabt ?
Falsch und übertrieben sind die Versuche — heutzutage leider allzu häufig —
die auf Grund einer eingebildeten Exegese des Autors den Anspruch erheben,
diesen als Vorläufer jener bestimmten Auffassung hinzustellen, die man schließlich
verfechten will. Wir sind weit entfernt, bei Kant ein solches Manöver zu versu-
chen. Jedoch möchten wir darauf hinweisen, daß Kant aus sehr bestimmten Grün-
den in einem Passus seiner Darlegung des Nichts-Problems, und zwar bei dem
ensrationisy einen Begriff" einführt, der unserer Meinung nach die ontologisch-kate-
goriale Struktur seiner berühmten Tafel übersteigt und erschüttert. In der Tat,
was bedeutet der Begriff" „Keines" ? Warum setzt Kant gerade diesen Begriff" den
Begriffen von Allem, Vielem und Einem entgegen, die die Beispiele der ontologi-
schen Kategorien der Quantität sind ? Ist dieser Begriff eine andere Kategorie,
oder kann er zu Recht eine Anti-Kategorie genannt werden? Hören wir Kant
selbst:
„Weil die Kategorien die einzigen Begriffe sind, die sich auf Gegenstände überhaupt
beziehen, so wird die Unterscheidung eines Gegenstandes, ob er Etwas, oder Nichts sei,
nach der Ordnung und Anweisung der Kategorien fortgehen.
1. Den Begriffen von Allem, Vielem und Einem ist der, so alles aufhebt, d. i. Keines
entgegengesetzt, und so ist der Gegenstand eines Begriffs, dem gar keine anzugebende
Anschauung korrespondiert, = Nichts, d. h. ein Begriff ohne Gegenstand, wie die
Noumena, die nicht unter die Möglichkeiten gezählt werden können, obgleich auch
darum nicht für unmöglich ausgegeben werden müssen, (ens rationis) ..." (B 346—B 347)
Wie gesagt, hat dieser Vortrag nicht die Absicht, sich bei einer ausführlichen
Erörterung des Themas aufzuhalten. Das würde geschehen, wenn wir versuchen
wollten, die komplexe Problematik zu verfolgen, die sich hinter dem verbirgt,
was wir über den Begriff .„Keines" angedeutet haben. Wir sollen jedoch einen

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Hinweis darüber geben, um damit verständlich zu machen, warum wir glauben,
daß sich hinter der Kantischen Darlegung ein solches Problem verbirgt.
Die Idee des Nichts als ens rationis kommt bei Kant der des Noumenon gleich.
Über diese sagt Kant, der Idee des Noumenon entsprechend, daß ihr „gar keine
anzugebende Anschauung korrespondiert" (B 347). Aus welchem verborgenen
Grunde entspricht diesem Begriff des Nichts keine anzugebende Anschauung?
Warum ist sein „Objekt" negativ*), d. h. nicht existierend oder unwirklich und
so ein Begriff ohne Gegenstand (ein leerer Begriff ohne Gegenstand), wie der Kanti-
sche Text lautet? Bei der so gestellten Frage gilt es, eine doppelte Interpretations-
möglichkeit im Hinblick auf die noumenale Struktur im Nichts zu sehen. Das
Fehlen von anschaulicher Gegebenheit hat seinen Grund entweder darin, daß es
keine Anschauung gibt, die dem Begriff korrespondiert, und dann ist die Begriffs-
struktur eine bloße intelligible Aktivität. Oder dieses Fehlen hat seinen Grund in
Folgendem. Wenn es als vorgängige anschauliche Gegebenheit ein unbestimmtes
sinnliches Mannigfaltiges gibt und die eigene „kategoriale" Aktivität aufhebend
ist (eine solche ist nach Kants eigenen Worten die Funktion, die die Anti-Katego-
rie des Begriffs „Keines" ausübt), so hebt diese Aktivität im „Objekt" jedes quan-
titative Merkmal auf, es zu einem Nichtsein bildend, einem Nichts, d. h. einer im
strengen Sinne negativen Quantität.
Die angesetzte doppelte Hypothese kann nicht formal entschieden werden,
auch nicht, indem man auf die eigene Kantische Darlegung zurückgreift. Nicht
einmal diese ist frei von Widersprüchen. Denn indem Kant bestimmt, daß die
Idee des Nichts als ens rationis dem Noumenon ähnelt, neigt er dazu, für ihren
Ursprung denselben Grund zu finden, wie bei diesem letzteren. Als Noumenon
im negativen Sinne würde das Nichts einem absoluten Fehlen von anschaulichen
Gegebenheiten entspringen, über die sich die objekt-erzeugende kategoriale
Synthesis vollziehen könnte. Aber nun warum soll man dann in diesem Falle als
genetischen Faktor dieses Nichts den Begriff „Keines" einführen? Wenn die
noumenale Struktur des Nichts dem Fehlen anschaulicher Gegenbenheiten ent-
springt, bzw. der bloßen intelligiblen Funktion der Verstandesbegriffe, so würde
diese Funktion allein, vollzogen von den Kategorien der Quantität, ausreichen,
damit dieses Nichts als ein ens rationis entspringen würde. Aus welchem Grunde
denn bedient sich Kant nicht der positiven Verstandesbegriffe und führt vielmehr
den Begriff „Keines" ein, indem er ihm die charakteristische Funktion zuteilt,
„alles aufzuheben" ? (Vgl. B 347). Worauf kann sich diese „Aufhebung" beziehen,
die der Begriff „Keines" parallel, jedoch im umgekehrten Sinn zu den Begriffen
Alles, Vieles und Eines leistet, wenn nicht auf die Anschauung ? Damit das Auf-
2
) Es ist von Belang, die Schwierigkeit zu beachten, mit der Kant kämpfte, um sich
in diesem Fall auszudrücken. Wie man aus der vorherzitierten Stelle (B 347) ersehen
kann, kann das Korrelat des Begriffs „Keines" im strengen Sinne kein echter Gegen-
stand sein. Im Gegenteil, wenn es eine ihm korrespondierende Anschauung nicht gibt,
dann ist ein solcher Begriff „ein Begriff ohne Gegenstand". Deshalb haben wir den Aus-
druck „Objekt" in Anführungsstriche gesetzt.

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heben Sinn hat, ist es notwendig, daß es etwas gibt, woran dieses Aufheben seine
ihm eigentümliche Funktion vollzieht.
Zeigt das nicht, daß dieser Begriff „Keines" eine echte Anti-Kategorie ist,
deren Leistung in keiner der ontologischen Funktionen der Kantischen Katego-
ricntafcl enthalten ist?
Und eine letzte Frage: Wenn sich die vergegenständlichende Leistung der
Kategorien des Verstandes durch einen Schematismus vollzieht, welcher ihnen
den zeitlichen Horizont verleiht, durch den ihr Sinn erst bestimmt wird — welche
Art von Schematismus, d. h. welchen zeitlichen Sinn hat diese Leistung, kraft
deren sich uns der Gegenstand überhaupt als Nichts darstellt? Fehlt dem Noume-
non ganz und gar die Zeitlichkeit?
Wenn wir auf den Schematismus zurückgreifen und die Zeitlichkeit als Sinn-
horizont für das Nichts einführen, so stoßen wir schließlich auf ein Problem,
dessen Widerhall bei Kant nicht verborgen bleiben kann. Da jeder der Begriffe
des Nichts — das ens rationls^ das nihilprivativum, das ens imaginarium und das nibil
negativHM — den verschiedenen Kategoriengruppen verbunden ist und jede dieser
Gruppen ihren entsprechenden Schematismus als Quelle ihres zeitlichen Sinn-
voraussetzt, ist es nicht schwer zu sehen, daß das Problem der Zeit und die Frage
nach dem Nichts zusammenhängen, mit anderen Worten: die Zeit scheint sich
nun auch als Horizont des Nichts zu zeigen.
Aber was für eine Zeit? Wenn der Versuch, das Nichts durch die Kategorien
zu begreifen, durch die sie beherrschende ontologische Perspektive verbaut ist,
und wenn diese Perspektive in einem zeitlichen Sinn wurzelt, so soll die Grund-
frage sein, ob die dem Kantischen Schematismus eigene ontologisch-zeitliche
Struktur den angemessenen Horizont zu bieten vermag, um das Nichts auszulegen.
Ist etwa im Gegenteil jede zeitliche Interpretation des Nichts, die auf diesem Sche-
matismus beruht, durch den ontologischen Hintergrund entkräftet, der heimlich
in ihm liegt?
Die Arbeit, die wir über das Problem des Nichts bei Kant geschrieben haben
und aus der wir für diesen Kongreß einige Ideen herausgenommen haben, hat
versucht sich dieser Sachlage zu stellen. In dieser Arbeit handelte es sich nicht
bloß darum, Kants Auffassung über den Schematismus der Seinskategorien, die
in seinem eigenen Denken kaum entfaltet ist, darzulegen oder zu wiederholen,
sondern es galt hauptsächlich, zu sehen, inwiefern es möglich ist, einen neuen
Schematismus (sozusagen den der Anti-Kategorien) zu prägen, und zwar einen
solchen, der in der Lage sein würde, dem Problem des Nichts zu begegnen und
einen angemessenen und wirksamen Sinn zu bieten, um so zu einer echten zeitli-
chen Interpretation des Nichts zu gelangen.
In der Tat, fragen wir wiederum, was für „Zeit" ist es, die die Kantischen
Schemata ausdrücken und abgrenzen ? Dient sie etwa, ihre Struktur vorausgesetzt,
als „Sinn" des Nichts? Es gibt einen Zirkel gegenseitiger Strahlung zwischen
Sein und Zeit, und zwar so, daß die Zeit aus einer bestimmten Seinsauffassung
ausgelegt ist und zwar einer, die sogar die ontologische Differenz vergessen hat;

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und diese Zeitinterpretation dient dann als Sinnhorizont des Seins. Mit Rück-
sicht darauf haben wir untersucht, ob dieser heimliche ontologische Hintergrund
der Zeit, welcher sich tatsächlich in der Kantischen Auffassung auswirkt, gestattet,
daß der Schematismus der Seinskategorien einem Versuch genügt, der die „onto-
logischen" Beschränkungen des Nichts-Begriffes zu überwinden sucht. In dieser
Hinsicht können wir sagen, daß wegen der unleugbaren Verwurzelung der Zeit
im Sein und, da man Sein von Seiendem nicht unterscheidet, die Zeit den Charak-
ter eines Seienden unter Seienden aufweist, weshalb der Zeitbegriff des Kantischen
Schematismus eine zu mangelhafte Perspektive bietet, um möglicher Horizont
des Nichts zu werden. Wir haben schon gesagt, daß nicht einmal die eigene Zeit-
struktur aus einem vorher geklärten Seinsbegriff entfaltet ist als einem Sein, das
vom Seienden radikal unterschieden ist. Ferner würde eine solche Zeit, als un-
eigentlich „ontologische", nur dafür geeignet sein, um ein interpretatives Schema
des Nichtseins im Sinne der (ontologischen) Negation vom Sein des Seienden zu
bieten. Wenn die ontologische Zeitlichkeit als „Sinn" des Nichts dient, so stößt
man demnach nur auf ein „Nichts" als Negation eines Seienden, des Seiendhaften
überhaupt oder selbst des Seins des Seienden. Kurz gefaßt: auf ein zeitlich-onto-
logisches Nichts, dessen Sinn weit davon entfernt ist, die echte zeitliche Struktur
des Nichts als solchen, d. h. die ursprüngliche Nichtigkeit, auszudrücken.
Mit bewußter Rücksicht auf solche Motive haben wir uns in unserer Arbeit
verpflichtet gefühlt, uns durch die Darstellung und Diskussion von Kants eigenen
Voraussetzungen, folgendes Ziel zu setzen: einen neuen Zeitsinn aufzudecken,
der mit dem Nichts vereinbar ist, das von jeder ontischen oder ontologischen
Subreption frei ist. Von einer solchen Idee des Nichts her und in enger Parallelität
zum Bezug des Seins auf die Zeit muß unserer Meinung nach die eigene, radikale
und ursprüngliche Zeitlichkeit des Nichts aufgefaßt werden. Besagt das etwa, daß
man die mögliche „Wirklichkeit" einer Zeitlichkeit des Nichts behauptet, die von
der Zeitlichkeit des Seins unabhängig wäre ? Ganz und gar nicht. Wenn wir von
einer Zeitlichkeit des Nichts sprechen, so besagt das nicht, daß es zwei Zeiten
gibt, als ob es eine Zeit neben einer anderen gäbe und die Zeitlichkeit des Nichts
als eine Wirklichkeit per se neben der Zeitlichkeit des Seins als einer anderen be-
stehen würde. Die Zeit, das scheint selbstverständlich zu sein, ist immer eine und
dieselbe. Was sich in ihr wandelt ist nur das „Ergebnis" ihrer immanenten Zeiti-
gung und der freien Gestaltung ihrer Ekstasen.
Die Zeitlichkeit, so wie sie im Umkreis des Seienden oder in der Perspektive
einer Seinsauffassung ausgelegt ist, in der die ontologische Differenz vergessen
ist, mit einem Worte, die „ontologische" Zeit, ist prinzipiell unfähig, als Sinn für
das Begreifen des Nichts zu dienen. In dieser Hinsicht muß immer wieder betont
werden, daß es wenigstens als vorläufiger Schritt unentbehrlich ist, eine Zeitidee
zu gewinnen, die von dieser Differenz beherrscht ist. Nur auf Grund dieser Tem-
poralität des Seins ist es möglich, die Erfassung der Temporalität des Nichts als
Nichts des Seins als solchen zu versuchen. Dieses Nichts birgt in sich freilich
eine „Negation", diese kann jedoch nicht als eine bloße Negation ontologischer

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Art aufgefaßt werden, sondern als eine solche, die der ursprünglichen Nichtigkeit
des Nichts selbst entspringt und in ihr gründet* Wenn die Temporalität des Nichts,
analog zur Temporalität des Seins, einem vorgängigen Verständnis des Nichts
entspringen soll — so muß sie auf dieser absoluten und ursprünglichen Nichtig-
keit beruhen, die das Nichts selbst zeigt, wenn es sich als wesenhafte Verschiedenheit
des Seins offenbart. Aus diesem Verständnis des Nichts als solchen und der ur-
sprünglichen OiTenbarkcit seiner absoluten Nichtigkeit, muß die Zeit abgegrenzt
werden, die dem Nichts als echter Sinn dienen kann. Statt die Charaktere einer
ontischcn oder ontologischen „Zeit" zu zeigen, wird es dann möglich sein, in der
ihr eigentümlichen Zcitigung und in der Gestaltung ihrer Ekstasen die Spur des-
sen aufzudecken, was dabei als Boden für ihr Verständnis fungiert.
Die ursprüngliche Zeitlichkeit des Nichts, von dieser Warte her, als bloßer
Schematismus des Nichts gesehen, besitzt ein Vorzeichen, das dem ontologischen
Schematismus entgegengesetzt ist, den Kant bei den entsprechenden Kategorien
entwickelt. Da sie hier das Nichts gestalten sollen — im Gegensatz zu der Funk-
tion, die Kant ihnen als konstituierenden Formen a priori des Etwas verleiht —
verlangen diese Kategorien von einem solchen Schematismus, der ihren zeitlichen
Sinn gibt, einen total verschiedenen Gehalt. Kategorien und Schemata stellen so,
aus diesem ihrem „neuen" Grund, einen Sinn dar, der völlig verschieden ist von
dem, welchen sie als ontologische Bestimmungen ausweisen. Fortan verwandelt
sich eo Ipso die zeitliche Struktur, die ihren Bedeutungsgehalt trägt und abgrenzt.
Diese „neue" innere Struktur zu skizzieren und die seltsame Gestaltung dieser
negativen Temporalität aufzuzeigen, das ist auch eines der Hauptanliegen unserer
Untersuchung gewesen.
Ein solches Unternehmen, wie es sich von selbst versteht, ist von Gefahren
umlauert. Zu den bloß exegetischen Schwierigkeiten kommen in erster Linie
jene hinzu, die dem reformierenden Impuls entspringen. Für denjenigen, welcher
sich vorgenommen hat, sich diesen Gefahren auszusetzen, und sie durchzustehen,
ist es schwierig zu sagen, ob er sie überwunden hat. Auf jeden Fall kann und muß
ich sagen, daß es nicht leicht gewesen ist, den Versuch durchzuführen, der im
Umriß dargelegt wurde. Auch wenn das Kantische Denken eine Art Rahmen bie-
tet, in dem der Versuch sich abspielen kann — womit es noch einmal die Größe
seiner Intuition aufweist —, ist es ebenso sicher, daß die eigenen Grenzen dieses
Denkens ein Hindernis darstellen, das man nicht ohne mühsame und lange Arbeit
überwinden kann, die einige von Kant selbst kaum geahnte Horizonte zu offen-
baren vermag.
Wenn wir Ihnen unseren Weg angezeigt haben, so geschah es in der Absicht,
auf eine mögliche Richtung hinzuweisen, die zu dem Problem hinführt, das der
Titel dieses Vertrages ankündigt. Dieses Problem durchzudenken und positive
Ergebnisse aufzufinden, das ist die Aufgabe, die alle diejenigen lockt, die mit
Leidenschaft dem Unbekannten nachgehen und deren Denken bereit ist, den
echten Rätseln zu begegnen, die unser Gespräch mit der Wahrheit, wie sie sich
auf der Höhe unserer Zeit-offenbart, trüben und erschweren.

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