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Film und kulturelle

Erinnerung: Plurimediale
Konstellationen

Herausgegeben von
Astrid Erll
Stephanie Wodianka

Walter de Gruyter
Film und kulturelle Erinnerung


Media and Cultural Memory/
Medien und
kulturelle Erinnerung
Edited by / Herausgegeben von
Astrid Erll · Ansgar Nünning

Editorial Board / Wissenschaftlicher Beirat


Aleida Assmann · Mieke Bal · Marshall Brown · Vita Fortunati
Udo Hebel · Claus Leggewie · Gunilla Lindberg-Wada
Jürgen Reulecke · Jean Marie Schaeffer · Jürgen Schlaeger
Siegfried J. Schmidt · Werner Sollors · Frederic Tygstrup
Harald Welzer

Walter de Gruyter · Berlin · New York


Film und kulturelle Erinnerung
Plurimediale Konstellationen

Herausgegeben von
Astrid Erll · Stephanie Wodianka

unter Mitarbeit von


Sandra Berger · Julia Schütze

Walter de Gruyter · Berlin · New York



앝 Gedruckt auf säurefreiem Papier,
das die US-ANSI-Norm über Haltbarkeit erfüllt.

ISSN 1613-8961
ISBN 978-3-11-020443-8

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek


Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen
Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet
über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

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Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwer-
tung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des
Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Überset-
zungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen
Systemen.
Printed in Germany
Einbandgestaltung: Christopher Schneider, Berlin
Vorwort
Dieser Band geht zurück auf die mehrjährige Zusammenarbeit in Sachen
‚Film und Erinnerung‘ im Rahmen der Arbeitsgruppe „Zeit – Medien –
Identität“. In dieser interdisziplinären AG des Gießener Sonderfor-
schungsbereichs 434 „Erinnerungskulturen“ haben Vertreter/innen der
Geschichtswissenschaft, der Soziologie, Politologie, Orientalistik, Roma-
nistik, Anglistik und Kunstgeschichte gemeinsam die Frage erörtert, wel-
che Bedeutung Spielfilmen in aktuellen Erinnerungskulturen zukommt
und wie deren Rolle bei der Erzeugung kultureller Erinnerung theoretisch-
methodisch zu beschreiben ist. Wir danken allen Mitgliedern dieser Ar-
beitsgruppe für zahlreiche Treffen, deren angenehme und inspirierende
Atmosphäre uns in guter Erinnerung bleiben wird, und für die anregenden
Diskussionen bei der Ausarbeitung des Konzepts der ‚plurimedialen
Konstellation‘, welches die Grundlage unserer Betrachtung des Mediums
Film aus erinnerungskulturwissenschaftlicher Perspektive bildet. Zu be-
sonderem Dank sind wir natürlich all jenen Mitgliedern der AG verpflich-
tet, die sich teils weit aus ihrem angestammten disziplinären Gebiet hin-
ausgewagt haben und mit ihren Aufsätzen in diesem Band dazu beitragen,
dass unser Konzept einer breiteren wissenschaftlichen Öffentlichkeit vor-
gestellt werden kann.
Wir danken außerdem Rainer Rother von der Deutschen Kinemathek
(Museum für Film und Fernsehen, Berlin) sehr herzlich dafür, dass er sich
im Rahmen eines Workshops Zeit genommen hat, unseren Ansatz detail-
liert und kritisch zu diskutieren. Sandra Berger gilt unser Dank für die
kompetente, zuverlässige und geduldige redaktionelle Mitarbeit, die weit
mehr umfasste als Korrekturlesen und Korrigieren – sie hat wesentlich
zum Gelingen der Publikation beigetragen. Julia Schütze danken wir für
die Formatierung und Fertigstellung des Bandes – ihre Gründlichkeit und
Ausdauer hat uns ruhiger über die Ziellinie treten lassen.
Dem Gießener Sonderforschungsbereich „Erinnerungskulturen“ ge-
bührt hier ein ganz besonderer Dank. Er hat die institutionellen, wissen-
schaftlichen und atmosphärischen Rahmenbedingungen geboten und
Fundamente geschaffen, auf denen diese Publikation gegründet ist. Ohne
ihn gäbe es keine AG „Zeit – Medien – Identität“, und ohne diese wäre
das Konzept dieses Bandes wohl nicht geboren worden. Insbesondere
danken wir dem Sprecher Jürgen Reulecke, aber auch allen anderen Vor-
VI Vorwort

standsmitgliedern des SFB, die uns jahrelang unterstützt und unsere AG-
Arbeit gefördert haben.

Astrid Erll & Stephanie Wodianka Wuppertal und Gießen,


im Juli 2008
Inhalt

ASTRID ERLL & STEPHANIE WODIANKA


Einleitung:
Phänomenologie und Methodologie des ‚Erinnerungsfilms‘.........................1

LU SEEGERS
DAS LEBEN DER ANDEREN
oder die ‚richtige‘ Erinnerung an die DDR....................................................21

CAROLA FEY
LUTHER zwischen Präformation und ‚Re-Formation‘..................................53

CHRISTIANE REICHART-BURIKUKIYE
Der Völkermord auf der Leinwand:
HOTEL RUANDA und SOMETIMES IN APRIL
und die Erinnerung an den Genozid in Ruanda............................................77

DANIELA NEUSER
Ein Platz an der Sonne – der neue Heimatfilm:
AFRIKA, MON AMOUR und MOMELLA. EINE FARM IN AFRIKA.............107

ASTRID ERLL
„Bringing War Home“:
JARHEAD und die Kriegserinnerung made in Hollywood............................139
VIII Inhalt

MARTIN MIERSCH
Revolution und Film: DANTON von Andrzej Wajda.................................171

STEPHANIE WODIANKA
Das ‚unübersetzbare‘ kulturelle Gedächtnis Frankreichs:
ON CONNAÎT LA CHANSON............................................................................205

ANDREAS LANGENOHL & KERSTIN SCHMIDT-BECK


Wenn Erinnerungsfilme scheitern –
filmische Erinnerungen an den 11. September............................................231

Zu den Autorinnen und Autoren...................................................................263


Einleitung:
Phänomenologie und Methodologie
des ‚Erinnerungsfilms‘

Astrid Erll & Stephanie Wodianka

1. Konjunkturen – in Film und Erinnerungskultur


Erinnerung hat Konjunktur – auch und gerade im Film. Von Hollywoods
SCHINDLER’S LIST (1993), SAVING PRIVATE RYAN (1998) oder GLADIA-
TOR (2000) und neueren deutschen Produktionen, wie DER UNTERGANG
(2004), DAS LEBEN DER ANDEREN (2006) oder DAS WUNDER VON
BERN (2003), über das britische (z.B. ELIZABETH: THE GOLDEN AGE,
2007), italienische und französische Kino, bis hin gar zum indischen Bol-
lywood-Film mit seiner Renaissance kolonialer Themen (z.B. LAGAAN,
2001): ‚Erinnerungsfilme‘ sind ein aktuelles, wirkmächtiges und ein dezi-
diert internationales Phänomen.1
Kulturelle Erinnerung stellt zurzeit offensichtlich ein Leitthema des
Films dar; und zugleich ist der Film unübersehbar zum Leitmedium der
Erinnerungskultur avanciert. Seit dem Zweiten Weltkrieg ist der Film un-
aufhaltsam – und etwa seit Beginn der 1980er Jahre in geradezu rasanter
Weise – zu einem wirkmächtigen Medium der Vergangenheitsdarstellung
und -deutung geworden, welches das Buch oder das Radio zwar nicht
vollständig ablöst, aber im Konzert der vielfältigen Medien populärer Er-
innerungskultur klar die erste Geige spielt.2 Heute sind Formen des Erin-
_____________
1 Zum Konzept der ‚Erinnerungskonjunktur‘ sowie zu Erinnerungskonjunkturen im Kino
vgl. Wodianka (2007); zum Raj-Revival im britischen Film sowie zur Erinnerung an den
britischen Kolonialismus im Bollywood-Film vgl. Erll (2007). Für einen Überblick über die
aktuellen Entwicklungen des internationalen Films vgl. Chapman (2003).
2 Festzumachen ist diese Intensivierung etwa an Marvin J. Chomkys vierteiliger Fernsehserie
HOLOCAUST (1978), die eine bis dahin beispiellose Publikumsresonanz erfuhr, aber auch
an der schieren Anzahl vom etwa seit den 1980er Jahren erscheinenden Produktionen, die
sich mit Vergangenheit beschäftigen. Zum Verständnis von HOLOCAUST als medien- und
erinnerungsgeschichtliche Zäsur vgl. auch Bösch (2007: 2).
2 Astrid Erll & Stephanie Wodianka

nerns im Fernsehen wie im Kino allgegenwärtig: Spielfilme, Dokumenta-


tionen und Doku-Dramen über vergangene Ereignisse und Persönlichkei-
ten versprechen hohe Einschaltquoten bzw. gefüllte Kinokassen.
Anliegen dieses Bandes ist die Konturierung des Phänomens ‚Erinne-
rungsfilm‘: Was ist ein Erinnerungsfilm? Wann wird ein Film über die
Vergangenheit zum ‚Erinnerungsfilm‘? Welche Akteure und Medien sind
an seinem Entstehen beteiligt? Wie wirken Erinnerungsfilme? Und warum
wirken sie? Die diesem Band zugrunde liegende Leitidee bildet dabei die
Einsicht, dass eine klassische filmimmanente Produktanalyse zur Beant-
wortung dieser Fragen nicht ausreicht, weil Erinnerungsfilme erst inner-
halb der Gesellschaft, durch plurimedial vermittelte Aushandlungs-
prozesse zu solchen gemacht werden. Diese ‚plurimedialen Konstel-
lationen‘ exemplarisch aufzudecken, ist das Ziel der hier versammelten
Beiträge.
In dieser Einleitung geht es erstens um die Beschreibung einer Bewe-
gung in der aktuellen kulturwissenschaftlichen Gedächtnisforschung, die
als Verlagerung der Aufmerksamkeit von Speicher- zu Verbreitungs-
medien, von Symbolsystemen hin zu Sozialsystemen und von Produkten
zu Prozessen kultureller Erinnerung skizziert werden kann – eine allge-
meinere Bewegung, innerhalb deren auch unsere Beschäftigung mit dem
Film anzusiedeln ist. In einem zweiten Schritt bietet diese Einleitung eine
Definition des ‚Erinnerungsfilms‘, den wir weniger als ein bestimmtes
Filmgenre denn als ein gesellschaftlich und plurimedial ausgehandeltes
Phänomen begreifen. Drittens ist gerade in einer deutschen Publikation
zum Thema ‚Film und kulturelle Erinnerung‘ ein kurzer Exkurs zur Be-
deutung des Holocaust für die filmische Darstellung von Vergangenheit
angebracht. Die hiermit verbundenen Probleme und Fragestellungen er-
weisen sich als in vielfacher Hinsicht paradigmatisch für die Diskussion
des Erinnerungsfilms – auch mit Blick auf die internationale Ebene und
auch hinsichtlich anderer filmisch erinnerter Ereignisse. Viertens schließ-
lich geht es um die Darlegung der Methodik dieses Bandes. In diesem
Zusammenhang werden sechs Leitfragen einer Filmanalyse aus erinne-
rungskulturwissenschaftlicher Perspektive identifiziert, die sich leitmoti-
visch durch die konkreten Untersuchungen in den folgenden Beiträgen
ziehen werden.
Einleitung 3

2. Massenmedien populärer Erinnerung:


Die kulturwissenschaftliche Gedächtnisforschung
und der Film
Obgleich Einigkeit darüber zu herrschen scheint, dass Kino- und Fernseh-
filme in den letzten Jahrzehnten zu wirkungsvollen Leitmedien gerade –
aber keineswegs ausschließlich – deutscher Erinnerungskulturen geworden
sind, existieren auf dem Gebiet der interdisziplinären und kulturwissen-
schaftlichen Gedächtnisforschung erstaunlich wenige Beiträge, die sich
speziell dem Phänomen des Films als einem Medium des kollektiven Ge-
dächtnisses widmen.3 Worauf könnte dieser blinde Fleck zurückzuführen
sein? Die geringe Beachtung von Kino und Fernsehen ist umso erstaunli-
cher, wenn man bedenkt, dass die neuere kulturwissenschaftliche Ge-
dächtnisforschung (etwa im Gegensatz zu den Studien Maurice Halb-
wachs’) durchaus als hochgradig ‚mediensensibel‘ zu bezeichnen ist.4
Allerdings wird bei näherer Betrachtung deutlich, dass der Grund für die
weitgehende Aussparung des Mediums Film gerade in dem Medienkon-
zept dieser Forschungsrichtung liegen könnte.
Das Hauptinteresse der kulturwissenschaftlichen Gedächtnisfor-
schung gilt, insbesondere im deutschsprachigen Raum und vor allem seit
den Studien Aleida und Jan Assmanns, den Funktionsweisen und dem
Leistungsvermögen verschiedener Speichermedien. In dieser Perspektive
wurden etwa die Erinnerungstechniken oraler und literaler Gesellschaften
gegenübergestellt oder die Erinnerungspotentiale von Schrift und Bild

_____________
3 Bislang geht es in der Forschung meist um ‚Film und Geschichte‘. Komplexe Modelle zur
Beschreibung der Formen und Wirkungsweisen von ‚Geschichtsfilmen‘ (bzw. historischen
Filmen oder Historienfilmen) sind im Rahmen der Geschichtsdidaktik entwickelt worden;
vgl. dazu Paschen (1994), Baumgärtner/Fenn (2004) und Schreiber (2007). Das Verhältnis
von Geschichte und Film aus filmwissenschaftlicher Perspektive beleuchten Kaes (1987),
Rother (1991) und Koch (1997). Zum Verhältnis von historischem Film und Geschichts-
wissenschaft vgl. Marsiske (1992) und Bösch (2007). Die Beiträge in Drews (2008) beleuch-
ten das Thema aus der Perspektive von Kulturwissenschaftlern und Medienmachern. Die
noch sehr vereinzelten Beiträge aus den Reihen der kulturwissenschaftlichen Gedächtnis-
forschung, die die Ergebnisse der Diskussionen um kollektives Gedächtnis und Erinne-
rungskulturen in den vergangenen Jahrzehnten bei der Filmanalyse systematisch berück-
sichtigen, beziehen sich vor allem auf die Darstellung des Holocaust im Film, vgl. z.B.
Wende (2002), Reichel (2004), Elm (2008) und van der Knaap (2008); generell zum Thema
‚Film und Gedächtnis‘ Radstone (1995; 2000) sowie Karpf/Kiesel/Visarius (1998). Zur
Film- und Fernsehanalyse allgemein vgl. Hickethier (1993) und Faulstich (2002). Zu Me-
dien des kollektiven Gedächtnisses vgl. Erll/Nünning (2004). Einen Überblick über Kon-
zepte der kulturwissenschaftlichen Gedächtnisforschung bietet Erll/Nünning (2008).
4 Vorreiter sind dabei Aleida und Jan Assmann, deren Gedächtnistheorie in erster Linie als
eine Medientheorie bzw. Medienanthropologie zu begreifen ist.
4 Astrid Erll & Stephanie Wodianka

ausgelotet.5 Speichermedien gewährleisten das, was Aleida Assmann als


„identitätsstabilisierende Langzeitkommunikation“ bezeichnet.6 Das Spek-
trum solcher Medien, die zumeist zur Hochkultur gehören, reicht von den
ägyptischen Pyramiden über Homers Epen bis hin zur Bibel, dem Koran
und schließlich den klassischen Texten der Nationalliteraturen. Speicher-
medien und der soziale Kontext, der sie produziert, auslegt, kanonisiert
und tradiert, bilden diesem Sinne das ‚Gedächtnis‘ der Kultur.
Folgt man einer Unterscheidung, die Harold Innis in The Bias of Com-
munication (1951) getroffen hat, so lassen sich von solchen dominant zeitge-
bundenen Speichermedien die stärker raumgebundenen Verbreitungsmedien unter-
scheiden. Damit ist auf einen zweiten Funktionsaspekt von Medien des
kollektiven Gedächtnisses verwiesen, der in der kulturwissenschaftlichen
Gedächtnisforschung bislang jedoch noch kaum systematisch Beachtung
gefunden hat. Tatsächlich haben wir es in Erinnerungskulturen mit einer
Reihe von Medien zu tun, die erstens eher der Populärkultur zuzurechnen
sind und zweitens nicht in erster Linie die Funktion des Speicherns von
Informationen über die Vergangenheit erfüllen; sie dienen vielmehr ihrer
Verbreitung.7 Zu dieser zweiten Art von Gedächtnismedien, bei der die
Verbreitungsfunktion dominiert, gehören beispielsweise auflagenstarke
historische Romane, populärwissenschaftliche Abhandlungen sowie Ge-
schichte thematisierende Zeitungsartikel und Zeitschriftensonderhefte
oder eben Spielfilme. Es handelt es sich dabei um zumeist der Populärkul-
tur zugehörige Verbreitungs- (und nicht selten um veritable Mas-
sen-)medien, die Geschichtsbilder an ein „disperses Publikum“8, an eine
breite Öffentlichkeit disseminieren.
Tatsächlich sind auch die aktuellen ‚Erinnerungsfilme‘ als ein solches
Verbreitungsmedium des kollektiven Gedächtnisses zu begreifen. Fiktio-
nale Spielfilme, Dokumentationen und Doku-Dramen zirkulieren national
und international wirkmächtige Bilder von der Vergangenheit. Der Erin-
nerungsfilm ist ein dem Hier und Jetzt verpflichtetes Medium. Informati-
onen über die Vergangenheit zu speichern und für künftige Generationen
bereit zu halten, gehört zwar prinzipiell zum Spektrum seiner Möglichkei-
ten, entspricht aber in der Regel nicht seiner erinnerungskulturellen Funk-
tionalisierung.9 Filme wie DER UNTERGANG sind morgen vielleicht schon
_____________
5 Vgl. J. Assmann (1992), A. Assmann (1999).
6 A. Assmann (1995: 202).
7 Das bedeutet nicht, dass solche Verbreitungsmedien nicht auch Speicheraspekte aufwiesen.
Es geht hier um die dominante Funktionalisierung von Medien in der Erinnerungskultur –
entweder als Speicher oder als Verbreiter von Vergangenheitsversionen.
8 Zu diesem Begriff vgl. die Definition der Massenmedien durch Maletzke (1963).
9 Im Einzelfall kann dies jedoch geschehen. IM WESTEN NICHTS NEUES (1930) oder GONE
WITH THE WIND (1939) sind zu Film-Klassikern geworden, die auch heute noch Bilder
Einleitung 5

vergessen, aber heute vermögen sie das Geschichtsbild einer Gesellschaft


zu prägen. Aleida Assmann (2006: 242) ist zuzustimmen, wenn sie betont:
„Die Massenmedien schaffen wichtige Impulse und Auslösereize für das
kulturelle Gedächtnis, ohne selbst eines zu produzieren.“ Man könnte
Verbreitungs- und Massenmedien wie den Erinnerungsfilm also als cues –
als (mediale) Hinweisreize – auf kollektiver Ebene bezeichnen. Damit
erfüllen sie tatsächlich eine vollkommen andere Funktion als die das kultu-
relle Gedächtnis generierenden Speichermedien. Doch diese Funktion
verdient eine genauere Betrachtung, weil sie von zentraler Bedeutung für
den erinnerungskulturellen Prozess ist: Auf kollektiver Ebene können
Massenmedien wie populäre Spielfilme die Diskussionen über Erinnerung,
Geschichte und Gedenken anregen und prägen; auf individueller Ebene
beispielsweise als Ressource für die Imagination von Vergangenheiten
dienen.

3. Was ist ein ‚Erinnerungsfilm‘?


Kulturelle Erinnerung besteht nicht ‚an sich‘, sondern ist Ergebnis von
kommunikativen, sozialen, kulturellen und geschichtspolitischen Prozes-
sen. Ebenso existiert auch der Erinnerungsfilm nicht ‚an sich‘, als eine
symbolische Struktur, sondern er muss in Sozialsystemen erzeugt wer-
den.10 Die klassische filmimmanente Analyse, die den Blick allein auf die
symbolische Struktur des Medienprodukts richtet, vermag durchaus eine
Reihe von Fragen im Horizont der kulturwissenschaftlichen Gedächtnis-
forschung zu bearbeiten: Wie wird in dem Film individuelle oder kollekti-
ve Erinnerung inszeniert? Welches Bild von Erinnerungsprozessen wird
dadurch vermittelt? Inwiefern kann man von einem Wirkungspotential der
‚Erinnerungsbildung‘ des Films sprechen, d.h. anhand welcher Verfahren
erzeugt der Film eindrucksvolle Bilder und Narrative von der Vergangen-
heit, die möglicherweise in die Erinnerungskultur eingehen? Wichtige As-
pekte der gesellschaftlichen Erinnerungsdimension von Filmen bleiben im
Rahmen eines solchen close reading jedoch unbeleuchtet.
Denn Medien werden erst durch bestimmte Formen des sozialen
Gebrauchs zu Medien des kollektiven Gedächtnisses. Ein Geschichts-
buch, das keiner liest, kann keine Erinnerungskulturen mitformen, auch
wenn es ein noch so einschlägiges Bild der Vergangenheit entwirft. Das-
selbe gilt für einen gut gemeinten Erinnerungsfilm, der jedoch kein Publi-
_____________
vom Ersten Weltkrieg bzw. dem amerikanischen Bürgerkrieg vermitteln. Die meisten ‚Ge-
schichtsfilme‘ verschwinden jedoch rasch im Orkus der Filmgeschichte.
10 Für die grundlegende Unterscheidung von Symbolsystem und Sozialsystem vgl. Schmidt
(2000).
6 Astrid Erll & Stephanie Wodianka

kum findet. Während filmimmanente Analysen zwar zeigen können, wie


mit spezifisch filmischen Mitteln Vergangenheit repräsentiert wird und
welches Wirkungspotential eines Films sich daraus womöglich ergibt,
vermag doch erst ein ‚filmtranszendierender‘, d.h. der über das einzelne
Medienangebot hinausblickende Zugriff Aufschluss über die tatsächliche
Wirkung des Films in konkreten Erinnerungskulturen zu geben.
Eine wichtige ergänzende Methode für die Untersuchung von Film als
Medium des kollektiven Gedächtnisses ist daher die Berücksichtigung
sozialsystemischer – und das heißt gerade im Bereich von Film und Fern-
sehen auch oft: ganz pragmatischer – Faktoren: Sendeplatz, Einschaltquo-
ten, Marketingstrategien, die Verleihung von Preisen, öffentliche Diskus-
sionen, die didaktische Aufbereitung der Filme und ihre Verankerung im
Schulunterricht, usw. Erst ein solcher doppelter Zugang zum Erinne-
rungsfilm – die filmimmanente und filmtranszendierende Analyse – kann
also grundsätzlich die Einsicht berücksichtigen, dass ein im Film durch
medienspezifische Darstellungsverfahren erzeugtes, erinnerungskulturell
relevantes Wirkungspotential erst in konkreten gesellschaftlichen Prozessen
realisiert wird.
Diese sozialsystemischen Prozesse (wie Marketing, Preisverleihung,
Kritik und Deutung, Zensur, Weiterverarbeitung) sind stets selbst auf
vielfache Weise medial vermittelt – sei es oral, textuell oder filmisch. Aus
diesem Grund sprechen wir von den ‚plurimedialen‘ Netzwerken bzw.
Konstellationen, in die Erinnerungsfilme eingebettet sind. Je komplexer
diese Netzwerke ausgebildet sind, desto stärker ist in der Regel auch die
Bedeutung eines Films als kollektives Gedächtnis bildendes bzw. prägen-
des Medium.11 Die zahlreichen deutschen Erinnerungsfilme der Gegen-
wart beispielsweise zeichnen sich durch einen außerordentlich hohen
Grad an plurimedialer Vernetzung aus: Kino- und Fernsehproduktionen
wie DER UNTERGANG, DAS WUNDER VON BERN, SPEER UND ER
_____________
11 Der Gebrauch und die tatsächliche Wirkung von Filmen und anderen Medien ist notorisch
schwierig zu bestimmen. Es existieren dafür verschiedene Methoden, beispielsweise in den
Kommunikationswissenschaften und in der Geschichtsdidaktik, die aber bestenfalls eine
vage Annäherungen an die erinnerungskulturelle Wirkung von Filmen erlauben. Für eine
erinnerungskulturwissenschaftlich relevante empirische Untersuchung zur Wirkung von
DER UNTERGANG vgl. Hofmann/Baumert/Schmitt (2005). Mit seinem ‚plurimedialen An-
satz‘ richtet dieser Band sein Interesse auf die kollektive und mediale Dimension auch des-
sen, was allgemein als ‚Filmrezeption‘ bezeichnet wird. Uns geht es um jene Deutungen
von Filmen, die sich in weiteren Medienprodukten materialisieren und damit erst für die
kollektiven Sinnbildungsprozesse in Erinnerungskulturen relevant werden. Unser Ansatz
geht allerdings über die Denkrichtung der klassischen Rezeptionsforschung hinaus, indem
er nicht nur das deutende ‚danach‘, sondern auch das ‚davor‘ und das ‚daneben‘, also die
den Film präformierenden und flankierenden Deutungsangebote in einer Vielfalt von Me-
dien berücksichtigt und in ihrer synergetischen Dynamik bei der Genese von Erinnerungs-
filmen unterstreicht.
Einleitung 7

(2005), DAS LEBEN DER ANDEREN oder DIE FLUCHT (2007) sind in der
Presse außerordentlich intensiv diskutiert worden; es gab Fernseh-
sondersendungen, erhitzte öffentliche Diskussionen (in denen auch Politi-
ker und Geschichtswissenschaftler beherzt das Wort ergriffen) und Bü-
cher zum Film (die dann wieder vom Markt genommen und zensiert wur-
den); schließlich wurden diese Filme zum Gegenstand von ‚Heften zur
politischen Bildung‘ und durch diesen Eingang in das deutsche Bildungs-
system gewissermaßen als ‚wertvolle‘ Medien der Erinnerungskultur aus-
gezeichnet.
All die genannten Medien sowie ihre dichte Vernetzung untereinander
tragen zur gesellschaftlichen Deutung von Filmen als Leitmedien aktueller
Erinnerungskulturen bei. Und erst sie – so argumentiert dieser Band –
erzeugen das Phänomen ‚Erinnerungsfilm‘, das im Film selbst, wenn über-
haupt, nicht mehr als in Form eines zu entfaltenden Potentials angelegt
sein kann. Erst innerhalb bestimmter sozialer und medialer Konstellatio-
nen vermögen solche Filme ihre Wirkung als (durchaus oft nur kurzlebige,
aber nichtsdestoweniger machtvolle) Verbreiter von Erinnerungsbildern
zu entfalten. Das Phänomen eines ‚Erinnerungsfilms‘ entsteht im pluri-
medialen Zusammenhang, durch seine Einbettung in ein komplexes sozi-
alsystemisches Netzwerk, das ihn durch verschiedene Formen der media-
len Vorformung und Bezugnahme zu einem solchen macht.
Das Attribut ‚Erinnerungsfilm‘ verweist damit nicht (allein) auf eine
Machart, sondern auch und vor allem auf einen erinnerungskulturellen,
prozessual und plurimedial ausgehandelten Status. ‚Erinnerungsfilme‘ sind
stets in einem medialen Zusammenhang zu verorten. Sie entfalten ihre
Wirkung nur in diesem Zusammenhang. Und das heißt im Umkehrschluss
auch, dass kein Film schon per se, enthoben von medienkulturellen Kon-
texten, ein Erinnerungsfilm sein kann – sei sein Bezug auf Vergangenheit
und kulturelles Gedächtnis auch noch so stark. Die Kategorie ‚Erinne-
rungsfilm‘ basiert daher nicht in erster Linie auf werkimmanenten Krite-
rien, sondern ergibt sich erst aus der Analyse komplexer medienkultureller
Dynamiken.12
Aus diesem Grund handelt es sich bei dem ‚Erinnerungsfilm‘ auch
nicht um ein Filmgenre im engeren Sinne, sondern in erster Linie um ein
gesellschaftliches Phänomen, das sich auf verschiedene Filmgenres bezie-
hen kann und eine Art des Umgangs mit diesen in soziokulturellen Kon-
texten meint. So können Erinnerungsfilme z.B. (1) Geschichtsfilme im
_____________
12 Insofern ist der Ansatz dieses Bandes auch nicht mit den Methoden und Erkenntnisinte-
ressen der Rezeptionsgeschichte zu verwechseln: Nicht auf die Rezeption eines kulturellen
‚Produktes‘, sondern auf dessen synergetische und dynamische Konstitution in plurimedia-
len Kontexten ist unser Fokus gerichtet.
8 Astrid Erll & Stephanie Wodianka

engeren Sinne sein und vergangene Ereignisse darstellen. Ebenso können


aber auch (2) andere filmische Genres wie Musikfilm, Liebesfilm, Western
oder Science Fiction zum Erinnerungsfilm werden, wenn sie in einer Ge-
meinschaft als Repräsentation von Herkunft, Identität und spezifischen
Werten verstanden werden. Sie können ihren Status als Erinnerungsfilm
darüber hinaus (3) auf die Erinnerung an bestimmte mediale Formen
gründen, indem sie etwa Gattungskonventionen (Stummfilm), mediale
Strategien (Kameraeinstellung) oder mediengeschichtliche Charakteristika
(Körnung) thematisierend aufnehmen oder nutzen, um mit diesen assozi-
ierte Erinnerungsbestände zu transportieren. Nicht der Gegenstand des
im Film Erinnerten, sondern das durch den Film ‚um den Film herum‘
Erinnerte macht seinen Status als Erinnerungsfilm aus. Deshalb liegen
prinzipiell alle Filmgattungen im Interessebereich der kulturwissenschaftli-
chen Gedächtnisforschung, von fiktionalen Kinofilmen und TV-Spiel-
filmen bis zu Dokumentationen und Doku-Dramen.13
Aufgrund der für den Erinnerungsfilm konstitutiven Bedeutung erin-
nerungs- und medienkultureller Dynamiken fokussieren wir in diesem
Band die Produktionen eines Zeitraums, der etwa mit den 1980er Jahren
beginnt und bis zur Gegenwart reicht. Filme, die ‚an etwas‘ erinnern oder
in denen Erinnerung und Gedächtnis eine Rolle spielen, gibt es zwar
schon so lange wie den Film selbst.14 Und auch die in diesem Band im
Mittelpunkt stehenden sozialsystemischen Prozesse können mit Blick auf
das Kino spätestens seit den 1920er Jahren rekonstruiert werden: Von
PANZERKREUZER POTEMKIN (1925) über MÜNCHHAUSEN (1943) bis zu
BEN HUR (1959) oder DOKTOR SCHIWAGO (1965) sind Filme durch die
Bildung dichtgeknüpfter medienkultureller Netzwerke immer wieder zu
Erinnerungsfilmen gemacht worden.
In quantitativer wie in qualitativer Hinsicht scheint der Erinnerungs-
film jedoch ein spezifisches Produkt der Gegenwart zu sein. Er ist Ergeb-
nis des Zusammenwirkens zweier Prozesse des ausgehenden 20. Jahrhun-

_____________
13 Einschlägige Statistiken belegen, dass gerade Fernsehproduktionen als relevante Kategorie
in der Reihe der Erinnerungsfilme heranzuziehen sind. Vgl. dazu etwa die Zahlen von Rai-
ner Wirtz in Drews (2008).
14 So drehten etwa die Brüder Lumière, die Erfinder des Cinématographe, noch im späten 19.
Jahrhundert einen Film über das Schlüsselereignis christlicher Erinnerung, die Passion
Christi (LA VIE ET LA PASSION DE JÉSUS-CHRIST, 1898); der Italiener Enrico Guazzoni er-
innerte mit QUO VADIS (1912) im Medium des Kostümfilms an das alte Rom; der Ameri-
kaner D.W. Griffith führte mit THE BIRTH OF A NATION (1915) die filmische Darstellung
nationaler (und leider auch rassistischer) Erinnerung ein; und in Indien drehte D.G. Phalke
mit RAJA HARISHCHANDRA (1913) einen der ersten mythologischen Spielfilme (vgl. dazu
Chapman 2003).
Einleitung 9

derts, die als „memory boom“15 und „Mediengesellschaft“ bezeichnet wer-


den können: Die Kulturthemen ‚Erinnerung und Gedächtnis‘ treffen auf
eine Reihe rasanter medientechnischer Entwicklungen, die insbesondere
auch Auswirkungen auf die Erzeugung, Distribution, Rezeption und
Kommentierung von Filmen haben (z.B. DVD, Digitalfilm, Satellitenfern-
sehen, Internet). Zugleich ist etwa seit Beginn der 1980er Jahre eine Mul-
tiplikation der Genres und Formate zu beobachten, durch die im Film
Vergangenheit dargestellt wird. Hierzu zählen die Intensivierung der filmi-
schen Aufzeichnung von Zeitzeugeninterviews, die Herausbildung des
Doku-Dramas als zentrales Genre der Geschichtsdarstellung sowie die
Entwicklung zahlreicher filmbegleitender medialer Angebote, wie Bonus-
material auf DVDs oder interaktive Internetseiten. Und schließlich haben
sich auch die mediendiskursiven Verhältnisse gewandelt: Gezielte Marke-
tingstrategien für Filme, die plurimedial operierende Lenkung öffentlicher
Aufmerksamkeiten, die zunehmende Verzahnung von Medien und (Ver-
gangenheits-)Politik sind hier zu nennen. All die genannten Faktoren ha-
ben offenbar den Boden für jenes aktuelle Konjunkturphänomen bereitet,
das wir als ‚Erinnerungsfilm‘ bezeichnen.

4. Vergangenheit und Repräsentation:


Filme über Holocaust und Nationalsozialismus
als Paradigma des ‚Erinnerungsfilms‘
Zwar ist die Konjunktur von Erinnerungsfilmen prinzipiell als ein interna-
tionales Phänomen zu begreifen; aber dennoch kann – innerhalb dieser
Großkonjunktur – von einer spezifisch deutschen Beziehung zu diesem
Medium gesprochen werden: Tatsächlich handelt es sich bei der Erinne-
rung an Nationalsozialismus und Holocaust um eine der wichtigsten Im-
pulse und anhaltendsten Herausforderungen der filmischen Repräsentati-
on von Vergangenheit.16 Das bedeutet nicht nur, dass die deutsche
Geschichte ein privilegierter Gegenstand von Erinnerungsfilmen ist, son-
dern auch, dass sich in der filmischen Darstellung von Nationalsozialis-
mus und Holocaust das problematische Verhältnis zwischen medialer,
insbesondere bildlicher Repräsentation und moralischen Aspekten von
Darstellung und Erinnerung in besonderer Weise kristallisiert. Kein ande-
_____________
15 Zu den Gründen für den aktuellen internationalen memory boom (u.a. allmähliches Ver-
schwinden der Generation von Zeitzeugen des Zweiten Weltkriegs, Ende des Kalten Krie-
ges, multikulturelle Gesellschaften) vgl. Erll (2005: 2-4).
16 Vgl. zu dieser Problematik auch Wende (2002), Bannasch/Hammer (2004) und Frö-
lich/Schneider/Visarius (2007).
10 Astrid Erll & Stephanie Wodianka

res Kapitel der Geschichte ist so deutlich mit der moralischen Verpflich-
tung zur Erinnerung verbunden. Und kaum ein anderes zeigt eindrückli-
cher, welche Herausforderungen mit dem Übergang vom kommunikati-
ven zum kulturellen Gedächtnis verknüpft sind: Der bevorstehende
Verlust einer Generation, die als Zeitzeugen das zu Erinnernde erlebt
haben, bedeutet den Verlust einer spezifischen ‚Erinnerungskompetenz‘,
die auf einem Bündel von Merkmalen, wie Augenzeugenschaft, Zeitgenos-
senschaft, leiblicher Erfahrung und organischen Gedächtnisinhalten ba-
siert. Er erfordert stattdessen eine Reflexion über (nicht zuletzt mediale)
Strategien, die diesen Verlust kompensieren können und den Übergang
von erlebter Geschichte zum kulturellen Gedächtnis zu leisten vermö-
gen.17
In Bezug auf den Erinnerungsfilm stellt sich die Frage, inwiefern die-
ses Medium zur Erinnerung an Nationalsozialismus und Holocaust geeig-
net oder verpflichtet ist: Darf und kann ‚so etwas‘ bildlich dargestellt wer-
den? Bedeutet die filmische Darstellung eine Ästhetisierung des un-
menschlichen Schreckens? Darf oder muss der Film sein spezifisches
Potential, Emotionen zu wecken und ‚authentisch‘ zu bebildern, in diesem
Falle nutzen? Darf er seine Macht der Illusionsbildung einsetzen, um ein
Geschehen ‚als Bild‘ ins Gedächtnis zu rufen, von dem es möglicherweise
gar keine Bilder gibt, oder spielt er damit gar den Holocaustleugnern in die
Hände? Darf oder muss er versuchen, die Zeitzeugenschaft und ihre spe-
zifische Erinnerungskompetenz zu imitieren; soll er Erinnertes als Erleb-
tes und ‚filmisch zu Erlebendes‘ vorführen? Bis hin zu der Frage, die die
Poetiken seit der Antike beschäftigt und die in Bezug auf Nationalsozia-
lismus und Holocaust eine nicht nur poetisch-ästhetische, sondern auch
moralische Frage ist: Wie fiktiv darf das Dargestellte sein, um sich in den
Dienst einer Wahrheit zu stellen?
Ob der Film wegen seines spezifischen Leistungsvermögens für die kul-
turelle Erinnerung an das ‚Dritte Reich‘ zu einem Leitmedium der Erinne-
rung wurde, oder ob er seinen Status als solches trotz aller medienspezifi-
schen Problematiken auch in Bezug auf Nationalsozialismus und Holo-
caust behaupten konnte, ist schwer zu entscheiden. In jedem Falle zeigt
sich auf deutscher wie auf internationaler Ebene das Potential wie auch
die Umstrittenheit des Films als Leitmedium kultureller Erinnerung wohl
an keinem anderen Thema so deutlich wie am Thema ‚Drittes Reich‘ und
Holocaust, etwa am Beispiel von Filmen wie HOLOCAUST (1978),
SCHINDLER’S LIST und DER UNTERGANG.
Die Beiträge dieses Bandes werden – ohne noch einmal gesondert auf
Holocaust- oder Hilter-Filme einzugehen – zeigen, dass die Fragestellun-
_____________
17 Vgl. dazu grundlegend Assmann/Frevert (1999).
Einleitung 11

gen, die mit jenem ‚Paradigma des Erinnerungsfilms‘ verknüpft sind, in


der ein oder anderen Form auch bei der Repräsentation anderer histori-
scher Ereignisse wiederkehren, etwa im Zusammenhang mit Filmen über
die Terroranschläge von „9/11“ oder über den Völkermord in Ruanda.
Immer wieder (und nicht nur in Deutschland) taucht das Paradigma ‚Ho-
locaust-Repräsentation‘ in den plurimedialen Netzwerken auf, wenn es
darum geht, die grundlegenden Fragen der Möglichkeiten und Grenzen
filmischer Repräsentation von Vergangenheit auszuloten – Fragen nach
dem Übergang zwischen Registern und Modi kultureller Erinnerung, nach
der Repräsentierbarkeit und Bebilderung von Ereignissen, nach Fiktion
und Authentizität und schließlich nach der Moral ästhetischer Darstellun-
gen.

5. Film aus erinnerungskulturwissenschaftlicher Perspektive:


Methodik und Beiträge dieses Bandes
Das Konzept dieses Bandes ist getragen von einem filmtranszendierenden
Zugriff, der die plurimedialen Zusammenhänge in den Vordergrund rückt,
die Spielfilme zu Medien des kollektiven Gedächtnisses machen. Erinne-
rungskulturen werden auf diese Weise in ihrer medialen Dynamik
perspektiviert. Das aktuelle Konjunkturphänomen ‚Erinnerungsfilm‘
konstituiert sich sowohl über die medienspezifischen Verfahren zur Re-
präsentation kultureller Erinnerung als auch – und diesen Aspekt betonen
die folgenden Beiträge – über die Konstellationen des jeweiligen erinne-
rungskulturellen Mediennetzes. Dieser Band widmet sich deshalb der Un-
tersuchung jener plurimedialen Netzwerke, die sich um den jeweiligen
Film etablieren. Ziel ist es, exemplarisch jene Medien und Mediengattun-
gen in ihrem Zusammenwirken zu untersuchen, die den Erinnerungsfilm
präformieren, flankieren, kommentieren und tradieren, z.B. bestehende
politische, literarische oder wissenschaftliche Diskurse zum erinnerten
Geschehen, die Geschichte des jeweiligen Filmgenres, das Marketing des
Films mit den typischerweise beteiligten Medien, wie Filmposter und
DVD-Bonusmaterial, nationale und internationale Filmbesprechungen in
verschiedenen Medien (Tageszeitungen, Filmzeitschriften, Internet usw.),
Preisverleihungen, Fernsehsondersendungen und weitere Formen der
öffentlichen Stellungnahme zum Film, wie etwa durch Politiker oder His-
toriker, das ‚Buch zum Film‘, Formen der didaktischen Verarbeitung (z.B.
‚Hefte zur politischen Bildung‘), bis hin schließlich zu intermedialen Be-
zugnahmen in nachfolgenden Filmen.
Dieser Band will also nicht nur den Film selbst und seine medienspe-
zifischen Verfahren der Inszenierung von kultureller Erinnerung fokussie-
12 Astrid Erll & Stephanie Wodianka

ren. Es gilt darüber hinaus, die plurimedialen Konstellationen zu untersu-


chen, die Kino- und Fernsehfilme generell oder im Einzelfall zum Erinne-
rungsmedium machen – Konstellationen, die die kulturelle Relevanz eines
Films überhaupt erst konstituieren oder postulieren, die das erinnerungs-
bildende Potential von Filmen stützen und verstärken. Von Interesse ist
dabei natürlich auch, inwiefern der Film seinerseits auf solche plurimedia-
len Konstellationen wirkt, inwiefern er auf sie Einfluss nimmt und damit
Erinnerungsdiskurse konstituiert oder mitprägt. Zu denken ist hier zum
einen an die präformierende Kraft von Zeitungen, Zeitschriften und In-
ternet, die nicht nur Filmrezensionen und Filmkritiken liefern, sondern
auch durch Aufmerksamkeitslenkung bestimmte ‚Erinnerungsfelder‘ über-
haupt erst eröffnen oder vorbereiten, auf deren Boden Filme dann ‚fallen‘
bzw. auf dem sie positioniert werden. Und zum anderen ist auch der um-
gekehrte Fall zu berücksichtigen: Filme wie DAS WUNDER VON BERN
oder DAS LEBEN DER ANDEREN können Erinnerungsfelder selbst eröff-
nen oder mitgestalten. Sie geben Impulse und schaffen Aufmerksamkeit
für bestimmte Themen. Öffentliches Gedenken kann so vor dem Hinter-
grund eines Films einen neuen erinnerungskulturellen Status erhalten,
bestimmte historische Themen können plötzlich brisant werden, Erinne-
rungsbedürfnisse können entstehen oder aber bestehende Erinnerungs-
praktiken können durch Filme erst bewusst werden.
Die Beiträger/innen dieses Bandes sind Literatur- und Kulturwissen-
schaftler, Historiker, Kunstwissenschaftler und Soziologen. Sie alle arbei-
ten im Feld der kulturwissenschaftlichen Gedächtnisforschung und be-
trachten das Phänomen ‚Film‘ aus dieser Perspektive. Ihr Ziel ist es, an
ausgewählten Beispielen jene erinnerungskulturellen Netzwerke, in die
Erinnerungsfilme eingebettet sind, aufzudecken und in ihrem plurimedia-
len Funktionieren zu beschreiben.
In ihrer Untersuchung des Phänomens ‚Erinnerungsfilm‘ weisen die
Beiträge dieses Bandes eine programmatische Themenvielfalt auf: Es geht
um deutsche, französische und amerikanische Produktionen; es geht um
die erfolgreichen und omnipräsenten Erinnerungs-Blockbuster ebenso wie
um (aus offenzulegenden Gründen) weniger sichtbar gebliebene Filme;
um so unterschiedliche Filmgenres wie Kriegsfilm, Afrikafilm und Film-
Musical. Der Hauptakzent liegt dabei auf dem fiktionalen Kinofilm, aber
auch die beim Publikum so erfolgreichen fiktionalen und semi-fiktionalen
Fernsehformate (wie der mehrteilige Spielfilm und das Doku-Drama)
werden miteinbezogen.
Bei aller Diversität treffen sich die Beiträge in bestimmten Leitfragen,
die das Phänomen ‚Erinnerungsfilm‘ und seine methodische Erschließung
zugleich auch charakterisieren. Dazu zählen:
Einleitung 13

1. das Verhältnis zwischen Film und erinnerungskulturellem Mediennetz: Bei der


detaillierten Untersuchung plurimedialer Netzwerke, die sich um ver-
schiede Erinnerungsfilme herum etabliert haben, wird deutlich, dass
Filme oftmals ein vorhandenes erinnerungskulturelles Netz nutzen,
d.h. sie ‚fallen auf einen Boden‘, der bereitet wurde etwa durch aktu-
elle politische Diskussionen, durch anstehende Jahrestage und deren
mediale Präsenz im öffentlichen Diskurs oder durch vorgängige me-
diale Repräsentationen wie etwa einen Roman, der einem Thema zu
erinnerungskultureller Brisanz verholfen hat. Möglich ist aber auch,
dass Erinnerungsfilme verschiedene vorhandene Tendenzen zusam-
menführen, d.h. dass sie nicht nur im allgemeinen Fahrwasser mit-
schwimmen, sondern dass sie z.B. Diskurse miteinander verbinden
und dadurch auf innovativ-verknüpfende Weise auf Bestehendes
aufbauen. Und nicht zuletzt werden durch gezielte Marketing-Strate-
gien erinnerungskulturelle Netzwerke aktiv geschaffen, um den Film
als Produkt auf dem Markt als Erinnerungsfilm zu positionieren. De-
tailliert und eindrücklich werden diese komplexen Zusammenhänge
beispielsweise in der Untersuchung von Lu Seegers zu dem oscarge-
krönten deutschen Spielfilm über die DDR-Vergangenheit, DAS LE-
BEN DER ANDEREN (2006), aufgezeigt: Die interview-vermittelten
Selbstinszenierungen des Regisseurs von Donnersmarck, der Skandal
um das Buch zum Film, die Preiskrönungen vor und nach dem Kino-
start sowie die Beglaubigung durch Politik und Erinnerungsautoritä-
ten trugen zu einer plurimedialen Vernetzung dieses Filmes bei, die
seinen Erfolg als Erinnerungsfilm wesentlich mit konstituierte: eine
Vernetzung, die z.T. gezielten Marketingstrategien, z.T. aber auch
den Eigendynamiken des Erinnerungsdiskurses um die DDR zu ver-
danken war. Der Beitrag von Martin Miersch zeigt, auf welche Weise
die französisch-polnische Koproduktion DANTON (1983) durch die
vorangegangenen Ereignisse in Polen einerseits (Gewerkschaftsauf-
stand und Kriegsrecht) sowie durch die machtpolitischen Verhältnis-
se in Frankreich (Wechsel zur sozialistischen Regierung von François
Mitterand) auf mediale und öffentlichkeitsdiskursive Voraussetzun-
gen traf bzw. von ihnen Gebrauch machte, und dass diese zu seinen
jeweiligen Deutungen als Erinnerungsfilm wesentlich beitrugen.
2. das Zusammenspiel von Präformation und Refiguration:18 Diese Begriffe
beschreiben die diachrone Einbettung von Erinnerungsfilmen, ihre
erinnerungskulturelle Tiefendimension. Filme, die zu Erinnerungs-
filmen werden, treffen nicht bedingungslos auf ihre erinnerungskul-
_____________
18 Dieses Konzept ist Paul Ricœurs (1988-91) Begriffen der ‚Präfiguration‘ und ‚Refiguration‘
entlehnt. Wir sprechen in diesem Band auch von ‚Präformation‘ sowie – stärker medien-
wissenschaftlich gewendet – von ‚Remediation‘.
14 Astrid Erll & Stephanie Wodianka

turellen Kontexte, und sie lassen diese auch nicht spurenlos zurück.
Denn zum einen ist von einer ‚Vorformung‘ von Erinnerungsfilmen
etwa durch bestehende Gattungskonventionen, Erinnerungs- und
Repräsentationspraktiken auszugehen, welche Jahrzehnte und gar
Jahrhunderte alt sein können; zum anderen sind auch Aneignungs-
prozesse zu temporalisieren, d.h. kollektive Lesearten und Funktiona-
lisierungen können sich über die Zeit hinweg stark verändern und aus
Filmen retrospektiv Erinnerungsfilme machen bzw. Erinnerungsfil-
me, wenn sie nicht mehr überzeugen oder gebraucht werden, wieder
in den Status eines Films zurückversetzen. Erinnerungsfilme haben
also ein sie mit konstituierendes Vor-Leben und ein Nach-Leben, die
in ein dynamisches Verhältnis zueinander treten. Diese doppelte Be-
wegung untersucht Carola Fey in diesem Band mit Blick auf LUTHER
(2003): Einerseits wird der Film durch die Filmgeschichte des Luther-
Stoffs, vorgängige bzw. zeitgenössische religiöse Filme, die Gestal-
tung von Kinoplakaten sowie die in Interviews geäußerten Erinne-
rungs-Intentionen seiner Macher in seinem erinnerungskulturellen
Status präformiert; andererseits sind die Besprechungen und ‚Ade-
lungen‘ des Films durch religiöse Bildungsinstitutionen und die Bun-
desanstalt für politische Bildung nicht nur Ausdruck, sondern auch
Motoren seiner nachträglichen Promotion und Kanonisierung als re-
ligiöser Erinnerungsfilm. Der Beitrag von Christiane Reichart-
Burikukiye untersucht anhand des plurimedialen Netzwerkes um
HOTEL RUANDA (2004) und SOMETIMES IN APRIL (2005), inwiefern
die Debatten um die beiden Filme über den Völkermord in Ruanda
präformiert sind durch Debatten um die Darstellung des Holocaust –
und inwiefern aus diesen Parallelführungen sowohl der Status als
auch der Legitimationsdruck der beiden Filme als Erinnerungsfilme
resultierte. Daniela Neuser kann am Beispiel von aktuellen Afrika-
Filmen im deutschen Fernsehen (AFRIKA, MON AMOUR und MO-
MELLA, beide 2007) zeigen, dass und wie Präformation auch auf ge-
nerischer Ebene erfolgt und welche Auswirkungen dies auf kulturelle
Erinnerung haben kann. Die von ihr analysierten Fernsehproduktio-
nen leisten nicht nur eine diffuse Geschichtserinnerung, sondern sind
auch in einer anderen Hinsicht durch plurimediale Netzwerke konsti-
tuierte ‚Erinnerungsfilme‘: Sie erinnern zugleich an das und im Medi-
um des Heimatfilms, das der Afrika-Erinnerung besondere Konnota-
tionen verleiht.
3. die Bedeutung von Authentizität bzw. Authentizitätseffekten: Mit diesem
Thema werden nur scheinbar die Interessen der bisherigen, insbe-
sondere geschichtswissenschaftlichen und geschichtsdidaktischen
Forschung zum Thema ‚Geschichte im Film‘ geteilt. Es geht in die-
Einleitung 15

sem Band nicht um ein essenzielles Verständnis von Authentizität


oder um die filmimmanente Überprüfung von in diesem Sinne ge-
dachten Filmattributen, die häufig auch mit moralischen Fragen ver-
bunden sind oder ein Qualitätsurteil implizieren. Vielmehr interes-
siert hier erstens, inwiefern Authentizität und Authentizitätseffekte
eben maßgeblich nicht filmimmanent, sondern außerhalb des Medi-
ums Film bzw. durch ein intensives plurimediales Zusammenspiel er-
zielt werden. Und zweitens sind die in verschiedenen Medien ausge-
tragenen Authentizitätsdebatten selbst Gegenstand der Untersu-
chungen, weil sie Teil desjenigen plurimedial vermittelten Diskurses
sind, der den Status von Erinnerungsfilmen konstituiert bzw. aus-
handelt. Christiane Reichart-Burikukiye zeigt in ihrem Aufsatz, dass
die Ausstattung von Filmen mit Erinnerungskompetenz und die mo-
ralische Legitimierung des filmischen Erinnerns an den Völkermord
in Ruanda wesentlich über Authentizitätsversicherungen verläuft.
Diese speisen sich im Falle der beiden exemplarisch untersuchten
Filme u.a. aus autobiographischem Drehbuchmaterial oder ‚Zeugen-
aussagen‘ der Schauspieler in verschiedenen Medien. Die mediale In-
szenierung der Authentizität der Schauspieler erfolgt z.T. auch unter
Bezugnahme auf deren vorgängiges Engagement im Ruanda-Diskurs
– z.B. eine Beteiligung an einer früheren Ruanda-Dokumentation –,
so dass man hier von einer Potenzierung der Vernetzung sprechen
kann. Wie bedeutend gerade in Bezug auf Authentizitätsdebatten die
plurimediale Präsenz eines Schauspielers sein kann, wird auch in Lu
Seegers Beitrag deutlich am Beispiel von Ulrich Mühe bzw. dessen
Skandal auslösendem Interview im Buch zum Film DAS LEBEN DER
ANDEREN. Am Beispiel des amerikanischen Kriegsfilms JARHEAD
(2005) bietet Astrid Erll unter dem Begriff der ‚Remediation‘ eine
stärker technikzentrierte Sicht auf Authentizitätseffekte im Erinne-
rungsfilm. Sie zeigt, wie Filme sich ihre plurimedialen Netze selbst
weben und wie eng Prozesse der Refiguration bzw. Remediation vor-
gängiger Filme dabei mit der Erzeugung von Authentizitätseffekten
zusammenhängen. Auch am Beispiel des Kriegsfilms – hier über die
Inszenierung von vetereanness – wird deutlich, dass Authentizität über-
dies sozialsystemisch generiert und als Attribut den beteiligten Schau-
spielern, Regisseuren und Kameraleuten, und in diesem Zuge zumeist
auch dem Medienprodukt, zuerkannt wird.
4. die (pluri-)mediale Selbstreflexivität: Sowohl in Erinnerungsfilmen selbst
als auch im erinnerungskulturellen Mediennetz wird die Plurimediali-
tät der kulturellen Erinnerung nicht selten mit-thematisiert. Die Me-
dien ‚wissen‘ also um jene Prozesse, die in diesem Band untersucht
werden, und repräsentieren oder problematisieren sie auf je medien-
16 Astrid Erll & Stephanie Wodianka

spezifische Weise. So wird beispielsweise in dem von Astrid Erll un-


tersuchten Kriegsfilm inszeniert, wie Soldaten einen überwältigenden
Vietnamfilm im Kino anschauen und wie die medial vermittelte
Kriegserinnerung für die Gegenwart des Irakkriegs handlungsleitend
wirkt. Für den von Stephanie Wodianka untersuchten Chanson-Film
von Alain Resnais wird der konkurrierende Status von Film und
Chanson als Medien der Erinnerung und lieux de mémoire geradezu
konstitutiv und wird über die programmatische Intermedialität des
Films reflektiert. Nicht selten thematisieren auch Rezensenten in ih-
ren Filmbesprechungen die erinnerungskulturelle Wirksamkeit ihrer
eigenen Arbeit, wie Christiane Reichart-Burikukiye in ihrem Beitrag
zum aktuellen Ruanda-Film nachweisen kann. Auch das von Daniela
Neuser festgestellte Verfahren der Formatierung des Afrikafilms im
ehemals (oder immer noch?) populären Medium des Heimatfilms re-
flektiert sein Funktionieren als Erinnerungsfilm mit, auch wenn die
untersuchten Afrikafilme die Bewusstmachung dieser Verfahren kei-
nesfalls beabsichtigen. Im Beitrag von Kerstin Schmidt-Beck und
Andreas Langenohl wird schließlich gezeigt, inwiefern die (plu-
ri-)mediale Selbstreflexivität filmischer Erinnerung möglicherweise
gerade die Ursache für das Scheitern der Erinnerungsfilme an den
„11. September“ darstellt.
5. die Relevanz komparatistischer Perspektiven: Eine weitere Gemeinsamkeit
der Beiträge liegt in ihrer kulturvergleichenden Perspektive. Diese ist
eine Konsequenz der Prämisse, dass Erinnerungsfilme als gesell-
schaftliches Phänomen durch die Art des Umgangs mit ihnen in so-
ziokulturellen Kontexten erst erzeugt werden: Unterschiedliche Kon-
texte erfordern und generieren daher unterschiedliche Erinnerungs-
filme. Der erinnerungskulturelle Status eines Films kann in verschie-
denen Kulturen unterschiedlich sein, und ein und derselbe Film kann
in verschiedenen Erinnerungskulturen sogar verschiedene Erinne-
rungsbestände transportieren und somit aus anderen Gründen als Er-
innerungsfilm gelten. Beispiele für diese Kulturspezifik des Erinne-
rungsfilms und seiner medialen Einbettung bieten Stephanie
Wodianka, mit einem Vergleich des erinnerungskulturellen Status’
von ON CONNAIT LA CHANSON (1997) in Frankreich und im
(deutschsprachigen) Ausland, sowie Martin Miersch mit einer Ge-
genüberstellung polnischer und französischer Deutungsweisen des
Films DANTON. Der Beitrag von Lu Seegers berücksichtigt den in
Ost- und Westdeutschland unterschiedlich begründeten Status von
DAS LEBEN DER ANDEREN als Erinnerungsfilm, insbesondere im
Hinblick auf die Auseinandersetzung mit der Stasi-Vergangenheit.
Astrid Erll zeigt am Beispiel von Filmbesprechungen aus den USA,
Einleitung 17

Großbritannien und Deutschland und deren Deutung von JARHEAD


als langweiliger oder spannender, konventioneller oder unkonventio-
neller, gelungener oder misslungener (Anti-)Kriegsfilm, wie beste-
hende, offenbar in nationalen Gedächtnissen verankerte Repräsenta-
tionspraktiken die Rezeption von Erinnerungsfilmen in bestimmte
Bahnen lenken.
6. die Möglichkeit des Scheiterns von Erinnerungsfilmen: Als aufschlussreich
erweist sich schließlich auch eine Analyse des Misslingens filmischer
Erinnerung, denn dies lässt Umkehrschlüsse auf die Bedingungen des
Gelingens von Erinnerungsfilmen zu und trägt somit wesentlich zu
deren Profilierung bei. Auch in Bezug auf ihr Scheitern sind Erinne-
rungsfilme nicht nur als symbolische Artefakte zu begreifen, sondern
als sozialsystemische Phänomene. Die Gründe für ihr Scheitern kön-
nen – und das betonen die Beiträge dieses Bandes im Unterschied zu
bisherigen Forschungen und Filmkritiken – ebenso auf filmimma-
nenter wie auf filmtranszendierender Ebene angesiedelt sein. Nicht
nur die Machhart des Films (etwa seine mangelnde historische De-
tailgenauigkeit), sondern auch Rezeptionsgewohnheiten, die mediale
Verfasstheit des erinnerten Ereignisses oder politische Umstände
entscheiden darüber, ob einem Film der Status eines Erinnerungs-
films zukommt – in letzter Konsequenz bis hin zu der Tatsache, dass
manche Filme erst nachträglich zu Erinnerungsfilmen werden kön-
nen, wenn sich solche Kontextfaktoren verändert haben. Der von
Martin Miersch untersuchte Film DANTON, der der kollektiven Er-
innerung an unterschiedliche politische Ereignisse diente, reüssierte
auf internationaler Ebene durchaus als Erinnerungsfilm an den Ge-
werkschaftsaufstand in Polen, scheiterte aber als Erinnerungsfilm an
die Französische Revolution, weil er weder die plurimedial präfor-
mierten politischen Erwartungen der Sozialisten noch die der Kon-
servativen erfüllte. Stephanie Wodiankas Beitrag zeigt, dass ON
CONNAÎT LA CHANSON in Frankreich zunächst (nicht als Film, son-
dern als Erinnerungsfilm) verkannt wurde, weil der Film den Fremd-
sichten auf das kulturelle Gedächtnis Frankreichs mehr entsprach als
den Selbstsichten der Franzosen, die dem Chanson einen nur gerin-
gen kulturellen Status als ‚typisch französisches‘ Erinnerungsmedium
zuschrieben. Erst das ‚Nach-Leben‘ des Films in der ausländischen
Filmrezeption begründete – retrospektiv – in Frankreich dessen Sta-
tus als französischer Erinnerungsfilm. Andreas Langenohl und Kers-
tin Schmidt-Beck zeigen am Beispiel von SEPTEMBER (2003), AUF
EWIG UND EINEN TAG (2006) und WORLD TRADE CENTER (2006),
dass das (generelle!) Scheitern der Erinnerungsfilme über den „11.
September“ eng mit der medialen Verfasstheit des zu erinnernden
18 Astrid Erll & Stephanie Wodianka

Ereignisses zusammenhängt: Die Remediation eines nur als Medien-


ereignis erinnerbaren Ereignisses lässt unwillkürlich und unwillentlich
die Selbstreflexivität gegenüber der Authentizität und dem Eindruck
der Unmittelbarkeit die Oberhand gewinnen und scheint damit ein
als ‚angemessen‘ empfundenes Erinnern zu verhindern.

Das Phänomen und die methodische Erschließung des Erinnerungsfilms


– so verdeutlichen diese sechs Leitaspekte des Bandes – gehen über die
filmimmanente Ebene hinaus. Konstitutiv für die Entstehung eines Erin-
nerungsfilms ist das dynamische Zusammenspiel zwischen einem als
Symbolsystem begreifbaren Filmprodukt und den Netzwerken eines pluri-
medial operierenden Sozialsystems. Eine aus erinnerungskulturwissen-
schaftlicher Perspektive erfolgende Annäherung an den Film muss dieser
Dynamik methodisch Rechnung tragen – geleitet von einem Medienbe-
griff, der nicht die Speicherfunktion, sondern die Verbreitungsfunktion
akzentuiert und die Prozessualität kultureller Erinnerung berücksichtigt.

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DAS LEBEN DER ANDEREN oder
die ‚richtige‘ Erinnerung an die DDR

Lu Seegers

No German film has been as successful in recent years as Florian Henckel von
Donnersmarck’s Stasi drama DAS LEBEN DER ANDEREN, which was released in
March 2006 and received an Oscar in February 2007. This essay points to the fac-
tors and plurimedial constellations which allowed DAS LEBEN DER ANDEREN to
become such a successful “memory film”. The analysis addresses the interaction of
“pre-forming” marketing strategies and – using film reviews in national daily and
weekly newspapers and journals – the critical reception of the film. In the process,
it becomes clear that the film was made into a “memory film” not only through
extensive marketing and authentication strategies, but was also successful because
it integrated into its story various memorial interests in West and East Germany.

Kein deutscher Kinofilm war in den letzten Jahren international so erfolg-


reich wie das Stasidrama DAS LEBEN DER ANDEREN des 32-jährigen Re-
gisseurs Florian Henckel von Donnersmarck, das am 23. März 2006 in die
deutschen Kinos kam. Die Low-Budget-Produktion, zugleich die Ab-
schlussarbeit des Regisseurs an der Hochschule für Film und Fernsehen in
München, spielte weltweit 70 Millionen Dollar ein. In Deutschland sahen
allein 1,9 Millionen Zuschauer den Film.1 Die Zahl der Preise und Aus-
zeichnungen ist beeindruckend: Noch vor der Kinopremiere am 23. März
2006 hatte DAS LEBEN DER ANDEREN vier Bayerische Filmpreise erhal-
ten.2 Im Mai folgten sieben Deutsche Filmpreise bei elf Nominierungen,
im Juli der Friedenspreis des Deutschen Films und im November der Eu-
ropäische Filmpreis in drei Kategorien. Den Höhepunkt der Ehrungen
markierte die Verleihung des Oscars für den besten fremdsprachigen Film

_____________
1 DAS LEBEN DER ANDEREN wurde von Max Wiedemann und Quirin Berg produziert
(Wiedemann & Berg Filmproduktion).
2 Dabei handelte es sich um die Auszeichnung für das beste Drehbuch, die beste Nach-
wuchsregie, den besten Darsteller und die beste Nachwuchsproduktion.
22 Lu Seegers

im Februar 2007.3 „Wir sind Oscar“, so fasste denn auch eine Artikelüber-
schrift bei Spiegel Online den Preis als nationale Auszeichnung zusammen
(o.V., Spiegel Online, 26.2.2007). Mit dem Oscar avancierte DAS LEBEN
DER ANDEREN zu dem international anerkannten Erinnerungsfilm über
die Staatssicherheit der DDR. Zugleich belegt DAS LEBEN DER ANDE-
REN, dass Spielfilmen bei der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit
der DDR eine zentrale Rolle zukommt. Sie tragen dazu bei, bestimmte
Geschichtsbilder an die DDR zu etablieren und zeigen die rasante Integra-
tion der DDR-Vergangenheit in eine sich rasch wandelnde Medienkultur,
in der das sogenannte Histotainment eine zunehmende Rolle spielt. Insofern
sind sie ein wichtiger Bestandteil populärer Erinnerungskultur. Zugleich
verweisen sie aber auch auf die indirekten Wirkungen der wissenschaftli-
chen Praxis auf nicht-wissenschaftliche Repräsentationen der DDR-Ver-
gangenheit. Allgemein sind ‚Erinnerungsfilme‘ Medien des kollektiven
Gedächtnisses, die Vorstellungen von der Vergangenheit zu einem be-
stimmten Zeitpunkt aufnehmen und zugleich prägen. Dabei treffen die
medial vermittelten Geschichtsbilder auf spezifische Warhnehmungs-
muster. Was die meisten Westdeutschen und jungen Ostdeutschen, die die
DDR nicht mehr erlebt haben, als historisch-politische Bildung mit ho-
hem Unterhaltungswert verstehen, wird von betroffenen Ostdeutschen
mit persönlichem Erleben und der eigenen Biographie abgeglichen (vgl.
Steinle 2008).
Zu einem ‚Erinnerungsfilm‘ müssen Kino- und Fernsehproduktionen
jedoch mittels eines plurimedialen Netzwerkes erst gemacht werden. Im
Fall von DAS LEBEN DER ANDEREN funktionierte die plurimediale Kons-
tellation durch die Einbindung von Politik, Institutionen der politischen
Bildung, der Presse und das Branding mit dem Buch und der DVD zum
Film besonders gut. Im Folgenden soll daher das Zusammenwirken von
präformierenden Vermarktungsstrategien und − auf Basis der Kritiken
zum Film in überregionalen Tageszeitungen, Wochenzeitschriften und
Fachzeitschriften – und der Rezeptionsgeschichte des Films untersucht
werden, um die Konstitution von DAS LEBEN DER ANDEREN als Erinne-
rungsfilm nachzuzeichnen.

_____________
3 Zuvor hatten diese Auszeichnung nur die Filme DIE BLECHTROMMEL (Regie: Volker
Schlöndorff) im Jahr 1999 und 2003 NIRGENDWO IN AFRIKA (Regie: Caroline Link) erhal-
ten.
DAS LEBEN DER ANDEREN 23

1. Die Filmstory
Die Haupthandlung des von Henckel von Donnersmarck frei verfassten
Drehbuchs spielt fünf Jahre vor dem 40. Jahrestag der DDR, auf den der
Mauerfall folgte. Der Film thematisiert damit zwar nicht explizit markante
Krisenpunkte (17. Juni 1953, 13. August 1961, 9. November 1989), wie
vor allem bei Doku-Dramen zur DDR im Fernsehen üblich. Das Ende
der DDR wird aber teleologisch mitgedacht. Ohne ein Doku-Drama zu
sein, übernimmt die frei erfundene Story von DAS LEBEN DER ANDEREN
das Versprechen des Doku-Dramas, Information, Bildung und Authenti-
zität mit Unterhaltung, Emotion und sinnlicher Attraktion zu verbinden.
Der Plot ist in diesem Sinne zweigeteilt. Im ersten Drittel des Films
geht es darum, Wirklichkeitsnähe an die DDR der 1980er Jahre und die
Staatssicherheit zu erzeugen, während im zweiten Teil vor diesem Hinter-
grund ein melodramatischer Plot im Vordergrund steht. Im Ostberlin des
Jahres 1984 wird der Stasi-Hauptmann Gerd Wiesler (HGW XX/7) von
seinem Vorgesetzten und Studienfreund Anton Grubitz damit beauftragt,
den bekannten und regimetreuen DDR-Theaterschriftsteller Georg
Dreyman zu bespitzeln. Er hält den Künstler selbst für beobachtenswert,
ahnt aber nicht, dass Kulturminister Bruno Hempf dieses Vorhaben mit
dem Motiv unterstützt, Dreyman auszuschalten, um dessen Freundin
Christa-Maria Sieland für sich allein zu gewinnen. Sie hatte sich mit
Hempf eingelassen, weil sie sonst Nachteile für ihre Schauspielerkarriere
befürchtete. Wieslers Vorgesetzter Oberstleutnant Grubitz versucht je-
doch, Wiesler einen Karriereschub bei erfolgreicher Observation
schmackhaft zu machen. Wieslers Glaube an das ‚Gute‘ im Sozialismus
und an die Staatssicherheit als ‚Schild und Schwert‘ der Partei wird da-
durch erschüttert. Kurz darauf sorgt Wiesler dafür, dass Dreymann er-
fährt, dass seine Freundin ein Verhältnis mit dem Minister hat. Dreymann
schweigt jedoch, denn er merkt, dass es seiner Freundin mit der Affäre
nicht gut geht. An diesem Abend wird der alleinstehende Wiesler in seiner
Plattenwohnung gezeigt. Im Gegensatz zu Dreymanns Wohnung ist sie
unpersönlich mit typischen DDR-Möbeln eingerichtet. Wiesler bestellt
sich eine Prostituierte des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS). Die
trostlose Sexszene verdeutlicht seine innere Einsamkeit und Verlassenheit.
Am nächsten Tag sucht er die leere Wohnung von Dreymann auf, und er
bleibt vor dem Bett des Paares stehen, das für echte Gefühle und Leiden-
schaft steht. Diese Szene markiert einen Wendepunkt im Film. Während
der Regisseur am Anfang durch dokumentarisch angehauchte Szenen den
Authentizitätsanspruch des Films deutlich gemacht und damit ein ver-
meintlich realistisches Erinnerungsszenario entworfen hat, steht ab jetzt
eine melodramatische Story im Mittelpunkt. Dreyman ändert nach dem
24 Lu Seegers

Suizid seines Freundes, dem Regisseur Albert Jerska seine Einstellung zur
Staatsführung. Er beschließt, einen Artikel über die vom Staat verheim-
lichte hohe Suizidrate in der DDR zu schreiben. Dreymann trifft sich mit
dem kritischen Journalisten Paul Hauser, der von der Staatssicherheit be-
schattet wird und ihm bei der Veröffentlichung des Textes hilft. Auf einer
von einem Journalisten des bundesdeutschen Magazins Der Spiegel ins
Land geschmuggelten Schreibmaschine schreibt Dreyman den Artikel und
veröffentlicht ihn anonym in der Wochenzeitschrift. Wiesler greift nicht
ein. Im Gegenteil, er schützt Dreyman indirekt, indem er versucht, die
Intrige weitestmöglich zu vertuschen. Als die medikamentenabhängige
Schauspielerin Christa-Maria Sieland auf Veranlassung des Kulturministers
Hempf in die Berliner Hauptzentrale der Stasi zum Verhör verschleppt
wird, kann sie dem Druck nicht mehr standhalten und verrät Grubitz
Dreymans Urheberschaft für den Spiegel-Artikel. Bei der folgenden Woh-
nungsdurchsuchung durch Stasi-Beamte wird die Schreibmaschine jedoch
nicht gefunden. Grubitz setzt daraufhin, um Wieslers Loyalität zu prüfen,
ein erneutes, durch ihn überwachtes Verhör von Sieland an, in dem die
Schauspielerin nach weiteren Drohungen das genaue Versteck der
Schreibmaschine preisgibt. Noch vor der diesmal durch Grubitz selbst
durchgeführten Hausdurchsuchung eilt Wiesler zu Dreymans Wohnung
und entfernt die Schreibmaschine. Als der Stasi-Oberstleutnant zielgerich-
tet auf Dreymans Versteck zusteuert, kann Sieland, die nicht weiß, dass
das Versteck leer ist, die Scham des Verrats nicht mehr ertragen. Sie
stürmt aus dem Haus, läuft vor einen zufällig vorbeifahrenden LKW und
wird tödlich verletzt. Ohne dass Grubitz es nachweisen kann, ist ihm nun
klar, dass Wiesler Dreyman geschützt hat, und er versetzt Wiesler inner-
halb der Stasi auf eine trostlose Position zur Briefüberwachung.
Der Hauptgeschichte folgen drei Epiloge. Zu Beginn des ersten Epi-
logs sitzt Wiesler beim Briefeaufdampfen. Von einem Kollegen erfährt er
von der Öffnung der Mauer und verlässt wortlos den Raum. Zwei Jahre
nach dem Fall der Mauer trifft Dreymann bei der Neuinszenierung seines
Theaterstücks auf den ehemaligen Minister Hempf. Dreymann fragt ihn,
warum er nie abgehört worden sei. Hempf berichtet ihm von seiner lü-
ckenlosen Überwachung. Dreymann entdeckt daraufhin die Verwanzung
seiner Wohnung und sieht seine umfangreiche Akte bei der Gauck-
Behörde ein. Dabei erfährt er, dass Christa-Maria inoffizielle Mitarbeiterin
der Staatssicherheit (IM) geworden war und ihn der Spitzel HGW XX/7
geschützt hatte. Dreymann lässt den Klarnamen von HGW XX/7 ermit-
teln und macht Wiesler ausfindig, der mittlerweile mit einem Handwagen
Werbeprospekte austrägt. Er beschließt jedoch, ihn nicht anzusprechen.
Der dritte Epilog spielt weitere zwei Jahre später. Wiesler trägt immer
noch Werbeprospekte aus und sieht im Schaufenster der Karl-Marx-
DAS LEBEN DER ANDEREN 25

Buchhandlung eine große Ankündigung eines neuen Buches von Georg


Dreymann mit dem Titel Die Sonate vom guten Menschen. Er schlägt das Buch
auf und entdeckt die Widmung Dreymanns „HGW XX/7 gewidmet in
Dankbarkeit“. Wiesler kauft das Buch. Die Frage des Verkäufers, ob das
Buch als Geschenk verpackt werden soll, beantwortet er mit: „Nein. Das
ist für mich“ – diese Szene markiert das Ende des Films. Die Szene er-
scheint sowohl als nachträgliche Anerkennung für den ‚guten Menschen‘
Wiesler als auch als Entlastung und Versöhnung mit seiner Täterschaft.
Wiesler scheint dadurch in der bundesrepublikanischen Gesellschaft an-
zukommen, indem er eine „[…] wundersame Erlösung aus der Leidensge-
schichte […]“ (Steinle 2008) erfährt.

2. Die Inszenierung von Authentizität


Neben der inhaltlichen Positionierung einer Geschichte geht es bei ‚Erin-
nerungsfilmen‘, so die US-amerikanische Historikerin Nathalie Zemon
Davis, vor allem darum, einen authentischen Look der Vergangenheit
oder vielmehr des Looks der Zeit, der zeitgemäßen Requisiten zu treffen
(Zemon Davis 1991: 16). Henckel von Donnersmarck versuchte diese
Effekte in zweierlei Hinsicht zu erreichen. Zum einen wurde an Original-
schauplätzen in Berlin gedreht, beispielsweise in der ehemaligen Zentrale
der Staatssicherheit in der Normannenstraße sowie in der Birthler-
Behörde. Außerdem handelt es sich bei den verwendeten Requisiten der
Staatssicherheit wie den Abhörgeräten um Originale (DAS LEBEN DER
ANDEREN: DVD 2007, Audiokommentar Henckel von Donnersmarck).
Zum anderen hat Henckel von Donnersmarck einen fotorealistischen
Darstellungsstil sowie eine reduzierte Farbpalette für den Film benutzt,
bei der Rottöne durch Orange und Blau durch Grautöne ersetzt wurden,
um dem Bildgedächtnis an die DDR möglichst nahe zu kommen. Wäh-
rend die großzügige Altbauwohnung des Paares in warm-pastelligen
Braun- und Beigefarben gezeichnet wird und damit für die Darstellung
von Wärme und menschlicher Verbundenheit im häuslichen Setting der
DDR-Künstlerwohnung steht (vgl. Steinle 2008), ist der Dachboden dem-
gegenüber im Zeichen der Staatssicherheit ebenso grau wie der Nylon-
Anorak von Wiesler. Sie stehen für die Tristesse in der DDR, die in allen
zeitgeschichtlichen Fernsehproduktionen ‚grau‘ gezeichnet wird. Passend
dazu sind die Außenkulissen inszeniert. In DAS LEBEN DER ANDEREN
sind die Straßen dunkel und menschenleer – die Tatsache, dass Menschen
in der DDR einen Alltag jenseits von Tristesse und Unterdrückung gelebt
haben, bleibt damit ausgeblendet. Mehr noch: Tristesse und Menschenlee-
re avancieren in der filmischen Darstellung zu vermeintlich authentischen
26 Lu Seegers

Erkennungscodes der DDR, während gleichzeitig die durchaus vorhande-


ne Faszination an der Produktwelt der DDR, die nicht zuletzt eine All-
tagserfahrung in der DDR markierte, im Film als Leerstelle dargestellt
wird (Steinle 2008).
Nicht zuletzt spielt die Filmmusik eine wichtige Rolle bei der Insze-
nierung von Authentizität. Neben der Filmmusik des Oscar-Preisträgers
Gabriel Yared verwendete Henckel von Donnersmarck Musik von Bands
des DDR-Labels Amiga, um die Atmosphäre in der DDR auch akustisch
zu verdeutlichen.4 Ein hoher Wiedererkennungswert, der zugleich implizit
weitere Erinnerungsfelder öffnet, kommt ferner dem Filmplakat zu, das
den Hauptprotagonisten Gert Wiesler mit Kopfhörern beim Abhören
zeigt.

Abb. 1: Ulrich Mühe als Stasihauptmann Gert Wiesler – Abhörszene auf dem Dachboden

Neben filmimmanenten Mitteln nutzte Henckel von Donnersmarck ver-


schiedene außerfilmische Strategien, um den Film als authentischen ‚Erin-
nerungsfilm‘ zu beglaubigen. So erschien Mitte März 2006 noch vor dem
Kinostart im Suhrkamp Verlag das Buch zum Film mit dem Titel DAS
LEBEN DER ANDEREN. Es enthält neben dem originalen Drehbuch Hin-
tergrundinformationen zum Film. Der Regisseur beschreibt im Kapitel
„Appassionata“ die Filmidee; die Hauptdarsteller Sebastian Koch und
Ulrich Mühe geben Informationen zu ihrem Engagement und zur Atmo-
sphäre bei den Dreharbeiten. Der Zeithistoriker Manfred Wilke über-
nimmt in dem Buch als historischer Berater des Films den Part des Exper-
ten und bettet den Film in den historischen Kontext der DDR ein.5 In
seinem Beitrag gleicht er die Filmhandlung mit realen Ereignissen in der
_____________
4 Die CD mit insgesamt 19 Liedern erschien am 24. März 2006.
5 Manfred Wilke war zu diesem Zeitpunkt Leiter der Abteilung Lankwitz im Forschungsver-
bund SED-Staat der Freien Universität Berlin.
DAS LEBEN DER ANDEREN 27

DDR positiv ab. Beispielsweise verweist er auf die Stasi-Aussteiger Gerd


Trebeljahr und Werner Teske, die Anfang der 1980er Jahre in der Bundes-
republik Informationen verkaufen wollten und dafür mit dem Tod be-
straft wurden (Wilke 2007: 201).
Darüber hinaus sind die Wahl der Schauspieler und ihre Promotion
des Films wichtige Faktoren, um die Qualität des Films und seine Authen-
tizität aufzuzeigen. Die Auszüge aus dem Drehtagebuch des Schauspielers
Sebastian Koch im Buch zum Film dienen dazu, die außergewöhnliche
Qualität des Drehbuchs und des Films zu belegen. Mehr noch: Sebastian
Koch gilt als eingeführte Marke in einem deutschen Starsystem, das sich
insbesondere um zeitgeschichtliche Produktionen mit Mehrfachverwer-
tung in Fernsehen, Kino und DVD ausgebildet hat (Steinle 2008). Als der
wohl bekannteste und beste Hauptdarsteller zeitgeschichtlicher Fernseh-
produktionen ist Koch einem Millionenpublikum bekannt. So hatte er
allein in den Jahren 2003 und 2005 Stauffenberg in Jo Baiers gleichnami-
gen preisgekrönten Fernsehfilm (teamWorx, ARD) als auch Albert Speer
in Heinrich Breloers Doku-Drama SPEER UND ER (Bavaria/ARD) ge-
spielt.6 Für die Produktion von DAS LEBEN DER ANDEREN hatte der
bekannte Schauspieler auf die sonst übliche Gage verzichtet, „aus der Ü-
berzeugung einen wichtigen Film zu machen“ (Koch 2007: 179). Ebenfalls
über einen hohen Marktwert bei zeitgeschichtlichen Fernsehproduktionen
verfügt der westdeutsche Schausspieler Ulrich Tukur, der 2004 Henning
von Treschkow an der Seite von Sebastian Koch in dem Film STAUFFEN-
BERG und im Jahr 2005 General Lucius D. Clay in DIE LUFTBRÜCKE
sowie den Hamburger Innensenator Helmut Schmidt in DIE NACHT DER
GROßEN FLUT (2005, Raymond Ley, Cincecentrum/NDR) spielte. Tukur
berichtete denn auch über seine Erfahrungen bei den Dreharbeiten in der
Ende 2006 erschienenen DVD zum Film.
Eine wirksame, vielfach reaktualisierbare Authentifizierungsstrategie,
die weitreichende Erinnerungsfelder öffnete, stellte für Henckel von
Donnersmarck aber vor allem die Wahl des ostdeutschen Schauspielers
Ulrich Mühe als Hauptmann Gerd Wiesler dar. Auch weitere Rollen mit
Thomas Thieme als Minister Hempf und Hans-Uwe Bauer als Hauser, um
nur einige zu nennen, wurden mit ostdeutschen Schauspielern besetzt.
Der Regisseur wendete damit eine Praxis an, die bereits in anderen zeitge-
schichtlichen Produktionen zum Tragen gekommen war. So hatte bei-
spielsweise der bekannte DDR-Schauspieler Peter Sodann den Stasi-Chef
Erich Mielke in dem Doku-Drama DEUTSCHLANDSPIEL (2000: Regie:
_____________
6 1997 hatte Sebastian Koch Andreas Baader in dem Doku-Dramaa TODESSPIEL von Hein-
rich Breloer, 2001 Richard Oetker in dem Film DIE ENTFÜHRUNG DES RICHARD OET-
KER sowie Klaus Mann in dem ebenfalls von Heinrich Breloer produzierten Doku-Dramaa
DIE MANNS (2003) gespielt.
28 Lu Seegers

Guido Knopp/Hans-Christoph Blumenberg, Cinecentrum/ZDF)und


Uwe Kröger einen Stasi-General im Doku-Drama DER TUNNEL (2001:
Regie: Roland S. Richter, Sat1) gespielt. Die genannten Schauspieler ka-
men dabei primär als Authentizitätsversprechen zum Einsatz (Steinle
2008). Besonders markant ist dies bei Ulrich Mühe. Ulrich Mühe, der in
der DDR ein erfolgreicher Theater- und Filmschauspieler gewesen war
und nach der Wende schnell Anschluss in der Bundesrepublik sowohl im
Genre des Erinnerungsfilms als auch in Krimis und Komödien finden
konnte, berichtet im Buch zum Film in Form eines Interviews über seine
eigenen biographischen Erfahrungen in der DDR, die in vielerlei Hinsicht
die Handlung des Films zu authentifizieren scheinen. Zu Beginn des In-
terviews bemerkt er, dass es bereits viele Versuche gegeben habe, die
DDR-Realität im Film einzufangen, aber kein Drehbuch sei so überzeu-
gend gewesen sei wie DAS LEBEN DER ANDEREN. Plötzlich sei da ein
Buch gewesen, in dem sich, so Mühe,
alles richtig anfühlte, wo ich während des Lesens nicht einmal die Stirn in Falten
legen und sagen musste: ‚Das ist jetzt aber übertrieben‘. Ich war selber nicht bei
der Stasi, daher weiß ich natürlich über technische Details nicht bis ins Letzte Be-
scheid, aber für diese Zeit habe ich ein Empfinden, weil ich in ihr gelebt habe,
unter genau den Menschen, um die es im Film geht. Und die waren sehr authen-
tisch und einfühlsam geschildert, in ihrer Beziehung zueinander, zur Kunst, zum
Staat, zur Stasi. Ich hielt es für wichtig, dass dieser Film gemacht wird. (Mühe
2006: 182)
Zur Vorbereitung der Rolle habe er folglich nur in sich „hineingehört“,
wenngleich er selbst kein Opfer von Stasi- oder DDR-Willkür gewesen sei
(ebd.: 187f.). Allerdings sei auch er bereits im Studium und während seiner
Laufbahn als Schauspieler von bis zu vier IM überwacht worden. Von
zweien habe er später die Klarnamen erfahren. Darüber hinaus beschul-
digte Mühe auf Nachfrage des Regisseurs im Interview seine ehemalige
Frau, die Schauspielerin Jenny Gröllmann, als IM für die Stasi gearbeitet
zu haben. Allerdings habe er von der Arbeit seiner Frau nichts gewusst.
Sie habe auch nicht über ihn, sondern hauptsächlich über Kollegen aus
ihrem Ensemble Berichte abgegeben (vgl. Spiegel Online, 13.3.2006). Die
Geschichte des ehemaligen DDR-Schauspielertraumpaars Mühe/Gröll-
mann las sich nicht nur wie eine Vorlage für die Filmstory. Nach der Ver-
öffentlichung des Buches kam es darüber hinaus zu einem Rechtsstreit
zwischen Mühe und Gröllmann, der für eine ständige Reaktualisierung des
Films in der Öffentlichkeit sorgte (Sylvester, 3.5.2006: 3; Pergande,
29.4.2006). So erwirkte Gröllmann, die eine wissentliche Zusammenarbeit
mit der Staatssicherheit an Eides Statt abstritt, im April 2006 eine einst-
weilige Verfügung. Das Buch durfte daraufhin nur noch mit geschwärzten
Textpassagen verkauft werden. Dies betraf auch die im November 2006
erschienene DVD zum Film, auf der Henckel von Donnersmarck Gregor
DAS LEBEN DER ANDEREN 29

Gysi als „IM Notar“ bezeichnet hatte. Die DVD musste vom Markt ge-
nommen werden, bevor sie im Februar 2007 mit einem angepassten
Audiokommentar neu aufgelegt wurde (DAS LEBEN DER ANDEREN.
DVD: 2007). Der Fall Mühe/Gröllmann eröffnete dem Film nach dem
Kinostart damit den Anschluss an die heikle Stasi-Debatte und erfüllte
damit eine ebenso anhaltende wie bedeutsame Werbefunktion für den
Film.

3. Präformationen des Erinnerungsfilms:


das Anti-Ostalgie-Motiv
Lange vor dem Kinostart setzte Henckel von Donnersmarck – betreut
durch die Presseagentur „Just Publicity“ (Löser 2006a: 63) – mittels weite-
rer „extra-textual events“ (Paget 1998: 80) bestimmte Marker in der Pres-
se, um den Film als ‚richtige‘ Erinnerung an die DDR zu beglaubigen und
die Rezeption von DAS LEBEN DER ANDEREN zu präformieren. Bereits
Anfang Dezember 2004 antwortete der junge westdeutsche Regisseur auf
die Frage des Tagesspiegels anlässlich der Dreharbeiten, warum er auch ohne
eigenen Erfahrungshintergrund legitimiert sei, einen Film über die Staats-
sicherheit zu drehen, dass er als Kind bei gemeinsamen Besuchen mit
seinen Eltern bei Verwandten und Bekannten in der DDR stets eine At-
mosphäre der Angst verspürt habe (Lichterbeck, 5.12.2004). In der Berliner
Zeitung betonte Henckel von Donnersmarck kurz darauf, dass er sich be-
reits in seiner Jugend mit dem Sozialismus auseinandergesetzt habe: „Un-
sere Familie besuchte oft die Verwandten in der DDR und diskutierte mit
ihnen.“ (Wahl, 7.12.2007: 22). Sein Faible für den Osten habe von Don-
nersmarck dazu gebracht, in St. Petersburg zu studieren und eine Ausbil-
dung als Russischlehrer zu absolvieren. Für seinen Film habe er jahrelang
recherchiert, sich mit ehemaligen Mitarbeitern der Staatssicherheit ebenso
getroffen wie mit ihren Opfern, schließlich sei es ihm um die „innere
Wahrheit der DDR“ gegangen. Von Donnersmarck stellte sich damit als
unbelasteter, junger westdeutscher Regisseur dar, der – leidenschaftlich
nach Wahrheit und Glaubwürdigkeit suchend – jahrelang für den Plot
recherchiert und für den Film gekämpft hatte, um die DDR-Vergangen-
heit differenziert darstellen zu können. Zugleich grenzte er DAS LEBEN
DER ANDEREN explizit von jüngeren Erfolgsfilmen zur Geschichte der
DDR wie SONNENALLEE (1999) und GOOD BYE, LENIN! (2003) ab:
[…] mir ging es nicht darum, eine weitere folkloristische Requisitenschlacht zu
schlagen. Bei mir steht nicht die Spreewaldgurke im Mittelpunkt. Ich bin detail-
30 Lu Seegers

versessen, aber ich will nicht die äußere, sondern die innere Wahrheit der DDR
zeigen (Lichterbeck, 5.12.2004).7
In der Tat spielten Filme wie HELDEN WIE WIR, SONNENALLEE und
GOOD BYE, LENIN! mit den in Ostdeutschland seit Anfang der 1990er
Jahre virulenten Bedürfnissen, die Produkte und Reliquien einer unterge-
gangenen Welt und damit verbundener Lebensgeschichten und -erfah-
rungen zu bewahren. Ostalgie hatte ihren Ursprung in Erinnerungen von
DDR-Bürgern, die sich ihre ostdeutsche Identität nicht zerstören lassen
wollten und auf die Anerkennung ihrer persönlichen Lebensgeschichten
pochten (Berdahl 2002: 477). Seit den späten 1990er Jahren drückte sich
dieser Erinnerungsbedarf auch in Westdeutschland als populärkulturelle
Erinnerungskultur aus z.B. in Form von DDR-Revivalparties und DDR-
Produktläden. Der kultige Umgang mit Trabis, Uniformen, Schlagern und
Alltagsgegenständen entsprach der Eventkultur und wurde schließlich
auch kommerziell verwertet. Es folgte ein Boom an Ausstellungen über
die Produktwelten der DDR. Damit entstand eine neuartige Form der
Geschichtskultur, bei der eine heterogene Palette von Akteuren interagier-
te, die von Forschern über Museen und Privatsammler bis hin zu Me-
dienmachern reichte. Hinzu kam die ebenso akribische wie kritische Erar-
beitung der DDR-Welt durch Forschungsinstitute, Dokumentations-
zentren und Bildungseinrichtungen.
Ende der 1990er Jahre entstanden vor diesem Hintergrund auch erste
filmische Arbeiten (Enns 2007). Die ost-westdeutsche Filmproduktion
SONNENALLEE (Regie: Leander Haussmann, Drehbuch: Thomas Brussig)
reflektierte den Alltag in der DDR in der Ära Honecker und war als Film
über die DDR-Vergangenheit so erfolgreich, so der Historiker Thomas
Lindenberger, weil er aus realistischen und phantastischen Elementen eine
Geschichte konstruiert, in der nicht die DDR, sondern konkrete Men-
schen, in diesem Fall eine Clique siebzehnjähriger Schüler in den noch
„normalen“ 1970er Jahren im Mittelpunkt stehen.8 Die Story von SON-
NENALLEE lebt nicht von vorgestellter Harmonie, sondern von den sys-
temspezifischen Spannungslinien in der DDR-Gesellschaft: des Verhält-
nisses zum Westen und des Verhältnisses zwischen Bürgern und Staat,
aber vor allem auch deren Brechungen durch die Beziehungen zwischen
Generationen und Geschlechtern (Lindenberger 2006: 354-356). Diese
Inszenierung eröffnet Freiräume für das Aufrufen von Erinnerungen an
die Dinge und Erlebnisse, die unbeeinträchtigt von herrschaftlichen Zu-
mutungen positiv erinnert werden können: Rockmusik, die Jugendclique,
_____________
7 Henckel von Donnersmarck Ansprüche im Hinblick auf die Darstellung der ‚inneren
Wahrheit‘ der DDR wurden noch im Jahr 2007 auch in englischen Medien, z.B. im BBC
Radio 4, 14. April 2007 reproduziert (Dale 2007: 157).
8 Die Autorin folgt Lindenberger auch in der weiteren Argumentation.
DAS LEBEN DER ANDEREN 31

das Bestehen der Konflikte mit Autoritäten, die erste Liebe. Als Unterhal-
tungsfilm für ein jugendliches Publikum bot er jungen Menschen aus Ost
und West mehr Gemeinsamkeiten als alten und jungen Menschen.
Noch ungleich breitere Resonanz fand im Jahr 2003 GOOD BYE, LE-
NIN! (Regie: Wolfgang Becker), mittlerweile einer der kommerziell erfolg-
reichsten Filme auch aufgrund seines Erfolgs im Ausland (Lindenberger
2006: 360 ff.). Im Mittelpunkt steht der junge Fernsehmonteur Alex (Da-
niel Brühl), der im Revolutions- und Vereinigungsjahr 1989/90 um das
Leben seiner Mutter (Katrin Sass) kämpft. Am Tag der Republik, dem 7.
Oktober 1989, war die überzeugte Sozialistin zusammengebrochen und
ins Koma gefallen, aus dem sie erst nach der Währungsunion wieder er-
wachte. Um ihre Gesundheit nicht aufs Spiel zu setzen, inszeniert Alex in
der heimischen Berliner Plattenbauwohnung eine künstliche DDR-Welt
mit Spreewaldgurken, sozialistischer Geburtstagsfeier und eigens fabrizier-
ten Sendungen der Aktuellen Kamera, die dem Außendruck der histori-
schen Veränderung letztlich aber doch nicht standzuhalten vermögen. Auf
das Spiel mit den Illusionen gründet sich die Wirkung des Films als Ko-
mödie. Zugleich führt GOOD BYE, LENIN! seine Protagonisten aber auch
in die Auseinandersetzung mit den verschütteten Wahrheiten und Lügen
des eigenen Lebens im Sozialismus und zwingt sie, wie Lindenberger auf-
zeigt, zu einer Thematisierung ihrer eigenen emotionalen, vorpolitischen
Bindung an das System (Lindenberger 2006: 366; vgl. Dale 2007: 165-166).
Der Film spielte mit dem Ostalgie-Motiv und hinterfragte es zugleich kri-
tisch. Dem alltäglichen Leben in der DDR wurde nun erstmals historische
Bedeutsamkeit auch im seriösen Sinne zugestanden, wenn es z.B. Vorfüh-
rungen des Films für Schulklassen gab. Doch durch die nach dem Publi-
kumserfolg des Films im Sommer 2003 einsetzende klamaukige Ostalgie-
Welle im Unterhaltungsfernsehen mit zahlreichen DDR-Shows wurde die
durchaus vorhandene DDR-kritische Grundstimmung von GOOD BYE,
LENIN! an den Rand gedrückt (Kapczynski 2007: 84 f.). Filmkomödien
wie NVA schienen dies zu bestätigen. Die vermeintliche Abgrenzung von
DAS LEBEN DER ANDEREN zu Filmen wie GOOD-BYE, LENIN! beruht
bei näherer Betrachtung also auf einer Chimäre. Dennoch stellt sie eine
von Henckel von Donnersmarck erfolgreich kolportierte und von den
Tageszeitungen und Filmzeitschriften positiv aufgenommene Marketing-
strategie dar, um den Film noch vor seinem Kinostart als die vermeintlich
‚richtige‘, weil ‚ernsthafte‘ Erinnerung an die DDR zu positionieren. Zur
Filmpremiere schrieb beispielsweise Reinhard Mohr in Spiegel Online:
Nach SONNENALLEE, GOOD BYE LENIN, NVA und DER ROTE KAKADU ist DAS
LEBEN DER ANDEREN der erste deutsche Spielfilm, der sich durchgehend ernst-
haft,ohne Trabi-Nostalgie, Spreewaldgurken-Romantik und anderem folkloristi-
schen Klamauk mit dem Kern der 1989 untergegangenen DDR auseinandersetzt
32 Lu Seegers

– der systematischen Einschüchterung, Drangsalierung und Unterdrückung ihrer


Bürger im Namen der Staatssicherheit. (Mohr, 15.2.2006)
Hilfreich für die PR-Strategie war ferner, dass DAS LEBEN DER ANDEREN
bereits vor seiner Veröffentlichung vier Bayerische Filmpreise sowie das
Prädikat „Besonders wertvoll“ von der in Wiesbaden ansässigen Filmbe-
wertungsstelle erhalten hatte (Löser 2006a: 63).

4. Beglaubigung durch Politik und Erinnerungsautoritäten


Ein weiterer bedeutsamer Faktor für die Rezeption von DAS LEBEN DER
ANDEREN war, dass der Film von der Seite der Bundespolitik und von
der politischen Bildung sowie von maßgeblichen ‚Erinnerungszeugen‘ aus
der DDR als der Erinnerungsfilm an die DDR beglaubigt wurde. Am 14.
März 2006 lud Kulturstaatsminister Bernd Neumann die Mitglieder des
Bundestags zu einer Vorabpremiere des Films ein, an der unter anderem
der Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD), der letzte Außenminis-
ter der DDR Markus Meckel (SPD), der Vorsitzende des Auswärtigen
Ausschusses Ulrich Klose (SPD) sowie die Bildungsministerin Annette
Schawahn (CDU) teilnahmen (Kurt/Mösken, 15.3.2006: 24). In einer kur-
zen Ansprache bezeichnete Neumann DAS LEBEN DER ANDEREN als
einen „phantastischen Film, der sehr emotional die jüngste deutsche Ge-
schichte“ darstellt. Vor ihm hatten das Privileg der Vorabpremiere für die
politische Prima Vista nur GOOD BYE, LENIN! und DAS WUNDER VON
BERN erhalten. Kulturstaatsminister Neumann empfahl dementsprechend
den Besuch des Films für Schulklassen (Behrens, 16.3.2006). Solche Phä-
nomene sind einerseits Ausdruck, andererseits aber auch Promoter von
erinnerungskultureller Relevanz. Letztere wurde verstärkt durch das um-
fangreiche Informations- und Unterrichtsmaterial zum Film, das in Form
eines Filmhefts von der Bundeszentrale für politische Bildung seit dem
Filmstart angeboten wird und das DAS LEBEN DER ANDEREN ins Zent-
rum der schulischen – und auch schulisch kanonisierten – DDR- und
Stasi-Erinnerung stellt (Filmheft 2006).9
Medial beglaubigt wurde der Film darüber hinaus von maßgeblichen
Erinnerungsautoritäten der DDR. Unmittelbar nach der Vorabpremiere
erschien im Stern ein Artikel des Gründers des Neuen Forums und ehemali-
gen Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen, Joachim Gauck, der die
Qualität des Films und seinen hohen Wiedererkennungswert lobte:
Ich bin im Kino, ich kenne, was ich sehe. Ja, sage ich, so war es. Wenn das ge-
schieht, wird es normalerweise nostalgisch. Aber jetzt: keine Nostalgie – nirgends,
_____________
9 Das Filmheft Das Leben der Anderen erschien am 23. März 2006 am Tag des Kinostarts.
DAS LEBEN DER ANDEREN 33

kein Erinnern also, das ohne Schmerz auskommt. Der Film heißt DAS LEBEN
DER ANDEREN, für mich könnte er auch heißen DAS ANDERE LEBEN, das näm-
lich, was wir verlassen haben, als wir die DDR endlich los waren. (Gauck,
16.3.2006)
Zwar konzidierte Gauck, dass einige Freunde den Film nicht mochten,
weil ihnen kein Stasi-Offizier bekannt sei, der sich vom Verfolger zu ei-
nem Helfer gewandelt habe. Doch sei DAS LEBEN DER ANDEREN eben
keine zeitgeschichtliche Dokumentation, sondern ein Spielfilm, der freier
mit der Geschichte umgehen dürfe. Ähnlich positiv äußerte sich Wolf
Biermann in einem Artikel, der am 22. März – einen Tag vor dem Kino-
start – in der Tageszeitung Die Welt unter dem Titel „Die Gespenster tre-
ten aus dem Schatten“ erschien (Biermann, 22.3.2006). Biermann be-
schreibt, dass er den Film gemeinsam mit der Bundesbeauftragten für die
Stasi-Unterlagen, Marianne Birthler, sowie mit fünf befreundeten
„schmerzgeprüften Knastkennern“ des DDR-Regimes vorab gesehen
habe. Er konzidiert einige historische Ungenauigkeiten. So hätte sich die
Staatssicherheit nie von einem Kulturfunktionär zweckentfremden lassen,
schon gar nicht für die erotischen Wünsche eines Ministers. Außerdem
seien nur oppositionelle Schriftsteller derart intensiv bespitzelt worden,
keinesfalls aber systemkonforme. Die Wandlung Wieslers sei ebenfalls
fragwürdig. Dennoch kommt Biermann zu dem Schluss: „Der politische
Sound ist authentisch, der Plot hat mich bewegt.“ (Biermann, 22.3.2006).
Der Besorgnis, dass Täter wie Erich Mielke und Markus Wolf „historisch
weich gewaschen“ werden, stellt er die Visualisierung der Schreibtischtäter
des MfS, wie sie in Grubitz personifiziert seien, positiv gegenüber, die ihre
Schuld nie eingesehen hätten und heute Rente vom Staat bezögen. „Solch
geschichtslosen Kanaillen leiht das Kunstwerk die Gesichtszüge des
Schauspielers aus, in denen ich nun lesen kann.“ (Biermann, 22.3.2006).
Das Wort von Biermann, der als oppositioneller Liedermacher und wegen
seiner Ausbürgerung 1976 als das wohl prominenteste Opfer von DDR-
Willkür angesehen wird, hatte für die Rezeption des Films im Erinne-
rungsdiskurs durchaus Gewicht, zumal er, wie Gauck, dem Film Authen-
tizität bescheinigt. Gauck und Biermann gelten in der bundesrepublikani-
schen Öffentlichkeit aufgrund ihrer Biographien als Garanten für die
‚richtige‘ Erinnerung an die DDR.
Vor diesem Hintergrund erschienen vor allem in den großen überre-
gionalen Zeitungen und Magazinen sowie in Radiobesprechungen lobende
Kritiken über den Film, die sich zumeist ebenfalls auf die Authentizität
des Fiktiven bezogen. DAS LEBEN DER ANDEREN sei zwar eine fiktive
Geschichte, so Harald Pauli im Focus-Magazin, doch sei der Film eine ü-
berzeugende Verdichtung (Pauli, 20.3.2006). Auch Jörg Malke vom Ham-
burger Abendblatt empfahl den Film, den er als „durchaus dokumentarische
34 Lu Seegers

Mischung von Politthriller und Liebesgeschichte“ charakterisierte, nach-


drücklich, weil er die Mechanismen der Macht offen lege (Malke,
23.3.2006; vgl. Finger, 23.3.2006; Gansera, 23.3.2006).

5. DAS LEBEN DER ANDEREN als Vergangenheitsbewältigung?


In zum Teil geradezu euphorischen Artikeln wurde nicht nur die Glaub-
würdigkeit des Films sondern auch sein Wert als wichtiger Beitrag zur
Aufarbeitung der DDR beschworen. So sei die DDR in dem Film, wie es
im Spiegel hieß, als „nackter Horror“ noch einmal zurückgekehrt, um
„endgültig bewältigt“ zu werden (Beier/Matussek/Herwig, 20.3.2006:
172). Sinngemäß übernommen wurde dabei eine Äußerung von Mühe, der
in einem Interview in der selben Ausgabe gesagt hatte, dass der Film den
Opfern der Staatssicherheit die Möglichkeit gebe, sich noch einmal mit
dem System zu konfrontieren, um dann mit ihm abschließen zu können
(Beier/Matussek/Herwig, 20.3.2006: 172). Besonders begeistert in diesem
Tenor waren die Kommentare in den Zeitungen des Axel Springer Ver-
lags. Beispielsweise schrieb Marco Schmidt in der Hamburger Morgenpost:
Bewunderswert, wie souverän er [Henckel von Donnersmarck, L.S.] sämtliche
Klischees umschifft, wie schlüssig er die Mechanismen des Überwachungsappa-
rats entlarvt, wie einfühlsam er ein Klima von Angst und Unterdrückung, von
Misstrauen und Einsamkeit schildert. So gelingt ihm, dem Regie-Debütanten aus
demWesten, die längst fällige Kino-Aufarbeitung der Stasi-Vergangenheit. Dabei
ist DAS LEBEN DER ANDEREN keine dröge Geschichtslektion, sondern ein emo-
tional packender Film. (Schmidt, 23.3.2006)
Peter Zander lobte in der Berliner Morgenpost, dass DAS LEBEN DER AN-
DEREN der erste große Kinofilm zum Thema Stasi sei und gerade die
Konversion des Protagonisten ‚vom Saulus zum Paulus‘ die persönliche
Verantwortung des Einzelnen auch und gerade in der Diktatur zeige
(Zander, 23.3.2006).
In der Tat erhielt DAS LEBEN DER ANDEREN eine besondere aktuelle
Relevanz durch eine Podiumsdiskussion am 14. März 2006 in der Berliner
Gedenkstätte Hohenschönhausen anlässlich der geplanten Aufstellung
von vier Hinweistafeln im früheren Stasisperrgebiet Hohenschönhausen
in Lichtenberg. Zum Eklat kam es, weil 200 ehemalige Stasioffiziere er-
schienen waren, von denen einige das Wort ergriffen und die Gedenkstät-
te Hohenschönhausen als „Gruselkabinett“ verunglimpften. Insbesondere
der langjährige Leiter der zentralen MfS-Untersuchungshaftanstalt I in
Hohenschönhausen, Siegfried Ratiazik, diffamierte einstige Haftinsassen,
die sich selbst als Opfer stilisieren und die ehemaligen Mitarbeiter der
Staatssicherheit fälschlicherweise zu Tätern erklären würden. Ratiazik und
DAS LEBEN DER ANDEREN 35

andere waren bereits zuvor durch die Veröffentlichung von pamphleti-


schen Rechtfertigungssschriften auffällig geworden (Fricke 2006: 490 f.).
Daraufhin waren Rücktrittsforderungen gegenüber dem zuständigen Kul-
tursenator Flierl (PDS) laut geworden, weil er sich bei der Podiumsdiskus-
sion nicht eindeutig von den Provokationen distanziert habe.

6. Kinomärchen und Konsensfilm: die Kritiker


Nachdem DAS LEBEN DER ANDEREN durch die gewonnen Preise und die
Beglaubigungen von mit Erinnerungsautorität ausgestatteten Zeitzeugen
mit großen Vorschusslorbeeren und flankiert von positiven Besprechun-
gen gestartet war, gab es zunächst nur einige wenige Kritiken zumeist in
eher linksliberalen Tageszeitungen, die die Kontextualisierung des Films
sowie den Geltungsanspruch der von Donnersmarck vermittelten Erinne-
rung an die DDR und die Staatssicherheit hinterfragten. So stellte Anke
Westphal in der Berliner Zeitung fest, dass der Film mitnichten Sensations-
wert beanspruchen könne, weil das Thema Stasi bereits facettenreich im
Medium Film aufgearbeitet worden sei (Westphal, 22.3.2006: 29).
In der Tat war die Beschäftigung mit der Stasi im deutschen Spielfilm
keineswegs neu. Seit den frühen 1990er Jahren hatte es immer wieder Fil-
me zu diesem Thema gegeben, parallel zur geschichtspolitischen Aufarbei-
tung der DDR in Wissenschaft und Medien. Allerdings suchten einige der
Filme, folgt man dem Filmpublizisten Ralf Schenk, die Gefährlichkeit der
Staatssicherheit dadurch zu belegen, dass die Protagonisten möglichst
brutal und hinterhältig vorgeführt wurden. So hatte etwa die westdeutsche
Regisseurin Margarethe von Trotta die Stasi-Figur in ihrer Ost-West-
Tragödie DAS VERSPRECHEN (1995) mit Hark Bohm besetzt, „der einen
Bilderbuch-Schurken mit schneidender Stimme und zusammengekniffe-
nen Augen ablieferte“ (Schenk 2005: 35). Differenzierter näherte sich der
Spielfilm DIE STILLE NACH DEM SCHLUSS, eine ost-westdeutsche Ge-
meinschaftsproduktion von Volker Schlöndorff und Wolfgang Kohlhaase
aus dem Jahr 2000 der Staatssicherheit an. Darin geht es um Mitglieder
der RAF-Fraktion, die in der DDR mit Hilfe der Stasi Unterschlupf fan-
den. Dabei wird ein Stasi-Offizier porträtiert als Rad am Getriebe einer
übertriebenen Sicherheitsdoktrin, der nach anfänglicher innerer Überzeu-
gung schließlich mit einigen Zweifeln agiert (Schenk 2005: 36). Der Film
WIE FEUER UND FLAMME (2001) von Connie Walther zeigte anhand der
Verfolgung von Punks in der DDR, dass es genügte, einen vom staatli-
chen Dogma abweichenden Lebensstil zu pflegen, um den Unwillen und
den Tatendrang der Staatssicherheit zu aktivieren. WIE FEUER UND
FLAMME war ein fiktiver Versuch, die Tiefe der Ideologie der Staatssi-
36 Lu Seegers

cherheit ernst zu nehmen. Das gleiche Ziel verfolgte in dokumentarischer


Form der Film MINISTERIUM FÜR STAATSSICHERHEIT – ALLTAG EINER
BEHÖRDE von Jan Lorenzen und Christian Klemke aus dem Jahr 2003,
der die Mentalität der Angehörigen der Stasi schildert.
Ferner weist Westphal daraufhin, dass in DAS LEBEN DER ANDEREN
der ideologische Kern der Staatssicherheit auf das Private reduziert werde,
da es nur um die Überwachung eines Kontrahenten aus einem sexuellen
Motiv heraus gehe (Westphal, 22.3.2006: 29). Die Story verkomme da-
durch zu einer „Hintertreppen-Intrige“, wie Claus Löser es in der Taz
formulierte (Löser, 22.3.2006). Durch die Mischung von behaupteter Ge-
schichtsbeschreibung und Kolportagehaftigkeit verschenke der Film sein
Potential als Beitrag zu einer Analyse der zweiten deutschen Diktatur.
Kritik an der Verharmlosung der Staatssicherheit wurde auch von dem
Leiter der Gedenkstätte Hohenschönhausen, Hubertus Knabe in der Pres-
se geäußert. Deshalb habe er von Donnersmarck die Drehgenehmigung in
der Gedenkstätte verweigert (Olbert, 7.4.2006).
Besprechungen in wissenschaftlichen Fachzeitschriften bezogen sich
auf die historische Kontextualisierung des Films sowie auf den Realitäts-
gehalt der Darstellung der Staatssicherheit im Film. Die wohl dezidierteste
Kritik in dieser Hinsicht formulierte der Historiker und Stasi-Experte,
Jens Gieseke, für das Internetportal Zeitgeschichte Online im April 2006
(Gieseke 2006). Gieseke machte deutlich, dass die Funktionen von
Hauptmann Gert Wiesler als Verhörexperte, Dozent und Berichtsverfas-
ser im arbeitsteiligen Apparat des Ministeriums für Staatssicherheit auf
zahlreiche Personen und Abteilungen verteilt gewesen waren. Das Abhö-
ren von Wohnungen und die Verschriftlichung der Berichte sei stets von
verschiedenen Mitarbeitern durchgeführt worden. Auch sei die Wandlung
Wieslers zum heimlichen Schutzpatron der Künstler und Intellektuellen,
in dessen emotionalen und intellektuellen Sog er geriet, kaum überzeu-
gend. Zum einen hatten Aussteiger der Staatssicherheit mit erheblich
schwereren Strafen als mit der Versetzung in eine Poststelle zu rechnen,
wie die Verurteilungen zum Tode und anschließenden Hinrichtungen von
Teske und Trebeljahr in den frühen 1980er Jahren zeigen. Zum anderen
umgehe der Film die real vorhandene tiefgreifende kulturelle Differenz
zwischen der kleinbürgerlich-autoritären Behaglichkeit der Mitglieder der
Staatssicherheit – oft waren ganze Familien beim MfS tätig – und der
schillernden Künstlerszene, indem er Wieslers persönliche Lebenswelt auf
eine fast leere Plattenbauwohnung und die Absurdität einer hauseigenen
Stasi-Prostituierten reduziere. Ferner kritisiert Gieseke den im Film darge-
stellten Kontrast von negativ konnotierten Karrieristen wie Grubitz einer-
seits und letztlich sympathischen, weil mit einem guten Kern ausgestatte-
ten Idealisten wie Wiesler andererseits. In Wirklichkeit hätten den
DAS LEBEN DER ANDEREN 37

Zynikern der Macht sehr wohl Idealisten gegenüber gestanden, die aller-
dings mitnichten zu oppositionellen Künstlern und Intellektuellen überlie-
fen, sondern in den 1980er Jahren, als das System zu erodieren begann,
ein härteres Durchgreifen forderten und dies zum Teil auch eigenmächtig
durchsetzten. Trotz der Beglaubigungen des Films durch Biermann und
andere sei DAS LEBEN DER ANDEREN durch die Inszenierung einer gefäl-
ligen Geschichte deshalb kein Anstoß für eine neue Debatte über die
Staatssicherheit.
Diese Meinung teilte auch Rainer Eckert, Leiter des Zeitgeschicht-
lichen Forums in Leipzig. In der Fachzeitschrift Deutschlandarchiv bezeich-
nete er den Film als „historisches Märchen“ (Eckert, 2006: 500). Der Re-
gisseur Günter Jeschonnek dekonstruierte im selben Heft die Marketing-
und Feuilletonstrategien, mit denen DAS LEBEN DER ANDEREN als Erin-
nerungsfilm positioniert worden war (Jeschonnek 2006, 501-503 vgl. Lö-
ser 2006: 63-64.). Für die Opfer der Staatssicherheit müsse der Film wie
ein Schlag ins Gesicht wirken. Henckel von Donnersmarck entlasse die
Zuschauer mit einer Lüge und suggeriere zugleich das Vergangenheitsbe-
wältigung in zwei Stunden möglich sei (Jeschonnek 2006: 503).
Auch in der Tagespresse wurde der Stellenwert des Films im Hinblick
auf die Aufarbeitung der Vergangenheit durchaus kritisch diskutiert. Dies
geschah nicht zuletzt vor dem Hintergrund einer Aktuellen Stunde im
Bundestag zu den öffentlichen Auftritten ehemaliger Stasikader sowie in
Zusammenhang mit elf Nominierungen, die DAS LEBEN DER ANDEREN
im April für den Deutschen Filmpreis erhielt. In der Frankfurter Allgemeinen
Sonntagszeitung hatte Peter Körte schon am 19. März DAS LEBEN DER
ANDEREN als einen „Konsensfilm“ bezeichnet, der nicht weh tue, weil er
Einverständnis organisiere und mit dem Motiv des guten Stasi-Menschen
ein weit verbreitetes Entlastungsbedürfnis bediene (Körte, 19.3.2006: 27).
Jan Schulz-Ojala ging in einem Artikel im Tagesspiegel noch weiter, wenn er
DAS LEBEN DER ANDEREN ähnlich wie DER UNTERGANG (2004, Regie:
Oliver Hirschbiegel, Constantin Film) als Film bezeichnete, der „die gro-
ßen und kleinen Täter als Opfer inszeniert“. Der Konversionstopos in
DAS LEBEN DER ANDEREN verwandele einen Täter in eine tragische Fi-
gur, die selbst als bloßes Opfer der Verhältnisse dargestellt werde (Schulz-
Ojala, 22.3.2006: 25).
Weitere Kritiken folgten vor dem Hintergrund einer Aktuellen Stunde
im Bundestag zu den öffentlichen Auftritten ehemaliger Stasikader sowie
in Zusammenhang mit elf Nominierungen, die DAS LEBEN DER ANDE-
REN im April für den Deutschen Filmpreis erhielt. In der Schweizer Neuen
Zürcher Zeitung erschien im August eine differenzierte Kritik, die unter an-
derem die Stilisierung des Hauptprotagonisten Wiesler zum Helden durch
seine Verewigung in Dreymanns Buch kritisierte. Mit solch einer Verblen-
38 Lu Seegers

dung gebe der Film den aktuell wieder auflebenden „geschichtsrevisionis-


tischen Gelüsten alter Stasi-Kader Rückenwind“. Darüber sollte nachden-
ken, so die Autorin Claudia Schwartz weiter, „wer beim nächsten Mal
einem mit historischer Genauigkeit gezeichneten Film wie GOOD BYE,
LENIN! sein kleines Spreewaldgurkenglück vorwirft.“ (Schwartz, 18.8.
2006).

7. DAS LEBEN DER ANDEREN und die Gedenkpolitik


Das Für und Wider um DAS LEBEN DER ANDEREN ist im Kontext einer
größeren Debatte zu verorten, in der seit dem Fall der Mauer verschiede-
ne Erinnerungsinstanzen um die ‚richtige Erinnerung‘ an die DDR ringen.
Denn der Film traf auf zwei unterschiedlich geprägte Erinnerungskultu-
ren. Während die Geschichte der alten Bundesrepublik als ‚Erfolgsge-
schichte‘ einer geglückten Demokratie erzählt wird, ist die ostdeutsche
Erinnerungskultur von der Erfahrung eines radikalen Bruchs geprägt.
Nach wie vor gibt es zu zentralen Fragen der Einordnung und Bewertung
der DDR keinen Erinnerungskonsens (Steinle 2008). So bildete DAS LE-
BEN DER ANDEREN den Anlass, die bisherige Wissenschafts-, Erinne-
rungs- und Gedenkpolitik bezüglich der DDR-Vergangenheit und ihre
Resonanz beim Publikum Revue passieren zu lassen. Der Historiker und
Publizist Stefan Wolle stellte im Deutschlandarchiv fest, dass nach einer seit
16 Jahren währenden Aufarbeitung, Musealisierung und Historisierung der
Staatssicherheit erst ein Film „voller großer Unwahrscheinlichkeiten und
sachlicher Schnitzer“ kommen musste, um die bundesrepublikanische
Öffentlichkeit anhaltend zu beschäftigen. Dies weise darauf hin, dass der
Film einen „unsichtbaren Nerv“ getroffen habe, weil er zeige, dass zwi-
schen dem Alltag und dem Stasi-System keine Grenze verlief, sondern im
Gegenteil der Überwachungs- und Repressionsapparat tief in das Leben
der Menschen eingriff (Wolle 2006: 498). Wolle sprach sich damit indirekt
für die stärkere Verschränkung von Herrschaft und Gesellschaft in der
offiziellen Erinnerungskultur bezüglich der DDR aus und meinte damit
die stärkere Verbindung zweier Bereiche, die bislang vor allem in der Ge-
denkpolitik künstlich getrennt worden waren.
Nach dem Zusammenbruch der DDR hatte sich in der ostdeutschen
Geschichtskultur relativ schnell ein Konsens gebildet, den Politik, Medien,
Geschichtswissenschaft und die eher rechtskonservativen Fraktionen der
Bürgerrechtler teilten (Mühlberg 2002: 227). Der ostdeutsche Realsozia-
lismus wurde ausschließlich ausgrenzend und die DDR als rechtskräftig
beendetes Kapitel Feindgeschichte behandelt, wobei überkommene Tota-
litarismustheorien, mit denen die zweite deutsche Diktatur direkt mit dem
DAS LEBEN DER ANDEREN 39

Nationalsozialismus verglichen wurde, an Boden gewannen (Mühlberg


2002: 220). In der zeithistorischen Forschung wurde vor allem Anfang der
1990er Jahre das politische System sowie der Repressions- und Unterdrü-
ckungsapparat der DDR untersucht. In der Öffentlichkeit etablierte sich
ein auf Delegitimierung der DDR gerichtetes Erinnerungsnarrativ, das auf
die politische Gegnerschaft zum SED-Regime und auf die friedliche Re-
volution vom Herbst 1989 abhebt und den gedenkpolitischen Umgang
mit der SED-Diktatur in der Öffentlichkeit bis heute prägt (Sabrow
2007a: 20f). Die relegitimierende Gegenerzählung, die das Scheitern des
sozialistischen Experiments infolge des politischen Anschlusses an die
Bundesrepublik betont, gehört zu einer Erinnerungsgemeinschaft, die sich
weitgehend in der PDS sammelt und nur gelegentlich öffentlich zu Tage
trat. Zu ihr sind allerdings auch ehemalige Mitarbeiter der Staatssicherheit
zu zählen.
Dietrich Mühlberg wies darauf hin, dass weder die offiziellen, primär
westlich geprägten Großdeutungen der DDR (‚zweite deutsche Diktatur‘)
noch die relegitimierende Gegenerzählung einen Rückhalt im lebensweltli-
chen Erinnern der ostdeutschen Bevölkerung fand. Für viele Ostdeutsche
bedeutete dies, dass ein großer Teil ihrer Erfahrungen und Lebensge-
schichten keinerlei Beachtung im öffentlichen kommunikativen Gedächt-
nis fand und sich mehrheitlich zerstreute Erinnerungsgemeinschaften
bildeten (Mühlberg 2002: 221). Hier sei vielmehr, so Martin Sabrow, eine
dritte Geschichtserzählung relevant, die die lebensgeschichtliche Selbstbe-
hauptung unter nicht selbst gewählten Umständen und wenig beeinfluss-
baren Veränderungen in den Mittelpunkt stelle (Sabrow 2007a: 20). Hier
habe auch die Ostalgie in den Erinnerungen ehemaliger DDR-Bürger ih-
ren Ursprung. Ostalgie konnte entstehen, weil, wie Thomas Ahbe es for-
muliert, „eine professionelle, medial wirksame Aufarbeitung der DDR, die
nicht stigmatisierend ist, die zu differenzieren, abzuwägen und an den
Alltagserfahrungen der Leute anzuknüpfen vermag, nicht stattfand“(zit.
nach Mühlberg 2002: 227). Erst ab Mitte der 1990er Jahre entstanden
Studien zur Alltags- und Sozialgeschichte der DDR, die die Verschrän-
kung von Herrschaft und Alltag in der DDR dezidiert untersuchten. Diese
Arbeiten wurden maßgeblich durch das Zentrum für Zeithistorische For-
schungen (ZZF) vorangetrieben und waren zunächst innerhalb der Zunft
der Historiker umstritten. In die offizielle Gedenkpolitik und insbesonde-
re in die öffentliche Aufarbeitung der Staatssicherheit fanden sie lange
Zeit kaum bis keinen Eingang, obgleich immer deutlicher wurde, dass die
offiziellen Riten der Gedenkveranstaltungen insbesondere ostdeutsche
junge Menschen nicht anzusprechen vermochten. Darin zeigt sich die
generelle Kluft zwischen Zeitgeschichte als Wissenschaft auf der einen
Seite und der institutionalisierten Gedenkkultur auf der anderen Seite.
40 Lu Seegers

Während die Wissenschaft eher kognitiv-analytisch ausgerichtet ist, geht


es bei Letzterer eher um die auch emotional adäquate Vermittlung be-
stimmter politischer, ästhetischer und konventioneller Gedenkformen.
Vor diesem Hintergrund – DAS LEBEN DER ANDEREN war seit sechs
Wochen in den Kinos – wurden die am 15. Mai 2006 veröffentlichten
Ergebnisse einer Expertenkommission über die öffentliche Gedenkkultur
und die Zukunft der Aufarbeitung der DDR kontrovers diskutiert.10 Die
Kommission beklagte, dass Alltag und Widerstand der diktaturunterwor-
fenen Bevölkerung der DDR bei der Präsentation der DDR-Geschichte in
den Gedenkstätten weitgehend ausgespart worden seien. Demzufolge riet
die Kommission dazu, den Gedenkstätten einen eigenständigen Aufarbei-
tungsschwerpunkt zuzufügen, um in Form eines Museums als Erinne-
rungsort des Widerstands die feinen Mechanismen der täglichen Regime-
behauptung ebenso wie die täglichen Chancen der Verweigerung und
Zustimmung begreifbar zu machen (Sabrow 2007: 30 ff.). Theoretisch und
konzeptionell wurde dieser Ansatz in einem Dreisäulenmodell unter den
Stichworten Herrschaft – Gesellschaft – Widerstand gefasst (Sabrow
2007: 33 ff.) Damit hoffte die Kommission, die Kluft zwischen zeithistori-
scher Forschung und öffentlicher Erinnerungskultur zu schließen.
(Sabrow 2007: 388).
In einer öffentlichen Anhörung zu den Empfehlungen der Kommissi-
on im Bundestag am 6. Juni 2006 kritisierte insbesondere der Leiter des in
München ansässigen Instituts für Zeitgeschichte (IfZ), Horst Möller, die-
sen Ansatz. Ein publizistischer Schlagabtausch in Fachzeitschriften und
Tageszeitungen folgte.11 Wesentliche Kritikpunkte entzündeten sich vor
allem an der von der Kommission empfohlenen Berücksichtigung der
positiven Bindekräfte in der DDR, die nach Meinung des Leiters der Ge-
denkstätte Hohenschönhausen, Hubertus Knabe, zu einer „Weichzeich-
nung“ der Diktatur im Sinne einer staatlich geförderten Ostalgie und Re-
legitimierung der DDR geraten könne (Knabe, 8.5.2006). Ein Kommen-
tator der Welt am Sonntag sah die Kommission gar eng an der Seite von Ex-
Stasi-Offizieren und Ewiggestrigen, die mit gezielten Angriffen gegen
Historiker, Gedenkstätten und ehemalige Dissidenten die Geschichte um-
zudeuten suchten (Sabrow 2007: 386). Solche Stellungnahmen, so be-
fürchtete Sabrow, führten zurück zu einseitig polarisierenden, ideologisch
_____________
10 Die Expertenkommission zur Schaffung eines Geschichtsverbundes „Aufarbeitung der
SED-Diktatur“ war im Jahr 2005 noch zur Zeit der rot-grünen Bundesregierung unter dem
Vorsitz des Direktors des Zentrums für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF), Martin
Sabrow, eingesetzt worden und bestand aus Historikern, ehemaligen Bürgerrechtlern sowie
Leitern von Gedenkstätten und Museen. Die Empfehlungen und die Debatte sind in Form
eines Buches dokumentiert (Sabrow/Eckert 2007).
11 Dabei wurde unter anderem kritisiert, dass die Expertenkommission nicht ausgewogen
besetzt worden sei und ‚konservative‘ Historiker fehlten.
DAS LEBEN DER ANDEREN 41

aufgeladenen Positionen, die die produktive Annäherung von Zeitge-


schichtsforschung und öffentlicher Erinnerungskultur revidieren würde
(Sabrow 2007: 386). Denn gerade eine Erinnerungspolitik, die sich der
kommunikativen Erinnerung an die gelebte DDR verweigere und die
40jährige Diktaturvergangenheit auf ihre menschenverachtende Brutalität
reduziere, stehe in der Gefahr, ihre Adressaten an die wirklichen Weich-
zeichner des SED-Regimes und Propagandisten einer versonnenen Ver-
gangenheit zu verlieren (Sabrow 2007: 404).
Befürworter der Empfehlungen, zu denen auch Birthler gehörte, be-
tonten, dass man die DDR nicht auf Täter und Opfer reduzieren dürfe
und zogen dazu auch den Film DAS LEBEN DER ANDEREN als Beispiel
heran. So hält es der Theologe und Bürgerrechtler Richard Schröder für
wichtig, auch dem Alltag in der Diktatur im Gedenken Raum zu schaffen.
Es gehe darum, auch das ganz normale, unerfreuliche Leben in der Dikta-
tur zu betrachten und ambivalente Erfahrungen von Mitmachen und frei-
willigem Zwang zu berücksichtigen. Dazu leiste der Film DAS LEBEN DER
ANDEREN einen Beitrag, weil er das Leben in der Diktatur atmosphärisch
wesentlich dichter zeige, als dies Gedenkstätten momentan täten (Rein-
ecke, 8.6.2006: 11). Der Politiker Markus Meckel beklagte in der Schweriner
Volkszeitung, dass die DDR in ihrer wechselseitigen Durchdringung von
Alltag und Repression auch im Schulunterricht praktisch nicht vorkomme,
weswegen dem Film DAS LEBEN DER ANDEREN eine besondere Bedeu-
tung zukäme (o.V., Schweriner Volkszeitung, 16.5.2006). Auch bekannte
Zeithistoriker wie Ulrich Herbert und Lutz Niethammer, die die Empfeh-
lungen der Komission begrüßten, bezogen den Film DAS LEBEN DER
ANDEREN in ihre Argumentation mit ein. Ulrich Herbert von der Univer-
sität Freiburg meinte, dass der Film das Bedürfnis in der Gesellschaft re-
flektiere, sich 16 Jahre nach der Wende noch einmal öffentlich mit dem
Thema der Staatssicherheit im Alltag auseinanderzusetzen, um die viel-
schichtige „Durchherrschung“ der DDR-Gesellschaft aufzuzeigen (o.V.,
Tagesspiegel, 16.5.2006). Niethammer, Emeritus an der Universität Jena,
kritisierte, dass die bisherige Debatte insbesondere zur Staatssicherheit
stark personalisiert und von Schwarz-Weiß-Gegensätzen geprägt worden
sei (Reinecke, 12.5.2006: 4). Niethammer bezog sich dabei indirekt positiv
auf jüngste zeitgeschichtliche Ansätze, stärker die Präsenz der Stasi im
Alltag der DDR als soziale Interaktion zwischen Herrschern und Be-
herrschten zu untersuchen (Gieseke 2007: 8). Auch im Sinne der Exper-
tenkommission plädierte er dafür, die Mitarbeiter der Staatssicherheit als
sozial und kulturell geprägte Gruppe eines Apparates zu verstehen. Es sei
falsch und zu simpel, in den Stasi-Leuten nur Marionetten des Regimes zu
sehen. Die Wandlung von Hauptmann Wiesler interpretierte Niethammer
denn auch nicht als Entschuldigung, sondern vielmehr als Anstoß zu ei-
42 Lu Seegers

nem Verantwortungsdiskurs. Sie zeige, dass im Apparat der Staatssicher-


heit auch moralische Entscheidungen möglich waren. Meckel, Herbert
und Niethammer vertraten damit eine allgemeine Position zum Thema
Spielfilm und Zeitgeschichte, die eher den Nutzen von DAS LEBEN DER
ANDEREN und damit eine Position vertraten, die die ‚Gewinnerwartung‘
des Films trotz seiner vereinfachenden und verharmlosenden Tendenzen
für die nachgeborenen Generationen ohne eigene Primärerfahrungen der
Zeit betonte. Die Debatte um die Vorschläge der Expertenkommission
diente damit nicht nur ebenso der Reaktualisierung des Films DAS LEBEN
DER ANDEREN wie die zahlreichen Nominierungen und Preisverleihun-
gen. Sie zeigt auch, wie der Film als Medium der Erinnerung zugleich zu
einer Projektionsfläche avancierte, um widerstreitende Positionen an ihm
festzumachen.

8. Der Oscar oder Triumph im Erinnerungsstreit


Die im Februar 2007 nochmals erschienene DVD zum Film nutzte Hen-
ckel von Donnersmarck nicht zuletzt, um der Kritik an DAS LEBEN DER
ANDEREN entgegenzutreten. In einem Kommentar rechtfertigte der Zeit-
historiker und wissenschaftliche Berater des Films, Wilke, noch einmal die
Wandlung von Wiesler zum Aussteiger mit den historischen Fällen von
Teske und Trebeljahr. In seinem Audiokommentar zum Film warf Hen-
ckel von Donnersmarck Kritikern des Films mangelndes Fachwissen vor,
während er die breite Palette seiner eigenen Recherche – von der Sichtung
von Schulungsfilmen der Staatssicherheit bis zu Gesprächen mit Tätern
und Opfern – noch einmal sorgsam benannte. So hätte im Film z.B. der
Minister für Kultur, Hempf, durchaus realistisch der Staatssicherheit einen
Auftrag zur Observation des Liebesrivalen geben können aufgrund seiner
Personalunion als Mitglied des ZK der SED. Ferner berichtete er von
einer gemeinsamen Promotionstour mit Mühe in Ostdeutschland, wobei
er die positiven Reaktionen des Publikums als Beleg dafür zitierte, dass
der Film genau die Erinnerungen der Menschen an die DDR wiedergebe.
Als Zeugen der Glaubwürdigkeit des Films benannte von Donnersmarck
weitere Darsteller der Produktion: neben Thomas, Thieme, Volkmar
Kleinert, der Jerska verkörperte, und Bauer, der den Journalisten Hauser
spielte. Mühe wiederum beglaubigte den Film noch einmal als Zeitzeuge
mit seinem Audiokommentar, indem er aus persönlichen Erfahrungen in
der Künstlerszene der DDR berichtete. Auch rechtfertigte er die Filmsto-
ry, indem er selbst der Kunst ein großes menschliches Veränderungspo-
tential zuschrieb. Indirekt sprach er auch den Fall Gröllmann an, wenn er
DAS LEBEN DER ANDEREN 43

sich über die deutsche Rechtsprechung beklagte, die der Veröffentlichung


von Informationen aus Stasiakten entgegenstehe.
Der Gewinn des Oscars im Februar 2007 stellte dann den abschlie-
ßenden Höhepunkt in der publizistischen Beachtung von DAS LEBEN
DER ANDEREN als Erinnerungsfilm dar. Henckel von Donnersmarck
hatte den Film nach seiner Nominierung für den Oscar in den USA wo-
chenlang in Interviews und bei Filmvorführungen promotet (Beier,
12.2.2006: 168). Nach der Preisvergabe avancierte der Film, wie Stellung-
nahmen aus Presse, politischer Bildung und Politik zeigen, zu einem Ve-
hikel für die Darstellung einer beispielhaften deutschen ‚Vergangenheits-
bewältigung‘ auf internationalem Parkett. Birthler sah in dem Oscar nicht
nur einen „aufarbeitungspolitischen Erfolg“, sondern auch ein Zeichen
dafür, „dass die Ära des Kommunismus kein geschichtliches Randthema
ist“, wie es in einer Presseerklärung der Bundesbeauftragten für die Stasi-
unterlagen (BStU) hieß (Birthler, 26.2.2007). DAS LEBEN DER ANDEREN
weise weit über die besondere Situation in der DDR hinaus, die Geschich-
te beträfe vielmehr alle Diktaturen weltweit. Natürlich könne der Film
nicht die gesellschaftliche Aufgabe der materiellen und ideellen Anerken-
nung der Opfer der Staatssicherheit leisten, so wurde Bundestagspräsident
Thierse auf Spiegel Online zitiert, doch stelle der Film zumindest eine „leise
Genugtuung für die Opfer“ dar (o.V., Spiegel Online, 26.2.2007). Die Süd-
deutsche Zeitung hatte bereits die Oscar-Nominierung mit einer neuen Di-
mension in den deutsch-amerikanischen Beziehungen verbunden. Den
Amerikanern sei durch DAS LEBEN DER ANDEREN deutlich geworden,
dass die deutsche Geschichte aus mehr als nur der „braunen Vergangen-
heit“ bestehe (Kreye/Vahabzadeh, 24.1.2007: 13). In einem Artikel in Welt
Online wurde die Geschichte des Films gar als „Siegeszug der Demokratie“
gefeiert. Mehr noch, der Autor Hanns-Georg Rodek sah den Film als Mei-
lenstein für die deutsche Vergangenheitsbewältigung an:
Er [der Film, LS] hat den falschen Konsens der Ostalgie aufgekündigt, der darin
bestand, das im Ausgleich zur feindlichen Übernahme durch den Westen der Os-
ten sich in die Nische der rosigen Erinnerungen zurückziehen durfte. Er hat den
Mythos gesprengt, dass die DDR nur verstehen könne, wer in ihr lebte. Und er
hat, Wunder über Wunder, die braune Fixierung des Rests der Welt aufgebro-
chen. (Rodek, 26.2.2007).
Nach dem Oscar-Gewinn wurde jedoch keineswegs nur die Verbesserung
des deutschen Ansehens in der Welt thematisiert, sondern auch die Per-
formance von Henckel von Donnersmarck vor, während und nach der
Preisvergabe. Dabei ist eine deutliche Veränderung der Narration zu sei-
ner Person zu konstatieren. Während es im Vorfeld darum gegangen war,
ihn als fähig darzustellen, einen Film über die DDR zu drehen, inszenierte
er sich nun ebenso als Selfmademan nach dem Motto ‚Adel verpflichtet‘.
44 Lu Seegers

So bezog sich von Donnersmarck im Umfeld der Oscar-Verleihung erst-


mals auf seine Zugehörigkeit zum „alten Adel“, wenn er sich als Leis-
tungsträger in Tradition bezeichnete, für den ein Scheitern nie zur Diskus-
sion gestanden habe (Beier, 12.2.2007: 168; vgl. Tilman, 22.6.2007).12 In
seinem Dank an die Juroren der Oscar-Verleihung in akzentfreiem Eng-
lisch zollte er seinen Tribut ausgerechnet Arnold Schwarzenegger, dem er
die Lektion zu verdanken habe, die Worte ‚Ich kann nicht‘ aus dem Ge-
dächtnis zu streichen (o.V., Tagesspiegel, 27.2.2007). Rodek sah darin gar die
Abkehr von einer deutschen Philosophie des Zögerns und Zweifelns:
„Vielleicht streicht ja bald ein ganzes Land die Worte Ich kann nicht aus
seinem Vokabular“ (Rodek, 26.2.2007).
Damit wurde der Oscar-Gewinn für Henckel von Donnersmarck in
der Presse implizit als westdeutsche Erfolgsgeschichte bezüglich der Erin-
nerung an die DDR inszeniert. Während Henckel von Donnersmarck
nicht zuletzt wegen seiner körperlichen Präsenz nach der Oscar-Verleih-
ung als „deutscher Riese“ (Pauli, 26.2.2007) tituliert wurde, stand Mühe,
der zum Erfolg von DAS LEBEN DER ANDEREN maßgeblich beigetragen
hatte, deutlich in seinem Schatten. So schilderte beispielsweise Der Spiegel,
dass Mühe wegen des Falls Gröllmann die Oscar-Verleihung nicht genie-
ßen konnte und bei einem anschließenden Empfang in der Residenz des
deutschen Konsuls wie der „Ostbesuch“ gewirkt habe, während der mit
amerikanischen Gepflogenheiten vertraute von Donnersmarck im
Scheinwerferlicht, umringt von Prominenten, brillierte (o.V., Der Spiegel,
5.3.2007; vgl. auch Löser, 26.7.2007). Zu diesem Zeitpunkt war noch nicht
öffentlich bekannt, dass Mühe unter einem Magenkrebsleiden litt. Die
Nachrufe auf Mühes Tod im Juli 2007 betonten denn auch seine großarti-
gen schauspielerischen Leistungen und besonders seine tragende Rolle in
dem Film DAS LEBEN DER ANDEREN, dem er durch seine Biographie erst
das „richtige Leben“ eingehaucht habe. Zugleich habe die damit verbun-
dene Auseinandersetzung um die Stasitätigkeit seiner Ehefrau Jenny
Gröllmann „alte Wunden“ wieder aufgerissen (Luley, 25.7.2007; vgl. auch
Decker, 25.7.2007; Jakobs, 25.7.2007). Die Vergangenheit der DDR
schien damit für die Ostdeutschen als noch längst nicht abgeschlossen.

_____________
12 Die Familie Henckel von Donnersmarck stellt seit dem 14. Jahrhundert ein altes schlesi-
sches Adelsgeschlecht.
DAS LEBEN DER ANDEREN 45

9. Fazit
Der enorme Erfolg von DAS LEBEN DER ANDEREN als Erinnerungsfilm,
so lässt sich resümieren, beruhte vor allem auf drei Faktoren:
Erstens wurde DAS LEBEN DER ANDEREN vor allem durch extensive
Marketing- und Beglaubigungsstrategien zum Erinnerungsfilm gemacht.
Während teure, groß angelegte Kino- und Fernsehfilme stets auf diese
Weise beworben werden, ist dies für einen Spielfilm bzw. Abschlussfilm
mit einem vergleichsweise kleinen Budget von 1,8 Millionen eher unge-
wöhnlich. Henckel von Donnersmarck hatte jedoch von Beginn an seine
Low-Budget-Produktion als kommerzielle Spielfilmproduktion angelegt.
Dabei spielten Begleitprodukte wie das Buch zum Film und auch die spä-
ter erscheinende DVD eine wichtige Rolle, weil sie den Erinnerungsstatus
des Films festlegten und den Film nicht nur für sich sprechen ließen, son-
dern bestimmte Interpretations- und Erinnerungsrahmungen festlegten.
Die Beiträge des wissenschaftlichen Beraters Wilke standen für die ver-
meintliche historische Genauigkeit des Films. Der Schauspieler Mühe
hingegen repräsentierte durch sein Interview und den Audiokommentar
die menschlich-emotionale Erfahrung der DDR, die Henckel von Don-
nersmarcks Credo von der Suche nach der inneren Wahrheit der DDR zu
verkörpern schien. Ferner diente der durch das Interview initiierte Skandal
um die IM-Tätigkeit von Gröllmann der Verifizierung des Films auf der
Realebene und sicherte ihm eine beständige Diskussion in der Öffentlich-
keit. Bekannte Persönlichkeiten aus der DDR wie Biermann und Gauck
bestätigten die Glaubwürdigkeit des Films als mediale Erinnerungszeugen.
Zweitens konnte der Film sowohl in Ost- als auch in Westdeutschland
erfolgreich sein, weil er unterschiedliche Erinnerungsinteressen in die
Filmstory einband. Während die Staatssicherheit als Kern der DDR-
Erfahrung in der westdeutschen Öffentlichkeit sehr präsent ist, wird sie
im ostdeutschen kommunikativen Gedächtnis eher beschwiegen. Dies
belege auch die Tendenz, so Dorothee Wierling, dass sich viele Ostdeut-
sche häufig gerade mit jenen Personen des öffentlichen Lebens identifi-
zierten, die beispielsweise als Nachwendepolitiker wie Manfred Stolpe und
Gregor Gysi unter Stasi-Verdacht geraten sind (Wierling 2007: 191f.).
Diese Abwehr der Stasi-Geschichte hing sicherlich auch mit der Enttäu-
schung über die materiellen und sozialen Auswirkungen der deutschen
Wiedervereinigung in Ostdeutschland zusammen. Eine Ausnahme bilde-
ten dabei Teile der früheren Opposition der DDR, die aber häufig gerade
durch ihre Betonung der repressiven Stasipraxis auf eine marginale Positi-
on innerhalb der ostdeutschen Gesellschaft verwiesen worden seien.
Der Film setzt wiederum auf die Versöhnung des westdeutschen und
ostdeutschen kommunikativen Gedächtnisses, indem er die Arbeit der
46 Lu Seegers

Staatssicherheit zwar dokumentiert, aber zugleich mit der Vom-Saulus-


zum-Paulus-Geschichte von Hauptmann Wiesler ein entlastendes Kon-
versionsnarrativ bereithielt. Die Versetzung von Wiesler in die Poststelle
und seine Tätigkeit als Austräger von Werbeprospekten nach der Wende
im Gegensatz zu dem wieder ‚oben schwimmenden‘ Minister Hempf ver-
weist auf ein verbreitetes ostdeutsches Erinnerungsmotiv, dass in West-
deutschland auch nach dem Ende des Nationalsozialismus virulent war:
‚Die Großen bleiben ungeschoren – die Kleinen müssen leiden.‘ Zugleich
bietet der Film damit ein gesamtdeutsches Narrativ an, das an die Kon-
struktion der Bevölkerung als Leidensgemeinschaft in der Erinnerung an
den Nationalsozialismus anschlussfähig ist (vgl. Steinle 2008)
Drittens konnte der Regisseur sicher sein, dass das vor allem durch die
liberale bis konservative Presse euphorisch flankierte Stasi-Drama auf
einen ebenso kontroversen wie gegenwartsbezogenen erinnerungs-
kulturellen Resonanzboden stoßen würde. Bis heute ist die Erinnerung an
die Geschichte der DDR in Ost- und in Westdeutschland unterschiedlich
konnotiert und wird in Form von Auseinandersetzungen auch und gerade
über die Staatssicherheit ständig reaktualisiert und politisch aufgeladen. So
wurde an DAS LEBEN DER ANDEREN nicht nur die Gewinnerwartung
von Filmen bezüglich der Vermittlung von Geschichte an jüngere Genera-
tionen thematisiert. Im Verbund mit den Ergebnissen der Experten-
kommission kam zugleich der zukünftige Umgang mit der DDR-
Vergangenheit in einem allgemeinen Sinn auf das Tapet. Dabei diente der
Film als Projektionsfläche im Für und Wider der Positionen um die Erfor-
schung der Verschränkung von Herrschaft und Alltag in der DDR. Das
LEBEN DER ANDEREN blieb damit nicht nur ein Erinnerungsfilm, son-
dern avancierte sogar zum Zukunftsfilm, wurden an seinem Beispiel doch
die Koordinaten für das künftige Gedenken an die DDR verhandelt.

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Filme
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LUTHER zwischen
Präformation und ‚Re-Formation‘

Carola Fey

The film LUTHER from 2003 is one of four recent religious movies which have en-
gendered controversy in Germany and the United States. This article addresses the
relationship between the “preformations” of the film through earlier movies about
Luther and their denominational influences on the one hand, and the “refigura-
tions” of the movie which took place in plurimedial processes of appropriation in
the FACE of competing memory interests. It becomes clear that in Germany it was
less the broad groups of young viewers to whom the film’s suspenseful staging of
Luther’s life was addressed who appreciated the movie, but rather specific de-
nominational and regional groups who claim for themselves memorial competence
regarding the topic of Luther. The manifold publications on the movie in various
German-language media illustrate the different memorial interests surrounding this
film, which in fact distanced themselves from the artistic claims and which primar-
ily had a historical and pedagogical orientation. The movie LUTHER evidently did
not succeed as a society-wide, but rather as a religion-specific “memory film”. The
focus of the Protestant response was a recognizable pedagogical instrumentaliza-
tion, which apparently springs from a diffusely perceived deficit of a basic religious
foundation.

Martin Luther hat 2008, im Jahr seines 525. Geburtstags, als nationale wie
internationale ‚Erinnerungsfigur‘ einen kaum zu übertreffenden Bekannt-
heitsgrad. Dies scheint sich in dem monumentalen Titel des vor fünf Jah-
ren entstandenen Kinofilms ebenso zu spiegeln wie im Ergebnis der
ZDF-Sendung UNSERE BESTEN, in der Martin Luther nach Konrad Ade-
nauer im Jahr 2005 den zweiten Platz belegte. Mit Luther verbindet sich
offenbar in großen Teilen der deutschen Gesellschaft ein kulturelles Iden-
tifikationsbedürfnis. So bezeichnet eine amerikanische Stellungnahme zu
dem in diesem Beitrag untersuchten Luther-Film den Reformator als „the
most important religious figure of the last thousand years, or since Mo-
hammed“ (Cavagna, 21.12.2007), setzt ihn also in den Stand eines Religi-
54 Carola Fey

onsstifters. Dass das Stichwort ‚Martin Luther‘ in den USA heutzutage


jedoch in erster Linie mit Martin Luther King assoziiert wird, wird von
amerikanischer Seite ebenfalls eingeräumt.
Der Spielfilm LUTHER des kanadischen Regisseurs Eric Till aus dem
Jahr 2003 ist einer von vier bemerkenswerten religiösen Spielfilmen, die
seit Ende der 1980er Jahre in amerikanische und deutsche Kinos kamen.1
Als deutsch-amerikanische Koproduktion wurde er im Jahr 2003 von der
Berliner Neuen Filmproduktion NFP zusammen mit Eikon Film und der
US-amerikanischen genossenschaftlichen Versicherungsgesellschaft Thri-
vent Financial for Lutherans, die knapp die Hälfte der Produktionskosten
von 21.000.000 US-Dollar übernahm, ins Werk gesetzt. Während der Er-
lös in den USA in den ersten Tagen der Aufführung lediglich 900.000 US-
Dollar betrug, spielte der Film in Deutschland in einer Woche nahezu die
dreifache Summe ein. In Deutschland am 30. Oktober 2003 gestartet,
hatte LUTHER bis zur Mitte des Jahres 2004 drei Millionen Besucher ins
Kino gelockt. Diese Resonanz spiegeln auch die Auszeichnungen mit der
Goldenen Leinwand, dem Silver Chris Award als bester Unterhaltungs-
film, dem Großen Preis des Filmfestes Biberach für den Regisseur Eric
Till und dem Bayerischen Filmpreis für das beste Produktionsdesign.
In diesem Beitrag geht es um die Frage, auf welche Weise Eric Tills
LUTHER durch vielfältige plurimediale Bezugnahmen zu einem (kontro-
versen) Erinnerungsmedium gemacht wurde. Dabei wird der Blick zum
einen auf die ‚Präformation‘ des Films gerichtet, d.h. auf die verschiede-
nen medialen Verfahren der ‚Vorformung‘ von LUTHER als ein Erinne-
rungsmedium. Zum anderen geht es um Aspekte der (hier augenzwin-
kernd so genannten) ‚Re-Formation‘. Dabei handelt es sich um die
erinnerungskulturellen Deutungen und Instrumentalisierungen des Films.
Beide Vorgänge sind über Medienprodukte (Zeitungsartikel und Rezensi-
onen, DVD-Bonusmaterial, didaktische Hefte usw.) beobachtbar und als
erinnerungskulturelle Prozesse analysierbar. In einem ersten Schritt soll
jedoch zunächst dargelegt werden, welche Formen der kulturellen Erinne-
rung mit der Filmgeschichte des Luther-Stoffes verknüpft sind.

_____________
1 Dabei handelt es sich um Martin Scorseses DIE LETZTE VERSUCHUNG CHRISTI (1988),
Eric Tills BONHOEFFER – DIE LETZTE STUFE (2000), Eric Tills LUTHER (2003) sowie Mel
Gibsons DIE PASSION CHRISTI (2004).
LUTHER 55

1. Konfession und Erinnerungshoheit:


die Filmgeschichte des Luther-Stoffs
Ein Blick auf die Filmgeschichte zeigt, dass Luther-Verfilmungen stets mit
Kontroversen um konfessionelle Erinnerungshoheiten verknüpft waren.
In seinen Entstehungsbedingungen als von konfessionellen Gruppen ge-
förderte Produktion steht Tills LUTHER in der gleichen Tradition wie zwei
frühere Lutherfilme für das Kino. Sowohl das 1927 unter der Regie von
Hans Kyser entstandene deutsche Werk LUTHER – EIN FILM DER DEUT-
SCHEN REFORMATION als auch die US-amerikanische Nachkriegsproduk-
tion MARTIN LUTHER von Irving Pichel aus dem Jahr 1953 lösten heftige
Kritik in katholischen Kreisen aus. Die damals offenbar mit der Wahl des
Themas bereits vorprogrammierten konfessionellen Parteinahmen werden
heute nicht nur in kirchlichen Kreisen als Grund für die bislang seltenen
Auftritte Luthers im Kino gesehen. So setzt ein Kommentar des Internet-
forums filmspiegel.de eine eindimensionale Parteinahme als nahezu zwin-
gende Reaktion auf einen Film zu Luther voraus (vgl. Schock 2006). Unter
dem Titel „LUTHER, die Spaltung und kein Ende“ prophezeite FAZ.NET:
„Anders als das WUNDER VON BERN [...] wird keine Luther-Deutung
hierzulande je das tränengeschwängerte Wohlgefühl eines kollektiven Ge-
dächtnisses hervorrufen. Luther eint nicht, er entzweit“ (@wiz, 29.10.
2003).
Orientierungspunkte für eine vergleichende Betrachtung von Tills
LUTHER sind immer noch die genannten Filme von Hans Kyser und Ir-
ving Pichel. War Luther schon vor und nach dem Ersten Weltkrieg mehr-
fach im Medium des Films erschienen, so setzte doch erst die Produktion
von Kyser markante Zeichen für den konfessionell geprägten Umgang mit
den Themen der Reformation. In diesem Film von 1927 wurde Luther im
Zeichen eines deutsch-national geprägten Protestantismus zum über den
römischen Katholizismus triumphierenden deutschen Reformator (Wipf-
ler 2007: 167-181; Traudisch 1983: 41). Der nach der Uraufführung in
Berlin und Nürnberg anhaltende heftige Protest von katholischer Seite
zog mehrfach Zensuren nach sich (Wipfler 2007: 190-192). Die bayerische
Staatsregierung setzte eine starke Kürzung des Filmes durch, weil er das
Verhältnis der Konfessionen belastet habe (Hamacher 2003).
In Pichels 1953 in Minneapolis uraufgeführten Film MARTIN LUTHER
ging es nicht um die Darstellung von deutsch-nationalem Heldentum,
vielmehr sollte trotz konfessioneller Sicht ein Beitrag zur Entmythologi-
sierung des Lutherbildes, das den Reformator nicht übermenschlich ideali-
sierte, sondern als introvertierten Intellektuellen präsentierte, geleistet
werden.
56 Carola Fey

Als Pichels MARTIN LUTHER 1954 in die deutschen Kinos kam, stand
er unter landesbischöflicher Schirmherrschaft. Damit und durch die Pfarr-
ämter, die die Funktion von Vorverkaufstellen übernahmen, gestalteten
sich die Aufführungen zu nahezu amtskirchlichen Ereignissen. Der Film
wurde so zu einem kanonisierten protestantischen Identifikationsmedium
geformt. Veröffentlichungen katholischer Priestervereine, katholische
Familienblätter und das erzbischöfliche Generalvikariat in Köln formulier-
ten hingegen in unterschiedlicher Schärfe den Vorwurf des antikatholi-
schen Hetzfilms. Die katholische Filmkommission für Deutschland und
die Dissertation des katholischen Theologen Gerd Albrecht thematisierten
unterschiedliche Aspekte mangelnder Authentizität (Wipfler 2004: 31-33;
Dehn 1983: 77f.).
Der inhaltliche Anspruch des Films und insbesondere seine Entste-
hungsbedingungen – er wurde von sechs US-amerikanischen lutherischen
Kirchen im Zusammenschluss finanziert und produziert – ließen Pichels
MARTIN LUTHER zur Hauptreferenz für Tills Film von 2003 werden.
Durch diese finanzielle Rückendeckung sowie durch die damit erreichte
Assoziation des Bildes vom starken US-amerikanischen Luthertum, das
die Ausbildung der deutschen Nachkriegskirchen lutherischer Konfession
unterstützte, präsentiert sich Tills LUTHER auch als transnationale Erinne-
rungsarbeit.
Seit den 1960er Jahren wurde der Reformator mit der Gestaltung des
Luther-Stoffes im deutschen Fernsehfilm „entzaubert“ (Traudisch 1983:
44f.) und das kontroverse Potential des Themas damit abgemildert: Das
Fernsehspiel DER ARME MANN LUTHER (1965) zeigt fiktive Gespräche
Luthers in seiner Sterbestunde; das Fernsehspiel DER REFORMATOR
(1968) integriert dokumentarische Elemente in Gestalt eines kommentie-
renden Autors. Spätere Produktionen der BRD und der DDR, die vor
allem 1983 zum 500. Geburtstag Martin Luthers als mehrteilige Spielfilme
für das Fernsehen entstanden, warfen keine Kontroversen auf, die mit den
Reaktionen auf die beiden Kinofilme vergleichbar waren. So konstatierte
Johannes Horstmann in dem anlässlich des Lutherjubiläums 1983 heraus-
gegebenen Tagungsband zum Wandel des Lutherbildes, dass „die Rezep-
tionsgeschichte der Lutherfilme kennzeichnend für bestimmte Entwick-
lungsstufen in der ökumenischen Beziehung“ sei. Im Jahr 1983 sei es
kaum noch vorstellbar, dass die Filme von 1927 und 1953 „in der Bundes-
republik Deutschland konfessionellen Streit entfachten“ (Horstmann
1983: 9).
Neben dieser Einschätzung scheint der Befund für die mediale Ebene
die Diskussion um die unterschiedliche Wahrnehmung von Kino- und
Fernsehfilmen zu bestätigen (Hickethier 2007: 18f. und 191f.). So kann
trotz der unangefochten weiteren Verbreitung des Fernsehfilms der Kino-
LUTHER 57

film durch ein markanteres Wirkungspotential ausgezeichnet sein. Für das


Thema der Reformation scheint sich das Potential zu konfessionellen
Kontroversen an das Dispositiv des Kinos zu binden.
Die Präsentation des Luther-Films von 2003 lässt einen aktualisierten
Umgang mit den konfessionellen Interessen erkennen. So ist der Hinweis
auf die lutherischen amerikanischen Sponsoren am Filmbeginn sehr ein-
drücklich inszeniert. Der Produzent Alexander Thies sah offenbar keine
problematischen Vorbedingungen, wenn er bemerkte: „Wir haben das
Projekt nie in Abgrenzung zur katholischen Kirche gesehen; im Gegenteil,
Luther war Katholik“ (Körte 2003: 24). Es bleibt jedoch auch aus protes-
tantischer Sicht das Problem der Einordnung des Themas bestehen. Als
historischer Spielfilm, was der Luther-Film laut Produzenten und Regis-
seur sein will, vermittelt das Werk nicht nur Profan-, sondern auch Kir-
chengeschichte. Wird diese, so der Pastor und Medienpädagoge Steffen
Marklein, jedoch unter theologischen Kategorien begriffen, scheint sie
sich einer Objektivität suggerierenden Darstellung wie der des Films zu
entziehen. Wenn es Luther um die wahre Botschaft des Evangeliums ging,
ging es ihm nicht um eine allgemein weltliche Wahrheit und soziale Ge-
rechtigkeit, sondern um die Wahrheit und Freiheit des Evangeliums, um
sein ureigenstes Gottesverständnis vor dem Hintergrund seines apokalyp-
tischen Weltbildes, das er als Kampf zwischen Gott und dem Antichristen
sah. Theologie sei so offenbar im Medium des Kinofilms schwer zu the-
matisieren (Marklein, 11.12.2007). Die Darstellung des Themas manifes-
tiere sich in den Bereichen von Macht und Gewissen und werde zwangs-
läufig zur Wertung von beidem.
In seiner religiösen Thematik lässt sich der Luther-Film von 2003 in
eine kleine Gruppe zeitgenössischer Filme einordnen, die sehr unter-
schiedlich gewertet wurden. Martin Scorseses DIE LETZTE VERSUCHUNG
CHRISTI aus dem Jahr 1988 wurde kontrovers beurteilt. Der Film zeigt
einen verunsicherten Christus, der um seinen Glauben ringt. Der Film
erntete daher den Vorwurf einer von der kanonischen Vorlage des Bibel-
textes abweichenden Interpretation. Die Geschichte Dietrich Bonhoeffers
BONHOEFFER – DIE LETZTE STUFE wurde im Jahr 2000 von Eric Till,
der auch bei LUTHER die Regie führte, verfilmt. Die in Monte Carlo mit
der Goldenen Nymphe für den besten Fernsehfilm ausgezeichnete Pro-
duktion steht für eine einfühlsame, reflektierte Inszenierung des Protago-
nisten, die zeigt, dass auch Bonhoeffer mit Zweifeln behaftet war (Dan-
nowski 2008). Theologie fließt hier vor allem in Dialogen ein, etwa im
Briefwechsel mit der Verlobten Bonhoeffers, und erscheint somit als Ge-
genstand der Diskussion.
Mel Gibsons Verfilmung der Passion Christi wurde nur wenige Mona-
te nach Tills LUTHER in den USA am 25. Februar 2004 und in Deutsch-
58 Carola Fey

land am 18. März 2004 uraufgeführt. DIE PASSION CHRISTI ist als der
populärste der hier angesprochenen Filme zu werten. Er hat für scharfe
Diskussionen gesorgt, die sich vor allem in drei Problemfeldern manifes-
tierten: So wurden die extensiven Darstellungen von Gewalt, die antisemi-
tischen Tendenzen in der Charakterisierung der Gegner Jesu und die als
reduktionistisch betrachtete Fokussierung auf Opfer und Sühne kritisiert.
Weiterhin wurde bemerkt, dass die Zuschauer keine emotionale Bezie-
hung zur Jesus-Figur aufbauen könnten. Die Vermarktung mit dem Ver-
kauf von nachgemachten Kreuznägeln und Großfotos wurde als Devotio-
nalienhandel kritisiert. Der Erfolg, den der Film mit hohen Besucher-
zahlen vor allem in den Vereinigten Staaten erzielte, und die kontroverse
Diskussion stießen die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Werk an:
An der Katholisch-Theologischen Fakultät der Westfälischen Wilhelms-
Universität Münster veranstaltete die Forschungsgruppe „Kulturgeschich-
te und Theologie des Bildes im Christentum“ wenige Wochen nach dem
deutschen Kinostart am 7. und 8. Mai 2004 ein Symposium, das sich mit
den durch den Film berührten theologischen Positionen und mit Fragen
nach kulturell tragfähigen Formen und Funktionen von Passionsdarstel-
lungen befasste (Zwick/Lentes 2004).
Die drei genannten neueren Filmbeispiele zeigen einen jeweils unter-
schiedlichen Umgang mit dem religiösen Gegenstand. Sie stehen zum
einen für die freie Interpretation eines Themas, zum anderen für die Dar-
legung theologischer Diskussionen und für die Fokussierung auf den As-
pekt des Opfers. In allen drei Gesichtspunkten steht LUTHER von 2003
dem Film BONHOEFFER – DIE LETZTE STUFE am nächsten, was offen-
sichtlich nicht zuletzt mit der Tatsache zu tun hat, dass Till in beiden Fäl-
len Regie führte. Während die beiden Christusfilme überkonfessionell auf
ein globales Massenpublikum ausgerichtet waren, zeigten sich der Bon-
hoeffer-Film und LUTHER, entsprechend der traditionellen Vereinnah-
mung ihrer Thematik, als von protestantischer Erinnerungshoheit belegte
Produktionen.

2. Präformation: Authentizität und Erinnerungskompetenz −


die Inszenierung von LUTHER als Erinnerungsmedium
In einem Interview mit dem Bonner General-Anzeiger, das am 29. Oktober
2003, einen Tag vor dem Filmstart in Deutschland erschien, bezeichnete
es Eric Till als „unwiderstehliche Aufgabe, eine der größten Geschichten
der Menschheit zu erzählen“ (General-Anzeiger [Bonn], 29.10.2003: 11).
Der Film solle eine Brücke zwischen den Kulturen darstellen, auf dem
amerikanischen und auf dem europäischen Markt funktionieren. Konven-
LUTHER 59

tionalität sei dabei durchaus beabsichtigt, um breite Bevölkerungskreise zu


erreichen. Till wollte die ganze Persönlichkeit Luthers, einen auch schwa-
chen, aggressiven menschlichen Charakter erfassen. Er betont die Vor-
bildlichkeit und Aktualität Luthers, indem er die Gestaltung seiner Luther-
figur folgendermaßen erläutert: „Wir bewundern auch heute Menschen,
die unglaubliche Risiken auf sich nehmen, um sich dem Terror zu wider-
setzen und dabei persönliche Stärke, Kraft und Unmittelbarkeit bewei-
sen.“2 Produzent Thies wollte „einen emotionalen, spannenden Film für
das breite Publikum, der den jungen Luther zeigt und damit vor allem
auch junge Menschen anspricht“. Bei den Workshops mit theologischen
Beratern sei es weniger um ein theologisch verbindliches Luther-Bild ge-
gangen, als darum, in den wesentlichen Punkten historisch korrekt zu sein.
Der Film solle eine Geschichte erzählen, interessant, einzigartig und voller
Überraschungen.3 Der Lutherdarsteller Joseph Fiennes machte es sich zur
Aufgabe, „den Mann Luther zu erforschen. Ich habe dabei jemanden ent-
deckt, der auch Fehler hat, der schwach ist, unsicher, aggressiv, der An-
stoß erregt, der menschlich ist“ (Marklein, 11.12.2007). LUTHER sei ein
Film, der zeige, dass man Menschen nicht auf Dauer unterdrücken und
bevormunden kann.
Wie wurden diese in der Mehrzahl in den Wochen zwischen dem a-
merikanischen und dem deutschen Filmstart geäußerten Erinnerungsab-
sichten, die die Rezeption des Filmes präformieren sollten, im Film selbst
gestützt bzw. umgesetzt? Die Handlung des Films beginnt im Jahr 1505
mit einem Unwetter, in dem der junge Luther in Lebensgefahr gelobt
Mönch zu werden, und endet mit dem Jahr 1530, als Luther die Übergabe
des als „Confessio Augustana“ bekannten lutherischen Bekenntnisses auf
dem Reichstag in Augsburg und die Parteinahme der Fürsten für dieses
Bekenntnis mitgeteilt wird. Mit der gewählten Zeitspanne handelt es sich
also keineswegs um eine umfassende Biographie Martin Luthers (1483-
1546). Nach 1530 übersetzte er das Alte Testament, verfasste zahlreiche
wissenschaftlich bedeutende theologische Werke sowie katechetische und
organisatorische Anweisungen für die Entstehung der Landeskirchen so-
wie geistliche Lieder. Sein umfassendes Schaffen in der späteren Lebens-
phase trug maßgeblich zur Bedeutung Luthers als Theologe und Reforma-
tor bei und stellte die grundlegende Voraussetzung für die Traditions-
bildung der protestantischen Kirchen dar. Die immer wieder diskutierten
antisemitischen Tendenzen, die die Forschung in seinen späteren Schrif-
ten sieht, bleiben vom Film unberührt. Der Fokus ist somit ausschnitthaft
auf die nach außen handlungsintensivste Lebensphase Luthers gerichtet.
_____________
2 http://www.ekd.de/martinluther/rezensionen.html, 7.11.2006.
3 http://www.ekd.de/martinluther/rezensionen.html, 7.11.2006.
60 Carola Fey

Der deutsche Untertitel „Er veränderte die Welt für immer“ bleibt unbe-
leuchtet. Der Film vermittelt so ein ereignisorientiertes Geschichtsbild.
Mit dem gewählten Zeitausschnitt stellt sich das Werk in die Traditionsli-
nie der früheren Lutherfilme. Während der Film Kysers aus Luthers Bio-
graphie die Jahre 1505 bis 1525 herausgriff, wählte die Produktion von
1953 einen geringfügig erweiterten Zeitausschnitt von 1505 bis zum Augs-
burger Reichstag 1530 (Traudisch 1983: 40; 43; Wipfler 2004: 28-31).
Die Filmsequenzen wechseln schnell, schaffen ständige Spannung.
Szenen mit wenigen Darstellern im Gespräch wechseln mit vorzugsweise
dramatischen vielfigurigen Szenen. So wird das initiatorische Ereignis im
Jahr 1505, in dem Luther im Gewitter nur knapp dem Tod entrinnt und
daraufhin gelobt, Mönch zu werden, mit betonter Dramatik inszeniert.
Gleichzeitig mit dem Hauptthema werden verschiedene begleitende Epi-
soden entwickelt, wie das Schicksal der verarmten Hanna mit ihrer behin-
derten Tochter, die in großer Sündenangst lebt und die Luther mehrmals
begegnet (Abb. 1). Die Regie erreicht so den Wechsel von Konzentration
und Entspannung, Aufmerksamkeit und Beiläufigkeit.

Abb. 1: Hanna zeigt Luther den Ablassbrief für ihre Tochter Grete

Auf Luthers Romreise, die ihn 1510 in konkreten Situationen mit der Ab-
lasspraxis der Kirche konfrontiert (Abb. 2 und 3), schließt sich 1511 nach
seiner Rückkehr in Wittenberg die Promotion zum Doktor der Theologie
an. In das Jahr 1512 fällt dann das sogenannte „Turmerlebnis“. Im Ringen
um seine Frage „Wie finde ich einen gnädigen Gott“ hat Luther nach wo-
chenlangem Studium des Römerbriefs die Erkenntnis, dass die Rechtferti-
gung des Sünders nicht nach menschlichem Handeln geschieht, sondern
allein aus dem Glauben. Bemerkenswert ist, dass dieser theologische In-
halt des Films nicht in ausführlicher Darstellung des Turmerlebnisses und
LUTHER 61

gelehrten Diskursen ausgebreitet wird, sondern in einer Szene, die ein aus
diesen Erkenntnissen hervor gegangenes konkretes Handeln zeigt: Luther
beerdigt eigenhändig einen zwölfjährigen Selbstmörder (Abb. 4).

Abb. 2: Luther erwirbt in Rom einen Ablass für seinen Großvater

Abb. 3: Luther betrachtet in Rom das Devotionalienangebot


62 Carola Fey

Abb. 4: Luther beerdigt einen zwölfjährigen Selbstmörder

Ein nächster, dem Ablasshandel in Sachsen gewidmeter Handlungsab-


schnitt, zeigt das Wirken des eloquenten Predigers Johann Tetzel (Abb. 5),
auf das Luther mit seinen 95 Thesen reagiert, die er an die Schlosskirche
in Wittenberg nagelt. Auch hier wird ein Kernpunkt des Reformationsge-
schehens in eine in den Alltag eingebundene Handlung versetzt, wenn
Luther die 95 Thesen neben andere Zettel an die Tür der Schlosskirche in
Wittenberg heftet (Abb. 6).

Abb. 5: Johann Tetzel predigt in Jüterborg


LUTHER 63

Abb. 6: Luther nagelt die 95 Thesen an die Schlosskirche in Wittenberg

Authentizität und damit Erinnerungskompetenz wird als gestalterische


Aufgabe verstanden, wie an den von den Produzenten formulierten Zielen
deutlich wird. Eric Till antwortete auf die Frage nach der Bedeutung von
historischer Authentizität im Film: „Wir wollten so korrekt sein, wie es
uns nur möglich war“, verwies jedoch gleichzeitig auf die unterschiedli-
chen Anforderungen von Theologen und Filmemachern in diesem Be-
reich. Man habe bewusst auf die kleinteilige Darstellung historischer De-
tails verzichtet, um die Sicht auf das ‚Drama‘ nicht zu versperren.
Gleichzeitig wurden einige fiktive Elemente um der Dramaturgie willen
aufgenommen. Till betont hier besonders Luthers Treffen mit Friedrich
dem Weisen und sein persönliches Bibelgeschenk an den Kurfürsten
(Abb. 7), dem er nach heutigem Kenntnisstand nie selbst begegnet ist.
Diese Szene sei aufgenommen worden, „um dem Publikum zu zeigen, was
diese beiden Herren füreinander empfunden haben“ (General-Anzeiger
[Bonn] 2003: 11) Noch deutlicher tritt die Absicht zur Erzeugung von
Authentizität über Emotionalisierung in der mehrfachen Begegnung Lu-
thers mit den bereits erwähnten fiktiven Figuren der verarmten Hanna
und ihrer behinderten Tochter hervor. Auch diese biographische Verqui-
ckung mit dem Hauptthema sah der Regisseur als dramaturgisch notwen-
diges Element an.
64 Carola Fey

Abb. 7: Luther überreicht Friedrich dem Weisen eine Bibel

Dem Bemühen um Authentizität ist die Auswahl der Drehorte zuzurech-


nen, die laut Till für LUTHER im Vergleich zu BONHOEFFER – DIE LETZ-
TE STUFE eine ungleich größere Herausforderung darstellte. LUTHER
wurde an weit auseinanderliegenden Schauplätzen in Deutschland, Tsche-
chien und Italien gedreht. Historische Schauplätze wie die Wartburg und
die Feste Coburg wurden mit gestellten Kulissen wie der in einem Mün-
chner Filmstudio eingerichteten Reliquienkammer Friedrichs des Weisen
kombiniert (Abb. 8). Die Kostüme, der Unrat auf den Straßen und die mit
digitalen Effekten erzeugten Gesamtansichten spätmittelalterlicher Städte
zeigen die Absicht, authentische Schauplätze gestalten zu wollen (Schock
2006).

Abb. 8: Friedrich der Weise in seiner Reliquienkammer


LUTHER 65

Die Bilder wirken in der Mehrzahl ästhetisch angenehm, extrem Absto-


ßendes wird auf die Darstellung der Bauernkriege konzentriert. Dabei
kämpft die Gestaltung offenbar massiv gegen das Bild vom düsteren Mit-
telalter an. Robert Fraisse, der französische Kameramann, der schon 1997
Jean-Jaques Annauds Verfilmung von SIEBEN JAHRE IN TIBET in ein ge-
waltiges Bildwerk umsetzte, stellte die in Kleidung und Raumgestaltung
aufwändig angelegten Szenen häufig in ein klares kühl-graues Licht. Er
erläuterte dieses Gestaltungsschema damit, dass er sich dabei an der Male-
rei des 17. Jahrhunderts orientiert habe, an Vermeer und Rembrandt. Es
sei das immer seitlich auf die Menschen und Gegenstände fallende natürli-
che Licht gewesen, das er als Vorbild genommen habe, um den Film an
ein Gemälde erinnern zu lassen (Marklein 11.12.2007; Hickethier 2007:
75-78). Dass die sich aus dieser Gestaltungsabsicht ergebende historische
Distanzierung den erklärten Zielen der spannenden ansprechenden Un-
terhaltung und dem Bemühen um Authentizität teilweise entgegenwirken
könnte, wurde nicht thematisiert. Während eine speziell auf Gemälde des
17. Jahrhunderts bezogene Referenz kaum nachvollziehbar erscheint, da
dieser Bereich der Malerei kaum als präsenter Teil eines kollektiven Bild-
gedächtnisses zu betrachten ist, bietet das Filmplakat konkretere Bildbe-
züge.
So erinnert der sich auf dem Plakat dunkel vor gelbglühendem Hin-
tergrund abhebende Kopf Luthers mit übergezogener Kapuze sehr auffäl-
lig an das Plakat von Umberto Ecos 1985 verfilmtem Roman Der Name der
Rose, auf dem Sean Connery in vergleichbarer Darstellung als Titelfigur
erschien. Der historische Hintergrund der 1327 angesiedelten Roman-
handlung Ecos – die von Seiten des Franziskanerordens forcierten Forde-
rungen nach der Notwendigkeit der Armut der Kirche gegen eine an ihren
machtpolitischen Interessen festhaltende päpstliche, auch gegen Kaiser
Ludwig den Bayern gerichtete Partei – zeigt auffallende Parallelen zum
theologisch-machtpolitischen Diskurs der Reformation. Diese inhaltliche
Komplexität kann jedoch das Medium des Filmplakats nicht reflektieren.
Die Plakate des Luther-Films in rötlich-brauner Färbung mit dunklem
Vordergrund und brennendem Hintergrund erinnern auch an Bilder aus
der 1939 entstandenen Verfilmung des Romans VOM WINDE VERWEHT,
die als eine der erfolgreichsten Produktionen der Filmgeschichte mit dem
amerikanischen Bürgerkrieg ebenfalls einen Zeitenumbruch und damit
gesellschaftliche und persönliche Krisensituationen thematisierte.
Die Inszenierung des Films LUTHER als ‚authentisches‘ und ‚kompe-
tentes‘ Erinnerungsmedium basiert also auf einem Zusammenspiel von
intramedialen Aspekten (wie Selektion, Kombination und filmischer Dar-
stellung des historischen Luther-Stoffes) und plurimedialen Netzwerken,
wie in der Presse artikulierten Wirkungsintentionen der Filmemacher oder
66 Carola Fey

die Gestaltung der Filmplakate. Auf einen weiteren Aspekt der ‚Vorfor-
mung‘ des Films als Erinnerungsfilm soll in diesem Zusammenhang noch
kurz hingewiesen werden: die Auswahl der Schauspieler, bzw. das casting.
So sollte Joseph Fiennes als Luther, der 1998 SHAKESPEARE IN LOVE
war, als energiegeladener, romantischer, trotz Kutte attraktiver junger
Mann als Magnet für junge Zuschauer dienen. Der von Zweifeln zerrisse-
ne Held, der Revolutionär wider Willen, der gleichzeitig verständnisvoll
für die geistlichen und weltlichen Nöte seiner Mitmenschen auftrat, be-
diente sowohl die amerikanische wie auch die deutsche Heldentradition.
Bruno Ganz als Johann von Staupitz, Luthers Mentor und Beichtvater mit
vorausschauendem Charisma, stellt demgegenüber den ruhigen, verständ-
nisvollen Charakter dar, der Luther väterlich leitet. Sir Peter Ustinov als
der hintergründige, leise, eigensinnige, auch humorvolle Kurfürst Fried-
rich der Weise von Sachsen brachte dieses Charakterbild aus zahlreichen
seiner früheren Filme mit, in denen er etwa die Figur des Hercule Poirot
prägte. Der als Beschützer Luthers im Hintergrund wirkende Ustinov
repräsentiert eine besondere Form adeliger Überlegenheit, die ihm auch
die Wertung als heimlicher Hauptdarsteller einbrachte. Uwe Ochsen-
knecht als Papst Leo X., der mit den Ablassgeldern den Bau der Peterskir-
che vorantreiben will, erscheint in karikierender Überzeichnung oberfläch-
lich, korrupt und in Szenen im päpstlichen Palast und besonders auf der
Wildschweinjagd weltlichen Vergnügungen zugetan. Interessant ist bezüg-
lich der Schauspieler die Stellungnahme Tills in dem einen Tag vor dem
deutschen Filmstart erschienenen Interview des Bonner Generalanzeigers.
Die Frage nach der Qualität der deutschen Schauspielkunst beantwortete
Till mit differenziertem Lob. „Sie ist wunderbar. Sie haben einige der er-
staunlichsten Schauspieler. [...]. Auf der einen Seite bringen sie Theater-
Disziplin ins Kino, auf der anderen Seite sind sie sich der unterschiedli-
chen Anforderungen dieser beiden Medien genau bewusst“ (General-
Anzeiger [Bonn], 29.10.2003: 11). Mit dem von ausländischer Sicht zuge-
schriebenen Topos deutscher Disziplin und Qualität wurde hier ein natio-
nales Erinnerungsfeld eingebracht. Der Qualität deutscher Schauspieler
wurde offenbar eine spezielle Bedeutung für das Bemühen um Authentizi-
tät zugeschrieben.
LUTHER 67

3. ‚Re-Formation‘:
LUTHER im Netzwerk der Erinnerungskultur –
mediale Deutungen und Instrumentalisierungen
LUTHER wurde in vielfältigen gesellschaftlichen und medialen Kontexten
rezipiert, kommentiert und instrumentalisiert. Bereits die unterschiedlich
gewählten Tage der Erstaufführung des Films in den Vereinigten Staaten
und in Deutschland verweisen auf verschiedene nationale Deutungsweisen
des Films (und auf deren Antizipation und Lenkung durch die Filmema-
cher): In den USA startete der Film im Kino am 26. September 2003, in
Deutschland am 30. Oktober 2003, einen Tag vor dem Reformationstag.
Für die erste Fernsehausstrahlung in Deutschland wurde der 31. Oktober
2005 in der ARD, also der Gedenktag der Reformation gewählt. Dies
scheint schon auf einen international unterschiedlichen Umgang mit dem
filmischen Erinnerungsmedium hinzuweisen, bei dem LUTHER in den
USA, mit Tills Worten, verallgemeinernd als „eine der größten Storys der
Geschichte“ gesehen wurde, während man hierzulande dagegen konse-
quent die historische Verankerung mitdachte.
US-amerikanische Rezensenten boten überdies eine sehr viel umfas-
sendere Einordnung des Films als ihre deutschen Kollegen, etwa wenn
Martin Luther zusammen mit dem Religionsstifter Mohammed genannt
wurde. Dieselbe Internet-Rezension, die diesen Vergleich zieht, betont die
Inszenierung von Luthers Geschichte in einzelnen Szenen als Parallele
zum Leben Christi und macht dabei speziell auf Parallelen zu Scorseses
Film DIE LETZTE VERSUCHUNG CHRISTI aufmerksam. So gleiche Luthers
Besuch in Rom dem Auftreten Christi im Tempel von Jerusalem, wo die-
ser die Geldwechsler aus dem Gotteshaus vertrieb. Auch Luthers Selbst-
zweifel und Glaubensnöte hätten Entsprechungen in Scorseses Christus-
film (Cavagna, 21.12.2007). Der von amerikanischen Rezensenten gewähl-
te Vergleichsrahmen, der Bezüge zwischen Luther und Christus konstru-
iert, erscheint so wesentlich weitreichender als deutsche Reaktionen zum
Film. Bezeichnenderweise bezieht man sich in solchen Filmbesprech-
ungen nicht auf die zu erinnernden historischen Personen und Ereignisse
oder etwa auf kanonische Schriften, sondern bewegt sich konsequent in-
nerhalb des plurimedialen Netzwerks existenter filmisch-fiktionaler Dar-
stellungen von Religionsgeschichte – und damit auf der Ebene zeitgenös-
sischer Erinnerungsmedien.
Auffällig ist außerdem, dass in der englischsprachigen Presse die Frage
nach der Authentizität meist am Darsteller der Figur Luthers festgemacht
wurde. Joseph Fiennes wurde in mehreren Besprechungen, wie in Chicago
Sun-Times (Ebert, 26.09.2003: 34) und in The Toronto Star (Walker 2004:
68 Carola Fey

D12) als nicht überzeugend und nicht inspirierend bezeichnet. James


Murray bemerkte für The Weekend Australian: „The character we are of-
fered is two-dimensional“ (Murray, 12.03.2005: B21). Dagegen gab Steven
Ozment in der renommierten Zeitschrift The American Historical Review eine
differenzierte Wertung des Films ab: Die Darstellung sei „factual enough
and complexity is not abandoned“ (Ozment 2004: 1662).
Während an dieser Stelle auf eine detaillierte Darstellung der internati-
onalen Rezeption LUTHERS verzichtet werden muss, beziehen sich die fol-
genden Beobachtungen auf den plurimedialen Deutungskontext im deut-
schen Bereich. Als dem Film besonders nahe stehendes und ihn zeitlich
begleitendes Medium sind die offiziellen Internetseiten zu LUTHER zu
werten. Schon bei dem interaktiv angelegten Intro fällt die erläuternde,
didaktische Tendenz zur geschichtlichen Einordnung des Films auf. Eine
Zeitleiste aus acht Feldern mit historischen Daten bietet Kontextinforma-
tionen an, die beim Anklicken aus der Blässe des Vergangenen heraustre-
ten. Der Besucher der Seite kann die als Zeitschiene erscheinende Ge-
schichte selbst beliebig verlebendigen. Auch hier wird das ereignis-
orientierte und durch Fakten konstruierte Geschichtsbild deutlich, das
dem Film ein spezifisches Erinnerungsformat zuschreibt und dieses per-
formativ einfordert.
Die zahlreichen, in der deutschen Presse erschienenen Rezensionen
zum Film hatten vor allem den an den Besucherzahlen gemessenen Erfolg
sowie die Personen und Leistungen der Hauptdarsteller zum Inhalt. Be-
merkenswert erscheint ein großangelegter Artikel in Der Spiegel, der am 15.
Dezember 2003, sechs Wochen nach dem Filmstart, unter dem Titel „Ich
kann nicht anders“ erschien (Schwarz 2003: 76). Darin befasst sich Ulrich
Schwarz mit den Gründen für den Luther-Boom, den er zu beobachten
glaubte. Er sieht eine neue Popularität Luthers als Medienstar und Kas-
senfüller für die Filmindustrie und die evangelische Kirche. Der Autor
führt einen gewandelten, unbefangeneren Umgang der Deutschen mit der
Vergangenheit sowie ein auch über die Zeit des Nationalsozialismus hi-
nausgehendes Geschichtsbewusstsein an und leitet diese Beobachtungen
aus dem Erscheinen mehrerer Geschichtsmagazine und dem gestiegenen
Interesse am Mittelalter als blutigem Schauplatz religiös motivierter Kriege
ab. Gleichzeitig konstatiert er mit dem Bezug auf die Aussagen von Leh-
rern, dass Jugendliche nicht wissen, wer Luther sei, dass sie im Film nur
den Unterhaltungsaspekt sähen und dass der Film als Aufklärung über
Luther eine Überforderung der Schüler darstelle.
Neben zahlreichen Internetplattformen wie filmspiegel.de lieferte vor
allem die evangelische Kirche Rezensionen im Internet. So stellt sich die
Seite der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) „Luther – der
Film: Rezensionen“ mit einer Zusammenstellung von vier Kommentaren
LUTHER 69

aus Printmedien als eine neutrale Serviceplattform für Informationen zum


Film dar.4 Einen umfassenden und mit Literaturhinweisen, besonders auf
religionspädagogisches Arbeitsmaterial, versehenen Kommentar stellte
Steffen Marklein für das Religionspädagogische Institut (RPI) der EKD in
Loccum zur Verfügung (Marklein, 11.12.2007). Aus demselben Institut ist
auch eine ausführliche Besprechung des Bonhoeffer-Films einzusehen.
Von ausgewiesen katholischer Seite war die Rezension des katholischen
Filmdienstes, die vor allem die Frage der Authentizität behandelt, zu er-
schließen (Hamacher 2003).
Der Kommentar des RPI Loccum verweist auf einen religionspädago-
gischen Schwerpunkt in der Rezeption des Films, der offensichtlich dank-
bar als Material für den Religionsunterricht aufgegriffen wurde. Für diesen
speziellen Wirkungsraum spricht die Veröffentlichung von drei Heften
zum Film, die in einem Zeitraum von eineinhalb Jahren erschienen. So
gab die „Stiftung Lesen“ in Kooperation mit der Produktionsgesellschaft
des Films NFP schon 2003 ein Heft zum Film heraus, das, dem Impres-
sum nach zu urteilen, protestantisch orientiert ist. Das optisch anspruchs-
voll gestaltete Heft schlägt mehrere systematische Zugangsweisen vor und
ist stark auf historische Hintergrundinformation sowie eine umfassende
kulturgeschichtliche Einordnung der Reformation ausgelegt (Stiftung Le-
sen 2003). Es wurde ebenso wie Materialien zum Bonhoeffer-Film von
der evangelischen Kirche für Schule und Gemeindearbeit empfohlen.
Im Januar 2004 gab die Bundeszentrale für politische Bildung das von
dem Medienpädagogen Herbert Heinzelmann erarbeitete Filmheft heraus,
das vor allem das Medium Film zu diskutieren beabsichtigt. So sieht die
Herausgeberin laut Einleitung „die Medien nach wie vor als Gegenstand
kritischer Analyse an, weil Medienkompetenz in einer von Medien domi-
nierten Welt unverzichtbar ist“ (Krüger 2004: 2). Der im Filmheft enthal-
tene Beitrag von dem Psychoanalytiker und Drehbuchberater Dirk
Blothnerverknüpft das Thema ‚Luther‘ mit der aktuellen gesellschaftlichen
Situation in Deutschland im Jahr 2003. Er sah einen Grund für den Erfolg
des Films in den zu dieser Zeit in Deutschland anstehenden sozialen Re-
formen. „Die Menschen ahnen, dass sich viele Dinge ändern müssen, aber
sie haben noch keine konkrete Vorstellung davon. Der Film ermöglicht es,
einen Prozess der Veränderung mit allen damit einhergehenden Verspre-
chen, Risiken und Folgen nachzuvollziehen“ (Blothner 2004: 16).
Die „fachstelle medien und kommunikation“ in München veröffent-
lichte im Februar 2005 im Internet Gottfried Poschs Heft „Luther im
Religionsunterricht“. Der Text entstand im Zusammenhang eines Semi-
nars für Lehramtsstudierende im Fach Katholische Religionslehre. Das
_____________
4 Vgl. http://www.ekd.de/martinluther/rezensionen.html, 7.11.2006.
70 Carola Fey

Heft teilt den Film in 14 Kapitel, denen jeweils Unterrichtsaufgaben zuge-


ordnet werden, unter anderem der Vorschlag für ein Rollenspiel oder ei-
nen Brief, in dem der Schüler als katholisches Landeskind dem evange-
lisch gewordenen Landesherren Gründe dafür darlegen soll, warum er
katholisch bleiben möchte (Posch 2005: 19).
Das diverse Medienmaterial mit didaktisch-pädagogischem Impetus,
das sich um den Film herum etabliert, unterstreicht und belegt die diesem
zugeschriebene kulturelle Relevanz und bestätigt seine Erinnerungskom-
petenz. Die plurimediale Aufarbeitung des Films stärkt retrospektiv seinen
Status als Erinnerungsfilm.
Das Erscheinen der drei auf differenzierte Funktionen ausgerichteten
Filmhefte im Abstand von etwa eineinhalb Jahren kann für das Modell des
erinnerungskulturellen Mediennetzes auf die verzögerte Rezeption von
Filmen in unterschiedlichen gesellschaftlichen Kontexten und damit auf
die Notwendigkeit zur Berücksichtigung temporaler Aspekte hinweisen.
So zeigt sich die Bedeutung eines sich wandelnden Erinnerungskontextes
für das sich mit diesem wandelnden Profil des Erinnerungsfilmes auch in
einem besonderen Ereignis, das den Film LUTHER in eine neue Dimensi-
on der Erinnerung stellte. Anlässlich des Todes von Sir Peter Ustinov am
28. März 2004 fand LUTHER, nachdem die Pressemeldungen zum Kino-
start verebbt waren, nochmals häufige Erwähnung in der Presse. Als letz-
ter Film des berühmten Schauspielers schrieb man LUTHER besondere
Bedeutung in dessen Œuvre zu.5 Der Film trat somit in einen Erinne-
rungskontext, in dem er sich vom Erinnerungsfilm der Reformation zum
Vermächtnis, zum Medium der Erinnerung an Sir Peter Ustinov wandelte.
Indem Tills LUTHER nun mit ausgewählten Produktionen Ustinovs in
dessen Nachrufen genannt wurde, integrierte sich der Luther-Film in ei-
nen Kanon bedeutender Werke der Filmgeschichte und erinnerte nun-
mehr nicht nur an Luther, sondern auch an den Schauspieler Ustinov.
Die Konsequenzen eines sich wandelnden Erinnerungskontextes wer-
den auch in den Terminen der Ausstrahlung des Luther-Films im Fernse-
hen ansichtig. Während für die Ausstrahlung des Films am 31. Oktober
2006 an prominenter Stelle im Abendprogramm des Mitteldeutschen
Rundfunks noch mit dem zentralen Tag der Erinnerung an die Reforma-
tion die historische Anbindung gesucht wurde, verweist die Sendung am
_____________
5 Vgl. den Bezug zum Luther-Film im Nachruf Fritz Göttlers (Göttler, 29.03.2004): „Ameri-
kanische Showdimensionen, inspiriert von europäischer Sehnsucht – irgendwie hat das
auch das Leben, die Auftritte des Peter Ustinov geprägt. Man könnte durchaus auf den
Gedanken kommen, dass er sich Friedrich den Weisen ganz bewusst als seine letzte große
Kinorolle geschnappt hat, im ‚Luther‘-Film: als energischer Kurfürst mit ganz eigenem
Profil, als unerschrockener württembergischer (!) Welt-Politiker, der den jungen Luther
protegiert und sich dafür im Gegenzug gierig die brandheiße Bibel-Übersetzung aushändi-
gen lässt.“
LUTHER 71

Nachmittag des ersten Ostertags im Jahr 2008 in der ARD auf ein allge-
meineres Verständnis des Films. Im Kontext der zu hohen kirchlichen
Feiertagen angebotenen Bibelfilme und weiterer häufig wiederholter Spiel-
filmklassiker lässt sich die Fernsehausstrahlung LUTHERS an Ostern 2008
stärker unter dem Kriterium bildgewaltiger, religiös gefärbter Unterhal-
tung und weniger als Auseinandersetzung mit einem komplexen kirchen-
geschichtlich bedeutenden Thema charakterisieren. Verallgemeinerung
und Institutionalisierung als religiöser Unterhaltungsfilm sind hier die
Merkmale der Umdeutung LUTHERS als Erinnerungsfilm.
Weitere interessante Aspekte der plurimedialen Konstitution der Be-
deutung von LUTHER als Erinnerungsmedium gehen mit dem Wechsel
der filmischen Medien einher. Am 27. Mai 2004 erschien der Film auf
Video und DVD. Eine von der evangelischen Kirche für Schule und Ge-
meindearbeit empfohlene und von der Medienstelle der Evangelisch-
lutherischen Landeskirche Hannover vertriebene DVD-Ausgabe erschien
2004 in Kombination mit zusätzlichem Bildmaterial, Ausschnitten aus
früheren Luther-Filmen, Unterrichtsentwürfen und Arbeitsvorschlägen
für Kirchengemeinden zum Ausdrucken, Musik, sowie Lernkontrollen mit
Puzzle und Quiz (LUTHER. DVD educativ 2004). Zu dieser „DVD educa-
tiv“ erschien schon 2004 eine schriftliche Besprechung, die die vielfältigen
Möglichkeiten für unterschiedliche Nutzer, etwa in Schulen, Kirchen und
Seniorenkreisen, aufzeigt (Schuchardt 2004). Für diese Produkte lässt sich
beobachten, dass der Medienwechsel offensichtlich auf bestimmte gesell-
schaftliche Zielgruppen ausgerichtet ist und dass über die plurimediale
Einbettung des Luther-Films die distributive Reichweite des Films erhöht
werden soll, um ein verbindliches Geschichtsbild zu formieren, zu prägen
und zu verbreiten. Das Distributionspotential des Erinnerungsmediums
Film wird dadurch potenziert.
Bemerkenswert ist zudem die im Jahr 2006 erschienene DVD-Version
von Universal Pictures Germany und NFP teleart, eine „2 Disc Spezial
Edition“ (LUTHER DVD 2006), die eine Film-DVD enthält, die zusätzlich
einen von Dr. Hans Christian Knuth, dem Bischof der nordelbischen
evangelisch-lutherischen Kirche, vorgetragenen Abschnitt aus Luthers
„Kleinem Katechismus“, den Choral „Ein feste Burg ist unser Gott“ so-
wie Interviews mit den Hauptdarstellern und weitere Informationen zum
Film bietet. Diese DVD ist mit der sogenannten „Bonus-DVD“, die den
91-minütigen Infofilm LUTHER – SEIN LEBEN, WERK UND ERBE präsen-
tiert, kombiniert. Dieser insgesamt von geistlicher Musik eindringlich be-
gleitete Infofilm gibt zuerst einen geographischen Überblick über Luthers
Wirkungsraum im Osten Deutschlands und beginnt mit der Feststellung,
dass Luthers Name für einen geschichtlichen Umbruch stehe, der wie kein
anderer mit seiner Person verbunden gewesen sei. Die Stadt Eisleben wird
72 Carola Fey

als Luthers Geburts- und Sterbeort herausgestellt und damit der Person
Luthers und dem Kernbereich seines Wirkens einführend eine mythologi-
sierende Deutung beigelegt.
Der Infofilm zeigt die Lebensstationen Luthers mit der Aufnahme
von frisch restaurierten, ansprechend ins Bild gesetzten Originalschauplät-
zen. Zwischen den Aufnahmen der Denkmäler werden Expertenmeinun-
gen zu einzelnen Lebensabschnitten Luthers eingeblendet. Der theologi-
sche Studienleiter der Evangelischen Akademie Wittenberg Professor
Friedrich Schorlemmer äußert sich zur Prägung Luthers durch seine prob-
lematische Vaterfigur. Die Landesbischöfin der Evangelisch-Lutherischen
Kirche Hannovers Dr. Margot Käßmann reflektiert Luthers Entschluss,
Mönch zu werden. Dr. Stefan Rhein, Direktor der Stiftung Luthergedenk-
stätten in Sachsen-Anhalt, der sich ebenfalls zu diesem Punkt äußert, ver-
bindet die Ereignisse mit Hinweisen auf erhaltene Stätten von Luthers
Wirken. Durch ihre faktisch-informationellen Beiträge binden die Vertre-
ter verschiedener Deutungseliten den fiktionalen Film nachträglich in wis-
senschaftliche und kirchliche Erinnerungsdiskurse ein und statten ihn so
retrospektiv mit Erinnerungshoheit und Erinnerungskompetenz aus.
Martin Luther erscheint in dieser filmischen Zusammenstellung ganz
in protestantisch-theologischer und regional-musealer Zuordnung, also in
einem sehr speziellen Erinnerungsmodus. Der Infofilm erinnert an die seit
1999 ausgestrahlte Reihe GESCHICHTE MITTELDEUTSCHLANDS des Mit-
teldeutschen Rundfunks. Die bei schönem Wetter repräsentativ inszenier-
ten Schauplätze werben für den Osten Deutschlands als Tourismus- und
Kulturland. Kirchengeschichte wird hier zu Landes- und Sozialgeschichte.
Luther erscheint weiterhin als ostdeutsche Identifikationsfigur mit der
Assoziation des Sozialreformers. In diese spezielle Deutungsweise fügt
sich auch die Ausstrahlung des Luther-Films am 31. Oktober 2006, dem
Reformationstag, im Mitteldeutschen Rundfunk.
Die medialen Deutungen LUTHERS lassen erkennen, dass der religiöse
Film offenbar kein gesamtgesellschaftliches Identifikationsmedium sein
kann. Auf die konfessionell geprägte Rezeption verweisen die Stellung-
nahmen von Bischöfin Maria Jepsen und Karl Kardinal Lehmann im Heft
der Stiftung Lesen. Während Bischöfin Jepsen Luther als Vorbild für In-
dividualität und Unabhängigkeit betont, verweist Kardinal Lehmann auf
die durch Luther angestoßene Kirchenspaltung und auf die ökumenischen
Bemühungen um ein gemeinsames Verständnis der grundlegenden bibli-
schen Botschaften, für die Martin Luther zukünftig ein gemeinsamer Leh-
rer werden könne (Stiftung Lesen 2003: 11).
Es fällt auf, dass im deutschen, bevorzugt im protestantischen Bereich
die pädagogische Instrumentalisierung des Films im Vordergrund steht,
die offenbar aus einem diffus empfundenen Defizit religiöser Grundlagen
LUTHER 73

entspringt. Die Inhalte Mut, Stärke, Zivilcourage, religiöse Befreiung wer-


den in kontrolliertes Wissen umgesetzt, das sich im Unterschied zu den
freieren Interpretationen der Christusfilme heftigen Kritiken entzieht. Die
Aneignung des Luther-Films außerhalb des schulischen Bereichs konzent-
riert sich in Deutschland auf ein erwachsenes, christlich vorgeprägtes,
protestantisches und ein ostdeutsch-landesgeschichtlich orientiertes Publi-
kum.
Zum Erinnerungsmedium, dem man in deutschen Erinnerungskultu-
ren Authentizität und Erinnerungskompetenz zuschreibt, wird LUTHER
durch die Synthese von intramedialen künstlerischen Gestaltungsformen,
die sich als Selektion, Kombination historischer und fiktiver Elemente
sowie Emotionalisierung beschreiben lassen, mit plurimedialen Netzwer-
ken, wie in der Presse artikulierten Intentionen der Filmemacher, Auswahl
der Schauspieler und Gestaltung der Filmplakate. Es wird deutlich, dass
für LUTHER der Medienwechsel zu privat verfügbaren Multimedia-Pro-
dukten in der Addition mit Info-Material für v.a. religionspädagogische
Instrumentalisierungen und konfessionell geprägte erinnerungskulturelle
Deutungen von großer Bedeutung ist. Fünf Jahre nach der Erstaufführung
lässt sich der Wandel LUTHERS hin zur Kanonisierung als religiöser Spiel-
filmklassiker erkennen.

Bibliographie
Filme
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1927, Regie: Hans Kyser).
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DER ARME MANN LUTHER (DEUTSCHLAND 1965, Regie: Leopold Ahl-
sen).
DER REFORMATOR (DEUTSCHLAND 1968, Regie: Günther Sawatzki).
LUTHER (USA/DEUTSCHLAND 2003, Regie: Eric Till).
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Der Völkermord auf der Leinwand:
HOTEL RUANDA und SOMETIMES IN APRIL
und die Erinnerung an den Genozid in Ruanda

Christiane Reichart-Burikukiye

In 2004, three movies were made which addressed the 1994 genocide in Rwanda.
This article examines the memory-cultural context the movies HOTEL RUANDA by
Terry George and SOMETIMES IN APRIL by Raoul Peck met with in Germany when
they were presented at the Berlin International Film Festival in 2005. It shows how
both films, or rather the dynamics of the plurimedial discourses which emerged
around them, contributed to inscribing the genocide in Ruanda into global mem-
ory, conferring upon it a particular iconography, and at the same time avoiding
prevalent stereotypical images of Africa. Further, using reviews of the movies, it is
made clear that the showing of the films about the Rwandan genocide in Germany
revived the memory of genocide in Germany’s own history and how it had thus
far been represented. Discussions about HOTEL RUANDA and SOMETIMES IN
APRIL thus also led to a renewal of the debates about morality, authenticity, and
aesthetics regarding representations of violence and genocide – and to a self-
reflection in the media regarding the memory-cultural influence of their own re-
sponses to film.

Bei den 55. Internationalen Filmfestspielen in Berlin 2005 erregten zwei


Beiträge die besondere Aufmerksamkeit der versammelten Filmjournalist/
inn/en aus aller Welt. „Noch nie“, so kommentierte Dominic Johnson,
Afrikakorrespondent der taz, die Resonanz auf die Spielfilme HOTEL RU-
ANDA (2004) und SOMETIMES IN APRIL (2005), „noch nie haben sich [...]
so viele Journalisten mit Ruanda beschäftigt wie während der Berlinale
2005. Nicht einmal im April 1994.“ (Johnson, 18.02.2005)
Bei Johnson, der die Wirkung der Spielfilme auf ihre Zuschauer
durchaus positiv wertete, ist dennoch Sarkasmus zu spüren. Das Echo auf
die Filme rückte ein seltsames Missverhältnis ins Bewusstsein von Zu-
schauern und Kritikern: die Präsentation der beiden Filme über den Ge-
nozid in Ruanda elf Jahre nach dessen Geschehen trug in weit größerem
78 Christiane Reichart-Burikukiye

Maße dazu bei, den Völkermord und seine rund eine Million Opfer1 in das
Gedächtnis einer globalen Öffentlichkeit einzuschreiben, als es jeder Be-
richterstattung darüber gelungen war.
Dabei war die Aufführung der Spielfilme keineswegs das erste kultu-
relle oder politische Ereignis, das an den Genozid in Ruanda erinnerte,
weder im globalen Kontext noch in Deutschland. Besonders im Blick auf
das Jahr 2004, zum zehnten Jahrestag des Völkermords, hatte es eine gan-
ze Reihe von Publikationen und Gedenkveranstaltungen gegeben, die ihn
ins öffentliche Bewusstsein riefen.
Gleichwohl reichte deren Wirkung nicht annähernd an die der Filme
heran. Die Spielfilme ermöglichten dem Publikum einen Zugang zu dem
Thema, den weder die Fernsehbilder der Nachrichten noch umfangreiche
wissenschaftliche Studien boten. Plötzlich hatte ein Geschehen, das sich
zuvor kaum unterscheidbar in die Reihe afrikanischer Katastrophen mit
den üblichen Elendsbildern einreihte, Gesichter und Namen erhalten, und
was geographisch und zeitlich weit entfernt schien, war auf denkbar
nächste Nähe heran gerückt.
Dieses Potential verlieh den Spielfilmen einen herausragenden Platz
innerhalb des Netzwerkes an erinnerungskulturellen Bezugspunkten, das
sich zum Thema des ruandischen Völkermordes insbesondere in den Jah-
ren 2004/5 gebildet hatte. Sie fügten sich einerseits in bereits vorhandene
Debatten über den Genozid ein und wirkten als Multiplikator zuvor ge-
sammelten Wissens, weckten aber durch ihren emotionalisierenden Zu-
gang auch das Interesse von bislang am Thema eher uninteressierten Zu-
schauer/inne/n. Darüber hinaus gaben sie Anstöße zu weiterführenden
Debatten und verknüpften Fragestellungen, die bis dahin ein Nischenda-
sein gefristet hatten. Im Kontext der beiden Spielfilme diskutierte man in
deutschsprachigen Feuilletons über das Verhältnis zwischen Afrika und
der westlichen Welt, über Parallelen zwischen dem ruandischen und ande-
ren Völkermorden, über die Moral der Ästhetik in Filmen, die Völker-
morde thematisieren und erinnern, und schließlich über Erinnerungsstra-
tegien und deren Legitimität in postgenozidären Gesellschaften.
Der folgende Beitrag soll zeigen, wie HOTEL RUANDA und SOME-
TIMES IN APRIL Innerhalb dieses breit gefächerten Diskursnetzes ihre
Wirkung entfalteten und gleichzeitig von ihm profitierten. Beide Spielfil-
me trugen in großem Maß dazu bei, den weithin vergessenen Genozid im
Blockbusterformat in einen weltumspannenden Erinnerungskanon einzu-
tragen, und mit ihnen wurde eine bestimmte Ikonographie der ruandi-
schen Katastrophe globalisiert. Doch erst das Zusammenspiel des Me-
_____________
1 Die Angaben zur Zahl der Opfer schwanken stark. Prunier spricht von ca. 850. 000 (Pru-
nier 1995: 265), Des Forges ist in ihren Angaben vorsichtiger und spricht von „mindes-
tens“ einer halben Million Menschen (Des Forges 2002: 34).
HOTEL RUANDA und SOMETIMES IN APRIL 79

diums Spielfilm mit weiteren Medien, Institutionen und Diskursen mach-


ten den Völkermord in Ruanda zu einem multimedialen Ereignis. Die
Filme wiederum prägten so nicht nur die Erinnerung an Ruanda, sie wur-
den selbst zu einer Erinnerungsinstanz.
Im vorliegenden Artikel beziehe ich mich einerseits auf den Diskurs-
raum, der als die ‚westliche Welt‘ umfasst wird, andererseits besonders auf
den deutschen Sprachraum. Zum einen begründet sich dies durch die Ber-
linale, bei der die beiden Filme gemeinsam vorgestellt wurden und die
Deutschland so kurzzeitig zum Ausgangspunkt der internationalen Dis-
kussion über den Völkermord in Ruanda und die Erinnerung daran mach-
te. Zum anderen hatte die Rezeption der Filme im deutschsprachigen
Raum eine besondere Dynamik. Die spezifische Erfahrung des Völker-
mordes im eigenen Land und die Tradition des Gedenkens an die Shoa,
die das Nachkriegsdeutschland im Kern geprägt hat, fanden auch Eingang
in die Art und Weise, wie mit den Filmen zum Völkermord in Ruanda
umgegangen wurde.

1. Erinnern, Erzählen, Erforschen –


die Dokumentation des Unvorstellbaren
Als die beiden Filme HOTEL RUANDA und SOMETIMES IN APRIL im Feb-
ruar 2005 bei ihrer Aufführung im Rahmen der Berlinale das internationa-
le Interesse auf sich zogen, waren sie mitnichten die ersten öffentlichen
Äußerungen zum Genozid in Ruanda. Obwohl die Weltgemeinschaft
während des Tötens mit einer Geschwindigkeit zur Tagesordnung überge-
gangen war, die, so der senegalesische Schriftsteller Boubacar Boris Diop,
„nur noch durch die Ausführung dieses Völkermords selbst übertroffen“
wurde (Diop 2003: 42), war dieser Genozid doch seit seinem Beginn Ge-
genstand vielgestaltiger Formen der Auseinandersetzung gewesen: Zum
großen Teil geschah dies auf wissenschaftlicher Ebene. Politologen, So-
ziologen, Historiker, Juristen, Regionalwissenschaftler, Konflikt-, Ent-
wicklungs- und Völkermordexperten befassten sich aus ganz unterschied-
lichen Perspektiven mit dem Thema. Die erste Arbeit war der in späteren
Auflagen mehr als 1000 Seiten umfassende Band, den die in London an-
sässige Organisation African Rights herausgegeben hatte (African Rights
1994). Er enthält einen politischen und historischen Aufriss der Geschich-
te des Zwischenseengebiets, der überwiegende Teil des Inhalts jedoch
besteht aus Augenzeugenberichten Überlebender. In den folgenden Jah-
ren erschienen weitere, ähnlich aufgebaute Publikationen (African Rights
1995, 1998a, 1998b).
80 Christiane Reichart-Burikukiye

Das auf Initiative des dänischen Außenministeriums gegründete Stee-


ring Committee of the Joint Evaluation of Emergency Assistance to Rwanda, eine
interdisziplinär und international besetzte Kommission, legte 1996 eine
umfangreiche, fünfbändige Studie vor, die sowohl die Geschichte des Ge-
nozids als auch die Gegenwart und Zukunftsaussichten Ruandas nach
dem Völkermord multiperspektivisch beleuchtet (Steering Committee of
the Joint Evaluation of Emergency Assistance to Rwanda 1996).2
In der Folge entstand eine Reihe von grundlegenden Arbeiten, die
Ruandas Weg zum Völkermord historisch aufarbeiteten (Prunier 1995;
Mamdani 2001) oder aber eine umfassende Analyse des Völkermords
selbst boten. Hervorzuheben ist darunter der detaillierte Band der US-
amerikanischen Afrikahistorikerin und Human Rights Watch-Mitarbeiterin
Alison des Forges (Des Forges 1999, dt. Übersetz. 2002), deren Arbeit
derzeit als das Standardwerk zum Genozid in Ruanda gilt. Daneben er-
schienen eine Fülle von Studien, die sich Einzelaspekten des Völkermor-
des und seiner juristischen und gesellschaftlichen Aufarbeitung widmen.3
Auch Künstler setzten sich zunehmend mit dem Thema auseinander.
Fotografen reisten schon kurz nach dem Genozid nach Ruanda,4 eine
Reihe von Dokumentarfilmen entstand,5 und 2001 erschien der erste
Spielfilm, der den ruandischen Genozid thematisierte.6
Ein beeindruckendes Konzept stellt das 1996 von dem im Tschad
und in Frankreich lebendem Journalisten Nocky Djedanoum angeregte

_____________
2 Die Studie wurde von insgesamt 19 Ländern und 18 internationalen Organisationen finan-
ziell gefördert, Frankreich zog seine Unterstützung nach Sichtung des Entwurfs zurück
(Melvern 2004: 357).
3 Eine vollständige Bibliographie würde den hier gegebenen Rahmen weit überschreiten und
wäre zudem schnell inaktuell, da beständig neue Publikationen erscheinen. Stockhammer
erstellte 2005 eine allerdings keineswegs vollständige Liste von knapp 200 Arbeiten (Stock-
hammer 2005a).
4 So der amerikanische Times-Fotograf James Nachtwey im Spätsommer 1994, der französi-
sche Fotograf Gilles Peress (vgl. auch Peress 1995) und der deutsche Fotograf Guenay Ul-
utunçok.
5 Um nur eine Auswahl zu nennen: Ulrich Harbeckes Dokumentation REQUIEM FÜR RU-
ANDA von 1994 für den WDR; die französisch-britische Koproduktion RWANDA. HOW
HISTORY CAN LEAD TO GENOCIDE von Robert Genoud 1995; der Film UNE RÉPUBLI-
QUE DEVENUE FOLLE (RWANDA 1894-1994) des belgischen Anthropologen Luc de
Heusch von 1996; Steven Silvers mehrfach preisgekrönte Dokumentation über General
Roméo Dallaire von 2001 THE LAST JUST MAN; die mit dem Adolf-Grimme Preis ausge-
zeichnete Reportage DER MÖRDER MEINER MUTTER. EINE FRAU WILL GERECHTIGKEIT
von Martin Buchholz 2003.
6 Der erste Spielfilm zum Völkermord in Ruanda, 100 DAYS, war eine ruandisch-britische
Koproduktion und wurde von dem früheren BBC Reporter Nick Hughes mit vornehmlich
ruandischen Schauspielern in Ruanda gedreht. Produzent war der ruandische Filmemacher
Eric Kabera. Der Film wurde im Westen kaum wahrgenommen, obwohl er bei einigen
Festivals gezeigt wurde und einen Preis gewann.
HOTEL RUANDA und SOMETIMES IN APRIL 81

Literaturprojekt dar, das sich dem Schweigen afrikanischer Intellektueller


angesichts der ruandischen Katastrophe stellte. Rwanda – Écrire par devoir de
mémoire ermöglichte 1998 zehn afrikanischen Schriftstellern einen Aufent-
halt in Ruanda. Entstanden sind daraus bisher neun fiktionale Texte, der
Roman Murambi – le livre des ossements des senegalesischen Schriftsteller
Boubacar Boris Diop wurde von der Jury der Zimbabwe International
Book Fair 2002 zu einem der besten hundert Bücher Afrikas im 20. Jahr-
hundert gekürt (Bandau 2003; Diop 2003).7
Mehr Aufmerksamkeit wurde indes den von westlichen Journalisten
und Reportern verfassten Büchern zuteil. Diese basieren zum großen Teil
auf Berichten von Überlebenden und Tätern und fanden – nicht selten
mit Preisen ausgezeichnet – eine relativ große Leserschaft (Keane 1995;
Gourevitch 1998; Hatzfeld 2000, 2003). Besonderes Interesse gewannen
Publikationen, die die Einflussnahme westlicher Mächte und das Versagen
der UNO und der internationalen Gemeinschaft angesichts des Mordens
beleuchteten. Dazu zählten A People Betrayed aus der Feder der britischen
Journalistin und Beraterin des Strafgerichtshofes in Arusha, Linda Mel-
vern (Melvern 2000), und die Arbeit des amerikanischen Politikwissen-
schaftlers Michael Barnett, Eyewitness to a Genocide (Barnett 2002). Wohl am
meisten Aufsehen allerdings erregten die Erinnerungen des Kanadiers
Roméo Dallaire (Dallaire 2003).8 Dallaire, der nach schweren Depressio-
nen, nervlichen Zusammenbrüchen und Selbstmordversuchen seine Er-
fahrungen als Kommandeur des Blauhelmkommandos in Ruanda nieder-
schrieb, gelang damit eine machtvolle Anklage der westlichen Politik
gegenüber Ruanda, die in den Medien beachtliche Anerkennung fand und
verschiedentlich ausgezeichnet wurde.
Diese Diskussionen fanden im deutschsprachigen Raum in Zeitungs-
notizen zwar einen leisen Widerhall, doch sie blieben zersplittert und er-
gaben für Unwissende nur schwer ein zusammenhängendes Bild der Vor-
gänge im Ruanda von 1994. Der Diskurs beschränkte sich weitgehend auf
Auseinandersetzungen im wissenschaftlichen Rahmen oder innerhalb ent-
wicklungspolitischer Zusammenhänge. So schrieb Robert Stockhammer
2005 in der Vorbemerkung zu seinem Buch Ruanda. Über einen anderen Ge-
nozid schreiben, er gehe „nicht davon aus, dass die Ereignisse von 1994, ihre
Vorgeschichte und die Versuche zu ihrer Erklärung hierzulande hinläng-
lich bekannt sind.“ (Stockhammer 2005a: 7) Ähnlich schätzen Georg Bru-
nold und Andrea König 2004 das Wissen über Ruanda ein: „[...] dass die
_____________
7 Nur einer der Texte, der Roman von Véronique Tadjo von der Côte d’Ivoire, wurde bisher
ins Deutsche übersetzt (Tadjo 2001).
8 Auf der Basis dieses Buches drehte Peter Raymont 2004 den Dokumentarfilm SHAKE
HANDS WITH THE DEVIL – THE JOURNEY OF ROMÉO DALLAIRE, der mehrfach ausge-
zeichnet wurde.
82 Christiane Reichart-Burikukiye

Geschichte des ruandischen Genozids [...] verstanden ist und vorausge-


setzt werden kann [...] davon kann, von einem kleinen Spezialistenkreis
abgesehen, keine Rede sein.“ (Brunold/König/Uluntunçok 2004: 6)
Mit dem Näherrücken der zehnjährigen Wiederkehr des Völkermor-
des im Jahr 2004 verdichteten sich die Informationen und Ereignisse, die
auf den ruandischen Genozid verwiesen. Das in den Jahren zuvor gene-
rierte Wissen und die Diskurse über Ruanda konzentrierten sich zu diesem
Zeitpunkt in einer mannigfaltigen medialen Öffentlichkeit in vorher nicht
da gewesenem Ausmaß. Die rituelle Bedeutung des Jubiläums entwickelte
einen enormen Sog, der sich im Zusammenspiel mit politischen und
marktorientierten Strategien vervielfältigte und eine spezielle Eigendyna-
mik entwickelte.
Auch der moralische Anspruch, der in der Beschäftigung mit diesem
Thema lag – und liegt –, rückte in auffälligem Maße in den Vordergrund.
Als eines von vielen Beispielen dafür kann Linda Melverns zweites Buch
über Ruanda stehen. Es wurde im Gedenkjahr 2004 unter dem Titel
Conspiracy to Murder. The Rwandan Genocide veröffentlicht und erschien im
gleichen Jahr in der deutschen Übersetzung Ruanda. Der Völkermord und die
Beteiligung der westlichen Welt, mit der Widmung: „Zur Erinnerung an Ra-
phael Lemkin.“ Völkermord als Verbrechen ist einer der zentralen Erinne-
rungsorte, auf den sich die internationale Gemeinschaft in ihrer Nach-
kriegsgeschichte bezog. Die Gründung der UNO repräsentierte das
Selbstverständnis der Staatengemeinschaft, Verbrechen wie die Vernich-
tung der europäischen Juden in Zukunft zu verhindern. Mit ihrer Erinne-
rung an Raphael Lemkin, den Verfasser der UN-Völkermordskonvention
von 1948, gedachte Melvern auch der einstigen Gründungsideale und
machte deutlich, dass die Untätigkeit der Vereinten Nationen in Ruanda
auf ihr Versagen wies – im günstigsten Fall. Im ungünstigsten Fall freilich
bedeutete sie den bewussten Verrat der in den Menschenrechtskonventio-
nen festgeschriebenen Ziele.
Melvern war keineswegs die erste Autorin, die sich in der Beschäfti-
gung mit dem ruandischen Völkermord auch auf andere Völkermorde des
20. Jahrhunderts bezog. Die Parallelen insbesondere zwischen der Shoah
und itsembabwoko – so die heutige ruandische Bezeichnung für den Geno-
zid – sind ein beständig wiederkehrendes Thema in den Diskursen über
Ruanda. Der Berliner Literaturwissenschaftler Robert Stockhammer analy-
sierte in seiner 2005 erschienenen Studie das Schreiben über den Genozid
in Ruanda und erkannte in ihm einen „Vergleichsdruck“, einen „Krieg um
den Genozid“. In dem Kampf um die afrikanischen Toten und die Aner-
kennung der afrikanischen Katastrophe, kurz um die Relevanz des The-
mas, ist die wichtigste Waffe der Vergleich des ruandischen Völkermordes
mit der Shoah (Stockhammer 2005a: 66, 69). Dieser verpflichtet die west-
HOTEL RUANDA und SOMETIMES IN APRIL 83

lichen Gesellschaften, den Genozid in Ruanda angesichts der eigenen


Geschichte und des eigenes Selbstverständnisses wahrzunehmen und zu
einer eigenen Angelegenheit zu machen.
Der moralische Anspruch zehn Jahre nach dem Genozid in Ruanda
lag also zum einen in der Pflicht wahrzunehmen. Wo immer das Thema
zum Gegenstand wurde, geschah dies mit dem Hinweis darauf, dass dieser
Genozid – ganz im Gegensatz zur Shoah – im öffentlichen Bewusstsein
der westlichen Welt keinen Platz gefunden habe. An die Anklage, den
Völkermord ignoriert zu haben, knüpfte sich der Vorwurf, ihn auch nicht
in einen globalen Erinnerungskanon aufgenommen zu haben. Daraus
wiederum leitete sich die Verpflichtung ab, dieses Verbrechen dem Ver-
gessen zu entreißen und ins Menschheitsgedächtnis einzuschreiben.
Das Gebot zu erinnern war aber nicht allein darin begründet, dass die
westliche Welt den Völkermord nicht wahrgenommen hatte. Multipliziert
wurde die Verantwortung durch die inzwischen offensichtliche, eigene
Verstrickung in das Verbrechen: die Unterstützung der Völkermörder
insbesondere durch Frankreich, das tatenlose Zusehen der Weltgemein-
schaft und das Abziehen der UN-Truppen aus Ruanda auf dem Höhe-
punkt der Schlächtereien. Dieser Komplex von Schuld und der Pflicht zu
erinnern wurde am öffentlichkeitswirksamsten, als der damalige UN-
Generalsekretär Kofi Annan zu Beginn des Jahres 2004 das Abziehen der
Blauhelmtruppen aus Ruanda im Frühjahr 1994 als Fehler eingestand und
sich dafür entschuldigte. Am 7. April 2004, zehn Jahre nach dem Beginn
des organisierten Mordens, erklärte die Generalversammlung der Verein-
ten Nationen den 7. April zum weltweiten Gedenktag an den Völkermord
in Ruanda.9
Die aktuelle politische Initiative der Vereinten Nationen trug dazu bei,
dass auch im deutschsprachigen Raum von einflussreichen Zeitungen,
Zeitschriften, Radio- und Fernsehsendern der Jahrestag zum Anlass ge-
nommen wurde, an das Geschehen in Ruanda zu erinnern und daran an-
schließende und gegenwärtige Entwicklungen zu thematisieren. Oft wurde
nicht allein an den Völkermord selbst erinnert, sondern es wurden auch
Formen des Erinnerns an den Völkermord (und seines Vergessens) in
Ruanda und in der westlichen Welt angesprochen.10
_____________
9 Die vollständige Erklärung zum Gedenktag findet sich unter: http://www2.unog.ch/
news2/documents/newsen/sg04003e.htm, 31.01.2008.
10 Beispielhaft seien hier nur aufgeführt: das Stern-Heft vom 31. März 2004 mit einem Son-
derschwerpunkt zu Ruanda, Berichte in Die Zeit vom 1.4. 2004, der fünfseitige Schwer-
punkt in der taz vom 7.4.2004. Der Dokumentarfilm von Steven Silver über Roméo Dallai-
re, (dt. ZUR SCHULD VERDAMMT), die Dokumentationen REQUIEM FÜR RUANDA und
DER MÖRDER MEINER MUTTER wurden im WDR mehrfach ausgestrahlt, darunter auch
bei einem WDR-Themenabend am 7. Mai 2004, allerdings aufgrund der nächtlichen Sen-
dezeiten quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit.
84 Christiane Reichart-Burikukiye

Die Aufmerksamkeit, die das Jubiläum für Ruanda schuf, nutzten


auch marktstrategisch denkende Initiatoren, um ihre Produkte, in erster
Linie Bücher, öffentlichkeitswirksam zu platzieren. Auch hier lag der
Schwerpunkt eher im anglophonen Raum. Dennoch erschienen in den
Jahren 2004 und 2005 einige der bemerkenswertesten Bücher zum Geno-
zid in Ruanda auf dem deutschsprachigen Markt. Dabei handelte es sich
zum größten Teil um Übersetzungen (Melvern 2004, Dallaire 2005, Hatz-
feld 2004a und b), darunter auch der Bestseller-Roman des kanadischen
Journalisten Gil Courtemanche Ein Sonntag am Pool in Kigali (Courteman-
che 2000/2004) und die Erinnerungen der in Deutschland lebenden Ru-
anderin Esther Mujawayo, einer Überlebenden des Genozids (Mujawayo
2005). Aber auch ein Gedenkband deutschsprachiger Autoren erschien
(Brunold/König/Ulutunçok 2004). Die Besprechungen, mit denen die
Öffentlichkeit auf die neuen Publikationen reagierte, verwiesen zugleich
auch auf die Berichte zum Gedenken und nicht selten auf die aktuelle
Haltung der UN zu Ruanda. So knüpfte sich – zwischen Bucherscheinun-
gen, deren Besprechungen in prominenten Blättern und gegenseitigen
Querverweisen auf einschlägigen Internetseiten – ein Netz von Informati-
onsangeboten und Erinnerungen. Verstärkt wurde dieser Prozess durch
die Initiativen unabhängiger NGOs, kirchlicher und politischer Institutio-
nen, die Tagungen, Symposien und Ausstellungen organisierten.11
Ruanda war im Jahr 2004 ein plurimediales Ereignis – allerdings nur
für einen kleinen Kreis an Interessenten. Für die große Mehrheit der deut-
schen Öffentlichkeit blieb Ruanda ein Teil Afrikas und Afrika Kulisse
klischeebehafteter Vorabendserien (Baer 2001)12 oder abendfüllender Hol-
lywoodproduktionen, die die Geschichte des afrikanischen Völkermordes
neu schrieben. Ein Beispiel dafür ist TRÄNEN DER SONNE (2003), ein
Spielfilm des afroamerikanischen Regisseurs Antoine Fuqua. In einem
nicht erklärten, fiktiven Bürgerkrieg erhält Lt. A.K. Waters, gespielt von
Bruce Willis, den Auftrag, eine weiße Ärztin aus dem Landesinneren zu
evakuieren, einem Gebiet, das von ethnischen Säuberungen einer Rebel-
lengruppe heimgesucht wird. Die Ärztin, Monica Bellucci, weigert sich,
mit dem Retter zu gehen, sofern dieser nicht auch ihre afrikanischen
Schutzbefohlenen mitnimmt. Waters, der korrekte und befehlstreue Mili-
_____________
11 Unter den zahlreichen Veranstaltungen seien hier nur genannt: Die Fotoausstellung Ruanda
– Zurück ins Leben. Zehn Jahre nach dem Völkermord mit Fotos von Thomas Lohnes im BMZ;
die vom EED finanzierte, mit Diskussionen, Filmen und Vorträgen begleitete Ausstellung
des ghanaischen Bildhauers Kofi Setordji im Münchner Völkerkundemuseum Wunden der
Erinnerung – Zehn Jahre danach; die Tagungen der Evangelischen Akademie Loccum, Zehn
Jahre danach: Völkermord in Ruanda, der GTZ und FES Von Vergangenheitsbewältigung zu einer
gemeinsamen Zukunft – Regionale und globale Herausforderungen von Versöhnung und der KAS Zehn
Jahre nach dem Genozid in Ruanda.
12 Vgl. auch den Beitrag von Daniela Neuser in diesem Band.
HOTEL RUANDA und SOMETIMES IN APRIL 85

tär, entscheidet sich im Konflikt zwischen Befehl und Gewissen für das
moralisch Richtige: Statt eine einzige weiße Frau zu retten, riskiert er sein
Leben und das seiner Truppe, um möglichst viele Afrikaner vor dem si-
cheren Tod zu beschützen. So schablonenhaft sich der Film einerseits
darstellt, so verweisen die Darstellung der ethnischen Säuberungen, ein-
zelne Filmsequenzen, die die wenigen dokumentarischen Aufnahmen der
Massaker in Ruanda zitieren sowie die Thematisierung der Rolle der Elite-
einheit und der ausdrücklichen Anweisung, in die Kampfhandlungen vor
Ort nicht einzugreifen, deutlich auf den ruandischen Genozid. Während
in Ruanda jedoch die Befehle befolgt und die Bevölkerung ihren Mördern
überlassen wurde, schreibt dieser Film die Geschichte neu. In ihm nimmt
der Elitesoldat das Geschehen in die Hand, gegen den Befehl seiner Vor-
gesetzten greift er ein und rettet afrikanische Menschenleben. Der Film
erfüllte damit ersatzweise den ethischen Anspruch, den die von westlichen
Werten bestimmte internationale Gemeinschaft auf ihre Fahnen geschrie-
ben, gegenüber dem sie aber in Ruanda eklatant versagt hat. So erinnerte
der Streifen zwar die Umstände der ruandischen Katastrophe, sorgte aber
zugleich für ihr Vergessen, indem das Versäumte kurzerhand im filmi-
schen Geschehen nachgeholt wurde.

2. Die Berlinale als Gedenkveranstaltung


für den ruandischen Genozid
Auf das im vorangegangenen Kapitel rekonstruierte plurimediale erinne-
rungskulturelle Feld trafen bei den Internationalen Filmfestspielen in Ber-
lin 2005 die beiden Filme HOTEL RUANDA und SOMETIMES IN APRIL.
„Endlich,“ so Dominic Johnson erfreut, „bisher musste, wer in Deutschland an
Ruanda und am Völkermord an 800.000 Menschen dort 1994 interessiert war,
schwere Bücher lesen und komplizierte Dokumentarfilme gucken. Jetzt hat es der
ruandische Genozid auf die große Leinwand geschafft, mit einer umwerfenden
Kraft.“ (Johnson 18.02.2005: 18)
Der Völkermord blieb nicht auf der Leinwand. Dem Thema, mit dem sich
zuvor hauptsächlich ein eingeweihter Expertenkreis beschäftigt hatte, ge-
lang plötzlich im Hochglanzformat der Eintritt mitten in die
publikumswirksame Lifestyle-Abteilung der Medien- und Filmindustrie.
Dieser Schritt war zum einen der generell außerordentlichen Medien-
präsenz der Berlinale zu verdanken. Zum anderen verband sich ihr Ruf als
Festival mit politischem Schwerpunkt mit dem in den letzten Jahren
deutlich gewachsenen Raum für Glamour und Glanz des Filmgeschäfts.
Hollywood-Stars wie Don Cheadle und Helden des politischen Kinos wie
Raoul Peck wurden gleichermaßen zu Multiplikatoren.
86 Christiane Reichart-Burikukiye

Der Film HOTEL RUANDA beruht auf der wahren Geschichte des Ru-
anders Paul Rusesabagina. Dieser hatte als Manager des Sabena-Hotels
„Hôtel des Milles Collines“ in der Hauptstadt Ruandas 1268 Flüchtlingen
während der Massaker im Frühjahr 1994 Zuflucht geboten. Während
ringsum Hunderttausende getötet werden, rettet Paul durch vorsichtige
Diplomatie und geschicktes Verhandeln das Leben der Hotelinsassen. Der
Film endet mit dem fast märchenhaften Wiedersehen von Pauls Familie
mit den beiden für tot gehaltenen Nichten und ihrer gemeinsamen Ausrei-
se nach Tansania.
Der nordirische Regisseur Terry George, der sich bereits einen Na-
men für politisches Kino erworben hatte,13 drehte die südafrikanisch-
britisch-italienische Koproduktion in den USA, Italien und Südafrika.
Hauptdarsteller ist der durch die Besetzung in Filmen von Steven Soder-
bergh populär gewordene Don Cheadle; er spielt die Rolle des Paul Ruse-
sabagina. Dessen Frau Tatiana wird von der Britin Sophie Okonedo ge-
spielt. Die US-amerikanischen Schauspieler Nick Nolte und Joaquin
Phoenix sind in weitere Nebenrollen zu sehen.
Beim Internationalen Filmfestival in Toronto wurde der Film im Sep-
tember 2004 uraufgeführt und erhielt den Publikumspreis. Bei den Film-
festspielen in Berlin lief der Film außer Konkurrenz, erhielt aber den pa-
rallel zur Berlinale verliehenen „Cinema for Peace“-Award als wertvollster
Film des Jahres 2005. Später folgten weitere Preise, darunter der Europäi-
sche Filmpreis 2005, der Humanitas-Preis 2005, der Black Reel Award
2005 für Sophie Okonedo, der Publikumspreis des Internationalen Film-
festivals von Los Angeles 2005 und der Political Film Society Award.
Darüber hinaus wurde der Film für zahlreiche Auszeichnungen, unter
anderem für drei Oscars und drei Golden Globes, nominiert.
Am 7. April 2005, auf den Tag genau elf Jahre nach Beginn der Mas-
saker in Ruanda, startete der Film im Tobis Filmverleih in deutschen Ki-
nos. Der Film, der in den USA in den ersten vier Monaten nach Erschei-
nen rund 24 Millionen Dollar einspielte, konnte in Deutschland nach
einem halben Jahr Spielzeit knapp 200.000 Kinobesucher verzeichnen. Im
November 2005 kam die DVD auf den Markt, im Bonusmaterial unter
anderem versehen mit einer Dokumentation über den ersten Besuch Ru-
sesabaginas in Ruanda nach dem Genozid.

_____________
13 Terry George war durch seine Drehbücher für die Filme IM NAMEN DES VATERS (1993)
und DER BOXER (1997) bekannt geworden, die sich mit der politischen Situation in
Nordirland befassen. IM NAMEN DES VATERS gewann bei der Berlinale 1994 den goldenen
Bären, das Drehbuch wurde für den Oscar nominiert. Der erste Film, für den George
selbst Regie führte, SOME MOTHER’S SON (1996), wurde mit dem European Film Award
geehrt.
HOTEL RUANDA und SOMETIMES IN APRIL 87

Der zweite Film über den Völkermord in Ruanda, SOMETIMES IN AP-


RIL, war offizieller Wettbewerbsbeitrag bei der Berlinale 2005, ging bei der
Verleihung der Preise aber leer aus. Regisseur der von HBO Films vertrie-
benen US-amerikanisch-ruandischen Koproduktion ist Raoul Peck. Peck,
der 1953 in Haiti geboren wurde und in Frankreich, den USA und dem
damaligem Zaire aufwuchs, studierte in Berlin an der Film- und Fernseh-
akademie. Bekannt wurde er durch seine Filme über Patrice Lumumba,14
die ihn, so die Kritiker, zum „Chronist der afrikanischen Geschichte“
(Keilholz, 09.04.2005b) und „Dokumentarist des post-kolonialistischen
Afrika“ (Zander 2005a) machten.
Der Film erzählt die Geschichte des Ruanders Augustin Muganza, der
im Jahr 2004 von Ruanda nach Arusha in Tansania reist, um dort seinen
Bruder zu besuchen. Dieser, Honoré, hatte während des Völkermords als
Journalist für den wegen seiner Hetzkampagnen berüchtigten Radiosender
Radio Télévision Libre des Milles Collins (RTLM) gearbeitet und ist nun vor
dem Internationalen Strafgerichtshof für Ruanda als Mittäter des Geno-
zids angeklagt. In Arusha stellt sich Augustin seinen Erinnerungen und
seiner Trauer um seine ermordete Familie. Seine Lebensgefährtin Martine
wartet unterdessen in Kigali auf Augustins Rückkehr. Sie ist schwanger
und hofft, Augustin möge sich mit der Vergangenheit aussöhnen. Wäh-
rend der Wartezeit kehrt auch sie in die Vergangenheit zurück und erlebt
ihrerseits noch einmal ihre Überlebensgeschichte des Frühjahr 1994. In
Rückblenden erzählt der Film so die Geschichte des Völkermords aus den
Perspektiven Augustins, Martines und Honorés.
Peck drehte in Frankreich, den USA und in Ruanda, wo zahlreiche
einheimische Statisten für den Film gecastet wurden. Eine der Hauptfigu-
ren, Augustins während der Massaker vergewaltigte und getötete Ehefrau
Jeanne, eine Tutsi, wird von einer Überlebenden des Genozids, der Ruan-
derin Carole Karemera, gespielt. Die Rolle des Augustin übernahm der
britische Schauspieler Idris Elba, die seiner Lebensgefährtin Martine der
südafrikanische Filmstar Pamela Nomvete. In einer weiteren Nebenrolle
der UN-Beauftragten für Ruanda spielt Debra Winger. Uraufgeführt wur-
de der Film im Amahoro-Stadion in der Hauptstadt Ruandas, Kigali. Als
er in Berlin als offizieller Wettbewerbsbeitrag gezeigt wurde, erhielt er viel
Aufmerksamkeit und Lob, kam aber trotz zahlreicher weiterer Preisnomi-
nierungen und der Auszeichnung für den besten Film beim Internationa-
len Filmfestival in Durban 2005 nicht in die deutschen Kinos. Erst am 22.
Februar 2008 erlebte der Film beim deutsch-französischen Fernsehsender

_____________
14 Der Dokumentarfilm LUMUMBA – TOD EINES PROPHETEN (1992) und der Spielfilm
LUMUMBA (2002), beide über den kongolesischen Freiheitskämpfer und Politiker Patrice
Lumumba, wurden mehrfach ausgezeichnet.
88 Christiane Reichart-Burikukiye

arte unter dem Titel ALS DAS MORDEN BEGANN die deutsche Erstaus-
strahlung.
Dass gerade im Jahr 2004 drei Spielfilme zu Ruanda entstanden,15 mag
reiner Zufall gewesen sein, oder, wie George es ausdrückte: „It’s like traf-
fic jams on the highway. You get to the point where it breaks out and you
don’t know why.“ (Dirlwächter, 13.02.2005) Nahe liegt dennoch, dass die
Bedeutung des Gedenkjahres auch die Entstehung dieser Filme zu diesem
Zeitpunkt beträchtlich mit gefördert hat. Den Einstieg in die große Öf-
fentlichkeit verdankte der Völkermord aber in erster Linie der Berlinale.
Die Spielfilme und ihr Thema profitierten nachhaltig von einem durchor-
ganisiertem Presseapparat und einer Armee an Marketingstrategen, ohne
die sie vermutlich über die Nische an Öffentlichkeit, in der sich der Völ-
kermord bis dahin im deutschsprachigen Raum befand, nicht hinaus ge-
kommen wären. Jetzt rahmten sie das Festival gewissermaßen ein: HOTEL
RUANDA lief zu Beginn der Festspiele, SOMETIMES IN APRIL an einem
der letzten Tage als Wettbewerbsbeitrag.
Dabei zeigte sich, dass neben dem Öffentlichkeitsapparat der Berlinale
auch die Gleichzeitigkeit und Gemeinsamkeit der beiden Spielfilme den
Völkermord in Ruanda zu einem Medienereignis werden ließen und den
Filmen zu außerordentlicher Aufmerksamkeit verhalfen. Viele Kritiker
sahen beide Filme, sie stellten Vergleiche an, zogen Parallelen, fanden
Unterschiede. Nicht wenige bezogen Stellung, manche Besprechung favo-
risiert einen der beiden Filme aus Gründen, die andere wiederum gerade
für Zeichen eines weniger gelungenen Werkes halten. Deutlich wurde:
Der Völkermord in Ruanda konnte niemandem mehr entgehen, er ließ
sich nicht beiseite drängen, sondern war stärker in die Öffentlichkeit ge-
rückt, als es die Nachrichtenbilder von 1994, das Jubiläum im Jahr 2004,
die UNO-Initiative mit ihrer formalen Entschuldigung und der Ernen-

_____________
15 Der dritte Spielfilm, SHOOTING DOGS, eine deutsch-britische Koproduktion von 2005,
umgesetzt von dem schottischen Regisseur Michael Caton-Jones, basiert wie HOTEL RU-
ANDA auf einer wahren Begebenheit. Sie wird aus der Perspektive des jungen Briten Joe
Connor erzählt, der nach Kigali geht, um dort an einer Schule zu unterrichten. Kurze Zeit
nach seiner Ankunft beginnt der Völkermord und auf dem Gelände der Schule, wo auch
ein Kommando Blauhelmsoldaten stationiert ist, finden zahlreiche Flüchtlinge Schutz. Als
die UN-Soldaten abgezogen werden, lässt sich auch Connor widerstrebend evakuieren, in
der Gewissheit, dass die Flüchtlinge ohne den Schutz der Europäer umso sicherer ihren
Schlächtern überlassen werden. SHOOTING DOGS kam erst im Frühjahr 2007 in die deut-
schen Kinos und fand dort so gut wie kein Publikum. In den wenigen Besprechungen
wurde er fast zwangsläufig mit HOTEL RUANDA verglichen und schnitt dabei eher mäßig
ab.
HOTEL RUANDA und SOMETIMES IN APRIL 89

nung des Internationalen Gedenktages für Ruanda hatten bewirken kön-


nen.16
Denn die Filme schufen für ihre Zuschauer die Illusion, die Vorgänge
in Ruanda selbst zu erleben. Damit füllten sie eine ganz bestimmte Lücke
im Erinnerungswissen um den ruandischen Völkermord: Bis zu diesem
Zeitpunkt gab es so gut wie kein Bildmaterial aus den 100 Tagen des Ge-
nozides, da fast alle Journalisten frühzeitig ausgeflogen worden waren
(Stockhammer, 14.04.2005b). Die dramatische Fülle der Bilder hatte den
Westen erst nach Beendigung des Genozides erreicht: Flüchtlingsströme
ins damalige Zaire, Menschenmengen in den Lagern von Goma, Bulldo-
zer, die die riesigen Massengräber für die Tausenden Opfer der Cholera-
Epidemien zuschütteten. Im Jahr 1994 war den wenigsten Journalisten
und noch weniger den Konsumenten ihrer Informationen bewusst, dass
es sich hier um Berichte über die Völkermörder handelte, über die ins
benachbarte Zaire geflohenen Täter. Aus Ruanda selbst erreichten die
großen Nachrichtenagenturen nur noch Bilder von Schädeln und Gebei-
nen, zerhackten Kadavern und verwesenden Leichenbergen. Wie im
Nachrichtengeschäft üblich, konzentrierten sich bald darauf die Informa-
tionen wieder auf andere Brennpunkte. Als Folge der auch in diesem Fall
oft kritisierten, leider aber unverändert verkürzten Afrikaberichterstattung
blieb Ruanda als Ort uralter Stammeskämpfe, barbarischer, unerklärlicher
Grausamkeit und als bedauerliches Leichenschauhaus zurück – ein Bild,
das nahtlos an zahlreiche Klischees von Afrika anknüpfte (Kraler 1999;
Melvern 2001).
Die Spielfilme über den Völkermord indes lieferten elf Jahre später, in
einer Zeit, in der die Diskurse über das Geschehen in Ruanda in deutlich
stärkerem Maße im Blickpunkt der Öffentlichkeit standen und damit eine
Fülle von Anknüpfungspunkten boten, eine Visualisierung der konkreten
Ereignisse. Auch wenn Szenen tatsächlicher Gewalt in den Filmen nur
sparsam verwendet wurden, so führten die Filme ihre Zuschauer über die
Identifikationsfiguren doch mitten in das Inferno hinein. Sie boten die
Möglichkeit, sich in das Geschehen, in Figuren und in den Ort einzufüh-
len – kurz, den Völkermord imaginativ selbst zu erleben.
Eben dies beabsichtigten die Regisseure: eine Gegennarration zu der
verkürzten Referenz der Nachrichtenbilder zu schaffen. So erklärt Raoul
Peck, im Interview zu SOMETIMES IN APRIL gefragt, ob Spielfilme besser
als Nachrichtenbilder geeignet seien, Ignoranz zu durchbrechen:
Es war mein Ziel, dass man sich mit den Figuren identifizieren kann, was schwie-
rig ist bei einem Film über derart fremde Menschen. Ich wollte, dass man mit
_____________
16 Allein die Filmseite fimlz.de mit den wohl umfangreichsten deutschsprachigen Linksamm-
lungen zu Filmkritiken versammelt für HOTEL RUANDA knapp sechzig deutschsprachige
Besprechungen: http://www.filmz.de/film_2005 /hotel_ruanda/links.htm.
90 Christiane Reichart-Burikukiye

dem Vater als Vater mitfühlen kann, dass man sich darin wieder erkennt. [...] Ir-
gendwann ist man dann mittendrin in der Geschichte. (Keilholz, 09.04.2005b)
Empathie, so haben Filmwissenschaftler gerade in der jüngsten Vergan-
genheit betont, ist der Schlüssel zur filmischen Narration. Der emotionale
Zugang verstärkt den Eindruck der Bilder und des Geschehens, er unter-
stützt das Gedächtnis dabei, Erzählungen aufzunehmen, und macht sie zu
einem Teil persönlicher Erfahrungen (Schick/Ebbrecht 2008; Brütsch/
Hediger et al. 2005). Auch der Regisseur von HOTEL RUANDA, Terry
George, zielte darauf ab:
Man muss versuchen, dass der Zuschauer nicht nur mit der Figur mitfühlt, son-
dern dass diese buchstäblich Auge und Ohr für ihn wird. Man hat so die Chance,
einem Publikum nicht nur ein politisches Ereignis besser verständlich zu machen,
sondern durch die Figur auch Mitgefühl zu wecken. (Abeltshauser 2005)
Die Ruanda-Filme, die Geschichten aus der Geschichte erzählten, holten
damit die Vergangenheit in die Gegenwart, und die Zuschauer nahmen an
ihr teil (Ebbrecht 2008: 88-93). Film und Zuschauer wurden zu Kompli-
zen in der Produktion emotional gefärbter Erinnerungen an den Völker-
mord, ein Prozess, den die Nachrichtenagenturen und die Politik von
1994 – bewusst oder dem Strudel der Ereignisse unversehens ausgesetzt –
verhindert hatten.
Die über das Medium Film erfolgende emotionale Einbindung des
Publikums in die Ereignisse des Völkermordes von 1994 machte die Ber-
linale 2005 zu jener Gedenkveranstaltung, die ein Jahr zuvor in der westli-
chen Welt nur auf offizieller Ebene stattgefunden hatte. Die Absichten zu
informieren, zu bewegen und zu erinnern sind dabei kaum voneinander zu
trennen. Terry George vermerkte dazu: „Ich sehe meine Pflicht aber eher
darin, die Leute zu informieren, nicht so sehr, sie zu verändern. Es liegt
am Einzelnen, was er aus dem Film mitnimmt.“ (Abeltshauser 2005) In
der Welt nannte ein Kritiker die Filmerlebnisse, „die uns noch im Nachhi-
nein beschämen“, ein Gebot, „sich selbst, wenigstens im Nachhinein,
noch einmal aus faktischen Quellen zu informieren, was wirklich ge-
schah.“ (Zander, 06.04.2005b) Die letzte Zeile im Abspann des Filmes
SOMETIMES IN APRIL manifestiert gewissermaßen die Botschaft der filmi-
schen Repräsentation: „Never forget.“ Der deutliche Appell an das Publi-
kum, nicht zu vergessen, bezog sich zum einen auf die faktisch-
informationelle Seite der dargestellten Tatbestände und zum anderen auf
deren individuelles empathisches Nacherleben. Darüber hinaus jedoch war
er ein Aufruf, den Völkermord als Erinnerungsort in einem globalen kol-
lektiven Gedächtnis festzuschreiben.
Zahlreiche Kritiker nahmen das Verdienst der Filme als Erinnerungs-
arbeit wahr und würdigten sie. HOTEL RUANDA habe viel dazu beigetra-
gen, „dass der fast vergessene Völkermord der Hutu-Milizen an den Tutsi
HOTEL RUANDA und SOMETIMES IN APRIL 91

wieder ins öffentliche Bewusstsein gehoben wurde.“ (Gunske 2005: 44)


Andrea Bleuler nennt es ein „nobles Ziel, die Greueltaten zumindest im
Nachhinein besser im Bewusstsein der Menschheit zu verankern und ein
breites Publikum dadurch überhaupt zu informieren“, was übersehen las-
se, „dass Offensichtlichem unnötig mit plumpem Dialog nachgeholfen
wird.“ (Bleuler, o. J. ) Auch in anderen Besprechungen klingt an, dass in
diesem Fall der Inhalt der Filme und seine Fertigkeit, gleichzeitig zu in-
formieren, Erinnerung zu wecken und Bewusstsein zu prägen, weit höher
zu bewerten ist als jegliche ästhetische Einwände: „Ein Film, der es
schafft, dieses Verbrechen in Erinnerung zu rufen oder erstmals ins Be-
wusstsein zu bringen, und darüber hinaus noch eine Ahnung des Leids
vermittelt, das Zahlen allein nicht fassen können – schon das ist ein wich-
tiger Film.“ (Kniebe, 06.04.2005)

3. Repräsentationen der Shoah als Maßstab


für einen ‚gelungenen‘ Völkermordfilm
Durchaus nicht alle Zuschauer können sich dieser Meinung anschließen.
So stellt Rüdiger Suchsland im Filmmagazin artechock die grundsätzliche
Frage, ob man „eigentlich wirklich alles zum Entertainstoff machen“ müs-
se und gibt zu bedenken:
Kein Film wird zum guten Film, weil sein Thema wichtig und seine Botschaft so-
zialverträglich oder pädagogisch wertvoll ist. [...] Müsste ein Völkermordfilm, der
diesen Namen verdient, nicht notwendigerweise ein Splatterfilm sein, in dem ta-
gelang die Menschen vor sich hingemetzelt werden? (Suchsland, o. J. )
Suchsland spricht die zentrale Debatte in Bezug auf das ‚Genre Völker-
mordfilm‘ an: Dem moralischen Gebot zu erinnern steht stets die nicht
weniger moralische Frage nach der Angemessenheit der Repräsentation
gegenüber. Eines der am häufigsten thematisierten Probleme war daher
die Frage nach der ästhetischen Übersetzung von Gewalt. Während einer-
seits kritisiert wurde, in HOTEL RUANDA werde „die Gewalt in homöopa-
thischen Dosen verabreicht“ (Peitz, 11.02.2005), monierte man an anderer
Stelle, dass Peck in SOMETIMES IN APRIL „Leichenfelder, Körperteile,
Wagen voller Toter, ungeniert, ja schamlos“ (Tilmann, 18.02.2005) zeigt.
Diesen Konflikt um die Angemessenheit der Darstellung bezeichnete
Andreas Kilb als „Dilemma des politischen Films“ seit Costa-Gavras’
Griechenlandthriller Z (1969) schlechthin: dass ein solcher Film „eine
historische Tragödie in Kinounterhaltung verwandelt, dass er den Tod
von Hunderttausenden zum Hintergrundgeräusch degradiert.“ (Kilb,
03.04.2005: 28)
92 Christiane Reichart-Burikukiye

Unter den politischen Filmen war es allen voran SCHINDLERS LISTE


(1993) von Steven Spielberg, mit dem insbesondere HOTEL RUANDA und
der zentrale Held Paul Rusesabagina verglichen wurden. Rusesabagina sei
ein
Held, durchaus vergleichbar mit dem deutschen Oskar Schindler, der fast ebenso
viele Juden vor der Vergasung rettete. Der dafür sein Leben riskierte und mit
dem Teufel paktieren musste. Und auch hier wird am Ende eine Liste verlesen –
wer ins Ausland evakuiert wird. (Zander, 06.04.2005b)
Ebenso wie zwischen den Helden zog man auch Parallelen zwischen den
äußeren Umständen.
Hier der Völkermord an den Juden mit seinen sieben Millionen Opfern innerhalb
von vier Jahren, dort die Abschlachtung der Tutsi mit einer Million Opfer binnen
100 Tagen. Beide Kinofilme erzählen wahre Vorgänge; Oskar Schindler wurde zu
einem Gerechten der Völker ernannt, und Paul Rusesabagina wird heute als Eh-
rengast der Berlinale über den roten Teppich schreiten. (Rodek, 11.02.2005)
Nicht nur inhaltlich und mit Blick auf das Verhältnis zwischen Repräsen-
tation und realer Geschichte wurde verglichen, auch hinsichtlich des Wi-
derstreits zwischen Erinnerungsgebot und Darstellungsverbot zog man
die Shoa als Vorlage heran: „Die Frage ist die gleiche wie bei SCHINDLERS
LISTE: Kann man, darf man mit den Mitteln des Hollywood-Kinos von
einem Völkermord erzählen?“ (Peitz, 11.02.2005) Folgerichtig wurden
auch für die ästhetische Umsetzung filmische Repräsentationen der Shoa
zur wichtigsten Referenz.
Der Ire Terry George ist so fasziniert von der Aussicht, in der Geschichte von
Paul Rusesabagina die Dramaturgie von SCHINDLERS LISTE mit der Ästhetik des
Reportagefilms zu verbinden, dass ihm das Makabre an dieser Art von Kino-
Fusion völlig entgeht. Tatsächlich gibt es in HOTEL RUANDA eine Menge Szenen,
die man anderswo schon gesehen hat, und zwar besser. (Kilb, 03.04.2005)
„Spiel mir das Lied vom Völkermord“, so titelte ironisch die FAZ
(Althen, 19.02.005: 38), in der ein Kritiker die Filmmusik von SOMETIMES
IN APRIL, komponiert von Bruno Coulais, mit Ennio Morricones musika-
lischer Untermalung zu FATELESS verglich. Die Imre-Kertesz-Roman-
verfilmung von Lajos Koltai wurde ebenfalls auf der Berlinale 2005 prä-
sentiert. Morricones Klänge hätten „die Lagerszenen aus Buchenwald mit
so sentimentalisch verzuckerter Soße übergossen, dass sie die makellos
komponierten Elendstableaus endgültig aufs Pittoreske reduzierten“.
Auch Coulais Musik verwandele „die Leichenberge in Schulzimmern und
Straßengräben [...] in Schlachtengemälde, die das Grauen instrumentalisie-
ren, statt seinem Echo nachzuspüren.“ (Althen, 19.02.2005)
Die Ruanda-Filme wurden so Teil einer Debatte über Völkermordäs-
thetik, die sich, wie es Stockhammer bereits für das Schreiben festgestellt
hatte, an der Shoa orientierte, „an dem unvergleichlichsten Genozid [...],
HOTEL RUANDA und SOMETIMES IN APRIL 93

an dem ‚archetypischen‘, dem ‚exemplarischen‘ Genozid, an demjenigen,


der zugleich die Herausbildung eines Gattungsnamen (‚Genozid‘) bewirkt
hat.“ (Stockhammer 2005a: 66) Damit knüpfte der ruandische Genozid
und seine filmische Darstellung an den ungeheuren Diskursapparat an, der
sich ganz besonders in Deutschland um die Shoa, das Leben mit und nach
der Shoa und um das Gedenken daran konstituiert hatte.
Nachdem in filmischen Repräsentationen der Shoa in früheren Jahr-
zehnten die Moral, „oft in schriller Überhöhung“ (Brückner, 15.10.2004),
eine wichtige Rolle gespielt hatte, ist für gegenwärtige Filme, so hat die
Medienwissenschaftlerin Sandra Nuy gezeigt, Authentizität zur zentralen
Kategorie für Glaubwürdigkeit, Redlichkeit und Angemessenheit der Dar-
stellung geworden. Diese Authentizität manifestiere sich z.B. in Roman
Polanskis DER PIANIST durch die dargestellten Ereignisse, aber auch
durch die Biographien von Regisseur und Produzent und durch die Bestä-
tigung von Zeitzeugen, dass die Darstellung im Detail dem tatsächlichen
Geschehen entspräche (Nuy 2004: 301, 308). Diese Kategorie wurde auch
in der Beurteilung der filmischen Narrationen vom Völkermord in Ruanda
zum grundlegenden Kriterium.
Peck legitimierte seine Darstellung, indem er auf die tatsächlich Betei-
ligten des Genozides als wichtigste Quelle verwies: „Die Ruandi selbst
haben mir sehr geholfen, einen Weg zu finden [...] Ich habe mich von
ihnen leiten lassen, von dem, was sie bereit waren zu zeigen.“ (Keilholz,
09.04.2005b) Ganz besonders SOMETIMES IN APRIL, das in Ruanda ge-
dreht wurde, verweist in vielfältiger Weise auf seine enge Beziehung zum
wirklichen Geschehen und zu tatsächlich Beteiligten. Wie schon in frühe-
ren Filmen fügte Peck dokumentarisches Material in den Film ein. Im
Featurette „Making SOMETIMES IN APRIL“ auf der 2006 erschienenen
DVD erzählen die Schauspieler von ihren Erfahrungen während des
Drehs in Ruanda. Ihre zentrale Aussage lautet: Der Film beruht bis ins
Detail auf der Realität. So berichtete Oris Enuhero, der Darsteller des
ruandischen RTLM-Radiomoderators: „I heard so many testemonies from
the villagers, and they were telling me this not because they felt like telling
me, but because they wanted me to make sure that I brought the truth.“
Die Schauspieler verstanden und inszenierten sich als Mittler und Sprach-
rohr der Opfer des Genozids, als multiplikatorische Instrumente, die de-
ren Vermächtnis rein und ungebrochen an das Publikum weitergeben.
Noch deutlicher wurde dieses Selbstverständnis bei Carol Karemera, die
sowohl Darstellerin als auch Überlebende des Genozids in einer Person
war: „I want really people to say when they see that movie: Okay, what I
was doing in 1994? How I didn’t know that genocide happened?“
HOTEL RUANDA bezog seine Glaubwürdigkeit zuallererst aus der
Vorlage des Plots, der Geschichte von Paul Rusesabagina. Rusesabagina
94 Christiane Reichart-Burikukiye

war bei der Premiere des Filmes in Berlin anwesend und Die Zeit druckte
ein umfangreiches Interview mit ihm ab. Die Informationen darin gingen
kaum über das hinaus, was der Film erzählt, sie gewannen jedoch durch
die unmittelbare Zeugenschaft Rusesabaginas besonderes Gewicht (Koh-
lenberg, 08.02.2005). Vielfach wiedergegeben wurde die Episode, in der
Terry George in Vorbereitung seines Filmes mit der ruandischen Bot-
schaft in Washington DC telefonierte: Der Hörer wurde von einer Frau
abgenommen, die die Zeit des Völkermordes im Hôtel des Milles Collines
überlebt hatte. Das Kinoplakat beim Filmstart in Deutschland warb mit
dem Untertitel Eine wahre Geschichte. Für Rusesabaginas Autobiographie,
die ein Jahr später fast zeitgleich auf dem englisch- und deutschsprachigen
Markt erschien, wählten die Verleger wiederum den Verweis auf den Film:
Die wahre Geschichte hinter HOTEL RUANDA (Rusesabagina 2006).
Ein weiterer Kronzeuge für die Authentizität von HOTEL RUANDA
war Roméo Dallaire, den die Zuschauer in der Figur des UN-Colonels
Oliver wieder erkannten und der manchem bereits durch Presseberichte
über seinen Erinnerungsband und Steven Silvers Dokumentarfilm THE
LAST JUST MAN bekannt war. Zeitgleich mit dem deutschen Filmstart er-
schien Dallaires Buch im April 2005 in deutscher Übersetzung. Reale Per-
sonen und Ereignisse einerseits und der Film und seine Produktion ande-
rerseits verwiesen so wechselseitig aufeinander und ergaben ein plurime-
diales kaleidoskopisches Bild des Völkermordes, in dem filmische Erzäh-
lung und Augenzeugenberichte sich zu vielfältigen Facetten miteinander
verknüpften.
Die Pflicht, so nah als möglich an der Realität zu erzählen, manifes-
tierte sich auch in der Wahl der Perspektive. Die Figuren Dallaire und
Rusesabagina, im Film HOTEL RUANDA miteinander vereint und wohl die
inzwischen bekanntesten Charaktere aus der Geschichte des Völkermords,
standen im Vorfeld dabei in Konkurrenz zueinander:
Es gab auch Überlegungen, den von Nick Nolte gespielten UN-Colonel als
Hauptfigur zu nehmen. Aber ich wollte nicht die Geschichte vom noblen, weißen
Mann erzählen. Das haben wir wirklich schon zu oft gesehen. Hier haben wir ei-
nen wahren afrikanischen Helden in einem Film über Afrika mit einer fast aus-
schließlich schwarzen Besetzung. (Abeltshauser 2005)
Georges Entscheidung fällt nicht gegen den UN-Colonel, einen der weni-
gen westlichen Gerechten, aus, aber indem er den afrikanischen Helden
ins Zentrum der Erzählung rückt, macht er die afrikanischen Akteure und
ihre Sicht zu den Hauptpersonen der Geschichte. Damit trägt George,
ganz im Gegensatz zu Fuqua in TRÄNEN DER SONNE, den realen Vor-
gängen Rechnung, in denen der Westen die ruandischen Opfer ihrem
Schicksal überließ. Er wendet sich vor allem aber auch bewusst gegen die
gängigen Filmnarrationen über Afrika, in denen Weiße die Hauptpersonen
HOTEL RUANDA und SOMETIMES IN APRIL 95

und Afrikaner Dekoration und Kulisse darstellen (Wolf, 22.05.2007). Das


nehmen die Kritiker lobend zur Kenntnis: „Eine westliche Produktion,
der es darüber hinaus gelingt, auf die unvermeidliche weiße Identifikati-
onsfigur zu verzichten, den Gutmenschen mit dem entsetzten Blick, ist
außerdem ein fortschrittlicher Film.“ (Kniebe, 06.04.2005) Die Frage der
Perspektive sieht auch Peck als grundlegend.
Ich selbst bin groß geworden mit amerikanischen und europäischen Filmen, mit
einem Bild von mir und Leuten meiner Herkunft, das mir nicht gefallen hat. [...]
Für mich ist es wichtig, die Zeit aufzuholen, in der ‚unsere‘, die afrikanische Ge-
schichte, nicht im Film gezeigt wurde und nicht auf die Leinwand kam. (Keilholz
2005b)
Peck spricht damit auch den Aspekt der Legitimität an und die Frage, wer
einerseits über das Recht verfüge, afrikanische Geschichte zu erzählen,
andererseits über die Fähigkeit, sie authentisch zu erzählen und das Erle-
ben afrikanischer Akteure darzustellen und zu interpretieren. George, so
ein Kritiker, wisse „ziemlich genau, wie man politische Stoffe emotional
umsetzt, ohne sie an Betroffenheitskitsch oder billiges Moralkino zu verra-
ten.“ Für den ersten Spielfilm über den Genozid in Ruanda könne man
sich kaum einen besseren Regisseur vorstellen (Gunske 2005: 44). Wäh-
rend Georges Engagement für den politischen Film als Ausweis für seine
Qualität auch in der Erzählung afrikanischer Geschichte steht, ist es bei
Peck neben seinen Filmen über die kongolesische Geschichte auch seine
Herkunft und sein damit verbundener Blickwinkel.
Neben den Regisseuren wurden auch die afrikanischen Wurzeln der
Schauspieler und des Personals der Produktionen zu Zeugen für die Au-
thentizität der Geschichten. „As an African“, betont beispielsweise Pame-
la Nomvete, die in England aufwuchs und in Südafrika lebt, „I am so sor-
ry that I didn’t know“. Ähnlich sah auch Don Cheadle eine besondere
Pflicht mit seiner Rolle verbunden. „Im Nachhinein beschämt es mich,
dass ich mich mit der oberflächlichen Berichterstattung in Amerika zu-
frieden gegeben habe, die unter dem Eindruck zu stehen schien, dass es
uns nichts angeht, wenn sich schwarze Gruppen irgendwo in Afrika ge-
genseitig abmetzeln.“ (Huschke 2005) Die Filme, in denen sich schwarze
und afrikanische Beteiligte in unterschiedlichen Funktionen engagieren,
werden damit auch zu einem glaubwürdigen Akt der Emanzipation vom
westlichen Afrikabild und übernehmen symbolisch Mitverantwortung für
ein Land, das von der weißen, westlichen Welt im Stich gelassen wurde.
Tatsächlich brechen beide Filme mit einer ganzen Reihe von gängigen
Afrikastereotypen, was sich nicht nur in der Perspektive der Hauptfiguren
ausdrückt. Beide Filme bieten eine Gegennarration zur 1994 durch die
Medien kursierenden Legende der jahrhundertelangen Stammesfehde zwi-
schen Hutu und Tutsi (Brandstetter/Neubert 1999), indem die Konstruk-
96 Christiane Reichart-Burikukiye

tion ethnischer Identitäten während der Kolonialzeit und deren Instru-


mentalisierung thematisiert wird. Die Gewalt ist in den Filmen kein impul-
siver Ausbruch primitiver Urinstinkte, sondern vielmehr das Ergebnis
einer durchorganisierten, staatlich kontrollierten Strategie. Und schließlich
wird auch das Bild von Afrika als Schauplatz selbstverständlicher Kriege
und Hungersnöte, wie es in den westlichen Medien beständig reproduziert
wird, durch die Konkretisierung des Genozides hinterfragt, und der
gleichgültige Umgang mit den Opfern auf eben dieses Bild zurückgeführt.

4. Die Ikonographie des ruandischen Genozids


Während die Ruanda-Filme die verbreiteten Klischees über Afrika de-
konstruieren, schaffen sie indes eine spezifische Ikonographie des Geno-
zides in Ruanda. Diese ergab sich insbesondere durch ihr gleichzeitiges
Erscheinen sowie durch die Analogien bestimmter Bilder, Metaphern und
Symbole in beiden Darstellungen.
Vergleichbar mit dem Gedenken an die Shoah, von der ähnlich wenig
Bildmaterial des tatsächlichen Geschehens vorhanden ist, und für die erst
die filmische (und literarische) Verarbeitung und Darstellung einen kollek-
tiv geteilten Bilderbestand schuf (Köppe/Scherpe 1997), sind es nun auch
Filme, die einen Symbol- und Bilderkatalog für den ruandischen Völker-
mord erstellen. Als solche prägten die Filme ganz entscheidend das Erin-
nerte und die Neuformierung der Erinnerung mit. Den Vergleich zur Rep-
räsentationsgeschichte der Shoah sieht auch der Filmwissenschaftler
Sascha Keilholz:
Während Filme wie SCHINDLERS LISTE (1993) und DER PIANIST (2003) mit dem
Holocaust ein globales Publikum zu erreichen vermögen, weil dessen Bilder be-
reits millionenfach medial verarbeitet sind, besitzt der Genozid in Ruanda für die
westliche Hemisphäre noch keine eigenständige Ikonographie. Einerseits sind
Motive wie die tausendfach importierten Macheten daher noch unverbraucht,
andrerseits ist das Grauen hier noch nicht in bestimmten inszenatorischen
Versatzstücken vorgeprägt. (Keilholz, 22.03.2005a)
Das schuf zwar eine Unmittelbarkeit des Schreckens; zugleich hob das
Nebeneinander der beiden Filme diese Unmittelbarkeit zumindest teilwei-
se wieder auf und bewirkte eine Reflexion der bildlichen Narration.
SOMETIMES IN APRIL beschert der Berlinale ein einziges Déjà-vu-Erlebnis. Denn
die Bilder, wir haben sie alle schon gesehen, erst vor sechs Tagen, in HOTEL RU-
ANDA. Der Hutu, der mit einer Tutsi verheiratet ist. Der die Frau wegschickt, die
nicht gehen will. Am Ende schöpft er Wasser aus jenem Pool der ‚Hôtel des
Milles Collines‘, das Don Cheadle im Film HOTEL RUANDA leitet. (Zander,
18.02.2005a)
HOTEL RUANDA und SOMETIMES IN APRIL 97

Den besonderen Effekt der Verflechtung der Bilder aus beiden Filmen
kommentierte auch Michael Althen in der FAZ:
Das führt zu seltsamen Doppelbelichtungen, wenn man in SOMETIMES IN APRIL
plötzlich den Pool des ‚Milles Collines‘ zu sehen kriegt oder den Sprecher des
aufhetzerischen Hassradios RTLM sieht, der in HOTEL RUANDA nur zu hören ist.
Und fast ist es so, dass man als Zuschauer die Lücken des einen Films im Geist
mit Szenen des anderen auffüllt. (Althen, 19.02.2005: 38)
Von den Zuschauern wurde das nicht nur als Vorteil wahrgenommen.
„Daß nun beide Filme im gleichen Festival laufen, [...] nimmt beiden an
Wirkung. Denn jeder demonstriert vor allem, was dem anderen fehlt. [...]
Erst beide zusammen ergäben den definitiven Film.“ (Zander, 18.02.
2005a)
Gerade dieser Effekt der zeitgleichen Präsentation aber ist es, der die
Vergleichbarkeit der Filme bewirkt, der bildliche und inhaltliche Elemente
zu Bestandteilen mit besonderer Prägungskraft für das Gedächtnis der
Zuschauer/inne/n gestaltete und eine Ikonographie für den Völkermord
konstituierte.
Wie sich diese Ikonographie in das Gedächtnis der Zuschauer/inne/n
einschrieb und ihr Bild vom Genozid in Ruanda mitbestimmte, zeigt das
folgende Beispiel. So findet sich im Archiv der Webseite eines Paderbor-
ner Kinos, das mehr als 500 Filmkritiken enthält, auch eine Besprechung
des Filmes HOTEL RUANDA von Nikolas Mimkes. Der Autor lobte den
Film als „großen Höhepunkt der diesjährigen Berlinale“ und beendete
seine Kritik, angelehnt an die erbetene Zuschauerbenotung des Filmes auf
einer Skala zwischen 1 und 10, mit der abschließenden Bewertung: „10
von 10 gefällten großen Bäumen.“ (Mimkes, 20.04.2005) Das ist eine
durchaus problematische Integration von Bildern des Völkermordes in ein
kollektiv geteiltes Inventar von Symbolen – bedeutete „das Fällen der
großen Bäume“ in der Terminologie der Völkermörder doch das Nieder-
metzeln von Tutsi (Brandstetter 2001: 168). Und die Problematik wird in
den (ausnahmslos sich leidenschaftlich positiv über den Film äußernden)
Kommentaren zu dieser Besprechung noch offensichtlicher: „8 von 10
ungebundenen Krawatten“, wertet der Nutzer Stingray, „10 von 10 Tutsi-
Waisenkindern“17 der Nutzer Sebastian. Deutlich wird dabei nicht nur ein
Übergang der durch die Filme geschaffenen Bilderbestände in die westli-
che Erinnerungskultur, sondern auch die weitgehende Abwesenheit öf-
fentlicher Debatten nach der Berlinale 2005, die einen solch unreflektier-
_____________
17 Der erste Kommentar ist eine Anspielung auf Paul Rusesabaginas vergeblichen Versuch,
sich wie jeden Morgen die Krawatte zu binden, nachdem er bei einem nächtlichen Ausflug
auf eine mit Leichen bedeckte Straße geraten ist; der zweite Kommentar bezieht sich auf
die Tutsi-Waisenkinder, die von einer Mitarbeiterin des Roten Kreuzes in das Hôtel des
Milles Collines gebracht werden, um sie vor dem sicheren Tod zu retten.
98 Christiane Reichart-Burikukiye

ten Umgang mit der Symbolik des Tötens verhindern und eine moralische
Norm dafür ausbilden könnten.
Dennoch schufen die Filme zweifellos ein Reservoir an Visualisierun-
gen, die bislang nur innerhalb von Expertenkreisen kursierendes Wissen in
gemeinsame Erinnerungsbilder übersetzten. Dazu gehörte in erster Linie
die Machete, deren Funktion als neutrales, alltäglich-bäuerliches Arbeits-
gerät durch die Filme vollständig verdrängt wird und die sich zum Furcht
erregenden Symbol für das organisierte Töten Unschuldiger durchsetzt.
Dazu gehören andere Mordwaffen wie Keulen und die mordenden Intera-
hamwe-Milizen, bekleidet mit Hemden und Accessoires in den Farben blau,
grün und gelb,18 Straßensperren und der allgegenwärtige, zum Töten het-
zende Radiosender RTLM. Auch die hilf- und tatenlosen Blauhelm-
Soldaten und das „akrobatische Sprachkunststück“ (Rusesabagina 2006:
170) der amerikanischen Regierungssprecherin Christine Shelley auf die
Frage, wie viele „völkermordähnliche Akte“ („acts of genocide“) einen
richtigen Völkermord ergäben, zählen dazu (Gourevitch 1998: 153). Und
schließlich haben bestimmte Begriffe und Redewendungen durch die Fil-
me Eingang in eine globale Erinnerung gefunden, wie „Hutu“ und „Tut-
si“, auch das für die Tutsi benutzte Schimpfwort inyenzi19 oder bestimmte
Tötungslosungen, etwa „Fällt die großen Bäume!“ und „Die Gräber sind
erst halb voll.“
Dieses bestehende Repertoire von Erinnerungs-Bildern, die für den
Völkermord stehen und die zum Teil auch in literarischen Umsetzungen
Ausdruck gefunden haben (Stockhammer 2005a), wurden in den Filmen
ergänzt durch Elemente ihrer spezifischen Narration. So wurde das Hôtel
des Milles Collines als rettende Insel zum Erinnerungsort für Menschlich-
keit und Zivilcourage inmitten des Tötens. Die Ehe zwischen einem Hutu
und einer Tutsi, die zwar in höher stehenden sozialen Schichten verbreitet,
unter den ärmeren und bäuerlichen Schichten jedoch eher die Ausnahme
war, steht bei beiden Filme im Zentrum und wird als Normalfall präsen-
tiert. Die in vielen wissenschaftlichen und dokumentarischen Arbeiten mit
Befremden zur Kenntnis genommene Beteiligung der Frauen an der Ge-
walt blenden die Filme aus (African Rights 1995, Jones 2002: 82-87) und
die Rolle der Kirchen und des Klerus schließlich wird nur am Rande in
_____________
18 Neben der Interahamwe, einer aus der Jugendorganisation der Regierungspartei MRND
hervorgegangene Miliz, wurden auch von anderen politischen Organisationen ähnliche
Einheiten ausgebildet, die sich an der Vernichtung der Tutsi beteiligten, so beispielsweise
die Impuzamugambi. Die Milizen waren keineswegs durchgängig in die Farben ihrer Her-
kunftspartei gekeidet und diese selbst waren unterschiedlich (Des Forges 2002: 19, 20, 279,
280).
19 Inyenzi, übersetzt Kakerlaken, wurde in der Propaganda der extremistischen Hutu seit 1990
für die Angehörigen der Ruandischen Patriotischen Front verwendet, danach zunehmend
für alle Tutsi in Ruanda (Des Forges 2002: 79, 206).
HOTEL RUANDA und SOMETIMES IN APRIL 99

SOMETIMES IN APRIL thematisiert, was ihrer Bedeutung in dem zu mehr


als 90% christlichem Land nicht annähernd entsprach.

5. Die Moral im Spiegel der Erinnerung


Die Beschäftigung mit den beiden Filmen über den Völkermord an den
ruandischen Tutsi spielte sich auch auf einer weiteren Diskussionsebene
ab, die über das Gedenken und die Erinnerung, die die Filme konstituier-
ten, und über ihre diskursive Einbindung in die Repräsentationsgeschichte
und -ästhetik des Völkermords hinausging. Bereits während der Berlinale
hatte Hanns-Georg Rodek in der Welt die Praxis des Völkermordfilmes
und sein Verhältnis zur Realität getadelt. Die Tatsache, dass Repräsentati-
onen des Völkermords längst zum Alltagsdiskurs geworden waren, in die
sich die Filme zu Ruanda nun nahtlos einordnen ließen, provozierte sei-
nen kritischen Kommentar zu den Entsprechungen von SCHINDLERS
LISTE und HOTEL RUANDA auch in ihrer Präsentationsgeschichte.
Zwei Filme, die das Unfassbare fassbar zu machen versuchen, beide mit Premie-
ren bei der Berlinale und anschließendem Kinostart. Während die Welt im Kino
betroffen um die Schindlerjuden zitterte, verübten – exakt zur gleichen Zeit – die
Hutus in Ruanda ihre Massaker, ohne das dies außerhalb Afrikas jemanden ge-
kümmert, geschweige den zum Eingreifen veranlasst hätte. Während die Berlina-
le-Besucher um die Rusesabagina-Tutsis bangen werden, ist bereits der nächste
Völkermord in Gang, der im sudanesischen Darfur, und obwohl davon diesmal
Kenntnis genommen wird, stellt sich die internationale Staatengemeinschaft dem
Gemetzel nicht entgegen. Vielleicht zeigt die Berlinale in ein paar Jahren einen
Film über den Genozid in Darfur. (Rodek, 11.02.2005)
Rodek stellt damit die Glaubwürdigkeit und Redlichkeit des Gedenkens,
das die Filme bewirkten, entschieden in Frage. Die Betroffenheit des Pub-
likums und der Unterhaltungsindustrie erscheint ihm geheuchelt. In seiner
Perspektive ist der Völkermord zu einem rein medialen Ereignis gewor-
den, ein Geschehen, das als Vorlage für einen Spielfilm taugt und bei dem
letztlich ausschließlich filmische Darstellung, Zuschauer und der Diskurs
darüber umeinander kreisen. Oder, wie es an anderer Stelle ironisch for-
muliert wird: „Sollte so etwas wieder einmal drohen, im Sudan oder auf
dem Balkan [...], dann werden wir nicht wegsehen, sondern zuschauen,
jedenfalls im Kino, großes Ehrenwort.“ (Scheel, 14.02.2005)
In diesen Kommentaren geht es nicht mehr nur um die moralische
Frage, ob der Völkermord mit den Mitteln der Unterhaltungsindustrie
thematisiert werden darf, sondern es ist die Praxis des Diskurses über den
Völkermordfilm, die hinterfragt wird. In dieser Praxis glauben sich die
deutschen Intellektuellen wie in einem Spiegel zu erkennen, der den eige-
nen Umgang mit der Erinnerung an die Shoa reflektiert. Dieses Spiegel-
100 Christiane Reichart-Burikukiye

bild, das die Diskussion über die Ruanda-Filme bewirkte, wurde von man-
chen unter ihnen äußerst kritisch bewertet:
Der typische Kritiker des Völkermordfilms ist ein Meister aus Deutschland. Er
weiß sehr genau, wie ein Film über einen Völkermord auszusehen hat. Schließlich
kennt er ja hunderte von Filmen über den Holocaust. Da wird man als feinsinni-
ger Ästhet sehr wählerisch. Als zwei Spielfilme über den Genozid in Ruanda 1994
auf der diesjährigen Berlinale gezeigt wurden, blieben die alten eingeübten Ein-
wände nicht aus. Mal war man nicht befriedigt, weil der Massenmord kaum ge-
zeigt wurde, mal, weil das Grauen zu opulent bebildert war. Diese beiden Lehr-
sätze (zu viel oder zu wenig Massenmord auf der Leinwand) sind das
unverzichtbare Rüstzeug des Holocaustfilm-Kritikers. [...] Die triumphierende
Synthese lautet übrigens, dass die ganze Wahrheit ohnehin jenseits unserer Vor-
stellungskraft liege. [...] Die etwas grobschlächtigeren Bedenkenträger beließen es
bei dem Hinweis, HOTEL RUANDA und SOMETIMES IN APRIL seien Hollywood-
Routine und Mainstreamkino. Das genügt den gehobenen Kulturständen schon
mal als Abwatsch-Argument. (Gunske 2005: 44)
Diese außergewöhnlich umfangreiche Einleitung einer Besprechung von
HOTEL RUANDA im Berliner Stadtmagazin tip zum deutschen Filmstart
im April 2005 reflektiert nicht nur die Aufnahme der Ruanda-Filme in
Deutschland durch die Kritiker/innen zwei Monate zuvor. Sie hinterfragt
auch die Filmkritiker/innen selbst, die mit einem geschulten Instrumen-
tarium an Argumenten routiniert die Beiträge in die Filmgeschichte des
Völkermords einordneten und scheinbar zum Alltag übergingen. Der Au-
tor bezweifelt die „Gehobenheit dieser Kulturstände“, in der die Erinne-
rung an den Völkermord mit geübter Kunstfertigkeit bewältigt wurde.
Deutlicher noch drückt sich das an anderer Stelle aus, ebenfalls durch
HOTEL RUANDA inspiriert:
Wenn deutsche Intellektuelle zu viel Zeit haben, beschäftigen sie sich gerne mit
sich selbst. Oder dem Dritten Reich. Oder damit, was das Dritte Reich uns heute
zu sagen hat. Oder Auschwitz. Das scheint einen gewissen Unterhaltungswert zu
haben: [...] Der gepflegte Geschichtshorror für zwischendurch... (Rauch, o. J.)
Ganz offensichtlich provozierten die Ruanda-Filme eine Konfrontation
mit Realitäten, der kein Diskurs gewachsen schien. Sie forderten nicht
bloß Rezeption, sondern Aktion, und dieser ihnen innewohnende Wider-
spruch zum eigenen Medium bezog alle Beteiligten des Mediensystems –
Schauspieler, Produzenten, Kritiker, Publikum – mit ein. Mögliche Wege,
der „schweigenden Komplizenschaft“ des Zusehens zu entkommen, führ-
ten wiederum die Schauspieler vor:
Don Cheadle, der amerikanische Star des Films, ist einer von denen, die das nicht
länger hinnehmen wollen. Er nutzte seine Oscarnominierung und seine weltwei-
ten Pressetermine, um beispielsweise die aktuelle Lage im Sudan anzuprangern,
wo nach seinen Worten ‚in diesem Moment ein zweites Ruanda passiert – nur
dass es zum Handeln noch nicht zu spät ist‘. (Kniebe, 06.04.2005)
HOTEL RUANDA und SOMETIMES IN APRIL 101

Damit wurde nicht mehr die Authentizität der Filme an dem tatsächli-
chem Geschehen gemessen, das seine Vorlage bildete. Vielmehr wurde
nun die Repräsentation selbst zum Maßstab für Redlichkeit und Wahrhaf-
tigkeit der an der Darstellung beteiligten Personen – mag es sich dabei um
Stars oder auch um bescheidene Zuschauer handeln. An das Publikum
gerichtet, formulierte sich dieser Anspruch folgendermaßen: „Macht was
draus. [...] Der Film erzählt eine wahre Geschichte – und zwar eine, in der
auch Du vorkommst. Nur Dein Name wurde geändert. Denn wer soll
sonst mit ‚Weltöffentlichkeit‘ gemeint sein?“ (Rauch, o. J.)

Bibliographie
Filme
HOTEL RUANDA (UK, USA, ITALIEN, SÜDAFRIKA 2004, Regie: Terry
George).
SOMETIMES IN APRIL (FRANKREICH, USA, RUANDA 2005, Regie: Raoul
Peck).
„Making SOMETIMES IN APRIL“. DVD: SOMETIMES IN APRIL, HBO
Home Box Office 2006.

Pressestimmen
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Ein Platz an der Sonne – der neue Heimatfilm:
AFRIKA, MON AMOUR und
MOMELLA. EINE FARM IN AFRIKA

Daniela Neuser

Recently, German television has broadcast numerous made-for-TV movies which


show the escapist world of white women in Africa and use beautiful African land-
scapes as a backdrop for trivial, clichéd stories. Television networks, particularly
the public Zweites Deutsches Fernsehen (ZDF), thereby impose their view of colonial
history, a view which reaches a wide audience as the movies are broadcast during
prime time and heavily advertised with trailers during popular TV shows and on
websites. This article demonstrates that this genre can be understood as a new co-
lonial Heimatfilm set in Africa, of which AFRIKA, MON AMOUR (2007) and
MOMELLA. EINE FARM IN AFRIKA (2007) are just two examples. Books and films
set in Africa have been popular not just since the success of OUT OF AFRICA; the
European image of Africa has roots going back to the eighteenth century. It has
long ignored the people of this continent, and is based instead on a long-held idea
of Africa as an imagined Heimat set in a beautiful and extraordinary landscape.
Both of the films analyzed here are thus “memory films” in two ways: in reference
to the tradition of their image of Africa and as a memory-link to the genre of the
Heimatfilm.

Obwohl das Fernseh-Programm oftmals künstlerisch weniger wichtig und


im Vergleich etwa zu internationalen Kinofilmen reichlich trivial erscheint,
ist seine Relevanz für die Frage nach dem Zusammenhang von Film und
kultureller Erinnerung nicht zu unterschätzen. Die Feuilletons der großen
Tageszeitungen widmen sich positiv meist anderen kulturellen Äußerun-
gen stärker als dem Fernsehen, und vielfach sorgt das Fernsehen für über-
aus kulturkritische Äußerungen, die das Ende des Abendlandes bedrohlich
nah erscheinen lassen. Dabei oder trotzdem erreichen die Fernsehsender
mit einer einzelnen Sendung häufig mehr Zuschauer/inne/n als ein Film
im Kino. Das Fernsehen gilt schon längst als Leitmedium, nicht zuletzt
aufgrund seiner hohen täglichen Nutzungsdauer und seiner großen
108 Daniela Neuser

Reichweite (Rother 2005: 3). Und als solches ist es in der Lage, auch In-
halte der Erinnerungskultur besonders publikumswirksam zu transportie-
ren. Die Einschaltquote spiegelt das Zuschauerinteresse und bildet eine
zentrale Grundlage für zukünftige Programmentscheidungen. Fernsehen
ist für viele Menschen jederzeit bequem zugänglich und macht das Zu-
schauen einfach. Filme und Fernsehprogramme leben davon, dass sie ge-
sehen werden und sie erhalten, wie Lothar Mikos (2003: 53) bemerkt, „ih-
re Bedeutung erst in der Interaktion mit ihren Zuschauern. Diese
Interaktion steht nicht in einem gesellschaftsfreien Raum, sondern findet
in Kontexten statt: in historischen, ökonomischen, juristischen, techni-
schen, kulturellen und sozial-gesellschaftlichen.“
Das öffentlich-rechtliche Fernsehprogramm versteht sich als ein in-
formationell grundversorgendes und breitenwirksames Kommunikations-
Medium. Zudem gilt das öffentlich-rechtliche Fernsehen auch in den Au-
gen vieler Zuschauer/inne/n als weitgehend seriös und kompetent; es
steht für ein ernsthaftes Programm und verfügt daher im Ansehen bei den
zumeist älteren Zuschauern (dies ist im Kontext des Fernsehens die Al-
tersgruppe ab 49 Jahre) über entsprechend hohe Deutungskompetenzen.
Die so genannte Zielgruppe bilden allerdings die 14- bis 49-jährigen Zu-
schauer/inne/n. Im Dezember 2007 wurden Zahlen veröffentlicht, die die
zuständigen Programmmacher/innen abermals erschrecken konnten: Die
Marktanteile von ARD und ZDF waren weiter gesunken: Die der ARD
14,2% auf 13,4% und die des ZDF von 13,6% auf 12,8% (Overkott,
17.12.2007).
Nicht nur internationale Kino- bzw. Dokumentar- oder Spielfilme
stiften und prägen also die kulturelle Erinnerung; dies gilt auch – und viel-
leicht sogar in stärkerem Maße – für das alltägliche Fernsehprogramm mit
seinen selbsternannten ‚Highlights‘. Nur nimmt sich die Relevanz eines
Fernsehfilmes und seine Einbettung in ein plurimediales Netz im Ver-
gleich zu (internationalen) Kinofilmen auf den ersten Blick vielleicht etwas
mager aus.1 So verwundert es wenig, dass sich die Fernsehsender bemü-
ßigt fühlen, permanent Werbung in eigener Sache zu machen. Auf diese
Weise erreichen sie es, ein eigenes, auf verschiedenen Säulen lagerndes
Mediennetz zu bilden und mithilfe der zu Verfügung stehenden, hauseige-
nen verschiedenen Informationsformate und Trailer auf die ‚Highlights‘
im oft trüben Fernsehalltag hinzuweisen. Das Fernsehen bildet also eine
_____________
1 Natürlich tragen auch im Falle von Fernsehfilmen die Tages- und Wochenpresse sowie
Fernsehzeitschriften, Fernseh- und Radiosendungen, Internetseiten mit ihrer Berichterstat-
tung zu dem plurimedialen Kontext bei bzw. sie stellen ihn zunächst her. Auch Romane,
andere Filme, vielfältige Diskurse und gesellschaftliche Ereignisse können einen Fernseh-
film medial kontextualisieren. Doch vor allem die Internationalität der öffentlichen Me-
dienaufmerksamkeit ist bei Kinofilmen ungleich größer.
AFRIKA, MON AMOUR und MOMELLA 109

eigene Sphäre und suggeriert dabei eine scheinbare Plurimedialität – allein


durch eigene Mittel und das Zusammenspiel verschiedener, aber unter
einem großen Senderdach angesiedelter Formate: Dazu gehören im Fall
des ZDF so unterschiedliche Infotainmentsendungen wie das „Morgen“-
oder „Mittagsmagazin“, die Nachrichten und Unterhaltungselemente ver-
binden sowie das Boulevardmagazin „Leute heute“, in dem emotionalisiert
über Prominente berichtet wird oder die klassische Samstagabendshow
„Wetten dass..?“, die als die erfolgreichste in ganz Europa gilt und regel-
mäßig weit über 10 Millionen Zuschauer/inne/n gleichzeitig erreicht. Mit
dem Ziel der Kunden- bzw. Zuschauerbindung wird bei „Wetten dass..?“
bis zu einem Monat vor dem entsprechenden Ausstrahlungstermin für das
jeweilige TV-Event geworben. Tagesaktuell berichten dann die Kollegen
von „Morgen“- oder „Mittagsmagazin“ erneut oder präsentieren Inter-
viewgäste am Tag der Ausstrahlung beinahe wie Zeitzeugen.
Filme mit historischen Stoffen haben neben den entsprechenden Ki-
nofilmen auch im Fernsehen bereits seit einigen Jahren in vielfältiger Wei-
se Konjunktur. Das Themenspektrum reicht dabei durch mehrere Jahr-
hunderte. ‚Afrika‘ ist in diesem Genre ein seit Jahren beliebtes und im
Kinofilm bereits eingeführtes Thema. Neu und auffällig ist aber die zu
Beginn des Jahres 2007 zu beobachtende Verknüpfung und Spezialisie-
rung auf die deutsche koloniale Vergangenheit in Afrika. Diese Erinne-
rungskonjunktur soll im Folgenden exemplarisch anhand der Filme AFRI-
KA, MON AMOUR und MOMELLA. EINE FARM IN AFRIKA (beide 2007)
aufgezeigt werden. Dabei soll insbesondere gezeigt werden, dass sie nicht
nur eine diffuse Geschichtserinnerung leisten, sondern auch in einer ande-
ren Hinsicht durch plurimediale Netzwerke konstituierte ‚Erinnerungsfil-
me‘ sind: Sie erinnern sowohl an das als auch durch das Medium des Hei-
matfilms, das der Afrika-Erinnerung zugleich besondere Konnotationen
verleiht.

1. Afrika-Filme im Fernsehen. Das Fernsehjahr 2007


Um es gleich auf den Punkt zu bringen: Afrika-Filme haben Konjunktur.
Dabei wird ein leicht verdauliches und breitenwirksames Deutungsange-
bot geliefert, da der Blick dieser Fernsehproduktionen sich nahezu aus-
schließlich auf klischeehafte Afrika-Bilder richtet. Die im Januar und Feb-
ruar 2007 ausgestrahlten Filme AFRIKA, MON AMOUR (mit Iris Berben)
und MOMELLA (mit Christine Neubauer) sind nicht die einzigen aktuellen
Afrika-Filme. „Der Busch liegt im Trend“ (Freitag, 19.01.2007) Zu Beginn
des Jahres 2007 ist im deutschen öffentlich-rechtlichen Fernsehen ein
denkwürdiger Boom zu beobachten. Der Bayreuther Entwicklungs-
110 Daniela Neuser

psychologe Dieter Neubert stellt fest: „Afrika im Film ist momentan eine
Modeerscheinung.“ (Rabenstein, 02.02.2007) Als weitere Beispiele zu
nennen sind das TV-Melodram MEIN TRAUM VON AFRIKA2 mit Jutta
Speidel und Günther Maria Halmer, gesendet am Samstag, den 6. Januar
2007 in der ARD oder DAS TRAUMHOTEL – AFRIKA, erstmals gesendet
in der ARD am 19. Januar 2007 um 20:35 Uhr. Christine Neubauer war
bereits am 19. Dezember 2006 zur Prime Time in der ARD als deutsche
Ärztin Katrin Berger in Namibia unterwegs; die Fortsetzung mit dem
durchdringenden Titel FÜR IMMER AFRIKA folgte ein Jahr später.3 Der
Sender PREMIERE zeigte im Juni und Juli 2007 den Kino-Film DIE
WEISSE MASSAI mit Nina Hoss.
Mit Berechtigung fragt die Berliner Morgenpost: „Wieso nur zieht es
all die telegenen Selbstverwirklicherinnen in Savanne & Dschungel?“
(Mielke, 08.01.2007). Heike Hupertz spricht von einer „lockere[n] Reihe
um Superfrauen in den afrikanischen Kolonien Deutschlands.“ (Hupertz,
30.01.2007). In der Welt heißt es, „[d]ie Afrosender überbieten sich mit
Sehsuchtsschinken“ (Pilz, 12.01.2007). Der Tagespiegel titelt „Berben darf
nicht sterben. ,Afrika, mon amour‘: Auch das ZDF-Melodram malt den
schwarzen Kontinent weiß an“ (Fetscher, 14.01.2007). Und Jan Freitag
fragt: „[…] hätten unlängst ebenso viele Zuschauer das Kolonialepos mit
Iris Berben eingeschaltet, hieße es Deutsch-Ostafrika, mon amour?“ (Frei-
tag, 19.01.2007).
Die Kohärenz des filmisch zur Schau gestellten Handelns der Figuren
einerseits und des boulevardjournalistisch gezeigten privaten Auftretens
der öffentlich-rechtlichen Personen andererseits verleiht ihnen immense
Glaubwürdigkeit und lässt sie als geradezu unausweichliche Bestbesetzung
erscheinen. Die Verlässlichkeit der Schauspieler mit ihren ‚Figurenbiogra-
phien‘ ist somit ein Faktor, der geeignet ist, Vertrauen in die Darstellerin
als ‚starke Frau‘ zu liefern. Allen voran Iris Berben, die die Hauptrolle in
AFRIKA, MON AMOUR spielt. Sie gilt als eine der beliebtesten und
_____________
2 Ursprünglich war MEIN TRAUM VON AFRIKA (Regie: Thomas Jacob) für den 12. Januar
angekündigt. Um dem ZDF zuvorzukommen wurde der Sendetermin vorverlegt (FAZ,
02.01.2007). Im Lauf des Jahres 2007 wurde diese Sendung in den verschiedenen dritten
Programmen der ARD ebenfalls ausgestrahlt, so beispielsweise am 12.11.2007 um 20:15 im
MDR. http://www.ziegler-film.com/de/pro/prod.html?lang=DE&ID=335&CATEGO
RY=tv, 23.01.2008.
3 http://www.ziegler-film.com/de/pro/prod.html?lang=DE&ID=336&CATEGORY=tv,
23.01.2008; http://www.ziegler-film.com/de/pro/prod.html?lang=DE&ID=358&CATE
GORY=tv, 23.01.2008.
FOLGE DEINEM HERZEN, ARD 19. Dezember 2006, 20:15; FÜR IMMER AFRIKA, ARD
18. Dezember 2007, 20:15 (Regie: Peter Sämann). Aber auch Semidokumentarisches hat
die ARD im Programm: Von AUF NACH AFRIKA (http://www.daserste.de /aufnachafrika,
14.01.2008) liefen in der Zeit vom 15. Mai bis 13. Juni 2007 als Vorabendserie um 18:50
Uhr 16 Folgen. (FR, 15.05.2007). Das Pendant des ZDF heißt UNSERE FARM IN AFRIKA.
AFRIKA, MON AMOUR und MOMELLA 111

attraktivsten deutschen Schauspielerinnen und als Garant für Zuver-


lässigkeit und Glaubwürdigkeit. Sie ist für ihr politisches Engagement,
insbesondere für die deutsch-israelische Verständigung, bekannt und aus-
gezeichnet. Dem Zuschauer wird allein durch die Besetzung der Hauptrol-
le mit dieser Schauspielerin höchste Verlässlichkeit, Ernsthaftigkeit und
Authentizität der Geschichte und des Szenarios suggeriert. In Interviews
zu AFRIKA, MON AMOUR berichtet Iris Berben von ihren Erfahrungen
und Begegnungen während der Dreharbeiten. Sie ist hier in einer weiteren
Paraderolle als die starke Frau und „Einzelkämpferin wider die Umstän-
de“ (Festenberg/Casati 16.04.2007) zu sehen, als die sie den ZDF-
Zuschauer/inne/n u.a. schon als DIE PATRIARCHIN oder ROSA ROTH
eine gute Bekannte ist. Im Januar 2008 wird verlautbart, dass Iris Berben
den diesjährigen Grimme-Preis in der Kategorie „Besondere Ehrung“ des
Deutschen Volkshochschul-Verbandes erhält. (o.V., FAZ, 25.01.2008)
Christine Neubauer ist aus vielen TV-Filmen der Produzentin Regina
Ziegler ebenfalls weithin bekannt und äußerst erfolgreich.4 Fast hat es den
Anschein, als verginge kaum eine Woche ohne Neubauersche Fernsehprä-
senz. Sie hat u.a. die Bestseller Verfilmung DAS MOPEEL-ICH gedreht,
und sie gilt als „Vollweib“5 – ein Attribut, das sie zur Identifikationsfigur
für die weiblichen Fernsehzuschauer macht und das auch der Afrika-Film
MOMELLA für ihre Rolle als Margarete Trappe nutzt.
Von der Fernsehunterhaltung in ARD und ZDF zu erwarten, sie wür-
de ein differenziertes Afrikabild befördern, ist wohl wenig realistisch. Viel-
mehr werden die gängigen Klischees reproduziert. Denn nachdem
internationale Afrika-Filme wie HOTEL RUANDA oder SOMETIMES IN
APRIL ein düsteres und aufrüttelndes Bild der Bürgerkriege und des Ge-
nozids zeigten,6 besinnt sich das deutsche Fernsehen nun – neben den
bereits seit längerem etablierten in Afrika tätigen Fernsehärzt/inn/en,7 die

_____________
4 Christine Neubauer ist ihren Zuschauern etwa auch als DIE LANDÄRZTIN Dr. Johanna
Lohmann bekannt – ebenfalls eine Produktion von Regina Ziegler, die bereits in fünf Tei-
len von der ARD ausgestrahlt wurde.
5 http://www.ziegler-film.com/de/pro/prod.html?lang=DE&ID=348&CATEGORY=tv,
23.01.2008.
6 Vgl. den Beitrag von Christiane Reichart-Burikukiye in diesem Band.
7 Im August 2007 startete eine beliebte sechsteilige britische Fernsehserie WILDES HERZ IN
AFRIKA im ZDF (Sendezeit 19:25Uhr) Ein Tierarzt mit seiner Familie wollte eigentlich nur
mal Urlaub machen, bleibt dann aber in ‚Afrika‘. Diese britische Serie passt in das gefühl-
volle Reisekatalog-Afrika des ZDF und gesellt sich zum Umfeld aus Tieren und Landärz-
ten, das sonst diesen Sendeplatz bevölkert, denn: „‚Der ,Landarzt‘ macht Urlaub, ebenso
ist das ,Forsthaus Falkenau‘ vorübergehend geschlossen. […] Leider nutzt Regisseur David
Evans den Vorteil des Landes zu wenig: Die wunderschöne Landschaft Afrikas zeigt er sel-
ten […]. Ganz im Stile des Sendeplatzes bietet ,Wildes Herz in Afrika‘ leichte Familienun-
terhaltung.“ (WR, 10.08. 2007)
112 Daniela Neuser

die Leiden der Einheimischen lindern und dabei ihr eigenes Seelenheil
wieder finden – auf die ‚ach so glorreiche‘ Kolonialzeit in Deutsch-Ost-
afrika, präsentiert selbstproduzierte bzw. vom Sender in Auftrag gegebene
Afrika-Filme und zeichnet ein romantisiertes Afrikabild vergangener im-
perialistisch-kolonialer Zeiten, in dem die Welt noch vergleichsweise heil
war. Und dass im deutschen Sprachgebrauch mit der Bezeichnung ‚Afrika‘
gleich ein ganzer Kontinent vereinnahmt wird, ist ein weiteres Versatz-
stück dieser nivellierenden Erzählmethoden. Dieser Sprachgebrauch und
die mangelnde Differenzierungssorgfalt mögen noch aus der Kolonialzeit
stammen, in der Kontinent durch die europäischen Kolonialherren will-
kürlich aufgeteilt wurde, ohne Rücksicht auf tradierte Grenzen. Auch die
postkoloniale Afrikalandkarte zeigt noch vielfach schnurgerade Linien und
verweist so bis heute deutlich auf die Formen des Kolonialstrebens der
europäischen Staaten. Ruth Mayer nennt Afrika „eine europäische Erfin-
dung“ und erklärt:
Afrika ist ein Konstrukt des Kolonialismus, es gibt kein unterliegendes und vor-
gängiges Gemeinsames, das sich gleichermaßen auf die unterschiedlichen Regio-
nen, Traditionen und Kulturen des Kontinents applizieren ließe. Und doch
kommen plakative und verbindliche Bilder in unseren Sinn, wenn wir über Afrika
sprechen […]. (Mayer 2004: 404).
Dass auch in Schulbüchern ein stereotypes und damit undifferenziertes
Afrikabild transportiert wird und dieses Bild unter dem Label ‚Dritte Welt‘
teilweise vermischt wird mit Vorstellungen von Lateinamerika oder Asien,
mag ebenfalls zu dieser unerfreulichen Nivellierung beitragen (vgl. Poeni-
cke 2001: 9).
ARD und ZDF betreiben mit ihrer Auswahl eine Sedierung der Fern-
sehzuschauer, indem sie einerseits ein behagliches, romantisches und hei-
matfilmtaugliches Kolonial- und Afrikabild in die Wohnzimmer der Zu-
_____________
Der ZDF-Afrika-Schwerpunkt setzt sich auch 2008 fort. Hannelore Hoger dreht im Feb-
ruar 2008 in Südafrika unter der Regie von Rainer Kaufmann unter dem Arbeitstitel RO-
OIBOS MIT MILCH. Sie spielt eine deutsche Psychiaterin, die nach dem Tod der Schwester
die Teefarm ihrer Familie verkaufen möchte und dabei entdeckt, „dass ihre Wurzeln in Af-
rika stärker sind als all ihre Verdrängungsversuche während der letzten Jahre.“ (http://
www.presseportal.de/text/story.htx?nr=112545&firmaid=7840, 31.01.2008). Außerdem
wird die alte Farm Momella, die heute auch unter dem Namen Hatari Lodge firmiert, wie-
der Schauplatz sein. Denn auch nach der Zeit, die die legendäre Margarete Trappe auf
Momella verbrachte, blieb das Gelände in deutscher Hand. Für den Schauspieler und
„Weltenbummler“ Hardy Krüger, der unter der Regie von Howard Hawks 1962 auf der
Farm Momella den Film HATARI drehte, wurde das Land und das Gut in Tansania zur
Heimat (vgl. Baer 2001: 262). Sein Sohn Hardy Krüger jr. verbrachte dort die ersten fünf
Jahre seines Lebens. Nun kehrt er für das ZDF dorthin zurück: „Wenn ich heute wieder
afrikanischen Boden unter meinen Füßen habe und der Kilimandscharo frei ist, was sehr
selten vorkommt, dann sagen meine afrikanischen Götter: ,Seht, der verlorene Sohn ist zu-
rück.‘“ (FAZ, 30.11.2007) Hardy Krügers Buch war auch ein Auslöser für die zuständige
ZDF-Redakteurin, die Arbeit zu MOMELLA. EINE FARM IN AFRIKA einzuleiten.
AFRIKA, MON AMOUR und MOMELLA 113

schauer/inne/n transportieren und andererseits die Geschichte als span-


nendes Abenteuer präsentieren. Das öffentlich-rechtliche Programm sucht
seinen „Platz an der Sonne“ – so die bekannte Äußerung Bernhard von
Bülows 1897 (Nipperdey 1998: 631) – in der Zuschauergunst. Das präsen-
tierte Afrikabild scheint dabei einer Postkartenidylle oder eines Pauschal-
reisekatalogs zu entstammen. Da sitzt das Publikum „in der ersten Reihe“
und „sieht mit dem Zweiten besser“ und kann im Fernsehsessel die Welt
bereisen (vgl. Lenk 2002: 15-42).
Ende des Jahres 2007 resümiert die FAZ quasi stellvertretend für in-
tellektuelle Kritiker, deren Meinung offensichtlich gegen diejenige des
begeisterten Massenpublikums steht:
Ganz gleich, ob uns das Fernsehen auf eine Farm in Afrika mitnimmt, in ein
Krankenhaus im Busch oder an die Mauer an der innerdeutschen Grenze: Vero-
nica Ferres, Christine Neubauer & Co. waren immer schon da und gingen uns
mit ihrem Superweib-Getue gehörig auf die Nerven. Stets zeigten sie sich mutig,
irgendwie bodenständig und immer – selbst in der Katastrophe – hübsch frisiert;
stets waren die Damen frei von Schwächen und durch und durch charakterstark
– auch wenn die Zeichen in der afrikanischen Steppe oder in der eigenen Herzre-
gion auf Untergang standen. Bei Trauer senkten sie den Kopf und ließen Tränen
kullern, freuten sie sich, verzog sich der Mund zu einem breiten Lächeln, lauerte
Gefahr, dann wanderte der Blick hektisch hin und her. Wenn selbst diese aus
dem Grundkurs für Laiendarsteller stammenden Spielregeln zu versagen drohten,
halfen weiche Hintergrundmusik und ein Kameraschwenk auf die bestechend
schöne Landschaft, um zu zeigen, wie es gefühlsmäßig gerade um die Protagonis-
tin steht. (o.V., FAZ, 31.12.2007)
Die Kritik der Feuilletonisten bleibt den Afrika-Fernsehfilmen sicher.
Dennoch schaltet das Publikum immer wieder ein und möchte in großer
Zahl bestimmte Schauspielerinnen in bestimmten Rollen sehen und das
gerne in der landschaftlich reizvollen Kulisse Afrikas.
Von Afrika zu träumen ist nicht neu. Unter den „Kolonialphantasien“
(Zantop: 1999) gilt Afrika als einer der „reichhaltigsten und dauerhaftesten
deutschen Phantasieräume“ (Laak, 20.08.2002). Und diese Phantasie war
immer schon vereinnahmend. Selbst noch die Nachbetrachtung im neuen
kolonialen Heimatfilm kann als Ausdruck dieser Phantasie begriffen wer-
den. Der Bezug auf Afrika und die „Kinder des Gefühls und der Phanta-
sie“, wie der ehemalige Reichskanzler Leo von Caprivi die Kolonien be-
zeichnete (Kundrus 2003: 7), hat in Deutschland eine lange Tradition.
Afrika-Bilder traten schon in den Kolonialausstellungen und so genannten
Völkerschauen – etwa bei Hagenbeck in Hamburg – zu Beginn des 20.
Jahrhunderts ins Rampenlicht (Thode-Arora 1997: 19-33). Die Sehnsucht
nach Afrika spiegelte sich in zahlreichen Reise- und Erlebnisberichten
(Gehrts 1999) Afrikareisender oder frühen dokumentarischen bzw. ethno-
114 Daniela Neuser

graphischen Filmen (Kreimeier 1997: 47-61) wie DEUTSCHES LAND IN


AFRIKA oder SEHNSUCHT NACH AFRIKA von 1939.
Der Verlust der Kolonien beförderte erneut die Propaganda. Filme
wie IM DEUTSCHEN SUDAN (1917), AFRIKA IM FILM (1925), VERLORE-
NES LAND (1925) oder DIE WILDNIS STIRBT (1937) von Hans Schom-
burgk propagierten über Jahre hinweg eine Zurückgewinnung der Kolo-
nien (Waz 1997: 98). Damit sind übrigens nur wenige der insgesamt über
150 in Deutschland bis 1942 produzierten Afrika-Filme genannt. Aus-
druck der Wirkmächtigkeit des Phantasieraums ‚Afrika‘ sind zudem be-
kannte Spielfilme wie KONGO-EXPRESS, CARL PETERS, OHM KRÜGER
oder QUAX IN FAHRT (Schöning 1997: 197-200).8 Die außerordentlich
starke Präsenz des Afrika-Themas in Film und Fernsehen erklärt Alain
Patrice Nganang mit Deutschlands „Kolonielosigkeit“:
Die für die deutsche Politik und Öffentlichkeit bis zum Ende des Zweiten Welt-
krieges offenbar unerträgliche Situation der Kolonielosigkeit hat die filmische
Imagination und Produktion bis ins Innerste bestimmt. […] Siegfried Kracauer
schreibt: Die ,Filme einer Nation reflektieren ihre Mentalität.‘ Diese Behauptung
mag übertrieben wirken, aber für die deutschen Filme über ,Afrika‘, die nach
1919 gedreht wurden, hat sie volle Gültigkeit. (Nganang 2001: 234)
Heute werden insbesondere die eskapistischen Wünsche und Sehnsüchte
der Menschen bewusst in Afrika-Filmen aufgegriffen, so sehr, dass man
mit Kracauer auch für das Medium Fernsehen davon sprechen kann, dass
sich der Massengeschmack in diesen Produktionen spiegelt. Indem die
Gefühlswelt des breiten Publikums resonanzstark angesprochen wird, be-
einflusst es wiederum die nach kommerziellem Erfolg strebende Film-
bzw. Fernsehproduktionswirtschaft. Die Wünsche des Publikums schei-
nen dabei oft einfach umsetzbar: Eine traumhafte Welt mit traumhaften
Held/inn/en weist den Weg aus dem täglichen Einerlei und sorgt für die
derzeitig zu beobachtende Afrika-Konjunktur.

2. Die plurimediale Erzeugung von


Afrika-Erinnerung im Fernsehen
Im folgenden sollen die ZDF-Produktionen AFRIKA, MON AMOUR und
MOMELLA. EINE FARM IN AFRIKA näher betrachtet werden. Bei diesen
Produktionen handelt es sich um unterschiedliche Mediengattungen (vgl.
Hickethier 1996: 176-192): Der in drei jeweils 90minütigen Teilen gesen-
_____________
8 Vgl. auch die von Jörg Schöning zusammengestellte Filmographie zu frühen, zum Teil
verschollenen Afrika-Filmen: Schöning 1997: 195-206, bes. 197-200. Zum afrikanischen
Film vgl. Barlet 2001.
AFRIKA, MON AMOUR und MOMELLA 115

dete Film AFRIKA, MON AMOUR ist eine fiktive Geschichte in historischer
Kulisse zur Zeit des Ersten Weltkriegs. Bei MOMELLA. EINE FARM IN
AFRIKA handelt es sich um ein Doku-Drama bzw. um die Biographie
einer deutschen Auswanderin zu Beginn des 20. Jahrhunderts in zwei Tei-
len zu jeweils 45 Minuten. Beide Fernsehproduktionen widmen sich den
gleichen Themenfeldern: ‚Kolonialzeit in Afrika‘ bzw. ‚starke deutsche
Frauen in Afrika‘.

2.1 AFRIKA, MON AMOUR – Erinnerung an Afrika im TV-Event Dreiteiler

Die schon im Vorfeld auffällig unter dem selbst verliehenen und bald
überstrapazierten Qualitätssiegel des „großen historischen Event-Drei-
teiler“9 angekündigte Produktion AFRIKA, MON AMOUR wurde im Januar
2007 ausgestrahlt: Platziert wurde sie zwischen dem 8. Januar 2007 und
dem 14. Januar 2007 jeweils zur besten Sendezeit um 20:15 Uhr. Die Ein-
schaltquote von AFRIKA, MON AMOUR betrug für den ersten Teil 8,68
Mio., für den zweiten Teil 8,5 Mio. und für den dritten Teil 9,20 Mio. Zu-
schauer. Der Marktanteil lag damit bei 24,7% und mit 1,82 Mio. Zuschau-
er/inne/n in der Altersgruppe 14 bis 49 Jahre erzielte das ZDF einen
Marktanteil von 13,1%.10 Die durch zahlreiche Fernsehauftritte und rollen
deutschlandweit bekannten Darsteller sind neben Iris Berben Robert At-
zorn, Matthias Habich, Alexander Held, Pierre Besson, August Schmölzer,
Benjamin Strecker und Bettina Zimmermann. Regie führte Carlo Rola, der
schon mehrfach mit Iris Berben für das ZDF zusammengearbeitet hat.11
Die Produktion oblag Oliver Berben, dem Sohn der Schauspielerin.12 Der
Dreiteiler gilt als eine der teuersten deutschen Fernsehproduktionen über-
haupt. Erstmals fand die neue digitale Arri-D-20-Kamera der gleichnami-
gen, traditionsreichen Münchner Firma für das Fernsehen Verwendung
(Festenberg, 18.12.2006: 162). Constantin-Film bewarb die „außerge-
wöhnliche TV-Produktion“ und die „herausragende Besetzung“ als „ein-
zigartige Unterhaltung im ZDF“, die „mit spektakulären Schauplätzen in
Deutschland, Österreich, Kenia, Tansania und Schottland“ aufwarten

_____________
9 Pressemitteilung vom 04.08.2006 vgl. http://www.presseportal.de/story.htx?nr=856550
&firmaid=7840, 23.01.2008.
10 http://www.media-control.de/pressemitteilungen/klarer-tagessieg-fuer-afrika-mon-amour.
html, 25.01.2008.
11 So etwa für den Mehrteiler DIE PATRIARCHIN oder die Krimiserie ROSA ROTH, jeweils mit
Iris Berben in der Hauptrolle.
12 http://www.focus.de/kultur/medien/medien_aid_226365.html, 23.01.2008.
116 Daniela Neuser

könne.13 Lange vor der Ausstrahlung wurde bereits über die Dreharbeiten
ausführlich berichtet (u.a. Witte, 23.08.2006; Ehlert, 26.10.2006).
Der Inhalt des ‚Event-Dreiteilers‘ – es handelt sich um eine fiktive
Geschichte, eingebettet in historischer Kulisse bzw. in verbürgte Eckdaten
wie den Ersten Weltkrieg – ist unter Auslassung einiger Verwicklungen
schnell erzählt: Die Hauptfigur Katharina von Strahlberg (Iris Berben)
bricht aus ihrem Leben und ihrer unglücklichen Ehe in Berlin aus und
wagt unter widrigen Umständen mit der Hilfe des Arztes Franz Lukas
(Matthias Habich) einen Neubeginn in Afrika. Kurz darauf bricht der Ers-
te Weltkrieg aus und stellt sie in Leben und Liebe auf weitere harte Pro-
ben. Auf der Farm eines Freundes – Sebastian – trifft sie beinahe zufällig,
jedenfalls überraschend auf ihren Sohn Georg (Benjamin Strecker), ihren
Mann Richard (Robert Atzorn) und dessen Bruder Heinrich (Alexander
Held). Ihr Sohn wird bei einem Jagdausflug erschossen. Die Suche nach
dem Mörder wird zu ihrem Lebensinhalt. Dabei entdeckt sie, dass ihr
Mann und ihr Schwager große Geldbeträge unterschlagen haben. Wäh-
rend des Krieges ist sie als Reisekrankenschwester unterwegs und arbeitet
zeitweise auch für die Briten. Sie verliebt sich in den Schotten (und Wit-
wer) Victor March (Pierre Besson), der in Afrika unter falschem Namen
lebt. Auf der Farm von Sebastian Hofmann (August Schmölzer) kommt
es nach vielen Komplikationen und Umwegen zum großen Showdown,
bei dem der Mörder von Georg enttarnt wird. Der durch eine Kriegsver-
letzung erblindete Victor erschießt Sebastian. Zurück bleibt die neue, klei-
ne Familie, bestehend aus Katharina, Victor und dem Waisenkind Anton,
die alle drei ihre Ursprungsfamilien verloren haben und am Grab von
Georg in den Sonnenuntergang blicken. So geht die Abendunterhaltung
für die Protagonist/inn/en und Zuschauer/inne/n gleichermaßen am
Ende eines langen Tages und anstrengender Ereignisse zu Ende. Die
wohlverdiente Ruhe und die Hoffnung auf den Sonnenaufgang an einem
neuen Tag und damit das Versprechen auf gemeinsame Zeit im neuen
Lebensabschnitt beginnt hoffnungsvoll und erinnert auf dem Grabhügel
dennoch an die vergangenen Leiden und Verluste. Die äußere Ordnung ist
wieder hergestellt, die innere Ruhe darf einkehren und alle – auch die Zu-
schauer/inne/n dürfen beruhigt schlafen gehen.

_____________
13 http://www.constantin-film.de/1/tv/aktuell/filme/afrika-mon-amour.html, 23.01.2008.
AFRIKA, MON AMOUR und MOMELLA 117

Abb. 1: Das Schlussbild aus AFRIKA, MON AMOUR zeigt die neue Familie am Grab
von Katharinas Sohn Georg bei Sonnenuntergang

Regisseur Carlo Rola formuliert seine erinnerungskulturelle Wirkungs-


intention folgendermaßen:
Ziel der Produktion ist es, eine ehrliche, historisch verbürgte Geschichte zu er-
zählen und auf Spekulationen zu verzichten. […] Sie werden eine Geschichte wie
diese nirgendwo anders finden, weil es aus dieser Zeit keine Geschichten über
Frauen gibt. Unser Film erzählt aber auch über den Krieg, über männlichen
Chauvinismus und Imperialismus, über die Borniertheit einer Männergesellschaft,
die Krieg als die Fortsetzung ihrer Freizeit oder als Verdienstmöglichkeit betrach-
tete und gleichzeitig blind war für das Elend, das damit einherging. (Gangloff,
08.01.2007)
AFRIKA, MON AMOUR verzichtet nicht auf Kriegszenen – im Bonus-
Material der DVD wird die technische Kunstfertigkeit der Spezialisten
hinsichtlich der künstlichen abgeschnittenen Ohren vorgeführt. Doch
auch solche Schock-Elemente können kaum über den romantisierenden
Grundton hinwegtäuschen. Vor dem Hintergrund der Debatte um Trans-
nationalität betont Jürgen Zimmerer:
Die geistige Aneignung der Welt gehört zweifellos zu den faszinierendsten Kapi-
teln europäischer Geistesgeschichte. Dennoch gehören Erlernen und Ausüben
bestimmter Gewaltpraktiken ebenso zu dieser globalen Geschichte wie rassisti-
sche Auslöschungsphantasien. […] das Kaiserreich war ein Staat, der nahezu
permanent in militärische Auseinandersetzungen verwickelt war. Nicht nur ge-
gründet und untergegangen in Kriegen, waren Kriege eine Konstante im Koloni-
alreich. Dass dies aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden ist, sagt viel
über die eurozentrische Fixierung der Geschichtswissenschaft und die in man-
chen Teilen der Gesellschaft anzutreffende nostalgische Verklärung des Kolonia-
lismus. (Zimmerer, 11.07.2007)
Die eskapistische Afrikaerinnerung im Fernsehfilm klammert aus, was zur
Prime Time nicht ins Unterhaltungsbild passt. Die Biographie der ‚starken
118 Daniela Neuser

Frau‘ Margarete Trappe ist da weitgehend unverfänglich – sie ist als Wohl-
täterin in der Erinnerung der Zeitzeugen im Doku-Drama unmissver-
ständlich lebendig und dient damit ebenso hervorragend als Projektions-
fläche wie die fiktive Figur Katharina von Strahlberg.
Gerade in unserer stark gegenwartsbezogenen Gesellschaft, entsteht
Vergangenheit dadurch, dass man etwas auf sie bezieht: Mit der Auswahl
der Ereignisse, der Bestimmung des Blickwinkels auf die Geschichte und
der Art und Weise sowohl der Ankündigung als auch der Ausstrahlung,
verschafft sich das ZDF zunächst einen Anspruch darauf, als Institution
einen rechtmäßigen bzw. verlässlichen Bezugsrahmen für relevante (Ge-
schichts-)Ereignisse liefern zu können. Mit dieser Methode der Selbstin-
szenierung kann dann das ZDF – oberflächlich betrachtet – als achtbare
Instanz zur Konstituierung von historischer Wahrheit gewertet werden.
Dieser Selbstanspruch wird im Fernsehen und insbesondere im ZDF in
verschiedenen Formaten inszeniert: Am 29. Januar 2007, ein Tag vor dem
Ausstrahlungstermin der ersten MOMELLA-Folge tritt Horst Janson, der
schon in der Sesamstraße die Welt erklären konnte, im seriösen „ZDF
Mittagsmagazin“ als Interviewgast auf. Auf eine journalistische Steilvorla-
ge der Moderatorin Susanne Conrad hin, lobt er begeistert die gelungene
Darstellungstechnik und realitätsabbildende Umsetzung des faktenreichen
Filmwerks. Tags drauf ist MOMELLA ein Thema der Sendung „heute – in
Deutschland“, die im Anschluss an das tägliche „Mittagsmagazin“ gesen-
det wird, dabei wird erneut auf die Kompetenz des Senders in Sachen
Afrika-Film verwiesen:
Iris Berben hat es vor drei Wochen vorgemacht, Millionen Zuschauer verfolgten
gebannt AFRIKA, MON AMOUR. Heute Abend nun startet im ZDF wieder eine
starke Frau nach Afrika. Diesmal allerdings beruht der Zweiteiler auf einer wah-
ren Geschichte Christine Neubauer spielt eine deutsche Frau, die in Afrika zur
Legende wurde durch ihre Tapferkeit und ihre Barmherzigkeit.14
Im vom Nina Ruge moderierten ZDF-‚People-Magazin‘ „Leute heute“
wird ein Interview mit Christine Neubauer mit folgendem Wortlaut einge-
leitet:
Für alle die vor Kurzem von Iris Berben fasziniert waren, der Dreiteiler AFRIKA,
MON AMOUR war mit rund neun Millionen Zuschauern ein Riesenerfolg im ZDF.
Für alle die hab ich jetzt einen Tipp, einen heißen – für alle anderen aber auch.
Heute Abend Christine Neubauer gucken! Sie spielt die wahre Geschichte einer
todesmutigen Frau […].15
So lautet beispielhaft für die Art und Weise der Geschichtswahrheit schaf-
fenden bzw. Erinnerung stiftenden Eigenwerbung der O-Ton und Tenor
_____________
14 30.01.2007 „heute – in Deutschland“, ZDF, als Bonus-Material auf der DVD zu MOMEL-
LA.
15 30.01.2007 „Leute heute“, ZDF, als Bonus-Material auf der DVD zu MOMELLA.
AFRIKA, MON AMOUR und MOMELLA 119

der Moderatoren der verschiedenen Sendungen. All diejenigen Zuschauer,


die nun schon auf den Afrikazug aufgesprungen waren, sollen natürlich
nun auch zur nächsten Station mitgenommen werden. Diejenigen die es
verpasst hatten, erhielten nun dank des ZDF eine neue Gelegenheit. Als
Fernsehsender, der seine eigenen Produkte bewerben möchte, ist das
ZDF in der idealen Lage, dies scheinbar objektiv in verschiedenen Sen-
dungen und über den gesamten Tag verteilt zu tun und damit ein eigenes
mediales Netz zu weben. Die hohe Verbreitung des Mediums Fernsehen,
sichtbar gemacht an Einschaltquote bzw. Marktanteil, sorgt im Nachhi-
nein für Legitimation der nicht zuletzt hohen und gebührenfinanzierten
Produktionskosten, doch vor allem des Selbstanspruchs des ZDF, Ge-
schichte wie kein anderes Medium oder eine andere Institution publi-
kumswirksam und adressatengerecht erfolgreich anbieten und historische
Wahrheiten vermitteln zu können.
AFRIKA, MON AMOUR wurde vom ZDF-Programmdirektor Thomas
Bellut als „außerordentlicher Erfolg“ bewertet und dient damit immer
wieder als Referenzpunkt für thematisch verwandte Sendungen. Die An-
kündigung als „TV-Event“ impliziert: Das muss man gesehen haben! Ho-
he Einschaltquoten spiegeln das Verhalten der Zuschauer wider. Die Sen-
dungen sollen für Gesprächstoff in Alltagsdiskursen und im öffentlichen
Raum sorgen (vgl. Rother: 2005, 3), zum Beispiel in der Art: „Sag mal,
hast Du die Sendung gestern auch gesehen?“ Die Wirkungsabsicht der
Fernsehmacher könnte in dieser Sprache lauten: „Sag mal, hast Du gestern
die Geschichte auch wahr genommen?“.
Interviews mit den Beteiligten der Produktionen in bundesweit er-
scheinenden Printmedien und im Internet sorgen für Aufmerksamkeit;
Rezensionen in den Feuilletons bergen die Gefahr der Kritik, die für die
Sender zugleich ein Pluspunkt sein kann, nämlich dann, wenn die Zu-
schauer/inne/n nur unterhalten werden wollen. Die TV-Berichterstattung
in den zahlreichen Sendungen wie „Morgenmagazin“, „Mittagsmagazin“,
„Volle Kanne“, „heute in Deutschland“, „Leute heute“, „Wetten dass…?“
innerhalb des Mediums ZDF spielen ineinander und suggerieren, dass es
sich bei diesem „TV-Event“ um einen wichtigen Termin und ernstzu-
nehmende Nachricht handelt, worauf der Zuschauer dankenswerter Weise
hingewiesen wird.
Das Internet und dabei hauptsächlich ZDF-Seiten16 bildet eine wichti-
ge Säule im plurimedialen Netz um AFRIKA, MON AMOUR und MOMELLA.
Auf den ZDF-Seiten lagert sehr umfangreiches Material zu beiden Pro-
duktionen. Die Eigenproduktionen wurden im Zeitraum der Ausstrahlung
als Top-Nachricht präsentiert. Im Fall von AFRIKA, MON AMOUR gibt es
_____________
16 www.zdf.de.
120 Daniela Neuser

auf den entsprechenden Internetseiten beispielsweise zu sehen: ein Vide-


oblog des Regisseurs Carlo Rola, ein Making-of-Video, Bilderserien zu allen
drei Teilen – mit 22, 24 bzw. 21 Fotos – ein Interview-Video mit Iris Ber-
ben, einen Bericht über die technischen Herausforderungen und den be-
triebenen Aufwand beim Dreh in Afrika.17
Die DVD zu AFRIKA, MON AMOUR macht ebenfalls dieses Zusatz-
bzw. Hintergrundmaterial zugänglich. Das Making-of etwa ist im Stil eines
Doku-Dramas gehalten und bündelt die üblichen Ingredienzien wie alte
Fotografien, Filmbilder, Expertenstatements der Sozialwissenschaftlerin
Gisela Miller-Kipp und des Historikers Andreas Eckert (Eckert 2006) und
Szenen aus dem Dreiteiler.

2.2 MOMELLA. EINE FARM IN AFRIKA –


Erinnerung an Afrika im Doku-Drama

Ähnliches gilt für MOMELLA. EINE FARM IN AFRIKA. Das Doku-Drama


ist in einen breiten Internetkontext18 eingebettet (z.B. ein interaktives Vi-
deointerview mit Darstellerin Christine Neubauer, Bilderserien mit 24
bzw. 26 Elementen, Verwandte und Freunde der echten Margarete Trap-
pe erzählen aus ihren Erinnerungen, Making-of etc. sowie Links zum echten
Momella). Einige dieser Bestandteile enthält auch die DVD. Das Afrika-
Thema insgesamt nimmt im Internetangebot des ZDF einen breiten
Raum ein; es gibt geographisch-landeskundliche Themenschwerpunkte,
etwa zum Kilimandscharo. Zur Kolonialzeit gibt es Literaturtipps, ein
Kolonialquiz „5 aus 55“ sowie zum Nachweis der eigenen Seriosität und
Kompetenz des Fernsehens in Sachen Geschichtsvermittlung und Präsen-
tation von historischer Wahrheit soll auch eine didaktische DVD mit in-
teraktiver Infografik beitragen: Diese DVD zur Kolonialgeschichte in
Zusammenarbeit mit dem FWU Institut für Film und Bild in Wissenschaft
und Unterricht ist über den ZDF-online-shop erhältlich. Die Vermark-
tung der Mehrteiler vollzieht sich in DVD,19 CD, Buch zum Film;20 die
_____________
17 Auch etwa ein Jahr später findet sich eine Überblickseite zu AFRIKA, MON AMOUR mit
den entsprechenden Links auf http://www.zdf.de/ZDFde/suche. html?pn=1&kw= afri-
ka+mon+amour&prsearch_submit.x=0&prsearch_submit.y=0, 31.01.2008.
18 http://www.zdf.de/ZDFde/suche.html?pn=1&kw=momella&Suchen.x=o&Suchen.y=se
arch, 31.01.2008: Die Überblickseite zu MOMELLA mit den ZDF-Links.
19 Die zweiteilige DVD zu AFRIKA, MON AMOUR enthält die drei je 90-minütigen Teile,
sowie die Extras Making-of, Hinter den Kulissen, Interview mit Iris Berben, VFX-Making-of,
Videotagebuch von Carlo Rola, Storyboard. Die DVD zu MOMELLA. EINE FARM IN AF-
RIKA beinhaltet die beiden je 45-minütigen Teile sowie als Bonus Making-of, vier verschie-
dene Trailer, Interviews und Magazinbeiträge verschiedener ZDF-Sendungen, wie Aus-
schnitte aus z.B. „Leute heute“ und einem Interview mit Christine Neubauer, „ZDF-
AFRIKA, MON AMOUR und MOMELLA 121

Produkte werden jeweils im Kontext der Ausstrahlung der Sendungen


beworben und sind im online-shop des ZDF sowie im Handel erhältlich.
Der Zweiteiler MOMELLA. EINE FARM IN AFRIKA wurde erstmals am
30. Januar 2007 und am 6. Februar 2007 gesendet. Die Einschaltquote des
ersten Teils lag bei 4,45 Mio. Zuschauer/inne/n, gleichbedeutend einem
Marktanteil von 13,1%. Der zweite Teil lockte lediglich 3,75 Mio. Zu-
schauer/inne/n vor das Fernsehgerät.21 Die Hauptdarsteller sind bekannte
Fernsehschauspieler, nämlich Christine Neubauer als Margarete Trappe
und Horst Janson als Graf Rantzau. Regie führte Bernd Reufels, Regina
Ziegler produzierte. Den Inhalt des ‚Doku-Dramas‘ – zeitweilig auch an-
gekündigt als ‚Doku-Highlight‘ – bildet das Leben der 1884 in Schlesien
geborenen Margarete Trappe, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts nach
Deutsch-Ostafrika auswanderte und dort unter widrigen Umständen am
Fuß des Kilimandscharo eine Farm aufbaute und die darauf folgenden
fünfzig Jahre „um die Erfüllung dieses Traumes“22 kämpfte. Margarete
Trappe wurde schon zu Lebzeiten zu einer legendären Figur. Während des
Krieges trieb sie ihre Herde zu den deutschen Truppen und kämpfte nach
dem Krieg bei der englischen Verwaltung um den Erhalt ihrer Farm. Sie
schlug sich als Jägerin durch und gilt als einer der erfolgreichsten Groß-
wildjäger. 1920 musste Trappe Momella verlassen, kehrte aber dorthin
zurück. Ab 1928 lebte sie mit ihren vier Kindern auf der Farm und bot
reichen Kunden Safaris an. Sie verfügte bald über vertiefte medizinische
Kenntnisse und wurde als angesehene Heilerin verehrt. Der Zweite Welt-
krieg brachte den erneuten Verlust der Farm, und noch einmal baute Mar-
garete Trappe ihr Momella wieder auf. Sie starb 1957 – angeblich fand
sich eine trauernde Elefantenherde vor ihrem Haus ein.

_____________
mittagsmagazin“ Interview mit Horst Janson, „TOP 7 – Das Wochendenmagazin“, „heute
– in Deutschland“.
20 Schnalke: 2007.
21 http://www.quotenmeter.de/index.php?newsid=18570, 25.01.2008; http://www.quoten
meter.de/index.php?newsid=18685, 25.01.2008.
22 Klappentext der DVD.
122 Daniela Neuser

Abb. 2: Christine Neubauer und Horst Janson als Margarete Trappe und Graf Rantzau
auf der Jagd, am Himmel ein Regenbogen

„Ein Leben, das nach vielen Wirren des Schicksals und der Weltgeschichte
zu einem Mythos werden sollte“, so der voice-over-Kommentar zu Beginn
des ersten Teils dieser Biographie-Verfilmung. Es handelt sich hierbei um
die für Doku-Dramen typische Verknüpfung von Spielszenen, Interviews
mit Zeitzeugen, zeitgenössischem Fotomaterial – alles im Stil der doku-
mentarisch-fiktionalen Guido-Knopp-Produktionen mit Reenactment-Ele-
menten, hier allerdings mit einer deutlichen Dominanz der Spielszenen
und der Besetzung mit bekannten Schauspielern und einem eindeutiger an
der Schnittstelle von Unterhaltung und historischer Information zuzu-
ordnenden Format. 2007 bot sich als günstiger Sendetermin an. Schließ-
lich ist es auch ein Jubiläumsjahr für Margarete Trappe, 1907 kam sie
erstmals nach Momella und 1957 starb sie dort. Die zuständige Redakteu-
rin Susanne Becker formuliert ihren Emotionalität und Geschichtsdarstel-
lung verbindenden Anspruch an die Sendung so:
[…] wir erzählen ein bestimmtes Leben in einer bestimmten Zeit: und damit eine
persönliche Geschichte vor diesem historischen Hintergrund. Ich glaube, auch
damit kann man Zeitgeschichte sehr gut erzählen, mit dieser Geschichte, die uns
ein bisschen näher heranführt an das, wie man gelebt hat und wie man das viel-
leicht empfunden hat. Margarete Trappe ist nicht ein typischer Mensch für diese
Zeit, sondern ein außergewöhnlicher. Aber ich glaube, dass man sich über sie die-
ser Zeit und dem entsprechenden Lebensgefühl annähert.23
Dies entspricht auch den Zielen, die der ZDF-Historiker Guido Knopp
mit seiner Arbeit verfolgt – Geschichtsdokus sollen unterhalten, spannend
sein und Emotionen auslösen:
_____________
23 Booklet zur DVD MOMELLA.
AFRIKA, MON AMOUR und MOMELLA 123

Es geht darum, ein großes Geschichtsthema attraktiv, informativ überzeugend,


spannend und bewegend darzustellen. Da sind unsere Film- und Fernsehdoku-
mentationen oft das einzige Medium, mit dem man Menschen erreicht, die sich
ansonsten mit Geschichte überhaupt nicht beschäftigen. […] Wenn wir zur Pri-
me-Time beispielsweise Programme über Europas Königshäuser präsentieren,
sind unterhaltende Elemente dabei. Das schlägt sich sofort in den Zuschauerzah-
len nieder. Interessanterweise haben wir bei den royalen Reihen einen außeror-
dentlich hohen Frauenanteil, manchmal bis zu 70% […] Das, was Emotionen
auslöst, wirkt am nachhaltigsten. Wenn sich der Zuschauer die Empfindung, die
er beim Betrachten eines Filmes merkt, dann merkt er sich auch die Information.
Wir fühlen uns da bestätigt. Wir haben schon Anfang der 90er gesagt: keine
Scheu vor Emotion. (Overkott, 29.01.2008)
Dieses Programm à la Guido Knopp wird auch in MOMELLA deutlich,
allein die Betitelung mit ‚Event‘ und ‚Doku-Drama‘ verspricht Emotionen.
Die Protagonistinnen fungieren als Identifikationsfiguren für die Zu-
schauerinnen.
Auch in MOMELLA. EINE FARM IN AFRIKA finden sich die typischen
Bestandteile eines Doku-Dramas: Fotografien, Zeugnisse in Form von
Artefakten, hier etwa Münzen und Briefe, Goldstücke, Zeugnisse von
Zeitzeugen (Verwandte, Arbeiter), Expertenmeinungen (hier die Biografin
Margarete Trappes), Aufnahmen vor Ort (Drehort Tansania; eine Schul-
klasse besucht das Grab Margarete Trappes) verbürgen die Fakten. Über-
blendungen von Schwarz-Weiß-Fotografien in die bewegten Filmbilder
sollen für Authentizitätseindrücke in den ‚emotionalen‘ Reenactment-Szenen
sorgen, dies wird z.B. mit einem Foto des Hauses oder Jagdszenen vorge-
führt.
Das Bildgedächtnis der Zuschauer/inne/n von MOMELLA wird au-
ßerordentlich bemüht, um nicht zu sagen strapaziert, und JENSEITS VON
AFRIKA, einer der erfolgreichen oscarprämierten Filme der 1980er Jahre
und in zahllosen Wiederholungen im Fernsehen ausgestrahlt, ist vielen
Zuschauer/inne/n bekannt: Teilweise werden einzelne Formulierungen
und Motive aufgegriffen, besonders bei MOMELLA. EINE FARM IN AFRI-
KA, das sogar als ‚deutsches JENSEITS VON AFRIKA‘ angekündigt wurde.
Schon der Titel des Doku-Dramas ist eine Anspielung. Der erste Satz im
Roman Jenseits von Afrika lautet: „Ich hatte eine Farm in Afrika […].“ (Bli-
xen 1992: 9, eigene Hervorhebung) Eine interessante Parallele sind die
Tiere, die sich am Grab der Großwildjäger einfinden. Elefanten kommen
angeblich zum Grab von Margarete Trappe – bei Denys Finch Hatton
(Robert Redford) wurden Löwen am Grab gesichtet. Die Jagdszenen,
Landschaftsaufnahmen und das abendliche Sitzen vorm Zelt nach einem
anstrengenden Tag in der Wildnis sind ebenso typische Bildmotive.
124 Daniela Neuser

Abb. 3 und 4: Verwendung von zeitgenössischen Fotografien im Doku-Drama: Margarete


Trappe vor ihrem Zelt – und als Spielszene mit Horst Janson und Christine Neubauer

Eine animierte Landkarte, die den Weg von Daressalam nach Momella am
Fuß des Kilimandscharo zeigt, sorgt für eine Einordnung des Geschehens
innerhalb des Kontinents Afrika.24

_____________
24 Eingebettet wird das Leben Margarete Trappes in den größeren Kontext Auswanderung
(„Wie so viele Auswanderer am Anfang des 20. Jahrhunderts sucht sie die Freiheit in der
Fremde, das Abenteuer in der Wildnis“, voice-over). Dies ist derzeit ebenfalls ein beliebtes
Thema im Fernsehen, vgl. etwa die VOX-Doku-Soaps „Goodbye Deutschland! Die Aus-
wanderer“, „Auf und davon“ oder die Doku-Reihe „Deutsche in Amerika“.
AFRIKA, MON AMOUR und MOMELLA 125

Abb. 5: Der Reiseweg von Margarete Trappe in Deutsch-Ostafrika von der Ankunft in Daressa-
lam bis zum Kilimandscharo wird im Doku-Drama als animierte Landkarte visualisiert

Der Anspruch einer Verbindung zwischen emotional ansprechender und


faktenorientiert-authentischer Geschichtsdarstellung nach Knopp’schem
Konzept wirkt im Falle von MOMELLA aber nicht immer gelungen. Die
für das Doku-Drama typische Inszenierung von Authentizität scheint hier
nur halbherzig umgesetzt. Zwar hat man mit Christine Neubauer eine
Schauspielerin besetzt, die weithin als patent und bodenständig gilt, das
„notorische ,Vollweib‘“ (Reichert, 16.01.2007), doch auf den ersten Blick
kleine Details, wie die zu sauberen und fein manikürten Fingernägel von
Cristine Neubauer, die nicht nur anachronistisch sind, sondern besonders
deplatziert wirken in der Szene, in der sie durch den Zaun eines Internie-
rungslagers greift, nagen auf den zweiten Blick auffallend an der so eifrig
erstrebten Glaubwürdigkeit des vom ZDF gefeierten Doku-Dramas (Hu-
pertz, 30.01.2007). Von einer Frau, die so tatkräftig wie Margarete Trappe
ihre Farm aufbaute und selbstständig unterhielt, erwarten die Zuschau-
er/inne/n Hände, die ein wenig angegriffener aussehen. Zudem ist Chris-
tine Neubauer in ihrer Verkörperung der Margarete Trappe insgesamt nur
wenig überzeugend. Sie wirkt wie verkleidet und agiert überambitioniert –
bleibt dabei stets Christine Neubauer, die in Afrika einen Film dreht. Ihre
flüsternde Erzähl-Stimme („Vor uns lag eine Ebene ...“), die offenkundig
Spannung erzeugen soll, wirkt eher peinlich und nimmt der durchaus fas-
zinierenden Lebensgeschichte Margarete Trappes viel von ihrer Aura.
MOMELLA funktioniert in dieser Umsetzung genretechnisch weder als
spannende Geschichtsdoku noch als Spielfilm.
Die Pressestimmen zu MOMELLA sind deshalb folgerichtig weniger
euphorisch als die Verlautbarungen des ZDF. Die Rezensenten sind sich
weitgehend einig, dass in der Fernsehproduktion nur die alten Klischees
126 Daniela Neuser

und gängigen Topoi neu bedient werden – den Zuschauerzahlen tat das
aber keinen Abbruch, der populäre Fernseh-Erinnerungsfilm scheitert an
diesen von der (intellektuellen) Filmkritik gesetzten Maßstäben nicht.25

3. Ein neuer Heimatfilm


Die Tagespresse kritisiert also die Filme für ihre klischeehaften Elemente
und Figurenkonstellationen, dennoch sind sie bei den Zuschauer/inne/n
sehr erfolgreich. Wie ist dieser Erfolg der Afrika-Filme zu erklären? Wie
im Folgenden gezeigt werden soll, lässt sich dieser Erfolg nicht allein auf
die Ebene der dargestellten historischen Figuren und Ereignisse zurück-
führen, sondern er liegt auch in der Wahl des Mediums für deren Präsen-
tation (genauer: im Genre) begründet.
Afrika-Filme (als Genre) sind in gewisser Weise Erinnerungsfilme. Sie
rekurrieren auf den Heimatfilm als ein populäres Medium und ermögli-
chen dadurch eine bestimmte Art von diffuser Kolonialerinnerung. Be-
trachtet man nun das dem aktuellen, realitätsfernen Zugang der öffentlich-
rechtlichen Sender zugrunde liegende, eskapistische Sehnsuchtspotential,
so lassen sich Parallelen zum deutschen Heimatfilm der 1950er Jahre zie-
hen, der wiederum anschloss an die Bergfilme der 1920er und 1930er Jah-
re.26 Diese Parallelen des Afrika-Films zum klassischen deutschsprachigen
Heimatfilm der Nachkriegszeit sind vielfältig: Rainer Rother spricht im
Hinblick auf den Heimatfilm der 1950er Jahre vom „eskapistischen Cha-
rakter“, vom „garantierten Unterhaltungswert“, von „Schauwerten“ und
„Naturaufnahmen“ als tragenden und wiederkehrenden Elementen. (Ro-
ther: 2001, 322). Dies alles findet sich gleichermaßen in den Afrika-
Filmen. Der klassische Heimatfilm kennt immer wieder auftretende Figu-
renkonstellationen und Typen. Dazu gehören beispielsweise Witwer und
Ärzte, die man mit großer Zuverlässigkeit auch im neuen kolonialen Hei-
matfilm wieder findet.

_____________
25 „Afrika aber bleibt eins. So sehr, dass man sich fragt, warum eigentlich das Genre der
Kolonialkomödie für diesen Kontinent noch nicht erfunden wurde. […] Da begegnet uns
die keusche Missionarin, die wildnisgeprüfte Farmerin, die klinisch ausgebildete Emanze,
die umweltbesessene Forscherin, allesamt in der Fremde, hilflos oder burschikos: Nirgends
sind sie so weiblich, wie in Afrika. An dieser Stelle ist dann auch ein tiefer Seufzer fällig.
Denn auf sie alle, alle wirkt Afrika als Aphrodisiakum, eines, das in der physischen Nähe
der halbwilden schwarzen Statisten, vor der Kulisse von Savannen, Safaris und Sternen-
himmel […].“ (Tagesspiegel, 14.01.2007)
26 Auf die Unterschiede zwischen Bergfilm und Heimatfilm weist Rainer Rother hin (Rother
2001: 323). Nun scheint auch der Bergfilm eine Renaissance zu erleben, vgl. Spiegel
49/2007.
AFRIKA, MON AMOUR und MOMELLA 127

Bezogen sich aber die Heimatfilme der 1950er Jahre meist noch auf
eine bundesdeutsche – oder im direkten alpenländischen Grenzland be-
findliche – Landschaft,27 bedient sich dieser neue Heimatfilm eines ande-
ren, fremd und geheimnisvoll anmutenden Kontinents. Er präsentiert
Fernsehbilder in exotischer, sonniger Kulisse und erinnert an die Tage
von Deutsch-Ostafrika und rekurriert damit auf alte Sehnsüchte nach
Natürlichkeit, Freiheit und Abenteuer. Dies wird nun heute noch kombi-
niert mit einem ‚Frauenthema‘, und so entsteht ein Heimatfilm in einem
doppelten Sinn: Für die aus der deutschen Gesellschaft ausgeschlossene,
vom Ehemann betrogene Frau wird die Suche nach Heimat in der riesigen
Fremde Afrikas – aber doch immer nah genug am Fuß des ‚höchsten
Bergs des Kaiserreichs‘ – zum neuen Lebensthema. Das von Heinrich von
Treitschke diagnostizierte Gefühl des zu kurz und zu spät Gekommen-
seins der Kaiserzeit scheint hier noch einmal aufzublitzen.28
Starke Frauen29 in der Geschichte bzw. die Erfahrungen oder persön-
lichen Erlebnisberichte weißer Frauen in Afrika bleiben ein für Film- und
Buchmarkt ebenso wie auch für historische Romane einträgliches, obwohl
fast inflationäres Dauerthema. Nachdem lange Zeit auch im Kino der
männliche Blick bestimmend war und die Afrika-Filme vergangener Jahr-
zehnte das männliche Heldentum pflegten, machen sich nun seit einigen
Jahren – auch international – die Frauen auf die Suche nach der Freiheit:
Stefanie Zweigs Roman Nirgendwo in Afrika wurde unter der Regie von
Caroline Link gleichnamig verfilmt und 2002 mit dem Deutschen Film-
preis sowie einem Oscar als bester nicht-englischsprachiger Film ausge-
zeichnet. Zu den weiteren ‚Frauen in Afrika‘-Romanen (bzw. Erlebnis-
und Erinnerungsberichten) und ihren Filmversionen zählen Die weiße Mas-
sai von Corinne Hoffmann (verfilmt mit Nina Hosts), Ich träumte von Afri-
ka von Kuki Gallmann (verfilmt mit Kim Basinger), Die weiße Kriegerin. Ein
Schicksal in Afrika von Deborah Scroggins (verfilmt mit Nicole Kidman),
Kein Himmel über Afrika von Kerstin Cameron (verfilmt mit Veronica Fer-

_____________
27 Der Film EINMAL NOCH DIE HEIMAT SEHN von 1958 spielt bereits in beiden Welten.
28 „Bei der Vertheilung dieser nichteuropäischen Welt unter die europäischen Mächte ist
Deutschland bisher immer zu kurz gekommen, und es handelt sich doch um unser Dasein
als Großstaat bei der Frage, ob wir auch jenseits der Meere eine Macht werden können.“
(Treitschke: 1899, 42-43).
29 Auch der Zweiteiler DIE FLUCHT, ausgestrahlt im März 2007 auf arte und in der ARD,
proklamiert ‚die Stunde der Frauen‘ und thematisiert die Flucht aus Ostpreußen am Ende
des Zweiten Weltkrieges. Diese Produktion erhielt auch bei der Bambi-Verleihung im No-
vember 2007 den Zuschauer-Preis für das ‚TV-Ereignis des Jahres‘, AFRIKA, MON AMOUR
war ebenfalls in dieser Kategorie nominiert sowie DIE FRAU VOM CHECKPOINT CHARLIE
(ARD) mit Veronica Ferres, TARRAGONA EIN PARADIES IN FLAMMEN (RTL) und DER
GEHEIMNISVOLLE SCHATZ VON TROJA (SAT1).
128 Daniela Neuser

res) – und dies ist nur eine Auswahl.30 Die TV- und Kinofilme sind pluri-
medial eingebettet in ein umfangreiches und nur mühevoll überschaubares
Angebot an Romanen, Berichten, Erinnerungen, die allesamt das große
Thema „Afrika“ behandeln. Die entsprechenden Buchcovers ähneln sich
übrigens sehr. Meist gibt es einen einzelnen Baum, der wie ein Schatten-
riss wirkt vor einem vom Sonnenuntergang orange-roten Himmel im Hin-
tergrund, wahlweise wird der Baum auch durch ein Giraffenpaar oder
einen Elefanten ersetzt. Solche imposanten Motive illustrieren wiederum
sehr eindrucksvoll, welche Stimmung beim Lesepublikum und den Zu-
schauer/inne/n der Afrika-Filme angesprochen bzw. erzeugt werden soll.
Während also das Nachkriegsdeutschland der 1950er Jahre Heimat-
filme vor heimischer deutscher Bergkulisse produzierte und konsumierte,
ist es im neuen Jahrtausend die Wiederentdeckung des verlorenen, Wil-
helminischen Kolonialreichs – aktualisiert und darum nun auch kombi-
niert mit starken Frauenfiguren vor exotischer afrikanischer Kulisse.
Die deutschen Heimat-Locations von Bayern bis Flensburg sind nicht nur durch
Autobahnen und Zersiedelung verbraucht, sondern auch durch exzessiven filmi-
schen Klischee- und Kitscheinsatz hoffnungslos verschlissen. Nun wird eben Af-
rika in Grund und Boden gedreht – die Inhalte bleiben, das schauspielerische
Personal auch, nur die Kulissen werden gewechselt: gefühlter Kolonialismus.
(Reichert, 16.01.2007)
Martin Reichert trifft ebenfalls den Kern des öffentlich-rechtlichen Aus-
strahlungs-Impetus, wenn er schreibt: „Oh, wie schön ist Afrika! Die
heimischen Kulissen für Kitschspielfilme sind leider abgefrühstückt. Aber
deutsche Produktionsfirmen sind zum Glück kreativ und haben längst
eine aufregendere Spielstätte für den neuen Heimatfilm gefunden: Afrika.“
(Reichert, 16.01.2007).
Die Afrika-Filme sind eskapistisch, zeigen unberührte Landschaften –
gerne auch aus dem Flugzeug oder einer Fahrt im Geländewagen dürfen
die Figuren die Natur „als Schauwert selbst genießen“ (Rother: 2001, 323)
– und es sind Liebesgeschichten. In Heimatfilmen treten häufig Flüchtlin-
ge auf und finden sich in ihre neue Heimat ein. Ähnliches tun die Frauen
der Afrika-Filme. Sie werden gewissermaßen als die Opfer ihrer Männer
und der Zeitumstände in die Fremde getrieben, machen dort das Beste aus
ihrer Situation und wenden ihr Schicksal. Katharina von Strahlberg und
Victor March sind gewissermaßen auch Flüchtlinge und finden in Afrika
wie auch Margarete Trappe eine neue Heimat bzw. den Ort, an dem sie
schon immer sein wollten.
Eine Keimzelle für die heutige Popularität des ‚Frauen in Afrika‘-
Films liegt in den 1980er Jahren mit der Verfilmung von Tania Blixens

_____________
30 Siehe auch das Literaturportal http://www.afrikaroman.de/. 23.01.2008.
AFRIKA, MON AMOUR und MOMELLA 129

‚Erinnerungsbericht‘ Jenseits von Afrika (1937) durch Sydney Pollack. Dies


ist eines der frühesten und berühmtesten Beispiele für das Genre ‚weiße
Frau in Afrika‘, das seine Bekanntheit nicht zuletzt der Filmversion von
1985 mit Meryl Streep, Robert Redford und Klaus Maria Brandauer in den
Hauptrollen verdankt. Auch das Themenspektrum, auf das ebenso die
aktuellen deutschen Fernsehfilme zurückgreifen, wird hier schon abge-
steckt: Es geht um die tapfere weiße Frau, die sich auf ihren Ehemann
nicht verlassen kann und sich selbst helfen muss. Natürlich hilft sie auch
anderen: den Einheimischen, denen sie scheinbar vorurteilsfrei freund-
schaftlich, bisweilen mütterlich gegenübersteht, in medizinischer und
schulischer Hinsicht und allgemein fürsorgend – selbst gegen massive
äußere Widerstände. Dabei wird von der Protagonistin die zunächst feind-
liche Umgebung als Raum für Selbstverwirklichung und Erkenntnis um-
funktioniert.

Abb. 6: Katharina von Strahlberg (Iris Berben) als Assistentin des


Arztes Franz Lukas (Matthias Habich)
130 Daniela Neuser

Abb. 7: Margarete Trappe (Christine Neubauer) wendet ihre


neuerworbenen medizinischen Kenntnisse an

TV-Filme über die koloniale Vergangenheit werden zu Erinnerungsfilmen


bzw. zu filmischen Erinnerungsorten und geben den Fernsehzuschauern
ein Bildangebot an die Hand, mit dessen Hilfe sich die koloniale Vergan-
genheit neu repräsentieren lässt. Weil originales, bewegtes Bildmaterial rar
und meist nur schwer zugänglich ist, bildet der nachkriegsdeutsche Hei-
matfilm ein eigenes Erinnerungsreservoir und Bildgedächtnis für das deut-
sche Fernsehpublikum. Er überlagert dabei sogar die Bilder Afrikas, die
täglich im Rahmen von Nachrichtensendungen über den Bildschirm
flimmern: die Bilder und Nachrichten von Hunger, Krieg und Elend. Mit
diesem Afrika hat der deutsch-afrikanische Heimatfilm nichts zu tun.
Der Passauer Psychologe Hans Mogel erklärt die Afrikasehnsucht der
Nordeuropäer mit „der mystischen Vielfalt“ und „der tiefen Geborgen-
heitssehnsucht des Menschen nach einem gefühlsmäßig paradiesischen
Kontinent unserer Erde.“ (Rabenstein, 02.02.2007). Diese Suche nach
Heimat und Geborgenheit ist offenbar für viele Zuschauer/inne/n ein
wichtiges Thema:
[…] der unvermeidliche Wechsel einer Wärme- gegen eine Kältezone, wird viel-
leicht durch die Erfahrung einer Generation verstärkt, die in Krieg und Nach-
krieg ihre Kindheit durchlebt hat und heute feststellen muss, dass die Orte der
Kindheit entweder zerstört oder völlig zugebaut worden sind, so dass der Kind-
heitsraum tatsächlich nur in Gedächtnisfragmenten weiter besteht. (Koebner
2002: 84)
Dies stellt Thomas Koebner zwar in einem anderen Zusammenhang
(Trennung vom Elternhaus) fest; seine Deutung lässt sich aber auf die
Afrika-Filme übertragen. Die Zuschauergruppe, die sich angesprochen
AFRIKA, MON AMOUR und MOMELLA 131

fühlt, ist zum großen Teil älter als 49 Jahre, und selbst die Jüngeren erle-
ben in einem hektischen Deutschland den Verlust von bekannten Land-
schaften, Bindungen und Zusammenhängen.
In diesem Sinne wird der Afrika-Film zu einem Erinnerungsort für ei-
ne Idee der romantischen Liebe, der unberührten Natur, des moralischen
Sieges des Guten und einer Sehnsucht, die an anderer Stelle von der um-
gebenden, realen Umwelt verdrängt wird. Das mag auch einer der Gründe
dafür sein, dass die von André Heller seit der Premiere im Dezember 2005
präsentierte Zirkus-Show Afrika! Afrika! bereits über eine Million Zu-
schauer/inne/n gewinnen konnte.31 Denn, so schließt Iris Berben im In-
terview zu AFRIKA, MON AMOUR, „wahrscheinlich ist das hier die Wiege
von uns allen.“ (Lerchenmüller, 04.01.2007: 58). Gründe genug, den alten
Phantasieraum in unterschiedlichen Medien – Literatur, Kino, Fernsehen,
Theater, Zirkus – zu aktualisieren.
Die Afrika-Filme sind Erinnerungsfilme der Sehnsucht – ganz wie das
klassische deutsche Genre des Heimatfilms der 1950er Jahre. Es spielt
dafür keine Rolle, ob sie in der Gegenwart oder der Vergangenheit ange-
siedelt sind. Beides bildet nur eine Kulisse. Und dies ist auch ein Grund
dafür, dass die Afrika-Filme ohne Afrikaner auskommen (vgl. Reichert,
16.01.2007). Die Einschaltquote – Währung der Fernsehunterhaltung –
gibt den verantwortlichen Programmdirektoren Recht, ganz gleich was die
Kritiker schreiben: Eine weitere Gemeinsamkeit mit dem Heimatfilm.

Bibliographie
Filme
AFRIKA, MON AMOUR. 2006 Constantin Film 3x90 Minuten + 64 Minuten
Extras. (Making-of, Hinter den Kulissen, Interview mit Iris Berben,
VFX-Making-of, Videotagebuch von Carlo Rola, Storyboard) Produk-
tion Oliver Berben/Moovie. The Art of Entertainment GmbH und
des ZDF, Regie: Carlo Rola.
MOMELLA. EINE FARM IN AFRIKA Polar Film + Medien 2007 90 Minu-
ten + 70 Minuten Bonusfilme (Making-of, vier verschiedene Trailer,
Interviews und Magazinbeiträge verschiedener ZDF-Sendungen, wie
Ausschnitte aus z.B. „Leute heute“ und einem Interview mit Christi-
ne Neubauer, ZDF-„Mittagsmagazin“-Interview mit Horst Janson,
„TOP 7 – Das Wochendendmagazin“, „heute – in Deutschland“),
Regie: Bernd Reufels.

_____________
31 Vgl. http://afrika-afrika.com/, 27.01.2008.
132 Daniela Neuser

JENSEITS VON AFRIKA 1985. 154 Minuten (+ Audikommentar Sydney


Pollack, Doku Das Lied Afrikas, Kinotrailer) Universal Pictures Pro-
duktion und Regie: Sydney Pollack.

Primärliteratur
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Blixen, Tania: Afrika. Dunkel lockende Welt. Zürich: Manesse 1992 [1986],
engl. Originalausgabe Out of Africa. New York: Random House
1937.
Cameron, Kerstin: Kein Himmel über Afrika. Berlin: Ullstein 2005 [2002].
Gallmann, Kuki: Ich träumte von Afrika. München: Droemer Knaur 2000
[1994].
Hofmann, Corinne: Die weiße Massai. München: Droemer Knaur 2000.
Schnalke, Christian: Afrika, mon amour. Berlin: Ullstein 2007.
Scroggins, Deborah: Die weiße Kriegerin. Ein Schicksal in Afrika. Berlin: Auf-
bau-Verlag 2006.
Zweig, Stefanie: Nirgendwo in Afrika. München: Heyne 1999.

Pressestimmen
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Serie). In: Der Spiegel, 16.04.2007. 110-132.
Bartl, Alexander: „Herr Doktor, den Seelenbalsam bitte!“ In: Frankfurter
Allgemeine Zeitung, 09.01.2003, 34.
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„Bringing War Home“:
JARHEAD und die Kriegserinnerung
made in Hollywood

Astrid Erll

This article asks how American war movies fulfil the promise of authenticity in-
herent to the claim of “bringing war home.” Using JARHEAD (2005) as an exam-
ple—a film about the first Iraq war—and also taking into consideration other Hol-
lywood war movies, various ways of creating filmic authenticity will be considered.
These include the staging of “experientality” and “saturation with the past”;
“remediation” as a method by which films can make use of plurimedial networks
(war movies, documentations, photographs, etc.) and incorporate them as a means
of authentication; as well as “veteranness” as a complex category of experience
which is generated in plurimedial constellations and equips those involved in mak-
ing films with an aura of authenticity. JARHEAD, however, is also an example of the
reflexivity of many “memory films”: On various levels, the film makes war mem-
ory visible as media memory. Finally, the concluding look at the appropriation of
JARHEAD in different national contexts shows if and how the film was actually re-
alized as a medium of collective memory. Here it becomes clear to what extent the
“memory film” is a phenomenon that is created in dependence on existing tradi-
tions of representation.

1. Der Krieg im Wohnzimmer und das


Authentizitätsversprechen fotografisch-filmischer Medien
„Bringing war home“: Uns den Krieg, der ja zumeist auf entlegenen
Schlachtfeldern oder in fernen Ländern stattfindet, ‚nahe zu bringen‘ bzw.
das Kriegsgeschehen (wörtlich übersetzt) ‚nach Hause‘, in unser ziviles
Leben zu tragen, uns den Krieg sozusagen ‚vor die Haustür zu legen‘ oder
‚in unser Wohnzimmer‘ zu stellen – diese Funktion übernehmen die Me-
dien bereits seit der Bibel und Homer. Ein gesteigertes Bewusstsein dafür
140 Astrid Erll

ist allerdings mit der Erfindung der Fotografie zu verzeichnen. In ihrer


letzten Studie über dieses Medium, Regarding the Pain of Others (dt. Das Lei-
den anderer betrachten), zitiert Susan Sontag die begeisterte Reaktion der New
York Times auf die ersten Fotografien vom amerikanischen Bürgerkrieg,
die im Herbst 1862 in einer Ausstellung in Manhattan zu sehen waren.
The dead of the battlefield come to us very rarely even in dreams. We see the list
in the morning paper at breakfast but dismiss its recollection with the coffee. But
Mr Brady has done something to bring home to us the terrible reality and ear-
nestness of war. If he has not brought bodies and laid them in our dooryards and
along the streets, he has done something very like it. (New York Times, 1962; zit.
nach Sontag 2003: 56)
Der Begriff des ‚bringing war home‘ ist spätestens seit dem 19. Jahrhun-
dert ein fester Bestandteil der englischen Rede, wo immer es um Krieg
und Medien geht. Damit verknüpft ist ein Authentizitätsversprechen1 ge-
rade der optisch-technischen Analogmedien, die Wirklichkeit auf eine
revolutionär neue Weise aufzuzeichnen schienen – erst Fotografie, dann
Film, und schließlich Fernsehen.
Am Beispiel der Pressefotografie zeigt sich jedoch bereits die grundle-
gende Konstruktivität all dieser Medien: Denn die meisten der frühen
Kriegsfotografien sind gestellt. Viele sind nicht an Originalschauplätzen
aufgenommen. Lebende und Tote werden sorgfältig arrangiert, und zwar
oft nach Maßgabe jahrhundertealter, aus der Malerei überlieferter Darstel-
lungskonventionen.2 Krieg ‚so wie er tatsächlich gewesen‘ kommt auf die-
se Weise kaum ‚zu uns nach Hause‘.
Aber woran erinnert man sich eigentlich, wenn man einen Krieg ‚erin-
nert‘? Für die Mehrzahl der Menschen in westlichen Ländern gehört Krieg
heute nicht mehr zur Lebenserfahrung erster Hand. Gerade in den USA,
die ihre Schlachten in weit entlegenen Ländern führen (Europa, Korea,
Vietnam, Irak, Afghanistan usw.), ist es daher nicht die eigene Anschau-
ung, sondern es sind mediale Repräsentationen, aus denen sich Vorstel-
lungen vom Krieg speisen. Tatsächlich ist Krieg ein zentraler und integra-
ler Bestandteil (nicht nur) amerikanischer Medienkulturen. Kriegsdarstel-
lungen sind omnipräsent: Sie finden sich tagtäglich im Fernsehen und in
der Tageszeitung, in der Literatur und im Kino, im Radio und im Internet.
‚Erinnerung an Krieg‘ ist damit weitgehend Erinnerung an mediale
Darstellungen des Krieges. Irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem die
gesamte Erinnerungskultur nicht einmal mehr den Versuch macht, sich
_____________
1 Verknüpft mit diesem Authentizitätsversprechen ist natürlich auch das Versprechen der
‚medialen Distanz‘ (vgl. dazu Wodianka 2005). Das Gefühl des ‚unmittelbaren Kriegsgrau-
ens‘ im eigenen Wohnzimmer ist ein Effekt medialer Illusionsbildung. Der Krieg verbleibt
damit stets in sicherem Abstand zum friedlich-zivilen Alltagsleben.
2 Für Beispiele vgl. Sontag (2003) sowie Erll (2007: 81-111).
JARHEAD 141

auf das zu besinnen, was vorsichtig als das ‚historische Geschehen‘ be-
zeichnet werden könnte, sondern stets auf das bestehende, dichte Pa-
limpsest der medialen Repräsentationen jenes Geschehens Bezug nimmt.
Ich nenne diesen Prozess ‚Remediation‘.3
Die enge Verknüpfung von Kriegsdarstellung, Remediation und kultu-
reller Erinnerung soll im Folgenden am Beispiel des amerikanischen Spiel-
films aufgezeigt werden. Als audiovisuelles Medium, durch die Verbin-
dung von Ton und bewegten Bildern, bringt uns der Film den Krieg wie
vielleicht kein anderes Medium nahe. Spielfilme gehören spätestens seit
den späten 1920er Jahren, mit dem weltweiten Erfolg der Hollywood-
Verfilmung von Erich Maria Remarques Kriegsroman Im Westen nichts
Neues (1929) als ALL QUIET ON THE WESTERN FRONT (1930), zu den
Leitmedien der populären Erinnerung an Krieg. Heute ist Kriegserinne-
rung in allererster Linie Filmerinnerung, und diese Bestandsaufnahme
kann selbst für Veteranen Gültigkeit beanspruchen, deren eigene Kriegs-
erfahrung sich als filmisch vorgeformt erweist und deren Erinnerungen
nicht selten durch populäre Filmversionen beeinflusst werden.4
Dieser Beitrag stellt die Frage, wie amerikanische Kriegsfilme das im
Begriff des ‚bringing war home‘ implizierte Authentizitätsversprechen
einlösen. Am Beispiel von JARHEAD (2005), einem Film über den ersten
Irakkrieg, und unter Hinzuziehung weiterer Kriegsfilme made in Holly-
wood wird es dabei um verschiedene Formen der Erzeugung filmischer
Authentizität gehen: um die Inszenierung von Erfahrungshaftigkeit und
Vergangenheitssättigung; um Remediation als eine Möglichkeit des Films,
auf plurimediale Netzwerke (Kriegs-Spielfilme, -Dokumentationen, -Fotos
usw.) zuzugreifen und sie sich beglaubigend einzuverleiben; sowie um
veteranness als komplexe Erfahrungskategorie, welche in plurimedialen
Netzwerken generiert wird und die an der Filmproduktion beteiligten
Menschen mit der Aura des Authentischen ausstattet. JARHEAD ist aber
auch ein Beispiel für die Reflexivität vieler Erinnerungsfilme. Auf ver-
schiedenen Ebenen macht er Kriegserinnerung als Medienerinnerung
sichtbar. Ob und wie JARHEAD selbst als Erinnerungsmedium aktualisiert
wird, zeigt der abschließende Blick auf die Aneignung in unterschiedlichen
nationalen Kontexten. Dabei wird deutlich, wie sehr der ‚Erinnerungsfilm‘
ein Phänomen ist, das in Abhängigkeit von bestehenden Repräsentations-
traditionen erzeugt wird.

_____________
3 Vgl. Erll (2007). Der Begriff der Remediation geht zurück auf Bolter und Grusin (1999).
Für Fragen der kulturwissenschaftlichen Gedächtnisforschung wurde das Konzept u.a. von
Ann Rigney fruchtbar gemacht (vgl. Erll/Rigney 2008).
4 Vgl. dazu beispielsweise Welzer (2002).
142 Astrid Erll

2. JARHEAD zeigt APOCALYPSE NOW:


filmische Kriegserinnerung und soldatische Aneignungspraxis
Hollywood prägt unsere Vorstellungen vom Krieg maßgeblich mit: Der
Erste Weltkrieg ist für viele ALL QUIET ON THE WESTERN FRONT (1930),
der Zweite Weltkrieg (je nach generationeller Zugehörigkeit) SANDS OF
IWO JIMA (1949) oder FLAGS OF OUR FATHERS (2006) und Vietnam
schließlich APOCALYPSE NOW (1979), RAMBO: FIRST BLOOD (1982) oder
FULL METAL JACKET (1987). Was vom Krieg bleibt, so scheint es, sind –
neben einer Menge Toter und einem Berg von Schulden – eine handvoll
Spielfilme. Wie eng das Verhältnis von filmischer Kriegsfiktion und geleb-
ter Kriegsrealität sein kann, wird auch im Kino thematisiert. Ein Beispiel
dafür findet sich in Sam Mendes’ JARHEAD (dt. JARHEAD – WILLKOM-
MEN IM DRECK) aus dem Jahr 2005, einer der wenigen Filme über den
ersten Irakkrieg von 1990/1991, die Operationen „Desert Shield“ und
„Desert Storm“.
Amerika im Sommer des Jahres 1990, ein Ausbildungslager für Rekru-
ten der Marines: Kurz nachdem der Beginn des Irakkriegs in den Fernse-
henachrichten verkündet wurde, finden sich die jungen Soldaten im Kino
ihres training camp ein und schauen sich gemeinsam einen Kriegsfilm an.
Sie sind erregt von den Szenen des gnadenlosen Bombardements eines
vietnamesischen Dorfes durch amerikanische Helikopter und singen die
unterlegte Filmmusik – Wagners Walkürenritt – enthusiastisch mit (vgl.
Abb. 1). Plötzlich wird die Filmvorführung abgebrochen und die Soldaten
werden aufgefordert, sich zur Abreise in den Irak einzufinden. Begeistert
und kampfbereit stürmen sie aus dem Kino. Bei dem gezeigten Kriegsfilm
handelt es sich nicht um krude Propaganda, sondern um APOCALYPSE
NOW, jenen klassischen Vietnamfilm von Francis Ford Coppola, der 1979
in die Kinos kam und bis heute als Paradigma des Antikriegsfilms gilt.5
Dies ist das eigentlich Erstaunliche der Szene, denn der vorgebliche ‚Anti-
kriegsfilm‘ wird hier als Ansporn zum Krieg benutzt, seine weithin ange-
nommene Funktion damit in ihr Gegenteil verkehrt.

_____________
5 Zu APOCALYPSE NOW als Erinnerungsort der Amerikaner vgl. Krause/Schwelling (2002);
für eine mentalitätengeschichtliche Analyse des Films vgl. Fröschle/Mottel (2003).
JARHEAD 143

Abb. 1: JARHEAD: Kinovorführung von APOCALYPSE NOW für Rekruten der Marines

Die APOCALYPSE NOW-Szene verweist auf die gut belegte dichte Verwo-
benheit von Film und Militär in der amerikanischen Kultur. Samuel Hynes
(1997), Marita Sturken (1997) und Joanna Bourke (1999) zitieren zahllose
amerikanische Veteranen, die im Zweiten Weltkrieg und in Vietnam ge-
kämpft haben und für die Kino offenbar die erste Bezugsfolie für Kriegs-
erwartung, -erfahrung und -erinnerung darstellt. Krieg ist für viele Solda-
ten zunächst einmal entweder „ganz wie im Film“ oder „gar nicht wie im
Film“.6
Auch auf Produktionsseite sind beide Bereiche eng miteinander ver-
schränkt. In seiner Einführung zum War Cinema betont Guy Westwell
(2006: 3) „the Pentagon’s willingness to provide military hardware and
personnel (thereby slashing production budgets) in exchange for favorable
representations.“ Im Gegenzug zur Bereitststellung von Panzern, Kriegs-
schiffen, Flugzeugen, Schusswaffen und Uniformen sowie Beratern aus
militärischen Rängen behält sich das Pentagon vor, Zensur auszuüben. In
Hollywood wird dieser Vorgang als „mutual exploitation“ bezeichnet. Es
ist ein umfassender cultural exchange (im Sinne des New Historicism), eine
Form des Austauschs zwischen zwei verschiedenen kulturellen Systemen,
die der Produktion kultureller Erinnerung zugrunde liegt. Aus diesem
_____________
6 Vgl. z.B. Bourke (1999: 26): „Combatants interpreted their battle experiences through the
lens of an imaginary camera. Often, the real thing did not live up to its representation in
the cinema. A twenty-year old Australian officer, Gary McKay, was slightly disappointed by
the way his victims acted when hit by his bullets: it ‚wasn’t like one normally expected after
watching television and war movies. There was no great scream from the wounded but
simply a grunt and then an uncontrolled collapse to the ground‘, he observed morosely.“
Sturken (1997: 95) zitiert Veteranen, die sich an Vietnam erinnern, mit Worten wie „This
ain’t a John Wayne movie“ oder „I hate this movie“.
144 Astrid Erll

Grund – der Notwendigkeit, für ‚authentische‘ Produktionen die passende


Ausstattung zu beschaffen, und deren ‚Preis‘ – dominieren im Kriegsfilm
made in Hollywood patriotische und kriegsbefürwortende Perspektiven.
Die wirklichkeitskonstituierende und handlungsleitende Kraft von auf
diese Weise produzierten Kriegserinnerungen wird an Filmen wie Top Gun
(1986) spürbar, nach dem die Zahl der Rekruten in der US-Navy schlagar-
tig anstieg. Das Hollywood war cinema ist das wohl erfolgreichste Rekrutie-
rungssystem aller Zeiten.7
Amerikanischen Soldaten werden regelmäßig Kriegsfilme – auch so-
genannte ‚Antikriegsfilme‘ – gezeigt, um die Moral der Truppe und deren
Kampfbereitschaft zu steigern. Anthony Swofford, auf dessen 2003 er-
schienenem Soldatentagebuch Jarhead. A Marine’s Chronicle of the Gulf War
der Kinofilm von Sam Mendes basiert, äußert sich explizit zu der Funkti-
onalisierung des Kriegskinos in Soldatenkreisen:
There is talk that many Vietnam films are antiwar, that the message is war is in-
humane and look what happens when you train young American men to fight
and kill […] But actually, Vietnam films are all pro-war, no matter what the sup-
posed message, what Kubrick or Coppola or Stone intended. […] [T]he magic
brutality of the Vietnam films celebrates the terrible and despicable beauty of
their fighting skills. Fight, rape, war, pillage, burn. Filmic images of death and
carnage are pornography for the military man. (Swofford 2003: 6f.)
Aus dieser Perspektive offenbart sich auch eine weitere Bedeutungsdi-
mension des Filmtitels ‚Jarhead‘. Der Begriff bezieht sich auf die kahlge-
schorenen Köpfe der Marines (amerikanische Elitesoldaten), die aussehen
wie mason jars (Weckgläser), leere Gefäße also, welche man während der
Ausbildung mit beliebigem Inhalt füllen kann. Tatsächlich scheinen die
jungen Soldaten in JARHEAD bis zum Rand angefüllt mit cinematischen
Kriegsbildern.
Unter den Kriegsfilmen, die wie ‚Pornographie‘ für Soldaten wirken,
hat APOCALYPSE NOW herausragende Bedeutung: Ein Ex-Marine, der
JARHEAD für den Daily Telegraph rezensiert, erinnert sich: „I have been to a
number of funerals of SAS men who died in action and at each of them
Wagner’s Ride of the Valkyres was played.“ (Andy McNab, 11.12.2005:
16) Und auch Joanna Bourke betont in An Intimate History of Killing (1998:
28): „Even in Grenada in 1983, American soldiers charged into battle
playing Wagner, in imitation of Robert Duvall, the bridage commander in
APOCALYPSE NOW“. Dass gerade die deutsche Wagner-Oper, die den
soundtrack für das Dritte Reich lieferte und in APOCALYPSE NOW aus die-
sem Grund natürlich mit größtem Sarkasmus als Begleitmusik zu den a-
merikanischen Verwüstungen in Vietnam auftaucht, heute in den USA als
_____________
7 Vgl. dazu aus soziologischer Perspektive auch Dörner (2000); aus der Perspektive der
postmodernen Filmtheorie Virilio (1998).
JARHEAD 145

identitätsstiftendes Medium der Marines genutzt wird, gehört wohl zu den


Treppenwitzen der interkulturellen Erinnerungsgeschichte. Die größte
Ironie des Bezugs auf die Kampfhandlungen in APOCALYPSE NOW durch
JARHEAD (neben einem eklatanten misreading von Coppolas wiederholt
bezeugter kriegskritischer ‚Autorintention‘) besteht jedoch darin, dass die
Helden dieses Films, der junge Swofford (Jake Gyllenhaal) und seine Ka-
meraden, nichts dergleichen im Irakkrieg erleben werden. JARHEAD ist ein
Film über einen Soldaten im Krieg, der nicht ein einziges Mal sein Gewehr
abfeuert.
JARHEAD ist mit seiner Inszenierung der soldatischen Aneignung von
APOCALYPSE NOW eine Etüde über die Dynamik kultureller Erinnerung:
Hier wird deutlich, dass Formen der Medienrezeption extrem voneinander
abweichen können – und zwar sowohl von den Intentionen der Filmema-
cher als auch von den Lesarten der Deutungseliten. Diese Bestandsauf-
nahme gilt insbesondere für die Medienaneignung im Bereich populärer
Erinnerungskultur, für die eine hochgradige Selektivität sowie eine Ten-
denz zur Dekontextualisierung ohnehin charakteristisch sind. Dass Viet-
nam in der amerikanischen Öffentlichkeit heute allgemein als irrwitziger
und ungerechter Krieg erinnert wird, dass die in der Helikopter-Szene von
APOCALYPSE NOW gezeigten Soldaten schon bald von lachenden Drauf-
gängern zu nervös-traumatisierten Wracks mutieren, spielt für das aktuelle
Erinnerungsgeschehen im Kino der Rekruten keine Rolle. Und nicht zu-
letzt wirft diese Szene Licht auf das Verhältnis von intellektuellen Diskur-
sen und kultureller Praxis: Einem Film wie APOCALYPSE NOW, der seit
den späten 1970er Jahren in den ‚gehobenen‘ plurimedialen Netzwerken
des Feuilletons und der filmwissenschaftlichen Publikationen zu einem
‚Erinnerungsfilm gegen den Krieg‘ stilisiert wurde, können in der populä-
ren Praxis erinnerungskultureller Subkulturen ganz andere Bedeutungen
zugeschrieben werden. Die Vielfalt solcher Interpretationsgemeinschaften
kann jedoch bestenfalls – über deren plurimediale (Selbst-)Repräsen-
tationen – ausschnitthaft rekonstruiert werden. Zudem sind sie stets in
dynamischer Veränderung begriffen. So scheint sich auch die Funktionali-
sierung von APOCALYPSE NOW als ‚Pornographie für Soldaten‘ erst seit
den späten 1980er Jahren herausgebildet zu haben. Und schließlich ist die
Dynamik des konkreten Kontextes bei der Medienrezeption nicht zu un-
terschätzen. Gerade das Kino wird in JARHEAD deutlich als Ort der Her-
vorbringung kollektiver und performativer Erinnerungsakte gekennzeich-
net.
146 Astrid Erll

3. Filmische Authentizität:
Erfahrungshaftigkeit und Vergangenheitssättigung
Dennoch: Das Verhältnis von Repräsentation und Funktionalisierung ist
nicht beliebig. Nicht jeder Film hat das Zeug dazu, zu einem ‚Erinne-
rungsfilm der Marines‘ zu werden. Vielmehr ist anzunehmen, dass ein
medienimmanentes Wirkungspotential vorhanden sein muss, das in diesem
Sinne aktualisiert werden kann. Tatsächlich kommen viele der bekanntes-
ten und wirkungsvollsten amerikanischen Kriegsfilme – neben APOCA-
LYPSE NOW auch die Vietnamfilme THE DEER HUNTER (1978), PLA-
TOON (1986) oder FULL METAL JACKET (1987) – zunächst einmal als
‚Antikriegsfilme‘ daher. Was ihnen dabei jedoch gemeinsam ist, ist die
detaillierte Darstellung von Gewalt, eine Überwältigungsästhetik und eine
bestimmte Form der Perspektivierung des Geschehens.
Diese drei Elemente gehören zu den medialen Konventionen des
Kriegsfilms made in Hollywood – auch in seiner Antikriegsvariante –, und
sie hängen eng mit dessen Authentizitätsversprechen zusammen. Denn
‚nach Hause gebracht‘ ist der Krieg erst dann, wenn man sich in die Lage
der amerikanischen Soldaten versetzt hat, ihre spezifische Kriegserfahrung
im filmisch-fiktionalen Raum nach-erlebt hat. Dafür ist gerade das Kriegs-
kino ein hervorragendes Medium. Wie das funktioniert, versteht man,
wenn man das, was die Soldaten im Kino gesehen haben – die berühmte
Hubschrauberangriff-Szene in APOCALYPSE NOW – einmal genauer be-
trachtet. Zwar findet man auch hier den shot-reverse shot (Schuss-Gegen-
schuss), ein typisches Verfahren des Kriegsfilms, weil auf diese Weise
zwischen den kämpfenden Parteien hin- und hergeschaltet werden kann:
Zuerst sieht man die Amerikaner im Hubschrauber, dann das vietnamesi-
sche Dorf, das bombardiert werden soll, dann wieder die Amerikaner usw.
Aber was zunächst noch ausgewogen klingen mag, bildet tatsächlich eine
perspektivische Schieflage. Denn der Hauptakzent liegt auf der Wahr-
nehmungsperspektive der amerikanischen Soldaten. Sie sind die Fokalisie-
rungsinstanzen in dieser Szene. Aus ihrer Perspektive, von oben, aus den
Hubschraubern heraus sieht der Zuschauer Vietnam. Die Zuschauer sit-
zen quasi mit im Hubschrauber, bewegen sich in rasender Schnelle über
das Gebiet, legen sich mit in die Kurve, bombardieren mit den amerikani-
schen Kameraden den Dschungel und die Dörfer. Diese Form der Per-
spektivierung ist Genre-Konvention und zugleich die Achilles-Sehne jeder
filmischen Antikriegsdarstellung made in Hollywood, weil die Perspektive
der ‚amerikanischen Jungs‘ auch Empathie mit den Tötenden ermöglicht
(vgl. Abb. 2).
JARHEAD 147

Abb. 2: APOCALYPSE NOW: der Hubschrauberangriff auf ein vietnamesisches Dorf


aus der Perspektive der amerikanischen Aggressoren

Einmal ganz abgesehen von den ideologischen Implikationen einer sol-


chen Darstellung (Filmwissenschaftler haben die Helikopterszene von
APOCALYPSE NOW mit dem Begriff der „quasi-faschistische Perspektive“
belegt8) wird in dieser Szene auf eindringliche Weise eingelöst, was als die
eine Seite des Authentizitätsversprechens filmischer Medien begriffen
werden kann: die ‚Erfahrungshaftigkeit‘ (experientiality) der Repräsentation
von Krieg. Im Kino wie in der Romanliteratur (vgl. Fludernik 1996) ist
dies ein Effekt der Darstellungsästhetik. Es geht darum, durch bestimmte
formale Strategien für den Zuschauer die Möglichkeit zu schaffen, in eine
medial inszenierte Kriegswirklichkeit einzutauchen, den Krieg quasi mit-
zuerleben.
‚Authentizität‘ ist in der Diskussion um ‚Geschichte im Film‘ zurzeit
ein vielbenutzter und allzu selten explizierter Begriff.9 Aus erinnerungs-
kulturwissenschaftlicher Perspektive ist Authentizität eine nachträgliche,

_____________
8 Westwell (2006: 68). Zum Thema ‚Krieg und Gedächtnis‘ vgl. Wende (2005); zum Viet-
namkrieg im amerikanischen Film vgl. auch Auster/Quart (1988), Dittmar/Michaud (1990)
und Reinecke (1993). Einführungen in die Theorie und Geschichte des Kriegsfilms bieten
neben Guy Westwells ausgezeichnetem War Cinema (2006) auch Wetta/Curley (1992),
Klein/Stiglegger/Traber (2006) und Slocum (2006).
9 Zur Genealogie des Authentizitätsbegriffs vgl. Knaller/Müller (2006), die betonen, dass der
Begriff „empirische, interpretative, evaluative und normative Elemente miteinander ver-
knüpft“ sowie „– nach einer etwas anders gelagerten Sortierung – ästhetische, moralische
und kognitive Momente“ (ebd.: 8). In der Diskussion um den Erinnerungsfilm geht es zu-
meist um ein Zusammenspiel von dem, was Knaller und Müller als „Referenzauthentizität“
und „rezeptive Authentizität“ bezeichnen (vgl. ebd.: 13).
148 Astrid Erll

in plurimedialen Kontexten erfolgende Zuschreibung. Auf der Ebene des


Films selbst lassen sich Authentisierungsstrategien ausmachen. Wenn sich
der Begriff des Authentischen auf Kriegsfilme in der Tradition des Holly-
wood-Realismus bezieht, dann scheint damit zumeist eine gelungene Ver-
knüpfung zweier Verfahren gemeint zu sein: erstens die bereits erwähnte
Erfahrungshaftigkeit der Darstellung; und zweitens eine gewisse ‚Vergan-
genheitssättigung‘ der Kriegsfilme. Denn es ist ja in der Regel vorbei mit
dem Eintauchen in einen Kriegsfilm, sobald die Zuschauer bemerken,
dass die Soldaten die falschen Uniformen tragen, der Schauplatz nicht
richtig aussieht oder andere grobe Schnitzer unterlaufen sind. ‚Vergangen-
heitssättigung‘ bedeutet jedoch mehr als eine solche ‚historische Korrekt-
heit‘, die saubere Arbeit der Rechercheure und Ausstatter, die meist erst in
das Bewusstsein der Zuschauer rückt, wenn sie nicht richtig erledigt wur-
de. Es bedeutet, die Illusion zu erwecken, der Kriegsfilm stehe in einer
direkten Verbindung zum historischen Geschehen – und zwar in einem
konkreten, materialen Sinne.
Um diesen zweiten Authentizitäts-Effekt, den der Vergangenheits-
sättigung, zu erzeugen, wird bei der Produktion von Kriegsfilmen, wie
eingangs schon erwähnt, häufig auf die hardware aus dem Bestand des ame-
rikanischen Militärs zurückgegriffen – von historischen Kriegsschiffen bis
hin zu den Uniformen des letzten oder vorletzten Krieges. Auf diese Wei-
se wird die materiale Realität des Krieges und seiner dinglichen Erinne-
rungskultur zu einem Baustein des fiktionalen Kriegsfilms.10
Vielleicht noch machtvoller als eine solche Mediation materialer Ver-
gangenheit ist jedoch die Remediation vorhandener Repräsentationen
dieser Vergangenheit. In fiktionale Kriegsfilme werden nicht selten doku-
mentarische ‚Quellen‘ eingefügt; Pressefotografien werden abgefilmt, his-
torische Tonaufnahmen eingearbeitet, filmisches Dokumentarmaterial
wird montiert. Die Bedeutung dieser Verfahren wird offenbar, wenn man
bedenkt, dass die Kriegs-Imagination des Publikums durch Nachrichten-
sendungen, Kriegsreportagen und Dokumentarfilme geprägt ist. Diese
Medien geben uns the look of warfare (vgl. Westwell 2006: 78).11 Sie stehen
für die Kriegswirklichkeit, die ohne die Medien für uns nicht zugänglich
wäre. Folgerichtig erzielen Spielfilme ihr Authentizitätseffekte durch eine

_____________
10 Wetta/Curley (1992: 5) fassen dieses Phänomen unter dem Begriff des reenactment. Sie
diagnostizieren „a hunger for authenticity so great that many fictionalized accounts of war
incorporate actual combat footage. […] Some filmmakers decide to reenact actual battles,
use actual weapons, costume their actors with replica uniforms.“ Sturken (1997) schließt
sich ihnen in ihrer Untersuchung zur amerikanischen Erinnerungskultur darin an. Dabei
werden jedoch materiale und (im engeren Sinne) mediale Erinnerungskultur vermischt, die
ich hier analytisch voneinander trenne (Integration von hardware vs. Remediation).
11 Vgl. zum ‚look der Zeit‘ auch Zemon Davis (1991: 41).
JARHEAD 149

Integration und Nachahmung – nicht der Kriegswirklichkeit, sondern der


dokumentarischen Medien ihrer Repräsentation.12
Die Integration von dokumentarischem Filmmaterial in den Kriegs-
film lässt sich zurückverfolgen bin zu den Anfängen des Genres, etwa zu
dem Stummfilm HEARTS OF THE WORLD (1918), ein Melodrama um zwei
Liebende im Ersten Weltkrieg, in das filmische Kriegsdarstellungen mon-
tiert wurden, wie sie damals in der Wochenschau zu sehen waren oder wie
man sie aus dem berühmtesten Dokumentarfilm jener Zeit, dem (hoch-
gradig konstruierten und nachgestellten) THE BATTLE OF THE SOMME
(1916) kannte.
Eine weitere wichtige Spielart der Remediation von Kriegsdarstellun-
gen im Hollywood-Kino bezieht sich auf die Fotografie: Berühmte und
weithin bekannte Pressefotografien werden in die Kriegsfilme montiert,
abgefilmt oder nachgespielt. THE LONGEST DAY (1962) nimmt so auf
berühmte Fotografien der amerikanischen Landung in der Normandie
Bezug (Westwell 2006: 55). In PLATOON werden eine Reihe von Schlüs-
selfotografien des Vietnamkriegs nachgespielt – z.B. Ron Haeberles Fotos
des „My Lai“-Massakers, die 1969 in der Times erschienen (ebd.: 78). In
SAVING PRIVATE RYAN werden Robert Capas Fotografien des „D-Day“
filmisch nachempfunden (ebd.: 92). Und Clint Eastwoods FLAGS OF OUR
FATHERS (2006) remediatisiert das vielleicht berühmteste Kriegsfoto der
amerikanischen Erinnerungskultur: Joe Rosenthals „Iwo Jima“, das am 25.
Februar 1945 in der Times erschien und zeigt, wie eine handvoll amerikani-
scher Soldaten die Flagge auf einem japanischen Berg hissen. Im Film
wird das Foto durch Schauspieler detailliert nachgestellt; grünlich-
monochrome Bilder evozieren die ursprüngliche schwarz-weiß Fotografie.
Vermutlich ist es nur eine Frage der Zeit, bis dieses Filmstill (das auch das
Filmposter ziert) andernorts als Quelle auftaucht, Vergangenheitssättigung
impliziert und daher zu Authentisierungszwecken remediatisiert wird.
Gerade am Beispiel von „Iwo Jima“ wird die doppelte erinnerungs-
kulturelle Funktion der Remediation des Dokumentarischen deutlich.
Einerseits werden Spielfilme auf diese Weise mit dem Nimbus der Ver-
gangenheitssättigung ausgestattet; sie scheinen authentisch. Andererseits
halten solche Remediationen vorgängige Medien der Erinnerung am Le-
ben: Rosenthals „Iwo Jima“-Fotografie ‚lebt‘ erst dadurch, dass sie in den
_____________
12 Auch Bolter und Grusin betonen den konstitutiven Zusammenhang von Remediation und
Authentizität: „Our culture wants both to multiply its media and to erase all traces of me-
diation: ideally, it wants to erase its media in the very act of multiplying them.“ (Bol-
ter/Grusin 1999: 5) Dieses Unsichtbarmachen von Medien durch mediale Vervielfältigung
ist gerade für die kulturwissenschaftliche Gedächtnisforschung von großem Interesse, weil
es sich dabei um die zentrale Strategie beinahe aller medialen Repräsentationen der Ver-
gangenheit handelt, die eigene Darstellung zu legitimieren und den Blick dabei scheinbar
unmittelbar auf das historische Geschehen freizugeben.
150 Astrid Erll

USA im Laufe von über fünfzig Jahren durch zahlreiche andere mediale
Repräsentationen remediatisiert wurde – von Denkmälern und Standbil-
dern über Romane, dokumentarische Schriften, Lieder, Rituale und
Briefmarken bis hin zu zahlreichen Dokumentar- und Spielfilmen13 und
schließlich auch weiteren Fotografien.14
Authentizität als Vergangenheitssättigung wird im Kriegsfilm schließ-
lich nicht nur durch die Montage von dokumentarischem Filmmaterial,
sondern auch durch das Nachahmen seiner medialen Spezifika suggeriert.
So stellt PLATOON beispielsweise den look der Nachrichten und Doku-
mentarfilme der 1960er und 1970er Jahre durch den Einsatz einer wackli-
gen Handkamera nach und imitiert so die Charakteristika des Kriegsjour-
nalismus jener Zeit. Für SAVING PRIVATE RYAN wurden Schlüsselszenen
in der körnigen Definition des 16mm-Farbfilms gedreht, um so die spezi-
fische Ästhetik der Dokumentarfilme des Zweiten Weltkriegs nachzuah-
men.15
Der Kriegsfilm made in Hollywood, das zeigen die genannten Beispiele,
absorbiert die historische Vielfalt dokumentarischer Medien. Filmmaterial
wird zitiert bzw. montiert, oder aber nachempfunden, in Inhalt, in Form
und in seiner jeweiligen medientechnischen Besonderheit. Wie auch die
vom Pentagon gelieferte materiale Erinnerungskultur, die hardware des
Kriegs, stehen solche Remediationen im Spielfilm als ‚Zeugen‘ für den
Krieg. Tatsächlich befinden sie sich in einem indexikalischen Verhältnis
zur Kriegsrealität, das sich der Spielfilm durch Remediation aneignet: So
ist das „Iwo Jima“-Foto von Joe Rosenthal in einem ganz konkreten, ma-
terialen Sinne mit der vergangenen Realität verknüpft. „Es ist dagewesen“,
würde Roland Barthes (1985) sagen. Denn egal wie konstruiert das Foto
tatsächlich sein mag – es ist das Licht und es sind die Gegenstände und
Menschen des 23. Februar 1945, die sich auf dem lichtempfindlichen Ma-
terial niedergeschlagen haben. Die Integration gerade von dokumentari-
schen Analogmedien in die Fiktion produziert daher einen ‚ultimativen
Authentisierungseffekt‘. So kann ein Kriegsfilm des Jahres 2006 scheinbar
direkt mit dem Kriegsgeschehen des Jahres 1945 verknüpft werden.
Die ‚Authentiziät‘ von Kriegsfilmen, auf der ihre Erinnerungsmacht
beruht, resultiert also nur teilweise aus den üblicherweise unter dem Be-
_____________
13 Neben Clint Eastwoods FLAGS OF OUR FATHERS und LETTERS FROM IWO JIMA (beide
2006) z.B. auch TO THE SHORES OF IWO JIMA (1945), SANDS OF IWO JIMA (1949) und
THE OUTSIDER (1961).
14 Dazu gehört beispielsweise Thomas E. Franklins Foto von Feuerwehrmännern, die am 11.
September 2001 auf Ground Zero die amerikanische Flagge hissen („Raising the Flag at
Ground Zero“).
15 Ganz ähnlich funktioniert die Remediation von historischen Gemälden; vgl. dazu Zemon
Davis (1991: 42): „[D]ie aus den Bildern übernommenen Farben, das Licht, die Komposi-
tion stellen nun die ‚Realitäten‘ ihrer Zeit dar.“
JARHEAD 151

griff der ‚Repräsentation‘ gefassten Zeichendimensionen: ihrem ikoni-


schen und symbolischen Verhältnis zur Kriegswirklichkeit (oder das, was
dafür gehalten wird). Als mindestens ebenso wirkungsvoll erscheint die
Inszenierung einer indexikalischen Dimension, durch die eine unmittelba-
re, materiale Verbindung zwischen Krieg und Film suggeriert wird. Zu
unterscheiden ist dabei zwischen der Repräsentation materialer Erinne-
rungskultur im Film einerseits, d.h. der Integration von hardware des Krie-
ges (wie Panzer, Waffen oder Kriegsschiffe), und der Remediation ande-
rerseits, d.h. der Repräsentation von Repräsentationen, dem Bezug auf die
im engeren Sinne mediale Erinnerungskultur. Ein drittes Verfahren, ein
indexikalisches Verhältnis zwischen Film und Krieg herzustellen, bezieht
sich auf die am Film beteiligten Menschen: Schauspieler, Produzenten,
Berater usw. Die damit verbundenen Formen der ‚Zeugenschaft‘ werden
allerdings nicht im Film selbst, sondern in den plurimedialen Konstellati-
onen des Sozialsystems produziert und kommen daher an gegebener Stel-
le, am Ende dieses Beitrags zur Sprache.

4. Remediation als Erinnerungsreflexion in JARHEAD


JARHEAD ist ein Kriegsfilm, der sich dadurch auszeichnet, dass er in ex-
tremer Dichte und auf hochreflexive Weise Remediation betreibt. Auch
die Filmvorführung von APOCALYPSE NOW in JARHEAD ist in dem hier
vorgestellten Sinne als Remediation zu begreifen. Auffällig ist allerdings,
dass das montierte Material ausschließlich filmisch-fiktionaler Natur ist.
JARHEAD verzichtet gänzlich auf die Integration von dokumentarischem
Material, das mit Blick auf den ersten Irakkrieg durchaus vorhanden gewe-
sen wäre. Zu verstehen ist dies als ein Kommentar zur übermächtigen
Stellung des Filmisch-Fiktionalen für die Kriegserinnerung, aber auch zur
spezifischen Ausprägung des Dokumentarischen im ersten Irakkrieg (vgl.
dazu Abschnitt 5).
Durch Remediation aufgerufen wird in JARHEAD vor allem die Erin-
nerung an die Tradition des amerikanischen Kriegsfilms. So kann der ge-
samte erste Teil des Films als Verweis auf Stanley Kubricks FULL METAL
JACKET (1987) begriffen werden. Es handelt sich dabei um ein Reenact-
ment von Figuren und Episoden jenes klassischen Vietnamfilms: Die den
Willen der jungen Rekruten brechende und entindividualisierende Ausbil-
dung im Trainingslager der Marines, der sadistische drill instructor (vgl.
Abb. 3 und 4) und nicht zuletzt die Szene, in der ein Fernsehteam an der
Front erscheint, sind ganz offensichtlich FULL METAL JACKET entliehen.
Der neben APOCALYPSE NOW bekannteste vietnamkritische Film der
späten 1970er Jahre – Michael Ciminos THE DEER HUNTER (1978) –
152 Astrid Erll

wird auf der Handlungsebene zum Gegenstand: Im Außenlager in der


arabischen Wüste endlich angekommen und gelangweilt von einem Alltag,
der allein Hitze und Drill bietet, nicht aber die ersehnte kriegerische
Handlung, wollen sich die Soldaten diesen Kriegsfilm gemeinsam ansehen.
Angesichts des ähnlichen Settings hat der Zuschauer allen Grund anzu-
nehmen, dass THE DEER HUNTER ähnlich funktionalisiert würde wie
APOCALYPSE NOW. Doch dazu kommt es nicht, denn eine boshafte Ehe-
frau hat statt des ersehnten Kriegsfilms ein pornographisches home video, in
dem sie mit dem Nachbarn beim Sex zu sehen ist, an die Front geschickt.
Der in Swoffords Memoiren explizit erwähnte Zusammenhang von filmi-
scher (Anti-)Kriegsdarstellung und Pornographie wird damit noch einmal
verdeutlicht.
Vietnam ist nicht nur visuell präsent, sondern auch auditiv-musi-
kalisch. In einer Szene ist aus dem Off Musik von den Doors zu hören.
Und prompt schließt sich der Kommentar der Soldaten an: „That’s Viet-
nam music, man. Can’t we get our own fucking music?“ Damit inszeniert
der Film einen wichtigen Anreiz, der bei der Entscheidung vieler junger
Männer für den Krieg eine Rolle spielt: die fama, die zukünftige Kriegser-
innerung Amerikas, die dominant auf der Ebene der Popkultur produziert
wird – mit eigenem soundtrack, berühmten Pressefotos und einer eigenen
filmischen Bildsprache. Die Ironie von JARHEAD liegt freilich darin, dass
den Soldaten des ersten Irakkriegs eine solche mediale fama vorenthalten
bleiben wird.

Abb. 3: JARHEAD: die Genre-Figur des sadistischen drill instructor


JARHEAD 153

Abb. 4: FULL METAL JACKET. R. Lee Ermey in seiner berühmten Rolle


als sadistischer drill instructor

Der gesamte erste Teil von JARHEAD – Ausbildung, Kriegserklärung,


Warten auf den Krieg in der arabischen Wüste – ist durchzogen nicht nur
von überdeutlichen Verweisen auf klassische Vietnamfilme, sondern hält
sich auch detailliert an die Konventionen des Genres ‚Kriegsfilm‘. Hier
wie in beinahe jedem anderen Hollywood-Film über das Schicksal von
Frontsoldaten im Krieg16 – seit Lewis Milestones ALL QUIET ON THE
WESTERN FRONT (1930) – findet sich ein Repertoire typischer Genre-
Szenen und Genre-Figuren: die Darstellung des Kriegs ‚von unten‘ bzw.
die Grabenperspektive der grunts, der einfachen, unpolitischen ‚Front-
schweine‘; der Fokus auf eine kleine Gruppe von Frontkameraden, die
zugleich als ein Schmelztigel verschiedener Bevölkerungsgruppen fungiert;
der harte aber faire Kompanieführer; das Thema der Mannwerdung usw.
Durch überexplizite Remediation von Vertretern und Konventionen des
Genres wird das stets in der ein oder anderen Form präsente Filmge-
dächtnis in JARHEAD reflexiv gewendet. Bei JARHEAD handelt es sich um
einen Film, der die Tradition des Kriegsfilms, seine Genrekonventionen,
sein Bildgedächtnis und sein Wirkungspotential in der Erinnerungskultur
vollkommen bewusst hält. Dies wird vor allem deutlich, wenn man den
Blick auf den zweiten Teil des Films richtet, der gleich auf mehrfache
Weise in Kontrast zum ersten Teil angelegt ist.
_____________
16 Es geht also um den combat film (Frontfilm) im engeren Sinne; sicherlich die populärste
Form des Kriegsfilms, von der aber auch andere Spielarten, wie der ‚Fliegerfilm‘ oder das
‚Gerichtsdrama‘ zu unterscheiden sind.
154 Astrid Erll

5. Neue Bilder: JARHEAD und die


Erinnerungs-Ikonographie des ersten Irakkriegs
Das Kino arbeitet stets auch an der Erinnerungs-Ikonographie des Kriegs.
Nichts hat die visuelle Vorstellung vom Leben in den Schützengräben des
Ersten Weltkriegs so sehr geprägt wie IM WESTEN NICHTS NEUES; und
trotz seiner surrealen Qualität hat APOCALYPSE NOW für Generationen
von Amerikanern die Erinnerung an den Kampf im vietnamesischen
Dschungel bebildert. Es ist zu vermuten, dass Kriegsfilme ihre stärksten
Effekte dann erzielen können, wenn eine solche Bildsprache des Krieges
(noch) nicht existiert oder zumindest noch nicht zu wenigen festen Iko-
nen geronnen ist.17 Tatsächlich handelte es sich bei dem ersten Irakkrieg
in vieler Hinsicht um einen ‚Krieg ohne Bilder‘ – zumindest im Gegensatz
etwa zum Vietnamkrieg, der sich durch eine quasi uneingeschränkte jour-
nalistische Berichterstattung auszeichnete: Kriegsreporter konnten sich
damals noch relativ frei an der Front bewegen, führten Interviews mit den
Soldaten und machten eindrucksvolle Fotografien, die um die Welt gingen
und stark zur gesellschaftlichen Opposition gegen den Krieg beitrugen.
Der Irakkrieg von 1991 hingegen war ein aus der Luft geführter hightech-
Krieg, von dem es nur spärliches und zudem recht einseitig gelagertes
Bildmaterial gibt.
Nur wenige Journalisten durften 1991 vor Ort berichten. Aus Angst
vor der Produktion eines zweiten ‚Vietnam‘ in der öffentlichen Meinung
wurden die Reporter, als embedded journalists, nach strengen Kriterien aus-
gewählt und stets durch geschulte Presse-Offiziere begleitet. Die Bericht-
erstattung über den Krieg wurde lückenlos kontrolliert und stark zensiert.
Paradoxerweise war zugleich kein anderer Krieg derart präsent in den
Wohnzimmern der Welt gewesen: Tagtäglich flimmerten (allerdings eben-
falls durch das US-Militär maßgeblich inszenierte) live-Bilder der Bom-
bardements von Bagdad über den Fernsehschirm. CNN brachte den
Krieg nun erstmals in Echtzeit ‚nach Hause‘. Diese Gleichzeitigkeit eröff-
nete zwar eine neue, so nie dagewesene Dimension des ‚bringing war ho-
me‘, aber interessanterweise blieb dabei die Einlösung des Authentizitäts-
versprechens auf der Strecke. Denn was zu sehen war – und was in der
visuellen Erinnerung an den ersten Irakkrieg wohl bis heute bei den meis-
ten Menschen der westlichen Welt dominiert – sind jene grünlich-
monochromen Fernsehbilder des Nachthimmels über Bagdad, in dem
_____________
17 Zum Funktionspotential des Erinnerungsfilms, Lücken in der bildlichen Imagination der
Vergangenheit füllen vgl. Hickethier (2005) sowie in diesem Band die Bemerkungen zum
Holocaust-Film in der Einleitung, zum Ruanda-Film in dem Beitrag von Christiane Reich-
art-Burikukiye und für den umgekehrten Fall – den einer Übermacht der Bilder – den Bei-
trag von Andreas Langenohl und Kerstin Schmidt-Beck.
JARHEAD 155

offenbar Explosionen zu sehen sind, ohne dass jedoch deren Ursache


oder Wirkung auszumachen, Täter oder Opfer, Amerikaner oder Iraker
ins Bild gekommen wären. Der erste Irakkrieg war ein „Nintendo-
Krieg“.18 Durch seine spezifische Art der Repräsentation schien er so fik-
tiv und irreal wie ein Computerspiel. Nicht umsonst konnte Jean Baudril-
lard behaupten, der Irakkrieg habe überhaupt nicht stattgefunden (vgl.
Baudrillard 1991).19
Der Spielfilm kann solche visuellen Erinnerungslücken imaginativ auf-
füllen. JARHEAD erfüllt genau diese Funktion – zusammen mit einigen
wenigen anderen Spielfilmen über den ersten Irakkrieg: COURAGE UNDER
FIRE (1996), ein Gerichtsdrama, das sich um das damals neue Thema des
Einsatzes von US-Soldatinnen dreht, aber das Kriegsgeschehen selbst
kaum bebildert; oder THREE KINGS (1999), eine in der Wüste und in ara-
bischen Stellungen spielende Komödie um das von Saddam gestohlene
Gold der Kuwaiter.
JAHREAD unterscheidet sich von diesen Filmen durch seine eigenarti-
ge Ikonographie: Während für den ersten Teil des Films Bilderinnerung
und Filmzitate geradezu konstitutiv sind, zeichnet sich der zweite Teil, der
Einsatz der jungen Soldaten in der arabischen Wüste, durch seine visuelle
Eigenständigkeit aus. Damit wird eine Bewegung vom ‚längst Bekanntem‘
zum ‚noch nie Gesehenen‘ vollzogen. Die Bilder im zweiten Teil werden
bizarrer, surrealer, unheimlicher, apokalyptischer. Mendes, der nicht um-
sonst als visual designer des amerikanischen Films bezeichnet wird, arbeitet
mit entsättigten Farben und kreiert eindrucksvolle Tableaus: die unendlich
scheinende Wüste, die in glutrotes Licht getauchten brennenden Ölfelder,
der schwarze Ölregen (vgl. Abb. 5 und 6). JAHREAD bietet damit eine
neuartige Ikonographie des ersten Irakkriegs. Der Film beschränkt sich
dabei ausschließlich auf die bis dahin weitgehend unbebildert gebliebene
Perspektive ‚von unten‘, auch indem jene Perspektiven vermieden werden,
die 1991 ausschließlich vorherrschten: der Film verzichtet konsequent auf
Luftbilder, Kranaufnahmen oder die Vogelperspektive.

_____________
18 „Der Golfkrieg von 1991 ist als Nintendo-Krieg in Erinnerung geblieben: Monochrome
Bilder von Bomben, die mit chirurgischer Genauigkeit in Schornsteine fliegen – effizient
und unblutig.“ (Tokarski, 1.1.2006: 50)
19 Vgl. dazu auch Hoskins (2004) und Knieper/Müller (2005).
156 Astrid Erll

Abb. 5: JARHEAD: Sam Mendes’ ‚Wüstendesign‘. Brenndende Ölquellen im Hintergrund

Abb. 6: JARHEAD: die einzige Begegnung mit dem vermeintlichen Feind


(harmlose Araber/Nomaden) in der flirrenden Hitze

Diese Zweiteilung ist auch ein Kommentar zum Verhältnis von Filmerin-
nerung (die handlungsleitend ist und die Erfahrung präformiert) und tat-
sächlicher Kriegserfahrung (die nicht in die Erinnerungsbilder passt).
Denn mit seinem zweiten Teil wird JARHEAD zu einem Film, in dessen
Mittelpunkt die äußerste Langeweile des Krieges steht. Nichts geschieht;
es reihen sich unbedeutende Episoden des Soldatenlebens: Warten, Was-
ser trinken, die „Duotonie von Exerzieren und Masturbieren“ (Kohler,
5.1.2006: 26), Alkoholexzesse an Weihnachten – daraus besteht die mona-
JARHEAD 157

telange Vorbereitung in der Wüste am Persischen Golf. Dann kommt das


abrupte Ende: der nur etwa hundert Stunden dauernde Bodenkrieg. Doch
der einzige Einsatz des als Scharfschützen ausgebildeten Swofford wird
vorzeitig abgelasen. Die ratlose Frage des in jeder Hinsicht auf Krieg ge-
drillten Soldaten lautet: „Are we ever gonna get to kill anyone?“ Am Ende
des Krieges hält Swofford resigniert fest: „Four days. Four hours. One
minute. That was my war.“
Die zweigeteilte Struktur von JARHEAD orientiert sich an dem klassi-
schen – gerade für Kriegsliteratur und -film einschlägigen – Plot von ‚Er-
wartung und Erfahrung‘. Die bittere Ironie, die durch die Kluft zwischen
beiden entsteht, wird auf verschiedenen Ebenen des Films wiederholt: auf
der Ebene der Story als Kluft zwischen aufwändiger Ausbildung in den
USA und der sinnlosen Untätigkeit im Irak; in der narrativen Struktur als
spannungsaufbauendem Aufruf von Genre-Szenen und -Figuren im ers-
ten Teil und einer action-, plot- und klimaxlosen Reihung von Episoden
im zweiten Teil; in der visuellen Struktur als dichte Remediation hier und
neuartige, eigenartige Bilder dort.
Aber selbst in der scheinbar ‚un-prämediatisierten‘20 Zone der filmi-
schen Darstellung von „Desert Storm“ aus Soldatenperspektive spielen
bestehende narrative Konventionen und Bilderinnerungen eine zentrale
Rolle. Das endlose, spannungsgeladene Warten, das schließlich in – keiner
Aktion mündet, steht deutlich in der Tradition von Becketts absurdem
Theater. Das Tedium des Wartens und die Unterträglichkeit des Nicht-
Handeln-Könnens ist zudem ein zentraler, aus der Literatur des Ersten
Weltkriegs überkommener Topos. Bestimmte Bilder, wie die Begegnung
des Protagonisten mit einem desorientierten und ölverschmierten Pferd
im ‚Niemandsland‘ der saudischen Wüste ist ebenfalls eine Genre-
Erinnerung: Krieg wird im kriegskritischen Roman und Film üblicherwei-
se als Antithese und Perversion der Natur begriffen – sei es durch das
Leitmotiv des brennende Dschungels in APOCALYPSE NOW oder durch
das Auftauchen eines Schmetterlings im verwüsteten Niemansland in ALL
QUIET ON THE WESTERN FRONT (vgl. Abb. 7 und 8).

_____________
20 Zum Konzept der ‚Prämediation‘ vgl. Erll (2007).
158 Astrid Erll

Abb. 7: JARHEAD: Swofford trifft in der Wüste auf ein ölverschmiertes Pferd

Abb. 8: ALL QUIET ON THE WESTERN FRONT: Krieg und Natur

Und in ganz ähnlicher Weise gehorcht auch die gruselige Begegnung


Swoffords mit den zu Körpern aus Asche verwandelten Toten auf dem
„Highway of Death“ (jener Straße zwischen Kuweit nach Basra, auf der
US-Bomber am 26. Februar 1991 einen irakischen Konvoi angriffen, in
dem sich allerdings auch irakische und palästinensische Zivilisten befan-
den) den Konventionen des battlefield Gothic, die sich bis auf ALL QUIET
ON THE WESTERN FRONT zurückverfolgen lassen (vgl. Abb. 9 und 10).
JARHEAD 159

Abb. 9: JARHEAD: die Begegnung von Lebenden und Toten.


Swofford im Kreis verkohlter Leichen auf der Straße nach Basra

Abb. 10: ALL QUIET ON THE WESTERN FRONT: die Begegnung von Lebenden und Toten
160 Astrid Erll

6. Der Kriegsfilm als Erinnerungsfilm –


in internationalen Wohnzimmern
In Erinnerungskulturen gibt es keine ‚Antikriegsfilme‘. Zu tun haben wir
es vielmehr mit einem ‚Kino des Krieges‘21 – mit seinen jeweiligen Me-
dienangeboten, die höchst unterschiedlich (als Darstellungen für oder
gegen den Krieg, als ‚Filme‘ oder als ‚Erinnerungsfilme‘) aktualisiert wer-
den können.22 Das zeigt der Bezug auf APOCALYSPE NOW in JARHEAD
überdeutlich. Sicherlich ist JARHEAD, der während des zweiten Irakkriegs
entstand, auch als ein kritischer Kommentar zur gegenwärtigen Situation
zu werten – und erfüllt damit die typische Funktion von Verbreitungsme-
dien kultureller Erinnerung, die über den Rückgriff auf die Vergangenheit
die Gegenwart beleuchten. Sätze wie „we never have to come back to this
shithole ever again“ erzeugen eine dramatische (und auch: tragische) Iro-
nie für Zuschauer, die es im Jahr 2005 besser wissen. Und der letzte Satz
des Films, Swoffords aus dem Off gesprochenes „we’re still in the desert“,
ist über die konkrete Story hinaus auch als eine Metapher für die amerika-
nische Kriegsführung im Nahen Osten zu verstehen.
Bemerkenswert ist JARHEAD jedoch nicht aufgrund seines Bezugs auf
den ersten und/oder zweiten Irakkrieg, sondern aufgrund seiner viel-
schichtigen Analyse der Konventionen, Möglichkeiten, Grenzen, Gefah-
ren und Erinnerungsleistung des Genres ‚Kriegsfilm‘. Nahezu einzigartig
ist JARHEAD in Hollywoods war cinema, weil es sich um ein combat movie
ohne Kampfszenen handelt; nicht um einen Antikriegsfilm also, sondern
um einen „Nichtkriegsfilm“, wie Sam Mendes in einem Interview mit der
Frankfurter Allgemeinen Zeitung selbst betont (Körte, 5.1.2006: 37). Damit
unterläuft JARHEAD systematisch die Konventionen des Genres und frust-
riert die Erwartungen der Zuschauer. Vielleicht ist dies die einzige wirklich
greifende Strategie, jener Erinnerungsdynamik zu entkommen, nach der
jede Darstellung von Krieg und Gewalt (selbst wenn sie abschreckend
oder ironisch gemeint bzw. inszeniert ist) ambivalent ist, stets auch das
Potential aufweist, zu faszinieren und zu verlocken, und damit eine in die
Zukunft gerichtete, möglicherweise handlungsleitende Medienerinnerung
produziert.
Wie wurde dieser ‚Nichtkriegs-Film‘ in erinnerungskulturellen Netz-
werken positioniert? Betrachtet man Stellungnahmen zu JARHEAD aus den
USA, Großbritannien und Deutschland, so ist festzustellen, dass dies inte-
ressanterweise auf national höcht unterschiedliche Weise geschah.
_____________
21 Vgl. auch Westwells (2006) Begriff des war cinema.
22 Zur Definition und Diskussion der Konzepte ‚Kriegsfilm‘ und ‚Antikriegsfilm‘ vgl. Strübel
(2002).
JARHEAD 161

Sam Mendes ist ein Brite in Hollywood. Er hat in Großbritannien lan-


ge Zeit als Theaterregisseur gearbeitet, bevor er mit AMERICAN BEAUTY
(1999) einen ersten Hollywood-Film drehte. 2002 folgte ROAD TO PER-
DITION. Zusammen mit JARHEAD enstand so eine American Trilogy, die auf
drei typische und traditionsreiche Hollywood-Genres verweist: den Vor-
stadtfilm, den Gangsterfilm und den Kriegsfilm – und sie allesamt iro-
nisch invertiert.
Ein genre-orientierter Blick zeichnet in der Tat auch die Rezeption des
Films in den USA aus – allerdings zumeist ohne, dass die Möglichkeiten
der ironischen Inversion von bestehenden Genrekonventionen in Be-
tracht gezogen wird. Von einem typischen Kriegsfilm wird in Amerika
neben action auch eine dramatische Plotstruktur, ein klares Gut/Böse-
Schema sowie eine politische Aussage (von patriotisch bis pazifistisch)
erwartet. Den meisten Rezensenten fehlte folglich ein expliziter Kommen-
tar zum zweitem Irakkrieg. Man bemängelte den „lack of politics“ (Ken
Tucker im New York Magazine, 30.11.2005) und bescheinigte dem Film
eine Kriegsdarstellung „in a disctinctly un-Hollywood way“ (Scott Bowles
in USA Today, 1.11.2005). Die Remediation von Klassikern des amerikani-
schen Kriegsfilms wurde dabei zumeist negativ bewertet, etwa als „stock
platoon movie figures retrofitted for postmodern warfare“ (A.O. Scott in
The New York Times, 4.11.2005) oder als sinnloser déjà-vu Effekt: „most of
what we see feels like something we’ve seen before“ (Kenneth Turan in
der Los Angeles Times, 4.11.2008). Betrachtet man den Film aus einer sol-
chen Perspektive, die in der Remediation keinen (überzeugenden) Kom-
mentar zur Erinnerungsmacht des Genres ‚Kriegsfilm‘ erkennt, so er-
schöpft sich Mendes’ Verfahren tatsächlich in „borrowed movie
moments“ (Ty Burr im Boston Globe, 4.11.2005).23
Doch während sich der Film selbst gegen die amerikanische, hoch-
konventionalisierte Erinnerungskultur des Krieges richtet, wurde diese
paradoxerweise durch das Marketing durchaus bedient. So bewarb man
den Film in den USA explizit als combat movie und weckte so im Publikum

_____________
23 Stephen Hunter nennt den Film in der Washington Post eine „lightweight variation on
Stanley Kubrick’s FULL METAL JACKET“ (4.11.2008). Ty Burr führt im Boston Globe
(4.11.2008) aus: „The film evokes THREE KINGS, FULL METAL JACKET, CATCH 22, and
other touchstones of the genre without ever establishing its own identity“. – Eine weitere,
zahlenmäßig recht starke Gruppe amerikanischer Rezensenten, die sich von diesem Deu-
tungsmuster abhebt, ist die der (Ex-)Marines. Es ist wenig verwunderlich, dass hier ein
strenger Wahrheitsdiskurs geführt wird. ‚Authentizität‘ wird dem Film erst nach dem Ab-
gleich mit der eigenen Erfahrung bescheinigt oder abgesprochen. So bemerkt etwa Natha-
niel Fick (ein Ex-Marine) im Slate Magazine (9.11.2005) kritisch: „jarhead isn’t even a term
most Marines use“, befindet aber mit Blick auf andere Darstellungen: „This rings true“ o-
der „I saw similar reactions in Iraq“.
162 Astrid Erll

die Erwartung auf actionreiche Kampfszenen.24 Und obwohl JARHEAD


keine Unterstützung durch das US-Militär erhielt (das Verteidigungsminis-
terium lehnte eine Anfrage der Produzenten ab), wird die Integration von
marine advisors (Ratgebern aus den Reihen der Marines) während des Drehs
in Interviews wiederholt betont. Typisch ist ebenfalls, dass die Invol-
viertheit der Filmleute dabei immer wieder betont wird: Man habe ein
soldatenähnliches Leben in der kalifornischen Wüste geführt; während des
Drehs Empathie für den einfachen amerikanischen Soldaten entwickelt;
sich der Rolle des ausgebildeten Kämpfers ganz hingegeben.25 Sturken hat
darauf hingewiesen, dass es sich dabei um ein Diskursschema mit Traditi-
on handelt, das auf die späten 1970er Jahre und die Diskussionen um das
making of von APOCALYPSE NOW zurückgeht, und das sie treffend als vete-
ranness bezeichnet: Veteranness setzt die Erfahrung, einen Kriegsfilm ge-
dreht zu haben, gleich mit der Erfahrung, in einem Krieg gekämpft zu
haben.26 Die Filmleute beanspruchen durch ihr fiktionales Nach-Erleben
den Status von ‚Kriegsveteranen‘. Hier wird wieder deutlich, wie sich
Film- und Kriegswirklichkeit – in verschiedenen Abschattierungen des
Metaphorischen – durchdringen. John Wayne wird in Hollywood zum
‚Veteran‘; der Veteran wird im Krieg zu ‚John Wayne‘.27
Offenbar um den Film mit der Aura des Authentischen auszustatten
und seine Darstellung von Kriegserfahrung trotz des Verstoßes gegen die
(paradoxerweise in der Regel als das Geschehen ‚authentisierend‘ wahrge-
nommenen) Genrekonventionen zu legitimieren, wird in diesem Zusam-
menhang auch die ‚Kriegsvergangenheit‘ – und zwar die filmische wie die
reale – zahlreicher am Dreh beteiligter Personen hervorgehoben: Der Va-
ter eines Hauptdarstellers (Peter Sarsgaard; im Film ‚Troy‘) arbeitete für
die Air Force; der Kameramann Roger Deakins wird als „veteran of war
films“28 bezeichnet; das Drehbuch stammt von William Broyles Jr., einem
Vietnam-Veteranen und Ex-Marine. Zu dieser Diskursstrategie gehört
_____________
24 Vgl. dazu Sam Mendes im Interview mit Peter Körte (FAZ, 5.1.2006: 37): „Ich muß aller-
dings eingestehen, daß wir in Amerika zumindet ein bißchen so tun mußten, als sei es ein
konventioneller Kriegsfilm, um die Leute ins Kino zu bekommen.“
25 Nach einem Interview mit Peter Sarsgaard (‚Troy‘) für die New York Times resümiert Lynn
Hirschberg (13.11.2005): „the actors […] began to see themselves as marines.“ Vgl. auch
Jake Gyllenhaal (‚Swofford‘) über das viertägige, den Marines nachempfundene Ausbil-
dungslager, in das sich die Schauspieler begeben mussten: „we experienced what a marine
would experience to become one“ (Driscoll, 12.1.2006).
26 Vgl. auch Sturken (1997: 96), die veteranness definiert als „the catharsis of survival, the right
to be angry, and what many perceive to be the wisdom gained from difficult experience“.
Sie betont: „Categories of experience become confused; the directors and actors of these
films claim to have experienced the war on the battleground of filmmaking.“ (Ebd.)
27 Diese Vermischung von Kategorien zeigt sich auch in Francis Ford Coppolas berühmtem
Spruch über APOCALYPSE NOW: „My film is not about Vietnam, it is Vietnam.“
28 Deakins hat bei AIR AMERICA (1990) und COURAGE UNDER FIRE (1996) mitgearbeitet.
JARHEAD 163

zudem die enge Vernetzung von JARHEAD und APOCALYPSE NOW auch
auf personeller Ebene, beispielsweise die interessante Tatsache, dass es
sich bei dem Cutter von JARHEAD um Walter Murch handelt, der auch für
den Schnitt und Sound von APOCALYPSE NOW (mit-)verantwortlich war.
Er führte mit diesem Film den dolby surround sound ein (der natürlich gerade
den Walküren-Ritt mit einer bis dahin nicht gekannten auditiven Überwäl-
tigungsästhetik ausstattete) und erhielt dafür 1979 einen Oskar. (Auch
Film-Erinnerung basiert auf Selektion und Neukombination, und Murch
steigert den kriegerischen Effekt seines Schnitts von 1979 im Jahr 2005
weiter, indem er für die Remediation in JARHEAD den ruhigeren Mittelteil
der Szene herausschneidet, in welchem das angegriffene vietnamesische
Dorf während des Herannahens der Helikopter in arkadisch-friedlicher
Stille gezeigt wird.)
Veteranness bietet eine ideale Kombination von Erfahrungshaftigkeit
und Vergangenheitssättigung – und ist damit der Inbegriff des Authentizi-
täts-Effekts. Auch wenn es sich dabei um eine höchst dubiose Erfah-
rungskategorie handelt: durch die ‚Kriegserfahrung‘ der Schauspieler
scheint Kriegswirklichkeit in den Film zu gelangen. Im Gegensatz zu den
bereits erwähnten, filmimmanent sichtbaren Verfahren der Erzeugung
von Erfahrungshaftigkeit und Vergangenheitssättigung handelt es sich bei
veteranness ausschließlich um einen Effekt, der innerhalb jener plurimedia-
len Netzwerke erzeugt wird, welche sich um den Film herum etablieren.
Die intensive und publikumswirksame Inszenierung von veteranness im
Rahmen des Marketing hat JARHEAD aber in den USA letztlich nicht den
Status eines Erinnerungsfilms einbringen können, den eine stärker den
Gattungskonventionen des Hollywood-Genres ‚Kriegsfilm‘ verpflichtete
Produktion vielleicht erlangt hätte. JARHEAD erklomm im November
2005 zwar kurzzeitig Platz zwei der US-Kinocharts, wurde jedoch kaum
für renommierte Filmpreise nominiert und geriet so schnell wieder in
Vergessenheit.
Wendet man seine Aufmerksamkeit nach Großbritannien, so stößt
man auf ein anderes Muster im Umgang mit JARHEAD: Hier wird die Ab-
surdität des Films und seine Ähnlichkeit mit Samuel Becketts Drama Wai-
ting for Godot sehr viel stärker betont. Der Krieg als sinnloses, nicht in ei-
nen kohärenten Plot zu überführendes Theater ist eine Erinnerungs- und
Denkfigur, die in der britischen Kultur traditionell sehr viel stärker behei-
matet ist als in den USA. So titelt der Guardian etwa „Waiting for Saddam“
(Bradshaw 13.1.2006) und beschreibt den Film als „unending Beckettian
nightmare of doing nothing in the 100 degree-plus heat“ (ebd.). Und Sam
Mendes richtet sich in Time Out an sein britisches Publikum, wenn er im
Interview die europäische Rezeption von der amerikanischen unterschei-
det:
164 Astrid Erll

I feel they’ve understood it in Europe. […] Fundamentally, JARHEAD disobeys all


the laws of American movies, and not just the political laws of American movies
right now, which demand on some level to tell us which side they’re on. In
Europe, there is a sense that the film comes from the tradition of absurdist war
movies about the futility of conflict. It has more in common with Beckett, Sartre
and Bunuel that it does with Oliver Stone. (Jaafar, 4.1.2006: 65)
Im europäischen Vergleich ist diese Tradition absurder Kriegsfilme am
stärksten wohl in Großbritannien ausgeprägt. Sie lässt sich auf das Para-
digma der modernen Kriegsdarstellung – die literarischen und filmischen
Repräsentationen des Ersten Weltkriegs (deutlicher übrigens als die des
Zweiten Weltkriegs) – zurückverfolgen. Absurdes, sinnloses Warten im
verwüsteten Niemandsland, auf einen Feind, den man nie zu Gesicht be-
kommen wird, ist tatsächlich bereits zentrales Element von englischen
Weltkriegsmemoiren aus den späten 1920er Jahren, etwa von Robert Gra-
ves, Edmund Blunden oder Siegfried Sassoon. Diese Darstellungstradition
setzt sich auch nach dem Zweiten Weltkrieg fort und verstärkt ihre absur-
den und satirischen Züge mit komischen Musicals und Fernsehkomödien
wie OH! WHAT A LOVELY WAR! (1969) und BLACKADDER GOES FORTH
(1989). Das britische Publikum ist somit seit Jahrzehnten an die satirisch-
absurde Kriegsdarstellung als dominierendem Erinnerungsmodus in Film,
Fernsehen und Literatur gewöhnt und kann JARHEAD im Sinne dieses
Paradigmas rezipieren.29
Ein abschließender Blick auf Deutschland verdeutlicht zudem, dass
die Aneignung aktueller Kinofilme auch ‚prämediatisiert‘ ist durch Deu-
tungstraditionen, die sich in ‚weiter entfernten‘ Medien etabliert haben.
Nicht nur Literatur, Fernsehen und Film, sondern auch nicht-fiktionale,
wissenschaftliche Diskurse lenken zumindest die Wahrnehmung der Deu-
tungselite von Feuilleton-Journalisten in bestimmte Bahnen. So titelt Mi-
chael Kohler etwa in der Frankfurter Rundschau von 5. Januar 2006: „Kein
Stahlgewitter, nirgends. Sam Mendes erkundet das Randgebiet der soldati-
schen Männerfantasie.“ Auch hier zeigt sich der Bezug auf Darstellungen
des Ersten Weltkriegs – allerdings in ihrer deutschen Variante: In Ernst
Jüngers autobiographischem Roman In Stahlgewittern (1919) wird der Krieg
als mythisches Ereignis und ‚inneres Erlebnis‘ gefeiert – eine Sicht des
_____________
29 Das bedeutet nicht, dass es eine solche Tradition des Satirischen und Absurden in ameri-
kanischen Kriegsdarstellungen nicht gäbe. John Dos Passos’ Roman über den Ersten Welt-
krieg, Three Soldiers (1920), und Joseph Hellers Komödie über den Zweiten Weltkrieg Catch
22 (1961; verfilmt 1970) oder die TV-Serie M*A*S*H (1972-83) sind Beispiele dafür; und
sicherlich hat auch APOCALYPSE NOW viele satirische Momente. Diese Beispiele stehen
aber einer überwältigenden Vielzahl von Hollywood-Filmen gegenüber, die – gerade seit
den 1990er Jahren (vgl. Westwell 2006) – den Krieg auf ernsthafte, oft patriotische Weise
darstellen. Das Absurde und Satirische ist in den USA nicht der dominierende Modus ci-
nematischer Kriegserinnerung.
JARHEAD 165

Krieges, die 1991 allerdings (mit einer Christa Wolf-Kollokation) aufgrund


fehlender Möglichkeiten zur Abfeuerung von „Stahl“ ad absurdum ge-
führt wird. Im Untertitel der Rezension wird überdies auf Klaus Thewe-
leits populären kulturhistorischen Klassiker Männerphantasien (1977) ange-
spielt, in dem der Krieg psychoanalytisch als maskuliner rite de passage
gedeutet wird.30 JARHEAD wird so mit einer einzigen Titelzeile auf dem
vertrauten Gebiet gleich dreier deutschlandspezifischer Medienangebote
verortet – Texte freilich, die für Absolventen der geisteswissenschaftlichen
Fächer in einem bestimmten Jahrzehnt kanonischen Status hatten.
JARHEAD ist in mehrfacher Hinsicht ein ‚Erinnerungsfilm‘: erstens
ganz offensichtlich, weil er aus knapp fünfzehnjähriger Distanz an ein
historisches Ereignis, den ersten Irakkrieg, erinnert; zweitens, weil er dabei
durch Remediation auch intramediale ‚Erinnerungen‘ an das Genre des
Kriegsfilms produziert; drittens, weil er auf diese Weise das enge Verhält-
nis von Kriegserinnerung und Kino reflexiv beleuchtet. Folgt man dem
Ansatz, der in diesem Band vertreten wird, so handelt es sich bei JAR-
HEAD aber erst dann um einen Erinnerungsfilm im engeren Sinne, wenn
er zudem in bestimmten sozialen und medialen Kontexten als ein Medium
der kulturellen Erinnerung gedeutet und genutzt wird. Hier zeigt schon
eine begrenzte Untersuchung von Rezeptionszeugnissen, dass diese Form
der Funktionalisierung offenbar stark von der einen nationalen Erinne-
rungskultur zur anderen variiert. Zudem muss davon ausgegangen werden,
dass Interpretationsgemeinschaften unterhalb und jenseits nationaler
Grenzen (etwa soldatische Kreise) ihre eigenen Aneignungsformen finden
werden – abseits von Feuilletons, Kinozeitschriften und Filmpreisen.
Die verschiedenen Aneignungen und Deutungen von JARHEAD in
Deutschland, Großbritannien und den USA sowie in verschiedenen sozia-
len Milieus haben sicherlich eines gemeinsam: Sie sind bezogen auf kom-
plexe kulturspezifische und plurimedial vermittelte Kriegsdiskurse, die
sich seit dem Ersten Weltkrieg herausgebildet haben. Spricht man vom
‚bringing war home‘ durch den Kriegsfilm, so ist daher stets auch die Fra-
ge zu stellen, um wessen Wohnzimmer es sich dabei eigentlich handelt.

_____________
30 In ähnlicher Weise dem psychoanalytischen Diskurs der Kriegsdeutung verpflichtet ist
Alexandra Stähelis Rezension in der Neuen Zürcher Zeitung (9.1.2006: 24), die dem Film ei-
nen „Einblick in die innere Dynamik homosozialer Gemeinschaften“ bescheinigt und in
ihm „sämtliche Stufen der Regression“ abgebildet sieht. Martin Wolf betont mit Freud-
schen Vokabular im Spiegel (28.11.2005: 190): „Doch verweigert sich der Regisseur Mendes
jeder ‚Mitleidsschwärmerei‘ (Sigmund Freud).“
166 Astrid Erll

Bibliographie
Filme
APOCALYPSE NOW (USA 1978, Regie: Francis Ford Coppola, DVD: Ufa
2002).
IM WESTEN NICHTS NEUES (USA 1930, Regie: Lewis Milestone, DVD:
Universal Studios 2005).
JARHEAD (USA 2005, Regie: Sam Mendes, DVD: Universal Studios 2006).
FULL METAL JACKET (USA 1978, Regie: Stanley Kubrick, DVD: Warner
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Revolution und Film:
DANTON von Andrzej Wajda

Martin Miersch

„Elle [la Pologne] est dans les fers, et


discute les moyens de se conserver
libre; elle sent en elle cette force que
celle de la tyrannie ne peut subjuguer.
[…] Braves polonais, prenez garde,
prenez garde que, pour vouloir trop
bien être, vous n’empiriez votre
situation.“1
J. J. Rousseau

This article uses the French-Polish co-production DANTON (1983) to illustrate


how one and the same film can become a “memory film” in significantly different
ways in diverse cultural contexts (here France and Poland). The film addresses the
turning point of the French Revolution. The main character is played by Gérard
Dépardieu, in the opinion of many critics an actor better able than any other to
personify the French Revolution; his involvement also increased media interest in
the film, which had the financial backing of the French government. The film’s
release coincided with the start of a Socialist government in France on the one
hand and the establishment of martial law in Poland and the conflict between un-
ion leader Lech Wałęsa and General Jaruzelski on the other, so that French and
Polish moviegoers viewing DANTON remembered different events alongside those
actually portrayed, and the film evoked different expectations which, particularly
on the French side, remained to a certain extent unfulfilled.

Seit den Tagen Rousseaus lässt sich eine besondere Affinität der Polen für
die französische Geschichte und Politik feststellen, welche häufig auf Ge-
genseitigkeit beruhte. Bewunderten einerseits viele Polen die Errungen-
_____________
1 Rousseau, Jean-Jacques: „Considérations sur le Gouvernement de Pologne“ (1772). In:
Ders.: Œuvres. Genf 1782-89, 416.
172 Martin Miersch

schaften der französischen Aufklärung und die Ideale der Revolution, so


wurde der wechsel- und leidvollen Geschichte Polens seitens der Fran-
zosen oft eine bemerkenswerte Aufmerksamkeit zuteil, welche nicht zu-
letzt auf der großen Zahl polnischer Emigranten in Frankreich während
des 18. und 19. Jahrhunderts basierte. Untersucht man nun Andrzej Waj-
das Danton-Verfilmung von 1982 als Erinnerungsfilm,2 so wird sehr bald
deutlich, dass wir es hier mit einer multiperspektivischen Erinnerung an
historische Ereignisse zu tun haben, ja dass der Film den Rezipienten in
Polen und Frankreich sogar als Erinnerungsfilm an völlig unterschiedliche
Ereignisse gedient hat. Ein wiederum anderes Bild erhält man, wenn man
die internationale Reaktion auf den Film untersucht. Dieser Beitrag nähert
sich der Thematik daher aus drei Perspektiven:

1. Welche Erwartungen hatten die Franzosen und insbesondere die


französische Linke an den Film?
2. Wie reagierte das polnische Publikum einerseits und die polnische
Staatsmacht andererseits auf den Film?
3. Wie wurde der Film international wahrgenommen?

Zunächst sollen im Folgenden Hintergründe zu den Impulsen und Pro-


duktionsbedingungen des Filmes dargestellt werden. Im Anschluss daran
werden Überlegungen zur Französischen Revolution als Medienereignis
angestellt. Vor dem Hintergrund der Filmgeschichte der Französischen
Revolution wird im Hauptkapitel des Beitrags die Besonderheit von DAN-
TON als multipler, nämlich in verschiedenen Erinnerungskulturen (Polen,
Frankreich, international) unterschiedlich konstituierter Erinnerungsfilm
profiliert.

_____________
2 Kamera: Igor Luther, Musik: Jean Prodromides, Darsteller: Gérard Depardieu, Wojciech
Pszoniak, Boguslaw Linda, Tadeusz Huk, 136 Min. Nach dem Theaterstück „Die Affäre
Danton“ von 1975. Premiere: im Januar 1983 in Paris und zwei Wochen später in War-
schau. DVD: Universum Film GmbH 2006.
DANTON 173

1. La Terreur – Die Schreckensherrschaft 1793/94


als Sujet für einen Film über die Französische Revolution

Abb. 1: Danton und Robespierre (Depardieu, Pszoniak)

Der Film fokussiert den Blick auf den Zeitraum einer Woche im Frühjahr
1794. Schauplatz ist Paris. Die Französische Revolution tritt in die
entscheidende Phase. Wajdas Drama gestaltet den Machtkampf der beiden
Revolutionsführer Danton und Robespierre während der jakobinischen
Schreckensherrschaft, in deren Verlauf es zur erbitterten Auseinander-
setzung zwischen den zwei Vertretern gegensätzlicher Ideologien und
politischen Strategien kommt. Beide beanspruchen die Macht, behaupten,
im Namen des Volkes zu handeln und das Glück des Volkes zu verwirkli-
chen. Danton sucht den Kompromiss, will die Guillotine anhalten und die
Jakobiner in die Schranken weisen. Ihm, dem Volkstribun und ausschwei-
fenden Genussmenschen, spontan und widersprüchlich, steht der ‚unbe-
stechliche‘ Robespierre gegenüber, der asketische Tugendwächter und
prinzipientreue Ideologe. Der Film zeigt also die kritische Phase, den tur-
ning point der Revolution. Danton wird inhaftiert und zusammen mit sei-
nen Getreuen vor dem Revolutionsgericht zum Tod durch die Guillotine
verurteilt. Das historische Drama um Dantons Tod, um Freiheit und De-
mokratie, ist auch eine Stellungnahme zur politischen Lage in Polen um
1982 und dem von General Jaruzelski erlassenen Verbot der Gewerk-
schaft Solidarnosc. Wajda griff aus der Geschichte der Französischen Re-
volution eine für ihn bedeutsame Episode heraus und spitzte die Konflik-
te auf ein Personenduell zu, welches durch die kontrastierend eingesetzten
174 Martin Miersch

Schauspieler, Depardieu und Pszoniak, vielschichtig interpretiert wurde.


Beide Protagonisten erheben für sich den Anspruch, im Namen des Vol-
kes zu kämpfen. Wie eine Person wird auch die Guillotine in Szene ge-
setzt. Man begegnet ihr angst- und ehrfurchtsvoll. Nach ihrem Einsatz
wird sie mit einem schwarzen Stoff verhüllt wie mit einem Kleidungs-
stück.3

Abb. 2: Die Guillotine

Wajda verfolgte mit und in seinem Film ein spezifisches Interesse an der
Französischen Revolution. Er richtet sich mit seinem Film zunächst an die
Franzosen und glaubt, dass diese nach dem Wechsel zur sozialistischen
Regierung von François Mitterand „zum ersten Mal seit vielen Jahren an
der Eventualität von Veränderungen in ihrem Land interessiert sind.“
(Slodowska 2000: 174) Im demokratischen Frankreich unter Mitterand
wurde die erste Phase der Revolution mit ihren Reformen gutgeheißen
und bis zu einem gewissen Grade verherrlicht. Wajda aber wendet sich
allein der Phase des Terrors zu, die zwar von kommunistischen Denkern
als eigentliche Phase der Revolution angesehen wurde,4 von den französi-
schen Sozialisten jedoch abgelehnt wurde.

_____________
3 Der Kino-Trailer beginnt mit der ‚Entkleidung‘ der Guillotine, führt also mit dieser ‚Per-
son‘ in den Film ein.
4 Theoretiker des Marxismus stellen die erste Phase der französischen Revolution zumeist als
unvollkommene, bürgerliche Phase dar. Robespierre gilt ihnen als vorbildliche, positive Fi-
DANTON 175

Mit Danton nimmt Wajda auch Stellung zu den Ereignissen in Polen


in den Jahren 1979-1982. Mit seinem Film von 1983 entwirft er ein Ge-
genbild zur gegenwärtigen polnischen Gesellschaft. Im Zusammenhang
mit den damaligen Ereignissen in Polen fielen auch Begriffe, die direkt mit
dem Frankreich von 1789/94 tun haben. Die Zulassung der unabhängigen
Gewerkschaft Solidarnosc wurde als Revolution empfunden, d.h. der ge-
sellschaftliche Einschnitt war so stark, dass ihm übergeordnete Bedeutung
beigemessen wurde. Damit einher ging eine Entwicklung von Selbstorga-
nisation, die sich in der Bildung von Komitees ausdrückte. Die Vorgänge
in Polen von 1979 bis 1985 weisen also gewisse Gemeinsamkeiten mit den
Ereignissen in Frankreich von 1789 bis 1795 auf. Diese wurden von Waj-
da erkannt und beeinflussten seine Arbeit an DANTON.

2. Zur Produktion des Films


Schon im Januar 1981 war für DANTON der Vertrag einer französisch-
polnischen Koproduktion abgeschlossen worden. Der Film sollte zu ei-
nem Teil in Polen und zum anderen in Frankreich gedreht werden. Zwei
Tage, bevor der Regisseur und sein polnisches Team nach Frankreich
reisen sollten, wurde das Kriegsrecht verhängt. „Actually the film's trou-
bles began on December 12, 1981, when martial law was declared. Film
Polski, the coproducer of the film, did not allow Wajda to film crowd
scenes in Cracow fearing demonstrations.“ (Szporer 1983: 28. bzw. Slater
1992: 91)
Die Einführung des Kriegsrechtes hatte die Dreharbeiten in Polen
unmöglich gemacht. Die ganze Produktion musste neu durchdacht und
aufgebaut werden. Der Film kam dank der massiven Unterstützung durch
französische Produzenten und das Engagement des Kultusministers Jack
Lang dennoch zustande. Das Kulturministerium gab einen Zuschuss von
drei Millionen Franc. Der polnische Staat übernahm ein Zehntel der Pro-
duktionskosten von insgesamt 25 Millionen Francs.
Die finanzielle Unterstützung seitens der neuen französischen Regie-
rung war nicht ganz uneigennützig. Die im Frühjahr 1981 stattgefundenen
Wahlen hatten überraschenderweise einen Sieg der Sozialisten gebracht:
Bei den Präsidentschaftswahlen setzte sich François Mitterrand gegen
Giscard d’Estaing durch und bei den Wahlen zur Nationalversammlung
gewannen die Sozialisten ebenfalls die absolute Mehrheit. Der Film ent-
stand in Zusammenarbeit von Gaumont, Les films du Losange, Film Pol-
_____________
gur, ohne die die Revolution nie in die entscheidende Phase, die Zeit des „terreur“, einge-
treten wäre. Vgl. Marc Lazar: Le communisme, une passion française, Paris 2002.
176 Martin Miersch

ski, unter Beteiligung des französischen Kulturministeriums und der Mit-


arbeit der Produktionsgruppe X, Warschau. Wajda begann am 21. April
1982 im Schloss Guermantes, in der Region Seine-et-Marne, mit den
Dreharbeiten zu DANTON.
Schwierigkeiten ergaben sich aus der Tatsache, dass das Filmteam aus
französischen und polnischen Schauspielern bestand, die jeweils in ihrer
eigenen Sprache sprechen sollten, wodurch die Gefahr bestand, dass die
Dialogpartner einander nicht verstanden und daher unglaubhaft wirken
könnten. Um die Produktion zu vereinfachen, ließ Wajda daher die Robe-
spierristen von polnischen Schauspielern und die Dantonisten von franzö-
sischen Schauspielern spielen, denn diese Gruppen bleiben bis auf wenige
Ausnahmen stets unter sich. Pszoniak hatte die Rolle des Robespierre
bereits in dem dem Film zu Grunde liegenden Theaterstück seit 1975
mehrmals gespielt. Besonders wichtig erschien es Wajda, dass die Schau-
spieler sich in die revolutionäre Stimmung ihrer Figuren, ihren Enthu-
siasmus, aber auch ihre Resignation hineinversetzen konnten. So ließ er
Gérard Depardieu für einen Tag nach Warschau reisen, um „zu sehen, wie
eine Revolution aussieht und wie die Führer einer Revolution im Moment
des Scheiterns ihres Werkes aussehen.“ (Slodowska 2000: 176) Denn die
Revolution in Polen war – diesen Eindruck musste Wajda 1982 gewinnen
– offensichtlich gescheitert und er wollte, dass Depardieu das wahre Ge-
sicht der Revolution sieht, nämlich die „Müdigkeit an Stelle des Elans“.
(Slodowska 2000: 176) Depardieu sollte bei seinem Aufenthalt in Polen
die Eigenheiten eines typischen Revolutionärs erlernen und der Revoluti-
onär, der ihm als Vorbild dienen sollte, hieß Zbigniew Bujak und war ei-
ner der herausragenden Aktivisten der demokratischen Revolution in Po-
len, Chef der Solidarnosc in der Region Masowien und Mitglied der
Delegation, die 1981 mit der Regierung verhandelte. Bujak, ein gut ausse-
hender Intellektueller, ist auf Fotos jener Zeit stets mit offenem Hemd
ohne Krawatte zu sehen. Zur Einführung in seine Rolle des Danton inte-
ressierte sich Depardieu bei dem Gespräch mit Bujak, der ihm von Wajda
vorgestellt wurde, vor allem für die Müdigkeit, die dieser nach langem
aufreibendem politischen Kampf ausstrahlte. Im Film versuchte er dann,
den polnischen Revolutionär nachzuahmen, der zuletzt „mit einer kaum
hörbaren Stimme sprach.“ (Slodowska 2000: 176) Schon zu Beginn des
Films wird dieses Moment betont, indem Danton, der auf fünf Jahre an
der Spitze der Politik in Frankreich zurückblickt, zu Phillipeaux sagt: „Ich
bin müde, müde. Ich würde mich gern zurückziehen.“ In seiner Verteidi-
gungsrede soll Danton – so die historische Überlieferung – Stunden ge-
sprochen haben, seine Stimme soll dabei allmählich heiser geworden sein.
Am Ende schien er das Publikum für sich gewonnen zu haben: „Ich bin
unsterblich, denn ich bin das Volk. Das Volk ist auf meiner Seite.“
DANTON 177

3. Hypothesen zur Lesart des Films


Der Film DANTON ist vor allem deshalb bemerkenswert, weil er multiper-
spektivisch betrachtet werden kann und betrachtet worden ist. Gerade
diese Vielfalt der möglichen Lesarten ermöglichte es, dass der Film zum
Erinnerungsfilm für sehr unterschiedliche Gruppen von Rezipienten wer-
den konnte, aber auch – und das ist ungewöhnlich – der kollektiven Erin-
nerung an unterschiedliche politische Ereignisse diente. Über seine doku-
mentarische Funktion in Bezug auf bestimmte Ereignisse der Franzö-
sischen Revolution hinaus, soll der Film im folgenden also in seiner Funk-
tion als Parabel auf allgemeingültige menschliche Konflikte und als Spiegel
der Ereignisse in Polen zur Zeit des Kriegsrechts untersucht werden.

3.1 Der Film als Parabel

Wie kein anderes Ereignis prägte die Französische Revolution das Selbst-
verständnis des modernen Frankreich. Tagespolitische Ereignisse wie der
Sturm auf die Bastille, der Mord an Marat oder der Tod des Königs wur-
den verklärt und von den verschiedenen politischen Lagern für ihre jewei-
ligen politischen Ziele instrumentalisiert. Geschichte wurde zu Mythos.
Die Aufarbeitung französischer Geschichtsmythen durch einen polni-
schen Filmregisseur verwundert zunächst. Bei näherer Betrachtung ent-
deckt man jedoch, dass die Auseinandersetzung der Polen mit Frankreich
eine lange Tradition hat.5 Die Grundlagen findet man im Zeitalter der
Französischen Revolution, aber bereits 1772 hatte sich Jean-Jacques Rous-
seau in seiner Abhandlung „Considérations sur le gouvernement de Po-
logne“ Gedanken über eine zukünftige polnische Verfassung gemacht. In
Frankreich trat am 3. September 1791 eine neue bürgerliche Verfassung in
Kraft.6 Die Präambel beinhaltete die berühmte Erklärung der Menschen-
und Bürgerrechte vom August 1789, auf die der Film am Anfang und
Ende deutlich verweist: Ein Kind wird im Beisein Robespierres aufgefor-
dert, die Artikel der Menschenrechte aufzusagen. Was zunächst noch un-
reflektiertes Aufsagen ist, kann sich – so die im Film angedeutete Hoff-
nung – in ein echtes Demokratieverständnis wandeln. Man kann DANTON
also als ein ‚Lehrstück‘ über Demokratieenthusiasmus und Demokratie-
zerstörung verstehen.
_____________
5 Vgl. auch die Polenbegeisterung in Frankreich nach der Niederwerfung des Novemberauf-
standes der Polen gegen Russland im Jahre 1830, als viele Polen nach Frankreich emigrier-
ten.
6 König Stanislaus II. von Polen (1732-1798) wollte diese Verfassung für sein Land über-
nehmen, musste jedoch 1795 abdanken.
178 Martin Miersch

Der Film ist eine Parabel, d.h. ein Gleichnis, um eine allgemeingültige
sittliche Wahrheit, die des menschlichen Scheiterns und der menschlichen
Unzulänglichkeit, an dem Beispiel der Französischen Revolution zu veran-
schaulichen. Indem die Revolution in den Charakteren Dantons und Ro-
bespierres personifiziert erscheint, steht deren individueller Konflikt für
einen allgemein gesellschaftlichen. Dieser, auf einer Metaebene neben dem
psychologisch-menschlichen Konflikt stattfindende, tiefere Dissens, ver-
mittelt sich dem Zuschauer nicht unbedingt beim ersten Sehen. Er ver-
steckt sich hinter den Haltungen der Akteure und in den Bildern Wajdas.

Abb. 3: Der Tod Dantons

Der gewaltsame Tod am Ende des Films entspricht der klassischen Heroi-
sierung des Protagonisten. Waijda vermeidet jedoch eine durchgehende
Heroisierung, indem er seiner Figur menschliche und auch deutlich nega-
tive Züge verleiht und so zu einer vielschichtigen Charakterisierung ge-
langt. Die Heroisierung der Leidensgeschichte legt den Vergleich mit der
Passion Christi nahe. Man kann daher die im Film gezeigten Stationen des
(selbstgewählten) Martyriums auch als Anlehnung an den Leidensweg
Christi sehen.
Robespierre ist dagegen keine mit rein negativen Zügen ausgestattete
Herodes- oder Judasgestalt. Er wird vielmehr als ein Mann charakterisiert,
der meint, hart durchgreifen zu müssen, obwohl er am Gelingen der Re-
volution zunehmend zweifelt. Neben Härte kennzeichnen ihn aber auch
Zweifel, Zögern und Mitleid. Seine Freundschaft zu seinem politischen
Gegner Desmoulins verleiht ihm menschliche Züge.
DANTON 179

3.2 Frankreich 1794 – Polen 1981: mögliche Parallelen

Abb. 4: Das hungernde Paris – Einwohner von Paris stehen nach Brot an

Zu Beginn des Films wird eine Menschenschlange gezeigt, die nach Brot
ansteht. Man diskutiert die politische Lage. Die Kritik an den wirtschaft-
lichen Verhältnissen erstirbt, sobald ein staatlicher Spitzel vorbeigeht.
Später verrät der Spitzel eine Frau, die sich kritisch geäußert hat, an die
Polizei. Für den polnischen Betrachter von 1983 spiegelten derartige Sze-
nen sehr genau den Alltag in der Zeit des Kriegsrechts und die stetige
Angst der Polen vor den Staatsorganen wider. In den Komitees für natio-
nale Sicherheit und öffentliche Wohlfahrt konnte der polnische Betrachter
unschwer General Jaruzelskis staatliche Organisationen zur Oppression
des polnischen Volkes wieder erkennen. (Szporer 1983: 33)
Mit der düsteren, schwermütigen Grundstimmung des Films, die
durch die metallisch klingende, verstörende Musik noch verstärkt wird,
konnten sich auch viele Polen während der Zeit des Kriegsrechts identifi-
zieren. Etwas weiter führt eine bewusst eingesetzte Analogie in der im
Atelier des Staatsmalers David spielenden Szene: Robespierre erkennt auf
Davids berühmtem Gemälde „Der Ballhausschwur“ den Dantonisten
Fabre und bestreitet schlichtweg, dass dieser bei dem Ereignis dabei gewe-
sen sei. David wird aufgefordert, die Figur aus dem Bild zu eliminieren.
Für den politisch versierten, und insbesondere für den polnischen, Bet-
rachter liegt hier die Analogie zu den Geschichtsfälschungen Stalins auf
der Hand. Stalin ließ bekanntlich das Bild Trotzkis durch aufwendige Re-
tuschen aus Fotografien entfernen, nachdem dieser in Ungnade gefallen
war.
180 Martin Miersch

General Jaruzelski stand der Dynamik der Solidarnosc-Bewegung in


Polen zunehmend passiv gegenüber. Dieser Haltung entspricht im Film
das Sich-zurück-Ziehen Robespierres nach der Hinrichtung Dantons. So
verfällt der energiegeladene Politiker am Ende des Films in eine kraftlose
Apathie.

4. Die Revolution als Medienereignis


Die Medientheorie begreift den Erinnerungsfilm als ein Medium des kol-
lektiven Gedächtnisses (Erll 2004: 16f.). Die Voraussetzungen für diesen
Status werden nur zum Teil von ihm selbst gestellt. Von ebenso großer
Bedeutung ist das plurimediale Netz, das sich um ihn konstituiert. Defi-
niert man Medienereignisse als „Schlüsselereignisse, die einen Prozess
gesamtgesellschaftlicher Kommunikation auslösten“ (Lenger 2008: 8), so
muss ergänzend auf die notwendige „narrative Struktur“ (Lenger 2008: 9)
und auf die unvermeidliche Diskrepanz zwischen repräsentiertem Ge-
schehen und medialer Präsentation hingewiesen werden. Ein Medien-
ereignis entsteht, wenn die medialen Repräsentationen dieses Ereignis
„machen, anstatt es nur abzubilden“ (Isekenmeier 2004: 429). Während die
Forschung sich bereits eingehend mit Teilgebieten wie dem Krieg als Me-
dienereignis (Karamsi/Faulstich 2007) sowie der Französischen Revo-
lution als transnationalem Medienereignis zugewandt hat, ist die Französi-
sche Revolution als Medienereignis des 20. Jahrhunderts noch kaum
Gegenstand der Forschung gewesen. Zudem haben sich nur wenige Auto-
ren bisher mit der Manipulation historischer Ereignisse durch das Medium
Geschichtsfilm beschäftigt.7 Im Folgenden ist zu fragen, was das Medium
Film zum Medienereignis beiträgt und wie es sich von anderen Medien
unterscheidet, die ebenfalls vorgeben, geschichtliche Ereignisse zu reprä-
sentieren. Dabei wird uns entsprechend der von Filmtheoretikern geführ-
ten Debatte um den historischen Quellenwert von Erinnerungsfilmen
(Vonderau 1999: 13) vor allem die Diskussion um die Authentizität der in
DANTON geschilderten historischen Ereignisse interessieren.

_____________
7 So z.B.: Gauthier, Christophe: „F for fake: Vérités et manipulations de l’histoire au
cinéma.“ In: L’émoi de l’histoire 21,1 (2000), 46-51 (Histoire et cinéma).
DANTON 181

4.1 Die Revolution und das Dantonbild in den zeitgenössischen Medien

Abb. 5: Der Maler J.- L. David (Franciszek Starowieyski)

Bereits die zeitgenössischen Medien reflektierten in vielfacher Hinsicht die


Geschehnisse der Französischen Revolution und machten diese und das
Auftreten ihrer Protagonisten zu einem Medienereignis. Es erschienen
zahllose Pamphlete, Traktate, Gedenkschriften, Karikaturen, Flugblätter,
Revolutionsspiele und außerdem revolutionäre Accessoires, mit denen
man sich als aufrechter Revolutionär kennzeichnen konnte. Diese Me-
dienpräsenz wiederum reflektiert Wajdas Film, indem er der Zerstörung
der Druckerwerkstatt Camille Desmoulins, des Herausgebers des Vieux
Cordelier durch die Polizei erhöhte Aufmerksamkeit widmet. Immer wieder
tragen die Revolutionäre im Film Kokarden an ihrer Kleidung. An einer
Stelle wird Danton eine solche Kokarde von einer Händlerin, die auf ‚re-
volutionäre Devotionalien‘ spezialisiert ist, angeboten. Der Maler David
tritt als Chronist der Ereignisse in Erscheinung, indem er einerseits Ro-
bespierre in herrschaftlichem Ornat malt und andererseits Danton auf
dem Weg zum Schafott zeichnet. Aber David wird auch als fanatischer
Propaganda-Künstler gekennzeichnet, der den Mächtigen für die Macht-
erhaltung unentbehrlich ist. David hat das Gesicht Dantons mehrmals
gezeichnet, und zwar vor und nach seiner Terrorherrschaft, jeweils seine
Energie und Konzentration, oder aber seinen vor dem Terror nicht zu-
182 Martin Miersch

rückschreckenden Machtinstinkt betonend.8 Andere Blätter Davids geben


Dantons Züge karikaturhaft übersteigert wieder.9 Johann Georg Wille
(1715-1898) zeichnete Danton – wie er selbst auf dem Blatt vermerkte –
auf dem Weg zum Schafott.10 Er zeigt den Revolutionär in (heroischer)
Untersicht, mit wirrem Haar, aufgerissenem Hemd und in abgerissener
Kleidung. Im Gegensatz dazu vermitteln andere zeitgenössische Darstel-
lungen das Bild eines elegant gekleideten Danton. Stets werden jedoch
seine Körperfülle, sein kurzer, dicker Hals und sein aufgedunsenes Ge-
sicht betont. Robespierre dagegen erscheint auf zeitgenössischen Stichen
elegant frisiert, sorgfältig gepudert und gekleidet mit stolz erhobenem
Kopf und in steifer, distanzierter Pose.

4.2 Der Einsatz der Filmwerbung

Das Filmplakat setzt ganz auf die Popularität des Hauptdarstellers, dessen
Name in Großbuchstaben über dem Bildmotiv angebracht ist. Depardieu
erscheint – ganz im Einklang mit der bildlichen Überlieferung – in offe-
nem Hemd und mit wirrem Haar. Seine Mimik spiegelt die innere Erre-
gung wider, seine Hand deutet einen Redegestus an. Herausgegriffen ist
also der Moment, in dem Danton auf einem Karren zur Hinrichtung ge-
bracht wird und sich vor seiner Exekution mit den (verbürgten) Worten
an den Henker wendet: „Du sollst meinen Kopf dem Volke zeigen, er ist
die Mühe wert“. Die Hinrichtung selbst ist unten in Form von dunklen
Umrissfiguren dargestellt. Es ist die letzte Szene des Films, der mit der
Hinrichtung der Dantonisten endet. Die Guillotine ragt über die Köpfe
der Figuren in die Bildmitte hinein, wodurch verdeutlicht wird, dass die
Tötungsmaschine im Film eine den Protagonisten gleichwertige Stellung
einnimmt und gleichsam als handelnde Person auftritt. Die Heroisierung
des Protagonisten ist im Zusammenhang mit der Heldenverehrung der
1968er-Zeit und ihrer politischen Idole (wie Che Guevara, Martin Luther
King, Rudi Dutschke etc.) zu sehen. Eine im Januar 1983 in französischen
Zeitungen11 geschaltete Anzeige zeigt in einer schmalen Spalte auf der
linken Seite Pszoniak als Robespierre und in einer Spalte auf der gegenü-
berliegenden Seite Depardieu alias Danton, beide unter der Unterschrift
„Danton / Robespierre / Le choc de L’histoire“. Hier wird nicht mit dem
_____________
8 David: „Danton en buste“, schwarze Kreide, Privatsammlung. Abb. in: Rosenberg, Pi-
erre/Prat, Louis Antoine: J.-L. David, Catalogue raisonné des dessins, Bd. 1, Mailand 2002, 175.
9 David: „Danton en profil“, Lille, Musée des Beaux-Arts. Abb. in: Sahut, Marie-
Catherine/Michel, Régis: David, l’art et le politique, Paris 1988, 86.
10 Paris, Musée Carnavalet.
11 Le Monde und Le Figaro vom 04.01.1983 und an den folgenden Tagen.
DANTON 183

einzelnen Helden geworben, sondern vielmehr die verheißene Konfronta-


tion der beiden Titanen der Revolution als Kassenmagnet eingesetzt. Er-
gänzend wird dem Publikum mitgeteilt, das der Film bereits den Prix
Louis Delluc gewonnen habe.

4.3 Figurenbiographien/Casting

Voraussetzung für den Erfolg eines Erinnerungsfilms und seinen Einfluss


auf kulturelle Erinnerung ist eine gewisse distributive Reichweite. Diese
wird auch durch den Einsatz populärer Akteure erreicht, die gute Ein-
spielergebnisse garantieren, obwohl komplexe historische Sachverhalte
thematisiert werden. Wajda gelang es, in dieser Hinsicht eine nahezu op-
timale Besetzung aus polnischen und französischen Darstellern zusam-
menzustellen. Gérard Depardieu galt seit den Filmen LE DERNIER MÉTRO
(1980), LOULOU (1980) und LE RETOUR DE MARTIN GUERRE (1981)
beim französischen Publikum als Sympathieträger. Zeitgenössische Dar-
stellungen12 zeigen uns Danton als kräftigen, korpulenten Genuss-
menschen, als einen Typus also, den Depardieu vorrangig verkörpert.
Depardieu, dessen Name im Kino-Trailer noch vor dem Filmtitel er-
scheint, war Garant für hohe Zuschauerzahlen. Die Wahl Depardieus, der
sich für seine Darstellung nach eigener Aussage durch den Boxer Mu-
hammad Ali inspirieren ließ (Chimeli, 19.01.1983), verlieh der Rolle Dan-
tons beim Publikum aber auch die nötige Glaubwürdigkeit. Das polnische
Publikum dagegen erkannte in Wojciech Pszoniak (Slater 1992: 106) einen
in Polen gefeierten Charakterdarsteller, der darüber hinaus auch durch
Schlöndorffs Verfilmung der BLECHTROMMEL einem größeren Publikum
bekannt geworden war.
Für zahlreiche kleinere Rollen gelang es Wajda, renommierte Kollegen
zu verpflichten, für die es größtenteils eine Ehre darstellte, in diesem Film
mitspielen zu dürfen, auch wenn ihre Leistungen kaum in gewohnter Wei-
se vergütet werden konnten. Den verhassten öffentlichen Ankläger der
Französischen Revolution, Fouquier-Tinville, spielt der Regisseur und
Drehbuchschreiber Roger Planchon. Camille Desmoulins, der Freund
Dantons und ehemalige Freund Robespierres, wird von dem Schauspieler,
Opern- und Film-Regisseur Patrice Chéreau gespielt. Die Besetzung
der Rolle Jacques-Louis Davids mit dem polnischen Maler Franciszek
Starowieyski verlieh der Figur des gefeierten Staatsmalers eine besondere

_____________
12 Wille, Johann Georg: „Danton auf dem Weg zum Schafott“, Rötelzeichnung, Paris, Musée
Carnavalet und anonymes Porträtgemälde, Öl/Leinwand, ebenfalls Musée Carnavalet.
184 Martin Miersch

Authentizität. Zuweilen wurde der oberste Propagandakünstler der


Revolution gar mit dem sozialistischen Kulturminister Jack Lang vergli-
chen (Chimeli, 19.01.1983).

5. Facetten eines multiplen Erinnerungsfilms


5.1 Resonanz der französischen Sozialisten auf den Film

Nach den ersten Probevorführungen war der Unmut der französischen


Linken über Wajdas Film enorm, wohl gerade weil man so große Hoff-
nungen in den Film gesetzt hatte. Die Sozialisten richteten sich gegen den
darin zum Ausdruck gebrachten Dantonismus und schlossen sich darin
dem Robespierreismus der Kommunistischen Partei an (Augulhon 1985:
8). Der Film konnte also nicht als „film socialiste“ (Ory 1984: 82) betrach-
tet werden, war aber dennoch von den Sozialisten als erwünscht angese-
hen worden, zumal er in einer aus ihrer Sicht zunehmend orientierungslo-
sen Zeit Werte zu vermitteln verstand. Der Film wurde von sozialistischen
wie konservativen Historikern zum Anlass genommen, erneut über die
seit fast zweihundert Jahren diskutierte Frage zu debattieren, ob die
Schrecken der Revolution für den Demokratisierungsprozess Frankreichs
notwendig gewesen waren oder ob sie vielmehr den „Anfang allen Übels“
(Chimeli, 19.01.1983) bedeuteten. Die Erwartung der Sozialisten, „der
Film werde den Ton für die 200-Jahr-Feiern der Revolution im Jahre 1989
angeben“ (Chimeli, 19.01.1983), wurde jedoch enttäuscht. Aus ihrer Sicht
wurde Wajdas Psychologisierung der Charaktere Dantons und Robespi-
erres dem historischen Hintergrund der Ereignisse von 1794 nicht ge-
recht. Arbeitsminister Auroux empfand Wajdas DANTON sogar als „Kari-
katur“ (Chimeli, 19.01.1983). Der den Sozialisten nahe stehende Matin
klagte Wajda der „Geschichtsfälschung“ und der „Desinformation“ an.
(Chimeli, 19.01.1983) Gleichzeitig wurde der französischen Linken seitens
der Konservativen „sozialistische Mythologisierung“ vorgeworfen. (Chi-
meli, 19.01.1983) Die Konservativen glaubten, ihre Sicht der Revolution
als politische Katastrophe im Film bestätigt zu sehen. Ein Vertrauter des
gestürzten Präsidenten Giscard d’Estaing jubelte sogar: „Merci Monsieur
Wajda, merci Monsieur Wajda.“ (Chimeli, 19.01.1983)
DANTON 185

5.2 Internationale Presseresonanz

Zum internationalen Medienereignis wurde der Film nicht aufgrund seiner


Revolutionsthematik, die vor der gesteigert einsetzenden Medienresonanz
infolge des Bicentenaire im Jahre 1989 außerhalb Frankreichs noch auf we-
nig Interesse stieß, sondern aufgrund der von Wajda intendierten und
auch von den meisten Rezensenten13 erkannten Parallelisierung der Ereig-
nisse der Französischen Revolution mit den aktuellen Ereignissen in Polen
zur Zeit des Kriegsrechts. Vor allem Mieczyslaw Szporer stellte diese Dua-
lität in den Mittelpunkt seiner Rezension im zur Premiere erschienenen
Film Quarterly (Szporer 1983: 27-33).
Der Historiker Louis Mermaz befand in seiner am 16. Januar 1983 in
Le Monde erschienenen Rezension, dass es Wajdas Film „an historischer
Tiefe mangele,“ während François Furet in Libération vom 17.01.1983
Wajdas Arbeit als einen – verglichen mit anderen Filmen dieser Thematik
– historisch gut recherchierten Film bezeichnete.( Szporer 1983: 27-33)
Jean-Claude Carrière wiederum wies zwar darauf hin, dass einige Details
im Film nicht der Realität von 1794 entsprächen, räumte aber ein, dass die
Dramatisierung des Stoffes gewisse Freiheiten in der Behandlung histori-
scher Details rechtfertige (Carrière 05.01.1983: 1). Auch ihm ist die Fest-
stellung wichtig, dass der Film durch die Ereignisse in Polen an Tiefe und
Bedeutung gewonnen hat: „Jaruzelski nous aide à comprendre Danton –
et à nous comprendre nous-mêmes.“ (Carrière 05.01.1983: 1) Dennoch
warnt er vor allzu simplifizierenden Gleichsetzungen und davor, ihn als
historisch getreue Verfilmung miss zu verstehen.
Gelegentlich wurde die Frage gestellt, ob ein polnischer Regisseur
überhaupt das Recht habe, das bedeutendste Ereignis der französischen
Geschichte zu thematisieren. Vereinzelt wurde auch kritisiert, dass wichti-
ge Protagonisten der französischen Geschichte von Polen gespielt wur-
den, die der Regisseur zudem in ihrer Sprache sprechen ließ (Regent 1983:
483). Mehrere Rezensenten betonen, dass Wajdas Sympathien für Danton
den Film sehr stark von der ursprünglichen Bühnenvorlage abrücken,
denn deren Autorin hatte im Gegensatz zu Wajda nicht Dantons, sondern
Robespierres Position positiv, ja geradezu vorbildhaft dargestellt (Regent
1983:484; Foot 1986: 816). Für die französischen Rezensenten war natur-
gemäß die Frage nach der historischen Authentizität besonders wichtig.
Für Furet war diese trotz aller aktuellen Bezüge im Film stets gegeben:
_____________
13 Untersucht wurden unter den deutschen Blättern Die Zeit, Die Tageszeitung, Der Tagesspiegel,
Rheinischer Merkur, die Süddeutsche Zeitung und Der Spiegel. Unter den fremdsprachigen Perio-
dika wurden das Times Literary Supplement, das Film Quarterly, Le nouvel observateur, La revue des
deux mondes, Le Figaro, Le Monde, The Times, das Time Magazine und The New York Review of
books herangezogen.
186 Martin Miersch

„Le miracle de ce film, c’est qu’il n’est jamais anachronique, bien qu’il ne
cesse, à travers Danton et Robespierre, de nous parler d’aujourd’hui.“
(Furet, 14.01.1983) Besonderes Interesse verdiene der Film aufgrund der
von Wajda bewusst angelegten Duplizität der Lesart. Für Furet erscheint
Wajdas Versuch, stets gleichzeitig zu den Ereignissen von 1794 und 1981
Stellung zu nehmen, jedoch gelungen. Viele französische und englisch-
sprachige Zeitungen haben sich deshalb entschlossen, auf ihren generellen
Bericht zum Film noch ein Interview mit dem Regisseur folgen zu lassen,
um ihn dort insbesondere über seine Einstellung zu den Ereignissen in
Polen und deren Auswirkung auf den Film zu befragen. Aber auch Inter-
views mit Historikern werden im Laufe der Debatte veröffentlicht, um der
Frage nach der Authentizität14 auf den Grund zu gehen und um die Mög-
lichkeit der Übertragung der Ereignisse des Films auf die französische
Gegenwart zu erwägen. Der Historiker Louis Mermez verneint diese
Möglichkeit.15 Gleichzeitig weist er in seinem Le-Monde-Interview darauf
hin, dass Danton im Film zu positiv gezeichnet wurde und dass ihm der
Film in ästhetischer Hinsicht gefalle, er ihm in historischer Hinsicht je-
doch reserviert gegenüberstehe. Außerdem sei der Film nur mit einer ge-
wissen historischen Vorbildung zu verstehen, ein Verständnis, welches
dem üblichen Konsumenten von eingängigen Mantel-und-Degen-Filmen
fehle. Mermez nimmt den Film daher zum Anlass, für einen besseren Ge-
schichtsunterricht in Frankreich zu plädieren. Auf derselben Seite (Le
Monde widmete dem Film am 16.01.1983 eine ganze Seite mit vier Beiträ-
gen) beklagt Pierre Joxe, ein Schüler habe nach dem Film nur ein sehr
beschränktes Wissen über Danton, da er negative Seiten Dantons, wie
seine aktive Rolle bei den September-Massakern weder in der Schule noch
im Film kennen lernen würde (Joxe 1983: 15). Sein Fazit: „Un beau film,
mais quelle Histoire!“
Eine ähnliche Befürchtung äußert Bernard Guetta, der fragt, ob Wajda
lügt, wenn er vorgibt, Szenen aus der französischen Revolution zu liefern,
und doch eigentlich die Geschichte der polnischen Revolution erzählt
(Guetta 1983: 15). Er kommt zu dem Schluss, dass der Film keine Lüge
sei, da der Regisseur doch stets deutlich mache, dass es zwar Parallelen
gäbe, diese jedoch nicht unter der Preisgabe der historischen Wahrheit
forciert und konstruiert worden seien. Und wenn Danton im Film sagt:
„Le peuple n’a qu’un seul ennemi: le gouvernement.“, so könnte diesen
Satz ebenso gut Lech Walesa gesagt haben.

_____________
14 Hier spielt vor allem die Frage nach der korrekten Chronologie der Ereignisse eine Rolle,
die für Wajda eher nebensächlich ist, da er die Ereignisse aus dramaturgischen Gründen
auf den Zeitraum einer Woche zusammenziehen wollte.
15 „Il faut se garder de comparer ce qui n’est pas comparable.“ (Mermez 1983: 15)
DANTON 187

Der Regisseur und Schauspieldirektor Jürgen Flimm schaltet sich am


02.05.1983 in einer ausführlichen im Spiegel vorgenommenen Filmanalyse
in die Diskussion ein (Flimm, 02.05.1983: 174-186). Er scheut sich nicht,
DANTON in die Reihe anerkannter Meisterwerke wie NAPOLEON (Abel
Gance) und BARRY LINDON (Stanley Kubrick) einzureihen. Er betont,
dass hier ein differenziertes Bild der Revolution angestrebt wurde und
keine Verherrlichung der „Grande Révolution“ (Flimm 02.05.1983: 177).
Sein Interesse gilt allein den Qualitäten von Film und Darstellern und
nicht den aktuellen politischen Bezügen, die das Presseecho von 1983
dominieren. Karsten Witte dagegen interessiert sich für beide Aspekte. In
seinem ausführlichen Artikel für Die Zeit vom April 1983 reflektiert er
einerseits die Aufnahme des Films in Frankreich: „Begeistert waren die
Sozialisten Frankreichs vom Ergebnis nicht. Ihren Nationalhelden hatten
sie sich anders vorgestellt; strahlender, nicht von Fatalismus umfinstert.“
(Witte 1983: 39) Andererseits wendet er sich ausführlich den filmischen
Raffinessen Wajdas zu. Aber auch die Parallelen und gleichzeitigen Dis-
tanzierungsversuche des Autors zu den Ereignissen in Polen kommen
nicht zu kurz und auch Witte betont, dass der Film gewisse Grund-
kenntnisse vom Verlauf der Französischen Revolution voraussetze, da er
es dem Rezipienten nicht einfach mache, indem er etwa übersichtliche,
aber realitätsverzerrende Schwarz-Weiß-Malerei betreibe.
Anne Chaussebourg wies im Manchester Guardian darauf hin, dass die
Französische Revolution Teil des Mythos der französischen Sozialisten sei
und Wajdas Filmversion diesem Mythos widerspreche, indem sie Danton
rehabilitiere und Robespierre karikiere (Chaussebourg 27.02.1983a: 13).
Hinter den Protagonisten seien deutlich Lech Walesa und General Jaru-
zelski erkennbar.
Relativ spät, und zwar am 26.09.1983, bringt das Time-Magazine eine
Rezension des Films. Drei Faktoren, alle nahezu gleichwertig, scheinen
Richard Schickel zu dieser Rezension veranlasst zu haben: 1. die Tatsache,
dass der Film in Frankreich aufgrund der Empörung seitens der Sozialis-
ten bereits ein Medienereignis war, 2. die darstellerische Leistung der bei-
den Hauptdarsteller, die die politischen Hauptströmungen der Zeit ver-
körpern, und 3. Wajdas angebliche Gleichsetzung Dantons mit dem
Westen und Robespierres mit dem Stalinismus Osteuropas (Schickel,
26.09.1983: 59). Der Regisseur habe den Film als Parabel auf den Ost-
West-Konflikt der Gegenwart angelegt. Diese Relevanz mache den Film
auch für Nichtfranzosen interessant, die nicht an allen Einzelheiten jener
nur einwöchigen Phase der Französischen Revolution interessiert seien. In
ihrer Gegensätzlichkeit – Leidenschaft und Charisma auf der einen Seite
und eisige Vernunft und das stoische Festhalten an Prinzipien auf der
188 Martin Miersch

anderen – sei der Film eine deutliche Parabel auf die modernen Kontra-
henten Jaruzelski und Walesa.

Abb. 6: Danton im Gerichtssaal (Gérard Depardieu)

Fast alle Printmedien wählen ein Foto, das Depardieu alias Danton allein
und gestikulierend im Gerichtssaal zeigt, als Illustration ihres Beitrages
zum Film. Ist Platz für mehrere Fotos, wird auch ein Foto Pszoniaks,
seines Gegenspielers verwendet. Nur Wittes Beitrag für Die Zeit bietet
einzig ein Foto der Dreharbeiten mit dem Regisseur und Pszoniak im
Gespräch. In längeren Beiträgen findet sich zudem ein Bild, welches den
Ort des Geschehens, die Rednertribüne des Revolutionstribunals oder den
Platz mit der Guillotine zeigt.
Das internationale Medienecho kaprizierte sich demnach vornehmlich
auf die doppelte Lesart des Films als Kommentar zu einerseits histo-
rischen, andererseits aktuellen politischen Ereignissen. Auch die Frage
nach der historischen Authentizität wurde kontrovers diskutiert, wobei
das Dilemma eines jeden Historienfilms deutlich wurde, nämlich entweder
zu vereinfachen und damit auf wichtige historische Details verzichten zu
müssen, oder aber die Komplexität der Materie zu wahren und damit ei-
nen Großteil des Publikums zu überfordern.
DANTON 189

5.3 Der Film aus der Sicht der Cineasten

Für die Etablierung eines Films als Erinnerungsfilms ist auch die lebhafte
und vielschichtige Resonanz innerhalb der cineastischen Fachliteratur von
großer Bedeutung, da Autoren, die sich beruflich mit dem Medium Film
auseinandersetzen, besonders hohe formale Qualitätsmaßstäbe an einen
Film ansetzen und in der Regel durch ihre differenzierten Kritiken als
Meinungsmultiplikatoren fungieren. Sie wenden sich an ein Publikum, das
weniger an einem bestimmten Sujet oder Schauspieler interessiert ist, son-
dern an über die Tagesaktualität hinausgehender ‚Filmkunst‘, so dass die
jeweiligen Fachzeitschriften und Monographien oft auch noch lange nach
dem Filmstart konsultiert werden.
Marcel Martin hebt in seiner Rezension in La revue du cinema hervor,
dass es Wajda gelungen sei, die Sinnlosigkeit der Revolution darzustellen,
die „wie eine Naturkraft, wie Blitz, Hagelschlag oder ein Wirbelsturm“
über die Menschen hereinbreche (Martin 1983: 18). Dass die Macht mit
der Zeit mehr und mehr korrumpiert werde, die Revolution eine Eigendy-
namik entwickle und am Ende „ihre eigenen Kinder frisst“, sei eine euro-
päische Urerfahrung, die sich in zahlreichen späteren Umwälzungen und
Terrorregimen bis hin zum Stalinismus wiederholt habe. Für den Cineas-
ten Martin steht allerdings nicht das politische Potential des Films im
Vordergrund, vielmehr bettet er Wajdas Beitrag in die Reihe seiner Vor-
gänger, LA MARSEILLAISE von Renoir und NAPOLEON von Abel Gance
ein. Im direkten Vergleich bescheinigt er gerade Wajdas Verfilmung
besondere Qualitäten als Erinnerungsfilm: „Le face à face de Danton et de
Robepierre restera comme un morceau d’anthologie: Depardieu incarne,
plus qu’il ne le joue, un personnage qui correspond si bien à son propre
tempérament, Pszoniak s’avère magistral dans sa création.“ (Martin 1983:
19) In der Fokussierung auf das Duell Danton/Robespierre läge – so Mar-
tin – das Beeindruckende und Fesselnde des Films. Dass Wajda der Ver-
suchung widerstanden habe, einen ‚Kostümschinken‘ zu drehen und statt-
dessen viel Wert auf Authentizität des Dekors, eine spezielle
Farbästhetik16 und die ‚Neutralität der Kamera‘ gelegt habe, zeichne ihn
und seinen Kameramann Igor Luther aus.
Die Kenntnis der Protagonisten, Gruppierungen, der berühmten Sen-
tenzen und der Chronologie der Revolution setzt Martin beim (französi-
schen) Rezipienten voraus. Bei aller Komplexität der Handlung sei Wajda
ein handwerklich moderner Historienfilm gelungen, der in seinen Dialo-
gen die Aktualität der revolutionären Problematik unter Beweis stelle. Drei
_____________
16 Um den „style Eastmancolor“ (Wajda) zu vermeiden, hat man im Labor die Farben des
Films nachbereitet und sich so mitunter fast der Schwarz-Weiß-Ästhetik angenähert, die
dem düsteren Grundton des Films entgegenkommt.
190 Martin Miersch

Monate später, im April 1983, nimmt Martin erneut zu unserem Film Stel-
lung. Er begründet dies mit der „affaire“ und der enormen Medienreso-
nanz, die der Film inzwischen heraufbeschworen habe. Unter dem Titel
„La nouvelle affaire Danton“ liefert er eine Presseschau, in der die Debat-
te um mögliche Parallelen der gezeigten Ereignisse mit den aktuellen Vor-
gängen in Polen in den verschiedenen französischen Printmedien nach-
vollzogen werden kann. Unter dem Blickwinkel der Ost-West-Polari-
sierung der Zeit ist es nicht verwunderlich, dass immer wieder Wajdas
Zitat „Le monde de l’est c’est Robespierre; le monde occidental, c’est
Danton“ kolportiert wurde. Mit dieser Aussage konnten sich offenbar
viele der Kritiker von 1983 identifizieren. Auch die Frage, ob Danton nun
mit Walesa gleichzusetzen sei oder nicht, bewegte die Gemüter.
Aber auch die Bedeutung des Films als Kunstwerk im Vergleich mit
anderen Revolutionsfilmen wird häufig diskutiert. Indem David Robinson
in der Times auf die Filme von Griffith (ORPHANS OF THE STORM) und
Gance (NAPOLEON) rekurriert, macht er deutlich, dass DANTON als
Adaption eines Theaterstücks nicht das epische Format dieser kosten-
intensiven Vorgänger besitzt. Er kritisiert, dass Wajda nicht über derartige
Ressourcen verfügt habe, und verkennt dabei völlig, dass dieser gerade die
Intimität des Kammerspiels angestrebt hat. Andererseits ist Robinson
einer der wenigen Kritiker, der auf die konsequente Inszenierung der
Guillotine als geheimnisvolles, todbringendes Wesen hinweist (Robinson,
16.09.1983: 8). Janina Falkowska schließlich arbeitet in ihrer Studie über
DANTON heraus, dass für den polnischen Zuschauer von 1983 zahlreiche
deutliche Anspielungen auf die aktuelle Lage in Polen im Film versteckt
seien, insbesondere die Überwachung durch staatliche Spitzel, der Per-
sonenkult der Kommunisten, die Lebensmittelknappheit, die Schlangen
vor den Geschäften und die unfaire Verhandlungsführung bei Gericht
(Falkowska 1996: 103f ).
Die Cineasten, die DANTON rezensiert haben, haben diesen einerseits
in den Kontext des Genres Revolutionsfilm eingebettet, reflektierten an-
dererseits aber auch die bisherige Medienresonanz, die der Film hervorge-
rufen hatte, und griffen hier vor allem die Argumente für oder wider eine
aktuelle politische Lesart des Films auf.
DANTON 191

5.4 Die Presseresonanz in Polen

Bei einem Film, der bei einer sozialistischen Regierung unter Kriegsrecht
in Ungnade gefallen ist, wäre eigentlich ein vollkommenes Schweigen über
diesen Film zu erwarten gewesen, doch dem ist nicht so. Es gab also eine
Resonanz der polnischen Presse auf den Film, die gerade für das Weiter-
leben des Films im kollektiven Gedächtnis der Polen eine bedeutende
Rolle spielte.
Im Dezember 1981 habe – so Szporer – der Koproduzent von DAN-
TON, Film Polski, dem Regisseur nicht erlaubt, die Massenszenen des
Films in Krakau zu drehen, da wegen des soeben verhängten Kriegsrechts
Demonstrationen zu befürchten seien. In Polen gab es weder Werbung
für den Film noch eine nennenswerte Anzahl von Rezensionen (Szporer
1983: 28). Trotzdem erreichte der Film in den polnischen Kinos allein bis
Juni 1983 erstaunliche Besucherzahlen (Szporer 1983: 28). Gerade die hef-
tige politische Diskussion, die der Film in Frankreich provozierte und die
auch den Polen nicht verborgen blieb, mag die Neugier der Polen auf den
Film entfacht haben. Zudem konnte man – wie Szporer ausführt – in der
Person Robespierres und seiner Getreuen mühelos die herrschende kom-
munistische Partei wieder erkennen, zumal diese auch offiziell Robespierre
zu ihren historischen Vorläufern zählte.
Ireneusz Leczek schrieb in der Trybuna Robotnicza: „Naive activists op-
erate alongside experienced political players yearning for power and
money. All this is very close to recent Polish affairs. Consequently, my
opinion is that DANTON is much more Polish than it may seem.“ (Leczek,
16.02.1983, zit. nach: Falkowska 1996: 103)
Von allzu engen, in den Medien vorgenommenen Parallelisierungen
versuchte sich Wajda allerdings zu distanzieren, indem er am 6. Januar
1983 in einem Interview in Le Monde betonte, dass „Danton nicht Lech
Walesa, und Robespierre nicht Jaruzelski“ sei (Falkowska 1996: 103). In
Polen wurde der Film vor allem als polnischer Film rezipiert, d.h. es wur-
de häufig betont, dass das Drehbuch auf der Bühnenvorlage einer polni-
schen Autorin beruhe und dass eine deutliche Spiegelung der aktuellen
politischen Ereignisse in Polen vorgenommen werde (Falkowska 1996:
47).17 Stets wurde die Parallele Danton-Walesa gezogen, wobei Wajda
gelegentlich unterstellt wurde, dass er seine Emotionen und Ansichten
bezüglich der jüngsten Ereignisse in Polen auf die Protagonisten seines
Revolutionsdramas übertragen habe.

_____________
17 Mit Verweisen auf die Beiträge von Ireneusz Leczek in Trybuna Robotnicza 39 (1983) und
Marek Ostrowski in Polityka vom 05.02.1983.
192 Martin Miersch

In den chaotischen, 1794 im Konvent geführten Debatten erkannte


man die exzessive Streitkultur des polnischen Sejm wieder; in der Praxis,
politische Gegner durch das Erlassen neuer Gesetze mundtot zu machen,
sah man die Willkürherrschaft in der Zeit des Kriegsrechts gespiegelt, und
in der Methode, den Angeklagten mittels fingierter Beschuldigungen zu
verurteilen, fühlte man sich an die unfairen Mittel der polnischen Justiz
jener Zeit erinnert. Die Parallele Danton-Walesa wurde auf polnischer
Seite gelegentlich überstrapaziert und sogar die Solidarnosc-Bewegung mit
dem Auftreten der Dantonisten im Film in Verbindung gebracht, während
Robespierre vereinzelt mit der Militärregierung und sogar mit der Sowjet-
union gleichgesetzt wurde: „The Polish public saw the film as a clear me-
taphor for its situaton, where the ideological and political so called reasons
of state were at variance with human needs, happiness and personal free-
dom.“ (Falkowska 1996: 105)
Der polnischen Regierung musste missfallen, dass die Schilderung der
Personen und Ereignisse im Film nicht dem in Polen herrschenden Ge-
schichtsbild entsprach, nach dem allein Robespierre als vorbildlicher Re-
volutionär anzusehen sei, Danton aber als Konterrevolutionär ange-
sprochen werden müsse. Statt wie erwartet Schwarz-Weiß-Malerei zu
betreiben, lieferte der Film vielmehr ein differenziertes Bild seiner Prota-
gonisten.

5.5 Auszeichnungen

Auch die Preise, die der Film gewann, erweckten das Interesse der Medien
und konnten zum Anlass für eine weitere Berichterstattung genommen
werden. Sie bedeuteten darüber hinaus eine gewisse ‚Kanonisierung‘ des
Films, die seinen Status als Erinnerungsfilm zusätzlich stärkte. DANTON
gewann 1983 den Prix Delluc für den besten französischen Film des Jah-
res, den BAFTA Award für den besten ausländischen Film,18 den Kriti-
kerpreis des Polnischen Filmfestivals und den César für die beste Regie.
Am 3. September 1998 konnte der Regisseur in Venedig schließlich auch
den Goldenen Löwen für sein Lebenswerk entgegen nehmen. Interessan-
terweise wurde die Auszeichnung von dem eigens angereisten, ehemaligen
französischen Kulturminister Jack Lang überreicht. Dies geschah auf den
ausdrücklichen Wunsch Wajdas, der damit die Verdienste des Ministers
für das polnische Kino in den 1980er Jahren hervorheben wollte. Der
Geehrte hob hervor, dass Lang den polnischen Künstlern in der Zeit des

_____________
18 Der BAFTA Award der British Academy of Film and Television Arts wird seit 1948 ver-
geben.
DANTON 193

Kriegsrechts geholfen habe. Dieser erwiderte, „dass er den Preis einem


der größten Kinokünstler, aber auch einem Mann überreicht, der für die
ganze Welt zum Symbol des Widerstands gegen fremde Vorherrschaft
geworden sei.“19
Im Jahre 2000 bekam Wajda den Ehren-Oscar für sein Lebenswerk,
und 2001 verlieh ihm der deutsche Bundespräsident das Große Verdienst-
kreuz. In den zu den Ehrungen erschienenen Presseberichten wurde zu-
meist auf Wajdas Hauptwerke (darunter DANTON) hingewiesen.20 Zur
Oscar-Verleihung erschien ein opulent illustrierter Bildband, der auch
eingehend auf den Danton-Film eingeht. (Slodowska 2000)

5.6 Wajdas Danton-Film als Instrument der Kulturpolitik

Wir haben in den vergangenen Kapiteln gesehen, wie wichtig eine viel-
fältige Medienresonanz für die Konstituierung eines Films als Erin-
nerungsfilm ist. Ein Erinnerungsfilm kann jedoch auch oder zusätzlich das
Produkt staatlicher Filmförderung oder – denken wir an Eisensteins PAN-
ZERKREUZER POTEMKIN – das Produkt einer staatlich gelenkten Kultur-
politik oder einer politischen Kampagne sein. Im Folgenden soll daher die
französische Kulturpolitik der 1980er Jahre und ihr Interesse an DANTON
näher beleuchtet werden.
Kulturminister Jack Lang zeigte während der Mitterand-Ära ein be-
sonderes Engagement bei der Förderung französischer Historienfilme.
Sein erklärtes Ziel war es, „in politisch unruhigen Zeiten mit Hilfe von
Historienfilmen eine französische nationale Identität herzustellen“. (Aus-
tin 1996: 145) Die Französische Revolution gehörte für ihn zum nationa-
len Kulturerbe, ein Historienfilm mit dieser Thematik sei daher nicht al-
lein unter dem geschäftlichen Gesichtspunkt zu betrachten, sondern auch
Ausdruck der nationalen Geschichte und Werte und müsse daher finan-
ziell besonders gefördert werden (Powrie 1999: 26). Depardieu als „the
international embodiment of the french male“ (Powrie 1999: 27) sei in
besonderer Weise dazu geeignet, in einer orientierungslosen Zeit bestimm-
te Werte zu vermitteln. Vor dem offiziellen Filmstart in Frankreich im
Januar 1983 fand eine als privat bezeichnete, „halb offizielle“ Vorführung
statt, an der auch Präsident Mitterand teilnahm (Chaussebourg 1983a: 13).
Dieser zeigte sich unangenehm überrascht vom Ergebnis der staatlichen
Filmförderung, zumal die französischen Sozialisten eine Glorifizierung
_____________
19 Kulturbulletin Nr. 18 der deutschen Botschaft in Warschau: sz.gov.pl/files/file_library
/42/Ars0907n_5013.doc.
20 Vgl. Bericht über die Verleihung des Prix de la presse étrangère an Wajda (für DANTON),
in: La revue du cinema 381, März 1983, 4.
194 Martin Miersch

Robespierres betrieben und ihre Sichtweise auf die Revolution zum My-
thos erhoben. So verließ er vorzeitig den Vorführraum. Der Manchester
Guardian kommentierte diese Haltung folgendermaßen: „Yet Wajda’s ver-
sion contradicts the myth, rehabilitating Danton and caricaturing Robespi-
erre, behind whom lurk the shadows of Lech Walesa and General Jaru-
zelski.“ (Chaussebourg 27.02.1983a: 13) Antoine Baecque vergleicht die
Konfrontation Giscard d’Estaing/ Mitterand mit dem, wie er sagt, Schul-
beispiel des politischen Duells in Frankreich, der Konstellation Danton/
Robespierre. Die Sehnsucht der Franzosen nach einem charismatischen
Retter nennt er „la maladie infantile de la France moderne.“ (Baecque
2002: 26) Wie die beiden Revolutionäre zu ihrer Zeit stellten die Kontra-
henten Giscard d’Estaing und Mitterand zwei absolute Profis im Medien-
Duell dar. Ihr berühmtes Fernsehduell am 5. Mai 1981 haben sie daher
ähnlich wirkungsvoll inszeniert wie Danton seine berühmte Rede vor dem
Revolutionstribunal, und zwar als einen Kampf um die einzig wahre Welt-
anschauung, als einen Kampf um Leben und Tod.
Dem Versuch Jack Langs, die Einheit des französischen Volkes durch
die Identifikation mit nationalem Kulturgut zu fördern, konnte durch
Wajdas Film keine Unterstützung erfahren. Wajdas Farbregie im Film
macht deutlich, dass die Farben der Trikolore (Rot=Danton, Blau=Ro-
bespierre, Weiß=Desmoulins) den unversöhnlichen Hass der Parteien und
damit die Gespaltenheit des französischen Volkes zum Ausdruck bringen.
Die enttäuschten Reaktionen der französischen Linken auf den Film wur-
den allerdings unterschiedlich interpretiert: „The reaction of the French
Left to DANTON indicates a profound, and if I may say so, a personal
anxiety about the cultural role of the Left and, even more importantly,
about the inability of the Left to break out of the institutional constraints
even when in power.” (Szporer 1983: 28)
Die Förderung des Films durch die Regierung Mitterand ist im Zu-
sammenhang mit den kurz darauf einsetzenden, medienwirksamen und
politpropagandistisch genutzten Feierlichkeiten zur Zweihundertjahrfeier
der Französischen Revolution zu sehen. Die Bestätigung der politischen
Tradition der französischen Linken, wie sie 1989 im Bicentenaire über-
schwänglich zelebriert wurde (vgl. Chimeli, 19.01.1983), wurde durch die
Förderung des Films bereits gesucht, aber die Rechnung ging nicht auf:
Wajdas DANTON wandte sich vielmehr gegen die Mythologisierung der
Revolution und war daher für die Legitimierung der französischen Linken
ungeeignet, wie dies auch vielfach von den zeitgenössischen Kommenta-
toren erkannt wurde (Szporer 1983: 28). Damit war diese Facette des mul-
tiplen Erinnerungsfilms gescheitert, ohne ihn grundsätzlich in Frage stel-
len zu können.
DANTON 195

6. Zur Geschichte des Revolutionsfilms


Die Französische Revolution hat wie kein anderes Ereignis Frankreichs
Identität bis in die Gegenwart hinein geprägt. Aber nicht nur dort, auch in
anderen Ländern Europas sowie in den USA erschienen zahlreiche, ganz
oder partiell die Revolution thematisierende Spielfilme. Zu prüfen ist an
dieser Stelle, welcher der im Folgenden behandelten Filme ein besonderes
Potential als Erinnerungsfilm aufweist.
Bereits der Stummfilm hat sich mit jenem zum Mythos gewordenen
Ereignis beschäftigt. Mit Filmen wie L’ASSASINAT DU MARAT (1897) der
Gebrüder Lumière, LA MORT DE MARAT (1907) oder LA MORT DE RO-
BESPIERRE aus dem Jahr 1897 hielt die Französische Revolution Einzug in
den französischen Film.1912 drehte dann Albert Capellani in Frankreich
LA FIN DE ROBESPIERRE nach dem Drehbuch von Michel Carré. Die
frühen Revolutionsfilme dienten zwar in erster Linie der Unterhaltung,
transportierten zumeist aber auch eine politische oder moralische Bot-
schaft. Änderte sich die politische Situation, konnte diese Botschaft aus
der Sicht der Zensur zu einer Gefahr werden: Der 1914 entstandene Film
„1793“ nach dem Roman von Victor Hugo wurde zu Beginn des ersten
Weltkrieges verboten, da er nun als unpatriotisch galt und die Zerrissen-
heit der französischen Gesellschaft angesichts der deutschen Bedrohung
nicht thematisiert werden durfte. Vielmehr sollte auch im Medium Film
die Einheit der Nation beschworen werden.
In den 1930er-Jahren, als Frankreich in einer tiefen politischen Krise
steckte, in einer Zeit also, da extreme Gruppierungen Zulauf erhielten,
wurde 1937 LA MARSEILLAISE gedreht. Zur selben Zeit kam die Volks-
front aus Sozialisten und Kommunisten an die Macht. Der von Arbeiter-
organisationen mitfinanzierte Film von Jean Renoir thematisiert den
Marsch einer Gruppe von Leuten aus verschiedenen Bevölkerungsschich-
ten, die sich von Marseille nach Paris auf den Weg machen, um die Mo-
narchie zu stürzen. Im Zentrum steht die „Marseillaise“, das Lied der
Französischen Revolution, das hier von begeisterten Massen im Chor
gesungen wird. Über die Ziele des Films sagte Renoir später: „Es war eine
sehr enthusiastische Zeit, die Zeit der Volksfront, eine Art Feuerwerk vor
der Katastrophe. In Frankreich glaubten wir damals, dass die Streitereien
ein Ende hätten, dass wir zu einer gewissen Einigkeit aller Franzosen
kommen könnten.“ (Heine 2006: 1) Auch Wajda hätte – so bekennt er –
gern „einen enthusiastischen Film über die Revolution mit dem Volk als
Basis der Demokratie“ gedreht (Slodowska 2000: 174), aber die Ereignisse
in Polen, haben ihn zu einem melancholischen, teils sogar resignativen
Werk inspiriert.
196 Martin Miersch

D.W. Griffith schuf 1921 mit ORPHANS OF THE STORM jenseits aller
historischen Überlieferung eine sentimentale Heroisierung Dantons, in-
dem er diesen auf dem Höhepunkt des Films melodramatisch ein Wai-
senmädchen vor der Guillotine retten und den Film mit einem Plädoyer
gegen das allgemeine Blutvergießen enden lässt. Wie Wajda bietet er aber
eine Parallele zu aktuellen politischen Ereignissen, indem er deutliche Pa-
rallelen zu der Revolution der Bolschewiki in Russland zieht. Der Film ist
als Warnung an das Publikum anzusehen, jegliche Form von Willkürherr-
schaft (wie z.B. die Oktoberrevolution) gut zu heißen.21 Griffith war die
Bedeutung des Films als Erinnerungsmedium der Zukunft bereits voll
bewusst, denn er sah den Einsatz von Filmen im Schulunterricht bereits in
seiner programmatischen Schrift „Der Film in hundert Jahren“ von 1924
voraus (Vonderau 1999: 11). In Deutschland war ein gesteigertes Interesse
an der französischen Revolution insbesondere während der Weimarer
Republik vorhanden. Dimitri Buchowetzki drehte 1921 einen Danton-
Film mit Emil Jannings als Danton und Werner Krauss als Robespierre,
der vornehmlich auf das Duell der beiden Protagonisten und die sozialen
Unterschiede in der Bevölkerung fokussierte. Auf diese Danton-
Verfilmung nach Büchners Bühnenstück folgte 1931 ein ebenfalls DAN-
TON betitelter Film von Hans Behrendt.22 Behrendt wählte Gustaf Gründ-
gens und Fritz Kortner für die Hauptrollen aus. Danton, alias Kortner,
der im Gegensatz zu Depardieu den Danton als abschreckendes, vulgäres
Monster gibt, stirbt mit den Worten „Vive la liberté“. Neben dem Kon-
flikt der beiden Revolutionäre thematisiert der Film auch die äußere Be-
drohung Frankreichs, die Flucht des Königs nach Varennes und die Hin-
richtung von Ludwig XIV. und von Marie Antoinette. Im Mittelpunkt
steht allerdings die Liebesbeziehung zwischen Danton und der Adligen
Louise Gély.
Der vor Wajdas Verfilmung vorerst letzte Danton-Film wurde 1932
unter der Regie von André Roubaud in Frankreich gedreht. Ebenfalls
DANTON betitelt, war er ganz auf die sentimentale Schilderung des Le-
bens des Revolutionärs in den Jahren 1787-1794 konzentriert (Lefèvre
1988: 197). Wajdas Film unterscheidet sich von allen anderen Revoluti-
onsfilmen dadurch, dass er nur einen sehr kleinen Zeitrahmen wählt, sich
also auf eine Woche im Jahr 1794 konzentriert und vor allem eine diffe-
renzierte Charakterstudie bietet. Alle Revolutionsfilme, auch diejenigen, in
denen die Revolution nur am Rande eine Rolle spielt, treten in Erinne-
rungskonkurrenz mit dem Schul- und Fachbuchwissen. Die dort in der
Regel als Abbildungen verwendeten zeitgenössischen Darstellungen der
_____________
21 www.nytimes.com/movie/36681/Orphans-of-the-Storm/overwiev, 18.01.2008.
22 Vgl. Lefèvre 1988: 196. Dieser Film wurde am 21.02.1970 im ZDF gezeigt.
DANTON 197

Geschehnisse sind meist von geringerer suggestiver Kraft für den Rezi-
pienten, haben aber in der Regel den Vorteil der Authentizität.23
Nach 1937 verschwand die Französische Revolution wieder von der
Leinwand. In den folgenden 40 Jahren tauchte sie in Frankreich nur noch
in Form von Fernsehbeiträgen oder politisch wenig aussagekräftigen Kos-
tümfilmen auf. Nach einer längeren Phase ohne ernsthafte Auseinan-
dersetzungen mit dem Thema Revolution verfilmte dann 1973 die Thea-
terregisseurin Arianne Mnouchkine ihre Bühnenfassung von „1789“, ein
Film, welcher die Ereignisse in Frankreich bis zur Rückkehr des Königs
im Juni 1791 thematisiert. Interessanterweise hat nach Wajda kein Regis-
seur mehr versucht, die Französische Revolution selbst und ihre beiden
hauptsächlichen Protagonisten zum Thema eines Spielfilms zu machen.
Vielmehr tauchen in späteren Filmen amerikanischer oder europäischer
Provenienz revolutionäre Ereignisse nur am Rande auf, so etwa in der
distanzierten, passiven Beobachtung der Revolution in Eric Rohmers
L’ANGLAISE ET LE DUC von 2001 oder in Benoît Jacquots Film SADE von
1999, der zwar ebenfalls im Jahre 1794 angesiedelt ist, sich jedoch aus-
schließlich mit der Person des Marquis de Sade auseinandersetzt. Bezeich-
nenderweise konzentrieren sich nun mehrere Filme auf den Vorabend der
Revolution (RIDICULE von Patrice Leconte, F 1996, JEFFERSON IN PARIS
von James Ivory, USA 1995, MARIE ANTOINETTE von Sofia Coppola,
USA 2006) oder auf singuläre, eher marginale Ereignisse (L’ANGLAISE ET
LE DUC, LA NUIT DE VARENNES von Ettore Scola,24 IT 1982).
Alle diese Filme waren entweder auf eine spezifische, aber rasch inak-
tuell gewordene politische Konstellation hin zugeschnitten, wurden nur
auf nationaler Ebene rezipiert oder lieferten eine sentimentale Verklärung
der Ereignisse. Im Gegensatz zu all diesen Filmen bemühte sich Wajda
um ein sehr differenziertes Bild seiner beiden Protagonisten. Besonders
der Figur Robespierres, von der die Nachwelt ein monströses Zerrbild
anfertigte, widerfährt jenseits aller Klischees Gerechtigkeit. Hier gelang es
dem Regisseur aber auch zugleich, sich von der Robespierre ver-
herrlichenden Bühnenvorlage abzugrenzen, eine Leistung, die im Presse-
echo der Zeit fast durchgehend gewürdigt wurde.

_____________
23 Mitunter werden den Lesern jedoch romantisierende, dem Ereignis zeitlich fern liegende
Darstellungen des 19. Jahrhunderts zugemutet, die dem Laien eine tatsächlich nicht vor-
handene Authentizität suggerieren. Hier wäre eine Bebilderung mit Fotos aus Filmen ehrli-
cher, da diese sofort als Fiktion erkannt werden könnten.
24 Im Mittelpunkt dieses Films steht eine Reisegesellschaft des Jahres 1791. Die politische
Situation in Paris wird gar nicht, die Gefangennahme des Königs wird nur am Rande ge-
schildert.
198 Martin Miersch

7. Fazit
Zu der Zeit, als der Film in die Kinos kam, 1983, also kaum mehr als ein
Jahr nach Einführung des Kriegsrechts in Polen, lag es gerade für die pol-
nischen Zuschauer auf der Hand, die politische Lage, in der sie sich be-
fanden, in den im Film geschilderten Ereignissen widergespiegelt zu se-
hen. Vertrauter mit Repression, Pressezensur und Einschränkung der
Meinungsfreiheit, fiel es ihnen vermutlich leichter, die Anspielungen Waj-
das im Film zu erkennen, zumal es zum sozialistischen Alltag gehörte, in
den Medien ‚zwischen den Zeilen‘ lesen zu können. Wir haben es im Falle
von DANTON in mehrfacher Hinsicht mit einer instrumentalisierten Erin-
nerung zu tun. Wajda nutzt seinen Film als Instrument für eine politische
Stellungnahme, die er aufgrund seines Engagements innerhalb des staat-
lich finanzierten polnischen Films nicht direkt aussprechen zu können
glaubt. Die polnischen Medien nutzen den Film, um auf die undemokrati-
schen Zustände in ihrem Land hinzuweisen, die französischen, um ihre
Erinnerung an die Französische Revolution mit derjenigen Wajdas ab-
zugleichen, und die neue französische Regierung hatte ihre Filmförderung
mit der Hoffnung verbunden, den Film für ihre Politik der nationalen
Identität und der in der Revolution wurzelnden Tradition der sozialisti-
schen Partei nutzen zu können. Die divergierende Rezeption in Polen und
Frankreich wurde wiederum in der internationalen Presseresonanz thema-
tisiert.
Der Film hat in den Printmedien viel Polemik provoziert und eine
Debatte entfacht, die sich das ganze Jahr 1983 hinzog und zahlreiche eu-
ropäische und amerikanische Beiträge umfasste. Die führenden euro-
päischen Tageszeitungen nahmen in diesem Zeitraum oft mehrmals zu
DANTON Stellung, wobei die späteren Beiträge oft den historischen
Wahrheitsgehalt des Films oder die Aktualität der geschilderten Ereignisse
angesichts der Ereignisse in Polen zum Thema hatten. Wie kein anderer
Revolutionsfilm stand DANTON im Mittelpunkt des Medieninteresses und
wurde damit in den 1980er Jahren zum zentralen Erinnerungsfilm für den
Machtkampf zwischen Robespierre und Danton. Er stand 1989 als staat-
lich gefördertes visuelles Erinnerungsmedium zur Verfügung, als es darum
ging, angesichts des Bicentenaire der Französischen Revolution die französi-
sche Bevölkerung mit allen Details dieser Revolution vertraut zu ma-
chen.25 So wurde der Film Teil des Bicentenaire und damit Teil der kollekti-
ven Erinnerung an die Revolution. Dennoch war DANTON kein Produkt
einer staatlichen Propaganda, sondern Ausdruck der persönlichen Ausei-
nandersetzung eines Regisseurs mit geschichtlichen Ereignissen, aber auch
_____________
25 DANTON wurde in diesem Jahr mehrfach im französischen Fernsehen gezeigt.
DANTON 199

– und das wurde von vielen Rezensenten erkannt – Produkt der bewuss-
ten und unbewussten Manipulation durch eben diesen Regisseur, dessen
eigene Zeitgebundenheit und Einstellung zu den dargestellten Ereignissen
sich im Film widerspiegeln.
Jeweils um 1900 und um 1930, und in letzterem Fall besonders in
Deutschland, wurden vermehrt Filme mit Bezug zur Französischen Revo-
lution gedreht. Dieses gesteigerte Interesse ist auf die in dieser Zeit vor-
herrschende Glorifizierung der französischen Geschichte einerseits und
das nach dem ersten Weltkrieg zunehmende allgemeine Interesse an den
Ursprüngen des Sozialismus andererseits zurückzuführen. Eine ernsthafte,
differenzierte Auseinandersetzung mit dem Thema Revolution setzte al-
lerdings erst 1937 mit LA MARSEILLAISE von Jean Renoir ein. Revoluti-
onsfilme und insbesondere Danton-Filme waren immer auch politische
Stellungnahmen. So kann Behrendts DANTON von 1931 als Bekenntnis
zur bedrohten Weimarer Republik und zur Gewaltlosigkeit gelesen wer-
den, während LA MARSEILLAISE die politische Krise im Frankreich der
1930er-Jahre widerspiegelt.
Das Zusammentreffen von Regierungswechsel in Frankreich und der
Zuspitzung des Konfliktes in Polen bewirkte für den Film einen Synergie-
effekt, der sich hinsichtlich der Medienresonanz positiv auswirkte und
dem Film weit mehr Aufmerksamkeit bescherte, als es geschickte Promo-
tion und die Wahl eines populären Hauptdarstellers vermocht hätten.
Wajda selbst hat bekannt, dass er ein größtmögliches Publikum anspre-
chen wollte: „Ich konnte diesen Film nicht in Polen drehen, er hätte nicht
dieses Gewicht gehabt. Von unbekannten Schauspielern polnischer Spra-
che gespielt, wäre er zu provinziell gewesen. Ich wollte damit ja ein inter-
nationales Publikum ansprechen, was natürlich sehr schwierig ist von ei-
nem entfernten Land aus wie Polen.“ (Heinick: 04.02. 1983: 14) Wäre der
Film also wie zunächst geplant 1977 in Polen gedreht worden, hätte er
eine bedeutend geringere Resonanz gehabt. Durch die Koinzidenz zweier,
vom Regisseur nicht vorhersehbarer Ereignisse ist dem Film jedoch die
von Wajda erwünschte internationale Aufmerksamkeit zuteil geworden.
Der Film DANTON, der in Frankreich und Deutschland im Ge-
schichtsunterricht Verwendung findet, wird auch immer wieder von popu-
lären Zeitschriften für Sondernummern über die Französische Revolution
herangezogen. So zeigt das Titelbild der Zeitschrift PM History im Februar
2007 ein Standfoto aus dem Film mit Depardieu/Danton in heroischer
Pose. Auch 24 Jahre nach Wajdas Film ist dieses Foto nach Ansicht der
Redaktion offenbar in der Lage, die Französische Revolution zu verkör-
pern. So bestimmt der Film in nicht unbeträchtlichem Maße das kollektive
Gedächtnis bezüglich der Französischen Revolution. Der Film vermag –
so scheint es hier – dem Publikum einen intensiveren Eindruck (und
200 Martin Miersch

Kaufreiz) zu vermitteln als eine authentische Darstellung Dantons aus


dem 18. Jahrhundert. So tritt er als Erinnerungsmedium für viele an die
Stelle zeitgenössischer Quellen und vor allem an die Stelle früherer Revo-
lutionsfilme, die geringere Qualitäten als Erinnerungsfilm aufwiesen. In
der Presseresonanz auf den Film wurde deutlich, dass Wajdas Film den
Geschichtsunterricht nicht ersetzen kann, dass aber bei allen stets beklag-
ten Lücken im historischen Wissen der Franzosen auf eine breitere
Kenntnis der eigenen Geschichte aufgebaut werden könne, als etwa in
Deutschland. Dies lassen auch die relativ hohen Besucherzahlen bei His-
torienfilmen in Frankreich und deren oft komplexer und anspielungs-
reicher Aufbau vermuten. Als Erinnerungsfilm bezüglich der Ereignisse in
Polen um 1981/82 funktioniert der Film nicht, auch wenn das von der
konservativen französischen Presse nahe gelegt wurde (Witte 1983: 39).
Allerdings finden sich einige (mehr oder weniger deutliche) Analogien
dieser Ereignisse im Film, auf die von polnischer wie deutscher, französi-
scher und englischsprachiger Seite hingewiesen wurde. Zahlreiche Inter-
views, die Wajda 1983 den verschiedensten europäischen Zeitungen gab,
beziehen sich auf diese Analogien. Geprägt vom bipolaren Denken jener
Zeit waren die Medien besonders empfänglich für Ost-West-Analogien
und die Übertragung des im Film thematisierten revolutionären Prozesses
auf die Geschehnisse in Polen. Dadurch wurde dem Film eine Medienre-
sonanz zuteil, die weit über das übliche Maß hinausging. Und so prägt
Wajdas DANTON bis heute in hohem Maße das Bild Dantons in der Öf-
fentlichkeit. Der Film wurde vom breiten Publikum als besonders authen-
tisch erfahren, die politische Manipulation durch den Regisseur nur von
Wenigen erkannt. Der Film trug entscheidend zur Demontage des kon-
ventionellen Danton-Bildes bei und prägte somit das kollektive Gedächt-
nis in Bezug auf die Französische Revolution. Die erinnerungskulturelle
Analyse hat aber auch die heftigen Diskussionen deutlich werden lassen,
die der Film in den Printmedien auslöste und die dem hybriden Charakter
des Films als Erinnerungsfilm an die Ereignisse von 1794 und an die un-
mittelbare Vergangenheit in Polen Rechnung tragen. Gerade besonders
kontrovers diskutierte Filme haben ein großes erinnerungskulturelles Wir-
kungspotential und im Fall von DANTON mit seinem unterschiedlichen
Status als Erinnerungsfilm in Frankreich und Polen wurde deutlich, dass
Erinnerungsfilme erst durch ihre plurimedialen Kontexte zu solchen ge-
macht werden.
DANTON 201

Bibliographie
Film
DANTON (FRANKREICH, POLEN, DEUTSCHLAND 1983, Regie: Andrzei
Wajda).

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Das ‚unübersetzbare‘ kulturelle Gedächtnis
Frankreichs: ON CONNAÎT LA CHANSON

Stephanie Wodianka

The film ON CONNAÎT LA CHANSON by Alain Resnais appeared to great acclaim in


French cinemas in 1997, and the subtitled version was a box-office success in
other countries the following year. The film integrates excerpts of French chan-
sons from the 1920s to the 1990s, using the original sound coordinated with the
movements of the actors’ mouths, and choosing songs which correspond to their
feelings and thoughts. In this way, two popular lieux de mémoire are combined to
form an intermedial Gesamtkunstwerk—and provide an occasion to more closely
examine the relationship between film and chanson both in the film itself as well
as in the plurimedial context which was formed around the film. An analysis of the
reviews in newspapers, film magazines, and the Internet shows to what extent the
reactions outside of France retrospectively changed the French view of the film.
Not through the film itself or directly, but rather first through the reactions from
other memory cultures and the plurimedial network that thus surrounds the film,
ON CONNAÎT LA CHANSON initiated in France a self-reflexive consideration of the
francité and universalité of French cultural memory – and of the status of film and
chanson as competing media of memory and lieux de mémoire.

Der Film ON CONNAÎT LA CHANSON von Alain Resnais passierte 1997


mit größtem Erfolg die französischen Kinoleinwände, bevor er im Jahr
darauf als Originalversion mit Untertiteln auch im Ausland zum Kassen-
erfolg wurde. Der Film integriert französische Chanson-Ausschnitte der
1920er bis 1990er Jahre im Originalton, die den Schauspielern zu deren
Lippenbewegung ‚in den Mund gelegt‘ werden und deren Gefühlen und
Gedanken entsprechen. Damit werden zwei populäre lieux de mémoire zu
einem intermedialen Gesamtkunstwerk vereint – und geben diesem Bei-
trag Anlass, das Verhältnis zwischen Film und Chanson sowohl im Film
selbst als auch im plurimedialen Kontext, der sich um diesen konstituierte,
näher zu untersuchen.
206 Stephanie Wodianka

Eine Analyse des Films in seinem Verhältnis zu kultureller Erinnerung


bietet sich in besonderer Weise zum einen dadurch an, dass der Film den
Zusammenhang von kulturellem Gedächtnis, nationaler Geschichte und
individuell-biographischer Erfahrung thematisiert – vor allem über die
Chansons, aber auch über den Handlungsort, nämlich den Gedächtnisort
und Gedächtnisraum Paris der 1990er Jahre. Zum anderen – und das ist
der noch interessantere Punkt – zeigt eine Analyse der Rezensionen in
Zeitungspresse, Filmzeitschriften und Internet, inwiefern die Reaktionen
des Auslandes die französische Sicht auf den Film retrospektiv verändert
haben und dessen erinnerungskulturelle Dimension erst nachträglich ins
Bewusstsein der Franzosen gebracht haben. Der Film löst nicht selbst und
unmittelbar, sondern erst durch die Reaktionen aus anderen Erinnerungs-
kulturen und das ihn dadurch umspannende internationale plurimediale
Netz in Frankreich eine selbstreflexive Auseinandersetzung mit der francité
bzw. universalité des eigenen kulturellen Gedächtnisses aus – und mit dem
Status von Film und Chanson als konkurrierenden Erinnerungsmedien.

1. Filmimmanente Wege zum ‚Erinnerungsfilm‘


Die Originalität des allein in Cannes siebenfach preisgekrönten Filmes1
beruht gewiss nicht auf seinem Plot: ON CONNAÎT LA CHANSON – es ist
das alte Lied, die bekannte Geschichte von Liebesglück und Liebesleid,
von Sein und Scheinen.
Handlungsort ist das zeitgenössische Paris, dessen ebenso kulturelle
wie filmische Bedeutung durch die motivischen Stadtführungen der Pro-
tagonistin Camille immer wieder betont wird. Die zentralen Hand-
lungslinien werden durch die mehr oder (meist) weniger glücklichen Lie-
besbeziehungen der Protagonisten sowie deren Identitätskrisen bestimmt.
Zeitliche Orientierungen werden dem Zuschauer durch die mit Anspan-
nung erwartete und schließlich abgelegte Disputatio Camilles und die
nicht enden wollenden Wohnungssuchen von deren Schwester Odile bzw.
des Schaumschlägers Nicolas gegeben.
Camille – dargestellt von Agnès Jaoui, die gemeinsam mit Jean-Pierre
Bacri das Drehbuch des Films verfasste – ist Single, Doktorandin im Fach
_____________
1 ON CONNAÎT LA CHANSON erhielt in Cannes die Césars für den besten Film, den besten
Schauspieler, die beste weibliche Nebenrolle, die beste männliche Nebenrolle, das beste
Drehbuch und den besten Ton. Bei der Berlinale 1997 erhielt der Film den Silbernen Bär,
1998 wurde er mit dem Prix Louis Delluc und dem Prix Georges Méliès (Prix de la criti-
que) ausgezeichnet. Allein in Frankreich brachte er es auf 2,6 Millionen begeisterte Zu-
schauer, hatte in seiner Untertitelversion aber auch große Erfolge in Deutschland, Öster-
reich, Italien und Japan.
ON CONNAÎT LA CHANSON 207

Geschichtswissenschaft und steht kurz vor ihrer Disputation. Ohne kon-


krete Vorstellungen über ihre berufliche Zukunft verdient sie sich ihren
Lebensunterhalt durch besagte Stadtführungen (Gilbert Bécaud: „Natha-
lie“) und wird dabei verehrt und verfolgt vom geschichtsbegeisterten,
leicht alternden Simon (André Dussollier). Camilles unglückliche Affäre
mit dem aalglatten und skrupellosen Makler Marc Duveyrier (Jacques
Dutronc: „J’aime les filles“) gereicht ihrer schleichenden Depression nicht
zur Besserung. Einen (zu seinem Unglück lediglich) väterlichen Freund
findet Camille hingegen in Simon, der sich ausgerechnet als Gehilfe bei
besagtem Makler Duveyrier ein Zubrot zu seiner wenig lukrativen Tätig-
keit als Verfasser mediokrer Geschichtshörspiele verdient.
Odile (Sabine Azéma) repräsentiert in vieler Hinsicht das Gegenteil ih-
rer jüngeren Schwester Camille. Ganz mondäne Geschäftsfrau, ist sie von
Pragmatismus und Aktivismus getrieben – unverständlicherweise verheira-
tet mit dem eher lethargischen (Charles Aznavour: „Et moi dans mon
coin“), als Liebhaber wenig attraktiven und aktiven Claude (Pierre Arditi).
Gemeinsam suchen sie – selbstverständlich auf das Betreiben Odiles hin –
eine größere und schickere Eigentumswohnung. Auch hier führen die
Wege zu Makler Duveyrier, und im Zuge der unzähligen Wohnungsbe-
sichtigungen lernen sich Duveyrier und Schwester Camille kennen und
kurzzeitig lieben. Die Brüchigkeit der Beziehung zwischen Odile und
Claude zeigt sich im Verlauf des Films immer stärker, v.a. durch den un-
erwartet in Paris auftauchenden Bekannten Odiles, Nicolas (Jean-Pierre
Bacri), der im Gegensatz zu Ehemann Claude mit Charme und Kompli-
menten aufzuwarten weiß (Dalida et Alain Delon: „Parole, parole“). Sein
vorgegaukeltes Familienglück in England und der scheinbare berufliche
Erfolg werden am Ende des Filmes aber ebenso aufgedeckt wie die müh-
sam verborgenen Untiefen der übrigen Protagonisten, die sich zur Ein-
weihungsparty im neuen Appartement Odiles eingefunden haben, das sich
zu deren Entsetzen ebenfalls als Mogelpackung erweist.

1.1 Hommage an das Wiedererkennen

Der Reiz des Filmes – nicht nur für das Publikum, das die Kinokassen
klingeln ließ, sondern auch für erinnerungskulturwissenschaftliche For-
schungsinteressen – ist weniger auf der Handlungsebene zu suchen als in
einem Verfahren, das Resnais mit dem Regisseur Dennis Potter2 zugleich
_____________
2 Ausführlicher nimmt er dazu in den Cahiers du Cinéma Stellung: „J’ai fait découvrir les films
de Potter à Bacri et Jaoui, en leur disant, que le procédé des chansons intégrées dans la
fiction m’intéressait beaucoup. Je voulais qu’ils m’aident à le reprendre tout en faisant
quelque chose de différent. [...] Chez Potter, les chansons sont utilisées intégralement.
208 Stephanie Wodianka

verbindet und von ihm unterscheidet: Ausschnitte bekanntester Chan-


sons3 der 1920er bis 1990er Jahre werden im Originalton den Schau-
spielern zu deren Lippenbewegung ‚in den Mund gelegt‘, um deren Ge-
fühlen, Gedanken und Tagträumen Ausdruck zu verleihen. Dennis Potter
wird im Vorspann des Films explizit als Widmungsträger aufgeführt: Er
stand dem Verfahren insofern Pate,4 als er in seinen Filmen die Protago-
nisten Lieder im Originalton ‚Playback‘ singen ließ. Im Unterschied zu
Resnais werden die Lieder bei Potter aber in ihrer Integrität bewahrt und
nicht nach wenigen Zeilen abgebrochen.
Resnais strebt offensichtlich keine ausgewogene zeitliche Verteilung
oder repräsentative Auswahl der Chansons an (Frogon, 13.11.1997).5 Die-
se entstammen den Jahren 1921-1993, Interpreten sind u.a. Édith Piaf,
France Gall, Léo Ferré, Charles Aznavour, Josephine Baker, Serge Gains-
bourg, Gilbert Bécaud, Claude François und Julien Clerc. Programmatisch
ist gerade das assoziative Prinzip, nachdem die Chansonausschnitte –
niemals ganze Lieder – in die Handlung integriert werden:6 Sie werden als
spontan aktualisierbarer – oder sich als Ohrwürmer quasi selbst aktualisie-
render – Teil des kulturellen Gedächtnisses genutzt und scheinen in bana-
len Alltagssituationen als Gedächtnisfetzen auf. Sie repräsentieren dabei
die Verschränkung von Individuellem und Kollektivem, die auch titelge-
bend ist: Das alte Lied, das überindividuell bekannt ist und zugleich das
Persönlichste trifft. Die Chansons erscheinen als kollektiv passende, kom-
primierte Ausdrucksform von durchaus intimen und authentischen Ge-
fühlen. Ihr assoziatives Aufscheinen in konkreten Alltags- und Liebessitu-
ationen zeigt zwar die Verallgemeinerbarkeit des individuell Erlebten als
‚altes Lied‘ auf, aber ohne es zum Klischee zu diffamieren. Das situations-
bezogene Singen der ultrabekannten Liedfetzen wird als identifizierende
Aneignung des kulturellen Gedächtnisses vorgeführt, um dessen kulturelle

_____________
Nous nous avons choisi de n’en prendre que de courts extraits. Toute ma vie, j’ai eu
l’impression de n’avoir entendu que des bribes de chansons. On connaît rarement
aujourd’hui une chanson en entier. [...] Aujourd’hui, comme on baigne dans un climat de
musique omniprésente, on mémorise des phrases piquées on ne sait trop où, des mélodies
qui parfois se mêlent. On retient souvent la première partie du refrain, rarement la seconde
dont on a oublié le texte...“ (Baecque/Lalanne 1997: 51).
3 Alain Resnais erläutert dazu in einem Interview, er habe keine Chansons ausgewählt außer
„des tubes vraiment très connus, des rengaines, pour qu’on comprenne bien qu’il ne
s’agisse pas de chansons écrites pour le film.“ (Baecque/Lalanne 1997: 51).
4 So Resnais selbst in einem von Jean-Michel Frogon geführten Interview in Le Monde, 13.
11.1997: 24.
5 Resnais äußerte dazu, eine zeitlich ausgewogene Chansonauswahl hätte „trop lourd“ ge-
wirkt (Frogon, 13.11.1997: 24).
6 Resnais: „Le choix des chansons s’est donc fait à partir d’associations libres.“ (Frogon,
13.11.1997: 24).
ON CONNAÎT LA CHANSON 209

Relevanz und Gültigkeit damit zugleich auf kollektiver wie individueller


Ebene zu belegen.
Ganz wesentlich ist dabei die Tatsache, dass die Chansons nicht von
den Schauspielern nachgesungen, sondern im Originalton in deren Mund
gelegt werden. Auf diese Weise kommen die Chansons als ‚Kollektivgut‘
ins Spiel; sie erscheinen so, wie jeder (Franzose) sie kennt, unverändert
und unveränderlich, bewusst auch auf Kosten filmimmanenter Illusions-
effekte: Gleich zu Beginn des Films singt der deutsche Nazi-General von
Choltitz mit der Stimme der englischen, kaffeebraunen Josephine Baker,
und das von Alain Bashungh rotzig gegrölte „Vertiges de l’amour“ bewirkt
im Munde des liebenswürdig uncoolen, sich in französischer Militärkluft
auf ein Paradepferd träumenden Simon (André Dussollier) eine augen-
zwinkernd-ironische, vor allem aber auch mediale Distanz, die den Zu-
schauer darauf stößt, dass hier nicht Figurenrede gemimt wird, sondern
Chansons im Medium des Films inszeniert werden. Auch wenn Odiles
Ehemann das zuvor seiner Schwägerin aus dem Herzen sprechende
„J’m’enfous pas mal“ von Edith Piaf im Radio hört,7 werden im Film in-
termediale Effekte gesetzt, die die kollektive Dimension des kulturellen
Gedächtnisses und die Kollektivität seiner medialen Aneignungsformen
unterstreichen: Nicht der Film, sondern das Radio ist eigentlich das Me-
dium, das dem französischen Chanson zu Ruhm und Bekanntheit verhol-
fen hat.8
ON CONNAÎT LA CHANSON ist eine Hommage an das diffuse Wieder-
erkennen des Individuellen im Kollektiven – und umgekehrt des Kollekti-
ven im Individuellen. Dem Film kommt es dabei auf die emotionale In-
tensität dieses Wiedererkennens an und auf die Bedeutung, die Wieder-
erkennungseffekte für die Identitätskonstruktion besitzen. Wie zentral
dieser Aspekt angelegt ist, zeigt die Szene, die direkt nach der des mit
weiblicher Stimme singenden General von Choltitz gesetzt ist: Camille
und Nicolas stellen mit peinlicher Enttäuschung fest, dass sie sich zwar
spontan bekannt vorkommen, aber trotz verzweifelt stammelnder Versu-
che nicht in der Lage sind, sich gegenseitig zu identifizieren. Beide trifft
dieser Befund deshalb schmerzlich, weil sie sich um so mehr im Gefühl
ihrer Bedeutungslosigkeit bestätigt sehen: Camille, die die gesellschaftliche
Relevanz ihres Dissertationsthemas „Les chevaliers paysans de l’an mil au
_____________
7 Während der Chansontext für Camille durch ihr alle anderen Belange in den Schatten
stellendes Verliebtsein assoziiert wird, unterstreicht das „J’m’en fous pas mal“ aus dem Ra-
dio am Bett des einschlafenden Claude, dass ihn die ehrgeizigen Wohnungspläne seiner
Gattin ausgesprochen kaltlassen – der Refrain hat sich als ‚Kollektivgut‘ von seinem ur-
sprünglichen Bedeutungskontext gelöst.
8 Dass Simon Verfasser von geschichtsgetränkten Hörspielen ist, kann als zusätzliche Beto-
nung des Hörfunks als Medium des kulturellen Gedächtnisses gedeutet werden.
210 Stephanie Wodianka

Lac Paladru“ zunehmend verteidigen muss und auch darüber hinaus nicht
genau weiß, was nach der Promotion aus ihr werden soll, und Nicolas, der
sich als erfolgreicher Geschäftsmann und glücklicher Familienvater aus-
gibt, sich in Wirklichkeit jedoch in Paris nur als Chauffeur verdingt und
sich des Nachzugs seiner Familie aus England keineswegs sicher sein
kann. Dass das von ihm stolz hergezeigte Familienfoto – von ihm als in-
tim-persönliches Erinnerungsstück präsentiert – bei der neugierig-takt-
losen Betrachterin Odile Erinnerungen an eine Malzkaffee-Werbung
weckt, zeigt auf rührend-komische Weise, wie nahe sich Originalität und
Klischee, individuelle und kollektive Identitäten stehen.
Auf einer noch grundsätzlicheren Ebene arbeitet ON CONNAÎT LA
CHANSON mit Effekten des Wiedererkennens: Auch die anzitierten Chan-
sons werden vom Kinopublikum wiedererkannt, ebenso wie die sich hin-
ter diesen verbergenden, unsichtbaren Interpreten. Die Filmzuschauer
erleben sich durch dieses Wiedererkennen als Teilhaber und Träger des-
jenigen kulturellen Gedächtnisses, dem die Chansons entstammen. Die
gewählten Chansons besitzen einen Bekanntheitsgrad, der zusätzlich zu
einem ‚Homogenitätsgefühl‘ der Rezipienten beigetragen und identitäts-
konstituierend gewirkt haben dürfte: In Frankreich selbst im Sinne einer
nationalen kulturellen Identität, im Ausland möglicherweise im Sinne einer
frankophilen Kulturelite.
Nicht zuletzt sind es Regisseur und Schauspieler, die für Wiederer-
kennungseffekte beim Publikum sorgen. Alain Resnais feierte im Erschei-
nungsjahr des Films seinen 75. Geburtstag, und der Film ist in vieler Hin-
sicht ein ‚typischer‘ Resnais-Film, der dieses Datum nutzt und den Zu-
schauer seine Herkunft merken lässt: Schon seit HIROSHIMA, MON
AMOUR (1959) beschäftigt Resnais das Thema Erinnerung und Gedächt-
nis, und diese thematische Vorliebe wurde in den weiteren Filmen wie
MURIEL, OU LE TEMPS D’UN RETOUR (1963) und L’ANNÉE DERNIÈRE À
MARIENBAD (1961) fortgesetzt, ebenso in JE T’AIME, JE T’AIME (1968)
und in LA VIE EST UN ROMAN (1983) bis hin zu seinem berühmten Do-
kumentarfilm TOUTE LA MÉMOIRE DU MONDE (1956) über die Französi-
sche Nationalbibliothek. Der französische Starregisseur achtete auch beim
Casting darauf, dass sich das Publikum beim Betrachten des Films ‚zu
Hause‘ fühlen konnte und Vertrautes wiederentdeckte: Er arbeitete mit
seiner bewährten Schauspielerriege Sabine Azéma, Pierre Arditi, Fanny
Ardant und André Dussollier, die er schon bei Filmen wie LA VIE EST UN
ROMAN, L’AMOUR ET LA MORT, MÉLO, SMOKING/NO SMOKING erfolg-
reich eingesetzt hatte.9 Die Drehbuchautoren Agnès Jaoui und Jean-Pierre
_____________
9 Auch die englische Schauspielerin Jane Birkin fällt nicht aus dieser betont ‚französischen‘
Besetzung heraus: In Frankreich ist sie sehr populär und beliebt (man mag ihren englischen
Akzent und ihre kindliche Stimme), und ihr Vater kämpfte für die Résistance française.
ON CONNAÎT LA CHANSON 211

Bacri garantierten darüber hinaus ein Erkennen von Bekanntem, das den
Film von vornherein attraktiv machte und in einen Wiedererkennungs-
kontext früherer französischer Filme stellte: Bereits bei seinem Film
SMOKING/NO SMOKING (1993) hatte Resnais mit den „Jabac“10 erfolg-
reich zusammengearbeitet, sie wurden mehrfach in Cannes preisgekrönt11
und können in Frankreich sowohl als Schauspieler als auch als Dreh-
buchautoren auf große Popularität setzen. Auf diese Weise wird sowohl
die Vernetzung als auch die distributive Reichweite des kulturellen (fran-
zösischen) Gedächtnisses vor Augen geführt: Man kennt und erkennt
sich.12

1.2 Ein intermediales Gesamtkunstwerk aus lieux de mémoire

In diesem Sinne insistiert der Film programmatisch auf dem erinnerungs-


kulturellen Netzwerk, das ihn umgibt und als dessen funktionaler Teil er
sich versteht, wie auch die explizite Widmung an Dennis Potter deutlich
macht. ON CONNAÎT LA CHANSON ist ein verschiedene französische lieux
de mémoire13 als Gesamtkunstwerk einendes Projekt: allen voran die Chan-
sons, aber auch die Stadt Paris, die Nouvelle Vague, Schauspieler des fran-
zösischen film de qualité und – nicht zuletzt – die französische Résistance,
die nicht ohne Augenzwinkern und fern national verklärender Mythenbil-
dung als Erinnerungsort kollektiver Identitätskonstruktion aufgegriffen
wird.
Bemerkenswerterweise beginnt der Film nämlich mit einer Szene des
(eher deutschen als französischen, aber Frankreich rettenden) Wider-
stands: Der Nazi-Offizier von Choltitz erhält per Telefon von Hitler den
Befehl, die Stadt Paris innerhalb von 24 Stunden dem Erdboden gleich zu
machen. Seine Reaktion ist – im Film – das ihm in den Mund gelegte Sin-
_____________
10 http://www.ecrannoir.fr/dossiers/cinema97/stars97a/htm, 13.02.2008.
11 Sie erhielten 1994, 1997, 1998 und 2001 einen César für das beste Drehbuch, und auch
2004 wurden sie in Cannes für COMME UNE IMAGE mit dem Drehbuchpreis ausgezeich-
net.
12 In diesem Sinne auch die Kommentierung des Internet-Lexikons Wikipédia: „Par ses
dérapages impromptus dans la chanson de variétés au gré des états d’âme des personnages,
porteurs de lieux communs rassurants, ces rengaines nous touchent parce qu’elles nous
ressemblent.“ (http://fr.wikipedia.org/wiki/On_connaît_la_chanson, 11.10.2006)
13 Der Begriff wird hier ganz im Sinne Pierre Noras nicht nur im topographischen Sinne
verstanden: Er kann geographische Orte, Gebäude und Denkmäler ebenso umfassen wie
historische Persönlichkeiten, Gedenktage, Texte und symbolische Handlungen – oder eben
auch Gattungen bzw. Medien wie Chanson und film de qualité. S. dazu Nora (1984–1992),
hier zit. nach der dreibändigen Ausgabe Paris 1997. Eine theoretische Konzeptualisierung
der lieux de mémoire bringt Pierre Nora in dem vorangestellten Aufsatz „Entre Mémoire et
Histoire. La problématique des lieux“ (Nora 1997: 23-43).
212 Stephanie Wodianka

gen von Josephine Bakers „J’ai deux amours: mon pays et Paris“ und – in
der geschichtlichen Realität – die Befehlsverweigerung. Das Verständnis
dieser Eingangsszene ist Resnais so wichtig, dass er Stadtführerin Camille
ihrer touristischen Gefolgschaft – und damit auch dem weniger ge-
schichtskundigen Filmpublikum – die zuvor unkommentiert nachgestellte
Szene erläutern lässt. Dass kollektives Gedächtnis und kollektive Identität
nicht ohne die als Verständnis- und Deutungsrahmen fungierende histoire
française zu denken sind, wird überdeutlich im generellen professionellen
bzw. laienhaften Geschichtsinteresse, das Camille und Simon verbindet –
übrigens bezeichnenderweise beide von Depressionen heimgesucht, die
als Resultat des verlorenen ‚wahren Gedächtnisses‘ gedeutet werden kön-
nen, an dessen Stelle Pierre Nora zufolge ein nur als ‚Geschichte‘ reprä-
sentierter und in lieux de mémoire erstarrter Vergangenheitsbezug getreten
ist.
Vor dem Hintergrund der den Film eröffnenden Widerstandsszene
des Nazi-Offiziers wird am Filmende auch der ursprünglich auf eher per-
sönlichen Widerstand im Alltagsleben zielende, von der gegen ihren skru-
pellosen Makler aufgebrachten Odile mit geballter Faust angeeignete Re-
frain „Résiste!“ von France Gall14 in die Nähe der französischen Résis-
tance-Bewegung gerückt, was einige Rezensenten zu der Einschätzung
gelangen ließ: „Es ist, von der ersten Sekunde an, ein Film vom Wider-
stand.“15 (Göttler, 8.4.1998: 17) Der Film hat darüber hinaus noch einiges
mehr zu bieten, wie hier gezeigt werden soll, aber in der Tat wirkt die
Résistance als eine der maßgeblichen Hintergrundfolien: als Gründungser-
eignis und lieu de mémoire der französischen Nation, das die Film- und
Chanson-gestützte Bezugnahme auf die nationale Identität und deren kul-
turelles Gedächtnis deutlich untermalt.
Der bisher beschrittene Weg beim Aufzeigen des Zusammenhanges
von Film und kultureller Erinnerung am Beispiel von ON CONNAÎT LA
CHANSON ging vom Symbolsystem Film aus: Auf filmimmanenter Ebene
ist ein plurimediales erinnerungskulturelles Netz angelegt, auf das der Film
‚aus sich selbst heraus‘ verweist und in dem er sich positioniert – vor allem
und am offensichtlichsten durch die Integration von Chanson-Aus-
schnitten, aber auch durch die integrative Nutzung anderer lieux de mémoire
wie der beständig bei Stadtführungen und Wohnungssuchen ‚begangenen‘
_____________
14 Nach Meinung einiger Rezensenten ist dies das erinnerungsträchtigste, effektvollste und
markanteste Chanson im Film: „C’est assurément le Résiiiiste de Sabine Azéma qui aura
marqué le plus nos tympans et nos rétines. La chanson a été écrite et composée par Michel
Berger en 82 pour sa femme France Gall. [...] le single devint un tube. [...] Le refrain est
connu entre tous: Résiste, prouve que tu existes! La rime est implacable.“ (http://
www.ecrannoir.fr/films/97/chanson/chansons.htm, 13.02.2008).
15 Zur Bedeutung des Chansons für die Résistance s. Valérian (1996).
ON CONNAÎT LA CHANSON 213

Stadt Paris und der Résistance als Gründungserzählung der französischen


Nation sowie durch die Bezugnahme auf andere Filme, insbesondere
durch die Widmung an Dennis Potter und den Rückgriff auf eine dem
Publikum vertraute Schauspieler-Riege.

2. Konstitutive Außensichten
Ein in gewisser Weise gegenläufiger, aber im Zeichen unseres Unter-
schungsinteresses noch ergiebigerer Weg soll in den folgenden Ab-
schnitten beschritten werden: ein Weg, der umgekehrt bei dem den Film
umspannenden plurimedialen Netz seinen Ausgangspunkt nimmt, das sich
über die verschiedenen publizistischen Reaktionen in Zeitungen, Film-
zeitschriften und Internet konstituiert. Dabei zeigt sich – soviel sei vor-
weggenommen –, dass diese von verschiedenen Medien getragene Ge-
samtkonstellation die erinnerungskulturelle Dimension des Films erst
aufgedeckt und dabei retrospektiv mit geprägt hat, indem sie zur Reflexion
des Status von Chanson und Film als populären französischen Erinne-
rungsmedien führte.

2.1 légèreté des Chansons − francité des Films

Ausgangspunkt dieses Vorgehens ist der erstaunliche Befund, dass die


Bedeutung von ON CONNAÎT LA CHANSON als ‚Erinnerungsfilm‘ – sei es
in Bezug auf seine Thematisierung von Erinnerung / Gedächtnis, sei es in
Bezug auf den erinnerungskulturellen Status des Films und der in ihn in-
tegrierten Chansons – von den französischen Rezensenten zunächst kaum
wahrgenommen oder reflektiert wird. Auffälliges Stillschweigen herrschte
um die naheliegende grundsätzliche Einsicht, dass der Film durch die In-
tegration von Chansons eine zusätzliche Bedeutungsdimension gewinnt,
indem er auf die Alltagsnähe des kulturellen Gedächtnisses verweist. Und
obwohl die Vorliebe Alain Resnais’ für die Thematisierung von Erinne-
rung und Gedächtnis in bezug auf andere Filme immer wieder konstatiert
wurde, scheint sie der zeitgenössischen Filmkritik in Reaktion auf ON
CONNAÎT LA CHANSON nicht erwähnenswert zu sein, so dass die Frage
nach dem intermedialen Zusammenhang von Film und Chanson und sei-
ner Bedeutung für die Thematisierung von kollektivem Gedächtnis16 und
_____________
16 Bezeichnenderweise wird auch das im Film deutlich gestaltete Thema gelungener und in
Frage gestellter Identitätskonstruktionen nur auf der individuellen Ebene gesehen, nicht in
seiner kollektiven Dimension im Sinne eines nationalen kulturellen Gedächtnisses, das über
die Chansons und die Stadt Paris vermittelt wird: „Pour son quinzième long-métrage, ‚ON
214 Stephanie Wodianka

kultureller Erinnerung gar nicht erst aufkommt. Stattdessen wird der


Effekt der Chansons im Film in der langen Tradition Jean-Jacques
Rousseaus (vgl. Rousseau 1781: 150)17 auf heitere und märchenhafte
Leichtigkeit beschränkt: „La reprise de chansons populaires qui se
substituent aux dialogues donne à l’ensemble une légèreté joyeuse et
féerique“, kommentiert ein Filmrezensent in Le Monde (Frodon, 13.11.
1997: 24). Wieder einmal scheint das Chanson aus seiner Aschenputtel-
Rolle als ‚Lyrik für alle‘ nicht herauszukommen:
Bis heute steht das Chanson außerhalb oder zumindest am Rande des
poetologisch sanktionierten, ästhetischer Betrachtung und Durchdringung
teilhaftig werdenden kulturellen Systems. Es hat traditionell eine wesentli-
che Außenseiterposition inne, ja es führt immer noch ein poetologisches
Schattendasein, das zu seiner großen Bedeutung im realen kulturellen Sys-
tem in fortdauerndem Kontrast steht (Rieger 2005: 21f.).
Ganz in diesem Sinne werden die Chansons des Resnais-Films in der
französischen Tagespresse nicht in ihrer filmischen Funktion als Medium
der Erinnerung gewürdigt, sondern allenfalls als Teil des kulturellen Ge-
dächtnisses implizit vorausgesetzt, z.B. wenn diese als „tubes“, „rengai-
nes“ oder „refrains archiconnus“ bezeichnet werden. Aber gerade dieser
unreflektiert-selbstverständliche, nicht explizierte Umgang mit dem Ver-
fahren des Films, das der Erklärung scheinbar nicht bedarf und das als
‚selbstredend‘ aufgefasst wird, unterstreicht die tatsächliche Lebendigkeit
der Chansons im kulturellen Gedächtnis. Was erinnerungskulturell nicht
umstritten oder bedroht ist, bedarf keiner Metaisierung. ‚Chacun‘ denkt
und empfindet das Gleiche bei der assoziativen Konfrontation mit den
Chansonzitaten, die das Intimste ohne Bedeutungsverluste in kollektiv
verbindlicher Form auszudrücken vermögen18 – ein differenzierender
Hinweis darauf, dass mit ‚chacun‘ hier das französische Publikum gemeint
ist, liegt in den ersten Rezensionen zum Film noch fern:
[…] ces fragments de tubes (d’Ouvard à Hallyday, de Dalida à Jonasz) qui, à de
multiples reprises, viennent se substituer aux dialogues. Pour l’immédiat
enchantement du spectateur, évidemment. Mais aussi pour dire plus vite, et avec

_____________
CONNAÎT LA CHANSON, Alain Resnais a signé une réjouissante méditation où
s’entremêlent avec virtuosité les histoires, vraies ou fausses, des protagonistes du film, et
celles qu’on (se) raconte pour s’accommoder d’une existence invivable.“ (Frogon,
13.11.1997: 24).
17 S. dazu Rieger (2005: 27): „Schon der Musikliebhaber und -kenner Jean-Jacques Rousseau
machte in seinem Dictionnaire de Musique die ‚divertissement‘-Funktion zur Grundlage seiner
Definition des Chansons als anspruchslose, funktional ausschließlich dem delectare zuge-
ordnete Gattung, in der die Aufgabe des ‚divertissement‘ (der Reichen) durch diejenige der
Evasion (der Armen) ergänzt wird [...].“
18 „Wozu wurden Schlager schließlich geschrieben wenn nicht, um Dinge auf den Punkt zu
bringen? Hossa!!“ (o.V.: Der Stern, 08.04.1998)
ON CONNAÎT LA CHANSON 215

davantage d’échos, ‚Je t’aime‘, ‚Ne me quitte pas‘ ou ‚Je me sens seul et mal-
heureux‘: puissances et limites du cliché, justesse et superficialité des rengaines,
statut ambivalent de ces refrains archiconnus qui expriment et enferment à la fois
le plus intime de ce que chacun ressent, a ressenti, ressentira. (Frogon,
13.11.1997: 24)
Die Tatsache, dass die französische Presse den Chansons reinen Unter-
haltungswert zuschreibt bzw. die über die Chansons repräsentierte francité
des Films nicht zum Thema macht, ist umso erstaunlicher, als ansonsten
keine Gelegenheit ausgelassen wird, ON CONNAÎT LA CHANSON nicht nur
als Film, sondern vor allem als französischen Film in Szene zu setzen. So
wird z.B. gerne unterschlagen, dass der Film eine französisch-englisch-
schweizerische Coproduktion ist. Programmatisch wird der Film statt-
dessen in Ankündigungen und Besprechungen als „film français“ in der
Rubrik cinéma français dargestellt oder als „francofolie d’automne“ bezeich-
net.19
Besondere Bedeutung hat in diesem Zusammenhang auch, dass der
Film unter der Regie von Alain Resnais stand und deutlich die Prägung
des französischen Starregisseurs trägt – nicht zuletzt durch die bewährte
Zusammenarbeit mit den französischen Drehbuchautoren Agnès Jaoui
und Jean-Pierre Bacri, deren francité als „observateurs de la société françai-
se“20 außer Frage steht, sowie dank einer französischen Schauspielerriege,
die den französischen film de qualité repräsentiert (s.o.). Eine gewisse
Selbstbezüglichkeit des Resnais-Films als Resnais-Film wird auch deutlich,
wenn in ON CONNAÎT LA CHANSON die Bibliothèque Nationale Française,
der Resnais sich in einem seiner berühmtesten Dokumentarfilme widmete,
zum Handlungsort einer Szene wird. Hinzu kommt, dass Resnais im Er-
scheinungsjahr des Films seinen 75. Geburtstag feierte, der Anlass gab,
seine bisherigen Leistungen für das französische Kino zu würdigen und
den jüngsten Film im Gesamtwerk zu verorten. Filmbesprechungen wer-
den deshalb verbunden mit Rückblicken auf das beachtliche Œuvre Res-
nais’, die seine cinematographischen Leistungen Revue passieren lassen
und diese dabei ins kollektive Gedächtnis einschreiben. Auch der kulturel-
le Status des Films als patrimoine wird durch diese Kontextualisierung be-
tont und verfestigt, und man kommt dabei erstaunlich gut ohne die fran-
zösischen Chansons aus.
Da passt es völlig ins Bild, dass sich in den Filmrezensionen zu ON
CONNAÎT LA CHANSON umso häufiger Abgrenzungen des französischen
Kinos von Hollywood finden lassen. So werden die Drehbuchautoren
Jaoui und Bacri – beide „Parisiens et populaires“ – mit den Worten zitiert:
„Ce qui m’embête avec les Américains c’est leur faculté à tout copier
_____________
19 http://www.ecrannoir.fr/dossiers/aut97/nov5.htm, 13.02.2008.
20 http://www.ecrannoir.fr/dossiers/cinema97/stars97.htm, 13.02.2008.
216 Stephanie Wodianka

médiocrement...“21 Interessant und einschlägig ist auch eine Szenen-


interpretation in Le Monde, die den Dialog zwischen den Eheleuten Nico-
las und Jane zum Anlass nimmt, die Beziehungs- und Identitätsprobleme
des Schaumschlägers auf die cinematographische Ebene zu heben bzw.
auf den franko-amerikanischen Kinozwist zu beziehen. Die kritische, an
ihrem Mann gerichtete Nachfrage der Film-Ehefrau (Jane Birkin) mit den
Worten „Pourquoi tu veux toujours faire croire à tout le monde que tout
va bien, et que tu contrôles tout?“ erfährt vom Rezensenten nämlich die
fiktive Erweiterung: „Tu te prends pour un cinéaste-marchand de soupe
hollywoodien? [...] Pas Resnais, en tout cas, trop conscient des dangers de
la virtuosité sans conscience.“ (Frodon, 13.11.1997: 24)
In einem Interview mit Regisseur Resnais verweist der Journalist auf
die Nähe des Chanson-integrierenden Verfahrens zu einem seiner frühe-
ren Filme, um den Einfluss des von Resnais selbst im Vorspann ins Spiel
gebrachten Dennis Potter somit zu relativieren (vgl. Baecque und Lalanne
1997: 51) bzw. um die angloamerikanischen Einflüsse gegen Null zu de-
zimieren. Auch Alain Resnais selbst ist sichtlich darum bemüht, das Vor-
bild Potter retrospektiv klein zu halten mit Äußerungen wie „Je ne sais pas
du tout s’il y a une influence générale de Potter en dehors du procédé“
(Baecque/Lalanne 1997: 52) und bei aller Bewunderung und Ähnlichkeit
die Differenzen zu Potter zu markieren:
J’ai fait découvrir les films de Potter à Bacri et Jaoui, en leur disant, que le
procédé des chansons intégrées dans la fiction m’intéressait beaucoup. Je voulais
qu’ils m’aident à le reprendre tout en faisant quelque chose de différent. [...] Chez
Potter, les chansons sont utilisées intégralement. Nous, nous avons choisi de n’en
prendre que de courts extraits. (Baecque/Lalanne 1997: 51)
Vor allem aber liegt es Resnais am Herzen, die Distanz zum nur wenige
Wochen zuvor auf den Markt gekommenen Woody-Allen-Film EVERY-
BODY SAYS: ‚I LOVE YOU‘ kenntlich zu machen und die Erleichterung
darüber zu bekunden, dass sich sein Filmprojekt bei genauerem Hin-
schauen deutlich von dem des amerikanischen Starregisseurs unter-
scheidet:
Quand est sorti le film de Woody Allen, TOUT LE MONDE DIT ‚I LOVE YOU‘, mon
sang s’est figé. Je suis allé le voir tout de suite et cela m’a semblé très différent de
mon idée, heureusement. Les Jabac ont été rassurants, ils pensaient eux aussi que
le projet de Woody Allen n’avait vraiment rien à voir avec le mien. (Baec-
que/Lalanne 1997: 53)
Man könnte fast den Eindruck gewinnen, als würden die Chansons des-
halb in ihrer erinnerungskulturellen Bedeutung verschwiegen, weil der
Film ansonsten zu schnell eben nicht als französischer Film, sondern als

_____________
21 http://www.ecrannoir.fr/dossiers/cinema97/stars97ahtm, 13.02.2008.
ON CONNAÎT LA CHANSON 217

der internationalen Filmszene in vielem ähnelndes Projekt erscheinen


würde.
Die Reaktionen der ausländischen Filmkritik geben dieser Befürch-
tung jedenfalls Nahrung. So schreibt ein deutscher Filmrezensent: „Würde
das Alter und die Meisterschaft von Alain Resnais nicht Vergleiche verbie-
ten, man wäre versucht, ihn als Woody Allen Frankreichs zu bezeichnen
(vor allem eingedenk von EVERYBODY SAYS: ‚I LOVE YOU‘).“22 In der
deutschen Presse findet sich auch der (in Frankreich unterschlagene) Ver-
weis auf die zeitgleiche Inflation von US-amerikanischen Filmen, die das
klassische American Songbook bemühen und somit ein unausgesprochener
Bezugspunkt für Resnais bzw. für das internationale Filmpublikum sind.23
In der internationalen Rezeption steht ON CONNAÎT LA CHANSON somit
in völlig anderen erinnerungskulturellen und medialen Kontexten als in
Frankreich – und hat entsprechend auch einen unterschiedlichen erinne-
rungskulturellen Status, da dieser aus internationaler Perspektive durch das
Verfahren der Chansonintegration bestimmt wird. Die ‚kulturpatriotische‘
und identitätskonstitutive Dimension des Films für Frankreich wird in der
französischen Presse entsprechend maßgeblich über Resnais als französi-
sche Regisseur-Persönlichkeit stark gemacht – das Erinnerungsmedium
Film wird hier stillschweigend deutlich gegenüber dem Chanson privile-
giert, wenn es um die Klarstellung der Tatsache geht, dass dies ein franzö-
sisches Kulturprodukt ist. Wie groß auch aus der Außenperspektive die
Bedeutung des Films für das französische kulturelle Selbstverständnis ist,
zeigt ein deutscher Pressekommentator, der feststellt, „dass nirgends die
Leidenschaft fürs Kino so groß ist wie in Frankreich. Es ist jene Mischung
aus Stolz und Eitelkeit, aus der sich auch das Selbstbewusstsein speist, es
im Grunde jederzeit mit dem amerikanischen Kino aufnehmen zu kön-
nen.“ (Süddeutsche Zeitung, 02.03.1998) In ähnlicher Weise bestätigt auch ein
Artikel des Spiegel die französische Selbstsicht als Filmnation:
Der Sonderfall des französischen Films innerhalb des europäischen [...] hat mit
Traditionstreue zu tun, mit Eigensinn alias nationaler Arroganz, mit Kult und
Pflege der eigenen Schauspieler (wie auch der eigenen Schlagermusik), mit reich-

_____________
22 http://www.schnitt.de/filme/artikel/leben_ist_ein_chanson__das.shtml, 13.02.2008.
23 „Geradezu inflationär kommen derzeit aus Hollywood Filme ins Kino, die mit musikali-
schen Reverenzen an frühere Jahrzehnte gespickt sind. Welchem Zweck dient solche
Filmmusik? [...] Das Repertoire des klassischen „American Songbook“ [...] ist mittlerweile
gleich für mehrere Generationen ein gültiger Ausdruck von Gefühlen und Lebensphiloso-
phie geworden. [...] Songs wie ‚Night and Day‘, ‚The way you look tonight‘ oder ‚Somew-
here over the rainbow‘ gehören zum kulturellen Gedächtnis (zumindest Amerikas) – sie in
einem Film zu verwenden, kommt einer vielversprechenden Verabredung mit dem Publi-
kum gleich. Solche Filme funktionieren auf paradoxe Weise: als nostalgische Rückversiche-
rung der Zuschauer, die womöglich noch gar nicht geboren waren, als die Lieder entstan-
den sind.“ (o.V., Tages-Anzeiger, 27. Juli 1998).
218 Stephanie Wodianka

lich Produktionsförderung und nicht zuletzt mit einer beispiellos zählebigen Pro-
duktivität: Frankreichs internationaler Kinoruhm beruht auf einem halben Dut-
zend immer noch aktiver Filmemacher über 70 sowie einer Handvoll weiterer im
frischen Rentenalter [...]. (Jenny, 6.4.1998)

2.2 Un film de vieux?

In den französischen Filmzeitschriften wird das Verfahren der frag-


mentarischen Chanson-Integration im Unterschied zur Einschätzung in
der französischen Tagespresse nicht lediglich als für Heiterkeit sorgender
Stimmungsmacher gedeutet, und so erfährt auch die intermediale Dimen-
sion des Filmes stärkere Berücksichtigung. Hier kommen die Chansons als
Teil des kulturellen Gedächtnisses in den Blick, und auch die Chanson-
Auswahl findet Aufmerksamkeit, statt als selbstverständlich-zufällig hin-
genommen zu werden.
So wird konstatiert, dass es sich bei den von Resnais assoziierten
Chansons um solche handelt, die der eher kommerziellen als intellektu-
ellen Musikszene verpflichtet sind: „Toutes les chansons sont puisées dans
le stock le plus commun de la variété française, il n’y a pas de chanteur
‚intello‘, sinon Léo Ferré, mais ‚Avec le temps‘ n’est pas son moindre
succès commercial.“ Diese Feststellung wird allerdings versöhnlich
relativiert durch die Einsicht: „Le film bien sûr exigeait cette connaissance
a priori des chansons pour atteindre un de ses buts – faire rire [...].“ (Bou-
quet 1997: 48) Selbst hier wird also den Chansons das faire rire als wesent-
liche Funktion im Film zugeschrieben, trotz der reflektierteren und dis-
tanzierteren Sicht auf das Chanson-Corpus bleibt deren Funktion als
Repräsentanten eines französischen kulturellen Gedächtnisses ein sekun-
därer Befund. Aber immerhin wird die Verbindungslinie zwischen ‚Chan-
son‘ und ‚mémoire‘ gezogen, und zwar in nationalspezifisch und generati-
onell differenzierender Weise:
[…] l’absence de toute musique anglo-saxonne, et de tout chanteur même
français apparu récemment (pas de Patricia Kaas ou de Jean-Jacques Goldman),
produit une impression étrange. [...] on oserait dire que Resnais a réussi un grand
film de vieux. Qu’est-ce qu’un film de vieux? [...] un film qui a une certaine
mémoire des choses et du monde et qui n’est pas prêt à la sacrifier au profit du
culte du contemporain. (Bouquet 1997: 48)
Aus dieser Perspektive ist ON CONNAÎT LA CHANSON also ein Film für
alte Franzosen, ein Film, der sich durch seine francité und seine Verwei-
gerung des Aktuellen wider den Zeitgeist stellt.24 Interessant ist es hier
_____________
24 Zu Tendenzen des französischen Chanson zur Entstehungszeit des Resnais-Films s. Calvet
(1994).
ON CONNAÎT LA CHANSON 219

festzuhalten, dass die differenziertere und reflektiertere französische Film-


kritik denjenigen ausländischen Kritiken (vorsorglich) widerspricht, die in
ON CONNAÎT LA CHANSON das kulturelle Gedächtnis Frankreichs reprä-
sentiert sehen wollen.25 Die französische Innensicht ist – wenn sie denn
geübt wird – differenzierter, indem sie die Generationsspezifik von Erin-
nerungskulturen ins Spiel bringt.26 Zugleich widerspricht sie dem Resnais-
Kult, der in der französischen Tagespresse mit dem Film verbunden wur-
de. Resnais ist eben letztlich doch nicht nur ein Jubiläum feiernder Starre-
gisseur, sondern auch ein alter Mann. Und ob alle Franzosen dessen
‚mémoire‘ teilen, ist – film de qualité hin oder her – höchst fragwürdig.
Die höhere Abstraktions- und Reflexionsebene der Filmzeitschriften
führt auch zu einer tiefgründigeren Analyse der Verschmelzung von Indi-
viduellem und Kollektivem, die der Film vor Augen führt und die unmit-
telbar mit der Bedeutung des kollektiven Gedächtnisses für das individuel-
le Wahrnehmen, Erleben und Erinnern verknüpft ist.
Dans ce film, [...] ce qui est le plus intime à chacun des personnages, cet
imaginaire qui passe par des chansons qu’il connaît par cœur, est aussi ce qui
appartient à tout le monde. L’inconscient et l’imaginaire personnels se disent
essentiellement par l’inconscient et l’imaginaire collectifs. (Baecque/Lalanne
1997: 51)
Und auch Alain Resnais erläutert für die Leserschaft von Filmzeitschriften
sein Verfahren der originalen Chanson-Zitation im Film und beschreibt
hier dessen Funktionen und Funktionieren. Interessanterweise führt er
dabei explizit den Film als etablierten Referenzpunkt für das französische
kulturelle Gedächtnis an, um den ebenbürtigen Status bzw. das eben-
bürtige alltagskulturelle Erinnerungspotential des Chansons zu behaupten:

_____________
25 So spricht ein Jahr später die deutsche Filmkritik von Interpreten, „[...] deren Chansons
allen Franzosen seit Jahrzehnten aus dem Herzen sprechen“ (o.V.: SZ Extra, 09.-
15.04.1998: 5). Differenzierter ist ein Kommentar von Rüdiger Suchsland: „Die Lieder sind
witzig für die, die sich da gut auskennen, also für ältere Franzosen [...]. Für alle anderen, die
nicht bei jedem zweiten Song wissend ihrem Nachbarn zuzwinkern (was im dunklen Kino-
saal sowieso zum Problem wird), ist der Film schlicht langweilig.“ (Suchsland,
http://www.artechock.de/film/text/kritik/l/leise1.htm, 13.02.2008).
26 Von einer aus generationsspezifischen Zuschreibungen resultierenden Befürchtung ist auch
ein Artikel in Le Monde aus dem Jahr 2004 getragen, der glaubt, das Resnais-Bild der ‚jun-
gen Generation‘ gerade rücken zu müssen, das durch Filme wie ON CONNAÎT LA CHAN-
SON in Schieflage geraten sei: „La jeune génération pourraît être tentée de le réduire à un
amateur insolite de variété (ON CONNAÎT LA CHANSON, 1997) ou d’opérette (PAS SUR LA
BOUCHE, 2003). L’excellente initiative consistant à présenter au public l’intégrale de son
œuvre permet heureusement de remettre les pendules à l’heure: Alain Resnais, sous l’allure
fantaisiste et enchantée de ses derniers opus, est peut-être, sauf le respect qui lui est dû, le
plus déglingué des cinéastes français.“ (Mandelbaum,, 7.1.2004: 30). Aus dieser Perspektive
(der Alten?) ist ON CONNAÎT LA CHANSON kein ‚film de vieux‘ (Perspektive der Jungen?),
sondern ein sich an die junge Generation richtender Film.
220 Stephanie Wodianka

[…] l’imaginaire est évidemment aussi réel que le réel. Ce qui a été vu dans les
films, ou entendu dans les chansons, travaille les gens de façon analogue aux
souvenirs vécus. [..] Cela finit par faire partie de l’expérience de chacun. [...] Pour
montrer cette imbrication, il fallait cependant que les chansons soient en
fragments, que leur intervention soit souvent très courte, qu’elles opèrent par
petites touches très vives qui s’imbriquent dans le quotidien le plus ordinaire.
(Baecque/Lalanne 1997: 51)

2.3 Chansons als culture populaire – der Alltag des Gedächtnisses

Mit dem Verweis auf den filmischen Bezug zum Alltagsleben ist ein weite-
rer Aspekt angesprochen, der für den erinnerungskulturellen Status des
Films von Bedeutung ist, und auch hier unterscheiden sich die Film-
kritiken der Tagespresse von den Analysen der Filmzeitschriften in ihrer
Einschätzung. Während die Filmrezensenten der Tageszeitungen die
Chansons als Heiterkeit und Leichtigkeit vermittelnde Zutat des Films
(ab)qualifizieren, diskutieren die Filmzeitschriften die Chansons immerhin
als Teil der Populärkultur (auch hier bleibt der kanonisierende Ritterschlag
zur Aufnahme in die Welt der Kunst aus), die als solcher den Resnais-Film
und seine (erinnerungs)kulturelle Bedeutung mit konstituieren.27 So
spricht Stéphane Bouquet vom „l’autre grand plan de filiation du film: la
culture populaire qui a toujours participé de l’imaginaire de Resnais“
(Bouquet 1997: 48) – und verweist damit darauf, dass ON CONNAÎT LA
CHANSON keineswegs das Resnais-Bild ‚unseriös‘ verzerrt (vgl. Bouquet
1997: 48), sondern gerade durch seine populärkulturellen Anteile deutlich
die Handschrift des französischen Regisseurs trägt.
Alain Resnais zeichnet sich in der Tat seit jeher durch eine besondere
Sensibilität für die Alltagsverankerung der Kultur aus, die er für seine Fil-
me fruchtbar zu machen weiß. Zur Begründung der nur ausschnittweisen
Einspielung der Chansons im Film wird er in den Cahiers du cinéma zitiert:
Toute ma vie, j’ai eu l’impression de n’avoir entendu que des bribes de chansons.
On connaît rarement aujourd’hui une chanson en entier. [...] Aujourd’hui, comme
on baigne dans un climat de musique omniprésente, on mémorise des phrases
piquées on ne sait trop où, des mélodies qui parfois se mêlent. On retient souvent
la première partie du refrain, rarement la seconde dont on a oublié le texte...
(Baecque/Lalanne 1997: 51)
Mit dieser Einschätzung formuliert Resnais treffend die Tatsache, dass
Chansons nicht als integre Artefakte, sondern oftmals nur als Fragmente
im kulturellen Gedächtnis zu überleben vermögen, die eine gewisse Un-
_____________
27 Zu diesem Spannungsverhältnis zwischen quantitativer Verbreitung und qualitativer Ak-
zeptanz ‚als Kunst’ s. auch Klein (1994): 63-65.
ON CONNAÎT LA CHANSON 221

abhängigkeit von ihrem Schöpfer, ihrem Interpreten und sogar von ihrem
ursprünglichen Bedeutungszusammenhang erreichen: Das erfolgreiche
Chanson verwandelt sich vom Kunstlied zum Volkslied und „überlebt –
anders als im allgemeinen ein literarisches Kunstwerk – in der Erinnerung
den Namen seines individuellen Schöpfers, emanzipiert sich von ihm, um
zum Besitz des Kollektivs zu werden.“ (Rieger 2005: 31) Diese grundsätz-
liche Einsicht steht am Ursprung des Verfahrens von Resnais, das die
Chansons in ihrer Intensität als ‚Gedächtnisfetzen‘ zur Geltung kommen
lässt.
Von seinen Eltern wurde Resnais – so berichtet er selbst in einem In-
terview – kritisiert mit den Worten: „Alain, tu es terrible parce que tu n’as
pas la hiérarchie des valeurs!“ (vgl. Baecque/ Lalanne 1997: 51) Mit die-
sem Zitat elterlicher Kritik – der Regisseur des ‚film de vieux‘ (s.o.) insze-
niert sich damit interessanterweise mit seiner Sichtweise als Repräsentant
einer jüngeren Generation – illustriert Resnais die Widerstände, die seinem
von der interviewenden Journalistin angesprochenen ‚goût de la culture
populaire‘ begegnen. Die von der Eltern formulierte Position vermag –
obwohl sie möglicherweise schon in den 30er Jahren geäußert wurde,
denn Resnais ist Jahrgang 1922 – zugleich zu erklären, warum die franzö-
sische Tagespresse so stark auf ON CONNAÎT LA CHANSON als film de qua-
lité und so oberflächlich auf die in ihm zitierten Chansons reagierte. Man
akzeptierte die Chansons nicht als dem Film ebenbürtigen medialen Teil
des intermedialen Gesamtkunstwerks Chanson-Film und war deshalb mit
einer gewissen Blindheit gegenüber der subtilen Funktion der Chansons
geschlagen. Die offensichtliche francité des Films erklärte und propagierte
man, indem man den Film als (Resnais-)Film inszenierte. Das französische
Publikum ist zwar stolz auf die Popularität des französischen film de qualité,
bis zum Stolz auf das populäre Chanson in seiner alltagskulturellen Funk-
tion (vgl. dazu auch Bügler-Arnold 1993: 88) ist der Weg aber scheinbar
weiter, und man bedarf ermutigender Worte aus der Perspektive anderer
Erinnerungskulturen, um diesen Teil des kulturellen Gedächtnisses als
solchen zu erkennen und um zumindest retrospektiv seinen Status inner-
halb und außerhalb des Films überdenken zu können.
Denn erst im Folgejahr der Kinopremiere, mit dem Anlaufen der Un-
tertitel-Versionen im Ausland, setzt sich in Frankreich die selbstreflexive
Erkenntnis einer erinnerungskulturspezifischen Rezeption des Filmes
durch, und erst in diesem Zusammenhang kommen die Chansons in ihrer
über Heiterkeitsstiftung hinausgehenden Funktion auch im Feuilleton in
den Blick.
222 Stephanie Wodianka

2.4 Französisches Kulturgut und deutscher Schlageralptraum

Auslösendes Moment dieser neuen Perspektive auf ON CONNAÎT LA


CHANSON sind zahlreiche Reaktionen des Auslandes auf den Film, der
nun auch mit deutschen, italienischen, englischen und sogar japanischen
Untertiteln die Kinosäle füllte und offensichtlich „so ganz und gar franzö-
sisch ist, dass man nicht einmal in Deutschland versucht hat, ihn zu syn-
chronisieren.“ (Jenny, 06.04.1998) Unter dem Titel: „Alain Resnais insze-
niert ein Musikantenstadl für ältere Franzosen“ kommentiert ein Film-
kritiker im Internet:
Dieses Konzept ist nicht nur extrem manieriert, sondern überdies so französisch
wie eine große Portion Gänsestopfleber. Um sich den – nicht nur durch gewisse
historische Brüche bedingten – Abstand zu deutschen Verhältnissen klarzuma-
chen, stelle man sich nur einmal einen deutschen Film vor, in dem Wim Wenders
Regie führte, und Gudrun Landgrebe mit Mario Adorf zu Liedern von Hans Al-
bers, den Comedian Harmonists, Harald Juhnke und Guildo Horn die Lippen
bewegt. Aber während in Deutschland das Leben eine Baustelle ist, ist es in
Frankreich halt ein Chanson. Wo der Deutsche zweifelt und ständig an-, um-
oder aufbaut, da isst der linksrheinische Nachbar selbstzufrieden sein Baguette
mit Ziegenkäse und singt ein Lied.28
Der Film wird nicht nur als typisch französisches, zur Klischeebestätigung
reizendes Kulturprodukt rezipiert, sondern initiiert auch eine Reflexion
darüber, warum dieser Film nur in Frankreich – oder zumindest auf kei-
nen Fall in Deutschland – entstehen konnte. Die Distanz zum deutschen
Schlager wird ostentativ angewidert zum Vergleich angeführt, um klarzu-
stellen, dass das Erfolgskonzept von ON CONNAÎT LA CHANSON eben ein
französisches Erfolgskonzept ist – und dass die deutsche Schlagerszene
auf gar keinen Fall auf die Idee kommen sollte, sich in ähnlicher Weise als
populärkultureller Beitrag zum deutschen Selbstverständnis in Szene zu
setzen.29

_____________
28 http://www.artechock.de/film/text/kritik/l/leise1.htm.
29 Trotz aller Warnungen hat Regisseur Martin Walz kürzlich mit MÄRZMELODIE (2008) das
Experiment gewagt und kassiert dafür umgehend die einschlägige Kritik: „Die Idee ist
wirklich ganz hübsch: Weil Worte manchmal eben einfach nicht ausreichen, fangen die Fi-
guren in emotional kniffligen Situationen einfach an zu singen. Und zwar deutsche Lieder
und Popsongs aus den vergangenen acht Jahrzehnten. In MÄRZMELODIE trifft Zarah Le-
ander auf Rio Reiser und Marius Müller Westernhagen auf Absolute Beginner. Ein ganz
neues Genre wollte Regisseur Martin Walz mit seinem Film kreieren, eine ‚melodische Lie-
beskomödie‘. Doch erstens trifft er dabei leider den Ton nicht richtig. Und zweitens hatte
der Franzose Alain Resnais mit ON CONNAÎT LA CHANSON bereits 1997 genau dieselbe
Idee. [...] In Frankreich, und nur dort, konnte das klappen, weil Chansons und die französi-
sche Popmusik einen anderen Stellenwert haben als in Deutschland.“ (http://www. cineas-
tentreff.de/content/view/4136/31/, 13.02.2008). Wie bedeutend das (nicht nur) deutsch-
sprachige Liedgut hingegen für das Generationengedächtnis ist, zeigt der Band „Good-Bye
ON CONNAÎT LA CHANSON 223

Man stelle sich vor, mitten in einem deutschsprachigen Spielfilm finge Katja
Riemann auf einmal mit Katja Ebsteins Stimme an zu singen ‚Wunder gibt es
immer wieder‘. Oder Til Schweiger piepste plötzlich wie Anita ‚Schoen ist es, auf
der Welt zu sein‘. Unmöglich? Grausam? Genau. Doch was hier einzig als Tra-
vestie à la Walther Bockmayer zu genießen wäre, ist in Frankreich zur Erfolgs-
komödie geworden. ON CONNAÎT LA CHANSON zählt dort zu den erfolgreichsten
Filmen des Jahres. (TAZ, 20.4.1998)
Hier zeigt sich auch, dass nicht nur das Chanson, sondern auch die von
Resnais eingesetzte Schauspielerriege in ihrer francité erkannt wird, um sich
zugleich die Frage zu stellen, wie denn das Casting auf deutscher Seite
ausginge – ohne das französische ‚Wunder‘ wiederholen zu wollen und zu
können:
Wie aber sähe die Geschichte aus, wenn man sie ins Deutsche übersetzte? Dann
müsste Udo Jürgens ‚Merci Chérie‘ singen und Herbert Grönemeyer seine Män-
ner begrölen, und auch das ‚Bett im Kornfeld‘ dürfte nicht fehlen. Das wäre kein
Chanson mehr in diesem Film, sondern ein Alptraum von Dieter-Thomas Heck.
Es gibt eben Wunder, die man nicht wiederholen kann. (Kilb,13.04.1998: 47)
Und so kommt beim nichtfranzösischen Kinopublikum zunehmend das
Gefühl auf, eben nicht dazuzugehören: „For American audiences, the
familiarity and context isn’t there.” (New York Times, 15.10.1999) Die As-
soziationen der Ohrwürmer und die Wiedererkennungseffekte, auf die der
Film in Frankreich zählen kann, sind auf internationaler Ebene nicht in
gleicher Weise vorauszusetzen, auch wenn zumindest einer kulturellen
frankophilen Elite – die die Chansons möglicherweise auch weniger einem
populären Gedächtnis denn elitären Wissensbeständen zuordnet – viele
der Titel nicht unbekannt sein mögen: Erinnerungskulturelle Grenzen
wurden beim Blick von außen auf ON CONNAÎT LA CHANSON sichtbar
und bewirkten, dass niemand versuchte, den Film zu synchronisieren. Mit
gutem Grund: Die Fußnoten hätten nicht auf die Leinwand gepasst. Lie-
der sind übersetzbar, ihre erinnerungskulturellen Funktionen und Funkti-
onalisierungen im Film sind es nicht.

2.5 „L’Autriche ne connaît pas la chanson, mais elle l’aime“


ein Erinnerungsfilm diesseits und jenseits der Donau

Kollektive wie individuelle Selbstbilder konstituieren sich nicht zuletzt


durch den Spiegel, der uns durch die Wahrnehmung von außen vorgehal-
ten wird, und in ähnlicher Weise wirkten auch die skizzierten plurimedia-
len Netzwerke konstituierend für eine neue französische Sicht auf ON
_____________
Memories?“ Lieder im Generationengedächtnis des 20. Jahrhunderts, hrsg. v. Barbara Stambolis /
Jürgen Reulecke, Essen: Klartext 2007.
224 Stephanie Wodianka

CONNAÎT LA CHANSON, die den Film als Chanson-Film würdigte und als
Erinnerungs-Film erkannte: Die ausländische Filmrezeption von ON
CONNAÎT LA CHANSON blieb nicht ohne Folgen für das französische
Selbstbild, und ein Artikel des Auslandskorrespondenten Xavier Lardoux
mit dem Titel „L’Autriche ne connaît pas la chanson, mais elle l’aime“
(Lardoux, 04.06.1998: 29) kann exemplarisch verdeutlichen, wie diese aus-
ländischen Sichtweisen auf den Film, darüber vermittelt aber auch ‚von
außen‘ auf die französische Erinnerungskultur bzw. auf den Status von
ON CONNAÎT LA CHANSON als eines ihrer repräsentativen Artefakte die
französische Retrospektive auf den Film und seine Chansons beeinflusst
haben.
So verkündet Lardoux den Feuilleton-Lesern seine im fernen Öster-
reich gewonnene Einsicht:
Au risque de contredire le titre du dernier film d’Alain Resnais, le public autri-
chien – aussi francophile puisse-t-il être – ne connaît ni les chansons de France
Gall, ni celles de Julien Clerc ou de Michel Jonasz. Si l’on ne veut pas offenser ce
public, ne lui parlons surtout pas du ‚Vertige de l’amour‘ d’Alain Bashung, de la
‚Nathalie‘ de Gilbert Bécaud ou encore du ‚Bon copain‘ d’Henri Garat. Tous ces
airs sont inconnus au bataillon de sa culture musicale et c’est bien normal; nous
ne serions pas franchement incollables en effet, nous Français, si on nous
demandait de citer ne serait-ce qu’un seul compagnon de la chanson autrichienne.
Ob er mit dieser Einschätzung uneingeschränkt richtig liegt, mag dahin-
gestellt bleiben; schließlich dürfte der Film ausschließlich für ein fran-
kophiles und ausreichend frankophones Publikum attraktiv gewesen sein,
das sich gegenüber der französischen Musikszene nicht vollkommen igno-
rant verhält und die französischen Chansons besser kennt als umgekehrt
das französische Publikum das österreichische Lied- und Schlager-
repertoire. Dennoch trifft der Artikel mit seiner Einsicht ins Schwarze:
‚Das gleiche Lied‘ ist es in keinem Fall, wenn der Film in Frankreich und
in Österreich die Leinwände passiert – ein Anlass, sich als ‚nous autres
Français‘ bewusst zu werden.
Das eigentlich Erstaunliche liegt für den Auslandskorrespondenten in
einer anderen Tatsache: „Ce qui peut paraître moins normal, c’est que le
public autrichien a beau ne pas connaître – et donc ne pas reconnaître –
les chansons qui scandent ON CONNAÎT LA CHANSON, le film d’Alain
Resnais, il n’en prend pas moins de plaisir.“ Die Lobeshymnen in österrei-
chischen Zeitungen wie Standard und Die Presse sowie die 4000 Kinobesu-
cher, die binnen einer Woche den nur auf einer Wiener Leinwand laufen-
den Film sahen, bezeugen wie die 90000 deutschen Kinogänger (vier
Wochen nach Kinostart) und die ebenso zahlreichen Italiener (nach acht-
wöchiger Laufzeit), dass es offensichtlich eine Rezeptionsform jenseits der
französischen gibt, die den Film auch für andere Erinnerungskulturen
attraktiv macht. Grund genug für Lardoux, sich zu fragen, wodurch denn
ON CONNAÎT LA CHANSON 225

die französische Rezeption des Films charakterisiert ist und wie sich dem-
gegenüber der Kinogast im Ausland in seinem Sessel verhält. Zunächst
stellt er eine ‚Zeitverschiebung‘ fest, mit der der Film im Ausland rechnen
muß: „Faute de pouvoir sourire au moment même où nous reconnaissons
l’air bien français, le spectateur autrichien s’esclaffe – avec un léger temps
de retard – lorsqu’il a décrypté les soustitres des paroles françaises qu’il
entend.“30
Interessant ist hier, dass der Journalist tatsächlich davon ausgeht, dass
eine nennenswerte Zahl nicht frankophoner Österreicher den Weg in ei-
nen Film wie ON CONNAÎT LA CHANSON gefunden hätte – eine Ein-
schätzung, die in Bezug auf die Attraktivität bzw. Popularität lediglich
untertitelter Resnais-Filme etwas zu idealistisch sein dürfte und nicht sieht,
dass ein Film wie ON CONNAÎT LA CHANSON im Ausland eine andere,
nämlich fast ausschließlich gebildete, Klientel findet als in Frankreich. Die
Sprache wird als zeitverzögerndes Rezeptionshindernis gesehen, nicht
aber der differierende erinnerungskulturelle Hintergrund, der Österreicher
etwas anderes – oder trotz passabler Französischkenntnisse unter Um-
ständen sogar gar nichts – mit einem bestimmten Chanson assoziieren
lässt.
Umso zutreffender ist die zunächst erstaunliche Beobachtung, die
Lardoux in Bezug auf die Qualität der Chanson-Effekte macht:
Ainsi, alors qu’un spectateur français réagit d’abord à l’effet de surprise que
provoque l’air reconnu sans prendre vraiment garde au ‚message‘ chanté (ou
parfois sans même comprendre, tant les paroles des vieilles chansons sont
difficilement audibles), le spectateur étranger s’attache aux textes même des
chansons. Comme s’il savourait un peu plus encore l’apparent comique (c’est-à-
dire le tragique) des situations […].
Nicht das französische Publikum ist es also nach dieser Einschätzung, für
das die Texte der Chansons bei der Rezeption eine primäre Rolle spielen
und der Chanson-gestützten Situations-Komik- bzw. -Tragik ihre Tiefe
verleihen, sondern das nicht oder weniger frankophone Publikum ist es,
das sich diese Bedeutungsdimension des Filmes dank der Untertitel kom-
petenter erschließt. Das französische Publikum, das ohne Untertitel auf
die eigene Aufmerksamkeit und die (teilweise selbst für – wiederum vor
allem jüngere – Franzosen) zum Teil mangelhafte akustische Klarheit der
Liedtexte angewiesen ist, bleibt in gewisser Weise mehr an der Oberfläche
der Chansons. Oder besser gesagt: Die Tiefe der Bedeutungsdimension
hängt beim französischen Publikum weniger vom konkreten Text-
verständnis als davon ab, welche erinnerungskulturelle Beziehung der ein-
zelne Kinobesucher zum jeweiligen Chanson hat. Und da der Film offen-

_____________
30 Vgl. dazu trotz des differierenden historischen Kontextes Thoma (1988).
226 Stephanie Wodianka

sichtlich aus der – nicht ganz unumstrittenen – französischen Innen-


perspektive ein ‚film de vieux‘ ist, kommen seine Chansons bei manchem
Besucher als heitere oder bestenfalls kommentierende Stimmungsmacher
an, nicht in jedem Fall aber in ihrer die Handlung vertiefenden Funktion.
In gewisser Weise hat also der ausländische Besucher ‚mehr‘ vom Film als
sein französischer Sitznachbar.
Dennoch ist diese Sichtweise insofern verkürzend, als sie nicht der
Tatsache Rechnung trägt, dass das französische Publikum ein Surplus an
Bedeutungsdimensionen goutieren kann, das wiederum den ausländischen
Kinobesuchern weitestgehend vorenthalten bleibt: Insbesondere die se-
mantischen Tiefendimensionen der Chansons, die jenseits der im Film
zitierten bzw. in den Untertiteln übersetzten Chanson-Textfetzen liegen
und u.a. durch die Kenntnis von Interpreten (z.B. die kaffeebraune Jose-
phine Baker) oder von historischen Entstehungskontexten (z.B. der Kalte
Krieg und Gilbert Bécauds „Nathalie“) begründet sind, dürften trotz aller
generationeller Unterschiede in Frankreich ausgeprägter sein als im Aus-
land; und das gute Gefühl, zu den spontanen Kennern und Teilhabern
desjenigen kulturellen Gedächtnisses zu zählen, das einen solchen Film
ermöglicht, ist als nationale Identität konstituierende Erfahrung wohl den
Franzosen vorbehalten, während man in Österreich und anderswo allen-
falls darin bestätigt wird, als Bildungselite an diesem kulturellen Glanz
teilzuhaben (vgl. Terrasse 1994: 25f.).
Bestätigt wird diese Einschätzung durch die Schlusspassage des Arti-
kels, in der die erleichterte Feststellung getroffen wird, dass die Diagnose
letztlich nicht gegen, sondern für Frankreich in seinem Selbstverständnis
als Kulturnation mit Schwerpunkt Film spricht:
Contrairement à un a priori assez légitime, ON CONNAÎT LA CHANSON n’est donc
pas trop franchouillard pour s’exporter. Cette réussite au-delà des frontières met
ainsi en lumière une force sous-estimée du film en France: s’il parvient en effet à
toucher un public étranger indifférent aux standards français de notre époque,
c’est qu’ON CONNAÎT LA CHANSON dépasse largement le principe musical qui en
fait son originalité. Ce succès de l’autre côté du Danube révèle sans doute que le
film, loin d’être national et générationnel, frôle, l’air de rien, l’universalité.
Nur das Medium Film hebt nach diesem retrospektiven Standpunkt die
den Chansons weiterhin latent unterstellte nationale und generationelle
Beschränktheit auf und ermöglicht es zugleich, auf internationalem Par-
kett die tricolore hochzuhalten: Der weit über die französischen Grenzen
reichende Erfolg von ON CONNAÎT LA CHANSON wird nicht der Univer-
salität des französischen Chansons, sondern der des französischen Films
zugeschrieben.
Diese nachhaltige Skepsis gegenüber dem Chanson zeigt sich übrigens
auch in den jüngsten, sich im Jahr 2007 häufenden französischen Chan-
ON CONNAÎT LA CHANSON 227

son-Filmen, die nur bei oberflächlicher Betrachtung dessen Siegeszug


bedeuten. In QUAND J’ÉTAIS UN CHANTEUR (Xavier Giannoli, 2007) be-
darf es zur Adelung dieses urfranzösischen Kulturgutes der Schauspieler-
Ikone Gérard Dépardieu in der Hauptrolle des Chanteurs Alain (Regisseur
Giannoli betont auch in einem Interview zum Film, dass der Film ohne
die Besetzung mit Dépardieu nicht umsetzbar gewesen wäre),31 und sein
Plädoyer für das Chanson argumentiert wesentlich über den ‚rührenden‘
Charakter der Rolle, nicht über den Selbstwert der Chansons. Der auf
liebenswürdige Weise schmierige Alain (blondgesträhnter und solariums-
gebräunter Träger von weißen Jacketts und Satinhemden) wird zwar pro-
grammatisch nicht verspottet, aber dass er und seine Lieder ‚ringards‘ sind,
steht dabei außer Frage. Sein Publikum ist entweder im letzten Lebensdrit-
tel oder aber ansässig in Clermont-Ferrand und somit durch Provinzialität
zum Zuhören zugleich motiviert und verdammt.
Das Chanson „Quand j’étais chanteur“ von Michel Delpech, das am
Schluss des Films auch komplett von Ballsänger Alain vorgetragen wird,
ist deshalb zu recht titelgebend für den Film – das Chanson und dessen
‚große Zeit‘ gilt als liebenswürdiges Relikt, das nur als eigentlich Vergan-
genes und Überholtes oder als Symbol ‚kultureller Résistance‘32 erinnert
werden kann:
Quand j’étais chanteur [Refr.] // Ma pauvre Cécile, / J’ai soixante-treize ans. /
J’ai appris que Mick Jagger / Est mort dernièrement. / J’ai fêté les adieux de
Sylvie Vartan. / Pour moi, il y a longtemps qu’c’est fini. / J’comprends plus
grand’chose, aujourd’hui / Mais j’entends quand même des choses que j’aime /
Et ça distraît ma vie.33
Im zweiten Chanson-Film des Jahres 2007, LA VIE EN ROSE (Olivier Da-
han, 2007), geht es ebenfalls nicht um das französische Chanson selbst,
sondern um den bis zum Personenkult verehrten internationalen Star E-
dith Piaf – dargestellt von einer bis dahin unbekannten Schauspielerin
(Marion Cotillard), die der Piaf nichts von ihrem Glanz zu nehmen droh-
te. Für die Adelung durch die französische Filmszene musste auch in die-
sem Fall Gérard Dépardieu sorgen – Frankreich vertraut bei seinem Kul-
turexport eben nicht auf die Chansons und Chansonniers alleine, sondern
_____________
31 DVD, Bonusmaterial.
32 Insofern ist das „Résiiiiste!“ von France Gall in ON CONNAÎT LA CHANSON mit einer
zusätzlichen, dritten Widerstands-Konnotation versehen (s.o.). Zur Geschichte der politi-
schen Bedeutungsdimension des Chanson s. Asholt (1994).
33 Ganz im Sinne dieses Chansontextes hatte die Filmrezension zu ON CONNAÎT LA CHAN-
SON Resnais als Regisseur eines ‚film de vieux‘ bezeichnet, und man schrieb den Chansons
im Film die Funktion des „distraire“ zu (s.o.). Ob Delpech mit seinem Text den kulturellen
Status des Chansons lediglich treffend beschrieb oder aber ob umgekehrt die assoziative
Erinnerung an sein Chanson die Filmrezeption im Allgemeinen und die zitierte Filmrezen-
sion im Besonderen beeinflusst hat, ist zu überdenken.
228 Stephanie Wodianka

setzt – im Zeichen seiner Interpretation des Resnais-Erfolgs von ON


CONNAÎT LA CHANSON – auf die personifizierten Markenzeichen franzö-
sischer Filmkunst.
Es bleibt also trotz aller retrospektiver Selbsterkenntnis und Einsicht
in erinnerungskulturelle Rezeptionsspezifika dabei: Das Chanson hat trotz
der konstatierten differierenden, das Chanson hochschätzenden Außen-
sicht34 in Frankreich keine Chance gegenüber dem Status des Films.
Manchmal kommt es eben nicht auf die ‚messbare‘ erinnerungskulturelle
Tiefe, sondern auf die ‚gefühlte‘ erinnerungskulturelle Reichweite an.

Bibliographie
Film
ON CONNAÎT LA CHANSON (FRANKREICH 1997, Regie: Alain Resnais).

Pressestimmen
Baecque, Antoine de und Jean-Marc Lalanne: „Le goût de la
chansonnette. Entretien avec Alain Resnais.“ In: Cahiers du cinéma 518
(1997), 50-53.
Bouquet, Stéphane: „La vie n’est pas un roman. ON CONNAÎT LA
CHANSON d’Alain Resnais.“ In: Cahiers du cinéma 518 (1997), 47-49.
Der Stern, 08.04.1998 o.V.: „Mit Musik geht alles besser.“, 214.
Frodon, Jean-Michel: „La question de vérité, en chantant en bon cœurf.“
In: Le Monde, 13.11.1997, 24.
Fründt, Bodo: „Mit Leichtigkeit gegen die Schwere.“ In: Süddeutsche Zei-
tung, 09.-15.04.1998, 31.
Göttler, Fritz: „Narziß in der großen Stadt.“ In: Süddeutsche Zeitung,
08.04.1998, 25.
Jenny, Urs: „Das alte Lied.“ In: Der Spiegel, 06.04.1998.
Kilb, Andreas: „Wem Gesang gegeben.“ In: Die Zeit, 16.04.1998, 47.
Lardoux, Xavier: „L’Autriche ne connaît pas la chanson, mais elle l’aime.“
In: Le Monde, 04.06.1998, 29.

_____________
34 „Die [...] Tatsache, dass die überwiegende Mehrzahl der ‚universitären‘ Publikationen zum
französischen Chanson in Deutschland entstanden ist, verdiente im übrigen eine eigene
kulturwissenschaftliche und wissenschaftshistorische Untersuchung: Sie hat zweifellos et-
was mit dem Reiz des Fremden, mit Außenperspektive und jener Faszination durch ein
spezifisches nationalkulturelles ‚patrimoine‘ zu tun, die bereits Goethes positive Einstellung
zu Béranger als einem Deutschland fremden, dort nicht denkbaren Phänomen mitbe-
stimmt hat.“ (Rieger 2005: 18). Der vorliegende Beitrag steht also im doppelten Sinne im
Zeichen dieser Feststellung.
ON CONNAÎT LA CHANSON 229

Mandelbaum, Jacques: „Rétrospective. Tout Alain Resnais, ce génie facé-


tieux.“ In: Le Monde, 07.01.2004, 30.
New York Times, 15.10.1999, o. V.: „Film Review. Romance, Lies and Lip-
Syncers.”, 40.
Tages-Anzeiger, 27. 07. 1998 o.V.: „Der Soundtrack als nostalgische Rück-
versicherung.“, 38.

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Suchsland, Rüdiger: „‚Herrlich verrückt‘. Alain Resnais inszeniert ein Mu-
sikantenstadl für ältere Franzosen.“ In: artechock.de: http://www
.artechock.de/film/text/kritik/l/leise1.htm, 13.02.2008.
http://www.cineastentreff.de/content/view/4136/31/,13.02.2008.
http://www.ecrannoir.fr/dossiers/aut97/nov5.htm, 13.02.2008.
http://www.ecrannoir.fr/dossiers/cinema97/stars97.htm, 13.02.2008.
http://www.ecrannoir.fr/dossiers/cinema97/stars97a.htm, 13.02.2008.
http://www.ecrannoir.fr/dossiers/cinema97/stars97a/htm, 13.02.2008.
http://www.ecrannoir.fr/films/97/chanson/chansons.htm, 13.02.2008.
http://www.schnitt.de/filme/artikel/leben_ist_ein_chanson__das.shtml,
13.02.2008.

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Calvet, Loui-Jean: La Chanson française d’aujourd’hui. Paris: Hachette 1974.
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230 Stephanie Wodianka

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Rieger, Dietmar: Von der Minne zum Kommerz. Eine Geschichte des französischen
Chansons bis zum Ausgang des 19. Jahrhunderts. Tübingen: Narr 2005.
Rousseau, Jean-Jacques: Dictionnaire de Musique. Bd. 1. Genf 1781.
Valérian, Patrick: Chansons et chanteurs des années noires. Une approche de
l’histoire au travers de la chanson et de ses serviteurs (1939-1945). Mallemort:
Éd. Proanima 1996.
Trenet, Charles: „L’âme des poètes (1951).“ In: Ders.: Le jardin
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246.
Stambolis, Barbara/Reulecke, Jürgen (Hrsg.): „Good-Bye Memories?“ Lieder
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Terrasse, Jean-Marc: „Table Ronde. Présence de la chanson française dans
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Krauß (Hrsg.): Literatur der Französischen Revolution. Eine Einführung.
Stuttgart: Metzler 1988, 94-113, 266-273.
Verlant, Gilles: L’encyclopédie de la chanson française. Des années 40 à nos jours.
Paris: Les Editions Hors Collection 1997.
Wenn Erinnerungsfilme scheitern –
filmische Erinnerungen an den 11. September

Andreas Langenohl & Kerstin Schmidt-Beck

„Memory is still stronger than art, for now.“


(Ross Douthat)1

This paper deals with cinematic representations of 9/11 in a comparative and me-
dia-theoretical perspective. It proceeds from the argument that the terrorist attacks
on the World Trade Center can be regarded as a transnational media event, the
implication being that the “eventness” and transnationality of the attacks came
into being due to global media coverage. This limits film representations of the
event: as a comparative analysis of three films from the U.S. and Germany and
their critical reception demonstrates, these re-mediations of a media event appear
as inappropriate. This points to a general departure of the representation of media
events from classical criteria of representations such as appropriateness, authenti-
city, immediacy, and intimacy: as the event that is re-mediated already consisted
mainly of its representedness in the media, its re-mediations cannot but repeat this
representedness.

1. Einleitung
Der vorliegende Beitrag beschäftigt sich mit Versuchen, durch filmische
Mittel die Ereignisse darzustellen, die als Nine-Eleven in die Zeitgeschichte
eingegangen sind: Es geht um Erinnerungsfilme des 11. September 2001.
Gerade dieses Datum steht epistemisch für die methodologisch bedeut-
same Tatsache, dass Darstellungs- und Kommunikationsmedien zu ihrem
Gegenstand nicht bloß in einem Abbildverhältnis stehen, sondern diesen
Gegenstand mit konstituieren. Der 11. September bezog seinen Ereignis-
charakter in maßgeblicher Weise aus dem Umstand, dass die in das World
Trade Center (WTC) gesteuerten Flugzeuge und die zusammenstürzenden
_____________
1 Filmkritik zu Oliver Stone’s WORLD TRADE CENTER in National Review (28.08.2006:47).
232 Andreas Langenohl & Kerstin Schmidt-Beck

Wolkenkratzer im Fernsehen und Internet in Echtzeit übertragen wurden


und in der (westlichen) Welt praktisch gleichzeitig einen visuellen Schock-
effekt hervorriefen. Die Übermächtigkeit der Wirkung der Terror-
anschläge verdankte sich in hohem Maße der Tatsache, dass sich augen-
blicklich eine vorgestellte Gemeinschaft von Fernsehzuschauer/innen
zusammenfand, die ‚live‘ die Bilder verfolgten und wussten, dass diese um
die Welt gingen. Im Unterschied etwa zum Tsunami in Südostasien, des-
sen Bilder mit einer gewissen Verzögerung übertragen wurden, können
sich in Bezug auf den 11. September Menschen bis heute die Frage stellen:
Wo warst du, als es passierte?
Der 11. September kann somit als ein transnationales Medienereignis
in Echtzeit gelten. Sein Schockeffekt, der sich gerade auch seiner eigenen
medialen Vermittlung verdankt, ist mittlerweile zum Gegenstand weiterer
audiovisueller Darstellungsweisen geworden, und auch zum Gegenstand
von (Spiel-)Filmen. So wurden Filme, die die Frage ‚Wo warst du?‘ und
die sich daraus ergebenden Konsequenzen zum Gegenstand hatten, in
zeitlicher Nähe zum Ereignis produziert, wie der Episodenfilm „11’09’’
01“ von Claude Lelouch, der bereits sechs Wochen nach dem Terroran-
schlag an elf internationale Autoren in Auftrag gegeben wurde (vgl. die
Analyse von Jahn-Sudmann 2004). Ebenso kam das deutsche TV-Pendant
SEPTEMBER von Max Färberböck zeitnah zu Nine-Eleven im Jahr 2003 auf
den Markt. Bei diesen und den darauf folgenden, bevorzugt im Spielfilm-
format produzierten, filmischen Inszenierungen handelt es sich in der
Terminologie des vorliegenden Sammelbandes um die Remediation (vgl.
Erll in diesem Band) eines bereits konstitutiv medialen Ereignisses: ein
Ereignis, das im Moment seines Stattfindens kraft seiner medialen Reprä-
sentationen – der Fernsehbilder der einstürzenden Türmen – zu einem
globalen Ereignis wurde, wird darauf folgend in verschiedenen medialen
Formaten rekonstruiert und erinnert. Gleichzeitig sind sowohl die eben
erwähnten als auch die erst einige Jahre später produzierten Filme, wie die
Spielfilmdramen WORLD TRADE CENTER von Oliver Stone (2006) oder
FLUG 93 des Briten Paul Greengrass (2006), als ‚Erinnerungsfilme‘ einzu-
ordnen. Auch wenn es sich hier um fiktionale Darstellungen handelt,
nehmen sie doch für sich in Anspruch, ein realistisches und glaubwürdiges
Bild der damaligen Ereignisse, der Reaktionen darauf und der hervorgeru-
fenen Atmosphäre wiederzugeben. Gleichermaßen werden sie seitens der
Kritik als eben solche Erinnerungsfilme gewertet und an ihrem eigenen
Anspruch gemessen – das zeigt sich vor allem dann, wenn sie als unrealis-
tisch, die Realität verzerrend und verkürzend oder als inauthentisch ver-
worfen werden.
Unser Beitrag beschäftigt sich mit solchen in der öffentlichen Wahr-
nehmung als teilweise oder vollständig gescheitert geltenden Erinnerungs-
Filme über den 11. September 233

filmen des 11. September – und das sind bei weitem die meisten. Geschei-
terte Erinnerungsfilme sind aber auch deswegen von besonderem Interes-
se, weil sich in ihnen die gesellschaftlich institutionalisierten Vorstellun-
gen, was eine angemessene Erinnerung sei, gleichsam wie auf einem
Negativ abbilden. In der Kritik zeigt sich die ihr zugrunde liegende ‚Recht-
fertigungsordnung‘ (Boltanski/Thévenot 1991) einer gesellschaftlichen
Erinnerungspolitik, d.h. die gesellschaftlich institutionalisierten Merkmale
angemessenen Erinnerns. Unser Augenmerk richtet sich dabei nicht nur
auf inhaltliche Aspekte filmischer Darstellung und ihrer Kritik, sondern
auch auf die mit diesen Aspekten vielfach verschachtelte Ebene der Re-
mediation, denn die das erinnerte Ereignis allererst konstituierende Media-
lität muss bei seiner retrospektiven Darstellung mit berücksichtigt werden.
Oder anders gesagt: es macht einen Unterschied, ob ein Medien- oder ein
‚normales‘ Ereignis erinnert wird, zumal dann, wenn das Erinnerungsme-
dium dem ursprünglichen ‚Ereignisformat‘ nahezu entspricht (z.B. TV-
Doku) oder verwandt ist (z.B. Kinofilm). Damit stellt sich auch die Frage,
wie man sich angemessen mittels Film an ein Ereignis erinnert, zu dessen
konstitutiven Merkmalen seine Audiovisualität gehört.
Die folgenden Abschnitte nähern sich der gescheiterten filmischen
Re-Inszenierung des 11. September 2001 aus einer erinnerungskulturellen
Perspektive, die die Problematik der Remediation eines bereits konstitutiv
medialen Ereignisses mit bedenkt. Abschnitt 2 widmet sich dieser media-
len Re-Inszenierung von Nine-Eleven als transnationalem Medienereignis.
Abschnitt 3 rekapituliert das Scheitern von Erinnerungsfilmen am Beispiel
dreier im westlichen Kulturkreis entstandenen Fernseh- bzw. Kinopro-
duktionen unter Berücksichtigung von zeitlicher Entstehung, Fragestel-
lung, Formatwahl und dem Umfeld medialer Kritik. Es handelt sich hier-
bei um den schon angesprochenen, im Jahre 2003 entstandenen deutschen
Episodenfilm SEPTEMBER (Max Färberböck, vgl. Jahn-Sudmann 2004)
und um zwei weitere Produktionen aus dem Jahr 2006: den ebenfalls
deutschen TV-Zweiteiler AUF EWIG UND EINEN TAG (Markus Imboden)
sowie das amerikanische Kino-Spielfilmdrama WORLD TRADE CENTER
(Oliver Stone). Es wird gezeigt werden, dass die Erinnerungsthematik in
den deutschen Produktionen eine andere Konnotation erfährt als in der
US-amerikanischen. Das Augenmerk wird daher auch auf politisch-
kulturelle Identitätsbindungen sowie erinnerungskulturell verwurzelte My-
then gerichtet, auf die filmische Inszenierungen implizit rekurrieren (Dör-
ner 2000) und die gerade für Erinnerungsfilme relevant sind. Abschnitt 4
wendet sich dann der Tatsache zu, dass die meisten filmischen Erinne-
rungsinszenierungen in der einen oder anderen Weise misslingen, d.h. in
den Augen der Kritiker/innen und Rezensent/innen an ihren eigenen
Ansprüchen scheitern. Zur Erhellung der Thematik wird auch im Hinblick
234 Andreas Langenohl & Kerstin Schmidt-Beck

auf die Remediation eines Medienereignisses auf basale Wirkungsmecha-


nismen medialer Inszenierung, wie beispielsweise Authentizität, Simulati-
on und Unmittelbarkeit rekurriert (Andree 2005), um zu klären, warum
Erinnerungsfilme zum 11. September scheitern. Abschnitt 5 gibt schließ-
lich zur Problematik des remediatisierten Gedenkens im Film einen Aus-
blick.

2. Der 11. September als erinnerungskulturelle Thematik –


mediale Re-Inszenierung eines
transnationalen Medienereignisses
Nine-Eleven gehört zu der Gattung von Medienereignissen, die mit Fug
und Recht als global bezeichnet werden können und bei denen schon im
Moment ihres Stattfindens abzusehen ist, dass sie zukünftig als globale
Ereignisse erinnert werden. Hierfür steht schon allein die Ikonographie
der einstürzenden Türme des WTCs, die zahllose (spiel-)filmische Vorla-
gen zusammenbrechender Hochhäuser und Angriffe auf Manhattan be-
sitzt2 und damit als reales Ereignis bereits den Charakter seiner Remedia-
tion und Re-Fiktionalisierung in sich trägt. Tatsächlich sind sich Autoren,
die die Medienproduktionen zum und nach dem 11. September verfolgen,
einig, dass auch Formate, die sich als Dokumentationen zum Ereignis
verstehen, und sogar die Medienberichterstattung um Nine-Eleven selbst
Spielfilm-Muster aufweisen (Bleicher 2003; Käsgen 2004; Scheffer 2004).
Dies gilt auch für die als ‚Dokument der Zeitgeschichte‘ gepriesene Do-
kumentation „9/11“ der Brüder Jules und Gédéon Naudet (2002), die den
Einsatz von Rettungskräften am WTC in Echtzeit filmisch verfolgte, je-
doch nach fiktionalen Mustern aufbereitet wurde (Käsgen 2004:76). Hier
verdeutlicht sich die zunehmende dramaturgische Annäherung zwischen
medialer Information, Dokumentation und Spielfilm (Käsgen 2004: 56;
Scheffer 2004: 89), die den Schluss zulässt, dass bereits die Live-Insze-
nierung des 11. September Züge von Remediation aufweist.
Die zunächst in medialer Endlosschleife über die Bildschirme zirkulie-
renden bewegten Bilder der zusammenstürzenden Türme gelten seither –
zumindest in der westlichen Welt – als Sinnbilder für Terrorismus in sei-
ner schlimmsten und willkürlichsten Form. Als solche sind sie in ihrer
apokalyptischen Symbolhaftigkeit in das Bildgedächtnis westlich orien-
_____________
2 Es existiert eine Reihe von Spielfilmen, die vor 9/11 das Zusammenstürzen von Hochhäu-
sern oder New York als Schauplatz von Katastrophen im Visier hatten, wie FIGHT CLUB,
INDEPENDENCE DAY, GODZILLA, ARMAGEDDON, DEEP IMPACT oder MATRIX (vgl.
Scheffer 2004, Röll 2002, Gross/Staff 2002).
Filme über den 11. September 235

tierter Kulturen eingegangen (Werckmeister 2005: 51-53). Diese Ausdeu-


tung macht jedoch deutlich, dass der 11. September nicht überall identisch
erinnert wird, ebenso wenig wie er seinerseits die gleichen Reaktionen
hervorrief. Die kulturwissenschaftlich orientierte Globalisierungs- und
Transnationalisierungsforschung macht seit langem darauf aufmerksam,
dass die bloße Zirkulation identischer symbolischer Güter nicht schon
auch identische Reaktionen und Aneignungsweisen hervorruft (Hannerz
1992; Robertson 1995; Burawoy et al. 2000). Die Transnationalität oder
Globalität von Medienereignissen liegt somit nicht in ihrer konkreten In-
terpretation begründet, sondern bezieht sich auf zwei andere Ebenen:
erstens auf die Ebene der Symbolzirkulation (über den Nationalstaat hin-
aus) und zweitens auf die Ebene der Zuschreibung, wenn die Rezi-
pient/innen sie als transnational bzw. global und sich selbst einer entspre-
chenden virtuellen Rezeptionsgemeinschaft angehörig erfahren. Gleiches
gilt für die Erinnerung transnationaler bzw. globaler Medienereignisse:
ebenso wie die Erinnerung ‚desselben‘ Ereignisses, selbst wenn sie inter-
national koordiniert ist, höchst unterschiedliche Deutungen implizieren
kann (vgl. für die internationale Erinnerung des Zweiten Weltkriegs Lan-
genohl 2005), erlangen auch Medienereignisse wie der 11. September erst
durch ihre Einbindung in Deutungsrahmen, die je nach Kontext sehr ver-
schieden ausfallen können, symbolische Wirklichkeit.
Unterschiedliche Deutungen im Zuge der Erinnerung an Nine-Eleven
lassen sich auch an den in zeitlicher Nähe nach dem Terroranschlag ent-
standenen Episodenfilmen als Remediationen nachvollziehen. So vereint
der Kompilationsfilm von Claude Lelouch neben einer US-amerikani-
schen Perspektive auch Blickwinkel aus europäischen, arabischen und
asiatischen Kulturkreisen. In einem breiten Erzählspektrum wird deutlich,
dass das Medienereignis 11. September 2001 auf die unterschiedlichsten
Alltagssituationen in Kulturen und Regionen traf. Dabei legen die Beiträge
nahe, dass die Geschehnisse das Leben in weiter entfernten Regionen z.T.
kaum berührten und damit auch ganz andere Deutungen erfuhren (Jahn-
Sudmann 2004: 127). Die narrativen Filmeinheiten handeln denn auch
häufig von der „anderen Katastrophe“ (ebd.: 128). In den Episoden von
„11’09’’01“ steht damit vor allem das Medium Fernsehen als Verständnis
und Sinn stiftendes Bindeglied, das um auseinanderklaffende Alltags-
welten und Deutungsrahmen zwar eine Klammer setzt, aber auch von den
Rezipienten als manipulatives Element oder „Sinnbild von Frustration
und Resignation“ (ebd.: 128) erfahren wird.
Hier deuten sich Unbehagen und Kritik an, die mit der medialen Kon-
stitution des Ereignisses und der Erinnerung daran zusammenhängen.
Denn es erweist sich, dass sich im Falle von Medienereignissen das Zu-
sammentreffen transnationaler bzw. globaler Symbolzirkulation mit deren
236 Andreas Langenohl & Kerstin Schmidt-Beck

partikularer Signifizierung dadurch kompliziert, dass die Medialität dieser


Ereignisse sie selbst mit hervorbringt. In Bezug auf Kulturgüter und deren
globale Zirkulation hat die Kulturanthropologie wiederholt demonstriert,
wie sich die ursprüngliche oder die intendierte Bedeutung einer symboli-
schen Ware – etwa einer Seifenoper – von dieser selbst entkoppelt und ihr
je nach Aneignungskontext gänzlich unterschiedliche konstative und per-
formative Bedeutungen zuwachsen (siehe grundsätzlich Hannerz 1992).
Im Falle transnationaler oder globaler Medienereignisse liegt der Fall inso-
fern besonders, als diese durch ihren medialen Charakter von vornherein
überdeterminiert sind: weil sie ihre Transnationalität ihrer Medialität ver-
danken, die eine virtuelle vorgestellte Gemeinschaft von Fernsehzuschau-
ern erzeugt, ist ihre globale Rezeption immer schon in sie einreflektiert.
Was transnationale Medienereignisse zu einer besonderen Klasse global
zirkulierender Symbole macht, ist somit ihre konstitutive Selbstreferenzia-
lität. An dieser Stelle deutet sich bereits an, dass Erinnerungsfilme als Re-
mediationen, die das Ereignis aus zweiter, wenn nicht gar dritter Hand –
man denke an die filmischen ‚Vorlagen‘ zu Nine-Eleven – spiegeln, ein
problematisches Unterfangen sein können, wenn das erinnerte Ereignis
ein Medienereignis ist. Solche Erinnerungsfilme können nicht anders als
immer wieder auf die ursprüngliche Medialität des Ereignisses zurückver-
weisen, über deren Vermittlung die virtuelle Gemeinschaft dieses erfuhr,
erlebte und, so deutet es die beschriebene Frustration in der Inszenierung
„11’09’’01“ an, in Echtzeit mit-erdulden musste.

3. An den 11. September 2001 erinnern –


die filmische Re-Inszenierung als unmögliche Notwendigkeit
Filmische Erinnerung an den 11. September 2001, darauf verweisen die
vorangegangenen Abschnitte, erscheint als remediatisierte Erinnerung von
vornherein problematisch. Selbst für New Yorker/innen, die das Gesche-
hen unmittelbar miterlebten, war dieses Erleben medial durchsetzt und
erwies sich damit als von einer zwiespältigen Realität: Berichten zufolge
wechselten Bewohner Manhattans, die die einstürzenden Türme vor Au-
gen hatten, permanent zwischen Fernseher und Fenster (Steinert 2003:
201). Das Filmhafte des Ereignisses, das dessen manifeste nicht-mediale
Ursprünglichkeit überdeckte und es damit als irreal erscheinen ließ,3 ver-
langte nach medialen Erklärungsmustern, da sich die Realität im unmittel-
baren Erleben nicht zuverlässig deuten ließ. So erscheint die filmische
_____________
3 Der Eindruck des Irrealen und des „Kinohaften“ (Steinert 2003: 200) führte zu Fehlein-
schätzungen der Situation, wie beispielsweise das Ausbleiben von Flucht-Reaktionen.
Filme über den 11. September 237

Erinnerung an den 11. September zum einen als Notwendigkeit – das


mediale Ereignis muss als ein solches erinnert werden und bedarf hierfür
zwingend der Remediation. Zum anderen unterläuft sich remediatisierte
Erinnerung aber möglicherweise selbst, indem sie an ihrer eigenen Media-
lität scheitert. Im Folgenden werden drei Erinnerungsfilme unter diesen
Aspekten einer Analyse unterzogen. Dabei verzichtet der Aufsatz auf eine
detaillierte und vollständige Filmanalyse, wobei auf die wichtigsten Kate-
gorisierungen im Sinne des Vier-Ebenen-Modells zur Entschlüsselung
audio-visueller Texte von Wolfgang Gast (Stoff/Handlung, Inszenierung,
Referenz und Adaption; Gast 2007: 49) dennoch insofern Bezug genom-
men wird, als diese für eine erinnerungskulturelle Perspektive bedeutsam
sind.
Die Auswahl der hier zu besprechenden Erinnerungsfilme folgt dem
methodischen Prinzip der Kontrastierung, wonach eine rudimentäre und
vorläufige Typologie von Erinnerungsfilmen des 11. September auf dem
Wege einer von Beispiel zu Beispiel gehenden Gegenüberstellung einzel-
ner filmischer Erzeugnisse erzielt wird. Dies gewährt zunächst einen dia-
chronen Blick auf die mediale ‚Erinnerungsarbeit‘ zum 11. September
2001, die die Frage nahe legt (Abschnitt 5), ob es sich tatsächlich um Er-
innerungsarbeit im Sinne Paul Ricœurs (2005) handelt oder eher um eine
zwanghafte mediale Freud’sche ‚Wiederholung‘ des Ereignisses. SEPTEM-
BER von Färberböck, fast ebenso früh erschienen und als Episodenfilm
konzipiert wie der internationale Kompilationsfilm von Lelouch (Ab-
schnitt 3.1), zeigt den deutschen Blick auf das Ereignis unter dem zeitna-
hen Eindruck der Geschehnisse. Vergleichend hierzu bietet sich die Be-
trachtung des deutschen TV-Zweiteilers von 2006, AUF EWIG UND EINEN
TAG an, der in fünfjährigem Abstand zu Nine-Eleven zeigt, in welche Rich-
tung sich filmische Erinnerung und Re-Inszenierung hierzulande entwi-
ckelten. Dabei wird der nationalen Konnotation von Erinnerung an den
11. September eine besondere Bedeutung beigemessen. Diese verdeutlicht
sich wiederum kontrastiv zur erinnerungskulturellen Perspektiven der US-
amerikanischen Produktion WORLD TRADE CENTER, die ebenfalls fünf
Jahre ‚danach‘ erschien. Der Blick auf die Gleichzeitigkeit fördert hier eine
Unterschiedlichkeit zutage, die dem politisch-kulturellen und erinnerungs-
kulturellen Hintergrund und damit gesellschaftlicher Identitätsbindungen
und Mythenbildungen geschuldet sind. Dies zeigt sich unabhängig vom
jeweiligen Filmgenre oder -format.
238 Andreas Langenohl & Kerstin Schmidt-Beck

3.1 Deutsche Film-Erinnerung an den 11. September:


der national-diachrone Blick

SEPTEMBER – der Terroranschlag als ‚Gretchenfrage‘


Der Kinofilm SEPTEMBER (Max Färberböck, 2003) ist nach „11’09’’01“
(Claude Lelouch 2002) der zweite Episodenfilm, der multiperspektivisch
das mediale Ereignis Nine-Eleven spiegelt. Während „11’09’’01“ aber inter-
national operiert und damit kulturell völlig unterschiedliche Blickwinkel
und Alltagswelten aufgreift, bleibt SEPTEMBER bei einer spezifisch deut-
schen Perspektive. Die Thematik der ‚Verortung‘ zum Zeitpunkt des Er-
eignisses spielt jedoch auch im deutschen Film im wörtlichen und übertra-
genen Sinne die hauptsächliche Rolle, eine Schwerpunktsetzung, die,
vermutlich durch die zeitliche Nähe zum Ereignis bedingt, alle in den ers-
ten beiden Jahren nach dem 11. September produzierten Filme kenn-
zeichnet. Auf der Inhaltsebene (Gast 2007: 410) von SEPTEMBER stehen
denn auch fünf Paar- bzw. Familienkonstellationen im Mittelpunkt, deren
Alltagsproblematiken sich dem Zuschauer vor dem Hintergrund der Er-
eignisse um den 11. September 2001 entfalten. Der Zuschauer begleitet
die Protagonisten über die Terroreinschläge hinaus in einer Zeit der Ver-
unsicherung, wobei sich für diese die ‚Gretchenfrage‘ stellt: „Wie hältst
du’s mit dem 11. September?“ (Jahn-Sudmann 2004:132).

Multi-Perspektivität. Die Figurenkonstellationen und die dargestellten Rol-


lenbilder verknüpfen das Terrorereignis im Großen mit den Problemlagen
im Kleinen im Deutschland der Jahrtausendwende: Da ist zunächst ein
Bankerpaar mit Kindern, das kurz vor der Scheidung steht und die gut
situierte Familie der gehobenen Mittelklasse mit geschlechtsspezifischer
Arbeitsteilung und entsprechend auseinanderklaffenden Lebenswelten
verkörpert. Die Depressionen der Frau, die an der gescheiterten Ehe fest-
hält, fügen sich in ein Schema klassischer weiblicher Bürgerlichkeit ein.
Ihre Dünnhäutigkeit verschärft sich angesichts von Nine-Eleven noch. Für
ihren Mann, der für seine Broker-Firma in Folge der Aktientalfahrt im
Strudel der Ereignisse hohe Verluste einfährt, stellt die Aneignung frem-
den Leidens jedoch eine unerträgliche Zumutung dar („Das Leiden der
anderen gehört nicht dir.“). Die Familienkrise spitzt sich weiter zu, am
Ende erkennt der Banker allerdings, welchen Wert die Familie für ihn hat.
Dieses Motiv des (Sich-)Verlierens und Wiederfindens und Versöhnens
durchzieht auch die anderen Familienkonstellationen. Abkürzend werden
daher im Folgenden allein die Ausgangsproblemlagen und basale Entwick-
lungsstränge der einzelnen Episoden geschildert.
Filme über den 11. September 239

So wirft eine zweite Perspektive einen Blick auf die Lebenswelt einer
Mittelklasse-Vorstadtfamilie: ein US-freundlicher Polizei-Einsatzleiter, der
sich der Existenzkrise mit Schulden, einer herzkranken Frau und einem
halbwüchsigen Sohn gegenüber sieht. Für ihn steht der (Existenz-)Kampf
im Mittelpunkt, wobei seine Sinnsuche ihn letztlich sogar Verständnis für
die Terroristen aufbringen lässt, die „wissen, wofür sie kämpfen“. Seine
eigenen Alltagskämpfe spiegeln sich u.a. im Vater-Sohn-Konflikt wider.
Das ‚ethnische Paar‘ scheint der deutschen Diskussion um Integration
geschuldet, die angesichts der Terroranschläge eine besondere Brisanz
erhält: ein pakistanischer Pizzabäcker und seine deutsche schwangere
Freundin sind sich nach dem 11. September nicht mehr einig. Sie trennt
sich, weil er nach den Anschlägen nicht eindeutig genug Stellung für die
Seite der Opfer bezieht („Sag, dass dir die Leute leid tun.“). Erst im Lichte
der Geschehnisse erweist sich die muslimische Lebenswelt des Pakistanis
für sie als fremde Kultur.
In der Konstellation des ‚intellektuellen Paares‘ setzt der auf sich
selbst fixierte Autor seine Beziehung aufs Spiel, weil er jegliche Kommuni-
kationsversuche seiner Freundin boykottiert. Seine Bemühungen um einen
intellektuellen Standpunkt zu den Ereignissen und seine unpopulären An-
sichten zur US-amerikanischen Haltung enden schließlich in einem ‚muti-
gen‘ Aufstand im Büro seines Verlegers.
Die fünfte familiäre Konstellation, die als solche (auch) von den Kriti-
ken kaum wahrgenommen wird, ist die Ein-Eltern-Familie der Fern-
sehansagerin, die die schwierige Aufgabe der Vermittlung der Nachrichten
vom Einschlag der Flugzeuge in die World-Trade-Center-Türme trägt.
Hier bricht sich die Einsamkeit und Isolation Bann – selbst mit der Toch-
ter kann die doppelt belastete Mutter nur am Telefon kommunizieren:
auch das Gute-Nacht-Gebet ist medial vermittelt.

Ein episodisch angelegtes Doku-Drama. Betrachtet man die Inszenierungsebene


(Gast 2007: 411), so ist der Film als Episodenfilm konstruiert, der zudem
nach Art des Doku-Dramas die abwechselnd gezeigten Perspektiven mit
audio-visuellen Dokumentationsmaterialien anreichert und überblendet.
So werden über das Medium Fernsehen im Film die einstürzenden Türme
des 11. September gezeigt, ebenso wie Original-Äußerungen von Politi-
kern der westlichen Welt aus dem Off eingespielt werden. Dies erscheint
ganz im Sinne einer atmosphärischen Verdichtung und Verstärkung des
Realitätseindruckes. Authentizität, Ursprünglichkeit und Unmittelbarkeit
des realen Geschehens (Andree 2005: 20-25, 501-504) sollen hier dem
Rezipienten eindrücklich vermittelt werden (vgl. zur Referenzebene des
Films Gast 2007: 414). In diesem Sinne setzt der Film auch häufig Zeitlu-
penaufnahmen als emotionalisierendes Stilmittel ein, „als Ausdruck einer
240 Andreas Langenohl & Kerstin Schmidt-Beck

veränderten psychischen Situation der Filmfiguren, häufig in Situationen


der Angst, des Erschreckens, des Todes“. (Hickethier 2001: 134, zit. n.
Käsgen 2004: 73). Ebenso dient die Einspielung von Gesichtern in Groß-
aufnahme der Emotionalisierung und Herstellung von Authentizität sowie
der Absicht des Films, dem Zuschauer Identifikationsangebote zu ma-
chen.
Auch die Lichtgestaltung von SEPTEMBER steht im Zeichen der Emo-
tionalisierung, ähnlich gewählt wie im Dokumentarfilm „9/11“ der
Gebrüder Naudet (2002), der Szenen des 11. Septembers live mit verfolg-
te. Wurde in diesem Lichtverhältnisse wie Abendrot, Nacht und Morgen-
grauen eingesetzt und die Freiheitsstatue vor rotem Himmel gezeigt (Käs-
gen 2004:71-72), so herrschen auch in SEPTEMBER die schwarz-rote Farb-
gestaltung und die nächtliche Dunkelheit vor. So zeigt das Filmplakat stili-
sierte Türme in roter Farbe auf schwarzem Grund, und dieses Motiv kehrt
in einer Filmszene wieder, in der die Ehefrau des Bankers vor nacht-
dunklem Himmel am Fenster steht. Damit teilen diese beiden in zeitlicher
Nähe zum Ereignis entstandenen Filme eine Ästhetik des Düsteren und
Bedrohlichen.

Typisch deutsche Lebenswelten? Der Film, konzipiert von einer „jüngeren Ge-
neration von Stückeschreibern“, der man eine „Sensibilität fürs Zeitge-
nössische“ (Hermes 2003) zutraute, wurde von der deutschen Kritik, trotz
der Einladung des Filmes nach Cannes, fast ausnahmslos für gescheitert
erklärt. So erscheint SEPTEMBER als Typologie deutscher Lebenslagen,
wobei die Kritik ihm einen Mittelschichtsbias vorwirft, der letztlich für
eine „Krise des Erzählens“ (Jahn-Sudmann 2004: 134) als ein strukturelles
Defizit des deutschen Films insgesamt verantwortlich gemacht wird. Es
wird zudem bemängelt, dass es sich um die Darstellung von privaten Exis-
tenzkrisen handelt, die keinen wirklichen Bezug zu den tatsächlich Betrof-
fenen des 11. September und damit zum Ereignis selbst aufweisen (vgl.
Susemihl, 26.06.2003). Damit misslingt die Übersetzung politischer Ver-
hältnisse in die Privatsphäre (Schwickert 2003), wobei im Subtext eine
spezifisch deutsche links-intellektuelle Perspektive angesprochen wird:
‚Das Politische ist privat und das Private ist politisch‘. Dieser Blickwinkel,
erinnerungskulturell der 1968er-Generation zugeschrieben, liegt jedoch
sowohl quer zu den typisierten bürgerlichen Mittelstandskonfigurationen,
ebenso wie er dem transnational bedeut-samen Ereignis nicht angemessen
erscheint. Ein ebensolches Missverhältnis offenbart sich auch bei dem
zweiten Rückgriff auf kollektive Gedächtnisinhalte spezifisch deutscher
Natur, wenn in einer Szene eines Elternabends das Horrorszenario der
Judenvernichtung mit dem Terrorszenario assoziiert wird. Das Scheitern
des Films ist vorprogrammiert, da Referenzen auf ‚typisch‘ deutsche Per-
Filme über den 11. September 241

spektiven, sowohl auf der Ebene der Lebenslagen als auch der erinne-
rungskulturellen Identifikationsangebote, nicht nur in sich selbst unstim-
mig wirken, sondern sich auch völlig vom Gegenstand des Films abkop-
peln, der eigentlich erinnert werden soll.
Aus Sicht des vorliegenden Beitrags ist jedoch ein weiterer Grund für
das Scheitern des Films wichtig. Das Medienereignis Nine-Eleven wird in
SEPTEMBER zwar einerseits sehr virtuos durch die dokumentarischen Ein-
schübe remediatisiert. Andererseits kommt es jedoch auch hier zu ‚Reali-
tätsverlusten‘ durch die gezielte (und damit vom Rezipienten wahrge-
nommene) Verknüpfung des Spielfilmhaften mit dem Dokumentarischen.
So werden die prominenten Nachrichtensprecher, wie u.a. Ulrich Wickert,
die einst das Zusammenbrechen der Türme im deutschen Fernsehen
kommentierten und damit mit der medialen Rezeption von Nine-Eleven
untrennbar verknüpft bleiben, durch die fiktive TV-Ansagerin des Films
ersetzt. Diese offensichtliche Mehrfach-Mediation einer für den Rezipien-
ten bereits medial konstituierten Erinnerung erzeugt eine Brüchigkeit, die
Distanz zu kollektiven Gedächtnisinhalten schafft, diese hinterfragt und
damit Unglaubwürdigkeit erzeugt. Ebenso bietet sich die ‚Wir-gegen-sie‘-
Rhetorik eines George W. Bush im Original-Ton nicht als Identifikations-
angebot für deutsche Rezipienten an, da diese den US-amerikanischen
Gemeinschaftsmythos bedient und damit wiederum für Distanz sorgt.
SEPTEMBER als Erinnerungs-Spielfilm ist jedoch darauf angelegt und als
Remediation darauf angewiesen, für einen medialen Wiedererkennungsef-
fekt zu sorgen, damit sich die Rezipienten mit den Protagonisten identifi-
zieren und sich selbst erneut die Frage stellen können: Wo und in welcher
Lebenslage hat mich der 11. September getroffen? Ohne einen solchen
erinnerungskulturellen Resonanzboden leidet die Remediation jedoch an
ihrer selbst hergestellten medialen Brüchigkeit und an ihrer zwiespältigen
Referenzebene, die Identifikationen problematisch macht.

AUF EWIG UND EINEN TAG

Als zweite Filmproduktion wird im Folgenden der deutsche TV-Zweiteiler


AUF EWIG UND EINEN TAG (Markus Imboden 2006) besprochen. Dieser
wurde fünf Jahre nach dem 11. September 2001 in den öffentlich-
rechtlichen Sendern ARTE und ZDF ausgestrahlt. Dieses ‚Jubiläums-
datum‘ kennzeichnet den Film als Nine-Eleven-Erinnerungsfilm. Durch
seine Analyse wird ein diachroner Blick auf den deutschen Erinnerungs-
film zum 11. September 2001 möglich, um Entwicklungen filmischer ‚Er-
innerungsarbeit‘ aufzuzeigen. Während man es bei SEPTEMBER um einen
zeitnah produzierten Film mit einer situativen, parallel zu den Ereignissen
verlaufenden Perspektive zu tun hat, bewegt sich filmische Erinnerung an
242 Andreas Langenohl & Kerstin Schmidt-Beck

Nine Eleven mit dem Abstand einer halben Dekade von der Frage multi-
perspektivischer Verortung weitgehend weg. Im Fokus steht nun die bio-
grafische Perspektive. In die Ereignisse des 11. September ist eine Män-
nerfreundschaft und Liebensgeschichte verwoben, wobei die Freund-
schaftsbiographie im Vordergrund steht. AUF EWIG UND EINEN TAG ist
damit ein Erinnerungsfilm im doppelten Sinn. Für die Protagonisten zählt
in der filmischen Gegenwart des 11. September vor allem ihre Geschichte
vor dem Ereignis. Diese wird dem Zuschauer wiederum als Rückblick in
die Zeitgeschichte ‚deutscher Verhältnisse‘ bis in die 1970er Jahre hinein
plausibel gemacht. Der Tag des Anschlags, repräsentiert durch dokumen-
tarische Einsprengsel, dient als thematische Klammer des Films: Einer-
seits ist er Ausgangspunkt für biografisch autorisierte Rückerinnerungen,
andererseits treibt er die Handlung in der filmischen Gegenwart des
Herbstes 2001 voran.

Eine Männerfreundschaft. AUF EWIG UND EINEN TAG beginnt – dies hat er
mit WORLD TRADE CENTER gemeinsam (Abschnitt 3.2) – mit Aufnah-
men aus einem unversehrten Manhattan an einem strahlend schönen Tag.
Der Banker Gregor hat eine Besprechung mit seinem Geschäftspartner,
während das erste Flugzeug in den Stockwerken über ihnen einschlägt.
Sein Freund und Firmenpartner Jan, dessen Termin er in New York
wahrnimmt, erlebt die Einschläge währenddessen in München mit seiner
schwangeren Frau vor dem Fernsehschirm, ebenso wie Elsa, Nachrichten-
sprecherin und Freundin von Gregor. Nach diesem dramatischen Auftakt
blendet der Film ins Jahr 1975 zum Beginn der soziale Schichten übergrei-
fenden Freundschaft zwischen dem Fabrikantensohn Gregor und Jan,
dem Sohn einer Alleinerziehenden. Der Film pendelt zwischen der Ge-
genwart und der Erinnerung an die gemeinsame Zeit von Jan, Gregor und
Elsa, eingebettet in zeitgeschichtliche Verhältnisse.
Im Mittelpunkt der Geschichte steht zum einen der vergebliche
Kampf Gregors um Anerkennung durch seinen Vater, der über den Tod
seines erstgeborenen Sohnes nicht hinweg kommt. Zum anderen stehen
die Freundschaft der beiden und die Dreiecksbeziehung mit der politisch
aktiven Elsa, die sich zur Medien-Karrierefrau entwickelt, im Vorder-
grund. Gregor und Elsa werden bereits als Jugendliche ein Paar, das sich
findet, im Laufe der Jahre wiederholt verliert und wieder findet. Dies gilt
ebenso für die Freundschaft der drei, die zeitweise ein Dreiecksverhältnis
leben. Dieses ‚romantische‘ Motiv des Verlierens und Wiederfindens –
eine Parallele zu SEPTEMBER – zieht sich ebenso durch den Film wie der
Vater-Sohn-Konflikt (auch dies eins der Motive aus SEPTEMBER). Im
Lauf des Films wird über diesen Konflikt der Wandel vom traditionellen
rheinischen Kapitalismus, verkörpert durch den Fabrikanten, hin zum New
Filme über den 11. September 243

Economy-Karrieristen der 1990er Jahre in der Figur des Gregor verdeut-


licht, der für ersteren nur Spott übrig hat. So reift bereits im jugendlichen
Gregor die Idee, das Werk des Vaters zu kaufen, um diesen schließlich
‚feuern‘ zu können: „Geld, das ist die absolute Freiheit“.
Doch zunächst trennen sich die Wege der drei. Nach dem Wiederse-
hen in den 1980er Jahren beginnen sie eine Liaison zu dritt und fliegen
nach New York, wohin schließlich auch die Berufswege von Jan, dem
Investment Banker und dem Broker Gregor führen. Die Stadt wird zum
Dreh- und Angelpunkt der weiteren Story, in deren Verlauf sich Jan und
die Designerin Paula kennen lernen. Auch dies ist eine Geschichte des
Verlierens und Wiederfindens, bis zur Hochzeit zehn Jahre später. Nach
1989 werden Jan und Gregor mit Geschäften, abgewickelt im Zuge des
Mauerfalls, reich. Gregor fädelt schließlich die Übernahme der Firma sei-
nes Vaters ein, er wird jedoch des Insiderhandels angeklagt und verliert
sein Geld, bis ihn Jan, der nach Deutschland zurückgekehrt ist, in seine
Firma aufnimmt. Am Ende steht Gregors Wunsch nach Sesshaftigkeit.
Dann aber kommt der 11. September. Jan akzeptiert den vermeint-
lichen Tod Gregors nicht. Er untersucht akribisch die TV-Bilder der aus
den brennenden Türmen des WTCs fallenden Menschen, um ihn zu iden-
tifizieren. In New York sucht er nach Gregor, indes verlässt ihn seine
Frau mit dem Kind. Schlussendlich findet Jan Gregor tatsächlich als Taxi-
fahrer in New York wieder. Dieser ist in eine andere Identität geschlüpft:
„Das war nicht mein Leben, immer auf der Suche nach Anerkennung“. Er
verspricht jedoch, zurück zu kommen, die Freundschaft wird erneuert,
was auch Jan ermöglicht, zu Paula und seinem Kind zurückzukehren.

Die Inszenierung deutscher Erinnerung. Die Inszenierung des TV-Zweiteilers


zeichnet sich durch eine permanente Überlagerung von Zeitebenen aus.
Parallel zu den Geschehnissen des 11. September und den folgenden Mo-
naten entfaltet sich die Freundschaftsbiographie. In rascher Folge wird
Vergangenes mit Gegenwärtigem verknüpft, Einblendungen verraten je-
weils Ort und Jahr der Geschehnisse. So steht Landshut 1975 neben New
York im September 2001. Diese Einstellungs- und Episodenwechsel, ver-
zahnt mit den Terroranschlägen, hat der Film mit dem Episodenfilm SEP-
TEMBER gemein. Im Unterschied zu letzterem, in dem die Einstellungs-
wechsel unterschiedliche Protagonisten zeigen, sind es in AUF EWIG UND
EINEN TAG dieselben Figuren, deren biografische Schnittstellen und Tra-
jekte thematisiert werden. Zudem wird ihr Schicksal direkt mit Nine-Eleven
verknüpft: Gregor ist möglicherweise unter den Opfern, sein Freund Jan
wirft sich vor, an diesem Schicksal schuld zu sein: er hat womöglich sei-
nen Freund in den Tod geschickt.
244 Andreas Langenohl & Kerstin Schmidt-Beck

Die Verknüpfung der Protagonisten im Film mit diesen Gescheh-


nissen erscheint gewagt inszeniert, wenn durch dokumentarische Ein-
sprengsel die aus dem WTC fallenden Menschen gezeigt werden, anhand
derer Jan versucht, Gregor zu identifizieren. An diesen Stellen vermischt
sich filmische Re-Inszenierung mit dokumentarisch aufbereiteter Medien-
Realität. Eine solche Verquickung von Elementen ist für den Zuschauer,
der es, weil er sich erinnert, besser weiß, jedoch von fragwürdiger Authen-
tizität. Dies gilt ebenso für die ‚Einspielung‘ von Elsa als TV-Moderatorin
der Terroranschläge. Wie bei SEPTEMBER, der denselben Kunstgriff ver-
wendet, beinhaltet diese Remediation wenig Glaubwürdigkeitspotenzial,
gerade weil die Bilder des 11. September 2001, und hierzu gehört auch die
mediale Inszenierung der Geschehnisse durch bekannte TV-Moderatoren,
sich in das kollektive Bildgedächtnis unserer Mediengesellschaft so inten-
siv eingegraben haben.
Um authentisch zu wirken, spielt die Inszenierung (Gast 2007: 411)
weniger als SEPTEMBER mit ästhetisierenden Stilmitteln wie emotiona-
lisierenden Großaufnahmen von Gesichtern oder Dunkel- und Zeitlupen-
effekten. Vielmehr wirkt die Schnitttechnik, die wechselnd die unter-
schiedlichen zeitlichen Episoden in narrativer Montage (hierzu auch
Käsgen 2004: 69) miteinander verknüpft, als Tempogeber des Films. So
steht eher Aktion denn Kontemplation oder Momente des Stillstandes, –
wie diese SEPTEMBER suggeriert, – im Vordergrund des Films. Als au-
thentisierende Elemente werden weitere Remediationen und dokumenta-
rische Fragmente zeitgeschichtlicher Ereignisse über das Medium Fernse-
hen eingespielt, wie der Abzug der US-Soldaten aus Vietnam, Szenen zum
Hungerstreik der RAF-Häftlinge in Stammheim oder zum Berliner Mauer-
fall 1989. Hieran wird vor allem deutlich, dass sich – vom Rezipienten her
gesehen – Zeitgeschichte heute aus Versatzstücken national-inter-
nationaler Medienereignisse, gleichsam wie in dem aus der elektronischen
Datenverarbeitung bekannten Copy-and-paste Verfahren, zusammenfügen
lässt. Re-mediatisierte Bilder lösen – zumindest bei prominenten Ereignis-
sen – Effekte des Wiedererkennens aus.
Interessant ist die Auswahl der zeitgeschichtlichen Ereignisse, vor de-
ren Rahmen die Geschichte spielt, denn sie lässt darauf schließen, welcher
politisch-kulturelle Hintergrund als prägend für die Charaktere erachtet
wird. So werden die Protestereignisse der 1970er Jahre und damit auch die
Werteverschiebung hin zu (sexueller) Selbstbestimmung und die Lösung
von einer autoritären Elterngeneration inszeniert. Diese Elterngeneration
verkörpert sich vor allem im Fabrikanten Luckner, der das Fortsetzen der
Familientradition seinem Sohn nicht zutraut. Rheinischer Kapitalismus
trifft auf die Profitgier der New Economy, die sich in den erfolgreichen Pro-
Filme über den 11. September 245

tagonisten der Wall Street der 1990er Jahre wie seinem Sohn Gregor ver-
körpert.
Durch die TV-Inszenierung zieht sich ein Subtext, der auf einen mo-
dernisierten Familienmythos abhebt, in dem Familie als Ort erscheint, wo
die Fehler der Elterngeneration nicht wiederholt werden müssen und an
den man als Hort des Glücks zurückkehren kann. So ist Gregors Sehn-
sucht nach Heim und Kindern mit Elsa zu verstehen, wenngleich kompli-
ziert durch die Brüchigkeit beider hoch individualisierter Existenzen: Er-
folgsstreben, exzessive Selbstverwirklichung und Familienglück scheinen
nicht vereinbar. Dies macht Elsa deutlich, wenn sie in Jans Gegenwart vor
den TV-Bildern des 11. September und den fallenden Menschen sagt:
„Wir sind da, wo wir vor 15 Jahren sein wollten. Und das ist der Preis
dafür.“ So steht ein als libertär dargestellter Individualismus der 1970er
Jahre im Widerspruch zu traditionellen bürgerlichen Werten.4 Der 11.
September schließlich scheint jedoch für die Protagonisten eine katharti-
sche Wirkung zu haben. Gregor lebt bescheiden, und Jan kann, nachdem
er seinen Freund wieder gefunden hat, zu Frau und Kind in sein häusli-
ches Glück zurückfinden. Versöhnung und Wiedervereinigung winken, so
der moralisierende Unterton, dem Geläuterten. Das Versöhnungs- oder
Wiedervereinigungsmotiv zeichnet sowohl SEPTEMBER als auch AUF E-
WIG UND EINEN TAG aus. Es ist damit sowohl auf der privaten als auch
auf der politischen Ebene als Motiv politisch-kultureller deutscher Tradi-
tion präsent (zur US-amerikanischen Tradition vgl. Dörner 2000 und Ab-
schnitt 3.2). Als Subtext bietet sich hier ein Identifikationspotenzial, das
die (spieß-)bürgerliche Familientradition mit der auf die 1968er Protestkul-
tur zurückgehende Traditionslinie der Selbstverwirklichung ‚versöhnt‘.
Dass der Film diese Motivlagen deutscher Lebenswelten mit dem Ereignis
des 11. September schicksalhaft verquickt, wird ihm, ebenso wie SEPTEM-
BER, letztlich auch vorgeworfen.
Der „Drall ins Weltpolitische“ (Buß, 08.09.2006). Die Kritik an AUF EWIG
UND EINEN TAG konzentriert sich auf die Verknüpfung der Freund-
schaftsgeschichte mit dem Ereignis des 11. September. Nach Buß „ver-
kommt die Katastrophe zum Schmierstoff für eine Freundschaftsstory.“
_____________
4 In seiner Untersuchung zu politisch-kulturellen Traditionslinien im Hollywood-Film weist
Dörner (2000: 383-384) im Rückgriff auf Bellah et al (1987) darauf hin, dass sich Individua-
lismus als US-amerikanische Traditionslinie in den Bildern des utilitaristischen („Tellerwä-
scher-Mythos“) und/oder expressiven Individualismus (Selbstverwirklichung, besonders
auch im Bereich der Sexualität) zeigt. Diese beiden Formen des Individualismus stehen
häufig im Spannungsfeld zueinander (ebd.: 387), ideal scheint eine harmonische Integrati-
on. Eben dieses Spannungsfeld scheint sich in einer deutschen ‚Version‘ politisch-
kultureller Identitätsbildung auch in AUF EWIG UND EIN TAG abzubilden: Eine ausgepräg-
te Individualität und das Streben nach Glück erscheinen möglich, Tugendhaftigkeit und
Moral, wie im Familienideal, sollten jedoch gewährleistet bleiben.
246 Andreas Langenohl & Kerstin Schmidt-Beck

(Buß, 08.09.2006) Dabei sieht Buß die kollektive Erinnerung dadurch be-
schädigt, dass die Bilder des „willkürlichen Massenmord[s]“ mit der Suche
nach Sinn und Identität der Protagonisten, der „beiden Glücksritter“
(ebd.), hinterlegt werden. Dieser Kritik ist es unerträglich, dass die Bedeu-
tung des Ereignisses mit fiktiven Schicksalen in Verbindung gebracht
wird: Während die Darstellung der Biographien der Protagonisten des
Films und der zeitgeschichtliche Hintergrund der 1970er bis 1990er Jahre
als gelungene Inszenierung Anerkennung finden (Huppertz, 08.09.2006:
40), wird die unmittelbare Verknüpfung dokumentarischer Bilder mit dar-
auf folgenden Spielszenen als „obszön“ (Buß, 08.09.2006; Huppertz,
08.09. 2006: 40) charakterisiert. In diesem Aspekt teilt sich der Film das
Etikett ‚misslungen‘ mit SEPTEMBER. Auch hier sind deutsche Alltags-
schicksale für das Weltereignis 11. September zu klein (inszeniert). Ebenso
werden Aussagen, die sich die Schicksalhaftigkeit der Ereignisse aneignen
und moralisierend mit der privaten (fiktiven) Geschichte verknüpfen, in
beiden Filmen als ‚typisch deutsch‘ gerügt. Dies gilt insbesondere für Elsas
„Das ist der Preis dafür“ angesichts der dokumentarischen, remediatisier-
ten Bilder fallender Körper. An dieser Stelle scheint der Bogen über-
spannt, das „abringen eines tieferen Sinns“ (Buß, 08.09.2006) unangemes-
sen. AUF EWIG UND EINEN TAG wird damit von der Kritik – trotz der
nachempfundenen Banker-Schicksale, die durch Nine-Eleven zweitausend-
fach ihr Leben lassen mussten – ebenso wie SEPTEMBER als losgelöst von
den Ereignissen des 11. September, ihren tatsächlichen Ursachen und
Wirkungen, empfunden und bestenfalls als „zu breit angelegtes Doku-
Drama“ (Huppertz, 08.09.2006: 40) gesehen. Weder die zeitnahe deutsche
Inszenierung SEPTEMBER noch der mit fünfjährigem Abstand produzierte
Erinnerungsfilm AUF EWIG UND EINEN TAG, der sowohl an den An-
schlag in New York als auch an deutsche Befindlichkeiten der letzten 30
Jahre erinnert, scheinen angemessen, der Ereignisse des 11. September zu
gedenken. Vielmehr wiederholt auch der Spielfilm jüngeren Datums die
Fehler des ersteren. Dies gilt sowohl für die Verschränkung deutscher
Lebenslagen mit Nine-Eleven als auch für die direkte Verquickung doku-
mentarischen Materials mit der Filmhandlung, die eher Distanz schaffend
als authentisch wirken. Ob ähnliche Aspekte auch für die US-Produktion
WORLD TRADE CENTER gelten, nimmt der folgende Abschnitt in den
Blick.
Filme über den 11. September 247

3.2 The American Way: WORLD TRADE CENTER von Oliver Stone

Der Kinofilm WORLD TRADE CENTER (Oliver Stone) erschien ebenfalls


fünf Jahre nach dem 11. September 2001. Wie bei AUF EWIG UND EINEN
TAG ist zu vermuten, dass auch hier mit dem zeitlichen Abstand zum
Geschehen im Vergleich zu zeitnah entstandenen Filmen andere Frage-
stellungen und Perspektiven relevant wurden. Die ersten nicht-ameri-
kanischen Filme wie SEPTEMBER oder „11’09’’01“ greifen multi-perspek-
tivisch vor allem die Frage der Situiertheit und (sozialen) Verortung auf:
‚Wo bist du am 11. September gewesen?‘ und ‚Wie hat der 11. September
dein Leben beeinflusst?‘. Die amerikanische Produktion der Gebrüder
Naudet, die unmittelbar unter dem Eindruck der Live-Ereignisse in New
York stand, musste diese Frage der Verortung nicht künstlich initiieren,
sondern konnte, autorisiert durch direkte Betroffenheit, den Akteurs-
blickwinkel der Retter vor Ort beleuchten.
An solche persönliche Perspektiven, verdichtet durch biografische
Rückblicke, knüpfen Remediationen des 11. September ‚fünf Jahre da-
nach‘ an. Muss AUF EWIG UND EINEN TAG in den Mittelpunkt der filmi-
schen Erinnerung aber fiktive Biographien stellen, kann Oliver Stone in
WORLD TRADE CENTER ein personalisiertes Erinnerungsnarrativ zum 11.
September bieten, das auf Tatsachen beruht. Er inszeniert die tatsächlich
erlebte Geschichte zweier Protagonisten, die nun aber – im Gegensatz
zum Naudet-Film – in Spielszenen nachgestellt wird: Polizisten der Port
Authority Police werden auf dem Weg zum Rettungseinsatz unter den
Trümmern des WTCs verschüttet und haben es allein dem Eingreifen
eines Ex-Marine zu verdanken, dass sie lebend geborgen werden. Wie in
der jüngeren deutschen Produktion wird damit in WORLD TRADE CEN-
TER der Fokus deutlich auf die die Erinnerung an den 11. September au-
torisierende biografisch gefärbte Perspektive gelegt.

WORLD TRADE CENTER – Die Story. Die Filmgeschichte beginnt am


Morgen des 11. September mit der Fahrt eines der beiden Protagonisten
nach Manhattan, das noch friedlich in der Morgendämmerung liegt (vgl.
Abschnitt 3.1). Als später am Morgen der Einsatzbefehl zum WTC folgt,
ist das Ausmaß der Katastrophe für die Beteiligten, die auf mediale In-
formationsvermittlung angewiesen sind, noch längst nicht absehbar. Auch
den beiden Protagonisten, die in der Ladenpassage unterhalb des WTC
beim Zusammenbruch des ersten Turmes verschüttet werden, ist zu die-
sem Zeitpunkt weder klar, dass zwei Flugzeuge ins WTC einschlugen,
noch dass es sich um einen terroristischen Akt handelte („hier unten gibt’s
kein Fernsehen“). Am Ende bleiben vom Einsatztrupp zwei Überlebende
übrig: der Polizist Jimeno und sein Vorgesetzter McLoughlin. Die beiden,
248 Andreas Langenohl & Kerstin Schmidt-Beck

die sich nicht selbst befreien können, sprechen sich gegenseitig Mut zu.
Sie erzählen sich von ihren Familien, deren Umgang mit den Ereignissen
der Film nun im Wechsel mit dem Erleben der Verschütteten schildert.
Parallel hierzu erfährt der Kinozuschauer vom Ex-Marine Dave, der in
seiner Kirche die Gewissheit erhält, dass seine Mission darin besteht, nach
Manhattan zu fahren, um Menschen aus den Trümmern zu retten. Seine
„Gabe Gottes“ ist es, sein „Land zu verteidigen“. Dass der ‚wirkliche‘
Dave schließlich auch am Irak-Krieg teilnehmen wird, erfährt der Zu-
schauer aus dem Abspann des Films.
Das Drama wechselt zwischen den Perspektiven der Verschütteten,
ihren Familien und den ‚oberirdischen‘ Geschehnissen. Die Familien der
Betroffenen versuchen, die Normalität aufrechtzuerhalten. Dabei erinnern
sich die Ehefrauen ebenso wie die Verschütteten an Szenen aus glückli-
chen Tagen, aber auch an Differenzen, die im Lichte der Ereignisse eine
neue Bedeutung zu erhalten scheinen. Diese bilden die Bezugspunkte, die
sie mit den Verschütteten teilen. Während in Manhattan auf Grund der
instabilen Lage die Rettungsmannschaften zurückgezogen werden, dringt
der Ex-Marine zum WTC vor, wo er mit einem Mitstreiter in der Dunkel-
heit nach Verschütteten sucht („es gibt kein Zurück“). Unter den Trüm-
mern beschwören diese den Mythos der Gemeinschaft: sie wollen gemein-
sam durchhalten. Ihr imaginärer Halt bleiben ihre Familien, insbesondere
ihre Frauen. Schließlich hat Jimeno eine Christusvision, die ihm die Zu-
versicht der Rettung gibt, bevor er im Lichte der Taschenlampe des Mari-
ne gefunden wird und Rettungstrupps angefordert werden. Während Ji-
meno als erster geborgen wird, hält McLoughlin die Vision seiner Frau,
die ihm Mut macht, aufrecht. Nach Szenen im Krankenhaus und Einstel-
lungen, die Manhattan ohne die Türme des WTC zeigen, endet der Film
mit einer Gedenkfeier zwei Jahre nach dem 11. September. Zentral bleibt
die Rettung der Protagonisten mit dem Hinweis auf das Gute im Men-
schen und der Stimme aus dem Off: „Der 11. September zeigt auch, wie
gut der Mensch sein kann, wie der eine für den anderen da ist, allein, weil
es richtig ist.“

Die Re-Inszenierung von Nine-Eleven. Inhaltlich lässt sich der Spielfilm Oliver
Stones vor allem auf die private Ebene der Betroffenen ein. Der Zuschau-
er erfährt wenig von dem, was ‚oberirdisch‘ in Manhattan am 11. Septem-
ber vor sich ging. Auf der Inszenierungsebene (Gast 2007: 411) wird Nine-
Eleven zunächst durch den Schatten eines Flugzeuges präsent, der die Ka-
tastrophe ahnen lässt. Massen herumfliegender Papiere, die in den Straßen
Manhattans landen, sowie ein körniges dokumentarisches Kamerabild auf
die sich vom WTC herabstürzenden Menschen (Abschnitt 3.1) stimulieren
in ihrer Hyperrealität das von den Fernsehbildern geprägte kollektive
Filme über den 11. September 249

Bildgedächtnis der Kinogänger. Im Verlauf des Films weisen hauptsäch-


lich die Fernsehschirme in den Haushalten der Familie der Protagonisten
oder auf dem Polizeirevier auf die Geschehnisse hin, auch hier wird medi-
ale Erinnerung durch Remediation aktualisiert. Des Weiteren wird Nine-
Eleven repräsentiert durch die Stimmen von Radio- oder Fernsehmodera-
toren aus dem Off, deren Botschaften zwar undeutlich bleiben und kaum
einen Bezug zu den Geschehnissen im Film schaffen, unter filmästheti-
schem Aspekt jedoch die bedrohliche Atmosphäre der Ereignisse des 11.
September simulieren. Ebenso wirken die (nachgestellten) apokalyptischen
in Staub gehüllten Bilder verbogenen Stahls als authentisierende Stilmittel.
Deren endzeitliche Anmutung verstärkt sich mit der assoziativen Aussage
des Marine, die Bilder sähen aus „wie von Gott gewollt“. Dieser Endzeit-
stimmung wird im Film in einem Manhattan ohne die Türme des WTC
das Bild der Straßenreinigung, die mit Aufräumarbeiten beginnt, entge-
gengesetzt. Die damit verbundene Rückkehr zur Normalität symbolisiert
den amerikanischen Optimismus (Lipset 1996, zit. n. Dörner 2000: 215),
der selbst in der Katastrophe die Oberhand behält. Mit diesem Ausblick
gerät denn auch die Vielzahl der Opfer, in starkem Kontrast zu den per-
sonalisierenden und biografisierenden Darstellungen der Protagonisten, in
den Bereich des Anonymen, ja Unwirklichen: diese werden durch die
Vermisstenbilder im Krankenhaus, die stumm abgeschritten werden, so-
wie durch leere Plätze in fahrenden U-Bahn-Zügen repräsentiert. Diese
und andere Szenen, die abgesehen von der fiktiv aufbereiteten Rettungs-
geschichte im Film auf die Ereignisse des 11. September verweisen, wer-
den nur spärlich mit konkreten Inhalten gefüllt. Die Repräsentation von
Nine-Eleven im Film zeichnet sich somit durch eine puristisch wirkende,
assoziative und emotionalisierende Bildsprache aus. Diese setzt nicht nur
die kollektive Erinnerung der Mediengemeinschaft des Nine-Eleven voraus,
sondern spielt auch mit der Deutungsoffenheit ihrer Symbolik (Abschnitte
2, 4).

Der Verweis auf Traditionslinien einer


amerikanischen Erinnerungsgemeinschaft
Über weite Strecken ist WORLD TRADE CENTER ein Spielfilm, der als
Rettungsdrama der Verschütteten und ihrer Familien inszeniert ist. Aus
dieser Perspektive aktualisiert er spezifische Traditionslinien der US-
amerikanischen politischen Kultur (Dörner 2000), und hier insbesondere
diejenigen, die das Gemeinwohl und das Einstehen füreinander in einer
Gemeinschaft betonen. So werden sowohl der amerikanische Republika-
nismus im Ideal bürgerlicher Tugendhaftigkeit und Engagement für das
Gemeinwohl (ebd.: 225, 382) als auch das biblische Gemeinschaftsideal
250 Andreas Langenohl & Kerstin Schmidt-Beck

(ebd.: 224, 385) mit seinem Sinn für Solidarität und Moralität im Film
bedient. Die christliche Familie Jimeno zeigt eine Volksgläubigkeit – bes-
tes Beispiel ist hierfür die expressive Christusvision des verschütteten Po-
lizisten, deren multikulturelle Herkunft lateinamerikanische wie europäi-
sche Wurzeln hat. Die Jimenos stehen stellvertretend für den amerika-
nischen Multikulturalismus. Die US-amerikanische Einwandererkultur mit
puritanischem Hintergrund wird durch die McLoughlins vertreten. Bibli-
sche Tradition sowie amerikanischer expressiver Individualismus (ebd.:
224-227; 383-385) verbinden sich in der Figur des Ex-Marine Dave, der
sich zum Einsatz am WTC einerseits von Gott berufen fühlt, sein indivi-
duelles Selbst in dieser Mission aber andererseits jenseits von Konventio-
nen (ebd.: 383) auslebt. Die von Dörner für die US-Filmkultur der 1990er
Jahre erschlossenen US-amerikanischen Traditionslinien bieten auch in
WORLD TRADE CENTER Anknüpfungspunkte zur Identifikation mit den
Protagonisten und zur Aktualisierung einer „Sehnsucht nach gemein-
schaftlichen Zusammenhängen“ (Dörner 2000: 227). Dieser Rückgriff auf
eine amerikanische „Erinnerungsgemeinschaft“ (ebd.: 227) erscheint gera-
de für einen Erinnerungsfilm, der den 11. September 2001 thematisiert
und der in diesem Sinn als Angriff auf die Freiheitsgrade der US-
amerikanischen Kultur, als ‚attack on America‘, verstanden werden kann,
von besonderer Relevanz.
Die Klammer, die diese Traditionslinien umfasst, bildet der American
Monomyth (ebd.: 228) des amerikanischen Helden. Die Gemeinschaft, die
in Gefahr gerät und vom individuellen Helden gerettet wird, stellt sich
hier im Kleinen als Familiengemeinschaft dar. Der Held ist der Ex-
Marine, der aus seinem bisherigen Alltag heraustritt (symbolisch: er geht
zum Friseur und legt damit seine Alltagsrolle ab) und sein Charisma in
einer Rettungsmission entfaltet. Der Monomythos des Alltagshelden ver-
eint in sich sowohl Gemeinwohlorientierung als auch Individualismus und
bietet sich damit als Identitätsmodell für den ‚Durchschnittsamerikaner‘
an. Im Gegensatz hierzu, so zeigt es auch AUF EWIG UND EINEN TAG
(Abschnitt 3.2), bejaht die deutsche politisch-kulturelle Tradition nach
dem Zweiten Weltkrieg weder ungebrochen ein Gemeinschaftsideal, noch
bedient die Medienwelt emotionalisierend politische Rettungstaten (Dör-
ner 2000: 397) und damit patriotisches Heldentum. So erweist sich zwar
auch in AUF EWIG UND EINEN TAG der Protagonist Jan in den Augen
seines Freundes als ‚Retter‘ (er hindert ihn indirekt am Sprung vom WTC
durch seine Handyanrufe), jedoch verbleibt hier Engagement ohne Auf-
hebens im Rahmen der Freundschaftsbeziehung und verkörpert sich in
einer nicht aus ihrer Alltagsrolle heraustretenden Figur.
Betrachtet man die Symbolsprache von WORLD TRADE CENTER,
wird vor allem zu Beginn, wenn das noch intakte Manhattan gezeigt wird,
Filme über den 11. September 251

das Identifikationspotenzial US-amerikanischer Traditionen aktiviert. So-


wohl die gezeigte amerikanische Flagge, die im politischen Amerika die
Grenze zwischen Gut und Böse, Moralität und Amoralität (ebd.: 389)
markiert, als auch der Börsenbulle, der für wirtschaftliche Macht steht,
oder Baseball als Nationalsport stehen ebenso symbolisch für die ameri-
kanische Erinnerungsgemeinschaft, wie die Trucks, die begleitet von
Country Musik an der Skyline New Yorks vorbei fahren. Diese Symbol-
sprache vermittelt dem Zuschauer schon zu Beginn des Films, was kultu-
rell bewahrenswert ist und am 11. September zur Disposition steht. Die in
das Drama eingeflochtene mediale Bildsprache von Nine-Eleven dient der
Emotionalisierung, ebenso wie die Bilder der Verschütteten in Großauf-
nahme und die Familiengeschichten, die auf das ‚typische‘ Amerika rekur-
rieren. Auf dieser Linie wird der Rettungsakt zur unvermeidlichen Helden-
tat: Der Terror wird dadurch zwar nicht ungeschehen gemacht, es wird
jedoch suggeriert, dass das moralisch Gute obsiegt, um den bedrohten
amerikanischen Traum – und damit geteilte erinnerungskulturelle Werte –
zu bewahren.

Die Referenzebene der Kritik


Oliver Stone selbst sieht seinen Film, der auf der wahren Rettungsge-
schichte von Jimeno und McLoughlin basiert, als „Denkmal“, als seinen
„authentischsten Film“ und eine „Art Archiv, in dem man nachschauen
können wird, wie es damals war“ (Midding 2006: 140). Auch für die New
Yorker Kinogänger hat Stone wohl den „richtigen Ton“ (Heinzel 2006:
140) getroffen, auch wenn er nicht die größeren Zusammenhänge des 11.
September in den Blick nimmt, sondern sich einer Mikroperspektive zu-
wendet. Diese Zuspitzung wird dem Film jedoch in den Augen selbst der
amerikanischen Kritik zum Verhängnis. Der Film wirkt als Drama „that
seems insufficient to the magnitude of the day it’s meant to summon up
and honor“ (Douthat 2006: 47). Als Erinnerungsfilm scheint WORLD
TRADE CENTER daher nicht zu taugen. Die Geschichte mutet wie abge-
koppelt von den tatsächlichen Ereignissen an, was sie in der Kritik mit
den deutschen Produktionen eint, und wird verglichen mit einer Titanic-
Version des kleinen Mannes: „with the action confined to a single esca-
ping lifeboat while the ship goes down offstage.“ (ebd.: 47). Auch briti-
sche Stimmen kritisieren, dass Stone mit dem Film nicht die Dramatik
dessen trifft, was tatsächlich oder medial vermittelt am 11. September
geschah (Harnden 2006: 21). Zudem wird ihm vorgeworfen, die Fakten
und die Charaktere der Protagonisten, insbesondere in der Figur des Ex-
Marine, nach Gutdünken ausgelegt zu haben. Dennoch scheint insbeson-
dere US-amerikanische Kritik am Film eher rar, konstatiert Harnden:
252 Andreas Langenohl & Kerstin Schmidt-Beck

„A sanctity still surrounds almost everything connected to that day and


this has insulated the film from criticism“ (ebd.: 21).
Die deutsche Kritik zeigt sich vor allem verwundert darüber, dass der
Regisseur Stone, der bekannt ist für politisch-kritische Filmarbeiten (JFK,
PLATOON, NATURAL BORN KILLERS), mit WORLD TRADE CENTER ei-
nen konservativen ‚Erbauungsfilm‘ vorlegt, der weit davon entfernt ist,
völlig unpolitisch zu sein, wie Stone selbst behauptet. Vielmehr hat er es
den „amerikanischen Rechten leicht gemacht, diesen Film als den ihren zu
reklamieren.“ (Kniebe 2006 o.S.). So bietet sich die Rettungsgeschichte als
Katharsis für das erlittene nationale Trauma des 11. September (vgl. Ro-
dek, 26.09.2006) und als „Allegorie der nationalen Unzerstörbarkeit“ an
(Meijas, 07.08.2006). Diese Kritik lässt sich durchaus damit erklären, dass
sich Stones holzschnittartige Inszenierung US-amerikanischer Traditions-
linien nicht mit dem deutschen Erfahrungshorizont deckt und deren Iden-
tifikationsangebote ins Leere laufen. So erscheint der Film als „rührende
Saga über die Sehnsucht nach Amerikas verlorenem Traum“ (Borcholte,
28.09.2006), als Beschwörung eben jener Erinnerungsgemeinschaft, auf
deren kulturelle Grundlagen er sich bezieht. Gerade weil er diese Perspek-
tive einnimmt und den „amerikanischen Exzeptionalismus“ (Lipset 1996,
zit. n. Dörner 2000: 215) in seinem Optimismus, seiner Religiosität und
seinem Nationalstolz bedient, kann er weder ein „Werk über den
Schmerz“ sein (Distelmeyer 2006) noch gar politische Ursachenforschung
betreiben. Damit wird das Dilemma dieses Erinnerungsfilms auch jenseits
der Remediationsproblematik deutlich. Dies gilt selbst für die US-Kritik:
„It’s a film about a world-historical tragedy that somehow feels insuffi-
ciently tragic.“ (Douthal 2006:47). Der Vorwurf ungenügender Tragik eint
den Film in der nicht angemessenen Darstellung von Nine-Eleven wieder-
um mit den besprochenen deutschen Produktionen. ‚Obszön‘ erscheint
der Kritik die Verquickung mit der Schicksalhaftigkeit in AUF EWIG UND
EINEN TAG, und SEPTEMBER kritisiert sich in dieser Hinsicht filmimma-
nent: „Das Leiden der anderen gehört nicht dir“ (Abschnitt 3.1).

4. Verpasste Chancen – ‚misslungene‘ Erinnerung?


Richtet man das Augenmerk vorrangig auf die Referenzebene der öffentli-
chen Kritik, so wird den drei besprochenen Erinnerungsfilmen beschei-
nigt, Chancen verpasst zu haben oder gescheitert zu sein. Dieses Scheitern
bezieht sich erstens darauf, dass die Filme dem 11. September als histori-
schem Ereignis und dessen Wirkungsmacht nicht gewachsen seien. Daran
anschließend entzündet sich die Kritik an der Art und Weise, wie das Pri-
vate an der Schnittstelle zum Politischen im Film verhandelt wird, und
Filme über den 11. September 253

drittens wird den Filmen ein Mangel an Authentizität bescheinigt, der


wiederum mit der Medialität von Nine-Eleven verknüpft wird. Im Folgen-
den wird dieser Kritik nachgespürt. Dabei wird zum einen die Problematik
der Remediation des Ereignisses aufgegriffen (Abschnitt 2), zum anderen
werden auch die Determinanten einer grundsätzlichen Medienwirkung
(Andree 2005) mit einbezogen, um aufzuklären, warum filmische Erinne-
rung an den 11. September 2001 (bisher) misslingt.
Nine-Eleven verdankt seine Schockwirkung nicht zuletzt seiner Mediali-
tät (Abschnitt 1), die den willkürlichen Terrorakt als Live-Dokumentation
in die Welt des Alltäglichen einbrechen ließ. Eine virtuelle globale Rezep-
tionsgemeinschaft wurde zu unfreiwilligen Voyeuren eines Szenarios, dem
diese ebenso wie die Betroffenen vor Ort ohnmächtig gegenüberstanden.
Diese Bilder trugen die Illusion des Irrealen, Spielfilmhaften (Abschnitt 2)
und Alptraumartigen in sich. Sie drangen damit als „phantasmatische Bild-
schirm-Erscheinung in unsere Realität ein“ (Žižek 2003: 149) und be-
mächtigten sich ihrer – die einstürzenden Türme wurden als remediatisier-
te Erscheinungen zu „Effekt[en] des Realen“ (ebd.: 150). Das Driften
zwischen alptraumhafter Realität und spielfilmartiger Irrealität findet seine
Zuspitzung in der christlich-abendländischen Deutung von Nine-Eleven als
einem apokalyptischen Ereignis. In seiner Bedeutung für die westliche
Welt wird es mit dem Untergang der Titanic Anfang des 20. Jahrhunderts
verglichen (vgl. ebd.: 149), wobei es jedoch in seiner endzeitlichen Anmu-
tung darüber hinaus weist. So schreibt Otto Karl Werckmeister (2005):
Es schien, als sei jenseits jeder politischen Relativierung, jenseits jeder histori-
schen Begründung, eine christlich geprägte Kultur- und Lebensform in ihren
Grundfesten angegriffen worden, so wie in der Apokalypse der Antichrist die
‚Gottesstadt‘ bedrängt. (ebd.: 59)
Mit dem Deutungsmuster der Apokalypse erlangt die bisher nur in Spiel-
filmen phantasierte Katastrophe, die über die metropolitane Realität New
Yorks hereinbricht, für die westliche Hemisphäre eine Unfassbarkeit und
‚Größe‘, an die weitere mediale Inszenierungen in den Augen der geschil-
derten Kritik schlicht nicht heranreichen.
Dabei ist die dem 11. September 2001 zugeschriebene ‚Größe‘ jedoch
nicht allein dieser mythologisch-weltpolitischen Ausdeutung und deren
folgenreicher Bestimmung als finalem Kampf des Guten gegen das Böse
geschuldet. Vielmehr ist auch die transnationale Medienrealität von Nine-
Eleven im kommunikativen Erinnern (Welzer 2002) beständig präsent.
Dieser mit einer dezidiert globalen Bedeutung aufgeladene mediale Selbst-
verweis lässt den 11. September 2001 als transnationales Medienereignis in
seiner hier beschriebenen ‚westlichen Inszenierung‘ von vornherein als
überdeterminiert und damit in seiner Ausdeutung geschlossen wirken (Ab-
schnitt 2).
254 Andreas Langenohl & Kerstin Schmidt-Beck

Gleichzeitig erscheint Nine-Eleven in seiner stereotypen Bildrealität als


unterdeterminiert. Die sich medial vervielfältigenden Bilder geben für sich
genommen keinerlei Auskunft über Hintergründe und Ursprung der Ge-
schehnisse. In dieser Hinsicht bleiben sie dauerhaft deutungsoffen. Sie
erhalten bis heute ihre spekulative Faszination:
Wir wissen bis heute so gut wie nichts über die geschichtlichen Zusammenhänge
des Anschlags vom 11. September 2001. Und je weniger wir wissen, desto mehr
entfalten die massenhaft hergestellten technischen Bilder jener Tage ihr expressi-
ves und symbolisches, das heißt ideologisches Potential. (Werckmeister 2005: 51).
Damit, so könnte man denken, wären fiktiven filmischen Schilderungen
auch Spielräume und Chancen des Gelingens gegeben.
In ihrer gleichzeitigen Über- und Unterdeterminiertheit erscheinen die
ins kollektive Bildgedächtnis eingegangenen Ikonen der von Flugzeugen
getroffenen, zusammenstürzenden Türme jedoch von der nichtmedialen
Realität und den Hintergründen des Ereignisses gleichsam abgelöst. Sie
wirken ihren tatsächlichen Zusammenhängen entrissen und aus ihnen
‚entbettet‘ (zum Begriff vgl. Polanyi 1944; Granovetter 1985).
Aus einer solchen medialen Deutungsoffenheit, die zugleich wieder
negiert wird, erwächst letztlich die Grundproblematik der Darstellung von
Nine-Eleven im Erinnerungsfilm. Stereotype Rückgriffe auf dokumenta-
risches Medien-Material heben dessen Unbestimmtheit in Bezug auf Ursa-
chen und Hintergründe nicht auf. Ebenso erscheint der Versuch, das Er-
eignis aus der Sicht partikularer Geschichten und Biographien in
filmischer Fiktion zu beleuchten und in spezifisch politisch-kulturelle Tra-
ditionen einzubetten, angesichts der medial erzeugten Determinante der
globalen Bedeutsamkeit von Nine-Eleven als defizitär. Nicht zuletzt schei-
tern filmisch aufbereitete apokalyptische Deutungen am Wissen der Rezi-
pienten, dass die „alptraumhafte Erscheinung“ (Žižek 2003: 150-151)
zwar Teil ihrer Wirklichkeit geworden ist, sich jedoch in ihrer spielfilmhaft
endzeitlichen Anmutung der Integration in die Realität entzieht.
So suggerieren die besprochenen Remediationen im Format des doku-
mentarisch angereicherten Spielfilmes letztlich keinen „Mehrwert“ (And-
ree 2005: 502) für die Zuschauer. Die beständige Wiederholung der in das
kollektive Bildgedächtnis eingegangenen bekannten Fernsehaufnahmen,
eingebettet in Spielszenen, schafft eher Distanz denn die „Illusion einer
Präsenz“ (ebd.: 25), in der Original und Darstellung ununterscheidbar
würden (ebd.: 502). Damit bleibt die suggestive Faszination aus, die durch
die Simulation der Realität eigentlich die Stärke moderner Bildmedialität
ausmacht (ebd.: 25, 502). Die eingelassenen Doku-Elemente bergen zwar
einen Wiedererkennungseffekt in sich, verleihen dem Spielfilm aber keine
Authentizität, weil sie nicht wirklich auf ein Original verweisen können
(ebd.: 504), sondern in selbstreferenzieller Weise an ihre eigene ursprüng-
Filme über den 11. September 255

liche Medialität gebunden bleiben. Die fiktionale Verknüpfung offenbart


damit erst die Losgelöstheit des Ikonenhaften, d.h. seine ‚Entbettung‘ aus
der prä-medialen Realität und damit seine remediatisierte Irrealität (Žižek
2003: 151).
Des Weiteren vermitteln filmische oder literarische Fiktionen über
Charaktere, die in kulturelle Traditionen eingebettet sind, Identifikations-
angebote und die Möglichkeit des empathischen Mitfühlens und des Sich-
Hinein-Versetzens. Durch den Eindruck der Unmittelbarkeit (Andree
2005: 502) wird Medialität auf diese Weise scheinbar aufgehoben. In den
Re-Inszenierungen von Nine-Eleven greifen die Versuche, durch kulturelle
Muster und Mythen (Abschnitt 3) die verstörenden Ereignisse auf den
Identifikation und damit Sicherheit gebenden Boden einer gewachsenen
Erinnerungsgemeinschaft zu gründen, jedoch nicht. Nur scheinbar ver-
spricht die Abrufung traditionaler, bewährter Muster die ‚Heilung‘ des
Apokalyptisch-Alptraumhaften, wie die Rettung und Wiederauferstehung
als Phönix aus der Asche in der US-Produktion oder Versöhnung und
Wiedervereinigung in den deutschen Filmen. Beide Motive, verhandelt in
der Sphäre des Privaten, wirken als hilflose Versuche, einen Wirklichkeit
gewordenen Alptraum in einer angeblich wieder gefundenen sozialen
Harmonie zu verorten. So scheint auch die lediglich randständige Erinne-
rung an die Opfer und das (bildliche) Vermeiden von Leiden (Abschnitt 3)
Ausdruck der unterschwelligen Erkenntnis zu sein, dass eine ‚unheilbare‘
in die Realität eingebrochene Apokalypse filmisch (bisher) nicht zu einem
guten Ende gebracht werden kann.
Der filmische Versuch, zu Anfängen und Ursprüngen jenseits des Er-
eignisses in privaten Geschichten zurückzukehren, kann auch als Versuch
der Sinnstiftung angesichts endzeitlicher Anmutungen gewertet werden.
Mit „erinnernde[n] Verweis[en]“ (Andree 2005: 503), in WORLD TRADE
CENTER als Rückerinnerungen und in AUF EWIG UND EINEN TAG als
biografischer Stufenweg angelegt, soll durch den Bezug auf eine vormedia-
le (Vor-)Vergangenheit die mediale Re-Inszenierung nicht nur legitimiert,
sondern auch ein überzeitlicher Sinn gebender Zusammenhang, in dem
die Rezipienten sich wiedererkennen können, gestiftet werden. Der Ver-
such, eine Narration des Ursprungs mit Hilfe dokumentarischen Materials
zu einer authentischen Geschichte von Nine-Eleven als eine Geschichte der
Menschen hinter dem Ereignis zu verweben, scheitert jedoch wiederum an
der Unmöglichkeit, das entkoppelte Medienereignis in seiner ‚Größe‘ nar-
rativ einzubetten. Vielmehr bleiben die im kommunikativen Gedächtnis
weiterhin lebendigen Bilder des 11. September 2001, ihre ungeklärten Ur-
sprünge und hegemonialen Deutungen mit den bis heute spürbaren Fol-
gen des beschworenen apokalyptischen ‚Kampfes gegen den Terror‘, als
phantasmatische Erscheinungen übermächtig. Sie erweisen sich weiteren
256 Andreas Langenohl & Kerstin Schmidt-Beck

Remediationen gegenüber als resistent, womit der Kommentar Douthats


bis heute seine Gültigkeit behält: „Memory is still stronger than art, for
now.“ (Douthat 2006: 47). Der angemessene Erinnerungsfilm über den
11. September 2001 steht somit noch aus.

5. Zur generellen Problematik medialen Gedenkens


eines konstitutiv medialen Ereignisses
In diesem letzten Abschnitt steht noch einmal die Frage nach der ‚ange-
messenen‘ filmischen Erinnerung an konstitutiv mediale, globale Ereignis-
se wie dem des 11. September 2001 im Vordergrund (Abschnitt 1). Dabei
erscheint es sinnvoll, auf den heuristischen Rahmen der Psychoanalyse als
Theorie der Temporalordnung von Repräsentationen (Laclau 1989) zu-
rückzugreifen, da sie wichtige Begriffe wie ‚Wiederholung‘, ‚Trauma‘ und
‚Durcharbeiten‘ popularisierte, die für die heutige Erinnerungsforschung
von höchster Relevanz sind. Auch Nine-Eleven wird in diesem Begriffs-
rahmen diskutiert (Kühner 2002: 119-136; Žižek 2003), jedoch soll im
Folgenden nicht allein ein affirmativer Rückgriff auf dieses Theorievoka-
bular stattfinden. Psychoanalytische Deutungen scheinen in ihrer Beto-
nung des ‚Traumatischen‘ (und damit der ‚Größe‘) des 11. September eine
gewisse Parallelität zu den oben besprochenen apokalyptischen Ausdeu-
tungen der Filme und ihrer Kritik im Rahmen abendländischer Kultur-
chiffren aufzuweisen. Damit sind sie Teil des Repräsentationszusammen-
hangs, um dessen Interpretation es hier geht. Aus diesem Grund werden
einige Erörterungen zur Spezifik erinnernder medialer Repräsentationen
von Medienereignissen angestellt, die ihren Ausgangspunkt in der Sperrig-
keit derselben gegenüber dem psychoanalytischen Vokabular nehmen und
den interpretativen Bezugsrahmen zu erweitern versuchen.
Greift man auf die Freud’sche Theorie zurück, so steht nach Ricœur
die scheinbare Wiederholung des Traumas dem tatsächlichen Wiedererin-
nern an das traumatische Ereignis entgegen. Wiederholung erscheint da-
mit als eine „Art des Vergessens, wobei das Symptom den Ursprung des
Traumas verbirgt“ (Ricœur 2005: 300). Eine wahrhafte Erinnerung und
damit Aufarbeitung des traumatischen Erlebnisses scheint allein durch
Erinnerungs- und damit Trauerarbeit möglich. Bezogen auf Erinnerungs-
filme würde dies bedeuten, dass ‚Wiederholungen‘, auch solche dokumen-
tarischer Art, sich möglicherweise einer Erinnerungsarbeit verschließen
und damit nicht zur Aufarbeitung eines Traumas – um im Vokabular zu
bleiben – dienen könnten.
Medienereignissen wie Nine-Eleven ist jedoch ihre Wiederholung und
‚Reproduzierbarkeit‘ im Sinne Walter Benjamins kraft ihrer medial-tech-
Filme über den 11. September 257

nologischen Verfasstheit von Anbeginn an eingeschrieben (Benjamin 2003


[1963]). Filmrepräsentationen des 11. September sind demnach keine
Wiederholungen oder Flashbacks im Sinne der psychoanalytischen oder
Traumatheorie, sondern folgen einer anderen (Temporal-)Ordnung. Sie
stellen eher durch die sie kennzeichnende Abwesenheit der Repräsen-
tation des ‚echten‘, nichtmedialen Grauens eine Metapher für den Verlust
einer Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft organisierenden Deutungs-
perspektive dar. Der auf dem DVD-Cover von SEPTEMBER abgedruckte
Slogan „Nichts ist mehr, wie es war“ bezieht sich eben auch auf Vergan-
genheit und Zukunft: auch sie sind nicht mehr, wie sie einmal waren. Das
Medienereignis Nine-Eleven erschüttert somit die Souveränität westlicher
Deutungen von Vergangenheit und Zukunft radikal, und die Erinnerungs-
filme scheitern daran, diese Erschütterung deuten zu wollen oder zu sol-
len. Dementsprechend hilflos wirken auch die Versuche, die Vergangen-
heit wiederzuerrichten oder eine Zukunft nach der Apokalypse zu
entwerfen: entweder hilflos gemäß der filmischen Narration selbst (wie in
AUF EWIG UND EINEN TAG) oder hilflos als Plot (wie in WORLD TRADE
CENTER).
Insofern indiziert die Kritik der Erinnerungsfilme, die von den Rezen-
sent/innen geübt wird, eine Krise der symbolischen Temporalordnung
westlicher Gesellschaften. Remediationen von Medienereignissen bringen
diese Krise besonders pointiert zum Ausdruck, weil in ihnen einerseits
noch die Vorstellung nachhallt, es könnte so etwas wie eine ‚angemessene‘
Repräsentation etwas ursprünglich Nicht-Repräsentierten geben (für ihr
Ungenügen, dies zu erzielen, werden sie ja kritisiert), während andererseits
der Maßstab der ‚Angemessenheit‘ einer solchen Repräsentation selbst
eine Repräsentation ist – nämlich das Medienereignis ‚selbst‘ und die
‚Größe‘, die in es hineingelegt wird. Die Kritik an den Nine-Eleven-Erin-
nerungsfilmen verfehlt, wie man sagen könnte, punktgenau das Erinne-
rungs- und Repräsentationsdilemma (denn jedes Erinnerungsdilemma ist
auch eines der Repräsentation: stets geht es um die Möglichkeit der Prä-
senz des Abwesenden), das Medienereignisse erzeugen: auf einer vor-
repräsentationalen Vorstellung von Angemessenheit der Darstellung zu
beruhen, deren Erfolgskriterien von nichts anderem als einer Darstellung
gesetzt werden.
Kommt man vor diesem Hintergrund zu der in der Einleitung unter-
breiteten Überlegung zurück, dass das Scheitern von Erinnerungspraxen
und die Kritik an ihnen Rückschlüsse auf die normativen Vorverständnis-
se dessen, was eine angemessene Erinnerung sei, zulässt, muss man daher
konstatieren, dass sich genau diese Vorverständnisse derzeit in Auflösung
befinden, ohne schon den Weg auf etwas, was ihnen folgen könnte, frei-
zugeben. Mit dem 11. September 2001 trat zutage, dass angesichts eines
258 Andreas Langenohl & Kerstin Schmidt-Beck

Medienereignisses herkömmliche Kriterien der Angemessenheit (etwa


Authentizität, Zeugenschaft, Nähe zum Ereignis etc.) an Bedeutung ver-
lieren, ohne dass bereits klar wäre, was an ihre Stelle treten wird. In die-
sem Zwischenraum zwischen zwei Repräsentationsordnungen schweben
alle hier besprochenen Filme und auch die Kritik an ihnen, die zwar die
Versuche der Rückführung eines Medienereignisses auf eine vormediale
(Vor-)Geschichte zurückweist, sich aber noch nicht von den herkömmli-
chen Kriterien der Angemessenheit der erinnernden Repräsentation frei-
machen kann.
Die Frage, welche Repräsentations- und Erinnerungsordnung im Zeit-
alter von Mediatisierung und Echtzeit-Remediation im Werden begriffen
ist, kann hier natürlich nicht abschließend beantwortet werden. Indes ist
es möglich, in einige Richtungen zu blicken, aus denen eine solche Ord-
nung kommen könnte, denn dies hat auch Konsequenzen für die Konzep-
tualisierung von Remediation. In einigen Rezensionen der gescheiterten
Erinnerungsfilme des 11. September wird dies in Umrissen bereits deut-
lich. Einen ‚angemessenen‘ Erinnerungsfilm an den 11. September 2001,
der gleichwohl das Kriterium der Angemessenheit problematisiert, zu
schaffen hieße demnach möglicherweise (vgl. Jahn-Sudmann 2004: 134-
135), mit der Über- und Unterdeterminiertheit (vgl. Abschnitt 4) seiner ins
kulturelle Gedächtnis eingegrabenen Medienbilder umgehen zu lernen und
eine eigene Bildsprache zu entwickeln. Das würde zum einen bedeuten,
der medialen Selbstreferenzialität von Nine-Eleven zu entgehen. Zum ande-
ren könnte eine apokalyptische Deutung oder ihre ‚traumatische‘ Interpre-
tation aufgegeben werden, in deren Sprache ein Wirklichkeit gewordener
Alptraum in der Realität nicht ankommen darf und damit auch alle media-
len Realitätssimulationen negiert werden. In diesem Sinne würde eine Re-
mediation von Nine-Eleven versuchen, die konstitutive Medialität dieses
Ereignisses hinter sich zu lassen. Allerdings würde auch die Frage unaus-
weichlich, was das ‚eigentlich‘ Entscheidende des 11. Septembers ist: die
lokale Katastrophe oder ihre deterritorialisierte Repräsentation.
Andererseits bildet die den Medienereignissen technologisch einge-
schriebene Tendenz zur Wiederholung möglicherweise einen zweiten und
komplementären Schlüssel zu ihrer Repräsentationsordnung und damit zu
Alternativen medialen Erinnerns. Denn im Falle von Medienereignissen
bedeutet die Wiederholung der Bildsequenzen weniger, dass es kein Ori-
ginal ‚vor‘ den Bildern gibt, sondern vielmehr, dass die Struktur dieser
Wiederholung die einer Fiktion ist (Abschnitt 2; vgl. auch Derrida 1988
[1972]: 7-8). Die Tatsache, dass auf diese angebliche ‚Wiederholung‘ stän-
dig reflektiert wird (die kritische Presse und auch wissenschaftliche Analy-
sen sind voll davon), widerlegt, dass es sich um eine Wiederholung im
psychoanalytischen Sinne handelt, denn letztere vollzieht sich ja gerade
Filme über den 11. September 259

nicht in der Reflexion des Subjekts, das in der Illusion des Immer-neu-
Anfangens lebt. Im Falle von Medienereignissen liegt der Fall vielmehr
umgekehrt: die ihrer Medialität technologisch eingeschriebene Möglichkeit
zur Remediation erzeugt eine Fiktion beliebiger Wiederholbarkeit. Media-
les Gedenken an ein Medienereignis wie den 11. September 2001, das auf
dessen Bilder zurückgreifen will, statt sie, wie in der ersten Alternative, zu
negieren, wird daher ohne eine Thematisierung der inhärenten Fiktionali-
tät seiner Repetitionen und seiner ‚Zeitlosigkeit‘ nicht auskommen. Filmi-
sches Erinnern an ein transnationales Medienereignis hieße somit nicht
nur, den Ansatz einer neuen Temporalordnung medialen Gedenkens an
ein konstitutiv mediales Ereignis zu entwerfen, sondern auch, Remediati-
onen medialer Erinnerung nicht als Wiederholung, sondern als Kommen-
tierung solcher Erinnerung zu begreifen.

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Zu den Autorinnen und Autoren
Astrid Erll ist Professorin für englische Literatur und Kultur an der Bergi-
schen Universität Wuppertal. Sie hat 2003-2007 am Gießener Sonderfor-
schungsbereich 434 „Erinnerungskulturen“ im Teilprojekt „Großbritan-
niens imperiale Erinnerungskultur“ gearbeitet. Forschungsschwerpunkte
sind Literatur- und Kulturtheorie, britische Literatur und Kultur des 19.
und 20. Jahrhunderts, kulturwissenschaftliche Gedächtnisforschung, Me-
dienkulturwissenschaft, postcolonial studies, Narratologie. Publikationen u.a.
Gedächtnisromane (2003), Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen (2005),
Prämediation – Remediation. Repräsentationen des indischen Aufstands in imperialen
und postkolonialen Medienkulturen (2007). Zusammen mit Ansgar Nünning
Herausgeberin der Reihe Media and Cultural Memory/Medien und kulturelle
Erinnerung (seit 2004) sowie der Bände Medien des kollektiven Gedächtnisses
(2004), Gedächtniskonzepte der Literaturwissenschaft (2005) und Cultural Memory
Studies: An International and Interdisciplinary Handbook (2008); zusammen mit
Ann Rigney Herausgeberin von Literature and the Production of Cultural Me-
mory (European Journal of English Studies 10.1 (2005)) und Mediation, Remedia-
tion and the Dynamics of Cultural Memory (2008, im Druck).

Carola Fey studierte Mittlere und Neuere Geschichte und Kunstgeschichte


in Gießen; 1988 Magisterabschluss; 2002 Promotion mit einer Disser-
tation zum Thema „Die Begräbnisse der Grafen von Sponheim. Untersu-
chungen zur Sepulkralkultur des mittelalterlichen Adels“; seit 2005 Habili-
tationsprojekt zur „Sakralkultur an spätmittelalterlichen Fürstenhöfen“ am
Gießener Sonderforschungsbereich „Erinnerungskulturen“. Veröffent-
lichungen zur mittelalterlichen Sepulkralkultur, zu Reliquienverehrung und
Wallfahrtserinnerungen an Fürstenhöfen, zu Inventaren und klösterlichen
Schätzen; u.a. „Zu Schmuck und Zierde, zu Trost und Heil. Sakrale Schät-
ze und ihre Inszenierungen an bayerischen Fürstenhöfen“, in Carola
Fey/Werner Rösener (Hrsg.): Fürstenhof und Sakralkultur im Spätmittelalter
(Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, im Druck). Forschungsinteressen:
Religiosität, materielle Kultur und Kulturtransfer an mittelalterlichen Fürs-
tenhöfen.
264 Autorinnen und Autoren

Andreas Langenohl studierte Soziologie und Slavische Linguistik, promo-


vierte und habilitierte an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Seine Ar-
beitsgebiete umfassen Modernisierungstheorie, kollektive Erinnerungspra-
xen, Prozesse kultureller Transnationalisierung und die Soziologie der
Finanzmärkte. Seit 2003 führt er unter Mitarbeit von Kerstin Schmidt-
Beck das Forschungsprojekt „Die Markt-Zeit der Finanzwirtschaft“ am
Sonderforschungsbereich 434 „Erinnerungskulturen“, Justus-Liebig-Uni-
versität Gießen, durch. Seit 2007 ist er Leiter der Forschungsgruppe „Idi-
ome der Gesellschaftsanalyse“ am Exzellenzcluster 16 „Kulturelle Grund-
lagen von Integration“, Universität Konstanz. Jüngste Publikationen:
„How to Change Other People’s Institutions: Discursive Entrepreneurs-
hip and the Boundary Object of Competition/Competitiveness in the
German Banking Sector“, in Economy and Society 37 (2008) 1; „A Critique
of Organizational Capitalism: The Enabling Fiction of Market Efficiency
in Financial Professionals’ Narratives“, in Laurent Bazin et al. (Hrsg.): La
mondialisation au risque des travailleurs (Paris: L’Harmattan, 2008); gemeinsam
mit Kerstin Schmidt-Beck: „Technology and (Post-)Sociality in the Finan-
cial Market: A Re-evaluation“, in Science, Technology and Innovation Studies 3
(2007) 1.

Martin Miersch ist Kunsthistoriker und arbeitet als wissenschaftlicher Mit-


arbeiter im Sonderforschungsbereich 434 „Erinnerungskulturen“ der Jus-
tus-Liebig-Universität Gießen. Er beschäftigt sich mit der Tradierung von
Bildmotiven der Französischen Revolution im Europa des 18. und 19.
Jahrhunderts und gibt zusammen mit Rolf Reichardt und Wolfgang Cille-
ßen das Lexikon der Revolutionsikonographie heraus. 2007 erschien seine Dis-
sertation Das Bild des Electeur soleil – Herrscherikonographie des Rokoko am Bei-
spiel des Kölner Kurfürsten Clemens August (1700 – 1761) im Marburger
Elwert-Verlag. Weitere Projekte widmen sich der französischen und deut-
schen Buchillustration des 18. Jahrhunderts und der internationalen Me-
dienresonanz auf die Krönung Napoleons I.

Daniela Neuser studierte Geschichte, Anglistik und Politikwissenschaft in


Siegen und Birmingham. 2003-2006 wissenschaftliche Mitarbeiterin im
Sonderforschungsbereich 434 „Erinnerungskulturen“ an der Justus-
Liebig-Universität Gießen im Teilprojekt „Von der Erinnerungskultur
zum Erinnerungsbruch: Deutsch-jüdische Jugendbewegung vor und nach
der Emigration“. Arbeit an einer Dissertation zur deutsch-jüdischen Ju-
gendbewegung. Neue Publikationen: „Konzeptionen des Jüdischen in der
deutsch-jüdischen Jugendbewegung“, in Petra Ernst/Gerald Lamprecht
(Hrsg.): Konzeptionen des Jüdischen. Kollektive Entwürfe im Wandel. Schriften
des Centrums für Jüdische Studien Bd. 11 (Innsbruck: Studienverlag 2008,
Autorinnen und Autoren 265

im Druck); „Identitätssuche und Erinnerungsikonographie: Deutsch-


jüdische Jugendbewegung 1912-1933“, in Yotam Hotam (Hrsg.): The Age
of Youth: German-Jewish Young Generation and Modern Times (Jerusalem:
Magnes sowie Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2008, in Vorberei-
tung).

Christiane Reichart-Burikukiye, Studium der Vergleichenden Literatur-


wissenschaften, Afrikawissenschaften und Europäischen Ethnologie in
Tübingen und Berlin; seit 2003 wissenschaftliche Mitarbeiterin am SFB
„Erinnerungskulturen“ der JLU Gießen; derzeit Promotion zum Thema
„Jugend und Tradition im kolonialen Kenia“. Publikationen u.a. Gari la
Moshi – Modernität und Mobilität. Das Leben mit der Eisenbahn in Deutsch-
Ostafrika, (Hamburg 2005); „Götter, Geister, Terroristen. Der Mount Ke-
nya als Erinnerungsraum bei kenianischen Jugendlichen“, in Winfried
Speitkamp (Hrsg.): Kommunikationsräume – Erinnerungsräume. Beiträge zur
transkulturellen Begegnung in Afrika (München 2005, S. 181-207).

Kerstin Schmidt-Beck studierte Soziologie, Psychologie und Erziehungs-


wissenschaft an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Seit 2003 wissen-
schaftliche Mitarbeiterin des Teilprojekts „Professionelle Erinnerung an
der Börse“ im Sonderforschungsbereich 434 „Erinnerungskulturen“ (JLU
Gießen). Schwerpunkte: Organisationsforschung, Finanzmarktsoziologie,
Arbeits- und Berufssoziologie, Geschlechterforschung. Jüngste Publikati-
on: A. Langenohl/K. Schmidt-Beck (Hrsg.): Die Markt-Zeit der Finanzwirt-
schaft: Soziale, kulturelle und ökonomische Dimensionen (Metropolis 2007).

Lu Seegers, Historikerin; 2000 Promotion über die Geschichte der Pro-


grammzeitschrift HÖRZU und ihrer Vorläufer. Von 2000 bis 2002 wis-
senschaftliche Mitarbeiterin in dem von der VW-Stiftung geförderten For-
schungsprojekt „Stadtrepräsentationen. Zum Verhältnis von urbaner
Kultur und Herrschaftssystem im Deutschland der 1930er und 1960er
Jahre“, Universität Hannover. 2002 DAAD Visiting Professor an der Uni-
versity of Massachusetts, Amherst, USA, in Kooperation mit dem Zent-
rum für Zeithistorische Forschung, Potsdam. Seit 2003 wissenschaftliche
Mitarbeiterin am SFB 434 „Erinnerungskulturen“ an der Justus-Liebig-
Universität Gießen. Publikationen zur Medien-, Stadt-, Kultur- und Gene-
rationengeschichte. Jüngste Publikationen: Daniela Münkel/Lu Seegers
(Hrsg.): Medien und Imagepolitik im 20. Jahrhundert. Deutschland-Europa-USA
(Frankfurt a.M./New York 2008, im Druck); „Vater-Los. Der gefallene
Vater in der Erinnerung von Halbwaisen nach dem Zweiten Weltkrieg“,
in Tel Aviver Jahrbuch für deutsche Geschichte (2008), S. 128-151; „Vaterlosig-
keit als Kriegserfahrung: Eine ‚vergessene‘ Form der Familiensozialisation
266 Autorinnen und Autoren

nach 1945“, in Miriam Gebhardt/Clemens Wischermann (Hrsg.): Familien-


sozialisation nach 1933. Verhandlungen über Kontinuität (Stuttgart 2007; Studien
zur Geschichte des Alltags, Bd. 25; S. 107-118).

Stephanie Wodianka, nach dem Studium der Germanistik und Romanistik


wissenschaftliche Mitarbeiterin zunächst am Institut für Neuere deutsche
Literatur (1999-2001); seit 2002 am Institut für Romanistik der Justus-
Liebig-Universität Gießen (SFB 434 „Erinnerungskulturen“). Arbeits-
schwerpunkte in der romanistischen sowie allgemeinen und vergleichen-
den Literaturwissenschaft: Meditation und Individualitätsbewusstsein in
der Literatur der Frühen Neuzeit (v.a. Frankreich, Deutschland, England);
Mythos und Gedächtnis (v.a. Frankreich und Italien 1945 bis zur Gegen-
wart); europäische Reiseliteratur des 18. und 19. Jahrhunderts. Veröffent-
lichungen u.a.: Betrachtungen des Todes. Formen und Funktionen der meditatio
mortis in der europäischen Literatur des 17. Jahrhunderts (Tübingen 2004); „Zeit,
Literatur und Gedächtnis“, in Astrid Erll/Ansgar Nünning (Hrsg.): Ge-
dächtniskonzepte der Literaturwissenschaft (Berlin/New York: de Gruyter 2005,
S. 179-187); Hrsg. gemeinsam mit Dietmar Rieger: Mythosaktualisierungen.
Tradierungs- und Generierungspotentiale einer alten Erinnerungsform (Berlin/New
York: de Gruyter 2006); „Wem gehört das Mittelalter? Binnenstrukturen einer
Erinnerungskonjunktur zwischen Mythos und Geschichte (Jeanne ‚Arc / Matière de
Bretagne)“ (Habilitationsschrift 2007, erscheint Berlin/New York: de Gruy-
ter 2008).