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Die kleine Eulenhexe. Willkommen im


Zauberwald - Teil 1
Eine Geschichte von Katja Alves, mit Illustrationen von Marta Balmaseda,
erschienen im Arena Verlag.
Hier kommt der erste Teil der Geschichte!
Petunia Olivia von und zu Nadelbaum aus dem nicht sehr finsteren
Finsterwald
Wenn ihr sieben Tage lang geradeaus lauft und am Ende des siebten Tages

rechts abbiegt, dann kommt ihr mit sicherster Sicherheit zum nicht sehr

finsteren Finsterwald.

Dort, inmitten von drei mächtigen Tannen, steht ein kleiner Baum mit runden

grünen Blättern.

Nicht besonders hochgewachsen, aber doch hoch genug, um schon von

Weitem entdeckt zu werden.

Zuoberst im Wipfel wohnt die kleine, freundliche und stets hilfsbereite Hexe

Petunia.

Eigentlich heißt die kleine Hexe mit vollem Namen Petunia Olivia von und zu

Nadelbaum.

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Das jedenfalls steht in ihrem Hexenflugschein.

Und was in Hexenflugscheinen geschrieben steht, stimmt immer. Das ist gut

zu wissen, falls euch jemand einen solchen unter die Nase halten sollte.

Jedoch findet Petunia, dass so ein langer und vornehm klingender Name wie

Petunia Olivia von und zu Pipapo besser zu einer erwachsenen Hexe passt.

Aber wer möchte schon gerne eine erwachsene Hexe sein?

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Höchstens Petunias Tante Aurora und die vielleicht auch nur deshalb, weil sie

keine andere Wahl hat.

Tante Aurora war nämlich schon immer erwachsen. Auch schon damals, als

Petunia sie kennenlernte.

Und das war vor einhundertsiebenundsechzig Jahren, als Petunia an der

waldberühmten Finsterwald‑Hexenakademie ihr Hexen-Diplom in allen

Fähigkeiten erlangte.

Oh, Verzeihung, in fast allen Fähigkeiten.

Ein paar mehr oder weniger wichtige Fähigkeiten fehlen Petunia nämlich

noch.

Wollt ihr wissen, welche? Das werdet ihr schon bald erfahren.

Weil es im Finsterwald sehr viele Bäume gibt, ist es naheliegend, dass

Petunia in einem Baumhaus wohnt.

Leider ohne Fahrstuhl, aber dafür mit einer Wendeltreppe.

Gäbe es im Finsterwald mehr Seen und dafür weniger Bäume, dann würde

Petunia bestimmt in einem Bootshaus wohnen oder auf einem Floß oder

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vielleicht sogar in einem U-Boot.

Oder habt ihr noch eine bessere Idee?

Über exakt solche Dinge denkt Petunia nämlich nach.

Besonders an den Tagen, an denen es nichts Dringendes zu erledigen gibt.

Dann liegt Petunias Zauberkaleidoskop ungenutzt auf dem Fenstersims.

Wofür sie ein Zauberkaleidoskop braucht, fragt ihr?

Zum Weitsehen natürlich!

Sobald Petunia das Kaleidoskop dreimal kurz geschüttelt hat, braucht sie nur

noch einmal laut „Pokso-die-lak“ zu rufen und schon sieht sie, ob irgendwo im

Finsterwald jemand ihre Hilfe braucht.

Für eine freundliche und hilfsbereite kleine Hexe wie Petunia ist so ein

besonderes Kaleidoskop ein sehr nützliches Instrument.

Aber weil man mit dem Kaleidoskop auch Dinge sehen kann, die man sonst

nicht sieht, interessiert sich auch der übellaunige Zwerg Griesgram für dieses

besondere Fernrohr.

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Zwerg Griesgram interessiert sich überhaupt für alles, von dem er denkt, dass

es ihn reich und mächtig machen könnte. Nur Petunien mag er nicht!

Aber das ist eine andere Geschichte. Denn heute ist weder Zwerg Griesgram

unterwegs noch passiert sonst etwas Aufregendes.

Alles ist wie immer.

Im alten schwarzen Zylinderhut, dem Haus von Petunias Nachbar Fredi

Waschbär, singt Clementine-Waschmaschine wie immer ihr trauriges Lied

vom Wäschewaschen.

Das geht so: „Ich bin ja so betrüüüüüübt! Kaum ist die Wäsche sauber

gewaschen, kommen auch schon neue Wäschetaschen.“

Gleich hinter den drei großen Fichten probieren die Eichhörnchenschwestern

Stella und Bella neue lockige Pelzfrisuren aus.

Die beiden sind ein bisschen eitel, aber wer wäre das nicht bei so einem

schönen und glänzenden Fell?

Unten am Fluss putzen sich die Biberjungen unter strengster Anleitung von

Papa Biber die Zähne.

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„Nicht mogeln!“, schimpft Papa Biber. „Ich seh doch genau, dass ihr nur auf

den Zahnbürsten rumknabbert.“

Die Biberjungen protestieren wie immer und Papa Biber schaut auf die Uhr.

„Jetzt noch drei Minuten!“

Und was macht Petunia? Nun, die kleine Hexe steht im Handstand auf ihrem

Schaukelstuhl und denkt darüber nach, wie lange sie wohl hin- und

herschaukeln kann, ohne herunterzufallen. Dabei streckt sie ihre roten

Stiefelchen hoch in die Luft.

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Habe ich es nicht gesagt? Alles ist wie immer! Bis …

Herr Spiegelei und der verschwundene Brief


„Halloooo, ist jemand zu Hause? Die Post ist da!“ Paul, der Postfuchs, steht

unten an der Wendeltreppe und verrenkt sich den Hals.

Aber in Petunias Baumhaus ist alles ruhig.

Ungeduldig hämmert er mit seiner Pfote auf die Klingel.

Riiiiiiing! Doch Petunia hört nichts, was natürlich daran liegt, dass sie ihren

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Zauberhut tief über beide Ohren gezogen hat. Immer wenn Petunia ihren Hut

dreimal dreht, hat sie die besten Einfälle!

Herr Spiegelei, Petunias fliegender Staubsauger, sitzt unter seiner

Lieblingstanne und genießt in der warmen Morgensonne sein erstes

Kännchen Schmieröl.

„Warum macht der Postfuchs bloß so einen Krach?“, wundert sich Herr

Spiegelei. „Briefe kann man doch auch ohne Lärm austragen!“

Schnell schlittert er über den Waldboden, geradewegs auf Postfuchs Paul zu.

„Gib her! Ich erledige das“, erklärt Herr Spiegelei wichtig und saugt dem

verdutzten Postfuchs den Brief aus den Pfoten.

Dabei pustet er eine so große Staubwolke aus, dass der arme Postfuchs

heftig niesen muss.

Ohne sich umzusehen, holpert Herr Spiegelei die Stufen der Wendeltreppe

hinauf.

„Weshalb kann Petunia nicht, wie andere Hexen auch, ebenerdig wohnen oder

wenigstens ein Fenster offen lassen, damit ich rein- und rausfliegen kann?“,

stöhnt er und schnaubt dabei wie eine Dampflokomotive.

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Endlich ist er oben angelangt. „Petunia Olivia!“, ruft er streng.

In diesem Moment öffnet Petunia die Tür.

„Einen schönen guten Morgen, lieber Herr Spiegelei! Eben habe ich über dich

nachgedacht.“

„Über mich?“, schnarrt Herr Spiegelei erfreut.

„Natürlich! Du brauchst dringend Bewegung, sonst rostest du. Wollen wir

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einen Ausflug machen oder möchtest du lieber zehn Mal die Wendeltreppe

rauf- und runterhüpfen?“

Herr Spiegelei schaut die kleine Hexe entsetzt an. „Ich hatte heute schon

genug Bewegung“, japst er. „Vom Wendeltreppenhochsteigen ist mir ganz

wendelig geworden.“

Petunia schaut Herrn Spiegelei erstaunt an. „Und warum kommst du nicht

durchs Fenster hereingeflogen, so wie mein alter Hexenbesen das auch

immer tat?“

„Weil du wieder einmal vergessen hast, das Fenster offen zu lassen,

deshalb!“, sagt Herr Spiegelei vorwurfsvoll. „Das nächste Mal …“

„Oh, wie dumm!“, unterbricht ihn Petunia. „Aber leider kann ich deine

Beschwerde erst wieder am Donnerstag entgegennehmen. Dann ist

Reklamationstag.“

Petunia seufzt. „Heute ist leider erst Freitag. Siehst du?“ Strahlend zeigt sie

auf den Hexenkalender, der über ihrem Kühlschrank hängt.

Herr Spiegelei beginnt, ärgerlich zu rattern. „Du mogelst! Auf deinem

Hexenkalender gibt es nur Freitage, weil du die anderen Kalenderblätter

heimlich weggezaubert hast.“

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„Stimmt“, sagt Petunia und beginnt, leise zu kichern. „Das habe ich völlig

vergessen. Aber willst du mir nicht endlich sagen, weshalb du nicht wie üblich

um diese Zeit dein Schmieröl schlürfst?“

Herr Spiegelei denkt kurz nach. „Weil der Postfuchs da war. Du hast einen

Brief erhalten und den wollte ich dir vorbeibringen. Was übrigens sehr nett ist

von mir.“

„Wie aufregend!“, freut sich Petunia. „Ich habe schon seit hundert Jahren

keinen Brief mehr erhalten. Wo ist er?“

Herr Spiegelei schaut sich um. „Oh nein, eben war er noch hier und jetzt ist er

weg.“

„Wie – ‚weg‘?“, fragt Petunia erstaunt.

„Bestimmt nur vorübergehend“, sagt Herr Spiegelei verlegen.

„Wir müssen ihn suchen!“, ruft die kleine Hexe.

Zusammen durchsuchen sie das ganze Baumhaus, von oben nach unten und

von links nach rechts. Sie gucken hinter alle Regale, unter Petunias Bett und

in jeden Schrank. Sogar im Kühlschrank schauen sie nach.

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„Und warum zauberst du den Brief nicht einfach wieder her?“, fragt Herr

Spiegelei außer Atem.

„Weil ich keine verschwundenen Dinge herzaubern kann. Das ist eine

Hexenfähigkeit, die ich … ähm … zufällig noch nicht erlernt habe“, sagt Petunia

und schaut dabei ein bisschen betrübt.

„Aber dafür kann ich Gegenstände lebendig werden lassen. Soll ich zaubern,

dass der Blumentopf mit dir einen Hüpftanz macht?“

„Schon gut“, murmelt Herr Spiegelei.

Plötzlich wird er ganz aufgeregt. „Ich habe eine Idee! Du lässt jetzt alle Möbel

lebendig werden und dann befiehlst du ihnen, aus dem Haus zu spazieren.

Wenn alles leer ist, finden wir den Brief bestimmt.“

„Einverstanden! Das ist eine gute Idee!“, freut sich die kleine Hexe.

Sie stellt sich auf einen Stuhl und ruft mit lauter Stimme: „Eins, zwei,

Spiegelei, drei, vier, Gaukelei! Alle Möbel aus dem Haus. Flux, flux!“ Dazu

klatscht Petunia dreimal in die Hände.

Ein Möbelstück nach dem anderen poltert die Wendeltreppe hinunter.

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Nur das Klavier bleibt widerspenstig stehen.

„Du auch, du stures Ding!“, schimpft Herr Spiegelei.

Schließlich rumpelt auch das Klavier die Treppe hinunter, dabei macht es so

viele falsche Töne, dass sich Petunia die Ohren zuhalten muss.

Jetzt sind alle Zimmer leer. Doch weit und breit ist kein Brief zu entdecken.

Außer einem rosa Haarband, das Petunia verschämt einsteckt, und einer

Packung mit abgelaufenen Pfefferbonbons gibt es überhaupt nichts zu

entdecken in den leeren Zimmern.

Petunia läuft enttäuscht die Wendeltreppe hinunter. Herr Spiegelei schleicht

ihr missmutig hinterher. „Es tut mir ja so leid“, jammert er.

„Was ist denn hier los? Ihr zieht doch hoffentlich nicht um? Neue Nachbarn

wären gar nicht nach meinem Geschmack.“ Fredi, der Waschbär, rückt seine

Brille zurecht und runzelt die Stirn.

Petunia sitzt zuoberst auf dem Möbelberg und schüttelt den Kopf.

„Wir suchen meinen Brief“, erklärt sie. „Herr Spiegelei weiß nicht mehr, wo er

ihn hingelegt hat. Und damit wir ihn ganz schnell wiederfinden, haben wir das

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Haus ausgeräumt.“

Fredi überlegt. „Moment, Herr Spiegelei hatte den Brief? Hm … lasst mich

nachdenken … Herr Spiegelei ist von Beruf …“

„Hexentransportunternehmer!“, ruft Herr Spiegelei erfreut. „Und Staubsauger

im Nebenerwerb!“

„Ganz genau, das meine ich“, sagt Fredi. „Sie sind ein Herr Staubsauger.

Könnte es da nicht sein …?“

„Genial, total! Jetzt weiß ich wieder, wo der Brief ist!“, ruft Herr Spiegelei

begeistert. „Ich habe ihn eingesaugt, damit er nicht verloren geht. Und jetzt

puste ich ihn wieder aus mir raus.“

Herr Spiegelei holt tief Luft und – pfffffff – liegt der Brief auf dem Boden des

Finsterwaldes.

„Mein Brief!“, ruft die kleine Hexe erfreut. Doch gerade als sie danach greifen

will, kommt ein heftiger Windstoß und trägt ihn mit sich fort.

„Oh nein!“, sagt die kleine Hexe betrübt. „Jetzt werde ich nie erfahren, was in

meinem Brief steht.“

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Einige Tannen weiter weg ist der Postfuchs auf dem Nachhauseweg.

Hungrig streckt er seine Nase in die Luft, um herauszufinden, ob es nach

Hühnersuppe riecht, seiner Leibspeise.

Doch leider ist seine Frau Fuchsia Vegetarierin und das ist gar nicht günstig

für einen, der Hühnerspeisen liebt.

„Es riecht schon wieder nach Kräuterknödeln“, jammert Paul. „Jeden Mittag

dieser Kräutermampf! Eine Unsitte ist das!“

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Kaum hat er das gesagt, weht ihm ein Windstoß einen Brief mitten vor die

Nase.

„Schau mal einer an“, sagt Paul verdutzt. „Das ist doch der Brief von Tante

Aurora! Na gut, dann bringe ich ihn morgen noch mal bei Petunia vorbei.

Vielleicht hat sie ja ein Töpfchen Hühnersuppe für mich.“

Sieben leere Körbchen und ein wichtiger Auftrag


Am nächsten Morgen denkt Petunia erst mal nicht mehr an den

verschwundenen Brief.

Ungeduldig dreht sie an ihrem Kaleidoskop. „Jetzt habe ich dieses Ding schon

neunmal geschüttelt, dreimal Pokso-die-lak gerufen und ich sehe noch immer

nichts!“

Petunia stellt sich auf die Zehenspitzen.

„Wer durch das Zauberkaleidoskop guckt, sieht immer etwas. Alte Flugsauger-

Weisheit“, erklärt Herr Spiegelei.

„Aber ich sehe trotzdem niemanden, der meine Hilfe braucht!“, ruft Petunia

trotzig und stampft mit den roten Stiefelchen auf den Boden.

„Und das ist überhaupt nicht praktisch, wenn man eine hilfsbereite kleine

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Hexe sein möchte.“

„Papperlapapp, bestimmt schaust du nicht konzentriert genug“, sagt Herr

Spiegelei.

Petunia kneift die Augen zusammen.

„Pass auf!“, ruft sie. „Ich schaue jetzt in unser Nachbarhaus. Die

Waschmaschine Clementine wäscht die Trikots der Mäusekicker. Sie sieht

betrübt aus, aber das ist normal, weil sie weiß, dass die Hemden nach dem

nächsten Training wieder schmutzig sind. Und das macht ihr zu schaffen.

Fredi Waschbär bügelt Mäusesocken. Er hingegen sieht zufrieden aus, das ist

auch normal, denn Fredi Waschbär liebt es zu bügeln. Eigentlich müsste er

Bügelbär heißen.“ Petunia kichert.

„Das ist ja zum Einrosten, und sonst?“ Herr Spiegelei schlittert zum Fenster.

„Nichts, nichts und doppelt nichts! Die beiden alten Eulen Irma und Erna lesen

Zeitung. Klaus, die Kröte, joggt um den Teich, die Eichhörnchenschwestern

sind am Tratschen … egal wohin man schaut, sind alle zufrieden.“

„Dann schau wenigstens nach, was Zwerg Griesgram macht!“, schlägt Herr

Spiegelei vor.

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„Kann ich nicht! Sein Tresor ist wie immer zugesperrt“, erklärt Petunia. „Und

die Wände sind zu dick für mein Kaleidoskop, ich kann nichts sehen.“

Petunia seufzt. „Mich würde ja schon interessieren, was er dadrin so

Wichtiges aufbewahrt.“

Zwerg Griesgram wohnt am weitesten weg von Petunia, in einem alten

Tresor, den vor langer, langer Zeit jemand beim Steinbruch vergessen hat.

Schwer zu sagen, wieso jemand einen Tresor im Wald vergisst, aber

inzwischen ist der alte Eisenschrank so dicht mit Efeu zugewachsen, dass er

niemandem mehr auffällt.

Außerdem machen die meisten Finsterwaldbewohner sowieso einen großen

Bogen um Zwerg Griesgrams eiserne Festung.

Denn Griesgram ist der übellaunigste Zwerg, den man sich vorstellen kann,

und er ist sehr stolz darauf, dass er noch nie in seinem Leben auch nur für

einen Tag gute Laune hatte.

Ganz im Gegensatz zu seinem treuen Diener, Geist Eberhard, der immer gut

gelaunt und freundlich ist.

„Ich habe eine Idee!“, ruft Herr Spiegelei. „Du und ich trinken zusammen ein

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Kännchen Schmieröl!“

Petunia schüttelt heftig den Kopf. „Geht nicht. Erstens bin ich eine Hexe und

Hexen trinken kein Schmieröl und zweitens weiß ich, weshalb du mich

einladen willst. Mir ist nämlich gerade etwas eingefallen. Du hast immer noch

ein schlechtes Gewissen wegen meines verschwundenen Briefs. Aber du

kannst alles wiedergutmachen und ich weiß auch schon, wie!“

Petunia klatscht begeistert in die Hände. „Wir gehen zur Lichtung, wo die

alten Buchen stehen, und dort pustest du alle Blätter zusammen, bis wir einen

riesigen Blätterberg haben.“

„Das klingt anstrengend“, brummt Herr Spiegelei. „Wozu soll das denn gut

sein?“

„Um von ganz oben mitten hinein in den Blätterberg zu hüpfen! Das ist lustig!“

„Fragt sich nur, für wen“, brummt Herr Spiegelei, der viel lieber gemütlich ein

Kännchen Schmieröl getrunken hätte. Doch das Protestieren nützt ihm heute

nichts.

„Auf geht’s!“, ruft Petunia. „Ich zaubere die Blätter herbei und du pustest sie

schön zusammen! Das nennt man Teamarbeit!“

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Petunia und Herr Spiegelei sind den ganzen Nachmittag so eifrig mit ihrem

Blätterhüpfberg beschäftigt, dass sie die elegant gekleidete Hexe nicht

bemerken, die auf einem schicken Besen zum Baum mit den runden Blättern

fliegt.

Der Mond leuchtet bereits hinter den Tannen, als sich Petunia und Herr

Spiegelei auf den Heimweg machen.

Herr Spiegelei ist so müde, dass ihn Petunia dreimal wieder munter zaubern

muss: „Eins, zwei, Spiegelei, drei, vier, Gaukelei! Flux, flux! Flieg, Herr

Spiegelei, flieg!“

Beim dritten Mal schießt Herr Spiegelei wie eine Rakete durch den Wald.

Fast hätte er den Postfuchs über den Haufen geflogen, der eilig den Weg

entlanggefahren kommt.

Als er Petunia sieht, drückt er ihr einen Brief in die Hand.

„Wo warst du denn den ganzen Tag? Zum Glück habe ich gestern deinen Brief

gefunden! Das kostet dich einen Topf Hühnersuppe!“

„Danke!“, ruft Petunia. „Aber von mir kriegst du keine Hühnersuppe.“

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„Von mir auch nicht!“, sagt Herr Spiegelei streng.

Schnell reißt Petunia den Umschlag auf und beginnt, laut zu lesen:

Liebe Petunia Olivia!

Ich weiß, dass Du eine sehr hilfsbereite kleine Hexe bist.

Das bist Du doch?

Petunia nickt.

Außerdem möchtest Du doch die talentierteste und berühmteste Hexe vom


ganzen Finsterwald werden? (Mal abgesehen von mir, natürlich.)

Petunia nickt erneut. Aber dieses Mal wird sie ein bisschen rot.

Gut – wenn man das will, ist es sehr wichtig, dass man sich besondere
Fähigkeiten aneignet!

Petunia nickt noch eifriger als vorher.

Dir zum Beispiel fehlt eine sehr wichtige Hexenkunst.

Nämlich das Wissen um die Eulendressur.

„Eulendressur?“ Petunia runzelt die Stirn.

Genau! Und aus diesem Grund schicke ich Dir meine sieben kleinen Eulen, auf

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die Du aufpassen wirst, während ich beim großen Hexentreffen in


Ganzweitweg bin. Ich bin mir sicher, dass Du Dich gut um sie kümmern wirst.

Sie sind schon fast fertig dressiert und die meiste Zeit auch sehr niedlich und
wohlerzogen! (Und über die übrige Zeit möchte ich lieber nichts schreiben.)

Leider kann ich Dir nicht sagen, wie lange das Hexentreffen dauern wird. Bitte
versuche nicht, mich zu kontaktieren, falls … Na ja, Du wirst schon gut mit
meinen kleinen Eulchen zurechtkommen. Ich zähle auf Dich!

Dankbare Grüße

Deine Tante Aurora

PS: Ach ja, und wenn Du dafür sorgst, dass meine sieben kleinen
Rotzschnäbel künftig für alle Bewohner des Finsterwalds eine Freude sind,
bekommst Du das sehr berühmte Eulenhexen-Diplom und kannst Dich fortan
Eulenhexe nennen. Wie jeder weiß, ist das für uns Hexen eine ganz besondere
Auszeichnung.

„Von diesem Diplom habe ich noch nie etwas gehört!“, sagt Herr Spiegelei

verwundert.

„Was für ein Glück!“, freut sich Petunia. „Bald schon bin ich eine diplomierte

Eulenhexe!“

„Hoffentlich“, brummt Herr Spiegelei.

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„Wo sind die kleinen Eulen, ich sehe nur sieben leere Körbchen!“, ruft Petunia,

nachdem sie durchs Fenster geflogen sind.

„Hilfe, ich klebe fest!“, schreit Herr Spiegelei entsetzt aus der Küche.

Der ganze Küchenboden ist mit Himbeermarmelade vollgekleckert und der

arme Herr Spiegelei kann sich keinen Zentimeter mehr vorwärtsbewegen.

„Das waren bestimmt die kleinen Eulen“, sagt Petunia. „Die kleinen

Schleckmäuler hatten Hunger.“

„Wenn du mich fragst, sind das sehr ungezogene Eulen!“, schimpft Herr

Spiegelei.

„Pssst, ich habe sie gefunden!", flüstert Petunia. „Sie schlafen.“ In Petunias

Bett liegen sieben kleine Eulen. „Sie schlafen brav wie Eulen-Engelchen“, freut

sich Petunia.

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„Und ich dachte immer, Eulen sind nachts wach“, brummt Herr Spiegelei.

Petunia schließt leise die Schlafzimmertür.

Kaum ist sie weg, kommt die kleinste der sieben kleinen Eulen unter der

Decke hervorgekrochen und beginnt, leise zu tuscheln: „Meint ihr, dass diese

Petunia genauso streng ist wie Tante Aurora?“ Doch die einzige Antwort, die

sie bekommt, ist ein sechsfaches leises Schnarchen.

Ein ausgesprochen zäher Karamellkuchen

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„Huch, wer sägt denn da an meinem Baumhaus?“ Die kleine Hexe springt

erschreckt vom Schaukelstuhl.

Herr Spiegelei liegt im Wohnzimmer und schnarcht so laut, dass die Wände

wackeln.

Irgendwann muss ich ihn mal leise zaubern, denkt Petunia und reibt sich

verschlafen die Augen.

In der Nacht hatte sie einen wunderschönen Traum: Sie stand auf einem

riesigen Podest und Hunderte von alten Hexen jubelten ihr zu.

In der vordersten Reihe war Tante Aurora und hielt eine gerahmte Urkunde in

der Hand.

Petunia konnte ganz genau lesen, was darauf geschrieben stand: „Unsere

unglaublich talentierte Petunia Olivia von und zu Nadelbaum ist die erste

diplomierte Nachwuchs-Eulenhexe vom ganzen Finsterwald.“

Doch gerade als Petunia nach dem Diplom greifen wollte, ist sie aufgewacht.

„Wie schade, dass ich nicht noch ein bisschen weiterträumen konnte“, seufzt

Petunia.

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„Ojemine, mir tut der Zahn so weh! Ojemine!“, tönt es da von unten.

„Das ist Fredi Waschbär!“, ruft Petunia und rennt ans Fenster.

Fredi steht vor seinem Häuschen und hält sich die Wange. „Diese

Zahnschmerzen sind gar nicht nach meinem Geschmack“, jammert er. Seine

Wange ist dick wie ein Tennisball.

„Wach auf, Herr Spiegelei!“, ruft Petunia. „Fredi Waschbär braucht unsere

Hilfe! Er hat heftige Zahnschmerzen, am besten gehen wir mit ihm zu Doktor

Igel.“

„Und was ist mit meinem Frühstück?“, knurrt Herr Spiegelei.

„Wir wollen auch Frühstück, wir sind schon ganz lange wach!“ Sieben kleine

Eulen kommen ins Wohnzimmer spaziert.

„Ich bin Eulili!“, kräht die kleinste. „Und das sind Eululu, Eulala, Eulolo, Eulele

und Eulölö und die größte da drüben, die kannst du einfach Eule nennen.“

„Huch, euch hätte ich fast vergessen! Was mache ich jetzt nur?“ Petunia

schaut die kleinen Eulen sorgenvoll an.

„Das fängt ja gut an!“, sagt Eule und schaut ein bisschen streng.

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„Bekommen wir jetzt Frühstück?“, fragt Eulili.

„Ganz bestimmt, ich mache euch einen leckeren Haferbrei“, erklärt Petunia

eifrig, „aber erst muss ich mit Fredi Waschbär zum Zahnarzt fliegen. Er hat

schreckliche Zahnschmerzen. Es dauert auch nicht lange! Höchstens ein paar

Minütchen. Ihr könnt schon mal den Tisch decken. Bis gleich!“

Petunia und Herr Spiegelei fliegen in Windeseile aus dem Fenster.

Herr Spiegelei lässt dabei seinen Motor laut aufheulen, was er immer macht,

bevor er sich auf einen wichtigen Flug begibt.

Sieben kleine Eulen schauen den beiden mit großen runden Augen hinterher.

„Wir können doch auch selbst Frühstück machen!“, sagt Eulili und stellt sich

auf die Zehenspitzen. „Wir sind groß genug.“

„Gute Idee!“, ruft Eulölö und reißt alle Küchenschränke auf. „Schade, dass

nichts mehr von der leckeren Himbeermarmelade übrig ist.“

„Aber dafür gibt es Nüsse!“, ruft Eulolo begeistert. „Wir backen einen

Nusskuchen.“

„Weißt du, wie das geht?“, fragt Eulele, die eine sehr vernünftige kleine Eule

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ist.

„Noch nicht", kichert Eulolo. „Aber gleich!“

Sieben kleine Eulen machen sich an die Arbeit. Zuerst holt Eulele eine große

Schüssel. Dann gibt Eulolo die Nüsse hinein.

Eule sucht nach Mehl. Eulili und Eulölö geben ein ganzes Glas Honig in die

Schüssel und Eululu mischt alles zusammen.

Nur Eulala ist gar nicht zufrieden. „Das ist kein Kuchenteig“, beschwert sie

sich. „Ein Teig sieht ganz anders aus.“

„Und wennschon!“, kräht Eulolo und dreht am Schalter des Backofens. Aber

nichts passiert.

Eulolo versucht es erneut.

„Heute ist Backofen-Ruhetag!“, ruft Eule. „Kannst du nicht lesen?“

„Dann backen wir den Kuchen in der Bratpfanne!“, beschließt Eulolo.

Eule holt einen Topf voll Butterblumenschmalz und Eulölö und Eulili schaben

die Teigmasse in die Pfanne.

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„Unser Kuchen riecht aber sehr lecker nach Karamell“, freut sich Eulölö.

Unterdessen sind Petunia, Herr Spiegelei und Fredi Waschbär endlich bei

Doktor Igel angekommen.

Der Flug hat etwas länger gedauert als erwartet, weil sich Herr Spiegelei

dreimal verflogen hat.

„Ganz klar, dieser Zahn muss raus!“, erklärt Doktor Igel, nachdem er Fredi in

den weit aufgesperrten Mund geschaut hat.

„Ich hole jetzt meine große und eindrückliche Zahnziehzange!“

„Auf gar keinen Fall!“, ruft Fredi Waschbär entsetzt und hüpft so schnell vom

Stuhl, als hätte er sich auf ein Tannennadelkissen gesetzt.

„Eine solche Aktion ist überhaupt nicht nach meinem Geschmack, ich bin

nämlich schrecklich allergisch auf Zahnziehzangen und ich glaube, mein

Zahn tut auch gar nicht mehr weh. Also ich bin mir sogar sehr sicher.“

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„Ist das wahr?“, fragt Doktor Igel verwundert.

„J-ja, g-ganz bestimmt!“, stottert Fredi. „Mir geht es bestens und ich muss

jetzt unbedingt wieder nach Hause gehen, weil ich schrecklich viel zu bügeln

habe. Klaus Kröte hat mir drei Paar Sportsocken vorbeigebracht.“

„Wenn das so ist …“, brummt Doktor Igel.

„Ja genau, so ist es!“, ruft Fredi.

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„Tut mir leid für die Störung“, sagt Petunia. „Offenbar hat es für die Heilung

schon gereicht, zu dir zu kommen.“ Petunia blinzelt Fredi verschmitzt zu.

„Aber sollte sich der Zustand wieder verschlimmern …“, fügt Doktor Igel an.

„Dann bringe ich unseren Patienten noch mal vorbei“, verspricht Petunia.

Kaum sind sie draußen, beginnt Fredis Zahn, wieder zu schmerzen. Aber

diesmal schweigt er tapfer.

„Zu Hause koche ich uns allen einen leckeren Haferbrei“, sagt Petunia.

„Ich finde, der Wald riecht heute nach Karamell“, wundert sich Herr Spiegelei.

„Ich liebe Karamell!“, ruft Fredi. „Ach, wenn nur diese Zahnschm…“

„Wir sind wieder da!“, ruft Herr Spiegelei.

Im Wohnzimmer sitzen sieben kleine Eulen auf dem Schaukelstuhl und

schaukeln fröhlich hin und her. „Gleich gibt es Frühstück“, sagt Petunia.

„Nicht nötig, wir haben einen leckeren Nusskuchen gebacken!“, sagt Eule.

„Leider ist er aber etwas hart geworden“, fügt Eulolo kichernd an.

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„Steinhart“, sagt Eulili.

„Und sehr unordentlich ist auch alles geworden!“, ruft Herr Spiegelei aus der

Küche und schaut entsetzt auf die offenen Schränke und die klebrigen

Schüsseln.

„Oh nein! Was habt ihr bloß angestellt!“, ruft Petunia.

„’tschuldigung!“, sagt Eulölö.

„Kannst du unseren schönen Kuchen trotzdem weich zaubern?“, piepst Eulili.

„Ich kann’s versuchen“, seufzt Petunia.

Sieben kleine Eulen und Herr Spiegelei schauen gebannt auf den Kuchen, der

aussieht wie eine klebrige Wurfscheibe.

Fredi Waschbär vergisst sogar seinen schmerzenden Zahn und stellt sich

neugierig hinter Petunia.

„Eins, zwei, Spiegelei, drei, vier, Gaukelei! Liebe Pfanne, mach den Kuchen

ganz rasch locker, leicht und luftig – lecker, fein und duftig. Flux, flux!“

„Ich probiere als Erster“, sagt Fredi und greift mit der Pfote in die Pfanne.

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„Das fühlt sich aber ganz schön zäh an.“ „Probier doch erst mal“, sagt Petunia

unsicher.

„Hm, vielleicht wird der Kuchen ja im Mund weich“, sagt Herr Spiegelei. Alle

probieren.

„Aua!“ Entsetzt greift sich Fredi Waschbär an die Wange. „Ich habe mir einen

Zahn ausgebissen!“

Doch dann beginnt Fredi zu strahlen: „Das ist genau der Zahn, den mir Doktor

Igel sowieso ziehen wollte!“

„Dann hast du sicher auch bald keine Zahnschmerzen mehr“, freut sich

Petunia.

„Wir wollen lieber Haferbrei!“, krähen sieben kleine Eulen im Chor. „Du hast es

uns versprochen!“

„Stimmt“, sagt Petunia.

„Aber bitte ohne Nüsse“, kichert Herr Waschbär. „Meine restlichen Zähne

brauche ich noch.“

Das faule Minchen

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„Petunia Olivia, du hast vergessen, dass morgen im Hasental Wochenmarkt

ist.“

Nach dem Frühstück schaut Herr Spiegelei Petunia vorwurfsvoll an. „Es

gehört zu deinen Hexenaufgaben, den Häsinnen beim Pilzesammeln

behilflich zu sein.“

„Ach, du lieber Pfifferling!“, stöhnt Petunia. „Natürlich habe ich das nicht

vergessen! Ich habe bloß nicht daran gedacht.“ „Also, dann nichts wie los!“,

ruft Herr Spiegelei.

„Stopp! Uns hast du versprochen, flauschige bunte Bettdecken für unsere

Bettchen zu stricken! Das gehört auch zu deinen Aufgaben!“ Eule stellt sich

Petunia in den Weg und plustert sich wichtig auf.

„Das wird später erledigt! Später erledigt ist auch ein bisschen wie erledigt.

Das ist eine alte Hexenweisheit!“, ruft Petunia. „Das habe ich aber noch nie

gehört“, wundert sich Eulolo.

„Klar, den Spruch hat sie soeben selbst erfunden“, erklärt Herr Spiegelei.

„Wisst ihr, was, ihr spielt eine Runde Eule-mit-Weile, und bis ihr fertig seid, bin

ich wieder zurück“, sagt Petunia.

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Sieben kleine Eulen stellen sich in Reih und Glied ans Fenster und winken

Petunia nach.

„Sobald sie weg ist, probiere ich ihre Ersatzstiefelchen an!“, ruft Eule.

„Und ich bastle mir einen Petunien-Hut!“, kichert Eulölö.

„Und ich spiele auf dem Klavier den Eulentanz!“, quietscht Eulolo.

Nicht weit weg von Petunias Baumhaus sind die Häsinnen am Pilzesammeln.

Sie sind schon seit den frühen Morgenstunden im Finsterwald unterwegs und

haben ihre Körbe randvoll mit frischen Pilzen gefüllt.

„Wir sind zu spät!“, jammert Herr Spiegelei. „Wenn das Tante Aurora erfährt,

dann kriegst du einen Eintrag im Hexenregister und womöglich wird dir zur

Strafe der Hexenflugschein entzogen und dann bin ich arbeitslos.

Huuhhhhhh!“ Herr Spiegelei heult wie eine Sirene.

„Jetzt hör doch mit dem Gejammer auf! Ich sehe noch ein Hasenmädchen mit

einem leeren Korb!“, ruft Petunia erfreut. „Die Ärmste hat keinen einzigen Pilz

gefunden. Ihr können wir helfen.“

Das Hasenmädchen mit dem leeren Korb heißt Minchen und ihr Korb ist nur

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deshalb leer, weil sie sich lieber unter dem Haselstrauch ausruht, als Pilze zu

sammeln. Und Pilze hüpfen nun mal nicht von selbst in den Korb. Zumindest

war das bis heute so.

„Eins, zwei, Spiegelei, drei, vier, Gaukelei!“, flüstert Petunia leise. „Lauf,

Körbchen, lauf, sammle alle Pilze fein, das Hasenmädchen schläft gleich ein.“

Minchen legt sich unter den Strauch und streckt die Pfötchen weit von sich.

„Diese Pilzsucherei ist so was von anstrengend“, gähnt Minchen. „Nur vom

Drandenken werde ich schon entsetzlich müde.“ Kurze Zeit später schläft sie

tief und fest.

Der Pilzkorb fegt im Zickzack durch den Tannenwald und die Pilze hüpfen

einer nach dem anderen in den Korb.

„Bald ist der Korb voll! Da wird das müde Hasenmädchen Augen machen.“

Petunia ist begeistert.

Doch während sich Minchens Korb mit Pilzen füllt, beginnen sich zu Hause im

Baumhaus mit der Wendeltreppe sieben kleine Eulen ganz schrecklich zu

langweilen.

„Wie wär’s mit einer Kissenschlacht?!“, ruft Eulolo.

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Sechs kleine Eulen schütteln die Köpfe. „Nein, nein, nein!“ „Wir könnten eine

Geschichte erfinden mit sieben kleinen Eulen!“, ruft Eulala.

Sechs kleine Eulen schütteln erneut die Köpfe. „Nein, nein, nein!“

Eule flattert auf den Fenstersims, schnappt sich Petunias Zauberkaleidoskop

und schüttelt es.

„Pokso-die-lak!“, kräht Eule. „Was für ein Glück, dass ich eine so aufmerksame

kleine Eule bin und mir jeden Zauberspruch merken kann. Wollt ihr wissen,

was ich sehe?“

Sechs kleine Eulen rufen: „Ja, ja, ja!“

„Ich sehe ein Hasenmädchen, das unter einem Baum liegt und schläft.

Petunia hat ihr einen Korb hingestellt. Oh, jetzt wird das Bild ganz unscharf.

Ich sehe nicht, was im Korb drin ist.“

„Sicher ein Himbeer-Schoko-Zitronen-Kuchen! Mit einer extradicken Himbeer-

Marmeladenschicht“, quietscht Eulili. „Oh ja! Den will ich probieren!“, ruft

Eulölö. „Kommt, wir fliegen zum Hasenmädchen.“

Die kleinen Eulen trippeln eine nach der anderen die Wendeltreppe hinunter

und flattern, so schnell es ihre kleinen Flügel erlauben, durch den Finsterwald.

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Petunia und Herr Spiegelei hingegen machen sich auf den Weg zum

Baumhaus. Und hätten sie nicht unterwegs noch Fuchsia auf ein

Schwätzchen getroffen, hätten sie die sieben Eulen bestimmt gesehen.

Aber auch das schlafende Hasenmädchen bekommt von allem nichts mit.

Eulili ist zuerst beim Korb. „Langweilig“, piepst sie. „Im Korb sind nichts als

hässliche braune und gelbe Pilze!“

„Uiii, dann ist Petunias Aktion so ziemlich in die Federhose gegangen!“, grinst

Eulolo. „Über so hässliche Pilze freut sich doch nicht mal eine Häsin!“

„Aber seht mal, da drüben gibt es viel schönere Pilze!“, ruft Eulala. „Rote mit

weißen Punkten und knallgrüne! Kommt, wir tauschen sie aus!“

Sieben kleine Eulen füllen Minchens Korb blitzschnell mit den neuen Pilzen.

Die braunen Pilze legen sie hinter einen Baum. Gerade als der letzte Pilz in

den Korb plumpst, wacht das Hasenmädchen auf.

„Huch! Schon so spät, ich muss gehen.“ Minchen packt den Korb und hoppelt

eilig davon.

„Da bist du ja!“, rufen die anderen Hasen, als Minchen am Waldrand

auftaucht. „Hast du viele Pilze gesammelt?“

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„Natürlich!“, sagt Minchen. „Guckt mal, mein Korb ist bestimmt der schwerste

von allen. Da staunt ihr, was?“

Minchen kichert. „Ich finde meine Pilze im Schlaf.“ „Die hat es gut“, seufzt

Minchens Schwester. „Das müsste mir auch mal passieren!“

„Mir nicht!“, ruft eine andere. „Schaut euch nur die Pilze an, die unser Minchen

im Schlaf gefunden hat!“

„Die sind ja alle giftig!“, rufen die Häsinnen entsetzt. „Giftige Pilze mag

niemand im Hasental.“

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„Keine Ahnung, wie die in meinen Korb gekommen sind …“, stammelt

Minchen. „Da muss mir jemand einen Streich gespielt haben.“

„Ganz bestimmt“, sagt Minchens Schwester. Und jetzt ist sie es, die kichert.

Und während die Häsinnen zurück ins Hasental hoppeln, beschließt Minchen

insgeheim, dass sie das nächste Mal ihre Pilze wieder selber suchen will.

Sicher ist sicher.

Ein Pilzschmaus und Zwerg Griesgram ärgert sich

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Mittlerweile scheint die Mittagssonne warm auf die grünen runden Blätter des

kleinen Baumes inmitten der drei mächtigen Tannen.

Petunia eilt die Wendeltreppe ihres Baumhauses hinauf und nimmt dabei

immer fünf Stufen auf einmal.

Kleine Hexen können das. „Hopp, hopp, hopp!“, ruft sie. „Wir müssen schnell

zu den kleinen Eulen, ich habe viel zu lange mit der lieben Fuchsia

geplaudert.“

„Warum fliegen wir denn nicht durch das Fenster?“, keucht Herr Spiegelei.

„Damit du fit bleibst, mein Guter! Wendeltreppen halten Flugsauger jung und

wendelig! Das ist eine alte Hexenweisheit!“

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„Habe ich noch nie gehört“, brummt Herr Spiegelei.

„Petunia, Petunia, während du weg warst, haben wir dem müden

Hasenmädchen wunderschöne Pilze in ihren Korb gelegt!“, ruft Eule.

„Rote mit weißen Punkten!“ Sieben kleine Eulen hüpfen aufgeregt durch das

Wohnzimmer.

„Um Himmels willen!“, ruft Petunia. „Doch nicht etwa Fliegenpilze?“

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Schnell greift sie zu ihrem Kaleidoskop, doch die Häsinnen sind längst wieder

im Hasental.

„Zum Glück kennen sich die Häsinnen mit Pilzen aus“, seufzt Petunia.

„Aber habe ich euch nicht gesagt, ihr sollt schön brav im Baumhaus bleiben?“,

fragt Petunia streng.

„Im Finsterwald herumzuflattern, ist das Gegenteil von brav zu Hause

bleiben!“

„Wir haben es nur gut gemeint!“, sagt Eulolo trotzig.

„Gut gemeint ist nicht immer gut getan“, erklärt Herr Spiegelei. „Alte

Flugsauger-Weisheit.“

Worauf ihm sieben kleine Eulen die Zunge herausstrecken, was Herr Spiegelei

zum Glück nicht sieht, weil er aus dem Fenster schaut.

„Wir gehen jetzt hinauf in unser Eulenzimmer und sind beleidigt“, verkündet

Eule.

Rums! Rums! Rums! Rums …

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Zusammengezählt wird die Tür zum kleinen Dachzimmer sieben Mal geöffnet

und dann lautstark wieder geschlossen.

Petunia schaut den kleinen Eulen ratlos nach.

Was fängt man nur mit sieben kleinen beleidigten Eulen an?

Doch bevor Petunia weiter darüber nachdenken kann, reißt sie Herr Spiegelei

aus ihren Gedanken.

„Petunia Olivia! Mich würde interessieren, wo all die vielen Schnecken

hinwollen“, wundert er sich. „Ist heute etwa der große Schnecken-

Wandertag?“

Petunia späht durch ihr Kaleidoskop. „So viele Schnecken! Das ist ja wirklich

ganz erstaunlich!“, ruft sie.

„Ich glaube, ich weiß, was sie vorhaben. Schau mal, sie sind unterwegs zu

einem Pilzschmaus. Siehst du die vielen Pilze dort, wo die kleinen Eulen den

Korb des Hasenmädchens ausgeleert haben? Doch oje, oje, die armen

Schnecken, sie sind so langsam! Bis sie zur Tanne kommen, sind die leckeren

Pilze doch längst ganz dürr geworden.“

Die kleine Hexe läuft im Baumhaus auf und ab. „Ich muss mir etwas

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überlegen, damit sie schneller vorwärtskommen.“

„Du könntest ihnen Flügel zaubern“, schlägt Herr Spiegelei vor.

Petunia schüttelt den Kopf. „Das kann ich leider nicht. Aber wir könnten den

Waldboden mit ein paar Kännchen Schmieröl …“

„Auf gar keinen Fall!“, ruft Herr Spiegelei entsetzt. „Außerdem habe ich gar

nicht mehr so viel Schmieröl. Dreh lieber dreimal deinen Zauberhut! Dann fällt

dir vielleicht etwas wirklich Schlaues ein!“

„Nicht nötig!“, ruft Petunia. „Ich habe bereits eine Idee! Weißt du, was, ich

zaubere aus den Tannennadeln, die hier überall herumliegen, ein Rollband! So

eines habe ich mal in einem Buch gesehen. Das ist genial! Damit sind die

Schnecken im Nu bei den Pilzen!“

Petunia hastet die Wendeltreppe hinunter und läuft den Schnecken entgegen.

Dabei ruft sie, so laut sie kann: „Eins, zwei, Spiegelei, drei, vier, Gaukelei!

Tannennadeln auf dem Moos, bitte rollt jetzt gleich schon los. Flux, flux!“

Und schon setzt sich ein schmaler Streifen aus Tannennadeln in Bewegung.

„He, Freunde! Der Waldboden befördert uns vorwärts!“, ruft eine Schnecke.

„Rechts stehen und links überholen!“, ruft eine andere.

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Allerdings ist Überholen nicht das, womit sich Schnecken gerne beschäftigen.

„Das klappt ja prima!“, kichert Petunia.

„So schnell waren wir noch nie unterwegs“, freut sich die langsamste der

Schneckenkolonie und bald darauf ist die ganze Schneckenschar hinter der

großen Tanne bei den Pilzen angekommen.

„Vielen Dank, liebe Petunia!“, rufen die Schnecken im Chor.

„Gern geschehen„, freut sich Petunia. „Guten Hunger!“

Als die Sonne hinter den Tannen untergeht, ist jedes Pilzstückchen

weggeputzt.

„Das nennt man einen Superschmaus“, freut sich eine Schnecke.

„Jetzt freue ich mich so richtig auf das Verdauungsschleichen“, kichert die

andere.

Denn natürlich steht das Tannennadel-Rollband längst wieder still.

Doch gerade als sich die Schnecken in gewohnter Langsamkeit auf den

Heimweg machen wollen, kommt Zwerg Griesgram angestapft.

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„Da seid ihr ja, ihr faules Schneckenpack! Den ganzen Tag habe ich auf euch

gewartet! Und was macht ihr, anstatt meine Kiesgrube zu beglitzern? Ihr

schlagt euch die Bäuche mit meinen Pilzen voll!“

„Aber das sind doch gar nicht deine Pilze“, wagt eine Schnecke zu

widersprechen. „Petunia sagt, die gehören allen!“

Worauf Zwerg Griesgram noch wütender wird. „Habe ich Petunia gehört? Ich

bin ganz schrecklich allergisch auf alles Blumenkraut, das mit einem ‚P‘

beginnt! Und besonders allergisch bin ich auf Petunien, Petunien und

Petunien!“

Zwerg Griesgrams Kopf wird rot wie eine Walderdbeere.

„Na warte, Petunia Olivia, so springt man nicht mit einem Griesgram um!“

Wütend marschiert er davon.

„Ist der immer so?“, fragt eine junge Schnecke.

„Leider“, antwortet ihre Mutter. „Wenn ich Petunia das nächste Mal sehe,

muss ich sie vor ihm warnen. Aber ich fürchte, das könnte eine ganze Weile

dauern.“

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Eine Matratze für Familie Dachs


„Heute habe ich endlich Zeit, mich um eure Decken zu kümmern“, erklärt

Petunia.

Pfeifend hüpft sie durch das Baumhaus. „Lange werdet ihr ja vielleicht nicht

bei uns zu Besuch sein, aber hübsche Bettdecken braucht ihr trotzdem.“

Sieben kleine Eulen beginnen zu tuscheln.

„Ich möchte gerne eine rosa Bettdecke“, quietscht Eulili.

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„Ich auch, ich auch!“, ruft Eulölö.

„Ich will eine lilafarbene!“ Eule zupft an Petunias Rock.

Sieben kleine Eulen plappern wild durcheinander.

„Was hast du vor?“, fragt Herr Spiegelei misstrauisch.

„Ich werde den kleinen Eulen sieben Deckchen für ihre kleinen Körbe stricken.

Damit sie nachts nicht frieren“, erklärt Petunia. „Wo habe ich bloß die

Stricknadeln hingelegt?“

„Wozu brauchen die Federlinge Decken?“, brummt Herr Spiegelei. „Ich habe

auch keine Decke, dabei wäre es sehr wichtig, dass mein Motor schön warm

gehalten wird.“

„Du bist doch nicht etwa eifersüchtig?“, fragt Petunia und blinzelt Herrn

Spiegelei zu.

„Ich bin ein Flugstaubsauger und die kennen keine Eifersuchtsgefühle“,

brummt Herr Spiegelei.

„Es geht mir nur um das Prinzip. Gleiche Decken für alle! Alte

Flugsaugerweisheit!“

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„Ach, da seid ihr ja, meine lieben Stricknadeln.“ Petunia holt schnell sieben

bunte Wollknäuel aus ihrer Holztruhe für Allerlei.

„Eins, zwei, Spiegelei, drei, vier, Gaukelei! Strickt schöne bunte Decken,

flauschig mit vier Ecken! Flux, flux!“

Die Stricknadeln klappern und tanzen auf und ab. Keine einzige Masche fällt

herunter und schon nach wenigen Minuten liegen sieben kleine Decken auf

dem Tisch.

„Ooohh, sind die flauschig!“, ruft Eulala entzückt.

„Spiegelei ist schon ganz grün vor Neid!“, kichert Eulili.

„Halt den Schnabel“, brummt Herr Spiegelei.

„Er ist ein Staubsaugerfrosch!“, quietscht Eulölö.

Jetzt reicht’s! Herr Spiegelei jagt die frechen kleinen Eulen quer durch das

Wohnzimmer.

„Hiiiilfeee!", quietschen die Eulen. „Er will uns aufsaugen!“

„Passt auf meine Glaskugel auf!“, schreit Petunia.

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Zu spät! Die Glaskugel fällt vom Tisch und zerspringt in tausend kleine

Scherben.

„Oh nein!“, jammert Petunia. „Was habt ihr bloß getan! Diese Kugel hat mir

Tante Aurora zum hundertsten Geburtstag geschenkt. Wenn sie erfährt, dass

die Kugel kaputt ist, wird sie sich bestimmt sehr ärgern.“

„Du kannst sie doch wieder ganz zaubern“, sagt Eule.

Petunia schüttelt den Kopf. „Das geht leider nicht. Eine Hexenkugel kann man

durch keinen Zauber der Welt reparieren. Oh weh, ohne meine Kugel kann ich

mir keine Wie-mach-ich-was-Hexenfilmchen mehr ansehen“, sagt Petunia

betrübt.

„Hätte man in dieser Kugel auch nachschauen können, wie man Eulen

dressiert?“, fragt Eule neugierig.

„Bestimmt“, antwortet Petunia und schaut traurig auf ihre roten Stiefelchen.

„Wir sind die meiste Zeit so brav, da brauchst du doch gar keine komischen

Glaskugelfilmchen“, sagt Eulolo. Sieben kleine Eulen nicken eifrig.

Herr Spiegelei sieht immer noch grimmig aus. „Also wenn man mich fragt,

was leider keiner tut – ich finde, diese Federlinge machen nichts als Ärger!“

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„Jetzt streitet euch doch nicht immer!“, sagt Petunia.

„Ich habe nicht angefangen!“, schnaubt Herr Spiegelei. „Und überhaupt gehe

ich jetzt ein Kännchen Schmieröl schlürfen.“

Wenig später schlittert Herr Spiegelei über den Waldboden und setzt sich

unter seine Lieblingstanne. „Endlich Ruhe!“, brummt er. Aber die Ruhe dauert

nicht lange.

„Hallihallo, Herr Rührei! Gut, dass ich dich treffe!“ Hugo, der Dachs, kommt

eilig auf den Staubsauger zugestürmt.

„Hör mal, ich habe da ein klitzekleines Problem und du kannst mir bestimmt

helfen. Unsere Kinder kriegen Besuch von ihren drei Cousinen und uns fehlt

ein Bett! Vielleicht könnte Petunia …“

Herr Spiegelei schaut Hugo mürrisch an. „Ich heiße Spiegelei, nicht Rührei, du

einfältiges Nagetier!“

„He, was ist denn mit dir los?“, fragt Hugo verdutzt.

„Du bist ja noch griesgrämiger als Zwerg Griesgram an seinem

griesgrämigsten Tag.“

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„Nichts ist los!“, brummt Herr Spiegelei und lässt Hugo mitten in einer

Staubwolke stehen. Knurrend schlittert er davon.

„Habe ich da eben meinen Namen gehört?“ Zwerg Griesgram streckt

argwöhnisch seine spitze Nase hinter dem Baumstamm hervor.

„Schau mal einer an, schlittert da nicht Petunias Flugsauger des Weges!

Eberhard, geh sofort zu ihm und finde heraus, was er hier so ganz allein im

Finsterwald macht.“

„Ja, Meister“, wispert Geist Eberhard.

„Jetzt!“

„Ja, Meister, sofort!“

Im Baumhaus mit der Wendeltreppe hingegen ist alles ruhig.

Die kleinen Eulen halten ihr Mittagsschläfchen und Petunia sitzt auf der

Schaukelstuhllehne und wippt nachdenklich hin und her.

Dabei dreht sie dreimal an ihrem Zauberhut.

Hoffentlich kommt ihr bald eine gute Idee!

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Herr Spiegelei hat schon recht, überlegt sie, die kleinen Eulen sind tatsächlich

ein bisschen zappelig.

Die Glaskugel ist nicht das Einzige, das vom Tisch gefallen ist.

Gestern war es meine Lieblingstasse, vorgestern Herrn Spiegeleis

Schmierölkännchen und vorvorgestern der Bilderrahmen für mein

Eulendiplom, das ich noch nicht habe.

Petunia seufzt.

Insgesamt gingen schon fünf Schälchen, sieben Gläser und drei Teller in die

Brüche.

Ich befürchte, dass Tante Aurora sehr unzufrieden mit mir wäre, überlegt

Petunia weiter. Was soll ich bloß tun?

„Ich hab’s!“, ruft Petunia nach einer Weile.

„Weshalb bin ich nicht schon früher darauf gekommen: Ich zaubere mein

Haus kleine-Eulen-freundlich. So kann ich die kleinen Eulen ganz ohne

Verluste erziehen.“

Schnell springt die kleine Hexe vom Schaukelstuhl. „Eins, zwei, Spiegelei, drei,

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vier, Gaukelei …“

„Huch, wie sieht es denn hier aus? Habe ich mich verflogen? Weshalb steht

der Tisch auf einer dicken Matratze, die aussieht wie unser Teppich?“

Herr Spiegelei kommt durch das offene Fenster ins Wohnzimmer geflogen

und bleibt verdutzt stehen.

„Dank unseres neuen superweichen Teppichs geht nie mehr etwas kaputt

beim Runterfallen“, erklärt Petunia stolz.

Doch schon beim Abendessen merkt Petunia, dass der dicke Teppich alles

andere als praktisch ist.

Der Tisch schwankt darauf wie ein Schiff in Seenot und die Suppe schwappt

bei jedem Löffel über.

„Der dicke Teppich ist blöd“, sagt Petunia und putzt sich die Suppe vom Kleid.

„Ich zaubere ihn gleich wieder dünn.“

Zu allem Überfluss klingelt es jetzt auch noch an der Baumhausglocke.

„Riiiing! Ist jemand zu Hause?“

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Petunia rennt ans Fenster. Unten steht Hugo, der Dachs.

„Hallo, Petunia! Hat dir Herr Omelette erzählt, dass ich dringend eine Matratze

brauche?“

Petunia schüttelt den Kopf. „Aber das trifft sich gut. Zufällig habe ich eine

supertolle weiche Teppich-Matratze für dich.“

Mithilfe der kleinen Eulen schleppt Petunia die Matratze zum Fenster.

„Eins, zwei, Spiegelei, drei, vier, Gaukelei! Los, flieg zu Familie Dachs! Flux,

flux!“

Und schon schwebt der Teppich aus dem Fenster.

„Vorsicht, fliegender Teppich!“, kichert Eulolo.

„Vielen lieben Dank, Petunia!“, ruft Hugo erfreut und eilt dem Teppich

hinterher.

„Dem Dachs haben wir jetzt gut geholfen, stimmt’s, Petunia?“, fragt Eulili. Die

kleine Hexe nickt.

Sieben kleine Eulen setzen sich wieder an den Esszimmertisch und essen ihre

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Suppe.

Nur Herr Spiegelei sieht immer noch ein bisschen grimmig aus.

Wie es weitergeht, erfahrt ihr im zweiten Teil der Geschichte!

Die kleine Eulenhexe. Willkommen im Zauberwald -


Teil 1
Geschichte aus: Die kleine Eulenhexe (1). Willkommen im
Zauberwald
Autor: Katja Alves
Illustration: Marta Balmaseda
Verlag: Arena
Alterseinstufung: ab 5 Jahren
ISBN: 978-3-401-71195-9

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