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BOOK

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Völkerpsychologie

Eine Untersuchung der Entwicklungsgesetze

Sprache, Mythus und Sitte

Wilhelm Wundt

Erster Band

Die Sprache

Zweite, umgearbeitete Auflage

Erster Teil

Mit 40 Abbildungen im Text

Leipzig

Verlag von Wilhelm Engelmann

1904

Alle Rechte, besonders das der C^bersetzung;, werden vorbehalten.

Vorwort zur ersten Auflage.

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>

Über Plan und Absicht des vorliegenden Werkes gibt die Ein- leitung Rechenschaft. Ich kann mich daher an dieser Stelle

auf einige kurze Bemerkungen über mein wenn ich mich des

Ausdrucks bedienen darf persönliches Verhältnis zu dem Gegen-

stande beschränken. Sprache, Mythus, Sitte bilden in ihren tatsäch-

lichen Zusammenhängen zunächst den Inhalt bestimmter philolo-

gisch-historischer Arbeitsgebiete; sie nehmen aber zugleich mehr als andere, dem weiteren Umkreis der Geschichte angehörige Stoffe

Nein direktes psychologisches Interesse in Anspruch.

Dieses Ver-

hältnis gibt den genannten Gebieten das Vorrecht, zugleich Grund-

lagen der »Völkerpsychologie« zu sein. Nun könnte es scheinen, als wenn auch der Psychologie dann am besten gedient wäre, wenn derjenige, der sich an die völkerpsychologischen Probleme heran-

wagt, die Eigenschaften des Philologen und des Historikers mit denen des Psychologen verbände. Aus zwei Gründen glaube ich jedoch, daß dieser Wunsch, vorläufig wenigstens, kaum Aussicht hat, verwirklicht zu werden. Erstens wird man bei der gegen-

wärtigen Teilung der wissenschaftlichen Arbeit schwerlich erwarten

dürfen, daß der Philologe oder Historiker die Sache in einer den

heutigen Forderungen der psychologischen Wissenschaft genügenden

Weise in Angriff nehmen werde; und vielleicht Vv^ird man ihm dies

nicht einmal verdenken können, da die Aufgaben und, was damit unvermeidlich verbunden ist, die Gesichtspunkte, mit denen er an die Probleme herantritt, wesentlich abweichend sind. Sodann aber

kann ich nicht umhin zu glauben, jene Arbeitsteilung,

die hier

die psychologische Analyse der Erscheinungen der Psychologie

und nicht der Philologie und Geschichte zuweist, werde in einem

VI

Vorwort.

gewissen Maß immer fortdauern,

wenn auch, wie zu hoffen ist,

beide Gebiete in Zukunft dadurch einander näher treten mösren, O daß sich die Philologen und die Historiker mit den Betrachtungs-

weisen der wissenschaftlichen Psychologie mehr befreunden, und daß sich die Psychologen der Bedeutung der Völkerpsychologie

als einer unentbehrlichen Erkenntnisquelle mehr bewußt werden,

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als

dies gegenwärtig der Fall ist.

Gleichwohl wird die Völker-

psychologie als solche ein Teil der Psychologie bleiben.

Denn

wenn der Philologe gewiß mit Recht geltend macht, daß nur der mit Erfolg in die Kulturwelt des Altertums einzudringen vermag, der die Elemente der philologischen Methode beherrscht, so wird

doch wohl auch der Psychologe daran festhalten müssen, daß man,

um die verwickelten Erscheinungen der Völkerpsychologie zu ent- wirren, zuerst durch die exakte Analyse der elementaren Bewußt-

seinsvorgänge, wie sie die Methoden der experimentellen Psycho-

logie vermitteln, den Blick geschärft und die Fähigkeit psycho-

logisch zu denken geübt haben muß.

Wohl gibt es heute selbst noch Psychologen, die das Gebiet

ihrer Betrachtungen grundsätzlich auf diese einfacheren Aufgaben

einschränken möchten; und in der öffentlichen Meinung findet die

gleiche Anschauung gelegentlich in der bedauernden Bemerkung

ihren Ausdruck, die heutige Psychologie sei ganz und gar zur Psy-

chophysik, also zu einem Anhangsgebiet der Physiologie geworden,

und sie sei damit in den Kreis jener Disziplinen hinübergewandert,

die nur für diejenigen

ein Interesse besitzen, die

sie

zu ihrer Spe-

zialität machen. Dies ist nach meiner tiefsten Überzeugung ein

Irrtum, einer jener Irrtümer, die daraus entstehen, daß man einen

vorübergehenden Zustand für das bleibende Wesen eines Dinges

ansieht.

Daß die einfacheren Fragen der physiologischen Psycho-

logie bis zu einem gewissen Grade geklärt sein mußten, ehe sich

die wissenschaftliche Arbeit den komplizierteren völkerpsychologi-

schen Problemen zuwenden konnte, ist wohl begreiflich. In dieser Bedingung liegt aber, wie ich meine, ebensowenig wie in der teil-

weise veränderten Beschaffenheit der Hilfsmittel eine Rechtfertigung

Vorwort.

VII

dafür, der Psychologie dauernd ein Gebiet fern zu halten, das seiner

eigensten Natur nach zu ihr gehört, und das, wie man vielleicht behaupten darf, den wichtigeren und fruchtbareren Teil ihrer Auf-

gaben in sich schließt.

Im Hinblick auf die in den obigen Bemerkungen angedeutete

Scheidung der Standpunkte des Psychologen und des Historikers

versteht es sich übrigens von selbst, daß ich mich in dem folgenden

Werk eines eigenen Urteils über streitige Fragen der Sprach-,

Mythen- und Sittengeschichte, soweit solche rein geschichtlicher

Nur da, wo sich die historischen Folgerungen

Art sind, enthalte.

mit psychologischen Hypothesen verbinden oder gar, wie es wohl

zuweilen geschieht, ausschließlich in solchen bestehen, glaube ich

aus dieser Rolle eines unbeteiligten Zuschauers heraustreten zu

dürfen.

Ich betrachte demgemäß die geschichtlichen und ethno-

logischen Ergebnisse auf allen hierher gehörigen Gebieten als einen Stoff, den ich, ebenso wie das Resultat eines Experimentes, als

einen gegebenen anerkennen muß , über dessen psychologische Natur ich mir aber wohl mit demselben Rechte, mit dem es die

Philologen und Historiker selbst tun, ein Urteil gestatten darf.

Dabei unterscheidet sich meine psychologische Betrachtung dieser

Dinge von derjenigen der Spezialforscher auf den gleichen Gebieten

natürlich dadurch, daß diesen ohne Zweifel die Tatsachen leichter

und reichlicher zu Gebote stehen, daß dagegen meine Betrachtungs-

weise nach den anderwärts, namentlich nach den innerhalb der physiologischen Psychologie gewonnenen Ergebnissen orientiert ist, und daß sie von dem Streben geleitet wird, auf diesem Wege so weit als möglich die allgemeinen psychologischen Erkenntnisse zu

ergänzen und zu erweitern. Ich habe geglaubt, diesem Standpunkte vor allem insofern Rechnung tragen zu müssen, als ich meinen Be-

trachtungen nur solche Tatsachen oder soweit die letzteren hypothetische Ergänzungen nie ganz entbehrlich machen nur

solche Voraussetzungen geschichtlicher Art zugrunde legte, die als gesichert oder durch die übereinstimmende Überzeugung der Sach-

verständigen als zureichend beglaubigt angesehen werden können.

VIII

Vorwort.

Ich meinte im Zweifelsfalle lieber auf ein glücklich gewähltes Beispiel

für irgendeine psychologische Gesetzmäßigkeit verzichten, als mich der Gefahr ungewisser linguistischer, mythologischer oder kultur-

historischer Hypothesen aussetzen zu dürfen.

Sollte ich trotzdem

der sach-

kundige Leser, wie ich hoffe, mit der Schwierigkeit des Gegen- standes entschuldigen.

im einzelnen

einmal fehlgegriffen haben, so wird

das

Ich kann dieses Vorwort nicht schließen, ohne dankbar der Hilfe

zu gedenken, die mir zunächst für den die Sprache behandelnden

ersten Band die sprachwissenschaftliche Literatur, in der wieder die

indogermanistische und germanistische in erster Linie steht, geleistet hat. Innerhalb der Jahre, in denen ich mich mit den Vorarbeiten

zu diesem Werke beschäftigte, hat sich mir immer mehr die Über-

zeugung aufgedrängt, daß die Sprachwissenschaft von sich aus in wachsendem Maß einer gründlicheren Vertiefung in die psycho-

logische Seite der Sprachprobleme zugeführt werde.

Dieser Um-

stand hat es gefügt, daß vielfach innerhalb der Sprachwissenschaft

selbst schon die einzelnen Tatsachengebiete einer psychologischen

Behandlung um vieles zugänglicher geworden sind, als sie es zu

der Zeit waren, da ich selbst es zum ersten Mal unternahm, mir die Aufgaben der Völkerpsychologie zurechtzulegen. Es würde zu

weit führen,

hier auch nur die wichtigsten Arbeiten zu

nennen,

denen ich in dieser Beziehung verpflichtet bin.

Ich will mich auf

die drei hauptsächlichsten beschränken. Zunächst verdanke ich

Hermann Pauls »Prinzipien der Sprachgeschichte« mannigfache Anregungen. Sein Streben, überall die Analyse der sprachlichen

Vorgänge an die Erscheinungen der lebenden Sprache, und hier

wieder das Studium der generellen an das der individuellen Erschei-

nungen anzuknüpfen, kam durchaus einer von mir selbst gehegten

und auf andern Gebieten betätigten Überzeugung entgegen.

Diese Anregungen möchte ich um so rückhaltloser anerkennen, je mehr ich sowohl in der allgemeinen psychologischen Auffas-

sung, wie infolgedessen zumeist auch in der Interpretation des ein- zelnen andere Wege einschlagen mußte. Unter den spezielleren

Vorwort.

IX

sprachwissenschaftlichen Werken gewährte mir sodann für das weite Gebiet allgemeiner Sprachvergleichung vor allem Friedrich Müllers »Grundriß der Sprachwissenschaft« vielfache Förderung. Gerade

die Zurückhaltung, die sich Müller auferlegt hat,

indem er sich

überall auf die Zusammenstellung der für die Beurteilung einer

Sprache wesentlichen Tatsachen, der Lautsysteme, Paradigmen,

Sprachproben usw., beschränkte, macht dieses Werk vor andern,

die von vornherein die Erscheinungen nach bestimmten linguistischen

oder psychologischen Hypothesen gruppieren, für den Psychologen

Für das Indogermanische bin ich endlich hauptsächlich

wertvoll.

dem »Grundriß der vergleichenden Grammatik der indogermanischen Sprachen« von K. Brugmann und B. Delbrück für zahlreiche Be-

lehrungen verpflichtet.

Leipzig, im März igoo.

Vorwort zur zweiten Auflage.

Die zweite Auflage dieses Werkes hat weder in der Gesamt-

auffassung noch in der Anordnung des Stoffs wesentliche Ände-

rungen gegenüber der ersten aufzuweisen. Dagegen ist alles ein-

zelne noch einmal sorgfältig durchgearbeitet worden.

Manches

hoffe ich durch ergänzende Ausführungen in helleres Licht gesetzt,

anderes durch Berichtigungen und Zusätze verbessert zu haben.

Zweifelhafte oder als irrig erkannte Beispiele wurden beseitigt und

womöglich durch zuverlässigere ersetzt.

Im ganzen aber habe ich

auch diesmal geglaubt, mich jeweils auf wenige erläuternde Bei-

spiele beschränken zu dürfen, da es sich ja hier nicht sowohl um

die Mitteilung sprachwissenschaftlichen Materials, das den Sprach- forschern besser und reicher zu Gebote steht als mir, und das den

Psychologen vielleicht als eine überflüssige Belastung erscheinen

würde, als vielmehr lediglich um die notwendige Exemplifikation

der an der Sprache nachgewiesenen oder wahrscheinlich gemachten psychischen und psychophysischen Vorgänge handelt. Tiefer greifende

X

Vorwort.

Umarbeitungen hat im ersten Teil namentlich das Kapitel über den

Lautwandel, im zweiten die Darstellung der Wortformen und teilweise

die des Satzes erfahren.

Für viele kritische Bemerkungen und Be-

richtigungen im einzelnen bin ich den zahlreichen Besprechungen,

die dieses Werk von linguistischer Seite erfahren hat, verpflichtet.

Besonders habe ich den Schriften von B. Delbrück über »Grundfragen der Sprachforschung« und von L. Sütterlin über »das Wesen der

sprachlichen Gebilde«, die beide aus Anlaß dieses Werkes erschienen

sind, manche Anregungen zu Verbesserungen und Umarbeitungen

entnehmen können, wofür ich diesen Forschern aufrichtig dankbar bin. Freilich sind diese Verbesserungen, wenn sie als solche anerkannt

werden sollten, nur zu einem kleinen Teil Zugeständnisse, die ich

dem, wie mir scheint, etwas allzu einseitig historischen Standpunkt der genannten Autoren machen durfte. In der Mehrzahl der Fälle

habe ich mich vielmehr genötigt gesehen, eben einem solchen ein-

seitigen Historismus gegenüber das Recht der psychologischen Be-

trachtung zu wahren und wenn möglich eingehender, als es vielleicht

da und dort in der ersten Auflage geschehen war, zu begründen.

Hoffentlich wird aber der billig denkende Leser nicht verkennen,

daß ich den Wert der Sprachgeschichte darum wahrlich nicht gering

achte, sondern daß ich, wo sie uns zugänglich ist, hier wie überall

im Gebiet der geistigen Vorgänge das geschichtliche Werden der Er-

scheinungen als die Grundlage ansehe, auf der sich erst die psycho-

logische Untersuchung erheben kann. Doch mit der bloßen Ge-

schichte läßt sich,

wie ich glaube, ebensowenig wie

mit reiner

Psychologie ein tieferes Verständnis der sprachlichen Entwicklungen gewinnen, sondern beide müssen zu diesem Zweck zusammenwirken.

Für das Gebiet der indogermanischen Sprachgeschichte bin ich in

dieser Beziehung meinem verehrten Kollegen K. Brugmann für viele

berichtigende und ergänzende Bemerkungen zu besonderem Dank

verpflichtet.

Leipzig, im März 1904.

W. Wundt.

Einleitung

Inhalt.

I. Aufgaben und Nachbargebiete der

n. Volksgeist und Volksseele

ni.

Zur Entwicklungsgeschichte der Völkerpsychologie

IV.

Hauptgebiete der Völkerpsychologie

Erstes Buch.

Die Sprache.

Erstes Kapitel. Die Ausdrucksbewegungen

I. Allgemeine Bedeutung der

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IL Verhältnis der Ausdrucksbewegungen zu den Gefühlen

und Affekten

1. Einfache Gefühlsformen

2. Gefühlsverlauf der Affekte

3. Innervation der Ausdrucksbewegungen 4. Sensorische Rückwirkungen der Ausdrucksbewegungen

III. Prinzipien der Ausdrucksbewegungen

1. Herbert Spencers physiologische Theorie

2. Darwins Prinzip der zweckmäßig assoziierten Gewohnheiten

3. Versuche einer psychologischen Theorie

4. Allgemeinstes psychophysisches Prinzip der Ausdrucksbewegungen

IV. ntensi tätsäußerungen der Affekte

1. Ausdrucksbewegungen starker Affekte

2. Beteiligung einzelner Muskelgebiete an den Intensitätssymptomen

3. Vasomotorische Intensitätssymptome

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V, Qualitätsäußerungen der Affekte

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1.

Gefühle als Grundlagen der Qualitätssymptome

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2. Mechanismus der mimischen Ausdrucksbewegungen

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3. Mimische Symptome der Lust- und Unlustgefühle

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4. Mimische Symptome der Spannungs- und Lösungsgefühle

5. Theorie der mimischen Ausdrucksbewegungen

VI. Vorstellungsäußerungen der Affekte

HO

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I. Verhältnis der Vorstellungsäußerangen zu den andern Affekt-

XII

Inhalt.

2. Hauptformen pantomimischer Bewegungen

3.

Theorie der pantomimischen Bewegungen

4. Verbindungen und Übergänge zwischen verschiedenen Ausdrucks- formen

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133

Zweites Kapitel. Die Gebärdensprache

I. Die Entwicklungsformen der Gebärdensprache

II.

1. Begriff und allgemeine Eigenschaften der Gebärdensprache

2. Gebärdensprache der Taubstummen

3. Gebärdensprache bei den Naturvölkern

4. Überlieferte Gebärdezeichen bei den europäischen Kulturvölkern .

5. Gebärdezeichen der Zisterziensermünche

Grundformen der Gebärden

1. Psychologische Klassifikation der Gebärden

2.

Hinweisende Gebärden

Nachbildende Gebärden

4. Mitbezeichnende Gebärden 5. Symbolische Gebärden

3.

III. Vieldeutigkeit und Bedeutungswandel der Gebärden

1. Unbestimmtheit der Begriffskategorien

2. Begriffsübertragungen und Bedeutungswandel der Gebärden

IV. Syntax der Gebärdensprache

1.

Gebärdenfolge der Taubstummen

2.

Gebärdenfolge der Indianer

3.

Psychologische Ursachen der Gebärdensyntax

V. Psychologische Entwicklung der

1. Ursprung der Gebärdensprache aus den Ausdrucksbewegungen

2. Die Gebärde und die Anfänge der bildenden Kunst

3. Gebärdensprache und Bilderschrift

4. Psychologischer Charakter der Gebärdensprache

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Drittes Kapitel. Die Sprachlaute

I. Stimmlaute imTierreich

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263

271

1. Stadien der Lautbildung beim Kinde

2. Angebliche Worterfindung des Kindes

3. Psychophysische Bedingungen der individuellen Sprachentwicklung 292

277

271

1. Stimmlaute als Ausdrucksbewegungen

2. Allgemeine Entwicklung der Ausdruckslaute

3. Tonmodulationen als Ausdrucksformen bei Tieren 4. Tonmodulation und Lautartikulation beim Menschen

II. Sprachlaute des Kindes

4. Psychologische Eigenschaften der kindlichen Sprache

5. Lautvertauschungen und Lautverstümmelungen in der Kindersprache

in. Naturlaute der Sprache und ihre Umbildungen

I. Primäre und sekundäre Interjektionen

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307

307

2.

Inhalt.

Wortformen mit Affektbetonung: Vokativ und Imperativ

3. Naturlaute als Grundbestandteile von Wortbildungen

IV. Lautnachahmungen in der Sprache

1. Schallnachahmungen und Lautbilder

2.

3.

Allgemeine Bedeutung der Lautnachahmung

Lautgebärden zur Bezeichnung der Artikulationsorgane

4. Natürliche Lautmetaphern

a. Lautmetaphern in den Wörtern für Vater und Mutter

b. Lautmetaphern in Ortsadverbien und

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c. Korrespondierende Laut- und Bedeutungsvariationen bei Tätig-

5.

346

Psychologische Entstehung der Lautgebärden und Lautmetaphern 354

keitsbegriffen

Viertes Kapitel. Der Lautwandel

360

360

360

Teleologische Hypothesen über die Ursachen der Lautänderungen 363

I. Die Lautgesetze in der Sprachwissenschaft

1. Das Postulat der Ausnahmslosigkeit der Lautgesetze

2.

3. Annahme physischer und psychischer Momente der Lautentwicklung 367

4. Komplikation der Ursachen des Lautwandels

370

n. Individuelle und generelle Formen der Lautänderung . 372

1. Lautwandel und Lautwechsel

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443

a. Entstehung der Fernewirkungen aus elementaren Assoziationen 443

452

b. Psychologische Analyse der vier Hauptformen der Lautangleichung

5. Physiologische Einflüsse bei den Lautangleichungen 457

4. Psychologische Theorie der assoziativen Fernewirkungen

2.

3.

Spielraum der normalen Artikulationen

Störungen der Lautbildung

a. Lauterschwerungen

b. Lautvermengungen

c. Wortvermengungen

Sprachmischungen und Mischsprachen

4.

5. Grundformen des generellen Lautwandels

m. Assoziative Kontaktwirkungen der Laute

1. Regressive und progressive Lautinduktion

2. Theorie der Kontaktwirkungen

a. Ästhetische, teleologische und psychologische Deutungen

b. Psychophysische Theorie der Lautinduktion

2.

3.

IV. Assoziative Fernewirkungen der Laute

1. Allgemeine Formen assoziativer Fernewirkung

Grammatische Angleichungen

a. Innere grammatische Angleichungen b. Äußere grammatische Angleichungen

Begriffliche Angleichungen

a. Angleichung durch Begriffsverwandtschaft

b. Angleichung durch Kontrast der Begriffe

c. Komplikationen der Angleichsvorgänge

XIV

Inhalt.

V. Laut- und Begriffsassoziationen bei

1. Hauptformen der Wortentlehnung

2.

3.

Wortentlehnungen mit reiner Lautassoziation

Wortentlehnungen mit Begriffsassoziationen

a. Wortassimilationen mit begrifflichen Nebenwirkungen

b. Wortassimilationen mit Begriffsumwandlungen

4.

Beziehungen der Wortentlehnungen zu den anderen assoziativen

Femewirkungen

"VI. Regulärer stetiger Lautwandel

1. Allgemeine Bedingungen des regulären Lautwandels

2.

Einfluß der Naturumgebung

3. Mischungen und Berührungen der Völker

4. Einflüsse der Kultur

5. Tempo der Rede und Wortbetonung

a. Allgemeine Wirkungen der

b. Vokalkontraktionen und Lautschwächungen

c. Lautänderungen der Verschlußlaute d. Lautänderungen unter Einfluß des Akzentwechsels

6.

Zur Theorie des regulären Lautwandels

a. Physische, psychophysische und psychische Hypothesen

b. Der reguläre Lautwandel als resultierende Wirkung der singu-

lären Lautänderungen

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VII. Allgeraeiner Rückblick auf die Vorgänge des Lautwandels 526

Fünftes Kapitel. Die Wortbildung

I. Psychophysische Bedingungen der Wortbildung

1. Zentrale Störungen der Wortbildung

2.

Hypothesen über die physischen Substrate der Wortbildung

3. Unzulänglichkeit der Lokalisationshypothesen 4. Physiologische und pathologische Amnesie

5. Erscheinungen der Paraphasie

6. Psychophysisches Prinzip der Funktionsübung

7. Psychologische Deutung der zentralen Sprachstörungen

II. Psychologie der Wortvorstellungen

1. Psychische Struktur der Wortvorstellungen

2. Tachistoskopische Methode

3. Erscheinungen bei kurz dauernder Einwirkung von Wortbildern .

4. Das Wort als simultane Vorstellung

5.

6.

Psychologische Analyse der Wortassimilationen

Apperzeption des Wortes als Einzelvorstellung

in. Stellung des Wortes in der Sprache

1. Grund- und Beziehungselemente des Wortes

2. Wurzeln der Sprache

3. Unterscheidung von Sprachtypen auf Grund der Wurzeltheorie

4. Reale Bedeutung der Sprach wurzeln

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Inhalt.

XV

5. Wort und Satz

6. Ursachen der Wortsonderung

IV. Neubildungvon Wörtern

1. Volkstümliche Neubildungen

2. Gelehrte Neubildungen

V. Wortbildung durch Lautverdoppelung

1. Allgemeine Formen der Lautverdoppelung

2. Bedeutungsarten der Lautverdoppelung

a. Verdoppelung zum Ausdruck sich wiederholender Vorgänge

b. Verdoppelung bei Kollektiv- und Mehrheitsbegriffen

c. Verdoppelung zur Steigerung von Eigenschaftsbegriffen

d. Verdoppelung als Steigerungsform der Verbalbegriffe

3. Psychologisches Schema der Verdoppelungsformen 4. Psychologische Theorie der Verdoppelungsformen

VI. Wortbildung durch Zusammensetzung

1. Begriff und Hauptformen der Wortzusammensetzung Sprachliche Formen der Wortzusammensetzung

2.

3. Laut- und Bedeutungsänderungen der Komposita

4. Theorie der Wortzusammensetzung und Wortverschmelzung

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VII. Ursprüngliche Wortbildung

661

1.

Verhältnis der urspünglichen zu den sekundären Wortbildungen .

661

2. Wortbildungen bei der Entstehung neuer Sprachen aus voran- gegangenen

664

Einleitung.

I. Aufgaben und Nachbargebiete der Völkerpsychologie.

Die Psychologie in der gewöhnlichen und allgemeinen Bedeutung

dieses Wortes sucht die Tatsachen der unmittelbaren Erfahrung,

wie sie das subjektive Bewußtsein uns darbietet, in ihrer Entstehung

und in ihrem wechselseitigen Zusammenhang zu erforschen. In diesem

Sinn ist sie Individualpsychologie. Sie verzichtet durchgängig

auf eine Analyse jener Erscheinungen, die aus der geistigen Wechsel-

wirkung einer Vielheit von Einzelnen hervorgehen. Eben deshalb bedarf sie aber einer ergänzenden Betrachtung, die wir der Völker-

psychologie zuweisen. Demnach besteht die Aufgabe dieses Teil-

gebiets der Psychologie in der Untersuchung derjenigen psychi-

schen Vorgänge, die der allgemeinen Entwicklung mensch- licher Gemeinschaften und der Entstehung gemeinsamer

geistiger Erzeugnisse von allgemeingültigem Werte zu-

grunde liegen.

Indem die Völkerpsychologie den Menschen in allen den Be-

ziehungen, die über die Grenzen des Einzeldaseins hinausreichen und

auf die geistige Wechselwirkung als ihre allgemeine Bedingung

zurückführen, zu ihrem Gegenstande nimmt, bezeichnet nun aber

freilich jener Name nur unvollständig ihren Inhalt.

Der Einzelne

ist nicht bloß Mitglied einer Volksgemeinschaft.

Als nächster

Kreis umschließt ihn die Familie; durch den Ort, den Geburt und

Lebensschicksale ihm anweisen, steht er inmitten noch anderer,

mannigfach sich durchkreuzender Verbände, deren jeder wieder von

der erreichten besonderen Kulturstufe mit ihren Jahrtausende alten

Errungenschaften und Erbschaften abhängt. Alles das wird durch

Wandt, Völkerpsychologie I, i. 2. Aufl.

j

2

Einleitung.

den Ausdruck »Völkerpsychologie« natürlich nur unvollkommen an-

gedeutet, und es könnte darum vielleicht sinngemäßer scheinen, der

individuellen eine »soziale« Psychologie gegenüberzustellen.

Doch

würde diese Bezeichnung wiederum wegen der Bedeutung, die man

dem Begriff der »Gesellschaft« innerhalb der sogenannten Gesell- schaftswissenschaften bereits angewiesen hat, Mißverständnissen be- gegnen können. Auch ist das Volk jedenfalls der wichtigste der

Lebenskreise, aus denen die Erzeugnisse gemeinsamen geistigen

Lebens hervorgehen.

psychologie«

hier um

Wir werden daher den Namen »Völker-

so

mehr beibehalten können,

als

er

in

einem dem hier angewandten annähernd entsprechenden Sinne nun

einmal eingeführt ist.

Allerdings pflegt man dabei, von der un-

mittelbaren Bedeutung des Wortes ausgehend, mit diesem Namen

noch einen spezielleren Begriff zu verbinden, indem darunter eine

Charakteristik der geistigen Eigentümlichkeiten der einzelnen

Rassen und Völker verstanden wird. In der Tat ist eine nach diesem Plan ausgeführte psychische Ethnologie neben Sprach-

eine unentbehrliche

Grundlage der Völkerpsychologie. Zugleich teilt sie aber mit diesen

historischen Hilfsgebieten die Eigenschaft, daß sie sich selbst hin-

wiederum überall auf die allgemeinen Gesetze des geistigen Zu- sammenlebens, also auf das Forschungsgebiet, das wir hier der

Völkerpsychologie vorbehalten, angewiesen sieht. Diesem Verhältnis

läßt sich zweckmäßig wohl dadurch Ausdruck geben, daß man

jenen psychischen Teil der Ethnologie als eine spezielle Völker-

psychologie der allgemeinen gegenüberstellt, mit der sich die

folgende Betrachtung beschäftigen soll.

Ein wesentlich anderer Gesichtspunkt ist dagegen für die Ab-

grenzung der historischen Disziplinen gegenüber der Völkerpsy-

chologie maßgebend. Natürlich gehören die völkerpsychologischen

Erscheinungen, insofern sie an der allgemeinen geschichtlichen Ent- wicklung der Menschheit teilnehmen, sämtlich auch zum Inhalt der

Geschichte. Aber während die letztere den ganzen Umfang der physischen und geistigen Bedingungen ins Auge faßt, aus denen

diese Entwicklung entspringt, um sie danach in ihrem tatsächlichen Verlaufe zu schildern, zergliedert die Völkerpsychologie dieselbe

lediglich mit Rücksicht auf die in ihr hervortretenden psychologischen

wissenschaft, Mythen- und Sittengeschichte

Aufgaben und Nachbargebiete der Völkerpsychologie.

Zusammenhänge und Gesetze.

Sie verhält sich also annähernd

ähnlich zur Völkergeschichte, wie die Individualpsychologie zur

historischen Biographie.

Geistesgeschichte, die sich, wie Sprach-, Mythen- und Sitten-

geschichte, mit dem Inhalt der Völkerpsychologie am nächsten be-

rühren, scheiden sich deshalb die Aufgaben ziemlich scharf schon

nach dem äußeren Merkmal, daß die Erscheinungen von dem Augenblick an der Geschichte zufallen, wo sie unmittelbar durch

das persönliche Eingreifen Einzelner zustande kommen.

Darum gehört die Geschichte der geistigen Erzeugnisse in

Literatur, Kunst und Wissenschaft nicht zur Völkerpsychologie.

auf allen diesen

Gebieten, das Zusammenwirken der Natur- und Kulturbedingungen

sowie der psychischen Anlagen der Völker mit der persönlichen Begabung und Betätigung Einzelner in ihrem inneren Zusammen-

Insoweit bei der Lösung dieser

hange verständlich zu machen.

Denn es ist die Hauptaufgabe der Geschichte

Insbesondere auf jenen Gebieten der

Aufgabe psychologische Momente von allgemeinerer Natur zur

Geltung kommen, sind es mehr solche, die der psychischen Ethno-

logie als der allgemeinen Völkerpsychologie angehören. Von den Gebieten der allgemeinen Kulturgeschichte ist es aber besonders die

Urgeschichte,