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Fischer Weltgeschichte

Band 13

Byzanz

Herausgegeben von Franz Georg Maier

Byzantinische Geschichte galt den Historikern bis zum 19. Jh. vorwiegend als »langdauernder Zerfallsprozeß einer großen klassischen Vergangenheit«. Unter neuen Kategorien historischen Verstehens aber ist Byzanz als ein eigenständiges historisches Gesamtphänomen ins Blickfeld getreten. Seine fast tausendjährige Geschichte wirft Fragen nach Eigenart, historischer Rolle und nach den besonderen Faktoren auf, die dieses Reich so lange lebens- und widerstandsfähig erhielten. Der Herausgeber, Prof. F.G. Maier, zeigt in seiner Einleitung diese geographischen, ökonomischen und sozialen wie auch die kulturellen und religiösen Faktoren auf, er macht Strukturen sichtbar, die das Reich durch die Jahrhunderte seines Bestehens zugleich stabil und anpassungsfähig erhielten. In seiner jahrhundertelangen Abwehr gegen den vordringenden Islam, als Hüter griechischer Kultur und als Vermittler zwischen Abendland und Orient erfüllte Byzanz eine Funktion, die uns das immer noch ein wenig fremdartig wirkende Vielvölkerreich im Gesamtrahmen der europäischen Geschichte naherückt. Deutlich wird auch, daß die byzantinische Kultur zu schöpferischen Leistungen fähig war, die tief auf die mittelalterliche Welt, zumal auf die Balkanländer und Rußland, eingewirkt haben. Die Darstellung des geschichtlichen Ablaufs durch den Herausgeber und die anderen Autoren des Bandes belegt diese Thesen im einzelnen. Dr. Judith Herrin verfaßte das Kapitel über den Bilderstreit; Dr. H.J. Härtel bearbeitete die Frage der Beziehungen von Byzanz zu den Slawen; von Dr. W. Hecht stammen die Kapitel ›Die Makedonische Renaissance‹ und ›Das Zeitalter der Komnenen‹; das Kapitel über den Vierten Kreuzzug schrieb Hermann Beckedorf; den Niedergang von Byzanz schließlich stellte Prof. D.M. Nicol dar. Der Band ist in sich abgeschlossen und mit Abbildungen, Kartenskizzen, Herrschertafeln und einem Literaturverzeichnis ausgestattet. Ein Personen- und Sachregister erleichtert dem Leser die rasche Orientierung. Der Herausgeber dieses Bandes

Franz Georg Maier,

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geb. 1926 in Stuttgart, 1951 Dr. phil. an der Universität Tübingen. 1952–1956 als Forschungsstipendiat in Rom, Sizilien und Griechenland; Mitglied der britischen Kouklia Expedition in Cypern. 1963 ordentlicher Professor für Alte Geschichte an der Universität Frankfurt/Main. 1966 Leiter der Archäologischen Expedition in Alt-Paphos/Cypern. Ab 1966 ord. Professor der Geschichte an der Universität Konstanz. 1972 ord. Professor der Alten Geschichte an der Universität Zürich; inzwischen emeritiert. F.G. Maier, dessen Forschungsgebiete die Geschichte des Altertums und des Nahen Ostens sowie die Archäologie Cyperns sind, veröffentlichte 1955 ›Augustin und das antike Rom‹, 1959/1961 zwei Bände ›Griechische Mauerbauinschriften‹, 1964 ›Cypern. Insel am Kreuzweg der Geschichte‹ und 1973 ›Archäologie und Geschichte. Ausgrabungen in Alt- Paphos/Cypern‹. Er verfaßte 1968 für den Fischer Taschenbuch Verlag ›Die Verwandlung der Mittelmeerwelt‹ (Fischer Weltgeschichte, Band 9).

Mitarbeiter dieses Bandes

Hermann Beckedorf (Universität Zürich) Kapitel 6

Dr. Hans-Joachim Härtet (Universität München) Kapitel 3

Dr. Winfried Hecht (Rottweil) Kapitel 4 und 5

Judith Herrin, Ph. D. (London) Kapitel 2

Prof. Dr. Franz Georg Maier (Universität Zürich) Vorwort, Einleitung und Kapitel

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Prof. Dr. Donald M. Nicol (London University) Kapitel 7

Diana Lutz, M.A. (Konstanz) übersetzte die Kapitel 2 und 7 aus dem Englischen

Vorwort

If the Past were ever past, there would be no use in recalling it.

Freya Stark

Eine Geschichte von Byzanz bedarf heute keiner Rechtfertigung mehr. Sie kann freilich nicht der phantasievolle Bilderbogen von Hofkabalen, Meuchelmorden und orientalischem Luxus sein, wie er auf dem Hintergrund imposanter Schlachtgemälde einer publikumswirksamen Trivialhistorie als Staffage dient. Was unser Interesse verdient, ist die historische Rolle von Byzanz mit ihren

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weitreichenden Wirkungen, sind die grundsätzlichen Probleme und durchgängigen Strukturen der byzantinischen Gesellschaft. Allein eine nahezu tausendjährige Selbstbehauptung als Herrschaftssystem und Machtschwerpunkt ist ein ungewöhnliches historisches Faktum. Unter den Großstaaten der Weltgeschichte hat nur das Chinesische Reich mit fast 2000 Jahren ungebrochener Kontinuität eine längere Lebensdauer aufzuweisen. Das Überleben des Byzantinischen Reiches angesichts ständiger Bedrohung war weniger in der zufälligen Gunst äußerer Umstände begründet als in einer hochorganisierten staatlichen und gesellschaftlichen Ordnung; der byzantinische Staat gehört zu den großen absolutistisch-bürokratischen Herrschaftssystemen der Geschichte.1 Doch die historische Leistung von Byzanz erschöpft sich nicht in solcher Selbstbehauptung als politisches System. Im Byzantinischen Reich entfaltete sich eine schöpferische, intellektuell verfeinerte Kultur, die über alle Krisenzeiten hinweg eine erstaunliche Regenerationsfähigkeit bewies. Bis ins Hochmittelalter hinein wahrte Konstantinopel seinen Rang als geistiges und künstlerisches Zentrum der europäisch-nahöstlichen Welt. Nur darum konnten auf das abendländische Mittelalter, auf den Nahen Osten und vor allem auf den Balkanraum geschichtliche Wirkungen von einer außerordentlichen Vielfalt und Dichte ausgehen, die bis in die Gegenwart spürbar sind. Wenn sich byzantinische Geschichte als »Verteidigung einer Lebensform«2 beschreiben läßt: Was war dann diese Lebensform? Welche Elemente und Kräfte formten und veränderten durch Jahrhunderte die byzantinische Gesellschaft? Geschichte ist fortgesetzte Fragestellung solcher Art. Ihr besonderes Interesse gilt den Voraussetzungen, Formen und Ursachen gesellschaftlichen und geistigen Wandels – dem Ineinandergreifen politischer, sozial-ökonomischer und kultureller Kräfte in jenen Antrieben und Mechanismen, die angesichts veränderter äußerer und innerer Bedingungen in einem etablierten sozialen System Formverwandlungen in Gang setzen. Eine die Identität bis zur Unkenntlichkeit aushöhlende Generalisierung ist dabei freilich genauso intellektuelle Falschmünzerei wie jene kurzschlüssige Aktualisierung historischer Probleme, die uns eine Handlungsanweisung für die Gegenwart verspricht. Gegen solche gängige Deformation der Geschichte den historistischen Mythos der Individualität zu beschwören oder mit Ranke zu glauben, es genüge zu sagen, »wie es eigentlich gewesen sei«, nützt allerdings wenig. Sachgerechte historische Fragestellung bedarf einer die spezifisch historischen Denkkategorien befruchtenden wie kontrollierenden Kooperation mit den systematischen Sozialwissenschaften; sie kann auf Strukturanalyse und typologischen Vergleich nicht verzichten. Die Geschichte der byzantinischen Gesellschaft bietet unter solchem Aspekt ein aufschlußreiches Beobachtungsfeld. In ihren permanenten Faktoren und bestimmenden Strukturen mischen sich typische Elemente, die einer vergleichenden Analyse zugänglich sind, und individuelle Züge, die durch die besonderen Bedingungen des byzantinischen Schicksals geprägt sind. Ein Problem stellt sich in einer traditionell geprägten Gesellschaft von so hoher

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Lebenszähigkeit in besonderer Schärfe: das der Adaptionsfähigkeit an veränderte Lebensbedingungen, der Möglichkeit von Reform und Wandel. Damit verknüpft sich notwendig die Frage nach den Gründen für die Widerstandskraft von Byzanz. Sie ist historisch von höherem Interesse als die so oft erörterte Frage nach den Ursachen seines Niedergangs. Geschichtsschreibung bleibt der Versuch, die Entwicklung einer bestimmten Gesellschaft in der Zeit zu beschreiben. Prinzipiell setzt sich auch in Soziologie und Politikwissenschaft langsam die Einsicht durch, daß Strukturanalysen ohne Berücksichtigung von Zeitfaktor und genetischem Aspekt wenig ergiebig sind. Am konkreten Fall Byzanz erweist sich bei schärferem Zugriff immer wieder, daß eine rein analytischsystematische Aufarbeitung historischer Phänomene im Grunde auch typologisch unbrauchbar ist. Die bedeutende Rolle bestimmter durchgängiger Strukturen mag das politische und soziale System von Byzanz bei flüchtiger Beobachtung statisch erscheinen lassen: aber im Grunde ist es ebensosehr durch Veränderung wie durch Beharrung gekennzeichnet. Elemente, Formen und Funktionen dieser Gesellschaft unterliegen vielfältigen, zum Teil tiefgreifenden Wandlungen, wenn auch das Tempo dieses Wandels in den einzelnen Phasen der byzantinischen Geschichte unterschiedlich ist. Darum verbieten sich in vielen Fällen generelle strukturanalytische Aussagen über Byzanz – es sei denn, man wendet jene Form der Generalisierung an, die Befunde nicht durch Vergleich ins rechte Licht rückt, sondern sie durch allzu hohen Abstraktionsgrad letztlich verschleiert. Entstehen und Entwicklung einer konkreten historischen Einheit zu beschreiben kann jedoch keinen Rückzug auf Schilderung der Abläufe bedeuten; der Horizont darf nicht durch bloße Ereignisgeschichte verstellt werden. Geschichtliche Darstellung ist zwar ihrem prinzipiellen Ansatz nach diachronisch und synthetisch. Doch schließt das formal wie inhaltlich synchrone Querschnitte, die analytische Funktionen erfüllen, nicht aus. Ereignisgeschichte und Querschnitt sind für eine sachgerechte historische Darstellung komplementär. Nur in ihrer Verbindung wird es möglich, mit den Abläufen zugleich Strukturen zu erfassen und nach Wirkfaktoren zu fragen – tatsächlich zu einer »Lebensgeschichte des byzantinischen Staates« zu kommen. Darum schien es geboten, in einem einleitenden Kapitel wenigstens einige der übergreifenden Fragestellungen und Gesichtspunkte zu skizzieren, deren eine Würdigung der geschichtlichen Leistung von Byzanz heute nicht entraten kann. Der Herausgeber hat vor kurzem in dieser Reihe erklärt, für die Zeit vom 4. bis zum 8. Jahrhundert müsse der mittelmeerische Geschichtsprozeß und Kulturraum als Einheit betrachtet werden.3 Tatsächlich wird nur in dieser synchronen Gesamtperspektive ein Grundzug der historischen Entwicklung in diesen Jahrhunderten deutlich: das Auseinanderbrechen der alten Welt des Imperium Romanum in drei neue »Welten«, die bei aller lange noch spürbaren, auf gemeinsamen Traditionen beruhenden Verwandtschaft klar getrennte Herrschafts- und Kulturbereiche mit eigenen geistigen, wirtschaftlichen und

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politischen Gravitationszentren bilden. Einer dieser drei neuen Bereiche ist Byzanz; sein Zentrum Konstantinopel. Für die weitere Geschichte des byzantinischen Staatsund Kulturraumes und seines Ausstrahlungsbereiches sind aber trotz einer fortdauernden politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Osmose die Wechselbeziehungen mit der historischen Umwelt nicht mehr in gleicher Weise grundlegend. Ein Wechsel der Perspektive bei gleichbleibendem Gegenstand ist daher nicht nur möglich, sondern in bestimmter Weise sogar von der Sache selbst her erfordert. Der Versuch, historischen Charakter und geschichtliche Rolle zu erschließen und zugleich typologisch wichtige Elemente zu erfassen, macht die Darstellung der Geschichte von Byzanz als einer eigenen Geschichte notwendig. Einleitung: Byzanz als historisches Problem

»Zerfall und Untergang des Römischen Reiches« (E. Gibbon) oder »Größe und Niedergang von Byzanz« (Ch. Diehl): schon die Formulierung des historischen Themas zeigt den Wandel im Urteil über Erfolg und Versagen, historische Rolle und Leistung von Byzanz. Geschichtsmythen sind zählebig. Gibbons Entwurf der byzantinischen Geschichte als langdauernder Zerfallsprozeß einer großen klassischen Vergangenheit – »die denkwürdige Abfolge von Revolutionen, die im Lauf von fast 13 Jahrhunderten den soliden Bau menschlicher Größe allmählich unterhöhlte und schließlich zerstörte«4 – fügte sich nur allzu gut in den Verkürzungsprozeß der historischen Perspektive im 19. Jahrhundert. Aus nationalstaatlicher Blickenge erschien das Byzantinische Reich vom europäischen Mittelalter her als bedeutungslos; aus klassizistischer Begriffsenge wurde es als »orientalisch« und »dekadent« gleich doppelt negativ bewertet. William Lecky formulierte im Jahre 1869 nur eine gängige Auffassung: »Das allgemeine Urteil der Geschichte über das Byzantinische Reich geht dahin, daß es ohne Ausnahme die niedrigste und verächtlichste Form der Kultur darstellt, die es bisher gab Keine andere dauerhafte Zivilisation war so völlig aller Formen und Elemente

Die Geschichte dieses Reiches ist eine monotone Reihe von

der Größe bar

Pfaffen-, Eunuchen- und Weiberintrigen, von Vergiftungen, Verschwörungen, allgemeiner Undankbarkeit und immerwährendem Brudermord.«5 Noch Arnold Toynbee war ein spätes Opfer dieses Begriffs einer ohne Schöpferkraft und Originalität dahinvegetierenden Gesellschaft, die sich dennoch tausend Jahre lang zu sterben weigert – ein jeden Klassizisten erbitterndes Ärgernis. Hundert Jahre nach Lecky haben neue Kategorien historischen Verstehens ebenso wie eine intensive Detailforschung, die zunehmend auch »Byzanz vor Byzanz« (griechisch-hellenistische und spätrömische Grundlagen der byzantinischen Kultur) und »Byzanz nach Byzanz« (in der Geschichte der Balkanvölker und Rußlands) in ihre Arbeit einbezog, das Bild der byzantinischen Gesellschaft und ihrer geschichtlichen Rolle nachhaltig verändert. Eine Anschauung von Byzanz als eigenständigem historischem Gesamtphänomen ist gewonnen, deren zunehmend differenziertere Aspekte es oft schwierig machen,

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»das Byzantinische« zu benennen, ohne in inhaltslose Formeln oder bloß negative Definitionen zu verfallen.6 Eine gewisse Fremdheit bleibt der byzantinischen Geschichte trotzdem. Der Grad unserer Distanz ist zwar geringer als gegenüber der arabisch-islamischen oder der chinesischen Geschichte. Der Hintergrund gemeinsamer Traditionen im europäischen Westen und byzantinischen Osten verführt sogar dazu, subtile und doch prinzipielle Unterschiede zu übersehen. Wer aber je byzantinische Kunst mit Ruhe betrachtet hat, muß sich von einem merkwürdigen Gefühl des Bekannten und zugleich Fremden Rechenschaft geben. Das geht nicht allein auf einen schon vor den Kreuzzügen einsetzenden Entfremdungsprozeß zwischen beiden Kulturbereichen zurück, für den konfessioneller Antagonismus ebensosehr verantwortlich war wie ein stark antiwestlich akzentuierter byzantinischer Zivilisationshochmut. Mit entscheidend ist, daß sich Byzanz keinem Begriff von Geschichte fügt, der den historischen Prozeß als Fortschritt versteht. Wir haben zwar Gibbons offen zur Schau getragenes, naiv- aufklärerisches Konzept des Fortschritts aufgegeben. Aber schon unser linear- progressives Verständnis des (ursprünglich durchaus anders konzipierten) Abfolgeschemas Antike – Mittelalter – Neuzeit erweist zur Genüge, wie sehr unsere Kategorien historischen Verstehens unbewußt durch den Begriff einer Entwicklung als Fortschritt vorgeprägt sind. Das Verfallsschema ist nur die Kehrseite der Fortschrittskategorie – und beide sind der Geschichte von Byzanz letztlich nicht angemessen.

I. Raum und Herrschaft

Der Raum kann Geschichte so entscheidend prägen wie die Umwelt das Individuum. Ob es dabei wiederkehrende Gesetzmäßigkeiten gibt, ist umstritten; daß aber im Einzelfall Byzanz bestimmte geographische Faktoren geschichtsbildend wirkten, ist unbezweifelbar. Die Grenzen des byzantinischen Staates entsprachen ursprünglich dem bei der Reichsteilung von 395 durch Theodosius geschaffenen Oströmischen Reich. Diese Reichsteilung war kein bloßer Akt administrativer Willkür. Griechischer Osten und lateinischer Westen des Imperium Romanum unterschieden sich längst in Formen und Tiefenwirkung der Kultur ebenso deutlich wie in ihrer wirtschaftlichen und demographischen Lage. Größere Menschenreserven und höhere Produktivkraft verliehen der östlichen Reichshälfte eine überlegene Widerstands- und Regenerationskraft. Das wurde grundlegend für den Verlauf der byzantinischen Geschichte. Der ursprüngliche byzantinische Herrschaftsraum war ständigen Wandlungen und am Ende einem drastischen Kontraktionsprozeß unterworfen. In der justinianischen Zeit reichte er von Spanien zur syrischen Wüste, von der Donau und vom Schwarzen Meer zur Küste von Nordafrika. Die außenpolitische

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Katastrophe des 7. Jahrhunderts brachte den Verlust der afrikanischen und asiatischen Provinzen außer Kleinasien und fast des gesamten Balkans. Auf eine erneute Expansion durch die Reconquista der makedonischen Kaiser folgte die Verfallszeit der Palaiologen-Dynastie, in der das byzantinische Territorium nur noch die Umgebung der Hauptstadt und einige kleine Gebiete in der Peloponnes umfaßte. Als entscheidende Kernzonen erwiesen sich in dieser Entwicklung Kleinasien, Griechenland und die angrenzenden Regionen des südlichen Balkans, wo besonders Makedonien und Thrakien eine wichtige Rolle als Kornkammer und Menschenreservoir spielten. Der Einflußbereich byzantinischer Kultur hat dagegen stets die 395 gezogenen Grenzen umfaßt und noch über sie hinausgegriffen. Damit wurde eine ursprünglich nur als Verwaltungsgrenze gedachte Trennlinie zu einem bis heute in der Geschichte der Balkanländer nachwirkenden Faktor: weil die Diözesen Macedonia (das heutige Griechenland) und Dacia (das südliche Serbien) dem Ostreich zugeschlagen wurden, gerieten weite Teile des slawischen Balkans unter byzantinischen und nicht unter westeuropäischen Kultureinfluß. Die demographische Struktur des byzantinischen Herrschaftsraumes ist beim Fehlen statistischer Daten nur in Umrissen erfaßbar. Für die Einwohnerzahl, ihre Schwankungen und ihre regional verschiedene Dichte gibt es lediglich allgemeine Anhaltspunkte. Im 4. Jahrhundert erreichte die Gesamtbevölkerung des Imperiums wohl knapp ein Viertel der modernen Bewohnerzahl des gleichen Gebiets; die östlichen Provinzen, vor allem Kleinasien, Syrien und Ägypten mit ihren zahlreichen Städten, waren dabei zweifellos dichter besiedelt.7 Wieweit wiederkehrende Seuchen, Hungersnöte und außenpolitische Katastrophen im Byzantinischen Reich zu einem Bevölkerungsrückgang führten, läßt sich mit Zahlen nicht belegen. Genausowenig ist die ethnische Zusammensetzung der Reichsbevölkerung im einzelnen zu bestimmen. Sie war schon im Imperium Romanum uneinheitlich und schwer erkennbaren Verschiebungsprozessen unterworfen. Noch mehr gilt das für den byzantinischen Staat, dem der Begriff der Nationalität fremd war und der immer wieder (etwa in der slawischen Landnahme) neue ethnische Faktoren zu assimilieren hatte.

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Abb. 1: Das Imperium Romanum in seiner größten Ausdehnung und die territoriale Entwicklung des Byzantinischen

Abb. 1: Das Imperium Romanum in seiner größten Ausdehnung und die territoriale Entwicklung des Byzantinischen Reiches

Klar erkennbar ist dagegen ein wirtschaftliches Gefälle. In den Ostprovinzen mit ihrer höheren Bevölkerungsdichte und stärker entwickelten städtischen Struktur lag seit langem der Schwerpunkt von gewerblicher Produktivität, Kapital und Steuerkraft. Sie besaßen nicht zuletzt dank der engen Verbindungen mit den angrenzenden Ländern des Orients die wichtigsten Zentren von Gewerbe und Handel. Hier war das Bank- und Kreditwesen höher entwickelt als in den westlichen Provinzen, die eher als Märkte und Rohstofflieferanten fungierten. Die Krise der Völkerwanderung hat die wirtschaftliche Überlegenheit und höhere Stabilität des östlichen Reichsteils noch verstärkt. Im Westen gingen mit der Auflösung der spätrömischen Verwaltung Wirtschaft, Verkehr und Finanzpotential zurück. In Kleinasien, Syrien und Ägypten war dagegen die ökonomische Situation der Landwirtschaft wie der großen städtischen Zentren kaum tangiert. Mit der politischen Umwelt Roms übernahm der byzantinische Staat auch gravierende außenpolitische Probleme des Imperiums. Entscheidende Landgrenzen von Byzanz lagen in zwei traditionellen Krisenräumen: an der unteren Donau und in Syrien-Armenien. Durch Jahrhunderte andauernder politischmilitärischer Druck in diesen Zonen machte den Zweifronten- Krieg zu einer Konstante byzantinischer Geschichte. An der Donau-Grenze gelang es zwar zunächst, den Stoß der germanischen Völkerwanderung nach Westen abzulenken. Doch seit dem 6. Jahrhundert schuf die slawische Landnahme auf dem Balkan einen noch größeren und dauerhafteren Gefahrenherd. Nach Osten besaß die römische Welt seit langem ein dichtes Netz wirtschaftlicher und

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kultureller Verbindungen. Aber zugleich war sie seit dem 3. Jahrhundert im Perserreich der Sassaniden mit einem hochzivilisierten, straff organisierten Staatswesen konfrontiert, dessen Anspruch auf die politische Kontrolle des syrisch- kleinasiatischen Raums zum ständigen Konflikt führen mußte. Auch hier wechselte mit der Vernichtung des Sassanidenreiches durch das Kalifat im 7. Jahrhundert nur der Gegenspieler, nicht die politische Grundkonstellation; arabische und später türkische Armeen lösten die persische Panzerreiterei ab. Zwei geographische Faktoren vor allem bedrohten angesichts dieser außenpolitisch-strategischen Konstanten Bestand und Widerstandskraft des Byzantinischen Reiches: die Randlage der reichsten und fruchtbarsten Gebiete (Nordafrika, Ägypten und Syrien) und das Fehlen natürlicher Barrieren, die an der Donau wie in der syrischen und afrikanischen Wüste eine wirksame Verteidigung der Reichsfronten erleichtert hätten. Beide Momente wurden mit entscheidend für den schnellen Verlust der Ostprovinzen und Afrikas im 7. Jahrhundert und damit für die Beeinträchtigung der ursprünglichen günstigen Wirtschaftslage des Reiches. Als positive Faktoren erwiesen sich dagegen die günstigen geographischen Voraussetzungen für eine Seeherrschaft im Mittelmeer und vor allem die starke Defensivposition des Kerngebietes Kleinasien, das neben Thrakien wichtigstes Menschenreservoir war. Das kleinasiatische Hochland ist nach Südosten durch die Taurus- und Amanus- Barriere abgeschirmt, ebenso an der gefährdeten Südküste weithin durch steil zum Meer abfallende Gebirgszüge geschützt. Das eigentlich militärgeographische Problem liegt in Armenien, das im Gegensatz zur Südostfront gut passierbare Taldurchgänge aufweist. Ein zentraler geopolitischer Faktor der byzantinischen Geschichte war die Situation der Hauptstadt: mehr als tausend Jahre lang war Konstantinopel dank der außergewöhnlichen Vorteile seiner Lage Lebenszentrum und letzte Widerstandszelle des Reiches. Schon der arabische Staatsphilosoph Ibn Khaldun sah in der Rolle der byzantinischen Hauptstadt seine Theorie von der Funktion dynastischer Zentren bestätigt.8 Eine dominierende Mittelposition zwischen Asien und Europa machte Konstantinopel geographisch zur Reichszentrale, erlaubte notfalls aber auch eine Abriegelung der Ostgebiete vom Balkan. Mit der strategischen Hauptverbindung zwischen den persischen und den germanisch- slawischen Fronten beherrschte die Stadt auch den wichtigen Landhandelsweg zwischen Donaubecken und Euphrat. Zugleich lag sie für Seekriegführung und Seehandel gleichermaßen günstig zwischen Schwarzem Meer und Ägäis, mit direkten Verbindungen nach Syrien, Ägypten, Nordafrika und Italien. Ständig modernisierte Verteidigungsanlagen machten den größten Handelsplatz des Mittelmeeres auch zur stärksten Festung, die im Lauf ihrer langen Geschichte nur zweimal erobert werden konnte (1204 und 1453). Konstantins auf politischen, wirtschaftlichen und strategischen Erwägungen basierende Entscheidung, im Jahre 330 die neue Reichshauptstadt an der Stelle des alten Byzantion am Bosporus zu begründen, erwies sich im Wechsel der

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Geschicke immer wieder als richtig. Sie akzentuierte die Gewichtsverlagerung im Imperium, die ebenso durch die wirtschaftliche Überlegenheit der östlichen Reichshälfte wie durch die militärische Lage bedingt war. Aber zugleich spielten religiöse und religionspolitische Motive mit: die neue Hauptstadt sollte frei von der Last heidnischer Traditionen und überlebter politischer Erinnerungen sein. Das zweite Rom, in dem ein öffentlicher heidnischer Kult nicht mehr erlaubt war, war ein christliches Rom.

II. Die historische Rolle von Byzanz

Das spätrömische Imperium des 4. und 5. Jahrhunderts umspannte die gesamte mediterrane Kulturwelt mit ihren durch Rom erschlossenen Randgebieten von Schottland bis zur Sahara, von der marokkanischen Atlantik-Küste bis zum oberen Euphrat. In der Krise der Völkerwanderung zerfiel der Westen des Reiches in eine Gruppe germanischer Feudalstaaten. In den östlichen Provinzen dagegen lebten in einem nach absolutistischen und zentralistischen Prinzipien organisierten Herrschaftssystem staatliche Ordnung, Rechtsnormen und politische Ideen des Imperium Romanum weiter; damit verbanden sich das Christentum griechischer Prägung und eine hellenistische, stark durch orientalische Einflüsse gefärbte Kultur. Aus der Synthese dieser Traditionen erwuchs ein historisches Gebilde von erstaunlicher Lebensfülle und Regenerationskraft. Als politische und wirtschaftliche Großmacht wie als Kulturpotenz besaß das Byzantinische Reich als Erbe Roms lange eine dominierende, anfänglich sogar eine einzigartige Position. In einer Zeit der Dezentralisation und der lokalen Horizonte lag hier das eigentliche historische Kraftfeld des Raumes; das »neue Rom« war sein bestimmendes geistiges Zentrum. Der Aufstieg des Islam setzte der zweihundertjährigen Rolle von Byzanz als einziger Weltmacht am Mittelmeer ein Ende. Aber bis zum Ausgang des Hochmittelalters blieb das Byzantinische Reich der Staat mit der wirksamsten Verwaltung, dem schlagkräftigsten Heer und der größten Finanzkapazität im europäisch- mediterranen Raum; bis zum Erstarken der Seerepubliken Genua und Venedig spielte es die führende Rolle im Mittelmeer- und Orienthandel. Konstantinopel war unbestritten die Hauptstadt der europäischen Kultur. Selbst als mit den Kreuzzügen der religiöse Gegensatz zwischen lateinischem Westen und griechischem Osten auf das politische Gebiet übergriff und der Konflikt mit den westlichen Staaten entscheidend zum Niedergang beitrug, übte das Byzantinische Reich noch für 250 Jahre eine dreifache geschichtliche Funktion aus: Abwehr gegen den Islam, Überlieferung der griechischen Kultur und geistige Vermittlung zwischen Abendland und Orient. An den Folgen des Vakuums, das nach dem Fall von Konstantinopel für die Balkanländer entstand, läßt sich die Bedeutung der achthundertjährigen Abwehrleistung auf den Schlachtfeldern von Syrien, Armenien, Sizilien und

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Kleinasien ablesen. Doch diese passive Funktion eines christlich-orientalischen Pufferstaates, hinter dessen Schirm sich Staatenwelt und Kultur der germanisch- romanischen Völker Mitteleuropas entfalten konnten, wird oft zu einseitig in den Vordergrund gerückt. Die geschichtliche Rolle von Byzanz beschränkte sich nicht auf die bloße außenpolitisch-militärische Selbstbehauptung einer »Promachie gegen den Islam« (Jacob Burckhardt). Seine Schlüsselrolle in dem großen weltgeschichtlichen Wirkungszusammenhang einer jahrtausendealten Auseinandersetzung zwischen Ost und West, Orient und Okzident, ist begründet in einer geistigen Selbstbehauptung angesichts des Absterbens der antiken Kultur im Westen und des Aufbruchs des Orients im Islam. Byzanz wirkte nicht bloß als Wahrer der klassischen Tradition in Krisenzeiten, als Verwalter eines geschützten Bereichs, in dem griechisch-hellenistische Literatur, Wissenschaft und Kunst überleben konnten. In einem schöpferischen Aneignungsprozeß entstand aus der Verbindung von griechischem Erbe, christlichen Traditionen und orientalischen Elementen die brillanteste und leistungsfähigste Kultur des frühen Mittelalters. Die Fähigkeit von Byzanz, einen bedeutenden Einfluß auf die Formation angrenzender Kulturen auszuüben, entspringt dieser Überlegenheit geistiger Leistungen und künstlerischer Schöpfungen, nicht allein seiner machtpolitischen Stellung oder den unbezweifelbaren Attraktionen seiner materiellen Zivilisation. Radius und Tiefenwirkung der byzantinischen Ausstrahlung differieren. Der Islam, das mittelalterliche Europa wie die slawischen Völker des Balkans gehören in ihren Bereich. Selbst nach dem politischen Untergang von Byzanz dauert sie in der griechischen Orthodoxie wie in der Geschichte der slawischen und russischen Völker fort. In der griechischen Kirche ist byzantinische Tradition bis heute direkt faßbar:

Dogma, Struktur der Frömmigkeit und Kunst sind reines Erbe von Byzanz. Doch auch die Geschichte der Araber und Türken (und damit in einer gewissen Hinsicht des modernen Nahen Ostens) ist nicht begreifbar ohne die Wirkungen von Byzanz auf Staat und Kultur des Islam – eine Tatsache, die schon im 14. Jahrhundert ein so unverdächtiger Zeuge wie Ibn Khaldun festgestellt hat. Die geschichtlichen Wirkungen auf Politik, staatliche Ordnung und Kultur der mittelalterlichen Staatenwelt Westeuropas waren vielfältig. Das Byzantinische Reich griff nicht nur machtpolitisch in die Konflikte der westlichen Reiche ein. Es hat ihr Herrscherzeremoniell, ihren politischen Stil und ihre politischen Ideen ebenso beeinflußt wie durch den Einstrom byzantinischer Waren und Luxusgüter ihre materielle Kultur. Am nachhaltigsten aber wirkte Byzanz auf Kunst und geistige Welt des frühen und hohen Mittelalters ein. Das ist in der karolingischen und ottonischen Kunst ebenso faßbar wie in der Entwicklung der Kirchenmusik und des Mönchtums. Sekundäre Zentren einer solchen Ausstrahlung waren zeitweise von Byzanz beherrschte Gebiete wie Venedig und Unteritalien. Hier hat der kulturelle Einfluß das Ende der politischen Herrschaft lange überdauert. Die Rolle der vor den Türken nach Italien flüchtenden

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byzantinischen Gelehrten für die Entstehung der Renaissance ist freilich lange überbewertet worden. Die italienische Renaissance war in erster Linie ein lateinisch-römisches Phänomen, in ihrer an den klassischen griechischen Leistungen orientierten Kunst sogar durchaus antibyzantinisch. Dennoch reicht byzantinischer Einfluß über die Gestaltung der mittelalterlichen Welt hinweg in die Formation des modernen Europa hinein; wesentliche Elemente seiner Kultur entstammen griechisch-römischen, durch Byzanz bewahrten und vermittelten Traditionen. Weitreichender und im Vergleich mit dem Westen ungleich tiefer und dichter war die Ausstrahlung byzantinischen Daseins auf die slawischen Völker und Rußland. Im Moment der slawischen Landnahme war der Balkan ein weithin verwüstetes geistiges Niemandsland, die Neuankömmlinge selbst fast ohne Tradition höherer Kultur. Um so eindringlicher war durch Jahrhunderte die auch im persönlichen Erleben einzelner Slawen aufzuweisende Wirkung der Metropole Byzanz; Konstantinopel wurde für sie gleichbedeutend mit Kultur. Direkte politische Herrschaft, gezielte Mission und die außergewöhnliche Fähigkeit, fremde Eliten zu »byzantinisieren«, setzten einen Durchdringungsprozeß in Gang, der sich ebenso nachhaltig politisch wie religiös und kulturell auswirkte. Serben, Kroaten, Bulgaren, Ungarn und Russen wurden nicht nur in der spezifischen Form ihres christlichen Glaubens und in ihrer volkssprachlichen Liturgie, sondern viel umfassender in ihrer geistigen und künstlerischen Welt durch den byzantinischen Kulturtyp geprägt, wie das etwa Malerei und Kirchenbau bezeugen. Was Rom für die germanischen Völker des Westens bedeutete, war Byzanz für die slawische Welt: die Quelle von Religion und Kultur. Das Byzantinische Reich ist damit entscheidend verantwortlich für die geistige Grenzscheide zwischen Mittel- und Osteuropa. Für die Slawen unter türkischer Herrschaft wurden, wie für die Griechen, orthodoxer Glaube und byzantinisch geprägte Kultur ein Medium nationaler Selbstbehauptung. Das aber schuf ein bis heute auch politisch wirksames historisches Faktum. Die Welt der slawisch- orthodoxen Christenheit verfügt als Erbe von Byzanz bei allen machtpolitisch- ideologischen Differenzen über grundlegende Gemeinsamkeiten in Denken und Weltsicht. Hier ist eine eigene Form europäischer Kultur entstanden, die Renaissance, Aufklärung und industrielle Revolution nicht durchmachte und dann plötzlich im späten 19. Jahrhundert diese historische Lücke überspringen mußte. Ein Verständnis Rußlands ist zu einem gewissen Grade von der Einsicht in solche historischen Bedingtheiten abhängig. Orthodoxe und byzantinische Traditionen leisteten der Einigung der russischen Völker unter Moskau Vorschub; mit dem Anspruch, das »dritte Rom« zu sein, begründete es seine Führungsrolle im slawischen Osten. Das russische Sendungsbewußtsein ist vielleicht die heute noch am stärksten spürbare geschichtliche Fernwirkung von Byzanz.

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III. Die Fähigkeit zu überleben: Politische und soziale Strukturen

Die Ursachen des Niedergangs von Byzanz sind lange diskutiert worden. Doch bedeutsamer scheint die Frage nach den Bedingungen und Kräften, die angesichts ständiger Bedrohung von außen und innen Leistung, Dauer und Überleben möglich machten. In den großen Themen und durchgängigen Strukturen der byzantinischen Geschichte werden neben Elementen von Schwäche und Zerfall auch die Kräfte sichtbar, die zu Widerstand, Stabilisierung und Wandel befähigten. Unter diesen Elementen der Lebenskraft spielte angesichts der Größe wie der ethnischen und religiösen Komplexität des byzantinischen Staates die Struktur des politischen Systems eine entscheidende Rolle. Machtpolitische Selbstbehauptung gehört zum Leben jedes Staates. Doch selten hat sie eine so dominierende und zum Teil dramatische Rolle gespielt wie in der Geschichte von Byzanz. Phasen der Überlegenheit und Expansion wechselten mit Zeiten der Defensive und der Gebietsverluste. Im Grunde kam das Reich aus der Situation ständiger Abwehrkämpfe im Osten und auf dem Balkan nie heraus. Die Bewahrung der politischen Einheit und der Weltstellung als Großmacht zwischen den Staaten des Orients und des germanisch- romanischen Westens hat daher militärisch wie finanziell ständig erhebliche Kräfte der byzantinischen Gesellschaft gebunden. Der Krieg hat genauso wie die Religion ihre innere Entwicklung in vielfacher Weise geprägt. Der imperiale Anspruch von Byzanz überforderte Möglichkeiten und Kräfte des Staates und wirkte darum auf die Dauer als ein Faktor des Zerfalls. Doch er entsprang einer tief verwurzelten Ideologie, in der sich heterogene Elemente zu einer kompakten politischen Theologie verbanden. Byzanz verstand sich als Hüter einer politischen Tradition, für die in Nachfolge der orientalischen Weltreichsidee Herrschaft im Grunde eins und unteilbar war. Daß Macht in dieser Welt nur legitim sei, wenn sie von dem einen Kaiser in Konstantinopel delegiert werde – dieser Anspruch wurde nie aufgegeben, so irreal und skurril er in späterer Zeit war. Der byzantinische Herrschaftsanspruch war freilich tiefer begründet als nur in der antik-römischen Staatstradition. Die Verbindung der imperialen Idee mit dem Gedanken der christlichen Politeia machte das Reich im Bewußtsein seiner Herrscher und Bürger zu einer nicht nur auf machtstaatliche Kategorien und Faktoren gegründeten Ordnung. Reich und Kaiserherrschaft galten als Endziel eines göttlichen Planes mit dieser Welt. Im christlichen Imperium als notwendigem Teil der Heilsgeschichte waren Römerreich und Gottesvolk zu einer Gemeinschaft geworden. Die Überzeugung, daß das Reich dem Willen Gottes entsprang, mußte weitreichende Folgen für die Deutung seiner geschichtlichen Aufgabe haben. Der Anspruch des Staates ging nicht nur auf Behauptung der Herrschaft; sein Auftrag war zugleich Schutz und Verbreitung des wahren Glaubens. Weil das Reich göttliche Ziele für die Menschheit verwirklichte, stand es unter dem Schutz der Engel und Heiligen. Die kaiserlichen Heere fochten unter Christus-Monogramm und Marien-Ikonen;

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übernatürliche Hilfe war zu erwarten, wenn es um die Verteidigung des Reiches als der christlichen Gesellschaft ging. Auch für die Ordnung von Staat und Gesellschaft in Byzanz hatte diese politische Theologie grundlegende Konsequenzen: dem Herrscher als Instrument Gottes war die Bewahrung der rechten Ordnung sozialen Lebens aufgegeben. Schon die hellenistische Staatstheorie begriff die absolute Herrschaft des Monarchen als imitatio Dei, den recht geordneten Staat als Abbild des Kosmos. Diese philosophische Begründung des Absolutismus mit der Deutung des Herrschers als Mandatar der höchsten Macht wurde vom Christentum übernommen und durch die alttestamentliche Idee der göttlichen Erwählung des Königs zusätzlich begründet. Wie das Reich einen göttlichen Auftrag erfüllte, so war der kaiserliche Herrschaftsanspruch auf die Gnade und den Willen Gottes gegründet. Der rechtgläubige Herrscher war Stellvertreter Gottes auf Erden und Gesalbter des Herrn, seine Untertanen waren idealiter alle Christen. Der kaiserliche Absolutismus des überkommenen politischen Systems war so nicht nur machtpolitisch, institutionell und staatsrechtlich fundiert, sondern zugleich ideologisch- religiös. Politische Struktur wurde verstanden als Abbild des himmlischen Königreiches: wie es nur einen Gott gibt, kann es nur einen Kaiser geben – nur eine zentral e Entscheidungsinstanz: »Alles hängt von der Weisheit des Kaisers ab, und mit Gottes Hilfe werden durch kaiserliche Fürsorge alle Dinge beschützt und erhalten.«9 In seinen Händen war alle Autorität konzentriert: er war alleiniger Ursprung der Macht, einzige Quelle des Rechts und regierte mit unumschränkter Gewalt. Den göttlichen Ursprung der kaiserlichen Autorität verkündeten Predigten und Schriften der Kirche ebenso wie Kaisermünzen und Hofzeremoniell. Insignien und Zeremoniell, ursprünglich unter starkem persischem Einfluß ausgebildet, hatten keine bloße Repräsentationsfunktion, sondern besaßen für die Untertanen eine tiefe Symbolik. Das perlengestickte Diadem, der gold- und edelsteinverzierte Purpurmantel, das Zepter genauso wie der Kniefall der Untertanen, der Weihrauch und die von eigenen Palastchargen gewahrte feierliche Ruhe bei Amtshandlungen: all das manifestierte die dem gewöhnlichen Leben weit entrückte Majestät des Herrschers. »Durch das rühmenswerte System unseres Hofzeremoniells wird die kaiserliche Macht in großer Pracht und Schönheit dargestellt; sie erfüllt fremde Völker wie unsere eigenen Untertanen mit Bewunderung.«10 Hofzeremoniell hat keine andere Qualität als ein Gottesdienst in der Kirche: es ist imperiale Liturgie. Politisches Bewußtsein dieser Art mußte ein entschieden traditionalistisches politisches Denken befördern. Zwar wurden Mißbrauch der Herrschaft, innenpolitische Mißstände und außenpolitische Entscheidungen in Konstantinopel häufig leidenschaftlich diskutiert. Aber grundsätzlich blieb der von Gott gewollte christliche Absolutismus für Herrscher und Untertanen eine unbestrittene Selbstverständlichkeit des Lebens. Andere Formen politischer Ordnung erschienen (wie das Eusebios im Hinblick auf die Demokratie

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formulierte) als Chaos und Skandal. Abgesehen von einigen eher abstrusen Staatsentwürfen der Spätzeit gab es darum im Byzantinischen Reich keine politische Theorie als Erörterung möglicher alternativer Systeme: das schien so sinnlos wie überflüssig. Aus dem Verständnis kaiserlicher Herrschaft als Theokratie ergab sich das Beharren auf einem bestimmten politischen und sozialen System. Die politischen Strukturen der frühbyzantinischen Gesellschaft entstammten genauso wie ihre sozialen Formen und wirtschaftlichen Grundlagen dem Imperium Romanum Christianum. Indem aber im Zusammentreffen von historischer Situation und politischer Theologie der spätrömische Staat Diocletians und Konstantins als Erfüllung eines eschatologischen Heilsplanes begriffen wurde, erhob man eine durchaus zeitbedingte Lösung politischer und sozialer Probleme zu einer überzeitlichen Norm, einem metaphysisch legitimierten Idealtypus von Herrschaft und gesellschaftlicher Ordnung. Das wurde von unabsehbarer Bedeutung für den Charakter des byzantinischen Lebens und das Schicksal der byzantinischen Gesellschaft, weil auch grundlegende Faktoren der wirtschaftlichen und sozialen Situation sich durch Jahrhunderte kaum veränderten. Bei allem Wandel in Staat und Gesellschaft blieben bestimmte Strukturen, Konstanten und Konflikte in der byzantinischen Geschichte dauernd wirksam. Wie der Herrschaftsanspruch der römischen Reichsidee erhielt sich das Herrschaftssystem eines zentralistisch-bürokratischen Absolutismus bis in die Spätzeit. Ebenso beständig war das Gefälle zwischen Bedarf und Produktion, die komplementäre Tendenz zur wirtschaftlich-sozialen Reglementierung und die bedeutende Rolle des Großgrundbesitzes. Der autokratische Absolutismus erwies sich für fast tausend Jahre als Grundzug und entscheidendes Stabilisierungselement des politischen Systems von Byzanz. Die Idee der Herrschaft kraft göttlichen Rechts gab der kaiserlichen Autorität eine transzendente Legitimation, die den Staat der Willkür der Armee entzog. Dennoch blieb dieses häufig unzuverlässige Machtinstrument der entscheidende Machtrückhalt, zumal ein dynastisches Prinzip erst in der Spätzeit anerkannt wurde. Es gab zwar immer wieder eine verhältnismäßig dauerhafte Nachfolgesicherung durch das Adoptions- und Kooperationsrecht des regierenden Kaisers. Doch im Prinzip blieb die byzantinische Monarchie eine Wahlmonarchie, in der jedermann ohne Qualifikation der Geburt oder der Ausbildung den Thron besteigen konnte. Bei der Einsetzung eines neuen Kaisers wirkten die Akklamation durch die Armee, den Senat und das Volk von Konstantinopel zusammen; de facto wurde die entscheidende Wahl meist von der Armee, seltener von einflußreichen zivilen Funktionären getroffen. Ein militärischer Staatsstreich hat in der Tat einige der besten Kaiser von Heraklios bis Nikephoros Phokas auf den Thron gebracht. Die byzantinische Theorie der Herrschaft war allerdings nicht die einer einfachen weltlichen Wahlmonarchie: der Kaiser war zugleich von Gott erwählt. Die Akklamation bedurfte der kanonischen Bestätigung durch Krönungsriten,

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die seit Leon I. (474) der Patriarch von Konstantinopel durchführte. Diese religiöse Sanktionierung der Autorität des Statthalters Gottes war immerhin so wichtig, daß sie in manchen Fällen durch religionspolitische Zusagen erkauft wurde. Die eigentümliche Konzeption der Kaiserwahl erlaubte es übrigens, in diesem streng absolutistischen System auch Revolte und Absetzung des Herrschers zu legitimieren, indem Armee, Senat und Volk einen neuen Kaiser anstelle des alten »inkompetenten« Herrschers proklamierten. In der Theorie gab es kein Gegengewicht gegen eine exzessive Machtausübung des Kaisers. Die Kontrolle über einen umfangreichen und straff zentralisierten Verwaltungsapparat garantierte auch im Regelfall zusammen mit der Verfügung über die Armee die Durchsetzung des kaiserlichen Willens. Dennoch stieß die Autokratie in der politischen Realität auf deutliche Schranken; zu viele gelungene Staatsstreiche erweisen, wie instabil die Position der byzantinischen Krone war. Der Versuch, ein zentralisiertes politisches System zu schaffen, traf wie in vergleichbaren historischen Situationen auf die Opposition bestimmter politischer und sozialer Gruppen. Stärkster Gegenspieler der Kaisermacht war die große grundbesitzende Aristokratie; auf der Bewahrung einer delikaten Balance zwischen dieser Klasse und dem kaiserlichen Verwaltungsapparat beruhte die Sicherheit der Herrschaft. Genauso wirkten die Armee und die Kirche mit ihren Möglichkeiten der Massenbeeinflussung als machtbeschränkende Elemente. Der Einfluß der Kirche auf den Kaiser ist trotz ihrer im ganzen staatsfrommen Haltung nicht zu unterschätzen; schließlich konnte schon der »Besitz« des Patriarchen über das Schicksal eines Herrschers entscheiden. Aber vielleicht mehr als diese realpolitischen Momente beschränkte das Gesetz die kaiserliche Autokratie. Der Herrscher war zwar die Quelle allen Rechts. Aber immer wieder haben die Kaiser eine höhere Souveränität des Rechts anerkannt und ihre Verpflichtung betont, die fundamentalen Sätze des römischen Rechts zu achten. Nicht zuletzt darum war die Kaiserherrschaft im Verständnis der Byzantiner keine willkürliche Tyrannei. Das änderte freilich nichts daran, daß der byzantinische Staat durch eine einheitliche, überall gültige Rechtsordnung und durch eine ausgedehnte Reichsverwaltung bis ins letzte Dorf alle Lebensbereiche zu beherrschen suchte. Ein hochorganisierter und komplexer Herrschaftsapparat erfüllte und koordinierte vielfältige Funktionen: auswärtige Politik und Diplomatie, Führung und Versorgung der Streitkräfte, Regulierung der Währung, Erfassung von Steuern und Abgaben wie Kontrolle des sozialen und wirtschaftlichen Lebens überhaupt. Die byzantinische Verwaltung war in vieler Hinsicht eine bemerkenswerte Institution: ungemein kostspielig, sprichwörtlich korrupt, in Geist und Methoden durchaus reaktionär wie alle Bürokratien – aber doch für Jahrhunderte die wirksamste administrative Organisation der europäisch- nahöstlichen Welt. Ihre Existenz war ein Hauptelement der Stabilität und Lebensdauer des Reiches; unter unfähigen Kaisern wie während innenpolitischer Krisen und Palastrevolutionen arbeitete sie unbeeindruckt weiter und bewahrte

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die staatliche Kontinuität. Das Weiterleben traditioneller Titulaturen erweckt dabei zu Unrecht den Eindruck eines statischen Systems. Die byzantinische Reichsverwaltung hat sich vielmehr bei aller Schwerfälligkeit im Verlauf der Entwicklung als verhältnismäßig flexibel und anpassungsfähig erwiesen. So wurde etwa das spätrömische Prinzip der Trennung ziviler und militärischer Gewalt unter den veränderten Bedingungen des 7. Jahrhunderts aufgegeben. Bestimmte Grundzüge der von Diocletian und Konstantin geschaffenen Herrschaftsstruktur blieben aber trotz Veränderung und Reform lange wirksam:

Zentralismus, Bürokratisierung und umfassende Kontrollmechanismen im administrativen Gefüge; Verklammerung zentraler Instanzen mit einer durchgegliederten Regionalverwaltung; hierarchische Abstufung und differenzierte Aufgabentrennung in den Verwaltungsfunktionen; Sonderrolle des Hofes mit seinen einflußreichen Palastwürdenträgern als Nebenregierung – Elemente, die den Sachzwängen der Komplexität in einem Staat dieser Größe wie dem Mißtrauen des Absolutismus gegen seinen eigenen Apparat Rechnung trugen. Zwei weitere, durch Jahrhunderte erfolgreiche Faktoren byzantinischer Selbstbehauptung waren Diplomatie und Streitkräfte. Die Methoden byzantinischer Außenpolitik – eine wohlüberlegte Mischung von Gewalt, Nachgiebigkeit und Geld – entwickelten bewährte römische Traditionen weiter (vgl. unten S. 70), die sich dann ins Osmanische Reich vererbten. Sie trugen entscheidend dazu bei, den Einflußbereich von Byzanz auszuweiten und sein internationales Prestige aufrechtzuerhalten. Die byzantinische Flotte besaß zeitweise eine dominierende Position im Mittelmeer. An den Landfronten mit ihrem ständigen Kriegsrisiko erwies sich eine verhältnismäßig kleine, aber mobile und hochtrainierte Berufsarmee für lange Zeit als modernstes und bestes Kriegsinstrument in Europa und im Nahen Osten. Verwaltung, Diplomatie und Streitkräfte setzten eine hohe Wirtschaftskraft und eine effiziente Finanzverwaltung voraus. Darum blieb der Drang, alle Lebensäußerungen der Untertanen, vor allem ihre Wirtschafts- und Steuerkraft, bis ins einzelne durch genaue Unterlagen zu erfassen, ein Merkmal des byzantinischen Staates bis in seine Spätzeit. Eine solche Politik war weniger bürokratischer Selbstzweck als bitter notwendige – und am Ende vergebliche – Reaktion auf zwei Konstanten der byzantinischen Geschichte. Die in Jahrhunderten grundsätzlich wenig veränderte innen- und außenpolitische Situation erzwang den Unterhalt eines umfangreichen Herrschaftsapparates und zugleich eine dauernde Grenzverteidigung; daraus resultierte ein ständiger hoher Finanzbedarf. Dem stand trotz der lange fast unerschöpflich scheinenden Wirtschaftskraft von Byzanz ein im Grunde verhältnismäßig schwaches ökonomisches System gegenüber. Das war durch den agrarischen Grundcharakter der byzantinischen Wirtschaft und durch die begrenzte Produktionsleistung der Landwirtschaft bedingt. Ein immer wieder spürbares Gefälle zwischen Bedarf und Erzeugung hatte einschneidende Wirkungen. Es

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zwang den Staat zu intensiver Wirtschafts- und Finanzpolitik. Die Reichsverwaltung diente nicht zuletzt als ein kompliziertes Abgabenerfassungssystem mit umfassenden Kontrollfunktionen; die Erfassung und Erschließung wirtschaftlicher Reserven zählte zu den wichtigsten Aufgaben der Bürokratie. Es gelang auch zeitweise, die Wirtschaft zu aktivieren und die Währung zu stabilisieren. Aber mit dem dauernden Anstieg der Kosten von Bürokratie und Armee wurde mehr und mehr ein Dirigismus zum dominierenden Prinzip, der durch restriktive Regelungen und fiskalistische Ausbeutung die binnenwirtschaftlichen Initiativen einschränkte. Da dieser Dirigismus die eigentlichen Strukturmängel weder sah noch bekämpfte, änderte sich die ökonomische Grundsituation qualitativ nie. Das Byzantinische Reich verfügte zwar über eine ausgewogenere und komplexere wirtschaftliche Struktur als der Westen. Die ökonomische Rolle der Städte mit ihren vor allem auf Gewerbe und Handel basierenden Produktionsformen war keineswegs unerheblich, wenn auch regional verschieden. Doch selbst in den am stärksten urbanisierten Provinzen waren die Städte am Gesamtsteueraufkommen nur mit etwa 5 Prozent beteiligt. Das vorhandene Kapital war überwiegend in Land angelegt; der größte Teil der Bevölkerung (bis zu 90 Prozent) lebte von und in der Landwirtschaft. Trotzdem blieb die Ernährungsdecke dünn; denn schätzungsweise 19 auf dem Lande arbeitende Personen waren notwendig, um den für eine in der Stadt lebende Person notwendigen Überschuß zu erzielen. Eine spürbare Produktionssteigerung wurde nicht in erster Linie durch den staatlichen Dirigismus verhindert. Die byzantinische Wirtschaftspolitik hat zwar das ihrige zur Lähmung der Privatinitiative und zur Austrocknung des Kapitalmarktes beigetragen. Doch in der Förderung von Gewerbe und Handel, dem Schutz und der Entwicklung des kleinen Bauerntums, dem Kampf gegen die Entvölkerung erreichte sie zeitweise Erfolge; die Erhaltung einer international akzeptierten Goldwährung war eine der großen Leistungen des byzantinischen Staates. Am Zunftsystem, das für die gewerbliche Tätigkeit im gesamten Byzantinischen Reich bestimmend blieb, ließe sich etwa zeigen, daß die Verbindung wirtschaftlichen Monopols und staatlicher Intervention durchaus nicht nur negative Seiten hatte. Weder Fiskalismus noch Dirigismus haben Phasen einer begrenzten wirtschaftlichen Prosperität verhindert; das läßt sich schon aus der Geschichte des östlichen Reichsteils im 5. Jahrhundert oder aus der des justinianischen Staates ablesen. Was einen kontinuierlichen und langfristigen Produktionsanstieg, eine Stärkung der wirtschaftlichen Ressourcen und damit das Entstehen einer weniger krisenanfälligen ökonomischen Basis für Staat und Gesellschaft verhinderte, waren strukturelle Mängel: das Fehlen expandierender Märkte für gewerbliche Produkte, das ungünstige Verhältnis zwischen Produzenten und Verbrauchern, ein wenig entwickeltes und kostenintensives Transportwesen, nicht zuletzt aber – verglichen mit der im Westen langsam einsetzenden

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Entwicklung – ein technologischer Stillstand der Landwirtschaft, Anbaumethoden und agrarische Technik verharrten auf dem traditionellen Stand früherer Jahrhunderte; das erlaubte keinen Ersatz extensiver durch intensive Bewirtschaftungsformen. Das mangelnde Interesse an einer Entwicklung neuer, arbeitskraftsparender und produktionsfördernder mechanischer Kraftquellen war keine Folge der ohnehin zahlenmäßig sehr zurückgegangenen Sklaverei. Es war offenbar bedingt durch den Mangel an ausreichendem Investitionskapital (der mit der traditionellen Re-Investierung gewerblicher Gewinne in Landbesitz zusammenhing), mehr aber noch durch eine sozialpsychologisch-intellektuelle Barriere, die schon der ältere Plinius beschrieben hat: die konventionelle Verachtung »banausischer« Tätigkeiten in den gebildeten Schichten bot keinerlei Anreiz zur praktischen Auswertung vorhandener naturwissenschaftlicher und technischer Erkenntnisse. Die endemischen Finanzschwierigkeiten des byzantinischen Staates mit ihren direkten Rückwirkungen auf die Außenpolitik ließen sich darum nie grundsätzlich, sondern nur für begrenzte Phasen überwinden. Das ändert jedoch nichts daran, daß Byzanz durch sein verhältnismäßig komplexes geldwirtschaftliches System, seine Produktionskraft und seine nicht unbeträchtlichen Staatseinnahmen anderen Staaten für lange Jahrhunderte klar überlegen blieb. Erst seit dem Ende des 11. Jahrhunderts setzten mit dem Übergewicht des Großgrundbesitzes und dem Rückgang des freien Kleinbauerntums wie mit dem Verlust der Kontrolle über Fernhandel und städtische Wirtschaft an die italienischen Seerepubliken jene sozialen und ökonomischen Veränderungen ein, die die Wirtschaftskraft und damit die finanzielle Kapazität des Staates unterhöhlten, die ein Stützpfeiler der Macht und Widerstandskraft von Byzanz gewesen war. Die Wirtschaftspolitik zeitigte schwerwiegende, zum Teil unbeabsichtigte und in ihren Konsequenzen nicht überschaubare gesellschaftliche und politische Folgen. Die Beharrungsfähigkeit sozialer Strukturen in Byzanz geht nicht zuletzt auf ständige regulierende Eingriffe des Staates zurück. Die straffe Bindung des einzelnen an Stand und Beruf, wie sie der spätrömische Staat anstrebte (vgl. FWG 9, S. 91 ff), wurde zwar aufgegeben. Aber politisch-administrative Maßnahmen und unveränderte ökonomische Grundbedingungen verfestigten im Widerspiel der gesellschaftlichen Kräfte den Konflikt zwischen dem Herrschaftsanspruch der Zentrale, repräsentiert durch Kaiser und städtischen Beamtenadel, und der großen landbesitzenden Aristokratie, die gegen zentralistische und absolutistische Methoden opponierte. Diese Auseinandersetzung zwischen dem Monarchen, dessen Ziel eine zentralistische politische Ordnung mit gesichertem Zugriff auf alle Entscheidungsprozesse und staatlichen Ressourcen ist, und einer traditionellen Führungsschicht, deren überkommene Machtpositionen wie wirtschaftliche Interessen durch eine solche Politik eingeschränkt werden, blieb ein zentrales Thema der byzantinischen Geschichte. Sie gehört zu jenen strukturellen Problemen, die sich typologisch mit

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den Bedingungen anderer Großreiche vergleichen lassen. Typischen Charakter hat dieser Konflikt auch darin, daß die Politik der Zentrale Rückhalt bei sozialen Gruppen sucht, deren Interesse in einer Schwächung der aristokratischen Elite liegt. Die besonderen Formen dieses gesellschaftlichen und innenpolitischen Grundkonflikts in Byzanz entspringen der trotz des agrarischen Gesamtcharakters verhältnismäßig komplexen wirtschaftlichen Struktur. Im Westen wurde für lange Zeit der soziale und kulturelle Lebensraum zunehmend auf die Bereiche von Gutsherrschaft und Kloster eingegrenzt; einer schmalen Schicht des Grundadels stand die als Halbfreie auf dem Lande arbeitende Masse der Bevölkerung gegenüber. In Byzanz aber blieb ein differenzierteres, zu einem ausgewogeneren sozialen System tendierendes Verhältnis von Stadt und Land, von Großgrundbesitz und freiem Bauerntum die Basis der Entwicklung. Der Aufstieg der Grundherrschaft als wirtschaftlicher Rückhalt der Führungsschicht war das beherrschende soziale Phänomen der spätrömischen Zeit gewesen – eine der ungeplanten Nebenwirkungen der dirigistisch-fiskalistischen Zwangswirtschaft (vgl. FWG 9, S. 85 ff). Auch in der byzantinischen Gesellschaft spielte der Großgrundbesitz weiterhin eine ebenso bezeichnende wie bedeutsame Rolle. Aber daneben blieb die Stadt als Zentrum wirtschaftlichen und geistigen Lebens ein wichtiger Faktor. Als einziger mittelalterlicher Staat besaß das Byzantinische Reich Großstädte, deren Gewicht sich nicht nur kulturell nachdrücklich fühlbar machte; es verfügte damit auch über eine (wenngleich kleine) städtische Oberschicht als Gegengewicht zum Grundadel. Aus ihr stammte der Typus des Beamten-Gelehrten, der als Nachwuchs für die obersten Ränge der Reichsverwaltung wie als Chance sozialen Aufstiegs für das gesellschaftliche System von Byzanz höchst bedeutsam war. Zudem wurde in Byzanz trotz der massiven Absorptionstendenzen der großen Gutsbezirke das freie Kleinbauerntum mit seinen als eigene Steuerbezirke fungierenden Dorfgemeinschaften nicht verdrängt, wenn es auch nach Umfang und Bedeutung erhebliche Wandlungen durchmachte. Das trug zur gleichmäßigeren Verteilung von Eigentum und Einkommen auf dem Lande bei und wirkte vermutlich zeitweise einem Bevölkerungsrückgang entgegen. Die Existenz dieser sozialen Schicht war von eminenter Bedeutung für die wirtschaftliche Stabilität wie für die politische Widerstandskraft des Staates. Bei der Auseinandersetzung zwischen Großgrundbesitz und freiem Bauerntum ging es nicht nur um eine ökonomische und soziale Frage, sondern um ein innenpolitisches und finanzpolitisches Problem erster Ordnung. Die Klasse des großen landbesitzenden Adels war nicht nur eine wirtschaftliche Macht. Mit ihren zentrifugalen Sonderinteressen bedrohte sie die Durchsetzung von politischen Entscheidungen der Zentrale und deren Verfügung über die Provinzen und deren Einkünfte – zumal die Provinzialstädte weitgehend in Abhängigkeit von den lokalen Magnaten gerieten. Der kleine Bauernbesitz bildete die entscheidende Schranke gegen das weitere Wachsen der großen

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Grundherrschaften. Auf ihm beruhten auch im wesentlichen Maße Finanzkraft und Verteidigungskapazität des Reiches. Nur dem darin liegenden mehrfachen Interesse des Staates verdankt das freie Bauerntum trotz seiner prekären Situation, der ständigen Bedrohung seiner Unabhängigkeit durch eine aus Mißernten oder Steuerdruck resultierende Verschuldung, sein langes Überleben. Denn der Versuch, gegen die Ausbreitung des Großgrundbesitzes diese soziale Schicht als Steuerquelle und Menschenreservoir für die Armee zu sichern, ja zu vergrößern, wurde für Jahrhunderte zu einem Kernmotiv kaiserlicher Politik. Freilich führten dabei unumgängliche Rücksichten auf die Militäraristokratie der Provinzen und der Druck wiederkehrender finanzieller Krisensituationen allzu häufig zu einem Kurs, der zwischen dem Schutz des freien Bauerntums und seiner unerträglichen Belastung schwankte. Die Balance zwischen staatlicher Macht und lokalen Magnaten verschob sich entsprechend den Zwängen der politischen und militärischen Situation immer wieder. Sieger in diesem Dauerkonflikt mit seiner fast unentwirrbaren Verflechtung war am Ende die Schicht der großen Grundbesitzer. Wohl wurde ihre beherrschende Stellung seit den Reichsreformen des 7. Jahrhunderts zunächst durch eine Renaissance des Frei- und Wehrbauerntums abgelöst. Aber zumindest seit dem späten 9. Jahrhundert verschoben sich trotz aller Gegenmaßnahmen der Kaiser aus der Makedonen-Dynastie die Gewichte wieder unaufhaltsam zugunsten des Grundadels. Damit war nicht nur seit dem Ende des 11. Jahrhunderts das Schicksal der freien Kleinbauern besiegelt. Im Konflikt mit dem zivilen Beamtenadel der Hauptstadt zeichnete sich gleichzeitig die entscheidende Gefahr ab, die vom grundbesitzenden Militäradel der Provinzen ausging: seine dominierende Position bedrohte nicht nur die administrative und finanzielle Verfügungsgewalt der Zentrale in den Provinzen, sondern mit der Veränderung der militärischen Organisation durch das Pronoia-System nun auch die Kontrolle der Streitkräfte und damit der Außenpolitik. Der Triumph der großen Grundbesitzer und der davon untrennbare Untergang des freien Bauerntums erwies sich als entscheidender Faktor in der Auflösung des byzantinischen Staates.

IV. Kirche und Kultur als Formkräfte der Gesellschaft

Wie der kaiserliche Absolutismus mit seinem bürokratischen Herrschaftsapparat blieben soziale Macht und geistliche Autorität der Kirche bis in die Spätzeit ein tragendes Element der byzantinischen Gesellschaft: die orthodoxe Religion war ein einigendes Element in der Vielfalt der Völker im Reich. Konstantins Entscheidung, das Christentum als legitime Religion im Imperium Romanum anzuerkennen, hat weitreichende Auswirkungen auf die geschichtliche Welt der kommenden Jahrhunderte gehabt. Die Kirche wurde ein Träger gesellschaftlicher Macht neben Kaiser, Heer und Verwaltung; zugleich veränderten sich ihre institutionellen und personellen Strukturen wie ihre sozialen Funktionen

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nachhaltig (vgl. FWG 9, S. 48–69). Der Aufstieg des Christentums erwies sich als ein entscheidender Faktor im Wandel der spätrömischen Gesellschaft. Was im Ineinanderwirken des absolutistischen politischen Systems und der geistigen Revolution des neuen Glaubens an sozialen und individuellen Leitbildern und Lebensformen entstand, lebte in Byzanz weiter. Der Staat als christliche Politeia, die Begründung aller Politik und sozialen Ordnung in Gottes Willen und Ratschluß: das bedeutete den tiefen und selbstverständlichen Einfluß des Christentums auf das öffentliche wie auf das persönliche Leben. Der Glaube war für den einzelnen wie für die Gemeinschaft ein entscheidender Weg, Probleme des Daseins zu lösen. Liturgie und Heiligenverehrung gehörten unabdingbar zum privaten Tageslauf wie zu staatlichen Funktionen. Soziale Fürsorge entsprang aus der Verpflichtung, in Not geratenen Mitchristen zu helfen. In Bildung und Literatur waren profane Traditionen untrennbar mit der christlichen Überlieferung verschmolzen; die byzantinische Kunst war in einem sehr strengen und umfassenden Sinne religiöse Kunst. Der Glaube veränderte Weltgefühl und Weltbegreifen aller Schichten; er drang auch mit seinen theologischen Problemen tief in die Massen ein. In den großen Dogmenkämpfen nahm die gesamte Bevölkerung leidenschaftlich Partei; Verhandlungen und Beschlüsse der Konzilien wurden mit einer heute kaum mehr verständlichen Intensität diskutiert und kritisiert. Es ging hier nicht um abstrakte theologische Formeln, um eine Affäre des Klerus und der Gebildeten, sondern für jedermann um das eigene Leben: um die Gewißheit der Erlösung durch Bekenntnis zum rechten Glauben. Sie schien weit wichtiger als die Lösung sozialer und politischer Probleme: »War der klassische Grieche nach Aristoteles’ Definition ein politisches Lebewesen, so war der byzantinische Grieche ohne Zweifel ein kirchliches.«11 Exemplarisch erscheint die enge Verflechtung von Religiösem und Sozialem im byzantinischen Mönchtum. Sein Rückgriff auf rigoristische und asketische Ideale des Urchristentums artikulierte immer wieder den Widerspruch gegen die Besitzergreifung dieser Welt durch die Kirche. Dieses weltflüchtige Element mit seiner Suche nach der abgeschiedenen Kontemplation als vollkommenem Gottesdienst hat sich gerade in der griechischen Kirche immer erhalten, auch in der Sonder form der Säulenheiligen. Das hohe spirituelle Ansehen des Mönchtums bewog in der byzantinischen Geschichte selbst höchste Würdenträger zum freiwilligen Rückzug aus Welt und Karriere ins Kloster. Aber die Mönche waren nicht nur eine Verkörperung christlichen Protests und ein Gewissen der Kirche. Sie spielten zugleich eine bedeutsame soziale und politische Rolle. Besonders die zahlreichen Klöster der großen Städte waren für die Breitenwirkung der Kirche durch seelsorgerische Betreuung und Armenfürsorge ebenso unentbehrlich wie als kirchenpolitisches Macht- und Propagandainstrument von Bischöfen und Patriarchen. Diese Doppelrolle des Mönchtums tritt schon im 6. und 7. Jahrhundert und dann vor allem im

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Bilderstreit zutage. Aber auch in späteren Jahrhunderten wurde Konstantinopel mehr als einmal von Mönchsunruhen erschüttert. Der geistige Einfluß der Kirche auf die Reichsbevölkerung wie ihre wirtschaftliche und soziale Position lassen sich kaum überschätzen. In wenigen anderen historischen Gesellschaften durchdringt der Glaube ähnlich dicht alle Bereiche des Lebens, sind die Verflechtungen von Spirituellem und Materiellem enger, die Gegensätze schärfer. Die Wechselwirkung von Staat und Kirche, Gesellschaft und Religion schuf darum auch mehr als anderswo schwerwiegende, nie völlig ausgetragene Probleme. Die großen, aber auch bedenklichen Möglichkeiten der Verbindung von Staat und Kirche zeichneten sich schon zu Beginn des 4. Jahrhunderts prophetisch in der ›politischen Theologie‹ des Eusebios von Caesarea ab. Die von ihm propagierte heilsnotwendige Einheit von Imperium und Evangelium konnte für Reich und Kirche ebenso fruchtbar wie gefährlich werden. Dennoch wurde diese Reichstheologie, in der religiöse Eschatologie zur politischen Ideologie umgedeutet war, für große Teile der Kirche das Leitbild einer Stellung zum Staat – vor allem im griechischen Osten. Das schloß andere, aus dem dialektischen Verhältnis eines Teils der Christenheit zur Welt geborene Antworten nicht aus:

die augustinische Richtung eines loyalen Mißtrauens gegenüber der politischen Ordnung als verkehrter Ordnung des sündigen Menschen oder eine apokalyptische Feindschaft gegen den Staat schlechthin. Dennoch gibt es eine überraschende Gemeinsamkeit. Nahezu alle Richtungen im spätrömischen und byzantinischen Christentum haben die bestehende politische und gesellschaftliche Ordnung hingenommen und grundsätzlich akzeptiert. Bestimmte Elemente der christlichen Lehre waren zwar auf Weltverwandlung angelegt und konnten revolutionär wirken. Aber das Evangelium bot ebenso zahlreiche Argumente, die als Stütze einer etablierten Ordnung dienlich waren. Nach Konstantin hat die Kirche aus theologischen wie aus pragmatischen Motiven die Bewahrung des Bestehenden unterstützt. Sie hat immer wieder die kaiserliche und staatliche Autorität als gottgegebene Herrschaftsgewalt interpretiert und die daraus entspringende Untertanenpflicht betont. Kritik und Wirken der Christen beschränkten sich auf Beseitigung von Mißständen oder Verbesserung einzelner Elemente; eine durchgreifende Reform von Staat und Gesellschaft wurde nicht angestrebt. Eine ursprünglich revolutionäre weil antigeschichtliche Eschatologie hatte sich zu politisch- gesellschaftlichem Konservativismus gewandelt, der eine stabilisierende Funktion ausübte. Das hing nicht zuletzt damit zusammen, daß auch in der Reichstheologie trotz aller Hinwendung zum irdischen Erfolg die urchristliche eschatologische Zukunftshoffnung nicht völlig unterdrückt war. Das Bewußtsein von der Vorläufigkeit aller irdischen Ordnungen schlug damit am Ende auch hier durch. Aus der Erwartung des in Christus bereits angebrochenen neuen Äons wird die irdische Welt als alter Äon zu einer bloßen Zwischenzeit, für die

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eine Weltveränderung nicht zu gewärtigen ist, aber auch gar nicht notwendig erscheint (vgl. FWG 9, S. 70–76).

Die besondere Problematik von Religion und Gesellschaft in Byzanz liegt darin, daß diese historische Welt weder ideell noch real die uns so geläufige reinliche Scheidung des Daseins in den geistlichen und den weltlichen Bereich kannte. »Kirche und Staat bilden nicht zwei nebeneinanderstehende selbständige ›Gewalten‹, stehen freilich auch nicht im Verhältnis der Über- und Unterordnung zueinander, sondern bilden eine mystische Einheit, zwei Aspekte

Es ist bei Kaiser und Patriarch der eine

selbe Geist, hen pneuma, nur die Gaben, die charismata, sind verschieden.«12 Begriffe wie »staatliche Kirchenpolitik« oder »Vermischung theologischer und politischer Motive« bleiben im Grunde – wenn auch unumgängliche – Hilfskonstruktionen, die der geistigen Struktur der byzantinischen Staats- und Weltanschauung nicht adäquat sind. Glaubenskampf und politische Aktivität erschienen als untrennbar:

Ausbreitung des Evangeliums und Bekehrung der Heiden wie Verteidigung des Glaubens und Bewahrung der Bekenntniseinheit waren Staat und Kirche gemeinsam aufgegeben. Mission und Diplomatie, religiöse Propaganda und wirtschaftliche Erschließung neuer Länder gingen darum in Byzanz wie kaum sonstwo Hand in Hand. Umgekehrt aber wirkten innerkirchliche Bewegungen und gesellschaftlich-politische Entwicklungen in oft schwer berechenbarer Weise aufeinander ein. Wenn politische und kirchliche Loyalität zusammenfielen, war mit der Einheit der Kirche auch die Einheit des Reichsgefüges gefährdet. Mit dem Schisma drohte der Bürgerkrieg oder zumindest gefährlicher politischer Separatismus. Das zwang den Staat zur Intervention. Das Eingreifen der säkularen Gewalt in dogmatische Streitigkeiten wurde zur Staatsräson. Damit barg die als Verpflichtung begriffene enge Verzahnung staatlicher und kirchlicher Aufgaben für beide Seiten ebensoviel Last und Gefahr wie Förderung und Gewinn. Religion konnte genauso leicht zum Instrument der Politik werden wie der Staat zum Diener der Kirche. Die Problematik einer politischen Theologie, für die das religiöse Schisma nicht nur die staatliche Einheit, sondern auch die Sicherheit der göttlichen Gnade für das Reich bedrohte, trat in der Stellung des Kaisers zur Kirche besonders deutlich hervor. Die Gunst der Götter zu sichern war schon in den Staaten des alten Orients eine der ersten Herrscheraufgaben. Diese Tradition ging in die hellenistische Staatstheorie ein; sie spiegelte sich in der Stellung des heidnischen Kaisers als Pontifex maximus. Dem christlichen Kaiser die Rolle des propagator et defensor fidei zuzuschreiben schien darum nur folgerichtig, war er doch erwähltes Instrument und Statthalter Gottes auf Erden. Konstantin war nur der erste in einer langen Reihe von Herrschern, die tief überzeugt von ihrer gottgegebenen Pflicht zum Schutz von Glaubenswahrheit und Kircheneinheit mit oft gewaltsamen Mitteln in theologische Streitfragen eingriffen. Er schuf ein kirchenpolitisches Instrument von höchster Bedeutung. Bischöfe und Patriarchen

desselben Lebens erlöster Christen

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besaßen zwar Lehrautorität, aber keine Lehrgewalt; noch galt die Ranggleichheit aller Bischöfe als Hüter der Glaubensüberlieferung. Bischofsversammlungen, die Synoden, berieten dogmatische und theologische Fragen. Mit der durch Konstantin einberufenen Kirchen Versammlung von Nikaia (325) entstand eine dem Gesamtreich zugeordnete Institution: die allgemeine Synode oder das ökumenische Konzil – die Versammlung aller christlichen Bischöfe zu Beratung und Beschlußfassung über liturgische, dogmatische und hierarchische Fragen. Doch wenn auch der Kaiser dank seiner säkularen Machtmittel Bischofsstühle schuf und besetzte, Verordnungen über Kirchenzucht und Liturgie erließ und Konzilien und Kirche in Glaubensfragen seinen Willen aufzwingen konnte: der geläufige Begriff des Cäsaropapismus ist eine ebenso unhistorische Perspektive wie die Reduktion der das Reich erschütternden Glaubensstreitigkeiten auf bloße politische Konflikte. Nach der auf die Dauer sich durchsetzenden theologischen Lehre war der Kaiser nicht das mit unumschränkter Verfügungsgewalt ausgestattete Haupt der Kirche; er besaß weder priesterliche Würde noch Lehrgewalt. Schon Justinian hat (entgegen gewissen im 5. Jahrhundert feststellbaren Tendenzen auf kirchlicher Seite, den Imperator auch zum Sacerdos zu machen) in seiner 6. Novelle eine klare Unterscheidung zwischen Sacerdotium und Imperium formuliert: »Die größten Gaben, die Gottes Güte den Menschen verlieh, sind Priestertum und Kaisertum. Das eine dient den göttlichen Dingen; das andere herrscht über die Menschen und nimmt sich ihrer an. Aus einem gemeinsamen Ursprung stammend, ordnen beide in ihrer Weise das menschliche Leben.« Das entspricht bereits der Theorie, die im 9. Jahrhundert offiziell festgelegt wurde: vom weltlichen und geistlichen Amt als zwei unabhängigen, sich überschneidenden und doch harmonisch verbundenen Wirkungsformen der grundsätzlich gleichen und einen Gewalt, die vom göttlichen Willen ausgeht. Bischof und Kaiser verkörpern zwei Aspekte einer Aufgabe in einer Welt. Das Prinzip gleichberechtigter Zusammenarbeit von Kirche und Staat, Patriarch und Kaiser ist freilich oft einseitig ausgelegt worden. Aber Grenzen oder Durchsetzbarkeit des kaiserlichen Willens in der Kirche waren weniger eine Frage der Theorie als der praktischen Machtverhältnisse. Eine ähnlich unbestrittene Herrschaft über die Kirche wie Justinian, der Patriarchen absetzte und dogmatische Entscheidungen durch Verordnungen traf, haben nur wenige byzantinische Herrscher gewonnen. Die Haltung der Kirche gegenüber dem kaiserlichen Kirchenregiment schwankte durch Jahrhunderte zwischen Unterwerfung, Anpassung und Konflikt. Synoden und Konzilien zeigten immer wieder eine Neigung, klar formulierten Herrscherwünschen zu entsprechen oder sogar eine übergeordnete geistliche Autorität des Kaisers anzuerkennen. Aber schon das monophysitische Schisma und der Bilderstreit offenbarten, zu welch hartnäckigem Widerstand die Kirche fähig war, wenn es um grundsätzliche Fragen in Dogma und Ritus oder um Privilegien ging. Nicht selten erwies sich

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dann der Patriarch mit der Hierarchie von Erzbischöfen, Bischöfen und Klerus hinter sich als eine Figur von ebenbürtiger Macht. Es ist eine offene Frage, ob mit der Bindung der byzantinischen Kultur an feste Formen des byzantinischen Staatskirchentums zunehmend die Fähigkeit verlorenging, neue soziale Formen und kulturelle Leitbilder zu schaffen. Sicher ist, daß die weitgehende Identität von Reich und Kirche, orthodoxem Glauben und byzantinischer Existenz die Widerstandskraft des Staates stärkte. In einem Vielvölkerstaat hielt – wenigstens für lange Zeit – das Bekenntnis zu einem gemeinsamen Glauben sozial und ethnisch heterogene, ja antagonistische Kräfte zusammen. Anstelle fehlender gemeinsamer kultureller und nationaler Traditionen wurde die christliche Religion das Medium einer Integration. Ähnlich wie das Chinesische Reich gegenüber den Mongolen besaß Byzanz gegenüber starken fremden Minderheiten eine erstaunliche Assimilationsfähigkeit; das erwies sich etwa an den seit dem 7. Jahrhundert in das Reich eingedrungenen Slawen. Selbstbezeichnung und Selbstbewußtsein der Byzantiner als »Rhomäer« im Gegensatz zu den Heiden, den »Hellenes«, bezeugen diese Gleichsetzung religiöser und nationaler Konfession: »Rhomaios ist derjenige Bürger des allein legitimen Römischen Reiches von Konstantinopel, der zugleich den allein richtigen Glauben dieses Reiches, die Orthodoxia, besitzt, und damit eingegliedert ist in die einzige gottgewollte Kulturgemeinschaft dieser Welt: die vorwiegend griechisch und christlich bestimmte Kulturgemeinschaft des Oströmischen Reiches.«13 Die byzantinische Kultur ist in einer wesentlichen Hinsicht traditional: Das Problem von Überlieferung und Aneignung spielt eine ebenso große Rolle wie im politisch-sozialen Bereich. Sie ist freilich nicht das, als was die Byzantiner selbst sie immer wieder zu deuten versuchten: eine einfache Weiterführung der klassischen Tradition griechischer Bildung, Literatur und Kunst. Zweifellos bezeugt sich in den »Renaissancen« der byzantinischen Kultur die weiterwirkende Macht klassischer Vorbilder wie deren Kehrseite: Preziosität, überspitzter Formalismus und konventionelle Nachahmung. Doch mag auch die literarische Vorlage klassisch sein – der Geist der byzantinischen Kultur ist es nicht. Ihr Ursprung lag im Hellenismus, in einer durch lokale und nationale Traditionen der von Alexander dem Großen eroberten orientalischen Gebiete vielfältig umgeformten griechischen Überlieferung. Etwas vom Weltverständnis und der spezifischen geistigen Energie des Hellenismus manifestiert sich im Individualismus, in der Neugierde und in der Weitläufigkeit der Byzantiner ebenso wie im Rückgriff auf Ergebnisse und Formen der hellenistischen Wissenschaft, Kunst und Architektur. Auf ihrem Weg nach Byzanz hat die hellenistische Kultur freilich eine entscheidende Wandlung durchgemacht. Die Auseinandersetzung mit dem Christentum, die in dem Moment begann, in dem Klemens und Origenes christliche Glaubenswahrheiten in Begriffen der zeitgenössischen neuplatonischen Philosophie formulierten, brachte ein neues schöpferisches

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Element in die Tradition. Mit dem intellektuellen Klima veränderte sich die emotionale Atmosphäre; die Angst des vereinzelten, von Dämonen umstellten Individuums wurde gebannt durch den Glauben. In der spätantiken Synthese von Christentum und hellenistischer Bildung blieb die geistige Tradition der Griechen Grundlage der byzantinischen Kultur – nicht vermittelt, sondern in einem direkten Überlieferungszusammenhang. Das hatte eine sehr bedeutsame Wirkung. Das antike Erbe begegnet nicht als eine fremde, zu Auseinandersetzung zwingende Leistung, sondern als ein selbstverständliches Stück eigener Vergangenheit. Zusammen mit einem aus dem byzantinischen Lebensgefühl entspringenden Konservativismus begründet das jenen grundsätzlich beharrenden Zug, der bei aller inneren Bewegtheit die byzantinische Kultur prägt. Der Wille zu einer bestimmten, in ihrer Bewertung feststehenden Form verkörpert sich in ihren Schöpfungen. Was wir Renaissancen nennen, bedeutete nicht die Aneignung neuer Elemente, sondern nur den reineren Rückgriff auf die wahre Tradition. Bezeichnend für die byzantinische Kultur war ihre doppelte Sprache. Die bildende Kunst kannte zwar eine einheitliche Formensprache; im übrigen aber stand den breiten Bevölkerungsmassen mit ihrer volkssprachlichen Vulgärliteratur eine durch anspruchsvolle klassizistische Bildung geprägte Oberschicht gegenüber. Durch Jahrhunderte unveränderte Formen und Inhalte der Erziehung gaben der Führungselite von Byzanz ihre erstaunliche, allen Wechsel überdauernde Uniformität in Sprache, Haltung und Lebensstil. Das war für den Zusammenhalt dieser Schicht ebenso bedeutsam wie für ihre Integrationsfähigkeit; nicht umsonst gehörte es zu den Methoden byzantinischer Politik, die Angehörigen fremder Führungsschichten in Konstantinopel, im politischen und kulturellen Bannkreis der Zentrale, zu erziehen. Diese Bildungstradition formte auch den wichtigen Typus des Beamten- Gelehrten. An ihm wird besonders deutlich, daß die Höhe der intellektuellen Kultur in Byzanz (wo Bildung anders als im Westen für die Oberschicht selbstverständlich, aber auch für Angehörige der Mittelschichten durchaus erreichbar war) ein entscheidendes Element der Lebenskraft war. Der Erfolg byzantinischer Politik nach innen und außen basierte zu einem erheblichen Maß auf Routine und erprobten Methoden, aber auch auf bewußter und gezielter Weiterentwicklung von Erfahrungen. Ein auf sorgfältiger intellektueller Ausbildung beruhender Einsatz von Reflexion und Theorie als Mittel politischen Handelns läßt sich in den Methoden von Außenpolitik und Diplomatie verfolgen, klarer vielleicht noch in der Entwicklung einer regelrechten byzantinischen Kriegswissenschaft. Die Frage nach dem Charakter der Kultur ist die Frage nach dem historischen Ort der byzantinischen Gesellschaft überhaupt. War außenpolitisch eine prekäre Existenzbewahrung zwischen Orient und Okzident Grundfigur des byzantinischen Schicksals, so brach innerhalb von Kultur und Gesellschaft der Antagonismus beider Welten in großen Auseinandersetzungen auf. Form und Stärke orientalischer Einflüsse berechtigen

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jedoch nicht zu dem Urteil, Byzanz sei als Staat wie als Kultur nachhaltig orientalisiert gewesen. Bezeichnenderweise werden gerade die Elemente orientalischer Tradition, die nicht bereits in der hellenistisch-spätrömischen Kultursynthese integriert waren, zum Konfliktsmoment. Was sich aber, im monophysitischen Schisma oder im Bilderstreit, gegen sie durchsetzte, war die hellenistische Überlieferung. Byzanz darum als wiedererstandenes Hellas zu deuten ist freilich ebenso unzureichend. Jeder Versuch, grundsätzliche Aspekte der byzantinischen Gesellschaft und Kultur in Formeln zu fassen, muß scheitern, wenn einseitig eine Dominante bestimmt werden soll. Entscheidend bleibt die bei aller Verschiedenheit der Wurzeln in ihrer Form eigenständige Synthese: das harterrungene und immer wieder unter Kämpfen bewahrte Gleichgewicht hellenistischer, spätrömischer, christlicher und orientalischer Überlieferung.

V. Tradition und Wandel

Historische Rolle wie durchgängige Faktoren der sozialen, politischen und geistigen Existenz formten einen in seiner Weise einzigartigen Stil des Lebens – eine Haltung zur Welt, die wiederum bedingend auf gesellschaftliche Prozesse zurückwirkte. Durch alle Wandlungen kehren bestimmte Grundzüge so regelmäßig wieder, daß der Versuch einer Beschreibung des byzantinischen Charakters möglich scheint. Das gesellschaftliche und soziale Leben der Hauptstadt Konstantinopel spiegelt ihn in vielfältigen Brechungen, aber auch der Landedelmann Kekaumenos, ein skeptischer und illusionsloser, von common sense, Sparsamkeit und Mißtrauen geprägter byzantinischer Lord Chesterfield, gibt einen seiner Aspekte wieder. Das byzantinische Temperament ist eine coincidentia oppositorum: intellektuelle Neugier, Freude an geschliffener Diskussion und subtilem Argument neben massivem Aberglauben und mystischer Exaltation; Raffinement, Eleganz, Freude an Luxus und hochgezüchtete Eindrucksfähigkeit neben Geiz, Bestechlichkeit, skrupelloser Verschlagenheit, unbarmherziger Grausamkeit und leidenschaftlichem Haß. Ausdauer, Energie, Mut, Sensibilität und Mitleid sind freilich mindestens ebenso bezeichnende Züge: ohne solche Qualitäten ist das Überleben von Byzanz gar nicht denkbar. Manchen negativen Zug macht zudem erst die Realität byzantinischen Lebens mit seinen zahllosen Ängsten und Gefahren verständlich. Angesichts rücksichtsloser Steuereintreiber, unberechenbarer Beamter und willkürlicher Gouverneure, mächtiger Gutsbesitzer, Räuberbanden und ständig drohender Invasion barbarischer Stämme wurden Mißtrauen und Verstellung zu Schutzmechanismen. Zugleich aber setzte der Mensch gegen die Bedrückung des Lebens sein Vertrauen ins Transzendente; Gegenpol und unverlierbarer Grundzug des byzantinischen Charakters sind Frömmigkeit und Hoffnung auf übernatürliche Hilfe. Der Glaube begründet Eigenart und Einzigartigkeit von Weltbild und Lebenshaltung in Byzanz: sie sind letztlich nur theologisch zu verstehen. Nicht

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Devotionsformen oder Lehrwahrheiten sind dabei entscheidend, sondern jene besondere Form der Spiritualität, die das byzantinische Leben auch außerhalb des engeren theologischen Bereichs prägt. Sie beruht auf der Überzeugung, daß alle Lebensbereiche dem einen göttlichen Schöpfergeist entspringen und durch die Tat des einen Gottessohnes erlöst sind. Diese Spiritualität ist als »Dualismus« oder als »Einheit der Gegensätze« im Grunde unbyzantinisch beschrieben; auch der Begriff der Dialektik führt irre. Gegensätze, die uns als antagonistisch und mithin als Anlaß zu Widerspruch oder Sich-entscheiden-Müssen erscheinen, sind für den Glauben in einer eigentümlichen Weise aufgehoben: als Teil der einen unbegreiflichen, aber alles durchdringenden, im Sein Gottes begründeten Ordnung. Das unbewegte und allumfassende Sein Gottes ist Sinn und Inhalt aller Transzendenz. Weg zur Transzendenz ist nicht rationales Raisonnement, dialektische Zergliederung des Glaubens durch eine wissenschaftliche Theologie, sondern Versenkung in den Glauben durch Askese und Kontemplation. Meditation, nicht Aktion; Ruhe, nicht Fortschreiten – diese Grundhaltung schafft sich ihren Ausdruck in der Unwandelbarkeit der Liturgie, im Zentralbau der Kirchen oder in der Ikone, die durch hieratische Strenge und Ausdruckskraft des Bildes den gläubigen Betrachter in wortlose Versenkung zwingt. Heiliger und Mönch erreichen in der Stille jene ungetrübte Ruhe der betrachtenden Seele, die die byzantinische Hymnendichtung als mystische Kommunion feiert. In ihr verwirklicht sich das byzantinische Ideal. Was damit erlangt wird, ist freilich nur Andeutung, Parallele, Abbild: Gott als die unbewegte und doch ewig schöpferische Ruhe. Eine Ahnung dieser unkörperlichen Unbewegtheit und Lebendigkeit des dreieinen Gottes, die der asketische Mönch in der Unsagbarkeit der Kontemplation erreichte, die ein Kirchenvater wie Gregor von Nyssa in platonisierenden Formeln tastend mitzuteilen suchte, erfuhr der einfache Gläubige in greifbarer und bildhafterer Weise: durch die sein Leben ständig begleitende Liturgie und durch den festen Glauben an die Hilfe der zahllosen Heiligen, an die tägliche Möglichkeit des Wunders. Das gab ihm Gewißheit, Hoffnung und Kraft – stillte jenes für den Byzantiner so bezeichnende Bedürfnis nach persönlicher Erfahrung des Heiligen. Eine solche der statischen Momente nicht entbehrende Haltung wirft die Frage nach den Möglichkeiten des Wandels wie nach seiner Rechtfertigung im byzantinischen Weltbegreifen auf. Es war der große westliche Irrtum Toynbees, »Versteinerung« zu sehen, wo es auf umgrenztem Grund sehr wohl Leben gibt – wenn auch nicht jene zielgerichtete Bewegung, die wir gerne damit verwechseln. Stabilität oder Schwäche, Starrheit oder Wandlungsfähigkeit eines politisch- sozialen Systems sind von Mischung und Balance traditionaler und nicht- traditionaler Elemente abhängig; dieses große historische Thema von Tradition und Erneuerung, von Kontinuität und Kreativität wird in der byzantinischen Geschichte in besonderer Weise faßbar.

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Die Macht des Bestehenden und beharrender Tendenzen war ohne Zweifel in Byzanz außergewöhnlich groß. Der statische Zug, der tiefgegründete Konservativismus dieser Gesellschaft mit ihrer Tendenz zur Ausbildung fester, dauerhaft gültiger Formen ist unbestreitbar. Politische Institutionen und gesellschaftliche Strukturen waren durch das spätrömische Imperium so stark vorgeprägt, daß kaum Neubildung, höchstens Umformung möglich schien. In der byzantinischen Kultur erzeugte die Last griechischer Traditionen einen bemühten, schöpferische Neuansätze oft unterdrückenden Klassizismus, etwa im bewußten Archaismus der Literatur, deren höchstes Ziel stilistische Imitation der großen altgriechischen Vorbilder blieb. Umgekehrt wirkten theologische Vorverständnisse stagnierend auf die byzantinische Naturwissenschaft, indem überlieferte Denkansätze und Ergebnisse griechischer Forschung für letztlich belanglos erklärt wurden: »Es genügt für uns zu wissen, daß alle Dinge durch Gottes Geist geordnet sind und durch einen Willen, den wir nicht ergründen können.«14 Was Traditionen und etablierten Ordnungen solch übergroßes Gewicht verlieh, war ein grundsätzlich konservatives Bewußtsein. Man glaubte nicht nur in der Literatur an die Klassik, an ein kanonisch gewordenes und verpflichtendes Erbe. Der Besitz endgültiger Wahrheiten und vollkommener Lösungen auch in Politik und Religion galt durch göttliche Offenbarung als garantiert: der Byzantiner war konservativ nicht nur aus Neigung oder aus der Indolenz einer durch Jahrhunderte geprägten Untertanengesinnung, sondern letztlich aus Religion. Intellektuelle Aktivität war prinzipiell Neu-Begreifen und Neu-Auslegen des Alten, einmal Gültigen; diese Haltung durchdrang auch Gesellschaft und Politik. Prokops Kritik an Justinian zielte bezeichnenderweise nicht auf den rückwärtsgewandten Traditionalismus der kaiserlichen Politik; ihr eigentlicher Vorwurf richtete sich gegen die Neuerungen des Herrschers. Nun ist die undifferenzierte Überzeugung von den zwangsläufig negativen Folgen konservativen Handelns eine jener geschichtsverzerrenden Perspektiven, die gerade durch die byzantinische Geschichte für den unbefangenen Betrachter widerlegt werden. Die positive Wirkung traditionaler Ordnungen erweist sich in der Stabilität, die. es dem byzantinischen Staat dank einer zentralen Autorität und einer permanenten, gut organisierten Zivilverwaltung ermöglichte, Krisen besser zu überwinden als die westlichen Feudalstaaten oder die Nachfolgestaaten des Kalifats. Nur die beharrende, aber zugleich Kontinuität sichernde Politik der Administration machte ein komplexes staatlich- gesellschaftliches Gebilde wie das Byzantinische Reich zu längerem Überdauern fähig. Zudem hat diese konservative Zivilverwaltung lange ein Gegengewicht gegen das Entstehen des Feudalismus und einen überspitzten kaiserlichen Absolutismus gebildet. Auch die grundsätzliche Unfähigkeit zum Wandel ist eine Legende. Zwar liegt der Nachdruck intellektueller Aktivität anders als im Westen nicht auf Originalität oder Innovation. Doch dem erheblichen Gewicht traditionaler Sach- und konservativer Denkstrukturen stand in Byzanz durchaus die Fähigkeit zur

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Adaption an veränderte Bedingungen und zur schöpferischen Reform gegenüber. Ohne sie hätte dieser Staat in einer sich wandelnden Welt nicht ein Jahrtausend überlebt. In seiner Geschichte haben sich immer wieder Prozesse sozialen und politischen Wandels vollzogen, die mehr waren als die Überwindung momentaner Krisen mit vorgegebenen Mitteln. Die byzantinische Gesellschaft hat mehr als einmal ihre Institutionen an eine veränderte soziale Lage und eine verwandelte politische Umwelt angepaßt. Schon mit der Herrschaft des Heraklios im 7. Jahrhundert begannen einschneidende Veränderungen staatlicher Formen und gesellschaftlicher Strukturen. Sie zeigen, daß Byzanz bei aller Beharrungskraft ein zur organischen Weiterentwicklung und zu neuen Lösungen fähiges soziales System war. Selbst in dem als besonders traditional geltenden Bereich des Rechts gab es Elemente des Wandels, so in dem in mancher Hinsicht revolutionären Gesetzbuch Leons III. oder in der Reform von Strafmaßen und Strafarten. Auch in der Kultur erfaßte das scheinbare Übergewicht klassizistischer Traditionen nur die Literatur und hier wiederum nur die kleine Schicht der Gebildeten. Außerhalb ihres Kreises entstand mit der volkssprachlichen Literatur etwas Neues als Reaktion auf den überzüchteten Formalismus. Kunst und Architektur lassen sich ohnehin nicht als bloße Repetition oder sterile Wiederbelebung von Traditionen deuten. Vom Höhepunkt des »neuen Stils« im 6. Jahrhundert über die Blütezeit des 11. und 12. Jahrhunderts bis zur Kunst der Palaiologen setzen sich im Rahmen der byzantinischen Formensprache immer wieder in hohem Maße Individualität, Originalität und Erfindungskraft durch. Im Kern der byzantinischen Kunst lebt nicht so sehr Traditionalismus als vielmehr orthodoxer Glaube verbunden mit dem geistigen Erbe des Hellenismus, der eine in Griechenland selbst im 4. Jahrhundert v. Chr. durch den Klassizismus abgeschnittene Bewegung auf das Irrationale weiterführt. In dieser schöpferischen Einheit von Christentum und Hellenismus liegt die große und originale Leistung des byzantinischen Griechentums. In den bedeutendsten Werken der Kunst ist der klassizistische Mantel fast verschwunden: sie sind reiner Ausdruck seiner besonderen Religiosität. Byzanz war konservativ und doch kreativ; Wandel und Veränderung sind ebenso bemerkenswert wie traditionalistisches Verharren. Das bedeutet freilich nicht, daß die Lebensfigur von Byzanz die eines linearen Fortschritts war. Veränderung hatte hier selten radikalen Charakter; dazu war das beharrende Gewicht der Tradition zu groß. Der Versuch, Erneuerung konservativ als Rückkehr zur ursprünglichen Tradition zu interpretieren und dadurch zu legitimieren, ist ungemein bezeichnend; auch in Philosophie und Theologie wird das Neue häufig mit der Behauptung eingeführt, hier würden nur die Lehren der Väter ausgelegt und bestätigt. Das war kein politischer Trick, durch den eine herrschende Gruppe unter dem Deckmantel der Restauration die eigene Macht festigende Innovationen lancierte. Im byzantinischen Weltbild war Innovation nicht systematisch zu begründen; sie wurde von der Praxis erzwungen und

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pragmatisch vollzogen. Aber trotzdem kennt die byzantinische Geschichte nicht nur den Wandel sozialer und politischer Bedingungen und Probleme, sondern auch den oft erfolgreichen Versuch neuer Lösungen. Nicht zuletzt darin war die Lebenszähigkeit von Byzanz begründet.

VI.

Der

Beginn

Periodisierung

der

byzantinischen

Geschichte:

Das

Problem

der

Noch der große englische Historiker J. Bury erklärte, das Byzantinische Reich sei »das gleiche Reich, das Augustus gegründet hat«15. Die staatsrechtliche Kontinuität von Konstantin dem Großen bis zum Fall von Konstantinopel im Jahre 1453 ist unbestreitbar. Sie hat auch das politische Selbstbewußtsein der Byzantiner mitgeprägt. Aber dieser durch die Autorität Gibbons gestützte, formal richtige Aspekt einer continuatio imperii Romani verkürzt die historische Wirklichkeit. Der Begriff »byzantinisch« statt »oströmisch« oder »spätrömisch« (wiewohl nicht sehr sinnvoll vom ursprünglichen Namen jener griechischen Kolonie am Bosporus abgeleitet, die 324 als Konstantinopel zur Reichshauptstadt ausgebaut wurde) ist sachgerecht und notwendig. Er formuliert die Einsicht, daß Byzanz ein historisches Phänomen eigener Prägung war, in dem neben der römischen Tradition neue und andere Kräfte wirksam wurden. Damit ist die Frage der Periodisierung aufgeworfen. Das Ende der byzantinischen Geschichte ist trotz aller weiterdauernden kulturellen Wirkungen durch den Fall von Konstantinopel 1453 eindeutig bestimmt. Um so umstrittener ist der Beginn. Geistreiche Formeln bieten sich an: »Byzantinische Geschichte beginnt, wenn Byzanz nicht mehr Byzanz heißt« – oder der Versuch, die Lebensspanne des Byzantinischen Reiches durch Konstantin I. und Konstantin XI. einzugrenzen. Vier Hauptpositionen haben sich in der Diskussion herausgeschält. Als entscheidender Einschnitt gilt einmal die Regierung Konstantins des Großen:

Konstantinopel wird als zukünftige Reichshauptstadt gegründet, der Schwerpunkt im Imperium verlagert sich; zugleich beginnen mit der Anerkennung des Christentums und den großen staatlichen Reformen einschneidende Veränderungsprozesse. Eine zweite Schule sieht dagegen erst mit der Herrschaft der bilderfeindlichen Kaiser seit 717 die sich als Antwort auf die islamische Bedrohung im 7. Jahrhundert anbahnende Umformung des Reiches vollendet und so die Kontinuität mit dem spätrömischen Imperium endgültig unterbrochen. Eine vermittelnde Position reflektiert auf das Jahr 395:

die Erklärung des Christentums zur einzigen Staatsreligion und die Reichsteilung legen den Grund für ein eigenständiges Byzanz. Schließlich wird die Regierung Justinians, der ein letztes Mal das römische Gesamtreich zusammenzufassen suchte, als die geschichtliche Phase verstanden, in der die das Byzantinische Reich formenden Kräfte zum erstenmal klar hervortreten.

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Historische Epochengrenzen festzulegen ist aus methodischen wie aus sachlichen Gründen ohnehin problematisch. Es wird hier doppelt schwierig, weil Imperium Romanum und Byzantinisches Reich nicht nur eine räumliche, sondern vielfach auch eine strukturelle Kontinuität besitzen. Bestimmte Traditionen (z.B. das nach dem 6. Jahrhundert nur noch in Fremdworten der Amtssprache weiterlebende Latein) sind zwar verhältnismäßig rasch abgestoßen worden. Andere spezifisch spätrömische Strukturen sind zu durchgehenden oder zumindest sehr lange bewahrten Elementen der byzantinischen Lebensordnung geworden. Das Byzantinische Reich ist jedoch als geschichtliches Gebilde von vier Kräften politisch und geistig geprägt. In Staat, Recht und politischer Ideologie wirkt die absolute spätrömische Monarchie und der umfassende Herrschaftsanspruch der römischen Kaiser nach. Herrschende Schicht in diesem Staat aber ist das Griechentum, das auch die bestimmende geistige und kulturelle Kraft bildet. Dritte Formkraft ist das orthodoxe Christentum als Staatsreligion und Staatskirche; dazu treten orientalische Elemente in der Führungsschicht und in der geistigen Tradition. Diese Grundelemente der byzantinischen Gesellschaft bilden sich in einem langwierigen Prozeß heraus; es gibt kein einfach zu bezeichnendes Epochenjahr, sondern nur Jahrhunderte eines Entstehens und einer Formung von Byzanz. Der Prozeß beginnt mit Staatsreform und Anerkennung des Christentums unter Konstantin; er zeigt deutliche Einschnitte in den Jahren 395 und 476. Das 4. und 5. Jahrhundert bilden einen legitimen Teil der byzantinischen Geschichte: ihre sich teilweise noch in den Fassaden und Ordnungen des spätrömischen Imperiums vollziehenden Anfänge. Doch so weit gediehen, daß von Byzanz als einem historischen Gebilde eigenen Charakters die Rede sein kann, ist die Verschmelzung der konstitutiven Elemente erst im 6. Jahrhundert; in der justinianischen Epoche läßt sich eine Art Bündelungseffekt in der Entwicklung erkennen. Noch ist Byzanz nicht in voller innerer Übereinstimmung mit sich selbst. In Kunst und Kultur hat sich das Neue und für die Zukunft Bleibende bereits ausgeprägt. Politik und Ideologie sind noch überwiegend traditional bestimmt; Staat und Gesellschaft befinden sich in einem Übergangsprozeß, der erst im 7. Jahrhundert neue und klare Lösungen findet. Aber Justinians Herrschaft bleibt die entscheidende Phase in der Metamorphose vom spätrömischen Reich zur byzantinischen Gesellschaft, so wie sie zugleich einen grundlegenden Einschnitt in der Verwandlung der alten Welt des Imperium Romanum zur mittelalterlichen, europäisch-mediterranen Welt darstellt.

1. Grundlagen und Anfänge der byzantinischen Geschichte: Das Zeitalter des Justinian und Heraklios (518–717)

Während ein schweres Gewitter über dem Goldenen Hörn tobte, starb in der Nacht des 10. Juli 518 in Konstantinopel der fast achtzigjährige Kaiser Anastasios. Das Reich, das die Gefahren der Völkerwanderung erfolgreich

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gemeistert hatte, schien am Rande der Auflösung; die Ostprovinzen standen nach einer Folge von Bürger- und Religionskriegen im offenen Aufruhr gegen die Zentrale. Der siebenundsechzigjährige Kommandeur der kaiserlichen Garde nutzte den Moment der Unsicherheit, um seine Wahl zum Kaiser zu inszenieren. Usurpation des Thrones durch entschlossene Truppenführer war im Byzantinischen Reich weder jetzt noch später etwas Ungewöhnliches. Aber die kurze Herrschaft des energischen und befähigten Organisators Justin I. (518–527) machte Epoche. Sie schuf seinem Nachfolger Justinian Machtgrundlage und Handlungsspielraum und leitete damit die erste große Epoche byzantinischer Geschichte ein.

I. Die zwei Gesichter der Zeit: Spätrömische Traditionen und byzantinische Anfänge

Leistung und Zeit Justinians sind nicht zu verstehen ohne ihre spätrömischen Grundlagen. Die Weltstellung, die das Byzantinische Reich als mittelmeerische Hegemonialmacht im 6. Jahrhundert trotz der ständig an seinen Grenzen flackernden Konflikte behauptete, entsprang wie die politischen und sozialen Formen der frühbyzantinischen Gesellschaft der historischen Entwicklung im 4. und 5. Jahrhundert.1 Erfolg und Versagen in der Auseinandersetzung mit der Völkerwanderung prägten das Gesicht der Welt Justianians. Der Einbruch der germanischen Völker hatte die machtpolitische Struktur des Raumes zwischen Schottland, Donau und Sahara verändert. An die Stelle des einheitlichen Gesamtreiches trat ein polyzentrisches System – die germanischen Nachfolgestaaten auf dem Boden des westlichen Imperiums und das Byzantinische Reich im Osten. Die Ursachen für den Zerfall des Imperium Romanum im Westen sind ebenso komplex wie umstritten. Die höhere Widerstandskraft der östlichen Provinzen war nicht zuletzt in ihrer überlegenen ökonomischen und demographischen Struktur begründet (vgl. oben S. 16. 27; FWG 9, S. 145 f). Sie befähigte Byzanz, auch in außenpolitischen Krisensituationen durch eine effektive Bürokratie und eine funktionierende Finanzverwaltung das notwendige Steueraufkommen zu sichern und damit eine gut ausgerüstete Armee zu unterhalten. Zudem war hier das Staatsgefüge weniger durch politische und wirtschaftliche Sonderinteressen des mächtigen grundbesitzenden Adels geschädigt als im Westen, wo dieses innenpolitische Schwächemoment als ein entscheidender Faktor des Zerfalls wirkte. In Byzanz gelang es der Zentralgewalt dank einer günstigeren außenpolitischen und finanziellen Situation, staatliche Einheit und politische Stabilität gegen solche zentrifugalen Strömungen zu bewahren. Überstand das Oströmische Reich die äußere Krise des 5. Jahrhunderts ohne nachhaltige Erschütterung, so drohte mit dem in den reichen asiatischen Provinzen vom monophysitischen Schisma ausgelösten Konflikt die Gefahr der inneren Desintegration und zugleich der Orientalisierung des Byzantinischen

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Reiches. Mit dem Auseinanderdriften von Ost und West im Mittelmeerraum zeichneten sich seit dem 5. Jahrhundert die Konturen neuer geistiger Landschaften ab; besonders in Ägypten und Syrien erwachte ein kulturelles Selbstbewußtsein, das bedeutende Einflüsse auf die Entwicklung von Religion und Kunst ausübte. Unter Anastasios (491–518) schien zeitweise die Reichseinheit überhaupt bedroht. Die Machtergreifung durch Justin I., der mit politischen Konsolidierungsmaßnahmen eine kirchenpolitische Schwenkung zur Orthodoxie verband, brachte auch hier vorläufig eine Wende. Byzanz war im 6. Jahrhundert der einzige Rechtsnachfolger des Imperium Romanum – politisch und militärisch wie wirtschaftlich gegenüber den Germanenstaaten die dominierende Macht des Mittelmeerraumes. Ein Kaiser herrschte wieder in der christlichen Welt, auch wenn sich die westlichen Provinzen in einem Prozeß der Auflösung vorübergehend seiner Kontrolle entzogen hatten. Politische Institutionen, soziale Strukturen, Wirtschaftsformen und materielle Kultur der spätrömischen Zeit blieben weithin unverändert erhalten. Die zentrale kaiserliche Autorität war wieder gesichert, der administrative Apparat funktionierte, die Armee war fähig zur Verteidigung der Grenzen. Im Gegensatz zum Westen erlebte Byzanz auch eine neue wirtschaftliche Prosperität; städtisches Leben und Fernhandel dauerten weiter, die Währung blieb stabil. Doch wenn auch die spätrömische imperiale Tradition den Horizont des Lebens im frühbyzantinischen Reich prägte, Justinian seine Politik als ›renovatio‹ des alten Gesamtreiches begriff: ein Verständnis seiner Zeit als abschließender Höhepunkt des Imperium Romanum Christianum ist eine einseitige historische Perspektive. Elemente des Übergangs und des Wandels sind im Gegensatz zum offiziellen Traditionalismus ein Kennzeichen der Epoche. Sie hat zwei Gesichter, zwei mögliche Perspektiven: regionaler Ausschnitt des Gesamtprozesses einer Verwandlung der Mittelmeerwelt und zugleich erste Phase, in der das Byzantinische Reich als individuelle historische Einheit hervortritt. Sicher war der Staat Justinians in vielem nur eine Zwischenlösung, ein Markstein eines umfassenderen Veränderungsprozesses, der im 7. und 8. Jahrhundert kulminierte. Aber seine »renovatio imperii« legte den Grund für eine verwandelte Form von Reich und Kaiserherrschaft und eröffnet darum die byzantinische Geschichte im eigentlichen Sinn.

II. Konstantinopel: Zentrum der Welt und Spiegel des Reiches

Der Glanz der Hauptstadt spiegelte Macht, Reichtum und Höhe der Kultur im Byzantinischen Reich. Wie ein Magnet zog sie Provinzialen und Fremde aus allen Ländern an. Hier residierte der Kaiser als Stellvertreter Gottes auf Erden, der Patriarch als Haupt der orthodoxen Christenheit. Schon das verlieh Konstantinopel eine einzigartige Stellung; dazu kam das gewaltige wirtschaftliche Potential, das sich in dieser Zentrale des Reiches und des

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internationalen Handels sammelte. Die Anziehungskraft der Stadt für die umliegende Welt war fast zu stark: durch Jahrhunderte war Konstantinopel nicht nur ein Kreuzweg der Kulturen, sondern wieder und wieder eine belagerte Festung. Die enge Verbindung von Land und See in ihren militärischen und wirtschaftlichen Möglichkeiten wie in ihrer ästhetischen Wirkung war für Konstantinopel bezeichnend: »Die See bekrönt die Stadt«.2 Von der Ferne überragte die Kuppel der Hagia Sophia die Stadtsilhouette; dann erschien vom Bosporus aus das riesige Areal des Kaiserpalastes mit seinen aus Parkanlagen herausleuchtenden vergoldeten Kirchenkuppeln. Vor dem Palast lag das Augusteum, ein von der Hagia Sophia und vom Hippodrom flankierter weiter Platz. Neben dem Meilenstein, von dem aus alle Entfernungen im Reiche rechneten, ragte die überlebensgroße Reiterstatue Konstantins auf; breite, von Kolonnaden gesäumte Straßen führten zum Goldenen Hörn hinab. Die gesamte Stadt, die neben den orientalisch engen Gassen der Handels- und ärmeren Wohnviertel auch Villengebiete und große Parks umfaßte, war von der fast 9 Kilometer langen Befestigungslinie der Landmauern umschlossen. Gliederung und architektonische Gestaltung der Hauptstadt mit ihren verschiedenen Schwerpunkten und Regionen gaben ein Abbild der Gesellschaft von Byzanz. Als politisches und administratives, wirtschaftliches und religiöses, literarisches und künstlerisches Zentrum war Konstantinopel bei allem großstädtischen Eigenleben eine Art Mikrokosmos des Reiches.3 Das unter Theodosios II. (408–450) errichtete, dreifach gestaffelte Verteidigungssystem der Land- und Seemauern galt als militärtechnische Spitzenleistung der Zeit. In ihm verkörperte sich die Rolle der Stadt als letzte Widerstandszelle des Staates; Inschriften über den Toren (»Christus unser Gott, breche siegreich die Gewalt der Feinde«) verkündeten den Glauben an ihren besonderen göttlichen Schutz. Die Uneinnehmbarkeit der Hauptstadt war für die Untertanen ein lebendiges Symbol der ewigen Bestimmung des Reiches. Der große Palast der byzantinischen Kaiser am Bosporus war eine Stadt innerhalb der Stadt, in der die Pracht der Gebäude und Gärten eine überwältigende Wirkung entfaltete. In den großen Staatshandlungen mit ihrem minuziösen Zeremoniell stellte sich bildhaft die weit über allen Sterblichen thronende Macht des Kaisers dar. Besonders ausländische Fürsten oder Gesandte versuchte man beim feierlichen Empfang durch ausgeklügelte akustische und mechanische Überraschungen (etwa mit den Flügeln schlagende, juwelenbesetzte Pfauen) zu beeindrucken.

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Abb. 2: Die Landmauer von Konstantinopel Konstantinopel war zugleich der Sitz des trotz der Konkurrenz

Abb. 2: Die Landmauer von Konstantinopel

Konstantinopel war zugleich der Sitz des trotz der Konkurrenz von Alexandria und Antiocheia mächtigsten orthodoxen Patriarchen. Zahllose Kirchen und Klöster, deren Insassen häufig in städtischen Unruhen eine entscheidende Rolle spielten, lagen in der Stadt und ihrer Umgebung. Sinnbild Konstantinopels als religiöser Mittelpunkt des Reiches war die Hagia Sophia. Die »große Kirche« war eines der Wunder der Christenheit; ihren tiefen und rational nicht völlig deutbaren Eindruck auf die Gläubigen bezeugen zahllose Beschreibungen vom 6. bis zum 14. Jahrhundert: »Der menschliche Geist kann über die Kirche der Heiligen Weisheit nichts sagen, noch kann er von ihr eine Beschreibung

machen.«4

Konstantinopel war aber auch, andere städtische Zentren des Reiches wie Alexandria, Antiocheia, Thessalonike, Ephesos oder Trapezunt überschattend, eine Drehscheibe des internationalen Handels und für Jahrhunderte die reichste Stadt der Christenheit. Als Handelsplatz bot es eine einzigartige Summe von Vorteilen: Lage am Schnittpunkt wichtiger Fernhandelsstraßen; außergewöhnlich sicherer und gut ausgebauter Hafen mit Docks und Lagerhäusern; durch große Bazarviertel erschlossene lokale Absatzmärkte in der großen Stadtbevölkerung und den zahlreichen Werkstätten; zahlreiche Büros von Reedern, Großhändlern und Banken. Viertes Lebenszentrum von Konstantinopel war der über 40000 Zuschauer fassende Bau des Hippodroms. Die Lebensbedingungen der städtischen Unterschicht waren bedrückend; sie wurden durch staatliche Brotverteilung, kirchliche Hospitäler und Armenhäuser nur wenig verbessert. Die Wohnhäuser waren vielfach primitive Ziegelbauten, die Straßen eng, finster und von Unrat

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übersät. Feuersbrünste oder Seuchen waren keine Seltenheit. Um so mehr wurde das Hippodrom mit seinen Tierhetzen, Wagenrennen, Akrobaten und Komödien für diese Bevölkerungsgruppen zum Lebensbedürfnis und neben den religiösen Streitigkeiten zum Mittelpunkt ihres Interesses. Die leicht erregbare, schwer zu kontrollierende und ob ihrer gefährlichen Rolle in Krisenzeiten von den Kaisern mit Vorsicht behandelte Masse war organisiert in den Zirkusparteien der Blauen und Grünen, die weithin mit den (zeitweise auch als Bürgermiliz dienenden) städtischen Demen identisch waren. Diese seltsamen Relikte altgriechischer Bürgerfreiheit und Anarchie mitten im absolutistischen Staat vereinigten nicht nur die leidenschaftlichen Anhänger bestimmter Rennställe oder sportlicher Tagesgrößen. Sie waren zugleich Organe kirchenpolitischer und damit innenpolitischer Willensbildung – die Blauen traditionell orthodox, die Grünen monophysitisch. Protesthaltung und modische Attitüde gingen auch bei diesen Gruppen Hand in Hand: »Sie haben eine neue und seltsame Art angenommen, ihr Haar zu tragen und schneiden es völlig anders als die übrigen Leute. Schnauzbart und Kinnbart berühren sich nicht, aber sie lassen beide zur

Das Haar lassen sie hinten möglichst lang

hinunterhängen, in einer absurden Art wie die Hunnen

Hemden sitzen an den Knöcheln so knapp wie möglich, erweitern sich aber von dort zu den Schultern in geradezu grotesker Weise.«5 Kleine Handwerker und Händler, Tagelöhner, Diener, Sklaven Bettler, Dirnen und Soldaten machten die Masse der Stadtbevölkerung aus. Die Mittelschicht bildeten Verwaltungsbeamte, Ärzte und Universitätslehrer, wohlhabende Grundeigentümer, Werkstättenbesitzer und oft in verstecktem Luxus lebende Handelsherren, Reeder und Bankiers. Die glänzende Fassade der byzantinischen Gesellschaft verkörperte der Hof- und Geburtsadel. Seine Stadtpaläste und Landsitze wetteiferten in ihrem Ausstattungsluxus – Marmorböden, Mosaiken, Wandgemälde, elfenbeinverzierte Möbel – mit den kaiserlichen Palästen; ein ähnlicher Aufwand wurde in Kleidung, Schmuck und Fahrzeugen entfaltet. Ein hochentwickeltes Kunstgewerbe war nicht zufällig ein besonders typischer Zweig der byzantinischen Kunst. Wie dicht hier massiver Reichtum neben tiefer Armut stand, zeigte sich in den großen Prachtstraßen, wo teuere Geschäfte Modeartikel und Luxusgüter aus aller Welt anboten. Doch verschloß sich die städtische Führungsschicht trotz diesem an einer Konkurrenz äußerer Prunkentfaltung orientierten Lebensstil nicht geistigen Ansprüchen. Sie war eng mit der intellektuellen Elite verzahnt und von der

größtmöglichen Länge wachsen

Die Manschetten ihrer

Notwendigkeit einer weltlichen, literarischen Bildung tief überzeugt. Diese Tatsache hatte ebenso ihre Rückwirkungen auf das Leben der Gesellschaft wie das Wirken der Universität von Konstantinopel, deren philosophische und naturwissenschaftliche Schulen traditionellen Rang besaßen und Studenten aus dem ganzen Reich anzogen.

III. Justinian und seine Zeit: Die Rolle des Herrschers

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Die Leistungen der Herrschaft Justinians sind unbezweifelbar. Der Machtbereich des Imperiums wurde wieder bis nach Spanien ausgedehnt, das Corpus Iuris schuf die Grundlage der europäischen Rechtsentwicklung, die Hagia Sophia bezeichnete den ersten Höhepunkt der byzantinischen Kunst. Entscheidende Vorbedingung solcher Erfolge waren die Abwehr der Völkerwanderung, die wirtschaftliche Konsolidierung im östlichen Reichsteil und die geringe innere Stabilität der germanischen Nachfolgestaaten

geringe innere Stabilität der germanischen Nachfolgestaaten Abb. 3: Kaiser Justinian zu Pferd Justinians Leistungen sind

Abb. 3: Kaiser Justinian zu Pferd

Justinians Leistungen sind aber auch nicht denkbar ohne seine außergewöhnlich befähigten Mitarbeiter: den bedeutenden Truppenführer Belisar, den erfahrenen Militär und Diplomaten Narses, den rücksichtslosen Prätorianerpräfekten Johannes von Kappadokien, den großen Juristen Tribonianus. Einflußreichster Ratgeber jedoch war die Kaiserin Theodora. Die dubiose Lebensgeschichte der ehemaligen Kurtisane, ihre Intrigen- und Günstlingswirtschaft und ihre fragwürdige monophysitische Religionspolitik hat der Historiker Prokop in seiner »Geheimgeschichte« mit genüßlicher Bösartigkeit ausgemalt. Aber auch er bestritt ihr nicht politischen Scharfblick und jene Standfestigkeit, die dem Kaiser selbst in Krisenmomenten fehlte. Sie rettete die Herrschaft Justinians auf dem Höhepunkt des Nika-Aufstandes: »Flucht ist unmöglich, auch wenn sie uns in

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Sicherheit brächte. Wer in diese Welt geboren ist, muß sterben; aber ins Exil gehen kann ein Herrscher nicht.«6 Das mindert nicht die eigene Leistung Justinians. Er ist das vielleicht bedeutendste Beispiel jener sozialen Mobilität, die im Byzantinischen Reich einen befähigten Mann ohne Herkunft in höchste Stellung tragen konnte. Wie sein Onkel Justin war Justinian ein einfacher makedonischer Bauernsohn, erhielt aber eine vorzügliche Ausbildung in Theologie und profanen Wissenschaften, Staatskunst und Diplomatie. Mit außergewöhnlichen intellektuellen Fähigkeiten paarte sich eine unerschöpfliche Arbeitskraft, mit klaren Zielvorstellungen eine meisterhafte Detailkenntnis der komplexen Affären des Reiches. Der Drang, auch in Einzelfragen – Planung militärischer Expeditionen, Baupläne afrikanischer Festungen, Programme für Festspiele, Festlegung von Fastengeboten – selbst zu bestimmen, war freilich Besessenheit und Schwäche des Kaisers zugleich. Seine Arbeit zielte dabei nicht nur auf eine wirksame und unbestechliche Verwaltung, sondern suchte auch die rechtliche und soziale Lage seiner Untertanen zu bessern – was Prokop ihm dann als ständige Neuerungssucht und Zerstörung erprobter Ordnungen ankreidete. Doch mehr noch als asketischer Fleiß, Pflichtbewußtsein und soziales Bemühen kennzeichnete den »Kaiser ohne Schlaf«, der in seinem Palast durch strenge Etikette von der Welt und den Untertanen abgeschlossen war, eine beispiellose Energie herrscherlichen Wollens. Justinian war der größte Autokrat auf dem byzantinischen Thron, der seine politischen Ideen mit leidenschaftlicher Gewalt verfolgte. In der Verbindung bedeutender Fähigkeiten mit einem unbeugsam auf ein großes Ziel gerichteten Willen, aber auch in seiner kalten Distanz zu Mitlebenden und in seiner Unfähigkeit, Begeisterung oder Zuneigung zu wecken, ist er am ehesten Karl V. vergleichbar. Justinians politisches Credo bestand allerdings nicht nur in einem übersteigerten Begriff unumschränkter kaiserlicher Machtfülle, wie er ihn im Staat völlig, in der Kirche wenigstens zum Teil durchsetzte. Eigentliche Triebkraft seines Handelns war eine konservative politische Idee: die Vision der renovatio imperii – der Wiedererrichtung des die gesamte Mittelmeerwelt umfassenden rechtgläubigen Reiches in den überlieferten Formen von Macht, Glauben und Kultur. Daraus ergaben sich die Einzelziele seiner Politik:

Wiedergewinn der alten Grenzen des Imperiums und der Glaubenseinheit in der christlichen Ökumene; Reorganisation von Verwaltung und Rechtsprechung; finanzielle Erholung durch gezielte Wirtschaftspolitik; großartige Baupolitik, die die Wiederherstellung der alten Ordnung sichtbar dokumentiert. Gerade die gefährlichen Konsequenzen einer solchen Politik machen die weiterwirkende Bannkraft des universalen römischen Staatsgedankens sichtbar. Das politisch-staatsrechtliche Grundprinzip des einen legitimen Reiches war nicht nur für Byzanz und seine Kaiser so selbstverständlich und unbestreitbar wie der Begriff der einen christlichen Kirche. An die Idee der Universalität kaiserlicher Macht knüpften sich jenseits der Grenzen des byzantinischen Staates

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Loyalität und politische Hoffnungen ehemaliger Provinzialen; selbst die Germanenherrscher erkannten den Kaiser als oberste Quelle aller legitimen Macht an. Freilich unterschied sich ihr Verständnis kaiserlicher Oberherrschaft von dem Justinians in einem entscheidenden Punkt. Als ein grundsätzlich unbestrittener titularer Anspruch sich im politischen Sendungsbewußtsein Justinians zu einem realen Anspruch auf Herrschaft in den westlichen Reichsteilen wandelte, mußte es zum Konflikt kommen. Andererseits sah Justinian eine doppelte Verpflichtung zur Wiedereingliederung dieser Provinzen. War das Römische Reich zugleich der Lebensraum der rechtgläubigen Christenheit, so war es Aufgabe des Kaisers, seine lateinischen Untertanen von der Herrschaft arianischer Ketzer zu befreien. Glauben und Politik verbanden sich kompakt in Justinians Idee einer Erneuerung des Imperium Romanum Christianum: »Aus Gottes Vollmacht regieren wir das Reich, das uns von der himmlischen Majestät übertragen wurde, führen wir Kriege mit Erfolg, sichern den Frieden und halten den Bau des Staates aufrecht. Zugleich erheben wir in der Kontemplation unseren Geist derart zur Hilfe der allmächtigen Gottheit, daß wir unser Vertrauen nicht in unsere Waffen, unsere Soldaten, unsere Offiziere oder unsere eigenen Fähigkeiten setzen, sondern alle unsere Hoffnungen auf die vorausschauende Fürsorge der allerhöchsten Dreieinigkeit allein gründen, von der alle Elemente des Universums ausgingen und ihre Ordnung im gesamten Erdkreis sich ableitet.«7

IV. Tradition und Reform in der Gesellschaft des 6. Jahrhunderts

Renovatio imperii erschöpfte sich für Justinian nicht in der Außenpolitik. Hinter der glänzenden Fassade von Kunst und Leben in der Hauptstadt und in den großen Provinzzentren gab es zahlreiche innenpolitische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Probleme. Soziale Unruhe und Widerstand gegen eine autokratische Straffung der Regierung manifestierten sich schon im Jahre 532 im Nika-Aufstand der Zirkusparteien, die in den Jahren der Anarchie unter Anastasios der Polizei aus der Hand geraten waren. Justinians vorsichtige, aber energische Maßnahmen vermochten eine gemeinsame Revolte der Blauen und Grünen nicht zu verhindern, die erst nach Tagen der Unsicherheit im Blut erstickt wurde. Diese Kraftprobe zwischen Kaiser und hauptstädtischer Bevölkerung blieb allerdings der einzige größere Konflikt dieser Art während der Regierung Justinians. Justinians innere Politik richtete sich vor allem auf drei Ziele: Reform der Verwaltung, die so gerecht, wirksam und steuerproduktiv als möglich arbeiten sollte; Stärkung der Wirtschaft durch Öffnung neuer Handelsrouten, Unterstützung wichtiger Gewerbezweige und Schutz des Kleinbauerntums; schließlich Wiedergewinn der Glaubenseinheit in der durch den Monophysitenstreit gespaltenen Kirche. Ihre Motive lagen keineswegs nur im Schock des Nika-Aufstandes oder in den Vorbereitungen für umfassende

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militärische Unternehmungen im Westen. Justinian besaß, wie zahlreiche Urteile und Bemerkungen seiner Gesetze und Verordnungen zeigen, in vieler Hinsicht sehr klare Informationen über Mängel und Konflikte im administrativen, sozialen und wirtschaftlichen Bereich. Es ließe sich durchaus ein Bericht über die Lage des Reiches aus dem Blickwinkel des Kaisers erstellen – ein Tribut an die Effizienz seines Kontrollsystems, in dem die »Schattenregierung« des Hofes mit ihren zahlreichen inoffiziellen Nachrichtenkanälen eine wichtige Rolle spielte. Diese Einsichten bestärkten Justinian in der Überzeugung, der Kaiser habe zum Wohl des Staates und der Untertanen auch als innerer Reformer eine gottgesandte Aufgabe zu erfüllen. So gut er allerdings die Symptome kannte und auf Abhilfe sann – das System als Ganzes stellte er nicht in Frage. Zwar begegneten seine Reformversuche nicht nur traditionellen Situationen, sondern auch ungewohnten und neuen Problemen. Doch Leitidee blieb die Erneuerung des christlich-absolutistischen Imperium Romanum, wenn Justinian auch angesichts drohender Notwendigkeiten trotz seiner bewußt konservativen Haltung durchaus zu Neuerungen bereit war. Seine Erlasse zeigen neben erstaunlicher Detailinformation oft unerwartete Flexibilität: »Gesetze sind für das Leben, was Medizin für die Krankheit ist. So erreichen sie oft genau das Gegenteil des Gewollten, und daher setzen wir hiermit die Novelle 9 außer Kraft.«8 Die Frage nach der Realität von Kontinuität und Wandel stellt sich darum in besonderem Maße. Als politisches System hat das frühbyzantinische Reich die Struktur einer absoluten Monarchie beibehalten, wie sie als Antwort auf die Reichskrise des 3. Jahrhunderts im Dominat Gestalt gewonnen hatte. Justinian hat den spätrömischen Begriff absoluter kaiserlicher Souveränität in seiner extremsten Bedeutung verstanden: »Was ist größer, was geheiligter als die kaiserliche Majestät? Wer ist so hochmütig, das Urteil des Fürsten zu verachten, wenn die Gesetzgeber selbst klar und unmißverständlich niedergelegt haben, daß kaiserliche Entscheidungen die volle Kraft eines Gesetzes besitzen?«9 Titulatur, Herrschaftszeichen und Staatssymbolik wie das den Kaiser mit der Kraft unwandelbarer Tradition bindende Hofzeremoniell propagierten und versinnbildlichten den transzendenten Ursprung seiner Herrschermacht. Entscheidende Elemente der Herrschaftsstruktur, im Kaiser als Quelle aller Gewalten koordiniert, blieben Hof, Zivilverwaltung und Berufsarmee. Eine weitere wichtige Machtgrundlage bildete die Wirtschafts- und Finanzkraft des Reiches, die die Kosten für Bürokratie, Armee und Außenpolitik aufzubringen hatte. Dieses politische System hat die bedeutende und historisch folgenreiche Leistung vollbracht, in einem Staat ohne ethnische oder sprachliche Gemeinsamkeit die Ansätze zu einer Einheit der Kultur und des Glaubens zu schaffen. Aber die Kehrseite seiner Effizienz war ein ausgeprägter Paternalismus. Der Staat erhob Anspruch auf Reglementierung und Kontrolle des gesamten Daseins. Er garantierte zwar den Untertanen Überleben, Sicherheit und Stabilität, aber um den Preis der politischen und sozialen Freiheit.

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Das Herrschaftsinstrument, das den kaiserlichen Willen bis an die Ränder der fernsten Provinzen durchsetzen sollte, war eine hochorganisierte Verwaltung, die auf den Prinzipien der Zentralisierung, der strikten Trennung ziviler und militärischer Gewalt, des Berufsbeamtentums (dem die Professionalisierung der Armee entsprach) und einer umfassenden Kontrolle beruhte. Bezeichnend für diesen bürokratischen Apparat war eine genau geregelte Ausbildung und streng hierarchische Rangstufung der Beamten ebenso wie eine sehr detaillierte Funktionsaufgliederung und Zuständigkeitsabgrenzung. Unter den Leitern der vier großen, ministerienartigen Zentralressorts war die Verwaltung in die Ebenen der Präfekturen, Diözesen und schließlich der (rund 120) Provinzen gegliedert, die jeweils mit ihren eigenen zahlreichen Beamtenstäben arbeiteten. Die Befugnisse dieser Verwaltung erfaßten auch das wirtschaftliche und soziale Leben. Ein eminent wichtiger Zweig war eine umfassende und rationelle Finanz- und Steuerbürokratie, die Wirtschafts- und Steuerkraft der Untertanen detailliert festzulegen suchte, sie mit einer Flut von Steuererklärungen und Veranlagungsbescheiden beglückte und die Ablieferung der Steuern notfalls mit oppressiven Maßnahmen erzwang. »Die Staatseinnahmen zu erhöhen und jegliche Sorgfalt bei der Verteidigung der Interessen der Staatskasse aufzuwenden«, hielt Justinian für eine Hauptaufgabe seiner Beamten10; dieser Fähigkeit verdankte eine Figur wie der Prätorianerpräfekt Johannes seine Karriere. Die Organisation der Steuerverwaltung war ungemein zählebig und beeinflußte noch das fiskalische System der islamischen Welt – erreichte freilich auch dort oft durch ruinöse Belastung der Untertanen das Gegenteil ihres eigentlichen Zweckes. Der überspitzte Ressortismus der frühbyzantinischen Verwaltung entsprang nicht nur dem funktionalen Drang aller Behörden zur Selbstvermehrung oder den vor allem aus den komplexen wirtschaftlich-fiskalischen Aufgaben entspringenden Sachzwängen. Er war zugleich Teil eines umfangreichen Systems von Sicherungs- und Überwachungsmechanismen, die eine allzu große Machtkonzentration in der Hand einzelner vermeiden und dem absoluten Herrscher die Kontrolle über seinen Herrschaftsapparat verbürgen sollten. Die Armee blieb auch unter Justinian der Garant außenpolitischer Selbstbehauptung und unentbehrliches innenpolitisches Machtinstrument. Die Sicherheit der Fronten des Imperiums und die weitgreifenden Expansionsabsichten waren nur durch intensive militärische Anstrengungen und Planungen zu gewährleisten. Da eine tiefgegliederte Abwehr weiterhin der strategischen Lage entsprach, blieben die Streitkräfte nach spätrömischem Prinzip in standortgebundene Grenzschutztruppen (limitanei) und eine als strategische Reserve zum Schwerpunkteinsatz auf wechselnden Schauplätzen dienende Feldarmee gegliedert. Die rund 150000 Mann starke Armee bestand aus Söldnern verschiedenster Nationalität. In der mobilen Feldarmee kämpfte neben der im Reich selbst rekrutierten gepanzerten Kataphrakten-Reiterei der »stratiotai« die aus Hunnen, Vandalen, Goten, Langobarden, Herulern, Gepiden,

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Persern, Armeniern und Arabern angeworbene Söldnerkavallerie der »foederati«. Die byzantinischen Truppen waren dank befähigter Generale in der Regel gut geführt; Bewaffnung, Organisation und Taktik waren an die Kampfführung der potentiellen Gegner angepaßt. Ihre Schwäche lag in Disziplinmangel und häufigen Meutereien, die auf bewußt begrenzte Kommandoaufträge und ständig schleppende Soldzahlung zurückgingen. Sein wichtigstes Machtinstrument behandelte der Kaiser mit einer Mischung von (sicher oft durch eine prekäre Finanzsituation erzwungener) äußerster Sparsamkeit und dem tiefverwurzelten Mißtrauen des Zivilisten. Hier wird ein Stück jener Spannungen sichtbar, die die Trennung militärischer und ziviler Gewalt in diesem politischen System erzeugte. Das entschiedene Ziel, Herrschaftsstruktur und Verwaltungsorganisation des spätrömischen Reiches in den Grundzügen zu erhalten, hinderte Justinian nicht am energischen Versuch, offensichtliche Mängel zu beseitigen; zumindest in Einzelfällen konnte dann Reform tatsächlich Veränderung bedeuten. Ansätze zu einer Reform der Verwaltung seit 535 zielten zunächst darauf ab, die Beamten weniger bestechlich zu machen. Ausbeutung der Untertanen durch den quasi-

legalen Kauf von Staatsämtern und hochgradige Bestechlichkeit gehörten zu den Grundübeln der byzantinischen Verwaltung, die Johannes Lydus, ein hoher Funktionär unter Justinian, plastisch beschrieben hat. Doch Justinians Idealbild des Beamten, der »alle loyalen Untertanen gegen Unterdrückung schützen, alle

und überhaupt die Untertanen so behandeln

soll, wie ein Vater seine Kinder behandeln würde«11, ließ sich trotz Abschaffung des Ämterkaufs und anderer Maßnahmen nicht durchsetzen. Auch eine zweite

Reformabsicht wurde höchstens teilweise erreicht – die Straffung des aufgeblähten Apparates, der in mancher Hinsicht eher ein Hemmschuh als eine Stütze des absolutistischen Regimes war. Bestimmte Vereinfachungen (wie die Abschaffung der Zwischeninstanz der Diözesen) hat Justinian zwar durchgeführt. Doch ist unter vielen Einzelmaßnahmen nur eine Neuerung von Bedeutung: die Vereinigung von ziviler Verwaltung und militärischer Kommandostruktur in der Hand eines Prätors oder Exarchen in exponierten Regionen des Reiches, vor allem in den zurückeroberten Westgebieten. Dieser Schritt bereitete die einschneidenden Reformen des 7. Jahrhunderts vor. Den administrativen Reformversuchen fehlte eine durchgehende Konsequenz. Trotz aller Änderungen im Detail suchten sie im Grunde nur das etablierte System funktionsfähiger zu machen; daß durchgreifende Neuerungen möglicherweise im Interesse des Staates gelegen hätten, lag außerhalb von Justinians Horizont. Seine Maßnahmen blieben auch darum unzureichend, weil sie über fiskalische Absichten kaum hinauskamen. Hebung der Staatseinnahmen wurde im Verlauf der Regierung Justinians mehr und mehr zum Hauptziel aller Innenpolitik. Geldbeschaffung um jeden Preis war freilich eine bittere Notwendigkeit, denn Verteidigung und Außenpolitik beanspruchten die Finanzen bis zum äußersten.

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Durchgesetzt hat sich der Reformwille des Kaisers nur auf dem Gebiet des Rechts. Das in den Jahren 528–533 redigierte Corpus Iuris Civilis ersetzte alle älteren Sammlungen des römischen Rechts. Ein erster Teil (Codex Justinianus) enthält die gültigen kaiserlichen Erlasse von Hadrian bis zum Jahre 533; spätere Verordnungen Justinians sind darum als novellae (»neue Entscheidungen«) bezeichnet. Der zweite Teil (Digesten oder Pandekten) gab eine revidierte Auswahl von Kommentaren und Entscheidungen römischer Juristen, die das geltende kaiserliche Recht ergänzten. Ein dritter Teil (Institutiones) stellte eine Art Prüfungshandbuch für die auch damals schon den Rückhalt der Verwaltung bildenden Juristen dar. Das Corpus Iuris war der ideale Spiegel des justinianischen Systems – bezeichnend in seiner ständigen Betonung des kaiserlichen Absolutismus, aber auch in der Durchsetzung bestimmter christlicher Vorstellungen gegenüber der klassisch-römischen Rechtstradition. Es blieb nicht allein Rechtsgrundlage des absoluten Staates und Fundament der byzantinischen Rechtstradition. Durch die Rezeption des römischen Rechts im Westen seit dem 12. Jahrhundert wurde es zu einem Hauptelement der gesamteuropäischen Rechtsentwicklung, das die rechtlichen und politischen Auffassungen des Spätmittelalters und des Absolutismus mitformte. Wie der frühbyzantinische Staat die politische Ordnung des Dominats übernahm, so entsprach auch seine wirtschaftliche und gesellschaftliche Struktur weithin der des spätrömischen Reiches. Basis des wirtschaftlichen Systems blieb wie im gesamten Altertum die Landwirtschaft. Der überwiegende Teil der Bevölkerung bestand aus Bauern; Erträge aus Landbesitz waren die Hauptquelle privaten Reichtums, die Staatsfinanzen beruhten hauptsächlich auf einer Besteuerung der landwirtschaftlichen Produktion. Güteraustausch innerhalb des Reiches ermöglichte in einzelnen Provinzen oder Landschaften besonders ertragreiche Monokulturen: Olivenöl in Griechenland oder Qualitätsweizen in Thrakien. Im allgemeinen jedoch herrschten gemischte Anbauformen mit dem Nachdruck auf Getreide und Viehzucht vor; Geräte und Arbeitstag des kleinen Bauern, ob er Bodeneigentümer oder nur Pächter einer der zahlreichen Latifundien war, unterschieden sich kaum von den Formen traditioneller (und moderner) mediterraner Landwirtschaft. Im Osten hatten sich jedoch stets städtische Produktionsformen und agrarische Wirtschaft in nicht unerheblichem Maß ergänzt (vgl. oben S. 27). Auch im frühbyzantinischen Reich besaßen die Städte eine bedeutende wirtschaftliche und geistige Funktion; Justinians Politik begünstigte trotz der Bürde steigender Besteuerung und zunehmender Einmischung der Bürokratie ihre Entwicklung. Bis ins 7. Jahrhundert hinein waren sie Mittelpunkte des Lebens in den orientalischen Provinzen; bis zur arabischen Eroberung fanden die religiösen und politischen Krisen der Hauptstadt ihren Niederschlag in den Kämpfen der Zirkusparteien von Antiocheia und Alexandria. Mit den städtischen Institutionen erhielt sich ein bestimmter Grad materieller Kultur und eine weltliche, von der Kirche unabhängige Bildung.

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Von einer eigentlich städtischen Wirtschaft kann aber auch im Byzantinischen Reich des 6. Jahrhunderts trotz zeitweise blühenden Handels und Gewerbes nicht die Rede sein. Zudem war der Grad der Urbanisierung in den einzelnen Regionen des Reiches sehr verschieden; an der Spitze standen Ägypten, Syrien und vor allem Kleinasien. Eine genaue Bestimmung des Produktionsanteils und eine detaillierte Analyse der städtischen Wirtschaft ist aufgrund der Quellenlage schwierig. Sicher ist jedoch, daß die Gewerbebetriebe nicht nur Luxusartikel produzierten und daß – schon von den geographischen Gegebenheiten her – der Fernhandel ein wichtiges Element darstellte. Von Handelszentren wie Antiocheia, Damaskus oder Alexandria führten Karawanenstraßen und Schiffahrtswege nach Südarabien, nach Äthiopien und Ostafrika, Indien, Ceylon und China. Ökonomische Struktur wie soziale Reglementierung und wirtschaftlicher Dirigismus bestimmten das gesellschaftliche Gefüge. Bezeichnend für die frühbyzantinische Gesellschaft war einmal eine verhältnismäßig extreme Schichtung; der Gegensatz zwischen »potentes« und »humiliores« zieht sich wie ein roter Faden durch Gesetzgebung und Literatur. Der schmalen Schicht der grundbesitzenden Aristokratie als entscheidender sozialer Gruppe stand eine breite, weithin verarmte und zumindest auf dem flachen Land in ausgeprägten Abhängigkeitsverhältnissen lebende Unterschicht gegenüber. Dazwischen existierte in oft prekärer Situation eine auf Handel und Gewerbe gestützte städtische Mittelschicht. Zweiter Grundzug war eine Tendenz zur Verfestigung der Standesgrenzen. Die fiskalische Zwangswirtschaft des Staates benutzte die wirtschaftliche Haftung bestimmter sozialer Gruppen als Maßnahme gegen den Rückgang von Steuern und Abgaben. Zu diesem Zweck wurden nicht nur Abgaben und Dienstleistungen genau reguliert und kontrolliert, sondern zugleich die Masse der Untertanen durch Gesetz an ihre Funktion und ihren Ort im sozialen System gebunden; meist waren diese Bindungen erblich. Ein Großteil der Bauern blieb als halbfreie Hintersassen der Grundherren (coloni) an ihre Scholle gebunden, wenn auch der freie Kleinbauernbesitz nicht völlig verschwand. Gewerbe- und Handeltreibende, deren Produkte für die Versorgung der Armee, der Verwaltung und der Großstädte wichtig waren, wurden als erbliche Zwangsmitglieder in die Zünfte (collegia) gezwungen. Ähnliches galt für die städtische Oberschicht der Decurionen, die mit ihrem persönlichen Vermögen für das Steueraufkommen des Stadtgebiets hafteten. Diese aus Zwangskorporierung und staatlicher Indienstnahme entspringende erbliche Festlegung auf einen bestimmten Beruf und damit auf einen bestimmten Stand drohte die Mobilität im gesellschaftlichen Gefüge immer stärker zu beschneiden; doch ist die angestrebte umfassende Reglementierung nie voll wirksam geworden. Ein gewisser Grad sozialer Mobilität zwischen den Ständen blieb der byzantinischen Gesellschaft selbst im 6. Jahrhundert erhalten. Meist über die Armee, aber auch über die Zivilverwaltung stiegen Angehörige der unteren Schichten zu Führungspositionen auf. Das blieben allerdings

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Ausnahmen im Rahmen einer Ordnung, die auf eine immobile Standesgesellschaft tendierte, in der der soziale Ort des einzelnen vorgegeben und grundsätzlich nicht zu wechseln war. Diese geschlossene Gesellschaft konnte Konflikte und Interessengegensätze nicht beseitigen. Inwieweit sie durch Zwang, sozialpsychologische Anpassung oder religiös begründete Ordnungsvorstellungen neutralisiert wurden, ist umstritten. Offenbar bestanden jedoch erhebliche Spannungen, die sich immer wieder in verdeckter sozialer Unruhe äußerten. Gesellschaftliche und wirtschaftliche neben administrativen Reformen, eine sozialpolitische Stabilisierung wie eine Verbesserung des Steueraufkommens waren daher für die erfolgreiche Durchführung von Justinians weitgesteckten Plänen unumgänglich. Die erheblichen Kosten der militärischen Offensive im Westen, der Grenzsicherung im Nordosten und Osten, der Verwaltung und der kaiserlichen Bauten waren zwar eine Zeitlang durch die von Anastasios angesammelten Finanzreserven getragen worden. Bald aber führte der Wechsel von schleppendem Steuereingang, Steuererhöhung, rücksichtsloser Steuereintreibung durch eine bestechliche Verwaltung und erneutem Rückgang des Steueraufkommens den Staat in eine krisenhafte Haushaltssituation, den Kaiser in das unlösbare Dilemma zwischen der Notwendigkeit höherer Steuerforderungen und dem Schutz der Steuerzahler vor Ausbeutung. Dieser Circulus vitiosus gefährdete Staatsfinanzen und wirtschaftliche Prosperität und bereitete den Boden für innere Unruhen. Hier offenbarte sich zum erstenmal jene Inkongruenz von Bedarf und Mitteln, die zu den Grundkonstanten der byzantinischen Geschichte gehört (vgl. oben S. 26 f). Die wesentlich auf Landwirtschaft und auf bestimmte Schwerpunkte von Handel und Gewerbe gestützte ökonomische Struktur des justinianischen Reiches entsprach zwar den Subsistenzbedürfnissen der Bevölkerung wie dem normalen finanziellen Aufwand des Staates. Aber durch die ständigen außenpolitischen und militärischen Belastungen lagen die finanziellen Anforderungen in der Zeit Justinians stets über der Ertragsnorm. Das vorherrschende fiskalische Interesse barg von vornherein die Gefahr, daß Sozial- und Wirtschaftspolitik in einem Netz gegensätzlicher Interessen und Zielsetzungen steckenblieb. Am erfolgreichsten war noch die staatliche Handelsförderung. Justinian und seine Berater suchten die Kontrolle zahlreicher Land- und Seewege durch Byzanz und die Rolle von Konstantinopel als zentralem Umschlagsplatz zu nutzen, um den besonders ergiebigen Orienthandel zu verstärken. Das war freilich auch ein außenpolitisches Problem. Das Sassanidenreich, nicht nur machtpolitischer Konkurrent, sondern auch Handelsrivale von Byzanz, beherrschte die beiden wichtigsten Handelswege: die Karawanenroute von China durch Buchara und Persien und die Schiffsroute über den Indischen Ozean und den Persischen Golf. Byzanz versuchte daher, für den Orient- und Weihrauchhandel eine Ausweichlinie durch das Rote Meer zu

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schaffen und sie durch Verbindungen mit dem abessinischen Reich von Aksum abzusichern. Der heimliche Export von Seidenraupen aus China machte das Reich zugleich von einem der wichtigsten Güter des Fernhandels unabhängig und ermöglichte den Aufbau einer blühenden eigenen Seidenindustrie. Der nestorianische Mönch Kosmas Indikopleustes beschrieb in seiner »Christlichen Topographie« – einem eigentümlichen Dokument der Verbindung von Handel, Diplomatie und Mission in dieser Zeit – den Wirkungsbereich des byzantinischen Osthandels und notierte dabei, was sich inzwischen durch archäologische Funde bestätigt hat: die byzantinische Goldmünze war in dieser Zeit eine Weltwährung. Wirtschaftlich war eine solche Politik wegen der dadurch entstehenden passiven Handelsbilanz nicht unbedenklich. Trotzdem läßt sich in einer verstärkten wirtschaftlichen Aktivität der Städte in den östlichen Provinzen ein gewisser Erfolg dieser justinianischen Entwicklungspolitik beobachten. Am Ende arbeitete aber auch hier die Steuerpolitik dem Wachstum der Außenwirtschaft entgegen. Die immer höher geschraubte Belastung von Handel und Gewerbe verhinderte eine für den Staat fühlbare Steigerung der Erträge. Auch die Sozialpolitik kam nicht aus dem Dilemma zwischen dem gesellschaftlich Vernünftigen und dem fiskalisch Notwendigen heraus. Justinian wie Theodora dokumentierten selbst Chancen und Nutzen sozialer Mobilität. Dennoch hielt Justinian an der überkommenen ständischen Ordnung fest, deren hierarchisches Klassen- und Titelsystem im öffentlichen Leben oft leichter zu durchbrechen war als im gesellschaftlichen Verkehr. Wichtige soziale Gruppen blieben weiterhin an ihre Berufe gebunden. Das noch verfeinerte Prinzip der erblichen Korporationszugehörigkeit beherrschte das gesamte gewerbliche Leben und wurde genauestens überwacht. Zu einer Änderung der Lage der Unterschichten gab es nicht einmal Ansätze; sie waren auf kirchliche Fürsorgetätigkeit und auf die Tröstungen von Religion und Zirkus verwiesen. Richtungs- und Hilflosigkeit der justinianischen Sozialpolitik zeigten sich am klarsten in einem Konfliktbereich, der keineswegs außerhalb des traditionellen Problemhorizontes lag. Die durch Möglichkeiten der Steuerimmunität und der sicheren Kapitalanlage geförderte Ausbreitung des Großgrundbesitzes ging auch im 6. Jahrhundert fort; sie war für die zentrale kaiserliche Autorität ebenso gefährlich wie für die dem Staat unentbehrliche Wirtschaftskraft des kleinen Bauerntums. Die großen Domänen des Adels in den Provinzen spielten eine bedeutsame Rolle in Wirtschaft und Gesellschaft. Eine Vielzahl gesetzlicher und administrativer Maßnahmen gegen Ausbreitung und Mißbrauch der Macht der großen Grundbesitzer vermochte nicht die weitere zwangsweise Übernahme freier Kleinbauern in das Colonat zu verhindern. Justinians Finanz- und Sozialpolitik erzeugte so nicht nur unter den ständig weiter belasteten und entrechteten kleinen Bauern und Gewerbetreibenden ein politisches Ressentiment, sondern ebenso beim Großgrundbesitz, dessen Privilegien die

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staatlichen Maßnahmen bedrohten. Am Ende standen politische Unzufriedenheit und rückläufige Wirtschaftskraft in breiten Schichten.

V. Kaiser und Kirche: Probleme der Religionspolitik

Kirchenpolitik mit all ihren Konsequenzen war ein Schicksal des Byzantinischen Reiches. Justinian trat hier alte ungelöste Erbschaften an. Auch in der Kirche regierte der Kaiser weithin als absoluter Herrscher: er entschied ohne Befragung von Synoden Fragen des Dogmas, des Ritus und der kirchlichen Ordnung, erließ Verhaltensvorschriften für den Klerus und besetzte souverän Bischofsstühle. Justinian, der dank seiner vorzüglichen Ausbildung eine genaue Kenntnis der dogmatischen Streitfragen besaß und als überzeugter Anhänger der Orthodoxie persönlich beteiligt war, verfaßte sogar theologische Abhandlungen und Kirchenlieder. Dennoch ist der Begriff Cäsaropapismus für das kaiserliche Kirchenregiment falsch (vgl. oben S. 35). Der Patriarch, der im 6. Jahrhundert erklärte: »Nichts darf in der Kirche gegen den Willen und die Befehle des Kaisers geschehen«, beschrieb zwar die momentane Praxis, nicht aber das prinzipielle Verhältnis von Kaiser und Patriarch.12 Die untrennbare Verflechtung von Kirchenpolitik und Innenpolitik, dynastischen und religiösen Auseinandersetzungen hatte bereits mit Konstantin begonnen. Das arianische Schisma des 4. Jahrhunderts war die erste große theologische Auseinandersetzung in der Reichskirche, die einen beherrschenden Einfluß auch auf die innere Politik ausübte (vgl. FWG 9, S. 104–109). Schon hier hatten sich die Grenzen auch einer energischen staatlichen Religionspolitik gezeigt. Im 5. Jahrhundert stürzte das monophysitische Schisma den östlichen Reichsteil in eine religiöse und geistige Krise, die zweieinhalb Jahrhunderte in ständig neuen Auseinandersetzungen andauerte. Die dogmatische Diskussion unter den griechischen Theologen schritt vom Verständnis der Natur von Gott/Vater und Gott/Sohn, die den Kernpunkt des arianischen Streites gebildet hatte, fort zum Problem des Verhältnisses von göttlicher und menschlicher Natur in Christus. Der scharfe Gegensatz theologischer Richtungen in dieser Frage verband sich nicht allein mit den üblichen kirchenpolitischen Machtkämpfen. Die Kontroverse ergriff auch das breite Kirchenvolk mit unerwarteter Leidenschaft – die Erlösungshoffnung als ein elementares Glaubensbedürfnis des damaligen Christen schien von der Frage einer vollkommenen Göttlichkeit des Erlösers abzuhängen. Die orthodoxe Kirche war alles andere als ein monolithischer Block. Landschaftliche und traditionelle Gruppierungen mit erheblich verschiedenen theologischen Überlieferungen und religiösen Haltungen – der griechisch-kleinasiatische Bereich, Ostsyrien, Ägypten – bildeten den Hintergrund und zugleich wirkende Faktoren in solchen Auseinandersetzungen. Ressentiments wurden dabei lebendig, die tief in den durch den Hellenismus lange überbrückten Gegensatz von Hellas und Orient, abendländischer und vorderasiatischer Welt hinabreichten.

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Das Konzil von Chalkedon (451) hatte die kirchenpolitischen und dogmatischen Kämpfe vorläufig abgeschlossen. Seine vom Kaiser befürwortete Einigungsformel (»ein Christus in zwei Naturen«) verurteilte den Nestorianismus wie die Lehre der Monophysiten. Diese christologische Formel von Chalkedon blieb die Basis aller orthodoxen Theologie; da sie zusammen mit der lateinischen Kirche erarbeitet war, hat sie zumindest auf dogmatischem Gebiet die Kircheneinheit bis zum Jahr 1054 gesichert. Aber eine durchgreifende kirchenpolitische Lösung brachten die Beschlüsse von Chalkedon nicht. Ägypten, Armenien und weite Teile Syriens und Palästinas akzeptierten die Entscheidung des Konzils nicht. In diesen Gebieten entstanden monophysitische Kirchen mit eigener Hierarchie, die sich schnell in wirkliche Volkskirchen verwandelten. Fast der gesamte Osten und Südosten des Reiches war damit im kirchlichen Bekenntnis von Konstantinopel getrennt. Mit dem religiösen Separatismus verband sich bald ein regionales Sonderbewußtsein, das nicht nur den Prozeß der Enthellenisierung und eine neuentstehende geistige Selbständigkeit in diesen Landschaften förderte. Staatliche Zwangsmaßnahmen gegen die Anhänger des Schismas ließen, vor allem in Ägypten, latente politische Separationstendenzen spürbar werden. Damit wurde das monophysitische Schisma endgültig auch ein innenpolitisches Problem ersten Ranges. Jeder Kaiser stand im Dilemma zwischen dem Eintreten für das orthodoxe Bekenntnis und der Wahrung des Friedens in seinen reichsten Provinzen. Dogmatische Einigungsversuche schlugen ebenso fehl wie die Politik einer gewaltsamen Unterdrückung der »Ketzer«. Anastasios, der letzte Kaiser des 5. Jahrhunderts, hatte zur dritten Möglichkeit gegriffen: einer konsequent monophysitischen Kirchenpolitik. Doch der entschlossene Widerstand in Kleinasien und auf dem Balkan, den Kernländern der Orthodoxie, brachte das Reich erst recht an den Rand einer politischen Katastrophe. Das monophysitische Problem war also brennender denn je. Doch Justinians Kirchenpolitik kam nicht über das Kurieren von Symptomen hinaus. Erfolg hatte sie lediglich bei der Zurückdrängung der Überreste des Heidentums durch zahlreiche Verwaltungsmaßnahmen, zu denen die programmatische Schließung der Universität von Athen im Jahre 529 gehörte. Im Konflikt mit den Monophysiten verband sich die persönliche Überzeugung des Kaisers von der Wahrheit der orthodoxen Lehre mit innenpolitischen Rücksichten und Zielen. Die imperiale Politik schien auch im Hinblick auf die zurückgewonnenen Westgebiete mit ihrer katholischen Kirchenorganisation die Einheit des Glaubens dringend zu fordern. Justinian begann daher nach ersten erfolglosen Verhandlungen mit einer brutalen Verfolgung der Monophysiten, mußte aber bald zu einer nur noch von kurzen Verfolgungsphasen unterbrochenen Vermittlungspolitik übergehen. Zu diesem vorsichtigen Manövrieren (das bis zur zeitweiligen Annäherung an bestimmte monophysitische Richtungen ging) zwang ihn weniger die Unterstützung der Monophysiten durch Theodora als vielmehr die hochpolitischen Konsequenzen des Schismas.

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Dennoch gelang es Justinian nicht, die Monophysiten entscheidend zu schwächen oder auch nur eine Annäherung der theologischen Fronten herbeizuführen. Taktisches Entgegenkommen ohne prinzipielle Zugeständnisse führte nur zu stärkerem monophysitischem Einfluß in der Hauptstadt und zu erfolgreicher monophysitischer Mission in Kleinasien. Ebenso blieb die theologische Diskussion fruchtlos. Sie gipfelte in dem »Drei-Kapitel-Streit« der Jahre 543–554 – einer intrigenreichen Auseinandersetzung über drei nestorianischer Tendenzen verdächtigte syrische Kirchenschriftsteller. Das von Justinian einberufene 5. Ökumenische Konzil in Konstantinopel (553), das die drei Theologen endgültig verurteilte, war kirchenpolitisch der Versuch, einen Kompromiß mit den Monophysiten durch Entgegenkommen zu erreichen. Aber wie bei ähnlichen früheren Versuchen blieben die Monophysiten unbefriedigt, während die Orthodoxie und der lateinische Westen erneut verstimmt wurden. Justinian konnte zwar mit energischer Hand den Ausbruch offener Streitigkeiten und damit akute politische Auswirkungen verhindern. Das zeugt von der immer noch erheblichen Widerstands- und Integrationsfähigkeit des politischen Systems. Doch das kirchen- und innenpolitische Grundproblem war nicht gelöst; am Ende hatten sich (trotz oder dank der Ausgleichspolitik) die Gegensätze sogar verschärft. Am Schisma zwischen Orthodoxen und Monophysiten scheiterte die absolute kaiserliche Kirchenherrschaft.

VI. Signum des Neuen: Geist und Kunst

Innenpolitische und gesellschaftliche Reformen blieben in Ansätzen stecken; die Kirchenpolitik befreite sich nicht aus dem Netz alter Verstrickungen. Das Neue, die schöpferische Leistung der Epoche, lag in der Kultur. Freilich sind hier Unterscheidungen notwendig. In der Theologie war die Zeit der großen Kirchenväter vorüber. In Wissenschaft und Literatur gab es bemerkenswerte Erscheinungen, die aber zugleich die intellektuellen Grenzen der Zeit bezeichnen. Tribonianus und seine Schüler verkörperten den letzten Höhepunkt römischer Rechtswissenschaft. In den Naturwissenschaften erzielten Gelehrte wie der große Mediziner Alexander von Tralles oder die bedeutenden Mathematiker Anthemios von Tralles (der sogar das Prinzip der Dampfmaschine entdeckte) und Isidor von Milet, Architekten der Hagia Sophia, beachtliche Fortschritte – auch wenn sie am Ende mehr an der Bedeutung als an den Ursachen von Naturphänomenen interessiert waren. Zumindest im Bereich der Architektur und der Ingenieurwissenschaften war auch die technologische Anwendung physikalischer und mechanischer Erkenntnisse weit gediehen. Die Literatur der Zeit kennt freilich neben Schriftstellern und Hofpoeten wie Agathias oder Paulus Silentiarius nur einen Klassiker: Prokop von Caesarea, den bedeutendsten griechischen Geschichtsschreiber seit Polybios. Literarische Bildung wie persönliche Erfahrung, die er als Sekretär Belisars sammelte, schlugen sich in einer von eindringender Sachkenntnis zeugenden Darstellung

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der Kriege Justinians nieder. Sie wird kontrastierend ergänzt durch die »Geheimgeschichte«, ein nach Justinians Tod publiziertes, aus persönlicher Verbitterung entsprungenes Dokument ätzender politischer Verleumdung. Prokops Werk zusammen mit zahlreichen Dokumenten der Verwaltung und Gesetzgebung verdanken wir es, daß die Herrschaft Justinians so genau bekannt ist wie wenige andere Abschnitte der byzantinischen Geschichte. Hintergrund dieser literarischen Produktion war das enzyklopädisch- rhetorische Erziehungsideal der griechisch-römischen Welt, das in den Oberschichten der großen Städte mit ihrem lebhaften intellektuellen Leben weiter gültig blieb. Hier wurden neben Bibel und Theologie noch Teile der Philosophie eines Platon und Aristoteles, Plotin und Proklos gelehrt. In der Formung der Führungsschicht hatte diese klassische Bildung eine bedeutsame gesellschaftliche Funktion (vgl. oben S. 37 f). Doch eine soziale Spaltung der Bildungswelt war deutlich spürbar. Neben Prosa und Poesie in einer bewußt gepflegten klassizistischen Literatursprache stand eine volkssprachliche, stark von syrischen Vorbildern beeinflußte rhythmische Hymnen- und Liederdichtung. Die liturgischen Gesänge des Romanos (eines getauften Juden aus Beirut) waren ihre bedeutendste Schöpfung: sie verbinden Einfachheit der Sprache und Pracht der Bilderwelt in einer sonst in der religiösen Dichtung von Byzanz unerreichten Vollendung. Originalität und schöpferische Kraft der justinianischen Epoche offenbarten sich in der Kunst. Blieb die Literatur der Zeit weithin Erbe und Überlieferung, so war das 6. Jahrhundert das erste große Zeitalter der byzantinischen Kunst, wenn nicht – trotz der Leistungen der byzantinischen »Renaissance« des 10. und 11. Jahrhunderts – ihr brillantestes überhaupt. Die geistige Form der justinianischen Kunst ist klassisch in dem Sinn, daß ein eigener Stil in großen Werken Gestalt gewinnt. Dieser einheitliche Reichsstil entsprang einer sich schon im 4. und 5. Jahrhundert anbahnenden Synthese der hellenistisch-spätrömischen und der syrisch-orientalischen Kunsttradition (die gleichwohl in der gesamten byzantinischen Kunst als zwei gegensätzliche Formtendenzen weiterleben und in diesem Widerspruch ihren besonderen Charakter mitbestimmen). Seine Prägekraft und Ausstrahlung reichte weit über die Reichsprovinzen hinaus: nach Rom und Afrika, über Ravenna in die Provence und nach Aachen, über Sizilien nach Spanien, aber auch nach Rußland und nach Äthiopien. Die antike Tradition war schöpferisch verändert: flächige Abstraktion und strenge zweidimensionale Frontalität anstelle der plastisch-sinnlichen Form – das »Begriffsbild« statt des Naturbildes. Die byzantinische Klassik suchte nicht das immanente Weltgefühl griechischer Frömmigkeit, sondern eine transzendente Wahrheit: außerweltliche Offenbarung und Sichtbarmachung des Unsichtbaren in der Theologie des Bildes. Die Welt war für jedermann von außerirdischen Mächten durchdrungen: die Kunst hatte keine ästhetische Funktion, sie lebte aus dem Bewußtsein der Transzendenz. Schönheit als Teil der Herrlichkeit Gottes förderte die mystische Kontemplation, enthob den Menschen der

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Erscheinungswelt und brachte ihn näher zur wahren Realität des göttlichen Seins: »Das Schöne, wo immer es besteht, ist ein Teil der Wahrheit.«13 Die Anfänge des neuen großen Stils kündigten sich schon in der Zeit des Anastasios an. Es war bezeichnend für die trotz aller Klassizismen von der Antike wegstrebende Entwicklung der byzantinischen Kunst, daß das Relief nun immer mehr der zweidimensionalen Malerei wich. Als Buchillustration, Ikone, Fresko und Mosaik war sie gemäßer Ausdruck der Zeit. Das hängt mit jener verschiedenen theologischen Bewertung des Bildes durch die östliche und die westliche Christenheit zusammen, aus der ein wesentlicher Grundzug der byzantinischen Kunst sich herleitet.

Grundzug der byzantinischen Kunst sich herleitet. Abb. 4: Bawit – koptische Ikone mit Christus und dem

Abb. 4: Bawit – koptische Ikone mit Christus und dem Abt Menas (6.–7. Jh.)

Die frühen Ikonen, die in entlegenen Gebieten den Bildersturm überdauerten, waren meist einfache, doch in ihrer Primitivität ungemein ausdruckskräftige Heiligen-Darstellungen. Daneben standen jedoch auch Schöpfungen wie das Petrusbild aus dem Sinaikloster, in denen eine naturalistische Porträtkunst spätrömischer Tradition weiterwirkte. Ähnlich mischten sich hellenistische und orientalische Traditionen in der Buchillustration der Zeit. Der Purpurkodex von Rossano mit seiner »vertikalen« Perspektive und der expressiven Gestik seiner Figuren bereitet schon Stil und Ikonographie der mittelalterlichen Buchmalerei vor. Bedeutendste Monumente der justinianischen Bildkunst sind die großen

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Wandmosaiken der Kirchen. Im Gegensatz zur nüchternen Fassade gab der Goldglanz ihrer Heiligen- und Kaiserfiguren zusammen mit der Pracht der Marmorinkrustationen dem Innenraum der Kirche etwas vom Abbildcharakter überirdischer Herrlichkeit. Die Mosaikkunst wirkte auch über die mit der Hauptstadt verbundenen Zentren wie Ravenna oder Thessalonike hinaus; selbst in abgelegenen Provinzen hat der »Reichsstil« Werke von außergewöhnlichem Rang hervorgebracht, bis hin zum Felsendom in Jerusalem und zur Großen Moschee in Damaskus. Die Baukunst schuf die Spitzenleistungen der Zeit. Im gesamten Reich entstanden zahlreiche, oft originelle Profanbauten: Aquädukte, Zisternen, Brücken, Bäder, Villen und Paläste, dazu ausgedehnte Befestigungsanlagen. Zahllose Monumente in den griechischen und orientalischen Gebieten des Reiches, oft in Ruinen dahindämmernde ganze Städte, zeugen von der Baulust und Finanzkraft des Jahrhunderts. Doch ihre eigentliche große Aufgabe sah die Architektur im Kirchenbau; hier entwickelte sie in Planung und technischer Ausführung einen erstaunlichen Erfindungsreichtum. Der traditionelle Grundtypus christlichen Kirchenbaus, die mehrschiffige Säulenbasilika, wurde fortgeführt. Doch das konstruktive Hauptproblem der damaligen Architektur barg der Zentralbau: die Entwicklung der Kuppel über einem Rechteck. Hier wurden Lösungen der konstantinischen Zeit (wie die Grabeskirche in Jerusalem, die im christlichen Osten stark als Vorbild wirkte) weiterentwickelt. Als typische Bauformen des Zeitalters entstanden Kreuzkuppelkirchen oder oktagonale Bauten wie die Kirche der Heiligen Sergios und Bakchos in Konstantinopel: der überkuppelte Zentralbau war die vollendete Form, die im Gegensatz zur Zielgerichtetheit der Basilika meditatives Verharren ausdrückte. In der Hauptstadt entfalteten sich alle Zweige der Kunst in besonderem Maß, nicht zuletzt auch das Kunstgewerbe. Die Kleinkunst mit ihren Elfenbeinschnitzereien, Juwelen und kostbaren Textilien spielte eine bedeutende Rolle; ihre Erzeugnisse fanden weite Verbreitung und zeugten von Gibraltar bis zum Euphrat vom unerhörten Luxus der Weltstadt und dem Glanz ihres Hofes. Die justinianische Kunst trägt nicht umsonst diesen Namen: auch hier war der beherrschende Wille des Kaisers eine bewegende Kraft. Wie alle großen Herrscher hatte Justinian den Drang, sein imperiales Selbstverständnis, seine Macht und sein Prestige in monumentalen Bauten darzustellen. Nicht zufällig war aber für ihn die Kirche, nicht der Palast, die Form herrscherlichen Selbstausdruckes. In San Vitale in Ravenna stand das Bildnis des Kaisers aus innerer Notwendigkeit im Chor: im christlichen Kosmos, den der Kirchenbau abbildet, gehörte an die Seite des thronenden göttlichen Weltherrschers der irdische Herrscher. Krone justinianischen Kirchenbaus war die in den Jahren 532–537 errichtete Hagia Sophia in Konstantinopel. Der rechteckige, durch zweistöckige Säulenarkaden gegliederte und von einer riesigen Zentralkuppel mit östlich und westlich anschließenden flachen Halbkuppeln überwölbte Baukörper kombiniert in genialer Weise die zwei Haupttypen des christlichen

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Kirchenbaus: die flachgedeckte Säulenbasilika und den überwölbten Zentralbau. Der ursprüngliche Eindruck des Innenraumes mit Chorschranke und Ambo aus geschmiedetem Silber, einem Altar aus Gold und Edelsteinen, silbernen Türen, Purpurvorhängen, Marmorinkrustation und Wandmosaiken muß überwältigend gewesen sein. Für den Kaiser bestätigte diese größte Schöpfung der byzantinischen Architektur seine außergewöhnliche Stellung unter den Herrschern der Welt: die Hagia Sophia war ein majestätisches Symbol der Triumphe des Statthalters Christi auf Erden. Zwanzig Jahre Kriegführung hatten den kaiserlichen Herrschaftsanspruch weithin zur Realität gemacht. Die Kernländer des westlichen Reichsteils waren mit Ausnahme Galliens wiedererobert, das Vandalen- und Ostgotenreich von der geschichtlichen Szene verschwunden. Das Mittelmeer war ein byzantinisches Meer.

VII. Renovatio imperii: Ideologie und Realität

Ausgangspunkt der Expansionspolitik Justinians war die veränderte politische Gesamtlage im Mittelmeerraum und die Situation an den Grenzen des Reiches, wie sie sich in der Perspektive byzantinischer Diplomatie und Militärpolitik um 530 darstellte. Konstantinopel beurteilte das System der germanischen Nachfolgestaaten auf dem alten Reichsboden zu Recht als wenig stabil. Die Ostgermanenreiche waren genauso wie das Merowingerreich durch innenpolitische Konflikte erschüttert und zugleich – nicht zuletzt dank einer aktiven byzantinischen Diplomatie – unfähig, eine gemeinsame Front zu bilden. Diese mangelnde Koordination der Abwehr ermöglichte es Justinian, aus einer überlegenen Position heraus die ostgermanische Staatenwelt in Einzelaktionen auseinanderzubrechen. Die politische Umwelt von Byzanz bestand allerdings nicht allein aus den Germanenreichen im Westen. Die latente Bedrohung der Ostgrenze durch das Sassanidenreich, das in seiner schweren Panzerreiterei ein gefürchtetes Kriegsinstrument besaß, verschärfte sich nach langen Jahrzehnten verhältnismäßiger Ruhe gerade bei Justinians Regierungsbeginn erneut. Die Herrschaft Chosroes I. (531–579) führte den sassanidischen Staat nach durchgreifenden Reformen auf den Höhepunkt seiner Macht und seiner kulturellen Bedeutung. Allerdings geriet die persische Front zunächst nur kurz in Bewegung; die 527 ausgebrochenen Grenzkämpfe wurden 532 durch einen »ewigen« Friedensvertrag beendet. Das war notwendig; denn zu einer umfassenden militärischen Deckung der Ost- und Nordostgrenze bei gleichzeitiger Offensive im Westen reichten die Truppen nicht aus. Hier mußten die bewährten und ständig verfeinerten Mittel byzantinischer Diplomatie eintreten. Gestützt auf eine in jahrhundertelanger Auseinandersetzung mit den Sassaniden erworbene genaue Kenntnis der militärischen und politischen Reaktionsformen handhabte sie ihre Instrumente bravourös: diplomatische Kontakte und Verträge, Spionage und religiöse Propaganda, wirtschaftliche

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Sanktionen und ein ausgeklügeltes System von Bestechung, Subsidien und Tributzahlung (das freilich erhebliche Summen verschlang und häufig mehr neue Ansprüche weckte als alte befriedigte). An den kritischen Nahtstellen zwischen beiden Großmächten lagen regelrechte Pufferstaaten wie Armenien oder das arabische Fürstentum der Ghassaniden in der syrischen Wüste. Hinter dieser Zone verlief die befestigte Wehrgrenze von der Krim über die Grenzen von Lazika und Armenien, den Oberlauf des Tigris und den Euphrat bis in das Vorland von Palmyra und Petra. Das traditionelle Zweifrontenproblem des Reiches drohte sich freilich im Laufe des Jahrhunderts zu einem Dreifrontenproblem zu wandeln. Allerdings ließen die ersten Einfälle von Slawen und Bulgaren auf dem Balkan die künftige Bedeutung dieser dritten Front noch nicht mit Sicherheit erkennen. Zunächst schien die Lage so weit stabilisiert, daß die durch planmäßige Aufrüstung der Armee und Bereitstellung finanzieller Reserven vorbereitete Offensive im Westen einsetzen konnte. Die alle Mittel der damaligen Kriegstechnik überlegen einsetzende amphibische Strategie der Generäle Belisar und Narses führte hier zu bedeutenden Erfolgen. Mit einem Expeditionskorps von nur 18000 Mann zerschlug Belisar 533 und 534 das Vandalenreich in Afrika. Byzanz wurde dieses wiedererworbenen Territoriums, das sich an Reichtum und Produktion fast mit den großen orientalischen Provinzen messen konnte, jedoch nie recht froh. Ein verwickelter Kleinkrieg mit den Berberstämmen zog sich bis zur arabischen Eroberung hin und zwang Byzanz zu einem ständigen Verschleiß militärischer Kräfte an der afrikanischen Wüstengrenze. Der italienische Feldzug gegen das Ostgotenreich begann im Juni 535. Er erforderte umfangreiche, länger dauernde Operationen und brachte verschiedene Rückschläge, die unter anderem dadurch bedingt waren, daß seit 540 neue sassanidische Offensiven byzantinische Truppen an der Ostfront banden. Erst im Jahre 563 wurden die letzten gotischen Garnisonen in Norditalien vernichtet. Das wiedergewonnene Reichsgebiet erhielt eine Verwaltung nach byzantinischem Muster, an deren Spitze ein Gouverneur (patricius) mit militärischer und ziviler Gewalt stand. Die dritte Aktion, der Angriff gegen Spanien, wurde bereits in der Endphase des Italienkrieges durchgeführt. Wie in Afrika kam eine kleine Landungsstreitmacht schnell zu Erfolgen. Das Westgotenreich wurde zwar nicht vollständig erobert; aber die wichtigsten Festungen und Hafenstädte im Südwesten wurden dem Byzantinischen Reich eingegliedert. Die damit gewonnene Kontrolle des westlichen Mittelmeerbeckens war seestrategisch wie handelspolitisch von erheblichem Gewicht. Den Zeitgenossen im Westen und Osten bot sich ein eindrucksvolles Bild. Justinians Ziel der recuperatio imperii schien in einem erstaunlichen Ausmaß erreicht: die Herrschaft des einen römischen Reiches und der einen christlichen Kirche als Verwirklichung des Auftrags Gottes auf Erden. Selbst die politischen Gegner standen im Bann des Imperiums: Herrschaftsordnung, Gesellschaft und

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Kunst von Byzanz wirkten im spanischen Westgotenstaat, mehr aber noch im Sassanidenreich als Vorbilder. Der Glanz des Erfolges verdeckte bis in die letzten Jahre von Justinians Herrschaft die Diskrepanz zwischen Wirklichkeit und Wunschbild. Kehrseite und Konsequenzen seiner Politik enthüllten sich voll erst unter seinen Nachfolgern. Der Wiedergewinn des Westens zeitigte schwerwiegende Folgen für die geschichtliche Entwicklung im Mittelmeerraum wie für Byzanz selbst. Mit dem Ostgotenreich fiel die letzte Barriere gegen den Einbruch der Langobarden in Oberitalien; die fortdauernde byzantinische Herrschaft in Mittelitalien prägte die Entwicklung des römischen Papsttums. Vor allem aber begründete die Ausdehnung des Imperiums jene Trennung des Mittelmeerraums in einen nördlichen und einen südlichen Kulturbereich, die das Kalifat, das in Nordafrika und Spanien das byzantinische Erbe antrat, für Jahrhunderte verewigen sollte. Byzanz war an der persischen Front politisch und militärisch in die Defensive gedrängt; Frieden und Status quo mußten durch hohe Tribute erkauft werden, die Staatsfinanzen und politisches Prestige schwer belasteten. Vor allem aber reichten die militärischen Kräfte für den dritten Kriegsschauplatz, die Balkanfront, in keiner Weise mehr aus. Hier hatte Justinian von Anfang an defensiv geplant. Doch das kostspielige System einer tiefgestaffelten Grenzverteidigung mit Hunderten von neuerbauten Festungen erwies sich gegenüber der slawischen Flut als wirkungslos, weil mobile Kräfte, die von diesen Linien aus hätten operieren können, kaum mehr existierten. Die Einfälle von Slawen, Hunnen und Bulgaren im Balkanraum rissen seit Anastasios nicht mehr ab; Thessalonike, Korinth und sogar Konstantinopel selbst waren zeitweise in Gefahr.

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Abb. 5: Die Rüdeeroberung des Westens unter Justinian Es waren Bewegungen, die die slawische Landnahme

Abb. 5: Die Rüdeeroberung des Westens unter Justinian

Es waren Bewegungen, die die slawische Landnahme und die bulgarische Staatsbildung vorbereiteten; doch das anonyme und planlose Vordringen der Stämme ließ die Betroffenen erst spät erkennen, daß sich in Südosteuropa eine gefährliche politische Depressionszone ausbildete. Aus ihrer ideologiebedingten, einseitig westlichen Perspektive verkannte die justinianische Außenpolitik, daß die bedrohlichen Themen der Zukunft in der Auseinandersetzung mit den Sassaniden im Osten und den slawisch-bulgarischen Kräften auf dem Balkan lagen. Mit seiner Defensive im Balkanraum vergab Justinian für immer die Chance, diese Lebensfrage von Byzanz aus einer Situation militärischer Überlegenheit eventuell noch im Entstehen zu lösen. Grundlegende Fehlorientierung und damit schwere politische Versäumnisse in der Außenpolitik waren nicht die einzige bedenkliche Erbschaft. Versäumte Reform und finanzielle Überlastung hatten auf die Dauer das politische und gesellschaftliche Gefüge schwer erschüttert. Der Staatsapparat arbeitete zwar unter Justinian und seinen direkten Nachfolgern noch einigermaßen befriedigend; aber eine über die Sicherung des Absolutismus als politisches System hinausgehende Reform war nicht gelungen. Der religiöse Konflikt schwelte unter der Decke weiter, um bei geringstem Anlaß unvermindert heftig wieder aufzubrechen. Kriegsführung, Kosten der Besatzung im Westen und umfangreiche Bautätigkeit hatten das Reich finanziell und personell ausgeblutet.

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Das erzwang gesteigerte Steuerlasten, die sozialpolitische Reformansätze scheitern ließen und zur fiskalischen Bedrückung zurückführten. Am Ende der Regierung Justinians standen eine neue Finanzkrise und steigende politische Unzufriedenheit der Untertanen, auf deren Bedrückung und Ausbeutung der Glanz des erneuerten Imperiums gegründet war. Diese Entwicklung war zum geringeren Teil darin begründet, daß dem alternden Kaiser, dessen Interesse sich immer mehr theologischen Fragen zuwandte, die souveräne Kontrolle von Politik und Verwaltung entglitt. Es war auch nicht nur das Primat der Außenpolitik, das die Versuche einer Reform in Staat und Gesellschaft beeinträchtigte. Sie gerieten im Sog unvereinbarer Kräfte und Tendenzen vor allem deswegen über unbefriedigende Halbheiten kaum hinaus, weil Justinian auch innenpolitisch renovatio imperii grundsätzlich als Bewahrung des Bestehenden verstand: des zentralistischen und dirigistischen christlichen Absolutismus. »Das Altgewohnte mit größerem Glanz im Staate wiederherzustellen«14: das war angesichts der Lage von Byzanz in der Mitte des 6. Jahrhunderts wie unter dem Horizont der Zukunft keine lebenskräftige politische Idee mehr, sondern eine Ideologie, die die Wirklichkeit mißachtete. Daß der Kaiser in Situationen, für die keine traditionellen Lösungen vorgegeben waren, sich zu neuen Lösungen entschloß, war eine pragmatische Reaktion. Die programmatische Forderung nach Veränderung hätte er als Verirrung aufgefaßt. Wie alle Byzantiner tief vom Besitz letzter Wahrheiten in Politik und Religion überzeugt, zielte er auf Erneuerung der alten Ordnung nicht aus reaktionärer Furcht vor dem Wandel, sondern weil er in der Vergangenheit die besten Lösungen für das soziale Zusammenleben von Menschen in Übereinstimmung mit dem göttlichen Willen schon erreicht glaubte. Das fundamentale Problem jedes großen Konservativen, Beharrung mit Wandel zu vereinen, hat Justinian nicht bewältigt; das Gewicht der Vergangenheit war zu groß. In einem Moment tiefgehender Verwandlung der Mittelmeerwelt war er unfähig zu verstehen, daß diese Zeit Veränderung und Innovation forderte. Innenpolitisch und gesellschaftlich ist das Zeitalter Justinians darum nur eine Übergangsphase zwischen zwei klaren und entschiedenen Lösungen – dem absolutistischen System des 4. Jahrhunderts und der mit den Reformen des 7. Jahrhunderts einsetzenden neuen Ordnung des byzantinischen Staates. Hinderte die Bannkraft der römischen Staatstradition Justinian, primäre Probleme von Staat und Gesellschaft zu sehen und notwendige Entscheidungen zu treffen, so war sein Irrtum doch nicht ohne Größe. Rechtskodifikation und Kunst wirkten für Jahrhunderte auch im Westen weiter; die Re-Romanisierungspolitik hielt die Orientalisierung von Byzanz bis zu dem Moment auf, in dem sich die Ostprovinzen im Arabersturm vom Reich lösten, und schuf damit eine wichtige Grundlage für die geschichtliche Rolle von Byzanz zwischen Abendland und Orient. Aufs Ganze gesehen aber überforderte das Phantom einer Erneuerung des römischen Universalreiches die Kräfte; schon am Ende des Jahrhunderts ging der frühbyzantinische Staat in Anarchie unter.

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VIII. Der Zerfall des justinianischen Systems

Die gefährlichen Folgen von Justinians Politik hatten die Nachfolger zu tragen; der Zerfall der Machtstellung des Byzantinischen Reiches dauerte nur 37 Jahre. Justin II. (565 bis 578), der thrakische General Tiberios I. (578–582) und sein Nachfolger Maurikios (582–602) waren energische und befähigte Politiker und Militärs. Doch vermochten sie am Ende eine Staatskrise mit dem Zusammenbruch von Balkanverteidigung und Ostgrenze nicht zu verhindern. Drei Momente – neben der finanziellen und wirtschaftlichen Situation – schwächten im ausgehenden 6. Jahrhundert das Byzantinische Reich. Unter den entschieden orthodoxen Nachfolgern Justinians flammte der Konflikt mit den Monophysiten in aller Schärfe wieder auf. Die Zentralgewalt wurde sowohl durch zentrifugale Tendenzen im Grundadel (die der gleichzeitigen Entwicklung im Westen entsprachen) wie durch die Zirkusparteien gefährdet, die der Regierung zunehmend aus der Kontrolle gerieten. In der Armee löste sich die Disziplin auf: die Achillesferse aller Söldnerheere wurde sichtbar – Nachlassen der Kampfkraft, wenn nicht offene Meuterei bei schleppenden Soldzahlungen. Nur an einer Stelle sind in der Auflösung des justinianischen Systems Ansätze einer neuen Ordnung kenntlich: bei der Reorganisation der westlichen Reichsgebiete in der Form der Exarchate von Ravenna und Karthago. In diesen Verwaltungseinheiten vereinigte Maurikios auf Dauer zivile Gewalt und militärisches Kommando in der Hand von Gouverneuren, die die Machtfülle eines Vizekönigs besaßen. Diese Lösung wurde zum Vorbild der Themenverfassung und damit eine entscheidende Etappe auf dem Weg zum mittelalterlichen byzantinischen Staat. Vom Exarchat Karthago ging zu Anfang des 7. Jahrhunderts auch die Erneuerung des Reiches aus. Die außenpolitische Situation erzwang jetzt die Einsicht, daß die Lebensinteressen von Byzanz an der Nordost- und Ostgrenze lagen. Doch nur in beschränktem Maß war es möglich, die Konsequenzen von Justinians Westpolitik aufzufangen. Fast alle Eroberungen gingen in einer Generation wieder verloren. Italien wurde 568 mit Ausnahme von Rom, Ravenna und dem Süden durch die Langobarden besetzt, große Teile der spanischen Gebiete bis 584 geräumt und 629 endgültig aufgegeben. Wo noch byzantinische Truppen standen, waren sie wie in Afrika in kräftezehrende Kämpfe verwickelt. Die eigentliche Gefahr lag darin, daß Byzanz ständig von zwei Seiten umklammert war. Die Ostfront war im späteren 6. Jahrhundert fast immer schwer bedroht. Erst nach 20 Jahren harter militärischer Auseinandersetzungen kam hier 591 ein für Byzanz verhältnismäßig günstiger Friede zustande. Diese Stabilisierung an der persischen Grenze schien sogar die Möglichkeit einer erfolgreichen Auseinandersetzung mit der von Nordosten heranrollenden slawischen Flut möglich zu machen. Seit den siebziger Jahren war auf dem Balkan außer großen Festungen wie Thessalonike kein Gebiet mehr fest in byzantinischer Hand.

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Zeitweise war die Lage auch für die erfahrenen byzantinischen Diplomaten und Militärs nicht mehr durchschaubar. Neben Slawen und Bulgaren tauchte eine dritte Kraft aus dem scheinbar unerschöpflichen Reservoir der innerasiatischen Steppen auf: die Awaren, die die Stoßkraft der Wanderstämme gegen Byzanz zusammenfaßten. Entscheidender aber wurde, daß in den achtziger Jahren anstelle der bisherigen Raub- und Beutezüge die Ansiedlung der Slawen begann. Die romanische und hellenische Reichsbevölkerung wurde auf die Küstensäume der Adria und der Ägäis zurückgedrängt; im 7. Jahrhundert hieß Makedonien seiner dichten slawischen Bevölkerung wegen bereits »Sklavinai«. Diese diplomatisch oder militärisch nicht mehr zu meisternde Völkerbewegung war für Byzanz das bedeutendste außenpolitische Ereignis im 6. Jahrhundert: denn wie bei der germanischen Eroberung des Westens führte die slawische Landnahme im Balkan am Ende zur Gründung unabhängiger Staaten auf dem Gebiet des Byzantinischen Reiches. Ausgedehnte Balkan-Feldzüge des Kaisers Maurikios ließen zwar in den Jahren 591/92 nochmals an eine Wendung des Schicksals glauben. Aber gerade aus ihnen entwickelte sich nach anfänglichen Erfolgen eine neue Krise. Eine Meuterei der Armee und ein Aufstand in Konstantinopel machten den General Phokas (602–610) zum Kaiser. Sein Terrorregime in der Hauptstadt und bürgerkriegsähnliche Auseinandersetzungen in den Provinzen führten zur außenpolitischen Katastrophe. Die Balkan-Verteidigung brach endgültig zusammen, eine neue sassanidische Offensive drang in Kleinasien bis nach Chalkedon vor. Die Jahre der Anarchie unter Phokas enthüllten, wie sehr die justinianische Politik auf tönernen Füßen gestanden hatte. Die Krise, in der der frühbyzantinische Staat zerfiel, war letztlich ihr Ergebnis; in ihr endete die spätrömische Tradition. Danach kam bei allem Haften an der Überlieferung – wenn man politische Realität über staatsrechtliche Kontinuität stellt – etwas Neues: der byzantinische Staat des Mittelalters. Daß es statt der drohenden Katastrophe ein Danach geben könne, schien in diesen Jahren den Zeitgenossen keineswegs sicher. Die Rettung des Staates war die letzte Tat des dem Einfluß von Byzanz entgleitenden Westens. Im Oktober 610 erschien die Flotte des Exarchen von Karthago vor Konstantinopel. Sein Sohn Heraklios beseitigte Phokas durch einen Staatsstreich und bestieg selbst den Thron. Seine Herrschaft eröffnete ein neues Zeitalter – einen der folgenreichsten Abschnitte byzantinischer Geschichte, voll überraschender Erfolge und jäher Peripetien.

IX. Das Jahrhundert der Krise: Byzanz und die Ausbreitung des Islam

Entstehen des Islam und Aufstieg des arabischen Kalifats zur Weltmacht waren das entscheidende historische Thema des 7. Jahrhunderts. Der Osten des Mittelmeerraumes begann sich jetzt aus den spätrömisch- frühbyzantinischen Lebensformen zu lösen. Die Renaissance der Sassaniden wie die

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monophysitische Bewegung hatten das Wiedererstarken des Orients angekündigt. Der Islam aber wurde zur bestimmenden Kraft einer umfassenden Verwandlung dieser historischen Region. Die arabisch-islamische Expansion zerbrach endgültig die lang bewahrte kulturelle und politische Einheit der Mittelmeerwelt; sie schuf auf den Trümmern der hellenistisch-römischen Kultur eine neue selbständige Gesellschaft neben Byzanz und der germanisch- romanischen Völkergemeinschaft. Die Geschichte des Byzantinischen Reiches wie die des mittelalterlichen Europa ist nicht denkbar ohne die politische Herausforderung des Kalifats und den geistigen Austausch mit der islamischen Kultur. Für die Zeitgenossen war es schwer, diese durchgreifende Veränderung der politischen und auf längere Sicht auch der wirtschaftlichen und geistigen Lage zu begreifen, die den Rahmen der alten Welt sprengte. Einbruch der Slawen und Aufbruch des Orients schufen machtpolitisch von Grund auf eine neue Konstellation. Byzanz verlor seine Ostprovinzen und Afrika an das Kalifat, weite Teile des Balkans an die slawischen Völker. Der italienische Herrschaftsbereich wurde durch die Langobarden erheblich eingeschränkt; zur See mußte sich Byzanz mehr und mehr auf Defensive in der Ägäis umstellen. Die Umklammerung des Mittelmeerbeckens durch die Araber brach das byzantinische Fernhandelsmonopol und verringerte den eben erst neugewonnenen Einfluß im Westen erheblich. Seine Weltstellung als einzige Großmacht am Mittelmeer gewann das Byzantinische Reich nie wieder. Doch um den Preis erheblicher Gebietsverluste und zeitweiser kultureller Verarmung behauptete es sich zwischen den neuen Machtgruppen und blieb für weitere 700 Jahre ein wesentlicher Faktor im Nahen Osten. Die unerhörte Widerstandskraft von Byzanz verwandelte diese Herausforderung in einen heroischen Prozeß der Adaption: der Existenzkampf provozierte tiefgehende Veränderungen der politischen Ordnung und sozialen Struktur. In einer weitgehend von spätrömischen Traditionen gelösten Form gelangte das Reich zu neuer Festigkeit. Der den gewandelten Bedingungen äußerer Selbstbehauptung nicht mehr gewachsene Bürokratenstaat wurde zu einem Militärstaat, dem ein freies Bauerntum als finanzpolitisches Rückgrat diente. Der Verlust der monophysitischen Provinzen beendete den religiösen Konflikt; die Glaubenseinheit in der Orthodoxie wurde ein entscheidendes Element der Geschlossenheit und Standfestigkeit des Staates. In seiner geistigen Form wandelte sich Byzanz endgültig zu einem nach Sprache und Kultur entschieden griechischen Reich. Unter dem Mantel äußerer Verarmung brachte so der Umbruchsprozeß des 7. Jahrhunderts eine Regeneration, in der die zähe byzantinische Lebenskraft zum erstenmal klar zutage trat. Die hier neugeschaffene Lebensform sicherte nicht nur das Überleben, sondern auch den späteren Wiederaufstieg zu einer wirtschaftlichen und militärischen Führungsmacht im östlichen Mittelmeer.

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Zu Beginn des 7. Jahrhunderts schien die Lage freilich verzweifelt. In Syrien, Ägypten und Kleinasien stießen die Sassaniden immer tiefer in byzantinisches Territorium vor; vom Balkan her schob sich unter dem Druck des Awarenreiches im Theiß-Becken die slawische Flut unaufhaltsam südwärts. Die Finanzen waren erschöpft, die Disziplin der Armee zerrüttet, monophysitischer Konflikt und innenpolitische Opposition dauerten an. Wiederholt drangen die Sassaniden von Osten, die Awaren von Westen bis unter die Mauern von Konstantinopel vor. Nur noch die Hauptstadt blieb als Zentrum von Widerstand und Erneuerung. Dem Höhepunkt der Krise im Jahre 618, als die Auflösung des Reiches lediglich eine Frage von Monaten schien, folgte ein unerwarteter Umschlag. Durch einen Vertrag mit den Awaren abgesichert und von einer an Kreuzzugsstimmung gemahnenden religiösen Begeisterung in Konstantinopel getragen, begann 622 die byzantinische Gegenoffensive unter dem persönlichen Oberbefehl des Kaisers Heraklios (610–641). Eine kühne, risikoreiche Strategie verlegte die Operationsbasis in die schwer zugänglichen armenischen und kaukasischen Berggebiete. Sie zielte auf einen Stoß ins Zentrum der persischen Macht anstelle systematischer Rückeroberung der verlorenen Provinzen. Eine erneute Doppelbelagerung von Konstantinopel 626 (die bis heute an Ostern in orthodoxen Kirchen gesungene »Akathistos«-Hymne entstand nach der Rettung der Stadt durch die Flotte) wartete der Kaiser kaltblütig im Osten ab. Dann kam 627 der kriegsentscheidende Einbruch in das Tigris-Tal und die definitive Niederlage der sassanidischen Armee. Im Friedensvertrag erhielt Byzanz zu seinen alten Provinzen neue Gebiete in Armenien. Auch die Gefahr auf dem Balkan war vorläufig gebannt. Die Belagerung der Hauptstadt hatte die militärische Kraft der Awaren gebrochen; die Einwanderung von Serben und Kroaten wie das Entstehen des ersten Bulgarischen Reiches schwächte ihre Position weiter. Serben und Bulgaren anerkannten sogar die byzantinische Oberhoheit. Doch konnte von einem Wiedergewinn der Souveränität im Balkanraum keine Rede sein; es blieb bei den gewohnten Notmaßnahmen. Niemand in Byzanz konnte freilich in diesem Moment voraussehen, daß das Reich 150 Jahre später im Existenzkampf gegen die Bulgaren stehen würde und daß die serbisch-kroatischen Staatenbildungen eine Wiedererrichtung der byzantinischen Herrschaft im Balkanraum endgültig vereiteln sollten. Die »orientalische Frage« schien endgültig erledigt. Das Reich war an seiner gefährlichsten Front gesichert, der jahrhundertealte Hegemoniekonflikt mit den Sassaniden zugunsten von Byzanz entschieden. Die Herrschaft von Griechentum und Christentum in Ägypten, Syrien und Mesopotamien war neu befestigt; die imperiale Flotte beherrschte das Mittelmeer. Als der Patriarch in der Hagia Sophia den aus dem Osten zurückgekehrten Kaiser als Verteidiger des Glaubens mit der wiedereroberten Kreuzesreliquie segnete, war das Prestige von Byzanz im Osten und Westen größer denn je. Und doch war schon das Jahr 622 ein zweifacher Wendepunkt gewesen: die byzantinische Gegenoffensive begann im

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Jahr der Hedschra. 630 aber, als Byzanz auf einem neuen Höhepunkt seiner Macht stand, eroberte Muhammad Mekka. Unbeachtet von byzantinischer Diplomatie und Strategie war in den Jahren der Perserkriege im Islam – den man zunächst für eine neue schismatische Richtung der östlichen Christenheit hielt – eine Macht entstanden, die in wenigen Jahrzehnten von der persönlichen Glaubensgemeinschaft der Anhänger des Propheten zur politischen Glaubensgemeinschaft der Araber und zu einer erobernden Hegemonialmacht wurde. Nicht im Westen, dessen Wandel zum mittelalterlichen Europa hinter der Barriere des Balkans und des Langobardenreiches vorläufig ohne machtpolitische Konsequenzen blieb, lag die eigentliche Gefahr. Aber Konzentration auf den Krieg und die tödliche Erschöpfung, in denen der Dualismus zwischen Byzanz und Persien kulminierte, hinderten beide Gegner daran, die Veränderung der Welt in ihrem Rücken rechtzeitig zu erkennen. Das arabische Großreich, das unter den ersten Kalifen entstand, zerstörte die bestehende Staatenwelt des Mittelmeerraums (vgl. FWG 9, S. 259 ff; FWG 14, S. 13 ff). Die arabische Expansion hatte zwei Stoßrichtungen. Im Norden wurde zwischen 633 und 651 das Sassanidenreich vernichtet, wenngleich die persische Kultur den Prozeß der Arabisierung überdauerte, um nach dem 8. Jahrhundert ein bestimmender Faktor in der islamischen Gesellschaft zu werden. Unerwartet erfolgreich war der Einbruch in die byzantinischen Ostprovinzen. Die monophysitische Bevölkerung erwies sich als reichsfeindlich, das militärische Abwehrsystem als brüchig. 640 war Großsyrien erobert, 642 wurde Ägypten geräumt; bis 647 gingen Tripolitanien und Cyrenaika verloren. Nur an der Tauroslinie in Nordsyrien konnte der arabische Angriff aufgefangen werden. Beim Tode des Heraklios war der Staat auf ein knappes Drittel seiner Fläche geschrumpft und der wirtschaftlich kräftigsten Provinzen beraubt; er umfaßte im Grunde nur noch Kleinasien, Griechenland, das ständig von Slawen und Awaren bedrohte europäische Hinterland von Konstantinopel und Teile Italiens. Auch unter den Nachfolgern des Heraklios – der ersten byzantinischen Dynastie, die fünf Generationen überdauerte – wurden die Energien der Gesellschaft aufgezehrt von der Last des Abwehrkampfes und der Aufgabe, den Staat funktionsfähig zu halten und an neue Lebensbedingungen anzupassen. Die Außenpolitik beherrschte das Leben von Byzanz. Außenpolitik aber bedeutete weiterhin militärische Selbstbehauptung zwischen der weiterrollenden islamischen Eroberungswelle und den in den Balkanraum drängenden Völkern. Daß in diesen Jahrzehnten die Verteidigungsschwerpunkte wenigstens wechselten, war möglicherweise lebensrettend für das Reich. Grenzkampf war zwar für Byzanz wie für das Imperium Romanum eine vertraute Aufgabe. Doch sie wandelte sich tiefgreifend: von einer auf Überlegenheit der eigenen Kräfte beruhenden gesicherten Defensive zum nackten Existenzkampf des frühen 7. Jahrhunderts und schließlich zum System einer Militärgrenze mit regelmäßigen Sommerfeldzügen.

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An den Grenzen des Kernlandes Kleinasien war die erste Eroberungswelle abgeprallt. Nachfolgestreitigkeiten im Kalifat, der Widerstand der Berber in Nordafrika und der Einsatz der byzantinischen Flotte brachten unter Konstans II. (641–668) sogar eine Art Atempause. Die kritische Phase der Auseinandersetzung mit den Arabern kam, als unter dem Kalifen Muawija I. (661–680) ein zweiter Schub territorialer Expansion begann. Da die Tauroslinie kaum überwindbar schien, plante die arabische Strategie einen direkten Stoß über See in das Zentrum byzantinischer Macht. Der Bau einer Flotte und die Eroberung einer Stützpunktkette in der Ägäis waren erste Teiloperationen des Seekrieges, denen die mehrmalige Belagerung von Konstantinopel folgte. Sie scheiterte 668/69 und 674/78 nicht zuletzt an den byzantinischen Seestreitkräften, die bis gegen Ende des Jahrhunderts der (von syrischen Monophysiten bemannten) arabischen Flotte überlegen blieben. Mit entscheidend für den Abwehrerfolg war der Einsatz des »Griechischen Feuers« – einer von dem Architekten Kallinikos erfundenen explosiven, auch auf dem Wasser brennenden Flüssigkeit, die aus primitiven Flammenwerfern verschossen wurde. Diese ersten größeren Erfolge nach fast 50 Jahren Kriegführung waren Marksteine in der Sicherung des byzantinischen Kerngebiets, wenn auch auf dem anderen Flügel der Verlust von Afrika nicht abzuwenden war. Denn die Ausbreitung des Kalifats ging weiter. Im Osten wurde bis 715 Khorasan und das Vorfeld Indiens erreicht; im Westen begann 664 der Vormarsch in Afrika wieder. Bis zum Jahr 700 war der letzte byzantinische Widerstand gebrochen; eine schnelle Islamisierung Nordafrikas setzte ein. Bis 720 gerieten auch noch Spanien und Teile Südfrankreichs mit Narbonne unter arabische Herrschaft. Dagegen gab es an der byzantinischen Ostgrenze keine erheblichen territorialen Veränderungen mehr; die Tauroslinie konnte gehalten werden. Langsam entstand anstelle lockerer, durchlässiger Verteidigungspositionen eine feste Wehrgrenze. Sie bewahrte für Jahrhunderte den Status quo mit einem genau durchdachten System flexibler Verteidigung, wie es byzantinische Taktikhandbücher, aber auch das Digenis Akritas-Epos beschreiben. Im letzten Jahrhundertviertel trat die Nordostgrenze wieder in den Vordergrund; hier fielen gefährliche Entscheidungen. Das Eindringen der Wandervölker schuf auf dem Balkan, wo sich eine effektive byzantinische Herrschaft auf wenige Festungen und auf Erfolge kurzer Sommerfeldzüge beschränkte, eine neue ethnische und politische Landkarte. Die Gründung des Bulgarenreiches nach 640, die alle militärischen Anstrengungen Konstantins IV. (668–685) nicht verhindern konnten, wurde zu einem Schlüsselpunkt in der Geschichte dieser Region. Der erste unabhängige Staat auf altem Reichsboden war entstanden; er sollte zu einer tödlichen Bedrohung für Byzanz werden, als der Islam seine Stoßkraft verlor.

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Abb. 6: Verwendung von Griechischem Feuer bei einer Seeschlacht – Chronik des Johannes Skylitzes, 11.

Abb. 6: Verwendung von Griechischem Feuer bei einer Seeschlacht – Chronik des Johannes Skylitzes, 11. Jh. (ill. im 14. Jh.)

Vorläufig wurde die Lage unter diplomatischen und finanziellen Zugeständnissen noch einmal stabilisiert; Justinian II. (685–695; 705 bis 711) konnte sogar durch eine große Offensive 688/89 den byzantinischen Machtbereich ausdehnen. Zugleich versuchte er durch Massendeportation slawischer Einwanderer nach Kleinasien das neue ethnische Element im Balkan zu neutralisieren und seine unbestrittenen soldatischen Fähigkeiten für die Grenzverteidigung im Osten zu nutzen. Mehr als ein System der Aushilfen wie unter Justinian I. war die Balkanpolitik freilich auch jetzt nicht. Der anhaltende Druck der arabischen Expansion band zu viele Kräfte. X. Herausforderung und Antwort: Selbstbehauptung durch Staatsreform

Was trotz drohender äußerer Katastrophen und weitgehender innerer Desintegration den Widerstand von Byzanz ermöglichte, waren politische und soziale Reformen. Eine Reorganisation von Streitkräften und Verwaltung schuf die Grundlage für das Überleben im Arabersturm. Die Neuordnung suchte den Verlust von Syrien, Palästina und Ägypten auszugleichen; sie ging von der Einsicht aus, daß jetzt das gesamte Reich eine Grenzprovinz war, Kleinasien sein wichtigster Rekrutierungsbezirk. Das politische System hielt am zentralistischen Absolutismus fest, der die effektive Führung eines komplexen Staatsgebildes verbürgte. Aber in seinem Wandel bewies es zugleich die byzantinische Fähigkeit, trotz einer konservativen Grundhaltung administrative und soziale Formen flexibel zu handhaben und mit Erfolg weiterzuentwickeln. Kernstück der Reformpolitik war eine Neuordnung der Reichsverwaltung, die sich auch auf die gesellschaftliche Struktur auswirkte: die Themenverfassung. Die in einem bestimmten Distrikt einquartierte Grundeinheit der byzantinischen

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Armee war das von einem Strategen kommandierte »Thema«. Eine administrative Umgliederung faßte nun jeweils mehrere alte Provinzen zu Militär- und Verwaltungsbezirken zusammen, in denen der dem Kaiser unterstellte Stratege die gesamte vollziehende Gewalt erhielt; ihm unterstanden sowohl die in seinem »Thema« stationierten Truppen wie die regionale Verwaltung, Rechtsprechung und Finanzbürokratie. Der Themen-Prokonsul war als bloßer Chef der zivilen Verwaltung von Anfang an in den Hintergrund gedrängt und verschwand schließlich überhaupt. Eine reine Militärverwaltung löste damit die Zivilverwaltung ab: das differenzierte System der primär zivilen spätrömischen Administration war zugunsten einer straffen Einheit von Verwaltung und militärischer Organisation aufgegeben. Gleichzeitig wurde die Zentralverwaltung neu geordnet. Die Prätorianerpräfektur hatte sich zu einem nur noch wenig funktionsfähigen Superministerium entwickelt. An ihre Stelle traten neue zentrale Ämter, die von Spitzenbeamten mit dem Titel eines Logotheten geleitet wurden. Statt des magister officiorum war nun der »logothetes tou dromou« für die eigentliche Administration verantwortlich; für das Finanzwesen gab es bezeichnenderweise gleich drei Logotheten: Militärausgaben, allgemeine Staatsausgaben und kaiserliches Privatvermögen. Die Gliederung der Zentrale durch die Logothesien, die das Prinzip der Subordination durch das der Koordination ersetzte, blieb mit der Themen Verfassung ein Grundelement des byzantinischen Staates im Mittelalter. Ein entscheidender Ansatzpunkt für die Neuordnung lag in der Unfähigkeit des alten Systems, auf äußere Krisen zureichend zu reagieren. Die Verbindung von Differenzierung und Zentralismus war unter den gegebenen technischen Bedingungen ein Schwächemoment. Vereinfachung wurde nun durch Wegfall von Zwischenebenen und Abgabe zentraler Funktionen an die Provinzgouverneure erreicht. Die historisch ablesbare größere Effizienz des neuen Systems war aber offenbar nicht nur durch eine Vereinfachung der Funktionsbedingungen ermöglicht, sondern auch durch den Wegfall religiöser Krisenherde, die sich im alten System zusätzlich hemmend ausgewirkt hatten. Mit der Verwaltungsreform Hand in Hand ging die Förderung eines freien Wehrbauerntums. Die Soldaten, die dem Thema als militärische Einheit angehörten, erhielten in ihrer Provinz gegen die Verpflichtung zum Militärdienst Land zu erblichem Besitz. Diese »Stratioten« waren weder Söldner noch Colonen, sondern freie Bauern auf eigenen Gütern, deren Ertrag ihren Lebensunterhalt und die (nicht gerade billige) Ausrüstung eines Kataphraktenreiters sicherte. Im Stratiotentum setzte sich eine bereits vor den Exarchaten des 6. Jahrhunderts beginnende Entwicklung fort. Das Prinzip einer Soldabgeltung durch Landübertragung galt schon für die spätrömischen limitanei, im Bereich des Limes angesiedelte Grenzverteidigungseinheiten; allerdings waren die limitanei nicht zum Felddienst verpflichtet. Auch Maurikios

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hatte sich (wie sein »Strategikon« zeigt) mit Plänen zur Rekrutierung einer bäuerlichen Miliz beschäftigt. Die neue Militärorganisation der Themen schuf ein zuverlässiges und flexibles Verteidigungsinstrument, das schnell seinen Wert erwies. Die Stratioten stellten in jeder Provinz eine Miliz-Kavallerie, die kurzfristig aufgeboten werden konnte. Diese Feldarmee wurde ergänzt durch die immer noch aus Söldnern rekrutierten Gardetruppen der Hauptstadt, die »Tagmata«, und durch einen modern organisierten Nachschub- und Nachrichtendienst. Die bodenständige Territorialverteidigung wurde vor allem an den Grenzen von Kleinasien durch eine Nachfolgeorganisation der limitanei, die »akritai«, getragen. Die Ablösung der Söldnerarmee mit ihren unvermeidbaren Schwächen durch ein Heer freier landsässiger Wehrbauern, deren reale Interessen in dem von ihnen zu verteidigenden Gebiet lagen, hat nicht nur die militärische Abwehrkraft von Byzanz erheblich gestärkt. Sie brachte auch gesellschaftlich und finanzpolitisch weitreichende Veränderungen. Langsam entstand eine neue Klasse von Landbesitzern, die nicht aristokratischer Abstammung waren, aber doch an Besitz die einfachen Bauern übertrafen; der staatliche Schutz der Soldatengüter kam darüber hinaus dem freien bäuerlichen Landbesitz überhaupt zugute. »Der freie Bauer, sein eigenes Land bebauend, steuerzahlend und wenn nötig in der Armee dienend, wurde das dominierende Element in der agrarischen Gesellschaft von Byzanz.«15 Bis zum 6. Jahrhundert war der Großgrundbesitz ständig vorgedrungen. Jetzt aber nahmen freie Dorfgemeinden und freie bäuerliche Besitzer wieder erheblich zu, wenn auch das Colonat keineswegs verschwand. Das bedeutete einen neuen Schritt in der Entwicklung eines zentralen Themas byzantinischer Sozialgeschichte: der Auseinandersetzung zwischen Großgrundbesitz und freiem bäuerlichem Kleinbesitz (vgl. oben S. 29 f). Mit den Stratioten entstand nicht nur eine Schicht, die für die Zentrale politisch einen Rückhalt gegen die großen Grundbesitzer bildete. Sie trug auch zweifach zur Sanierung der Staatsfinanzen bei. Die Abfindung der Soldaten durch Landbesitz senkte die hohen Soldkosten und damit die Militärausgaben. Zugleich war der Stratiot mit seinem Gut ein sicher erfaßbarer Faktor der Steuerpolitik. Wie im Eintreten des Staates für das freie Bauerntum militärische, politische und fiskalische Motive ineinanderwirken, wird hier besonders deutlich. Auf dem politischen System der Themenverfassung basierte von jetzt an die Verteidigung des Reiches. Es gab dem byzantinischen Staat größere Effizienz und Flexibilität, brachte freilich zunächst auch eine einseitige Militarisierung, die auf das geistige und kulturelle Leben zurückwirkte. Doch langsam führte dieser Wandlungsprozeß durch die damit verbundene Umschichtung in der Landwirtschaft zu einer lebenskräftigeren sozialen Struktur des Reiches. Was diese Veränderungen im sozialen System noch akzentuierte, waren gleichzeitige ethnische Verschiebungen im Zuge umfassender Umsiedlungsaktionen. Die Mischung und erstaunlich schnelle Verschmelzung slawischer, anatolischer und

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griechischer Bevölkerungselemente war ein Vorgang von großer Tragweite, der wesentlich zur weiteren inneren Konsolidierung beitrug. Die Reform des byzantinischen Staates durch die Themenverfassung ging in einer mehr als hundertjährigen Entwicklung vor sich. Sie entsprang nicht einem systematischen gesetzgeberischen Akt, sondern einer Reihe einzelner Reformmaßnahmen, die freilich auf einer einheitlichen verteidigungs- und verwaltungspolitischen Konzeption beruhten. In bestimmter Hinsicht war sie nur Endergebnis eines Prozesses, der schon vor den tastenden Versuchen Justinians, in Krisengebieten militärische und zivile Gewalt zu vereinen, begonnen hatte. Die Exarchate des Maurikios waren bereits eine direkte Vorform der Themen. Aber auch die Reorganisation des sassanidischen Staates durch Chosroes I. wirkte möglicherweise als Modell. Elemente der neuen Verwaltungsstruktur sind vielleicht schon unter Heraklios geschaffen worden; seine militärischen Erfolge könnten auf Ansätze einer Kommando- und Verwaltungsvereinfachung zurückgehen.16 Da die Ostprovinzen verloren, die Balkanländer weitgehend der byzantinischen Herrschaft entzogen waren, entstanden im 7. Jahrhundert Themen nur in Kleinasien: in Zentralanatolien Armeniakon und Anatolikon als Schwerpunkte der Ostverteidigung, Opsikion als Militärbezirk von Konstantinopel. Unter den Nachfolgern des Heraklios, vor allem Konstantin IV. und Justinian II., wurde die Reorganisation energisch vorangetrieben. Im ausgehenden 7. und im 8. Jahrhundert wurde das System der Militärdistrikte nicht nur in Kleinasien konsolidiert, sondern auch auf alle Gebiete ausgedehnt, in denen byzantinische Herrschaft wieder fest Fuß faßte: Auf dem Balkan entstand das Thema Thrakien, in Griechenland das Thema Hellas, dazu der Militärbezirk Thessalonike und möglicherweise auch das Exarchat Sizilien als Bollwerk gegen arabische Überfälle. Sozial- und finanzpolitisch wirkte sich die Festigung der neuen Staatsordnung nur Schritt für Schritt aus. Daß aber bestimmte gesellschaftliche Wandlungsprozesse bereits in Gang kamen, erweist die aus dem späten 7. oder frühen 8. Jahrhundert stammende Landpolizeiordnung des »Nomos Georgikos«. Sie galt vermutlich nur für eine bestimmte Region, ist aber darin symptomatisch, daß neben dem Großgrundbesitz mit Colonen nun andere Elemente der sozialen Ordnung auf dem Lande erscheinen: freie Dorfgemeinschaften mit kommunalem Landbesitz, freie bäuerliche Grundbesitzer, Freizügigkeit anstelle von Schollenbindung, und Abschaffung von Dienstbarkeiten. Eine Gewichtsverschiebung zuungunsten der auch politisch gefährlichen großen Domänen ist offensichtlich; die Schicht kleiner freier Landbesitzer beginnt für die byzantinische Provinz ein bestimmender sozialer und ökonomischer Faktor zu werden.

XI. Die Kultur des 7. Jahrhunderts: Identität von Reich und Orthodoxie

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Die Kehrseite von Existenzkampf und Staatsreform war eine Dürre der Kultur, die sich scharf von der Blüte der justinianischen Zeit abhob. Überleben durch Anpassung band alle Kräfte. Doch das erklärt die Sterilität von Kunst und Literatur nicht allein. Mit den östlichen Provinzen waren nicht nur die Handels- und Gewerbezentren Syriens und die Kornkammer Ägypten verloren, sondern zugleich stark urbanisierte und geistig besonders lebendige Regionen. Das bedeutete eine doppelte Verarmung. Einmal verlor die byzantinische Kultur ihren polyzentrischen Charakter. Zum anderen ging mit der Rolle der Städte auch die Pflege weltlicher Bildung zurück. Das führte zusammen mit verstärkten mystisch-asketischen Tendenzen zu einer entschiedenen Verkirchlichung der Kultur. Es ist kein Zufall, daß in dieser Zeit ein wesentliches Stück antiken Erbes verlorenging. Bedeutende Schöpfungen der Kunst entstanden bezeichnenderweise nur noch außerhalb der neuen Reichsgrenzen. Die Kultur des ersten islamischen Jahrhunderts war noch stark von byzantinischen Traditionen mitgeprägt; syrische Moscheen und Jagdschlösser oder armenische Kathedralen verkörpern große Leistungen des ostbyzantinischen Stils. In der Literatur blieb Georgios Pisides, wohl der größte weltliche Dichter von Byzanz, eine einsame Ausnahme. Seine Versepen über die die Feldzüge des Heraklios sind zudem in dieser an Ereignissen wahrlich nicht armen Zeit das einzige historische Werk von Bedeutung. Die Theologie versandete in einer jeder Originalität baren monophysitischen Streitliteratur. Die beiden einzigen Theologen von Rang, Johannes Damascenus und Maximus Confessor, waren letztlich doch schon Kompilatoren und Kommentatoren der großen theologischen Literatur des 5. Jahrhunderts, wenn auch Maximus eine bedeutende Rolle in der Geschichte der byzantinischen Mystik spielte. Das monophysitische Schisma hatte während der persischen und arabischen Offensiven erneut seine politische Sprengkraft bewiesen. Auch jetzt versteiften neue Kompromißformeln, die Heraklios in Zusammenarbeit mit dem Patriarchen Sergios durchzusetzen suchte, nur den Widerstand beider Seiten. Der Monotheletismus (Lehre von einem gottmenschlichen Willen in zwei Naturen) war schon bei seiner Verkündung durch kaiserliches Edikt, die »Ekthesis« (638), überholt. Das jahrhundertealte Schisma, an dem Kaiser wie Patriarchen und Bischöfe gescheitert waren, löste sich kirchenpolitisch schließlich durch den Verlust der Ostprovinzen. Die Monophysiten wurden zu häretischen Sonderkirchen im fremden Herrschaftsbereich; im griechisch- kleinasiatischen Gebiet war ihre Bedeutung ohnehin gering gewesen. Beim 6. Ökumenischen Konzil von Konstantinopel 680/81 waren die Patriarchen des Ostens zwar noch vertreten. Aber die Formel von zwei Naturen, die in Christus in einer Hypostase vereinigt sind (»zwei Willen und Energien, die harmonisch miteinander für die Erlösung des Menschengeschlechts wirken«), ließ für die Monophysiten keinen Zweifel daran, daß Konstantinopel den Versuch der Verständigung endgültig aufgegeben hatte.

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Für das Byzantinische Reich war die Rückkehr zur modifizierten Formel von Chalkedon ein Gewinn: es war religiös jetzt ein einheitlicher Raum der orthodoxen Christenheit. Mit den administrativen und sozialpolitischen Reformen trug die wiedergewonnene kirchliche Einheit entscheidend zur Konsolidierung bei. Aber auch die Kultur des 7. (und des 8.) Jahrhunderts hat ihre fruchtbare Kehrseite im Prozeß der Hellenisierung. In seinen neuen Grenzen errang Byzanz jene innere Einheit, die Justinians renovatio imperii nicht zu schaffen vermocht hatte. Die östlichen Provinzen mit ihrer vorwiegend nicht- hellenischen Bevölkerung waren ausgegliedert, ebenso die romanisierten Gebiete des nordwestlichen Balkans. Im italienischen Exarchat verstärkten Flüchtlinge aus Nordafrika und Ägypten die Griechisch sprechende Bevölkerung. Kleinasien und die griechischen Gebiete (vor allem die administrativ eng mit Kleinasien verbundenen Provinzen Thrakien und Makedonien) mit ihrer vorwiegend orthodoxen, Griechisch sprechenden Bevölkerung bildeten die Kernländer des Reiches. Für die Ostprovinzen war die Assimilationskraft der byzantinischen Kultur am Ende nicht stark genug gewesen. Hier aber entfaltete sie ihre volle Kraft – nicht nur gegenüber den Lokalsprachen Anatoliens, sondern vor allem gegenüber den zahlreichen slawischen Neusiedlern im südlichen Balkan und in Kleinasien. Die Religion war das Werkzeug der Assimilation: Sprache und Geist des orthodoxen Glaubens, den die Slawen übernahmen, waren griechisch. Das Byzantinische Reich blieb zwar in gewisser Hinsicht ethnisch heterogen und Hort verschiedener kultureller Traditionen. Orientalische Unterströmungen blieben lebendig; noch bestand in Kultur und Religion eine unterirdische Spannung, die sich im 8. Jahrhundert zur Krise des Bilderstreits verdichtete. Doch gemeinsamer Glaube und kirchliche Einheit wirkten auf eine zunehmende Hellenisierung hin, die Kunst und Literatur ebenso erfaßte wie das politische und geistige Selbstbewußtsein der führenden Schichten. Sie läßt sich z.B. in Verwaltungssprache und staatlichen Titulaturen aufweisen; der alte griechische Titel Basileus, nicht mehr das lateinische Imperator Augustus, bezeichnet seit Heraklios den Kaiser. Die Hellenisierung des Reiches hatte auch eine politische Seite. Die neuentstehende religiös-kulturelle Solidarität war für Bestand und Erneuerung von Byzanz ebenso wichtig wie die reformierte Staatsordnung oder die starken natürlichen Grenzen Anatoliens. Das Reich hatte seine Weltstellung verloren. Aber es gewann als Ausgleich jene Identität von griechischem Kulturbewußtsein und orthodoxem Glauben, die in ihrer engen Verflechtung politischer und religiöser Existenz gerade gegenüber dem Islam ein entscheidendes Moment der Widerstandskraft blieb. Eine klare ethnische Definition des »Rhomaios« gegenüber den »Hellenes« (den Heiden und Barbaren) konnte es in dem Vielvölkerstaat nicht geben. Für die gemeinsame Nationalität stand hier die Gemeinschaft im Glauben der orthodoxen Kirche; Häresie und Verrat waren identisch.

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Die zielbewußte Konsolidierungspolitik der Heraklios-Dynastie mündete in eine neue Staatskrise. Sie hatte den straffen Gebrauch der absolutistischen Vollmachten der Zentrale erfordert, damit aber auch gegen Ende des Jahrhunderts eine ständig wachsende innenpolitische Opposition gegen das autokratische Regime provoziert, die mehr vom großgrundbesitzenden Adel als von der breiten Masse der Bevölkerung ausging. Die Rückkehr Justinians II. aus der Verbannung und sein zweiter Sturz 711 leiteten über zu sechs Jahren von Bürgerkriegen und schnellen Kaiserwechseln. Es war eine schwere, aber doch temporäre Erschütterung, in deren Wirren sich die neue Ordnung als Grundlage der historischen Rolle von Byzanz in kommenden Jahrhunderten zu halten vermochte. Unter den Faktoren der Krise trat ein neues Element politischer Labilität hervor, das wie der Widerstand der von den sozialpolitischen Auswirkungen der Themenverfassung betroffenen Großgrundbesitzer auf die weitere gesellschaftliche Entwicklung in Byzanz vorausweist: die Rolle der Themen-Strategen und ihrer Truppen bei Thronwechseln. Der Befehl über eines der kleinasiatischen Themen wurde, wie in der Zeit der Soldatenkaiser das Kommando großer Armeen in Gallien oder Syrien, ein Sprungbrett zur Macht – eine Entwicklung, die bald die Verkleinerung der ursprünglich sehr großen Themenbezirke erzwang. Auch der fähige General Leon III., der 717 im Moment außenpolitischer Gefährdung als einer der großen Themenbefehlshaber die Macht übernahm, war ein solcher Militärkaiser. Die innenpolitische Krise war durch außenpolitische und militärische Rückschläge verschärft worden. Eine neue Phase arabischer Angriffe zu Land und See führte zum dritten Großangriff auf die Zentrale des Reiches; gleichzeitig erreichten die Bulgaren die Vorstädte von Konstantinopel. Die erfolgreiche Abwehr der dritten Belagerung von Konstantinopel entschied, daß Kleinasien nochmals für fast 700 Jahre byzantinisch und orthodox, ein Bollwerk gegen den Islam blieb. Im Jahrhundert der islamischen Eroberung war eine neue Landkarte entstanden, auf der sich drei Machtbereiche heraushoben: Byzanz, das Kalifat und das Frankenreich. Zu Beginn des 8. Jahrhunderts kamen die Macht- und Gebietsverschiebungen langsam zur Ruhe; feste Grenzen und bestimmte politische Kraftfelder zeichneten sich immer klarer ab. Die Umfassung des Mittelmeers von Süden her durch den Islam war vollendet, wenn auch der Versuch des Einbruchs nach Westeuropa scheiterte. Byzanz war aus dem westlichen Mittelmeerraum verdrängt und hatte bedeutende Gebietsverluste erlitten. Trotzdem blieb es neben den Umajjaden die zweite Macht der Zeit. Seit 718 bildete sich im Nahen Osten zunehmend ein militärisches Gleichgewicht aus; zugleich konnte das Vorfeld der Hauptstadt endlich gegen die Bulgaren gesichert werden. Doch dieser außenpolitischen Stabilisierung folgte mit dem Bilderstreit eine neue, schwere innere Erschütterung des Reiches. 2. Die Krise des Ikonoklasmus

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Von 717 bis 842 wurde das Byzantinische Reich von einer schweren Auseinandersetzung über die Rolle der Ikonen im religiösen Kult gespalten. Wie bei den meisten Angelegenheiten, die die Kirche betrafen, wurde die ganze Bevölkerung des Reiches mit in die Diskussion hineingezogen. Das Problem wurde erst im Jahr 843 gelöst, als die Ikonen für immer als fester Bestandteil der orthodoxen Religion wieder eingeführt wurden. Alle bedeutenden Häresien der vorangegangenen Jahrhunderte, wie der Arianismus oder der Monophysitismus, hatten die Byzantiner in ähnlicher Weise erregt, so daß die religiöse Krise dieser Periode nichts Neues war. In der ikonoklastischen Epoche jedoch gab es kein Jahrzehnt, in dem das Byzantinische Reich nicht durch militärische Gewalt von außen bedroht wurde. Die Kaiser, ob sie nun Verfechter oder Gegner der Verehrung von Ikonen waren, mußten mehreren Versuchen der Araber und Bulgaren, das Reich zu überrennen, entgegentreten. Deshalb war die bedeutendste Leistung dieser Zeit die erfolgreiche Abwehr dieser Vorstöße, wenn auch um den Preis byzantinischer Gebietsverluste in Mittelitalien und eines langjährigen Schismas zwischen der östlichen und westlichen Hälfte der Kirche. Alle Kaiser sahen sich außerdem, ohne Rücksicht auf ihre eigenen kirchenpolitischen Auffassungen, mit den altgewohnten Problemen des Reiches konfrontiert. Unter großen Anstrengungen mußten sie die innere Einheit eines Vielvölkerstaates wahren, lokalen Autonomiebestrebungen entgegenarbeiten, die von Häresien und regionalen Zwistigkeiten zerrissene Kirche des Ostens einen – mit einem Wort, sie mußten versuchen, die in Byzanz wirkenden zentrifugalen Kräfte unter Kontrolle zu bringen. Diese Tendenzen hätten ohne die entschlossene Aktivität vor allem der bilderfeindlichen Kaiser, die erfolgreicher waren als ihre Gegenspieler, die bilderfreundlichen Kaiser, zur Auflösung des Reiches führen können. Die Ikonoklasten unterstellten jeden Bereich der byzantinischen Gesellschaft straffer der kaiserlichen Gewalt. Durch eine Reihe von Reformen zentralisierten und vereinheitlichten sie die Erhebung der Steuern, die Durchführung der Gesetze, die Heeresorganisation und die Verwaltung der Provinzen und der Kirche. Diese Reformmaßnahmen sind in den erhaltenen Quellen durch Vorurteil und Haß entstellt. Nach der Wiedereinführung der Bilderverehrung im Jahr 843 wurden sämtliche Schriften der Bilderstürmer vernichtet, so daß fast alle erhaltenen Aufzeichnungen über die Epoche des Ikonoklasmus aus der Sicht der Anhänger der Bilderverehrung geschrieben sind. In diesen Chroniken spiegelt sich einseitig der Abscheu vor dem Ikonoklasmus wider, der nicht einmal die wirkungsvollsten Maßnahmen der bilderstürmenden Kaiser gelten läßt. Das wirkt sich auch in den modernen Darstellungen dieser Epoche aus. Um zu einem ausgewogenen Urteil zu kommen, müssen die bilderfreundlichen Quellen mit kritischer Vorsicht benützt werden. Unbestritten ist die Festigung der kaiserlichen Kontrolle über das Reich eine der bedeutendsten Leistungen des ikonoklastischen Zeitalters. Aber viele

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Probleme bedürfen noch eingehenderer Untersuchung und Analyse, zum Beispiel die Frage, in welchem Maß die Krise eine innenpolitische Reaktion auf Bedrohung von außen oder in welchem Umfang sie ein Ergebnis der Reformbedürftigkeit war. Es ist deshalb schwer, Rolle und Bedeutung dieser religiösen Auseinandersetzung in der politischen, sozialen und ökonomischen Geschichte des Byzantinischen Reiches definitiv zu bewerten.

I. Die erste Phase des Bildersturmes: 717–775

a) Die Lage im Jahr 717

Der unmittelbare Erfolg von Leons III. Machtergreifung im März 717 war die Abwehr des gefährlichsten Versuchs der Araber, das Byzantinische Reich zu erobern. Unmittelbar nach seiner Krönung nahm sich der neue Kaiser der dringlichen Aufgabe an, Konstantinopel für diese Bedrohung zu wappnen. Kalif Suleiman hatte eine Belagerung vom Land wie vom Meer her geplant. Im August 717 wurde sie begonnen, aber schon zwölf Monate später wurden die Araber wieder zum Rückzug gezwungen. Die Belagerung war fehlgeschlagen. Einen beträchtlichen Anteil an diesem erfolgreichen Widerstand trägt Leon, wenn ihm auch drei Faktoren dabei zustatten kamen: die besondere Widerstandskraft der Mauern der Hauptstadt, der Einsatz von Griechischem Feuer, einem den Arabern unbekannten chemischen Präparat, und ein ungewöhnlich strenger Winter, der den Belagerern schwer zu schaffen machte. Das Scheitern der Belagerung führte zur völligen Katastrophe, als die arabische Flotte auf ihrer Rückfahrt nach Alexandria aufgerieben und vernichtet wurde. Leon war keineswegs eine unbekannte Figur. Er stammte aus Germanikeia in Nordsyrien, obwohl seine Familie später, vielleicht unter arabischem Druck, nach Thrakien übergesiedelt war. Für eine isaurische Abstammung, die Leon oft zugeschrieben wird, gibt es wenig Anhalt, und Leons Nachfolger sollten besser die Syrische als die Isaurische Dynastie genannt werden. Er hatte in den Diensten Justinians II. und Anastasios’ II. gestanden, der ihn zum Befehlshaber (strategos) des Thema Anatolikon ernannt hatte. Die Truppen von Anatolikon und Armeniakon unterstützten seinen Aufstand gegen Theodosios III. und riefen ihn zum Kaiser aus. Als sie auf die Hauptstadt marschierten, dankte Theodosios ab, und Leon übernahm ohne Blutvergießen die Macht. Indem er mit sicherer Hand zwei Aufstände im Innern niederschlug und die kaiserliche Verwaltung reorganisierte, gelang Leon die Begründung einer Dynastie, die 85 Jahre bestehen sollte. Die Leistungen der Syrischen Dynastie wurden oft in Mißkredit gebracht, weil ihre Kaiser den Ikonoklasmus – die Zerstörung der Ikonen – förderten. In diesem Punkt handelten sie jedoch aus religiöser Überzeugung. Die Predigten Leons III.

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und die Abhandlungen seines Sohnes Konstantins V. zeigen deutlich, daß beide fest davon überzeugt waren, Ikonen seien Götzenbilder. Leon war der Ansicht, die bildliche Darstellung der Heiligen Familie, der Apostel und der Heiligen führe zu nichts anderem als zum Götzendienst. Darum ließ er alle verfolgen, die weiterhin aus Überzeugung der Lehre von der Bilderverehrung anhingen, die Ikonophilen oder Ikonodulen (Bilderfreunde oder Bilderdiener). Diese Verfolgung hatte schwere Spaltungen nicht nur im Reich, sondern auch in der Kirche zur Folge. Die ganze Hierarchie der Metropoliten, Bischöfe und Ortspfarrer, alle Klöster und Kirchengemeinden wurden mit in die Auseinandersetzung hineingezogen, nicht nur durch die christologischen Probleme, sondern auch durch einen tief im Volk verwurzelten Glauben an die Macht der Ikonen. Dieses öffentliche Interesse an der Diskussion überdauerte die Wiedereinsetzung der Orthodoxie im Jahr 843. Ikonen wurden im Byzantinischen Reich verehrt, seitdem Konstantin der Große das Christentum als legitime Religion anerkannt hatte, und seit Justinians Regierungszeit hatte ihr Kult noch an Einfluß gewonnen. Gleichzeitig wurde weiterhin das Bildnis des Kaisers wie in römischer Zeit verehrt. Aber allmählich entstand in Verbindung mit den Bildnissen Christi und der Jungfrau Maria ein besonderer Kult, und Ikonen wurden in Schreinen, Kirchen, auf öffentlichen Plätzen und in den Häusern aufgestellt. Sie wurden mit in die Schlacht genommen und feierlich um die Mauern belagerter Städte herumgetragen. Oft sprach man den Ikonen auch Wunderkräfte zu, und allmählich traten sie an die Stelle der Reliquien als Gegenstand der Verehrung in den Kirchen. Trotz des ursprünglichen Verbots der christlichen Kunst als Götzenkult wurde sogar die bildliche Darstellung Christi durch das Quinisextum von 692 erlaubt. Am Ende des 7. Jahrhunderts waren in allen Teilen des Byzantinischen Reiches die Ikonen allgemein als fester Bestandteil des christlichen Gottesdienstes anerkannt; aber noch war nicht jeglicher Zweifel beseitigt. Im Jahr 723 hatten zwei Bischöfe, Konstantin von Nakoleia und Thomas von Klaudiopolis, mit dem Patriarchen Germanos die weitere Verehrung von Ikonen erörtert und dieser hatte sich eindeutig geweigert, irgendeinen Wechsel zu unterstützen. Die Ablehnung der Bilderverehrung entsprang sicherlich dem Verbot des Alten Testamentes und dem Vorwurf der Götzendienerei, der in den Diskussionen zwischen Christen, Moslems und Juden immer wieder eine große Rolle spielte. In diesen Auseinandersetzungen konnten auch nichtchristliche Theologen Einfluß auf die Byzantiner gewinnen. Das Verbot jeglicher religiöser Kunst in Moscheen scheint um 700 ergangen zu sein, während die Juden schon immer bildliche Darstellungen vermieden hatten. Aber im Jahr 721 dehnte Kalif Jezid II. diese Sitte der Moslems auch auf die Christen aus, die unter seiner Herrschaft lebten, und befahl die Zerstörung aller christlichen Ikonen. Da er in Syrien geboren war, mußte Leon III. mit diesen Vorstellungen vertraut gewesen sein; offensichtlich war er sogar von ihnen überzeugt.

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b) Der Beginn des Bildersturmes

Im Jahr 726 ließ der Kaiser das berühmte Bild Christi an der Bronzetür des kaiserlichen Palastes entfernen; einer aufgebrachten Menge gelang es jedoch, einen Soldaten zu töten, bevor das Bild weggebracht werden konnte. Es kam zu Straßenkämpfen, und einige überzeugte Verfechter der Ikonenverehrung wurden bestraft. In den Provinzen von Italien und Griechenland war die Reaktion ähnlich. Papst Gregor II. erhob Einspruch gegen die Einmischung des Kaisers in Glaubensangelegenheiten und enthielt der kaiserlichen Staatskasse Einkünfte aus Italien vor, während die Helladikoi von Zentralgriechenland nach Konstantinopel segelten, um das Reich vor Leons Gottlosigkeit zu retten. Ihre Flotte wurde in einer Schlacht nahe dem Hellespont vernichtet und ihr Thronprätendent Kosmas 727 hingerichtet. Bei den Einwohnern des östlichen Reichsteils, die zu den erbittertsten Anhängern des Ikonoklasmus werden sollten, fand Leons Entscheidung möglicherweise Unterstützung in den Kreisen, denen die jüdische und islamische Ablehnung figürlicher Darstellung bekannt war. Als Leon versuchte, die kirchliche Zustimmung zur Vernichtung der Bilder zu bekommen, stieß er bei dem Patriarchen Germanos auf heftigen Widerstand. Der Kaiser löste das Problem auf sehr direkte Art und schuf damit für die Dauer des Bilderstreites einen Präzedenzfall. Im Jahr 730 forderte er von dem Patriarchen die Anerkennung eines Ediktes, das die Bilderverehrung untersagte. Als Germanos sich gegen diesen Erlaß erklärte, ließ Leon den obersten Rat der weltlichen und geistlichen byzantinischen Beamten (das Silention) zusammentreten; dieser verurteilte Germanos und bestätigte das Edikt des Kaisers. Daraufhin stellte der Patriarch sein Amt zur Verfügung; an seine Stelle trat sein früherer Mitarbeiter Anastasios. Dieser Schritt wurde von allen Patriarchen des Ostens wie auch von Gregor II. mißbilligt, der Anastasios exkommunizierte und so das Schisma zwischen der östlichen und westlichen Kirche herbeiführte, das mit einigen Unterbrechungen bis zur Aufhebung des Bilderverbots im Jahr 843 dauerte. Wahrscheinlich ließ sich Leon nur durch die große Popularität der Bilderverehrung davon abhalten, den entscheidenden Schritt zu wagen – die Anerkennung der neuen Lehre durch ein ökumenisches Konzil. Das erreichte Konstantin V. im Jahr 754. Jeder folgende Versuch, ein kirchliches Dogma zu ändern, orientierte sich an dieser Verfahrensweise: ein Patriarch, der eine solche Änderung befürwortete, wurde gewählt, und mit seiner Ermächtigung trat dann ein Kirchenkonzil zusammen, das die Änderung verkündete. Daß der Kaiser bei der Wahl der Patriarchen eine entscheidende Stimme besaß und auch bei den Konzilien den Vorsitz führte, erleichterte solche Abänderungen ganz beträchtlich. Die erzwungene Einführung des Ikonoklasmus mußte unausweichlich zu Zusammenstößen mit der Kirche führen; Leon war entschieden bereit, sich dabei mit Gewalt durchzusetzen. Als Papst Gregor III. ein Konzil einberief, das die

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Bilderstürmer verurteilte, ließ der Kaiser die päpstlichen Legaten in Konstantinopel ins Gefängnis werfen und entsandte eine Flotte nach Italien. Außerdem entzog er die byzantinischen Provinzen von Italien, Sizilien und die Präfektur Illyricum – also den gesamten europäischen Teil des Reiches – der Jurisdiktion der römischen Kirche und unterstellte sie dem Patriarchen von Konstantinopel. Gleichzeitig wurden die Einkünfte der päpstlichen Patrimonien dem kaiserlichen Fiskus zugeführt. Diese äußerst bedeutsame Maßnahme zielte deutlich darauf hin, das Patriarchat auf Kosten Roms zu bereichern; Leon wollte aber auch die ganze Ostkirche unter seine Kontrolle bringen. Der Versuch, die kaiserliche Gewalt in allen Bereichen der byzantinischen Gesellschaft unmittelbar durchzusetzen, ist ein Grundzug seiner bilderfeindlichen Herrschaft. So wurde die neue Lehre durchgesetzt; sie bewirkte jedoch eine tiefe Spaltung des Reiches und ein Schisma zwischen der Kirche von Konstantinopel und dem Papst, das den byzantinischen Einfluß in Italien schwächte. Deshalb stellt sich die Frage, warum Leon darauf bestand. Zweifellos war der Kaiser in seinem Handeln ebenso von religiöser Überzeugung wie von politischen Überlegungen bestimmt, und er stand mit seiner Ansicht nicht allein. Das Edikt, das die Bilderverehrung verbot, fand deswegen Unterstützung, weil sich darin ein tiefes, weitverbreitetes Mißtrauen gegenüber religiösen Bildern und gegenüber den Mönchen, die hauptsächlich damit in Verbindung gebracht wurden, widerspiegelte. Der Neid auf den zunehmenden Reichtum der Klöster und auf ihren Einfluß in der Ostkirche war sehr groß. Anhänger des Ikonoklasmus gab es in allen Teilen des Reiches und in allen Gesellschaftsschichten. Sie traten für die Unterordnung der Kirche unter kaiserliche Kontrolle und für eine strenge Militärherrschaft ein. Obwohl sich im Verlauf des 8. Jahrhunderts der Bilderstreit mit der Sozial- und Wirtschaftspolitik der Syrischen Kaiser verband, war das ursprüngliche Motiv religiöser Natur, und während der ersten Phase des Bildersturmes spielten die religiösen Aspekte der Reformen eine beherrschende Rolle. Mit diesem Rückhalt konnten Leon III. und Konstantin V. die Kirche kaiserlicher Kontrolle unterstellen und die Ressourcen des Reiches in vollem Ausmaß gegen die Araber mobilisieren. c) Die Leistung Leons III. und Konstantins V.

Die Verteidigung von Byzanz

Daß das Reich überlebte, verdankte es den ersten beiden Syrischen Kaisern. Ohne ihre Offensive gegen die Araber zwischen 717 und 775 wäre das Neue Rom wie seine Mutterstadt im Westen in die Hände der Barbaren gefallen. Nach der Belagerung von 717–18 reorganisierte Leon die byzantinische Marine durch Schaffung zweier neuer Kontingente: der Streitkräfte der Kibyraioten, die sich aus einem neuen Thema an der Südküste Kleinasiens rekrutierten, und einer selbständigen Einheit, die im Ägäischen Meer stationiert war. Auf dem Festland ging der Kampf weiter. Obwohl die arabischen Truppen während der

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Belagerung dezimiert worden waren, setzte Kalif Hischam (724–743) seine jährlichen Raubzüge in byzantinisches Gebiet fort. Leon kommandierte persönlich die Armeen, die diese Unternehmungen beenden sollten, aber erst 740 kam es zu einer Entscheidungsschlacht, als die Byzantiner bei Akroinon ein großes arabisches Heer schlugen. Nach diesem Sieg unternahm Konstantin V. mehrere Offensiven gegen das Kalifat, das durch den Sturz der Umajjaden und die Gründung einer neuen Hauptstadt, Bagdad, unter den Abbasiden geschwächt war. Aber die drei byzantinischen Erfolge – 746 (bei Germanikeia), 752 (bei Melitene und Theodosiopolis) und 757 – waren nicht allein auf die schlechte Verfassung der arabischen Truppen zurückzuführen. Konstantin war ein noch größerer Stratege und Heerführer als sein Vater, und seine Soldaten bewunderten ihn und vertrauten ihm vorbehaltlos. Der Feldzug des Jahres 757 machte den ausgedehnten Einfällen der Araber ein Ende und sicherte die Südostgrenze. Die militärische Aktivität beschränkte sich jetzt auf kleinere Raubzüge und den Austausch von Gefangenen. Das gefährliche Vordringen des Islam war zum Stehen gebracht.

gefährliche Vordringen des Islam war zum Stehen gebracht. Abb. 7: Die Feldzüge der Jahre 717–775 und

Abb. 7: Die Feldzüge der Jahre 717–775 und die ursprüngliche Ausdehnung der Themen in Kleinasien

Noch vor dem Jahr 741 teilte Leon das übergroße Thema Anatolikon und setzte für die westliche Hälfte eine getrennte Verwaltung ein, die nach den hier

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stationierten Truppen Thrakesion genannt wurde. Mit dieser Trennung, die später auch auf das ebenso umfangreiche Gebiet von Opsikion angewendet wurde, verband sich die Absicht, eine Machtkonzentration in der Hand eines einzigen Militärgouverneurs (strategos) zu verhindern. Seine eigene Machtergreifung hatte Leon die potentielle Stärke dieser Stellung gezeigt; auch Konstantins Schwager, Artabasdos, nützte sie bei seinem Griff nach der Kaiserkrone. Auf diese Weise vergrößerte sich die Anzahl der Provinzen und Provinzgouverneure, bis es im Jahr 775 sieben Themen in Kleinasien – darunter zwei maritime – und drei im Westen gab. Die schrittweise Ausdehnung der Militärverwaltung auf alle Teile des Reiches beleuchtet einen Aspekt der auf eine Stärkung der Zentralgewalt hinzielenden Politik der Syrischen Kaiser und bedeutet gleichzeitig eine Weiterführung des von der Dynastie des Heraklios begonnenen Werkes.

Neuordnung der Finanzen

Über das Wirtschaftsleben unter der Syrischen Dynastie fehlen jegliche Einzelinformationen, aber der allgemeine Wohlstand und der niedere Getreidepreis lassen vermuten, daß die wirtschaftlichen Möglichkeiten des Reiches gut genutzt waren, um den steigenden Bedürfnissen des militärischen Verbrauchs gerecht zu werden. Leon gewann nicht nur zusätzliche Einkünfte aus den päpstlichen Patrimonien in Italien, er erhöhte auch die Kopfsteuer in Sizilien und Kalabrien um ein Drittel. Konstantin wurde als »Neuer Midas« verschrien, gleichzeitig jedoch hielt er den Kornpreis auf einem erträglichen Niveau. Die Beschlagnahme von kirchlichen Einkünften – ein Teil von Leons ikonoklastischer Politik – wurde auch unter Konstantin, sogar in noch größerem Ausmaß, fortgesetzt. Trotzdem förderten selbst diese beiden Kaiser den Bau von Kirchen. Leon ließ die Irenen-Kirche in Konstantinopel, die bei einem Erdbeben schwer beschädigt worden war, wieder aufbauen und schmückte die Apsis mit einem großen Mosaikkreuz. Und Konstantin war, wenngleich er so viele Werke mit figürlichen Darstellungen zerstören ließ, ein großer Patron der ikonoklastischen Kunst. Zu dieser Zeit verschwanden allmählich die Teilwerte der Goldwährung, und um das Jahr 780 wurden nur noch das Gold-Nomisma (solidus), das Silber- Milaresion und der Kupfer-Follis geprägt. Das Milaresion, das ein Zwölftel des Nomisma wert war und auf dem arabischen Dirham basierte, wurde von Leon III. eingeführt. Diese Vereinfachung der kaiserlichen Münzprägung und ihr auf das Reich beschränkter Umlauf spiegelt möglicherweise einen Rückgang der wirtschaftlichen Aktivität im Verlauf des 8. Jahrhunderts wider, während der nahezu pausenlose Kriegszustand zweifellos die Handelswege unterbrach und die städtischen Absatzmärkte isolierte.

Reform des Gerichtswesens

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Der Versuch, der Finanzverwaltung eine solide Basis zu geben, fand auf dem Gebiet des Rechts eine Parallele. Leon III. verfügte, daß die Richter fest besoldet wurden und keine Geschenke entgegennehmen durften – eine unerläßliche Sicherheitsvorkehrung gegen Bestechung. Als nächstes wurde das Gesetzbuch von einer Kommission von Sachverständigen revidiert. Sie erarbeiteten eine vereinfachte Ausgabe des justinianischen Corpus Iuris Civilis, die sie um einige Gewohnheitsrechte und um die wichtigen Entscheidungen der Kirchenkonzilien über Ehe, Eigentum und Erbrecht erweiterten. Der neue Codex, in griechischer Sprache abgefaßt, um die Anwendung in einer nunmehr Griechisch sprechenden Welt zu erleichtern, hieß die Ekloga oder »Auswahl«. Er war ein brauchbares Handbuch für Provinzrichter und blieb bis weit ins 9. Jahrundert hinein in Benutzung. Das Privat- und Strafrecht der Ekloga wurde durch ähnliche Auszüge über Rechtsfragen der Marine, des Militärs und der Landwirtschaft ergänzt, die zu verschiedenen Zeiten kompiliert wurden. Diese kurzen Gesetzesabrisse sollten bei der Lösung praktischer Probleme nützlich sein, wie zum Beispiel der Höhe des Schadenersatzbetrages für den Verlust eines Wachhundes oder dem Versicherungstarif für Seereisen. In ihrer Gesamtheit stellten sie einen klaren Leitfaden zu einer für das ganze Reich einheitlichen Rechtsprechung dar.

d) Byzantinische Beziehungen zu den Bulgaren und Slawen

In der Zeit zwischen dem Tod Konstans’ II. (668) und dem frühen 9. Jahrhundert wurde die byzantinische Herrschaft auf der Balkanhalbinsel durch das Einströmen slawischer Bevölkerungsmassen schwer erschüttert. Um die Mitte des 8. Jahrhunderts wurde die Provinz Thrakien, das Hinterland der Hauptstadt, von Bulgaren bedroht, die sich in West-Thrakien und Makedonien festgesetzt hatten. In den Jahren 755–56 verstärkte Konstantin V. die Grenzverteidigung mit armenischen und syrischen Kriegsgefangenen aus dem Feldzug von 749. Der Zweck dieser Umsiedlung war, genügend Mannschaften für die Verteidigung der Provinz bereitzustellen und gleichzeitig die Bestellung der ertragreichen Kornfelder zu sichern. Nach dem Verlust von Ägypten und Nordafrika war Thrakien eine der wichtigsten Kornkammern des Reiches geworden. Diese Maßnahmen forderten bulgarische Angriffe auf byzantinisches Gebiet heraus, und als Vergeltungsmaßnahme führte Konstantin neun größere Feldzüge gegen die Bulgaren, deren Vordringen damit schließlich Einhalt geboten werden konnte. Er kämpfte auch gegen die Sklaviniai, von den Slawen beherrschte Gebiete im Umkreis von Thessalonike. Im Jahr 762 wurden 208000 slawische Flüchtlinge in Bithynien angesiedelt; dort hatten schon viele Slawen im vorhergehenden Jahrhundert Zuflucht gefunden. Konstantins andere Bevölkerungsumsiedlung resultierte aus der Notwendigkeit, die Opfer der hauptstädtischen Pestkatastrophe von 746–47 ersetzen zu müssen. Die Syrischen

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Kaiser waren immer besonders darauf bedacht, die wirtschaftliche Aktivität des größten Marktes in der westlichen Welt zu erhalten. Leon III. hatte eine besondere Steuer erhoben, um die Wiederaufbaukosten für die Befestigungsanlagen und die öffentlichen Bauten zu decken, die 740–41 von Erdbeben und Flutwellen zerstört worden waren. Die Einwohner der Hauptstadt nahmen eine Sonderstellung im Reich ein; und die Kaiser des 8. Jahrhunderts bemühten sich, ihre Privilegien zu erhalten.

e) Konstantin V. und das Papsttum

Die persönlichen religiösen Überzeugungen des Kaisers machten es unvermeidlich, daß sich während seiner Regierungszeit die Beziehungen zum Papsttum weiterhin verschlechterten. Die antibyzantinische Stimmung in den italienischen Provinzen mag mit dazu beigetragen haben, daß Ravenna, die Hauptstadt des byzantinischen Italien, im Jahr 751 von dem Langobarden Aistulf erobert wurde. Die Folge war, daß sich das nun gegen die Langobarden völlig ungeschützte Papsttum an die einzige andere christliche Macht wandte, die die Kirche des Westens verteidigen konnte – an die Franken. Im Jahr 754 nahm Papst Stephan II. die Verhandlungen mit König Pippin auf. Die Forderung nach fränkischer Präsenz in Italien richtete sich unmittelbar gegen Byzanz, und die weitere Entwicklung – die Schaffung eines Kirchenstaates im Herzen Italiens durch das gefälschte Dokument der »Konstantinischen Schenkung« – besiegelte den Niedergang der byzantinischen Macht im Westen. Konstantins V. Versuche, mit den Franken ein politisches Bündnis zu schließen, scheiterten völlig.

f) Verfolgung der Bilderverehrer unter Konstantin V.

Konstantin war sich darüber klar, daß der Ikonoklasmus als offizielle Religion der Ost-Kirche nur durch ein ökumenisches Konzil eingeführt werden konnte. Aber der Papst und die anderen Patriarchen hätten einer solchen Lehre niemals zugestimmt und aus diesem Grund jedes vom Kaiser einberufene Konzil boykottiert. Trotzdem ließ Konstantin im Kaiserpalast von Hiereia ein Konzil zusammentreten, das allerdings nur dem Namen nach als ökumenisch bezeichnet werden konnte; es war gut vorbereitet worden, indem man öffentliche Diskussionen durchgeführt und Anhänger des Ikonoklasmus auf freie oder neugeschaffene Bischofsstühle berufen hatte. Da Patriarch Anastasios vor kurzem gestorben war, präsidierten Theodosios von Ephosos oder der Kaiser Konstantin selbst bei vielen Sitzungen, bis der Bischof von Syllaion zum neuen Patriarchen gewählt wurde. Sieben Monate lang diskutierte die Versammlung der 338 Bischöfe über die Bilderverehrung, die sie aus vier Gründen verurteilte:

Warnungen der Bibel vor den Gefahren der Götzendienerei; das ausdrückliche Verbot von Götzenbildern; die Tatsache, daß die Bilder mehr Ehrfurcht vor der Darstellung einflößten, als daß sie zur Nachahmung des gottgefälligen Lebens

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anspornten; das christologische Problem der figürlichen Darstellung überhaupt. Das letzte Argument war weitaus das wichtigste, da allgemein anerkannt war, daß die göttliche Natur Christi nicht im Bild wiedergegeben werden konnte. Die Zusammenfassung der Beschlüsse, der ›Horos‹, wurde im August 754 veröffentlicht. Er ordnete die Zerstörung aller Ikonen an und belegte führende Bilderverehrer mit dem Bann; zu ihnen gehörten der Expatriarch Germanos und Johannes von Damaskus, der mehrere Schriften zur Rechtfertigung der Bilderverehrung verfaßt hatte. So wurde der Horos grundlegend für die ganze zukünftige ikonoklastische Lehre, während die Auffassung vom Kultbild als Symbol und Mittler, wie sie Johannes in seinen Abhandlungen entwickelte, zum Eckpfeiler in der bilderfreundlichen Argumentation wurde.

Eckpfeiler in der bilderfreundlichen Argumentation wurde. Abb. 8: Darstellung des Übertünchens von Heiligenbildern

Abb. 8: Darstellung des Übertünchens von Heiligenbildern im Chludov-Psalter, 9. Jh.

Der Horos gab Konstantin das Mittel zur Zerstörung religiöser Kunstwerke an die Hand; an ihre Stelle traten symbolische und profane Darstellungen von Tieren, Bäumen und Vögeln. Sehr häufig finden sich Abbildungen des Kreuzes und das Bild des Kaisers. Diese Veränderungen riefen natürlich eine heftige Reaktion der Anhänger des Bilderkultes hervor, die Konstantin vergeblich für seinen Glauben zu gewinnen suchte. Die Opposition, die ihren Hauptsitz in den Klöstern hatte, zeigte sich jedoch unnachgiebig, und in den sechziger Jahren des 8. Jahrhunderts griff man bei den Verfolgungen zu Gewaltmaßnahmen. Der erste

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Märtyrer war Stephan, ein Mönch vom Auxentiosberge, der im November 765 von dem rasenden Pöbel der Hauptstadt in Stücke gerissen wurde. Nicht nur Mönche, sondern auch hohe Hofbeamte und Verwaltungsbeamte in den Provinzen mußten für ihren Glauben leiden. Der Vater des Patriarchen Nikephoros (806–815), ein kaiserlicher Sekretär, wurde in dieser Zeit gefoltert und dann nach Pontos verbannt. Diesen Kreuzzug des Kaisers gegen die religiösen Überzeugungen der Bilderverehrer nahm sich Michael Lachanodrakon, der Gouverneur des Thema Thrakesion, zum Vorbild. Er begann eine Schreckensherrschaft, konfiszierte allen kirchlichen Besitz, zwang die Mönche zur Ehe, wenn sie nicht ihr Augenlicht verlieren wollten, und ließ schließlich alles Brennbare in einem Meer von Flammen aufgehen. Doch die Verfolgung war ohne Zweifel in der Hauptstadt am schlimmsten, wo sogar der Patriarch Konstantin zum Rücktritt gezwungen wurde, als der Kaiser seine Begeisterung für den Ikonoklasmus zu kühl fand. Der hartnäckige Widerstand der bilderfreundlichen Partei war jedoch nicht gebrochen. Durch diese Vorgänge sah sich Papst Stephan III. gezwungen, eine Synode einzuberufen, die den Ikonoklasmus verurteilte; aber die Haltung Roms Byzanz gegenüber wurde von politischen wie von religiösen Rücksichten bestimmt. Die Franken hatten die Vorherrschaft der Langobarden über Italien gebrochen und die Päpste mit Land und Sachgütern versorgt. Deshalb war der Papst nicht mehr auf die Hilfe des ketzerischen Kaisers Konstantin angewiesen. Zur Zeit des VII. ökumenischen Konzils (787) war der byzantinische Einfluß in Westeuropa von den Franken und dem Papsttum verdrängt worden. So führte die erste Phase der ikonoklastischen Bewegung unvermeidlich zum Entstehen einer getrennten westlichen Kirche und des Heiligen Römischen Reiches, das die Entstehung des mittelalterlichen Europa entscheidend beeinflußte. II. Die Auswirkungen der Wiedereinführung der Bilderverehrung, 775–802

Konstantin V. hinterließ bei seinem Tod im Jahr 775 sechs Söhne aus zwei Ehen. Der älteste bestieg als Kaiser Leon IV. (775–780) den Thron; aber seine fünf Halbbrüder untergruben seine Autorität und die seines jungen Sohnes, Konstantin VI., der 776 mit Leon zum Mitherrscher gekrönt worden war. Der Senat, die Armee, die Handelskorporationen und Bürger von Konstantinopel anerkannten Konstantin als Erben und leisteten Leons Linie der Syrischen Dynastie einen öffentlichen Treueeid. Die Ansprüche der enterbten Söhne Konstantins V. jedoch blieben weiterhin ein ständiger Widerstandsherd gegen Leons Gattin Irene und ihren Sohn Konstantin VI. Obwohl ihm die Willenskraft seines Vaters fehlte, verfolgte Leon IV. die gleiche ikonoklastische Politik, wenn auch in weniger gewaltsamer Form. Keines der Gesetze gegen die Bilderverehrung wurde abgeschafft, aber die Verfolgung und Folterung der Bilderverehrer hörte auf. Mönche durften in die Hauptstadt zurückkehren, vielleicht mit der Protektion der Kaiserin Irene. Leons Abneigung gegen eine Verfolgung hielt ihn jedoch nicht davon ab, öffentliche

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Bilderverehrung zu bestrafen; fünf Palastbeamte wurden für ihren Bilderkult ausgepeitscht, und Patriarch Paulos mußte zwangsweise den üblichen Eid gegen die Ikonen leisten. Leon berief zum erstenmal Mönche auf Bischofssitze – eine Neuerung, die die Kontrolle der Kirche durch den Kaiser verstärkte. Leons militärische Befähigung war nicht zu unterschätzen; er wehrte mit Erfolg zwei arabische Angriffe auf Kleinasien ab, bei Germanikeia (778) und in der Provinz Armeniakon (780). An der Grenze nach Norden war durch den Vertrag, den man 773 den Bulgaren aufgezwungen hatte, der Friede gewahrt. Die Umsiedlungspolitik der Syrischen Kaiser wurde durch die Ansiedlung arabischer Kriegsgefangener in Thrakien weitergeführt. Bei seinem plötzlichen Tod im September 780 war Leon dreißig Jahre alt und sein Sohn Konstantin VI. erst zehn. Die Oheime des Knabenkaisers versuchten die Situation zu ihren Gunsten auszunützen, aber ihre Pläne wurden von der Kaiserinmutter Irene durchkreuzt, die zur Regentin und Mitkaiserin bestimmt worden war. Mit sicherer Hand unterdrückte sie einen Aufstand zugunsten des ältesten Onkels, Nikephoros, und zwang alle Brüder, Priester zu werden. Weitere Versuche der fünf enterbten Söhne Konstantins V., in den Jahren 792 und 798 die Macht an sich zu reißen, konnten dadurch zwar nicht verhindert werden, aber sie verliefen ähnlich erfolglos. Als sie ihre Stellung gesichert hatte, faßte Irene die Wiedereinführung des Bilderkultes ins Auge. In diesem Vorhaben wurde sie von einer bilderfreundlichen Partei unterstützt, die sich um den Patriarchen Paulos und einige Beamte gebildet hatte. Sie mußten mit dem Widerstand fast aller Provinzgouverneure und der ganzen kirchlichen Hierarchie wie auch der Bevölkerung von Konstantinopel rechnen. Trotz aller Schwierigkeiten und Unsicherheitsfaktoren ihrer Position und ungeachtet ihrer Unerfahrenheit beharrte Irene auf der vollständigen Abkehr von der traditionellen Politik der Syrischen Kaiser; die Verfolgung ihrer Ziele machte sie zur ersten Frau, die allein als Kaiserin über das Byzantinische Reich herrschte.

a) Die Parteien der Bilderverehrer und Bilderstürmer

Eine der am meisten diskutierten Fragen im Zeitalter des Ikonoklasmus ist die Herkunft und Zusammensetzung der beiden Parteien. Sie hatten weder eine fest umrissene Anhängerschaft, noch repräsentierten sie bestimmte Gruppen der byzantinischen Gesellschaft. So zeigt beispielsweise die Bevölkerung der Hauptstadt im Jahr 726 eine tiefe Bildergläubigkeit, 813 jedoch trat sie für den Erz-Ikonoklasten Konstantin V. ein. In ähnlicher Weise wechselten kirchliche Würdenträger, Verwaltungsbeamte und Militärgouverneure ihre Ansichten und damit ihren religionspolitischen Standort. Weil Irene aus Athen, dem Zentrum des Aufstandes der Helladikoi im Jahr 727, kam, wurde lange Zeit vermutet, daß ganz Griechenland geschlossen hinter der Bilderverehrung stand. Umgekehrt nahm man an, daß die Ostgebiete des Reiches alle dem Ikonoklasmus anhingen,

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weil die Syrische Dynastie und andere ikonoklastische Kaiser von dort stammten. Diese Unterscheidung von Osten und Westen, die unzweifelhaft in historischen und geographischen Gegensätzen begründet war, wurde auch zur Erklärung für die Einstellung der Provinzsoldaten herangezogen – Truppen aus Asien waren immer Anhänger des Ikonoklasmus, europäische Einheiten immer Bilderverehrer. Aber eine eingehende Untersuchung der Rolle der byzantinischen Armee hat klar gezeigt, daß dies nicht der Fall war: Soldaten aus den östlichen Teilen des Reiches unterstützten gelegentlich auch einen Führer, der für die Bilderverehrung eintrat, wie es im Jahr 742 geschah. Bei diesem Aufstand halfen die Truppen aus Opsikion und Armeniakon dem bilderfreundlichen Artabasdos bei seinem Versuch, die Bilderverehrung wiedereinzuführen, während die Streitkräfte in Anatolikon und Thrakesion auf der Seite Konstantins V. standen. Die Armeen in den Provinzen wechselten während des Bilderstreites immer wieder die Fronten; sie waren keiner bestimmten Politik rückhaltlos verpflichtet, und ihre religiösen Überzeugungen scheinen bei ihren Entscheidungen nicht den Ausschlag gegeben zu haben. Deshalb trifft eine Erklärung, die die Bildung der zwei Lager auf den Ost- West-Gegensatz zurückführt, nicht für das gesamte ikonoklastische Zeitalter zu. Es ist durchaus möglich, daß die ikonoklastischen Kaiser aus einem viel einfacheren politischen Motiv heraus Unterstützung fanden. Wo die Bevölkerung sich von einer Invasion gefährdet wußte, folgte sie williger der Politik der Bilderstürmer, denn eine effektive militärische Führung, in Thrakien wie in Kappadokien, war im Zweifelsfalle ikonoklastisch. Aus der Verteidigung des Reiches gegen die Angriffe der Araber und Bulgaren erwuchs jene Politik, die man gemeinhin mit dem Ikonoklasmus assoziiert. Und da im 8. Jahrhundert gerade die Gebiete in Asien besonders bedroht waren, übte möglicherweise die natürliche Antipathie der Truppen aus Anatolikon und Armeniakon gegenüber Ikonen einen bestimmenden Einfluß aus. Die Gebiete, in denen jüdische und islamische Lehren und bestimmte Häresien verbreitet waren, standen der Bilderverehrung im allgemeinen distanzierter gegenüber. Die Soldaten aus der Provinz Anatolikon traten nachweislich fast immer entschieden für den Ikonoklasmus ein. Im Gegensatz dazu spielten die byzantinischen Provinzen der Balkanhalbinsel, die von den Einfällen der Slawen überrannt worden waren, bei der Verteidigung des Reiches eine relativ unbedeutende Rolle. Die Bewohner von Griechenland befanden sich nicht unmittelbar in Gefahr und mögen daher gegen den Befehl zur Abschaffung ihrer Ikonen heftig aufbegehrt haben. Aber es läßt sich nicht nachweisen, daß sie dieser Art der Verehrung stets mehr verpflichtet waren als andere Teile des Reiches. Zusammenfassend läßt sich sagen, daß die Bildung der bilderfreundlichen und der bilderfeindlichen Partei ebenso durch äußeren Druck wie durch erklärte religiöse Überzeugungen bedingt ist.

b) Das VII. Ökumenische Konzil, 787

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Irenes Entschluß zur Wiedereinführung der Bilderverehrung bedeutete, daß ihre Regierung von einer Politik der Wiederversöhnung mit dem Westen bestimmt war. Die Byzantiner mußten anerkennen, daß ihr Einfluß in Mittelitalien um das Jahr 780 durch die fränkische Macht verdrängt war und daß Papst Hadrian I. für seinen Schutz vollständig von Karl dem Großen abhängig war. Trotzdem wollte Irene sowohl in Aachen wie in Rom soviel wie möglich an Einfluß zurückgewinnen. Eine Gesandtschaft an den fränkischen Hof unterbreitete den Vorschlag zu einer Heiratsallianz; daraufhin wurde die Verlobung des jungen Konstantin VI. mit Rothrude, der Tochter Karls des Großen, gefeiert. Der nächste Schritt war – wie bei jedem Plan zur Änderung der herrschenden Lehre – die Wahl eines bilderfreundlichen Patriarchen. Paulos wurde zum Rücktritt gezwungen; an seine Stelle setzte Irene Tarasios, der zuvor kaiserlicher Sekretär gewesen war. Im Jahr 784 ließ sie seine Ernennung durch die Bevölkerung der Hauptstadt bestätigen. Der Papst jedoch äußerte sehr schwere Bedenken gegenüber Tarasios’ Wahl, denn die Erhebung eines Laien zum Patriarchen verstieß gegen kirchliche Vorschriften. Die Aussicht auf die Wiedereinführung der Bilderverehrung jedoch wurde von Rom und den anderen Patriarchen begrüßt. Im Jahr 786 erging die Aufforderung zu einem ökumenischen Konzil, das in der Kirche der Heiligen Apostel in Konstantinopel zusammentreten sollte. Offenbar waren Vorbereitungen getroffen, um zu sichern, daß nicht mehr der gesamte Episkopat ikonoklastisch gesinnt war; aber in der Hauptstadt stand eine starke Einheit bilderfeindlicher Soldaten, die während der Eröffnungszeremonie in die Kirche eindrangen und das Konzil auflösten. Für diese Aktion waren insbesondere die Berufssoldaten der Garnisonstruppen, die Tagmata, verantwortlich. Man entsandte deshalb diese Einheiten unter dem Vorwand arabischer Vorstöße nach Asien und ersetzte sie durch zuverlässige Truppen aus Thrakien. Unter ihrem Schutz versammelte sich das Konzil im September 787 abermals, jedoch nicht in der Hauptstadt, sondern in Nikaia. Die 350 Bischöfe, Mönche und Vertreter des Papstes und der Patriarchen wurden sich über die Wiedereinführung der Bilderverehrung und die Verurteilung des Ikonoklasmus schnell einig; jedoch über die Frage reuiger Bilderstürmer, die wieder in die Kirche eintreten wollten, entbrannte ein heftiger Streit. Zwei verschiedene Positionen zeichneten sich ab: die Anhänger von Mäßigung und Kompromiß und die streng antihäretische Mönchspartei. Obwohl sie den Ausschluß der früheren Ikonoklasten nicht durchsetzen konnte, sollte die von Platon von Sakkudion und seinem Neffen Theodoros von Studios geführte Mönchspartei später durch ihre strenge Auslegung des kanonischen Rechts erhebliche Spaltungen in der Kirche hervorrufen. Irenes Religionspolitik war zwar erfolgreich, aber im Westen verfehlte sie die erwünschte Wirkung. Die zwei Hälften der Kirche standen einander noch immer mißtrauisch gegenüber. Im Jahr 794 verurteilte eine Synode der westlichen

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Kirche auf das Betreiben Karls des Großen das VII. Ökumenische Konzil. Die ohnehin gespannte Lage wurde kaum dadurch verbessert, daß Irene die Verlobung zwischen Rothrude und ihrem Sohn, der 788 gezwungenermaßen eine armenische Prinzessin heiratete, löste. Alle diese Gegensätze fanden ihren politischen Niederschlag in der Kaiserkrönung Karls des Großen am Weihnachtstag 800. Das Konzil von 787 hatte offiziell die Bilderverehrung wiedereingeführt, aber tatsächlich war die ikonoklastische Partei damit nicht sofort beseitigt. Natürlich wählte Irene Minister, die ihre Ansichten teilten, vor allem die beiden Eunuchen Aetios und Staurakios. Sie wurden mit einflußreichen Verwaltungs- und Militärposten betraut und verhinderten jegliche Beteiligung Konstantins VI. an der Regierung. Dadurch verschlechterten sich von 788 an zunehmend die Beziehungen zwischen den beiden Regenten. Daß eine Oppositionspartei gegen Irene sich um Konstantin bildete und viele überlebende Ikonoklasten sich ihr anschlossen, war unvermeidlich. Als Irene die Armee zu zwingen versuchte, sie als Alleinherrscherin anzuerkennen und Konstantin zu enterben, proklamierten die Truppen aus Armeniakon und andere ikonoklastische Einheiten Konstantin zum Alleinherrscher. Er zwang seine Mutter, sich in ihren Palast nach Eleutherion zurückzuziehen; Michael Lachanodrakon, der berüchtigte Gouverneur von Thrakien unter Konstantin V., wurde sein maßgeblicher Berater.

c) Konstantin VI., 790–797

Konstantin konnte sich nur zwei Jahre allein als Kaiser behaupten, dann ließ er sich bestimmen, seiner Mutter wieder ihre Stellung als Mitregentin einzuräumen. Die Anhänger des Ikonoklasmus waren darüber bestürzt und wandten ihre Aufmerksamkeit von neuem seinem Onkel Nikephoros zu, dem ältesten der fünf Söhne Konstantins V. Aber der Kaiser schlug den Aufstand nieder und schickte alle seine Oheime nach Athen ins Exil. Ebenso bestrafte er Alexios Musulem, den Befehlshaber der Truppen von Armeniakon, der ihn 790 unterstützt hatte; durch dieses ungerechte Vorgehen jedoch verlor er seinen stärksten Verbündeten. Dann löste er einen Skandal mit der Erklärung aus, er werde sich von seiner Frau scheiden lassen und eine der Palastdienerinnen, Theodote, heiraten. Dies führte zu einer neuerlichen Spaltung unter der Geistlichkeit. Als Konstantin drohte, den Ikonoklasmus wiedereinzuführen, ließ sich Patriarch Tarasios überreden, die Hochzeit zu erlauben; sie wurde dann mit großem Glanz und Pomp gefeiert. Aber die »Ehebruch«-Affäre kostete den Kaiser die Unterstützung des mönchischen Teils der Kirche. Im Jahr 797 hatte Konstantin alle seine früheren Verbündeten verloren – die Ikonoklasten, die Armee und die Kirche. Er sah sich gänzlich außerstande, den Intrigen Irenes entgegenzuarbeiten, die fest entschlossen war, seine Stellung als Kaiser zu untergraben. Nach dem offensichtlichen Fehlschlag eines Feldzuges gegen die Araber schwand auch sein Ansehen in der Öffentlichkeit. Am 15.

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August 797 wurde er auf Befehl seiner Mutter geblendet und mit Theodote in einen abgelegenen Palast verbannt. Irene war Alleinherrscherin des Reiches.

d) Die Herrschaft Irenes, 797–802

Wenn in den ersten zehn Jahren von Irenes Regierungszeit als Regentin und Mitkaiserin ihr besonderes Interesse an religiösen Fragen hervorgetreten war, so wurden die fünf Jahre ihrer persönlichen Herrschaft in weit höherem Maß zum Prüfstein ihrer Fähigkeiten. In einer Zeit, in der man gewöhnlich von den Kaisern erwartete, daß sie an der Spitze ihrer Truppen in die Schlacht zogen, war es für eine Frau schwer, sich als Kaiserin zu behaupten. Aber es gelang ihr bemerkenswert gut. Die Generäle Staurakios und Aetios beherrschten abwechselnd die Zentral Verwaltung; diese Rivalität hätte im Jahr 800 zu einer bewaffneten Auseinandersetzung geführt, wenn nicht Staurakios rechtzeitig gestorben wäre. Doch nicht einmal dadurch konnte die Unsicherheit beseitigt werden, die durch die ungeklärte Nachfolge entstanden war. Papst Leo III. krönte Karl den Großen unter dem willkommenen Vorwand, daß das Reich von einer Frau regiert werde; aber der wirkliche Grund für die Kaiserkrönung war offensichtlich Leos Bestreben, die Macht des fränkischen Königs zu stärken. Obwohl Irenes bilderfreundliche Politik weithin begrüßt wurde, mußte sie vor allem in der vorwiegend bilderfeindlichen Hauptstadt Unterstützung dadurch erkaufen, daß sie Steuererlaß gewährte. Die städtischen Steuern (phoroi politikoi), die die Einwohner von Konstantinopel zahlen mußten, einige Einfuhr- und Ausfuhrzölle, die an den byzantinischen Grenzen erhoben wurden, und bestimmte Klostersteuern wurden aufgehoben. Zur gleichen Zeit stiegen jedoch die Ausgaben. Irene ließ den Eleutherion-Palast erbauen, gab ein Christus- Mosaik für das Chalke-Tor in Auftrag, um das von Leon zerstörte zu ersetzen; sie versah Klosterneugründungen und Kirneubauten mit Bilderschmuck. Unter ihrer Regierung gewannen die Mönche des Studio-Klosters zum erstenmal eine einflußreiche Stellung in der Hauptstadt und am Hof. Verbunden mit einer bedenklichen Wirtschaftslage führte dies unter den Hof beamten und in der Verwaltung zu wachsendem Widerstand, der in dem Staatsstreich vom Oktober

802 gipfelte und die Kaiserin der Macht entkleidete, die sie sich selbst angemaßt

hatte. Die Revolution, durch die Nikephoros I. auf den Thron kam, wurde durch die innenpolitische Krise ausgelöst. Aber auch außenpolitisch war das Reich in

einer bedrohten Lage. Seit 780 wurde die Schlagkraft der Truppen Konstantins

und Leons IV. Schritt für Schritt durch die Streitkräfte der Araber, die unter der hervorragenden Führung von Harun al-Raschid standen, geschwächt. Im Jahr

782 zwang er die Byzantiner, ihre militärische Niederlage anzuerkennen, was

eine dreijährige Tributzahlung an den Kalifen zur Folge hatte. Spätere Feldzüge waren ebensowenig erfolgreich, und nach dem letzten im Jahr 798 wurde dem Reich von neuem ein Tribut auferlegt. In den europäischen Gebieten jedoch führte Staurakios 783 einen bedeutenden Feldzug durch, in dem er die Slawen

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unterwarf und nach Süden bis zur Peloponnes vorstoßen konnte. Irene feierte seinen Sieg in einem zeremoniellen Triumph im Hippodrom und begab sich nach Berroia, um die Ergebnisse der Befriedungsaktion selbst zu besichtigen. In Makedonien und der Peloponnes wurde in den Jahren zwischen diesem Sieg und 800 wieder eine Provinzverwaltung eingerichtet. Wahrscheinlich ist die Kirche der Heiligen Weisheit in Thessalonike – eines der wenigen erhaltenen ikonophilen Monumente – um diese Zeit erbaut. Obwohl Konstantin VI. ähnlichen Mut, wenn auch nicht das gleiche militärische Geschick wie sein Großvater bewies und von seinen Truppen geachtet war, mußte er im Jahr 792 eine schmähliche Niederlage gegen die Bulgaren einstecken. Konstantin wie auch später Irene sahen sich gezwungen, die Überlegenheit der bulgarischen und arabischen Streitkräfte einzugestehen und den Frieden um einen hohen Preis zu erkaufen. III. Die Auswirkungen der bulgarischen Vormachtstellung auf dem Balkan,

802–813

Der mitternächtliche Staatsstreich am 1. November 802, durch den Nikephoros an die Macht kam, stieß auf wenig Widerstand. Obwohl Nikephoros schon alt und kein General war, galt er doch als ein Kaiser, der in eigener Person die Armee führen konnte. Seine religiösen Ansichten waren orthodox genug, daß Tarasios ihn in der »Großen Kirche« krönen konnte. Seine Erfahrung in Finanzfragen, die er sich als Chef der kaiserlichen Verwaltung (genikos logothetes) erworben hatte, war sehr wertvoll für ein Reich, das durch drückende Tributzahlungen, nicht erhobene Steuern und übermäßige Ausgaben für kaiserliche Prachtbauten und Hofhaltung vor dem finanziellen Ruin stand. Nikephoros I. wird in den aus seiner Regierungszeit erhaltenen Zeugnissen, die alle von bilderfreundlicher Seite stammen, verleumdet, weil er sich weigerte, religiösen Problemen bestimmenden Einfluß auf die Politik einzuräumen. Er versuchte auf Kosten bestimmter orthodoxer Elemente, besonders der Klöster, eine durchgreifende Wirtschaftsreform durchzuführen. Sobald Irene auf den Prinzeninseln in Verbannung war, war es Nikephoros’ vordringlichstes Interesse, seiner Familie die Stellung als herrschende Dynastie zu sichern. Im Juli 803 entfachte Bardanes Turkos, der Befehlshaber des Thema Anatolikon, einen Aufstand, hinter dem alle Truppen des Ostens mit Ausnahme von Armeniakon standen. Die Revolte wurde niedergeschlagen, Bardanes geblendet, und im Dezember wurde Staurakios, Nikephoros’ einziger Sohn, zum Mitkaiser gekrönt. Ohne Zweifel wäre er wie vorgesehen Kaiser geworden, doch starb er im Jahr 811 vorzeitig.

a) Nikephoros’ Heeresreformen

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Durch seine Weigerung, den demütigenden Vertrag anzuerkennen, der im Jahr 798 zwischen Irene und Harun al-Raschid geschlossen worden war, rief Nikephoros die Truppen des Kalifen wieder auf byzantinischen Boden. Zur selben Zeit traf der Bulgaren-Khan Krum offensichtlich Vorbereitungen zum Angriff auf die Nordgrenze des Reiches. Nikephoros war mit der Möglichkeit eines gleichzeitigen Angriffs an zwei getrennten Fronten konfrontiert; ausreichende Verteidigungsvorbereitungen mußten getroffen werden. Unter diesem Aspekt einer Bedrohung von zwei Seiten müssen Nikephoros’ Militärreformen gesehen werden. Die entscheidenden Verteidigungsstreitkräfte bestanden in den Einheiten der Provinzarmeen, die Provinzbefehlshabern (strategoi) unterstanden und an Ort und Stelle eingezogen und ausgebildet wurden. Diese Soldaten waren in den meisten Fällen ihren Generälen ergebener als dem Kaiser; das hatte sich 803 gezeigt, als Turkos die Unterstützung fast aller asiatischen Truppen fand. Aus Landzuteilungen im Wert von vier Goldpfund (288 Nomismata) hatten sie ihre Ausrüstung selbst zu stellen und für den Unterhalt ihrer Familien aufzukommen; aber zwischen den Kampftruppen der einzelnen Regionen bestand ein beträchtlicher Unterschied. Gegen die Provinzeinheiten von Turkos konnte Nikephoros die Garnisonstruppen von Konstantinopel (tagmata) einsetzen, eine zuverlässige Einheit aus Berufssoldaten. Ursprünglich gab es drei Tagmata: die Scholien, die Exkubiten und die Vigla oder Arithmoi, ein viertes, die Hikanaten, wurde von Nikephoros neu gebildet. Zusammen mit der besonderen kaiserlichen Leibgarde stellten sie die Kerntruppen jeder byzantinischen Armee. Um seine Streitkräfte zu vergrößern, griff Nikephoros zu dem üblichen Mittel der Aushebung; neu war nur die Zwangsrekrutierung der Männer, die zu arm waren, ihrer Steuerpflicht nachzukommen. Ihre Steuern mußten die jeweiligen Nachbarn zahlen, die außerdem für jeden minderbemittelten Soldaten die Summe von 181/ 2 Nomismata aufzubringen hatten. Damit war der Grundsatz der Kollektivhaftung für das Steueraufkommen, auf dem alle Dorfgemeinschaften im Byzantinischen Reich beruhten, nachdrücklich bestätigt. Offensichtlich hoffte Nikephoros auf diese Weise die Zahl der Soldaten anzuheben, ohne ihnen das übliche Soldatengut zuteilen zu müssen. Es ist jedoch zweifelhaft, ob die 181/ 2 Nomismata für den Unterhalt eines Soldaten und seiner Familie ausreichten, obwohl es für die Nachbarn eine beträchtliche Summe war. Die Auswirkungen dieser Politik lassen sich nicht mit Sicherheit feststellen, aber wenn die armseligen Soldaten, die im Feldzug von 811 mitkämpften, mit der neuen Kampftruppe gleichgesetzt werden können, kann man von keinem großen Erfolg sprechen. Das Entstehen neuer Provinzverwaltungen, die die byzantinische Herrschaft auf der Balkanhalbinsel konsolidieren sollten, geht möglicherweise auf Nikephoros zurück. In Westgriechenland bildeten die Ionischen Inseln das Thema von Kephalenia, eine wesentlich maritime Einheit. Es trat zum erstenmal

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im Jahr 809 in Aktion gegen Pippin, den Sohn Karls des Großen. Die kaiserliche Kontrolle über Südgriechenland war durch die erfolgreiche Unterdrückung eines slawischen Aufstandes im Jahr 805 erheblich gestärkt worden. Die Stadt Patras, die gegen vereinigte slawische und arabische Streitkräfte standgehalten hatte, wurde zum Erzbischofssitz erhoben und ihre Kirchen wurden wiederaufgebaut. In ähnlicher Weise wurden die Themengebiete von Thessalonike und Dyrrhachion zunehmend unter byzantinische Kontrolle gebracht, obwohl die formelle Verwaltungsstruktur wohl erst später im 9. Jahrhundert errichtet wurde.

b) Außenpolitik

Im Jahr 806 stieß Harun al-Raschid bis nach Tyana vor, nahm mehrere Grenzfestungen und entsandte ein starkes Heer, um Ankara zu erobern. Nikephoros sah sich gezwungen, um Frieden zu bitten. Die Bedingungen waren – wenn irgend möglich – noch erniedrigender als die, die Irene unterzeichnet hatte; aber dem Kaiser blieb keine andere Wahl, als jährlich 30000 Nomismata zu zahlen und ein persönliches Lösegeld für sich selbst und Staurakios zu stellen. Etwas erfolgreicher verliefen seine Verhandlungen mit Karl dem Großen. Nikephoros war fest entschlossen, den fränkischen Anspruch auf den Kaisertitel nicht anzuerkennen und gleichzeitig die von Pippin bedrohte byzantinische Einflußsphäre in den Küstengewässern der nördlichen Adria (Venedig, Istrien, Liburnien und Dalmatien) zu erhalten. Dieses Tor nach Westeuropa war für Byzanz seit dem Fall von Ravenna im Jahr 751 von erhöhter Bedeutung. Deshalb mußten die Gesandten Karls des Großen unverrichteterdinge nach Aachen zurückkehren, und die Präsenz einer byzantinischen Flotte im Adriatischen Meer erzwang einen Waffenstillstand. Aber dieses Abkommen dauerte nur bis 809, als Pippin Venedig und die dalmatinische Küste eroberte. Durch den Tod Pippins (Juli 810) und den des Nikephoros ein Jahr später zogen sich die Verhandlungen zwischen Byzanz und dem Frankenreich hin, bis schließlich Michael I. mit den westlichen Mächten Frieden schloß. Indem er den Anspruch Karls des Großen anerkannte, schlug Michael eine Politik ein, die der des Nikephoros völlig entgegengesetzt war.

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Abb. 9: Die Feldzüge der Jahre 790–814 und die Themen unter Theophilos Nachdem Kalif Harun

Abb. 9: Die Feldzüge der Jahre 790–814 und die Themen unter Theophilos

Nachdem Kalif Harun al-Raschid im Jahr 809 gestorben war, verhinderten innenpolitische Wirren weitere militärische Vorstöße der Araber gegen das Reich; diese Situation war Nikephoros sicher höchst willkommen, denn 807 waren die Bulgaren zum Angriff übergegangen. In diesem Jahr machten sie einen waghalsigen Einfall in das Strymon-Gebiet und erbeuteten den ganzen Sold für die Soldaten dieser Region. Zwei Jahre später trafen sie Vorbereitungen zum Durchbruch durch die Nordgrenze, indem sie eine der Schlüsselstellungen, die Festung Serdica, belagerten. Nikephoros marschierte sofort auf die bulgarische Hauptstadt Pliska, wo er als Vergeltungsmaßnahme den Palast von Khan Krum niederbrennen ließ. Aber er erkannte die außergewöhnliche Gefahr der bulgarischen Bedrohung und entschloß sich deshalb, byzantinische Verstärkungen in die ungeschützten Grenzgebiete zu verlegen. In der Zeit zwischen dem September 809 und Ostern 810 wurde Sklaviniai nach üblicher byzantinischer Methode durch Bewohner der fünf östlichen Themen kolonisiert. Die Siedler erhielten Landzuweisungen, für die sie in der gleichen Weise wie die Provinzsoldaten Militärdienst leisten mußten. Dadurch war die lokale Verteidigung wie auch die Landbebauung garantiert. Aber in diesem Fall versagte das System, denn die unfreiwilligen Siedler flohen beim ersten bulgarischen Angriff. Trotzdem sollte der für 811 geplante Feldzug die Bulgaren ein für allemal niederwerfen. Beim Anrücken von Nikephoros’ eindrucksvoller

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Streitmacht bat Krum um Frieden, aber der Kaiser erzwang den Weg nach Pliska, das zum zweitenmal geplündert wurde. Statt sich danach mit der Kriegsbeute und allen Schätzen des Khans zurückzuziehen, ließen sich die Byzantiner in den Bergen in einen Hinterhalt locken. In dem folgenden Massaker wurden nicht nur der Kaiser, sondern auch viele Adlige getötet. Nur Staurakios gelang im letzten Moment mit wenigen Würdenträgern und den Überresten der großen Armee die Flucht. Diese Niederlage beeinflußte die byzantinisch-bulgarischen Beziehungen während des ganzen 9. Jahrhunderts; sie machte aber Nikephoros’ Leistungen in der Reorganisation von Heer, Marine und Finanzverwaltung nicht zunichte. Diese grundlegenden Reformen waren die Ausgangsbasis für spätere Siege.

c) Finanzverwaltung

Der interessanteste Aspekt von Nikephoros’ Regierung liegt in seiner Fähigkeit, die Reformen zu finanzieren. Alle seine Fähigkeiten und Erfahrungen als Leiter der kaiserlichen Verwaltung setzte er für die Generalüberholung des byzantinischen Finanzsystems ein. Er ergriff Sparmaßnahmen und zog einen Schlußstrich unter Irenes freizügiges Finanzgebaren. Die Steuern, die in dem Grenzumschlagsplatz Abydos auf die Einfuhr von Sklaven erhoben wurden, und die phoroi politikoi, die die Einwohner der Hauptstadt zu zahlen hatten, wurden wiedereingeführt. Alle von Irene erlassenen Steuerfreiheiten oder Steuerermäßigungen wurden aufgehoben. Dann begann Nikephoros mit seiner weitgesteckten und tiefgreifenden Revision der Finanzverwaltung des Reichs. Die Steuerpflicht richtete sich nach dem Landbesitz und Eigentum jedes freien Mannes, und die Höhe des zu zahlenden Steuerbetrages war in Katastern (Registern) in der Zentralverwaltung wie in den Provinzen eingetragen. Auf diesen Verzeichnissen beruhte das ganze System, und ihre Zuverlässigkeit war von großer Bedeutung. Unter Nikephoros wurden alle Kataster genau überprüft, so daß die Berechnung und Einziehung der Steuern effektiver wurde. Zur Deckung der bei diesem Unternehmen entstandenen Unkosten wurde eine Sondersteuer erhoben. Außerdem wurden alle Steuern um den gleichen Prozentsatz angehoben. Zur gleichen Zeit kamen alle Steuerprivilegien der Klöster in Wegfall. Der Protest der Klöster und ihrer Anhänger war gewaltig, denn schon seit vielen Jahren hatten es diese Institutionen verstanden, den größten Teil ihrer Steuern nicht zu zahlen. Auf Nikephoros’ Anordnung mußten sie die Kapnikon-(Herd-) Steuer für ihre gesamten Besitzungen zahlen, und die fälligen Beträge wurden bis in sein erstes Regierungsjahr zurückdatiert. Ferner wurde der Landbesitz der Klöster, der während des 6. und 7. Jahrhunderts durch zahlreiche Schenkungen und Erbschaften angewachsen war, durch staatliche Enteignung eingeschränkt. Kaiserliche Verwaltungsbeamte unterstellten die besten Ländereien der reichen Klöster den kaiserlichen Landgütern (basilike kouratoria); die Klöster blieben jedoch weiterhin für die Steuern zahlungspflichtig, die auf diesen Ländereien

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lasteten. Im Mai 811 erhielt der Genikos Logothetes den Auftrag, von klösterlichen und kirchlichen Institutionen alle Staatssteuern einzuziehen, ebenfalls rückwirkend bis zum Jahr 802. Auf diese Weise muß Nikephoros in den Besitz großer Geldmittel gekommen sein, denn die Kirche hatte seit 780 erheblich von der Patronage profitiert, die ihr zuteil wurde. Die Kleriker waren nicht die einzigen, die sich über Nikephoros’ Reformen bitter beklagten. Die Gouverneure der einzelnen Provinzen wurden angewiesen, die Namen aller erst vor kurzem zu Reichtum gekommenen Personen zu ermitteln; diese wurden dann mit einer Steuer für zu großen Reichtum belegt. In ähnlicher Weise wurde ein Kerzenhersteller, der auf dem Markt von Konstantinopel ein Vermögen von 100 Goldpfund gemacht hatte, vom Kaiser persönlich enteignet; nur 100 Nomismata ließ ihm Nikephoros. Erbschaften waren im Byzantinischen Reich schon immer besteuert worden, aber jetzt wurden Steuern für zusätzliche Formen der Schenkung und des Legates erhoben. Für die seefahrende Bevölkerung der Küstengebiete Kleinasiens erneuerte Nikephoros einen alten Brauch, die römische Liturgie (leitourgia), die landwirtschaftliche Nutzung geeigneten Landes sichern sollte. Durch dieses Instrument zwang man wohlhabende Bürger, vom Staat zu einem Festpreis Land zu kaufen, das von ärmeren Bauern verlassen oder aufgegeben worden war. Das Prinzip, daß die wohlhabenderen Bevölkerungsschichten für die sozial schlechter gestellten Klassen hafteten, war ein Grundzug des Finanzsystems der Byzantiner. Auch von den reichen Kaufherren und Schiffsreedern in Konstantinopel trieb Nikephoros Geld ein, indem er sie zwang, eine Anleihe von jeweils 12 Goldpfund aufzunehmen. Auf den ersten Blick mutet diese Maßnahme für eine finanziell ruinierte Regierung etwas seltsam an, aber der Staat wurde für die Zahlung der 12 Pfund (864 Nomismata) dreifach entschädigt. Einmal garantierten die hohen Zinssätze von 16,6 Prozent eine ständige Einnahme; zum andern machte sich der Staat selbst zur einzigen legalen Kreditanstalt, da sonst der Geldverleih gegen Zinsen verboten war; und schließlich konnten die Kaufleute der Hauptstadt mit so großen Anleihen ihre Handelsbeziehungen ausbauen. Diese Bestimmungen werfen nicht nur auf Nikephoros’ Verwaltungstätigkeit, sondern auch auf das Alltagsleben im Byzantinischen Reich ein bezeichnendes Licht. Aufzeichnungen darüber gibt es nur in einer bilderfreundlichen Chronik, die in diesen Maßnahmen eine – wenn auch bei weitem nicht alle – der schlimmen Taten des Nikephoros sieht. Die Quelle ist zwar einseitig und offensichtlich voreingenommen. Sie bleibt jedoch aufschlußreich, wenn man sich vergegenwärtigt, daß der Chronist den Kaiser, der Irene zur Abdankung gezwungen hatte, ebenso bekämpft wie den Eingriff in private Vermögen und das Eindringen kaiserlicher Beamter in private Institutionen, die Merkmale von Nikephoros’ angestrebter Finanzreform waren. Diese Maßnahmen, die darauf abzielten, den Staatsapparat auf Kosten des Individuums und der privaten Verbände zu stärken, bedeuten eine »Nationalisierung« des

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Wirtschaftspotentials, um die Erneuerung von Heer und Zivilverwaltung zu finanzieren. Die »Übeltaten« des Nikephoros beleuchten das Byzantinische Reich des beginnenden 9. Jahrhunderts unter vier interessanten Aspekten. Einmal wurden Dorfgemeinschaften freier Bauern auf der Basis einer Kollektivhaftung für die Steuerschuld geschaffen. Das Dorf war eine fiskalische Einheit. Die Gesamtsteuersumme, die jedes Dorf schuldete, bestand aus den Land- und Kopfsteuern; sie wurden zusammen eingezogen, um zu sichern, daß Land niemals ohne Arbeitskräfte für die Bebauung blieb und umgekehrt. Jeder Einwohner war nicht nur für seinen eigenen Anteil an dem Gesamtbetrag verantwortlich, sondern auch für den seines Nachbarn. Auf diese Weise wurden die Ärmeren von den Reicheren unterstützt, und wenn jemals Land aufgegeben wurde, vergab es die Gemeinschaft an jemanden, der die Bebauung und die Steuerpflicht übernahm. Ohne diesen traditionellen Aufbau der Dorfgemeinschaften wäre Nikephoros’ System einer Rekrutierung von Armen für die Armee gescheitert. Zum zweiten wird an Rekrutierung und Ansiedlung von Soldaten in verschiedenen Teilen des Reiches deutlich, wie in Byzanz die Frage der Provinzheere gelöst war. Normalerweise wurde ein neuer Rekrut in das Militärverzeichnis eingetragen und erhielt ein Soldatengut im Wert von 4 Goldpfund; man erwartete, daß er für seine gesamte Ausrüstung selbst aufkam. Nikephoros’ zwangsweise Einberufung der Armen war ein Versuch, billig Soldaten zu rekrutieren, denn 18 1/ 2 Nomismata konnten wohl für den Unterhalt der Familie ausreichen, jedoch sicherlich nicht die Kosten der Ausrüstung decken. Das Verfahren, Untertanen aus den östlichen Reichsteilen in den von Bulgareneinfällen gefährdeten Gebieten anzusiedeln, zeigt jedoch deutlich, daß zwei entscheidende Aspekte des Lebens auf dem flachen Land – die Organisation der Dörfer und die Ansiedlung von Soldaten – dauerhaft etabliert waren. Diese zwei Institutionen haben sich über eine lange Zeitdauer hinweg entwickelt und existierten wahrscheinlich schon mehrere Jahrhunderte vor Nikephoros’ Regierungszeit. Die einzelnen Provinzverwaltungen mußten für jedes Dorf einen Kataster anlegen und ein Militärverzeichnis aller Soldaten und ihrer Landgüter. Um 810 hatten sich diese zwei Formen der Landorganisation so gefestigt, daß sie ohne Schwierigkeiten auch auf neugegründete Themen übertragen werden konnten. Ein dritter Aspekt byzantinischen Lebens ist die Ausdehnung von Kirchenbesitz und Kirchenland. Trotz der Verfolgung brachten die Jahre zwischen 730 und 775 für alle Bereiche der Kirche einen wirtschaftlichen Aufschwung, nicht zuletzt dank der Förderung durch Irene. Der Reichtum der Klöster stammte zum großen Teil aus den Schenkungen reicher Familien. Theoktiste, die Mutter Theodoros’ von Studios, eine tiefreligiöse Frau, überredete ihren Gatten, ihre Brüder und ihre Kinder, sich vom weltlichen Leben abzukehren. Ihr Besitz wurde verkauft und unter die Dienerschaft und die

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Armen verteilt; die einzelnen Familienmitglieder trennten sich und brachten jeweils in ihre Klöster das verbliebene Gold und Silber ein. Diese Demonstration von Frömmigkeit soll andere reiche Familien in Konstantinopel tief beeindruckt haben. Viele Gläubige stifteten ein Kloster, in das sie sich später zurückzogen. So konnte Nikephoros von allen kirchlichen Institutionen einschließlich der humanitären Anstalten wie Fremdenherbergen, Altersheime und Waisenhäuser rückwirkend bis 802 hohe Zahlungen erheben. Schließlich ist die Liste von Nikephoros’ »Übeltaten« aufschlußreich für die Situation der handeltreibenden Klassen in der Hauptstadt und bereichert unser sehr fragmentarisches Wissen über diese Gesellschaftsschicht. Anscheinend waren Kaufleute wie Kapitäne von Handelsschiffen, die manchmal auch Bootswerften besaßen, reich genug, um für die Anleihen der 12 Goldpfund einen Zinssatz zu zahlen, der viermal so hoch wie der normale war. Ähnlich ist die Situation bei der Bevölkerung der Küstengebiete, die ebenfalls gezwungen wurde, nicht mehr bebautes Land zu kaufen. Auch sie muß in irgendeiner Form am Seehandel beteiligt gewesen sein, der im Byzantinischen Reich schon immer eine Quelle des Reichtums gewesen war. Offensichtlich lebten Teile der hauptstädtischen Bevölkerung in beträchtlichem Luxus, sonst hätte Nikephoros nicht die phoroi politikoi und die Sklaveneinfuhrsteuer wieder erheben können. Obwohl Konstantinopel zu dieser Zeit das bedeutendste Wirtschaftszentrum Europas war, scheinen die byzantinischen Kaufleute im Ausland nicht sehr aktiv gewesen zu sein. Hauptsächlich fungierten sie als Mittelsmänner im Güteraustausch von Norden und Osten nach dem Westen und umgekehrt. Über die Handelswege in Rußland und Skandinavien kamen Bernstein, Pelze, Sklaven und Getreide nach Cherson, wo die Byzantiner die Waren in Empfang nahmen. Ebenso trafen auf dem Weg über Persien oder das Chasaren-Reich Seide, Gewürze und Parfüms aus Indien und dem Fernen Osten im Schwarzmeerhafen Trapezunt ein. Die byzantinische Schwarzmeerschiffahrt dehnte sich aus, als das Piratenunwesen der Araber im östlichen Mittelmeer den Handelsverkehr sogar in der Ägäis gefährdete. Konstantinopel war ein Anziehungspunkt für Kaufleute aus aller Herren Ländern, und die Byzantiner machten üblicherweise keine Schwierigkeiten, solange ihnen Reisen zum Ankaufen von Exportgütern dienten. Der Binnenhandel hingegen lag in den Händen der Byzantiner – einschließlich des Vasallenstaates Venedig als westlicher Außenposten des Reiches. Über Venedig fanden Seidenstoffe aus Byzanz und andere Luxusgüter den Weg nach Westeuropa.

d) Nikephoros und die Kirche

Obwohl die Chronisten die Verruchtheit des Kaisers anprangern, gibt es keine Anzeichen dafür, daß Nikephoros von der ikonoklastischen Auseinandersetzung selbst berührt war. Ihn interessierte nur die soziale Stellung der Kirche. Sein Bestehen auf kaiserlicher Kontrolle über die Hierarchie der kirchlichen Orden

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brachte ihn mit führenden Anhängern der bilderfreundlichen Partei in Konflikt. Dies wurde deutlich, als Patriarch Tarasios im Jahr 806 starb. Der Kandidat des Kaisers hieß ebenfalls Nikephoros und war ein sehr frommer Laie, der seine Stellung in der kaiserlichen Verwaltung aufgegeben hatte, um ein Leben der Kontemplation zu führen. Sein Vater war unter Konstantin V. wegen seiner bilderfreundlichen Überzeugungen, denen sein Sohn Nikephoros ebenfalls anhing, gefoltert worden. Seine Ernennung rief bei den Studitenmönchen große Erbitterung hervor. Doch Nikephoros wurde Patriarch, und als die Mönche sich weigerten, mit ihm Beziehungen aufzunehmen, verbannte sie der Kaiser. Die schnelle Einsetzung des Patriarchen Nikephoros bestimmte bis zu einem gewissen Grad die Beziehungen zwischen Kirche und Staat. Der Kaiser wollte durch den Patriarchen die Kirche genau in derselben Art regieren wie das Reich. So durfte Patriarch Nikephoros wegen politischer Unstimmigkeiten mit Karl dem Großen dem Papst seine Ernennung nicht vor 811 mitteilen. Weil der Kaiser darauf bestand, wurde der Priester, der die »moicheanische« Ehe zwischen Konstantin VI. und Theodote geschlossen hatte, wieder in die Kirchengemeinschaft aufgenommen. Auch der Entschluß des Kaisers, das Kloster von Studios aufzulösen und die Mönche zu verbannen, war begründet in einer Verletzung der bürgerlichen Gehorsamspflicht, obwohl die Mönche die Maßnahme als religiöse Verfolgung auslegten. Nikephoros’ gesamte Herrschaft war von politischen Ideen und von der Notwendigkeit bestimmt, das Reich gegen seine Feinde zu verteidigen und es wirtschaftlich lebensfähig zu erhalten. Beide Ziele ließen sich am besten durch die Konsolidierung der kaiserlichen Zentralgewalt und die Bekräftigung der unbestrittenen Autorität des Kaisers verwirklichen – einen schon von Leon III. und Konstantin V. beschrittenen Weg. Das Ergebnis war eine bedeutende Verbesserung in der Reichsverteidigung und in den Vorbereitungen für einen langwierigen Kampf mit den Bulgaren. Die Verleumdungen der Chronisten zeigen freilich, daß sich Nikephoros damit in hohem Maß unbeliebt machte. Dieselbe Reaktion spiegelt sich vielleicht in den mehrfachen Meutereien, die zur Schwächung der byzantinischen Armee beitrugen. Seine Regierung brachte keine Lösung für das religiöse Problem; tatsächlich verschärfte die Ernennung des Patriarchen Nikephoros nur noch die Lage. Während dieser Zeit verstärkte sich der Gegensatz zwischen den beiden Lagern in der bilderfreundlichen Partei, die seit 787 als Zeloten (Unbeugsame) und Politiker (Kompromißbereite) bezeichnet wurden, noch weiter. Die im Exil zerstreute Gruppe der Zeloten wurde durch Theodoros’ entschlossene Führung gestärkt, und die Meinungsverschiedenheiten zwischen ihm und dem Patriarchen wurden so schroff, daß dadurch die bilderfreundliche Opposition gegen ein Wiederaufleben des Ikonoklasmus geschwächt wurde. Trotzdem schien eine lange und gute Herrschaft der Familie des Genikos Logothetes nicht ausgeschlossen; sie hatte damit begonnen, die Prioritäten richtig zu setzen, und sie besaß die erforderliche Autorität, sie in die

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Tat umzusetzen. Die Jahre nach der Niederlage von 811 gegen die Bulgaren sollten die Notwendigkeit einer dynastischen Stabilität enthüllen. Nach Nikephoros’ Niederlage und Tod fanden sich die kläglichen Überreste der byzantinischen Armee nach und nach in Adrianopel ein. Der Schock dieser Niederlage – seit 378 war kein Kaiser mehr von heidnischer Hand getötet worden – hatte die Truppen tief erschüttert. Die wenigen Adligen, die dem Gemetzel entkommen waren, riefen Staurakios zum Kaiser aus; aber er war schwer verwundet, und sein Überleben war zweifelhaft. So beseitigte die Proklamation keineswegs die Spekulationen um die Nachfolge. Nikephoros hatte keine weiteren Söhne, aber seine Tochter Prokopia war mit einem Palastoffizier, Michael Rangabe, verheiratet; er wurde zum Gegenkandidaten erhoben. Als Staurakios zögerte abzudanken, sorgten der Patriarch Nikephoros und einige Beamten dafür, daß Michael bei Morgengrauen im Hippodrom von der Armee, dem Senat und der Bevölkerung von Konstantinopel zum Kaiser ausgerufen und kurz darauf gekrönt wurde, und dann seinen Einzug in den Palast hielt. Angesichts dieses Staatsstreiches zog sich Staurakios in ein Kloster zurück, wo er drei Monate später starb.

e) Michael I., 811–813

Der auffallendste Zug an Michaels Regierung war die Großzügigkeit, mit der er Geld ausgab. Dies bedeutete einen klaren Bruch mit Nikephoros’ Politik strenger Wirtschaftlichkeit. Als Anhänger der bilderfreundlichen Richtung war Michael dem Patriarchen Nikephoros besonders zu Dank verpflichtet, der seine Herrschaft durch die Kaiserkrönung legitimiert hatte. Großzügige Spenden wurden an den Klerus der »Großen Kirche«, die Senatsmitglieder und diejenigen der dienstpflichtigen Soldaten verteilt, die seine Kandidatur unterstützt hatten. Die Kriegerwitwen der im Feldzug des Jahres 811 Gefallenen wurden von der Kaiserin Prokopia entschädigt; ähnliche Geldgeschenke erhielt die Bevölkerung in den Gebieten von Opsikion und Thrakesion, die unter den Bulgareneinfällen zu leiden hatte, und die Mönche auf Cypern, die durch arabische Angriffe geschädigt wurden. Innerhalb von 18 Monaten hatte Michael tatsächlich den größten Teil der Geldmittel verschleudert, die sein Schwiegervater zusammengetragen hatte. Er war ein schwacher Herrscher in unsicherer Position; deshalb wurde auch seine Außenpolitik von dem Wunsch nach Frieden um jeden Preis bestimmt. Khan Krum würde auf alle Fälle seinen unerwarteten Sieg ausnützen, sobald mit dem Frühjahr die neue Feldzugsaison begann. Und bevor Michael überhaupt eine Möglichkeit hatte, Bedingungen auszuhandeln, hatten die Bulgaren Develtos schon belagert und eingenommen. So sah sich Michael gegen seinen Willen zum Feldzug gegen die Bulgaren gezwungen. Es gab eine starke Friedenspartei in Konstantinopel, die auf irgendeine Art von Vertrag mit Krum drängte, aber völlig unerwartet erwuchs aus den Reihen der Studitenmönche

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eine pressure group, die für Krieg eintrat. Da Michael ein überzeugter Anhänger der Bilderverehrung war, war eine seiner ersten Maßnahmen als Kaiser die Rückberufung der Exilierten gewesen, die nun jeden seiner Schritte beeinflußten. Theodoros, den er besonders bewunderte, wurde Führer der Kriegspartei am Hof und überredete den Kaiser, Krums Friedensbedingungen nicht anzunehmen. Krum griff deshalb Mesembria an und erbeutete dort Gold, Silber und Vorräte von Griechischem Feuer. Die Studitenpartei bestand weiterhin auf entschlossener militärischer Aktion, und im Juni 813 stieß Krum erneut nach Thrakien vor. Michael traf bei Versinikia, nahe bei Adrianopel, auf die Bulgaren; inkompetente taktische Planung verbunden mit Verrat führten zu einer totalen Niederlage. Das Drängen der Studiten auf Krieg verkürzte Michaels Regierung entscheidend. Aber ihre Politik gegenüber dem Westen und dem Papsttum hatte auf die gesamte Gestaltung der byzantinischen Beziehungen zu Europa gravierenden Einfluß. Eine Gesandtschaft an die Franken bot die Anerkennung von Karls Kaisertitel durch Michael im Austausch gegen Venedig, Liburnien, Istrien und die dalmatinischen Städte, die Karls Sohn Pippin erobert hatte. Karl der Große wurde daraufhin im Jahr 812 in Aachen ordnungsgemäß zum Kaiser proklamiert. Seine Krönung im Jahr 800 wurde dadurch legitimiert, und obwohl spätere byzantinische Kaiser die Anerkennung verweigerten, war dies ein wertvoller Erfolg für die Franken und erhöhte ihr Prestige in Europa beträchtlich. Gleichzeitig trat Patriarch Nikephoros wieder mit dem Papsttum in Verbindung, indem er die Schuld an dem Schisma dem letzten Kaiser gab. Nikephoros nahm an, daß Leo III. Karl den Großen unter einem ähnlichen Druck weltlicher Interessen gekrönt habe und deshalb die Position des Patriarchen verstehen könne. Aus Michaels Entschluß, Karl den Großen anzuerkennen, folgte der Friede mit Rom automatisch; aber vielleicht trug auch die Theorie der Studiten über den Primat des Papstes dazu bei. Theodoros hatte sie während seiner zahlreichen Verbannungen entwickelt. Er wußte, daß die Kirche seit dem Fall des Reiches im Westen durch das energische Vorgehen der Päpste am Leben erhalten worden war, und er respektierte ihre Leistungen. Als er um Beistand bat, handelte er aus echter Überzeugung von der besonderen Autorität des Päpstlichen Stuhles in Rom. Auf diese Weise bereitete er unwissentlich vielleicht den Ansprüchen einen Weg, die zum großen Schisma im 11. Jahrhundert führen sollten. Während Michaels Regierungszeit wurden die Studiten eingeladen, zusammen mit dem Patriarchen und den Mitgliedern des Senats am Staatsrat teilzunehmen. Von diesem öffentlichen Forum aus konnten sie Einfluß auf die Entwicklung der bilderfreundlichen Politik nehmen. Auf ihren Druck wurde der in die »moicheanische Affäre« verwickelte Priester erneut exkommuniziert; Häretikern aus Phrygien und Lykaonien wurde das Todesurteil erspart. Dieser Einfluß der bilderfreundlichen Partei stieß nicht nur bei den Ikonoklasten, sondern auch bei den Militärgouverneuren auf Widerstand, die den politischen

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Ratschlägen der Studiten mißtrauten. Als Reaktion darauf gab es einen zweiten erfolglosen Versuch, die Söhne Konstantins V. als rechtmäßige Kaiser auszurufen. Die an Konstantin geknüpften Hoffnungen kamen im Juni 813 noch drastischer zum Ausdruck, als sich der Kaiser und die Armee Versinikia näherten. Eine Menge brach in die kaiserliche Kapelle in der Kirche der Heiligen Apostel ein, wo ihr Held begraben lag, öffnete das Grab und forderte ihn auf, das Reich zu einem glorreichen Sieg über die Bulgaren zu führen. Dieses Ereignis erschien einigen als Wunder, und sie verbreiteten in der Stadt das Gerücht, Konstantin werde tatsächlich wieder erscheinen. Diese Erwartung rief einen solchen Aufruhr hervor, daß der Stadtpräfekt die Schuldigen unter Bewachung durch die Stadt führen ließ. Michaels Niederlage bei Versinikia beleuchtet ein grundlegendes Problem: der Ikonoklasmus besaß noch eine große Anhängerschaft in der Armee, unter Soldaten wie unter Offizieren. Ein Teil der Einheiten in den Provinzen unterstand Führern, die Michaels politischen Richtlinien kritisch oder sogar mit offener Feindschaft gegenüberstanden. Deshalb war die Stimmung in der Armee schlecht und für Meuterei anfällig. Die militärische Niederlage galt einem großen Teil der Bevölkerung als eine weitere Verurteilung der bilderfreundlichen Praktiken; sie forderte eine Rückkehr zu der Politik Konstantins V., die Siege und Wohlstand gebracht hatte. In der öffentlichen Meinung wurde zwischen religiösen Problemen und materieller Lage überhaupt nicht mehr unterschieden. Die Bevölkerung war von der Tatsache beeinflußt, daß Getreide unter Konstantin billig gewesen war, während es in Michaels Regierungszeit teuer wurde. (Die Preisdifferenz resultierte aus der Verwüstung der Kornfelder in Thrakien durch die Bulgaren.) Der militärische Sieg, auf den man so besorgt wartete, war ohne eine zuverlässige Armee nicht möglich, und eine zuverlässige Armee ließ sich nur durch ein Abgehen von der bilderfreundlichen Politik schaffen. So schien ein Wechsel der Politik, der die Wiedereinführung des Ikonoklasmus zur Voraussetzung machte, die Lösung aller byzantinischen Probleme zu bedeuten. Daraus würde eine Politik der Isolation gegenüber Europa und dem Papsttum resultieren, eine Entfernung der kirchlichen Ratgeber vom Hof, eine Unterordnung der Kirche unter den Kaiser und eine Straffung der Verwaltung. IV. Die zweite Periode des Bildersturmes, 813–842

Leon der Armenier, der diesen Wechsel vollzog, war ein erfolgreicher General mit einer glänzenden militärischen Karriere, obwohl die Rolle, die er im Juni 813 auf dem Schlachtfeld spielte, nicht ganz durchschaubar ist. Er riet dem Kaiser zum Angriff, weigerte sich dann aber, die vereinbarte Strategie zu verfolgen und zog sich aus der Schlacht zurück, wobei er noch andere zum Fliehen ermutigte. Nach der Niederlage wurde er von den Soldaten des Thema Anatolikon, das ihm als Gouverneur unterstand, und von den makedonischen und thrakischen Truppen, die entkommen waren, zum Kaiser ausgerufen. Von Adrianopel marschierte er auf die Hauptstadt, wo er vom Senat empfangen und vom

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Patriarchen Nikephoros als Leon V. gekrönt wurde. Michael und Prokopia suchten in einem Kloster Zuflucht, ihre Söhne wurden entmannt. Leons Name wird in den Chroniken durch eine Prophezeiung mit den Namen von Michael von Amorion und Thomas dem Slawen in Verbindung gebracht; sie besagte, daß zwei von ihnen Kaiser würden, während der dritte beim Versuch umkommen würde. Wahrscheinlich ist dies nicht mehr als eine populäre Geschichte, die drei Offiziere in Beziehung zueinander setzt, die in den ersten 30 Jahren des 9. Jahrhunderts eine bedeutende Rollen spielen sollten. Leon V. betraute seine Kameraden in seiner Regierungszeit mit hohen militärischen Posten; Michael wurde Kommandeur (domestikos) des Tagma der Exkubiten, Thomas Führer der Phoideratoi. Militärische Probleme bestimmten das erste Regierungsjahr Leons, denn nur 6 Tage nach seiner Krönung erschien Khan Krum vor den Mauern von Konstantinopel. Da die bulgarische Streitmacht nicht für einen Angriff auf die dreifache Verteidigungsmauer, die die Stadt umgab, ausgerüstet war, versuchte Krum, Leon zu einer Einigung zu überreden; aber er scheiterte. Im Herbst des Jahres 813 schlug Leon bei Mesembria eine bulgarische Armee, aber die Entscheidungsschlacht stand noch aus. Krum marschierte im Jahr 814 ein zweites Mal auf Konstantinopel; da starb er plötzlich. Das veränderte Leons Position von Grund auf. Da die Araber noch immer in innenpolitische Kämpfe verwickelt waren und der Bulgaren- Khan Omurtag mit Leon einen 30jährigen Waffenstillstand vereinbarte, war das Byzantinische Reich von äußerem Druck relativ frei. Mit dem Sohn Karls des Großen, Ludwig dem Frommen, wurden die Beziehungen aufrechterhalten, denn Leon wollte nicht das Risiko eines regelrechten Krieges um Venedig auf sich nehmen. Der nördliche Teil des Adriatischen Meeres kam wieder unter byzantinischen Einfluß. Der Doge Agnellus schickte seinen Sohn Justinian, um dem Kaiser bei seiner Thronbesteigung zu huldigen, und Leon unterstützte den Bau des Klosters San Zaccaria mit Geld und griechischen Steinmetzen. Die Hauptstadt der Republik Venedig, die im Jahr 811 am Rialto entstanden war, wurde während des ganzen 9. Jahrhunderts regelmäßig von den Byzantinern gefördert, bis sie fast selbst wie eine griechisch-orthodoxe Stadt wirkte. Der byzantinische Handel im Adriatischen Meer mußte gegen zwei wachsende Bedrohungen geschützt werden, gegen die arabischen Seeräuber aus Nordafrika und die Piraten an der dalmatinischen Küste. Als Reaktion auf die zunehmende Flottenaktivität in der Adria entwickelten Venedig wie das Fränkische Reich selbständige Seestreitkräfte.

a) Die ikonoklastische Reaktion

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Leons Entschluß, die Religionspolitik der ersten Syrischen Kaiser wiederaufzunehmen, war in der Überzeugung begründet, daß die lange und erfolgreiche Regierung Leons III. und Konstantins V. auf die ikonoklastische Politik und die Verfolgung der Bilderverehrer zurückzuführen sei. Er nahm sich bewußt Leon III. zum Vorbild; das ging so weit, daß er seinem Sohn Symbates bei dessen Krönung zum Mitregenten den Kaisernamen Konstantin gab. Er wußte, daß eine Wiederaufnahme der bilderfeindlichen Politik von einem großen Teil der Reichsbevölkerung enthusiastisch begrüßt würde. Für das zweite Verbot der Bilderverehrung wurden sorgfältige Vorbereitungen getroffen. Leon veranlaßte öffentliche Diskussionen über die Geschichte der Ikonoklasten-Kaiser, um zu zeigen, daß es immer Anhänger der Bilderverehrung waren, die nach kurzer Regierungszeit in der Schlacht besiegt wurden. Im zweiten Jahr seiner Herrschaft setzte er eine Kommission ein, die über diese Angelegenheiten einen Bericht erstatten sollte. Diese Kommission arbeitete unter der Leitung von Johannes Grammatikos, der ein besessener Ikonoklast war; sie bestand aus einem Bischof, Antonios Kassimatas, zwei Mönchen, zwei Mitgliedern des Senats und einem bekannten Bilderfeind als Sekretär. Nachdem er eine scheinbar unparteiische Untersuchung der Frage in Gang gesetzt hatte, nahm Leon die Auseinandersetzung mit dem Patriarchen Nikephoros auf, der sich ebenso widerspenstig zeigte wie Germanos im Jahr 730. Im Dezember 814 befahl er dem Patriarchen, die niedrig hängenden Ikonen in der »Großen Kirche« entfernen zu lassen, die – wie er sagte – das Volk empörten. Diese Behauptung war teilweise wahr: die Bevölkerung von Konstantinopel hatte ihre Opposition gegen die Bilderverehrung offen zum Ausdruck gebracht. Aber Nikephoros weigerte sich. Kaiser wie Patriarch bemühten sich um die Unterstützung der Bischöfe; im Januar 815 hatte Leon dabei endgültig Erfolg. Nikephoros war damit gänzlich isoliert. Er durfte seinen Palast nicht verlassen, der unter der Bewachung des Patrikios Thomas stand, dessen Bilderfeindlichkeit nahezu sprichwörtlich war. Schließlich überbrachte eine Delegation von Bischöfen dem Patriarchen ein Ultimatum und zwang ihn zum Rücktritt. Seine Zustimmung war vermutlich beeinflußt durch lärmende Demonstrationen vor seinem Palast. Am nächsten Tag berief Leon sofort ein Silention ein, das Theodotos zum Patriarchen wählte, einen Laien, der mit Konstantin V. entfernt verwandt war. Nikephoros mußte ins Exil gehen. Nach diesen Vorbereitungen konnte eine Synode zur Wiedereinführung des Ikonoklasmus abgehalten werden. Sie tagte nach dem Osterfest des Jahres 815 in der »Großen Kirche« unter dem Vorsitz des neuen Patriarchen und des designierten Kaisers Symbates- Konstantin. An ihr nahmen Bischöfe und Mönche aus allen Teilen des Reiches teil. Der grundlegende Text, den die Kommission zur Rechtfertigung des Wechsels vorlegte, war der Horos des Konzils von 754 und ein ausgedehntes Florilegium von Zitaten gegen die Bilderverehrung. In der Bestimmung der ikonoklastischen Position gab es wenig Neues; lediglich eine betontere Hervorhebung der Unmöglichkeit, die Natur

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Christi bildlich darzustellen, verstärkte die christologische Argumentation. Leon war anscheinend darauf aus, Verfolgung und Gewaltanwendung zu vermeiden, denn die kirchliche Hierarchie wurde lediglich ersucht, mit dem Patriarchen in Verbindung zu bleiben, und nur fünf angesehene Anhänger der Bilderverehrung verweigerten das. In der Hauptstadt erklärten sich alle Klöster – in bemerkenswertem Gegensatz zu ihrer heftigen Opposition gegen die erste Einführung des Bilderverbots – mit der Erneuerung des Ikonoklasmus einverstanden. Es gab vereinzelt Fälle von Widerstand, aber im ganzen wurde der Kaiser doch unterstützt. Diese Wiedereinführung des Bilderverbots wäre nicht möglich gewesen ohne das Bestehen einer starken Partei, die die Herrschaft Irenes und Michaels I. überlebt und sich in Gegensatz zur Gruppe der Studiten entwickelt hatte. Sogar Anhänger der Kirche standen den Studitenmönchen nicht selten feindlich gegenüber; ebenso die Hof- und Verwaltungsbeamten, deren Ratschläge übergangen wurden. Patriarch Nikephoros, der Historiker und Theologe war, gibt eine interessante Analyse der Hauptstadtbevölkerung, die das Wiederaufleben des Ikonoklasmus unterstützte. Er berichtet, daß um das Jahr 815 Händler, Schauspieler, Schmierenkomödianten, Veranstalter von Pferderennen und der Straßenpöbel die Hauptverfechter von Leons Politik waren. Außerdem hätten sich einige korrupte Priester der Kommission der Ikonoklasten angeschlossen, die in großem Luxus im kaiserlichen Palast tagte. Aber die wahrscheinlich bedeutendste Gruppe der ikonoklastischen Partei war die Armee, die 815 eine Schlüsselrolle spielte. Die Besatzungstruppen der Hauptstadt hatte Irene zwar nach der Sprengung des Konzils von 786 gesäubert, aber sie waren bilderfeindlich geblieben. Über die verschiedenen Provinzarmeen lassen sich nur schwer generelle Aussagen machen; möglicherweise war jedoch die Unterstützung, die Leon von seinen Truppen aus dem anatolischen Thema erhielt, teilweise religiös motiviert. Für längere Zeit in der Hauptstadt stationierte Truppen scheinen von den dort vorherrschenden ikonoklastischen Ansichten beeinflußt worden zu sein. Ein Ergebnis der Synode von 815 war eine intensivere Kontrolle der Kirche durch Leon. Die aufrührerischen Mönche von Studios wurden wieder in die Verbannung geschickt; von dort schrieben sie an die Patriarchen des Ostens und an den Papst und baten um Beistand in dem Kampf gegen den häretischen Kaiser. In den meisten Fällen erhielt Theodotos ermutigende Antwortschreiben, und im Jahr 825 versammelte Ludwig der Fromme alle fränkischen Bischöfe auf dem Konzil von Paris; dort verurteilten sie die Wiedereinführung des Bilderverbots. Die bilderfreundliche Partei erhielt durch diese Hilfe aus dem Westen Auftrieb, wenn sie auch noch in das ›politische‹ und das ›Eiferer‹-Lager gespalten blieb. Trotz ihrer Haltung beschränkte sich der Kaiser auf eine ziemlich oberflächliche Wiedereinführung der Religionspolitik, die seiner Überzeugung nach seiner Familie auf Generationen die Herrschaft sichern würde. Seine Motive waren in erster Linie politisch, und es gab in seiner

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Regierungszeit keine grausamen Verfolgungen wie unter dem unerbittlichen Konstantin V. Die wenigen erhaltenen Zeugnisse lassen darauf schließen, daß er humanitäre Absichten verfolgte. Nach Abschluß des Waffenstillstandes mit den Bulgaren befestigte er die Städte in Makedonien und Thrakien und bereiste offiziell die verwüsteten Gebiete, um der eingeschüchterten Bevölkerung wieder Vertrauen in die Regierung zu geben. Er ernannte mehrere Sekretäre, deren einzige Aufgabe es war, auf eine gerechte Verwaltung und den eventuellen Mißbrauch der Amtsgewalt durch die Beamten zu achten. Seine Sorge um Gerechtigkeit betont die Kontinuität mit dem Ikonoklasmus des 8. Jahrhunderts. Angesichts einer so erfolgreichen Behandlung der religiösen Frage und ausgezeichneter administrativer Leistungen scheint es im ersten Moment überraschend, daß Leon V. die Gründung einer Dynastie nicht glückte. Der persönliche Ehrgeiz Michaels von Amorion durchkreuzte seine Pläne. Leon durchschaute und fürchtete diese Absichten und war sehr erleichtert, als Michael in ein Komplott verwickelt wurde und wegen Hochverrats festgenommen werden konnte. Wegen dieses Verbrechens wurde er zu einer besonders scheußlichen Todesart verurteilt; zusammen mit einem Affen sollte er an einen Pfahl gebunden und in einen der Öfen geworfen werden, die die Warmwasserversorgung des kaiserlichen Palastes speisten. Auf den Protest der Kaiserin Theodosia wurde die Bestrafung nicht am Weihnachtstag des Jahres 820 vollzogen, und der Aufschub von 24 Stunden ermöglichte ein höchst außergewöhnliches Entkommen. Nach einem nächtlichen Besuch Leons, der sich überzeugen wollte, daß der Gefangene noch in seiner Zelle war, wurde Michael von einem kleinen Jungen geweckt, der unter der Bank verborgen den Kaiser hatte schwören hören, er werde den Gefangenen und den Gefängniswärter dazu umbringen lassen. Als der Gefängniswärter erkannte, daß auch sein eigenes Leben gefährdet war, erklärte er sich bereit, einen von Michaels Exkubiten – Theoktistos – heranzuziehen, damit sie alle entkommen könnten. Bei Tagesanbruch besuchte Leon den morgendlichen Weihnachtsgottesdienst in einer der königlichen Kapellen, ohne zu wissen, daß einige von Theoktistos’ Leuten als Chorsänger verkleidet den Palast betreten hatten. Sie ermordeten den Kaiser während des Gesanges beim Gottesdienst, und unmittelbar danach wurde Michael, noch mit zusammengeketteten Füßen, im Triumph von seinem Gefängnis zum Kaiserthron getragen. Dies war das Modell einer byzantinischen Palastrevolution. Michaels Anspruch auf das kaiserliche Amt wurde durch die Krönung legalisiert, die am Weihnachtstag von dem Patriarchen vollzogen wurde. Die Familie von Leon dem Armenier verschwand so schnell, wie sie aufgestiegen war. Trotz dem Sakrileg des Mordes behauptete Michael II. seine Stellung in der Hauptstadt, wahrscheinlich mit der Hilfe des Tagma der Exkubiten. Aber von den Provinzen aus wurde seine Usurpation unverzüglich von Thomas dem Slawen in Frage gestellt, dem Dritten, von dem die Prophezeiung sprach. Weder der Kaiser noch der Rebell besaßen im Grunde wirkliche kaiserliche Autorität, aber im

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Byzantinischen Reich hatte derjenige, der in Konstantinopel gekrönt war, einen erheblichen Vorteil. Trotzdem wurden die ersten drei Regierungsjahre Michaels von der Revolte bestimmt. Bis zum Jahr 824 hatte er keine Möglichkeit, außenpolitische Fragen zu lösen; der Tod des Patriarchen Theodotos im Jahr 821 zwang ihn jedoch, in der religiösen Frage eindeutig Stellung zu beziehen. Er hatte die Wahl zwischen der Wiederernennung des Expatriarchen Nikephoros, der sich augenblicklich im Exil befand, oder der Ernennung eines neuen bilderfeindlichen Kandidaten. Nikephoros, Papst Paschalis I. und die Studitenmönche betonten die Dringlichkeit einer Wiedereinführung der Bilderverehrung; Michael entschied sich jedoch dagegen. Er berief eine Synode ein und verkündete, daß er in der Praxis nicht von der Synode von 815 abweichen werde; weitere Diskussion wurde untersagt. Antonios Kassimatas, vorher Bischof und Mitglied von Leons V. Kommission, wurde Patriarch; Nikephoros blieb verbannt. Aber es gab keine ernsthafte Verfolgung, und die Studiten durften in ihr Kloster in Konstantinopel zurückkehren.

b) Der Bürgerkrieg

Der sogenannte Bürgerkrieg glich mehr einem andauernden und gefährlichen Aufstand als einem Krieg zwischen verschiedenen Parteien. Er enthüllt die Situation des Reiches im frühen 9. Jahrhundert: die Dichotomie zwischen Hauptstadt und Provinz, die Rivalität zwischen Provinz- und (hauptstädtischen) Garnisonstruppen, die sehr gemischte Reichsbevölkerung und die sozialen wie die politischen Aspekte des Ikonoklasmus. Thomas war ein Slawe aus der Gegend des See Gazouron in der Provinz Armeniakon. Seine militärische Karriere hatte schon im Jahr 803 begonnen, aber seinen ersten offiziellen Posten erhielt er als Kommandeur der Phoideratoi im Jahr 813. Zum Zeitpunkt der Ermordung Leons V. hielt er sich in der Provinz Anatolikon auf und eröffnete von dort aus seinen Kampf gegen Michael. Die offiziellen Berichte über den Aufstand übertreiben wahrscheinlich hinsichtlich der Anzahl von Thomas’ Anhängern wie hinsichtlich der verschiedenen Bevölkerungsgruppen unter ihnen. Es ist aber nicht unwahrscheinlich, daß sich ihm Abasger, Iberier, Armenier, Slawen, Assyrer, Araber und Chaldäer anschlossen. Das impliziert jedoch nicht, daß er einen Aufstand enttäuschter Minderheiten anführte. Die Reichsbevölkerung war schon immer sehr zusammengewürfelt; Kenntnis des Griechischen und orthodoxer Glaube machten mehr zum ›Byzantiner‹ als die ethnische Abstammung. Thomas war nicht weniger Byzantiner als Michael von Amorion. Der Rebell hinkte und war im Jahr 820 schon ziemlich alt, aber im Vergleich mit dem Lispeln des Kaisers hielt man das für weniger belastend. Die Stärke der rebellischen Streitkräfte lag nicht in ihrer Zahl, sondern darin, daß sie alle Provinzgouverneure bis auf zwei für die Sache des ältlichen ›Neuen Xerxes‹ gewinnen konnten. Thomas fing den

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Transport der Steuergelder aus den Provinzen ab und verteilte das Geld an seine Helfer. Auf diese Weise gewann er leicht Verbündete, und die meisten Städte öffneten ihm lieber die Tore, als daß sie sich im Namen eines unbekannten Kaisers verteidigten. Er sicherte sich auch die Unterstützung der Flotteneinheit der Kibyraioten, die den Transport seiner Truppen nach Konstantinopel sicherte. Die zwei Gebiete, die Michael II. loyal verbunden blieben, waren die Provinzen von Opsikion und Armeniakon, die beide von zwei seiner engsten Freunde kommandiert wurden. Thomas nutzte das arabische Interesse an einem Bürgerkrieg aus und verbündete sich mit Kalif Mamun. Außerdem ließ er sich vom Erzbischof von Antiocheia auf arabischem Territorium zum Kaiser krönen. Mit einer gewaltigen Armee setzte er im Dezember des Jahres 821 über den Hellespont und griff Konstantinopel zum erstenmal zu Wasser und zu Land an, wurde aber zurückgeschlagen. Die Belagerung ging während des Jahres 822 ohne nennenswerte Erfolge weiter, bis die Verteidiger einen Teil der Flotte durch Griechisches Feuer zerstörten. Im Herbst rückten dann plötzlich die Bulgaren an, wahrscheinlich auf Michaels II. Ersuchen. Der bulgarische Vorstoß hatte genau den erwünschten Effekt – Thomas war gezwungen, die Belagerung aufzugeben. Seine anschließende Niederlage gegen die Bulgaren und die Ruhepause für Michaels Streitkräfte bedeuteten den Wendepunkt des Aufstandes. Im Frühjahr

823 führte Michael seine Truppen bei Diabasis gegen die Armee der Aufrührer

und schlug sie. Thomas’ Anhänger setzten ihren Widerstand in Thrakien und Kleinasien fort, aber nach seiner Gefangennahme und seinem Tod im Oktober

823 gaben sie nacheinander auf.

Zu Gouverneuren der aufständischen Provinzen ernannte Michael loyale Anhänger; auf diese Weise konnte er seine Stellung als Kaiser im ganzen Reich konsolidieren. Zu diesem Zeitpunkt setzte er vermutlich auch im Gebiet von Chaldia eine eigene Verwaltung ein; es war eine der Regionen, die sich der Revolte angeschlossen hatten. Michael belohnte seine Anhänger, indem er ihnen die Herd-Steuer (kapnikon) erließ, und führte die zentrale Kontrolle über die Besteuerung in den Provinzen wieder ein. Nach dem endgültigen Sieg über Thomas schickte Michael an Ludwig den Frommen eine Gesandtschaft, die seine Thronbesteigung verkündete und den Aufschub von über drei Jahren erklärte. Auch die Synode von 821 und die Lösung der religiösen Frage wurden dargestellt. Michael bat um Ludwigs Beistand für die Weiterreise der Gesandten nach Rom, ohne zu erwähnen, daß

Methodios, Papst Paschalis’ Legat in Konstantinopel, seit 821 lebend in einem Grab eingemauert war. Trotzdem erwies sich diese Versöhnungspolitik als recht erfolgreich. Obwohl selbst bekanntermaßen Häretiker, konnte der Kaiser doch seine politische Neutralität wahren. Die Beziehungen zu Venedig waren weiterhin ausgezeichnet. Der Doge Justinian (827–29) besuchte Konstantinopel und erhielt abermals Geld für den Bau von San Marco. Die ursprüngliche Kirche aus dem Jahr 828 war ein vollständig byzantinischer Bau.

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c) Die Entwicklung der arabischen Seemacht

Das zweite, noch größere Problem in Michaels Regierungszeit war die wachsende Macht der Araber. Sie hatten Thomas in der Hoffnung unterstützt, innenpolitische Unruhen auszulösen, und sie nutzten auch weiterhin die Schwäche der byzantinischen Seestreitkräfte in der Ägäis aus. Araber aus Spanien, die in den zwanziger Jahren des 9. Jahrhunderts erst aus Córdoba, dann aus Ägypten vertrieben worden waren, hatten mit Raubzügen auf zwei der größten Inseln des zentralen Mittelmeers begonnen – Kreta und Sizilien. Das Fehlen einer schlagkräftigen byzantinischen Flotte als Ergebnis von Thomas’ Aufstand war verantwortlich für die Eroberung Kretas durch die Araber. Auch zwei byzantinische Expeditionen in den Jahren 826 und 828 konnten die Invasoren nicht vertreiben. Ein dritter Versuch unter der Führung von Krateros, dem Kommandeur der Seestreitkräfte der Kibyraioten, war anfangs ein durchschlagender Erfolg. Aber nach dem mit zuviel Wein gefeierten Siegesmahl wurden die Byzantiner im Schlaf niedergemetzelt. Kreta blieb bis 961 unter arabischer Herrschaft, für Byzanz ein ständiger Stachel im Fleisch. Der gleiche Prozeß vollzog sich in Sizilien, freilich über eine viel längere Zeitdauer; dieser Verlust war schließlich unwiderruflich. Die arabische Eroberung dieser zwei strategisch wichtigen Inseln zeugt von einem erheblichen Niedergang nicht nur der byzantinischen Kriegsflotte, sondern auch der Landstreitkräfte, der sich nicht ausschließlich durch den Aufstand des Thomas erklären läßt. Während des ikonoklastischen Zeitalters vollzogen sich in den Institutionen und in dem inneren Aufbau des Reiches tiefgreifende Wandlungen und Umschichtungen. Dieser Prozeß, der unter Justinian begonnen hatte und mit der Makedonischen Dynastie zum Abschluß kam, wurde nahezu völlig unterbrochen durch die inneren Auseinandersetzungen, die der Ikonoklasmus im späten 8. und zu Beginn des 9. Jahrhunderts hervorrief. Doch die feste Regierung der Kaiser Leon V., Michael II. und Theophilos führte die Verwandlung des Byzantinischen Reiches weiter. Sie vermochte jedoch nicht gleichzeitig den inneren Zusammenhalt des Reiches zu konsolidieren und die byzantinischen Außenbesitzungen zu schützen. So gingen die italienischen Provinzen und Sizilien Schritt für Schritt an die Franken und Araber verloren, während Venedig allmählich seine Unabhängigkeit errang. Abgesehen von diesen Verlusten aber war die byzantinische Herrschaft in Kleinasien und auf der Balkanhalbinsel gefestigt. Und diese territoriale Basis wurde zum Ausgangspunkt für die Eroberungen des 10. Jahrhunderts. Die Situation bei Michaels Tod im Jahr 829 war noch nicht besorgniserregend. Seine kurze Regierung hatte den von Leon V. begonnenen Konsolidierungsprozeß weiter vorangetrieben, und unter seinem Sohn und Nachfolger Theophilos sollten sich seine Erfolge in vollem Ausmaß zeigen.

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d) Die Regierung des Theophilos, 829–842

Theophilos kam auf den Thron zu einem Zeitpunkt, als die Araber ihre Herrschaft weiter ausdehnten. Sobald Kalif Mamun (813–833) seine Stellung als Führer der Abbasiden gesichert hatte, begann er 830 einen Verwüstungsfeldzug gegen das Reich. Theophilos antwortete mit zwei Strafexpeditionen, die viele Gefangene einbrachten und in Konstantinopel als Triumph gefeiert wurden. Aber in den Jahren zwischen 831 und 833 konnte er wiederholte Vorstöße der Araber nicht verhindern, die sich systematisch gegen wichtige Grenzfestungen richteten. Sie wechselten unter großen Zerstörungen und Menschenverlusten immer wieder den Besitzer. Abgesehen von diesen größeren arabischen Feldzügen wurden die Grenzgebiete oft von den Emiren von Melitene und Syrien angegriffen. Zur Bekämpfung dieser zunehmenden Aktivität und zum Schutz der dort stehenden Truppen bildete Theophilos mehrere neue Verwaltungseinheiten, besonders im Südosten Kleinasiens: Kappadokeia, Charsianon und Seleukeia. Im Jahr 837 benutzte Theophilos einen persischen Aufstand gegen Kalif Mutasim (833–842) zum Angriff auf die Festungen Zapetra und Samosata. Dieses außergewöhnlich harte Vorgehen provozierte unausweichlich als Wiedervergeltung von arabischer Seite einen Massenangriff auf Amorion. Die Belagerung und Einnahme dieser blühenden Stadt – Hauptstadt der Provinz Anatolikon und Geburtsort von Theophilos’ Vater, Michael II. – wurde für die Byzantiner zur legendären Greuelgeschichte; vor allem deswegen, weil der Kalif schließlich zweiundvierzig aus Tausenden von Gefangenen enthaupten ließ. Das waren die ›zweiundvierzig Märtyrer‹, militärische und kirchliche Würdenträger, die lieber starben als ihren Glauben aufgaben. Die arabische Rache von Amorion war für Theophilos’ weitere Kriegsführung bestimmend; es gab keine Feldzüge gegen Mutasim mehr. Der Kaiser versuchte statt dessen auf diplomatischem Weg, verschiedene westliche Mächte gegen die arabische Aktivität im Mittelmeer ins Spiel zu bringen. Aber auch hier war er nicht erfolgreicher als in den früheren militärischen Kampagnen. In seinen Beziehungen zu den Franken verfolgte Theophilos die freundliche, jedoch distanzierte Politik seines Vaters. Eine byzantinische Gesandtschaft verkündete im Jahr 833 Ludwig dem Frommen Theophilos’ Thronbesteigung, und während der Belagerung von Amorion bat eine zweite Abordnung um fränkische Hilfe gegen die Araber im Westen. Es war eine von drei byzantinischen Missionen, die im Jahr 838 die Franken, die Venezianer und den Kalifen in Spanien zu Verbündeten gewinnen sollten. Das Reich konnte seine Besitzungen in Westeuropa nicht mehr schützen, und auch seine Widerstandskraft gegen die Araber im Osten gab zu ernsten Bedenken Anlaß. Aber die Franken konnten keine sofortige Hilfe zusagen. Die Venezianer dagegen waren über den schnellen Vormarsch der Araber auf Sizilien besorgt und erklärten sich bereit, eine Flotte zu stellen. Seit Byzanz die Kontrolle über die

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adriatischen Gewässer entglitt und Venedig seine eigenen Kriegsschiffe baute, löste es sich schrittweise vom Reich, obwohl es offiziell immer noch ein Vasallenstaat war. Aber im Jahr 840 war die Macht Venedigs noch nicht voll entfaltet, und die Araber zerstörten die auf Theophilos’ Ersuchen nach Tarent entsandte Flotte völlig. Die dritte Gesandtschaft ging in das islamische Spanien, das von Abd al- Rahman II. regiert wurde, einem der größten Umajjaden-Kalifen. Theophilos schlug ihm vor, er solle von den abbasidischen Usurpatoren das ganze Gebiet des Kalifats der Umajjaden im Osten zurückfordern und die Piraten aus Kreta vertreiben – Vorschläge, die der Kalif, wie zu erwarten, nicht annahm. Aber er muß doch an der byzantinischen Gesandtschaft Interesse gezeigt haben, denn er schickte seinen Hofdichter Yazzid mit prächtigen Geschenken an den Kaiser mit zurück nach Konstantinopel. Wenn auch Theophilos’ Verhandlungen mit westlichen Verbündeten fehlschlugen, so waren seine diplomatischen Bemühungen im Osten sehr erfolgreich. In seine Regierungszeit fallen die ersten diplomatischen Beziehungen Konstantinopels zu den russischen Steppenvölkern. Ihre Nähe und damit eine potentielle Bedrohung byzantinischen Gebietes und wichtiger Handelswege nördlich des Schwarzen Meeres hatte man schon erkannt, und Theophilos hatte eine auf Cherson gestützte neue Provinz errichtet, die den Namen Klimata führte. Auf Theophilos geht auch die Festigung der schon bestehenden Allianz zwischen dem Reich und den Chasaren im Jahr 733 zurück. Der Kaiser schickte auf Bitten des Khans Ingenieure und Arbeiter über das Schwarze Meer an den Don; dort bauten sie bei Sarkel eine Festung. Diese große Expedition gab dem gemeinsamen chasarisch-byzantinischen Kampf gegen das Kalifat Nachdruck. Mit ein Grund für das Scheitern von Theophilos’ Bemühungen im Westen mag sein Entschluß gewesen sein, den Ikonoklasmus durch Folter und Verfolgung zu erzwingen. Doch Theophilos konnte nicht einfach ignorieren, was er als ketzerische Religiosität eines Großteils seiner Untertanen betrachtete; seine eigene Frau Theodora setzte alles Vertrauen in ihre Ikonen. Deshalb entsprang es einer tiefen Überzeugung, daß er die zwangsweise Durchführung der Gesetze gegen die Bilderverehrer anordnete. Abermals wurden die Mönche aus ihren Klöstern verjagt und in weit entfernte Gegenden verbannt, wenn sie sich weigerten, ihrem Glauben an die Macht der Ikonen zu entsagen. Es gab ein paar Fälle extremster Grausamkeit, aber die Gewaltanwendung hielt sich – verglichen mit früher – in Grenzen. Theophilos wurde in seinen Bemühungen von Johannes Grammatikos unterstützt und ermutigt, der im Jahr 837 Patriarch geworden war. Er war der Ratgeber Leons V. bei der Wiederbelebung des Ikonoklasmus gewesen und von Michael II. mit Theophilos’ Erziehung betraut worden. Beide bemühten sich gemeinsam um die Befreiung des Reiches von häretischen Lehren – von der Bilderverehrung wie vom Paulikianismus. Während es ihnen nicht gelang, die Bilderverehrung auszurotten, konnten sie die die Einheit des Reiches gefährdende Häresie des Paulikianismus nachhaltig unterdrücken, die sich in

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den östlichen Teilen des Reichs verbreitet hatte. Die Paulikianer nahmen die alte adoptianistische Irrlehre wieder auf, die die göttliche Abstammung Christi leugnete; sie waren bereit, ihren Glauben mit den Waffen zu verteidigen. Obwohl diese Häresie erst von Basileios I. im Jahr 872 beseitigt werden konnte, erkannte Theophilos als erster Kaiser die von ihr ausgehende Bedrohung und versuchte, gegen sie vorzugehen. Trotzdem war Theophilos in den Augen des Papsttums ein Häretiker, und während seiner Regierung entfremdete sich der Päpstliche Stuhl in Rom Konstantinopel noch tiefer. Das Andauern des Schismas muß den byzantinischen Einfluß in Italien und im ganzen Westen erheblich vermindert haben. Auch nach der Wiedereinführung der Bilderverehrung im Jahr 843 blieb das Papsttum unabhängig von der östlichen Kirche und stand ihr kritisch gegenüber. Mönche und Bischöfe, die anderer Ansicht waren, appellierten weiterhin an Rom – eine Tatsache, die die Autorität des Papstes im Vergleich zu der des Patriarchen stärkte. Der Zerfall der Gesamtkirche war eine der nachhaltigsten Auswirkungen des gesamten ikonoklastischen Zeitalters.

e) Theophilos’ Verwaltungsreformen

Trotz dieser diplomatischen, militärischen und religionspolitischen Fehlschläge gehen einige fundamentale Verbesserungen in der inneren Organisation und Sicherheit von Byzanz auf Theophilos zurück. Eine der augenfälligsten ist die Ausdehnung der byzantinischen Verwaltung auf neue Gebiete. Von gleich großer Bedeutung, aber weniger leicht urkundlich zu belegen, ist der erhöhte Wirkungsgrad der Steuererfassung und der Verwaltung, wodurch eine Wiederbelebung künstlerischen Schaffens und intellektueller und kultureller Aktivitäten möglich wurde. Unter Theophilos ließ die Protektion byzantinischer Künstler, Schriftsteller und Lehrer eine Kultur entstehen, die zum erstenmal vergleichbar ist mit der des Kalifats. Die neuen Verwaltungseinheiten wurden nach dem Muster von Optimaton und Bukellarion durch Teilung der älteren Provinzen geschaffen. Die Provinzen sollten die byzantinische Kontrolle über das Schwarze Meer garantieren: Chaldia im äußersten Osten des Thema Armeniakon, entstanden wahrscheinlich im Jahr 837; Paphlagonia, um 833 errichtet in der nördlichen Hälfte von Bukellarion, und das Klimata-Thema mit Cherson als Zentrum, geschaffen im Jahr 833. Das Gebiet der Klimata war zuvor von einem Rat lokaler Würdenträger (archontes) regiert worden, deren Ämter nun in die kaiserliche Verwaltung inkorporiert wurden. In anderen Provinzen hatte man besondere Einheiten geschaffen, die der Bedrohung durch die Araber entgegenwirken sollten. Es waren die kleisourarchai von Kappadokeia, Seleukeia und Charsianon – so genannt nach den kleisourai, gebirgigen Gegenden an den Grenzen des Reiches, die besonders geschützt werden mußten. In diesen kleinen Einheiten waren ständig Truppen zum Kampf gegen arabische Einfälle stationiert. Eine ähnliche Einheit entstand mit dem

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Herzogtum von Koloneia in dem Gebiet südlich der Provinz Chaldia. Diese Verwaltungseinheiten unterschieden sich von den normalen Untergliederungen einer Provinz – tourmai, banda und katepana – dadurch, daß sie einen vom Kaiser ernannten Gouverneur und einen spezifischen Aufgabenbereich hatten. Dieser Ausbau der Verteidigung des Reiches verbesserte das ursprüngliche Fünf- Themen-System in den Ostgebieten und paßte es den politischen und militärischen Erfordernissen des 9. Jahrhunderts an. Im westlichen Reichsteil erhielt wahrscheinlich das Gebiet von Dyrrhachion und Thessalonike unter Theophilos den formellen Status einer Provinz. Die Ausdehnung der Reichsverwaltung, die die Machtposition des Kaisers erheblich stärkte, konnte nicht ohne beträchtlichen Aufwand an Menschenpotential wie an Verwaltungskosten durchgeführt werden. Aber die Ausdehnung des kaiserlichen Steuersystems auf Gebiete, die bisher nicht kontrolliert werden konnten, bedeutete zweifellos einen Zuwachs für Staatseinkünfte. Ohne Intensivierung und Verbesserung des Steuersystems hätte Theophilos unmöglich seine Regierung und seine großzügige Bautätigkeit finanzieren können. Er war der erste Kaiser seit nahezu zweihundert Jahren, dessen Münzen im ganzen Reich zirkulierten; und die Tatsache, daß man bei Ausgrabungen in Athen und Korinth von ihm geprägte Münzen gefunden hat, läßt vermuten, daß in den dreißiger Jahren des 9. Jahrhunderts in Zentralgriechenland wieder Sicherheit und ein gewisses Maß an Wohlstand herrschten. Wachsende Stabilität ermutigte zur Wiederbelebung der Märkte und des Binnenhandels. Mit den zusätzlich erschlossenen Hilfsquellen entfaltete Theophilos eine großangelegte Bautätigkeit in der Hauptstadt und förderte das kulturelle Leben. Die Stadtmauern von Konstantinopel wurden repariert und ausgebaut; in Bryas entstand in der asiatischen Vorstadt ein Kaiserpalast. Der Große Palast wurde erweitert, und außerdem erbaute der fromme Kaiser mehrere Kirchen. Theophilos sorgte sich um die materiellen Bedürfnisse der Hauptstadtbevölkerung, ließ ein Krankenhaus errichten und stiftete Altersheime und Waisenhäuser. Alle seine Bauten trugen künstlerischen Schmuck; an die Stelle figürlicher Malerei traten Darstellungen wilder Tiere und Vögel. Theophilos’ Mäzenatentum beweist, daß die Zerstörung von Ikonen nicht unvereinbar war mit einer Blüte anderer Kunstformen. Die streng-bilderfeindliche Erziehung, die Theophilos bei Johannes Grammatikos erhalten hatte, machte ihn in weit höherem Maß zu einem intellektuellen Kaiser als seinen Vater oder Leon V. Als erster reorganisierte er die Traditionen der wissenschaftlichen Ausbildung in Konstantinopel. Die Schlüsselfigur bei diesem Wiederaufbau war Leon der Mathematiker, dessen Ruhm sich bis nach Bagdad verbreitete. Die Fachschulen wurden wieder eingerichtet, mit bezahlten Lehrern und hohen Schülerzahlen – überwiegend Söhne reicher Familien, die für den Verwaltungsdienst und die kirchliche Laufbahn bestimmt waren. Durch Theophilos’ Förderung nahm die Hauptstadt wieder eine angesehene Stellung im intellektuellen Leben des 9. Jahrhunderts

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ein; er legte damit den Grundstein für die ›Renaissance‹ der Wissenschaften und der bildenden Künste in der Makedonischen Periode. Aber der vielleicht bedeutsamste Aspekt von Theophilos’ Herrschaft war sein Bestehen auf einer gerechten und unparteiischen Justiz. Das war ein persönlicher Charakterzug Michaels II. wie seines Sohnes, bei dem dies zuweilen an Besessenheit zu grenzen schien. Theophilos hatte die Angewohnheit, einmal in der Woche durch die Stadt zu reiten – vom Großen Palast bis zur Blachernenkirche. Während dieser Ritte konnte jedermann etwaige Ungerechtigkeiten dem Kaiser zu Gehör bringen, die auf der Stelle geschlichtet wurden. Das war keine leere Geste: die arme Bevölkerung brachte ihre alltäglichsten Beschwerden vor, und sogar die höchsten Beamten konnten der Bestrafung nicht entgehen, wenn sie für schuldig befunden wurden. Verbunden mit diesem persönlichen Eintreten für Gerechtigkeit förderte Theophilos bei seinen Beamten eine genaue und verantwortliche Verwaltung. Die Legende von seiner Hingabe an diese Sache war noch im 12. Jahrhundert lebendig, als in der Volkserzählung vom Timarion sein Name zu denen der Richter der Unterwelt hinzugesetzt wurde.

Name zu denen der Richter der Unterwelt hinzugesetzt wurde. Konstantinopel Abb. 10: Turm aus der Zeit

Konstantinopel

Abb.

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Turm

aus

der

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Theophilos

in

der

Seemauer

von

Es ist tatsächlich ein Achtungsbeweis für Theophilos’ Herrschaft, daß nach seinem Tod im Jahr 842 sein junger Sohn Michael III. – er war knapp drei Jahre alt – zum Kaiser proklamiert wurde und später ohne innenpolitische Konflikte als Kaiser herrschte. Die Amorische Dynastie war fest begründet, und Theodora und ihre Ratgeber hatten eine solide Grundlage, auf der sie aufbauen konnten.

Die krisenhafte Periode des Bilderstreits hat man als »ein für Byzanz verlorenes Jahrhundert« bezeichnet. Wir können uns dieser globalen Verurteilung der ganzen Epoche nicht anschließen, denn Byzanz ging aus dem Kampf um die Bilderverehrung in vielerlei Hinsicht gestärkt hervor. Größere Reformen waren erforderlich gewesen, um die Verwüstung und den Verlust von Randprovinzen des Reichs unter äußerem Druck zu verhindern; das war die Leistung der hervorragenden Kaiser des Zeitalters – Konstantins V., Nikephoros’ I., Michaels II. und Theophilos’. Bilderfreundliche Chronisten verurteilten die Methode, durch die dieser Fortschritt erreicht wurde, aber sie räumten ein, daß die Ergebnisse im allgemeinen positiv waren, wie zum Beispiel der gesetzliche Schutz für die arme Bevölkerung und der schrittweise ökonomische Aufschwung des Reiches im späten 8. und im 9. Jahrhundert. Diese Tatsachen werden nur widerwillig oder indirekt zugegeben; viele Historiker haben sie totgeschwiegen; trotzdem sind sie eine wichtige Quelle. Die neue Organisation der Provinzen als ›themata‹, die von der Dynastie des Heraklios eingeführt worden war, war erprobt worden und hatte sich während des 7. Jahrhunderts als praktikabel erwiesen. Die Ausweitung und Entwicklung dieser Organisation geht auf Leon III. und seine Nachfolger zurück. Um das Jahr 842 erfaßte die Provinzverwaltung die Balkanhalbinsel, die Küste Dalmatiens, die Ionischen und Ägäischen Inseln, die Küstenstriche am Schwarzen Meer und die arabischen Grenzgebiete. Die Ausdehnung der verbesserten byzantinischen Verwaltung bedeutete einen Zuwachs an militärischen, finanziellen und materiellen Ressourcen im ganzen Reichsgebiet. Steuerzahlungen, Versorgung von Armeen und Bebauung größerer Landflächen waren durch das neue System garantiert. Die Einheitlichkeit der Verwaltung förderte die Integration lokaler, ethnischer oder religiöser Minderheiten und trieb die Hellenisierung der byzantinischen Gebiete voran. Dieses System sicherte das Überleben von Byzanz für Jahrhunderte. Die sozialen Veränderungen, die sich während des ikonoklastischen Zeitalters vollzogen, zielten ebenso auf Integration und Hellenisierung ab. Die Einrichtung von Dörfern als fiskalischen Kollektiven erleichterte nicht nur die Zahlung der Landsteuern und die Bestellung der Felder, sondern stärkte auch die Position der Kleinbauern. In ökonomischer Hinsicht war es eine Periode allmählichen Aufstiegs. Handel und Märkte erholten sich langsam in den effektiv von Byzanz beherrschten Gebieten. Die Kornfelder Thrakiens wurden als Ersatz für die Ägyptens und Nordafrikas erschlossen; neue Handelsstraßen und Märkte

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wurden am Schwarzen Meer und auf der Krim erkundet. Obwohl die Piraterie der Araber im östlichen Mittelmeer den byzantinischen Seehandel gefährdete, bewiesen die ausgedehnten Seereisen des Hl. Gregorios Dekapolites, daß die Kommunikationslinien noch nicht völlig unterbrochen waren. Trotz Leons V. Verbot des Handels zwischen byzantinischen und islamischen Kaufleuten haben wahrscheinlich kommerzielle Beziehungen weiter bestanden. Unter den Syrischen Kaisern war das byzantinische Münzwesen vereinfacht worden, und während Theophilos’ Regierungszeit begann das Geld lebhafter im ganzen Reich zu zirkulieren. Ohne Zweifel trug dies zum wirtschaftlichen Wachstum bei. Entgegen der herrschenden Meinung wurde die Münzprägung in dieser Epoche nicht als Mittel religiöser Propaganda benützt. Der Typ von Münzbild, der oft als »ikonoklastisch« bezeichnet wird, war schon vor der Regierungszeit Leons III. im Umlauf und blieb lange nach der Wiedereinführung der Bilderverehrung im Jahr 843 noch im Umlauf. Alle Kaiser der Zeit benutzten ihn; nicht einmal die bilderfreundliche Irene führte das Christusporträt wieder ein, das erstmals von Justinian II. geprägt worden war. Sie betonte jedoch ihre eigene Autorität auf den Münzen, in dem sie das Porträt ihres Mitregenten Konstantin VI. durch ihr eigenes ersetzte. Die ikonoklastische Kunst hatte andererseits für die Byzantiner eine sehr klare Bedeutung. In der Heftigkeit der bilderfreundlichen wie der bilderfeindlichen Reaktionen auf Veränderungen in der religiösen Kunst enthüllt sich ihre Wichtigkeit. Leider ist der größte Teil der ikonoklastischen Kunst – in gleicher Weise wie das ikonoklastische Schrifttum – nach dem Jahr 843 vernichtet worden, und nur wenig ist erhalten. Aber die bilderfreundlichen Quellen berichten, daß die ikonoklastischen Kaiser nicht völlig destruktiv waren: sie ersetzten Ikonen durch Darstellungen des Kreuzes, wilder Tiere, Blumen und Kaiserporträts. Sogar Konstantin V. ließ Kirchen erbauen. Die Förderung der Künste – mit Ausnahme der Plastik – dauerte während des Ikonoklasmus an; und die erhaltenen Monumente, wie die Kirche der Heiligen Weisheit in Thessalonike und die wiedererbaute Irenen- Kirche in Konstantinopel mit dem großen Mosaikkreuz in der Apsis, lassen vermuten, daß die Fähigkeiten byzantinischer Künstler und Architekten nicht gelitten hatten. Auf der anderen Seite gab es während des ikonoklastischen Zeitalters keine bedeutenderen Stilentwicklungen. Ohne Zweifel machten sich die Auswirkungen des Ikonoklasmus bei den klösterlichen Institutionen des Reiches am schärfsten bemerkbar. Aber die Widerstandskraft einzelner ließ erkennen, daß das Mönchs- Ideal in Byzanz zu tief verwurzelt war, um ausgerottet werden zu können. In mancherlei Hinsicht kann man die kirchlichen Reformen der Syrischen Kaiser mit ihren Reformen des Gerichtswesens in Verbindung bringen. Auf beiden Gebieten bemühten sich die Kaiser, die Korruption abzuschaffen und eine Einheitlichkeit von Praxis und Glauben herbeizuführen – kein unvernünftiges Ziel. Aber die Verbundenheit der

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Byzantiner mit den Ikonen war so tief, daß der Ikonoklasmus sie nicht ausrotten konnte. Während des Bilderstreits verlor Byzanz seine Territorien in Mittelitalien, und die Franken schufen ein Westreich. Diese politische und kirchliche Trennung des Byzantinischen Reiches von Westeuropa war nicht nur für die Entstehung des mittelalterlichen Europa von Bedeutung, sondern ebenso für die osteuropäische Geschichte, vor allem für die des russischen Fürstentums von Kiev. In der kirchengeschichtlichen Entwicklung bestätigte das durch die ikonoklastischen Lehren des Ostens hervorgerufene Schisma die geographischen Unterschiede in den religiösen Gebräuchen. Nach acht Jahrhunderten hatte sich die Kirche im Westen unvermeidlich von der östlichen gelöst – eine Trennung, die durch sprachliche und kulturelle Faktoren und besonders durch die weltliche Rolle des Papsttums bedingt war. Rom hatte die geistige und politische Führung in Westeuropa inne. Unter Papst Hadrian I. (772–795) gab die päpstliche Kanzlei das Datierungssystem des Byzantinischen Reiches auf und dokumentierte so symbolisch ihre Unabhängigkeit von alter römischer Tradition. Die Krönung Karls des Großen war eine natürliche Folge dieses Prozesses und zugleich der Versuch, eine schon seit längerer Zeit bestehende politische Realität zu objektivieren: anstelle der Byzantiner waren die Franken als Schutzherren der westlichen Kirche getreten. Der Verlust byzantinischer Gebiete im Westen war keine Katastrophe; er beschränkte das Reich auf die hellenisierten Provinzen des Ostens, die immer den Kern von Byzanz gebildet hatten. Drei Maßnahmen, die spezifisch für die ikonoklastische Politik sind – eine starke Militärregierung, strenge Finanzorganisation und kaiserliche Kontrolle über die Kirche –, ermöglichten Byzanz dreihundert Jahre die Verteidigung und Expansion seines Territoriums. Die Tatsache, daß sich diese Maßnahmen im 10. Jahrhundert als so erfolgreich erwiesen, beweist die wahre Bedeutung der Periode des Bilderstreits, in der sie zum erstenmal verwirklicht wurden. 3. Byzanz und die Slawen

I. Slawische Landnahme

Umgeben von barbarischen Völkern, suchte Byzanz das römische Erbe zu sichern und die Orthodoxie zu wahren. Einen Teil der die Grenzen ständig bedrohenden Feinde besiegte es in aufreibenden Kämpfen, einen anderen Teil wußte es geschickt auf diplomatischem Wege, durch Tribut und Geschenke zum Stillhalten zu bewegen, einen weiteren Teil konnte es dadurch unschädlich machen, daß es die einzelnen Stämme gegeneinander ausspielte. Das Verhältnis zu den Slawen begann zunächst unter den gleichen Bedingungen. Jedoch bald schon spielten die Slawen für das Oströmische Reich eine andere Rolle, sie ist in etwa vergleichbar mit jener der Germanen im Westen. Durch Übernahme des Christentums werden sie als gleichwertige Partner anerkannt und kulturell

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integriert. Einerseits empfingen Germanen und Slawen entscheidende Impulse für eine eigene kulturelle Entwicklung, andererseits verjüngten sie alternde Staatengebilde und suchten selber die Führung darin zu übernehmen. Ein Teil der Slawen, nämlich die Süd- und Ostslawen, übernahmen mit der Orthodoxie die byzantinische Herrscheridee und Kultur. Sie sollten in viel stärkerem Maße die Erben des zweiten Rom als die Germanen im Westen die des ersten werden. Wieweit das slawische Element schon innerhalb des eigentlichen byzantinischen Staatsgebildes zum Tragen gekommen ist, ist eine schwer zu beantwortende Frage. Zu den großen Problemen der byzantinischen Geschichte gehört auch die Frage nach der Nationalität. Beherrschung der griechischen Sprache, Anerkennung des Kaisertums und Bekenntnis zur Orthodoxie waren die Kennzeichen für einen echten Byzantiner, der durchaus armenischer, syrischer oder slawischer Herkunft sein konnte. Erst neuzeitlicher Nationalismus hat hier den Blick für die Wirklichkeit getrübt und zu letzten Endes fruchtlosen Debatten geführt. Der indogermanische Volksstamm der Slawen hatte seine Urheimat nordöstlich der Karpaten, im Quellgebiet und am Oberlauf der Flüsse Weichsel, Dnestr, Pripet, Bug, Dnepr. Während der Völkerwanderung gerieten auch die Slawen in Bewegung. Wann sie erstmals nach Süden vorgestoßen und an die Donau gelangt sind, ist unklar. Der eine Wanderweg lag im Osten, die Flüsse Prut und Seret entlang zur Donaumündung, der andere führte über den Jablunka- Paß in der heutigen Slowakei nach Mähren, an die mittlere Donau zum Plattensee und weiter zur Sawe. Sicher sind vom 2. bis 4. Jahrhundert im Gefolge der Goten und Gepiden, der Sarmaten und Hunnen vereinzelte slawische Stämme oder Sippen in das Gebiet an der Donau gelangt. Der Name des römischen Kaisers Trajan in der Volksüberlieferung der Slawen und der Brauch des Koleda-Singens, von lateinisch calendae, zur Zeit der Wintersonnenwende und zu Beginn des neuen Jahres lassen auf eine frühe Begegnung mit den Römern schließen. Erstmals drangen im Gefolge der Hunnen Slawen und Anten, zwei Völker mit der gleichen Sprache und denselben Sitten, im Jahre 527, als Justinian den Thron bestieg, in das Byzantinische Reich ein. In ungeordneten Horden unternahmen sie an der Nordgrenze Raubzüge, ohne sich jedoch anzusiedeln. Unter Justin I. hatte sie der Strategos Germanos noch besiegt. Justinian ernannte 530 Chilbudios, der wahrscheinlich selbst Slawe war, zum Strategen von Thrakien und suchte die Nordgrenze von Singidunum (heute Belgrad) bis zum Schwarzen Meer durch Festungsbauten zu sichern. Die slawischen Angriffe und Einfälle waren jedoch nicht aufzuhalten. Fast in jedem Jahr wurden Teile des Balkans von Slawen heimgesucht. 545 kamen sie bis nach Thrakien, 547/48 fielen sie in Illyrien und Dalmatien ein, wo sie bis vor Dyrrhachion (Durazzo, slaw. Drač) gelangten. 550/51 überquerten sie die Maritza und errangen bei Adrianopel sogar einen Sieg über die Byzantiner. Sie belagerten Naissus (Niš). Gemeinsam mit den Kutriguren unternahmen sie 559 einen Vorstoß auf die Zentren des

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Reiches, auf Thessalonike und Konstantinopel. Wenn er auch wenig Erfolge im Kampf gegen die Eindringlinge zu verzeichnen hatte, so legte Justinian sich doch den Siegernamen »Anticus« zu. Im 17. Jahrhundert wurde eine Vita Justiniani von Nikolaus Alemannus herausgegeben, die von einem vermeintlichen Lehrer des Kaisers namens Theophilos-Bogomil stammen sollte. Danach soll der ursprüngliche Name Justinians »Upravda« (von slaw. pravda – Gerechtigkeit) gelautet haben. So entstand die bis ins 19. Jahrhundert hinein geglaubte Legende von der slawischen Abstammung Justinians. Unter Justin II. erschien ein neuer Feind an der Donau. Die Awaren, ein turktatarisches Nomadenvolk, gründeten unter ihrem Khan Bojan an Theiß und Donau einen eigenen Staat. Sie übernahmen die Führung auch über die nach Stämmen oder Sippen »demokratisch« (wie der Historiker Prokopios schreibt [Gotenkrieg III, 14]) organisierten Slawen. Gemeinsam griffen sie die Hauptstadt an, belagerten Sirmium (heute: Sremska Mitrovica), 577/578 drangen erstmals 100000 Slawen in Hellas ein und verwüsteten das Land. Nach dem Zeugnis des syrischen Kirchenhistorikers Johannes von Ephesos ließen sie sich bereits nieder, erwarben reiches Besitztum und lernten, Krieg zu führen. 581 wurde Konstantinopel erneut belagert. In den folgenden Jahren hatte Griechenland unter ständigen Raubzügen zu leiden. Auch der Versuch der byzantinischen Diplomatie, die Awaren gegen die Slawen zu mobilisieren, fruchtete nicht. Das Ziel slawischer Eroberungswünsche war Thessalonike, das seine wunderbare Errettung aus größter Not seinem Schutzpatron, dem hl. Demetrios, zuschrieb. In den Wunderberichten seiner Vita wurden die Belagerungen ausführlich geschildert. Als »Volk ohne Waffen«, nur mit Holzspeeren, Bogen und Pfeil ausgerüstet, waren die Slawen zunächst dem byzantinischen Heer in offener Feldschlacht unterlegen, aber schon bald verfügten sie über Belagerungsmaschinen, die sie mit frischen Häuten gegen Brandpfeile zu schützen wußten. Auf ihren Einbäumen erreichten sie die Inseln, 623 sogar Kreta. Die Erfolge der Generale Priskos und Petros, die 593 und 597 Slawen, Awaren und Gepiden jenseits der Donau im eigenen Land geschlagen hatten, waren nur von kurzer Dauer. Unter Kaiser Phokas war Salona in Dalmatien gefallen. Die romanische Bevölkerung wurde zurückgedrängt und dezimiert. Die lateinischen kirchlichen Institutionen gingen zugrunde. Allmählich begannen die slawischen Stämme sich in den entvölkerten Gebieten niederzulassen. 626 kam es zur Belagerung Konstantinopels durch ein Heer aus Awaren, Slawen, Bulgaren. Kaiser Heraklios war im Osten gebunden und die Stadt somit sich selbst überlassen. Die Bevölkerung setzte sich zur Wehr, geleitet von dem Patriarchen Sergios. Die Barbaren erlitten eine furchtbare Niederlage. In der wunderbaren Errettung der Stadt sahen die Gläubigen ein Zeichen der Muttergottes. In jener Zeit entstand der hochberühmte Akathistos-Hymnos zu Ehren der »Siegreichen Heerführerin«. Die Macht der Awaren, die auch die Slawen zu spüren bekommen hatten, war gebrochen. Zur gleichen Zeit hatten

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westslawische Stämme unter Führung des fränkischen Kaufmannes Samo das Awarenjoch abgeschüttelt und 631 bei Wogastisburg den fränkischen König Dagobert besiegt. Kaiser Heraklios hatte mit dem Frankenkönig 629 Verbindung aufgenommen. So zeichnet sich schon beim ersten Versuch einer selbständigen Staatenbildung seitens der Slawen deren Stellung zwischen Fränkischem und Byzantinischem Reich, zwischen Ost und West ab. In den folgenden Jahrzehnten breiteten sich die Slawen über ganz Griechenland und die Peloponnes aus. Mitte des 8. Jahrhunderts hatte eine Pestepidemie weite Landstriche entvölkert, die nunmehr von Slawen neu besiedelt wurden. »Das ganze Land wurde slawisiert und barbarisch.« (Konstantin Porphyrogennetos, De thematibus, 53,18.) Waren bereits vor der Seuche Slawen im Lande, so wuchs ihr Einfluß gegenüber dem geschwächten griechischen Bevölkerungsanteil, der vor allem in den Städten lebte. 680–685 wurden viele Slawen nach Kleinasien umgesiedelt, wo sie auf seiten der Byzantiner gegen die Araber kämpfen sollten. Ein großer Teil der Slawen lief jedoch zum Feind über, worauf der zurückgebliebene Rest von den Byzantinern als Vergeltung für Untreue niedergemacht wurde. Ständige Versuche der makedonischen Slawen, Thessalonike in die Hand zu bekommen, veranlaßten Heereszüge nach »Sklaviniai«, wie Nordgriechenland nunmehr genannt wurde. Die zeitweilige Besiedlung Griechenlands durch Slawen ist an noch erhaltenen Ortsnamen slawischer Herkunft abzulesen. Im 19. Jahrhundert hat das den Historiker Jakob Philipp Fallmerayer zu seiner heftig umstrittenen These veranlaßt, bei den modernen Griechen handele es sich um hellenisierte Slawen. Byzantinisten und Slawisten haben diese These als unhaltbar zurückgewiesen. Im Laufe des 8. Jahrhunderts wurden die Slawen durch einzelne Aktionen des byzantinischen Heeres aufgerieben. Ein Teil wird, von der überlegenen griechischen Kultur angezogen, hellenisiert worden sein. Am längsten hielten sich die beiden slawischen Stämme der Milinger und Ezeriten am Taygetos, wo sie erst in der Türkenzeit verschwanden. Unter Kaiserin Irene erlagen die Slawen der griechischen Übermacht 805–807 in den Kämpfen um Patras. Sie gerieten somit endgültig unter die byzantinische Herrschaft, wenn auch später noch vereinzelte Aufstände aufflackerten. Der aus Kleinasien stammende Slawe Thomas entfesselte zur Zeit Michaels II. einen Aufstand »der Sklaven gegen die Herren«, 821–823 belagerte sein Anhang Konstantinopel, bis er mit Hilfe der Bulgaren besiegt werden konnte. Die Gestalt des Thomas erinnert stark an die sozial-utopischen Heilbringer in Rußland wie Stenka Razin und Pugačev. Die große Aufgabe, vor die sich Byzanz gestellt sah, war die Integrierung der Slawen und ihre Bekehrung zum Christentum. Während des Bilderstreits war es zu einer bedeutsamen Neuregelung der Jurisdiktionsbereiche gekommen. 732 wurde der gesamte Balkan aus dem Bereich des römischen Papstes herausgenommen und dem ökumenischen Patriarchen unterstellt. Nach Überwindung der letzten großen Krise der orthodoxen Kirche, des Bilderstreites, konnte das große Missionswerk in Angriff genommen werden. In hohem Maße

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vereinigten sich orthodoxes Sendungsbewußtsein und byzantinische Staatsklugheit in der Person des Patriarchen Photios. Ihm stand der nicht minder selbstbewußte und kluge Papst Nikolaus I. gegenüber. So ist die Slawenmission von Anfang an überschattet vom Gegensatz zwischen Ost und West, von dogmatischen Streitfragen zwischen der griechischen und lateinischen Kirche, aber auch von der Auseinandersetzung um das Erbe des römischen Kaisertums zwischen Franken und Byzantinern. Bei ihrer Aufnahme in die europäische Völkerfamilie durch die Christianisierung wurden die Slawen in die Spaltung hineingezogen. Besonders tragisch tritt das bei den Südslawen zutage, von denen die Kroaten zur lateinisch-katholischen und die Serben zur griechisch- orthodoxen Kirche gelangten.

und die Serben zur griechisch- orthodoxen Kirche gelangten. Abb. 11: Ansiedlung der Slawen auf der Balkanhalbinsel.

Abb. 11: Ansiedlung der Slawen auf der Balkanhalbinsel. Bildung des I. Bulgarischen Reiches

II. Das Grossmährische Reich

Das Awarenreich wurde endgültig von Karl dem Großen im Jahre 797 zerstört. Nicht nur die fränkische Macht nahm zu, sondern auch die Slawen suchten sich von der Fremdherrschaft zu befreien. Die Macht Karls muß die Slawen sehr

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beeindruckt haben. Sein Name wurde in den slawischen Sprachen zur Bezeichnung »König« (kral’). Nach der Episode des Reiches von Samo entstand ein neuer Staat, dessen Name ›Groß-Mähren‹ von Konstantin Porphyrogennetos geprägt wurde. Der erste mährische Fürst Mojmír I. konnte das Gebiet seiner Herrschaft auf Kosten eines anderen, den Franken freundlich gesonnenen slawischen Fürsten Pribina vergrößern, den er aus Nitra vertrieb. Somit bildeten im Süden Sawe und Donau, im Osten die Theiß, im Westen der Bayerische Wald die Grenze. Im Norden gehörten die tschechischen Stämme und ein Teil der Sorben zu seinem Bereich. Die politischen, kirchlichen und wirtschaftlichen Zentralen lagen in Mähren, in Staré Mĕsto, Mikulčice, Modra, Sady und Pohansko. Ausgrabungen, die nach dem Zweiten Weltkrieg durchgeführt wurden, förderten reichhaltiges Material zutage, das auf eine relativ hohe Kultur schließen läßt. Die Christianisierung ging von verschiedenen Zentren aus, von der Adria her durch das Patriarchat von Aquileia, von Bayern durch das Erzbistum Salzburg und das Bistum Passau, vom Donaugebiet her und schließlich von Byzanz aus. Auf die unterschiedlichen kulturellen Traditionen weisen die Grundrisse der alten Kirchen hin. Der Nachfolger Mojmírs I., Rastislav (840–869), suchte als Grenznachbar sowohl des Fränkischen wie des Bulgarischen Reiches Kontakt zum byzantinischen Kaiser Michael III. Neben der Stärkung gegenüber den beiden mächtigen Nachbarn, die sich gegen ihn verbündet hatten, ging es ihm auch um kirchenpolitische Fragen. Er bat den Kaiser um Missionare, die das schon bekehrte Volk im christlichen Gesetz unterrichten und es den Weg der Wahrheit in der eigenen Sprache lehren könnten. In Konstantinopel wurden für diese Aufgabe zwei Brüder aus Thessalonike ausersehen, die sich bereits durch ihre Gelehrsamkeit und ihr diplomatisches Geschick ausgezeichnet hatten. Es waren die Söhne eines höheren byzantinischen Beamten, des Drungarios Stephanos:

Methodios (etwa 815 geb.) und Konstantin (826/827 geb.). Sicher werden sie schon in früher Jugend die Sprachen der Slawen, die sich um ihre Vaterstadt herum angesiedelt hatten, erlernt haben. Selber waren sie sicherlich Griechen und keine Slawen, wie vor allem der spätere bulgarische Nationalismus es glauben machen möchte. In ihrer Begabung ergänzten sie sich aufs beste. Methodios war offensichtlich ein Mann der Praxis, während Konstantin schon bald den ehrenden Beinamen »der Philosoph« erhielt. Methodios hatte zunächst ein hohes Amt inne, bis er sich 840 infolge der Wirren des Bilderstreites ins Kloster auf dem bithynischen Olymp zurückzog. Konstantin studierte seit 843 in Konstantinopel an der Schule von Magnaura. Die beiden bedeutendsten Gelehrten ihrer Zeit, Photios und Leon Grammatikos, vermittelten ihm das Schulwissen seiner Zeit in den sogenannten Sieben Freien Künsten. Konstantin disputierte erfolgreich mit dem Bilderfeind Johannes Grammatikos. 855/ 856 nahm er an einer Gesandtschaft zu den Arabern teil. Zusammen mit seinem Bruder Methodios begleitete er 860 eine byzantinische Delegation zu den Chasaren auf die Krim. Dort fanden sie die Reliquien des hl. Papstes Clemens

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(gest. 101), die sie später nach Rom überführten. So waren sie für die neuen Aufgaben in Mähren am geeignetsten. Konstantin schuf für die neue Mission eine Schrift für jenes slawische Idiom, das er kannte, die sogenannte »Glagolica«. Über die Vorbilder für das phonetisch erstaunlich genaue Alphabet gehen die Meinungen auseinander. Mit der genialen Erfindung legte Konstantin den Grundstein für die Entwicklung der slawischen Literatursprachen. Altkirchenslawisch bzw. Altbulgarisch wurde später die erste slawische Schriftsprache genannt. In gewisser Abwandlung ist sie bis auf den heutigen Tag für die orthodoxen Slawen mit wenigen Ausnahmen die Kultsprache geblieben. Als erstes übersetzte Konstantin das Evangeliar, beginnend mit dem Prolog des Johannesevangeliums. Weiterhin übertrug er die wichtigsten Gottesdienstordnungen, Vesper, Matutin und Liturgie, ins Slawische. In Mähren hatten die Brüder große missionarische Erfolge. Nach dem Sieg König Ludwigs des Deutschen über Rastislav gewannen fränkische Kleriker wieder an Einfluß. Sie beobachteten das Wirken der Griechen mit Neid und Mißtrauen. Papst Nikolaus I., ein entschiedener Vertreter des römischen Primats, lud sie nach Rom ein. Auf ihrer Reise 866 nach Rom machten sie bei dem slawischen Fürsten Kocel, dem Sohn Pribinas, in Pannonien halt. Er interessierte sich für das Werk der Brüder und unterstützte es, indem er ihnen 50 Schüler zuführte. Als die beiden 868 in Rom eintrafen, war Papst Nikolaus I. bereits gestorben. Sein Nachfolger, Hadrian II., empfing sie huldvoll. Sie übergaben die Reliquien des hl. Clemens der römischen Kirche. Ihr Missionswerk und die Liturgie in der Volkssprache fanden päpstliche Anerkennung. Konstantin trat in Rom in ein griechisches Kloster ein, wobei er den Namen, unter dem er berühmt geworden ist, Kyrillos (Cyrill), annahm. Schon bald darauf, am 14. 2. 869, starb er. Methodios kehrte mit dem Titel eines Erzbischofs von Pannonien nach Mähren zurück. Damit war die kanonische Grundlage für die Errichtung einer slawischen Kirchenprovinz gegeben. In Mähren hatte sich die innenpolitische Lage zuungunsten Methodios’ gewandelt. Svatopluk (870–894) hatte seinen Onkel Rastislav abgesetzt und nach Blendung in ein fränkisches Kloster gesteckt. Außenpolitisch hatte er sich dem Fränkischen Reich wieder zugewandt. Die Intrigen des lateinischen Klerus gegen Methodios wurden immer heftiger. 870 wurde er gefangengenommen und vor eine Synode bayerischer Bischöfe gestellt, auf der er gedemütigt wurde. Er wurde verurteilt und in dem schwäbischen Kloster Ellwangen inhaftiert. Papst Johannes VIII. erfuhr auf Umwegen von diesem Unrecht. Er sandte den Bischof Paul von Ancona zu König Ludwig dem Deutschen und verlangte die Freilassung Methodios’. In der Bulle Industriae tuae an Svatopluk rechtfertigte derselbe Papst das Werk der Slawenapostel aufs glänzendste. Svatopluk schloß 874 in Forchheim Frieden mit den Franken. Damit war die Orientierung Mährens nach Byzanz endgültig vorbei. Die lateinische Mission setzte in verstärktem Maße wieder ein. Papst Johannes VIII. verbot 874 in einem nicht erhaltenen Brief den Gebrauch der slawischen Sprache in der Liturgie. (Wir wissen davon aus einem zweiten Schreiben desselben Papstes an

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Methodios aus dem Jahr 879.) Auf einer zweiten Rom-Reise konnte sich Methodios noch einmal rechtfertigen. Die letzten Jahre seines Lebens wurden durch die Verdächtigungen und Intrigen vor allem seitens seines Suffraganbischofs Wiching von Nitra vergällt. Man warf ihm u.a. Häresie vor, weil er z.B. das »filioque« nicht ins Glaubensbekenntnis einfüge, was freilich die römische Kirche im Unterschied zur fränkischen zu dieser Zeit auch noch nicht tat. 882/883 reiste Methodios nach Konstantinopel, wo er seitens des Kaisers und des Patriarchen Billigung seiner Arbeit fand. Am 6. 4. 885 starb er in seinem Bischofssitz in Velehrad. Seine Schüler wurden bald nach dem Tod ihres Meisters verfolgt und vertrieben. Der Versuch, das Großmährische Reich von Konstantinopel aus zu christianisieren und somit der Ostkirche und byzantinischen Kultur zu öffnen, war gescheitert. Als 904 die Magyaren nach Europa einfielen, zerfiel auch das Groß-mährische Reich. Die Tschechen, Mährer und Slowaken wurden im Laufe der nächsten Jahrzehnte der lateinischen Kirche einverleibt und damit dem deutschen bzw. ungarischen Einfluß ausgeliefert. Die Liturgie in einer dem Volk verständlichen Sprache verschwand, an ihre Stelle trat die lateinische. Hier und da wurde das Kirchenslawisch als seltenes Privileg gewahrt wie im Sazava-Kloster oder zur Zeit Karls IV. im Emmaus- Kloster bei Prag. Eine eigene slawische Nationalkirche gemäß dem politischen Prinzip der Ostkirche mit der Tendenz zur Autokephalie konnte sich nicht entwickeln. Das petrinische Prinzip Roms setzte sich durch. Ganz vergessen wurde jedoch die Vergangenheit nicht. Sie lebte in der kyrillomethodäischen Idee im Mittelalter, im Zeitalter des Barock und vor allem im 19. Jahrhundert fort. In hussitischer Zeit erinnerte man sich an die Ostkirche, vor allem seitens der Utraquisten suchte man Kontakte, um gültig geweihte Priester zu bekommen. Kurz vor der Katastrophe erschien in Konstantinopel der Tscheche Petr Platris, der gegen die Union mit Rom wetterte. Die Griechen, die ihn geweiht hatten, nannten ihn Konstantinos ὁ ἱερες, »der Priester«. Das Werk der Slawenapostel Kyrillos und Methodios kann in seiner Bedeutung kaum überschätzt werden. Durch ihre Übersetzung haben sie nicht nur den Slawen den Weg zur Schriftsprache eröffnet, sondern auch die byzantinische Geistigkeit über den griechischen Raum hinausgetragen. Liturgische und theologische Texte in einer alten, ausgeformten Terminologie galt es in die Sprache eines noch jungen, auf nicht derselben kulturellen Höhe stehenden Volkes zu übersetzen. So legen die ersten Übersetzungen ein beredtes Zeugnis von einer hohen theologischen Bildung und einem ausgeprägten Sprachgefühl der Brüder ab. Zunächst wurden die allerwichtigsten liturgischen Texte übersetzt: Evangeliar, Apostolos, Psalter, Lesungen aus der Hl. Schrift und die Liturgie sowie das Euchologion, das Rituale. Von Methodios weiß dessen Vita zu berichten, er habe mit Hilfe zweier Schnellschreiber in acht Monaten das gesamte Alte Testament mit Ausnahme der Makkabäerbücher übersetzt. Wieweit diese Nachricht zutrifft, ist noch nicht genügend erforscht. Auf Methodios geht auch der Grundstock der slawischen Übersetzung des

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Nomokanon zurück in dem Zakon sudnyj ljudem. Sehr wahrscheinlich hatte er wesentliche Stücke der byzantinischen Ekloge schon vor seiner mährischen Zeit übertragen, als er noch als Beamter in Makedonien mit slawischen Untertanen des byzantinischen Kaisers zu tun hatte. Der Nomokanon wurde erst in Mähren hinzugefügt, was die reichlich vorhandenen Bohemismen belegen. Es handelt sich um eine geschickte, den wirklichen Verhältnissen angepaßte Auswahl aus der byzantinischen Gesetzgebung. Ein weiteres Werk, eine Auswahl aus den »Büchern der Väter«, eine Art Paterikon, eine Sammlung von patristischen Schriften, wird Methodios zugeschrieben. Ob es sich dabei um Homilien berühmter Kirchenväter oder um Apophthegmata der Mönchsväter handelt, ist noch nicht geklärt, da das Original und das entsprechende griechische Vorbild nicht mehr vorliegen. Sehr wahrscheinlich wird es sich um ein Handbuch mit Zitaten und Geschichten der großen Asketen gehandelt haben, wie sie später unter dem Namen Paterikon üblich wurden. Liturgie, Kirchenrecht und Asketik der Ostkirche sollten somit die geistliche Grundlage für das mährisch-pannonische Erzbistum bilden. Svatopluk erkannte im Unterschied zu den bulgarischen Zaren die Bedeutung eines eigenen Kirchenwesens für die Unabhängigkeit des Staates nicht. Kyrillos und Methodios hielten sich streng an die Jurisdiktion des für Mähren zuständigen Papstes, trotz der Auseinandersetzungen ihres Lehrmeisters Photios mit Rom. So bekundeten sie in ihrem Werk neben missionarischem Eifer, pastoraler Klugheit auch eine ökumenische Gesinnung und überragten darin viele ihrer Zeitgenossen. Ihre Schüler traf das harte Los der Verfolgung. Von fränkischen Soldaten vertrieben, mißhandelt, als Sklaven verkauft, gelangten sie auf verschiedenen Wegen in ein Land, das sich gerade dem Christentum und Byzanz zugewandt hatte – nach Bulgarien, wo sie die erste Blüte des altkirchenslawischen Schrifttums hervorriefen.

III. Bulgarien

a) Das erste Bulgarische Reich, 679–1018

Als die Slawen sich schon auf dem Balkan festgesetzt hatten und die Macht der Awaren im Rückgang begriffen war, überquerte ein turko-tatarisches Volk, die Bulgaren unter ihrem Khan Isperich (griech. Asparuch), von den Chasaren gezwungen, 679 die Donau und ließen sich in Mösien nieder. Das energische, feudalistisch organisierte Volk unterwarf sich die untereinander uneinigen Slawenstämme, zumal seine materielle Kultur auch ein höheres Niveau aufwies. Byzanz erwuchs aus dem Innern Asiens kommend ein neuer, gefährlicher Gegner. Kaiser Konstantin IV. Pogonatos suchte sie abzuwehren, erlitt aber 679 schon eine Niederlage und mußte mit den Bulgaren einen Vertrag schließen. Zur Zeit Justinians II. griff Khan Tervel in die Thronstreitigkeiten ein und erschien 705 mit einem Heer aus Bulgaren und Slawen unerwartet vor den Mauern

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Konstantinopels. Justinian II. wurde wieder eingesetzt. Zum Dank dafür überreichte er Tervel die kaiserliche Mandyas und verlieh ihm den Titel ›Kaiser‹ (›Basileus‹). 716 gelang es Tervel, neue, für die Bulgaren günstige Verträge mit Byzanz abzuschließen. Die byzantinischen Kaiser versuchten in der Folgezeit, den gefährlichen Nachbarn zu vernichten. Einzig Konstantin V. war einiger Erfolg beschieden. Nach Überwindung innerer Streitigkeiten festigte sich das Bulgarische Reich ständig. Nach der Zerstörung des Awarenreiches durch Karl den Großen grenzte es an Theiß und Sawe unmittelbar an das Frankenreich. Khan Krum (802–815) eroberte 809 die alte Stadt Serdica (heute Sofia). 811 zog Nikephoros I. mit dem byzantinischen Heer gegen die Hauptstadt Pliska, eroberte und zerstörte sie. Auf dem Rückmarsch geriet er in eine Falle, und die Byzantiner erlitten eine furchtbare Niederlage. Nikephoros I. fiel, und aus seiner Schädeldecke trank Krum seinen Boljaren zu. Seine Nachfolger suchten einerseits die Grenzen gegenüber den Franken zu festigen, zum anderen die von slawischen Stämmen bewohnten Gebiete Makedoniens unter ihre Herrschaft zu bekommen. Schon beherrschten sie große Teile der Balkanhalbinsel und kontrollierten die wirtschaftlich und militärisch wichtigsten Verbindungen wie die ›via Singidunum‹ (Belgrad – Sofija – Philippopel – Adrianopel – Konstantinopel), die ›via Egnatia‹ (Dyrrhachion – Ochrid – Thessalonike – Konstantinopel), die Donau und die Schwarzmeerküste. Die politische Ordnung des Staates war feudalistisch, dem Khan standen die Boljaren zur Seite. Die Bauern waren zum Teil frei, zum Teil waren sie als Sklaven von der Zentralgewalt oder von einem Boljaren abhängig, denen sie verschiedene Dienste zu leisten und Steuern in Form von Naturalien zu zahlen hatten. Pliska hieß die monumentale Hauptstadt, deren Ruinen von der Archäologie zutage gefördert wurden. Auf der Grundlage der römisch-byzantinischen Tradition wurden monumentale Bauwerke errichtet, die in ihrem Stil und ihrer Ausschmückung an die iranische Herkunft der Erbauer erinnern. Das berühmteste Denkmal dieser Zeit ist das in seiner Art in Europa einmalige, in eine Felswand eingemeißelte Relief eines Reiters bei dem Dorf Madara. Wie die Slawen waren auch die Protobulgaren Heiden, als sie in die Balkanhalbinsel eindrangen. Die alte kirchliche Organisation wurde weithin zerstört, wie z.B. Serdica, in dem 343 eine Synode stattgefunden hatte. Einzelne Prediger, besonders byzantinische Gefangene, wirkten als Missionare, so daß es schon vor der eigentlichen Konversion Christen gab. Unter Khan Omurtag und seinen Nachfolgern wurden die Christen grausam verfolgt. Viele starben den Märtyrertod. Die Wende trat unter dem Fürsten Boris ein, der von 852 bis 888 regierte. Er vollzog die Wendung zum Christentum in seiner östlich-byzantinischen Form und bestimmte so die weitere Entwicklung Bulgariens. Hand in Hand mit der Christianisierung ging die Slawisierung Bulgariens. König Ludwig der Deutsche suchte ebenso wie der Fürst Rastislav von Mähren Verbindung zu Boris. Byzanz

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war an einer friedlichen Verbindung mit dem gefährlichen Nachbarn gelegen. Rom hoffte durch Missionierung das 732 verlorene Gebiet seiner Jurisdiktion zurückzuerlangen. Als sich 863 Rastislav für byzantinische Glaubensboten entschied, König Ludwig sich gegen Mähren wandte, konnte Byzanz Boris nötigen, um Frieden zu bitten. 865 ließ er sich taufen und nahm dabei den Namen seines kaiserlichen Taufpaten Michael an. Das Jahr darauf wandte er sich insgeheim an Papst Nikolaus I. mit der Bitte, ihm die christliche Lehre zu erläutern, Geistliche zu senden, vor allem aber ein bulgarisches Patriarchat zu errichten. Der Papst sandte Bischof Formosus mit seiner Antwort zu Boris. Mit ihm kamen lateinische Priester ins Land. Allein der Frage nach einer eigenen Kirchenleitung wich der Papst aus. In Konstantinopel gelangte Basileios I. auf den Thron, der den Patriarchen Photios absetzen und Ignatios rehabilitieren ließ. Auf dem Konzil 870 entschieden die Väter in der Bulgarenfrage gegen Rom und für die Jurisdiktion des ökumenischen Patriarchen. Boris, der sich bereits wieder Byzanz zugewandt hatte, erhielt einen Erzbischof für sein Reich. Damit war die Entscheidung gefallen, die innere Struktur von Staat und Kirche, Kunst und Literatur wurde an byzantinischen Vorbildern ausgerichtet. Die anfänglichen Mißerfolge der griechischen Mission hörten auf, als die aus Mähren vertriebenen Schüler Kyrillos’ und Methodios’, Kliment, Naum, Gorazd, Angelar und Sava, mit ihren Lehrern die ›Heiligen Sieben‹ genannt, in das Bulgarische Reich kamen und die Christianisierung unter den Slawen vorantrieben. Kliment, ›der Slawische‹ und Naum wurden von dem Kommandanten Belgrads zu Fürst Boris geschickt. Kliment bekam ein Gebiet im Südwesten zugeteilt, während Naum in Preslav im Nordwesten ein kulturelles Zentrum im Kloster des hl. Panteleimon einrichten sollte. Kliment widmete sich von Ochrid aus der Missionsarbeit in Makedonien. Naum wurde ihm später beigesellt, der in Ochrid in dem Kloster starb, das heute seinen Namen trägt. Kliment bildete eine große Zahl von Schülern aus. 893 wurde er zum Bischof geweiht, seine Diözese war nach dem Fluß Velka benannt. Inzwischen hatte Boris 888 seine Krone niedergelegt und war ins Kloster gegangen. Sein Sohn Vladimir suchte dem Heidentum wieder zur Macht zu verhelfen. Daraufhin griff Boris noch einmal in die Geschicke seines Landes ein, 892 setzte er Vladimir wieder ab und ließ ihn blenden. Den Thron übergab er seinem jüngeren Sohn Simeon. Er selbst starb 907 im Kloster. Simeon, »der Halbgrieche«, hatte seine Ausbildung an der Schule von Magnaura in Konstantinopel erhalten. Er verlegte die Hauptstadt von Pliska nach Preslav, das er prachtvoll ausbauen ließ. Unter seiner Herrschaft erlebte die altkirchenslawische Literatur ihre erste Blüte. Die wichtigsten Werke byzantinischer Literatur wurden auf seine Veranlassung übersetzt. Kliment schrieb eine Vita seines Lehrers, des hl. Methodios, nieder. Im Stile griechischer Rhetorik hielt er Homilien (pochval’nye slova) und Katechesen (poučenija), von denen 27 erhalten sind. Er übersetzte das Pentekostarion (triod’ cvetnaja) und verfaßte eine Beichtordnung, die in dem glagolitischen Euchologium sinaiticum enthalten ist. Zu seinen Lebzeiten, er starb 916, wurde der Gebrauch der

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Glagolica aufgegeben und eine neue, der griechischen ähnlichere Schrift, die Kirilica bzw. Ćirilica, eingeführt. Sie ist wohl kaum sein Werk, eher das eines anderen slawischen Gelehrten seiner Zeit, Konstantin des Presbyters. Auf ihn gehen auch die beiden ersten slawischen Gedichte zurück, ein Gebet nach dem Alphabet (azbučnaja molitva) und ein Vorwort (Proglas) zum Evangelium. Er unternahm den Versuch, byzantinische Formen wie Akrostichis und den aus 12 Silben bestehenden »politischen Vers« zu verwenden. Sein »Lehrevangelium« stellt eine Sammlung von 51 Homilien für das Kirchenjahr dar, die bis auf eine von Johannes Chrysostomos, Kyrillos von Alexandria und Isidor von Pelusion stammen. Weiterhin verfaßte er nach dem Vorbild byzantinischer Chroniken ein Handbuch der Geschichte, »Istorikija«. Ein weiterer Vertreter der altkirchenslawischen Kultur ist Johannes der Exarch. Er übersetzte zwei theologisch-philosophische Werke, die zu seiner Zeit für Studium und Ausbildung von orthodoxen Geistlichen äußerst wichtig waren: den ersten Teil der Dogmatik des Johannes von Damaskus und den Kommentar zum Sechstagewerk (Hexaëmeron, Šestodnev), der in seinem Kern auf Basileios den Großen zurückgeht. Simeon selbst förderte diese Werke sehr. Auf seine Initiative hin wurde ein Sammelband (Sbornik) verschiedener Schriften, darunter die einzige altkirchenslawische Rhetorik nach Georgios Choiroboskos und ein Handbuch, bestehend aus Predigten des Johannes Chrysostomos, der sogenannte »Zlacostruj«, geschaffen. Der Traktat eines Mönches Chrabr »Über die slawischen Schriftzeichen« verrät ebenfalls eine enzyklopädische Bildung, aber auch slawisches Selbstbewußtsein gegenüber griechischen Einwänden. Simeon ahmte nicht nur die geistige Atmosphäre Konstantinopels in seiner Residenz nach, sondern er streckte auch die Hand nach der Kaiserkrone aus. Hießen die ersten Herrscher ›Khane‹, hatte sein Vater diesen Titel durch den slawischen ›knaz’‹ ersetzt, im byzantinischen Sprachgebrauch ρχων, so strebte er den Titel des βασιλες an, nicht, um das Ansehen des Bulgarenreiches zu erhöhen, sondern um den Kaisertitel in der ganzen Fülle seiner Bedeutung zu erringen. In ununterbrochenen Kriegen mit Byzanz dehnte er die Grenzen seines Reiches aus. Bei Bulgarophygon schlug er 896 die Byzantiner, die versucht hatten, die Ungarn gegen ihn zu hetzen. Simeon besiegte diese wiederum mit Hilfe der Petschenegen. Die Ungarn wandten sich nach Westen, zerstörten das Großmährische Reich und schoben sich wie ein Keil zwischen Süd- und Westslawen. 913 zog Simeon vor die Mauern von Konstantinopel. Er stand kurz vor dem Erfolg. Patriarch Nikolaos Mystikos stellte ihm eine Verbindung mit dem Kaiserhause in Aussicht und damit die Krönung zum Basileus. Simeons Tochter sollte den jungen Kaiser Konstantin VII. heiraten. Durchkreuzt wurden die Pläne von der Kaiserin Zoë und von Romanos Lekapenos. Simeon legte sich zwar den Titel »Car’ der Bulgaren und Selbstherrscher der Griechen« zu und erhob das bulgarische Erzbistum zum Patriarchat. Militärisch aber war er nicht in der Lage, die Hauptstadt zu erobern. Die Kämpfe mit Serben und Kroaten schwächten seine Kräfte. Als er 927 plötzlich starb, übernahm sein Sohn Peter,

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eine schwache Persönlichkeit, das Erbe. Der Basileus-Titel wurde auf Bulgarien beschränkt, das Patriarchat und somit die Autokephalie widerstrebend anerkannt und die eheliche Verbindung mit dem griechischen Herrscherhaus, wenn auch nicht mit einer ›Purpurgeborenen‹ erlaubt. Zudem wurde jährlich eine Summe an Bulgarien gezahlt. Der Versuch, die Hegemonie unter den christlichen Staaten an sich zu reißen, endete zunächst mit einem Kompromiß. Unter der Regierung Peters 927–969 bestand anfänglich Frieden mit Byzanz. Innenpolitisch erwuchsen dagegen neue Probleme. Verschiedene Boljaren erhoben sich gegen ihn, einem war Erfolg beschieden. So entstand im Westen 963 unter dem Adligen Nikola ein makedonischer unabhängiger Staat. Bedrückt durch die Abgaben an den Adel und die reicher werdende Kirche, wurde die Bevölkerung immer unzufriedener. Nikephoros Phokas setzte seit 968 dem ostbulgarischen Reich wieder zu. Er veranlaßte den russischen Fürsten Svjatoslav von Kiev, gegen die Bulgaren zu ziehen. 968 zerstörte er ihre Städte an der Donau, 969 trachtete er danach, Preslav zu seiner Residenz zu machen. Einzig die Petschenegen retteten Konstantinopel dadurch, daß sie Kiev belagerten. Johannes Tzimiskes vereinigte das ostbulgarische Reich wieder mit Byzanz. Boris II. mußte als Gefangener 972 öffentlich die kaiserlichen Insignien ablegen und wurde gleichsam zu einem byzantinischen Beamten degradiert. Das makedonische Reich bestand unter der Regierung Samuels weiter. Zunächst war Sofija, dann Vodena die Hauptstadt, wo auch der Patriarch residierte. Von dort wechselte er nach Măglen, von Prespa schließlich nach Ochrid über. Das Byzantinische Reich erstarkte wieder. Basileios II. besiegte nach anfänglichen Mißerfolgen in mehreren Feldzügen die Bulgaren. 1014 holte er zum letzten Schlag aus. In der Schlacht am Berg Belasica machte er 14000 Gefangene. Er ließ alle blenden, indem er auf je hundert einen Einäugigen als Führer kommen ließ. Als Samuel in Prilep, wohin er geflohen war, diesen traurigen Zug erblickte, starb er vor Entsetzen. Basileios II. erhielt daraufhin den Beinamen »Bulgaroktonos« (Bulgarentöter). Noch vier Jahre dauerte es, bis das Bulgarische Reich endgültig zerstört war. Der Sohn Samuels, Gabriel Radomir, wurde von seinem Neffen Johannes Vladislav ermordet. Dieser fand den Tod bei der Belagerung von Dyrrhachion. 1018 fiel Ochrid, die letzte Hauptstadt Bulgariens, in die Hände der Byzantiner. Das Patriarchat wurde aufgehoben, Ochrid zu einem autokephalen Erzbistum, das mit 32 Suffraganbistümern dem Kaiser direkt unterstellt blieb. Zugleich setzte im Herzen der altslawischen Kirche eine Gräzisierungspolitik ein. Mit der Übernahme des Christentums aus Konstantinopel fand auch die monastische Tradition des Ostens in Bulgarien Eingang. Unter Fürst Boris, der wie so mancher mittelalterliche Herrscher sein Leben im Kloster beendete, wurden in Preslav und Ochrid erste Klöster gegründet. Sie werden im Sinne des koinobitischen ›sozialen Mönchtums‹ Zentren kulturellen und karitativen Lebens gewesen sein. Daneben wurde auch die syrisch-palästinensische Tradition des weltflüchtigen Eremiten, des ›sozialen Mönchtums‹, lebendig. Im 10.

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Jahrhundert lebte im Rila-Gebirge in einer Höhle der hl. Einsiedler Johann von Rila (gest. 946). Später entstand dort das berühmte Rila-Kloster, ein Zentrum bulgarisch-orthodoxen Lebens. Mit Joakim von Osogovo, Prochor vom Fluß Pčinja, der in einer Eiche lebte, und Gavriil von Lesnovo gehört er zu den ›Heiligen Vier‹, die die strenge Form ostkirchlichen Mönchtums in Bulgarien verkörpert haben. Der friedfertige Zar Peter wird von der bulgarischen Kirche ebenfalls als Heiliger verehrt.

b) Die Bogomilen

Zu seiner Zeit trat in Bulgarien eine sowohl gegen die offizielle Kirche wie auch gegen den Staat gerichtete, religiöse Bewegung auf. Ihren Namen hat diese Sekte nach ihrem vermeintlichen Gründer Pop Bogomil. Ihre Lehre hat im wesentlichen zwei Quellen, einmal die Sekte der Paulikianer, deren Mitglieder von Johannes Tzimiskes um 970 aus Kleinasien nach Thrakien in die Gegend von Philippopel umgesiedelt wurden, zum anderen die Gruppe der streng asketisch ausgerichteten Messalianer oder Euchiten, welche nur das ständige Gebet gelten ließen und den kirchlichen Kult verwarfen. Die Paulikianer vertraten einen extremen Dualismus, den ewigen Kampf zwischen dem Prinzip des Guten und Bösen, ähnlich wie die Manichäer. Die Bogomilen sahen den Kampf in der Zeit begrenzt. Ihre Lehre stellt sich kurz folgendermaßen dar: Der gute Gott schuf 7 Himmel, die 4 Elemente und Satanael mit den Engeln. Satanael erhob sich gegen ihn und wurde gestürzt. Daraufhin erschuf dieser die materielle Welt und den Menschen, den er jedoch nicht beseelen konnte. Die Seele Adams und Evas stammt von Gott. Mit Eva zeugte Satanael den Kain, den Mörder Abels. Das Wort Gottes, der Logos, erscheint in Christus, der aus Maria einen Scheinleib angenommen hatte. Die Erlösung beruhte in der Befreiung der Seele, des geistigen Prinzips, vom Leib, dem bösen, materiellen Prinzip. Die Kirche wurde als Satansgründung abgelehnt. Die Bogomilen verwarfen die Hierarchie und die Sakramente, die Verehrung des Kreuzes, der Heiligen, der Reliquien und Ikonen. Von den Gebeten wurde nur das Vaterunser anerkannt, das sie mehrmals täglich unter Kniebeugen verrichteten. Vom Alten Testament galt vor allem der Pentateuch als Buch Satanaels, einzig im Neuen Testament, vor allem im Johannesevangelium sahen sie die Offenbarung des wahren Gottes. Scharfe Kritik übten die Bogomilen am Reichtum des Klerus und am Prunk der Kirche. Sie lebten einfach und enthaltsam, tranken keinen Wein und aßen kein Fleisch, wie sie auch Mord und jedwedes Blutvergießen verabscheuten. Sie hüllten sich in dunkle Mönchsgewänder. Die Ehe wurde abgelehnt. Die Bogomilen bildeten drei Gruppen: die Vollkommenen, die Hörer und die Gläubigen. Von den Vollkommenen wurde ein Leben in strengster Askese verlangt. Ihnen oblagen die Organisation und die Predigt. Die Hörer und die gewöhnlichen Gläubigen waren nicht zum gleichen strengen Leben verpflichtet. Man beichtete untereinander und hielt gemeinsame Gebetsversammlungen ab. Man kannte nur

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eine Geisttaufe, vollzogen durch die Auflegung des Johannesevangeliums. Von den Hörern zu den Gläubigen, von diesen zu den Vollkommenen stieg der einzelne in einem besonderen Akt auf. Die Hierarchie bestand aus dem Ältesten und den Lehrern oder den Aposteln. Diese Lehre hatte eine ungeheure Ausstrahlungskraft. Der heftige Protest gegen Reichtum und Luxus, die Ablehnung des Krieges fiel im gequälten Volk auf fruchtbaren Boden. Wieweit das dualistische Weltverständnis dem slawischen Heidentum entgegenkam ist bis heute umstritten, da von der Religion der Slawen wenig bekannt ist. Zar Peter wandte sich an Patriarch Theophylaktos von Konstantinopel und fragte nach Mitteln zur Bekämpfung der neuen Häresie. In seinem Antwortschreiben verurteilte der Patriarch die Hauptirrtümer der Paulikianer und Manichäer ohne genaue Einsicht in das Wesen des Bogomilentums. Im griechischen Bereich polemisierte der Mönch Euthymios Zigabenos gegen die neue Irrlehre. Der Philosoph Michael Psellos beschrieb die den Lehren der Bogomilen ähnlichen Auffassungen der Euchiten und Manichäer. In Bulgarien suchte der Presbyter Kozma die Bogomilen zu widerlegen. 1111 wurde der bulgarische Arzt Vasilij in Konstantinopel verbrannt, wo sich ein Zentrum dieser Sekte entwickelt hatte. Überall wurden die Bogomilen von Staat und Kirche verfolgt. Deswegen blieben sie oft zur Tarnung äußerlich in der Kirche. Von Bulgarien gelangte die Lehre durch Flüchtlinge nach Serbien. In Bosnien fand sie unter Ban Kulin großen Anhang. Vom 12. bis 15. Jahrhundert blühte die sogenannte bosnische Kirche. In Kreuzzügen wurde sie stark dezimiert, die Reste traten dann zum Islam über. Durch die Handelsbeziehungen der Venezianer, durch die Kreuzzüge und Normannenkriege kamen bogomilische Auffassungen auch nach Italien und Frankreich. In den Katharern, Patarenern, Albigensern und Waldensern lebte ihre Tradition fort. Sie wurden oft auch ›Bulgari‹ genannt. Vom Westen drangen ihre Lehren über die Handelsverbindungen bis nach Novgorod, wo sie von den Strigol’niki vertreten wurden. Das Bogomilentum stellte so etwas wie eine Subkultur dar, erwachsen auf byzantinischem Kulturboden und gnostische Elemente in sich enthaltend. Sein Schrifttum, die Apokryphen, Texte kosmogonischen und eschatologischen Inhalts, verbreitete sich nicht zuletzt dank der altkirchenslawischen Sprache sehr schnell im Osten und beeinflußte nicht unwesentlich die Volksliteratur. In viel stärkerem Maße erfreuten sich die Apokryphen der Beliebtheit beim einfachen Volk als die offizielle kirchliche Literatur. Das »geheime Buch« oder apokryphe Johannesevangelium ist in seiner bulgarischen Urfassung verlorengegangen und nur in zwei späteren lateinischen Handschriften erhalten. Die »Vision des Isaias« ist in slawischen Redaktionen erhalten. Weitere Werke waren der »Razumnik«, »Sotvorenie Adama«, »Choždenie po mukam«, »Beseda trech svjatitelej«, die auch in Rußland weite Verbreitung fanden. Die »Duchovnye stichi«, Lieder der Bettler am Kirchenportal, enthalten mehr gnostisch-bogomilisches Gut als liturgisch- kirchliches. Eine starke Sozialkritik schwang darin immer mit, wie z.B. in den Liedern vom armen Lazarus. In der Türkenzeit verschwanden auf dem

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Balkan die Bogomilen nach und nach, ein Teil wurde mohammedanisch wie in Bosnien, ein Teil trat interessanterweise zum Katholizismus über wie in Bulgarien.

c) Bulgarien unter byzantinischer Herrschaft, 1018–1186

Bulgarien sank immer mehr zu einer byzantinischen Provinz herab. Griechische Beamte und griechische Bischöfe lösten die bulgarischen, slawischen Adligen und Hierarchen ab. Eine starke Gräzisierungspolitik sollte die bulgarische Nationalität zum Verschwinden bringen. Besonders die byzantinische Kirche betrieb die Hellenisierung des Volkes. Der griechische Erzbischof Theophylakt von Ochrid äußerte sich verächtlich über seine bulgarischen Gläubigen, in denen er nur ungebildete Barbaren sah. Auch der Name Bulgarien wurde durch »Mösien«, die alte Provinzbezeichnung, ersetzt. In den Städten wurden byzantinische Garnisonen stationiert. Auf dem Lande gerieten immer mehr Bauern in Leibeigenschaft, da der Großgrundbesitz sprunghaft zunahm. Anstelle der ursprünglichen Abgaben in Naturalien traten Steuern, die in Geld zu entrichten waren. Das Pronoia-System (vgl. Kap. 5, III, S. 267 f) verursachte eine rücksichtslose Ausbeutung der Landbevölkerung. Selbst Theophylakt sah in den Beamten Räuber. Auch Bischöfe und Klöster herrschten über ganze Dörfer. So nahm trotz der Verfolgung die Bogomilenbewegung beträchtlich zu. Hinzu kam, daß das Gebiet zwischen Donau und Balkan durch ständige Einfälle aus dem Norden von Petschenegen und Uzen verwüstet wurde. Auch die durchziehenden Kreuzfahrer verhielten sich der Bevölkerung gegenüber mißtrauisch, da sie in ihnen ja seit dem Jahre 1054 Schismatiker sehen mußten. Mitunter plünderten sie Dörfer und Städte. Schon damals wuchs die Abneigung gegen die Lateiner. Im Zusammenhang mit einer Steuereintreibung im Jahre 1040 kam es zum erstenmal zu einem Aufstand unter der Führung eines Enkels des Zaren Samuel, Peter Deljan. Die Bewegung ergriff die Gegend von Skopje, Drač (Durazzo) und den Epiros. Nach anfänglichen Erfolgen wurde der Aufstand durch Verrat niedergeschlagen. Ein Sohn des Zaren Johannes Vladislav, Alusian, der von Basileios II. den Titel eines Patrikios erhalten hatte und in Armenien als Stratege eingesetzt worden war, floh und unterstützte anfänglich den Aufstand. Nach einer Niederlage vor Thessalonike verriet er jedoch Peter Deljan und ließ ihn blenden. Er selbst kehrte in byzantinische Dienste zurück. Wiederum in Makedonien brach im Herbst 1072 ein neuer Aufstand aus. Der bulgarische Boljar in byzantinischen Diensten Georgi Vojtech stellte sich an die Spitze. Um sich die Unterstützung des serbischen Župan der Zeta, Michail, zu sichern, rief man dessen jüngsten Sohn Konstantin Bodin in Prizren zum Zaren der Bulgaren aus. Es gelang ihm und seinem serbischen Heerführer Petrilo, einige Städte, darunter Nisch und Ochrid, zu erobern. Bei Kostur (Kastoria) erlitten sie

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jedoch eine große Niederlage. Die Byzantiner nahmen das Zentrum des Aufstandes, Skopje, ein. Konstantin und Petrilo gerieten in Gefangenschaft. 1073 war auch dieser Versuch, das byzantinische Joch abzuschütteln, fehlgeschlagen. Immer wieder flammten Aufstände in den folgenden Jahren auf. So 1078 in Sredec (Sofija), 1084 Mesemvrija (Nesebar) und in Plovdiv.

d) Das zweite Bulgarische Reich, 1185–1396

Die Lage der Bevölkerung Bulgariens und Makedoniens unter byzantinischer Herrschaft wurde immer unerträglicher, die Lasten immer schwerer. 1183 drangen die Magyaren, das Land verwüstend, von Norden her bis nach Sofija vor. 1185 eroberten, von Italien kommend, die Normannen Thessalonike. In dieser für Byzanz ungünstigen Situation begann im Herbst 1185 in Trnovo ein neuer Aufstand, der von den Brüdern Asen und Theodor, Boljaren aus bulgarisch-kumanischer Familie, angeführt wurde. Sie hatten sich vergebens von Kaiser Isaak II. Angelos ein Heer und ein kleines Territorium mit geringen Einkünften erbeten. Der Aufstand griff auf das ganze nordöstliche Bulgarien über. Kaiser Isaak II. zog 1186 selbst mit einem großen Heer gegen die Aufständischen. Die Brüder mußten über die Donau zurückweichen. Aber bald kehrten sie mit angeworbenen Kumanen zurück. Sie befreiten Nordbulgarien von der byzantinischen Herrschaft. 1187 war der Kaiser gezwungen, in Loveč Frieden zu schließen und den neuerstandenen Staat anzuerkennen. Theodor wurde zum Zaren ausgerufen und nannte sich von da an Peter. Zur Hauptstadt erkor er sich Trnovo. Ziel der Brüder war, auch Makedonien und Thrakien wieder ihrem Reich einzuverleiben. Sie wurden jedoch Opfer einer Boljarenverschwörung. 1196 wurde Asen I. von einem Boljaren namens Ivanko ermordet, das Jahr darauf Peter. Ihr jüngster Bruder Kalojan trat die Herrschaft an (1197–1207). In seinen Kämpfen war er erfolgreich, nach dem Frieden von 1201 mit Alexios III. Angelos umfaßte sein Reich bereits Nord- und Südbulgarien, die Städte an der Schwarzmeerküste, Teile Thrakiens und Makedoniens. Zum zweitenmal in der Geschichte stand Bulgarien vor der Entscheidung, sich West- oder Ostrom anzuschließen. Kalojan wandte sich an Papst Innozenz HL, einen der entschiedensten Verfechter des römischen Primats. Wieder ging es um die staatliche und kirchliche Unabhängigkeit. Nach Abschluß einer Union erhielt Kalojan 1204 den Titel eines ›Königs‹, und der Erzbischof von Trnovo wurde zum ›Primas‹ der bulgarischen Kirche ernannt. Das war weniger, als Kalojan erhofft hatte. Er wünschte für sich den Kaisertitel und für die Kirche einen Patriarchen. Die päpstliche Diplomatie wollte ihm dies nicht zugestehen. Inzwischen war im Vierten Kreuzzug Konstantinopel in die Hände der Lateiner gefallen. Sie errichteten ihr Reich, das an Bulgarien grenzte. Zunächst verhielt Kalojan sich neutral, doch als die Kreuzfahrer Anstalten machten, sein Gebiet anzutasten, trat er ihnen entgegen und besiegte sie am 14. 4. 1205 bei Odrin (Adrianopel). Der lateinische Kaiser

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Balduin wurde als Gefangener nach Trnovo gebracht. Trotz seiner Erfolge erwuchsen Kalojan innenpolitische Feinde. 1207 wurde er während der Belagerung von Thessalonike erschlagen. Durch eine Verschwörung gelangte sein Neffe Boril auf den Thron. Aber auch er hatte einmal mit den aufsässigen Boljaren zu kämpfen, zum andern mit den Bogomilen, gegen die er 1211 eine Synode einberief. 1218 wurde er abgesetzt, und an seine Stelle trat mit russischer Hilfe der rechtmäßige Erbe Ivan Asen II. (1218–1241). Unter seiner Herrschaft erlebte Bulgarien eine neue Blütezeit. Er besiegte den Despoten Theodor Komnenos von Epiros. Bulgarien reichte nunmehr von der Adria bis zum Schwarzen Meer und zur Ägäis. 1235 stand er auf Seiten des byzantinischen Kaisers in Nikaia gegen die Lateiner. Die Union wurde beseitigt und dem Erzbischof von Trnovo der Patriarchentitel zuerkannt. Wieder war die Entscheidung für das zweite Rom gefallen. Im Innern verschärften sich die Gegensätze zwischen dem Adel, dessen Einkünfte wuchsen, und der Landbevölkerung, die immer mehr in die Leibeigenschaft geriet. Von außen bedrückten die Ungarn und die Tataren im Norden, im Westen die Serben und die Despoten von Epiros das Reich. Die Zentralgewalt wurde zum Spielball der Boljaren. Die Zaren Kaliman I. (1241–1246), Michail Asen (1246–1257) wurden Opfer von Kämpfen innerhalb des Adels. Schließlich setzten die Boljaren ihren Kandidaten Konstantin Tich, einen Verwandten des serbischen Königshauses, der mit einer Enkelin Asens II. verheiratet war, auf den Thron. Er nannte sich als Zar Konstantin Asen (1258–1277). Unter seiner Regierung fiel das Lateinische Kaiserreich. Seine Versuche, Byzanz entgegenzutreten, schlugen fehl. Die thrakischen und makedonischen Provinzen gingen wieder verloren. Das bedrückte Volk erhob sich 1277 unter der Führung des Schweinehirten Ivajlo gegen den Adel. Er sammelte ein Bauernheer um sich, das Tataren und Griechen zurückwarf und schließlich die Hauptstadt Trnovo eroberte. Ivajlo heiratete die Witwe Konstantins und ließ sich zum Zaren krönen (1277–1281). Die Boljaren versuchten ihren auch Byzanz genehmen Kandidaten, Ivan Asen III. (1279–1280), auf den Thron zu setzen. Ivajlo schlug jedoch das byzantinische Heer vernichtend. Ivan Asen III. mußte nach Konstantinopel fliehen. Der Adel erhob darauf Georgi Terter (1280–1292) zum Zaren. Der Zerfall des Reiches ging weiter. In Vidin entstand ein unabhängiges Fürstentum mit dem Despoten Šišman an der Spitze. In den anderen Gebieten saßen Vasallen, die der Zentralgewalt mehr oder weniger feindlich gesonnen waren. Sie hatten eigene Heere und führten Kriege untereinander. Die Tataren durchzogen plündernd das ganze Reich. Terter gab seine Tochter dem Sohne des Tatarenkönigs Nogaj Čak (1298–1300) zur Frau. Der Tatarenherrschaft bereitete Theodor Svetoslav (1300–1322) ein Ende. Vom Fürstentum Vidin abgesehen wurde er von allen Vasallen als Zar anerkannt. In einigen Feldzügen konnte er kleinere Gebiete von den Byzantinern zurückerobern. Unter seinem Nachfolger Michail Šišman (1323–1330) gewannen die zentrifugalen Kräfte die Oberhand, die sich unter Ivan Alexander (1331–1371) noch mehr verstärkten. Zudem kamen noch ständige kriegerische

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Auseinandersetzungen mit Byzantinern und Serben hinzu. Um die Mitte des 14. Jahrhunderts bestand das Bulgarische Reich aus 3 Teilen. Die Dobrudscha, im Nordwesten am Unterlauf der Donau und am Schwarzen Meer, wurde von dem Boljaren Balik beherrscht, das Restgebiet wurde unter die Söhne Ivan Alexanders aufgeteilt. Ivan Šišman erhielt Trnovo, Ivan Sracimir die Gebiete um Vidin. Gegen Ende des zweiten Reiches ergriff die orthodoxen Gläubigen die mystische, weltflüchtige Lehre des Hesychasmus, deren Vertreter sich in der Hierarchie fanden. Daneben traten aber auch seltsame Formen des Sektierertums auf. Vom Athos kamen zwei eigenartige Vertreter eines fehlgeleiteten Asketentums, Lazar und Kirill Bosota. Lazar hatte sich nach Art der späteren russischen Skopzen selbst entmannt. Er lief nackt durch die Straßen, die Scham mit einem Kürbis bedeckt, »ein seltsamer und furchtbarer Anblick für alle, die es sahen« (Vita des hl. Teodosij von Trnovo). Kirill Bosota lästerte die Ikonen und das Kreuz und forderte die Eheleute auf, sich zu trennen. Einige andere nannten Luzifer, den gestürzten Engel, ihren Vater, feierten Geheimkulte und begingen nächtliche Orgien. Ähnliche Erscheinungen gab es ja auch gegen Ende des Mittelalters im Westen. Unter Umständen bestehen gewisse Verbindungen zwischen Ost und West. Die Türken, die seit 1352 auf dem Balkan Fuß gefaßt hatten, hatten ein leichtes Spiel, die in sich zerfallenen, aufgespaltenen Staaten Stück für Stück zu erobern. 1371 gewannen sie Thrakien und Makedonien, 1382 nahmen sie Sofija ein. Am 17. Juli 1393 eroberte Sultan Bajezid nach dreimonatiger Belagerung Trnovo. Der bulgarische Zar Ivan Šišman fand den Tod, und der Patriarch Evtimij wurde in die Verbannung geschickt.

Trnovo. Der bulgarische Zar Ivan Šišman fand den Tod, und der Patriarch Evtimij wurde in die

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Abb. 12: Das 2. Bulgarische Reich

Die Türkenherrschaft nahm ihren Anfang. Die kirchliche Selbständigkeit hörte endgültig auf, als der Sultan nach dem Fall Konstantinopels den ökumenischen Patriarchen zum Oberhaupt der Orthodoxen auf der Balkanhalbinsel machte. Die Hierarchie bestand fürderhin nur noch aus Griechen. Einem Bulgaren war der Zugang zum Bischofsamt verwehrt. Das zweite Bulgarische Reich war eine Zeit der Blüte, vergleichbar jenen hoffnungsvollen Ansätzen unter Simeon. Hatte unter Simeon eine gewisse Revision des Werkes der Slawenapostel stattgefunden, so wurden jetzt zum zweitenmal die liturgischen und theologischen Werke mit den griechischen Originalen verglichen und verbessert. In der Mitte des 14. Jahrhunderts erreichte die bulgarisch-kirchenslawische Literatur ihren zweiten Höhepunkt. In Trnovo entstand eine eigene literarische Schule, die nicht nur Bulgaren, sondern auch Serben und Russen zu ihren Schülern zählte. Ausgelöst wurde diese Neubesinnung auf die kirchliche Tradition durch den Hesychasmus. Gregorios Sinaites, der als Begründer dieser neuen theologisch-mystischen Haltung gilt, war in Bulgarien gestorben und hatte dort Schüler zurückgelassen. Sein Schüler Teodosij von Trnovo (gest. 1363) übersetzte seine mystischtheologischen »Kapitel«. Er hatte seinerseits wieder eine Reihe von Schülern; Dionisij, der einen Sammelband aus den Werken des Johannes Chrysostomos (»Margarit«) übersetzte, Teodosij, von dem die Übersetzung des Johannes Klimakos stammt. Der bedeutendste war der spätere Patriarch Evtimij. Getragen von tiefer Ehrfurcht vor der Überlieferung ging er daran, die Übersetzungen anhand der griechischen Originale zu prüfen und zu verbessern. Er leistete dazu ungeheure philologische Arbeit. Er reformierte die Orthographie, übernahm die griechischen Akzente und Spiritus ins Slawische. Teils wurden die Übersetzungen verbessert, Mißverständnisse, hervorgerufen durch den Wandel der Sprache, beseitigt, teils verloren sie aber auch ihre Ursprünglichkeit durch eine starke, bis ins einzelne gehende Angleichung an das Griechische. Evtimij übersetzte die Liturgien des Johannes Chrysostomos und des Jakobus neu, Typikon, Oktoichos wurden neu redigiert. Er verfaßte im neuen Stil die Viten der Heiligen Johannes von Rila, Petka von Trnovo, Ilarion von Magien und Filotea. In einer Reihe von Briefen nahm er Stellung zu religiös- philosophischen Fragen. Fünf Homilien sind von ihm erhalten. Sein literarisches Werk ist durchdrungen vom Geiste des Hesychasmus. Seine Schüler wirkten in seinem Sinne weiter und trugen sein Erbe zu Ostslawen und Serben. Kiprian (gest. 1406) wurde zum Metropoliten von Kiev, dann zum Metropoliten von ganz Rußland mit Sitz in Moskau gewählt. Auch er hinterließ ein reichhaltiges literarisches Werk. Mit ihm begann die sogenannte zweite südslawische Welle kirchenslawischer Literatur in Rußland. Der berühmteste Schüler des Evtimij war Grigorij Camblak (gest. 1419/20). Er wirkte in Bulgarien, Serbien und Polen-Litauen. Er wurde in Wilna zum Metropoliten von Kiev gewählt. 1418 erschien er mit großem Gefolge auf

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dem Konzil von Konstanz. Seine verschiedenen Lobreden zeichnen sich durch ihren Stil und ihre Originalität aus. Unter anderem hielt er die Grabrede für Kiprian. Neben Joasaf, Metropolit von Vidin, der in seiner Homilie auf Filotea den Untergang Trnovos in ergreifenden Worten beklagt, war Konstantin von Kostenec von großer Bedeutung. In einer Abhandlung legte er die Grundsätze der Orthographiereform dar. Er starb in Serbien, wo er eine Vita des Stefan Lazarević hinterlassen hat. Mit dem Sieg der Türken verdorrte auch diese Blüte der Literatur, bevor sie im bulgarischen Volke Frucht gebracht hatte. Neben diesen theologischen übernahm man in Bulgarien auch die beliebtesten Werke der weltlichen byzantinischen Literatur, wie den Alexanderroman, die Erzählung vom Trojanischen Krieg, das Märchen von Stefanites und Ichnilates, die Geschichte vom weisen Akir und den Roman von Varlaam und Josafat. Hinzu kamen die Sentenzensammlungen ›Melissa‹ (slaw. Pčela) und andere beliebte Enzyklopädien. Besonderes Interesse fanden historische Werke wie der »Jüdische Krieg« des Josephus Flavius. Die Chroniken des Malalas und Hamartolos wurden mit den historischen Teilen der Bibel zu einem Chronographen redigiert, der den slawischen Geschichtsschreibern als Vorlage diente. Auf Geheiß des Zaren Ivan Alexander wurde die Chronik des Konstantin Manasses übersetzt. Die im Vatikan befindliche Handschrift ist mit Miniaturen aus der bulgarischen Geschichte illuminiert. Zur Zeit des zweiten Bulgarischen Reiches tritt das byzantinische Vorbild auch in der Kunst deutlich zutage. In der frühbyzantinischen Periode waren auf dem Boden des späteren Bulgarien eine große Anzahl von Kirchen im Stil des Rundbaues oder der Basilika errichtet worden. Von den Rundbauten sind die bemerkenswertesten die Georgskirche in Sofija und die Ruinen der ›roten Kirche‹ von Peruštica. Aus dem 6. Jahrhundert stammt die dreischiffige Sophienkirche zu Sofia mit Querschiff und flacher Kuppel. Bald nach der Christianisierung setzte unter Boris eine rege Bautätigkeit ein. In Pliska entstand die kleine Palastkirche, eine Basilika, von der nur der Grundriß erhalten ist. Außerhalb der Stadt befand sich ein Kloster mit einer mächtigen Basilika. Den Schmuck ihrer Wände bildete der Wechsel von Hau- und Ziegelsteinen. Zar Simeon errichtete in seiner Residenz Preslav einen imposanten Rundbau, dem ein zweistöckiger Narthex mit zwei Türmen vorgelagert war, die ›goldene Kirche‹. Sie erinnert an die Rotunden Dalmatiens und Großmährens. Im Innern war sie mit Mosaiken und mehrfarbigen Tontafeln ausgeschmückt. Aus einer Klosterkirche in Patlejna ist noch eine Ikone des hl. Theodor aus Tontafeln erhalten. Außerhalb Konstantinopels hielt sich die Basilika länger. Zar Samuel ließ auf einer Insel im Prespasee die Achilleskirche erbauen, eine dreischiffige Pfeilerbasilika mit Emporen. Die Sophienkirche in Ochrid aus dem 11. Jahrhundert ist ebenfalls eine Basilika, bestehend aus drei fast gleich hohen Schiffen, die nach Art einer Hallenkirche von einem Dach zusammengefaßt werden. Die erste Kreuzkuppelkirche ist die Germanoskirche am Prespasee. 1186 wurde die Demetrioskirche in Trnovo gebaut. Weiterhin gehören in der Hauptstadt zu diesem Typus die Peter-Pauls-Kirche mit

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bedeutenden Fresken des 14. Jahrhunderts und die Georgskirche. In Mesemvrija (heute Nesebăr) an der Küste des Schwarzen Meeres entstanden im 13. und 14. Jahrhundert die Kirchen des Pantokrator, der hl. Theodor und Paraskeva und des Johannes Aliturgetos, die heute nur noch als Ruinen erhalten sind. Ihre Außenwände waren mit polychromer Dekoration aus Keramik geziert. Am berühmtesten ist wohl die am Fuß des Vitešagebirges gelegene Kirche von Bojana aus dem Jahre 1259 wegen ihrer Fresken. Sie stellen Meisterwerke der Malerei in byzantinischem Stile dar, vor allem die Stifterbilder, die als Vorläufer der Palaiologischen Renaissance gelten. Dagegen verbinden sich in der Ausmalung der Klosterkirche von Zemen zwei gegensätzliche Elemente, byzantinische Form mit einer gewissen monumentalen Einfachheit. In der Kirche der 40 Märtyrer in Trnovo sind die meisten Fresken bei der Umwandlung in eine Moschee zugrunde gegangen. Sehr viele Denkmäler wurden auch 1913 durch ein Erdbeben zerstört. Die Ikonen- und Buchmalerei dieser Zeit entspricht ganz den Regeln der orthodoxen Ikonographie. Das Verhältnis der bulgarischen zur byzantinischen Kultur ist enger, als es in Hinblick auf die ständigen blutigen Auseinandersetzungen zwischen Byzanz und Bulgarien scheinen möchte. Auf den Trümmern der römischen Provinzen hatten die turanischen Protobulgaren ihren Staat gebaut. Für das oströmische Reich stellte es eine dauernde Bedrohung dar. Das Verhältnis war eindeutig feindlich. Als Boris sich bereit fand, die Taufe anzunehmen und das Christentum als Staatsreligion einzuführen, trat er in eine engere, ja verwandtschaftliche Beziehung zum Kaiser. Michael III. war der Taufpate des Boris und somit im geistlichen, kirchenrechtlichen Sinne mit ihm verwandt. Im Sinne der byzantinischen Fürstenfamilie wurde Boris dessen geistlicher Sohn. Das nunmehr christlich werdende Volk erhielt seinen Platz in der Ökumene der übrigen christlichen Völker Europas. Sein Herrscher blieb zunächst noch der ρχων, bis Simeon zum Kampf um die Weltherrschaft antrat. Er nahm für sich in Anspruch, ›Zar der Bulgaren und Selbstherrscher der Griechen‹ zu sein. In Byzanz ausgebildet, wußte er genau, welcher Anspruch hinter diesem Titel stand, weit mehr als nur die Aufwertung seines Staates. Die Griechen verstanden diesen Schritt auch richtig als Usurpation und Anmaßung. Simeon führte in Preslav eine glänzende Hofhaltung. Die Ausschmückung der Stadt, von welcher der Exarch Johannes ein beeindruckendes Bild entwirft, wirkt wie der Versuch, ein Abbild Konstantinopels zu schaffen. Die Erhebung des Erzbischofs zum Patriarchen war der nächste Schritt in der Übernahme des byzantinischen Staatsgedankens. Als 1185 die Brüder Peter und Johann Asen sich gegen die Byzantiner erhoben, ließen sie sich zu Zaren krönen und legten die purpurnen Schuhe der byzantinischen Kaiser an. Kalojan führte den Titel: »V Christa Boga blagovĕrnyj car’ i samodrăžec vsĕm Blăgarom i Grăkom« (»der an Christus, Gott, rechtgläubige Zar und Selbstherrscher aller Bulgaren und Griechen«). Ivan II. Asen hatte gehofft, die Nachfolge der Lateiner anzutreten, war jedoch gescheitert. Doch begründete er das bulgarische Patriarchat wieder neu. Ivan

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Alexander (1331 bis 1365) ist in den Miniaturen ganz nach byzantinischem Vorbild dargestellt. Der Purpur ist als Farbe der kaiserlichen Gewandung vorbehalten. Die Aureole deutet die göttliche Sphäre an, in die er kraft seines Kaisertums hineinragt. Die Rechte Gottes krönt oder segnet ihn aus den Wolken. Auch die bulgarischen Münzen sind nach Art der byzantinischen geprägt worden. Auf der einen Seite der Zar mit einem Symbol seiner Macht, auf der anderen eine Darstellung Christi. Auch die Reichs- und Hofämter wurden nach byzantinischem Vorbild eingerichtet. So war der Bruder oder ein naher Verwandter des Zaren in der Regel Sebastokrator. In der Rhetorik kehren in genauer Übersetzung alle Ehrentitel der Kaiser wieder, z.B. ›christoljubivyj‹, ›φιλχριστος‹ (Christusliebende). Ivan Alexander wurde als »Zar der Zaren« gefeiert. Das byzantinische Recht wurde in Bulgarien sehr früh rezipiert. In den slawischen Übersetzungen des Nomokanon findet sich auch die Ekloge, die 879 durch das Procheiron ersetzt wurde, d.h. die Übersetzung muß vor diesem Termin angefertigt worden sein. Dieser Gesetzestext war sehr wahrscheinlich im 10. Jahrhundert in Kraft. Der »Zakon sudnyj ljudem« umfaßt 32 Artikel, die der Ekloge entnommen worden sind, wovon 27 das Straf-, 2 das Ehe- und 2 das Familienrecht, 1 das Beuterecht betreffen. Im 13. Jahrhundert wurde der Nomokanon in der Fassung des Photios mit den Kommentaren des Zonaras und Aristenos übernommen. Der hl. Sava hatte dieses kirchenrechtliche Handbuch der Ostkirche ins Slawische übertragen. Mitte des 14. Jahrhunderts gewann das Syntagma des Blastares in bulgarischer Übersetzung an Geltung, dem besonders in staatskirchenrechtlicher Hinsicht eine gewisse Bedeutung zukommt. Ivan Alexander führte den Vorsitz auf Synoden. Das Verhältnis von Staat und Kirche entsprach völlig den Verhältnissen in Konstantinopel. Nach dem anfänglichen Schwanken zwischen West- und Ostkirche zur Zeit des Fürsten Boris, nach der erfolglosen Union unter Kalojan und Ivan Asen festigte sich die Struktur der orthodoxen Kirche. Theologie, Liturgie und kirchliche Kunst wurden von Byzanz übernommen und damit zur Zeit des Hesychasmus auch die scharfe Ablehnung der römischen Kirche. Das Mönchtum entsprach in seinen beiden Formen, dem Anachoretentum und dem Koinobion, ganz der östlichen Tradition. Es war mehr der Kontemplation und Mystik zugewandt, weniger dagegen wurde es aktiv auf karitativem oder missionarischem Gebiet. Bis in die Neuzeit hinein waren für die Geschichte Bulgariens zwei berühmte Klöster von Bedeutung, das Rila-Kloster und das Kloster Zographou auf dem Athos.

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Abb. 13: Zar Ivan Alexander in byzantinischer Gewandung mit seiner Familie – Lord Curzon Evangeliar,

Abb. 13: Zar Ivan Alexander in byzantinischer Gewandung mit seiner Familie – Lord Curzon Evangeliar, 14. Jh.

Zweimal hat Bulgarien eine hohe Blüte seiner Kultur erlebt. Jedesmal verwelkte sie sehr schnell. Ein bulgarischer Historiker glaubt deshalb, daß das byzantinische Erbe dem bulgarischen Volk nicht zum Segen gereicht habe.

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Abb. 14: Novgorod, Sophien-Kathedrale, 1045–1050. Durch den aus der Kaiseridee abgeleiteten Herrschaftsanspruch hatten

Abb. 14: Novgorod, Sophien-Kathedrale, 1045–1050.

Durch den aus der Kaiseridee abgeleiteten Herrschaftsanspruch hatten die Zaren die Kräfte ihres Staates vergeudet. Die verfeinerte byzantinische Kultur mit einer auf die Antike zurückreichenden Tradition konnte von einem Volk, das am Anfang seines Weges stand, nicht übernommen werden. Auch das Christentum, das Urbulgaren und Slawen zusammengeführt hatte, fand in seiner theologisch komplizierten Form der byzantinischen Kirche wenig Anhang beim breiten Volk. Es fühlte sich mehr zu den einfacheren Lehren der Bogomilen hingezogen. Literatur, Kunst und Kultur blieben einer kleinen Oberschicht vorbehalten. Es ist bezeichnend, daß in der bulgarischen Folklore kaum die Rede ist von den großen bulgarischen Zaren, von den Glanzzeiten seiner Geschichte, wie etwa bei den Serben. So war das byzantinische Erbe zugleich Gewinn und belastende Hypothek.

IV. Serbien

An der Adriaküste zwischen Neretva und Kotor hatten sich im 6. Jahrhundert slawische Stämme niedergelassen. Sie bildeten drei Gebiete, die der Grundstock für das spätere Serbien werden sollten: Zahumlje (die heutige Herzegowina), Travunja und Duklja (Diokleia), auch Zeta (heute Montenegro) genannt. Von hier gingen die zentralistischen Bestrebungen aus. An der Spitze dieser

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staatenähnlichen, in ihrem Wesen patriarchalischen Gebilde stand ein sogenannter Župan. Unter Kaiser Heraklios versuchten lateinische Priester ohne größeren Erfolg unter den Serben zu missionieren. Die Gebiete unterstanden damals noch dem römischen Papst, 732 sollte es zur Neuregelung der Jurisdiktion kommen. Die ursprüngliche kirchliche Organisation ist unbekannt. Papst Johannes VIII. wollte die Länder des Mutimir dem pannonischen Erzbistum des Methodios unterstellen. Mutimir wandte sich aber nach Osten, nach Byzanz, das unter Basileios I. gerade wieder einen neuen Aufschwung nahm. Wanderpriester versuchten das Volk zu christianisieren. Zeitweilig hatte Bulgarien unter Zar Simeon die Oberherrschaft, die von Časlav Vladimirevič bald wieder für die Travunja abgeschüttelt wurde. Der Župan Mihail Višević der Zahumlje stellte sich unter byzantinischen Schutz. Nach dem Untergang des Reiches Samuels 1018 wurde das gesamte Gebiet byzantinisch. Kirchlich unterstanden die Serben bis 1219 dem gräzisierten Erzbistum von Ochrid.

a) Aufstieg der Zeta

Fürst Stefan Vojislav (etwa 1040 bis etwa 1052) erhob sich gegen die byzantinische Vorherrschaft und konnte nach einigen wechselvollen Kriegszügen die Selbständigkeit der Zeta sichern. Er vereinigte Zahumlje und Travunja mit seinem Gebiet. Sein Sohn Mihajlo (etwa 1052 bis etwa 1081) stand in freundschaftlichem Verhältnis zu Byzanz. Er erhielt den Titel eines Protospatharios. 1077 schickte ihm Papst Gregor VII. die Königskrone und verlieh ihm den Titel »König der Slawen«. Inzwischen hatte das Schisma 1054 stattgefunden. Eine Synode von Split hatte 1059 den Gebrauch der kirchenslawischen Sprache in der Liturgie gegen den heftigen Protest des Bischofs Grgur von Nun verboten. 1067 errichtete Papst Alexander II. das Erzbistum Bar, ein Versuch, die Entscheidung von 732 rückgängig zu machen. Wieder steht das Streben nach einem unabhängigen Staat und einer autokephalen Kirche am Anfang. Noch viel stärker als in Bulgarien machte sich das Wechselspiel zwischen Ost und West bei der Staatengründung der Serben bemerkbar. Konstantin Bodin (1081–1101), der Sohn Mihajlos, hatte 1073 an dem Aufstand des Georgi Vojtech teilgenommen und war in byzantinische Gefangenschaft geraten. Wieder in Freiheit, verband er sich mit den Normannen und heiratete Jakvinta, die Tochter eines normannischen Führers in Bari. Er konnte seine Herrschaft auch auf Bosnien ausdehnen. 1089 erhielt der Erzbischof von Antivari (Bar) von Papst Klemens III. das Pallium und wurde zum »Primas Serbiae« ernannt. Die slawische Liturgie wurde unterdrückt und in allem lateinische Praxis eingeführt.

b) Aufstieg der Raška

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Nach dem Tode des Bodin setzten zentrifugale Kräfte ein, und die Teilgebiete machten sich wieder selbständig. Der Groß-Župan der Raška Vukan (1083–1114) streckte die Hand nach der Zentralgewalt aus. Die durch innere dynastische Kämpfe zerrüttete Zeta konnte sein Sohn Uroš I. zum größten Teil an sich bringen. Die Komnenenkaiser begannen in einzelnen Kriegszügen den neuen gefährlichen Gegner auf dem Balkan niederzuhalten. Die Župane Uroš I. und Uroš II. wurden in Kämpfe mit Byzanz verwickelt, zumal sie die Ungarn zeitweilig unterstützten. Manuel I. Komnenos unternahm 1149 und 1150 Strafexpeditionen in die Raška. Er nutzte die Opposition gegen Uroš II. aus und setzte den ihm genehmen Desa als Groß-Župan ein. Desa suchte jedoch nur nach der günstigen Gelegenheit, sich von der byzantinischen Oberherrschaft zu befreien. Manuel I. Komnenos begriff dieses wohl und zog 1165 selbst gegen den unbotmäßigen Vasallen. Nach dem Sieg über das serbische Heer setzte er Tihomir aus der alten Familie der Nemanja als Groß-Župan ein, seine Brüder Stracimir, Miroslav und Stefan Nemanja erhielten Teilgebiete. Stefan Nemanja ging als Sieger aus dem Streit zwischen den Brüdern hervor und riß die Zentralgewalt an sich. Der Versuch, eine antibyzantinische Koalition mit den Venezianern und Ungarn zu gründen, schlug fehl. Er mußte sich Manuel ergeben, der ihn demütigte, indem er ihn als Gefangenen durch die Straßen Konstantinopels führen ließ. Dennoch durfte er als Groß-Župan in die Raška zurückkehren, mußte sich aber zu militärischer Hilfe für Byzanz verpflichten. Für ein Jahrzehnt hielt er Frieden. Dann fiel er 1183 gemeinsam mit den Ungarn in das Reich ein und verwüstete Niš und Sofija. Darauf vereinigte er die Zeta mit seinem Gebiet und legte so den Grundstein zum serbischen Reich. Am 27. Juli 1189 traf er mit Friedrich Barbarossa in Niš zusammen. Er konnte die Kreuzfahrer jedoch nicht für Aktionen gegen Byzanz gewinnen. 1190 erlitt er wiederum eine Niederlage, die jedoch das serbische Gebiet nicht beeinträchtigte. In der Kirchenpolitik stand Stefan Nemanja zwischen den Kirchen. Zunächst war er lateinisch getauft worden. Als er in die Raška kam, ließ er sich noch einmal von einem griechisch-orthodoxen Priester die Taufe spenden. Er sympathisierte ohne Zweifel mit der griechischen Kirche, die dem Wunsch nach Selbständigkeit eher stattgeben konnte als der Papst. Die kirchliche Organisation war, von den Küstengebieten abgesehen, schwach entwickelt. Nemanja verfolgte »die schändliche und verfluchte Häresie« der Babunen, wie die Bogomilen genannt wurden, aufs heftigste. 1196 legte er die Regierung nieder und trat in das Kloster Studenica unter dem Mönchsnamen Simeon ein. Der älteste Sohn Vukan bekam die alte Duklja und nannte sich König. Der zweite Sohn Stefan, dessen Schwiegervater inzwischen Kaiser geworden war, wurde Groß-Župan und erhielt dazu den Titel eines Sebastokrators. Der jüngste Sohn Rastko hatte die Welt verlassen und war auf den Athos gegangen und dort im russischen Panteleimonkloster unter dem Namen Sava zum Mönch geweiht worden. Später wechselte er in das griechische Kloster Vatopedi über. 1197 kam

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auch sein Vater dorthin. Sava unternahm im Auftrag seiner Mitbrüder eine Reise nach Konstantinopel. Dort bat er den Kaiser, ihm das verödete Kloster Chilandar zu überlassen. Zusammen mit seinem Vater erneuerte er das Kloster, das zum Zentrum der serbischen Mönche auf dem heiligen Berge wurde. Sava übersetzte dafür ein Typikon des Klosters der Muttergottes Evergetissa in Konstantinopel. Er selbst zog sich in eine strenge Einsiedelei bei Karyäs zurück, für die er ebenfalls ein Typikon verfaßte. Im Jahre 1200 starb Simeon-Stefan. Mönche aller Nationalitäten sangen den Totengottesdienst für ihn. Als sich an seinem Grabe Wunder ereigneten, forderte eine Versammlung der Igumeni (Vorsteher eines Klosters, dem Abt vergleichbar) und Mönche Sava auf, die Vita seines Vaters niederzuschreiben und ein Offizium zu seinen Ehren zu verfassen, was einer Heiligsprechung gleichkam. Seit 1204 übten die Lateiner wachsenden Druck auf die Athos-Mönche aus, um sie zur Anerkennung des römischen Primats zu bewegen. Als die Lage immer ernster wurde, entschloß sich Sava, die Gebeine seines Vaters in das Kloster Studenica zu überführen. Bei diesem Anlaß (1207) konnte er seine beiden Brüder, die einander in einem heftigen Bürgerkrieg bekämpften, wieder versöhnen. Er selbst blieb als Igumen in Studencia und begann mit der kulturellen und religiösen Aufklärung seines Volkes. Inzwischen wandte sich Stefan nach Westen und suchte Verbindung zur römischen Kirche und zu Venedig, um einen gewissen Rückhalt gegenüber dem Lateinischen Kaiserreich und den Ungarn zu haben. Sava war mit dieser Neuorientierung nicht einverstanden und zog sich wieder auf den Athos zurück. 1217 wurde Stefan durch einen Legaten des Papstes Honorius III. zum König gekrönt. Deshalb wurde er der »Erstgekrönte« (Prvovenčani) genannt. Sava wollte die kirchliche Unabhängigkeit vom Patriarchen von Konstantinopel, der seit 1204 in Nikaia residierte, erlangen. 1219 wurde er selbst, mit Zustimmung des Kaisers Theodoros Laskaris, zum Erzbischof »der serbischen Lande und Küstengebiete« geweiht. Auf seiner Rückreise machte er in Thessalonike halt, wo er den Nomokanon übersetzte, um die kirchenrechtliche Grundlage zur Organisation der serbischen Kirche zu haben. Das Kloster Žiča, eine Stiftung seines Bruders, erhob er zum Sitz des Erzbischofs. Er krönte und salbte Stefan noch einmal zum König der Serben. Sein Wirken rief den Widerspruch des griechischen Erzbischofs von Ochrid, Demetrios Chomatenos, hervor, der um seine Stellung bangte, da ein Teil seiner Suffragane (u.a. Nisch, Raška, Prizren) jetzt zur neuen serbischen Kirche gehörte. Sava gründete höchstwahrscheinlich 9 neue Eparchien. Sitz der Bischöfe waren Klöster. Sava sorgte für die Ausbildung eines serbischen Klerus. Von 1229–1232 unternahm er eine Reise ins Heilige Land, wo er vom Patriarchen von Jerusalem empfangen wurde. In Jerusalem und Akko gründete er serbische Klöster. Auf der Rückreise besuchte er den Kaiser Johannes Vatatzes. 1233 berief er in Žiča einen Sabor, eine Synode, ein und legte sein Amt nieder. Zu seinem Nachfolger bestimmte er den Mönch Arsenije. Er selbst begab sich auf eine Reise, die ihn zu den Zentren der Orthodoxie führte, Palästina, Alexandria, die Stätten des ägyptischen Mönchtums, den Berg Sinai, Antiocheia,

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Konstantinopel und Trnovo, wo er am 14. 1. 1234 starb. Es wurde die These diskutiert, Savas letzte große Reise zu den Oberhäuptern der autokephalen Kirchen hänge mit der Errichtung des bulgarischen Patriarchats unter Ivan Asen zusammen. Die Gebeine Savas wurden nach Serbien gebracht, wo er schon bald als Heiliger verehrt wurde. Unter den Nachfolgern Stefans entbrannte der Kampf um die Hegemonie auf der Balkanhalbinsel. Stefan Radoslav (1228 bis 1234) orientierte sich ganz an den Griechen und an dem Despoten von Epiros. Sein Bruder Vladislav (1234–1243), ein Schwiegersohn Ivan Asens, lehnte sich an das zweite Bulgarische Reich an. Nach dem Tod des Zaren wurde er gestürzt. Der dritte Sohn Stefan Uroš I. (1243–1276) führte eine wirtschaftliche Blüte Serbiens herauf, indem er sächsische Bergleute ins Land rief. Bergbau und Handel nahmen zu. Die Serben drangen nach Makedonien vor und nahmen Skopje und Kičevo ein. 1259 wurden sie jedoch bei Pelagonia von Michael VIII. Palaiologos besiegt. Nach der Wiedererrichtung des Kaisertums 1261 verhielt sich Stefan Uroš feindlich zu Byzanz. Michael VIII. Palaiologos verhandelte auf dem Konzil zu Lyon und war bereit, für die Union die Selbständigkeit der serbischen Krone preiszugeben. Dragutin (1276–1282) betrieb eine den Ungarn wohlgesonnene Politik, die den Interessen des serbischen Adels nicht entsprach. So mußte er die Regierung an seinen Bruder Milutin (1282–1321) abtreten. Dieser begann sofort, die Expansion nach Süden voranzutreiben, auf Kosten des Byzantinischen Reiches. Er eroberte ganz Westmakedonien. Aber auch nach Norden bis zur Donau-Sawe-Linie dehnte er Serbien aus, indem er diese Gebiete den Bulgaren entriß. So entstanden zwei serbische Königreiche, das alte nemanjidische Serbien mit Makedonien unter Milutin und das nördliche unter Dragutin. Milutin schloß aus innenpolitischen Gründen Frieden mit Byzanz. Er verließ seine dritte Frau, die Bulgarin Anna, und heiratete Simonida, die Tochter des Andronikos, ein Mädchen von etwa 8 Jahren. Die friedlichen Beziehungen wurden nur gestört, als Milutin Karl von Valois unterstützen wollte, eine neue lateinische Herrschaft in Konstantinopel zu errichten. Aber schon 1313 schickte er dem Kaiser ein Ritterheer für den Kampf gegen die Türken. Unter Milutin wuchs der byzantinische Einfluß im Innern. Das byzantinische Beamtensystem wurde übernommen. Der Groß-Logothet stand an der Spitze der königlichen Kanzlei, der Groß-Protovestiarios verwaltete die Finanzen. Auch die Administration der Provinzen wurde nach byzantinischem Vorbild eingerichtet. Das Pronoia-System wurde weiter ausgebaut. Der Feudalherr erhielt auf Lebzeiten die Nutznießung von Gütern und mußte dafür Kriegsdienste leisten. Im Kriegsfall mußte er mit einem Kontingent abhängiger Bauern, Paroikoi, antreten. Auch das byzantinische Steuersystem wurde übernommen. Die Landbevölkerung entrichtete die Steuern durch Fronarbeiten, in Naturalien oder Geld. Weiterhin wurden byzantinische Zeremonien am Hofe eingeführt. Dennoch trug Serbien noch immer den Charakter eines

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eigenständigen Staatswesens, gebildet aus slawischen, Byzantinischen und westlichen Traditionen. Aus dem Streit um Milutins Nachfolge ging Stefan Dečanski als Sieger hervor. Im Byzantinischen Bürgerkrieg stand er auf Seiten des alten Kaisers Andronikos II. Als Andronikos III. die Oberhand behielt, schloß er mit den Bulgaren ein Bündnis gegen die Serben. In der Schlacht bei Velbužd (Küstendil) am 28. 7. 1330 wurden die Bulgaren vernichtend geschlagen. Zar Michail Šišman fand den Tod auf dem Schlachtfeld. Doch der ehrgeizige Sohn Stefan Dečanskis, Stefan Dušan, entsprach eher dem Wunsch des Adels. Er zwang Stefan Dečanski zum Rücktritt. 1331 ließ sich Dušan krönen. Stefan Dečanski wurde gefangengesetzt und ermordet. Er wird als Märtyrer verehrt, während seinem Sohn das Odium des Vatermörders anhaftet.

c) Stefan Dušan und die serbische Vorherrschaft auf dem Balkan

Stefan Dušan wollte nicht nur die serbische Macht nach Süden ausdehnen, sondern er strebte ähnlich wie Zar Simeon und Ivan Asen nach der Kaisermacht. Seine ehrgeizigen Pläne wußte er mit List und Gewalt zu verwirklichen. Jedoch auch er vertat die Kräfte seines Volkes letzten Endes genauso sinnlos wie die bulgarischen Herrscher. Das noch nicht geeinte Serbien zerfiel nach seinem Tode wieder schnell und wurde eine leichte Beute der osmanischen Türken. Nachdem er in den ersten Jahren seine Stellung im Innern gefestigt hatte, wandte er sich nach Süden und eroberte, ohne großen Widerstand zu finden, Prilep, Ochrid, Strumica und Kostur. Griechische Archonten, mit der Regierung Andronikos’ III. unzufrieden, stellten sich auf seine Seite, wie der erfahrene Sirgianos, der gegen Thessalonike ziehen wollte. Er wurde von einem Byzantinischen Söldner im Auftrag des Kaisers ermordet. Stefan Dušan sah sich gezwungen, Frieden zu schließen, zumal die Ungarn die Nordgrenze bedrohten. 1335 erbaute er seinen Palast in Prilep. Er eroberte 1340 Drač und Jannina und legte sich den Titel eines Königs von Albanien zu. Nach dem Tode Andronikos’ III. Palaiologos brach in Konstantinopel wieder der Bürgerkrieg aus. Von 1343 bis 1345 kämpfte Dušan um die Vorherrschaft in Makedonien und Thrakien, wobei er ohne Bedenken Johannes Kantakuzenos fallen ließ. Von Thessalonike abgesehen, das die Serben nie errungen haben, hatte Dušan alle bedeutenden Zentren in der Hand, wie Berroia und Serrhes, wo er begann, sich Car’ zu nennen. Seine Intention, den Kaiserthron zu besteigen, zeigte sich darin, daß er die gesamte Verwaltung nach byzantinischem Vorbild beibehielt, die Griechen im Amte beließ sowie der Kirche und den Klöstern Privilegien gewährte. Nach östlicher Auffassung konnte es keinen Kaiser ohne Patriarchen geben. 1346 trat in der Hauptstadt Skopje eine Synode zusammen, die aus dem Erzbischof von Serbien Joanikije, dem Patriarchen von Trnovo Simeon, dem Erzbischof von Ochrid Nikola und Vertretern des Athos bestand. Sie erhoben den Erzbischof Joanikije zum ersten serbischen Patriarchen. Der Patriarch von Konstantinopel

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protestierte und verhängte die Exkommunikation über die serbische Kirche, die erst 1375 aufgehoben wurde. Dušan wurde am 16. 4. 1345 in Anwesenheit der Synode zum »Kaiser der Serben und Griechen, der Bulgaren und Albaner« gekrönt. Allen serbischen Großen verlieh er byzantinische Titel, Despot, Sebastokrator usw. Sein Ziel hieß nun Konstantinopel, dessen Glanz er als Kind mit eigenen Augen gesehen hatte. Er suchte es mit Hilfe der Venezianer zu erreichen, die ihn jedoch hintergingen und sich mit Kantakuzenos verbündeten. Dušan rächte sich mit der Verwüstung Bosniens. Im Innern ordnete er die Verhältnisse durch Herausgabe eines Gesetzbuches (1349). Sein »Zakonik« ist ein einzigartiges Denkmal der slawischen Rechtsgeschichte. In der Auseinandersetzung mit Johannes V. Palaiologos hatte sich Kantakuzenos die Türken zu Hilfe geholt. Ein bulgarischserbisches Reiterheer, das zur Unterstützung des Palaiologen ausgezogen war, erlitt bei Dimotike (Didymoteichon) eine Niederlage. Türken begannen sich auf dem Balkan auszubreiten. 1355 starb unerwartet Zar Dušan in der Blüte seiner Jahre. Kaum war die starke Persönlichkeit dahingegangen, die allein das Reich hatte zusammenhalten können, brachen Kämpfe zwischen den einzelnen griechischen und serbischen Vasallen aus. Sein Erbe Stefan Uroš V., 1355–1371, konnte den Zerfall nicht mehr aufhalten. Sein Onkel Simeon riß Thessalien an sich, Epiros wurde unter albanischen, griechischen und serbischen Familien aufgeteilt. In Ochrid saß der Sebastokrator Branko Mladenović, in Prilep Vukašin. Die Bildung vieler kleiner Feudalstaaten wirkte sich nachteilig auf die kulturelle und wirtschaftliche Lage des Landes aus. Die Türken gewannen an Einfluß. Der Despot Uglješ und Vukašin, der den Königstitel an sich gebracht hatte, fielen in der Schlacht an der Maritza, am 26. 9. 1371. Der Untergang war nicht mehr aufzuhalten. König Tvrtko versuchte die Nemanjidentradition zu beleben, Lazar Hrebeljanović und Vuk Branković wurden in kurzer Zeit den Türken tributpflichtig. Lazar sammelte die letzten Kräfte zum Widerstand. Sultan Murad zog selbst mit einem großen Heer heran. So kam es am Veitstag, am 15. 6. 1389, zu der Entscheidungsschlacht auf dem Amselfelde (Kosovo polje). Die Besten des serbischen Adels fielen im Kampf. Sultan Murad wurde von Miloš Obilić erschlagen. Branković und der Sohn Lazars wurden zu tributpflichtigen Vasallen des Sultans. Serbien hatte im Türkensturm einen schweren Schlag erlitten. Die serbischen Volkssänger sangen seit dieser Zeit zur Gusla epische Heldenlieder über das Geschehen auf dem Amselfelde. Es entstand ein ganzer Kosovo- Zyklus über den Untergang des feudalistischen Serbien. Stefan Lazarević konnte sich 1402 noch einmal von der Tributpflicht befreien. Er machte Belgrad zu seiner Hauptstadt. Von Konstantinopel erhielt er den Titel Sebastokrator. Eine gewisse Wiedergeburt der serbischen Kultur setzte ein. Die Flüchtlinge aus Bulgarien brachten neue theologische Literatur mit. Gregori Camblak wurde Archimandrit des Klosters Visoki Dečani. Er verfaßte eine Vita von dessen Stifter Stefan Dečanski. Ein serbischer Mönch namens Pachomij ging nach Rußland, um dort einen neuen rhetorischen Stil in die altrussische Literatur einzubringen. Der

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Nachfolger von Stefan Lazarević Georgi Branković (1427–1456) konnte den inneren Verfall und das weitere Vordringen der Türken nicht mehr aufhalten. Letzten Endes verblieb ihm nur noch das Gebiet um Smederevo, wohin sich auch der serbische Patriarch zurückgezogen hatte. Das serbische Volk vollzog seine Hinwendung zum Christentum in noch viel stärkerem Maße als das bulgarische vor dem Hintergrund der ost-westlichen Auseinandersetzung. Die Doppeltaufe des Stefan Prvovencani ist wie ein Sinnbild für die Orientierung nach beiden Richtungen hin. In seiner Vita wird diese Tatsache mit einem apokryphen Jesus-Wort umschrieben: »Du hast die Milch aus beiden Brustwarzen gesogen«. Am auffälligsten erscheint die abendländisch- byzantinische Synthese im Kirchenbau Rasciens. Romanische Elemente verbinden sich mit Byzantinischen besonders harmonisch in der Klosterkirche Studenica, der Grabkirche Stefan Nemanjas. Es handelt sich um einen einschiffigen Saalbau, der von einer Kuppel überwölbt wird. Der marmorne Außenschmuck erinnert an Romanische Kirchen Italiens. Im Tympanon des Westportals befindet sich ein Relief der Mutter Gottes mit zwei Erzengeln. Unter dem Dach zieht sich ein Bogenfries mit figürlichem Schmuck hin. In diesem Typus sind folgende Kirchen, die den Höhepunkt des serbischen Kirchenbaus im 13. Jahrhundert darstellen, errichtet: Žiča (1208–1215), Mileševo (1234–1235), Morača (1252), Sopoćani (1255). Ihre Ausmalung dagegen ist in Auffassung und Ikonographie rein byzantinisch. Im folgenden Jahrhundert wurden in Südserbien Kreuzkuppelkirchen gebaut. Milutin stiftete 1320 die Klosterkirche von Gračanica. Sie ist einerseits deutlich als byzantinisches Bauwerk zu erkennen, weist aber andererseits besondere nationale Eigenheiten auf, vor allem wird eine gewisse dekorative Wirkung durch den Wechsel von Haustein und Ziegeln bei den Außenwänden hervorgerufen. Die Kirchen von Staronagoročino (1318) und Lesnovo (1346) zeigen deutlich den Stil der Kreuzkuppelkirche, z.T. mit mehreren Kuppeln und drei Konchen. Den Abschluß serbischer Architektur bilden die Kirchen des sogen. Moravatypus, z.B. Ravanica (um 1389), Ljubostinja (um 1400) und Kalenić (1417). Die schmalen hochgezogenen Bauwerke sind mit polychromen Platten und altertümlichen, an georgische Vorbilder erinnernden Zieraten und Rosetten versehen. Die Ausmalungen sind bis zum letzten Augenblick serbischer Selbständigkeit von hoher Qualität. Vor allem die Stifterbilder weisen neben ikonenhafter Strenge individuelle Züge auf. Die älteste erhaltene Bilderhandschrift, das Evangeliar des Fürsten Miroslav, enthält Illuminationen, in denen sich östliche und westliche Elemente in eigentümlicher Weise verbinden. Ein anderes Zeugnis sakraler Kunst ist der »Epitaphios der Nonne Jefimija« von 1399, ein roter Seidenstoff, auf den mit Gold- und Silberfäden eine Totenklage auf Fürst Lazar eingestickt ist. Neben der aus Byzanz unmittelbar in Übersetzungen übernommenen geistlichen und weltlichen Literatur entwickelte sich in Serbien ein eigener literarischer Stil in den Biographien serbischer Herrscher und Heiliger, in dem

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die rhetorische Tradition der Hagiographie durch historische Einzelheiten durchbrochen wird. Um die Mitte des 13. Jahrhunderts schrieb der Mönch Domentijan eine rhetorisch ausgeschmückte Vita des hl. Sava, die von Teodosije überarbeitet und stilistisch vereinfacht wurde. Erzbischof Danilo II. verfaßte Lebensbeschreibungen serbischer Könige und Hierarchen, die ein stärker historisches als hagiographisches Interesse bekunden. Die liturgische Dichtung dagegen bleibt ganz im Rahmen der Byzantinischen Überlieferung. Das ist in gewissem Sinn auch in der Lebensbeschreibung des Stefan Lazarević von dem bulgarischen Autor Konstantin von Kostenec der Fall. Das serbische Mönchtum folgte im wesentlichen der östlichen Tradition, war aber nicht nur auf Weltflucht ausgerichtet, sondern wirkte auch tatkräftig bei der Organisation der Kirche mit. Die Klöster waren Stätten der Askese, aber auch Sitz der Bischöfe und Grabstätten der Herrscher. Ihr Aussehen gemahnt eher an Herrensitze als an die Mönchssiedlungen Bulgariens. Der Einfluß des Hesychasmus auf Serbien ist wenig erforscht. Er wurde vor allem von bulgarischen Flüchtlingen mitgebracht. Er äußerte sich im Interesse an asketischmystischer Literatur, z.B. an dem Werk des Johannes Klimakos. Das Verhältnis von Staat und Kirche war verhältnismäßig ausgeglichen. Die Einheit von Serbentum und Orthodoxie war im Unterschied zum unterschwelligen Dualismus in Bulgarien ausgeprägt. Auch die Rechtsprechung zeigt neben der Rezeption Byzantinischen Rechtes viele Elemente alter slawischer Auffassungen. Zunächst wurde der Nomokanon in der Übersetzung des hl. Sava übernommen. Im 14. Jahrhundert wurde das Syntagma des Blastares in gekürzter Form sowie eine Kompilation von Gesetzen des Justinian übersetzt. Sie stellen eine wichtige Ergänzung zum Gesetzbuch des Zaren Dušan dar, mit dem sie eine Einheit bildeten. Östliche und westliche Kultur gingen in Serbien eine glückliche Synthese ein, wobei der byzantinische Einfluß ohne Zweifel bedeutend und augenfällig ist. V. Der byzantinische Hintergrund der russischen Kultur

Im 6. Jahrhundert kamen Slawen und Anten mit dem Byzantinischen Reich erstmals in Berührung. Die Anten werden als Vorfahren der Russen und Ukrainer angesehen. Bedeutung erlangten sie jedoch erst im 9. Jahrhundert, das einen gewissen Völkerfrühling bei den Slawen darstellt. Inwieweit die Ostslawen von den Normannen oder Warägern beherrscht wurden, inwieweit sie nur nordische Söldner in Dienst genommen haben, ist eine bis heute heftig diskutierte Streitfrage. Die Byzantiner unterscheiden die »Russen« deutlich von den Slawen. Durch das Land der Ostslawen führte der Handelsweg von Skandinavien nach Konstantinopel den Volchov und Dnepr entlang bis zu den griechischen Handelsstationen auf der Krim. 839 kehrte eine Gesandtschaft aus Byzanz auf Umwegen über Ingelheim, wo sie Ludwig den Frommen aufsuchte, nach Kiev zurück. Auch hier ist wieder ein Schwanken zwischen Ost und West zu beobachten. 860 bedrohten die Russen

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zum erstenmal die Hauptstadt, indem sie die Umgebung verwüsteten. Ein Sturm soll ihre Flotte vernichtet haben. Bereits Patriarch Photios erkannte die große Missionsaufgabe. 907 zog Fürst Oleg gegen Konstantinopel und schloß 911 einen Handelsvertrag mit den Byzantinern. Die Russen unterstützten das Reich im Kampf gegen die Araber. Unter Igor wiederholten sich Heereszug (941) und Vertragsabschluß (943). 957 kam die Fürstin Olga in die Hauptstadt, doch diesmal, um die Taufe zu empfangen. Sie erhielt dabei den Namen Helena. Konstantin VII. wurde ihr Pate. Der erste Schritt auf Byzanz hin war getan, wenngleich Olga auch Kontakte zum Westen aufnahm. Ihr Sohn Svjatoslav nahm das Christentum in Rücksicht auf seine Družina (Gefolge aus Freien, Mannen) nicht an. 968 besiegte er im Auftrag des Nikephoros Phokas die Bulgaren. Er wagte es, den Byzantinern den europäischen Teil des Reiches streitig zu machen, wurde aber von Johannes Tzimiskes zurückgeschlagen. Wiederum kam 988 ein warägisch-russisches Heer dem Kaiser, diesmal war es Basileios II., zu Hilfe. Fürst Vladimir erhielt dafür unter der Bedingung der Taufe die ›Purpurgeborene‹ Anna zur Frau, eine Ehre, die Otto II. verwehrt worden war. 988 wurde Vladimir auf den Namen des kaiserlichen Paten Basileios getauft. Das Christentum wurde daraufhin als Staatsreligion eingeführt. Mit der Christianisierung der Kiever Rus’ hielt auch die byzantinische Kultur ihren Einzug bei den Ostslawen. Anna hatte ein berühmtes Gnadenbild, die Ikone der Mutter Gottes von Vladimir, mitgebracht. Die ersten Kirchen wurden von griechischen Bauleuten errichtet. So entstanden im Stile der Kreuzkuppelkirche die Sophienkathedralen von Kiev und Novgorod. Die geistliche und weltliche Literatur aus Byzanz wurde in altkirchenslawischer Übersetzung zum größten Teil aus Bulgarien übernommen. Kiev erhielt einen Metropoliten, der unter der Jurisdiktion des ökumenischen Patriarchen stand. Die meisten Bischöfe waren zunächst Griechen. In verhältnismäßig kurzer Zeit erreichte die Kiever Kultur einen hohen Stand. Jaroslav der Weise (1036–1054) förderte Kirche und Literatur vergleichbar mit Simeon von Bulgarien. In Konstantinopel entstand eine russische Kolonie. 1043 unternahm Jaroslav den letzten kriegerischen Vorstoß gegen die Hauptstadt. Innere Schwierigkeiten und ständige Angriffe von Steppenvölkern banden seine Nachfolger im Lande. Der Streit der Fürstensöhne um den Thron förderte den Zerfall in feudalistische, sich befehdende Teilfürstentümer. Vladimir II. (1113–1125), nach seinem kaiserlichen Großvater Monomach genannt, konnte den Kiever Staat für kurze Zeit zusammenhalten. Im 12. Jahrhundert verlagerte sich der Schwerpunkt immer mehr nach Nordosten, nach Vladimir- Suzdal’. Fürst Andrej Bogoljubskij (1157 bis 1175) eroberte 1169 Kiev und zerstörte es. Novgorod bildete einen eigenen oligarchisch regierten Stadtstaat. Die innere Zersplitterung führte dazu, daß die Tataren im 13. Jahrhundert das Land eroberten und unterwarfen. 1240 verwüsteten sie die Hauptstadt Kiev. Die Verbindung zu Konstantinopel, seit 1204 in den Händen der Lateiner, riß zeitweilig ganz ab. Der Versuch Roms, zu einer Union zu kommen, scheiterte. Fürst Alexander Nevskij (1252–1263) lehnte

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das Ansinnen des Papstes ab. Fürst Danylo von Galizien-Wolhynien empfing zwar die Königskrone vom Papst, als jedoch die versprochene militärische Hilfe gegen die Tataren ausblieb, kam es wieder zum Bruch. Wie Serben und Bulgaren wandten sich auch die Ostslawen endgültig der Orthodoxie zu und nahmen anstelle der Abhängigkeit vom Westen eine Fremdherrschaft in Kauf. Das Kiever Rus’-Reich rezipierte die byzantinische Kultur in allen Bereichen und erfüllte sie mit frischem Leben. Kiev wurde prunkvoll ausgebaut. Mit seiner Sophienkathedrale, seinen Klöstern und Palästen, mit seinem Goldenen Tor war es ein getreues Abbild Konstantinopels und zugleich ein neues Jerusalem. Griechische und einheimische Künstler schufen Mosaiken und Ikonen von erhabener Schönheit. In Novgorod herrschte monumentale, fast karge Einfachheit in Architektur und Malerei. In Vladimir-Suzdal’ zierten die Außenwände allegorische und symbolische Reliefs von Tieren und Fabelwesen, z.B. Demetriuskathedrale von Vladimir und Maria-Schutz-Kirche an der Nerla. In Grodno wirkten die Fassaden durch die Polychromie der Keramikplatten. Der Grundton der Außenwände war bei allen Bauten schneeweiße Kreide, von der sich der halbplastische Schmuck um so besser abhob. In der Literatur entstanden auf dem Hintergrund byzantinischer Rhetorik und Theologie die ersten originellen Werke: der Traktat des Metropoliten Ilarion über Gesetz und Gnade, die Predigten des Kirill von Turov, die sogenannte ›Nestorchronik‹, das Martyrium von Boris und Gleb und das Paterik des Kiever Höhlenklosters. Dieses Kloster war ein wichtiges religiös-kulturelles Zentrum der alten Rus’. Es begann unter Antonij (gest. 1073) in strenger Form des Anachoretentums und wurde unter Feodosij (gest. 1074) im Stil des koinobitischen Klosters nach der Studitenregel umorganisiert. Eine Reihe von Hierarchen ging aus diesem Kloster hervor. Schon früh hatte russisches Mönchtum auf dem Athos Fuß gefaßt. 1016 entstand dort das Xylourgou- und 1169 das Panteleimonkloster. Wie in Byzanz spielte das Mönchtum auch in der Geschichte Rußlands eine bedeutsame Rolle. Während der Tatarenherrschaft zogen russische Pilger ins Heilige Land und zu den Stätten der Orthodoxie und erhielten so die Verbindung zur Ökumene aufrecht (Abt Daniil, Grigorij Kaleka, Stefan von Novgorod). Die Metropolie von Kiev unterstand Konstantinopel, wo man sich jedoch im 13. und 14. Jahrhundert offensichtlich wenig um sie sorgte, wie aus der niedrigen Stelle in der Rangliste der Metropoliten (zunächst die 60., später die 72.) hervorgeht. Tichomirov macht dafür die Kurzsichtigkeit der Byzantiner, aber auch das mangelnde Interesse der russischen Bischöfe an klingenden Titeln verantwortlich. Immer wieder wurden Griechen oder auch Bulgaren wie Kiprian gewählt. Unter letzterem kamen die revidierten slawischen liturgischen Bücher nach Rußland. Zum zweitenmal gewann die südslawische Literatur in sprachlicher und stilistischer Hinsicht an Einfluß. Auch die Malerei erreichte im Werk des Griechen Feofan und des Andrej Rublev einen neuen Höhepunkt. Wie in der Hagiographie so ist auch in der bildenden Kunst der Einfluß des Hesychasmus mit seiner Lichtmystik zu spüren. So hat die

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Tatarenherrschaft nicht nur Niedergang und Verödung im Gefolge gehabt. Vor allem die Kirche konnte ihre Stellung gegenüber den islamischen Herren behaupten und hat viel zur Erhaltung der nationalen Existenz beigetragen. Einer Union mit der Westkirche stand sie ablehnend gegenüber. Am deutlichsten kamen byzantinische Ideen in der Auffassung vom christlichen Herrscher zum Ausdruck. Schon Vladimir wird in der Kiever Zeit in die religiös-heilsgeschichtliche Sphäre erhoben, indem er mit dem apostelgleichen Konstantin und seine Großmutter Olga mit Helena verglichen wird. Vladimir wird zwar schon vereinzelt ›samoderžec‹, ατοκρατωρ (Selbstherrscher) genannt, für Byzanz bleibt er jedoch der µγας ρχων, der ›Velikij knjaz’‹ (Großfürst). Empfand sich das Kiever Reich als vollwertiges Glied in der Familie der christlichen Völker, das in letzter Stunde der Gnade der Taufe gewürdigt wurde, so hat es nie mit dem Byzantinischen Kaisertum konkurrieren wollen. Es gab keine eigene Krönung zum Großfürsten. Nach der Rezeption Byzantinischen Gedankengutes in altrussischer Zeit, vor allem aus der Geschichtsschreibung und der theologischen Literatur, begann die eigentliche Zeit der Adaption während des Aufstiegs des Moskauer Staates. Mit der staatlichen ging die kirchliche Zentralisierung Hand in Hand. Seit 1326 residierte der Metropolit von Kiev und ganz Rußland in Moskau. Als der Grieche Isidor 1441, nachdem er die Union von Florenz unterschrieben hatte, von Vasilij verjagt worden war, wurde mit der Wahl Jonas’ zu seinem Nachfolger 1448 der erste Schritt auf die Autokephalie hin getan. Im Fall Konstantinopels 1453 sahen die frommen Russen die Strafe für die verräterische Union. Im Bewußtsein, Hüter der Rechtgläubigkeit zu sein, wurde die Ideologie vom ›dritten Rom‹ formuliert. Als Zoe Palaiologina, russisch unter dem Namen Sofija bekannt, 1472 Ivan III. heiratete, brachte sie die Rechte und Ansprüche des Byzantinischen Kaisertums nach Moskau. Ivan III. beginnt mit dem Doppeladler zu siegeln und sich den Titel ›Zar‹, wenn zunächst auch zurückhaltend, zuzulegen. Bei der Krönung seines Sohnes wurde erstmals ein byzantinischer Krönungsritus eingeführt. In dieser Zeit entstanden zwei Legenden, einmal jene von der Krone des Monomach, der ›šapka Monomacha‹, die zur Krönungsinsignie wurde und die Konstantin Monomachos dem Kiever Fürsten Vladimir II. gesandt haben soll, zum anderen jene, welche die Abstammung der Großfürsten auf die römischen Kaiser zurückführen wollte. Schließlich formulierte der Mönch Filofej von Pskov in einem Brief an Vasilij III. jene bedeutende Ideologie von Moskau als dem dritten Rom. Innerhalb des Mönchtums wurde die Auseinandersetzung zwischen den weltflüchtigen Starzen des Transwolgagebiets und den Mönchen der kulturell und politisch aktiven Klöster ausgetragen. Nil Sorskij (gest. 1508) war der Wortführer der Uneigennützigen, während Josif Sanin von Volokolamsk (gest. 1515) der Vertreter des reichen koinobitischen Mönchtums wurde. Zugleich formulierte er die Lehre von der theokratischen Monarchie im Sinne der Byzantinischen Kaiseridee. Daher trug er den Sieg davon. Nil Sorskij dagegen

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errang die größere Bedeutung in rein religiösem Bereich. Unterstützt wurde er von einem griechischen Flüchtling, Maxim dem Griechen (gest. 1556), der in Italien die Anfänge der Renaissance miterlebt hatte und mit Savonarola bekannt geworden war. Er scheiterte jedoch an der russischen Autokratie. Der Einfluß der italienischen Renaissance kommt auch in der Architektur zum Ausdruck. Unter Ivan III. erbaute der italienische Baumeister Fioraventi die Maria Himmelfahrts-Kathedrale (Uspenskij sobor) in ihrer heutigen Gestalt. Die Grundform des Zentralbaues mit fünf Kuppeln bleibt dabei doch erhalten. 1547 wurde Ivan IV. Groznyj von Metropolit Makarij zum orthodoxen Kaiser gekrönt. Ungeachtet des Einspruches seitens des ökumenischen Patriarchen, der dieses Recht allein für sich in Anspruch nahm, fühlte sich Ivan IV. als Erbe und Nachfolger der Byzantinischen Kaiser. Nach Art der σνοδος κασγκλητος führte er eine Versammlung, den ›zemskij sobor‹, ein. 1556 gab er eine neue Übersetzung des Syntagma des Mathaios Blastares in Auftrag. Die Errichtung des Patriarchats von Moskau 1589 vollendete die Entwicklung. Die vier östlichen Patriarchen bestätigten gemäß dem in der Ostkirche seit jeher üblichen politischen Prinzip Jov »wegen des Imperiums« in seinem Amte und ordneten an, den »frömmsten Kaiser von Moskau und Selbstherrscher von ganz Rußland« in die Diptychen aufzunehmen. Das Ideal, die Dyarchie von Kaiser und Patriarch in einem Reich, war verwirklicht. Das byzantinische Recht wurde weiter übernommen. Schon 1262 hatte Metropolit Kirill II. vom Despoten Ivan Svjatoslav, der russischer Herkunft war, aus Bulgarien den Nomokanon in der Übersetzung des Sava bekommen. 1646 wurde der Nomokanon, einschließlich des Procheiron und der Ekloge, erstmals gedruckt. So ist das Grundgesetz, das ›Uloženie‹ des Zaren Alexej Michailovič von 1667 vom Byzantinischen Recht beeinflußt. Das Verhältnis von Staat und Kirche wurde zu dieser Zeit empfindlich gestört, als der energische Patriarch Nikon mit seinen Reformen begann. Er veranlaßte die letzte Revision der kirchenslawischen Übersetzung anhand der griechischen Originale und suchte die Riten der russischen Kirche an den griechischen Bräuchen seiner Zeit zu verbessern. Er rief den Protest der altrussischen Frommen hervor, und es kam zum Schisma, Raskol. Die Schismatiker, Raskol’niki, kämpften unter ihrem Wortführer, dem Erzpriester Avvakum, gegen die Verfälschung der reinen Lehre, gegen das Eindringen westlicher Elemente ins kirchliche und kulturelle Leben, wobei sie oft wirklich das ältere byzantinische Erbe vertraten. Ähnliche konservative Widerstände gegen Änderungen gab es auch in Konstantinopel zur Zeit des Bilderstreites, der Unionen und des Hesychasmus. Weiterhin wollte Nikon den Gedanken der Symphonie zwischen geistlicher und weltlicher Macht, wie ihn Photios in Anlehnung an Justinians Gesetzgebung in der freilich nie sanktionierten Epanagoge formuliert hat, verwirklichen. Nikon verfiel fast in papale Tendenzen, was zu seinem Sturz beitrug. Der Absolutismus des Zaren wurde immer ausgeprägter, bis sich Peter der Große des Patriarchats entledigte und an dessen Stelle den Heiligen Sinod einsetzte. Sein Ratgeber, der Erzbischof

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Feofan Prokopovič, verband geschickt byzantinische Kaiseridee und staatsrechtliche Theorien des Westens in seiner Rechtfertigung des petrinischen Absolutismus. Peter, der den Titel ›Imperator‹ anstelle des alten ›Zaren‹ einführte, wurde wie alle seine Nachfolger im Sinne byzantinischer Tradition als orthodoxer Kaiser und Schützer aller orthodoxen Kirchen empfunden. Moralische und materielle Hilfe wurde den orthodoxen Völkern seitens Rußland zuteil, das mit den Türken ständig Krieg führte um das Erbe von Konstantinopel und nicht nur um die Meerengen.

Die weltgeschichtliche Bedeutung von Byzanz besteht nicht zuletzt in seiner geistigen, kulturellen Ausstrahlung. Die ost- und südslawischen Völker, für die Konstantinopel die Kaiserstadt, Car’ grad, schlechthin war, erhielten von Ostrom entscheidende Impulse bei der Bildung eigener Kulturen und selbständiger Staaten. Entscheidend war die Übermittlung des Christentums in seiner östlichen Form. Zwei byzantinische Missionare legten den Grundstein für die bulgarische, serbische, russische, ukrainische und weißrussische Literatur, indem sie ein eigenes Alphabet und Übersetzungen schufen. Der Glanz der Byzantinischen Liturgie und die Spiritualität des Mönchtums haben die bekehrten Völker ergriffen und Kunstwerke unvergleichlicher Schönheit entstehen lassen. Verklärung des Lebens und der Welt durch Gebet, Kult und Kontemplation ist ein Wesenszug der mehr auf die ewigen Glaubenswahrheiten ausgerichteten Orthodoxie. Sie wirkte aber auch als lebenserhaltende und vorwärtsdrängende Kraft bei allen Rückschlägen und Tiefpunkten ihrer Geschichte. Die Balkanvölker verdanken in hohem Maße der orthodoxen Kirche ihre nationale Existenz. Im Gewande der griechischen Patristik und der Byzantinischen Literatur wurde den slawischen Völkern antikes Erbe vermittelt. Übersetzt wurde nach theologischen Gesichtspunkten, die Enzyklopädien des allgemeinen Wissens, überhaupt das ganze Weltbild trugen heilsgeschichtlich-symbolischen Charakter. Griechische Dichter und Philosophen erscheinen auf den Fresken neben den alttestamentlichen Propheten. Das platonische Urbild-Abbild-Schema liegt weithin der byzantinisch-orthodoxen Kultur zugrunde. Es kommt vor allem in der östlichen theokratischen Kaiseridee, die von den bekehrten Völkern übernommen wurde, zum Ausdruck. Der Car’ ist der Gesalbte des Herrn, von Gott gekrönt, hat teil an der Macht und Herrlichkeit Gottes. Er ist Wahrer des rechten Glaubens und Schutzherr der Kirche. Staat und Kirche sind nicht zwei neben- oder gegeneinander stehende Kräfte, sondern zwei Seiten einer Wirklichkeit. Patriarch und Kaiser, beide Abbilder Christi, sind im Idealfall die beiden Häupter des einen Volkes wie Moses und Aaron. So wird auch das byzantinische Recht in seinem Zusammenklang von staatlichem (νµος – zakow) und kirchlichem Recht (κνων – pravilo) übernommen und mit alten Resten eigenen Rechtes, z.B. »Russkaja Pravda«, verbunden. Das Mönchtum in seiner steten Spannung zwischen dem individualistischen, idiorhythmischen Einsiedlertum (osobožitie) und dem kollektivistischen, koinobitischen

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Klosterwesen (obščežitie) ist Vermittler geistlichen Lebens. Die Klöster am bithynischen Olymp, auf dem Athos und in Konstantinopel wurden Zentren slawisch-griechischer Zusammenarbeit. Der Hesychasmus vereinigte alle orthodoxen Völker in einer Art byzantinischer Renaissance. Kaufleute und Pilger suchten auf ihren Reisen die Kolonien ihrer Landsleute in Thessalonike und in der Hauptstadt auf. Sie wurden zu Vermittlern der materiellen Kultur. Konstantinopel war, was Luxus und Lebensstil betrifft, weithin Vorbild. byzantinische Prinzessinnen, die als Ehefrauen an die Fürstenhöfe gingen, wirkten kultivierend auf ihre Umgebung. Bei aller Nähe zur Byzantinischen Kultur darf doch nicht übersehen werden, daß die slawischen Völker sie nicht schematisch und sklavisch übernommen haben, sondern es verstanden, sie zu integrieren und ihr eigene Züge zu verleihen. Am deutlichsten wird das in der bildenden Kunst sichtbar. Die Kirchen von Kalenić in Serbien, Curtea de Arges in Rumänien und die Basilios-Kirche auf dem Roten Platz in Moskau sind vom Typus der Byzantinischen Kreuzkuppelkirche, in ihrer Ausführung sind sie einmaliger, unwiederholbarer Ausdruck eines eigenen nationalen Stils. Auch in der Ikonographie und im Kirchengesang ist die Harmonie zwischen dem Byzantinischen Erbe und dem Genius der einzelnen Völker erkennbar. Unterstreicht man den Byzantinischen Einfluß auf die slawischen Völker, so heißt das nicht, wie es kurzsichtiger Nationalismus oft glaubt, daß man Leistung und Bedeutung der einzelnen Nationen übersieht.

4. Die Makedonische Renaissance

I. Die Anfänge des mittelbyzantinischen Reiches

Nach dem Kampf um die Weltherrschaft: mit Persien und der Abwehr der arabischen Gefahr schien Byzanz nach den Wirren des Bilderstreits vor dem Zerfall zu stehen. Aber genau wie es gelang, allen äußeren Gefahren zu widerstehen, so behauptete sich das Rhomäerreich auch gegenüber der geistig- religiösen Herausforderung, welche die ikonoklastische Bewegung mit sich brachte. Allerdings war nicht zu übersehen, daß sich das Reich nach innen und außen nur unter schwersten Opfern und Anstrengungen hatte durchsetzen können. Von der Macht des justinianischen Staates war nicht mehr viel zu spüren, und im Kreis der christlichen Reiche war der Glanz Ostroms seit der Errichtung des karolingischen Kaisertums merklich blasser geworden. Die Wunden im Innern zu schließen, das Reich auf erneuerten Grundlagen wiederaufzubauen und sein Selbstverständnis in einer veränderten Umwelt durch Erfolge zu bestätigen, mußte das Ziel der Byzantinischen Staatsführung nach dem endgültigen Zusammenbruch des Ikonoklasmus im Jahre 842 sein. Daß es zu erreichen war, konnte man beim damaligen Stand der Dinge nicht ohne weiteres erwarten, und die Leistungen der Byzantinischen Politik, vor allem zur Zeit der Herrscher aus der Dynastie der Makedonen, sind um so höher

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zu bewerten, als sie das Rhomäerreich in erstaunlich kurzer Zeit wieder zu Weltgeltung führten. Mit Michael III. bestieg 843 ein Herrscher den Kaiserthron, der ein Sproß des amorischen Kaiserhauses war. Seine Vertreter hatten bisher nicht gerade Überwältigendes geleistet, in Michaels Regierungszeit finden sich jedoch erste, unübersehbare Anzeichen dafür, daß sich sein Reich aus der Talsohle politischer Ohnmacht allmählich auf einen Wiederaufstieg zu entwickelte. Die Zeitgenossen wollten dies zwar vielfach nicht wahrhaben und übersahen geflissentlich, daß der jugendliche Kaiser das politische Erbe seiner Vorgänger mitzutragen hatte und außerdem auch von seiner Persönlichkeit her nicht der große Reformer war, der von einem Tag auf den anderen alles hätte besser machen können. Für den 840 geborenen Kaiser führte zunächst ein Regentschaftsrat die Regierungsgeschäfte. Michaels Mutter Theodora und seine Schwester Thekla leiteten ihn, und zu ihm gehörten auch die Brüder der Kaiserinmutter, Bardas und Petronas, sowie Sergios Niketiates und der Logothetes tou Dromou Theoktistos. Als ersten politischen Erfolg konnten sie die Wiederherstellung eines tragbaren Verhältnisses zwischen ihrer Regierung und dem Patriarchat von Konstantinopel verbuchen. Johannes Grammatikos mußte den Patriarchenthron Methodios überlassen, der im März 843 nach einer Synode in aller Feierlichkeit die Bilderverehrung als kanonisch proklamierte. Bald trugen die Münzen wieder das Brustbild Christi, und auch im Hauptsaal des Großen Palastes wurde über dem Kaiserthron ein Mosaik mit dem Erlöser in Herrschergestalt angebracht, das aller Welt den Sieg der Bilderverehrer deutlich machte. Damit war der Schlußstrich unter die Glaubenskämpfe der Vergangenheit gezogen, und der Logothet Theoktistos, der rasch zur allein maßgeblichen Figur an der Spitze des Reiches wurde, konnte sich an die Lösung der zahlreichen Probleme machen, welche angesichts der kirchlich-innenpolitischen Auseinandersetzungen bisher hatten in den Hintergrund treten müssen. Gebieterisch stellte sich zunächst die Aufgabe, überall in Kleinasien, dem Bereich der griechischen Inselwelt und Unteritalien dem weiteren Vordringen der Araber nach Norden endlich entgegenzutreten. Theoktistos griff zunächst Kreta an, das unter dem Großvater des regierenden Kaisers verlorengegangen war. Er konnte die Insel den Arabern entreißen, aber nach einer Schlappe der Byzantinischen Flotte im Bosporus mußte diese wertvolle Eroberung 844 wieder aufgegeben werden. Wenigstens wurde dann ein vorteilhafter Friedensschluß mit den von türkischen Stämmen allmählich stärker bedrohten und von feudalistischen Gruppierungen im Kalifat gefährdeten Nachfolgern des großen Mutasim erreicht. Erst 853 und in den anschließenden Jahren nahm Byzanz die Offensive gegen die Araber wieder auf. Es gelang, die Festung Damiette im Nildelta zu stürmen und zu zerstören. Damit war bewiesen, daß im Rhomäerreich wieder die Kraft aufzubringen war, den mohammedanischen Feind tief in dessen Machtbereich zu treffen. Mehr als diese symbolische Bedeutung konnte solchen Unternehmungen vorerst nicht beigemessen werden,

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auch wenn sie von einer intensiven theologischen Kampagne begleitet waren, die von Männern wie Niketas Byzantios getragen wurde. Die byzantinische Aktivität löste im übrigen auf der Seite der Araber nachhaltige Bemühungen aus, die Schlagkraft der eigenen Seeverbände entscheidend zu erhöhen. Vor allem kümmerte sich Byzanz im ersten Jahrzehnt der Regierung Michaels III. jedoch um innenpolitische Belange. In auffallend kurzer Zeit gelang dem Logotheten Theoktistos die Sanierung der Staatsfinanzen, so daß sich die byzantinische Öffentlichkeit in wachsendem Maße wieder der Förderung von Bildung und Kultur annehmen konnte. Von größerer Bedeutung blieben freilich vorerst die Anstrengungen, auf dem kirchlichen Sektor eine völlige Normalisierung der Verhältnisse herbeizuführen. Hier traten mit den Mönchen des Studios-Klosters die Zeloten für eine rigorose Abrechnung mit den Anhängern des überwundenen Ikonoklasmus ein, während der Kaiserhof in Übereinstimmung mit Patriarch Methodios maßvolle Zurückhaltung vertrat. Die Auseinandersetzung schien sich nach der Exkommunizierung der Studiten bedenklich zu verschärfen, als Methodios 847 starb und in Patriarch Ignatios, einem Sohn des Kaisers Michael I., einen Nachfolger erhielt, dessen Herkunft aus dem Mönchtum der Zelotenpartei die Sicherheit bot, daß ihre kirchenpolitischen Anschauungen in Zukunft stärker berücksichtigt werden würden. Nicht weniger als in der Hauptstadt beanspruchten in Kleinasien Fragen der Religionspolitik die Aufmerksamkeit der Regierung. Die Sekte der Paulikianer, strenger Dualisten, die an den ewigen Kampf zwischen Gott und dem Herrn dieser Welt glaubten und die Verehrung des Kreuzes oder der Gottesmutter genauso ablehnten wie die Sakramente, verursachte von ihrem Kerngebiet im östlichen Kleinasien um Melitene aus erhebliche Schwierigkeiten. Ihre Vertreter zogen Seite an Seite mit den Arabern gegen einen Byzantinischen Staat ins Feld, der gerade in aller Form gutgeheißen hatte, was sie mit besonderer Entschiedenheit bekämpften: die Verehrung von Reliquien und Ikonen. Zum Schwarzen Meer, nach Ephesos und Nikomedeia stießen ihre Scharen vor, bis die Regierung in Konstantinopel gegen sie einschritt und sie zu Tausenden nach Thrakien umsiedelte, freilich mit dem Ergebnis, daß sie damit zur Verbreitung jenes Gedankengutes beitrug, aus dem die Bewegung der Bogomilen erwuchs, die späteren Byzantinischen Kaisern ganz erhebliche Ungelegenheiten bereiten sollte. Auch auf dem Balkan hatten die verantwortlichen Männer zu kämpfen, bevor die kaiserliche Autorität wieder überall uneingeschränkt anerkannt wurde. Der auch als Unterhändler bei den Bulgaren erfolgreiche Theoktistos Bryennios mußte in der gesamten westlichen Reichshälfte Truppen aufbieten, bis er nach mehrjährigem Ringen auf der Peloponnes die dortige slawische Bevölkerung in byzantinische Botmäßigkeit zwingen konnte und sie zur Hinnahme der Byzantinischen Besteuerungspraxis brachte. Wenn diese Erfolge der Vormundschaftsregierung mit Kaiserin Theodora an der Spitze auch nicht zu bestreiten sind, so setzte der stürmische Wiederaufstieg

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des Byzantinischen Reiches doch erst wirklich mit dem Jahr 856 ein, als der sechzehnjährige Kaiser nach einem Staatsstreich den Kreis um seine Mutter entmachtete und seinen Onkel Bardas mit der Führung der Staatsgeschäfte betraute. Der jugendliche Kaiser ließ ihm dabei ziemlich freie Hand, wenn es auch nicht zutrifft, daß er sich lediglich den Genüssen des Palastes hingegeben und sich als ›Star‹ der blauen Zirkuspartei an seinen Siegen beim Wagenrennen begeistert hat. Bardas wußte sich in kurzer Zeit an der Spitze des Reiches durchzusetzen. So wie die Mutter des Kaisers mit dessen Schwestern nach der Ermordung des bislang allmächtigen Theoktistos kaltgestellt und schließlich in ein Kloster gewiesen wurde, so zwang Bardas auch den ihm nicht genehmen Patriarchen zur Abdankung und ließ ihn durch Photios ersetzen. Damit war eine der bedeutendsten Persönlichkeiten Patriarch geworden, welche die byzantinische Geschichte kennt. Der zur Zeit seiner Erhebung auf den Patriarchenthron etwa fünfzigjährige Photios war als Sohn eines Patrikios in Konstantinopel großgeworden. In den Jahrzehnten des zu Ende gehenden Bildersturms eignete er sich eine umfassende Bildung an und war dann Lehrer für Philosophie, Mathematik und wohl auch Theologie. Wahrscheinlich stand er gleichzeitig im Dienst des Kaisers Theophilos, der ihn 838 als Gesandten zu den Arabern schickte. Damals hatte Photios bereits sein vielleicht bekanntestes Werk, das »Myriobiblon«, verfaßt und machte im Anschluß an die Säuberung im kaiserlichen Beamtenapparat nach 843 Karriere. Als Laie stieg er schließlich zur höchsten kirchlichen Würde des christlichen Ostens auf und prägte als Dogmatiker und Exeget – etwa mit seinem Spätwerk, den »Amphilochia« – nicht nur die Trinitätslehre der Orthodoxie. Die unkanonische Erhebung des Photios rief sofort schärfsten Widerspruch bei der Zelotenpartei hervor, die seinem Vorgänger die Treue hielt. Man wandte sich an Papst Nikolaus I., der Photios 863 im Lateran seines Amtes enthob, obwohl seine Legaten zwei Jahre zuvor auf einer Synode der Absetzung des Ignatios zugestimmt hatten. Photios, der den Konflikt mit Rom durchaus nicht gesucht hatte, reagierte darauf im Hinblick auf das Filioque der Lateiner mit einer Anklage wegen Häresie gegen das Oberhaupt der westlichen Christenheit. Mit einer umfänglichen Enzyklika bemühte er sich, die Patriarchen des Ostens in einer gemeinsamen Front gegen das Papsttum zu vereinen, suchte aber auch mit Männern des Westens wie Walpert von Aquileia das Gespräch. Schließlich betrieb er seinerseits ganz offen die Absetzung Nikolaus’ I., wozu er für 867 eine Synode nach Konstantinopel einberief, während Gegner im eigenen Jurisdiktionsbereich wie Metropolit Metrophanes von Smyrna oder der Archimandrit Theognost ihre Ämter verloren. Wenn Photios so weit gehen konnte, dann nur deswegen, weil Bardas und damit der Kaiser vorbehaltlos hinter ihm standen und ihrerseits den Papst schärfstens angriffen. Für die byzantinische Politik jener Jahre brachte die

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Entwicklung des Streites mit Rom den Zeitpunkt für die Antwort auf die Herausforderung, die das Papsttum mit der Kaiserkrönung Karls des Großen an Konstantinopel gerichtet hatte. Jetzt, als Nikolaus I. den römischen Zentralismus mit aller Energie vertrat und die Suprematie seines Amtes gerade über die Auseinandersetzung um den wichtigsten Patriarchenthron im Osten zur allgemeinen Anerkennung führen wollte, versagte sich Byzanz Rom und dessen Universalismus. Der Versuch, die Christenheit vollends auf den Mittelpunkt Rom auszurichten, scheiterte an den kirchenpolitischen Realitäten und beschleunigte die Entwicklung, die den westlichen Katholizismus und die Orthodoxie auf getrennte Wege führte. Daß die orthodoxe Kirche diesen von Rom unabhängigen Weg beschreiten konnte, verdankte sie der Entschlossenheit, mit welcher ihr Patriarch, aber ebensosehr der Kaiser und Bardas ihren Aktionsradius auszuweiten bemüht waren. Die Richtung hierzu wies ihnen im Jahre 860 ein russischer Flottenangriff auf Konstantinopel, der nach Meinung der dortigen Bevölkerung vom Kaiser nur mit Hilfe der Theotokos nach 6 Wochen abgewehrt werden konnte. Photios ließ in der Heimat des den Byzantinern bislang beinahe unbekannten Volkes sogleich missionieren und konnte sich schon bald von ersten ermutigenden Erfolgen im Raum um Kiev berichten lassen. Gleichzeitig wurden auch die Verbindungen zu den Chasaren wiederaufgenommen, und hier begegnet uns mit Konstantin von Thessalonike, der als Mönch Kyrillos zusammen mit seinem Bruder auf dem Olymp gelebt hatte, zum erstenmal der Mann, der für die großartige byzantinische Leistung der Slawenmission auf dem Balkan von besonderer Bedeutung werden sollte. Die Missionierung des slawischen Balkans jenseits der Reichsgrenzen wurde von einer mährischen Gesandtschaft ausgelöst, die in Konstantinopel die Entsendung christlicher Glaubensboten erbat. Dieses Ersuchen entsprang einer Abwehrhaltung der Bittsteller gegenüber fränkisch-römischen Einflüssen und wurde so von Bardas und Photios auch richtig erkannt. Man war sich aber darüber hinaus im klaren, daß durch eine Missionstätigkeit in Mähren mit dem dort zwangsläufig zunehmenden Byzantinischen Einfluß auch der Druck gemildert werden konnte, den das Bulgarische Reich auf Byzanz auszuüben in der Lage war. Kyrillos und sein Bruder Methodios erhielten die gewaltige Aufgabe, die Slawen zu missionieren. Die Schaffung des glagolitischen Alphabets zur schriftlichen Fixierung des Slawischen und die Übersetzung der Heiligen Schrift in den Dialekt der Slawen Makedoniens durch das Brüderpaar erwiesen sich bald als grundlegend für den Sieg des Christentums auf dem Balkan, auch wenn sich Mähren wieder nach Westen orientierte und nur Süd- und Ostslawen auf die Dauer kirchlich und damit kulturell auf Konstantinopel ausgerichtet blieben. In massiver Konkurrenz zu Rom kam es bald auch zu Missionierungsansätzen im benachbarten Bulgarischen Reich. Hier, im Vorfeld des Byzantinischen Reichszentrums, konnte man die Missionstätigkeit auch militärisch wirkungsvoll

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umrahmen und brachte durch Flottenparaden und den Aufmarsch der kaiserlichen Armee an der Reichsgrenze den anfänglich zögernden und mehr auf Rom ausgerichteten Zaren Boris 864 dazu, daß er sich taufen ließ, wobei Michael III. als sein Pate fungierte. Damit war die Slawisierung in dem jungen Reich unter christlichen Vorzeichen eingeleitet, die auch durch einen Aufstand altbulgarischer Boljaren nicht mehr aufzuhalten war. Byzantinisieren ließ sich Bulgarien zunächst allerdings nicht, denn als die griechischen Missionare die bulgarische Kirchenorganisation mit Pliska und seiner mächtigen Kathedrale als Mittelpunkt in die orthodoxe Hierarchie einbauen wollten, stießen sie auf erbitterten Widerstand und eine neuerliche Hinwendung der maßgeblichen politischen Kräfte des Landes nach Rom, das die Gelegenheit mit Freude ergriff, durch seine Legaten die eigene Position tief im Einflußbereich des kirchlichen Rivalen auszubauen. Trotz der Anspannung, die der Konflikt mit Rom und seine Begleiterscheinungen auf der Balkanhalbinsel von Byzanz verlangten, verlor es die Entwicklung an den Grenzen zur arabischen Welt nicht aus den Augen. In Sizilien ließen sich zwar nur an der Ostküste die Städte Syrakus und Taormina verteidigen, weil die Untertanen des Basileus vielfach mit den vordringenden Arabern gemeinsame Sache machten, und auch in Unteritalien wuchs trotz aller Ansätze einer vom Papst nicht gern gesehenen Zusammenarbeit mit Kaiser Ludwig II. die arabische Macht, vor der viele Flüchtlinge sich auf die Peloponnes in Sicherheit brachten. Aber dafür konnten die Heere der Rhomäer in Kleinasien aus der Verteidigung zum Angriff gegen die Araber übergehen, die sich bis nach Zentralanatolien hinein festgesetzt hatten. Vom Thema Thrakesion im Westen Kleinasiens aus drang der Stratege Petronas, ein Bruder des Bardas, weit nach Osten vor, berührte Samosata und erschien vor Amida am Oberlauf des Tigris. Drei Jahre später führten Kaiser Michael und Bardas die rhomäischen Truppen erneut zum Euphrat, nachdem man vorher den Ausbau starker Festungen wie Ankyras, Nikaias und weiterer Plätze beschleunigt vorangetrieben hatte. Auch Damiette wurde wieder von einer kaiserlichen Flotte angegriffen. Einen wirklich entscheidenden Erfolg für die Byzantiner brachte jedoch erst das Jahr 863, als ein Angriff des Emirs von Melitene abgewiesen werden konnte und die Griechen im Gegenstoß auf das von den Arabern besetzte Amisos am Schwarzen Meer vordrangen. An der paphlagonischen Grenze kam es zur Schlacht, in der Petronas die Muslime völlig besiegte und ihr Emir fiel. Die Initiative im Kampf um Anatolien ging damit endgültig an die Byzantiner über, die in den folgenden Jahren und Jahrzehnten Kleinasien den Mohammedanern Schritt für Schritt entrissen. Im Bewußtsein der Überlegenheit der rhomäischen Waffen, das die jüngsten Erfolge verliehen hatten, konnte Michael III. nun auch wieder an die Rückeroberung Kretas denken. Es blieb indessen bei einem Versuch im Jahr 865, denn an der Spitze des Reiches zeichneten sich bedeutende Veränderungen ab, die jede gesteigerte außenpolitische Aktivität beeinträchtigen mußten. Kaiser

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Michael entzweite sich mit Bardas und spielte gegen ihn seinen Günstling Basileios aus, den er eben mit seiner früheren Geliebten Eudokia Ingerina verheiratet hatte. Mit Wissen des Kaisers brachte Basileios seinen mächtigen Rivalen um und sah sich von Michael III. mit der Krone des Mitkaisers belohnt. Auch dies genügte dem machthungrigen Emporkömmling Basileios jedoch nicht, und als sich ernste Meinungsverschiedenheiten zwischen ihm und dem letzten Amorier abzuzeichnen begannen, ließ er in der Nacht zum 24. September 867 den Kaiser nach einem Gelage im Palast ermorden. Der neue Kaiser, der einer in der Gegend von Adrianopel beheimateten Armenierfamilie entstammte, änderte nach der Übernahme der Macht sogleich den kirchenpolitischen Kurs des Reiches einschneidend, vor allem um die Voraussetzungen für ein Abwehrbündnis mit dem Papst gegen die Araber zu schaffen, die in Unteritalien weiter beängstigende Fortschritte machten. So wurde Photios abgesetzt und in ein Kloster verbannt. Seinen Platz nahm wiederum Ignatios ein, der ihm 858 hatte weichen müssen und seither in Cherson auf der Krim lebte. Vollkommen gescheitert schien die von Photios vertretene Politik, als zwei Jahre darauf in Konstantinopel ein Konzil mit den Legaten Papst Hadrians II. die Exkommunikation über den abgesetzten Kirchenfürsten aussprach. Man hätte annehmen können, daß Rom damit seine Ziele in der Auseinandersetzung mit dem Patriarchat von Konstantinopel hätte weitgehend erreichen können. Das Gegenteil war aber der Fall. Schon während des Konzils in Konstantinopel wurde deutlich, daß auch Basileios I. nicht daran dachte, den Primat des römischen Oberhirten anzuerkennen. Das zeigte sich bereits, als der Kaiser das Konzil mit der Entscheidung über die Absetzung des Photios betraute und so den schon zuvor ergangenen gleichlautenden Spruch des Papstes als nicht entscheidend qualifizierte. Wenn sich hier die frühere Gegnerschaft wieder abzeichnete, so kam sie offen zum Durchbruch, als nach Schluß der Synode bulgarische Gesandte am Goldenen Hörn eintrafen und die Frage entschieden haben wollten, zu welchem Kirchensprengel ihre heimische Kirche in Zukunft gehören sollte. Als die Bistümer der Bulgaren durch Schiedsspruch der drei östlichen Patriarchen Konstantinopel und nicht Rom zugeordnet wurden, schlug damit die römische Kirchenpolitik auf dem Balkan fehl, die man seit Papst Nikolaus verfolgt hatte. In kluger Nachgiebigkeit zögerte Byzanz nun außerdem nicht, Bulgariens Kirche einem eigenen Erzbischof, dem Griechen Joseph, zu unterstellen und ihm in der Hierarchie der Ostkirche einen bevorzugten Platz einzuräumen. Gegen seine ursprüngliche Absicht verzichtete Basileios I. so auf den erstrebten Ausgleich mit dem Papsttum und kehrte zur politischen Linie der Regierung Michaels III. zurück, die die Ausweitung ihres kirchlich-politischen Einflusses auch in Konkurrenz zu gleichlaufenden päpstlichen Bestrebungen gesucht hatte. Auch die personellen Konsequenzen zog der Kaiser aus der Neuordnung seiner Politik gegenüber Rom. Wahrscheinlich im Jahre 875 rief er Photios wieder

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nach Konstantinopel zurück und betraute ihn mit der Erziehung seiner Söhne. Als Patriarch Ignatios dann 877 in hohem Alter verstarb, folgte ihm Photios, nunmehr sogar von Papst Johannes VIII. anerkannt und durch eine Synode unter Mitwirkung päpstlicher Beauftragter voll rehabilitiert, als im November 879 seine Verurteilung von 869 in aller Form zurückgenommen wurde. Zu einem neuen Schisma kam es danach nicht mehr, denn Rom verzichtete darauf, wie unter Nikolaus I. aus ideologischen Gründen seine kirchliche Suprematie um jeden Preis durchgesetzt zu sehen. Wenn Byzanz mit der Zuordnung Bulgariens zu seinem kirchlichen Bereich auf dem östlichen Balkan eindeutig das Feld behauptet hatte, so war es Rom im Verlauf der letzten Jahre geglückt, bei den Städten an der Adriaküste und den slawischen Stämmen in ihrem Hinterland erheblich an Einfluß zu gewinnen. Erst die arabische Bedrohung des gesamten Gebietes von Süditalien aus brachte die Byzantiner wieder stärker ins politische Spiel, denn allein ihre Macht war in der Lage, ein Überspringen der mohammedanischen Flut auf das Ostufer der Adria zu verhindern. 868 entsetzte eine griechische Flotte das seit 15 Monaten von den Arabern belagerte Ragusa, nachdem schon zuvor Cáttaro und Budva angegriffen worden waren. In der Folgezeit wurden die Städte und Inseln Dalmatiens von der Regierung in Konstantinopel als eigenes Thema zusammengefaßt und steuerlich belastet, allerdings im Hinblick auf die schwache Machtstellung des Rhomäerreiches in diesem Gebiet nur äußerst zurückhaltend. Auch die Serben in den Tälern von Piva, Tara, Lim und Ibar im Landesinnern, die sich unter Vlastimir ein eigenes kleines Reich geschaffen hatten, verpflichteten sich den Byzantinern gegenüber zur Heeresfolge. Zurückzuführen war dies nicht zuletzt auf die Missionstätigkeit von Schülern des Methodios, die das Land um 870 während der Regierung Fürst Mutimirs christianisiert hatten. Zielbewußt baute Basileios die byzantinische Macht auch an der westlichen Peripherie seines Reiches wieder auf. Zwar ließ es sich nicht verhindern, daß 870 Malta und 878 Syrakus verlorengingen, aber in Kalabrien konnten zusammen mit Kaiser Ludwig II. verschiedene Erfolge errungen werden. Die Byzantiner mit ihrem Admiral Niketas an der Spitze verdankten sie wesentlich slawischen Kontingenten und der Flottenunterstützung aus den dalmatinischen Städten. 871 konnte so Bari wiedererobert werden, wo seit bald drei Jahrzehnten ein arabischer Emir residiert hatte. Als es dann zum Zerwürfnis zwischen Franken und Byzantinern kam, erreichte die überlegene griechische Diplomatie schließlich, daß sich Herzog Adelchis von Benevent unter die Oberhoheit des oströmischen Kaisers stellte, der ihm gegen Ludwig II. mit einer Flotte unter dem Patrikios Gregorios von Otranto Beistand leistete. Neapel und Capua unterwarfen sich mit ihrem Hinterland an der italienischen Westküste dem Basileus, und Papst Johannes beanspruchte 878 dessen Schutz gegen die Sarazenen. Ihnen konnte 880 Tarent entrissen werden, und fünf Jahre darauf sicherte der Stratege Nikephoros Phokas seinem Kaiser endgültig die Herrschaft über Kalabrien.

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Auch im Osten stellte der Basileus die militärische Stärke seines Reiches mehr als einmal unter Beweis. 872 führte Christophoros, der Schwager des Kaisers, die rhomäischen Streitkräfte gegen die Paulikianer, eroberte ihre Hochburg Tephrike und schlug sie in offener Feldschlacht. Im folgenden Jahr marschierte Basileios selbst mit seinen Truppen im Gebiet am oberen Euphrat ein und brachte Zapetra und Samosata in seine Hand. Auch wenn er vor Melitene eine schmerzliche Niederlage hinnehmen mußte, so zeigten weitere Vorstöße zum Euphrat und in den Taurus neben der vorübergehenden Befreiung Cyperns, daß Byzanz den Kriegsschauplatz jetzt in Gebiete verlegt hatte, die früher allenfalls den Arabern als Aufmarschgebiete gedient hatten. Daß gleichzeitig auch die Bagratiden Armenien zu einem starken Bollwerk gegen die Araber machten, verbesserte die christliche Position in Kleinasien zusätzlich. Trotz der militärischen Aktivität an allen Grenzen des Reiches wurden die innenpolitischen Belange nicht vernachlässigt. Vielleicht hatte dies seinen Grund darin, daß schon unter Michael III. das byzantinische Bildungssystem von der weltlichen Hochschule im Magnaurapalast der Hauptstadt starke Impulse erhielt, nachdem der Philosoph und Mathematiker Leon, den zuvor der Kalif von Bagdad an seinen Hof ziehen wollte, die Leitung der Schule übernahm und hervorragende Wissenschaftler und Lehrer wie Photios an seiner Seite hatte. Kaiser Basileios selbst, der als Pferdeknecht in die Dienste seines Vorgängers getreten war, erwies sich als begeisterter Förderer von Kunst und Kultur. Bezeichnenderweise wurde ihm der älteste datierbare reich illuminierte Codex gewidmet, den wir noch heute besitzen. Er war es auch, der das Palastviertel seiner Hauptstadt mit großzügigen Bauten neu gestaltet hat. Viel wichtiger wurde aber, daß er sich an die schwierige Aufgabe einer umfassenden Justizreform wagte. Eine Reform des Byzantinischen Justizwesens hatte das in der Zeit Justinians noch in lateinischer Sprache kodifizierte Recht den im Verlauf von drei Jahrhunderten erheblich veränderten gesellschaftlichen Bedingungen anzupassen. Bei der Schwierigkeit dieser Aufgabe veröffentlichte der Kaiser daher zuerst als eine Art Handbuch zum geltenden Recht das »Procheiron«, das in der Übergangszeit bis zum Inkrafttreten eines neuen Gesetzeswerkes der Rechtsprechungspraxis dienen sollte. Nach 879 folgte die »Epanagoge«, die als Einleitung zu einer umfassenden Neudarstellung des Byzantinischen Rechts gedacht war. Die Tatsache, daß in der Epanagoge das Verhältnis von kirchlicher und weltlicher Gewalt in einer ergänzenden Harmonie gesehen wird, daß nach ihr der Patriarch für das seelische Wohl des Volkes, der Basileus hingegen für die leiblichen Belange seiner Untertanen verantwortlich ist, zeigt, daß gedanklich hinter diesen Überlegungen, auf denen das Gebäude eines erneuerten Byzantinischen Rechts aufgebaut werden sollte, maßgeblich Patriarch Photios stand. Basileios I. konnte neben dem militärischen Aufbau seines Reiches die Grundlagen für dessen innere Gesundung durch die Inangriffnahme seiner

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Justizreform schaffen. Vollenden konnte er sein Werk nicht. Auf der Jagd verunglückte der Herrscher Ende August 886 tödlich, nachdem er schon seit dem Tod seines Lieblingssohnes Konstantin im Jahre 879 unter schweren Depressionen litt. Die Ziele seines Kaisertums wurden jedoch von seinen Söhnen Leon und Alexander weiterverfolgt, die er schon frühzeitig an seiner Regierung beteiligt hatte. Als Dynastie der Makedonen konnten so die Erben Basileios’ I. für beinahe zwei Jahrhunderte an der Spitze des Byzantinischen Reiches stehen, das unter ihnen Glanz und Größe erlebte.

II. Das Reich der Makedonenkaiser im Zeitalter der inneren Festigung und kulturellen Blüte

Den inneren Wiederaufbau des Reiches weiterzuführen, den Basileios I. in die Wege geleitet hatte, blieb seinem Sohn Leon VI. (886–912), seinem Enkel Konstantin Porphyrogennetos (912–959) und dessen Vorgänger Romanos Lekapenos (920 bis 944) vorbehalten. Diese Herrscher sollten Gesellschaft, Rechtsleben, Verwaltung und Armee der Byzantiner auf verbesserte Grundlagen stellen. In ihre Regierungen fällt aber auch eine neue Glanzzeit des kulturellen Lebens in Byzanz. So konnte das Rhomäerreich seine Weltmachtstellung am Mittelmeer wiedergewinnen. Leon VI. brachte als Nachfolger des ersten Makedonenkaisers Basileios bei seinem Regierungsantritt im Jahre 886 beste Voraussetzungen für sein hohes Amt mit, hatte ihn doch kein Geringerer als Patriarch Photios erzogen. Tatsächlich erwies sich der neue Herrscher als umfassend gebildet und stellte seine rednerischen und schriftstellerischen Fähigkeiten auch mehr als einmal unter Beweis, wobei er sich vor allem der Theologie und dem Gedankengut der Antike verbunden zeigte. Sein überragendes Wissen war schließlich der Grund dafür, daß sich die Legende der Person dieses Kaisers, der schon zu Lebzeiten den Beinamen »der Weise« trug, bemächtigte und ihm eine Sammlung zusammenhängender Orakelsprüche zuschrieb, die bei Byzantinern und Slawen noch nach dem Untergang des östlichen Kaiserreiches in hohem Ansehen stand. Nicht als Literat oder Theologe, sondern als Gesetzgeber hat Kaiser Leon für sein Reich besondere Bedeutung erlangt. Zwar setzte er gleich nach der Regierungsübernahme seinen Lehrer Photios als Patriarchen ab und machte den Armenier Stylianos Zautzes zu seinem Berater, der als Basileopator dem jugendlichen Kaiser wie ein Vater beratend zur Seite stehen sollte. Trotzdem aber setzte er die Reform des Byzantinischen Rechts zielstrebig fort, die Basileios I. eingeleitet hatte. Schon im ersten Jahrzehnt seiner Herrschaft konnten die »Basilika« in 60 Büchern oder 6 Bänden als wichtigste Zusammenstellung des mittelalterlichen bürgerlichen und kirchlichen Rechts der Byzantiner herausgegeben werden, nachdem eine Kommission mit dem armenischen Protospatharios Sempad an der Spitze die nötigen Vorarbeiten geleistet hatte. Wiederum waren die Basilika gegenüber älteren Gesetzeswerken in griechischer

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Sprache verfaßt und – was für die Benutzung im Alltag von Vorteil sein mußte – nach Sachgruppen übersichtlich geordnet. So konnten sie den Codex Iustinianus und die Digesten weitgehend verdrängen, vielleicht auch deshalb, weil sie – und dies bedeutet zweifellos eine Schwäche des Werkes – in erstaunlichem Umfang bereits überholte Rechtsvorschriften und Gesetze noch einmal aufnahmen. Trotzdem beweist die Fülle der kommentarartigen Scholien, die den Basilika schon bald beigegeben wurden, oder das zu ihrer bequemeren Benutzung im 12. Jahrhundert geschaffene Register »Tipukeitos«, welchen Platz sie im Byzantinischen Rechtsleben forthin einnahmen. Zur Aufgabe der Kodifizierung des geltenden Rechts kamen die Bemühungen des Herrschers, das Recht an den Verhältnissen seiner Zeit zu orientieren, wovon eine Novellensammlung von 113 Erlassen Zeugnis gibt. Soweit sie kirchenpolitischen Inhalts sind, scheinen sie wesentlich von Patriarch Stephanos I. beeinflußt, während die Novellen zur gesetzlichen Regelung anderer Bereiche mit großer Wahrscheinlichkeit auf Stylianos Zautzes zurückgehen. Die gesetzgeberische Tätigkeit Leons VI. untermauerte die überragende Position des Kaisers im Byzantinischen Staatsgefüge und stärkte die Macht der Bürokratie im Reich. Der Senat und die noch bestehenden Körperschaften mit legislativen Befugnissen büßten ihre seitherigen Funktionen völlig ein und übernahmen im Protokoll des Hofes rein dekorative Rollen. Der Basileus seinerseits blieb zwar an bestehendes Recht gebunden, konnte jedoch jederzeit Gesetze widerrufen und neue erlassen. Vom kirchlichen Bereich abgesehen, innerhalb dessen der Kaiser nur Beschützer der herrschenden Ordnung war und auf die Besetzung des Patriarchenstuhls stärksten Einfluß ausübte, vereinigte er alle Staatsmacht in seiner Hand. Wie er diese absolute Macht theokratisch verankert sah, kann sein erhaltenes Zepter zeigen, an dessen Spitze sein Kopfbild von der Gottesmutter gekrönt wird, der ein Erzengel assistiert. Mit dem gebührenden Abstand zum Kaisertum waren die nächsthöchsten Würden im Byzantinischen Staat dieser Zeit die des Caesars, des Nobilissimos und des Kuropalates; sie blieben gewöhnlich Angehörigen des Herrscherhauses vorbehalten. Erst hinter ihnen folgten – dem üblichen Protokoll entsprechend – weitere Würdenträger, von denen die Zoste Patrikia, die erste Dame bei Hof, die Magistroi, die Patrikioi und die Protospatharioi als wichtigste zu nennen sind. Alle diese Titel wurden durch Überreichung der jeweiligen Ehrenzeichen verliehen und waren nicht an bestimmte Aufgabenbereiche im Staatsapparat geknüpft; dessen Ämter besetzte der Basileus mit der Ausstellung von Ernennungsurkunden. Die Ämterorganisation des mittelbyzantinischen Staates ist uns aus den vorliegenden Quellen sehr genau bekannt. Es wäre aber falsch anzunehmen, zeitgenössische Beamtenlisten wie das Kletorologion des Philotheos würden die Strukturen einer Beamtenhierarchie schildern, wie sie durch Jahrhunderte den stark an seinen Traditionen hängenden Byzantinischen Staat getragen hätte –

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gerade die Entwicklung des Byzantinischen Beamtenapparates verläuft recht dynamisch. Recht konstant bleibt jedoch für lange Zeit die Bedeutung des Amtes des Logotheten »tou dromou«, der unter den Makedonenkaisern der wichtigste Mann im Staat war und die Richtlinien der Außenpolitik selbständig oder als erster Berater des jeweiligen Herrschers bestimmte. Neben diesem ersten Beamten des Reiches stehen – sozusagen als Minister der von Protonotaren verwalteten einzelnen Ressorts – vor allem der Sakellarios als verantwortlicher Mann für die Finanzbehörden, der Chartularios tou sakelliou als zuständig für die Staatsvorräte an Naturalien, der »Protoasekretis« als Chef der kaiserlichen Kanzlei und der mit der Führung des Schriftverkehrs der Kaiser betraute »epi tou kanikleiou«. Eunuchen haben sehr häufig die Ämter des Protostrator, des Parakoimomenos und des Protovestiarios inne: der Protostrator entspricht ungefähr dem westlichen Marschall; wie der Parakoimomenos, der neben des Kaisers Gemach schlief, und der Protovestiarios, hatte er durch den täglichen Umgang mit dem Basileus bisweilen erheblichen Einfluß auf politische und dynastische Entscheidungen. Eine unübersehbare Sonderstellung nimmt im stark auf seine Hauptstadt ausgerichteten Byzantinischen Reich auch der Eparch von Konstantinopel ein, der nach der Eigenart seiner Aufgaben kein Hofamt im strengen Sinn bekleidete. Unter seiner Aufsicht standen die Kaiserstadt und vor allem ihre Zünfte. Jegliches politische Gewicht verloren haben dagegen die Demarchen an der Spitze der Zirkusparteien der »Grünen« und der »Blauen«. Die verwaltungsmäßige Gliederung des trotz aller Gebietsverluste noch immer sehr ausgedehnten Reichsterritoriums erhielt unter Leon VI. und seinen unmittelbaren Nachfolgern ihre lange gültige Gestalt. Das komplizierte System weniger übergroßer Themen und zahlreicher kleinerer Militärbezirke wurde dadurch vereinfacht, daß man die alten Themen teilte und Drungariate, Katepanate, Dukate, Archontien und Kleisuren nach und nach gleichfalls zu Themen erhoben wurden. An der Spitze dieser anfänglich 32 Themen stand mit deutlichem Übergewicht gegenüber dem Protonotarios, der die zivile Verwaltung leitete, der Strategos, der mit dem Anwachsen seiner Amtsgewalt zu ihrem eigentlichen Oberhaupt wurde. – Hand in Hand mit dieser Verwaltungsneuordnung ging eine Umorganisation der kirchlichen Hierarchie, die Leon VI. und Nikolaos Mystikos für das Patriarchat Konstantinopel mit der Veröffentlichung der »Diatyposis« in die Wege leiteten. Sieht man von der zunehmenden Tendenz zur Besetzung der höheren Ränge in Armee und Flotte durch Aristokraten ab, so ist für das mittelbyzantinische Militärwesen hauptsächlich die Unterscheidung zwischen den in der Hauptstadt stationierten Streitkräften und jenen Einheiten bezeichnend, die in der Provinz stehen. An der Spitze der aus landsässigen Bauernsoldaten zusammengesetzten Themata stehen in den verschiedenen Teilen des Reiches die Strategen als örtliche Befehlshaber. Ungleich ehrenvoller war gegenüber ihrem Kommando

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der Rang eines Domestikos, der ein Tagma hauptstädtischer Berufssoldaten befehligte. Unter den 4 wichtigsten Tagmata stand das der Scholen an erster Stelle, dessen Domestikos häufig als Befehlshaber des gesamten kaiserlichen Heeres erscheint. Mit Beginn der expansiven Außenpolitik des Reiches in der Mitte des 10. Jahrhunderts wird es jedoch üblich, je ein eigenes Oberkommando für Anatolien und Europa zu unterhalten; die Domestikoi des Ostens und des Westens leiten in diesen Positionen die militärischen Operationen auf dem Balkan oder in Kleinasien. Eine anfangs bescheidene, später aber aufgrund der beschleunigten Aufstellung größerer Verbände »feuerspeiender Trieren« rasch anwachsende

Bedeutung hatte die byzantinische Flotte im Zeitalter der Makedonendynastie. Ihre Schiffe in den Küstengewässern waren den Strategen der jeweiligen Themen unterstellt, während die am Goldenen Hörn zusammengefaßten Flotteneinheiten einem dem Kaiser unmittelbar verantwortlichen Drungarios ton ploimon unterstanden. Für das in diesem Zeitraum zunehmende Gewicht der Byzantinischen Marine spricht die Tatsache, daß überdies die Polizeiaufsicht über Konstantinopel schließlich in die Hand eines Drungarios gegeben wurde. Außenpolitisch brachte die Regierung Leons VI. neben der Fortdauer der Kämpfe mit den Arabern Krieg mit Bulgarien. Der Konflikt auf dem Balkan entzündete sich an der Übertragung des Handels mit den Bulgaren an zwei byzantinische Kaufleute, die das ihnen eingeräumte Monopol ohne Einschränkung ausnutzten. Als der Einspruch des Bulgarenherrschers Simeon unbeachtet blieb, marschierte dessen Heer ins Reichsgebiet ein und brachte den rhomäischen Streitkräften eine empfindliche Niederlage bei. Die Kämpfe des Jahres 894 bildeten nur den Auftakt zu fortschreitend verschärften Auseinandersetzungen. Als ein byzantinisches Heer unter Leon Katakalon 896 bei Bulgarophygon erneut geschlagen wurde, hatte sich das Reich beim folgenden Friedensschluß zur Zahlung von Tribut an den immer mächtiger werdenden Nachbarn zu verpflichten. Simeon seinerseits gewann die Zeit, um seinen Staat auf eine zweite Kraftprobe vorzubereiten, bei der es nach Kaiser Leons Tod um nichts anderes als seine Nachfolge und die Vereinigung des Byzantinischen Reiches mit Bulgarien gehen sollte. Die Kämpfe auf dem Balkan wirkten sich auch auf andere Kriegsschauplätze aus. Schon 894 war Nikephoros Phokas aus Italien abberufen worden und hatte den Oberbefehl über die griechische Bulgarienarmee übernehmen müssen. Die damit verbundene Schwächung der Byzantinischen Streitkräfte auf Sizilien hatte

902 den Verlust Taorminas zur Folge. Sizilien war nun völlig in der Hand der

Araber, gegen deren Angriffe Michael Charaktos jetzt Kalabrien zu verteidigen hatte. Obwohl Nikephoros Phokas den arabischen Angreifern in Kleinasien im Jahre

900 bei Adana eine schwere Niederlage beibringen konnte, mußte auch hier die

byzantinische Kriegsführung vorerst defensiv bleiben. Dazu trug vor allem bei,

daß die Araber aufgrund ihrer Überlegenheit zur See nicht nur die Südküste

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Anatoliens, sondern auch die Ägäis unter ihre Kontrolle bringen konnten. Nach einem Angriff auf Demetrias in Thessalien fand diese Entwicklung ihren Höhepunkt mit dem Unternehmen, das der Renegat Leon von Tripolis 904 gegen das reiche Thessalonike durchführte. Nach der Einnahme von Abydos eroberten seine Scharen die blühende Hafenstadt und zogen aus ihr mit gewaltiger Beute und zahllosen Gefangenen, die bis nach Syrien verschleppt wurden, wieder ab. Das furchtbare Ereignis führte nicht nur zu verstärkten Anstrengungen, die Byzantinischen Seehäfen zu befestigen, sondern auch zur Zurücknahme der Grenze gegenüber Simeon von Bulgarien bis fast vor die Tore Thessalonikes. Gegen die Araber konnte man erst Jahre später aus der Defensive zum Angriff übergehen. Im Oktober 905 wurde eine arabische Flotte im Ägäischen Meer besiegt, und im Jahre 910 kam es sogar zur Landung eines Byzantinischen Expeditionskorps unter dem Logotheten Himerios auf Cypern, zum Angriff auf Syrien und zur Eroberung von Laodikeia. 911 sollte diesem Unternehmen die Rückeroberung Kretas folgen. Die byzantinische Flotte konnte sich jedoch nicht gegen die arabischen Geschwader durchsetzen und wurde auf dem Rückzug im Frühling des Jahres 912 von Leon von Tripolis überfallen und aufgerieben. Daran hatte auch die Beteiligung eines warägo-russischen Söldnerkontingents an dem Byzantinischen Unternehmen nichts ändern können. Sie war aufgrund eines im September 911 zwischen den Griechen und dem russischen Fürsten Oleg von Kiev geschlossenen Vertrages möglich geworden. Dieses Abkommen regelte für die Zukunft die Rechte der russischen Kaufleute in Konstantinopel und darüber hinaus die Handelsbeziehungen zwischen beiden Seiten. Es öffnete so Rußland dem Byzantinischen Einfluß weiter. Ein wichtiges Moment für die Gestaltung der Reichspolitik unter Leon VI. waren dynastische Schwierigkeiten, in die der Herrscher sich unversehens verstrickte. Nach dem Tode seiner von der Orthodoxie als Heilige verehrten ersten Gemahlin Theophano heiratete Leon 898 seine frühere Geliebte Zoe Zautzina, die jedoch bereits im folgenden Jahr starb, ohne dem Kaiser den ersehnten Thronfolger geschenkt zu haben. Als er darauf im Sommer 900 Eudokia Baiana ehelichte, verstieß der Basileus nicht nur gegen die Bestimmungen des geltenden Kirchenrechts, sondern auch gegen ein Gesetz, durch das er selbst einige Jahre zuvor einen dritten Eheschluß verboten und bereits die Zweitehe mißbilligt hatte. Gegen den Widerstand kirchlicher Kreise vermochte Leon sein Vorhaben zwar durchzusetzen, geriet jedoch in eine noch schwierigere Situation, als auch Eudokia verschied und der Kaiser sich mit der schönen Zoe Karbonopsina verheiraten wollte. Als ihm Zoe 905 einen Sohn gebar, wurde dessen Thronfolge mit der Taufe unter der Bedingung anerkannt, daß sich der Kaiser von seiner Geliebten trennen würde. Doch Leon heiratete schon 3 Tage später unter Bruch seines Versprechens die Mutter seines Sohnes und erhob sie zur Kaiserin. Ein Sturm der Entrüstung brach los. Der mit Leon VI. verwandte Patriarch und Photios-Schüler Nikolaos Mystikos verwehrte dem Kaiser den Zutritt zur Hagia Sophia, so daß dem Herrscher nichts anderes

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übrigblieb, als die Angelegenheit Papst Sergios III. zur Beurteilung vorzulegen. Als aus Rom die benötigte Dispens beim Kaiser eingetroffen war, konnte Leon die Abdankung des Patriarchen durchsetzen, dessen Amt im Februar 907 dem frommen Mönch Euthymios, dem Seelenführer Leons, anvertraut wurde. Weder durch die Absetzung Patriarch Nikolaos’ I. noch mit der Krönung seines Sohnes Konstantin im Jahre 908 konnte Leon VI. den über die Frage der »Tetragamie« neu entflammten Streit der alten Kirchenparteien zum Erlöschen bringen. Lang über den Tod des Kaisers am 12. Mai 912 hinaus währte das Schisma zwischen den Anhängern des abgesetzten und des neuen Patriarchen. Erst 920 kehrte wieder Einigkeit bei der orthodoxen Kirche ein, als eine Synode in Anwesenheit päpstlicher Legaten die dritte Ehe für noch nicht Vierzigjährige erlaubte, jede Viertehe jedoch verboten blieb. Nach dem Tod Leons VI. übernahm sein Bruder Alexander für des Kaisers sechsjährigen Sohn Konstantin die Herrschaft. Der bis zu diesem Zeitpunkt wenig hervorgetretene, aber seiner Würde durchaus bewußte Alexander, dem die öffentliche Meinung nicht gerade günstig gesonnen war, suchte sich sofort vor allem personell von der Regierung seines Bruders zu distanzieren. Er enthob eine Reihe wichtiger Mitarbeiter Leons ihrer Ämter, womit er wohl kaum einem letzten Willen seines Vorgängers entsprochen haben dürfte. So wurde Kaiserin Zoe ins Kloster geschickt, und Nikolaos Mystikos trat wieder an die Stelle von Patriarch Euthymios. Auch in der Außenpolitik verließ Alexander die Linie seines Bruders in einem wesentlichen Punkt. Er verweigerte Bulgarien die vertraglich zugesicherten Tribute und beschwor damit einen neuen Waffengang mit dem innerlich gefestigten Reich Simeons herauf. Bevor allerdings die Feindseligkeiten aufgenommen wurden, verstarb Alexander nach nur dreizehnmonatiger Regierungszeit; ein Mosaik der Hagia Sophia hat uns das Bild dieses eigenartigen Kaisers im österlichen Festornat überliefert. An der Spitze eines Regentschaftsrates übernahm in dieser kritischen Lage Patriarch Nikolaos Mystikos die Führung der Regierungsgeschäfte – im kirchlichen Bereich angefeindet von den Anhängern des abgesetzten Patriarchen Euthymios und gleichzeitig bedroht von machthungrigen Aristokraten wie Konstantin Dukas, dem Domestikos der Scholen. Kein Wunder, daß unter diesen Umständen Simeon von Bulgarien schon im Sommer 913 bis auf Konstantinopel selbst vorstoßen konnte. Was diesen Angriff besonders bedrohlich machte, war seine Absicht, ein neues universales Kaisertum zu schaffen, in dem sein bulgarisches Reich und der Staat der Byzantiner aufgehen sollten. Die Unsicherheit der inneren Verhältnisse in der Kaiserstadt bewog die Byzantiner, die Stärke der Verteidigungsanlagen ihrer Stadt den Bulgarenherrscher zur Aufnahme von Verhandlungen. Nikolaos Mystikos und der jugendliche Konstantin VII. trafen wiederholt mit Simeon zusammen, und schließlich wurde der Bulgare im Hebdomon vor den Mauern Konstantinopels mit dem Epirrhiptarion des Patriarchen zum Kaiser gekrönt. Das Verlöbnis des

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jungen Konstantin mit einer Tochter Simeons sollte darüber hinaus für einen dauerhaften Frieden zwischen Byzanz und den Bulgaren sorgen, deren Kaiser mit seinem Titel hochbefriedigt in die Heimat abzog. Obwohl Simeon von Bulgarien 913 nicht als Basileus der Rhomäer in sein Reich heimkehrte, wie das sicherlich seinen eigentlichen Vorstellungen entsprach, scheinen die ihm gegebenen Zugeständnisse zur Bildung einer innerbyzantinischen Opposition gegen das Regime des Patriarchen Nikolaos Mystikos geführt zu haben. Die Kaiserinmutter Zoe Karbonopsina kehrte in den Palast zurück und übernahm die Regierung wieder, die erneut einen scharf antibulgarischen Kurs einschlug. Die Folge war die Besetzung Thrakiens durch die Bulgaren, denen sich im September 914 auch Adrianopel ergeben mußte. Als die Bulgaren darauf auch die Umgebung von Thessalonike und Dyrrhachion unter ihre Kontrolle brachten, mußte sich Byzanz zu einem Gegenschlag entschließen. Leon und Bardas Phokas führten die Rhomäer die Schwarzmeerküste entlang auf bulgarisches Gebiet, wo sie jedoch am 20. August 917 bei Anchialos vollständig aufgerieben wurden. Schon wenige Wochen später unterlagen die rhomäischen Streitkräfte im Vorfeld der Hauptstadt Konstantinopel Zar Simeon ein zweites Mal. Nach dieser neuerlichen Schlappe bestand zwar für die Kaiserstadt selbst nach wie vor keine unmittelbare Gefahr, die Bulgaren konnten jedoch völlig ungehindert ins heutige Griechenland vordringen, wo sie bis 923 fast alle Gebiete einschließlich der Peloponnes mit ihren verheerenden Zügen heimsuchten, die eindrucksvoll in den Lebensbeschreibungen des Bischofs Petros von Argos oder des Einsiedlerabtes Lukas Steiriotes geschildert sind. In dieser kritischen Situation, die durch die unnachgiebige Haltung des Kreises um Kaiserin Zoe entstanden war, konnten nicht die geschlagenen Generale des Byzantinischen Feldheeres die Gewalt an sich bringen, sondern mit Romanos Lekapenos ein Flottenoffizier, der den Wiederaufschwung der Marine an maßgeblicher Stelle eingeleitet hatte. Romanos Lekapenos entstammte sehr bescheidenen Verhältnissen. Der Bauernsohn aus Armenien war als einfacher Soldat Kaiser Leon beim Kampf mit einem Löwen aufgefallen; eine glänzende militärische Laufbahn führte ihn schließlich auf den Posten des Flottenbefehlshabers. An der Spitze des Reiches kam der Drungarios nicht nur Leon Phokas, dem Kandidaten der Aristokratenpartei, zuvor, sondern verstand es auch, einmal im Besitz der Macht, Kaiserin Zoe und ihre Vertrauten aus allen Schlüsselpositionen zu verdrängen. 919 heiratete seine Tochter Helene Kaiser Konstantin, am 24. September 920 wurde der Lekapene zum Caesar erhoben und keine drei Monate später zum Mitkaiser gekrönt. Daran konnten auch die heftigen Proteste Simeons von Bulgarien nichts ändern, dem die Würde des Mitkaisers vorenthalten worden war und der nun die Absetzung des glücklicheren Romanos Lekapenos forderte. Romanos Lekapenos zögerte nicht, seine Stellung noch weiter zu festigen. Er übernahm die Würde des Hauptkaisers, während Konstantin VII. nur noch als sein Mitkaiser fungierte. Auch in der zweitwichtigsten Position an der Spitze des

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Reiches wurde der Vertreter der legitimen Makedonendynastie im Mai 921 von Christophoros, dem ältesten Sohn des Romanos, abgelöst. Dessen Brüder Stephan und Konstantin traten im Jahre 924 gleichfalls als Mitkaiser neben Konstantin Porphyrogennetos, während der jüngste Sohn des nunmehrigen Kaisers, Theophylaktos, auf die spätere Übernahme des Patriarchats vorbereitet wurde. Wie stark Romanos I. der Gedanke der Schaffung einer eigenen Dynastie beschäftigte, kann die Aufstellung der bekannten Tetrarchengruppe von San Marco im hauptstädtischen Myrelaion-Kloster beweisen, dessen Kirche die Grabstätte der neuen Kaiserfamilie aufnehmen sollte. Die in den Jahren vor seiner Machtergreifung recht bewegte kirchenpolitische Szenerie beherrschte Romanos Lekapenos souverän. Maßgeblich trug dazu bei, daß sich der Kaiser jederzeit der freundschaftlichen Zusammenarbeit mit Patriarch Nikolaos Mystikos sicher sein konnte. Auch das Papsttum richtete sich, von der stadtrömischen Adelspartei des Theophylaktos gelenkt, weitgehend nach den Wünschen des Rhomäerherrschers. Die Abhängigkeit der orthodoxen Kirche vom Willen des Kaisers wuchs noch, als 933 dessen sechzehnjähriger Sohn nach längerer Sedisvakanz das Patriarchat von Konstantinopel übernahm. Theophylaktos erwies sich als willfähriges Werkzeug seines Vaters. Er scheint von Pferden mehr gehalten zu haben als von seinen Amtspflichten, auch wenn unter seinem Namen ein wichtiges Schreiben über das Bogomilenproblem an den Bulgaren-Zar Peter überliefert ist und er mit dem Säulensteher Lukas in enger Beziehung stand, auf dessen Wunsch er das uralte Kloster Ruphinianai in einem Vorort Chalkedons erneuert hat. Große Aufmerksamkeit schenkte Romanos Lekapenos den anstehenden innenpolitischen Problemen. Der Basileus erkannte die Bedeutung des Kleingrundbesitzes für die Steuerkraft und die militärische Stärke seines Reiches. Er war sich auch darüber im klaren, daß ein weiteres Anwachsen des Großgrundbesitzes die zentrale Staatsgewalt schwächen und schließlich gefährden mußte. Entsprechenden Tendenzen, die sich im Lauf der nächsten Jahrhunderte so verstärkten, daß sie schließlich zum Hauptproblem der Byzantinischen Innenpolitik wurden, trat der Kaiser zum erstenmal 922 mit einer Novelle entgegen. Sie sollte Verwandten und Nachbarn des Besitzers bei Grundstücksverkäufen gegenüber Dritten und vor allem Großgrundbesitzern ein Vorkaufsrecht gewährleisten. So gut diese gesetzliche Regelung auch gemeint war, so konnten doch bereits in den Jahren 927 und 928 im Gefolge von Hungersnot und Seuchen Großgrundbesitzer und mit ihnen die Kirche Bauernland zu Spottpreisen an sich bringen. Mit einer zweiten Novelle von unüberhörbarer Schärfe verfügte darauf der Herrscher, daß alle fingierten Schenkungen, Erbschaften und sonstige gesetzeswidrigen Besitzveränderungen, die in diesem Zusammenhang zustande gekommen waren, gegenstandslos seien und die betroffenen Grundstücke an ihre früheren Besitzer zurückgegeben werden müßten. Selbst für Grundstücke, deren rechtmäßiger Verkauf nicht anzufechten war, ordnete Romanos Lekapenos

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eine Frist von drei Jahren an, innerhalb derer sie bei Rückerstattung des Kaufpreises wieder an den ursprünglichen Eigentümer zurückfallen sollten. Mit derartigen Bemühungen stieß der Kaiser freilich auch auf den Widerstand der begünstigten Kleinbauern, welche sich als hörige Paroiken unter dem Patronat mächtiger Grundherren vor Steuerdruck und wirtschaftlichem Risiko sicherer fühlten und auf ihre theoretische Freiheit gerne verzichteten. Ähnlich war dies auch bei den Inhabern von Soldatengütern, die schon lange vor ihrer ersten eindeutigen Erwähnung im Jahre 947 an der Peripherie des Reiches an Bedeutung gewannen und besonders weitgehenden rechtlichen Schutz genossen. Die entscheidende Schwierigkeit bei der Durchsetzung dieser Ziele der kaiserlichen Politik lag vermutlich aber darin, daß der Beamtenapparat, auf den sich der Herrscher stützen mußte, bereits wesentlich von Angehörigen der landbesitzenden Aristokratie beherrscht war. Wenn der byzantinische Staat auf die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse im ländlichen Raum des Reiches Einfluß nahm, so trifft dies im 10. Jahrhundert nicht weniger für die Städte zu. Die arbeitende Bevölkerung hatte sich dort in zunftartigen Innungen zusammenzuschließen, die vom Staat bestellte Vorsteher leiteten. Über diese Körperschaften, die dem einzelnen mehr Unabhängigkeit als die spätrömischen collegia ließen und im allgemeinen die erbliche Berufsbindung nicht mehr kannten, steuerte die Obrigkeit das wirtschaftliche Leben. Vom Einkauf des Arbeitsmaterials über die Warenqualität, Liefermengen und Preise wurde bis hin zum Verkauf alles reglementiert. Die Zunftmitglieder selbst hatten dem Staat gegenüber den Nachweis ihrer Fertigkeiten zu erbringen, der sich im übrigen nicht scheute, korporative Sondersteuern wie die Leiturgien von ihnen weiter zu erheben. Mehr soziale Freiheit gewannen im Byzantinischen 9. Jahrhundert demnach weder die Bauern noch die Handwerker in den Städten, sondern höchstens die Aristokratie und nach einigen gesetzlichen Verbesserungen unter Leon VI. die Sklaven am anderen Ende der gesellschaftlichen Stufenleiter. Konstantinopel, das neben privaten auch viele kaiserliche Betriebe aufzuweisen hatte, bot mit zahllosen Zünften ein besonders breites Spektrum der wirtschaftlichen Leistungsmöglichkeiten seiner Bevölkerung. Den Zünften des Lebensmittelsektors und des Handels mußte hier bei einer Einwohnerzahl von vielleicht 150000 einige Bedeutung zukommen. Noch wichtiger für die kaiserliche Wirtschaftspolitik war jedoch die Textilherstellung, bei der man sich neben der Produktion von Wolle und Leinen vor allem um die Seidenherstellung bemühte. Auch wenn die schönsten Seidenstoffe dem Basileus, der hohen Geistlichkeit oder als Geschenke ausländischen Würdenträgern vorbehalten blieben, so waren sie doch auch ein Exportartikel, der vielfach von italienischen Handelsleuten in Konstantinopel, aber auch in den Zentren der Seidenherstellung in Mittelgriechenland oder der Peloponnes eingekauft wurde. Der Seidenexport nimmt jedoch insofern eine Sonderstellung ein, als Byzanz grundsätzlich im Interesse des städtischen Verbrauchers und noch mehr der

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Regierung die Ausfuhren drosselte und den Import förderte. Handel und Gewerbe waren somit eindeutig auf staatliche und vorzüglich innenpolitische Zielvorstellungen ausgerichtet. Die byzantinische Außenpolitik während der ersten Regierungsjahre Kaiser Romanos’ I. stand im Zeichen des Krieges mit Simeon von Bulgarien. Die zunehmende militärische Stärke des Reiches und seine überlegene Diplomatie, an deren Erfolgen neben Männern wie Leon Choirosphaktes der Kaiser durch seinen persönlichen Einsatz maßgeblich beteiligt war, konnte Bulgarien auf die Dauer trotz der Einnahme Adrianopels von 923 und eines zweiten Vorstoßes auf Konstantinopel nicht unbeeindruckt lassen. Als Simeon 927 plötzlich starb, schloß daher sein Sohn Peter Frieden, wurde als Zar der Bulgaren anerkannt und heiratete Romanos’ Enkelin Maria. Nachdem der Basileus mit der Anerkennung des bulgarischen Patriarchats einer weiteren Forderung der Gegenseite Rechnung getragen hatte, war die Voraussetzung für ein friedliches Nebeneinander der beiden Länder geschaffen. In der Zeit der ›Makedonischen Renaissance‹ konnte die byzantinische Kultur voll auf das Nachbarland wirken. Ebenso wesentlich war jedoch, daß die Byzantinischen Kräfte für eine aktive Politik an der Ostgrenze des Reiches wieder frei geworden waren. Unter Führung des Johannes Kurkuas begann nach der Beilegung der griechisch-bulgarischen Feindseligkeiten die byzantinische Offensive an der Reichsgrenze in Ostanatolien. Voraussetzung für ein erfolgreiches Vordringen der rhomäischen Streitkräfte war dabei neben der Wiedererlangung der Flottenherrschaft in der Ägäis durch einen Sieg bei Lemnos über die Geschwader Leons von Tripolis die Tatsache, daß die Byzantiner die Taurusgrenze fest in der Hand behielten und sich dort bei ihrem Vormarsch nicht von der Flanke her gefährden ließen. Mit der endgültigen Wiedereroberung Melitenes am 19. Mai 934 konnten die Byzantinischen Waffen auf diesem Kriegsschauplatz einen ersten wichtigen Erfolg erringen. Dann aber trat mit dem Hamdaniden Saif-ed- Dauleh ein energischer Gegner an die Stelle des immer ohnmächtigeren Kalifen von Bagdad, der sich gegen seinen islamischen Konkurrenten schließlich sogar mit dem Basileus verbündete. Trotzdem schlug Saif-ed-Dauleh 938 Johannes Kurkuas und konnte seine Herrschaft von Mossul aus auf Armenien und Teile Iberiens ausdehnen. Als der Hamdanide 940 sogar vor Koloneia stand, hatten es die Byzantiner nur innerislamischen Streitigkeiten um das Kalifat von Bagdad zu verdanken, daß Saif-ed-Dauleh nicht tiefer in byzantinisches Gebiet eindrang. Erst nach der Abwehr einer russischen Landung, die 941 in Bithynien erfolgt war und deren Schicksal schließlich eine vom Parakoimomenos Theophanes siegreich geführte Seeschlacht besiegelt hatte, konnte Johannes Kurkuas im Osten wieder gegen die Hamdaniden vorgehen. Das Jahr 943 brachte einen großartigen Siegeszug der rhomäischen Streitkräfte, die Martyropolis, Amida, Dara und Nisibis erstürmten und dann Edessa zur Auslieferung des heiligen »Mandilions« zwangen, des »wahren, nicht von Menschenhand geschaffenen Bildes« Christi, das 944 nach Konstantinopel überbracht wurde, wo das Volk

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dieses Heiligtum mit beispielloser Begeisterung empfing und Kaiser Konstantin VII. sich zur Abfassung einer besonderen Predigt veranlaßt sah. Die Erfolge vor Edessa und die Übertragung des Mandilions nach Konstantinopel waren die letzten großen Ereignisse der Regierung Kaiser Romanos’ I. Im Dezember 944 stürzten seine jüngeren Söhne den Herrscher; sie fühlten sich nach dem Tod ihres ältesten Bruders Christophoros dadurch zurückgesetzt, daß ihr Vater nun doch Konstantin VII. und nicht sie zu seiner Nachfolge bestimmte. So wurde Romanos Lekapenos auf die Insel Prote im Marmarameer verbannt, wo er als Mönch 948 gestorben ist. Zu diesem Zeitpunkt war bereits Konstantin Porphyrogennetos im vollen Besitz der Macht, denn Stephan und Konstantin Lekapenos kamen nicht mehr dazu, mit einem zweiten Staatsstreich auch ihn aus dem Weg zu schaffen. Mit der Krönung seines Sohnes Romanos sicherte Konstantin VII. die Thronrechte seiner Dynastie schon an Ostern 945 und legte die Führung der Reichspolitik in die Hand des Bardas Phokas, dessen Bruder einst der Rivale des Romanos Lekapenos gewesen war. Bardas, der als Domestikos der Scholen das Oberkommando über das kaiserliche Heer übernahm und auch seine drei Söhne in die wichtigsten Kommandostellen der Armee einsetzte, verhalf der Byzantinischen Oberschicht zwar zu insgesamt mehr Einfluß, konnte aber nicht verhindern, daß die Politik des Romanos Lekapenos in ihren wesentlichen Zügen weitergeführt wurde. Für die Fortsetzung der bisherigen Innenpolitik sorgten vor allem die Patrikioi und Quaestoren Theophilos und Theodoros Dekapolites. Sie setzten sich nachhaltig für einen verbesserten Schutz des Kleingrundbesitzes ein, obwohl die Byzantinischen Aristokraten unmittelbar nach dem Machtwechsel Grundstücke in großer Zahl an sich gebracht hatten und auf eine Revision der bisherigen Politik auf diesem Sektor drängten. Zur Rückerstattung der zuletzt veräußerten Güter und bezüglich des Vorkaufsrechts wurden dabei ähnliche Anordnungen getroffen wie vor 944. Allerdings erreichte die Oberschicht in den späteren Regierungsjähren Konstantins Veränderungen der einschlägigen Gesetze zu ihren Gunsten. Besonders beschäftigt hat die byzantinische Gesetzgebung dieser Jahre die weitere Sicherung der Verteidigungkraft des Reiches. In aller Form wurde nunmehr die Unveräußerlichkeit der Soldatengüter festgelegt, die bei den Matrosen der kaiserlichen Flotte einem Gegenwert von mindestens 2 Pfund Gold, bei Angehörigen der Landstreitkräfte dem doppelten Betrag entsprechen sollten. Selbst wenn ein Stratiotengut die genannten Werte übertraf, konnten einzelne seiner Teile nur dann erworben werden, wenn sie nicht in den Stratiotenrollen registriert waren. Der Gesetzgeber unterstrich aber auch in aller Deutlichkeit, daß die von ihm hinsichtlich des Vorkaufsrechts bevorzugten Gruppen auf alle Fälle den an die jeweiligen Güter gebundenen Heeresdienst zu leisten hatten. Die militärische Aktivität des Byzantinischen Heeres richtete sich um 950 vor allem auf die Ostgrenze. Angesichts des fortdauernden Friedens mit

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Bulgarien und der erfolgreichen Abwehr ungarischer Einfälle an der Balkangrenze konnten nach der Aufnahme größerer Operationen im Jahre 949 griechische Siege nicht ausbleiben. Die Eroberung Germanikeias und 952 die Überschreitung des Euphrat durch byzantinische Streitkräfte blieben jedoch vorläufig wirkungslos, nachdem Saif-ed-Dauleh 953 Konstantin, den Sohn des Bardas Phokas, gefangennahm und Germanikeia wiedergewinnen konnte. Auch in den folgenden Jahren mußte Byzanz gegenüber seinem gefährlichen Gegner in der Abwehr verharren und erzielte erst nach 956 mit der Einnahme von Hadath in Nordsyrien und der Euphratfestung Samosata entscheidende territoriale Gewinne, die im wesentlichen Nikephoros Phokas und Johannes Tzimiskes, den späteren Kaisern, zu verdanken waren. Die Erfolge der Regierung Konstantins VII. auf militärischem Gebiet wurden zweifellos von dem Geschick in den Schatten gestellt, mit dem die kaiserliche Diplomatie außenpolitische Ziele des Reiches verfolgte. Im Rückgriff auf Vorstellungen Basileios’ I. und Leons VI. versuchte der Kaiser, eine Allianz zustande zu bringen, durch welche die Araber Siziliens in Schach gehalten und die griechischen Besitzungen in Süditalien gesichert werden sollten. Konstantin VII. trat deswegen sogar mit Kalif Abdarrahman III. von Córdoba in Verbindung, an dessen Hof 951 eine Gesandtschaft des Kaisers eintraf, die bezeichnenderweise als Gastgeschenk eine illuminierte Dioskurides- Handschrift nach Spanien mitgebracht haben soll. Stärker an der politischen Wirklichkeit orientiert waren im Vergleich dazu die Aufnahme von Kontakten mit dem aufstrebenden Reich der Ottonen und die Pflege der Beziehungen zu den Kiever Russen. Der 949 eingeleitete Gesandtschaftsverkehr mit Otto dem Großen führte jedoch nicht zu greifbaren politischen Resultaten, auch wenn sich beide Seiten eines insgesamt freundlichen Tones bedienten. Das angestrebte Ehebündnis von Ottos Nichte Hadwig von Bayern mit Konstantins Erben Romanos wurde nicht abgeschlossen, und wirkungslos blieb schließlich auch die den Byzantinern nach den Erfahrungen mit dem Bulgaren- Zaren Simeon leichter gefallene Anerkennung des fränkischen Kaisertums. Im Rahmen der griechisch- russischen Beziehungen kam es dafür im Herbst 957 zum feierlichen Staatsbesuch der russischen Fürstin Olga-Helene in der Kaiserstadt am Goldenen Hörn: das Ereignis zog eine noch intensivere Missionsarbeit der orthodoxen Kirche in Rußland nach sich und trug so zur Stärkung des griechischen Einflusses im ostslawischen Bereich bei. Konstantin VII. war als Staatsmann sicherlich nicht völlig bedeutungslos. Ihr eigentliches Gewicht jedoch erhält seine Regierung als Blütezeit der Makedonischen Renaissance, die schon sein Vater und Großvater heraufgeführt hatten. Antike Mythologie, Geschichte, Philosophie und Literatur im weitesten Sinn erfuhren ein vertieftes, nicht mehr allein auf Apologetik bedachtes Studium, wurden gesammelt und vielfach in enzyklopädischer Form bearbeitet. Gleichzeitig wurden Themen der griechischen und römischen Kunst in zahllosen Schöpfungen byzantinischer Meister neu formuliert und zur christlichen Welt in

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Beziehung gesetzt. Byzanz suchte dabei allerdings nur in seltenen Fällen eine völlig neue Formensprache, sondern war viel eher bestrebt, die seit der Spätantike kaum unterbrochene Kontinuität wieder mit Leben zu erfüllen, sie nach dem Ikonoklasmus von neuem zu bejahen. Der Begriff der ›Makedonischen Renaissance‹ bezeichnet daher einfach den Aufschwung des geistigen und kulturellen Lebens, den Byzanz unter der Herrschaft der Makedonenkaiser erlebte. Als Mäzen und treibende Kraft stand Konstantin VII. mitten im kulturellen Leben seiner Zeit. Künstler und Wissenschaftler erfreuten sich seines Wohlwollens, und mit Männern wie Bardas Phokas förderte er die Magnaura- Hochschule von Konstantinopel. Ihre Lehrstühle für Philosophie, Rhetorik, Geometrie und Astronomie besetzte der Kaiser neu und sorgte für die Besoldung der Professoren ebenso wie für die Stipendien der Studenten. Sie lud er sogar regelmäßig an seine Tafel, was durchaus verständlich ist, berief der Herrscher doch aus diesem Kreis vielfach den Nachwuchs für seinen Verwaltungsdienst und die höheren Kirchenämter. Persönlich beteiligt war der Kaiser am blühenden Geistesleben aber auch durch seine literarische Tätigkeit. Seine Traktate, die auf einer sorgfältigen Auswertung des ihm vorliegenden Materials aufbauen und von dem im 10. Jahrhundert vorherrschenden Enzyklopädismus besonders geprägt sind, gehören zu den wichtigsten Quellen über den Staat der Rhomäer. Zu erwähnen sind die Abhandlung des Kaisers über die Themen (»De thematibus«), in der das Reich und seine Bevölkerung eine historisch-geographische Beschreibung finden, ferner in Ergänzung zu diesem Werk der als Lehrbuch der Staatskunst für seinen Sohn Romanos gedachte Traktat über die Mächte, mit denen Byzanz im Rahmen seiner Außenbeziehungen zu tun hatte (»De administrando imperio«), sowie schließlich das Zeremonienbuch (»De caerimoniis aulae byzantinae«). Mit derartigen staatstheoretischen Schriften steht Konstantin VII. im übrigen keineswegs allein: Er fand Nachahmung bei zahlreichen Beamten seines Reiches, die dessen Verwaltungsstruktur, aber auch Gewerbe und Handel, Steuersystem und Landwirtschaft in jenen Jahren immer wieder in handbuchartigen Darstellungen untersucht haben. Auch an der Geschichtsschreibung waren Konstantin Porphyrogennetos und seine Dynastie stark interessiert. Die Chronik des Logotheten Symeon setzte im kaiserlichen Auftrag Joseph Genesios mit der Beschreibung der Regierungen Michaels III. und Basileios’ I. fort. An der gegenüber ihren Anfangspartien literarisch anspruchsvolleren Weiterführung der Chronik des Theophanes war Konstantin selbst mit der panegyrisch gehaltenen, an Isokrates geschulten Lebensbeschreibung seines Großvaters Basileios zumindest nominell beteiligt. Einer der maßgeblichen Männer am Hof Konstantins VII., Theodoros Daphnopates, führte das Werk mit der Schilderung der Zeit Konstantins und Romanos’ II. fort. Bemerkenswerte Leistungen der Historiographie sind außerdem die Beschreibung der Araberbelagerung Thessalonikes durch den

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Priester Johannes Kameniates und – als echte Wiederbelebung hellenistischer Geschichtsschreibung – das an Historiker wie Agathias und Prokop angelehnte Geschichtswerk des kaiserlichen Bediensteten Leon Diakonos. Bei der theologischen Literatur ist zunächst Kaiser Leon VI., dann wiederum Konstantin Porphyrogennetos zu nennen. Die beiden Kaiser traten vor allem als Prediger auf, gaben aber auch zu zahlreichen theologischen Schriften Anstoß oder Auftrag. Leon VI. hat außerdem mit einem umfänglichen Brief an den Kalifen von Bagdad die antiislamische Polemik seiner Zeit bereichert. Von Romanos I. gibt es ähnliches nicht zu berichten: der nicht sonderlich gebildete Lekapene bediente sich in kirchlichen Fragen hauptsächlich des Magistros und Eparchen der Hauptstadt, Theodoros Daphnopates, der für ihn verschiedene Schreiben zu kirchenpolitischen oder dogmatischen Themen verfaßte, sich aber auch als Bearbeiter der Predigten des Johannes Chrysostomos einen Namen gemacht hat. Neben Gelehrten wie Nikolaos Mystikos, der Euthymios, seinen Konkurrenten um den Patriarchenstuhl, an Wissen deutlich übertraf, ist in der Nachfolge des Photios als bedeutender Theologe in erster Linie der aus der Peloponnes stammende Metropolit Arethas von Kaisareia zu nennen. Arethas hat in seiner frühen Schaffenszeit mit Vorliebe philosophische und philologische Themen behandelt und beispielsweise einen Kommentar zur Apokalypse des Johannes oder Glossen zu den Paulinischen Briefen geschrieben. Später beschäftigten ihn hauptsächlich Fragen des Kirchenrechts und dogmatische Probleme, wie Schriften gegen Bilderstürmer, Juden oder Armenier, aber auch ein in offiziellem Auftrag verfaßter Brief an den Emir von Damaskus zeigen. Der nüchterne Philologe zeigte sich im übrigen wenig tolerant, wenn er etwa den zeitgenössischen Kompilator und Diplomaten Magistros Leon Choirosphaktes wegen seiner allzu offenen Begeisterung für die neuentdeckte Antike angriff. Trotzdem ist festzuhalten, daß kaum eine Geistesgröße dieser Zeit, weder der Kirchenrechtler Johannes Doxoprates noch kirchliche Dichter wie Anastasios Quaestor, dem auch weltliche Poesie zuzuschreiben ist, die Bedeutung des Arethas erreicht hat. Eine gewisse Abkehr von der universalistischen und verhältnismäßig weltoffenen Theologie bringt die spätere Makedonenzeit über die verstärkte Beschäftigung mit Mystik und Askese, in deren Gefolge auch ein wachsendes Interesse für die Hagiographie fällt. Die entsprechenden Tendenzen kündigen sich schon etwa mit der Entscheidung des Styliten Lukas an, der die Feldzüge gegen den Bulgaren-Zaren Simeon mitgemacht hatte und seit 935 volle 44 Jahre auf einer Säule zu Chalkedon lebte. Eine Generation später stoßen wir dann bereits auf Symeon den Neuen Theologen, einen 977 vom Studios-Kloster ins Mamas-Kloster der Hauptstadt übergetretenen, sehr eigenwilligen Mönch aus Paphlagonien, der zusammen mit seinem Lehrer Symeon Eulabes zur beherrschenden Figur der mittelbyzantinischen asketischen Bewegung wird und

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geistesgeschichtlich die Mystik des Sinai-Mönchtums mit der spätbyzantinischen Mystik verbindet. Das stärkere religiöse Engagement weiter gesellschaftlicher Schichten wird auch auf dem Gebiet der Hagiographie sichtbar. Symeon Metaphrastes, der vielleicht bedeutendste byzantinische Hagiograph, der unter drei Kaisern das Logothetenamt bekleidete, bevor er Mönch wurde, verfaßte in dieser Zeit, vielleicht auf Anregung Leons VI., ein neues, umfassendes Menologion, eine Sammlung von nach dem Kirchenkalender geordneten Heiligenleben, die sich bis heute in annähernd 700 Handschriften erhalten hat. Den Metaphrasten fesselt die Vielzahl jener Männer und Frauen, welche diese Welt überwunden haben, während noch etwa bei der meisterlichen Lebensbeschreibung, die Metropolit Basileios von Thessalonike von seinem Vorgänger Euthymios verfaßte, das literarische Interesse des Autors größeres Gewicht besitzt. Innerhalb der bildenden Künste machte die Architektur der Makedonenkaiser die Kreuzkuppelkirche zur Standardform des Byzantinischen Kirchenbaus. Über Vorstufen, die etwa in der Hagia Theodora zu Konstantinopel oder in der 873/874 vom Protospatharios Leon im Makedonischen Skripou gestifteten weiträumigen Kirche zu sehen sind, wird bis 900 das Ideal dieses klassischen Byzantinischen Kirchentyps entwickelt. Im Bestreben, die Schwere der Baumassen zu überwinden und zu »entstofflichen«, erreicht die Kreuzkuppelkirche mit der vom Flotten-Drungar Konstantin Lips 907 gestifteten Theotokos-Kirche in Konstantinopel die vollkommene Anpassung eines einbeschriebenen griechischen Kreuzes an das überkommene rechteckige Grundrißschema. Die Kuppel ruht nun auf Mauern aus wechselnden Gürteln von Hausteinen und Ziegeln und über den Tonnengewölben von gleich langen Kreuzarmen. Klarheit, Formengleichmaß und Eleganz prägen auch die weiteren Bauten dieses Typs, in denen der Tambour mit der Kuppel immer häufiger von Säulen statt von Pfeilern getragen wird und die Mauern zwischen Stützen und Außenwänden allmählich verschwinden. Bereichert wird dieses Schema unter Berücksichtigung liturgischer Erfordernisse durch eine zunehmende Zahl von Apsiden, durch Diakoneion und Narthex. Diese Anbauten verleihen den Kirchen der Makedonenzeit nicht nur räumliche Tiefe, sondern werden immer mehr zu konstruktiven Elementen des jeweiligen Gesamtbaues. Sehr zögernd setzten sich nach der Ikonoklasmuskrise die Flächenmalerei und das Mosaik wieder durch. Auch wenn in den Jahrzehnten der kulturellen Blüte des 10. Jahrhunderts in Konstantinopel oder Thessalonike größere Werkstätten arbeiteten und ebenso in den Provinzen kleinere Künstlergruppen die anfallenden Aufträge erledigten, so sind aus dieser Zeit wenig bedeutende Mosaiken erhalten. Bei den Mosaiken in Hosios Lukas und später im Kloster von Nea Moni auf Chios fällt auf, daß sie nicht im gleichen Maß an antikem Stilempfinden ausgerichtet sind wie gleichzeitige Mosaiken der Hauptstadt. Dafür bestechen sie durch reiche Farbigkeit, während technische Probleme, wie die bildnerische Beherrschung gewölbter Flächen, nur unvollkommen gemeistert

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werden; das gilt auch für die Darstellung von Figuren, die merkwürdig starr und ernst wirken. Wesentlich ist jedoch, daß in dieser Zeit die für die Zukunft gültigen ikonographischen Programme für den Kirchendekor mit dem Pantokrator in der Kuppel, der Theotokos in der Apsis, mit Erzengeln, Patriarchen, Propheten, Aposteln und der Darstellung der wichtigsten Festgeheimnisse aus dem Leben Jesu, seiner Mutter und weiterer Heiliger entstehen. Die noch wenig wichtige Freskomalerei, die in den frühen kappadokischen Höhlenkirchen anzutreffen ist, empfängt aus der religiösen Gedankenwelt der Mosaikkünstler entsprechende Anregungen. Überragende kunstgeschichtliche Bedeutung kommt im Rahmen der ›Makedonischen Renaissance‹ der Buchmalerei zu. In ihr spiegelt sich mit wechselnder Deutlichkeit die Abhängigkeit des Kunstempfindens dieser Epoche von der Spätantike und hellenistischen Vorbildern, so daß manche Miniaturen geradezu als Kopien älterer Handschriften zu werten sind. Schließlich bricht sich in der späteren Makedonenzeit jedoch eine Strömung Bahn, die stärker »mittelalterlich« und spezifischer »byzantinisch« orientiert ist und ihre Inhalte in weiterem Umfang christlichem Gedankengut entnimmt. Die ersten Schreib- und Malstuben müssen im Studiten-Kloster und in der Umgebung des Patriarchen Photios gesucht werden, wo zunächst ziemlich kleine Miniaturen vielfach als Randillustrationen entstanden; der Chludow-Psalter von etwa 850 ist hierfür das bekannteste Beispiel, obwohl die Traditionen dieser Schulen sehr lange lebendig blieben. Großformatige Miniaturen bringen dann die »Kaiser-Codices« wie der schon genannte Pariser Codex graecus 510, der die immer wieder abgebildete Vision des Ezechiel enthält. Handschriften dieser Art, in denen wir Texte des Alten und Neuen Testaments, Kirchenkalendare, Lebensbeschreibungen der Heiligen und theologische Literatur, aber auch historische Chroniken finden, zeichnen sich hinsichtlich ihrer Bildausstattung durch Realismus, hellenistisch inspirierte Landschaftsauffassung, klaren Bildaufbau und eine breite Farbskala aus. Sie wirken origineller als die Miniaturen, die zu Lebzeiten Konstantins VII. gemalt wurden.

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Abb. 15: Hl. Lukas, Miniatur der 2. Hälfte des 10. Jhs. Hier wird zwar technisch

Abb. 15: Hl. Lukas, Miniatur der 2. Hälfte des 10. Jhs.

Hier wird zwar technisch gekonnt gezeichnet und gutes anatomisches Verständnis bewiesen, werden die Körper weich modelliert und Landschaften in gelockertem Bildaufbau vorgestellt, aber man malt vorzüglich in Anlehnung an ältere Vorlagen, was auch der illusionistische Stil der Miniaturen zeigt. So gewinnt die antikisierende Note in dieser Zeit an Gewicht, was besonders für Werke weltlichen Inhalts gilt. Der Traktat über giftige Tierbisse des Nikander von Kolophon und weitere naturwissenschaftliche Werke gehören hierher, aber auch einzelne Handschriften mit religiösem Inhalt. Unter ihnen ist die Josua- Rolle der Vatikanischen Bibliothek hervorzuheben, ein 10 m langes Pergamentband, dessen Anfang und Schluß fehlen. Aber auch so läßt sich erkennen, wie die beteiligten Künstler Reliefs römischer Triumphsäulen zum Vorbild genommen haben. Ein weiteres bemerkenswertes Zeugnis der Miniaturmalerei der ›Makedonischen Renaissance‹ auf ihrem Höhepunkt ist die Bibel des Patrikios Leon, die gleichfalls auffallend von hellenistischem Stilempfinden geprägt ist. Den Miniaturen der Zeit Basileios’ II. und jenen der vorausgegangenen Jahre ist gemeinsam, daß die besten Stücke unter ihnen in kaiserlichen Ateliers geschaffen wurden, wo auch Herrscher wie Leon VI. und Konstantin Porphyrogennetos selbst zum Pinsel griffen. Dies kann beispielsweise für das Menologion Basileios’ II. gelten, dessen 430 Miniaturen nachweislich von

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Künstlern einer Schreibstube im Blachernenpalast gemalt wurden. Von anderen Handschriften läßt sich dasselbe mit Hilfe des Stilvergleichs nachweisen. Sie alle enthalten Miniaturen, die auf den Betrachter tiefer »vergeistigt« wirken und den Übergang zur späteren eigenständig Byzantinischen Kunst der Komnenen und Palaiologen vorbereiten. Kirchliche, aber auch profane Themen stellten die Byzantiner im Zeitalter der Makedonenkaiser noch häufig in Elfenbein dar. Bekanntestes Beispiel hierfür ist das sogenannte Veroli-Kästchen, auf dem die Entführung der Europa und der Tanz der Mänaden und Kentauren sowie Nymphen, Nereiden, Eroten und andere Figuren des antiken Götterhimmels in lebendiger Bewegung gezeigt sind. Auch auf weiteren derartigen Kästchen erscheinen mythologische, von Rosettenbändern eingefaßte Szenen. Sie lassen erkennen, wie beliebt in den maßgeblichen Kreisen Konstantinopels antike Mythologie und Literatur damals gewesen sein müssen. Eher der kirchlichen Kunst sind die Darstellungen von Kaiserkrönungen zuzurechnen, bei denen neben dem Elfenbein mit der Krönung Romanos’ II. vor allem auf das Stück mit Konstantin VII. hinzuweisen ist, das in Moskau aufbewahrt wird. Eindeutig religiösen Inhalt haben dann Tafeln wie das Pariser Harbaville-Triptychon, auf dem in strengem Stil um eine Deesis heilige Krieger, Apostel und andere Heilige, teilweise in Medaillons, angeordnet sind. Solche Darstellungen, aber auch Elfenbeintafeln mit einzelnen Heiligen, sind ziemlich verbreitet. Besonders häufig ist dabei die Gottesmutter wiedergegeben, vielfach als Hodegetria, nach der vor allem beim Heer verehrten Marienikone des hauptstädtischen Klosters »ton hodegon«. Andere Tafeln bringen bedeutende Ereignisse aus dem Leben Jesu, seiner Mutter oder der Heiligen. Die Berliner Tafel mit dem Martyrium der 40 Soldatenheiligen von Sebaste beeindruckt unter ihnen durch dramatische Bewegtheit besonders. Die künstlerischen Ideale der ›Makedonischen Renaissance‹ macht neben den Miniaturen vor allem die Emailkunst sichtbar. Grund dafür dürften nicht zuletzt Verbesserungen in der Technik des Email-Cloisonné sein, mit der farbige Einlagen in winzige Zellen zwischen senkrechte Trennwände eingeschmolzen wurden. Jetzt gelang es, die Farben mit Hilfe komplizierter Trennwandnetze immer stärker zu variieren, so daß Emailarbeiten mit dem strahlenden Glanz ihrer Farben ein echter Zweig der figürlichen Malerei werden konnten. Das ging so weit, daß sie schließlich sogar die Entwicklung der Buchmalerei bis zu einem gewissen Grad bestimmten. Als Beispiel für die Meisterschaft, mit welcher der Zellenschmelz gehandhabt wurde, sei an die Limburger Staurothek oder die Applikationen des Romanos-Kelches im Schatz von San Marco in Venedig erinnert. Diese Arbeiten zeigen, wie jedes Emailwerkstück für sich getrennt ausgeführt, anschließend auf Metallblättchen beliebiger Form aufgelötet und am Rand mit Perlen oder edlen Steinen besetzt werden konnte. Verglichen mit den künstlerischen Leistungen auf diesem Gebiet bleiben die Schöpfungen der Ikonenmalerei, der Metallverarbeitung oder der Glyptik und

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verwandter Kunstzweige an Bedeutung zurück. Hinzuweisen ist jedoch auf die Textilkunst, von deren Höhe verschiedene erhaltene Seiden- und Purpurstoffe berichten können. Motivisch und technisch stehen sie teilweise unter orientalischem Einfluß, obwohl es im gesamten Reichsgebiet bedeutende Seidenwebereien gab. Die Byzantinischen Künstler verstanden es jedoch, mehr Feinheit in der Darstellung zu entwickeln, als dies in gleichzeitigen persischen Werkstätten gelang. Das Tuch mit den Elefantenmedaillons aus dem Grab Karls des Großen, aber auch die über ganz Europa verstreuten und in verschiedenen Farben gehaltenen Seidenstoffe mit dem streng stilisierten Adlersymbol können dies beweisen. Unter Konstantin VII. zeigt sich das geistige und kulturelle Leben im Rhomäerreich in voller Blüte. Diesen Glanz hatte es Herrschern wie Basileios I. und vor allem Leon VI. zu verdanken, die nicht nur der ›Makedonischen Renaissance‹ entscheidende Impulse verliehen hatten, sondern auch die innere Konsolidierung des Staates einleiteten. In der Mitte des 10. Jahrhunderts waren die Verhältnisse im Byzantinischen Reich so weit gefestigt, entwickelten Kultur und Geistesleben über die Reichsgrenzen hinweg so viel Ausstrahlung, daß unter den folgenden Herrschern ein erheblicher Zuwachs auch äußerer Macht für Byzanz beinahe zwangsläufig erfolgen mußte.

III. Das mittelbyzantinische Reich auf dem Höhepunkt äusserer Macht

Im November 959 bestieg nach dem Tod Konstantins VII. dessen Sohn Romanos den Thron. Der neue Herrscher war wissenschaftlich weniger interessiert als sein Vater und auch nicht sonderlich für religiöse Ideale zu begeistern, auch wenn ihm die Gründung des noch heute bestehenden, bekannten Klosters Hosios Lukas in Mittelgriechenland zugeschrieben wird. Obwohl ihm die Quellen im übrigen »mannigfache Vorzüge« bescheinigen, konnte und wollte der junge, lebenslustige Kaiser keinen wesentlichen Einfluß auf die Reichspolitik nehmen. Ihre Gestaltung lag in den Händen des Parakoimomenos Joseph Bringas, der mit Eifersucht darüber wachte, daß die sieggewohnten Heerführer des Reiches seiner Stellung am Hof nicht gefährlich wurden. Neben Bringas spielte die Gemahlin des Kaisers eine immer bedeutendere Rolle. Romanos II. war ursprünglich mit Bertha-Eudokia, der Tochter Hugos von der Provence, vermählt. Nachdem diese erste Gattin des Herrschers verstorben war, heiratete er um 956 Anastaso, eine Wirtstochter aus Konstantinopel, die »durch die Schönheit ihres jungen Körpers alle Frauen ihrer Zeit übertraf« (Leon Diakonos 31, 3). Der Kaiser erfüllte seiner ehrgeizigen Frau, die den Namen Theophano angenommen hatte, bald jeden Wunsch, und so verschwanden seine Mutter Helene und seine fünf Schwestern hinter Klostermauern. Wenn sich solche Ereignisse auf die politischen Verhältnisse nicht nachteilig auswirkten, so war dies vor allem den hervorragenden Generälen zu verdanken, die in dieser Zeit die Byzantinischen Truppen in Europa und Kleinasien befehligten. Sie

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waren es in der Tat auch, die mit ihren Siegen die byzantinische Geschichte der beginnenden zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts prägten. Einen ersten strahlenden Erfolg für das Reich errang Nikephoros Phokas mit der Eroberung Kretas, die schon Konstantin Gongylas gleich nach dem Regierungsantritt Romanos’ II. versucht hatte. Phokas glückte im Sommer 960 die Landung auf der Insel, und nach erbitterten Kämpfen stürmten seine Truppen im folgenden Frühling das stark befestigte Chandax im Westen der Insel, wo ungeheure Schätze den Siegern in die Hände fielen. Die arabische Bevölkerung wurde umgebracht oder verschleppt und hatte Siedlern aus Armenien Platz zu machen. Hoch über der eroberten Stadt ließ Phokas eine mächtige Festung erbauen, während Mönche wie Nikon Metanoeite und später Johannes Xenos durch die Insel zogen, Kirchen bauten, Klöster gründeten und die eingesessene Bevölkerung dem Christentum zurückzugewinnen suchten. Die arabische Welt hat der Eroberung Kretas durch die Byzantiner nicht untätig zugesehen. Leon Phokas, Domestikos des Westens und Bruder des Nikephoros, mußte nach Kleinasien entsandt werden, um die Grenzen des Reiches gegen einen Entlastungsangriff Saif- ed-Daulehs zu verteidigen. Nach seiner Rückkehr aus Kreta und einem glanzvollen Triumph im Hippodrom von Konstantinopel erschien Nikephoros Phokas dann selbst auf dem Kriegsschauplatz. Er drängte den Gegner rasch ins östliche Kilikien ab und nahm im Dezember 962 trotz hartnäckigen Widerstandes Aleppo, die Residenz Saifs, ein. Der unerwartete Tod Kaiser Romanos’ II. nach einem Jagdausflug – Gerüchte wollten wissen, er sei vergiftet worden – beendete vorläufig die militärischen Operationen an der Ostgrenze des Reiches. Während der Patriarch mit dem Senat Kaiserin Theophano und ihre beiden Söhne Basileios und Konstantin, die 958 und 960 geboren worden waren, an die Spitze des Reiches stellte, mußte Nikephoros Phokas in die Hauptstadt zurückkehren, da er seine Soldaten für die kältere Jahreszeit entlassen hatte und nun zum Frühjahr sein Kommando erneuert haben wollte. Diesem Vorhaben stellte sich jedoch Joseph Bringas entgegen, der nicht völlig ohne Grund vermutete, an der Spitze eines Heeres könne der populäre Phokas zu mächtig werden. Mit Hilfe des Patriarchen Polyeuktos und der Kaiserin erreichte Nikephoros Phokas aber sein Ziel auch gegen den Willen des Bringas und brach an der Spitze einer schlagkräftigen Armee wieder nach Osten auf. Während er in Kappadokien seine Kriegsvorbereitungen traf, versuchte der Parakoimomenos nun, Phokas mit Unterstützung des Johannes Tzimiskes in seine Hand zu bringen. Tzimiskes, ein Verwandter des Phokas, setzte diesen jedoch von dem Anschlag in Kenntnis. Gemeinsam marschierten die beiden Generäle daraufhin nach Kaisareia, wo Phokas zum Kaiser ausgerufen wurde, und führten ihre Truppen weiter in Richtung Hauptstadt. In Konstantinopel wiegelten inzwischen Leon Phokas und der Eunuch Basileios, ein unehelicher Sohn Romanos’ I., die Bevölkerung gegen Joseph Bringas auf. So konnte

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Nikephoros Phokas am 16. August 963 unter dem Jubel des Volkes durch das Goldene Tor in die Kaiserstadt einziehen und erhielt das Diadem Konstantins des Großen. Die neuen Machthaber konnten in kürzester Frist ihre Stellung festigen, vor allem nachdem der Kaiser Theophano geheiratet hatte, sich aber zugleich zur Respektierung der Thronfolgerechte ihrer Söhne Basileios und Konstantin verpflichtete. Die Leitung der Innenpolitik übernahm mit dem neugeschaffenen Titel eines Proedros der Eunuch Basileios. Johannes Tzimiskes trat die Nachfolge des Nikephoros Phokas als Domestikos des Ostens an, und Vater und Bruder des Kaisers erhielten hohe Würden am Hof des neuen Basileus. Schon im ersten Jahr nach der Ergreifung der Macht nahm Nikephoros II. den Kampf gegen die Sarazenen wieder auf. Während der Patrikios Niketas mit einem mächtigen Geschwader nach Sizilien aufbrach und erst nach beachtlichen Anfangserfolgen scheiterte, stieß der Kaiser selbst nach Kilikien vor und eroberte die Städte Adana und Anabarza. Die Einnahme von Mopsuestia und Tarsus bereitete den Byzantinischen Streitkräften erheblich mehr Mühe und wurde erst 965 abgeschlossen, im gleichen Jahr, in dem eine Flotte der Rhomäer unter Niketas Chalkoutzes auf Cypern landete und die Insel wieder für den Basileus in Besitz nahm. Damit waren die Voraussetzungen für ein Vordringen nach Syrien geschaffen, wo der Kaiser mit seinem Heer auch tatsächlich im Oktober 966 vor Antiocheia erschien. Bevor die syrische Hauptstadt dem Reich zurückgewonnen werden konnte, verlangte das Verhältnis der Byzantiner zu den Bulgaren eine Klärung. Abgesandte des bulgarischen Zaren waren nämlich 965 wieder am Goldenen Hörn erschienen, um die üblichen Tribute für ihren Herrscher einzufordern. Nikephoros Phokas schickte sie unverrichteterdinge wieder nach Hause und ließ seine Truppen die bulgarischen Grenzfestungen besetzen. Tiefer ins Land einzudringen wagte er jedoch nicht, weil er es angeblich für unverantwortlich hielt, seine Soldaten »durch so gefährliche Gegenden zu führen« (Leon Diakonos 63,1). Dafür sandte er den Patrikios Kalokyres zum russischen Fürsten Svjatoslav, der gegen einen Sold von 1500 Pfund Gold das Bulgarenreich von Nordosten angreifen sollte. Der Russe überschritt 968 die Donau und rang mit seinem Heer die Bulgaren beinahe mühelos nieder. Svjatoslav dachte jedoch nicht daran, wieder nach Kiev zurückzukehren. Als Beherrscher Bulgariens wurde er für das byzantinische Reich, das nun wieder die Verständigung mit den früheren Herren des Landes suchte, ein gefährlicher Nachbar. Vor dem nächsten Feldzug des Kaisers nach Syrien waren aber auch die Beziehungen des Reiches zum Abendland neu zu regeln. Parallel zum Wiederaufstieg des Byzantinischen Staates hatten dort die Ottonen das Kaisertum Karls des Großen erneuert. Wie schon im 9. Jahrhundert wurden nun zwischen beiden Seiten hauptsächlich zwei Probleme verhandelt, die Abgrenzung der jeweiligen Interessen in Süditalien sowie die Frage der Anerkennung des westlichen Kaisertums durch Byzanz. Otto der Große hoffte

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zu erreichen, daß seine Krönung zum Kaiser durch die Heirat seines Sohnes mit Anna, der Tochter Romanos’ II., bestätigt würde; außerdem sollte die Porphyrogennete nach seinen Vorstellungen die unteritalienischen Besitzungen des Rhomäerreiches als Mitgift in die dynastische Verbindung einbringen. Nikephoros Phokas lehnte wie sein Vorgänger das Heiratsprojekt Ottos anfangs nicht grundsätzlich ab. Der Basileus sah die Möglichkeit, auf diesem Wege zu einem gegen die Sarazenen Unteritaliens gerichteten Angriffsbündnis der beiden Reiche zu kommen, und ließ seine Beauftragten in diesem Sinne in Ravenna gegenüber Otto I. vorstellig werden. Als der »Frankenkaiser« jedoch die von Konstantinopel abhängigen Fürsten von Capua und Benevent unter seine Oberhoheit stellte und einen Angriff auf Bari vorbereitete, mußte der Venezianer Dominicus als Unterhändler des Lateinischen Kaisers 967 auf einer Gesandtschaftsreise in Makedonien feststellen, daß Nikephoros Phokas dabei war, ein Heer für eine Intervention in Süditalien zusammenzuziehen. Schließlich war es der nicht ungeschickten Verhandlungsführung eines Liutprand von Cremona zu verdanken, daß die Griechen in Apulien nicht zum Angriff gegen Otto den Großen antraten. Trotzdem standen sich 969 Byzantiner und Parteigänger der Sachsenkaiser in unverhüllter Feindschaft gegenüber. Die Außenpolitik unter Nikephoros Phokas und noch mehr seine Innenpolitik wurden wesentlich vom Proedros Basileios bestimmt. Dieser habgierige, aber kunstsinnige Mann, der vor 964 die großartige Limburger Staurothek in Auftrag gegeben hatte, erwies sich als taktisch sehr geschickter Politiker. Entschlossen trat er wie der Kaiser für die Interessen der Byzantinischen Adelsfamilien ein. So wurde 967 das Vorkaufsrecht der Armen bei Güterverkäufen der Oberschicht aufgehoben und vom Kaiser als ungerecht bezeichnet. Im Hinblick auf ihre militärische Aktivität trat die Regierung aber nicht weniger für die Stratioten ein. Bei den gestiegenen Ausgaben für die verbesserte Bewaffnung der Soldaten wurde der fiktive Mindestwert der Stratiotengüter von 4 auf 12 Pfund Gold heraufgesetzt. Jede Veräußerung, durch die ein Stratiotengut diesen Wert unterschritt, sollte rückgängig gemacht werden, und nur noch Verkäufe über dieser Wertgrenze waren statthaft. Daß die Stratioten innerhalb der Byzantinischen Gesellschaft dadurch entscheidend an Gewicht gewannen, versteht sich vor diesem Hintergrund von selbst. Auf der anderen Seite ging diese Entwicklung eindeutig zu Lasten der bäuerlichen Bevölkerung, deren Grundbesitz keinen vergleichbaren gesetzlichen Schutz besaß. Nachdem die Struktur der Byzantinischen Wirtschaft mit ihrer starken Betonung der Rolle des Staates Investitionen von Privaten nur in Ausnahmefällen zuließ, verstärkte sich so die Tendenz zur Anlage von Kapital in Grundbesitz noch weiter. Die Erwerbung neuen Staatsgebiets, in dem gerade die Stratioten wegen seiner Grenznähe Grundbesitz erwerben konnten, ist daher ein nicht unwichtiges Motiv für die Rückeroberungspolitik der Byzantiner dieser Epoche gewesen, auch wenn der Heilige Krieg gegen den mohammedanischen Glaubensfeind in der Art der späteren westlichen Kreuzzugsideologie – bezeichnenderweise trägt

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das Kreuzreliquiar von Cortona eines der wenigen erhaltenen Bildnisse Nikephoros’ II. – wenigstens propagandistisch in den Vordergrund gestellt wurde. Das in jenen Jahren entstandene »Nationalepos« der Byzantiner über Digenis Akritas spiegelt diesen Geist der Zeit, ihre gesellschaftlichen Leitbilder und deren wirtschaftliche Voraussetzungen wider. Stärksten Anteil nahm Nikephoros Phokas am kirchlichen Leben in seinem Reich, in dem kein Bischof ohne sein Einverständnis geweiht werden durfte. Besonders waren es aber Fragen des monastischen Lebens, die den Herrscher beschäftigten. Der Neffe des in Kleinasien als Klostergründer hervorgetretenen heiligen Michael Maleinos lebte auch als Kaiser ganz den asketischen Idealen des strengen Mönchtums und beabsichtigte, sich nach der Erledigung seiner hauptsächlichsten Regierungsaufgaben als Mönch in die Einsamkeit zurückzuziehen. Ständig war der Basileus von Mönchen umgeben, unter denen vor allem der aus Trapezunt gebürtige Athanasios zu erwähnen ist. Athanasios war nach Studien in Konstantinopel in jenes Kloster bei Prusa eingetreten, an dessen Spitze der Verwandte des Nikephoros als Abt stand. So lernte er den späteren Kaiser kennen und begleitete ihn auf dem Feldzug nach Kreta, nachdem er zuvor auf dem Athos als Einsiedler gelebt hatte. Unter dem Schutz des Kaisers gründete er dann nach seiner Rückkehr auf den Heiligen Berg die Große Laura, die noch Phokas zum Kaiserkloster erhob und reich ausstattete. Damit war ein neuer Schwerpunkt des orthodoxen Mönchtums entstanden, der allmählich die alten Zentren der monastischen Bewegung in der Ostkirche an Bedeutung weit übertraf. 965 erhielt die Gründung des Athanasios eine Regel, die vom Typikon des hauptstädtischen Studios-Klosters, aber auch von benediktinischem Gedankengut geprägt war. Die gemeinschaftliche Lebensform hatte in ihm deutlich den Vorzug vor dem Anachoretentum. Trotzdem blieben auf dem Athos beide Formen mönchischer Lebensgestaltung möglich, und Eremiten und Koinobiten strömten in Scharen zu diesem Klosterberg, auf dem sie bereits nach einigen Jahren nicht weniger als 58 Niederlassungen gegründet hatten. Den Idealen des Kaisers vom Mönchtum entsprach es auch, wenn er dem fortschreitenden Anwachsen des Kirchenbesitzes energisch entgegentrat. 964 untersagte Nikephoros Phokas die Zuwendung von Land an Klöster, sonstige kirchliche Körperscharten und geistliche Personen, um die Bedeutung des Armutsideals in einer Zeit hervorzuheben, in der die östliche Kirche reich wurde und zu verweltlichen drohte. Der Basileus verbot aber auch die Neugründung von Klöstern, weil er erkannt hatte, daß vielfach die Selbstgefälligkeit der Stifter Triebfeder bei der Gründung von Klöstern war. Ausgenommen blieb im entsprechenden kaiserlichen Gesetz nur die Gründung von mönchischen Niederlassungen in der Einöde, wo nicht die Gefahr bestand, daß Grundbesitz aus privater Hand an die Mönche gelangte. Auch wenn religiöse Vorstellungen für Nikephoros Phokas bei seinem Klostergesetz zweifellos im Vordergrund standen, so wird doch deutlich, daß es dem Basileus auch darum ging, den

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privaten Grundbesitz als Besteuerungsobjekt dem Staat zu erhalten; Kirchengut war im Vergleich dazu weniger ertragreich und vielfach aufgrund von besonderen Privilegien steuerfrei. 968 konnte der Kaiser endlich wieder die Operationen gegen die Araber an der Ostgrenze des Reiches aufnehmen. Zwar war die Patriarchenstadt Antiocheia erneut nicht auf Anhieb einzunehmen, dafür erreichte der Kaiser aber mit seinen Truppen Edessa und konnte eine Reihe fester Plätze an der syrischen Küste und im Innern des Landes erobern. Daß ihm dabei das Schwert des Propheten in die Hand fiel, brachte ihn in die Lage, den auf Sizilien in Gefangenschaft geratenen Patrikios Niketas aus der Gewalt der nordafrikanischen Fatimiden auszulösen. Aber auch die Eroberung Antiocheias glückte schließlich: nach der Rückkehr des Kaisers nach Konstantinopel an das Totenbett seines Vaters konnten am 28. Oktober 969 der Patrikios Petros Phokas und Michael Burtzes mit Hilfe einer List in die Stadt eindringen. Wenig später besetzte die erfolgreiche Armee zum zweitenmal Aleppo, das nun Hauptstadt eines Byzantinischen Vasallenemirats wurde, während Antiocheia dem Reich unmittelbar unterstellt wurde. Trotz aller militärischen Erfolge und innenpolitischen Leistungen blieb Nikephoros kein populärer Herrscher. Nach Zwischenfällen im Hippodrom, wo er zum Mißfallen des Publikums Darstellungen mit zu starkem militärischem Einschlag veranlaßt hatte, kam es zur Abkühlung des guten Verhältnisses des Kaisers zur Bevölkerung seiner Hauptstadt. Es wurde noch mehr beeinträchtigt, als Nikephoros’ Bruder Leon die Getreideversorgung Konstantinopels unter seine Kontrolle brachte und in einer Zeit, während der der Steuerdruck stieg und die staatliche Münze Geld mit herabgesetztem Goldgehalt herausgab, den Kornpreis schamlos in die Höhe trieb. Mit ihrem sehr feinen Gespür dürfte der Kaiserin Theophano der Umschlag in der öffentlichen Meinung zuungunsten ihres Gemahls nicht verborgen geblieben sein. Während der Kaiser Mißfallenskundgebungen des Volkes keine Aufmerksamkeit schenkte, nahm Theophano, die sich vom finsteren Wesen des Basileus auch nicht gerade angezogen fühlen konnte, mit Johannes Tzimiskes Fühlung auf, der dem Herrscher nicht verzeihen konnte, daß er sein Kommando an der östlichen Reichsgrenze hatte zurückgeben müssen. Es kam zur Verschwörung, und im Schneesturm einer Dezembernacht des Jahres 969 erstiegen die Vertrauten des Tzimiskes die Mauer des Bukoleonpalastes und ermordeten den schlafenden Phokas grausam. Die Übernahme der Regierung durch Johannes Tzimiskes bereitete zunächst keinerlei Schwierigkeiten. Der nunmehrige Machthaber hatte schon vor dem erfolgreichen Attentat auf seinen Vorgänger mit dessen Verwandtschaft, die auch seine eigene war, Verbindung aufgenommen, und niemand anders als der Proedros Basileios traf unmittelbar nach dem Staatsstreich im Auftrag des Tzimiskes die erforderlichen Anordnungen, um Unruhen und Plünderungen in der Hauptstadt zu verhindern. So verloren nur einige enge Vertraute des toten Kaisers – unter ihnen der Dichter Johannes Geometres – ihre Posten beim Heer und in der Verwaltung, während die

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nächsten Angehörigen des Nikephoros Phokas wie sein Bruder Leon nach Lesbos verbannt wurden. Wenn Johannes I. erwartet hatte, daß seine Krönung und die Eheschließung mit seiner Mitverschworenen, der Witwe des Nikephoros, ebenso mühelos in Szene zu setzen wären, so hatte er sich gründlich getäuscht. Der aufrechte Patriarch Polyeuktes verlangte von Tzimiskes die Verbannung der Theophano auf die Insel Prote im Marmarameer, die Benennung der Mörder des Kaisers Nikephoros sowie den Widerruf von dessen Gesetz über den Kirchen- und Klosterbesitz. Erst als diese Forderungen erfüllt waren, wurde Johannes in die Hagia Sophia eingelassen und konnte dort das kaiserliche Diadem empfangen. Statt Theophano heiratete er im Herbst 970 deren Schwägerin Theodora, eine nicht mehr ganz jugendliche Tochter Konstantins VII. Spätestens damit war die Herrschaft des bei seiner Thronbesteigung 45jährigen Johannes Tzimiskes gefestigt. Eine Revolte des aus Amaseia ins phokasfreundliche Kaisareia entkommenen Neffen Bardas seines Vorgängers konnte ihr genausowenig etwas anhaben wie 971 eine Verschwörung des Leon Phokas, der bei dem Versuch, die Handwerker der kaiserlichen Weberei in Konstantinopel für seine Umsturzpläne zu gewinnen, ergriffen, geblendet und ins abgelegene Kalymnos verbannt wurde. Da Johannes Tzimiskes derselben gesellschaftlichen Schicht wie Nikephoros II. entstammte, hätte man erwarten können, daß er dessen Innenpolitik fortführte. Zumindest auf Teilgebieten trat jedoch das Gegenteil ein. Wahrscheinlich mit Rücksicht auf die von den ununterbrochenen Feldzügen, aber auch einer schweren Hungersnot bestimmten Bedürfnisse trat Johannes I. den Bestrebungen entgegen, die auf Kosten der Bauern, aber auch der Stratioten auf eine Vergrößerung des kirchlichen Grundbesitzes und besonders der Adelsgüter hinausliefen. So beauftragte der Herrscher die Beamten des Reiches mit der Überprüfung des Großgrundbesitzes. Stellte sich heraus, daß sich überprüfte Güter aus ehemaligem Eigentum von Staatsbauern oder Stratioten zusammensetzten, so fiel solcher Besitz sofort an den Staat. Andererseits wurden Bauern und Stratioten, die ihre Güter verlassen hatten, zwangsweise an ihre früheren Wohnorte zurückgebracht. Die Bindung der Betroffenen an den Staat wuchs dadurch, allerdings stellten sich auch rasch die sich hieraus ergebenden Nachteile ein. In der Kirchenpolitik zeigte der recht lebensfrohe Kaiser weniger Aktivität als sein Vorgänger. Es fällt auf, daß in seiner Umgebung nicht die Mönche, sondern Bischöfe und Metropoliten den Ton angaben. Die Bedeutung Johannes’ I., der auch die Erlöserkapelle im Chalkepalast der Hauptstadt zu einem »geräumigen und prächtigen Heiligtum« umbauen ließ, liegt für die kirchlichen Verhältnisse im wesentlichen darin, daß er dem Athos 971 oder im folgenden Jahr den sogenannten Tragos als Verfassungsurkunde gegeben hat. Im Tragos regelte er insbesondere die Bestellung der Protoi, denen die kirchliche Aufsicht über die Klöster des Heiligen Berges zukam, setzte aber auch fest, daß kein weibliches

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Wesen den Athos betreten sollte. Selbstverständlich wirkte der Kaiser auch beim Wiederaufbau der Kirchenorganisation in den zurückeroberten Gebieten an der Ostgrenze mit. Auf dem außenpolitischen Sektor warteten vor allem drei Aufgaben auf ihre Lösung durch Johannes Tzimiskes: die Fortführung des Kampfes mit den Arabern, der Konflikt um Bulgarien, den Nikephoros II. ausgeklammert hatte, und die Bereinigung der gespannten Beziehungen zum Ottonenreich. Allein mit diplomatischen Mitteln erzielte Johannes Tzimiskes eine Verbesserung der politischen Situation des Reiches gegenüber Otto dem Großen. 972 schickte der Basileus nämlich dem westlichen Kaiser seine Nichte Theophano, mit der sich Otto II. in Rom vermählte. Die Ottonen verzichteten damit nicht nur auf die ursprünglich verlangte Porphyrogennete, sondern auch – und nicht zur Freude des Papstes – auf den römischen Kaisertitel. Das ermöglichte zwischen den beiden Kaiserhöfen weiterhin tragbare Beziehungen, in deren Rahmen auch eine byzantinische Gesandtschaft zu berücksichtigen ist, die 973 bis ins ferne Quedlinburg reiste. Der Glanz der Makedonischen Renaissance konnte unter solchen Voraussetzungen auch im Westen strahlen. Hatte Nikephoros Phokas auf eine rasche Lösung des durch das Vordringen der Russen auf dem Balkan geschaffenen bulgarischen Problems verzichtet, so zögerte Johannes Tzimiskes nicht, diesen Gefahrenherd für sein Reich zu beseitigen. Nach dem Scheitern der Verhandlungen mit Fürst Svjatoslav marschierte der Basileus im April 971 mit einem Heer über Adrianopel in Bulgarien ein, zog über den Balkan und nahm nach hartem Kampf Groß-Preslav ein. Der Vormarsch verlief deshalb so erfolgreich, weil es der Kaiser verstand, die Bulgaren gegen ihre russischen Herren auszuspielen. Großen Anteil an diesem Erfolg hatten aber auch die Eliteeinheit der »Unsterblichen«, die Tzimiskes aufgestellt hatte, und die Leibgarde des Kaisers, in der Männer wie der Sohn des letzten arabischen Emirs von Kreta wahre Wunder an Tapferkeit vollbrachten. So mußten sich die Russen auf die Donau-Festung Silistria zurückziehen. Im Juli 971 kapitulierte Svjatoslav und erhielt freien Abzug gegen die Freigabe seiner Kriegsgefangenen und das Versprechen, nie wieder den Balkan zu betreten; außerdem verpflichtete er sich, den Byzantinischen Landbesitz von Cherson unbehelligt zu lassen und ihn notfalls verteidigen zu helfen. Der Rhomäerkaiser versorgte seinerseits die ausgehungerten Russen mit Lebensmitteln und bestätigte die alten Handelsverträge seines Reiches mit ihnen. Silistria selbst erhielt den Namen Theodoroupolis, weil die Byzantiner es der Hilfe des heiligen Theodoros Stratelates zuschrieben, daß sie die Russen dort bezwungen hatten. So hatte Johannes Tzimiskes einen gefährlichen Feind an der europäischen Nordgrenze seines Reiches ausgeschaltet, und nun konnte man auch gegenüber den Bulgaren wieder entschiedener auftreten: Zar Boris II. mußte die Zeichen seiner Würde ablegen und erhielt den Rang eines Patrikios; das Patriarchat der Bulgaren wurde aufgehoben.

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Nachdem Johannes Tzimiskes die byzantinische Macht in Bulgarien so überzeugend unter Beweis gestellt hatte, konnte er auch die Offensive gegenüber den Mohammedanern an der Ostgrenze wiederaufnehmen. Das war um so mehr erforderlich, als die Araber während des Kampfes um Bulgarien versucht hatten, die Byzantiner unter dem Patrikios Nikolaos wieder aus Antiocheia zu vertreiben. Die rhomäischen Streitkräfte stießen zunächst 972 nach Mesopotamien vor und erreichten Diyarbakir, Martyropolis und Nisibis. 974 erweiterte Johannes Tzimiskes planmäßig die noch schmale Operationsbasis der Byzantinischen Armee in Syrien. Im folgenden Jahr fielen dann Emesa und Baalbek, als die Griechen in einem Siegeslauf ohnegleichen das Orontes-Tal bis zum Libanon durcheilten. Auch Damaskus ergab sich ihrem Kaiser und anerkannte die Oberhoheit des Byzantinischen Reiches. Johannes Tzimiskes konnte dann ins nördliche Palästina vordringen und nahm Tiberias, Nazareth, Kaisareia in Galiläa und die Hafenstadt Akkon ein. Jerusalem lag in Reichweite der Byzantiner. Der Kaiser zog es jedoch einstweilen vor, die im Rücken seiner Truppen liegenden, noch nicht bezwungenen Plätze in seine Hand zu bringen. So eroberten die Byzantiner auch die Festungen Beirut und Sidon, bevor der Kaiser zur Rückkehr in seine Hauptstadt aufbrach. In wenigen Monaten hatte er den Arabern ein Gebiet wieder entrissen, wie es die Byzantinischen Waffen in dieser Größe seit dem Beginn des Kampfes mit dem Islam nicht hatten zurückgewinnen können. Trotzdem scheint es auf dem Rückweg nach Konstantinopel zu Unstimmigkeiten zwischen Johannes Tzimiskes und dem Proedros Basileios gekommen zu sein, der daraufhin einen Anschlag auf den Kaiser vorbereitete. Ob der Kaiser in seinem Auftrag vergiftet worden war oder tatsächlich an Typhus litt, als er nach kurzer Krankheit in Konstantinopel verschied, wird offenbleiben müssen. Sicher ist dagegen, daß er zu den Byzantinischen Herrschern gehörte, welche die größten äußeren Erfolge für das Reich errangen. Als Johannes Tzimiskes 976 starb, brauchte für die Söhne Romanos’ II. kein neuer kaiserlicher Vormund eingesetzt zu werden, denn die beiden Prinzen hatten inzwischen ein Alter erreicht, das sie durchaus regierungsfähig machte. Trotzdem leitete zunächst auch weiterhin der Proedros Basileios, ihr Großonkel, für sie die Regierungsgeschäfte. Das war sicherlich kein Nachteil, denn sowohl Basileios II. wie auch Konstantin VIII. waren lebensfrohe Genießernaturen, die sich aus Politik nicht sonderlich viel machten. Erst die Krisenjahre seiner beginnenden Regierungszeit wandelten wenigstens Basileios zu jenem Herrscher, dessen Erscheinung im zeitgenössischen Codex graecus 17 der Marciana in Venedig so eindrucksvoll festgehalten ist: voller Selbstbewußtsein, aber unnahbar, ja abweisend steht der Kaiser hier in voller Rüstung über seinen Feinden, umgeben von schwebenden Engeln und Ikonen. Die beherrschenden Werte im Leben dieses Byzantinischen Kaisers scheinen damit vom Künstler in der Miniatur erfaßt: Krieg und Religion. Für alles andere hatte der Basileus, der nach einem in seiner Regierungszeit geschaffenen Mosaik über der

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Eingangspforte zum Narthex der Hagia Sophia in Konstantin und Justinian seine Vorbilder sah, wenig Sinn. Über sein vollkommenes Desinteresse am geistigen Leben der Zeit beklagte sich die byzantinische Intelligenz der Jahrtausendwende sogar wiederholt. Was für die Persönlichkeit Basileios’ II. und seine staatsmännische Entwicklung entscheidend wurde, war der Kampf mit den Usurpatoren, die nach dem Beispiel eines Nikephoros Phokas oder des Johannes Tzimiskes die Herrschaft im Byzantinischen Reich an sich bringen wollten. Der reiche und aus vornehmer Familie stammende Bardas Skieros wagte als erster den Griff nach dem Kaiserdiadem. Als Schwager des verstorbenen Johannes I. war er Domestikos des Ostens und konnte sich im Sommer 976 von seinen Truppen zum Kaiser ausrufen lassen. Die ihm vom Parakoimomenos Basileios entgegengesandten Heerführer schlug er, eroberte Attaleia, Abydos und zuletzt Nikaia und stieß 978 auf Konstantinopel vor. Die Lage war so kritisch, daß Basileios jenen Bardas Phokas zu Hilfe holen mußte, der schon unter Johannes Tzimiskes nach einem Staatsstreich niemand anders als Bardas Skieros unterlag, zum Mönch geschoren und auf die Insel Chios verbannt wurde. Bardas Phokas begab sich unverzüglich nach Kaisareia, der Hochburg der Anhänger seiner Familie, und griff von dort aus Bardas Skieros an, der inzwischen über Gefolgsleute wie Konstantin Gabras auch zum Emir von Mossul in Verbindung getreten war. Skieros zog von Konstantinopel ab und stellte sich im Innern Kleinasiens seinem neuen Gegner. Zwar verliefen die ersten Gefechte für ihn siegreich, aber 979 konnte Bardas Phokas den Rebellen bei Amorion und Basilika Therma schlagen, wobei ein georgisches Kontingent unter dem General und Athos-Mönch Johannes Tornikes die Entscheidung zugunsten des Phokas erzwang. Bardas Skieros blieb nur die Flucht an den Hof der Kalifen. Der zweite bedeutende Vorgang während der Regierung Basileios’ II. war der Sturz des Parakoimomenos Basileios im Jahre 985. Der junge Kaiser hatte im Laufe der Jahre gegen seinen Großonkel einen unversöhnlichen Haß entwickelt, der wohl dem Gefühl der Zurücksetzung entsprang, das in ihm die so gut wie uneingeschränkte Tätigkeit des Parakoimomenos bei der politischen Leitung des Reiches verursacht hatte. Als Basileios in Vorahnung des Verlustes der kaiserlichen Gunst ein Komplott mit führenden Offizieren plante, kam ihm der Kaiser zuvor, setzte ihn ab und beschlagnahmte sein riesiges Vermögen. Basileios wurde verbannt und ist aus dem Exil nicht mehr zurückgekehrt. Wie endgültig der Kaiser im übrigen mit ihm gebrochen hatte, geht nicht nur daraus hervor, daß Basileios II. das von seinem Großonkel gegründete Basileios-Kloster in Konstantinopel buchstäblich ruinierte, sondern auch aus der Tatsache, daß er alle von Basileios erlassenen Gesetze für ungültig erklärte, die er nicht nachträglich durch einen Sichtvermerk bestätigte. Der Übernahme der gesamten Macht im Staat durch Basileios II. folgte dessen erste selbständige militärische Unternehmung. Auf dem Balkan, wo Johannes Tzimiskes Bulgarien für das byzantinische Reich wiedergewonnen hatte, war es

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zu einem neuerlichen Aufstand gekommen, an dessen Spitze die Söhne des Makedonischen Provinzstatthalters, des Kornes Nikolaos, standen. Diese vier »Kometopouloi« führten mit erstaunlichem Erfolg einen Befreiungskampf gegen Byzanz, das in kurzer Zeit die Herrschaft über einen wesentlichen Teil der Balkanhalbinsel verlor. Der in Konstantinopel festgehaltene frühere Bulgaren- Zar Boris versuchte darauf, zusammen mit seinem Bruder Romanos zu den Aufständischen zu entfliehen. Als beide in das von den Rebellen kontrollierte Gebiet überwechseln wollten, kam Boris jedoch ums Leben, und der von den Byzantinern entmannte Romanos konnte keine Ansprüche auf die Zarenkrone erheben. So ging die Führung der Insurgenten an Samuel, den jüngsten der Kometopouloi, nachdem zwei seiner Brüder gefallen waren und er den überlebenden später ermordete. Nach Angriffen auf Serrhes und Thessalonike hatte Samuel zum Jahreswechsel

986 Larissa in Thessalien erobert. Kaiser Basileios drang im Gegenangriff durch

das Tal der Maritza und die Trajanspforte auf Serdica vor, um »die Feinde mit einen Schlag niederzuwerfen« (Leon Diakonos, 171, 3). Serdica konnte jedoch nicht genommen werden, und nach zwanzigtägiger Belagerung der Stadt mußte der Basileios mit seinem Heer den Rückzug antreten. Die Rhomäer wurden von den Truppen Samuels verfolgt und überfallen. Samuel hatte nun die Möglichkeit, seine Macht in der erforderlichen Ruhe zu festigen und nach allen Seiten auszubauen. Wenn Basileios II. vorerst keinen neuen Versuch machen konnte, das Reich Samuels zu zerschlagen, so hatte dies seinen Grund darin, daß eine zweite gefährliche innerbyzantinische Revolte die Herrschaft des Kaisers bedrohte. Wieder stand an der Spitze der Bewegung der aus dem Exil zurückgekehrte Bardas Skieros, und wieder sollte Bardas Phokas als Befehlshaber der regierungstreuen Truppen den Aufstand niederschlagen, obwohl er zuvor im Zusammenhang mit der Entmachtung des Parakoimomenos Basileios seine militärischen Funktionen verloren hatte. Auch er wurde deswegen der Sache Basileios’ II. untreu und ließ sich Mitte August 987 im Thema Charsianon zum Kaiser ausrufen. Zu diesem Zeitpunkt stand fest, daß er auf die maßgeblichen Befehlshaber des Heeres rechnen konnte und ihn auch die adeligen Großgrundbesitzerfamilien unterstützten. Mit Bardas Skieros einigte er sich zunächst auf eine Teilung des Reiches, aus der ihm selbst die europäischen Gebiete, Skieros Kleinasien zufallen sollten. Bald konnte er jedoch Bardas Skieros in seine Gewalt bringen und bereitete sich dann auf den entscheidenden Angriff

auf die Hauptstadt des Reiches vor. Die Lage Basileios’ II. schien angesichts der Macht des Bardas Phokas und im Hinblick auf den unbezwungenen Samuel im europäischen Reichsteil verzweifelt. In seiner Not bat der Basileos Fürst Vladimir von Kiev um Hilfe, und wirklich schickte ihm dieser eine 6000 Mann starke Eliteeinheit, als im Frühjahr

988 die Auseinandersetzung mit Bardas Phokas ihrem Höhepunkt zutrieb. Diese

Hilfe war Basileios sogar das Versprechen wert, dem Kiever Fürsten seine

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Schwester Anna zur Frau zu geben, zumal die Russen das Christentum annehmen wollten. Metropolit Theophylaktos von Sebasteia wurde dementsprechend erster Metropolit Rußlands, während es eines russischen Angriffs auf Cherson und die übrigen Byzantinischen Besitzungen auf der Krim bedurfte, bis die Porphyrogennete zu ihrem Bräutigam nach Rußland aufbrach. Damit waren die Bindungen Rußlands an Byzanz und vor allem die griechische Kirche erneut vertieft, die Osteuropas Geschichte auf Jahrhunderte maßgeblich bestimmen sollten. Mit seinen russischen Hilfstruppen konnte Basileios II. den Kampf mit den Aufständischen aufnehmen, die bei Chrysopolis auf dem asiatischen Ufer des Bosporus Stellung bezogen hatten und am Ostufer der Dardanellen unter Leon Melissenos Abydos belagerten. Gemeinsam mit seinem Bruder Konstantin besiegte Basileios zunächst bei Chrysopolis den Bruder des Phokas. Aber erst vor Abydos kam es zur Entscheidungsschlacht, als der Kaiser, zum Zweikampf herausgefordert, Bardas Phokas mit dem Schwert und der siegverheißenden Nikopoiia-Ikone in der Linken erwartete, der Thronprätendent jedoch plötzlich vom Schlag getroffen vom Pferde sank. Damit war Basileios II. Herr seiner innenpolitischen Gegner, denn auch als Bardas Skieros ein drittes Mal versuchte, doch noch den kaiserlichen Purpur zu erlangen, konnte ihn der Basileus zur Aufgabe seines Vorhabens bringen. Bardas Skieros legte die Zeichen der Kaiserwürde ab, versöhnte sich mit Basileios und zog sich auf seine Ländereien zurück, wo er bald gestorben ist. Basileios II. besaß den politischen Verstand, um zu erkennen, daß mit den Siegen über die Usurpatoren die Ursachen der beiden Bürgerkriege, die das Reich bis in seine Grundfesten erschüttert hatten, nicht beseitigt waren. Entschlossen suchte er deswegen – im Gegensatz zu seinen Vorgängern, aber im Anschluß an die Politik etwa des Kaisers Romanos Lekapenos – einer Gesellschaftsentwicklung Einhalt zu gebieten, welche die adeligen Großgrundbesitzer auf Kosten anderer sozialer Schichten so mächtig machte, daß sie mit Hilfe der von ihnen weitgehend kontrollierten Armee immer wieder der Zentralgewalt gefährlich werden konnten. So trat der Herrscher nachdrücklich für die Erhaltung der Soldaten- und Bauerngüter ein und scheute sich dabei nicht, gegenüber den Magnatenfamilien des Reiches auch zu Praktiken Zuflucht zu nehmen, die, wie im Fall des Eustathios Maleinos, dessen Reichtum dem Kaiser Grund genug zu seiner Festnahme schien, nicht gerade immer dem geltenden Recht entsprachen. Besondere Bedeutung kommt in dieser Hinsicht einer Novelle des Jahres 996 zu, mit welcher der Kaiser die vierzigjährige Verjährungsfrist aufhob, nach der bislang jeder Anspruch auf Rückerstattung widerrechtlich erworbenen Landbesitzes erloschen war. Der Kaiser ordnete an, daß alle Erwerbungen der Oberschicht aus der Hand der Armen rückgängig zu machen waren, soweit sie in der Zeit seit Romanos Lekapenos getätigt worden waren. Noch weiter ging jedoch seine Erklärung, daß gegenüber dem Staatsfiskus eine Verjährung

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überhaupt nicht eintreten könne. Zur Sanierung der Staatsfinanzen trug neben solchen Maßnahmen vor allem die Beschränkung der öffentlichen Ausgaben bei, durch die Basileios im Staatsschatz die erstaunliche Summe von 200000 Talenten ansammeln konnte. Auch die Vereinfachung der Verwaltung, um die sich der Kaiser persönlich kümmerte, trug zur Stärkung der zentralen Staatsgewalt und ihres Ansehens bei, gerade weil sie nicht im Sinne der bisher das politische Leben beherrschenden Oberschicht durchgeführt wurde. In den Rahmen des politischen Kampfes Basileios’ II. gegen die Magnaten des Reiches gehört auch seine Neuregelung der Erhebung des Allelengyons. Nach dem Willen des Kaisers mußten jetzt in erster Linie die Großgrundbesitzer für die ausstehenden Steuerzahlungen aufkommen, die bisher auf die Dorfgemeinden insgesamt umgelegt wurden. Diese Praxis sicherte der staatlichen Finanzverwaltung zwar regelmäßige Steuereingänge, forderte auf der anderen Seite aber den Widerstand des Großgrundbesitzes heraus, der sogar bei Patriarch Sergios II. Unterstützung fand. Der Basileus ließ sich in seiner Politik jedoch nicht beirren; er legte die umstrittene Neuregelung Patriarch Theophilos von Alexandria zur Begutachtung vor, der im Sinne des Kaisers entschied und dafür den Ehrentitel eines Richters der Ökumene erhielt. Auch der Ausweitung des kirchlichen Grundbesitzes auf Kosten der Bauern ist Basileios II. entgegengetreten. Kleinstklöster in Landgemeinden unterstellte er daher der fiskalischen Zuständigkeit der jeweiligen Dörfer und nicht den für den geistlichen Bereich verantwortlichen Bischöfen. Aber auch größeren Konventen mit mehr als sieben Mönchen wurde die Übernahme weiteren Grundbesitzes untersagt, was bei dem im übrigen sehr kirchlich orientierten Herrscher überraschen muß. In einem Punkt allerdings mußte er dem Mönch turn nachgeben: Das von Nikephoros Phokas ausgesprochene Verbot von Klosterneugründungen hat er in aller Form zurückgenommen – vielleicht unter dem Einfluß von Männern wie Photios von Thessalonike, der den Kaiser auf seinen Feldzügen gegen die Bulgaren begleitete und in Thessalonike mehrere Klöster gegründet hat. Auch als Ende Oktober 986 bei einem Erdbeben die Westapsis der Hagia Sophia einstürzte und das Gotteshaus schwer beschädigt wurde, zeigte sich die kirchliche Gesinnung des Kaisers. Umgehend beauftragte er den Baumeister Tiridates, der sich bereits beim Bau der Kathedrale von Ani in Armenien bewährt hatte, mit den erforderlichen Wiederherstellungsarbeiten und wandte erhebliche Summen auf, bis die Hagia Sophia nach sechsjähriger Bautätigkeit 994 wieder geweiht werden konnte. Nicht nur seine innenpolitische Aktivität hielt Kaiser Basileios vorläufig von der Wiederaufnahme der Kämpfe gegen die Makedonen Samuels ab, auch das fatimidische Kalifat glaubte den Augenblick gekommen, die an Johannes Tzimiskes verlorenen Gebiete in Syrien wiederzugewinnen. 994 siegten die Araber über den Byzantinischen Kommandanten von Antiocheia am Orontes und bedrohten die Städte Antiocheia und Aleppo. Darauf erschien Basileios II. selbst an der Ostgrenze, siegte vor Aleppo und konnte Raphanea und Emesa