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Pontificia Università Gregoriana

Facoltà di Teologia

Roma

Anno Academico 2008 – 2009

Seminario TSN 005


Le 13 lettere del corpo paolino
(Angelo Colacrai)

BITTEN UM DER LIEBE WILLEN


PAULUS UND PHILEMON

vorgelegt von

Moritz Schönauer
157838
1. Grundfragen und Hinführung zum Thema
Damals wie heute suchen Menschen Schutz bei Personen, denen eine gewisse Autorität
zugesprochen wird. Ebenso wie bei Begnadigungsgesuchen in der Antike, die an die Oberen
gerichtet waren, werden heute bei ranghohen Entscheidungen Menschen mit Kompetenz zu Rate
gezogen. Der Schwächere ist auf den Stärkeren angewiesen. Genaugenommen werden
Fürsprecher zu Hilfe gerufen, die vermitteln sollen. Eine neutrale dritte Person? Ein
Außenstehender, der Streit schlichtet? Ein Richter, der sachlich entscheidet? Wenn im modernen
Zeitalter Politiker in diplomatischen Krisen helfen sollen, geschieht dies allerdings in seltenen
Fällen aufgrund ihrer persönlichen Eigenschaft, sondern allein aufgrund ihres Gewichtes im
politischen Amt. Ihr Einsatz für Personen, die gefangen gehalten werden, oder Fürsprache
benötigen, wird zum medienwirksamen Spektakel.
Im Gegensatz dazu steht Paulus, dessen weltliche Macht gering war. Doch aufgrund seiner
von Jesus Christus gegebenen Vollmacht ist er eine kompetente Person, deren Gedanken und
Überlegungen für die Christen der Urgemeinden wichtig waren. Ganz konkret wird dies im Brief
an Philemon, in dem er zum Vermittler eines Sklaven wird. Wie versucht Paulus zu überzeugen?
Wie legt er sein Gewicht in die Waagschale? Wie nützt er die theologischen Motive, die er zur
Überzeugungsarbeit einsetzt?
Im zweiten Teil soll anhand außerchristlicher Zeugnisse Licht auf die Sklavenhaltung gelegt
werden. Die Briefe des Plinius geben Ansatzpunkte, die sicherlich die damalige Situation
skizzieren. Weiters soll auch Plinius anhand seiner Schriften als Fürsprecher bzw. als
Sklaventreiber kategorisiert werden.

2. Philemonbrief
Die Haltung des Apostels gegenüber Sklaven lässt sich mit Blick auf den Philemonbrief von
einer praktischen Seite erschließen. Der Brief ist aufgrund eines konkreten Anlasses geschrieben
worden, was zumindest durch die Verse 8-20, die bei einer Gesamtzahl von 25 Versen den
Hauptteil ausmachen, ersichtlich wird. Dabei wird der Adressat, Philemon, um Nachsicht für
seinen entlaufenen Sklaven Onesimus gebeten.
Der Brief an Philemon ist der kürzeste Paulusbrief, dessen Verfasserschaft immer Paulus
zugesprochen wurde, der mit eigener Hand den Brief geschrieben hat, wie in Phlm 19 zu lesen
ist. W. SCHENK weist darauf hin, dass der Brief zum Markonischen Kanon gehörte, wie bei
Tertullian bezeugt ist.1 In der armenischen Bibel fehlte der Brief, allerdings wird er von Johannes

1
Schenk, 1987, 3439- 3495.
-2-
Chrysostomus und von Hieronymus als zum Kanon gehörend verteidigt. Als Ort der Abfassung
kommen Rom oder Ephesus in Frage, wenn auch ein wenig hypotetisch. 2

2.1 Struktur und Aufbau


A. SACCHI gliedert den Brief in sechs Abschnitte: 1-3; 4-9; 10; 11-18; 19-20; 21-25.3 Die Verse
1-3 sind das Präskript, 4-9 eine Anspielung auf die Liebe und Gutmütigkeit des Philemon, der
die Fürsprache für Onesimus (V. 10) folgt. Gleichzeitig lässt Paulus erkennen, dass er gefangen
genommen ist (V. 9). Es folgt eine Motivation, die die Dienste des Onesimus darstellen soll (VV.
11-18). Der Sklave ist demnach für Philemon, aber auch für Paulus von Wichtigkeit. Er soll nun
nicht mehr als Diener, sondern als geliebter Mitbruder gesehen werden (V. 16). Etwaigen
Schaden, der aufgrund des entlaufenen Sklaven für Philemon entstanden ist, wird Paulus
begleichen (V. 19). Die Verse 21-25 bilden das Präskript.
Eine leicht abweichende Struktur ist bei P. POKORNÝ zu finden4. Als einziges Thema sieht er
die Fürsprache für Onesimus. Die Verse 1-7 bilden den Briefanfang, unterteilt in Präskript und
Proömium. Es folgt der Hauptteil, die genannte Fürsprache für den Sklaven bei seinem Besitzer
(VV. 8-20). Der Briefschluss (VV. 21-25) enthält Grüße und Segenswünsche sowie die Absicht
des Apostels, Philemon bald zu besuchen.
W. SCHENK teilt den Brief in sehr detaillierte Kleinabschnitte.5 Das Präskript wird unterteilt in
Superscriptio, das den Absender Paulus näher definiert. Es folgt die Anschrift des Adressaten,
der Philemon ist. Ein Grußwunsch beschließt das Präskript. Daran schließt ein Dankbericht an
(VV. 4-7) an. Die Verse 8-14 enthalten die Fürsprache für Onesimus, die Verse 15 und 16 sollen
die neue Beziehung zwischen dem Sklaven und seinem Herrn vorteilhaft zeigen. Onesmius soll
integriert werden (VV. 17-19), wofür sich Paulus ausspricht (VV. 20-22), und daher auch
Philemon bald besuchen will. Der Brief endet mit dem Postskript.
Das Hauptaugenmerk liegt auf der Fürsprache für Onesimus. Dem schließen sich weitere
Autoren, wie zum Beispiel J. DUNN oder M. MASINI, an. Dass Paulus sich für den geflohenen
Sklaven einsetzt, ist über die Jahrhunderte hinweg immer wieder in diese Richtung gedeutet
worden und gilt als traditionelle Sichtweise, die aber auch einige Fragen aufwirft. 6

2
Pokorný, 2007, 289.
3
Sacchi, 2006, 149-156.
4
Pokorný, 2007, 289-292.
5
Schenk, 1987, 3484-3486.
6
Thompson, 2005, 193-204.
-3-
2.2 Textanalyse

2.2.1 Vokabular
Der Brief hat 335 Wörter und 143 verschiedene Vokabeln.7 Der griech. Artikel o` wird 36mal
verwendet, gefolgt von su, (24mal) und evgώ (21mal). Die Konjunktion kaί wird 18mal
verwendet, evn 10mal. vIhsou/ς scheint 6mal auf, der Christus-Titel Cristός 8mal. Die griechische
Bezeichnung für Adonai, ku,rioj, erscheint 5mal.
Das Substantiv de,smioj entspricht schon der Sklaventerminologie, es wird 2mal im Singular
verwendet. Anschließend daran wird auch 2mal die Gefangenschaft, desmo,j, angeführt. Der im
Brief verwendete Terminus für Sklave, dou/loj, ist ein Begriff, den Paulus hauptsächlich im
Bezug auf Sklaven und Unfreie benützt.8 Ganz im Gegensatz dazu fehlen Begriffe wie u`phre,tai
oder paidίskh. Wenn man den Philemonbrief als eine praktische Anweisung verstehen will, wie
mit einem entflohenen Sklaven umzugehen sei, ist es erstaunlich, dass er trotz seinen 335
Wörtern nur 2mal den Sklavenbegriff verwendet (V. 16). Dabei wird mit diesem Substantiv
ausschließlich Onesimus, der entlaufene Sklave, angesprochen.
Die Mitarbeiterkennzeichnungen sunergόj und sustratiώthj sind laut W. SCHENK typisch
paulinisch, ebenso sunaicmάlwtόj am Ende des Briefes, mit dem Epaphras betitelt wird.
Namentlich werden als solche genannt: Timotheus, Archippus, Epaphras, Markus, Aristarch,
Demas und Lukas (V. 1f.23f.). Der Name Aphia taucht im gesamten Neuen Testament nur in
diesem Brief auf. Paulus spricht besonders gerne von Brüdern und Mitbrüdern; die Anrede
bezieht sich vermutlich auf Christen, a``delfόj wird in verschiedenen Fällen insgesamt 5mal
verwendet. Der koinwnía-Begriff erscheint 2mal.
Der Gnadenbegriff (cάrij) findet 2malige Erwähnung. Der Paulus-Name taucht 3mal im
Brief auf, sich selbst bezeichnet er als presbu,thj, der um Christi Willen im Gefägnis sitzt, wobei
der Genitiv Cristou/ vIhsou/ (V. 9) mit zweifacher Bedeutung aufgefasst werden kann: Paulus
liegt nun entweder für Jesus Christus in Ketten, oder er ist Gefangener wegen ihm. Das
Substantiv qeόj ist am Briefanfang zu finden, in der typischen Paulusgruß-Formel (V. 3) sowie
im Ausdruck der Dankbarkeit Gott gegenüber (V. 4), und pneu/ma am Ende des Briefes.
In Phlm finden sich einige Vokabeln, die in den übrigen Paulusbriefen nicht vorkommen.
Insgesamt sind es zehn. Paulus verwendet avnape,mpo nur im Zusammenhang mit Onesimus, für
den er Schadenersatz leisten will: avpoti,nw taucht im gesamten Neuen Testament nur an dieser
Stelle auf. Desweiteren av,crhstoj (unnütz), ekousioj (Fehlen), evpita,ssw (befehlen), xeni,a

7
Schenk, 1987, 3439.
8
Sordi, 1987, 47- 55.

-4-
(Unterkunft), ovni,namai (sich freuen können an), sowie prosofei,lw (jemanden etwas schulden).
Die Namen Aphia und Philemon sind bei Paulus nur in diesem Brief zu finden.
Abschließend sei noch ein Augenmerk auf jene Vokabeln zu werfen, die im Corpus Paulinum
häufig vorkommen, im Philemon-Brief allerdings gänzlich fehlen. Die Negation ouv
beispielsweise fehlt, allerdings ist zu bedenken, dass durch mh, sehr wohl 2mal eine Verneinung
vorkommt. Man kann aber durchaus die Überlegung anstellen, dass Paulus den Empfänger nicht
mit Verboten und Verneinungen anschreiben will, um einen positiveren Charakter des Schreibens
zu erhalten. Desweiteren verwendet Paulus nie av,nqrwpoj oder avnh,r, das in einem Bittbrief für
einen männlichen Sklaven sicherlich auch Verwendung hätte finden können. Theologische
Schlüsselwörter wie dikaiosu,nh, do,xa, a`marti,a, avlh,qeia, qa,natoj, ko,smoj oder ui`o,j fehlen. Alle
diese Substantive finden in den anderen 12 Paulusbriefen mehr als 40mal (oder öfter)
Verwendung.

2.2.2 Grammatik
Ein Blick auf die Grammatik zeigt, dass in erster Linie Substantive verwendet werden,
darunter eine Vielzahl an Eigennamen sowie wenige Ortsnamen. Die Partizipien sind
überwiegend Indikativ Präsens Aktiv, selten Medium. Aorist- und Präsenstempus werden gleich
oft verwendet (8mal), Konjunktiv 3mal sowie Imperfekt und Futur 2mal.9 Der Brief wird in einer
aktuellen Situation verwendet und nimmt daher Bezug auf die Gegenwart mit Rückschluss auf
den Grund des Schreibens (Vergangenheit).

2.3 Antithesen
Auffallend sind die Gegensatzpaare, die den Bittteil (V.8-20) schmücken. Sie sind im
Vergleich mit der Länge des Philemonbriefes durchaus zahlreich eingebunden.
In Vers 8f. bringt der Apostel durch die Antithese evpita,ssw - parakalw/ seine Autorität zum
Ausdruck. Er könnte, durch die Vollmacht, die er von Jesus Christus erhalten hat, auch Befehle
erteilen. Um der Liebe willen lässt Paulus davon ab, und tritt mit einer Bitte an den Empfänger
heran. Dabei wird gleichsam deutlich, dass die Autorität, die Jesus verliehen hat, nicht zu
Machtspielen, sondern zum Aufbau eines liebevollen Umganges miteinander genutzt werden
soll. Indem Paulus diese Vorgangsweise wählt, handelt er gemäß diesem Anspruch.
Zwischen parhssi,a in Vers 8 und desmo,j in Vers 10 werden zwei Extreme angedeutet, die die
Nachfolge Christi mit sich bringen kann. Der Auferstandene gibt Paulus die Vollmacht, frei zu
sein und in aller Offenheit mit seinen Mitbrüdern zu sprechen. Die Freiheit hat die Eigenschaft,
den Aufbau der Gemeinde zu fördern und die Nächstenliebe zu stärken, die im offenen Reden
miteinander wurzelt. Dem steht die Gefangenschaft gegenüber, die Paulus aufgrund seiner
9
Vgl. Rienecker, 2003, 514ff.
-5-
Predigt für das Evangelium erleidet. Offen bleibt, inwieweit er dadurch den Philemon erweichen
will, seiner Bitte statt zu geben. Immerhin lässt er somit auch anklingen, dass er sich in einer
schlechteren Lage befindet, und ihn die Erfüllung seiner Bitte erfreuen würde, da sie auf die
gegenseitige Liebe und Gemeinschaftlichkeit hinzielt.
Der Generationsunterschied zwischen dem Apostel und dem Sklaven wird durch eine weitere
Antithese sichtbar (V. 9 und V.10). Dabei wird presbu,thj und te,knon einander
gegenübergestellt. Der alte Mann, der in Ketten liegt, trifft auf das Kind, das frei werden soll.
Eine weitere Übersetzungsmöglichkeit von te,knon ist Nachkomme, ebenso kann der Lehrer so
seinen Schüler ansprechen.10 Die Verbindung zwischen Onesimus und Paulus ist sicherlich als
Lehrer-Schüler-Beziehung zu sehen, da der Sklave wahrscheinlich kein Kind mehr war.
Vielleicht möchte Paulus auch darauf hinweisen, dass es paradox ist, einen jungen, tatkräftigen
Mann zur Zwangsarbeit zu bestellen. Paulus wurde durch die Gegner der Christusbotschaft in
das Gefängnis gebracht, und daher kann es nicht legitim sein, dass ein Christ einem anderen
Mitbruder Ketten der Sklaverei aufzwingt.
Ein anderes Motiv ist der Gegensatz zwischen nützlich und unnütz in Vers 11. Früher war
Onesimus dem Philemon nicht nützlich, jetzt aber ist er nicht nur ihm, sondern auch Paulus von
Nutzen. Da Onesimus nichts anderes als „der Nützliche“ bedeuten will (ònínhmi = nützlich sein),
ist diese Wandlung des Unnützen zum Nützlichen durchaus keine Nebensächlichkeit. Der Sklave
wird nun seinem Namen gerecht und dient in gewisser Hinsicht zwei Herren, nämlich Paulus und
Philemon, und darüber hinaus wahrscheinlich auch der ganzen christlichen Hausgemeinschaft
des Besitzers. Durch pote, wird die Verbindung zur Vergangenheit gezogen, die schon eine
längere Zeitspanne zurückliegt. Desweiteren kann das Wort auch mit einmal übersetzt werden,
was in diesem Fall wahrscheinlich zutreffend ist, scheint Onesimus doch vorher noch nie
weggelaufen zu sein. Gleichzeitig kann dieses einmal als Fürsprache verstanden werden, um den
Besitzer milde zu stimmen: Onesimus hat Philemon nur ein einziges Mal enttäuscht. Im starken
Gegensatz zueinander stehen die Adjektive a;crhstoj und eu;crhstoj. Ersteres drückt vor allem
eine negative Eigenschaft aus und ist im gesamten Neuen Testament nur an dieser Stelle zu
finden.11 Das Unbrauchbare steht in Verbindung mit dem Wertlosen. Der genannte Sklave war
also nicht nur für seine Arbeit oder Anstellung nicht hilfreich, sondern er war einhergehend
damit auch ohne Wert für den Besitzer. Dagegen drückt die Silbe eu schon den positiven und
erfreulichen Charakter der Beschreibung aus. Im neuen Testament erscheint das Adjektiv
eu;crhstoj ansonsten nur in 2 Tim 2,21.12 Es könnte eine Anspielung auf den Namen Cristój

10
Kassühlke, 2005, Begriff te,knon
11
Dunn, 1996, 329.
12
A.a.O.
-6-
impliziert sein, sodass der Sklave nun nützlich im Namen Christi ist und der Christengemeinde
dient. Er ist jetzt nicht nur bloß nützlich, sondern auch brauchbar, was sich vielleicht auf eine
spezielle Mission des Onesimus beziehen kann, der womöglich für die Gemeinde eine bestimmte
Rolle bzw. vordere Position einnehmen kann. Das kann gleichgesetzt werden mit unseren
heutigen Begriffen, wenn wir eine Person als brauchbar bezeichnen. Dabei klingt immerhin eine
gewisse Gutheißung mit, die für gewisse Aufgaben qualifiziert. Für W. SCHENK ist der Nützliche
im Sinne von eu;crhstoj ein „Gut-Christ“.13 Auf die Frage, ob Onesimus eine gewisse Rolle
(Botschafter oder Gesandter) zuteil werden sollte, wird unter anderem im Kommentar von J.
GNILKA Bezug genommen. Beide Adjektive werden von crhstόj gebildet, das mehrere
Bedeutungen hat, darunter freundlich, liebevoll, gütig oder gut. Im weiteren Verlauf bezeichnet
Paulus Onesimus als sein eigenes Herz (V. 12), das er nun dem Philemon wieder zurücksenden
will. Genauer gesagt wird durch splάgcma eine besondere Zuneigung ausgedrückt, da es auch
die Eingeweide bezeichnen kann, da die adäquate Übersetzung für Herz kardi,a wäre, die
allerdings in Phlm nicht zu finden ist, sehr wohl aber in den restlichen Briefen des Apostels. N.
BAUMERT übersetzt es als Leibesfrucht.14 Paulus würde sein Inneres wahrscheinlich nicht für einen
beliebigen oder ihm unbekannten Sklaven einsetzen. Die Fürsprache des Apostels für diesen
entflohenen Sklaven wird dadurch noch gesteigert.
Mit leisen, aber ganz präzisen Andeutungen überlässt Paulus dem Philemon die Entscheidung
für sein Handeln, jedoch wird in V. 14 nocheinmal unmissverständlich die Meinung des Apostels
ausgedrückt. Mit dem Unterschied avna,gkh - e`kousi,wj wird wiederum das Schlechte und das
Gute voneinander unterschieden, ohne aber dabei nicht darauf zu vergessen, welche Wahl damit
bezweckt wird. Paulus will dem Philemon Onesimus nicht „abnötigen“, sondern er will ihn
davon überzeugen, dass die freiwillige Zusage aus eigenen Stücken die beste Möglichkeit für
alle Beteiligten darstellt. Auch wenn Paulus ohne Zustimmung des Philemon nicht darauf
besteht, Onesimus zu behalten, wird er die Sache nicht darauf beruhen lassen. Gekonnt setzt er
den Empfänger leicht unter Druck und gibt ihm die Freiheit, zu wählen. Der Hintergedanke, der
dabei aber schon mitspielt, setzt Paulus in eine gute Verhandlungsposition. Ihm ist bewusst, dass
er keine guten Taten erzwecken kann, sondern dass diese nur aus eigenem Antrieb entstehen
können. Christ sein bedeutet nicht, zwanghaft das Gute zu tun, sondern aus freier Überzeugung
und Herzenseinstellung diese Haltung einzunehmen. So gesehen wird Philemon vielleicht auch
auf die Probe gestellt. Sicherheitshalber appelliert Paulus nochmals an seinen Gehorsam
(u`pakoh,) und setzt damit Autorität (V. 21).

13
Schenk, 1987, 3485.
14
Baumert, 2001, 143.
-7-
In Vers 15 nimmt Paulus auf den Zeitunterschied Bezug, und spielt dadurch auch auf den
zukünftigen Nutzen des Onesimus an. Der Sklave war eine gewisse Zeit von seinem Herrn
getrennt. Diesen Zeitabstand beschreibt der Apostel mit pròj w[ran. Die Trennung dauert nur
einen kurzen Augenblick, wortwörtlich genommen nur eine Stunde. Dem gegenüber steht mit
aivώnion ein Begriff, der eine undefinierbar lange Zeiteinheit ankündigt. Philemon wird, möge er
den Entlaufenen gut bei sich aufnehmen, die Qualität dieses Onesimus zu schätzen lernen.
Ewiglich, und ohne Ende wird er ihn wieder haben. Es geht weniger um die zeitliche als um die
qualitative Dimension.15 Der Onesimus, der zurückkehren wird, ist nicht mehr jener Onesimus,
der von seinem Herrn geflohen ist. J. Dunn bezieht das Adjektiv auf die „softly, softly“-Strategie
des Paulus.16
In Vers 16 wird die Veränderung gegenüber der Ausganssituation deutlich. Der Sklave wird
bei seiner Rückkehr zu Philemon nicht mehr als Sklave, sondern als Bruder heimkehren.
Onesimus ist über den Sklavenstatus hinaus (u`pe.r dou/lon) zu werten und als geliebt, beliebt und
geschätzt anzunehmen. Dabei bilden dou/loj und avdelfo.j einen Gegensatz, der wohl kaum
stärker beschrieben werden kann. Onesimus lief als Sklave von zu Hause fort und darf als
geachteter Bruder bzw. Mitbruder sich angenommen fühlen. Er kehrt wie im Gleichnis vom
verlorenen Sohn (Lk 15,11-32) reumütig zurück, darf sich aber der Liebe und Fürsorge gewiss
sein. Paulus betreibt mit aller Kunst und Stärke Fürsprache für Onesimus, den er, bevor er ihn zu
Philemon entlässt, selbst als geliebten Bruder angenommen hat. Die Bedeutung dieser Person für
den Apostel scheint klarer nicht sein zu können. Er ist ihm wie ein Bruder, was im paulinischen
Sinn wahrscheinlich auf die Mitbruderschaft in Christus deuten lässt. Da er aber ein geliebter
Bruder für Paulus ist, um wieviel mehr ist er es dann für Philemon, der ihn schon länger bei sich
beherbergt und wohnhaft hat. Mit der Bezeichnung u`pe.r dou/lon können die Worte des Apostels
auch als Befehl an den Sklavenhalter verstanden werden, dem Sklaven die Freiheit zu
schenken.17 Andererseits kann es auch als Aufforderung an Philemon gesehen werden, den
Onesimus nicht zu bestrafen, wie dies bei entflohenen und wieder zurückgekehrten Sklaven
durchaus legitim war.
Onesimus soll dem Philemon Bruder werden, dem Fleische nach (evn sarki.), als Person mit
gleichen Rechten wie er selbst, und im Herrn (evn kuri.w|). Fleisch und Herr bilden wiederum den
Gegensatz zwischen Welt und Himmel. Es reicht nicht, dass Onesimus entweder nur im Herrn
oder in der Welt als gleichwertig angenommen wird. Um die wahre christliche Liebe, die
verzeihen kann, und die es möglich macht, einem entlaufenen Sklaven die Freiheit zu schenken,
15
Vgl. Kassühlke, 2005, Begriff aivώnion.
16
Dunn, 1996, 333.
17
A.a.O., 334.

-8-
richtig zu verwirklichen, müssen beide Gegensätze, nämlich Himmel und Erde, in der Entlassung
aus dem Sklaven-Dasein vereint werden.

2.4 Praktischer Inhalt


Im Gegensatz zu den restlichen paulinischen Briefen setzt der Philemonbrief einen
vordergründig praktischen Akzent. Er kann als reine „Gebrauchsanweisung“ für den Umgang mit
entlaufenen Sklaven gesehen werden. Letztendlich spielt allerdings auch die Autorität Pauli eine
entscheidende Rolle, damit die geschriebenen Aufforderungen überhaupt Gehör finden. Anders
wäre es kaum zu verstehen, dass die durchaus hohen Forderungen des Apostels überhaupt gehört
werden, zumal die Behandlung von entlaufenen Sklaven alles andere als gütig war. Adressat und
Empfänger müssen sich demnach kennen, ansonsten wäre es unvorstellbar, diese Forderungen zu
stellen. Für N. BAUMERT zeichnet sich der Brief durch seinen typischen paulinischen Aufbau aus,
der bei „den vielen übertragen zu verstehenden Wendungen mit all dem Esprit und dem feinen
Humor ein ganz und gar geistlicher Brief“ ist.18
Paulus bittet um Onesimus, den er zuerst selbst behalten wollte. Gleichzeitig lässt er
erkennen, dass er den Schaden, der durch die Flucht entstanden ist, in Kauf nimmt und selbst
bezahlen will (Phlm 19). Die Fürbitte bildet den längsten Teil des Briefes und ist nicht nur
strukturell, sondern auch inhaltlich, Hauptbestandteil des Briefes. Für P. ARZT-GRABNER ist hier
eine Parallele mit Weberlehrverträgen der Zeit zu sehen. Das Schuldig-Bleiben findet sich dort in
Strafklauseln und gleicht dem Schuldig-Bleiben des Philemon ( seauto,n moi prosofei,leij).19
Weiters bittet Paulus den Philemon, ihm die Herberge (xeni,a) zu bereiten (V. 22). Paulus
plant, ihn demnächst aufzusuchen. Demnach rechnet Paulus, bald aus der Gefangenschaft
freigelassen zu werden. Somit ergibt sich für W. SCHENK, dass der Abfassungsort weder Cäsarea
noch Rom, das in der traditionellen Meinung als Ort der Verfassung steht, sein kann, sondern
wahrscheinlich Pergamon oder Troas.20

2.5 Theologischer Inhalt


Der Apostel bringt seine Dankbarkeit zum Ausdruck, die ihn gegenüber der Hausgemeinde
des Philemon erfüllt. Das euvcaristw/ (Phlm 4) zeigt den freundlichen Charakter, den der Grund
des Briefes ausmacht. Paulus dankt in seinen Gebeten Gott für den Glauben und die Liebe, die
Philemon gegeben wurde. Er wird als frommer und gottesfürchtiger Mensch skizziert, der an
Jesus Christus und an die Heiligen glaubt.

18
Baumert, 2001, 156.
19
Arzt-Grabner, 2003, 68f.
20
Schenk, 1987, 3480.
-9-
Die Gemeinschaft des Glaubens (h` koinwni,a th/j pi,stew,j) wirkt die Erkenntnis des Guten,
das Christus in uns wirkt. Hier wird der Akzent auf den gemeinschaftlichen Aspekt des Glaubens
gesetzt. Glaube und Gotteserfahrung ist keine singuläre Erscheinung, sondern gerade durch die
Pluralität soll die Brüderlichkeit hervorgehoben werden. Paulus nützt dieses Argument wohl, um
Philemon langsam auf seine Bitte vorzubereiten, und ihn durch diese theologische Aussage zu
besänftigen. Durch den Vokativ avdelfe, (V. 7) wird die geistige Bruderschaft aufgezeigt, die der
Glaube wirkt und durch den die Heiligen zur Ruhe kommen können.
Durch Christus wurde Paulus die Freiheit (parrasi,a) geschenkt zu gebieten, was recht ist.
Dennoch sollte nich der reine Befehl vorherrschen, sondern der brüderliche Umgang
miteinander, die Liebe. Daher darf für einen selbst nicht gefordert, sondern nur gebittet werden,
um die Gemeinschaft liebevoll aufrechtzuerhalten. Die gegebene Vollmacht nicht auszunützen,
sondern für das Wohl der anderen einzusetzen, ist ein weiteres Merkmal des Christen. Paulus
versucht dies anhand der gegebenen Situation vorzuführen. Er selbst, dem die höchste Macht
gegeben wurde, ist oberstes Beispiel dieser Haltung.
Die Gefangenschaft bekommt in Phlm eine theologische Färbung. Es dürfte nicht nur die
aktuelle physische Haft gemeint sein, die der Apostel im Moment des Briefes erfährt, sondern
auch die Gefahr, die die christliche Botschaft mit sich bringt: Missverständnis und Missgunst der
Gegner Jesu. Doch all diese Nachteile sind sekundär im Vergleich zur Gnade Jesu.
Der Hinweis auf die Liebe und Brüderlichkeit durchdringen den Brief. Dabei darf nicht nur
das leibliche oder verwandtschaftliche Bezug genommen werden, sondern in besonderer Weise
auf die Liebe und Gemeinschaft im Herrn ( evn kuri,w|).
Keineswegs soll sich jemand in den Vordergrund stellen. Keiner soll Meister sein, wenn nicht
der Herr selbst. Die mit Vollmacht ausgestatteten müssen sich vor Augen halten, dass sie nicht
selbst Herr sind, sondern Diener Christi. Paulus schärft dem Philemon Gehorsam ( u`pakoh,) ein.
Auch wenn die Welt verschiedene Stände, Sklaven und Freie, Herrscher und Arme, hervorbringt,
so darf die Unterscheidung nicht im Glauben fortgesetzt werden. Alle sind einander Brüder und
durch Christus verbunden. Paulus vertraut auf den Gehorsam, damit Philemon den Onesimus wie
einen Bruder behandelt. Denn wodurch unterscheidet sich Philemon von Onesimus? Es sind
einzig und allein die weltlichen und kulturellen Merkmale, die differenzieren. Im Glauben, den
der Apostel, der Sklave und der Sklavenbesitzer miteinander teilen, sind sie gleich. Dadurch
kann eine Veränderung der Welt entstehen. „Der christliche Glaube verändert die Welt durch die
Bildung alternativer sozialer Beziehungen innerhalb der gegebenen gesellschaftlichen

- 10 -
Rahmenbedingungen, die dadurch abgemildert werden.“21 Durch den Glauben sind alle Söhne in
Christus (Gal 3,26).

3. Sklavenflucht
Im folgenden Teil sollen einige Beispiele aus dem Umfeld zur Zeit des Apostels aufgelistet
werden, wie mit entlaufenen Sklaven umgegangen wurde oder wie sie behandelt werden sollten.
Gleichzeitig wird nochmals ein Blick auf den „Hauptakteur“ des Phlm genommen.

3.1 Zur Person Onesimus


Für P. ARZT-GRABNER ist Onesimus ein durchaus häufiger Name für einen Sklaven. Er verweist
dabei auf H. SOLIN, dessen Verzeichnis der Sklavennamen (stadtrömisch) insgesamt 185 Personen
mit jenem Namen zählt.22 Der Name kann von ovni,nhmi abgeleitet werden: nützlich sein. Es liegt
auf der Hand, dass der Sklave dadurch seiner Eigenschaft nach bezeichnet wurde. Es handelt
sich nicht um eine persönliche, sondern rein praktische Zuschreibung.
Wie Onesimus Sklave wurde, kann nur vermutet werden. Häufig wurden Kriegsgefangene
später verkauft. Die Kinder einer Sklavin wurden meistens in den Sklavenstatus
„hineingeboren“. Sie sind von Geburt an Sklaven, ebenso Findelkinder, die zu Sklaven erzogen
wurden.23 Die Kosten für die Erziehung lagen unterhalb eines Kaufpreises für einen Sklaven. Da
die Ausgaben über Jahre verteilt waren, gestaltete sich diese Form der Sklavenhaltung als äußerst
ansprechend. Es bleibt die Frage, ob Onesimus so zu Philemon gefunden hat, wobei dadurch der
Altersunterschied zwischen Philemon und Onesimus groß, und zwischen Paulus und Onesimus
erst recht besonders groß wäre.
Weiters bleibt ungeklärt, in welchem Bereich Onesimus gearbeitet hat. Römische Sklaven
wurden im Haus, in der Landwirtschaft, als Boten, Musiker, Verwalter oder auch Handwerker
eingesetzt.24 Für Onesimus blieb laut P. ARZT-GRABNER wahrscheinlich die Arbeit in der
Landwirtschaft oder als Bote. Letzteres würde Phlm 12 ein neues Licht geben. Die Theorie des
entlaufenen Sklaven könnte dadurch relativiert werden, indem Onesimus vielleicht sogar mit
Auftrag zu Paulus in das Gefängnis geschickt wurde. Denn ein flüchtiger Sklave würde auf dem
Weg zum Gefägnis mehreren Leuten auffallen und sich dabei als Sklave identifizieren. Daher
dürfte es wahrscheinlicher sein, dass Onesimus mit der Bitte um Fürsprache zu Paulus
gekommen ist.25 Als Bote war er ohnehin viel unterwegs, und konnte daher wahrscheinlich leicht

21
Pokorný, 2007, 290f.
22
Arzt-Grabner, 2003, 86.
23
A.a.O., 87f.
24
A.a.O., 96.
25
Pokorný, 2007, 290f.
- 11 -
den Apostel aufsuchen. Es bleibt allerdings offen, ob er von der Gemeinde gesandt wurde, oder
aus eigenem Antrieb aufbrach.
Die einzelnen Untersuchungen, warum Onesimus zu Paulus eilt, bleiben Theorien. Da
Onesimus nur in Phlm 16 als Sklave bezeichnet wird, lässt sich seine genaue Bestimmung und
seine Umstände nicht genau eingrenzen. Wahrscheinlich dürfte das für Paulus von zweiter
Bedeutung gewesen sein. Viel wichtiger scheint die Fürsprache für sein geliebtes Kind, das als
gleichberechtigter Bruder angenommen werden soll. Die einzelnen Theorien sprechen von
Sklavenflucht, Bitte um Fürsprache sowie Gesandter der gesamten Gemeinde bzw. des Hauses
des Philemon.26

3.2 Sklavenflucht im christlichen Umfeld


Die Flucht eines Sklaven von seinem Herrn war keine Seltenheit, sondern sogar weit
verbreitet. Nach J. GNILKA gibt es mehrere Gründe dafür.27 Als Hauptgrund gilt ein Missverhältnis
zwischen Sklave und Besitzer, das bei dieser Form der Beziehung, die einen anderen Menschen
unterdrückt, ohnehin von vornherein gegeben ist. Sklaven hatten anderswo ebenso die
Möglichkeit, zu arbeiten. Die Situation konnte sich meistens nicht mehr verschlechtern.
Geflohene Sklaven schlossen sich auch zu organisierten Räuberbanden zusammen, im
aufkommenden Christentum ersuchten viele um Asyl im Kloster. „In christlicher Zeit wurde die
Kirche des hl. Theodor in Euchaita im Pontus dafür bekannt, dass man in ihr Hilfe bei
Sklavenflucht fand.“28
Die Flucht konnte nicht spontan geschehen, sondern musste reiflich überlegt sein, um
überhaupt zu gelingen. Nicht selten wurde Rat bei Traumdeutern und Orakeln gesucht. Geld
musste aufgebracht werden, um Mitwisser zum Schweigen zu bringen. Die Änderung des
Namens war maßgeblich, um nicht aufgespürt zu werden. Für den Besitzer war es eine Schmach,
einen Sklaven auf diese Art zu verlieren. Daher setzte er alles daran, ihn wieder zu bekommen.
Es gab eigene Sklavenfänger (fugitivarius) sowie Steckbriefe, die auf den Geflohenen
verwiesen.29
Wieder aufgegriffene Sklaven hatten keine Chance auf eine hinreichend faire Behandlung.
Schläge und Folter waren noch geringere Strafen, die bis zur Todesstrafe ausgedehnt werden
konnten. Desweiteren wurde den Ergriffenen nicht selten ein Schild oder eine Inschrift
umgehängt, die von ihrer schändlichen Tat, nämlich der Flucht, erzählen sollten. Viele Sklaven

26
Arzt-Grabner, 2003, 101-108.
27
Gnilka, 1982, 68-71.
28
A.a.O., 70.
29
A.a.O., 69.
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wählten daher den Freitod oder suchten einen mächtigen Fürsprecher, wie Paulus einer zu sein
scheint.
Die Gruppe der privaten Sklaven wurde oft auch in die Familie integriert, sodass sich dadurch
der Fluchtgedanke minimieren konnte. Oft wurde ihnen ein Grab sowie ein ehrenvolles
Begräbnis zugesprochen.30 Mit diesem Versprechen gerieten Sklaven in eine freundschaftliche
Abhängigkeit zu ihrem Herrn, wodruch das Fluchtpotenzial reduziert wurde.

3.3 Plinius: beispielhafter Sklavenumgang?


Plinius der Jüngere nimmt in seinem Briefwechsel mit Freunden mehrmals zu Sklaven
Stellung und gibt Ratschläge, wie mit ihnen umgegangen werden soll.
Ein erstes aussagekräftiges Beispiel findet sich im dritten Buch.31 Er schreibt an Acilius und
erzählt von dem grauenhaften (atrox) Ereignis, das Larcius Macedo widerfahren ist, dessen Vater
Sklave war. Während er in seiner Villa badet, wird er von seinen Sklaven umzingelt, die ihn
würgen, schlagen und schließlich auf den Boden werfen. Nach diesem Attentat verstarb er einige
Tage darauf. Einige Mittäter konnten fliehen, ein Großteil wurde bereits gefangen genommen.
Dieses Ereignis bewegt Plinius dazu, nicht zu milde mit seinen Sklaven umzugehen. Wer zu
gütig ist, wird hinterhältig attackiert. Er schreibt dabei, welcher Gefahr ein Sklavenhalter
ausgesetzt ist, ja sogar, was für eine Erniedrigung (quot contumeliis) ihm widerfährt, wenn er die
Sklaven zu gut behandelt. Niemand kann sich ihrer sicher sein, ob ein guter oder ein schlechter
Herr. Daher scheint es keinen Unterschied zu machen, wie man sie behandelt.
In einem Brief an einen gewissen Paulinus schildert Plinius, wie milde er gegenüber seinen
Sklaven ist.32 Er ist ihnen, frei nach den Worten Homers, ein Vater. Dabei lobt er Zosimus, der
einer seiner Diener sein muss, und der ihm treue Dienste leistet. Aufgrund einer Krankheit
schickte ihn Plinius nach Ägypten, um ihn zu heilen. Es war also durchaus nicht unüblich,
Sklaven wegzuschicken. Jetzt möchte Plinius ihn auf den Besitz des Paulinus zu schicken, um
ihm eine Kur zu verschaffen. Dieser Brief ist dem Betreff nach ähnlich dem Phlm. Plinius
kommt für die Unkosten des Sklaven auf und legt, durch die Aufzählung seiner Fähigkeiten,
Fürsprache für ihn ein.
Plinius ist seinen Sklaven durchaus verbunden. Krankheiten und Todesfälle nehmen ihn
persönlich mit. Aus einem Brief an Paternus geht hervor, dass er seinen Sklaven gestattete, ein
33
Testament zu machen. Er verspricht ihnen, die Abmachung einzuhalten und ihren letzten
Wunsch zu erfüllen und sieht dies als menschliche Eigenschaft, derer er sich nicht entziehen

30
Sordi, 1987, 40f.
31
Plinius, Briefe, III, 14.
32
Ders., V, 19.
33
Ders., VIII, 16.
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kann. Durch diesen Brief wird aber ebenso ersichtlich, dass er den Sklaven keinen
Menschenbegriff zutraut. Sie gehören zum Haus, das ihre Gemeinde, ihren Staat bildet, zählen
allerdings nicht als Menschen. Dennoch, so scheint es der letzte Absatz anzudeuten, beweint er
den Tod eines Dieners, der ihn getroffen hat.
Ein herausragendes Beispiel für einen Bittbrief findet sich im neunten Buch.34 Im
Schriftverkehr mit Sabinianus legt er Fürsprache für einen Freigelassenen dessen ein. Dieser
beweinte und flehte Plinius an, ihm zu helfen. Plinius versucht, ebenso wie Paulus in Phlm, den
Besitzer milde zu stimmen. Gleichzeitig hat er Verständnis für den Zorn des Sabinianus und
versucht sich als Vermittler zwischen beiden. Er bringt zum Ausdruck, dass er nicht nötigen,
sondern bitten will. Er trägt die Anliegen des Sklaven vor und sieht sich als Fürsprecher.
Sabinianus ist ihm vertraut, sodass er ihn ruhigen Gewissens darum bitten kann, und dadurch
womöglich Verzeihung erwirkt. Dieser Brief erinnert ganz besonders an Phlm und scheint der
traditionellen Theorie (Onesimus als entlaufener Sklave) Nahrung zu geben. Das die Vermittlung
funktioniert hat, geht aus einem weiteren Brief hervor.35 Sabinianus hat den Flüchtigen wieder in
seinem Hause aufgenommen. Plinius ist stolz und dankbar dafür, gleichzeitig lässt er aber
erkennen, dass er daran einen wesentlichen Anteil hat. Durch seine Fürsprache hat sich
Sabinianus erweichen lassen. Er ist stolz darauf, dass sein Rat befolgt wurde. Er bittet, in
Zukunft nachsichtig mit Flüchtigen zu sein und bietet sich wieder als Fürsprecher an.
Die Textzeugnisse erschließen, dass Plinius eine loyale und freundliche Einstellung gegenüber
seinen Sklaven hatte, wenn auch nicht ganz frei von Zweifeln. Ob dies der Realität entspricht,
kann daraus aber nicht einwandfrei festgestellt werden. Im Vergleich mit anderen Sklavenhaltern
und Methoden seiner Zeit dürfte sich Plinius allerdings einen Namen als Fürsprecher gemacht
haben. Für ihn steht ohne Zweifel fest, dass die Natur Sklaven bildet, und dass nicht alle
Menschen frei sein können. Er spricht den Sklaven ihr Menschsein ab, versucht aber, sie für ihn
zu gewinnen. Er war sich natürlich bewusst, dass er durch Freundlichkeit und Gutmütigkeit in
jeder Hinsicht mehr von seinen Sklaven erwarten konnte: mehr Arbeitsleistung, mehr Sicherheit
und vor allem, mehr Schutz für sein eigenes Leben. Daher ist seine Position sicherlich nur am
Rande mit Paulus zu vergleichen, der keine Angst um sein eigenes Leben hat, sondern ganz auf
Christus hin lebt, und dafür auch in den Tod geht. Doch vielleicht steckt auch in ihm ein
verborgener christlicher Kern, oder es kommt einfach die humane Grundeinstellung zum
Vorschein, die mit dem Verlust von Freunden und Bekannten, seien es auch „nur“ Sklaven,
verbunden ist und nachdenklich macht.

34
Ders., IX, 21.
35
A.a.O., 24.
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4. Schlussbemerkungen
Um Phlm in diese Richtung gehend zu erforschen ist sicherlich mehr Arbeitsaufwand von
Nöten. Das Maß an Literatur ist geradezu uferlos. Dennoch lässt sich auch mit dieser kurzen
Ausarbeitung ein Grundgedanke des Paulus erkennen: Die liebevolle Umgang mit den
Mitmenschen ist für das Christentum unumgänglich. Die Frage, ob Onesimus nun Sklave oder
Gesandter mit einem speziellen Auftrag war, lässt sich nur spekulativ beantworten. Paulus hält
sich jedenfalls mit biografischen Beschreibungen über ihn zurück. Was aus dem Brief
herausgelesen werden kann, ist die typische Botschaft, die Paulus vermitteln will. Ungeachtet
des eigenen Standes soll das Gottesvolk verwirklicht werden. Und wenn auch die Gesellschaft
zwischen arm und reich, frei und unfrei sowie Heiden und Juden trennt, in Jesus Christus lösen
sich diese Gegensätze auf.
Paulus schreckt nich davor zurück, die Schuld für andere zu bezahlen. Dies ist in seinem Sinn
sicherlich eine wahre christliche Haltung. Genauso wie Christus am Kreuz sein Leben gegeben
hat für die Sünden der Menschen, so wird der einzelne gefragt sein, die Schuld anderer zu
übernehmen. Dies ist sicherlich keinem in dem Maße zumutbar, wie Jesus es ertragen konnte.
Der Ansatz beginnt allerdings im Kleinen. So kann man das Versprechen des Apostels, den
Schaden zu bezahlen, zwar als Autoritätsargument in der Fürsprache für Onesimus verstehen.
Bei genauerer Betrachtung kann dies aber ebenso als Aufladen der Schuld anderer gesehen
werden. Paulus lebt das, was er von den anderen verlangt. Indem er in seinem Leben ausführt
was er Predigt bleiben seine Worte authentisch und seine Vollmacht kein leeres Konstrukt.
Die Frage nach der Sklaverei im Christentum ist ebenso wenig beantwortet wie die
Untersuchung in Phlm. Ein Blick in das römische und heidnische Umfeld lässt nur ein Fragment
erkennen. Die Zeugnisse des Plinius sind hilfreich, um den Umgang mit Sklaven zu
rekonstruieren. Allerdings lässt das noch keine Rückschlüsse auf Paulus ermöglichen. Einzig und
allein der Ansatz des Apostels, dass vor Gott alle Menschen gleich sind, hilft, die Sklavenfrage
auf eine andere Ebene zu verschieben, und das Diesseits, das aufgrund der Sünde der Menschen
ohnehin schon geteilt ist, zu einem Feld zu machen, indem der eigene Status ertragen werden
muss. Im Hinblick auf die Fülle der Liebe, die durch Christus gegeben wurde, und die sich in
jedem Gläubigen verwirklichen wird.

- 15 -
Bibliographie
1. Quellen
KASTEN, Helmut (Hg.), Gaius Plinius Caecilius Secundus. Briefe, Düsseldorf: Artemis & Winkler
8
1995.

2. Sekundärliteratur
ARZT-GRABNER, Philemon (PKNT 1) Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2003, 78-108.
BAUMERT, Norbert, Studien zu den Paulusbriefen (SBA 32), Stuttgart: Katholisches Bibelwerk,
2001, 131-160.
DUNN, James, The Epistles to the Colossians and to Philemon. A Commentary on the Greek Text,
Grand Rapids: Eerdmans Publishing 1996, 293-349.
GNILKA, Joachim, Der Philemonbrief. Einleitung und Kommentar (HThK 10, 4), Freiburg: Herder
1982, 68-71.
MASINI, Mario, Filippesi – Colossesi – Efesini – Filemone. Le lettere della prigionia (LoB 2.9),
Brescia: Queriniana 1987, 94-162.
POKORNÝ, Petr, Einleitung in das Neue Testament. Seine Literatur und Theologie im Überblick,
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SACCHI, Alessandro, Lettere paoline e altre lettere, Torino: Elledici 22006, 149-155.
SCHENK, Wolfgang, Der Brief des Paulus an Philemon in der neueren Forschung (1945-1987), in:
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Kultur Roms im Spiegel der neueren Forschung (ANRW II, 25.4), Berlin: de Gruyter
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SORDI, Marta, Paolo a Filemone o della schiavitù, Milano: Jaca Book 1987, 23-55.
THOMPSON, Marianne, Colossians and Philemon, Grand Rapids: Eerdmans Publishing, 2005, 193-
204.

3. Wörterbücher
KASSÜHLKE, Rudolf, Kleines Wörterbuch zum Neuen Testament, Stuttgart: Deutsche
Bibelgesellschaft, 42005.
RIENECKER, Fritz, Sprachlicher Schlüssel zum Griechischen Neuen Testament, Gießen: Brunnen,
21
2003.

4. Neue Medien
Bibleworks 7, Stuttgart: Deutsche Bibelgesellschaft 2006.

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Inhaltsverzeichnis

1. GRUNDFRAGEN UND HINFÜHRUNG ZUM THEMA.................................................2

2. PHILEMONBRIEF......................................................................................................... 2
2.1 Struktur und Aufbau............................................................................................................................................. 3
2.2 Textanalyse...........................................................................................................................................................4

2.2.1 Vokabular..............................................................................................................................................................4

2.2.2 Grammatik........................................................................................................................................................... 5
2.3 Antithesen.............................................................................................................................................................5
2.4 Praktischer Inhalt................................................................................................................................................. 9
2.5 Theologischer Inhalt.............................................................................................................................................9

3. SKLAVENFLUCHT......................................................................................................11
3.1 Zur Person Onesimus......................................................................................................................................... 11
3.2 Sklavenflucht im christlichen Umfeld............................................................................................................... 12
3.3 Plinius: beispielhafter Sklavenumgang?............................................................................................................ 13

4. SCHLUSSBEMERKUNGEN....................................................................................... 15

BIBLIOGRAPHIE............................................................................................................ 16
1. Quellen................................................................................................................................................................. 16
2. Sekundärliteratur.................................................................................................................................................. 16
3. Wörterbücher........................................................................................................................................................16
4. Neue Medien........................................................................................................................................................ 16

INHALTSVERZEICHNIS................................................................................................. 17

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