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BDS-Gruppe Bonn

April

2013

Anmerkungen zur geplanten landesweiten Unterschriftenaktion für den Boykott israelischer Siedlungsprodukte in den Besetzen Gebieten Palästinas und Syriens (Golanhöhen).

Ziel unserer Boykottaktion ist, Druckpotential aufzubauen, um die einschlägigen Unternehmen dazu zu bringen, Siedlungsprodukte aus dem Sortiment zu nehmen sowie die EU und die Bundesregierung zu veranlassen, der israelischen Regierung mit der teilweisen oder vollständigen Aussetzung des Präferenzabkommens zu drohen, damit die BDS-Ziele erfüllt werden. Das häufig gehörte „wohlmeinende“ Gegenargument, dass durch den Boykott viele Palästinenser ihre Arbeitsplätze verlieren würden und auch die Abwicklung des Außenhandels erschwert würde (das israelische Exportunternehmen Agrexco exportiert auch landwirtschaftliche Produkte palästinensischer Erzeuger), trifft schon deshalb nicht zu, weil die Boykottaktion, wenn sie greift, erfahrungsgemäß nur einen Teil der betreffenden Produkte erfasst, was für den Aufbau von Druckpotential reicht. Wie der Zusammenbruch des Apartheidsystems in Südafrika zeigt, ist die Bevölkerung bereit, die zusätzlichen Auswirkungen eines Boykotts auf sich zu nehmen.

Umfang und Rechtsstatus der Siedlungen: Dazu gehören nicht nur die über 120 Siedlungen und mehr als 100 Außenposten, sondern auch

- die inzwischen offiziell annektierten Siedlungen im Grenzgebiet zwischen israelischem Kernland und Westjordanland

- Ostjerusalem und die in Gesamtjerusalem eingemeindeten Siedlungen

- die Golanhöhen, von denen Israel zwei Drittel annektierte. Dort leben jetzt ca. 20.000 israelische Siedler und ebenso viele Drusen in einem kleinen Gebiet des Nordens Der Ausbau der Siedlungen geht weiter, im Moment liegt der Schwerpunkt auf der sogen. Zone E für 31.000 Siedler nebst Industriezone zwischen Ostjerusalem und Ma’ale Adumim.

Umfang des deutschen Außenhandels mit Israel und den israelischen Siedlungen: Israel wickelt etwa 60 % seines Außenhandels mit der EU ab; davon entfallen 30 % auf den Diamantenexport. Gegenwärtig beläuft sich der jährliche Gesamtwert des deutsch-israelischen Außenhandels auf ca. 6,5 Mrd., davon entfällt ein Drittel auf die israelischen Exporte. Die wichtigsten israelischen Exportgüter nach Deutschland sind laut Außenhandelsstatistik Datenverarbeitungsgeräte, optische und elektronische Erzeugnisse sowie chemische und pharmazeutische Erzeugnisse. Landwirtschaftliche Produkte und sonstige Lebensmittel machen ca. 11 % der israelischen Gesamtexporte nach Deutschland und Gummi- und Kunststoffwaren ca. 7 % aus. Für die Siedlung liegt dieser Anteil höher.

Anteil der Siedlungsprodukte an den israelischen Gesamtexporten: Dieser Anteil beträgt laut israelischer Regierung 1,1 %. Laut PROSPERPalestine liegt er wesentlich höher. Wenn man die Produkte, die teilweise in den Siedlungen hergestellt werden, hinzurechne; ergäbe sich wahrscheinlich sogar ein Anteil von ca. 20 - 30 %. Diese Annahme scheint jedoch eine überhöhte Schätzung zu sein.

Zurechenbarkeit israelischer Produkte zu den Siedlungsprodukten: Unser Boykott zielt aus taktischen Gründen nicht auf sämtliche israelischen Produkte, sondern „nur“ auf Siedlungsprodukte. Omar Barghouti schreibt in seinem im September 2012 veröffentlichten Buch "Boykott - Desinvestment - Sanktionen" zu dieser Frage:

"Boykott ist kein Prozess, der in einer Einheitsgröße daherkommt. Um zu funktionieren, muss

genaue Berücksichtigung des

er den jeweiligen Bedingungen angepasst werden

Die

jeweiligen Kontextes ist ein zentrales Prinzip der BDS-Bewegung, die deren Führung, das palästinensische Komitee (BNC), sehr ernst nimmt." (S. 182)

"Gruppen dagegen, die aus taktischen Gründen nur bestimmte Teile des Programms unterstützen oder gezielt bestimmte Produkte oder israelische oder proisraelischen Organisationen boykottieren, bleiben unsere Partner. Der Boykott ist kein standardisiertes Vorgehen. Er kann an den jeweiligen Kontext angepasst werden, um größere Wirksamkeit zu entfalten. Was zählt, ist die Übereinstimmung mit seinen Motivationen und Zielen." (S.

129)

Andere Länder beschränken sich auch auf Siedlungsprodukte, für Deutschland gilt diese Einschränkung aus nahe liegenden Gründen erst recht.

Der Bereich der Siedlungsprodukte ist jedoch weit zu fassen. Dazu gehören:

- alle Produkte, von denen wir wissen, dass sie ganz oder teilweise in den Siedlungen produziert werden. Die israelischen Herkunftsangaben sind dabei wenig hilfreich. Fast sämtliche Produkte, die aus den Siedlungen stammen, sind fälschlicherweise mit „Made in Israel“ gekennzeichnet. Verschleierungspraktiken sind u.a. Angabe -- der Firmenadresse im israelischen Kernland, wenn Produktionsstätten in den Siedlungen liegen

-- falscher Postleitzahl -- des Verpackungsortes in Israel oder Deutschland als Herkunftsort

- alle Produkte, die in den Siedlungen oder Israel produziert sein könnten, deren Herkunft auf Grund der Kennzeichnung aber unklar ist. Die Beweislast trägt Israel. Das galt z.B. bis 2011 für Agrexco Export Ltd., das 60 - 70 % der landwirtschaftlichen Siedlungserzeugnisse exportierte, die aber nur 5 % seiner gesamten Exporte ausmachten. Die Exportanteile der 2012 gegründeten Nachfolgeorganisation „Agrexco Carmel agricultural export company“ sind noch nicht bekannt.

- alle Produkte, die von israelischen Unternehmen hergestellt werden, die u.a. Produktionsstätten in den Siedlungen und zugleich im israelischen Kernland und im Ausland betreiben. Das gilt z.B. für die Keter-Plastic-Gruppe, die ihre Plastikerzeugnisse in 10 Fabriken in Israel, zwei in den Siedlungen und über zwei Tochtergesellschaften, „Curver“ in den Niederlanden und „Allibert“ in Frankreich, herstellt und z.B. auch Curverprodukte in Deutschland vertreibt. Alle Produkte von Unternehmen, die auch nur einen Teil ihrer Erzeugnisse in Siedlungen produzieren, gehören auf die Boykottliste.

- und Produkte solcher israelischer Unternehmen, die in illegaler Weise vom Besatzungsstatus profitieren. Dem Kreis dieser Unternehmen sind auch deren Tochtergesellschaften im Ausland zuzurechnen. Die in Deutschland tätige Firma Ratiopharm ist eine Tochtergesellschaft des israelischen Pharmaunternehmens Teva, das 77 Fabriken, u.a. mehrere in Deutschland, betreibt und zu den 25 größten internationalen Pharmakonzernen gehört. In Deutschland steht Teva inkl. Ratiopharm mit seinen pharmazeutischen Produkten an 3. Stelle, mit den von Ratiopharm hergestellten Generika sogar an 1. Stelle. Teva hat nach unseren Informationen keine Fabriken in den Siedlungen, vertreibt aber seine Medikamente in den Besetzten Gebieten. Dabei profitiert es als israelisches Unternehmen unter dem Besatzungsstatut von Vorzugsbedingungen zu Lasten der dortigen palästinensischen Pharmaindustrie. Wegen dieser Verstrickung des Konzerns sind auch die Produkte seiner deutschen Tochtergesellschaft Ratiopharm mit in den Boykott einzubeziehen.

Beschränkung auf gängige Konsum- und Verbrauchsgüter. Unser Boykottaufruf ist begrenzt auf einige dieser Güter, soweit wir sie erfassen konnten. Regionale und saisonale Abweichungen und Ergänzungen der mit dem Boykottaufruf kombinierten Warenliste bleiben vorbehalten.