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Oldenburger Jahrbuch
Oldenburger Landesverein für Geschichte, Natur- und Heimatkunde Oldenburg, 1957
Cord Eberspächer: Der "Texas-Fall" und die oldenburgische Außenpolitik. Die diplomatischen Folgen von Schiffbruch und Ausplünderung der Besatzung des oldenburgischen Bark "Texas" 1857 im Chinesischen ...
urn:nbn:de:gbv:45:1-3267
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Oldenburger Jahrbuch 101, 2001 93
Cord Eberspächer
Der „Texas-Fall" und die oldenburgische Außenpolitik
Die diplomatischen Folgen von Schiffbruch und Ausplünderung der Besatzung der oldenburgischen Bark „Texas" 1857 im Chinesischen Meer
Die oldenburgische Bark „Texas"') geriet am 4. September 1857 vor der chinesi-schen Küste auf dem Weg von Ningbo
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) nach Amoy
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) in einen Taifun. Nach einem späteren Bericht ihres Kapitäns Johann F. Hegemann verlor die „Texas" ihre Masten und Boote und schlug leck
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). Seine Mannschaft konnte das treibende Schiff noch zwei Tage halten. Die „Texas" war am 5. September von der siamesischen „Bang-kok Mark" gesichtet worden. Zu diesem Zeitpunkt hatte die „Texas" schon fast alle Masten verloren, aber die Besatzung befand sich noch an Bord. Der Kapitän der „Bangkok Mark" berichtete, er habe acht Mann an Bord gesehen, aber wegen des schweren Seegangs keine Hilfe leisten können. Die Mannschaft gab ihr Schiff schließlich am 6. September auf. Die „Texas" sank letztendlich nicht - bei hölzernen Segelschiffen nicht ungewöhnlich -, sie wurde wenig später von dem siamesischen Schiff „Favorite" in der Nähe von Fuzhou treibend vorgefunden. Der Kapitän der „Favorite" ging an Bord und nahm aus der Kapitänskajüte das Bild des Schiffes mit
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). Die Entscheidung, die „Texas" aufzugeben, ist besonders Hegemann sicher
1) Die „Texas" wurde 1852 auf der Oldenburger Werft Oltmann in Motzen gebaut. Peter-Michael Pa w-I ik, Von der Weser in die Welt. Die Geschichte der Segelschiffe von Weser und Lesum und ihrer Bau-werften 1770-1893 (Schriften des deutschen Schiffahrtsmuseums Bd. 33), Bremerhaven 1993, S. 444-446. 2) Hafenstadt im Nordosten der Provinz Zhejiang. 3) Hafenstadt an der Taiwanstraße, im Süden der Provinz Fujian; der moderne Name ist Xiamen. 4) Pa w
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 i k (s. Anm. 1), S. 446; Pawlik zitiert aus der Wochenschrift für Vegesack und Umgegend.
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 lege-mann kam aus einer Hooksieler Seefahrerfamilie, sein jüngerer Bruder Paul Friedrich August (be-nannt nach dem Oldenburger Großherzog) war Untersteuermann auf der „Texas". 5) Auszug aus einem Bericht von W. Probst aus Shanghai, undatiert. Geheimes Staatsarchiv preußischer Kulturbesitz, (künftig: GStA), Abt. III HA 2.4.1. Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten, II Han-delspolitische Abteilung, Bestand 5090 Mißhandlung der Mannschaft des an der chinesischen Küste gestrandeten oldenburgischen Schiffes „Texas" durch die Strandbewohner und die dafür geforderte Genugtuung.
Anschrift des Verfassers: Cord Eberspächer, Hundsmühler Str. 68, 26131 Oldenburg, Tel. 0441-502866, Email: cord.eberspaecher@bugs.ol.shuttle.de. 
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Cord Eberspächer
 Abb. I: Burk „Hinrich" unter oldenburgischer Flagge. Ölgemälde von Oltmann jnburg, 1860. Von der „Texas" selbst ist kein Bild bekannt, sie entsprach aber vom Schiffsti//>, Baujahr, Größe, Trag-last und Takelage der „Hinrich" bis auf geringe Abweichungen (Foto: Archiv Pawlik. Bremen).
nicht leichtgefallen, denn er war nicht nur Kapitän, sondern auch Anteilseigner des Schiffes
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) - für ihn war der Schiffbruch
 Das Schrecklichste xvas mir passiren konnte ).
Die Besatzung der „Texas" rettete sich am 6. September auf eine chinesische Dschun-ke. Die Dschunkenbesatzung beraubte die Schiffbrüchigen der meisten ihrer geret-teten Habseligkeiten. Nur Hegemann durfte seine Uhr, den Sextanten und die Schiffspapiere behalten. Die Dschunke befand sich ebenfalls auf dem Weg nach Amoy und kreuzte die nächsten Tage gegen widrige Winde nach Süden und geriet ebenfalls in einen Taifun. Hegemann selbst wurde während des Sturms schwer ver-letzt, als er von einer Sturzwelle über Bord geschleudert wurde:
 meine Stirn über dem linken Auge lag ganz offen, die linke Hand war fürchterlich entstellt, der Linterleib zum Bersten aufgeschwollen
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). Er konnte sich mit he wieder an Bord retten, ein Matrose aus Osterode, der über Bord gespült wurde, ertrank. Nach acht Tagen strandete die Dschunke auf einem Riff und sank sofort. Während sich die Besat-zung und die Mannschaft der „Texas" noch zu retten versuchten, eilten die Kiisten-
6) l'a w
 I i
 k (s. Anm. I), S. 444. Die l'artenreederei, bei der sich mehrere Anteilseigner die IS.m- und Aus-riistungskosten eines Schiffes wie auch die eventuellen späteren Gewinne teilten, war in Oldenburg in dieser Zeit vorherrschend. Kapitäne waren oft Anteilseigner ihrer Schiffe. Stefan Hartmann, Stu-dien zur oldenburgischen Seeschiffahrt in der Mitte des 19. Jahrhunderts, in: Hansische Geschichts-blätter 1976, S. 38-80, hier 53 f. 7) Pawlik (s. Anm. 1),S. 446. 8) Ebd. Landesbibliothek Oldenburg

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