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Das Landing Error Scoring System (LESS) ist ein valides und reliables Assessment-Tool für die Landetechnik

Kornelius Kraus, PROathlete, München

Bewegungsmuster sind wichtige und veränderbare Faktoren für die Verletzungsprävention. Die Bewegungsmuster der unteren Extremität beeinflussen die Belastung auf den Muskelsehnenapparat (Chappell, Creighton, Giuliani, Yu & Garrett, 2007). Als Risikofaktoren für Rupturen des vorderen Kreuzbandes (ACL) und anderen Verletzungen der unteren Extremität haben sich eine verringerte Knie-, Hüft- und Rumpfflexion in Kombination mit einem Knievalgus und Beinrotation erwiesen (Olsen, Myklebust, Engebretsen & Bahr, 2004). Das Ausmaß der Knieflexion bei Landungen beeinflusst die ACL-Belastung. Zum Beispiel können durch geringe Kniewinkel von 0° bis 30° deutliche erhöhte Belastungen am „Schienbeinmuskel“ (Tibialis anterior) auftreten, welche zu größeren ACL-Belastungen beitragen können (DeMorat, Weinhold, Blackburn, Chudik & Garrett, 2004). Um diese Risikofaktoren im Bewegungsmuster zu screenen wurde das Landing Error Scoring System (LESS) entwickelt. Das Anliegen dieser Studie war die Bestimmung von Validität und Reliabilität des LESS zu bestimmen. Zur Erfassung der Validität wurde der biomechanische Goldstandard, die 3D-Bewegungsanalyse, verwendet.

Die Studie 2691 Soldaten (männlich: n=1655; weiblich: n=1036) von 3 US-amerikanischen Militärakademien wurden für die ACL-Studie analysiert. Jeder Proband war physisch fit und frei von orthopädischen Verletzungen zum Testzeitpunkt. Zur Bestimmung des LESS springt die Testperson von einem 30cm hohen Kasten nach vorne auf die Kraftmessplatte und von dort direkt maximal nach oben. Die Entfernung vom Kasten zur Kraftmessplatte beträgt die Hälfte der individuellen Körpergröße. Während des Tests wurde kein Feedback vom Testleiter gegeben. Die Testobjekte nutzen in der Regel 2 Lernversuche, wobei auch mehrere möglich waren. Der LESS wurde bewertet, wenn der Soldat mit beiden Beinen gleichzeitig vom Kasten nach vorne abgesprungen ist (1), mit beiden Füßen auf der Kraftmessplatte landete (2), mit beiden Beinen nach oben absprang (3) und wieder mit beiden Füßen auf der Platte landete (4). Als letztes Kriterium wurde ein fließender Bewegungsrhythmus festgelegt (5). Insgesamt wurden 3 Versuche mit 2 Kameras (frontal & sagittal) aufgezeichnet. Dauer: 5 Minuten. Der LESS-Score ist die Summe aller Fehler in der Landetechnik. Je höher der Score, umso schwächer/fehlerhafter die Landetechnik. Während ein geringer Score dem Probanden eine bessere Landetechnik attestiert. Sechs Items bewerten den Rumpf, fünf den Bodenkontakt, drei die Knieflexion, ein den Knievalgus sowie zwei globaleItems bewerten die Gestalt des Bewegungsmusters. Um die Gütekriterien Objektivität und Reliabilität des Screens zu prüfen, erhielten die Tester eine Einweisung in das Verfahren (vgl. Padua, 2012). Anschließend trainierten sie anhand von 20 externen Probanden das Scoring. Die Ergebnisse wurden mit denen des Experten verglichen. Ein wichtiger Bestandteil des Bewertungstrainings war, dass die Unterschiede zwischen Experten und den Neotestern diskutiert und geklärt wurden.

Die Ergebnisse

Der durchschnittliche LESS-Score betrug 4,9±1,7. Nach der Einteilung in vier Quartile erfolgte die Gruppierung

in exzellent (2,7±0,9), gut (4,3±0,3), mäßig (5,3±0,3) und schwach (6,9±0,9). Insgesamt schnitten die Frauen

schlechter als die Männer ab. Nur 14% erreichten eine exzellente Bewertung (Abb. 1).

Abb. 1: Ergebnisse des LESS-Score differenziert nach Geschlecht und Beurteilung. Es zeigt sich, dass die Mehrheit der Frauen dieser Stichprobe im mäßigen bis schwachen Bereich angesiedelt ist. Bei den Männern zeigt sich ein homogeneres Bild.

Die Objektivität zwischen den Bewertern (Interrater-Reliabilität) betrug 0,84. Dies bescheinigt dem LESS-

Protokoll eine gute Unabhängigkeit vom Bewerter. Ebenso lag die Intrarater-Reliabilität bei dieser

Untersuchung im exzellenten Bereich (r=0,91).

Kommentar

Die Studie bescheinigt dem Landing Error Scoring System (LESS) eine gute Validität hinsichtlich der

Identifizierung von Risikofaktoren für Verletzungen des vorderen Kreuzbandes. Die Frauen schnitten in dieser

Studie schlechter als die Männer ab, was sich in Follow-Up-Studien bestätigte (Kraus unveröffentlicht, 2013).

Wahrscheinlich liegt dieser Unterschied an der physiologisch ungünstigeren Hüftgelenkstellung der Frau. Durch

den geringeren Testosteronspiegel verfügen Frauen über weniger Muskelmasse als Männer. Ein weiterer

Faktor der dieses Defizit erklären kann. Allerdings zeigen Studien von Noyes (Noyes, Barber-Westin,

Fleckenstein, Walsh & West, 2005), dass sich dieses Defizit reduzieren lässt. Die Objektivität und Reliabilität

sind im gutem bis exzellenten Bereich, so dass bei den entsprechenden Trainingsmaßnahmen diese

Bewertungsgenauigkeit erreicht werden kann. In der modernen Verletzungspräventionsforschung werden

Schmerzen als Indikator für Verletzungen betrachtet (Bahr, 2009). Es erscheint überlegenswert, das Instrument

zur Vermeidung des patello-femoralen Schmerzsyndroms einzusetzen. Ich setze ihn als Ergänzung zum

Functional Movement Screen (FMS) ein. Mit dem FMS kann man lediglich Aussagen zur Stabilität ohne

Lokomotion treffen. Hingegen bekomme ich mit dem LESS Informationen über die Bewegungsqualität bei

hohen exzentrischen Belastungen. Zudem nutze ich den Screen als Basis vor der Kraftdiagnostik mit der Bosco-

Testbatterie (Drop Jump, Counter-Movement und Squat Jump), da eine fehlerhafte Sprungtechnik, die

Ergebnisse der Kraftdiagnostik verfälscht. Alternativ kann man auch eine Kontaktmessplatte zur Bestimmung

der Sprunghöhe beim LESS einsetzen. Für die Bewertung des LESS ist die Sprunghöhe allerdings nicht von

Bedeutung, sodass auf sie verzichtet werden kann.

Literaturverzeichnis

Bahr, R. (2009). No injuries, but plenty of pain? On the methodology for recording overuse symptoms in sports. British journal of sports medicine, 43 (13), 966972. Chappell, J.D., Creighton, R.A., Giuliani, C., Yu, B. & Garrett, W.E. (2007). Kinematics and electromyography of landing preparation in vertical stop-jump: risks for noncontact anterior cruciate ligament injury. The American journal of sports medicine, 35 (2), 235241. DeMorat, G., Weinhold, P., Blackburn, T., Chudik, S. & Garrett, W. (2004). Aggressive quadriceps loading can induce noncontact anterior cruciate ligament injury. The American journal of sports medicine, 32 (2), 477

483.

Noyes, F.R., Barber-Westin, S.D., Fleckenstein, C., Walsh, C. & West, J. (2005). The drop-jump screening test:

difference in lower limb control by gender and effect of neuromuscular training in female athletes. The American journal of sports medicine, 33 (2), 197207. Olsen, O.-E., Myklebust, G., Engebretsen, L. & Bahr, R. (2004). Injury mechanisms for anterior cruciate ligament injuries in team handball: a systematic video analysis. The American journal of sports medicine, 32 (4),

10021012.

Padua, D.A. (2012). Identifikation of Risk Factors for ACL Injury and re-injury: Implications for Prevention and Rehabilitation. Padua, D.A., Marshall, S.W., Boling, M.C., Thigpen, C.A., Garrett, W.E. & Beutler, A.I. (2009). The Landing Error Scoring System (LESS) Is a valid and reliable clinical assessment tool of jump-landing biomechanics: The JUMP-ACL study. The American journal of sports medicine, 37 (10), 19962002.