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DAS HOLLANDISCHE VOLKSBUCH VOM DOKTOR FAUST

DAS

HOLLANDISCHE

VOM

DOKTOR FAUST

VOLKSBUCH

DR.

VON

B. H. VAN

T

HOOFT

MIT 20

ABBILDUNGEN

HAAG

MARTINUS NIJHOFF

1926

INHALTSVERZEI CHNIS

 

Seite

EINLEITUN G

 

1

ERSTE R

ABSCHNITT .

DER HISTORISCHE FAUST

 

4

ZWEITE R

ABSCHNITT .

DIE

DEUTSCHEN

VOLKSBÜCHER

VOM

DOKTOR

FAUST

20

DRITTE R

ABSCHNITT .

DAS

HOLLANDISCHE

VOLKSBUCH

VOM

DOKTOR

FAUST

31

ERSTES KAPITEL.

Die

Faustsage in den Niederlanden vor dem Erscheinen

des altesten Volksbuches

ZWEITES KAPITEL. Das

alteste hollandische Faustbuch

31

33

1.

De r

Verfasse r

33

2. De r

Drucke r

48

3. Da s

Wer k

50

DRITTES KAPITEL. Die

spateren Drucke

77

VIERTES KAPITEL.

Das

Faustbuch in

der

Slieren holldndischen Literator

88

VIERTE R

ABSCHNITT .

DIE

LOKALISIERUNGEN

DER

FAUSTSAGE

IN

HOL-

LAND

92

ERSTES KAPITEL. Faust in Waardenburg

 

92

ZWEITES KAPITEL. Faust in Leeuwarden

107

FÜNFTE R

ABSCHNITT .

ZUR FAUSTIKONOGRAPHIE

110

ERSTES KAPITEL. Van Sichems Faust

 

110

ZWEITES KAPITEL. Mathams Faust

114

DRITTES KAPITEL.

Rembrandts Faust

116

VIERTES KAPITEL. Der

Bilderschmuck der

Volksbücher

118

FÜNFTES KAPITEL. Faust auf Bilderbogen

133

SECHSTE R

ABSCHNITT .

BIBLÏOGRAPHISCHE

BESCHREIBUNG DER HOLLAN-

DISCHEN

FAUSTDRUCKE

137

ANHANG .

VERGLEICHUNG VON

BATENS

TEXT MIT DEN DEUTSCHEN

C-FAS-

SUNGEN

150

REGISTE R

161

VORWORT

In keinem Lande ist wohl das Interesse für das Volksbuch vom Doktor Faust lebhafter und nachhaltiger gewesen als in den Niederlanden. In der ausgedehnten Literatur, die sich seit dem Ende des sechzehnten Jahrhunderts um den Namen Doktor Faustus als Mittelpunkt angesammelt hat, dürfte daher vorliegende Arbeit ihr bescheidenes Platzchen beanspruchen. Vielen bin ich für freundliche Angaben, für die Überlassung oft wertvoller Exemplare, sowie für wohlwollende Unterstützung beim AufspürenundBeschaffen seltener Drucke zu groBem Dank verpflichtet; im besondern den Herren Beamten der Universitatsbibliothek Amsterdam.

Amsterdam, Juli 1926.

B.

H . VAN 'T HOOFT.

EINLEITUNG

Gode biddic, dat hi mi sende, Tallen beghinne goeden ende.

Theophilus.

Nachdem sich die aus dem Oriënt stammende Geschichte des Theophilus, der sich zur Wiedergewinnung seiner verlorenen kirchlichen Amter mit seinem Blute dem Teufel verschrieben hatte, im Abendland verbreitet hat, taucht die Idee von einem Pakt mit dem Bösen daselbst immer haufiger auf. Bald sieht man Papste, wie Sylvester II., Fürsten, wie Robert I. der Normandie und besonders hervorra- gende Gelehrte — Arnold von Villanova in Frankreich, Albertus Magnus in Deutschland, Roger Bacon in England — mit dem Teufel im Bündnis. Im überaus teufelsglaubigen sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert ist diese Vorstellung derartig popular geworden, daB man die Teufelsbündler bei Tausenden zahlt, wovon die noch vorhandenen Akten der Hexenprozesse ein trauriges Zeugnis ab- legen. Die Geschichte — es ist bei der groBen Zahl selbstverstandlich — hat sie ver- gessen und nur gelegentlich wird in den Werken der Polyhistoren des siebzehnten Jahrhunderts ein Name oder eine Geschichte erwahnt. An einen blieb bis auf den heutigen Tag die Erinnerung im Volke lebendig, an den Doctor Faust. DaB nicht auch sein Name der Vergessenheit anheim fiel, ist mehr oder weniger dem Zufall zuzuschreiben. Nach dem Tode des Zauberers verfiel ein Unbekannter auf den Ge- danken, dessen Taten, von denen die Zeitgenossen noch zu erzahlen wuBten, auf zu- zeichnen und durch den Druck allgemein bekannt zu machen und, einmal in die- sein Stadium, hat die Geschichte nicht aufgehört, das Interesse der Leser zu fesseln. DaB ein Zeitalter, welches den albernen Aussagen der alten Weiblein in den Hexen- prozessen Glauben schenkte, die Taten des Teufelskünstlers als Wahrheit hinnahm, ist selbstverstandlich. Bald brachen sich zwar in Bezug auf den Teufelsglauben vernünftigere Begriffe Bahn, aber doch nur unter den Gebildeten; das naive Volk sah nach wie vor hinter jedem ungewöhnUchen Ereignis den Teufel und schenkte einer Teufelsgeschichte, die es in einem gedruckten Buche las, unbedingten Glauben. Das tat übrigens noch gegen Ende des siebzehnten Jahrhunderts der Utrechter Theologe Gisbert Voet, wahrend ein Balthasar Bekker sie einige Jahre spater schon als Altweibergefasel bezeichnete. Mit Verachtung und Widerwülen spricht ein Jahrhundert spater der aufgeklaxte Gelehrte Prosper Marchand über das Faustbuch, das nur zur Abschreckung des Pöbels erdacht worden sei. Unbefan- gener und versöhnender steht unser Zeitalter diesem und verwandten Erzeugnis-

Van 't Hooft, Faustbuch

1

2

EINLEITUNG

sen dér Vergangenheit gegenüber und betrachtet sie als wichtige Quellen für das Studium der sittlichen und religiösen Anschauungen früherer Geschlechter. Selbstverstandlich hat die Faustgeschichte für die hollandische Literatur eine

weit geringere Bedeutung

bei Faust ziemlich genau verfolgen l&Bt, nimmt Holland nur geringen — wenn immerhin einigen — Anteil. Kein niederlandischer Dichter von einiger Bedeutung hat selbstandig den Fauststoff zum Gegenstand seines Schaffefis gewahlt, sodaB von einer Entwicklung der Idee in irgend welcher Richtung auf hoUandischem Boden nicht die Rede sein kann; nur urn Übersetzung handelt es sich, um Nach- ahmung höchstens. DaB aber trotzdem diese Faustgeschichte, sowie sie in den hollandischen Volks- büchern überliefert wurde, als Gegenstand einer Auseinandersetzung geeignet erschien, findet seinen Grund in der auBerordentlichen Beliebtheit, deren sich Faust wahrend drei Jahrhunderte bei der hollandischen Leserwelt erfreute. Zwar beschrankt sich das Interesse, besonders in spaterer Zeit, auf die naiven Leser der unteren Kreise der Gesellschaft. Die Lokalisierung der Sage an zwei Orten Hollands, Waardenburg und Leeuwarden, l&Bt aber auf ein inniges Ver- trautsein dieser Kreise mit Faust und seiner Geschichte schlieBen. Fehlt auch dem Faust in der hollandischen Literatur ein Marlowe, so kann er in der hollandischen bildenden Kunst auf einen Van Sichem, einen Matham, ja vielleicht auf einen Rembrandt hinweisen. Was war es, das in der Faustsage den naiven Leser so machtig anzog und so dauernd fesselte? Der von jeher zu Ausschreitungen neigende Teufelsglaube war gegen Ende des sechzehnten Jahrhunderts zu einer alle Damme der Vernunft über- schwemmenden Höhe gestiegen. Vergebens hatte der herzöglich Clevische Leib- arzt Johann Wiër versucht den Strom zu hemmen; erfolglos war sein Wort ver- hallt. Erst ein Jahrhundert spater wurde i n Holland mit besserem Erfolg der Kampf von Balthasar Bekker, Daniël Jonctys, Abraham Palingh und anderen fort- gesetzt. Als aber im Jahre 1592 in Dordrecht das Volksbuch vom Dokter Faust er- schien, herrschte der Teufelswahn noch ungebrochen und trug natürlich machtig zu der Verbreitung einesBuches, wo man den Teufel nun'einmal bei der Arbeit sah, bei. Gar mancher aber mochte auf den Gedanken verfallen es dem Helden der Ge- schichte nachzumachen und gleichfalls sein Glück beim bösen Geiste zu versuchen. Der Übersetzer hatte zwar — in Nachahmung seines Originals — die formas conjurationum fortgelassen, aber weniger Gewissenhafte als er sorgten bald dafür, daB auch diese in allerlei Zauberbüchern, besonders unter Fausts Namen, *) dem Publikum zuganglich gemacht wurden.

Starkes Mitgefühl muBte auch das tragische Geschick des Helden erregerr. Er ,

als für die deutsche. A n der Sagenbildung, welche sich

der Wittenberger Doktor der Theologie, sollte durch Untreue an Gottes Wort der

i) So in Doctor Faust's grofier und gewaltiger Meergeist, worinn Lucifer und drey Meergeister um Schatee

aus den Gewassern zu holen, beschworen werden. Amsterdam, bei Holbeek Boeker Verküufer in dem Kohlsteg. Anno 1692. Vergl. Das Kloster VS . 1140 ff. Die angegebene Adresse Ut natürlich fingiert: eine „Koolsteeg" hat es in Amsterdam nie gegeben.

EINLEITUNG

3

Hölle verfallen. E r konnte doch wissen, daB gerade ein Pakt mit dem Teufel die allerschwerste Sünde war, wogegen fast jedes Heilmittel versagte, sodaB von ihm das Wort gilt — und das Volksbuch versaumt nicht darauf hinzuweisen—: „Wie

daer weet den wille des Heeren ende niet en doet, die sal met veel slaghen ghesme- ten worden" (Fol. 2 v°—13). Tragisch war Fausts Geschick auch deshalb, weü ein Charakterzug, der die Ursache seines Verderbens wird, im Grunde ein guter war: sein Drang nach Wissen. „Hy nam Arents vleughelen aen, om also alle hoec-

ken des Hemels ende der Aerden te ondersoecken" (2

seiner Unterhandlung mit Mephostophiles fordert er von diesem, „dat hy hem op alle zyne vraghen, niet onwaerachtichs en soude willen antwoorden" (3 v°—13). Aber auch für diesen hochstrebenden jungen Mann gilt des Dichters Mahnung „Weh dem, der zu der Wahrheit geht durch Schuld". Auf dem verbotenen Pfade des Teufelsbündnisses strebt Faust nach einem für menschliches Wissen uner- reichbaren Ziel .um das Menschlich-Erreichbare zu verfehlen und klaglich zu- grunde zu gehen. Gerade dieser Charakterzug verlieh unserm Helden vor allen andern Eigenschaften die Unsterblichkeit, erwarb ihm die Liebe Lessings, der Stürmer und Dranger, Goethes. Schon Marlowe hatte diesen Zug mit glücklichem Griff weit nachdrücklicher als es im Volksbuch geschehen war in den Vorder- grund gerückt und in allen spateren Faustspielen, so verstümmelt sie auch über- liefert sein mögen, wird noch vom Gesichtspunkt des Wissensdrangs aus Fausts Teufelspakt ins Auge gefaBt. Nicht geringes Interesse fand der einfache Leser an der Schwanksammlung, die den dritten Teil des Faustbuchs bildet, an diesen Possen a la Eulenspiegel, ohne desseri mauernwitz zwar, aber um so interessanter, weilhinter jedeB Streiche, statt eines verschmitzten Bauern, der Teufel selbst steekt. A n sich zeigt dieser dritte Teil groBe Verwandtschaft mit der Geschichte eines andern Teufelskerls, der des Zauberers Virgilius. Welch ein Unterschied aber in der Auffassung der beiden Sagenhelden und der beiden Teufelsgeschichten überhaupt: die Virgiliussage mit ihrem mittelalterlichen Optimismus und die furchtbar ernste Faustgeschichte. Durch List zwingt Virgilius den Teufel sich in seinen Dienst zu stellen, indem er ihn in ein Loch einsperrt, sowie man im Mittelalter den Teufel in ein Glas oder einen Ring bannte, um ihn zu seinem Dienst zu zwingen. Faust muB dagegen diese Dienstbarkeit mit seiner Seele erkaufen. Bei Virgilius bleibt das Sündenmotiv ganz und gar aus dem Spiel, von irgend einer Schuld ist nicht die Rede, in der Faustsage lauert durch die ganze Geschichte hindurch die Hölle als wohlverdiente Strafe im Hintergrund. Die Macht des Teufels ist seit dem ersten Viertel des sechzehnten Jahrhunderts zu sehr gewachsen, als daB er noch weiter mit sich spaBen UeBe; wer sich jetzt noch mit ihm einlaBt, ist ein verlorner Mann.

r°—25). Un d schon bei

ERSTER

ABSCHNITT

DER HISTORISCHE

FAUST

„Le Docteur Fauste n'est qu'une pure chimère, qui n'a jamais existé, non plus que PAvanturier Fortunatus, que dans 1'Imagination des Sots qui ont ajoüté foi a leurs Histoires."

DaB Marchand *) sich mit diesem Urteil im Widerspruch mit den deutschen Auto- ren bef indet, von denen ihm nur etwa der Tübinger Theologe Wilhelm Schickard bei- stimmt, weiB er recht wohl und er bedauert es nur unter diesen deutschen Gelehrten Namen anzutreffen, die doch sonst einen guten Klang hatten, wie u.a. den eines Phi- lipp Camerarius, dessen Vater notabene persönlich mit Faust bekannt gewesen ist. Auch Marchands Landsmann, Gabriel Naudé, der Bibliothekar des Kardinals Mazarin, spricht in Bezug auf Faust von „un homme imaginaire, un cmmère des AUemands" 2 ). Er scheint inzwischen erst spater zu dieser Ansicht gekommen zu sein. In seiner 25 Jahre früher verfaBten „Apologie" zweifeit er an Fausts Realitat durchaus nicht, rechnet ihn im Gegenteil zu den für das menschliche Geschlecht gefahrlichen Zauberern, die „vor kurzem" wirklich, und zwar mit Satans Hilfe, ihre Teufelskünst e getrieben hatten "). Die zahbreichen historischen Zeugnisse über Faust, welche neuerdings wieder von Witkowski *) zusammengestellt und erganzt wurden, lassen an seiner Existenz nicht den geringsten Zweifel. Einige mögen hier folgen. Als der Mathematiker und Astrolog Johann Wirdung zu Heidelberg die Ankunft Fausts erwartet, erkundigt er sich nach diesem bei seinem berühmten Freund, dem Abt Trithemius. Dieser antwortet ihm am 20. August 1507 6 ). Sein Urteil über

») Dictionaire Historique, ou mémoires critiques et littéraires, concernant la vie et les ouvrages de divers personnages distingués, particulièrement dans la république des lettres par Prosper Marchand. A la Have, chez Pierre de Hondt, M.D.CG.LVIII. Teil I S. 249 ff. Ein Ex. in der Universitatsbibliothek Amsterdam.

imprimé contre le cardinal Mazarin, o. O. Dr. u. J . (1650) S. 519.

(Ein Ex. besitzt die Koninklijke Bibliotheek im Haag).

•) Apologie pour les grands hommes soupconnez de Magie. Par G. Naudé. Parisien A Amsterdam. Chez Jean Frédéric Bernard. M.DCCXII. S. 37. (Universitatsbibl. Amsterdam). Die erste Auflage erschien

Paris 1625.

•) Jugement de tout ce qui a esté

. «) Deutsche Zeitschrift für Geschichtswissenschaft. Neue Folge. 1. Jahrg. 1896/97. „Der lustonsche

,

.

.

.

.

Faust." S. 298 ff.

») Johannis Trithemii

. Opera Historica, Francofurti, Typis Wechelianis apud Claudmm Marnium

.

,

_

&

heredes Ioannis Aubrij.

M.DCI. Bd . II. S. 559 ff. (Universitatsbibl. Amsterdam). Die betreffende

Brief stelle lautet: Homo ille de quo mini scripsisti Georgius Sabellicus, qui se principem necromanticorum ausus est nominare, gyrouagus, battologus, et circumcellio est, dignus qui verberibus castigetur, ne temere

D E R

HISTORISCHE

FAUS T

5

Georg Sabellicus — so hatte ihn Wirdung offenbar genannt — lautet nichts weni- ger als günstig. Derselbe sei ein leerer Prahler und Betrüger, der öf f entlich abscheu- liche und der heiligen Kirche feindliche Dinge gelehrt habe. In der Nahe von Geln- hausen sei er Tritheim, der von Brandenburg nach seinem Kloster zurückkehrte, ausgewichen, habe ihm aber durch einen Bürger eine Art Visitenkarte mit markt- schreierischen Titeln überreichen lassen. Franz von Sickingen, der Oberamtmann des Pfalzgrafen, habe ihm eine Stelle als Schulmeister in Kreuznach besorgt, aber er habe dieses Vertrauen schandlich miBbraucht. Nach diesem Bericht wird Wirdung wohl kein groBes Verlangen mehr nach dem Besuch gehabt haben. Ahnlich wie Tritheim auBert sich der Erfurter Humanist Konrad Mudt (Mutia- nus Rufus) in einem Brief vom 7. Oktober 1513 1 ). Vor acht Tagen sei ein Chiro- mant nach Erfurt gekommen mit Namen Georgius Faustus, „Helmitheus Hede- bergensis". E r sei ein eitler Aufschneider. Gegen ihn sollten sich die Theologen wenden 2 ) und Reuchlin — der Kampf um diesen war gerade heftig entbrannt — in Frieden lassen. Der Pöbel staune ihn an. Er, Mudt, habe sich verachtlich abge- wandt, als er ihn in der Herberge prahlen hörte; was gehe ihn die Torheit anderer an. DaB Georgius Sabellicus Faustus bei Tritheim mit Georgius Faustus bei Mudt identisch ist, ist wohl wahrscheinlich und wird auch allgemein angenommen 8 ); in beiden Zeugnissen handelt es sich um einen groBsprecherischen, gotteslaster- lichen Landstreicher mit gleichem oder annahernd gleichem Namen. Das unver-

deinceps tam nefanda et ecclesiae sanctae contraria publice audeat profiteri. Quid enim sum aliud tituli quos sibi assumit, nisi stultissimae ac vesanae mentis inditia, qui se fatuum, non philosophum ostendit?

Sic enim titulum sibi conuenientem formauit: Magister Georgius Sabellicus, Faustus iunior, fons necromanti- corum, astrologus, magus secundus, chiromanticus, agromanticus [wohl: aëromanticus] pyromanticus, in hydra arte secundus. Vide stultam hominis temeritatem, quanta feratur insania, vt se fontem necromantiae pro- fiteri praesumat, qui vere omnium bonarum literarum ignarus fatuum se potius appellare debuisset quam magistrum. Sed me non latet eius nequitia. Cum anno priore de Marchia Brandenburgensi redirem, hunc ipsum hominem apud Geilenhusen oppidum inueni, de quo mihi plura dicebantur in hospitio friuola, non sine magna eius temeritate ab eo promissa. Qui mox vt me adesse audiuit, fugit de hospitio, et a nullo poterat persuaderi, quod se meis praesentaret aspectibus. Titulum stultitae suae qualem dedit ad te quem memorauimus, per quendam ciuem ad me quoque destinauit. Referebant mihi quidam in oppido sacerdotes, quod in multorum praesentia dixerit, tantam se omnis sapientiae consecutum scientiam atque me-

hominum

memoria, ipse suo ingenio velut Ezras alter Hebraeus, restituere vniuersa cum praestantiore valeret elegantia. Postea me Neometi [Speyer] existente Herbipolim [Würzburg] venit, eademque vanitate actus in pluri- morum fertur dixisse praesentia, quod Christi Saluatoris miracula non sint miranda, se quoque omnia facere posse quae Christus fecit quoties & quandocunque velit. In vltim a quoque huius anni quadragesima venit Stauronesum [Kreuznach], & simili stultitia gloriosus de se pollicebatur ingentia, dicens se in Alchimia omnium qui fuerint vnquam, esse perfectissimum, & scire atque posse, quicquid homines optauerint. Vacabat interea munus docendi scholasticum in oppido memorato, ad quod Francisci ab Sicldngen Baliui principis tui, hominis mysticarum rerum percupidi, promotione fuit assumptus, qui mox nefandissimo formationis [wohl: fornicationis] genere cum pueris videlicet voluptari coepit, quo statim deducto in lucem fuga poenam declinauit paratam. Haec sunt quae mihi certissimo constant testimonio de homine illo, quem tanto ven- turum esse desiderio praestolaris. 1

" 1701. S. 95;

moriam, vt si volumina Platonis & Aristotelis omnia cum tota eorum pkilosophia in toto perisset ab

*) Abgedruckt in „Wilh. Ernesti Tentzelii Supplementum historiae Gothanae primum

hier nach A . Tille: Die Faustsplitter in der Literatur des 16.—18. Jahrhunderts. Berlin 1900. Nr . 2. Venit octauo abhinc die quidam Chiromanticus Erphurdiam nomine Georgius Faustus, Helmitheus Hedebergen- sis, merus ostentator et fatuus. Eius et omnium diuinaculorum vana est professio, et talis physiognomia leuior typula. Rudes admirantur, in eum theologi insurgant. Non conficiant philosophum Capnionem. Ego audiui garrientem in hospitio, Non castigaui iactantiam, quid aliena insania ad me ?

2 )

Faust scheint sich also auch in Erfurt in kirchenfeindlichem

Sinne geauBert zu haben.

*) Allein Naudé , der S. 285 seiner „Apologie" éine Stelle aus Tritheim s Brief zitiert, betrachtet Sabellicus offenbar als eine andere Person als den Doktor Faust.

den

6

DER HISTORISCHE FAUST

standliche „Helmitheus Hedebergensis" betrachtet Düntzer 1 ) als Druckfehler eines „Hemitheus Hedelbergensis", also Heidelberger Halbgott 2 ), wahrend GoTres schon früher s ) Hemitheus Wirtebergensis vorgeschlagen hatte. Neues Licht fiel auf diese Stelle in Mutians Brief, als im Jahre 1913 Dr. Schotten- loher auf einen merkwürdigen Eintrag aufmerksam machte, der sich in einem in der Münchner Hofbibliothek" vorhandenen Wettertagbüchlein befindet. Das Büchlein stammt aus dem Kloster Rebdorf bei Ingolstadt und die lateinische Be- merkung von der Hand des Priors Kilian Leib aus dem Jahre 1528 lautet:

„Georgius faustus helmstet. quinta feria Junii dicebat, quando sol et Jupit. sunt in eodem unius gradu signi, tune nascuntur prophete (utpote sui similes) ". Die Stelle ist nicht ohne weiteres klar; es laJJt sich nicht mit Sicherheit feststellen, ob ein lateinisches „Helmstetensis" oder ein deutscher Name Helmstet gemeint ist. In ersterem Falie stammte Faust aus dem bayrischen Dorfe Helmstadt, was nicht mit Melanchthons Angabe 4 ), er sei i n Kundling (Knittlingen) geboren, übereinstimmt, in letzterem ware der eigentliche Name des Schwarzkünstlers Helmstet und hatte man in Faustus nur einen „nom de guerre" zu sehen. Das „Helmitheus Hedeber- gensis" ist in der Tat von Tentzei nicht ganz richtig wiedergegeben; in dem Manus- kript auf der Stadtbibliothek in Frankfurt a.M., das wohl direkt nach Mutians Brief angefertigt wurde, steht „georgius faustus helmitheus hedelbergensis". Es mag sein, daB im Original etwa „helmst." gestanden hat, was vom Abschreiber nicht verstanden und nach eigener Auffassung erganzt wurde 5 ). DaB die einfachen Leute einen Charlatan wie Faust bestaunen, wie aus den Zeug- nissen Tritheims und Mutians hervor geht, kann nicht sehr Wunder nehmen. Aber auch höher Gestellte scheinen zu seiner Kunst Vertrauen gehabt zu haben. Der Kammermeister des Bamberger Fürstbischofs Georg Schenk von Limburg notiert am 12. Februar 1520, er habe „ X gulden geben vnd geschenckt Doctor Faustus phi- losopho zu uererung hat meinem gnedigen Herrn ein natiuitet oder Indicium ge- macht." •) Als der junge Philipp von Hutten 1534 im Dienste des Augsburger Handelshau- ses Welser nach Venezuela zog um i n der Neuen Welt sein Glück zu versuchen, wandte er sich an zwei Philosophen um den Ausgang der Reise zu erkunden, an Joachirn Camerarius, Melanchthons Freund, und Faust 7 ). Camerarius prophe- zeihte eine glücldiche Reise, Faust eine unglückliche und bekam recht 8 ).

•) Vergl. Das Kloster V S. 36. a ) Anders deutet Wilhelm Grimm die Stelle; vergl. „Die Entstehung des Volksbuches vom Dr. Faust." Preufiische Jahrbücher Bd. XLVII (1881) S. 445. Er siehtindem „Hedebergensis" einen Stich des Mutian auf Tritheim, der mit seinem Familiennamen von Heidenberg hieB. Trithemius nannte er sich nach seinem Geburtsort Trittenheim bei Trier. Mudt hatte Faust dann als einen Halbgott k la Heidenberg bezeichnet. Trithemius war bekanntlich selbst der Zauberei verdachtig. ') Die teutschen Volksbücher, Heidelberg bey Mohr und Zimmer 1807. S. 214. l ) Vergl. S. 7. ») Man vergl. über Kilian Leibs Eintrag u. a. Karl Hofmann und Rudolf Blume, Schwabischer Bund resp. Dezember 1920 und Februar 1921. a ) Vergl. J . Mayerhofer „Faust beim Fürstbischof vom Bamberg". Vierteljahrsschrift f. Literaturgesch. III (189Q) S. 177.

')

•) Man vergl. über die Reise: Deutsche Reisende des sechzehnten Jahrhunderts von Viktor Hantzsch,

Cfr. Szamatólski „Der historische Faust". Vierteljahrsschrift f. L . II. S. 156.

Leipzig 1895. S. 142.

DER HISTORISCHE FAUST

7

Auch zu den beiden groBen Reformatoren, Luther und Melanchthon, scheint Faust Beziehungen gehabt zu haben. Luther spricht über Faust in den Tischreden wenigstens einmal 1 ). Besser kermt ihn Melanchthon, wie wir aus dem Mund seines Schülers Johann Mennel (ManUus) erfahren *). Melanchthon hat einen Johann Faust gekannt, der aus Kundling stammte, welches in der Nahe seines Geburts- ortes Bretten in Baden liegt (Gemeint ist wohl Knittlingen in Württemberg, wel- ches eine Stunde von Bretten entfernt ist). In Krakau habe dieser die Magie studiert. Er sei weit umher gestreift, wobei er vom Teufel in Hundsgestalt begleitet worden sei. Widman nennt in seinem Faustbuch sogar den Namen des Hundes (Teil II, Kap. 6); er hieB Prestigiar. Diese Besonderheit ist von Heinrich CorneUus Agrippa auf Faust übertragen worden; auch ihn soll der Teufel in der Gestalt eines Hundes begleitet haben *). — Das Fliegen Fausts in Venedig erinnert auffallig an den miBlungenen Flugversuch des Simon Magus vor Kaiser Nero, von welchem in den sogenannten Recognitionen des heiligen Clemens erzahlt wird. Als Faust in Wittenberg war, erzahlt Melanchthon weiter, wollte ihn der Kur- fürst verhaften lassen, aber er wuBte den Gerichtsdienern zu entwischen; ebenso in Nürnberg *). SchlieBHch habe ih n der Teufel in einem nicht naher bezeichneten württembergischen Dorfe den Hals umgedreht.

*) Förstemann Bd. I S. 50. Man vergl. über diese und andere angeblichen Erwahnungen Fausts in den Tischgesprachen: Widmans FauStbuch, Carl Kiesewetter, Faust in der Geschichte und Tradition, Leipzig, Max Spohr, 1893 S. 35 ff. und Wilhelm Meyer „Nürnberger Faustgeschichten", Abhandlung derphilos. philol. Klasse der königl. bayr. Akademie der Wissenschaften Bd. X X S. 325. München 1897. ! ) Locorum communium collectanea : a Ioanne Manlio per muitos annos, tüm ex Lectionibus D . Philippi Melanchthonis, tüm ex aliorum doctissimorum uirorum relationibus excèrpta, & nuper in ordinem ab eodem redacta Francofurti ad Moenum, per Martinum Lechler, impensis Simonis Huteri. Anno 1568. S.38ff. (Ein Ex. im Besitz der Koninklijke Bibliotheek im Haag. Die erste Auf lage erschien 1563.) Noui quendam nomine Faustum de Kundling, quod est paruum oppidum, patriae meae vicinum. Hic cum esset scholasticus Cracouiensis, ibi magiam didicerat, sicut ibi olim fuit eius magnus vsus, & ibidem fuerunt publicae eiusdem artis professiones. Vagabatur passim, dicebat arcana multa. Ille Venetijs cum vellet ostendere spectaculum, dixit se volaturum in coelum. Diabolus igitur subuexit eum, & afflixit adeó vt allisus humi penè exanimatus esset: sed tarnen non est mortuus. Ante paucos annos idem Joannes Faustus, postremo die sedit admodum mcestus in quodam pago ducatus Vuirtenbergensis. Hospes ipsum alloquitur, cur mcestus esset praeter morem & consuetudinem (erat alioqui turpissimus nebulo, inquinatissimae vitae, ita vt semel atque iterum penè interfectus sit propter libidines) ibi dixit hospiti in illo pago: Ne perterrefias hac nocte. Media nocte domus quassata est. Manè cüm Faustus non surgeret & iam esset ferè meridies, hospes adhibitis alijs, ingressus est in eius conclaue, inuenitque eum iacentem propre lectum inuersa facie, sic a diabolo interfectus. Viuens adhuc, habebat secum canem, qui erat diabolus, sicut iste nebulo qui scripsit De vanitate artium etiam habebat canem, secum currentem, qui erat diabolus. Hic Faustus in hoe oppido Vuittenberga euasit, cüm optimus Princeps Dux Ioannes dedisset mandata de illo capiendo. Sic Norinbergae etiam euasit, cüm iam inciperet prandere, aestuauit, surgitque statim, soluens quod hospiti debebat, vix autemvenerat ante portam, ibi veniuntlicto- res & de eo inquirunt. Idem Faustus Magus, turpissima bestia & cloaca multorum diabolorum, vanè gloriabatur de se, omnes victorias quas habuerunt Caesariani exercitus in Italia, esse partas per ipsum sua magia. Idque fuit men- dacium vanissimum. Id enim dico propter iuuentutem, ne statim talibus vanis hominibus assentiantur. *) Agrippas Schüler, Wier, verteidigt seinen Lehrer gegen diesen Vorwurf; Monsieur — so hieB das Tier — sei ein ganz gewöhnlicher Hund gewesen, er habe ihn oft an der Leine geführt, wenn er auf Agrippas Wan- derungen hinter diesem herging. (Wieri Opera Onmia Amsterdam, Petrus van den Berghe, 1660. S. 110 § 11 ff.). *) Nicht immer war Faust so glücklich. A m 17. Juli 1528 wurde aus Ingolstadt der Wahrsager, der sich Dr. Jörg Faustus voo Heidelberg nannte, aus der Stadt ausgewiesen, wobei die Furcht, welche solche Teufelsbündlér ihren Zeitgenossen einflöBten, wohl stark ans Licht trat, denn man forderte ihm vorherdas Versprechen ab, sich wegen dieser Tat an der stadtischen Obrigkeit nicht rachen zu wollen. Vergl. Ober- bayerisches Archiv Bd. XXXII S. 336. — Nach Tille, Faustsplitter Nr. 4.

8

DER HISTORISCHE FAUST

Melanchthons Bericht, der schon stark

mit sagenhaften Zügen vennischt ist,

wird durch einen seiner andern Schuier, den Heidelberger Professor Hermann Wilcken, der sich auch Witekind nennt, erganzt. Dieser veröffentiichte unter dem Pseudonym Augustin Lercheimer von Steinfelden im Jahre 1585 seine „Christlich bedencken und erjnnerung von Zauberey" worin er sich wiederholt mit Faust beschaftigt. Nur „eine weile" soll dieser sich in Wittenberg aufgehalten haben, was man geschenen lieB in der Hofmung, er werde sich durch die reine Lehre, die da ge- predigt wurde, bekehren. Als dies aber nicht geschah, sondern er sogar andere ver- führte, habe man ihn verhaften wollen, aber sein Geist habe ihn gewarnt, sodaB er entwischte *). I n dieser kurzen Zeit muB Faust die Bekanntschaft Melanchthons ge- macht haben, wenn er ihn wenigstens nicht, was ganz gut möglich war, von früher- her kannte. E r soll sich Fausts Feindschaft zugezogen haben, weil er ihn zu einem bessern Leben ermahnte. Faust soll ihm dann gedroht haben, er wolle ihm den Streich spielen, daB, wenn Melanchthon sich zu Tisch gesetzt habe, alle Pfannen in der Küche zum Schornstein hinausfliegen würden, sodaB er mit seinen Gasten nichts zu essen habe. Philippus aber soll ihm geantwortet haben, er „schiBe in seine kunst" , worauf Faus t das Kunststüc k bleiben HeB s ).

Es scheint sich hier um etwas Tatsachliches zu handeln, oder wenigstens um

etwas, das im Volke erzahlt wurde. Im Jahre 1581, also lange vor Lercheimer, teilt der Franziskaner Johann Nas, der eifrige Gegner der Reformation, diese Geschichte in etwas veranderter Form mit *). E s werde eine Geschichte erzahlt „von deB Phil.

Melanch. Weib

Zauberer Faustus gedroht, er wolle ihr durch seine Kunst die Würste aus der Küche verschwinden lassen; aber sie habe im Glauben gesprochen, sie traue dem getreuen Gott, daB er ihre Würste bewahren werde. „Und", erzahlt Nas mit einem Hieb auf den allein sehgmachenden Glauben, „also sagen sie, hab er nicht zaubern können, vor deB kleinen Weibleins groBem Glauben."

Die alteren Berichte geben Faust den Namen Georg, wahrend Melanchthon und

Lercheimer von Johann sprechen, wie bekanntlich auch die Volksbücher. Es mag

sein, daB Faust seinen Namen nach

nicht unmöglich, daB zwei Zauberer Faust kurz nach einander lebten, wodurch sich zugleich das bei Tritheim vorkommende „Faustus iunior" erklaren lieBe. Die Cha- rakterisierungen stimmen aber so genau überein, daB wir wohl annehmen müssen, daB sie sich auf eine Person beziehen. Auch ist nirgends von zwei Zauberern mit Namen Faust die Rede. — Für Fausts Geburtsort hat Lereheimer 6 ) die richtige Form Knütlingen.

Ein weiteres Zeugnis für die Existenz Fausts gibt der zu Grave in der nieder- landischen Provinz Brabant geborene Arzt Johann Wier, der berühmte Bekampfer

ihren groBen Glauben aufzubutzen". Eines Tages habe der

Belieben anderte. Robert Petsch 8 ) halt es

für

*) Abgedruckt im Kloster Bd. V S. 263 ff. s ) Vergl. Das Kloster S. 326. ») Vergl. Das Kloster V S. 315 ff.

*) In seiner Streitschrift Examen Chartaceae Lutherorum Concordiae, Das ist die AuBmusterung und

Widerlegung deB Concordibuchs

Ingolstadt 1581. Nach Adolf Hauffen. Euphorion V (1898) S. 468.

•) „Der historische Doctor Faust" Germanisch-Romanische Monatsschrift' Bd. II (1910) S. 99 ff. •) Das Kloster V S. 284.

DER HISTORISCHE FAUST

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der Hexenprozesse, in „Joannis Wieri de Praestigüsdaemonum.etincantationibus

Basileae, ex officina Oporiniana.

ac ueneficijs Libri sex, aucti et recogniti

1568" l ),

Die erste Auflage des Werkes erscbien 1563, die zweite 1564; i n letzterer wird

Faust nicht erwahnt und nach Düntzers Angabe 2 ) auch noch nicht in dem Druck des Jahres 1566. Ers t i n der angeführten vierten Auflage ist die Stelle S. 142 ein- geschaltet, welche hier folgen moge 8 ):

Joannes Faustus ex Kundling oppidulo oriundus, Cracouiae magiam, ubi olim docebatur palam, didicit, eamque paucis annis ante quadragesimum supra sesqui- millesimum, cum multorum admiratione, mendacijs et fraude multifaria in diuersis Germaniae locis exercuit. Inani jactantia et polücitationibus nihil non potuit. Exemplo uno artem ea conditione Lectori ostendam, ut se non imitaturum, mihi prius fidem faciat. Hic sceleris ergo captus Batoburgi in Mosae ripa ad Geldriae fines, barone Hermanno absente, mitius ab eius sacellano D. Ioanne Dorstenio tractabatur, quod huic uiro bono nee callido, plurium rerum cognitionemartesque uarias polliceretur. Hinc et tamdiu uinum, quo Faustus unice afficiebatur, promp- sit ille, donec uas euacuaretur. Quod ubi Faustus intelligeret, atque Grauiam sibi abeundum esse, ut raderetur barba, diceret alter, uinum is si adhuc curaret, artem denuo promittit singularem, qua citra nouaculae usum, tolleretur barba. Conditio- ne accepta, arsenico confricari eam citra ullam praeparationis mentionem iubet:

adhibitaque

cum carne exurerentur. Cum stomacho idem ille mihi facinus hoe non semel recensuit. Aüus mihi non incognitus, barba nigra, reliqua facie subobscura et me- lancholiam attestante (spleneticus enim erat) quum Faustum accederet, incunc- tanter hic ait: Profecto te sororium meum esse existimabam, propterea et pedes tuos mox obseruabam, num longae et incuruae in ijs prominerent ungulae: itahunc daemoni assimilans, quem ad se ingredi arbitraretur, eundemque sororium appel- lare consueuit. Hic tandem in pago ducatus Wirtenbergici inuentus fuit iuxta lectum mortuus inuersa facie et domo praecedenti nocte media quassata, ut fertur. Ludimoderator apud Goslarienses ex Fausti magi, uel uerius infausti mali doctrina instructus, modum quo carminibus in uitro coerceretur satan, didicit. Vt itaque impediretur a nemine, die quodam in syluam abijt: ubi in magica execra- tione aberranti apparuit daemon horrenda admodum forma, oculis flammeis, naribus ad cornu bubuli morem intortis, oblongis dentibus, aprinis non dissirnilibus, genis felem referentibus, et in uniuersum terribilis. Hoe idolo terrefactus hic prósternitur, iacetque horas aliquot semimortuus. Tandem respiranti nonnihil, atque ad ciuitatis portas progredienti, quidam famüiares obuij, uultus mutati, paÜorisque causam rogant. Hic tremens et uelut furibundus obmutuit, inde do- mum ducitur, ubi horrendos edere sonos et prorsus msanire coepit. Anno tandem exacto fari denuo incipit et ea specie sibi daemonem apparuisse narrat. Coenae uero

*) Ein Ex . im Besitz der Universitatsbibl. Amsterdam. ») Das Kloster Bd. V S. 64. •) In der Amsterdamer Ausgabe der „Opera omnia" (1660) bei Petrus van den Berghe findet sie sich S. 105—106, § 8 und § 9.

illinitione tanta successit inflammatio, ut non modo pili, sed et pellis

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DER HISTORISCHE FAUST

Dominicae communionem ubi tum celebrasset, tertio post die se Deo commendans, calamitosae huic uitae ualedixit. Die Stelle zeigt den EinfluB Melanchthons. Von ihm wurde Kundling als Ge- burtsort übernommen, sowie der geheimnisvolle Tod in einem württembergischen Dorfe. Auch die Erwahnung, Faust habe zu Krakau in Polen die Magie studiert, geht auf Melanchthon zurück. Letzteres wird sich wohl auf Unterricht in den An- fangen des Magnetismus, der Mechanik und Chemie beziehen, auf die sogenannte natürliche Magie, welche an einigen mittelalterUcheh Universiteiten gelehrt wurde. Offenbar hat Wiër zwischen 1566 und 1568 das Werk des Manlius kennen gelernt, sich durch den Namen Faust der Geschichten erinnert, die für ihn mit diesem Na- men verbunden waren und diese in die vierte Auflage seines Buches eingefügt. Die beiden Geschichten, besonders die von Fausts Aufenthalt in Batenburg ma- chen durchaus den Eindruck der Wahrheit. Aus welchem Grunde Faust verhaftet worden war, ist nicht angegeben, ebensowenig, wie lange er im Gefangnis saB. Man bekommt den Eindruck, daB die Gefangenschaft in Batenburg nicht besonders hart gewesen sein kann. Dorsten konnte ihn offenbar frei besuchen und ihm sogar regelmaBig Wein schicken. Überhaupt scheint das Verhaltnis zum Kaplan ein mehr oder weniger freundschaftliches gewesen zu sein, was um so mehr auffallt, als man gerade zur Zeit des Herzogs Karl in Gelderland gegen Zauberer und Hexen — und Faust wird doch wohl wegen seiner Zauberkünste in Haft gesessen haben — besonders strenge zu verfahren pflegte. Wiër behauptet, die Geschichte mehrmals aus Dorstens Mund gehört zu haben; er stammte namlich aus der Gegend von Batenburg und war 1505 in Grave geboren. Als Schuier des beriichtigten Agrippa von Nettesheim war er mit dem Leben und Trei- ben der fahrenden Schüler — und ein solcher war auch Faust — sehr gut vertraut. Spater studierte er in Paris und Orleans. U m das Jahr 1540 war er vermutlich in seiner Geburtsstadt Grave, welche etwa drei Stunden von Batenburg entfernt ist, als Arzt tatig. Nachdem er 1545—1552 das Amt eines Stadtmedikus in Arnheim be-

kleidet hatte, trat er i n den Dienst des Herzogs von Jülich-Cleve-Berg, als dessen Leibarzt er bis in sein hohes Alter tatig war. Seine Schrift über die Zauberei, in der er eine für die Zeit auBerst milde Auffassung in Bezug auf Hexen und Zauberer ver- tritt, wurde oft gedruckt und aus dem Lateinischen in die Landessprachen — aber

soweit mir bekannt ist, nicht

Werke gab im Jahre 1660 der Amsterdamer Buchdrucker Peter van den Berghe — Petrus Montanus— heraus. Der Ort von Fausts Gefangenschaft kann kein anderer gewesen sein als das SchloB Batenburg selbst. Die Herrschaft Batenburg gehörte als AUodium dem Ge- schlechte Bronckhorst. Im Jahre 1525 beim Tode Gisberts van Bronckhorst hatte Herzog Karl van Gelder SchloB und Herrschaft Batenburg mit Gewalt an sich ge-

ins Hollandische — übersetzt 1 ). Wiërs samtliche

i) Durch die Schrift machte er sich zahlreiche und machtige Feinde in der teufelsglaubigen Zeit. DaB ihn

Widman wegen seiner Gesinnung in dem Faustbuch des Jahres 1599 als Wagner persifliert — der bei ihm

darum den Namen Waiger und gelegentlich auch Weiger führt — wie Dirks glaubt (Über Widmans Volks- buch vom Doktor Faust. Greifswald 1919 S. 51), ist wohl nicht anzunehmen.

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bracht, welche am 7. Marz 1534 von dem von Wiër erwahnten Hermann van

Bronckhorst zurückgekauft wurden x ) und

Jahres den Lehenseid leistete a ). Erst nach dieser Zeit, also in Fausts letzten Le- bensjahren kann der Aufenthalt in Batenburg stattgefunden haben. Das SchloB Batenburg geriet am 26. Oktober 1794 durch Unvorsichtigkeit einer französischen Ambulanze in Brand 8 ), wobei auch das Archiv, das vielleicht über die Ursache von Fausts Verhaftung etwas Naheres hatte an den Tag bringen kön- nen, vernichtet wurde. Es wurde nach dem Brande von dem Besitzer, dem Graien von Bentheim Steinfurt, nicht mehr aufgebaut und existiert noch jetzt als Ruine. Von einer Fausttradition ist in Batenburg und Umgebung nichts bekannt.

Das Enthaarungsmittel, das Faust dem Dorsten empfahl, Arsenik, wird noch jetzt, aber natürlich prapariert, von den orthodoxen Juden zur Entfernung des Bartes gebraucht. Die Geschichte ist in das vermehrte, angeblich bei Johann SpieB in Frankfurt a. M. gedruckte Volksbuch des Jahres 1587 übergegangen, und zwar nach der deutschen Übersetzung von Wiërs Werk. Aus den kleinen Anderungen spricht die sichtliche Schadenfreude des Verfassers an dem „dem MeBpfaffen" ge- spielten schlimmen Streiche. Ich gebe die deutsche Übersetzung der Frankfurter Ausgabe des Jahres 1586 4 ) neben dem Text des Volksbuchs, beides nach Robert Petsch „Das Volksbuch von Doctor Faust", resp. S. 227 und S. 146.

wofür dieser am 29. September dieses

D. Faustus schieret einem Mefipfaffen den Bart vnseuberlich.

Als vff ein zeit dieser schwartzkünst- ler Faustus seiner bêsen stick halben zu Battoburg, welches an der Mose ligt, vnd mit dem Hertzogthumb Geldern grentzet, in abwesen Graff Hermans inn hafften kommen, hat jhme der Capellan deB orts, Herr Johan Dorstenius, ein frommer einfalti- ger manne, viel üebs vnnd guts erzeiget, allein der vrsach halben, dieweil er jme bey trewen vnd glauben zugesagt, er wölte jhn viel guter Künste lehren, vnd zu einem auBbündigen erfahrnen manne machen.

Als auff eine zeit Doe. Faustus zu Battoburg, welchs an der Mose ligt, vnd mit dem Hertzogthumb Geldern grent- zet, in abwesen Graff Hermanns ohnge- fehr in gefangniB kommen,

hat jhme der Capellan des orths, Jo- hann Dorstenius, vil liebs vnd guts er- zeigt, allein der vrsachen halben, diewiel er, Faustus, jme, dem Pfaffen, zugesagt, er wolte jhn viel guter künste lehren, vnd zu einem auBbündigen erfahrnen Mann machen.

*) W. A . van Spaen, Oordeelkundige Inleiding tot de Historie van Gelderland, Eerste Deel. Te Utrecht, Bij B. Wild en J . Altheer, 1801. S. 318. ») XIV Boeken van Geldersse Geschiedenissen Door Arend van Slichtenhorst. TArnhem, By Jacob

van Biesen

') De vier Batenburgen en Batenburg. Eene bijdrage tot de Vaderlandsche Geschiedenis en litteratuur door J . M. Pfeil. Utrecht. N . de Zwaan. S. 78. ') Theatrum de Veneficis. Bd. II S. 93.

1654. Buch XI S. 420.

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DER HISTORISCHE FAUST

Derohalben, dieweil er sahe, daB Faustus dem Trunck sehr geneigt war, schickte er jme von hauB auB so lang Wein zu, biB das faBlein nachlieB vnd gar leer wurd. Da aber der Zauberer Faustus das mercket, vnd der Capellan auch sich an- nahm, er wolte gen Grauen gehen vnd sich daselbst barbieren lassen, liesse er sich hóren, warm er jm mehr weins ge- ben wolte, so wólt er jhn ein kunst leh- ren, daB er on schermesser vnd alles deB barts abkommen solte. Da nun der Caplan das gleich ein- gienge, hieB er jhn schlecht auB der Apotecken hinnemmen Arsenicum, vnd damit den bart vnd kinne wol reiben, vnd gedachte mit keinem wórtlein nit, daB ers zuuor bereiten, vnd mit andern zusetzen brechen solte Jassen. So bald er aber das gethan, hat jme gleich das kinne dermassen angefangen zu hitzen vnd zu brennen, daB nit allein die haar jm auBgefallen, sondern auch die haut mit sampt dem fleisch gar abgangen ist. DiB Bubenstücklein hat mir der Cap- lan mehr dann ein mal, aber allweg mit bewegtem mut selbst erzelet.

So bald der Pfaff das gethan, hatt jhme gleich das Kinne dermassen anfan- gen zu hitzen vnd brennen, das nicht al- lein die haar jhme ausgefallen, sondern auch die haut mit sampt dem fleisch gar abgangen ist. Ich meine das hieB dem Pfaffen den Bart scheren vnd den Wein zahlen. Fausti Mephostophiles kame bald dar- auff vnd lösete jhn auB der Gefancknifl vnd fuhre mit jhm daruon.

Nicht weniger glaubhaft klingt die zweite Erzahlung, Faust habe einen von Wièrs Bekannten im ersten Augenblick für den Teufel, den er seinen Schwager nannte, gehalten. E r scheint also aus seinem Teufelsbund kein Hehl gemacht, sondern sich dessen öffentlich gerühm t zu haben, aus keinem andern Grunde natür - lich als um den einfachen Leuten zu imponieren. Wiër, der die Einzelheiten über Fausts Tod offenbar Melanchthon verdankt, mildert doch dessen Bericht, indem er die nachdrückliche Mitteilung, der Teufel habe ihm den Hals umgedreht 1 ), fortlaBt und nur berichtet, Faust sei mit umge- drehtem Halse tot neben seinem Bette gefunden worden.

Da nuhn der Pfaff begierig war solch kunststück zuhóren, sagte Faustus, er solte nur auB der Apoteck Arsenicum holen lassen, vnd den Bart vnd Kinne wol darmit reiben,

Derohalben, dieweil er sahe, das Faustus dem trunck sehr geneyget ware, schicket er jme auB seinem HauB so lang guten Wein zu, biB das FaBlin schier nachlieB vnnd gar lahr wurde. Als nuhn eines tages der Pfaff zum Fausto kame,vnd vnter anderm sagte, er wolte gehn Grauen gehn, vnd sich da- selbstBarbieren lassen, sagte D. Faustus, er wolte jhn eine kunst lehren, das er ohne Schermesser deB Barts gantz solte abkommen.

J ) Dies war von alters her die Wei9e, wie der Teufel mit Hezen und Zauberern zu verfahren pflegte. Im Jahre 1529 wird aus der Stadt Zalt-Bommel der Rechenkammer in Arnheim berichtet, eine eingesperrte Zauberin sei tot im Gefangnis gefunden worden, wo ihr „dye duyvel den hals hadde gebroicken". Vergl. G . van Hasselt's Arnhemsche Oudheden, deel II. Te Arnhem Bij J . H . Moeleman junior 1804. S. 137.

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Ob der Goslarer Schulmeister durch Faust selbst in der Kunst unterrichtet wur- de, oder eine Beschwörungsformel gebrauchte, die mit Recht oder mit Unrecht Faust zugeschrieben wurde, ist nicht recht deutlich*), Überhaupt ist der Autor hier weniger bestimmt; er teilt auch nicht mit, daB er die betreffende Person ge- kannt oder die Geschichte aus deren eigenem Munde gehort habe. Das Bannen von Geistem in Ringe oder Glaser war im Mittelalter und noch lange Zeit darüberhinaus sehr gebrauchlich a ). Noch in den siebziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts sah man auf den Jahrmarkten in Westdeutschland Hollander, die einsogenanntes „manneken von Amsterdam" — eine Hummel oder eine Fliege in einem Glase — prophezeihen lieBen, berichtet Jostes *). Es scheint mir nicht unwahrscheinlich, daB ein Zusammenhang besteht zwischen Fausts Besuch an Batenburg und seinen beiden vor dem Grafen von Anhalt ver- übten Streichen. Eines Tages im Monat Januar, berichtet SpieB 4 ), sei Faust zu dem Grafen von Anhalt, „so jetzundt Fürsten seind", gekommen. Bei Tisch habe er die Grafin ge- fragt, was sie jetzt wohl am liebsten essen möchte. Als sie darauf antwortete, frische Trauben und Obst würde sie, wenn es nicht Winter ware, gern haben, nahm Faust zwei silberne Schüsseln, steilte diese vor das Fenster und nach einer halben Stunde war die eine mit roten und weiBen Trauben, die andere mit reifen Apfein und Bir- nen gefüllt, welche die Grafin mit vielem Behagen verzehrte. „Der Fürst von An- halt kundte nicht furvber zufragen, wie es ein gestallt vnnd gelegenheit mit den Trauben vnd Obs gehabt". Da erklarte ihm Faust, „in Saba India, vnndrecht Mor- genland, da steigt die Sonne nider, vnnd haben sie daselbsten den Sommer". Nun habe er seinen Diener, der ein geschwinder Geist sei, dahingeschickt die reifen Früchte zu holen. „Solchem hórte der Fürst mit grosser Verwunderung zu", was natürüch kein Wunder war.

») Einen sogenannten Höllenzwang Fausts druckt Seheible im Kloster Bd. V. S. 1107 ff. ab. lierkwürdig ist das Vorwort, das von keinem geringeren als vom Papst Alexander VI . (1492—1503) herrübrensoll,

worin dieser erklart, das Original im Jahre 1540 vom Grafen Arnold von Bentheim erhalten zu haben, wel-

cher es seinerseits dem Baron und Bischof(!) Hermann von Batenburg

dafi der Papst das Vorwort des Büchelchens, dessen Manuskript er erst 1540 erhalten haben will, 1501, im zweiten Jahre seines Pontifikats(!), datiert. Die naheren Einzelheiten über Batenburg sind wörthch

. Was der Graf von Bentheim Steinfurt mit dem HöUenzwang zu schaffen hat, ist nicht recht klar. WulJte der Verfasser vielleicht, dafl dessen Geschlecht in den Besitz der Herrschaft Batenburg gelangt war? Dies war namlich i m Jahre 1701 geschehen. Das Büchelchen muB dann erst nach dieser Zeit und nicht, wie der Verfasser angibt, im Jahre 1680 gedruckt worden sein. Ahnliche Schriften, die ein Einschreiten der Behörden hervorrufen konnten, wurden oft vordatiert. ») l m Jahre 1548 wurde in Arnheim „Jacob Judocj de Rose van Cortrick" verhaftet. E r gestand vor dem Richter einen Ring mit einem beschwornen Teufel zu haben. Weiter fand man „sekere geschreuen boecken inhoudende verscheydea touerien en onbehoirliche coniuratien" in seinem Besitz. Das — sehr milde — Urteil lautete: der Ring sollte öffentlich mit einem Hammer zertrümmert und die Zauberbücher sollten verbrannt werden, alles in seiner Gegenwart. Danach folgte Verbannung aus Gelderland und Zutfen. Jakob de Roos war ein verstockter Sünder: 1562 treibt er Zauberei in Deventer und wird auch da ausgewiesen. Dasselbe war bereits in Breda und Vlissingen geschehen. Vergl. Bijdragen voor Vaderlandsche Geschiedenis en Oud- heidkunde, verzameld en uitgegeven door Mr. Is. An. Nijhoff, Archivaris van Gelderland. Nieuwe Reeks.

aus Wiër entnommen.

verdanke. A m sonderbarsten ist,

Eerste Deel. Te Arnhem , Bij Is . An . Nijhoff en Zoon, s ) „Die Einführung des Mephistopheles in Goethes ' r ') Kap. 44 in der Ausgabe Petsch.

1859. S. 194 ff.

Faust."

Euphorion Bd . III (1896) S. 744.

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Kapitel XLlVa erzahlt,wie Faust eines Tages den Grafen gebeten habe,mit ihm zur Stadt hinauszugehen, so wolle er ihm ein SchloB zeigen, das er wahrend der Nacht erbaut habe. Nicht nur der Graf selbst, sondern auch seine Gemahlin und das „Frawen Zimmer" gingen mit und auf einem „Berg" vor dem Tore, dem„ Rohmbü- hel" genannt, sahen sie ein prachtvolles SchloB „mit Zauberey also formiert". Einen auBerordentlich reichüchen ImbiB hatte Faust hier seinen Gasten bereitet; als sie aber nach Hause zuriickkehrten, hatten sie ein Gefühl, als hatten sie gar nichts gegessen und als sie wieder in den Hof einritten, „da giengen auB gemeldts Doet. Fausti SchloB grausame BüchsenschüB", es brannte Hchterloh bis es ganz verschwunden war. Da kam Faust wieder zu dem Grafen, der ihn spater „mit etlich hundert Thalern verehrt, vnd wiederumb fortziehen liesse." Von dem Grafen, be- richtet Kapitel XLV, reiste Faust wieder nach Wittenberg, wo er zur Fastnachtzeit neue Streiche veriibte. Es ist deutlich, daB Faust ursprünghch vor einem Grafen seine Zauberkunst aus- geübt haben muB. SpieB spricht immer von dem Grafen und nur zweimal von dem Fürsten von Anhalt. Die Wolfenbüttler Handschrift, welche immer den Titel Fürst anwendet, hat doch als Überschrift des betreffenden Kapitels: „Aben- theuer an des Grafen von Anhalt hoff getriben". Der Verfasser des SpieBschen Volksbuchs stellt die Sache nun so dar, alsob zu Fausts Zeit die Herren von Anhalt noch Grafen gewesen waren. Schon Lercheimer *) aber wirft im Jahre 1597 dem „lecker'' vor, daB er „seine lügen vnd vnwissenheit damit entdecket daB er schreibet Faust sey bey den Grauen von Anhald gewesen vnd hab da gegauckelt, so doch die- selbige Herren nun über 500 jar Fürsten vnd nicht Grauen sind: den Faust aber hat der teufel erst vor 60 jaren geholt". Der Bearbeiter der Fassung c 1 *) spricht denn auch von dem „Fürsten zu Anhalt, Graven zu Ascanien"; letzteres vermutlich, um den Grafen, der nun einmal mit den Streichen verbunden war, für die Geschichte zu retten. Im Laufe der Erzahlung redet er von dem Fürsten, irrt sich aber im nach- sten Kapitel, wo er ein paarmal von dem Grafen spricht. Ursprünglich also ist ohne Zweifel von einem Grafen die Rede gewesen; ein Graf von Anhalt kann nicht in Betracht kommen, eher aber ein Graf von Anholt. Als Faust von dem Grafen Abschied nahm, berichtet SpieB, bat er diesen mit ihm vor das Tor zu gehen, „da er jhne ein Castell oder SchloB wolt sehen lassen, so er diese Nacht auff sein Gut vnd Herrschafft gebawet". Wenn das Wort „Herr- schaft" hier in der spateren Bedeutung von der „eines kleinen, nicht souveranen Gebietes" zu fassen ist, so kann es sich nicht auf Anhalt beziehen, denn dies war ein Fürstentum, wohl aber auf Anholt, das zum alten Herzogtum Gelre gehorte. Die Erzahlung macht den Eindruck, daB der Name der Stadt derselbe war wie der des Gebietes; eine Stadt Anhalt nun gab es nicht, wohl aber ein Stadtchen Anholt. Die Herrschaft Anholt war ein Besitztum des Geschlechtes Bronckhorst und ge-

*) In der dritten Auflage seines „Christlich bedencken." Vergl. Petscb, Das Volksbuch vom Doctor Faust, S. 244. *) Ausgabe Fritz, S. 79.

DER HISTORISCHE FAUST

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hörte eine Zeitlang Hermann van Bronckhorst, der auch den Titel eines Herrn von Anholt führte. Hermann van Bronckhorst war kein Graf, obgleich er im „Thea-

trum de Veneficis" so genannt

Bronckhorst von Karl V. im Jahre 1540 in den Grafenstand erhoben. Vermutlich spielte Faust seine Streiche also nicht vor dem Fürsten von Anhalt,

sondern vor dem Herrn von Anholt. DaB die Geschichte von einem Grafen redet, ist wohl so zu erklaren, daB zur Zeit, wcsie aufgezeichnet wurde—und daB dies der Fall gewesen ist, berichtet die Wolfenbüttler Handschrift nachdrücküch — in der Tat ein Graf von Anholt auf dem Schlosse residierte. Auf ihrem weiteren Umlauf wurde dann das unbekannte Anholt durch das allgemein bekannte Anhalt ersetzt,

wobei aber der Grafentitel noch den ursprünglichen Sachverhalt verrat 2 ).

Ob die beiden Streiche — oder besser gesagt, das was zu der Entstehung der beiden Geschichten Veranlassung gab — in Gegenwart Hermanns van Bronckhorst

selbst oder vor einem von dessen Verwandten stattfanden, laBt sich schwerüch mehr entscheiden. DaB Faust zu Hermann van Bronckhorst Beziehungen hatte,

laBt sich wohl aus Wiër schlieBen. D a Baron Hermann abwesend war, sperrte man

den Zauberer ein, berichtet er und das nicht auf kurze Zeit, denn der Kaplan scnickte ihm so lange Wein, bis das FaB leer war. Warum wollte man Hermann van Bronckhorst selbst über den erwischten Zauberer richten lassen? Hat dieser sich vielleicht auf den Herrn von Batenburg berufen, den oder dessen nahe Verwandte er persönlich zu kennen vorgegeben habe? Und ist vielleicht dadurch die milde Ge- fangenschaft in Batenburg zu erklaren? Faust scheint sich auch dem Baron Her- mann gegenüber zienüich sicher gefühlt zu haben, denn sonst hatte er nicht den frechen Mut gehabt, einen von dessen Untertanen so übel zuzurichten, wie er es nach Wiërs Bericht den Kaplan Dorsten tat. Und hat der berüchtigte Schwarz- künstler vielleicht deshalb seine Schritte nach dem entlegenen Batenburg gelenkt, weil persönliche Beziehungen zu dem SchloBherrn Hermann van Bronckhorst ihn dazu verahlaBten? Vor dem Stadttor „auff einem Berg, der Rohmbühel genannt" soll Faust seinZau- berschloB gebaut haben, berichtet SpieB. Die Wolfenbüttler Handschrift nennt den Ort „den Rennbühell". Soweit mir bekannt wurde, gibt es eine Ortschaft dieses Namens in der Gegend von Anholt nicht, was natürlich nicht sagen will, daB sie nicht zu Fausts Zeit existiert haben kann. Wenn der Name im Anhaltischen nach- gewiesen werden könnte, wurde dies natürlich sehr zugunsten von Anhalt sprechen. In der stillschweigenden Voraussetzung, daB SpieB, und nicht die als die altere Re- daktion betrachtete Wolfenbüttler Handschrift den Namen richtig überliefert, halt Petsch 8 ) es für möghch, daB die von Hey und Schulze *) erwahnte, in der

wird 1 ), wohl

aber wurde sein Verwandter Jost van

•) Vergl. S. 11.

•) DaB das englische Faustbuch von dem Herzog von Anholt spricht (vergl. The English Faust-Book of

1592 edited with an Introduction

hat kaum Bedeutung, da der englische Bearbeiter P. F . oft die Eigennamen andert, sodaB man wohl anneh- men muB, daB er durch Zufall das Richtige getroffen hat. ') S. 89 Anmerkung. «) Die Siedelungen in Anhalt, Halle a. S. (1905) S. 85.

and

Notes by H . Logeman Ph. D. Gand & Amsterdam 1900, S. 92),

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DER HISTORISCHE FAUST

Nahe von Dessau liegende Wüstung Rodebille mit dem Rohmbühel des Faust- buchs identisch sein könnte. In der Tat kommt der Name des ehemaligen Dorfes Rodebille, welchen noch jetzt ein Hausgrundstück an der unmittelbaren Westgren- ze der Stadt Dessau führt, l ) seit der Mitte des dreizehnten Jahrhunderts wiederholt in den Urkunden vor. Das Faustbuch berichtet aber nachdrücklich, daö der Rohm- bühel „ein Berg" war, was übrigens auch das Wort selbst besagt. Das zu Fausts Zeit als Schaferei bekannte Rodebille aber liegt in durchaus ebenem Gelande und kann also schwerlich als der in den Volksbüchern erwahnte Rennbühel oder Rohm- bühel in Betracht gezogen werden. Vor dem Jahre 1540 soll Faust nach Wiërs Angabe verschollen gewesen sein. Ob er diese Jahreszahl selbstandig ansetzt, oder eine schriftliche Quelle dafür vor- fand, laBt sich nicht mit Sicherheit entscheiden. Vermutlich ist sie dem Bericht des Arztes Phüipp Begardi entnommen, der in seinem „Index Sanitatis " über Faust als über einen Verstorbenen zu sprechen scheint a ). Das Werk nun erschien im Jahre 1539. Melanchthons und Wiërs übereinstimmender Bericht über Fausts Tod wird be- statigt und erganzt durch die sogenannte Zimmernsche Chronik. In den Jahren 1564—1566 schrieben die Grafen Wilhelm Werner und semNeffeFrobenChristoph von Zimmern die Annalen ihres Geschlechtes. In dieser Chronik *) wird auch, und sogar zweimal, Fausts Tod erwahnt, zuerst in einem kürzeren, spater in einem aus- führlicheren Bericht. Ich zitiere die letztere Stelle, wo es heiBt: „Es ist auch umb die zeit der Faustus z u oder doch ni t weit von Staufen, dem stettlin i m Breisgew *), gestorben. Der ist bei seiner zeit ein wunderbarlicher nigromanta gewest, als er bei unsern zeiten hat mógen in deutschen landen erfunden werden, der auch sovil seltzamer hendel gehapt hin und wider, das sein in vil jaren nit leuchtiichen wurt vergessen werden. Ist ain alter mann worden und, wie man sagt, ellengclichen ge- storben. Vil haben allerhandt anzeigungen und vermuetungen nach vermaint, der bos gaist, den er in seinen lebzeiten nur sein schwager genannt, habe ine umb- bracht. Die büecher, die er verlasen, sein dem herren von Staufen, in dessen herr- schafft er abgangen, zu handen worden, darumb doch hernach vil leut haben ge- worben und daran meins erachtens ein sorgclichen und unglückhaftigen schat z und gabe begert." Die an sich unbedeutende Angabe bei Wiër, daB Faust den Teufel „Schwager" nannte, wird also durch die Chronik bestatigt. Die Ubereinstimmung in solchen Kleinigkeiten spricht sehr für die Richtigkeit von Wiërs Bericht. Wichtig ist die Angabe bei Zimmern, daB Faust Bücher hinterlassen habe. Ob das Handschriften waren, die er selbst verfaBt hatte — nach dem Volksbuch soll

') Die Einzelheiten betreffende Rodebille verdanke ich der Gfite des Herrn Prof. Rammelt in Dessau. *) Tille, Faustsplitter, Nr. 6. •) Herausgegeben in der Bibliothek des Liter. Vereins Bd. XCI; man vergl. die beiden Stellen über Faust, S. 555 und 604. *) Zwischen Melanchthons Angabe, Faust sei in einem württembergischen Dorfe vom Teufel geholt worden, und der Zimmernschen Chronik, er sei in der Nahe von Staufen in Baden gestorben, bes teht also ein Widerspruch.

DER HISTORISCHE FAUST

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er selbst Bücher geschrieben haben — óder ob es Zauberbücher waren, welche zu Fausts Zeit schon massenhaft handschriftlich oder gedruckt im Umlauf waren, laBt sich nicht feststellen. Der Spiritist Kiesewetter nimmt an, daB Faust in der Tat Beschwörungsbücher verfaBt hat und daB von den zahlreichen unter Fausts Namen verbreiteten Zauberbüchern wenigstens ein Teil „relativ echt" ist Ernest Faligan *) halt die Frage, ob Faust Bücher geschrieben habe, für bedeu- tungslos, weil die Schriften eines solchen Autors doch keinen Glauben verdient

hatten. Es ware aber doch höchst interessant zu wissen, wie Faust selbst über seine Kunst urteilte und es würde auch die Eins icht in seine Persönlichkeit in nicht ge- ringem MaBe erhöhen. Die Schriften seien dem Herrn von Staufen verfallen, be- richtet die Zimmernsche Chronik. Dieser Herr von Staufen war Graf Johann Ludwig von Staufen. Dessen Bruder, Anton, der ihm 1546 in der Herrschaft folgte, und der noch zur Zeit der Abfassung der Chronik regierte, war wahrscheinlich Alchimist "). Zwischen den Herren von Staufen und den Verfassern der Zimmernschen Chronik bestanden enge verwandtschaftliche Beziehungen, sodaB man wohl annehmen muB, daB letztere gut unterrichtet gewesen sind. Als das Wirtshaus, wo Faust nach der Angabe bei Manlius umgekommen sein soll, betrachtet Blume den noch jetzt

existierenden Gasthof zum Löwen i n

Staufen.

Einige der altesten Berichte über Faust setzen ihn in Beziehung zu der Stadt

Heidelberg: 1507 wird Georgius Sabellicus Faustus in Heidelberg erwartet, 1513 spricht Mutianus Rufus von Georg Faust dem Heidelberger, 1528 wird Georg

Faust von Heidelberg aus Ingolstadt ausgewiesen

Faust könnte sich auf der Universitat Heidelberg einige Zeit herumgetrieben haben. Das scheint in der Tat der Fall gewesen zu sein. Am 3. Dezember 1505 wurde in die Matrikel ein Johannes Fust aus „Symmern" in der Diözese Mainz eingetragen 8 ), welcher am 15. Januar 1509 unter dem Dekanat des Magisters Laurentius Wolff

aus Speier das Baccalaureat der Philosophie erhielt. Mit ihm sind in derselben Pro- motion noch fünfzehn andere angeführt. Diese Promotion scheint ihren Nieder- schlag im Volksbuch gefunden zu haben, wo im ersten Kapitel berichtet wird, daB Faust neben sechzehn andern Magistern examiniert worden sei, wobei er sich den andern weit an Kenntnissen überlegen gezeigt habe, sodaB er bald danach den Titel eines Doctors der Theologie erhalten habe. Das in den Akten der Heidelberger

Universitat genannte „Simern'.'

Stadtchen dieses Namens. Dahin aber weisen keine Spuren von Fausts Tatigkeit, sodaB Kiesewetter 6 ) als Simmern nicht die Stadt, sondern das ehemaligeFürsten- tum Pfalz-Simmern betrachtet, in dessen Nahe das Stadtchen Knittlingen liegt.

Schon Düntzer *) vermutete,

ist das i m Regierungsbezirk Koblenz gelegene

*) Faust in der Geschichte und Tradition S. 263. *) Histoire de la Légende de Faust. Paris. Librairie Hachette 1887 S. 156. *) Vergl. Alemannia, Zeitschrift für alemannische und frankische Geschichte, Volkskunde, Kunst und Sprache Bd. 42—43 (1915) „Die Sagen vom Dr. Faust in Staufen" S. 37 und „Geschichte des Gasthauses zum Löwen" S. 141 von Rudolf Blume. 4 ) Das Kloster V S. 37. 6 ) Gustav Toepke, Die Matrikel der Universitat Heidelberg, 1884, Teil I, S. 457. 6 ) Faust in der Geschichte und Tradition, S. 11.

Van 't Hooft, Faustbuch

2

18

DER HISTORISCHE

FAUST

Witkowski x ) weist darauf hin, daB dieses nicht zur Diözese Mainz, sondern zu Speier gehort habe. DaB also der in der Heidelberger Matrikel angeführte Studiosus mit dem Schwarzkünstler identisch ist, ist zweifelhaft, obgleich die Erwahnung der Promotion im Volksbuch recht auffallig bleibt. Wie verhalten sich zu diesen historischen Tatsachen die Jahreszahlen der Volks- bücher? Das alteste gedruckte Faustbuch hat kein einziges Datum. Erst die Aus- gabe 1589, die sogenannte C-Fassung hat als Fausts Geburtsjahr 1491. Dies kann

aber schwerlich richtig sein, denn danach ware Faust im Jahre 1506, als Tritheim ihn in Gelnhausen traf, erst ein fünfzehnjahriger Knabe gewesen. Das Geburts-

jahr wird denn

Schmidt *) um das Jahr 1480 — angesetzt. Reicheres chronologisches Material als das alte Volksbuch bringt Widman in seinem Faustbuch vom Jahre 1599 3 ), in dem übrigens Fausts Geburtsjahr viel spater fallt. Einige seiner Angaben stim- men auffallig zu den historischen Zeugnissen, wenn man wenigstens an dem Geburtsjahr des alten Volksbuchs, 1491, festhalt. In seinem 16. Jahre soll Faust schon nach Zauberei getrachtet haben; das Auf- treten in Gelnhausen würde dann in die allererste Zeit dieses Strebens fallen. Im 4. Jahr darauf wird er Doktor der Medizin, nachdem er anderthalb Jahre früher in der Theologie promoviert hatte; letzteres könnte zu der Heidelberger Promotion im Jahre 1509 stimmen. Zwei Jahre treibt er Zauberei ohne Pakt, danach schlieBt er ein Teufelsbündnis von 24 Jahren *) und bekommt — nur bei Widman — ein Jahr Frist. Nimmt man an, daB die 2 Jahre, die Faust Zauberei treibt, ohne ein formelles Teufelsbündnis abgescblossen zu haben, nach seiner Promotion als Arzt fallen, was wohl in Übereinstimmung mit dëm altesten Volksbuch ist, so bekommt man für sein Alter 47 Jahre und nicht 41 wie Widman. Nimmt man das Geburtsjahr 1491 als richtig an, so ware Faust um das Jahr 1538 gestorben, was mit Wiërs Angabe, er sei vor dem Jahre 1540 verschollen géwesen, übereinstimmt. Noch besser aber stimmt die Zeitangabe zu den Jahreszahlen des hollandischen Faustbuchs, das um das Jahr 1800 mit der Adresse ,,T' Amsterdam, By Hismanius vande Rumpel, ontrent het oud steenhuis in de Lyn-straet" er- scheint. Die Jahreszahlen im hollandischen Faustbuch werden gern auf den nüchternen Sinn des hollandischen Lesers zurückgeführt, aber mit Unrecht: alle alteren Faust- bücher haben nur eine Zeitangabe, namlich 1491, Fausts Geburtsjahr, und dies nicht selbstandig, sondern nach dem Vorbüde des deutschen Originals. Erst die Ausgabe Van de Rumpel hat als Datum von Fausts erster Verschreibung 23. Okto- ber 1514, die zweite findet am 3. August 1531 statt, wahrend der Teufel Faust in der Nacht yom 23. zum 24. Oktober 1538 zwischen zwölf und eins holt. Als der Be- arbeiter kommt der Drucker selbst, Peter Anton Kimpe in Gent, in Betracht

auch von den meisten Faustiorschern früher — u.a. von Er ich

') Deutsche Zeitschr. fü r Geschichtswissenschaft.

Neue Folge. U Jahrg. 1896/97, S. 298 „Der historische

Faust". 2 ) Faust und das sechzehnte Jahrhundert. Goethe-Jahrbuch III S. 77 ff. s ) Teil III. Kap. 12. *) In der Verschreibung selbst (Teil I K . 10) ist von einem zwanzigjahrigen Pakt die Rede.

DER HISTORISCHE FAUST

19

und von diesem würden die drei Jahreszahlen, „ohne welche der Übersetzer wie es scheint, das Buch seinen Landsleuten nicht darzubieten zu dürfen glaubte" 1 ), ein- geschaltet. Der Verfasser ging wohl von der Jahreszahl 1538 aus; der erste Pakt mufite natürlich 24 Jahre früher stattfinden. DaB Kimpe das Todesjahr nach Widmans Angaben berechnet hatte, ist wohl ausgeschlossen. Es braucht aber auch nicht an Zufall gedacht zu werden. Der Bearbeiter kannte wohl das merk- würdige Wagnerbuch, das im ersten Drittel des achtzehnten Jahrhunderts in Antwerpen erschienen war a ). Wagner wird da „met sijn eygen Sweert in Huts- pot gekapt, op den 8 May 1570, als wanneer sijnen tydt precies om was". Der Pakt war denn auch den 8. Mai l 540 abgeschlossen worden. E r fand, wie das Wagner- buch angibt, nach dem Tode von Wagners Herrn statt. Der Verfasser der Ausgabe Van de Rumpel setzt nun Fausts Todesjahr zwei Jahre früher an und erhalt die Jahreszahl 1538 *). Wie kommt aber der Verfasser des Antwerpener Wagnerbuchs zu der Jahres- zahl 1540 für Wagners Pakt? Vermutlich durch Wiër, den er wohl gekannt haben wird. E r war ein Gebildeter, der Latein verstand, denn er zitiert einige Male latei- nische Werke.

l ) Vergl. Düntzer, Das Kloster V, S. 98. *) Het vermakelyck Leven en de schroomelycke Doodt van Christoffel Wagenaer, den vermaerden Toove- naer Den welcken D. Faustus zynen Heer en Meester verre te boven gegaen heeft, in alle soorten van aerdige konsten ende Boeveryen; die hy door hulpe des duyvels gedaen heeft. Men vindtse te koop: T'Antwerpen, By de Weduwe van Hendrick Thieullier, in de Wolstraet. (Ein Ex. besitzt die PreuBische Staatsbibliothek.) ') Die Jahreszahl 1538 als Fausts Todesjahr findet sich nach Düntzers Angabe — Das Kloster V, S. 98 —

auch in dem englischen Faustbuch des Jahres 1594 „The second report of Doctor John Faustus druckt in „A Collection of Early Prose Romances" herausgegeben von W. J. Thoms. (1827).-

" abge-

ZWEITER ABSCHNITT

DIE DEUTSCHEN VOLKSBÜCHER VOM DOKTOR FAUST

II

en

Roman,

faut revenir a cpnclure, qu'il ne s'agit ioi que d'un misérable

imaginé

pour réjouii

& effraïer la populace. MARCHAND, Dictionaire Historique.

Die Zimmernsche Chronik hatte richtig eingesehen, daB von Fausts „vilen wun- derbarüchen Sachen, die er bei seinem leben geiebt, ein besonderer tractat wer zu machen." Im Jahre 1587 erschien bei dem streng lutherischen Verleger Johann SpieB *) i n Frankfurt am Main, „Nach dem nun viel Jar her ein gemeine vnd grosse Sag i n Teutschlandt von Doet. Johannis Fausti, deB weitbeschreyten Zauberers vnnd Schwartzkünstlers mancherley Abenthewren gewesen", die „Historia von D. Johann Fausten". Der Verfasser nennt seinen Namen nicht; SpieB erhielt das Manuskript aus

Speier. O b der

Aufzeichnungen über seinen Schüler Faust hinterUeB, wie Kiesewetter a ) vermutet, oder ob Wilhelm Werner von Zimmern, einer der beiden Verfasser der Zimmernschen Chronik, der 1529—1554 als Mitglied des Reichskammergerichts i n Speier tatig war, etwas über Faust vermittelt hat, wie Blume *) annimmt, ist beides unsicher. Der eigentlichen Historia geht eine Widmung des Buchdruckers an zwei ehema- lige Schulfreunde, sowie eine fromme Einleitung voran. Faust erscheint jetzt als im Weimarischen geboren. Ein reicher Vetter in Wittenberg iummt ihn zu sich und laBt ihn, da er „ein trefflich ingenium vnnd memoriam" zeigt, Theologie studieren. Er erhalt den Doktortitel als der erste von siebzehn Magistern. Aber Faust hat auch „einen thummen, vnsinnigen vnnd hoffertigen Kopff". E r gerat in schlechte Gesellschaft, vernachlassigt die Bibel und studiert allerhand Zauberbücher. Schnell geht es jetzt die abschüssige Bahn hinunter: er wül kein Theologe mehr heiBen, sondern nennt sich Doctor der Medizin und wird ein Weltmensch. Mit Hüfe der Zauberbücher beschwört er auf einem Kreuzweg in der Nahe von Wittenberg den Teufel *). Ei n Pak t kommt zustande: 24 Jahre soll Mephostophiles, „ein Diener

Heidelberger Rektor Laurentius Wolff, der aus Speier stammte,

l ) Vergl. über ihn Friedrich Zarncke, „Johann SpieB und sein Verlag" i n der AUg. Zeitung 1883, Beilage

246.

Auch i n die Goetheschriften aufgenommen.

 

»)

S.

10.

»)

Vergl. Alemannia . Bd . 42—43 (1915), S . 141 un d Euphorio n 26 (1925)

S. 9 ff.

4 )

Das Volksbuch gibt der i m Vorwort gemachten Angabe gemaB Fausts

Beschwörungsformel nicht an .

DIE DEUTSCHEN VOLKSBÜCHER VOM DOKTOR FAUST

21

des Hellischen Printzen i n Oriënt", ihm dienen, danach soll er mit Leib und Seele dem Teufel verfallen. Mit seinem Blute unterschreibt Faust. Den ersten Teil des Buches und einen Teil des zweiten nehmen die Fragen und Disputationen ein. Faust erkundigt sich nach dem Lauf der Welt, nach den Ge- stirnen und besonders nach der Hölle, welche Fragen Mephostophiles kontrakt- mafiig, obgleich manchmal mit einigem Widerstreben, beantwortet, so wenn Faust z.B. etwas mehr von der Hölle wissen will als es ihm, Mephostophiles, erwünscht scheint. Im zweiten Teil findet Fausts Reise nach den Gestirnen statt, wo er sich von der Richtigkeit von Mephostophiles' Lehren überzeugen kann. Weiter besucht er die Hölle, aber nur in einer Art Traum sieht er die Verdammten in ihrer Qual, denn

„der Teuffel hette jhm nur

Auch eine grofie Weltreise findet statt; anderthalb Jahre ist Faust mit seinem Die-

ner fort und besucht einen groBen Teil der damals bekannten Welt. Sie fahren durch die Luft, indem Mephostophiles sich in ein Pferd verwandelt, „doch hatt er flügel wie ein Dromedari, vnd fuhr, wohin jn D. Faustus hin l&ndete". Der dritte Teil ist eine Sammlung von einzelnen Zauberstücken, worin Faust eine Rolle spielt. Einige werden sogar mehrere Male in etwas verschiedener Form mitgeteilt. Auch hat der Verfasser nicht alle Schwanke Fausts erzahlt; einige an- dere finden sich in den vermehrten Faustbüchern (B und C). Bei weitem nicht alle Zauberstücke sind ursprünglich: viele sind von andern Zauberern auf Faust über- tragen, der als der letzte der groBen Zauberer der Représentant der Klasse über- haupt geworden ist 1 ). Am SchluB des dritten Teiles folgt die Geschichte von Fausts Tod, welche eigent- lich einen Teil für sich bildet. Gegen Ende der Frist wird es Faust doch etwas un- heimlich, worüber ihn der Besitz der schönsten Frau, der griechischen Helena, nicht hinwegzutauschen vermag. Anfalle von Reue stellen sich ein, aber der Autor laBt den Leser nicht darüber im Zweifel, daB es nur eine Judas- und Caïnsreue, also eigentlich die Verzweiflung ist, von der Faust heimgesucht wird. Im Dorfe Rimlich in der Nahe von Wittemberg wird er, nachdem er vorher die ihn begleitenden Stu- denten noch in einer Abschiedsrede vor Zauberei und Teufelslist gewarnt hat, um Mitternacht kontraktmaBig vom Teufel geholt. Die Sprache des Volksbuches ist manchmal verwirrt, der Stil trocken; auBer- ordentlich langweüig ist z.B. das groBe Reisekapitel mit seiner Anhaufung von

ein Geplerr vnnd Gaückelwerck für die Augengemacht."

Die Zauberbücher haben für das Zitieren von Geistern die verschiedensten Formeln. Sehr oft wurde dazu

auch der Anfang des Johannisevangeliums gebraucht: l m Anfang war das

Goethe gerade wahrend Faust diesen Tekst ins Deutsche übersetzt, so unruhig wird, ist denn auch sehr erklarlich. — 1564 wird der Bücherverkaufer Damian Willems verurteilt, weil er behauptet hatte, den Teufel:

zu bezwingen und auszutreiben durch den Rauch von Weinraute und Weihrauch und das Lesen des Johan- nisevangeliums. Vergl. Geschiedenis der Hexenprocessen door Mr. Jacobus Scheltema. Te Haarlem,

Bij Vincent Loosjes. MDCCCXXVIII. S. 138. Ein Kreuzweg war für die Teufelsbeschwörung von alters her der angewiesene Ort; auch Theophilus wird dazu von dem Juden auf einen Kreuzweg geführt; vergl. Ausgabe Verdam, 1882, 495—96. H i (= der Jude) leidene op ene dwerse strate Daer si beide te gader saten.

Wort

.

DaB der Pudel bei

")

Vergl. J . Görres, Die teutschen Volksbücher, S. 207 ff.

22 DIE DEUTSCHEN VOLKSBÜCHER VOM DOKTOR FAUST

Namen ünd Zahlen; nur in den moralisierenden Partien ist der

An den historischen Tatsachen hat der anonyme Verfasser manches geandert. Faust stammt nicht aus Süddeutschland, sondern aus dem Dorfe Rod bei Weimar und studiert in Wittenberg. Überhaupt ist die Faustgeschichte zu dieser Stadt in nahere Beziehung gerückt. Dies geschah wohl um die Gegensatze zu verscharfen; ein Theologe der Universitat Wittenberg, vielleicht sogar ein Schüler der Gottes- manner Luther und Melanchthon und deiuioch eine Beute des Teufels. Welch ein Grausen vor der Teufelsmacht muBte das beim einfachen Leser hervorrufen. Der fanatische Widman hat das Motiv wohl nicht verstanden; er findet es offenbar allzu kompromittierend für Wittenberg, einen Faust geliefert zu haben; er schickt ihn in Ingolstadt bei den Jesuiten zur Schule und jetzt sind Teufelsbund und Höl- lenfahrt einfach selbstverstandlich.

Als Motiv für den Teufelsbund gibt der Verfasser Fausts Drang nach Wissen an und nachdrücklich heifit es im Pakt: „Nach dem ich mir fürgenommen die Ele- menta zu speculieren, vnd aber auB den Gaaben, so mir von oben herab bescheret,

vnd gnedig mitgetheilt worden, solche Geschickligkeit in meinem Kopff nicht be- finde, vnnd solches von den Menschen nicht erlehrnen mag, So hab ich gegenwer-

tigem gesandtem Geist, der sich Mephostophiles nennet

Dieses Motiv wird im Laufe der Geschichte fast ganz aus den Augen verloren. Die Wissenschaft, die Faust von Mephostophiles erhalt, ist noch dazu von der klaglich- sten Art, sodaB sogar Widman daran AnstoB nimmt und die albernsten Ka- pitel fortlaBt 1 ). Fü r die Ausarbeitung des Motivs reichte die Kraft des Ver- fassers nicht aus; dafür hatte er ein Dichter sein müssen wie der Englander Mar- lowe, der einige Jahre spater auf demselben Motiv sein Faustdrama aufbauen sollte 2 ). Was hat den Verfasser des Volksbuches bewogen, Fausts Teufelsbund undHöl- lenf ahrt von dem Gesichtspunkt des Wissensdrangs zu betrachten ? Die Renaissan- ce hatte den Drang nach Wissen auBerordentlich gesteigert und zugleich eine starke Ausbildung der Persönlichkeit herbeigeführt, sodaB ein rücksichtsloses Streben nach Wissen, sogar mit Hintansetzung der ewigen Seligkeit, mehr oder weniger auf der Hand lag. Zahlreiche Humanisten waren tatsachlich von Gott abgefallen; der Verfasser mag die Beispiele vor Augen gehabt haben. AuBerdem hat der historische Faust, der sich wïederholt mit seinem Wissen brüstete — man vergleiche die Zeug- nisse Tritheims und Mutians — und sich frech seines Teufelsbundes rühmte, wie aus Wiër hervorgeht, gewiB mit dazu Veranlassung gegeben.

Ton etwas lebhaf ter.

mich vntergeben."

1 ) Vergl. Widman in der Erinnerung zum 24. Kapitel des ersten Teiles (Das Kloster II, S. 437). „Ich solte mit den disputationibus, so noch vorhanden, fortgeschritten haben, als vom lauff, zier vnd vrsprung des Himmels, vom Winter vnnd Sommer, von Cometen, Sternen vnd Donner, vnd was da mehr sein mag, welches ich für gar kindisch geachtet, das der Geist des Doctor Fausti so schwach vnd vngereumbt solte geredt haben, sintemahl der Geist der beste Astrologus ist, vnnd vnder dem Himmel oder Lufft sein woh- nung hat, vnd ein erfahrner Meister des Himmels." •) The Tragicall History of D . Faustus. As it hath bene Acted by the Rigt Honorable the Earl of Not- tingham his seruants. Written by Chr. Marlowe. London. Printed by V. S. for Thomas Bushell 1604. Eine hollandische Übersetzung lieferten: R. S. Tjaden Modderman, Het oudste Faust-Drama. Groningen 1887 und Albert Verwey, De tragische Historie van Dr, Faustus. Verzamelde Gedichten, Amsterdam, W. Versluys, 1889. S. 257.

DIE DEUTSCHEN

VOLKSBÜCHER VOM DOKTOR FAUST

23

Durch seine Motivierung hob der Verfasser Fausts Geschichte über das Niveau einer einfachen Teufelsgeschichte weit hinaus. Ohne das Motiv ware das Interesse für Faust wohl immer auf die unteren gesellschaftlichen Kreise beschrankt geblie- ben und ware dieser gewiB niemals in die höheren Regionen der Literatur gelangt. Nicht der Teufelskünstler Faust, der in der Hölle eine selbstverstandliche Strafe für seine Ubeltaten findet, reizte Marlowe zu dramatischer Bearbeitung, sondern das tragische Geschick des nach Erkenntnis strebenden Menschen. Und ohne Mar- lowe ware die Faustgeschichte wohl kaum aus der Sphare der Volkslektüre hinaus- gekommen. Zahlreich sind die Sagen, welche Vergleichungspunkte mit der Faustgeschichte bieten. Kein Wunder: Faust fallt von Gott ab und ergibt sich dem Teufel. Nach christlicher Auffassung tut dies jeder sündigende Mensch und die ersten fausti- schen Charaktere sind in dieser Hinsicht die ersten Menschen, Adam und Eva, die Gott untreu werden aus Begierde nach Macht, weil sie werden wollen wie Gott. Ausschlaggebend bei einer solchen Vergleichung ist, welches Moment man in der Faustsage als das Charakteristische ansieht. Betrachtet man den formellenTeufels- pakt als das Wesentliche so liegt u.a. eine Vergleichung mit der alt-christlichen Sage des Theophilus nahe, der sich mit seinem Blute, wie Faust, dem Teufel verschreibt, um seine verlorenen kirchüchen Amter wiederzugewinnen. Sieht man in Faust an erster Stelle den nach Erkenntnis strebenden Menschen, so bietet die Legende des Zyprian von Antiochien, der einen Pakt mit dem obersten der Damo- nen eingeht, um in alle Wissenschaften eingeweiht zu werden, die meisten Verglei- chungspunkte. Am meisten verwandt mit der Faustsage ist wohl die hollandische Sage von Manken van Nieumeghen x ), worin sich beide Motive, Wissensdrang und Teufelsbund — letzterer zwar weniger formell als bei Faust — wiederfinden. Sie- ben Jahre lebt Manken mit dem Teufel „so man endewipdoet." Dieser,hierMone genannt, hatte versprochen, sie in den sieben freien Künsten zu unterrichten, und in Antwerpen, wohin sie mit ihm zieht, erregt sie denn auch durch ihre Erfahren- heit in den Wissenschaften die allgemeine Aufmerksamkeit. Von ihrem Namen, Maria, will sie nicht lassen, wie sehr der Teufel auch darauf drangt. Nachdem sie mitgeholfen hat Hunderte ins Verderben zu stürzen, wird siebeim Anbhck eines öffentlichen Schauspiels auf dem Markte in Nymwegen von Reue ergriffen und wie einst Tannhauser pilgert auch sie nach Rom, um von dem Papst Verzeihung ihrer Sünden zu erlangen. „Zum Faustischen speziell gehört", nach der Ansicht Zarnckes *), „daB man sein Seelenheilin Gefahrsetzt, daB man wissentlich von Gott abfallt.um die der mensch- lichen Erkenntnis gesteckten Grenzen zu überschreiten". Eine Vergleichung mit mittelalterlichen Sagenlehnt er ab; ein Faust desMitteMtersistihm„einUnding''. Vom Teufel aber suchte man von jeher dasjenige zu erwerben, was auf gewöhn- lichem Wege unerreichbar war; warum sollte im Mittelalter die Wissenschaft davon ausgeschlossen gewesen sein. Standen doch zahlreiche mittelalterhche Ge-

») Middelnederlandsche Dramatische Poëzie door Dr. P. Leendertz Jr. Leiden, Sijthoff, 1907. S. 277. «) Literar. Zentralblatt 1882 Nr. 21. Auch in den Goetheschriften.

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DIE DEUTSCHEN VOLKSBÜCHER VOM DOKTOR FAUST

lehrte, wie u.a. Albertus Magnus, Roger Bacon, Trithemius, ja sogar der heilige Thomas von Aquin, in dem Rufe, ihre Wissenschaft durch Hilfe desTeufels erlangt zu haben. Diese werden dabei doch nach der herrschenden Meinung auch wohl ihr Seelenheil aufs Spiel gesetzt haben. Die rücksichtslose Durchsetzung des eigenen Willens ist ein echter Renaissance- zugr i n der Ausführung dieses Motivs aber versagte der Verfasser des Faustbuchs jammerlich: der zaghafte Faust, der sich von Mephostophiles sofort einschüchtern laBt und der es sogar schlieBlich nicht mehr wagt, diesem die sein Gewissen peini- genden Fragen über das Jenseits vorzulegen, weil der Teufel über diese „Gottseli- gen" Sachen lieber nicht spricht, zeigt von einem stolzen Renaissancecharakter keine Spur. Auch unterscheidet sich Faust i n seinen Forschungen weder durch Kühnheit noCh durch Ursprünglichkeit. Die wissenschaftlichen Belehrungen, wel- che Mephostophiles seinem Schüler erteilt, stehen auf einem auBerst niedrigen Ni- veau und wurden vom Verfasser des Volksbuchs — und zwar manchmal noch recht ungeschickt — aus allerhand mittelalterüchen, meist kosmographischen Werken x ) zusammengeschrieben. Dafür hatte Faust, der Doktor der Theologie, seine Seele nicht dem Teufel zu opfern gebraucht. Alle Fragen, welche er Mephostophiles zur Beantwortung vorlegt, finden sich fast samtlich in einem Gedicht aus dem Anfang des fünfzehnten Jahrhunderts, das Jostes *) veröff entlicht hat. Der von dem „Meister der astronomei" in ein Glas gebannte Teufel ist gezwungen, Auskunft zu erteilen über den Lauf der Welt, die Gestirne, die Hölle, kurz über alle Fragen, welche auch Faust so lebhaft interessieren. Noch in einem andern wichtigen Punkt zeigt sich dieses Gedicht, das Jostes mit Recht als einen Vorlaufer der Faustsage bezeichnet, mit dem Volksbuch verwandt: als unzureichend zeigt sich in beiden die Kraft des Verfassers, einen konsequenten Teufel zu schildern. Wie im Faustbuch so fallt er auch im Gedicht fortwahrend aus seiner Rolle; warnt den Astronomen vor den Folgen seiner sündigen Tat und ermahnt alle Menschen sich eines gerechten Lebens zu befleiBigen:

Ich warn euch hye, ir leihen und ir pfaff en, Ir huttet euch vor missetat Und lat euch sunde rewen

Un d

dinet gott hye alle tag *),

Es ist dies derselbe Ton, den auch Mephostophiles im Faustbuch Kap. XVII hören laBt: „Wann ich ein Mensch erschaffen were, wie du, wolte ich mich biegen gegen Gott, allweil ich einen Menschhchen Athem hette, vnnd mich befleissen, daB ich Gott nicht wider mich zu Zorn bewegte, seine Lehr, Gesetz vnnd Gebott, so viel mir möglich, halten, j n alleine Anruffen, Loben, Ehren vnnd Preisen, darmit ich

Folge. Bd . I

(1887/88). S. 156 ff.; Szamatólski , Vierteljahrsschrif t f. Literaturgeschichte , Bd . I (1888) S. 161 ff. ; Milch -

Wolfenbüttel,

Julius Zwitzler,

sack, Historia

*) Vergl.

Ellinger,

Zeitschr.

f.

vergl. Litteraturgeschichte und Renaissance-Litt.

Neue

D . Johannis Fausti des Zauberers nach der Wolfenbütteler Handschrift.;

1892. Efaleitung S. XVII I ff.

•) Euphorion Bd . III (1896) S. 745 ff. ») Str. 60 Zeile 5—8.

DIE DEUTSCHEN VOLKSBÜCHER VOM DOKTOR FAUST

25

Gott gef allig vnd angeneme were, vnnd wüste , daB ich nach meinem Absterben, die ewige Frewde, Glori vnd Herrligkeit erlangte". In der Ausführung seines Motivs steht der Verfasser ganz auf mittelalterUchem Standpunkt. DaB die Idee des For- schertitanismus gedacht werden konnte, ist denn auch das Maximum an Verdienst, das Erich Schmidt J ) für das deutsche geistige Leben des sechzehnten Jahrhunderts in Anspruch nehmen kann. Die Ausarbeitung dieser Idee auf deutschem Boden scheiterte klaglich. Was die Faustsage von verwandten mittelalterlichen Sagen unterscheidet, ist weniger eine Folge der Renaissance als vielmehr ein AusfluB jener anderen mach- tigen Geistesbewegung des ausgehenden Mittelalters, des Protestantismus. Die Faustsage ist eine protestantische Sage. Sie ist es, weil Faust, nachdem er sich dem Teufel verschrieben hat, unaufhaltsam seinem Verderben entgegengeht. Diese pes- simistische Auffassung, die eine Rettung Fausts eigentlich von vornherein aus- schlieBt, geht aus protestantischer Anschauung hervor und durch diesen Zug un- terscheidet sich die Faustsage von anderen verwandten Sagen, wie der von Manken von Nieumeghen. Diese wird, trotz ihrer Verbindung mit dem Teufel gerettet und zwar, wie in so mancher Teuf elssage, durch die Hilfe der Jungf rau Maria, die sich bei ihrem göttlichen Sohne für sie ins Mittel legt. Aber zwischen dem Ende des fünf- zehnten Jahrhunderts, wo die Sage von Mariken von Nieumeghen entstand und dem Ende des sechzehnten, wo das Faustbuch gedruckt wurde, liegt die Kirchenrefor- mation und die Protestanten verwarfen das Dogma von der Gemeinschaft der Hei- ligen, sodaB keine Fürbitte der heiligen Jungfrau einem Faust zugute kommen kann. Und welche Macht hatte diesen sonst aus Satans Krallen retten können? Nicht Luthers zuversichtlicher Glaube an Christi Sühntod, denn Christus hatte er abgeschworen, seinen lutherischen Glauben verleugnet. Faust geht verloren, wie Heine *) es in seiner ironischen Weise ausdrückt, „weil er seine Künste produziert auf protestantischem Boden, den die rettende Mutter Gottes nicht betreten darf". „Die Formulierung der Tendenz des Volksbuches gehört zu den schwierigsten Problemen der neueren deutschen Litteraturgeschichte", meint Gustav Milch- sack 8 ) . E s scheint etwas befremdend, daB der ungeschickte Verfasser des Faust- buchs eine so tiefsinnige Tendenz in seinem Büchelchen hatte zum Ausdruck brin- gen wollen. Andrerseits sind in der Tat von dieser Tendenz die grundverscbieden- sten Deutungen gegeben worden. Schon Goethe erkannte den protestantischen Charakter der Faustsage, welche gewiB von Protestanten bearbeitet worden sei, „denn es ist in allen den dahingehörigen Schriften keine pfaffische Bigotterie zu spüren, welche sich nie verlaugnen laBt" 4 ). Wolfgang Menzel 5 ) nahm gerade das Entgegengesetzte an: ihm ist die Faustsage, sowie sie im Volksbuch vorliegt, das Werk eines tiefsinnigen kathohschen Dichters, der in Faust die von der Kirche ab- fallige Geistesbewegung des sechzehnten Jahrhunderts personifiziert. Dieser habe

*) Zur Vorgeschiekte des Goetheschen Faust. Goethe-Jahrbuch Bd. III (1882) S. 77. ') Der Doktor Faust. Ein Tanzpoem. Elster, Heines samtliche Werke, Bd. VI, S. 476. *) Historia D. Johannis Fausti das Zauberers. Einleitung, S. CCXCVII. 4 ) Brief an Zeiter vom 20. Nov. 1829. s ) Deutsche Dichtung. Stuttgart 1859. Bd. II, S. 191.

26 DIE DEUTSCHEN VOLKSBÜCHER VOM DOKTOR FAUST

zeigen wollen, daB die Losreifiung von der katholischen Kirche zum Verderben

führe, wie auch Faust in der Hölle endet. Die ziemlich heftigen Angriffe auf die Kirche müBte der „tiefsinnige Dichter" denn eingeschaltet haben, um imStilzu bleiben. Faust verleugnet aber nicht den katholischen, sondern den lutherischen Glauben. Den stark protestantischen Einschlag der Sage betonten Reichlin- Meldegg,*) Oskar Schade a ) und besonders Erich Schmidt, 8 ) der auf zahlreiché

Anklange, sogar in der

daB Volksbuch sei zwar von einem Protestanten geschrieben worden, verrate aber weder eine katholische noch eine protestantische Tendenz, denn „nirgend liegen die Umschwünge und Effekte auf kirchlichem oder theologischem Gebiet." Gustav Milchsack 8 ) wieder sucht nachzuweisen, daB dieses gerade wohl der Fall sei; er sieht in dem Teufel-Mönch Mephostophiles den Vertreter der katholischen Kirche, der Faust durch seine falsche Lehre von der von Luther verworfenen „Werkgerech- tigkeit" und von derReue ohne den zuversichtlichen Glauben ins Verderben reiBt und betrachtet also das Faustbuch als eine lutherische Tendenzschrift. Milchsack hat wie Menzel wenig Zustimmung gefunden; die polemischen Wérke des sechzehn- ten Jahrhunderts pflegten ihre Tendenz weniger delikat zum Ausdruck zu bringen als beide für das Faustbuch voraussetzen.

Der Verfasser der Wolfenbüttler Handschrift nennt sein Werk ein Gartenge- sprach. Demnach gehort das Volksbuch zu dieser meistens sehr schlüpfrigen Un- terhaltungslektüre des sechzehnten Jahrhunderts. Man verkennt aber doch den Charakter des Faustbuches, wenn man darin nichts weiter als reine Unterhaltungs- lektüre sieht, wie sie die Gartengesprache bieten.

Am besten hat wohl Kawerau den Charakter des Volksbuchs angegeben, namlich als „den einer lehrhaft-erbaulichen Unterhaltungsschrift, die, wie es dieser Litera- turgattung des 16. Jahrhunderts eignet, Grotesk-Abenteuerliches mit theologischer Nutzanwendung zurichtet, auch gelegentlich eine kleine Dosis geschlechtlicher Pikanterie mit einflieBen laBt" 6 ). Das Urteil der Zeitgenossen über das Faustbuch war abfallig; die erbauliche Vor- rede und das Unterdrücken der Beschwörungsformeln hatten den ungünstigen Eindruck nicht wegzunehmen vermocht. Und das war kein Wunder. Fausts Vor- bild konnte, statt zur Abschreckung, wie der Autor beabsichtigt haben will, leicht zur Nachahmung reizen. Auch galten viele — sei es auch dem Teufel in den Mund gelegten —Meinungen als höchst gefahrlich, wie z.B. dievonderEwigkeit undUn-

sterblichkeit der Welt und des menschlichen

Württembergische Kommissare beantragten schon Anfang 1588 beim akademi-

Wortwahl, an Luther hinwies. Hermann Grimm 4 ) meint,

Geschlechts (Kap. XXII) . Herzoglich

•)

Das Kloster, Bd. XI , S. 217 ff. „Die

deutschen Volksbücher von Johann Faust."

') Weimarisches Jahrbuch V (1856), S. 242. ») „Zur Vorgeschichte des Goetheschen Faust", Goethe-Jahrbuch Bd. III (1882), S. 77 ff. und „Faust und Luther". Sitzungsberichte der königl. preuBischen Akademie der Wissenschaften. Berlin, 1. Jahrgang 1896, 1. Halbband, S. 567 ff. 4 ) „Di e Entstehung des Volksbuches vom Dr . Faust", PreuBische Jahrbücher , Bd . XLVI I (1881), S. 445 ff.

•) Historia D . Johannis Fausti, Einleitung,

*) Kaweraus Besprechung von Milchsacks Werk in der Theologischen Literaturzeitung 1897, Nr. 18.

S. CCXCVII ff.

DIE DEUTSCHEN VOLKSBÜCHER VOM DOKTOR FAUST

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schen Senat der Universitat Tübingen die Bestrafung einiger Studenten, weil sie ein bereimtes Faustbuch verfaBt hatten 1 ). Heftig auBert sich Lercheimer in der dritten Auflage seines „Christlich bedeno ken und erjnnerung von Zauberey" 2 ) gegen den Zauberer Faust und gegen das Buch, „das von jm ein lecker, er sey wer er wolle, newlich hat auBgeben, damit furnemlich die schule vnd kirche zu Wittenberg geschmehet vnd verleumdet". Er rechnet es zu den „von bósen leuten vnser religionfeinden" veröffentlichten Schrif- ten. Zu bedauern sei, daB sich ein Buchdrucker für die Verbreitung eines Werkes habe finden lassen, „dadurch die fürwitzige jugent, die sie zuhanden bekommt, geargert vnd angeführt wird, wie die affen, zu wünschen (dabey sich dann der teu- fel bald leBt finden) vnd zu versuchen ob sie dergleichen wunderwerck kónne nach- thun, vnbedacht vnd ongeachtet was für ein ende es mit Fausten vnd seines glei- chen genommen habe: daB ich geschweige daB die schóne edle kunst die truckerey die vns von Gott zu gutem gegeben, dermassen zum bósen miBbrauchet wird". Trotz der ungünstigen Beurteilung war der Erfolg des Büchelchens gewaltig: zur Frankfurter Herbstmesse war es erschienen — die Widmung ist vom 4. September — und noch imselben Jahr wurden fünf Nachdrucke aufgelegt nebst einer gereim- ten Fassung, die zu Anfang des folgenden Jahres veröffentlicht wurde. Von den achtzehn bekannten Ausgaben der sogenannten SpieB-Sippe erschienen nicht We- niger als dreizehn in den ersten sechs Jahren. Nach 1592 erblickten nur noch drei Ausgaben das Licht; die letzte erschien 1598. So plötzlich der Aufstieg gewesen war, so rasch war auch der Niedergang. Es ist eine noch ungelöste Frage, ob das SpieBsche Faustbuch als ein ursprüng- liches Werk oder als eine Übersetzung zu betrachten sei. Der Herausgeber erklart in seiner Vorrede, in kurzem auch dielateinische Fassung der Faustgeschichte brin- gen zu wollen. Die von Gustav Milchsack entdeckte Fausthandschrift, welche sich von der SpieBschen Fassung hauptsachlich durch ein anderes Vorwort unterschei- det, bezeichnet sich sogar als eine „Dolmetsc h auB dem Latein". In der Ta t wimmelt das Volksbuch von Latinismen, sogar von lateinischen Satzkonstruktio- nen. Mehrere Faustforscher u.a. Friedrich Kluge 3 ) nehmen denn auch eine latêini- sche Urfassung an. Von einem lateinischen Original, handschriftlich oder ge- druckt, ist aber nichts bekannt. Die Latinismen können leicht aus dem latinisie- renden Zeitgeist erklart werden und die Angabe der Wolfenbüttler Handschrift kann sehr wohl als eine Empfehlung beim Publikum beabsichtigt gewesen sein. Robert Petsch *) geht noch weiter und nimmt, auBer einem lateinischen Original, noch zwei verschiedene deutsche Fassungen an, die alle zeitlich vor der SpieBschen Ausgabe liegen sollen. Ein Faustbuch von ganz anderem Charakter wurde im Jahre 1599 von dem Schwaben Georg Rudolf Widman veröffentlicht. War das SpieBsche Volksbuch ein

1) Vergl. „Zur

2 ) Petsch, Das Volksbuch vom Doctor Faust, S. 244 ff. ») Literaturblatt für germ. und rom. Philologie. Bd . XI X (1898), S. 180 ff . 4 ) Das Volksbuch vom Doctor Faust, Halle a. S. Max Niemeyer, 1911. Einleitung, S. XXIII.

Geschichte der Faustsage", A . Keiler, Serapeum VII (1846), S. 333.

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bescheidenes Oktavbüchelchen von 256 Seiten gewesen, Widmans Werk war eine Quartausgabe i n drei Teilen von insgesamt 708 Seiten. Der Titel des ersten Teiles — jeder der Teile führt seinen eigenen ausführlichen Titel — lautet: Erster Theil DE r Warhafftigen Historiën von den grewlichen vnd abschewlichen Sünden vnd Lastem, auch von vielen wunderbarlichen vnd seltzamen ebentheuren:

So D. Iohannes Faustus Ei n weitberuffener Schwartzkünstler vnd Ertzzau- berer, durch seine Schwartzkunst, biB an seinen erschrecküchen end hat getrieben. Mit nothwendigen Erinnerungen vnd schonen exempeln, menniglichem zur Lehr vnd Warnung auBgestrichen vnd erklehret, Durch Georg Rudolff Widman. Ge- druckt zu Hamburg, Anno 1599. E x Officina Hermanni Molleri 1 ). Der Inhalt stimmt in der Hauptsache mit dem SpieBschen Volksbuch überein, nur ist alles breiter, weitschweifiger erzahlt. Mehr als zwei Drittel des Buches neh- men die jedem Kapitel folgenden „Erinnerungen" ein, Notizen historischer, philo- sophischer und polemischer Art, die oft recht wenig Zusammenhang mit dem Text aufweisen und die Zeugnis von der groBen Belesenheit des Verfassers ablegen — übrigens das einzig Lobenswerte, das man ihm nachsagen kann. Widman be- hauptet andere und zuverlassigere Quellen gehabt zu haben als der Verfasser des SpieBschen Faustbuchs; er spricht von der „recht warhafft Histori, im rechten Original", welche er „in henden und gewaltsam gehabt". U m seine Erzahlung glaubhafter zu machen gibt er eine genaue Zeitangabe für die wichtigsten Ereignis- se aus Fausts Leben. Schon in seinem sechzehnten Jahre habe er nach Zau- berei getrachtet; im vierten Jahre darauf soll er in der Medizin promoviert haben, nachdem er sich anderthalb Jahr früher den Doktortitel der Theologie erworben habe. Zwei Jahre habe er Zauberei getrieben ohne Pakt, bis er sich schlieBlich dem Teufel auf 24 Jahre verschrieben habe; danach soll er noch ein Jahr Frist erhalten haben — aus welchem Grunde ist nicht recht deutlich—und sei endlich vom Teufel geholt worden. Wenn nun in der Vorrede angegeben wird, daB der Pakt im Jahre 1521 geschlossen worden sei, so lassen sich die Daten ziemlich genau angeben. Wie Widman zu seinen Angaben kommt, gibt er nicht an; sie stimmen aber mit den his- torischen Zeugnissen nicht überein und sind nach Kuno Fischers *) Vermutung nach wichtigen Begebenheiten aus Luthers Leben angesetzt worden. Widman ist ein fanatischer Lutheraner; seine Starke liegt in seinen heftigen An- griffen auf die katholische Kirche; er hat in seinen Anmerkungen alle Beschuldi- gungen, die in der Zeit des orientalischen Schismas und der westlichen Kirchen- reformation gegen Papst und Kirche geschleudert wurden, fleiBig gesammelt. Die Universitat Wittenberg wird von der Schande, einen Faust geliefert zu haben, ent- lastet, indem die Jesuiten in Ingolstadt für dasUngeheuerverantwortJichgemacht werden. Die Helenageschichte wurde „aus hochbedencklichenChrist]ichenvrsachen"aus

) Abgedruckt im Kloster Bd . II S. 275 ff. ohne die Widmung — an den Grafen Georg Friedrich von

Hohenlohe Langenberg — welche sich bei Dumcke findet: Die deutschen Faustbücher nebst einem Anhange zum Widmanschen Faustbuche. Leipziger Dissertation 1891. Man vergl. fiber das Volksbuch: Wilhelm Dirks, Über Widmans Volksbuch vom Doktor Faust; Greifswalder Dissertation 1919.

*) Goethes Faust von Kuno Fischer, Herausgegeben von Victor Michels. Heidelberg 1913. Bd. I, S. 122.

DIE

DEUTSCHEN VOLKSBÜCHER VOM DOKTOR FAUST

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dem eigentlichen Text fortgelassen und i n den „Erinnerungen'' erzahlt. Von emer ühnlichen Rücksicht laBt sich aber im neunten Kapitel des ersten Bucb.es, wo von den schlimmen Folgen des Zöübats gesprochen wird, nichts bemerken. Von irgend einem höheren Motiv für Fausts Verschreibung ist bei Widman nichts mehr übrig geblieben . er handelt lediglich aus GenuBsucht. Der Stil des Buches ist auBerordentlich trocken und langweilig, derTondün - kelhaff alles Naive, das dem alteren Faustbuch noch anhaftete, ist unter der Hand Widmans völlig geschwunden. Das Buch erlebte nur eine Auflage; daB es noch in so groBer Zahl in den verscbiedenen Bibliotheken vorhanden ist, ist wohl dem stattlichen Umfang zuzuschreiben, dem so manches Volksbuch seine Rettung verdankt x ). Marchand 2 ) erwahnt Ausgaben aus den Jahren 1598, 1599 und 1600, was zweifellos auf einem Irrtum beruht; das Werk ist nicht vor 1599 erschienen:

die Widmung ist vom 4. September dieses Jahres datiert und wenn eine Ausgabe

1600 erschienen ware, so hatte sich von dem stattlichen Buche gewiB irgendwo ein Exemplar erhalten.

von Widmans Faust wird nur zum Teil dem trocknen Io n

dieses Werkes zuzuschreiben sein: schon gegen Ende der neunziger Jahre des sech- zehnten Jahrhunderts ist das Interesse fürs Faustbuch im Abnehmen begriffen und mit dem siebzehnten schwindet es völlig. Dies fallt um so mehr auf, als sich von einem ahnlichen Stocken des Interesses in den Niederlanden und Frankreich gar nichts bemerken laBt. Es war aber nicht dauernd erloschen und gegen Ende des siebzehnten Jahrhunderts setzt es — wohl durch die Faustspiele neu geweckt — wieder ein. Man greift dann aber nicht mehr zum SpieBschen Volksbuch, das ïn- zwischen in Vergessenheit geraten zu sein scheint, sondern zu Widmans Faust, den der Nürnberger Arzt Nikolaus Pfitzer im Jahre 1674 einer Revision unterzieht und unter einem neuen Titel herausgibt : Das argerliche Leben und schreckhche Ende deB viel-berüchtigte n Ertz-Schwartzkünstler s D . Johannis Fausti , Erstlich,vo r vielen Jahren, fleissig beschrieben, von Georg Rudolph Widmannj Ietzo, aufs neue übersehen, und so wol mit neuen Erinnerungen, als nachdencklichen Fragen und Geschichten, der heutigen bösen Welt, zur Warming, vermehret, Durch Joh. Nico- laum Hitzerum, Med. Doet. Nebst vorangefügtem Bericht, Cbnradi Wolff: Platzu, weiland der heüigen Schrifft Doctorens, von der greulichen Zauberey-Sünde, und einem Anhange, von den Lapponischen Wahrsager-Paucken, wie auch sonsteth- chen zaubrischen Geschichten. Nürnberg, In Verlegung Wolfgang Montz Endters, und Johann Andreae Endters Sei. Erben. M.DC. LXXIV. In den gelehrten „Erinnerungen' ^ wdcheKiteer „Anmerckungen'' nennt, ist vie- les gestrichen, andrerseits wurde manche „kuriose" Geschichte neu hinzugefügt. Das Wer k zahlt 635 Oktavseiten, ist also etwas eingeschrankt. Es erlebte zablreiche Auflagen. Einen Neudruck besorgte Adalbert von Keiler in der Bibliothek des Lit- terarischen Vereins in Stuttgart. CXLVI. Tübingen 1880.

Der

geringe Erfolg

i)

In Holland besitzt die Koninklijke Bibliotheek im Haag ein Exemplar.

»)

Dictionaire Historique I, S. 251.

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DIE DEUTSCHEN VOLKSBÜCHER VOM DOKTOR FAUST

GroBe Verbreitung fand der letzte Auslaufer der Faustbücher, das sogenannte Volksbuch des Christlich Meynenden; es erschien im Jahre 1725 unter dem Titel:

Des Durch die gantze Welt beruffenen Ertz-Schwartz-Künstlers und Zauberers Doctor Johann Fausts, Mit dem Teufel auffgerichtetes BündnüB, Abentheurlicher Lebens-Wandel und mit Schrecken genommenes Ende, Auffs neue übersehen, in eine beliebte Kurtze zusammen gezogen, Und allen vorsetzlichen Sündern zu einer hertzlichen Vermahnung und Warming zum Druck befórdert von Einem Christlich- Meynenden. Franckfurth und Leipzig, 1725. Hinter den auffallig mit lateinischen Buchstaben gedruckten C. und M. verbirgt sich vermutlich der Verfasser. Dieser schreibt für die gebildeten Stande, für die „galante Welt" wie er sagt. Fü r diese war das stattliche Werk Pfitzers nicht ge- eignet; sie verlangten einen leichten, kurzgefaBten Bericht über den doch immer noch interessanten „Ertz-Schwartz-Künstler und Zauberer"; deshalb die Zusam- menziehung der „intricaten Materie" in „eine behebte Kürtze": das Büchlein zahlt nur 48 Oktavseiten. Es kommt dem rationahstischen Zeitgeist insoweit entge-

gen, daB es etwas von oben herab über die mitgeteilten Tatsachen spricht; auch die zahlreichen Fremdwörter sind ein Zugestandnis an die „galante Welt." Noch im- mer erscheint das Faustbuch unter dem trommen Mantelchen der Erbauungs- lektüre: „zu einer hertzlichen Vermahnung für alle vorsetzliche Sünder". Einen

Neudruck besorgte Siegfried

Die Faustbücher verraten alle den anti-katholischen Standpunkt ihrer Verfas- ser. Diese Gesinnung tritt besonders stark hervor bei Fausts Besuch an Rom und Konstantinopel. In letzterer Stadt fahrt er in papstlichem Omat aus dem Harem des Sultans i n die Luf t und werden also die beiden grimmigsten Feinde des Luthertums, der Papst und der Türk, von dem Verfasser aufs Korn genommen^ Von Widmans heftigen Angriffen war schon die Rede; Pfitzer hat sehr gemildert, gleichfalls der Christlich Meynende, obgleich doch auch bei diesem das anti-ka- tholische Element noch viel zu stark hervortritt um nicht für katholische Leser hinderlich zu sein. Mit Rücksicht auf diese Wurde denn für die Rheingegend eine von allen anstöBigen Stellen gereinigte Ausgabe vom Faustbuch des Christlich Meynenden hergestellt, welche in zahlreichen Drucken, zum Teil noch aus dem Anfang des neunzehnten Jahrhunderts, vorliegt 2 ). Eine Parallele zu dieser Ausgabe bildet das um dieselbe Zeit in Flandern gedruckte hollandische Faustbuch.

Szamatólski 1 ).

l ) Das Faustbuch des Christlich Meynenden nach dem Druck von 1725. Stuttgart, 1891. Deutsche Litteraturdenkmale des 18. und 19. Jahrhunderts, Nr. 39. *) Vergl. Hans von Muller, „Zu den sogenannten Volksbüchern vom Dr. Faust". Zeitschr. f. Bücher- freunde. Jahrg. XII (1920), S. 101 ff.

DRITTER ABSCHNITT

DAS HOLLANDISCHE VOLKSBUCH VOM DOKTOR FAUST

Die

Een yder dat veel liever hoort

En leest, als Godes heylig Woort.

HOBJÏWILT,

Dool-hoff.

ERSTES KAPITEL

Faustsage in den Niederlanden vor dem Erscheinen des altesten

Volksbuches

Als im Jahre 1592 das hollandische Faustbuch in Dordrecht erschièn, war der Name des Zauberers in den niederlandischen Provinzen nicht unbekannt. An erster Stelle unter den Gelehrten nicht: die Werke Melanchthons und Wiërs gehörten zu den vielgelesenen. Aber auch in die breiteren Kreise der Nicht-Lateinkundigen war sein Ruf bereits gedrungen: Anfang 1591 hatte der Pfarrer Sybrand Vomelius aus Pietersbierum in Friesland seine Übersetzung von Ludwig Lavaters Abhandlung über die Geistererscheinungen veröffentlicht 1 ), wo er S. 221 i m Zusammenhang mit der Zauberpferden, deren sich die Teufdskünstier bei ihren Luftfahrten bedie- nen sollen, den „Duytsch-man" Faustus erwahnt. Man darf auch wohl annehmen, daB Faust auf seinen Streifzügen etwas weiter nach Westen kam als das abgelegene Batenburg, obgleich keine schriftiiche Quelle davon Zeugnis gibt. Wenige werden im Jahre 1592 zwar noch persönliche Erinne- rungen an ihn gehabt haben, wie etwa die Witwe des-Batenburger SchloBherrn Hermann. van Bronckhorst, welche damals noch am Leben war. Eine Fausttradition kann sich bei den engen Beziehungen zu Deutschland leicht auf mündüchem Wege fortgepflanzt haben; viele Studenten aus den niederlandi- schen Provinzen studierten damals in Rostock und Wittenberg und gerade in stu- dentischen Kreisen muB die Faustsage verbreitet gewesen sein.

M Ein Boeck Vande Spoocken ofte Nacht-gheesten

Eerst in de Latijnsche tale beschreven door den

seer gheleerden ende Godtsaligen Ludovicum Lavaterum Ende nu in Nederlantsche sprake overgheset door Sibrandum Vomelium. t'Amstelredam, by Jan Evertsz. Cloppenburgh, opt Water inden vergulden

B Dfe'etste Auf lage muB schon 1591 gedruckt worden sein, denn die Widmung an Ipo Jacobsz. Juckama, Bürgermeister der stadt Franeker, ist vom 20. Februar dieses Jahres datiert. Von dem Werke erschienen - auch in lateinischer Sprache — zahlreiche Ausgaben in Leiden und besonders in Gorinchem. Ein Ex. der Ausgabe 1610 besitzt die UniversitateWbliothek Amsterdam.

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DAS HOLLANDISCHE VOLKSBUCH VOM DOKTOR FAUST

Es ist auch durchaus nicht unmöglich, daB die Faustgeschichte in den Nieder- landen schon Vor dem Erscheinen des altesten Volksbuches durch die Bühnenauf- führungen der englischen Komödianten bekannt geworden ist, deren Auftreten sich daselbst gegen Ende des sechzehnten Jahrhunderts, nachdemim Jahre 1585 die poli- tischen Beziehungen zu England besonders eng geworden waren, nachweisen laBt. Einer der bekanntesten Truppenführer auf dem Kontinent, Robert Browne,

spielt 1590 in Leiden, wo er — offenbar für eine Sondervorstellung für die Ratsmit- glieder — aus der stadtischen Kasse ein Geschenk von 15 Gulden erhalt*). Bald darauf muB er nach England zurückgekehrt sein, aber nur auf kurze Zeit; Anfang

1592 erscheint er wieder, jetzt mit einem Empfehlungsschreiben Lord C. Howards

an die Generalstaaten. Die Truppe — „Robert BroWne, Jehan Bradstriet, Thomas

Saxfield, Richard Jones, avec leurs consorts" — befinde sich auf einer Reise nach Deutschland und beabsichtige auch in den Provinzen Seeland, Holland und Fries-

land aufzutreten a ) . Das Schreiben ist vom

land das Jah r mit dem 25. Marz anfing, nach unserer Zeitrechnung 10. Februar

1592 gewesen sein muB. DaB die Truppe in den niederlandischen Provinzen wirk-

lich spielte, zeigen die Rechnungsbücher von Gelderland s ); 1592 treten in der Hauptstadt „Robert Bruyn, Johan Bradsdret, Thomas Saxwiell, Richardus Jonas

vnd Everhart Sauss Muisickers vnd Historispeelders alhier tot Arnhem mit patent

van

der Provinz 12 Gulden. Am 30. August ist die Truppe in Frankfurt a. M., wo sie um eine Spielerlaubnis für die bevorstehende Herbstmesse nachsucht. Sie bringt da Stills Gammar Gurtons Needie nebst Stücken des „dort im Inselland gar berühm-

ten Herren Christopher Marlowe" 8 ).

nach 6 ) drei, welche nachweislich auf dem Kontinent gespielt wurden, von denen „Doctor Faustus" das beliebteste gewesen zu sein scheint. Es ist zwar nicht recht deutlich, wie die offenbar nur aus sechs Personen bestehende Truppe den Faust auf- führen konnte, der über zwanzig Spielende erfordert, aber das gilt von allen andern Marlowschen Dramen; die Schauspieler traten vermutlich in mehreren Rollen auf; auBerdem wurden die Stücke wohl stark beschnitten. Der Faust muB für ein nie- derlandisches Publikum einen besonderen Reiz gehabt haben, weil darin auf den achtzigjahrigen Krieg angespielt wird. — Da die Brownesche Truppe in englischer Sprache spielte, kann indessen der Einf luB nicht sehr groB gewesen sein.

10. Februar 1591, was, da man i n Eng-

s. Ex . *) gecomen synde" auf und erhalten vom

Hof und der Rechenkammer

Von Marlowes Dramen verzeichnet Creize-

') Vergl. Elsevier in De Navorscber, 1858, S. 7. *) 's-Gravenhaagsche Bijzonderheden door Mr. L. Ph. C. van den Bergh, 's-Gravenhage, Martinus Nijhoff, 1857, Teil I, S. 41. a ) Vergl. G. van Hasselt's Arnhemsche Oudheden, te Arnhem, By J . H . Moeleman Junior. 1803. Teil I,

S. 244. — Steht vielleicht das Verbot des Magistrats vomselben Jahr, wobei auf Betreiben des Kirchenrats

door

Mr. J . W. Staats Evens

. Arnhem, 1876, S. 23), mit diesem Auf treten im Zusammenhang? Die Tatigkeit

alle Gaukelspiele innerhalb der Stadt Arnhem verboten werden (Kroniek van Arnhem 1233—1789

der Englander beschrankte sich jedenfalls nicht auf die Schauspielkunst; sehr oft wird ihre akrobatische Geschicklichkeit erwahnt, u. a. in Leiden.

') Gemeint ist der Statthalter, Prinz Moritz von Oranien.

englisches Schauspiel zur Zeit Shakespeares in Deutschland von Dr. E .

Herz, Hamburg und Leipzig, 1903. S. 10. *) Die Schauspiele der englischen Komödianten. Herausgegeben von Prof. Dr. W. Creizenach (Deutsche National-Literatur Bd. 23), S. XXXIII.

*) Englische Schauspieler und

DIE FAUSTSAGE IN DEN NIEDERL. V. D. ERSCHEINEN DES ALTESTEN VOLKSBUCHES

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Die altesteNachricht von emerFaustaufführung stammterst aus 1608, inwelchem Jahre John Green, ein ehemaliges Mitglied von Brownes Truppe, unter groBem

Beifall des Hofes zur Fastnachtszeit in Graz auftritt*). 1626 ist Green einige Monate

i n Dresden und bringt auch da die Tragödie von Dokto r Faust auf

die Bühn e *).

ZWEITES

KAPITEL

Das alteste hollandische

Faustbuch

1.

De r

Verfasse r

Fünf Jahre nach dem altesten deutschen Faustbuch erschien die hollandische Übersetzung, die „Warachtighe Historie van Doctor Iohannes Faustus, Ouer- gheset wt de Hocchduytsche Sprake door Carol. B . Medic AN. M. D. XCII." Der Verfasser nennt also seinen Namen nicht. In einer Notiz in „De Navor- scher" 8 ) macht der anonyme Mitarbeiter dieser Zeitschrift, C. P. L., darauf auf- merksam, daB sich hinter der Andeutung Carol. B . Medic. der Dordrechter Stadt- medikus Carolus Battus verberge. Die Konstatierung ist richtig; stilistische und besonders sprachüche Eigentümüchkeiten des Verfassers stellen Battus' Autor- schaft auBer Frage 4 ). Carolus Battus oder, wie sein nicht-latinisierter Name lautet, Karl Baten ist bis- jetzt nur als Verfasser medizinischer Werke bekannt, aber auch als solcher ist er für die hollandische Sprache und Literatur nicht ohne Bedeutung; er war einer der er- sten, der sich in seinen Schriften statt des lateinischen der Landessprachebediente. Von Batens Leben ist bis jetzt nur auBerst wenig bekannt; es schien mir darum angebracht, über den Verfasser des hollandischen Faustbuchs nahere Untersuchun- gen anzustellen, deren Resultate hier folgen mögen. Carolus Battus entstammt einer flamischen Gelehrtenfamüie. Sein Vater, der in Aalst gebürtige Bartholomaus Battus, soll nach Angabe der „Allgemeinen deut-

schen

erwahnt einen Jacobus Maess Battus aus Antwerpen, welcher am 5. Juni 1525 ein-

getragen wurde 6 ), es ist

») Herz, S. 25. *) Green besuchte Nov. 1613 Utrecht; Juli 1620 kehrte er über diese Stadt von Deutschland nach Eng- land zurück und erhielt vom Magistrat die Erlaubnis „geduijrende de vrije merckt ende kermisse alhier in eerbaerheijt ende buijten schandale, te moogen spelen niettemin als Godes heilig woort gepredickt wert, ende soe lange sulx geduijrt hun daer van onthoudende, mits dat zijluijden daer voor den armen deser stadt zullen gedencken, als''van outs." Vergl. Van Sorgen, De Tooneelspeelkunst te Utrecht. 1885, S. 17. ») Jahrgang XIII (1863), S. 114. 4 ) Paul Alberdingk Thijm — De Faustsage in de Nederlandsche Letteren, Gent, A . Siffer, 1890, S. 23. — führt seine Angabe, der Übersetzer des hollandischen Faustbuches sei der Dordrechter Arzt Carolus Battus, auf eine Mitteilung des gelehrten Genter „onder-boekbewaarders" J . Th . I. Arnold zurück. — Auch Dr. L. Willems macht in „Tijdschrift voor Nederlandsche taal- en letterkunde" Teil XXVI I (1908), S. 209 auf Batens Autorschaft aufmerksam. •) Bd. II, S. 135 (Artikel Krause). •) Foerstemann, Album Academiae Virtebergensis. Lipsiae, 1841. Teil I, S. 125.

Biographie" s ) ein Schüler Luthers gewesen

aber zweifelhaft, ob

sein. Die Wittenberger Matrikel

er der Vater Karls ist 7 ). Die ausge-

Maess, oder besser Mees, ist zwar eine sehr gebrauchliche Abkürzung für Bartholomaus; es ist aber wohl Maesz ( = Maeszoon) gemeint. Auch stimmt der angegebene Geburtsort nicht.

')

Van 't Hooft, Faustbuch

3

34 DAS

HOLLANDISCHE VOLKSBUCH VOM DOKTOR FAUST

sprochen lutherische Glaubensüberzeugung des Bartholomaus Battus lieBe sich durch einen Aufenthalt in Wittenberg recht gut erklaren. Denn als Anhanger der Ketzerei Luthers sei er zu neun Monaten Gefangnisstrafe verurteilt worden, be-

richtet Foppens x ). EinfluBreiche Bekannte aus Gent bewirkten seine

aus der Haft und erwarben ihm das Burgerrecht dieser Stadt, wo er zehn Jahre lebte 2 ). Als aber die Verfolgung heftiger wurde und man sein Leben bedrohte, kehrte er Flandern den Rücken und zog im Jahre 1556 mit seiner Frau und neun Kindern über Lübeck nach Rostock. Nur ein kurzes, dem Studium gewidmetes Leben war ihm hier beschieden. Schon am 24. Januar 1558 starb er und hinterlieB seinen Kin - dern ein Buch über die Pflichten der Kinder gegen ihre Eltern, das unter dem Titel „De Oeconomia Christiania." im selben Jahre bei Gerhard Speelman in Antwerpen gedruckt wurdè. Das Werk hat eine scharfe Zensur verdient, meint Foppens, weil

der Autor in seiner Ketzerei gestorben sei. Ei n stattliches Grabmal wurde in der Liebfrauenkirche zu Rostock für ihn errichtet, das in siebzehn lateinischen Distichen

Entlassung

seinen Lebenslauf erzahlt und

„quo ejus impietas virtutis nomine palliatur" 2 ).

Es ist jetzt in der Marienkirche nicht mehr vorhanden und scheint schon zu Fop- pens' Zeit verschwunden gewesen zu sein. Eine stattliche Reihe Gelehrte und das bekannte Hamburger Kaufmannsgeschlecht stammt von Bartholomaus ab.

Carolus Battus wurde um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts in Gent gebo- ren, berichtet Ph. Blommaert 8 ). Battus teilt im Vorwort seines „Handboec der

Chirurgyen'' mit, er habe von seinem achtzehnten Jahre an bis in sein fünfzigstes Jahr Medizin und Chirurgie studiert. Das „Handboec" erschien 1590; das Geburts- jahr des Verfassers ist also 1540 oder 1541. Am 3. Juli 1557 wird „Carolus Battus Gandensis Flandrus" in Rostock immatrikuliert, zugleich mit seinem Bruder Pau- lu s *). Hal t ma n die Angabe i m „Handboe c der Chirurgyen " fü r buchstablic h

richtig, so

1569, also erst 12 Jahre nach seiner Immatrikulation erhalt er die Lizentiatswür-

de der Medizin. Dies geht hervor aus Johann Astruc „De Morbis venereis " Venetiis MDCCLX. Apu d Thomam Bettinelli *). Bd. II , S. 167, wo auch die Disser- tation angeführt wird: „Propositiones de Morbo Gallico, de quibus, Doctore Hen- rico Broucaeo Praeside, respondebit pro gradu Licentiae Carolus Battus. Disputa-

muB Baten also in der ersten Halfte des Jahres 1540 geboren sein s );

bitur autem die

Jacobi Lucü. in 8°." Für seine Mitteilung beruft sich der Verfasser, der das Werk selbst nicht gesehen hat, auf Thomas Stack. Dieser hat auch von den fünfzig Thesen die zehn wichtig- sten ausgeschrieben, welche Astruc abdruckt.

. Septembris in auditorio majori. 1569. Rostochii, in officina

i) Bibliotheca Belgica

*) Vergl. Batens Grabschrift bei Foppens. ') Biographie nationale publiée par 1'Académie Royale

Bruxellis, Per Petrum Foppens

M.D.CCXXXIX . Teil I, S. 124.

de Belgique. Tome I, S. 772.

') Vergl. Dr. Adolph Hofmeister, Die Matrikel der Universitat Rostock, Stillersche Hof- und Universi- tats-Buchhandlung. Rostock, 1891. Teil II 1 , S. 135. ') In einer am 9. September 1609 vor dem Amsterdamer Notar Frederik van Banchem abgegebenen Erklarung nennt er sich „out ontrent negenentsestig jaeren".

") Ein Ex. auf der Universitatsbibliothek Amsterdam.

DAS

ALTESTE

HOLLANDISCHE

FAUSTBUCH

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Medic.

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Iacob. 4. Verf. 7. 8. IBtefl <©e&t önöetöanjïö/ïBcöftfiact bm^Htputf- en tjp fs£ fcsn U SattisDen/nafeet tot <6oö/ enö' § p faS münzkc*.

36 DAS HOLLANDISCHE VOLKSBUCH VOM DOKTOR FAUST

Über den Verlauf der Promotion, bei der Karls Landsmann und Verwandter

Heinrich van den Broeck den Vorsitz führte, teilt Karls berühmter Bruder Levinus, Professor der Medizin in Rostock, seinem Verwandten Heinrich Smetius mit, daB „Carolus pro licentiae gradu disputavit melius, quam opinabamur, & cum admira-

tione audientium" 1 ).

nisse nicht sehr hoch gespannt waren, wie aus dem ersten Teil der Mitteilung her- vorzugehen scheint, oder ob die Leistungen in der Tat alle Erwartungen übertra-

fen, darüber ist schwerhch Sicherheit zu erlangen. Die Thesen selbst „zeichnen sich

durch eine enorme Beherrschung des

wobei er sie irrtünüicherweise dem Lehrer Van den Broeck, statt dem Schuier

Baten, zuschreibt.

Carolus Battus laBt sich zunachst in Hamburg nieder. DaB er hier arztlich tatig gewesen sein muB, geht schon aus dem „Handboec der Chrirurgyen" S. 238 (Aus-

gabe 1590) hervor. D a

1842 verloren gegangen sind, ist es nicht möglich, das Jahr seiner Niederlassung in Hamburg genau anzugeben. Wenn Gernet ihn in den „Mitteilungen aus der alteren Medizinalgeschichte Hamburgs" s ) schon um das Jahr 1560 hier die Praxis aus- üben laBt, so ist das gewiB zu früh. Jedenfalls war er am 30. Dezember 1574 in Hamburg tatig, wo er mit drei andern hamburgischen Arzten einen Brief an einen

ungenannten Fürste n richtet *).

die alteren Bürgerbücher beim groBen Brande des Jahres

Ob die Erwartungen in Bezug auf Karls mechanische Kennt-

Zeitwissens aus", urteilt van den Corput 2 ),

Spater praktiziert er in Antwerpen, „einer der reichen Handelsstadte, wo man

für die Gesundheit das

denn er war 1561—1567 selbst in dieser Stadt als Arzt tatig gewesen, im letzteren Jahre aber wegen der religiösen und politischen Verhaltnisse — er war Kalvinist —

nach Lemgo ausgewichen. Das Jahr von Batens Übersiedlung nach Antwerpen laBt sich nicht mit Sicherheit angeben; vermutlich erfolgte sie kurz nach 1578, wo die Protestanten Religionsfreiheit erhielten. Zum ersten Mal kommt er in den

Akten im Jahre 1581

ejus marito et tutore, ende Jozyne de Bock der voors. Jöhanna sustere, met Mr. Carel Battus, ejus marito et tutore", die aus der Erbschaft ihrer GroBmutter Margriet van Gavere, Witwe des Martin de Bock, erworbenen Güter, ihrem Bruder Simon de Bock um eine — nicht angegebene — Summe Geld abtreten. Battus scheint in Antwerpen im Kreise seiner Fachgenossen ein angesehener Mann gewe- sen zu sein, dessen Freundschaft genossen zu haben, der friesische Arzt Severinus Engalenus einer besonderen Erwahnung wert achtet, wo er ihn, mit dem er in dieser Stadt zusammen einen Patiënten behandelte, nennt „vir integrae fidei

Geld nicht spart", sagt Smetius 8 ), der es wissen konnte,

vor 6 ), als „Johanna de Bock met Anthonis van de Veken,

») Brief vom 13. September 1569. Vergl. Heinrich Smetius, Miscellanea Medica Anno M.DC.XI

Impensis Jonae Rhodii

») Biographisches Lexikon der hervorragenden Arzte herausgegeben von Dr. August Hirsch. Wien und Leipzig. Urban & Schwarzenberg, 1884. Bd. I, S. 592. «) Hamburg 1869, S. 135. *) Auszugsweise von Koppmann in den Mitteilungen des Vereins für hamburgische Geschichte. 1. Jahr- gang (1878) S. 106 ff. abgedruckt. B ) Miscellanea Medica, S. 721. *) Schepenbrieven 1581. M. N. II. Folio 183.

Francofurti, S. 653. Ein Ex. in der Universitatsbibl. Amsterdam.

DAS ALTESTE HOLLANDISCHE FAUSTBUCH

37

nostrique amantissimus" 1 ). DaB Baten ein Anhanger der neuen Lehre ist, ist selbst- verstandlich. Nachdem denn auch die Protestanten in Antwerpen die Oberhand gewonnen haben, wird am 7. Februar 1585 „Gegunt Meester Carolus Battus het

offitie van stadtsmedecyn, onder den eedt ende gagien daertoe staende" 2 ).

kann er das Amt nicht verwaltet haben: schon am 27. August desselben Jahres muBte sich die Stadt dem Herzog von Parma ergeben. Vier Jahre durften die Pro-

testanten dort noch verbleiben „mits aldaer levende in stilheyt, sonder disordere ende schandael, om hen daerentusschen te beraden ende te besluyten oft sy souden willen leven inde oeffeninge vande Roomsche oude Catholijcksche Apostohjcke Religie, om inghevalle niet middeler tijdt te mogen vrijelijck wt den Lande ver- trecken" *). Die meisten Protestanten wichen sofort aus; Baten blieb noch bis Mai 1586, wo er Simon de Bock nebst zwei andern die Verwaltung seiner Güter

anvertraut 4 ). Wir dürfen wohl anhehmen, daB er kurz darauf die Stadt

hat; vermutlich zog er wieder nach Hamburg. Hans Schroeder teilt im „Lexikon der hamburgischen Schriftsteller" 8 ) mit, daB Karl Baten der Religion wegen aus Antwerpen flüchtete und sich in Hamburg niederlieB, wobei er die Flucht irrtüm- Hcherweise in das Jahr 1564 stellt.

Lange

verlassen

Von langer Dauer aber kann sein Aufenthalt in Hamburg nicht gewesen sein:

am 20. Februar des Jahres 1588 erhalt er in Dordrecht eine Anstellung als Stadt-

medikus 6 ). Es ist nicht unmöglich, daB Heinrich Smetius, der

in Heidelberg geworden war, ihn in Dordrecht empfohlen hatte. Von einer Empfeh- lung Batens durch Smetius — es wird nicht angegeben in welcher Angelegenheit —

ist schon früher die Rede 7 ). Jedenfalls hatte Smetius durch seine Ehe mit Johanna van den Corput Beziehungen zu den Dordrechter Regenten; um das Jahr 1578 hatte man ihn selbst als Arzt in Dordrecht gewünscht, er hatte aber eine Ernen- nung abgelehnt und eine Professur in Neustadt übernommen. Mit Batens arztlicher Praxis in Dordrecht geht es schlecht, weshalb die stadtische Obrigkeit ihm einen jahrlichen ZuschuB von 75 Gulden gewahrt. E r gehört in Dordrecht zu den ange-

wenig zahheichen, aber wohlhabenden Lutheraner 8 ). Als der

Kirchenrat der lutherischen Gemeinde i n Amsterdam am 16. Januar 1599 die Brüder in Dordrecht um einen Beitrag zur Unterstützung des aus Leiden vertrie-

inzwischen Professor

sehensten der zwar

•) De Scorbuto Jenae Typis Johannis Beithmanni. Impensis Bartholomaei Voigt civis Lipsiensis. Anno MDCXXIIII. S. 174. (Ein Ex. in der Universitatsbibl. Amsterdam.)

») Antwerpsch Archievenblad uitgegeven Op last van het Gemeente-Bestuur, door P. Gérard, Archiva-

ris. Antwerpen, Drukkerij Guil. van Merlen. Deel VI, S. 33. Das „daertoe staende" Gehalt betrug für den

Arzt 10, für den Chirurgen 150 Gulden, beide empfingen für Tuc h 10 Gulden, 12 Stüber ; auBerdem konnten sie von den behandelten Patiënten für ihre Dienste Bezahlung fordern. (Diese, wie auch die übrigen auf Antwerpen bezüglichen archivalischen Angaben verdanke ich der Güte des Herrn Archivars Denucé) . Ver- mutlich war Baten Chirurg, vergl. Handboec der Chirurgyen 1590. S. 354.

») Van Meteren, Belgische Ofte Nederlantsche Historie, Tot Delf, bey Jacob Cornelisz Venne-

cool

*) Archiv der stadt Antwerpen, Certificatieboek 1586. Fol. 367. ») Bd. I. Hamburg, 1851. S. 167. 6 ) Vergl. Carel Baten door Dr. E . D. Baumann, Art». N. V. Uitgevers-Maatschappij Van Lochum Slaterus & Visser, Arnhem, S. 5.

') In einem Brief von Levin Baten an Smetius vom 12. Marz 1573, vergl. Miscellanea Medica. S. 694. 8 ) Dr. J . W. Pont, Geschiedenis van het Lutheranisme in de Nederlanden tot 1618. Haarlem, De Erven

F. Bohn, 191' S. 518.

1599.

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DAS HOLLANDISCHE VOLKSBUCH VOM DOKTOR FAUST

benen Predigers Bernhard Muykens bittet 1 ), so wünscht er, daB die Briider ihre Spenden „onsen goeden Hr. ende vriendt D. Carolo Baten behandigen, die dan

sulckx naer syn gelieuen Hr. Bernaert ter Gouwe 2 ) , of aen ons alhier bestellen ende overseynden mach" 8 ) . Vierzehn Jahre lebt Baten in Dordrecht. Aus den Rechnungs- büchern der Stadt geht hervor, daB „Dr. Jaspar van Weerdenburch, ordinaris medecijn deeser steede de somme van vijff ende tseventich ponden" erhalt, „hem extra-ordinaris jaerlijcx toegeleijt, gehjck Doctor Caerl Baten oick heeft genoten, volgende d'acte van mijne Heeren van den elf f den Januari] anno XVI c ende

"*).

Dieser Jaspar van Weerdenbuch ist Batens Nachfolger im Amte,

welches dieser also wohl um das Jahr 1602 niederlegte. Battus wandte sich nach Amsterdam, wohin ihn manche Bekanntschaft aus

seiner Antwerpener Zeit gezogen haben mag; 1603 kommt sein Name zuerst unter

den Mitgliedern der lutherischen Gemeinde dieser

findet sich sein Name nicht; in den Notariatsurkunden wird er wiederholt erwahnt,

—und heiBt dann Bürger der Stadt Amsterdam — bald als Zeuge bei der

eines Testaments, bald zur Abgabe irgend einer arztlichen Erklarung; so am 2. Juni 1612, wo er vor dem Notar Willem Cluijt auf Ansuchen eines Kollegen, der die Patientin behandelt hatte, eine Erklarung über eine gewisse Marijtge Meijnderts abgibt, welche von den Pocken, an welcher Krankheit sie gelitten habe, geheilt sei; gemeint sind vermütiich die „Spaansche pokken", von welchen Baten, wie aus seinen Thesen hervorgeht, ein besonderes Studium gemacht hatte. Er heiBt in der Urkunde „De Edele Hooggeleerde meester Carolus Battus, Doctor in de medicy- nen". Auch in Amsterdam scheint Baten zu den einfluBreichen Mitgliedern der Gemeinde gehört zu haben. Im Jahre 1606 ist er einer der Kirchenaltesten und unterschreibt als solcher einen Brief, den Prediger und Kirchenalteste am 10. Oktober dieses Jahres an die Gemeinden in Hamburg und Frankfurt a. M. rich- ten *). E r verwaltete das Amt nur zwei Jahre; 1617 kommt Batens Name zum letz- ten Mal auf der Liste der Subskribenten für die Gemeinde vor; er tragt dann sechs Gulden bei, was auf mittlere Wohlhabenheit schlieBen laBt. Kurz nach 1617 wird er — hochbetagt — gestorben sein. Über Batens Familienleben ist wenig bekannt; daB er verheiratet war und meh- rere Kinder hatte, geht aus einer Stelle im „Handboec der Chirurgyen" hervor. Ob der Medikus Battus, welcher 1624 in Steenwijk wohnt 7 ), ein Sohn Karls ist, lieB sich nicht mit Sicherheit feststellen 8 ) . Sicher war Sara Baetens, die im Jahre 1639 in der Warmoesstraat zu Amsterdam wohnte, seine Tochter.

Stadt vor 6 ). Im Bürgerbuch

Abf assung

|) Vergl. Pont, S. 509.

*) — in Gouda, wo der Ausgewiesene wohnte. 3 ) Der Brief ist abgedruckt in Oud en Nieuw uit de geschiedenis der Nederlandsch-Luthersche Kerk,

uitgegeven door J . C. Schuitz Jacobi. Te Rotterdam, 4 ) Baumann, Carel Baten. S. 5. •) Pont, S. 518.

bij W . L. Stoeller, 1864. S. 61.

•) Oud en -Nieuw uit de Geschiedenis der Nederlandsch-Luthersche kerk. 1864, S. 71.

7 ) Stam- en Wapenboek van aanzienlijke Nederlandsche Familiën

door A. A. Vorsterman van

Oyen,

8 ) Am 8. Februar 1619 erhielt Doktor Carolus Battus eine Anstellung als erster Stadtmedikus. (Archiv der Stadt Steenwijk).

derde Deel. Groningen, Wolters, 1890. S. 413.

DAS

ALTESTE

HOLLANDISCHE

FAUSTBUCH

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Das Hamburger Staatsarcbiv besitzt genealogische Notizen über die Familie Baten, welche aus der Sammlung des 1723 gestorbenen Bürgermeisters Dr. Schroe- der stammen; über Karl aber berichten sie nur: „Carolus Battus, Med. et Chir. D. et Phys. ordin. Dordracensiset Amstelod. mit undzeugte Den Namen von Batens Ehefrau geben die erwahnten Antwerpener Schepenbrieven des Jahres 1581. Aus diesen geht auch hervor, daB Jozyne de Bock aus einer wohlhabenden Familie stammte. Vermutlich ist Battus mehr als einmal verheiratet gewesen. Im

„Handboec der Chirurgyen'' (S. 365), also schon 1590 spricht er davon, wie er drei von seinen Kindern von einer Art Mundkrankheit geheilt habe, seine Tochter Sara

aber kann nicht früher als

derselben Mutter gewesen sein. AuBer seinen Werken hat sich von Baten ein lateinischer Brief an Heinrich Smetius erhalten, welcher von diesem in den „Miscellanea Medica" S. 724 abge-

druckt wurde. Smetius war ein heftiger Gegner der Parazelsischen Methode, Karls Bruder Levin ein eifriger Verteidiger dieses Systems. Sie hatten darüber eine aus- führliche schriftiiche Auseinandersetzung, welche Smetius im Jahre 1611 veröffen- lichte. Er fügte nun dieser Korrespondenz die Resultate einer Erkundigung nach dem Parazelsisten Joseph Michehus Lucensis aus Middelburg bei. Dazu hatte er sich an „zwei gelehrte und in der Heilkunst erfahrene Marnier", die mit Lucensis bekannt waren, um Auskunft gewandt, von denen Carolus Battus, den er noch

besonders als in der Chemie nicht unbewandert bezeichnet,

antwortet am 8. Februar 1601 aus Dordrecht. E r erklart, daB er auch einst so töricht gewesen sei wie Lucensis, der sich sein ganzes Leben mit der Chemie be- schaftigt und nach dem Stein der Weisen gesucht habe, daB er sich aber von dieser Kunst abgewendet habe und zur hippokratischen Methode zurückgekehrt sei.

1612 geboren sein a ) ; dies nun können schwerlich Kinder

der eine war. Battus

Ein Bildnis Batens findet sich in dem „Hant-boeck der cbirurgyen, t'Am-

sterdam, Voor Johannes van Ravesteyn

ein Portrat Batens handelt, wird zwar nicht nachdrücklich angegeben, aber es

kann schwerlich von

ein Bildnis von Karl Baten. Die Randschrift „Nee cito nee temere" war offenbar seine Devise. S. 35 zeigt eine Reproduktion. Der Namenszug unter dem Bilde ist einer von dem Amsterdamer Notar Ghysberts am 27. Mai 1613 abgefaBten Ur- kunde entnommen, wobei Baten als Zeuge auftritt. Man beachte die kraftigen Schriftzüge des Dreiundsiebzigjahrigen. Weit interessanter als die oben mitgeteilte ist Batens Lebensgeschichte, die 150 Jahre nach seinem Tode von'einem ungenannten Verfasser — vermutlich einem Nachkomttien des Autors — dem leselustigen Publikum des achtzehnten Jahrhun- derts erzahlt wird. Schon der Titel des seltenen Werkchens — die „Nederlandsche

Anno 1653" 3 ) . DaB es sich hier um

jemand anderem sein. Auch J. F . van Someren 4 ) halt es für

*) Freundliche Mitteilung vom Hamburger Staatsarchiv.' *) 1659 wird ein Kind von ihr getauft. «) Ein Ex. im Besitz der Nederlandsche Maatschappij ter Bevordering der Geneeskunst (Universitats- bibliothek Amsterdam). *) Beschrijvende Catalogus van gegraveerde Portretten van Nederlanders. Amsterdam, Frederik Mul- ler & Cie. 1888. Teil II, Nr. 273.

40

DAS HOLLANDISCHE VOLKSBUCH VOM DOKTOR FAUST

Maatschappij ter Bevordering der Geneeskunst" besitzt ein Exemplar — laBt auf

glanzende Verhaltnisse schlieBen: Aanmerkelyke geschiedenissen, raare gevallen, zeldzaame wisselvalligheden en wonderlyke leevensontmoetingen van den Hoog- Wel-Geb. Heere Carel Battus, Heere van Massenhóove, Sandvliet, Ryswyk en Pullen. Geheime Raad en Eerste Lyfmedicus van den Koning van Vrankryk.

Hendrik de Vierde, &c. &c. en deszelfs kleinzoon Carel Casparus

Zoon. B y wyze

van t'zaamenspreekingen in de andere waereld. Vol merkwaardige Nederlandsche, Spaansche en Fransche Geschiedenissen &c. te Amsterdam by Jac: Wilh: Pruys, Boekverkoper en Zegel-lak-maker.

Stadt Amsterdam ; am

Der Buchdrucker Pruy s wird am 16. Mai 1747 Bürger der

12. Jun i wird sein name ins Zunftbuch eingetragen. Ledeboer*) gibt an, daB er bis 1757 tatig war. Zwischen 1747 und 1757 muB das Werk also erschienen sein. Es ist in der Form eines Totengesprachs gehalten, wie es auch Faust in der Unterwelt mit

dem gleichfalls als Teufelsbiindler

Battus erzahlt seinem Enkel, daB die Historiker seiner Zeit sich in ihren Werken viel mit seiner Person, zum Teil unter fremdem Namen, befaBt hatten. Dem hohen Adel des Landes soll er angehört haben; sein Vater war ein Amtsvorganger Oldenbarneveldts und wurde im Jahre 1568 von Alba verhaftet; er starb in der Gefangenschaft auf SchloB Treurenburg bei Brussel. E r selbst erhielt von seinem Hauslehrer, Pierre Tauphin, eine vorzügliche Erziehung, sodaB er mit dreizehn Jahren Latein, Französisch und Deutsch sprach. In Genf, denn Holland hatte damals noch keine Universitaten 8 ), studierte er Jura und spater in Oxford Medizin; letzteres auf Antrieb seines Vaters, der in den unruhigen und ungewissen Zeiten für seinen Sohn einen von der regierenden Macht weniger abhangigen Beruf als erwünscht betrachtete. Die medizinische Praxis, womit er groBen Erfolg er- zielte, übte er übrigens unentgeltlich aus. Nach der Verhaftung seines Vaters nahm er aus Furcht vor Verfolgungen den Namen Battus an nach Bato, dem berühmten Anführer der Bataver, von dem sein Vater abzustammen glaubte. E r floh nach Frankreich, wo er vierzig Jahre, zum gröBfen Teil am Hofe, lebt. Hier lernt er die Marquise de Chalons kennen, die er, nachdem er eine Anstellung als Hofmedikus erhalten hat, heiratet. Heinrich IV. ernennt ihn zum ersten Leib- arzt und gewahrt ihm einen groBen EinfluB auf die Staatsangelegenheiten. Leider macht die Ermordung des Königs durch Ravaillac im Jahre 1610 dieser Herrlich- keit ein Ende. E r verlaBt mit seiner Gattin den Hof, um in Zurückgezogenheit auf seinen Gütern sein Leben zu beschlieBen.

berüchtigten Marschall von Luxemburg führt a ).

Eine Fortsetzung der Lebensgeschichte verspricht Baten dem Enkel für die

») Vergl. Alfabetische Lijst der Boekdrukkers, Boekverkoopers en Uitgevers in Noord-Nederland door

A. M. Ledeboer. Utrecht, 1876, S. 138.

*) Gesprache im Reiche derer Todten zwischen dem ehemaligen Frantzoisischen General-Feldt- Marschall Hertzog Frantz Heinrich von Luxemburg und Doet. Johann Fausten, zwever Weltbekannten Ertz-Zauberer und Schwartz-Künstler Der bösen gottlosen, sichern Welt zur Warming auffgestellet und gedruckt. Leipzig. Anno 1733. Vergl. Das Kloster V S. 574 ff. ') Für die jetzigen Provinzen Holland ist dies richtig, nicht aber für die Niederlande und hierauf mussen wir den Satz beziehen; die Universitat Löwen wurde schon 1426 gegründet; gerade in Batens Jugend galt sie als eine der ersten in Europa.

DAS ALTESTE HOLLANDISCHE

FAUSTBUCH

41

nachsteZusammenkunft. Ob aber ein zweiter Teü des Werkes jemals erschienen ist, habe ich nirgends entdecken können.

Das

155 Oktavseiten stark e Büchelche n gehort z u den meistens

erdichteten

Geschichten popularer Personen, welche in dieser Zeit — und zum Teil schon früher _ den Büchermarkt überschwemmten, wie die „Nooit gehoorde Levens- gevallen van den gelukkigen Reynardus", die „Zeldzame Levens-gevallen van J. C. Wyerman, op de Voor-Poorte van den hove van Holland te 's Gravenhage over- leden", dié „Aanmerkelijke Leevens-Gevallen van Jannetje", Het Leven en Be- drijf van Clement Marot, Jan Tamboer, Kleine Gerrit, Jean Jacques de Berville, Baron van Appel-Sop, Louwtje van Zevenhuizen und vieler anderen. Batens Vater soll Pensionar der Provinz Holland gewesen und 1568 von Alba verhaftet worden sein. Dies muB sich auf Doktor Jakob van den Eynde beziehen, der May 1568 auf Befehl des Herzogs von Alba nach einer Abendmahlzeit bei dem Statthalter Bossu von diesem in Haft genommen und nach dem Gefangnis Treuren- burg in Briissel geführt wurde, wo er kurz darauf starb. Sein einziger Sohn Jakob, der in den „Aanmerkelyke Geschiedenissen" als Batens Bruder bezeichnet wird, floh nicht nach Paris, sondern war beim Sterben seines Vaters anwesend. Der Enkel „Carel Casparus Zoon'' nennt sich einen Sohn von Batens Tochter Sara. Das ist in der Tat richtig. Nach den Amsterdamer „Puyboecken" *) wurde am 26. Marz 1639 das Brautpaar eingeschrieben: „Jasper van den Ende, van Amsterdam, out 25 jaer, wonende tot Rotterdam, nog een vader hebbende en Saera Batens van Swoll, wonende in de Warmoesstraet, geen ouders hebbende ".

Karl Baten mufi ein alter Mann gewesen sein, als seine Tochter Sara geboren

wurde; am 2. Mei 1659 wird ein Kind von ihr getauft 2 ), ihr Geburtsjahr ist also

wohl nicht früher als 1612 anzusetzen, als der Vater 72 Jahre alt war. Ein Kind der

Jozyne de Bock kann Sara nicht gewesen sein. Recht auffallig ist der Geburtsort Zwolle; möglicherweise stammte die Mutter aus dieser Stadt. Taufbücher aus die-

ser Zeit sind in Zwolle leider nicht vorhanden. Die Geschichte scheint einen Nieder- schlag in den „Aanmerkelyke Geschiedenissen" gefunden zu haben, wo Battus S.

107 dem Enke l mitteilt , daB er seine Frau , als sie ihrer Entbindun g entgegensah, z u

ihren Eltern in Orange geschickt habe, wo sie ihre Tochter Sara zur Welt brachte.

Aus Saras Ehe mit Van den Ende 8 ) werden wenigstens sieben Kinder getauft:

am 6. Oktober 1640 Carolus, am 6. August 1642 Hendricus und 7. Juli 1647 wieder ein Carolus. Vermutlich starb der erste Karl, sodaB der am 7. Juli 1647 geborene einer der beiden Helden der Geschichte ist, dessen Rolle sich allerdings auf ein ruhiges Anhören der Lebensgeschichte seines GroBvaters besdirankt und der nur durch eine gelegentliche Frage dafür sorgt, daB die Dialogform des Werkes be- wahrt bleibt.

i) Verzeichnis der EheschlieBungen von Nicht-Kalvinisten. Vergl. Doop-, Trouw- en Begraafregister

675, Fol. 59 v°.

•)

Schutte Jacobi, De Navorscher II (1852); S. CVII.

»)

Jasper van den Ende war Schulmeister in Rotterdam. E r ist der Erfinder der Lautiermethode, welche

Erfindung spater in Vergessenheit geriet und noch jetzt allgemein dem Franzosen Jacotot zugeschneben wird.

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DAS HOLLANDISCHE VOLKSBUCH VOM DOKTOR FAUST

Der Verfasser der „Aanmerkelyke Geschiedenissen" isthöchstwahrscheinlichein Nachkomme dieses „Carel Casparus Zoon" van den Ende. DaB er seinen Vorfahren von dem adligen Geschlecht Van den Eynde abstammen laBt, ist wohl an erster Stelle durch die gleichlautenden Namen zu erklaren. Vielleicht auch brachte er hiermit eine Famüientradition zum Ausdruck. Zu den legitimen Nachkommen Jakob van den Eyndes gehorte die Familie Van den Ende jedenfalls nicht. Der Verfasser hat die Lebensgeschichte seines Vorfahren Karl Baten mit der seines vermeint lichen Ahnherrn Jakob van den Eynde zu einem Ganzen zusammen-

geschweiBt; der allergröBte Teil ist aber erdichtet 1 ). Ziemlich

weilen Ereignisse aus des Autors Zeit mit denen, welche in Batens Lebensperiode stattfanden, zusammengeworfen. Von den Verfolgungen, welche Bartholomaus Battus seiner Religion wegen litt, laBt der Verfasser seinen Helden schweigen. Viel- leicht war ihm davon wenig bekannt, das achtzehnte Jahrhundert hatte auch für die Religionskampfe der Vorfahren wenig Verstandnis. Den Nachdruck legt er auf den Ruhm seines Geschlechtes, wobei das Leben am bewunderten französischen Hofe in den Mittelpunkt der Erzahlung gerückt wurde. Nicht ungeschickt ist die Ge- schichte des Helden mit dem popularen Unabhangigkeitskrieg in Verbindung ge- bracht, wozu freüich das Leben Van den Eyndes Veranlassung gab.

Ausführlich erzahlt die Geschichte, wie Battus in Paris Freundschaft schlieBt mit Clément Marot, dessen Name im achtzehnten Jahrhundert als Urheber von allerhand SpaBen in der Volkslektüre spukt. Diese Bekanntschaft dient natürlich nur dazu, die Autoritat des Helden in den Augen der Leser zuerhöhen. Übrigens ist die Tatsache selbst unmöglich, denn Clément Marot starb schon 1544, als Baten kaum das Licht der Welt erblickt hatte. Im Jahre 1543 laBt der Verfasser seinen Helden geboren werden und zwar im Dorfe Rijswijk beim Haag. DaB er nach dem Geburtsjahr auf gut Glück geraten hat, ist nicht anzunehmen; daB er es nach Batens Angabe im „Medecyn-Boeck" angesetzt hat, ist nicht wahrscheinlich, er ware dann wohl zu dem Jahre 1540 oder 1541 gekommen. Vermutlich verfügte er über eine in seiner Familie vorhandene Aufzeichnung und dies war denn auch einer der Grimde, ihn für einen Nachkommen des im Jahre 1647 geborenen Karl van den Ende zu halten.

Battus scheint allein in Dordrecht schriftstellerisch tatig gewesen zu sein; es ist erstaunlich, welche Aktivitat er in dieser Beziehung in kurzer Zeit entwickelt hat,

besonders in den

dieser Zeit — in seinen Freistunden — zwei ursprüngliche Werke und übersetzte drei andere, von denen zwei nicht weniger als zweitausend Folioseiten zahlen. Da

plump werden bis-

ersten fünf Jahren seines Dordrechter Aufenthalts. E r verfaBte in

l ) Gerade zur Zeit, wo Battus zum ersten Leibarzt des französischen Königs avanciert sein will und sein Gehalt von „nur" 4000 Kronen — Aanmerkelyke Geschiedenissen S. 87 — natürlich bedeutend erhöht wurde, scheint in Wirklichkeit seine f inanzielle Lage durchaus nicht so glanzend gewesen zu sein, sodaB der Rat der Stadt Dordrecht beschlieBt, ihm auBer seinem Gehalt von 75 Gulden — weitere 75 Gulden erhielt er für die Lieferung von Arzneien im stadtischen Krankenhaus — „noch die somme van vijffentseventich ponden van X L grooten hem bij mijne Heeren die Regeerders deeser steede jaerlijcx belooft voor een gratuiteijt te doen betalen, totdat hij met sijne practijcque beeter ende meerder profijten binnen deeser steede sal weeten te doen, ende dat bij provisie ende totdat anders bij mijne Heeren sal weesen geordon- neert" (vergl. Baumann, S. 6).

DAS

ALTESTE

HOLLANDISCHE

FAUSTSBUCH

43

eine voUstandige Aufzahlung von Batens Werken nirgends vorkommt, möge sie hier in chronologischer Ordnung folgen.

Medecy n Boec . || Dae r inn e all e wtwendigh e / end e || inwendig e Parthye n des

1°.

menfchen Lichaems / met || alle hare Sieckten ende Gebreken / van den Hoofde af / tot de Voeten toe /1| begrepen zijn / ende daer inne oock geleert wort / hoe datmen alle de felue /1| (met Gods hulpe) door menichderleye Remedijen / helpen ende cu-

reren fal. Seer be-1| quaem ende gerieffelick / niet alleene voor Medici]ns / Chirur- gijns / Aptekers / || ende Vroede-vrouwen / maer oock voor alle andere gemeyne Luyden. || Welckx ghelijcke (hier te vooren) i n Nederlandtfche-Sprake / || noyt

wtghegaen en is. || Door den Hooch-gheleerden, ende feer Heruaren D.

TOPHORVM Wirtfung, wt der beroem/ter, outsher, ende nieuwer Doctoren \\ Schrif- ten, ende wt zijne langhe experientie (onlancx door den Druck) in de HoochduyU \\fche Sprake wtghegheuen, ende nv wt de felue, in onfe ghemeyne Neder» \\ lantfche Tale, Ouerghefet, || Door D. CAROLVM BATTVM, Medicijn ordinaris, || der Stadt Dordrecht. || [Druckerzeichen der Familie Canin] || Tot Dordrecht. || Ij Ghedruckt by Ian Canin / woonendein || de Wijnftrate. jnt Iaer 1589.\\Metgratie endePriuilegie, voor ia . Jaren.\\

Es ist ein stattliches Werk von 676 Folioseiten, ohne die drei umfangreichen Re- gister. Der Verfasser widmete das Buch dem Prinzen Moritz und den Standen von Holland und Zeeland. Der zweiten Auflage fügte der Autor hinzu: „Eenen feer fchoonen / ende excellenten || Coc-boeck / inhoudende alderleye wel gheexperimen- teer- || de cokagien / van ghebraedt / ghefoden / Pafteyen / Taerten / Toerten / || Vlaeyen / Sauffen / Sopen / ende diergelijcke: Oock diuerfche Confeytue» || ren ende Drancken / etc." x ) Der Erfol g des Werke s wa r groB: die „Nederlandsch e Maatschappij ter bevorde- ring der Geneeskunst" (Universitatsbibliothek Amsterdam) besitzt neun ver- schiedene Ausgaben. 2°. Handboec der Chi-1| rurgyen : Wae r i n vee l exquifite / ende fecre* || te Reme- dyen / tegens alle wtwendige Ghebreken /1| foo wel int generale /als int particuliere / ver* || haelt ftaen / naer wtwijfen des Regi* || fters daer van zijnde. || Door D . CAROLV M BATTVM , de r Medi » || cijne n / end e Chirurgye n Licentiae t / end e Me* || dicijn ordinari s der ftadt Dordrecht . || [Druckerzeichen Canins] \\ Me t grooter neer- fticheyt / van al tgene dat hy || felue heeft geexperimenteert / van de vermaerfte Chi- / rurgyns geobferueert / en va n alles wat h y wt || de oude ende nieuwe Autho - ren Schriften || opgheteeckent hééft / te famen || ghebracht. || Tot Dordrecht. || % B y Ian Canin / woonende inde || Wijn-ftrate / Anno, 1590. ||

\\ CHRIS-

Das

Privile g — fü r 10 Jahr e — is t vo m 29. Jun i 1590 datiert .

Dies ist eines der wenigen ursprünglichen Werke Batens. Dr. E . D. Baumann be- urteilt es sehr gunstig und rühmt es als auBerst praktisch. lob. van Meekren nennt

es, nach einer Mitteilung Baumanns, in seinen „Heel- en Geneeskonstige Aan -

!) DaB ein Arzt, wie Battus, sich mit der Zusammenstellung eines Kochhuchs beschaftigt, mag etwas weniger auffallig erscheinen, wenn man weiB, daB auch ein hochlöblicher Bürgermeister der Stadt Antwer- pen seine kulinarischen Erfahrungen — und er besaB eine „experientie" von vierundzwanzig Jahren — um die Mitte des siebzehnten Jahrhunderts durch die Presse verbreitete. (Vergl. Tijdschrift voor Boek- en Bibliotheekwezen 1 [1903] S. 235).

4 4

DAS

HOLLANDISCH E

VOLKSBUC H

VOM

DOKTO R

FAUS T

merkkingen " 1 ), S. 420 Baten s „noy t volpreesen hand-boek" . Kei n Wunder , da B es

der

Geneeskunst " besitzt

Johan n

d e n

verbesserte Auflage. Di e Söhn e erhalte n das Privile g fü r di e noc h restierenden

Auto r selbst

1595 erscheint bei

eine n groBe n Erfol g hatte . Di e „Nederlandsch e Maatschappi j ter bevorderin g

allein zeh n verschiedene

Canins , Abraha m un d

Ausgaben . Scho n Isaak , eine zweite,

Söhne n

vo m

fünf

Jahre .

 

D

a s Buc

h

ha t

kein e Widmung , wei l Baten , wi e er i n dieser zweite n Auflag e mit -

teilt, zeigen

will ,

da B er

mi t der Veröffentlichun g seiner

Werk e nu r das

allgemeine

Woh l un d nich t eigenen

Vortei l bezweckt . EinfluBreich e

un d vermogend e Persone n

sahen sic h namlic h ger n durc h die Widmun g eines Buche s geehrt un d pflegten dies

durc h Geldgeschenk e z u

fördern .

 

3°.

D e

|| Chirurgie , ||

end e

all e

d e

OPERA,

ofte

|| Wercke n va n

Mr.

Ambrofius

Paré,

Raed t / end e op » || perfte Chirurgij n va n vie r Coninghe n i n Vranckerijcke . ||

N v

eerft

w t de Franfoyfch e

/ i n onfe ghemeyn e

Ne « || derlantfche

fprake

/ end e

w t

d e vierd e Editi e / getrouwelic k ouer » || ghefet : Doo r D.

Carolum

Battum, Medicij n

ordinari s || de r Stad t Dordrecht . || [Druckerzeichen Canins] \\ Verdeyl t i n

ken.

Chirurgie n / end e va n vele

Cani n / woonend e i n d e Wijn * || ftrate . In t Iae r 1592. || Met Priuilegie voor 12 Iaren.\\

28 . Boec -

der

|| Me t alle de Figure n / fo we l der Anatomie n / als va n

|| de

Inftrumente n

|| diuerfche Monfter s / etc. || TO T DORDRECHT. HlfByIa n

D

a s Privile g der Generalstaate n

is t scho n vo m

16. Februa r

1589

datiert.

Es

is t

de m

Grafe n vo n Hohenloe , „Vry-Heer e to t Langhenberch , Luytenan t

generael, ouer Hollandt , Zeelandt, Bommel , end e Tielerweert " gewidmet. Der Übersetze r teilt i m Vorwor t mit , er hab e ga r nicht s ausgelassen; —i m „Me - decy n Boec " wa r einiges gestrichen worde n — auc h die Bilde r seien übernom - m e n worden , auBe r „eenig e Historisch e Figueren , die de n Drucke r doo r mijne n

raet, dae r w t gelaten heeft, ouermit s deselue nie t e n leerden, ende de n Boec k noch - tan s soude n beswaert hebben , gelijck die va n de n Fransoysche n Drucker , alleene dae r inn e to t een cieraet des Boec x ghevoech t waren , ouermits h y de Plate n der

seluer,

hadde. "

va n het drucke n de r Historië n va n Andrie s Theuet , b y he m liggende

noc h

Wer k Batens ; ih m la g der

Leidene r Nachdruc k des Jahre s 1604 vor . Au f dieses Erscheine n des angeblic h

letzte n Werke s i n Leide n stütz t sic h woh l Baumann s Vermutung , da B Baten , der

Nam e nac h diese m Jahr e nich t meh r i n de n

Akte n de r Stad t Dordrech t vorkommt , spate r nac h Leide n gezogen sein mag . Auc h dieses Wer k wa r seh r verbreitet ; zeh n verschiedene Druck e besitz t die „Ne - derlandsch e Maatschappi j ter bevorderin g der Geneeskunst" . 4°. Secreet-Boec k || Wae r i n vele diverfch e Secre-1| te n / ende heerhck e Confte n /

i n veelder* || leye verfcheyde n materië n / w t feker Latijnfch e / || Franfoyfch e /

bis 1602 sein Am t versa h un d dessen

Bauman n

nenn t

dieses

irrtünüicherweis e

das

letzte

Hoochduytfch e / end e Nederlandt » || fche Authore n / te fame n ende b y een ghe- brach t | j zijn : Wae r va n de n meeftendeel der voor» || fchreve n Authore n name n dae r

') t'Amsterdam, By Casparus Commelijn, op 't Water, in de Waarheyt. Anno" 1668.

DAS ALTESTE HOLLANDISCHE FAUSTBUCH

45

by || gheciteert worden. || [Druckerzeichen Canins] || Tot Dordrecht. || B y

Canin / Int || Iaer ons Heeren / 1601. || Das Buch umfaBt 419 Oktavseiten. Auch dieses ist ein ursprünglichesWerk Batens. Es ist ein merkwürdiges Sammelsurium, das nicht nur Rezepte gegen Krankheiten, sondern auch Anleitungen zur Ausübung von allerhand Kunststücken enthalt. Als ein medizinisches Werk kann man esdaherschwerlichbezeichnen. Banga 1 ) beurteilt es sehr ungünstig und zieht aus diesem Werk nicht sehr schmeichelhafte Schlüsse auf Batens Qualitaten als Arzt. Nun ist Banga in Bezug auf Battus auBerst ober- flachlich; Baumann ist der Ansicht, daB das Werk, wenn man es als Produkt der Zeit betrachtet, dieses ungünstige Urteil gar nicht verdient. Auch das „Secreet-Boeck" war sehr verbreitet. Noch 1694 wurde es in Leeuwar- den bei H . Rintjes gedruckt. Als altester Druck wird allgemein, u. a. von Blommaert und Baumann, die Ausgabe Leeuwarden 1594 angenommen. Diese muB aber ein spaterer Nachdruck sein. Das „Secreet-Boeck" erschien, wie alle anderen Werke Batens, bei Canin in Dordrecht. Die Ausgabe 1601 enthalt das Privileg Canins für zehn Jahre. Zwar ist es in diesem Druck nicht datiert, dies ist aber wohl deshalb der Fall, weil es im Jahre 1601 keine Gültigkeit mehr hat, da die zehn Jahre verstrichen sind. In ahn- lichen Fallen laBt Canin auch sonst die Datierung fort. Das Werk muB also vor 1591 in Dordrecht erschienen sein. In dem Nachdruck, der 1609 bei Joris Waters in Dordrecht herausgegeben wurde, wird der Verfasser mit seinem nicht-latinisierten Namen „Doctor Carel Batin" genannt. Ph. Blommaert nennt in der „Biographie nationale" noch ein anderes „Secreet-Boeck", namlich „Het secreetboek van boomen, bloemen, enz." und ver- weist auf eine Ausgabe Leeuwarden 1594. Dieses Werk war nicht aufzutreiben und ich bezweifle auch die Existenz desselben. Das bekannte „Secreet-Boeck" enthalt namlich schon, wie der Verfasser im Vorwort mitteilt, „sekere Konsten Om alderleye Bloemen, Kruyden ende Planten te tuylen, Boomen te planten, ende die te griffien", sodaB es nicht wahrs<±eirdich ist, daB Baten darüber noch ein besonderes Werk verfaBt haben sollte. Auch das Fehlen einer genauenTitelangabe macht die Sache wenig glaubwürdig. Weniger verbreitet scheinen die letzten drei medizinischen Werke Batens ge- wesen zu sein. Auch diese sind Übersetzungen, die zwei ersten aus dem Französi- schen, das letzte aus dem Deutschen. 5°. Tracktaet van || alle de ghebreken der Oogen / 1| die hondert ende derthiene in

ge- 1 | tal e zij n / de welck e de Ooge on> || derworpen is . || Doo r Iaque s Guülemea u va n Orleans / || ordinaris Chirurgijn des Conincx / ende ge- || fworene der ftadt van

Abraham

Parijs. || [Druckerzeichen Canins] || W t de Franfoyfche

Carolum Battum, || Tot Dordrecht. || B y Abraham Caen / 1597. || Met Priuilegie voor 6. laren. ||

*) Geschiedenis van de Geneeskunde en van hare Beoefenaren in Nederland, door J . Banga. Te Leeuwar- den bij W . Eekhof, 1868. Tei l I, S. 210 ff.

fprake overgefet || doorD.

46 DAS HOLLANDISCHE VOLKSBUCH VOM DOKTOR

FAUST

Es umfaBt

205 Oktavseiten. Das Privileg ist nicht abgedruckt, wie das sonst in

den Werken Batens der Fall ist. Das Buch ist vom Verleger, nicht vom Verfasser,

seinem

Schwager, dem Dordrechter Chirurgen Maximilian Bouman, gewidmet 1 ).

Battus

selbst hatte sich ja vorgenommen, seine Werke niemandem mehr zu dedi-

zieren um der Beschuldigung, als verfolge er mit der Veröffentlichung eigennützige

Zwecke, zu entgehen. Am SchluB des Buches steht ein Brief Le Jeunes, des Chirurgen des französischen Königs, abgedruckt, in welchem er Baten Mitteilung von einer neu entdeckten Augenkrankheit macht. Ohne Zweifel spricht dieses für das Ansehen, das man ihm in fachgenössischen Kreisen entgegenbrachte, wovon übrigens auch andere Zeugnisse vorliegen. Der Buchdrucker Caen ist Abraham Canin, der Sohn Johanns; er ist derselbe, der 1595 mit seinem Bruder. Isaak die zweiteAuflage des „Handboec der Chirurgyen" druckt. Das Druckerzeichen der Familie Canin hebt jeden Zweifel auf. Aus wel- chem Grunde er seinen Namen geandert hat, ist nicht deutlich; l m Vorwort spricht er von den zahlreichen medizinischen Werken, die früher bei ihm erschienen seien, womit natürlich die Werke Batens gemeint sind.

6°. D E || Franfoyfche Chirur- || gie / of alle de manuale Operatien || der Chirurgie/ met diverfche Figueren / ende || onder ander eenighe meuw-ghevonden || Instru- menten / tot de operatien || der Chirurgien feer || dienftelick. || Door Iaques GuiUe- meau, van Orliens, | ordinaris Chirurgijn des Conincx, ende ge- || fworeninzijn Caftelet van Parijs. || W t den Franfoyfchen / in nederlandt-1| fche Tale overghefet /

door D . Ca-1| rolum Battum,

drecht, || Gedruckt by Ifaac Janfz,

Das Werk zahlt 57 Folioblatter. E s ist — nicht vom Übèrsetzer selbst, sondern vom schon früher genannten „Maximiliaen Bouman, Chirurgijn tot Dordrecht" —

„Wilhelm Ludwich, Grave tot Nassouwen

Groeningen, ende de omlanden" gewidmet. Das Privileg — für acht Jahre — ist vom 11. Juni 1597 datiert. 7°. Medecijn-Boeck || Daer inne / || Wt bevel des Doorluchtighen Hooch-ghebore» || nen Vorften / ende Heeren / Heeren Lodewijck / Herto» || ghe tot Wirtenberghe / ende tot Teek / Grave || tot Mompelgart / etc. || 1| Meelt voor alle Lijfsgebreken / ende Crankcheyden wt || gelefene en beproefde Medicijnen / die wt vele Hooge ende || Nederstandes Perfoonen ghefchrevene Medicijnboecken / 1| te famen / ende by een gebracht zijn. || || Door den Hooch-verhaelden zijns Vorftelicken G . Hof-1| Medicijn / Doctor Ofwaldt Gabelhover. || [Druckerzeichen der Familie Canin] \\ Wt de Hoochduytsche fprake getrouwelick overgefet. || Tot Dordrecht, j B y Abra- ham Caen / Int Iaer / 1598. || Ich finde dieses „Medecijn-Boeck" nirgends als ein Werk Batens erwahnt, was kein Wunder ist, da weder im Titel, noch im Privileg—fü r zehn Jahre; es ist vom 11. April 1597 — sein Name vorkommt. Abraham Caen teilt im Vorwort mit, daB er

Medicijn or-1| dinaris der ftadt Dordrecht. || Tot Dor-

|| Canin / wonende op de || hooch-straet. || 1598. ||

Stadthouder

over Vrieslant,

l ) Am 24. Januar 1584 heiratet „Maximiliaen Bauman van der Veer Chirurgyn Libuina Jan Caninxsdr. van Gent" (Archiv der Stadt Dordrecht).

DAS ALTESTE HOLLANDISCHE

FAUSTBUCH

47

„niet sonder merkelicke costen" eine geschriebene Kopie des Werkes erhalten habe,

welche er einigen in der Medizin erfahrenen Personen gezeigt habe, sowohl adligen wie andern, welche ihm danach „niet en hebben ongequelt gelaten, ende gemoles-

teert het voorschreven Boec i n den Druck te brengen". Nur eine Auflage

ken wurde mir bekannt. Ei n Exemplar besitzt die „Nederlandsche Maatschappij ter bevordering der Geneeskunst". DaB Baten in der Tat der Verfasser der von Abraham Caen erworbenen Kopie ist, geht aus der englischen Übersetzung des hol- landischen Textes hervor, welche gleichfalls bei Canin in Dordrecht erschien:

The Boock of Phyficke Wherin Throughe commaundement of the moft Illuftri- ous, & renoumned Duke & Lorde, Lorde Lodewrjcke, Duke of Wirtenberghe, & of Teek, Earle of Mompelgart, &c. Moft of them felected, and approued remedyes.for

all corporall difeafes, and fickneffes, which out of manye highe, and common Per- fons written Phyfick-boockes, are compacted, and vnited together. Through his renoumned Graces moft famous Phyfition Mr. Doctour Ofwaldus Gabelhouer. Faithfullye tranflated out of High-duche by the right worfhipfull Mr. Doctour Charles Battus, ordinarye Phyfitione of the Citye of Dorte. And now nuelye tranf-

latede out of Low-duche into Englifhe by

Caen, 1599. Das Werk wurde von „Isaack Canine, Bibliopola at Dorte", der Königin Elisa- beth von England gewidmet, Abraham Canin dedizierte es Maria von Oranien, der Gemahlin Philipps von Hohenlohe, dem Karl Baten sein Werk über die Chirurgie gewidmet hatte; es enthalt noch auBerdem das Vorwort Gabelhovers und ein „An den Leser" des Übersetzers A. M. Ein Exemplar besitzen die „Nederlandsche Maat- schappij ter bevordering der Geneeskunst" und die Bodleianbibliothek in Oxford. Einen ganz anderen Charakter zeigt Batens letztes Werk:

8°. Van de || Siele des Men- || fchen / ende vande ontsterffe- || lickheydt des Men- || fchen Ziele. || Waer in door vele natuerlicke redenen / en || stereke Argu- menten / door diverfche Schriften der || Philofophen || fommigher Out-vaderen be- wefen / ende || door de H . Schrift gheconfirmeert wort / dat de Ziele || des men- fchen / niet en is te vergehjeken / met de Ziele || der onvernuftige Dieren / dat oock de Ziele des men-1| fchen ontfterffelic / en onverganckelic is / tegen de || opinie van alle Epicuriftê / die hier namaels || gheen ander leven / noch falicheydt en || ver- wachten als de welluft de- || fes tegenwoordigen || Levens. || [Zierstück] || Regum

Cap. 17. || le k bidde u Heere / laet in dit doode kin t fyne || ziele wederom commen. || Tot Dordrecht. || B y Abraham Canin / Anno 1601. || Das Werk, eine Oktavausgabe, ist signiert A—N; die Paginierung fehlt. Das Privileg — für sechs Jahre — ist vom 31. Mai 1601 datiert. Es nennt als Ver- fasser ausdrücklich „Doctor Carel Baten". Der Name des Druckers wird sowohl Caen als Canin geschrieben. Der Autor widmete sein Werk den „Eerentfeste,

des Wer-

A. M. IMPRINTED A t Dorte by Ifaack

seer wijse, hoochgeleerde, discrete, voorsienige Heeren, Schoutt,

Schepenen, ende Raden, der vermaerder Coopstadt Dordrecht, mijne weerdige Heeren." Der Verfasser hat erwogen, daB „daer gheen sekerder oorsake gewesen en can,

Borghemeester,

48

DAS HOLLANDISCHE VOLKSBUCH VOM DOKTOR FAUST

waerom so veel Werelt-wijse, vernuftige ende cloecsinnige menschen (die hun alleene vant sweert der Overicheyt te wachten weten, so goddeloos, ende met so ruymen consciëntie haer gheheele leven doorbrengen, als het ongeloove, ofte den twijffel die sy hebben, aen de ontsterffelicheyt harer zielen ende aen een ander leven, na dit sterffelicke verganckelicke leven" (A, r°). Nun hat er bemerkt, daB „het gevoe- len, van een eeuwige onverganckeücheyt, onser zielen nu in dese leste tijden der werelt, in veler menschen herten, schijnt wtgeroeyt cleyn oft ymmers twijfel- achtich geworden te wesen" (A 2 v°). Das Werkrichtetsich also gegen die „Epicu-

risten, die de gheheele H. Schrifture ende de Christelicke Religie, in twijfel trecken,

Ja, voor ghedichte f abulen achten, gelijck of die van eenen Quidam

inde Werelt als

een bedecte policie, ende tot eenen toom des volckx (so sy segghen) alleenelic be- schreven ende inghevoert ware" (A„ v°). Besonders warnt er vor „de raserien vande ghene, die daer hebben ghemeynt, ende ghesustineert, dat dese Weereldt soude wesen, het lichaem Godts, waer van dat hy de ziele wesen soude, die daer in ghelogeert is, gehjck de menschehcke Ziele, in het Lichaem des menschen" {N x v°). Also den Unglauben und die Skepsis, Folgen der Renaissance, bekampft der Autor. Sein Werk zeichnet sich durch Einfachheit des Stils und Klarheit der Gedanken aus und verrat groBe Vertrautheit mit den Werken der alten Phüosophen und der Kirchenvater. Was spezifisch lutherisch war, ist vermieden, was für eine so ausge- sprochen kalvinistische Stadt wie Dordrecht recht klug genannt werden muB. Man scheint des Verfassers Ratschlage für den kranken menschlichen Körper aber be- deutend höher geschatzt zu haben als die für die kranke Seele; wahrend seine me- dizinischen Werke noch 150 Jahre nach seinem Tode immer wieder neu gedruckt wurden, ist von diesem Buche nur eine Auflage bekannt. Es ist denn auch auBerst seiten; die UniversitatsbibHothek in Gent besitzt ein Exemplar 1 ). Warum Baten seinem Versprechen, niemand mehr ein Werk zu widmen, untreu wurde, ist nicht deutlich; vielleicht wollte er es als ein Abscbiedswort an die Regie- rung der Stadt Dordrecht betrachtet sehen; auch mag die Freigebigkeit, mit wel- cher um diese Zeit der Magistrat der Stadt das Declineren von bedeutenden Wer- ken zu lohnen pflegte,«) ihn auf andere Gedanken gebracht haben.

2.

Der

Drucke r

Das Faustbuch gibt weder den Drucker noch den Druckort an. L. P. C. teilt in „De Navorscher" 8 ) ohne nahere Begründung seiner Ansicht mit, daB es bei Jasper Troyen in Dordrecht erschienen sei. Ihm hat vermutüch das Leidener Exemplar der „Maatschappij van Nederlandsche Letterkunde" vorgelegen. Dieses ist zusammengebunden mit „Het wonderlijcke || Schadt-Boeck || der Historiën /1| Tot Dordrecht, j| Voor Iasper Troyen/woonende inden vergui-1| den Griffioen,

1592."

*) Sehr gunstig urteilt Ph. Blommaert fiber das Werk; vergl. De Nederduitsche Schrijvers van Gent. Gent, I . S. van Doosselaere, 1861. S. 176 ff. *) Man vergl. hierfür G. D . J . Schotel, Algemeene Konst- en Letterbode, 1839, Nr. 24. ») Jahrgang XIII (1863), S. 114.

DAS ALTESTE- HOLLANDISCHE

FAUSTBUCH

49

Beide Werke nun stammen aus derselben Offizin; die Gleichheit dés Lettern- satzes, genau dieselbe Ausführung, die Anwendung derselben kleinen Verzierun- gen, sowie auch die Tatsache, daB von den sechs Holzschnitten des Faüstbuchs fünf dem „Schadt-Boeck" entnommen sind, machen dies zur GewiBheit. Da das „Schadt-Boeck" für Jasper Troyen gedruckt wurde, nimmt der Anonymus dies auch für das Faustbuch an; in einer anderen Notiz in „De Navorschw" gibt er sogar Troyen als den Drucker an, was sicher nicht richtig ist. Jasper Troyen besaB in Dordrecht keine eigene Werkstatte; er laBt wiederholt bei anderen druk- ken. In Batens „Handboeck der Chirurgijen", das er 1606 „Tot Schiedam, B y Adriaen Cornelisz. 1 ' nachdrucken laBt, wird er denn auch „Boeck-verköoper" genannt. Letternsatz und Verzierungcn der beiden Werke weisen auf Jan Canin als Druk- ker hin. Und da alle anderen Werke Batens bei Canin erschienen, liegt es auf der Hand in ihm nicht nur den Drucker, sondern auch den Verleger des Faüstbuchs zu sehen. DaB einige Holzschnitte des „Schadt-Boeck" sich im Faustbuch finden, ist wohl so zu erklaren, daB Canin, der Drucker des „Schadt-Boeck", mit oder ohne Erlaubnis Troyens dessen Holzstöcke für sein im selben Jahre gedrücktes Faust- buch benutzte; so genau nahm man es damals nicht: Troyen laBt seinerseits das bei Jan Canin erschienene „Handboeck der Clürurgyen" nachdrucken. Canin scheint auch gerade der geeignete Verleger für ein „suspectes" Werk wie das Faustbuch ge- wesen zu sein. E r machte dem Dordrechter Kirchenrat wiederholt zu schaffen und es hatte gewiö seine guten Grimde, daB er im Jahre 1592 seinen Namen als Drucker des Faüstbuchs fortlieB. Wie Baten stammt auch Jan Canin aus Gent. Auch er wird, wie soviele andere, der Religionsverfolgungen wegen nach den nördlichen Provinzen ausgewichen sein:

Wann er sich in Dordrecht niederlaBt, ist nicht bekannt; jedenfalls ist erim Jahre 1571 da. Wahrend die Stadt noch auf Seiten Albas steht, beginnt er den Druck einer Bibel — nach dem Emdener Exemplar des Gilles van der Erve —; das alte Testament tragt die Jahreszahl 1571, das neue hat das Jahr 1572. Es ist die soge- nannte Dordrechter Bibel, welche vor der im Auftrag der Generalstaatenbearbeite- ten Fassung, welche erst 1637 erschien, wohl am meisten gebraucht wurde 1 ). Im Jahre 1573, nachdem die Stadt sich auf die Seite Oraniens gestellt hat und die Pro- testanten Religionsfreiheit erhalten haben, wird Jan Canin von der Gemeinde zum Kirchenaltesten gewahlt und ist als solcher bei der ersten öffentlichen Ausreichung des Abendmahls am 27. Juli dieses Jahres behilflich a ). Noch 1577 ist er Mitglied des Kirchenrates. Bald darauf wird er i n den Streit verwickelt, welcher um den Pfarrer Herberts entbrennt. Dieser selbst kommt glimpflich davon, Jan Canin aber wird 1580 in den Kirchenbann getan, weil er das „Wonderboeck van David Jorissen" gedruckt hatte, wozu Herberts geraten haben sollte. E r gibt dann eine Zeitlang dem Kirchenrat keine Veranlassung zu klagen und hat sogar durch den

*) Boek-zaal der Nederduitsche Bybels

S. 734

ff.

.

door Isaac le Long; Tweede Uitgave

') Kerkelijk Dordrecht, door G. D. J . Schotel. Utrecht, 1841. Teil I, S. 78 und S. 165.

Van 't Hooft, Faustbuch

.

MDCCLXIV,

4

50 DAS HOLLANDISCHE VOLKSBUCH VOM DOKTOR FAUST

Druck einiger „godsalighe boecxkens *) de swerte vlack getracht af te reynigen". Im Jahre 1597 aber mufi wieder gegen ihn aufgetreten werden, weil er beschaftigt ist die Biestkens-Bibel 2 ) zu drucken. Mit Canins Bekehrung hatte es also wenig auf sich gehabt; er machte es wie so mancher seiner Zunftgenossen; er tat aufierlich fromm und druckte heimUch weiter; von jeher wurde an den „godsalighe boecx- kens" weniger als an den anderen verdient.

3.

Das

Werk

Es ist wohl mehr als bloBer Zufall, daB gerade Kar l Baten sich zur Übersetzun g des Faüstbuchs hingezogen fühlte. Vielleicht hat sein Vater, der in Wittenberg studiert haben soll, den Zauberer noch persönlich kennen gelernt. AuBerdem hatte sein Bruder Levin, der am dritten November 1558 in Wittenberg einge- schrieben wurde, gewiB von den Streichen, die jener ja zum Teil hier verübt hatte, vernommen, wie ja auch Augustin Lercheimer, der gleichfalls in dieser Stadt studierte, daselbst die Faustsage kennen gelernt haben soll. Carolus wird also im Kreise seiner Verwandten — und auch wohl sonst: September 1568 wird in Rostock ein Christophorus Faustus aus Wittenberg immatrikuliert — ohne Zweifel vom Teufelsbündler Faust gehört haben. Auch hat wohl das vom lutherischen Geist durchtrankte Faustbuch mit seinen zahlreichen Anklangen an Luthers Worte s ) einen im kalvinistischen Dordrecht lebenden Lutheraner stark angezogen. Noch aus einem andern Grande mag ihn die Faustgeschichte interes- siert haben. Smetius hebt hervor, daB sein Vetter Baten in der Chemie bewandert sei; ob er ihm dies als Lob anrechnet, ist recht zweifelhaft. Die Hamburger Genea- logie nennt ihn Doktor der Physik, womit vielleicht dasselbe gemeint ist. Übrigens bestatigt Carolus in einem Briefe an Smetius, daB er sich mit den törichten Be- strebungen der Chemici, die behaupten, den ötei n der Weisen finden zu können, beschaftigt hat. Auf einen etwas abenteuerlich veranlagten Gelehrten, wie es Battus vor seiner Bekehrung zur hippokratischen Methode gewesen sein muB, mag eine Figur wie Faust eine groBe Anziehungskraft ausgeübt haben. Der Übersetzer des Faüstbuchs war ein Gebildeter und mit Übersetzungsarbeiten vollstandig vertraut: er hatte bereits Wirsungs „Artzney Buch" und Parés chirur- gisches Werk, welche zusammen etwa zweitausend Fohoseiten zahlen, übertragen. Das Faustbuch tragt davon die Spuren. Ein Vergleich mit andern ins Hollandische übersetzten Volksbüchern und besonders mit dem so eng verwandten Wagnerbuch, welcher sich von selbst aufdrangt, fallt sehr zugunsten des Faüstbuchs aus. Dies kommt wohl daher, daB der Verfasser ein guter Sprachenkenner war und daB er sich

*) Hierzu muB wohl gerechnet werden: Verklaringe op den Catechisme der Christelicker Religie Nu eerst wt de Latynsche in de Neder-duytsche sprake ghebracht door Henricum van den Corput Tot Dordrecht by Ian Canin, woonende in de Wynstrate den 1 Juny 1591. *) Die Biestkens-Bibel, welche ihren Namen nach dem ersten Drucker, Nicolaes Biestkens van Diest tragt, ist die von den Mennoniten und anfangs auch von den Lutheranern gebrauchte Bibel, deren Text auf die Magdeburger Ausgabe des Jahres 1554 zurückgeht. 3 ) Vergl. ErichSchmidt „Faust und Luther" in den Sitzungsberichten der königl. preuBischen Akademie der Wissenschaften, Berlin; 1. Jahrg. (1896). 1. Halbband S. 567.

DAS ALTESTE

HOLLANDISCHE

FAUSTBUCH

51

auch bei dieser Übersetzung durch den vernünftigen Grundsatz hat leiten lassen, den er schon in dem Vorwort seines altesten Werkes, des „Medecyn Boec" ausspricht:

„Ende of ick schoon niet pretijs, van woorde, te woorde, hier, ende daer, de Reden des Autheurs en hebbe geuolcht (gelijckt oock niet moghelick en is, ofte altijdt niet wel en valt, d'een Sprake in d'ander van woorde, te woorde te translateren) so heb- be ick nochtans, also den sin, ende Meyninghe des Autheurs, so wtgedruckt, dat ick niet en twijfele, ofte den goedertieren Leser, en sal daer mede ghenoech ghedaen zijn". Auf einen richtigen Gebrauch seiner Muttersprache legt Baten also Wert, wie übrigens auf eine Anwendung dieser Sprache überhaupt, denn es ist für die Zeit sehr auffallig, daB er seine Werke in der Landessprache und nicht kteinisch schreibt. Fachgenossen haben ihm denn auch, wie er in der zweiten Auflage des „Handboec der Chirurgyen" (Dordrecht 1595 bei Abraham und Isaak Canin) nuttent, Vorwürfe gemacht, daB er jetzt „Pelsers ofte Weuers, haere vocatie ver- latende," Gelegenheit biete, sich auf die Medizin zu stürzen. E r verteidigt sich aber nicht ungeschickt mit der Bemerkung, daB die allgemein bewunderten Alten ja auch in der Volkssprache geschrieben hatten. Und was die unbefugte Ausübung der Medizin betrifft, meint er, daB die Obrigkeit Mittel genug habe, dies zu verhindern, daB sie aber ihre Pflicht in dieser Beziehung leider allzuoft vernachlassige. Batens medizinische Werke waren übrigens durchaus nicht ausschhefihch für die Fachgelehrten bestimmt. Sogar vom „Medecyn Boec", das über interne Krank- heiten handelt und also wohl am allerwenigsten fürs groBe Publikum geeignet war, sagt der Verfasser nachdrückhch, daB es auch für die „gemeyne Luyden" bestimmt war. DaB diese einen ausgiebigen Gebrauch davon machten, bezeugen die zahl- reichen Ausgaben deutlich genug. Auch das dem „Handboec der Chirurgyen" seit. der zweiten Auflage beigefügte Kochbuch wird wohl nicht an erster Stelle für die

Fachgenossen geschrieben worden sein. Schotel 1 ) versichert

Batens Werke in den Hausbibliotheken der Begüterten als Nachschlagebücher vorhanden gewesen seien, wie der gemeine Mann in Krankheitsfallen die Almana- che zu rate gezogen habe, die ihrerseits wieder meistens aus Batens „Secreet- Boeck" geschöpft hatten. Battus war ein gebornef Flame, was sich auch in der Sprache des Faüstbuchs verrat. Faustforscher wie Zarncke, Karl Engel, und Faligan sprechen sogar von Batens Werk als von dem flamischen Faustbuch und dies dann im Gegensatz zu dem hollandischen.wovon spater die Rede sein wird.Dennoch ist mir nicht bekannt, daB an unserm Faustbuch jemals spracbliche Untersuchungen vorgenommen wor- den sind. Die Bezeichnung flamisches Faustbuch ist auf eine kurze Mitteilung des Edwin Tross zurückzuführen 2 ), der den Titel von Batens Faustbuch nennt und hinzufügt, es gehe wohl aus einer Antwerpener Offlzin hervor, da es Ahnhchkeit mit einer in Antwerpen gedruckten undatierten Eulenspiegelausgabe zeige, die er früher besessen habe. Diese Ansicht wird nicht weiter begriindet. Tross verlaBt sich also auf eine an und für sich niemals Sicherheit gebende Typenvergleichung und es

übrigens auch, daB

>) Cfr. Dr. G. D. J . Schotel, Vaderlandsche Volksboeken, Teil II, S. 184.

•) Vergl. Serapeum 1850 Nr . 10. S. 159 und 160.

52

DAS

HOLLANDISCHE VOLKSBUCH VOM DOKTOR FAUST

kommt noch hinzu, daB er an das eine der zu vergleichenden Exemplare, namlich an den Eulenspiegel, offenbar nur eine Erinnerung hat. Die Mitteilung sagt also gar nichts. AuBerdem erweist sich Tross als ein sehr unzuverlassiger Vergteicher, da er bei einer Gegenüberstellung des hollandischen und des deutschen Faüstbuchs zu dem Resultat gelangt, daB ersteres eigentiich nicht eine Übersetzung, sondern eine freie Bearbeitung der Faustsage sei, wahrend Battus, soweit er es mit einer guten Satzkonstruktion in Einklang zu bringen vermag, fast buchstabhch den deutschen Text wiedergibt. Eine gründhche sprachliche Vergleichung kann natürlich erst dann angestellt werden, wenn man das deutsche Original ermittelt hat. Das aber war zu Tross' Zeiten gar nicht der Fall. Zur Beantwortung der Frage, nach welchem der zahlreichen Faustbücher Bat- tus seine Übersetzung vornahm, ist eine kurze Besprechung der sogenannten SpieB-Sippe notwendig. Diese zerfallt in fünf Gruppen, von Zarncke mit A, B , C,

D und E bezeichnet 1 ). Die Gruppen A und C, welche für die hollandischen Faust-

bücher besondere Bedeutung haben, werden etwas ausführlicher besprochen.

A 1 . Im Jahre 1587 erschien bei Johann SpieB in Frankfort a. M . das alteste,

bisher bekannt gewordene gedruckte Faustbuch mit dem Titel: Historia Von D. Johan Fausten, dem weitbeschreyten Zauberer vnnd Schwartzkünstler, Wie

er sich gegen dem Teuffel auff eine benandte zeit verschrieben, Was er hier-

zwischen fü r seltzame Abentheuwer gesehen, selbs angerichtet vn d getrieben, biB er endtlich seinen wol verdienten Lohn empfangen. Mehrertheils auB seinen eygenen hinderlassenen Schrifften, allen hochtragenden, fürwitzigen vnd Gottlosen Menschen zum schreckhchen Beyspiel, abscheuwlichen Exempel, vn d treuwhertzi- ger Warming zusammen gezogen, vnd in den Druck verfertiget. Iacobi IIII. Seyt Gott vnderthanig, widerstehet dem Teuffel, so fleuhet er von euch. Cum Gratia et Privilegie-. Gedruckt zu Franckfurt am Mayn, durch Johann Spies. M.D.LXXXVII.

Der eigentlichen Faustgeschichte geht eine Widmung des Druckers an zwei ehe- mahge Schulfreunde voraus, worin SpieB behauptet, das Manuskript aus Speier er- halten zu haben, und eine „Vorred an den Christlichen Leser". Letztere enthalt im Anfang einen sinnstörenden Fehler, namlich „als die lieben heyhge Engel im Himmel sind, die in jrer angeschaffenen Gerechtigkeit vnnd Reynigkeyt bestanden, nicht dienen lassen"; die drei letzten Worte gehören nicht in den Text. Dieser Fehler schleppt sich durch mehrere Nachdrucke fort und findet sich sogar in der nieder- deutschen Übersetzung. Die Historia hat 69 Kapitel, das Register nur 68; es ist namlich zwischen 44 und 45 ein Kapitel ausgefallen. Von dieser Gruppe sind folgende Nachdrucke bekannt:

a 1 Franldurt a. M., 1587 o. Dr.

a a Hamburg, Heinrich Binder 1587.

a 8 o. O. u. Dr. 1588.

») Vergl. Zarnckes bibliographische Einleitung zu dem von Wilhelm Braune herausgegebenen Neudruck des Faüstbuchs in den Neudrucken deutscher Litteraturdenkmale des XVI. und XVII . Jahrhunderts. Nr. 7 und 8, (1878), spater erganzt in den Berichten über die Verhandlungen der königl. süchsischen Gesell- schaft der Wissenschaften zu Leipzig; philologisch historische Klasse XL , S. 181 ff. (1888); „Zur Biblio- graphie des Faustbucb.es." Beide Arbeiten sind in Zarnckes Goetheschriften (S. 258 ff.) aufgenommen.

DAS ALTESTE HOLLANDISCHE

FAUSTBUCH

53

Das Dedikationsschreiben fehlt hier. Der Titelholzschnitt, Faust und Mephosto- philes darstellend, letzteren im Mönchsgewande, hat Christoph van Sichem bei

Faustdarstellung beeinfluBt: Ei n Exemplar besitzt die PreuBi-

sche Staatsbibhothek in Berlin.

seiner bekannten

a 4

Frankfort 1587 o. Dr .

I m Jahre 1588 laBt SpieB bei Wendel Hom m in Frankfurt a. M. eine neue Ori-

ginalausgabe drucken, die genau mit A 1 übereinstimmt. Viele Fehler aber sind verbessert; auch das storende „nicht dienen lassen", das durch „und verharret" ersetzt wurde. Nach der Vorrede ist ein Kapitel „ZeugnuB der H . Schrifft, von den verbottenen Zauberkünsten" hinzugekommen, das auch in den meisten spateren hollandischen Ausgaben vorkommt. Ein Ex . besitzt u. a. die PreuBische Staatsbibfiothek. Nach der A-Fassuhg wurde das niederdeutsche Faustbuch übersetzt, das schon i m Jahre 1588 bei dem nicht i m besten Rufe stehenden Lübecker Drucker Johann Balhorn erschien. Au f der Rückseite des Titelblattes ist ein lateinisches Epigram m von sechs Distichen hinzugefügt worden, wekhes spater in die D-Gruppe übergeht:

Qvisquis es, ingentes qui vis cognoscere technas Daemonis, hunc Hbrum perlege; certus eris. etc. Balhorn übersetzt alles buchstablich, sogar den Namen des Druckers SpieB durch Speth. Auch das verloren gegangene alteste englische Faustbuch war wohl nach der A-Fassung bearbeitet.

E i n Neudruck dieser Groppe wurde 1878 vo n Wilhelm Braune besorgt 1 ). Eine

photographische Nachbildung nach dem Exemplar des Buchhandlers Hirzel—dem

einzigen vollstandigen, das jetzt Professor Kippenberg in Leipzig besitzt 2 ) — gab

A 2 .

1884

Wilhelm Scherer heraus 8 ).

B.

Eine neue Fassung erschien in Frankfurt a. M . angeblich bei Johann SpieB

M D LXXXVII . Das Fehlen des Druckerzeichens aber laBt wohl auf eine Fal - schung schlieBen. Der Titel stimmt genau mit dem der A-Gruppe überein; der In- halt aber zeigt Abweichungen. Es wurden acht neue Kapitel hinzugefügt, die aus Lercheimers „Christlich bedenken und erjnnerung von Zauberey" und Wiërs „De Praestigüs daemonum" oder viehnehr aus einer deutschen Übersetzung des letzteren Werkes übernommen wurden. Diese Fassung enthalt also 77 Kapitel. Mehrere Kapitel wurden umgestellt und umgearbeitet. Der Text wurde von Scheible im Kloster Bd. li , S. 933—1072 abgedruckt. Diese Fassung scheint wenig verbreitet gewesen zu sein; nur eine Auflage ist bekannt. Nach dem B-Tex t übersetzte i m Jahre 1598 der gleichfalls der Zauberei beschul- digte VictorPalmaCayet das Faustbuch ins Französische. Die Übersetzung ist, da

') Vergl. Neudrucke deutscher Litteraturdenkmale des XVI . und XVII . Jahrhunderts, Nr. 7 und 8; eine zweite Auflage, von Robert Petsch bearbeitet, erschien im Jahre 191 lmit ausführlichem Quellenmaterial. *) Katalog der Sammlung Kippenberg, Leipzig, Inselverlag, 1913, Nr. 1527, S. 123. ') In den Deutschen Drucken alterer Zeit, mit dem Titel: Das alteste Faust-Buch.

54 DAS HOLLANDISCHE VOLKSBUCH VOM DOKTOR FAUST

Palma Cayet das Deutsche unvollétShdig beherrschte, sehr mangelhaft 1 ). Von den zahlreichen spateren Ausgaben dieses französischen Faustbuchès ist die vom Jahre 1712 zu erwahnen, welche wie der Titel angibt, „a Cologne, chez les héritiers de Pierre Marteau" erschien. Marchand nennt die Adresse fingiert: das Buch sei in Brussel bei Georg de Backer gedruckt worden. Die Titelgravure dieses fran- zösischen Faustbuchès ist in die hollandische Ausgabe übergegangen, welche 1728 angeblich ,,t' Amsterdam. By Jean dé Nivel, Broeder van het wytvermaert Man- neke-pis" erscheint. Eine französische Ausgabe soll nach Engels *) Angabe 1674 und 1744 in Am- sterdam erschienen sein. Weiter verzeichnet dieser unter Nr. 276 (S. 111) eine Aus- gabe Amsterdam 1798. 8°. Vermutlich liegt hier eine Verwechslung mit folgender Übersetzung von Max Klingers Faustroman vor: „Les aventures du docteur Faust et la Descente aux Enfers. Traduction de rAllemand, avec figures. a. Amsterdam chez les Libraires associés 1798". Ein Exemplar dieses séltenen Buches ist im Be- sitz des Herrn Dr. D . F . Scheurleer im Haag.

C. Von dieser für das hollandische Faustbuch wichtigen Gruppe lautet der Titel der altesten erhaltenen Fassung: Historia Von Doet. Johann Fausti, des ausbün- digen Z&uberers und Schwartzkünstlers TëüffèHscher Verschreibung, Vnchrist- lichem Leben vnd Wandel, seltzamen Abenthewren, aüch vberaus gr&whchem vnd erschrecklichem Ende. Jetzt auffs newe vbersehen, vnnd mit vielen Stücken ge- mehret M. D. LXXXIX. Diese Fassung wurde nach dem Exemplar a 1 hergestellt. Die C-Gruppe zeichnet sich sprachüch gunstig vor den andern aus; viele Fehler wurden korrigiert; so üeB man das „nicht dienen lassen" in der Vorrede aus". Mehrere Kapitel, besonders XVIII, XXXIII , L X und LXVI, zeigen kleine Zusatze am Schlusse. Das Dedika- tionsschreiben ist ausgelassen; ebenso Kapitel XXVIII „Von einem Cometen", was Zarncke „sehr verstandig" findet. Im Register blieb, wie in A, zwischen XLIII und XLI V ein Kapitel unbeachtet. Nach dem fünfzigsten Kapitel der A-Fassung wurden sechs neue Erzahlungen eingeschaltet, die sogenannten „Erfurter Kapitel." Sowohl sprachlich als inhaltlich stehen sie auf einem höheren Niveau als der aus der A-Gruppe übernommene Text. Sie veranlaBten W. Scherer und Georg Ellinger zur Annahme einer höheren Auffassung der Faustfigur »). Man vergleiche über die- se Kapitel die interessante Auseinandersetzung Friedrich Szamatólskis 4 ). Auf der Rückseite des Titelblattes findet sich ein Epigramm von vier Distichen mit den Anfangszeilen:

•) Man vergl. über das französische Faustbuch: Düntzer, „Die Sage vori Dr. Faust", Das Kloster, Bd. V , S. 1 ff.; Reichlin Mildegg, „Die deutschen Volksbücher von Johann Faust und Christoph Wagner, seinem Famulus", Das Kloster, Bd. XI , S. 219 ff. und Prosper Marchand, Dictionaire Historique, Teil I , S. 249 ff. •) Karl Engel, ZusammensteUung der Faust-Schriften vom 16. Jahrhundert bis Mitte 1884. Oldenburg, 1885. S. 110 und 111. *) Vergl. Scherer, Das alteste Faust-Buch in den Deutschen Drucken alterer Zeit; •Ellinger, „Zu den Quellen des Faustbuchès von 1587" in Zeitschr. f. vergl. Litteraturgeschichte und Renaissance-Litt. Neue Folge. Bd . I , 1887/88, S. 156 ff. *) Euphorion, Bd. II (1895), S. 39, „Faust in Erfurt".

DAS ALTESTE HOLLANDISCHE FAUSTBUCH

55

. Dixeris infausto non abs re sidere natum, Qui se spiritibus datque vovetque malis. Am SchluB des Werkes stehen noch vierundzwanzig Distichen mit der Über- schrift „Lectori S." und den Einleitungsversen:

Wt Dotibus ingenii non parvis Faustus, & acri Judicio & fandi munere clarus erat.

1 I n der Vorrede ist die Mitteilung des Verfassers, daB er auch den lateinischen Text der Faustgeschichte herauszugeben beabsichtige, ausgelassen. Einen Neu-

druck dieser C-Fassung besorgte im

| Bis jetzt wurden folgende Drucke dieser Gruppe bekannt:

c 1 1589 o. O. u. Dr. (das oben angeführte). Ei n Exemplar besitzt Herr Ritter- gutsbesitzer Theodor Apel in Ermlitz bei Schkeuditz.

j|.

Jahre 1914 Joseph Fritz 1 ).

c a 1589 o. O. u. Dr. UniversitatsbibUothek, München.

c 5 o. O. c 8 1596 c 7 1597

AuBerdem

Dr. u. J . PreuBische Staatsbibliothek in Berlin.

o.

O. u. Dr. British Museum, London.

o. O. u. Dr. Theodor Apel, Ermlitz.

hat Fritz die Existenz einer Fassung *C erwiesen und die von *c 8

und *c* wahrscheinhch gemacht.

Eine C-Fassung liegt der niederlandischen Übersetzung zugrunde. Ei n C-Text war auch die Vorlage für die Erfurter Kapitel des böhmischen Faustbuchès, das

sich

im Haupttext nach einer

A-Fassung richtet 2 ).

D.

Berlin 1590 o. Dr.

Der Titel stimmt fast buchstablich mit dem von A 1 überein. Der Haupttext ist

der der A-Fassung, die Erfurter Kapitel wurden aus einem C-Text herübergenom- men. Diese Fassung findet sich in den Lesarten bei Dr. August Kühne 8 ).

E. Diese, eine gereimte Bearbeitung, wurde noch im Jahre 1587 angefangen.

Ein warhaffte vnd erschróckliche Geschicht: Von D. Johann Fausten, dem weit- beschreiten Zauberer und Schwarz-künstler, wie er sich dem Teuffel mit Leib vnd Seel, auff 24. jar lang mit seinem eigen blut verschriben, Was er hierzwischen für ein GottloB Epicurisch leben geführt, vnd was für seltzame Abenthewer er getrie- ben, biB er endlich von dem Teuffel nach verlauffener zeit jammerlich vmbge- bracht vnd hingefürt worden. Allen Gottlosen, Vbermütigen, vnd Fürwitzigen Menschen zu einem erscbróckhchen exempel vnd trewhertzigen warnung an tag geben, vnd auB dem vorigen getruckten teutschen exemplar in reymen verfasset. 1. Petri 5. Seyt nftchtern vnd wachet, dann ewer Widersacher der teuffel gehet

*) Das Volksbuch vom Doktor Faust. Nach der um die Erfurter Geschichten vermehrten Fassung heraus- gegeben und eingeleitet. Halle a. S., Max Niemeyer. •) Vergl. Ernst Krans, „Faustiana aus Böhmen", Zeitschr. f. vergl. Litteraturgeschichte, Neue Folge, Bd. XII (1898), S. 61 ff. *) Das alteste Faustbuch, Wortgetreuer Abdruck der editio princeps des SpieBschen Faustbuchès vom Jahre 1587. Zerbst, 1868.

56

DAS

HOLLANDISCHE VOLKSBUCH VOM DOKTOR FAUST

vmbher wie ein brollender Löwe vnd sucht welchen er verschlinge, &c. Anno M. D. LXXXVII. Am Ende des Buches der Zusatz: „Getruckt zu Tübingen, bey Alexander Hoek, im Iar M. D . LXXXVIII" . Der Druck wurde wohl Ende 1587 angefangen und Anfang 1588 beendet, daher die verschiedenen Jahreszahlen. Der eigentlichen Geschichte gehen „Etliche schone sprüch, von den Zauberern vnd Warsagern, auB heiliger vnd Gottlicher schrift" voraus, die wohl SpieB zur Aufnahme seiner „ZeugnuB der H. Schrifft, von den verbottenen Zauberkunsten" in A* Veranlassung gaben. Einen Neudruck gibt Scheible, Das Kloster Bd. XI , S. 1 ff. Die Bearbeiter waren Studenten an der Tübinger Universitat, die samt dem Buchdrucker Hoek für ihre Mühewaltung vom akademischen Senat „einen guten „Viltz" erhielten 1 ).

Neben diesen Drucken kennt man seit etwa drei Jahrzehnten noch eine hand- schriftliche Fassung. Sie befindet sich auf der Wolfenbütteler Bibliothek Und wur- de von Gustav Milchsack mit einem ausführlichen Kommentar von etwa vierhun-

dert Seiten, im Jahre 1897 herausgegeben 2 ).

wörtlich mit dem von A 1 überein, aber die Einleitung ist eine andere und die

Widmung fehlt. AuBerdem enthalt die Handschrift ein paar Kapitel mehr als A 1 ,

u. a. das Moringermotiv und

sprechenden, auBerordentlich verrohten Form, wobei die Rolle der Jungfrau Maria, die den Edelmann noch rechtzeitig heimführt, um einer Verheiratung seiner Frau, die ih n tot glaubte, zu verhindern, natürlich auf Faust übertragen wurde. Ei n anderes Pluskapitel besteht aus neun Prophezeihungen Fausts vor dem Bischof von Salzburg, wovon eine dié Pariser Bluthochzeit anzukündigen scheint; Vergl. Milchsack S. 118, Prophezeihung Nr. 2: „Er (= der Papst) wirdt inn Ettlich jaren

die Lilien i n Franckreich verfüeren durch ein

Bluetvergiessen anrichten". Robert Petsch *) schlieBt aus der Prophezeihung, daB diese Fassung nach 1572 entstanden sein muB, aber nicht lange danach, da sie sonst für die Leser kein Interesse mehr gehabt hatte; im SpieBschen Faustbuch sei denn auch aus diesem Grande das Wahrsagungskapitel ausgelassen worden. Es hatte dann aber doch naher gelegen, nur die zweizeilige Prophezeihung statt des ganzen Kapitels z u streichen. DaB also die Handschrift eine altere Fassung vertritt als die editio princeps geht aus dieser Tatsache allein nicht hervor. Widman bringt seine Wahrsagungskapitel noch 1599, also viel spater.

Der Text stimmt zum gröBten Teil

zwar i n einer dem Zeitalter des Grobianismus ent-

Florentinerin vnnd groB jammer vn d

Fritz *) rechnet mit der Wahrscheinlichkeit, daB diese Fassung auch gedruckt

wurde und daB die Quellen, worauf Widman sich beruft, gerade in dieser

bütteler Fassung bestanden hatten; Widman hat namlich nicht nur die Prophe- zeihungen, sondern auch die Geschichte von dem aus heidnischer Gefangenschaft heimkehrenden Edelmann. Die Voraussetzung mag richtig sein; allein dieser Wol-

Wolfen-

») Vergl. Sexapeum VII (1846), S. 333. *) Historia D. Johannis Fausti des Zauberers, 1. Teil. Wolfenbüttel, Julius ZwiBler. ') Das Volksbuch vom Dr. Faust, Einleitung, S. XLIV. » ') Das Volksbuch vom Doktor Faust, S. IX. Note 1.

DAS ALTESTE HOLLANDISCHE FAUSTBUCH

57

fenbütteler Text kann unmöglich vor 1587 gedruckt worden sein, sonst hatte SpieB mit seiner Ausgabe nicht so groBes Aufsehen hervorrufen können. AuBerdem behaupten die Tübinger Studenten im Vorwort ihrer Ausgabe ausdrücklich, die Historie sei erst „vor einem halben jar in truck auBgangen."

Das hollandische Faustbuch geht nach der Ansicht Zarnckes l ) auf die deutsche Fassung c 8 zurück, das ist die Ausgabe, die Fritz mit c B andeutet. Das flamische Faustbuch aber — und hiermit ist Batens Bearbeitung gemeint — sei nicht direkt aus dem Deutschen übersetzt worden, sondern diese sei „wohl" eine leise Über- arbeitung des hollandischen Exemplars. Wie steht es aber mit dieser hollandischen Ausgabe? Sie ist, wenn sie je exis- tiert hat, vermutüch verloren gegangen. Eine Nachfrage blieb erfolglos. Al» Titel gibt Franz Peter 8 ) an: „Die Historie van Doet. J . Faustus, die eenen uit nemenden groote Toovenar ende swert Constenar was, uit de Hoch-Duytschen oversien ende met Figuren verclart. Emmerich 1592. 8." Wie kommt Peter zu die- sem Titel? E r stammt wohl aus Prosper Marchands „Dictionaire Historique". Das geht aus einer kuizen das französische Faustbuch betreffenden Bemerkung bei Peter hervor, welche gleichfalls auf das „Dictionaire Historique" zurückgehen muB. Marchand zitiert namlich die französische Ausgabe des Faustbuchès, die nach der Angabe auf dem Titelblatt „A Cologne chez les héritiers de Pierre Mar* teau 1712" erschien und fügt korrigierend hinzu „c'est-a-dire, a. Bruxelles, chez George de Backer". Für Marchand, bei dessen Lebzeiten das Werk erschien, — er starb kurz vor der Herausgabe des „Dictionaire" — der lange Zeit i n Paris als Buchhandler tatig gewesen war und spater als bekannter Bibliophile stets die eng- sten Beziehungen zum Buchhandel unterhalten hatte, wie der Herausgeber des „Dictionaire" mitteilt, mag die Korrektur so selbstverstandlich gewesen sein, daB er an eine nahere Motivierung nicht dachte. Bei Peter aber, der in seinem Sarnmel- werk auch die französische Ausgabe 1712 anführt, nimmt sich die Bemerkung, das Werk sei nicht in Köln, sondern in Brüssel erschienen, ohne nahere Motivierung

und

wiB gekannt. Wenn er aber seine Mitteilung betreflss des in Emmerich erschiene- nen hollandischen Faüstbuchs vom Jahre 1592 aus Marchand übernimmt, so muB er ihn falsch verstanden haben; in der Tat kann der französische Text zu einem MiB- verstehen AnlaB geben. Marchand sagt aber bloB, es sei 1592 in Emmerich ein hohandisches Faustbuch gedruckt worden; den Titel gibt er nicht. E r fahrt dann fort, im Jahre 1607 sei in Delft eine Ausgabe in 8° erschienen mit dem Titel „Die Historie van D°. Johannes Faustus, die eenen uitnemenden groote Toovenaar, ende swert Constenar was, uit de Hooch-Duytschen oversien, ende met figuren ver- clart". Der Titel, den Franz Peter und nach ihm Engel in der „Zusammenstellung der Faustschriften" für die Ausgabe 1592 in Anspruch nehmen, gehört also der lei- der gleichfalls verschohenen Ausgabe 1607 an.

Von einer Ausgabe des hollandischen Faustbuchès vom Jahre 1592 spricht auch

ohne Quellenangabe, etwas sonderbar aus. Fran z Peter hat also Marchand ge*

•) Das Volksbuch vom Doctor Faust. 1878. Neudrucke 7 und 8. S. XV . 2 ) Die Literatur der Faustsage. 2. Auflage. Leipzig, 1851. S. 13, Nr. 80.

58

DAS HOLLANDISCHE VOLKSBUCH VOM DOKTOR FAUST

Friëdr. Heinr. von der Hagen J ). Als Titel gibt ér an „Warachtige Historié van Faustus Emerich 1592 8." „Warachtige Historie" ist der Titel von Batens Faust- buch. Dieses aber hat keine Ortsangabe. Der Name Emerich stammt aus dem Ver-

steigerungskatalog des Isaak le Long, „Bibliotheca selectissima,

di e

1744", wo

al s ;,libr i i n octav o & minor i forma " S. 121 angeführ t werden : unte r Nr . 1458,

;,Historia von Dr. Johan Faustus. Berlin 1590 in 8. Raar", und unter Nr. 1459

„Item

Discipel Christoffel Wagenaer; Delft. 1607. 2 Deelen in 8. Raar." *) Von der Hagen hat nun offenbar Le Longs Katalog gekannt und auch die Ausgabe Batens irgend- wo zitiert gefunden; da die Jahreszahlen überemstimmten, mag er den Druckort der Ausgabe Emerick auf das ohne Ortsangabe erschienene Werk Batens über- tragen haben.

Nederduytsch Emerick 1592 met het tweede deel of Hist. van syn

Durch zwei alte Quellen, Le Long und Marchand, sind wir also über das Vor-

handensein einer Ausgabe Emmerich unterrichtet. Es ist aber mehr als wahrschein-

dem er sehr gut bekannt war, zurückgeht. E s

bleibt also für die Ausgabe Emmerich nur ein Gewahrsmann, aber ein auBerst zuverlassiger, übrig.

Uch, daB Marchand auf Le Long, mit

In Emmerich ist gegen Ende des sechzehnten Jahrhunderts der Drucker Reyn-

der Wylicx van Deventer tatig

daB er Kalvinist war, was die Ursache gewesen sein mag, daB er, als die Gegen-

reformation am Niederrhein kraftiger auftrat, nach Utrecht umsiedelte. Im Jahre

Noch die N u we-

Coninghinne van Saba ende die Coninck Salomon, hare

derom verbetert ende ouergheset wt het Hoochd Gedruckt toe Emme- rick, by my Reynder Wylicx van Deventer. A° 1593" 4 ). Kurz danach muB er die

Stadt verlassen haben, denn noch im selben Jahre erscheinen in Utrecht „Veelder-

, nv wederom t' samen by een vergadert met noch vele die noyt gedruckt en Waren Door L. K. Gedruct t' Vtrecht by my Reynder Wylicks. Anno M. D. XCIII" 5 ). Er nennt sich in Utrecht einfach Reynder Wylicx und laBt den Zusatz „van De-

venter" fort. E r tat dies vermutlich, weil in Emmerich eine Verwechslung

seinem Zunft- und Glaubensgenossen, dem Drucker Derick Wijlicx van Santen aus dém benachbarten Rees zu befürchten war/wofür in Utrecht weniger Gefahr be- stand. Im Jahre 1597 erscheint bei Wylicx ein mit unserem Faustbuch eng verwandtes Werk: Die Historie Van Christoffel Wagenaer, Discipel van D. Iohannes Faustus, Wat Compact dat hy métten Duyvel gemaeckt heeft, Alles wt die nagelaten

hande Schriftuerhjcke Nieuwe Liedekens, Vermaningen, Leeringen, Gebeden

*). Aus den beifom erschienen Werken geht hervor,

1593 druckt er in Emmerich die „Prophecien van Twaelf Sybillen,

Prophecien

mit

>) Germania V I (1844), S. 289 ff." *) Den Druckort Emerick -— mit einem m — hat auch die Groote Apologie

van

. Petrus Codde

Emerick, Florentius Abbema. Anno 1703 (Katalog Meuleman, 7626). ») Vergl. Karl de Waal Jr., NiedBrrheinische Zeitung 15, 22, und 29. Oktober 1905. Zweites Blatt.

«) Frederik

Huiler, Catalogus

van Godgeleerde Werken der 16e en 17e eeuw. 1857. Supplement,

Nr. 943. 5 ) J . Th. I. Arnold,

Bibliographische Adversaria, Teil II, S. 2.

DAS ALTESTE HOLLANDISCHE FAUSTBUCH

59

Schriften van Christoffel Wagenaer genomen, ende in Druck vervat, W t den Hoochduytsche in onse Nederlandtsche Sprake getrouwelijck ouergheset. Tot Vtrecht, Ghedruckt by my Reynder Wylicx. Anno M. D. XCVII 1 ). Auffallig ist das Hollandisch des Wagnerbucb.es. E s wimmelt von den kühnsten Germanismen, wodurch es bisweilen unverstandlich wird; sogar da, wo der Urtext keine Veranlassung dazu gibt, bedient sich der Übersetzer rein deutscher Aus- drücke, sodaB seine Sprache nicht nur unter EinfluB seiner deutschen Vorlage, son- dern unter deutschem EinfluB überhaupt steht. Van Hamel spricht denn auch in seiner kurzen Ankündigung a ) des hollandischen Wagnerbuchs euphemistisch genug von der „Unbefangenheit, mit der er (= der Übersetzer) hochdeutsche Wörter und Ausdrücke hollandisiert". Es ist wohl nicht zu gewagt auf Grand der Sprache in dem Drucker des hollan- dischen Wagnerbuchs auch den Bearbeiter zu sehen, DaB nun ein Drucker wie Reynder Wylicx, der für das Wagnerbuch Interesse zeigte, und der in den bei ihm gedrackten Werken eine Vorliebe für die Volks* literatur bekundet, auch das Faustbuch gedruckt haben sollte, ist im Zusammen- hang mit Le Longs Angabe mehr als wahrscheinlich, Zarncke 8 ) nennt das flamische Faustbuch — damit ist die Dordrechter Ausgabe gemeint — eine leise Überarbeitung des hollandischen Textes, also des Emmericher Dracks. Dieses nun ist recht unwahrscheinlieh: Baten, ein so vorzüglicher Spra- chenkenner und so gut mit Ubersetzungsarbeiten vertraut, würde es doch wohl unter seiner Würde gehalten haben, statt einer Übersetzung, die Canin bei ihm bestellt haben will (man vergl. „Den Drucker totten Leser" in der Dordrechter Ausgabe), die „leise Überarbeitung" eines fremden Werkes zu liefern. Noch aus einem andern Grande ist es bedenklich eine Zwischenstufe zwischen Batens Text und dem deutschen Original anzunehmen. Wenn Reynder Wylicx das Faustbuch selbst übersetzt hat, wie er dies höchstwahrscheinhch auch mit dem Wagnerbuch tat, so muB es sprachlich noch hinter diesem zurückgestanden haben, denn etwas muB der vierjahrige Aufenthalt in Utrecht doch seinem hollandischen Sprachgefühl zugute gekommen sein. Es hatte dann aber eine leise Überarbeitung gewifl nicht ausgereicht um ein Werk zu liefern, das sich so eng an den deutschen Text an* lehnt, wie es mit Batens Faustbuch der Fall ist. Steht es aber fest, daB Battus direkt auf den deutschen Text zurückgeht, so steht das Emmericher Faustbuch ganz für sich da, denn auf die zahlreichen spateren hollandischen Dracke hat esTÜcht den geringsten EinfluB ausgeübt; diese gehen alle, direkt oder indirekt, auf Batens Text zurück. In seiner Einleitung zu Braunes Neudrack teilt Zarncke mit, daB dasEpigramm „Dixeris infausto", welches in den C-Fassungen auf der Rückseite des Titel- blattes vorkommt, sich auch in den altesten hollandischen Faustbüchern finde. Das kann sich nur auf die beiden Dracke Emmerich 1592 und Delft 1607 beziehen,

*) Ein Neudruck erschien in der Serie „Nederlandsche Volksboeken" Nr. XII, E . J . Bril, Leiden, 1913, bearbeitet von Dr. Joseph Fritz.

») Literaturblatt f. germ. und rom

») Neudrucke Nr. 7 und 8, Einleitung S. XVI.

Philologie 1917, S. 86.

60

DAS HOLLANDISCHE VOLKSBUCH VOM DOKTOR FAUST

denn in den anderen steht es nicht. Leider gibt Zarncke nicht an, wo sich diese hol- landischen Drucke befinden. Auffallig ist es, daB er wohl im Jahre 1878 in den „Neudrucken", nicht aber zehn Jahre spater in den „Berichten der königl. sach- sischen Gesellschaft der Wissenschaften", wo er über die C-Gruppe ausführ- üch spricht, die hollandischen Faustbücher, die ja gerade auf seinen C-Text zurückgehen, erwahnt. Ein anderes Faustbuch führt Dr. G . D . J . Schotel als das alteste an: De Historie van Doeter Johannes Faustus, die een uitneemenden grooten Tove- naar in zwarte konsten was Uit den Hoogduitschen Exemplaar overgezien en op veele plaatzen gecorrigeert en met schoonen kopere figuuren versierd. Schotel nimmt aus nicht naher angedeuteten Gründen an, das Faustbuch sei zwi- schen 1583 und 1592 in Belgien erschienen — die meisten hollandischen Volksbü- cher stammen ja aus Belgien. Und dies, wahrend die alteste deutsche Fassung erst 1587 erschien, wie Franz Peter, den Schotel zitiert, deutlich genug angibt. Altere hollandische Faustbücher als die vom Jahre 1592 gibt es nicht. Das von Schotel angeführte ist gerade eins der allerjüngsten der in Holland gedruckten Volksbücher

vom Doktor

„Histoire de la légende de Faust", wahrscheinlich durch Vermittlung des Profes- sors am Priesterseminar in Gent, Ed. de Grijze, von dem Faligan manche Mitteilung das „flamische" Faustbuch betreffend, erhalten hat.

Faust. Aus Schotel gelangte die falsche Angabe 2 ) in Ernest Faligans

Schon aus dem Titel von Batens Faustbuch geht hervor, daB eine C-Fassung

seiner Übersetzung zugrunde liegt; die C-Gruppe hat namlich einen kürzeren Titel als die anderen Fassungen. Zwei Hinzufügungen erlaubt sich Battus: der Titel lautet bei ihm „Warachtighe Historie" und er spricht von Fausts „grouwelick eynde ende Af-scheydt". Letzterer Zusatz ist bedeutungslos, er stammt übrigens wohl aus der Überschrift des dritten Teiles, wo von „seinem (= Faustens) jam- merlichen erschrecklichen En d vnd Abschied" gehandelt wird. Was beabsichtigt der Verfasser mit dem Zusatz „Warachtighe" ? Zwar hat auch die gereimte Fassung

den Titel „Ein warhaffte vnd erschrêckliche Geschicht

wohl kaum bekannt gewesen. Wenn Battus überhaupt seinem Zusatz einige Be- deutung hat beilegen wollen, so kann er damit nur einen Vorzug seiner Geschichte gegenüber anderen ihm bekannten Fassungen haben ausdrücken wollen. E r wird vermutlich neben dem C-Text eine A-Fassung gekannt haben—in Betracht kommt besonders der Hamburger Druck vom Jahre 1587, zu welcher Zéit sich Battus in dieser Stadt aufgehalten haben muB — die, seiner Quelle gegenüber ein Weniger enthielt, namlich die Erfurter Kapitel. DaB Baten eine andere Fassung gekannt hat, laBt sich auch daraus schlieBen, daB er auf dem Titelblatt zwei warnende Bibel- texte anführt , Deut. 18. 10. un d Jacob . 4; 7. 8. Letzterer nun findet sich auch i n dem Titel der A-Gruppe.

Das lateinische Epigramm „Dixeris infausto" auf der Rückseite des Titel-

" ; diese ist aber Baten

.*) Vaderlandsche Volksboeken. Haarlem , 1874. Tei l I , S. 152. *) Schotel ist in Bezug auf die Faustgeschichte überhaupt sehr ungenau; so z. B. kennt er zwei verschie-

dene Fassungen des Volksbuchs, aber die eine stellt sich als

. Goethes Faust heraus.

D A S ALTEST E

HOLLAMDISCH E

FAUSTBUC H

61

blattes wifd fortgelassen; auch die vierundzwanzig Distichen am SchluB, „Dotibus ingenii'', fehlen. Die „Vorrede an den Christhchen Leser", bei Battus „Een waerschouwinge des Ouersetters Totten Leser", ist eine freie Bearbeitung nach der deutschen Vorlage. Sie ist stark gekürzt; der Umfang betragt etwa ein Drittel von dem des deutschen Textes. In Batens Angabe, daB Faust „noch in 40 Jaren herwaerts gheleeft heeft" darf man wohl etwas mehr sehen als eine Prazisierung der Vorlage „der noch bey Menschen Gedachtnus gelebet". Battus hat ohne Zweifel von Leuten, die Faust persönlich gekannt haben, von dessen Streichen gehört. DaB er seinen Tod zu spat, namlich um das Jahr 1552 stellt, ist die gewöhnliche Erscheinung, wenn man solche Daten aus der Erinnerung ansetzt. Die Angabe im Vorwort, daB „veel oude heden binnen Erfort ende Wittenberch den seluen (= Faust) seer wel ghekent ende zijne Toouerije gesien hebben", fehlt im Original; sie beruht, was Wittenberg betrifft, sicher auf mündlicher Über- Ueferung. Die Mitteilung betreffs Erfurt kann durch Kapitel L I veranlaBt sein, wo es heiBt, daB daselbst „noch etliche Personen beim leben, die jhn wol gekant". Es ist aber auch nicht unmöglich, daB die auffallige Erwahnung der Stadt Erfurt im Vorwort auf mündhche Tradition zurückzuführen ist. Sollte dies i n der Tat der Fall sein, so ist es erklarhch, daB Baten seine Fassung, die ja von diesem Erfurter Aufenthalt ausführïïch berichtet, der A-Gruppe gegenüber, die darüber schweigt, als die „Warachtighe Historie" bezeichnet. Selbstandig ist das SchluBwort „Den Drucker totten Leser", worin jener in die Rechte dés Autors eingreifend, unter Anführung von vielen Bibelzitaten mitteilt, erstens, daB das Leben Fausts „contrarie gheweest is, als zijnen toename is luy- dende", und zweitens, daB nur höhere Rücksichten auf das Seelenheil seiner Leser ihn veranlaBt hatten, die Historia übersetzen zu lassen, also nicht etwa, „om den tijt onnuttelicken met lesen der selue te passeren: maer vele meer ende insonder- heyt op dat de lectiè der selue eenen yeghelicken soude dienen tot waerschouwinge dat niemant van eenighe toouenaer hem late verleyden." Zur Ermittelung von Batens Vorlage muB eine kurze Betrachtung der Verwandt- schaftsverhaltenisse der C-Drucke vorausgehen *). Aus einem Vergleich von c l und c* geht hervor, daB c 2 von c 1 abgeleitet wurde;

und zeigen nur einige graphische Abweichungen von ist, daB c 7 , das 1597 erschien, auf das aus dem Jahre

c 6 und c 7 sind fast identisch

einander, woraus

ersichtlich

1596

stammende

c 6 zurückgeht.

daB in manchen Abweichungen c 8 der A -

Gruppe naher steht als c 1 . Die A-Fassung ist bekannthch die alteste; c 1 , das 1589

erschien, kann nicht von c 6 abgeleitet worden sein. Es muB also für c 1 und c 6 eine gemeinsame Vorlage angenommen werden, die der A-Fassung naher gestanden hat als c 1 und zeitheh vor c 1 lag. Diese wkd von Fritz mit *C bezeichnet; sie eröffnet die C-Gruppe. Die Existenz von *C wurde bestatigt durch die Ent-

Ein Vergleich von c 1 und c 8 zeigt,

») Vergl. Fritz, Das Volksbuch vom Doktor Faust, Halle a. S. 1914. Einleitung, S. XXVI I ff.

62

DAS HOLLANDISCHE VOLKSBUCH VOM DOKTOR FAUST

deckung von dessen Tit elholzschni11, von dem alle C-Fassungen eine Kopie zeigen x ).

c 5 und c 7 , respektive c e , zeigen den andern Fassungen gegenüber eine Reihe ge-

meinsamer Abweichungen. Sie können nicht von einander abgeleitet sein und mus- sen also auf eine gemeinsame Grundlage zurückgehen, die zwischen *C und c 5 liegt und welche Fritz als *c 4 ansetzte *).

AuBerdem muB noch eine Fassung *c 8 angenommen werden. Die D-Gruppe ist nach einem A-Text bearbeitet worden; die Erfurter Kapitel aber müssen aus einem C-Text herübergenommen worden sein. Auf keinen der vorhandenen G-Fassungen aber können sie zurückgehen und auch nicht auf die erschlossenen Fassungen *C

und *c 4 . Es wird also von Fritz als Vorlage des D-Textes die Fassung *c s ange-

setzt, welche vor

Auf Grund dieser Auseinandersetzungen laBt sich für die C-Gruppe folgender Stammbaum aufstellen, wobei die Fassung *c 8 vorlaufig unberücksichtigt bleibt.

1590, dem Erscheinungsjahr von D , liegen muB.

a 1

I

*C (vermuthch StraBburg 1588)

*c 4 (vielleicht 1591)

c 1

1589 o. O. u. Dr.

c a

1589 o. O.

u. Dr.

c 8

o. O.

Dr. u. J .

c 6

1596 o. O. u. Dr.

 

c'

1597 o. O. u. Dr.

Für die Ermittelung von Batens Vorlage wurde der Text seines Faüstbuchs zu- nachst mit der von Fritz herausgegebenen Fassung c 1 verglichen 8 ), wobei sich manche Abweichung konstatieren lieB. Diese Abweichungen stimmen zum gröBten Teil mit den c s und c 7 — resp. c 8 — gemeinsamen Lesarten überein. Weder c 6 noch

c 7 selbst können als Quelle in Betracht kommen. Besonders c 5 4 ) weicht durch die namentiich gegen Ende zahlreichen Zusatze ab; auBerdem fehlt bei'Battus das nur

Gebett, wider des Teuffels Pfeile vnd Anfechtungen". Aber

c 5 eigentümhche „Trost

auch c 7 , das von den vorhandenen Fassungen dem hollandischen Text am nachsten steht, zeigt noch zu viel Abweichungen; auBerdem muB es, wie das gleichlautende

)• Vergl. Fritz in Zeitschr. f. Bücherfreunde, Neue Folge, VI (1915). S. 301. •) Auf die Fassung »c* konnte sich, wie Fritz vermutet, die Angabe einiger Mefikataloge beziehen, daB im Jahre 1591 erschienen sei: D. Johann Fausten Historia mit vielen Stücken gemehret. Man vergl. über diese Angabe Zarncke: „Z«r Bibliographie der Faustbücher" in den Berichten der königl. sachs. Gesellsch,

der Wissenschaften zu Leipzig, philolog.

s ) Vergl. Anhang, S. 150. 4 ) Nach Zarnckes Angabe — Neudrucke 7 und 8, 1878, S. X V — geht der hollandische Text, von dem Baten eine Überarbeitung biete, auf c" — das ist nach unserer Zusammenstellung, die sich nach Fritz richtet, c 5 — zurück. Das ist ein Irrtum.

bist.

.Klasse XL , S. 188.

DAS

ALTESTE HOLLANDISCHE FAUSTBUCH

63

c 6 aus chronologischen Grimden ausgescbieden

1596, Batens Text dagegen schon 1592. Es liegt also nahe, das hollandische Faust-

buch von der c 5 und

aber geht Baten mit c 1 gegen c 5 und c 7 zusammen. E r muB also au f einen Tex t zu -

rückgehen, welcher noch vor c 1 und *c 4 liegt. Dies

Zu den Lesarten, welche Fritz für die Fassung *C in Anspruch nimmt, stimmt Batens Text aber nicht immer. Es wurden nun die Erfurter Kapitel bei Baten mit denen der Ausgabe D verglichen, welche nach der Annahme von Fritz aus der er-

schlossenen Fassung *c 8 stammen. Es fiel nun

furter Kapitein eng zusammenhangt, enger als mit einer der vorhandenenFassungen, sodaB es auf der Hand lag den Text *c 8 als Vorlage für die hollandische Übersetzung in Anspruch zu nehmen. Die Fassung *c 8 muB dann aber vo r c 1 liegen und direkt aus *C abgeleitet worden sein und soweit sich dies aus den bei Fritz angegebenen Lesarten schlieBen laBt, ist diese Annahme möglich. Au f diese aus *C geflossene Fassung *c 8 geht nun einerseits c 1 , andrerseits der angenommene Text *c 4 zurück. Es würde sich dann aber empfehlen die erschlossene Fassung *c 8 als *c 1 , c 1 als c 2 und c 2 mit c 8 anzudeuten.

werden, denn es erschien 1597, c 6

c 7 gemeinsamen Quelle *c 4 herzuleiten. In nicht wenig Fallen

ist die erschlossene Fassung *C.

auf, daB Batens Text mit diesen Er-

Wie

schon früher bemerkt wurde, ist Batens Übersetzung des Faustbuchès i m

allgemeinen eine buchstabliche. Besonders sind selbstandige Zusatze auBerst seiten. Auf der Weltreise teilt Mephostophiles mit, die Stadt Wien sei vom Landvogt „Flavio" gegründet worden (S. 59—22) J ). Bobertag a ) vermutet, hiermit könne der Bruder des Armmius oder vielleicht der Kaiser Vespasianus gemeint sein. Auch Baten hat sich wohl die Frage vorgelegt, welcher Flavius in Betracht komme und löst die Schwierigkeit durch Hinzufügung eines „Josepho", wonach also Flavius Josephus der Gründer der Stadt Wien ware.

Der

„Christhche

fromme

Gottesfürchtige Artzt vn d Liebhaber der heiligen

Schrifft", der Faust aus Satans Krallen retten will (Kapitel LVII), fangt seine Ermahnung mit den Worten an, es sei ihm bekannt, daB er, Faust, sich dem Teufel verschrieben habe (S. 103—27); „met hjf ende Siele" fügt der hollandische Über- setzer hinzu. Will er sich hiermit gegen die Meinung wenden, daB man dem Teufel

den Leib überlassen und die Seele retten könne? Es scheint so, denn S. 27—20, wo diese Auffassung deuthch ausgesprochen wird, laBt er die betreffende Stelle wohl aus religiösen Bedenken unübersetzt. Die Idee selbst, welche Milchsack 8 ) eine

„echt lutherische"

seinem „Christlich bedencken und erjnnerung von Zauberey" 4 ), auf dem Reichsta- ge zu R. sei ein Zauberer und Schwarzkünstier gewesen, der sich, als er wuBte, daB ihn der Teufel dem Vertrage nach holen werde, zu Gott bekehrt habe. Dennoch habe man ihn morgens mit umgedrehtem Halse tot vor seinem Bette gefunden. Die Theologen aber hatten an dem Heile seiner Seele nicht gezweifelt; sie hatten ge-

nennt, geht wohl auf I Kor. 5—5 zurück. Lercheimer erzahlt i n

') Seitenzahl und Zeilenangabe des deutschen Textes richten sich hier und auch weiter nach Fritz, Das Volksbuch vom Doktor Faust. 2 ) Kürschners Deutsche National-Literatur. Bd. 25, S. 231. s ) LiterariBches Centralblatt 1896, Nr. XXV , S. 117. ') Das Kloster V, S. 269.

64

DAS HOLLANDISCHE VOLKSBUCH VOM DOKTOR FAUST

glaubt, Gott habe zugelassen, daB der Teufel ihm das Leben genommen habe, aber die, Seele sei gewiB gerettet. Auch das SpieBsche Volksbuch ist in Bezug auf die Frage, ob Faust verloren geht oder nicht, schwankend; in seiner Abschiedsrede an die Studenten erklart dieser wörtlich (S. 122—21): „Dann ich sterbe als ein bóser vnd guter Christ, ein guter Christ, darumb, das ich ein Hertzhche Rew x ) habe, vnd im Hertzen jmmer vmb Gnade bitte, damit meine Seele errettet möchte werden, Ein bóser Christ, das ich weis, das der Teuffel den Leib wil haben, vnnd ich wil jhme den gerne lasser^er lasse mir aber nur die Seele zufrieden". Battus nimmt an dieser Stelle keinen AnstoB und gibt sie buchstablich wieder (FoL 57 v°—18):

„want ick sterue als een boose, ende als een goet Christen: een goet Christen, mits- dien dat ick een hertehek berouw hebbe, ende in mijn Herte stadigh om ghenade ben biddende, op dat ymmers mijne Ziele mochte ghesalueert worden: een boose Christen, om dat ick weet, dat de Duyuel mijn üchaem hebben wilt, het welcke ick hem geerne ouersette, so verre als hy slechts mijne ziele met vreden wilt laten". Alle alt eren hollandischen Faustbücher übernehmen dies. Bedenken hatte aber der Drucker der Ausgabe O, wo es heiBt (S. 84—13): „want ik sterve als een Bose en als een On-Christen. Een On-Christen, mitsdien dat ik een valsch berouw hebbe, en in myn herte geen Gelove hebbe, regt te bidden, op dat immers mijne Ziele niet zal behouden worden. E n als een boos Christen, om dat ik weet dat de duij vel mijn lijf hebben wil, het welke ik hem geerne over zette, zoo verre als hij slegts mijne Ziele met vrede wil late". Auch die beiden jüngsten in Holland gedruckten Ausgaben haben diese Fassung. Etwas bestimmter in Bezug auf das Ende seines Helden ist Widman. Zwar spricht Faust auch hier genau dieselben Abschiedsworte, aber die schrecklichen Naturerscheinungen bei seinem Begrabnis lassen für seine Seele nicht viel Gutes vermuten, denn „Es hat der Windt damahls sich also vngestümiglich erzeiget, als ob er es alles zu boden reissen wolte. Daraus man kondte schliessen, wie ein ver- zweiffeltes ende er hatte genommen" (Teil III, Kapitel XIX). Auch laBt er sich nach seinem Tode in seiner Wohnung leibhaftig sehen und „fieng er im hauB gantz vngestümmighch an zu poltern, das die Nachbarn genug mit erschrockenem her- tzen zu hören hetten. Der Wayger aber beschwur und bandt den Geist hernach in seine ruhe" (Teil III, Kapitel XXI). Konsequenter als die Volksbücher führen die Faustspiele die Idee von Fausts Untergang durch, wo der Teufel vor den Augen der Zuschauer seine Beute mit sich in die Hölle reiBt. DaB Faust in der Tat in die Hölle geworfen wurde, weiB auch der Bearbeiter des spateren hollandischen Wagnerbuchs, das zu Anfang des achtzehnten Jahrhun- derts ,,t' Antwerpen, By de Weduwe van Hendrick Thieullier" gedruckt wurde. In Nachahmung des Faüstbuchs laBt der Autor, der das alte Wagnerbuch sehr frei bearbeitet hat, auch Wagner eine Reise nach der Hölle machen. Nicht in einer Verblendung wie einst sein Herr Faust, sondern in aller abscheulichen Wirkhchkeit

*) Spieö selbst fügt die Randbemerkung „Judas Rew" hinzu; diese fehlt in der Wolfenbütteler Hs., gleichfalls in einigen C-Texten; auch Baten hat sie nicht.

PAS ALTESTE HOLLANDISCHE FAUSTBUCH

65

bekommt er die Verdammten zu sehen. Viele Jungfrauen liegen in glühende eiserne Reifen geschlossen, „en dit waeren de gene die op dese werelt den Farde- godyn 1 ) gedragen hadden", erklart Auerhahn. Unter den „quade en verloochende Christenen" bemerkt er an erster Stelle „Marten Luther en Jan Calvin" 2 ), welche den grausamsten Qualereien der Teufel ausgesetzt sind. Bei den Juden, Türken, Götzendienern und Zauberern macht ihn Auerhahn auf Lucian, Virgihus, Simon Magüs und seinen früheren Herrn Doctor Faustus aufmerksam. Mit seiner Konku- bine, der schönenCyrene*), verflucht Faust jetzt seine früheren Zauberkünste, wo- durch er sich die ewigen Qualen der Hölle zugezogen hat. Auf religiös* Bedenken des Ubersetzers muB vermutiich auch die Auslassung des Trostgrundes zurüd^eführt werden, der Teufel wolle Faust in der Hölle nicht pei- nigen wie andere Verdammte (S. 120—22). In der zweiten Verschreibung Fausts aber, wo eine solche Behandlung nachdrücklich ausbedungen wird, hat die Stelle keinen AnstoB erregt und ist sie stehen gebheben (S. 105—30). Beachtenswert ist weiter eine kleine Umanderung des Textes S. 34—14; Faust hat seinem Geist die Frage vorgelegt, ob die Verdammten noch auf die Imnmlische Seligkeit hoffen könnten. Mephostophiles gibt darauf die merkwürdige Antwort; „Alle die in der Hellen sind, so Gott verstossen hat, die müssen in Gottes Zorn vnd Vngnad ewig brennen, darinnen bleiben vnd verharren, da keine Hoffhung nim- mermehr ist, ja wenn sie zur Gnade Gottes kommen kóndten, wie wir Geister, die wir alle Stund hoffen vnd warten, so würden sie sich frewen, vn d nach solcher Zeit seufftzen. Aber so wenig die Teuffel in der Helle kónnen jhren Vnfall vnnd Verstos- sung verhoffen zur Gnade zu kommen, so wenig kónnen die Verdampten auch, denn da ist nichts zuhoffen, es wird weder jr Bitten, Anruffen noch Seufftzen erhört werden". Mephostophiles trennt also an dieser Stelle seine Persönlichkeit entschie- den von der des Teufels. Das Volksbuch spricht von ihm auch meistens als von dem i,Geist". Dies veranlaBt die meisten Faustforscher von einem „spiritus famiharis" zu sprechen; das Faustbuch hat aber Stellen genug, wo Mephostophiles mit dem Teufel identifiziert wird, sodaB Kiesewetter *) sagen kann, er habe im Laufe der Zeit „christhch-dogmatische Züge" angenommen. Wie dem nun sei, das Volk, fü r das die Lektüre ja besonders bestimmt war, sah in Mephostophiles den Teufel; auch unser Bearbeiter steht auf diesem Standpunkt und durch eine kleine texthche Umanderung bringt er seine Meinung deutlich zum Ausdruck; vergl. Fol. 15 r°—1 :

„alle die inde Helle zijn, ende van God verstooten, die moeten in Gods ongenade in- der eeuwicheyt branden, sonder eenighe hope meer: J a wanneer sy totte genade Gods comen conden, so souden sy, ende wy Geesten na sulcken tijt haken ende ver- blijden."

Als unanstandig wurden einige nicht sehr

Erfahrungen

im

Harem

des Sultans

dezente Mitteilungen über Fausts

(vergl. S. 62—6) und mög-

ausgelassen

*) Von vertugadin = Reifrock. 2 ) Dieses flamische Wagnerbuch Ut in anti-protestantischem Sinne umgearbeitet. ») Dieses Wagnerbuch ersetzt die Helena durch die Nympbe Cyrene. «) Faust in der Geschichte und Tradition, S. 152.

Van

't Hooft, Faustbuch

5

66 DAS HOLLANDISCHE VOLKSBUCH VOM DOKTOR FAUST

licherweise auch die Bemerkung S. 10—29, wonach „der Teuffel

tum den hindern habe sehen lassen". Es ware übrigens verfehlt, aus dem Nicht- Unterdrücken der zahlreichen, besonders naturhistorischen, Albernheiten schheBen zu wollen, der Übersetzer sei damit einverstanden gewesen. Es handelt sich für ihn offenbar um eine Übersetzungsarbeit und er nimmt nur gelegenthch, wo es be- quem geschehen kann, einige kleine Anderungen vor. So übersetzt er buchstablich eins der albernsten Kapitel, namlich „Vom Donner" S. 67, wonach das Gewitter entstehen soll durch den Kampf der Geister gegen die vier Himmelsgegenden. Im „Secreet-Boec" gibt er S. 253 (Ausgabe Dordrecht 1609, Joris Waters) „Van de ge- neratie ende oorsake des Donders" eine, wenn auch nicht vollstandig richtige, so doch viel vernünftigere Erklarung. So war es ihm natürlich nicht unbekannt, daB Faust auf seiner groBen Reise, bei der Aufzahlung der Weltteile — „Darnach sahe

ich die gantze Welt, Asiam, Aphricam, vnd Europam" (S. 51—7) — das seit 'einem Jahrhundert bekannte „Indiam" vergaB, das in dem Wagnerbuch eine so bedeutende Rolle spielen sollte. Bedenken hatte unser Bearbeiter ohne Zweifel gegen das etwas reichhche Gast- mam m Anhalt (S. 81), wo u. a. zweiunddreiBigFleischgerichte, fünfzehn Fischspei- sen und achtzehn Weine aufgetragen werden, deren alphabetische Reihenfolge auf Entlehnung hinweist l ). Der Verfasser des Kochbuches wuBte natürlich, daB hier dem Grafen von Anhalt und dessen Hofgesinde etwas zu viel zugemutet wurde und vereinfachte bedeutend. Von den Weinen wurden u. a. der „Niderl&nder" und der „Brabander" fortgelassen. Sommer *) vermutet hier patriotische Rücksichten des Übersetzers, indem er amiimmt, dieser wünsche nicht, daB Faust die Weine seines Landes zu seinen Zauberkünsten miBbrauche. Battus wuBte über die niederlandi- schen Weine wohl besser Bescheid als der Heidelberger Privatdozent, der sich eme Landschaft ohne Weinberge vermutiich nicht denken konnte. BewuBte Anderung ist es wohl, daB der Verfasser die „roten vnd weissen Trauben" (S. 80—10), die Faust durch seine Kunst der Grafin von Anhalt verschafft, durch „witte ende blauwe druyven" ersetzt, da ihm die roten unbekannt gewesen sein werden. Die Mitteilung seines Originals, daB in Magdeburg noch einer der sechs Krüge vorhanden sei, worin Christus Wasser inWein verwandelte, wünschte Baten offen- bar nicht auf seine Verantwortung zu nehmen; er steht die Sache als fraglïch dar. DaB in Köln „de duyuel met s. Ursula met de elf duysent Maechden" (F. 26 v°— 30) gefunden werde, stammt wohl aus der Quelle. Die als die alteste Fassung be- trachtete Wolfenbütteler Handschrift, der auch sonst einige intolerante Bemer- kungenfehlen, zeigt, daB hier ursprünghch statt „Teufel" das Wort „Tempel" ge- standen hat, was auch einen besseren Sinn gibt. Die Auslassungen sind wenig zahlreich; nur dann und warm fehlt eine Zede. Der

. Grand laBt sich nicht immer erkennen. Von den sehr zahlreichen lateinischen Aus-

den Faus-

») Namlich aus Petrus Dasypodius, Dictionarium Latino-Germanicum et vice versa Germanico-Latinum. Vergl. A . Bauer, Vierteljahrsschrift für Literaturgeschichte, Bd . L S. 192 ff. ») Allgemeine Encyklopadie der Wissenschaften und Künste. Erste Section, 42. Teil, S. 93.

Q ,

DAS ALTESTE HOLLANDISCHE FAUSTBUCH

67

drucken für Hölle (Kapitel XVI), die wieder aus dem Dasypodius stammen *) wer-

den einige fortgelassen. Auch stellt der hollandische Bearbeiter seine Kenntnisse

deutsche

Verfasser; daher laBt er Faust, der in der Cjuelle seinen EntschluB den Stu- denten die Helena zu zeigen, in die hochtrabenden Worte kleidet: „Dieweil jhr denn so begierig seid, die schóne Gestalt der Kónigin Helenae, Menelai Haus- fraw, oder Tochter Tyndari vnd Ledae, Castoris vnd Pollucis Schwester zu sehen, wil ich euch dieselbige fürstellen'', an dieser Stelle eine einfachere Sprache reden. Der hollandische Übersetzer übeniimmt auch die zahlreichen Randbemerkungen; die lateinischen aber laBt er aus. Faust zaubert in Innsbruck, als Kaiser Karl V . sich da aufhalt, einem schlafenden Ritter ein Hirschgeweih an den Kopf (Kapitel XXXIII) ; der Name, sagt das deutsche Faustbuch, sei, weil es einen Edelmann betreffe, ausgelassen. Den Lateinkundigen gegenüber aber wurde diese Zurückhaltung nicht für nötig befunden, denn, flüstert eine Randbemerkung, „Erat Baro ab Hardeckt". Das hollandische Faustbuch laBt die Bemerkung fort. Helena gebiert Faust einen Sohn, Justus Faustus; es ist ein Wunderkind, das seinem Vater „veel toecomende dinghen, die in diuersche Landen souden gebeuren", mitteilt. Nach Fausts Tode verschwinden Mutter und Kind iri geheimnisvoller Weise (Kap. LXIV). Der deutsche Verfasser, der als Kind seines Zeitalters sich gern mit theologischen Fragen beschaftigt und der wohl bei Luther *) über das Taufen von MiBgeburten gelesen hatte, bemerkt am Rande S. 112 „Quaestio an baptisatus fuerit". Battus beschaftigt sich mit dieser Frage nicht. Als der Teufel in der zweiten Verschreibung verspricht, Faust in der Hölle nicht zu peinigen, warnt der Autor in einer Randbemerkung „Si Diabolus non esset mendax et hómicida" (S. 105). Nur ist es nicht recht deutlich, worum er es lateinisch tut. Auch diese Bemerkung fehlt im hollandischen Faustbuch. Einige Auslassungen sind vermutlich auf ein Nichtverstehen des deutschen Textes zurüclczuführen; so blieb die Stelle S. 85—20/24 wohl unübersetzt, weil dem Bearbeiter das Wort „Gócker" nicht bekannt war. Mit dem Landesnamen „Kern- ten" (S. 90—23), den Baten fortlaBt ist das wohl kaum der Fall gewesen. Fü r dié meisten Auslassungen laBt sich eine Erklarung nicht geben. Ein paarmal andert der Übersetzer infolge eines sprachhchen MiBverstandnisses den sachlichen Inhalt; so S. 18—33 „die Hund trieben vnd hetzten einen Hirschen biB in D. Fausti Stuben, da ward er von den Hunden nider gelegt". Battus hat hier (Fol. 7 r°—9): „de Honden hepen naer eenen Hert, tot inde Camer van Doctor Fausti, alwaer de Honden den voorsz Faustus ter aerden leyden". Allerhand ande- re Tiere zaubert Mephostophiles noch inTausts Zimmer, u. a. einen Drachen, von dem es im deutschen Faustbuch heiBt (S. 19—4) „D . Fausti Famulus sagt, das er einem Lindwurm gleich gesehen habe, am Bauch geel, weiB vnd schlegget, vnd die Flügel vnd Obertheil schwartz, der halbe Schwanz, wie ein Schneckenhaus, krumb- lecht, darvon die Stuben erfüllet, etc". Der hollandische Text lautet hier (7 r°— 15):

des klassischen Altertums etwas weniger i n den Vordergrund als der

l ) Cfr. Bauer in der Vierteljahrsschrift f. Literaturgeschtehte, Bd. IV, S. 382. *) Cfr. Tischreden. Aurifaber, S. 301 und 456.

68 DAS HOLLANDISCHE VOLKSBUCH VOM DOKTOR FAUST

„Den knecht van Doctor Faustus seyde, dat hy aldaer oock eenen Lindworme sach die gheel ende witachtich aen zijnen buyck was, ende bouen op zijn lichaem swart, soo dat hy ouer de Camer croop, ende de Camer vervulde". Der hollandische Text weicht hier sehr ab, wohl deshalb, weil der Übersetzer nicht verstand, daB noch immer von dem Drachen die Rede war. Dann war ihm die Bedeutung des Wort es „schlegget" dunkel, was nicht zu verwundern ist, denn es liegt hier ein Druckfehler vor, der in allen C-Fassungen vorkommt. Die A-Gruppe hat richtig „schlegget" = gescheckt oder scheckig, also hollandisch „gevlekt". Eine unrichtige Wiedergabe des Textes bringt Battus auch im Kapitel LUI . Es ist hier die Rede von dem „Stadjuncker" im Hause zum Anker in der Schlössergas- sezu Erfurt; „inde Slèutelstraet" sagt unser Bearbeiter. Das Faustbuch ver- schweigt „ethcherVrsachenhalber" den Namen.Gemeint ist aber, wie Szamatólski 1 ) beweist, der Junker von Denstett, bei dem Faust viel verkehrt haben soll. Dieser war katholisch und er war es, der den für das protestantische Milieu des Faust- buchès so auBerst befremdenden Bekehrungsversüch durch den Franziskaner Dr. Klinge anregte, wovon Kapitel L V die Rede ist. Zur Beruhigung des „christlichen Lesers" wird dann darauf hingewiesen, daB Dr. Klinge mit „D. Luthern vnd D . Langen wolbekandt war". Das war allerdings der Fall, aber in etwas anderem Sinne, als der unbefangene Leser es versteht: Dr. Klinge war der Hauptgegner der Reformation in Erfurt. „Nun hat sichs zugetragen", erzahlt das Volksbuch S. 95— 15 „das gemelter Faustus auff eine Zeit, als derselbe Juncker viel guter Freunde zur Abendmalzeit zu sich geladen, nicht Einheimisch, sondern zu Prage beim Keyser gewesen ist, als aber die Junckern bey seinem Freunde sehr lustig gewesen, ynd jhn

offt gewontscht vnd begert haben, hat sie ihr Wirt berichtet, das er j«tzt nicht zu- bekommen, weil er weit von dannen, nemhch, zu Praga were ".Das hollandi- sche Faustbuch hat hier (44 r°—21) : „Soo ist ghebeUrt, dat den voorsz Faustus op eenen tijt, als den Joncker diuersche Gasten hadde (niet tot zijnen huyse, maer tot Praghen daer den Keyser was) metten welcken den voorsz. Joncker vrolick was, alwaer hy Faustum dicmaels by hem wenschede, maer also hem zijnen weert ver- maende, dat alsulcken wenschen om niet was, mits dien den voorsz Faustus nv so

verre van hem geseten was

sung des Übersetzers in Prag, sondern der Junker und Faust kommt aus Erfurt herüber. Weiter übersetzt er wieder buchstablich, nur andert er jedesmal „Prag" in„Erfort".DasWort „Wirt" gibt er durch „Weert" = „Schenkwirt" wieder. Der Junker ist also in Prag in einem Gasthof abgestiegen und gibt da sein Fest. Dann wünschen nicht die Gaste, sondern der Gastgeber selbst, Faustus herbei, worauf dann der Scherikwirt auf die UnerfüUbarkeit dieses Wunsches hinweist. Liegt hier vielleicht eine bewuBte Umanderung vor? Mit dieser Möglichkeit muB man wohl réchnen, wenn man berücksichtigt, daB der SchluB unseres Zitats.wo deuthch ausge- drückt wird, Faust befinde sich in Prag, klugerweise unübersetzt gelassen wurde. Fand der hollandische Übersetzer vielleicht einen Zauberer wie Faust eine zu ge-

" . Also nicht Faust befindet sich nach der Auffas-

>) Euphorion II (1895), S. 39 ff

DAS ALTESTE HOLLANDISCHE FAUSTBUCH

69

ringe Gesellschaft für einen Kaiser, zu dem er sich höchstens einen Junker denken konnte? E r ist dann nicht in den Gedankengang des deutschen Autors eingedrun- gen. Der Verfasser der Erfurter Kapitel denkt namlich ohne Zweifel an Kaiser Rudolf II., der eine Zeitlang in Prag residierte. Dieser beschaftigte sich viel mit Alchimisterei und Astrologie, sodaB der Hof in Prag das Ziel von allerhand Aben- teuerern und Alchimisten war, wie z.B. des berüchtigten Scotus und des Spiritis- ten John Dee, die beide einige Zeit in Prag lebten 1 ). Noch eine andere Konfusion enthalt Kapitel LUI . Kaum haben die Gaste des Junkers den Wunsch geauBert, Faust bei sich zu sehen, so steht er schon drauBen vor der Tür. Der Sohn des Ritters will das Pferd in den Stall führen und „verheist jhm Futter gnug zu geben, kans aber nicht halten, wie hernach folgen wird" (S. 96—7). Battus sagt (F. 44 v°—10): „maer den Sone en coste het voorsz. Peert niet gehouden, hoe vast dat hijt oock houdende was, ghelijck ghy alhier sult hooren". E r denkt also an das Nicht-halten-können des Pferdes, obwohl nirgends die Rede davon ist, daB es sich ungebardig benimmt, wohl aber davon, daB der Sohn des Junkers sein Wort nicht halten kann, namlich was sein Versprechen, das Pferd sattzufüttern betrifft, „want het heeft my aireede sommighe veertelen Haueren opghesloect, ende noch siet het om, ofter niet meer voor handen en is " (45 r°—2). Das war denn auch kein Wunder, „Want het was zijnen Gheest Mephostophiles, de welcke, ghelijck voorseyt is, hem somtijts in een Peert met vleughelen veranderde, als Faustus erghens inder haeste verreyseh wilde" (45 r°—13). Der Vergleich die-

ses Pferdes mit „der

setzung. MiBverstanden ist auch die Stelle S. 48—26, wo anlaBlich Fausts Besuch in der Hölle bemerkt wird: „Diese Historiam vnd Geschicht, was er in der Helle vnd ver- blendung gesehen, hat Doet. Faustus selbs auff geschrieben", wofür Baten hat (22 v°—14): Dese Historie, ofte geschiedenisse, heeft Doctor Faustus selue geschreuen, deselue maer in eene verblindinghe ghesien te hebben". Gleich- falls ist die Erzahlung von Fausts Erfahrungen im Palaste des Papstes unrichtig wiedergegeben (S. 54—35): JSr kam auch vnsichtbar für des Bapsts Pallast, da sahe er viel Diener vnd Hofschrantzen, vnd wz Gerichten vnd Kosten man dem Bapst aufftruge". Man vergleiche hiermit den hollandischen Text (F. 25 v°—31):

„Hy quam ooc onsichtbaer voor het Palays des Paus, daer sach hy veel dienaers ende Houelinghen, ende het was hem wonder aen te sien, hoe dat de Paus met een groote pompeusicheyt ghedragen wierdt". Als das Ende der vierundzwanzigjahrigen Frist herannaht, macht Faust sein Testament, „vnd vermachete seinem Famulo das Haus, sampt dem Garten, neben des Gansers vnd Veid Rodingers Haus gelegen, bey dem eisern Thor, i n der Schergassen an der Ringmawren" (113—3). Battus hat nur „ende hymaeckte

Poëten Pegasus" (S. 97—5) féhlt i n der hollandischen Über-

') Vergl. A. Bechtold, Hieronymus Scotus, Archiv für Medaillen- und Plakettenkunde, Jahrgang 1924 und

Carl Kiesewetter, John Dee, ein Spiritist des 16. Jahrhunderts,

Leipzig, Max Spohr.

70 DAS

HOLLANDISCHE VOLKSBUCH VOM DOKTOR FAUST

zijnen dienaer het Huys, gestaen ende gheleghen by de ijseren poorte, in de Scher- gasse, aen de Rinckmueren" (52 v°—18). Tm zwanzigsten Jahre seines Paktes gewinnt Faust die Gunst von sieben schö- nen Frauen, den schönsten ihres Landes; es sind „zwo Niderl&nderin, eine Vngerin, eine EngeMnderin, zwo Schw&bin vn d ein Franckin". Battus spricht nur von einer HoMnderin und behalt doch die Zahl sieben bei. Der Holzschnitt der Ausga- be 1608 zeigt nur fünf Frauenfiguren, der Druc k des Jahres 1695 erwahnt auch die eine Hollanderin nicht mehr, vielleicht aus nationalen Rücksichten. Der betreffen- de Holzschnitt fehlt hier, sonst konnte ftian bewuBte Anderung durch Anlehnung an den Holzschnitt annehmen. Auch hier wird noch immer von sieben Frauen ge- sprochen, obgleich nur fünf genannt werden. EinDruckfehlerhegtwohlvorF. 25 r°—36, wo von dem Berg „Vestinus" die Rede ist. Der deutsche Text hat richtig Vesuvius; der Fehler findet sich auch i n allen spateren hollandischen Ausgaben, ausgenommen in den allerjüngsten Genter Drucken.' Noch ein anderer Druckfehler schleppt sich durch alle hoMndischen Ausgaben. E s betrifft die Übersetzung eines jener unklaren Satze, die das Faust- buch für den modernen Leser so schwer genieBbar machen; man vergleiche S. 31—6 : M Die Helle hat eine solche weite vn d tieffe des Thals, das es Jerusalem, das ist, dem Thron des Himmels, darinnen die Einwohner des Himlischen Jeru- salem sein vn d wonnen, weit entgegen ligt, also das die Verdampten i m wüste des Thals jmmer wohnen müssen, vnnd die Höhe der Stadt Jerusalem nicht errei- chen kónnen." Der Autor will hiermit nur sagen, daB die Verdammten in der Höl- le niemals die himmlische Seligkeit erlangen können. Das Bild ist der Bibel ent- nommen, wo der Himmel mit der Stadt Jerusalem, die Hölle mit dem in der Nahe dieser Stadt gelegenen, verrufenen Tale Gehennom verghchen wird. Der Verfasser des Faustbuchès aber führt den Vergleich nicht ganz aus und bleibt dadurch un- deutlich. Der hollandische Text lautet an dieser Stelle (Fol. 13 r°—26): „de Helle heeft eene alsulcke wijdde ende diepte des dals, dat heet Jerusalem, dat is den throon des Hemels, daer i n dat de inwoonders van het Hemelsche Jerusalem zijn, ende woonen wijt, ende verre teghen malcanderen ouer liggen, soo dat de ver- doemde, inde woeste des voorseyden dals, altijt moet blijuen woonen, ende inde hoochde der Stadt Jerusalem nemmermeer gheraken en connen." Dieses „heet" ist natürlich ein Druckfehler für „het". Die schon im deutschen Original unklare Stelle ist dadurch bei Battus völlig unverstandhch geworden. Die Ausgabe Amsterdam, Jean de Nivel, 1728 (U) hat sie vergebens durch eine kleine Anderung z u bessern versucht; man vergleiche S. 44—14: „D e Hel heeft sulcken wijtt e en diepte, als het

Dal bij Jerusalem " Dadurch ist aber der Zusammenhang mit dem Rest des

Satzes gestört. Einige Wörter und Ausdrücke hat

nicht

verstanden ;so das Wort „Erdbidem" (= „Erdbeben",zudemmittelhochdeutschen Verbum bidemen = beben). Man vergleiche S. 31—27: „Die Helle hat auch eine Klufft Chasma genandt, gleich eines Erdbidems, da er denn anstósset, gibt er eine solche Klufft und Dicke, das vnergründhch ist, da schüttet sich das Erdreich von

der hollandische Übersetzer offenbar

DAS ALTESTE

HOLLANDISCHE

FAUSTBUCH

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einander, vnd spüret man aus solcher Tieffe der Klüfften, als ob Winde darinnen weren". Im HolliindisChen ist dieser schon im Deutschen verworrene Satz reiner Unsinn geworden: „De Helle heeft oock eenen Afgront, Chasma ghenoemt, ghe- lijck eenen Aertbodem, daer aen hy stoot, daer heeftse alsulcken dickte, datter gheenen grondt en is, aldaer scheurt hem het Aertrijck van den anderen, ende het schijnt, dat in alsulcken diepte der Afgronden winden ghehoort worden" (Fol. 13 v°—11). Im albernen Kapitel „Vom Donner" (S. 67), wo die Entstehung des Gewitters erklart wird, erzahlt der Verfasser, wie es an einem warmen Sommertage zu „kis- seln" angefangen habe. Der Übersetzer versteht dieses Wort nicht, hilft sich aber damit, daB er es durch „donderen" wiedergibt. E s hangt wohl mit „Kies" zusam- men und ist durch „hagelen" wiederzugeben. Kapitel X V handelt von der Gewalt des Teufels; Mephostophiles teilt hier Faust mit, wie der Satan die Menschen zum Bösen zu verführen pflege und erzahlt auch haarfein, wie er verfahren sei, Faust zum Abfall von Gott zu bewegen. Kein Wun- der, daB sich in Faust die Reue regt, welche sich in dem Ausruf „Ey, was hab ich gethan" aufiert. Mephostophiles weist jede Verantworthchheit von sich ünd tut dies mit den Worten der Hohenpriester und Altesten, Matthaus 27 : 4 „Da sihe du zu". Der Übersetzer scheint hier das Bibelzitat nicht herausgefühlt zu haben und gibt es durch den wenig sagenden Ausdruck „daer laet ick u voor sorghen" wieder- Die Datierungen nach dem katholischen Kirchenkalender wurden wohl nicht verstanden und deshalb fortgelassen, wo sie nicht unbedingt notwendig waren, so S. 68—24. Es wird hier erzahlt, wie Kaiser. Karl V. gelegentlich seines Aufenthalts in Innsbruck Faust zu sich berufen habe „im Sommer nach Phihppi und Jacobi". Das hollandische Faustbuch sagt einfach „inden Somer", was den Sinn nicht be- eintrachtigt. Nach der Erzahlung von Fausts tollem Treiben am FaBnachtsmontag und-Dienstag und sogar auch noch am Aschermittwoch und dem darauffolgenden Donnerstag, in den Kapitein XLIV—XLVII , folgt der Abschnitt „Am weissen Son- tag von der bezauberten Helena". Der hollandische Bearbeiter versteht vermutlich den Ausdruck „weiBer Sonntag" nicht (= der Sonntag nach Ostern, vom lateiniT schen „Dominica in albis", nach den weiBen Kleidern der Neugetauften); er über- setzt es mit „Op den Sondach daer naer, vande betoouerde Helena" und vermutet also einen Zusammenhang zwischen diesem Kapitel und den vier vorhergehenden*). Das Angesicht der Helena war „gleissend", erzahlt das deutsche Faustbuch; Bat- tus hat dafür „ghelat". DaB er ihre „Kolschwartzen Augen" im Hollandischen durch „bruyne" ersetzt, ist natürlich nicht auf ein MiBverstenen des Textes zu - rückzuführen; es mag sich eher für ihn um eine Geschmackssache handeln. Auf- fallig ist, daB eine verhaltnismaBig spate Ausgabe ohne Adresse, die aber bei Jaco-

*) l m Mittelalter ist in der Tat der erste Fastensonntag (Dominica Invocavit) als weiBer Sonntag

bekannt gewesen. Vergl. H . Grotefend,

Hannover 1891 Bd. I S. 206. In Süddeutschland ist dies noch jetzt hie und da der Fall. DaB also der Verfasser des deutschen Faüstbuchs den Sonntag Invocavit im Auge gehabt hat, ist nicht unmöglich. Baten hat dann aber wohl unbewuBt das Richtige getroffen.

Zeitrechnung des

deutschen Mittelalters und

der Neuzeit,

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DAS HOLLANDISCHE VOLKSBUCH VOM DOKTOR FAUST

bus van Egmont in Amsterdam oder bei dessen Witwe erschienen sein muB, wieder „zwarte oogen" hat. DaB der hollandische Bearbeiter etwas flüchtig verfuhr, zeigt die Übersetzung von „S. Peters Munster oder Thum" (S. 54—26) durch „S. Pieters Tombe", wo es also als Grabmal S. Petri aufgefaBt wird. Einige Zeilen vorher (S. 54—19) wird das Wort „Thumbkirche" aber ganz richtig" durch „Domkercke" wiedergegeben. Die Ausgabe, die angeblich bei „Hismanius van de Rumpel 't Amsterdam "erschien — in Wirkhchkeit ist es eine flamische Ausgabe, welche von einem Katholiken bear- beitet wurde, wie aus einigen Anderungen und Zusatzen deutlich hervorgeht, — setzt hierfür das richtige „St. Pieterskerk" ein. Ahnliche Spuren einer flüchtigen

Arbeitsweise finden sich öfter: so wird die Stelle S. 60—6 „D. Fau. reiset auff Mit- ternacht zu" durch „D. Faustus troc inder middernacht op" übersetzt, dagegen lautet der hollandische Text für: „Doctor Faustus wendet sich gegen Mitternacht zu" (S. 62—9) richtig „D. Faustus keerde hem naer het Noorden" und einige Zeilen weiter (S. 62—15) für „Darnach wendet er sich wider gegen Auffgang und Mitter- nacht", „Daer na soo keert hy wederomme na het Oosten, ende na het Westen." DaB das Wort „Brunst" in dem Satz: „in dem wird sein Haus voller Brunst" (22—

29) nicht durch „stof" wiederzugeben ist — „soo was zijn gheheele huys

stofs" — ware Battus bei ruhigem Nachdenken wohl klar geworden, zumal er den Satz 23—19 „gerieth auch in eine solche Brunst" richtig durch „daer toe soo wierdt hy so brunstich" wiedergibt. Schwierigkeiten machte dem Übersetzer das deutsche Wort „Vngeziffer". Das j etzige Aquivalent „ongedierte" findet sich namlich erst spater. E r sucht jedesmal tastend nach einem andern Ausdruck. So übersetzt er es 33—1 mit „schrickehcke Dieren, 44—24, 44—27 und 44—31 mit „vliechachtighe Dieren, 44—25 mit „fe- nijnighe Ghedierte", 44—33 mit „alsulcke gedierte"; 44—34 gibt er es durch „quellende gedierte," 45—2 durch „dusdanighen ghedierte" wieder; 45—6 spricht er „van de plaghen deses ghedierte" und 46—19 von „onsuyuer ghedierte". Wenig Sprachgewandtheit zeigt er im sogenanntenSprichwörterkapitel (LXX); er übersetzt alle Sprichwörter buchstablich, wodurch der Sinn manchmal dunkel wird; eines hat er gar nicht verstanden, namlich 118—4 „man soll Narren mit Kol- ben lausen", was wohl bedeutet: „man soll Toren, wie Faust einer ist, weil er sich mit dem Teufel eingelassen hat, mit groben, kraftigen Mitteln zu einer bessern Einsichtbringen". Der hollandische Text lautet hier (Fol. 55 r°—16): „daerom moet men Sotten int hayr luysen", was keinen Sinn hat. Allzuflüchtig wurde „ein finsters Loch" (50—30) durch „een duystere Locht" (23 v°—22) und das Wort „Schmach" (119—2) durch „Smaeck" (55 v°—12) wie- dergegeben, wodurch der Text unverstandlich wird. Vielleicht handelt es sich im letzteren Fall um einen Druckfehler: spatere Ausgaben haben dafür „smaet". Aus dem hollandischen Text laBt sich der SchluB ziehen, daB die verloren gegan- gene Fassung *c 8 fast völlig mit den vorhandenen C-Texten übereingestimmt ha- ben muB. Auf der Weltreise werden unter den zahlreichen lateinischen Namen für die Stadt Regensburg u.a. Impripolis und Ratispona genannt (27 v°—34), wofür alle

so vo l