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Daten – Fakten – Ethiken:


Täterbehandlung zwischen Ächtung & Achtung*
Ulrich Kobbé

Zusammenfassung

Die Behandlung der Täter erfolgt in diskursiven Spannungsfeldern der Skandalisierung und Dämonisierung, der Aus-
grenzung und des Zwangs. Wenn die öffentliche Diskussion um Taten und Täter immer wieder zur Matrix von Affekten
gerät, stellt sich das Problem, wie dennoch eine Ethik der Täterbehandlung entwickelt und eine hinreichend unabhängig-
dezentrierte therapeutische Position gewahrt werden kann.
Mit welchem Beziehungsangebot lässt sich Subjektivität im Pendeln zwischen Identifikation und Distanzierung so
(er)fassen, dass der Täter zur Sprache kommt? Mit welcher therapeutischen Haltung kann man der Instrumentalisierung
von Behandlung mit dem Diktat der Effektivität, Strategie, Objektivität und Wirtschaftlichkeit begegnen? Wie kann prä-
ventive Täterarbeit mehr sein als nur Belehrung, Verhaltenstraining und Einstellungsänderung?
Der Beitrag diskutiert diese und ähnliche Fragen im Sinne eines diskursiven – mitunter selbstbefragenden – Gedanken-
gangs, zum Teil eines Gangs auf Umwegen, der Realität bearbeitet, indem er sie häutet und ihre Kriterien außer Kraft
setzt.

Denkfallen

Der Titel dieses Beitrags thematisiert einen Spannungsbogen von Ächtung und Achtung. In dieser
Formulierung wird das Ergebnis eines reflektierten – mithin auch selbstreflexiven – Umgangs mit
denen, die gemeinhin verkürzt als ‚die’ Täter etikettiert werden, im Grunde bereits vorweggenom-
men. Mit diesem Beitrag soll zur Diskussion des eigenen Verhältnisses zum Täter ein diskursiver –
mitunter selbstbefragender – Gedankengang, zum Teil ein Gang auf Umwegen, unternommen
werden. Indem er Realität bearbeitet, sie ‚häutet’ und ihre (Vor-)Urteilskriterien infrage stellt, sie
außer Kraft setzt, können einzelne Denk- und Irrwege, Urteils- und Vorurteilspfade abgeschritten,
Gedankengänge nachvollzogen werden.

Dieses ethische Grundsatzreferat wird sich dabei auf die praktischen Widersprüche und die dahin-
ter verborgene Ambivalenz im Umgang mit Täterarbeit – mit Tätern wie mit Behandlern – befas-
sen. Es gibt einen Zwiespalt, der sich in den Begriffspaaren von „Missachtung“ versus „Beach-
tung“, von „Verachtung“ versus „Achtung“, von „Ächtung“ versus „Hochachtung“ manifestiert. In
dieser Polarisierung ist eine emotionale wie gedankliche Verstrickung enthalten, die sich als Di-
lemma jeder Handlung und Behandlung erweist, der in irgendeiner Weise sowohl Anteile der Hilfe
wie des Zwangs oder der Kontrolle eigen sind. Dieses Entweder-Oder suggeriert scheinbare Alter-
nativen – Ächtung oder Achtung beispielsweise – und erzwingt eine Parteinahme, die sich aller-
dings als u. U. ethisch-moralisch wenig zufriedenstellende oder als praktisch unbrauchbare Wahl
entpuppt. Denn: Polarisierungen als Teil und/oder (Mit-)Ursache von Dilemmata behindern das
Denken. Sie fixieren geradezu hypnotisch auf diese scheinbaren Alternativen.

Phantasien über Täter

These 1: Wenn von ‚dem’ Täter gesprochen oder geschrieben wird, suggeriert dies eine scheinbar
einheitliche, konturierte Vorstellung von ‚dem’ Täter schlechthin, wie er umgangssprachlich als
„Kinderschänder“, als „Triebtäter“ oder als „Sexmonster“ etikettiert wird. Dem gegenüber muss bei
fachlicher und sachlicher Diskussion des Themas einleitend festgestellt werden, dass es eben
‚den’ Täter nicht gibt, dass dies eine Art fixe Idee, ein fixiertes Phantasma, ist. Anstelle dieses so
genannten „Sexualstraftäters“ treffen wir konkrete Individuen an, die auf dem Hintergrund persönli-
cher Lebenserfahrungen und Sozialisationsprozesse, ggf. auch aufgrund unterschiedlicher Stö-
rungs- und/oder Krankheitsanteile, bei höchst individuellen Anlässen und Motivlagen (z. B. geplant
– ungeplant) ebenso verschiedene hetero-, homo-, pädosexuelle Straftaten mit ungleichen Ge-

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Vortrag. DGgKV-Abschlusskolloquium „ Täter -Taten -Therapien“. Hamburg, 16.01.2004.
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waltanteilen und äußerst unterschiedlichem Erleben der Opfer begangen haben. Dies alles jedoch
wird in seiner Pauschalisierung und Dramatisierung z. T. mehr verharmlost denn tatsächlich je-
weils neu aktualisiert … Sprich, serialisiert erscheint ein Täter wie der andere, wirkt eine Tat in ih-
rer scheinbaren Wiederholung unterschiedslos wie die andere.

These 2: Insofern verstellt das pauschal-emotionalisierende Schlagwort vom „Kinderschänder“ den


Blick auf das Individuum,
dass es ‚den’ Sexualstraftäter oder ‚den’ Kinderschänder ebenso wenig gibt wie ‚den’ Dieb
oder ‚den’ Mörder,
dass die öffentliche – zum Teil plakativ verallgemeinernde und unzulässig vereinfachende –
Diskussion unter Behandlungs- und Präventionsgesichtspunkten in die Irre führt,
dass die Vorstellung einheitlicher Behandlungs- oder Trainingsprogramme nur für bestimmte
„symptomatische“ Verhaltensweisen zutreffen kann und
dass es damit außerordentlich sorgfältiger und versierter Verhaltens-, Motiv-, Problem-, Stö-
rungs- und Bedingungsanalysen des Einzelfalls bedarf, um zu einer adäquaten Behandlung im
Sinne effektiver Gewaltprävention zu kommen.

Behindert wird also das Bewusstsein und die Reflexion, dass die Reduktion des Rechtsbrechers
auf (s)ein Delikt nicht nur ein Stigma kreiert, sondern auch einen Prototyp – ein „serialisiertes“ Sub-
jekt (Sartre) – schafft, dem identische Verhaltensweisen, Gefühle, Gedanken und Motive zuge-
schrieben werden. Dabei fungiert dieser „Kinderschänder“ nicht mehr nur als Typus, sondern auch
als Projektion auf ein – anonymes – kollektives Phantasieobjekt und damit als eine Art Anti-Selbst
oder erstarrte Negatividentität der Öffentlichkeit.

These 3: Das bedeutet, dass auch der „Trieb“ anders treibt als gemeinhin angenommen. Wenn be-
reits die Etikettierung „Sexualstraftäter“ ein höchst pauschaler juristischer Begriff ist, der weder
medizinischen noch psychologischen Diagnosekriterien entspricht, erweist sich auch der vermeint-
liche Fachbegriff des „Triebtäters“ als pauschalisierende, irrige Konstruktion. Denn: Die Etikettie-
rung als Triebtäter folgt einem äußerst naiven, biologistisch-mechanistischen Hydraulik- und Stau-
damm-Modell der Sexualität mit einer angenommenen Kausalität und Abfolge von sogenannter
Triebstärke, Triebdruck, Triebstau und schließlich Triebdurchbruch. Es beinhaltet also ein Modell,
das die komplexen Beziehungen von Trieb und Sexualität schlicht ignoriert und „Trieb“ nicht mehr
als psychologische Bedingung (Freud), sondern als deterministisch-biologische Kausalität auffasst.
Dies, obwohl es in der Sexualität – und damit gerade in der devianten Sexualität, mehr noch in der
Sexualisierung aggressiver Beziehungen – auch um Angstabwehr, Konfliktbewältigung und
Wunscherfüllung geht, und obwohl es in der Mehrzahl der sog. Sexualstraftaten nicht um sexuelle
Lust oder Befriedigung geht, sondern um Machtausübung, um Demütigung und Erniedrigung mit
den Mitteln der Sexualität.

These 4: Auf den Punkt gebracht, könnte man sagen: Es gibt Unterschiede, die Unterschiede ma-
chen … Nicht jede pädosexuelle Handlung, nicht jedes pädosexuelle Delikt ist Symptom einer pä-
dophilen Neigung oder Persönlichkeit im klinischen Sinne, denn auch psychosexuelle Reifungsstö-
rungen können im Einzelfall das Begehen von Missbrauchshandlungen bedingen, ohne dass eine
pädophile Sexualausrichtung vorliegt, und auch Lebenskrisen sind u. U. auslösende Momente für
pädosexuelle Handlungen. Darüber hinaus gibt es pädokriminelle Handlungen, die ausschließlich
auf kommerzielle Ausbeutung ausgerichtet sind, mithin kriminellen Charakter haben. Programma-
tisch formuliert, ist Delinquenz keine psychische oder soziale Krankheit, sondern – zunächst – als
sozial abweichendes, andere schädigendes Verhalten schlichtweg kriminell. Und das bedeutet
auch, dass das A-Soziale der Delinquenz nicht generell im Namen einer Norm oder fiktiven ‚Nor-
malität’ auf etwas Pathologisches zu reduzieren ist.

These 5: Dabei muss Täterarbeit derartigen Vereinfachungen und Pauschalisierungen entgegen-


wirken: Sie muss differenzieren. Das bedeutet: Symptomatisch ähnliche, ursächlich jedoch ver-
schiedene und somit unterschiedlich zu therapierende delinquente Problemverhaltensweisen –
und analoges gilt für andere Störungen bzw. strafbare Handlungen – sind zu unterscheiden in
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eine Verhaltens- oder Handlungsebene, die klinisch beschreibbar ist und z. B. charakteristi-
sche Tätereigenschaften des Aufsuchens oder Herstellens einer kriminogenen Situation, des
Suchverhalten im Tatvorfeld usw. beinhaltet;
einen interpersonellen Beziehungsaspekt bezogen auf die Wahl der Interaktionspartner –
sprich, Opfer – und auf die sexuelle Praktik bzw. aggressivierte Beziehungsgestaltung;
eine affektive Ebene im Sinne von Wünschen nach Nähe, Zärtlichkeit und Befriedigung, von
Impulsen der Angst, Aggression, Wut und Hass sowie deren Abwehr, von Verkennungen und
Illusionsbildungen, von sexuellen bzw. sexualaggressiven Phantasien und Vorstellungen;
eine gedankliche Ebene der Bewertung der eigenen Person und Handlungsweisen, anderer
Personen, aber auch der Einsicht, der Auseinandersetzung mit sozialen Regeln, verinnerlich-
ten Normen usw.;
eine körperlich-psychophysiologische Ebene der Triebe, der Impulse, der Spannung und Erre-
gung sowie deren Regulation und Kontrolle;
ggf. eine wissenschaftliche Klassifizierungs- und klinische Diagnose-Ebene des Exhibitionis-
mus, des Voyeurismus, des Sadomasochismus, des Fetischismus, des Transvestismus, der
Pädophilie, der Nekrophilie usw.;
eine Ebene sozialer Beurteilung des Verhaltens oder der Handlung als Abweichung von einer
sozialen Norm, als öffentliches Ärgernis, als Straftat;
eine Ebene individueller Sinnhaftigkeit im Kontext der Biographie und vor dem Hintergrund
eventueller Störung / Krankheit.

These 6: Deutlich wird dabei, dass fachlich-sachliche Differenzierung den Elan behindert, wie ihn
gerade Ansätze entfalten, die darauf basieren, sexuelle u. a. Gewalt durch Medienkampagnen zu
ächten, geltendes Recht auszuschöpfen und durch gesetzgeberische Maßnahmen besseren
Schutz zu erreichen. Die Devise ‚Null Toleranz’ beinhaltet, dass Toleranz zwar einerseits hinrei-
chende Bedingung für eine anständige Gesellschaft sein mag, dass sie andererseits aber als ein-
zige Bedingung nicht ausreicht, da sie der Gleichgültigkeit entspringen kann. Was bei dieser pro-
pagandistischen Ächtung mitunter problematisch wird, ist die Dämonisierung des Täters, ist die
Reduktion des jeweiligen Täters auf eben diese Verhaltensweisen. Indem Verhalten quasi zur Per-
sönlichkeitseigenschaft gerinnt, zudem zur scheinbar einzigen Eigenschaft, fixieren Medien, Politik
und öffentliche Meinung diese asozialen Seiten. Denn die Stereotypisierung zum Täter nimmt nicht
nur der Öffentlichkeit, sondern auch dem Täter selbst – zunächst – die Chance, sich überhaupt als
einen zukünftig anderen antizipieren zu können: Medien und Politik operieren mit einem Täterbild,
das nicht nur Typus ist, sondern zweifellos auch das Anti-Selbst der rechtschaffenen Recht Schaf-
fenden, als erstarrte Negatividentität, die sie mit ihm gemeinsam haben.

Feldforschungsergebnisse

Wie geringfügig sich die Selbstbilder von Normalbevölkerung und Täterpopulationen unterscheiden
oder: Wie sehr sich rechtschaffen(d)es und rechtsbrechendes Subjekt ähneln, lässt sich an dem
Ergebnis eines Behandlungsforschungsprojekts (Kobbé 2004; Mesaros 2004) ersehen: Die noch
laufende Felduntersuchung bezieht in den aktuell zur Verfügung stehenden Daten (Stichtag:
31.05.04) insgesamt 199 Täter ein, die sich a) als Bewährungsauflage in Beratungsstellen und the-
rapeutischen Praxen, b) in Sozialthera-
peutischen Anstalten bzw. c) im offenen 40
Strafvollzug in – meist ambulanter – Be- 35
handlung befanden. 30
Bereits aus der Eingangsuntersu- 25
chung dieses unausgelesenen Klien- 20
tels ließ sich zunächst ersehen, dass 15
die diesen sog. Sexualstraftätern un- 10
5
terstellten ‚abartigen’ Motive und/oder
0
Persönlichkeitseigenschaften differen-
tialdiagnostisch kaum ins Gewicht fal-
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Vergleicht man weiterhin die Selbstbeschreibungen in drei aussagekräftigen testpsychologi-


schen Verfahren, die thematisch die Symptombelastung (Symptom-Checkliste SCL-90-R), die
Verschränkung von Intra- und Intersubjektivität (Gießen-Test GT-S) sowie Beziehungsproble-
me (Inventar zur Erfassung Interpersoneller Probleme IIP-C) erfassen, so stellt sich heraus,
dass sich die untersuchte Tätergruppe in allen drei Verfahren nur unwesentlich von den Durch-
schnittswerten einer Normalbevölkerung unterscheidet.
Beispielhaft lässt sich dies für die Mittelwerte und Standardabweichungen des Gießen-Tests in
nebenstehender Grafik veranschaulichen (Täter zu Beginn ihrer Therapie: schwarz, Normal-
werte: weiss).

Wie sehr die ‚Ich-Stärke’ selbst bei psychiatrisch erkrankten Tätern der Forensischen Psychiatrie
(„Maßregelvollzug“) unterschätzt wird, ließ sich in der statistischen Untersuchung einer repräsenta-
tiven Gesamtstichprobe von 202 Maßregelvollzugspatienten aufzeigen (Kobbé 1996, 2005). Bei
der Beforschung der Ich-Funktionen wurden Eigenschaften der ‚Impulskontrolle’, der ‚Frustrations-
toleranz’, der ‚Angsttoleranz’, der ‚Sublimierungsfähigkeit’ und der ‚Kommunikationsfähigkeit’ er-
fasst, die als sog. Ich-Stärke-Eigenschaften prognostische Bedeutung haben (müssten). Inhaltlich
lassen sich diese psychodynamischen Grundbegriffe wie folgt definieren:
Impulskontrolle = Fähigkeit zur inneren Kontrolle und Selbststeuerung von Handlungsimpulsen,
Frustrationstoleranz = Fähigkeit zum Ertragen von Enttäuschungen, Konflikten und/oder ande-
ren Spannungen ohne diese reaktiv ausleben („ausagieren“) zu müssen,
Angsttoleranz = Fähigkeit zum Aushalten anflutender Angstgefühle ohne diese Ängstigung bis
Panik aktiv handelnd bewältigen („abwehren“) zu müssen,
Sublimierungsfähigkeit = Fähigkeit zum ersatzweisen Abarbeiten („Kompensieren“) sozial un-
erwünschter und/oder real unmöglicher Wünsche, Bedürfnisse und Impulse durch bspw. krea-
tive Tätigkeiten (Kunst, Sport, Hobbies …),
Kommunikationsfähigkeit = Fähigkeit zur Herstellung und Aufrechterhaltung zwischenmensch-
licher Beziehungen mit den Aspekten „Kontaktinitiative“, „interpersonelle Bezogenheit“, „Kon-
taktsicherheit“, „Beziehungskonstanz“.

Dabei ergaben sich für diese


Eigenschaften überraschend
gute Prozentsätze mittel und
% eher hoch ausgeprägter Kom-
50 petenzen zur autonomen Kon-
40
fliktbewältigung und Span-
nungsregulation. Selbst
30
Kommunikationsfähigkeit psychiatrisch gestörte Täter
20 Sublimierungsf ähigkeit sind also keineswegs so dau-
10 Angsttoleranz erhaft ‚verrückt’, so unkontrol-
Impulskontrolle liert, so impulsiv und/oder so
0
eher lhoch l

hoch l
mittel
gering

eher gering

‚labil’, dass sie im Vergleich


zum Selbstbild des – angeb-
lich – intakten Normalbürgers
tatsächlich dem Stereotyp
dessen ausgeprägt ‚bösarti-
ger’ Negatividentität auch nur annähernd entsprächen. Insofern bestätigt sich die These, dass es
sich um ein konstruiertes Anti-Selbst handelt, das dazu dienen kann, sich selbst in Abgrenzung
von diesem Klischee in der eigenen Normalität zu bestätigen und zu vergewissern.

Gesellschaftlicher Ausschluss

Täterarbeit benötigt – als juristische Grundlage, aber auch als institutionellen Rahmen – die Kon-
sequenz der Strafgesetze und der Strafe. Skandalisierung jedoch behindert Integration und kon-
struktive Täterarbeit. Denn: Dämonisierung stellt, wie Margalit (1999, 115) anmerkt, eine Demüti-
gung des Subjekts als „Ausschluss aus der menschlichen Gemeinschaft“ dar. Und dies bedeute,
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sodass „eine anständige Gesellschaft ihre Institutionen nicht zur Dämonisierung ihrer Mitglieder
benutzen“ dürfe, denn in diesem Falle verhalte man sich so, „als ob die betreffende Person ein Tier
oder ein Gegenstand wäre“, oder dass man sie „als Untermenschen behandelt“.

Diesbezüglich verweist Böllinger (2001,


245) am aktuellen Beispiel neuer repressi-
verer Strafrechtsvorgaben auf „die uner-
trägliche Besitzergreifung“ dieses Straf-
rechts „durch populistische Politiker. So,
zum Beispiel, wenn Kanzler Schröder Pä-
dophile und Kindesmörder in einen Topf
wirft und – bornierter geht es nicht mehr –
unter ausdrücklicher Entwertung wis-
senschaftlicher Aufklärung umstandslos
das Wegsperren aller fordert.“ Nicht nur,
dass derart lösungsorientierte Rede ein spektakelhaftes Agitprop und in einem dichotomen Entwe-
der-Oder gefangen ist: Hier wird differenzierende Problemsicht und gebotene Sachbezogenheit
durch emotionalisierende Skandalisierung und publikumswirksame Dämonisierung ersetzt. Im Ori-
ginal:
„Ich komme mehr und mehr zu der Auffassung, dass erwachsene Männer, die sich an kleinen Mädchen vergehen, nicht
therapierbar sind. Deswegen kann es da nur eine Lösung geben: Wegschließen – und zwar für immer" (Schröder 2001).

Mit derartigen (Auf-)Forderungen wird zugleich der für erfolgreiche Täterarbeit als ebenso reflek-
tiert wie verlässlich wie konsequent erforderliche Strafrahmen in Frage gestellt und jedwede zu-
kunftsweisende Täterarbeit manifest behindert, um nicht zusagen, torpediert.

Opferdiskurs und Betroffenheit

Demgegenüber soll daher versucht werden, der interessierten öffentlichen Rede in ihrer Struktur
als hysterischem Diskurs eine sachlichere Perspektive gegenüber zu stellen und einen wissen-
schaftliche(re)n Diskurs zu führen. Anders formuliert: Während der hysterische Diskurs höchst sub-
jektiv ist, wird dieser Fachdiskurs über die Subjektivität, über die Ethik des Begehrens zu führen
sein. Dabei erscheint wesentlich, dass der vorherrschende gesellschaftliche Diskurs dazu tendiert,
in seiner Gegenüberstellung – und Aneinanderkettung – von Täter und Opfer einen generellen
‚Opferdiskurs’ zu entwickeln. Damit wird deutlich, dass dieser Opferdiskurs dazu führt, die Dialektik
von Täter- und Opferseite bei sich selbst einseitig aufzulösen. Anders formuliert: Wenn ich als
Bürger ein – potentielles – Opfer bin, fällt die Täterrolle zwangsläufig einem anderen zu und muss
ich mich nicht mehr selbstkritisch danach fragen (lassen), was denn meine begehrenden, verpön-
ten, infamen Anteile und unaussprechlichen, abweichenden („devianten“) Alltagspraxen sind.

Psychologisch formuliert, offenbart der öffentliche Diskurs als quasi rechthaberischer sowie zirkulä-
rer, selbstbezogener Diskurs wie so viele der auf Skandalisierung und auf Dämonisierung abzie-
lenden Opferdiskurse einen sozusagen paranoid-offensiven Aktionismus. Er beinhaltet eine mani-
fest aggressiv-defensive Tendenz, den als vollkommen ich-fremd, uneinfühlbar usw. dargestellten
Täter dadurch zu strafend zu verfolgen, dass Emotionalisierung ein geeignetes Mittel ist, den an-
deren propagandistisch aus der Gemeinschaft auszuschließen und in ein soziales Abseits zu ver-
bannen. Diese ethisch-moralisch durchaus angreifbare Reaktionsweise tendiert dazu, den Täter zu
entmenschlichen, zu verdinglichen, ohne dabei die ethische Problematik seiner selbstgerechten
Position des moralisierenden Recht-Habens zu erkennen, geschweige denn zu reflektieren:
„Wer betroffen ist, wähnt sich dabei von vornherein im Recht: er steht hier und kann nicht anders. So zufällig es ist, wer
denn betroffen ist, so unbestimmbar sind auch die Folgen, die der Betroffenheit entwachsen. Betroffenheit ist ein Fetisch,
vor dem alle Argumente in die Knie zu gehen haben. Vor ihr dankt alle Vernunft ab. Persönliche Betroffenheit wird heut-
zutage stets dann reklamiert, wenn die Argumente entweder ausgegangen sind oder man sich mit ihnen nicht mehr ab-
geben möchte. Betroffenheit gilt als kostenloser moralischer Bonus allen denjenigen gegenüber, die mit ihr nicht aufwar-
ten können. Wer sie an Stelle eines Arguments für sich reklamiert, setzt das zufällige Ich als letzte Bastion der ihm frem-
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den und unverständlichen [Innen-]Welt [des Täters] gegenüber. Betroffenheit als letzte Größe ist Aufspreizung des Sub-
jekts mit gleichzeitigem Verlust seiner Vernunft, ist Distanzlosigkeit“ (Pohl 1983, 109-110).

Deutlich wird, dass einseitige emotionale Betroffenheit und Überidentifikation mit „dem“ Opfer, das
es so pauschal natürlich auch nicht gibt, zu einer fatalen Selbstbeschädigung des Normalbürger
führen: Wenn jeder potentielles Opfer ist, führt dies zu einer höchst verunsicherten, mitunter ge-
ängstigt-misstrauischen und/oder defensiven Grundhaltung. Damit entsteht eine äußerst fatale Dy-
namik, bei der nicht nur einseitige Zuschreibungen von ‚gut’ und ‚böse’, ‚normal’ und ‚unnormal’,
‚Opfer’ und ‚Täter’ stattfinden, sondern sich die Betroffenen sowohl in Angstzustände der Unterle-
genheit bringen als auch in ihrer moralischen Empörung aggressiv aufladen, ja, brutalisieren. Bei-
des aber liefert den überengagierten Bürger reaktiv einer verrohenden Affektivität aus, die schein-
bar ‚der’ Täter, letztlich aber nur er selbst durch das selbst erzeugte oder übernommene Phantas-
ma aktiviert hat. Damit aber beschädigt er sich in seiner Kultur, seiner Empfindsamkeit, seiner
Sinnlichkeit, seiner Beziehungsfähigkeit …

Diskursethik und Achtung

An dieser Stelle scheint der Hinweis auf eine Abhandlung wesentlich, die der Italiener Cesare Bec-
caria 1764 am Vorabend der Französischen Revolution unter der Überschrift ‚Über Verbrechen
und Strafen’ herausgab. Sechzehn Jahre nach dem »Geist der Gesetze« von Montesquieu (1748)
und zwei Jahre nach ‚Émile oder Über die Erziehung’ von Rousseau erscheint dieses Traktat, das
das zivilisierte Strafrecht der Moderne mitbegründen wird. Eine Arbeit übrigens, die dem 1866 pu-
blizierten Werk ‚Schuld und Sühne’ von Dostojewskij 1902 ihren deutschen Titel gab, was aber erst
in der verdienstvollen Neuübertragung Swetlana Geiers erkennbar ist: In dieser Neuveröffentli-
chung des Amman Verlags wurde dieser moralisierende, den Wortsinn des Originals entstellende
Titel 1994 von Geier in Dostojewskijs Originalbezeichnung ‚Verbrechen und Strafe’ korrigiert.

Nicht als Entwurf eines neuen juristischen Paradigmas jedoch interessiert diese Arbeit Beccarias
hier, sondern als Entwurf einer Ethik des Rechts, sprich, einer Ethik des gesellschaftlichen Diskur-
ses. Denn dieses Projekt an der Schwelle der Aufklärung bezieht sich auf einen Gesellschaftsver-
trag, bei dem nunmehr niemand mehr außerhalb der Gesetze steht. Dieses Buch über Verbrechen
und Strafen kennzeichnet ein wesentliches Stadium auf dem Wege zur Humanisierung der
Menschheit: Beccaria stellt heraus, dass „sensibilità“ – Empfindsamkeit also – wesentliches Cha-
rakteristikum des zivilisierten Menschen sein muss, indem dieser „empfänglich ist für das, was an
Lust und Schmerz auf andere seinesgleichen einwirkt" (Alff 1988, 39). Mit dieser Verpflichtung zum
Respekt des anderen wie der Sorge für ihn bricht Beccaria mit der bisherigen egoistischen Willkür-
praxis politischer und rechtlicher Macht: Sein moralischer Fortschritt vertritt eine Vermenschlichung
des Menschen als allgemeines Prinzip der Aufklärung, bei dem die Vermenschlichung „des Irren
und des Verbrechers [...] nur die Grenzfälle" darstellen (Alff 1988, 44).

Das neuzeitliche Strafrechtssystem Westeuropas beruht auf dieser Ablösung der sog. „peinlichen“
(= Pein zufügenden) Körperstrafen durch eine – mehr oder weniger lange – Zeitstrafe in Gefäng-
nis, Zuchthaus, Festungshaft oder Verbannung. Hierzu beschreibt Foucault (1989, 94), „diese
Notwendigkeit einer Züchtigung ohne Marter [artikuliere] sich zunächst als Schrei des Herzens
oder der entrüsteten Natur: im verruchtesten Mörder ist zumindest eines noch zu respektieren,
wenn man bestraft: seine menschliche Natur.“ In der Aufklärung wird der Mensch nicht als Gegen-
stand „einer bessernden und ändernden Straf-Intervention [...] der Barbarei entgegengehalten,
sondern als Rechtsschranke, als legitime Grenze der Strafgewalt. Er ist nicht das, was die Staats-
gewalt angreifen und verändern, sondern was sie intakt lassen und respektieren soll.“ Mit diesem
„noli me tangere“ – „rühr‚ mich nicht an!“ – setzen die Reformer der Aufklärung, wie bspw. Becca-
ria, den Menschen nicht als das Maß der Dinge, sondern als Maß der Willkür und der Macht durch.
Foucault (1989, 116) formuliert dies so:
„Wo lässt sich zwischen dem Vertragsprinzip, das den Verbrecher aus der Gesellschaft ausstößt, und dem von der Natur
verschlungenen Monster eine Grenze ausfindig machen – wenn nicht in der menschlichen Natur, die sich weder in der
Strenge des Gesetzes noch in der Blutgier des Missetäters zeigt, sondern in der Empfindsamkeit des verständigen Men-
schen, der das Gesetz macht und kein Verbrechen begeht?“
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Hierin dürfte aktuell die Bedeutung dieser Abhandlung liegen, nämlich dass sich gerade im Um-
gang mit ihren Außenseitern der Reifegrad einer Gesellschaft erweist. Wenn die Zyklen der Krimi-
nalpolitik einmal mehr den Strafgedanken, ein anderes Mal stärker den Behandlungsgedanken in
den Vordergrund schieben, so müsste der Umgang mit den Tätern dennoch eines leisten, nämlich
das aus dem Gesellschaftsvertrag herausgefallene moralische ‚Monster’ als Rechtssubjekt durch
die Bestrafung nicht aus der Gesellschaft auszuschließen, sondern es vielmehr wieder einzubür-
gern.

Voraussetzung hierfür ist jedoch eine Ethik, ist eine Form von Selbst-Bewusstsein, die einerseits
die Achtung des anderen als Basis für die Gleichbehandlung von Menschen voraussetzt und daher
dem Straftäter Respekt entgegenzubringen bereit ist, die andererseits aber um kompromisslose
Ächtung, um ‚Null Toleranz’ häuslicher und sexueller Gewalt ringt. Beides muss – und darf – sich
zwangsläufig nur auf das Handeln, auf die Einstellung, auf die Taten dieses Täters beziehen. Aus
was aber ist diese Achtung abzuleiten, wenn dem Bezug auf das Menschsein schlechthin, auf sei-
nen Wert als Mensch, die Problematik innewohnt, dass der andere hier um eines Prinzips und
nicht um seiner selbst willen geachtet wird? Denn: Indem der andere auf irgendeinen Menschen
schlechthin reduziert wird, gerät er zum – anonymen – Objekt einer prinzipiellen Achtung des
Menschen, wird er zum Fetisch, zum Phantasma. Eine solche Praxis aber ist letztlich ‚pervers’, in-
dem der andere – wie in der sexuellen Perversion – dadurch charakterisiert ist,
dass er nicht Individuum ist, sondern Objekt und Zweck eines aggressiv unterlegten Begehrens
und
dass dieses unterschiedslose Begehren – sei es sexualaggressiv oder scheinbar selbstlos-
hilfreich – der eigenen Selbstbestätigung oder Befriedigung dient.

Insofern muss es darum gehen, eine Ethik des Begehrens zu entwickeln, denn die Achtung der
Menschen auf den Wert des Menschen zu gründen, bestimmt unmittelbar dessen Gebrauchs- und
Tauschwert (Margalit, 1999, 89) und lässt den Einen gegebenenfalls mehr wert, sprich, achtens-
werter erscheinen als den anderen. Dem gegenüber führt Margalit (1999, 92) aus:
„Die Eigenschaft, die ich als Begründung für die Achtung vor dem Menschen vorschlagen möchte, beruht auf seiner Fä-
higkeit, dem eigenen Leben zu jedem beliebigen Zeitpunkt eine völlig neue Deutung zu geben und es dadurch radikal zu
ändern. Dies schließt die Fähigkeit ein, seine Sünden zu bereuen – und zwar dem weltlichen Sinngehalt des Begriffs
nach, was soviel heißt wie: vom Bösen abzulassen. [...] Noch die übelsten Verbrecher verdienen Achtung allein aufgrund
der Möglichkeit, dass sie ihr vergangenes Leben radikal in Frage stellen und den Rest ihres Lebens auf würdige Weise
verbringen könnten. [...] Achtung ist dem Menschen nicht dafür zu zollen, in welchem Grad er sein Leben tatsächlich zu
ändern vermag, sondern allein für die Möglichkeit der Veränderung. Achtung bedeutet daher auch, niemals jemanden
aufzugeben, da alle Menschen fähig sind, ihrem Leben eine entscheidende Wendung zum Besseren zu geben.“

Was dem anderen also Würde verleiht, was die Möglichkeit (s)einer Achtung ergibt, ist folglich
nicht irgendein menschlicher Wesenszug ‚an sich‘, sondern genau das, was in ihm besonders und
individuell-einzigartig – ‚absolut partikulär‘ – ist, das heißt, „sein Phantasma, jener Teil von ihm,
von dem wir sicher sein können, dass wir daran niemals teilhaben werden. […] Wir respektieren
den anderen nicht aufgrund eines universellen Gesetzes, das in jedem von uns wohnt, wir tun es
im Gegenteil aufgrund […] der absolut partikulären Weise, in der jeder von uns ‚seine eigene Welt
träumt’, sein Genießen organisiert” (Žižek 1992, 85).

Gerade weil dieses individuelle Besondere (unserer eigenen Bösartigkeit, Grausamkeit usw.) in
den skandalisierenden Diskursen über Straftaten und -täter fetischistisch verleugnet wird, weil Se-
rialisierung und Totalisierung – als „Monster”, als „Kinderschänder”, als „Sexualstraftäter” usw. – in
den öffentlichen Diskursen zur missachtenden Entwertung der Täter führt, bedarf es einer neuen
Reflektion der ethischen Diskurse.

Subjekt und Intersubjektivität

Dabei verweist diese Dynamik zwischen mir und dem anderen, zwischen Selbstbild und Spiegel-
bild (im anderen), zwischen ‚ego’ und ‚alter ego’ auf ein entwicklungspsychologisches und alltags-
psychologisches Grundproblem: Wie sich anhand der kindlichen Entwicklung des Selbstbildes, des
Selbstbewusstseins, des Beziehungserlebens, der Dialektik von Abhängigkeit und Autonomie her-
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leiten lässt, bedarf jeder Mensch des anderen (a), um als wertvoll, als liebenswert, als kompetent
usw. erkannt und anerkannt zu werden. Dabei handelt es sich insgesamt um eine „projektive“ bzw.
„projektiv-identifikatorische“ Dynamik, indem das sich das kindliche – und auch noch weiter das
erwachsene – Subjekt über seine Spiegelung im Gegenüber wahrnimmt, erkennt … und zugleich,
wie dies bei jedem Spiegel der Fall ist, immer
auch illusionär verkennt. Indem sich das –
unbewusste – Subjekt (S) projektiv an den
phantasierten („imaginären“) anderen wendet,
verschafft es seinem Begehren an Anerken-
nung, nach Achtung und Beachtung quasi
‚über’ diesen anderen eine Antwort, indem es
in ihm als ‚anderes Ich’ („alter ego“) spiegelt,
sich mit ihm identifiziert und hieraus ein Bild –
eine „Imago“ (i) – seiner selbst als Spiegelbild
im anderen – i(a) – entwickelt.

Bereits anhand dieser verkürzten Skizze entwicklungspsychologisch bedingter Intersubjektivität


wird deutlich, dass jeder Mensch auf die ‚Rückmeldung’ durch andere angewiesen ist und wie sehr
das Täter-Stereotyp dazu dient, sich durch die Projektion unerwünschter Selbstanteile auf den an-
deren zu entlasten: Indem ich mich im ‚hässlichen’ anderen – im bösartigen Täter – spiegele, wird
mir ermöglicht, meine Illusion vom ‚guten’ Selbst aufrechtzuerhalten. Andererseits aber beschädi-
gen die psychische Abspaltung dieser Selbstanteile und soziale Ausgrenzung dieses anderen
mein eigenes Selbst. Mithin muss es – wie Beccaria aufzeigt, aus eigenem Interesse – darum ge-
hen, das eigene aggressive Begehren so zu zivilisieren, dass es einerseits weder aufgegeben
noch unterdrückt wird, sondern i. S. eines ethischen Begehrens realisiert werden kann. Diese
Selbstsorge, als Subjekt be- und geachtet zu werden – und sich selbst achten zu können –, bein-
haltet die Notwendigkeit, ja, den Anspruch der Entwicklung eines von Achtung geprägten Verhält-
nisses zum infamen Täter.

Subjektivierungsprozesse (in) der Therapie

Wenngleich dieser Anspruch auf Achtung des Täters in Bezug auf dessen Voraussetzungen allein
in der „Möglichkeit der Veränderung“ (Margalit) begründet ist, stellt die Öffentlichkeit infrage, ob
sich denn Täter innerhalb von Behandlungen überhaupt verändern und wenn ja, inwiefern.

Verfolgt man die kriminologische, forensisch-psychiatrische und -psychologische Fachliteratur der


Behandlungsforschung, so wird deutlich, dass sich diese auf das Kriterium der Delinquenzfreiheit,
des Deliktrückfalls, konzentriert. Nicht der Täter als Mensch interessiert in seiner Subjektivität,
sprich, seinen Gefühlen, Motiven, Gedanken, Phantasien, sondern ausschließlich das objektive
Maß (s)einer Gefährlichkeit. Zwar ist „harm reduction" – Schadensbegrenzung – eine wichtige und
vielleicht die wichtigste Zielsetzung der Tätertherapie, doch müssen wir unseren Klienten oder Pa-
tienten mehr zu bieten haben, als sie nur zu (be-)lehren, wie sie sich zu benehmen haben. Verhal-
tens- und Handlungsautonomie als Grundlage für regelhaft-straffreies Alltagsverhalten geht über
eine reine Anpassung an soziale und juristische Normen, an die gesellschaftlichen Gegebenhei-
ten, weit hinaus, auch wenn sich Täterbehandlung vom Auftrag her primär auf die Reduzierung
beziehungsweise Änderung deliktrelevanter Persönlichkeitsanteile, Einstellungsweisen, Denk- und
Handlungsmuster richtet.

An dieser Stelle gibt das o. g. Feldforschungsprojekt (Kobbé 2004) eine vorläufige Auskunft über
das subjektive Erleben von Veränderungen in der Behandlung von Tätern. Zunächst ließen sich
die Verläufe der Behandlungen innerhalb der testpsychologischen Untersuchungen mit dem SCL-
90-R, dem GT-S und dem IIP-C für 199 Täter statistisch auf den Behandlungseffekt vom Thera-
piebeginn (t1) bis zur 25. Therapiestunde (t2) untersuchen. Die dabei extrahierten Veränderungs-
maße („Effektstärken“) bestätigten speziell für die Veränderungen der Symptomatik, des Selbster-
lebens und des Selbstbildes eine nachweisbare Wirksamkeit der Behandlungen.
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Eine zusätzliche Nachuntersuchung zu Therapieende (t3) mit einem Selbstbeurteilungsinstrument


(Veränderungsfragebogen des Erlebens und Verhaltens VEV) ergab, dass knapp 85 % der unter-
suchten Täter eine signifikante Verbesserung i. S. von ‚Entspannung, Gelassenheit und Optimis-
mus im Erleben und Verhalten’ gegenüber knapp 6 % Verschlechterungen i. S. von ‚Spannung,
Unsicherheit und Pessimismus’ berichteten.

Die Art der potentiellen Veränderung lässt % 60

sich bereits an den Angaben zur sog. ‚zen- 50

tralen Problematik’ vom Maßregelvollzugs- 40

patienten ersehen: Selbst bei psychisch ge- 30

störten Rechtsbrechern standen nicht klini- 20


sche Symptome (z. B. Wahn) im Vorder- 10
grund, sondern Beziehungs-, Aggressions-, 0
Sucht- und Selbstwertprobleme, eher nach-
W
ahn SuchS
te
xualität
rangig auch Sexualitätskonflikte, stellten
Hauptproblemfelder der Untersuchung von
202 forensisch-psychiatrischen Patienten
B
eziehuA
ngresion S
elbstw
ert
dar (Kobbé 2005).

Entsprechend war erst recht für die vorgenannte Therapieprozessforschung von 199 psychiatrisch
unauffälligen Sexualstraftätern davon auszugehen, dass deren testpsychologisch dokumentierte
Veränderung verschiedene Aspekte der Beziehung zu sich und anderen betreffen dürfte. Bei Aus-
wertung der Verlaufsdaten aus den Untersuchungszeitpunkte t1 – t2 – t3 ergab sich dabei schema-
tisch folgende Entwicklung: Interpretativ lässt sich die hier ablesbare, subjektiv erlebte Verände-
rung während der Behandlung zusammenfassend in seiner Prozesshaftigkeit wie folgt beschrei-
ben: Es handelt sich um Entwicklungs- und Reifungsprozesse
a) der Entwicklung einer psychosoma-
tisch / somatopsychisch integrierten – 66
statt abgespaltenen, ich-fremden, ob-
64
jekthaften – Körperstruktur,
b) einer Verinnerlichung des sog. symbo- 62
lischen Gesetzes, sprich, einer inneren 60
wie äußeren Integration in die sozio-
symbolische Struktur (Bedeutungen, 58
Einstellungen, Regeln, Normen, Tabus 56
…) der Gesellschaft,
54
c) der Herausbildung einer differenzierten SCL-90-R
GT-S
männlichen Geschlechterrolle („gen- 52 IIP-C
der signification“) anstelle von Männ- 50
lichkeit als Maskerade und Sexualde- t1 t2 t3
linquenz als Verdeckung von Angst,
Hilflosigkeit und/oder Ohnmacht,
d) der Aufgabe narzisstischer, egozentrischer Fixierungen und der Entfaltung einer sog. ‚dezen-
trierten’ Subjektivität, bei der die eigene Unvollständigkeit und Abhängigkeit anerkannt und der
andere in das Zentrum des – „alterozentrischen“ – Begehrens gerückt wird.

Schlussfolgerung

Als Fazit lässt sich feststellen, dass eine kritische und selbstkritische Analyse der Beziehungen
zwischen Öffentlichkeit und Tätern zwar von Vorurteilsbildungen und Selbsttäuschungen geprägt
sind, dass Täter jedoch nachweislich ‚normaler’ sind, als gemeinhin vermutet. Dabei sprechen so-
wohl das Eigeninteresse der Aufrechterhaltung eigener psychischer Gesundheit als auch das Ver-
änderungspotential auf Seiten der Täter dafür, in Abgrenzung zu politischem Klamauk und hyste-
risch-betroffenem Opferdiskurs eine reflektierte ethische Haltung zu entwickeln bzw. zu bewahren.
Wenn Strafe nicht ‚Rache’ sein soll und nicht sein darf, sondern Konsequenz für Unrecht und Aus-
gleich für Schuld darstellt, muss sie zugleich der Reintegration des Täters in die Gemeinschaft
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dienen. Ethische wie praktische Voraussetzung hierfür ist die Veränderung des Täters, wie sie an-
hand von Ergebnissen subjektpsychologischer Behandlungsforschung aufgezeigt werden kann.

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Žižek, S. 1992. Mehr-Genießen. Lacan in der Populärkultur. (Wo Es war, nº 1) Wien: Turia + Kant

Dr. Ulrich Kobbé


Universität Duisburg-Essen
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eMail: ulrich@kobbe.de