Sie sind auf Seite 1von 29

Barbara Martin

Zur Tätigkeit von Kornelija Rakić als Amtsärztin in Bosnien-Herzegowina (1908-1918). Eine
Spurensuche

Vorbemerkungen

Dr. Kornelija Rakić ist eine von 9 Amtsärztinnen, die Österreich-Ungarn zwischen 1892 und
1918 in Bosnien-Herzegowina¹ eingesetzt hat. Die Ärztinnen sollten die weibliche Bevölke-
rung, vor allem die Musliminnen, an einen höheren Gesundheitsstandard heranführen, wo-
von sich führende Politiker der Doppelmonarchie zugleich eine Verbesserung der allgemei-
nen Gesundheitsverhältnisse in den 1878 okkupierten, ehemals osmanischen Provinzen Bos-
nien und der Herzegowina versprachen.

Aufschlussreiche Hinweise auf die Situation, in der sich die Idee des Einsatzes von Ärztinnen
für Bosnien-Herzegowina entwickelte, liefert eine Studie von Brigitte Fuchs mit dem Titel
„Orientalising disease. Austro-Hungarian policies of ´race´, gender, and hygiene in Bosnia
and Hercegovina, 1874-1914“. In dieser Studie befasst sich Fuchs u. a. eingehend mit zeitge-
nössischen medizinischen und anthropologischen Diskursen, die in Österreich-Ungarn über
eine vermeintliche „Degeneration“ der Bevölkerung Bosnien-Herzegowinas und die Syphilis
als in Bosnien-Herzegowina grassierender „Volksseuche“ geführt wurden.² Diese Diskurse
bildeten den Hintergrund, vor dem es zur Entwicklung der Idee des Ärztinneneinsatzes für
Bosnien-Herzegowina kam.

Einen entscheidenden Anteil an der Umsetzung der Idee in die Realität hatte der Dermatolo-
ge und Syphilisspezialist Isidor Neumann (1832-1906), Professor an der Wiener Universität,
dem viel an der Erforschung und Bekämpfung der Syphilis in Bosnien-Herzegowina gelegen
war. Er empfahl der Politik, konkret dem Gemeinsamen Finanzministerium Österreich-Un-
garns, Ärztinnen in Bosnien-Herzegowina einzusetzen. Das Ministerium seinerseits zeigte
sich sehr interessiert an Neumanns Empfehlung³, passte sie doch hervorragend in die Vor-
stellung einer „Kulturmission“ Österreich-Ungarns gegenüber den beiden okkupierten Pro-
vinzen. Zu den einflussreichsten Verfechtern der „Kulturmission“ gehörte Benjamin Kállay,
der von 1882 bis 1903 an der Spitze des Ministeriums stand und als Gemeinsamer Finanzmi-
nister zugleich oberster Administrator des Okkupationsgebietes war.⁴ Er sollte auch zum
wichtigsten Förderer des Einsatzes von Ärztinnen in Bosnien-Herzegowina in den 1890er
Jahren werden.

Das Wissen über Rakić als einer der später, d. h. nach 1900, eingesetzten Amtsärztinnen ist
ausgesprochen gering. Obwohl sie mehr als 10 Jahre als Amtsärztin im Dienst Österreich-
Ungarns, unmittelbar der Landesregierung für Bosnien-Herzegowina, tätig war und alle
Amtsärztinnen zur Anfertigung von amtlichen Berichten, u. a. Jahres- und Dienstreiseberich-
ten, verpflichtet waren, sucht man im „Archiv Bosnien und Herzegowinas“ (ABH) in Sarajevo
vergeblich nach Berichten von ihr, und in Dokumenten der österreichisch-ungarischen Ver-

1
waltung und Politik, soweit sie sich in dem Archiv befinden, lassen sich nur wenige Spuren
ihrer Tätigkeit finden. Was schließlich ihr privates Leben betrifft, so scheinen dazu keinerlei
Dokumente, etwa Briefe oder Tagebuchaufzeichnungen, erhalten geblieben zu sein.

Angesichts dieser dürftigen Quellenlage erscheint es besonders verdienstvoll, dass Ctibor


Nečas einiges an Informationen über Rakić zusammengetragen und in seiner 1992 erschie-
nenen Studie „Mezi muslimkami. Působení úředních lékařek v Bosnĕ a Hercegovinĕ v letech
1892-1918“ (Unter Musliminnen. Das Wirken der Amtsärztinnen in Bosnien und der Herze-
gowina in den Jahren 1892-1918“) publiziert hat.⁵ An neueren Arbeiten ist vor allem auf Gor-
dana Stojaković‘ kurze biographische Skizze zur Schul- und Studienzeit von Rakić sowie ihre
Studie über die Anfänge der feministischen Bewegung in der Vojvodina zwischen Mitte des
18. und Mitte des 20. Jahrhunderts zu verweisen.⁶ Anknüpfend an die Studien von Nečas
und Stojaković sowie unter Einbeziehung eigener, bei Recherchen im Archiv Bosnien und
Herzegowinas aufgefundener Informationen werden im Folgenden Leben und Tätigkeit von
Rakić geschildert, schwerpunktmäßig ihre Jahre als Amtsärztin in Bihać und Banja Luka.

Ausbildung und erste berufliche Tätigkeiten

Kornelija Rakić wurde 1879 geboren, war serbischer Abstammung und der Konfession nach
serbisch-orthodox.⁷ Ihr Geburtsort war Ruma, damals eine Stadt mit ca. 8500 EinwohnerIn-
nen, in Syrmien (serbisch Srem) in der Vojvodina gelegen und zu Österreich-Ungarn gehö-
rend. Heute ist die Vojvodina als autonome Provinz Teil Serbiens. Rakić‘ Vater war Gastwirt.
Das Mädchen besuchte die Grundschule in Ruma und später die serbische Höhere Mädchen-
schule in Novi Sad, der größten Stadt der Vojvodina. Dort machte Rakić 1899 als Privatschü-
lerin und einzige Frau ihrer Altersgruppe das Abitur am Serbischen Orthodoxen Großen Gym-
nasium. Mit einem Stipendium der „Wohltätigkeitsvereinigung der Serbinnen von Novi Sad“
(Dobrotvorna zadruga Srpkinja Novosatkinja) versehen, nahm sie an der Medizinischen Fa-
kultät der Universität Budapest das Studium der Medizin auf.⁸

Die Vereinigungen (Zadruge) von Serbinnen auf dem Gebiet Österreich-Ungarns, von denen
die Wohltätigkeitsvereinigung der Serbinnen von Novi Sad eine war, setzten sich intensiv für
die Bildung von Mädchen ein und verfolgten karitative Ziele wie die Gründung von Heimen
für ältere Frauen und Spielstätten für arme Kinder. Bei der 1880 gegründeten Wohltätig-
keitsvereinigung der Serbinnen von Novi Sad handelte es sich um eine der bekannteren, frü-
hen bürgerlich-feministischen Organisationen in der Vojvodina, die neben anderen Aktivitä-
ten auch für die schulische und universitäre Bildung von Mädchen und Frauen Stipendien
vergab, darunter eben auch an Rakić. Die Organisation trat außerdem besonders dadurch
hervor, dass sie viele Jahre lang, von 1886 bis 1914, das Monatsblatt „Ženski svet“ (Frauen-
welt) herausgab.⁹

Es ist nun sicher nicht zu weit hergeholt zu vermuten, dass Rakić nicht nur von dem Stipen-
dium der Wohltätigkeitsvereinigung der Serbinnen von Novi Sad profitierte, sondern auch in
einer engeren Verbindung mit dieser feministischen Organisation stand, und dass ihre intel-

2
lektuelle Entwicklung und ihre Lebenseinstellung nicht unwesentlich von den Ideen und Ak-
tivitäten der Vereinigung beeinflusst worden sind.

Genaueres über die Studienjahre von Rakić in Budapest ist nicht bekannt. Aber man kann Ra-
kić zweifellos noch zu den Pionierinnen des Medizinstudiums für Frauen in Ungarn zählen, da
Frauen dort erst seit wenigen Jahren Zugang zum Studium der Medizin hatten, die Zahl der
Medizinstudentinnen an der Budapester Universität noch sehr gering war und die Teilnahme
von Frauen am Medizinstudium noch keineswegs für selbstverständlich gehalten wurde.¹⁰

Am 5. Dezember 1905 schloss Rakić ihr Studium an der Medizinischen Fakultät der Buda-
pester Universität mit der Promotion ab.¹¹ Danach arbeitete sie zunächst drei Monate als
Volontärin an der Gebär- und gynäkologischen Klinik in Budapest, deren Direktor Professor
Vilmos Tauffer war, und war dann etwa zwei Jahre als Privatärztin in Novi Sad tätig.

Was sie bewogen haben mag, sich schließlich als Amtsärztin in Bosnien-Herzegowina zu be-
werben, entzieht sich unserer Kenntnis. Möglicherweise spielte die Aussicht auf eine gesi-
cherte Existenz, nicht zuletzt im Alter, eine Rolle. Vielleicht hatten auch die Erfahrung von
Frauensolidarität, die sie im Zusammenhang mit ihrem Studium gewissermaßen am eigenen
Leibe gemacht hatte, sowie allgemein die Berührung mit den vielfältigen frauenorientierten,
sozialen Aktivitäten der Wohltätigkeitsvereinigung der Serbinnen von Novi Sad in ihr den
Wunsch entstehen lassen, sich als Ärztin besonders für Frauen und Kinder einzusetzen, wo-
für gerade die Tätigkeit als Amtsärztin in Bosnien-Herzegowina durch die Ausrichtung auf
den weiblichen Teil der Bevölkerung des Landes gute Voraussetzungen bot. Ihre Bewerbung
war erfolgreich und so wurde sie mit Dekret vom 11. April 1908 zur provisorischen Amtsärz-
tin in Bihać ernannt.¹²

Die Jahre in Bihać

Mit Rakić erhielten die Stadt Bihać und der gleichnamige Verwaltungskreis, einer der 6 Krei-
se, in die Bosnien-Herzegowina damals aufgeteilt war, 1908 zum ersten Mal eine Amtsärz-
tinnenstelle. Seit der Einsetzung der ersten Amtsärztin in Bosnien-Herzegowina 1892 waren
also 16 Jahre vergangen, ohne dass der weit entfernt von der Metropole Sarajevo im Nord-
Westen Bosnien-Herzegowinas gelegene Kreis Bihać, der flächenmäßig und von der Zahl sei-
ner BewohnerInnen her der kleinste der 6 Kreise war¹³, eine Amtsärztinnenstelle zugeteilt
bekommen hätte. Um 1892 hatten sich Kállay und auch Isidor Neumann, der inzwischen als
einer der wichtigsten Berater des Gemeinsamen Finanzministeriums in Sachen Amtsärztin-
nen fungierte, einmal dahingehend geäußert, dass an eine zügige Ausstattung der 6 Kreise
Bosnien-Herzegowinas zumindest mit jeweils einer Amtsärztin gedacht sei.¹⁴ Doch bei der
sukzessiven Einrichtung von Amtsärztinnenstellen wurde Bihać lange Zeit übergangen.

Die erste in der Kette der Amtsärztinnen, Anna Bayerová, nahm 1892 ihre Arbeit in Dolnja
Tuzla auf, scheiterte aber an widrigen Umständen und verließ Bosnien-Herzegowina schon
nach etwa einem Jahr wieder.¹⁵ Aufgrund des energischen Eingreifens von Kállay wurden

3
dann jedoch 1893 gleich zwei Amtsärztinnen eingesetzt, Bohuslava Kecková für den Kreis
Mostar und Teodora Krajewska für den Kreis Dolnja Tuzla. 6 Jahre später, 1899, wurden et-
wa gleichzeitig zwei weitere Amtsärztinnen berufen, und zwar Jadwiga Olszewska für den
Kreis Dolnja Tuzla, den Krajewska damals verließ, um in Sarajevo zu amtieren, und Gisela
Kuhn für den Kreis Banja Luka.¹⁶ Für die Kreise Bihać und Travnik, die noch ohne Amtsärztin-
nen waren, wurde eine bloß behelfsmäßige Lösung geschaffen, indem festgelegt wurde, dass
die in Sarajevo und Banja Luka amtierenden Amtsärztinnen die Kreise Travnik bzw. Bihać nö-
tigenfalls mitbetreuen sollten.¹⁷

Gegen Ende des Jahres 1900 schlug dann die Landesregierung dem Gemeinsamen Finanzmi-
nisterium vor, auch für die Kreise Bihać und Travnik Amtsärztinnenstellen zu schaffen, und
zwar sollte mit den freigewordenen Finanzmitteln der Amtsärztinnenstelle in Banja Luka (die
dortige Amtsärztin Kuhn war 1900 zur Aufgabe ihres Postens gedrängt worden¹⁸) umgehend
eine Stelle in Bihać eingerichtet werden. Außerdem sollten zügig die haushaltsmäßigen Vor-
aussetzungen für die Einrichtung einer Stelle in Travnik geschaffen werden.¹⁹

Für ihre Absicht, vorrangig einen Amtsärztinnenposten in Bihać einzurichten, führte die Lan-
desregierung gegenüber dem Gemeinsamen Finanzministerium als Gründe an, dass der je-
weilige Anteil von MuslimInnen an der Bevölkerung in Kreis und Stadt Bihać höher sei als im
Fall Travniks und dass die „Kreisbehörde Bihać um die ständige Zuweisung einer Amtsärztin“
gebeten habe.²⁰

Etwa anderthalb Jahre später machte die Landesregierung jedoch in ihrer Argumentation für
die baldige Einrichtung einer Amtsärztinnenstelle in Bihać eine Kehrtwende und schlug dem
Gemeinsamen Finanzministerium nun die prioritäre Einrichtung einer Amtsärztinnenstelle in
Travnik vor.²¹ Wie sich zeigen sollte, bedeutete das für den Kreis Bihać eine Wartezeit von
weiteren 6 Jahren, bis auch dort eine Amtsärztin eingesetzt wurde. Ausschlaggebend für die
Kehrtwende der Landesregierung waren offenbar Hinweise Krajewskas, der Amtsärztin im
Kreis Sarajevo, darauf, dass sie bei der Mitbetreuung des Travniker Kreises auf eine große
Zahl behandlungsbedürftiger Krankheitsfälle gestoßen war und dass die zusätzlich zu ihren
eigentlichen Aufgaben zu leistenden Einsätze im Kreis Travnik eine Überforderung darstell-
ten.²² Auf das Mittel, Amtsärztinnen neben der Betreuung des jeweils eigenen Kreises auch
die Mitbetreuung eines anderen Kreises zu übertragen, verzichtete die Landesregierung aber
trotz der Erfahrungen im Fall Krajewskas weiterhin nicht. So äußerte sie sich in Bezug auf die
neue Amtsärztin in Travnik, Rosa Einhorn (später verheiratete Bloch-Einhorn), auch wieder
dahingehend, dass diese einen anderen Kreis mitbetreuen sollte, und zwar den Kreis Bihać,
genauer gesagt den südlichen Teil davon.²³

Der Kreis Bihać gab sich indes mit dem Gang der Dinge nicht zufrieden. Im Oktober 1906
richtete der dortige Kreisvorsteher ein Schreiben an die Landesregierung, in dem er dieser
mitteilte, dass der Bihaćer Mufti Hadži Jusuf ef. Jahić ihm „im eigenen und im Namen seiner
Glaubensgenossen die mündliche Bitte vorgetragen“ habe, er möge sich bei der Landesregie-
rung dafür verwenden, dass „ein Amtsärztinnenposten für den Kreis Bihać mit dem Sitze in

4
Bihać systemisiert werde“. Und – so der Kreisvorsteher weiter – „das gleiche Anliegen ist
auch von Seiten anderer hervorragender muslimischer Notablen vorgebracht worden.“²⁴

Auf das Schreiben des Kreisvorstehers sei hier kurz eingegangen, da es ein Schlaglicht auf die
Lebensverhältnisse muslimischer Frauen in und um Bihać wirft, denen sich Rakić kurze Zeit
später gegenübersehen sollte. Eines der Hauptargumente des Mufti und der muslimischen
Honoratioren für ihre Bitte um eine Amtsärztin sei gewesen – so der Kreisvorsteher – , dass
die Zahl der meist noch sehr jungen muslimischen Frauen, die „im Kindsbette hilflos dahinge-
rafft“ würden, wobei oft auch noch das Leben der Neugeborenen ein jähes Ende nähme, „er-
schreckend“ hoch sei. Der Kreisvorsteher hielt offenbar auch selbst die hohe Mütter- und
Säuglingssterblichkeit in der muslimischen Bevölkerung für besorgniserregend und bemühte
sich in seinem Schreiben um eine Erklärung für dieses Phänomen. Als Gründe führte er an,
dass die muslimischen Frauen in Bihać „in vollkommenster Abgeschlossenheit von der übri-
gen Welt gehalten“ würden und „selbstverständlich nie einem Manne anderer Konfession
vor das Antlitz kommen“ dürften, auch nicht einem Arzt und auch dann nicht, wenn Leben
oder Tod auf dem Spiel ständen. Infolgedessen komme es nicht selten vor, dass „epidemi-
sche Krankheiten monatelang in den mohammedanischen Familien“ grassierten, ohne dass
ein Arzt oder die Behörde davon erführen, geschweige denn etwas daran ändern könnten.

Daher – so die Schlussfolgerung des Kreisvorstehers – sei es notwendig, dass durch die Her-
anziehung einer Amtsärztin “die Segnungen der Errungenschaften der modernen Medizin
auch in die verschlossenen Häuser der Türken“ hineingetragen würden. Darüber hinaus sei
es ein „Gebot der Humanität“ und auch „ein oberstes Interesse des Staates an der Zunahme
der Population“, dass „jenen armen Frauen der Muslimanen Hilfe“ entgegengebracht werde.

An die Forderung aus muslimischen Kreisen nach einer Amtsärztin knüpfte die Landesregie-
rung 1908 an, als sie dem Gemeinsamen Finanzministerium erneut die Einrichtung einer
Amtsärztinnenstelle für Bihać vorschlug. In dem entsprechenden Schreiben äußerte sie sich
zugleich befriedigt darüber, in Kornelija Rakić eine sehr geeignete Ärztin für den Posten in
Bihać gefunden zu haben, und hob besonders positiv hervor, dass diese aus der Doppelmo-
narchie, aus Syrmien, stamme, serbisch spreche und von daher keinerlei Kommunikations-
schwierigkeiten im Umgang mit der Bevölkerung Bosnien-Herzegowinas haben werde, ferner
dass sie an einer Universität der k. u. k. Monarchie, nämlich Budapest, und nicht wie alle bis-
her eingestellten Amtsärztinnen an ausländischen Universitäten promoviert worden sei, und
schließlich, dass sie noch relativ jung sei, wohingegen die anderen damals amtierenden
Amtsärztinnen Krajewska, Kecková und Olszewska schon in die Jahre gekommen seien und
„in nicht zu ferner Zeit körperlich dienstunfähig werden“ könnten.²⁵

Nach ihrer Ernennung zur Amtsärztin in Bihać am 11.4.1908²⁶ und vor ihrem eigentlichen
Amtsantritt im August desselben Jahres hat Rakić wohl noch einige Monate in einem Kran-
kenhaus in Bosnien-Herzegowina gearbeitet. Wie lange diese Zeit, sicher eine Art Vorberei-
tungszeit für ihre Amtsärztinnentätigkeit, dauerte und um welches Krankenhaus es sich han-
delte, geht aus den Quellen nicht eindeutig hervor. Am zutreffendsten dürfte die in dem Be-

5
amtendossier zu Rakić enthaltene Version sein, nach der sie am 4.5.1908 vereidigt und aus-
hilfsweise „auf 2 Monate dem Landesspitale“ in Sarajevo zugewiesen wurde, um sich an-
schließend an ihren Amtssitz Bihać zu begeben.²⁷

Ihren Aufenthalt in Sarajevo wird Rakić im Übrigen dazu genutzt haben, sich von ihrer dort
amtierenden, älteren und schon lange in Bosnien-Herzegowina wirkenden Kollegin Krajew-
ska in die Tätigkeit einer Amtsärztin einführen zu lassen.²⁸ Und Krajewska ihrerseits dürfte
Rakić bei dieser Gelegenheit darüber informiert haben, dass die drei schon länger amtieren-
den Amtsärztinnen – außer ihr selbst noch Kecková und Olszewska – eine Petition in Sachen
angemessener Vergütung und Rangklasseneinstufung an das Gemeinsame Finanzministeri-
um vorbereiteten. Die Petition wurde dann im August 1908 eingereicht, unterzeichnet von
allen vier Amtsärztinnen.²⁹

Seit 1. August 1908 war Rakić de facto als Amtsärztin für den Kreis Bihać tätig. Ihren Amtssitz
hatte sie in der Kreishauptstadt Bihać, einer verhältnismäßig kleinen, aber schnell wachsen-
den Stadt, in einem Talkessel des Flusses Una gelegen. Für 1910 wird die Zahl der Einwohne-
rInnen der Stadt mit 6201 angegeben. Der Anteil der muslimischen Bevölkerung daran war
relativ hoch. Neben 3789 MuslimInnen gab es 1709 Angehörige der römisch-katholischen
und 529 Angehörige der serbisch-orthodoxen Kirche, um nur die drei zahlenmäßig stärksten
konfessionellen Gruppen zu nennen.³⁰ Das Leben in der Stadt war mithin stark muslimisch
geprägt. In dem gesamten Kreis Bihać hingegen überwog der Anteil der serbisch-orthodoxen
Bevölkerung den der muslimischen wie auch der römisch-katholischen Bevölkerung be-
trächtlich.³¹

Für Aufgaben und Stellung von Rakić als Amtsärztin war im Prinzip noch immer die 1892 er-
lassene „Instruktion für die Amtsärztinnen in Bosnien und der Herzegowina“ verbindlich.³²
Danach waren die Ärztinnen verpflichtet, Frauen, vor allem Musliminnen, sowie deren Kin-
dern „im Gemeindegebiet der Stadt“, in welcher sie ihren Amtssitz hatten, ärztliche Hilfe zu-
kommen zu lassen, und zwar in der Regel unentgeltlich. Nur von Patientinnen aus wohlha-
benden Familien durften sie eine Bezahlung verlangen.

Zur Behandlung von Patientinnen hatten die Amtsärztinnen Hausbesuche zu machen und ein
Ambulatorium bei ihrer Wohnung zu betreiben, was ihnen ermöglichte, einen genauen Ein-
blick in die Gesundheitssituation und – damit zusammenhängend – die Lebensweise ihrer
Patientinnen zu bekommen. An den entsprechenden Beobachtungen und Erfahrungen der
Ärztinnen hatte auch die Regierung ein nicht geringes Interesse, und so sah denn die Instruk-
tion vor, dass sich die Amtsärztinnen „über die Gesundheitsverhältnisse der weiblichen Be-
völkerung ihres Amtsbezirkes so viel als möglich“ informieren und der Regierung darüber pe-
riodische Berichte vorlegen sollten. Ausdrücklich war in der Instruktion zudem festgelegt,
dass die Amtsärztinnen „bei Entbindungen zu intervenieren und darauf zu achten hätten,
dass „die künstliche Ernährung des Säuglings zweckmäßig erfolge“.

6
Zu den Aufgaben der Amtsärztinnen gehörte ferner, dass sie in den Kreisspitälern „auf Ver-
langen die Mohammedanerinnen zu behandeln“ hatten und nötigenfalls auch Dienst in den
Bezirksspitälern ihres Kreises leisten mussten. Die Ärztinnen waren dem Kreisvorsteher un-
terstellt und hatten auf Anordnung der Landesregierung oder des Kreisvorstehers gegebe-
nenfalls Dienstreisen in ihrem Kreis zur Überprüfung sanitärer Verhältnisse, Bekämpfung von
Epidemien, Durchführung von Impfaktionen u. dgl. m. zu unternehmen.

Für die Bevölkerung in Stadt und Kreis Bihać war das Auftauchen einer Frau als Ärztin, die
sich um die gesundheitlichen Belange der einheimischen Frauen kümmerte, etwas völlig
Neues, Fremdes, sieht man einmal davon ab, dass Gisela Kuhn (spätere Januszewska) noch in
ihrer Funktion als Amtsärztin 1899/1900 einmal zu einer größeren Impfaktion von ihrem
Kreis Banja Luka in den benachbarten Kreis Bihać beordert worden war, und dass möglicher-
weise auch Rosa Einhorn (spätere Bloch-Einhorn) einige Male im südlichen Teil von Bihać
zum Einsatz gekommen ist.³³ Diese Situation erforderte von Rakić ein Zugehen auf die ein-
heimischen Frauen. Doch wie sich ihre Annäherung speziell an die muslimischen Frauen, de-
ren Lebenswelt wiederum ihr weitgehend fremd gewesen sein dürfte, gestaltete und wie es
ihr gelang, ein Vertrauensverhältnis zu ihnen aufzubauen, darüber wissen wir im Unter-
schied zu einigen anderen Amtsärztinnen wie etwa Kecková oder Krajewska, nichts.³⁴ Wir
können nur vermuten, dass es für sie hilfreich war, dass der Mufti und die muslimischen Ho-
noratioren eine Ärztin in Bihać für wünschenswert hielten und in diesem Sinne auch auf die
muslimische Bevölkerung vor Ort eingewirkt haben. Jedenfalls wurde Rakić den Äußerungen
verschiedener Vorgesetzter zufolge zu einer sehr beliebten Ärztin, die viel in Anspruch ge-
nommen wurde, auch und gerade von muslimischen Frauen.³⁵

Ein großes Problem, mit dem sich alle Amtsärztinnen, Rakić eingeschlossen, im Verhältnis zur
einheimischen Frauenwelt konfrontiert sahen, war die Kluft zwischen ihrer wissenschaftlich
ausgerichteten Behandlungsweise, an die sie die einheimischen Frauen heranführen sollten
(und wollten), und der jahrhundertelangen Gewohnheit der Bevölkerung Bosnien-Herzego-
winas, nicht zuletzt der Frauen, Rat und Hilfe bei ´alten Weibern´, d. h. heilkundigen Frauen,
bei Geistlichen und in vielen Fällen auch bei Kurpfuschern zu suchen. Doch während etwa
von Krajewska und Kecková, aber auch von Bayerová, Olszewska und Januszewska mehr
oder weniger eingehende Schilderungen über die Erfahrungen vorliegen, die sie bei der all-
mählichen Heranführung der einheimischen Frauen an die moderne Medizin gemacht ha-
ben, erlaubt die Quellenlage zu Rakić auch bezüglich dieser Problematik keinerlei Aussagen.

Bei dem Versuch, die Tätigkeit von Rakić wenigstens in groben Zügen zu beschreiben, müs-
sen wir uns mit einschlägigen Hinweisen in Dekreten und Schreiben des Gemeinsamen Fi-
nanzministeriums und der Landesregierung, mit Informationen in Schreiben von Kreis- oder
Bezirksverwaltungen sowie mit Beurteilungen ihrer Tätigkeit und Leistung durch Vorgesetzte
begnügen. So geht z. B. aus einer Beurteilung, die sie im März 1910 von dem Sanitätsinspek-
tor Dr. Rudolf Fischer bekam, hervor, dass sie 1909 für kurze Zeit „substitutionsweise“ das
Stadtkrankenhaus in Bihać geführt und sich dabei „fachlich sehr gut bewährt“ habe.³⁶ Es

7
handelte sich um ein kleines Krankenhaus, das 1879 gegründet worden war und 1887/88
eine Erweiterung auf eine Kapazität von etwas mehr als 30 Betten erfahren hatte.³⁷ Weiter
heißt es in der Beurteilung durch Dr. Fischer, dass sich Rakić „bei schweren Geburtsfällen
wiederholt hervorgetan“ habe. Unter den damaligen Bedingungen fanden selbst schwere
Geburten meist in den Wohnungen der Gebärenden statt, wie aus Berichten etwa der Amts-
ärztin Kecková oder der Ärztin Januszewska hervorgeht.³⁸ Diese Situation dürfte für Rakić im
Prinzip die gleiche gewesen sein.

Doch mehr noch als alle anderen Tätigkeiten, die sie in Bihać ausübte, nahm Rakić offenbar
die Teilnahme an der sogenannten „Syphilistilgungsaktion“ in Anspruch, die ab 1905 in wei-
ten Teilen Bosnien-Herzegowinas durchgeführt wurde. In diese Aktion wurde sie schon un-
mittelbar nach ihrer Amtsübernahme eingespannt, wie aus zwei Schreiben hervorgeht, die
das Bezirksamt Cazin im September/Oktober 1908 an die Landesregierung sandte.³⁹ Und in
der erwähnten Beurteilung Rakić‘ vom März 1910 wird auf ihre Beteiligung an der Aktion mit
der Bemerkung eingegangen, dass sie sich „bei der Syphilistilgungsaktion in den Bezirken Ca-
zin und Krupa sehr eifrig und mit lobenswertem Erfolg betätigt“ habe. In einer weiteren Be-
urteilung, verfasst von einem neuen Vorgesetzten, dem Oberbezirksarzt Dr. Martin Bleicher,
und datiert vom Juli 1911, heißt es dann, dass sie „wegen ihrer starken Inanspruchnahme im
Syphilistilgungsdienst“ wenig Gelegenheit zu anderem beruflichen Wirken gefunden habe.⁴⁰
Im Januar 1912 wurde ihr schließlich per Erlass des Gemeinsamen Finanzministeriums eine
offizielle Anerkennung „für die Erfolge im Syphilistilgungsdienst“ zuteil.⁴¹

Auf die „Syphilistilgungsaktion“, die 1905 mit einer Verordnung der Landesregierung in die
Wege geleitet wurde,⁴² soll im Folgenden etwas genauer eingegangen werden, da sie eine
wichtige Rolle in der Tätigkeit aller damals amtierenden Amtsärztinnen spielte. Ausgangslage
und Ziele der Aktion sowie ihre Durchführung in den Jahren 1905 bis 1911 sind ausführlich in
einer Broschüre dargelegt, die unter dem Titel „Izvješće o suzbijanju endemičnog sifilisa“
(Bericht über die Bekämpfung der endemischen Syphilis) publiziert wurde. Bei der Broschü-
re, die anonym erschien, handelt es sich um einen fundierten Bericht, der genaue Kenntnisse
des Gesundheitswesens in Bosnien-Herzegowina erkennen lässt und nach Ansicht von Mina
Kujović, die sich eingehend mit dem Bericht befasst hat, aus dem Sanitätsdepartement der
Landesregierung stammt.⁴³ Das Attribut „endemisch“ im Titel der Broschüre hebt auf die da-
mals in Bosnien-Herzegowina am weitesten verbreitete Übertragungsart der Syphilis ab, die
Übertragung der Krankheitserreger über den Mund- und Rachenraum (etwa durch gemein-
schaftliche Benutzung von Essbesteck und Handtüchern) und nicht über Geschlechtsverkehr.

Die „Syphilistilgungsaktion“ schloss sich an zahlreiche frühere Maßnahmen zur Bekämpfung


der Syphilis an, auf die der Bericht ausführlich eingeht. Dabei wird auch die Rolle Isidor Neu-
manns als Berater des Gemeinsamen Finanzministeriums und der Landesregierung hervor-
gehoben, dessen Analysen und Empfehlungen in Bezug auf die Syphilissituation in Bosnien-
Herzegowina sowohl in Wien als auch in Sarajevo in den 1890er Jahren sehr geschätzt wur-
den und von beträchtlichem Einfluss waren.⁴⁴ Von Neumann war ja auch – wie eingangs er-

8
wähnt – der entscheidende Anstoß gekommen, Ärztinnen für Frauen, insbesondere Musli-
minnen, nach Bosnien-Herzegowina zu entsenden.

Die „Syphilistilgungsaktion“ mit ihrem breit angelegten, kampagnenartigen Charakter war


nach allen vorherigen, von der Landesregierung als unbefriedigend erachteten Schritten zur
Syphilisbekämpfung als ein systematisch angelegtes Aktionsprogramm konzipiert worden,
um die „Seuche“ Syphilis in Bosnien-Herzegowina endgültig in den Griff zu bekommen.⁴⁵
Dem Bericht zufolge waren muslimische Frauen eine besonders wichtige Zielgruppe bei der
Kampagne, nicht zuletzt ihnen sollte die systematische „Syphilisdurchforschung“ vieler Ge-
biete Bosnien-Herzegowinas und die anschließende Behandlung identifizierter Kranker gel-
ten.⁴⁶ Dass von daher den Amtsärztinnen, deren Aufgabe es ohnehin war, sich vor allem um
die Gesundheitssituation muslimischer Frauen und Kinder zu kümmern, bei der Kampagne
eine besondere Bedeutung zukam, liegt auf der Hand. Sie wurden denn auch intensiv in die
Kampagne einbezogen, die bis 1911 nach und nach auf die am stärksten von der Syphilis be-
fallenen Bezirke des Landes, zuletzt 39 (von 55) ausgedehnt wurde.⁴⁷ Dazu gehörten bei-
spielsweise die oben erwähnten Bezirke Cazin und Krupa im Kreis Bihać, in die Rakić beor-
dert wurde, aber auch mehrere Bezirke im Kreis Sarajevo, darunter die Bezirke Sarajevo und
Fojnica, in denen Krajewska zum Einsatz kam.⁴⁸ Im Kreis Dolnja Tuzla, in dem Olszewska am-
tierte, zählten etwa die Bezirke Kladanj und Maglaj dazu. Außerdem wurde Olszewska in den
ersten Jahren der „Syphilistilgungsaktion“ häufig im Bezirk Tešanj eingesetzt, der zum Kreis
Banja Luka gehörte.⁴⁹ 1909 wurden auch die beiden Bezirke Konjic und Ljubuški im Kreis
Mostar, dem Amtsbereich Keckovás, in die Kampagne einbezogen.⁵⁰ In schriftlichen Zeugnis-
sen der Amtsärztinnen, meist in ihren Berichten an die Landesregierung, finden sich etliche
Spuren ihres Einsatzes bei der Antisyphiliskampagne, aber erst durch den hier herangezoge-
nen Bericht wird der Zusammenhang mit der Gesamtkampagne deutlich.

Die Beanspruchung der Amtsärztinnen durch die Kampagne war außerordentlich hoch. Das
belegen außer der oben zitierten Bemerkung eines der Vorgesetzten von Rakić auch etliche
Hinweise Krajewskas in ihren Memoiren.⁵¹ Ferner nehmen die beiden Petitionen der Amts-
ärztinnen, die sie 1908 und 1912 an das Gemeinsame Finanzministerium bzw. die Landesre-
gierung richteten und in denen sie um angemessene Vergütung und gerechte Rangklassen-
einstufung baten, Bezug auf die hohe Inanspruchnahme durch die „Syphilistilgungsaktion“.
In der Petition von 1912 heißt es dazu beispielsweise: „Seit dem Jahr 1907 wurden dieselben
zwei Amtsärztinnen in Tuzla und Sarajevo [d. h. Olszewska und Krajewska] wie auch die neu
angestellte Amtsärztin in Bihać [also Rakić] zu der regelmäßigen Luestilgungsaktion – wie die
Amtsärzte – zugezogen. Wegen der Durchforschung auf Lues und Behandlung der weiblichen
muslimanischen Bevölkerung bereisten die Amtsärztinnen 3-6 Bezirke im Laufe des Jahres.
[Absatz] Die Zahl der Reisetage beträgt bei der Bekämpfung der Epidemien (Blattern und
Notimpfungen) wie auch bei der Luestilgung 100 bis 200 im Jahre.“⁵²

Durch die lange Abwesenheit von der jeweiligen Kreishauptstadt – so die Klage der Ärztinnen
in der Petition von 1912 – hätten sie kaum noch Zeit für die Behandlung von Privatpatientin-

9
nen, von deren Behandlung sie in normalen Zeiten neben ihrer staatlichen Besoldung noch
einige Nebeneinkünfte erwarten konnten. Selbstverständlich – so der naheliegende Schluss
aus der Klage der Ärztinnen – musste auch die medizinische Versorgung der ärmeren Frauen
am Sitz der jeweiligen Amtsärztin und in dessen unmittelbarer Umgebung unter den kam-
pagnenbedingten längeren Abwesenheitszeiten der Ärztinnen leiden.

Dem Beitrag der wenigen Amtsärztinnen zur „Syphilistilgungsaktion“ – es amtierten mit Ra-
kić seit 1908 vier, nach dem Tod Keckovás 1911 für einige Jahre nur drei Amtsärztinnen –
wird in dem Bericht Lob und Anerkennung gezollt. „In den Bezirken Sarajevo, Tuzla und Foj-
nica sowie im Bihaćer und Mostarer Kreis“ – so heißt es da – „haben die dortigen Amtsärz-
tinnen dieses Geschäft [die Untersuchung der muslimischen Frauen] mit außerordentlichem
Engagement durchgeführt.“⁵³ Einschränkend wird allerdings vermerkt, dass die Kapazität der
kleinen Gruppe von Amtsärztinnen zur Bewältigung der Aufgaben, die sich im Rahmen der
Antisyphiliskampagne stellten, bei weitem nicht ausreichte. Dem Bericht zufolge mussten
auch andere Möglichkeiten der „Syphilisdurchforschung“ unter muslimischen Frauen genutzt
werden. So wurden z. B. auch Krankenschwestern und Hebammen eingesetzt und aushilfs-
wiese wurde auch einmal eine Ärztin des Sarajevoer Landesspitals zur „Syphilistilgung“ in Ze-
nica (Kreis Travnik) hinzugezogen.⁵⁴

Mit Blick auf das Missverhältnis zwischen der verschwindend geringen Zahl der Amtsärztin-
nen und dem Ziel der „Syphilistilgungsaktion“, eine relativ große Anzahl muslimischer Frauen
untersuchen und behandeln zu lassen, wird in dem Bericht schließlich festgestellt, dass eine
Erhöhung der Zahl der Amtsärztinnen entsprechend dem Bedarf notwendig sei.⁵⁵ Dass es da-
zu jedoch bis zum Ende der österreichisch-ungarischen Herrschaft über Bosnien-Herzegowi-
na nicht in nennenswertem Umfang kommen sollte, zeigt die Geschichte der Amtsärztinnen.
Insgesamt wird die „Syphilistilgungsaktion“ der Jahre 1905 bis 1911 in dem Bericht als erfolg-
reich bezeichnet, wobei eingeräumt wird, dass es noch etwa weiterer zwei Jahre bedürfe,
um die Syphilis in Bosnien-Herzegowina wirklich zu bezwingen.⁵⁶

Was die muslimischen Frauen angeht, die stark im Fokus der Antisyphiliskampagne standen,
ist davon auszugehen, dass viele von ihnen von der teilweise rigiden Art und Weise, in der
die Kampagne durchgeführt wurde, abgeschreckt wurden. Zwar sollte die gegebenenfalls
von ärztlicher Seite für notwendig erachtete Einweisung in ein Krankenhaus bei Männern
wie Frauen, mit Ausnahme bestimmter Gruppen wie etwa der Prostituierten, „fakultativ“
sein, also nicht erzwungen werden⁵⁷, doch die „Durchforschung“ der stark von der Syphilis
befallenen Bezirke lief insgesamt keineswegs ohne gewisse Formen von Zwang ab. Der Ein-
fachheit halber waren die Behörden daran interessiert, die Untersuchungen so weit wie
möglich als Gruppenuntersuchungen durchzuführen, d. h. sie legten die Orte fest, an denen
sich jeweils größere Gruppen von Aufgeforderten einzufinden hatten. Die Gruppenuntersu-
chungen, die nach Männern und Frauen getrennt vorgenommen wurden, ließen sich ver-
hältnismäßig leicht durchführen, da zunächst nur der Mund- und Rachenraum untersucht
wurde.⁵⁸ Muslimische Frauen kamen aber vielfach der amtlichen Aufforderung nicht nach,

10
sich zur Untersuchung an einem außerhalb ihres Hauses gelegenen Ort einzufinden, insbe-
sondere, wenn es sich um einen weiter entfernten Ort handelte. Die Untersuchung muslimi-
scher Frauen musste daher häufig bei ihnen zuhause erfolgen, wobei so vorgegangen wurde,
dass innerhalb einer bestimmten, behördlich festgelegten Gegend Haus für Haus überprüft
wurde. Die jeweiligen Bewohnerinnen wurden anhand einer Einwohnerliste ermittelt und
anschließend untersucht.⁵⁹ Es sei oft vorgekommen – so der Bericht – dass muslimische
Frauen nicht der Aufforderung zur Untersuchung Folge leisten wollten. In solchen Fällen sei
den Männern mit Strafe gedroht worden oder sie hätten tatsächlich eine Strafe erhalten,
was gewöhnlich seine Wirkung nicht verfehlt habe.⁶⁰

Leben und Tätigkeit von Rakić in Bihać nahmen nach wenigen Jahren eine sicher unvorher-
gesehene Wendung. Im Oktober 1910 bekam sie einen neuen Vorgesetzten, den bereits er-
wähnten Dr. Bleicher. Dieser verfasste zunächst, im Juli 1911, eine positive Beurteilung ihrer
Leistungen und ihres persönlichen Verhaltens. Doch nach diesem Zeitpunkt muss es zu Aus-
einandersetzungen zwischen ihr und ihren Kollegen, möglicherweise auch dem Vorgesetzten
selbst, gekommen sein. Das ergibt sich aus einer weiteren Beurteilung Dr. Bleichers, die die-
ser im November 1912, nach der bereits erfolgten Versetzung von Rakić nach Banja Luka,
verfasste und in der es heißt: „Die Qualifikation vom 29. Juli 1911 bleibt im großen Ganzen
aufrecht; nur war das Verhalten der Frau Dr. Rakić gegenüber den hiesigen Kollegen ein sehr
schlechtes seit mehr als einem Jahr. Um ihre Relationen, ihre einzigen schriftlichen Arbeiten,
musste sie öfters urgiert werden.“⁶¹

In dem Konflikt zwischen Rakić und ihren Kollegen, über dessen Inhalt nichts Näheres be-
kannt ist, sieht Nečas einen wichtigen Grund dafür, dass Rakić Bihać verlassen wollte. Nach
seiner Darstellung reichte sie ein Gesuch ein, in dem sie um ihre Versetzung nach Banja Luka
bat.⁶² Ihr Wunsch, sich gerade nach Banja Luka versetzen zu lassen (es hätte ja auch Mostar
sein können), lässt darauf schließen, dass es einen Kontakt zwischen ihr und der in Banja Lu-
ka praktizierenden Ärztin Gisela Januszewska gab, aufgrund dessen sie darüber informiert
war, dass Januszewska und ihr Ehemann um 1911/12 beabsichtigten, Bosnien-Herzegowina
zu verlassen, mit der Konsequenz, dass dann in Banja Luka keine Ärztin mehr zur medizini-
schen Versorgung der weiblichen Bevölkerung bereitgestanden hätte. Aber wie so oft, wenn
sich die Frage nach möglichen Kontakten der (Amts)ärztinnen untereinander stellt, tappen
wir auch in diesem Fall im Dunkeln, weil keine entsprechenden schriftlichen Zeugnisse vor-
handen sind. Trotzdem spricht manches dafür, dass in der Situation, in der sich beide Ärztin-
nen befanden, nicht nur Rakić aufgrund des Konfliktes mit ihren Kollegen Interesse an Ge-
sprächen mit Januszewska über einen möglichen Wechsel nach Banja Luka hatte, sondern
dass umgekehrt auch Januszewska interessiert daran war, mit Rakić über eine eventuelle
Nachfolge in Banja Luka ins Gespräch zu kommen. Begünstigt wurde der Kontakt zwischen
beiden Ärztinnen sicher auch dadurch, dass sie in benachbarten Kreisen tätig waren und die
Entfernung zwischen den Städten Bihać und Banja Luka nicht besonders groß war.

11
Mit Dekret vom 3.10.1912 wurde Rakić nach Banja Luka versetzt.⁶³ Was die Landesregierung
und das Gemeinsame Finanzministerium, abgesehen von dem von Rakić selbst geäußerten
Wunsch, zu diesem Schritt bewogen haben mag, soll weiter unten erörtert werden. Hier sei
erst einmal festgestellt, dass der Kreis Bihać, der 1908 mit Rakić zum ersten Mal eine Amts-
ärztin erhalten hatte, diese schon 1912 wieder verlor; und zu einer Neubesetzung der Stelle
sollte es bis zum Ende der österreichisch-ungarischen Herrschaft über Bosnien-Herzegowina
nicht mehr kommen. Zwar schien die Landesregierung zunächst gewillt, die nach dem Weg-
gang von Rakić vakante Stelle in Bihać wieder zu besetzen, doch als kurz danach das Gemein-
same Finanzministerium bei ihr anfragte, „ob und welche Ärztinnen für die in den Kreisen Bi-
hać und Mostar unbesetzten Amtsärztinnenstellen in Aussicht genommen“ seien, erklärte
sie lapidar: „Für die Wiederbesetzung der vakanten Amtsärztinnen-Stellen in Mostar und Bi-
hać sind vorderhand keine entsprechenden Kandidatinnen vorgemerkt.“⁶⁴ Und so blieb es
denn bis zum Ende der k. u. k. Monarchie bei der Vakanz der Bihaćer Stelle, und für die
Mostarer Stelle, die seit dem Tod Keckovás 1911 unbesetzt war, wurde erst Ende 1917 eine
Neuregelung getroffen.

Von 1892, dem Jahr des Amtsantritts der ersten Amtsärztin in Bosnien-Herzegowina, bis
1918 amtierte in Bihać also insgesamt nur vier Jahre lang eine Amtsärztin, d. h. der Kreis Bi-
hać blieb von der zu Anfang der 1890er Jahre einmal intendierten Ausdehnung der Institu-
tion der Amtsärztinnen auf alle 6 Kreise Bosnien-Herzegowinas faktisch weitgehend ausge-
schlossen. In Bezug auf diesen Kreis und die medizinische Versorgung seiner weiblichen Be-
völkerung erweist sich daher der Anspruch einer „Kulturmission“ Österreich-Ungarns gegen-
über Bosnien-Herzegowina als ziemlich hohl.⁶⁵

Die Zeit in Banja Luka und der Beginn der Tätigkeit in Mostar

Mit dem Wechsel von Bihać nach Banja Luka begann für Rakić ein Leben in einer viel größe-
ren, viel geschäftigeren Stadt. Banja Luka, auf beiden Seiten des Flusses Vrbas gelegen, war
damals der Zahl der EinwohnerInnen nach mehr als doppelt so groß wie Bihać und nach Sa-
rajevo und Mostar die drittgrößte Stadt Bosnien-Herzegowinas.⁶⁶ In ihr spielte sich ein reges
politisches, ökonomisches und kulturelles Leben ab.⁶⁷ Die Stadt war Sitz von Verwaltungen
und Gerichten verschiedener Ebenen. Es gab über 30 Moscheen, zwei serbisch-orthodoxe
und zwei römisch-katholische Kirchen sowie zwei Synagogen, eine sephardische und eine
aschkenasische. Neben einem achtklassigen Großen Realgymnasium und einer Handelsschu-
le (beide für Jungen) verfügte die Stadt auch über eine Staatliche höhere Mädchenschule.
(Die Höheren Mädchenschulen bauten auf der vierjährigen Grundschule auf und umfassten
im Laufe der Zeit 4 bis 6 Schuljahre.) Im Grundschulbereich waren außer den Schulen für Jun-
gen auch mehrere staatliche und konfessionelle Schulen für Mädchen vorhanden. Außer
einem Militärkrankenhaus besaß die Stadt seit 1892 auch ein Gemeindekrankenhaus.⁶⁸

In der S t a d t Banja Luka machten die MuslimInnen die bei weitem größte Gruppe aus, ge-
folgt von den Gruppen der römisch-katholischen und serbisch-orthodoxen Bevölkerung.⁶⁹

12
Im K r e i s Banja Luka hingegen bildeten sie nach den Gruppen der serbisch-orthodoxen und
der römisch-katholischen Bevölkerung die kleinste Gruppe. Erwähnenswert ist noch, dass
Banja Luka im Vergleich mit Bihać nicht nur als Stadt wesentlich größer war, sondern auch
als Verwaltungskreis.⁷⁰ So war also Rakić in Banja Luka für mehr Frauen und ein größeres Ge-
biet zuständig als in Bihać, was mit einer größeren Arbeitsbelastung verbunden gewesen
sein dürfte.

Am 16.12.1912 trat Rakić ihr Amt in Banja Luka an⁷¹ und wurde damit zu einer Art Nachfolge-
rin von Gisela Januszewska, die kurz zuvor Bosnien-Herzegowina nach 13jähriger Tätigkeit in
Banja Luka für immer verlassen hatte. Stellung und Aufgaben der beiden Ärztinnen waren im
Prinzip unterschiedlich, denn Januszewska war Privatärztin (ab Herbst 1900) und Rakić Amts-
ärztin. Doch wies die Tätigkeit beider Ärztinnen insofern einige gemeinsame Züge auf, als Ja-
nuszewska zusätzlich zu ihrer Tätigkeit als Privatärztin noch einige Aufgaben versehen hat,
die denen einer Amtsärztin ähneln. Sie war selbst einmal zu Beginn ihrer Tätigkeit in Bosni-
en-Herzegowina etwas mehr als ein Jahr lang Amtsärztin gewesen, hatte den Posten dann
aber nach der Scheidung von ihrem bisherigen Ehemann und der Verehelichung mit ihrem
Vorgesetzten, dem aus Polen stammenden Arzt Władysław (Ladislaus) Januszewski, Kreisarzt
in Banja Luka, auf Drängen des Gemeinsamen Finanzministeriums und der Landesregierung
aufgegeben.⁷² Ihr wurde jedoch auf ihr Ersuchen hin die Bewilligung zur Eröffnung einer Pri-
vatpraxis erteilt und so arbeitete sie als Privatärztin bis 1912, als sie nach der Pensionierung
ihres Gatten mit diesem zusammen nach Graz übersiedelte.

In ihrer Zeit als Privatärztin hat Januszewska vielfältige Aktivitäten entfaltet und großes so-
ziales Engagement bewiesen. So behandelte sie in ihrer Privatpraxis viele Menschen aus är-
meren Schichten, was sie manchmal als ihren „Armendienst“ bezeichnete. Frauen bildeten
das Gros ihrer Klientel, darunter viele Musliminnen. Ab 1903 führte sie neben ihrer Privat-
praxis ein Ambulatorium, das von der Gemeinde Banja Luka und der Landesregierung unter-
halten bzw. bezuschusst wurde. Es lag in einem fast ausschließlich von muslimischer Bevöl-
kerung bewohnten Stadtteil (Dolnji Šeher, abgekürzt D. Šeher) und wurde überwiegend von
muslimischen Frauen aufgesucht. Außerdem erteilte sie Hygieneunterricht an der Staatli-
chen höheren Mädchenschule in Banja Luka, wirkte als Ärztin für die Mädchen des Waisen-
hauses und der Schule des nahe bei Banja Luka gelegenen Klosters Nazareth und war zudem
im Sommer als Badeärztin im Bad Slatina-Ilidže tätig, wo vor allem muslimische Frauen und
Kinder zu ihrer Klientel gehörten.⁷³ Die beiden zuletzt genannten Tätigkeiten gab sie aber
wohl schon Ende 1909 wieder auf.

Gemeinsames Finanzministerium und Landesregierung sahen sich 1900, nach dem Wechsel
Januszewskas von der Amts- zur Privatärztin, nicht genötigt, erneut eine Amtsärztin in Banja
Luka einzusetzen, doch zeigten sie sich interessiert an einigen von Januszewskas Tätigkeiten
und waren bereit, diese finanziell zu unterstützen. So trug die Landesregierung etwa die Kos-
ten für die Tätigkeit Januszewskas als Leiterin des Ambulatoriums „D. Šeher“ und für ihre Ar-
beit im Kloster Nazareth wie auch im Bad Slatina-Ilidže. Diese Kosten lagen allemal unter je-

13
nen, die die Finanzierung einer Amtsärztinnenstelle verursacht hätte, und so stellte sich bei-
den politischen Stellen lange Zeit die Privatärztinnen-Lösung als kostengünstige und ausrei-
chende Alternative dar.⁷⁴ Erst als Januszewska sich anschickte, Bosnien-Herzegowina zu ver-
lassen, stellte sich erneut die Frage nach der Einsetzung einer Amtsärztin für Banja Luka.

Doch nicht nur in Banja Luka drohte mit dem Weggang Januszewskas eine empfindliche
Lücke in der medizinischen Versorgung der weiblichen Bevölkerung zu entstehen, auch in
Mostar mangelte es – wie weiter oben angedeutet – seit dem Tod Keckovás 1911 an einer
Amtsärztin für die dortigen Frauen. Die politische Entscheidung in der Besetzungsfrage fiel
aber zugunsten Banja Lukas, was damit zusammenhängen dürfte, dass nicht nur Rakić um
eine Versetzung dorthin gebeten, sondern auch der Stadtrat von Banja Luka Ende April 1912
dezidiert den Wunsch geäußert hatte, dass nach dem Weggang Januszewskas in Banja Luka
erneut eine Amtsärztin eingesetzt würde.

Der entsprechenden Bitte an die Landesregierung war eine Sitzung des Stadtrats vorausge-
gangen, die am 25. April 1912 stattfand und in der zunächst die großen Verdienste Janu-
szewskas um das Ambulatorium „D. Šeher“ wie auch bei der unentgeltlichen Behandlung ar-
mer Frauen außerhalb des Ambulatoriums, einschließlich der häufig geleisteten Geburtshilfe,
gewürdigt wurden. Man kam überein, dass sie dafür eine angemessene Gratifikation erhal-
ten solle. Im Hinblick auf die weitere ärztliche Versorgung der weiblichen Bevölkerung in
Banja Luka wurde in der Sitzung berichtet, dass Januszewska selbst an die Stadtverwaltung
mit der Bitte herangetreten sei, sich bei der Landesregierung rechtzeitig um die erneute Ein-
richtung einer Amtsärztinnenstelle zu bemühen. Diesem Anliegen stand der Stadtrat aufge-
schlossen gegenüber, und die Beratung ergab, dass an der Fortführung sowohl des Ambula-
toriums „D. Šeher“ als auch an der ärztlichen Betreuung muslimischer Frauen außerhalb des
Ambulatoriums, darunter auch und gerade der ärmsten, ein großes Interesse bestand. In
dem Beschluss, den der Stadtrat schließlich fasste, heißt es u. a., dass der „Vorschlag der Ge-
meindeverwaltung in Bezug auf die Einstellung einer Amtsärztin und die Aufforderung des
Magistrats der Stadt angenommen [werde], im Namen des Stadtrats die Hohe Landesregie-
rung um die Zuteilung einer Amtsärztin in Banja Luka zu bitten, welcher auch das städtische
Ambulatorium in Dol. Šeher anvertraut werden solle.“⁷⁵

In Umsetzung des Stadtratsbeschlusses sandte das Gemeindebüro Banja Luka u. a. ein


Schreiben an das Stadt-Bezirksamt Banja Luka. Dies Schreiben vom 29. April 1912 ist insofern
von Interesse, als daraus hervorgeht, welch hohe Meinung man von der Amtsärztin Kornelija
Rakić schon längere Zeit vor Antritt ihres Amtes in Banja Luka hatte. In dem Schreiben wird
ausgeführt, dass die ganze Stadt Rakić mit Freude begrüße, da man aus Bihać und seiner Um-
gebung erfahren habe, „dass die Frau Ärztin auf dem ärztlichen Gebiet einen guten Ruf“ ge-
nieße.⁷⁶

Aufgrund der dürftigen Quellenlage wissen wir freilich nicht, ob Rakić tatsächlich die Leitung
des Ambulatoriums „D. Šeher“ übernommen hat und insofern in die Fußstapfen Januszew-
skas getreten ist. Auch wie die weitere Entwicklung des Ambulatoriums verlaufen ist, das

14
zwischen 1903 und 1912 einen ständig wachsenden Zuspruch erfahren hatte, entzieht sich
unserer Kenntnis.

Ähnlich unbefriedigend ist unser Wissensstand im Hinblick auf eine mögliche Weiterführung
des Hygieneunterrichts von Januszewska durch Rakić. Der Hygieneunterricht an Höheren
Schulen für Mädchen⁷⁷, staatlichen wie auch privaten – letztere hatten meist konfessionellen
Charakter – , war zweifellos eine in ihrer Bedeutung nicht zu unterschätzende Möglichkeit
der (Amts)ärztinnen, einen Beitrag zur Gesundheitserziehung der Bevölkerung Bosnien-Her-
zegowinas zu leisten. Außer Januszewska betätigten sich auf diesem Gebiet Krajewska und,
besonders engagiert, Kecková, die ihren Unterrichtsstoff zugleich für Gesundheitsratgeber
nutzte, die sie in Zeitschriften und Blättern Bosnien-Herzegowinas veröffentlichte. Bei der
Landesregierung, im Sanitätsdepartement, ging man im Vorfeld der Berufung von Rakić zur
Amtsärztin in Banja Luka davon aus, dass sie den Hygieneunterricht Januszewskas an der
Staatlichen höheren Mädchenschule in Banja Luka übernehmen werde⁷⁸, doch ob das tat-
sächlich geschehen ist, muss offen bleiben.

Hinsichtlich der Zusammensetzung ihrer Klientel gab es offensichtlich bei beiden Ärztinnen
eine relativ große Übereinstimmung. Januszewska behandelte, wie erwähnt, hauptsächlich
Musliminnen, darunter überwiegend Frauen aus ärmeren Bevölkerungsschichten. Ähnliches
dürfte für Rakić gegolten haben, und zwar qua Amt. Aus der weitgehenden Übereinstim-
mung der Klientel beider Ärztinnen lässt sich schlussfolgern, dass Rakić es bei ihren Patien-
tinnen mit Gesundheitsproblemen zu tun bekam, wie sie sich ähnlich schon bei Januszew-
skas Klientel gezeigt hatten. Da aber von Rakić keinerlei Berichte über ihre Tätigkeit und die
Gesundheitssituation ihrer Patientinnen vorliegen, sei hier auf Erfahrungsberichte Januszew-
skas zurückgegriffen, um wenigstens einen gewissen Eindruck von der damaligen Gesund-
heitssituation muslimischer Frauen in Banja Luka geben zu können.

Was beispielsweise die in der weiblichen Bevölkerung, besonders unter Musliminnen, da-
mals häufig vorkommenden Krankheiten Osteomalazie und Syphilis betrifft, so erklärte Janu-
szewska dazu, dass es bis zu ihrem Weggang aus Banja Luka gelungen sei, diese „zwei Gei-
ßeln der muselmanischen Frau“, die in den ersten Jahren ihrer Tätigkeit noch weit verbreitet
gewesen seien, zurückzudrängen. Hinsichtlich der Osteomalazie, mit der sie sich ähnlich wie
Krajewska intensiv auseinandergesetzt hat, stellte sie fest, dass insofern ein deutlicher Erfolg
erzielt werden konnte, als die Krankheit zumeist nicht mehr in ihren schwersten, hochgradi-
gen Formen auftrat. Die Gründe dafür sah sie in einer verbesserten ärztlichen Versorgung,
aber auch in der vermehrten Bereitschaft der Frauen, schon in einem frühen Stadium der
Krankheit ärztliche Hilfe zu suchen.⁷⁹

Zum Auftreten der Syphilis äußerte sich Januszewska in ihrem Jahresbericht 1911 folgen-
dermaßen: „Die Lues hat aufgehört eine Volksseuche zu sein. [Absatz] Es kommen in der
Stadt Banjaluka nur mehr sporadische Fälle vor und auch im Bezirke [dem Landbezirk Ban-
jaluka] ist sie ja dank der heuer vom Amtsarzte vorgenommenen Luesforschung ausgetilgt
worden. [Absatz] Früher gab es besonders im Stadtteil Novoselje und Grab ganze Luesfami-

15
lien.“ Die von Januszewska angesprochene „Luesforschung“ durch den zuständigen Amtsarzt
erfolgte sehr wahrscheinlich im Rahmen der weiter oben beschriebenen „Syphilistilgungsak-
tion“, denn diese wurde 1911 auch auf den Landbezirk Banja Luka ausgedehnt.⁸⁰ Eine wich-
tige Rolle bei dem Rückgang der Syphilis in der Stadt und im Landbezirk Banja Luka spielte Ja-
nuszewska zufolge ähnlich wie auch bei der Abnahme der schwersten Fälle von Osteomala-
zie die allmähliche Gewöhnung der Bevölkerung an die vorhandenen Ambulatorien.

Das aus Januszewskas Sicht erfolgreiche Zurückdrängen der Syphilis schloss selbstverständ-
lich nicht aus, dass immer wieder Fälle der Krankheit auftraten und unter Umständen auch
weitere systematische Überprüfungen in bestimmten Gegenden stattfanden. So ist z. B. in
einem Schreiben der Landesregierung an die Kreisbehörde Banja Luka vom Mai 1914 die Re-
de davon, dass Rakić einen beantragten zweimonatigen Urlaub nur antreten könne, wenn sie
vorher die angeordnete „Syphilisdurchforschung“ [wo, wird nicht ausgeführt] durchgeführt
und die nachfolgende Syphilisbehandlung eingeleitet habe.⁸¹

Für ein großes gesundheitliches Problem bei muslimischen Frauen und überhaupt in musli-
mischen Familien hielt Januszewska die Tuberkulose. In ihrem Bericht zum Jahr 1910 erklärte
sie dazu: „…leider ist die Tuberkulose gerade der ärmeren Volksschichten, insbesondere aber
bei den Muselmanen, ein Übel, dem man machtlos gegenübersteht.“ Die wichtigsten Gründe
für das häufige Auftreten der Tuberkulose bei muslimischen Frauen lagen ihrer Ansicht nach
in dem „beinahe völligen Abschluss von direktem Sonnenlicht und frischer, freier Luft“, der
Unterernährung, insbesondere von Frauen der ärmeren Volksschichten, und den „desolaten
Wohnungsverhältnissen“, die dadurch gekennzeichnet seien, dass oft viele Personen in ei-
nem kleinen, dazu noch feuchten Raum eingepfercht wohnten und schliefen.⁸²

Wie schon mehrfach angedeutet, nahm die Geburtshilfe in Januszewskas Tätigkeit einen
wichtigen Platz ein. Mehreren ihrer Berichte ist zu entnehmen, dass sie es nicht selten mit
schweren Geburten zu tun hatte, bei denen operative Eingriffe erforderlich waren.⁸³ Ähnli-
ches dürfte auch für Rakić gegolten haben.

Nachdem sie etwas mehr als ein Jahr in Banja Luka gearbeitet hatte, erhielt Rakić eine Beur-
teilung durch ihren dortigen Vorgesetzten, den Sanitätsinspektor Dr. Eduard Herzmann. Die-
ser zeichnete ein völlig anderes Bild von ihr und ihrem Verhalten als der letzte Vorgesetzte in
Bihać, Dr. Bleicher. In seiner Beurteilung erklärte Herzmann: „Der Kritik ihres Verhaltens den
Kollegen gegenüber, wie sie in der Qualifikation pro 1912 zum Ausdruck gebracht ist, kann
ich nicht beipflichten. Frau Dr. Rakić hat sich während ihres Hierseins in kollegialer Bezie-
hung musterhaft benommen. Sie hat während ihres kurzen Hierseins nicht nur die Achtung
der Kollegen, sondern durch ihr selten bescheidenes, entgegenkommendes und menschen-
freundliches Benehmen die Zuneigung der ganzen Bevölkerung gewonnen.“⁸⁴

Etwa anderthalb Jahre nach dem Amtsantritt von Rakić in Banja Luka brach der Erste Welt-
krieg aus, mit verheerenden Folgen für weite Teile der Bevölkerung Bosnien-Herzegowinas.
Am 28.7.1914 erklärte Österreich-Ungarn Serbien den Krieg. Bereits am 25.7.1914 war eine

16
Teilmobilmachung im Hinblick auf den bevorstehenden Krieg mit Serbien angeordnet und
die zivile Verwaltung Bosnien-Herzegowinas in eine militärische umgewandelt worden.
Hauptaufmarschgebiete für die kriegerische Auseinandersetzung mit Serbien waren das süd-
liche Kroatien und Ostbosnien.⁸⁵ Eine Welle der Repression und vielfach auch brutaler Ge-
walt gegen alle Kräfte, die Österreich-Ungarn als feindlich ansah, insbesondere serbische
Menschen, setzte in Bosnien-Herzegowina ein. Not und Elend breiteten sich unter großen
Teilen der Bevölkerung aus, und es kam zu schweren Epidemien, vor allem Cholera- und Ty-
phusepidemien.

Was über die Tätigkeit von Rakić in der Kriegszeit bekannt ist, beschränkt sich auf einige we-
nige Tatsachen. So war sie bei der 1914 und 1915 in Bosnien-Herzegowina wütenden Chole-
ra-Epidemie sowohl im Kreis Banja Luka als auch im Kreis Travnik eingesetzt, wobei der Ein-
satz in Travnik offenbar eine ganze Weile dauerte. Denn im Februar 1915 erklärte sie gegen-
über der Kreisbehörde Banja Luka: „Ich melde, dass ich mit dem heutigen Tage, nach Been-
dung [sic] der Choleraepidemie in Travnik, den Dienst bei der Kreisbehörde in Banja Luka an-
trete.“⁸⁶ Als im August 1915, nach einem gewissen Abklingen der Epidemie, noch einige Fälle
von Cholera in den Orten Odžak und Dubica Dolnja im Kreis Banja Luka auftraten, schickte
die Landesregierung sie dorthin, um diesen Fällen auf den Grund zu gehen und die betroffe-
nen Personen zu behandeln.⁸⁷ Für ihren Einsatz bei der Cholera-Epidemie erhielt sie im März
1916 wieder einmal eine „Belobigung“ seitens des Gemeinsamen Finanzministeriums, dies-
mal für ihren „aufopfernden und erfolgreichen Dienst in Epidemieangelegenheiten“.⁸⁸

Da in den Kriegsjahren ein erheblicher Mangel an zivilen Ärzten bestand, wurden die Amts-
ärztinnen immer wieder zu Tätigkeiten herangezogen, die sonst meist von männlichen Kolle-
gen ausgeübt wurden, wie z. B. die Leitung eines Krankenhauses. Im Falle von Rakić war es
so, dass sie im September und Oktober 1914 und dann wieder von Dezember 1916 bis Mai
1917 das Bezirkskrankenhauses in Kotor-Varoš, einer kleinen Bezirksstadt in der Nähe von
Banja Luka, leitete, wofür sie eine monatliche „Substitutionszulage“ erhielt.⁸⁹ Zunächst, im
Jahr 1914, arbeitete sie wohl nur einen Tag in der Woche in dem Krankenhaus, später entfiel
anscheinend diese zeitliche Einschränkung. Ihre Tätigkeit in dem Krankenhaus wurde offen-
sichtlich sehr geschätzt, denn in dem Beamtendossier zu ihrer Person findet sich eine Notiz
des Bezirksvorstehers von Kotor-Varoš, Kapetanović, aus dem Jahr 1917, die besagt, dass
sich Rakić innerhalb kurzer Zeit in der Leitung des Bezirksspitales sehr verdient gemacht ha-
be.⁹⁰ Erneut hat Rakić dann von April bis Juni 1918 im Krankenhaus von Kotor-Varoš gearbei-
tet, wohl auch wieder zwecks Substitution der Leitung.⁹¹

Schon vorher aber, im Jahr 1917, muss es zu einigen wichtigen Ereignissen im (Berufs)Leben
von Rakić gekommen sein, die zu ihrer Versetzung nach Mostar führten – Ereignisse, über
die jedoch so gut wie keine Informationen vorliegen. Was wir wissen, ist, dass sie mit Dekret
vom 5.12.1917 den Bescheid über ihre Versetzung nach Mostar, der Metropole der Herzego-
wina, erhielt.⁹² Aber ob es ihr Wunsch war, von Banja Luka nach Mostar zu wechseln, und
welche Überlegungen auf Seiten des Gemeinsamen Finanzministeriums und der Landesre-

17
gierung bei der Versetzungsentscheidung eine Rolle gespielt haben, geht aus den vorliegen-
den Dokumenten nicht hervor. Die Einschätzung ihrer Tätigkeit durch ihren Vorgesetzten Dr.
Herzmann war weiterhin positiv, wenn auch sehr pauschal gehalten.⁹³ Von daher lässt sich
also kein Versetzungsgrund ableiten. Falls es ihr Wunsch war, Banja Luka zu verlassen, bietet
sich als eine mögliche Erklärung dafür an, dass sie als Serbin in Banja Luka Probleme bekom-
men oder sich zumindest zunehmend unwohl gefühlt haben könnte angesichts einer ausge-
prägt antiserbischen Stimmung nach dem Attentat auf den österreichisch-ungarischen
Thronfolger und dem Beginn des Krieges gegen Serbien. Besonders deutlich kamen die weit
verbreiteten antiserbischen Einstellungen in dem fragwürdigen „Hochverratsprozess“ von
Banja Luka zum Ausdruck, der von November 1915 bis April 1916 gegen 156 Serben, über-
wiegend exponierte Intellektuelle, geführt wurde und mit drakonischen Strafen, darunter 16
Todesurteilen, endete. Die Todesurteile wurden nach intensiven diplomatischen Bemühun-
gen verschiedener Seiten 1917 in lebenslange Freiheitsstrafen umgewandelt.⁹⁴

Ob Gemeinsames Finanzministerium und Landesregierung noch Überlegungen angestellt


haben, die Amtsärztinnenstelle in Banja Luka wieder zu besetzen, ist nicht bekannt. Sie ha-
ben aber in einem anderen Kreis, nämlich Travnik, noch kurz vor dem Zusammenbruch
Österreich-Ungarns eine Amtsärztin eingesetzt. Es handelt sich um Rachel Weissberg, die
ihre Ernennung zur Amtsärztin für den Kreis Travnik Ende Januar 1918 erhielt.⁹⁵

Obwohl die Versetzung von Rakić nach Mostar schon am 5.12.1917 verfügt worden war, soll-
te es noch bis Oktober 1918 dauern, bis sie ihre neue Tätigkeit in Mostar tatsächlich aufneh-
men konnte. Dieses Dreivierteljahr in ihrem Berufsleben ist stark von Krankheit und Schwä-
che geprägt, woran sicher nicht zuletzt die physischen und psychischen Belastungen, denen
sie in der Zeit des Krieges ausgesetzt war, ihren Anteil hatten. Es gab eine Reihe von Krank-
meldungen, die – soweit rekonstruierbar – mit Ende 1917 begannen. Mit Schreiben an die
Landesregierung vom 31.12.1917 bat Rakić um einen zweimonatigen Urlaub, den sie, wie sie
erklärte, teils zur Behandlung eines Lungenspitzkatarrhs, teils „zur Ordnung und Schlichtung
privater Angelegenheiten dringend benötige“.⁹⁶ Nach Beendigung dieses Urlaubs nahm sie in
der letzten Februarwoche 1918 ihre Arbeit wieder auf und war weiterhin im Kreis Banja Luka
tätig. Zu ihren Tätigkeiten in dieser Zeit zählt ein Einsatz in der Bezirksstadt Prnjavor, im Kreis
Banja Luka, auch zur Substitution, worüber es aber keine genaueren Informationen gibt.⁹⁷
Ferner fällt in diese Zeit die erwähnte etwa zweimonatige Tätigkeit im Krankenhaus von Ko-
tor-Varoš, die sie mit dem 16. 6.1918 beendete. Am 26.6.1918 erklärte sie dann gegenüber
der Kreisbehörde in Banja Luka, dass sie am nächsten Tag die Reise zu ihrer neuen Wirkungs-
stätte Mostar antreten werde.⁹⁸

Doch ist sie vermutlich gar nicht bis Mostar gekommen, sondern hat auf dem Weg dorthin
eine Art Zusammenbruch erlebt. Zu dieser Vermutung gibt ein Schreiben Anlass, das sie am
2. Juli 1918 aus Sarajevo an die Landesregierung geschickt hat. Darin teilte sie dieser mit,
dass sie seit Herbst 1917 an einer „hochgradigen Nervosität“ leide, die sich in den letzten
Wochen derart verschlimmert habe, dass sie sich genötigt fühle, um einen Erholungsurlaub

18
von einigen Wochen zu bitten, da sie den Anforderungen, die der Dienst an sie stelle, nicht
mehr im Stande sei nachzukommen.⁹⁹

Denkbar ist, dass sie sich in ihrer Not in Sarajevo ratsuchend an ihre dortige Kollegin Krajew-
ska wandte, vielleicht auch an Rosalie Sattler-Feuerstein, die ebenfalls Amtsärztin in Sarajevo
war, bevor sie ihr Gesuch, das zu schreiben ihr sicher nicht leicht gefallen ist, eingereicht hat.
Sie erhielt einen Urlaub von sechs Wochen, doch gelang es ihr nicht, gleich nach dessen Ab-
lauf wieder zu arbeiten. Vielmehr sah sie sich offenbar gezwungen, noch zweimal um eine
Verlängerung des Urlaubs zu bitten, bis sie im Oktober 1918 wieder arbeitsfähig war.¹⁰⁰ In
der Zwischenzeit war man in Mostar schon ungeduldig geworden, wie aus einem Schreiben
des Mostarer Kreisvorstehers an die Landesregierung vom April 1918 ersichtlich ist, in dem
es heißt: „Die hiesigen Militärbehörden haben als Inspektorin der weiblichen Hilfskräfte die
hierstellige Amtsärztin in Aussicht genommen und sich schon des Öfteren nach dem Zeit-
punkte ihres voraussichtlichen Einrückens erkundigt.“ Auch die Distriktskrankenkasse – so
der Kreisvorsteher – benötige die Amtsärztin dringend zur Betreuung einer größeren Gruppe
muslimischer Frauen.¹⁰¹

Nach eigenem Bekunden nahm Rakić ihre Amtsgeschäfte in Mostar schließlich am 12. Okto-
ber 1918 auf.¹⁰² Faktisch hat es nach dem Tod Keckovás 1911 also 7 Jahre lang keine Amts-
ärztin für die weibliche Bevölkerung Mostars gegeben.

Die Anfänge von Rakić in Mostar standen unter keinem guten Stern. Schon wenige Tage nach
ihrem dortigen Amtsantritt brach Österreich-Ungarn zusammen, was zugleich das Ende der
Institution der Amtsärztinnen in der für die Phase der österreichisch-ungarischen Herrschaft
in Bosnien-Herzegowina charakteristischen Ausprägung bedeutete. Wie alle gegen Jahresen-
de 1918 noch amtierenden Amtsärztinnen – außer Rakić waren das Teodora Krajewska und
Rosalie Sattler-Feuerstein in Sarajevo, Jadwiga Olszewska in Dolnja Tuzla und Rachel Weiss-
berg in Travnik – wurde Rakić von dem neuen Staat, dem Königreich der Serben, Kroaten
und Slowenen, übernommen. Dies lässt auf die Wertschätzung schließen, die die Amtsärztin-
nen im Allgemeinen genossen, und es deutet zugleich darauf hin, dass auch unter den neuen
politischen Bedingungen Ärztinnen im Hinblick auf die medizinische Versorgung von Frauen
dringend benötigt wurden. Am 24.2.1819 leistete Rakić den Eid auf König Petar I. und am
19.9.1921 auf dessen Nachfolger, König Aleksandar.¹⁰³

Über die neue Phase in der Berufstätigkeit von Rakić liegen wiederum nur sehr bruchstück-
hafte Informationen vor. Danach sollte sie in den neuen Verhältnissen neben ihrer Haupt-
tätigkeit auch den Unterricht in Hygiene an der Höheren Mädchenschule in Mostar über-
nehmen, den früher einmal Kecková wahrgenommen hatte. Sie begann auch im Dezember
1918 damit, brach diese Tätigkeit aber offenbar schon nach kurzer Zeit wieder ab.¹⁰⁴ Laut
einer Mostarer Quelle übte sie nach 1918 zunächst eine Tätigkeit in der Gesundheitsabtei-
lung des Kreises Mostar aus.¹⁰⁵ Ab den 1930er Jahren soll sie in der Ambulanz für Mütter und
Kinder (Dispanzer za majke i djecu) des Hauses für Volksgesundheit (Dom narodnog zdravlja)
und vor ihrer Pensionierung 1949 noch in einer Schulklinik gearbeitet haben.¹⁰⁶ Fachliche Ar-

19
beiten – so die Quelle – seien von ihr nicht bekannt und in den späteren Jahren ihres Lebens
habe sie ein sehr bescheidenes und zurückgezogenes Leben geführt. Laut Nečas verstarb sie
am 11. Juli 1952.¹⁰⁷

Rakić‘ Entscheidung, einige Jahre nach dem politischen Umbruch von 1918 als Ärztin an einer
öffentlichen Einrichtung für den Gesundheitsschutz von Müttern und Kindern tätig zu wer-
den, zeigt, dass sie sich auch in den neuen politischen Verhältnissen besonders für Frauen
und Kinder engagierte – ein Engagement, das sich wie ein roter Faden durch ihr ganzes be-
rufliches Leben zieht. Was ihre Bedeutung betrifft, wird man wohl – falls nicht noch wichtige
Quellen zu ihrer Biographie auftauchen – konstatieren müssen, dass sie zu wenig Spuren hin-
terlassen hat, um in einem Atemzug mit den eindrucksvolleren und einflussreicheren Per-
sönlichkeiten unter den (Amts)ärztinnen wie Bayerová, Kecková, Krajewska, Olszewska und
Januszewska in einem Atemzug genannt werden zu können. Doch ermöglicht selbst das we-
nige Wissen, das wir von Seiten verschiedener Regierungs- und Verwaltungsstellen über Ra-
kić‘ Tätigkeit haben, einige wichtige Einblicke in die Geschichte der Amtsärztinnen als Teil
der Geschichte Bosnien-Herzegowinas unter der Herrschaft Österreich-Ungarns.

______________

Abkürzungen

ABH Arhiv Bosne i Hercegovine (Archiv Bosnien und Herzegowinas)


B. H. Bosnien und Herzegowina
ZMF Zajedničko ministarstvo finansija (Gemeinsames Finanzministerium)
ZSD Zbirka službeničkih dosijea (Sammlung der Beamtendossiers)
ZVS Zemaljska vlada Sarajevo (Landesregierung Sarajevo)

Anmerkungen

1. In der österreichisch-ungarischen Periode war oft von den beiden Provinzen Bosnien und der Herzegowina
die Rede und die Landesbezeichnung lautete „Bosnien und die Herzegowina“, der heutige Staatsname ist ´Bos-
nien und Herzegowina´, hier wird vorzugsweise die in Publizistik und Wissenschaft häufig gebrauchte Binde-
strichform ´Bosnien-Herzegowina´ verwendet.
Eine Liste der 9 Amtsärztinnen ist unter https://de.scribd.com/document/336593960 zugänglich.
2. Vgl. Brigitte Fuchs, Orientalising disease. Austro-Hungarian policies of ´race´, gender, and hygiene in Bosnia
and Hercegovina, 1874-1914, in: Health, hygiene and eugenics in Southeastern Europe to 1945. Ed. by Christian
Promitzer et al., Budapest, New York 2011 (CEU Press studies in the history of medicine, II), S. 58/59, 64, 69 ff.
3. Die Empfehlung Neumanns lautete in einer wahrscheinlich ziemlich wortgetreuen Wiedergabe durch das
„Bureau für die Angelegenheiten Bosniens und der Herzegowina“, das im Gemeinsamen Finanzministerium
Österreich-Ungarns angesiedelt war: Es sollten „weibliche Ärzte (Doctorinnen) für die weibliche, besonders mo-
hammedanische Bevölkerung“ Bosnien-Herzegowinas herangezogen werden. Von Carl von Sax, einem hoch-
rangigen Beamten dieses Büros, wurde die Empfehlung Neumanns im Juli 1890 wie folgt kommentiert: „Sehr

20
wichtig scheint mir auch der Punkt…, welcher die Anstellung weiblicher Ärzte betrifft; denn es steht außer Fra-
ge, dass man nur durch solche auf einen großen Teil der Bevölkerung, nämlich auf die weibliche Hälfte dersel-
ben und insbesondere auf die Mohammedanerinnen genügend einwirken kann, und es ist auch nicht zu über-
sehen, dass weibliche Ärzte dortlands überhaupt einen heilsamen Einfluss in sozialer Beziehung ausüben könn-
ten.“ (Vgl. ABH, ZMF 8328, 1890). Zur ausführlicheren Darstellung der Rolle Neumanns bezüglich der Heran-
ziehung von Ärztinnen für Bosnien-Herzegowina vgl. Nečas, Anmerkung 5, op. cit., S. 10 ff., und Fuchs, An-
merkung 2, op. cit., S. 72 ff.
4. Zur Rolle Kállays als Verfechter einer „Kulturmission“ Österreich-Ungarns gegenüber Bosnien-Herzegowina
vgl. Robert J. Donia, Islam under the Double Eagle: The Muslims of Bosnia and Hercegovina, 1878-1914, New
York: East European Quarterly, 1981 (East European Monographs, 78), S. 14. Zu Kállay als Förderer der Insti-
tution der Amtsärztinnen in Bosnien-Herzegowina vgl. z. B. Das Sanitätswesen in Bosnien und der Hercegovina.
1878-1901. Hrsg. von der Landesregierung für Bosnien und die Hercegovina, Sarajevo 1903, S. 17, und Brigitte
Fuchs, Anmerkung 2, op. cit., S. 77.
Die Schreibweise des Kállayschen Namens variiert. Neben Benjamin Kállay gibt es auch die Form Benjamin von
Kállay. Im Österreichischen Biographischen Lexikon der Österreichischen Akademie der Wissenschaften findet
sich die Form Béni Kállay von Nagy-Kálló.
5. Zur Studie von Nečas s. Ctibor Nečas, Mezi muslimkami. Působení úředních lékařek v Bosnĕ a Hercegovinĕ v
letech 1892-1918, Brno, Masarykova univerzita, 1992 (Vĕda do kapsy, 4), 137 S., dasselbe auch als Digitalisat
von der Digital Library of the Faculty of Arts, Masaryk University, Brno, Czech Republic, angeboten unter:
https://digilib.phil.muni.cz/handle/11222.digilib/132102, aufgerufen am 15.7.2017. Die Ausführungen über Ra-
kić befinden sich auf S. 108-110 der Studie.
6. Gordana Stojaković, Dr. Kornelija Rakić, in: Znamenite žene Novog Sada (Berühmte Frauen von Novi Sad).
[Knj.] 1. Ed.: Gordana Stojaković, Novi Sad, Futura publikacije, 2001, S. 176/177, und dies., Skica za studiju: Po-
čeci feminističkog pokreta u Vojvodini (1748-1941) (Entwurf für eine Studie: Die Anfänge der feministischen Be-
wegung in der Vojvodina (...), in: ibid., S. 5-62
7. Vgl. das Beamtendossier „Dienst- und Qualifikations-Tabelle der Amtsärztin Dr. Kornelie Rakić“, Archiv Bos-
nien und Herzegowinas (ABH), Sammlung der Beamtendossiers (Zbirka službeničkih dosijea). Geburtstag und –
monat von Rakić sind nicht bekannt.
8. Zu den Angaben in diesem Abschnitt vgl. Gordana Stojaković, Dr. Kornelija Rakić, Anmerkung 6, op. cit., S.
176/177, und den Eintrag „Rakić dr. Kornelija“ in Enciklopedija Novog Sada, Bd. 23, Novi Sad 2004. Wann genau
Rakić mit dem Studium in Budapest begann, ist nicht bekannt.
9. Zu den Angaben in diesem Abschnitt vgl. Gordana Stojaković, Skica za studiju: Počeci feminističkog pokreta u
Vojvodini..., Anmerkung 6, op. cit., S. 28-30 u. 45.
10. Vgl. Claudia Papp, „Die Kraft der weiblichen Seele“: Feminismus in Ungarn, 1918-1941, Münster 2004
(Schriftenreihe der Stipendiatinnen und Stipendiaten der Friedrich-Ebert-Stiftung, 25). In ihrer Studie führt
Papp über den Zugang zum Universitätsstudium in Ungarn aus: „1895 stimmte der Staat [Ungarn] schließlich
der Zulassung von Hörerinnen zu den Fakultäten der Geisteswissenschaft, der Medizin und der Pharmazie zu.
Allerdings war diese Neuregelung mit vielerlei Einschränkungen verbunden, beispielsweise einem überdurch-
schnittlichen Gymnasialabschluss und einer ministeriellen Einzelfallprüfung als Zulassungsvoraussetzung.“ (S.
115) In Bezug auf die Studentinnenzahl in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg stellt Papp fest, dass der Anteil an
Universitätshörerinnen an ungarischen Universitäten nur 3,1% betrug. (S. 313)
11. Zu den Angaben in diesem Abschnitt vgl. das Beamtendossier zu Rakić, zitiert in Anmerkung 7. Nečas (An-
merkung 5, op. cit., S. 108/109) gibt als Promotionsdatum den 9.12.1905 an, das fand ich in dem Dossier zu Ra-
kić nicht bestätigt. Das Thema der Dissertation von Rakić ist unbekannt.
12. Vgl. das Beamtendossier zu Rakić, zitiert in Anmerkung 7.
13. Vgl. Die Ergebnisse der Volkszählung in Bosnien und der Hercegovina vom 10. Oktober 1910. Hrsg. v. d.
Landesregierung für Bosnien und die Hercegovina, Sarajevo 1912, S. XXIII, Tafel 11

21
14. Vgl. Barbara Martin, Rosalie Sattler-Feuerstein und Rachel Weissberg – die beiden letzten von Österreich-
Ungarn in Bosnien-Herzegowina eingesetzten Amtsärztinnen, zugänglich über die Webplattform Scribd unter
https://de.scribd.com/document/340141560, S. 7.
15. Vgl. dazu Nečas, Anmerkung 5, op. cit., S. 42 ff.
16. Vgl. die Liste der 9 Amtsärztinnen, zitiert in Anmerkung 1.
17. Vgl. Das Schreiben des Gemeinsamen Finanzministers Kállay an die Landesregierung in Sarajevo vom 16.
Juni 1899. ABH, ZVS 1899, kut. 279, š. 52 8/24. In dem Schreiben heißt es: „Ich bemerke schließlich, dass die
Amtsärztin von B a n j a l u k a von Zeit zu Zeit wenn nötig auch in den Bihaćer Kreis, und jene von S a r a j e v o
in den Travniker Kreis entsendet werden kann.“
18. Kuhn war wegen der Verehelichung mit ihrem Vorgesetzten, dem Kreisarzt Ladislaus (Władysław) Janu-
szewski, vom Gemeinsamen Finanzministerium und der Landesregierung zur Demission gedrängt worden und
hatte sich daraufhin für die Tätigkeit als Privatärztin in Banja Luka entschieden. Ihr Name lautete von da an Ja-
nuszewska. Vgl. auch Anmerkung 72
19. Vgl. ABH, ZMF 13246, B. H., 1900. Schreiben des Chefs der Landesregierung für Bosnien und die Herzegowi-
na, Johann von Appel, an das Gemeinsame Finanzministerium (Bureau für die Angelegenheiten Bosniens und
der Herzegowina) vom 19.11.1900.
20. Vgl. das Schreiben der Landesregierung, zitiert in Anmerkung 19. Die absoluten Zahlen, die von der Landes-
regierung für 1900 angegeben wurden, sind folgende: Zu Bihać-Stadt: Zahl der Gesamtbevölkerung 3943, da-
von 2571 MuslimInnen; zum Kreis Bihać: Zahl der Gesamtbevölkerung 191897, davon 81777 MuslimInnen; zu
Travnik-Stadt: 6261 BewohnerInnen, davon 2983 MuslimInnen; zum Kreis Travnik: 240088 BewohnerInnen, da-
von 69940 MuslimInnen.
21. Vgl. ABH, ZMF 3269, B. H., 1902. Schreiben des Chefs der Landesregierung für Bosnien und die Herzegowi-
na, Johann von Appel, an das Gemeinsame Finanzministerium vom 4.3.1902.
22. ibid. u. Nečas, Anmerkung 5, op. cit., S. 105
23. ibid.
24. Das Schreiben stammt vom 20.10.1906 und ist vom Kreisvorsteher von Bihać, Karl von Redwitz, unterzeich-
net, vgl. ABH, ZVS 1907, kut. 51, š. 38-43.
25. Vgl. ABH, ZMF 1462, B. H.,1908. Schreiben des Chefs der Landesregierung, Anton von Winzor, an das Ge-
meinsame Finanzministerium vom 27.1.1908.
26. Vgl. Nečas, Anmerkung 5, op. cit., S. 109. Die Ernennung erfolgte zunächst, wie bei allen Amtsärztinnen,
provisorisch. Nach etwas mehr als einem Jahr, am 4. 8. 1909, wurde Rakić dann definitiv in den Landesdienst
von Bosnien-Herzegowina übernommen.
27. Vgl. das Beamtendossier zu Rakić, zitiert in Anmerkung 7. Nečas zufolge hat Rakić nach ihrer Ernennung zur
Amtsärztin am 11. 4.1908 und vor ihrem Amtsantritt noch im „städtischen Krankenhaus“ in Bihać ausgeholfen
(vgl. Nečas, Anmerkung 5, op. cit., S. 109), nach der „Enzyklopädie von Novi Sad“ soll sie vor ihrem Amtsantritt
6 Monate im Landesspital in Sarajevo gearbeitet haben (vgl. Enciklopedija Novog Sada, Novi Sad 2004, Eintrag
Rakić).
28. Genaueres darüber ist nicht bekannt, aber auch Nečas geht von einer entsprechenden Einführung aus (vgl.
Nečas, Anmerkung 5, op. cit., S. 86).
29. Zur Petition vgl. ABH, ZVS 1908, kut. 140, š. 96-78.
30. Vgl. Die Ergebnisse der Volkszählung…1910, Anmerkung 13, op. cit., S. 226/227.
31. Im Kreis Bihać wurden 125465 Angehörige der serbisch-orthodoxen Kirche gezählt, 90906 MuslimInnen und
12336 Angehörige der römisch-katholischen Kirche. Vgl. Die Ergebnisse der Volkszählung…1910, Anmerkung
13, op. cit., S. XXVI, Tafel 15.
32. Zur Instruktion vgl. ABH, ZMF 5447, B. H., 1892. Die Instruktion war ursprünglich einmal als provisorisch be-
zeichnet worden, bildete aber noch viele Jahre die verbindliche Grundlage für die Tätigkeit der Amtsärztinnen.
So war beispielsweise zu Beginn der Tätigkeit der Amtsärztin Rosa Einhorn, spätere Bloch-Einhorn, Anfang 1903
noch die Rede von der „provisorischen dienstlichen Instruktion“, die ihr ausgehändigt worden sei (vgl. ABH, ZVS
1903, kut. 138, š. 52 144/11). Und in der Petition der Amtsärztinnen Krajewska, Olszewska und Rakić vom April

22
1912, in der sie die Landesregierung um angemessene Vergütung und Rangklasseneinstufung baten, werden als
Aufgaben der Ärztinnen auch noch die wichtigsten Punkte der Instruktion angeführt (vgl. ABH, ZMF 2268, prez.,
1913).
33. Vgl. den interessanten „Bericht über die ärztliche Tätigkeit der Dr. Gisela Januszewska, Privatärztin und Lei-
terin des Ambulatoriums ´D. Šeher´, über das erste Halbjahr 1912“, der zugleich ein Rückblick auf die 13 Jahre
ihrer Tätigkeit in Banja Luka ist. (ABH, ZVS 1912, kut. 309, š. 96 191/5)
34. Zu Kecková findet sich dazu einiges in ihrem Jahresbericht 1898 (ABH, ZVS 1900, kut. 238, š. 52 10/11) und
ihrem Zehnjahresbericht, der die Jahre 1893 bis 1902 abdeckt (ABH, ZVS 1904, kut. 36, š. 38 283/6), zu Krajew-
ska u. a. in ihren Memoiren (Teodora z Kosmowskich Krajewska, Pamiętnik. Przygotowała do druku: Bogusława
Czajecka. Kraków, Krajowa Agencja Wydawnicza, 1989, dort etwa S. 69/70, 82/83 u. 85/86). (Die Memoiren
Krajewskas liegen inzwischen auch in kroatischer Übersetzung vor: Zdravka Zlodi, Tomek J. Lis, Bosna u uspo-
menama poljske liječnice Teodore Krajewske z Kosmowskich (1854.-1935.), Zagreb 2015 (Biblioteka hrvatska
povjesnica, Monografije i studije III/68). Kecková pflegte mit den Familien einiger ihrer muslimischen Patientin-
nen einen engen, ja freundschaftlichen Kontakt und war auch durch ihre Bildungsbemühungen unter muslimi-
schen Mädchen und Frauen eng mit Teilen der Mostarer muslimischen Gesellschaft verbunden. Von Krajewska
wissen wir aus ihrer Tuzlaer Zeit, dass sie des Öfteren muslimische Feiern (etwa einen Frauenbajram) und Fami-
lienfeste besuchte und auch zu einigen muslimischen Familien einen engeren Kontakt hatte.
35. Zu dieser Einschätzung kamen die Vorgesetzten Dr. Rudolf Fischer, Sanitätsinspektor, in einer Beurteilung
vom 8.3.1910 und Dr. Martin Bleicher, Oberbezirksarzt, in einer Beurteilung vom 29.7.1911. Vgl. das Beamten-
dossier zu Rakić, zitiert in Anmerkung 7.
36. Es handelt sich um die Beurteilung von Rakić durch den Sanitätsinspektor Dr. Rudolf Fischer vom 8.3.1910.
Vgl. das Beamtendossier zu Rakić, zitiert in Anmerkung 7.
37. Vgl. Das Sanitätswesen in Bosnien und der Hercegovina, Anmerkung 4, op. cit., S. 244.
38. Bei Kecková lassen sich in verschiedenen offiziellen Berichten Hinweise auf ihre Intervention bei schweren
Geburten in den Wohnungen der Gebärenden finden. Beispielsweise heißt es im Jahresbericht 1898 in Bezug
auf Frauen außerhalb ihres Amtssitzes Mostar, darunter sicher nicht selten auch Frauen anderer als der musli-
mischen Glaubensrichtung: „Ich wurde im Laufe des Jahres öfters in nahegelegene Ortschaften wie Vojno,
Drežnica, Raška-gora, Suhi Dol, Potoci, Bjelo-polje, Buna, Blagaj zu mannigfaltigen Erkrankungen und zu schwe-
ren Geburten geholt, im Ganzen zu 36 Fällen, worunter zu 16 schweren Entbindungen, wobei nur bei 6 Fällen
die Kinder lebendig extrahiert wurden, bei den übrigen ist der Tod des Kindes vor kürzerer oder längerer Zeit
bereits eingetreten gewesen. Dass ich gewöhnlich zu spät zu den kreißenden Bäuerinnen gerufen werde, um
noch erfolgreich operativ eingreifen zu können, und dass dementsprechend in den meisten Fällen das Kindes-
leben zugrunde gehen muss, findet seine Erklärung und Begründung in der örtlichen Entfernung der Ortschaf-
ten von der Stadt Mostar…“ (ABH, ZVS 1900, kut. 238, š. 52 10/11). Bei Januszewska finden sich in dem in An-
merkung 33 zitierten Bericht über das erste Halbjahr 1912 und die zurückliegenden Jahre ihrer ärztlichen Tätig-
keit in Banja Luka zur Frage schwerer Geburten bei muslimischen Frauen folgende interessante Ausführungen:
„Da die Osteomalazie damals sehr ausgebreitet war und mangels ärztlicher Hilfe bei den musulmanischen Frau-
en sehr häufig die Stufe erreichte, welche ich später als III. Grad bezeichnete, waren schwere Entbindungen der
Beckenverengerung [sic] wegen an der Tagesordnung. [Absatz] Nun war es mir aber ein Neues, eine Cranioto-
mie am 5. – 6. Tag des Kreißens vornehmen zu müssen, meist nachdem die Wöchnerin schon sehr entkräftet
war, etwa ein Bad in aufgelöstem Pferdemist (zur Beförderung der Wehentätigkeit) genommen, nachdem das
Fruchtwasser längst abgeflossen, und dies obendrein in engen stickigen schmutzigen Zimmern und in denkbar
unbequemer Stellung, da nirgends ein Bett vorhanden war, ich demnach auf dem Boden kniend operieren
musste.“
39. Vgl. ABH, ZVS 1908, kut. 144, š. 89 81/399 (Bericht über die „Syphilisdurchforschung“ einiger kleinerer Orte
durch Rakić, wobei u. a. darauf eingegangen wird, dass nicht wenige muslimische Frauen sich einer Gesund-
heitskontrolle entzogen.) und kut. 144, š. 89 81/394 (Programm für die „Syphilisdurchforschung“ durch Rakić
im Oktober 1908, incl. der Reiseroute Rakić‘).

23
40. Zur Beurteilung des Sanitätsinspektors Dr. Rudolf Fischer vom 8.3.1910 und des Oberbezirksarztes Dr. Mar-
tin Bleicher vom 29. 7. 1911 vgl. das Beamtendossier zu Rakić, zitiert in Anmerkung 7.
41. Vgl. das Beamtendossier zu Rakić, zitiert in Anmerkung 7, und Nečas, Anmerkung 5, op. cit., S. 110.
42. Die Verordnung der Landesregierung vom 18. Mai 1905, Nr. 48857, bündelte einige programmatische Über-
legungen, die das Sanitätsdepartement der Landesregierung entwickelt hatte und die vom Gemeinsamen Fi-
nanzministerium gebilligt worden waren. Vgl. dazu den in Anmerkung 43 zitierten Bericht „Izvješće o suzbijanju
endemičnog sifilisa“, S. 24-30.
43. Der Bericht „Izvješće o suzbijanju endemičnog sifilisa“ ist ohne Angabe des Verfassers und Erscheinungsjah-
res in Sarajevo erschienen. Ein Exemplar befindet sich in der Bibliothek des Archivs von Bosnien und Herzego-
wina (ABH) in Sarajevo unter der Inventarnr. 4780 und der Signatur IV 609. Die Studie von Mina Kujović, die
den Titel „Aktivnost austrougarskih vlasti i zdravstvenih organa u Bosni i Hercegovini na suzbijanju endemskog
sifilisa (1878-1910)“ (Aktivitäten der österreichisch-ungarischen Regierungsstellen und Gesundheitsorgane in
Bosnien-Herzegowina zur Bekämpfung der endemischen Syphilis (1878-1910) trägt, ist erschienen in: Zbornik
radova. Savjetovanje. Izvori za prikupljanje i istraživanje podataka o zdravstvenoj i socijalnoj kulturi sa poseb-
nim osvrtom na Kanton Sarajevo i šire. Collection of papers. Counseling. Sources for collection and research of
data on health and social culture with an emphasis on Canton Sarajevo and broader territory. Zavod za javno
zdravstvo FBiH. Institute for Public Health FBiH. Sarajevo 2011. Der Hinweis auf die Herkunft des Berichts findet
sich in der Studie von Kujović auf S. 30.
44. Zu vorhergehenden staatlichen Maßnahmen und Plänen vgl. Izvješće, Anmerkung 43, op. cit., S. 6-24 pas-
sim. Zur Rolle, die Isidor Neumann um 1890 bei der Erforschung und Bekämpfung der Syphilis in Bosnien-Her-
zegowina spielte, auch zu seiner Befürwortung des Einsatzes von Ärztinnen in diesem Zusammenhang, vgl. ibid.
S. 11-15.
45. Zur Begründung der neuen Aktion siehe Izvješće, Anmerkung 43, op. cit., S. 24. Dort heißt es: „…immer häu-
figer haben sich neue Nester der syphilitischen Ansteckung gezeigt, und zwar in Gegenden, von denen man bis-
her angenommen hat, dass sie nicht angesteckt seien, so dass die Furcht begründet schien, dass die Syphilis
stellenweise noch voranschreitet. Daneben gab es noch alte Nester der Syphilis. [Absatz] So ist man immer
mehr zu der Überzeugung gelangt, dass sich das Problem der Bekämpfung der Syphilis nicht auf die begonnene
Art und Weise lösen lassen kann. [Absatz] Ausgehend von diesem Standpunkt hat das Sanitätsdepartement der
Landesregierung ein neues Programm für die Bekämpfung der endemischen Syphilis zusammengestellt und
eine besondere Instruktion herausgegeben, in der die bisherigen Maßnahmen systematisch zusammengestellt
und durch neue, unbedingt notwendige Anordnungen ergänzt wurden, damit der gewünschte Zweck erreicht
wird. [Absatz] Der erwähnte Plan basierte auf der Überzeugung, dass die endemische Syphilis überwiegend wie
eine Art Epidemie (Ansteckung) angesehen und wie eine solche bekämpft werden muss, weswegen es nötig ist,
dass die Hauptarbeit auf die eigentlichen Nester der Syphilis konzentriert wird, wo man mit der systemati-
schen, extensiven und intensiven Behandlung der Masse des Volkes beginnen muss.“ [Übersetzung von Bar-
bara Martin] Dies alles mündete dann in die in Anmerkung 42 zitierte Verordnung der Landesregierung vom 18.
Mai 1905.
46. Ohne die Einbeziehung muslimischer Frauen sei ein „vollkommener und anhaltender Erfolg“ der Antisy-
philiskampagne – so der Bericht – nicht erreichbar. (Vgl. Izvješće, Anmerkung 43, op. cit., S. 41) Sinngemäß
ähnlich lauten einige weitere Stellen in dem Bericht.
47. Zu der sukzessiven Einbeziehung der besonders stark von Syphilis betroffenen Bezirke vgl. Izvješće, Anmer-
kung 43, op. cit., S. 33-43 passim. Auf S. 43 findet sich die Angabe, dass bis 1911 39 Bezirke in die Syphilistil-
gungsaktion einbezogen worden waren. Zur Zahl der Bezirke in Bosnien-Herzegowina vgl. Die Ergebnisse der
Volkszählung…1910, Anmerkung 13, op. cit., S. XVII.
48. Dem Bericht über die Syphilisbekämpfung zufolge gehörten u. a. die Bezirke Cazin (Kreis Bihać), Sarajevo
und Fojnica (Kreis Sarajevo) zu den am frühesten, d. h. 1905/06, in die Syphilistilgungsaktion einbezogenen Be-
zirken (vgl. Izvješće, Anmerkung 43, op. cit., S. 33). Krajewska berichtet in ihren Memoiren einige interessante
Details über ihre Einsätze bei der Syphilisbekämpfung, beispielsweise in Fojnica und Kreševo (vgl. die Memoi-
ren, Anmerkung 34, op. cit., S. 135-137), in den kleinen, in unmittelbarer Nähe von Sarajevo gelegenen Ort-

24
schaften Hrasnica, Rakovica, Butmir, Binježevo u. a. (ibid. S. 164/165) und in den Orten Trnovo und Kijevo (ibid.
S. 162/163). Außerdem finden sich im Fonds ZSV (Zemaljska vlada Sarajevo) im Archiv Bosnien und Herzegowi-
nas zu den Jahren 1906 ff. unter der Rubrik „Zdravstvo“ (Gesundheit) zahlreiche Berichte Krajewskas über ihre
Aktivitäten bei der Syphilisbekämpfung.
49. Nach mir vorliegenden Berichten Olszewskas wurde sie schon 1905 zur Syphilisbekämpfung in Tešanj im
Kreis Banja Luka herangezogen (vgl. Jahresbericht 1905 Olszewskas, ABH, ZVS 1906, kut. 77, š. 38 402/8). Es
folgten 1906/07 weitere Dienstreisen zur „Syphilistilgung“ dorthin. Die Bezirke Kladanj und Maglaj im Kreis
Dolnja Tuzla, in dem Olszewska amtierte, wurden 1905/06 bzw. 1908 in die Kampagne einbezogen. Als Olszew-
ska im Februar 1911 die Landesregierung um eine zweite Quinquennal-Zulage bat, wurde ihr offiziell beschei-
nigt, dass sie „außerordentlich strebsam und fleißig“ sei und „sich in hervorragendem Maße an der Syphilistil-
gung im Kreise Tuzla“ beteiligt habe (vgl. ABH, ZVS 1911, kut. 270, š. 96 41/2).
50. Zur Einbeziehung der Bezirke Konjic und Ljubuški in die Antisyphilis-Kampagne vgl. Izvješće, Anmerkung 43,
op. cit., S. 39. Kecková nimmt auf ihren Einsatz im Bezirk Konjic z. B. in ihrem Jahresbericht 1909 Bezug, in dem
es heißt: „Ende September habe [ich] zufolge des Erlasses der Landesregierung die syphilisdurchseuchten Orte
des Bezirkes Konjica – und zwar 28 Ortschaften – zwecks Durchforschung der muslimanischen Frauen und Mäd-
chen bereist. Den diesbezüglichen Bericht habe [ich] seinerzeit dem Bezirksamte Konjica vorgelegt.“ (Vgl. ABH,
ZVS, 1910, kut. 210, š. 96-75). Und in dem letzten Jahresbericht vor ihrem Tod, dem Jahresbericht 1910, ver-
merkt Kecková: „Zufolge Erlasses der Landesregierung habe [ich] die syphilisdurchseuchten Orte der Bezirke
Konjica, Zenica und Ljubuški zwecks Durchforschung der muslimanischen Frauen und Mädchen bereist. Habe
meinerseits [die] diesbezüglichen Berichte der hohen Landesregierung vorgelegt.“ (ABH, ZVS 1911, kut. 270, š.
96-77). Der Bezirk Zenica, den Kecková hier erwähnt, gehörte zum Kreis Travnik, d. h. Kecková wurde im Rah-
men der Syphilistilgungsaktion auch außerhalb ihres Kreises Mostar eingesetzt.
51. Eine interessante, mit einiger Kritik am Sanitätsdepartement der Landesregierung durchsetzte Schilderung
der Schwierigkeiten und Belastungen, denen Krajewska bei einem größeren Einsatz zur Bekämpfung der Syphi-
lis 1907 im Bezirk Sarajevo ausgesetzt war, findet sich in ihren Memoiren (zitiert in Anmerkung 34) auf den Sei-
ten 162-168.
52. Vgl. das Konvolut ZMF 2268, prez., 1913, im ABH, das u. a. die Petition der Amtsärztinnen von 1912 enthält.
Sinngemäß ähnlich wird in der Petition von 1908 argumentiert (vgl. ABH, ZVS 1908, kut. 140, š. 96-78).
53. Vgl. Izvješće, Anmerkung 43, op. cit., S. 41
54. ibid., S. 41 u. 45
55. ibid., S. 61. Zur weiteren Geschichte der Amtsärztinnen vgl. Barbara Martin, Anmerkung 14, op. cit., S. 7/8.
56. Vgl. Izvješće, Anmerkung 43, op. cit., S. 60/61
57. ibid., S. 28
58. ibid., S. 34
59. ibid., S. 35
60. ibid., S. 42
61. Vgl. das Beamtendossier zu Rakić, zitiert in Anmerkung 7.
62. Vgl. Nečas, Anmerkung 5, op. cit., S. 110. Von wann das Gesuch datiert ist und welche Gründe Rakić darin
für ihren Wunsch, nach Banja Luka versetzt zu werden, anführte, ist mir nicht bekannt. Das von Nečas erwähn-
te Gesuch konnte ich im Archiv Bosnien und Herzegowinas nicht auffinden.
63. Vgl. das Beamtendossier zu Rakić, zitiert in Anmerkung 7.
64. Ihre Absicht zur Wiederbesetzung der Stelle in Bihać bekundete die Landesregierung in einem Schreiben
vom 7.9.1912 an das Gemeinsame Finanzministerium (vgl. ABH, ZMF 13291, B. H., 1912). Das Schreiben des
Ministeriums an die Landesregierung mit der Frage nach der Wiederbesetzung der Amtsärztinnenstellen in Bi-
hać und Mostar datiert vom 15.9.1912 (vgl. ABH, ZVS 1912, kut. 390, š. 96 191/6). Die Antwort der Landesre-
gierung mit der Mitteilung, dass keine Kandidatinnen für die beiden unbesetzten Stellen in Bihać und Mostar
„vorgemerkt“ seien, stammt vom 6.10.1912 und befindet sich in dem Konvolut ZMF 13291, B. H., 1912. Zu hin-
terfragen wäre allerdings, ob die Landesregierung sich überhaupt ausreichend bemüht hat, Kandidatinnen für
die vakanten Amtsärztinnenstellen zu finden.

25
65. Vgl. S. 1 und 3 dieser Arbeit
66. Vgl. Iljas Hadžibegović, Bosanskohercegovački gradovi na razmeđu 19. i 20. stoljeća (Bosnisch-herzegowini-
sche Städte an der Scheide des 19. und 20. Jahrhunderts), Sarajevo 2004 (Historijske monografije, 1), S. 34. Laut
den Angaben von Hadžibegović hatte Bihać 1910 6201 EinwohnerInnen, Banja Luka 14800, Sarajevo 51919 und
Mostar 16392.
67. Zu der folgenden Aufzählung der Einrichtungen mit Ausnahme des Gemeindekrankenhauses vgl. Hadžibe-
gović, Anmerkung 66, op. cit., S. 215. Die Angaben beziehen sich auf die Zeit um 1914. Zu den Höheren Mäd-
chenschulen s. a. Anmerkung 77.
68. Zu dem Gemeindekrankenhaus vgl. Izet Mašić, Korijeni medicine i zdravstva u Bosni i Hercegovini (Die Wur-
zeln der Medizin und des Gesundheitswesens in Bosnien und Herzegowina), Sarajevo 2004 (Biblioteka Biomedi-
cinske publikacije, 19), S. 103.
69. In der S t a d t Banja Luka, die 1910 14800 EinwohnerInnen hatte, bestand die Gruppe der MuslimInnen aus
6588 Personen, gefolgt von den Gruppen der römisch-katholischen (3930) und serbisch-orthodoxen (3694)
Gläubigen. (Vgl. Die Ergebnisse der Volkszählung...1910, Anmerkung 13, op. cit., II. Abschnitt. Ortschaftstabel-
len, S. 148/149). Im K r e i s Banja Luka machte die Gruppe der Personen, die sich zur serbisch-orthodoxen Kir-
che zählten, 236260 Personen aus, gefolgt von der Gruppe der Angehörigen der römisch-katholischen Kirche
mit 86847 Personen und der Gruppe der MuslimInnen mit 70365 Personen. (Vgl. Die Ergebnisse der Volkszäh-
lung...1910, Anmerkung 13, op. cit., S. XXXVIII, Tafel 33).
70. Zur größeren flächenmäßigen Ausdehnung des Kreises Banja Luka verglichen mit dem Kreis Bihać vgl. ibid.,
S. XXIII, Tafel 11. Die Zahl der BewohnerInnen des Kreises Bihać lag 1910 bei knapp 230000, die der Bewohne-
rInnen des Kreises Banja Luka bei nahezu 404000 (ibid.).
71. Vgl. das Beamtendossier zu Rakić, zitiert in Anmerkung 7.
72. Zur Scheidung von Gisela Kuhn, wieder verheiratete Januszewska, in der Zeit ihrer Amtsärztinnentätigkeit in
Banja Luka (etwa Mitte 1899 bis Herbst 1900) vgl. Nečas, Anmerkung 5, op. cit., S. 104. Zu ihrer Demission als
Amtsärztin und der Bewilligung zur Eröffnung einer Privatpraxis vgl. die Angaben von Januszewska in ihrem
letzten Bericht von 1912. Zur Fundstelle des Berichts s. Anmerkung 33. Was die Frage der Scheidung von Gisela
Kuhn angeht, so ist es mir bisher nicht gelungen, ein Dokument zu finden, aus dem der Termin der Scheidung
eindeutig hervorginge. Aus mir vorliegenden Dokumenten, die sich im Archiv Bosnien und Herzegowinas befin-
den, ist jedoch zu ersehen, dass das Ehepaar Kuhn noch kurze Zeit in Banja Luka zusammengelebt hat, bevor
Gisela Kuhn konkrete Schritte unternahm, sich von ihrem Ehemann Heinrich Kuhn scheiden zu lassen. Auch In
Remscheid, wo Gisela Kuhn vor der Arbeitsaufnahme in Bosnien-Herzegowina tätig war, hatte das Ehepaar
Kuhn zusammengelebt.
73. Die meisten der hier angedeuteten Tätigkeiten, die Januszewska noch neben ihrer Privatärztinnentätigkeit
ausübte, sind in dem Bericht über ihre Tätigkeit in der ersten Hälfte 1912 sowie ihre gesamte Tätigkeit in Bos-
nien-Herzegowina erwähnt, der in Anmerkung 33 zitiert ist. Das Kloster Nazareth befand sich in Budžak, das
heute als Lazarevo ein Teil von Banja Luka ist. Slatina-Ilidže, heute Slatina, ist Teil der Gemeinde Laktaši, 19 km
nördlich von Banja Luka gelegen.
74. Januszewska gibt die Höhe des von der Landesregierung geleisteten Entgelts für ihre Leitungstätigkeit im
Ambulatorium „D. Šeher“ mit 600 K(ronen) jährlich an. (Vgl. ihren in Anmerkung 33 zitierten Schlussbericht von
1912). Zum Vergleich: Die Amtsärztinnen bekamen viele Jahre lang, bis in das erste Jahrzehnt des 20. Jahrhun-
derts hinein, als Vergütung jährlich insgesamt 3200 K (aufgeschlüsselt nach Grundgehalt von 2000 K, Zulage von
800 K und Quartiersgeld von 400 K). Vgl. etwa das Schreiben des Gemeinsamen Finanzministers István Burián
an die Landesregierung vom 17.6.1904 in Sachen Amtsärztinnen (ABH, ZVS 1904, kut. 35, š. 38-281). Die ande-
ren Ausgabenposten der Landesregierung für Tätigkeiten Januszewskas dürften erheblich unter der genannten
Summe für die Leitung des Ambulatoriums gelegen haben.
75. Die Sitzung des Stadtrats von Banja Luka fand unter der Leitung des Bürgermeisters H. Hifzi ef. Bahtiarević
statt. Die schriftliche Fassung des Sitzungsbeschlusses ist vom 29.4.1912 datiert. Zum Protokoll der Sitzung und
zum Beschlusstext vgl. ABH, ZVS, 1912, kut. 309, š. 96 191/3. [Übersetzung eines Teils des Sitzungsbeschlusses:
Barbara Martin]

26
76. Das Schreiben ist auch unter ZVS 1912, kut. 309, š. 96 191/3 zu finden.
77. Die Staatlichen Höheren Mädchenschulen (Državne više djevojačke škole), 1908/09 in Nationale höhere
Mädchenschulen (Narodne više djevojačke škole) umbenannt, setzten auf der 4klassigen Grundschule auf und
hatten im Laufe der Zeit vier bis sechs Klassen. Diese Art von Schule für Mädchen gab es seit 1893/94 in Saraje-
vo (erste Anfänge ab 1883) und Mostar, ab 1898/99 auch in Banja Luka. Vgl. Mitar Papić, Školstvo u Bosni i Her-
cegovini za vrijeme austrougarske okupacije (1878-1918) (Das Schulwesen in Bosnien und Herzegowina zur Zeit
der österreichisch-ungarischen Okkupation (…), Sarajevo 1972 (Biblioteka kulturno nasljeđe), S. 141-144.
78. Vgl. das Protokoll der Sitzung der Regierungs-Konferenz in Sarajevo vom 10.8.1912. Dort heißt der entspre-
chende Passus: „Dr. Rakić würde auch den bisher von Frau Dr. Januszewski besorgten Hygieneunterricht in der
höheren Mädchenschule und in der Gewerbeschule in Banja Luka übernehmen.“ (ABH, ZVS 1912, kut., 309, š.
96 191/3 ad)
79. Zur Schilderung der allgemeinen Gesundheitssituation von Frauen in Banja Luka vgl. insbesondere den
Rückblicksbericht von Januszewska, zitiert in Anmerkung 33. Das Zitat über Osteomalazie und Syphilis wie auch
die Ausführungen über die Erfolge bei der Behandlung der Osteomalazie finden sich dort.
80. Zu dem Zitat vgl. „Jahresbericht über die ärztliche Tätigkeit der Dr. Gisela Januszewska, Leiterin des Ambu-
latoriums ´D. Šeher´, für das Jahr 1911“ (ABH, ZVS 1912, kut. 309, š. 96-191). Zur Einbeziehung des Landbezirks
Banja Luka 1911 in die „Syphilistilgungsaktion“ vgl. Izvješće, Anmerkung 43, op. cit., S. 43. Von einer „Gewöh-
nung der Bevölkerung an die Ambulatorien“ ist im Jahresbericht 1910 Januszewskas die Rede. (Vgl. ABH, ZVS
1911, kut. 271, š. 96 190/2)
81. Das Schreiben der Landesregierung ist ohne erkennbares Datum, dürfte aber kurz nach dem Gesuch von
Rakić, das vom 16.5.1914 datiert ist, verfasst worden sein. Zu beiden Schreiben vgl. ABH, ZVS 1914, kut. 280, š.
96-275.
82. Vgl. den Bericht Januszewskas über ihre Tätigkeit im Jahr 1910 (ABH, ZVS 1911, kut. 271, š. 96 190/2).
83. Vgl. z. B. den in Anmerkung 80 zitierten Jahresbericht Januszewskas für das Jahr 1911 und Anmerkung 38.
84. Die Beurteilung von Seiten Dr. Herzmanns stammt vom 8.1.1914. Vgl. das Beamtendossier zu Rakić, zitiert
in Anmerkung 7. Zur Beurteilung des Arztes Dr. Bleicher vgl. S. 11 der vorliegenden Arbeit.
85. Zu ersten militärischen und politischen Maßnahmen am Beginn des Krieges vgl. Manfried Rauchensteiner,
Der Tod des Doppeladlers. Österreich-Ungarn und der Erste Weltkrieg, Graz, Wien, Köln 1993, S. 95, 108/09 u.
114. Zu Repressionsmaßnahmen und zu Kriegsgräueln in Bosnien-Herzegowina vgl. Marie-Janine Calic, Ge-
schichte Jugoslawiens im 20. Jahrhundert, München 2010, S. 71-73. Besonders aufschlussreich für das Alltags-
leben der Bevölkerung in der Zeit des Krieges sind die Memoiren der Kinderärztin Bronisława Prašek-Całczyń-
ska, die mit ihrem Ehemann, dem Bakteriologen Emil Prašek, seit Ende 1914/Anfang 1915 in Sarajevo lebte. Sie
schildert beispielsweise, wie 1915 die Cholera in Bosnien-Herzegowina grassierte, wie es in Sarajevo, aber auch
in Bosanski Brod, wo ihr Ehemann und auch sie längere Zeit gegen die Cholera kämpften, an Lebensmitteln
mangelte, und wie es im Laufe des Krieges immer wieder zu Ausbrüchen von Typhusepidemien kam. Vgl. Broni-
sława Prašek-Całczyńska, Memoari jedne liječnice. Polski liječnici (Memoiren einer Ärztin. Polnische Ärzte), Za-
greb, 2. Aufl. 2005, S. 39, 47-49, 56/57 u. 60/61.
86. Vgl. ABH, ZVS 1915, kut. 224, š. 96 53/20
87. ibid.
88. Vgl. das Beamtendossier zu Rakić, zitiert in Anmerkung 7.
89. Zur Krankenhaustätigkeit von Rakić im Jahr 1914 vgl. ABH, ZVS 1914, kut. 280, š. 96 273/3, 96 273/4 und 96
273/5, zu der Zeit von Anfang Dezember 1916 bis Ende Mai 1917 vgl. ABH, ZVS 1918, kut. 300, š. 97 43/8 u. 97
43/28.
90. Die Notiz des Bezirksvorstehers von Kotor-Varoš, Kapetanović, ist datiert vom 5.5.1917. Vgl. das Beamten-
dossier zu Rakić, zitiert in Anmerkung 7.
91. Aus der Abschrift eines Telegramms des Kreisvorstehers von Banja Luka, Josef Nikodemowicz, an die Lan-
desregierung vom 6. April 1918 geht hervor, dass der Kreisvorsteher gemäß dem Erlass der Landesregierung
Rakić „zur Übernahme des Dienstes in Kotor-Varoš“ aufgefordert hat. (Vgl. ABH, ZVS 1918, kut. 297, š. 96-220).
Der Dienst in Kotor-Varoš dauerte ungefähr zwei Monate und in einem Schreiben vom 16. Juni 1918 teilte Rakić

27
dem Bezirksamt in Kotor-Varoš mit, dass sie „am heutigen Tage die spitalsärztlichen und bezirksärztlichen
Agenden an Dr. Midžić übergeben habe“. (Vgl. ABH, ZVS 1918, kut. 297, š. 96 266/6).
92. Das Dekret mit der Kennzeichnung 10711, 1917, einzusehen, war mir nicht möglich. Es ist aber in dem Be-
amtendossier zu Rakić erwähnt und auch Nečas, Anmerkung 5, op. cit., S. 110, erwähnt es.
93. Vgl. das Beamtendossier zu Rakić, zitiert in Anmerkung 7.
94. Vgl. Dragan Živojinović, Pomilovanje osuđenih u Banjolučkom procesu. 1916-1917. godine (Die Begnadigung
der Verurteilten im Prozess von Banja Luka (...), In: Banja Luka u novijoj istoriji (1878-1945). Zbornik radova s
naučnog skupa održanog u Banjoj Luci od 18-20. novembra 1976. godine. Organizac. odbor: Nikola Babić. Izd.:
Institut za istoriju Sarajevo, Sarajevo, Banja Luka 1978, S.175, 181 u. 190/91.
95. Vgl. dazu Barbara Martin, Anmerkung 14, op. cit., S. 5.
96. Zu dem Schreiben von Rakić vgl. ABH, ZVS 1918, kut. 297, š. 96-266. Von einigem Interesse ist der Hinweis
auf eine notwendige „Schlichtung“ in privaten, sprich Familienangelegenheiten in dem Gesuch von Rakić.
Schon 1914 hatte es von ihr einmal einen ähnlichen Hinweis gegeben. Da hatte sie um einen zweimonatigen
Urlaub zu Studienzwecken sowie zur Schlichtung einer Familienangelegenheit gebeten. (Vgl. ABH, ZVS 1914,
kut. 280, š. 96-275). Das heißt, es gab offenbar jahrelang Streit in ihrer Familie, der ihr Sorgen bereitete und
Mühe machte. Welcher Art dieser Streit war, ist unbekannt.
97. Vgl. ABH, ZVS 1918, kut. 297, š. 96 266/3
98. Vgl. ABH, ZVS 1918, kut. 297, š. 96 266/6
99. Zu ihrem Schreiben über ihren Krankheitszustand vgl. ABH, ZVS 1918, kut. 297, š. 96 266/7.
100. Ihre Urlaubsgesuche sind anscheinend nicht lückenlos erhalten geblieben. In dem einen von wahrschein-
lich zwei weiteren Gesuchen, das vom 15.8.1918 datiert ist, bittet sie um einen Erholungsurlaub von 6 Wochen.
(Vgl. ABH, ZVS 1918, kut. 297, š. 96 266/9) Dieses Schreiben hat sie aus Banja Luka an die Landesregierung ge-
schickt, was darauf hindeutet, dass sie sich in der Zeit ihrer Krankheit und allmählichen Genesung zumindest
zeitweilig in Banja Luka aufhielt.
101. Zum Schreiben des Kreisvorstehers vgl. ABH, ZVS 1918, kut. 297, š. 96 266/4.
102. Zu dem Schreiben von Rakić über die Wiederaufnahme ihrer Arbeit vgl. ABH, ZVS 1918, kut. 297, š. 96
266/10.
103. Vgl. das Beamtendossier zu Rakić, zitiert in Anmerkung 7.
104. Vgl. ein Schreiben vom 29.1.1919 von Seiten der Direktion der Höheren Mädchenschule und Frauenfach-
schule (Viša djevojačka i ženska stručna škola) in Mostar und ein zweites Schreiben vom 24.4.1919 (beide
Schreiben zu finden unter ZVS 1919, kut. 64, š. 96-277). Zum Hygieneunterricht von Kecková an der Staatlichen
höheren Mädchenschule in Mostar vgl. Nečas, Anmerkung 5, op. cit., S. 68.
105. Vgl. 50 godina regionalnog zavoda za zdravstvenu zaštitu Mostar (50 Jahre Regionalinstitut für Gesund-
heitsschutz Mostar). Regionalni medicinski centar „Dr. Safet Mujić” Mostar. Regionalni zavod za zdravstvenu
zaštitu Mostar, Mostar 1980, S. 383. Den Hinweis auf diese Broschüre verdanke ich Frau Prof. Dr. Ajnija Oma-
nić, Sarajevo.
106. Vgl. ibid. In einer anderen Quelle, der Enciklopedija Novog Sada, zitiert in Anmerkung 8, heißt es, dass Ra-
kić noch 1949 aktiv gearbeitet habe, und zwar als Ärztin einer Allgemeinpraxis.
107. Vgl. Nečas, Anmerkung 5, op. cit., S. 110.

Publiziert im Oktober 2017 auf Scribd (Aktualisierung des Layouts im August 2018)
Kommentare, Anregungen, Kritik usw. sind willkommen unter:
maria-barbara.martin@t-online.de

_________________

28
Keywords
Rakić, Kornelija; Rosenfeld-Roda, Gisela, verh. Kuhn, wieder verh. Januszewska; Kuhn, Gisela; Januszewska,
Gisela; Krajewska, Teodora; Kecková, Bohuslava; Keck, Bohuslava; Bayerová, Anna; Bayer, Anna; Olszewska,
Jadwiga; Amtsärztinnen; Službene liječnice; Uredovne liječnice; Female state doctors; Female health officers;
Bosnien und Herzegowina; Bosnia and Hercegovina; Bosna i Hercegovina; Bihać; Banja Luka; Mostar, Sarajevo,
Dolnja Tuzla, Travnik; Neumann, Isidor

__________________

29