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Rezension: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.12.1980, S.

L14

Blackbourn, David: Mythen deutscher Geschichtsschreibung

Der liberale deutsche Bürger des vergangenen Jahrhunderts beschäftigte sich mit nichts so gern und ausführlich wie
mit sich selbst. Mit innigem Behagen behandelte er seine gemütlichen Lebensformen. Die Geschichte seit dem
hohen Mittelalter erschien ihm fast nur als heroische Vorgeschichte des endlich erreichten bürgerlichen Zeitalters
aufgeklärter Humanität. "Der Bürger" galt ihm als prometheische Gestalt, die tapfer die Fackel des Fortschritts und
der Freiheit von Generation zu Generation weiterreichte, allmählich trübe Epochen immer durchdringender
erleuchtete, unaufhaltsam modernisierte und von Zwang wie Aberglaube emanzipierte. Die motorische Kraft des
Bürgertums in der Geschichte wurde zu einer der erfolgreichsten Ideen der deutschen Historiographie.

Dennoch wollen gerade deutsche Historiker heute nur noch mit erheblichen Einschränkungen das deutsche 19.
Jahrhundert als cine tatsächlich liberal-bürgerliche Epoche verstehen. Vielmehr möchten sic nahezu einmütig die
Ursache für die spektakulären Katastrophen der deutschen Entwicklung während dieses Jahrhunderts in einer
mangelhaften Verbürgerlichung der deutschen Gesellschaft erkennen, die ebendeshalb einen "Sonderweg"
eingeschlagen habe, der sic immer weiter weg vom "Westen", also von fortschreitender Demokratisierung entfernte
und konsequent zum Nationalsozialismus hinführte.

Denn dem deutschen Bürgertum sei es nie gelungen, ein festes Klassenbewußtsein auszubilden und
dementsprechend Reformen von den vorindustrieilen Machteliten zu erzwingen, um einen "notwendigen" Prozeß
der Demokratisierung der sich entwickelnden Industriegeseilschaft einleiten zu können. Die deutsche Bourgeoisie
habe hingegen seit 1848 immer wieder Kompromisse mit den aristokratisch-autoritären Eliten und deren
Wertsystem geschlossen, seit der Reichsgründung sich selber zusehend "feudalisiert". Die "verspätete Nation" sei
demgemäß nur eine halbmoclerne, zwar hochindustrialisierte, aber kaum liberale, jedoch mit zahlreichen
irrationalen und antiquiertautoritären Vorstellungen behaftete Gesellschaft gewesen.

Diese zur Doktrin verfestigte Vorstellung vom "deutschen Sonderweg" - die auch ausländische Historiker
bereitwillig aufnahmen, weil sich mit ihr zugegebenermaßen recht bequem arbeiten läßt - greifen jetzt zwei
englische, keineswegs "bürgerliche" Historiker als gänzlich unhistorische Konstruktion an, David Blackbourn und
Geoff Eley, und charakterisieren sie in dem schmalen Band "Mythen deutscher Geschichtsschreibung".

Sie erinnern an die historische Überzeugung, daß jeder Fall zuerst einmal ein Sonderfall ist. Die beiden Autoren
wollen Deutschland wieder in eine gemeinsame europäische Geschichte einbeziehen, die deutschen Verhältnisse bis
1914 als eine durchaus "normale" Variation der bürgerlichen Welt verstanden wissen. Denn eine typisch bürgerliche
Revolution, die von einer in sich einigen und klassenbewußten Bourgeoisie vollzogen wurde, hat es nie gegeben.
Sie ersparen deutschen Historikern nicht den Vorwurf, nur oberflächliche Kenntnisse von der französischen und der
englischen Geschichte zu besitzen.

Sie erachten es für unergiebig, die Existenz der Bourgeoisie vom Klassenbewußtsein abhängig zu machen, und
halten es für bloßes Wunschdenken, daß die von sich überzeugte Bourgeoisie selbstverständlich liberal gewesen
sein müsse, um ihre Ziele erreichen zu können, die trotz kapitalistischer Bedürfnisse nicht unbedingt in großzügiger
Demokratisierung gesehen werden sollten. Bürgertum, Kapitalismus, Liberalismus und Demokratisierung gehörten
nicht notwendig zueinander. Das Bürgertum zerfiel überall in ganz verschiedene Gruppen, die ihre Wünsche auch
ohne fortschreitende Liberalisierung und Demokratisierung zu erfüllen vermochten. Kapitalistische Interessen, die
keineswegs mit den bürgerlichen identisch waren, ließen sich auch ohne politisch-demokratisierende Reformen
befriedigen. Gerade französische und engtische Liberale bewiesen eine beharrliche Vorliebe für ein eingeschränktes
Wahlrecht. Erst 1918 wurde in England das allgemeine Wahlrecht allen Männern gewährt.

"Die Revolution von oben" - seit den preußischen Reformen und deren Entsprechungen in Bayern und Österreich -
widersprachen nicht den bürgerlichen Absichten, noch manipulierte "der Staat" mit ihnen genuin-bürgerliche
Interessen. "Der Bürger" war in allen europäischen Ländern zu Kompromissen bereit, fürchtete offene Revolten,
weil er sich nur ungern mit den Volksmassen verbündete, um nicht deren Kontrolle zu verlieren. Wenn deutsche
Bürger, ob als kleine oder große Unternehmer, als Professoren, Intellektuelle, Beamte oder Angestellte, sich jeweils
auf ihre Art mit den hergebrachten sich reformierenden Herrschaftseliten arrangierten, dann verrieten sie nicht
unbedingt ihre Klasse oder erfüllten nur unzulänglich ihre notwendige Aufgabe im Dienste des historischen
Weltplans. Die europäische Bourgeoisie besaß vielmehr kein kollektives Bewußtsein. Sie "wurstelte" sich durch die
Geschichte geschickt und erfolgreich. Sie sorgte sich allein um die Grundbedingung bürgerlicher Kultur, um die
Rechtsgleichheit, die Vereins- und Pressefreiheit, um die Sicherheit der individuellprivaten Sphäre vor jedem
staatlichen Zugriff. Diese Voraussetzung der bürgerlichen Welt war im Laufe des Jahrhunderts auch in Deutschland
anerkannt und zugestanden.

Von dieser Grundlage aus gelang es deutschen Bürgern, die Strukturen der Gesellschaft, die sich ohnehin
aufweichten, nach und nach zu verändern, unterschiedlichen bürgerlichen Interessen anzupassen. Eine rasche
Verbürgerlichung ergriff das gesamte öffentliche Leben, das der Bürger erfolgreich zur bürgerlichen Öffentlichkeit
umgestaltete. Mit den Vereinen, den Museen, dem Theater und dem Konzertsaal bildete sich nicht allein ein
bürgerliche Kultur aus, von dort aus verbreiteten sich auch Schulen und Hochschulen, in denen allgemein und
öffentlich gelehrt wurde. Die öffentliche Moral wandelte sich zur bürgerlichen und fand schließlich im Bürgerlichen
Gesetzbuch ihre Kodifizierung, Die alten Herrschaftseiiten fügten sich ohne nennenswerten Widerstand in die sich
ändernde Weit und folgte nicht nur äußerlich der allgemein gewordenen bürgerlichen Mode. Gleiche Bildung und
Ausbildung, gleiche Lebensformen und gleicher Geschmack ermöglichten nicht anders als in England und
Frankreich die Verschmelzung der Aristokratie mit dem guten Bürgertum. Eine neue Führungsgruppe entstand
daraus. Nicht der Bürger feudalisierte sich, sondern die Aristokraten gingen in der bürgerlichen Kultur auf.

Kulturpessimistische Strömungen, die in ganz Europa seit dem späten 18. Jahrhundert bekannt waren, vermochten
den optimistischen Fortschrittsglauben des deutschen Bürgertums nicht sonderlich zu schwächen. Wie alle Bürger
glaubte auch der deutsche an die humanisierenden Wirkungen der neuen Technik. Die späte, aber desto
erstaunlichere Industrialisierung mit Hilfe des dynamischsten und erfolgreichsten Kapitalismus, den Europa kannte,
beeinflußte die allgemeine Lebenskultur und erzwang aus sich heraus cine fortschreitende Demokratisierung.

Den großen Industriellen, längst über Verbände und Verbindungen in den Staatsapparat eingedrungen, genügte
allerdings die Verfassung des Reiches für ihre Zwecke. Einer konsequenten Parlamentarisierung bedurften sie nicht.
Sie erschienen den Liberalen ohnehin keineswegs wünschenswert, seit allzu offenkundig sich die Opposition all der
vom Liberalismus benachteiligten oder geschädigten Gruppen bemerkbar machten. Im Parlament zerbrach die
liberale Ideologie, "der Bürger" vertrete gleichsam die Nation. Ins Parlament wurden deshalb politisch-soziale
Konflikte hineingezogen, die es den liberal-bürgerlichen Parteien erlaubten, die Regierung von sich abhängig zu
machen sie zu kontrollieren, zu stützen oder zu stürzen, eben um den Druck von Bauern, Kleinbürgern,
Mittelständlern und Arbeitern ausbalancieren zu können und "den Staat" daran zu hindern, unbürgerliche
Maßnahmen zu ergreifen.

Geoff Eley und David Blackbourn tadeln an den deutschen Historikern, daß sie schildern, "wie es eigentlich nicht
gewesen war", und sich vorzugsweise mit im übrigen eingebildeten Leiden über Versäumnisse beschäftigen, statt
die Epoche in ihrer Vielfalt und Eigenart zu würdigen. Ihre freundlich sanfte Polemik könnte befreiend wirken,
wäre die deutsche Geschichte nicht in den Nationalsozialismus gemündet. Wenn der "deutsche Sonderweg" nur ein
Irrweg deutscher Historiker ist, dann stellt sich aber auch die Frage nach den historischen Ursprüngen des
Nationalsozialismus neu. War Deutschland bürgerlich, modern und also auf der Höhe der Zeit - was um 1900 kein
Europäer bestritt -, könnten die Wurzeln des Nationalsozialismus nicht mehr in antiquiert-irrational-feudalem Erbe
einer deutschen Sonderentwicklung aufgespürt werden.

David Blackbourn, Geoff Eley: "Mythen deutscher Geschichtsschreibung." Ullstein Verlag, Berlin, Frankfurt a. M.
1980. 139 S., br., 12,80 DM.

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