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Armutspolitik in Hamburg

Kar! Heinz Roth

Ein Mustergau gegen die Armen, leistungsschwachen und »Gemeinschaftsunfähigen«

Hamburg - liberales und offenes Tor nach Übersee: so

Sonntags reden wider, wenn Re-

präsentanten sich bemühen, die Zuhörer von der Attraktivi- tät ihrer Weltstadt zu überzeugen. Bei solchen Anlässen üben sie sich oft in Geschichtsbewußtsein. Sie kommen dann nicht umhin, die »dunkle Schicksalszeit« des Nationalsozia- lismus zu streifen: eine Episode am Rand und sozusagen au- ßerhalb der Geschichte, die sich durch wechselseitige Unver- träglichkeit auszeichnete. Mit Hamburg konnten die Nazis wenig anfangen, und den Nazis waren die Hamburger Be- hörden gram. Hamburg schottete sich ab, so '5ut es ging, und es unternahm manches, um die verbrecherischen Ambitio- nen, die da von Berlin ausgingen, im Zaum zu halten. Nein, für Hamburg war der Nationalsozialismus kein Thema. Die hanseatischen Tugenden behaupteten sich standhaft, es wur- de vornehm Distanz gewahrt. Es wäre zu schön gewesen, um wahr zu sein. Es ist bekannt, daß Sonntagsredner mit Wahrheiten gern hinter dem Berg halten. Was aber, wenn nicht nur beschö- nigt, geschwindelt und geglättet, sondern eine historische Tatsache auf den Kopf gestellt wird? Dann könnte es sich lohnen, neugierig zu werden. Die Beiträge in diesem Buch

hallt es noch immer in vielen

sind ein Produkt solcher Neugierde. Sie handeln von einer politischen Elite, die ihre Region zum nazistischen Muster- gau aufpolierte, indem sie große Teile der Bevölkerung ver- folgte und vernichtete. Während des Nationalsozialismus begnügte sich die Ham- burger Verwaltung keineswegs damit, die Bevölkerung »kommunisten-«, »zigeuner-« und »judenfrei« zu machen und von einigen »Erbkranken« zu »säubern«. Die Behörden der Hansestadt strebten nach mehr: nach einem besonderen Weg zur Beseitigung der Armut und der in sie verstrickten »gemeinschaftsunfähigen« und leistungsschwachen Schich- ten. Sie wollten 300.000 Menschen, die seit der Weltwirt- schaftskrise unter dem Existenzminimum lebten, von einer sozialen »Krankheit« heilen, für deren Behandlung sie keine ausreichenden Mittel zur Verfügung hatten - und auch gar nicht haben wollten. Die Überwindung der Armut wurde durch Zwangsarbeit für alle Einkommenslosen angestrebt und mit abschreckenden Techniken der Aussonderung ver- bunden. Das war möglich, weil die herrschenden Eliten Hamburgs vor und nach 1933 Anhänger der »Sozialhygie- ne« waren: es verarme nur dauerhaft, wer zuvor moralisch und sozial »entartet« sei. Die sozialen Begleiterscheinungen des wirtschaftlichen Zusammenbruchs seit 1928 wurden aus- drücklich als reinigendes Gewitter begrüßt, da sie die »unter- wertigen Schichten der Volksgemeinschaft« deutlich sicht- bar machten und damit den gesellschaftssanitären Konzep- ten der Gesundheits-, Innen- und Sozialbehörde sowie der Justiz auslieferten. Zwischen 1933 und 1945 sind in der Hansestadt 24.000 Menschen zwangssterilisiert, über 500 Männer kastriert, und

bei etwa 800 Frauen - meist polnische und russische Zwangsarbeiterinnen - sind Zwangsabtreibungen vorge- nommen worden. 14.000 »gemeinschaftsunfähige« Jugend- liche und Erwachsene sind, oft zusätzlich zu diesen körperli- chen Verstümmelungen, entmündigt und zwangsasyliert worden. Wieviele von ihnen die Zwangsarbeitsanstalt Farm- sen und seit 1940 auch das KZ Neuengamme überlebt haben, wissen wir nicht. Die sechste Kammer des Landgerichts - eine ganz normale Strafkammer - verhängte die härtesten uns bekannt gebliebenen »Rassenschande«-Urteile im Reichsgebiet. Das Hamburger »Sondergericht«, dessen Ur- teile ein interner Zirkel um den Justizsenator Curt Rothen- berger »vor-« und »nachschaute« und oftmals in Todesur- teile umwandelte, war bei den NS-Spitzen besonders beliebt. In drei Schüben wurden bis zum Winter 1941/42 fast alle noch ansässigen 7.500 Juden deportiert und bis auf 600 ver- nichtet. In ebenfalls drei Deportationswellen teilten 1.130 Zigeuner ihr Schicksal. Aus den städtischen Altenheimen, den Zwangsarbeits- und Irrenanstalten wurden - mit zwei Schwerpunkten 1941 und 1943 - zusammen etwa 6.000 In- sassen abtransportiert und wahrscheinlich ein Drittel von ih- nen in Tötungsanstalten umgebracht; die Tötung von 70 Kindern in den »Kinderfachabteilungen« Rothenburgsort und Langenhorn war vorausgega!1gen. In den Jahren 1942 bis 1945 ermordete die Hamburger Gestapo etwa 70 polni- sche und sowjetische Zwangsarbeiter, und im »Russenlager« Wietzendorf selektierte sie Hunderte russischer Kriegsgefan- gener für die Massenexekution in Sachsenhausen und Auschwitz. Mit der SS, die seit 1940 auf dem Gebiet der Hansestadt das Konzentrationslager Neuengamme mit sei- nen bald 105.000 Insassen, von denen 50.000 umgebracht wurden, unterhielt, hatte die Hamburger Verwaltung einen Vertrag geschlossen. Sie wollte im Interesse der monumenta- len Neubauten in der Hansestadt an der dortigen» Vernich- tung durch Arbeit« teilhaben. Der »Sonderaktion geistes- kranke Ostarbeiter und Polen« ist in Hamburg eine noch unbekannte Zahl osteuropäischer Zwangsarbeiter zum Op- fer gefallen. Aus dem Zuchthaus Fuhlsbüttel wurden von der Kripoleitstelle Hamburg über 100 »asoziale Justizgefan- gene« zur »Vernichtung durch Arbeit« in die Konzentra-

tionslager Neuengamme und Mauthausen deportiert.

In

mehreren Zentren (Reservelazarett Wandsbek, Heil- und Pflegeanstalt Langenhorn, KZ Neuengamme) wurde mit russischen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern, jüdi- schen Kindern und deutschen Anstaltsinsassen medizinisch experimentiert.

Bombenwochen des J ulilAugust 1943 haben

die Behörden aus Furcht vor Revolten Deutsche insgeheim und ausländische Zwangsarbeiter offen demonstrativ besei- tigt. In den meisten der geschilderten Fälle war neben Justiz, Kripo und Gestapo die Gesundheits- und Sozialverwaltung führend beteiligt. Eine nicht unwesentliche Folge all dieser Vernichtungs- maßnahmen war, daß die Fürsorgeausgaben halbiert werden konnten und die Aufwendungen für die Gesundheitsversor- gung der Armen kontinuierlich zurückgingen. Die durch Zwangsarbeit abgepreßten Werte lassen sich bis heute noch nicht einmal annähernd schätzen. Die Statistik behördlicher Verstümmelungs- und Vernich- tungsaktionen liegt in den meisten Fällen weit über dem ver- gleichbaren Reichsdurchschnitt, oft an der Spitze. Der Feld- zug der Justiz, der Innen-, Gesundheits- und Sozialverwal- tung gegen die Armen und die Selektion sozialer und natio- naler Minderheiten funktionierte geräuschlos, effizient, mit minimalem Kostenaufwand. Es wurden Methoden ent- wickelt und angewandt, die in vielen Fällen reichsweit Schule machten. Hamburg, bis 1936/37 offiziell Notstandsgebiet, wandelte sich zum Mustergau. Als 1938 das »Groß-Ham-

Selbst in den

burg-Gesetz« in Kraft trat, genoß die Hamburger Verwal- tung längst das Wohlwollen der höchsten NS-Spitzen. Denn sie hatte sich mit der Wiederentdeckung und Modernisie- rung hanseatischer Tradition in der Armenbekämpfung als sozialtechnische Elite des Nazismus hochgedient und profi- liert. Auf die »Ausmerze« der verarmten städtischen Unter- schichten sollte der Triumph folgen, der Ausbau zur »Kolo- nialhafenstadt« mit einer monumentalen Skyline. Hamburg galt als künftige »Führerstadt« mit amerikanischem Zu- schnitt, als Manhattan an der EIbe für ein »tausendjähriges« Reich. Warum hat gerade Hamburg eine derart fatale wie für den Nationalsozialismus beispielhafte Entwicklung zum Muster- gau durchgemacht? Das ist eine Frage, die weit über zeitge- schichtliche Dimensionen hinausreicht.

Wachsende Bedrohung von unten

Während der Weltwirtschaftskrise »hatten sich in den dumpfen Terrassen und Höhlen des Gängeviertels die Men- schen wie nach der Novemberrevolte zusammengerottet«.1 Dieses Zitat wirft ein Schlaglicht. In Hamburg wurden seit Mitte der zwanziger Jahre wie kaum sonstwo die Übergänge zwischen den arbeitenden und den »gefährlichen« Klassen, dem Subproletariat immer fließender. Nach der dritten Kahlschlag-Sanierung in den alten Stadtteilen (Flächenabriß südlich der Steinstraße) verschärften sich Wohnungsnot und Obdachlosigkeit. Für die Arbeitslosen, die die Rationalisie- rungswelle ab Mitte der zwanziger Jahre auf die Straße ge- worfen hatte, stellte sich nach dem Verlust ihrer Wohnungen die Frage des nackten Überlebens. So war in Hamburg der Übergang zur großen Depression fließend. Die Auswirkun- gen der Weltwirtschafts krise trafen die Hafenstadt 1931 zu- sätzlich wie ein Keulenhieb. Bis Ende 1932 stieg die Arbeits- losigkeit auf 30 Prozent der lohnabhängigen Bevölkerung, und Hamburg sollte auch lange Jahre nach der Machtüber- nahme »Notstandsgebiet« bleiben. Aufgrund der restrikti- ven Bestimmungen der Notverordnungen, die die Arbeitslo-

sen-, Kranken- und Rentenversicherung gleichermaßen ab-

bauten, waren bald über 150.000 Menschen (Arbeiter und

ihre Familienangehörigen) aus den reichszentralen Einrich- tungen der sozialen Sicherung ausgesteuert. An 85 Prozent der knapp 170.000 Arbeitssuchenden mit ihren Familien wurde schließlich kommunale Wohlfahrtsunterstützung ge- zahlt, zuletzt 30 Prozent des Hamburger Staatshaushalts. Wenn sie nicht verhungern wollten, blieb den Verarmten nichts anderes übrig, als ein Stück weit die mit den Unter- stützungszahlungen (sie wurden mehrfach gesenkt) verbun- denen Demütigungen der Sozial- und Gesundheitsverwal- tung über sich ergehen zu lassen. Für den Bereich der Sozial- versicherung und Fürsorge hatte keine der damaligen Strö- mungen der Arbeiterbewegung politische Alternativen ent- wickelt. Die verarmten Arbeits- und Einkommenslosen blie- ben weitgehend allein, wo sie in ihrer Existenz von der Wirt- schaft und der behördlichen Sozialverwaltung angegriffen wurden. Das war die eine Seite. Die andere wird durch eine Reihe von Revolten markiert, die 1930 mit »Hungerunruhen« in der Neustadt-Nord (Gängeviertel) begannen und im Juli 1932 im »Abruzzenviertel« Altonas ihren Höhepunkt er- reichten. In vielen Wohnvierteln des inneren Stadtgebiets entstand aus der Verarmung eine neue soziale Annäherung und Vermischung zwischen den städtischen proletariSchen Schichten. Viele von ihnen mußten sich mit Gelegenheitsar- beit, Schattenwirtschaft und kleiner Delinquenz durchschla- gen. Die Armutsviertel schotteten sich mehr und mehr gegen die Herrschaftsstrukturen und Krisenstrategien des bürgerli-

chen Staats ab. Für die Behörden kam dieses Nebenprodukt ihrer Verarmungspolitik keineswegs überraschend. Früh machten sie sich Gedanken darüber, wie es möglich sei, die neuerstandenen »Schlupfwinkel für Verbrechen, Prostitu-

tion und lichtscheues Gesindel und damit eine Brutstätte des

Kommunismus«

ihnen besonders akut, als die bisherigen Unterdrückungs- mittel immer häufiger versagten: »Die wirkliche Beherr- schung des Gängeviertels durch die Polizei verlangt einen so großen Einsatz von Kräften, wie er auf die Dauer nicht ge- stellt werden kann.«3

wieder zu beseitigen. 2 Diese Frage schien

Behördliche Krisenstrategien vor 1933

Die behördeninternen Auseinandersetzungen um neue Wege zur »Lösung der sozialen Frage« wurden von der So- zialverwaltung eingeleitet. Oskar Martini, ihrem damaligen

stellvertretenden Präses, kam im Herbst 1929 eine zündende Idee, die er sogleich in einer Denkschrift ausführte. Die Ver- armung immer breiterer Schichten der Bevölkerung konnte zusehends weniger durch Fürsorgegelder und Sachzuwen- dungen materiell abgewendet werden. Darüber hinaus wur- den alle Versuche zur Fortsetzung der bisherigen Armutsre- gulierung im Massenbetrieb der Wohlfahrtsämter hinfällig. Deshalb mußte eine neue Strategie entwickelt werden, mit der man die Hilfsbedürftigen erfassen, sortieren und ausein- anderdividieren konnte: die Zwangsarbeit. Nur wer körper- lich arbeitsfähig war und sich den grotesken Bedingungen fast unbezahlter wie häufig auch sinnloser Arbeitsleistungen unterwarf, sollte weiter unterstützt werden. Im Vorgriff galt es also, die bedingungslos Anpassungsbereiten von den Wi- derspenstigen zu scheiden, jener angeblich »nicht unbe- trächtlichen Zahl von Arbeitsscheuen, Unwirtschaftlichen

und haltlos gewordenen

, die die Unterstützung als eine

Art von fester Rentenleistung als Unterlage ihrer Lebenshal- tung« ansahen. 4 Deshalb schlug Martini vor, das gesamte

System der Wohlfahrtsunterstützung mit behördlich regu- lierter Zwangsarbeit, einer sogenannten Arbeitsfürsorge, zu koppeln. Zudem würde die »Arbeits fürsorge« Ansätze für eine Reihe zusätzlicher Sortier- und Aussonderungsverfah- ren bieten. So sollte einem sich politisch vereinheitlichenden Pauperismus entgegengewirkt werden, um die durch ihn be- fürchteten Ansätze zum sozialen Umsturz vorbeugend zu zersetzen. Wie kein anderer brachte Martini die Furcht vor

tersten Volksschicht« auf

den Begriff, »die, weil in ihr das Verbrecherturn, alle Aso- zialen und Antisozialen, aber auch politische Dunkelmänner untertauchen, wühlen und hetzen werden, eine außerordent- lich ernste Gefahr für Staat und Gesellschaft und sozialer Seuchenherd von verhängnisvoller Ansteckungsfähigkeit werden kann«.5 Martinis Vorschlag wurde sofort in behördliche Praxis übersetzt. 1930 wurde die zentrale Sortierstelle »Arbeitsfür- sorge« eröffnet. Zum Leiter wurde ein junger Verwaltungs- jurist namens Kurt Struve ernannt, der mit seiner Karriere

Anfang und Ende des eingeschlagenen Wegs markiert. Von der »Arbeitsfürsorge« Martinis stieg Struve zur rechten Hand Friedrich Ofterdingers, des Präses der Gesundheitsbe- hörde, auf. Die Gesundheitsbehörde operierte seit 1940 mit besonders kostengünstigen Techniken der behördlichen Ver- nichtung von siechen und »geisteskranken« Anstaltspatien- ten. Seit 1930 führte die Unfähigkeit zur, beziehungswiese die Verweigerung von Zwangsarbeit zum Entzug der Unterstüt- zungsgelder , was nichts anderes als soziale Existenzvernich- tung bedeutete und meist mit Asylierung der Betreffenden einherging. Genau zehn Jahre später wurden all jene Insas-

dem Aufkommen einer neuen »up

sen der Alten-, Siechen- und Irrenanstalten zur ärztlichen Tötung freigegeben, die sich als »nicht mehr fähig zur pro-

duktiven Arbeitsleistung« erwiesen. An die »Arbeitsfürsorge« wurden im Verlauf der Welt- wirtschaftskrise weitere Techniken der sozialen Sortierung und Ausgrenzung angekoppelt. Georg SteigerthaI, der Di- rektor des »Amts für Wohlfahrtsanstalten« in der Sozialver- waltung, verband die ihm unterstehenden Alten-, Siechen- und Zwangsarbeiteranstalten mit der »offenen Arbeitsfür- sorge« Struves. Seit 1929 gab es eine stetige Ausweitung der Anstalts- und Bettenkapazität im Tätigkeitsbereich der »ge- schlossenen Fürsorge«. In ihr wurden Alte, Behinderte und Sieche mit extrem niedrigen Tagessätzen »bewahrt«, was für diese Menschen chronischen Hunger, gesundheitliche Nicht- versorgung, qualvolle Enge und eine Verringerung ihrer Le- benserwartung bedeutete. Um die Kosten weiter zu senken (sie erreichten 1931 den Tagessatz von 1,75 RM - die Tages- sätze in der überbelegten und berüchtigten Irrenanstalt Lan- genhorn beliefen sich zum Vergleich immerhin noch auf über 3 RM), ließ Steigerthai einerseits in den »Versorgungs- heimen« die Pflegetätigkeit immer mehr durch arbeitsfähige Entmündigte ausführen, andererseits baute er den Staatsbe- trieb Farmsen der Wohlfahrtsbehörde zu einer Zwangsar- beitsanstalt aus. Die mit bis zu 2000 »Asozialen« belegte Zwangsarbeitsanstalt Farmsen bleibt bis heute unerwähnt, wenn über die Konzentrationslager in Hamburg (Fuhlsbüttel und später Neuengamme) berichtet wird. Sie war genauso wie Fuhlsbüttel eine rein städtische Einrichtung, ist aber schon 1930/31 aus dem Staatsgut Farmsen hervorgegangen. Schon 1930/31 fehlte nur noch eine geringfügige Auswei- tung der bürokratischen Zwangsmaßnahmen, um die in der »Arbeitsfürsorge« auffällig Gewordenen in die »geschlosse- nen« Zwangsarbeits- und Absterbehäuser einzuschleusen. Auch dieses »Problem« wurde lange vor der Machtübernah- me »gelöst«. Ein paar Paragraphen des bürgerlichen Gesetz- buchs, des Hamburger Polizeigesetzes und einige fürsorge- rechtliche Bestimmungen reichten völlig aus, um Slums, Straßen und U-Bahnen von diesen »Asozialen« zu »säu- bern<<: »Ein Polizeiparagraph genügte, um unter Einschal-

tung eines Psychiaters gemeinlästige Personen

sen zu bringen. In vielen Fällen wiederum trat der Entmün- digungsrichter in Aktion, der Vormund bestimmte Farmsen als Aufenthalt. Solche Regelungen waren nur möglich, weil Hamburg zugleich als Staat, Provinz, Kreis und Stadt han-

delte.«6

Seit 1931 griff das Aussonderungssystem der Sozialver- waltung auf das Gesundheitswesen über. Martini und Stei- gerthai begannen einen wahren Feldzug zur Kostensenkung im klinischen Anstalts- und Krankenhausbereich. Die Fol- gen dieses, von Martini, Ofterdinger, Steigerthai und Struve erarbeiteten »Friedrichsberg-Langenhorner Plans« waren für die psychiatrischen Patienten verheerend (vgl. den Bei- trag von Ebbinghaus).

nach Farm-

Flächensanierung und nazistische »Sozialhygiene«

Auf den vor der Machtübernahme entwickelten Struktu- ren kostensenkender und zugleich sozial vernichtender Wohlfahrts- und Gesundheitspolitik brauchten die Behör- denspitzen nach 1933 nur aufzubauen. Sie taten es gründ- lich, denn sogar in ihrem Selbstverständnis gab es keine effi- zientere Umsetzung der »ausmerzenden« NS-Ideologie in behördliche Praxis. Die Planungsgruppe um Martini und Ofterdinger brauchte ihre Richtlinien nur noch zu verschär- fen. Offen wurden die Einkommenslosen jetzt nach drei Ka-

Der erste NS-Senat vom 8. März 1933

Aus dem »Asozialen«-Kataster Walthers

KZ-Zwangsarbeit für die »Pührerstadt«

tegorien sortiert: NS-Anhänger, die jede Arbeitsbeschaf- fungsmaßnahme akzeptierten, waren bevorzugt zu fördern. Die breite Masse der »Durchschnittlichen« und »Unauffälli- gen« sollte im Rahmen einer jetzt erweiterten »Arbeitsfür- sorge« an das Arbeitsethos der neuen »Leistungsgemein- schaft« gewöhnt werden. Die »Fürsorge für sozialschwierige und unterwertige Personen« wurde hingegen auf Existenz- vernichtung ausgerichtet: »Insbesondere wird den Gemein-

schaftsunfähigen gegenüber mit festen, auch harten Maß- nahmen durchgegriffen, unter denen der Arbeitszwang, die Entmündigung oder die Bewahrung in geeigneten Anstalten, in erster Linie der Farmsener Anstalt besonders zu nennen sind.« 7 Was noch fehlte, war der soziale Angriff auf die subprole- tarischen Wohngebiete. Eine neue Welle der Kahlschlag- Sanierung bewirkte, daß die Quote der Entmündigten, Zwangsuntergebrachten anstieg und ab 1934 zusätzlich auch die Quote der Zwangssterilisierten. Die Zerstörung ganzer »gemeinschädlicher« Viertel war in Hamburg an sich nichts Neues. Auf jede wirkliche Revolte hatten die Behörden mehrfach mit dem Abriß solcher Stadtteile geantwortet, die im Brennpunkt sozialer Konflikte gestanden hatten (1896 Hafenarbeiterstreik, 1906 Hungerunruhen im Zusammen- hang mit dem Wahlrechtsstreik, dritte Etappe 1919 geplant

1934 auch auf nationale Minderheiten ausgedehnt, insbe- sondere auf die Zigeuner und seit 1933 auf die am Großneu- markt, in St. Pauli und im Schanzenviertel ansässige prole- tarische Schicht der jüdischen Gemeinde. Seit 1939/40 machte das Hamburger Sanierungs- und Sor- tierungsmodell auch im besetzten Polen Schule. Der Ham- burger Gestapochef Bruno Streckenbach wurde nach der Okkupation Polens zum »Befehlshaber der Sicherheitspoli- zei im Generalgouvernement« ernannt. Er nutzte seine örtli- chen Erfahrungen zu einer bürokratisch perfekten Kopplung von Zwangsgettoisierung und anschließender Vernichtung, der alle Juden, Zigeuner, »Asozialen« und die nicht in die »Deutsche Volksliste« aufgenommenen Polen ausgeliefert waren. Dieses neue regional konzipierte Erfassungssystem arbei-

tete mit einem umfangreichen individuellen Melde- und Er- fassungswesen Hand in Hand. Seit 1929 gab es in Hamburg einen Ausweiszwang für alle Einwohner, der mit dem Melde- wesen verbunden war. Der Ausweiszwang wurde 1934 weiter verschärft. Als die Nazis sich seit 1934/35 Gedanken über die Einführung eines reichsweiten Melderegisters machten, setzte sich Hamburgs Innensenator Alfred Richter mit Nachdruck für die Übernahme des Hamburger Ausweis- zwangs ein. Die dann 1938 durchgesetzte »ReichsrneIdeord-

-

erst 1925/26 durchgeführt). Im Herbst 1933 begann der

nung« und die auf ihr basierende»Volkskartei« entsprachen

Abriß von Neustadt-Nord, dem Gängeviertel. Diesmal wa- ren die Maßnahmen umfassender. Die Sozialhygiene ver-

tatsächlich weitgehend den Hamburger Vorstellungen und Erfahrungen.

band sich jetzt unmittelbar mit der Spitzhacke. Die Techni- ker des Selektionssystems in der Sozialverwaltung warteten nur darauf, Tausende verarmter und verzweifelter Men- schen in ihren Absterbe- und Zwangsarbeitsanstalten zu »verarbeiten« . Entscheidend war jetzt, daß noch die »soziale Diagno- stik« eines »Sozialbiologen« hinzukam. Seit längerem schon arbeitete der Universitäts-Soziologe Andreas Walther an ei- nem regionalen »Asozialen«-Kataster, denn »in den gemein- schädigenden Regionen der Großstädte gibt es gehäuft hoff- nungslose Fälle, die wie ein Geschwür am Volkskörper wei- terwuchern, wenn sie nicht herausgesucht und am Weiterge-

Zusätzlich wurden die polizeilichen und regional arbeiten- den Erfassungssysteme noch mit einem »sozialhygienischen Kataster« der Gesundheitsverwaltung vernetzt. Auch dieses Kataster stand später für die reichsweiten Bemühungen um die gesundheitliche Erfassung und Sortierung der Bevölke- rung Pate (vgl. den Beitrag von Pfäfflin: Zentrales Gesund- heitspaßarchiv). Damit war die Flächensanierung im nationalsozialisti- schen Hamburg zu Ende, sie ließ sich aus wirtschaftlichen Gründen vorerst nicht fortsetzen. Das Vorhaben, die gesam- te Elbtangente vom Hafen bis zur Höhe des Altonaer Bahn- hofs abzureißen, kam über das Modellstadium nicht hinaus.

ben ihrer

Krankheitskeime und

Defekte verhindert wer-

Wären die Naziarmeen nicht im Winter 1941 vor Moskau ge-

den«.8

Neben dem Gängeviertel machte Walther sieben beson- ders »gemeinschädliche Viertel« aus: St. Georg-Nord, Uhlenhorst-Barmbek, Hoheluft, St. Pauli, Sternschanze, Rothenburgsort und Hammerbrook. Nur das Gängeviertel wurde abgerissen - immerhin eine einmalige Aktion im »Dritten Reich« -, der Abriß der übrigen Quartiere war für die Zeit nach dem »Endsieg« geplant. Am Gängeviertel

stoppt worden, dann wären wohl die Unterkünfte von weite- ren 40.000 vorwiegend proletarischen Familien den Spitz- hacken des »Architekten des Elbufers« zum Opfer gefallen. Mit der Zunahme all der »sozialhygienisch« begründeten Verfolgungsmaßnahmen bis zum Ende der Blitzkriege wur- de Walthers »Asozialen«-Geographie allmählich Realität. Seit 1934 bildeten sich fünf Schwerpunkte der Verfolgung heraus, über die in diesem Buch berichtet wird:

führte Walther exemplarisch die Verbindung von Flächensa-

1.

Entmündigung, Zwangsasylierung und Zwangsarbeit in

nierung und Sozialhygiene vor, indem er die 12.000 Men-

den Hamburger »Bewahranstalten«.

schen dieses Viertels in vier Gruppen einteilte: in »gesund

2.

Zwangssterilisierung, Zwangsabtreibung und Eheverbote

Gebliebene«, in »nur Angesteckte«, in »nicht Besserungsfä-

für das städtische Subproletariat.

hige« und in »biologisch hoffnungslos Defekte«. Die »Ge-

3.

Abbau der Gesundheitsversorgung für die breite Mehrheit

sunden« wurden als Siedlerbewerber »erbbiologisch« ge-

der Bevölkerung bei gleichzeitigem Ausbau der »Kolonial-

siebt und kamen - etwa 10 Prozent - in einer Stadtrand- siedlung von Horn unter. Die »nur Angesteckten« wurden in

medizin« und Naturheilklinik für die high society in Fried- richsberg.

»gesunde« Stadtviertel umgesiedelt. Über das Schicksal der

4.

Weiterentwicklung der sozialen Existenzvernichtung von

dritten und vierten Gruppe wissen wir fast nichts. Die mei-

chronisch Arbeitsunfähigen und psychisch Kranken zur be-

sten von ihnen wurden jedoch nach dem Grad ihrer angebli- chen »sozialen Unterwertigkeit« zwangssterilisiert, entmün-

hördlich organisierten Massentötung unter Ausnutzung der besonderen Bedingungen von Krieg und Bombenkrieg.

digt und in die Zwangsarbeitsanstalten der Sozialverwaltung

5.

Fortschreitende Aussonderung der »fremdvölkischen«

gesteckt, während die körperlich und geistig Behinderten in den Siechenheimen beziehungsweise in der Heil- und Pflege- anstalt Langenhorn verschwanden. Danach folgten Sonderaktionen gegen besonders stigma- tisierte Gruppen, die Prostituierten, Homosexuellen und die »asozialen Jugendlichen«. Die exemplarische Erfassung und Sortierung einer ganzen Bevölkerungsgruppe wurde seit

Bürger, die mit Beginn des »totalen Kriegs« von bevölke- rungspolitischen und sozialtechnischen Zwangsmaßnahmen gegenüber den Kriegsgefangenen und den osteuropäischen Zwangsarbeiter(inne)n abgelöst wird. Dieses flexible System des »sozialhygienischen« Terrors, das sich in Hamburg von Anfang an der »Erbbiologie«, Psy- chiatrie und Justiz bediente, hat das Regime nachhaltig sta-

bilisiert und vorhandene Ansätze zum Widerstand rasch er- stickt. Es handelte sich um einen vielfach gestuften körperli- chen und sozialen Zugriff auf alle Menschen, die den »ge- seIlschaftssanitären« Utopien der regionalen Machtelite im Wege standen. Die ihm innewohnende bürokratische Ge- nauigkeit brachte am Ende ein abgrundtiefes Grauen her- vor, das weit über die angegriffenen proletarischen Schich- ten hinaus Angst machte. Politische Abweichung gab es zu- letzt nur noch vereinzelt und hatte, wie die Geschichte der Hamburger Jugendopposition (vgl. den Beitrag von Pohl und die Dokumentation zur Verfolgung der proletarischen Jugendlichen) belegt, in der Auseinandersetzung mit den Hamburger Behörden keine Chance.

Die Hamburger Machtelite und ihr Einfluß auf die Sozialpolitik des »Dritten Reichs«

Die infolge der großen Wirtschaftsdepression wachsende politische Bedrohung von unten, aber auch die ersten Resul- tate der behördlichen Krisenstrategien vor 1933 hatten die traditionellen Pfeiler der Hamburger Machtelite rasch mit der nazistischen Führungsgruppe verschweißt. Mühelos war der bisherige politische Überbau der »Systemzeit« zugun- sten der NS-Organisationen ausgetauscht. In weiten Teilen der Hamburger Verwaltung und Staatsbürokratie war die »Gleichschaltung« längst absolviert, noch bevor die reichs- zentralen Erlasse dazu herauskamen. Dieser reibungslose Fassadenwechsel, der sich 1945 erneut - diesmal freilich mit umgekehrten Vorzeichen - vollziehen sollte, fordert zu grundsätzlichen Fragestellungen heraus.

Neue Machtverteilung in der Hansestadt

Zuerst muß diskutiert werden, wer hier wen geschluckt hat: ordneten sich die Behördenspitzen dem Nazismus unter, oder haben sie die nazistische Massenbewegung zu einer Ra- dikalisierung und Systematisierung ihrer sozialpolitischen Ziele genutzt? Das ist eine Frage, die nur quellenkundlich und politisch zugleich beantwortet werden kann. Fassen wir zunächst den archivalischen Befund zusam- men. Danach ist es so, daß seit etwa 1928/29 die großen Wirtschaftsunternehmen der Region und alle wichtigen Be- hördenzweige darauf drängten, gegen die neuerlich herauf- ziehende soziale Unrast mit eisernem Besen zu kehren. Da- für gab es zwei Beweggründe: erstens die sich häufenden Un- ruhen in den proletarischen Wohnvierteln und zweitens die Einschätzung, daß es der sozialdemokratischen Gewerk- schafts- und Parteibewegung, die ganz auf der Seite des bür- gerlichen Krisenkabinetts stand, diesmal nicht mehr gelin- gen würde, die Gärungen der »untersten Volksschicht« wie noch 1918/19 zu spalten und sich totlaufen zu lassen. Die Furcht vor einer weitaus gefährlicheren Neuauflage der So- zialrevolte von 1918/19 ist überall in den Behördenakten dieser Krisenjahre zu spüren . Mit ihr verbunden war die Ge- wißheit, daß in einem solchen Fall die traditionelle Machteli- te nicht mehr wie seinerzeit ungeschoren davonkommen würde. Mit anderen Worten: die Kontinuität der regionalen Herrschaftsstruktur stand im Verlauf der Weltwirtschafts- krise ernsthaft in Frage. Dennoch verhielten sich die Behördenspitzen zunächst ab- wartend. Sie befanden sich in einer Zwickmühle. Die Not- verordnungspolitik der Berliner Präsidialkabinette veran- laßte sie zu einem immer schärferen Verarmungskurs, wäh- rend sich die soziale Protestbewegung keineswegs so eindeu-

tig politisch polarisierte, wie wir heute anzunehmen geneigt sind. Sozial gesehen traf der rigorose Sparkurs der Präsidial- Kabinette Brüning und Papen die »Marine-SA« nicht weni- ger nachhaltig als den »Roten Frontkämpferbund«, und es war nicht unbegrenzt möglich, die Arbeitslosenbewegung politisch zu spalten, gegeneinander auszuspielen und danach zum Angriff gegen die gesamte lohnabhängige Bevölkerung zu benutzen. In der zweiten Hälfte des Jahres 1932 trieben die traditio- nellen Führungsgruppen aus Wirtschaft und Verwaltung ih- ren schon lange gepflegten Dialog mit den Hamburger Chefs der NS-Bewegung in sein Entscheidungsstadium. Es kam zu einem sozialpolitischen Arrangement, bei dem vereinbart wurde, die Massenbasis der Nazis in die sozialpolitischen Stabilisierungspläne zu integrieren und sie gleichzeitig für die geplanten Selektionen zu benutzen. Ihre Bevorzugung bei der Arbeitsbeschaffung und bei der Aufspaltung der Un- terstützungszahlungen war freilich ein Wechsel auf die Zu- kunft, der nur recht beschränkt eingelöst wurde. Auch im re- gionalen Kontext konnten sich die Nazis unmittelbar nach 1933 nur stabilisieren, weil die Wirtschafts- und Verwal- tungseliten sie zur Fortsetzung ihrer sozialpolitischen Kri- senstrategien brauchten. Sobald der aufgrund seiner Konzeptionslosigkeit organi- satorisch schwache, aber sozial sehr wohl verankerte kom- munistische Widerstand gegen die Krisenpolitik vernichtet war, diente die behördliche Verfolgung der Massenarmut mittels Zwangsarbeit und Sozialhygiene nicht zuletzt auch dazu, die kleinbürgerlich-völkische Basis des nazistischen Juniorpartners wieder zu zähmen. Wirtschaft und Verwal- tung haben in Hamburg die Nazis als zusätzliche Machtpfei- ler integriert, um ihre sozialtechnische Krisenstrategie poli- tisch tragfähig zu machen. Die Nazis waren und blieben in Hamburg Juniorpartner der traditionellen Eliten. Diese generelle Einschätzung der Machtverhältnisse wird durch die Analyse der gesundheits- und sozialpolitischen Entwicklung bestätigt. In den sozialtechnischen Konzepten für die Aussondierung der städtischen Armut gab es nichts, was das Jahr 1933 als einen wesentlichen Einschnitt markier- te. Die gesundheits- und sozialpolitischen Grundsatzent- scheidungen waren schon 1931 gefallen, und erst im Jahr 1934 können wir von einer neuen Phase sprechen, die freilich bruchlos auf den Weichenstellungen von 1930/31 aufbaute. Alles, was 1934 an echten »Neuerungen« hinzukam - beispielsweise Zwangssterilisationen und Sicherungsverwah- rung -, wurde flexibel in die laufende behördliche Ausson- derungspraxis eingebaut. In Hamburg wurde von Anfang an eine »soziale Entartungsdiagnostik« angewandt, die auf klassische städtesoziologische und sozial-eugenische Theo- rien setzte. Dieser Ansatz wurde darüber hinaus mit hoch- entwickelten sozialen Erfassungssystemen verbunden. Von Anfang an zielte er auf eine lückenlose Sortierung und Spal- tung der gesamten lohnabhängigen Bevölkerung. Die Ham- burger Behörden sahen keinen Grund, auf die von Berlin aus zunächst praktizierte soziale Demagogie von Zuckerbrot und Peitsche Rücksicht zu nehmen. Die von dort verordne- ten Aussonderungsaktionen gegen besonders stigmatisierte Gruppen und seit detJ. Nürnberger Rassegesetzen von 1935 auch gegen nationale Minderheiten wurden in Hamburg in eine viel breiter und letztlich rigoroser angelegte »sozialhy- gienische« Armutsbekämpfung eingebaut. Schlagend ist auch die Kompromißlosigkeit, mit der die Hamburger Machtelite an ihrem Anspruch festhielt, die Ver- folgung der sozialen und politischen Dissidenz in eigener Re- gie zu betreiben. Gerade in dieser Frage konnte sie auf die rückhaltlose Unterstützung ihres regionalen nazistischen Partners zählen. Reichsstatthalter Kaufmann, Innensenator Richter, Justizsenator Rothenberger und Gestapochef

Streckenbach legten großen Wert darauf, mit dem kommu- nistischen Widerstand auf eigene Faust und folglich unter Ausschluß der SS abzurechnen - was im übrigen keines- wegs bedeutete, daß es den Insassen des Hamburger Konzen- trationslagers Fuhlsbüttel dadurch besser ergangen wäre, eher im Gegenteil. Diese Linie hatte ihre Entsprechung im sozialen Bereich. Sozialsenator Martini und Anstaltschef Steigerthai wollten die Arbeitskraft der »Gemeinschaftsun- fähigen« ausschließlich zugunsten des Budgets der Sozial- verwaltung verwerten. Sie hielten an ihrem Farmsener Mo- dell fest, weil sie die großen Konzentrationslager der SS für unprofitabel hielten. Erst 1940 bekam die SS ihr großes norddeutsches Konzentrationslager, und auch da wurde die Zusammensetzung der Häftlinge zunächst auf polnische Kriegsgefangene und »Fremdvölkische« beschränkt.

Nationalsozialismus und bürgerliche Aufklärung

Die Hamburger Verwaltung profilierte sich im Machtdrei- eck NSDAP, Wirtschaft und Staat als derjenige Pfeiler, der den gesellschaftssanitären »Auslese«- und »Ausmerzuto- pien« der Nazis erst zur Effizienz verhalf. Zumindest auf dem Gebiet der Gesundheits- und Sozialpolitik erwiesen sich die Hamburger Behördenspitzen, die allein den Ton anga- ben, als die effizienteren Nazis. Waren sie es auch in ihrem eigenen Selbstverständnis? Auch diese Frage muß bejaht werden. Vor allem Martini und Steigerthai legten entschie- denen Wert darauf, das Elitebewußtsein des Hamburger Be- amtenkorps historisch zu legitimieren. Ich halte es für bedeutsam, daß sich gerade die beiden füh- renden Köpfe der Sozialverwaltung ihre Konzepte zur Kri- senbewältigung aus einer jahrhundertealten Tradition hansi- scher Armenbekämpfung geholt haben. Immer wieder grif- fen sie auf die Leistungen jener Pioniere der modernen So- zialpolitik zurück, die mit ihren Vorschlägen zur Kopplung von Armenfürsorge und Zwangsarbeit im 18. Jahrhundert die Fundamente des bürgerlichen Staats und der nachfolgen- den Industrialisierung gelegt haben. In den Memoranden und Publikationen der Sozialverwaltung wimmelte es seit 1929/30 von Hinweisen auf Johann Georg Büsch und Cas- par von Voght, deren »Armenordnung« von 1788 »auch noch nach eineinhalb Jahrhunderten mit höchster Dankbar- keit und Anerkennung besonders gedacht werden« müsse.

So schrieb Martini im Jahr 1939 rückblickend: »man führte hier erstmalig in der offenen Fürsorge die Arbeitspflicht für

alle arbeitsunfähigen Unterstützten

mer als Unterstützung erhalten, was er irgend noch zu ver- dienen in der Lage ist', lautet der erste von neun Leitsätzen,

in denen damals die Grundsätze der Arbeitsfürsorge nieder- gelegt sind, und zwar in so treffender Form, daß als vor etwa zehn Jahren die Zahl der von der damaligen Wohlfahrtsbe- hörde zu unterstützenden Arbeitslosen bedenklich anwuchs, ich diese Leitsätze in einer Denkschrift an den Senat zur Be- gründung der Forderung auf Wiedereinführung der Arbeits- fürsorge als eine im wesentlichen auch damals noch zutref- fende Lösung des Problems bezeichnen konnte.«9 Erst die nationalsozialistische Machtübernahme habe es freilich ermöglicht, wieder uneingeschränkt an dieser Tradi-

tion anzuknüpfen: »Woran Voght vor 100 Jahren

unbeirrt geglaubt hatte

Die Arbeitsfürsorge stand wieder im Vordergrund alles für-

sorgerischen Bemühens und wurde für die Fürsorgebehörde

zum wirksamsten Werkzeug

Gesetze ewiger völkischer Verbundenheit aus der Gemein- samkeit von Blut und Boden der Arbeit Ziel und Sinn.«lo

ein. 'Es darf kein Ar-

noch

, das erfüllte sich jetzt von neuern.

gaben die natürlichen

Im gleichen historischen Bewußtsein argumentierte auch SteigerthaI. Er griff immer wieder auf das 1622 gegründete »Werk- und Zuchthaus« zurück, um dessen wechselvolle Geschichte als Kronzeugen für die von ihm favorisierte »ge- schlossene« Konzeption von Zwangsarbeit zu bemühen. Für Steigerthai war die Vorgehensweise der »Aufklärer« des 18. Jahrhunderts maßgebend, die im 19. Jahrhundert erfolgte Ausdifferenzierung der »Bewahrungsformen« der ärmsten Schichten der Bevölkerung in Irrenanstalten, Siechen- und Altenheimen sowie Strafvollzug wurde von ihm verworfen. Die angeblich fortschreitende Überalterung der Bevölke- rung, aber auch »die große Zahl sozial-schwieriger und aso- zialer Menschen, die bis 1933 durch verfehlte sozialpoliti- sche Maßnahmen noch künstlich gesteigert wurde und nur allmählich sinkt«,11 machten es aus Kosten- und Überwa- chungsgründen notwendig, die Differenzierung des An- staltswesens zurückzunehmen. In einem Memorandum »über die Behandlung der Asozialen« pries Steigerthai 1936 die Rückkehr zur »Sammelanstalt« des 18. Jahrhunderts folgendermaßen: »Die zukünftige Entwicklung des An-

wird eine zweckvolle Einspannung und Ver-

wendung der asozialen Menschen gebieterisch verlangen. Die Sammelanstalt (Abteilungen für Zwangsarbeit mit Sie-

chenasylen usw. zusammen) ist sicherlich die Anstaltsform

Anstalten mit überlieferter sparsamer

Grundhaltung verdienen besondere Beachtung.«12 In einer 1939 verbreiteten Propagandaschrift der Sozial-

verwaltung wiederholte er, »Anstalten, in denen« die Irren, Behinderten, Alten und »Asozialen« »billig versorgt, über- wacht und zu beträchtlicher Arbeitsleistung herangezogen

auch in Zukunft unentbehrlich sein«. 13

Zwei Jahre später folgte dann die letzte Konsequenz dieser systematischen Aussonderungspolitik. Auf der Viehrampe des Altonaer Bahnhofs wurden die ersten Männer und Frau- en aus Steigerthals Anstalten zur Vernichtung in Meseritz- Obrawalde verladen. Die konzeptionell festgelegte Hamburger Sozialbürokra- tie verstand es, sich im Verein mit ihren regionalen Junior- partnern gegen die eher punktuell ausgerichtete »Ausmer- ze«-Strategie der Reichsregierung zu behaupten. Die Mas- senarmut, die als Folge der Weltwirtschaftskrise entstand, wurde mit Methoden bekämpft, die aus der Tradition der bürgerlichen Aufklärung stammten. Den Hamburger So- zialtechnikern erschien es unangebracht, zwischen der vorin- dustriellen Massenarmut des 18. Jahrhunderts und der Mas- senverarmung in einem hochkapitalistischen Krisenzyklus (1928 bis 1933) grundsätzlich zu unterscheiden. Gleichzeitig

war dieses Hamburger Konzept mit den modernsten Verfah- ren der Erfassung, Sortierung und Übrwachung verbunden, das industrielle Tötungstechniken einschloß. Der Kern und die Kompromißlosigkeit dieses Konzepts aber stammte aus einem Traditionsbewußtsein des Klassenkampfs von oben, das heute aus gutem Grund totgeschwiegen wird. Die Hintergründe, die Hamburg zum Mustergau werden ließen, machen es notwendig, das Diktum Horkheimers, wo- nach über den Nazismus nicht geredet werden könne, ohne den Kapitalismus zu benennen, zu erweitern. Der Fall Ham- burg wirft ein Schlaglicht auf die Zusammenhänge von Na- zismus und bürgerlich-staatlicher Verwaltung, die weit vor den industriellen Kapitalismus zurückreichen. Damit entfal- len auch die bisherigen historischen Zäsuren 1933 und 1945, mit denen noch immer versucht wird, den Nazismus aus sei- ner historischen Kontinuität herauszunehmen, weil er sonst zu viel über deren sozialgeschichtliche Abgründe offenbaren würde. Der Nazismus war der bürgerlichen Gesellschaft im- mer immanent, und solange es einkommenslose Schichten als Kernproblem der kapitalistischen Arbeitsgesellschaft gibt, wird er es auch bleiben.

staltswesens

der Zukunft

werden, werden

Mustergau fürs »Dritte Reich«

In den Jahren 1936 bis 1938 setzte sich die Reichsregierung zunehmend mit der Hamburger Linie auseinander. Im Zei- chen des Vierjahresplans wurde - abgesehen von den »Not- standsgebieten«, zu denen auch Hamburg gehörte - gerade wieder Vollbeschäftigung erreicht. Diese neue arbeitsmarkt- politische Lage wurde von immer mehr Lohnabhängigen ge- nutzt. Eine Welle der Wanderungen von Ost nach West und in die neuentstandenen industriellen Zentren, die Hochlohn- gebiete waren, machte den seit den Präsidialkabinetten an- dauernden Lohnstopp zunichte. Neue Formen des Auswei- chens und der Flucht machten sich breit, die sich nur schwer unter Kontrolle bringen ließen, weil sie diesmal von der Kernarbeiterklasse ausgingen. Damit war die bisherige Politik von Zuckerbrot und Peit- sche in Frage gestellt. Es war unmöglich, die bisherigen »erb-« und »kriminalbiologischen« Aussonderungsverfah- ren auf die Flucht- und Vermeidungsreaktionen vor allem bei den Jugendlichen und den Frauen anzuwenden, weil sie zu weit verbreitet waren. Es war unumgänglich geworden, die bisherigen Methoden der Sozialtechnik der veränderten Realität anzupassen. Es ist bestürzend nachzuvollziehen, wie die verschiedenen zentralen NS-Institutionen auf die bis dahin eher unbekann- ten Praktiken der Verwalter des Hamburger Depressionsge- biets zurückgriffen. Viefältig sind die Bemühungen der Hamburger Verwaltung, die Kriterien zur »Beurteilung der Erbgesundheit« zu relativieren und durch die viel breiter an- gelegte und auch präzisere Beurteilung des sozialen und Lei- stungsverhaltens zu ersetzen. Als schließlich Ende 1940 neue »Richtlinien zur Beurteilung der Erbgesundheit« herauska- men, die eine Erfassung und Sortierung der gesamten lohn- abhängigen Bevölkerung in »asozial«, »tragbar«, »durch- schnittlich« und »hochwertig« verfügten, konnten sich die Amtsleiter der Sozialverwaltung wohlgefällig die Hände rei- ben: so hatten sie's schon immer praktiziert - »im allgemei- nen bringen die Richtlinien nichts wesentlich Neues«.14 Die Initiativen zur Einführung eines allgemeinen Ausweis-

zwangs habe ich schon erwähnt. Ähnlich setzten sich die Hamburger »Bewahrungs«-Experten auch bei den Beratun- gen eines »Gemeinschaftsfremdengesetzes« durch, über das seit 1940 verhandelt wurde, um im Fall des »Endsiegs« die »soziale Endlösung« auch gegenüber den »deutschstämmi- gen Asozialen« durchzusetzen. Anfänglich ging es bei den um dieses Gesetz geführten und vom Reichssicherheits- hauptamt gesteuerten Auseinandersetzungen darum, mit Hilfe einer Ausweitung des »Schwachsinn«-Begriffs die bis- herige Praxis der Sterilisationsjustiz auf eine noch breitere Grundlage zu stellen. Die Hamburger Experten hielten die- sen Ansatz nicht für tragfähig, weil er die angestrebte sozial umfassende Selektionspolitik ihrer Meinung nach noch im- mer zu sehr medizinisch einengte. Hinzu kamen Sorgen um die Popularität der geplanten »Sonderaktion« bei der Bevöl- kerung, da von ihr, wie Reichsstatthalter Kaufmann noch im Dezember 1942 an das Reichsinnenministerium schrieb, der »Gemeinschaftsfremde als sittlich minderwertig, aber nicht

als schwachsinnig empfunden« werde.

nie erlassen, aber insgeheim in Teilbereichen angewandt, und zwar weitgehend nach den von Hamburg aus entwickel- ten Vorstellungen: Curt Rothenberger war im Herbst 1942, inzwischen zum Staatssekretär im Reichsjustizministerium aufgestiegen, zusammen mit Streckenbach an den Weichen- stellungen zur »Abgabe asozialer Justizgefangener an die Polizei« und am Erlaß der berüchtigten »Polenstrafrechts- verordnung« führend beteiligt. Als viertes Beispiel möchte ich die Hamburger Zwangsar-

15

Das Gesetz wurde

beitsanstalten erwähnen, die für die seit 1938 begonnenen Versuche von SS und Groß konzernen Vorbild waren, um die Arbeitsproduktivität in den großen Konzentrationslagern zu erhöhen. Diesem gewachsenen Interesse begegneten die Hamburger Spezialisten mit gemischten Gefühlen, weil sie um ihren eigenen Bestand an Zwangsarbeitern fürchteten.

Einerseits erschien es Steigerthai »höchst fraglich«, »ob die

in den Instituten der SS gleich

nutzbringend verwandt werden kann, da sie dort sehr viel mehr Aufsichtspersonal gebrauchen und als 'Volksschädlin- ge' reichlich ernst genommen werden«. Andererseits war er aber auch stolz auf den Vorbildcharakter seiner Farmsener Anstalt: »Der frühere Landwirtschaftsrat in Farmsen sagte oft: 'Die asozialen Menschen sind so dämlich, daß sie ohne Bewachung und ohne Tariflöhne für den Staat arbeiten. ' Ich habe die Erfahrung gemacht, daß er mit dieser Feststellung

Arbeitskraft dieser Leute

durchaus recht hatte, sofern die Insassen geschickt behan- delt und sachgemäß eingesetzt wurden. Ein Vertreter der Reichsführung SS, der unsere Organisation im Hamburger Amt für Wohlfahrtsanstalten sich einmal ansah, erkannte die Lage auch schnell, wodurch allerdings bei ihm der Wunsch lebendig wurde, auf ähnlich einfache Art in seinen Anstalten die Arbeiten bewältigt zu sehen.«16

Kontinuität nach 1945

Unter der britischen Besatzungsmacht blieb die Hambur- ger Machtelite weitgehend unbehelligt. Es erscheint ange- bracht, statt von einer Entnazifizierung von einer Sozialde- mokratisierung der nazistischen Verwaltungsexperten zu sprechen, kam es doch wie 1933 nur zu einem oberflächli- chen Schilderwechsel. In einer Zeit, wo die Briten die »Wehrmachtgruppe Nord« am Leben erhielten, weil sie planten, das US-amerikanische Atombomben-Containment von Hiroshima und Nagasaki gegen die Sowjetunion durch eine militärische Offensive von den Westzonen aus zu ergän- zen, hatten die nazistischen Schreibtischtäter nichts ernst- haftes zu befürchten. Ein paar subalterne Folterer und Mör- der wurden abgeurteilt, und damit hatte es schon sein Be- wenden\ Als dann nach dem Sieg der Labour Party in England über Churchill eine etwas härtere Gangart versucht wurde, stell- ten sich die aus dem westlichen Exil zurückgekehrten Sozial- demokraten vor ihre behördlichen Schützlinge. Das taten sie nicht aus Opportunismus, sondern weil sie gegen die stattge- habten Repressalien gegenüber den Kommunisten und der städtischen Massenarmut keine prinzipiellen Einwände zu erheben hatten. Hinzu kamen Nachkriegschaos und Tages- probleme. Die Sozial- und Gesundheitsverwaltung mußte bis 1947 für 30.000 Obdachlose - Flüchtlinge, Rückkehrer aus der Gefangenschaft und heimatlos gewordene Auslän- der (displaced persons) - aufkommen. All diese Menschen wurden schon wieder genauso »verarbeitet« wie die »Aso- zialen« in den Jahren zuvor. Aus außen- und sozialpoliti- schen Gründen waren die alten Experten unentbehrlich. Schon vor der Gründung der Bundesrepublik wurde von den Besatzern und den alten-neuen Verwaltern gemeinsam daran

gestrickt, den Hamburger Mustergau zu einer besonders na- zifeindlichen Region zu erklären. Zeichnen wir kurz das Nachkriegsschicksal der drei wich- tigsten Spitzenfunktionäre der Sozial- und Gesundheitsver- waltung nach: sie haben mit Ausnahme Ofterdingers genau- so wie die führenden Männer von Justiz und Polizeiapparat überlebt. Oskar Martini blieb bis Oktober 1946 Senator, wurde dann abgesetzt, im anschließenden Entnazifizierungs- verfahren aber als »harmloser Mitläufer« (Kategorie IV, später V) eingestuft. Ansonsten wurde er nie behelligt, bis

1974 überhäuften Bürgermeister und Senat den betagten Ju- bilar mit Ehren. Der zweiten, wesentlich jüngeren Garnitur der Verwal- tung winkten Nachkriegskarrieren. Die Absetzung von Ge- arg Steigerthai wurde im Juni 1945 vom Sozialdemokraten Nevermann verhindert. Der Leiter des Amts für Wohlfahrts- anstalten deutete die Geste seines Beschützers richtig, ver- hinderte die Freilassung der Insassen der Zwangsarbeitsan- stalt Farmsen, reaktivierte sein Erfassungs- und Sortierge- schäft gegenüber den »Asozialen« und belebte zusammen mit dem Juristen Sieverts und dem Psychiater Bürger-Prinz eine »Forensisch-Biologische Arbeitsgemeinschaft« seligen Angedenkens, um das »Gemeinschaftsfremdengesetz« als »Bewahrungsgesetz« in die gerade entstehende Bundesrepu- blik einzubringen. Im Jahr 1950 trat der inzwischen ergraute Fürsprecher einer besonders produktiven Verwertung von »asozialer« Arheitskraft in den verdienten Ruhestand. Senatsdirektor Struve, die rechte Hand des behördlichen Tötungsspezialisten Ofterdinger, mußte zunächst wieder von vorn anfangen. Am 20. Oktober 1945 wurde er als Leiter der Allgemeinen Abteilung der Gesundheitsverwaltung ent- lassen. Die ersten Nachkriegsjahre verbrachte er als Ange- stellter von Architektenbüros und Grundbesitzerverbänden. Im Oktober 1950 wurde er von Finanzsenator Dudek als Lei- ter der Finanzabteilung für den Wiederaufbau Hammer- brooks eingestellt. Vom Juli 1951 an war er wieder Berufsbe- amter , und zwar zunächst Oberregierungsrat. Danach ging es wieder steil aufwärts: ab April 1953 Regierungsdirektor,

Zwangsarbeitsanstalt

Farmsen

ab Februar 1963 Senatsdirektor, Vorsitzender der Hambur- ger Kommission für Bodenordnung, Mitglied des Landes- planungsrats für Hamburg und Schleswig-Holstein. Im Jahr 1964 kam er als Vertreter der Finanzbehörde in den Pla- nungsstab der Senatskanzlei, ab 1967 koordinierte er leitend den Aufbau des Einkaufszentrums Hamburger Straße. Ende 1968 trat er in den Ruhestand, leitete aber das Projekt Ham- burger Straße bis 1970 weiter. Im April 1973 wurde er wegen Beihilfe zum Mord angeklagt. Das Hauptverfahren, das erstmals etwas Licht in die Abgründe Hamburger Gesundheits- und Sozialpolitik hätte bringen können, wurde im Januar 1975 nach wenigen Verhandlungstagen wegen dauernder Verhandlungsunfähigkeit Struves eingestellt (vgl. den Beitrag von Kuhlbrodt). Für viele von uns, die für dieses Buch geforscht, geschrie- ben und Dokumente gesammelt haben, ist es gespenstisch geworden, in einer Stadt zu leben, die die Spuren ihrer sozia- len Massaker so perfekt zu verwischen verstand. Es ist schmerzhaft, sie aufzudecken. Aber es ist notwendig. Ihre entscheidenden Einbrüche hat die Kontinuität des Muster- gaus erst seit der studentischen und sozialen Protestbewe- gung von 1967 / 68 erfahren. Grundlegend geändert hat sich noch nichts. Erst wenn wir die Abgründe der Hamburger Gesundheits- und Sozialpolitik sichtbar machen, haben wir eine Chance, im heutigen Sozialabbau Weichenstellungen zu erkennen, die, wenn wir sie nicht erfolgreich bekämpfen, den Weg zu einer neuerlichen sozialen Vernichtungsspirale bahnen.