Armutspolitik in Hamburg

Kar! Heinz Roth

Ein Mustergau gegen die Armen, leistungsschwachen und »Gemeinschaftsunfähigen«
Hamburg - liberales und offenes Tor nach Übersee: so hallt es noch immer in vielen Sonntags reden wider, wenn Repräsentanten sich bemühen, die Zuhörer von der Attraktivität ihrer Weltstadt zu überzeugen. Bei solchen Anlässen üben sie sich oft in Geschichtsbewußtsein. Sie kommen dann nicht umhin, die »dunkle Schicksalszeit« des Nationalsozialismus zu streifen: eine Episode am Rand und sozusagen außerhalb der Geschichte, die sich durch wechselseitige Unverträglichkeit auszeichnete. Mit Hamburg konnten die Nazis wenig anfangen, und den Nazis waren die Hamburger Behörden gram. Hamburg schottete sich ab, so '5ut es ging, und es unternahm manches, um die verbrecherischen Ambitionen, die da von Berlin ausgingen, im Zaum zu halten. Nein, für Hamburg war der Nationalsozialismus kein Thema. Die hanseatischen Tugenden behaupteten sich standhaft, es wurde vornehm Distanz gewahrt. Es wäre zu schön gewesen, um wahr zu sein. Es ist bekannt, daß Sonntagsredner mit Wahrheiten gern hinter dem Berg halten. Was aber, wenn nicht nur beschönigt, geschwindelt und geglättet, sondern eine historische Tatsache auf den Kopf gestellt wird? Dann könnte es sich lohnen, neugierig zu werden. Die Beiträge in diesem Buch

sind ein Produkt solcher Neugierde. Sie handeln von einer politischen Elite, die ihre Region zum nazistischen Mustergau aufpolierte, indem sie große Teile der Bevölkerung verfolgte und vernichtete. Während des Nationalsozialismus begnügte sich die Hamburger Verwaltung keineswegs damit, die Bevölkerung »kommunisten-«, »zigeuner-« und »judenfrei« zu machen und von einigen »Erbkranken« zu »säubern«. Die Behörden der Hansestadt strebten nach mehr: nach einem besonderen Weg zur Beseitigung der Armut und der in sie verstrickten »gemeinschaftsunfähigen« und leistungsschwachen Schichten. Sie wollten 300.000 Menschen, die seit der Welt wirtschaftskrise unter dem Existenzminimum lebten, von einer sozialen »Krankheit« heilen, für deren Behandlung sie keine ausreichenden Mittel zur Verfügung hatten - und auch gar nicht haben wollten. Die Überwindung der Armut wurde durch Zwangsarbeit für alle Einkommenslosen angestrebt und mit abschreckenden Techniken der Aussonderung verbunden. Das war möglich, weil die herrschenden Eliten Hamburgs vor und nach 1933 Anhänger der »Sozialhygiene« waren: es verarme nur dauerhaft, wer zuvor moralisch und sozial »entartet« sei. Die sozialen Begleiterscheinungen des wirtschaftlichen Zusammenbruchs seit 1928 wurden ausdrücklich als reinigendes Gewitter begrüßt, da sie die »unterwertigen Schichten der Volksgemeinschaft« deutlich sichtbar machten und damit den gesellschaftssanitären Konzepten der Gesundheits-, Innen- und Sozialbehörde sowie der Justiz auslieferten. Zwischen 1933 und 1945 sind in der Hansestadt 24.000 Menschen zwangssterilisiert, über 500 Männer kastriert, und

bei etwa 800 Frauen - meist polnische und russische Zwangsarbeiterinnen - sind Zwangsabtreibungen vorgenommen worden. 14.000 »gemeinschaftsunfähige« Jugendliche und Erwachsene sind, oft zusätzlich zu diesen körperlichen Verstümmelungen, entmündigt und zwangsasyliert worden. Wieviele von ihnen die Zwangsarbeitsanstalt Farmsen und seit 1940 auch das KZ Neuengamme überlebt haben, wissen wir nicht. Die sechste Kammer des Landgerichts eine ganz normale Strafkammer - verhängte die härtesten uns bekannt gebliebenen »Rassenschande«-Urteile im Reichsgebiet. Das Hamburger »Sondergericht«, dessen Urteile ein interner Zirkel um den Justizsenator Curt Rothenberger »vor-« und »nachschaute« und oftmals in Todesurteile umwandelte, war bei den NS-Spitzen besonders beliebt. In drei Schüben wurden bis zum Winter 1941/42 fast alle noch ansässigen 7.500 Juden deportiert und bis auf 600 vernichtet. In ebenfalls drei Deportationswellen teilten 1.130 Zigeuner ihr Schicksal. Aus den städtischen Altenheimen, den Zwangsarbeits- und Irrenanstalten wurden - mit zwei Schwerpunkten 1941 und 1943 - zusammen etwa 6.000 Insassen abtransportiert und wahrscheinlich ein Drittel von ihnen in Tötungsanstalten umgebracht; die Tötung von 70 Kindern in den »Kinderfachabteilungen« Rothenburgsort und Langenhorn war vorausgega!1gen. In den Jahren 1942 bis 1945 ermordete die Hamburger Gestapo etwa 70 polnische und sowjetische Zwangsarbeiter, und im »Russenlager« Wietzendorf selektierte sie Hunderte russischer Kriegsgefangener für die Massenexekution in Sachsenhausen und Auschwitz. Mit der SS, die seit 1940 auf dem Gebiet der Hansestadt das Konzentrationslager Neuengamme mit seinen bald 105.000 Insassen, von denen 50.000 umgebracht wurden, unterhielt, hatte die Hamburger Verwaltung einen Vertrag geschlossen. Sie wollte im Interesse der monumentalen Neubauten in der Hansestadt an der dortigen» Vernichtung durch Arbeit« teilhaben. Der »Sonderaktion geisteskranke Ostarbeiter und Polen« ist in Hamburg eine noch unbekannte Zahl osteuropäischer Zwangsarbeiter zum Opfer gefallen. Aus dem Zuchthaus Fuhlsbüttel wurden von der Kripoleitstelle Hamburg über 100 »asoziale Justizgefangene« zur »Vernichtung durch Arbeit« in die Konzentra-

burg-Gesetz« in Kraft trat, genoß die Hamburger Verwaltung längst das Wohlwollen der höchsten NS-Spitzen. Denn sie hatte sich mit der Wiederentdeckung und Modernisierung hanseatischer Tradition in der Armenbekämpfung als sozialtechnische Elite des Nazismus hochgedient und profiliert. Auf die »Ausmerze« der verarmten städtischen Unterschichten sollte der Triumph folgen, der Ausbau zur »Kolonialhafenstadt« mit einer monumentalen Skyline. Hamburg galt als künftige »Führerstadt« mit amerikanischem Zuschnitt, als Manhattan an der EIbe für ein »tausendjähriges« Reich. Warum hat gerade Hamburg eine derart fatale wie für den Nationalsozialismus beispielhafte Entwicklung zum Mustergau durchgemacht? Das ist eine Frage, die weit über zeitgeschichtliche Dimensionen hinausreicht.

Wachsende Bedrohung von unten
Während der Weltwirtschaftskrise »hatten sich in den dumpfen Terrassen und Höhlen des Gängeviertels die Menschen wie nach der Novemberrevolte zusammengerottet«.1 Dieses Zitat wirft ein Schlaglicht. In Hamburg wurden seit Mitte der zwanziger Jahre wie kaum sonstwo die Übergänge zwischen den arbeitenden und den »gefährlichen« Klassen, dem Subproletariat immer fließender. Nach der dritten Kahlschlag-Sanierung in den alten Stadtteilen (Flächenabriß südlich der Steinstraße) verschärften sich Wohnungsnot und Obdachlosigkeit. Für die Arbeitslosen, die die Rationalisierungswelle ab Mitte der zwanziger Jahre auf die Straße geworfen hatte, stellte sich nach dem Verlust ihrer Wohnungen die Frage des nackten Überlebens. So war in Hamburg der Übergang zur großen Depression fließend. Die Auswirkungen der Weltwirtschafts krise trafen die Hafenstadt 1931 zusätzlich wie ein Keulenhieb. Bis Ende 1932 stieg die Arbeitslosigkeit auf 30 Prozent der lohnabhängigen Bevölkerung, und Hamburg sollte auch lange Jahre nach der Machtübernahme »Notstandsgebiet« bleiben. Aufgrund der restriktiven Bestimmungen der Notverordnungen, die die Arbeitslosen-, Kranken- und Rentenversicherung gleichermaßen abbauten, waren bald über 150.000 Menschen (Arbeiter und ihre Familienangehörigen) aus den reichszentralen Einrichtungen der sozialen Sicherung ausgesteuert. An 85 Prozent der knapp 170.000 Arbeitssuchenden mit ihren Familien wurde schließlich kommunale Wohlfahrtsunterstützung gezahlt, zuletzt 30 Prozent des Hamburger Staatshaushalts. Wenn sie nicht verhungern wollten, blieb den Verarmten nichts anderes übrig, als ein Stück weit die mit den Unterstützungszahlungen (sie wurden mehrfach gesenkt) verbundenen Demütigungen der Sozial- und Gesundheitsverwaltung über sich ergehen zu lassen. Für den Bereich der Sozialversicherung und Fürsorge hatte keine der damaligen Strömungen der Arbeiterbewegung politische Alternativen entwickelt. Die verarmten Arbeits- und Einkommenslosen blieben weitgehend allein, wo sie in ihrer Existenz von der Wirtschaft und der behördlichen Sozialverwaltung angegriffen wurden. Das war die eine Seite. Die andere wird durch eine Reihe von Revolten markiert, die 1930 mit »Hungerunruhen« in der Neustadt-Nord (Gängeviertel) begannen und im Juli 1932 im »Abruzzenviertel« Altonas ihren Höhepunkt erreichten. In vielen Wohnvierteln des inneren Stadtgebiets entstand aus der Verarmung eine neue soziale Annäherung und Vermischung zwischen den städtischen proletariSchen Schichten. Viele von ihnen mußten sich mit Gelegenheitsarbeit, Schatten wirtschaft und kleiner Delinquenz durchschlagen. Die Armutsviertel schotteten sich mehr und mehr gegen die Herrschaftsstrukturen und Krisenstrategien des bürgerli-

tionslager Neuengamme und Mauthausen deportiert. In
mehreren Zentren (Reservelazarett Wandsbek, Heil- und Pflegeanstalt Langenhorn, KZ Neuengamme) wurde mit russischen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern, jüdischen Kindern und deutschen Anstaltsinsassen medizinisch experimen tiert. Selbst in den Bombenwochen des J ulil August 1943 haben die Behörden aus Furcht vor Revolten Deutsche insgeheim und ausländische Zwangsarbeiter offen demonstrativ beseitigt. In den meisten der geschilderten Fälle war neben Justiz, Kripo und Gestapo die Gesundheits- und Sozialverwaltung führend beteiligt. Eine nicht unwesentliche Folge all dieser Vernichtungsmaßnahmen war, daß die Fürsorgeausgaben halbiert werden konnten und die Aufwendungen für die Gesundheitsversorgung der Armen kontinuierlich zurückgingen. Die durch Zwangsarbeit abgepreßten Werte lassen sich bis heute noch nicht einmal annähernd schätzen. Die Statistik behördlicher Verstümmelungs- und Vernichtungsaktionen liegt in den meisten Fällen weit über dem vergleichbaren Reichsdurchschnitt, oft an der Spitze. Der Feldzug der Justiz, der Innen-, Gesundheits- und Sozialverwaltung gegen die Armen und die Selektion sozialer und nationaler Minderheiten funktionierte geräuschlos, effizient, mit minimalem Kostenaufwand. Es wurden Methoden entwickelt und angewandt, die in vielen Fällen reichsweit Schule machten. Hamburg, bis 1936/37 offiziell Notstandsgebiet, wandelte sich zum Mustergau. Als 1938 das »Groß-Ham-

chen Staats ab. Für die Behörden kam dieses Nebenprodukt ihrer Verarmungspolitik keineswegs überraschend. Früh machten sie sich Gedanken darüber, wie es möglich sei, die neuerstandenen »Schlupfwinkel für Verbrechen, Prostitution und lichtscheues Gesindel und damit eine Brutstätte des Kommunismus« wieder zu beseitigen. 2 Diese Frage schien ihnen besonders akut, als die bisherigen Unterdrückungsmittel immer häufiger versagten: »Die wirkliche Beherrschung des Gängeviertels durch die Polizei verlangt einen so großen Einsatz von Kräften, wie er auf die Dauer nicht gestellt werden kann.«3

Behördliche Krisenstrategien vor 1933
Die behördeninternen Auseinandersetzungen um neue Wege zur »Lösung der sozialen Frage« wurden von der Sozialverwaltung eingeleitet. Oskar Martini, ihrem damaligen stellvertretenden Präses, kam im Herbst 1929 eine zündende Idee, die er sogleich in einer Denkschrift ausführte. Die Verarmung immer breiterer Schichten der Bevölkerung konnte zusehends weniger durch Fürsorgegelder und Sachzuwendungen materiell abgewendet werden. Darüber hinaus wurden alle Versuche zur Fortsetzung der bisherigen Armutsregulierung im Massenbetrieb der Wohlfahrtsämter hinfällig. Deshalb mußte eine neue Strategie entwickelt werden, mit der man die Hilfsbedürftigen erfassen, sortieren und auseinanderdividieren konnte: die Zwangsarbeit. Nur wer körperlich arbeitsfähig war und sich den grotesken Bedingungen fast unbezahlter wie häufig auch sinnloser Arbeitsleistungen unterwarf, sollte weiter unterstützt werden. Im Vorgriff galt es also, die bedingungslos Anpassungsbereiten von den Widerspenstigen zu scheiden, jener angeblich »nicht unbeträchtlichen Zahl von Arbeitsscheuen, Unwirtschaftlichen und haltlos gewordenen ... , die die Unterstützung als eine Art von fester Rentenleistung als Unterlage ihrer Lebenshaltung« ansahen. 4 Deshalb schlug Martini vor, das gesamte System der Wohlfahrtsunterstützung mit behördlich regulierter Zwangsarbeit, einer sogenannten Arbeitsfürsorge, zu koppeln. Zudem würde die »Arbeits fürsorge« Ansätze für eine Reihe zusätzlicher Sortier- und Aussonderungsverfahren bieten. So sollte einem sich politisch vereinheitlichenden Pauperismus entgegengewirkt werden, um die durch ihn befürchteten Ansätze zum sozialen Umsturz vorbeugend zu zersetzen. Wie kein anderer brachte Martini die Furcht vor dem Aufkommen einer neuen »up..tersten Volksschicht« auf den Begriff, »die, weil in ihr das Verbrecherturn, alle Asozialen und Antisozialen, aber auch politische Dunkelmänner untertauchen, wühlen und hetzen werden, eine außerordentlich ernste Gefahr für Staat und Gesellschaft und sozialer Seuchenherd von verhängnisvoller Ansteckungsfähigkeit werden kann«.5 Martinis Vorschlag wurde sofort in behördliche Praxis übersetzt. 1930 wurde die zentrale Sortierstelle »Arbeitsfürsorge« eröffnet. Zum Leiter wurde ein junger Verwaltungsjurist namens Kurt Struve ernannt, der mit seiner Karriere Anfang und Ende des eingeschlagenen Wegs markiert. Von der »Arbeitsfürsorge« Martinis stieg Struve zur rechten Hand Friedrich Ofterdingers, des Präses der Gesundheitsbehörde, auf. Die Gesundheitsbehörde operierte seit 1940 mit besonders kostengünstigen Techniken der behördlichen Vernichtung von siechen und »geisteskranken« Anstaltspatienten. Seit 1930 führte die Unfähigkeit zur, beziehungswiese die Verweigerung von Zwangsarbeit zum Entzug der Unterstützungsgelder , was nichts anderes als soziale Existenzvernichtung bedeutete und meist mit Asylierung der Betreffenden einherging. Genau zehn Jahre später wurden all jene Insas-

sen der Alten-, Siechen- und Irrenanstalten zur ärztlichen Tötung freigegeben, die sich als »nicht mehr fähig zur produktiven Arbeitsleistung« erwiesen. An die »Arbeitsfürsorge« wurden im Verlauf der Weltwirtschaftskrise weitere Techniken der sozialen Sortierung und Ausgrenzung angekoppelt. Georg SteigerthaI, der Direktor des »Amts für Wohlfahrtsanstalten« in der Sozialverwaltung, verband die ihm unterstehenden Alten-, Siechenund Zwangsarbeiteranstalten mit der »offenen Arbeitsfürsorge« Struves. Seit 1929 gab es eine stetige Ausweitung der Anstalts- und Bettenkapazität im Tätigkeitsbereich der »geschlossenen Fürsorge«. In ihr wurden Alte, Behinderte und Sieche mit extrem niedrigen Tagessätzen »bewahrt«, was für diese Menschen chronischen Hunger, gesundheitliche Nichtversorgung, qualvolle Enge und eine Verringerung ihrer Lebenserwartung bedeutete. Um die Kosten weiter zu senken (sie erreichten 1931 den Tagessatz von 1,75 RM - die Tagessätze in der überbelegten und berüchtigten Irrenanstalt Langenhorn beliefen sich zum Vergleich immerhin noch auf über 3 RM), ließ Steigerthai einerseits in den »Versorgungsheimen« die Pflegetätigkeit immer mehr durch arbeitsfähige Entmündigte ausführen, andererseits baute er den Staatsbetrieb Farmsen der Wohlfahrts behörde zu einer Zwangsarbeitsanstalt aus. Die mit bis zu 2000 »Asozialen« belegte Zwangsarbeitsanstalt Farmsen bleibt bis heute unerwähnt, wenn über die Konzentrationslager in Hamburg (Fuhlsbüttel und später Neuengamme) berichtet wird. Sie war genauso wie Fuhlsbüttel eine rein städtische Einrichtung, ist aber schon 1930/31 aus dem Staatsgut Farmsen hervorgegangen. Schon 1930/31 fehlte nur noch eine geringfügige Ausweitung der bürokratischen Zwangsmaßnahmen, um die in der »Arbeitsfürsorge« auffällig Gewordenen in die »geschlossenen« Zwangsarbeits- und Absterbehäuser einzuschleusen. Auch dieses »Problem« wurde lange vor der Machtübernahme »gelöst«. Ein paar Paragraphen des bürgerlichen Gesetzbuchs, des Hamburger Polizeigesetzes und einige fürsorgerechtliche Bestimmungen reichten völlig aus, um Slums, Straßen und U-Bahnen von diesen »Asozialen« zu »säubern<<: »Ein Polizeiparagraph genügte, um unter Einschaltung eines Psychiaters gemeinlästige Personen ... nach Farmsen zu bringen. In vielen Fällen wiederum trat der Entmündigungsrichter in Aktion, der Vormund bestimmte Farmsen als Aufenthalt. Solche Regelungen waren nur möglich, weil Hamburg zugleich als Staat, Provinz, Kreis und Stadt handelte.«6 Seit 1931 griff das Aussonderungssystem der Sozialverwaltung auf das Gesundheitswesen über. Martini und Steigerthai begannen einen wahren Feldzug zur Kostensenkung im klinischen Anstalts- und Krankenhausbereich. Die Folgen dieses, von Martini, Ofterdinger, Steigerthai und Struve erarbeiteten »Friedrichsberg-Langenhorner Plans« waren für die psychiatrischen Patienten verheerend (vgl. den Beitrag von Ebbinghaus).

Flächensanierung und nazistische »Sozialhygiene«
Auf den vor der Machtübernahme entwickelten Strukturen kostensenkender und zugleich sozial vernichtender Wohlfahrts- und Gesundheitspolitik brauchten die Behördenspitzen nach 1933 nur aufzubauen. Sie taten es gründlich, denn sogar in ihrem Selbstverständnis gab es keine effizientere Umsetzung der »ausmerzenden« NS-Ideologie in behördliche Praxis. Die Planungs gruppe um Martini und Ofterdinger brauchte ihre Richtlinien nur noch zu verschärfen. Offen wurden die Einkommenslosen jetzt nach drei Ka-

Der erste NS-Senat vom 8. März 1933

Aus dem »Asozialen«-Kataster Walthers

KZ-Zwangsarbeit für die »Pührerstadt«

tegorien sortiert: NS-Anhänger, die jede Arbeitsbeschaffungsmaßnahme akzeptierten, waren bevorzugt zu fördern. Die breite Masse der »Durchschnittlichen« und »Unauffälligen« sollte im Rahmen einer jetzt erweiterten »Arbeitsfürsorge« an das Arbeitsethos der neuen »Leistungsgemeinschaft« gewöhnt werden. Die »Fürsorge für sozialschwierige und unterwertige Personen« wurde hingegen auf Existenzvernichtung ausgerichtet: »Insbesondere wird den Gemeinschaftsunfähigen gegenüber mit festen, auch harten Maßnahmen durchgegriffen, unter denen der Arbeitszwang, die Entmündigung oder die Bewahrung in geeigneten Anstalten, in erster Linie der Farmsener Anstalt besonders zu nennen sind.« 7 Was noch fehlte, war der soziale Angriff auf die subproletarischen Wohngebiete. Eine neue Welle der KahlschlagSanierung bewirkte, daß die Quote der Entmündigten, Zwangsuntergebrachten anstieg und ab 1934 zusätzlich auch die Quote der Zwangssterilisierten. Die Zerstörung ganzer »gemeinschädlicher« Viertel war in Hamburg an sich nichts Neues. Auf jede wirkliche Revolte hatten die Behörden mehrfach mit dem Abriß solcher Stadtteile geantwortet, die im Brennpunkt sozialer Konflikte gestanden hatten (1896 Hafenarbeiterstreik, 1906 Hungerunruhen im Zusammenhang mit dem Wahlrechtsstreik, dritte Etappe 1919 geplant - erst 1925/26 durchgeführt). Im Herbst 1933 begann der Abriß von Neustadt-Nord, dem Gängeviertel. Diesmal waren die Maßnahmen umfassender. Die Sozial hygiene verband sich jetzt unmittelbar mit der Spitzhacke. Die Techniker des Selektionssystems in der Sozialverwaltung warteten nur darauf, Tausende verarmter und verzweifelter Menschen in ihren Absterbe- und Zwangsarbeitsanstalten zu »verarbeiten« . Entscheidend war jetzt, daß noch die »soziale Diagnostik« eines »Sozialbiologen« hinzukam. Seit längerem schon arbeitete der Universitäts-Soziologe Andreas Walther an einem regionalen »Asozialen«-Kataster, denn »in den gemeinschädigenden Regionen der Großstädte gibt es gehäuft hoffnungslose Fälle, die wie ein Geschwür am Volkskörper weiterwuchern, wenn sie nicht herausgesucht und am Weitergeben ihrer Krankheitskeime und Defekte verhindert werden«.8 Neben dem Gängeviertel machte Walther sieben besonders »gemeinschädliche Viertel« aus: St. Georg-Nord, Uhlenhorst-Barmbek, Hoheluft, St. Pauli, Sternschanze, Rothenburgsort und Hammerbrook. Nur das Gängeviertel wurde abgerissen - immerhin eine einmalige Aktion im »Dritten Reich« - , der Abriß der übrigen Quartiere war für die Zeit nach dem »Endsieg« geplant. Am Gängeviertel führte Walther exemplarisch die Verbindung von Flächensanierung und Sozialhygiene vor, indem er die 12.000 Menschen dieses Viertels in vier Gruppen einteilte: in »gesund Gebliebene«, in »nur Angesteckte«, in »nicht Besserungsfähige« und in »biologisch hoffnungslos Defekte«. Die »Gesunden« wurden als Siedlerbewerber »erbbiologisch« gesiebt und kamen - etwa 10 Prozent - in einer Stadtrandsiedlung von Horn unter. Die »nur Angesteckten« wurden in »gesunde« Stadtviertel umgesiedelt. Über das Schicksal der dritten und vierten Gruppe wissen wir fast nichts. Die meisten von ihnen wurden jedoch nach dem Grad ihrer angeblichen »sozialen Unterwertigkeit« zwangssterilisiert, entmündigt und in die Zwangsarbeitsanstalten der Sozialverwaltung gesteckt, während die körperlich und geistig Behinderten in den Siechenheimen beziehungsweise in der Heil- und Pflegeanstalt Langenhorn verschwanden. Danach folgten Sonderaktionen gegen besonders stigmatisierte Gruppen, die Prostituierten, Homosexuellen und die »asozialen Jugendlichen«. Die exemplarische Erfassung und Sortierung einer ganzen Bevölkerungsgruppe wurde seit

1934 auch auf nationale Minderheiten ausgedehnt, insbesondere auf die Zigeuner und seit 1933 auf die am Groß neumarkt, in St. Pauli und im Schanzenviertel ansässige proletarische Schicht der jüdischen Gemeinde. Seit 1939/40 machte das Hamburger Sanierungs- und Sortierungsmodell auch im besetzten Polen Schule. Der Hamburger Gestapochef Bruno Strecken bach wurde nach der Okkupation Polens zum »Befehlshaber der Sicherheitspolizei im Generalgouvernement« ernannt. Er nutzte seine örtlichen Erfahrungen zu einer bürokratisch perfekten Kopplung von Zwangsgettoisierung und anschließender Vernichtung, der alle Juden, Zigeuner, »Asozialen« und die nicht in die »Deutsche Volksliste« aufgenommenen Polen ausgeliefert waren. Dieses neue regional konzipierte Erfassungssystem arbeitete mit einem umfangreichen individuellen Melde- und Erfassungswesen Hand in Hand. Seit 1929 gab es in Hamburg einen Ausweiszwang für alle Einwohner, der mit dem Meldewesen verbunden war. Der Ausweiszwang wurde 1934 weiter verschärft. Als die Nazis sich seit 1934/35 Gedanken über die Einführung eines reichsweiten Melderegisters machten, setzte sich Hamburgs Innensenator Alfred Richter mit Nachdruck für die Übernahme des Hamburger Ausweiszwangs ein. Die dann 1938 durchgesetzte »ReichsrneIdeordnung« und die auf ihr basierende» Volkskartei« entsprachen tatsächlich weitgehend den Hamburger Vorstellungen und Erfahrungen. Zusätzlich wurden die polizeilichen und regional arbeitenden Erfassungssysteme noch mit einem »sozialhygienischen Kataster« der Gesundheitsverwaltung vernetzt. Auch dieses Kataster stand später für die reichsweiten Bemühungen um die gesundheitliche Erfassung und Sortierung der Bevölkerung Pate (vgl. den Beitrag von Pfäfflin: Zentrales Gesundheitspaßarchi v). Damit war die Flächensanierung im nationalsozialistischen Hamburg zu Ende, sie ließ sich aus wirtschaftlichen Gründen vorerst nicht fortsetzen. Das Vorhaben, die gesamte Elbtangente vom Hafen bis zur Höhe des Altonaer Bahnhofs abzureißen, kam über das Modellstadium nicht hinaus. Wären die Naziarmeen nicht im Winter 1941 vor Moskau gestoppt worden, dann wären wohl die Unterkünfte von weiteren 40.000 vorwiegend proletarischen Familien den Spitzhacken des »Architekten des Elbufers« zum Opfer gefallen. Mit der Zunahme all der »sozialhygienisch« begründeten Verfolgungsmaßnahmen bis zum Ende der Blitzkriege wurde Walthers »Asozialen«-Geographie allmählich Realität. Seit 1934 bildeten sich fünf Schwerpunkte der Verfolgung heraus, über die in diesem Buch berichtet wird: 1. Entmündigung, Zwangsasylierung und Zwangsarbeit in den Hamburger »Bewahranstalten«. 2. Zwangssterilisierung, Zwangsabtreibung und Eheverbote für das städtische Subproletariat. 3. Abbau der Gesundheitsversorgung für die breite Mehrheit der Bevölkerung bei gleichzeitigem Ausbau der »Kolonialmedizin« und Naturheilklinik für die high society in Friedrichsberg. 4. Weiterentwicklung der sozialen Existenzvernichtung von chronisch Arbeitsunfähigen und psychisch Kranken zur behördlich organisierten Massentötung unter Ausnutzung der besonderen Bedingungen von Krieg und Bombenkrieg. 5. Fortschreitende Aussonderung der »fremdvölkischen« Bürger, die mit Beginn des »totalen Kriegs« von bevölkerungspolitischen und sozialtechnischen Zwangsmaßnahmen gegenüber den Kriegsgefangenen und den osteuropäischen Zwangsarbeiter(inne)n abgelöst wird. Dieses flexible System des »sozialhygienischen« Terrors, das sich in Hamburg von Anfang an der »Erbbiologie«, Psychiatrie und Justiz bediente, hat das Regime nachhaltig sta-

bilisiert und vorhandene Ansätze zum Widerstand rasch erstickt. Es handelte sich um einen vielfach gestuften körperlichen und sozialen Zugriff auf alle Menschen, die den »geseIlschaftssanitären« Utopien der regionalen Machtelite im Wege standen. Die ihm innewohnende bürokratische Genauigkeit brachte am Ende ein abgrundtiefes Grauen hervor, das weit über die angegriffenen proletarischen Schichten hinaus Angst machte. Politische Abweichung gab es zuletzt nur noch vereinzelt und hatte, wie die Geschichte der Hamburger Jugendopposition (vgl. den Beitrag von Pohl und die Dokumentation zur Verfolgung der proletarischen Jugendlichen) belegt, in der Auseinandersetzung mit den Hamburger Behörden keine Chance.

Die Hamburger Machtelite und ihr Einfluß auf die Sozialpolitik des »Dritten Reichs«
Die infolge der großen Wirtschaftsdepression wachsende politische Bedrohung von unten, aber auch die ersten Resultate der behördlichen Krisenstrategien vor 1933 hatten die traditionellen Pfeiler der Hamburger Machtelite rasch mit der nazistischen Führungsgruppe verschweißt. Mühelos war der bisherige politische Überbau der »Systemzeit« zugunsten der NS-Organisationen ausgetauscht. In weiten Teilen der Hamburger Verwaltung und Staatsbürokratie war die »Gleichschaltung« längst absolviert, noch bevor die reichszentralen Erlasse dazu herauskamen. Dieser reibungslose Fassadenwechsel, der sich 1945 erneut - diesmal freilich mit umgekehrten Vorzeichen - vollziehen sollte, fordert zu grundsätzlichen Fragestellungen heraus.

Neue Machtverteilung in der Hansestadt
Zuerst muß diskutiert werden, wer hier wen geschluckt hat: ordneten sich die Behördenspitzen dem Nazismus unter, oder haben sie die nazistische Massenbewegung zu einer Radikalisierung und Systematisierung ihrer sozialpolitischen Ziele genutzt? Das ist eine Frage, die nur quellenkundlich und politisch zugleich beantwortet werden kann. Fassen wir zunächst den archivalischen Befund zusammen. Danach ist es so, daß seit etwa 1928/29 die großen Wirtschaftsunternehmen der Region und alle wichtigen Behördenzweige darauf drängten, gegen die neuerlich heraufziehende soziale Unrast mit eisernem Besen zu kehren. Dafür gab es zwei Beweggründe: erstens die sich häufenden Unruhen in den proletarischen Wohnvierteln und zweitens die Einschätzung, daß es der sozialdemokratischen Gewerkschafts- und Parteibewegung, die ganz auf der Seite des bürgerlichen Krisenkabinetts stand, diesmal nicht mehr gelingen würde, die Gärungen der »untersten Volksschicht« wie noch 1918/19 zu spalten und sich totlaufen zu lassen. Die Furcht vor einer weitaus gefährlicheren Neuauflage der Sozialrevolte von 1918/19 ist überall in den Behördenakten dieser Krisenjahre zu spüren . Mit ihr verbunden war die Gewißheit, daß in einem solchen Fall die traditionelle Machtelite nicht mehr wie seinerzeit ungeschoren davonkommen würde. Mit anderen Worten: die Kontinuität der regionalen Herrschaftsstruktur stand im Verlauf der Weltwirtschaftskrise ernsthaft in Frage. Dennoch verhielten sich die Behördenspitzen zunächst abwartend. Sie befanden sich in einer Zwickmühle. Die Notverordnungspolitik der Berliner Präsidialkabinette veranlaßte sie zu einem immer schärferen Verarmungskurs, während sich die soziale Protestbewegung keineswegs so eindeu-

tig politisch polarisierte, wie wir heute anzunehmen geneigt sind. Sozial gesehen traf der rigorose Sparkurs der PräsidialKabinette Brüning und Papen die »Marine-SA« nicht weniger nachhaltig als den »Roten Frontkämpferbund«, und es war nicht unbegrenzt möglich, die Arbeitslosenbewegung politisch zu spalten, gegeneinander auszuspielen und danach zum Angriff gegen die gesamte lohnabhängige Bevölkerung zu benutzen. In der zweiten Hälfte des Jahres 1932 trieben die traditionellen Führungsgruppen aus Wirtschaft und Verwaltung ihren schon lange gepflegten Dialog mit den Hamburger Chefs der NS-Bewegung in sein Entscheidungsstadium. Es kam zu einem sozialpolitischen Arrangement, bei dem vereinbart wurde, die Massenbasis der Nazis in die sozialpolitischen Stabilisierungs pläne zu integrieren und sie gleichzeitig für die geplanten Selektionen zu benutzen. Ihre Bevorzugung bei der Arbeitsbeschaffung und bei der Aufspaltung der Unterstützungszahlungen war freilich ein Wechsel auf die Zukunft, der nur recht beschränkt eingelöst wurde. Auch im regionalen Kontext konnten sich die Nazis unmittelbar nach 1933 nur stabilisieren, weil die Wirtschafts- und Verwaltungseliten sie zur Fortsetzung ihrer sozialpolitischen Krisenstrategien brauchten. Sobald der aufgrund seiner Konzeptionslosigkeit organisatorisch schwache, aber sozial sehr wohl verankerte kommunistische Widerstand gegen die Krisenpolitik vernichtet war, diente die behördliche Verfolgung der Massenarmut mittels Zwangsarbeit und Sozialhygiene nicht zuletzt auch dazu, die kleinbürgerlich-völkische Basis des nazistischen Juniorpartners wieder zu zähmen. Wirtschaft und Verwaltung haben in Hamburg die Nazis als zusätzliche Machtpfeiler integriert, um ihre sozialtechnische Krisenstrategie politisch tragfähig zu machen. Die Nazis waren und blieben in Hamburg Juniorpartner der traditionellen Eliten. Diese generelle Einschätzung der Machtverhältnisse wird durch die Analyse der gesundheits- und sozialpolitischen Entwicklung bestätigt. In den sozialtechnischen Konzepten für die Aussondierung der städtischen Armut gab es nichts, was das Jahr 1933 als einen wesentlichen Einschnitt markierte. Die gesundheits- und sozialpolitischen Grundsatzentscheidungen waren schon 1931 gefallen, und erst im Jahr 1934 können wir von einer neuen Phase sprechen, die freilich bruchlos auf den Weichenstellungen von 1930/31 aufbaute. Alles, was 1934 an echten »Neuerungen« hinzukam beispielsweise Zwangssterilisationen und Sicherungsverwahrung - , wurde flexibel in die laufende behördliche Aussonderungspraxis eingebaut. In Hamburg wurde von Anfang an eine »soziale Entartungsdiagnostik« angewandt, die auf klassische städtesoziologische und sozial-eugenische Theorien setzte. Dieser Ansatz wurde darüber hinaus mit hochentwickelten sozialen Erfassungssystemen verbunden. Von Anfang an zielte er auf eine lückenlose Sortierung und Spaltung der gesamten lohnabhängigen Bevölkerung. Die Hamburger Behörden sahen keinen Grund, auf die von Berlin aus zunächst praktizierte soziale Demagogie von Zuckerbrot und Peitsche Rücksicht zu nehmen. Die von dort verordneten Aussonderungsaktionen gegen besonders stigmatisierte Gruppen und seit detJ. Nürnberger Rassegesetzen von 1935 auch gegen nationale Minderheiten wurden in Hamburg in eine viel breiter und letztlich rigoroser angelegte »sozialhygienische« Armutsbekämpfung eingebaut. Schlagend ist auch die Kompromißlosigkeit, mit der die Hamburger Machtelite an ihrem Anspruch festhielt, die Verfolgung der sozialen und politischen Dissidenz in eigener Regie zu betreiben. Gerade in dieser Frage konnte sie auf die rückhaltlose Unterstützung ihres regionalen nazistischen Partners zählen. Reichsstatthalter Kaufmann, Innensenator Richter, Justizsenator Rothenberger und Gestapochef

Streckenbach legten großen Wert darauf, mit dem kommunistischen Widerstand auf eigene Faust und folglich unter Ausschluß der SS abzurechnen - was im übrigen keineswegs bedeutete, daß es den Insassen des Hamburger Konzentrationslagers Fuhlsbüttel dadurch besser ergangen wäre, eher im Gegenteil. Diese Linie hatte ihre Entsprechung im sozialen Bereich. Sozial senator Martini und Anstaltschef Steigerthai wollten die Arbeitskraft der »Gemeinschaftsunfähigen« ausschließlich zugunsten des Budgets der Sozialverwaltung verwerten. Sie hielten an ihrem Farmsener Modell fest, weil sie die großen Konzentrationslager der SS für unprofitabel hielten. Erst 1940 bekam die SS ihr großes norddeutsches Konzentrationslager, und auch da wurde die Zusammensetzung der Häftlinge zunächst auf polnische Kriegsgefangene und »Fremdvölkische« beschränkt.

Nationalsozialismus und bürgerliche Aufklärung
Die Hamburger Verwaltung profilierte sich im Machtdreieck NSDAP, Wirtschaft und Staat als derjenige Pfeiler, der den gesellschaftssanitären »Auslese«- und »Ausmerzutopien« der Nazis erst zur Effizienz verhalf. Zumindest auf dem Gebiet der Gesundheits- und Sozialpolitik erwiesen sich die Hamburger Behördenspitzen, die allein den Ton angaben, als die effizienteren Nazis. Waren sie es auch in ihrem eigenen Selbstverständnis? Auch diese Frage muß bejaht werden. Vor allem Martini und Steigerthai legten entschiedenen Wert darauf, das Elitebewußtsein des Hamburger Beamtenkorps historisch zu legitimieren. Ich halte es für bedeutsam, daß sich gerade die beiden führenden Köpfe der Sozialverwaltung ihre Konzepte zur Krisenbewältigung aus einer jahrhundertealten Tradition hansischer Armenbekämpfung geholt haben. Immer wieder griffen sie auf die Leistungen jener Pioniere der modernen Sozialpolitik zurück, die mit ihren Vorschlägen zur Kopplung von Armenfürsorge und Zwangsarbeit im 18. Jahrhundert die Fundamente des bürgerlichen Staats und der nachfolgenden Industrialisierung gelegt haben. In den Memoranden und Publikationen der Sozialverwaltung wimmelte es seit 1929/30 von Hinweisen auf Johann Georg Büsch und Caspar von Voght, deren »Armenordnung« von 1788 »auch noch nach eineinhalb Jahrhunderten mit höchster Dankbarkeit und Anerkennung besonders gedacht werden« müsse. So schrieb Martini im Jahr 1939 rückblickend: »man führte hier erstmalig in der offenen Fürsorge die Arbeitspflicht für alle arbeitsunfähigen Unterstützten ... ein. 'Es darf kein Armer als Unterstützung erhalten, was er irgend noch zu verdienen in der Lage ist', lautet der erste von neun Leitsätzen, in denen damals die Grundsätze der Arbeitsfürsorge niedergelegt sind, und zwar in so treffender Form, daß als vor etwa zehn Jahren die Zahl der von der damaligen Wohlfahrtsbehörde zu unterstützenden Arbeitslosen bedenklich anwuchs, ich diese Leitsätze in einer Denkschrift an den Senat zur Begründung der Forderung auf Wiedereinführung der Arbeitsfürsorge als eine im wesentlichen auch damals noch zutreffende Lösung des Problems bezeichnen konnte.«9 Erst die nationalsozialistische Machtübernahme habe es freilich ermöglicht, wieder uneingeschränkt an dieser Tradition anzuknüpfen: »Woran Voght vor 100 Jahren ... noch unbeirrt geglaubt hatte ... , das erfüllte sich jetzt von neuern. Die Arbeitsfürsorge stand wieder im Vordergrund alles fürsorgerischen Bemühens und wurde für die Fürsorgebehörde zum wirksamsten Werkzeug ... Jetzt. .. gaben die natürlichen Gesetze ewiger völkischer Verbundenheit aus der Gemeinsamkeit von Blut und Boden der Arbeit Ziel und Sinn.«lo

Im gleichen historischen Bewußtsein argumentierte auch SteigerthaI. Er griff immer wieder auf das 1622 gegründete »Werk- und Zuchthaus« zurück, um dessen wechselvolle Geschichte als Kronzeugen für die von ihm favorisierte »geschlossene« Konzeption von Zwangsarbeit zu bemühen. Für Steigerthai war die Vorgehensweise der »Aufklärer« des 18. Jahrhunderts maßgebend, die im 19. Jahrhundert erfolgte Ausdifferenzierung der »Bewahrungsformen« der ärmsten Schichten der Bevölkerung in Irrenanstalten, Siechen- und Altenheimen sowie Strafvollzug wurde von ihm verworfen. Die angeblich fortschreitende Überalterung der Bevölkerung, aber auch »die große Zahl sozial-schwieriger und asozialer Menschen, die bis 1933 durch verfehlte sozialpolitische Maßnahmen noch künstlich gesteigert wurde und nur allmählich sinkt«,11 machten es aus Kosten- und Überwachungsgründen notwendig, die Differenzierung des Anstaltswesens zurückzunehmen. In einem Memorandum »über die Behandlung der Asozialen« pries Steigerthai 1936 die Rückkehr zur »Sammelanstalt« des 18. Jahrhunderts folgendermaßen: »Die zukünftige Entwicklung des Anstaltswesens ... wird eine zweckvolle Einspannung und Verwendung der asozialen Menschen gebieterisch verlangen. Die Sammelanstalt (Abteilungen für Zwangsarbeit mit Siechenasylen usw. zusammen) ist sicherlich die Anstaltsform der Zukunft... Anstalten mit überlieferter sparsamer Grundhaltung verdienen besondere Beachtung.«12 In einer 1939 verbreiteten Propagandaschrift der Sozialverwaltung wiederholte er, »Anstalten, in denen« die Irren, Behinderten, Alten und »Asozialen« »billig versorgt, überwacht und zu beträchtlicher Arbeitsleistung herangezogen werden, werden ... auch in Zukunft unentbehrlich sein«. 13 Zwei Jahre später folgte dann die letzte Konsequenz dieser systematischen Aussonderungspolitik. Auf der Viehrampe des Altonaer Bahnhofs wurden die ersten Männer und Frauen aus Steigerthals Anstalten zur Vernichtung in MeseritzObrawalde verladen. Die konzeptionell festgelegte Hamburger Sozialbürokratie verstand es, sich im Verein mit ihren regionalen J uniorpartnern gegen die eher punktuell ausgerichtete »Ausmerze«-Strategie der Reichsregierung zu behaupten. Die Massenarmut, die als Folge der Weltwirtschaftskrise entstand, wurde mit Methoden bekämpft, die aus der Tradition der bürgerlichen Aufklärung stammten. Den Hamburger Sozialtechnikern erschien es unangebracht, zwischen der vorindustriellen Massenarmut des 18. Jahrhunderts und der Massenverarmung in einem hochkapitalistischen Krisenzyklus (1928 bis 1933) grundsätzlich zu unterscheiden. Gleichzeitig war dieses Hamburger Konzept mit den modernsten Verfahren der Erfassung, Sortierung und Übrwachung verbunden, das industrielle Tötungstechniken einschloß. Der Kern und die Kompromißlosigkeit dieses Konzepts aber stammte aus einem Traditionsbewußtsein des Klassenkampfs von oben, das heute aus gutem Grund totgeschwiegen wird. Die Hintergründe, die Hamburg zum Mustergau werden ließen, machen es notwendig, das Diktum Horkheimers, wonach über den Nazismus nicht geredet werden könne, ohne den Kapitalismus zu benennen, zu erweitern. Der Fall Hamburg wirft ein Schlaglicht auf die Zusammenhänge von Nazismus und bürgerlich-staatlicher Verwaltung, die weit vor den industriellen Kapitalismus zurückreichen. Damit entfallen auch die bisherigen historischen Zäsuren 1933 und 1945, mit denen noch immer versucht wird, den Nazismus aus seiner historischen Kontinuität herauszunehmen, weil er sonst zu viel über deren sozialgeschichtliche Abgründe offenbaren würde. Der Nazismus war der bürgerlichen Gesellschaft immer immanent, und solange es einkommenslose Schichten als Kernproblem der kapitalistischen Arbeitsgesellschaft gibt, wird er es auch bleiben.

Mustergau fürs »Dritte Reich«
In den Jahren 1936 bis 1938 setzte sich die Reichsregierung zunehmend mit der Hamburger Linie auseinander. Im Zeichen des Vierjahresplans wurde - abgesehen von den »Notstandsgebieten«, zu denen auch Hamburg gehörte - gerade wieder Vollbeschäftigung erreicht. Diese neue arbeitsmarktpolitische Lage wurde von immer mehr Lohnabhängigen genutzt. Eine Welle der Wanderungen von Ost nach West und in die neuentstandenen industriellen Zentren, die Hochlohngebiete waren, machte den seit den Präsidialkabinetten andauernden Lohnstopp zunichte. Neue Formen des Ausweichens und der Flucht machten sich breit, die sich nur schwer unter Kontrolle bringen ließen, weil sie diesmal von der Kernarbeiterklasse ausgingen. Damit war die bisherige Politik von Zuckerbrot und Peitsche in Frage gestellt. Es war unmöglich, die bisherigen »erb-« und »kriminal biologischen« Aussonderungsverfahren auf die Flucht- und Vermeidungsreaktionen vor allem bei den Jugendlichen und den Frauen anzuwenden, weil sie zu weit verbreitet waren. Es war unumgänglich geworden, die bisherigen Methoden der Sozialtechnik der veränderten Realität anzupassen. Es ist bestürzend nachzuvollziehen, wie die verschiedenen zentralen NS-Institutionen auf die bis dahin eher unbekannten Praktiken der Verwalter des Hamburger Depressionsgebiets zurückgriffen. Viefältig sind die Bemühungen der Hamburger Verwaltung, die Kriterien zur »Beurteilung der Erbgesundheit« zu relativieren und durch die viel breiter angelegte und auch präzisere Beurteilung des sozialen und Leistungsverhaltens zu ersetzen. Als schließlich Ende 1940 neue »Richtlinien zur Beurteilung der Erbgesundheit« herauskamen, die eine Erfassung und Sortierung der gesamten lohnabhängigen Bevölkerung in »asozial«, »tragbar«, »durchschnittlich« und »hochwertig« verfügten, konnten sich die Amtsleiter der Sozialverwaltung wohlgefällig die Hände reiben: so hatten sie's schon immer praktiziert - »im allgemeinen bringen die Richtlinien nichts wesentlich Neues«.14 Die Initiativen zur Einführung eines allgemeinen Ausweiszwangs habe ich schon erwähnt. Ähnlich setzten sich die Hamburger »Bewahrungs«-Experten auch bei den Beratungen eines »Gemeinschaftsfremdengesetzes« durch, über das seit 1940 verhandelt wurde, um im Fall des »Endsiegs« die »soziale Endlösung« auch gegenüber den »deutschstämmigen Asozialen« durchzusetzen. Anfänglich ging es bei den um dieses Gesetz geführten und vom Reichssicherheitshauptamt gesteuerten Auseinandersetzungen darum, mit Hilfe einer Ausweitung des »Schwachsinn«-Begriffs die bisherige Praxis der Sterilisationsjustiz auf eine noch breitere Grundlage zu stellen. Die Hamburger Experten hielten diesen Ansatz nicht für tragfähig, weil er die angestrebte sozial umfassende Selektionspolitik ihrer Meinung nach noch immer zu sehr medizinisch einengte. Hinzu kamen Sorgen um die Popularität der geplanten »Sonderaktion« bei der Bevölkerung, da von ihr, wie Reichsstatthalter Kaufmann noch im Dezember 1942 an das Reichsinnenministerium schrieb, der »Gemeinschaftsfremde als sittlich minderwertig, aber nicht als schwachsinnig empfunden« werde. 15 Das Gesetz wurde nie erlassen, aber insgeheim in Teilbereichen angewandt, und zwar weitgehend nach den von Hamburg aus entwickelten Vorstellungen: Curt Rothenberger war im Herbst 1942, inzwischen zum Staatssekretär im Reichsjustizministerium aufgestiegen, zusammen mit Streckenbach an den Weichenstellungen zur »Abgabe asozialer Justizgefangener an die Polizei« und am Erlaß der berüchtigten »Polenstrafrechtsverordnung« führend beteiligt. Als viertes Beispiel möchte ich die Hamburger Zwangsar-

beitsanstalten erwähnen, die für die seit 1938 begonnenen Versuche von SS und Groß konzernen Vorbild waren, um die Arbeitsproduktivität in den großen Konzentrationslagern zu erhöhen. Diesem gewachsenen Interesse begegneten die Hamburger Spezialisten mit gemischten Gefühlen, weil sie um ihren eigenen Bestand an Zwangsarbeitern fürchteten. Einerseits erschien es Steigerthai »höchst fraglich«, »ob die Arbeitskraft dieser Leute ... in den Instituten der SS gleich nutzbringend verwandt werden kann, da sie dort sehr viel mehr Aufsichtspersonal gebrauchen und als 'Volksschädlinge' reichlich ernst genommen werden«. Andererseits war er aber auch stolz auf den Vorbildcharakter seiner Farmsener Anstalt: »Der frühere Landwirtschaftsrat in Farmsen sagte oft: 'Die asozialen Menschen sind so dämlich, daß sie ohne Bewachung und ohne Tariflöhne für den Staat arbeiten. ' Ich habe die Erfahrung gemacht, daß er mit dieser Feststellung durchaus recht hatte, sofern die Insassen geschickt behandelt und sachgemäß eingesetzt wurden. Ein Vertreter der Reichsführung SS, der unsere Organisation im Hamburger Amt für Wohlfahrtsanstalten sich einmal ansah, erkannte die Lage auch schnell, wodurch allerdings bei ihm der Wunsch lebendig wurde, auf ähnlich einfache Art in seinen Anstalten die Arbeiten bewältigt zu sehen.«16

Kontinuität nach 1945
Unter der britischen Besatzungsmacht blieb die Hamburger Machtelite weitgehend unbehelligt. Es erscheint angebracht, statt von einer Entnazifizierung von einer Sozialdemokratisierung der nazistischen Verwaltungsexperten zu sprechen, kam es doch wie 1933 nur zu einem oberflächlichen Schilderwechsel. In einer Zeit, wo die Briten die »Wehrmachtgruppe Nord« am Leben erhielten, weil sie planten, das US-amerikanische Atombomben-Containment von Hiroshima und Nagasaki gegen die Sowjetunion durch eine militärische Offensive von den Westzonen aus zu ergänzen, hatten die nazistischen Schreibtischtäter nichts ernsthaftes zu befürchten. Ein paar subalterne Folterer und Mörder wurden abgeurteilt, und damit hatte es schon sein Bewenden\ Als dann nach dem Sieg der Labour Party in England über Churchill eine etwas härtere Gangart versucht wurde, stellten sich die aus dem westlichen Exil zurückgekehrten Sozialdemokraten vor ihre behördlichen Schützlinge. Das taten sie nicht aus Opportunismus, sondern weil sie gegen die stattgehabten Repressalien gegenüber den Kommunisten und der städtischen Massenarmut keine prinzipiellen Einwände zu erheben hatten. Hinzu kamen Nachkriegschaos und Tagesprobleme. Die Sozial- und Gesundheitsverwaltung mußte bis 1947 für 30.000 Obdachlose - Flüchtlinge, Rückkehrer aus der Gefangenschaft und heimatlos gewordene Ausländer (displaced persons) - aufkommen. All diese Menschen wurden schon wieder genauso »verarbeitet« wie die »Asozialen« in den Jahren zuvor. Aus außen- und sozialpolitischen Gründen waren die alten Experten unentbehrlich. Schon vor der Gründung der Bundesrepublik wurde von den Besatzern und den alten-neuen Verwaltern gemeinsam daran gestrickt, den Hamburger Mustergau zu einer besonders nazifeindlichen Region zu erklären. Zeichnen wir kurz das Nachkriegsschicksal der drei wichtigsten Spitzenfunktionäre der Sozial- und Gesundheitsverwaltung nach: sie haben mit Ausnahme Ofterdingers genauso wie die führenden Männer von Justiz und Polizeiapparat überlebt. Oskar Martini blieb bis Oktober 1946 Senator, wurde dann abgesetzt, im anschließenden Entnazifizierungsverfahren aber als »harmloser Mitläufer« (Kategorie IV, später V) eingestuft. Ansonsten wurde er nie behelligt, bis

1974 überhäuften Bürgermeister und Senat den betagten Jubilar mit Ehren. Der zweiten, wesentlich jüngeren Garnitur der Verwaltung winkten Nachkriegskarrieren. Die Absetzung von Gearg Steigerthai wurde im Juni 1945 vom Sozialdemokraten Nevermann verhindert. Der Leiter des Amts für W ohlfahrtsanstalten deutete die Geste seines Beschützers richtig, verhinderte die Freilassung der Insassen der Zwangsarbeitsanstalt Farmsen, reaktivierte sein Erfassungs- und Sortiergeschäft gegenüber den »Asozialen« und belebte zusammen mit dem Juristen Sieverts und dem Psychiater Bürger-Prinz eine »Forensisch-Biologische Arbeitsgemeinschaft« seligen Angedenkens, um das »Gemeinschaftsfremdengesetz« als »Bewahrungsgesetz« in die gerade entstehende Bundesrepublik einzubringen. Im Jahr 1950 trat der inzwischen ergraute Fürsprecher einer besonders produktiven Verwertung von »asozialer« Arheitskraft in den verdienten Ruhestand. Senatsdirektor Struve, die rechte Hand des behördlichen Tötungsspezialisten Ofterdinger, mußte zunächst wieder von vorn anfangen. Am 20. Oktober 1945 wurde er als Leiter der Allgemeinen Abteilung der Gesundheitsverwaltung entlassen. Die ersten Nachkriegsjahre verbrachte er als Angestellter von Architektenbüros und Grundbesitzerverbänden. Im Oktober 1950 wurde er von Finanzsenator Dudek als Leiter der Finanzabteilung für den Wiederaufbau Hammerbrooks eingestellt. Vom Juli 1951 an war er wieder Berufsbeamter , und zwar zunächst Oberregierungsrat. Danach ging es wieder steil aufwärts: ab April 1953 Regierungsdirektor,

ab Februar 1963 Senatsdirektor , Vorsitzender der Hamburger Kommission für Bodenordnung, Mitglied des Landesplanungsrats für Hamburg und Schleswig-Holstein. Im Jahr 1964 kam er als Vertreter der Finanzbehörde in den Planungsstab der Senatskanzlei, ab 1967 koordinierte er leitend den Aufbau des Einkaufszentrums Hamburger Straße. Ende 1968 trat er in den Ruhestand, leitete aber das Projekt Hamburger Straße bis 1970 weiter. Im April 1973 wurde er wegen Beihilfe zum Mord angeklagt. Das Hauptverfahren, das erstmals etwas Licht in die Abgründe Hamburger Gesundheits- und Sozialpolitik hätte bringen können, wurde im Januar 1975 nach wenigen Verhandlungstagen wegen dauernder Verhandlungsunfähigkeit Struves eingestellt (vgl. den Beitrag von Kuhlbrodt). Für viele von uns, die für dieses Buch geforscht, geschrieben und Dokumente gesammelt haben, ist es gespenstisch geworden, in einer Stadt zu leben, die die Spuren ihrer sozialen Massaker so perfekt zu verwischen verstand. Es ist schmerzhaft, sie aufzudecken. Aber es ist notwendig. Ihre entscheidenden Einbrüche hat die Kontinuität des Mustergaus erst seit der studentischen und sozialen Protestbewegung von 1967/ 68 erfahren. Grundlegend geändert hat sich noch nichts. Erst wenn wir die Abgründe der Hamburger Gesundheits- und Sozialpolitik sichtbar machen, haben wir eine Chance, im heutigen Sozialabbau Weichen stellungen zu erkennen, die, wenn wir sie nicht erfolgreich bekämpfen, den Weg zu einer neuerlichen sozialen Vernichtungsspirale bahnen.

Zwangsarbeitsanstalt Farmsen

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