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DER DDR

Bewaffnete Kämpfe
KL EI'\E MILITÄRGESCII ICIIT E
Bewaffnete revolutionäre Kümpfe in Deutschland
1918- 1923

...

~IILITÄRVEHI, i\G
DEli DELTSCHF:N Df:\IOKil ;\ T I SC II E~
REI'UOI.lK
Vorwort

Oie .Jahre 1918 bis 1923 waren in Deutschland Jahre heftigster


'
Klasscnkiimpfe. Ihren Höhepunkt bildete die ovemberrevolu-
tion 1918/19, die erste antiimperialistische Volksrevolution in der
deutschen Geschichte tmd die bis dahin international bedeutsam-
ste \llasscnbcwegung im Gefolge der Großen Sozialistischen Ok-
toberrevolution 1917. in der i'lovemberrevolution kämpften Mil-
lionen - erlaßt von dem gewaltigen Aufsch-..•ung, den die
Oktoberrevolution der weltweiten Auseinandersetzung z-.ischen
Fortschritt und Reaktion gegeben hatte - gegen Krieg und Impe-
rialism us. Einem großen Teil des deutschen Volkes - vor allem
der Arbeiterklasse, aber auch Angehörigen anderer Volksschich-
o...u. o..... ten - war das furchtbare Miterleben und Erleiden des ersten
fk..,aßMMI Klml)lt< '" Druttd\tand 1918-1923 I \'Otl Oider ~'4i klau• C4-aner; llttrtt Sprrll"l- - imperialistischen Weltkrieges 1914-1918 zum wichtigsten politi-
I. Auß. - Utrlut: Militlnt~ dt:t DDR, 1988. - 380 8.:49 Abb. 21 . _ t:n. -
(Kidnf' MUi~idue.
schen Gru.nderlebnis geworden, das die revolutionären Kriirte zu
IJ~waUOI!'ie rt:\olul1onlre Klntpteo)
der Erkenntnis führte, alles zu lw1, um die \ViederhoiWJg einer
ISBN.3-327-00511-7 derartigen Katastrophe zu verhindern. Bereits im ersten Ansturm
vollbrachte die auch unter diesem Aspektangetretene Volksrevo·
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o....t.n.t.- ~ (\t.B) - BM.o. 1981
lulion Großes, das weit in die Zukunft wirkte: Sie erzwang den


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Ofru. AIMin- 'nA
Frieden, fegte die Monarchie und die Dynastien hinweg, versetzte
dem deutschen Imperialismus und Militarismus schwere Schläge
und erkämpfte eine Republik. Die in der Weimarer Republik be-
btehenden demokratischen Freiheiten und sozialen Rechte waren
in erbittertem Ringen mit der Rea.ktion - teilweise unter Anwen·
dung revolutionärer bewaffneter Gewalt - von den Volksmassen
Kanm.! Chrit~a und K011...d Kun,e: erkäm pft worden. ichts hatte die herrschende Klasse freiwillig
H«~~k•~l.e, 1. o.,....,...,, 1987 gewährt.

t..SV: 05-&5 Der Kampf um die Erhaltung und Erweiterung der Nove1nber·
6et4dlnummt7: 7" 7 0 18 I
errungenschoflen bcslinunte von nWl an maßgeblich Inhalt und
• 015<10 Verlauf der Klassenschlachten in Deutschland. Oie deutschen Ar·

5
bcilcr, an ihrer Spilze die Kommunisten, unlcrnnhmen große An- Arbcilerhand«, die meist aus den 50er/60er Jahre stammen. In-
Sir(•ngungrn, schon Errungenes insbesondere gegen militaristi- ~wischen sind durch zahlreiche grundlegende Veröffentlichungen
srhr Angriffe, die bereits ab Ende 1918 - also noch während "cr1Volle neue Erkenntnisse zur Geschichte der deutschen und
der J ovemberre' olution - massiv einsetzten, zu 'erteidigen und der intcmutionalen Arbeiterbewegung erschlossen worden. E.r-
teilweise zu erweitern. ln ihren Attacken gegen die revolutionä- gänzl wurden sie durch eine Fülle von Einzelfakten übe.r die be-
ren 1-.räfle griff die Reaktion neben politischer Demagogie und waffneten Kämpfe der deutschen Arbeiterklasse, die in den von
ökonomischem Omck permanent zur be" nffneten Gewalt. Oie den Kommissionen zur Erforschung der Geschichte der örtlichen
An" rndung dieser Gewalt - der zweiten wichtigsten i\lethode Arbeiterbe" cgung herausgegebenen Publikationen veröffentlicht
der Machlausübung der Bourgeoisie - wurde in den Jahren sind.
1918 bis I !123 zu einem bevorzugten Mitlei bei der Durchsel- Es lag in der atur der Sache, daß es die Klassenkampfbedin-
zung der gegen die Interessen des deutschen Volkes geri chteten gungen der Jahre 1918 bis 1923 der proletarischen Seite ver-
imperialistischen Klassenziele. Dabei trat die reaklionär·e bewaff- wehrten, die damaligen Ereignisse in vollem Umfang zu doku-
nete Gewalt als staatlich organisierter gesellsch!lrtlichcr Zwang in mentieren. Das erschwerte es verschiedentlich, den Verlauf der
Erscheinung, der in erster Linie durch den Eins!ltz bewaffneter Kämpfe, Stärke, Gliederung, personelle Zusammensetzung, Be-
Repressivorgane - der Freikorps, der Heichswehr und der Poli- waffnung und Verluste von Arbeitenonnationen im Buch detail-
zei - wirksam wurde. licr1 darzustellen. Auch biographischen Angaben wurden hier-
Die Werktätigen Deutschlands sahen den Angriffen auf die re- durch ge"isse Grenzen gesetzL
'
volutioniiren Ern~ngenschaften nicht tatenlos zu. sondern selzten Die Autoren versuchten, auch die militaristischen Gegenkräfte
sich in machtvollen Massenbe"'egungen dagegen zur Wehr. Als der revolutionären Arbeiter ·partiell in ihre Darstellung einzube-
AnI" ort auf das gewaltsame Vorgehen der llcaktion entwickelten ziehen. So infonnieren sie über die Planungen des Militärs und
sich bewaffnete Abwehrkämpfe. die oftmals zu Höhepunkten der der Polizei zur l iederschlagung der Arbeiter, charakterisieren sie
Klasscnnuscinanderselzung des Proletariats mit den wiedererstar- die in den Kämpfen der Jahre 1918 bis 1923 eingesetzten For-
kenden Kräften des deutschen Imperialismus und Militarismus malionen der bewnrfnelen Repressivorgane des deutschen Impe-
wurden. Der reaktionären bewafFneten Gewalt mußte die deut- rialismus, zeigen sie deren Einsatzprinzipicn, Gliederung, Stärke
sche Arbeiterklasse die revolutionäre be1Jaffnete Gewalt entge- und Bewaffnung. Dabei wird deutlich, daß den Arbeitern meist
,gensetzcn. ein quan titativ weit überlegener Gegner gcgeniibcrstand.
Ziel des vorliegenden Buches ist es, einen Überblick über die Das vorliegende Buch beruht auf grundlegenden Veröffentli-
bewaffneten Auseinanderseizungen der Jahre 1918 bis 1923 zu chungen der DDR-Geschichtsschreibung. wie der .Geschichte
'ennilleln. Die erste marxistiscb-leninislischc Gesamtdarsteilung der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands. Abriß., dem
dieser Tht•matik will dem Leser vor allem L.rsachen, Verlauf und •Grundriß der deutschen Geschichte•, der Publikation . Ernst
Ergebnisse der bewaffneten Kämpfe der Arbeiterklasse in der Thälmann. Eine Biographie., der • Geschichte der Militärpolitik
\'o, emberre1 olution 1918/ 19, im Frühjnhr 1920 und 1921 so- der KPD ( 1918 - 1945)• und dem . Kuncn Abriß der deutschen
wie im Krisenjahr 1923 erschließen. Damit möchten die Autoren Militiirgcschichtec. Die Verfasser stiitzten sich weilerhin auf
ihren spezifischen Beitrag zur Erforschung der Geschichte der re- Überblickdarstellungen und Detailuntersuchungen zur deutschen
volutionären deutschen Arbeiterbewegung leisten. Ccschichlc und zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung
Bereits seit längerem ist es ein Erfordrrnis der Geschichtswis- der Jahre I !118 bis 1923 sowie auf Erinnerungsberichte von Ar-
senschaFt der DDR, eine solche militärhistorische Untersuchung bcitcrveleranen. Sie werteten Archivqucllcn, zeitgenössische Ver-
vorwiegen. Bisher erschienen zur Thematik lediglich Einzelab- öffentlichungen sowie die vom faschistischen Oberkommando
hnndlungcn, so die llefte der verdienstvollen Reihe • Gewehre in dl'r Wehrmacht bzw. des Heeres herausgegebenen • Darslellun-

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gen aus den ~a<'hkriegskämpfen deutscher Truppen und Frei- Die bewaffneten Kämpfe
korpsc aus.
Herangezogen wurden auch Arbeiten bürgerUcher Historiker
der deutschen Arbeiterklasse
aus der BRO. Diese enthalten, wenn auch in unterschierlliclrem in der ovemberrevolution 191 8/1 9
Maße, zahlreiche neue Fakten und dokumentarische Zeugnisse
über die bewaffnett>n Auseinandersetzungen der Jahre 1918 bis
1923. In der Mehrzahl dieser Veröffentlichungen sind die histori·
sehen Ereignisse jedoch so interpretiert, daß sie ein verzerrtes,
antikommunistisches Geschichtsbild vermitteln.
Lm Anhang des vorUegenden Buches wird ausführlich darüber
berichtet, wie die revolutionären Traditionen des bewaffneten
Kampfes der deutschen ArbeiterkJasse ( 1918-1923) für die Ge· Vorbereitungen auf den bewarfneten Aufstand
genwart erschlossen werden. Weiterhin sollen Sacberläuterungen
dem mililärhistorisch weniger kundigen Leser eine Hilfe für das 191 8 - im vierten Jahr des ersten Weltkrieges - war das kRiser-
Versländnis der im Text am häufigsten vorkommenden mililäri· liehe Deutschland zum schwächsten Kettenglied in der Front des
schen Bezeichnungen, Sachverhalte usw. sein. Wenig bekannte Weltimperialismus geworden. Ocr deutsche Imperialismus, mili·
Grundsatzdokumente geben Einblick in die Vorstellungen und lärisch geschlagen, sozial und politisch erschüttert, konnte seine
Prinzipien von Militär und Polizei über den inneren Einsatz der Herrschalt in der bisherigen Form und mit den alten Methoden
bewaffneten Repressivorgane des deutschen Imperialismus in nicht mehr aufrechterhalten. Oie katastropha.lcn Lebcnsbedin·
den Jahren 1919 bis I 921. gungen der Werktiitigen und Soldaten, die aussichtslose militäri-
• \Ver sich zur Geschichte seiner Bewegung verhält wie einer, sche Lage und die gegen den Willen der Mehrheit des deutschen
der sich an nichts erinnert, der kann kein klassenbewußter Arbei- Volkes betriebene Fortsetzung des Krieges durch die herrschen·
ter seine - schrieb \V. I. Lenin. Ausgehend hiervon, möchten die den KJassen ließen die politischen Aktivitäten der Volksmassen
Autoren die Erinnerung an die aufopferungsvollen Kämpfe, die stüm1isch anwachsen. Große Teile der Arbeiterklasse waren
die deutsche Arbeiterklasse in den Jahren 1918 bis 1923 mit der nicht mehr bereit, sich mit dem Krieg und der imperialistischen
Waffe für die Verteidigung der Lebensinteressen des deutschen llerrschaft abzufinden.
\"olkes ausfocht, vertiefen heUen und zugleich dem Leser ein Starke Impulse empfing die revolutionäre Bewegung von der
vom marxistisch-leninistischen Standpunkt Ausgearbeitetes Bild Großen Sozialistischen Ok1oberrevolution, mit der in1 ovember
eines bewegten Abschnitts der deutschen Mililiirgeschichte ver- 1917 eine neue welthistorische Epoche eingeleitet wurde. Erst-
mitteln. mals in der Menschheitsgeschichte war mit der Errichtung der
So" j('tmacht eine von Ausbeutung und UnterdrückUDg freie Ge-
sellschaft entstanden, hatte der Kampf um Frieden eine staalliche
• Basis er-halten. Bereits das erste Dokument des jungen Sowjet·
Staates, dAs . Dekret iiber den F"riedenc, enthielt ein Angebot an
die Regierungen und Völker Aller kriegführenden Staaten, einen
demokratischen Frieden ohne Annexion und Kontributionen ab·
zuschlit'ßcn. Im Gt'gcnsatz zum Imperialismus erwies sich der
Sozialismus vom Anfang an als große gesellschaftliche Kraft, die
nicht nur über alle Potenzen verfügt, den Fortschritt in F'rieden

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voranzubringen, sondern auch dringend den Frieden benötigt, tung seit Anfang 191 8 32 zerschlagene Division en auflösen. F'lillc
um ihre Ideale zu verwirkJichen. offrner Befehlsverweigerung häuften sich. Zehntausende Solda-
l.,nt('r d!'m unmittelbaren Einfluß der Ideen des Holen Oktober ten ließen sieb kampfl os gefangennehmen. Im August 1918 wa-
nahm die in Deutschland zunächst nur schrittweise heranreifende ren über I 00 000 Soldaten tmd ~·latroscn fahnenflüchtig. Noch •
Antikriegsbe"egung einen mächtige n Aufschwung. Insbesondere stärl..er als im Feldheer schlug sich die vn:wfricdenbeit der
das • Dekret über den Friedenc fiel bei den kriegsmüden, hun- \ olksmassen mit der Kriegspolitik der herrschenden Klassen im
gernden deutschen Arbeitern und Soldaten auf fruchtbaren Bo- lleimathecr und in der Marine nieder. Während die deutschen
den. Am klarsten erkannten die deutschen Linke n um Kar! Lieb- \lonopolc und Banken Gewinne von rund 50 Milliarden Mark
knecht und Hosa Luxemburg die welthistorische Bedeutung der aus dem Kri egsgeschäft gezogen hatten , erreichten die Not und
Oktoberrevolution. In ihrem Flugblatt . Oie Stunde der Entschei- das soziale Elend der 1verktäligen Massen sowie die Eskalation
dung!« von Anfang Dezember 1917 und im Spartakusbrief r. 8 der Unterdrückungsmaßnahmen im Jahr I!) 18 ein bisher nicht
vom Januar I 918 zog die Sparlokusgruppe die entscheidende gekonntes Ausmaß. •
Schlußfolgerung, daß ein allgemeiner demokratischer Friede nur Als gesetzmiißiges Ergebnis der Verschiirrung des kapitalisti-
durch den Sturz des Imperialismus zu el"twingen sei. schen Grundwiderspruchs entstand - beschl eunigt durch die
Bereits im 1\'ovemher/Dezember 191 7 fonden in Deutschland sich immer deutlicher abzeichnende Weltkriegsni ederlage des
Solidaritätskundgebungen für die junge Sowjetmacht und Anli· deutschen Imperialismus- im Herbst 1918 in Dcutscbl11nd eine
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l..riegsdcmonstrotionen statL Am stiirksten und unmittelbarsten re,olutionärc Krise. Auf diese trafen die drei Hauptmerkmale.
"irkte sich der Einfluß der Ok1oberrevolution auf die deutschen die \~. I. Lcnin in seiner Arbeit • Der Zusammenbruch der II. Ln-
Truppe n an der Ostfront aus. Hier setzte eine Welle von Solda- temationnlec zur Cbarakterisierung der re,olutionören Situation
tern erbrüdcrungen ein. Mit den 48 Di' isioncn, die ' 'on ~ovem­ hcrau gearbeitet hatte, voll zu:
ber 19 17 bis April 1918 von der Ost- an die Westfront verlegt • I. Für die herrschenden Klassen ist es unmöglich, ihre Herr-
"urd<•n, gelangten die Ideen der Oktoberre,rolution direkt an die schaft unveriinderl aufrechtzuerhalten; di e eine oder andere
lluuptJront des Krieges. Auch im Heimathcer, das Anfang 19 18 Krise der >oberen Scnichten<, eine Krise der Politik der herr-
rund 2, 7 Millionen Mann zählte, wu chs die Antikriegsstimmung. schrnden Klasse, die einen Riß entstehen liißt, durch den sich die
ßnd c .Januar 1918 brach der größte politische Musscnslr'cik wäh- Unzufriedenheit und Empörung der unter·drückten Klassen Bahn
rend des Krieges aus. Mehr 11ls eine Mil lion llüstungsarbeiter bri('ht. Damit es zur llevolution kommt, genügt es in der llegel
kämpften für die Durchselzung demokrutiscber Mindestforderun- nicht, daß die •unteren Schichten < in der alten Weise micht leben
gen so"ic für einen Friedensschluß ohne Annexionen und Kon- "Ollen<, es ist noch erforderlich, daß die >oberen Schichten< in
tributionen mit So.,•jetrußland. Als die Sowjetmacht von lnter- ·der alten Weise >nicht leben können <.
' ention und innerer Konterre,•olulion bedroht wurde, stellten 2. Oie "\ot und das Elend der unterdrückten Klassen verschärfen
sich Tausende deutsche Internationalisten an die Seite ihrer russi- \ich über das ge"·öhnlicbe Maß hinaus.
schen Klassenbrüder. 3. lnfolge der erwähnten Ursachen steigert sich erheblich die Ak-
\llit seiner Intervention gegen Sowjetnrßland und der Früh- ti,itiit der \1 assen, die sieb in der •friedlichen< E1>oche ruhig aus-
jahrsoffensive 1918 im Westen balle sich der deutsche Imperia- plündern lassen, in stürmischen Zeilen dagegen sowohl durch die
li sm us unmittelbar an den Rand der icderlage gebracht. Die ganz<' Krisensituation als auch durch die >Oberen Schiclttem
zeitweilig durch eine hemmungslose Propagnnda unter großen selbst zu selbstiindigem historischem Handeln gcdriingt "'erden.•
Tcii(•n di'S deutschen Volkes erzeugten letzten Siegeshoffnungen in Deutsch land stand die sozialistische llevolution aur der Ta-
wurcn e ndgültig zusammengebrochen. Die ntl stungsproduktion gesordnung. Bereits seit der He rausbildung des Imperialismus
ging rapide zurück. ln1 Westheer mußte die Oberste Hceres.lei- um die Juhrhundertwende ballen sich im Wilhelminischen Kaiser·

10 II
reich die Widt'rspriirhc des Kapitolismus ständig zugespitzt. lm Zusan1mcnhang, daß di e rcvolutioniire Arbeiterbewegung immer
ersten Wehkrieg wurde besonders deutlich, daß der Kampf um bestrebt ist. die poUtische Macht mit friedlichen Mitteln zu er-
sozialen Fortschritt und der Kampf um Frieden unlösbar mitein- obern. Erst dann, wenn die Bourgeoisie ihr das mit bewaffneter
ander verbunden waren. Oie Lösung der antagonistischen Wider- Gewalt ~erwehren will, setzt sie dieser die progressive bewaHnete
sprüche zwischen der Arbeiterklasse und den für Krieg, Ausbeu- Gewalt entgegen.
tung und Elend verantwortlichen Kräften des deutschen Als typische Merkmale des bewaffneten Aufstandes arbeitete
Imperialismus konnte nur auf revolutionärem Wege erfolgen. Lenin heraus: sein revolutionäres Ziel, die organisierte mjUtäri-
Wesentlicher Bestandteil des Kampfes der deutschen Arbeiter- sche Aktion. seinen Massencharakter und seine relativ kurze
klasse um die Macht war ihr Bemühen um die revolutionäre Lö- Dauer. Dabei "ics Lenin auch auf die enge \'erknüpfung des be-
sung der Militär!rage. Das bedeutete vor allem, die Soldatenmas- waffneten Aufstandes mit dem Bürgerkrieg hin. Dort, wo ein ra-
sen an die Revolution heranzuführen, die imperialistischen 'cher Erfolg des bewaffneten Aufstandes ausbleibt, geht dieser
Streitkräfte zu zerschlagen, die Arbeiter zu bewaffnen und starke meist in den BUrgerkrieg über.
militärische Formationen der Arbeiterklasse zum Sturz des deut- unmittelbar am Vorabend der Großen Sozialistischen Okto-
schen Imperialismus und zur Verteidigung der revolutionären Er- berrevolution erinncrle \V. I. Lenin die Arbeiter Rußlands in $ei-
rungenschaften aufzustellen. nen • Ratschlägen c·ines Außenstehenden• an die bereits von Karl
Unter dem Eindruck der konsequenten Lösung der Macht- \lan. und F"riedrich Engels fiXierten allgemeinen Hauptregeln
und Militärfrage in der Oktoberrevolution festigte sich in der des bewaffneten Aufstandes:
deutschen Arbeiterbewegung immer mehr die Erkenntnis, daß • I. Vie mit dem Aufstand spielen, hat man ihn aber einmal be-
der imperialistische Krieg nur durch den Sturz der herrschenden gonnen, so muß man genau wissen, daß man bis zu Ende gehen
Klasse beende! werden konnte. Unter den konkreten Klassen- muß.
kampfbedingungen des Herbstes 1918 hieß das primär: Vorberei- 2. Am entscheidenden Orl und im entscheidenden Augenblick
tung und Durchfiihrung des bewaffneten Aufstandes. Den Bestre- muß ein großes Obergewicht cm Kräften konzentriert· werden,
bungen des deutschen Imperialismus, die revolutionäre Bewe- denn sonst wird der F'eind, der besser ausgebildet und organisiert
gung durch die reaktionäre bewaffnete Gewalt abzuwürgen, ist, die Aufständischen vernicht.en.
mußte das Proletarint zur Ourchsetzung der Lebensinteressen 3. Sobald der Aufstand begonnen hat, gilt es, mit der größten
des ganzen deutschen Volkes die progressive bewaffnete Gewalt Entschiedenheit zu handeln und unter nllen Ums!iinden und un-
.entgegenstellen. bedingt die Offensive zu ergreifen.• Oie Defensive ist der Tod
Insbesondere in seinen Arbeiten .Marxismus und Aufstand« der bewa[fneten Erhebung.c
und • Ratschläge eines Außenstehenden• wies W. I. Lenin nach, 4. Man muß bestrebt sein, den Feind zu überraschen und den
daß der bewaffnete Aufstand, um erfolgreich zu sein, eine revolu- ~ugenblick abzupassen, wo seine Truppen zerstreut sind.
tionäre Situation voraussetzt. Er muß sich auf die fortgeschritten- ::>. Es gilt, täglich (handelt es sich um eine Stadt, so können wir
ste Klasse und auf den revolutionären Aufschwung der Volksmas- Sßgen stündlich) wenn nuch kleine Erfolge zu erreichen und da-
sen stützen und zu einem Zeitpunkt erfolgen, an dem das durch um jeden Preis das >moralische Obergewichlt festzuhal-
politische Kriifteverhiillnis für die Aufständischen günstig ist. Da- ten .•
bei spielt die llaltung der Soldatenmassen zur Hevolution eine Die konsequente Umsetzung dieser l lauptregeln des bewaiTne-
bedeutende Holle. ten Aufstandes durch die Bolschewiki u11d die von ihnen geführ-
W.l. Lenin hat in seinen Arbeill•n den bewaffneten Aufstand - ten \ olksmassen wurde zu einer wichtigen Voraussetzung für den
den er als •besondere form des politischen Kampfes• ver- &chnellen Erfolg des Oktoberaufstandes 1917 in Pet.rograd.
stand - gründlich analysiert. \achdrücklich betonte er in diesem Der bewaf(nete Aufstand erforderte eine gründliche und allsei-

12 13
tige.Vorbcrcitung. Die deutsche Arbeiterklasse, die in der Mehr- der W1tffenbeschaffung zeugt unter ander·rrn die Tatsache, daß
heit noch den Opportunisten und Zentristen folgte, mußte durch Anfang November 1918 in der Wohnung der Berliner Metnllar·
geduldige Über-leugungsurbeit el'lit rür den bewaffneten Aufstand beiterin Cliire Casprr-Oerfcrt zeitweise 400 Pistolen und etwa
gewonnen werden. Doch durfte nrbcn der ideologischen seine 20 000 Schuß Munition lagerten.
militärische und organisatorische Vorbereitung nicht vernachläs- Bereits frühzeitig halle die Spartakusgruppc erkannt: Für den
sigt werden. Dabei kam es vor allem darauf an, am Vorabend der erfolgreichen Verlauf des bewaffneten Aufstandes und für das
Revolution die kampfentschlossenen Arbeiter der Großbetriebe weitere Jlevolutionsschicksal war die llaltung der Soldatenmas-
zusammenzufassen. zu bewaffnen und im WaUenhandwerk zu sen von el'litrangigcr Bedeutung. Der Sieg der llevolution unter
üben. Solche Kaderorganisationen waren notwendig, um den be- den Bedingungen des imperialistischen Krieges hing nicht nur
waffneten Aufstand zum politisch richtigen Zeitpunkt auslösen, , on der Zersetzung der alten Streitkräfte, sondern vor allem vom
um im Verlaufe der Auseinandersetzung mit der militärischen Obergang der Mehrheit der Soldaten auf die Seite der Jlevolution
Konterrevolution die Arbeiterklasse umfassend bewairnen und ab. Die Spa.rtakusgrui>PC 'crstiirkte deshalb seit Sommer 1918
um auf die Bildung von Volksstreitkräften hinarbeiten zu können. ihre Anstrengungen, die Antikriegsbewegung in I leer und flotte
\'on \Ornherein mußten die Arbeiterfom1ationen mit einem an in eine zielgerichtete revolutionäre Massenbewegung hinüberzu-
Zahl. Organisation, Bewaffnung, Ausrüstung und Kampferfah- leiten. Ihr Flugblatt • Kameraden erwacht !c, das dazu aufforderte.
rung überlegenen Gegner in Gestalt des imperialistischen stehen- die Waffen gegen den Feind im eigenen Land, gegen die deut-
den lleeres rechnen. schen Imperialisten und Militaristen zu kehren, wurde massen-
Oie einzige politische Kraft in Deutschland, die die Arbeiter- haft unter den Soldaten verbreitet. Doch gelang es der Spartakus-
klasse auf die heranrcifendr Revolution vorbereitete und ihr ein gruppe aufgrund ihrer zahlenmüßigen und organisatorischen
Programm gab, war die Spnrtnkusgruppe. Seit Frühjahr 1918 war Schwäche sowie des großen EinOusscs des Opportunismus nicht,
ihr Ziel der bewaffnete Aufstand. entscheidende Erfolge bei der Gewinnung der Soldatenmassen
Von Anfang an ging die Spnrtakusgruppe davon nus, daß der zu erringen.
Erfolg des Aufstandes wesentlich von der ßewarfnung der Arbei- Die Reichskonferenz der Sportakusgruppe, die am 7. Oktober
terklasse nls der flihrend<•n Kraft der revolutionären Beweglmg 1918 illegal in ßerlin lugte und llll der auch Vertreter von Cmp-
abhing. ln Berlin gelang es den revolutioniinJn Kräften bis No- pcn der Linksradiknien teilnahmen, orientierte nur die Volksrevo-
vember 1918, in rund 30 Großbetrieben geheime bewaffnete lution für die sofortige Beendigung des Krieges, für den Kampf
Kampforganisationen zu for·micren, die .Schwarzen Katzen«. Für um demokratische Rechte und Freiheiten, für den Sturz des Im-
die \Vnffenbrscharfung wurde eine spezielle Kommission - die perialismus und Militarismus sowie für die Herstellung freund-
sogenannte Federhalterkommission -gebildet. Sie • organisierte• schaftlicher Beziehungen zu So,vjctrußland. Oie Delegierten ho-
Pistolen. Gewehre und einige Maschinengewehre aus den Deut- ben die große moralische Unterstützung hervor, die die
schen Waffenwerken Wittenau, den Spandauer Cewrhrfabriken. revolutionäre Arbeitcrbcw<'gung Deutschlands durch die Okto-
dem Waffenwerk Obcrsprce und aus Suhler Waffenfabriken, zu berrevolution erhalten hatte.
denen die B<'rlincr Jlc,olutioniire \crbindung hatten. Hierbei Führende Kräfte der Spartakusgmppe erkannten. daß in der
wirkte die partakusgruppe rng mit drn rrvolutionären Obleuten neuen welthistorischen Epoche auch in Deutschland die soziali-
d<'r Berliner Großbetrirbe zusammen. stische Revolution auf der Tagesordnung stand. Sie formulierten
Die Waffen "urden in \~ crlstiitten, in Kellrm und auf Böden deshalb als Endziel die Erkämpfung einer sozialjstischen Repu-
vel'liteckf, zum Teil sogar ringcmauert. Trotz intensiver Polizei- blik. Im Ringen um die Ourchsetzung antimilitaristischer. anfiim-
üben,achung blieben die Waffentransportrund ·\Crstecke unent- !>l'rialistisch-demokratischcr \ ohziele sollten die \ oraussetzuo-
deckt. \'om Erfolg der· Anstrengungen der Spartakusgruppe bei gen für den Übergang zur sozialistischen llevolution geschairen

ltl. 15
werden. Als entscheidend verwiesen sie dabei nur die j(l'IJnCile- t-.riifl«> blieben angesichts der sich zuspitzenden Krise des impe-
gende \ eriinderung der ~lachtverbiiltnisse: • Der Kampf um rialistischen Systems nicht untätig. Die herrschenden Kreise des
wirkliche Demokratisierung geht nicht um Parlament, Wahlrecht deutschen Monopolkapitals drängten im Herbst 1918 auf eine ra-
oder Abgeordnetenministerc, sondern er gilt »den realen Grund- sche Beendigung des Krieges und auf innenpolitische Verönde-
lagen aller Feinde des Volkesc, dem • Besitz an Grund und Bo- rungt:>n. um der Revolution zuvorzukommen. Selbst Kaiser \Vii-
den und Kapitale, der . Herrschaft über die bewaffnete ~lacht helm 11. hatte erkannt, daß ohne Aufnahme rechter sozialdemo·
und über die Justiz.c kratisrher Partei· und Gewerkschaftsführer in die Regierung und
ln ihren Hauptzügen kamen die Beschlüsse der m :tol>erkmtfe- ohne baldiges Kriegsende jeder Versuch hoffnungslos war, noch
rcnz den Grunderkenntnissen der Leninschen Revolutionstheorie t•inrn Weg aus der offen ausgebrochenen Krise zu finden. Gleich-
und dem von W.l. Lenin konzipierten .Militlirprogramm der pro· zeitig wurden direkte militärische Maßnahmen ergriffen, die
leta rischen Hevolutionc nahe. Als ihre wichtigste militär;politis,che rinen brwaffnelen Aufstand der Arbeiter und Soldaten vereiteln
Aufgabe sa h es die Spartakusgruppe an, die Antikriegsbewegung und die llevolution bereits im Keim ersticken sollten. Ihr Haupt-
dl'r Arbei ter und Soldaten in den bewaffneten Aufstand überzu- augenmerk richtete dabei die militiirische Führung auf die Bil-
leiten. Sie forderte, so(ort und überall mit der Bildung von Arbei- dung spezieller Formationen für den inneren Einsatz. Erich Lu·
ll'r· und Soldatenröten zu beginnen, die nach dem Vorbild der drndorff, Erster Generalquartiermeister in der Obersten
Oktoberre~olution auch die organisatorische Basis für die Volks- 11ecresleilung und als Exponent des Militärregimes der meistge-
hl'waffnung bilden sollten. Unter sokhen zentralen Losungen wie haßte \1ann in Deutschland, mußte am 26. Oktober 1918 al>tre-
.Alle \1acht den deutschen Arbeiter· und Soldatenröten!c und ten. ein achfolger wurde der politisch nexiblere Generalleut-
. llerrschaft über die be"affnele ~lacht!c wurden die Arbeiter nant Wilhclm Groener.
aufgerufen, bewaffnete Arbeiterformalionen zu bilden. Lm die Empörung des Volkes allzufangen und die Aufnahme
Auf der Oktoberkonferenz nahmen die Fragen der Militiirnui- YOn Waffenstillstandsverhandlungen mit den Ententemächten zu
tutionc, di'c nu rklärende Arbeit in den imperialistischen Streitkräf- erleichtern, wurde am 3. Oktober 1918 unter Prinz Max von Ba-
ten, ei nen besonderen Tagesordnungspunkt ein. Die Konferenz drn !'ine neue, parlamentarisch verhriimlc Regierung gebildet. Sie
stellte die Aufgabe, die kaiserliche Armee als Machtinstrument sollte den imperialistischen Krieg möglichst schnell in einen im-
des deutschen Imperialismus unbrauchbar zu machen und die t><'riulistischcn Frieden überleiten. Den Massen wurde eine • Par·
Soldaten für die Revolution zu gewinnen. Ein wichtiger Schritt lamentarisicrung«, jedoch unter Beibehaltung der Monarchie, ver-
hierw waren die kon kreten Forderungen der Spartakusgruppe sprochen.
nach durchgreifender demokratischer Umgestaltung des Heeres ln dieses Kabinett traten ·die rechtssozialdemokratischen Füh-
als Übergang zur Schaffung von eigenen Streitkräften der deut· rer Custav Bauer und Philipp Scheidemann ein, um den Aus-
sehen Arbeiterklasse. brurh dt>r Revolution verhindem zu helfen. So wurde die oppor-
Das von der Spartakusgruppe entworfene Programm war ge- tunisti!>che Politik, Arbeiterinteressen preiszugeben, am Voral>end
eignet, die Volksmassen zu re'olutionören \ktioncn zu mobilisie· der \o~cmbcrrevolution mit der Absicht fortgesetzt, durch Refor·
ren und sie im Verlaufe der antiimperialistischen Umwälzung an men die revolutionäre Massenbewegung abzubremsen.
die völlige Beseitigung des Imperialismus heranzurühren. Oie Seit Ende Oktober 1918 nahm die Spartakusgmppe unmittelbar
Spaltung der Arbeiterklasse durch den Opportunismus und das Kur~ auf die Revolu tion. Sie plante, die Revolu tion durch einen Ge-
Fehlen einer revolutionären Kampfpartei gcriihrdeten jedoch die neralstreik in Bcrlin - dem politischen und militärischen Macht-
Vcr"~rklichung dieser Ziele und beeinträchtigten die konse· zentrum Deutschlands- auszu lösen, der in den bewoffncten Auf-
qucnte Vorbereitung des bewaffneten Aufstunds. Siund übergeleitet wer(len soUte. Hier.w verstürkte sie ihre
Aber auch die der Revolution entgegenwirkenden politischen Verbindungen zur illegalen Orgnnisation der revolutionären

16 17
Obleute der Metnllbctriebr, um die sich der revolutionäre Kern Der Vollzugsausschuß der n•volufioniiren Obleute beschloß,-
der Berliner Arbeiter gruppierte. Drei führende Vertreter der 11rn bewafFneten Aufsfand am 4. ovembcr zu beginnen. Doch
Spartakusgruppe - Karl Licbknecht, Ernst Meyer und Wilhelm noch am Abend des 2. ovember wurde diese Festlegung auf
Pieck - wurden am 26. Oktober in deren Vollzugsausschuß be- einer weiteren Beratung der revolutionären Obleute wieder aufge-
rufen. hoben. Die führenden Vertreter der USPD stellten sieb wegen an-
Auf die Vorbereitung des bewairneten Aufstandes wirkte sich geblich ungenügender »technischer Vorbereitung• gegen die Ak-
die schwankende llaltung der Führung der USPD stark hem- tion, der sie noch am Vorn,iftag ihre Zustimmung gegeben hatten_
mend aus. Am 30. Oktober lehnte der Parteivorstand die von den Sie verlangten, den bewaffneten Aufstand um eine Woche zu ver-

revolutionären Obleuten für den 3. o' embcr beschlossenen Ver- s<'hicben. Daraufhin forderten Karl Liebknccht, Ernst Meyer und
sammlungen und Demonstrationen in Bcrlin mit der Begründung \\ ilhclrn Picck, am 5. ovember in den Generalstreik zu treten,
ab, daß man die Kräfte nicht 'erLelteln dürfe und gleich mit dem der in \ erbindung mit einer großen bewaffoeten Demonstration
bewaffneten Aufstand beginnen solle. Auch die Vertreter der die \lassen an den bewaffnrfen Aufstand heranführen sollte. Die-
USPD an der Spitze der revolutionären Obleute, wie Emil Barth, ser Antrag der Spartakusgruppe wurde jedoch abgelehnt. Die
Ernst Diiumig und Riehard Müller, verstanden nicht, daß es not- \lehrhcit der revolutionären Obleute stimmte den1 Beschluß zu.
wendig war, die Arbeiter durch Massenstreiks und Demonstraticr den Aufstand zu verschieben und sich erst an1 6. l ovember wie-
nen an entscheidende Kämpfe heranzuführen. Die Taktik der der zu trerren. Oie rechten F'ührer der US PD schreckten davor
Verbindung von konspirativer Aufstandsvorbereitung mit legalen zu rück, die Revolution in der l luuptstadt auszulösen, die Regie-
revolutionären Masscnnktionen, die Karl Liebknecht, Ernst rung zu stürtcn und damit die Führung der revolutionären Bewe-
Meyer und Wilhclm Picck im Vollzugsausschuß der Berliner re- gu ng in Deutschlund zu iibrrnehmen.
volutionären Obleute vertraten, sahen sie - wie Emil Barth aus- Das Vertögcrn des bewuffneten Aufstandes in Berlin geflihr-
führte - als unnütze •revolutionäre Gymnastik« an. dcfe die gesamte revolutionäre Bewegung in Deutschland. Sie gab
Am 2. ovembcr 1918 beschloß der Vollzugsausschuß der re- den herrschenden Kreisen und der Regierung Zeit, politische und
volutionären Obleute fü r Uerlin den Plan des bewaffneten Auf- militärische Maßnnhmcn vorwbereiten, die den Fortbestand der
standes. Milifürisch beraten wurde der Vollzugsausschuß dabei imperialistischen Herrschort in Deutschland sichern sollten.
von Oberleutnant Wnlz, Kompanieführer im 2. Gardepionierer- Die Berliner Ereignisse am unmittelbaren Vorabend der Revcr
satzbataillon. Dieser benbsichtigte, mit seiner Einheit am Auf- lution hatten nochmals schluglichtartig erhellt, in welch kompli-
sfand teilzunehmen und weitere Truppen für die Revolution zu zierter Situation sich di e revolufioniire Bewegung im Herbst 1918
gewinnen. Walz, der unter dt•m Decknamen Lindocr auftrat, in Deutschland bdund, wie hemmend sich der starke opportuni-
wurde jedoch am 4. ovember verhaftet. stische Einfluß auf die konsequente Vorbereitung der Revolution
Der Aufstandsplan legte die Besetzung der miliüirisch wichtig- auswirkte. Die Spartakusgn•1>pe war zu schwach zur alleinigen
sten Punkte fest und bestimmte die Anma.rschlinien der Arbeiter Führung der revolutionären Arbeiter und Soldaten. Bei allem
aus den Großbetrieben. Die von Walz gelührte Pionierkompanie Heroismus ihrer Mitglieder konnte sie die fehlende revolutionäre
und die von l\1ariendorf und Tempelhof heranziehenden Arbeiter- marxistisch-leninistische Partei nicht ersetzen.
trupps der Daimler- und der Stock-Werke sollten verhindern, daß
es zu blutigen Auseinandersetzu ngen mit den Berliner Garnison-
truppen kam. ln dem \laßr. "ie dann revolutionäre Soldaten der Kiel gab das Signal
Ersatzlruppcntrile die brwalfnetcn Arbeiterformationen verstärk-
ten, wollte man den Aufstand auf die ganze Berliner Innenstadt Die Auswirkungen der Oktoberrevolution und die sich im Herbst
ausdehnen. 19 18 zusehends 'erschürfende Krise des deutschen lmperialis-

18 19
mus waren entscheidende Ursachen rür die im Oktober 1918 er· Am 26. Oktober 1918 gab die Seekriegsleitung den Befehl zum
neut au fflammende revolutionäre Ma trosenbewegung gegen den Auslaufen und Vorstoßen der auf der Außenreede von Wilhelms-
Krieg. Trotz der brutalen Unterdrückung der Matrosenerhebtmg haven zusammengezogenen Plotte in Richtung der südostengli-
im August 19 17 war es der Seekriegsleitung nicht gelungen, den schen und flandrischen Küste. Seekriegsleilttng und Flottenkom-
revolutionären Elan der Matrosen und Heizer der deutschen mando wollten das geschützt bei Scapa Flow liegende Gros der
HochseeFlotte zu ersticken. weit überlegenen englischen Kriegsflotte zu einer großen See-
Es war kein • Zufall der Geschichte«, daß die ovemberrevo- schlacht provozieren. Militärisch gesehen bot dieses Unterneh·
lution 1918/ 19 mi t dem Aufstand in der kaiserlichen Marine be· 111 en keinerlei Aussicht auf Erfolg.
gann. Spezifische Bedingungen an Bord und insbesondere die Als die Matrosen, denen die Offiziere zunächst einzu.reden
enge Verbindung der Matrosen zur revolutionären Arbeiterbewe- suchten, es handle sich lediglich um ein Flottenmanöver in der
gung waren unmi ttelbar die Hauptgründe dafür. Deutschen Bucht, die wahren Absichten des Marineoberkom-
Oie Matrosen der HochseeFlotte waren durchweg klassenbe· mandos erkannten, vereitelten sie dessen verbrecherisches Vor-
wußte Arbeiter, di e aus den industriellen Ballungsgebieten haben. Schon während des Zusan1menziehens der Hochseeflotte
Deutschlands stammten und als Scltlosser, Dreher, Mechaniker in den letzten Oktobertagen war es zu Befehlsverweigerungen ge-
u. ä. Kon takt zur Arbeiterbewegung gehabt hatten. ln den Kriegs- kommen. Viele Matrosen gingen nicht an Bord. Einige Besatzun-
häfen ergaben sich direkte Verbindungen zu den Werftarbeitern. gen bunkerten keine Kohle. Am 30. Oktober weigerten sich die
Matrosen nal1men an deren Versammlungen teil, erhielten von '
Mannschaften mehrerer Großkampfschiffe, so die der »Thürin-
Spartakusanhängern und anderen linken Kräften Flugblätter, die gen«, der »Helgolandc und der • Friedrich der Große«, die An-
dazu aufriefen, nach dem Beispiel des Roten Oktober den impe- ker zu lichten. Das run 31. Oktober in Kiel einlaufende rn. Ge-
rial istischen Krieg zu beend en. Das enge Zusammenleben an schwader mit den Linienschiffen . Bayern•, ~König«, . Kronprinz
Bord schweißte die Mannschaften der Kriegsschiffe fest zusam- Wilhelm«, »Markgraf« und »Großer Kurfürst« wurde zum Zen-
men und erleichterte die revolutionäre Arbeit. trum der revolutionären Matrosenbewegung. Oie Roten Matrosen
Wie die Arbeiter, Frauen und Kind er in der Heimat, litten die stellten sofort Kontakte zu den Kieler Werftarbeitern her, die sich
Mannschaften der Kriegsschiffe Hunger, während ihre Offiziere mit ih nen solidarisierten. Am 30./3 1. Oktober hatten die Matro·
aus dem vollen lebten. Gerade die Marineoffi ziere bildeten eine scn ihr ahziel erreicht: Oie Seekriegsleitung mußte ihren Plan
besondere Kaste, die sich vorwiegend aus privilegierten Schich- endgültig aufgeben, die einzelnen Geschwader wurden in die Hä-
ten rekrutierte. Von großer Arroganz im Auftreten, waren Schika- fen zurückheordert. Das Auslaufen der FloUe war verhindert
nen gegenüber den Schiffsbesatzungen an der Tagesordnung. Auf worden.
dem engen Raum an Bord brachen die sozialen Gegensätze offen Oie Militärbehörden leiteten sofort rigorose Maßnahmen ein,
auf. um die • bolschewistische« Matrosenbewegung zu liquidieren
Längst hatte die Mehrzahl der Matrosen den verbrecherischen und ihr Übergreifen auf die in Kiel stationierten Truppen und die
Charakter des imperialistischen Völkergemetzels erkannt. Ihre Arbeiter zu verhindern. Sie ließen über 1 000 Matrosen verhaf-
Unzufrieden heit wuchs hinüber in en tschlossenes revolutionäres ten. Oie Soldaten durften di e Kasernen nicht verlassen. Reaktio·
Handeln, als die Seekriegsleitu ng angesichts der hertutnahenden näre Offiziere, Maate und Offiziersschüler patrouillierten durch
militärischen Kat.astrophe beschl oß, di e Flotte in einem . Ritt ge- die Straßen Kiels. Oie Ma.rineinfanterie wurde in Alarmbereit-
gen England« aufzuopfern. Der geplante • Heldentod« von rund schaft versetzt.
80 000 Matrosen sollte in Deutschland eine letzte chauvi nistische Unter Führung von linken USPO-Mitgliedern, wie dem Ober-
Stimmungswelle auslösen und die Ententemächte über die rniHtä- heizer Karl Artel!, bemühten sich die revolutionären Matrosen
rische Schwäche des deutschtm Imperialismus täuschen. energisch um die Befreiung ihrer verhafteten Kameraden. Am

20 21
3. ovember versammelten sich über 3 000 Matrosen, Soldaten heits- und Polizeidienst Unter ihrer Kontrolle arbeiteten die
und Arbeiter zu einer Protestkundgebung auf dem Exerzierplatz Stadtverwaltung und die Lebensmi ttelbelri ebe zur Versorgung
vor der Stadt. Mit den Rufen .Freiheit für unsere Kameraden! c, der Bevölkerung. ln Kiel halte der bewaffnete Aufstand gesiegt.
• Weg mit dem Kaiserle zogen sie von dort zur Marinearrestan· Doch bereits am Ausgangsort der ovemberrevolution gelang
stalt. Militärpatrouillen wurden entwaffnet. Dem Demonstrations· es den konterrevolutionären Kräften, das vorzucxer<~ieren, was
zug schlossen sich weitere Soldaten aus den Kasernen an. An Tagr später in Be rlin und in anderen Städten Deutschlands zur
cinrr Straßenecke stieß er plötzlich auf eine starke, vorwiegend \1a.,ime der Gegenrevolution wurde. Oie Regierung entsandte
aus Offizieren und Unteroffizieren bestehende Postenkette, die das den rech ten sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten Gu-
Feuer eröffnete. 8 Demonstranten wurden getötet, 29 schwer ver- slav \loske in die au[ständische Hafenstadt, um die Hevolution
letzt. 1 einzudiimmenc. l oske verstand es, die politische Un klarheil der

Diese Schüsse auf eine friedliche Oemonstrution machten den rcvolutioniiren Krä[te auszunutzen und sich 11m 5. ovember mit
Malrosen deuUich, daß ihre Ziele jetzt nur noch durch revolutio- Versprechungen über die »Weitere ntwicklung« der Revolution
niirc Gewalt erreicht werden konnten. Oie Zeit des Vort.ragens den Vorsitz des Soldatenrates in Kiel zu erschleichen. Am 7. o-
von forderungen war vorbei. jetzt galt es, sie mit der Waffe vcmber übernahm er dann anstelle ''On Vizeadmi.ral Souchon das
durchzusetzen. roch in der acht vom 3. zum 4. ovembe.r bil- Amt des Gouverneurs von Kiel.
deten sich zur Führung des bewaffneten Aufstandes auf den ln beiden Funktionen rief Gustav l oske dazu auf, · Ruhe und
Schiffen, in den Kasernen und Betrieben Matrosen-, Soldaten- Ordnung• zu bewahren, versuchte er, revolutioniirc Aktionen zu
und Arbeiterräte. Am Morgen des 4. November s tanden den Kie- verhindem und die Konterrevolution zu organisieren. Von An-
ler Revolutionären bereits 20 000 Gewehre mit je 60 Schuß zur rang an unternahm 1oske alles, um die Revolution militärisch ZU
Verfügung. Die Mehrzahl der Schiffsgeschütze war von den Auf- entmachten. Ocr Kamp[ um die Lösung der Militärfrage wurde
ständischen besetzt. Bis Mittag hatte sich die Uiilfte der in Kiel bereits in Kiel zun1 Angelpunkt im Ringen zwischen Revolution
stationierten Truppen den Räten unterstellt. Am achmitlag des- und Konterrevolution.
selben Tages konstituierte sich der .Kieler Arbeiterrat aus Vertre- ln seinem ersten Tagesbefehl ordnete oske an, daß der mili-
tern der Werften und Großbetriebe und rief für den 5. ovember liirische Sicherheitsdienst in seinem Befehlsbereich wieder voll
zum Generalstreik auf. Dem Gouverneur von Kiel, Vizeadmiral aufgenommen werden müsse. Das Warrentragen - außer im MW-
Wilhelm Soucbon, blieb niebis anderes übrig, als die inhaftierten tiirdienst - wurde verboten, die Bildung einer von den Arbeiter-
Matrosen freizulassen. Als sieb die eiligst aus anderen Garniso- und Soldatenräten verlangten Roten Garde durchkreuzL oske
nen nach Kiel herangeführten Truppen mit den Aufständischen begann, aus Ofrizieren und Unteroffizieren eine konterrevolutio-
solidarisierten, mußte Souchon das Versprechen geben, keine näre Truppe aufzustellen. Die Revolution allerdings konnle auch
weiteren auswärtigen Truppen nach Kiel zu beordern. ein \oske nicht mehr aufhalten.
Am Abend des 4. ~ovember 1918 befand sich Ki el vollständig
in den !Iänden der revolutionären Matrosen, Soldaten und Arbei-
ter. Der provisorische Soldatenrat aller Ki eler Truppen verkün- Der 9. ovember 1918 in Ber1in
dete: •Unsere Schicksalsstunde hat geschlagen. Die Macht isl in
unserer I land !c 20 000 Revolutioniire demonstrierten unter roten Der Kicler Malrosenaufstand wirkte auf Deutschland wie der
Fahnen. Im llafen, in den militärischen Objekten und Anlagen F'unke im Pulver[aß. Trotz der von der Hegierung verhängten
hatte die bewaffnete Arbeiterklasse die Macht iibernommen. Oie Nurhrichtensperre breitete sich die Kunde von den .Kieler Ereig-
Matrosen-, Soldaten- und Arbeiterräte verkörperten die zivile nissen in kürzester Zeit über das ganze Lnnd aus. Hinzu kam,
und militärische StaatsgewaiL Sie bestimmten über den Sicher- daß die Kieler Revolutionäre, um die Matrosen der anderen Ge-

22 23
schwader für den Aufstand zu gewinnen und die HeranFübnmg Oie wichtigsten Kampfformen der Revolvtioniire waren Mas-
von konterrevolutionären Truppen gegen die Kieler Erhebung zu sendemonstrationen, Genera.lstreik und bewaffneter Aufstand,
verhindern, Sendboten in die norddeutschen Stiidte schickten. also solche spezifisch proletarischer Art Ausgehend von der kon·
Überall, wo diese »Sturmvögel der Revolution• auftauchten, wur- kretcn Situation bei der Konfron tierung der Revolutionäre mit
den sie von den Arbeitern, Matrosen und Soldaten voller Herz- der llcaktion, gingen diese KampCformen häufig ineinander über.
lichkeil begrüßt. Ihr Eintreffen gab oft den letzten Anstoß zur re- \ ur dort, wo der Bevolution die reaktionäre Gewalt aktiv gegen-
volutionären Erhebung. iibertrat, griffen die Revolutionäre zum bewaffneten Aufstand.
In einer Stadt nach der anderen, an der ord· und Ostseeküste Dieser ließ den in einigen Städten, wie in Düsseldorf (6. ovember),
und im Landesinnern erboben sich die Arbeiter und Soldaten. \llagdeburg und Hannover (7. 1 ovember) sowie in Dresden und
nabhiingig von Kiel hatte die Revolution 11m 4. ovember 1918 Wolfenbüttel (8. November), organisierten militärischen Wider·
Stuttgort erfaßt. Am 5. ovember griff die Revolution auf Bruns- stand kontcrrevolutioniirer Offiziere schnell zusammenbrechen.
bütlelkoog, Lübeck und Travemünde über, 11111 folgenden Tag auf Auch in ßerlin - dem politischen und militärischen Machtzen·
Altonn, Bremen, Bremerhaven, Cux haven, F'lensburg, Hamburg, trum des deutschen Imperialismus - konnte nur der bewaffnete
eumünstcr, Oldenburg. Spartakusanhiinger, Linksradikale ,und Aufstand der Revolution zum Sieg verhelfen. Da sich hier das
Linke der USPD waren die politisch treibenden Kräfte. Oie Ar· Schicksal der deutschen Revolution entscheiden mußte, war mit
beiter in den Städten und Industriegebieten, die Mehrheit der dem besonders hartnäckigen, bewaifneten Widerstand der kon·
Soldaten des I Ieimaiheeres erhoben sich gegen den Krieg und terrevolutionären Kriiite zu rechnen.
das imperialistische System. Lrn die Revolution in Berlin bereits im Keime zu ersticken,
Am 7. 'ovember 1918 wehten rote Fahnen über Braun· zo~ der Oberkommandierende in den Marken, Generaloberst
schweig, Frankfurt am Main, Harmover, Magdcburg, Rostock, \lexander von Linsingen, zunächst als besonders zuverlässig gel·
Schleswig, Schwerin und vielen anderen Stiidtcn. ln München tcnde Truppen um ßerlin zusammen, darunter jägerbataillone,
stür.~:ten die Revolutionäre an diesem Tag den ersten deutschen die bei der tederschlagung der Revolution in Finnland einge-
Königsthron, eine republikanische Regierung aus US PD und Sl'lzt worden wltren. Dann verbot er die ßildung von Arbeiter·
SPD wurde gebildet. Von b.ier sprang der revolutioniire Funke und Soldntenriiten. ln der Nacht vorn 7. ?.um 8. ovember 1918
auf Augsburg, ürnberg, Regensburg und andere süddeutsche wurde der l"ernsprech- und Telegrafenverkeh r zwischen Berlin
Städte über. und dem Reich eingestellt, am 8. ovember sämtlicher Zugver·
Bis zum I0. November hatte die revolutioniire Welle ganz ~eh r von und nach Berlin gesperrt. Damit sollte verhindert wer·
Deutschland erlaßt. Bewaffnete Arbeiter und Soldaten besetzten den, daß revolutionäre Matrosen in Berlin eintreffen konnten.
zentrale Ämter, entwaffneten Militär- und Polizeiwachen, stürm· \ lle nach Berlin beurlaubten Offiziere erhielten Befehl, sich be-
ten militärische Einriebtungen und befreiten politische Gefan· \\affnet bei der Kommandantur zu melden, wo sie in spezielle
gene. Überall bildeten sich Arbeiter- und Soldatenräte, die vieler· Kam pfgruppen eingeteilt wurden. Großbetriebe und die Berliner
orts zunächst reale Macht ausübten und bewaffnete Kräfte zum Stadtl>ahn wurden militärisch besetzt. Am 8. O\ ernher bewegten
Schutz der Bevolution formierten. sich Offizierspatrouillen und Panzerkraftwagen durch die Straßen
I lnupttriebkraft der Revolution war die nach Frieden, Demo· Berlins. Zahlreiche öffentliche Gebäude, das Schloß, das Ratbaus
kratie und Sozialismus strebende Arbeiterklasse. Sie vertrat am und das Polizeipräsidium wurden in Verteidigungszustand ver·
konsequentesten die Lebensinteressen des gnnzen deutschen Vol· h!'lzt. Doch alle diese militiirischen Maßnahmen konnten nicht
kes. Die Bildung von Räten nach dem Beispiel der Oktoberrevo· verhindern, daß sich die revolutioniire Bewegung in Berlin bis
lution war beredter Ausdruck der Dominanz der Arbeiterklasse zum bewaffneten Aufstand steigerte.
in der revolutionären Bewegung. Als arn 4. ovembcr 1918 die ersten 1 achrichten vom Kieler

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Matrosenaufstand Berlin erreichten, verstürkten die Führer der ckn und Brot, ein menschenwürdiges Leben sowie soziale und
Spartakusgruppe ihre Bemühungen, die revolutionären Obleute polilische Gleichb:rechtigung forderten. Das erste Ziel der Revo-
zum Losschlagen zu bewegen. Der Antrag Karl Liebknechts vom lutionäre waren d1e Kasernen.
6. 'ovember, am 8. den Aufstand in BerHn auszulösen, ·wurde Der schwache Widerstand, den reaktionäre OCCiziere an eini-
vom Vollzugsausschuß jedoch noch immer abgelehnt. Erst am gen Stellen organisierten, wurde rasch und ohne größere Verluste
8. 'ovember, nachdem bercits die Polizei mit Verhaftungen unter iib<'rwunden. Oie Mehrheil der Truppen schloß sich den De-
den Organisaloren des Aufstandes begonnen hatte, beschloß der monstranten an oder verhielt sich neutral. Nur an der »Maikäfer-
Vollzugsausschuß der revolutionären Obleute, dem Drängen der kaserne«, der Unterkunft des Gardefüsilierregiments in der
Spartakusgruppe nachzugeben und für den 9. ovember zum Ge- Chnuss<'estraße, kam es zu einem kuncn Kampf, bei dem Erich
neralstreik und bewaHnelen Aufstitnd aufzun1fcn. Oie bewaffne- tlabersauth - ein beliebter Führer der Derliner Arbeiterju- '
ten Demonstranten sollten in I I Marschsiiulen zum Zentrum gend - und zwei Arbeiter fielen. Schließlich konnten rue OW-
marschieren und wichtige Gebäude besetzen. ln einem kurzge- zirr<' überwältigt werden. Viele Soldaten reihten sich in die De-
faSten Flugblatt wurden die Arbeiter zum revolutionären Han- monstrulionszüge ein.
deln aufgerufen. Zur gleichen Zeit verbreitete die Spartakus- Gegen 13 Uhr stürmten bewaffnete Arbeiter und Soldaten das
gruppe ein Flugblatt, das von Karl Liebknecht und Ernst Meyer Grfiingnis in Moabit und befreiten die dort eingekerkerten politi-
unterzeichnet war. Als nächste Ziele des bewaffneten Aufstandes M'hcn Gcrangenen. Auch das Strafgefängnis in Tegel wurde von
wurden hier genannt: den ne,olutionären im Sturm genommen. Etwa 200 Militärgefan-
,1. Bcrreiung aller zivilen und militärischen Gefangenen. grne t'rhielten die rreiheil.
2. Aufhebung aller Einzelstaaten und Beseitigung aller Dynastien. ln den frühen 1 achmittagsstunden belagerten Tausende De-
3. Wahl von Arbeiter- und Soldatcnrüten, Wahl von Delegierten monstranten, teilweise bewaffnet, das Polizeipräsidium am Alex-
hierzu in allen Fabriken und Truppenteilen. anderr>latz. Sie haUen es eingeschlossen und die Zugänge mit Ma-
4. Sofortige Aufnahme der Beziehungen zu den übrigen deut- schinengewehren abgesichert. Oie Berliner Revolutionäre forder-
schen Arbeiter- und Soldalenrälen. ten die sofortige Übergabe des Polizeipriisidiums und die
5. Übernahme der Regierung durch die Beauftragten der Arbei- Fortrührung seiner Tätigkeil unter revolutionärer Leitung. Der
ter- und Soldalenriile. Polizcipriisident mußte kapitulieren, ebenso die zur Verteidigung
6. Sofortige Verbindung mit dem internationalen Proleiitriat, ins- eingesetzte Jägerformation. Oie Revolutionäre befreiten 650 poli-
besondrre mit der russischen Arbeiterrepublik.« tisrhe Gefangene. Emil Eichhorn, ein linker Funktionär der
in den Morgenstunden des 9. ovember 1918 begann in Ber- LSPO, wurde von den Revolutionären als Polizeipräsident von
lin der bewaffnete Aufstand. In allen SIIldtteilen folgten die Ar- ßcrlin cingesetzl
beiter den Aufru.fen der Spartakusgruppe und des Vollzugsaus- Danach kam es nochmals zu einem Aufß11111men der bewaffne-
schusses der revolutionären Obleute. Funktionäre der SPO, rue, trn Auseinandersetzungen mit der Konterrevolution. ln der
gemäß einer Lnslruktion ihrer Parteiführung vom Vortage, zum Straße »Unter den Linden« entwickelten sieh heftige Kämpfe vor
Abwarten aufriefen, fanden kein Gehör. Gegen 9 Uhr zogen rie- der Universität und der Preußischen Staatsbibliothek. Hier hatten
sige Demonstrationszüge unter roten Fahnen von den Außenbe- sirh Offizierstrupps verschanzt, die das rcuer auf die Demon-
zirken ins Innere der Hauptstadt. An ihrer Spitze marschierten stranten eröffneten. Bewa.ffneten Arbeitern und Soldaten gelang es
Arbeitergruppen, die sich aus den illegalen Warrenverslecken be- jedoch bald, nuch hier den Widerstund der konlerrevolutioniiren
waffnet hatten, um den etwaigen Widerstand reaktionärer Trup- Offiziere zu brechen.
pen niederkämpfen zu können. eben den Arbeitern hallen sich ln den achmittagsstunden besetzten bewaffnete Gruppen den
viele Frauen in die langen Marschkolonnen eingereiht, die Frie- Hl•i<'hstag, die Zeitungsverlage, das Wolffsche Telegrafenbüro

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und das Telegrafenamt Hermann Ouncker nahm mit eiDtem eichnung des Waffenstillstandes der erste Weilkrieg beende!.
Trupp bewaffneter Soldaten und Matrosen Redaktion und u riiK· ~ie Arbeiterklasse begann zu begreifen, daß Kriege weder Folge
kerei des »Berliner Lokal-Anzeigers• in Besitz und gab hier , on Zufällen sind noch von Machenschoflen •feindlicher 1 ach-
meinsam mit Ernst Meyer noch am seihen Abend die erste N ..,m. barn• heraufbeschworen werden. Die landesweile Forderung
mer der Zeitung »Die rote Fahnec heraus. Oie Sp•artakiJ5gJ'UI>i>e . Fort mit Wilhelm!c galt dem imperialistischen System. Diese
verfügte damit über ein eigenes Presseorgan. sich mehr und mehr durchsetzende, aus 50 bitteren Kriegsmooa·
lnz"ischen zogen die revolutionären Arbeiter und Soldaten ten stammende Erkenntnis wurde nun auch in Deutschland zur
Berlins zum kaiserlichen Schloß, dem S)rmbol der H~ihenz<>Ue:rn· geschichtsgestaltenden Kraft
herrschaft. achdem Karl Liebknecht das Schloß unter den Dereits in den ersten Tagen der Novemberrevolution wurde
Schut.z des Berliner Arbeiter· und Soldolenrates gestellt hatte, die Macht des. deutschen Imperialismus und Militarismus stark
er, auf einem Kraftwagen stehend, den jubelnden Massen erschüttert. Die objektiv auf der Tagesordnung der Geschichte
• Der Tag der Revolution ist gekommen. Wir haben den Frieden sl<'hende llauptaufgabe der Revolution war damit jedoch noch
e•·zw1.mgen. Der Friede ist in diesem Augenblick geschlossen. Das nicht gelöst. Es galt, in einem revolutionären Umwiilzungsprozeß
Alte ist nicht mehr. Die Herrschaft der Hohenzollern, die in die- das Kriifteverhiillnis der Klassen so zu verändern, daß der Über-
sem Schloß jahrhundertelang gewohnt haben, ist vorüber. ln die- gang zur sozialistischen Revolution möglich wurde.
ser Stunde proklamieren wir die freie sozialistische Republik
Deutschland. Wir grüßen unsere russischen Brüder.« Wenig spä-
ter wies er in seiner Ansprache vom Balkon des chlosses nach- Für die revol utionäre Lösung der Militärfrage
drücklich auf die großen Aufgal>en hin, die noch vor der Revolu-
tion standen: • Wenn auch das Alte niedergerissen ist, dürfen wir Dl'r Spartakusbund, am II. ovenilier 1918 aus der Spartakus-
doch nicht glauben, daß unsere Aufgal>e getan sei. Wir müssen gruppe hervorgegangen, erwies sich als die konsequenteste politi-
alle Kriifte anspannen, um die Regierung der Arbeiter und Solda- schE' Kraft der antiimperialistischen Volksrevolution. Er kämpfte
ten aufzubauen und eine neue staatliche Ordnung des Proletari- dafilr, die Hiite zu wirklichen Machtorganen der Arbeiterklasse
ats zu scharfen, eine Ordnung des Friedens, des Glücks und der zu entwickeln, den alten Staatsapparat zu zerschlagen und einen
Freiheit unserer deutschen Brüder und unserer Brüder in der neurn der Arbeiterklasse zu errichten.
ganzen Welt.c Die Versammelten erhoben die Hände zum Dl'r Spartakusbund ging von der Erkenntnis aus, daß es für
Schwur auf die [reie sozialistische llepublik Deutschland und die die Weiterfiihrung der Revolution und für die Lösung der Macht-
Weltrevolution. Die rote Fahne der Arbeiterklasse "'Utde gehißt. frage letztlich entscheidend war, welche Seite über das stärkere
Am Abend des 9. ! ovember besetzten die revolutionären Ar- militärische Potential verfügte. Deshalb betrachtete er die Ver-
beiter und Soldaten die Regierungsgebiiude, die von den Beam- wirklichung des Kernstücks revolutionärer proletarischer Mili·
ten und Offtzieren Duchtartig ''erlassen worden waren. Der be- lärpolitik - die Bewaffnung der Arbeiterklasse sowie ihre mililä·
waffnete Aufstand hatte in Berlin gesiegt. rische Organisation und Formierung - als seine militärpolitische
'\1achtvolle Aktionen der einheitlich handelnden Arbeiter und llauptaufgabe in der Revolution. ! achdrücklieh trat der Spartakus·
Soldaten fegten im ersten Ansturm - weitgehend unblutig - die bund flir die Beseitigung der Kommandogewall der reaktionären
llohenzollernmonarchie und die Dynastien in den deutschen Ürftzit•re, die Entwaffnung der Konterrevolution, die Bewaffnung
Staaten hinweg. ur dort, wo die Reaktion hartniickig bewaffne- des werkliitigen Volkes und die Bildung proleturischer lloter Gar·
ten Widerstand leistete, hatten die Revolutionöre ihre Waffen ge- den zum st.iindigen Schutz der Revolution ein. Diese Forderun-
braucht. Wichtige demokratische Rechte und Freiheiten waren gen bcriicksichtiglen ctie .militärischen Erfahrungen der Bolsche-
erkiim1>ft worden. Am I I. ovemher 1918 wurde mit der Unter- wiki und entwickelten die Milizvorstellungen der revolutionären

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de utschen Sozialdemokratie unter den Bedingungen des Über- Entfernung der Offiziere aus den Arbeiter- und Soldatenräten
gangs vom Imperialismus zum Sozialismus weiter. und ihre Ersetzung durch bewährte Revolutionäre; Wiederaufhe-
Bereits am I 0. November hatte die Spartakusgnsppe in der bung der Kommandogewalt der Offiziere; Durchführung einer
• Roten Fahne« ein politisch ausgereiftes Programm zur Siche- demokratischen Heeresreorganisation - unter Entlassung aller
rung und Weiterführung der Revolution vorgelegt. Dabei nahmen konterrevolutionären Offiziere - auch unter den Frontlruppen;
militärpolitische Aspekte des Kampfes um die Macht breiten Entwaffnung aller konterrevolutionären Elemente.
Raum ein. Anknüpfend an die Beschlüsse ihrer Oktoberkonfe- Oie zu den Kernfragen der revolutionären Entwicklung in
renz, rief die Spartakusgnsppe die Arbeiter und Soldaten auf, fol- der . Roten Fahne« Stellung nehmenden Artikel Karl Lieb-
gende Forderungen mit aller Entschlossenheit durchzusetzen: knechts und Rosa Luxemburgs sowie zahlreiche Reden Karl
. 1. Entwaffnung der gesamten Polizei, sämtlicher Offiziere sowie Liebknechts im November/Oezember 1918 legen Ze ugnis davon
der Soldaten, die nicht auf dem Boden der neuen Ordnung ab, wie politisch weilsichtig sich der Spartakusbund darum be-
stehen; Bewaffnung des Volkes; alle Soldaten und Proletarier, mühte, die Arbeiter und Soldaten an die revolutionäre Lösung
die bewaffnet sind, behalten ihre Waffen. der Mil.itär[rage in der Novemberrevolution heranzufiihren. In
2. Übernahme sämtlicher militärische r und ziviler Behörden ihnen und in anderen ;(.entralen, aber auch irl regionalen oder lo-
und Kommandostellen durch Vertrauensmänner des Arbei- kalen Verörfenllichungen des Spartakusbundes wurden immer
ter- und Soldatenrates. wieder mit besonderem achdruck die For·demngcn nach gründ-
3. Übergabe aller Waffen- und Munitionsbestände sowie aller licher Säuberung der Soldatenräte, nach der Bewaffnung der Ar-
Rüstungsbetriebe an den Arbeiter- und Soldatenrat beiterklasse und der Bildung revolutionärer Streitkräfte erhoben.
4. Kontrolle über alle Verkehrsrnittel durch den Arbeiter- und Von pi'Ogrammatischer Bedeutung Cür die Entwicklung der Mi-
Soldatenrat litärpolitik des Spartakusbundes waren die • Leitsätze• Karl Lieb-
5. Abschaffung der Militärgerichtsbarkeit; Ersetzung des militä- knechts vom 28. ! ovember. Oieses Dokument enthielt ein umfas-
rischen Kadavergehorsams durch freiwillige Disziplin der Sol- sendes Programm von politischen, militärischen, wirtschaftlichen
daten unter Kontrolle des Arbeiter- und Soldatenrates.• und sozialen Aufgaben zur Weilerführung der Revolution. Als
Diese detaillierte Aufgabenstellung ging von den konkreten Er- primäre militärpolitische Aufgabe betrachtete hier Karl Lieb-
gebnissen des bewaC[neten Aufstandes aus. Sie beruhte auf der knecht die Durchführung einer »VOn Grund aus proletarischen,
Erkennlnis, daß die Revolution noch nicht gesiegt hatte, und demokratischen Organisation von Heer und Marine ... als Über-
zielte darauf ab, die Volksmassen an die Errichtung der Macht leitung zur allgemeinen Bewaffmmg des Proletariats.« Dazu for-
der Arbeiter- und Soldatenräte heranzuführen. derte er die sofortige Aufhebung der Kommandogewa.lt der Offi-
ln einigen Punkten wurden diese militärpolitischen Forderun- ziere, die Besetzung aller militärischen Ämter •durch Wal1len,
gen vom Spartakusbund in der folgenden Zeit noch konkretisiert. · · . zu denen nur die Arbeiter und poletarischen Soldaten wahlfä-
So forderte Rosa Luxemburg in ihrem run 18. November 1918 in hig sind c, und die Siiuberung de.r Soldatenräte von allen konter-
der . Roten Fahne« unter der Überschrift • Der Anfang« veröf- revolutionären Kräften. Im Rahmen der von ihm geforderten ver-
fentlichten Leitartikel di e Bildung einer Roten Garde zum ständi- stärkten revolutionären Propaganda verlangte Karl Liebknecht
gen Schutz der Revolution und die Heranbildung einer Arbeiter- »die Aufklärung und Revolutionierung der jetzt von den Fronten
mi liz sowie die Säuberung der Verwaltung, Justiz und Armee von zurückkommenden geschlossenen Armeen, die in den Händen
reaktionären Elementen. Angesichts des Erstarkens der Konterre- der verbrecherischen Offiziere eine ungeheure Bedrohung der Re-
volution hielt Karl Liebknecht in seinem Leitartikel • Rüstung der volution bilden«. Anstelle der rasch zu demobilisierenden und
Revolution« - am 2. Dezember in der • Roten Fahne« veröffent- vollständig aufzulösenden imperialistischen Streitkräfte verlangte
licht - folgende Soforlmaßnahmen für unbedingt erforderlich: I<arl Liebknecht in seinen • Leitsätzen« rnit Nachdruck: .Eine

30 31

Arbeitermiliz und eine Rote Garde müssen sofort geschaffen wer-
den. soll die Gegenrevolution nicht siegreich und die soziale Re-
'olution nicht schwer gefährdet sein.c
Bereits am 9. ~ovember 1918 halle Kar! Liebknecht gemein-
sam mit Heinrich Dorrenbach versucht, in ßerlin eine Rote
Garde aus revolutionären Arbeitern und Matrosen aufzustellen.
Dnbei ging er von der Holle nus, die der Hauptstadt als poUti-
sches Zentrum Deutschlands auch für die Formierung starker
Volksstreitkräfte zuknm. Dieser Versuch, in Berlin ein für ganz
Deutschland bedeutsames Beispiel der für die Weiterführung der c

Revolution unbedingt notwendigen revolutionären Militärorgani- --


0

sation der Arbeiterklasse zu schaffen, scheiterte jedoch am Wi-


derstand der von rechten Sozialdemokraten beeinnußten Solda-
• a. •
tenriite der Berliner Ersatztruppenteile. Sie hintertrieben dieses
Vorhaben mit dem Argument, die Formierung einer besonderen
Roten Garde sei Ausdruck des Mißtrauens gegenüber den Solda-
ten.
Ein wichtiger Schritt auf dem Wege zur Verwirklichung der c
Volksbewaffnung waren die Volks- und Sicherheitswehrcn. Oie -~
deutschen Arbeiter zeigten sich im , ovember 1918 in ihrer über-
wiegenden Mehrheit bereit, die Errungenschaften der Revolution
mit der Waffe zu verteidigen. Und das auch dort, wo der Sparta-
kusbund nicht über den dominierenden Einfluß verfügte.
Kumpfstarke proletorischc Volks- und Sicherheitswehren ent-
standen vor allem in den Industriegebieten. nchwcisbnr ist die
F'onnicrung von revolutionären Wehren jedoch in fast allen Tei-
len Deutschlands: Allenstein. Barmen, Berlin, ßorna, Branden-
burg, ßraunschweig, Bremen, Buer. Burgstödt, Chcmnitz. Cuxha-
~en, Dinslaken, Döbeln. Duisburg, Düsscldorf. Eisenach,
Elberfeld, Emden, Erfurt, Essen, Frankfurt arn 1ain. F'reiberg, .",
c
Grlscnkirchen, Gern, Cothn, !lagen, Halle, llaltern, Humborn,
"
llamburg, Jlanau, Hcrvest-Dorslen, lserlohn, lckcrn, Kamenz,
Königsberg, Leipzig, Lünc>n. Lyck, Magdeburg, Merseburg, Mül-
heim, Oberhausen, Offenbach, Pima, Plauen, Rcmscheid, Riesa,
Solingen. Sömmerda, Stcrkrade. Sultl, Trebbin, Unna. Weißen-
fels, Zeitz und Zwickau. ie setzten sich aus parteimäßig oder ge-
M•rkschaftlich organisierten Arbeitern, Soldaten. \ latrosen und
anderen Werktöligen zusnmrnen. ]
L

Oie Wehren der Arbeiterklasse erreichten in der ovemberre- <


\

32
volution 1918/19 eine Gesamtstärke von rtwa I00 000 bis nisiertcr i\rbcitcr und Soldaten die Grundfragen der Revolution.
200 000 Mann. Sie waren territorial zer8f)littert und besaßen Opportunistische Illusionen und pazifistische Tendenzen waren
keine einheitliche Leitung. ln militiirpolitischer und organisal<>- "eit 1erbreitet. Sie hinderten die meisten Volkswehrungehörigen
risch-tcchnischcr I tinsieht "'aren die Volks- und Sicherheitsweh- daran zu begreifen, wie notwendig es wu.r, reguläre Streitkräfte
ren durch folgende Züge charakterisiert: der Arbeiterklasse zu schaffen, die über den örtlichen Sicher-
urbau nach der Rätestruktur. Das traf sowohl für die rein zi- h('itsdi!'nst hinaus zentral den militärischen Schutz der Errungen-
vilrn oder rein militiirisehen Sicherheilswehren als auch für schaften der Revolution vor konterrevolutionären Anschlägen ge-
die kombiniert aus Arbeitern, Soldaten und Matrosen zusam- "iihrlristen konnten. Ihre Ansichten und praktischen Verhaltens-
mengesetzten Volkswehren zu. 1,rbrn widerspiegelten die ganze Vielfalt unterschiedlicher, oft
- Ergiinzung nach dem Freiwilligcnprimdp. Teilweise wurde einandrr widersprechender Vorstellungen in der Arbeiterbewe-
hierbei eine mehrjährige Mitgliedsch11ft in den Arbeiterpar- gung iihrr die Lösung der Militärfrage.
• trirn oder in den Gewerkschaften sowie eine längere militäri- Di1• großen militärpolitischen und militiirischen Potenzen der
sche Ausbildung als Aufnahmebedingung gestellt. Volkswehren konnten nur teilweise wirksam werden, da vielfach
- Wühlbarkeil des Kommandobestandes. Sie unterlag der Kon- opportunistisch ausgerichtete Arbeiter- und Soldatenräte den ent-
trolle drr Arbeiter- und Soldatenriite nach Gesichtspunkten sch!•idenden Einnuß auf sie ausübten. 1 ur dort, wo der Sparta-
der politischen Zuverlässigkeit und der militärischen Qualifika- kusbund und andere linke Kräfte über festere Verbindungen ver-
tion. Gewählte \ ertrauenskörperschaften sorgten für die Wahr- fügt!'n und ihre Einwirkung auf die lokalen Arbeiter- und Solda-
nehmung der Interessen der , achgeordneten und durch politi- tenräte rrfolgreich war, entstanden und entwickelten sich revo-
sche ufkliirung für ein einheitliches. straffes Kommando und lutioniire Volks- und Sicherheitswehrcn. ln ihrer ~1 chnahl unterla-
die gewissenharte Oienstdurchführung. gen die Wehren, wie die Räte selbst. dem opportunistischen Ein-
- V('rpflichtung zur strengen Oisziplineinhaltung. Dabei stützte nuß. Aber auch in diesen Volkswehren wirkten viele SPO-,
sich die Disziplin rJicht auf blinden Gehorsom, sondern auf dos uSPD- und Cewerkschaftsmitglieder, die danach strebten, den
Vcrantwtlrlungsbewußtsein der Volkswehrnngehörigen gegen- drutsehen Militarismus zu zerschlagen und ein demokratisches
iibcr dm· Arbeiterklasse. Oie ihnen übergebenen Waffen wur- Dt>utschland nufzubauen.
den nur auf Weisung der Vorgesetzten angewnndt. Prolctnrische Wehren, in denen revolutioniire Krähe dominier-
- Gliederung (allerdings erst in einem entwickelten Studium und ten. r rf11ßten etwa 50 000 bis 60 000 Kämpfer. Sie wurden vieler-
bei der F:rfüllung spezifisch militärischer Aufgaben) nach Or1s von Vertretern des Spartakusbundes und der Linksradikalen
chützenformationen (Rotten, Gruppen, Zügen, Kompanien. oder von linken Kräften der USPD gegründet. Zu den fortschritt-
Abteilungen) und in technische Kommondos (Sprengtrupps, lich~trn und zahlenmäßig bedeutendsten Wehren gehörte die
Kraftfahrer. Telegrafen-. Maschinengewehr-, Artillerieformatio- \ olksrnorincdivision in ßerlin. Günstige Voraussetzungen für die
nen). Bildu ng einer demokratischen alkswehr waren auch in Braun-
- Bildung mili7-artiger Reserven aus Industriearbeitern, um den srh"cig gegeben. Hier besaß der Spartakusbund großen politi-
Hürkhalt für die Volkswehren irn ör11ichen Abwehrkampf ge- ><·ht•n t-;inOuß. Oie zum Schutze dieses revolutioniiren Zentrums
gen konterrevolutionäre Angriffe zu stiirkcn. grsc·haffenen militärischen Muchtorganr bestanden nus einer
Für den Aufbau der proletarischen Volkswehren bestanden zu Volksmurinefonnation von 300 Matrosen und ei ner Volkswehr
Beginn der ovcmberrevolution günstige Voraussetzungen, da von etwu I 000 bis 2 000 Mann, die sich nuf miliz~~rtigc Soldaten-
d(•r milifürische Zusammenbruch des deutschen Im perialismus Wnch.rn und Betriebswehren stiitzte.
dtn weitg1•hrnden Zerfall seines stehend en llceres nach sich ge- Di<•sc Wehren verkörperten reale Machtpositionen und übten
zogen hatte. Jedoch verstand nur eine Minderheit politisch orga- Zeitwc·ilig nlilitiirische und polizeiliche Cewalt aus. ln den Roten
,
34
Garden der Großen So~ialistischen Oktoberrevolution sahen sie tcnräte. Er trat für die Schaffung revolutionärer Streitkräfte ein,
ihr Vorbild. Die revolutionären Volkswehren waren eine echte bekundete seine Sympathie für Sowjetrußland und propagierte
Alternative zum irnperiaJistischen Militär- und Polizeiapparat Sie dir Ideen des proletarischen lntemationalismus. Seit Anfang De-
stellten Ansätze zur Schafiung demokratischer Volksstreitkräfte zember 1918 übernahm der RSB auch den bewaffneten Schutz
dar und bildeten hi!u[ig den organisatorischen Rückhalt bei der von Demonstrationen und Kundgebungen der Arbeiterklasse. In
bewaffneten Verteidigung der Errungenschalten der ovemberre- den Januar- und Frühjahrskiimpfen des Jahres 19 19 standen
volution. RSB-Mitglieder in den vordersten Reiben der revolutionären
Eng verknüpft mit dem Ringen des Spartakusbundes um die Kämpfer. Sie verteidigten unter anderem in Ber!in, Bremen und
Volksbewafrnung war sein Kampf zur Gewinnung der Soldaten- \1ünchen mit der Waffe die Revolution. Ende Juni 1919 löste die
massen für die Revolution. Um die revolutionäre Arbeit unter KPO den Roten Soldatenbund auf, da die veränderten Karnp(be-
den Soldaten, besonders unter den zurückkehrenden T ruppen dingungen und die Bildung der vorläufigen Reichswehr auch
des Feldheeres, zu verstärken, wurde auf seine Anregung am neue Formen und Methoden der Arbeil unter den Soldaten erfor-
15. ovember 1918 der Rote Soldatenbund (RSB) gegründet. Er derten.
war die erste Wehrorganisation der revolutionären deutschen Ar· lJm ein weiteres Voranschreiten der revolutionären Entwick-
beiterbewegung. lung zu verhindem und die erschütterte Macht des deutschen hn-
Die Leitung des RSB bestand aus Mitgliedern des Spartakus- prrialismus und Militarismus wieder zu festigen, suchten füh-
bundes. Als Vorsitzende fungierten Willi Sudich und Karl Gru- rende Vertreter des Finanzkapitals und die Oberste Heereslei-
busch. Mitglieder der zentralen Leitung des Roten Soldatenbun- tung nach neuen Formen imperialistischer Machtausübuog.
des waren weiterhin Albert Schreiner, Karl Schutz und Christel Insbesondere ging es ihnen hierbei darum, Einfluß auf die Mas-
\Vunn. Größere Ortsgruppen des RSB, der insgesamt etwa ;en zu gewinnen. Im Auftrag der Generalität ergriff deshalb Ge-
12 000 :1itglieder umfaßte, entstanden unter anderem in Berlin. neralleutnant \Vilhelm Groener die Initiative, um mit der rechten
Dresden, Hamburg, Leipzig und München. F'ührung der SPO, die sich an die Spitze der revolutionären Be-
Ziel des Roten Soldatenbundes war es, die Soldaten und ihre wegung manövriert hatte, ein Bündnis zu schließen. Am Abend
Riite im Sinne der revolutionären Ideen des Spartakusbundes zu des I 0. November 1918 telefonierte er auf einer dir·ekten Leitung
beeinflussen. llierzu entwickelte er zunächst unter den Fonnatio· mit F'riedrich Eber!, dem Vorsitzenden des Rates der Volksbeauf-
nen des Heimatheeres und seit Ende November 1918 vor allem tragten. Groencr teilte ihm mit, daß sich das Heer der Regierung
unter den zurückkehrenden Truppen des Feldheeres eine rege zur \ erfügung stelle und daß er dafür von ihr bei der Aufrechter-
revolutionäre Agitationsarbeit Oie RSB-Ortsgruppen erhielten haltung der militärischen Ois~iplin in der Truppe Unterstützung
die Aufgabe, in ihren Städten Soldatenversammlungen durchzu- rrwarte.
führen, die am Ort ansässigen Soldaten iJn Roten Soldatenbund ll!nter dieser !Corderung verbarg sich das Bestreben, das en't-
zu organisieren und die von Truppentransporten berührten srhrrdende Machtinstrument der deutschen Monopolbourgeoisie,
Bahnhöfe zu besetzen, um w1ter den Soldaten mündlich ~u agi- das lleer, das sich unter dem Einfluß der Revolution in Auflö-
tieren sowie Flugblätter, Zeitungen und anderes Propagandamate- sun~: befand, wieder völlig in die Hand der Offiziere zu bekom-
riaJ zu verteilen. Von erstrangiger Bedeutung für die Tätigkeit des lllt>n und es dann zur Niederschlagung der Revolution einzuset-
RSB, vor allem für seine politische Orientierung und für die Fe- zen .. Groener gab das Ebert unumwunden zu verstehen, als er
stigung seiner Organisation, war die ab 23. ovember erschei- ~rklärtc, daß das Offizierskorps von der Regierung di e Bekiimp-
nende Zeitung . Ocr Rote Soldntc. ~rng des Bolschewismus verlange und dnfür bereit ste he. Aus an-
Der Rote Soldatenbund kämpfte gegen die Wiederherstellung ~l?lsf'h~wistischer Ver?lendung und Feindschaft gegen die Revo-
der BefehlsgewaJt der Orftziere und für die Säuberung der Solda· tion stimmte Ebcrt diesen Forderungen bedingungslos zu.

36 37
• •
Oie Preisgabe der Loteressen der Arbciterklnsse durch die .. crdrn. Am 6. Dezember putschten reu kHonäre Truppen und ir·
rechte SPD-Fübrung ermöglichte es dem deutschen Imperialis- regeleitete Soldaten in ß erlin. Sie verhafteten zeitweilig den Voll·
mus, Zug um Zug die Konterrevolution zu organisieren. Seit zugsrat der Arbeiter· und Soldatenräte und versuchten, Friedrieh
\l itte :'\o,ember 1918 machte die Formierung der konterrevolu- Ebcrt zum Präsidenten auszurufen. Am sclben Tag verübten Gar·
tionären Krärte schnelle Fortschritte. Gestützt auf das Bündnis dt•fiisiliere auf mehr als 2 000 Arbeiter und Soldaten. die für die
mit den rechten SPO-Führern und unterstützt ' '0111 preußischen \\ eiterführung der Revolution demonstrierten, einen Feuerüber·
Kriegsministerium, wurde die Oberste I Ieeresieitung zum Zen- fall. Entschiedene Gegenaktionen der Werktätigen - am 8. Oe-
trum der Konterrevolution. tcmber vereinten sich 150 000 Berliner zu einer gewaltigen Mas·
Ihren lluuplstoß richtete die OHL gegen die Soldatenräte. Ge- ,(·ndemonst ration - zwangen die Konterrevolution jedoch
schickt versuchte sie hierzu die lliickführung des W«:stheeres 71'ilwrilig zum Rückzug.
auszunutzen. Mit dem am II. ovcmber dazu gegebenen Befehl Einen llöhepunkt erreichten die Auseinandersetzungen um
und d<•r von ihr diktierten und vom Rat der Volksbeauftragten er· das weitere Schicksol der Hevolulion auf dem vom 16. bis zum
lasscncn Vrrordnung über die Zustiindigkeiten der :Sotdnterlrä,te 20. Dezember 1918 in Berlin tagenden I. lleichskongreß der Ar·
im Feldheer stellte sie die Kommandogc,valt der Ofüzicre wieder briter· und Soldatenräte Deutschlands. Dieser leitete durch seine
her, entmachtete sie die Soldatenräte. Wütende antikommunisti- Zustimmung zu Wahlen für eine 1ationalvcrsammlung und zur
s<·he lletze und verschiedenartigste 'VIanipulierungsversuche be· Cbrrgabe der Machtbefugnisse der Räte in die lliindc der Regie-
gleiteten diesen ersten großen Angriff auf die Novembererrun· rung eine Wende beim Kampf um die lacht ein. Er entschied
~enschaftrn. si('h rindeutig für das Weiterbestehen der llerrschaft des deut-
Die Kommandobehörden und Offiziere vermochten es jedoch o;c·hen Imperialismus in Form der bürgerlich-parlamentarischen
nicht, die oldaten so zu beeinflussen, dnß sie für die 'ieder· ltcpublik.
sehlagung der Revolution eingesetzt werden konnten. Ein bedeu· ln der Militärfrage konnten die rcvoluHonüren Kräfte aller·
lender Teil des Westheeres war zersetzt. Bei m Betreten des deut· clings einen Erfolg er~.:ielen. Zu sehr wirkten die Erfahrungen vie-
sehen Territoriums oder spätestens nnch Erreichen der ler Arbeiter und Soldaten mit Militarismus und Krieg nnch. Oie
Demobilmachungsorte lösten sich die meisten Truppenteile des vom Kongreß angenommenen sogenunntcn Hamburger Punkte
Westheeres spontan auf. forderten die Abschaffung des stehenden I leeres und die Aufstel·
Ein ähnliches Schicksal erfuhr der Plan der OI{L, Berlin als lung einer Volkswehr, die Überlrngung der Kommandogewalt an
Hevolutionszentrum möglichst schnell auszuschuHen. Dieser sah dl'n Hat der Volksbcuuft.rag1en unter Kontrollr des Vollzugsrates
nach dem Einmarsch von Gardetruppen in die llauptstadt eine drr Arbeiter- und Soldatenriite, den Ausbau der Hechte der Sol-
stufcn"'Ci&c Ausweitung des konterrevolutionären Terrors bis zur datl.'nräte und die Wählbarkeit der militärischen Führer. Diese
'ölligen i\iederschlagung der revolutionären Berliner Arbeiter auf eine demokratische Umgestaltung der Streitkräfte gerichteten
vor. Oie ab I0. Dezember 1918 einrückenden oldaten befreiten rordl.'rungen wurden jedoch in der Folgezeit auf Betreiben des
sich jedoch durch die unmittelbare Berührung mit der Revolution llutrs der \ olksbenuftragten und der OI IL nicht vcrwirklichl
sehr schnell vom Einfluß ihrer Offiziere und wurden zum iiber·
wiegenden Teil für den konterrevolutionären Einsatz unbrauch·
bor. Weihnachtskämpfe der Volksmarinedivision
Anfang Oe..:embcr 1918 knm es zu ersten bewaffneten Vorstö·
l.lrn drr Konterrevolution. Sie konnten in ßremt•n, ßruunschweig, Ermu tigt durch den für sie positiven Ausgnng des Heichsrätekon·
Dr!•sclen, Chcmnitz, Oüsseldorf, ITamm und onderen Orten von {!rcsscs, nuhrn di e Konterrevolution unmitt!'lhlll' nuch dessen Be·
den bewaffneten Arbeitern ohne große Opfer zurückgeschlagen endigung Kurs auf die gewaltsame ieder"•erfung der Arbeiter·

38 39

klasse. Ihr Hauptschlag galt dem Zentrum der revolutionären Besonders F ritz Radtke, der neue Kommandant der Volksmarine-
Bewegung in Deutschland, der Hauptstadt Berlin, und dabei ins- di vision, und Heinrich Dorrenbach als Leiter der Aufklärungs-,
besondere seinem zuverlässigen, der Revolution treu ergebenen Agitations- und Pressekommission setzten in der folgenden Zeit
militärischen Machtinstrument - der Volksmarinedivision. Seit das Prinzip des demokratischen Zentralismus im Organisations-
ihrer Gründung war diese der Konterrevolution ein Dorn im au fbau weiter durch und festigten Ordnung und DiszipUn. Der
Auge. verdienstvolle ehe malige Kommandant Otto Tost bekleidete seit
Die Volksmarinedivision zählte zu den fortschrittlichsten und Ende ovember im 53er-Ausschuß der Marine eine wichtige
bedeutendsten Volkswehren der ovemberrevolution 1918/ 19 f'unktion. Oie enge. Bindung zu diesem Ausschuß, dessen politi-
und \"ar die einzige wahrhaft revolutionäre militärische Forma- sches Programm eine soziali.stische Republik und eine sozialisti-
tion der Berliner Arbeiter. Sie wurde am II. November 1918 un- sche Volkswehr. beinhaltete, bestimmte entscheidend die revolu-
ter maßgeblichem Einfluß des Spartakusbundes durch Leutnant tionären Grundpositionen der Volksmarinedivision.
Heinrich Dorrenbach und Obermaat Paul Wieczorek zmn be- Eine wichtige Voraussetzung für die beträchtliche Stärke der
waffneten Schutz der Revolution geschaffen. Die meisten ihrer Volksmarinedivision war ihre straffe militärische Organisation.
Angehörigen waren klassenbewußte Berliner Arbeiter, die in der Gegliedert war sie in einen Stab und in 3 Abteilungen, die sich
Marine gedient hatten. Die Volksmarinedivision zählte bereits am wiedenun in Kompanien untergliederten. Oie Abteilung I be-
13. November 1 500 Mann, erfuhr am nächsten Tag durch stand im November aus etwa I 500 und im Dezember aus
600 Matrosen aus Cuxhaven eine beträchtliche Verstärkung und I I 00 Mann. Sie lag im Marstall. Die Abteilung II (800 bzw.
erreichte Ende 1ovember/ Anfang Dezember 1918 mit etwa 300 Mann) befand sich seit dem 15. November im Berliner
3 200 Mann ihre größte Stärke. Schloß, ab 25./26. ovember in einem Ber~ner Lokal (Straße . Ln
Als höchstes E'ührungsorgan wählten die Matrosen einen fünf- den Zelten•) und seit 6. Dezember im ehemaligen Preußischen
zehnköpfigen Matrosen rat, der sich »Volksmarinerat von Groß- Abgeordneten haus. Oie Abteilung lU, sie umfaßte 900 bzw.
ß erlin und Vororten• nannte, und aus dem später ein Hauptaus- 400 Mann, war in den Ausstellungshallen am Lehrter Bahnhof
schuß der Division als e ngere Leitung hervorging. Zum ersten untergebracht.
Kommandanten und gleichzeitig Vorsitzenden der von Aniang an Die Bewaffnung der Volksmarinedivision bestand aus Maschi-
koiJektiven Leitung wurden am 11. · ovember Paul Wieczorek nengewehren, Gewehren, Pistolen und Handgranaten, zeitweise
und nach dessen Ermordung am 14. ovember der Berliner Me- auch Gesch iitzen. Sie verfügte über einige Panzerkraftwagen und
tallarbeiter und Matrose Ollo Tost gewählt. Lastkrartwagen.
Mit aller notwendigen Konsequenz gab die Volksmarinedivision Die Volksmarinedivision eriiiiJte in Berlin verschiedenartige
den revolutionären Maßnalunen des seit dem 23. November Schutz- und Sicherungsaufgaben. Sie stellte ständige Wachen für
1918 in ß erUn tätigen 53er-Ausschusses der Marine, der das öffentliche und Regierungsgebäude, wurde zu Absperrungen und
Reichsmarineamt und den Admiralstab kontroUi erfe und in en- Sonderei nsätzen herangezogen. Die Bera!UJ1gen des VoiJ zugsrates
gem Kontakt mit dem Spartakusbund stand, den erforderlichen der Berliner Arbeiter- und Solda!enräte, viele andere Tagungen
militärischen Rückhalt. Der von diesem gewählte fünfköpfige von Revolutionäre n und auch der Gründungsparteitag der KPO
Zentralrat der Marine halte Entscheidungsbefugnis für alle Mari- fanden in dem unter bewaffneten Schutz der Volksma rinedivision
nefragen, so auch für die Volksniarinedivision. Nachdem die stehenden ebemaligeo Preußischen Abgeordnetenhaus statt.
Volksmarinedivision am 6. Dezember verwaltungsmiißig dem Als bedeutendste militärische Kraft der Revolution in Berlin
Zentralrat der Marine unterstellt worden war, setzte der Volksma- hatte die Volksmarinedivision im November/Dezember 1918 ein
rinerat von Groß-ßerlin und Vororten noch am selben Tag ei nen großes politisches Gewicht. Der E innuß des Spartakusbundes
5cr-Ausscbuß als engere Leitung der Vol ksmarinedivision e.in. lltTd die direkle Verbindung seiner führenden Vertreter, wie Karl

40 •
41
Liebknecht und Wilhelm Pieck zu den revolutionären Matlro,serl, Daraufhin umstellten Regierungstruppen die Reichslanzlei. Als
prägte nachhttltig die Positionen dieser Truppe. Obwohl die poli- jedoch für die Matrosen Verstärkung heranrückte, versicherte
tischen Auflassungen der Angehörigen der Volksmarinedivision Ebert, die Truppen würden in ihre Quartiere zurückgezogen und
nicht einheitlich waren, ließen sie sich von der rechten SPD-Füh- die Differenzen sollten am nächsten Tag beigelegt werden. Auf-
rung nicht zu konterrevolutionären Zwecken mißb~uchen. Si~ grund dieser Zusage ging die Masse der Angehörigen der Volks-
standen, wenn auch nicht ohne Schwankungen, an der Seite der marinedivision in \Veihnachtsurlaub. ur wenige Matrosen -
revolutionären Arbeiter und Soldaten ßerlins. etwa 30 - verblieben im Schloß tmd etwa 70 bis 80 in1 Marstall,
Diese progressive Ha.ltung des ganzen Verbandes trug dazu dem Sitz des Stabes und der l. Abteiltmg.
bei, daß die Berliner Werktätigen der Volksmarinedivision Ach- Am späten Abend des 23. Dezember forderte Generalleutnant
tung und Vertrauen entgegenbrachten. Zugleich sahen die impe- Wilhel m Groener von Eber!, nunmehr rücksichtslos gegen die re-
rialistischen und militaristischen Kräfte wie auch die rec~ten volutionären Matrosen vorzugehen. ach Beratung mit den bei-
SPD-Führer in der Volksmarinedivision ein ernstes Hindernis für den anderen SPD-Mitgliedern des Rates der Volksbeauftragten
die geplante Niederschlagung der ovemberrevolution. Schon erteilte Ebert dem preußischen Kriegsminister die Weisung, am
Ende November 1918 hatte die Oberste Heeresleitung ausdrück- Morgen des 24. Dezember Schloß und Marstall anzugreifen.
lich die »Aushebung der Matrosen« verlangt. Gegen die Volks- Noch am 23. Dezember unterstellte dieser alle Stäbe und Trup-
marinedivision fanden deshalb dieselben konterrevolutionären pen im Raum Groß-Berlin Generalleutnant Arnold Lequis, der
Mittel Anwendung, mit denen auch der Spartakusbund bekämpft den Überfall auf die Volksmarinedivision leiten sollte.
.
wurd e. Die bürgerliche und sozialdemokratische Presse hetzte
.

die Öffe nlHchkeit skrupellos gegen die Malrosen auf. Ihr e rster
1m Morgengrauen des 24. Dezember schlossen etwa
I 200 Mrum schwerbewaf[neter Cnrdetruppen Schloß und Mar-
Kommandant., Paul \Vieczorek, wurde bereits am 14. ovember stall ein. Den Matrosen wurde das Ultimatum gestellt, die Waffen
von einem Marineoffizier ermordet. Heinrich Dorrenbach entging
diesem AUentat nur knapp.
Bewußt und planmäßig bereiteten die rechten SPD-Führer
niederzulegen und sich gefangen zugeben. Das war die Forderung
nach bedingungsloser Kapitulation. Ohne z u zögern lehnten die
Matrosen das Ultimaturn ab.
-
F'riedrich Ebert und Otto Wels, letzterer zu dieser Zeit Stadtkom- Danach begann von mehreren ·Seiten zugleich das Arti llerie-
mandant von ßerlin, im Einklang mit der Obersten Heeresleitung feuer aus 77-rnm- und I 05-mrn-Geschiilzen gegen Schloß und
eine Provokation gegen die revolutionäre n Matrosen vor. Sie ver- Marstall. Geschützballerien standen unter anderem beim Zeug-
weigerten die Löhnung, falls die Volksmarinedivision sich nicht haus an der Schloßbrücke, vor der Bildergalerie am Lustgarten,
mit einer Enllassung von 2 400 Matrosen, der Eingliederung der am Werdersehen Markt und auf·dern Leipziger Platz.
restlichen 600 in die Republikanische Soldatenwehr und der Granaten schlugen in die ordfront des Schlosses, das Schloß-
Räumung des Schlosses einverstanden erklären würde. portal brach zusammen. Heldenhaft verteid igten sich die Matro-
Obwohl sich die Matrosen zu letzterem hereil fanden und am sen unter Führung von Heinrich Dorrenbach. Einer von ihnen,
23. Dezember die Schlüssel des Schlosses abl ieferten, weigerte Fntnz Beiersdorf, Mitglied des Spartakusbundes, erinnert sich:
sich Wels, die Löhnung auszuzahlen. Als einer der Führer der •Es ballert jetzt von allen Seiten. Ein Stoßtrupp der Hegierungs-
Matrosen daraufhin die Ein- und Ausgänge der Reichskanzlei be- truppen pirscht sieb ·die Französische Slraße entlang und ver-
setzen ließ, wurden die wartenden Matrosen von Regierungstrup- sucht, das rote Schloß zu erreichen, um uns von dort zu behar-
pen beschossen. Es gab Tote und Verwundete. Jetzt stUrroten die ken . . . Rasend mähen unsere MGs. Drüben zieh! sich der
e mpörten Matrosen die Kommandantur. Sie verhafteten Weis Stoßtrupp schnell zurück, wobei er einen Mann verliert ... Wü-
und zwei seiner Mitarbeiter, forderten dessen sofortige Abset- tend donnert ihre Artillerie. .letz! hören wir die Einschläge hin-
zung als Stadtkommandant und die Bestrafung der Schuldigen. ter uns ... Schloß und Marstall sind feuerspeiende Feslungen ge-

42 43
worden. Jedesmal wenn sich ein Trupp formiert, um sich dem
Kampfplatz zu nähern, empfängt ihn rasendes Feuer.«
Zwei Stunden lang wehrten die Malrosen - nur mit Geweh·
ren, Maschinengewehren und einem Geschütz bewaffnet - die
von Artilleri~ unterstützten Angriffe ab. Mehrere Angehörige der
Volksmarinedivision wurden von Granaten zerfetzt. Auch Gas·
granaten detonierten. Dann schien sich der Sieg der Konterrevo-
lution abzuzeichnen. Zu groß war die zahlenmäßige und waffen·
technische Überlegenheit der konterrevolutionären Truppen.
Doch die Malrosen blieben nicht allein. Durch den Kampflärm
alarmiert, vom Spartakusbund und den revolutionären Obleuten
der Berliner Großbetriebe mobilisiert, rückten vom Norden und
Osten Berlins Arbeiterkolonnen heran. Auch Matrosen, die sich
außerha.lb des Sch.losses und des MarslaJis befunden hatten, und
die Sicherheilswehr des Polizeipräsidenten Emil Eichhorn eilten
zur Hilfe herbei.
Der Erinnerungsbericht eines Berliner Arbeiters gibt hierzu
folgende Schilderung: »Am 24. Dezember frühmorgens hörte ich
"'- plötzlich Kanonenschüsse aus dem Zentnm1 der Stadt. Wir ha·
ben uns sofort auf die Beine gemacht ... Als wir zum AJex ka·
men, merlcten wir, daß es um den MarstaU ging. Hintenherum ka·
men wir zum Werdersehen MarkL Wir gingen an das Geschütz,
das dort stand. Ein Leutnant und 3 oder 4 Mann Bedienung wa-
ren dabei. Wir sagten: >Was macht ihr denn! [hr schießt doch auf
eure Kameraden!< Die Soldaten wurden unsicher. Der Leutnant
wurde bla.ß. Wir redeten weiter auf sie ein und setzten ihnen aus·
einander, worum es ging.«
Nicht nur am Werdersehen Markt, auch an vielen anderen
Stellen durchbrachen Berliner Arbeiter, Frauen und Jugendliche
die Absperrungen, gelangten sie in den Rücken der Angreifer
und forderterr diese auf, die Waffen niederzulegen. Viele Solda-
ten verweigerten daraufhin den Gehorsam und entwaffneten ihre
Offiziere. Andere Abteilungen wurden von bewaffneten Berliner
Arbeitern gewaltsam aufgelöst. Voller Entsetzen mußten die Offi-
ziere zusehen, wie ihre bisher so •zuverlässigen• Truppen unter
Einwirkung der revolutionären Agitation zerfielen. Der Versuch
der Reaktion, die Revolution in Berlin gewaltsam zu ersticken,
war gescheitert. Der vereinte Kampf der revolutionären Matro-
sen, Arbeiter und 'Soldaten hatte der Konterrevolution eine emp-

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'
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\
findliehe Schlappe bereiteL Sieben Mutrosen und mehrere Berli- Aufforderung des Spartakusbundes und der revolutionären
ner Arbeiter ließen dafür ihr Leben. Oblculr, die Beisetzung zu ei ner Protestkundgebung gegen die
Doch die Früchte d.icses Sieges wurden unter dem Einnuß un- Kontrrrrvolution zu gestalten. Auf dem Friedhof der i\lärzgefalle-
entschlossener linker USPO-Funktioniire "erschenkL ln den an- n<·n von 1848 im Berliner Friedrichshuin fanden die Opfer des
schließenden \ erhandlungen verpflichteten sich die Führer der kontrm>volutioniiren Überfalls vom 23. und 24. Dezember ihre
Volksmarinedivision, das Berliner Schloß zu verlassen, die Volks- letzte lluhestätte.
marinedivision in d.ie Republikunisehe Soldatenwehr einzuglie- Die wenigen Tage, die seit dem Ende des Reichsrätekongresses
dern und in Zu kunrt nicht wieder an Aktionen gegen die Regie- vCf!!llngcn waren. vor allem die Ereignisse in Llerlin, hatten ge-
rung teilzunehmen. Im Januar 1919 wurde uuf Weisung des r.cigt, daß die imperialistische Konterrevolution immer unverhoh-
Rates der Volksbcauftrugten die Volksmurinedivision liquidiert, lcnrr die bewaffnete Gewalt auf die Tageso rdnung setzte. och
indem die Mehrheit ihrer Angehörigen uus l:lerlin »versetzt« und konnten die Arbeiter, Matrosen und Soldaten alle konterrevolu-
nur 600 Matrosen in die unter SPO-Einfluß stehende Republ.ika- tioniircn Vorstöße zurückschlagen. Wollten aber die revolutionä-
nisehe Soldatenwehr eingegliedert wurden. llundertc der •ver- ren Kräfte die Errungenschaften des November oucb in Zu kunft
setzten• i\lotrosen blieben aber gegen den Willen der Regierung erfolgreich verteidigen und die Revolution weiterfUhren, mußten
in Berlin und kämpften in der folgenden Zeit mit den BerHner sir sirh fC'ster und unter einer einheitlichen und zielklaren Füh-
Arbeitern gegen d.ie Konterrevolution. nrng zusammenschließen. Am 29. Dezember 1918 scl1rieb Rosa
Der heimtückische Überfall auf die Volksmarined.ivision rief in Lu-.emburg dazu - in Auseinandersetzung mit der USPO-Poli-
ganz Deutschland die Empörung der klassenbewußten Arbeiter tik - in der • Roten Fahnec: • Das deutsch<' Proletariat braucht
hen•or. Zur eindrucksvollsten S) mpathiekundgebung kam es am hcutl' an seiner Spitze eine sozialistische Partei. die der großen
25. Dezember in Berlin. Obgleich es ein schneereicher Weih- Stunde gewachsen ist. Für eine Partei der 1-lolbheit und Zweideu-
nachtsfeiertag war, zogen große Demonstrationszüge in den Tier- ti~krit ist in der Hevolution kein Platz.c
gurten und bekundeten ihre Verbundenheit mit den revolutionä-
r·en Matrosen. lledner des Spartakusbundes, der revolutionären
Obleute und der Volksmarinedivision entlarvten Ziel und Zweck Die Gründung der KPD -
des blutigen Überfalls der Konterrevolution. Karl Liebknecht be- Ausgangspunkt marxistisch-lcni nistischer
tonte warnend. daß die Gegner nicht geschlagen, sondern nur MiliUirpolitik in der deutschen Arbeiterbewegung
zum zeitweiligen Rü ckzug gezwungen wurden. Zur wichtigsten
Aufgabe in dieser zugespitzten Situation erklärte er die Bewaff- Im Laufe des November/Dezember 1918 war offensichtlich ge-
nung der Arbeiterklasse. Oie vom Spartakusbund immer wieder "Orden, daß auch der aufopferungsvollste l::insatz der bewußte-
gestrille Crundforderung, daß die Re,olution in der Luge sein s~er~ Teile der deutschen Arbeiterklasse Hir den Stur.t des lmpe-
muß, sich gegen aUe Angriffe der Konterrevolution zu verteidi- noh mus und Militarismus nicht die führende Kraft einer
gen, sprach auch aus dem redaktionellen Artikel der . Roten .,., olutionüren Partei ersetzen konnte. Oie Schaffung einer revo-
• Fahne« vom 25. Dezember: • Die Bewaffnung des Volkes, die Bil- lutionürrn, marxistisch-leninistischen Kampfpartei war zur drin-
dung der Roten Garde zum Schutze der llrvolution ist eine drin- ll~ndst!'n Aufgabe geworden.
gende otwendigkeit geworden. Proletarier! Soldnten! Seid auf Ausgt>hcnd von der historischen Mission der Arbeiterklasse,
der Hut! ßleibt auf dem Posten, um die Soche dl•r Revolution ge- bcknnntt> sich der Gründungsparteilag dt•r KPD (30. Dezember
1
gen das System der blutigen Putsche zu vcrteidigrn!c .918- t. Janunr 1919) zur marxistischen Auffossung vom Sozia'
118
Am 29. Dezember fand die Beisetzung der in den Weihnacbts- 1llus. Das Programm der Partei entsprach mit der Forderung
118
kiimpf('n gefallenen Matrosen sllllt. llundcrltnusende folgten der l'h dem Sturz des Lmperialismus und der Errichtung der Dikta-

46 47
tur des Proletariats den Prinzipien des Marxismus. Es war rungen, nahmen die deutseben Kommunisten uuch in mililärpoli·
Ausdruck der Übereinstimmung mit Auffassungen Lenins tist·hcn Grundfragen zunehmend leninistische Positionen ein. Der
den Erfahrungen der Bolschewiki in Grundfragen des :Swttes ~ Gründungsparteitag der KPD hob die 'otwendigkeit hervor, der
und der Revolution. Gewalt der bürgerlichen Konterrevolution die revolutionäre Ge·
Überzeugend deckte das Programm der KPO den Zu!;ammel~-, walt des Proletariats entgegenzustellen. Unter den konkreten
hang zwischen Imperialismus und Krieg auf, machte es J(Ja~;,enkampfbcdingungen der Jahreswende 1918/19 - der dro-
Rolle des Sozialismus als der ersten Gesellschaftsordnung des hend<>n Gefahr einer Erdrosselung der Revolution - erforderte
Friedens deutlich. Erst im Sozialismus, hieß es dort, »Sind das die umgehend e Bewaffnung der Arbeiterklasse. Oie KPD ver-
kerhaß, Knechtschaft entwurzelt. Erst wenn eine solche Gesell- ln nf!te daher 1die Bewaffnung des Volkes und Entwaffnung der
schaft verwirklicht ist, wird die Erde nicht mehr durch lwrrschcnden Klassen•.
schenmord geschändet. Erst dtmn wird es heißen: Dieser Krieg Oie einmütige Zustimmung der Delegierten des Parteitages zu
ist der letzte gewesen!« Eindeutig wurde im Referat Rosa Luxem- konsequent revolutionären Programmforderungen schuf gül1Stige
burgs die Tatsache herausgearbeitet, daß die deutschen Kommu- Voraussetzungen, um auch die noch recht un tersch iedlichen Auf-
nisten künftig zusammen mit dem Sozialismus und den Interes- fussungen iiber die unmittelbar in den Revolutionskämpfen ein-
sen der Revolution auch die Interessen des Weltfriedens zu wsrhlagcnde Strategie. Taktik tmd Militärpolitik einander anzu-
verteidigen haben. nähern. Oie Lageeinschätzung des Parteitages besagte, daß die
Ein klares Bekenntnis zur Partei Lenins und zu Sowjetrußland Re' olulion in Deutschland an einem Punkt angelangt sei, an dem
war der markantesie Ausdruck der intemationalistischen Positio- t•ntwcder die sich von ihren Illusionen befreienden Massen den
nen der KPD. Auf ihrem Gründungsparteitag bekundeten die konst'quenten Kampf um die Macht aufnehmen oder die konter-
deutschen Kommunisten ihre uneingeschränkte Unterstützung revolutioniiren Kräfte die revolutionäre Bewegung erdrosseln
für die ßolschewiki und den von ausländischen Interventen be- würden. Einigkeit wurde über das folgende. militärpolitische Ak-
drohten jungen Sowjetstaat Sie appellierten an die deutschen tionsprogramm zur Verteidigung der Revolution el"'t:ielt:
Soldaten im Osten, sich mit der Roten Annee zu solidarisieren •1. Entwaffnung der gesamten Polizei, siimtlicher Offiziere sowie
und mit ihr gegen die Konterrevolution zu kämpfen. Das war drr nichtproletarischen Soldaten. Entwaffnung aller Angehöri-
nicht nur eine Augenblicksreaktion, sondern ein spezifischer gen der herrschenden Klassen.
Ausdruck der Einsicht der KPD in die weltgeschichtliche Bedeu- 2. Beschlagnahme aller Waffen· und Munitionsbestände sowie
tung der Oktoberrevolution, die von der internationalen Arbeiter- Hüstungsbctriebe durch A.- und S.-Riite.
klasse mit allen Mitteln verteidigt werden mußte. :1. Bewaffnung der gesamten erwachsenen männlichen proletari-
Karl Marx und rriedrich Engels folgend, vertrat der Grün- ~chen Bevölkrrung als Arbeitermiliz. Bildung einer Roten
dungsparteilag der KPD eine von der Bourgeoisie völlig unabhän- Garde aus Proletariern als aktiven Teil der Miliz zum sländi·
gige. eigenständige proletarisch-revolutionäre Mililärpolitik. ln- f!Pn Schutz der Revolution vor gegrnrevolutionären Anschlä-
dem dns Programm der KPD den revolutionären Charakier 'der ~tcn und Zettelungen.
Partei und ihre klare Abgrenzung von jeglichem Opportunismus I. Aufhebung der Kommandogewalt der Offiziere und Unteroffi·
erklärte, traf es auch die entscheidende Aussage über die bis da- zirre. Ersetzung des militiirisehcn Kadavergehorsams durch
hin fehlende führungskrall für eine revolutioniire Militärpolitik. freiwillige Disziplin der Soldaten. Wahl aller Vorgesetzten
Die vom Parteitag entwickelte militärpolitische Konzeption folgte durch die Mannschaften unter jederzeitigem Hi.ickberufungs- .
den Traditionen des antimilitaristischen Kampfes der revolutionä- rcrht. Aufhebung der Mililärgerichtsblll·kcit.
ren deutschen Sozialdemokratie. Sich dem Beispiel der Sowjet- 5. Entfernung der Q((iziere und Kapitultmtcn (freiwillig Länger-
macht zuwendend und gestützt auf eigene Klassenkampferfah- dienende - d. Verf.) aus allen Soldatenriiten.

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6. Ersetzung aller politischen Organe und Behörden des früheren als Werkzeug der Konterrevolution unbrauchbar war. Die Ober·
Regimes durch Vertrauensmänner der A.· und S.-Räte. ste I Ieeresleitung entschloß sieb deshalb, die Schaffung spezieller.
7. Einsrtzung eines Hevolutionstribunals, vor dem die Haupt· Bürgerkriegsgarden zu forcieren.
schuldigen am Kriege und seiner Verlängerung, die beiden Ho- Bereits seit Ende November/Anfang Dezember 1918 hatten
hcnzollern, LudendoriT. Hindenhurg, Tirpitz und ihre Mitver- kai~rrliche Offiziere im Auftrag der OIIL in vielen Teilen
brecher sowie alle Verschwörer der Gegenrevolution abzuur- O!'utschlands der Reaktion ergebene Kräfte zu konterrevolutionä·
teilen sind.c ren Formationen zusammengefaßt, denen sie die von 1812113
Oie Gründung der Kommunistischen Partei Deutschlands war bekttnntr und populäre Bezeichnung • Freikorps• gaben. Diese
das wichtigste Ergebnis der ovemberrevolution. Oie Anwen- rekrutirrten sich vorwiegend aus dem Orriziers· und Unteroffi·
dung grundlegender militärpolitischer Positionen der Bolschewiki zirrskorps der kaiserlichen Armee, nus Studentenkreisen, aus
aur die konkreten Klassenkampfbedingungen in Deutschland klcinbiirgcrlich-biiurischen Elementen sowie aus den Randschich-
kennzeichnete ihren Gründungsparteitag wgleich als Beginn der ten der werktiitigen Klassen. Politisch-ideologisch standen die
Ourchsetzung des Leninismus in der revolutioniiren Militärpoli- Freikoq>s nuf dem Boden eines militanten Antikommunismus
tik der drutschen Arbeiterbewegung. Er wurde zu einem Ein· und Chauvinismus mit starken monarchistischen Tendenzen.
schnitt, der dem militärpolitischen Wirken der deutschen Kom- Glirderung, Bewaffnung, Ausrüstung und Ausbildung entspra·
munisten Ziel und Richtung gab. chen ihrem Bürgerkriegsauftrag. Die Kommandogewalt der Offi.
ziere war in ihnen wieder völlig hergesteiiL Gestützt auf Geld mit·
tri des Reiches sowie auf beträchtliche finanzielle Zuschüsse von
Berliner Januarkärnpre Konzrrnen und reaktionären Organisationen, konnten die Frei-
korps ihren Angehörigen einen hohen Sold zahlen.
Oil' Klassenauseinandersetzungen in den letzten \Vochen des Ihr I laß gegen alles Fortschrittliche machte die Freikorpsange-
Jahres 1918 und insbesondere die Gründung der Kommunisti· hürigrn zu erbittertsten Gegnern der revolutioniiren Arbeiterbe·
sehen Partei Deutschlands zeugten davon, daß sich die revolutio· wcgung. Terror und Mord waren Bestundteil ihres Einsatzes. Ver·
niken Kriirte enger zusammengeschlossen hatten und gewillt wa- wundern kann es deshalb kaum, daß viele ehemalige
ren, die Errungenschaften der Revolution gegen jegliche Frc•ikorpsangehörige später einßußreichc. Funktionen in der SA
Anschlüge zu verteidigen. Oie Monopolherren und Militaristen und SS sowie seit 1933 im faschistischen Machtapparat ausübten.
suchten dieser Entwicklung mit einer militärischen Gewaltaktion. \ach dem Scheitern des konterrevolutionären Angriffs in den
mit einer Provokation großen Ausmaßes zu begegnen. Oie KPD \~ cihnachtstagen 1918 konzentrierte die Oberste Heeresleitung
sollte zerschlagen werden, bevor sie sich organisatorisch festigen in enger Zusammenarbeit mit dem rechten SPD-Pührcr Gustav
und eng mit den Iiassen verbinden konnte. Dem Zentrum der re- \oske, der seit dem 29. Dezember im Rat der Volksbeauftragten
volutionären Bewegung galt dabei erneut der konterrevolutionäre für \lilitiirangelegenheiten verantwortlich war, reaktionäre Trup-
llauptstoß. PI'n gegen Berlin. Diese sollten die revolutionären Kräfte noch
Entscheidend für die Wahl des Zeitpunktes der Provokation 'Orden Wahlen zur 1ationalversammlung, die für den 19.jnouar
war, daß die Konterrevolution erst dann gegen die revolutionären 1919 unberaumt waren. militärisch niederwerfen tmd ihrer Füh·
Kriiftr ßerlins losschlagen wollte, wenn sie üher eine erdrük· rung beruuben. Resümierend stellte Generalleutnant Wilhelrn
kende rnililiirische Übermacht verfügte. !Iatte doch der geschei· Groencr in seinen • Lebenserinnerungen« hiertu fest: • Mit Be·
terte Anschlag nur die Volksmnrinedivision die Kumpfbereitschaft ltinn des Jahres 1919 durften wir uns wtrouen, in Berlin zuzu·
drr ßl•rlincr Arbeiter gezeigt und glrichzeitig deutlich gemacht. Pllc·ken und zu säubern. Alle Maßnohmcn jetzt und spiiter erfolg·
daß die Masse der Pronllruppen - auch die Gardeverbiinde - ten in engstem Einvernehmen mit der lleereslcitung, aber die

50 51
l.ritung tmd die \ cmnt"ortung 'or Regierung und \ olk trug der .,cnt Gebiet. Oberst Reinbard beauftragte nach ufstrllung seines
bald zum Reichs" ehnninister ernannte Xoske. der, den Fußtap- Freikorps den Oberleutnant und späteren Hauptmann Eugen von
fen Eberts folgend, ein festes Bündnis mit den Offizieren ein- Kessel, innerhalb des Freikorps eine geheimpolizeiliche Sonder-
.
gmg.« formation zur ßekiimpfung der progressiven Kriifte der Berliner
Ende Dezember wurden die um und in Berlin stationierten Arbeiterbewegung aufzustellen. Den Kern der . 3. StrcifkomJ)ß·
konterrevolutioniirrn F'ormationen reorganisiert. Der Komman- nie« - so lautete die Tarnbezeichnung dieses Militärpolizeior-
dierende General des lll.Armeekorps \ alther Freiherr von Lütt- !!On~ - bildeten etwa 50 Beamte der von Emil Eichhorn aufgeli5-
" itz löste Lequis ab. Oie Gardekavalleriescbülzendh1sion, das ~t<·n Politi chen Polizei. Zu ihnen gehörte auch der berüchtigte
• militärische Rückgrate des Generalkommandos, wurde südlich lo.rirninalwachtmeister Ernst Tamschick, der spätere Mörder von
'on Berlin, im Raum Tcltow stationiert und weiter aufgefüllt. Das ~.ro jogicbes und lleinrich Oorrenbach. Ocr Hauptschlag der
Freiwillige Lundcsjiigcrkorps des Generalmajors Gcorg Maercker .3. Streifkompnnicc sollte der gerade gegründeten KPO gelten.
bezog im Lager Zossen Quartier. Im llaum Polsdttm formierten l m diesen vorzubereiten, versuchten ihre Spitzel, allerdings er-
sich das Regiment . Potsdamc, das Freikorps Hiilsen und das folglos. in die llcihcn der KPO einzudringen. Doch lagen den
Landesscbützenkorps. ln Berlin sclb t bildete Oberst Wilbelm lo.onterrevolulioniircn bereits vor Beginn der Provokation genaue
Hcinhard (später: S -Obergruppcnführer) aus Resten der Garde- Angaben über die führenden ~1itlieder, die Versammlungslokale
truppen und anderer rormalionen das Frci"~Uigenregiment Rein- und Druckereien der KPO vor.
hard, das in den Moabiter Kasernen lag. So formierte sich Ende r-.achdern 'Sich om 4. Januar 1919 Friedrich Ebcrt und Gustav

Ül'zember 1918 eine gegen die revol utionären Kriifte Hcrlins ge- oske in Zossen von der Einsatzbereitschalt
. der konterrcvolutio-.
richtete Stoßgruppierung von etwa I 0 000 Mann. nüren Truppen überzeugt hatten und offensichtlich mit dem
Das Zusammenziehen der Truppen stellte jedoch nur einen. Stand der militiirischen Vorbereitungen zufrieden waren. hielten
""nn auch den entscheidenden. Faktor in der konterre,·olutionä· die \'erschwörcr den Zeitpunkt für gekommen, die langfristig an-
ren Verschwörung gegen die Berliner Arbeiter dar. Parallel gestrebte Provokation gegen die revolutionären Arbeiter Berlins
hierzu intensivierte die Konterrevolution die propagandistische zu starten. 1och am seihen Tag teilte der preußische.lnnenmini-
Vorbereitung der Provokation. Oie bereits lange vor dem ovem- ~tcr Paul Hirsch dem Polizei präsidenten von ßedin Emil Eich-
• bcr 1918 entfesselte Pogromhetze gegen Kar! Liebknccht, Rosa horn mit, er sei entlassen. Eichhorn, der den linken Kriiften der
Luxemburg und andere linke Kräfte erreichte zur Jahreswende LSPO angehörte und große Sympathien bei den Berliner Arbei-
191811919 ein noch nie dagewesenes usmaß. Oie \ erlcumdung tern besaß. hatte sich durch die Aufdeckung 'on konterrcvolutio-
drs Spartakusbundes bzw. der jungen KPO war eng verflochten niiren Anschlägen verdient gernacht und erste Mußnahmen zur
mit einer zügellosen antisowjetisc·hen Kampagne. Srharfung eines demokratischen Polizeiwesens eingeleitet. Das
Mehr und mehr forciert wurde auch die Spitzel- und Diver- und sein Auftreten für ein enges Bündnis mit Sowjetrußlnnd
sionstätigkeit gegen die revolutioniire Bewegung. llicruci tat sich brachten ihm den erbitterten I laß der Heaktion ein, der sich un-
insbesondere die von Eduard Stadtier gegründete t Antibolsche- ll'r anderem in einer seit den ersten Januartagen eskalierenden
" islische Liga« hcn or. ln seint>m Buch •Als Antibolschewist "iisten Pressekampagne gegen Eichhorn iiußerte. Oie Entfernung
191811919« bemerkte Stadtier zu dieser Seite der Tätigkeit sei- diP~es Revolutionärs aus der wichtigen Funktion des Berliner
nrr konterrevolutionären Organisation: • Wir hatten unsere be· Polizeipräsidenten zielte darauf ab, eine weiterl' l\lochtposition
1.ohlten achrichtenlcute, die uns tiiglich iiber die Vorgiinge irn drr Hevolution zu zerschlagen und die Berliner revolutionären
kommunististht>n Lager informierten.« Arbeiter und Soldolen zu unvorbereiteten bewaffneten Auseinan-
Aber auch die Gardckavallericschiilzendivision und dus F'rei- d,·r~etzungen mit einem weit überlegenen Gegner zu provozie-
" illigenregiment Hcinhard ent" id.eltcn eigene Initiativen auf die- tl'll.

52 53
\Vie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht von Eich- als \ orwand benutzt werden konnte, mit bewaffneter Gewalt ge-
horns Absetzung. Oie Aussage Eichhorns . Ich habe mein Amt gen die Arbeiter ßerlins 'orzugehen.
von der Revolution empfangen, und ich werde c nur der Revolu- ,\m Abend des 5. Januar wurde von den Hcvolutioniiren über
tion zurückgeben• fand die volle Unterstützung der Berliner Ar- "eitere Kampfmaßnahmen beraten. Teilnehmer wnren die revo·
beiter. Noch am 4. Januar 1919 begannen in Großbelrieben wie tutioniiren Obleute der Berliner Großbetriebe und die Leitung
Knorr-Bremse und bei der Eisenbahn Protcstslreiks. Auf einer der ßerliner US PO, Kar! Liebknecht und Withclm Pieck von der
Beratung der revolutionären Obleute vom gleichen Tag, an der KPD sowie je ein Vc•·h'etcr der jetzt in die Republikunisehe Sol-
auch Kar! Liebknecht und Withelm Pieck sowie Vertreter der datrnwehr integrierten Restformolionen der Volksmnrinedivision,
Leitung der USPD Groß·ßerlins teilnahmen, wurde beschlossen, dt•s Zentralrates der Marine tmd des Zentralrates der Eisenbah-
die Bevölkerung Berlins für den 5. Januar zu einer machtvollen ner. Die ~ lehrheit der Anwesenden forderte den Stun der Regie-
Protestkundgebung aufzurufen. nmg. Der Vertreter der !loten Malrosen erklärte, daß sowohl die
Oie Mehrheit der Berliner Arbeiter halle sofort erkannt, wel- \lntrosen als auch die meisten Soldaten der Berliner Garnison
cher Schlag mit der Absetzung Eichhorns gegen die Revolution bereit stünden. um gegen die Regierung zu kämpfen. Dieser Be-
geführt werden sollte. Am 5. Januar zogen mehr als I 00 000 Ar- richt war jedoch - wie sich bald zeigte - zu optimistisch gefärbt.
beiter und Soldaten durch die Stadt zum Polizcipriisidium am Lntcr dem Eindruck der MnsscndemonstnJtioncn und der [nl-
Alcxnndcrplatz. Sie fo•·derlen die Zurücknahme der Entlassung sclwn Einschätzung des Grades, den die revolutionäre Bereit-
Eichhorns, die Entwaffnung der konterrevolutionären Truppen schaft der Volksmassen erreicht haUe, wurde die Entscheidung
und die Bewaffnung der Arbeiter. Bewaffnete Gruppen des Roten getroffen, die Berliner Arbeiter und Soldaten für den 6. Januar
Soldatenbundes und aus den Großbetrieben, Lastautos mit ~a­ zum bewaffneten Kampf gegen die Regierung Ebert-Scheide-
chinengewehren begleiteten den Oemonstralionszug. Die Mas- mnnn und für die Eroberung der Macht aufzurufen. Karl Lieb-
sen waren bereit, die Errungenschaften der Revolution auch mit knecht und Wilhelm Pieck standen dabei vor einer schweren
der Waffe zu verteidigen. Entscheidung. Abseits stehen konnten die Kommunisten ange-
Von ein~m Hohenzollerndenkmal, am Gebäude des preußi· sichts der sich entwickelnden revolutionären Mussenbewegung
sehen Ministeriums des lnnern und vom Balkon des Polizeipräsi- nit·ht. Sie gaben deshalb dem Beschluß ihre Zustimmung. Zur
diums sprach Kar! Liebknecht zu den Demonstrtmten. Er for- Lt•itung des Kampfes bildete sich ein Hevolutionsnusschuß aus
derte zu entschlossenem Handeln auf. Gleichzeitig warnten 33 \1 itgliedern, dem alle an der Beratung beteiligten Organisatio-
Liebknecht und auch die anderen Redner davor, sich zu unüber- nt•n und Räte angehörten.
legten Handlungen hinreißen zu lassen. \lit dem 6.Januar 1919 setzte der Generalstreik in ganz Berlin
ln dieser Situation traten von der Konterrevolution gedungene !'in. \och am Vormitlag dieses Tages zog über eine halbe Million
Elemente auf den Plan. Sie nutzten den Haß großer Teile der 1\rbt:'iter und Soldaten unter Hochrufen auf Kar! Liebknecht,
Ocrliner Arbeiter gegen di e antikommunistische lletzc und Ver- Rosa Luxemburg und Emil Eichhorn durch die Berliner lnnen-
• leumdung verbreitenden Presseorgane aus und riefen zur Beset- Mnllt. ÜberaU wurde die Forderung nach Waffen erhoben. Auf
zung des Berliner Zeitungsviertels auf. Ein Agent sagte später lnitintive von Kommunisten und revolutionären Obleuten holten
aus, daß er im Auftrag der Regierung an diesen Vorgängen betei- \llltrosen und Arbeiter aus den staatlichen Depots und Waffen-
ligt gewesen sei, getarnt als Mitglied des Roten Soldntenbundes. " t•rt..stiitlcn in Spandau und Willenau Waffen nach ßerlin, die im
'ioch am Abend des 5. und in der Nacht zum 6.Januar besetzten \larstall und im Polizeipriisidium verteilt wurden. Etwa 3 000 Ar-
Arbeitergruppen das • \ orwiirtsc-Gebäude, die bürgerlichen Zei- ht:'itl'r konnten bewaffnet werden. Hierdurch und da zahlreiche
tungs,erlage und das Wolffsche Telegrafenbüro. Orunit war eine Ct'" ehre seit Revolutionsbeginn in den Hiindcn 'der Arbeiter wa-
von der Konterrevolution erwünschte Situation entslnnden, die 1'\'n, ließ sieb die ßewaffnungsfragc relntiv leicht lösen.

54 55
Um jedoch eine einheitliche Kampforganisation aufzustellen, \ oll.smassen über den wahren Charakter der • Hcgicrungstrup-
bedurfte es einer anerkannten rührenden politischen Kraft und rlfn• zu täuschen. setzte sie an ihre Spitze einen rechten Sozial-
erfahrener militärischer Kader, die fest an der Seite des Volkes demokraten. Gustav Noske wurde am 6. Januar zum • Oberbe-
standen. Beides fehlte im Januar 1919. Der Revol utionsausschuß, fehlshaber der regierungstreuen Truppen in und bei Berline
in Sl.'i ner Mehrheit USPD-Funktionäre, erwies sich als unfähig, eruannt. Er übernahm seine Funktion mit den Worten: »Meinet·
e ntschieden zu handeln und die kampfhereilen Massen zu füh- ,. rgcn! Einer muß der Bluthund werden, ich scheue die Verant-
ren. Zehntausende Berliner Arbeiter und Soldaten warteten auf "ortung nicht.•
klure Anweisungen. Der Hevolutionsausschuß beriet jedoch nu r 'oske machte sich mit großer Energie doran, die gegen Berlin
in Permanenz; und die Ue rliner Leitung der USPO sowie die aufgestellten konterrevoluUonliren Formationen zu einer einheitli·
\lc hrheit der revolutionären Obleute beschlossen, Verhandlun· r hen Truppe zusammenzufnssen. Um dafür und für die Heran·
gl'n mitI
der Regierung aufzunehmen. führungweiterer Verstärkungen Zeit zu gewinnen, ging die Regie-
Oieses unheilvolle La' ieren verschaffte nur der Konterrevolu· ru ng au f das von USPD-Führem und revolutioniiren Obleuten
tion, die von der Wucht der Ereignisse überrascht wurde, Vor· , orgetragene Verhandlungsangebot ein. Unter diesen Umständen
teile. Sie erhielt eine willkommene Atempause w1d Ze it zur Her· t•r-.. icsen sieb die in der 111cht zum 7. Janunr aufgenommenen
anführung weiterer militärischer Kräfte. \ t'rhan dlungen, für deren Dauer Waffenruhe verei nbart wurde,
Angesichts der unmittelbar drohenden Gefnhr eines konterre· ulo reine F~~rce.
volutioniiren Angriffs hülle d er Revolutionsnusschuß als wichtig· Bereitsam 6./7. Januar hatte die Konterrevolution erste Trup·
ste ofortmaßnohmen beschließen müssen: ollgemeine Bewaff. prnkontingente gegen die revolutionären Kräfte eingesetzt. ln
nung der Berliner Arbeiter, Besetzung aller für die Verteidigung ' rr;,chiedenen Stadtteilen ßerlins begannen vereinzelte, aber hef·
ßerlins wichtigen Positionen. Doch außer dem Zeitungsviertel tigr l\.än1pfe. Vom Balkon des Leopold-Palais in der '\ ilhelm-
und einigen Bahnhöfen, Kasernen und öffentlichen Gebäuden olraße feuerten Maschinengewehre d es Freiwilligenregiments
wurden nur wenige militärisch ...~chtige Punkte ße rlin s zur Ver· Hcinhard in di~ Menge. 60 Demonstranten fielen diesem Überfall
teidigung vorbereitet zum Opfer. Um den Schlesischen Bahnhof entspann sich ein
Am 6)anuar zeigte sich schließlich oucb, daß di e in ßerlin sta· fiinfstündiges Gefecht, in dem auch Artillerie-eingesetzt wurde.
tionic rten Truppen des frühere n kaiserlichen Heeres nicht zu den Dir Versuche der Arbeiter, die Kommandantur und das preußi-
Arbeitern übergingen, sondern versuchten, »neutrale zu bleiben. sche Kriegsministerium zu besetzen, schlugen fehl. Dagegen wur·
Welch schwankende Haltung die Soldaten der Berlin!!r Garnison dt•n auf der Pionierkaserne in der Köpenicker Straße, dem Pro-
einnahmen, beweist unter anderem das Verhalten der Gardefüsi· ' iontarnt und dem l-laupttelegrafenamt rote Fahnen gehißt
liere, der »Maikäfere. achdem sie in Alarmbereitschaft versetzt ln dieser angespannten Situation trat die Zentrale der KPO am
und Maschinengewehre postiert worden waren, kam es am Mittag 8 . .Januar zusan1men. Vor allem Rosa Luxemburg kritisierte
des ?. Januar zum Schußwechsel zwischen Soldaten und bewaff. scharf das Versagen der USPD-Leitung Groß.ßerlins und der re·
ncten Arbeitern. Vor der Kaserne wurde ein Schild aufgestellt: volutionären Obleute. ln einem am seihen Tag verbreiteten Flug·
»Wir sind für Scheidemann!c Andererseits wollte der Soldatenrat blatt warnte die KPO vor dem drohenden Einmarsch der konter·
des llegiments am sclben T ag dringend von oske erkliirt haben, revolutionären Truppe n, rief sie zur Bewaflnung der Arbeiter
weshalb er denn nicht ihre Offiziere durch »Kameraden aus UD· und zur Entwaffnung der Konterrevolution auf: »Rüstet Euch!
serer Mittee ersetzen lasse. Schließlich erklärte sich das Regiment Jrder waffenfähige Mann versehe sieb mit einem Gewehr! Jetzt
für »neutrale. Ähnlich verhielten sich auch die a nderen Trup- iM t•s Zeit, daß alle Be-..affneten sich einheitlich in geschlossenen
pen teile der Berliner Garnison. Fnrmationen zusammenfinden: j e tz t ersteht die Hole Ga.rde. Ent·
In zwischen rüstete die Konterrevolution ~um Angriff. Um die " affnet alle Gege nrevolutioniire. c

56 57
ln diesen bewegten Tagen und ächten waren die Führer der ste verteidigten die Arbeiter die von ihnen besetzten Bahnhöfe,
KPD pausenlos unterwegs, um in den bewaffneten Kampftrupps Gebäude und nnderen Stützpunkte oft bis zur letzten Patrone.
und Führungsgremien der revolutionären Arbeiter und Soldaten Der erste entscheid ende Schlag der Konterrevolution galt den
die unmittelbaren Aufgaben zu erläutern, die Kämpfer anzuspor- revolutionären Kräften in Spandau. Hier hatten am 9.Januar Ar-
nen, zur Wah l entschlossener Führer aufzurufen. So besuchten beiter und Soldaten das Rathau s besetzt. Der Arbeiter- und Sol-
Karl Lieb.kncc ht, Wilhelm Piec.k und Otto Franke am 8. Jnnuar datenrat verfügte über die dortigen Waffenfabriken. Am Morgen
die Besatzung des »Vorwärls«-Gebiiudes, zu der auch Eugen Le- des I 0. Januar eröffneten Haubitzen das Feuer auf das Rathaus
vine und Karl Liebknechts Sohn Wilhelm gehörten. Stürmisch und schossen es stunureif. 63 Revolutionäre wurden gefangenge-
wurden sie von den bewaffneten Arbeitern begrüßt. Über den ln- nommen. Mehrere Arbeiterfiihrer, darunter der Kommunist Ro-
halt der im Hof des • Vorwärts• von Karl Liebknecht gehaltenen bert Pieser - Vorsitzender des Arbeiterrates -, wurden sofort er-
Rede berichte! ein Arbeiterkämpfer: • Er erklärte, daß die Führer schossen. Der Vorsil:.tende des Soldatenrates Max von Lojewski
der US PD nur eine ll inhaltepolitik übten; sie ließen Hunderttau- "'urde mit einigen Arbeitem in der acht vom 16. zum 17. Ja-
sende von Berliner Arbeitern immer noch ohne Direktive ... nuar im Tcgeler Forst feige e rmordet.
Liebknecht appellierte an uns, unfähige Führer sofort abzusetzen. E:twa zttr gleichen Zeit wie in Spandau entwicke lten sich in
und an ihrer Stelle der Arbeiterklasse und der Revolution bis verschiedenen Stadtteil en Berlins heftige Kämpfe zwischen den
zum letzten treu ergebene Arbeiter einzusetzen.• vorrückenden konterrevolutionären Truppen und den ihre Posi-
Am ll.Januar begann unter Bruch des vereinbarten WaffensliU- tionen verteidigende n Arbeitern. ln der Tacht vom 9. zum I O.Ja-
slandsabkommens der st ufenweise, sich Zug um Zug eskalie- nuar kam es nn den Bahnhöfen Halensee und Zoo zu e inze lnen
rende AngriH der konterrevol utioniiren Truppen. Der Revolu- Gefechten. Eine Gruppe revolutionärer Matrosen nahm die
tionsa usschuß rief ern~ut d ie Arbeiter und Soldaten Bcrlins auf, Eisenbahnmeisterei am Markgrafendamm ei n. Die Druckerei der
in den Generalst re ik zu treten tmd sich zu bewaffnen. Jedoch er- • Roten Fahne« wttrde von der Konterrevolution besetzt. Am Mit-
hielten die kampfbereiten Massen .keine konkreten Riebtlinien tag des I O.Januar entfesselten Vorausabteilungen d er konterrevo-
hierfür. Am I 0. Januar entsclüeden die USPD-Fiihrer sogar, er- lutionären Truppen bewaffnete Auseinand ersetzungen am Zen-
neut mit der Regierung zu verhandeln. Angesichts dieser ver- tralviehhof. Sie begannen, ins Zeitungsviertel vorzurücken.
hängnisvollen Politik des Revolutionsausschusses beschloß die ln der acht vom I 0. zum II. Januar bereiteten die Angehöri-
Zentrale der KPD noch am Abend desselben Tages, il1re beiden gen des Regiments »Potsdam« den Angriff auf das Zentrwn des
Vertreter aus dem Ausschuß abzuberufen. revolutionären Widerstands, das ~ Vorwärts «-Gebäude, vor. Seine
Die Konterrevolution nutzte die Zeit des Verhandeins insbe- Besatzung, die sich in 3 Kompanien gliederte, bestand aus etwa
sondere dafür, weitere militärische Kräfte aus nnderen Teilen 500 Kämpfern, vor allem aus Arbeitern der Scbwartzkopif-
Deutschlands hernnzuziehen. Am I0. Januar 1919 hatten die ge- \Verke, der AEG-Betriebe und d er Knorr-Bremse. ln kurzer Zeit
gen die Berliner Arbeiter aufgebotenen »regierungstreuen Trup- war hier eine straffe militärische Ordnung eingeführt worden,
pen• eine Stärke von 80 000 Mnnn erreicht. oske befahl, jeden eine schlagkräftige Formalion der Berliner Arbeiter entstanden.
Revolu tionär, der mit e iner Waffe nngetroffen wurde, sofort zu er- Ein Schützengraben, der vom »Vorwärts«-Gebäude bis zum Pa-
schießen. Damit gab es im vorhinein eine regierungsoffizielle Bil- tentamt re ichte, wurde nngelegl. Probealanne, Waffenappelle und
ligung für das Wüten des weißen Terrors, das nun begann. Die Ausbildung an den Waffen fnnden statt. Zum Revolutionsaus-
anti kommunistisch verhetzte Soldateska ging mit Tanks, Panzer- schuß, insbesondere zu Karl Liebknecht und Wilhelm Pieck, be-
kraftwagen, Artillerie, Min en- und Flammenwerfern sowie schwe- standen e nge Verbindungen. Die im • Vorwärts• entstandene
ren MaschiJlcngewehren gegen die mangelhaft bewa[fnetcn, ohne Kampfleitung unternahm den Versuch, die Besatzungen des Zei-
zentral e Führung kämpfenden Arbeiter vor. Trotz großer Verlu- tungsvierte ls z u führen.

58 59
'
.
Zu den Verteidigern des • Vorwiirtsc-Gebiiudes
eine Gruppe italienischer lnternationalislen. Unter Führung von
Fran()('SCO 'vtisiano, einem bekannten itolirnischen Hevolutionär
und Journalisten, hatten sich Oresle Abbote, \ lario Accomasso.
Ouillo ßalduini und weitere italienische Hevolutionäre an die
Seile ihrer deutschen Klassenbrüder gestellt. Seil dem 5. Januar
gehörten sie zur 2. Kompanie der • Voruiirtsc-Besotzung.
Eine PD-Delegation versuchte am I 0. Januar, die Kämpfer •
des • \ orwiirts« zur kampflosen Übergabe des Gebäudes zu über-
rrdcn. Oieses Ansinnen wurde einmUtig abgelehnt. Während der
VerhClndlungen schlossen die konterrevolulioniiren Truppen den
Hing um den • Vorwärts• enger. Sie bcsetzlcn Gebäude in der
Nachbarschnfl, brachten Maschinengewehre und Geschütze in
glinsligc Stellungen. Oie Verteidiger bemerkten diese Vorberei-
tungen und konnten einige der konterrevolulioniiren Söldner ge-
fangcnnehmen. Oie • Vom·ärtsc-ßesotzuns "urdc in Alarolhereit-
schalt 'ersetzt.
Im Morgengrauen des II. Januar begann der Angriff auf den
• \ orwärtsc. Gegen die Handfeueru affen der Arbeiter setzten die
Regierungstruppen Minenwerfer und Feldhaubitzen ein. Für die
Verteidiger unerreichbar, eröffneten sie aus diesen das Feuer.
ach viertelstiindigcm Beschuß gingen unter dem Feuerschutz
der schweren Maschinengewehre Stoßtrupps mit gebündelten
Handgronaten vor. Dieser Angriff brach jedoch im Abwehrfeuer
zusammen. un beschossen die konterrevolutionären Truppen
zwei Stunden lang das Gebäude vom Dach des Vorderhauses bis
zum Keller, in dem sich die Verwundeten befanden. Oie Fassade
wurde zerstört, im Papierlager brach Feuer aus. Als weiterer Wi-
derstand sinnlos geworden war. entsandten die Arbeiter Parla-
mentiirc, zu denen auch der Dichter ~ emer \ löller und der Re- -

dakteur Wolfgang Fernhoch gehörten, um Kapitulationsverhand-


lungen zu rühren. Möller, Fernbach und fünf andere
Parlamentäre wurden viehisch ermordet. Ebenso erging es vielen
der Verteidiger des • Vorwärtsc-Gebiiudcs. Sie wurden mit Peit-
schen und Gewehrkolben in die Gefangenschaft getrieben, ein ...,"
Teil wurde erschossen.
Am II. Junullr 1919 nallmen die llcgicrungslruppcn auch die
anderen G<'bäudc des Zeitungsviertels ein. Oie Verteidiger des .:
\llossc-Verlagshauses schlugen mehrere Angriffe der kontcrrevo- Cl


llO 61
lutionören Söldner zurück. Erst nach dem Fall des • Vorwärts. 018tcrielle Erlösung der darbenden Massen ... Die Geschlagenen
wurde der geordnete Rückzug beschlossen. Die Revolutionöre von hrute werden die Sieger von morgen sein.c
konnten fost vollzählig entkommen. Auch die meisten Kämpfer in Oie Januorkämpfe in ßerlin endeten mit einer Niederlage der
den anderen \'erlags· und Druckereigebäuden lösten sich unter rt'' olutionärcn Kräfte. Die heroisch kämpfenden Arbeiter erlagen
~litnahmc ihrer Waffen vorn Gegner und entgingen so der Gefan- rin('r mehrfachen Übermacht konterrevolutionärer Truppen. in
genschaft. den jonuarkiimpfen holten die Kommunisten fest an der Seite der
Die lrtztcn Kämpfe fanden am 12.Januar um das Polizeipräsi- \rbcitcrkampfgruppen gestanden. Die KPD war jedoch unmittel-
dium statt, wo sich noch etwa 300 Arbeiter, Matrosen und Solda- bar nach ihrer Gründung noch nicht in der Lage, solch eine .\1as-
ten verteidigten. Der Angriff begann bereits kur-t nach Mitter- scnbrwegung zu fiihren und spontan ausgebrochene in organi-
nac-ht. Die Regierungstruppen eröffneten aus Mnschinengeweh- sier!!• bcwnffncte Kämpfe hinüberzuleiten.
rcn das Feuer auf das Gebä ud e. Im Morgengrauen traten Mit d(•r brutalen Niederschlagung der revolutioniiren Arbeiter
Fcldgcst"hiitzc und schwere Haubitzen in AkHon. Dann stürzten in ihr<•r sliirkstcn Bastion, in der ll nuptstadt Berlin, halte die
sirh zwei Stunntrupps mit gebündelten ll undgrannten auf die Konterrevolution gewaltsam die oraussctzungcn für dos Zustan-
Verteidiger. Der Kommandant des Polizeiprüsidiums, der Kom- ch•komrnrn der ationalversammlung geschofrcn. Oie in einer t-
munist Justus Braun, und vier seiner Mitkämpfer wollten in aus- rnosphärc der nterdrückung und des Terrors am 19. Januar
sichtsloser Lage Übergabeverhandlungen aufnehmen. Sie wurden 1919 stallfindend en Wahlen brachten eine \ lchrheit für die bür-
von drr Konterrevolution ermordet. Die Überlebenden der Besat- grrtichcn Parteien. Als stärkste Partei gi ng dir SPD aus den Wah-
zung wurden gefangengenommen, mißhandelt, mehrere an Ort ll'n hrrvor.
und Stelle erschossen.
Mit den Kämpfen mn das Polizei präsidium war der Wider-
stand der revolutionären Berliner Arbeiter, die sich zwar helden- Die Verteidigung der Bremer Räterepublik
haft gewehrt, aber uneinheitlich gehondelt lullten und ungenü-
gend orgonisiert waren, gebrochen. ßerlin wurde völlig von den Anfong 1919 ging die Konterrevolution in Deutschland dazu
kontl'rrevolutioniiren Truppen besetzt. Bei großangelegten Waf- iihcr, die Arbeiterzentren nacheinander mililiirisch nieder-.mschla-
fen suchaktionen tobte sich der weiße Terror gegen die revolutio- g<·n. Während die Reaktion iiber zentrnl geführte Machtorgane
nären Kriirte ßerlins, insbesondere gegen Kommunisten aus. verfügte, blieb die revolutionäre Bewegung (irtlich begrenzt. ln
llunderte Arbeiter wurden ins Gefängnis geworfen. Auch die her- ihrer strategischen Konzeption berücksichtigt(' die Reaktion, daß
vorragenden Führer der deutschen Arbeiterklasse Karl Lieb- die ihr zur Verfügung stehenden Kräfte noch nicht duzu ausreich-
knecht und Rosa Luxemburg fielen am 15.Junuar 1919 der Kon- ten, ihre Ziele in ganz Deutschland mit einem Schlag zu verwirk-
terrevolution in die Hände und wurden von dieser bestialisch lidll.'n. Desholb führte sie ihre schon in den januarkämpfen ange-
ennordel. Der Verlust ihrer erfahrensten Führer, die so bald "andtr Taktik fort, die revolutionären rbcitrr \'Or-LC'itig in lokale
nicht zu ersetzen waren, bedeutete flir die noch ungcfesligte KPD bt•waffnete Konnikte zu verwickeln. Sie suchte sie möglichst von-
einen schweren Schlag. einander zu isolieren, um sich regional l'in mililiirisches Überge-
Am srlben Tag erschien in der . Roten rahnec das revolutio- wi<'ht zu schoffcn und durch konzentriert en F:insnt.z der Truppen
niirt• Verrniichtnis Kar I Liebknechts •Trotz alledem! c, das die die Arbeiter in den revolutionären Zentren nocheinander nieder-
brrzeugung vom endgiiltigen Sieg der deutschen Arbeiterklasse '"\'l"f('n und entwaffnen zu können.
7.um Ausdruck brachte: • Die Besiegten der blutigen Jonuarwo- Zur Vcr·teidigung der 1 ovember~rrungenschnftcn rei!1ten sich
che, sie hnbrn ruhmvoll bestanden; sie haben um Großes gestrit- immer mehr Arbeiter in die örtlichen Abwrhrfronten ein. Viele
ten. ums edelste Ziel der leidenden Menschheit. um geistige und \ olks,vehren erreichten dadurch während der bewaffneten Aus-

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cinaJldersetzungen im Frühjahr 1919 den llöbepunkt ihrer r.nt. närc F'reiwilligendivis.ion des Obersten Wilhelm Gerstenberg von
wicklung. Doch blieb die Volkswehrbewegung ebenso wie die Rä- ßerlin in Richtung Bremen in Marsch gesetzt. Sie zählte etwa
tebewcgung nach wie vor örtlich zersplitlert. 3 500 Mann und verfügte über 24 Geschütze. Außerdem wurden
\ach der blutigen Niederwerfung der Berliner Arbeiter in den ihr die I. Marinebrigade aus Kiel sowie Kavallerie- und Flieger·
Januarkämpfen unternahmen die nun in ganz Deutscbland Gu- einheilen zugeteilt. Gerstenberg hatte den Auftrag, Bremen zu
sla\ \oske unterstehenden »regierungstreuen Truppenc Unter- besetzen, dort den Belagerungszustand zu verhängen, die Rätere-
driickungsfeldzüge gegen die Arbeiter einzelner Großstädte und gierung abzusetzen, bewafEneten Widerstand konsequent zu bre-
Industriegebiete. Ende Januar/Anfang Februar rüstete die Kon- chen und die Arbeiter und Soldolen zu entwaffnen. Anschließend
terrevolution zum Schlag gegen die Bremer Räterepublik. sollte er auch in Bremerhaven, Cuxhaven und Emden • Ordnung
Ihren stärksten Widerhall hatten die Ocrliner januarkämpfe in schaffen«. Im Einsatzbefehl hieß es, daß • bewaffneter Wider·
der Freien Hansestadt Bremen gefunden, wo die Kommunisten stand rücksichtslos zu brechenc sei.
großen Einnuß in der revolutionären Bewegung besaßen. Fest Den bürgerkriegsmäßig bewaffneten und ausgerüsteten Frei-
entschlossen, die Berliner Werktätigen wirkungsvoll zu unterstüt- korps traten die zahlenmäßig weit unterlegenen Arbeiter· und
zen, rit'fen die Bremer Kommunisten gemeinsam rnit der USPD Matrosenformationen der Bremer Räterepublik entgegen, die au-
am IO.Januar 1919 zu einer Massendemonstration auf, nachdem ßer Infanteriewaffen nur 2 leichte Geschütze besaßen. An der
sich \ crtreter beider Parteien darüber verständigt hatten, eine Seile der Bremer Volkswehr und der wenig kampferfahrenen Ar-
Riilcrepublik zu proklamieren. Etwa 30 000 Demonstranten zo- bcilemlilizen der Weser-Werft und anderer Großbetriebe stand
gen am ~achmittag dieses Tages zum llathaus. Der hier tagende zu Beginn des Angriffs lediglich noch eine aus Cuxhaven heran-
Aktionsausschuß der Arbeiter- und Soldatenräte Bremens ließ geführte Abteilung von etwa 250 Matrosen.
nach kurzer Beratung die Errichtung der sozialistischen Republik Ihre Entschlossenheit zur bewaffneten Abwehr des konterre-
Bremen ausrufen. Ein Rat der Volkskommissare aus Mitgliedern \ olutionären Angriffs demonstrierten die Verteidiger der Bremer
der KPD und der USPD wurde gebildet, die vöUige Ausschaltung lliiterepublik seit dem 2. Februar. Oie Cuxhavener Matrosenab-
der alten Machtorgane, die Entwaffnung aller bürgerlichen Eie· ll'ilung fühlte nordöstlich Bremens vor, um mit den erwarteten
rnonlc und die Bewaffnung der Arbeiter beschlossen. IIomburger Kontingenten zusammenzutreffen und in die Flanke
Die lloffnung, daß sich dem Bremer Beispiel weitere Orte dr r östlich der Weser entfalteten I. Marinebrigade zu stoßen.
orddeutschlands anschließen WÜrden, erfüllte sich nur in gerin· Gleichzeitig erreichte das Gros der Bremer Arbeiterformationen
gern t\ laße. Am !!.Januar wurde in Cuxl1aven und den angren· frontal die Linie Hemelingen-Sebaldsbrück. Geringere Kräfte der
zenden preußischen Kreisen I ladein und 1euhaus die sozialisti· \ olkswehr hielten dje ausgebaute Flankenstellung im Stadtrand-
sehe Hepublik proklamiert. gebiet auf dem westlieben Weseruier und an den Weserbrücken
Die Bremer Räteregierung bt'gann sofort, auf sozialem und gegen die dort vorgehende 3. Landesschützenbrigade und eine
l..ommunalpolilisehem Gebiet \laßnahmcn im Interesse der bürgerliche Bremer Freiwilligenabteilung unter Major Caspari.
Werl..tätigen einzuleiten. Das Einkommen der Arbeiter, Ange- Die Bremer und Cuxbavener Kämpfer bauten fest darauf, von
stellten, Lehrlinge und Beamten sowie die Unterstützungen für dc:>n Räten der Wasserkante unterstützt zu werden. Doch diese
Kricgslwschiidigte und Arbeitslose wurden rrhöhl, die Lebens· llilfc blieb aus. Etwa 3 000 Hamburger Arbeiter, an deren Be-
mittel gerechter verteilt. Das erregte den fluß nicht nur der Bre· waffnung Ernst Thiilmann führend beteiligt war, uniernahmen
mrr Großbourgeoisie. den Versuch, nach Bremen zu gelangen. Sie wurden aber durcb
Auf deren Drängen beschloß am 25.Janunr 1919 der Rat der (•inen von reaktionären Kräften inszenierten Eisenbahnerstreik
Volksbeauftragten unter Ebert die • Rcichsexckution« gegen die daran gehindert.
Br('mcr llätcrepublik. Am 28. Januar wurde die koolerrevolutio· Der Kampf um Bremen begann am frühen Morgen des 4. Fe-

64 65
bruar 1919 mit Vorpostengefechten. Gegen 10 lJhr gi ngen Oie Art und Weise, wie sich die Revolutionäre vom überlege-
Freikorps ohne Rücksicht auf die Bevölkerung mit Artillerie, Mi- nen Gegner lösten, wie diszipliniert ttnd gut gedeckt sie sich zu-
nenwerfern, Maschinengewehren und Tanks zum konzentrischen rückzogen, zeugten vom militärischen Können und der hohen
Angriff auf die Stadt über. Das Artilleriefeuer richtete sich auf die Kampfmoral der Verteidiger der Bremer Räterepu blik. Ermög-
Stadtmitte; wo sich das Rathaus, der Dom und der Markt befan- licht 'vurde der geordnete Rückzug vor allem dadurch, daß die
den. Über Bremen kreisten Flugzeuge. Es gab viele Opfer, auch im 1-lemelinger Rathaus stationierte achhut ihren Auftrag vor-
unter Unbeteiligten. Da die meisten Änte in Bremen zu diesem bildlich erflillte.
Zeitpttnkt einen konterrevolutionären • Gcgenslreikc verkündet Revolutionäre Arbeiter und Matrosen Bremens und CltXha-
hatten, übernahmen Arbeiterfrauen d.ie Versorgung der Ver.vun- vens hallen der konterrevolutionären Übermacht heroischen Wi-
deten. derstand entgegengesetzt. Angesichts der erdrückenden Über-
Die tapfer kämpfenden Anhänger der Bremer Räterepublik macht nmßten sie sich zurückziehen. Oie Leitung des Kampfes
verteidigten besonders hartnäckig die Bahnhöfe Sebaldsbrück durch ein Oberkommando sowie die gute Organisation und Diszi-
und I-Iuchting, den Osterdeich und die \Veserbrücken. Vergeb- pli n bei den Abwehrkämpfen zeigten, welche militärischen Poten-
lich versuchten die Angreifer, die nur von geringen Kräften der zen die revolutionären Kräfte Anfang 1919 der Reaktion entge-
Bremer Revolutionäre gehaltenen Brücken nach Nordosten zu gensetzen konnten.
überschreiten. Sie hatten dabei erhebliche Verluste. Karl Jan- Die Erhebung der Br·emer Arbeiter widerspiegelte den Drang
nack - Verteidiger der Bremer Räterepublik ttnd Mitglied der der fortgeschrittensten Teile des deutschen Proletariats nach
Bremer Räteregierung - gibt ein anschau liches Bild dieser hel- einer grundlegenden Veränderung der Machtverhältnisse. Dieser
denhaften Kämpfe: •A,n der Weser sperrten Matrosen den Wei- heroische Versuch scheiterte jedoch. Eine so isolierte revolutio-
ßen den Übergang über den Fluß.· Aw dem Dach eines Hauses näre Bewegung konnte nicht siegen.
hatten sie das einzige schwere Maschinengewehr, das sie besa- Am 9. Februar 1919 besetzten konterrevolutionäre F reikorps
ßen, aufgebauL Jeder Versuch der Weißen, Boden zu gewinnen, ßremerhaven, Geestemünde und Lehe. Einen Tag später sollte
blieb erfolglos. Das hämmernde Tack-tack-tack des Maschinenge- eine . Strafexpedition« gegen CltXhaven statlfinden. Aber die Re-
wehrs zerschlug a.lle Angrirfe und bedeckte die Straßen mit Toten volutionäre zogen bereits vorher die Konsequenz aus der verän-
und Ver.,.undeten. Die meisten Matrosen waren schon in·1 Kugel- derten Lage und gaben ihre Machtpositionen auf. Mit der militä-
hagel der Weißen gefallen, doch immer wieder griff einer der tod- rischen BesetzLmg dieses Gebietes stellte die Reaktion nach
wunden Verteidiger nach der Waffe und trieb die Scharen der Berlin in einem weiteren revolutionären Zentrum unter Anwen-
Angreifer zurück. Die Helden kämpften, bis ein Artillerievolltref- dung von brutaler bewaffneter Gewalt wieder • Ruhe und Ord-
fer sie zerriß.c nung« her.
Auch nachdem die Bremer Arbeiter dem Beschuß der Feldar-
tillerie, der Minenwerfer und schweren Maschinengewehre aus-
weichen mußten, blieb ihr Mut ungebrochen. Kämpfend zogen Märzkämpfe der Berliner Arbeiter
sie sich zurück. Als sich die HoUnung auf Waffenhilfe von den
revolutionären Arbeitern der \Vasserkante nicht erfüllte, war Mit Streiks, Massendemonstrationen, Kundgebungen und bewaff-
ihnen klar, daß Bremen nicht gehnlten werden konnte. Gegen nei-Cn Aktionen setzten sich die Arbeiter in den ersten Monaten
22 Uhr ordnete das revolutionäre Oberkommando die Einstel- des Jahres 19 J9 gegen den Unterdrückungsfeldzug der konterre-
lung des Kampfes an. Bei der Weser-Werft sammelten sich die '
volutionären Truppen, gegen die Versuche der Reaktion, die re-
Verteidiger der Bremer Räterepublik, um sich nach Cuxhaven zu- volutionären Errungenschaften abzubauen, zur Wehr. Gleichzei-
rückzuziehen. tig hiermit versuchten sie, die Uevolulion weiter.mtreiben. Immer

66 67

stärker trulcn dabei spezifisch proletarische Forderungen wie die beschloß die Vollversammlung der Arbeiter- und Soldatenräte
nach Sozialisierung - darunter verslanden die Arbeiter die Über- Brrlins mit großer Mehrheit den Generalstreik.
führung des Eigentums an Bodenschälzen und Produktionsanla- Oie Regierung antwortete auf die Forderungen der Berliner
gen in den Besitz der Allgemeinheil - in den Vordergrund. Die Arbeiter mit der Verhängung des Belagerungszustandes über Ber•
Mehrheil der Proletarier hatte jedoch noch nicht erkannt, daß lin und mit der Übertrngung der vollziehenden Gewalt auf Gu-
dieser Schrill die Errichtung der politischen Macht der Arbeiter- ; ta' Noske. Damit wurden die wichtigsten bürgerlichen Grund-
klasse voraussetzte. Sie hoffte, ihre Ziele vor allem durch politi- rechte außer Kraft gesetzt
schen Druck auf die sollialdcmokratisch geführte Reichsregierung Als erstes ließ oske die Redaktionsrä ume und Druckmaschi-
und die ationalversammlung erzwingen zu können. nen der . Roten Fahnec demolieren. Erne ut setzte die Jagd au!
Aus diesen Massenaktionen ragten die in Mitteldeutschland, Kommunisten ein. Bereits in der ncht zum 4. Miirz wurden über
besonders die im dan1aligen Regierungsbezirk Merseburg, hervor. 120 kommunistische Funktionäre verhaftet und das illegale KPD-
Dem mitt eldeutschen Gene ralstreik, der seit dem 23. Februar Büro gestürmt. Ähnlich wie in de n Januarkämpfen spielte hierbei
1919 unter der L osung . Sozialisierung« gerührt wurde, schlossen die . 3. Streifkompaniec des Fre ikorps Reinhard eine wichtige
sich die Arbeiter fast aller Lndustriezwcige an. An vorderster Holle. Oie Tätigkeit dieser geheimpolizeili chen Formation ein-
Front standen dabei auch hier die Kommunisten. Während die schätzend, bemerkte der Adjutant von Oberst Reinhard und Bru-
Truppen des Generalmajors Georg 1aercker in !·lalle rücksichts- der des Chefs der .3. Streilkompaniec, Leutnant Hans von Kes-
los gegen alle Streikversammlungen und -demonstrntionen vor- .,el: • Man hatte also am Vora.b end des großen Kampfes die
gingen, machte die Regierung den Streikenden weilgehende Zu- Bewegung ihrer wichtigsten Führer beraubt u nd sie damit von in-
geständnisse. Sie sagte den Ausbau der Rechte der Betriebsräte, nen heraus schon geschwächt, bevor es überhaupt zum Kampfe
die verfassungsmäßige Anerkennung zentraler Arbeiterräte und kam.c
die Aufhebung d er Militärgerichtsbarkeil zu. Daraufhin wurde Der am 3. März einsetzende Generalstrei k wurde mit großer
der Streik am 7. März abgebrochen. Oie Organisiertheil und Wucht geführt. Tagelang legte er Produktion und Verkehr fast
Kampfkraft der Arbeiter Mitteldeutsch lands waren im Verlauf völlig still. Kommunisten, Mitglieder der US PD und der SPD,
des Generalstreiks gewachsen, die KPD und der revolutionäre Parteilose standen in einer Streikfront
Flügel der USPD halten an Einrluß gewonnen. Schon am ersten Tag des Generalstreiks hallen konterrevolutio-
Ln vielen Gebieten Deutschlands drängten die klassenbewuß- näre Kräfte im Stadtinneren bewaffnete Auseinandersetzungen
ten Arbeiter darauf, den mitteldeutschen Generalstreik zu unter· provoziert und die Besetzung einiger Polizeiwachen inszeniert.
stützen und die Konterrevolution zurückzuschlagen. Die KPD \m Abend wurden von zweifelhaften Elementen Warenhäuser
warnte jedoch gleichzeitig davor. sich von der Konterrevolution !!Cplündert. Die Republikanische Soldatenwehr ging daraufhin ge-
zu bewaffneten Kämpfen provozieren zu lassen. I!Cn die Plünderer vor. oske boten diese Ereignisse den gc-
Am 3. \lärz 1919 ' 'eröffentlichle »Oie Rote Fahnec den Aufruf "ünschten Anlaß zum Eingreifen. Er befahl die militärische Bc-
der KPD zum Generalstreik in Berlin. Die llaupt!ordcnmgen wa· octzung Berlins.
ren: Wahl von Betriebsräten in allen Betrieben, die die Produk· Die militärische Operation gegen das revolutionäre Berlin war
tion zu kontrollieren und schließli ch die Betriebsleitung zu über· langfristig und sorgfältig vorbe reitet worden. Bereits am 31. Ja-
nehmen hoben; Beseitigung der Willkürh errschaft der Solda- nuur e rließ der Stab des Generals Wallher Freiherr von Lüttwitz
teska ; Aufhebung der Militiirgerichtsbarkeit ; Beseitigung der einen sogenannten Vorbefehl, der die Aufteilung Berlins in sie-
Wei ßen Gnrde und Bildung einer Roten Gard e; Befreiung aller b<'n Sektore n vorsah, in welche die bei Berlin konzentrierten
politischen Gefangenen; sofortige Aufnahme wirtschaftlicher und Truppen von verschiedenen Seiten einzumarschieren hatten. Die
diplomatischer Beziehungen mit Sowjetrußlnnd. Am gleichen Tag gesamte nterdrückungsaktion sollte d emagogisch im Zeichen

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der • Verteidigung• gegen einen angeblichen •Spartakisten über. rcn Truppen. Am erbittertsten tobten die Kämpfe zwischen die-
fall e stehen. Im Februar erhielten die Truppen zahlreiche zusätz. sen und der llepublikanischen Soldatenwehr am Alexanderplatz
liehe Anweisungen, die diesen Plan zu r ' iederschlagung der Be r· um das Poli;~~eipriisidium. Hier kamen - wie das . Berliner 'Page·
Iiner Arbeiter noch konkretisierten. blatte am 8. März berichtete - •alle Mittel der Feldschlachte zum
Am \ lorgen des 4. März 1919 begann der Einmarsch der kon- Einsatz: • leichte und schwere Artillerie, 1inen bis zu 2 Zentnern
te rrevolutionären Truppen in Berlin. Zuerst erreichten starke und schließlich Fliegernufklärung und Fliegerbomben.« Otis Ma-
Krähe der Gardekavallerieschützendivision Berlin. Nach ihnen rinchaus wurde ebenfalls mit Bomben belegt und anschließend
rückten die Deutsche Schutzdivision, das Freikorps Hülsen und durch konterrevolutionäre Truppen gestünnl. ach dem Artille-
andere Formalionen in die Stadt ein - insgesamt eine konterre· riebeschuß und der Sprengung der Tore drangen die Konterrevo-
volutioniire Streitmacht von über 30 000 schwerbewaffneten lutioniire in den Marstnll .e in, wo erbitterte ahkämpfe entbrann-
Söldnern. Sie sollten die Berliner Arbeiter zu bewafrnelen Kiimp· tl'n. Ein T eil der Republikani schen Soldutenwehr zog sich vor
fe n provozieren und einen blutigen Terrorfeldzug gegen sie enl· dt'l" erdrückenden Übermacht in Richtung Osten und ordosten
fesseln. Jetzt versuchten sie das nachzuh olen, was der Konterre· zurück.
volu tion im Januar 1919 nicht. gel ungen war: die Zerschlagung Die Erbitterung der Arbeiter über das Vorgehen der Regie·
der kommuni stischen Bewegung in der Hauptstadt und die völ· rungstruppen widerspiegelte sich auf der Vollversammlung der
lige Entwaffnung der Berliner Arbeiter. \rb!'iterriite am 6. März, aui der beschlossen wurde, den General-
Den Vorwand für die Eskalation des konterrevolutionären Ter· streik z u verschärfen und auch die Elektrizitäts-, Gas- und Was-
rors bot wieden•m eine Provokation. Am 5. Miir.t e rhielt das Oe- serw!'rke stillzulegen. Rechte SPO-F'unktioniire nahmen diesen
pol 15 der Republikaniseben Soldatenwehr im Marinehaus an ßcbchluß zum Vorwand, die Versammlung zu verlassen und aus
der Jannowitzbrücke (die Reste der ehemaligen Volksmarinedivi· der Streikleitung auszutreten. Sie spalteten hierdurch die Streik·
sion) von der Stadtkommandantur den Befehl, gegen den Alexan· front und zwangen zum Abbruch des Generalstreiks am 8. Mär.t.
derplatz vor.tugehen, wo Plünderungen vermutet wurden. Bei der Oie ei nheilli ehe front der Berliner Arbeiter war mit Beendi-
Ausführung clieses Auftrags gerieten die Angehörigen der Repu· gung des Generalstreiks zerfallen, die llepublikanische Soldaten-
blikanischen Soldatenwehr in bewaffnete Auseinnndersetzungen wehr fakti sch aufgelöst. Trotzdem gingen die militärischen Unter-
mit ei ner ALteilung des Freikorps LUtzow, von der sie aus der drückungsaktionen der Konterrevolution weiter. Um diese zu
Magazinstraße und dem Polizeipräsidium beschossen wurden. Un- rt•chtfertigen, verleumdete die bürgerliche t>resse die bewaffneten
terstützt von Arbeitern, versuchten die Matrosen am Mittag des Abwehrkämpfe der Republikanischen Soldatenwehr und der an
5. Miir.t, das Gebäude des Polizeipräsidiums zu erstürmen, wur- ihrer Seite stehenden Berliner Arbeiter als • korrununislischen
den aber zurückgeschlagen. Arbeiter begannen nun auf dem Großaufstandc.
Strausbcrgcr Platz, in der Neuen Friedrichstraße und an anderen ~och am 8. März begann der Vorstoß der Regierungstruppen
Stellen im Zentrum Berüns Barrikaden zu errichten. Das nahm in Richtung Norden und Osten, wo die Arbeiter unter anderem in
oske zum Anlaß, die als .unzuverlässige geltende Republikani· der Palisaden-, Frankfurter u nd Langestraße Barrikaden errichtet
sehe Soldatenwehr mit Waffengewalt aufzulösen ltnd den Angriff hatten. Am Strausberger Platz und in cukölln kam es zu Kämp-
auf die revolutionären Arbeiter Bcrlins zu befehlen. Ln dieser Si- fen. Besonders hartnäckigen Widerstand leisteten die Arbeiter
tuation warnte die KPO erneut vor den Provokationen der kon- der Spundauer Waffenfabriken, der Fabrik Riebe in Weißensec,
terrevolu tionären Truppen und vor aussichtslosen Kämpfen. von AEG in Henrligsdorf und der Onimler-Werke in Marienfe lde.
Am 6. Miir.-; begann der Angriff der mit ISO-nun-Haubitzen, l•:inige llundert Soldaten, Matrosen und Ar·beiter zogen sich nach
schweren Minenwerfern, Maschinengewehren und Tanks ausge· Lichtenberg zurück Ulld verteidigten sich in diesem Arbeitervier-
rüsteten und von Fliegerstaffeln unterstützten konlerrevolutionä- tel gegen die konterrevolutionären Truppen.

70 7I
Am I0. Miir.t setzte der konzentrische Angriff auf Lichtenberg Fast zeitgleich zu den Berliner Ereignissen tagte vom 2. bis
ein. Propagandistisch vorbereitet wurde er durch die bürgerliche 6. Miir.t 1919 auf Initiative W. I. Lenins und der Partei der Bol-
Presse und den sozialdemokratischen • Vorwärts « mit der Greuel· schewiki der Gründungskongreß der Kommunistischen Interna·
meldung, daß Spartakisten in Lichtenberg 60 Polizeibeamte und tionale in Moskau. Ausgehend von den Bedingungen der neuen
einige Dutzend Regierungssoldaten . abgeschlachtete hätten. Epoche, bezeichnete er es als dringende Aufgabe für dje interna-
Wenn diese Lüge auch wenige Tage später dementiert we.rden tionale Arbeiterbewegung, kon sequent revolutionäre Parteien zu
• mußte, so errüllte sie doch ihren Zweck und gab oske den Vor- formieren und eine kommunistische Weltbewegung zu schaUen.
wand, das Standrecht über ßerlin zu verhängen und zu befehlen: Die KJ trug den Marxismus-Leni nismus in die internationale Ar-
• Wer von jetzt ab mit der WaUe in der Hand gegen Regierungs- beiterbewegung hinein, entwickelte ihn weiter und wies dem so-
truppen kämpfend angetroffen wird, ist auf der Stelle zu erschie- zialen und nationalen Befreiungskan1pf der Völker wie auch dem
ßen.• Ringen um die Erhal tung des Friedens Ziel und Richtung. Von
Bis zum I I. Män gelang es den Regierungstruppen, Lichten- Anfang an erhielt die KPD durch die KJ wertvolle Hilfe und Un-
berg völlig einzuschließen. Der Stadtteil wurde von jeder Gas-, terstützung, so auch bei der Weiterentwicklung ihrer revolutionä-
Strom-, Wasser· und Lebensmittelzufuhr abgeschnitten. Ange- ren Militärpolitik.
sichts dieser aussichtslosen Lage erklärten die Revolut.ionäre ihre Die Gründung der weltumspannenden Kommunistischen In-
Bereitschaft, über die Beendigung der Kampfhandlungen zu ver- ternationale begeisterte und stärkte die revolutionäre Arbeiter·
handeln. oske lehnte jedoch ab. Er verlangte bedingungslose klasse in vielen Ländern. Die neue Internationale spielte eine
Kapitulation. Am 12. März 1919 wurde Lichtenberg nach Einsatz große Rolle bei der intemationalistischen Erziehu ng der Werktä-
schwerer WalJen vom FreikOl'J>S Hülsen besetzt. Damit war der tigen und bei der Organisicrung von Solidaritätsaktionen für die
letzte organisierte Widerstand der Berliner Arbeiter gebrochen. an den Brennpunkten des Klassenkampfes stehenden Abteilun·
Der von den Hegieru ngstruppen im unmittelbaren Zusammen· gen des Proletariats. Das zeigte sich schon wenige Tage nach
bang mit der bewaffneten iederschlagung der Berliner Arbeiter ihrer Gründung, als am 21. Miirz 1919 die Ungarische Bäterepu-
und kttrz danach entfachte Terror übertraf alle bisherigen Blutta· blik gebildet wurde.
ten der Konterrevolution. Viele llevolutioniire wurden nach ihrer Dieses bedeutende Ereignis löste auch in Deutschland ein brei-
Gefangennahme sofort an Ort und Stelle erschossen. Bei der Su- tes Echo aus. Viele deutsche Arbeiter schöpften nach den bisheri-
che nach •Spartakisten• und versleckten Waffen durchkärmnten gen Niederlagen wieder neucn Mut und forderten, so zu kämpfen
die Söldner brutal die Arbeiterviertel Berlins. Skrupellos e rmor· wie die ungarischen Klasscnbrüder. Oie KPD und linke Kräfte
deten sie jeden, der als Kommunist denunziert worden war. Der der US PD riefen zur Solidarität mit Hiitcungarn auf. Werktätige
Besitz eines warrenähnlichen Gegenstandes genügte, um erschos- hielten Truppen-, Waffen- und Materialtransporte aui, mit denen
sen zu werden. Eine besonders abscheuliche Tat vollbrachte die die imperialistischen Westmächte die Interventen gegen die Un·
Soldateska am II. März. An diesem Tag wurden etwa 200 aus garische Räterepublik versorgen wollten. Ebenso wie in Sowjet-
der Hepuhlikanischen Soldatenwehr entlassene Matrosen in die rußland setzten in Ungarn deutsche Internationalisten ihr Leben
Französische Straße 32 bestellt, um dort angeblich ihre Löhnung zur Verteidigung der lliitemaeht ein.
zu empfangen. Nach ihrer Gefangennahme ließ Oberleutnant
Otto Marloh 29 Matrosen aussuchen und grundlos niederschie-
ßen. In ßerlin fielen etwa I 200 Personen der Konterrevolution
zum Opfer, unter ihnen Leo Jogiches, der seit der Ermordung
von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg an der Spitze der
deutschen Kommunisten gestanden halte.

72
Die Bote Armee der Bayrischcn Hüterepublik ü st(•rreich, erhoben bayriscbe Arbeiter im April 1919 immer
im revolutionären Abwehrkampf hiiuligcr die Forderung nach Errichtung der Rätemacht
ßa) crn wurde zu dieser Zeit noch stark von der landwirtschaft-
Errichtung der Rätemacht lit>hrn Produktion geprägt. Während fast 40 Prozent der Bevölke-
nmg in der Landwirtschaft tiitig war, betrug der Anteil der Ar-
Die \1 onale März und April 1919 standen ganz im Zeichen der bcit<-rklasse, die sich vor allem in den Münchner Großbetrieben
große Teile Deutschlands erfassenden proletarischen Massen- kontentrierte, etwa 35 Prozent. Hier fand die revolutionäre Be-
kiimt>fe, in denen die Arbeiter und anderen Wcrktiitigen für die " t•gung Bayerns ihren bedeutendsten Rückhalt. Hauptschauplatz
Verteidigung der ovembcrerrungenschaften und für die Weiler- drr lrtztcn großen Aktionen der Novemberrevolution wurde des-
führung der Revolution eintraten. Ein Ende Mitrz im Ruhrgebiet hnlb München.
begonnener Generalstreik breitele sich rasch auf das ganze Berg- Zu ßcginn der ovemberrevolution hatte sich in Bayern eine
buugebiet aus. Er übertraf alle bisherigen Kampfaktionen in die- Koa litionsregierung aus SPD und USPO gebildet. An ih rer Spitze
sem industri ellen Zentrum. Fast vier Wochen lang streikten etwa bla nd Kurt Eisner (USPD) als Ministerpriisident. Obwohl er
300 000 Bergarbeiter. Blutige Auseinandersetzungen mit den ge- n1l·hts unternahm, um die Machtverhältnisse irn revolutionären
gen die Strei kenden eingesetzten konterrevolutionären Truppen Sinnt' zu verändern, war er doch über.teugter Antimilitarist und
entwickelten sich in Castrop, Essen, Düsseldorf und in weiteren kl•i n I landlanger der Konterrevolution. Das machte ilm der Reak-
Orten. hon aufs tiefste verhaßt.
Zur gleichen Zeit kam es in anderen Gebieten Deutschlands Als Eisner am 21. Februar auf dem Weg zu m Landtag von
immer wieder zu massenhaften ArbcilSnicderlegungen, die sich l'mem ultrareaktionären Oliizier erschossen wurde, spitzte sich
teilweise zu lokalen bewaffneten Auseinandersetzungen mit den die politische Situation in Barern aufs äußerste zu. Groß war die
zur ntcrdrückung der Streiks vorgehenden Truppen ausweite- Empörung der Arbeiter Münchens. Sie folgten einmütig dem von
ten. Die Arbeiter Stullgarts und weiterer Sliidte Württembergs ttlll•n Arbeiterorganisationen erlassenen Aufruf zu einem dreitägi-
!roten in den Generalstreik. Im Lugau-Oelsnitzer Steinkohlenre- gcn Protcststreik. Zu Streiks kam es auch in anderen süddeut-
vier begann ein Sympathiestreik für die Ruhrbergarbeiter. Kurz schen Stiidten, so in Augsburg, Mannheim und Würzburg. An
llarouf setzte Mitle April 1919 in Oberschlesien erneut eine dN Beisetzung Eisners nahmen etwa I 00 000 Menschen teil.
Welle von Streiks gegen die VerschJechlerung der Lebensbedin- Münchner Arbeiter forderten nachdrücklich, die Konterrevolu-
gungen und die ständigen Provokationen der konterrevolutionä- tion I..ompromißlos zu bekämpfen und eine Riiterepublik zu er-
ren Grenzschutztruppen ein. Zu mächtigen Streiks und zum Teil rirhtcn. Teils von wirkJicbkeitsfremder revolutionärer Ungeduld
schweren bewaffneten Auseinandersetzungen kam es in der zwei- !(etragen, teils mit der Absicht, die Massen durch scheinrevolutio-
ten Aprilhiilfle in Bremen, Jena, Sieltin und anderen Städten. niirt> Aktivitäten zu besänftigen, stellten sich auch die in Bayern
Wührend die Arbeiter in großen Teilen Deutschlands erbittert l'innußreichen Anarchisten. die Führer der US PO, Funktionäre
gegen die vordringende Konterrevolution kilmpften, erreichte die dt•s ßa)erischen Bauernbundes und ei nige Führer der SPD hin-
1ovemberrevolution 1918/ 19 mit der Errichtung der Bayrischen t<'r die Forderung nach Errichtung einer Hätemacht.
Räterepublik einen letzten Höhepunkt. Angespornt von den Mas- In Boyern stand die KPD vor einer kompli zierten Situation.
senkiimpfen des Frühjahrs 1919, unter dem Eindruck der Siege Der Aufhau der Parteiorganisation gestaltete sich iiußcrst schwie-
der Boten Armee über die innere Konterrevolution und die Lnter- rig, du hier revolutionäre Traditionen mehr als in vielen anderen
vcntionstruppen in Sowjetrußland sowie unter dem Einfluß der Cl•biell•n Deutschlands fehlten und sich noch dem Ausbruch der
ersten F:rfolge der Ungarischen Riilerepublik und der zu dieser 1\ovcmbcrrevolution uJtralinke und anarchistische Einflüsse ver-
Zeit aufflammenden revolutionären bewaffneten Kämpfe in Märkt hatten. Zunehmende politische Klarheil gewannen die bay-

74 75
rischcn Kommunisten erst, als Anfang Mür~ Eugen Levine, einer ba) rische Landesregierung unter dem achfolger des ermordeten
der engsten Kampfgefährten Karl Liebknechts und Rosa Luxem- '\linisterpriisidenten Eisner, Johannes lloffmann (S PD), nach
burgs, im Auftrag der KPD nach München kam, um die Arbeit Bomberg ab und bereitete von dort die militärische iederschla-
der »Münchner Roten Fabne• ~u reorganisieren und sich füh- !,'llng der Münchner Arbeiter vor. ln dieser Situation konnte die
rend an der Parteiarbeit zu beteiligen. Auf Beschluß der Zentrale f.PD nicht ab eits stehen. Ohne in die Hegierung der Scheinräte-
der KPO waren auch Willi Budich und Paul Frölich mit ähnli- rt'publik einzutreten, erklärte sie sich bereit, ihre ganze Kraft für
chem Auftrag nach :VIünchen entsandt worden. die \'erteidigung Münchens gegen die konterrevolutionären Trup-
Levin{!s besonderes Verdienst war es, die konkreten Schritte prn einzusetzen. ln einer am II. April in der •Münchner Roten
im Kampf um die politische Macht zu weisen. So lenkte er die !Cohne« veröfrenilichten Erkliinmg betonten die Kommunisten
Aufmerksamkeit der Münclmer Kommunisten auf den Aufbau nnchdrücklich, daß die aus Barnberg heronriiekcnden konterrevo-
von Zellen, die in den Betrieben und Wohnbezirken die Grund- lutionären Truppen nicht nur die Seheinriitcrepublik, sondern die
lage fiir eine feste Verbindung der Purlei mit den werktätigen boyrischen Arbeiter insgesamt bedrohen wiirden. »ln dieser
Massen bilden sollten. Damit wuchs der Einfl uß der KPD. Zahl- furchtbaren Situation• könne die KPD nicht »die Verantwortung
reiche Arbeiter, insbesondere aus den Münchner Großbetrieben, da für übernehmen, daß die Verwirrung in den Arbeitermassen
traten ihr bei. Oie Mehrheit der Arbeiterklasse Bayerns blieb '\1ünchens gefördert wird, daß der Kampf zwischen der Schein-
aber - trotz aktiver revolutionärer Überzeugungsarbeit - noch diktatur und der wirklichen Diktatur durchgefochten wird in
außerhalb ihres Einflusses. demsell>en Augenblick, wo 1-lannibal vor den Toren steht. Ln die-
Oie KPD trat gegen die Proklamierung lokaler Räterepubliken M'm furchtbaren Augenblick muß die geschlossene Kraft des re-
auf. Sie erklärte, daß im Frühjahr 1919 keine objektiven Voraus- 'olutionären Proletariats gegen den gerahrlichsten Feind, gegen
setzungen für die sofortige Errichtung der Arbei termacht in dir weißen Garden, geführt werden ... Arbeiter Münchens! Hal-
Deutschland beständen und auch die subjektiven Voraussetzun· tr t Euch bereit. Schwere Kämpfe stehen vor Euch. Klarheit und
gen fiir die Machtergreifung des Proletariats fehlten. achdrück- Entschlossenheit ist die Parole!c
lieh wies die KPD darauf hin, der zu frühe und räumlich eng be- Die Warnungen der Kommunisten erwiesen sich nur zu bald
grenzte Versuch, die Rätemacht zu errichten, könne der als begründet. Den eng mit der Hegierung Hoffmann verbnnde-
Konterrevolution die Handhabe zur weiteren blutigen Unterdrük- nr n konterrevolutionären Münchner Verschwörern gelang es,
kung der Arbeiterklasse liefern. ei nen Teil der Garnisontruppen auf ihre Seite zu ziehen. Ln der
ach vielen Manövern proklamierten die USPD, der unter \acht vom 12. zum l3.April zettelten das Infanterieleibregiment
großbäuerlichem Einfluß stehende Bayerische Bauernbund und und die »Hepublikanische Schutztruppe• eine konterrevolutio·
die Anarchisten, von einigen SPO-runktionären unterstützt, am näre Revolte an. Oie Putschisten besetzten das Wittelsbacber Pa-
7. April 1919 eine . Räterepublik •. Doch diese Scheinräterepu· lais - den Sitz des Zentralrats der eheinräterepublik - sowie
blik, eine Karikatur auf die Diktatur des Proletariats, ließ den dir wichtigsten öffentlichen Gebäude Münchens und verhafteten
bürgerlichen Staatsapparat unangetastet und unternahm so gut 12 Mitglieder der Regierung. Zur Unterstützung des Putsches
wie nichts, um die Konterrevolution zurückzudrängen und die hatte die Hegierung Hoffmann konterrevolutioniire Formationen
Position der Arbeiterklasse zu verbessern. So leitete sie auch in der Umgebung Münchens bereitgestellt, die jedoch nicht mehr
keine konsequenten Maßnahmen zum bewaffneten Schutz der rrchtzeitig die Stadt erreichten.
Hiitere1>ublik ein. Lediglich 600 Gewehre gelangten in die Hände Die Regierung der Scheinräterepublik konnte dem konterrevo-
der Arbeiter. Oie KPD-Organisation in München lehnte die Betei· lutioniiren Putsch nichts entgegensetzen. Sie Wltr rasch hinwegge-
ligung an einer solchen • Hiiterepublikc ab. rt•gt.
Nach der Ausrufung der Scheinräterepublik setzte sich die Die Münchner Truppenteile, die in Resolutionen die Ausru-

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fung der Riiterepublik geforderl und ihr nterstützung zu~esi­ bahnhof, wo gegen Abend die entscheidenden Kiimpfc stattfan-
chert hatten, versagten am Tage des konterrevolutionären Put- den. Drei Parlamentäre der Arbeiter, die die »Republikanische
sches. Sie unterstützten die Konterrevolution oder traten nicht in Sc·hutztruppec zum iederlegen der Waffen auffordern wollten,
\ktion. Erncut bestätigten diese Ereignisse die Erkenntnis, daß " urden auJ Veranlassung des Kommandanten der Bahnhofswa-
sich die Revolution zu ihrer Verleidigung eigene Streitkräfte rhe cnnordet. Oaraufuin wurde der Bahnhof mit Geschützen und
schaffen muß. \linenwerfern beschossen und kurz danach von den revolulionä-
Bewußt halte die Konterrevolution die !\acht zum Palmsonn- rl'n Arbeitern und Soldaten erstürmt. Diese Aktion leitete der
tag für ihren Putsch gewählt. Sie rechnete damit, daß die in der \1otrose Rudolf Egelhofer. Unter seiner F'ührung konnte auch die
Majoritiit christliche Bevölkerung Münchens an diesem kirchli- Stadtkom mandantur im Handstreich genommen werden. Da die
chen Feierlug mit der Palmenwei he oder -prozcssion beschäftigt Putschisten nicht die versprochenen Versliirkungen von außen
sein würde. Zudem waren die Mobilisierungsmöglichkeilen der t'rhielten, mußten sie sich ergeben. Die konterrevolutionäre Re-
Arbeiter an einem Sonntag insgestuni erschwert. volte war niedergeschlagen.
Der raffiniert ausgeklügelte Plan ging aber nicht auf. Der kon- Das akti ve Auftreten bewaffneter revolutionärer Kämpfer zur
terrevolutionäre Putsch versetzte die Miinchner Arbeiter in tiefe \ crteidigung ihrer Errungenscharten schuf eine neue Lage. Die
Empörung. Sie waren nicht bereit, der Reaktion das Feld zu räu- sirh ihrer Kraft bewußt werdenden Münchner Arbeiter wollten
men. pontan setzte der Kampf gegen die l)utschisten ein. Zahl- keine Wiederherstellung der Scheinräterepublik. Sie forderten
reiche Arbeiter und Soldaten versammelten sich bereits am Mor- dil' Bildung einer wirklichen Räterepublik.
gen des 13. April auf der Theresiell\,;ese und zogen von dort ins Oie Kommunisten hauen keine andere Wahl, als sich an die
Stadtzentrum. Spitze dieser Bewegung zu stellen und zu versuchen, eine wahr-
ln dieser kritischen Situation stellte sich die KPD entschlossen haft revolutionäre Macht zu errichten. Sie waren sich über die
an die Spitze des Kampfes gegen die Konterrevolution. Sie orga- Kompliziertheit der Situation im klaren und wußten, daß nur ge-
nisierte in den Sektionslokalen der Parlei und in den Fabriken ringe Chancen bestanden, von Bayern aus die revolutionäre Lö-
die Bewaffnung der Arbeiter und nahm Verbindung zu den Sol- sung der Muehtfrage in ganz Deutschland voranzutreiben. Die
dolen der Münchner Garnison auf, von denen sich viele den Ar- KPD mußte jedoch davon ausgehen, daß eine wtlhre Arbeilerpar·
beitern tmschlossen. ln den Wohnungen der Bourgeoisie und in tc•i die Massen unter keinen Umständen im Stich lassen darf,
den Waffengeschäften wurden Gewehre, Pistolen und Munition " rnn diese die hislorisehe Initiative ergreifen. Fiir sie galt der
beschlagnahmt. l(rundsiitzliche Hinweis Lenins, »daß es Augenblicke in der Ge-
Am Mittag des 13. April begann der organisierte bewaffnete sc·hichte gibt, wo ein verzweifelter Kampf der Massen sogar für
Kampf gegen die Kont.errevolution. \litglicder der SPD und ri ne aussichtslose Sache notwendig ist um der weiteren Erzie-
U PD standen Seite an Seite mit dl'n Kommunisten. um den hung dieser 1\'lassen und ihrer \ orbcreitung zum nächsten
Putsch nicdcr-.wschlagen. Bereits in den frühen 1 achmittagsstun- 1\ampf willenc.
den entwaffnete eine Arbeiterabteilung eine größere Formation och während die Käntpfe um den Hauptbahnhof tobten,
von Konterrevolutionären an der Theresienwiese. Arbeiterfrauen tagte die VollversammJuug der Betriebs- und Soldatenräte Mün-
mischten sich unter die Soldaten und iiberredeten diese zur Kapi- c·hens. Sie setzte den unfähigen Zentralrat der Scheinriiterepublik
tulution. Mehrere hundert Gewehre, einige Maschinengewehre rtb und übertrug die politische Gewalt an einen fünfzehnköpfigen
und za hlreiche Nilmition fielen in die lliinde der Arbeiter. Aktionsousschuß aus Mitgliedern der KPD, USPO und SPD. Die-
ln er·bitterlen bewaffneten Auseinundersclzungen drängten die ser billigte d11s von der KPD vorgeschlagene Aktionsprogramm,
Arbeiter und Soldolen die konlerr•evolutioniircn Truppen zurück. dus die Schaffung einer wahren Hiitcregi(•rung vorsah. Er wiihlte
Deren Gros verschanzte sich daraufhin run Miinchner Haupt- ~incn Vollzugsrat, an dessen Spitze der Kommunist Eugen Le-

78 79
• •

vin~ stand und dem noch je zwei Mitglieder der KPD und der die Kleinbauern aufgehoben, die Löhne für La ndarbeiter und un-
SPD angehörten. Darüber hinaus wurden Kommissionen für j(('lr rnte Arbeiter verdoppelt oder verdrei facht, alles Papier und
die wichtigsten Ressorts gebildet: eine Milillir~o~ission, e~e alle Druckereien zum Druck populärer Flugblätter und Zeitun-
Wirtschaftskommission, ein e Verkehrsk01nm1SS10n und eme gen für die Massen beschlagnahmt, den Sechsstundenlag bei
Kommission zur Bekämpfung der Konterrevolution sowie ein gleichzeitiger zwei- oder dreistündiger Beschäftigung in der Ver-
Propagandaausschuß. . ... ,.·altung des Staates eingeführt, den Wohnraum der Bourgeoisie
Zur Militärkommission gehörten: als Vors1tzender der 23Jäh· in \tünchen beschränkt, um sofort Arbeiter in die Wolmungen
rige Kommunist Rudolf Egelhofer, ei11 aktiver Teilnehmer der re- der Heichen ei nzuweisen, alle Banken in Ihre Hände genommen,
volutioniircn Matrosenbewegung, weiterhin Johann \Viedemann, Geiseln aus der Bourgeoisie festgesetzt, für die Arbeiter größere
Leo Rcichert und Wilhelm Reichart Egclhofcr, der sich bei der Le bensmittelrationen als für die Bourgeoisie eingeführt und die
licderschlagung des Put.s ches als talentierter mi litärischer Führer Arbeiter ausnahmslos sowohl für die Vertei digung als auch für
bewiihrt hatte, wurde als Oberbefehlshilber der zu bildenden Ro- di e ideologische Propaganda in den umli egenden Dörfern mobili-
ten Armee vorgeschlagen. siert? Die schnellste und umfassendste Durehführw1g dieser und
Am 14.April sandte der Vollzugsrat im omender ne uen, re- iilmlicher Maßnahmen bei eigener Initiative der Arbeiter- und
volutionären Räterepublik einen Funkspruch mit Grußbotschaf- La ndarbeiterräte und gesondert von ihnen der Kl einbauernröte
ten an die russische und die ungarische Arbeiterklasse und deren " ird Ihre Stellung festigen. Es ist notwendig, der Bourgeoisie eine
Röterepubliken in den Äther. Darin wurde versichert, daß das au ßerordentliche Steuer aufzuerlegen und in der Lage der Arbei-
Münchner Proletariat alle seine Kräfte für den Dienst an der gro- ter, Landarbeiter und Kleinbaue rn sofort u nd um jeden Preis
ße n historischen Aufgabe einsetzen werde, deren erste Initiatoren eine faktische Verbesserung herbeizuführen.
seine tapfe re n russischen und ungarischen Brüder gewesen seien. Die besten Grüße und Wünsche für de n Erfolg.•
W. l. Le nin verfolg1e die revolutionären Ereigni sse in Deutsch· Die bayrisehen Revolutionäre fonden Unterstützung in ganz
land mit großer Aufmerksam keit und Sympathie. Der Bildung Deutschland. Im Freislaat Sachsen erreichten die Solidaritäts-
der ßayrischen Räterepublik maß er internationale Bedeutung kundgebungen für die Bayrische Hüterrpublik und die t<orderun-
bei. Al s Antwort auf ihren Funkspru ch vom 14. April verfaßte gen nuch der Hütemacht solches Ausmuß, daß der Belagerungszu-
Le nin am 27. April sein Grußschreiben an die ßayrische Rätere- stund über Sachsen verhängt wurde und konterrevolu tionäre
publik. Das Schreiben, das die Hüteregierung all erdings nicht T ruppen in Leipzig einmarschi erten. ln Wiirttemberg waren die
mehr erreichte, hatte folgenden Wortlaut: • Wir danken für Lhren Solidnritötsbckundungen eng verknüpft mit dem Protest gegen
Gruß und begrüßen unsererseits von ganzem II erzen die Rätere- die Entsendung württemhergischer Truppen zur Niederschlagung
publik in Bayern. Wir bitten Sie sehr, möglichst oft und möglichst der bayrischen Arbeiter. Insgesamt blieben aber die Aktionen zur
konkret mitzuteilen, welche Maßnahmen Sie zum Kampf gegen L nterstiitzung der Bayrischen Röterepublik zersplittert. Dem Vor-
die bürgerlichen Henker Scheidemann und Co. durchgeführt ha- haben der Konterrevolution, die revolutioniiren Zentren Deutsch-
ben. I laben Sie Arbeiter- und Gesinderäte in den Stadtteilen ge- lands naeheinand~r blutig niederwwerfen, konnte die deutsche
schaffen, die Arbeiter bewaffnet, die Bourgeoisie entwaffnet, die \rbeiterklasse auch im ApriVMai 1919 keinen geeinten Wider-
Bestünde an Kleidung und anderen Erzeugnissen verwendet, um stand entgegensetzen.
den Arbeitern und besonders den Landarbeitern und Kleinbau-
ern sofor1ige und umfassende Hilfe zu leisten, haben Sie die Fa-
briken und die Reichtümer der Kapitali sten in München wie •
auch die knpitalistischen land wir1schuftli chcn Betriebe in seiner
Umgebung enteignet, die Hypotheken und Pachtzahlungen fiir

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Die Bewaffmmg der AJ·beitcr t<'rr<'' olutionürer Anschläge - so das Festlegen der Sammel-
und der Sieg bei Dachau pliitz!' bei Alarm, ständige Wach- und Kontrolldienste oder die
Durrhfühnmg von Marsch- und Schießiibungen - bestimmten
Unter Führung der Kommunisten war die l:layrische Räterepublik ... iihrend des Generalstreiks den Tagesablauf der Arbeiterforma-
bestrebt, den Weg zur Zerschlagung des alten bürgerlichen tionrn.
Staatsapparates und zur Errichtung der Diktatur des Proletariats ,\(s " eitere wichtige Aufgabe betrachtete die Hüteregierung die
zu bahnen. Klar hatten die Münchner Kommunisten erkannt, daß Ent"affn ung der Bourgeoisie. Bereits die Scheinräterepublik
der Lösung der Militärfrage für die von einer konterrevolutionä- hattr die Bourgeoisie zur Abgabe der Wuffen aufgefordert, doch
ren Übcrmncht bedrohte Räterepublik erstrangige Bedeutung zu- ohne Erfolg. In seiner Funktion als Stadtkommandant ordnete
kam. Dns bedeutete vor allem, wie auch \y. I. Lenin in seinem l•:jXclhofer mn 14. April an: »Siimtliehe Bürger haben binnen
Grußschreiben vom 27.April umnißverstiindlich formuliert hatte: 12 Stunden jede Art Waffen in der Stadtkommandantur abzulie-
Bewaffnung der Arbeiter und Entwaffnung der Bourgeoisie. f!'rn. Wer innerhulb dieser Zeit die Waffen nicht abgegeben hat,
Ocr erste Schritt zur Lösung der Militiirfrage war der nm "ird erschossen.• Wie sich bald zeigen sollte, konnte diese For-
13. April auf Antrag Eugen Levines von den Vertretern sämtli- derung nur in Ansätzen venvirklicht werden. Die ~lünchner Kon-
cher Betriebe und der Beamtenorganisationen beschlossene Auf- trrrcvolution verfügte - trotz eingeleiteter Entwaffnungsaktio-
ruf zu einem zehntiigigen Generalstreik. Während seines Verlaufs nt•n - "eiterhin über beträchtliche illegale ~ affenvorräte.
sollte die Bewafrnung und militärische Organisation der Arbeiter Die immer noch im Dienst stehenden ngehörigen der köl\ig-
sowie die Entwaffnung der Bourgeoisie durchgesetzt werden. lirh-ba) rischen Polizei wurden in ~ l ünchen entwaffnet und ent-
Gleichzeitig bot der Generalstreik die Gewähr für eine stiindige la>~en. Bewaffnete Arbeiter übernahmen den polizeilichen Si-
Einsatzbereitschaft der bewaffneten Arbeiter zur Abwehr konter- rlwrhri tsdicnst. dessen Kern bewährte KPO- und SPD-Mitglie-
revolutionärer Angriffe. tler bildeten. Vonviegend ältere bewaffnete Arbeiter I"Urden den
Verantwortlich für die Bewaffnung der Arbeiter war die von Si<-hrrheitsposten der einzelnen Wohnbezirke zugeteilt. j eweils
I der Räteregierung eingesetzte Militärkommission unter Rudolf t•in Vertrauensmann der Wach teule regelte die Diensteinteilung.
Egelhofer, der seit dem 13. April auch die Funktion d~s Stadt- 11rreits nuch wenigen Tagen erwies sich der proletarische Sicher-
kommandanten von München ausübte. Schon nach wemgen Ta- lwit>dienst stark genug, um die innere Konterrevolution niederzu-
gen waren etwa 20 000 Gewehre an di!' Arbeiter verteilt. Sie ka- halten. chließlich übernahm die' Hole Garde. die zur Unterstüt-
men aus den Waffenbestünden der Bourgeoisie oder wurden von zung der Kommission zur Bekämpfung der Konterrevolution
den Soldatenräten der Garnisontruppen zur Verfügung gestellt aufgestellt worden '''ar, den polizeilichen Sicherheitsdienst Au-
Vorrangig bewaffnet wurden die militärisch erfahrenen Werktiiti- ßt•rclrm erfüllte die Rote Garde die Funktion einer ersten Re-
gen. Oie Arbeiter trugen ihre Waffen auch auf dem Weg zu und ~rn r bei konterrevolutionären Angriffen von außen.
von ihren Arbeitsstellen. Anband von Listen, die den 1'\amen des \ach zehntiigigem Generalstreik waren die Vorbereitungen zur
Waffenträgers und die entsprechende Waffennummer entltielten, \ l'rtridigung der Bäterepublik nach Auffassung der Räteregie-
übten die Betriebsräte eine strenge Kontrolle aus. rung so "'eit fortgeschritten, daß der Streik beendet werden
Gleichzeitig mit der Bewaffnung wurde während des General- k_onnte. Der letzte Tag des Generalstreiks, der 22.April, gestaltete
streiks damit begonnen, die bewaffneten Arbeiter auf Betriebsba- ~•eh zu einem beeindruckenden Höhepunkt in der Geschichte
sis zu militiirischen Einheiten zu formieren. Die Besten aus ihren dt•r Bnyrischcn Hüterepublik. Wiihrend der Vormittagsstunden
Reihen wlll·dcn durch Wnhl uls Kommondeure eingesetzt. Tag Fnntl in München ein Aufmarsch von etwa 15 000 bewaffneten
und 'acht' hielten sich die bewaffneten Arbeiter zum Schutz der Arbeitern und Soldaten statt. Nachmittags und nbends folgten
Hätema('ht bereit. msichtige Vorbereitungen ?.ur Abwehr kon- 1Jnsst>nvcrsamrnlungen und weitere rnachtvolle Demonstrations-

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züge. All dies dokumentierte die Verbundenheit der \ lünchner Hudolf Egelhofcr, ernannt. Als wichtigste Aufgabe sah es das
Arbeiter mit der Räterepublik und ihre Entschlossenheit zu de- Oberkommando der bayrischcn Roten Armee an, den in aller
ren Verleidigung. Oie Bourgeoisie hatte in München eine ieder- Eile zusammengestellten, un cinheitlich bewaffneten und formicr·
lagc erlitten. Oie Gefahr der inneren und äußeren Konterrevolu· tcn Trupps der revolutionären Arbeiter und Soldaten eine feste
tion war damit jedoch nicht gebannt. militärische Organisation zu geben. Der erste Schritt hierw war
Oie 'lünchncr Kommunisten waren sich der Tatsache bewußt, di<' Bildung von 5 •Sturmbataillonenc, die etwa die Stärke und
daß der Räteregirrung nur wenig Zeit verblieb, den Kampf gegen Glicderung von Kompanien bcsußen. Unterstützung erhielten
die von ·orden her anrückenden Truppen der Regierung Hoff. dicsc durch 2 Batterien Artillerie mit 6 Geschützen.
mann vorzubereiten. I•~ \1orge~gra~en des 16. April bezogen die erst an1 Vortag
lJJn der Gefahr eines militiirischen Überfalls der l(onterrevolu- fornucrten Emhe1ten der Roten Armee südlich des Dachauer
tion auf die Bayrische Räterepublik zu begegnen, genügte die Be· Bahnhofs Ausgangsstellungen für den Sturm auf Oachau. 1-licr
waffnung des Proletariats allein nicht. Eine reguläre Rote_Armee hatten sich Truppen der 1-loffmann-Regicrung in Stiirke von etwa
mußte geschaffen werden. An dieser für die Räterepublik Iebens· 800 \1ann verschanzt.
wichtigen Aufgabe arbeitete die Militärkommission seit Beginn Oie Rotannisten gingen in Schützenketten gegen die feindli-
des Generalstreiks. Doch bereits der zweite Tag des Bestebens f·hcn Linien vor. Dachau wurde ohne großen Widerstand genom-
der Bayrischen Hüterepublik brachte ihr eine schwere militäri· men. Dus war durch das mutige Eingreifen der Dachaucr Al·bei-
sehe Bewährungsprobe.. tcr möglich geworden. Sie hatten, als sich die konterrevolutionii-
Buchstäblich von der ersten Stunde ihrer Existenz an war die rt'n Truppen auf dem ~1arktplatz sammelten, diese überrumpelt
Bayrische Räterepublik, deren territoriale Ausdehnung sich im und cnlwaifnet. Der Roten Armee gelang es, über I 00 Söldner
wesenllichen auf München und dessen nähere Umgebung be- gefangenzunehmen, darunter 4 Offiziere. 4 Geschütze, 3 Maschi-
schränkte. militärischen Überfüllen der Konterrevolution ausge- nengewehre und große Mengen Infanteriemunition wurden er-
setzt. Die Regierung HofFmann konzentrierte ihre Truppen nur bcutet.
einige Dutzend Kil ometer nördlich von München. Am 15. April 1\m selben Tag nahm die Rote Armee auch den Flugplatz
sahen sich die Revolutionäre gezwungen, alle verfügbaren Arbei· Schieißheim ein. Oie dort stationierten Flicger stellten sich der
ter und Soldaten nach dem l ordwesten Münchens zu rnlen. Um Bäterepublik zur Verfügu11g. Weiterhin wurden Freising, Kochel,
dem Vormarsch der von der lloffmann-Regienmg aufgebotenen Schongau und Kaulheuren besetzt.
Formationen des II. und lll. bayriscben Armeekorps bis zur Am· , Eine~ ersten großen Erfolg in südlicher Richtung errangen
per und der provokatorischen Besetzung Dachaus durch ein kon· l·orrnallonen der entstehenden Roten Armee, als sie om
terrevolutioniires Freikorps entgegenzuwirken, wurde bei Karls- I :iJ 16. ApriJ nach schweren Kümpfen die Stadt Rosenheim be-
feld und Allach in wenigen Stunden eine improvisierte freitcn. 'iördlich von Oachau. stieß arn 18. April die revolutionäre
Verteidigungsstellung geschaffen. Oie eiligst ZusammengesteUlen \rbeitcrwehr lngolstadts in Stiirke von etwa 700 bis 800 Mann,
Kampfgruppen gingen zum Angriff über und warfen den Gegner d•c der lläternacht zur Hilfe eilen wollte, auf eine von Nürnberg
noch am 15. April bis nach Karlsfeld und von dort nach Oachau herangeführte Frcikorpsabteilung. Unter dem Kommando von
zurück. Rudolf Egelhofcr, der zu diesem Zeitpunkt die Iogoistädter Hun-
Oie aus diesem Kampf siegreich hervorgegangenen Arbeiter- dertschaften inspizierte, wurden die Konterrevolutionäre überra-
und Soldatentrupps sowie von München herangeführte Verslii r· schen~ angegriffen und zur Kapitulation gezwungen.
kungcn wurden zum Grundstock der bayrischen Roten Anncc. Ocr Versuch der llegierung lloffmann, die Räterepublik allein
Zu ihrem Oberbefehlshaber wurde der Vorsitzende der ~l ilitär· ~nit bayrisehen und württcmbergischen konterrevolutionären
kommission und \lünchncr Stadtkommandant, der Kommunist rruppcn niederzuschlagen, war gescheitert. Dort, wo sieb die

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Hoffmann-Truppen zum Kampf stellten, wurden sie von der bay- einer Atempause, in der diese bede utende militärische Verstär-
rischen Roten Armee geschl!lgen. kungen aus den anderen Teilen Deutschlands zur iederschla-
Durch intensive Überzeugungsarbeit erreichten die Revolutio- gung der Räte republik heranführen konnte.
näre, daß sich die Truppen der Hoffmann-Regierung fast durch-
weg weigerten, gegen die Räterepublik vorzuge hen. So gelang es
dem Soldatenrat des in F.reising liegenden I. Jägerbataillons am Der Aufbau der bayrischen Roten Armee
15. April, einen im Auftrag der Hoffmann-Regierung aus Regens- und die militärischen Vorbereitungen
burg kommenden Transport von 1 200 Soldaten über die Situa- zur Verteidigung der Räte republik
tion in München aufzuklären und seinen Rückzug zu erzwingen.
Am 18. April übergaben 700 Soldaten eines ürnberger Regi- Im Gegensatz zu Toller und seinen Anhängern bewährten sich
ments, nachdem sich ihre · Parlamentäre durch Gespräche tm d die Münchner Kommunisten als vorwä rtstreibende Kraft der Rä-
persönlichen Augenschein von den wahren Zuständen in Mü n- terepublik. Sie üblen wichtige F unktionen in der Räteregierung,
chen überzeugt hatten, ihre Waffen an die Rote Armee und fuh- in der Militärkommission und im Oberkommando der Roten Ar-
ren wieder nach ürnherg zurück. mee aus, drangen auf eine n Ausbau de r erzielten militärischen
Die Erfolge der bayrischen Roten Armee - insbesond ere der Erfolge und eine Beschleunigung des Formierungsprozesses der
Sieg bei Dachau - stärkten die politischen wtd militärischen Po- bayrischen Roten Armee.
sitionen der Bayrischen Häterepublik bedeute nd. Nunmehr kam Ober die konkreten Vorstellungen der Räteregie rung zum Auf-
es darauf an, den errungenen militärischen Vorteil zu nutzen, um bau der Roten Armee gibt der folgende Aufruf der ,Militärkom- '
den relativ begrenzten Einflußbereich der Rätemacht zu erwei- mission und des Vollzugsrates de r Betriebs- und Soldatenräte
tern. ur so konnte sie die Arbeiter und Soldaten auch in den an- Münchens vom 25. April detaillierte Auskunf1:
deren Teilen Süddeutschlands mitreißen und ihre Existe nz be- •An das klassenbewußte Proletarwt!
haupten. Doch die Erfolge der Roten Armee wurden nicht Arbeiter! Bauem! Soldaten! Erwerbslose!
gen utzt. Die Bourgeoisie führt ihre Soldknechte gegen München heran,
Im Dachauer Truppenteil ~ der militärischen Ha uptstütze der um die junge Freiheit des Proletariats in Blut zu ersticken. Rüstet
Räterepublik - war der Einfluß der US PD besonders stark. Des- und sammelt Euch zum Kampf um die sozialistische Rätere pu-
halb wurden hier die USPD-Funktionäre Ernst Toller als Ober· bli k! Tretet ein in die Rote Armee! · ·
kommandierender und Gustav Klingelhöfer als ein Stellvertreter Zeigt den Henkern der Revolution die Zähne und schickt die
eingeset:~t. Toller ging mit dem Vorsatz nach Dacbau, sofort Ver· weißen Garden mit blutigen Köpfen heim!
handJungen mit der Konte rrevolution einzuleiten, jedem weiteren \Ver kann in die Rote Armee eintreten?
Kampf auszuweichen. StaU konsequent Maßnahmen zur Ausnut- Alle Arbeiter, die einer sozialistischen oder freigewerkschaitli- -
zung der für die Räterepublik günstigen militärischen Lage chen Organisation angehören.
durchzusetzen, stoppte er den Vormarsch der bayrischen Roten Bei der Meldung zur Aufnahme sind folgende Papiere vorzule-
Armee. Ernst Toller leitete ohne Wissen und gegen den Willen gen:
des Aktionsausschusses Waf[enstillst.andsverhandlungen ein, die Mitgliedsbücher einer sozialistischen oder freigewerkschaftli-
zu dieser Zeit niemand so dringend benötigte wie die gesch lage- chen Organisation oder Ausweis eines Betriebs- oder Erwerbslo-
nen konterrevolutionären Truppen. Am l9. April wurde ein drei- senrates oder Mitgliedsbuch des Soldaten bundes , Freier Kame-
tägiger Waffenstillstand ausgehandelt, der das Gebiet zwischen rad , . Überdies ist der Militärpaß mitzubringen. Soldaten können
l.ngolstadt und Dachau zur neutralen Zone erklärte. Toller und erst aufgenommen '"erden, nachdem sie aus ihrem Truppenteil
Klingelhöfe r verhalfen so der bayrischen Konte rrevolution zu ausgeschieden sind.

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~Tiozu verpflichtet sich der Soldat der Roten Annee? Offiziere zurückgegriffe n werden. Beispiele dafür sind der Gene-
Zur freiwiUigen Unterordnung und unbedingtem Gehorsam ge- ralstabsoffizier im Oberkommando der Roten Armee, Oberleut-
gen die Führer, zu eiserner Disziplin in und außer Dienst im In- nant Eugen Maria Karpf, der Kommande ur der Infanterie der
teresse der Räterepublik, Die Rotten-, Gruppen-, Zug- und Abtei- Oachauer Armeegruppe, Leutnant Ernst Wollenherg, oder auch
lungsführer werden von der Mannschaft gewähiL Oie Regiments- Or. Rudolf SchoUenbruch, der an1 19. April 1919 seine Berufung
führer und die Führer selbständiger Forn1ationen ernennt der zum Volksbeauftragten für das Sanitätswesen und zum Arrnee-
Volksbeauftragte im Einvernehmen mit den Regimentern ... arLI der Roten Armee erha.llen hatte. Die unteren Führungskader

Die Häte regierung betrachtet es als ihre erste und selbstver- bis zum Bataillonskommandeur wurden von der MaruJschaft ge-
ständliche Pflicht, für jeden Soldaten der Roten Armee und seine wählt, die höheren Kommandeure und Führer selbständiger For-
Angehörigen in ausreichender Weise zu sorgen.« mationen vom Vollzugsrat ernannt.
Mit den von ihr eingeleiteten Maßnahmen zur Bewaffnung der Ein hervorragendes Beispiel internationalistischer Soliqarität
Arbeiter und zur Entwaffnung der Bourgeoisie hatte die Bayri- stellte der Kampf ehemaliger russischer und italienischer Kriegs-
sche Räterepublik in einem Teil Deutschlands wichtige Schritte gefangener in den Reihen der bayrischen Roten Armee dar. Sie
zur konsequenten Lösung der Militärfrage unternommen. Um ~chörten zur Dachauer Armeegruppe. Die russischen Inte rnatio-
diese mit der für die erfolgreiche Verteidigung der Rätemacht un- nalisten (etwa 80 Mann) kämpften im Bestand des 1., II. und
bedingt notwendigen Aufstellung einer regulären Arbeiterarmee \'. Sturmbataillons, die italienischen (etwa 20 Mann) im II. Sturm-
zu verbinden, verblieben ihr nur wenige Tage. Innerhalb kürze- bataiUon. ach der Niederschlagung der Räterepublik traf vor al-
ster Zeit gelang es der Rätemacht, unter Führung der KPD eine lem die ehemaligen russischen Kriegsgefangene n die Rache der
Armee zu formieren, die den lnteressen der Werktätigen diente Konterrevolution. Bestialisch ermordete sie 53 von ifmen im Crä-
und sich als militärisches Machtorgan der Diktatur des Proleta- felfinger Wald bei München.
riats grundlegend von den bürgerlichen Anneen unterschied. Als Da es keine dokumentarischen Unterlagen von revolutionärer
Vorbild wirkte hierbei die Rote Armee Sowjetrußlands, von der Seite hierzu gibt und der Formierungsprozeß während der we-
die bayrische Rote Annee auch ihren amen ableitete. Mit der nigen Tage ihrer Existenz nicht abgeschlossen, sondern voll im
Formierung der ersten proletarischen Anuee auf deutschem Bo- Gange war, gehen die Angaben über die personelle Stärke der
den vollbrachte die deutsche Arbeiterklase im April · 1919 ihre bayrischen Roten Armee stark auseinander. Bis Ende April 1919
bis dahin größte militärorganisaforische Leistung. wurden etwa 30 000 Arbeiter bewaffnet und zu Betriebsformatio-
Auf der Grundlage des Freiwilligenprinzips gehörten der bayri- nen zusammengefaßt. Diese bildeten einen wichtigen militäri-
schen Roten Armee Mitglieder der KPD, der USPD sowie partei- schen Rückhalt der Hätemacht, und hauptsächlich aus ihren Rei-
lose·Gewerkschafter, darunter zahJreiche christliche Arbeiter, an. hen kamen die Freiwilligen der Roten Armee. Doch zum direkten
Der überwiegende Teil von ihnen unterstützte aktiv die Münch- Personalbestand der Holen Armee können wohl nur die 5 000 bis
ner ·Kommunisten und die linken USPD-Führe r. Sozial hatte der 6 000 Kämpfer gezählt werden, die zu Einheiten der Roten Ar·
Personalbestand der bayrischen Roten A rmee folgende Zusam- 111ee formiert und an der Front eingesetzt worden waren.
mensetzung: Zwei OritteJ der Rotarmisten entstammte dem lndu- Naturgemäß standen vor der erst im Aufbau befindlichen Ro-
strieproletariat, ein Drittel der Bauernschaft. Fast a!Je hatten eine ten Armee all die Schwierigkeiten, die als Folge des Zeitdrucks
militärische Ausbildung in den imperialistischen Streitkräfterf er- und der damit verbundenen Improvisation, des Mangels an poli-
halten. tisch und fachlich qualifizierten Militärkadern sowie der ungenü-
Die Fühnmg der bayrischen Roten Armee setzre sich vorwie- genden Bewaffnung und Ausrüstung auftraten. Die kurze Frist
gend aus zur Arbeiterklasse gehörenden ehemaligen Soldaten und für ihre Formierung erschwerte es außerdem, einheitliche Trup-
Matrosen zusammen. Nur in wenigen F'allen konnte auf friihere penkörper zu bilden.
'

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Das 1ichtnutzcn des Dachauer Sieges hatte die Führungs· acb der an1 24. April 1919 albgeschlossenen Reorganisation
schwächen der bayrischen Roten Armee besonders siebtbar ge· gliederte sich die Oachauer Armeegruppe in Front- und Etappen-
macht. Es fehlten vor allem ein einheitliche r strategischer Kampf· truppen. Zu den Fronttruppen gehörten 800 Mann Infanterie
plan, eine einheilliehe militärische Führung und eine Koordinie· (1. Stunnbata illon = 200 Mann, II. Sturmblltaillon = 180 Ma nn,
rung der militärischen Opera~onen an den verschiedenen 11 1. Sturmbataillon = 180 Marm, IV. Sturmbataillon = 120 Matm,
Kampfabschnitten. icht wenige Führer aus der USPD und den V. Sturmbataill on = 120 Mann}, 60 Artilleri sten, 40 Pioniere,
anarchistische n Kreisen diskutierten fortwährend über Befe hle 40 Nachrichtenleute, 15 Reiter, ein Stabstrupp (30 Mann}, eine
und erregten Panikstimmung. Oie KPD besaß keine Parteiorgaru· Radfabrabtei.lung (20 Mann), eine Streckenkommandantur
sationen in der Roten Armee l!nd konnte deshalb kaum direkten (60 Mann) und 265 Mann sonstige Truppen. Zu den Etappen-
Einfluß auf die Rotarmisten nehmen. Das wurde auch di!Tch den truppen de r Dacha uer Armeegruppe zählten die Ortskomman-
un ermüdlichen Einsatz von Rudolf Egelhofer l!nd die Vorbildwir· dantur (60 Mann), der Sanitätstrupp (30 Mann) und die Versor-
kung der in den Reihen der bayrischen Ro ten Armee kämpfen· gungsahteill!llg (50 Mann). Insgesamt wnfaßte die Oachauer
den KPD-Mitglieder ~ich! a usgeglichen. Armeegruppe - nach den Angaben von Ernst Wollenberg -
Das Oberkommando der Roten Armee bereitete sich auf Ver- L 205 HotarmistelL mit I 165 Gewehren bz,~. Karabinern, 60 Ma-
teidigungshandlungen z ur Abwel1r eines konterrevolutionären schinengewehren und 6 Geschützen (4 77-mm-Gescbütze,
Angriffs vor. Oie einzelne n Formationen der Roten Armee bezo- 2 105-mm-Geschütze).
gen in einem Umkreis von e twa 30 Kilometern um München ihre Das Oachauer Gelände bot güns tige Bedingungen für die Er-
Stellungen. Diese stützten sich im Norden al!f Freising und Da- richtung einer tiefgestaffelten, pioniermäßig gesicherten Verteid i-
ehau, im Westen auf die Würm, die Amper und den Ammersee gu ngsstellung. Oie HiigeUandschaft erm öglichte es, gut getarnte .
und im Süden auf Starnberg urtd Hosenheim. Feuerstellungen in den VerteidigungslinieJJ einzurichten und mit
Große Bedeutung für den weite ren Ve rlauf der Kämpfe kam Maschinengewehren aus höher gelege nen Stützpunkten in den
dem Dachauer Frontalbschnitt zo. Dachau bildete infolge seiner Kampf einzugreifen. Auf diese Weise konnte der angreifende
geographischen Lage den Hauptstützpl!llkt zur Verteidigung Gegner durch Kreuz- und Flankenfeuer wirkungsvoll bekämpft
• Münchens. Hier waren die stärksten Kräfte der bayrischen Roten werden.
Armee konze ntrie rt, und bei Dachau wurde auch de r R aupt- Das nördliche Vorfeld bestand vorwiegend aus offenem Ge-
seillag der konterrevolutionären Truppen erwartet. lände. Dagegen verhinderte südlich und südöstlich von Dachau
Die revolutionären Arbeiterformationen, die Dachau erobert ein sumpfiges Gebiet - das Dachauer Moos - jegliche Truppen-
haften, wurden vom Oberkommando z ur . Oachauer Armee- entfaltung. Oie Gesamtlänge des Dachauer Frontabschn itts betrug
gruppe« z usamme ngelaßt und neu formiert. Ihre Führungsorgane 7,5 K,ilometer. Das bedeutete, auf je zehn Meter kam, da die In-
bestanden aus einem engeren l!nd einem erweiterten Stab. Zum fan terie der Dachauer Anneegruppe nur 800 Mann zählte, ein
engeren Stab gehörten etwa 20, zum erweiterten über I 00 Mi t· Rotarmist. Oie Verteidigung auf breiter Front wurde jedoch
glieder, darunter alle Kommandeure und Soldatenräte. dl!rch die günstigen Geländebedingungen und die relati v zah l-
Gegen den Widerstand Ern st Tollcrs und seines Stellvertre- reich eingesetzten Maschinengewe hre vorteilhart unterstützt.
ters, Gustav Klingelh öfers, wurde von kommunistischen Angehö- Der Ve rteidigungsplan der Dachauer Anneegruppe sah eine
rigen des Dachauer Abschnittsstalbes - unter ihnen Leutnant Verteidigungsstellung von Etzenhal!sen über We bling bis zun1
Ernst Wollenberg - ein Verteidigungsplan erarbeitet und di!Tch- Westausgang von Günding vor. Das I. Sturmbataillon e rhielt de n
gesetzt, der die Reorganisation di eser wi chtigsten militärischen Abschnitt Etze nhau sen, das 11. den Abschnitt \Vebling und das
Stütze der ßayrischen Räterepublik und den intensiven Ausbau 111. den Al>schnitt Günding zugewiesen. ach der Einnahme von
des Dachauer Verteidigungsalbschnitts vorsah. Schleißheim durch konterrevolutionäre Truppen bezog das V. Ba-

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schnitts abgeschlossen. Die bayrische Rote Armee verfügte hier
E. Etzenhausen
w. WeiJ/ing ülwr ein Verteidigungssystem, das es ermögl icht hülle, dem An·
0 Oochou griff auch iiberlegener gegnerischer Kriifte standzuhalten und un·
a. Gunding
1r r günstigen Bedingungen zur Gegenoffensive iiberwgehen.
I.}
: SturmbalaJI/on
Gegen die kot!lerrevolutioniire Übermacht

Die Konterrevolution bereitete den direkten Angriff auf die Bayri·


München
;ehe llülerer)ublik vor. Die Regierung l lorfmann hatte inzwischen
t•ingeschcn, daß sie nicht in der Lnge war, allein mit den militiiri·
\' ertl'idigungsstrllungcn der Oaclmucr Amwt-grupp<·. 1\Jlril 1919 sehen Kriiften der bayrischen Konterrevolution und mit württem-
bcrgischer Unterstützung die Rätemacht nieder.wseh lagen. Des·
taillon eine lliegelstcllung, die sich links an die Amper, rechts ge- halb bat sie die Reichsregierung offiziell um Hilfe.
gen das Darhauer Moos anlehnte und gegen Osten gerichtet war. llcichswehnuinister Gustav Noske war sofort dazu bereit. Er
Das Oberkommando der bayrischen Roten Armee erwarlete bCI1.te konterrevolutionäre Truppe n aus ganz Deutschland, die
den konterre' olutionären Angritr bei Etzcnhausen. llicr bestan· bereits Erfahrungen bei der blutigen ~iedermet-.r;elung der Revo-
den für den Gegner die günstigsten Annäherungs· und EntfaJ. lution gesammelt hatten. gegen Miinchcn in \larsch : die 2. Garde-
tungsmöglichkeitcn. Ocr Abschnitt I (Etzenhausen) "urdc des· infanteriedivision (etwa I 000 Mru1n), das ll essisch-'TIIüringisch-
halb. obwohl er die geringste Uinge besaß, am .stiirksten besetzt. \Valdecksche Freikorps (etwa I 000 Mann), das Freikorps Görfitz
\eben dem I. Shmnbataillon war in Etzenhausen auch noch eine (clwa I 500 Mann), die Kavallerieschützenkommandos II (etwa
Abteilung der Streckenkomma ndantur eingeselzt, deren spezielle I 500 Mann) und 14 (~twa 1 000 Mann), dus freikorps Lützow
Aufgabe im Schutz der Eisenbahnlinie bestand. Der Abschnitt II (Stä rke unbekannt) und die Marin ebrigad e E:hrhardt (etwa
(Wcbling) halle die größte Ausdehnung. Er wurde nur durch I 500 Mann). Weiterhin beteiligten sich mehrere wii rttemoergi·
schwache Kriifte geschützt, da hier uus den bereits genannten sehe Formalionen und zahlreiche bnyrische Freikorps - darunter
geographischen Besonderheiten ein feindlicher Angriff unwahr· das Bayerische Schützenkorps unter Oberst Fmnz Xaver Ritter
scheinlieh war. 'on Epp (dem späteren faschistischen Reichsstatthnlter für Bay-
Gesichert wurden die Stellungen drr Oachauer Armeegruppe ern) - am Unterdrückungsfeldzug gegen die ßa)Tische Rälerepu·
vor allem durch Stacheldral1thindemissr. Auch rissen Pionier- blik. Oiesen konterrevolutionären Truppen gehörten neben Epp
kräfte der Roten Armee die Schirnen nördlich von Etzenhauscn auch solche späteren Nazi· und Kriegsverbrecher wie Hermann
auf und vcr~perrten die w~ehtigsten Zufahrtswege mit gefallten Göring, lludolf l-Ieß, Heinrich llimmler und Ernst Röhm an. Den
Bäumen. noch in der Fonnierung begriffenen schwachen Kräften der bayri-
Orr \ crtl'idigungsplan der Oachauer Anm•egruppe sah vor. s<·hcn Holen Armee stand eine erdrückende, schwerbewaffnete
den AnJ,'I'iff des Gegnersam Abschnill I (Etzcnhnusf'n) zurückzu· Übermacht der Konterrevolution gegenüber.
schlngcn und vom Abschnitt 111 (Günding) aus einen F11mkenstoß Für den Vormarsch auf M linchen wurden drei Gruppen gebil-
gegen die rückwärtigen Verbindungen des Feindes zu führen. det: A in Donauwörth, Bin lngolsladt und C in Regensburg. Den
Das I V. und ein Teil des V. Slunnbutaillons verblieben als Re· Oberbefehl über die gegen die ßoyrische Riiterepublik vorrük·
scrve in Duchau und sollten später in die Kiimpfe eingreifen. kenden konterrevolutionären Streitkriifte übettrug Noske dem
Am 24. April 1919 war der Ausbau des Dac·haucr Frontab- Generalleutnant Ernst von Oven. Dieser wies die ihm unterstell·

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tcn Truppen zum rücksichtslosen Ein~lz gegen die Verteidiger von Augsburg könnten mit München Kontakt aufnehmen und
der Bn)rrischcn Räterepublik an. ln einem Korpsbefehl vom sich rventueU der Bayrischen Räterepublik anschließen.
25.April hieß es unter anderem: »Es kommt darnur an, daß keine \ach der Kapitulation verantworllicher f unktionäre der SPD
Spariakisten, besonders keine Führer, aus -"lünchen entkom- und der USPD vor der Konterrevolution fielen am 20.April würl-
men ... Jeder bewaffnete Bürger gilt also als f eind und ist als sol- tembrrgische Truppen in ugsburg ein. Der onnarsch in die
cher zu behandeln. Oie Gruppen haben ihre Aufträge mit Gewalt \ltotadt verlief verhältnismäßig ruhig. Doch die Arbeiter der Vor-
durchzuführen. jedes Verhandeln mit dem feinde oder mit der orlr Pferse, Lechhausen und Oberhausen leisteten - von
Bevölkerung ist verboten. Mil~e wird als Schlappheit. Gutmütig- fraucn und Jugendlichen unterstützt - fast drei Tage bewaffne-
keit ols Unzuverlässigkeit der Truppe gedeutet.. Im weiteren ten Widersl8lld. Es entwickelten sich erbitterte Kiimpfe gegen die
wurde der Einsatz von Flugzeugen, Pnnzerkraftwagen und Flam- ihnen an Truppenstärke bedeutend überlegenen, Artillerie und
menwerfern befohlen. Und der Punkt II des Korpsbefehls er- Flugzeuge einsetzenden konterrevolutionären Formationen. Ernst
klärt e sognr: •Siimtliche Batterien sind mit ßluukreuz-Munition Toller, Oberbefehlshilber der Augsburg um nächsten befindlichen
(Gosgrannten - die erf.) auszurüsten .• Dachaucr Armeegruppe, führte den Befehl des Oberkommandos
Oie Vorbereitung des ÜberfaHs auf die Bayrische Räterepublik der Holen Annee, den Augsburger Arbeitern Hilfe zu leisten,
ging - iU111lich wie es die Konterrevolution im Januar und März nicht aus. Am 22. April fiel die so im Stich gelassene Stadt end-
1919 in Berlin praktiziert hatte- mit einer wüsten antikommuni- gültig in die llände der Konterrevolution. Die Kümpfe um Augs-
sti ~chen \ erleumdungskampagne einher. Die konterrevolutionä- burg forderten auf der Seite der Einwohner 34 Todesopfer.
ren Tn•PJ>en und insbesondere die Bauern Südbaverns wurden Die konterrevolutionären Truppen zogen jetzt den {Ung um
'
\On der Bomberger Regierung auf jede nur erdenkliche Art gegen \Jiinchen immer enger. Am 26. April gelang es ihnen, Landshut
die Räterepublik aufgehetzt. Dabei erhielt sie vom höheren Kle- und am folgenden Tag Moosburg zu besetzen. An einigen Stellen
rus oktive Unterstützung. rückten sie so weit vor. daß sie sich nur noch etwa 30 bis 35 Ki-
Von der bayrischen Konterrevolution wurden auch eigene lometer von Hinehen entfernt befanden. Die Lage der Bayri-
neue Kumpfmethoden entwickelt. Um die Räterepublik von in- schrn Hüterepubli k wurde kritisch.
nen zu unterhöhlen, verhängte sie ei ne Blockade über München. ln Miinchen selbst verstärkte die innere Konterrevolution ihre
Kohlen- und Lebensmitteltransporte trafen nicht mehr ein. Die Wühltiitigkeit. Verrat und Diversion nahmen zu. llicrbei spielte
Zufuhr von Milch verringerte sich rapide, so daß ihre Verteilung dir sogenannte Thulegesellschaft, eine der Keimzellen des deut-
auf Kinder und Kronke beschränkt werden mußte. ~chen faschismus, eine besondere Holle. Ihre Mitglieder hatten
Aus allen llimmelsrichtungen wurde die Offensive gegen die großen Anteil an der Herausbildung der nazisfischen Ideologie,
Bayrische Bäterepu blik eröffnet. Vom \orden her rückten die 'or allem bei der \'erknüpfung des ntikommunismus mit dem
I lauptkräfte 1oskes, die preußischen Truppen unter dem Befehl llassismus. Zu den Mitgliedern der, Thulcgesellschaft 1.ählten
des Generalleutnants von Oven. vor, aus dem Haum Ulm die nicht wenige spätere Führer der ~ DAP und Hauptkriegsverbre-
wiirttembcrgischen Einheiten und aus den anderen Richtungen cher des zweiten Weltkrieges, so zum Beispiel Hans frank und
die konterrevolutionären formationen Bayerns. \Hrcd Hosenberg. Adolf Hitler '"ar hiiufiger Gast dieser reaktio-
Für den Angriff auf München von Westen her war die Beset- nären Orgnnisntion. Das Vereinsabzcichrn der Thulcgcsellscbaft
zung des Eisenbahnknotenpunktes Augsburg von großer Bedeu- war das llakenkreuz, ihr Presseorgan der »Miinchener Beobach-
tung. Von hier aus konnte die Eisenbahnverbindung nach Mün- ter• - der Vorläu!er der azi-Zcitung • Völkischer Beobachterc.
chen und zu d<'n wichtigen Lechbriicken untc•·brochcn werden. Die Diversionstätigkeil der Thulegesrllsrhaft iiußerle sich un-
Die Konterrevolution halle es mit der raschen Inbesitznahme ter IInderem darin. daß sie den Automobilpurk der Hüterepublik
Augsburgs auch deshalb so eilig, weil sir brfürchtete, die rbeiter lah mgelegt und die Tanks der Flugzeuge in Schieißheim un-

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brauchbar gemachl haUe. Auch gab sie während der gesamten der Münchner USPD Unruhe, Verwirrung und Furchl hervor.
Zcil der Rälerepublik antikommunistische lietzschriflen heraus Toller, Klingelhöfer und andere wollten unler allen Umständen
und untersmtzle die Aufslcllung konterrevolulionärer Freikorps. einer Entscheidung ausweichen und hemmlen zunehmend die
Als die Rote Garde die Leitung de.r Thulegcsellschaft am \rbeit des Aktionsausschusses. Es gelang ihnen, iu der VoUver-
26. pril aushob, fielen ihr größere Waffenvorriite, konlerrevolu- snmmlung der Betriebs- und Soldatenriite, in der zahlreiche klein-
lioniire Flugblätter sowie gefiilschte Ausweise und Stempel der bürgerl!che Vertreter den Ton angaben, immer mehr Anhänger
Räteregierung in die lliinde, so auch ein l"aksimilestempel mit zu gewmnen.
der nterschrift Rudolf Egelhofcrs und das Siegel der Münchner ln der Vollversamm lung an1 26.April traten Ernsl Toller, Gu-
Stndtkommandantur. Mit diesen Materialien hallen die Mitglieder slav Klingelhöfer und Emil Maenner defiitislisch auf. Sie ver-
der ThulegeseUschafl willkürlich Eigentum beschlagnahmt, sieb lcumdelen die Revolulionäre, verbreitelen Panik. forderten Ver-
bereichert und Unruhe unter der Bevölkerung gestiftet. ha~dlungen mil der lioffmann-Regierung, verlangten die
Am 30. April wurden sieben Angehörige der Thulegesellschaft \\ 1edenulassung der reaktionären Presse und die \Viedereinsel·
und d.rci weitere der Verschwörung überführte Konlerrevolutio- zung der bürgerlichen Polizei. Dem konnlcn die Kommunisten
niire durch ·Angehörige der Roten Garde im Luitpold-Gynma- sclbslverstiindlich nicht zustimmen.
sium erschossen. Das war die Antwortauf den konterrevolutionä· Einen Tag später fiel die Entscheid ung. Oie Mehrheil der Voll-
ren Terror - am 29. April waren in Starnberg 12 Rotarmisten versammlung_ ~er Betriebs- und Soldatenriile gab der kapitulan -
mißhandelt und danach ermordet und in Possenhoren drei Sani- tcnh~flen Polihk der USPO-Führwtg ihre Zustimmung. Oie Kom-
tliter von den Reaktionären gerneuehell worden. Ocr Bourgeoisie munisten erklärten daraufhin ihren AuslriU aus dem Aktionsaus-
bot dies den Anlaß, run I. Mai in lünchen das Gerücht zu ver- srh.u_ß. Ein neuer Aktionsausschuß mil völlig unbekannlen und
breiten, es seien Geiseln ermordet und fürchterlich verslümmelt pohllsch unerfahrenen Mitgliedern trat an die Spitze der Räte-
\\Orden. Daß die sogenannten Geiseln überführte Plünderer und macht Er verfolgte ausschließlich das Ziel, Kompromisse mit der
Diversanten waren, störte sie dabei nicht. Ähnlich wie mit der llolfmann-Regierung auszuha.udeln. Oie Konterrevolution leh.nle
wiihrend der Berliner Miirtkiimpfe 1919 lancierten Falschmel· jedoch jegliche Verhandlungen ab. Und über den Einmarsch
dungvom Lichtenherger Beamtenmord sollten mit der Lüge vom oder Nichteinmarsch der weißen Söldner in Mün chen enlschie-
.Geiselmord eine Pogromstimmung gegen die Hevolulionäre enl· den jetzt sowies~ nichl mehr die Mitglieder der Bamberger Regie-
fachl und die Greueltaten der Konterrevolution von vornherein rung, sondern d1e Befehlshaber der konterrevolutionären Trup-
gerechtfertigt werden. pen.
Bis in die Gegenwart wird von der bürgerlichen Historiogra· Das Verhalten der USPO-Führer, die angesichls des bevorste-
phie diese »Geiselerschießungc immer wieder als Legende kol· henden konterrevolutionären Angriffs auf die Rälerepublik kopf·
porlierl und damil versucht, die bayrische Rätemacht und die an los geworden wa.ren, trug große Verwirrung in die Reihen ihrer
ihrer Spitze stehenden Kommunisten - insbesondere den Ober· Ve~t~idiger. T~ller _und sei~e Gesinnungsgenossen begingen die
befeh lshilber der Roten Armee, Rudolf Egelholer - zu verteu· pohhsche Kap1tulahon bereits vor der militärischen.
Iein. Oie bayriscben Kommunisten lehnten die Kapitulation ab. Un-
Während die Truppen der Konterrevolution immer weiler ge- ~eachtet ihres Auslritts aus der Räteregienmg woren sie keines-
gen München vorrücklen. halten die Kommunislen innerhalb der wegs gewillt, die Leitung des Kampfes gegen die angreifenden
Räteregierung mil großen Schwierigkeiten zu kämpfen. Der 'on konterrevolutionären Truppen aus der Hand zu geben. Oberbe-
allen Seiten von ~'einden umgebenen Rätcrer>ublik fehlte es an fe~lshaber der Holen Armee blieb weiterhin Rudolf Egelhofer.
innerer politischer Stabilität Der bevorstehende Kampf mit einer D1e Macht lag jetzt faktisch in den Händen der Roten Annee.
Obermacht konterrevolutioniirer Truppen rief unter den Führern Ihr Obe rkommondo ergriff konsequente Maßnnhmen zur Ver·

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teidigung der Riiterepublik. Als die konterrevolutionären Trup-
pen den unmittelbaren Angriff auf München vorbereiteten, pro-
klamierte das Oberkommando der Roten Armee am 29.April aen
Generalstreik und rief alle klassenbewußten Arbeiter zu den
Waffen:
»Arbeiter! Soldolen der Roten Armee!
Der Feind steht vor den Toren Münchens. ln Schieißheim sind·
schon die Ortiziere, Studenten, Bourgeoissöhne und weißgardisti-
schcn Söldner des Kapitalismus.
Keine Stunde ist zu verlieren. Heraus aus den Betrieben! So-
fortiger Generalstreik.
Schützt die Hevolution! Schützt Euch selbst! Alle Mann zu
den Waffen!
Auf zum Kampfe! Setzt Eure 11anze Kraft ein! Alles steht auf • ErrlchtungderRäte-
' - repub/ilt in HÜ!Id>l!n
dem Spiele! ~ SI~ d(Jf'RofMArfnee
Der Feind kennt keine Gnade.
ln Starnberg haben die weißgardistischen llunde die Sanitäts-
mannschaiten niedergemetzelt. Ihr kämpft für Eure Frauen, Eure
Kinder, für Euch selber!
llir \ertridigung der Bayrischen Rlilerepubtil. \pnV\Iai 1919
Zeigt den Kapitalisten und deren bezahlten Söldnern, wie das
Proletariat für seine Sache zu kämpfen weiß.
Zeigt der weißen Garde, wie die Rote Armee zu siegen ver-
steht! den Ginsatz von Artillerie konnte die Konterrevolution den Wi-
Auf zum Kampfe für die Sache des Proletariats!« derstand der Rotarmisten brechen und sie zum Hückzug zwin-
Die bnyrische Rote Armee nahm entschlossen den Kampf mit gen.
den mehrfach überlegenen konterrevolutionären Truppen auf. Bis zum 30. April 1919 war es den bayrischen und württem-
fhre Angehörigen kämpften selbstlos und kühn. So verteidigten bergischen Truppen gelungen, von Westen und Südwesten her
I 0 Rotarmisten das Kloster Schäitlam gegen eine Kompanie des bis zu den Vororten Münchens vortustoßen. Nur im orden der
I. Württemhergischen Freiwilligenregiments. Deren erster Angriff Stadt behauptete die Rote Annec noch Dachou und hielt damit
wurde abgewehrt. Erst beim zweiten Angriff, nachdem ein Rotar- den Vormarsch der konterrevolutioniiren Hauptkräfte auf. ,\'ach
mist gefallen und die Munition ausgegangen war, konnten die wie vor war die Dachauer Armeegruppe der entscheidende Fak-
Söldner die Stellung nehmen. Die Rotarmisten wurden vor ein tor für die Verteidigung der Bayrischen Räterepublik. Sie hatte
Standgericht gestellt. zum Tode vemrteilt und erschossen. die zahlenmäßig stärkste Gruppierung der Roten Armee aufzu-
Besonders hartnäckigen Widerstand leistete die Rote Armee weisen und verfügte über ein gut ausgebautes Verteidigungssy-
den von Westen auf München vorrückenden konterrevolutionä- stem.
ren Truppen in und bei Fürstenfeldbruck. ach dem Fall von Als bekannt wurde, da.ß von den konterrevolutionären Trup-
Augsburg war hier und in die Orte Oiehing und Maisach eine pen 2 Pnnzerzüge gegen die Dachauer Armeegruppe eingesetzt
Formation der bayrischcn Roten Armee in Stärke von etwa werden sollten, wurde eine Patrouille ausgeschickt, die die Eisen-
I 300 Mann eingerückt und hatte Stellung bezogen. Erst durch bahngleise zu sprengen hatte. Es gel11ng diesem Trupp, ifem 15

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-
russische Internationalisten angehörten, seinen Auftrag zu erfül- 11 n. Im Süden und im Westen war der militiirische Umschlie-
len und einen PanzCI"LUg zum Entgleisen zu bringen. ßungsring noch nicht ganz geschlossen. Eine Verbindung zur Au-
Durch Überläufer erfuhr das Oberkommando der Oachauer ßenwelt besaß München jedoch nur noch im Südosten, und zwar
Anneegruppe, daß der Gegner für den 30. April, gegen 12 Uhr mit Rosenheim, wo sich eine relativ starke Gruppierung der Ro-
einen Generalangriff auf Oachau plante. Zu seiner Abwehr wur- ten Armee befand.
den bei El:i;enhausen die Stellungen mit mehreren Maschinenge· Durch den Rückzug aus Dachau hatte die bnyrische Rote Ar·
wehren und 2 77-mm·Ccschützen verstärkt. Das II. und das mce das Vorfeld von München aufgegeben. Ocr plötzliche und
111. Sturmbataillon sollten über Cünding hinaus einen Gegenstoß völlig unmotivierte Abzug der Oachauer Armeegruppe wirkte
führen. ;,ich demoralisierend auf die gesamte bayrischc Hole Annee aus.
Während sieb die Rotonnisten tapfer dem Ansturm der konter- \lit dem Verrat KJingelhöfers wurde der militärische Zusammen·
rc' olutionären Übennacht entgegenstellten. warer~> die Kapitulan- bruch der Bayrischen Räterepublik eingeleitet.
ten weiter am Werk. Toller kehrte von der Vollversammlung der Der Weg nach Münrhen stand der Konterrevolution nun of·
Betriebs- und Soldatenräte nicht wieder nach Dachau zurück. An f('n. Die Regierung lloffmann lehnte erneut alle \'erhandlungsnn·
seiner Stelle übernahm der kleinbürgerliebe USPD-F'ührer Cu- !(ebote ab.
stav Klingelhöfer - trotz seines kapitulantenhaften Verhaltens ln der acht zum I. Mai 1919 schickt e das Bayerische Schiit·
nuf der Vollversammlung - am 28. April das Kommando iiber zcnkorps unter Epp einen Agenten mit dem Aultrag nach Mün·
die Dachauer Armccgruppc. Obwohl die Lage günstig war und eben, unter den Solduten des lnfanterieleibregimenls, das sich be-
die Rotarmisten eine gute Kampfmoral besnl.len. befahl Klingel- reits am Putsch vorn 13. April beteiligt halte, eine Meuterei
höfer, die Stellung aufzugeben und die Oachnuer Armeegruppe anzuzetteln. Etwa 200 Soldaten konnten dafür gewonnen wer-
nach München zuriickzufiihren. Er berief sich bei seinem er- d('n. Diese besetzten zusammen mit einer Gruppe reaktionärer
such. dem Kampf feige auszuweichen, auf einen Befehl von Ru· Studenten überraschend das Schloß, das Hathaus und andere
dolf Egelhofer. Der aber hatte einen solchen Befehl nie erteilt, im "ichtigc Gebäude.
Gegenteil. Egelhofer bcfond sich zu diesem Z1•itpunkt auf dem Am I. Mai drangen die ersten konterrevolutioniiren Truppen
Weg nach Dacbau, um die Führung des Kampfes 1111 diesem für in München ein. Oie »Münchner Rote Fahne• brachte in ihrem
die Verteidigung der Buyrischen ltäterepublik so entscheidenden Aufruf zum I. Mai den Heroismus und die Kampfentschlossen-
Frontabschnitt zu übernehmen. heit der Arbeiterklasse zum Ausdruck:
Zum Schutze des Dachaucr Bahnhofs ließ Klingelhöfer eine »Die roten Fahnen wehen nicht zu einer Frcudenfeier, sie we-
el"'a I 00 :\lann starke '\ ache zurück. ~ach Abzug der Armee· hen voraus den Schlachtreihen der Arbeiterklasse. Und unser
gruppc stieß das Freikorps Görlitz diesen Rotarmisten in den \ lünchener Proletariat tränkt sie aufs neue mit seinem besten
Hücken. Es entwickelte sich ein heftiges Gefecht. Erst nach drei- Blut. Das Münchener Proletariat erbringt in furchtbarem Kampf
stiindigem Kampf und dem Einsalz von Artillerie konnten die !(t'gen einen übcrmiichtigen Feind den Beweis der Treue. Es hat
konterrevolutionären Truppen den Bahnhof besetzen. ein Fort gestürmt :w einer Zeit, '"o das Gros des Hevolutionshee-
Den Abzug der Oaehuuer Armeegruppe nutzten die konterre· r·t' S noch nicht nachko"nuncn konnte. Umbranclet ist es von allen
volutionären Tn.ppen sofort aus, um Schläge gegen die sich zu· Seiten von der tobenden Reaktion. Das Münchener revolutionäre
rückziehenden Einheiten der Roten Armee zu führen. Erbitterte Proletariat gibt dem ersten Mai seine höchste Weihe. Als Winkel·
Kämpfe entbrannten bei Föhring, wo sich die notarmisten schon ried der deutschen. der internationalen Hevolution stürzt es sich
nicht mehr verschanzen konnten. Weitere Gefechte fanden bei in den Kampf, seiner heiligen Pflicht bewußt. '\ cltkamprtag!
Trudering, Zamdorf und Ricm statt. Vom Norden und vom Osten '\uf die Schanzen!
riicktcn die reaktionären Truppen unmittelbar an München her· ln Kampf und Tod Clir den Kommunismus!«

100 I 0I
In München entbrannten schwere bewaffnete Auseinanderset- Angehörige der bayrischen Roten Armee und bewaffnete Arbei-
zungen. Obwohl der Kampf so gut wie aussichtslos war, leisteten ter Münchens der Konterrevolution Widerstand.
Angehörige der bayrischen Roten Armee gemeinsam mit bewaff. Hartnäckig verteidigten sich auch die Rotarmisten in Rosen-
neten Miinchner Arbeitern erbitterten Widerstand. Als der End- heim, das die konte rrevolutionären Truppen am l. Mai einneh-
kampf um München stattfand, existierten weder die Dachauer men wollten. Sie gingen zum Gegenangriff über und vereitelten
Armeegruppe noch irgendwelche anderen geschlossenen Forma- den Vorstoß der Söldner. 1acbdem die Konterrevolutionäre er-
lionetl der bayrischeo Roten Armee mehr. Die einzelnen Kampf- hebliche Verstärkungen herangeholt hatten, zogen sich die Rotar-
trupps, in deren vordersten Reihen bis zuletzt die Kommunisten misten nach Kolliermoor zurück. Am 4. Mai mußten sie sich der
standen, kiimpften ohne zentrale Fiihrung und weitgehend iso- Übermacht ergeben. Einen Tag darauf wurden ihre Führer hinge-
liert voneinander. ' richtet. ·
Die Stellungen nördlich von München, von den Arbeitern ver- Seit dem 3. Mai 1919 herrschte in München die Konterrevolu-
schiedener Großbetriebe zäh gegen eine erd.rückende Übermacht tion. Rotarmisten und be,vaf[nete Arbeiter, die den Söldnern in
verteidigt, wurden am l. Mai, gegen LI Uhr dttrchbrl'chen. Da- die Hände gefallen waren, wurden meist sofort 4ilrschossen oder
nach zogen sich die Arbeiter heldenhaft kämpfend zum Stadtzen- erschlagen. Zahlreiche Kommunisten und Angehörige der bayri-
tnml zurück. In den engen Straßen der Innenstadt entwickelte schen Roten Armee, unter ihnen Rudolf Egelhofer, aber a uch an
sich ein verbissenes Ringen. Am Hauptbahnhof Fügten Angehö- der Räterepublik völlig Unbeteiligte fielen der Mordwut der kon-
rige der Roten Armee unter Führung von Rudolf Egelhofer dem terrevolutionären Truppen zum Opfer. Während in1 bewaffneten
Gegner bedeutende Verluste zu. Im Nordwesten Münchens, in Kam pf zur Verteidigung der Bayrischen Räterepublik 107 Prole-
der Oachaue r Straße, leisteten etwa 60 Rotarmisten hartnäckigen tarier gefal.len waren, betrug im Vergleich hier'.w die Zahl der· Er-
Widerstand. Zwischen dem Stiglmeyerplatz und dem Maßmann- mordeten ein Vielfaches. Sie konnte nie genau (estgestell! wer-
pfalz wurde versucht, den Vormarsch der konterrevolutionären den. Die unterste Schätzung liegt bei 400, die höchste bei
Truppen gegen die nordwestlichen Arbeiterviertel und das Stadt- I 500 Toten.
innere aufzuhalten. Aber fast unaufhaltsam drang von verschiede- Dem Terror der konte ' rrevolutionären Truppen folgte die bour-
nen S'eiten unter Einsah: von Tanks, Panzerkraftwagen und Ge- geoise Klassenjustiz. In München setzte nach dem 3. Mai eine
schlitzen die konterrevolutionäre Übermacht in München ein Verhaftungswelle großen Ausmaßes ein. Alle Angehörigen der
und eroberte das Stadtzentrum. Damit entschied sie über das bayrischen Roten Armee oder der Räteregienmg waren fiir die
Schicksai der Räterepttblik. Konterrevo.lution . Spartakisten«, gegen die ein regelrechtes Kes-
Ihre letzten militärischen Operationen konzentrierten die ein- seltreiben veranstaltet wurde. Bis Mitte Februar 1920 führten die
rückenden Truppen gegen die Arbeiterviertel Giesing und Haicl- angeblich zur »Wiederherstellung der Demokratie« eingesetzten
bausen sowie gegen das SchlachthofvierteL Oie Verteidiger der 25 Sondergerichte 5 233 Strafprozesse durch; wegen Beteiligung
Riiterepublik hatten hier in aller Ei le aus Bierfässern, Möbelstiik- an der Rätebewegung wurden 65 Personen zu Zuchthaus-, I 737
ken und Karren Barrikaden e rrichtet. Plötzliche Angriffe kleiner zu Gefängnis- und 407 1JU Festungsh.aft. verurteilt, die T odesur-
Gruppen von Verteidigern, die aus Kellern und von den Dächern teile nicht mitgerechnet.
schossen, hielten die Truppen au[. Da auch die Tanks nicht in die Auch Eugen Levine, der hervorragende Führer der Bayrischen
Tiefe des Raumes vordringen konnten, vermochte das Militär erst Räterepublik, auf dessen Ergreifung eine Bel.ohnung von
nach dem Eintrerfen von Verstärkungen und nach der »Säube- I 0 000 Mark ausgesetzt war, wurde von Spitzeln aufgespürt, ver-
rung« des Wohngebiets, die mit einer systematischen Beschie- haftet und der bürgerlichen Klassenjustiz überantwortet. Unge-
ßung der Fenster von Arbeiterwohnungen begann, die Lage wl· brochen verteidigte er vor Gericht die Ehre der Konummisti-
ler ihre Kontrolle zu bringen. 1och bis zum 3. Mai 1919 leisteten schen Partei Deutschlands, das heldenhafte Ringen der

102 103
Bayriscben Riiterepublik. Am 3. Ju ni 1919 wurde Eugen Levin~ Die Macht des Monopolkapitals blieb in Deutschland unangeta-
zum Tode verurteilt, am 5. Juni das Urteil vollstreckt Mit dem stet.
Ruf . Es lebe die Wcltrevolutionc brach er unter den Kugeln des Die de utsche 1ovemberrevolution 19 I 8/19 vollzog sich am
Exekutionskommandos zusammen. Beginn d er von d er Großen Sozialistischen Oktoberrevolution
Die Errichtung und Verteidigung der Bayrischen Räterepublik eingeleiteten Epoche des Übergangs vom Kapitalismus zum So-
war der letzte Höhepunkt der ovemberrevolution. Die Bestre- zialismus. Sie war di e bis dahin internationnl bedeutsamste anti-
bungen der fortgeschrittensten deutschen Arbeiter vom Frühjahr imperialistische Massenbewegung im Gefolge der Oktoberrevolu-
1919, die 1ovemberrevolution zur sozialistischen Revolution tion. Deren Ideen und unmittelbare Auswirkungen beeinßußten
weiterzuführen, fanden hier besonders klaren Ausdruck. Die For- Inhalt und Fonnen des Kampfes der d eutschen Revolutionäre be-
mierung der bayrischen Roten Annee stellte die bis dahin größte deutend. Die ovemberrevolution wiederum stärkte die Positio-
militärorganisatorische Leistung der de utschen Arbeiterklasse nen der internationalen Arbeiterbewegung und war eine wirk-
dar. Für ku rze Zeit bestand mit ihr auf deutschem Boden im An- same Unterstützung der jungen Sowjetmacht Sie gab ihr die
salz eine Armee, die den Interessen des Volkes diente. \1öglichkeit, den Brester Frieden zu annullieren, und erleichterte
Die vom I 3. Apri l bis zum 3. Mai I 919 existierende Bayrische ihr die Befreiung ßelorußlands und d er Ukraine.
Räterepublik war der bislang in Deutschland weitestgehende und Bereits im ersten Ansturm erreichte die Volksrevolution Gro-
reifste Versuch, im lokalen Hahmen die Diktatur des Proletariats ßes, das weit in die ZukunFt wirkte und wiederholt mit der Waffe -
zu errichten. Eugen Levin~ und seine Kampfgefährten hatten den gegen die Reaktion veneidigt werden mußte.
Aufbau der Bäte macht in Bayern mit der Oberzeugung in die Der Kampf um diese Errungenschaften bestimmte von nun an
Hand genommen, eine n wichtigen Beitrag zur Fortführung der maßgeblich die Klassenauseinandersetzungen in Deutschland. Ab
Weltrevolution zu leisten. Zu Recht würdigte Clara- Zelkin die Ende 1918 unte rnahm die Konte rrevolution ständig Attacken,
ßayrische Räterepublik als ein bleibendes Vorbild: . Oie Vorhut um das Rad der Geschichte zurückzudrehen, die revolutionären
des Proletariats kämpfte in München, bcfl\cit von einem Wust po- Kräfte entscheidend zu schlogen und die bereits gewonnenen
litischen, soziolen Aberglaubens. Ihr revolutionäres Hingen ist so Hechte und Freiheiten zu beseitigen. Dagegen setzten sich die
nicht nur nach seinem Umfang, seinem Ungestüm, der Größe sei- Werktätigen in machtvollen Massenbewegungen zur Wehr. Als
ner Opfer der llöhepunkt der Klassennuseinandersetzung zwi- Antwort auf das gcwoltsumc Vorgehen der Reaktion en twickelten
schen Bourgeoisie und Arbeiterklasse in den Revolulionsmona- sich aus i~nen hiiufig bewaffnete Abwehrkämpfe der deutschen
ten. Es ist ebenso ein l löhepunkt nach seinem geschiehtlieben Arbeiterklasse, die entscheidend dazu beitrugen, revolutionäre
Sinn. Es wird deshalb für die künftigen Revolutionskämpfe be- Errungenschaften zu verteidigen und den wiedererstarkenden
deutsam bleiben.« Kräften des deutschen Imperialismu s und Militarismus Grenzen
zu setzen. Da der be waffnete Wide rstand der Arbeiter jedoch iso-
Mit der , iederlage der Bayrischen Räterepublik endete die No- liert blieb, konnten die revolutionären Zentren Deutschlands
vemberrevolution 1918/ 19 - die erste Volksrevolution gegen nacheinander blutig niedergeschlagen werden, erlagen die Revo-
Krieg und Imperialismus in der deutschen Geschichte. Sie war lutionäre im Frühjahr 1919 der konterrevolutionären ÜbennachL
eine elementare Antwort der Volksmassen auf den mörderischen Als wahre Volksrevolution hatte die 'ovemberrevolution YfiJ-
Raub- und Eroberungskrieg und richtete sich gegen das Gesell- lionenmassen in den po litischen Kampf einbe-.t.ogen, ihne n wert-
schaftssystem, das den ersten Weltkrieg zu verantworten hatte. volle Erfahrungen vermittelt. Trotz des heldenhaften Kampfes
Der bewaffnete Aufstand der Arbeiter, Soldaten und Matrosen der revolutionären Arbeiter und Soldaten war es jed~ch nicht ge-
Anfang 1 ovember 19 18 brachte dem deutschen Volk den Frie- lungen, den Imperialismus und Militarismus zu stürzen und ein
den. Doch der Krieg wurde nicht mit seinen Wurzeln ausgerotleL friedliches, .demokratisches und sozialistisches Deutschland
. zu ~-

104 105
richtrn. lle Versuche, die 'ovcmbcrrevolution in eine sol!in!Jisti. Gewaffnete Aktionseinheit gegen den
sehe Revolution hinüberzuleiten, erlitten eine Niederlage.
\ ovemberrevolution blieb ihrem Chamkter nach eine antiimpe. Kapp-Lüttwitz-Putsch 1920
rialistisrh-demokmtische Revolution, die in der politischen Herr-
schaft des deutschen Imperialismus einen '' cchsel von der Mon-
archie zur biirgerlich-parlameolarischen Republik erzwang. Auch
die .\lilitürfragc wurde nicht zugunsten der Volksmassen gelöst.
Es entstand kein dem gesellschaftlichen Fortschrill und der Si-
chrrung des Friedens verpflichtetes Militärwesen.
Dos wichtigste Ergebnis der ovemberrevolution \>'ftr die
Gründung der Kommunistischen Parlei Deutschlunds an der Jah-
reswende 1918/ 19. Diese Partei, die zum Ausgongspunkt ma.rxi- Der Putsch uf\d seine Hintergründe
stisch-lcninistischer Militärpolitik in der deutschen Arbeiterbewe-
gung wurde, besaß von Anfang an auch auf militärpolitischem Die reaktionären Kriifle Deutschlands gaben sich mit ihrem Sieg
Gebiet klare programmatische Vorstellungen. eben den aus der iilwr die revolutionären Arbeiter im Frühjahr 1919 nicht zufrie-
Oktoberrevolution gezogenen Schlußfolgerungen gehörte dazu drn. Sie setzten die konterrevolutioniirc Offensive mit dem Ziel
frühzeitig die Verarbeitung der in der ovemberrevolution ge- fort. die durch die Novemberrevolution 1918/ 19 erschütterte und
machten E:rfahrungenc Die KPO ent".ickelte auf ihrem Grün- immer noch labile .\1acht des deutschen Imperialismus möglichst
dungsparteilag ein militärpolitisches Altemativprogmmm zum rn~ch wieder zu festigen.
Militorismus, das vor allem die revolutionäre Lösung der Militär- Die Siegennächte des ersten Weltkrieges standen dem wohl-
fmge beinhaltete - die Bewaffnung der Arbriterklasse und die wollend gegeniiber, insbesondere waren auch sie an der 1\"ieder-
Entwaffnung der Bourgeoisie. ~(·hlagung der revolutionären deutschen Arbeiterbewegung inter-
Aus den Kämpfen der deutschen Arbeiterklasse in der ovem- essiert. Der nm 28. Juni 1919 unten eichnetc und am I0. Januar
berrcvolution zog die KPD grundlegende Lehren, die auch den 1920 in Kraft getretene Versailler Vertrag ließ den deutschen lm-
militiirl>olitischrn Überlegungen des Proleinrials neue Perspekti- Jll'riulisten in dieser Beziehung einen gewissen Spielraum. Ande-
ven eröffneten. In den auf die Novemberrevolution 1918/ 19 fol- rrrscits, und darin bestand das wichtigste Ziel des Vertrages,
gl'ndcn bewaffneten Kämpfen zur Verteidigung der ovemberer- sollte die deutsche Konkurrenz auf dem Weltmarkt zurückge-
rungensehaften konnte sich die deutsche Arbeiterklasse auf eine drängt, der deutsche Imperialismus politisch, ökonomisch und
Portei stützen, die sich zunehmend zu einer Partei neuen Typs militiirisch geschwächt werden.
ent"' ict..elte. Ihre schwc..".iegendsten Folgen hallen die Bestimmungen des
\ l'rsai ller Vertruges für das deutsche Volk. Die Reaktion nutzte
dus aus, um Nationalismus, Chauvinismus und Revanchismus an-
t-uheizcn und so von der eigenen Schuld am Krieg und an seineo
Folgen abzulenken. Langfristiges Ziel "'ar, einen Revanchekrieg
ideologisch vorzubereiten. Damit im Zusammenhang wurde von
den reaktionären Kriiften auch di e antikommunistische und anti-
sowjetische lletze forciert, um den Auswirkungen der Großen
Suzinlistischen Oktoberrevolution 191 7 und drr ovcmberrevo-
lu tion 1918/19 entgegenzuwirken und den Boden für neue, ge-

107
waJlsame Angriffe gegen die revolutionäre Arbeiterbewegung in F'ii r dus rnilitiirische Wiedcrerstnrkcn des deutschen Imperia-
Deutschland zu bereiten. lismus wuren der Aufbau der Reichswehr und der unmittelbare
Gleichzeitig unternnhm die deutsche Monopolbourgeoisie in- F:influß ihrer Fühnmg auf die Hegicrungspoliti k 1919/20 die
tensive Anstrengungen, um aus dem Übergang von der Kriegs- ..·ichligsten Aspekte. Darüber hinaus schuf sich d er deutsche Mi-
zur Friedenswirtschart in großem Maße zu profitieren. Umfang- litarismus weitere Instrumente zur Unterdrückung und Beeinflus-
reiche Staatsauftrüge für Bohnen, Post, Energieversorgung und öf- sung der olksmassen sowie zur militärischen Wiederaufrüstung.
fentliche Bauten sowie andere Maßnahmen führten seit Sommer Das gelang ihm, indem er sich an die nach der Großen Sozialisti-
1919 zu einer spürbaren wirtschaftlichen Belebung. schen Oktoberrevolution grundsät.zlich veränderten Entwick-
Trotz des lrersailler crtragcs entwickelte der deutsche lrnpe- lungsbedingungen anpaßte und die in der Weimarer Republik
rialismus 1919 bedeutende Akti,<itäten, um seine militärische ringeschränkten Wirkungsmöglichkeiten berücksichtigte. 1\'eu ge-
Macht wieder zu festigen. Dazu gehörte vor allem die beschleu- schaffen wurde beispielsweise die Sicherheitspolizei. deren Auf-
nigte Formierung neuer Steitkriirte, nachdem das geschlagene gabe es war. die Heichswehr bei inneren Einsätzen spürbar zu
und in Aunösung begriffene I leer und die ~1nrine im Ergebnis entlasten. Andere Organisationsformen der militaristischen Kräfte
der Kriegsniederlage demobilisiert werden mußten. Oie neuent- "aren die Einwohnerwehren und die reaktionären Wehrver-
stehende militärische Macht, seit Miirz 1919 als vorläufige bände. Militaristische Ideologie verbreitend, betrieben sie anti-
Reichswehr bezeichnet, bestnnd in ihrem Kern aus direkt über- kommunistische und revunchistische I fetze und bildeten eine be-
nommenen Formalionen des allen I leeres, aus konterrevolutionä- achtliche Massenbasis für die zukünftige Aggressionspolitik des
ren Freiwilligenlruppen, die sich Zllm größten Teil aus den be- deutschen Imperialismus.
rüchtigten Freikorps rekrutierten, sowie aus sogenannten \ on den 1919 bereits wieder politisches Oberwasser gewin-
Grenzschutzverbiinden. Für die vorliiul'ige Reichswehr wurden nenden militaristischen Kräften ging die größte Gefahr für die in
vor allem diejen igen Unteroffiziere und Mannschaften ausge- der ovemberrevo!ution 1918119 erkämpften demokratischen
wählt, die Fronterfa hrungen und SI)Czielle militärische Kenntnisse R<'chte und Freiheiten aus. Ultrnrenktioniire Kreise glaubten im
besaßen sowie politisch als •zuverlässige galten. Gleichzeitig for- Lnterschied zu den politisch Beweglicheren innerhalb der herr-
mierte sich ein Offizierskorps, das von fanatischem Anti kommu· schenden Klasse, daß ein schnelles Wiedererstarken der Macht
nismus, Revanchismus und militaristischem Kastengeist durch- rl(•S deutschen lmr>crialisn'lus nicht durch eine sozia ldemokra-
drungen war. Mille 19 19 umfaßte die neue Streitmacht über tisch-bü rgerl iche Koulilionsrcgierung und den Abbau dieser oder
400 000 Mann. Dnmit verfiigte die herrschende KJasse über ein jener Errungenschaft aus der I ovcrnberrevolution 1918119, son-
wesentlich schlagkrii!tigeres konterrevol utionäres Machtinstru- dern nur durch die ßeseitigung der bürgerlich-parlamentarischen
ment als zur Zeit der ovembcrrevolution 1918119. Auch wenn Republik zu erreichen sei. Sie traten ebenso wie Großgrundbesit-
dessen Stärke entsprechend den im Versailler Vertrag fixierten zer und rheinische Schwerindustrielle für einen militaristischen
Bestimmungen auf I 15 000 Mann reduziert werden mußte, seine Putsch ein.
Rolle als imperialistisches Unterdrückungsinstrument im lnnern Oie sich seit Mitte 1919 sammelnden Verschwörer hofften,
wurde durch den \ ertrug in keiner Weise beeinträchtigt. Das war maßgebliche imperialistische Kreise des Auslands für ihre Ziele
insofern von Bedeutung, da die innere Funktion der imperialisti- !{t>winnen zu können. Sie spekulierten dabei auf die Gegensätze
schen deutschen Armee in der Weimarer Republik unter den Be- Z\\ischen den Großmilchten und in erster Linie auf die von die-
dingungen der allgemeinen Krise des Kapitalismus, den hlchwir· sen Deutschlandzugewiesene Rolle als antibolschewistische Speer-
kungen der Kriegsniederlage und der Novemberrevolution spitze. Denn in d<'n kontrrrevolulionären Absichten dieser
1918119 sowie der wachsenden Ausstrahlungskraft der Sowjet· Kräfte nahm OeÜtschland durch seine geographische Lage sowie
macht ein größeres Ge,.icht als bisher erhielt. durch seine ökonomischen, politischen und militärischen Polen-

108 109
I

zen eine Schlüsselsleitung in der Auseinandersetzung zwischen tagsgebüude zum Protest gegen dieses Gesetz zusammenfanden,
Imperialismus und Sozialismus ein. Kontaktaufnahmen der Ver- schossen dort postierte Angehörige der Sicherheitspolizei auJ un-
schwörer zu britischen Militärkreisen blieben beispielsweise da- bewaffnete Demonstranten. Sie töteten 42 von ihnen und ver-
her nicht ohne Erfolg. " undeten I 05.
Die zunehmenden Bestrebungen des deutschen Monopolkapi- Oie reaktionürstcn Kreise nutzten dieses blutige Ereignis, um
tals. das Kräfteverhältnis in der Weimarer Republik weiter zu ihre Putschvorbereitungen zu beschleunigen. Dabei halfen ihnen
verändern, stießen auf den heftigen Widerstand der Werktätigen. die jetzt noch rascher aus den Kassen von Monopolkapitalisten
Deren Kampfeswille war lrotz ihrer iederlage in der 'ovember- wie Ernst von Borsig. Emil Kirdorf und llugo Stinnes nieBenden
revolution 1918/ 19 nicht gebrochen. In Berlin, Mitteldeutsch- finanziellen Mittel. Es entstanden neue Kontakte zur rechtsste-
land. Oberschlesien und in anderen Gebieten Deutschlands bra- henden Presse, zu ultrareaktionären Organisationen und Persön-
chen seit Sommer 1919 erneut machtvolle Streiks gegen die lichkeiten.
\'orstöße der Reaktion aus. Alle wichtigen Fäden der Verschwörung liefen über Wolfgang
Die KPD unterstützte diese Aktionen, obwohl sie sich 1919 in Kapp. Gutsbesitzer und Direktor der ostpreußischen General-
einer äußerst komplizierten Situation befand. Kun; nach ihrer landschaft - einer öffentlich-rechtlichen KreditanslalL Dieser '
Gründung waren ihre besten Führer heimtückisch ermordet wor- \lann war kein politischer Außenseiter, sondern ein einflußrei-
den. und ihre Mitglieder hatten härteste Verfolgungen zu ertragen. cher Vertreter der deutschen Konterrevolution. Er gehörte dem
Den größten Teil des Jahres 1919 mußte die KPD in der 111egali- ~ \ufsichtsrat der Deutschen Uank und dem Hauptvorstand der
tät "~rken. Trotzdem stellte sich die KPD in die vordersie Reihe großbürgerlichen Deutschnationalen Volkspartei an. Kapp genoß
des Kampfes, als sich die innenpolitische Situation zu Beginn des dns Vertrauen von Großgrundbesitzern, schwerindustriellen Krei-
Jahres 1920 zuspitzte. sen und Generalen der Reichswehr.
Zum Anlaß dafür wurden die Ereignisse Anfang Januar 1920 Zur Reichswehr hatten die Verschwörer durch den General
vor dem Reichslug in llcrlin genommen. Dort hatten sich Zehn- dl'r Infanterie Wallher Freiherr von Lüttwitz eine besonders enge
tausende voh \Verktiitigen zu einer friedlichen Demonstration \"crbi ndung. General von Lüttwitz befehligte das Reichswehr-
versammelt, um gegen das reaktioniire Betriebsrätegesetz zu pro- gruppenkommando I und verfügte damit über eine zentrale Füh-
testieren und für die Bcibeholtung der Mitbestimmung in den Be- rungsposition innerhalb der Streitkriifte. Seine Bereitschaft und
trieben einzutreten. Diese Forderung haUe auch die Führung der die unclcrcr führender Offiziere der Reichswehr zu einem Um-
KPD auf ihrer Zentralausschußsitzung Anfang Januar 1920 erho- sturz resultierte vor allem aus ihrer Gegnerschaft zur bevorste-
ben. Denn der vorgelegte Gesetzentwurf degradierte die Betriebs- henden Reduzierung der Reichswehr auf die von den Sieger-
räte - eine wichtige Errungenschaft der 1 ovemberrevolution möchten geforderte Stiirke von I 15 000 Mann und zur Auflösung
1918/ 19 - zu einer bloßen Ueschwerdeinstanz, zu einem Hilfs- der Einwohnerwehren sowie der Zeitfreiwilligenverbände. Die
orgnn der Unternehmer. Durch dieses Gesetz verloren die Räte \ ersuche des Generals von Lüttwilz, den Reichspräsidenten Fried-
ihre Funktion als potentielles Kampf- und Machtorgan der Arbci· rich Ebert umzustimmen, schlugen fehl. Auch die Ebert und
ter, es war eine Gegenmaßnahme der herrschenden Klasse auf \oskc durch Lüttwitz vorgetragenen ultimativen Forderungen
den im Frühjahr 1919 von den Werktätigen erkämpften Ausbau der Verschwörer wurden abgelehnt. Daraufhin lösten sie im März
von Positionen der Arbeiterräte in den Betrieben. Aber daß die 1920 den Putsch aus.
Regierung gezwungen gc.... esen .... ar, überhaupt ein Betriebsräte- Auch ehemalige Militiirs, darunter so einflußreiche wie Gene-
gesetz vorzulegen, zeugte davon, wie tief der Rätegedanke auch ral der Infanterie a. D. F:rich Ludcndorff, unterstützten die Um-
jetzt noch in Teilen der deutschen Arbeiterklasse wurzelte. ~turzpliine. Zu diesem Kreis, der sich zum Teil in der konterrevo-
Als sich am 13. Januar 1920 Zehntausende vor dem Reichs· lutionären o t ationalen Vereinigung• - einem Dachverband

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nationalistischer Verbände - organisiert halle, gehörten weiterhin ,dts erkannten die Putschisten aber auch, daß sie ohne
Oberst a. 0 . Max Bauer, im ersten Weltkrieg politischer Berater \lu~senbasis auf längere Dauer kaum rcgicl'('n konnten. Deshalb
von Ludendorff, und Hauptmann a. 0. Waldemar Pabst, Mitver- , rrsuchtcn sie mit der Metbode .Zuckerbrot und Pcitschec,
antwortlicher für die Ennordung von Kar! Liebknecht und Rosa reUe der Arbeiterklasse für sich ZU gewinnen, und versprachen
Luxemburg. thnen demagogisch, sie vor der tinternationalen \ erknechtung
Diese Kräfte hielten am 13.Mä,rz 1920 ihre Stu nd e für gekom- durch das Großkapitale und 'or einer angeblich drohenden tbol-
men und übernahmen durch einen Putsch die llegierungsgewall 'chewistischen Cclabrc zu schützen. Mit der Behauptung, die
Am frühen Morgen dieses Tages zogen etwa 5 000 Mann der Putschregienmg sei eine . Regierung der Ordnung, der Freiheit
2. Marinebrigade mit klingendem Spiel in Berlin ein. Oie Bri- ttnd der Tat c wurde versucht, in breiten Bevölkerungskreisen
gade - nach ihrem Kommandeur, Korvettenkapitän Hermann Ei nfluß zu gewinnen.
Ehrhardt, auch Brigade Ehrhardt genannt - kam aus ihrem nord- Diese demagogischen Beteuerungen fruchteten, soweit sie
westlich von ßerlin gelegenen Quartier, dem Ausbi.ldungslager iib(•rhaupt an die Ohren der Werktätige n drangen, ebensowenig
Döberitz. Sie marschierte zur Siegessäule und paradierte danach "ie die Drohungen gegen den Streik. Oie von den Putschisten er-
vor einer Gruppe hoher Offiziere und prominenter Zivilisten. Zu hoffte !lassenbasis kam nicht zustande. Lediglich eine kleine
dieser illustren Gesellschaft gehörten unter anderen Cencralland- ~rhar von Monopolisten, Großgrundbesitzern sowie höheren Be-
schahsdircktor Wolfgang Kapp. Trnugoll von Jagow - tmler Wtl- amten und 1\ljljtiirs unterstützte den Staatsstreich vorbehaltlos.
hclm II. Polizeipräsident von Be rlin -,der ehemalige Unterstaats- \ndcrc Kreise der herrschenden Klasse 'erhielten sich zu-
sekretär Friedrich Freiherr von Falkenhausen, General der rüc-khaltend. So stimmten die 1,rroßbiirgcrlichen Parteien dem
Infanterie Wallher Freiherr von Lüttwitz und Oberst a. 0. Max Putsch nur bcdin1,<1 zu. Auch in der Heichswchr erhielt er nicht
Bauer. den erhofften Bückhall ~ur eine kleine Zahl von Kommandeu-
I !inter dem Brandenburger Tor verli eßen General von Lütt- ren trat mit ihrrn Formationen, die vor 11llem in Ostpreußen,
witz, Ma.x Bauer und Vertreter des Stabes•dic Parade der Brigade Pom mrrn, Mecklenburg und Schlesien stationiert waren, oUen
und fuhren zum lleichswehnninisterium. Wolfgang Kapp begab uuf die Seite von Kapp- Liittwitz. Volle Zustimmung fand der
sich mit Traugott von jagow, der' als preußischer Innenminister Putsc·h dagegen beim Chef des Admiralstubs dct· Reichsmarine,
fungi!•re n sollte, und mit Freiherr von F'alkenhausen, d em vorge- \'i1.eodmit·al Adolf von Trotho.
sehenen Chef der Reichskanzlei, in das Regierungsgebiiude. Dort Die meisten Kommandeure der vorlüufigen Heichswehr ließen
ernannte sich Kapp zum Reichskanzler und preußischen Mini- 'irh von der Haltung des Chefs des Allgemeinen Truppenamts,
sterpräsidenten. Reichspräsident Friedrich Ebert und fast alle Ceneralmajor llans von Seeckt, leiten. Dieser lehnte mit der Pa-
Mitglieder der llegierung Custav Bauer nohcn zunächst nach role• . Truppe schießt nicht auf Truppcc den Einsatz von Reichs-
Dresden und dann nach Stuttgart. " r hrfonnationen gegen die Putschisten ab. \ach seiner Ansicht
Oie ersten Anordnungen ~er t neuen Hcgienmgc offenbarten hütte ein Kampf von Heicbswehreinheiten gegeneinander das
bereits eindeutig deren diktatorischen Charakter. Wolfgang Kapp "ichtigste Instrument zur Sicherung der imperialistischen Macht
verkündete die Aunösung der 1 ationalversammlung und der !(«'spalten und damit e ntscheidend geschwiicht. Die zwielichtige
Preußischen Verfassunggebenden umdesversammlung. Kundge- I htltung Secckts resultierte schließlich oueh aus dessen ablchoen-
bungen, Demonstrationen und das Erscheinen von Zeitungen dl•r Einstellung zur Weimarer Republik.
wurden verboten. Eine Verordnung vom 15.Milrz 1920 bedrohte Sceckt diente mit seinem Lavieren dem Gesamtinteresse der
St reikposten mit dem Tode. Sie sollte ei nem eventuellen General· d!'utschc•n Bourgeoisie. Er und die uuf seiner Seite stehenden '
streik entgegenwirken und zugleich eine wesentliche Errungen· Komma ndeure ließen sich die Möglichkeit offen, beim Gelingen
schoft der Arbeiterklasse, das Streikrecht, beseitigen. Anderer· clco Putsches zu Kapp - Lüttwitz überwgehen. Sie kalkulierten

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aber auch ein, daß bei einem Scheitern des Staatsstreichs die Re- dnzu auch el\lschlossen, als die an1 13. Miirz in ßerlin anwesen-
gierung wieder auf die Unterstützung durch die vorläufige den runktionäre der Zentrale der KPD unter linksradikalem Ein-
Reichswehr angewiesen war, um dem zu erwartenden revolutio- fluß den Kopp-Lüttwitz-Putsch unzutreffend als Auseinanderset-
nären Aufschwung zu begegnen. zung innerhalb der herrschenden Klasse werteten und nicht
oofort zu energischem Widerstand aufriefen. Viele Orts- und Be-
.ürkslcitungcn der KPD drängten so wie die Bezirksleitung Enge-
Arbeiterwehren siegen über die Putschisten birge-VogUand noch am l3.Märt zum Generalstreik.
~ach Eintreffen der Mehrheil ihrer Mitglieder in ßerlin be-
Formierung des Widerstands schloß die KPD-Zentrale am 14. Miirt 1920 einen Aufruf zum
Kumpf gegen den Putsch. Er forderte - ausgehend von der ein-
Oie Mehrheit der deutschen Bevölkerung lehnte den Kapp-Lütt- rlt•utigen Kennzeichnung des Klassenchnrnktcrs der • neuen Re-
'"ilz-Putsch ab und war zum Widerstand bereit. Ausgangs- und gierung« als einer Diktatur der Monopolkapitulisten, Großgrund-
Kristallisationspunkt aller Abwehraktionen bildeten die Arbeiter besitzer und Generale - den Generalstrei k und verlangte den
in den Betrieben. Millionen von ihnen, unterstützt von Landar- oofortigen RU cktritt der Kapp-Liittwitz-Regierung. Oie KPD-Fiih-
beitern. traten in den Generalstreik. Ihnen schlossen sich Zehn- rung empfahl weiterhin die Bildung von Organen zur Führung
lausende von AngesteUten, unteren und mittleren Beamten, de• Kampfes und die Formierung von Arbeiterwehrcn. Schließ-
Handwerkern und Angehörigen der Intelligenz an. lich forderte sie die Entwaffnung und Auflösung der Reichs"·ehr.
Ih re Führung übernahmen Aktionsausschüsse, Arbeiterräte dt•r Sicherheitspolizei, der Einwohnerwehren und der ZeitErei"~l­
und treikleilungen, die sich - anknüpfend an die Traditionen li!(enverbiindc.
des Kampfes der Werktätigen in der i ovemberrevolution Dan1il verdeu tlichte der Aufruf der KPD. daß der Kampf nicht
1918/ 19 - in dieser Situation neu formierten. An der Spitze die· nur um die Wiedereinsetzung der bisherigen Koalitionsregierung
ser Ausschüsse standen zumeist Funktionlire der Arbeiterpar- ;,u führen war, sondern entschiedene Schritte zur Beseitigung der
leien oder der Gewerkschaften. Sie leiteten Maßnahmen zum Wi- l rsuC'hen des Staatsstreiches sowie für ei ne Veränderung des
derstand gegen die Putschisten ein und bestimmten die politische I\ Iassenkräfteverhäitnisses in Deutschlund zugunstcn der Werktii-
Zielrichtung des Abwehrkampfcs. tig<•n ('ingcleilel werden mußten. Ausgehend hiervon, forderte die
Großen Anteil daran, die Abwehrfront der Werktätigen zu for· I--PO: •Jetzt endlich muß das deutsche Prolet11riat den, Kampf um
mieren, hatten die Freien Ge"•erkschaften mit ihren mehr als sie- srin(' eigene Macht eröffnen ... « Die Zentrale der KPD war sieb
ben \1illionen Mitgliedern. Der Generalstreikaufruf des Allgemei- j{·doch darüber im klaren, daß dies nicht von heute auf morgen
nen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGO) und der Arbeits- rt'alisierbar war. Sie warnte daher noch arn 14. ~ lärt in einem
gemeinschaft freier Angestelltenverbände vom Nachmittag des Hundschreiben an die Bezirksleitungen ovor der Vorstellung, als
13. Märt 1920 hatte große mobilisierende Wirkung. Dieser Auf· ob nun etwa mit einem Schlage alle lllusioncn, die bisher in den
ruf " 'ar, gemessen an der bisherigen Poli tik der Gewerkschafts- Köpfen der Arbeiter über den Wert der bürgerlichen Demokratie
führung, eine beachtliche Entscheidung. Er beschränkte sich je- hrrrschtcn, beseitigt seien. Es ist anzunehmen, daß es erst einer
doch darauf, den Generalstreik zu verkünden. langwierigen und OJ>ferreichen Kampfführung bedürfen wird, bis
Oie rilhrung der KPD hatte schon seit Tagen vor der Gefahr di<'se Illusionen in den entscheidenden Schichten der Arbeiter·
eines kont errevolutionären Putsches gewarnt. Es war daher klussc restlos beseitigt ... sein werden.«
selbstverstiindlich, dr\ß sich die Kommunisten sofort nach Be- Oie Wcrkliitigen traten in den Generalstreik, weil sie durch
kanntwer·den des Putsches den Ab,vehraktioncn anschlossen drn Kapp-Liiltwitz-Putsch die in der ovcmbcrrevolution er-
oder mithalfen, diese zu organisieren. Die Partei mitglieder waren kiimpften Rechte und Frei heiten ernsthaft bedroht sahen.

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J\m \llontag, dem 15. März 1920, halte sich der Generalstreik \ crtretcrn des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes
auf ganz Deutschland ausgedehnl Er crfaßte fast 12 Millionen und der Arbeitsgemeinschaft freier Angestelltenverbände gebildet
Wcrklätige, deren geschlossenes Auftreten mobilisierend aui die und stand im engen Kontakt zum Partei\ orstand und zur Berliner
nichtprolrtarischen Schichten wirkte und erneut bestätigte, daß Bezirksleitung der SPD. Die andere, die Zentralstreikleitung, lag
nur dir einheitlich handelnde Arbeiterklasse fähig ist, als füh- 'or allem in den Händen führender Funktioniire der USPD und
rende Kraft des gesamten Volkes wirksam zu werden. Da jedoch der KJ>D sowie von Vertretern der Betriebsräte.
weder am 13. März noch danach ein Einheitsfrontabkommen zwi- Ollwohl die sozialdemokratischen Mitglieder der Reichsregie-
schen den Arbeiterparteien und Gewerkschaften auf zentraler nmg und der Parteivorstand der SPD noch am 13. März in einem
Ebene zustande kam - es gab auch keinen gemeinsamen Gene- \ufruf an die • Bürger, Arbeiter, Parteigt>nossen!c den .General-
rnlstreikaufruf -, verlagerte sich die llauptlast bei der Organisie- ;,lrcik auf der ganzen Linie• gefordert hatten. verließen sie die
rung des Kamt>fes gegen den Putsch auf die Schultern der regio- llauplstadl. Zurück blieb lediglich Vizckunzler Eugen Schirfer,
nalen Führungsorgane der Arbeiterparteien und Gewerkschaften. pin!'r der Führer der Deutschen Demokralischen Partei, um zu
Der Abwehrkampf verlief in den einzelnen IÄindern und Pro- \ crtretern der Putschregierung Verbindung aufnehmen zu kön-
"inzcn Deutschlands recht unterschiedlich. ln den Arbeiter7,en- n('n. Zuvor haue der sozialdemokratische Reichswehrminister
tren, "ie. im lluhrgebiet, im Freistaat Sachsen, in der Niederlau- Gustav Noske darauf verzichtet, den Befehl zum militärischen
sitz, in \1itteldeutschland, in Thüringen und Ieekienburg sowie Widerstand gegen die Umstürzler zu geben.
in Hrrlin, entwickelten sich sowohl im Ausmaß als auch in ihrer Die Putschisten nutzten dieses erhalten rigoros aus. Gestützt
Organisiertheil äußerst wirksame Ab"chraktionen. ln solchen auf die in Hcrlin einmarschierten 5 000 \lann starken Truppen
Regionen wie Ostpreußen oder Bayern gab es dagegen nur An- "urden das Regierungsviertelund andere "ichtige Punkte der In-
sätze des Abwehrkampfes. losgesamt stellte er jedoch eine ge- nenstadt besetz!. Ihr Vorgehen wurde dadurch begünstigt, daß
ballte Macht dar, die den Staatsstreich schon nach wenigen Tagen siC'h ein Teil der in Berlin stationierten F'onnationen der Reichs-
scheitern ließ. Duran halten die bewaffneten Kämpfe der Werktä- " ehr und der Sicherheitspolizei . loyale verhielt. Diese etwa
tigen einen nicht unerheblichen Anteil. 7 000 Mann bildeten zusammen mit Teilen der Heichswehrbri-
gade 3 aus Potsdam eine starke militiirische Kraft, auf die sich die
Putschregierung indirekt stützen konnte.
Bewaffnete Abwehraktionen in ßerlin Dieses Kräfteverhältnis erschwerte den Abwehrkampf der Ber-
liner Werktätigen beträchtlich. Doch auch in ßerlin übte der
ln Berlin lag das Zentrum des Putsches. Daher entschied das Ver- Streik von l lunderttausenden seine Wirkung aus. Außerdem pro-
halten der Berliner Werktätigen maßgeblich über den weiteren tcstierten an mehreren SteUen der Stadt auf Kundgebungen oder
\'crlauf des l.Jmsturzversuchs in ganz Deutschland. Das war auch durch Demonstrationen Zehntauscnde. Sie bewiesen Mut und
den Berliner Funktionären der Arbeiterparteien und Gewerk- Standhaftigkeit, als pulschisfische Truppen am I lalleschen Tor, in
schaften klar, als sie sofort nacb den ersten \llcldungen über den der Oeusselstraße, am Wilhelmplatz in Charlottenhurg und am
Putsch l\laßnahmen einleiteten, um eine geschlossene Abwehr- Potsdamer Platz gewaltsam gegen sie vorgingen.
front zu schaffen. Der Terror und die Gefahren, die, der Putsch für die Existenz
Die Berliner Werktätigen befanden sich in einer schwierigen der bürgerlich-demokratischen Republik sowie für den Bestand
Situution. Das ichtzustandekommen eines zentralen Abkom- der· l~rrungenschaflen der Revolution heraufbeschwor, lösten bei
mens über die Aktionseinheit zwischen den führenden Gremien ?.ahlrcichen Werktätigen die Hcr·eitschaft aus, dem bewaffnet enl-
der Arbeiterparteien und der Gewerkschaften ·führte in der Stadt gcgcnzulreten. Frisch in Erinnerung wnren vielen noch die Er-
zur Entstehung von zwei Streikleitungen. Die eine wurde von folge, die sie beim Aufbau von Arbeiterfonnationen und im be-

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waffneten Abwehrkampf gegen die Konterrevolution 1918/19 Reichswehr sollen es etwa 400 Gewehre gewesen sein, rüstete da-
erzielt halfen. Diese Erfahrungen halfen jetzt bei der Aufstellung mit die Arbeiter aus und stellte Arbeiterweluen auf. Diese sicher-
und beim Einsatz bewaffneter Arbeitergruppen in Berlin, mit de- ten Hennigsdorf gegen konterrevolutionäre Angriffe und blockier-
nen sich die Werktätigen gegen die weil ii berlegene n putschisti- ten den durch den Ort führenden l achschubweg für die sich in
schen Truppen in der Inn enstad t, vor allem jedoch in den Voror- ßerlin befindenden putschistischen Truppen.
ten und Randgebieten Berlins zur Wehr setzten. Das geschah in Der Abwehrkampf der Berliner Werktätigen hemmte die Ent-
erster Linie in Adlershof, Friedrichshagen, Grünau, Hennigsdorf, faltungsmöglichkeiten der Putschisten, band eine beträchtliche
Köpenick, Staaken, Spandau und Velten. Als die Arbeiter ihre Zahl ihrer Kräfte und half mit, die Ansätze einer Regierungstätig-
Wehren schufen, konnten sie häufig auf ih.r e noch aus dem ersten keit von Kapp-Lüttwitz empfindlich zu stören.
Weltkrieg oder aus den Kämpfen der Novemberrevolution stam-
menden Waffen zurückgreifen. Andere Arbeiter beschafften sich
ihre Waffen bei den Angehörigen reaktionärer Wehrverbände
Rote Garden in orddeutschland
oder bei Einwohnerwehren.
Besonders gut organisierte Abwehrkämpfe entwickelten sich in
Adlersho[, Köpenick und Oberschöneweide. Sie standen unter ln den Küstenprovinzen der Nord- und Ostsee streikten Hundert-
der Leitung des Sozialistischen Verteidigungskomitees, das sich tausende von Werktätigen gegen den Sta.atsst.reich. ln Bremen,
am 16. März 1920 unter dem Vorsitz von Alexander Futran Hamburg, Kiel, WillJelmshaven und anderen Orten standen in al-
(USPD) gebildet halte und im • Lokal Fuchs. am Alten Markt in len Betrieben die Maschinen still. Auch viele Matrosen, Deck-
Köpenick tagte. Das Komitee entschloß sieb zu bewaffneten Ge- und Unteroffiziere leisteten dem Putsch Widerstand. Am konse-
genaktionen, als putschislische Truppen wichtige öffentliche Ge- quentesten traten die Matrosen in Wilhelmshaven auf, die den
bäude und einige Betriebe in Adlershof, Köpenick und Oberschö- Putsch entschieden ablehnten. Im Auftrag der Matrosen forder-
neweide besetzten. Bewaffnete Arbeiter vertrieben die Putschi- ten Vertrauensleute am 16. März 1920 vom Chef des Stations-
sten aus den Postämtern von Oberschöneweide und Friedrichsha- kommandos Nordsee, Vizeadmiral Andreas Michelsen, sich offen
gen sowie aus dem Friedrichshagener Wasserwerk. Etwa für die Republik auszusprechen und die Bereitschaft zu erklären,
150 Arbeiter verjagten aus der Albatroswerft in Friedrichshagen mit Waffengewalt gegen die Putschisten vonugehen oder aber
80 Angehörige putschistischer Formationen und eroberten dabei mit seinen Offizieren zurückzutreten. Als Vizeadmiral Michelslln
dringend benötigte Kampfmittel - über 100 Gewehre, 2 Minen· ausweichend reagierte, wurden Offiziere der Marinestanunabtei-
werfer, eine Kiste Handgranaten und mehrere Kisten Munition. lung, der Min ensuchboote, der Eisernen Flottille und des Küsten-
Viele Berliner beteiligten sich auch in Hennigsdorf, einem wehrregiments von den Matrosen, die gleichzeitig das Waffenla-
nordwestlich, in unmittelbarer ähe der Hauptstadt gelegenen ger der Torpedokaserne besetzten, verhaftet. Schließlich mußten
Ort, am bewaffneten Widerstand. Sie gehörten zu den über der Chef des Stationskommandos 1ordsee und sein Stab ihre Tä-
6 000 Werktätigen, die in den Industriebetrieben Hennigsdorfs tigkeit einstellen.
beschäftigt waren. Gemeinsam mit den Hennigsdorfer und Span- Der Widerstand der Matrosen gegen den Putsch stand im völli-
dauer Arbeitern stellten sie sich bewaffnet dem Putsch entgegen. gen Gegensatz zum Verhalten der Marineleitung, die sich offen
Berliner w1d Hennigsdorfer Werktätige schufen einen Aktions- mit Kapp-Lüttwitz solidarisiert halle. Ihr Chef, Vizeadmiral Adolf
ausschuß, dem Paul Schreier und Paul Bergmann (beide KPD), von Trotha, sandte am 13. März 1920 nach einer Sitzung mit sei-
Hichard Korbasinski (USPD) sowie Paul Jobke und Karl Ennulat nen Gruppenchefs und Abteilungsleitern ein Telegramm an die
(beide SPD) angehörten. Dieser Ausschuß organisierte die Be- ihm unterstellten Dienststellen, das an Deutli chkeil nichts zu
schaffung einer größeren Anzahl von Waffen, nach Angaben der wü nschen ließ: • leb habe mich mit der Marine der neuen Regie-

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rung zur Verfügung gestellt und erwarte, daß die Marine wie bis- Auseinandersetzungen. Ihren Höhepunkt fanden die Abwehr·
her geschlossen meinen Befehlen folgt.« kämpfe in Rostock und Schwerin.
Zu den führenden Offizieren der Reichswehr, die sich eben- In Rostock, dieser damals über 70 000 Einwohner zählenden
raUs offen ZWll Putsch bekannten, zählten der Brigadekomman- Industrie- und Hafenstadt, organisierte der im Gebäude der Phil-
deur der Heichswehrbrigade 9, Generalmajor Paul von Lettow- harmonie tagende Aktionsausschuß den Kampf gegen die Put-
Vorbeck, der sich bei der Niederwerfung des lhotwan-Aufstandes schisten. Die in ihm vertretenen Funktionäre der USPD, SPD,
in China ( 1900) und des Aufstandes der Herero in Südwestafrika KPD und des ADCB ri efen nicht nur zum Generalstreik, sondern
( 1904) mit Blut besudelt hatte, sowie die Kommandanten zahlrei- auch zu bewaffnetem Widerstand auf, da die Putschisten ge-
cher Garnisonen, unter anderem in Demmin, Creifswald, Pase- waltsam öffentliche Gebäude in der Stadt besetzt und ihre be-
walk, Rostock, Schwerin und Stralsund. waffneten reaktionären Fonnationen durch zahlreiche Zeitfreiwil-
Rückhall fanden die Putschisten auch bei den in Mecklenburg lige, meist reaktionäre Studenten und ehemalige Offiziere,
und Pommern auf zahlreichen Gütern stationierten Freikorpsan· verstürkt hatten. Es gelang dem Aktionsausschuß bis zum
gehörigen. Oie F'reikorps vertraten extrem antikommunistisch-mi- 14. Miirz 1920, das 1. Batnilion bewaHneter Rostocker Arbeiter
litaristische Ziele. Besonders berüchtigt waren sie durch ihr aufzustellen, dessen Kern Arbeiter der 1 eptun-'Werft bildeten.
brutales Vorgehen in der 1ovemberrevolution 1918/ 19 und ihre Dieses Bataillon stand unter dem Kommando von Kar! Otto und
Teilnahme an der ersten antisowjetischen Aggression des deul· umfaßte am I 5. Miir~; bereits etwa 7 000 Mann. Zusammen mit
schen Imperialismus geworden. Eines jener Freikorps, das Frei· anderen Arbeitergruppen war das die • Rostocker Arbeiterwehrc.
korps Roßbach, gehörte im März 1920 mit seinen etwa Sie blieb !rotz ihrer beachtlichen Stärke den in Rostock kon·
I 000 Mann zur militärischen Stütze der Putschisten in Mecklen· zcntrier1.en Putschtruppen unterlegen. Erst nach dem Abzug des
burg. 111. Bataillons des 17. Infanterieregiments nach Schwerin konnten
Die ökonomischen, politischen und militärischen Bedingungen bewaffnete Arbeiter wichtige öffentliche Gebäude der Stadt - die
in Norddeutschland erschwerten es hier den Werktätigen, ihren Post, den Bahnhof und das Telegrafenamt - von den Putschisten
Kampf gegen den Putsch zu organisieren. Es ist deshalb bemer· befreien und Zeitfrei willige sowie Angehörige der Einwohner·
ker:swert, wenn dennoch Hunderttausende von Arbeitern und wehr, die noch in Roslock verbli eben waren, en1waffnen.
Landarbeitern auch dort den Putschisten energisch Widerstand Andere bewaffnete Arbeiter w1ter der Fuhrung von August
leisteten. In Städten wie Ankla.m, Cuxhaven, Elbing, Kiel, Königs· IIeims nahmern inzwischen den Flugplatz, die Post und den
berg, Rostock, Schwerio, Stettin, Wilhelmshaven und Wismar so- Leuchtturm in Wamemünde unter ihre Kontrolle. Sie wehrten
wie in mehreren kleinen Orten wehrten sich die Werktätigen ge· am 16. März 1920 den Angriff einer Kompanie Zeitfreiwilliger
gen den Staatsstreich. Daran hatten die Landarbeiter aus auf den Flugplatz ab und stellten sie in der Nähe von Schutow
Mecklenburg und Pommern beachtlichen Anteil. 1920 beteiligten nochmals zum Krunpf. Dabei erbeuteten die Arbeiter 120 Ge-
sich weitaus mehr von ihnen an den Massenaktionen als in der wehre und 4 Maschinengewehre.
overnherrevolution 1918119. Die übrigen bewaffneten Arbeiter des I. Bataillons schlossen
Diese Entwicklung widerspiegelte sich auch im bewaffneten die Kaserne in Hostock, in der sich noch Teile des Zeitfreiwilli-
Abwehrkampf. Dabei fällt vor allem die im Vergleich zu I 918/ 19 genbataillons befanden, ein. Den Zeitfreiwilligen gelang es jedoch
größere Zahl der Arbeiterwehren und die Tatsache auf, daß in arn ! ?.März, in Richtung Wismar durchzubrechen. Die sie verfol·
diesen \VeJ1ren Arbeiter und Landarbeiter oftmals Seite an Seite genden Arbeiter stellten die Zeitfreiwilligen etwa sieben Kilome·
standen. Solc\Je Arbeiterformationen existierten in Battinsthnl, tc:r westlich von Bützow, bei Katelbogen, und entwaffneten sie.
Biitzow, Dömitzow, Gnoien, Greifswald, Güstrow, Warin, \Visrnar Bewaffnete Rostocker Arbeiter unterstützten den Kampf gegen
und Penkun. In einigen dieser Orte, entwickelten sich bewaffnete die Putschisten auch außerhalb der Stadt. Am 19. Miirz kamen

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etwa 300 Angehörige der • Rostocker Arbeiterwehre der Bitte des große Empörung aus und bestärkte sie in ihrer Entschlossenheit
Wismarer Aktionsausschusses nach, ihm gegen putschistische ;r.un1 be,.,affneten Widerstand, dessen Zentren der Stadtteil Bre-
Reichswehrformationen Hilfe zu leisten, und marschierten nach dow und die Vulkanwerft wurden. ln dieser Werft tagte ein Lei-
Wismar. Vor der Stadt ''urden sie arn 20. März in Vorpostenge- tungsgremium unter Führung des Schiffszimmermanns Haones
fechte verwiekeiL Zu weiteren bewaffneten Au cinandersetzun- \ lengeil (USPD). Er organisierte die weitere Waffenbeschaffung
gen kam es jedoch nicht mehr. durch Entwaffnung von Angehörigen der Reichswehr, der Ein-
Rostocker Arbeiter halfen weiterhin in Fahren, Garvensdorf, " ohnenvehren und der Kriegervereine sowie durch Beschlagnab-
Kröpelin, Levezow, Moitin, , eukloster, Satow, Schependorf, rnungen in Lagern von Altdamm, Greifenhagen und anderen Or-
Steinhagen, \Vestenbrügge tmd \Vokrent, die Putschisten zu ent- ten. Die Waffen erhielten politisch zuverliissige und waffenkun-
waffnen. So trugen die bewaffneten Arbcitergrutlpen aus Roslock dige Werktiilige, die sich zu bewaffneten Arbeitergruppen
nicht nur zur iederschlagung des Putsches in ihrer Stadt, son- formierten. Für diese bürgerte sich als Sammetbezeichnung der
dern doriibcr hinaus auch in großen Teilen Mecklenburgs bei. \ame »Hole Vulkanarmee• ein, die auf dem Höhepunkt ihrer
ln Ieitin wehrten sich die Werktätigen energisch gegen den l::n twicklung ehva 5 000 Mann um faßte und über Hunderte von
Staatsstreich, mit dem nicht nur die Offiziere der Reichswehrgar- llandfeuenvaffen, einige Lastkraftwagen und bewaffnete Schiffe
nison, der lleichswehrbrigade 2 und des Wehrkreises II, sondern 'crfügte.
auch einnußreiche bürgerliche Kräfte in der Stadt sympathisier- Die rbcitcrwehren, von einer Befehlsstelle geführt, die sich
ten. Bereits urunittelbar nach Bekanntwerden des Putsches hatten auf dem Überseedampfer • Tirpitzc befand, kontrollierten große
sich die \ ertreter der drei Arbeiterparteien auf Initiative des Se- Trile der Stadt und die angrenzenden Wasserwege. Mit ~1aschi­
kretiirs der KPD-Organisation der Stadt, Kar I Schulz, getroffen nenge" ehren bestückte Schiffe, so der Dampfer • Boxe, sicherten
und Abwehrmaßnahmen beraten. Als erstes schufen sie einen dir Hafeneinfahrt und den Wasserweg bis·Swinemünde. Vier wei-
Aktionsausschuß, dem neben Karl Schulz auch August Horn tere, ebrnfalls mit Maschinengewehren bewaffnete Dampfer
(USPO), Theodor Hartwig (SPD) sowie weitere Funktionäre der kreuzten auf der Oder.
Arbeiterparleien und der Gewerkschaften angehörten. Der Aus- Oie Stiirke der bewaffneten Arbeiter vor Augen, wagten es die
schuß rief zum Generalstreik und zur Bewaffnung der Arbeiter Putschisten Ionge Zeit nicht, ihre Kasernen und Depots zu verlas-

auf. Am 14. Miirz 1920 streikten die Werktiitigcn in ganz Stettin. sen. Trotzdem lehnten es die Kommnndeur·c der noch in der
Arbeiter bewaffneten sich, Tausende bekundeten auf dem Para- Stadt befindlichen Reichswehrformationen ab, die forderun.gen
deplatz und am 15. März auf weiteren Kundgebungen ihren Wil- der Arbeiter zu erfüllen. Diese beinhalteten die Ablösung des
len zum Widerstand. Wehrkreisbefehlshabers und aller anderen am Putsch beteiligten
Die nächste Demonstration soUte am 16. Män zu den Kaser- oder mit ihm sympatJlisierenden Offiz1ere so"<ie die Ent..·afinung
nen führen. Reichswehrsoldaten sperrten alle Zugangsstraßen der lleichswehrformationen. uf Verhandlungen gingen sie nur
dorthin und zum Garnisonkommando mit Drahtverhauen, Spani- ein, um Zeit zur Heranführung von \'crstiirkungen zu gewinnen,
schen Reitern und Postenkelten ab. Als dann protestierende die auch am 17. März eintrafen. Andere Rciehs"•ehrformationen
Werktätige, aus der Richtung des Berliner Tores kommend, in die sehoben sich immer näher an die Stadt heran und griffen am
Linsinger Straße einbogen, schlug ihnen Gewehr- und Maschi- 18. März bewaffnete Arbeiter in der unmittelbaren Umgebung
nengewehrfeuer entgegen, das drei Teilnehmer des Demonstra- von Stettin, so bei Stepenitz, Finkenwnlde und Podcjuch, an.
tionszuges tötete und mehrere verwunc.lete. Vier weitere De- llicrbei gab es auf beiden Seiten Tote und Verwundete. Am fol-
monstr·nnten wurden von putschistischen Truppen in der gt·rHien Tng entbrannten in der Oderstrnße und in der Gustav-
Breitestraße und in der Johannisstraße erschossen. 1\dolf-Straßc bewaffnete Auseinandersetzungen. Der Aktionsaus-
Dieser blutige Überfall löste unter den Sielliner Werktätigen schuß rung sich jedoch - entgegen seinen bisher gemachten

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Erfahrungen - nich{ zu entscbJossenem Widerstand durch. Er die KJ>D und lin ke Kräfte der USPD in diesem Freistaat, vor aJ.
ließ sich auf einen 48stündigen Waffenstillstand ein, der nur dem km in Chemnitz und Leipzig, eine wachsende Anhängerschar.
Gegner Vorteile brachte. ln Sachsen insgesamt überwog jedoch die politische und ideo-
Die Abwehrfront der Werktätigen begann zu zerbröckeln. Als loj!i>che Einwirkung durch opportunistische SPD-Funktionäre.
der bisherige Wehrkreisbefehlshaber abgelöst wurde, glaubten Ihre führenden Vertreter bildeten zusammen mit Mitgliedern der
viele Arbeiter, sie hätten schon einen bedeutenden Sieg emm- Deutschen Demokratischen Partei, der damals bei den Landtags-
gen. Was dieser Erfolg aber wirklich wert war, zeigte der neue "ahlen zweitstärksten Partei, die sächsische Koalitionsregierung.
Befehlshaber, Generalmajor Richard von ßerendt. Ohne lange zu Dirse lehnte wohl den Kapp-Putsch ab, vermied es jedoch, die
zögern, ließ er den Angriff gegen die Positionen der bewafmeten Werktätigen zu konsequenten Abwehrma.ßnahmen a.ufzufordern.
Arbeiter in der Stadt vorbereiten. Auf seine Weisung hin gab der Ihr Aufruf vom 13. März 1920 enthielt kein Wort darüber, wie •
Garnisonkommandant, Generalleutnant von Stockhausen, den drr Kampf gegen den Putsch gefiihrt werden sollte. Dort, wo der
Befehl, am 21. Män, 8 Uhr, mit 2 Detachements aus dem Kaser- opportunistische Einfluß auf die A•·beiter noch überwog, konnten
nenviertel und aus dem Lager Kreckow vorzustoßen. Als der Ak- sieh deshalb die Abwehraktionen in der Hege! nur spontan ent-
tionsausschuß davon erfuhr, wich er wiederum vor dem Druck wickeln.
des Gegners zurück und ordnete die kamt>nose Räumung der Einen anderen Verlauf nahmen die Ereignisse dagegen in den
von den Arbeitern in der Stadt bezogenen Stützpunkte an. Orten, in denen Funktionäre der KPD oder linke Mitglieder der
Trotz dieser und manch anderer Fehlentscheidung örtlicher L SPD maßgeblich die latigkeit der rasch entstehenden Aktions-
ktionsa1,1sschüssc trug der Abwehrkampf der Werktätigen in ausschüsse förderten und den Generalstreik organisierten. Diese
~orddcutschland zum Stun der Kapp-Lüth• itz-Regierung bei. Er J..riifte beteiligten sich a.uch an der Aufstellung von Arbeiterweh-
verhinderte, daß sich die Putschisten in diesen Gebieten festset- n•n in Borna, Leipzig, Mügeln, Oschat.z, Waldheim, Wunen und
zen konnten. in anderen Orten Westsachscns.
Wie notwendig die Bewaffnung der Arbeiter zur Abwehr des
Kapp-Lüttwitz-Putsches war, zeigte das Verhalten der Mehrheit
Abwehrkämpfe im Freistaat Sachsen cl!'r Reichswehrkommandeure in Sachsen. Sie unterstützte die
Putschisten nicht offen, begünstigte diese jedoch durch ihre
Der Freistaat Sachsen gehörte zu den 18 Ländern, aus denen lla.ndlungen. So behinderte sie unter dem Vorwand, .Ruhe und
sich die Weimarer Republik als Bundesstaat zu dieser Zeit zu- Ordnung« aufrechterhallen zu müssen, die Streikaktionen der
sammenset.zte. Oie offizieUe Bezeichnung für diese Länder ent- "rrl..tlitigcn, verbot Demonstrationen, Vcrsammfungcn und teil-
sprach deren historischer Entwicklung. Sie reichte von der Kenn- " eise auch die Hemusgabe von Zeitungen und F1ugbliittern.
zeichnung Freistaat oder freier Volksstaat bis zur Freien und Diese llaltung wurde uneingeschränkt unterstützt vom Befehls-
llansestadt. haber des Wehrkreises IV, dem die Heichs"ehrbrigade 19 unter-
Der Freistaat Sachsen nahm angesichts seines wirtschaftlichen stand und der zugleich die Reichswehrbrigade 16 führte. Gene-
Gewichts - auf seinem Territorium gab es eine entwickelte Ma- ralmajor Georg Maercker - bekannt und berüchtigt durch sein
schinenbau·, Textil-, Elektro-, Optik-, ahrungs- und Genußmit- hrutales Vorgehen als Freikorpsführer bei der iederschlagung
telindustrie - und der hier stark ausgeprägten revolutionären dl•r ovcmbcrrevolulion 1918/ 19 - konnte seine Sympathie für
Traditionen der Arbeiterklasse einen besonderen Platz bei der rll•n Putsch nur schwer verbergen. P•'Ovokatorisch fuhr er am
Abwehr des Kopp-Lüttwitz-Putsches ein. Seit der ovemberrevo- I :l. Miir?o 1920 mit einer schwarzweißroten fi'laggc am Auto vor
lulion 19 18/19 halt~ die politische Organisiertheil der sächsi- dus Gebiiudc der sächsischen Landesregierung und lehnte in der
schen Arbeiterklasse weiter zugenommen. Anfang 1920 besaßen nachfolgenden Beratung die Aufforderung des Ministcrpräsiden-

•24 125


ten Or. Georg Gradnauer (SPO) ab, dem Aufruf zu r Verurteilung
des Staatsstreichs zuzustimmen.
Derart provokatorische Handlungen ve rschärften die Situation
beträchtlich. Dazu gehörte auch das gewaltsame Vorgehen von
Reichswehrformationen gegen Werktätige, das häufig w blutigen
Zusammenstößen führte, unter anderem in Borna, Dresden, Leip-
zig und Plauen. Oie Kämpfe der Leipziger Arbeiter besaßen we-
gen ihres Umfangs, ihrer Da uer und Bedeutung ein besonderes
Gewicht für den Abwehrkampf der Werktätigen des Freist.aates
Sachsen.
ln Leipzig standen sich die Anhänger und Sympathisanten der
,.
leutzsch
Kapp-Lüttwitz-Regierung - der Stab der Reichswehrbrigade 19, X XXNeusllldl
'KriSiu/1· XXX
große Teile der Bourgeoisie und ihrer politischen Parteien - und X ;»IU$1X
16.3. 17.-ZO.:J.
die weitgehend unter dem Einfluß der USPO stehenden kampf- XXX
XXX Anger
entschlossenen Arbeiter gegen über. Unmittelbar nach Bekannt-
werden des Putsches wurde hier der Generalstreik ausgerufen.
Uneinigkeit bestand unter den Fu nktionären der Arbeiterparteien Al«rf;»rK
XXX r
X 17.3.
allerdings darüber, welche weiteren Schritte gegen die Urhe ber XXX XXX
des Staatsstreichs unternommen werden sollten. Lewglich die Be- Thonberg
zirksleitung der KPO Mitteldeutschland, die ihren Sitz in Leipzig
hatte und für die politische Arbeit der KPO in der Stadt sowie im
Regierungsbezirk Merseburg verantwortlich war, unte rbreitete
konkrete Vorstellungen zur Demokratisierung des gesellschaftli-
chen Lebens: Beseitigung der Kapp-Lüttwitz-Regierung, Entwaff-
nung der Putschisten, Aufhebung des Ausnahmezustandes, Frei-
lassung der politischen Gefangenen, Bewaffnung der Arbeiter,
Wiederhe rs.tellung der Rechte der Betriebsräte und Wahl von Ar-
beiterräte n. '
Am 14.März wurden diese Forderungen zwischen Funktionä-
ren der KPO, USPO, SPD und der Gewe rkschaften beraten. Sie
fanden bei der Mehnahl der Teilnehmer Zustimmung. Jedoch /(ompfweg bewrnl"neler Arbeiter
lehnten die Vertreter der US PO, SPO und der Gewerkschaften X wichtiges Gel"eeht ,
XX X grdßert: BarrlkodfJ/7 bewoffnell:r Ar!Jeiter
die Wiederherstellung der Rechte der Betriebsräte und die Wahl
von Arbeiterräten als vermeintliche Schritte zu einer . Rätedikta-
® ein wnbewoffneten Arbeitern kontrolliertes Oe/Jiei

tur« ab.
® ein vtJnputxhisl/schen Truppen kontrolliertes 6t:/J1t:t
ElsM/Johnl!nle
rluß
Zur gleichen Zeit, als die Le.ipziger Arbeiterparteien noch über
die nächsten Maßnahmen berieten und sich dabei nicht völlig ei-
Abwehrkämpfe in Lei1>zig:. Miin 1920
nigen konnten, hatten einflußreiche politische und militärische
Kräfte in der Stadt damit begonnen, den Staatsstreich indirekt zu

126 127


unterstützen. Am 13. März 1920 vermied es der ßiirgerausschuß daraufbin stattfmdenden 19 Kundgebungen unterbreiteten die
in einer eiligst abgegebenen Erklärung, den Umsturz zu verurtei- Hedner aller drei Arbeiterparteien unter stürmischer Zustimmung
len. Am selben Tag erließ der Kommandeur der Heichswehrbri- der Anwesenden die Fordenmg nach Ausrufung des General-
gade 19, Generalmajor Bodo Senfit von Pilsach, in Absprache streiks. Die Kundgebungsteilnehmer, unter ihnen nuch Angehö-
mit dem Oberbürgermeister der Stadt, eine Anordnung, in der er rige der Mittelschichten und des demokratisch gesi nnten Bürger-
die Besetzung öffentlicher Gebäude in der Innenstadt befahl. tums, stimmten den zuvor vom Leipziger Aktionsausschuß
\1it ihrer Ausführung wurde vor allem das bereits am II. MiirL angenommenen Forderungen zu. Diese beinhalteten: Sturz der
1920 alarmierte Leipziger Zeitfreiwilligenregiment der Heichs- Putschregierung, Aufhebung des Ausnahmezustandes, Freilas-
wehr beauftragt, das sich vornehmlich aus Studenten der Lcipzi- sung der Schutzhiiftlinge, Amnestie für politische Vergehen und
ger Universität sowie aus Gymnasiasten der Ca.rola- und Thomas- Bewaffnung der Arbeiter zur Sicherung der in der Novemberre-
Schule zusammensetzte. Der Stab dieses Regiments saß im Hotel volution 19 18/19 erkämpften Errungenschaften.
Kaiserhof in der Schützenstraße. Er wies am 14. Män die Ab- ach Abschluß der Kundgebungen formierten sich gewaltige
sperrung der Innenstadt an und ließ dazu an der Peripherie des Demonstrationszüge und bewegten sich in Hiehtung Innenstadt.
innerstädtischen Ringes Gräben ausheben. Maschinengewehre in Hcichswehrsoldaten, vornehmlich Zeitfreiwillige und Angehörige
Stellung

bringen und Drahtverhaue ziehen. Außerdem richtete des I. Bataillons des Landesjägerregiments 3 versuchten darauf-
die Rei.ehswehr in zentral gelegenen und die Gegend beherr- hin, die Demonstranten gewaltsam aufzuhalten. Sie eröffneten am
schenden Gebäuden - im Hathausturm, auf dem Dach der York-, Johannis-, Fleischer- und am Hoßplatz sowie am Haupl·
Dresdner Bank, der llauptpost, dem euen Theater und der Uru- buhnh~f dus Feuer auf die Demonstranten.
versitiit - StütZJ>u•tll.te ein. An einigen Stellen, wie auf dem ord- Zu besonders folgenschweren Ausschreitungen kam es am Au-
und auf dem Yorkplatz, dehnten die Soldaten ihre Absperrmaß- ~tustusplatz. Dort wollte eine Patrouille - ein Offizier und
nahmen auch auf Gebiete aus, die außerhalb der Innenstadt la- 1 Mann -, aus der Richtung Königsst.raße kommend, einen Dc-
gen. monstrationszug durchbrechen. Das Vorhaben mißglückte. Teil-
Um den Cho.rakler dieses Vorgehens zu verschleiern und den nehmer des Zuges umringten die Zeitfreiwilligen. Daraufhin gab
Widerstandswillen der Werktätigen in der Stadt zu schwächen, der Offizier einem sozialdemokratischen Ordner sein Ehrenwort,
gab die Brigadeführung nach Absprache mit dem Bürgeraus- daß sich im Falle des freien Abzugs seine Truppe friedlich entfer-
schuß ebenfalls noch am 13. Miin 1920 einen ;\ufruf an die nen würde. Der Ordner ging - unter Mißachtung der Warnun-
Leipziger Bevölkerung heraus, in dem sie die Aufrechterhaltung gen umstehender Demonstraflten - auf die es Angebot ein.
von »Ruhe und Ordmmgc forderte. Dieser Appell konnte aber Kaum hatten die Zeitfreiwilligen zu den Arbeitern einen gewissen
nicht darüber hinwegtäuschen, daß die ergriffenen Maßnahmen Abstand hergestellt, eröffneten sie das Feuer. Tote und Verwun-
nicht nur einer Unterstützung der Putschregierung glrichkamen, dete bedeckten die Straße. Damit erhöhte sich die Zahl der l"eip-
sondern auch die kampfbereiten l.eipziger Werktätigen direkt ziger Werktätigen, die allein an diesem Tag dem Heichswehrter-
provozierten. ror zum Opfer gefallen waren, auf 40 Tote und etwa
ln dieser Situation hing viel 'on einem einheitlichen llandeln I 00 Verwundete.
drr Arbeiter al>, da nur so den relativ starken reaktionären Kriif· Viele Arbeiter errichteten, aufgebracht über das hinterhältige
ten der Stadt wirksam begegnet werden konnte. Deshalb erhielt und brutale Vorgehen der Rci chswehrsoldaten, Straßensperren
der Aufruf des inzwischen aus Vertretern der drei Arbeiterpar- und Barrikaden. Arbeitersporti er, Mitglieder der USPD und SPD,
teien und der Gewerkschaften gebildeten Aktionsausschusses an Kommunisten sowie Parteilose - unter ihnen z11hlreiche junge
die Werktätigen, sich am 14. März 1920. I 0 Uhr, zu Protestver- Werktätige - sammelten sich in eiligst geschaffenen Stützpunk-
sammlungen zusammenzufinden, besondere Bedeutung. Auf den ten und stellten am 15. und 16. Miir-L 1920 Arbeiterwehren auf.

128 129
Sie wollten sich nicht widerstandslos dem Terror der Reaktion drr bewaffneten Arbeiter einzuleiten, kam es an diesem Tag nur
beugen. zu kleineren Feuergefechten. Reichswehrsoldaten schossen aus
Eine andere Haltung nahmen dagegen rührende Kräfte der ~iinbtigen Stellungen auf Posten von Arbeiterwehren und auf hin-
Ll'ipziger USPD und SPD ein. Diese widersetzten sich den Be- ter Barrikaden verscb80Zte Arbeiter. Oie Angegriffenen lernten
waffnungsaktionen und erklärten, da es an Waffen, Munition, jedoch rasch, sieb dagegen zu wehren. Sie setzten Scharfschützen
Verpflegung sowie an geschulten Kräften zur Leitung eines be- ei n, um die Feuernester der Reichswehrsoldaten zu bekämpfen.
waffneten Widerstandes mangele, sei eine bewaffnete Abwehr un- Während sich die Lage in der Innenstadt zunächst kaum ver-
möglich. änderte, verliefen die bewaffneten Auseinandersetzungen in den
Oie Bezirksleitung der KPO unterstiitzte hingegen die Arbei- Vo rorten Lcipzigs für rue Arbeiter erfolgreich. Es gelang ihnen
ter, die sich durch Entwaffnung reaktionärer Kräfte in Leipzig dort, die Rciehsweh.rsoldaten aus einigen ihrer Stützptmkte zu
und Jußerhalb der Stadt, so durch Hausd urchsuchungen und Be- vertreiben, so daß der Aktionsradius der fleichswehrformationen
schlagnahmungen auf größeren Bauerngehöften am Rande der im wesen tlichen mtf die Innenstadt begrenzt werden konnte.
Stadt, Waffen beschafften. Sie sah im bewaffn eten Abwehrkampf Trotz ihres ausgeprägten Kampfgeistes waren die Arbeiter
eine notwendige, den Leipziger Werktätigen durch die Reaktion nicht in der Lage, den ihnen an Zahl und Bewaffnung weit über-
aufgezwungene Form des Widerstands gegen den Putsch. Die legenen Gegner aus der Innenstadt zu verdriingcn. Hemmend
KPO half daher auch bei Solidaritätsaktionen in Altenburg, "irkte vor allem, daß rue Leipziger USPO- und SPO-Führungen
Chemnitz, I lalle und Suhl, Waffen für dje Leipziger Arbeiter zu den bewaffneten Widerstand ablehnten und auf seine Einstellung
beschaffen. Mit diesen Waffen konnten weitere Werktätige ausge- hi narbeiteten. Mit rueser Absicht setzten sie am 17. ~lärt 1920
rüstet und neue Arbeiterformationen aufgestellt werden, die zu- im Stadtverordnetenkollegium die Annahme von neun Punlden
meist zwischen I 0 und I 00 Mann stark, 1tber militärisch nicht durch, die vor allem auf die Beendigung des Generalstreiks sowie
straff organisiert waren. An größeren Abschnitten wurden sie von auf die Abgabe von Waffen und Munition durch die Arbeiter ge-
Kampfleitungen gerührt. ric·htct wnren. Oie dafür von der Gegenseite gemachten Zusagen
Angesichts dieser Kampfentschlossenheit der Leipziger Werk- trugen dagegen nur vagen Charakter. So sollte das Zeitfreiwilli-
tätigen schlugen die reaktionären Kräfte der Stadt eine zweiglei- genregiment seine Stellungen in der Innenstadt »ZU einem noch
sige Taktik ein. Einerseits stellten sie die Schüsse vom Vortag als niihcr zu bestimmenden Zeitpun~ räumen, und die Auflösung
bedauerliche Unglücksfälle hin und bekundeten ihre) Treue« zur dieses Regiments wurde der Entscheidung des Reichswehrmini-
sächsischen Hegicrung, zur Weimarer Verfassung und zur Reichs- &ters überlassen. Abet selbst diese verschwommenen Verspre-
regierung. Sie spekulierten dabei auf vorhandene Meinungsver- r hungcn wurden durch keinerlei Garantien gesichert. Noeb am
schiedenheiten unter den Funktionären der drei Arbeiterparteien späten Abend des 17.März 1920 wurde auf der Grundlage dieser
in Leipzig, die sich unter anderem in der Bildung von zwei zen- Punkte verhandelt. Teilnehmer wa.ren Vertreter der sächsischen
tralen Kampfleitungen ausdrückte. Rl'gierung, der Stadt und der Kommandeur der Reichswehrbri-
Oie andere taktische Variante zielte auf eine möglichst rasche ~ade 19 sowie die führenden Funktionäre der US PD und der
Verstärkung der konterrevolutionären militärischen Kräfte in der SPO Leipzigs. Am frühen Morgen des 18. März wurde daraufhin
Stadt. So ordnete der Befehlshaber der Reichswehrbrigade 19 <'i n Abkommen geschlossen, das weit hinter den netm Punkten
noch om 14. Miirz 1920 an, das Lnfontericrcgiment 38 aus Döbeln zurückblieb. Oie Reaktion blieb von Verpflichtungen fast ver-
auf allen nur verfügbaren Lastkraftwagen über Leisnig-Grimma- schont, so auch von der Forderung nnch Auflösung der Zeitfrei-
Taucha heranzuführen. willigcnformntion.
Da die Kommandeure der ficichswchrfom1alionen am Diese Verhandlungen und das als ihr Resultat geschlossene
15. März darauf vcrtichteten, einen Angriff gegen die Positionen 1\bkommen torpeilierten den Kampf der Leipziger Werktätigen

130 131
und dienten letztlich der iederschlagung der revolutionären USPD an. 1och an1 selben Abend veranlaßte der Ausschuß die
Kräfte. Noch während die Verhandlungen andauerten, bereiteten Auflösung der Zeitfrei'willigenformationen uhd der Technischen
die Kommandeure der in der Stadt stationierten Reichswehrfor- othi lfe. Gegen 21 Uhr besetzten Angehörige der Arbeiterwehr
mationen einen Angriff auf die Arbeiterbarrikaden vor. Er be- das Rathaus, die Post und die Bahnhöfe der Stadt Dieses ent-
gann am 19. Mär.t: 1920 mit einem Detachement von mehr als schlossene Handeln, die klare politische Führung des Abwehr-
200 Mann, das über die Delitzscher Straße in das Stadtinnere kampfes, die Existenz einer starken Arbeiterwehr und von Arbei-
vorstieß. An mehreren von Arbeitern besetzten Barrikaden ent- terräten übten großen Ein[Juß auf den Kampf der sächsischen
wickelten sich Feuergefechte. Eine andere Abteilung, die an Zahl Werktätigen gegen die Putschisten aus. So wurden die in Chem-
noch stärker und mit Artillerie ausgerüstet war, ging zuerst gegen nitz entstandenen Arbeiterräte zum Vorbild für die Bildung und
die Barrikaden in der Münzgasse und dann gegen das »Volks- die Tätigkeit ähnlicher Führungsorgane der Arbeiterklasse in
hause, den Sitz der Kampfleitung der Arbeiter, vor und schoß Aue, Falkenstein, Limbach, Oelsrutz und Zwickau.
dieses in Brand. Bis zum 24. März verloren dje bewaffneten Leip'· Eine noch größere politische Ausstrahlungskraft übte die Lan-
ziger Arbeiter al le von ihnen besetzten Positionen. In den Kämp- deskonferenz der Aktionsausschüsse Sachsens sowie angrenzen- ·
fen vom 13. bis 24. März 1920 hatten beide Seiten starke Verlu- der Orte Thüringens und Bayerns aus, die am 18. März\ 1920 in
ste: der Gegner 27 Tote, darunter 3 Offiziere, und 111 Verwun- Chemnitz tagte. Rund 400 Delegierte vertraten die Ausschüsse
dete, die Werktätigen Leipzigs etwa 150 Tote und über von etwa 100 Orten. Die Konferenz leitete die ersten Schritte
30Q Verwundete. zum einheitlichen Handeln aller sächsischen Werktätigen gegen
Jn Clu!mnitz, einer weiteren großen Industriestadt des Frei- die Reaktion ein. Mjt nur zwei Gegenstimmen nahmen die Dele-
s taates Sachsen, fanden keine bewaffneten Auseinandersetzungen gierte n weitreichende Forderungen an: Entwaffnung und Auflö- •
mit den Putschisten statL Doch beeinOußten die Abwehraktionen sung der Reichswehr, der Sicherheitspolizei und der Zeitfreiwil.li-
der Chemnitzer Werktätigen den Gesamtverlauf d es Kapp-Lütt- genformationen, Bildung von Arbeiterwehren unter Kontrolle der
witz-Putsches im Freistaat Sachsen bedeutend. Arbeiterräte, Einberufung eines Zentralrätekongresses, Einrich-
Unmittelbar nach Bekanntwerden des Staatsstreichs entwaffne- tung revolutionärer Gerichtshöfe zur Aburteilung führender Put-
ten die Chemnitzer Arbeiter durch rasches, entschlossenes und schisten, Freilassung der politischen Gefangenen und Bezahlung
einheitliches Handeln die reaktionären Kräfte der Stadt binnen der Streiktage durch die Fabrikbesitzer. Diese grundlegende poli-
kurzem. Erleichtert wurde dies dadurch, daß es in Chemnitz tische Orientierung, entstanden unter maßgeblicher Mjtwirkung
keine starke Reichswehrgarnison gab. Die :Arbeiter schufen einen des damaligen Vorsitzenden des Chemnitzer Vollzugsrates, Fritz
Aktionsausschuß unter der Le itung von Heinrich Brandler Hecker! (KPD), widerspiegelte sich in den Forderungen zahlrei-
(KPD), Allred Fellisch (SPD) und Amo Bruchardt (USPD), der cher sächsischer Aktionsausschüsse. Wären diese verwirklicht
sofort die Kontrolle über die Stadt übernahm. Der Aktionsaus- worden, hätte das die Kampfbedingungen der Werktätigen in der

schuß organisierte den Generalstreik und setzte schneller und rei- Weimarer Republik wesenilich verbessert und der Reaktion einen
bungsloser als in anderen sächsischen Orten die Entwaffnung der empfindlichen Schlag versetzt.
Reaktion und Bewaffnung der Arbeiter durch. Noch am Abend Bewaffnete Chemnitzer Werktätige halfen den Arbeitern der
des 13. März 1920 ließ der Aktionsausschuß die bürgerlichen näheren Umgebung auch direkt im Kampf gegen den Putsch und
Kräfte aus der Einwohnerwehr entfernen und bildete diese unter unterstützten sie, wie in Leipzig, mit einer größeren Anzahl von
Einbeziehung weiterer Werktätiger, vor allem von Mitgliedern Waffen. Sie enviesen sich als starker Rückhalt in1 Abwehrkampf
der KPD, zu einer Arbeitenvehr um. Von der mehr als der sächsischen Werktätigen.
3 000 Mann umfassenden Wehr gehörten 2 000 der SPD, über Der bewaffnete Widerstand der Arbeiter in Borna, Leipzig und
700 der KPD und die übrigen Arbeiterkämpfer zumeist der Riesa, die energische Reaktion von Werktätigen in Dresden,

132 133
Plauen und anderen Orten auf Provokationen reaktionärer Trup-
pen und die rasche Entmachtung der Putschisten in Chemnitz er-
höhten die Wirksamkeit des Generalstreiks der Werktätigen im
Freistaat Sachsen. Das zwang die Reaktion zum Rückzug.

Arbeiterwehren in der Provinz Sachsen

Starker Widerstand schlug den Putschisten auch in der preußi-


schen Provinz Sachsen, insbesondere in deren industriellen Zen-
tren um Oitterfeld, Halle und Magdeburg, entgegen. Diese Pro-
vinz umfaßte die Regierungsbezirke Mngdeburg, Merseburg und
Erfurt und ziihltc etwa drei Millionen Einwohner. Den größten
Anteil am Zustandekommen des Abwehrkampfes hatte hier die 0
Holz.wlß/g
USPD, die in einigen Gebieten, wie im Hegierungsbezirk lerse-
burg. den stärksten Einßuß von allen drei Arbeiterparteien aus- 183.
übte.
Die in der Provinz Sachsen stationierte Rei<'hswehr unternahm 0 /Jrt:l111tt
nichts gegen die Putschisten, im Gegenteil, sie begünstigte diese
sogar. Das traf auf den in Magdeburg befindlichen Stab der
Reichswehrbrigade 4, die von Generalmajor Wilhelm Groddeck 18.3. X 0 Oe!/tzsc/7
geführt wurde, ebenso zu wie auf die Mehrtnhl der Ofnziere der
in Altenburg, Burg, Halberstadt, Hnll e, jüterbog, Merseburg, 4 Kumpiweg uewrJffneterArbeiter
1 uumburg und Willenberg dislozierten Reichswehrformationen. <:- E/nsutz nml?e/ChSwt:llrllJrmor/onen
Das Verhalten der Reichswehr übte einen en tscheidenden Ein-
X wtclltlges Oetec/11
fluß auf den Ausbruch bewaffneter Auseinandersetzungen zwi·
sehen Anhängern der Kapp-Lüttwilz-Regierung und den zum Wi- Gt·lrchle im ßiurrfeldcr Industriegebiet. \liin 1920
derstand gegen den Putsch bereiten Werktätigen aus. Denn als
die Arbeiter der Provinz in den Generalstreik traten - beispiels-
weise stellten die Chemiebetriebe im Raum Halle und Bitterfeld, Der Schwerpunkt dieser Auseinandersetzungen lag im Regi.e-
die Kupferscl1icferwerke im Mansfcldischen, das Braunkohlenre- rrmgsbe:.irk Merseburg. Hier nahm die USPD, vor allem deren
vier um Zeitz und Weißenfels so.,.~e der Kalibergbau in Staßfurt linke Kräfte, einen beachtlichen Einfluß auf das politische Ge-
ihre Produktion ein - und die Werktätigen in zahlreichen Städ- schehen. Ihr standen auf bürgerlicl1er Seite die Deutschnationale
ten gegen den Umsturz protestierten, provozierten konterrevolu- Volkspartei und di'< Deutsche Volkspru1ei gegenüber, die nur
tionäre Truppen Feuerüberfalle auf friedliche Demonstranten. noch in den ostelbischen Gebi eten über eine größere Anhänger·
Daraufhin gingen die Werktätigen in Brehna, Delitzsch, Halle, scha r als hi er verrügten. Diese Konfrontation politisch so konträ-
ll albcrstadt, Jeßnitz, Magdeburg und weiteren Städten dazu rer und starke r Kräfte barg viel Zündstoff in sich. Er wurde noch
über, Reichswehrangehörige zu entwaffnen. ln nnderen Orten lei- durch die Konzentration der Arbeiter in einigen wenigen Groß-
steten Arbeiterweftren bewalfneten Widerstand. betrieben dieses Gebiets erhöht. So arbeiteten in der Montanin-

134 135
dustrie 200 000 und allein in den chemischen Betrieben von derstand gegen den Putsch energisch zu unterdrücken. Protest-
Leuna über 20 000 Werktätige. versammlungen und Demonstrationen wurden verboten. Es durf-
Gemeinsam mit den anderen Werktätigen des Regierungsbe- ten nur kappfreundliche achrichten in den Zeitungen und
zirks traten sie noch um 13. März 1920 in den Generalstreik. Au- Flugblättern verbreitet werden.
ßerdem fanden in Deuben, Hohenmölsen, Naumburg, Osterfeld, Oberst Czettritz stand zur Durchsetzung seiner Anordnungen
Teuchern, Weißenfels und Zeitz eindrucksvolle Protestkundge- eine Streitmacht in Stärke von insgesamt etwa 4 500 Mann zur
bungen statt, die zunächst friedlich verliefen. Zu Zusammenstö- Verfügu!]g, darunter 2 Bataillone des Jägerregiments 31, eine Mi-
ßen kam es erst, als reaktionäre Truppen gewaltsam provozierten. nenwerferkompagnie, eine Geschützbalterie, 2 Reiterschwadro-
So war es in Bitterfeld, Naumburg, Weißenfels, Wolfen und ande- nen und weitere Reichswehreinhei ten sowie Einwohnenvehren.
ren Orten. Dort hatten Reichswehrsoldaten auf Demonstranten Offenen Beifall fand der Putsch bei den einflußreichen Rechts-
geschossen und einige von i.hnen getötet. Als Schutz gegen den parteien in Halle. Ihre Stadtverordneten verließen am 15. März
Terror schufen Werktätige unt.e r dem Einfluß von Mitgliedern während einer Abstimmung über die Verurteilung des Putsches
der USPD und der KPD in diesen Orten sowie in Anunendorf, demonstrativ den SitzungssaaL Schon am 14. März hatte die
Delitzsch, Döllmitz, im Geiseltal und in Hettstedt Arbeiterweh- . Hallesche Zeitung«, das Organ der Deutschnationalen Vol kspar-
ren. tei, in einem Leitartikel die Kappregierung in den höchsten Tö-
Am 16. und I 7. März 1920 entwickelten sich Kämpfe bei
.
nen gepriesen.
Helfta und in Eisleben. Ortsansässigen Arbeitern gelang es mit Dies alles empörte die Werktätigen Halles zutiefst, lehnten sie
Unterstützung bewaffneter Arbeiter aus Erdeborn, H elbra, Hett- den Putsch doch entschieden ab. Jhre Ha.ltung wurde maßgeblich
sledt und Wollerode, den Vorstoß eines gepanzerten Reichswehr- von der USPD geprägt, die in Halle schon 1919 bei den Wahlen
eisenbahnzuges auf Eisleben abzuwehren und die in der Stadt zur ationalversammlung fast dreimal mehr Stimmen als die
befindlieben Reichswehreinheiten zu vertreiben. S PD erhalten hatte. Die USPD unterstützte den Generalstrei k ak-
Am 17. März fanden blutige Auseinandersetzungen bc.i .Jeßnitz tiv. Sie forderte die Entwaffnung sowie die Bestrafung der Pul-
statt. Dort verjagten 60 bewaffnete Arbeiter 110 Angehörige des . schisten und ging damit bedeutend weiter als die SPD. Und dort,
2. Landesjägerregiments, die sich in der Aue - am Lausegra- wo wie in Halle die linken Kräfte in der USPD dominierten,
ben - verschanzt hatten. Auch dieser Erfolg war maßgeblich auf stand diese Partei an der Seile der Werktätigen im bewaffneten
das gemeinsame Handeln von Werktätigen mehrerer Orte, so aus Abwehrkampf. Dagegen hatte die KPD in der Stadt gerade erst
Jeßnitz, Dessau und Ragu hn, zurückzuführen. F'uß gefaßt. Der Widerhall ihrer politischen Arbeit unter den
Weitere Gefechte entbrannten in Delitzsch (18. März), Oster- Werktätigen war allerdings weitaus größer, als es die Zahl von
feld (17./18. März), Thall1eim (16. März), Zeitz (17. März) und etwa 700 Mitgliedern vermuten läßt. Auf den Einfluß dieser lin-
Zschepkau ( 16. März). ken Kräfte ist es vor allem zurückzuführen, daß in Halle der
Die bedeutendsten bewaffneten Kämpfe in der damaligen Pro- Streik sofort nach dem Bekanntwerden des Staatsstreichs ein-
vinz Sachsen fanden in Halle statt. Hier hatte sich der Garnison- setzte und am 15. März 1920 voll durchgesetzt werden konnte.
älteste und Regimentskommandeur Oberst Hermann Czettrib; Die Putschisten sahen sich in die Defensive gedrängt. Sie leite-
offen der • neuen Regierunge zur Verfügung gestellt. Er mobili- ten daher eine Reihe votl Maßnahmen ein, um den Widerstand
sierte zusätzlich zu seinen Truppen Zeitfreiwillige und Einwoh- der Werktätigen einzudänunen. Dazu gehörte die Schaffung eines
nerwehren, ließ die Hauptpost besetzen, Wachen und Patroumen dichten Tetzes militärischer Stützpunkte, das unter anderem ein-
verstärken. ln einem Aufruf an die Bevölkerung der Stadt er- schloß: die Ar1illeriekaserne, das Waisenhaus, die Franckeschen
klärte Czetlritz, mit allen Mitteln für . Ruhe und Ordnung• zu Stiftungen, die Polizeidirektion, die Hauptpost, das Landgericht,
sorgen. Damit kündigte er seine Entschlossenheit an, jeden Wi- die Eisenbahndirektion, die Hoßplatz- und Heilkaserne, die Ober-

136 137
realschule und das Stadtlheater. Oberst Czellritz erhöhte außer- der spätere Freistaal Thüringen, zu dem sich am 4. Januar 1920
dem die Anzahl der Patrouillen. Er ließ an einigen ausgewählten sieben ehemalige thüringische Einzelstaaten vereinigt baUen.
Punkten in der Stadt, beispielsweise am Marktplatz, Drahtsperren Ihrem Gemeinschaftsvertrag stimmte die deutsche Nationalver-
errichten. Am 16. März verkündete Czetlrijz als Inhaber der voll- sammlung am 30. April 1920 zu. Er trat dann 8ll1 1. Juli 1920 in
ziehenden Gewalt den militärischen Ausnahmezustand in der il- Kraft. In Thüringen lagen auch )Oiche Städte wie Erfurt und
lusorischen Annahme, hierdu rch den Widerstand der Werktäti- Suh[, die damals zu Preußen gehörten. All diese Gebiete werden
gen gegen den Putsch rascher brechen zu können.. . im folgenden unter dem Sammelbegriff Thüringen behandelt.
Ln dieser gespannten Situation kam es zu blutigen Zusammen- Daß es in Thüringen zu heftigen bewaffneten Abwehraktionen
stößen. Am Abend des 17. März fielen am Marktplatz die ersten der Werktätigen gegen den Putsch kan1 , ist zunächst erstaunlich,
Schüsse. ln der acht zum 18. März entwickelten sich an mehre- war doch der größte Teil der mehr als 500 000 Erwerbstätigen
ren Stellen der Stadt bewairnete Auseinandersetzungen mit Strei- dieses Raums nicht in der Industrie, sondern in der Land- und
fen bzw. Posten der Reichswehr, unter anderem in der Ulrich- Porstwirtschart oder als H eimarbeiter beschäftigt. Industrielle
straße. Am 18. März spitzle sich die Lage durch erneute Zentren, wie Apolda, Erfurt, Gotha, Gre.iz, Suhl und Saalfeld, wa-
KonHikte mit Patrouillen der Reichswehr weiter zu. ren mit solchen Industriestädten wie etwa Leipzig oder Essen
Führende Funktionäre der Arbeiterparteien Halles bemühten kaum zu vergleichen. Oie Hauptursache für die rasche Herausbi l-
sich daher, die Aktionen der putschistischen Truppen in der dung einer machtvollen Abwehrbewegung gegen den Putsch in
Stadt durch eine Forcierung des politischen Kampfes einzu- Thüringen lag auch hier, wie in der preußischen P rovinz Sach-
schrän ken. Eine inzwischen aus Mitgliedern der USPO, KPD, sen, im großen politischen Einfluß der USPO, insbesondere ihrer
SPD und der Deutschen Demokralischen Partei gebildete Achter- linken Kräfte, sowie in der Stärke der KPD. Außerdem verfügten
kommission forderte am 18. Mär-.t vom Garnisonkon1mando: die drei Arbeiterparteien mit 29 Sitzen gegenüber 23 der rechten
' Rü cktritt des Garnisonälteslen, Vertretung aller vier gegen den Parteien über eine Mehrheit im Landtag. die die politische Wirk-
Put.sch auftretenden Parteien - der USPO, KPD, SPD und der samkeit dieser Kräfte in Thüringen widerspiegelte. Positi v machte
Deutschen Demokratischen Partei - in der Einwohnerwehr, Bil- sich weiterhin bemerkbar, daß von diesen 29 Sitzen USPD und
dung einer Militärkommission und Reduzierung der Anzahl der KPO gemeinsam 18 Sitze inne hatten. Überhaupt hatte die KPD,
Reichswehrpatrouillen in der Stadt. · die sich in Thüringen gerade erst formierte, ihren politischen Ein-
Um diesen Forderungen den notwendigen Nachdruck zu ver- nuß spiirbar erhöhen kön.nen. In Albrechts, Goldlauter, Heiders-
leihen, organisierte die Achlerkonunission noch am seihen Tag bach, Heinrichs, Lauscha und Sonneberg besaß sie bereits ein
10 Versammlungen, in deren Verlauf sich die überwältigende beachtliches politisches Gewicht.
Mehrheit der Teilnehmer für die Forderungen der Komm.ission Auch hatten die Werktätigen Thüringens zur Organisierung
aussprach. Oberst Czeltritz reagierte darauf mit weiteren provo- ihres Widerstands gegen den Putsch einen Handlungsspielraum,
zierenden Handlungen. Er verschärfte hierdurch die Lage so, daß wie er damals in den meisten Teilen Deutschlands nicht bestand,
es zu neuen bewaffneten Zusammenstößen kommen mußte. da in Thüringen nur wenige Reichswehrfonnationen stationiert
waren. Es gab sie in Eisenach, Erfurt, Gotha, Hildhurghausen,
Meiningen und Weimar.
Die l. Volksweh rarmee Thüringens Begünstigt durch diese Bedingungen, reagierten die Werktäti-
gen in den meisten größeren thüringischen Orten auf die ach-
Das thüringische Gebiet, in dem sich der Abwehrkampf gegen richt vom Putsch sofort mit Streikaklionen. Am Montag, dem
den Kapp-Lüttwilz-Putsch formierte, setzte sich damals aus ver- l 5. März 1920, standen in fast allen Betrieben die Räder still.
schiedenen Territorien zusammen. Den Kern Thüringens bildete Und das, obwohl die Brigadekommandeure der jeweils · fiir be-

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stimmte Gebiete Thüringens zuständigen Reichswehrbrigaden II
und 16 strengstens alle Widerstandsaktionen tu1tersagt hatten.
Die Empörung der Werktätigen über den Staatsstreich schlug je-
doch so hohe Wellen, daß dieses Druckmittel kaum Erfolge
brachte.
Die thüringischen Werktätigen waren jedoch nicht nur zu
Streik-, sondern auch zu bewaffneten Abwehraktionen bereit.
Das Verhalten von Reichswehrkommandeuren in den ersten Ta-
gen nach dem Putsch machte ihnen klar, welche Gefahr für den
Weiterbestand der Weimarer Republik von der Reichswehr aus-
ging. Und dieser Gefahr konnte nur bewaffnet begegnet werden.
ln vielen Orten begannen die Arbeiter daher, reaktionäre Kräfte
zu entwaffnen und die dabei beschlagnahmten Waffen zum AuJ-
bau vor Arbeiterwehren zu verwenden, so unter anderem in Al-
brechts, Gera, Goldlauter, Gotha, Heidersbach, Neubaus, Ohr-
druf, Schleusingen, Sonneberg, Suhl, Tiefenort, Walldorf,
Weimar und Zella-Mehlis. Teilweise erreichten diese Formalio-
nen eine beachtliche Stärke, so in Zella-MehJis etwa 500 Mann.
Gestützt auf diese Wehren, hielten die Arbeiter die Reaktion zu-
meist in Schach, sorgten sie in ihren Heimatorten für wirkliche
Ruhe und Ordnung.
Doch so blieb es nicht. Reichswehrform!llionen verließen ibre
Garnisonen und drangen im Thüringer Raum vor, um den Wider-
stand der Werktätigen gegen die Kapp-Lüttwitz-Regierung zu
brechen.
In Suhl· standen die Werktätigen zum Abwehrkampf bereit.
Hier hatte der Aktionsausschuß für den 14. März 1920 eine
Groß kundgebung gegen den Putsch organisiert. Auf ihr wurden
de~ Generalstreik proklamiert sowie die Entwaffnung der Ein-
wohnerwehren und die Bewaffnung der Arbeiter gefordert.
Durch EntwaHnungsaktionen und das Herbeischaffen von Waf-
KampfWeg von Reicl7swMrtlJrmt7tlonen
fen aus Suhler Waffenfabriken konnten etwa 1 000 Gewehre,
wlc/7!/ges 6erecht
' mehrere Maschinengewehre, zahlreiche Pistolen und eine grö-
MO - Ste/lvn.;in der Arbei~
ßere Menge Munition bereitgestellt werden. Damit wurden die
llewaffneter Stllf.Fpvnkt der Reicllswehr
(1l?athtTUS, Z:Posl, 38ollnllol') . von den Ak-
entstehenden Arbeiterwehren.. für die sieh bei den
tionsausschüssen eingerichteten Meldestellen bereits zahlreiche
Arbeiter eingetragen hatten, bewaffnet. Bedingung für die Auf-
Kiimplc in Suhl. Mä..-z 1920 nahme in diese Wehren war es, Mitglied einer der Arbeiterpar-
I
teien oder der Gewerkschaften zu sein und über militärische

140 141

Kenntnisse zu ''crfiigen. Oie Kommandeure der Arbeiterwehren Suhl an und schlossen sich mit Arbeitern aus Goldlauter zu einer
organisi('rlC'n Wachen zum Schutz vor etwaigen Angriffen kontcr- Gruppe zusammen, die etwa 40 Mann umfaßte. Sie bezog in der
revolutioniirer Tmppen. Bewaffnete Arbeiter palrouillierlen Gothaer Straße, in unmittelbarer ähc des »1-le•meberger Hau-
durch die tadt. 'csc, Posten, um den Heicbswehrsoldaten den Weg nach Zella-
Am \llorg!'n des 15. lär.G, kurz nach 4 uhr, näherte sich, aus \lchlis und nach Gotha zu verst>errcn. Kurz damui näherte sich
~riningen kommend. eine Kompanie des 1\'. Bataillons des ihr ein Lastkraftwagen, mit Soldaten besetzt, die unmittelbar zu-
chützenrcgimeots 21 auf Lastkrattwagen der Stadt. Die Arbei- ' or einen unbewaffnejen Arbeiter an der Ecke Himbachstraße/
terwachen erhielten vom Aktionsausschuß den Befehl, nicht zu Steinweg erschossen haUen. Die Werktätigen zögerlen daher
schießen, um so Blutvergießen zu verhindern. Außerdem hatte nirht und eröffneten soforl das Feuer, wodurch sie den Gegner
der Aktionsausschuß erfahren, daß die Hcichswehmngchörigen lwangen, in Richtung Rathaus abzudrehen.
Arbeiter aus Heinrichs, einem Ort nur wenige Kilometer von Die Nachricht von der Mordtat der Soldnteska verbreitete sich
Suhl entfernt, nls Geiseln miltührte\1. in Windeseile in der Stadt und steigerte die ohnehin große Erre-
Die lleichswehrformation nutzte diese Situation aus und drang gung der Bevölkerung über den Einmarsch der lleichswehr.
in die Stadt ein. Sie besetzte mit den noch nicht entwaffneten An- Zahlreiche Werktätige, unter ihnen bewaffnete Arbeiter, zogen zu
gehörigen der Einwohnerwehr im VeriRuf des Vormittags "~ch­ drn Stützpunkten der Soldaten.
tige Gebiiude der Stadt - das Rathaus, den Bahnhof so"rie die Ihr erstes Ziel war der Bahnhof. llier entwickelte sich ein Feu-
Post - und richtete das Rathaus als Stützpunkt ein. Die Zugänge rrgefecht, das mit der Vertreibung der lleichS\\;ehrsoldaten aus
zu diesem Gebäude und zum Markt wurden mit Stacheldraht dem Suhler Bahnhof endete. Dann drängten die Arbeiter zur
versperrt, außerdem wurden mehrere ~laschinengewebre in Stel- -.tark befestigten Post. ach längerem Schußwechsel mußte auch
lung gebracht. hier die lleichswehrbesatzung kapitulieren. 'u11mebr erhöhten
Daraufhin drängten die Suhler Arbeiter den Aktionsausschuß, die Suhler Arbeiter ihren Druck auf die im Hathaus verschanzten
entschiedene Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Eine Gruppe be- Soldaten. Gleichzeitig besetzten sie die Zugungsstraßen zur Stadt,
waffneter Arbeiter, unter ihnen das Mitglied der KPD Fritz Köh- da sie erfahren hatten, daß Verstärkungen im Anmarsch auf Suhl
ler, zog mit 2 Maschinengewehren auf den Ottilienstcin am Dom- srien.
berg. Von dort hatte sie ein ausgezeichnetes Schußfeld. Andere Die Heichswehrsoldaten im llathous lehnten die Forderung
bewaffnete Arbeiter postierlen sich unterhalb des Berges 811 der nuch Kapitulation ab. Daraufhin stießen die Arbeiter auf das Rat-
hier entlangführenden Eisenbahnlinic. Gleichzeitig benachrichtig- haus vor. Unter dem Feuerschutz ~er auf dem Ottilienstein und
ten Kuriere die Arbeiterwehren der umliegenden Ürle und baten am ßahndrunm stationierten Maschinengewehre rückten mehrere
um llilfe- h!'waffnete Arbeitergmppen, vor allem aus der Richtung Gothaer
Oie ersten Verstärkungen trafen aus Zella-\lehlis ein. schnell und Rüssenstraße, herßll. Besonders wirkungsvoll war der Be-
organisierl durch die dorl recht stark vertretenen :VIitglicder der schuß des Rathauses durch die am Bahndamm in Stellung gegan-
USPD und der KPD. ln diesem Orl hatte der Aktionsausschuß genen Arbeiter, zu denen Tbcodor l lelrricht, Karl Öbring, Fritz
schon arn 13.Miirz 1920 damit begonnen, die Arbeiter mit den in Blichet und F'ritz Häfner gehörten. Doch heftiges Abwehrfeuer
14 Betrieben, WerkstiHlen und Lagern beschlagnahmten Waffen Prschwerte es den inzwischen whlenmiißig verstärkten Arbeiter-
auszurUsh•n und Arbeiterwehren aufzustellen. Zu deren Bestand "Chren, noch zügiger vorwdringen. Erst der Einsatz von 2 Pan-
gehörlt•n auch 5 Panzerkraftwagen, die Werktiilige in einem der ~rrkrnftwagcn aus Zella-Mehlis leitete gegen I I Uhr eine Wende
chcmalig<•n Ehrhnrdtschen Hüstungsbetrirbe entdeckt und unter un Kampfverluuf ein.
großem Kraftaufwand repariert hallen. Der Kommruldßllt des einen Panzcrkraftwugcns hieß Richard
Die ersten Kämpfer aus Zella-Mehlis kamen grgen 6 Uhr in .Jung, sein l~ahrer August Winter. Die Panzerkmftwagen konnten

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8 \1ann aufnehmen und waren mit 2 Maschinengewehren be- nen, ihre Wehren stärker nach militärischen Organisationsprinzi-
stückt, die jeweils in diagonal angeordneten, auf Kugellagern lau- pirn aufzubauen und in Gruppen, Züge und Kompanien zu
fenden Drehkabinen untergebracht waren. An den Seiten des ~lil.'dem. Dabei half ihnen eine Kampneitung, die sich Exekutiv-
Panzerkraftwagens befanden sich Schießscharten, durch die mit komitee nannte und der Vertreter aus Suhl, Zclla-Mehlis, Cold-
Handfeuerwaffen geschossen werden konnte. Einer der beiden lauter, Heidersbach und Albrechts angehörten.
Panzerkraftwagen griff aus Ri chtung Gothaer Straße, der andere ach dem Formierungsprozeß dieser Wehren begannen am
von der Herrenstraße in das Kampfgeschehen ein. Beide Fahr- 15./16. März 1920 die bewaffneten Arbeiter damit, reaktioniire
zeuge zogen nach ihrem Eintreffen fast das gesamte Feuer der Kräfte in der Umgebung von Suhl zu entwaffnen. Sie spürten
Rathausbesatzung auf sich und erleichterten es dadurch den Ar- Waffenverstecke in Kühndorf, Schmalkaiden und in anderen Or-
beitern, rascher vorzustoßen. trn auf, beschlagnahmten Waffen von reaktionären Kräften in
Die Suhler Werktätigen wollten kein Blutbad und forderten da- Srhleusingen, verdrängten ein starkes Kontingent preußischer Si-
her die Besatzung des Rathauses gegen 14 hr erneut auf, sich r herheitspolizei aus Hildburghausen und halfen Meininger Arbei-
zu ergeben. Da diese jedoch wiederum ablehnte, ging der Kampf tern im Kampf gegen die lleaktion. ln Suhl selbst besetzten be-
weiter. Erst gegen 15 Uhr entschlossen sich die lleichswehrsolda- waffnete Werktätige weitere militärisch wichtige Objekte, wie das
tcn, das Angebot der Arbeiter anzunehmen und sich gefangen zu- Zeughaus, und trafen Abwehrmaßnahmen gegen etwaige Reichs-
geben. Sie wurden zunächst im Casthaus • Weißes Roß« und spä- wehrangriffe.
ter in der damaligen Mercedes-Fabrik in Zella-Mehlis gefangen- Bis zum 16. März holten die Arbeiterwehren die lleichswehr-
gehalten. Ein Teil dieser Soldaten verfaßte unter dem Eindruck soldaten faktisch aus dem ganzen südthüringischen Raum davon-
der Kämpfe und nach Disku ssionen mit Arbeitern einen Aufruf gejagt. Sie konnten nun darangehen, die reaktionären militiiri-
an die in anderen thüringischen Orten eingesetzten Reichswehr- M:hen Kräfte auch aus dem ' orden Thüringens, vor allem aus
angehörigen. Darin brachten sie zum Ausdruck, daß sie sich von Gotha, abzudrängen. Denn dort hatte es die Reichswehr sogar
ihren Offizieren betrogen fühlten und erkannt hätten, daß der vermocht, die Werktätigen wieder aus wichtigen Objekten der
Kampf der Arbeiter eigentlich auch ihren Interessen diene. Stadt - so der Fliegerwerft, der Post, dem Hathaus und dem
Doch mit der Einnahme des Rathauses war die von der Volkshaus - zu vertreiben.
Rei chswehr ausgehende Gefahr für Suhl noch nicht gebannt, da Am Nachmit1ag des 16. März 1920 zogen etwa 500 bewaffnete
aus Meiningen weitere Reichswehrforn1ation en anrückten. Diese 1\rbeiter aus Zella-Mehlis, annäherod 200 aus Suhl und Arbeiter-
konnten jedoch durch Arbeiterwehren bereits bei Dietzhausen, '-ehren aus Albrechts, Coldlauter, Heidersbach, Heinrichs und
etwa I0 Kilometer vor Suhl, gestoppt und nach heftigem Fe uer· anderen Orten mit 5 Panzerkraftwagen in Richtung Gotha.
gefecht zum Rückzug gezwungen werden. Das bceinnußte die Weitere bewaffnete Kräfte der Arbeiter rückten vom ehemali-
Meininger Garnison derart, daß diese die Stadt in der Nacht vom fl\'n Truppenübungsplatz Ohrdruf heran. Dorl war es am
15. zum 16. März verließ. Die Bedrohung Suhls wnr damit been· 16. März gelungen, die Wachmnnnschaften des Platzes zu über-
det. rumpeln. Während unnötiger und längerer Verhundlungen mit
ln den Kämpfen um Suhl wurden 4 Arbeiter gelötet und meh· de m Platzkommandanten konnte jedoch der grö(lte Teil der Be-
rere verwundet. Die Arbeiter erbeuteten 4 Lastkraftwagen, 4 satzung in Richtung Gotha entkommen. Dennoch gelang es den
schwere und mehrere leichte Maschinengewehre, annähernd \rbeitem, noch 4 Offiziere, einen Feldwebel und 30 Soldaten ge-
I00 Gewehre, 28 Pistolen, etwa 200 Handgranaten und umfang· fa ngenzunehmen.
reiche Munitionsbestände. Die zurückbleibenden '\ erktätigen rich1eten drn Truppen-
Unmittelbar nach ihrem Erfolg beschafften sich die Werktäli· iibungsplatz Ohrdruf als zentralen Stützpunkt der siidlhüringi-
gen nus Suhl und seiner Umgebung weitere Waffen und began· srhcn Arbeiterwehren ein. Sie ernannten Paul Marx zum Platz-

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kommandanten, der mit seiner Gruppe dafür sorgte, daß die aus gruppen und beriet über mög.liche Varianten des Vorstoßes gegen
Ohrdruf, Suhl, Zella-Mehlis und anderen Orten herbeieilenden die von der Reichswehr besetzten Objekte in Gotha.
Arbeiter mit Waffen versorgt. und in die Arbeiterwehren einge- Am 18. März, 4 Uhr, begannen die ersten Angriffshandlungen.
gliedert wurden. In diesen Tagen entstanden die Voraussetzun- Den Hauptschlag führten die Suhler, Zella-Mehliser sowie Ohr-
gen für die Formierung einer südthüringischen Volkswehrdivi- clrufer Webren aus Richtung Meileben und Boilstädt auf den südli-
sion oder der 1. Volkswehrarmee in T hüringen, wie sie in den chen Teil von Gotha, besonders gegen die Kasernen in der Kai-
damaligen Aufrufen der Arbeiter entsprechend den revolutionä- serslraße. Eine kleinere Anzahl von Arbeitern drang, aus
ren Vorbildern aus der Zeit der Novemberrevolution I 918/ 19 ge- Scbwabhausen kommend, über den Eisenhahnviadukt in das
nannt wurde. Stadtinnere vor und vertrieb die im Postgebäude befindlichen
Kommandeur der sich bildenden I. Volkswehrarmee in Thü- Soldaten.
ringen "'ar August Creutzburg, Mitglied der USPD seit 1917 und Der Gegner handelte erba.rmungslos. So verurteilte er 13 ge-
Vorsitzender des Betriebsrates der Waggonfabrik in Gotha. Er fangengenommene Arbeiter in einem Schnellverfahren zum
trat für die Vereinigung der linken Kräfte in der USPD mit der Tode. Das Urteil, das gegen 14 Uhr vollstreckt werden sollte,
KPD ein. Sein Stabschef war Hans Müller, ein Mitglied der KPD. wurde nur deshalb nicht vollzogen, weil die Soldaten schon vor
Die Führung der I. Volkswehrarmee gab ein Mitteilungsblatt diesem Zeitpunkt aus den Kasernen verjagt worden waren.
heraus, durch das sich die Angehörigen der bewaffneten Arbeiter- Der Kampf um die Stützpunkte der Reichswehr dauerte an
formationen Thüringens vor allem über die politischen Hinter- diesem 18. Mä.rz den g8TLZen Tag. Besonders heftig verlief er im
gründe des Putsches und den Verlauf der Abwehrkämpfe infor- Raum der Fliegerwerft Mehrere Vorstöße der bewaffneten Arbei-
mieren konnten. Das »l\1illeilungsblatt für die Volkswehre ter, die von den Besatzungen der 5 Panzerkraftwagen tmterstützt
erschien mit einer Auflage von etwa 20 000 Stück. Es war auf In- wurden, scheiterten zunächst am starken Abwehrfeuer der·Solda-
itiative Hermann Lindemanns, eines Mitglieds der Bezirksleitung ten. Heimtückisch öffneten diese plötzlich unter Schwenken einer
der KPD, gegründet worden. An dem Blatt wirkte auch der be- weißen Fahne das Werfttor. Die angreifenden Arbeiter glaubten
kannte kommunistische ArbeiterfunktiOLlär Hermann Duncker darauf!Un, die Besatzung hätte sich ergeben, und sie stürmten un-
mit, damals mit Billigung der Zentrale der KPD in der Landesre- ter Hurrarufen auf das Gelände. ln diesem Augenblick eröffneten
gierung Gotha Hegierungssekretär, außerdem war er Sekretär des die Soldaten erneut das Feuer und töteten 32 Arbeiter. Danach
Arbeiterrates von Gotha. setzten erbitterte Auseinandersetzungen ein. Nach einem weite-
Der größte Teil der auf dem Truppenübungsplatz von Ohrdruf ren Vorstoß der Arbeiter mußte sich die Reichswehrbesatzung
aufgestellten Formationen der 1. Volkwehrsarmee Thüringens zu rückziehen. Gegen 20 Uhr verließ sie die Stadt in Richtung Er-
marschierte in Richtung Gotha und sammelte sich südlich der furt.
Stadt mit den anderen anrückenden Arbeiterwehren. Dieses Ge- Einen mit den Gothaer Ere ignissen vergleichbaren Erfolg von
biet glich am 17. März einem Heerlager, da sich etwa 5 000 Ar- Arbeiterwehren inl Kanlpf gegen reaktionäre Reichswehrtruppen
beiterkiimpfer dort konzentriert hatten. fhre Bewaffnung bestand errangen 1920 nur noch die Angehörigen der Roten Ruhrarmee.
aus Pistolen, Gewehren, schweren und leichten Maschinengeweh- Die einig handelnden Arbeiter, entschlossen und zielklar geführt,
ren, wozu noch die bereits erwähnten 5 Panzerkraftwagen aus gut organisiert und militärisch erfahren, waren durchaus in der
Zella-Meblis kamen. Auch unbewaffnete Werktätige hatten sich Lage, selbst kampfstarke Reichswehrformationen in schwere Be-
den Wehren angeschlossen. drängnis zu bringen. Außerdem hinterließen die Erfolge der be-
Besonders starke Arbeiterstützpunkte befanden sich in Boil- waffneten Arbeiter auch in der politischen Haltung mancher Sol-
städt, Melleben, Emleben, Schwubhausen und Petriroda. Im letzt- daten Spuren. Einige Soldatengruppen kapitulierten, andere
genannten Ort tagte der Kampfstab aller bewaffneten Arbeiter- riefen nach ihrer Ge[angennallme, noch unter dem Eindruck der

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bewafineten Auseinandersetzungen stehend, ihre Kameraden zu beschränken. So forderten die Angehörigen des Sekretariats
dazu auf, den Kampf einzustellen. Und im II. Bataillon des Lan- der SPD-Leitung in Hoyerswerda am 19. März vom Reichspräsi-
desjägerregiments 31 in Altenburg leisteten Reichswehrsoldaten denten Friedrich Ebert die Bestrafung der Schuldigen am Putsch,
offen Widerstand gegen ihre Orrizierc, die sich auf die Seite der die . umorganisation« der Reichswehr und die Schaffung einer
Putschisten gestellt hallen. . arbeiterfreundlichen« Regierung.
Zu den bedeutendsten Ergebnissen der bewarrneten Abwehr- Eine vorwärtstreibende Rolle bei der Organisation des Ab-
kämpfe in Thüringen zählt die Bildung einer Volkswehrdivision, weh rkampfes in der Niederlausitz spielten auch viele Ak:tionsaus-
mit der direkt an die revolutionären Traditionen der Volkswehr- schüsse. Sie traten energisch rür den sofortigen Rücktritt der
bewegung der 1 ovemberrcvolution 1918119 angeknüpft wurde. Kapp-Lüttwitz-Regierung, für die Erweiterung der demokrati-
Diese I. Volkswehrarmee Thüringens gehörte im März 1920 ge- schen Freiheiten und sozialen Rechte sowie vielfach für die Ent-
meinsam mit der Roten Ruluarmee zu den wenigen Versueben in waffnung der Putschisten und die BewalTnung der Arbeiter ein.
Deutschland, einen militärisch gegliederten, ausgerüsteten und ln Calau, rmsterwalde, Guben, Senftenberg. Spremberg und Vet-
geführten Verband zu formieren. Beispielhaft war auch die Bil- schau übernahmen Aktionsausschüsse den Schutz der Werktäti-
dung einer einheitlichen Führung der thüringischen Wehren gen vor den Übergriffen reaktionärer Soldaten, kontrollierten
durch das Exekutivkomitee und die politische Unterstützung staatliche Gebäude und bewaffneten die Arbeiter.
durch Vertreter der Landesregierung in Gotha. Das Zentrum des Abwehrkampfes der iederlausitzer Werktä-
tigen befand sich in Cottbus und dessen unmittelbarer Umge-
bung. llicr lehnten die Werktätigen den Putsch einmütig ab. Am
Widerstand in der Provinz Brandenburg 13. und 14. März zogen Tausende von ihnen zum Schiller- und
zum Berliner Platz und erklärten sich zum Streik bereit. Doch
Die Werktätigen dieser Provinz standen einmütig il(l Streik gegen 'Vfajor Bruno-Ernst ßuchruckcr, Garnisonä.ltcster der Stadt, war
den Putsch und die Gefahr der Errichtung einer Militärdiktatur entschlossen, jeden Widerstand gegen den Putsch zu unterdrük-
in Deutschland. Dabei kam es in einigen Gebieten auch zu be- kcn. Buchrucker galt als eingefleischter Feind der Demokratie
waffneten Zusammenstößen zwischen Anhängern und Gegnern und der \Veimtlrcr Republik, 11ls ein besonders militanter Anti-
des Staatsstreichs. Oie Auseinandersetzungen waren zumeist nur kommurusl. Er halle sich schon 1919 an brutalen Unterdrük-
kurzzeitig u'nd entwickelten sich vorwiegend dann, wenn Reichs- kungsaktionen gegen die revolutionären Arbeiter beteiligt und
wehrsoldaten auf demonstrierende Werktätige schossen. Derar- stand 1920 an der Seite der reaktionärsten Kräfte.
tige bewaffnete Konflikte entstanden in Bemau, Fürstenwalde, Am 15. Märt 1920 ließ Major ßuchrucker 3 Patrouillen zu je
Guben, Grünberg, Jüterbog, Luckenwalde, Potsdam, Sirausberg 9 Mann aus der II. Batterie des Reichswehrregiments 15 zusam-
und Wemeuchen. Kämpfe, in denen die Werktätigen als Antwort mensteUen und erteilte ihnen den Auftrag, Bekanntmachungen in
auf die Provokationen der Reichswehrformationen bewaffneten der Stadt anzubringen. Es handelte sich einmal um eine Prokla-
Widerstand leisteten, fanden in Cottbus, Eberswalde und in mation des Putschistengenerals von Lüttwitz, in der dieser Frei-
Frankfurt an der Oder statt. ln der Niederlausitz erreichten sie heitsstrafen fiir den Fall von Widerstand gegen den Staatsstreich
das größte Ausmaß. androhte, und zum anderen um zwei Bekanntmachungen von
ln diesem Gebiet besaßen die revolutionären Kräfte in der Ar- Buchrocker selbst, in denen er •Ruhe und Ordnungc forderte.
beiterbewegung, die Anhänger des linken Flügels in der USPD Bei Zuwiderhandlungen kündigte er Geflingnis- und hohe Geld-
und die Mitglieder der KPD, einen beachtlichen Einfluß. Hier strafen an. Auch verkündete Buehrucker, daß er die ovollzie-
setzten sich auch viele Sozialdemokraten über die Bestrebungen hende Gewaltc übernommen habe.
iluer Führer hinweg, den Abwehrkampf lediglich auf den Streik Als die Reichswehrangehörigen die provokatorischen Bekannt-

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machungen im Stadtinneren anbringen wollten, kam es zu ersten Thiele. Mehr als I00 Mann, die aus Laubusch anrückten, führte
gewaltsamen Auseinandersetzungen. Dabei wurden oldaten ent- der Kommunist Remelius. Oie 4 Hundertschaften aus Hoyers-
waffnet. werda und Umgebung kommandierte das KPD-Mitglied Zielke,
achdem Major Buchrucker von diesen Aktionen gehört hatte, ein Teilnehmer der revolutionären Matrosenbewegung in der 1o-
befahl er der 6. und der 7.Kompanie des II. Bataillons des Reichs- vemberrevolution 1918119.
wehrregiments 30, mit je 2 schweren Maschinengewehren •Ord- Die bewaffneten Arbeiterkolonnen - aUein aus Hoyerswerda
nung« zu schaffen. Oie Soldaten brachten ein Maschinengewehr und Umgebung zogen fast I 000 Mann heran - bewegten sich
vor der Konditorei Seidel in der Spremberger Straße und das an- von Nordosten, Osten und Süden auf Cottbus zu. Da bei weitem
dere auf dem Kaiser-Wilhelm-Piatz in Stellung. Von dort aus ließ nicht jeder der anrückenden Arbeiter eine Waffe besaß, bemühte
der verantwortliche Offizier in die Menge schießen. Oie Schüsse man sich auf dem Marsch, diese durch Entwaffnung reaktionärer
löteten 4 Ein~ohner und verletzten 5 schwer. Während dieser Kräfte zu beschaffen. Die Arbeitenvehren näherten sieb immer
Ereignisse drang eine andere Gruppe von Soldaten in die Räume mehr der Stadtgrenze von Cottbus. Sie besetzten dabei wichtige
der Redaktion der USPO-Zeitung ein und warf 4 Handgranaten. Orte, -...<ie Branitz, Sachsendorf und Ströbitz. ·
Der Cottbuser Aktionsausschuß leitete jedoch keine energi- Die Führung der Garnison versuchte, die drohende Einschlie-
schen Maßnahmen gegen die Putschisten ein. Seine maßgelili- ßung zu verhindern, und befahl am 16. März der 6. Kompanie,
chen Mitglieder, rechte USPD- und SPD-Funktioniirc, begannen die noch durch den I. Zug der 7. Kompanie versliirkt wurde, ge-
sogar, mit Major Buchrucker zu verhandeln. gen Branitz zu marschieren und eine Bresche in den entstehen-
Angesichts dieser lavierenden llallung griffen die Arbeiter zur den Ring zu schlagen. Oie hier befindlichen etwo I 00 bewaffne-
Selbsthilfe. Größere Arbeilergruppen zogen in das etwa drei Kilo- ten Arbeiter vermochten es jedoch, den Vorstoß der
meter nordöstlich von Cottbus gelegene Lager Mertdorf, um sich Reichswehrsoldaten abzuwehren. Dabei zeichnete sich die
Waffen zu beschaffen, was ihnen mit nterstützung des ehemali- Gruppe unter Führung des Kommunisten Waller Wagner beson-
gen Feldwebels Heidrich, eines Mitglieds der SPD, auch gelang. ders aus. Dennoch mußten sich die Arbeiter zurückziehen, da sie
Andere Arbeitergruppen beschlagnahmten Waffen bei Mitglie- angesichts ihrer geringeren Zahl und ungenügenden Bewaffnung
dern von Einwohnerwehren oder bei Großgrundbesitzern. auf die Dauer keinen erfolgreichen Widerstand zu leisten ver-
Oie Anzahl der im Lager Mendorf aufgefundenen Wa.f'fen mochten. Beeindruckt durch die hartnäckige Gegenwehr der Ar-
reichte aus, um damit Arbeiterwehren auszurüsten. Es wurde beiter, wagten es die Soldaten aber nicht, weiter vonustoßen,
eine Leitung der Arbeiterwehren gebildet, an deren Spitze das und rückten wieder in ihre Kaserne ein.
linksorientierte Mitglied der SPD Albert Förster, ehemaliger Inzwischen erreichten die ersten Gruppen der auf Cottbus
Feldwebel und damals Revisor in Mendorf, stand. Dieser wandte mll(Schierenden Arbeiterkolonnen den Stadtrand. Von dort stie-
sich im Auftrag der Leitung an die Aktionsausschüsse benachbar- ßen sie in das Stadtinnere vor. Die Arbeiter besetzten wichtige
ter Orte, insbesondere an Ausschüsse im Senileoberger Revier, Gebäude, wie den Bahnhof, und umschlossen die Kaserne. Es ge-
und bat um HiUe. lang jedoch nicht, sie einzunehmen.
Sie kam vor allem aus Forst, Guben, Hoyerswerda, Seoften- Noch am 16. März fand auf dem Berliner Platz eine vom Ak-
berg und Sprembcrg sowie aus deren Umgebung, wo unter tat- tionsausschuß veranstaltete Großkundgebung statt, an der Tau-
kräftiger Mitwirkung der Aktionsausschüsse Arbeiterwehren auf- sende Einwohner von Cottbus teilnahmen. Sie forderten die
gestellt worden waren. Zahlreiche Werktätige riß auch der strenge Bestrafung Major Buchruckcrs und eine beschleunigte
beispielhafte Einsatz von Mitgliedern der KPD mit. So stand an Bewaffnung der Arbeiter. Mit dieser Aufgabe wurde Albert För-
der Spitze der aus Guben heranmarschierenden Gruppe, die ster beauftragt.. Er sollte außerdem zu den in Cottbus einrücken-
etwa 200 Mann stark war, der Ortsvorsitzende der KPO OUo den Arbeiterwehren Verbindung aufnehmen und darauf hinarbei-

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ten, daß für die Niederlausitz ei ne einheilliebe Kampfleitung Abend des I 7. März ihre Positionen verlassen und erfolglos wie-
gebildet und eine Rote Garde formiert wurde. der nach CoUbus abziehen mußten.
Dem Kommando der Arbeiter standen bald 4 000 größtenteils Oie militärische Leitung der Arbeiter gab sich mit diesem Er-
bewaffnete Werktätige zur Verfügung, die Arbeiterwehren der folg nicht zufrieden und befab~ bei Sachsendorf, südlich von
verschiedensten Orte der Niederlausitz angehörten. Diese We h- Cottbus, den zurückmarschierenden Gegner in die Zange zu neh-
ren unterschieden sich in Zahl und Bewaffnung beträchtlich. Mit- men. Zunächst schien dies auch zu gelingen. Doch nachdem Ma-
glieder der USPO und der SPO besaßen in ihnen den größten po- . jor Buchrucker noch die 6. Kompanie eingesetzt haUe, erhielt der
litischen Einfluß. Gegner hierdurch ein Übergewicht an Kräften, dem die Arbei-
Oie Kampfleitung der Roten Garde tagte am Anger von San- ter - trotz heftiger Gegenwehr - nicht standzuhalten vermoch-
dow, dem Arbeiterviertel von Cottbus. Führende Mitglieder der ten. Sie konnten den Rückmarsch der Soldaten in die Kaserne
Leitung waren Albert Förster und die Mitglieder der USPD ·Ro- nicht mehr verhindern.
senbaum und Tschichert. In Sandow richtete n die Arbeiter auch Oie Reichswehrangehörigen unternahmen - beeindmckt vom
Stützpw1lcte zur Versorgung der Arbeiterwehren und ein Lazarett Kampfgeist der Arbeiter - danach keine weiteren Angriffe. Ma-
ein. Zur Sicherung vor Überraschungsangrirren putschistischer jor ßuchntcker befürchtete sogar einen Sturm der Arbeiter auf
Truppen wurden Sperren errichtet und Wachen aufgestellt. die Kaserne und ließ Maschinengewehre auf den Kasernenmau-
Der Druck der Arbeiterwehren auf die Reichswehrkaserne ern postieren. Gleichzeitig bat er das Kommando der Reichs·
nahm stündlich zu. Major ßucbrucker entschloß sich deshalb zu wehrbrigade 5 in Frankfurt an der Oder um Unterstützung, wor-
einem Entlastungsangriff, mit dem er zugleich dem . Hilferuf• auf ihm auch die Entsendung eines gepanzerten Eisenbahnzuges
von Grubenbesitzern des Senftenberger Reviers, e ndlich . Ord- und einer Maschinengewehrkompanie zugesagt wurde. Damit
• nung• zu schaffen, nachkam. Er stellte eine Kampfeinheit zusam- veränderte sich das Kräfteverhältnis zugunsten der Reichswehr-
men, die in der Lage sei n sollte, rasch zu operieren, und die über formatione n. Es gelang den bewaffneten Arbeitern deshalb in der
eine beachtliche Feuerkraft verfiigte. Sie bestand aus der 7. Kom- Folgezeit nicht mehr, die putschistischen Tntppen zu entwaffnen.
panie, 2 Zügen der 5. Kompanie, der Maschinengewehrkoo1panie Trotzdem zählen die Abwehrkämpfe in der Niederlausitz zu
und 2 Feldkanonen der 7. Batterie des Reichswehrregiments 15. den bedeutendsten Aktionen der Werktätigen in der Provinz
Als die Leitw1g der Arbeiterwehren von diesem Vorhaben er- Brandenburg, die von ihnen bis zum 17. März 1920 gegen den
fuhr, sandte sie bewaffnete Arbeiter nach Orebkau, um den put- Kapp-Lüttwitz-Putsch unternommen wurden. Sie zeichneten sich
schistischen Tmppen den Weg abzuschneiden. Oie Arbeiter- vor al lem durch ihre Viel1.ahl, ihr zeitliches Ausmaß und die Zahl
gruppe bezog zusammen mit den schon in Orcbkau befindlieben der an ihnen beteiligten Arbeiter aus. Bedeutsam waren auch die
Wehren am nördlichen Stadtrand Stellung. Geschickt nutzten sie Bemühtrogen zur AufsteUtmg einer Roten Garde und zur Bildung
dabei die beiden Wäldchen in· der Nähe des Bahndam111s zur Er- eines zentralen militärischen Fühmngsorgans der Arbeiterwehren
richtung gut getarnter Feuerstützpunkte aus. in der iederlausitz.
Von dort erhielt dann auch die frontal angreifende 7. Kompa- Doch so wie in der Provinz Brandenburg oder in den vorber-
nie, die von einem halben Zug der 5. Kompanie unterstützt genannten Freistaaten und Provinzen war es nicht in allen Teilen
wurde, Feuer. li:benso erging es den anderen Kräften der 5. Kom- Ocutscblands. Nicht überall e ntwickelten sich bewaffnete Ab-
panie, die versuchten, die Flanke der Arbeiterstellungen zu um- wehrkämpfe, sondern häufig beschränkte sich de r Widerstand auf
fassen. Als jedoch der Kommandeur der Reichswehrformationen die Teilnahme am Generalstreik. Oie Ursachen Für dieses unter·
Feldkanonen einsetzte, sahen sich die Arbeiter gezwungen, bis schiedliche Verhalten sind recht vielschichtig. In der Demokrati-
zum Ortsausgang von Drehkau zurückzuweichen. Oiesen vertei- schen Republik Baden und im Freien Volksstaat Württemberg
digten sie so hartnäckig, daß die Reichswehrsoldaten am späten lehnten beispielsweise Reichswehr und Sicherheitspolizei den

152 153
Staatsstreich ab und provozierten nicht, wie in vielen anderen erfahrungen in den Klassenauseinandersetzungen mit Imperialis-
Gegenden in Deutschland, die Werktätigen zum bewaffneten Wi- mus und Militarismus, die sie besonders seit der Jahrhundert-
derstand. So gab Generalleutnant Waller von Bergmann, Befehls- wende - im· großen Bergarbeiterstreik von 1912, in mächtigen
haber des Wehrkreises V, am 15. März 1920 zusammen mit dem Streikkämpfen während des ersten Weltkrieges und in der o-
sozialdemokratischen Ministerpräsidenten von Württemherg, vemberrevolution 1918/19 - erworben hatten.
Wilhelm Blos, eine Treueerklärung für die Regierung Gustav Seitdem standen die Werktätigen des Ruhrgebiets mit an der
Bauer ab. Die Arbeiterparteien und Gewerkschaften in diesen Spitze des Kan1pfes zur Verteidigung und Erweiterung der in der
Ländern beschränkten sich daher aui den Generalstreik, der in ovemberrevolution errungenen demokratischen Rechte und
erster Linie als Unterstützung des Abwehrkampfes in den ande- Freiheiten. Sie wehrten sich auch Anfang 1920, als den Bergar-
ren Teilen Deutschlands gedacht war. beilern Überschichten aufgezwungen und den Eisenhalmern eine
Wiederum anders reagierten die Werktätigen auf den Putsch Verlängerung der Arbeitszeit zugemutet werden sollten. Ihre Em-
im Freistaat Bayern und in der preußischen Provinz Ostpreußen. pörung wuchs, als zu alldem noch am 13. Januar 1920 über die
Hier entstanden keine das gesamte Territorium erfassenden
Streikaktionen. Massiver ökonomischer, politischer und militäri-
scher Druck vor allem von Großgrundbesitzern, konservativen - lf4mpowg /Jewull'llffer Arlefltr
Bauernverhänden und großbürgerlichen Rechtsparteien hinderte X w/r/111;<$ W«ht

die Werktätigen daran, entschiedene Abwehrmaßnahmen zu er- P' VMif</c!J$we/lrksuLIUQI'f


~ "tJ11$1ther~Jt/f$p1b<ei!JeWmrPI1
greifen. Auch das lavierende Verhalten mancher rechtssozialde- ......, bl> zvm t?.3.19Zlllwtltnpla'etel'r.nt
mokratischer Fu.nktionäre hemmte den Widerstand. Vielerorts iler~enRatrnRuhl'flrmee
Ahlen
0
kämpFte die K.PD erst darum, Fuß zu fassen, und selbst die 0
Bedvm
USPD spielte im politischen Leben dieser Gebiete eine unterge-
ordnete Rolle. So besaß sie im bayrischen Landtag von 180 Ah-
geordnetensitzen lediglich 3. Diese Bedingungen verursachten 16.3.
maßgeblich das Scheitern einheitlieber Streikaktionen und X0~
schlossen die Entwicklung anderer Formen des Abwehrkampfes ~i~ I
~-
aus. Welche Bedeutung dem einheitlieben Handeln der Werktäti- op- AW
U/Je/flaiJSell
~-
/JIJchum
X 1,.3, ovnna
gen für die Organisation eines vielseitigen und erFolgreichen Wi- ~~essen t Dorfmund
derstands gegen den Putsch zukam, zeigten besonders anschau- X t6.3.
lich die Ereignisse im Ruhrgebiet 1J.3.Xo Oflvrf«k•
mner oHag<n

Die Entstehung der Roten Ruhrarmee

Erste Reaktionen der Ruhrarbeiter auf den Putsch

Vom Verhalten der Werktätigen im Ruhrgebiet hing der Ausgang


des Abwehrkampfes gegen den Kapp-Lüttwitz-Putsch entschei-
dend ab. hn Ruhrrevier, dem industriellen Herz Deutschlands,
lebten fast vier Millionen Werktätige. Sie besaßen reiche Kampf- 13e-.•aflnete Auseiollßdcrsetzungen im Huhrgebiet. 15.- 17. März 1920

154 155
R~ierungsbe~irke Amsberg, Oüsseldorf, Minden und Münster - diesem Dokument hieß es: Oie drei sozialistischen Parteien des
ab 17 .Januar 1920 nur noch über den Regierungsbezirk Oüssel- Bezirks iederrhein verpnichten sich, •den Kampf gegen die
dorf - der militärische Ausnahmezustand verhängt wurde. neugebildete Kapp-Regierung mit allen Kräften geschlossen auf-
Oie Kampfbereitschaft der Ruhrarbeiter zeigte sich sofort nach tunehmen.
dem Bekanntwerden des Putsches vom 13. März 1920. Sie ver- Der einheitliche Kampf ist zu führen mit dem Ziel:
stärkte sich noch, als die Werkti!tigen feststellten, daß General- I. Erringung der politischen Macht, durch die Diktatur des Prole-
leutnant Oskar Freiherr von Watter, der Befehlshaber des für die- tariats bis zum Siege des Sozialismus, auf der Grundlage des
ses Gebiet zuständigen Wehrkreiskommandos VI, eine eindeutige Hiitesystems.
Erklärung gegen den Staatsstreich ablehnte. Dieser General tat al- 2. Sofortige Sozialisierung der dazu reifen Wirtschafts~weige. Um
les, um seine Haltung zum Putsch so lange zu verschleiern, wie djeses Ziel zu erreichen, rufen die tinlerzeichneten sozialisti-
fiir ihn noch nicht klar war, welchen Verlauf der Umsturzversuch schen Parteien alle Arbeiter, Beamten und Angestellten auf,
nehmen würde. Indirekt jedoch förderte er diesen, indem er sich am Montag, dem 15. März, geschlossen in den Generalstreik zu
fiir •neutrale erklärte, die Aufrechterhaltung von . Ruhe und treten.«
Ordnung• mit der Absicht ankündigte, jegliche Protestaktionen Mit seiner Zielstellung, die Diktatur des Proletariats zu errich-
gegen den Putsch zu verhindern und nichts gegen die Freikorps ten, ging der Aufruf zweifellos weit über die damals in Deutsch·
in seinem Befehlsbereich unternahm, die sich - wie die Frei- land bestehenden realen Möglichkeiten hinaus. Doch entschei-
korps Lützow, Liebtschlag und Scbulz - offen zur Kapp-Lütt- dend blieb scine Empfehlung, einhcitliche Abwehraktionen
witz-Regierung bekannten. du rchzusetzen, woraus auch seine große praktische Wirkung re-
l linzu kam noch, daß auch andere politische und bewaffnete oultierte.
Kräfte im Ruhrgebiet indirekt bzw. offen den Putsch unterstütz- Der Aufruf bildete die politische Grundlage für das zeitweilige
ten. Oie dortige Sicherheitspolizei, formell dem Oberpräsidenten Zustandekommen ciner Zentralstreikleitung, in der Vertreter der
der Provinz Westfalen, Bemhard Wuermeling (Zentrum) unter- USPO, der SPO, der KPO und der Gewerkschaften gemeinsam
stehend, der sich gegen den Kapp-Putsch ausgesprochen hatte, wirkten. Diese Leitung gab . Richtlinien« zur Führw1g des Ab-
wurde durch ihren Kommandeur, Oberstleutnant von Caprivi, wehrkarnpfes heraus, in denen den örtlichen Aktionsausschüssen
noch nm 13. März auf die Putschistenregierung verpflichtet. Oie empfohlen wurde, alle Behörden zu veranlassen, öffentlich zum
meisten Einwohnerwehren im Ruhrgebiet folgten dem Aufruf Putsch und zum Generalstreik Stellung zu nehmen. Im Falle
ihrer Berliner Zentrale und erklärten sich ebenfalls für Kapp. Oie l'iner Unterstützung der Putschisten durch die Behörden sollten
lokalen Vorstände der Deutschnationalen Volkspartei bekundeten die Beamten an der weiteren Ausübw1g ihrer Tätigkeit gehindert
ihre Sympathie für den Staatsstreich, während sich die der Deut- werden. Des weiteren war vorgesehen, Polizei, Verkehr und Le-
schen Volkspartei noch zurückhaltend über den Kapp-Lüttwit.z. bensmittelversorgung den Aktionsausschüssen zu untersteDen so-
1
Putsch äußerten. wie ihnen auch Waffen und Munition abwliefem.
Demgegenüber verurteilten die Vertreter der drei Arbeiterpar· Überall spürte man das Bestreben, einheitlich gegen den
leien im Ruhrrevier von Anbeginn an den Putsch. Sie sprachen Putsch zu handeln. In vielen Städten des Ruhrreviers erklärten
sich fiir den Generalstreik gegen Kopp-Lüttwitz aus. Trotz unter· die Vertreter der drei Arbeiterparteien als nächstes Ziel des Ge-
schiedlicher Auffassungen darüber, ob allein für die Erhaltung neralstreiks: .Niederwerfung des Militärputsches, Sicherung der
der Weimarer Republik oder für weitergehende demokratische llepublik und der erreichten Arbeiterrechtec. Unter diesen Lo-
Veränderungen gekämpft werden sollte, einigten sich Vertreter sungen fanden bereits am 13. März vielerorts Demonstrationen
dt'r Bezirksleitungen der drei Arbeiterparteien om 13. Miir-1. in El- und Streiks statt, so in Bochum, Ouisburg, Essen, Hagen, Han1·
berfeld darüber, einen gemcinsarnen Aufruf herauszugeben. ln born, Haspe, Unna und Wetter.

156 157
Aur znhlreichen Kundgebungen und in Aurruren von Aktions- dorf, im Raum Wesel, in Mülheim und Elten disloziert Über
ausschlisscn t11uchten schon an diesem Tng häufig Forderungen den südwestlichen Teil des Ruhrgebiets übte Generalmajor
nach Entwarrnung der putschistischen Truppen und der Sicher- Bruno von Gillhausen das Kommando aus. Ihm unterst11nden die
heitspolizei, nach Reorganisation der Einwohnerwehren und Freikorps Hackelau und Lützow im Raum Remscheid sowie die
nach Bewaffnung der Arbeiter auf. Truppen der Reichswehrbrigade 7 im östlichen Teil Westfalens.
Die Konsequenz dieser Fordenmg war, im Ruhrgebiet Arbei- Im Ruhrrevier - in ßochum, Düsscldorf, Duisburg, Elberfcld,
terwehren aufzustellen. Doch bis es dazu kam, waren häulig be- Essen, Gelsenkirchen, Gummersbach, Mülheim, Oberhausen,
trächtliche Schwierigkeiten, vor allem der Widerstand der örtli- Remscheid und in Wesel -standen etwa 4 000 Mann der Sicher-
chen Behörden oder der reaktionären Einwohncrwchrcn, zu heitspolizei: 24 Hundertschaiten, 8 Technische Hundertscharten,
überwinden. Aber Einsatzbereitschaft, Findigkeit und Mut er- eine Berittene Starret, 7 Nachrichtenzüge sowie sogar eine Flie-
möglichten es vielen Werktätigen, sich Warren zu beschaffen. So gersUtffel.
beschlagnahmten am 14. März Willen er Werkliitige 40 Gewehre, Wie berechtigt die Befürchtungen der Werktätigen im Ruhrge-
und am selben Tag gelang es in ßochum, 2 000 Gewehre eines biet gegenüber dem Verhalten der Reichswehr und Sicherheits-
Warrentransportes sicherzustellen und damit Arbeiter auszurü- polizei waren, zeigte sich bald. Am 14. März befahl Generalleut-
sten. nant von Waller, mit dem für den Fall von •Unruhenc schon seit
Oie Eile, mit der sich die Arbeiter warren besorgten, war ver- längerem vorbereiteten Auemarsch zu beginnen. Danach hatten
ständlich. Stündlich mußten sie, bei der mehr oder weniger offe- die Brigaden mit den hierfür speziell gebildeten Reichswehrabtei-
nen Unterstützung der Putschisten durch die Reichswehr, mit be- lungen bis zu einer restgelegten Linie vorzurücken.
wairneten konterrevolutionären Aktionen - häulig unter dem Das Freikorps Lichtschlag, dessen Einheilen in Münster, Os-
Vorwand der Erhaltung von . Ruhe und Ordnung« - rechnen. nabrück uod Bietefeld lagen und das aus 3 Bataillonen, einer Eska-
Außerdem waren wegen der Streikaktionen AnCang 1920 im dron, 4 leichten uod einer schweren Batterie und anderen Forma-
Ruhrgebiet die Reichswehrformationen bedeutend vermehrt wor- tionen best11nd - insgesamt etwa 2 500 Mann - wurde angewiesen,
den. Mitte März 1920 standen im und um das Ruhrgebiel: I 1 Ba- sich sorort in Richtung Hagen in Marsch zu setzen. Sein II. Batail-
t11illone, 6 Eskadronen und 6 Batterien. Das waren bei der da- lon unter der Führung von Hauptmann Lange und die Infanterie-
mals recht unterschiedlichen Stärke der Einheilen etwa Geschütz-Batterie I 07 (Batterie Hasenclcvcr) bildeten die erste
6 500 Mann und 24 Kanonen bzw. Feldhaubitzen. Starret. Generalleutnant von Watter wählte dieses Ziel, weil sich
Der größte Teil dieser Reichswehrtntppen befand sich an der hier ein Zentrum des Widerst11nds gegen den Putsch im westli-
Grenze zum Ruhrgebiet, denn nach Artikel 42 und 43 des Ver- chen Westfalen befand.
seitler Vertrages waren die Unterhaltung und Zusammenziehung Ein bewaffneter Konflikt bahnte sich an, denn es war abzuse-
einer bcwaifneten Macht •auf dem linken Ufer des Rheins wie hen, daß die Werktäligen Hagens gegen den Einmarsch der
auch auf dem rechten Ufer westlich einer 50 Kilometer östlich Reichswehr Abwehrmaßnahmen ergreifen würden. Auf einer Be-
dieses F1usses gezogenen Liniec verboten. Aber die Signat11r- ratu ng rührender Funktionäre der USPD, der einflußreichsten
miichtc gestatteten es, in diesem Gebiet bis drei Monate nach ln- Arbeiterpartei der St11dt, beschlossen die Tcilne.hmer am ach-
krarttrcten des Vertrages, also bis zum I 0. April 1920, maximal mittag des 13. März 1920, auf einer Kundgcbtmg am Vormittag
20 Bataillone, I 0 Eskadronen und 2 Batterien der Reichswehr des nächsten Tages den Generalstreik zu verkünden. Oberstes
noch zu belassen. So verfügte das z.usliindige Wehrkreiskom- Ziel sei die •Sicherung der Einheitsfront aller Kopr- und Handar-
mando VI im rheinischen Teil dieses Territoriums über die beiter« zur Nicdetwerfung des Knpp-Lüttwilz-Putsches. Um die
Reichswehrbrigade 31, die unter Befehl von Generalmajor Ernst Wirksamkeit des Strei.ks zu erhöhen, müsse er durch eine Be-
Kabisch stand. Oie Formationen dieser Brigade waren in Düssel- waffnung von Arbeitern gestützt werden. So sollten bewaffnete

158 159
Arbeiter die Stadtpolizisten auf ihren routinemäßige n Patrouillen- lungrn. Fabriksirenen gaben Alarm. ll undcrte \Verktiilige ström-
gängen begleiten. ten zum Bahnhof. Hauptmann Hasenclever ließ daraufhin de n
Mehr als I 0 000 Kundgebungsteilnehmer stimmten am Giitcrzug zum Kampf vorbereiten. Dennoch bemü hten sich Ver-
14. März diesen Beschlüssen ~· Der Generalstreik begann, aber treter der Arbeiter - inz"~schen erschien auch eine Delegation
als weitaus schwieriger erwi es sich, die Bewaffnung d er Arbei- au~ I lagen - , ihn zum Abzug seiner Tnrppen zu bewegen. Ha-
ter durchzusetzen. Schli ich wurde die Herausgabe von 130 s!'nclever wollte aber durch Verhandlungen nur Zeit ge"innen,
der 160 im Rathaus vo Hagen lagemden Gewehre an die Werk- duoich schon ein in Bielefeld stationiertes Bataillon des Freikorps
tätigen erzwungen. heiter beschafften sich noch weitere Waf- Li c·htschlag auf dem Anmarsch befand.
fe)l, so daß sie bald über 200 Gewehre verfügten und eine Arbei- ln dieser zugespitz ten Situation ent~ckclte sich gegen 15 Uhr
terwehr aufgestellt werden konnte. Gleichzeitig schufen Funktio- L'in Feuergefecht, in dem sich die Arbeiter in ein er relativ günsti-
näre d er USPD, uQterslützt von Mitgliedern der SPD, eine ~('n Lage befanden. Sie waren in der Überzah l, griffen das ßahn-
Zentralstelle tür die überregionale Organisation des Abwehr- hofsgcböudc frontal und von den Höhen an, die den im engen
kampfes. · lluhrtal li egend en Ort umschlossen. Dogegen vermochten es die
Fast zur selbe n Zeit traten auch die Werktätigen von Wetter in llrichswehrsoldaten nicht, ihre militiirische Überlegenheit zur
den Generalstreik ein und bewaffneten sich. Hier führte ein Gdtung zu bringen. Lhr Versuch. die Kanonen von der Rampe
.Exekutiv-Komiteec, bestehend aus Mitgliedern der drei Arbei- hl'runte•tuholen und einzusetzen. rnißlnng. Mittlerweile hallen
terparteien, den Abwehrkarnpf. Über dieses von der Reaktion sich fast 2 000 größtenteils bewaffnete \' erktätigc - davon etwa
verteufelte Komitee wurde unter anderem behauptet, es habe in I 000 aus I lagen und Umgebung - eingefunden. 1unmehr be-
Wetter eine Räterepublik ausgerufen. Generalleutnant von Wal- j!nnnen zahlreiche Reichswehrsoldaten unsicher zu werden, etwa
ler nutzte derartige Falschmeldungen bewußt als zusätzlichen Vor- 20 'on ihnen verließen noch während der Verhandlungen ihre
wand, um den beiden auf dem Wege nach I lagen befindlichen Einheil und liefen zu den Arbeitern über.
Reichswehrformationen zu befehlen, zuerst Wetter und Herdecke Das Feuergefecht dauerte über eine St unde. Kein e der beiden
zu • befriedenc. Seiten vermochte es in dieser Zeit, ent scheidende Vorteile zu er-
ringen. Erst als gegen 16.30 Uhr eine aus bürgerli che n Kreisen
zusnmmengesclzte Del.egation mit I lasenclever verhandelte, nutz-
Kämpfe in Wetter, Herdecke, Karnen und Dortmund ten Arbeiter, d ie diese Abordnung nicht anerkannten, di e kurze
Fr ucrcinstcllung und drängten vor. I ach einem Schußwechsel
Am späten Abend des 14. März 1920 fuhr die Batterie des " urden die Soldaten in der Bahnhofshalle libcn•·ältigt und muß-
HauptmannsOtto Hasenclever ( 130 Mann und 6 Kanonen) mit t!'n sich ergeben. Sie hatten in den Küm pfen I I .\llann, darunter
einem Zug in Richtung Wetter. Der 32jährige Hauptmann war llauptmann Hasenclever, verloren. Die Werktätigen beklagten
ehemaliger Frontoffizier, Träger des Königlichen Hausordens der i Tote.
Hohenzollern und des Eisernen Kreuzes I. und II. Klasse, ein fa- Als Ergebnis djeser bewaffneten Auseinandersetzungen ergab
natischer Gegner der Weimarer Republik. Nur durch läuscbung sich für die Arbeiter eine völlig neue Situati on. Früher hatten sie
der Eisenbahner gelang es ihm, seinen T ransport bis nach Wetter oftmals iederlagen einstecken müssen. Jetzt ko nnten sie einen
zu bringen. Dort traf er am Morgen des 15. März 1920, gegen ~roßen Erfolg verbuchen. Eine Batterie der Putschisten halte ka-
I 0.30 Uhr, ein. pituli ert und ihre Kanonen eingebüUt.
Während der Verhandlungen in der ßahnh6fshnlle mit Vertre- Der J::rfolg von Weller blieb kein Einzclfnll im Ruhrgebiet Das
tern des Exekutiv-Komitees e rklärte sich llaser1clever für den II. Bntaillon des Freikorps Lichlsch lag, 11nniihcrnd 350 Mann
Putschistengeneral von Lüttwitz. Damit endeten die Unterband- stark. konn te seinen Auftrag, die Batterie I lasenclever zu unter-

160 161
stützen, nicht erfüllen. Eisenbahner hatten den mit diesem Batail- llerdecke die Wahrbeil unserer Bestimmung erfuhren, haben wir
lon belad~nen Zug mehrmals aufgehalten, so daß die Verbindung llauptmann Lange den Gehorsam verweigert und auf eine Vertei-
zur Batterie abriß. digung des Ratbauses verzichtet. Auch ist das Feuern in der vor-
Der Transport traf erst zwei Stunden nach Beendigung der be- deren Linie auf eigene Faust eingestellt worden. 'ach unserer ln-
waffneten Auseinandersetzungen in Herdecke ein, das noch vier trmierung müssen wir feststellen, daß wir von unseren
Kilometer YOn Wetter entfernt lag. , orgesetzten Offizieren in gröblichster Weise hinters Licht ge-
Der Kommandeur des Bataillons, I lauptmann Lange, besetzte führt worden sind. Wir haben keine konterrevolutionäre Gesin-
mit dem größten Teil der Truppe den Bahnhof so"~e das Rathaus nung und hüllen uns niemals wissentl ich zu konterrevolutionären
und stellte Sichenmgen an der Ruhrbrücke in den Richtungen Zwecken mißbrauchen lassen. Wir bemerken ausdriicklicb, daß
Hagen und Wetter auf. Verhandlungen mit Vertretern der Werk- auch die umlaufenden Behauptungen, wir seien nach unserer
tätigen verliefen ergebnislos, da sich Hnuphnann Lange nicht be- Waffenstreckung durch die Arbeitert ru ppen scheußlich behan-
reit erkliirte, mit seiner Formation abzuziehen. Sein Verhalten äh- drlt und rnißhttndelt worden, unwahr sind, daß jede gegenteilige
nelte stark dem des Hauptmanns Hasenclever in Weller. Arbeiter llrhauptung auf keiner Mitteilung der Soldnten beruhen kann. c
von Herdecke bezogen dal1er, unterstützt von Werktätigen der Die achriebt von den Erfolgen der Arbeiterformalionen bei
Umgebung, in der ähe des Bataillons Stellung. Als den Arbei- \'t'ettcr und llerdecke verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Sie er-
tern dann noch der Anmarsch von weiteren Heichswehrtruppen füllte die Werktätigen mit Stolz über die errungenen Ergebnisse
bekannt wurde und der Bürgermeister von l lerdecke ihnen au- und mit der Freude, dem verhaßten Freikorps Lichtschlag, des-
ßerdem mit Gegenmaßnahmen drohte, wenn sie ihren Abwehr- o,rn brutales Auftreten bei der Niederschlagung der revolutionä-
kampf fortsetzten, entscWossen sich die Kommandeure der A.r- ren Arbeiter im Ruhrgebiet im Jahre 1919 noch in Erinnerung
beiterwehren in Absprache mit Funktionären der rbeiterpar- '' ar, eine ' iederlage bereitet zu haben.
teien der Stadt zum Angriff auf die pu tschistischen Truppen. Die Abwehrkämpfe der Arbeiter bei Wetter und Herdecke hat-
Der Angriff begann arn l 6. Miirz 1920, gegen 7 hr. An ihm ten gezeigt, in welch hohem Maße unter den Werktätigen des
beteiligten sich einige hundert bewnffn cte Arbeiter. Diese zahlen- Huhrreviers die Bereitschaft vorhanden war, den putschistischen
mäßige Überlegen heit der Werktätigen, die zersplitterten Positio- Truppen entschiedenen Widerstand zu leisten. Dieser Wille, die
nen des Bnlaillons sowie die vorhandene Unzufried enheit unter Orgonisiertheit, die Konzentration und die gegenseitige Unterstüt-
den Mannschoflen über ihren Einsalz zwangen den Bataillons- zung der Arbeiter im Ruhrgebiet ermöglichten es, gleichzeitig ge-
kommandeur, den Kampf kurz nach 9 Uhr einstellen zu lassen. l(cn verschiedene provozierende Truppen vor-tugehen. Daher
Der Unmut unter den Soldaten und Unteroffizieren baUe sich kam es zur selben Zeit auch in anderen Orten zu Abwehrkämp-
schon vor der Abfahrt des Bataillons in ßielefeld gezeigt. Spre- f('n.
cher verurteilten die Unterstützung des Putsches durch ihre OFfi- 1n Kamen kontrollierte die arn 13. Miirz 1920 gebildete Arbei-
ziere und den bevorstehenden Einsatz. Kurz danach wurden sie trn. ehr wichtige Punkte der Stadt und unterstützte dadurch die
in llaft genommen. Nach Beendigung des Kampfes in Herdecke Wirksamkeit des Streiks. Als Angehörige des ehemaligen 8. Husa-
erging es vielen Angehörigen des Bataillons ebenso. Daraufhin n•nregimenls aus Paderborn mit einem Lastkrallwagen am
gaben die in Schutzhaft genommenen Unterofriziere und Mann- 15. Mürz, gegen 19 Uhr, in·die Stadt fuhren und der Fahrer den
schaften des 2. Bataillons Lichtschlag am 16. März .1 920 in Her- llaltcruf der Posten der Arbeilen.,ehr mißachtete, entwickelte
decke folgende Erklärung ab: • Wir stehen nach wie vor fest hin- sirh ein SchußwechseL Dieser und die nnschließende Geisel-
ter der· vom Volke gewäWten R.egicrung, der wir den Treueid nahme von drei Einwohnern aus Kamen sowie das Fehlschlagen
geleistet haben. Uns wurde gesagt, wir seien neutral und sollten dl'r· Vcr·handlungen zur Freilassung der Geiseln führten zum Aus-
nur da eingreifen. wo geraubt und geplündert werde. Als wir in bruch bewa!fneter Auseinandersetzungen, die arn 16. Män, ge-

162 163
gen 7 Uhr, begannen. Sie endeten mit der Kapitulation der unter waffnet - bewegten s ich auf das Stadtinnere zu. De r Druck der
dem Kommando des Hauptmanns von Manstein stehenden For- Arbeiter war so stark, daß die Soldaten gegen 10 Uhr de n Bahn-
mation. Kurz nach Beendigung dieser Kämpfe kam es zu weite- hof räumten. Thr Versuch, zum Stadthaus durchzubrechen und
ren bewaffneten Zusammenstößen, diesmal in Dortmund. Sie sich dort mit der örtlichen Sicherheitswehr zu vereinigen, schlug
wurden für den späteren Verlauf des Abwehrkampfes der Werk- fehl. Von al.len Seiten eingeschlossen, mußten sich die Soldaten
tätigen im Ruhrgebiet zu einem Wendepunkt. e rgeben. Auch die Sicherheitspolizisten kapitulierten. Gegen
ln Dortmund herrschte am Morgen des 16. März 1920 e ine äu- 12.30 Uhr schwiegen die Waffen. In diesen Kämpfen verloren
ßerst gespannte Situation. Als am Vortag Angehörige der Dort- das F'rei korps Lichtschlag und die Sicherheilswehr II und die
munder Polizei tmd Sicherheilswehr am Hauptbahnhof und vor Arbeiter etwa 20 Mann.
dem Stadthaus Demonstrierende und Streikende auf Befehl des ach der Vertreibung der bewaffneten Putschisten aus Dort-
Polizeipräsidenten von Heeringen beschossen, hatte es 6 Tote, mund konll'ollierten die Werktätigen fast den gesamten westfäli-
fast 30 Schwerverletzte und zahlre iche Verletzte gegeben. Von schen Teil des RtLhrgebiets. Sie verfügten dan1it über günstige
Heeringen, Sohn des ehemaligen kaiserlichen Kriegsm inisters, Voraussetzungen für weitere erfolgreiche Auseinandersetzungen
hatte sich schon im Frühjahr und Sommer 1919 maßgeblich an mit den konterrevolutionären Kräften. Der Sieg der Werktätigen
der blutigen Niederschlagung der Dortmunder Arbeiter beteiligt. in Dortmund förderte die F'ähigkeit der Arbeiter, starke bewaff.
Die Forderungen von USPD-Ftmktioniiren, diesen Reaktionär ab- nete Formationen aufzustellen und diese erfolgreich zu führen.
zulösen, wurden jedoch vom Stadtparlament und von führenden Die im Kampf gegen die Dorlmunder Putschisten entstandenen
Funktionären der Düsseldorfer SPD-Organisation abgelehnt Arbeiterwehren bildeten den Kristalli sationskern für den sich
Die Haltung des Dortmunder Polizeipräside·nten zum Putsch n unmehr rasch voiJziehenden Entstehungsprozcß der Roten
und der blutige Feuerüberfall der Polizeikräfte auf friedliche De- Huhrarmee. Schließlich sammelten die Werktätigen in Dortmund
monstranten lösten unter der Bevölkerung große Erregung aus. Erfahrungen für den bewaffneten Kampf in größeren Städten,
Sie schlug in bewaUnete Abwehraktionen um, als am 16. März war es doch ein Unterschied, ob in Städten wie He rd eckc, das
ein gepanzerter Zug mit dem I. Bataillon des Freikorps Licht- etwa 5 000 Einwohner zählte, oder in Dortmund, das
schlag zur Weiterfahrt nach Hagen auf dem Güterbahnhof Dort- 500 000 Bewohner hatte, gekämpft wurde.
mund-Süd eintraf. Es kam zu ersten bewaffneten Auseinanderset- Am 17.März 1920 entwickelten sich auch in Elberfeld und in
zungen, so daß die Soldaten den Befehl des Kommandeurs der Barmen bewaffnete Abwehrkämpfe. Mit ihnen begannen die be-
Reichswehrbrigade 7, Dortmund wieder in Richtung Münster zu waffneten Auseinandersetzungen im Bergischen Land. Ausgelöst
verlassen, nicht befolgen konnten. In der Zwischenzeit trafen wurden sie in Elberfeld. als am 15. März etwa 250 Sicherheits-
Hunderte von Arbeitern aus ßochum, Hagen, Haspe, Iserlohn, polizisten in die Stadt einrü ckten, um zusammen mit dem nach-
Kamen, Lethmathe, Unna, Witten und anderen Orten in Dort· folgenden Freikorps Hacketau den Widerstand der Werktätigen
mund ein und führten auf Wagen Wafren, Munition und Proviant sowohl in der Stadt als auch im Bergischen Land zu brechen. Als
mit, 2 Lastkraftwagen 7l0gen Feldgeschütze. Zum TroLYgehörten die Polizisten in Elberfeld einmarschierten, be fanden sich wegen
auch Sanitätsautos. Die heranziehenden Arbeiter sammelten sich des beginnenden Generalstreiks Tausende von Menschen auf
i.n Vororten der Stadt mit dem Ziel, die Putschistentruppen zu den Straßen. Es kam z u ersten Auseianderselzungen zwischen Si- I
entwaffnen. chcrheitspolizisten und Werktätigen.
Am nächsten Morgen, dem 17. März, stießen sie gegen 6 Uhr Die Situation spitzte sich zu, als kurze Zeit später Freikorpsfor-
aus mehreren Richtungen zum Bahnhof vor. Ihren Hauptstoß mationen in der Stadt e intrafen, den ' eumarkt absperrten und
flihrteo sie aus Richtung Hörde. Tausende von Werktätigen - vor dem Rathaus Sperren errichteten. Streifen patrouillie rten mit
ihre Zahl wird auf etwa I 0 000 geschätzt, viele von ihnen unbe- den Rufen »Fenster zu! Es wird geschossen!« durch die Straßen.

164 165
An mehreren Stellen d er Stadt entwickelten sich blutige Zusam- Eingetei lt waren sie in der Regel nach Gruppen, Zügen und
menstöße zwischen Sicherheitspolizisten und Einwohn ern. Das Kompanien. In den ersten Tagen des Widerstands gegen den
provokatorische Verhalten der putschistischen Truppen erreichte Putsch besaßen nur wenige Arbeiter Waffen, die ie entweder aus
am nächsten Tag, dem 16. März, seinen Höhepunkt. Angehörige \ erstecken geholt oder bei reaktionären Kräften im uftrag der
der Sicherheitspolizei schossen rücksichtslos auf ei nen Demon- Aktionsausschüsse sichergestellt hatten. Spiiter gelang es den
strationszug aus F'alingen, der zu r Unterstützung der Eibeneider Werktätigen dllrch ihre Erfolge im Kampf, eine größere Anzahl
.rbeiter in die Stadt gekommen war. von Waffen zu erbeuten. ach unvollständigen Angaben fielen
Kämpfe brachen aus. Die Arbeiter verschanzten sich in einer ihnen bis zum 17. März 1920 über 20 000 Gewehre, mehrere
Ziegelei an der Rudolrstraße, die nach Barmen führte. Sie leiste· Dutzend Maschinengewehre und einige Geschiitze in die Hände.
ten den angreifenden Sicherheitspolizisten energischen Wider- Während der bewaffneten Auseinandersetzungen lernten die
stand. Diese e rhielten daraufhin durch Soldaten des Freikorps Werktätigen es immer besser, ihre Kräfte rasch z u mobilisieren,
I lacketau Unterstützung. Doch auch mit deren l lilre gelang es zu koordini eren Lmd zu kon zentrieren. Sie e ntwicke lten ein ße-
nicht, wesentliche Erfolge gegenüber den erbittert kiimpfenden nacbrichtigungssystem, das sofort wirksam wurde, wenn von put-
Arbeitern zu erzielen. Inzwischen hatte sich die Zahl der Vertei- schistischen Truppen Gefahr drohte. Dadu rch konnten die be-
diger ebenfalls erhöht. und die bewaffneten Arbeiter konnte n er- "affneten Arbeiter ihre Zahl im e ntscheidenden Moment schnell
ste Vorstöße unternehmen. Schritt fiir Schri tt drängten sie die vervielfachen. So kämpften in Wetter etwa 2 000, in Herdecke
putsch~stischen Kriifte aus der Stadt. Gegen 22 Uhr waren Elber- 6 000 und in Dortmund schon fast I 0 000 gegen reaktionäre
feld und Barmen fre igekämpft T ruppen. Mit dieser Method e vermochten es die Arbeiter, ihre
Die bewaffneten Auseinandersetzungen in Elberfeld und Bar- militäri sche Unterlegenheit teilweise auszugleichen. Das Zusam-
men gehören zu den verlustreichsten in dieser Phase des Kamp- men"~rken mehrerer Arbeiterwehren hielt in dieser Phase der
fes im Ruhrgebiet, denn über 50 Arbeiter verloren in ihnen ihr \useinandersetzungen jedoch nur kurz an.
Leben. Diese Kämpfe beendeten einen wichtigen Abschnitt in Bis zum 17. März 1920 bestand noch keine Z<'ntrale rührung
der Entwicklung des bewaffneten Widerstands der rtuhrarbeiter rler Arbeiterwehren des Ruhrgcbiets. Aber es bi ldete n sich bis
im März 1920. dahi n die personellen und strukturellen Voraussetzungen flir die
ln Wetter, llerdecke, Kamen, Dortmund, Elberfeld und Bar- Zusammenfassung der Wehren zu ei11er Arbeiterarmee heraus,
men entstanden in der Zeit vom 13. bis zum 17. März 1920 zahl- die als Rote lluhrarmee in die Geschichte eingegangen ist Sie
reiche Arbeite!"\\ ehren. Das waren echte Volkswehren, denn sie führte diesen amen in enger Anlehnung an ihre Vorbilder, die
setzten sich aus \'ertretern d es gesamten Volkes zusammen, wur· Rote Armee Sowjetrußlands und die bayrische Rote Am1ee. Oie
den vom größten Teil der ßevölkenmg unterstützt und verfoch· Rote Ruhrarmee iibertraf letztere durch ihre zahlenmäßige Stärke
ten mit ihrem Kampf gegen die Gefahr einer Mi litärdiktatur die und Ausrlistung, das von ihr kontrollierte Gebiet, ihre Erfolge
Interessen der Mehrheit. Da die Wehren ein Ergebnis der T'atig· und besaß e ine bis dahin in Deutschland noch von keiner Arbei-
keit der gerade erst gegründeten Aktionsausschüsse bzw. Voll· te rformation erreichte politische sowie soziale Breite. Sie verkör-
zugsräte waren, bildeten sie sich organisiert, nicht spontan her· perte in vielem schon das, was Vertreter der Werktätigen im
aus. Diese Ausschüsse hat1en zur Schaffung von Arbeiterwehren Ruhrgebiet damals unter einem zukünftigen Volksheer verstan-
aufgerufen. übernahmen deren materielle Ausrüstung, die Ent· den.
lohnung und Verprlcgung der Kämpfer und organi sierten die Ein· Die Kiimpfer der Roten Ruhrarmee standen nrn 17. März 1920
sctzung oder Wahl der militiirischen Führer. an der Linie Dorlmund, Kamen, Wetter, 1-lerdeeke, Bnrmen und
Die Arbeiterwehren im Ruhrgebiet, hatten unterschiedliche Elberfeld. Diese stellenweise unterbrochene Linie bildete die
Stärke. Ihr Aufbau voOzog sich nach militärischen Prinzipien. Front im bewaffneten Widerstand gegen die Putschisten im Ruhr·

166 167
revier. Bis zum 17. März t 920 halle sich dort ein militärisches Tiitigkeit des Staatsapparates faktisch luhrn. Er traf die reoktionär-
Kriifte, erhültnis herausgebildet, das es den Arbeiterwehren er- ;ten Kriifte bis ins Mark. Schon die gewaltigen Massenaktionen
möglichte. die Initiative im Abwehrkampf gegen die putschisti- drr Werktiltigen - die Demonstrationen und Kundgebungen -
schen Tnappcn im Ruhrgebiet zu ergreiFen. Oie Arbeiterwehren hatten die Putschisten in die Defensive gedrängt. Ihr Schicksal
waren jetzt stark genug, um auch größere Städte dieses Territo- "urde endgültig besiegelt, als sich Zehntausende von Arbeitern
riums von bewaffneten Anhängern der Kapp-Lüth•~tz-Regierung bewaffneten, Arbeiterwehren aufstellten sowie putschistische For-
zu säubern. mationen und andere konterrevolutionäre Kräfte entwaffneten
Der größte Teil der im westfälischen Raum des Ruhrreviers ge- und diesen energischen Widerstand leisteten.
bildeten · rbeiterwehren stieß in Richtung Duisburg, Essen, Mül- Oie Bildung Hunderter von Arbeiterwehren und der bewaff-
heim und nach Süden auf Remscheid vor. Andere Wehren be- rwtc Kampf der Arbeiter stellten in Anbctrncht des gewaltsamen
wegten sich in Richtung Münster, einem weiteren Zentrum \ orgchens der Putschisten die notwendige Ergänzung des Cene-
putschistischer Truppen, und schoben sich dabei an die Lippe ralstr·eiks dar und waren eine wesentliche Voraussetzung fiir den
heran. Auch jenseits des Flusses entstanden Arbeiterstiitzpunkte, rusl'hcn Sieg über die Stnatsstreichler. Ocr bewaffnete Abwehr-
so in Ahlen, Beckum und Hamm. ~urnpf schwächte, teilweise demoralisierte er sogar entscheidende
Oie bisherigen Erfolge der streikenden und mit der Waffe Triigcr des msturzversuchs und verhinder1e den offenen Über-
kämpfenden Ruhrarbeiter beeinOußten die weiteren Handlungen tri tt der Mehrheit der zunächst abwartenden Reichswehroffiziere
und Pläne des Generalleutnants von Watter. Er mußte seine ur- und anderer Kräfte der herrschenden Klasse auf die Seile der
sprüngliche Absicht aufgeben. jeden 'I iderstand gegen den Kapp-Lüttwitz-Regierung. Er half darüber hinaus mit, in ökono-
Putsch sofor1 gewaltsam zu ersticken, und zunächst darauf ver- misch und politisch ausschlaggebenden Teilen Deutschlands vor-
zichten, weitere Truppen in das Ruhrrevier zu verlegen. Schließ- übergehend ein solches Krilfteverhiiltnis zu chaffen. das für den
lich sah er sich am 16. Mürz t 920 vcrnnlnßt, beim Reichswehr- ''ritcrE'n Ausbau der in der I ovemberrevolution 1918119 ernan-
gruppenkommando 2 Verstärkungen für die Absicherung der l(!'ncn demokratischen Rechte und ~~reihciten günstige Bedingun-
Grenzen zum Ruhrgebiet anzufordern. l(l'n bot.
Oie Abwehrkiimpfe der Werktiitigen im Huhrrevier wirkten Der Erfolg der Arbeiterklasse im Miirz 1920 wäre ohne das
weit über dieses Territorium hinaus. Sie woren maßgeblicher Be- rinhcitliche Handeln vieler Werktiitiger nicht möglich gewesen.
standteil der machtvollen Streik- und bewnfrneten AkJionen ge- Oie Aktionseinheit war die stärkste Waffe der Arbeiterklasse so-
gen den Putsch in ganz Deutschland und trugen wesentlich zum " ohl im Generalstreik als auch im bewaffneten Kampf. Oie An-
raschen lurz der Regierung Kapp-Liittwitz bei. Am 17. Mürz "<•ndung dieser beiden Formen des Klassenkampfes ~derspie­
1920, kurz nach 8 Uhr, mußte Wollgang Kapp zurücktreten und gelle den Heifeprozeß, der sich in der Arbeiterklasse seit der
einige Stunden spüter General der Infanterie \ValU1er Freiherr \o, emberrevolution vollzogen hatte. Das konsequente Auftreten
von Lüttwitz seineo Posten zur Verfügung stellen. ach wenig linker Mitglieder in der USPD und der deutschen Kommunisten
mehr als vier Tagen war der Versuch der reaktionärsten imperia- trug dazu entscheidend bei. Die einheitliche Kampffront führte
listischen Kreise Deutschlands, eine Militärdiktatur zu errichten, zur Bildung von politisch-organisatorischen Zentren des Abwehr-
gescheitert. kampfes - den Vollzugsräten oder Aktionsausschüssen. Diese
Den entscheidenden Beitrag dazu leistete der machtvolle Ge- politischen Organe der Werktiitigen lenkten maßgeblich den Ge-
neralstreik von annähernd 12 Millionen Werkliitigen, darw1ter n('ralslreik, überwachten die Tiitigkeit der Stn~~tsorgane, veranJaß-
7 lillionen Mitglieder der Freien Gewerkschaften. Dieser Gene- tc•n die Entwaffnung putschistischer Kriiftc und cngten, gestützt
ralstreik, dem sich außerdem Zehntausende von Angestellten uu f Arbeitcrwehren, die Wirkungsmöglichkeiten des imperialisli-
und ßeomten angeschlossen baUen, legte die Wirtschaft und die &<"hen Staatsapparates ein. Ihre Abwehrmaßnahmen gegen den

168 169
Putsch trugen revolutionär-demokratischen Charakter. Das traf Mitgliedern der SPD, die fragwürdige Koalitionspolitik der sozial-
vor allem auf das Wirken der Aktionsausschüsse im Ruhrrevier demokratischen Führung vor Augen geführt. Insbesondere stie-
zu. ßen die militärpolitischen Aulfassungen des sozialdemokrati·
Um die einheitlich handelnden Arbeiter scharten sich Tau- sehen Reichswehrministers Gustav oske auf starke Kritik, die·
sende von demokratisch gesinnten Angehörigen der fortschriftli- sich auch in seiner Tatenlosigkeit gegenüber den Pulsebisten aus·
chen Intelligenz und des Kleinbürgertums. Diese Kräfte, empört drückten. Schon seine Rolle bei der iederscblagung der Novem·
über den Putsch und dessen reaktionäre Ziele, entschlossen sich, bcrrevolution 1918/ 19 hatte gezeigt, wohin die Ablehnung des
gegen den Staatsstreich Widerstand zu leisten. Sie stützten sich revolutionären Kampfes der Arbeiterklasse und die grundsätzli-
dabei auf die Kraft der Arbeiterklasse. Die breite und massive che Bejahung des bürgerlichen Staates führten. Gustav Noske
Abwehrfront trug wesentlich zum Sieg über die Putschisten bei. wandle sich damals wie im Miirh 1920 gegen die Schaffung von
Arbeiterwebren. Einseitig auf den Kampf gegen Links ausgerich·
tet, nahm er dabei auch die Hilfe reaktionärster Formationen in
Für die Sicherung und Erweiterung der Erfolge Anspruch und duldete schli eßlich die republikfeindlichen Offi-
des Abwehrkampfes ( 17.-21. März 1920) ziere in der Reichswehr. oske ww·de daher zu Recht als ein Mit-
verantwortlicher an den Märzereignissen 1920 angesehen. Oie
Das veränderte Kräfteverhältnis überwiegende Zahl der Werktätigen balle jedoch noch nicht er-
kannt, daß die verbale Ableh nung des Militarismus und die For·
Mit dem Sturz der Kapp-Lüttwitz-Regierung am 17. März konnte derung nach Beseitigung des Einflusses der reaktionären Offi.
der Kampf der Werktätigen gegen die reaktionärsten Kräfte in ziere allein nicht ausreichten, um wirklich etwas zu verändern.
Deutschland noch nicht beende! sein. Denn bis dahin gab es von och war die Mehrheit der Werktätigen in bürgerlich-parlamen-
der Reichsregierung Gustav Bauer noch immer keine verbindli- tarischen Illusionen belangen.
chen Garantien, die für die Zukunft derartige Putschversuche Daher erhielt der Kampf der KPD und Linker Kräfte der USPD
ausschlossen und die Bestrafung der Verantwortlich en am Staats- in dieser entscheidenden Situation besondere ß edeutw1g dafür,
streich sicherten. Durch den Abwehrkampf von Millionen von den Werktätigen Weg und Ziel der weiteren Klassenauseinander-
Werktätigen halte sich in Deutschland ein innenpolitisches Kräf- setzuJlgen zu zeigen. Die KPD entsprach dem mit ihrem Aufruf
teverhältnis herausgebildet, das die historische Chance bot, die in vom 18.März 1920. Darin forderte sie zur Fortsetzung des Gene-
der ovemberrevolution I 918/ 19 erkämpften Erru ngenschaften ralstreiks und zum Kampf für die Absetzwtg aller konterrevolu-
zu festigen und zu erweitern sowie durch grundlegende Verände- tionären Offiziere auf, sie verlangte die Bewaffnung politisch or·
rungen in Staat und Wi rtschaft eine Wende in der Innen· und ganisierter Arbeiter und die Bildung von Arbeiterwehren. Sie
Außenpolitik Deutschlands herbeizuführen. Lm März 1920 ent· lehnte die Wiederkehr des Kabinetts Bauer- oske ab. Eine ähnli-
stand die Möglichkeit, gestützt auf den außerparlamentarischen che Meinung vertrat am 19. März das Zentralkomitee der USPD.
Kampf des Volkes und die schon errungenen Positionen - Ak· Auch die Führungen des Allgemeinen Deutschen Gewerk·
tionsausscbüsse, revolutionäre Betriebsräte, Arbeiterriile und die schaftsbundes, der Arbeitsgemeinschaft freier Angestelltenver·
Arbeiterwehren - sowie auf solche Kampfformen wie den Gene· bände und des Deutschen Beamtenbundes trafen am 18. Mär·z in
ralstrcik und den bewaffneten Kampf, ei ne Gewerkschafts· bzw. einem Aufruf - ähnlich wie in ihrem eun-Punkte-Programm
Arbeiterregierung zu schaffen. Das wäre eine echte AJtemative vom seihen Tage- für die Weilerführung des Generalstreiks ein.
zur bisherigen sozialdemokratisch-bürgerlichen KoalitionspoHtik Die unzuverlässigen Truppen sollten entwaffnet und eine .Neu-
gewesen. organisation der Truppe• eingeleitet werden, damit • für die Zu·
Der Kapp-Putsch hatte vielen Werktätigen, auch zah lreichen kunft jeder mmtärische Putsch unmöglich• würde. Diese Forde-

170 171

rungen stimmten weitgehend mit denen der KPD und der SPD '\aumhurg. ndere, wie die in Cottbus und Halle, bei Zickra und
überein und deuteten die Möglichkeilen an, die bei einem Zu- , or allem im Huhrgebiel, wurden von den Arbeiterformationen
sammengehen dieser Kräfte damals bestanden. Denn auch der mit dem Ziel geführt, die reaktionärsten Kräfte in Deutschland
Vorstand des ADGß "'ollte es nunmehr - im Unterschied zu sei- "eiler zurückzudrängen. Dieses Bestreben dominierte jetzt - im
ner Haltung am 13J 14. Män 1920 - nicht mehr dubei bewen- nterschied zu den bewnffnetcn Abwehrkämpfen der Werkliiti-
den Jassen, daß die Regierung !:lauer- oske ihre Tätigkeit wie- gen bis zum 17. Mm 1920 - bei den Arbeiterwehren.
der aufnahm. Bereits am I 7. \11ürz 1920 halle er sich an das
Zentralkomitee der US PD mit dem \ orschl.ag gewandt, eine Re-
gierung aus Vertretern der Gewerkschaften, der SPO und der Bewaffnete Auseinandersetzungen in llalle,
USPD zu bilden, die auf der politischen Grundlage der ~ eimarer Cottbus und im Haum Greiz
Republik für ein Zurückdrängen der konterrevolutionären Kräfte
eintreten sollte. Eine solche Position begünstigte objektiv die ln Halle hatte Oberst Hermunn Czcltritz die bereits cn>'iihnten
Weiterführung des Massenkampfes. Sie wurde von vielen Ak- Forderungen der Achterkommission nach weiteren demokrati-
tionsausschüssen unterstützt. die - wie der Aktionsausschuß von ~chen Veränderungen am 18. ~län abgelehnt und noch am sei·
Hagen am 17. ~Im I 920, die 400 Delegierten des Kongresses bcn Tag zum Zusammenschluß der Bevölkerung gegen eine an-
der Arbeiterriite Sachsens, der angrenzenden Gebiete ·n1üringens gebliche drohende »Bolsehewistcngefahrc aufgerufen. Er machte
und Bayerns am 18. März und der Aktionsausschuß von Stettin damit noch einmal deutlich, dnß weder er noch andere Sympathi-
Rm 20. Män - iihnliche Forderungen erhoben. sa nten der nunmehr gestürzten Putschisten dnrnn dnchten abzu-
Als unrealistisch en>'ies sich aber das Bestreben einiger Ak- treten.
tionsaussehüsse. die den politischen Reifegrad der Arbeiter und Die slreikend~>n und mit der Waffe kämpfenden Arbeiter in
das enstandene politische Kräfteverhältnis überbewerteten, jetzt I lalle besaßen aber nicht die Krnft, den Einfluß der putschisti-
direkt den Kampf um die Errichtung der Diktatur des Proletariats sc~en T ruppcn in der Stndl zu brechen. Oberst Czcllrilz führte
zu führen. den Befehl über 4 500 Angehörige der Rei chswehr und der Ein·
Wie groß die Hoffnungen vieler Werktätigen auf eine splirbare wohnerweh ren. Die Hallenser Werktätigen hofften daher auf
Veränderung der politischen Verhüllnisse damals in Deu tschland I lilfe von ttußen.
waren, widerspiegellen auch die Ansichten vieler SPO-Funktio- Bis zum 18. Män 1920 hatten sich Arbeilen>'ehren aus ver·
näre. So trat der sozialdemokratische • \ olksbotec von Sieltin am <chiedenen Orten der Umgebung, beispielsweise aus ~1ücheln
19.Män I 920 für die •sofortige Beseitigung der aufstündig gewe- und Weißenfels, aus Ammendorf und ßeesen, I lalle genähert. ln
senen Militürs, Entfernung der re11ktionären Beamten aus der den frühen Morgenstunden des 19. März entwickelten sich zwi·
Ven,.altung, Sicherung des Einflusses der organisierten Arbeiter- sehen ihnen und Heichswehrsoldnten am Südrand der Stadt, vor
schnfl bei den Militiir- und Zivilbehörden und sofortige Umbil- allem am Hosengarten und an • Husches Hof« sowie in der Rich-
dung der Regierung auf breiterer proletarischer Grundlngcc ein. tung \Vörmlitz/ßöllberg, bewaffnete Auseinandersetzungen. Auf
Millionen von Werktätigen folgten den Aurforderungen des der Seile der Reichswehr kämpften im Raum . Husches Hof •
AOCB, der KPD und der USPD, den Generalstreik fortzuführen. hauptsächlich Soldaten der II I. Batterie des leichten Artillerieregi-
Auch in dieser Phase des Kampfes entwickelten sich wiederum ments 16 und einer Kompani e des Infanterieregiments 31. Die
bewaffnete Auscinnndersetzungen, die Abwehrcharakter trugen, Auseinandersetzungen am Hoscngnrlen dauerten bis zum
da sie eine Heaktion auf dii'S scwttltsamc Vorgehen von Reichs- 22. März 1920 und nahmen buld F'ormen eines Stcllungskamr>fes
wehrformationen darstellten. Zu ihnen gehörten die Kämpfe in an.
Berlin, Bad Köscn, Delitzsch. Eberswalde, Gotha. Leipzig und Zur Unterstiilzung der von außerhalb Halles vorstoßenden

172 173

Werktätigen banden HaUenser Arbeiter bewaffnete Putschisten
durch gezielte Aktionen an mehreren SteUen der Stadt. Diese Un-
ternehmungen fanden am Vormittag des 19. März beispielsweise
am Sandanger und am Hetlstedter Bahnhof statt.
0
Tormru ln Ammendorf befand sich ein wichtiger Stützpunkt der be-
waffneten Arbeiter, die von h.ier aus nicht nur ihre Kampfbefeh le,
sondern auch Waffen, Munition und Verpflegung erhielten und
medizi!'Jisch versorgt wurden. Weiteruin existierten dort Repara-
turwerkstätten, in denen kleinere Schäden an Maschinengeweh-
ren und anderen Waffen sowie an Fahrrädern behoben werden
konnten.
Im Verlauf des 19. März 1920 bildete sich im Rücken der am
Südrand Halles kämpfenden Arbeiter eine kritische Situation her-
aus. Fonnationen des I. Bataillons des 31. Infanterieregiments
riickten aus Merseburg heran. Durch geschicktes Manövrieren
und eoerg.ischen Widerstand gelang es Angehörigen der Arbeiter-
wehren jedoch gegen Mittag, diese Kräfte zwischen Döllnitz und
Osendorf aufzuhalten und zum Abdrehen in Richtung Bruckdorf
zu zwingen. An diesem Erfolg hatten auch e hemalige russische
Kriegsgefangene aus dem Lager in Merseburg Anteil.
Ermutigt durch diese E1iolge und den anhaltenden Abwehr-
kampf, vervie~fachten die Arbeiter Halles ihre Aktionen und ent-
waffneten in der Reilstraße, am Markt, am Steinweg und in ande-
ren Teilen der Stadt gegnerische Kräfte und leisteten diesen an
mehreren Stellen bewaf.fneten Widerstand. Dabei zeichneten sich
einige Kämpfer besonders aus. So verzögerte am Nachmittag des
19. März Willi Zschammer, ein 24jähriger Transportarbeiter, mit
seinem Maschinengewehr mehrere Stunden das Vordringen von
Reichswehrsoldaten über die Burgstraße nach Norden, bevor ihn
ein Schuß aus dem Hinterhalt tötete. Willi Zschanuner war Funk-
tionär der Freien Sozialistischen Jugend und Mitbegründer der
Ürlsgruppe der KPD.
Sein aufopferungsvoller Einsatz wie auch der anderer Kämpfer
beflügelte so maneben Arbeiter der benachbarlen Orte und ver-
anJaßte sie, in Kröllwitz, Lettin, Trotba und Seeben neue Arbei-
terwehren zu bilden und den Werktätigen Halles zu Hiiie zu
eilen. So kamen aus Bernburg, Cüsten und Staßfurl etwa
Kiimplc in Halle. Miirz 1920 300 Mann nach Halle. Die Lage der Arbeiterkämpfer verbesserte
sich weiter, als am achmitlag des 19. März auch aus Eisleben,

174 175

Hettstcdt, Monsfeld und Teutschenthal Verstiirkung in Halle ein-
traf, die in den westüchen Vororten Stützpunkte errichtete und
das tadtgut Gimritz stünnte, in dem sich etwa 50 Zeitfreiwillige
verschanzt hatten.
Bis zum 20. März bauten die inzwischen auf mehr als
2 000 \lann ange"·achsenen Kräfte der bewaffneten Arbeiter ihre
Positionen so weit aus, daß sie von allen Seiten auf das Stadtin-
nere vorrücken konnten. Nach Meldungen des Garnisonkom-
mandos wurden Arbeitertrupps in der Sccbener und Großen n,., olutionän:
Steinstraße, im Raum des Gertmudenfriedhofcs, in der Kellner·, \1a1rosrn drmon·
Glauchauer, Jakob- und Zwingerstraße gesichtet. Stützpunkte !ltri('rtrt in Kiet
von Hciehswehrsoldaten, wie die J lauptpost, Moritzburg und '1/ovrmher 191 H
Heil-Kaserne, lagen unter Beschuß. Am achmitlag eroberten Ar- ~1u~blau der s,)8rt•·
beiter den Flugplatz in Trolha und das Polizeiverwaltungsge- ~ u <~•ru pJM'.

bäude. Sie unternahmen auch Vorstöße in Richtung Galgenberg. 11.\o-.mbt'r 1n18


Zur selben Zeit zogen andere Arbeitergruppen den Ring um
die tadt immer enger. Diese Aktivitäten sowie die Aktionen der
Werktätigen in der Stadt begrenzten die l landlungsfähigkeit der
putschistischcn Kräfte am 20. März auf die von ihnen noch be-
setzten tützpunkte. ln dieser für die Arbeiter vorteilhaften Lage
wiederholten ih re Abgesandten die von ihnen schon am 18. März
1920 erhobenen Forderungen zur weiteren Dcmokratisierung
des politischen Lebens in Halle. Doch Oberst Czettritz lehnte
wiederum ob. Er wußte, daß er mit seinen Tru ppen den Arbei-
tern immer noch militärisch überlegen war, und bereitete einen
konzentrischen Angriir gegen sie vor.
Dieser begann am 21. Märt-. dem Tag, der als » Hallescher Blut·
sonntagc in die Geschichte einging. 5.30 Uhr griffen die reaktio-
nären Reichswehrsoldaten im Gebiet des Klausberges, des Zoos
und vor allem im Raum des Großen Galgenberges die Positionen
der Arbeiter an und dehnten ihre Handlungen bis zum Flugplatz
aus. Gegen I 0 t..:hr setzte der Sturm der 9. Kompanie des lll. Ba·
taillons des Infanterieregiments 31 und der 2. Hundertschaft der
Sicherheitspolizei gegen die Stiitzpunkte der Arbeiter auf dem
Galgenberg ein.
Zuniichst gelang es den Arbeitern, die Angreifer zuriickzu·
schlugen. Doch während eines nocbmuligen Vorstoßes drang eine
Abteilung der Heichswehr, unter Einsulz von Punzcrkraftwagen
und 4 Mnschinengewehren, bis zum Flugplatz vor und bedrohte

l<arl Llebkned)t. emtt rneyer.


176
•.

Siegcslt!ucrwerk in Wil·
hclmshavcn. I 0. Novcrnbe
1918

A11geh<iri~c der Volks,•nari


ncdi' ision im llof clcs
Iiner Schlosses.
24. Dczcmhcr 1918

ftameraben!
<ßenoUen! 2!rbeih
l)k tooo"" ..... """"' Dir llltofd ~ ,.,..,.,
1$ tlll "' Wt Bti!Obfllo " ti'lft ~ ~
...._ 3'1 Mttr:• 31Wf •14 ..,. .-11 arr lFilhlt M

Roten <Barbe
."....,. Mdft.
~ l ~~ ~tllftt.McSMat. ba lbf
,. ~ Ul kfl $opoft.-u• p ~ D\rl8 "
ft'ft'WIII ...... ...".• ..,,riMtkfl'ttM!IdiMI,.. ~.......
~ ~ lOk c1M flortr ..JIItk ..,.._... )d«
tl6lrtft '"1~Min Jktktodtr ••h kt "'" ~1'11.. • II
'""'"""ll«"'l
1l1f 111111 l.mll fDr <'lW JNI)« fo/10(1~ ltm~W.

<is lebe bie Rote 2trmee!


(is lebe bie llJeffteoolution
1}tr J'lot1 CSofllatrn

Aulrul des Hotcn Soldatenhundcs,


November 1918

Karl Lichkn€'cht nuf eirler Protesi·


kundgcbung gegen den Übcrfnll aul
die Volksmnrinedivision. 25.DC"l.(.•mber
1918
Gbtr 0..
-
Q3runbung6parteitag ber
S\'ommunijlifd,en J)artei
Deuijd,fanb6
tf!HIIt•l·~·l
oom30. :0.~mll<r 1918bi4l.J<tnuor 1919.

".,-...,.
""" b« llo.."uni!bld.>no J)ortti 'Onlfid1t.ob<i
te,.,..,,.~,...

lk•rlirwr Jonunrl..iimpfc 19tH

\ltlr~~iimpr,. I!)19 in
ll•·rlin. ~:in Frt' ikOf'JlS-
'>tuUtnopr• ~··ht.
~~· ..t·hiil.tl 'Hn f'inem
l•ul. um llülo"l'l•tz
\flr

llot• \ erleidi@cr dt•r 1111) ri"•hen lliilt' re-


1Hihlilr. "-f'rdrn bt:·~nfTrlf'l
lh•mons1ration lM·"ufTnrl<'r ~'olu1io­
nar('r \rbei1rr und Sold•wn in \lion-
dwn. 22. \pril 1919

Rmlolf E@t•lhof<'r - Oht•rb<'fehl~halwr


d('r ha) riM"Iwn Hoh•n \rmf"r
ftuf zum Generalstreik!
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l'lllaer__
Ba IIIIe llrklleP,IlDguRJiti u.Beamtet
__ .,_.,.. 11110 Frauea 1.,.
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.... Die OtulldM Rtpüllk IIIID Gefallr ...
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\liin 1921
Iltunhu'l(t'r Aul;luntl 1923. llarri·
~ndt•n in llurntbl'rk

1-:ru.,l ThiilnHUH1 -poliüscher Führer


tl•·• llnmhn'ller \ ulslands 1923

l.in1· tlurd1 S1nrlwldraht gesic·ht·rt~


llcunl.iufltt~r
Poh7t•i" at·he. um dir
1••-mult•r- t•rhiu~rt !!tkiimpll "urd~.
Oklulwr 192:1
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l·.hr.·n ch·r·'' w· . k" · Kundgebung
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ALPRED MEYER

MEOAII t,F r ORTEILNAilME


AN DEN BEWAFFNETEN KJI)tPFEN
DER DEUTSCHEN ARBEITERKLASSE
IN Df.N JAIIRf.NID18·19U
Urkuolflc fllr '1\•ihuohme un den
bo•" allowl~n Kiimpfrn dtr dtnlschon
\rbeilo•rkla>>f 19 16 IJi> 192:1
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- \lrt~tin~ an rinrm Panlt'r''J.ug in llaiJe.
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\rlwi1rr au' dt•n \ 1rir;-"ämpr(·n d(""
John>' I ~21

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hc .. allnctcn Kiimpfc
'0" 1918 hi• 192:1 in
olo•r Litrratur der 1)1)11
DEFA-Filmt' ühcr Persönlichkeiten
der dcutschrn Arbeil~rbewegung.
Szene aus • I::msl Thiilrnann - Sohn Alier Frieclhor in Bcrlin-l.ichlcnbcrg.
!'einet Klasse• und Plakat zum Film An dieser Mauer \\1.ard{!ll am 12.~1liir;.
über Karl Lirbkn~'<"hl •Solangr Leben 1919 I I Arb~ilerkiimpft•r von konter·
in mir ist.: revolutioniiren Soldaten ermordet

•:\ovcmbcr 1918., Lithographie von


~lngnus Zcllrr von 1957
Blistr lleinrich Oorrt>nbachs, einer der
Führer der Volksrnarinedivision. Im
\ 1ui 1919 ' 'Qn der Konte rrevolution
heimtü('kisch e rmorde!. Ein Truppe n-
teil der Grenzln•tlilCn der DDR triigl
sdnen Namen

l.,·unu·Kröllwitz. Zentral" Gedenk·


sliHtc fiir die währc•nd der ~lärtkämpfc
1921 in ~l itteldeutschhmd gcrollcnm
Traditionszimmer einer Einheit \hrktiitigen
Volksmarinf'

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;\usslellung irn Armeemuseum der


l)()ll in Dresden. gc"'idmet den
Kiimprcrn gf'gcn Kupp· l.iittwib.

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J(Qmpfweg oewtrffneter Arbeiter


<X Einsatz wnJ?e/cl7s!'/e/7rliJrmQ/Ionen
w/c/Jttges Oe/eCht
• ••• l'anzvzug tterRe!cl7swehr

Aktionen bewaffneter Arbeitergnoppen bei Cottbus. ~ li.in. 1920

die linke Flanke der Arbeitergruppen. Die Verteidiger mußten


sich zurückziehen. Etwa 20, zumeist junge Arbeiter, Handwerker
und Bauern, deckten den Abzug ihrer Kameraden. Trotz des
mörderischen Beschusses hielten sie standhaft aus. Im Nahkampf
wurden sie schließlich getötet bzw. venvundet und gefangenge·
nommen.
Erfolgreicher f~r die Arbeiter verliefen die bewaffneten Aus-
einandersetzungen im Süden und Südwesten der Stadt, obwohl
sich hier ein Panzer'.wg der Reichswehr ständig im Einsalz be-
l~hn·nJ)O:,len vor der Offizirn,hoth·
t't·hul(' c.h•r Lund.slr(~itkriifh.· :. Ernst
rh iil nw nn « 177
fand. Oie Arbeiter konnten ihre Positionen vor den Fnmckescben wiederholten am 20. März 1920 erneut die Forderungen nach
Stiftungen halten. am Hallmarkt und am Marktplatz Feuerstütz- \bbcrufung von Major ßuchn~cker, nach Auflösung der putsehi·
punkte des Gegners einnehmen und die Angriffe gegen ihre ,tisdu•n Reichswehrformationen und Schaffung einer Arbeiter-
KampReifung am HeUstedler Bahnhof abwehren. Den Reichs- .... ehr. Ein Verlangen, das ausdrücklich von den SPO-Funktionä-
wrhrtruppen gelang es nicht. die Arbriter llalles niederzuwerfen. ren in der Stadt sowie anderen SPO-Gremien, wie dem
Erst das EintreiTen von etwa I 000 Mann Verstärkung aus Mag- Parteisekretariat von Hoyerswerda, bekriiftigt wurde. Dieser
deburg und die drückende Überlegenheit der Reichswehr an Druck erzwang schließlich a.m 29. Miirt den Abzug der unter
schweren Waffen und Munition, das Fehlen von Reserven und Führung von Major Buchrocker stehenden Reichswehrformalio-
einer einheitlichen KampReifung bei den Arbeitern zwang diese nen aus der Stadt. Doch dauerte t'S no<'h bis Anfang Juli 1920,
schließlich, am 22. März, gegen 20.30 Uhr, die bewaffneten Ab· ehe der Putschist Buchrucker aus der Reichswehr entlassen
wehrkiimpfe einzustellen. wurde.
ln Cottbus und Umgebung bemühten sich die Werktätigen Im Baum Creiz befand sich ei n weiteres Zentrum des Kamp·
nach dem 17. März, die errungenen Positionen zu verteidigen ft•s gegen pulschisfische Reichswehrforrnationen. llier hatte der
und demokratische Verändenmgen herbrizuführen. Ihre Haupt- .\klionsausschuß der Stadt, als er am Morgen des 20. März die
anstrengungen richteten. sich darauf, den Gurnisonkommandan· \aehricht vom Anmarsch des I. und II. Bataillons des Infanterie·
ten der tadt, Major Bruno-Ernst ßurhrucker. der offen auf der regiments 38 aus Plauen erhielt, die Arbeiterweh ren der Stadt
Seite dt'r Putschisten stand, zum Abtreten zu zwingen. ßuchruk- und umliegender Orte alanniert. Er beschloß zusammen mit dem
ker hntte, um dem Druck der Arbeiter weiter "iderstehen zu kön· Grraer usschuß, die Reichswehrtruppen nach Möglichkeit zu
nen, von der Reichswehrbrigade 5 in f'mnkfurt an der Oder t•nh• affnen.
einen gepanzerten Zug angefordert. Dazu wurde folgende Idee entwickelt: Ein Teil der Gerocr Ar-
ls Cottbuser Arbeiter davon am 18. Miirz erfuhren, sprengten hritcrwehren konzentriert sich im Raum Weidu, um ein Vordrin-
sie die ßahnlirtie zwischen Peitz und \Villmersdorf. Etwa grn der Fleichswehrformationcn an Weida vorbei zu verhindern.
500 Mann zogen dem Zug entgegen und beschossen ihn in der Die librigen Arbeiter verfolgen mit Greizer Arbeiterweh ren den
ühe von \Vi llmersdorf. Dabei zeichneten sich Gubener Arbei ter C('gner parallel zu seinem Marschweg und verhüten sein Über-
unter der Führung von Otto Thiele besonders nus. "t'tzen auf das rechte Elsterufer. Bewaffnete Arbeiter aus Zeulcn-
Oie leichten Waffen der Arbeiter vermochten gegen den ge- rodu und Triebes beschießen die Flanken der Heichswehrforma-
panzerten Zug nur wenig auszurichten. Ocr ständige Beschuß des tionrn während ihres Vormarsches. Arbeiterwehren aus Bergs,
Zuges verhinderte jedoch die Versuche der Soldaten, die unter· Werduu und Fraureuth besetzen die Elsterbriicke bei ßerga und
brocherum Gleise zu reparieren. Dadurch "urde der achsehub dir llöhen östlich des Ortes.
der Reichswehr nach Cottbus blockiert und die Zugbesatzung Zur Ven•;rklichung dieses Kampfplans .,..·urden weitere Arbei·
schließlich zum Rückzug gezwungen. h•r....ehren alarmiert; mittlerweile waren fast 2 000 rbeiter aufge-
Auch weitere Bemühungen der Reichswehr, in die Stadt zu ge- boten. Da ihnen aber die Reichswehrtruppen militärisch üherle-
lungen, konnten zunächst vereitelt werden. So verhinderten Ar- !(<•n waren, vermieden sie es, direkt auf diese zu treffen. So
beiter aus Ströbitz, die von Kümpfcrn nus Kolkwitz, Senftenberg, hrschossen kleinere Arbeitergruppen die Soldaten während ihres
dcrn l.autnwcrk und der Grube •Erikn. unterstützt wurden, dns \1arsches. Gleichzeitig entsandten die Werktätigen eine Delega-
Vorrücken weiterer Reichswehreinheiten noch Cottbus. Erst der tion unter Führung des Ministers Brandenstein aus der Regierung
zusiitzliche Einsatz von 2 Kompani en und von 2 Kanon en veran- drs Stautcs Heuß, das war einer der noch bis April 1920 beste·
luLlte die Arbeiter, sich zurückzuziehen. IHmden sieben thüring.ischen Einzelstuaten, zu Verhandlungen,
Dieser Rückschlag entmutigte sie jedoch ni<"hl. Ihre Vertreter urn den Kommandeur der Heichswehrformationen zur Einstel·

178 179
lung des weiteren Vormarsches und zur Abgabe der Waffen zu Vom1arsch der Roten lluhrarrnce
veranlassen.
Ocr Rrichswehrorfizier lehnte jedoch das Angebot der Arbeiter Im Ruhrgebiet streikte auch nach dem 17. Miir.r. 1920 noch die
ab. Am 21. Mär.t setzte eine Kompanie südlich Berga, bei Eula. \lt>hrheit der Werktätigen für die Sicherung und Erweiterung der
iiber die Weiße Elster. Sie wollte die bei Berga postierten Arbei- hisher errungenen Positionen. Zugleich aber komplizierten sich
t!'r überrumpeln und die Elsterbrücke einnehmen. Dabei kam es drren Kampfbedingungen, denn die Reichswehr konnte jetzt aus
vor allem auf der Ceisendorfer Höhe zu heftigen bcwafrneten d(•n sogenannten ruhigen Gegenden Truppen abziehen und an
Auseinandersetzungen, in denen die Werktätigen 8 Tote und dir Grenze zum Ruhrgebiet verlegen. Außerdem mehrten sich
15 Verwundete und die Reichswehrsoldaten 6 Tote und I0 Ver- die Stimmen, die für die Beendigung des Generalstreiks eintraten.
wundete einbüßten. Dirsc Kräfte halten dem Streik hauptsächlich unter dem Druck
Inzwischen versuchten Minister von Brandenstein und Kom- clr r Ereignisse nach dem 13. Mär.t 1920 zugestimmt und sahen
mandeure der Arbeiterwehren vor Zickra, die Orrizicre zur ßeen- ' "in Ziel mit dem Sturz der Putschistenregierung erfüllt. So for-
diglmg des Kampfes zu bewegen. Diese schwankt en aber noch, rlrrt(•n rechte Funktionäre der SPO und der Gewerkschaften
obwohl sie aus dem Abhören von Telefongesprächen des Zenlra· narh dem 17. März massiv den Abbruch des Generalstreiks.
len Aktionsausschusses entnommen hatten, daß sie faktisch von l\och aber folgten die meisten \Verkliitigen im Ruhrgebiet diesen
den bewaffneten Arbeitern eingeschlossen waren. Sie kapitulier- \ufrufen nicht. Unter Einsatz ihrer ~ affen wehrten sie sich.
ten erst, als das \llitglied des Zentralen Aktionsausschusses und -.. r nn sie von reaktionären Reichswehrformationen provoziert
des Staatsrates von Reuß, Hernuum Drechsler (US PD), blufrte '-trrden.
und mit dem Einsatz schwerer Waffen drohte. ln llemscheid brachen die ersten bewaffneten Auseinanderset-
Die Offiziere setzten ihre Namen auf die Kapitulationsurkunde zu ngen im Ruhrgebiet nach dem Sturz der Kapp-Lü!twitz.Regie-
neben die der Arbeiterkommandeure - ein einmaliges Ereignis rung aus. Sie wurden durch das Verhalten des etwa I 000 Mann
im Mär.t 1920. Oie Urkunde trägt die Unterschriften von sechs htarkcn Freikorps Lützow in der Stadt verursacht. Spldaten die-
Kommandeuren der Arbeitenvehren, auch die des Vorsitzenden ses Freikorps haUen schon am 13. und I4. Miir.t 1920 öffentliche
der KPO von Gcra, Sebastian, von Major ßoltzc und von Haupt· Cebi!ude in Remscheid besel:tt sowie nm 17.Miirz in eine Kund-
mnnn Kopp. Poraphiert wurde sie vom Minister Brandenstein. gebung geschossen, wodurch ein Arbeiter getötet und ein anderer
Entsprechend den Fesllegungen, mußten dit~ beiden Heiehswehr· schwer venvundet worden war. Diese Ereignisse und das Eintref-
bntaillonr unter Bewachung nach Cößnitz marschieren und sich fen von Generalmajor Bruno von Cillhousen mit dem Freikorps
von dort in ihre Garnisonen in Oschatz und Freiberg begeben so- llackctau, der 3. Hundertschaft der Sicherheitspolizei und mit
"ie zwei Drittel ihrer Waffen und Munition abliefern. Am spii!en Zeitfreiwilligen - insgesamt etwa 500 Mann - in Remscheid lö-
achmitlag des 21. l\liirz marschierten die siegreichen Arbeiter- Men letztlich die bewaffneten Kiimpfe im 011 aus.
" ehren. von qcr Bevölkerung stürmisch begrüßt. durch die Wie- \ ·icle Hemscheider sahen die in der ovemberrevolution
senstraße in Cera und feierten ihren Erfolg. 1918/ 19 schwer erkämpften demokratischen Hechte und Freihei-
Zwar blieb dieser Sieg ebenso wie der in Cottbus nach dem len durch diese Truppen bedroht und begannen sich zu bewa[f.
17 .Miirz 1920 eine Ausnahme. Dennoch zeugten die Kämpfe der ncn, wobei sie von Arbeitern benachharter Orte unterstützt wur·
Werkliiligcn im Htlllrn Creiz, in Cottbus und Umgebung sowie in den, die 7 erbeutete Feldkanonen milfiihrien. Oie Mehrzahl
Hallt~ vorn nusgcpriigten Willen vieler Wcrktiiliger, die Bestrafung rliescr Wcrkliitigen sammelte sich vor der Stadt. \Viihrcnddcsscn
der· Putschisten und die Entmachtung der rcoktioniiren Reichs- versuchten Arbeiterfunktioniire, die komplizierte Situation durch
wehrformntioncn nach dem Stur.t: von Kapp und Lüttwitz durch- \ erhond lungen zu entspannen. Als dieses Bemühen jedoch
zust>tzcn. fl'hlschlug, wurde durch Artilleriebeschuß des Rathauses der An·

180 18 1
tt>n noch die \ Ollzugsausschüsse bzw. Vollzugsräte der Städte die
K4mp"wrg /Jewrtlrnr:rerArtJtitu ~ Mvmttr
X wtt:ht~p fklt(/11 Arbeiterwehren im Kampf. Sie organisierten die Entwaffnung der
........ r fMI<fvMJ nJ/11 TT.3.~Z/J Z3 3. XOlfllrrup Put~cbisten, die ße,vaffnung der Arbeiter und leiteten deren Ein-

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~..- "''""l!v/:rt:rmtt; ~atz in ihrem \V~tkungsbereich. Als es zu einem Zusammenwir-
k!'n ,·on Arbeiterwehren mehrerer Orte kam, bildeten sich
2Z.3. Kumpfleitungen heraus. Den bestimmenden Einfluß in diesen
Leitungen übte jeweils diejenige Arbei terpartei aus, die in dem
b!'treffenden Gebiet über den größten Einfluß verfügte. Zumeist
grhörten den Kampfleitungen führende Vertreter de~ USPD, teils
ihres linken, teils ihres rechten F'lügels, und der Gewerkschaften
an.
Am 17. März 1920, gegen 17 Uhr, führte die Remscheider
Kumpfleitung mit Formationen der Roten Ruhrarmee ihren
llauptstoß aus nördlicher und nordöstlicher Richtung gegen die
putschistischen Stütz1>unkte in Hemscheid. Die Rotarmisten dran-
gen in die Stadt ein und kreisten mit Hilfe von mehr als I 0 000
teilweise bewaJrneten Einwohnern und von \Verkliitigen aus der
niiheren Umgebung die Reichswehrsoldaten ein. Doch durch die
Lnachtsamkeit einiger Arbeiter begünstigt, konnte ein Teil der
18./1!1.3. Soldaten aus der Stadt in südwestlicher Richtung entkommen.
Während ein Teil der bewaffneten Rotarmisten, unter ihnen
l\:iim1>fe der Rotrn Ruhrarmee. 17.- 23.Miin 1920 Cronenberger \Verkliltige, fliehende Soldaten aufspürte und fast
I00 von ihnen nach kurzem Schußwechsel gefangennehmen
konnte, besetzten andere Kämpfer den Marktplatz, die Hauptpost
griff auf die Putschistenstützpunkt e eingeleitet Eine Kampflei- un d den Schlachthof, die bisherigen Eckpfeiler des Stützpunktsy-
tung, bestehend aus dem Abgeordneten der ationalversamm- >~rms der konterrevolutionären Truppen in Remscheid. Damit
lung Otto Brass (USPD), Walter Paul (USPD) nus Ronsdorf und fanden die Bemühungen der Arbeiter zur Befreiung ihrer Stadt
Paul Sauerbrey (USPD) aus Barmen, versuchte, die Aktionen der und des Bergischen Landes von bewaffneten PutschiHlen ihren
bewaffneten Arbeiter zu koordinieren. \ bschluß.
Für die Rote Ruhrarm ee wurden jetzt spezielle Kampfleitun- Oie erbittert geführten Kämpfe hallen beiden Seiten große
gen erforderlich. Die erste war wilhrend der Kämpfe um Dort- Verluste zugefügt. Von den Arbeitern fanden 40 und von den
mund gebildet worden, jetzt stieg die Zahl der Formationen, die Putscllisten 58 Mann den Tod. 266 Angehörige der konterrevolu-
Front nahm an Ausmaß zu, die Kämpfe dauerten länger, und die tionären Truppen gerieten in Gefangenschaft
Entfernung zu den 1-leimatorten der Rotarmisten vergrößerte Im Raum Münster befanden sich das Wehrkreiskommando VI
sich. Effektivere Formen der Führung sowie der materiellen und und der Stab der Hcichswehrbrigade 7, deren Orfizicrc mit der
personellen Sicherstellung der Arbeiterwehren mußten deshalb Ka pp-Lüttwitz-Regicrung indirekt oder sogar offen sym1>athisiert
gefunden werden. huuen. ln der Umgebung von Münster sammelten sich bis zum
ln den Kämpfen bei Wetter und llerdecke sowie bei allen spä- 18. März 1920 vor allem Truppenteile der Reichswehrbrigade 7,
teren örtlich begrenzten bewaffneten Auseinandersetzungen führ- ~o das Artillerieregiment 7 und das Infanterieregiment 14, For-

182 183
mationen des freikoqls Lützow und der 3. Marinebrigade sowie ern eint reffenden Truppen um 21. März in Rhedu mit der Absi cht
Einheiten der Reichswehrbrigade 10. konzentrieren, von dort 11us einen Angriff in den Rücken der Ro-
Um sich gegen diese massive Konzentration reaktionärer Trup- ten Ruhrarmee zu führen.
pen zu schützen, zogen Formationen der Roten Ruhrarmee aus Die Mehrzahl der im Haum Barmen, Dortmund und Hagen
dem Raum Elberfcld, Dortmund und llagen in nördlicher und aufgestellten Formationen der !loten Ruhrannee marschierte in
nordwestlicher llichtung zur Lit>pe. Sie beabsichtigten, dort Ver- Richtung westliches lluhrgcbieL I Lier befanden sich starke Kräfte
t.eidigungsstellungen gegen eventuelle Vorstöße von Reichswehr- der Reichswehr und der Sicherheitspolizei, die iodirekl oder so-
formationen aus dem llaum Münster in das Ruhrgebiet zu errich- gar offen den Putsch unlerslülzl hatten. Dazu zählten vor al.lem
ten und reaktionäre Formationen zu entwaffnen. Am 17. März das annähernd I 000 Mann starke Freikoq>s Schulz in Mülheim,
mußte die Einwohnerwehr von Werne, am 20. Mär.G die von das in Düsseldorf stationierte Infanterieregiment 61 und das ln-
Hamm und die von Reddinghausen ihre Waffen an Arbeiterweh- fanteriercgiment 62, das im Raum Wesei-Hambom-Dorsten ope-
ren abliefern. rierlc. Diese reaktionären Truppen fühlten sieb nach dem Sturz
Einige der Arbeiterwehren bezogen in der l ähe' der Lippe Stel- der Kapp-Lüllwitz-llegierung durch die Anweisung ihres Kom-
lung. Diese Formationen unternahmen \ orstöße auf Münster, um mandeurs, Generalmajor Ernst Kabisch, vom 17. März 1920 er-
dje zwischen dieser Stadt und der Lippe liegenden Orte von pul- muntert, gegen die um ihre demokratischen Rechte und Freihei-
schistischcn Kräften zu säubern sowie die dort Iagerndeo Waffen len kämpfenden Werktöligen gewaltsam vorzugehen. General
zu beschlagnahmen. Teil dieser Aktionen war auch die kurzzei- Kabisch hatte befohlen, nunmehr mit aller Schärfe gegen strei-
tige Besetzung von Diilmcn (22. März) sowie von Lüdinghausen ke nde und bewaffnet kiimpfende Arbeiter aufzutreten: »I. Jede
und ßork (23. Miirt). Dabei drangen Patrouillen der Arbeiter bis Aufforderung zur Aufrechterhaltung des ... Generalstreiks oder
nach Hillrut>, das etwa sieben Kilometer von Münster entrerot zu m Eintrill in den Streik ist von den Militörbefehlshal>ern mit al-
lag, vor. len zu Gebote stehenden Mitlein zu unterdrücken, die für derar-
Die Mchrlahl der an der Lippe operierenden Formalionen der tige Kundgebungen verantwortlichen Personen sind festzuneh·
Holen Ruhrarmee murschie rte entlang des Flusses weiter nach men. c
Westen in Hichtung Wesel, wo sich ebenfalls eine starke Gruppie- Ähnlich wie die Heichswehrformationen traten auch die im
rung reaklioniircr Reichswehrformalionen - Truppen der Reichs- westlichen Ruhrgebiet stationierten Sicherheitspolizeieinheiten
wehrbrigade 31 unter der Führung von Generalmajor Ernst Ka- auf. Sie provozierten bewaffnete Zusammenstöße mit Werktäti-
bisch - befand. Die Arbeiter legten vor der Stodl Verteidigungs- gen und schossen auf friedliche Demonstranten. Solche Vorgänge
stellungen an, um ein Vordringen der im Raum \Vesel stehenden ereigneten sich in Essen, Gelsenkirchen, Wattenscheid und in an·
Truppen in das Ruhrgebiet zu verhindern. deren Orten. Es konnte dtlher gar 11icht ausbleiben, daß es zwi-
Inzwischen setzte Generalleutnant von \Vatter sei ne Angriffs- sch!'n den vorrückenden Arbeitern und den Sicherheitspolizisten
vorbereitungen mit der Heranführung von militärischen Verstär- zu bewaffneten Auseinandersetzungen kam.
kungen aus anderen Teilen Deutschlands fort. Diese Truppen ka- Am 18. Miirz 1920 entwickelte sich ei n Feuergefecht bei Wat-
men vor allem aus Gebieten, in denen der Streik schon beende! tenscheid und danach ein weiteres bei Stoppcnberg, unmittelliar
oder der bewaffnete Widerstand der Arbeiter gegen den Putsch ~or Essen. ln Stoppenberg dauerte der Kampf fast 16 Stunden.
nur schwach gewesen war. uch bschluß des Aufma.rsches sol- Er begann, als die Spitze der nach Essen ziehenden Arbeiter auf
len 16 Bataillone, 5 Eskadronen, 17 Ballerien und 6_Yz Pionier- et"a 50 mit mehrt>ren laschinengewehren ausgerüstete Sicher-
kompanien im Raum Mün&ler dislozier1 gewesen sein. Einen Teil hl'itspolizislen stieß. ln einem mehrstündigen Gefecht konnten
der aus Würllembcrg für Münster bestimmten Kräfte ließ Gene- die Arbeiter das Rathaus und den Kircbhügel erobern.
ral von Waller am 20. März 1920 in Lippsladt und die aus Bay- Zur gleichen Zeit stießen andere bewaffnete Arbeiter aus öslli-

184 185
rher und südöstlicher Richtung auf Essen vor und besetzten meh- ersten Kämpfer bereits die Freitreppe betraten, nogen ihnen aus
rere \'ororte. Dadurch verschlechterte sich die Lage der einge- dem Obergeschoß Handgranaten entgegen, feuerte ein ~laschi­
schlossenen Polizisten weiter. nengewehr. Getroffene Arbeiter wälzten sich am Boden.
Oie KampOeitung der Arbeiterwehren bemühte sich nun um Den Werktätigen gelang es erst nach mehrmaligen verlustrei-
die Einstellung des Kampfes. Sieentstandlei n der acht vom 18, rnen Angriffen, die Besatzung gcftmgenzunehmcn. Deren heim-
zum 19. März 1920 ßevollmiichtigte in das Essener Polizeipräsi- tückisches Verhalten und die hohen Verluste der Arbeiter empör-
dium mit der Aufforderung, sofort zu kapitulieren und die Waf- ten die sich im Kampfgebiet aufhaltenden Werktätigen dermaßen,
fen aller in der tadt befindlichen Sicherheitspolizisten abzulie- daß einige von ihnen gegenüber den Gefangenen tätlich wurden.
fern. Aber der Polizeipräsident lehnte ab. 'eun ,\lann der Besatzung fielen im Kampf.
Darnurhin formierten sich die Arbeiterwehren erneut und stie- Der Sieg der Arbeiter in Remscheid und Essen verschlechterte
ßen um 9 Uhr gegen den stärksten Stützpunkt des Gegners in Es- spürbar die Situation der noch in Dlisseldorf und Hitheim be-
sen, den städtischen Schlacht- und Viehhof, vor. Es gelang ihnen, findlichen Reichswehr- und Sicherheitspolizeiformationen. Für
dieses Objekt in kaum einer Stunde einzunehmen. Da die Werk- sie bestand jetzt die Gefahr der Einschließung. Daher befahl Ge-
tätigen auch in anderen tadtteilen erfolgreich kämpften, konnten neralmajor Kabisch in Absprache mit Generalleutnant von Wat-
sie rasch in die Innenstadt eindringen. Das geschah so schnell, tcr diesen Truppen, sofort ihre Quartiere zu verlassen und sich in
daß dem Gegner keine Zeit mehr verblieb, Verstärkungen heran- den Raum Oinslakcn zurückzuziehen.
zuholen. Gegen 12.30 Uhr mußte die Besatzung des Rathauses ln der acht vom 19. zum 20. Miirz räumte das Regiment 61
und später auch die der Post kapitulieren. Schließlieh gelang es, Dlisseldorf so schn ell, daß eine größere Anzahl von Waffen tmd
die Sicherheitspolizisten aus dem Vorort Rüttenscheid und den \lunition - etwa 3 600 Gewehre, mehr als 600 Karnbin er, über
Kruppsehen Baracken am Rande des Segeroth-Viertels zu vertrei- :wo Pistolen, etwa I 00 Maschinengewehre, 2 Kanonen und etwa
ben. Dabei fielen den Arbeitern zahlreiche Waffen und umfang- 20 Minenwerfer - den nachrückenden Arbeitern in die Hände
reiche Munitionsbestiinde in die Jliinde. Mittags befand sich Es- fiel. Am Abend des 19. März verließ das Freikorps Schutz
sen - bis auf den Wasserturm, der im Ostpark am Steeler Berg Mülheim. Formationen des Regiments 62 deckten den Rückzug
(Südosten der Altstadt) stand - in der Hand der Werktiitigen. dieser Truppen.
Der Kampf um den Wasserturm war die letzte, aber auch Am 20. M iin 1920 kam es zwischen diesen Fonnationen und
schwierigste bewaffnete Kampfaktion in Essen. Reaktionäre bür- \rbeiterwehren bei Harnborn und Walsum zu schweren Kämp-
gerliche Historiker nahmen sie in der Folgezeit immer wieder fen. Erst am Abend trafen das Freikorps Schutz und das Infante-
zum Anlaß, um die Rote Ruhrannee •sadistischer Greueltaten« rieregiment 62 im Raum Oinslaken ein. Sie gingen südlich und
zu bezichtigen und ihr Ringen um demokratische Rechte und östlich des Ortes in Stellung. Weiter zurück, im Lager Friedrichs-
Freiheiten zu verunglimpfen. fclde, sammelten sich die durch die Kämpfe der letzten Tage völ-
Im Wasserturm waren 24 Mann der Einwohnerwehr und lig demoralisierten Kräfte der Sicherheitspolizei. 'och später
22 Angehörige der Sicherheitspolizei verschanzt. Oie Arbeiter kam das stark geschwächte Regiment 61 an.
hatten den erhöht liegenden Wasserturm - in seinem Parterre Einen Tag später entbrannte in diesem Raum ein regelrechter
befand sich ein Restaurant, in der Etage darüber standen Kessel- Stellungskrieg, der, bedingt durch die waffentechnische Überle-
anlagen, überragt von Ecktürmen - umschlossen und belagerten ~enheit der lleichswehr- und Sicherheitspolizeiformationen,
dus Gebäude. Ein Angriff wäre Ciir sie auf dem freien Vorgelände einen entscheidenden Erfolg der Arbeiter zuniichst unmöglich
zu verlustreich gewesen. Zu kapitulicrerr lehnte die ßcsutzung ub. machte. Erst als Arbeiterwehren der Roten Ruhrarm ee bis vier
Gegen 17 Uhr steckte sie jedoch aus einem Fenster eine weiße Kilometer öst.lich vor \Vesel vorstießen und hierdurch die Umfas-
Fahne heraus. Als die Arbeiter nun langsam herankamen und die sung der bei Oinslaken stehenden Truppen von i orden her

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drohte, gingen diese nacb Wesel zurück, so daß sich zwischen Ocr Roten Huhrarmee gehörten zu dieser Zeit, dem 17. und
drr Lippe und der Linie Düsseldorf-Remscheid kaum noch Tru p- 18. ~liirz 1920, etwa 80000 bis 100000 Mann an. Öiese Zahl
pen bdanden. enthüll alle, auch die nur zeitweise zur !loten Ruhrarmee gehö-
Die Arbeiter errangen seit dem 17. ~liin im Ruhrgebiet nicht renden Werktätigen. Danach verringerte sich der Bestand der Ro-
nur militärische Erfolge, sondern sie konnten auch ihre bisher er- ten Huhra.rmee, bedingt durch den schon mancherons beendetcn
kämpften politischen Positionen weiter ausbauen. Die in den mei- Generalstreik und vor allem durch die Vertreibung der putschisti-
sten Orten bestehenden VoUzugsausschüsse bzw. Vollzugsräte schen Fonnationen aus dem Ruhrgebiet merklich. Er stieg wie-
lenkten den Generalstreik und halfen, den bewaffneten Abwehr- drr an, als die Reichswehr erneut in das Huhrgebiel marschierte.
kampf zu organisieren. Sie riefen zum Eintritt in die örtlichen Ar- Einen Einfluß auf das Schwanken der zahlenmüßigen Stärke der
bciterwehren au[, wirkten auf die Auswahl und die militärische Buhrarrnce übten auch der Milizcharakter dieser Armee sowie
Ausbildung der proletarischen Kämpfer ein und sorgten fiir die das Verlassen der Truppe durch Rotannislen nach Erfüllung
Bewaffnung sowie Entlohnung der Angehörigen der Arbeiterweb- ihr!'S Kampfauftrages aus. Oftmals gingen Arbeiter nach Beendi-
ren. Dos förderte maßgeblich die weitere EntwickJu11g der Roten ~ung größerer bewaJfnetcr Auseinandersetzungen - rnit Zustim-
Ruhr11m1ee. mung ihrer Kommandeure und unter Abgabe ihrer WaJfen -
Die Vollzugsausschüsse übten auch politische und wirtschafts- "it>der nach Hause. So fuhr ein Teil der bewaffneten Arbeiter
organisatorische Funktionen aus. ln zahlreichen Städten kontrol- nnch dem erfolgreichen Verlauf der Kiirnpfe in Essen in seine
lierten sie die Verwaltungsorgane, allerdings zumeist unter Beibe- llrirnatorte zurück.
haltung der alten Beamten im Dienst, kümmerten sich um Scitr an Seite standen in der Roten Ruhrannee Werktätige ver-
Wohnungsfragen und veran.laßten in einigen Belrieben Maßnah- schiedener Benrls- und Altersgruppen, davon ein beachtlicher
men zur \ erbesserung der Arbeitsbedingungen, die vor allem die Tril Jugendlicher. Sie setzte sich in ihrer Mehnahl aus Arbeitern
Entlohnung und die Arbeitszeit betraJen. Sie unternahmen große zusam men, die bei ihrem Eintritt in die !lote Ruhram1ee militäri-
Anstrengungen, um die Ernährung der Ei nwohner zu sichern, sche Erfahrungen und ihre politische Organisation nachweisen
und organisierten den Kampf gegen Schieb~r·, sorgten für eine ge- konntC'n. Viele Rotarmisten gehörten den ~'reien GewerkschaJten
rechtere Verteilung der vorhandenen und die Zufuhr weiterer und der· Freien Arbeiter-Union sowie der USPD oder der KPD
Lebensmittel. Die Vollzugsausschüsse begannen in einigen Orten, an. Diese Auswahlprinzipien sicherten den Fonnationen der Ro-
die Telefon- und Telegrafenverbindungen zu kontrollie~en. h•n Huhrarrnee eine hohe politisch-moralische Festigkeit.
Unverkennbar traten aber auch die Schwächen ihrer Tätigkeit An den bewaffneten Auseinandersetzungen nahmen in den
zutage. Diese bestanden vor allem in der geringeren Au[merk- Rt•ihen der Holen Ruhrarmee auch Angehörige anderer Nationen
samkeit für solche wichtigen Bereiche wie Justiz, Banken, das tril. eben Polen. die als Bergleute im Ruhrrevier arbeiteten, gab
chul- und Pressewesen. Außerdem wurden die wenigen festge- es dort lebende ehemalige russische Kriegsgefangene. So bestand
nommenen zivilen Putschisten meist bald wieder freigelassen. l'ine Kompanie nur aus russischen Werktätigen. Sie wurde von
Insgesamt jedoch schränkte die Arbeit der Vollzugsausschüsse cinrm ehemaligen rähnrich der zaristischen Annec geführt. Der
zeitweilig den Einflußbereich der Imperialisten und Militaristen Kompan ie Hugo 1-laase aus Schöneheck bei Essen gehörten zu-
im Ruhrgebiet spürbar ein. Sie bot eine gute GrundJage für wei- rnrist ortsonsüssige Polen an.
tere Veründerungen im Interesse der Werktiitigen. Die Möglich- Oie Formationen der Roten Ruhrurmee wurden nach dem Vor-
keiten dazu waren nicht ungünstig, denn Hunderttnusende von bild d!'r Volkswehren aus der ovcrnberrevolution 19 I8/19 ge-
Arbeitern unterstlitzten die Maßnahmen der AusschUsse. Außer- bildl't, entweder unter lokalem Aspekt oder noch ßetriebsbeleg-
dem konnten sich die Vollzugsausschüsse auf eine relativ starke '-chnftcn. Das entsprach den damaligen Vorstellungen sowie den
bewaffnete Macht, die Rote Ruhrarmec, stützen. organisatorischen Möglichkeilen und unterstrich den Milizcha-

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'

rakter der Roten Huhrnrmee, der ihren inneren Zusammenhalt vemberrevolution 19 18/ 19 teilgenommen. Zumeist handelte es
erhöhte und ihre Führung erleichterte. sirh um muHge und entschlossene Arbeiter, die ein großes Anse-
Oie Kompanie, unterglieder1 in Züge und Gruppen, war die hen unter ihren Klassengenossen besaßen. Sitz der Kampfleitun-
dominierende Strukturform in der Roten Rullrarmee. Sie ent- gen waren vorwiegend Hothüuser, Schulen oder Gaststätten.
sprach zumeist dem, was oft als Arbeiterwehr eines Ortes angese- Eng verbunden mit der Entstehung der Holen Ruhrarmee war
hen wurde. Von etwa I00 beknnntgewordenen Kompanien tru- auch die Herausbildung ihrer militärischen Zentralen, die einen
gen rund 50 die Namen ihrer Heimatorte, 30 die ihrer "eiteren Schritt auf dem Wege zu einer zentralen Führung bilde-
Kommandeure und 13 die beliebter Funktionäre der revolutionä- ten. Die erste militärische Zentrale entstand unter dem Einnuß
ren Arbeiterbewegung. Oie Kompanien unterschieden sich in der SPD-Bezi rksleitung mit dem Beginn der Kämpfe im Ruhr-
ihrer zahlenmäßigen Stärke sehr. Einer Liste von II 0 Kompa- [!ebiet in Hagen. Ihr gehörten Josef Ernst (USPD), Gustav Gi-
nien ist zu entnehmen. daß die schwächste. dje AbteiJung Dunge gowski (KPD), Baum (SPD) und Hermann Stenz (Deutsche De-
aus Mühlheim, 15 und die stärkste. die Kompanie Ouisburg-Hei- mokratische Partei) an. Sie war vor allem für den östlichen Teil
dericb. 347 Mann zählte. Im Durchscbrutt befanden sich in jeder deo Ruhrgebiets zuständig. Ein Augenzeuge beschreibt in seinen
Kompanie 70 \ lann. \ iele Kompanien verfügten über spezielle Erinnerungen die Tiitigkcit der Hagener Leitung folgenderma-
Kräfte, so Artilleristen, Maschinengewehrschützen und Kuriere. ßen: . zwei Zimmer der tadtverwaltung beherbergen das Ab-
Es gab ·auch Sonderformationen, wie Maschinengewehr-, Rad- schnittskommando. Im Vorlirnmer, in dem sich gleichzeitig auch
fahr- und Sanitätskompanien. ln letzteren waren die Arbeitersa- eines der Werbebüros fiir die Hote Armee befindet. wird fieber-
mariter, häulig Frauen, aufopferungsvoll tiitig. haft gearbeitet. llier wird Munition angefordert, Autos sollen be-
ßatrullone oder Regimenter bestanden in der Roten Ruhrarmee scharrt werden, ein Kompanieführer verlangt für seine Leute
nur wenige. Diese Formationen wurden zumeist nur für einzelne Schuhzeug, ein anderer klagt über schludrige Verpflegung, ein
Kämpfe geschaffen und nuch deren Beendigung wieder aufgelöst dritter sucht den achweis zu führen, daß er für seine Tätigkeit
Wenn es zu bewaffneten Auseinunderselzungen kam, führten unbedingt eines Pferdes bedarf ... Ins Allerheiligste, wo die bei-
die bereits crwiihnlen Ktunprleilungen die Arbeiterwehren. Diese den Abschnittskommandeure sitzen, wird man nur mit besonde-
entstanden fast nlle nnch dem 17. März 1920 und vor nllem im rem Ausweis eingelassen ... Inmitten ihres Stabes nehmen sie
'"estlichen Teil des llulu·gebicts. Sie waren dort in Dinsluken, Meld ungen entgegen, verfolgen an Hand der telefonisch einge-
Gladbeck, 1-lan1born, ll ünxc, Mari, Mülheim, Oberhausen, henden Gefechtsnachrichten auf einer über einen Tisch ausge-
Schermbeck, Syjhen, Vocrde und Walsum wirksam. Im östlichen breiteten Karte den Gang der Operation, geben Befehle und Wei-
Teil des Ruhrreviers bestanden derartige Leitungen in Gelsenkir- sungen, kurz und bestimmt.•
chen, Gevelsberg, llörde, Kamen, Lünen und Unna. Den Kanlpf- Am 26.Miirz 1920, also viel spiiter als in Hagen, entstand aucb
leitungen unterstanden mehrere Formationen umfassende Grup- eine militärische Zentralleitung für den westlichen Teil des Ruhr-
pen der Roten Ruhrannee. So gab es die Gruppen ßergisches gebiets. Linke Funktioniire der SPD und vor allem KPD-Funk-
Land, Segeroth, Duisburg, Essen und l lllrnbom. An i.hrer Spitze tionärc bemühten sich jetzt um die Schaffung einer Gesamtlei-
standen im östlichen Huhrgebiet beispielsweise Wa.lter Meis tung der Roten tluhrarmce. Im Auftrag der Zentrale der KPD lrllf
(USPD), \Vilhelm Dieckmann, Karl Stemmer (USPD) und Josef am 24. März 1920 Wilhelm Pieck in Essen ein, um ilie KampDei-
Ernst (USPD). Im westlichen Ruhrgebiet sind unter anderen die tungen und Vollzugsräte poliHsch zu unterstützen. Seine Bemü-
Kommandeure August \l üller (KPD), Karl Wohlgemuth (USPD) hungen, die Anerkennung des l':ssener Zentralrats als Cesamtlei-
und Hans Ficks (KPD) bekanntgeworden. tung der Holen Huhrnrmee durchzusetzen. schlugen fehl, da die
Viele dieser militärischen Führungskader hatten während des politischen Differenzen zwischen den linken und rechten Kräften
ersten Weltkrieges Erfal1rungen geSill1lmelt und aktiv lll1 der J'.o- in der USPD unüberwindlich blieben. Das Fehlen einer Gesamt-

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Ieitung wirkte sieb besonders in der SchlußJ>hnse des Kampfes im Ober die Gesamtzahl der Waffen, die sich damals in den Händen
Huhrrevier nachteilig auf die Abwehraktionen der llotcn Ruhra.r- der Werktätigen im Ruhrgebiet befund en haben, existieren keine
mee aus. zuverlässigen Angaben. Um dennoch eine Vorstellung von der
Von großer Bedeutung für den erfolgreichen Kampf der Roten Hewaffnung der Roten Rubrannee zu vennitteln, sollen die o([i.
Ruhrannee war auch ihre Versorgung mit Ausrüstung, Lebens- zieHen Zahlen der Reichswehr über die von ihr im Kampf erbeu-
mittt'ln und \Or allem mit Waffen und Munition. Bei der Muni- ieten oder durch die Bevölkerung abgelieferten Waffen genannt
tionsbeschaffung ergab sich bald eine iiußerst komplizierte Situa- wt'rden. Danach fielen in die Hände der lleiehswehr: I 0 Ge-
tion, die zunächst nur unter großen Anstrengungen der schütze, 50 Minenwerfer, etwa 700 Maschinengewehre, mehr als
Vollzugsausschüsse teilweise behoben werden konnte. Diese Aus- 60 000 Gewehre und ungeflihr I 0 000 Handgranaten.
schüsse leiteten Maßnahmen ein, um Waffen und Munition zu er- Schwierig gestaltete sich die Verpflegung der Rotannisteu. Das
rossen sowie die gesom melten Waffen- und Munitionsbestände in Ruhrrevier war ohnehin ein Einfuhrgebiet für Lebensmittel, aber
zentralen Depots zu lagern. Außerdem wurden olle verfügbaren durch die Lebensmittelblockade der Koalitionsregierung und der
Lastkraftwagen an bestimmten Stellen konzentriert und Treib- ostelbischen Großgrundbesitzer hatte sich die Situation noch ver-
stofnager angelegt schiirft. Oie Aktionsausschüsse versuchten, den Engpaß durch
ln kurzer Zeit organisierten die Ausschüssr auch ein 1achrich- eine strenge Kontrolle der Lebensmittelverteilung zu überwin-
tensystem, das es ihnen besser ennöglichte, ständige Verbindun- den. Sie untersagten die BeschJagnahme von Lebensmitteln auf
gen mit den Formalionen der Roten Ruhrannee aufrechtzuerhal- eigene Faust. Lebensmittel durften nur auf ihre Anweisung her-
ten. ic nutzten zur 'lachrichtcnübcrmittlung das öffentliche ausgegeben werden. Anforderungen mußten vom Vorsitzenden
Fernsprechnetz und andere. zumeist in Kiimpfen mit der Reichs- des jeweiligen AKtionsausschusses und in einigen Städten, wie in
wehr eroberte achrichtenmittel sowie mobile \leider - vor al- ßam1en, Bollrop und Recklinghausen, noch von einem Mitglied
lem Motorrad- und Fahrradfahrer sowir Meldereiter. ur in des Magistrats unterzeichnet sein. ln wichtigen Etappenorten lie-
seltenen rullcn konnten sie die gegnerischen Telefon- und Tele- ßen Aktionsausschüsse Lebensmitteldepots anlegen, wie das in
grafcnvcrbindungen überwachen. der evangelischen Schule von Walsum. Eine größere Menge von
Große Sorgen bereitete die Versorgung der Hotarrnisten mit Lebensmitteln erbrachten Spenden, zu denen die Aktionsaus-
Bekleid ung. Als die Arbeiter in den Kampf zogen, tmgen sie in schüsse aufgerufen hatten. Einige Gemeinden und Städte richte-
ihrer Mehrzahl Zivilbekleidung. Manche besaßen ein Uniform· t<'n, um die Versorgung der Rotarmisten zu verbessern, öffentliche
slück aus der Zeit des ersten Weltkrieges. So sah das äußere Bild verpflegungsstellen ein.
der Roten lluhrarmee recht uneinheitlich aus. Erbeutete Stahl- Die Vollzugsausschüsse unternahmen ebenso große Anstren-
helme "'llrden kaum genutzt Die Trage" eise der Waffen und ln· gungen, um den Kämpfern die Löhnung auszuzahlen. Sie zwan-
fanterienmnilion war denkbar einfach. Viele Arbeiter befestigten gen die Unternehmer in einigen Gebieten, die im Kampf stehen-
Jle, olver, llandgranaten und Patronenlaschen an einem um den den Werktätigen zu entlohnen. Sie organisierten öffentliche
Leib gebundenen Strick. Symbolischer Ausdruck einer Uniform Spenden oder nahmen Anleihen auf. ln manchen Städten, wie in
war eigentlich nur das allgemeine Erkennungszeichen: eine rote Dorlmund, zahlten die Stadtkassen den Lohn. Als in ei nigen Or-
Binde am Arm oder eine rote Schleife an der Kopfbedeckung. ten versucht wurde, das Geld der Banken zu beschlagnahmen,
Sehr unterschiedlich sah es auch mit der 13cwaffnung der Ar- wu rde festgestellt, daß der Bargeldbestand schon vorher wegge-
beiter aus. ! eben veralteten Gewehren und Hevolvern gab es schafft worden war. Aber im wesentlichen erhielten die Rotanni-
den Karabiner 98, ferner Hieb- un d Slichwnffcn aller Arl. Äu· stcn, wenn auch lokal unterschiedlich geregelt, ihren Lohn.
ßerst kompliziert gestaltete sich die Bcschuffung schwerer Waf- Ungeachtet unzureichender Bekleidung und Ausrüstltng sowie
ft>n. Die llotc lluhrarmee verfügte nur über einige f.'eldgeschütze. mangelhafter Verpflegung kämpften Zehntausende von Werktäti-

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gen oftmals mehrere Tage und · ächte, marschierlen sie ki.lome- Abbruch der Kampfhandlungen
lerweif und setzten ihr Leben zur Verteidigung der demokrati-
schen Errungenscha.f1en ein. Darin zeigte sieb die große Die Fortführung des Generalstreiks und des bewaffneten Wider-
Bedeutung des politisch-moralischen Faktors im Abwehrkampf. stands wurde nach dem Sturz der Kapp-LüUwitz-Regierung im-
Er war die enlscheid e.n de Voraussetzung für die Erfolge der Ro- mer schwieriger. Durch den Rücktritt der Putschisten entfiel für
ten Ruhrarmee. vit'lr Werktätige der Hauptgrund für ihren Abwehrkampf.. Zehn-
Dal1er bemithten sich die Krunp[leitlmgen auch, die Kampfmo- tausende von ihnen nahm en daher - entsprechend de n Au.frufen
ral und Disziplin der Werktätigen zu erhalten und durch Regle- der wied er amtierenden Koalitionsregierung und der sozialdemo-
ments weiter zu festigen. Das von der Mari er Kampfreilung einge- kratischen Reichstagsfraktion vom 17. und 18. Män 1920 - ihre
führte Reglement forderte beispielsweise strenge Disziplin und Arbeit wieder auf. Ln Baden, Bayern, Ostpreußen, Schlesien und
. Mat1Jleszuchl« und, legte dazu folgende Prinzipien fest: Be- Würltemberg wurde de r Generalstreik bzw. der Streik beendel
kenntnis zw' revolutionären Arbeiterklasse, Gehorsam gegenüber ln Sachsen-Anhalt und Pommern stellten die Werktätigen auch
den Befehlen der Vorgesetzten, strenge Bes(rafung bei Feigheil ihren bewaffneten Krunpf ein.
vor dem Feind sowie bei Raub, Diebstahl oder Plünderung. Dagegen folgte ein and erer, und zwar recht beträchtlicher Teil
Diese Prinzipie n bildeten die Grundlage für folgenden Eid, der von Werkfiitigen den Aufrufen des ADGB, der KPD und der
in dieser oder ähnlicher Form auch in ande re n Arbeiterwehren USPD, die diese nach dem Stun der Kapp-Lüttwitz-Regicrung
abgelegt wurde: »Ich schwöre auf das Programm der revolutionä· erlassen hatten, und streikte weiter. Eines der Hauptmotive war,
ren Arbeiterschaft, daß ich die hohen, heiligen Ideale für Freiheit, mitzuhelfen, das vom ADGB aufgestellte eun-Punkte-Programm
Gleichh eit und Brüderlichkeit mit me inem Her~blut erkämpfen zu verwirkliche n. Dessen Hauptforderungen waren: entscheiden-
will. Die mir vorgelesenen Paragraphen d es Reglements sollen der Einfluß der Gewerkschaften ·auf die Umgestaltung der
mir stets als Richtschnur meines Handeins dienen. Es lebe der Flcicbsregierung und auf die 1 euregelung der wirtschafls- und so-
Sozialismus! Menschenrecht, wer Menschenantlitz trägt. « zialpolitischen Gesetzgebung, sofortige Entwaffnung und Bestra-
Klassenbewußtsein und revolutionäre Disziplin, Kampferfab- fung der am Putsch beteiligte n Truppen und Maß•·egelung aller
rung, Mut und Opfe rbere itschaft waren wesentliche Vorausset- Pt?rsonen, die die Kapp-Liittwitz-Regierung unterstützt hallen,
zungen fü.r den Sieg de r bewaffneten Arbeiter über den starken Rücktritt Joskes und schnellste Dcmokrntisierung der Verwal-
und gut ausge bildeten Gegner sowie wichtige Bestandteile der lung sowie Sozialisierung des Bergbaus. Diese Forderungen wi-
Kampfkraft der Roten Ruhrarmee, Groß ware n die politischen, derspiegelten das Verlangen nach einer Gewerkschafts- bzw. Ar-
militärischen und organisatorischen Leistungen beim Aufbau und bciterregierung mit einem fortschrittlichen Hegierungsprogramm.
bei der Führung der Roten Ru.hrarmee. Das Ruhrproletariat Angesichts der damajjgen Stimmung der Volksmassen sah sich
strunpfte seine Armee förmlich aus dem Boden. Es gelang ihm, d ie Reichsregierung veranlaßl, mit Vertretern des ADGB über die
die Kräfte zweckmäßig zu gliedern, erfolgreich zu rühren, mit '\ieun Plmkle zu verhandeln. Schließlich e inigte man sich auf ein
Waffen und Mlmition zu versorgen sowie Verpflegung und Löh- Acht-Punkte-Programm., einen Kompromiß, d er we il hinter den
nung sicherzustellen. Die Rote Ruhrarmee war die größte Arbei- bisherigen Forde rungen zurückblieb. So wurde die Mitwirkung
terarmee in Deutschland unter kapita]jstischen Bedingungen. Sie der Gewer·kschaiten bei einer Regierungsbildung auf di e eines
gab ein prägnantes Beispiel fü.r die schöpferischen F'lihigkeiten Konsultationspartners reduziert. Am verhängnisvoiJsten erwies
der Arbeiterklasse auf dem Gebiet des Mijjtärwesens. sich aber die Festlegung, den Generalstreik abzubrec hen. Da-
d urch wurde d en We rktätigen das entscheid ende Mittel zur Ver-
wirklichung ihrer Forderungen genommen. Die ei.nheitliche
Krunpffront zerbrach weiter, und die herrschenden Kreise erhiel-

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ten die Möglichkeit, dns entstllndene Kriifteverhiillnis wieder zu einander zu zerschlagen, eine Methode, die von der Konterrevo-
ihren Gunsten zu verändern. Am 22. Miir'J; 1920 wurde nach lution bereits 1918/ 19 praktiziert worden war. Eventueller Wi-
nochmaligen Verhandlungen von den Vorständen des ADGB, der derstand sollte mit •rücksichtsloser Energie und schwersten
Arbeitsgemeinschaft freier Angestellten-Verbände, der Berliner Nlr.npfmittelnc gebrochen werden.
Gewerk chaftskommi sion, der SPD und der USPD beschlossen, Der Hauptstoß richtete sich gegen das lluhrrevier, hatte die
die Arbeit ab 23. März 1920 wiederaufzunehmen. Für die von Henktion doch sehr wohl erkannt, daß der erfolgreiche Abwehr-
der Reichsregierung zusätzlich abgegebenen Zusicherungen, un- kampf der Arbeiter in diesem Gebiet auf ganz Deutschland aus-
ter anderem den militärischen Ausnahmezustand nufzuheben strahlte und dem Ringen der Werktätigen um demokratische Ver-
und . die bewaffneten Arbeiter, insbesondere im Ruhrrevierc, änderungen mächtigen Auftrieb gab. Der Aktionsplan des
nicht anzugreifen, gab es kei11erlei Garantien. Wehrkreiskommandos Vl in Münster, das mit der Durchführung
Die reformistische Konzeption rechter F'ührer der SPD über des gewaltsamen Vorgehens gegen di e Werktiitigen im Ruhrrevier
die weitere gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland wirkte bcauftrugt worden war, sah einen breiten und umfassenden An-
sich aus. Insbesondere ihre Haltung zum bürgerlichen Staat und griff aus dem lloum Wesel-Lippstadt vor. Sein Beginn wurde auf
ihr Zurückweichen vor dem politischen Druck der Bourgeoisie, den 25. März 1920 festgelegt. Bis zu diesem Zeitpunkt sollten
der Großgrundbesitzer sowie der Reichswehrführung war wesent- sich alle für den Einmarsch in das Ruhrgebiet vorgesehenen
liche rsache dafür, daß die objektiv günstigen Bedingungen für T n1ppcn in den Ausgangsräumen befinden. ßis dahin wollten die
weitere demokratische Veränderungen in Deutschland, vor allem \tlilitärs auch den Widerstllnd der Arbeiter in anderen Teilen
für die Bildung einer Gewerkschafts- bzw. Arbciterregierung, Deuts~;hlands nocheinander gebrochen haben, um dann ihre
nicht genutzt werden konnten. Hemmend machte sich auch be- Kräfte ganz auf das Ruhrgebiet konzentrieren zu können. Sie
merkbar, daß maßgebliche Funktionäre der SPD durch revolu- schufen sich die notwendigen Voraussetzungen dadurch, daß sie
tionäre Phroseologie und Unverständnis für die unmittelbar auf in der Zeit vom 22. bis 25. März 1920 den Widerstand bewaffne-
der Tagesordnung stehenden F'ragen den Kampf um eine Ge- ter Arbeiter - unter anderem in Halle 11m 22. März, in Senften-
werkschafts- bzw. Arbeiterregierung erschwerten. Eine intensive berg nm 24. März sowie in Gotha, Rostock und Umgebung am
Verleumdungskampagne der bürgerlichen, aber auch rechter 25. Miirz - brutal n.iederschlugen.
SPO-Presscorgane desorientierte die Werktiitigcn. Diese Presse un wurden die letzten Vorbereitungen für ihren Angriff ge-
hetzte, wie in der 1 ovemberrevolution 1918/ 19, gegen die Ak- gen die Rote Ruhrarmee getroffen, dessen GrundJage der am
tionsaussehüsse bzw. Vollzugsausschüsse und warf ihnen t Miß- 22. Miir'.t 1920 erlassene • Operationsbefehl r. l c bildete. Gene-
wirtschaftc vor. Sie redete der Bevölkerung ein, . Ruhe und Ord- nilleutnant Oskar Freiherr von Wattcr sah darin den Aufmarsch
nung« könne nur mit Hilfe staatlicher Gewalt wiederhergestellt der Kräfte auf der Linie Wesei-Dülmen-siidlich Münster-Rhe-
werden, womit die bevorstehenden militärischen Unterdrük- da-Lippstndt vor. Oie Truppen wurden in vier Befehlsgruppen
. kungsaktionen der Reichswehr gerechtfertigt werden sollten. Oie gegliedert. Die Gruppe I bestand aus den Fonnotionen der
demagogische Gegenüberstellung von sogenannter Ordnung und lleichswehrbrigade 31, die im Raum Wesellagen. Oie Gruppe 2,
Unordnung half, die Einheitsfront der Arbeiter weiter zu schwä- auch Gruppe 3. Kavalleriedivision genannt, umfa.ßte die . Bri-
chen, die Kleinbürger zu verängstigen und die Reichs,vehrsolda- gade X• und die 3. Marinebrigade. Sie hatte sich im Ha um ßor-
ten für ihren Einsalz zu motivieren. ken- Koesfeld zu versammeln. Zum Kern der Gruppe 3, der Divi-
Die gewnltsume Unterdrückung der noch kämpfenden Werktä- sion Münster, gehörten Formlllionen der Reichswehrbrigade 7,
tigen wurde inzwischen von der Reichswehrführung im Auftrag die durch Truppen der Reichswehrbrigade I 0 verstiirkt wurden.
der Heichsregierung vorbereitet. Oie militiirischc Führung ging Die Gruppe 4 setzte sich schließlich aus der Division Hans zu-
daran. die Zentren des bewaffneten Kampfes der Arbeiter nach- sammen und teilte sich in zwei Untergruppen, von denen sich die

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eine - gebildet vorwiegend aus bayrischen Tru1>peu - um Den llöhcpunkt der Kampagne zur Spaltung der Kampffront
llh<'da und die andere - fonniert aus württembcrgischen Trup- der Werktätigen bildeten zweifellos die l.liclcfclder Verhandlun-
pen - um l~ippstadt konzentrierte. ~cn. Am 23. Män 1920 kamen etwa 150 Personen zu einer Bcm-
Die lleichswehrführung stützte sich bei diesem Aufmarsch auf tung nach Bielcfeld. Eingeladen hatten im Auftrag der Reichsre-
ihre reaktionärsten Kommandeure und Truppen. So stand Gene- gieru ng der Reichspostminister Johann Gicsbcrts (Zentrum), der
mllculnanl I Jennano von Hofmann an der Spitze von Offizieren, Rrichs- und Staatskommissar flir Rheinland-Westfalen Carl Scve-
\On l::inheiten und Truppenteilen, die zur Kerntruppe der Kon- ring (S PD) und der preußische Landwirtschaftsminister Otto
terrevolution gehört hatten und an der bluligen 1'\iederschla- Bmun (SPD). Um ihr Kommen gebeten worden waren die Regie-
gung der Werktöligen in der ovemberrevolution 1918119 so- rungspräsidenten von Arnsbcrg, Düsscldorr und Münster, die
wie on der Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxern- Oberbürgermeister der größeren Stiidle des Ruhrgebiets sowie
burg beteiligt gewesen waren. Freikorps, die wenige Tage zu- Vcrh·eter der Vollzugsausschüsse, der Arbeiterparteien, der Deut-
vor noch die Flegierung Kapp-Lüttwitz unterstützt hullen, bilde- schen Demokratischen Parlei und des Zenlrums.
ten einen großen Teil -der zum Einfall in das l'luhrgehiet hereitge- Di<• Kommandeure der Roten lluhrarmee hallen dagegen
stelltrn Fonnationen. Zur Gruppe r. 2 des Generalleutnants kr inc Einladungen erhalten. Einige lleichswehroffiziere nahmen
I lermann 'on Hofmann gehörten beispielsweise die Freikorps als . ßcobachterc an den Beratungen teil, denn führende Militärs
lloßbuch, f'aupel , Kühne, Aulock, Oberschlesien und die schon drs Wehrkreiskommandos V1 lehnten die Konferenz mit der ße-
erwähnte 3. Marinebrigade (von Loewenfeld). Zum Bestand der flirchlung ab, dort könnte ein Beschluß gegen den Einmarsch der
Dhision \lünster zählten die Freikorps Münslerland, Pfeffer, Se- lleirhs" ehr in das lluhrgcbiet geraßt werden. Diese Militürs rniß-
'erin. llindenburg, Cabke, Oldenburg und Göltingen. Bei den billiglcn selbst das Verhalten rechter SPD-F'unktionäre, die es an-
bayrischen Truppen im Raum Rheda befanden sich die Freikorps gcsiehls des politischen Kräfteverhältnisses für zweckmäßiger
Epp, Oberland und Schwaben. Diese ZuSilmmenballung extrem hi<'ltcn, die Kampffront der Arbeiter durch weitere Versprechun-
konterrcvolulionürer Truppen deutele die Absicht der militüri- gen zu spalten, als durch ein sofortiges militärisches Vordringen
schcn Führung 1m, gegen die streikenden und mit der Waffe in rlas Huhrgebiet die Gefahr einer erneuten einheilliehen Ab·
kiimpfcndcn Arbeiter im Ruhrrevier mit brutaler Gewult vorwge- w('hrakfion der Werktätigen heraufzubeschwören.
hen. Am Schluß der Bietefelder Verhandlungen unterzeichneten am
Der Einmarsch in das Ruhrgebiet "rurde auch politisch vorbe- H. MiirL 20 Personen die • Dielefelder Vereinbarungen«. Zu den
reitet. Vertreter der lleichsregierung und der preußischen Staats- l nlerLeichncnden gehörten: Reichspostminister johann Gies-
regierung bemühten sich in diesen Tagen, im Ruhrgebiet die Be- h<'rts, Reichs- und StaatskommisSilr Carl Sevcring, Oberbürger-
endigtmg des Genemlstreiks, des größten I lindemisses für den meister \VtUy Cuno aus Hagen, Otto Bmss von der USPD-ße-
erfolgreichen Angriff der Reichswchrfonnalionen, mit verschiede- tirkslei tung l iederrhein, Oberl>iirgenncistcr Karl Jarres aus
nen Mitteln und Metboden zu erreichen. So wurde das Streben Duisburg, das Mitglied des AklionSilusschusses von Bam1en Enz
der ~ crktütigen nach weiteren demokratischen \ eränderungen (S PD). Die Mitglieder der KPD F'ritz Charpcntier aus Elberfeld
als Versuch verleumdet, in Deutschland die . Kommunistcnherr- und Oskar Triebet aus Barmen setzten ebenfalls ihre Unterschrift
schuftc zu errichten. Ein anderes Mittel der BecinOussung war unter das Dokument, holten dazu jedoch von ihrer Partei keine
die Drohung, die Lebensmittelzufuhr in dns lhihrrevier gänzlich \ ollmacht erholten.
zu stoppen. Schließlich täuschte man die Arbeiter uuch hier mit Zu den Bietefelder Verhandlungen kam es auf der Grundlage
dem Vcrsprcch(•n. nach Abbruch des Streiks den militärischen d('s am 22. Mürz 1920 zwischen Vertn•tcm der llcichsregierung
Ausnuhmezustund aufzuheben und auf den Einmarsch der und der Gewerkschaften sowie der SPD und USPD ausgehandel-
Reichsw(•hr in das Ruhrgebiet zu vcnirhten. ten Acht-Punkte-Programms. So sollten auch nach den Fesllegun-

198 199
gen in Sielefeld die Gewerkschaften lediglich einen Einfluß auf ln dieser Situation erwies sieb die KPO erneut als diejenige po-
personelle Fragen der Regierungsbildung sowie auf die Neurege- litische Kraft, die diesen Forderungen entsprechen konnte. Oie
lung der wirtschafts- und sozialpolitischen Gesetze erhalten. An- Führung der KPD ging davon aus, daß die Streiks und bewaffne-
dererseits forderten die Vereinbarungen die •sofortige Entwaff- ten Käm pfe in den meisten Gebieten Deutschlands beende! wa-
nung und Bestrafung aller am Putsch . . . Schuldigen•, ren und sich ähnliche Entwicklungen auch im Ruhrgebiet andeu-
versprachen sie denjenigen, die sich am Abwehrkampf beteiligt teten. Eine Weiterführung des Streiks und des bewaffneten
hatten, Straffreiheil sowie eine •gründl iche Reinigung der gesam- Widerstands konnte daher zur Isolierung des Abwehrkampfes im
ten öffentlichen Verwaltungen und Betriebsverwahungen von ge- Ruhrgebiet rühren. Die Werktätigen sollten jedoch hereil sein, er-
genrevolutioniiren Persönlichkeiten«, die .sofortige lnangriff. neut in den Generalstreik zu treten, falls das Abkommen von Bie-
nahme der Sozialisierung der dazu reifen Wirtschaftszweigec lefeld gebrochen würde. Die Reichsregierung mußte zur Einbal-
sowie die Auflösung der . konterrevolutionären militärischen For- lung dieses Abkommens durch außerparlamentarische Aktionen
mationen und ihre Ersetzung durch Formationen aus den Krei- gezwungen werden.
sen der zuverlässigen republikanischen Bevölkerung, insbeson- Diese realistische Orientierung versuchte Wilhelm Pieck im
dere der organisierten Arbeiter, Angestellten und Beamten«. Die Auftrag der KPD-Führung im Ruh rgebiet durchzusetzen. Dabei
Regierung wollte weiterhin den militärischen Ausnah mezustand arbeitete er eng mit dem Essener Zentralrat und den beiden mili-
aufheben und dafür sorgen, daß bei . loyaler Einhaltung dieser tärischen Leitungen zusammen. Doch mußte er in seinen Ver-
Vereinbarungen« die Reichswehr nicht in das rheinisch-westfäli- handlungen mit Bevollmächtigten des Miilheimer Arbeiterrates,
sche Industriegebiet einmarschieren würde und Generalleutnant der militärischen Leitung des Weseier Kampfabschnitts und an-
Oskar Freiherr von Watter nur auf .schriftliche Anweisung des deren Vertretern der Roten Ruhrarmee erfahren, daß diese die
gesamten Reichsministeriumsc in politisch-mili tärischen Angele- \ orschliige der KPD-Führung ablehnten. Besonders abweisend
genheilen handeln dürfe. 'erhielt sich die Zentralleitung West der Holen Ruhrarmee in
Diese Verei nbarungen enthielten zweifellos ei nige Festlegun· Mülheim. Sie ging von einer falschen Einschützung der entstan-
gen, für die Hunderttausende von Werktätigen in den Märztagen denen Situation aus, trat für die Weiterführung des bewaffneten
gestreikt und mit der Waffe gekämpft hatten. Ihre Hauptschwä- Kampfes ein und lehnte politische Mittel zur Vert eidigung der
che bestand vor allem darin, daß die Zusagen ohne verbindliche von den Arbeitern bisher errungenen demokratischen Rechte
Garantien gemacht worden waren, von den Arbeitern jedoch llnd Freiheiten .ab. Oie Zentralleitung West glaubte mit ihrer Hal-
wurde verlangt, spätestens innerhalb von zehn Tagen ihre Waffen tung das Errungene besser sichern zu können und mißtraute Ab-
abzugeben, falls sie nicht Ortswehren angehörten, und den Streik machungen mit regierungsorriziellen Vertretern. Sie wollte, ohne
sofort zu beenden. den Kampf zu unterbrechen, Verhandlungen und dabei E'rgeb-
Das Sielefelder Abkommen bekräftigte die bei vielen Werktäti- nis e erreichen, die weit über die Sielefelder Festlegungen hin-
gen vorhandenen bürgerlich-parlamentarischen Illusionen und ausgingen.
führte vielerorts zum Streikabbruch und zur Abgabe der Wa.IIen. Eine genau entgegengesetzte, aber ebenfalls unrealistische Po-
Doch trotzdem enthielt es wichtige antimilitaristische und demo- sition nahm die militärische Zentralleitung Ost in Hagen ein. Sie,
kratische Forderungen, die durchaus Ansatzpunkte für eine wei- die in der ersten Phase der bewaffneten Auseinandersetzungen
tere Zurückdriingung der konterrevolutioniiren Kräfte in im Ruhrgebiet eine durchaus positive Rolle gespielt hatte, war zu-
Deutschlund waren, aber nur durch den Kampf der Massen ver· nehmend unter den Einfluß rechter USPO-Fiihrer geraten. Die
wirklicht werd en konnten. Seine Entwicklung hiit.te jedoch ver· llagener Leitung überschätzte das Abkommen von ßielefeld und
langt, die Taktik der herrschenden Kräfte, die diese mit dem Siele- bezeichnete es . als vollständige iedcrloge der Reaktion im In-
felder Abkommen verfolgten, vor den Massen zu enthüllen. dustriegebiete. Dementsprechend befahl sie auch den schrittwei-

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sen Rückzug der Arbeiterwehren aus den östlichen Kampfah- Die absichtliche Verschiirrung der Lnge im Raum Wesel durch
schnitlcn und enblößte dumil den Bücken der noch im das provokatorisch!' Verholten von GottJried Kamsseit und die
nördlichen und westlichen Teil des Ruhrgebiets stehenden Arbei- li nksradikale llollung anderer Vertreter der Mülhcimer Leitung
terformationen. Da sie die Gefahr eines möglichen Reichswehr- fiihrtcn jedoch keineswegs, wie bürgerliehe Historiker behaupten,
einmarsches negierte, traf sie dagegen auch keinerlei Abwehr- gerudlinig zu den nun folgenden bewaffneten Auseinandersetzun-
maßnahmen. grn im Huhrgcbiet. Ausgelöst wurden sie vor allem durch da.s
Oie Standpunkte der beiden militärischen Leilungen fügten provokatorische Vorrücken und dem späteren Einmarsch von .
dem weiteren Abwehrkampf der ~ erktätigen im Ruhrgebiet gro- Heichswchrformationen in dieses Gebiet. Erst das provozierte die
ßen Schaden zu. Er vergrößer1e sich noch durch den Widerstand nachfolgenden blutigen Zusammen Iöße.
dieser Leilungen gegen den Esscner Zentral rat, der am 25. März ~lnßgcbliche ~lilitiirs hatten die Absicht nicht aufgegeben, den
1920 von etwa 200 Oelegicr1en. die von fast 70 Vollzugsaus- \rl>l'item ihre errungenen Po;itionen " ieder gewaltsam zu ent-
schüssen des Ruhrgebiets entsandt worden waren, gewählt rei ßen. Nochdem am 24. Miirz in lliclcfeld das zeitweilige Waf-
wurde. lhm gehör1en I 0 Vertreter der SPO, 7 der KPO und ein fenstillstandsabkommen abgeschlossen worden war, nahmen
Vertreter der SPO an. Der Zentralrat bemühte sich um die ein- Rr ichswehrformationen Ausgangsräume nahe der Lippe ein, die
heilliehe Fühnmg des Widerstands. Doch wurde sein Bestreben eine Art Trenn Iinie zwischen den Reichswehrtruppen und den
von den militärischen Leitungen in I lagen und in Mülheim, wenn be,Htffneten Arbeitern bildete. Dabei kam es bereits zu bewaffne-
auch aus unterschiedlichen Motiven, faktisch hintertrieben. ten Zusammenstößen mit sich zurückziehenden Arbeiterwehren.
Selbst die Bemühungen des Essener Zentralrats, die Kampfbe- Am selben Tag rückten Heiehswehrsoldaten in den gerade erst
reitschaft der Werktätigen im Falle eines Angriffs der Reichswehr von bewuffneten Arbeitern gcriiumlen Or1 Hausdülmen (südwest-
zu erhöhen, wurden nur zögernd unterstützt. Erst eine Beratung lich von Oülmen) ein und eröffneten das Feuer auf die achhul
am 26. Miirz 1920 in ll ngen, nn der 74 Vertreter der US PD, 39 der Arbeiter. Daraufhin kehrten die anderen Arbeiter wieder um
der KPD und 33 der SPD aus dem llagcner Raum und Beauf- und versuchten, die etwa 300 Angreifer zuriickzusehlagen. ln
tragte des Essener Zentralrots teilnahmen, ermächtigte den Rat, diesen Kämpfen wurden vier Arbeiter venvundet und daraufhin
bei einem Scheitern der 11wischen der Hagener Kampfleitung und in das Laznrclt von Diilmen gebracht. Als dus am nächsten Mor-
der Reichsregierung begonnenen Verhundlungen über die Ver- gen von Reichswehrsoldolen besetzt wurde, töteten die Soldaten
wirklichung der ßielefelder Beschlüsse den Generalstreik auszu- die vier llotnrrnisten und verstümmelten ihre Leichen bis zur Un-
rufen. Dieser Erfolg wurde sofort geschmiilcrt, als Teilnehmer der kenntlichkeit.
Hagener Zusammenkunft die Müthcimer militärische Leitung Die Reichswehr setzte ihren Aufmarsch nördlich der Lippe un-
über di e Ergebnisse informierten und um Zustimmung baten, die f!Cstört fort. Immer neue Fonnationen trafen aus allen Teilen des
aber von der Mülhcimer Leitung kategorisch abgelehnt wurde. lteiches ein. Am 25. März kam die fast 8 000 Mann starke 3. Ma-
Es wäre zu einfach, die Ursache dafür allein im subjektiven rinebrigade in Billerbeck an. Einen Tag später rückte sie über
Verhalten einiger Kommandeure aus dem Kampfabscbniti der Borken in Ri1·htung Hansfeld vor. Am 26. März war der Auf-
Mülheimer Leitung oder in der llaltung des Reichswehrspitzels marsch beendet.
Gottfried Karusseit, der sich zum . Oberkommandierenden des Schon am 27. Miirz 1920 überquerten die ersten Formationen
Abschnitts West der Holen nnee• ernannt hatte, zu suchen. Na- cler lleichswehr und llundcr1schaften der Sicherheilspolizei süd-
türlich hatte dies negative Auswirkungen, doch an erster Stelle östlich von ~ esel, bei Krudenberg, die Lippe. Das n. Bataillon
der vielfdltigcn Ursachen stehen die unklaren politischen Vorstel- des Regiments 61 und 2 llundertschaften der Sicherheitspolizei
lungen, die revolutionäre Ungeduld und die Enttäuschung über bildeten bei Buchholtwelmen und ll ünxe Brückenköpfe. Andere
das \ 'erhalten rechter SPD-F'ührer. lleichswehrfonnatjonen driingtcn die nördlich der Lippe befindli-

202 203
chen Arbeiterwehren über den Fluß. Dabei entwickelten sich bei bevorstehenden Einmarsch der Reichswehr auf. Wiederum erho-
Erle, Schermbeck, Beckum und anderen Orten bewaffnete Aus- ben sich Zehntausende von Werktätigen gegen die Reaktion.
ei nandersetzungen. Bis zum 30. März hatten alle für den Ein- Doch insgesamt blieb ihre Zahl weit unter der des Generalstreiks
marsch in das Ruhrgebiet vorgesehenen Truppen die Lippe er- gegen den Kapp-Lüttwitz-Putsch. Außer der KPD hatten alle aode-
reichL Etwa 50 Bataillone, 18 Eskadronen und 54 Batterien, rrn Arbeiterparteien und auch die Mehrzahl der Gewerkschaften
zusammen etwa 45 000 lann, standen angriffshereiL drn Streikaufruf abgelehnt.
Die zu dieser Zeit noch vorhandenen Kräfte der Roten Ruhrar- Der Zentralrat ließ sich durch diesen Rückschlag nicht entmu-
mee waren ihnen an Zahl, Ausrüstung und Bewaffnung weil un- tigen. Er entsandte selbst Vertrete r zu der von Severing für den
terlegen, denn nach dem ßielcfelder Abkommen halle sich die 3 I. 1ärz nach Münster einberufenen Zusammenkunft von Abge-
Anzahl und Stärke der Arbeiterwehren an allen Kampfabschnit- sandten vieler Vollzugsausschüsse des Ruhrgebiets, der Gewerk-
ten beträchtlich verringert. Zwischen Wesel und Haltern, einem schaftsführung in ßerlin, der USPD und des Wehrkreiskornman-
AbschnitL der der Mülheimer Kampfleitung unterstand, befan- dos. Er war zu diesem Schritt bereit, obwohl diese Beratung
den sich beispielsweise höchstens 5 000 Rotarmisten. Im Ab- mithelfen sollte, die revolutionären Kräfte im Ruhrgebiet weiter
schnitt der Hagene r Leitung war die Stiirke der Kämpfer nach zu isolieren und die Auswirkungen der Wattersehen Zusätze
dem ihnen befohlenen Abzug noch geringer. Die meisten Arbei- über die Ablieferung der Waffen durch die Bevölkerung zu ver-
terwehre n litten unter Munitionsmangel und Versorgungsschwie- schleiern. Dnran änderte auch nichts, daß in den als •Abkommen
rigkeiten. \On Münster« bezeichneten Vereinbarungen nochmals das Bie te-
Die Masse der Arbeiterwehren im Ruhrgebiet stand zu dieser felder Abkommen anerkannt wurde.
Zeit als Ortswehren im llinlerland, also vorn Kampfgeschehen Trotz der Zwiespältigkeit, die diese Zusammenkunft in Mün-
entfernt und organisatorisch zersplitterL Unterstützung durch Ak· ster kennzeichnete, stimmte eine Vollversammlung von 280 Dele-
tionen von Arbeitern in anderen Teilen Deutschlands war nach !!icrten der Vollzugsaus chüsse aus 94 Orten und Kreisen
der allgemeinen Beendigung der bewaffneten Kümpfe und des (56 Mitgliedern der SPD, 11 3 der USPD, I 09 der KPD und
Generalstreiks nicht zu erwarten. 2 Syndikalisten) run I. April 1920 diesem Abkommen zu. Siebe-
ln dieser Situation mußte jedes weitere Blutvergießen vermie· schloß, die letzten Pormationen der Roten Ruhrarmee bis zum
den werden. Der Esseocr Zentralrat nahm daher die run 28. März vorgeschlagenen Zeitpunkt aufzulösen. Daraufhin begannen die
1920 von der Regierung gestellten fünf Bedingungen - Anerken· \ ollzugsausschüsse der meisten größeren Orte mit der Verwirkli·
nung der Staatsautorität, Wiedereinsetzung der staatlichen Ver· chung der Beschlüsse. In kleineren Orten wurden diese Festle-
waltungs- und Sicherheitsorgane, Auflösung der Roten Ruhrar· gungen erst später bekannt und ausgeführt.
mee, Entwaffnung der Bevölkerung und Freilassung der Die verantwortl iehen Vertreter der Arbeiter des Ruhrgebiets
Gefangenen - an. Doch die Reichsregierung verschärfte ihre Be- un ternahmen also große Anstrengungen, um bewaffnete Ausein-
dingungen noch durch Zusatzbestimmungen, die zum Beispiel andersetzungen mit der Reichswehr zu vermeiden. Doch unge-
vorsah en, bis zum 31. Miirz, I I Uhr, eine festgelegte Anzahl von nrhtct dessen beschlossen Reichsregierung und Reichswehrfüh-
Waffen und Munition abzuliefern und djes dem Wehrkreiskom· rung - entgegen ihren öffentli chen Bete uenmgen - das
mando VI zu melden. \ordringen von Reichswehrtruppen in das Ruhrgbi et. Schon am
Heichsregierung und Wehrkreiskommando hatten ihre Forde- 29. März hatte die Hcichsregieru ng auf ihrer Kabinettssitzung, an
rungen so gestellt, daß deren zu erwartende •chh~inhaltung Vor· der auch Carl Severing teilnahm, dem Reichswehreinmarsch
wände für den Einmarsch der Reichswehr in das Ruhrrevier lie- !!rundsätzlich zugestimmt. och am selben Tag legte Generalleut-
fern konnte. Der Zentralrat rief zur Abwehr dieser Machenschaf· nont von Watterden Termin des ()berfalls auf das lluhrgebiet auf
tcn alle Arbeiter des Ruh rgebiets zu einem Streik gegen den den 2. April 1920 fest. ßis dahin rückte n weitere Reichswehrfor-

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mationen unter Bruch d er Bielefelder Vereinbarungen teilweise ßuer und Mari ein. ur wenige Formationen der Roten Ruhrar-
schon in das Ruhrgebiet vor. Sie nahmen damit zahlreichen Voll- mee leisteten Widerstand, und wenn, dann waren es vor allem
zugsausschüssen die Möglichkeit, die Festlegungen von .Bie lefc ld diejenigen, die von dem raschen Vorstoß der Reichswehr noch
und Münster einztthalten. Das aber wurde wiederum von Reichs- während ihrer Auflösung überrascht wurden. So versuchten a.m
wehrkommandeuren a ls Anlaß für den weiteren Vonnarsch ihrer 3. April Arbeiterkämpfer, die zum Stadtrand von Alt-Ouisburg
Formatioqen genutzt. Die Reichswehrverbände stießen vor allem vorrücke nden Reichswehrformalionen au[zuhalten. Am seihen
an den Abschnitten ßuchholtwelmen, Dorsten, Haltern, Olfen und Tag bemühten sieh andere Rotarmisten auf dem Schlackenberg
Hamm vor. der Gute-H offnungs-Hülle bei Oberhausen, Reichswehrsoldate n
Diese A ktionen waren von brutalem Terror gegen Angehörige am Übersetzen über den Rhein-H erne- Kanal zu hindern. Glad-
der Roten Ruhrarmee und andere Arbeiter begleitet, die einen beck fiel erst nach längerem Feuerwechsel in di e Hände der
energischen Kampf gegen den Kapp-Lüttwitz-Pu tsch geführt hat- Reichswebrsoldaten.
ten. Am !.April griffen Ei nheiten d er Regimenter 4 1 und 42 so- Heftige Kämpfe entbrannten in Bottrop. Dort hatten am
wie des Artillerieregiments 21 Pelkum an. Sie schlossen die im 3. April Einheiten der 3. Marinebrigade gegen 8.30 Uhr den nörd-
Ort befindlichen bewaffneten Arbeiter ein und drangen dann, un- lichen Stadtrand erreicbt und wollten in den Ort eindringen.
terstützt von Flugzeugen und von einem Panzenug, in Pelkum Gruppen bewaffneter Arbeiter, die in Häuserblocks und Gärten
ein. ln einem mehrstündigen Feuergefecht metzelten sie etwa gut postiert waren, wehrten den Angriff einer Kompanie, die von
300 Arbeiter nieder, Gefangene wurden nicht gemach t. 2 Panzerkraftwagen und von 2 behelfsmäßig gepanzerten Last-
Am 2. April begann auf breiter Front der Angrifr der Reichs- kraftwagen Unterstiitzung erhielt, e rfolgreich ab, indem sie einen
wehrtruppen gegen die Hauptkräfte der Roten Ruhrarmee. Oie Panzerkraft wagen manövrie runfähig. schossen und die Soldaten
Truppen stießen a us mehreren Richtungen in die Tiefe des Ruhr- zurückdrängten. Den Angreifern gelang es nur durch die Einfüh-
gebiets vor, hauptsächlich aus dem Raum Friedrichsfeld- Hünxe nmg neuer Kräfte und den Einsalz schwerer Waffen, in den Ort
in Richtung Dinslaken, aus dem Raum Oorslen- Haltern nach einzudringen. Sie hatten jedoch große Mühe, ihre bisher errunge-
Recklinghausen und aus dem Raum Olfen-Werne auf Dort- nen Positionen gegen den energischen Widerstand der Arbeiter,
mund. die durch Vorslöße frischer Kräfte a us Richtung Karnap und
Als sich die neugebildete Reichsregierung Hennann Müller Horst unterstützt wurden, zu behaupten. Erst am 4.April konnten
(SPD) bereit erklärt hatte, auch das Vorrücken der Reichswebr- sie ßottrop endgültig in Besitz nehmen.
formationen in die entm ilitarisierte Zone gegenüber den Alliier- Ande re Formationen der Division Münster stießen in der Zwi-
ten zu verantworten, erweiterte Generalleulntmt von Watter am schenze it bis Hen richenhurg vor, wo sie in Kämt>fe mit Arbeiter·
3.April durch den »Operationsbefehl Nr. 6« die Angrinsziele. Für weh ren ver.,.tickelt wurden. Währenddessen rückte die Gruppe
den rechten Flügel (Division Kabisch und Truppenteile der 3. Ka- llaas am 3. und 4. April bis zur Linie Kamen-Unna vor. Damit
valleriedivision) legte er als neues Ziel die L inie D'uisburg- Ober· hatten die Reichswehrtruppen annähernd die Linie Bottrop-
hausen-Osterfeld- südli ch Recklinghausen fest. Der linke Flügel ll enrichenhurg- Ka.men erreichL
(Division Münster und Gruppe Haas) sollte die Linie Waltrop- _ Generalle utnant von Watler d rängte nun auf einen schne llen
Liixen- Kamen-Unna- Menden zunäc:;hst nicht überschreiten. Vorstoß auf das Zentrum des Widerstands der Rote n Ruhrar·
Der Vormarsch der Reichswehrtruppen verlief relativ zügig, da mee - auf Mülheim, Essen und Oorlmund. Er kümmerte sich
sich der größte Tei l der Fonnationen der Roten Ruhrarmee ange- dabei wenig um Proteste der französischen Regierung über das
sich ts der gegnerischen Übennacht und zttr Vermeidung von ho· Eindringen von Reichswehr in die Gebiete der entmilitarisierten
hen Verlusten zurückgezogen und aufgelöst hatte. Reichswehrsol- Zone. So· marschierten Reichswehrformationen am 5. April nach
daten rückten daher nal1ezu kampflos in Harnborn, Kirchhellen, kur-tem Halt weiter vor, und das Regim ent 61 besetzte noch am

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seihen Tag Mülbeim, das in dieser Zone lag. Am nächsten Tag bracht, die ein drei bis vier Meter hoher Zaun umgab.
rückten.Truppen der Gruppe Haas in Dortmund ein. Schwerbewaffnete Soldaten bewachten das Lager. Bis Mitte Juli
Für den Angriff am 7. April 1920 auf Essen stellte General- 1920 verhängte die Terrorjustiz über 822 Arbeiter insgesamt
leutnant von Waller seine berüchtigsten Formationen, wie das 1 088 Jahre Freiheitsentzug. Massenproteste erzwangen später
Freikorps Roßbach, Reste der Freikorps Lützow und Lichtschlag eine Überprüfung dieser Urteile, von denen dann viele gemildert
sowie die 3. Marinebrigade, bereit. Oie Söldner rechtfertigten voll oder ganz annulliert werden mußten.
sein Vertrauen und mordeten zahlreiche Arbeiter, obwohl es von Vor dem Wüten des Militärs [lohen Tausende von Arbeitern,
deren Seite keine Gegenwehr gab. auch Frauen und Kinder, in das von belgischen, britischen und
Ähnlich wüteten die reaktionären Truppen auch in anderen französischen Truppen besetzte Gebiet links des Rheins. Sie fühl-
Städten und Ortschaften des Ruhrgebiets. Dabei spielte es keine ten sich hier vor den Zugriffen der konterrevolutionären Solda-
Rolle, daß sich die Mehrheit der bewaffneten Arbeiter an die ver- teska relativ sicher. Die alliierten Tmppen standen auf diesem
einbarten Festlegungen hielt, die Waffen abgab und ihre Fonna- deutschen Territorium laut Artikel 428 des Versailler Vertrages.
tionen auflöste. Die Kommandeure der Reichswenr suchten gar Darin hieß es: •Als Sicherheit für die Ausführung des vorliegen-
nicht mehr nach Vorwänden für ihr terroristisches Vorgehen. Sie den Vertrages du rch Deutschland werden die deutseben Gebiete
wollten sich vor allem Für die seit dem 13. März 1920 durch westlich des Rh eins einschließlich der Brückenköpfe durch die
die Werktätigen erlittenen Schlappen rächen und die revolutionä- Tmppen der alliie.rten und assoziierten Mächte wältrend eines
ren Krähe im Ruhrgebiet empfindlich schwächen. Zeitraumes von 15 Jahren besetzt, der mit dem lnkrafltreten des
Die meisten Opfer des Terrors waren ehemalige Angehörige gegenwärtigen Vertrages beginnt.« Die auf dieses Gebiet geflohe-
der Roten Ruhrarmee, Vollzugsratsmitglieder, Funktionäre der nen 15 000 Menschen wurden jedoch von den Besatzungsmäch-
KPD und USPD. Aber auch andere Demokraten, wie der Orts- ten interni ert. Arbeit zu finden wa.r ihnen hier unmöglich. Erst
vorsitzende der Deutschen Demokratischen Partei in Werne, ei ne Amnestie der Reichsregierung vom 2. August 1920 erlaubte
wurden Opfer der Gewalt. Ln Lünen verhafteten Reichswehrsol- es den Vertriebenen, in die Heimatorte zurückzukehren.
daten den Hornisten der ört lichen Arbeiterwehr. Vielfach genügte Während Tausende von Verteidigern der Weimarer Republik
eine Denunz iation. Am 3. April 1920 führten Angehörige des terrorisiert wurden, blieben die führenden Putschisten ungestraft..
Freikorps Aulock vier junge Bergarbeiter im Alter von 18 bis Wolfgang Kapp, der sich noch Wochen nach dem Scheitern des
21 Jahren au!grund einer erfundenen Beschuldigung ab und er- Putsches bei befreundeten Großgrundbesitzern im Raum Berlin
schossen sie vor der zusammengelau[enen Zuschauermenge. und Magdeburg verborgen geba.lten hatte, fuhr a.m I 0. April in
Ein genauer Überblick über die von reaktionären bewaffneten einer offenen Droschke durch Berlin zum Flugplatz Tempelhof
Formationen im Ruhrgebiet ermordeten Werktätigen existiert und flog von dort· aus in ei nem durch Mil1elsmänner besorgten
nicht. Carl Severing schätzte, daß mindesten I 000 während der l'lugzeug naeh Schweden. General der Infanterie Wallher Frei-
Kämpfe fielen oder von konterrevolutionären Soldaten exekutiert herr von Lüttwitz hielt sich nach dem I 7. März noeh etwa eine
wurden. Während der Verhaftungswelle, die damals das gesamte Woche lang in und um Berlin auf, übernachtete sogar in seiner
Ruhrgebiet erfaßte, sind annähernd 3 000 Menschen festgenom- Dienstwohnung, hega.b sich dann nach Schlesien und floh erst
men worden, ein großer Teil von ihnen ohne jegliche gesetzliche Ende April in einem Auto nach Ungarn. Andere fültrende Orfi-
Grundlage. Gestützt auf den Ausnalunezustand vom 13. Januar ziere, die den Putsch offen unterstützt hatten, 775 an der Zalu,
1920, sind durch Standgerichte nach den offiziellen Angaben wurden als Mitläufer eingestuft. Lediglich der Justizminister der
205 Todesurteile ausgesprochen worden, von denen 50 voll- Kapp-Lüttwitz-Regierung, Traugott von Jagow, verbüßte drei
streckt wurden. Im berüchtigten Sennelager befanden sich zeit- Jahre Festuogsha.ft, allerdings unter erleichterten Bedingungen.
weilig etwa I 200 Gefangene. Sie waren in Baracken unterge-

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Als Hindenburg 1925 Präsident der Weimarer Republik wurde, Errichtung einer uneingeschränkten und volksfeindlichen Dikta-
amnestierte er alle Verantwortlichen am Putsch. tur irn lnnern und e inen verschärften Aggressionskurs nach au-
Mit dem Einmarsch der Reichswehrtruppen am 7. April 1920 ßen zu verhindern. Damit erschwerten sie das Wiedererstarken
in Essen befand sich der größte Teil des Gebiets nördlich der des deutschen Imperialismus und Mi litarismus. An dem Erfolg
Ruhr unter der Kontrolle der Reichswehr und der Sicherheits- hatte das häufig einheilliehe Handeln von Vertretern der Arbei-
poUzei. Was jetzt noch folgte, war ein •Durchkämmen« der noch terparteien in den Wehren großen Anteil. Außerdem wirkte sich
nicht vollkommen von diesen Kräften beherrschten Gebiete und die Existenz starker Arbeiterwehren in ökonomisch bochentwik-
eine Umgruppierung der Truppen im Ruhrgebiet Oie letzten grö- kellen und politisch wichtigen Gebieten Deutschlands, wie in den
ßeren Städte in diesem Territorium, in die Reichswehrformatio- pre ußischen Provinzen Brandenburg, Pommern, Sachsen, West-
nen einmarschierten, waren Bochum am 15.April und Witten am falen und in der Preußischen Rheinprovinz sowie in den Freistaa-
19-April. ten Thüringen, Sachsen und Mecklenburg-Schwerin, außeror-
Der Hall der Reichswehr an der Ruhr fand bei den Monopol- dentlich vorteilhaft für den bewaffneten Abwehrkampf gegen den
herren des Ruhrreviers wenig Verständnis. Auf einer Bespre- Kapp-Lüttwitz-Putsch aus. Vielerorts vertrieben Arbeiterwehren
chung beim Reichspräsidenten, die am I 0. Apri l stattfand, Teil- bewaffnete Putschisten, unterbanden regional und zeitweilig die
nehmer waren u. a. der Krupp-Direktor Otto WiedJeldt und der Handlungen reaktionärer Kräfte und unterstützten die Maßnah-
Generaldirektor des Thyssenkonzerns, Hermann Schmilz, sowie men der Vollzugsausschüsse zur Verteidigung der demokrati-
bei anderen Gelegenheiten drängten diese und andere Interessen- schen Rechte und Freiheiten. Vielfach reichte schon die Existenz
vertreter des Monopolkapitals auf die Besetzung des restlichen bewaffneter Arbeiterwehren aus, um Aktionen reaktionärer
Ruhrgebiets. Thnen ging es vor allem darum, die Arbeiter auch Kreise des Ortes zu vereite ln. Das Vorhandensein von Arbeiter-
dieser Gebiete rasch zu entwaJrnen. Reichswehrministe r Otto wehren und deren energischer Widerstand gegen den Staats-
Geßler (Deutsche Demolerntische Partei), der Gustav oske abge- streich verhinderte, daß die Mehrzahl der Kommandeure der
löst hatte, forderte vom lleichskanzler mehrmals, die Regi erung Reichswehr und viele reaktionäre Politiker sowie die hinter ihnen
möge . den Enlschluß zum Einmarsch in das Gebiet südUch der stehenden Parteien offen auf die Seite der Putschisten traten. Die
Rtthr unvertiiglich fassen(. Arbeiterwehren halfen mit, in großen Teilen Deutschlands ein
Am 3. Mai 1920 wurde diesen Wünschen mit dem Einrücken Kräfteverhältnis zu schaffen, das die Möglichkeit zu ein er Wende
der Sicherheitspolizei in das Gebiet entsprochen. Da es sich vor- in der deutschen innen- und Außenpolitik durch die Bildung
wiegend um Territorien handelte, die zur neutralen Zone gehör- ein er Gewerkschafts- bzw. Arbeiterregierung bot. Dabei hiitten
ten, kam Reichswehr nur insoweit zur Verwendung, '"ie diese als d ie Arbeiterforrnat.ionen, insbesondere die Rote Ruhrarmee, ein
. Rü ckhalt« für die Sicherheitspolizei angesehen wurde. Unter wesentl icher Teil eines gesamtnationalen militärischen Instru-
diesem Vorwand marschierte zum Beispiel das Regiment 6 1 am ments der Werktätigen zur Stärkung einer solchen Regierung und
3.Mai in Düsseldorf ein. Mit dem Eindr·ingen der Sicherheitspoli- zur Durchsetzung der von ihr gefnßten Beschliisse werden kön-
zei in das Gebiet südlich der Ruhr war nunmehr das gesamte nen.
rheinisch-westfälische Gebiet wieder in den Händen der reaklio- Die Basis für die Erfolge des bewaffneten Abwehrkampfes im
niiren Kräfte. 'vlärz 1920 bildeten die gewaltigen und breite Schichten des Vol-
kes erfassenden Massenkämpfe und deren Grundlage, die Ak-
Überblickt man alle bewafFneten Abwehrkämpfe im Män/April tionseinheit der Arbeiterklasse. Letztere widerspiegelte den da-
1920, so ist erkennbar, tlaß die Existenz Hunderter von Arbeiter- mals in den Reihen der Arbeiterklasse vor sich gehenden
wehre n und deren bewaffneter Widerstand gegen gewaltsame Ak- tiefgreifenden politischen Reifeprozeß, der noch Ende desselben
tionen pulschisti scher Truppen wesentlich dazu beitrugen, die Jalues in die Vereinigung der KPD mit dem linken Fliigel der

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USPD mündete. Oie Aktionseinheit der Arbeiterklasse war eine Kapp-Lüttwitz-Putsch auch neue Momente in der Entwicklung
wichtige Voraussetzung rür die massenhafte Beteiligung der der Arbeiterwehren heraus, die einen bedeutenden Einrtuß auf
Werktätigen am bewaffneten Kampf. Im März 1920 hatten sich d('n Verlauf der bewaffneten Auseinandersetzungen ausübten.
fast 150 000 Werktätige in den Arbeiterwehren organisiert. Diese Oie Wehren im Miirz 1920 übertrafen die aus der Novemberre-
Wehren, vor allem die Rote Ruhrarmee, die I. Volkswehrarmee volution an Zahl, Stärke und Bewaffnung. Auch hatten in ihnen
Thüringens, die Roten Garden in der iederlausitz oder die Stet- linke Funktioniire der USPD und Mitglieder der KPD einen grö-
tiner Vulkanarmec. waren echte Ansätze zur Verwirklichung der Lieren Einrtuß als 1918/ 19. Ebenfalls unterschieden sieb Zah~
\'olksbewaffnung. \ usmaß und Dauer der Kämpfe im März 1920 von denen in der
Die Wehren halten sich vorwiegend in den industriellen Zen- \ ovcmberrevolution. Die bewaffneten Abwehrkämpfe der Arbei-
tren Deutschlands gebildet. Sie knüpften an die Traditionen des ter im März 1920 waren in dieser Beziehung die bedeutendsten
bewarrneten Kampfes der Arbeiterklasse, insbesondere an das Wir- im Deutschland der Jahre 1918 bis 1923.
ken der \ olks- und Sicherheitswehren 1918/ 19, an. Stützen Der Kampf der deutschen Arbeiterklasse gegen den Kopp-
konnten sie sich auf die in der ovemberrevolution geformten Lüttwitz-Putsch hatte großen Einrtuß auf die Weiterent"~cklung
militärischen Kader der Arbeiterklasse, auf die gesammelten mili- drr \lilitiirpolitik der KPD. Ihr 4. Parteitag im April 1920 wertete •
tärpolitischen und militärischen Erfahrungen sowie teilweise auch die Erfahrungen der Märzkämpfe gründlich aus und näherte sich

auf aus dieser Zeit noch vorhandene Waffen. Die meisten Arbei- der Erkenntnis, daß die KPO auch in ihrer Militärpolitik den po-
terkämpfer verfügten über militärische Kenntnisse. die sie wäh- litischen Reifegrad der Mehrheit der Arbeiterklasse berücksichti-
rend des ersten Weltkrieges in den imperialistischen deutschen gen und an die Tagesforderungen der Werktätigen anknüpfen
Streitkräften erworben hatten. Das militärische Vermögen der muß. wenn sie die Massen gewinnen will. Oie KPD wies unmittel-
deutschen Arbeiter widerspiegelte sich in vielen Details: in der bar nach den Miirzkiimpfen 1920 warnend auf das Fortbestehen
Führung des bewaffneten Kampfes der Wehren gegen einen oft- drr konterrevolutioniiren Gefahr in Deutschland hin und emp-
mals überlegenen Feind, in der Bcfehlsgebung der Komman- fahl, Aktionen der Massen dngegen, wenn nötig auch mit bewaff-
deure der Arbeiterwehren, aber auch in den militärorganisatori- neter Gewult, zu unterstützen. Sie forderte daher die Bewaffnung
schen Leistungen bei der Formierung der Wehren und der der Arbeiterklosse und die Entwuffnung der Konterrevolution.
Bildung spezieller militärischer Formationen wie Maschinenge- Diese militärpolitischen Orientierungen schufen zusammen mit
wehr-, Artillerie-, Radfahr- und Sanitätskompanien. lo vielem er- anderen Forderungen des 4. Parteitages der KPD wichtige Grundla-
hielten die unter kapitalistischen Bedingungen erworbenen militä- grn für das verstiirkte Bemühen der KPD in ihrem Kampf um die
rischen Kenntnisse der Arbeiter im Kan1pf gegen die bewaffneten Gewinnung der Mossen. Sie boten eine Voraussetzung für den er-
Kräfte des deutschen Imperialismus neue Ziige. ur dadurch war folgreichen Widerstand gegen die zunehmenden Angriffe der re-
es unter anderem möglich, in .kaum zwei Tagen eine mehrere aktionären Krähe auf die Errungenschaften der Novemberrevolu-
zehntausend Mann zählende Rote lluhrarmee aufzustellen und tion 1918/ 19 und für weitere demokratische Veränderungen in
ihre materiell-technische Sicherstellung sowie politische und mili- Deutschland.
tärische Führung zu gewährleisten. Ideenreich versuchten die Ar-
beiterwehren, ihre Unterlegenheit gegenüber den Truppen des
Gegners auszugleichen, so durch die geschickte Ausnutzung des
Terrains oder die zeitweilige Zusammenfassung von Arbeiterweh-
ren mehrerer Orte zu größeren Formationen.
Im Vergleich zu den bewaffneten Aktionen der Arbeiter in der
~ovemberrevolution I 918/ 19 bildeten sich im Kampf gegen den

212
Der Abwehrkampf der ;.itionen weiter nusbnuen. Zwei der großbürgerlichen Parteien,
dit' Deutschnationale Volkspartei und die Deutsche Volkspartei,
rnit.teldeutschen Arbeiter 192 1 !!~'"11nnen in den Heichstagswahlen am 6. Juni 1920 gegenüber
dt•n "ahlen vorn 19. Januar 1919 annähernd drei Millionen
Stimmen hinzu und erhielten insgesamt rund siebeneinhalb Mil-
liont'n Stimmen. Gleichzeitig beunruhigte sie ab('r die Tatsache,
duß die USPO mit 4,9 Millionen Stimmen 1.wcitstiirkste Fraktion
• im llcichstag wurde. l"ür die KPD, die auf Beschluß ihres 4. Par-
tt•illag(•s vom April 1920 erstmals an den Parlamentswahlen teil-
!(rnommen hatte, stimmten 410 000 Wühler. Diese Stärkung der
r achen und orbereitung der Märzprovokation r!''olutionären Kräfte kulminierte im Dezernher 1920 in der Ver-
rinigung der USPD (Linke) mit der KPO zur Vereinigten Kom-
l::s "ar im Mai 1920, wenige Monate nach dem Scheitern des muniotischen Partei Deutschlands (VKPO). Der Zenlrismus, der
Kapp-Lüttwitz-Putsches. Erneut bescbä.ftigtrn sich führende Ver- jahrelang der deutschen Arbeiterbewegung mit seiner scbwan-
IreiN der Großbourgeoisie und des Staatsuppurutes mit Plänen, J..!'ndcn Politik erheblichen Sehnden zugefügt hatte, erlitt dadurch
"'ic sie die in der ovemberrevolution 1918/ 19 errungenen de- l'ine schwere iederlage. Mit der Bildung der VKPO wurde ein
mokratischen Freiheitcn und sozialen Rechte der Arbeiterklasse "khtiger Senritt zur Wiederherstellung der b:inheit der deut-
"citcr beschneiden und die Lasten der Weltkriegsniederlage "·hen Arbeiterbewegung aur revolutionärer Grundlage getan. Oie
noch stärker auf die \Verl..tiitigen abwiitzen könnten. Seit ~litte 1\omrnunistische Partei "'llr bereits eine Massenpartei geworden,
1920 'erschärften sie den ökonomischen und politischt'n Druck ch·r mehr als 300 000 Mitglieder angehörten, die allerdings poli-
aur die Mehrbeil des Volkes. So schränkte eine ansteigende Geld- tbc·h und ideologisch noch keine Einheit bildeten.
entwertung die als verbindlich erklärten Tarirvcrtriige, die garan- Ein Ergebnis dieser Entwicklung bestand in der i11 breiten
tirrtr Arbeitslosenunterstillwng und andere soziolr Hechte er· Kreisen der deutschen Monopolbourgeoisie wachsenden Furcht
hrblich ein. Zugleich stiegen die Preise fiir Lebensmittel, vor dem weiteren Erstarken der revolulioniiren Arbeiterbewe-
Kleidung und Brennmaterial sehneUer als die Löhne, Gehälter gung, dem für sie größten Hindernis bei der Ourchselzung ihrer
und Renten. Politik. Deren hauptsiichliche Ziele waren: der Abbau bzw. die
Politisch ging die Reaktion in Deutschland - im Einklang mit Brseiligung der Errungenschaften der ovcmberrevolution, das
einer auch international erkennbaren Tendenz - verstärkt zu \\ it'dererstarken des deutschen Imperialismus und letztlich der
Angrirfen auf die demokratischen Errungenschaften über. Dieser llr, anchekrieg. Möglichst rasch woUten sie deshalb einen emp-
Trend widerspiegelte sich unter anderem in einem zunehmenden findlichen Schlag gegen die revolutionären Kriifte in der deut-
Einnuß nationalistischer und militaristischer Kreise im gesell· ~<"hcn Arbeiterbewegung führen. Dabei berücksichtigte die Mo-
schartliehen Leben. Milit~~ristische Verbände wurd(•n immer akti· nopolbourgeoisic die Erfahrungen des gescheiter-ten Kapp-Lütt-

ver. Im Mai 1920 entstand in Bayern die Organisation Esche- witz- Putsches 1920, die besagten, daß ein FronlaiangrifF gegen
rich, eine weitgehend illegale Tarn- und Auffangorganisation für dit• revolutionäre Bewegung in Deutschland w dieser Zeit nicht
di!' im April 1920 aufgelöstl•n Einwohnerwchren. Der Organisa· anöl!lich war. Sie entschloß sich deshalb, in erster Linie gegen die
tion Escherich, kurz Orgesch genannt, gehörten um die Jahres· \ orhut dieser Kriifte, die \ KPD, vorzugehen.
"end!' 1920/21 etwu eine \ lillion Mitglieder an, dit' zum großen \ls Ziel des An!!riffs "'urde der Regicnmgsbezirk \1erseburg
Teil über Waffen verrügtcn. lluogewähiL da dieser zu den Zentren der revolutionären deut·
Der deutsche lmperiulismus konnte 1920 seine politischen Po- ~~·hcn Arbeiterbewegung zählte und sich dort günstige l3edingun-

214 215
• •
gen fiir die Aublösung einer Provokation hoten. Im Rcgierungsbe· ß LIS dem Reichswehrminislrrium von nfang 1920. ln mehreren
zirk l\1crseburg erfaßte die VKPD mit ihren fast 30 000 ~1itglie­ Sl'hrciben an den Reichspräsidenten, Reichskanzler, Reichsmini-
dern jeden siebenten Arbeiter. Jn wichtigen Gewerkschaftsver- >ter des lnnern und preußischen ~linisterpriisidenten hatte d.ie
biindcn, "ie dem Bergarbeiter-, Bauarbeitcr- und Zimmercrver- (ll•t•resleilung ein bewaffnetes Vorgehen gegen die milleldeut-
band, stellte sie den Vorsitzenden. Außerdem hatte die \'KPD ' elwn \rbeitcr verlangt. ~1otiviert "urde dies danlit, daß in Mil-
zahlreiche \'er1rrter in Stadtverordneten- und Gemeindever- tdd<•ulschland angeblich ein • kommunistischer Putsche vorberei-
sammlungen, in Kreistagen und im Provinziallandtag. Sie konnte ll'l "ürdc.
bei clen Wahlen zwn preußischen Landtag im Februar 1921 im Drtailliert entwickelte die Reichswehrführung ihre Ansichten
Regierungsbezirk \llerseburg fast 30 Proz<·nt der Wühlerstimmen in drn • Richtlinien für eine eventuell erforderliche Säuberungs-
auf sich vereinen. Besonders beunr·uhigt zcigtt• sich die Reaktion uklion in Mitteldcutschlandc, die im .)uni 1920 an zentrale Zivil-
d11rliher, daß es ihr seit der rovemberrevolution 1918/ 19 in die- lwhiirdcn verschickt wurden. Ausgehend von den darin enthalte-
sem Gebiet nicht gelungen war, die Werktätigen vollständig zu nPn llauptgcdanken, erließen die Kommandeure der Reichs-
enl waffnrn. " r lubrignden 12 und 16 mehrere Befehle, die den Einsatz 'von
Im Regierungsbezirk Merseburg war die Arbeiterklasse stark ll r ichswchrformationen unter den Stichworten •Operation
' 'ertrelen. Zu den Arbeiterzentren zählten vor allem der Mansfel- llallrc, • '>~ibelungenliedc und .Cöttrrdiimmrrungc zur Abriege-
dcr Gebirgskreis, die Stadtkreise Eisleben und I lalle sowie die lung und • iiuberungc des mitteldeutschen Raumes vorsahen.
Kreise Delitzsch. Bitterfeld und Merscburg. ln diesen sechs der \och unter dem Eindn1ck der machtvollen Aktionen der
insgesamt dreizehn Kreise des Regierungsbezirkes konzentrier1eo \\ r rJ...Iiiti(len gegen den Kopp-Lüttwitz-Putsch stehend. empfahlen
sich große Teile bedeutender Lnduslriez" eige Deutschlands, so dir \lilitiirs. \'Or allem ein einheiUir hes I landein der Arbeiter zu
des Kupfererzbergbaus, des Braunkohlentagebaus und der Che- \l'rhindem. Deshalb soUte die geplante Aktion politisch sorgfältig
mirindustrie. ~orhereilet werden. Darunter versland die Heichswehrführung
ln der zweiten l lälfle des Jahres 1920 unternahmen führende \Or nllcm, verleumderische • Gründec fiir den beabsichtigten Un-
Politiker und Militärs erste gemeinsame Schritte zu r· Vorberei- l<'rflrückungsfeldzug im Regierungsbezirk Mcrscburg zu propa-
tung einer hcwaffncten Provokation gegen die mitteldeutschen !(iPren, die von der Mehrheil des deutschen Volkes als glaubwür-
Arbrilcr. Im Auftrag des preußischen lnncnministers, Carl Seve- tlif.( ukzcrJtiert würden.
ring, der seit 1893 der SPD angehörte und zum rechten Flügel l~ndc I 920 begunn die reaklioniire Presst• mit der massenpsy-
der Partei zählte, berief der Oberpräsident dt>r preußischen Pro- f'lw logischcn Einstimmung der Bevölkcnrng auf di e vorgesehene
vinz Sachsen. Otto Hörsing, hierzu mehrere ßcralungen ein. Hör- Pro~okation. Groß aufgemacht erschienen in der ~lehruhl der
sing war fast ebensolange Mitglied der SPD wie e' ering. vertrat Zt•ilungcn der Provinz Sachsen und später auch in zentralen
opporlunistische so"~e sozialchauvinistische Auffassungen und Pn•sscorganen ' 'erleumderische Berichte über angebliche
üble sein Amt seit 1920 aus. An den ' on ihm organisierten Be- • Putschpliine der KPD c. Zugleich ' crsurhlc man der Bcvölke-
sprechungen nahmen Vertreter zentraler zh iler Institutionen der runf.( wciszumacben. in Mittcldcutschlnncl herrsche eigentlich ein
Provinz Sachsen teil, so die Regierungspriisidcnlcn und Landräte ~«'srlt.loser Zustand, ein Chaos. Die reaktionären Journalisten
der Begicrungsbezirke Errurl, Magdcburg und Mcrseburg. hausrhtcn Einzelfälle aus I ol und ll ungrr vrrübter Felddieb-
Curl Scvcring und Üllo Hörsing kamen dnrnit den WUnschen sliihlt• zu einer Mnsscnerscheinllng uuf. Betriebsdirektoren erkliir-
einflußreicher mitteldeutscher Monopolka1>italislcn noch, die lt>n dus bisherige Gewohnheitsrecht, llolzabriille aus dem ßerg-
mchrruch gerordert hnllt>n, im Regienmgsbezir·k Mersebur·g end- huu mit1.u nehmcn, plötzlich zu kriminellen l luncl lungcn.
lich • Ürdnungc zu schaffen. Sie befolgten mit ihren Aktiviüiten Die Furcht vor eventuellen einhrillic·hcn Abwehraktionen der
jedoch ouch Anregungen und Forderungen führender Militärs mitteldeutschen Arbeiter bestimmte die Diskussion in der Re-

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gierung duriiber, welche bewaffneten Kräfte im Regicnmgsbezirk die ein llewuffnclrs Vorgehen in Mitleldculschlnncl als vorrangige
eingesetzt werden sollten: llcichswehr oder die 1920 geschaffe- Angelegc·nheit der 1\eichs"•chr angesehen holten.
nen kasernierten Schutzpolizciformationen. Die Entscheidung fiel Anfang 1921 wurden di e Beratungen über die Auslösung der
zugunsll'n der Schutzpolizei aus. Führende Politiker und Militärs Pro' ok11tion fortgesetzt und traten in ihr entscheidendes Stadium
glaubten, hierdurch ihrer Provokation den Anstrich einer • nor- ein. Das wird schon daraus (•rsichtlich, daß außer Vertretern zen-
malen• Polizeiaktion grben und dnmil den einheitlichen Wider- traler Behörden der preußi;,chcn Provinz Sachsen auch solche
stand der Arhcitrr 'erhindern zu können. Auch spielte dabei der , on Behörden des 1\eichcs und Preußens an den Absprachen
Gedanke, die lleichs" ehr möglichst aus den inneren Auseinander- trilnahmen. Außerdem wurde der Kreis der Beteiligten durch ei-
setzungen herauszuhalten, eine wichtige Rolle. Starke Polizei- nige Bürgermeister und Betriebsdirektoren aus dem Regierungs-
kräfte, geschaffen nach der \ovcmberrevolution, waren dafür bt•lirk \lcr"•burg rn•eiter1. Die Teilnehmer der Tagungen einig-
vorgesehen. Die Armee sollte sich nicht im Einsatz gegen die Ar- ten sich im Ein' erstiindnis mit dem preußischen Innenminister
beiter ovcrschleißenc, sondern sich 'oll auf die Vorbereitung des Carl e' ering schließlich d11rauf. mit der Provokation kurz vor
Revanchekrieges konzentrieren können. Im lnnern fiel ihr des- dem Osterfest zu beginnen. ie hofften, auch durch diese Termin·
halb - nach den \'orstellungen maßgeblicher Militärs - lediglich festlegung eventuellen Gegenaktionen der rbeiter die Spitze ab·
die Holle einer ultirna ratio, des iiußerstE>n und letzten Ge,.,altmit- brechen zu können. Zugleich sollte die Ausweitung des Aktions-
tels, zu. (!ebicts über den Monsfelder Gebirgs- und Seckreis hinaus auf
~it dieser Arbeitsteilung bei der inneren Absicherun(! der im- den Stadtkreis Eisleben sowie die Kreise Merscburg und Quer-
perialistischen Mnchlvcrhiiltnisse entsprachen die herrschenden fun des Hegienmgsbezirks Mrrseburg die Wirksamkeit des \'or-
Kreise in Deutschland einer seit der Großen Sozialistischen Okto- gehens erhöhen.
berrevolution 1917 wirkenden Tendenz imperialistischer Macht- Seit Beginn des Jahres 1921 verstürkten die imperialistischen
ausübung, die sich in Tempo und Gewalt na tional unterschiedlich Propagandaorgane ihre Aktlvitüten zu r Vorbereitung der Provo-
durchsetzte. Aus diesem Grund schufen sie 1919 die Sicherheits· kution. Sie griffen einbei immer wieder auf die bereits strapazierte
polizei. Erstals die imperialistischen Siegermilchte 1920 das Ver- Lüge vom bevorstehenden . Kommunistenpulsch« zurück. Dazu
bot der etwa I00 000 Mann starken und mit schweren Waffen lieferte ihnen ein am 13. M iir~ begangener •Sprengstofianschlttg•
ausgerüsteten Sicherheitsi)Olizei erzwungen hatten, bildeten sie aur die Sicgcssiiule in Berlin willkommene Schlugzeilen. Anarchi-
die Schutzpolizri. Personelle Stärke, Struktur, Ausrüstung. Be- stische Kräfte hatten nn dieser Siiule ein . zutallig« in die • Hell·
waffnung und Dislozierung versetzten die nunmehr auf Länder- slcdter Zeitung• cinge,v"ickeltes Sprengstoffpaket abgelegt. Und
ebene organisierte Schulzpolize:, insbesondr re ihre kasernierten der Anstifter des Attcntulsversuchs \Vilhehn Hering - ein zwei-
Hunclcrtscharten, in die Lage, die Reichswehr bei lokalen KJas· fl'lhafter Abenteurer - bezeichnete sich als militärischen Leiter
senouseinandcrsetzungcn im lnncrn weitgehend zu entlasten. der Kommunistischen Arbeiterpartei Deutschlands (KAPO) in
Auch die Schutzpolizei umfaßte fust I 00 000 ~lann. 'on denen \ litteldeutschland.
jeder Dritte mit einem Gewehr oder Karnbiner und jeder Zwan· Oie KAPD, die sich im April 1920 als links ektiererische Split-
zigste mit einer \laschinenpistole be"affnet \\llr. Auf I 000 Poli· terpartei konstituier1 hatte. "ar aus der linksradikalen Opposition
zisten entfiel ein Panzerkmft\\agen. Der geplante Polizeieinsalz auf dem Heidelbr rger Parteilag der KPD (Oktober 1919) entsinn·
bot die \löglichl..cit, dir Schlagkraft der nrugebildeten kasernier- den. Diese Oppositionellen hatten die Leitsätze zur politischen
ten Schutzpoli zei erstmals im »Ernstfalle zu überprillen und. im Arbeit in den Parlam!'nten w1d Gcwerkscharten sowie die \ 'erur·
Unterschied zur Hcichs\\rhr, ihn eventuell auch ohne Verkündi- teilung link~rodikaler Aktionen abgelehnt und wurden daraufhin
gung des Ausnuhmezustandes durchzuführen. Angesichts dieser 'on dem '' citeren Verlauf des Parteitages ausgeschlossen. Da die-
Argumente mußten letztlich auch diejenigen Militiirs nachgeben. ser Beschluß gcfaßt "urdc, ohne die Fehlerhttfligkeit dieses oppo·

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bilioncllcn Standpunktes zu erläutern, unterlagen viele linksradi- hrit der Arbeiterklasse be~tß. Ihrem Einfluß zu verdanken war
knl gestimmte Kommunisten dem Einfluß parteifeindlicher drr »Offene Brief• vom 7. Januar 1921 an den Allgemeinen
kleinbürgerlicher Intellektueller. Die KAPO erfaßte bei der Grun- Deutschen Gewerkschaftsbund, die Arbeitsgemeinschaft freier An-
dung etwa cin Drittel aller ~ l itglieder der KPO, fiir die sich dar- j!t'>trlltenverbände. an die Allgemeine Arbeitenmion, die Freie
aus \Orubergehend eine sriirbare Schwächung ergab. Alle Versu- \rhriterunion (Syndikalisten), die SPD. USPO und die KAPO.
che der Kommunistischen Internationale und der KPD, die Er ging aus von dem starken Willen vieler Werktiitiger nach
vorwiegend proletarischen Mitglieder der KAPO wieder mit der t!<'llll'insru11en Handlungen zur Abwehr der inflationistischen
KPO zu vereinen, schlugen :wniichsl fehl. Bedingt war das durch Folgrn und der Arbeitslosigkeit. Oie VK PO unterbreitete unter
ihr!' oftmals verzweifelte Lebenslage und das Ausmaß der Unter- an<lr rem folgende Vorschläge fiir gemeinsame Aktionen: einheit-
driickung, die sie daran hinderten, die ideologische Klarheil und hrhc Lohnkämpfe zur Sicherstellung der Existenz der Arbeiter,
politische Geduld fiir einen langen und mit Kleinarbeit ausgefiiU- \n!(estellten und Beamten ; einheitliche Regelung und Erweite-
Ien Kampf um die \ eränderung der gesellschuftliehen Verhält- run!( der Arbeitslosenheziige; Beschlagnahme von ~ ohnräumen
nisse aufzubringen. Diese Vcr!'inigungsversuche halten erst Er- fiir Bedürftige; sofortige Entwaffnung und Auflösung konlerrevo-
folg, als sich die KAPO durch die abenteuerliche Politik ihrer lutioniirer, paramilitärischer Formationen und Bildung proletari-
Fiihrung bis Ende 1921 ftlktisch zu einer politischen Srktc ent- .,dlCr Selbstschutzformationen in allen deutschen !.ändern u.nd
wickdte. Gt•mcinden; sofortige Aufnuhme von Handels- und diplomati-
Auf die zu »Aktionen• drängenden F'unklioniirc der KAPO .,rJwn Beziehungen zu Sowjetrußland.
ziihlte der Oberpräsident drr Provinz Sachsen auch, als er am Dic Erfüllung dieser Forderungen, so betonte die VKPD,
16. \lörz 1921 in seinem Aufruf • An die Be' ülkcrung des lndu- J..önne die Ursachen von 1ot und Bedrohung der Werktätigen
strirre' icrs im Regierun~tsbczirk ;\lerseburg!• drn ~inmarsch nirht beseitigen. Daher sei der Kampf um die Oikalur des Prole-
von Polizeihundertschaften in dieses Gebiet bekannlgab. Dem- turiats als Endziel notwendig. Doch jetzt gehe es urn die gemein-
agogisch begrundete er dieses Vorhaben rnil den weitgehend aus bllmc Lösung der nächsten Aufgaben. Mit ihrem Appell zur Ak-
der Luft gegriffenen Vorwiirfen von • wilden Streiks, Raub und tionseinheit an alle Arbeiter und ihre Orgonisutioncn leitele die
Pliinderungen ... , Banden·, Einzeldiebstählen, Terror, Sachbe· \ KPO 'eine qualitativ neue Phase im Ringen um die Schaffung
schiidigungen, Erprrssung..:n und Körperverl ctwngcn «. Zweck einer ei nheilliehen Kampffront der Arbeiterklasse ein, schuf sie
dieses Aufrufs war somit ebenfalls, ein Bild massenhafter. anhal- dum it die Möglichkeit zur llerslellung ihrer ~inheitsfronl, ohne
tender Gesetzesverletzungen und an Chaos grenzender Zustände dit• ein erfolgreicher Kampf gegen den Imperialismus nicht mög-
in dir~rm Regierungsbezirk zu zeichnen. um duraus dir 'otwen· lich isL
di!(keit ableiten zu können, •im Interesse der Mehrheit der Be- Der . Offene Brief• fand bei Hunderttausenden von \Verktäti-
'ölkrrung• Polizeihundertschaften einmarschirren zu lassen. ~rn Zustimmung. Doch Hihrende Funktionäre der VKPD iiber-
ln cliesrr äußerst zugt•spitzten Situation hntte es die VKPD ochiitzten den erreichten Grad des Einflusses der Partei und die
nicht leicht, eine den objektiven Bedu1gungen in Dt~ utschland Bereitschart der Werktätigen, fiir eine Veränderung der bestehen-
entsprechende Politik uuszunrbeiten. Sie bemühte sich in voller drn Verhältnisse einzutreten. Sie sprnchen sich deshalb rür Ak-
Ohrreinstimmung mit den Empfehlungen des II. Kongresses der ti<>ncn aus, unabhängig davon, ob die Bedingungl'n dafür vorhrul·
Kommunistischen Internationale vom Sommer 1920, den Kampf dt•n waren. W. I. Lenin hatte auf die Sehiidlichkeil dieser auch in
um die \1assen immer mehr in den 'vliltelpunkl ihrer lätigkeit zu drr internationalen Arbeiterbewegung erkennbaren Ansichten
ru<·krn. Führende Funktioniire dt'r Partei erkannten, welche ent· h('reits in seinem irn Juni 1920 erschienenen ~ erk . Der >linke
scheidende Bedeutung dabei dic Aufstellung kon kreter Tages· lladikalismus<, die Kinderkrankheit im Kommunism use hinge·
fordrrungen und das Ringen um die llerstellung der Aktionsein- 1\ i('sen. Seine Ratschläge erhielten im Friihjahr 1921 ein beson-

220 221
dci'('S Gt'wicht, denn das Streben nach Aktionen um der Aktio- Diese Aktionen stützten sich aussch ließlich auf die im Regie-
nen "'illen ochuf einen günstigen Borten rür die von den nmgsbezirk stationierten Polizeikriifte. Nach drm geplan ten Ein-
herrschenden Kreisen beabsichtigten Provokationt>n und machte >~~tt. drr 8 l lundertschaften standen weitere I '~ in Reserve. Den
es der rbeiterklasse sehr schwer, sie abzuwehren. insgesamt 22 llundert chaften, 21 zu Fuß und eine berittene. ge-
Am 17. \1iin, einen Tag nach der Ankündigung des Polizeiein- hiirtrn 83 Polizeioffiziere und 2 425 Polizeiwachtmeister an. Im
mtmehcs durch Otto I lörsing, tagte der Zentralausschuß der Durchschnitt führte jede Hundertschaft als Be"affnung ein Ma-
VKPO. Thema war selbstverständlich die Abwehr der zu erwar- schinengewehr und 4 Maschinenpistolen mit. Durch Abgaben an-
tenden Provokation. Doch seine Aufforderung, aus diesem Ab- clrrrr llundertschaften konnte fast jrder Beamte zusiilzlich zu sei-
wehrkllrnl>f zum Stur.~; der Regierung iibenugehen, entsprach rwr Pisto((• mit einem Karabiner ausgcriistct werden.
nicht der rcolen Klassenkampfsituation. Ein solcfws Ziel konnte Die in der 1iihe des Aktionsgebiets dislozierten Rei chswehr-
nicht die Grund Iage für die jetzt noch dringender gewordenen ge- lormlllionen wurden in Alarmbereitschnft versetzt, um jederzeit
meinsamen Aktionen aller rbeiterpartcicn und der Gewerk- ringr-eifen zu können. Ihre sogenannte Hiickhultl'funktion für die
schnrten bilden und widers1>rach ·auch den im . Offenen Briefe opcricrrndcn Polizeihundertschaften diente :wgleich auch der
gestellten konkreten Aufgaben. die zum Teil. wie der Kampf um Ahrirgrlung des Kampfgebiets gegen cvcntu rll drn \1ansfelder
die Erhöhung der Löhne und Gehillter, vom Zentralausschuß "urnpeln aus anderen Industriegebieten zu llilfe eilende Arbei-
aufrechtl'rhalten wurden. tf'r. Dirse Aufj!ahen hatten vor allem Einheiten und Truppenteile
Der Zentralaus chuß faßte zum weiteren Verhalten der Be- drr Beichs" ehr. die im oder in der \ ähe des llej!ierungsbezirks
zirksleitung der VKPD Haße-;\lerseburg keine verbindlichen Be- \h·rscburg stationiert '"aren. zu crfiillcn.
schlüs~e. Er empfahl aber ausdrücklich, daß die Bezirksleitung
erst dann den Generalstreik ausrufen und aus diesem zur Bewaff-
nung der Arbeiter übergehen sollte, wenn Polizeicinheiten Be- Widerstand von Arbeiterrormalionen
triebe und Gruben besetzen würden. Dieser llinweis war jedoch im Mansrelder Gebiet
angesichts drr l~mpönmg vieler Werktiitigcr über ihre verzwei-
felte Lrlwnslage und der unterschiedlichen Auffassungen unter l ntN li'iihr-ung d1•s Polizeimajors Folie rnnrschiertcn 1un 19. Mör-1.
den Funktioniiren der VKPD über die Formen des Widerstands I 92 1. l(rgcn I0 Uhr, io Eisleben :J Polizeihundertschalten ein -
grgen d!'n Polizeieinmarsch nur schwer zu vrrwi rklichen. Am die 2. uus Magdeburg sowie die 3. und dir 7. aus l::rfurt. Damit
19.1\liin 'rröffentlichte die Bezirksleitung der VKPD Halle-Mer· hl'j!llnn die Iunge zuvor geplante Provokation grgrn die Werktäti-
scburg einen Aufruf •An die Arbeiterschuft \1itteldeutschlands!c. grn dc;, Hcgierungsbezirks .\lerseburg. Faot zeitgleich drangen
in dem sie den Empfehlungen des Zentralausschusses folgte. 2 Hundert chaJten - die I. aus Eilenburg und die 5. aus Halle-
An diesem Tug befand sich die gesamte Schutzpolizei der in I lett.tedt ein. Mit Bedacht hatte die Polizeifiihrung zuerst
prrußischen Pro,inz Sachsen bereits in Alannbereitschaft und dirsr ()l•idcn Orte besetzen lassen. denn so" ohl in Eisleben als
traf die lrtztrn \ orbercitungen für ihr Einriickl'n in dil' vorgese- auch in l lettstedt besaßen die revolutioniircn Kriifte bedeutenden
henen Hiiurn(' des Regierungsbezirks \1 crsrburg. Polizeirnnjor Finnuß.
Folk, Kommandeur der Schutzpolizei Magdcburg. hatte den Be- Der Einzug der Polizeihundertschuften stirß bei der Mehrheit
fehl, mit :J Polizeihundertschaften llrttstrdt zu brsetzen (• ntcr- dr·r· Bevölkerung von Anbeginn auf Ablt'hnunj!. steigerte deren
nrhmrn Kohlrnsachc «). Polizeimajor Frndci-Sortorius, Komman- Lnnru t über dit' sich verschlechternde Lebenslage und die Schi-
drur clt•r Sc•h1rtzpolizei I-Lalle. bekam dir Ord1•r, mit 5 Polizeihun- kurwn dt'r Gruben- und Betricbsdir-ckforr n. ln llcltstcdt prolc-
dc•rt,,c·haftt'n drn Haum um Schufstiiclt, MNsrhurg, Ammendorf stiNtt• dit~ Studtverwaltung gegen die l::inquartierung von Polizi-
uncl Trutsc·lwnthal ahwriegdn ( •L ntrrnrhmt•n Frühjahrsreisec). Mf'n in zwri Schulen. Im Monsfelder Cchirgskrt•is lehnt!' die

222 22:1
Mehrheit des Kreistages die Polizeiaktion in einer t;ntsc,hlu~l.h;m Abwehrbewegung jedoch spontan anwuchs und immer mehr
entschieden ab. Vertreter der Eislebencr Arbeiter übergal>ea Werktätige erfaßte, stimmte auch sie in Absprache mit der Zen-
Poli zeimajor Folte ein Schreiben mit der Fordenmg, die in trale der Pa.rtei prinzipieU dem Generalstreik zu und bekräftigte
tadt eingedrungenen Polizisten sofort wieder abzuziehen. ihre llllltung zu d em »Aufruf an die Arbeiter 1ansfelds!c, der in
Doch die Führung des Polizeieinsatzes ignorierte diese ver'll1lll- den \ lorgenstunden des 21. März erschien und auch von dem
wortungsbewußten Bemühungen, Blutvergießen zu vermeiden. Kreisgewerkschaftskartell und der Streikleitung unterzeichnet
Sie spekulierte darauf, daß die Erregung großer Teile der tle,röl- \\ar.
kcrung weiter anwachsen würde, und auf die sich daraus mögli- ln großer Zahl befolgten die Werktätigen des Monsfelder See-
cherweise entwickelnden spontanen Auseinandersetzungen. In und Gcbirkgskreises diesen Aufruf. Bereits in den nächsten Ta-
dieser Absicht schlug Major Folte in einem Telegramm vom gen schlossen sich fast 150 000 Arbeiter, Landnrbeiter und Ange-
20. Miirz 1921 an den Oberpräsidenten der Provinz Sachsen vor, slclllr des Regierungsbezirks Merseburg dem St reik an. Dem
.daß es sich empfiehlt, mit dem Einsatz noch bis Oienstag (22. 3.) Willen dieser Werktätigen zuwiderhandelnd, verurtei lten die
mindestens zu warten«. Daß die Polizeiführung mit einem ~"''" ' Füh•·ungcn der SPO und de.r USPO jegliche Abwehrmaßnalt-
brechen bewaffneter Zusammenstöße rechnete, verdeutlicht auch m(•n, also auch den Generalstreik, gegen die Provokation und be-
einer ihrer Befeltle vorn 20. März 1921 , zusätzlich eine Polizeiab- mühten sich, alle unter ihrem Einfluß Stehenden von gemeinsa-
teilung, be tehend aus 15 Polizeioffiziercn, 362 Polizeiwachtmei-: men Abwehraktionen abzuhalten. Sie sprachen von • übertrie-
stern, 15 Lastkraftwagen und 5 Personenkrafh•agen. eiligst aus benem Liinnc der VKPD und unterstellten ihr, die angeblich zu
ßerlin heranzubefördern, um mit ihr die Gruppe Fendei-Sarto- Recht einmarschierten Polizeihundertschaften zu provozieren.
rius zu verstärken. Die Führungen der SPD und der USP D berücksichtigten mit die-
Viele Arbeiter reagierten noch am 19. März auf die Polizeipro- ser Haltung nicht die Meinung vieler Mitglieder im Regierungsbe-
vokntion. ln Eislebcn, I-lalle, Lcunn und anderen Orten des Re- zirk Merseburg, die sich von dem Polizeieinmarsch distanzierten
gierungsbezirks fanden Protcstvers1mllnlungen statt. Am späten und dies auch in Zuschriften an die Bezirkszeitungen der SPD
Abend trufen sich in Eisleben etwa 200 Mitglied erder VKPO. revo- • Volksstimmec und der USPD »Volkszeitungc in jenen Tagen

lutioniirer Betriebsräte und des örtlichen GcwcrkschaJtsknrtclls - zum Ausdruck brachten.
einem Zuslllllmcnschluß der einzelnen Ortsverwrulungen bzw. Am Abend des 22. Män führte der zentrale Aktionsausschuß
Zweigstellen verschiedener Gewerkschaften - und riefen für den von Eisleben im Volkshaus eine Prolestversammlung gegen den
21. März den Generalstreik aus. Sie wählten einen zentralen Ak· Einmarsch der Schut.zpolizeiformationen durch. Einmütig lehn-
tionsausschuß, an dessen Spitze Joscf Schneider stand. Dieser ten die Anwesenden die Provokation ab. ln dieser erhitzten Stim-
"ar bis zur Vereinigung des linken Flügels der USPD mit der mung wirkte das herausfordernde Vorgehen von Polizisten nach
KPO Sekretär der USPD-Leitung des Monsfelder Gebiets gewe- Kundgebungsschluß gegenüber Teilnehmern der Veranstaltung
sen und arbeitete als Redakteur an der von ihm mitbegründeten wie der sprichwörtliche Funke im Pulverfaß. Es entwickelten sich
»Mansfclder Volkszeitungc, die seit Ende 1920 zu den drei Ta- llandgreinichkeiten, in denen die Polizisten zu den Waffen grif-
geszeitungen der VKPD in diesem Gebiet gehörte. Mit ihrem ra· fen, eine Person töteten und mehrere Verunstaltungsteilnehmer
srhcn lleagicren entsprachen die Versummellen der Stimmung verletzten.
zah lreicher Werktätiger. Doch war diese Aktion nicht mit der Be· Oie achriebt von diesen Ereigni ssen verbreitete sich in Win-
zirksloilung der VKPD abgestimmt. deseile. ln mehreren Orten d es Mnnsfcld er Gebiets entstande n
Oie Bezirksleitung aber riet nach Bekanntwerden des Be· bewaffnete Arbeitergruppen. Eine diese.- Gruppen formierte sich
schlusses, mit dem Generalstreik noch zu warten und gewaltsame in lllolferode. Sie setzte sich aus Werktüligcn ' der Orte Bischof-
Auseinandersetzungen mit Schutzpolizisten zu vermeiden. Da die rode, ßornstedt, Eisleben, Osterhausen und Wolferode zusarn-

2H 225
men ttnd umfußte bald über I 00 Mann, darunter viele junge Ar-
beiter. Allein die Mitglieder des Kommunistischen Jugendverban-
des aus Wolferode beschafften unter der Leitung von Karl Thiele
fast 200 Gewehre und 2 Muschinengewchre. die sie unter Einsatz
ihres Lebens Angehörigen von Kriege rvereinen. Großbauern und
anderen reaktionäre n Kräften wegnahmen, nachdem sie die Waf-
fen mit großer Findigkeit aufgespürt hatten. An der Spitze der
Wolferoder Gmppe stand Otto Hennig. Zahlenmäßig kleiner war
die Wimm elburger Gn•ppe. deren Mitglieder vor allem aus Kreis-
feld, Eisleben und Wimmelburg stammten.
Diese beiden Gruppen verfolgten das Ziel, die Polizeiformatio-
nen möglichst rasch aus Eisleben und deshalb zunächst aus ihren
Stützpunkten - dem Lehrerseminar und der Mädchenvolks-
schule - zu vertreiben. Oie Inbesitznahme dieser beiden Ge-
bäude war auch daher von Bedeutung, weil die massiven Bauten
auf Anltöhen standen, von denen man die Stadt gut überschauen
und unter Beschuß nehme n konnte. Angesichts ihrer Unterlegen-
heit an Zahl und Bewaffnung beschlossen die Gmppenführer der
Arbeiterfomtationen, die ausge wählten Polizeiunterkünfte in der
acht anzugreifen. Sie wollten den Gegner überraschen und
ohne größere Verluste möglichst dicht an die Objekte herankom- N
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men. Die Gruppenführer hofften, daß die Größe der Gebäude- t:
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das Lehrerseminar war ein dreistöckiges, etwa I 00 Meter langes ~
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Bauwerk -, deren etwas gesonderte Lage sowie der Schutz der

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Dunkelheit ihren Angriff begünstigen würden. .8.,
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ln der acht zum 23. Miirh 1921 niiherten sich gegen 2.30 Uhr t.l
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etwa 50 bewaffnete Arbeiter der Wolferoder Gruppe dem Leh-
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rersemina.r vom Stadtpark her. Ihr Vorgehen wurde unterstützt
von den Bedienungen zweier Maschinengewehre. Ein Maschi-
nengewehr hatten die Arbeiter etwa 50 Meter vor dem Eingang
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des Seminars auf dem Scherpelberg, das andere 300 Meter hinter ~~'4 ~3<
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dem Gebäude an einem Bahndamm in Stellung gebracht. Oie
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Maschinengewehrbedienungen sollten die Vorder- und Hinter-
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front kun vor dem Angriff der Arbeiter unter Beschuß nehmen, .:"'c
um dadurch die BeSIItzu ng im Gebäude niedenuhalten. Dieser
Plan ließ sich jedoch nur zum Teil verwirklichen, da Polizeipo-
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sten die herankommenden Angreifer bemerkten. Das Abwehr-
feuer der Polizisten stoppte das weitere Vordringen. Den Arbei-
tern gelang es lediglich, die Außenposten der Polizei zum

226 227
Rückzug in das Seminargebäude zu zwingen. Der Vorstoß gegen zum 1 uchrnittag hin. Erst dann glückte es den uuf dem Schacbt-
die Mildehenvolksschule brachte ebenfalls nicht das gewünschte geliindc befindlichen Polizisten, sich mit den anderen Polizisten,
Ergebnis. Auch dort konnten die Polizisten ihre Positionen be- die vor den beiden Schächten in Stellung gegangen waren, zu
haupt('n. , crcinigcn und sich dann in ihre Unterkunft zurückzuziehen. Sie
Dennoch wirkten sich die Angriffe der Arbeiter po itiv auf den ,-erlorcn in diesen Kämp[en 4 Tote und 4 Gefangene, darunter
weiteren Ab"·ehrkampf der Eislebeocr '\ erktätigen aus. Allein ein Zugführer, 5 Polizisten wurden verletzt.
die Tatsache, daß erstmals ein größerer Vorstoß bewaffneter Ar- Trotz des erbitterten Kampfes entließen die Arbeiter die eben
beiter gegen Polizeihundertschaften im Vlansfclder G('bict stattge- rrst ~emachten Gefangenen mit der Aufforderung an Major
funden hatte, stärkte ihren Widerstandswillen. Foltc, mit seinen Hunderlschaften Eisleben zu verlassen. Doch
Oie Polizisten wagten sich zunächst kaum noch aus ihren Foltc beantwortete diese großzügige Geste damit, daß er von sei-
Stützpunkten heraus, was es wiederum den Arbeitern erleich- nen Vorgesetzten in mehreren Funksprüchen um personelle und
terte, größere Teile der Stadt zu kontrollieren. Sie besetzten den rnntcriclle Verstärkung bat. Damit unterstrich er seine Absicht,
Bahnhof, die Ziegelei und andere wichtige Punkte Eislebens. Als rücksichtslos gegen die bewaffneten Arbeiter vorzugehen.
sehr wirkungsvoll für den weiteren Kampf der Arbeiter erwies Dir Eislcbener Abwehrkämpfe strahlten unmittelbar auf Hett-
sich ihr Entschluß, auf den Halden und l löhcnzügen am Stadt- sll>dt aus. Dort hatten sich, beeindruckt von den Ereignissen in
rand laschinengewehre in Stellung zu bringen. Oie Arbeiter Eisleben und dem brutalen Vorgehen der au ch hier eingedrunge-
konnten von diesen die Umgebung beherrschenden llöhen aus nen Polizisten, run 22. März die ersten be"·affneten Auseinander-
gegnerische Bewegungen [rühzeitig erkennen und aucb bekämp- setzungen entwickelt. Arbeiter beschossen einzelne Polizeigrup-
fen. Oie Polizeihundertschaften in Eisleben befanden sich vor- pen von den Höhenzügen, die sich an der Stadt entlangzogen. ln
übergehend in der Defensive. Ihr Handlungsraum war beträcht- der Stadt selbst waren ihnen die Polizisten an Zahl und Bewaff.
lich eingeschriinkt worden. nung weit überlegen. Erst als ein großer Teil der Schutzpolizisten
Deutlich zeigte sieb das, als der Direktor des Otto-Schachts llcttstcdt am 23. März vorübergehend verließ, um in die Kiimpfe
den Kommandeur der Polizeihundcrlschnften, Polizeimajor 1n Mansfeld und Klostermnnsfcld einzugreifen, konnten die be-
l'oltc, hat, 5 Lastkraftw11gen und einige Personenkrnftwngen, die waffneten l lettstedter Arbeiter, unterstützt von Arbeitern aus
sich nuf dem Schachtgelände befanden, in Gewah rsam zu neh- l~urg- t~nd Großdörner sowie Leimbach, kurzzeitig wichtige Posi-
men, damit diese F'nhrzeuge nicht eventuell in die Hände der Ar- lioncn an der Stadt beziehen.
beiter fallen könnten. Zunächst gelang es am 23. März, gegen Ähnlich wie in Hettstedt kam es auch in nndercn Orten zur
8.30 Uhr, etwa 20 Schutzpolizisten, den von den Arbeitern um ~pontanen Aufstellung von bewaffneten Arbeitergruppen, an der
ihren Stützpunkt gelegten Ring zu durchbrechen. Doch als die 1n vielen F'lillen Mitglieder der VKPD maßgcblicl1 beteiligt waren.
Polizisten die Kraftfahrzeuge auf dem Gelände des Otto- Damit folgten diese dem Beispiel ihrer F'ührung, die sich nach
Schachts I und 1\ (am westlichen Ortsausgang der Stadt) sicher- d.cm Ausbruch der bewaUneten Auseinandersetzungen solida-
stellen wollten, erhielten sie von der Höhe 238. südöstlich der nsch an die Seite der Kämpfer stellte und darauf hinwirkte, dem
Schiichtc, und von den umliegenden I laiden Maschinengewehr· ~bwehrkampf reale Ziele zu geben. ln ei nigen F'lillen bildeten
und Gewehrfeuer. das sie zwang, auf dem Schachtgelände in Dek- S1ch bewaffnete Gruppen auch auf Initiative von Aktionsaus-
kung zu gehen. Gegen I 0 Uhr bemühte sich dann ein Zug Polizi- schüssen. Ihr Einnuß auf den Verlauf des Abwehrkampfes der
sten, dem es ebenfalls gelungen wnr, durchzubrechen, die Einge- Arbeiter blieb jedoch geri.nger als im Miirz 1920. Ein wesentli-
schlossenen zu befreien. Heftiges Maschinengewehr· und cher Grund dafür lag in dem un cinhcitlichen Auftreten von
Gewehrfeuer brachte sie aber etwa 800 Meter vor dem Eingang Punktioniiren der Arbeiterparleien und Gewerkschaften dieses
zum Schachtgelände zum Stehen. Die Kämpfe zogen sich bis Gebiets gegen die Polizeiaktion. Obwohl sich die Bezirksleitung

228 229
der VKPD sehr um di e Aktionseinheil der Arbeiter bernültte_ mii<'htigt, •die erforderlichen Anordnungen zur Wiederherstel-
kam diese nicht zustande. Dem stand unter anderem das VP.1rh•L' lung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung in der Provinz
ten der KAPO im Wege, auch wenn ihr im Regierungsbezirk Sa(·hscn oder in Teilen dieses Gebiets zu trefren«. Hörsing
\lerseburg nur etwa I 000 Mitglieder angehörten. Ihr Rui nach machte ohne zu zögern davon Gebrauch und verbot alle Ver-
dem »bewaffneten Aufstande stiftete unter den Arbeitern Verwir- sanunlungen unter freiem Himmel. alle Demonstrationen und <lie
rung. Einige Aktionsausschüsse nannten sich zentrale Aus- kommunistischen Zeitungen. Der Rcgicrungskonmüssar stützte
schüsse, obwohl sie keine zentrale Rolle spielten oder - wie im ;ieh dabei auf sein Recht, allen zivilen Behörden, egal ob Kom-
Fall der am 21. Män in Halle gebildeten »Oberkampneitung für munal- oder Heichsbehörde, Anweisungen erteilen zu können.
Milleldeulschlnndc - einen Versuch linksradikaler Kriifle dar- Zur seihen Zeit ergriff die Einsatzleitung der Polizeihundert·
stellten, den Abwehrkampf in einen be,vuffnetcn Aufs!ltnd hin- s!·huflcn Mußnnhmen, um die Schlagkmfl der Polizeikräfte im
überzuleiten, ungeachtet dessen, daß dufür keinerlei objektive llcgit>ru ngsbczirk Merseburg zu erhöhen. Unter der Leitung von
Vornussctzungen bestanden. Polizeioberst von Klüler entstand ein aus mehreren Polizeioffizic-
Am 24. März 1921 rief die Zentrale der· VKPO die deutsche r!·n zusa mmengesetzter Führungsstub aller im Hegierungsbezirk
Arbl'iiNklasse zum Generalstreik fiir die nl<·rslützung der mit- handelnden Polizeihundertschallen. Er koordinierte deren An-
tcldeulsehcn Arbeiter auf. In einigen Städten, so in Bremen, j!riffr auf die Zentren des Widerstands der Arbeiter. Außerdem
Chcmnilz. Düsseldori, Duisburg, E:rfurt, Essen, Hamburg, Han- brordcrte der Stab sofort zusätzliche Polizeikräfte henm und sta-
no' er, Kiel, Plauen und Suhl, kam es zu olidariilitsaktioneo. Das tionierte bei Mücheln und .\llerseburg bewegliche Polizeireser-
stärkste Echo gab es in Rheinland· Westlalen, wo in mehreren Or- ' r n.
ten Demonstrationen und Streiks slallfanden. ln Essen erschoß Ziel des ersten zentral gelenkten Vorstoßes der Polizeihundert-
die Polizei 20 Demonstranten und ven>'undete 25. Insgesamt schaften war Eisleben, um die dort befindlichen llundcrtschaflen
aber war diese Streikbewegung zu schwach und zu zersplittert. nuh ihrer bedrohlichen Lage zu befreien. Zu diesem Zweck kon·
um den Abwehrkampf der Werktiitigen im Regicnmgsbezirk zentrierlen sich 5 Polizeihundcrtschaflen in Stcdtcn und Teul-
Merseburg wirkungsvoll unterstützen zu können. schcnthnl. Ein Angebot der thüringischen Landesregierung vom
Vielmehr erhöhte sich noch der Druck des Klassengegners aui 2:l. Miirz. zwischen den kämpfenden Seiten zu vermitteln, lehnte
die Arbeiter in diesem Bezirk, nachdem er sich von seiner Über· Ouo llörsing ab. Als die Arbeiter die achricht vom Anmarsch
raschung über dns Ausmaß der Streikbewegung und des bewaff· der Polizeihundertschalten erhielten, bereiteten sie sich darauf
neten Widerstands erholt hatte. och in der ~acht zum 24. März ' or, ihn durch ständige, überfallartige Angriffe zu verlangsamen
1921 verhängte Reichspräsident F'riedrich Ebert gemäß Arti· und eventuell zu stoppen. Die örtlichen Bedingwtgen erlaubten
kel 48 der Weimarer Verfassung den Ausnahmezustand über die c;, den Arbeitern, <lie aus 3 Polizeihundertschallen bestehende,
prt'ußischl' Provinz Sachsen. Dadurch " 'ar es möglich, Beschrän- aus Richtung Stedten kommende Marschkolonne trolz der Dun-
kungen folgender Art vorzunehmen: der persönlichen Freiheit. ~clheil mit Maschinengewehr- und Gewehrfeuer zu bekämpfen.
des Rechtes der freien ~leinungsiiußenmg einschließlieh der ln hinhaltenden Gefechten bezogen die Arbeiter immer wieder
Pressefreiheit, des Vereins- und Versammlungsrechts sowie des neue Geländeabschnitte und beschossen die Polizisten. Auf diese
ßrirf-, Post·, Telegrafen· und Fernsprcchg!'lteimnisses, Anord· Weise konnten sie das Marschtempo der Polizisten erheblich be-
nungen von llausdurchsuchungcn, ßcschlagnahmungen sowie einflussen. Die Polizeikolonne benötigte für die achleinhalb Kilo·
Brschriinkungen des Eigentums auch außerhalb der sonst lüerfür metcr Iunge Strecke mellr als fünf Stunden.
bestimmten gesetzlichen Grenzen. Zugleich übertrug der Reichs- Bei llelfta, kur6 vor Eisleben, hallen sich inzwischen etwa
priisidcnt dem Oberpräsidenten der Provinz Suchsen die Verfü· 250 Ar·bcitcr aus Eisleben, Helrtu, Röblingen, Tculschenthal und
gungsgcwalt eines Hegierungskommissars. Otto llörsing wurde er- Wolferode eiligst auf eine Verteidigung eingcrichteL Als die Ab·

230 231
teilung Kirchner mit ihren 3 Hundcrtschortcn, zu der, wie ge-
pinnt, auch die 2 Hundertschaften aus Teulschenthal stießen, IIJ1l
24. Män, gegen 9.30 Uhr, in Kilometerbreite angriff, erwiderten
die Arbeiter mit 3 Maschinengewehren und zahlreichen Geweh-
ren das Feuer. Oie erteidiger hatten ihre Positionen so gewählt, o Kt1111t!11
daß sie in den hinter ihnen liegenden ßischofroder Wald aus-
weichen konnten. Während die Mehrheil der Arbeiter aus ihren
Stellungen den frontal angreifenden Polizisten Widerstand lei-
stete, griffen etwa 50 Arbeiter die Flanken der Polizeieinheiten
on. och einigen Stunden mußten sich die Verteidiger jedoch zu-
rückziehen, hatten aber durch ihren Widerstond erreicht, daß die
Polizei erst gegen 14 Uhr in Eisleben eindringen konnte. Sie stieß
dort nur noch im Stadtpark auf vereinzelte Gegenwehr. Oie Ar-
be iter hatten während dieser Auseinandersetzungen II Tote zu
beklagen, bei der Polizei gab es 4 T ote und mehr als I 0 Verwun-
dete.
1
unmehr kontrollierten 8 Polizeihundertschaften Eislcben. ln
der mgebung der Stadt wagten dennoch einige kleine Arbeiter·
gruppcn, die ihre Stützpunkte auf den I lolden bzw. Höhenzügen
nahe Eislebens hatten, überraschende und kune Überfälle auf
Polizeieinheiten. ln der Stadt selbst herrschte Major Folte mit
brutaler Gewalt. Er teilte die Stadt in vier Bereiche ein, die er
durch je 2 llu ndertschaften in verstiirktcm Streifengang kontrol·
lieren ließ. Tagungen der Stadlverordnetenversammlung, das Be-
treten der Straße nach 19 Uhr, der private Fernsprechverkehr lln#l.< ~nSehutqMiiz~l/!rmttll411en
l'tll111e/t:Mwellr ~Ort
und selbst dos Fahrradfahren wurden untersagt.
wn Sehvtip(Jitz~ ~Ort
m 24. Miin 1921 stießen Polizeiformationen in llettstedt ge-
gen die Positionen bewaffneter Arbeiter in der Stadt vor. Gegen
I0.45 hr grillen 2 Züge der 5. Polizeihundertschaft aus Halle Einsalz •oo Schuttpotizeironnatiooen im llcgierunß$bezirk \terseburs-
\tirzJ \ poil t 92 t
das am Ortsausgang der Stadt gelegene Restaurant " ßergschlöß.
chenc an, in dem die Streikleitung und zugleich Führung der Ar·
beiterformationen ihren Sitz hatte. 1 ach kurzem Schußwechsel die llettstcdter Besatzung verstiirkte. Aber auch mit Hilfe der aus
mußten die Arbeiter den Polizisten weichen. Sie verloren an die- einem Abteilungskommando und 2 Hundertschaften zusammen-
sem Tog auch die anderen bisher von ihnen besetzten Objekte in gesetzten Abteilung gelang es nicht, die Höhenzüge unter feste
der Stadt. ur auf den Höhenzügen vermochten sie es noch, ihre Kontrolle zu bekommen. Immer dann, wenn die Polizeitrupps die
Stützpunkte zu halten. Oie Polizeiführung in ll ettstedt fühlte sieb nur den ll öhen nach einem Vorstoß eingenommenen Bäume wie-
!rotz der verfügbaren 2 Hundertschaften nicht in der Lage, diese dl'r verließen, rückten sofort bewaffnete Arbeiter nach.
Stützpunkte anzugreifen. Das änderte sich tun späten acbmittag, Die Polizeikriirte entrissen arn 24. Miic-t den bewaffneten Ar·
als eine Polizeiabteilung unter Führung des Polizeimajors Lampe bcitern in Eisleben und Hettstedt militiirisch wichtige Stütz-

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punkte. Die Masse der weiter kiimpfenclen Arbeiter mußte p;Pn zu vertreiben, um damit den Munsfelder See· unf Gebirgs-
auf die Höhenzüge bz"'· IIIaiden zurückziehen. Daraufhin kreis ganz unter Kontrolle zu bekommen. Zur wirksameren Be-
derle sich lrotz des noch andauernden Streiks das KriiifiE~verhii kämpfung der Stützpunkte erhielt die Gruppe I (Eisleben) eine
nis zugunsten der Polizeihundcrtschaften. Die Führungen Feldhaubitzenbatterie der Reichswehr (4 Geschiltze) und 3
rbeitergruppen sahen sich daher veranloßt, einen leichte Minenwerfer zugeteilt.
stand vorzuschlagen. Am Abend des 25. März überbrachte Die Konzentration von mittlerweile 39 Polizeihundertschaften
Abordnung der Arbeiter unter der Leitung des stellvertreleDada im Re~erungsbezirk Merscburg zeugt von den großen Anstren-
Chefredakteurs der • \1ansfelder Volkszeitungc (VKPD), '"'"'... gungen der herrschenden Kreise, den Streik und die bewaffneten
Bechstedt, dem Polizeimajor Folie ein solches Angebot. ...a ... .\ktioncn der Werktätigrn in diesem Gebiet niederzuschlagen.
Polte stellte, um den Vorscl1lag der Arbeiter hintenreiben zu Führende Politiker in Oeulschla.nd, so der Reichspräsident Fried·
neo, die Bedingu ng, auch Waffen. ~l unition und Fahrzeuge rich Eber1 und der Heichskanzler Konstantin Febrenbacb, mein-
einem noch zu vereinbarenden Or1 ab7.llliefern. Da aber die ten sogar, diese Anzah l von Polizeihundertschaften reiche nicht
beiterdelegation auch dem zustimmte, blieb folte nichts an•der'el für eine erfolgreiche ßckümpfung des Widerstands der \Verktäti-
übrig, als das Angebot 'orliiulig zu akzeptieren. Er nutzte je<loe !!l'n aus. zumal nunmehr neben Eisleben und Hettstedt auch in
das bewaffnete Auftreten linksradikaler Kräfte am Abend anderen Teilen des Bezi rks bewaffnete Arbeitergruppen aktiv wur-
25. Miin in Eisleben sofort dazu aus, die begonnenen den und das Leuna-Werk sich in den lländen von Arbeitern be-
Iungen abzubrechen. Folie hoffte, doß die Zeit weiter für ihn fand. Daher erwogen der Heiehspriisident und d.ie Reichsregierung
bcite. seit dem 23. Män den direkten Einsatz von Heichswehrformatio-
Ähnliche Überlegungen stellte auch der Re1gieJrungs~~onmlisS11 nen im Regierungsbezirk. \Viihrend sich der Heichspräsident und
Otto Hörsing an, der rür die niichste Zeit crwa.rtete, die A.b>wE~M der Reichskanzler filr eine direkte Verwendung von Heichswehr-
front der Arbeiter würde abbröckeln. Er selbst versuchte, die:sell formationcn aussprnchen, hielten der Reichswehrminister Otto
Prozeß zu beschleunigen. Arn 26. Mün veröffentlichte Hu'."'" Ge ßler und auch der Chef der l leeresleitung, General der Infan-
einen Aufruf an die Arbeiter im Hegicnmgsbezirk, in dem er terie Hans von Sceckt, eine solche Mußmalune zu d.iesem Zeit-
VKPO vorworf, sie wlirde durch die Unterstützung des bw~Jhr­ punkt jedoch filr vcrfri.iht. Sie stimmten jedoch am 27. März der
kampfcs verbrecherische I Iandiungen begünstigen und n.i cbt llcran fiihrung weiterer lleichswehrfonnationen zur Abriegelung
Arbeiterinteressen beriicksichtigen. des Gebiets und deren Bereitstellung fiir ein eventuelles Eingrei-
Die Fuhrung der im Hegierungsbezirk operierenden fen zu.
hundertschaften wollte jedoch nicht liinger warten und driingtE \1it diesen Maßnohmen sollten die bereits ei ngeleiteten Aktio-
auf ein rasches, massives Vorgehen gegen die bewaffneten nen der Polizeihundertschoflen unterstützt werden. Bereits am
ter. Zu diesem Zweck gruppierte sie die Hundertschaften 26. Miir.t: 1921 waren 5 Polizeihundertschaften der Gruppe I
dem 25. Miir.t 1921 um, so daß nunmehr folgende Gruppen be- (Eislcben) unter f ilhrung des l>oli zeiobersten Bernhard Graf von
standen: Grut>pe I (Eisleben) mit 16 llundertschaften. Gruppe 2 Poni nski aus llichtung Sandcrsleben in das Gebiet um Eisleben
(Halle) mit 8 llunderlschaften, Gruppe 3 (Merscburg) mit 8 1-1 'orgeriickt. Sie hatten die Aufgabe, auf der Linie Sandersleben.
dertschaften, Gruppe 4 (Weißcnfels) mit iJ. llunderlscltaftcn llcttstedt, Leimbach, Klostermansfeld. Ahlsdorf bis nach Eisle-
Gruppe 5 ( 'aumburg) mit 3 llundcrtschaften. Aus dieser Gnull"· ben vorzustoßen und die llöhenzüge von bewaffneten Arbeitern
pierung ist zu erkennen, daß die Polizeiführung den Sch" zu •säubernc.
punkt des weiteren Einsatzes der Polizeihundertschaften Die Arbeiter bekämpften die 1mmarschierenden llunderlscbaf-
Haum Eisleben soll. Sie beabsichtigte. in den folgenden lrn 'on den llöhcn westlich von lletlsh.:dt, vor Leimbach und
Arbeiterfomtationen aus ihren Stützpunkten auf den Hö•henziii- \lansfeld. Starkes Abwehrfeuer empfing die Schutzpolizisten

234 235

auch nordöstlich von Klostennansfeld und dann in Eisleben h•r des Mansfelder Gebiets durch Streiks und bewaffnete Aktio-
selbst. Oie Polizisten kamen deshalb nur langsam voran. nen den Polizeihundertschaften Widerstand geleistet. Eit~ige Poli-
Am folgenden Tag, dem 27. Mär.t, versuchten die Arbeiter er- zeiformationen gerieten dabei in eine schwierige Lage. Die
neut, das weitere Vordringen der Polizisten aufzuhalten. Sie hat- Arbeiter verstanden es, unter Ausnutzung ihrer Ortskenntnis
ten sich auf den Halden und Hügeln in der unmittelbaren Umge- ~ünstige Verteidigungsmöglichkeiten zu finden, das Überra-
bung von Eisleben hinter aufgeworfenen l~rdwällen verschanzt. schungsmoment zu nutzen und variable Angriffsfonneo zu ent-
Gestrüpp und Dornenhecken dienten ihnen dabei als Tarnung. wickeln. Überlegt bezogen sie Höhenzüge und Halden in den
Auf der l lüneburg lagen elwa 40 Arbeiter zur Abwehr des Geg- Ab"ehrkampf mit ein. Zeitweilig beeinnußten bewaffnete Arbeiter
ners bereit. Sie sollten den Hauptstoß abfangen. Vor allem aber dit• politische Entwicklung in mehreren Orten. Ocr Polizei gelang
trugen die von Arbeitern auf der gegenüberliegenden Seite' der es nur durch zusätzliche Kräfte, den Widerstand der Arbeiter zu
Straße nach Eisleben aufgestellten Maschinengewehre wesentlich lm•chcn. Das Mansfelder Gebiet war bis zum 27. Mä rz 1921 das
dazu bei, den ersten Angriff der Polizisten erfolgreich abzuweh- Zl'ntr·um des Abwehrkampfes. Oie von dort ausgehenden Im-
ren. Doch später mußten die Arbeiter zurückweichen. Während pulse hatten ei nen beträchtlichen Einfluß darauf, daß die Arbei-
schwache Kräfte das gegnerische Vordringen zeitweilig aufhiel- ter des Leuml-Werkesam 23. März 1921 beschlossen, in den Ge-
ten, verließ das Gros der bewaffneten Arbeiter die Stützpunkte nrral; trcik zu treten. Querfurier Arbeiter fiihltcn sich veranlaßt,
in flichtung Wolferode und Biscbo[rode. Als die Polizisten Bi- drn 1\lansfcldern run 25. März bewaffnet zu llilfe zu eilen. Auch
schofrode erreichten, empfing sie auch hier heftiges Maschinen- untrrstützten mehr als I 00 bewaffnete Arbeiter aus Halle die
gewehr- und Gewehrfeuer. Der Widerstand der Arbeiter wurde Kämpfer im Iaosfeider Gebiet.
erst durch das Geschützfeuer der 2. Batterie des Artillerieregi- Doch konnten die Arbeiter trotz dieser l lilfc und ihres energi-
ments 4 der Reichswehr gebrochen, die diese Polizeiabteilung un· s<"hr n Widerstands nicht verhindern, daß sich das Kräfteverhält-
terstlitzte. nis seit dem 25. März weiter zugunsten der an Zahl und Bewaff-
Bei der Besetzung von Bischofrode gingen die Polizisten brutal nung weit überl egenen Polizeihundertschnftcn veränderte. ach
gegen di e Gefangenen vor und erschossen 1 von ihnen auf der den Erfolgen der Schutzpolizei in den Gebieten um Eisleben und
Stelle. Doch die Arbeiter ließen sich durch derartige Grausamkei· ll(•ttstedt verringerte sich di e Möglichkeit, die Polizeihundert-
tcn nicht beirren. Noch am seihen Tag würc es ihnen beinahe ge- st·hurtcn zum Rückiug aus dem Regierungsbezirk zu zwingen.
lungen, den Gruppenstab der in dieser Gegend operierenden Die Polizisten gingen in den von ihnen jetzt kontrollierten Ce-
Polizeihundertschaften in Erdeborn bei einem Angriff zu über· hir ten mit größter Brutalität gegen diejenigen vor, die sich run
wiiltigen. Den Polizeioffizieren glückte es jedoch unter Ausn ut- i\bwt>hrkornpf beteiligt hatten. Polizisten folterten in der Mäd-
zung der Dunkelheit und mit Hilfe von 4 Personenkraftwagen, in ch('n' olkssehule von Eisleben Gefangene, in Schraplau und Klo-
letzter Minute ZU mehen. stcnnansfeld erschossen sie Festgenommene und terrorisierten
.\1it dem Ahnauen der Kämpfe am Abend des 27.Män endete die ßc, ölkerung mit ·willkürlichen Hausdurchsuchungen und
der bewaffnete Widerstand der Arbeiter im größten Teil des \ erhaftu ngen. Derartige Vorkommnisse riefen unter den Werktä-
Mansfelder Gebiets. unmehr herrschte hier die PolizeiwiUkür. tigen große Entrüstung hervor. Sie waren eine Ursache dafür,
Unter Zurücklassung von 4 Hundertschaften, die am 31. März duß sich der Abwehrkampf in den übrigen Gebieten des Regie-
noch durch 2 weitere verstärkt wurden, stießen die nnderen Poli- rungsbezirks verstärkte.
zeihundertschaften am 28. Mär.t in Richtung Wansleben, Schaf·
stiidt und Querfurl auf Leuna - ein weiteres Zentrum des Ab-
wehrkampfes der mitteldeutseben Arbeih:r - vor.
Sechs Tage, vom 22. bis zwn 27. Miirz 1921 , hatten die Ar bei·

236 237
Bewaffnete Auseinandersetzungen in anderen Teilen
des Regierungsbezirks Merseburg
lm größten Teil des Regieru ngsbezirks Merseburg setzten die Ah-
wehraktionen gegen den Polizeieinmarsch später als in Eisleben.
Hcttstedt und Umgebung ein. Lediglich in Teutschentlwl kam es
bereits am 19. März 1921 zu Auseinandersetzungen zwischen
Werktätigen und Polizisten, als die 3. Polizeihundertschaft aus
~ lagdeburg in den Ort einmarschierte. Auch hier schlug die seit
langem angestaute Unzufriedenheit über die sich verschlech-
temde Lebenslage angcsichts dieses ~ ill küraktes in Empörung
um und führte am 23.Miirz zum Streik. Am seihen Tag entstand
mit Hilfe des Gemeindevorstandes, einschließlich seiner sozialde-
mokratischen Mitglieder, und des Gemeindevorstehers, dem Mit-
glied der VKPO F'riedrich Märker, eine bewaffnete Arbeiter-
gruppe im Ort. Sie sollte dem Streik bewaffneten Rückhalt geben.
Diese anfangs etwa 60 Mann starke Gruppe schloß sich zu- ~~ a~ N

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nächst anderen Arbeiterformationen an, um mit ihnen gemein-
sam die Heranführung von Polizeiverstiirkungen nach Eisleben
zu verhindern, und beteiligte sich an den Kämpfen bei Helfta,
Schraplau und Stedten. achdem die in Tcutschenthal einquar-
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tierte Polizeihundertschaft in llichtung Eisleben abgezogen war, ~ ~ ~~::! ·-=
um den dort in ei ne schwi erige Lage geratenen Hundertschaften ~ l:f~~~
Hilfe zu leisten, besetzten bewaffnete Teutschcntholer Arbeiter ~~ ~rf~" . . . . . . .
wichtige Punkte des Ortes, so die auf einer Anhöhe gelegene Zuk-
ker(abrik. Von dort konnten sie die wichtigsten Zufahrtswege
noch Teutschenthnl einsehen und teilweise sichern. Oie vorüber-
gehende Besetzung anderer Cebüude sollte ebenfalls der Vertei-
digung vor eventuellen Angriffen zurückkehrender Polizeifonna-
tionen dienen.
Am 25.Miirz verstärkten mehr als I 00 bewaffnete Arbeiter aus
Halle und aus anderen Orten die Teutschenthaler Gruppe, die
~
nunmehr über 300 Mann um faßte, allerdings nur etwa I 00 Ce-
wehre sowie ein schweres und ein leichtes .Maschinengewehr be-
=
"
saß. Trotz unzureichender Oe"affnung spielte diese Gruppe im
Abwehrkampf gegen die Polizeihundertschaften eine bedeutende
Rolle. Sie ergab sich aus ihrer zahlenmäßigen Stärke und aus
ihrem llandlungsraum, der sich nur drei bis vier Kilometer 'oo
Halle in unmittelbarer Nähl.' des Leuna.Werkes befand. Außer-

238

~

dem beteiligten sich Kräfte dieser Gruppe zusammen mit andle. 111ari teran den Kämpfen um das Bitterfelder Rathaus, bei Grö-
ren Arbeiterfonnationen an den Kämpfen im Raum Eisleben bers und bei Beesenstedt teil. Am 31. März 1921 fiel Kurt He r-
gaben den zumeist kleineren bewaffneten Gruppen der in zau Polizisten in die Hände, die ilm - obwohl er die AJ·mbinde
Nähe befindJicben Orte RückhalL Derartige, oftmals nur I 0 mit dem ,Roten Kreuz trug - run Ortseingang von Beesenstedt
20 Mann zählende Gruppen bestanden beispielsweise in Benn- heimtiickisch ermordeten.
stedl, Dölau, Holleben, Lieskau und Zscberben. Einige Tage vor dieser schiindJichen Tal, in der acht zum
Den Teutschenthaler Kämpfe rn gelang es am 26. März, Vor- 27. März, hatten bewaffnete Arbeiter Rathaus, Amtsgericht, Ge-
stöße der Schutzpolizei bei Köchstedt, Hollsdorf und in die un- fringnis, Bahnhof und Postamt in Bitterfeld besetzt. So konnten
mittelbare ähe von Teutschenthal abzuwehren. Dabei nahmen sie nun auch den Eisenbahn- und Fernsprechverkehr iiherwa-
sie 3 Polizeiwachtmeister einer Streife gefangen. Ein weiterer ""''. chen. Um das Rathaus, in dem sieb der Sitz der Hauptpolizeiwa-
griff von Polizisten , diesmal unter Einsatz von 2!4 che befand, entwickelte sich ein längerer und heftiger Schuß-
ten und 2 leichten Minenwerfern, konnte am nächsten Tag abf~e­ wechsel, bevor den Arbeitern dessen Einnahme gelang und sie
wiesen werden. die Polizisten, den Landrat sowie andere maßgebliche Beamte
Die linkssektiererische Haltung, der die Führung dieser vorübergehend arretieren konnten. Hierdurch schufen sich die
Gruppe in der Mehrheit unterlag, schränkte jedoch die Wirks:am1·.· Bitterfelder Arbeiter Voraussetzungen für die Kontrolle über die
keit der Teutschenthaler Kiitnpfer für den Abwehrkampf der Ar· Stadt, die sie bis zum 29. März 1921 ausübten.
beiter im Regieru ngsbezi rk Mersebttrg ein. Verhängnisvoll wirkte Andere bewaffnete Arbeiter unterstützten den Abwehrkampf
sich der Entschluß aus, mit starken Kräften in der acht zum der Werktätigen des Regierungsbezirks außerhalb Bitterfelds. Sie
28. Mäi".G der Gruppe unter Max Hoelz zu folgen. Die illusioni\re halfen beispielsweise den Arbeitern aus Zörbig, deren H eimat-
Absicht, Halle zu besetzen, führte dazu, daß die Positionen der on zeitweilig zu überwachen, und kontrollierten mit anderen
Arbeiter in Teutschenthal fast kampflos aufgegeben wurden, Bewaffneten die Eisenbahnstrecken Köthen- Halle, Bitte rfeld-
denn die verblei~bende Restgruppe von etwa 50 Arbeitern konnte Wittcnberg und die AusfaUstra.ß en Bilterfelds.
den bald folgenden Angriffen von Polizeiformationen nicht stand· Am 28. März 1921 marschierte der größte Teil der Bitterfelder
ha.lten. Gruppe aus der Stadt in Richtung Lewta-Werk. Er verstärkte
!n Bitterfeld wirkte eine weitere starke bewaffnete Arbeiter- sich unterwegs mit bewaffneten Arbeitern aus Holzweißig, Ram-
gruppe, die sich am 24. März 1921, jenem Tag, an dem in der sin, Roitzsch und Sandersdorf. Aber der Entschluß, den bedräng-
Stadt der Generalstreik einsetzte, gebildet halte. Ihre F.ührung ten Leuna-Arbeitern zu Hilfe zu kommen, kam zu spät. Inzwi-
übernahm das Mitglied der VKPD Gerhard Thiemann. Sitz des schen hatten Polizeihunder1schaften einen dichten Kordon um
Stabes war das • Volkshause der Stadt. Zur Bitterfelder Gruppe. das Werk gebildet.
die etwa 250 bis 300 Mann ttmfaßte, gehörten auch zah lreiche Im Geiseltal (Geisel - ein Nebenfluß der Saale) hatten sich
Arbeiter aus den in der · ähe gelegenen Orten, vor aiJem aus nach dem 25. März ebenfalls bewaffnete Arbeitergruppen for-
Holzweißig. miert, von denen die bekannteste und erfolgreichste unte r der
Zahlreiche Mitglieder dieser Gruppe waren Jugendliche, deren Leitung von Otto Gebenroth stand. Ihre Existenz in diesem Tal,
Einsatzbereitschaft und Mut, insbesondere bei der Beschaffung das durch seine Braunkohlevorkommen ein wichtiger Rohstoillie-
von Waffen UJld Munition sowie als Arbeitersamariter, die ferant für die in unmittelbarer iihe gelegenen Leuna-Werke war,
Schlagkraft der Bitterfelder bedeutend erhöhte. Ein Beispiel gab besaß eine große Bedeutung für den Gesamtverlauf des Ab-
der achtzehnjährige Kurt Herzau, Vorsitzender der Ortsgruppe wehrkampfes im Regierungsbezirk Merseburg. Ein zentraler Ak-
des Kommunistischen Jugendverbandes in Bitterfeld. Er schloß tionsausschuß, in dem Mitglieder der VKPD über entscheiden-
sich bewaffneten Arbeitergruppen an und nahm als Arbeitersa·

240 241
den Einfluß verfüg1en, wirkte maßgebli ch auf die StreikJei1tun~et
und Aktionsausschüsse der Braunkohlengruben.
Einen Teil der für diese Arbeiterwehren benötigten
nahmen die Arbeiter Landjägern, Cutsbesitzern und An1gelhöri-
gen von Kriegervereinen ab. nch d er Aufstellung der Arli>eilter-
wehren trafen die Werktätigen Vorkehrungen, um einem Angrill
der Poli~ei formationen erfolgreich begegnen zu können. Sie ho-
ben Schützengräben aus und bauten Verteidigungsstellungen.
Auf diese Weise gelang es ihnen, am 26. März in einem Schuß.
wechsel etwa 50 Polizisten, die in das Geiseltal einzudringen ver-
suchten, zum Bückzug zu z wingen.
Doch nicht überall verliefen di e bewaffneten Abwehrkämpfe
erfolgreich. Am 27. März konnten 2 Polizeihundertschaften bei
Klein-Lauchstedt etwa 100 Arbeiter nach kurzem Kampf über-
wältigen und gcfangennehmen.
Eine Formation bewaffneter Arbeiter, die sich von den bisher
genannte n Gruppen deutlich unterschied, kämpfte unt er Führung
von Max Hoclz. Dieser, damals 32 Juhre alt, gehör1e seit April Kömpf-. eg der ll orlzgruwe. Miin) April 192 1
1920 der KAPO an. Ihm folgten in erster Linie Werktätige, die
wegen ihrer Lebenslage verzweifelt waren, die nich t die GeduJd hiingem sowie auf Wagen und zu Fuß. rückten wir am Mittwoch,
für einen lang dauernden, hartnäckigen KJassenkampf besaßen dt>m 26. März, in Sangerhausen ein. Meine Absicht war, diesen
und teilweise in der KAPO organisiert waren, sowie politisch we- Ort nur als Durchgangsstation auf dem Marsch nach I lalle zu be-
nig erfahrene junge Arbeiter. nutzen. Hier in Sangerhausen sollten die Arbeiter vor allem ein
Das Wirken der ll oelzgruppc crstreckte sich im Unterschied uusgiebiges, warmes Mittagessen erhalten. Sie waren in den letz-
z u den anderen bewaffneten Formationen der Arbeiter in Mittel· lrn Tagen nur unregelmäßig und unzureichend verpflegt worden.
deutschllllld über mehrere Orte des Regierungsbezirks Merse- Jt>dl'r Gasthof mußte für hundert oder hundertfünfzig Arbeiter
burg und trug oftmals spel..1akuläre, a narchistische Züge. Diese kochen. Kaum eine halbe Stund e nach unserem Eintreffen erhiel-
Gruppe entstand innerhalb weniger Tage nach der Ankunft von ten wir unerwarteten Besuch eines mit württembcrgischen Zeit-
Max Hoelz am 22. März 1921 in Klostermansfc ld. Bere its am freiwilligen besetzten Panzerzuges. Obwohl wir während der ver-
24./25. Miirz wnr sie nach Angaben von Max ll oclz etwa (l;nngenen acht im schwersten Kampf gestanden und die
300 Mann stark, die über ungefHhr I 00 Gewehre und 3 Maschi· Arbeitersoldaten nicht e ine Stunde Huhe gehabt hatten, ergriff je-
ncngewebre verfügten. Angehörige der Gruppe beteiligten sich dt>r mit Begeisterung die Waffen.c
am 23. und 25. März in Eisleben sowie am 25. März in Hettstedt Ein Teil der württembergischen Besatzung des • Strecken·
an bewaffneten Auseinandersetzungen. hrhutzzuges Stuttgartc schwärmte auf dem Bahnhof Sangerhau-
Ei n länger anhaltendes, in diesem großen Ausmaß nicht e rwarte- St>n aus, drang in das Bahnhofsgebiiude ein und nahm die bewaff.
tes Gefecht entwi ckelte sich zwischen dieser Gruppe und bewaff· nctcn Arbeiter unter Beschuß. Oie heftigen Auseinnndersetzun-
neten Kräfte n der Reaktion am 26. liirz in Sangcrhausen. Max ~l'n - sie cndrtcn für die Zeitfreiwilligen mit einem Toten und
l loelz be richtetr darüber in seiner Autobiographie . Vom >weißen 20 Verwundeten - hielten bis zum spiiten Abend an. Die Arbei·
Kreuze zur roten Fahnec: . Mit zehn Lastautos, zum T eil mit An· Irr verloren dabei 3 Kämpfer.

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Die lloelzgruppe setzte ihren Marsch in Richtung An1memJof Kampf und verstand nicht, daß die Arbeiterklasse zu dieser
for1, wo sie in der lacht zum 28. Män mit etwa I 000 Mann schärfsten Fonn der Klassenauseinandersetzung nur dann greifen
15 Lastkraftwogen eintraf. Sie drängte die dor1 befindlichen sollte, wenn sie dazu von den Repressionsorganen der Bourgeoi-
zeikriHte auf das in der ähe gelegene Gut Beesen ab und kreiste sie gezwungen wird. Hoelz vermochte es nicht, die objektiven Be-
die Polizisten ein. Versuche anderer Polizeiformationen, die dingungen, unter denen der Kampf des mitteldeutschen Proleta-
geschlossenen zu befreien. scheiterlen am energischen riats damals verlie[, real zu beurteilen. Er glaubte, mit einigen
stand der bewaffneten Arbeiter. So auch der AngriJT einer Tecb.' tausend verwegenen Kämpfern einen allgemeinen Aufstand ent-
nischen Polizeihundertschaft, die im Unterschied zu den an'cler-eq, fesseln zu können, und verstand nicht, daß es vor allem darauf
1-lundertsehaften durch ihre größere Zahl an Ma.sehline:ngclwe:hre~n: anknm, die Arbeitermassen zu gewinnen. Hoelz wich dem Ange-
und durch den Besitz von Minenwerfern über eine bot der VKPD aus, mit ihr zusammenzuarbeiten und gemeinsam '
Kampfkraft verfügte. Erst als insgesamt 6 Hundertschaften das bewaffnete Vorgehen zu beraten. Trotz seines anarchistischen
nördlicher, östlicher und südlicher Richtung auf Ammendorf vn'"" Dr nkcns und Handeins ließ er sich jedoch nie in prinzipiellen
stießen, entstand für die Arbeiter eine kritische Lage. Sie zogen Gl'grnsatz zur revolutionären Arbeiterbewegung bringen und
sich 1111ch Ammendorf zurück und verließen den Ort nach einem fühlte sich immer den Gesamtinteressen der deutschen und inter-
liingercn Gefecht mit den überlegenen Polizeiformationen. " '·• nationalen Arbeiterbewegung verbunden.
har1 die bewaffneten Auseinandersetzungen waren, veranschauli- ßemerkenswer1 ist sein legendärer Ruf, der sich in erster Linie
chen die \ erluste auf der Seite der Arbeiter, die 30 Tote zu be- auf sein Auftreten in den Jahren 1919 bis I 92 I gründele. Viele
klagen hatten, 70 Arbeiter gerieten in Gefangenschaft. ln diesem Wrrktätige, insbesondere die Ärmsten der Armen, sahen in ihm
Kampf zersplitterte die unter Führung von Ma.' Hoelz stehende einen Rebell, einen unerschrockenen Kümpfer für soziale Ge-
bewaffnete Arbeitcrformation. Verschiedene kl ei ne Gruppen zo- reehtigkeit. Mnx Hoelz war mutig und selbstlos, seine Spontanität
gen in das Geiseltal, andere in Richtung Gröbers und nach Wet- und Aktivität rissen andere mit. Wie Freund und Feind berich-
tin oder Oeesenstedt. ten, besaß er eine starke persönliche Ausstrahlungskraft Doch zu
Die bewnHnete Gruppe unter der Führung von Mnx Hoelz einem wirklichen Führer der Arbeiterklasse fehlte ihm die klare
ziihlte zu den bedeutendsten während der Märzkämpfe 1921. fhre politische Einsiebt in die gesellschaftlichen Vorgänge.
Kampfkraft ergab sich vor allem 11us ihrer zahlenmäßigen Der 111. Kongreß der Kommunistischen Internationale nahm
Stärkr - auf dem Höhepunkt ihrer Entwicklung umfnßte sie zu r Rolle von Mnx Hoelz in den Mänkämpfen 1921 Stellung. Er
kunzeit.ig etwa I 000 Mann -, aus ihrer durch zahlreiche Last- kritisierte die Überbetonung des bewaffneten Kampfes durch
und Personenkraftwagen gesicherten Beweglichkeit und aus ihrer Hoelz und die dabei von ihm angewandten anarchistischen Metho-
relativ guten Bewaffnung. Das Auftreten der Hoelzgruppe den. achdrücklieh hob der Kongreß jedoch auch hervor: oAber
brachte die Polizeihundertschaften oftmals in schwierige Situatio- die Kommunistische Internationale sieht in Max Hoelz einen mu-
nen, band zahlreiche Polizeikräfte und half, den \Viderstandswil- tigen Rebell gegen die kapitalistische Gesellschaft ... Seine Taten
ll'n vieler Werktätiger zu stärken. waren nicht zweckentsprechend ... Aber seine Taten entspringen
Manche Handl ungen dieser Gruppe fügten aber dem Abwehr- der Liebe zum Proletariat, dem Haß gegen die Bourgeoisie.«
kampf der Arbeiter belrächtliehen Schuden zu. Sie gaben der
ßourgroisil' willkommenen Anlaß, ihre antikommunistische
llet?.e gegen die mitteldeutschen Arbeiter zu forcieren und insbe- Kampf um Leuna
sondere die revolutionäre Vorhut, die VKPO, zu verlewnden.
l~inen gewichtigen Anteil an den ultralinken Tendenzen dieser ~ic rneh r als 20 000 Beschäftigten des Leuna-Werkes, des druna-
Gruppl' hatte Mnx Hoelz. Er verabsolutier1e den bewaffneten rgNl Ammoniak-Werkes Merseburg der Badischen Anilin- und

24~ 245
Sodafabrik, "aren durch ihre Zahl und Konzentration eine ~rro.a.. · Eine solche Entwicklung gab den kämpfenden \ erktätigen
Kraft im Abwehrkampf der mitteldeutschen Arbeiter. Auf die des r>Jansfelder Gebiets neue HoUnung. Sie en~artctcn von den
Provokation hatten sie unmittelbar reagiert. Bereits am 21. Män Leuna-A rbeitern eine wirksame Hilfe beim Kampf gegen die Poli-
1921 protestierten Tausende Leunu-Arbeiter wiihrend einer zeihundertschaften und dabei, die For·derung nach Abzug der
Kundgebung gegen den Polizeieinmarsch und verlangten den so- Polizeiformationen durchzusetzen. Oie Maosfelder horrten, da.ß
fortigen Abzug der Polizei aus dem Regierungsbezirk Mersebu11 die Leuna-Arbeiter eine Koordinierung und Zusammenfassung
sowie die Bewaffnung der Arbeiter. Die Kundgebu.ngstcilnchmer aller im Regierungsbezirk kämpfenden Arbeiter erreichen wür-
beschlossen, die Arbeit einzustellen, sollte die Polizei die Kon- den. Daher zogen auch mehrere Gruppen bewaffneter Werktäti-
trolle über das Werk übe rnehmen. ger aus den verschiedenen Teilen des Gebiets zum Leuna-Werk.
Um die Forderungen durchzusetzen, wurde ein Aktionsaus- Die an das politische Beispiel der Leunu-Arbeiter geknüpfte n Er-
schuß gebildet. Dessen Vertreter teilten dem Direktor des Werkea wartungen gi ngen einmal von der zaluenmiißigen Stärke der in
mü, daß ab sofort der Ausschuß die Arbeiter führe und alle An- diesem Werk Beschäftigten, von den dort organisierten rund
ordnungen der Direktion von ihm genehmigt werden müßten. 2 000 Mitgliedern d er VKPD aus, zum anderen von dem Ge-
Der Ausschuß begann, in wichtigen Frugen die Kontrolle des wicht, welches der ame Lcuna damols in der revolutionären
Werkes zu übernehm en, und es gelang ihm - trolz mancher deutschen Arbeiterbewegung besaß.
\<leinungs,erschiedenheiten -, den Widerstandswillen der Mehr- Dieser Optimismus war jedoch von einer gewissen Überschät-
heit der Leuna-Arbeiter in konkrete Abwehrmaßnahmen umzu- zung der militärischen Kampfkraft der Leuna-Arbeiter geprägt.
setzen. Oaran hatte die politisch kluge llaltung von Vertretern ·icht jede in Leuna gebildete Kompanie war eine einsatzbereite
d es Betriebsrates, insbesondere von Ben1ard Koenen, und der militäri sche Formation. Oie Ausrüstung und Bewaffnung der
Leitung der VKPD des Werkes maßgeblichen Anteil. Kompanien wies große Miingel auf. Die Leuna-Arbeiter verfügten
Unter ihrem Einfluß versammelten sich nach Bekanntwerden höchstwahrscheinlich über nicht mehr als 200 bis 300 Gewehre
der blutigen Auseinandersetzungen zwischen Schutzpolizisten und einige Pistolen. Es können sich nur zu der Zeit mehr Waffen
und Eislebeocr Arbeitern am Vormittag des 23. März mehr als im Werk befunden haben, als auswärtige bewaffnete Gruppen
I0 000 Arbeiter des Werkes zu einer Protestkundgebung. Siebe- nach dem 26. März die Werkbesatzung verstärkten. Auch die
schlossen, ab 14 Uhr in den Generalstreik zu treten und einen große Zahl selbstangefertigter Sprengmitlel und Handgranaten
Karnpfausschuß zu bilden, der die Bewaffnung von Arbeitern des glich diesen Waffenmangel nicht aus.
Werkes einleiten sollte. Ihm gehörten die Mitglieder der VKPD Die Arbeiterformationen in Lcuna kon :r-entrierten sich von An-
Fritz Sperber und Waller Lederer an. Dieser Ausschuß organi· fang an auf die Verteidigung des Werkes. ur klein ere Gruppen
sierte noch am selben Tag die Entwuffnung des We rkschutzes, unternahmen Erkundungs- oder Unterstützungsaktionen in der
die Besetzung der Werktore durch bewaffnete Arbeiter und näheren Umgebung. ln e inigen F"rillen, wie beim Angriff von
stellte Arbeiterformationen auf. Oie Kräfte dafür kamen 'on den Schutzpolizisten am 26. litrz 1921 auf eumark, kam es zu
eh•a 800 Arbeitern. die sich gegen 15 Uhr auf dem Sportplatz einem Zusammenwirken von Leuna-Arbeitern mit Angehörigen
des Werkes eingefunden hatten. Sie wurden in II Schützenkom· örtlicher Gruppen bewaffneter Werktätiger.
panien und eine Radfahrkompanie gegliedert und begannen um· Ein Beispiel für die Einsatzbereitschaft der Leunawerker, für
gehend mit der militärischen Ausbildung. An verschiedenen Stel· ihren Wide rstandswillen und ihre Findigkeit war der Bau sowie
len des \ erkes errichteten die Arbeiter Barrikaden und hoben der Einsatz eines gepanzerten Zuges. Ein Arbeiter, Paul Winkler,
Gräben aus. Sie beschlagnahmten Personenautos und Lastkrafl· der am Umbau dieses Zuges beteiligt war. berichtete darüber:
wagen, requirierten Vcrbandsmateria l, bildeten Saniliitstrupps • Es war Ostersonnlag 1921, 7 Uhr, beim MorgenappelL Es ging
und bauten ei nen achrichtendienst ouf. darum, die Kampfkraft der Leu.nawerker zu erhöhen. Deshalb

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mnchtcn die Genossen vom Aktionsnussehuß den llaupleingang in das Werk. Am Bahnhof westlich des Zaunes
einen P1111zerzug zu bauen. Aber wie? Es mußte alles befi ndet sich der größtenteils aufgeschüttete ßalmdamm, der in
schnell gehen. Etwa 50 Mann der angetretenen Kämpfer me:Jae~ , diesen Tagen besetzt isL Es kommt darauf an, auf die Einbruchs-
ten sich freiwillig, sofort mit dem Bau zu beginnen. Einer mußte stelle (Haupteingang) ein kräftiges Schnellfeuer von Artillerie und
verantwortlich sein, damit alles klappte. Oie Wahl riel auf mich. \1 inenwerfem zu legen.• Der Angriff sollte danach gleichzeitig
Früh, gleich nach dem MorgenappeU, hatten wir angefangen. gegen den Bahndamm und den Haupteingang sowie südlich und
1'\ach ungeflihr 20 Stunden, in der acht vom Ostersonntag zum nördlich davon stattfinden.
Ostennontag zwischen drei und vier Uhr, stand der Panzerzug Am Abend des 28. März erhielten die inzwischen nach Leuna
fertig da. Ordnungsgemäß haben wir ihn im Morgengrauen an herangeführten 21 Polizeihundertschaften den Befehl, bis zum
den militiirischen Leiter übergeben. Das war unser Auftrag.« Der 29. März, gegen 5 Uhr, die Ausgangsstellungen zu beziehen.
Panzerzug bestand aus zwei Eisenbahnwaggons und einer Loko- ördlich des Werkes gingen 4, östlich eine, südlich 4 und west-
motive, die mit 15 mm starken Stahlplatten, in denen sich Schieß. lich davon 12 Polizeihunder1schaften in Stellung. Oie Feldhaubit·
scharten befanden, ltmkleidet waren. ln jedem Wagen standen zcnbatlerie der Reichswehr bezog mit 4 Geschützen Stellungen
auf einem Gestell aus starken Holzbohlen 2 Maschinengewehre. z" ischen Zscherben und Kölzschen sowie südwestlich davon in
Zwischen dem Lokomotivführer und der ß esntzung existierte unmittelbarer ähe des Bahnhofs. Die Bereitstellung von 2 Ge-
eine Tclefonverbindung. schützen am Bahnhof Kötzschen machte sich erforderlich, da von
Dieser Zug. auf dem das Mitglied der VKPD \Villi Krelz· der l löhe südlich von Zscherben ein direkter Beschuß des
schmar als Lokomotivführer und das SPD- litglied Otto Acker· Haupteingangs nicht möglich war. Gegen 6 Uhr hatten die Hun·
mann als l leizer tätig waren, befuhr die Eisenbahnstrecke dertschaften das Leuna-Werk nahezu umschlossen und waren
Leuna-Großkorbetha und sollte helfen, das Werk vor Polizeiak- tum Sturm hereiL
tionen w schützen. Während seiner zahlreichen Streifenfahrten Im Verlauf des 28. März erkannten die Funktionöre des Be·
gelang es der Besatzung mehrmals, Angriffe von Polizisten abzu· tricbsrates und des Aktionsausschusses '7 auf der Grundlage ver-
wehren. So wurde am 25. Mön 1921 ein Vorstoß von etwa schiedener Meldungen - die für die Arbeiter im Werk cnlslan·
I 00 Polizisten bei Spergau zum Stehen gebracht. dcne bedrohliche Lage. Sie beschlossen nach meh reren
Oie für die Polizeiprovokation Veranlwortlich~n hatten er- Beratungen, auf einen Widerstand zu vertichten. Denn die Unter·
kannt, daß die Kampfkraft der Leuna-Arbeiter und die Ausstrah- legenheil der Arbeiter an Waffen und die Tatsache, daß sie (ak-
lung, die von Leuna auf die WerktJiligen im Regierungsbezirk tisch eingeschlossen waren, konnte nur zu unnötigem Blutvergie·
ausging, zum größten Hindernis für die Realisierung ihrer Pläne ßen führen. Die Arbeiterfunktionöre unternahmen deshalb auch
geworden war. Sie bereiteten daher einen überraschenden An- nichts dagegen, als ein großer Teil der bewaffneten Arbeiter ver·
griff auf das Werk vor. acb der Zerschlagung Mhlreicher be- suchte, in der acht zum 29. März den relativ schwachen Ein-
waffneter Arbeitergruppen waren sie jetzt wieder in der Lage. schließungsring östlich des Werkes zu durchbrechen und sich
eine größere Anzahl von Polizeihundertschaften für eine solche über die Saale in Sicherheil zu bringen. Oieses Vorhaben gelang
Aufgabe zu konzentrieren. Die Kommandeure der im Regie- auch einigen kleineren Gruppen, da die südöstlich des Werkes
rungsbezirk Merseburg operierenden Polizeihundertschaften bei Dürrenberg eingesetzte Polizeihundertschaft nicht in der
wurden daher angewiesen, Angriffsvorbereitungen gegen das Lage war, das fast zwei Kilometer breite Gebiet zwischen Merse·
Leuna· Werk einzuleiten. ln der »Anweisung für den Angriff nach burg und Dürrenberg hermetisch abzuriegeln.
Orientierung der Örtlichkeilc, die mit dem Angriffsbefehl am Nachdem der Beschluß über den Verzicht auf bewaffneten Wi-
28. Miirt 1921 abgcfaßt worden war, hieß es: • Das Werk ist von derstand geraßt worden war, verständigten Bea uftragte des Be·
einem l lolzzaun umgeben, der 2 m hoch ist. Es gibt nur einen triebsratcs und des Aktionsnusschusses sofort die Direktion da·

248 249
trn. Ocr Widerstand der Arbeiter war nur schwach. Aus ei.nem
im siidwestlichen Abschnitt des Werkes gelegeneo dreistöckigen
Grbiiude erhielt die Polizei heftiges Ge" ehrfeuer. Einige bewaiT-
nrtr Arbeitergruppen beschossen die angreifende Polizei aus den
nahr a m ~ erk gelegenen Dörfern Lcuna·Ockendorf und Rössen.
Enrrgisches Abwehrfeuer schlug den angreifenden Polizisten
auch aus dem südlichen Teil des Werkes und aus dem Was-
srrkraftwerk bei Oaspig entgegen. Als es den Polizisten schließ·
lieh gelungen war, in das Werkgelände einzudringen, stießen sie
nu r noch auf vereinzelten Widerstand. Dennoch ging die Polizei
rürksichtslos gegen die Arbeiter vor und erschoß viele, so daß
di!' Zahl der auf diese Weise getöteten Arbeiter wesentlich die
der im Kampf gefallenen überstieg. Genuue Angaben hierzu sind
jedoch nicht möglich, da die vorliegenden Meldungen über die
\ nzahl der T oten auf seilen der Arbeiter zwischen 30 und 70
schwanken. Dagegen verloren die Polizeihundertschaften nur
rinen Toten und mehrere Verwundete.
Oie Polizisten nahmen etwa I 700 Arbeiter innerhalb lmd au·
ßcrhalb des Leuna-Werkes fest und sperrten sie in zwei leerste-
hrnde Silos, ~laterialspeicher des Werkes, ein. Oie 50 Meter lan-
lnlptMMit'WIWy ·~
~ l'tnll'l:lkl 1llltH1tloJXIltlllm ~cn, 30 Meter breiten und 20 Meter hohen Silos hatten keine
~-"5'
~f'P'WPtlrrYn«rf ·
~-- Fenster und nur Betoniußboden. Hier mußten sich die Gefange-
nen tagelang bei kärglicher Verprlegung aufhalten und wurden
Ausgangsriiurne der Polizeihundertschaften fiir den Angriff ouf das von dort aus zu Verhören geschleppt. Um die Gefangenen aus
Lcun•· Werk. 28129. Miin. 1921 dirscr qualvollen Lage zu befreien, drangen in der 1acht zum
30. März 1921 vier junge Arbeiter in das Werkgelände ein. Sie
von und baten sie darum, diese Entscheidung der Polizeifühnmg bt'absichtigten, die Wachen zu überrumpeln, Mascbinengewehr-
mitzuteilen. Oie Direktion lehnte das jedoch ab und drängle den schüt.z en auf den Brücken kampfunf'lihig zu machen und danach
Kommandeur der Polizeihundertschaften sogar noch, keinesfalls 'O viele Gefangene wie möglich zu befreien. Der kühne Plan
darauf zu verzichten, das Werk zu stürmen. '<'hciter1e jedoch im letzten Augenblick. Oie Polizisten entdeck-
Am 29. März 1921, 6.50 Uhr, leitete der Beschuß des Haupt· ten die jungen Arbeiter, unter ihnen die Jungsozialisten Johannes
eingangs den Angriff auf das Leuna-Werk ein. Nacb etwa Ludy und Albert Steiobrück, und erschossen sie •auf der
20 Schuß verlegte der Batteriechef das Artilleriefeuer in das ~luchtc .
Wcrksinnere, vor allem auf die Wohnbarackcn. Dabei bestand Sie und sieben weitere ermordete Arbeiter des Leuna· Werkes
sogar die Gefahr, Ammoniakbehälter zu treffen und hierdurch WUI·den nuf dem Gänseunger, von Leunu-Kröllwitz in der Hoff-
Explosionen und das Ausströmen von giftigen Gasen auszulösen. rwng vcrschnrrt, hierdurch die gemeuchelten Arbeiterkämpfer
Unter dem Feuerschutz der Reichswehr, die insgesamt etwa dem Vergessen preiszugeben. Doch bereits tun I. Mai 1921 lag
70 Schuß abgab, arbeiteten sich die Polizisten so weit an das <'in Kranz mit roter Schleife auf dem Grabhügel. Im März 1922
Werk heran, daß sie gegen 8 Uhr mit dem Sturm beginnen konn· zogen Arbeiter aus dem Kreis Merscburg zu Ehren der gefalle·

250 251
nen KJossenbrüder nach Kröllwitz. Seilher fanden hier bis zur 1\ngrifl übergingen, zwang sie das heftig einsetzende Feuer der
Errichtung der faschistischen Diktatur jedes Jahr im März Ge- Arbeiter nieder, wobei diese die Bewegungen der Polizisten in
denkkundgebungen statt. dem rast deckungslosen Gelände gut erkennen und bekämpfen
Mit der Erstürmung des Leuna-Werkes fiel der letzte größere konnten. Die Polizeihundertschart erlill belriichtliche Verluste.
Stützpunkt der bewarrneten Arbeiter im Regierungsbezirk Merse- ihr \ngriff geriet ins StockCJJ und schlug in panikartige Flucht
burg. Die jetzt folgenden bewarineten Auseinandersetzungen er- um, als die Polizisten in ihrem Rücken von einem Maschinengc-
gaben sich zumeist aus dem Zusammentreffen von Polizeiforma- " !'hr besel1ossen wurden. Eine Gruppe bewaffneter Arbeiter
tionen mit einzelnen und zersplittert handelnden be.warrneten hatte sich in einem unter der Straße bindurchführenden Schacht
Arbeitergruppen. ~crsteckt und zu einem günstigen Zeitpunkt das Feuer eröffnet.
ln diesem erbillerten Kampf verloren die Polizisten 2 Offiziere
und 8 Wachtmeister, 2 Lastkraftwagen und zahlreiche Warfen.
Letzter Widerstand Das Cerecht bei Cröbers gehört zu den llöhcpunktcn des be-
waffneten Abwehrkampfes der' mitteldeutschen Arbeiter im Mär.&
Am Morgen des 29. März 1921 stießen die bewarrnetCJl Arbeiter, 1921. War es ihnen doch hier erstmals in größerem Ausmaß ge-
die einen Tag zuvor Bitterfeld verlassen holten, bei Gröbers, das lungen, einem zahlenmäßig und an Bewaffnung überlegenen Geg-'
etwa I 0 Kilometer südöstlich von Halle liegt, auf andere kleinere ncr durch hohe Kampfmoral und _geschicktes Verhalten im Ge-
Gruppen von Arbeiterkämpfern und vereinigten sich mit ihnen. lände so...~e unter Nutzung des Überraschungsmoments einCJJ
Der Zusammenschluß war noch nicht beende!, ols Beobachtungs- sch...eren Schlag zuzufügen.
posten der Arbeiter kurz nacb 10 Uhr dCJJ Anmarsch einer Poli- Die Führung der Polizeihundertschaften im Regierungsbezirk
zeihundertschart meldeten. Sie wurde beim näheren Herankom- \1erscburg zog aus den Kämpfen bei Gröbers die Schlußfolge-
men als eine Technische Hundertschart identifiziert, die aus rung, künftig nur noch mit relativ starken Polizeikräften Streif-
4 Polizeioffizieren und 83 Polizeiwachtmeistem bestand und mit züge durch die von ihr nocb rrich t . befriedeten• Gebiete zu un-
2 Maschinengewehren und einem Minenwerfer von Halle her an- lt•rnehmen. Hierbei konnte sie sich insbesondere uuf die bisher
rückte. Vom Kommando der Schutzpolizei Holle hatte die Hun· gegen die Leuno-Arbeiter eingesetzten Polizeihundertscharten
dertschaft den Befehl erhalten, die bewaffneten Arbeiter aus Grö- stützen. Für die neuen Aufgaben gruppierte die Polizeiführung
bers zu vertreiben. ihre Kriirte im llegierungsbezirk um. Sie schuf drei Zentren für
Unter der Leitung des VKPD-Mjtglieds Pitter aus Holzweißig 1lie Konzcntrienmg der Hundertschaften: Gruppe Halle (12 Hun-
organisierten ilic Arbeiter beschleunigt ihre Verteidigung. Sie dt•rtschaften), Gruppe Merseburg ( 14 llundertscharten) und
brachten 1aschinengewehre in Richtung Dorfausgang zur Straße Gruppe Eisleben (6 Hundertscharten). Als Reserve dienten zwei
Halle- Gröbers und auf dCJJ nordösilich bzw. nordwestlich des kleinere Polizeigruppierungen. Die eine befand sich in aumburg
Ortes verlaufenden Bahndämmen in Stellung. Ein Maschinenge- mit 3 l lundertscharten, ilie andere in Weißenfels (4 Hundert-
wehr bauten sie an der Chaussee Holle- Gröbers, ein weiteres ~rharten).
nördlich vom Chausseehaus und ein Maschinengewehr wie- ln den nächsten Tagen unternahm die Polizei zahlreiche Streif-
derum nördlich davon im Förderturm auf. Der größte Teil der "üge gegen d_ic Arbeiter des Regierungsbezirks. Dabei stieß eine
bewaffneten Arbeiter ging am Dorfausgang in Richtung Halle, bei 1\btcilung, bestehend aus der 5. und 8. Polizeihundertschart w1d
der Grube Klara und in der ähe von Benndorr in Stellung, so d1•r berittenen Hundertschaft aus Erfurt - insgesamt 240 Polizi-
daß sich die bewaffneten Arbeiter halbkreisartig gegen die anmar- SI('n - , in den frühen Morgenstunden des 3 1. Miir.& 1921 vor
schierenden Polizisten gruppierten. Als 2 Züge der Polizeibun· Uuch ra (Kreis Eckartsberga) auf bewaffnete Arbeiter. Den Polizi-
dortschart etwa 500 Meter vor dem Ort ausschwärmten und zum Mt>n gelang es, einen Sicherungsposten der Arbeiter zu iiberrum-

25? 253
peln, gegen den Ort vorzudringen und ihn einzuschließen. In An. nition aber war ein längerer Kampf aussichtslos.« Der größte Teil
betracht der herrschenden Dunkelheit, die Ereignisse spielten der bewaffneten Arbeiter vermochte sich zu reUen, zurück blie-
sich zwischen 3 und 4 Uhr ab, beschränkten sich die Polizisten ben 18 Tote. 19 Arbeiter gerieten in Gefangenschaft.
auf den Beschuß des Ortes. Trotz der Polizeiübermacht konnte Nach den Kämpfen bei Beesenstedt entwickelten sich nur
sich jedoch ein großer Teil der bewaffneten Arbeiter in nördli- noch vereinzelt bewannete Zusammenstöße zwischen kleinen
cher Richtung zum nahegelegenen Wald zurückziehen. AJs die Gruppen bewaffneter Arbeiter und Polizeiformationen, so An-
Polizisten in der Morgendämmerung Bachra stürmten, stießen sie fang April 1921 im Geiseltal, im Raum Kütten-Löbejün und im
ins Leere. Unstruttal. Währe nd ihres Verlaufs löste n sich die letzten bewaff.
Zur letzten größeren bewaffneten Auseinandersetzung zwi- neten Arbeitergruppen im Regierungsbezirk Merseburg auf.
'
sehen Arbeitergruppen und Poli1.isten kam es am Nachmittag des Obwohl der bewaffnete Abwehrkampf der Arbeiter Ende
l.April 1921 in Beesenstedt, das 14 Kilometer nordwestlich von Mär<~ 1921 abgeflaut und schließlich ganz eingestellt worden war,
Halle liegt. Hier befanden sich zu diesem Zeitpunkt etwa 200 be- zeigten einige Reichswehrformalionen eine auffällige Aktivität.
waffnete Arbeiter, unter ihnen auch Max Hoelz mit Angehörigen Damit sollte es den Schutzpolizeiformationen ermöglicht werden,
seiner Gruppe. [hr Ziel war es, bis nach Mansfeld vorzudringen, wieder in ihre alten Standorte zurückzukehren, wo sie dringend
die Waffen zu verstecken und dann auseinanderzugehen. erwartet wurden. Außerdem hatten die Reichswehreinheilen die
ach 13 hr, als die Arbeiter gerade rasteten, stieß die Spitze Aufgabe, den Ring um das Kampfgebiet noch enger zu ziehen.
der Polizeihundertschaften auf ihre Sicherungsposten. Folgende Mit diesem Auftrag rückten Reichswehrformationen am 29. März
Situation entstand: 2 Polizeihundertschaften marschierten auf der in Naumburg sowie am 30. Mär.~: in Aschersleben, Bitterfeld, De-
Straße, von Oberrißdorf kommend, in Richtung Schwillcrsdorf litzsch und Sangerhausen ein.
(südwestlich von Beesenstedt). 2Yz Hundertschaften, durch 2 Ge- Andere Reichswehreinheiten besetzten kleinere Orte oder Ge-
schütze einer Halbbatterie der Reichswehr verstärkt, nähe rten biete. Am 31. März drang ein Detachement (2 Bataillone, eine
sich von Dölau aus auf der Straße dem Ort Wettin (nordöstlich Eskadron u.nd eine Batterie) in den Kreis Liebenwerda ein und
von Beesenstedt). Dort sperrten die Polizisten die Saaleübergänge. kontroUierte am l. April das Industriegebiet Miickenberg- Bock-
und besetzten eine Höhe südlich von Zaschwitz. ach diesem witz-Leipich. Hier streikte die Mehrheit der Arbeiter seit dem
Aufmarsch gingen die Polizeihundertschaften in ei11er Zangen· 26. März - allein in Lauchhammer waren es 13 000 Arbeiter - ,
bewegung vor und versuchten, die bewaffneten Arbeiter einzu· und bewaffnete Arbeiter hatten in Lauchhammer den Bahnhof
schließen. unter Kontrolle genommen. Mückenberg und Bockwitz, Zenh·en
Um dem zu entgehen, beschlossen die Kommandeure der Ar· der VKPD in diesem Gebiet, befru1den sich zu dieser Zeit in der
bei terformationen, kleinere Gruppen zu bilden, die versuchen Hand der streikenden und bewaffneten Werktätigen. Erst der
sollten, die Reihen der Polizeihundertschaften zu durchbrechen. Einmarsch de r Reichswe hr entriß ihnen diese Positionen.
Einer dieser Kommandeure, Max Hoelz, schreibt in seinen Erin· Unterstützt durch diese Aktionen der Reichswehr, gelang es
nerungen über den danach folgenden Kampf: Als sich die Poli· der Schutzpolizei Ende März/ Anfang April 1921, die letzten be-
zeifonnationen seiner Gruppe näherten, »brachten wir unsere waffneten Arbeitergruppen zu zerschlagen. In dieser Zeit ließ
Maschinengewehre in Stellung tmd fanden geeignete Deckung auch die Streikbereitschaft vieler Werktätiger nach. Die Zentrale
hinter dem Bahndamm einer kleinen Werkbahn. Wir haUen der VKPD rief daller am 1. April die mitteldeutschen Arbeiter
kaum Deckung genommen, als bereits die ersten Granaten und nuf, den Streik zu becnd en. Sie stellte in ihrem Aufruf fest, daß
Schrapnells in unsere Reihen platzten. Die Arbeitersoldaten ver· der Kampf gegen die Reaktion jedoch weitergehe. Zugleich wies
teidigten sich gegenüber dem überraschend en Angriff mit Todes- die Zen trale darauf hin, daß es dabei von größter Bedeutung sei,
verachtung und beispiellosem Mut; bei unserem Mangel an Mu· die Aktionseinheit der Arbeiterklusse herzustellen: »Arbeiter der

254 255
SPO und der LiSP! Arbeiter! Angestellte! Klassengenossen! Hannover und Münster in den Hegierungsbezirk Merseburg her-
diesen Kämpfen wird uns die gerneinsame ot, das Wirken anzu beordern.
Konterrevolution zusammenschweißen.« Zu den bedeutendsten Ergebnissen der bewafrneten Abwehr-
Wie berechtigt diese Mahnung war, zeigte der in den Sfii,dte. kämpfe zählt die Entstehung zal1lreicher Gruppen bewaffneter
und Dörfern 1itteldeutschlands wütende Terror der Jte~tkti4)q Arbeiter. die in ihrer Mehrzahl an die Traditionen der Volks-
Mehr als 6 000 Miinner, Frauen und Jugendliche wurden verlil• wehrbewegung in der ovemberrevolution 1918/ 19 und des Ah·
tel, von denen nach wochenlange r Kerkerhart 1 500 wieder wehrkampfes gegen den Kapp-Liiltwitz-Putsch 1920 anknüpften.
gelassen werden mußten. Alle anderen Inhaftierten kamen Es ist daher auch nicht zuflillig, daß sich im März 1921 vorrangig
die Ende Män 1921 gebildeten außerordentlichen Gerichte, dort bewaffnete Arbeitergruppen bildeten, wo sich - wie in Bit-
oftmals schon wegen geringer Unterstützung des Ab'wehrl(anJpfea terfeld, Eisleben, llettstedt, Tcutschenthal und anderen Orten -
hohe Freiheilsstrafen verhängten. Insgesamt wurden 5 Arbeiter Arbeiter auch schon 1918/19 und 1920 zum Kampf gegen Im-
unter ihnen Max lloelz, zu lebenslänglichem Zuchthaus, 45 1 ' perialismus und Militarismus mit der Waffe in der Hand zusam-
Zuchthausstrafen von mehreren Jahren, 2 752 zu Gefangnis, 48 mengefunden hatten. Die personelle Stärke d er Arbeiterformatio-
zu Festungshaft und 96 zu Geldstrafen verurteilt. Besonden nen schwankte stark, sie betrug im Durchschnitt 20 bis 50 Mann.
schändlich waren die Morde nn wehrlosen Gefangenen, deren Abteilungen von liber I00 Mann blieben d ie Ausnahme. ln der
Umfang nie genau ermittelt werden konnte. 145 Arbeiter fielen Mchrznhl entsblnden diese Gruppen spontan. Ihre Bewaffnung
während der Märzkämpfe des Jahres 1921. war unzureichend. Oie iugesamt mehr als 3 000 Angehörigen der
Eine große Zahl dieser Opfer und Verurteilten gehörte der bewaffneten Arbeiterformationen verfügten über höchstens
VKPD 1m, gegen sie richtete sich der ganze Haß der Reaktion. I 500 Gewehre bzw. Pistolen. l ur wenige Gruppen, beispiels-
Doch ihr l lauptziel konnte sie auch durch Terror nicht erreichen. weise die unter Leitung von Mux Hoelz stehende, konnten ihre
Es war nicht gelungen, die VKPO im Regierungsbezirk Merse- ße,•eglichkeit durch Personen- und Lastkraftwagen erhöhen. Gut
burg zu zerschlagen. Obwohl dort fast a.Ue Ortsgruppen del' entwickelt ha.tten sich der Rote-Kreuz-Helfer-Dienst sowie die Be-
VKPD während des Abwehrkampfes Funktionäre verloren hat· nachrichtigung, die vorrangig mit Hilfe von Radfahrern organi-
ten, Hetze und Verfolgung den Masseneinfluß der VKPO siert wurde. Große Schwierigkeiten bereitete dagegen die Versor-
nächst beeinlriichtigtcn, arbeitete die Partei weiter. gung mit Lebensmitteln und Munition.
Gestützt auf ihre im ersten Weltkrieg erworbenen militärischen
Der Streik von fast 150 000 Werlctätigcn und der bewa.rEnete Kenntnisse und die in den bewaffneten Kämpfen der Jahre 1918
Kampf Hunderter A1·beiter Mitteldeutschlands bot im Miin 1921 bis 1920 gesammelten E rfahrungen, versuchten die Arbeiter, sich
der Reaktion entschieden Paroli und half, die Errungenschaften dem konkreten Krüfteverhältni s und d en jeweiligen örtlichen Be-
der 1ovcmberrevolution 1918/ 19 zu sichern dingungen anzupassen. Sie mieden zumeist Gefechte auf offenem
Der bewaffnete Abwehrkampf der mitteldeutschen Arbeiter Feld und kämpften vorzugsweise in kleineren Gruppen, um den
brachte bedeutende Teilerfolge. An verschiedenen Stellen gelang Gegner zur Zersplitterung seiner Kräfte zu zwingen. ll iiulig grif-
es, den Vormarsch der Polizei zu verzögern oder sogar zeitweilig fen die Arbeiter überraschend an, lockten den Gegner in l linter-
aufzuhalten und den Polizeifom1alionen empfindliche Verluste halte, zogen sich bereits nach kurzem F'euerwechsel zurück.
zuzufügen. Oie mit starken Repressionskräften durchgeführte Diese variable Kampfweise, das geschickte Ausnutzen gcographi-
Provokation wurde fiir die Polizei kein • Spaziergange. Im Gegen· ~hcr Besonderheiten - vor nllem der l löhenzüge und I laiden
1111 Mansfelder Gebiet - und dns e nge Zusammenwirken mit gro-
teil, die herrschenden Kreise sahen sich angesichts des machtvol·
le_n Streiks und des bewaffneten Abwehrkampfes gezwungen. zu- llen Teilen der Bevölkerung brachten den Arbeiterkämpfern oft-
sätzlich 18 Polizeihundertschaften aus ßerlin, Oüsseldorf. rnals \ orteile.

256 257
Die Mehrzahl der in den bewaffneten Arbeitergruppen Kfum~ yJ<PD auf. Ihr Parteitag von Ende August 1921 bewies, daß die
renden zeichnete sich durch vorbildliche Disziplin und UP•Ier'b& führenden Kräfte dieser Partei begriffen hallen: Diese Aufgabe
reitschart aus. Viele, uns heute r10menllich meist unbekannte ,..11 r nur zu verwirkl ichen, wenn an die Tagesforderungen der
heiter, standen tapfer und selbstlos ihren Mann. Die Märzkäm \\ rrktäligen angeknüpft wurde. Als große 1-lilfe dabei erwies sich
des mitteldeutschen Prolcturiats im Jahr 1921 brachten zatrln>.i.: der . Brief an die deutschen Kommuoistcnc, den W.l. Lenin am
ehe politisch kluge und militürisch talentierte Arbeiterkornrrran- Vorabend des Jenaer Parteitages an die Führung der VKPD ge-
deure hervor. Zu den bekanntesten von ihnen ziih!en solche ,-p,.... schrieben hatte. Lenin nahm darin zu den Märzereignissen 1921
sönlichkeiten wie Otto Gebcnroth, Friedrich Märker, Stellung und forderte mit achdruck, die Beschlüsse des Ill. Kon-
Schneider und Ccrharo Thiemann. Sie und viele andere zeichne- gresses der Kommunistischen Internationale durchzusetzen, die
ten sich neben militärischem Können durch Treue zur Arooite1'" 1 er als eine wichtige Voraussetzung für das weitere Voranschreiten
klasse, ~ ul und Einsatzbereitschaft aus. Hervorragende Kämpfer der deutschen Kommunisten ansah. Eindringlich mahnte er:
waren auch Otto Ackennann, Kurt Hertau, \Villi Kretzschmar, . Kaltes Blut und Standhaft.igkeit zu bewahren; systematisch die
Walter Lederer, Johannes Lud), Pau l Müller und Albert ::Ste,m-, Fehler der Vergangenheit korrigieren; unaufhörlich darauf be-
brück. Sie gaben ihr Leben für die Ziele der revolutionären Ar- dach! sein, die 1chrheit der rbeitennassen sowohl in den Ge-
beiterbewegung. werkschaften als auch außt>rhalb der Cewerkschafien zu erobern;
Die VKPO, die als einzige Purlei konsequent an der Seite der ged uldig eine starke und kluge kommunistische Partei aufbauen,
Streikenden und der mit der Waffe kämpfenden Arbeiter ge- die fähig ist, bei allen und jeglichen Wendungen der Ereignisse
standen hatte, 1.0g in längeren Diskussionen wichtige Schlußfolge- di<' \1assen wirklich zu führen; sich ei ne Strategie auszuarbeiten,
rungen aus den Mürzkiimpfen 1921 für ihre weitere Strategie die der besten internationalen Strategie der {durch die jahrhun-
und Taktik. Sie bildeten sich in prinzipieller Auseinandersetzung dertelange Erfahrung im allgemeinen und durch die >russische
mit den linksradikalen Kriiften in der Parteiführung heraus, die Erfahrung< im besondern) >am meisten aufgeklärten < fortgeschrit-
ihr Drängen auf Aktionen gegen den Polizeieinmarsch mit An- tenen Bourgeoisie gewachsen ist - das ist es was man tun muß,
schauungen verteidigten, die sie immer mehr zu einer . orfensiv- und was das deutsche Proletariot tun wird, was ihm den Sieg ga-
lheoriec ausbauten. Danach kön ne die Arbeilerklasse zu .orfensi- rantiert.«
ven Handlungen« übergehen, ohne das reale politische Ausgehend von den eigenen Erfahrungen, den Beschlüssen
Kräfteverhiiltnis und die llaltung der Mehrheit der Arbeiter- des 111. Kongresses der Kommunistischen Internationale und den
klasse, die sich zu dieser Zeit vorrangig nach der SPD richtete, zu Ratschlägen W. I. Lenins, knüpfte die KPD wieder an ihre Politik
berücksichtigen. Die .Theorie« barg die Gefahr in sich, daß die dt's .orrenen Briefese an. Im Bezirk l-lalle- Merseburg der VKPO
VKPD in Widerspruch zu den tatsüchlichen Gegebenheilen der spiegelte sich das unter anderem in einem Aufruf der Bezirkslei-
Klassenauseinandersetzungen geriet und dem notwendigen Zu- tung von Anfang September 1921 an die Arbeiter, Angestellten,
standekommen der Aktionseinhrit schadete. Die Offensivtheorie ß!'amten, Kriegsopfer und Arbeitslosen wider. Der dazugehörige
hinderte zahlreiche Funktionöre der VKPD daran, die realen •Offene Briefe - schon diese Bezeichnung sollte programma-
Wege zur Gewinnung der ~l ehrheit der Werktätigen, die Voraus- tisth sein - an das Gewerkschaftskartell schlug Sofortmaßnah-
setzung für den Sieg über den Klassengegner, zu erkennen. Zu men vor, beispielsweise den verstärkten Kampf fiir die Erhöhung
diesem wichtigen Problem nahm der lll. Kongreß der Kommuni- der Löhne, setzte sich entschieden fiir die I lersteUwtg der Ein-
stischen Internationale auf seiner Tagung im Juni/Juli 1921 unter heitsfront der Arbeiterklasse ein.
akt.iver Mitwirkung von W. l. Lenin Stellung und half damit auch Die Lehren, die sich aus den \1ärzkiimpfen des Jahres I 921
der VK PO, die Schädlichkeit der Offensivtlteorie zu begreifen. ergaben, wurden zu einem "ichtigen Bestandteil der sich nun·
Seine Losung • llcran an die Massen!c griff die Führung der mehr entwickelnden Einheitsfrontpolitik der deutschen Kommu-

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nisten und bccinrlußten die weitere Strategie und Taktik der Der Hamburger Aufstand 1923
temationalen Arbeiterbewegung. Sie bestätigten der inten1ationa..
len kommunistischen Bewegung, wie richtig die Politik
. Offenen Briefese war, und förderten damit die Bereitschaft
den Parteien der Kommunistischen Internationale, diese Politik
auf die spezifischen Bedingungen ihres Kampfes anzuwenden.
Zugleich halfen sie den anderen kommunistischen Parteien, eine
grundsätzliche Auseinandersetzung mit den An hängern der Of.
fensivthcoric zu führen. Die Kommunistische lnternatio.nale ap-
pellierte auf ihrem Ul. Kongreß, von den Erfahrungen der Mii.rz-
kiimpfe 192 1 in Deutschland ausgehend, an die Arbeiter aller Am Vorabend der Erhebung
Länder, sich nicht provozieren zu lassen und entscheidenden
Kämpfen so Iunge auszuweichen, bis die Masse der Werktätigen Im Spiitsommer 1923 war die Lage in Deutschland durch tiefe
hinter den Kommunisten stehe. Die Gewinnung der Massen aber Klassenwidersprüehe, durch einen sich immer mehr vcrschärfen-
setze den Kampf für die Grundforderung der Werktätigen vor· drn Gegensatz zwischen Fortschritt und Reaktion gekennzeich-
aus, und nur hierdurch könne die Einheitsfront der Arbeiter· net. Die von den deutschen Monopolherren und der Wilhelm-
klasse gegen Imperialismus und Militarismus geschaffen werden. Cuno-Regjerung inszenierte Verelendungs- und Katastrophenpo-
Oie KPO bemühte sich in der Folgezeit, nach diesen Erkennt· litik löste bei den Volksmassen allgemeine nzufriedenheit aus.
nissen zu handeln. Hierbei rückte der Kampf um die Gewinnung In diesem Prozeß wuchsen wichtige objektive Voraussetzungen
der Mehrheit der Arbeiterklas e, um die Erfüllung der Tagesfor- zur Formierung einer breiten Front aller antiimperialistischen
derungen der Werktätigen und das Ringen um ein ei nheitliches und demokratischen Kräfte in der Weimarer Republik heran.
Handeln der Arbeiterklasse zur Abwehr der Angriffe des Mono- Ausgehend von dieser Situation, konzentrierte die Kornmuni-
polkapitals immer stärker in den Vordergrund. stische Parlei Deutschlands 1923 ih.re Anstrengungen darauf, die
Arbeiterklasse und ihre Verbündeten in Massenaktionen gegen
Imperialismus, Militarismus und den heraufkommenden Faschis-
mus zu führen. Doch die rasch wechselnden komplizierten Klas-
senkampfbedingungen erschwerten die Bemühungen der KPD.
Der um imperialistische Vormacht- und Profitinteressen auf
dem Rücken des deutschen und französischen Volkes seit Januar
1923 ausgetragene · Ruhrkampfc bedrohte ernsthaft den Frieden
in Europa und trug dazu bei. die Lage breitester Volksschichten
in Deutschland rapid zu verschlechtern. Angesichts der Beset·
zu ng des Ruhrgebiets durch Eranzösischc und belgisehe Truppen,
wandte sich die Vorhut der revolutionären Arbeiterklasse ent·
schlossen gegen den sich verschürfenden reaktionären Kurs des
dr utschcn und französischen lmpcrialismus. Mit dem Kampf um
die Ei ndiimmung der von der deutschen Großbourgeoisie hoch-
gepeitschten chauvinistischen Welle, deren Ziel es war, von den
inneren sozialen Mißständen abzulenken, mußte zugleich der

- 261
bciderseits lmperialisliscbe Charakter des Ruhrkonrlikts au•ge- Land weiter absinken. Von der grassierenden Geldentwertung
deckt werden. Ein Beitrag dazu war die am 22. Januar herausge- 1.-urden all diejenigen betroffen, die von Lohn, Gehalt, Rente, Er-
gebene Losung »Schlagt Poincar~ und Cuno an der Ruhr und an " (•rbslosenhilfe oder anderen kärglichen Einkommen leben muß-
der Spreec. Sie "'ar Quinlessenz der Essener Konferenz (6JT.Ja- t!'n. also die große Mehrheit der Bevölkerung. Oberall nahmen
nuar 1923), einer Zusammenkunft von Vertretern Kommunisti- \rbeitslosigkeit und Kurzarbeit zu. Zehntausende Angehörige
scher Parteien Belgiens, Deutschlands, Frankreichs, Großbritan- drr \11 ittelschichten wurden ruiniert.
niens, Italiens, der 1 iederfande und der Tschechoslowakei, \\ ährend die Bevölkerungsmehrheit Armut, Entbehrung und
beschlossen hatten, gemeinsam gegen das französische und deut- Hunger litt, konnte die deutsche Monopolbourgeoisie durch die
sche Finanzkapital aufzutreten. lnOation ihr Kapital sprunghart vergrößern. Hugo Stinnes, der da-
Wie der friedensgefährdenden, krisenharten Entwicklung ener- mals miichtigste unter den Konzernhcrrcn, vermehrte sein Ver-
gisch Hnlt geboten werden konnte, zeigte ollein die KPD. Ihr mögen von einer auf drei Milliarden Goldmark, die er in wertbe-
8. Parteitag, der vom 28.januar bis zum I. Februar 1923 in Leipzig ständigem Besitz anlegte. Zu seinem Wirtschaftsimperiun1
tagte, folgte den Beschlüssen und Empfehlungen des IV. Kongres- ((!'hörtcn I 200 verschiedene Großunternehmen.
ses der Kommunistischen Internationale von Ende 1922. Auf Lohn- und Streikkämpfe Hunderttausender von Arbeitern im
dem Parteitag wurde beschlossen, die Einheitsfrontpolitik und Huhrgcbiet, in Oberschlesien, in ßerlin, im Zwickauer und Oels-
den Kampf um die Bildung einer Arbeiterregierung fortzuset,zen. nitz-Lugauer Kohlenrevier, ein Landarbeiterstreik, der sich iiber
Das wurde als notwendiger Schritt betrachtet, die Massen an das "rite Teile Deutschlands erstreclde, zeugten im Frühjahr und
Hingen um die Macht heranzuCÜhren. Damit unterbreitele die Sommer I 923 vom zunehmenden Kampfwillen des deutschen
KPD ein konstruktives Programm für ein friedliches, demokrati- Proletariats. Aber auch Angestellte, Beamte, Angehörige des städ-
sches Deutschland, das eng mit der Sowjetunion verbunden sein tischen Mittelstandes und Kleinbauern gerieten, getrieben von
sollte. drr schwierigen materiellen Lage, in Bewegung. Ihre Erbitterung •
Erneut erwiesen sich die Kommunisten als echte Sachwalter Fund iederschlag in spontanen Protestkundgebungen und Hun-
der Belange des deutschen Volkes. Ihr konsequenter Einsatz zur gerunru hen.
Verhinderung eines konterrevolutionären Auswegs aus der Krise Von großer Ausstrahlung war der von der KPD und der Voll-
berücksichtigte gleichzeitig, daß eine Situation heranreifen versammlung der Berliner Betriebsräte am I I. August I 923 initi-
könnte, in der die Arbeiterklasse selbst in Kämpfe um die schritt- ierte Generalstreik, an dem auch Werktätige in anderen Teilen
weise Lösung der Machtfrage in Deutschland einzutreten hatte. Deutschlands teilnahmen. Zu ihnen gehörten die Hamburger Werft-
Gestützt auf die Erfahrungen der Klassenauseinandersetzun.gen arbeiter, die bereits am 9. und I 0. August einen mehrtägigen
seit 1918, insbesondere der bewaffneten Abwehrkämpfe, galt es, Streik begonnen hatten. Am 1 I. August appellierte die . Hambur-
die Anwrndung revolutionärer Gewalt richtig in die Politik und ger Volkszeitungc, in deren Redaktion Ernst Thölmann verant-
Strategie einzuordnen. Deshalb sah der 8. Parteitag der KPD vor, wort.lich tätig war, für die Einsetzung eines Arbeitersenals und
Arbeiterwebren zur Verhinderung militaristisch-faschistischer An- forderte darüber hinaus, für die Bildung einer Arbeiter-und-Bau-
schläge zu srhaffcn. ~'m-Regienmg Deutschlands zu kämpfen.
Die lnrlation, hervorgegangen aus den Widersprüchen der ka- Als Ergebnis dieses Massenstreiks wurde die reaktionäre
pitalistischen Produktionsverhältnisse und aus den rolgen der Cuno-llcgierung gestürzt Doch bereits am 13. ~ugust 1923 kon-
Kriegs- und nachfolgenden Krisenwirtschnft, war in Deutschland stituierte sich unter Eieichskanzler Gustov Stresemann, führender
im Sommer 1923 ausgeufert Produktionsriickgnng, Brachliegen Rcprilsenlnnt der großbourgeoisen Deutschen Volkspartei, dns
ökonomischer Kapazitäten und Preisanslieg zu schwindelnden neue Reichskabinett Die Hegierung der Großen Koalition, der
Höhen ließen von Tag zu Tag das Existenzniveau in Stadt und 'ier rechtssozialdemokratische Minister nngehörten, verkündete,

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mit den otstiinden in Deutschland Schluß ma.chen zu wollen. ten Vorrang. Wie immer in zugespitzten Krisenzeiten waren vor
Aufkommende Illusionen, daß mit der Regieru ngsbeteiligung der allem die führenden Militiirs bemiiht, die Bürgerkriegsvorberei-
VSPO ( 1922- 1921 Bezeichnung der sozialdemokratischen Par- tungen voranzutreiben und ullscitig abzusichern.
tei: Vereinigte Sozialdemokratische Partei Deutschlands) die Ar- Einflußreiche Reichsweh rkräfte schalteten sich jetzt unmittel-
beiterbelange besser vertreten würden, spalteten die Streikfront bar in die politischen Überlegungen der herrschenden Klasse ein.
auf. Der Generalstrei k wurde nach drei Tagen beende!, noch ehe Ihre Lagebeurteilung gipfelte in der fcststellung des Chefs der
weitergehende demokratische Forderungen wie die Bildung einer Heeresleitung, General der Infanterie Hans von Seeckt, vom
Arbeiter-und-Bauer-Regierung, die Beschlagnahme der Lebens- I 0. September 1923: »Wir stehen vor der größten Krise, die das
mittel zur Sicherung der Emähnmg oder die AuFhebung arbeiter- Heich bisher durchgemacht hot.c Seiner Überzeugung nach
feindlicher Verbote verwirklicht werden konnten. J..önne nur durch »die unbedingte und rücksichtslose Aufrechter-
Der Stresemann-Hegierung gelang es zwar, den ersten An- haltung der Staatsautorität diese Krise überwunden werdenc.
sturm des kampfbereiten Proletariats abzufangen. Aber wie die Keinerlei Zweifel ließ er daran, daß dabei die Streitkräfte voU ge-
kommenden Ereignisse zeigten, war sie nicht in der Lage, die fordert würden und demzufolge die Truppenkommandeure ver-
Verhältnisse grundsätzlich z u ändern. Oie rsachen für die fort- pflichtet seien, skrupellos einzugreifen: , Ein Militärbefehlshaber,
wirkende Verelendung der Volk~massen blieben weiter bestehen. der seinen Auftrag deshalb nicht ausführt, weil er sich scheut,
Entsprach 1914 der Coldmark eine Papiermark in Deutsch- ron der Schußwaffe Gebmuch : u machen, wird zur Vemntwor-
land. so kl etterte die Fieberkurve für eine Goldmark 1923 hek- tung gezogen werden. ~ 1icht zufällig erinnerte Seeckt an die Er-
tisch an und betrug am fa hrungen der » Revolutionskämpfec, deren wichtigste nach sei-
8. August I 000 000 Papiennark ner Meinung die folgende war: • Eine Gruppe, die schießt, löst
7. September I0 000 000 Papiermark die schwierigsten Aufgaben! Ein Bataillon, das Gewehr bei Fuß
3. Oktober I 00 000 000 Papiennark dasteht, ist hilflos.•
11. Oktober I 000 000 000 Papiermark Oie Heichswehrführung erblickte im Einsatz der bewaffneten
22. Oktober I0 000 000 000 Papiermark Gewalt das letzte Mittel, um die Existenz d er monopolkapitalisti-
3. November I 00 000 000 000 Papiermark schen Herrschaftsverhältnisse in Deutschland aufrechtzuerhalten.
20. November I 000 000 000 000 Papiermark Sie nahm in a ller Offenheit Kurs auf die gewaltsame Auseinan-
ach dem Sturz des Cuno-Kabinells entwickelte sich in dersetzung mit der revolutioniiren Arbeiterbewegung. Die unein-
Deutschland eine revoluti onäre Krise. Doch sta nden ihr im Herbst geschränkte Möglichkeit, die staatlichen Repressivorgane für die
1923 eine Anzahl ei nsch ränkender Faktoren gegenüber. Letztere genannten Zwecke einsetzen zu können, war aus militärpoliti-
ergaben sich aus der Ta"tsache, daß die Mehrheil der Arbeiter· scher Sicht einer der wichtigsten Faktoren, der einer Ausweitung
klasse noch immer der opportunistischen Koalitionspolitik der de~. revolutionären Krise in Deutschland entgegenwirkte.
sozialdemokratischen Führer vertraute, die herrschende Klasse Ahnliehe Vorbereitungen wie die Hcichswehrführung trafen
über einen gutfunktionierenden miliUirischen Machtapparat ver· auch Länderregierungen wie die in Hamburg. Da diesen nur Poli-
fügte und durch das internationale Finanzkapital starke Unter· zeikräfte unterstanden, leiteten sie zur anvisierten Niederschla-
stützung erhjelt. gung der Arbeiter Schritte ein, die das Zusammenwirken mit
Gber den Inhalt und das Tempo der eriinderung der bisheri· Reichswehrdienststellen ermöglichen sollten.
gen Herrschaftsmethoden gab es in der deutschen Bourgeoisie Gestützt auf de n otstandsartikel 48 der Weimarer Verfas-
unterschiedliche Auffassungen. Einig war sie sich darin, die Kri· sung, verhängte Heichspräsident Friedrich Ebert an1 26. Septem-
sensituation auf Kosten de r ~ erktiitigcn zu lösen. Bestrebungen. ber 1923 den mililiirischen Ausnahmezustand übe.r ganz
die Arbeiterklasse mittels offener Gewalt niederzuwerfen, e rbiel· Deutschland. Damit wurde der Reichswehrminister Otto Geßler

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betraut, der die Wehrkreisbefehlshaber mit der Ausübung ,, urde zum dringenden Gebot proletarischer Militiirpolitik. Um
vollziehenden Cewalt beauitrag1e. Gleichzeitig wurde der • pas- der reaktionären Gewaltanwendung wirksnmen Widerstand zu
sive Widerstande an Rhein und Ruhr aufgegeben, um die militäri- leisten, stand die KPD vor der Aufgabe, die Vielfalt künftiger
schen und polizeilichen Repressivorgane auf innere Unterdrük- 1\iim pfc zu erfassen und sich auf die verschiedensten Varianten
kungsaufgaben konzentrieren zu können. Der Abbruch war rinzustellen. Das stellte höchste Anforderungen an den Reifegrad
"·cder Selbstzweck noch Friedenswerk, wie es imperialistische der Partei.
Meinungsmacher behaupteten. Er verfolgte eindeutig das Zie~ Durch die sich seit dem Frühjahr 1923 entwickelnden proleta-
der revolutionären Entwicklung entgegenzuwirken. risrhrn llundertschaften sowie durch den Aufbau von Ordner-
Während das Stresemann-Kabinett zwischen den Fraktionen dit•nsten in der KPD wurde bis Oktober in Deutschland eine
des Finanzkapitals lavierte und nach Kompromissen suchte, um Stiirkc 1 on etwa 133 000 Kämpfern erreicht. Ein bedeutender
die proletarischen Massenbewegungen niederzuringen, den Raub Prozentsulz der proletarischen I-lundertscbaften trug Einheits-
wichtiger Arbeiterrechte durchzusetzen und die Währung zu frontchnrakter, ihre Zentren lagen in Sachsen und Thüringen. Im
konsolidieren, wurden zur gleichen Zeit ext.reme Kräfte der deut- Brzirk Wasserkante, zu dem Harnburg gehörte, existierten
schen Reaktion aktiv, die eine völlige Beseitigung der bürgerlich- l<.ampfgruppen des Ordnerd.ienstes der KPD. ln Cebieten wie Ba-
parlamentarischen Republik anstrebten. So putschten Teile der drn. Bayern, Mittelrhei.n, riedcrsachsen, Oberschlesien und
.Schwarzen Reichswehre unter Major a. D. Bruno-Ernst Buch- Pommern gab es nur erste Anfänge fortschrittlicher Wehrorgani-
rocker am I. Oktober 1923 in Küst.rin. Doch ihr übereiltes Vor- 'lltioncn. llier wirkte sich das Verbot der Arbeiterwehren vom
prellen störte das militaristische Konzept der Hauptstoßrich!ul18 12. \1ai 1923 in Preußen, dem au ßer Sachsen und Thüringen
gegen Sachsen und Thüringen. Es mußte von der Reichswehr sel- alle deutschen Länderregierungen gefolgt waren, besonders hem-
ber abgestoppt werden. mrnd aus.
Ein weiteres milita.ristisch-faschistisches Zentrum war Bayern. Anfang Oktober 1923 gliederte die KPD ihre Führungsorgane
l lier erhob besonders die azipartci, gefördert vom Finanzkapi- für die sich abzeichnenden Klassenauseinandersetzungen um.
tal und von der Rei chswehr, Diktaturfordenmgen im Stile des Die bereits seit August tätigen politisch-militiirischen und militä- I
italienischen Fascltismus, der im Oktober 1922 mit dem soge- r1srh-organisatorischen Führungskader wurden einer zentralen
nannten Marsch auf Rom seine offen terroristische Herrschaft er· l.ritung unterstellt, die sich Revolutionskomitee nannte. Letzteres
richtet halle. Obgleich die SDAP in Deutschland noch nicht zur umfaßte Organe zur Planung, Organisation, Bewaffnung und Ver-
Hauptpartei der herrachenden Klasse geworden war, plante sie sorgung der Arbeiterformationen, zur speziellen Militärpropa·
von München aus den »Marsch nach ordene und bedrohte zu· (Canda, Nachrichtengewinnung und lnformationsleistung. Bei den
sammen mit paramilitärischen Vereinigungen die elementarsten Oberbezirks- und Bezirksleilungen der KPD entstanden Kampf·
bürgerlich-demokratischen Rechte. stäbe, die für die regionalen und lokalen Kampfvorbereitungen
Ausgehend von den konkreten Klassenkampfbedingungen im 'rrnntwortlich zeichneten.
Herbst 1923, die gekennzeichnet waren vom Streben der Reak· Außerordentlich komplizierte Fragen ergaben sich aus der
tion, mit Streitkräften, Polizei und paramilitärischen Organisatio- \\ affcnbeschaffung für die revolutionären Arbeiter. Unbedingt er-
nen das Proletariat zu unterwerfen, mußte die KPD entschiede- forderlich waren dabei initiativreiches Handeln, Tatkraft und
nere Formen des Klassenkampfes ins Kalkül ziehen. Sie hatte konspiratives Verhalten, denn nur ein geringer Teil konnte durch
sich auch nur bewaffnete Kämpfe einzustellen und dnzu prakti· 1\nkuu r erworben oder iUegalen Waffenverstecken entnommen
sehe Vorbereitungen zu treffen. Alles zu tun, .um die erforderli· Wt•rdcn. Am günstigsten war die Loge in Thüringen. Hier boten
ehe Kampfbercitschaft, militärische Organisation, Führung, Aus- dil' Produklionsstiitten für l la.ndfeuerwuffen bessere Möglichkei-
bildung und Bewaffnung möglichst breiter Massen herzustellen. ten, Waffen zu beschaffen und sie über weite Strecken trotz ver-

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schiinter Polizeikontrollen an ihre Bestimmungsorte zu bringen. regierungcn, die sich aus Sozialdemokraten und Kommunisten
Bei den Waffentransporten bewähr1en sich besonders die Jung- r.usammensetzten. Der Eintritt der Kommunisten in diese Regie-
kommunisten. Schätzungsweise betrug der Waffenbestand der nm~cn erhöhte die proletarischen Erwar1ungen an die Forcie-
Arbeiter Ende Oktober 1923 nicht mehr als J I 000 Gewehre rung der Kampfvorbereitungen. Basier1e die Bildung der Arbeiter-
und etwa 15 000 Pistolen oder Revolver, die aufgesplittert über rf1!ierungen doch nicht zuletzt auf dem Umstand, daß bereits
ganz Deutschland ver1eilt und gelagcr1 waren. einE' beachtliche Zahl von Arbeitern zu verschärften Kämpfen be-
Führende Funktionäre der KPD um Heinrich Brandler und reit und forrnier1 war. lloffnungen der KPD, hierdurch das Fun-
August Thalheimer, die den Blick einseitig auf die Linksentwick- dament fiir proletarische Einheitsfrontfonnationen zu erweitern,
lung in Sachsen und Thüringen gerichtet hatten, iiberschätzten die die Polizei dieser Länder in ein Instrument der Arbeiterklasse
Kampfkraft der Hundertschaften wie di e Kampfbereitschaft der umzugestalten und 50 000 bis 60 000 Proletarier zu bewaffnen,
werktätigen Massen überhaupt. Zu einer Zeit, da die Bewaffnung l'rfülltcn sich nicht. Einmal verfügten diese Lünder über keine
der revolutionären Arbeiter noch in der i\nfangsphose begriffen wesentlichen \Vnffen reserven, und ihre kascrnier1en Schutzpoli-
war, erkliirte der Vorsitzende der KPD, Heinrich Brandler, die zricinhciten übersliegen kaum 6 000 Mnnn. Hi nzu kam, daß mit
Machteroberung in Deutschland sei • keine sehr schwierige und den linkssozialdemokratischen Regierungspartnern über Schritte
eine durchaus durchführbare Aufgabec. Er hielt das durch zu r Bewaffnung und Formierung der Arbeiter so"~e zur Umge-
Wunschvorstellungen geprägte Bild von der Vorbereitung der staltung der Polizei kein Einvernehmen enielt werden konnte.
Parlei auf den bewaf[neten Kampf auch auf der Beratung des Statt dessen befolgten diese mehr oder minder willig die Weisun-
Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale mit Ver- gen der Militärbefehlshaber, die in Sachsen und Thüringen den
tretern einiger kommunistischer Parteien (Deutschland, Frank- militiirischen Ausnahmezustand wahrnahmen, Verbote gegen Ar-
reich, Tschcchoslowakei, Sowjetunion) im September 1923 auf- beitcrformationen erließen und sich die Polizeikräfte 'Unterstell-
recht. ten. Trotz dieser Inkonsequenzen besaß die Arbeiterregierung
Ihm widersprach Ernst Thälmann und hob hervor, daß Brand- weiter die Unterstützung der Massen, so daß die Werktätigen
lers Bericht nicht der realen Analyse der Lage und des Kräf1ever- zu ih rer Verteidigung aufgerufen werden konnten, als die Militari-
hiiltnisses im ganzen Lande entspreche, sondern nur auf einer str n Ende Oktober bzw. Anfang ovember 1923 darangingen,
Einschätzung der Situation in Sachsen und Thüringen beruhe, da diese verfassungsmäßigen Regierungen mit Truppenaufgeboten
dort die Einheitsfront der Arbeiter am weitesten gediehen sei. 1.u liquidieren. ßereits am II. September 1923 hat1e der Kon-
Auch ll ugo Eberlein trat den Übenreibungen lleinrich Brandlers zerngewaltige Hugo Stinnes Reichskanzler Gustav Stresemann
entgegen. Er brachte zum Ausdruck, hier werde der Wunsch für P<'rsönlich aufgeforder1: »Sachsen und Thüringen (sind - die
die Wirklichkeit ausgegeben. Oie Auffassung, die Arbeiter in grö- \ erf.) zu exekutieren. Kein Tag darf verlorengehen.«
ßerem Umfang innerhalb der bestehenden kapitalistischen Ord- Die in der zweiten Hälfte des Monats Oktober eine Reichsexe-
nung bewaffnen zu können, erwies sich als T rugschluß. kution androhenden Truppenbewegungen nach und in Sachsen
Auf der Beratung des Exekutivkomitees der Kommunistischen vcranlaßten die Zent.rale der KPD, daraus Schlußfolgerungen ab-
Internationale in Moskau mit Funktionä.ren aus mehreren Län- zuleiten. Am 20. Oktober wurde beschlossen, nicht, wie ursprüng·
dern blieben die Einwände Ernst Thälmanns und llugo Eber- lieh vorgesehen, erst am 9. t ovcmber 1923, sondern bereits auf
leins unberücksichtigt. Unrealistische Vorstellungen setzten sich einer Konferenz der sächsischen Landesregierung mit Vertretern
durch. So konnte es dazu kommen, daß der Reifegrad der revolu- der Arbeiter, die am 21. Oktober in Chernnitz stattfinden sollte,
tionären l~ntwicklung in Deutschland überbewertet wurde. den Cenerulstreik der gesamten deutschen Arbeiterklasse erklä-
Erstmals in der deutschen Geschichte entstanden um I0. Okto- r<'n zu lnssen. Die bewaffneten Kiimpfc um die Macht sollten aus
ber 1923 in Sachsen und am 16. Oktober in Thüringen Arbeiter- dem Generalstreik erwachsen, im Freistaat Sachsen, im Regie-

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runl(sbezirk Halle-Mcrseburg und zur Entlastung zug.leich in
den KPD-Bezirken Wasserkante und in IeckJenburg ausgelöst
'' erden. Als Ku rier begab sich das Mitglied der Zentrale, Her-
mann Remmele, nach orddeutschland, wo er am Abend des
21. Oktober Ernst Thälmann und anderen Hamburger Punktionä-
ren den Beschluß der Parteizentrale überbrachte, am 23. Oktober
zum bewa[[neten Aufstand überzugehen.
Wie in vielen Teilen Deutschlands so hatten auch in seiner
größten Hafenmetropole die Erbitterung über das Massenelend,
Erwerbslosendemonstrationen und Lebensmittelkrawalle der not-
leidenden Bevölkerung an Umfang und Schärfe zugenommen. ln
l lamburg, einem Zentrum des deutschen lndustrieproletariats,
verlief dieser Prozeß besonders stürmisch.
Zielstrebig trat die Hamburger K:PD-Stadtorganisation mit
Ernst Thälmann an der Spitze Für die Lebensinteressen der
Werktätigen ein, kämpfte sie um die rasche Beendigung der im-
mer unerträglicher werdenden Verbrutnisse in der llansestadt.
Dagegen waren der dortige VSPD-Vorstand sowie rechte Cewerk·
schartsführer darum bemüht, . n uhe und Ordnung« zu bewahren,
den Kampfwillen des Proletariats einzudämmen und ei nen Gene-
ralstreik nicht zuzulassen. ~laßgebliche \'SPD-Politiker bekJeide-
tcn in Harnburg Regierungsposten und unterhielten zur Berliner
VS PD-F'ührung enge Kontakte. Reformistisch eingestellt, lehnten
sie olle kommunistischen Angebote zum gemeinsamen Kampf ab.
Zu den wichtigsten Stiidten Deutschlands ziihlend, gründete
sich die Bedeutung Hamburgs damals wie heute vor allem auf
l landel, Hafen und Schiffahrt. Die Freie und Hansestadt mit Se-
nat (Regierung) und Bürgerschaft (Parlantent), in der die VSPD
die Mehrzahl der Mandate besaß, breitete sich Anfang der zwan·
ziger Jahre auf einer Cesamtfläche von 4 15 Quadratkilometern
aus und hatte knapp über eine lillion Einwohner. II 0 Kilome-
ter von der Elhmündung in die ordsee entfernt, erfaßte die
zweitgrößte deutsche Stadt ein riesiges industrielles ßullungsge·
biet
ll runburg war das nach allen Kontinenten geöffnete Tor des
deutschen Handels. Den städtischen Wirtschafts- und lndust.rie-
charakter bestimmten Schiffbau und Schiffsverkehr, Eisen- und
Buntmetallurgie sowie Umschlag und Aufbereitung von Handels· E
gütern aus aller Welt Zu den größten Reedereien gehörte die "'

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HAPAG (l lamburg-Amerikanische-Packetfahrt-.1\ ctiien··GE:sell- Wilhelmshaven disloziert war, wiihrend der Ahkommandierungs·
schart). Im April 1923 lief der Damt>fer »Deutschland• vom Sta. dauer der Heereskräfte militärische Sicherungsoulgaben im Kü-
pel. Im Juni folgte die Indienststellung des HAPAG-Flaggschüres, stenbereich durch. ,
der . Albert Ballinc, mit 20 815 Bruttoregistertonnen. Trotz der In Harnburg gab es verschiedene polizeiliche Repressivorgane.
Fertigstellung dieser für die Oberseelinien bestimmten Luxus- Oie aus 8 000 Mann bestehende . Ordnungspolizeic gliederte
dampfer stiegen die Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit im Hafen sich in: Ordnungspolizei Landschutz, Ordnungspolizei Hafen·
und in den Werften "'eiter an. schutz, Ordnungspolizei Aufsichtsdienst und Ordnungspolizei
Die großOiichige Hafenstadt bildete - ähnlich wie auch in der Hafen· und Schiffahrtspolizei.
Gegenwart - verkehrsmäßig einen zentralen KnotenpunkL Die Hauptmasse gehörte der • Ordnungspolizei Landschutze an.
Eisenbahnbctrieb, Stadtverkehr und Flugtransport gestatten aus Rund ein Drittel dieser Polizeiangehörigen war kaserniert und bil-
jeder Richtung einen schnellen Zu· und Abgang. Dicht nebenein- dete eine für innere Unterdrückungszwecke bestimmte Elitefor-
ander durchziehen verschiedene Wasserstraßen das Stadtprolil, mation. Letztere war im Herbst 1923 schon mehrmals bewaffnet
die Binnen- und Außenalster lrennt die östlichen von den westli- gegen demonstrierende Werktätige eingeschritten, die die Ver-
chen Stadtteilen. üdlich der Stadt gelegen, befindet sich an der elendungs- und Katast.rophenpolitik der herrschenden KJasse ver-
in zwei Flußarme (, order- und Siidcrelbe) geteilten Untereibe urteilten. Der Waffenbestand der Hamburger Polizei belief sich
der Hafen mit seinen industriellen Anlagen, Docks, Hafenbecken auf 2 667 Gewehre, 8 000 Pistolen, 400 Maschinenpistolen und
und mschlagpliitzcn. Elbbrücken und. ein Unterwassertunnel 8 000 blanke Waffen.
verbinden das Hafengebiet mit der Innenstadt. Wichtige Ver- Zu den kasernierten 4 Polizeiabteilungen zählte eine . Sonder-
kehrsstrecken beginnen, durchqueren oder enden hier. Eine stiid· wagenbereitschartc, bestehend aus 6 Panzerkraftwagen, von de-
tische Hoch- und Untergnmdbahn verläuft auf einer Ringlinie nen jeder mil 2 schweren Maschinengewehren bestückt war.
auch durch Außenbezirke. Vom Flugplatz Hamburg-Fuhlsbüttel Oie Angehörigen dieser Polizeiformationen machten entweder
im 1orden starteten 1923 Zivilflugzeuge zur Luftbeobachtung Exekutivdienst in der Innenstadt oder standen als operative Ein-
der einzelnen Aufstundsriiume. greifreserve in zwei Polizeikasernen Tag und Nacht einsatzhereil
Typische Arbeiterviertellagen in den östlichen und nördlichen Um Operationsfreiheit nach allen Seiten zu haben, waren diese
Außenbezirken der Stadt. 42 000 Menschen hausten in Elends· Kräfte nicht im Stadtgebiet, sondern außerhalb davon stationiert.
quartieren, Kellern und Mansarden. Orte wie Schiffbek (heute Eine Kaserne befand sich in \Vandsbek, die andere in Allona. lm
Billstedt), Wandsbek und Altonu, in denen die Arbeiter zu den Alarmierungsfall konnten zudem noch Angehörige der Revier-
Waffen griHen, gehörten, obgleich nicht weit von den Stadtgren· polizei, des . Aufsichtsdienstesc oder . Hafcnschutzesc herange-
zen entfernt, 1923 noch nicht zu I Lamburg. zogen werden.
Gemäß der Hamburger Verfassung vom ?.Januar 1921 um· In den Aufstandstagen spielte die etwa 700 Mann starke, von
faßte die Bürgerschart 160 Deputierte. Oie VSPD hatte 67, die der VSPD organisierte • Vereinigung Republik« eine Hitrspolizei-
KPD 17 Mandate inne. VSPD und Deutsche Demokratische Par- rolle, indem sie aus ihren Reihen Reservebesatzungen für Polizci-
tei bildeten zusammen die bürgerliche Regierung, den Senat. re,iere zur Verfügung stellte. Das ermöglichte es, zusätzliche
1923 war die Stadt ohne Reichswehrgamison. Unmittelbare Polizeiaufgebote für die Bekämpfung der Hamburger Erhebung
Militäroberhoheit war dem Wehrkreisbefehlshaber U in Stettin frei zu machen.
übertragen. Bedingt durch die Truppenkonzenll'ationen in und Obgleich der VSPD-Vorstand der Hansestadt nichts unver-
um Sachsen, waren Truppenteile und Einheiten aus diesem sucht ließ, die Kommunisten bei den Arbeitern in Mißkredit zu
Wehrkreis ab Mitte Oktober dorthin verlegt worden. Deshalb bringen und deren Masseneinfluß einzuschränken. konnte er
führte die Rcichsmarine. deren Stationskommando ;'1/ordsee in nicht verhindern, daß ihr Ansehen aufgrund konsequenten Ein·

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trelens für die Arbeiterforderungen ständig wuchs. Umfaßte punk t der Kämpfe stehen würden, zu verteilen. 1icbt immer ge-
VSPO-Mitglicdschaft damals rund 46 000, so erreichte die lang es, jeden Kämpfer zu erfassen und ihn mit den
gliederzahl der Kommunistischen Partei Deutschlands in der erforderlichen Instruktionen zum Handeln zu versehen. Bei die-
fenmetropolc im Herbst 1923 etwa 18 000. sen Maßnahmen war zu beachten, da.ß sie der Gegner nicht be-
Wie überall war das städtische Proletariat von den unmil1ellba.. merken durfte. Wie die späteren Kampfereignisse bestätigten,
ren Krisenauswirkungen besonders betroffen. Oie Arll>eitsl<ISeJJloo konnten alle Aufstandsvorbereitungen in der Stadt der Reaktion
ziiier in Ilamburg betn1g im IIerbst 50 600. Oie auJje'l~e"•öhnlic:b grgenüber geheimgehalten werden.
hohe und oft schon noch Stunden wieder einsetzende Par1iergel1il- Ernst Thälmann, am 16. April 1886 in Harnburg geboren und
entwertung vergrößerte das soziale Elend. ln ihrer EnllrüsiiUIIJI auch dort aufgewachsen, als l lafen- und Transportarbeiter aufs
über die erbiinnl ichen Zustände verschafften sich Teile der nwt- ' engste mit dem Proletariat verbu':'den, im Klassenkampf zum Ar-
gernden Luft, indem sie in Bäckerläden und LelbertsrulittE:lge:sclläf- bciterführer gereift, stellte seine Entschlußfreudigkeit, seinen Mut
ten die Herausgabe von Brot und anderen l ahrungsgütern und sein großes Organisationstalent während des Aufslands viel-
zwangen. So auch am 20. Oktober, als die vom Senat dirigierte fach unter Beweis. Ungeachtet großer Schwierigkeiten verstand
Polizei bei Zusammenstößen mit den protestierenden Werktäti- er es immer wieder, die Verbindung zu den kämpfenden Arbei-
gen rücksichtslos von der Waffe Gebrauch machte. tern nie abreißen zu lassen, sie über das Notwendigste zu ·unter-
Ernst Thälmann, Vorsitzender der Hamburger KPD-Ortsorgani- richten und ihre Vorschläge zu berücksichtigen.
sation, oblag die politische Leitung des Kampfes. fhm zur Seite Um spontanen Bewegungen vonubeugen, hatten Ernst Thäl-
stand der rnilitiirische Oberleiter Albert Schreiner. Militärischer mann und andere KPD-Funktioniire am 21. Oktober 1923 auf
Leiter in ßarmbcck war I Ians Kippenherger und in SchiHbelt einer Werftkonferenz in IIomburg ihre ganze Autorität aufuieten
Fritz (Fiele) Schulze. Philipp Dengel - er wurde 1925 ins Thäl- rnlisscn, um - entsprechend der bis dahin gegebenen Weisung
mannsche Zentralkomitee gewiihlt - organisierte in der acht dt'r Zentrale der KPO, Tcilkiimpfe bis zum •entscheidenden
zum Aufstundstag Spcrrmnßnahmcn der Arbeiter auf Fernver- Schlag• nicht ?.u fiihrcn - die Arbeiter von der sofortigen Ausru-
kehrsverbindungen zur llansestadt. Internationalistische Hilfe lei- fung des Generalstreiks wrückzuhaJten. Gleichzeitig bezogen sie
stete Manfred Stern, der nls Teil nehmer nm Bürger- und Inter- jedoch Stellung gegen jene Gewerkschaftsfunktionäre, die jede
ventionskrieg in Sowjetrußland seine revolutionären Erfahrungen \1assenaktion zu verhindern suchten und die Beschlußfassung
in die Kiimpfe der deutschen Arbeiterklasse einbrachte. ln den darüber zentralen Gewerkschaftsleitungen zuschoben. Die Mehr-
Reihen der Aufstiindischen kämpften solche kommunistischen zahl der Versammlungsteilnehmer sprach sich dafür aus, mit Be-
Funktionäre und Jungkommunisten wie Etkar Andrf!, John Schehr ginn des Reichswehreinmorsches in Sachsen den Generalstrei~
und Willi Brcdel. zu proklamieren. Eine Delegation, die nach Chemnitz reisen
Bedingt durch die knappe Vorbereitungsfrist von nur 36 Stun· sollte, wurde bestimmt. Ehe sie jedoch dort ankam, hatten sich
den, mußten die Beschlüsse und Maßnahmen schnell ge(aßt und ";chtige Dinge ereignet.
realisiert werden. Eine wichtige Stütze war der von der Hambur- Zu einem Zeitpunkt, wo der bevorstehende Reicbswebrein-
ger KPO-Organisation im Laufe des Jahres 1923 geschaffene Ord· marsch die Vcrschiirfung der Klassenkämpfe deutlich wider-spie-
nerdienst (00). Srine kleinste Einheit war die Gruppe mit gelte, hatte die sächsische llcgierung zum 21. Oktober 1923 eine
8 Mann. 4 Gruppen bildeten eine Abteilung, 4 Abteilungen wie- Konferenz nach Chcmnilz einberufen. an der Vertreter der Be-
derum einen Zug. Zum Zug gehörten ferner Rad- und Motorrad- triebsräte, Gewerkschaften und Kontrollausschüsse teilnahmen.
fahrer sowie Arbeitersamariter. Insgesamt umfaßte der OD in \ erlauf und Ausgang dieser Konferenz aber zeigten, daß wohl
Harnburg etwa I 300 Mann. Kompliziert war es. die wenigen vor- Kommunisten und mit ihnen sympathisierende Arbeiter auf
handenen Waffen an die Kampfgruppen, die zuerst im Brellll" Kämpfe eingestellt waren, viele andere jedoch nicht.

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Alle linkssozialdemokratischen Regierungsmitglieder, deren Tdlnehmcrrunde etnmülig feststellte, die bis zum Siedepunkt er-
Stellungnahme die Haltung zahlreicher Abgesandter von Arbei- hitzte Kampfstimmung in Harnbu rg günstige Bedingungen bot,
terorganisationen beeinß ußte, weigerten sich während der Bera- ,, urde der Aufstandsbeginn für den kommenden Morgen festge-
lung, dem von I leinrieb Brandler vorgeschlagenen Generalstreik- l('gt. Die in einer Arbeiterwohnung tagende Versammlung unter
beschluß zuzustimmen. Unter diesen Umstä.nden zog der \ orsitz von Ernst Thä.lmann bestätigte einmütig den Aufstands-
Vorsitzende der KPD die Entscheidung der Zentrale vom Vortag plan. Ihm lag die Idee zugrunde, während der bewaffneten Erhe-
zurück. Er erkJiirle sich damit einverstanden, die Entschlußfas- bung die Initiative zu ergreifen und die erreichten Erfolge mit
sung solcher Kampfmaßnahmen einer paritätischen Kommission Lntcrstützung durch das Hamburger Proletariat zu erweitern. Die
zu überantworten. ('in?.elnen Etappenziele sollten nacheinander bzw. gekoppelt mit
Die sächsischen linken Sozialdemokraten in der Regierung hat- anderen Kampfaufgaben durchgesetzt werden.
ten in historisch entscheidender Stunde versagt. Sie scheuten, un- In Anbetracht der städtischen Gegebenheiten versprach der
ter dem Druck ihrer rechten Parteiführer in Bcrlin stehend und \ngrirf aus den östlichen und nördlichen Außenbezirken der Ha-
ebenso den eigenen Illusionen unterliegend, aur der Chemnitzer fenstadt besondere Vorteile. Dort gaben die Arbeiterviertel den
Konferenz den offenen Kampf gegen den Reichswehrfeldzug und rrforderlichen Rückhalt für die Kämpfenden ab und boten geeig-
für die Verteidigung und Erweiterung der proletarischen Positio- nrte Lagebedingungen für den Stoß ins Stadtzentrum. Ungünstig
nen. dugegen sah es mit der Bewaffnung aus. ur 80 1-landfeuerwaf-
Dieser Vorgang bürdete den Kommunisten eine schwerwie- frn. Gewehre und Pistolen, befanden sich in den !Iänden der
gende Last auf. Konnte doch ohne Mitwirkung der Gewerkschaf- \ufständischen. Von der Lösung dieses Problems und der ~1as­
ten, der Betriebsräte und anderer Arbeiterorganisationen die 'cnunterstützu ng durch die Werktätigen hing das Gelingen der
Mehrheit der ArbeiterkJasse nicht dafür gewonnen werden, die Erhebung in llamburg wesentlich ab.
Klassenauseinandersetzung bis zur Anwendung schä.rfster Folgende Kampfetappen wurden ins Auge gefaßt:
Kampfformen zu führen. Die Chemnitzer Konferenz bewies, daß Dl'r Aufstandsbeginn war mit dem plötzlichen Losschlagen von
die bestehende Einheitsfront der kommunistischen und sozialde- Kampfgruppen gegen Polizeiwachen in den Außenbezirken ver-
mokratischen Parteien der von ihr zu trogenden Verantwortung hundcn, um diese im ersten Ansturm zu überrumpeln und dje
1923 noch nicht gewachsen war und insgesamt zu wenig Kräfte dort lagemden Waffen- und Munitionsbesliinde in eigenen Besitz
aus der ArbeiterkJasse in die Vorbereitung der Massenkämpfe zu bringen. Anschließend sollten die Aufständischen zu starken
einbezogen worden waren. bewaffneten Arbeiterformationen zusammengeraßt werden und
Informalionen über Verlauf und Ausgang der Chemnitzer Kon· krilförmig - gedeckt von Massendemonstrationen der werktäti-
ferenz erreichten die Hamburger Genossen erst in der acht zum gen Bevölkerung - in Richtung Innenstadt vorstoßen, der Wi-
Aufstandstag. Das war zu spät, um die bereits eingeleiteten d('rstand gebrochen und der Gegner 'ollends entwaffnet werden.
Kampfmaßnahmen noch aufhalten zu können. Im \ erlauf der Kampfhandlungen waren strategisch wichtige
Am 22. Oktober hatten sich in der Hafenmetropole die Streik· Pun kt<' llamburgs - Hochbahn, Bahnhöfe, Post- und Telegrafen·
aktionen verschärft. Die acbrichl vom Reichswehreinmarsch in ämtf'r, zentrale Einrichtungen, Eibe- und Alsterübergänge - zu
den Freistaat Sachsen steigerte die KampfentschlossenheiL In brsctzcn. Ferner sollten Kampff:,rruppen aus der niiheren Umge-
den Werften, Hafen- und Baubetrieben wurde nach dem General· hung der llansestadt in den Kampf cingreifcn.·Auch äußere Absi-
streik gerufen. Am achmitlag ruhte die Arbeit im Hafenbereich. <'hl• rungen des Aufstandsgebietes durch Sperrung von Straßen,
Zusammen mit der Oberbezirksleitung 1ordwest und den Lei· Eisenbahnverbindungen und Schiffnhrtswcgcn in der Umgebung
lern des Aufslandes beriet Ernst Thiilmann am Abend des dl•r l lnfenstadt spielten eine Rolle, weiterhin die Absicht, die
22. Oktober die letzten Aufstandsvorbereitungen. Da, wie die \Vnndsbeker Polizeikaserne zu stürmen.

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Der Aurstandsplan verlangte den rast unbewarrnct angreifen- l))ftlldo ordsee vor, zur Verstärkung polizeilicher Krärte den
den Aurstiindischen ein llöchstmaß an Einsatzwillen, Mut und ;r;war längeren, jedoch weniger gefa.hrdeten \Vasscr\\eg Eibe, Al-
Taprerkeit, taktischem Geschick und Findigkeit in allen Lugen ster, Bille zu wählen.
nb. Er konnte in seiner Cesamtheil nur mit der vereinten Krart Kurz vor dem Aufstandstag ka•11 der proletarischen Kamp[iei·
des Hamburger Proletariats in die Tat umgesetzt werden. tung der Umstand zugute, daß die IIomburger Polizeidirektion
In der acht zum 23. Oktober 1923 sammelten sich ilie OD. ihren nach mehrfachen Einsätzen gegen Streikende und De·
Gruppen gemäß ihrem Aurtrag an den \Orher bestimmten Treff. monstranten ermüdeten Polizeieinheiten eine ,.Ruhepause« im
punkten in verschiedenen Stadtteilen. Oie Benachrichtigung, das A)armierungszustand einräumen mußte. Desto größer war für die
Beziehen der Ausgangsräume und die llerstellung der Knmprbe- Polizeiinstanzen ilie Überraschung, als in der Morgenrrühe des
reitschart kamen unter Einhaltung der Regeln strengster Geheim- 23. Oktober 1923 die lliobsbotschaft von der Erhebung der
haltung und Wachsanlkeit zustande. Galt es doch, plötzlich und Hamburger Arbeiter eintrar.
überraschend ilie Aktion zu erörrnen. Oie Kämprer waren der re-
sten Überzeugung, daß ihrem Beispiel die revolutioniiren Arbei·
ter im norddeutschen Raum und in ganz Deutschland rolgen wür- Aufstandsbeginn
den.
Bereits in den Abend· und Nachtstunden vor dem unmittelba- Am 23. Oktober 1923, 5 Uhr. noch im Morgengrauen, hatte der
ren Beginn der Erhebung hatten mehrere Arbeitertrupps ostwärts Angrirr in verschiedenen Stadtfeilen llamburgs begonnen. Die
von Harnburg versucht, die Eisenbahnlinie Lübcck-llamburg Kämprer waren angetreten, ilie ausgesuchten Polizeiwachen
und Straßenzugänge nach Hornburg zu blockieren. Mußte doch die handstreich(lrlig zu nehmen sowie Schußwarren und Muni tion zu
Aurstandsleitung daraur geraßt scin, daß der Gegner aus dieser erbeuten. Von 26 Polizeiobjekten konnten 17 innerhalb kürze·

- Richtung polizeiliebe und militärische Verstärkungen erhalten


würde, die hier auf kürzestem Wege herangerührt werden konn·
ten. Deshalb soUten in den Gebieten bei Ahrensburg und Bargte·
ster Frist - zumeist beim ersten Ansturm - übe..Wiiltigt und be-
setzt werden. Stützpunktartlg erstreckte sich die allgemeine
KampOinie von Hamm im Siidosten über Barroheck und Winter·
heide Sperrmaßnahmen durchgefü hrt werden, um solche Trans· hude bis l!:imsbüttel im 'ordwesten der Hansestadt. Außerhalb
porte aur Schiene und Straße zu unterbinden bzw. die Zurührung Hamburgs nahmen Arbeiterwehren in Schiffbek, \Vondsbek und
zu erschweren. Altona teil. Zu Überwachungszwecken wurde vorübergehend dle
Es glückte diesen Trupps auch an einigen Stellen, Gleisanlagen eingangs der Außenalster gelegene Krugkoppelbrücke in Besitz
zu unterbrechen und Straßenhindernisse zu scharren. Da sie es genommen und durch die Kämprer kontrolliert.
jedoch vcrsiiumten, die betrerrenden Hüume genügend abzusi· Im Bllrmbecker Absch nitt vollzog sich die Eroberung der
ehern und die nähere Umgebung zu sondieren, blieb ihre Tätig· Mehrzahl der Wachen in sehneUer Folge, obgleich die Angreifer
keit nicht lange unentdeckt. So konnte ein Bahnbeamter, den ilie zunächst nur 19 Gewehre und 27 Pistolen besaßen. Plötzlich
Arbeiter unbeaursichtigt gewähren ~eßen, per Bahnteleron seine tauchten die Arbeiterkämprer am Einsatzobjekt aur, paßten sich
Vorgesetzten benachrichtigen und Alarm auslösen. Kommandos meisterhaft den erkundeten Gegebenheiten an und verstanden es,
der preußischen Schutzpolizei besetzten daraurhin die gesperrten die Polizeistntionen mit schwachen Kräften zu überrumpeln.
Streckenabschnilte, veranlaßten die Verfolgung der Arbeiter· Meistens wurden die eingenommenen Polizeiwachen und -po·
trupps und leiteten Sorortmaßnahmen zur Beseitigung der Gleis· sten nach Erfüllung des Kampraurtrages wieder verlassen. Ort
und Baumsperren ein. Gewarnt durch die Spemmg von Sclüe- schickten die Arbciter die Entwarrneten einfach nach Hause.
nen· und Straßenwegen in der Hamburger Richtung, zogen es l\icht wenige der bürgerlichen Staatsdiener Oüchteten auch, um
einen Tag spiiter verantwot1liche Militiirs im Marinestutionskom· der abzusehenden Übcrwiil tigltng zu entgehen.
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278 279
Die Radfahrwache 26 in I lamm konnte von der prc,letari:schte~ Quenser Trupp, der bis ins Vorfeld dieser Wache kam, stieß da·
Kampfgruppe in der Frühe kampflos eingenommen werden. bei auf eine starke Polizeistreife. Im Feuerkampf unterlegen,
dort diensttuenden Beamten waren so überrascht, daß sie zu mußte er von einem weiteren Angriff Abstand nehmen.
ner Gegenwehr f'"lihig waren. Beim Erscheinen der At11IsLiim Die in den ersten Stunden des 23. Oktober genommenen
sehen hoben sie schreckensbleich die Hände und baten darum. 17 Polizeistützpunkte stellten einen bea.chtlichen Erfolg dar. Es
ihnen nichts zuleide zu tun. Eilfertig lieferten sie die Waffen war den kaum bewaffnet anstürmenden Ordnerdienstgruppen ge-
Doch nicht jeder Wachensturm endete mit einem Erfolg lungen, eine em pfindliche Bresche in die 50 vorhandenen Poli·
die Arbcitcrkämpfer. Einige Wachen konnten rechtzeitig zeircviere zu schlagen und damit sichtbar zu machen, was die
Polizeiinstanzen gewarnt und in die Lage versetzt werden, Kraft der geschlossen auftretenden Arbeiterwehren zu vollhrin·
Anstünnenden zurückzuschlagen. Dane._ben traten auch gen imstande war. Darüber hinaus konnten der Zugverkehr der
mente ein, wo mangelnde Erfahnmg, Ungeduld oder geringe Ziel- I lochbahn in Barrnbcck und einer Vorortlinie nordöstlich der Ha-
strebigkeit bei einzelnen Aktionen die Erfüllung des Kampfauf- fenstadt lahmgelegt sowie einige Bahnstationen und Brücken zeit-
trages einschränkten und sogar verhinderten. weilig blockiert werden. 170 Schußwaffen, in der Mehrzahl Ge-
Das umstrittenste Polizeiobjekt am ersten Kampftag war wehre, "urden erbeutet, dazu die vorrätigen Munitionssätze.
Barrnbccker Doppelwache 46. Schon zum Teil besetzt, scheiterte Trotzdem reichten Waffen und Munition kaum aus, die am Mor·
der volle Erfolg an dem kopflosen, undisziplinierten Verhalten gcn des 23. Oktober angetretenen 300 Arbeiterkämpfer in vollem
eines Truppführers. Sein Auftrag lautete, die Doppelwache zu u mfang zu bewaffnen. Das hatte Konsequenzen für den weiteren
umgehen und sie durch ein<'n zweiten Eingang von der Hofseite KampfverJauL Einmal mußte die Absicht, bei ausreichender Be-
aus einzunehmen. Er jedoch hielt sich nicht daran und ließ in das waffnung den Stunn auf die Wandsbeker Polizeikaserne mit etwa
Gebäude hineinschießen. Oie übereilte Tat löste Verwirrung in 600 Insassen zu wagen, fallengelassen werden. Zum anderen
den eigenen Reihen aus, wus die noch kumpfkräftige Polizeibesat- konnten die kampfwilligen Arbeiter, die sich im Laufe des Auf-
zung zum Gegenstoß uusnutzlc. Um einer völligen Einschließung standstages der Erhebung 11ngeschlossen und nach Waffen ver·
zuvor-.~:u kommcn , mußten die Kürnpfer die schwer errungenen langt hatten, nicht bewaffnet werden.
Positionen uufgeben und Schutz in den umliegenden Mietshäu- Groß war die Sympathie, mit der das Haniliurger Proletariat
sern suchen. Obwohl die Kampfhandlungen darum fast den gan· das Wagnis der Aufstiindischen verfolgte, Hunger und Elend zu
zcn Tag 11ndouerten, blieb diese Wache unhezwungen. überwinden und Bedingungen für ein menschenwürdiges Dasein
Jene Kampfgruppe, die irn Stadtteil Sankt Georg die Polizeista· zu erkämpfen. Eine beachtliche Anzahl war bereit, aktiv die Er·
tion 4 stürmen sollte, wiihltc eine Überfallvariante, die ihrem Auf· hcbung zu unterstützen. Das gab den Arbeiterkämpfern morali-
trag widersprach. AnstaU ihre Kräfte schnell und ohne Aufsehen sche Unterstützung.
~~~ das Ziel heranzubringen, vereinigte sie sich unterwegs mit
emer Gruppe von Sympathisanten und rückte demonstrativ vor.
Auf dem Platz vor dem einzunehmenden Stützpunkt hielt die lok-
kere Ansammlung inne und verlor dadurch jeden Überra- Barrikaden in Hamburg
schungseffekt Abwehrfeuer der Polizei :r.wang diese Gruppe, un-
verrichteterdinge den llückzug anzutreten. Oie Anteilnahme der Bevölkerung am Hamburger Aufstand war
Fehlende Zielstrebigkeit und Entschlußkraft bei OD-Funklio- besonders im Arbeiterviertel Oarmheck, in dem Annut und I ot
nären in Altona hatten zur Folge, daß ihr Eingreifen kein positi· vorherrschten, stark ausgeprägt. llier war es vor allem den Korn·
ves Ergebnis brachte. Waren zunächst drei Wachen anvisiert ge- munisten gelungen, der viele Menschen beherrschenden Resigna·
wesen, verringerte sich das am Aufstandstag auf eine. Der tion entgegenzutreten und sie zur befreienden Tat zu bewegen.

280 281
Darum gingrn viele ßarmbecker nach Aufstandsbeginn auf die 23. Oktober 1111 die wehrllihigen Proletarier, sich im Selbstschutz
Straße und beteiligten sich aufopferungsvoll am Kampf. zu vereinigen, um den errungenen Erfolg zu bebauplen.
Unter ihnen gab es viele Frauen und Jugendliche, die die Rei- Wie notwendig diese Vorsorge war, zeigten die bald darauf ein-
hen der Kämpfer verstärkten und bereitwillig schwierige und oetzenden Gegenmaßnahmen der Polizei. Bei ihrer Abwehr er-
mühselige Arbeiten verrichteten. Ob als Barrikadenbauer, als "ics sich der Kommunist Frilz (Fiele) Schulze, eng mit der Ham-
Melder, Aufklärer, Agitator, als Arbeitersamariter oder mit Ver- burger Kampneilung zusammenwirkend, als umsichtiger militäri-
sorgungsdiensten der verschiedensten Ar1 betraut, selbstlos und scher Organisator. Unter seiner Befehlsführung verteidigten die
mutig führ1en sie die ihnen von der KampOeitung übertrageneo proletarischen Kiimpfer - die mit 35 Waffen in den Kampf ~
Aufgaben aus. gcn - die eingenommenen Stellungen zäh und tapfer. Erst als m
Um den Bnrmbecker Hauptkampfplatz sicher gegen die zu er- der \1ittagszeit erneut polizeiliche Verstärkungen eintrafen und
"ar1enden Polizeivorstöße abzuschirmen, konzentrierte sich die die Gefahr anwuchs, von ihnen überwältigt zu werden, verließen
Unterstützung der Bevölkerung vorerst auf den Barrikaden- und die in Deckungen verschanzten Aufständischen die frontalen
Stellungsbau. Allein im Südteil des Arbeitervierleis wurden a.m Kampfstellungen und gingen zur beweglicheren Manöverlaktik:
Vonniltag des 23. Oktober 1923 58 Barrikaden an wichtigen Stra- über.
ßenknotenpunkten errichtet. Darüber schrieb später die •Ham- Folgende \lethode wandten sie dabei variantenreich an: Wäh-
burger Volkszeitung•: •Alles half mit nrn Bau proletarischer Ver- rend einzelne Gewehrschützen den Feuerschutz übernahmen, zo-
teidigungsstellungen. Straßen waren quer aufgerissen, dicke gen sich die meisten Kämpfer unbemerkt vom Gegner in vorbe-
Bäume auf bcidrn eilen gcf'iilll und mit Stacheldraht umwickelt, reitete rück- oder seitwärtige Stützpunkte zurück und setzten von
Asphaltplatten losgemeißelt und als Brustwehren in den Schüt- dort aus die ßckiimpfung der Polizeikriifte fort. Eine solche Ver-
zengrüben verwandt. Lebensmittel und Zigaretten wurden von änderung wurde einige Male vorgenommen und dadurch die
sympathisicrcndt'n Klcinbiirgcrn \Crleilt, proletarische Frauen Kampfkraft der Verleidiger geschont. Verschiedentlich ~onnte
kochten im Verlauf der Kiimpfe dicke Suppe und Kaffee, Kuriere der Angreifer erfolgreich getiiuschl werden, so daß er nocb län-
kamen und brachten Munition ... Trotzdem jeder in Barnlbeck gere Zeit sein F'euer auf die verlassenen Arbeiterpositionen rich-
wußte, daß der Gegner eine weit überlegene Waffengewalt hatte, tete und sich sein Irrtum erst noch deren Ei nnahme aufklärte. Ln
so wnr doch in keinem Stadium des Kampfes Kleinmut aufge- einem Fall brauchte eine der so hundeluden Polizeieinheiten
kommen. Wenn proletarischer Zorn und proletarische Begeiste- zwei Stunden, um einen leeren Schützengrahen einzunehmen.
rung sich paaren, dann ist es von vomherein eine Waffe, gegen Die von den Schiffbekern fintenreich angewandte Taktik und
die die Söldlinge des Kapitals keine gleiche huben .• die solidarische Unterstützung der Kämpfer durch die Bevölke-
Hartnäckige Kiim1>fe entbrannten auch in Schiffbek und rung verhinderten, daß die Polizei ihren Plan, mit Waffengewalt
Wandsbek - Orte, die damals administrativ zu Schleswig-Hol- diesen Ort zu •befrieden «, am ersten Kampftag durchsetzen
stein gehörten. konnte. Das erregte in der llamburger Polizeidirektion nicht ge-
Die Schiffbeker Arbeiter crober1en im ersten Ansturm die ringe Bestürzung. Deshalb ergriff run nächsten Tag der Cbef der
Polizeiwache, besetzten das Gemeindehaus und die Post. Nach- •Ordnungspolizeic, Polizeioberstl('ulnant Lolhar Danner. selbst
dem sie die Macht im Ort übernommen haUen, bereiteten sie di!' Leitung, um die Sehiffbek!'r mit noch massiveren Kampfmit-
Schiffbek auf die Ver1eidigung vor. An geflihrdcten Straßenstel- teln zur • Räson• zu bringen.
len türmten sie Hindernisse auf. Auch hier fanden die Kämpfer -\uch in Wandsbek war es den Arbeiterwehren im :\lorgen-
Hilfe bei den Or1sein" ohnern. Unter der Überschrift . Arbeiter· gl'auen des 23. Oktober 1923 gelungen, bandstreichartig eine
brüder! Der Sieg ist unser!c appellier1e der neugebildete proviso- Polizeiwache zu erobern. Von Bede~tung für die folgenden
rische \ ollzugsausschuß von Schiffbek in seinem Aufruf vorn "-smpfhandlungen erwies sich die Beschlagnahme der im

282 283
• Wandsbcker Schützenhofe vorhandenen 60 Scl~eibertbüichse Eine eiligst zusammengestellte Polizeieinheit, welche die Att[gab('
Diese. üblicherweise nur zum Sportschießen gebraucht, en••n hatte. diese Polizeistation zurückzugewinnen, holte sich dabei
ten beim Schuß einen mächtigen Knall, womit die Arbeiter illlJ~ einr gehörige Abfuhr. Selbst die zur Entsetzung herrungezogene
liehe Polizeibeamte zusätzlich beunrulligten. Oie J3. Polizeibereitschaft konnte trotz der zukommwndierten 2 Pwn-
komplettierten die aufständischen Reihen und nahmen mit zerkrnftwagen den Arbeiterstützpunkt in der Müggenkwmp- und
erbeuteten Waffen am Kampf im Raum Bwrm lbe(:k--H<elll>rook~ \lcthfesselstraße nicht einnehmen.

Bramfeld teil. Während der Feuergefechte fiel eine Pwnzerkraftwagenbesat-
1
icht allein die Besatzungen der von den Arbeitern einge~1011 zung aus. Ein solcher Verlust war in der Hamburger Polizeidirek-
mcnen Polizeiwachen wurden vom Aufstwndsbeginn üiM~rra'sch tion nicht einkalkuliert worden, denn es gab keine Reservebesat-
ebenso die Polizeizentrale und der l lambt~~-ger Senal Nachc:le~ zung dafür. Deshalb liegt die Vennutung nahe, daß die
dort der erste Schrecken überwunden wwr, wurde rue ge!;amatl Hamburger Polizeiführung den Bürgerkriegstheorien des ehema-
Hamburger Polizeimacht in Großalarm versetzl Außerdem ligen Kommandeurs des Freiwilligen Landesjägerkorps, General·
de die Reichswehrdienststelle in Wilhelmshaven - das Marin~~ major Georg Maercker, Glauben geschenkt halle. Derselbe wwr
stationskommwndo ordscc - benachrichtigt und von dort nach der Novemberrevolution 1918119 mit der großsprechcri·
tärische Un terstützung angefordert. sehen Behauptung aufgetreten, im inneren Einsatz käme jedem
Gemäß dem gültigen polizeilichen Alannicrungsreglement der Pwnzcrkraftwagen, die er für unverwundbwr hielt, etwa die
ten sogenannte nicgende F:insatzkommandos auf La:stkiraft:wagem Kampfkraft eines Infanteriebataillons zu. Oie Hamburger Erfah·
teilweise komplettiert durch einzelne Panzcrkraftwagen, 1nne1 rungen brachten diese Ansicht jedoch nachhaltig ins Wanken.
halb kuner Zeit die von den Arbeiterkämpfern gestürmten \1it aufgefrischten Kräften wiederholte die Polizei in der Mit-
besetzten Polizeiobjekte wieder einnehmen und alle Autfst:llß(la tagszeit den Angriff in Eimsbüttel. Jeder Polizist wwr vorher mit
herde in der Stadt und Umgebung mit bewaffneter Gewalt "'"'" Stahlhelm ausgerüstet worden. Von mehreren Seiten zog sich der
sehen. Abgesehen von der freiwilligen Räumung ei"ing<eno•mrneru!l Einschließungsring immer enger um die kämpfenden Arbeiter.
Polizeiwachen durch die Arbei ter, mußten n"'" Standhaft verteidigten diese ihre Stellungen, solwoge die Munition
führende dort, wo sich die Aufstiindischen zum K.nrnnf stellten reichte. Erst dann räumten die prolelßrischen Kämpfer diCI nicht
bald erkennen, daß die schnelle Unterdrückung der Hamhml:e mehr zu haltenden Positionen, verließen truppweise den Stütz-
Erhebung Illusion blieb. punkt und verschwwndcn in den un11iegenden Häuservierteln.
Da die Unterstiilzung durch die werkliilige Bevölkerung in Von der Polizei wurde darau01in das Gebiet durchsucht. Die
um IJamburg, worauf der Auf&tandsplan aufgebaut hatte, nicht Erfolgsmeldungen berichteten von der Festnalune zahlreicher
zustande kum wie erwartet, wurden die kämpfenden Personen. ln • Gewahrsame kam jedes »verdächtige l.ndivi-
nach anflinglichen Überraschungserfolgen jetzt in die Uelren,si\11 duumc, ohne ernsthaft zu prüfen, ob der Festgenommene über-
gedriingl Dennoch rangen sie beharrlich darun1, die initiative haupt am Kampf teilgenommen holte.
Kampf in ihrer Hand zu behalten. Den aufständischen Arbeitern in llamburg stand eine zwwnzig-
Oie städtischen Aufsllindischen behaupteten sich im öa•mt>eilt' fache Übermacht an polizeilichen und militärischen Kräften ge-
ker Gebiet und auch in Eimsbüttel und " ehrten erste t'otlize:iv~ll' genüber. Wwren doch in der acht zum 24. Oktober 1923 mit
stöße entschlossen und ausdauernd ab. dl'm Kleinen Kreuzer oHambu rge und einer Torpedobootsbalb-
Lm Unterschied zur Praxis der meisten anderen Kamp,fgrup Oottille Reichsmarinesoldaten im Hafengt:biet eingetroffen. Diese
pen wurde die in den Morgenstunden des 23. Oktober ein,gei30rll' bezogen sogleich vorher lestgelegte Sicherungslinien auf der Un-
mene Wache 42 in Eimsbilttel nicht sogleich wieder ge~ruum~ terelbe, Alstor und Bille. Die sich außerdem an Bord befmdenden
sondern von den Kämpfern zu einem Stützpunkt eilltgCJriclttel l..andungskommandos, Teile der Küstenwehrabteilung ll in Wu·

281 285
helmshavcn, verstärkten die Polizeiformalionen, die in I:SrurmJbec
und Srhiffbek zum Einsalz kamen. Vorwiegend waren es An"''"' Bormll«k
hörige einer Maschinengewehrkompanie, die mit schweren
leichten Mascl1inengewehren in die Gcfechtr cingritren. IJatriih...
hinaus "~rkten jenseits der Hamburger Stadtgrenzen pre:ußiscll4!
»Schutzpolizisten• bei der Abschirmung der Erhebung mit.
gen S) mpathiekundgebungen in Ratzeburg und ltzeboe, in Läj~m
dorf und Altstrahlstedt gingen Einheiten des lleichsheeres vor.
Den llouptschlag führte die llcaklion gegen Barmbcck.
war es den kämpfenden Arbeitern mit Unterstützung von
der Bevölkerung gelungen, ein außerordenllicb engmaschiges
derstandszentrum durch di e Erri chtung von Barrikaden aller
das Aufwerfen von Lauf- und Verbindungsgräben und die übe:l'o
legte \lulzung anderer Abwehrmöglichkeiten im Häuser-
Straßenkampf zu schaffen. Dieses Zentrum crstreckte sich
der \ olksdorfer Straße inl Süden bis zur Drosselstraße im l'O o,r-
den und vom Pfenningsbusch im Osten bis zur 1-locllbathnst:neck,e
im Westen. Die Einbeziehung des I Iochbahndamms so~e
Osterheckkanals in das Verteidigungssystem erlaubte Einsiebt
die Umgebung, das frühzeitige Ausmachen anrückender PolizE~
fom1ationen und bot im nördlichen Abschnitt Schutz durch
\Vasscrhindernis.
Vom Chef der »Ordnungspolizei«, Lothor Donner, war Po,lizE:i•
major \Vilhelrn I lnrtenstein beauftragt worden, die ßrechtmg
Widerstandes im Arbeiterviertel ßarmbcck-Siid zu leiten. Hnrt"'""
stein hat 1926 als Autor eines polizeitaktischen Komr,1endiLtml
über \1 ethoden im Straßen- und Ortskampf versucht. anhand
zelner Kampfepisoden vom 1-lerbst 1923 Lehren für das effektive llanikllden in Barmbeck. Oktober 1923
Auftretfn und Einschreiten poUzeilicher lleprc sivorgane zu
hen. Dabei mußte er aucb Kampfmomente schildern, bei detnCII
es die bc"affneten Arbeiter· in Hamburg vermocht halten, grn durchstreiften die Polizeispitzel ' den Kampfbereich und
gegnerischen Obermacht in harten Auseinandersetzungen zu erkundeten die Möglichkeiten, die ein giinstiges Schußfeld und
zen und ihr empfindliebe Verluste zuzufiigen. lliiume der gedeckten Annäherung bzw. Umgehung versprachen.
Als llortcnstein am 23. Oktober 1923 seine Aufgabe ii Dorh ihr Auftrag fand dort seine Grenzen, wo es sieb um die
nahm, organisierte er als erstes die Aufklärung der Lage in Aufdeckung des Verteidigungssystems und der konkreten Ab-
um ßnrmbeck. Dazu setzte er sogenonntr Zivilstreifen ein, die sichten der Aufständischen handelte. Ob<'rhuup! war der Spitzel-
harmlose Passanten, ja sogar als • Demonstranten«, dns Gebiet und Aufk liir·ungsapparat der Polizei in den I Iomburger Kampfta·
kognoszieren sollten. Dies war eine schon öfters 1>raktizierte gcn 1923 wenig erfolgreich. Selbst die ungestört e Luftbeobach-
thode der Heaktion im Klassenkampf. ln verschiedenen RicJ,,turr· tung durch Flugzeuge glich das nicht aus.

286 287
ln den Aufklärungsmeldungen wurde immer wieder mit Trotz zahlenmäßiger Unterlegenheit waren die Arbeiterkampf-
staunen festgestellt, daß beim Barrikaden- un d Sperrenbau vio>JI.. trupps Sieger im Gefecht geblieben.
Jugendliche und Arbeiterfrauen mitwirkten. Desweiteren hieß tlartenstein suchte krampfhaft nach Gründen für die erlittene
darin, umfangreiche Vorbereitungen seien getroffen worden, die Schlappe. Von zahlreichen ßemäntelungen abgesehen. die der
\ crsorgung der kämpfenden Ar beiter bis zur Betreuung im Ver- nuf ein Minimum abgesunkenen Kampfmoral der Polizisten wie-
letzungs- bzw. Todesfalle sicherJ:ustellen. dt•r Auftrieb geben sollten, kam er den wahren Ursachen 1eil-
Auf der Grundlage der ermittelten Angaben faßte llartenstcin wcise auf die Spur. Er nhnte, daß die Verwurzelung der Arbeiter
seinen Entschluß und legte den Zeitpunkt des Angriffsbeginns in ihren WohJiliereichen ein Garant für den Erfolg ihrer Kämpfe
auf den 23. Oktober 1923, 12. 15 Uhr, fest. wnr. Daher lautete jetzt das Hcsultat seiner Lagebeurleilung: Die
Zur angegebenen Stunde ging die Polizei in mehreren Stoß. \ ufständischen hätten Barmbeck-Süd deshalb zum llauplkampf-
gruppen vor und griff die hinter den Barrikaden vermuteten Ar- platz erkoren und Barrikaden errichtet, weil sie sich dort hei-
beiter an. Ihrer Übermacht sicher, glaubten sie, durch das Vorsto- mi>rh und sicher fühlten, jeden Schlupfwinkel kennen würden
ßen an verschiedenen Stellen zum baldigen Erfolg zu kommen. und mit der HiUe der ansiissigen ßevölkenmg rechnen könnten.
Doch ihre Hoffnung verwandelte sich alsbald in Furcht, als sie in Gewarnt durch die bisherigen Fehlschläge und Verluste, tak-
den Straßenfronten aus mehreren Richtungen bekämpft wur,den, tit•rtcn die Polizeiinstanzen im weiteren Verlauf der Kämpfe vor-
ohne die einzelnen Feuernester ausmachen zu können. Die unzu- sichtiger. Jeden Teilangriff bereiteten sie jetzt sorgfiiltig vor. Das
treffenden Ausgangsangaben, die dem Polizeieinsatz zugrunde la- gnb andererseits den Arbeiterkiimpfern die Möglichkeit, auch
gen, verwirrten die Polizisten und trugen zu ihrer Desorganisa- ihN• Kräfte erneut zu sammeln und die Gefechtsordnung den
tion bei. Kopflosigkeit und Hektik verbreiteten sich in den n!'ucn Anforderungen nnzupassen. Eine flexible Taktik ermög-
Reihen der Polizei. Der großspurig angelegte Polizeiangriff auf lichte es den proletarischen Kampfgruppen, Barrikaden, Stellun-
Barmbcck-Süd erlitt ein schmähliches Fiasko. Die den Arbeitern gen und Stützpunkte zu verteidigen, ohne dabei aufgerieben zu
zugedachte Lektion verkehrte sich in ihr Gegenteil. wt•rden. Ständig waren die Aufständischen bestrebt, die Schwach-
Die ßarmbecker Aufständischen ließen bei den Barrikaden stellen des Gegners zu erkunden und zu bekiimpfen, dessen An-
selbst nur Einzelkämpfer stehen, während der Hauptteil der grirrsubsichten zu vereiteln und seine Kräfte und Mittel zu schwä-
Kiimpfer aus Gräben, Kellern, Häuseretagen und von Dächern rhr n.
den Gegner bekämpfte. Überlegt wechselten sie dabei ihre Feuer- Die Polizei gab am ersten Kampftag ihr Vorhaben nicht auf,
stellungen, warteten mit plötzlichen Gegenstößen auf und beuno di!' Arbeiterbastionen in Barmbeck und Schiffbek zu zerschlagen.
ruhigten ständig den Rücken und die Flanken der polizeilichen Dt'n Widerstand der \ ertcidiger konnte sie jedoch nicht überwin-
Angreifer. Selbst die Panzerkraftwagen stießen ins Leere, fanden d<'n. Deren bingebungsvolle Treue zur Sache der Arbeiterklasse,
sie doch kein lohnendes Ziel. Oie überall drohende Gefahr, im ihn• l lurtnäckigkeit irn Abwehrkampf und ihre Standhaftigkeit in
Hiiuser- und Straßenkampf in einen Hinterhalt zu geraten, veran- komplizierten Situationen wn.rcn wesentliche Voratossetzungen
Jaßte deren Besatzungen zur Meidung jedes Risikos. Die von den tlnfiir, das gegnerische Anrennen zum Scheitern zu bringen. Da-
ßormbeckem erfolgreich angewandle Kampftom1 durchkreuzte lllit bt!wiesen die l·lamburgl'r Proletarier ihren Klassenbrüdern in
gründlich die ausgegebene polizeiliebe Order: •Jeder Widerstand {(anz Deutschland, daß selbst ein zahlenmäßig stiirkeres und gut
ist rücksichtslos zu brechen. Eile geboten.c h!'v.affnetes Repressivorgan außerstande ist, entschlossen kämp-
Barmbcck erwies sich am 23. Oktober 1923 als uneinnehmbar- fende Aufständische in kurzer Zeit niederzuringen.
Die proletarischen Verteidiger hatten Polizeiformationen in \ m Abend des 23. Oktober ging die Hamburger Polizeidirek-
Stiirke von mehr als 300 Mann, unterstützt von Panzerkraftwa- tion dazu über, e.incn dichten Polizeikordon um Barmbeck-Süd
gen, gezwungen, sich in ihre Ausgangsräume zurü ckzuziehen- t.u t:'rrichten, der dann am niichsten Tag systematisch weiter ein-

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gccngt wrrden sollte. Den Arbeitern blieb diese Absicht nir·l. " cglich keit beim Manövrieren, ihr auf StUtzpunkte basicrender
'crborgcn. • ach reinicher Prüfung der Lage beschloß die 1\.am~)f. 1\umpf vereitelten immer wieder die Vorstöße des Gegners.
Ieitung, diesen Stadtteil noch während der Dunkelheit zu Jn diesem Zusammenhrung sei auch auf die Praxis hingewiesen,
lassrn. Einzeln und in kleinen Gruppen setzten sich die Kämpfer mit der die Aufständischen dem Panzerkraftwageneinsatz begeg·
durch llinterhöre, Gassen u.nd über Hausdiicher nach Brurml>ecllr.- netcn. Meh rma.ls gelang es ihnen, binter fahrenden Prunzerkral't-
\'ord ab, um im Raum des •Schützenhofes• erneut den Kampl "agen S1>crrungen vorzunehmen bzw. natUrliehe Hindernisse zu
aufzunehmen. gt•brauchen, um deren Aktionsradius einzuschriinken oder die
Dieser getarnte Stellungswechsel dauerte nur wenige Shmdlen, Hückfohrt dieser Kampfmittel gänzlich auszuschließen. Um nicht
wobei sich die Ortskenntnis der Arbriterkiimpfer wiederum manövrierunfähig zu werden oder in einen Hinterhalt zu geraten,
lohnte. Andererseits beließ die Kampfleitung den Gegner in dem -rrmicdcn die Panzcrkraft,vagenbesntzungen das Passieren un·
Gluuben, das Barmbecker Widerstandszentrum ei ngeschlossen iihersichtlichen Geländes. Das nutzten die Arbeiterkämpfer be-
zu hoben. Wrur dieser Raum in Poli zei berichten doch als »Fe- " ußt aus. Sie ließen sieb nicht auf Kampfhandlungen im offenen
stung• ('ingcschätzt worden. Trrrnin ein, do dies nur dem Gegner Vorteile brachte.
Verfol'gtc das polizeiliche Unternehmen bisher vergeblich die Ein anderer Brennpunkt des Kampfes entwickelte sich im
Absicht, einen Einbruch zu erzielen und dnnn von inn en her die Haum Schiffbck. wo der polizeiliche Angreifer am 24. Oktober
Verteidigungsfront der Arbeiter aufzurollen, so trat am 24. Okto- 1923 mi t verstärkten Kräften daranging, die Aufständischen in die
ber eine taktische i\nderung ein. Jetzt rückten massive Angriffe Knie zu zwingen.
der J>olizei unter Hinzuziehung militärischer Kriifte und ~1 ittel in Dazu konzentrierte der Chef der . Ordnungspolizeic, Danner.
den Vordergrund. Zusammen mit einem Landungskommrundo bis 12 Uhr ein Detachement, das aus 2 Gntppierungen bestand.
vom Kleinen Kreuzer »Hamburgc ließ Polizeimajor Hrurtenstein Ei ne davon bezog im Rawn ~ andsbek- Tonndorf ihre Aus-
den Sturm auf ßarmbeck-Süd wiederholen, ohne zu wissen, daß gangsstellung, die rundere im Südwesten, am Ortsausgrung von
dieser Teil der Stadt längst vom Gros der Aufstiindischen enl· llnmburg- 1Iom. 'achdem die Akt ion stabsmäßig geplrunt und
blößt war. das Zusa mmcn"rirken abgestimmt war, gab Donner 12.30 Uhr
Es dauerte darum geraum e Zeit, bis di e JloJizeiführung er· folgenden Angriffsbefehl:
kannte, daß die Arbeiter einen anderen Kampfplatz bezogen hat· • I. Schiffbek ... strurk besetzt. Die Houptwiderstandsnestcr befin·
ten. Denn uus sicheren Verstecken hatten Ei nzel- und Dachschüt· den sich anscheinend am West· und Ostausgong von Schiffbek
zen in der I acht und am Morgen des 24. Oktober die und auf der Höhe nordöstlich von Schiffbek, wo geschrunzt
Bekiimpfung auftauchender Ziele fortgesetzt. "ird.
Insbesondere um den »Schützenhof• in Barmbeck-Nord und 2. Das Detachement greift run und besetzt Schiffbek bis zur Bille
bei den Gabelungen der Chausseen Bannbeck- ßramfeld und und zur Kleinhahn Schiffbek-Havighorst.
~ andsbek- Bramfeld entbrannten bis zum \'achmittag des 3. Beri ttener Zug der Schutzpolizei Altona klärt auf über Jenfeld
24. Oktober erneut Auseinandersetzungen. Ein provisorisches auf Schiffbek und _über Öjcndorf auf i.\'iederschlemc und
Verteidigungsnetz mit eilig angelegten Verschanzungen gab unter Kirchstcinbek. Der Rest des Zuges besetzt Kirchsteinbek und
Einbeziehung vorhandener Hindernisse etwa ISO proletarischen sperrt die Straße Schiffbek- ßergcdorf.
Kämpfern, die dort Stellungen bezogen hallen, Deckung und gute 1. F"rei hafenrevicr ll und I Sonderwagen (Ponzcrkra.ftwagen -
Vcrtcidigungsmöglichkeiten. Nur etwa die Jliilfte von ihnen ver· die Verf.) greifen l.l5 Uhr nachmittags, vom Ostausgang von
fiigte Ubcr Schußwaffen, darunter die bereits erwä hnten Schei· Horn aufbrechend, Sclliffbck 11n. Der 1 ordflügel des Reviers
bcnbüC'hsen. Dreimal griffen die Polizeinurgebote vergeblich run. ist durch weiße Leuchtkugeln zu bezeichnen.
Oie klug oufgcbautc Gefechtsordnung der Verteidiger, ihre Be- 5. 14. \Vachbereitschaft, verstärkt durch I Sondenvagen und 2

290 291
schwere und 2 leichte Maschinengewehre der Mari ...,-._.,. hlagen. Er bekannte dabei, daß diese sich organisiert vorn
Kampf zurückgezogen und unter M·tinahme der Waffen .m s·1-
C
dungsabteilung, greift, I Uhr nachmittags liings des Weges Jen- zers
feld- chiHbek antretend. Schirfuek aJl. rhNhcit gebracht hatten. . .
6. 5. \Vachbcreitschaft, verstärkt durch 2 sch" ere Maschinenge- An dieser Tatsache konnte selbst die llamburger KlassenJUStiz
"ehre der Marine-Landungsabteilung, geht I Uhr nachmittags irht rütteln, die etwa I 000 Verfahren anstrengte, Todesurteile
über Jenfeld-Öjendorf vor und greift Ober- und Niederschleme ~t•j!en Arbeiter verhängte oder die Verurteilten zu lru1gjährigen
an. Rechte Angriffsgrenze Straße Oststeinbek- Oberschleme. ~·reihcitsstrafcn verurteilte. .
7. 9. F'reihafenrevier, verstärkt durch 2 leichte Maschinengewehre \arh unvollständigen Angaben, so fehlen unter anderem d.te
der Marine-Landungsabteilung, geht I Uhr nachmittags über Srhiffbcker Verluste, fielen während des IIomburger Aufstandes
Jcnfdd-Öjcndorf- Kmg vor und greift über Kirchsteinbek 1923 folgende Arbeiterkämpfer:
Oberschlcme an. lJormbPck
8. Sanitiitsstaffel über Öjendorf auf Sehiffbck. August Geissler, Walter Pollmmm, Friedrich Mnlinowski, Vikto r
9. Meldungen treffen mich auf dem Wege Jcnfcld- Öjendorf- 1lt>mpcl, Emil Trende, Hermann jachmann, Knrl ßeth und Pau-
Niederschleme, spiiter im Gemeindehaus Schiffbck.c lus Zit•glcr•
ach mehreren Richtungen bestritten die Schiffueker mit etwa Eimsbüttel
70 Schußwaffen den ungleichen Kampf und wehrten so lange die Gu;tav Schlodinsky, Otto Harms und Willi Meyer•
\ orstöße des Gegners ab, bis dessen Obermacht die Kämpfer { hlenhorsl- \flinterhude
zwang, sich gruppenweise in Richtung auf Bergedorf zurückzu- Chri!>tian Stichling und Karl PolJak
ziehen. Mit welcher Todesverachtung die erteidiger die Abwehr Bromfeld
führt('n. gibt eine Passage der 1958 erschienenen Darstellung lt('rmann Kolbe und Johann Lewien ••
Danncrs zur Geschichte der •Ordnungspolizei Hamburgc zu er- 1/ammerbrok
kennen, der rückblickend über die Einmthme Schiffbcks berich- l::mil Schier
tete: •Als der Chef der Ordnungspolizei (das war Danocr lflall(lsbek
selbst - die Verf.) das Gemeindehaus erreichte, log im Fenster Kurt ßecker
des erst('n Stockes die Leiche eines Schiitzen mit Gewehr noch Bergedorf
im nschlage; ein Geschoß der Polizei hatte ihn in die Stirn ge- Mark Kühn*, Herber! Baumann• und Karl Jungnickcl**
troffen.« • nach schwerer Verwundung gestorben
Während 2 Polizeihundertschaften zur • Durchsuchung und • • nach Folterung verstorben
Befriedung• in Schiffuek verblieben, verfolgten die übrigen die
ausweichenden Kämpfer. Dabei kam es noch zu vereinzeltem Die lloffnung der Hamburger Aufständischen, daß die revolutio-
F'euergepliinkcl, bevor sieb die AufstiiJ1dischcn 'öllig den nach- nären Arbeiter Deutschlands ihrem Beispiel folgen würden, er-
stoßenden Polizeikräften entziehen konnten. füllte sich im Herbst 1923 nicht. lm Verlauf des 24. Oktober
Weder in ßarmbeck noch in Sehiffbek war es den Polizei- und mußten die um Ernst Thälmann gescharten Funktionäre der
Militiirkommandos in den Oktobertagen 1923 gelungen, die KPD zur Kenntnis nehmen, daß die Ereignisse in 1-lamburg iso-
kühne Schor der bewaffneten Arbeiter zu vernichten. ln seinem liert geblieben wa.ren und die kämpfenden 1\rb.eiter gegenüber
Rnpporl iiber die Ereignisse vom Herbst 1923 nn das lleichsin- den Aufgeboten der reaktionären Cewnlt auf emsmnen Posten
nenministeriurn mußte der Hamburger PolizciJ)riisident deshalb stunden. Obgleich die solidarische Hilfeleistung der Hamburger
trotz allen Eigenlobs gestehen, daß die Reprcssivorgnne es nicht Bevölkerung uuf einzelnen KampfpliUzen vo~ gro~cm > utzen
vermocht hatten, die aufstiiJldischen Krürte in der llnnsestadt zu war, reichten die Anstrengungen der Kommu111sten 111cht aus, um

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dl'n Generalstreik in der Hafenstadt auszulösen. Der Einfluß gerichteten I Iandlungen ~ei, insbes~nderc au ch mit der dU:~h ~ie
n'chten sozialdemokratischen Führer cn.-ies sich unter den Ar- brtrirbrnen \'erbotspnoos gegen dre zur Abwehr von Mrhtans-
beitern als noch zu stark. Er hielt den Großteil von ihnen vom mus und Faschismus entstandenen Arbeiterwehren.
aktiven Kampf ab und beeinträchtigte die toß- und Widerstands- Oi«' Erfahrungen der Klassenkämpfe 1923 halfen der KPO in
kraft der llamburger Erhebung bet.riichtlich. ihrrm weiteren Eintreten für die Einheitsfront der deutschen Ar-
Am Abend des zweiten Aufstandstages, am 24. Oktober 1923, beiterklasse und· in ihrem Kampf gegen lmprrialismu . ~ l ilitaris­
hatte der Abgesandte der Zentrale der KPD, Fritz Heckert, Ver- mu' und Faschismus. Als Vorsitzender der II. PO w~es Ernst Thiil-
bindung mit der Aufstandsleitung aufnehmen können und diese munn 1925 - unliißlich des zweiten Jahresloges des Hamburger
gem111er über die Situation im übrigen Deutschland informiert. 1\uf•tnnds - auf die Hauptlehre der Kampfereignisse vom Okto-
Darnu rhin wurde vereinbart, die Kampfhandlungen zu beenden ber 1923 hin: Um das werktätige Volk befreien und die neue, so-
un d di«' proletarischen Kampfgruppen organisiert zuriickzu neh- zinlistische Gesellschaft erkämpfen zu könn en, braucht die Ar-
mcn. Ernst Thiilrnnnn selber begab sich zu den Kiimpfern von brill'r·klnssc eine marxistisch-leninistische Kumpfparlei, die
ßnrmberk und Schiffbek und sicherte das geord nete Zurückzie- unauflöslich mit den breitesten Massen verbunden ist.
hen drr im Kampf unbezwungenen IIomburger Arbeiter, das bis
zum 25. Oktober dauerte.
\ n drr Spitze ihres entschlossenen Eintretens für Demokratie
und ozialismus standen jene konsequenten Revolutionäre um
Ernst Thiilmann, die sich der leninistischen Linie der ~lasscnpo­
litik, wie sie die Kommunistische Internationale beschlossen
hatte, und d!'n Aufrnssungen über eine" irklich revolutionäre Mi-
litiirpolitik verschrieben hatten. Die IIomburger Aufständischen
errungen gegen die reaktionäre Obermacht bedeutende Anfangs-
erfolge und behi1·lten auf den Kampfschoupliitzen in ßarmbeck
und Sehiffbek den Kopf oben. Oberlegt bewahrten sie ihre Kräfte
vor drr Z(•rsehlagung durch die imperialistischen Gewnhorgane.
Im kühnen und harten Ringen zwischen Forlschritt und Reak-
tion kristallisierten sich neue Züge im Einsatz deutscher Arbeiter·
wrhl'«'n hrrnus. Die proletarischen Kampfgruppen, zumindest ihr
Kern, waren hl'n'ils im politischen Kampf gereift, be\'or sie zu be-
waffneten Aktionen antraten. ln den bc"•affneten Ausrinnnderset·

zungen zrigten die Mitglieder des Ordnerdienstes beispielhalte
Disziplin und Organisiertheit, politisch-idl'ologische Geschlossen·
heil und Massenverbundenheit Selbst in schwierigen Lagen be-
wiesen si«' Kühnheit, Ioktische Beweglichkeit und Standhufligkeit.
Im .Jahre 1923 endeten die Kiimpfe der deutschen Arbciter-
klasHc rnit riner iederlage. Die deutsche Großbourgeoisie
konnte - untersflitzt von westlichen Großmilchten - ihre Macht·
positionl'n '"iedcr festigen. Dazu trug auch die rechtssozialdemo-
kratische Fühnmg mit ihren gegen die proletarische Einheitsfront

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Bilanz und Vermächtnis \nsturm den F'rieden zu erzwingen, die llohenzollernmonarchie
und die Dynastien hinwegzufegen sowie wichtige soziale Recht.e
und demokratische Freiheiten, so das allgemeine Wahlrecht, die
Koalitions-, Versammlungs- und Pressefreiheit, zu erringen. Als
jedoch der deutsche Imperialismus mit der beginnenden eufor-
rnierung seiner Streitkriifte Ende 1918/ Anfang 1919 zur militäri-
~rhen Niederschlagung der revolutionären Kräfte überging und
beabsichtigte, die I ovembererrungenschaftcn zu beseitigen, nah-
men die bewaffneten Kämpfe größeres Ausmaß ltll, prägten sie
wesentlich den weiteren Verlauf der llevol ution. Der Arbeiter-
Die bewaffneten Kämpfe der Jahre 19111 bis 1923 waren die er- klasSI' blieb keine andere Wahl, als sich bewaffnet gegen die kon-
sten militärischen Auseinandersetzungen der deutschen Arbeiter- terrcvolutioniiren Vorstöße zur Wehr zu setzen. ln einigen F'ällen,
klasse mit dem imperialistischen System. Sie bildeten einen im- b!'sonders irn Frühjahr 1919 in Bremen und in München, be-
manenten Bestandteil der gewaltigen politischen Klassenschlach- müh te sich die revolutionäre Vorhut, diese Auscinandersetzun-
ten dieser Zeit und stellten als deren schärfste Form Höhepunkte !!<'n erneut zu Kämpfen um die Macht zu steigern.
im Ringen gegen Imperialismus und Militarismus dar. Das Hingen um die 1ovembcrernmgenschaftco stand auch im
Die <' Auseinltlldersetzungen widerspiegelten den Kampf zwi- \littclpunkt aller bewaffneten Kämpfe, die der ersten deutschen
schen Fortschritt und Reaktion in Deutschland besonders deut- \'olksrevolution gegen Imperialismus und Krieg bis 1923 folgten.
lich. Ihr Ausgangspunkt war die I ovemberrevolution 1918/ 19- Die Bestrebungen der reaktionärsten Kriifte des deutschen Impe-
dieses '"ichtige Glied in der Kette jener weltweiten machtvollen rialismus zum Abbau der Novembererrungenschaften kulminier-
revolutionären Ereignisse, die auf die Große Sozialistische Okto- ten in den Versuchen zur Errichtung einer Militärdiktatur im
berrevolution 1917 folgten und unter deren unmittelbaren Ein- \lürt 1920 und eines autoritären Hcgimcs im Herbst 1923. Da
nuß heranreiften. ln der I ovemberrevolulion stand die Arbeiter- lwi diesen Versuchen vorrangig Gewalt ungewandt wurde, sahen
klnssc vor der Aufgabe, die llerrschnft des deutschen sich die Arbeiter in dieser Situation vernnlaßt, die Interessen des
Imperialismus und Militarismus zu brechen sowie die Machtfrage ~csumten Volkes zu verteidigen.
und damit die Mililiirfrage im Interesse des Vol kes zu lösen. Die Oie konterrevolutionären Aufgebote, deren Angehörige antide-
revolutionären Kräfte in der deutschen Arbeiterbewegung streb- mokn:ttisch eingestellt und ant ikommunistisch verhetzt waren,
ten danach. die Grundideen der Oktoberrevolution auch in '(•rübten '"ährend der Kampfhltlldlungen und insbesondere da-
Deutschland durchzusetzen. Die Erfahrungen der ßolsche".jki so- narh Grausamkeiten, denen Tausende Wcrkliitige zum Opfer fie-
weit wie möglich auswertend und auf die deutschen Verhältnisse len. Der Terror des imperialistischen ~1achtapparates gegen alles
anwendend. bereiteten sie sich auf den Kampf zum turz des im· Fortschrittliche erreichte in diesen jal1rcn ein bisher nicht ge-
pcrialistischen Regimes vor. Da die kaiserliche nnee - die kanrltcs Ausmaß. Die reaktionären Militärs nutzten die fehlenden
wichtigste Machtstütze des deutschen Imperialismus - im No- Erfah rungen der Volksmassen in der Führung bewaffneter
vember 1918 stark zersetzt war und deshalb nur in geringem Kümpfe sowie die oftmals isolierte Lage der sich. wehrenden Ar-
MaUe gegen die Hevolutionäre zum Einsalz kam, konnte die beiter bewußt fiir ihre militärischen Hand lungen aus. Gestützt auf
deutsche Arbeiterklasse in der ovemberrevolution zunächst dil' Überlegl'nheil ihrer Truppen an Zo hl, Bewaffnung und Aus-
weitgehend auf die Anwendung bewnffnetcr Gewalt verzichten. rüstung, konnten sie die bewaffneten Auseinunderselzungen letzt-
Oie Volksmassen erkämpften relativ unblutig bedeutende politi· lidl zu ihren Gunsten entscheiden.
sehe und soziule Errungenschaften. Sie vermochten es. im ersten Die Klossenkämpfe in der ovcmbcrrevolution 1918119 und

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in den unmittelbar hierauf folgenden Jahren veranschaulieben Die be,vaffncten Kämpfe der Jahre 1918 bis 1923 unterschie-
sondrrs deutlich, welches Gewicht den neuformierten Streilkräf. drn sich in ihrem Ausmaß und in ihrer Härte von allen bis dahin
len als dem am besten organisierlen und schlagkräftigsten Instru- , 011 der deutselten Arbeiterklasse mit dem Imperialismus geführ-
ment der bürgerlkhen Staatsmacht für die tärkung des trn Klassenkämpfen. Sie wiesen jedoch in ihrer Zielsetzung, in
deutst'hen Imperialismus und Militarismus zukam. Sie widerspie- drn an ihnen beteiligten Kräften und ihrer Dauer beträchtliche
geln, daß die innere Funktion der imperialistischen deutschen Lntt•rschicde auf. ln der Novemberrevolution 1918119 erstreck-
Streitkräfte nach 1918 einen weitaus höheren StellenweM als frü- ten sie sich über mehrere Monate. ergriffen viele Gebiete
her erhielt und sich damit der Einfluß des Militiirs auf die Politik D••utschlands und wurden von Tausenden Arbeiterkämpfern ge-
der herrschenden Klasse stark vergrößerte. Die militärische