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Günter Reimann

BERLIN-MOSKAU 1932

Das Jahr der Entscheidung

Edition Nautilus

Editorische Notiz: Günter Reimann, geboren 1904 in der Mark Brandenburg, jüdischer Herkunft. 1925—1930 Wirtschafts- redakteur der Roten Fahne, danach Sonderbeauftragter der Komintern zur Vorbereitung der Ablösung Stalins durch Bucha- rin. Nach dem Scheitern dieses Vorhabens Abwendung von der KPD. Gründung einer Widerstandsgruppe in Berlin. 1933 Emi- gration, über Frankreich und England 1938 in die USA. Autor zahlreicher Bücher zur Weltfinanz. Gründete 1947 die in 50 Ländern tätige Agentur International Reports on Finance and Currencies, die er bis zu ihrer Übernahme durch die Londoner Financial Times 1983 als Herausgeber und Chefredakteur leitete. Lebt in New York. Letzte Buchveröffentlichung: Die Ohnmacht der Mächtigen. Das Kapital und die Weltkrise, Leipzig 1993.

Edition Nautilus Verlag Lutz Schulenburg Am Brink 10 • D-21029 Hamburg Alle Rechte vorbehalten • © Lutz Schulenburg 1993 1. Auflage 1993 • ISBN: 3-89401-222-6 Printed in Germany

1. Vorbemerkung

Es gibt historische Situationen, in denen der Gang der Geschichte für viele Jahre oder Jahrhunderte entschieden wird. In der Gesellschaft stauen sich Gegensätze und Widersprüche an, die einen Druck erzeugen, der explosiv gesellschaftliche Verhältnisse verändert. Wie und was unter diesen Bedingungen geschieht, hängt häufig von Zufällen ab oder dem Verhalten von Personen und Parteien. Es gibt keinen vorgeschriebenen unvermeidlichen Weg der Geschichte, auch wenn auf lange Sicht der Wandel unumgänglich ist. In diesem Sinne war das Jahr 1932 ein Schicksalsjahr für die Zukunft Deutschlands und Rußlands — vielleicht der Welt. Am Anfang des Jahres war es ungewiß, ob Hitler an die Macht kommen würde, ob Stalin seine Herrschaft festigen könnte und ob diese Entwicklungen zum zweiten Weltkrieg führen würden. Am Ende des Jahres waren die Entscheidungen gefallen. Was in dieser Zeit geschah, wurde von Personen, Parteien und politischen Kräften bestimmt, die ihre Interessen durchsetzen und ihre Hand- lungen als die einzig richtigen darstellen wollten. Der unbefangene Außenseiter oder der Historiker, der später anhand von offiziellen Dokumenten und von persönlich gefärbten Erinnerungen das reale Geschehen rekon- struieren will, wird irregeführt, wenn er keine Vorstellung davon hat, wie Geschichte von Zeitgenossen mit Hilfe „gesäuberter" Archive umgeschrieben oder verzerrt dar- gestellt werden kann. Ganz zu schweigen von den Historikern, die von vornherein im Interesse von Parteien, politischen Klassen oder Personen Rechtfertigungs- geschichten zusammenzimmern. Der Historiker muß einen Sinn für die gesellschaftlichen Verhältnisse haben, um zu

ahnen oder zu wissen, was wahr sein kann, was falsch sein muß und was fehlt, um die Lücken in der Geschichts- schreibung auszufüllen. Da ich selbst in dem Schicksalsjahr 1932 Gelegenheit hatte, in Deutschland und der Sowjetunion einen kleinen Ausschnitt dessen, was sich ereignete, erleben und beob- achten zu können, will ich mich bemühen, diese Erfah- rungen und Beobachtungen so darzustellen, wie sie sich mir eingeprägt haben. Darüber hinaus werde ich versu- chen, bisher unbekannte Zusammenhänge zu rekonstru- ieren, auch wenn ich nicht imstande bin, dokumentarisch zu belegen, wie die diesen Zusammenhängen zugrunde lie- genden Ereignisse miteinander verknüpft waren. In den Archiven fehlen in den meisten Fällen die entsprechenden Dokumente. Sie sind von den Herrschenden „gereinigt", d.h. zerstört worden. Das gilt vor allem für Länder, in de- nen Staatsparteien totalitäre Macht ausübten und die Ge- schichtsschreibung kontrollierten. Die Machthaber in sol- chen Ländern versuchen, keine Spur von ihren Taten zu hinterlassen, die ihren Ruhm bei der Nachwelt schmälern könnten. Es gibt aber Spuren, die nicht auszutilgen sind. Diese aufzuspüren ist von bleibendem Interesse, denn eine neue Krise der westlichen Gesellschaft ist aufgebrochen. Sie weist Erscheinungen auf, die an 1932 erinnern. Wir müssen uns fragen, ob und inwieweit sich der Gang der Geschichte wiederholen kann. Ich hoffe, daß dieses Buch Anlaß geben wird, die Geschichtsschreibung über die Ereignisse des Jahres 1932 und dessen Bedeutung für die Lage, in der sich die Welt heute befindet, weitgehend zu überarbeiten. Viele Entwicklungen, die damals ausgelöst wurden oder sich verstärkten, sind mittlerweile am Ende angelangt. Das wird bisher kaum verstanden und damit die Chance vergeben, in Kenntnis dieser geschichtlichen

Abläufe neue, kühne und realistische Perspektiven für die gesellschaftliche Entwicklung der nächsten Jahre aufzu- zeigen. Ein Hauptgrund hierfür ist, daß die Geschichts- schreibung über die Ursachen des zweiten Weltkriegs und die Gestaltung der Nachkriegsordnung unter dem politi- schen Diktat der Siegermächte stand. Nunmehr ist eine grundlegende Revision möglich. Das Jahr 1932, nicht das Jahr 1928, war das Ent- scheidungsjahr der verlorenen Alternative zum Stali- nismus, dem großen Terror, das Vorspiel für Gorbatschow, der besser als sein Lehrmeister Bucharin sein wollte, und für die Zerfallskrise der Staatsparteien im Osten. Gorbatschow konnte dem tragischen Schicksal Bucharins entgehen und bezahlte für das Ausschlagen einer Alter- native zur Zusammenbruchkrise des staatlichen Ver- sorgungssystems „nur" mit dem politischen Tod. Bucharin hatte die sich im „Prager Frühling" von 1932 bietende Alternative nicht angenommen, weil er nicht wußte, daß erst dadurch die Bahn frei wurde für Stalins Machtkon- solidierung. Damit war das Schicksal der russischen Revolution besiegelt. Ich bin Dr. Claus Baumgart und Falk Höppner, die die Herstellung des Manuskripts in jeder Phase unterstützten, sehr verbunden. Sie haben dieses Buch mitgeschrieben. Ich möchte auch dem Verleger, Herrn Lutz Schulenburg, für wertvolle Anregungen und die redaktionelle Bearbeitung des Textes danken. Von den Historikern, Wissenschaftlern und Zeitgenossen, die ich bei der Vorbereitung des Buches konsultiert habe oder die mich anderweitig unterstützten, bedanke ich mich besonders bei den Herren Walter Hering, Dr. Hans-Ulrich Walter, Prof. Diethart Kerbs und Prof. Manfred Neuhaus.

2.1932 — Das Entscheidungsjahr für Rußland und Deutschland

Anfang 1932 traf ich mich regelmäßig mit einem kleinen Kreis von Freunden, um die politischen Verhältnisse in Deutschland zu diskutieren und aus unseren Analysen den Handlungsspielraum für politische Aktionen abzuleiten. 1 Wir kamen in unseren Diskussionen immer wieder auf die Fragen: Wird die Demokratie in Deutschland die große Krise überleben? Gibt es noch Möglichkeiten, die Macht- ergreifung durch Hitler zu verhindern? Wir glaubten, daß die Beantwortung beider Fragen 1932 erfolgen würde. Den Hintergrund für unsere Erwartungen bildete die tie- fe Krise der kapitalistischen Gesellschaft. Etwa die Hälfte der Arbeiter war arbeitslos, wenn die nicht offiziell ge- zählten Arbeitslosen hinzugerechnet wurden. Die Mehr- heit des kleinen Mittelstandes war pauperisiert und unter das Einkommensniveau der Arbeiter abgeglitten. Die ka- pitalistischen Unternehmer hatten das Selbstvertrauen in ihre Gesellschaft verloren. Viele von ihnen suchten einen Retter. Sie hofften zumeist, er käme aus den USA, dem Vorbild des erfolgreichen Kapitalismus. Aber das Vorbild steckte selbst in einer tiefen Krise. Wie es damals in der Sowjetunion aussah, wußte in Deutschland kaum jemand wirklich. Ein großer Teil der bürgerlichen Presse glaubte den Erfolgsmeldungen über den angeblichen Aufbau des Sozialismus und die bereits erreichte Vollbeschäftigung im Osten. Die offizielle kom- munistische Parteipresse beschrieb den Sieg des Sozia- lismus in der Sowjetunion als Gegensatz zur Krise des Kapitalismus im Westen. Wir wußten, daß dies eine Verfälschung war. Die Krise im Westen lief parallel zur Krise der Sowjetgesellschaft im Osten.

Ich hatte während meiner ersten Besuchs- und Erkun- dungsreise in die Sowjetunion im Jahre 1930 diese Erwartungen bestätigt bekommen 2 und berichtete damals meinen Freunden: Es ist leicht, dort Beispiele zu finden, die alle möglichen Theorien bestätigen, vom Aufbau neuer Produktivkräfte, vom sozialen Aufstieg von Arbeitern und armen Bauern, von einer großen parasitären und korrum- pierbaren Bürokratie, die die Staatspartei und Verwaltung durchsetzt, von tiefer Armut, vom Entstehen primitiver ka- pitalistischer Märkte und der Existenz frühkapitalistischer Elemente. Nur eines gibt es nicht — Sozialismus. Die mei- sten jungen Menschen leben im Geiste des Frühkapi- talismus, mit Ausnahme einer intellektuellen Elite, die zum Schweigen und Lügen gezwungen wird. Ich glaubte da- mals, daß auch wir für diese Verhältnisse Verantwortung trugen, vielleicht mehr als die russischen Revolutionäre, denn wir waren nicht imstande gewesen, die Hoffnungen und die Erwartungen Lenins und seiner Mitkämpfer zu er- füllen. Wir hatten sie im Stich gelassen.

Es war Unsinn zu glauben, daß die Probleme unserer Gesellschaft in Deutschland mit Hilfe der politischen Machthaber in Rußland gelöst werden könnten. Unsere Aufgabe bestand vielmehr darin, ihnen zu helfen, indem wir für uns eine Lösung fanden. Das wurde durch meine Eindrücke während der ersten Reise in die Sowjetunion 1930 bekräftigt. Anfang 1932 suchten wir nach Möglichkeiten, Hitlers Machtergreifung zu verhindern, denn eine faschistische Diktatur würde es in den Demokratien des Westens für lan- ge Zeit unmöglich machen, durch neue gesellschaftliche Strukturen einen Ausweg aus der Krise des Kapitalismus zu finden. Sollte Hitler an die Macht kommen, drohte der zweite Weltkrieg. Das war die ungünstigste Perspektive. In

diesem Fall mußte befürchtet werden, daß sich die schlimmsten Erwartungen von Rosa Luxemburg, vom Untergang der westlichen Gesellschaft hin zu Ver- hältnissen der „Barbarei", erfüllen würden. Wir teilten nicht die Hoffnung des rechten Flügels der Sozialdemo- kratie, der annahm, daß ihre Institutionen unter Hitler über- leben könnten, oder der stalinistischen KPD-Führung, die verbreiten ließ, daß nach dem Untergang der bürgerlichen Parteien unter einem faschistischen Regime die Kom- munisten die Macht übernehmen könnten. Mit diesem Argument war es Stalin möglich gewesen, eine Politik zu verteidigen, die die Vernichtung der deutschen Arbeiter- bewegung begünstigte. Die deutschen Kommunisten soll- ten sich opfern, um später zu siegen. Das war natürlich ei- ne unsinnige Logik. Aus diesem Grund ignorierten die meisten deutschen Kommunisten die „eigene" Parteilinie. Im Lager der rechtskonservativen Parteien gab es ähnliche Auffassungen.

Die politischen Konstellationen in Deutschland ließen keine zuverlässigen Prognosen zu. Sicher war nur, daß die konservativen Mitglieder der kapitalistischen Klasse einen Retter und Protektor suchten. Er bot sich mit Hitler und sei- ner Partei an. Es war auch offensichtlich, daß die kommu- nistische Partei und ihre Führung in dem Entschei- dungsjahr 1932 nicht erfolgreich Widerstand leisten konn- ten, da die bürokratische Parteispitze die Befehle der Führung in Moskau, d.h. von Stalin, befolgen mußte. Es ist viel über den Ausgang der demokratischen Wahlen von 1932 geschrieben worden, darüber, wieviele Stimmen Hitler und seine politischen Gegner, die So- zialdemokraten, Kommunisten und die Konservativen, ge- wannen. Aber wer die Ergebnisse der Wahlen liest, sollte nicht vergessen, daß Hitlers Machtchancen nur wenig da-

von abhingen. Zur Not stand seine „Privatarmee" bereit, die aus bewaffneten und äußerst mobilen Einsatzkom- mandos bestand. Diese konnten schnell gegen Zentren der Nazi-Opposition eingesetzt werden — durchaus unter dem Schutz eines demokratisch-parlamentarischen Staates und dessen Regierung — und den Weg an die Macht ebnen. Dieses neue politische Instrument kam aus Italien, wo Mussolini es erstmals eingesetzt hatte. Zum ersten Mal im 20. Jahrhundert stellte sich die Frage, wie in einem Staat unter einer demokratischen Verfassung die Bürger ihre demokratischen Rechte und Freiheiten verteidigen können, wenn bewaffnete antide- mokratische Bewegungen auftreten, aus privaten Mitteln finanziert werden und mit den Mitteln des Terrors die Opposition bekämpfen. In Zeiten gesellschaftlicher Krisen kann auf diese Art verhindert werden, daß mit dem Instrumentarium der Demokratie die Demokratie zu erhal- ten ist. Diese Lage war in Deutschland 1932 entstanden. Die Strategen der faschistischen Bewegungen hatten u.a. die Erfahrungen der bolschewistischen Machtübernahme in Rußland 1917 ausgewertet und gelernt, wie eine Min- derheit von zentral geführten und gut ausgerüsteten Gruppen den politischen Gegner entmachten und selbst die Macht übernehmen kann. Unter Einsatz terroristischer Mittel sollten die führenden Köpfe der als Gegner angese- henen Kräfte eliminiert und deren geistige und organisato- rische Führungszentren vernichtet werden. Das wurde in Deutschland bereits in den Bürgerkriegsjahren praktiziert. Es war offensichtlich, daß der nunmehr zu erwartende Terror der Nazis noch wirksamer und systematischer über das Land hereinbrechen würde. Wer diese Erkenntnis nicht besaß, ging unvorbereitet in die Ära des Faschismus.

Um den bewaffneten Abteilungen der Nazis zu wider-

stehen, hatten SPD und KPD nichtstaatliche Abwehr- organisationen gebildet („Reichsbanner Schwarz-Rot- Gold", „Roter Frontkämpferbund"). Die Demokratie konnte sich nicht selbst verteidigen, wenn sich schwer be- waffnete Einheiten der Linken und Rechten offen be- kämpften. Da ein Bürgerkrieg, der aus diesen Konflikten zu erwachsen drohte, gute Aussicht für einen Sieg der Linken bot, erhielten die Nazis staatliche Protektion. Aber in Preußen stand die staatliche Verwaltung einschließlich der Polizei unter dem Einfluß der rechten Sozial- demokratie. Die preußische Regierung wollte wie die Reichsregierung auch einen Bürgerkrieg vermeiden und beweisen, daß sie in der Zeit der Krise der kapitalistischen Gesellschaft „Ruhe und Ordnung" erhalten könne. Die Reichsregierang drohte, in Preußen zu intervenieren, wenn der Widerstand gegen die Nazis zum Bürgerkrieg würde. Deswegen besaßen die Faschisten lange vor ihrer Macht- übernahme das Privileg des Massenterrors. Hitler mußte aber, um sein Werk zu vollenden, die Gefahr beseitigen, daß gewerkschaftliche Organisationen einen Generalstreik proklamierten und zum offenen Widerstand gegen Nazis und Regierung aufriefen.

Die staatlichen Kräfte, Polizei und Verwaltung der Weimarer Republik waren angewiesen worden, den Terror der Nazikommandos zu tolerieren und den Widerstand da- gegen zu verhindern. Es zeugt von Ignoranz und Zynismus, das deutsche Volk anzuklagen, dem Naziterror nicht ent- schieden genug widerstanden zu haben. Die Regierung setzte sich aus konservativen Politikern zusammen, die fürchteten, daß während der Dauerkrise eine antikapitali- stische Opposition die Mehrheit in der Nation erlangen und den gesellschaftlichen Status quo gefährden könnte und daß der Konkurrenzkampf um Weltmarktanteile neue so-

ziale Opfer von der Arbeiterklasse und dem Mittelstand fordern würde. Deshalb wurde die Entmachtung der Arbeiterklasse als politische Notwendigkeit angesehen. Der Naziterror sollte helfen, die Konkurrenzfähigkeit auf den Weltmärkten zu stärken. Die Konservativen waren un- fähig zu erkennen, daß sie durch die Beseitigung der de- mokratischen Verfassung ebenfalls ihre Macht verlieren würden. Aus diesem Grunde bestand keine Chance, mit demokratischen Wahlen den Sieg Hitlers zu verhindern. Das konnte nur noch durch eine nationale Bewegung unter neuen Führungen, die sich im Widerstand herausbilden und bewähren mußten, geschehen. Es gab damals unter den Mitgliedern der Arbeiter- bewegung, aber auch in den Intelligenzschichten der Unternehmer und bei den Intellektuellen viele, die erkann- ten, daß mit den Mitteln der parlamentarischen Demokratie dem Naziterror nicht widerstanden werden konnte. Wer sich auf den Einsatz demokratisch-parlamentarischer Mittel beschränken wollte, mußte den Kampf verlieren. Der Widerstand gegen den Terror forderte Gegenterror her- aus. Damit entstand die Gefahr, daß beide Seiten in der Terrorisierung des eigenen Volkes konkurrierten. Der Widerstand hätte von den Linken durch Ausrufen eines Generalstreiks ausgelöst werden müssen. Aber damit war der gezielte Individualterror der NSDAP nicht zu bekämp- fen. Die linke Bewegung war darauf nicht vorbereitet. Die formelle Demokratie ist in einer solchen Zeit nicht überle- bensfähig. Es gibt viele Länder, in denen sich diese Situation später wiederholte. In dieser Hinsicht gab es in Deutschland keine nationale Sonderlage. Die Bürokratien aller Parteien und Massenorgani- sationen wollten den Kampf gegen den Terror nicht wagen, weil sie damit riskierten, in den Auseinandersetzungen von

neuen radikalen Führungen überrollt zu werden. Es ist ein ungeschriebenes Gesetz in gesellschaftlichen Krisen und Bürgerkriegen, daß die radikalsten Flügel die Führung übernehmen, denn der Kampf wird nur für Ziele aufge- nommen, die weit über die Möglichkeiten des Tages hin- ausgehen und von späteren Geschichtsschreibern als uto- pisch erklärt werden. Aber es kommt nicht auf das Endziel an, sondern auf die Richtung des Vorwärtsschreitens menschlicher Gesellschaften. Während der Krisenzeit des Jahres 1932 war die Luft gewissermaßen mehrmals wie mit Elektrizität geladen. Die Massen der Wähler waren bereit, den Sieg Hitlers zu ver- hindern. Das passive Hinnehmen des Naziterrors, wie es spätere Geschichtsschreiber beschrieben, hat die wirkliche Lage im Deutschland des Jahres 1932 verklärt. Nach dem Sieg faschistischer Bewegungen oder im totalitären Staat unter Führung einer hierarchischen Staatspartei wird be- kanntlich der Terrorapparat, der gegen jegliche Opposition eingesetzt werden kann, staatlich legitimiert. Dann ist es nicht mehr möglich, erfolgreich Widerstand zu leisten. Deswegen war die Behauptung, das Fehlen offener Gegen- wehr sei im angeborenen Kadavergehorsam der Deutschen begründet, eine Zwecklüge. Dies wurde nach dem Krieg propagiert, um die Nachkriegspolitik der Siegermächte zu verteidigen. In keinem Land steht die Demokratie in Zeiten gesellschaftlicher Krisen auf festen Füßen. Das gilt beson- ders für Länder mit sozialen Sicherheitsnetzen, die abge- baut werden müssen, wenn die Gelder für soziale Aus- gaben und die Zahlung von Zinsen fehlen. Ein Sieg Hitlers mußte, wie schon beschrieben, dazu führen, daß dessen Privatarmee offiziell den Terror gegen andersdenkende Menschen ausüben konnte. Deshalb mußte zuerst der Terrorapparat zerschlagen werden, um den Weg für

Massenbewegungen unter neuen politischen Führungen zu eröffnen. Von innen ist der Terrorapparat nur zu zerschlagen, wenn die Einheit der Staatspartei oder der politischen Führung zerbricht und/oder die Generale sich durch einen Putsch selbst von der Unterordnung unter die Staats- parteiführung befreien. Sie müssen den Terrorapparat der Staatspartei, d.h. des faschistischen Staates, entmachten, um sich selber zu schützen, und öffnen damit den Weg für demokratische Massenbewegungen, die wiederum für die Generale unkontrollierbar sind. Hitler war sich dieser Zusammenhänge Ende 1932 mehr bewußt als am Jahresanfang. Inzwischen hatte der Stratege der Reichswehr, General von Schleicher, versucht, die Nazipartei zu spalten, um sie daran zu hindern, die to- talitäre Macht autonom zu übernehmen. Hitler sollte sich darauf beschränken müssen, dem souveränen Staat der Konservativen unter deren Führung zu dienen. Am Ende des Jahres mußte Schleicher resigniert zurücktreten. Damit greife ich dem Ausgang des Schicksalsjahres voraus. An dessen Anfang konnten wir in unserem kleinen Kreis noch erwägen, ob die Möglichkeit bestünde, die Arbeiterklasse gegen die Gefahr eines Sieges von Hitler zu mobilisieren. Die Meinung, daß nur durch ein Zusammen- gehen der beiden Arbeiterparteien dem Naziterror entge- genzutreten möglich gewesen wäre, zeugt von Unkenntnis der wirklichen Lage. Jegliche Parteilinie der KPD hatte kaum Bedeutung, denn in den Betrieben besaß diese Partei wenig Einfluß. Hier dominierten die Vertreter der Sozial- demokratie. Aber die SPD war innerlich gespalten. In der nationalen Führung besaß der rechte Flügel Übergewicht und stützte sich auf eine Bürokratie, die in vielen Orten, Bezirken und Gemeinden, in ganzen Ländern (vor allem in

Preußen) Tausende von staatlichen Ämtern mit Pensions- rechten usw. zu verteilen hatte. Die damit beglückten Personen besaßen ein materielles Interesse an der Ver- teidigung des Status quo für sich und die Gesellschaft. In den Betrieben dagegen bildeten die Betriebsräte und Gewerkschaftsfunktionäre einen linken Flügel, der ent- schieden gegen die rechts-konservativen Führer in der Parteizentrale, der Gewerkschaftszentrale und den staatli- chen Ämtern auftrat. Dieser linke Flügel wurde durch die Mitgliedschaft vieler ehemaliger „Linkskommunisten" ge- stärkt. Sie hatten nach den Arbeiteraufständen ihrer Partei den Rücken gekehrt, waren zumeist der SPD beigetreten und besetzten häufig führende Positionen in Betriebsräten, Gemeindeverwaltungen, „Nebenorganisationen" wie dem Arbeitersport usw. Sie unterhielten ein eigenes Kom- munikationsnetz, als ob sie sich auf eine neue „revolu- tionäre Krise" vorbereiten wollten, und vertraten durchweg antistalinistische Auffassungen. Somit bestand die SPD aus zwei Parteien und wäre bei Generalstreik und offenem Bürgerkrieg auseinandergefallen.

Wir erwarteten, daß der Versuch, die demokratischen Rechte und Freiheiten aufzuheben, zu Widerstand und — wie mehrmals in den ersten Jahren der Weimarer Republik (vor allem während des Kapp-Putsches) — Generalstreik führen könnte. In diesem Fall wäre es möglich geworden, neue politische Führungen in den Massenparteien und Gewerkschaften zu formieren und die alten Parteibüro- kratien zu verdrängen. Diese politischen Überlegungen wurden durch eine Analyse der ökonomischen Situation bestätigt. Der Strom der Auslandskredite war versiegt. Die Reparations- zahlungen waren eingestellt worden. Die Notlage der Banken und Unternehmen des kleinen Mittelstandes und

der Arbeitslosen verstärkte sich mit jedem Tag. Die bud- getären Einkommen des Staates waren im Sinken. Die Ausgaben nahmen zu. Aber die Regierung hielt an dem Glauben fest, daß die Dollarsonne bald erneut über Deutschland scheinen würde.

Eine ähnliche Hoffnung existierte für die Sowjetunion nicht. Hier hatte das dritte Jahr der großen Krise der zen- tralstaatlichen Planwirtschaft und der Nachkriegsindu- strialisierung begonnen. Es gab einen absoluten Wa- renmangel. Die Arbeiter in den Städten hungerten, obwohl sie auf dem Papier ausreichende „Rationen" zugeteilt be- kamen. Auf dem Land fehlten die Tauschwaren. Die Bauern wollten ihre Erzeugnisse nicht gegen wertloses Geld verkaufen. Der Warenaustausch zwischen Stadt und Land hatte aufgehört. Die Bauern „streikten" erneut. Sie verzehrten ihre Produkte, verkauften sie auf dem Schwarz- markt oder versteckten sie vielfach. Rückblickend ist es er- staunlich, wie wenig die Staatsmänner oder die „öffentli- che Meinung" über das Ausmaß und die Tiefe der Krise in der UdSSR wußten. Offiziell baute man im Osten den „Sozialismus" auf. Es war zwar unklar, welche Entwicklungstendenzen sich dort durchsetzen würden, aber gewiß, daß die Lage im Westen indirekt damit zusammenhing. Die Regierung in Moskau hatte durch die kommunistische Bewegung und auch als traditioneller Außenhandelspartner besondere Beziehun- gen zu Deutschland. Dieses Beziehungsgeflecht zeigte später Folgen, die sich ungünstig auf das gegenseitige Verhältnis auswirkten. Vor allem betraf dies den Versuch, einen Sieg des Faschismus in Deutschland zu verhindern. In der Geschichtsschreibung sind häufig die Brüning- Regierung als letzte der Weimarer Republik und die nach-

folgende Regierung des rechtskonservativen Politikers von Papen als „Steigbügelhalter" für Adolf Hitler bezeichnet worden. Beide Darstellungen treffen nicht die Situation im damaligen Deutschland. Ähnlich liegt ein dunkler Schleier über der Entwicklung in der Sowjetunion in jenen Jahren. Niemand ahnte, daß eine Schicksalsgemeinschaft beider Länder bestand. In Deutschland führte Reichskanzler Brüning die letzte Regierung, deren Vertreter daran glaubten, daß die Weltkrise des Kapitalismus nur zyklisch sei. Die Teilnahme am kommenden Kampf um Weltmarktanteile sollte durch deflationistische Politik vorbereitet werden. Niedrige Löhne, geringe oder maßvolle Steuern und Rationalisierung, also Abbau der Produktionskosten, gal- ten als Garantien für eine erfolgreiche Weltmarktkon- kurrenz. Diese Illusionen fielen Anfang 1932. Die Tage von Brüning als Reichskanzler waren gezählt. Sein Nachfolger, von Papen, wollte nicht der „Steig- bügelhalter" für Hitler und dessen Übernahme der inneren Macht sein. Im Gegenteil, er wollte durch Hitler und seine Partei erreichen, die Stabilität der konservativen Regierung in einer Zeit andauernder Weltwirtschaftskrise zu konsoli- dieren. Das Gelingen dieses Planes war ungewiß. Die Führer des rechten Flügels der Sozialdemokratie, beson- ders die Führer der „Freien Gewerkschaften", bemühten sich, als Konkurrenz zu Hitler der konservativen Re- gierung Hilfe anzubieten, um während einer verlängerten Weltwirtschaftskrise zu regieren. Diese Hilfe wurde abge- lehnt. Die Regierung wußte, daß diese Führer der Sozial- demokratie unter dem Druck eines linken Flügels standen, der in den Betrieben den entscheidenden Einfluß besaß. Ob und wieweit sie diesem Druck im Falle einer lange nicht endenden Weltwirtschaftskrise widerstehen würden, konn-

te nicht eindeutig kalkuliert werden. Die Regierung er- probte, wie weit der Einfluß der rechten Sozialdemokraten reichte, als sie am 4. September 1932 die Notverordnung zur Belebung der Wirtschaft in Kraft setzte. Darin wurde u. a. verfügt, daß die durch die Gewerkschaften ausgehan- delten, in den Tarifverträgen fixierten Löhne jederzeit un- terschritten werden und die Löhne für neu eingestellte Arbeiter bis zu 50% niedriger sein konnten. Dieser Schlag gegen die Institution der Tarifverträge, damit auch gegen die Gewerkschaften, war ungesetzlich. Die Gewerk- schaftsführer protestierten, aber sie weigerten sich, Gegen- aktionen auszulösen. Nur ein Generalstreik wäre wirksam gewesen. Dieser Test verlief für die Regierung erfolgreich und ermöglichte den nächsten Schlag.

3. Moskau im Frühjahr 1932

Ich hatte mich entschlossen, mir von den Verhältnissen in der Sowjetunion selbst ein Bild zu machen und bereitete ei- ne Studienreise vor. Diese sollte sich als aufschlußreicher erweisen, auch für die Lage in Deutschland, als ich es ah- nen konnte. Ich fuhr zum zweiten Mal in die Sowjetunion, ohne Illusionen über den „erfolgreichen Aufbau des Sozialis- mus" und die Industrialisierung des Landes zu haben. Im dritten Jahr einer Zusammenbruchskrise des Versorgungs- systems hatte Stalin seine Kontrolle der Komintern ausge- baut. Die ausländischen „Bruderparteien" mußten eine Politik befolgen, die als Hauptaufgabe vorsah, den Aufbau des „Sozialismus" in der SU zu unterstützen und somit Stalins Macht zu festigen. Für ihn bestand die „Haupt- gefahr" nicht im Sieg des Faschismus in Deutschland, son- dern in einem Sieg der Arbeiterbewegung. Er wußte, daß eine Abwehr von Hitlers Aufstieg in Deutschland durch ei- ne linke Opposition katastrophale Folgen für seine innere Lage haben und eine linksradikale unabhängige Regierung in Deutschland antitotalitäre Freiheitsbewegungen in Osteuropa und Rußland auslösen würde. Das war eine Hoffnung Bucharins. Ich kannte diese Zusammenhänge noch nicht, ahnte sie aber, als ich beschloß, meine zweite Reise zu unternehmen. Ich wollte herausfinden, welche gesellschaftlichen Struk- turen sich wirklich in der Sowjetunion entwickelten. Für Moskau bereitete ich Gespräche mit den „Deutschland- Experten" in der sowjetischen Regierung vor. Ich wollte er- fahren, ob die Komintern-Politik der Einflußnahme auf die KPD, die m.E. nicht den Interessen des Sowjetstaates die- nen konnte, anhalten oder revidiert werden würde.

Meine Reise begann im April. Zwei Jahre zuvor hatte ich meine Stellung als Wirtschaftsredakteur bei der Roten Fahne mit der Erklärung aufgegeben, daß ich mit der Parteilinie nicht einverstanden sei. Danach verdiente ich meinen Lebensunterhalt als freier Schriftsteller — mit ei- ner Unterbrechung. Ich arbeitete einige Monate als ökono- mischer Berater der sowjetischen Handelsmission in Deutschland. Diese Mission war u.a. verantwortlich für Abkommen, die die Lieferungen für die großen Indu- striewerke und von technischem Know-how für die neu- en Industrialisierungsprojekte unter den ersten Fünfjahr- plänen der Sowjetunion betrafen. Die Leiter der ökonomi- schen Abteilung waren von Haus aus Ökonomen und wur- den meine engen Freunde, zunächst A. Leontjew, der gei- stige Vater der Theorie von der Gültigkeit des Marxschen Wertgesetzes im „Sozialismus", ein „Linker" in der Partei. Er verachtete Stalin als Person, glaubte aber, daß zentral- staatliche Planung und Fünfjahrplan-Industrialisierung notwendig seien. Er sagte mir damals: „Es gibt keinen grausameren Menschen auf der Welt als Stalin. Es fehlt ihm jegliches Gefühl für Humanität und Gerechtigkeit. Aber vielleicht braucht unser System einen derartigen,Führer'."

Die Aktenstöße über Bestellungen für Industrieanlagen, einschließlich der größten je gebauten Walzwerke, Stahl- hütten, Maschinenfabriken, mit Zahlen über Kapazitäten, Größe und Gewicht von Maschinen und Preisen, mit Extrazahlungen für technisches Know-how, konnte nie- mand bewerten, da Konkurrenzpreise oder Marktwerte fehlten. Ich bin überzeugt, daß von deutscher Seite das Risikoelement freigebig einkalkuliert worden war. Ich fragte Leontjew später, wie die „faux frais" der Ausführung der Industrialisierungspläne einkalkuliert wurden, d.h. die großen Verluste durch die Einführung neu-

er Werke, der Ausbildung der Arbeiter, die vorher Bauern gewesen waren, durch die Häufung von Fehlern bei der Inbetriebnahme komplizierter Maschinen und die Folgen des unsinnigen Drucks, die neuen Anlagen mit angelernten und oft unwissenden Arbeitskräften ohne Unterbrechung mit Höchstgeschwindigkeit arbeiten zu lassen. Das würde ja u.a. zu dem Ergebnis fuhren, daß die neuen Werke, die eine natürliche Lebensdauer von 10 bis 20 Jahren hat- ten, nach ein bis zwei Jahren erneuert werden müßten. Leontjew antwortete: „Bei der zweiten oder dritten Er- neuerung der Anlagen, nach vielen Fehlern und dem Mißbrauch der Maschinen werden die Arbeiter und Ingenieure aus ihren Fehlern gelernt haben und wirkliche Fachkräfte sein. Die hohen Kosten sind ein Preis, der für die rasche Industrialisierung gezahlt werden muß." Ich konnte nicht widersprechen. Mit westlichen Maßstäben war dieses Land, das anfing, die technischen Revolutionen des Kapitalismus als Staatswirtschaft nachzuholen, nicht zu messen. Nur ist es nicht zu rechtfertigen, die hohen Kosten der stalinistischen Art der Industrialisierung zu ver- schleiern und die Errichtung von Mammutwerken der Eisen- und Stahlproduktion zu idealisieren. Es erwies sich später, daß die Überbetonung der schwerindustriellen Anlagen ein Grund für die relative Rückständigkeit des russischen Industrialismus am Ende des Jahrhunderts war.

Der Nachfolger von Leontjew in Berlin war S. A. Bessonow, ein enger Freund von Bucharin, also ein „Rech- ter" in der Partei. Bessonow wurde ebenfalls ein guter per- sönlicher Freund von mir. Als ich nach einigen Monaten meine Stellung an der so- wjetischen Handelsmission aufgab, fragte er mich als Vorgesetzter, aus welchen Gründen dies geschehe. Ich ant- wortete ihm: „Wenn ich bei euch bleibe, muß ich ein so-

wjetrussischer Staatsbeamter werden. Das will ich nicht. Mein Platz ist in Deutschland und in der deutschen politi- schen Bewegung." Ich wurde wieder freier Journalist, ver- abschiedete mich aber von meinem Posten mit einer Ausarbeitung, die für Bessonow ein heißes Eisen gewor- den wäre, wenn sie das Licht der Öffentlichkeit erblickt hätte. Aber sie ist nie veröffentlicht worden. Ich widersprach in dieser Arbeit entschieden der Ansicht der konservativen Verteidiger des Kapitalismus im Westen wie auch von „Sozialismusexperten" im Osten, die glaubten, daß der „Sozialismus" a priori ein Todfeind des westlichen Kapitalismus sei und daß sich beide bekämpfen müßten. Das war für mich ein doppeltes Fehlurteil. Es wä- re für den Westen viel gefährlicher gewesen, wenn in ei- nem fremden Land ein Konkurrenzkapitalismus entstan- den wäre, der auf den Weltmärkten den Westen verdrängt, die Westmonopole gebrochen oder eine militärische Her- ausforderung dargestellt hätte. Eine derartige Bedrohung konnte von einem Land des Sozialismus nicht ausgehen, sondern nur von einem Konkurrenzkapitalismus oder Neo- Imperialismus. Eine sozialistische Gesellschaft muß die Bedürfnisse der Menschen im eigenen Land entwickeln und sie so weit wie möglich durch Eigenproduktion be- friedigen. Der Binnenmarkt wird für die Produktion und den Absatz entscheidend. Der Außenmarkt kann dabei nur ein Hilfsmittel sein. Er ergänzt die Versorgung des Binnenmarktes und unterstützt die Kooperativen, die für den Eigenmarkt produzieren. Man kann anzweifeln, ob eine derartige Gesellschaft in- nerhalb einer kapitalistischen Weltwirtschaft überlebens- fähig ist. Aber im Prinzip kann ein Land nicht sozialistisch sein, wenn es den Westen als Konkurrent und Rivale her- ausfordert. Ich beziehe mich auf die Anfänge eines

Industrialismus im zaristischen Rußland. Ohne die russi- sche Revolution hätten sich dort kapitalistische Keimzellen zu einer neuen industriekapitalistischen Konkurrenzmacht entwickelt und wären eine Bedrohung für den Westen ge- worden. Für Rußland stand die Degradierung zu einem Kolonialland, das dem westlichen Kapitalismus nur zur Ausdehnung der eigenen Basis diente, nicht zur Debatte. Die weit verbreitete Behauptung, daß die bolschewisti- sche Machtübernahme die Entwicklung eines Industrie- landes mit demokratischer Verfassung und marktwirt- schaftlicher Konkurrenz verhindert habe, wird durch die enge Verbindung des unter dem Zarismus schnell wach- senden Industriekapitalismus mit dem Staat widerlegt. Tatsächlich war der neu entstehende Kapitalismus weit mehr von staatlichem Protektionismus abhängig und dien- te weitaus unmittelbarer zur militärischen Stärkung der staatlichen Macht, als es in Deutschland oder anderen Ländern des Westens zutraf. Ohne die Oktoberrevolution wäre in Rußland ein Regime entstanden, das dem des letz- ten Zaren geähnelt hätte, charakterisiert durch die Unter- ordnung des monopolistischen Industriekapitalismus unter die zentralstaatliche Macht. Dessen Ziel wäre vor allem der Ausbau der Streitkräfte gewesen, um erfolgreich an den in- ternationalen Auseinandersetzungen teilnehmen zu kön- nen. Der Historiker Paul Johnson charakterisierte den Stand der russischen Ökonomie folgendermaßen: „In Rußland, unter dem Zaren vor dem ersten Weltkrieg, bestimmte der Staat als militärischer Imperialismus das Tempo der Industrialisierung mit dem Ziel, den Stand der fortge- schrittenen Industrieländer zu erreichen. Im zaristischen Rußland dominierte der Staat alle Gebiete des Wirtschafts- lebens. Er besaß Ölfelder, Gold- und Kohlebergwerke,

zwei Drittel der Eisenbahnlinien, Tausende von Fabriken. In den neuen Territorien im Osten (Asien) hatten die Bauern den Status von Untergebenen des Staates. Die Industrie, wenn nicht in öffentlichem Besitz, war in außerordentlich hohem Grade abhängig von Schutzzöllen, staatlichen Subsidien, Zuschüssen und Anleihen oder war mit dem staatlichen Sektor verbunden. Das Finanzmini- sterium und die Großbanken hatten enge Bindungen zu Staatsbeamten in Kontrolle aller wichtigen Ämter. Hinzu kamen die Staats- oder Zentralbank als eine Abteilung des Finanzministeriums, die staatliche Kontrolle der Spar- kassen und Kreditanstalten, staatliche Finanzämter in Kontrolle der Eisenbahnen und finanzieller Projekte, die für die Außenpolitik von Bedeutung waren, andere Insti- tutionen, welche die gesamte Wirtschaft regulieren konn- ten und die sich ständig bemühten, den Bereich ihrer Macht und allgemein ihre Tätigkeit auszudehnen. Das Handels- ministerium kontrollierte die privaten Handelssyndikate, regulierte Preise vieler Waren, das Ausmaß der Profite, die Verwendung von Rohstoffen, Frachtkosten und hatte seine Vertreter in den Aufsichtsräten aller Aktiengesellschaften. Das zaristische Imperium repräsentierte in der letzten Periode seines Bestehens im Zustand des Friedens ein rie- siges Experiment kollektiven Staatskapitalismus'. Es war offensichtlich erfolgreich in dieser Hinsicht. Es alarmierte die deutsche Diplomatie, die das rapide Wachsen der mi- litärischen Kapazitäten Rußlands aufmerksam verfolgte." 3 In Rußland, wie auch in Deutschland, endete zu Beginn der dreißiger Jahre das dritte Nachkriegsstadium. In Deutschland fand zugleich die „relative Stabilisierung" des Kapitalismus, die aus der Zusammenbruchskrise in den er- sten Jahren nach der Niederlage im Weltkrieg erwachsen war, ihren Abschluß. Eine Strukturkrise für den Welt-

kapitalismus begann. In der Sowjetunion dagegen war nach der Zerstörung der industriellen Strukturen in den Bürgerkriegsjahren eine Periode des Aufbaus neuer industrieller Produktivkräfte gefolgt, übereilt, zu un- erträglichen Kosten und unter einem Regime des inneren Terrors. Das System zentralstaatlicher Planung oder, anders ge- nannt, der „Kommandowirtschaft" hatte zum Zusammen- bruch des Versorgungssystems und des Austausches der Produkte zwischen Stadt und Land geführt. Im dritten Jahr einer strukturellen Krise mußte der Kapitalismus zu Hilfe gerufen werden. Das Regime war nicht in der Lage, in al- ter Weise fortzubestehen. Es war aber den Machthabern in Moskau trotzdem möglich, durch die kommunistische Bewegung Einfluß auf Deutschland zu nehmen, nur um- gekehrt war das nicht vorstellbar. In Moskau und Leningrad erschien der Zusam- menbruch des Versorgungssystems nicht so offen wie im Innern des Landes. Nur wenige Auslandskorrespondenten erfuhren etwas über die zahlreichen lokalen Aufstände und erkannten den drohenden Zusammenbruch des politischen Systems. Was sie wußten, teilten sie zumeist nicht mit. Sonst wären sie ausgewiesen worden. So hatte kaum je- mand im Westen Kenntnis von der innenpolitischen Krise in der Sowjetunion. Meine russischen Freunde an der Kommunistischen Akademie der Wissenschaften sagten mir: „Es ist erstaunlich, daß die Westmächte nicht mi- litärisch intervenieren. Jetzt wäre die Zeit dafür günstig. Die Nation will von Stalin befreit werden." Sie hatten kei- ne Informationen darüber, daß die Regierungen in West- europa und den USA durch ihre Unfähigkeit, einen Ausweg aus der Massenarbeitslosigkeitskrise zu finden, schwer angeschlagen waren. Theoretisch wäre eine

Kriegskonjunktur ein solcher Ausweg gewesen. Aber Militarismus und Krieg konnten unter demokratischen Verhältnissen keinen Widerhall bei den Volksmassen fin- den.

Ich hatte ausgezeichnete Empfehlungen und Dokumente, die es mir ermöglichten, die wahren Verhältnisse in der Sowjetunion kennenzulernen, sprach, nach einem einjähri- gen Kursus, ein wenig Russisch und verfügte über ein Rubelkonto, denn ein Buch von mir über „Neue Erschei- nungen des Niederganges des Kapitalismus" war in russischer Sprache im Verlag der Kommunistischen Aka- demie in Moskau erschienen. 4 Es kam mir zugute, daß eine Wirtschaftszeitung in Moskau, „Za Industrialisaziju", mir ein Dokument be- schafft hatte, das es mir ermöglichte, freien Zugang zu al- len Betrieben in der Sowjetunion zu erhalten, ohne Ein- schränkungen mit den Direktoren und Arbeitern über ihre Erfahrungen zu sprechen und darüber zu berichten. Ich war erstaunt, daß ich ein derartiges Dokument erhielt, und konnte daraus entnehmen, daß eine Art — von mir im Nachhinein so benannter — „Prager Frühling" begonnen hatte. Während meiner nächsten Erkundungsreise im Herbst 1932 gab es kaum noch Spuren dieses Tauwetters. Aus diesem Grunde habe ich damals nicht über meine Erfahrungen in der Sowjetunion geschrieben. Ich mußte befürchten, daß meine Artikel als partei- und staatsfeind- lich galten und daß alle russischen Freunde und Bekannten, die mit mir im Vertrauen auf meine Diskretion gesprochen hatten, „Liquidierungskandidaten" sein würden. Während ich im Ausland in Sicherheit war, hätten meine Freunde und „Kontakte" leiden müssen. Diese Nachwirkungen wa- ren mir die möglichen journalistischen Erfolge nicht wert.

Deswegen schrieb ich 1968 zum ersten Mal über meine Erlebnisse auf der Studienreise durch die Sowjetunion im Jahre 1932. Mit meinen deutschen Freunden hatte ich vereinbart, in Moskau mit verantwortlichen Mitgliedern der Partei über die Lage in Deutschland zu sprechen und die Mög- lichkeiten zu erkunden, wie es zu erreichen sei, daß ange- sichts der Gefahr eines Sieges von Hitler die deutsche Kommunistische Partei nicht weiter „stalinisiert" würde. Eine „Stalinisierung" würde Hitler helfen. Meine Freunde in Moskau sagten, es sei Zeitverschwendung, mit den noch lebenden „alten Bolschewiki" zu sprechen. Sie seien zum Teil senil, uninteressiert oder fern von der Parteipolitik und die neuen Apparatschiks interessierten sich nicht für Deutschland oder den restlichen kapitalistischen Westen. Es war offensichtlich, daß in dieser Zeit die Führer der Partei, die Parteielite, kein Interesse an den Vorgängen im Ausland hatten. Sie waren von der Krise im Inland voll in Anspruch genommen. Meine russischen Freunde empfah- len mir: „Es lohnt sich nur, mit einer Person zu sprechen, die an der Entwicklung in Deutschland besonders interes- siert ist, und das ist Karl Radek." Sie arrangierten ein Treffen mit ihm. Bekanntlich war Karl Radek damals der außenpolitische Berater Stalins. Aber, wie bereits ange- deutet, es hatte ein „Prager Frühling" in Moskau begonnen! Die verantwortlichen Parteimitglieder sprachen wieder frei über politische Vorgänge. Der Bann des Schweigens über die inneren Verhältnisse war gebrochen. Das äußerte sich auch darin, daß die unrealistischen Kommandopläne in der Wirtschaft nicht mehr als verbindlich angesehen wurden. Mit Privatinitiative versuchten die Menschen und indu- striellen Unternehmen, die Bauern auf dem Lande oder das „Kollektiv", die Mittel zum Überleben zu sichern.

In den ersten drei Tagen nach meiner Ankunft unter- nahm ich ein Experiment: Wie kann sich ein Mensch in Moskau ernähren, wenn er aus der Fremde kommt und kei- ne Privilegien oder Beziehungen besitzt, wenn er Fremder in der Fremde ist, wie ein Bauer oder Arbeiter, der seinen Arbeitsplatz fern von Moskau aufgegeben hat und in der Hauptstadt als Individuum eine Zuflucht sucht, d.h. ohne „Lebensmittelkarten" oder Zutritt zu den offiziell einge- richteten Kantinen, ohne Zutritt zu den staatlichen Läden, wo auch nur auf Karten an sich knappe Güter zum Kauf an- geboten werden. Das Experiment schlug fehl. Ich hunger- te tatsächlich fast drei Tage lang. Dann gab ich auf, denn ich fand keinen Platz, wo ich als freier Mensch essen konn- te. Ich kehrte zurück zu meinen Privilegien und nutzte die Möglichkeit, in den Kantinen der Kommunistischen Akademie zu essen. Das Frühstück nahm ich im „Haus der wissenschaftlichen Arbeiter" ein und erhielt dort auch ei- nen kleinen, aber ausreichenden Wohnraum.

Vier Tage nach meiner Ankunft lebte ich also als privi- legierter Ausländer in Moskau und traf in der Kommuni- stischen Akademie und der Partei mehrere offizielle „Westexperten", die mit mir über die Lage in Deutschland und Westeuropa sprechen wollten. Aber ich hatte den Eindruck, daß sie kein ernsthaftes Interesse an unseren Problemen hatten und sie ihre Unkenntnis der westeu- ropäischen Situation, die ich bald feststellte, nicht störte. Dieses relative Desinteresse erwies sich als allgemeine Erscheinung. Meine Freunde hatten inzwischen einen Besuch bei Karl Radek arrangiert. Es war leicht, das Gebäude zu fin- den, in dem er wohnte, denn es war das höchste „Hoch- haus" in Moskau. Er lebte, glaube ich, im dreißigsten Stockwerk. Als ich im Fahrstuhl hochfuhr, wurde ich den

Gedanken nicht los, was Radek wohl tun würde, wenn der Fahrstuhl außer Betrieb wäre. Damit mußte gerechnet wer- den — mit größerer Wahrscheinlichkeit als im Westen. Vielleicht gab es eine Ausweichmöglichkeit, die ich nicht kannte. Dennoch war es ein Privileg, buchstäblich die höchste Wohnung in Moskau benutzen zu dürfen. Sie war geräumig, mit Platz für eine umfangreiche Bibliothek, die Radek persönlich gehörte. Am frühen Morgen wurde ich von ihm empfangen. Er begrüßte mich wie einen alten Freund. Die erste Frage war: „Genosse Reimann, wie lan- ge sind Sie schon in diesem Land?" Ich sagte: „Ich bin vor fünf Tagen aus Berlin gekom- men." „Was waren Ihre ersten Eindrücke?" Ich wollte im Gespräch schnell den Punkt erreichen, an dem ich sagen konnte, was mir wesentlich erschien, und seine Meinung über die Möglichkeiten eines Wandels der Politik herausfordern. So antwortete ich wahrheitsgemäß:

„Genosse Radek, das kann ich genau sagen. Mein stärkster Eindruck hier sind die Gespräche mit ,Westexperten', be- sonders mit ,Deutschlandexperten' der Partei gewesen. Diese ,Experten' verkennen die Lage im Westen völlig. Das trifft vor allem für Deutschland zu." Radek widersprach nicht. „Aber ich weiß Bescheid. Ich kenne die Verhältnisse im Westen. Ich habe die Mög- lichkeit, alles zu lesen, Bücher und die Presse aus allen po- litischen Lagern, dem rechten, konservativen, sozialdemo- kratischen und antikommunistischen. Ich habe Deutsch- land gut gekannt, vor dem Kriege und am Anfang der Weimarer Republik. Ich bin ein Deutschlandexperte." Ich wollte ihn veranlassen, über die jetzige Lage und mögliche Veränderungen der Parteipolitik zu sprechen:

„Sie werden die jetzige Lage in Deutschland nicht verste-

hen, auch wenn Sie Zeitungen, aller Richtungen lesen. Sie werden wahrscheinlich durch das, was Sie gekannt haben, eher irregeführt als aufgeklärt. Die jetzige Krise ist anders als die Krise, die es nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs und in den Bürgerkriegsjahren gegeben hat. Sie werden auch irregeführt durch das, was Sie in der Presse lesen. Sie lesen die linke Presse. Es ist alles schwarz. Dann lesen Sie die rechte Presse, und da ist alles weiß. Dann glauben Sie, die Wahrheit liegt in der Mitte. Sie ist grau. Die wahren Verhältnisse sind aber weder schwarz noch weiß noch grau, sondern liegen auf einer anderen Ebene, versteckt hinter dem, was Sie in der Presse lesen." Ich wollte Radek provozieren, um mit ihm über die sta- linistisch-bürokratische Einflußnahme auf die Leitung und Politik der KPD und über die Gefahr eines faschistischen Sieges in Deutschland zu sprechen. Er verstand den Zweck meiner Antwort auf seine Frage und wir kamen schnell auf die Parteiverhältnisse. Ich sagte, daß das Diktat der „Stalinisierung" durch Moskau zur Krise der Kommu- nistischen Partei in Deutschland geführt habe. Thälmann und seine Leute wären von der deutschen Bewegung nie an die Spitze gewählt worden. Sie wurden Parteiführer, weil man sie in Moskau, d.h. durch Stalin, gewählt hatte. Wer sich gegen sie wendete oder sie kritisierte, galt als Feind der Sowjetunion. Die Parteibürokratie, die von oben ein- gesetzt wurde, machte es unmöglich, daß die besten Kräfte der Bewegung die Partei führten. Radek antwortete: „Es kommt darauf an, daß diejenigen die Führung übernehmen, die sich trotz dieser Umstände "

durchsetzen werden Ich erwiderte etwas ärgerlich: „Genosse Radek, es ist leicht für Sie, das zu sagen. Aber Sie müssen sich dessen bewußt sein, daß diejenigen, die dann die Führung über-

nehmen, sich gegen die Interventionen aus Moskau (d.h. von Stalin) wenden müssen. Sie werden dann als Feinde der Sowjetunion angeprangert und haben zu befürchten, ausgeschaltet zu werden." Darauf entgegnete Radek nichts. Ich verstand sein Schweigen. Er konnte dazu nicht „Ja" sagen, ohne sich zu sehr zu exponieren. Aber er widersprach auch nicht. Das war eine positive Antwort. Danach unterhielten wir uns über andere Aspekte der Bewegung, die nicht unmittelbar zum Thema gehörten. Sie haben sich mir nicht so ins Gedächtnis eingeprägt wie die obigen Antworten. Ich konnte nur zu gut verstehen, daß Radek sehr weit gegan- gen war, ohne offen zu sagen: „Wir müssen mit Stalin und dem Stalinismus brechen." Andererseits war auch zu ver- stehen, daß weder die Lösung der Krise in Rußland von außen gefunden werden konnte, noch die der Krise in Deutschland und des Westens, ohne in Konflikt mit Stalin und dem „Stalinismus" zu geraten. Wir mußten die Lösung unserer Probleme im eigenen Lande finden und nicht in an- deren Ländern oder in der Welt des Ostens. Das war der Sinn und die Bedeutung dessen, was Radek zu erkennen geben wollte. Danach, beim Abschied, lud Radek mich ein, während meines Aufenthaltes und bei anderen Besuchen die Bibliothek in seiner Wohnung zu benutzen. Ich sei jeder- zeit als Gast willkommen. Das war eine außerordentliche Einladung, die offensichtlich viel besagte. Ich begriff, daß Radek viel Verständnis für unsere Lage hatte und auch für seine eigene, machte aber von dem Angebot keinen Gebrauch. Als ich später noch einmal in Moskau war, wußte ich, daß es für ihn höchst kompromittierend und peinlich gewesen wäre, das Gespräch mit mir fortzusetzen.

4. „Prager Frühling" in Moskau — Die Debatten an der Kommunistischen Akademie

Nach der Begegnung mit Radek wurde ich von Freunden Leontjews und Bessonows in den „Prager Frühling" an der Kommunistischen Akademie eingeführt. Die jungen „ro- ten Professoren", die ich traf, konnten in zwei Lager grup- piert werden: die „Linken", die von ihren ideologischen Gegnern „Idealisten" genannt wurden, und die „Rechten", von den „Idealisten" ideologisch als „Mechanisten" im Denken bezeichnet. Die „Rechten" waren mit Bucharin verbunden, die „Linken" zumeist ehemalige Trotzkisten. Aber der ideologische Gegensatz zwischen den beiden Lagern wurde überbrückt durch die übereinstimmende Beurteilung der Krise im Land. Das Wirtschaftssystem war zusammengebrochen. Das Verteilungssystem hatte wenig zu verteilen. Es fehlte an Konsumgütern, auch an Rohstoffen und Fertigwaren. Die Bauern befanden sich erneut im Streik gegen die Städte, wie in der Spätzeit des Kriegskommunismus. Sie erhielten Papierrubel für die Agrarprodukte, aber für diese Rubel gab es keine Waren. Es drohte Hunger in den Städten. Der Leerlauf in der Industrie war unbeschreiblich. Meine russischen Freunde berichteten über einen großen Streik und Aufstand im „russischen Manchester", in Iwanowo-Wosnessensk, dem Zentrum der Textilindu- strie in Rußland. 5 Etwa hunderttausend Arbeiter streikten. Sie befanden sich im offenen Aufstand, hatten die Partei- gebäude besetzt und die eingesetzten Parteibürokraten ver- jagt. Das Streikkomitee übernahm die Macht in der Region. Die erstaunliche Hauptforderung lautete: „100% Erfüllung des Arbeitspensums gegen 100% Erfüllung der Rationen." Die Parteileitung in Moskau entsandte eine Delegation, die

versprach, die Forderungen der Streikenden zu erfüllen. Es wurden in der Tat Züge mit Konsumgütern in das aufstän- dische Gebiet geschickt. Der Streik wurde abgebrochen. Die Arbeiter glaubten, gesiegt zu haben. Aber drei Tage später erschienen Militäreinheiten der GPU. Alle Streik- führer und Arbeiter, die im Streik aktiv gewesen waren, wurden verhaftet und deportiert. Es herrschte der Terror. In Moskau wurde nicht ein Wort über den Streik be- richtet. Die zahlreichen Auslandskorrespondenten wußten nichts darüber, wie auch nichts über ähnliche Bewegungen in anderen Gebieten der Sowjetunion. Ereignisse wie oben berichtet bildeten den politischen Hintergrund für die Debatten in der Kommunistischen Akademie. Sie stellten einen Versuch dar, die Krise der Gesellschaft zu verstehen und Lösungen zu finden. Die „Rechten" und die „Linken" waren einer Meinung, daß ei- ne zweite NÖP notwendig sei, um die Krise zu überwin- den. Dadurch würden sich kapitalistische Märkte und Warenproduktion wieder ausdehnen. In den Diskussionen versuchten die Teilnehmer, das Wesen der Gesellschaft zu bestimmen und zu ergründen, ob es überhaupt möglich sei, den Sozialismus aufzubauen. Die „Linken", „Idealisten", sagten, daß der Staat sozialistisch sei, weil er die Arbeiter- klasse vertrete, und daß die Produktion und Verteilung der Produkte sozialistisch sei, weil der Staat darüber bestim- me. Die „Rechten" behaupteten, daß dies nicht zuträfe, weil die staatliche Produktion zu Geldwerten führe, die von einem Marktsystem bestimmt würden, auch wenn die Preise und Märkte durch staatliche Interventionen verzerrt würden. In diesem Falle sei das System kapitalistisch oder staatskapitalistisch, aber nicht sozialistisch. Es gab damals noch nicht den Ausdruck „Realsozialismus", sondern nur Sozialismus, Kapitalismus und Staatskapitalismus. Man

könnte hinzufügen: „Staatssozialismus". Alle Meinungen wurden respektiert und diskutiert. Im Mittelpunkt der abstrakt geführten Debatten standen weiterhin Grundsatzfragen über das Wesen der Sowjetge- sellschaft und der Warenproduktion, der Rolle des Geldes und des Austausches der Produkte im Sozialismus und Kapitalismus, als ob die Debatte, die vor und am Anfang der russischen Revolution unter Lenin über die Möglich- keit des Sozialismus in Rußland geführt worden war, fort- gesetzt werden sollte. Der Leser wird sich fragen, warum damals, fast fünf- zehn Jahre nach der Oktoberrevolution, nach der vorzeiti- gen Erfüllung des ersten Fünfjahrplanes der Industriali- sierung unter Stalin, jene Debatte wieder aufgenommen wurde. Die Fragen waren von aktueller Bedeutung. Stalin hatte verkündet, daß am Ende der qualvollen und schreck- lichen Periode der ersten Fünfjahrpläne das Reich des Sozialismus stehen würde, staatlich dekretiert, mit Zwang und Terror eingeführt. Beide Seiten, die „Rechten" und die „Linken", stritten sich über ideologische Fragen, aber sie waren sich einig, daß Stalin als Führer der Partei und des Staates nicht mehr tragbar war und daß angesichts der Zusammenbruchskrise des Versorgungssystems und der Beziehungen zwischen Stadt und Land eine neue NÖP notwendig sei. Sie müsse mehr Marktwirtschaft, Privateigentum und Profit für die Produzenten auf dem Lande und in der Stadt bieten als die erste NÖP unter Lenin. Nach den Erfahrungen des Terrors und der Notlagen unter dem ersten Fünfjahrplan würde ei- ne zweite NÖP für das Bestehen der Sowjetmacht aller- dings risikoreicher sein als die erste. In der praktischen Politik stimmten die „Rechten" und die „Linken" überein. Stalin habe versucht, mit seiner zen-

tralstaatlichen Politik während der ersten Fünfjahrpläne seine persönliche Machtstellung zu festigen, und diesem Ziel die praktische Politik der Fünfjahrplanung unterge- ordnet. Deswegen waren auch die „Linken", die ideolo- gisch gegen die Auffassungen von Bucharin standen, für zentralstaatliche Politik. Die Mitglieder der Parteiintelli- genzija und Parteielite waren fast einstimmig der Meinung, daß Stalin persönlich in aller Öffentlichkeit die Verant- wortung für die Schärfe der neuen Krise zugewiesen be- kommen müsse. Eine Weiterführung der Diskussion hätte zu den Ur- sachen für die Krise der ersten NÖP geführt. Diese drohte zu einer Systemkrise zu werden. Das lag an der persönli- chen Rolle von Stalin und der stalinistischen innenpoliti- schen Linie, auch an der Ausdehnung des kapitalistischen Marktsystems und der Rolle des Privateigentums. Es droh- te eine Abhängigkeit der Staatsführung von der privatka- pitalistischen Klasse. Diese konnte Spargelder akkumulie- ren, die der Staat für Defizitfinanzierungen und die Finan- zierung industrieller Anlagen benötigte. Dieses Problem, eine allgemeine Erscheinung im Spätkapitalismus, exi- stierte bereits während der ersten und später der zweiten NÖP in der Sowjetunion: Werden die Spargelder der kapi- talistischen Klasse, der Mittelklasse und auch der Arbeiter dem Staat für Defizitfinanzierungen und neue Kapital- anlagen zur Verfügung stehen und werden sie für diesen Zweck ausreichen? Sonst würde durch Inflationismus die Geldmenge vergrößert werden müssen. Die kapitalistischen Produzenten der NÖP wollten ihre Ersparnisse dem Staat nicht überlassen, nicht weil er „so- zialistisch" war, sondern weil sie dem Staat an sich nicht trauten. Deswegen tendierte die neue kapitalistische Klasse in der Sowjetunion mehr dazu, die Mehrwertproduktion zu

konsumieren, statt sie zu Geldkapital zu akkumulieren. Die dadurch verursachten, im Spätkapitalismus des Westens bekannten budgetären Defizitfinanzierungen führten so zu einer offenen Krise der NÖP. Die Pläne für die staatliche Finanzierung von langfri- stigen Kapitalanlagen konnten nicht ausgeführt werden. Der sowjetische Staat war nicht in der Lage, dem Mißtrauen der kapitalistischen Produzenten, der Bauern und der unabhängig tätigen Klein- und Mittelunternehmer in den Städten zu begegnen. Um das zu erreichen, wäre ein radikaler Abbau von Steuern oder von Abgaben an den Staat und die freie Verfügung über Spargelder notwendig gewesen. Für seine Selbsterhaltung zwang der Staat die Bauernklasse, die Industrialisierung zu finanzieren, und brach die „Sabotage" der Sparer. Dies mußte ebenso zu ei- ner Krise der NÖP führen. Vielleicht hatte Bucharin recht, daß mit weniger Industrialisierung die Lage der Bauern hätte erleichtert werden können. Aber auch bei dieser Variante wären sie kaum zur Kooperation bereit gewesen. Im Prinzip mußten die Bauern den Staat als ihren Feind und Ausbeuter anse- hen. Das taten sie bereits unter dem Zaren, als es jedoch in Zeiten günstigen Wetters und guter Ernten einigen Groß- bauern durchaus gelingen konnte, sich in die Kapitali- stenklasse aufzuschwingen. Die Klasse selbst unterlag der Oberherrschaft des Staates, d.h. des Zaren. Periodisch, z.B. durch schlechte Ernten, wurden die Abgabenauflagen des Staates unerträglich. Unter Stalin waren gewissermaßen superzaristische Verhältnisse eingetreten. Leontjew erzähl- te mir nach einem Besuch der Bauerndistrikte in Süd- rußland, daß dort die Verhältnisse als unverändert angese- hen wurden: „Der Staat nimmt uns unsere Ernten, wie un- ter dem Zaren."

Stalin wollte durch die Zwangskollektivierung dieses Problem ein für allemal lösen, und Bucharin mußte eigent- lich erkennen, daß das staatliche System, das dadurch ent- stand, eher dem asiatischen Despotismus ähnelte als einem wie auch immer geplanten Sozialismus. Die Alternative eines goldenen Mittelweges bestand, entgegen der Auffassung der Bucharinisten, nicht, weil da- durch die traditionellen Klassengegensätze nicht aufgeho- ben worden wären. Wer diese Erklärung als Ausdruck ei- nes fatalistischen Pessimismus ansieht, vergißt, daß die Theorie vom „Aufbau des Sozialismus in einem (rückstän- digen) Lande" im Prinzip unrichtig war. Der Versuch, mit den Industrieländern zu konkurrieren, mußte zum Ultra- militarismus und zur Versklavung der Bauern führen. Der ursprüngliche Glaube von Bucharin, daß die NÖP ein Dauerweg zum Sozialismus und vielleicht bereits der Beginn des Sozialismus sei, erwies sich als irreführend, ähnlich der Auffassung der Keynesianer, daß mit staatli- chen Defizitfinanzierungen die Vollbeschäftigung im Kapitalismus als Dauerzustand erreicht werden könnte.

Auch mit diesen Problemen befaßte sich die Debatte an der Kommunistischen Akademie, die später in dramatischer Weise beendet wurde. Im Frühjahr 1932 war diese Diskussion noch in vollem Gange. Meine russischen Freunde luden mich ein, als Gast teilzunehmen. Ich war zutiefst beeindruckt von der Tatsache, daß jede Woche 500 bis 1.000 oder mehr Mitglie- der der Moskauer Parteielite in die Kommunistische Akademie kamen, um zusammen mit den Roten Pro- fessoren und Studenten den höchst abstrakten Diskus- sionen zu folgen. Sie wußten, daß hier das Wesen des so- wjetischen Staates und der politische Wandel, der nach

dem Abtritt von Stalin möglich würde, zur Debatte stand. Die Zuhörer fühlten, daß diese Diskussionen das Schicksal der sowjetischen Gesellschaft entscheidend beeinflussen oder wenigstens erklären könnten. Sie rechneten jedoch nicht mit dem Eingreifen Stalins. Ich selbst habe nicht an der Diskussion in der Kom- munistischen Akademie teilgenommen. Dazu waren mei- ne Kenntnisse der russischen Sprache zu beschränkt. Ich wäre außerdem nicht in der Lage gewesen, einen positiven Beitrag in der Debatte zu leisten, da mir das Problem Bauernklasse und Industrialisierung zu fremd war. Während meiner kurzen Zeit als schweigender Gast- hörer erkannte ich die historische Bedeutung der Debatte und ahnte deren Ende. Ich fühlte mich ohnehin nur als Beobachter aus einem anderen Land, nicht als Teilnehmer an der Gestaltung des Systems. Ich hatte nie an den Aufbau des „Sozialismus" in der Sowjetunion geglaubt. Vor allem schien mir, daß die Debatten in Moskau unser Schicksal in Deutschland und Westeuropa kaum beeinflussen würden. Sie waren für die Zukunft der Sowjetunion von Bedeutung, würden uns aber nicht helfen, einen Ausweg aus der Krise zu finden. Es schien, daß wir auf zwei getrennten Planeten lebten. Es hat sich jedoch erwiesen, daß die Probleme der Krise der NÖP in den Problemen der Krise des westlichen Staatskapitalismus, der durch den Keynesianismus einen Ausweg sucht und nicht finden kann, enthalten sind. Deswegen besteht trotz der scheinbaren Fremdheit eine bisher unerkannte Verwandtschaft der Krisenprobleme im Osten mit denen des Westens, die hinter den Abstraktionen der Ideologie auf beiden Seiten versteckt wurden, und ebenso zwischen den Diskussionen im Osten über das Wesen der zentralstaatlichen Planwirtschaft und denen im Westen über die Krise des Keynesianismus oder der

Defizitfinanzierungen. Ich bin mir nicht sicher, ob diese Parallelen im Westen verstanden werden können. Jeden- falls hat der Ausgang der Diskussionen des „Prager Frühling" 1932 in Rußland mehr Gegenwartsbezüge, als es dem Leser erscheinen mag. Das bezieht sich besonders auf das unmäßige Wachsen der Staatsbürokratien in Ost und West, die die zahlenmäßig stärkste Klasse in den Ländern des ehemaligen „Real- sozialismus" im Osten wie auch in den Industrieländern des Westens wurde. Die staatliche Bürokratie war vor 1932 in der Zeit des ersten Weltkrieges als zentralstaatliche Führungsmacht in den kapitalistischen Ländern aufgetre- ten. Sie wurde nach dem Krieg reduziert. Der freie Markt- kapitalismus sollte wiederhergestellt werden. In den Län- dern der russischen Revolution dagegen erschien die Staatsbürokratie als ruhender und doch nicht ruhiger Kern der Gesellschaft. Lenin sah die Bürokratie in der Frühzeit der Sowjetunion als unerträgliche Geißel an und beschäf- tigte sich viel damit, ob und was dagegen getan werden konnte. Er fand keine Lösung. Die Bürokratie nahm nach Lenins Tod zu und Stalin verankerte seine persönliche Macht darin. Die Bürokratie als Geißel der staatlichen „Planwirt- schaft" ist auch in den westlichen Ländern als Merkmal für einen Wandel des Kapitalismus erschienen. Sie begann in den großkapitalistischen Konzernen, besonders wenn die- se ein Weltmonopol besaßen. Aber diese privatkapitalisti- schen Monopolbürokratien wurden in ihrem Ausmaß bald von den staatlichen Bürokratien übertroffen. Die Staatsbürokratie drückt heutzutage der kapitalisti- schen Gesellschaft im wahrsten Sinne ihren Stempel auf. Auch wenn die Bürokraten Verantwortung scheuen und ei- nen Herren brauchen, so haben sie dennoch entscheiden-

den Einfluß auf die Politik. Dies zeigt sich besonders in Krisenzeiten. Sie versuchen immer, den Status quo ihrer Gesellschaft zu verteidigen, um die Bevorzugung der staat- lichen Ansprüche bei der Verteilung des Nationalein- kommens zu sichern. Die Krise von 1932 wäre in Deutschland und Rußland anders verlaufen, wenn nicht die Staatsbürokraten als Werkzeuge der konservativen Politiker wirksam geworden wären. Hitler und Stalin konnten ihre Macht festigen, weil es ihnen gelang, sich die Entscheidung über die Prioritäts- ansprüche der staatlichen Bürokratien anzueignen. Sonst hätten sie es nicht vermocht, die gesamte Gesellschaft zu kontrollieren. Die große Debatte über das Wesen der Krise und des Systems, ob Staatskapitalismus oder Staatssozialismus, ob kapitalistische Warenproduktion oder sozialistische Pro- duktion von Tausch- und Konsumgütern, ob anarchische Marktkonkurrenz oder gezielter staatlicher Planinterven- tionismus, wurde im Sommer 1932 von Stalin mit einem Dekret entschieden: Beide haben Unrecht, die „Linken" und die „Rechten", die „Idealisten" und die „Mechani- sten". Es war fast, als ob Stalin sagen wollte, was er nicht konnte, da er den Keynesianismus nicht kannte: Die Keynesianer und die Anbeter der NÖP-Marktkonkurrenz seien gleichwertig parteischädlich. Eine dritte Gruppe ha- be recht: die „Schweiger" oder „Opportunisten", die di- plomatisch in den großen Debatten geschwiegen hatten oder nichts zu sagen wußten und die ihre Meinung der je- weiligen Meinung des staatlichen Diktators anpaßten. Sie erhielten nach Entfernung der an den Diskussionen Betei- ligten die führenden Posten in der Kommunistischen Akademie, zusammen mit den Mitgliedern der GPU, die die Opportunisten überwachten und die auch dafür sorgten,

daß die Archive gereinigt wurden. Kein Dokument sollte an jene Debatten erinnern. Deswegen die großen Lücken in den nunmehr zugänglich gewordenen Archiven. Die Krisen staatsbürokratischer Gesellschaften verlau- fen anders als die Krisen in Gesellschaften, in denen die Verteidiger des Status quo keine Massenbasis in den staat- lichen Apparaten haben und somit ihre Interessen nicht mit Hilfe einer staatsbürokratischen Klasse, die für „Ruhe und Ordnung" sorgt, verteidigen können. In dieser Konstel- lation erscheinen die Klassengegensätze direkt. In Gesell- schaften mit ausgedehnten Staatsbürokratien hingegen schwelt die Glut unüberbrückbarer Klassengegensätze, die zu revolutionären Zusammenstößen führen können, länger, ohne als offenes Feuer auszubrechen. Dafür wächst die Gefahr für das Regime, daß die schwelende Glut plötz- lich und unerwartet explodiert. Dann werden die Führer der Bürokratien, die sich bei allen Parteien weltweit eingeni- stet haben, hinweggefegt werden können. Auf den Ablauf der Ereignisse im Jahr 1932 bezogen können wir erkennen, daß die relativ jungen staatlichen Bürokratien mehr Einfluß auf den Ausgang der Krise aus- übten, als es den Zeitgenossen erscheinen mochte. Die tiefe Zusammenbruchskrise des Versorgungs- systems und des Warenaustausches brachte eine Art Notgemeinschaft der "Idealisten" mit den „linken" An- hängern zentralstaatlicher Planung hervor. Beide wußten, daß ohne Marktwirtschaft und kapitalistische Warenpro- duktion die innere Krise nicht zu überwinden war. Die Debatten dieser Gruppierungen konnten deshalb kaum die innenpolitischen Probleme lösen, aber einige der wichtig- sten Fragen beantworten, die für die weitere Entwicklung des Landes entscheidende Bedeutung hatten. Was verbarg sich hinter der Krise der NÖP, die zu einem Streik der

Bauern und dem Zusammenbruch des Versorgungssystems geführt hatte? Die Einführung einer neuen — zweiten — NÖP konnte nur eine Notlösung sein. Was sollte aber ge- schehen, wenn die Bauern sich erneut weigerten, ihre Ersparnisse dem Staat auszuhändigen? Die aufgeblähten staatlichen Ausgaben und die Erneuerung und Erweiterung der industriellen Anlagen mußten finanziert werden. Stalin hatte immerhin den Sieg des „Sozialismus" für einen der nächsten Fünfjahrpläne versprochen. Nunmehr sollte die kapitalistische Marktwirtschaft das Versorgungssystem retten. Was würde aus dem Gesellschaftssystem werden — Marktkapitalismus, staatliches Planungssystem oder „so- zialistische Wohlstandsgesellschaft" wie von Stalin an- gekündigt? Die Theoretiker suchten in den Debatten an der Kommunistischen Akademie Antworten auf diese Fragen. Deshalb auch das rege Interesse und die Beteiligung der Parteiaktivisten. Es erschien allen Teilnehmern, als ob der ersehnte und geplante „Sozialismus" in weiter Ferne lag. Die staatliche Planwirtschaft war zusammengebrochen. Das theoretische Konzept des Staatssozialismus hatte sich als falsch und nicht realisierbar erwiesen. Was sollte ge- schehen?

Die Sieger in den Debatten in der Kommunistischen Akademie waren, wie bereits ausgeführt, nicht die „Rechten" oder „Linken", sondern die Vertreter der Staats- bürokratie. Ähnlich hatte Hitler in seiner Partei die „Linken" (Röhm), die einen illusionären Nationalsozia- lismus einführen wollten, gezügelt, nachdem er vorher sei- ne „Rechten" mit Hilfe der staatskapitalistischen Büro- kratien gezüchtigt hatte. Er mußte sicherstellen, daß die au- toritäre Staatspartei von ihm dominiert wurde und sein Machtwerkzeug war. „Rechts" und „links" hätten sich sonst ungehindert bekämpft.

Die schweigenden Opportunisten, die in der Kom- munistischen Akademie nach dem „Prager Frühling" die führenden Posten erhielten, waren opportunistische Staats- bürokraten und Karrieristen wie in vielen anderen Zweigen der stalinistischen Gesellschaft. Sie waren seelenverwandt mit den Staatsbürokraten der westlichen Länder, insbeson- dere mit denen, die von einer autoritären Macht totalitär be- herrscht werden.

5. Auftrag vom EKKI — Reise in den Kau- kasus — Erlebnisse in Moskau und Berlin

Der „Prager Frühling", der mich in der Kommunistischen Akademie überraschte, hatte auch in der Komintern be- gonnen. Drei Tage nach meinem Gespräch mit Karl Radek und kurz vor meiner geplanten Abreise nach Kaukasien und in das asiatische Rußland — eine Reise, die ich dann vertagen mußte — suchte ich die deutsche Abteilung der Komintern auf. Ich hatte meinen Besuch angekündigt, ihn eigentlich als eine Art Höflichkeitsbesuch angesehen. Zu meiner Überraschung begrüßte man mich mit der Mit- teilung, daß im oberen Stockwerk, in den Räumen des Exekutiv-Komitees der Kommunistischen Internationale (EKKI), Smoljanski auf mich warten würde. Ich war als Autor von Artikeln über ökonomische Entwicklungen im Westen, besonders in Deutschland, über neue Erscheinun- gen der Krise des Kapitalismus und des Wandels der deut- schen Arbeiterklasse bekannt. 6 Andererseits mußten die Mitglieder des EKKI wissen, daß ich als freier Schrift- steller völlig unabhängig war und keine Parteifunktion besaß. Um so mehr war ich erstaunt, als Smoljanski mir mitteilte, das EKKI habe beschlossen, mir einen Auftrag anzubieten: eine Untersuchung des Wandels der deutschen Arbeiterklasse in der Folge der großen Krise und dessen Auswirkungen auf die Arbeiterbewegung. Man erwartete, daß ich die Untersuchung innerhalb eines Jahres ausführen würde. Das EKKI wollte einen vertraulichen Bericht dar- über. Der Inhalt meiner Studie und andere Materialien soll- ten für die Herausgabe eines Buches genutzt werden. Ich sollte völlig unabhängig von der deutschen Partei mit von mir ausgewählten Mitarbeitern die Untersuchung durch- führen. Es wurde ausdrücklich betont: Die deutsche Partei

darf sich nicht in meine Untersuchung einmischen! Smoljanski teilte mir außerdem mit, daß beschlossen wor- den sei, ähnliche Untersuchungen in anderen Ländern fol- gen zu lassen, aber erst nach Abschluß meiner Arbeit, um auf den Erfahrungen des deutschen Projektes aufbauen zu können. Die Kosten für dieses Vorhaben sollten durch ein spezielles Budget gedeckt werden. Die dafür bewilligten Gelder wurden durch den Buchverlag der KI in Berlin und, nach Hitlers Machtergreifung, vom Zweigverlag in Prag/Wien ausbezahlt. Die Beträge reichten aus, um ei- nen kleinen Stab von Mitarbeitern ein Jahr lang zu finan- zieren.

Die Bedeutung des Auftrages war offensichtlich. Die sowjetrussische Führung der Komintern, mit dem Ungarn Bela Kun an der Spitze, wollte die Stalinisierung der deut- schen Partei rückgängig machen. Stalin wurde also nicht mehr im Kreml erwartet. Mit dem Beginn der zweiten NÖP — ohne Stalin — wollte das EKKI die Bewegung von der Zwangsjacke des Stalinismus befreien. Eine neue Parteiführung, gewählt von den Mitgliedern, sollte ein Kooperationsverhältnis mit dem seelenverwandten linken Flügel der Sozialdemokratie herstellen und die vielen intellektuellen Kräfte der tradi- tionsreichen Bewegung in Deutschland, die sich in den letzten Jahren von der KPD abgewandt hatten, wieder auf- nehmen. Die KPD war von allen kommunistischen Parteien des Westens am meisten „stalinisiert", mehr als das Präsidium des EKKI. Sie war die einzige Partei, deren Parteiführer von Stalin persönlich gegen den Willen des Zentral- komitees eingesetzt worden war. Dies war im Gefolge der Wittorf-Affäre geschehen. Der bereits abgesetzte Thälmann kam auf Geheiß Stalins wieder an die Spitze der

Partei. Auf den Einwand, daß Thälmann theoretisch un- wissend und ungebildet sei, soll Stalin geantwortet haben:

„Um so besser. Er wird zuverlässig sein." Ich antwortete Smoljanski, daß ich bereit sei, den Auftrag anzunehmen und meine geplante Erkundungs- und Studienreise abzubrechen, daß ich aber im Herbst diese Reise durch die Sowjetunion als eine Art Urlaubsreise nachholen wolle. Er war damit einverstanden und die Formalitäten des Auftrages waren damit abgeschlossen.

Eine zufällige Begegnung in Moskau bestätigte mir, daß wirklich ein „Prager Frühling", auch für die russische Partei, begonnen hatte. Ich traf auf der Straße Frida Rubiner, die eine höhere Funktion in der russischen Partei bekleidete. Wir kannten uns aus der Bewegung in Berlin. Wir begrüßten uns freundlich. Sie wollte, daß ich einen Auftrag ihrer Parteiführung übernahm. Dieser bestand dar- in zu untersuchen, welche Erfahrungen ausländische Ar- beiter in der Sowjetunion gesammelt hatten, und darüber einen vertraulichen Bericht vorzulegen. Ich konnte mir ein oder zwei industriell entwickelte Regionen mit Groß- und Mittelbetrieben auswählen. Die Betriebsleitung und die ausländischen Arbeiter sollten mit mir ohne Ein- schränkungen über ihre Eindrücke und Erlebnisse während der Industrialisierung, über die Beurteilung von deren Ergebnissen, über ihre persönlichen Auffassungen vom Sozialismus, über den Sowjetstaat und die Planwirtschaft sprechen dürfen. Das Zentralkomitee traute den offiziellen Berichten nicht und versuchte deshalb, über eine unabhän- gig von der Parteibürokratie vorgenommene Untersuchung fehlende Antworten zu finden.

Eine derartige Analyse hätte sicherlich erstaunliche Ergebnisse gebracht. Ich wollte nicht absagen, war aber

zeitlich gebunden. So antwortete ich ihr, daß ich nur vier Wochen zur Verfügung stellen könne. Das war die Zeit meiner später geplanten Urlaubsreise. Sie sagte, daß ich mindestens drei bis sechs Monate für die Ausführung die- ser Untersuchung benötigen würde. Unter diesen Um- ständen mußte ich den Auftrag ablehnen. Später habe ich doch in einigen Großbetrieben mit Leitern und zumeist aus Deutschland kommenden Arbei- tern über deren Erfahrungen gesprochen. Dies diente mei- ner persönlichen Kenntnisnahme und stellte keine wissen- schaftliche Untersuchung dar. Offensichtlich bemühte sich Frida Rubiner ebenfalls, die Partei auf eine große Wende, eine Politik ohne Stalin vorzubereiten. Die von ihr geplante Untersuchung bezeug- te das Suchen nach neuen Wegen der Partei und Partei- politik, ähnlich den Bemühungen des EKKI, neue Wege für die Bewegung zu finden.

Es ist den meisten Historikern verborgen geblieben, daß der große Terror der dreißiger Jahre seinen Ursprung in den Erfahrungen besaß, die Stalin im Frühjahr 1932 gesammelt hatte. Er erlebte zum ersten Mal, daß der nach dem Tod von Lenin ständig ausgebaute Terror- und Überwachungs- apparat nicht ausreichte, um die tiefe Erniedrigung seiner Macht und seiner Person zu verhindern. Es gab zu viele „alte Bolschewiki" und mit den Idealen der russischen Revolution verbundene Parteimitglieder, die Stalins Zielen entgegenstanden. Vor allem die Führer der Roten Armee mit General Tuchatschewski an der Spitze, von Trotzki ge- schult, waren einer vollen Machtübernahme Stalins im Wege. Sie wollten nicht selbst die Macht, hätten sich aber gegen einen Bonaparte gewandt. Stalin mußte sie töten oder zutiefst erniedrigen, nachdem er 1932 wieder in den

Kreml zurückgekehrt war. Den Historikern, die diesen Teil der Geschichte nicht aufdecken konnten oder wollten, kam bisher das Fehlen von Dokumenten entgegen. Erst kürzlich sind in den Nachlaßpapieren von Trotzki Hinweise gefunden worden, die den „Prager Frühling" von 1932 bestätigen. 7 Trotzki hatte demnach seinen in der Sowjetunion lebenden Anhängern empfohlen oder sie an- gewiesen, die Illegalität aufzugeben und offen als Führer der Bewegung gegen Stalin aufzutreten. Er wußte offenbar vom „Prager Frühling" und hoffte, daß Stalins Macht ge- brochen war ode r nu r noc h ein eine m dünne n Fade n hing . Aber es fehlte eine autoritäre Führung, die die vielfa- che Spaltung der Opposition hätte überwinden können. Bucharin wollte nicht ä la Gorbatschow handeln, der sich in späteren Jahren auf Bucharin bezog, aber nicht wußte, daß der Lehrmeister im Jahre 1932 versagt hatte. Folgende Fragen bleiben unbeantwortet: War das Versagen von Bucharin eine historische Notwendigkeit, und was wäre geschehen, wenn Stalin im Jahre 1932 die Macht verloren hätte?

Stalin gab sich nicht der Illusion hin, daß eine von Bucharin erwartete Liberalisierung des Systems möglich wäre, wenn gleichzeitig das Wettrüsten mit dem Westen durchzuhalten war und wenn außerdem der staatliche Machtapparat er- weitert werden mußte. Für ihn galt es, die Ersparnisse der Bauern zu appropriieren und einen eventuell von ihnen ausgehenden erneuten „Streik" durch die Zwangskollekti- vierung zu verhindern. Die Durchsetzung dieser Politik konnte mit dem Staatsapparat von 1932 nicht gelingen. Eine Kernfrage des Jahres 1932 in der Sowjetunion lau- tete: Wie ist schnellstmöglich die Versorgungskrise zu lö- sen? Wie waren die Bauern zu motivieren, trotz des feh-

lenden Saatgetreides die Felder zu bestellen und trotz feh- lender Vorräte die Städte wieder mit Agrargütern zu belie- fern? Das erschien als unmögliche Aufgabe. Ein neues Hungerjahr stand bevor. In dieser Situation mußten der Privatinitiative und Selbsthilfe durch die Eröffnung von freien und halbfreien Märkten neue Wege geebnet werden. Auf dem schwarzen Markt wurden astronomische Preise gezahlt. Diese sollten durch Ausdehnung des Freihandels gesenkt werden. Die letzten staatlichen Reserven wurden verzehrt. Millionen Menschen sind damals verhungert. Das ist mittlerweile bekannt, aber kaum, daß diese Zusammen- bruchskrise durch eine Art Ultra-NÖP überwunden wurde. Aus dieser Zeit resultiert der Beschluß der Parteileitung unter Stalin, die schwarze Marktwirtschaft, die als paralle- les Wirtschaftssystem offiziell nicht existierte, als Bestand- teil des „Sozialismus" anzuerkennen. Das war die Geburts- stunde des „Marktsozialismus". Eine Kommission wurde eingesetzt, deren Aufgabe darin bestand, die Existenz von Warenmärkten, Marktpreisen und Profit als Bestandteil des „Sozialismus" zu begründen. Mein ehemaliger Freund Leontjew wurde ein führendes Mitglied dieser Kommis- sion. Ich vermutete, daß er der Schöpfer der Idee war, daß das von Marx nachgewiesene Wertgesetz auch im „Sozialismus" Gültigkeit habe. Ich weiß, was Leontjew über Sozialismus und Planung während der Zeit des ersten Fünfjahrplanes gedacht hatte, und kann mir nicht vor- stellen, daß er ernsthaft an das Konzept eines „Markt- sozialismus" oder die Gültigkeit des Wertgesetzes im Sozialismus glaubte. Aber die Kommission hatte den Auftrag von Stalin, die kapitalistische Marktwirtschaft der neuen NÖP zu einer legalen Dauerinstitution zu machen. In Erfüllung dieses Auftrages mußte die Gültigkeit des Wertgesetzes im Sozialismus erklärt werden. Erst dadurch

war es den staatlichen Stellen möglich, die tatsächliche Gestaltung von Preisen und Märkten in die Statistik des Landes aufzunehmen. Bis dahin wußten die Planungs- bürokratien und die Regierung nicht, inwieweit Preise oder das allgemeine Preisniveau sanken oder stiegen und wie sich die tatsächlichen Versorgungsbedingungen änderten. Die verantwortlichen Leiter der staatlichen Industrie- unternehmen mußten eine Art doppelte Buchführung ein- richten, mit den offiziellen, geplanten Einnahmen und Ausgaben (planowyje), also fiktiven Angaben, und mit den tatsächlichen, die sich durch die Benutzung des „freien" oder schwarzen Marktes ergaben (faktitscheskije). Vorher wurden die tatsächlichen Einnahmen/Ausgaben oder Wirt- schaftsvorgänge den übergeordneten Stellen vorenthalten. Nach Anerkennung des Wertgesetzes konnten die tatsäch- lichen Abläufe einigermaßen dokumentiert werden. Die Kommission hatte ihren Auftrag erfüllt. Ein neuer Berufsstand von „Planungsingenieuren" mußte sich mit dem neu gefundenen „Marktsozialismus" befassen. Dieses Konzept wurde als „Modell" des „Sozia- lismus" nach 1945 fast in die ganze Welt exportiert. Die ihm zugrunde liegende Theorie wurde in der Zusam- menbruchskrise von 1932 geboren, um eine Wiederholung derartiger Zustände auszuschließen. In der offiziellen Parteigeschichte mußte die Erschaffung des Sozialismus als direkte Folge der Fünfjahrplanung und Industriali- sierung erscheinen. Tatsächlich entstand die Theorie vom Marktsozialismus als Folge der Zusammenbruchskrise des Produktions- und Verteilungssystems am Beginn der dreißiger Jahre, die durch die falsche Politik Stalins — „Kollektivierung", übereilte Industrialisierung — hervor- gerufen wurde. Dadurch erweiterte sich auch der nicht vor- hergesehene Gegensatz zwischen Theorie und Praxis des

zentralstaatlichen Planungssystems und mußte irgendwie gelöst werden.

Um den EKKI-Auftrag auszuführen, kehrte ich im spä- ten Frühjahr vorzeitig nach Berlin zurück. Nach einem Bericht an den Freundeskreis verpflichtete ich einige Mitarbeiter, an der großen Untersuchung über den Wandel der Arbeiterklasse teilzunehmen. Ich kontaktierte Be- triebsräte, Gewerkschaftsfunktionäre usw., die mithelfen konnten, den „Wandel der Arbeiterklasse" in ihrem Be- reich festzustellen und zu beurteilen. An erster Stelle stan- den dabei je ein Mitglied des Betriebsrates der BEWAG, auch der Eisenbahn-Reparatur-Werkstätten der Borsig- werke, der Leunawerke und des Bürgermeisteramtes von Leuna. Trotz dieser Unterstützung konnte aber die Unter- suchung nicht wie geplant abgeschlossen werden. Stalin war im Herbst wieder in den Kreml eingezogen. Meine Auftraggeber im EKKI mußten erwarten, daß ein Be- kanntwerden des Auftrags sie kompromittieren würde. Sie hatten sich auf eine kommunistische Weltbewegung ohne Stalin vorbereiten wollen und ein neues Verhältnis zu den linken Sozialdemokraten angestrebt. Das war für Stalin ein unverzeihliches Verbrechen. Ich versuchte dennoch, die Untersuchung zu beenden. Das gelang nur zum Teil. Auf jeden Fall war das Ergebnis nicht benutzbar, denn unter Hitler und nach dem Reichs- tagsbrand gab es keine Arbeiterbewegung mehr. Eine derartige Entwicklung war vorauszusehen, als ich das zweite Mal im Jahre 1932, im Herbst, die Sowjetunion besuchte und zunächst nach Moskau fuhr. Ein neuer poli- tischer Wind wehte. Unter den Mitgliedern der Parteielite herrschte Pessimismus vor. In der Kommunistischen Aka- demie hatte die große Säuberung begonnen. Die Debatte

über das Wesen der Sowjetunion und einer sozialistischen Gesellschaft fiel dem Vergessen anheim. Niemand wollte daran erinnert werden. Ich machte erneut einen Besuch bei der deutschen Vertretung der Komintern — das letzte Mal. Ich betrat den Raum im Bewußtsein, daß ich diese Men- schen wahrscheinlich nie wiedersehen würde, da sie ver- mutlich kaum eine Chance hatten, diese Periode zu überle- ben. Sie waren für mich Mitglieder einer Parteibürokratie, die als Apparatschiks nicht unabhängig denken durften und nicht unabhängig denken wollten. Ich konnte ein Lächeln nicht unterdrücken, als ich mit dem Gedanken den Raum betrat, daß die Apparatschiks in einer Mausefalle saßen. Es gab für sie kein Entkommen. Sie wußten es selbst und sag- ten voller Empörung, als ich lächelnd eintrat: „Wie kannst du lächeln und vergnügt sein in dieser Zeit?" Ihr Schicksal war vorbestimmt, sie waren doppelt ge- fangen — in Rußland unter dem Stalinismus und in Deutschland mit der Aussicht eines Sieges von Hitler. Ich dachte aber auch an das tragische Ende. Meine Freunde und viele andere hatten es nicht vermocht, sich von der Parteibürokratie zu „befreien". Nun übernahmen — welch Ironie der Geschichte — unsere gemeinsamen Hauptgeg- ner diese Aufgabe.

Um Haaresbreite wäre ich selbst ein Gefangener Stalins geworden. Ich war in die Sowjetunion offiziell mit einem Besuchervisum eingereist, bei dessen Ausstellung meine Freunde in der Botschaft geholfen hatten. Sie wußten zu diesem Zeitpunkt noch nicht, daß ein neues Dekret die Ausreise aus der UdSSR ohne Sondererlaubnis verbot, es sei denn, man konnte ein Schreiben vom letzten Arbeits- platz vorlegen, welches bestätigte, daß der Arbeitsplatz mit Zustimmung der Arbeitsstelle verlassen worden war. Von

den Beschränkungen ausgenommen waren die Devisen- besucher, die mit Intourist oder einer ähnlichen Organisa- tion ein- und ausreisten. Ich gehörte nicht zu dieser Kategorie und offiziell gab es keine Privatbesucher. Ich hätte das EKKI aufsuchen und darum bitten können, mir bei der Ausreise behilflich zu sein. Aber ich ahnte, daß die Mitglieder des EKKI nicht an meinen Auftrag erinnert wer- den wollten und befürchten mußten, sich selbst eine Schlinge um den Hals zu ziehen, wenn sie einem Dissi- denten bei der Ausreise behilflich wären. Ich konnte mich irren, aber ich wollte sie nicht auf die Probe stellen. So ging ich in das Amt für Ausreisen von Sowjetbürgern und ver- langte eine Ausreiseerlaubnis. Der offensichtlich jüdische Leiter des Amtes sagte, daß er gezwungen sei, auf einer Genehmigung von meinem letzten Arbeitsplatz in der Sowjetunion zu bestehen. Mein Argument, daß ich ein Besuchervisum hätte, nützte nichts. Er mußte sich auf das Dekret berufen, wollte mir aber entgegenkommen und empfahl, daß einer meiner Freunde in einem sowjetrussi- schen Amt mir aus Freundschaft ein Papier ausstellen sol- le, daß ich dort gearbeitet hätte und mein Weggehen ge- nehmigt sei. Das sei eine Formalität und würde ihn entla- sten. Ich sagte, daß ich meine Freunde nicht um eine derartige Gefälligkeit bitten würde. Ich drohte damit, im Westen über die Exzesse der russischen Staatsbürokratie zu schreiben. Ich notierte seinen Namen und seine offizielle Stellung. Nach einer halben Stunde war er in Angstschweiß gebadet und unterschrieb die Ausreiseerlaubnis in Ver- letzung seiner Amtspflicht.

Während meiner letzten Vörkriegsreise in die Sowjet- union hatte ich in Moskau ein Gespräch mit einem Parteiapparatschik. Ich habe seinen Namen vergessen, aber

das Gespräch ist tief in meiner Erinnerung geblieben. Er fragte mich: „Wie wird sich die internationale Lage der Sowjetunion verändern, wenn Hitler in Deutschland an die Macht kommt?" Ich sagte ohne Zögern: „In diesem Fall muß sich die Weltlage der Sowjetunion entschieden ver- schlechtern. Denn solange wie es in Deutschland demo- kratische Rechte, eine freie Presse etc. und vor allem die traditionelle Arbeiterbewegung gibt, ist es nicht möglich, das deutsche Volk zu einem Krieg gegen die Sowjetunion zu mobilisieren. Das ist aber möglich unter einer faschisti- schen Diktatur, die alle demokratischen Einrichtungen zer- stört hat." Er war sichtlich erschrocken und sagte im Flüsterton: „Wiederhole nicht, was du eben gesagt hast, denn das widerspricht den letzten Beschlüssen unserer staatlichen Führung" (d.h. Stalins). Der große Führer hatte entschieden, daß sich die internationale Lage der Sowjet- union durch Hitlers Machtübernahme verbessern würde, denn dann wäre der nächste Krieg einer der imperialisti- schen Mächte des Westens gegeneinander und keiner ge- gen die Sowjetunion. Mein russischer Gesprächspartner hätte hinzufügen können, daß Stalin ein Zusammengehen mit Hitler begrüßte und glaubte, Hitler sei seines Geistes.

Stalin war überzeugt davon, daß ein Sieg Hitlers für ihn vorteilhaft wäre. Es ist dokumentarisch belegbar, daß un- mittelbar nach dem Sieg Hitlers die Berliner Botschaft der UdSSR (unter Teilnahme des Botschaftsrates Bessonow) angewiesen wurde, sich intensiv zu bemühen, ein Koope- rationsverhältnis mit Hitler herzustellen. Erst nach Ab- lehnung dieses Ersuchens bekundete Stalin Interesse an ei- nem Zusammengehen mit den Westmächten — bis zu dem überraschenden Abschluß eines Bündnisses mit Hitler, un- mittelbar vor Ausbruch des zweiten Weltkriegs.

Kurz nach dem oben zitierten Gespräch unternahm ich die lange aufgeschobene Urlaubsreise durch den wildesten Teil des Nordkaukasus. Sie begann in der „Hauptstadt" des Landes der Karatschaier, eines über tausend Jahre ansässi- gen Gebirgsvolkes, das primitiv, aber in Freiheit und Unabhängigkeit einige hohe Berge und tiefe Täler be- wohnte. Wie für die meisten Gebirgsvölker war der Fremde ein willkommener Gast. Ich zog mit drei Russen, einem kaukasischen Führer und einem Pferd durch die wilden Berge auf der alten, grusinischen Heerstraße und hatte vie- le Erlebnisse, die für die Zeitverhältnisse typisch waren

und den Einzug des Geistes des Frühkapitalismus bestätig- ten. Es half uns viel, daß wir nicht als Amtspersonen, son- dern einfach als private Wanderer kamen. Wir konnten bald feststellen, daß ein sozialer Umbruch begonnen hatte — nicht im Sinne des Sozialismus oder „Kollektivismus", auch nicht einer NÖP, sondern des reinen Frühkapita- lismus, des brutalen Kampfes ums Dasein mit Hilfe von Geld oder geldwertigen Mitteln. Beim Einzug in das erste Dorf begegneten wir einem Jungen von etwa zwölf Jahren, den wir nach einem Quartier für die Nacht fragten. Er emp- fahl einen Mann, seinen Vater, der im Dorf als „Kulak" galt, weil er zwei Pferde und zwei Kühe besaß. Dieser Junge sagte plötzlich zu mir: „Ich will deine Jacke kaufen. Was kostet sie?" Da ich ablehnte, wollte er meinen Schal erwerben. Ein Mitglied unserer Gruppe, eine junge Kom- somolzin, Spezialistin für „Planwirtschaft", war empört und sagte: „Wie kannst du ein Torgovez (Händler) sein, ein kapitalistischer Geldjäger?" Der Junge sagte mit ernstem Gesicht: „Wie kann ich in diesem Land leben, wenn ich nicht mit Profit handle? Ich muß Geld verdienen, um zu "

Der Geist des Frühkapitalismus war in diesem

leben

Kind erwacht.

Uberall, wo ich frei mit den „neuen" Menschen des Landes sprechen konnte, waren die Menschen vom Geist des Frühkapitalismus ergriffen — mit wenigen Ausnah- men. Ein sowjetrussischer Mathematikprofessor von über 50 Jahren, der unserer Wandergruppe angehörte, wollte mir, als wir uns am Lagerfeuer in den Bergen auf die Nacht vorbereiteten, einen „guten Rat" geben. Er sagte: „Du mußt wissen, in diesem Land kannst du nicht überleben, wenn du nicht starke Ellbogen hast, mit denen du alles beiseite schiebst, was dir im Wege steht. Du mußt stets an dein persönliches Interesse denken und für dein Überleben kämpfen. Wenn du das nicht tun willst oder nicht kannst, wirst du untergehen." Das war der neue „sozialistische Mensch", der in der Realität mit dem Menschen des Staatskapitalismus identisch war. Das konnte man nicht in Büchern lesen, sondern nur im praktischen Leben er- fahren. Eigentlich wollte ich über Suchumi, Batumi und Tiflis via Asien und Nordrußland nach Berlin zurückkehren. Aber kurz vor Tiflis wurde ich unruhig: Hitler wird in Deutschland an die Macht kommen und ich bin nicht bei meinen Freunden. Die Untersuchung, zu der ich mich ver- pflichtet habe, ist nicht abgeschlossen und ich sitze fest von Stalins Gnaden. Ich brach meine Reise ab, fuhr schnell- stens zurück nach Batumi, mit dem nächsten Schiff nach Sevastopol, mit dem nächsten Zug nach Moskau.

Stalin war im Jahre 1932 der meistgehaßte Mann des Landes. Er hatte im Frühjahr 1932 die Mehrheit im Zentralkomitee und Politbüro verloren. Die gesamte Par- teielite war sich bewußt, daß Stalins Politik mit einer Zusammenbruchskrise geendet hatte. Die Industria- lisierung war so beschleunigt worden, daß nur der

reine Terror die Macht erhalten konnte. Das kam der Politik von Stalin, seine persönliche Macht zu festigen, zugute. Aber die Kader der Partei waren noch stark genug, um zu versuchen, im alten Sinne der ersten NÖP eine neue, zweite NÖP einzuführen. Eine Liberalisierung der Partei und der politischen Verhältnisse wurde versprochen, was ohne offenen Bruch mit Stalin und dem Stalinismus nicht glaubhaft sein konnte. Deswegen diskutierte man, wie mir von Leontjew und Bessonow und „Roten Professoren" be- richtet wurde, im Frühjahr 1932 in aller Öffentlichkeit über eine Bestrafung des Diktators. Sollte man ihn als Schuldigen für die Verbrechen in der Politik auf dem Lande und in den Städten vor Gericht stellen? Hatte er das Todesurteil verdient oder sollte er als freier Mann auf ei- nem kleinen Provinzposten den Rest seines Lebens ver- bringen? Alle Möglichkeiten wurden offen besprochen. Meine Freunde berichteten, daß es Stalin in dieser Zeit nicht wagte, sich in Moskau zu zeigen. Er hielt sich im Kaukasus auf und beobachtete von dort aus die Vorgänge in der Metropole. Der „Prager Frühling" in Moskau endete nicht wie der spätere „Prager Frühling" in der Tschechoslowakei 1968 mit einer Intervention von Panzern und Truppen. Ent- scheidend für sein unrühmliches Ende war die Haltung von Bucharin. Und auch diese Entwicklung besaß eine Parallele in Deutschland. 1932 wurde die Zukunft Hitlers durch den Führer der Konservativen, von Papen, gerettet. In Rußland bewahrte Bucharin, der altbolschewistische Führer der „Rechten", Stalin vor dem Untergang. Die Retter der „Großen Führer" wurden später selbst entmachtet, Bucharin sogar zum Tode verurteilt und hin-

gerichtet. Von Papen überlebte von Hitlers Gnaden. Für Deutschland und Rußland waren historische Prämissen ge- setzt. Das erkannten die meisten Zeitgenossen jedoch nicht. Auch die Diplomaten und Journalisten ließen sich täuschen. Nur wenige ahnten, daß ihnen eine düstere Zukunft bevorstand. Die meisten deutschen Kommunisten, die damals in Moskau lebten, fühlten, daß sie Gefangene des Regimes geworden waren. Sie hatte der Glaube in die sowjetische Hauptstadt geführt, hier als Kämpfer gegen Faschismus und Imperialismus leben zu können bzw. am Aufbau des Sozialismus teilnehmen zu dürfen. Jetzt wurde ich von vie- len meiner deutschen Bekannten beneidet, da ich das Privileg besaß, in den Westen zurückzufahren. Sie wären fast alle bereit gewesen, auch in ein faschistisches Deutsch- land zurückzukehren. Exemplarisch hierfür stand Max Hoelz. Er sagte mir in Moskau, daß es sein brennendster Wunsch sei, wieder in Deutschland, sogar unter Hitler, zu leben und das, obwohl er in der Sowjetunion als Staatsgast galt und recht komfortabel wohnte. Ihm war eine junge hübsche Russin als Bettgefährtin zugewiesen worden. Er wußte, daß sie alles, was er tat, der GPU berichtete. Um das Land verlassen zu können, erschien Max Hoelz eines Tages in den Räumen der KI und verprügelte einige deutsche Apparatschiks — nicht im Zorn. Er wollte sie „überreden", daß es besser wäre, ihn ausreisen zu lassen. Einmal be- merkte er mir gegenüber ironisch, er sei der einzige Arbeitslose in einem Land, in dem Arbeitskräfte fehlten. Max Hoelz saß in der Mausefalle. Am letzten Abend be- tranken wir uns in dem Bewußtsein, uns nie mehr wieder- zusehen. Sein Ende ist bekannt.

Ich flog nach Berlin zurück. Die letzten Versuche, Hitlers Sieg zu verhindern, schlugen fehl. Danach schloß ich die Kl-Untersuchung mit einer Sammlung von Daten zum Wandel der Arbeiterklasse ab, die ich u.a. anhand der Erfahrungen in den BEWAG-Werken in Berlin und der Leunawerke in Mitteldeutschland ermittelt hatte. In den BEWAG-Werken gab es ein Betriebsratsmitglied, das für das Ressort „Betriebssicherheit" verantwortlich war. Die Direktion hatte alle politisch radikalen Arbeiter, die den rechten SPD-Führern nicht trauten, entlassen. Die rechten Gewerkschaftsführer glaubten, den entscheidenden Ein- fluß zu besitzen. Das erwies sich als trügerisch, wie ich an anderer Stelle ausführen werde. Mein Freund im Betriebs- rat der BEWAG-Werke verschaffte mir alle Aufstellungen, die die Direktion über die politische und soziale Zusam- mensetzung der Arbeiter und Angestellten führte. Er be- sorgte mir auch eine wichtige Verbindung mit dem Be- triebsrat und dem Bürgermeisteramt von Leuna. Hitler war bereits an der Macht, aber bis zum Reichstagsbrand war die sozialdemokratische Verwaltung in Leuna im Amt geblie- ben. Ich konnte in Leuna die Untersuchung durch die Kooperation des Bürgermeisters und des Betriebsrates fortsetzen und mit einem Schlußbericht formell ab- schließen. Wie war es für mich möglich, Ende Januar 1933 unter Hitlers „Präsidialregierung" nach Leuna zu fahren und dort meine Untersuchungen für das EKKI fortzuführen? Hitlers Macht war noch nicht totalitär. Der Bürgermeister von Leuna und der Betriebsrat der Leunawerke waren linke Sozialdemokraten. Sie hatten ihre politische Schulung als Mitglieder der KAPD in den Bürgerkriegsjahren 1919/21 begonnen. Sie beschafften mir alle statistischen und ande- ren informativen Materialien — auch ein Quartier bei ei-

nem zuverlässigen ehemaligen KAPD-Mitglied. Offen- sichtlich bestand ein breites Netz ehemaliger Kommuni- sten in der linken Sozialdemokratie, die zusammen mit ra- dikalen Sozialdemokraten den maßgeblichen Einfluß in den Großbetrieben hatten. Ihnen fehlte aber eine Organisa- tionsstruktur im nationalen Rahmen. Die hatte nur die zen- trale Gewerkschaftsbürokratie, die von rechten Sozial- demokraten kontrolliert wurde. Meinen Abschlußbericht über den Strukturwandel in der deutschen Arbeiterklasse verfaßte ich später in Prag, wo ich mich auf der Durchreise nach Paris bzw. London befand. Ich wußte, daß sich die Auftraggeber im EKKI durch den Bericht kompromittiert fühlen mußten, der nur als Beginn einer Neuorientierung sinnvoll war. Aber ich wollte meine Verpflichtung erfüllen. Ich habe keine Kopie des Schlußmanuskripts behalten können, aber ich kann mich an die Hauptergebnisse der Untersuchung erinnern und möchte sie hier wiedergeben. Sie erinnern an die Um- strukturierung der Arbeiterklasse in den achtziger Jahren. 1.) Die Spaltung der Arbeiterklasse in Dauerbe- schäftigte und Dauerarbeitslose mit einer breiten Mittel- schicht von fluktuierend Beschäftigten ist weitaus wichti- ger gewesen als die politische Spaltung in Mitglieder der SPD und KPD. 2.) Die Dauerarbeitslosen waren zahlreicher als die Dauerbeschäftigten geworden. Die Zahl der Dauerbeschäf- tigten nahm insgesamt ab, obwohl sie insbesondere in hochqualifizierten Industriezweigen zunahm. Unter den Dauerarbeitslosen herrschte hohe Fluktuation, nicht durch Wiederbeschäftigung, sondern durch „freien Kapitalis- mus", Handel auf dem Schwarzmarkt usw. Sie entgingen der staatlichen Kontrolle, vor allem den Steuern, und wur- den dadurch konkurrenzfähig.

3.) Die KPD besaß keinen Einfluß bei den dauerbe- schäftigten Betriebsarbeitern. Sie war eine Partei der Arbeitslosen, zumeist Dauerarbeitslosen. Die Dauer- arbeitslosen rekrutierten sich auch aus dem Mittelstand, und zwar etwa zur Hälfte. KPD und NSDAP rivalisierten um die Dauerarbeitslosen. Die SPD hatte sich dagegen zur Partei der dauerbeschäftigten Betriebsarbeiter entwickelt. Die rechte Sozialdemokratie, zu der die rechte Gewerk- schaftsführung zählte, war in den Betrieben dem linken Flügel an Einfluß unterlegen. Im linken Flügel befanden sich viele dissidente Kommunisten. Die Zahl der ausgetre- tenen Mitglieder aus der KPD war größer als die Zahl der Mitglieder in der KPD.

4.) Die Industriearbeiter blieben klasse.

Im Zusammenhang mit meiner Untersuchung zur Um- strukturierung der Arbeiterklasse möchte ich aufein großes soziales Problem der damaligen Zeit hinweisen—die Lage der Jugendlichen. Es ist meines Wissens wenig bekannt über die Zeltstädte, in denen die arbeitslose proletarische Jugend in den Wäldern und an den Stränden der zahlrei- chen Seen in der Umgebung von Großstädten, insbeson- dere von Berlin, lebte. Dort ließen sich arbeitslose Ju- gendliche im Alter von 16 bis 25 Jahren vom Frühjahr bis zum Herbst nieder. Die meisten von ihnen hatten nie einen festen Arbeitsplatz gehabt. Ihre Väter waren ebenfalls ar- beitslos, oft schon drei Jahre oder länger. Die Jugendlichen belasteten ihre Familien und fühlten sich von der Gesell- schaft ausgestoßen. Sie hatten kein Geld, um beispielswei- se ihre Freundin auszuführen. Sie bildeten in den Städten und Zeltlagern klubartige Gemeinschaften mit eigenen Statuten. Es galt das Prinzip der Solidarität untereinander.

Kern der Arbeiter-

Sie teilten sich Nahrungsmittel und Küchenarbeit. An der Spitze einer solchen hierarchisch gegliederten Gemein- schaft stand meist eine Person. Sogar das Sexualleben war

geregelt. Ich schätze, daß in Großberlin mindestens die Hälfte der Arbeiterjugend dauerarbeitslos geworden war, etwa 500.000 Jugendliche. Hinzu kamen noch mindestens 300.000 aus dem ruinierten Mittelstand. Etwa ein Viertel von ihnen (wahrscheinlich mehr) wohnte im Sommer in den Zeltstädten. Ich schätze die Zahl deswegen auf 150.000 bis 200.000 Jugendliche. Auf diese Anzahl kam ich auch durch Schätzung der klubartigen Gemeinschaften, minde- stens 1.000 mit durchschnittlich 50 bis 250 Mitgliedern. In ihren Kommunen besaßen diese Jugendlichen eine Art Zuhause, fühlten sich einer Familie zugehörig, mit Küche, Oberhaupt und gemeinschaftlicher Unterstützung. Wer Geld besaß, mußte es mit der Gemeinschaft teilen. Oft wurden Lebensmitteldiebstähle organisiert, um die Ernäh- rung zu sichern, kaum Warendiebstähle. Die Eltern waren Mitglieder oder Anhänger der Sozialdemokratie oder der Kommunisten. Ich hatte festgestellt, daß mehrere Führer derartiger Jugendkommunen sich in einer Kneipe im Stadtteil Neukölln regelmäßig trafen. Dort freundete ich mich mit einem von ihnen an. Er war etwa 21 Jahre alt, klein, buck- lig, hochintelligent und als offensichtliche „Führernatur" die anerkannte Autorität für eine Gemeinschaft von etwa 200 Jugendlichen. Ich erklärte ihm den Zweck meiner Untersuchung zum Strukturwandel der Arbeiterklasse und betonte, daß sie dem Widerstand gegen den Faschismus diente. Mit seiner Hilfe konnte ich die soziale Lage und po- litische Einstellung der Mitglieder seiner Gruppe feststel- len. Er veranlaßte, daß sie zu mir kamen und Fragebögen

über soziale Herkunft, Ausbildung, politische Einstellung der Eltern usw. wahrheitsgemäß ausfüllten. Mein neuer Freund wollte mich überreden, am Ende der Untersuchung einen Schulungskurs über die politische Lage und die Zukunft der Arbeiterbewegung zu halten. Das mußte ich ablehnen, denn Hitler war bereits an der Macht. Wahrscheinlich sind viele dieser Jugendlichen später der SA beigetreten. Durch die Uniform fühlten sie sich mit Autorität ausgestattet und konnten in die Gesellschaft, die sie ausgestoßen hatte, zurückkehren. Ich antwortete später meinen Freunden in den USA auf die Frage, warum im „Kulturland" Deutschland der Fa- schismus so viele Anhänger unter der Jugend finden konn- te: „Das hätte in den Vereinigten Staaten ähnlich sein kön- nen, wenn die Jugend von New York, Chicago oder San Francisco dauerarbeitslos und ausgestoßen geblieben wä- re. Der Faschismus in Deutschland war nicht von nationa- ler Tradition geprägt, sondern eine Folge der Krise des Weltkapitalismus, die das Industrieland Deutschland nach dem Versailler Friedensvertrag besonders schwer getroffen hatte."

6.1941/1932 - UnsichtbareVerbindungslinien

Die deutsche Nachkriegsgeschichte hat, so wie die russi- sche, im Jahre 1932 begonnen. Das ist nur denen verständ- lich, die in der Lage sind, den persönlichen Machtaufstieg von Stalin und Hitler und die Ideen, die sie dabei antrieben, nachzuvollziehen. Die Vergangenheit ist besser zu verstehen, wenn ein Mysterium aufgeklärt wird, dessen Hintergründe in den Geschichtsbüchern ausgespart geblieben sind. Bekanntlich konnte Hitler am Anfang des Krieges Stalin „überraschen". Dieser war fest davon überzeugt, daß sein Bündnis mit Hitler von Dauer sei. Er weigerte sich, die Nachrichten über die Vorbereitungen der deutschen Generale auf einen Angriff gegen die Sowjetunion ernst zu nehmen. Des- wegen bestand er darauf, keine Maßnahmen gegen einen deutschen Angriff zu treffen und sich nicht auf eine Invasion vorzubereiten. In Erfüllung der vertraglichen Vereinbarungen ließ er sogar weiterhin Lieferungen an das Naziregime zu. Als Ergebnis dieser Fehleinschätzung er- litten die Sowjetarmeen in unerwartetem Ausmaß Verluste an Menschenleben und Gebieten. Das „Geheimnis" dieser Haltung Stalins, der noch in den ersten Tagen der Invasion daran festhielt, daß dies al- les ein Irrtum sei, ist von den Historikern mit einem uner- klärlichen und naiven Glauben an Hitlers Versprechen, die Machtsphäre zu teilen, begründet worden. Eine derartige Erklärung schlägt jedoch jeglicher Logik ins Gesicht. Stalin war von tiefem Mißtrauen gegenüber allen anderen Politikern erfüllt. Er erwartete stets feindselige Hand- lungen, sogar seitens seiner Freunde. Wie ist es dann mög- lich, daß er ausgerechnet an Hitlers Wort geglaubt haben soll?

Eine mögliche Erklärung für Stalins Verhalten geht auf das Jahr 1932 zurück. Darauf werden wir noch kommen. Stalin handelte als großer „Führer" stets mit eiserner Logik, wenn es Lagen zu beurteilen galt, die seine persön- liche Macht betrafen. Er war kein großer Theoretiker, aber erkannte die marxistischen Theorien des Kapitalismus und Imperialismus, wie sie von Lenin interpretiert worden wa- ren. Er hatte z.B. verstanden, daß die Bauernklasse im ei- genen Land während der NÖP die realisierten Profite oder Spargelder nicht dem Staat für die Finanzierung der Industrialisierung geben wollte. Daraus folgerte er, daß die Bauernklasse vernichtet werden müsse. Er schuf einen Terrorapparat, der ihm unterstand und der im Kampf gegen die Bauernklasse seine persönliche Macht ausbaute. Er handelte mit eiserner Konsequenz. Mit derselben Konse- quenz glaubte er, daß die finanzkapitalistische Klasse im Westen dem Untergang geweiht sei, nicht als Ergebnis von proletarischen oder sozialistischen Revolutionen, sondern als Ergebnis einer erfolgreichen faschistischen Bewegung. Nach dem Sieg der Oktoberrevolution hatten Lenin und Genossen auf die Revolution des deutschen Proletariats ge- wartet. Der in diesem Fall von Bucharin vorausgesagte „Ultraimperialismus" hätte folgen sollen. Dieser unter- schied sich von dem internationalen Kartellfrieden Hilferdings dadurch, daß der Sieger im internationalen Konkurrenzkampf eine Art Welttrustherrschaft im Auftra- ge des Finanzkapitalismus ausüben würde. 1932 drohte sich in Deutschland eine neue national- staatliche Macht, autoritär und militaristisch geprägt, zu formieren, um Anspruch auf die Weltherrschaft anzumel- den, obwohl die Finanzkapitalisten bankrott waren und staatliche Hilfe benötigten, um zu überleben. Die stalini- stische Geschichtsschreibung behauptete später, daß diese

ohnmächtigen Finanzkapitalisten den Staat unter Hitler kontrollierten und den zweiten Weltkrieg auslösten. Das war eine absurde Verdrehung der Tatsachen. Die Finanz- kapitalisten suchten eine Erneuerung der internationalen Kartelle mit gleichberechtigten Anteilen am Weltmarkt und Monopolprofit. Bereits im Jahr 1932 waren deutsche Großindustrielle und Bankverwalter der Geldkapitale von deutschen Kapitalisten bemüht, im sicheren Ausland eine geschützte Basis für vom Staat unabhängiges Kapital her- zustellen. Sie benötigten internationale Banker, die unter dem Schutz des Bankgeheimnisses Geldkapitale aufnah- men, deren Herkunft verheimlichten und gleichzeitig die Gelder verzinsten und/oder investierten. In einer Zeit großer Finanznot in Deutschland und staatlicher Kontrolle von flüssigen Geldern transferierten Finanzkapitalisten und Großindustrielle, die auf das Wort des Führers hörten und vorgaben, Nationalisten zu sein, Kapital ins Ausland. Amsterdam wurde damals ein Zentrum für deutsches Fluchtkapital, mit Geheimkonten und streng vertraulichen Geld- und Kapitalmarktanlagen. In Vorbereitung eines Buches über das Schicksal der Kapitalisten im totalitären Staat 8 , hauptsächlich im „Dritten Reich", ließ ich mich im Sommer 1937 in Amsterdam nieder. Kooperative Banker brachten mich mit Besuchern aus Deutschland, Bankdirek- toren und führenden Direktionsmitgliedern großer Konzer- ne, zusammen. Sie waren „zu Besuch" in der holländischen Metropole, um hier die Wege für ihr Fluchtkapital vorzu- bereiten. Sie berichteten mir über ihre Ängste, daß der Staat unter Hitler ihnen die Freiheit nehmen werde, ihre Geldkapitale unbeschränkt anlegen zu können, und daß sie befürchteten, diese für den staatlichen Verbrauch zur Verfügung stellen zu müssen. Sie wollten den mörderi- schen Weltkrieg und die Vernichtung ihres eigenen finanz-

kapitalistischen Systems vermeiden. In Deutschland such- ten sie einen Protektor, der in der Lage war, ohne Krieg ih- re Weltstellung zu stärken. Sie glaubten, daß sie diesen Protektor kontrollieren könnten. In Zeiten gesellschaftli- cher Krisen ist es möglich, daß sich diese Abläufe wieder- holen, allerdings mit anderen Rahmenbedingungen. Es gibt keine Nationalbourgeoisie wie 1932, das internationale Finanzkapital hat sich gewandelt und ein neuartiger Ren- tenkapitalismus ist entstanden. An der Oberfläche des ideologischen Kampfes der Marxisten gegen den Faschismus standen Stalin und Hitler offenbar an entgegengesetzten Polen. Aber in der prakti- schen Politik konnten sie einen gemeinsamen Nenner fin- den. Beide glaubten an die Dekadenz des westlichen Industriekapitalismus und daß diese die führenden Länder des Westens, vor allem Großbritannien und die USA, un- fähig gemacht habe, den eigenen imperialistischen Macht- bereich zu verteidigen, denn die Kosten des Kampfes wa- ren größer als die potentiellen Gewinne. Hitler war über- zeugt, daß die Finanzkapitalisten einen Protektor suchen würden. Das konnte nach seiner Auffassung nur die fa- schistische Macht sein. Diese Einstellung war der Grund für die sonst unerklärliche Außenpolitik Hitlers, besonders in den letzten Vorkriegsjahren und während des Krieges.

Die Imperialismustheorie

von Lenin besagt, daß im

Finanzkapitalismus die staatliche Macht unmittelbar von der „Finanzaristokratie" beherrscht wird, in Deutschland z.B. von den Schwerindustriellen, den Besitzern und Lei- tern der großen Konzerne und den Großagrariern. Dem- nach stellte Hitler lediglich ein Werkzeug der Finanz- kapitalisten dar. Aber Stalin wußte es besser, als im Jahre 1932 die konservativen Vertreter der finanzkapitalistischen Klasse Hitler im Vertrauen darauf an die Macht brachten,

ihn und seine Partei benutzen und kontrollieren zu können. Die konservativen Verteidiger des Finanzkapitals verlie- ßen sich u.a. auf die Armee und die Generale, die auf ihrer Unabhängigkeit gegenüber der Nazipartei bestanden. Die Konservativen hatten geholfen, ein staatsbürokrati- sches Monster zu schaffen, das ihnen diente. Sie glaubten nicht, daß das Monster einem autoritären Führer und sei- ner militärisch organisierten Partei willenlos folgen würde. Die Militärs wiederum, die die Konservativen innenpoli- tisch absichern sollten, wurden durch die Aussicht gespal- ten und geblendet, daß der innere Siegeszug Hitlers ihnen viele neue Posten und Aufstiegschancen in der größten Militärmacht der Welt eröffnete. Dennoch waren viele Vertreter der Militärführung gegen einen Weltkrieg. Es ent- stand das geschichtliche Phänomen, daß Kriege in unserer Zeit nicht von professionellen Militärs ausgelöst werden, sondern von den autoritären „zivilen" Führern einer Staats- partei, insbesondere wenn die Militärs die nationalen Interessen vertreten und wenn sie in Zeiten gesellschaftli- cher Krisen nicht bereit sind, die Verantwortung für die Lösung sozialer Fragen zu übernehmen. Hitler und seine Untergebenen waren tief beeindruckt davon, daß die Führer der Konservativen sie in der Zeit des scheinbar unaufhaltsamen Niedergangs ihrer Partei vor dem finanziellen und politischen Bankrott retteten und ih- nen sogar Kanzlerschaft und Kontrolle über den Staats- apparat antrugen. So war es ihnen möglich, sich alle ande- ren sozialen Klassen unterzuordnen und ihnen das Klassen- bewußtsein zu nehmen. Sie sollten nicht mehr Klasse „für sich", sondern nur noch Klasse „an sich" sein. Der Siegeszug Hitlers wurde von Stalin als Beweis dafür angesehen, daß die dekadente finanzkapitalistische Klasse, geführt von der „Finanzaristokratie", nicht imstan-

de sei, sich einer faschistischen Partei zu widersetzen. Hitlers Plan, Deutschland zur stärksten Militärmacht Europas aufzubauen, konnte Stalin ebensowenig er- schrecken wie dessen laut verkündeter Kampf gegen den Kommunismus. Eine ähnliche Haltung, allerdings aus an- deren Gründen, nahmen die konservativen Parteiführer im Westen, besonders in den USA und Großbritannien, ein. Die im Westen vertrauten Hitlers „Antikommunismus", der im Osten glaubte, daß der „Führer" zuerst seine strate- gische Schwäche im Westen überwinden müsse. Die Weichen für den Krieg wurden im Jahre 1932 ge- stellt. Als der Krieg begann, fand Stalin seinen Glauben be- stätigt, daß der westliche Kapitalismus unter den Schlägen des Dritten Reiches fallen werde oder — Beispiel Frank- reich — sich praktisch ergab. Wie hätte es sonst geschehen können, daß die überlegenen militärischen Kräfte des Westens am Anfang des zweiten Weltkriegs nicht einge- setzt wurden und Hitler in der Lage war, mit unterlegener militärischer Kraft das kontinentale Westeuropa mehr oder weniger zu erobern? Das widersprach jeglicher Logik, es sei denn, daß der westliche Kapitalismus dekadent gewor- den war und nicht mehr die Kraft besaß, sich einer faschi- stischen Bewegung zu widersetzen. Damals gewann Stalin den Glauben, mit seinem eigenen Regime ein ebenbürtiger Partner Hitlers bei der Neuaufteilung und Kontrolle der Welt sein zu können. Das Bündnis war für ihn kein takti- scher Schritt, um Zeit zu gewinnen. Wenn das der Fall ge- wesen wäre, hätte Stalin sich nach dem Fall von Frank- reich, Polen und der Tschechoslowakei mit allen Kräften auf den Krieg mit dem „Dritten Reich" vorbereitet. Die Logik Stalins bestand darin anzunehmen, daß Hitler nicht daran denken würde, seine Truppen in einem Feldzug ge- gen Rußland und Asien verbluten zu lassen. So wie Stalin

mit eiserner Konsequenz seine eigene persönliche Macht ausgebaut und gefestigt hatte, mußte er auch konsequent im Verhältnis mit Hitler sein. Die historischen Umstände und das praktische Verhalten Stalins lassen für mich keine andere Erklärung zu. Es gibt noch eine andere unsichtbare Verbindungslinie, die die Rolle der Armee in Rußland und im Dritten Reich betrifft. Es stimmt nicht, daß die Traditionen des Milita- rismus im deutschen Volk stärker als in anderen westlichen Ländern verankert waren. In keinem anderen Land gab es wie in Deutschland eine relativ selbstbewußte, im Kampf gegen den Militarismus gewachsene Arbeiterklasse. Wenn sie dennoch in der faschistischen Armee diszipliniert kämpfte und starb, so geschah das in einem totalitären Staat, der das eigene Volk versklavt hatte. In Deutschland wie in der Sowjetunion wollte die Armee „über" den Parteien stehen. In beiden Ländern konnte der jeweilige Diktator seine Allmacht nur sichern, wenn es ihm gelang, sich die konservativen Generale in Deutschland bzw. die unabhängigen Generale in der Sowjetunion unterzuordnen. Stalin liquidierte zu diesem Zweck eine ganze Generation von Militäroffizieren. Hitler soll vor seinem Tode geäußert haben, daß er es als Fehler betrachte, die konservativen Generale nicht vollständig ausgeschaltet zu haben. Erst dann hätte er freie Hand gehabt, alle sozialen Klassen, auch die Offizierskaste, dem totalitären Staat unterzuordnen. Dem widersetzten sich jedoch die konservativen Partei- führer. Nach der Niederlage im ersten Weltkrieg hatte die deut- sche Armeeführung unter von Seeckt versucht, durch Zu- sammenarbeit mit der Sowjetunion aus ihrem strategischen Dilemma herauszukommen. Zusammenarbeit bedeutete aber nicht, daß ein Zusammengehen gegen den Westen an-

gestrebt wurde. Für die deutsche und russische Armee- führung wie auch für die aller anderen Großmächte galt das Prinzip, bei einem neuen Krieg untereinander möglichst lange außerhalb dieses Konfliktes neutral zu bleiben. Zwischen der deutschen und sowjetischen Generalität gab es durch die Vielzahl von dienstlichen und persönli- chen Kontakten ein gewisses Sonderverhältnis, das das Mißtrauen der jeweiligen Diktatoren hervorrufen mußte und als Vorwand diente, diese Generale auszuschalten. Hitler half Stalin — eine Ironie der Geschichte —, seine prodeutschen Armeeführer zu liquidieren. Beide lernten voneinander, wie die national denkenden Offiziere unter- geordnet werden konnten. Es wird kaum bekannt sein, daß Stalin 1932 Sonderbeauftragte nach Deutschland schickte, die ihn über Hitlers Verhältnis zur Armeeführung unter- richten sollten. Das erfuhr ich damals von Hans Stauer, der über sehr gute Beziehungen nach Moskau, insbesondere zum Komsomol, verfügte. Die unter alten Bolschewiki, z.B. bei Trotzki, verbrei- tete Furcht vor einer napoleonischen Lösung der sowjeti- schen innenpolitischen Probleme war unberechtigt. Es gibt in totalitären Staaten und in den Ländern des demokrati- schen Westens keine Militärführer, die nach der politischen Macht streben, um eine Militärdiktatur zu errichten. Die ei- gentlichen Militaristen sind, wie bereits dargestellt, die zi- vilen Führer der Staatspartei bzw. der großen staatlichen Apparate, die versuchen, durch außenpolitische Aktionen ihre innere Macht zu festigen. Wenn in Deutschland oder der Sowjetunion 1932 die Generale die Macht ergriffen hätten, wären vermutlich der Sieg des Faschismus, der zweite Weltkrieg und der große Terror in der Sowjetunion vorerst verhindert worden. Allerdings ist nicht anzuneh- men, daß Militärdiktaturen in der Lage sind, Gesellschafts-

krisen zu lösen. Da die Generale dies wußten, nutzten sie ihre Möglichkeiten nicht, sich an die Spitze ihrer Länder zu stellen. Die Bürde der sozialen Verantwortung war ih- nen zu groß. Während meines letzten Aufenthalts in Moskau fragte ich Bessonow: ,3s ist bekannt, daß die Generale der Roten Armee Stalin im Wege stehen und die Partei und Nation von ihm befreien können. Warum marschiert nicht einer von ihnen in die Hauptstadt ein, besetzt den Kreml und setzt Stalin ab? Die entscheidenden Teile des Partei- apparates, die Mehrzahl der Militärkommandeure und die "

Mehrheit der Nation werden hinter ihm stehen

Mein

Gesprächspartner antwortete salomonisch: „Die Generale denken zu politisch. Deswegen wollen sie nicht die Regierung übernehmen." Ich fragte, was er damit meine. Er erläuterte: „Die Generale fürchten sich nicht, persönli- che Risiken auf sich zu nehmen. Aber sie wollen nicht die Verantwortung dafür tragen, das Land oder die Gesell- schaft autoritär zu regieren und für die soziale und ökono- mische Entwicklung sorgen zu müssen. Sie denken eben zu "

politisch

7. vative Preußenschlag Steigbügelhalter — BVG-Streik — Konser-

Die rechtskonservativen Mitglieder der Regierung und die mit ihnen verbündeten Vertreter der Armee (Reichswehr), geführt von General von Schleicher, glaubten mit Recht, daß es in der Zeit einer gesellschaftlichen Krise mit mehr als der Hälfte der Arbeiterklasse ohne Beschäftigung, ei- nem ruinierten Mittelstand und einer kapitalistischen Klasse, die den Glauben an sich selbst verloren hatte, und darüber hinaus mit einer finanzkapitalistischen Ober- klasse, die staatliche Hilfe brauchte, nicht möglich sein werde, die von ihnen beherrschte Gesellschaft unter Beibehaltung der demokratischen Verfassung des Landes zu stabilisieren. Aber ein offener Bruch der Verfassung konnte ohne eine politische Zusammenbruchskrise nicht gewagt werden. Man muß wissen, daß die Strategen der Reichswehr sich davor fürchteten, daß wie beim Kapp-Putsch 1921 ein offener Bruch der demokratischen Weimarer Verfassung Generalstreik und Bürgerkrieg hervorrufen würde. Die Erfahrung des Kapp-Putsches hatte sich ihnen tief einge- prägt und auch bei der rechtssozialdemokratischen Partei- bürokratie Spuren hinterlassen. Sie waren damals durch den Druck von unten, d.h. durch die Arbeiter in den Betrieben und die Mitglieder ihrer eigenen Partei, ge- zwungen worden, sich der Machtübernahme durch eine rechtsradikale Regierung mittels Ausrufung eines General- streiks und offenem Widerstand gegen die staatliche Macht zu widersetzen. Die parlamentarische Regierang mit rech- ten Sozialdemokraten an der Spitze mußte fliehen. Sie wollte mit den Reichswehrgeneralen verhandeln. Der sozialdemokratische Präsident der Weimarer Republik,

Ebert, hatte, als er nach Weimar geflohen war, weil sich Berlin in den Händen der Putschisten befand, gefragt: „Wo steht die Reichswehr?" Von Seeckt, der Oberkomman- dierende der Reichswehr, hatte geantwortet: „Die Reichs- wehr steht hinter mir." D.h. die Armee ist die dritte Macht. Sie steht „über den Parteien". Die aufständischen Arbeiter in den Betrieben setzten damals die Ausrufung des Generalstreiks durch. In einem Bürgerkrieg war es einfacher, die Kräfte der Armee zu pa- ralysieren, denn sie konnte in einer derartigen Situation die Großstädte nicht besetzen und die Verkehrsmittel nicht mo- bilisieren. In Westdeutschland hatten Arbeiterräte, unter Führung von linken Sozialdemokraten, zum Teil auch von Kommunisten, die administrative politische Macht über- nommen. Fast über Nacht wurde eine „Rote Armee" ge- bildet. Die Putschisten in Berlin, rechtsradikale Politiker und aufsässige Generale, mußten fliehen. Die parlamenta- rische Regierung kehrte nach Berlin zurück, aber sie konn- te die innere Lage ohne die Hilfe der putschistischen Armee nicht in den Griff bekommen. Diese konnte gegen die organisierten aufständischen Massen in Westdeutsch- land nicht kämpfen, ohne das eigene Land zu zerstören. Deswegen wurde ein offizieller Abbruch des Bürger- krieges zu Bedingungen vereinbart, die den Glauben er- weckten, daß die antiputschistische Bewegung der linksra- dikalen Massen gesiegt habe. Der Generalstreik wurde ab- gebrochen. In Westdeutschland blieben die Arbeiter in den Städten und Gemeinden für einige Tage an der Macht. Dann übernahmen Reichswehr und Polizeitruppen das Ruhrgebiet und die Wochen des weißen Terrors begannen. Die Reichswehrstrategen mußten fürchten, daß bei ei- nem neuen Generalstreik die Bewegung nicht mit einem in- neren Frieden enden werde wie nach dem Kapp-Putsch,

sondern mit einem neuen Bürgerkrieg, dessen Ausgang zweifelhaft war. Einerseits sollte sich die historische Erfahrung des Kapp-Putsches nicht wiederholen. Andererseits konnten die demokratischen Einrichtungen der Weimarer Verfas- sung während der Krise nicht bestehen bleiben. Das Pro- blem für die konservative Reichsregierung bestand Mitte 1932 darin, die demokratischen Einrichtungen vor allem im Staat Preußen zu liquidieren, ohne einen Generalstreik zu provozieren. Deswegen wurde bei der Absetzung der Preußenregierung der „Ausnahmezustand" erklärt und Einheiten der Reichswehr in Erwartung eines General- streiks in Bereitschaft gehalten. Die Historiker haben versäumt zu untersuchen, was in den Tagen nach der Absetzung der Preußenregierung in Betrieben und Gewerkschaften geschah. Zunächst muß festgestellt werden, daß damals die Arbeiter in fast allen Großbetrieben für die Ausrufung des Generalstreiks und offene Vorbereitungen auf einen Bür- gerkrieg stimmten. Es ist mir persönlich gut bekannt, was in jenen Tagen in den wichtigsten Großbetrieben in Berlin und auch an anderen Orten vor sich ging. In allen größeren Betrieben versammelten sich die Arbeiterund Angestellten am Tag des „Preußenschlages" und verlangten von den Gewerkschaftsführern, den Generalstreik zu erklären und offenen Widerstand gegen die Reichsregierung zu leisten, die putschistisch gehandelt hatte. In den Werken der BEWAG, Siemens, AEG usw. sprachen die Betriebsräte und lokalen Gewerkschaftsführer über die Notwendigkeit, sich offen gegen die putschistische Regierung zu stellen und selbst die Macht zu übernehmen. Es sollten sofort mi- litärisch organisierte Einheiten gebildet werden, um den zu erwartenden faschistischen Terror abzuwehren. In vielen

Großbetrieben wurde einstimmig erklärt: „Dieses Mal wer- den wir uns nicht verhalten wie in den Bürgerkriegsjahren oder wie nach dem Kapp-Putsch. Dieses Mal werden wir uns nicht mit Versprechungen zufrieden geben. Wir werden selbst die politische Macht übernehmen." Die Betriebsvertreter schickten Delegationen zum ADGB, dem freien Gewerkschaftsbund, mit dem Ersuchen, den Gene- ralstreik auszurufen. Der Vorsitzende Leipart erreichte da- durch einen Aufschub, daß er die Entscheidung auf den nächsten Tag verschob. Die Delegationen kehrten im Glauben zurück, daß der Generalstreik am nächsten Tag ausgerufen werde. Am zweiten und dritten Tag gab es die gleiche Antwort. Da wußte man in den Betrieben, daß die Gewerkschaften nicht bereit waren zu handeln. In dieser Situation erklärte die Preußenregierung: „Wir wollen un- seretwegen kein Blutvergießen." Sie wußten, daß ein Generalstreik eine von der Regierung und den Parteien un- kontrollierbare Bewegung auslösen würde, unkontrollier- bar durch die Führer des rechten Flügels der Sozial- demokraten, aber auch durch die kommunistischen Partei- bürokraten, die in den Betrieben ohnehin ohne Einfluß waren. Letztere hatten am Anfang der Bewegung die Absetzung der Preußenregierung als einen Schlag gegen die „Sozialfaschisten" begrüßt. Diese Haltung wurde re- vidiert, als sich erwies, daß die Massenbewegung in den Betrieben nicht die Preußenregierung retten, sondern gegen die Putschisten in der Reichsregierung kämpfen wollte. Der Preußenschlag war ein historischer Wendepunkt im

eigentliche

gesellschaftlichen

Entwicklung gefallen. Das letzte Aufflackern von Massenbewegungen, das

Entscheidung

Ablauf

des

Jahres

über

1932.

die

Damit

war

der

die

Tendenz

den Gang der Geschichte hätte verändern können, stellte der BVG-Streik im November des Jahres dar. 9 Darüber ist viel Irreführendes geschrieben worden. Nach dem un- rühmlichen Ende des BVG-Streiks war der Weg für die Machtübernahme Hitlers frei. Aber dessen waren sich die meisten Politiker keineswegs sicher, denn die Nazibewe- gung hatte einen Tiefpunkt erreicht. Die meisten politi- schen Beobachter glaubten, der Aufstieg der NSDAP als politische Kraft in Deutschland sei endgültig vorbei. Es gab Gerüchte, daß Adolf Hitler in tiefer Depression mit dem Gedanken an Selbstmord spiele. Er wurde durch das Ersuchen der Regierungspartei der Rechtskonservativen überrascht, einer Koalitionsregierung beizutreten, verlang- tejedoch daraufhin für sich den Posten des Reichskanzlers. Die Rechtskonservativen glaubten, das sei bedeutungslos, solange sie das Finanzministerium und die Militärmacht, d.h. die Reichswehr, kontrollierten bzw. mit ihr verbunden waren. Als genialer Taktierer verstand Hitler, daß ihn die Konservativen benötigten, um regieren zu können, und daß mit der Übernahme eines Teiles der Regierungsmacht der Weg zur ganzen Macht offenlag. Die Teilnahme an der Regierung würde die letzten Schranken für den Terror der „Privatarmee" der NSDAP brechen und sie zu einem offe- nen unmittelbaren Machtinstrument des Staates machen. Mit einem Teil der Regierungsmacht konnte die ganze staatliche Macht schnell erobert werden. Das wußte Hitler. Hinter der rechtskonservativen Regierung stand die Ver- waltung von Hunderttausenden von Menschen und die ört- liche Polizei, viel stärker als die Militärorganisation der NSDAP. Aber es galt als ungeschriebenes Gesetz, daß die- se staatliche Macht nicht eingesetzt werden durfte, wenn die „Privatarmee" Hitlers oder der NSDAP Nazigegner terrorisierte und schlug. Polizei und staatliche Verwaltung

wurden nur eingesetzt, um Widerstand gegen den Nazi- terror zu verhindern. Durch dieses Verhalten wurde der demokratische Staat von innen aufgebrochen. Hitler benötigte darüber hinaus ein Ereignis, daß von ihm ausgenutzt werden konnte, um unmittelbar die volle Macht zu übernehmen und den Staat unter seine unbeschränkte Kontrolle zu bringen. Aus die- sem Grund hatte ich das Angebot eines Mitglieds des Betriebsrates der BEWAG-Werke, einem Nazigegner, ent- schieden abgelehnt, als Zeichen des Widerstands gegen den Naziterror durch einen Sabotageakt Berlin ins Dunkel zu versetzen und die gesamte Wirtschaft zum Stillstand zu bringen. Das wäre geschehen, wenn drei Generatoren in den Elektrizitätswerken sabotiert worden wären. Tech- nisch war das meinem Bekannten leicht möglich. Ein der- artiger Sabotageakt wäre jedoch der vorweggenommene Ersatz für den Reichstagsbrand gewesen. Ich habe mich später gefragt, wieso die politisch erfah- renen Führer der konservativen Parteien und Regierungs- mitglieder nicht erkennen konnten, daß der halben Macht- übernahme durch Hitler die ganze folgen würde. In mei- nem Freundeskreis waren wir am Anfang des Jahres 1932 davon überzeugt, daß Hitler eine Lage herbeiführen wür- de, die es ihm ermöglichte, die Macht gänzlich zu usurpie- ren. Wir spekulierten z.B. auf einen von der Nazipartei vor- getäuschten Mordversuch an Hitler, der den Anschein er- wecken sollte, daß ein kommunistischer Aufstand beginne. Das würde den Vörwand abgeben, um den staatlichen Notstand auszurufen. Der Terror würde folgen, um alle ak- tiven und potentiellen Gegner der Nazis zu vernichten. Die Nachricht vom Reichstagsbrand war der Ersatz für das Attentat auf Hitler. In der Großen Französischen Revolution hatte Napo-

leon die Gefahr eines Sieges der konservativen Gegen- revolution benutzt, um die Entscheidungsgewalt zu gewin- nen und die Herstellung einer persönlichen Exekutivgewalt zu rechtfertigen. In Deutschland sollte die „kommunisti- sche Gefahr", als sie bereits völlig gebannt war, die kon- servativen Kräfte einschüchtern und sie darauf vorbereiten, die staatliche Macht dem „großen Führer" zu übergeben. In Moskau wurde zu dieser Zeit die Gefahr eines neuen Überfalls der Westmächte in einer Flüsterkampagne ver- breitet, um ähnliche Ziele zu erreichen. Die Stunde der Machtkonzentration hatte in Deutsch- land und Rußland begonnen. Wer sich dagegen wandte, galt als Vaterlandsverräter. Die konservativen Führer waren Gefangene ihrer insti- tutionellen Interessen geworden, die sie daran hinderten, ihre wahre Lage zu erfassen. Es ist viel darüber geschrieben worden, daß der Sieg Hitlers nur in Deutschland und nicht in anderen Ländern möglich war. Tatsächlich war diese historische Erfahrung ein Spiegelbild der allgemeinen Krise des Westens und gleichzeitig ein Vorspiel für das spätere Handeln von Stalin. Unmittelbar nach Hitlers Machtübernahme wurde die Vertretung der UdSSR in Berlin angewiesen, Kontakte mit der Hitlerregierung herzustellen, um Gespräche über ein enges Zusammengehen von Stalin und Hitler zu führen. Mein russischer Freund Bessonow war Botschaftsrat, also gewissermaßen der zweite Mann in der sowjetischen Botschaft geworden. In dieser Zeit söhnte sich Stalin in Moskau scheinbar mit Bucharin aus. Bucharin glaubte, daß die Erfolge des industriellen Aufbaus in der Sowjetunion eine Wiederholung des inneren Terrors nicht notwendig machen, sondern im Gegenteil, daß zusammen mit einer

besseren Versorgungslage die liberaldemokratische Ver- fassung, an der er auf Geheiß von Stalin mitgearbeitet hatte, wirksam werden würde. Bucharin hätte aus den Anweisungen an seinen Freund Bessonow in Berlin ent- nehmen können, daß die Gedanken Stalins in eine andere Richtung gingen. Bekanntlich wurden damals von der Naziregierung die Annäherungsversuche Stalins abgewiesen. Deswegen war Stalin gezwungen, Druck auf Hitler auszuüben und ein Bündnis mit dem Westen zu suchen. Auf allen Seiten wur- den die verschiedenen Möglichkeiten der Annäherung ab- getastet. Stalin mußte befürchten, daß die Staatsmänner des Westens sich mit Hitler liieren würden, wenn dieser bereit wäre, gegen den Osten zu marschieren. Stalin konnte die- se Möglichkeiten nicht ignorieren. Nur eine Liaison wurde ignoriert — ein Bündnis Hitlers mit Stalin. In der Geschichtsschreibung gilt dieses Bündnis der beiden Diktatoren als episodisch. Stalin wurde gewisser- maßen verführt, weil sein Versuch eines Zusammengehens mit dem Westen gescheitert war. Es wurde auch geschrieben, daß Stalin „Zeit gewinnen" wollte, um sich auf den kommenden Krieg vorzubereiten. Tatsächlich unternahm Stalin alles, um die Zusammen- arbeit auf der Grundlage einer Aufteilung von Europa und von halb Asien zwischen den beiden „Supermächten" zu vertiefen. Die Unstimmigkeiten über die Grenzen beider Machtsphären hätten ohne Krieg ausgeglichen werden können. Es fehlt an Dokumenten, die diese Auslegung der Geschichte beweisen könnten. Aber die Logik des Ablaufs der Geschichte und die Lage, in der sich die Machthaber auf beiden Seiten befanden, spricht für meine Ein- schätzung.

Ich will nicht versuchen, die Lücken einer Geschichts- schreibung auszufüllen, die von den Historikern nach zwei Weltkriegen verfaßt worden ist. Dazu bin ich nicht in der Lage. Sicher ist, daß die Geschichtsschreibung, die sich vor allem auf die Archive stützt, die von den Regimen Hitlers und Stalins hinterlassen worden sind, die wahre Ent- wicklung nicht erklären kann. Die Logik der Geschichte ist entscheidend für ein Verständnis der historischen Vor- gänge. Es mag möglich sein, Dokumente aufzufinden und neue Tatsachen zu ermitteln, die die Lücken der Geschichte einleuchtender erklären werden als die Ergebnisse speku- lativen Denkens. Ich bin gern bereit, in diesem Fall meine Auffassungen zu revidieren. Auch dann bleiben die grundsätzlichen, logisch nachvollziehbaren Bewegungen der Geschichte, wie ich sie erlebt habe.

8. Arbeitsbeschaffungsprogramm

Im dritten Jahr der Weltwirtschaftskrise war in Deutsch- land etwa die Hälfte der Arbeiterschaft arbeitslos gewor- den, der Mittelstand ruiniert und die meisten kapitalisti- schen Unternehmen bankrott. Den Dauerarbeitslosen droh- te der Untergang in die fünfte Klasse, zu den aus der Gesellschaft Ausgestoßenen. Parteien und Bewegungen, die politisches Gewicht haben wollten, mußten deshalb ein Arbeitsbeschaffungsprogramm vorweisen können. Das Straßenbauprogramm, das im ersten Jahr der Hitlermacht eingeführt wurde, lag bereits zur Zeit von Brüning und der von Papens, also vor der Machtübernahme durch die NSDAP, in den Schreibtischen der staatlichen Stellen. Es erschien Technokraten in der Regierung einfacher, anstatt Gelder für Arbeitslosenunterstützung auszugeben, ein Arbeitsbeschaffungsprogramm zu finanzieren. Die Ausgaben für Produktions- und Hilfsmittel sollten relativ gering sein und der Hauptteil der Mittel für die Entlohnung der Beschäftigten eingesetzt werden, wobei diese Gelder auf jeden Fall vielfach höher als die reinen Ausgaben für die Arbeitslosenunterstützung waren. Das zu finanzieren, machte eine Erhöhung der staatlichen Defizite erforder- lich. Eine andere Methode der Arbeitsbeschaffungs- finanzierung wäre die Aufnahme von Anleihen oder Krediten gewesen. Das konnte durch Ausgaben staatlicher Schuldverschreibungen geschehen, die von Banken, Spar- kassen usw. aufgenommen werden mußten. Mit einem der- artigen Programm konnten die Straßenbauten oder die „Arbeitsbeschaffungsprogramme" in den ersten drei Jah- ren des „Dritten Reiches" finanziert werden. Die Finan- zierung des Arbeitsbeschaffungsprogramms konkurrierte mit der finanziellen Unterstützung seitens der Banken, von

Konzernen usw. Im ersten Fall nahm die staatliche Ver- schuldung zu, im zweiten Fall wuchs die Inflation. Häufig ist der amerikanische New Deal der frühen dreißiger Jahre als eine erfolgreiche Lösung der Arbeits- losenkrise hingestellt worden. Ähnlich gelang es Hitler, durch budgetäre Defizitfinanzierungen den Zustand der Vollbeschäftigung in Deutschland zu erreichen. Wer immer diesen Weg der Lösung der Beschäftigungskrise anstrebt, muß sich aber fragen: Was kommt danach? Die Defi- zitfinanzierungen dauerten kaum zwei Jahre, dann waren die liquiden Kapitalreserven des Landes einschließlich der Geldkapitale, die aus der gehemmten Kapitalakkumulation stammten, aufgebraucht. Die Erneuerungsbedürfnisse der industriellen Anlagen waren viele Jahre lang vernachläs- sigt oder ignoriert worden. Mit der konjunkturellen Erho- lung der Wirtschaft konnten die Erneuerungsbedürfnisse oder die Kapitalreproduktionsbedürfnisse nicht weiter auf- geschoben werden. Das bedeutete, daß ein Ansteigen des Staatsdefizits durch inflationistische Geldschöpfung hätte finanziert werden müssen. Die konservativen Zentral- bankleiter wollten diesen Weg jedoch nicht gehen. Sie ver- langten von der Regierung budgetäre Sparmaßnahmen oder deflationistische Politik, da eine neue deflationisti- sche Rezession mit Massenarbeitslosigkeit und unausge- nutzten industriellen Kapazitäten drohte. Erneute Defizitfinanzierungen waren theoretisch nach einigen Jahren deflationistischer Krise wieder möglich, je- doch mit verlängerten Perioden des Deflationismus und kürzeren konjunkturellen Erholungen ä la New Deal. Inzwischen wuchsen die Schulden und die Verpflichtungen von Zinszahlungen an die unproduktiven Gläubiger-Kapi- talisten oder Sparer. Das Geheimnis der Defizitfinanzierungen in einem

New Deal war nicht von Hitler oder Roosevelt erfunden worden. Bereits zur Zeit der konservativen Regierungen in Deutschland und anderen Ländern, auch in den USA, gab es Pläne zur Mobilisierung der Spargelder und Geldkapi- talreserven. Diese Programme lagen in den Schubladen der staatlichen Arbeitsbeschaffungsplaner unter den Regie- rangen Brüning und von Papen. Sie wurden nicht ver- wirklicht, weil die Regierungen auf das amerikanische Wirtschaftswunder warteten und mit Recht befürchteten, daß budgetäre Defizitfinanzierungen den Inflationismus begünstigen und die Teilnahme an der Weltmarktkon- kurrenz erschweren würden. Aber die verantwortli- chen Regierungen hätten wissen müssen, daß die Mas- senarbeitslosigkeit chronisch geworden war und das Nothilfeprogramm nicht hätte hinausgezögert werden dürfen. Im dritten Jahr der Weltwirtschaftskrise befanden sich die Regierungen unter unwiderstehlichem inneren Druck, die Programme der Defizitfinanzierung von öffentlichen Arbeitsprojekten aufzugreifen. Die öffentlichen Arbeiten konnten sich auf die Infrastrukturen oder auf produktive Komplexe erstrecken, die die Weltmarktkonkurrenz- fähigkeit erhöht hätten, aber auch auf strategische Zwecke der Aufrüstung. Es sollten nicht unmittelbar Konsumgüter oder Welthandelswaren hergestellt werden, um die über- füllten Weltmärkte durch Dumpingexporte nicht weiter zu überlasten. Auch sozialistische bzw. antikapitalistische Regierangen wären ohne ähnliche öffentliche Arbeits- projekte nicht ausgekommen. Das war zum Erhalt der menschlichen Arbeitskraft notwendig. Die Projekte hätten einen Wandel der industriellen Strukturen in Richtung auf Kooperativinitiativen unterstützen können — anstelle auf Rüstungsprogramme. Wie auch immer, die Planer derarti-

ger Maßnahmen mußten wissen, daß die Finanzierungs- basis nach wenigen Jahren erschöpft sein oder sich veren- gen würde. Inzwischen hätten Änderungen der strukturel- len Kapitalbedürfnisse in die Wege geleitet werden kön- nen, um die strukturelle Arbeitslosigkeit zu beseitigen. Ohne eine Lösung dieses Problems mußte die Frage „Was tun nach zwei Jahren?" unbeantwortet bleiben. Um politischen Einfluß zu erlangen, genügte es z.B. nicht, wie von Seiten der KPD, den „Sozialismus" als Ausweg zu predigen. Der Sozialismus war ein nebulöses Fernziel, es sei denn, daß die Kommunisten die Verstaat- lichung des Privateigentums industrieller Unternehmen als „Sozialismus" verstanden. Dann bestand das Problem der staatlichen Finanzierung. Aufjeden Fall war es notwendig, die staatliche Verantwortung für die Erhaltung der mensch- lichen Arbeitskraft zu übernehmen und ein Programm zu bieten, das dies sicherte. Wer erwartete, daß die tiefe Krise nur zyklisch sei und bald aufhören würde, konnte auf die Aufstellung eines Arbeitsprogrammes verzichten und be- haupten, daß ein derartiges Programm die staatlichen Defizite und die Verschuldung vergrößere und daß mit der Zunahme der unproduktiven Ausgaben die zyklische Erholung des Systems erschwert oder verhindert werde. Aber dieses Argument, das häufig von den Führern der rechten sozialdemokratischen und den konservativen Poli- tikern zu hören war, galt im dritten Jahr der Welt- wirtschaftskrise nicht mehr. Ein Ende der Krise war nicht abzusehen. Diese Kosten müssen als „faux frais" der Erhaltung des Kapitalismus angesehen werden. Das Dilemma der inter- nationalen Konkurrenzverhältnisse kann nicht als Grund dafür dienen, das Prinzip der Erhaltung der menschlichen Arbeitskraft aufzugeben. Wenn dessen Folge ein verkrüp-

pelter Kapitalismus ist, bedeutet das einen Notzustand für den Kapitalismus, der nicht zyklisch, sondern strukturell sein wird. Dieser Notzustand kann und muß als Übergang zu neuen Formen gesellschaftlichen Lebens genutzt wer- den. Es war unsinnig, den „Sozialismus" als Erfüllung des Verlangens nach „Vollbeschäftigung" anzupreisen. Eine sozialistische Umstrukturierung der kapitalistischen Ge- sellschaft wäre ein vieljähriger Prozeß, vielleicht von Dekaden, gewesen. Die Arbeiter und ruinierten Mittel- ständler aber, die arbeitslos geworden waren, brauchten ei- ne Sofortlösung, möglichst heute und morgen. Maschinen- anlagen konnten stillgelegt, erhalten oder nur zum Teil ge- nutzt werden. Die menschliche Arbeitskraft dagegen kann nicht stillgelegt werden. Aber sie ist im Kapitalismus eben- falls eine Ware, die als Kapital eingesetzt werden kann. Der Anspruch des Menschen, als Mensch zu leben, wird unab- hängig davon, ob seine Arbeitskraft als Ware benötigt wird, erhoben. Der Staat wird für die Erfüllung des Anspruches verantwortlich gemacht, auch wenn die Erfüllung des Anspruchs für die Verwertungsbedingungen des Kapitals ungünstig ist. Diese primitive Überlegung stand im Vordergrund der spontan sich ausbreitenden Debatten über die Lösung der Arbeitslosenkrise. Weil sie nicht zyklisch war, sondern strukturell, und weil die Erhaltung der menschlichen Arbeitskraft im Widerspruch zu den Verwertungsbedin- gungen von Anlagekapital steht, die von der Welt- marktkonkurrenz abhängen, mußte ein sozialistischer Wandel der Gesellschaft auch die Loslösung von der Weltmarktabhängigkeit bedeuten. Diese Loslösung sollte das Ergebnis einer Umgestaltung der Gesellschaft auf der Grundlage einer Höherentwicklung der menschlichen

Bedürfnisse und eines entsprechenden Wandels der indu- striellen Technologien sein.

Wer wissen will, warum die NSDAP eine Massenpartei wurde, muß berücksichtigen, daß sie die einzige Partei war, die die zentrale Frage der Arbeitsbeschaffung beantworte- te. Hitler versprach allen „Arbeit und Brot", nur sagte er nicht wie. Ich erinnere mich an ein Gespräch im Herbst 1932 an einem Wochenende auf dem Alexanderplatz in Berlin. Spontan kamen dort Hunderte, bisweilen Tausende von Dauerarbeitslosen, ruinierten Mittelständlern, be- schäftigungslosen Intellektuellen usw. zusammen. Sie sprachen über ihre Lage und die Aussichten, sie zu ändern. In einem derartigen Kreis von Menschen sagte ein etwa fünfzigjähriger Mann, offensichtlich ein ruinierter Mittel- ständler: „Seit der Bildung der Weimarer Republik hat es viele Reichstagswahlen gegeben. Ich habe allen Parteien meine Stimme gegeben, in der Erwartung, daß sie das Versprechen einer Lösung der Krise erfüllen werden. Sie haben mich alle enttäuscht. Jetzt sagt Hitler: er hat ein Programm, die Krise zu lösen und für alle Beschäftigung zu finden. Wahrscheinlich wird er, wie die anderen, das Versprechen nicht erfüllen. Dann werde ich bei der näch- sten Wahl gegen ihn stimmen." Ich sagte: „Es ist leichter, Hitler an die Macht zu bringen, als ihn wieder loszuwer- den. Es wird nicht noch einmal freie Wahlen geben." Es ist verständlich, daß sich die KPD nicht ernsthaft mit einem Arbeitsbeschaffungsprogramm befaßte. Die Anwei- sungen aus Moskau ignorierten dessen Notwendigkeit für Deutschland. Trotz der tiefen Krise in der UdSSR gab es dort einen Mangel an Arbeitskräften. Man kannte das Problem der Arbeitslosigkeit nicht. Also hatte es auch für Deutschland nicht zu bestehen.

Es gab damals in Deutschland viele Kommunisten, die dauerarbeitslos waren und glaubten, daß sie sich im Lande des „Sozialismus" betätigen könnten. Ich traf Anfang 1932 ein Mitglied der KPD, eine schon lange arbeitslose Technikerin. Sie sagte mir, sie habe eine Arbeitsstelle in Moskau gefunden und werde am nächsten Tag dorthin fah- ren. Ich warnte sie: Sie werde als Arbeiterin in Rußland froh sein müssen, wenn sie genug Brot zum Essen bekom- me, es sei weniger als das, was sie als Arbeitslosenunter- stützung in Berlin erhalte. Sie wollte mir nicht glauben. Ich traf sie zufällig im Herbst 1932 in Moskau auf der Straße wieder. Sie erinnerte mich an das Gespräch und sagte, daß sie einen Arbeitsplatz habe, aber nicht genug Brot zum Essen. Sie wollte zurückfahren. Es war zu spät. Sie war im Netz der Staatsbürokratie gefangen. Es lagen Pläne für eine Finanzierung der „Vollbe- schäftigung" der Massen von Arbeitslosen, ä la New Deal, und für die Ausnutzung leerstehender Kapazitäten durch Mobilisierung der nicht investierten Geldkapitale aus ver- schiedenen politischen Lagern vor—aber sie wurden nicht in Kraft gesetzt. Keynes war unbekannt. Mehrere Jahre vor Keynes hatte der englische Sozialökonom und Historiker John A. Hobson die Theorie von Keynes bereits vorweg- genommen. Aber Hobson war ein kritisch denkender, un- abhängiger Außenseiter, der von der akademischen Welt in England nicht voll anerkannt wurde. Hobson kam aus ei- ner Familie von „lediglich" Journalisten, Keynes dagegen aus der Oberklasse, war offizieller Berater der Regierung und wurde in dieser Eigenschaft als Vertreter der engli- schen Regierung im Jahre 1944 nach Bretton Woods ge- sandt. Er kehrte von dort in dem berechtigtem Glauben zurück, daß seine Pläne abgelehnt worden waren und daß es ein miserables Fiasko für die internationale Währungs-

Ordnung geben würde. Er hatte deswegen schlaflose Nächte und war auf der Schiffsrückreise nach London ner- venkrank. Zu seinem Erstaunen wurde er von der Regie- rung als erfolgreicher Held empfangen und als der Retter der westlichen Welt gefeiert. Der New Deal begann Anfang der dreißiger Jahre in Washington und in Berlin mit keynesianischen Mitteln, ohne daß die Planer dieser Politik den Namen des Theoretikers und die Theorien von Keynes gekannt hätten. Der Ruf nach Sozialismus in der Presse der KPD war phrasenhaft und ohne Wirkung. Was fehlte, war das Aufzeigen von praktischen Möglichkeiten, die Marktkrise und Massenarbeitslosigkeit zu überwinden — nicht in wei- ter Zukunft, sondern jetzt, heute und morgen. Dazu war es notwendig, die ökonomischen Reserven des kapitalisti- schen Systems zu mobilisieren und sie für eine Überlebens- periode zu nutzen. Gleichzeitig mußte eine Umstruktu- rierung der ökonomischen Basis beginnen, um die eigent- lichen Ursachen der Krise überwinden zu können. Das war den Autoren der New-Deal-Programme nicht möglich. Sie befaßten sich nur mit den „Sofort-Effekten" der Finanzierung von Arbeitsprojekten und warteten auf die Ankurbelung des Konjunkturzyklus. Sie glaubten, daß der New Deal an sich genüge, denn der Konsum werde sich ausdehnen und die Vermehrung der Kaufkraft werde die Absatz- und Marktkrise lösen. Sie vergaßen, daß dabei das liquide Kapital ausgegeben wird und als Schulden wieder erscheint und dabei neuen Inflationismus verursachen wird. Dem sollte widerstanden werden — mit deflationi- stischer Politik, mit dem Risiko einer neuen Marktkrise, wie es vor dem New Deal der Fall war.

9. „Iffiness"

Das englische Wort „iffy" ist schwer zu übersetzen. Es be- deutet: was wäre geschehen, wenn die Geschichte einen anderen Verlauf genommen hätte, z.B. durch ein anderes Verhalten der politischen Führer. Wie wäre z.B. die russische Geschichte verlaufen, wenn Lenin Anfang 1917 ermordet worden wäre, Strasser 1932 Hitler verdrängt hätte, NSDAP oder KPD verboten worden wären. Es war nicht historisch bedingt, daß alles so ablief, wie wir es heute zu wissen glauben. Wären die o.g. Ereignisse eingetroffen, hätte der Ablauf der folgenden Geschichte anders sein können, auch wenn sich die grund- legenden Bedingungen der tiefen Krise der kapitalistischen Gesellschaft nicht verändert hätten. Daß Hitler das Attentat vom 20. Juli 1944 überlebte, war ein Zufall. Sein Tod hät- te den Sieg der Westmächte nicht verhindert, ihn vielleicht sogar beschleunigt. Eine Militärregierung wäre, um über- leben zu können, gezwungen gewesen, den Terrorapparat der Nazis aufzulösen. Dann aber hätte das Kriegsende dem von 1918 ähneln können. Die Arbeiter in den Städten hät- ten einen Aufstand ausgelöst und die Macht übernommen. Dies wiederum hätte Auswirkungen auf Rußland haben und zur Ablösung Stalins führen können. Das ist eine „iffy"-Interpretation der Geschichte, die nie belegt werden kann, denn „iffy" ist nicht erfolgte Geschichte. Dennoch ist eine derartige Betrachtung unerläßlich, denn sie beweist, daß es möglich ist, durch persönliches Eingreifen das „Rad der Geschichte" in eine bestimmte Richtung zu lenken. Vielleicht erscheint „iffiness" wie ein müßiges Spiel mit Worten. Wir befinden uns aber erneut in Lagen, wo „iffy"- Wege der Politik entschieden werden müssen. Wir haben in kurzer Zeit, innerhalb von zwei Generationen, den

Untergang des englischen Imperiums, der europäischen Kolonialreiche, des deutschen Imperiums, des stalinisti- schen Sowjetimperiums und der Weltordnung der ameri- kanischen Siegermacht nach dem zweiten Weltkrieg erlebt. Dasjapanische Weltimperium, das damals entstand, gehör- te nur episodisch zum Ablauf der Imperialismusgeschichte unserer Zeit. Der schnelle Aufstieg und Niedergang von Imperien, die die ganze Welt kontrollieren wollten, wurde von poli- tischen Führern gestaltet, die glaubten, eine neue Welt- ordnung herstellen und ihre Macht für tausend Jahre si- chern zu können. Ihr Fehlschlag erschien stets als eine Kette von falschen Entscheidungen, die, wenn sie anders gefallen wären, den Gang der Geschichte in eine andere Richtung gedrängt hätten. Was falsch oder richtig in den Entscheidungen der politischen Führer war, bleibt unbe- kannt, weil wir die Alternativen nicht erlebt haben. Aber es gibt Lagen, in denen die Machthaber „falsch" handeln, wie immer sie sich entscheiden. Das war das Dilemma derer, die die Entscheidungen über die Verteidigung des briti- schen Imperiums fällen mußten, und das ist das Dilemma der heutzutage agierenden Politiker in den westlichen In- dustriestaaten. Am Anfang des zweiten Weltkrieges glaubten die Naziführer, daß Großbritannien nicht am Krieg auf dem Kontinent teilnehmen würde, denn der Zerfall des engli- schen Imperiums war im Falle einer Kriegsteilnahme als unvermeidbar vorauszusehen, auch wenn sich das Land am Ende auf der Seite der Sieger befinden würde. Diese Einschätzung hat sich als richtig erwiesen, aber die Schluß- folgerung, daß deswegen keine englische Regierung am Krieg gegen das Naziregime teilnehmen würde, war falsch. Was immer die englische Regierung getan hätte, das

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britische Weltreich war nicht zu retten. Nach dem Kriege mußten die Kolonialmächte Europas ihr Imperium aufge- ben. Die Versuche, es zu verteidigen, wären zu kostspielig gewesen und hätten die imperialistischen „Mutterländer" ruiniert. Das ist eine Lehre, die weiter gilt. Am Anfang des Jahrhunderts war die City of London eine Weltmetropole. Die „Finanzaristokratie" Englands glaubte, für viele Generationen ihre Weltstellung erhalten zu können. Der erste Weltkrieg schien die Folge einer Reihe von Zufällen zu sein. Historiker haben das deutsche Aufrüsten als Ursache des Weltkrieges erklärt, aber das Aufrüsten war eine Folge der Notwendigkeit, mit staatli- cher Macht die Weltmonopole einer britisch dominierten internationalen Weltordnung — und die Kontrolle der Meere — aufzubrechen. Die konservativen Staatsmänner, die die alte Weltordnung verteidigten, wußten nicht, daß es unmöglich war, das Entstehen neuer Konkurrenz oder von Rivalen abzuwehren. Der Versuch, das Aufkommen von Konkurrenz im Ausland zu verhindern, hatte die Welt- monopolmacht ruiniert.

Historiker haben behauptet, daß Stalin und Hitler strategi- sche Fehler unterlaufen seien, die zu politischen Konse- quenzen geführt hätten. So hätte Stalin den Terror, der ihm nach den Ereignissen des Jahres 1932 notwendig erschien, nie befehlen sollen, denn dadurch wurde die Intelligenz- elite des Landes im zivilen und militärischen Sektor ver- nichtet. Die daraus resultierenden strategischen Schwä- chen konnten nie ausgeglichen werden. Aber Stalin wäre während der inneren Krisen, die er später erlebte, nicht an der Macht geblieben, wenn er nicht vorher die Intelligen- zija seines Landes ausgetilgt hätte. Hitler soll, wie schon ausgeführt, kurz vorseinem Ende

gesagt haben, daß seine äußere Schwäche durch ihn selbst verursacht worden sei, weil er nicht wie Stalin die konser- vative Elite des Landes radikal vernichtet habe. Das Geheimnis der inneren Machterhaltung der Tyrannen unserer Zeit besteht darin, daß sie die alten und die neuen konservativen Klassen des Landes erhalten, neu züchten und vernichten müssen, alles zu gleicher Zeit. Der totalitäre Machthaber muß in der modernen Industrie- gesellschaft Intelligenzschichten wirken lassen, die mit viel Unabhängigkeit Menschen kontrollieren, kommandie- ren, Sonderinteressen vertreten und konkurrieren. Souve- räne totalitäre Macht benötigt das Monopol des Aus- spielens der inneren Rivalen oder Konkurrenten. Gelingt das nicht, zerfällt die innere Stärke. Die Produktivität sinkt. Der Leerlauf nimmt zu. Der Finanzbankrott folgt der ne- gativen Kapitalreproduktion. Dieser Zustand drohte für Hitler und Stalin am Vorabend des zweiten Weltkriegs. Beide benötigten schnelle Siege. Sie konnten die innere Macht im Ruin des Krieges erhalten. Der Ruin hatte vor- her begonnen. Die konservativen Politiker in England und Frankreich verlängerten Hitlers Überleben, weil sie sich weigerten, die überlegene Militärmacht für die Verteidi- gung ihrer Weltposition einzusetzen, und das weil im Westen die strategischen Entscheidungen nicht von den konservativ denkenden Finanzkapitalisten getroffen wer- den, die vor jeder Entscheidung Kosten und Risiken mit dem potentiellen Gewinn vergleichen, sondern von Politi- kern, die das Risiko des Verlierens für die konservativen Finanzkapitalisten steigern. Hitler war für die konservativen Politiker im eigenen Land unbesiegbar geworden. Diese wußten, daß es keine Nachfolger für totalitäre Machthaber gibt. Das Fehlen ei- ner Nachfolge wird die konservativen Klassen stets in eine

Lage versetzen, in der sie den Sturz der Diktaturmacht be- furchten müssen, nicht weil sie diese erhalten wollen, son- dern weil danach eine für sie unkontrollierbare Lage ent- stehen wird. Die Furcht vor dem Chaos ist eine Geheimwaffe des Diktators. Wer sich vor dem Chaos fürchtet, kann der Diktatur nicht widerstehen. Das Chaos selber läßt aber alle Entwicklungsmöglichkeiten für die Zukunft offen. Ein potentieller Nachfolger, der vor dem Tode oder Abtritt des Vorgängers erscheint, bricht die Einheit der Führung auf. Die einzelnen individuellen Unterführer werden dann ihre Eigenmacht festigen. Es folgt die Bildung von lokalen und regionalen „alten Feudaldynastien". Die Vielzahl von feu- dalbürokratischen Kleinmächten mit konkurrierenden und rivalisierenden Interessen erzeugt eine stagnierende Ge- sellschaft, die einen internationalen Konkurrenzmacht- kampf nicht überstehen kann. Im Weltmaßstab tritt eine derartige Lage als Folge des Untergangs einer internationalen Ordnung auf, die von im- perialen Mächten kontrolliert wurde. Aber was als Chaos erscheint, ist eine Situation, die von keiner zentralstaatli- chen Macht mehr kontrolliert werden kann. Wer sich davor furchtet, sucht instinktiv einen Ersatz für eine zentrale Weltmacht des „Ultraimperialismus". Er verdeckt oder ig- noriert andere Möglichkeiten gesellschaftlicher Entwick- lungen, z.B. eine Auflösung der auf internationaler Arbeitsteilung beruhenden Verbundenheit der Weltwirt- schaft. Die Bildung von mehr souveränen Nationalstaaten als je zuvor sollte eine Warnung sein. Das Suchen nach einem Ausweg aus der tiefen gesell- schaftlichen Krise begünstigte den Aufstieg Hitlers in Deutschland und Stalins in der Sowjetunion. Die Krise war aber auch eine Gefährdung der inneren Macht für

beide „Führer". Sie hatten die Macht im Lande mit dem Anspruch übernommen, einen Ausweg aus einer gesell- schaftlichen Weltkrise zu finden. Es war leichter für sie, ih- re politische Machtbasis zu errichten, als diesen Anspruch zu erfüllen und die ökonomische Basis zu festigen. Sie konnten und wollten das nur tun, wenn die ökonomische Basis imstande war, die zentrale staatliche Macht zu si- chern. Das war nur möglich, wenn sich die zentralstaatli- che Bürokratie nicht auf die zentralstaatliche Planung der Produktion und die Erfüllung gesellschaftlicher Bedürf- nisse verließ. Eine große Zahl von staatlich kontrollierten, konkurrierenden kapitalistischen Unternehmen konnte ei- ne zuverlässige innere Machtbasis bilden. Die Vision einer derartigen ökonomischen Basis war für Stalin und Hitler attraktiver als die von einem bürokratisch geleiteten Generaltrust, der sich in einer unproduktiven Dauerkrise befinden muß und nicht in der Lage ist, die politische Machtstruktur ausreichend zu finanzieren oder zu erhalten. Wie schon ausgeführt, wurden 1932 die Weichen für die spätere Nachkriegsentwicklung gestellt. Die historische Rolle von Hitler und Stalin wurde in dieser Zeit getestet. Als Staatsmänner haben sie instinktiv, z.T. auch bewußt, so gehandelt, wie es ihrer Vision entsprach, in einem von ih- nen gebildeten neuen Weltreich die innere Macht zu festi- gen. Sie befanden sich dabei in einem inneren Wider- spruch. Sie mußten verhindern, daß ein Nachfolger sie her- ausforderte. Ein Nachfolger, der dem „großen Führer" hörig und für ihn „zuverlässig" ist, wird sich als unfähig er- weisen, den Glauben an die Mission des Führers zu über- nehmen und für die Massen weiterzuführen. Das Geheim- nis der Allmacht des Führers ist nicht der Glaube an seine Allmacht, sondern daß es ihm ständig gelingt, die Unter- gebenen daran zu hindern, ihre Eigenmacht in ihrem halb-

feudalen Machtbereich von Kontroll- und Ausbeutungs- gebiet zu nutzen, um eventuell selber den Anspruch auf die Macht des Führers zu erheben. Den Untergebenen darf es nicht gelingen, ihren Machtbereich unabhängig von der Allmacht des „Königs" zu konsolidieren. Dieser wird ty- rannisch regieren und ihnen jegliche Eigenmacht nehmen, trotzdem immer unsicher sein. Die Untergebenen müssen hinterhältig und machtunfähig sein, um zuverlässig zu er- scheinen. Ein derartiges Regime kann dauerhaft nur beste- hen, wenn es von außen und von innen nicht herausgefor- dert wird. Wer an der Spitze einer zentralstaatlichen Bürokratie und einer Staatspartei steht, die die Bürokratie anführt und zur Festigung und zum Ausbau der Eigenmacht benutzt, will keinen Konkurrenten heranzüchten. In den Ländern der parlamentarischen Demokratie, wo staatliche Bürokra- tien die größte soziale Klasse geworden sind und wo die ökonomische Basis kapitalistischer Unternehmer die staatsbürokratische Machtstruktur nicht erhalten oder fi- nanzieren kann, ohne sich selbst zu ruinieren, ist die Führungsklasse kompromittiert. Es fehlt ihr die Legiti- mierung. Sie benötigt einen neuen Glauben, der die großen Opfer, die für die Konsolidierung des Apparats aufgebracht werden müssen, rechtfertigt. Deswegen suchten Hitler und Stalin am Ende ihrer Machtkarriere eine Absicherung ihrer Macht durch die Festsetzung einer Nachfolge. Es wider- sprach dem Wesen des Systems, dies durch demokratische Wahlen zu tun. Die Staatsparteibürokratie konnte sich nur sichern, wenn sie als eine Art Priesterkaste einen Führer/ Oberpriester ernannte, der die Allmacht an der Spitze einer neuen Theokratie beanspruchte. Die Krisen der parlamen- tarischen Demokratien im Westen und des Systems von Parteibürokratien, die die Staatsbürokratien anführen, die

der kapitalistischen Basis voranstehen, führen zu ähnlichen Situationen. Es wird versucht, den Politikern eine Art gött- liche Allmacht zuzuschreiben und nur sie für die Lösung gesellschaftlicher Probleme zuständig erscheinen zu las- sen. Damit wird der Versuch gemacht, das „Ende der Geschichte" zu erreichen. Eine derartige Vision konnte von Hitler und Stalin nicht verwirklicht werden. Es kann Nachfolger geben, die dies erneut versuchen. Es gibt aber auch Alternativen. Alle Möglichkeiten des historischen Wandels unserer Zeit sind offen. Stalin und Hitler haben 1932 visionärer gehandelt, als aus dem dramatischen Ablauf ihrer Karriere entnommen werden kann und als die Historiker der Siegermächte es in- terpretiert haben. Stalin konnte den von Bucharin empfoh- lenen Weg nicht gehen, ohne das Fiasko seiner persönli- chen Macht und das seiner „Erben" zu riskieren. Hitler hat- te Pläne einer Statthalterschaft in fremden Ländern, mit einer rassistisch oder theokratisch begründeten Oberklasse und Tributzahlungen der Unterklassen wie in Asien vor über 2000 Jahren. Mit der militärischen Niederlage waren diese Pläne hinfällig.

Wer immer versucht, eine neue Weltordnung auf der Grundlage zentralstaatlicher Macht und Weltkontrolle her- zustellen, wird das Schicksal der „Führer", die im Jahre 1932 siegten und später untergingen, wiedererleben. Der Zerfall der internationalen Ordnung ist dafür ein entmuti- gendes Ereignis, denn es zeigt, daß es für die Inhaber zen- tralstaatlicher Macht keine Nachfolger gibt. Das ist die Grundlehre der Weltkrise von 1932, die es zwei Tyrannen möglich machte, die zentrale Weltmachtordnung zu erpro- ben. Bei der Bestimmung der Politik muß berücksichtigt

werden: Wer viel Macht zu verlieren hat, geht ein größeres Risiko bei Entscheidungen über Krieg oder Frieden ein als eine unterprivilegierte „arme" Macht. Deswegen ist ein Vergleich der Stärke oder Schwäche einzelner Länder irre- führend, wenn nicht die Ungleichmäßigkeit des Risikos über Gewinn oder Verlust berücksichtigt wird. Roosevelt oder Chamberlain hatten bei Entscheidungen über Krieg und Frieden mehr zu verlieren als der „have not"-Imperia- list Adolf Hitler. Das Jahr 1932 war für Hitler und Stalin eine Art Schule im Risikonehmen. Sie erfuhren, daß die Staatsmänner des kapitalistischen Westens und die konser- vativen InteressenVertreter im eigenen Land weniger bereit waren, Risiken einzugehen, als die Politiker, die ohne „ve- sted interests" handelten. Beim direkten Kräftemessen ist das Verlustrisiko für die „haves" größer als für die „have nots". Deswegen müssen gegenwärtig die finanzkapitali- stisch reichen Länder fürchten, von den armen, ökono- misch notleidenden Mächten, denen der Kapitalbesitz der altindustriellen Länder fehlt, herausgefordert oder erpreßt zu werden. Diese Furcht wird zunehmen, wenn die armen Länder Nuklearpotential oder andere moderne Waffen be- sitzen und wenn sie gewillt sind, viel zu wagen, weil sie wenig zu verlieren haben. Die grundlegende Fehleinschätzung von Hitler und Stalin, die auf den Erfahrungen des Jahres 1932 beruhte, war: die imperialistischen reichen „have"-Länder werden keinen Weltkrieg riskieren, wenn sie nicht direkt angegrif- fen werden und unter der Voraussetzung, daß ihnen die Möglichkeit gegeben wird, ihre „vested interests" zu erhalten oder zu verteidigen. Ein offener Krieg auf dem europäischen Kontinent würde ihnen stets mehr schaden als nützen. Sie würden auf jeden Fall dabei ver- lieren.

Die Fehlkalkulation bestand im Glauben, daß die pri- vatkapitalistischen Interessen unmittelbar von den Regie- rungen in London und Washington vertreten würden. Sie waren in die Falle der orthodoxen Marxisten geraten (Hilferding und Lenin), anzunehmen, daß die Großbanken und Konzerne unmittelbar die Politik der Regierung be- stimmten. Sie konnten sich nicht vorstellen, daß die Staatspartei oder gar die Staatsbürokratie ein Eigengewicht hätten und nationale staatskapitalistische Interessen vertre- ten würden. Der Nationalstaat mußte sich in Vorbereitung auf kriegerische Herausforderungen stärken und sich die privatkapitalistischen Interessen der Finanzkapitalisten unterordnen. Die Bank of England z.B. hatte ihre tradi- tionelle Unabhängigkeit verloren, als in der Krise der frühen dreißiger Jahre bankrotte oder illiquide Banken und Finanzkonzerne staatliche Hilfe benötigten. Als im dritten Jahr der tiefen Weltwirtschaftskrise die Banken und Konzerne sowie der Mittelstand und die Arbeitslosen staatliche Überlebenshilfe benötigten, be- gann die staatliche Bürokratie zahlenmäßig zu wachsen und ihren Einfluß auf alle gesellschaftlichen Bereiche ra- pide auszudehnen. Sie wurde zum ersten Mal die sozial do- minierende Klasse in verschiedenen Ländern. Die Regie- rungsparteien konnten und mußten unter diesen Bedin- gungen versuchen, ihre innere Machtposition auszubauen, um das Überleben der traditionell unabhängigen kapitali- stischen Klasse zu ermöglichen. Der Staat erschien als Retter und konnte sich alle Klassen unterordnen. In den USA geschah dies in dem Glauben der „Urkeynesianer", daß die staatliche Hilfe nur temporär für die Erneuerung oder Wiederbelebung des Konjunkturzyklus des Kapita- lismus vonnöten wäre. In Westeuropa waren alle Regie- rungen in einer ähnlichen Lage. Die Zentralbanken wurden

Finanzierungsagenturen für den Privatkapitalismus und die Institutionen, die einen neuen Rentenkapitalismus er- zeugten. Die privatkapitalistischen Sektoren und Institu- tionen, die von staatlicher Hilfe abhängig wurden, mußten dafür einen hohen Preis zahlen. Bankrotte und illiquide Finanzmächte oder Monopolkapitalisten einschließlich der Großagrarier mußten der souveränen zentralstaatlichen Macht hörig sein. Die Zentralbanken, besonders die Bank ofEngland, die einstmals als „zweite Regierung Englands" galt, wurden zu Unterabteilungen der Regierungen. Die re- lative Autonomie der Zentralbanken, die nur noch in den USA und Deutschland vorhanden ist, besteht in engen Grenzen im Bereich der Verteidigung der Stabilität der Währung, und die Regierung kann den Banken das Liquiditätsverhalten diktieren. Damit begann eine Entwicklung, deren Bedeutung Hitler und Stalin entging. In den USA und Deutschland wurde zu gleicher Zeit der Staat der Retter von bankrotten Banken, Konzernen, kapitalistischen Institutionen und auch der menschlichen Arbeitskraft, insoweit diese auf staatliche Unterstützung angewiesen waren. Dieses Prinzip wurde in Deutschland unter Brüning verweigert, unter von Papen versteckt oder nur teilweise anerkannt und unter Hitler im Namen des Nationalsozialismus offen politisches Prinzip. Das geschah fast zeitgleich in den USA im Namen des New Deal. Roosevelt war dazu angetreten, im kon- servativen Sinne die Rolle des Staates zurückzunehmen, da man annahm, daß der Konjunkturzyklus wieder Voll- beschäftigung und Aufträge bringen würde, die eine Ausnutzung der industriellen Kapazitäten erforderten. Als sich aber die Krise vertiefte, die Konzerne und Banken bankrottierten und ein Drittel der Arbeiterklasse arbeitslos wurde, mußte Roosevelt allen staatliche Hilfe versprechen.

Der New Deal begann und die zentralstaatliche Macht in Washington dominierte rasch über die privatkapitalisti- schen Interessen, allerdings noch mit dem Versprechen, daß später der staatliche Einfluß reduziert würde. Dieses „später" ist nie eingetreten.

In Deutschland waren zu Beginn des Jahres 1932 die Füh- rer der konservativen Parteien, die die „vested interests" der besitzenden Klasse, besonders des Finanzkapitals, vertraten, anscheinend in einer gesicherten Position. Hin- ter ihnen standen die staatliche Bürokratie, die alle Zwei- ge der Gesellschaft anführte oder kontrollierte, und die Militärmacht unter Führung von Generalen, die keinen Rivalen im eigenen Land duldeten und die deswegen die „Privatarmee" des „großen Führers" nicht als politische oder militärische Kraft akzeptieren wollten. Die Aussicht für Hitler, diese überwältigende Kraft der Konservativen zu besiegen, schien gering zu sein. Hitler machte damals die Erfahrung, daß die Konservativen ihm die Macht überließen, ohne zu kalkulieren, daß er sie für die Er- richtung eines totalitären Staates benutzen und das Auf- kommen jeder unabhängigen Opposition verhindern wür- de — mit den Mitteln des Terrors. Die konservativen Führer des Landes wollten ihre privaten Gruppeninteressen verteidigen. Sie hatten die politische Macht in ihrer Hand und glaubten nicht, daß der von ihnen ausgewählte Protektor sie überwältigen könnte. Hitler erlebte, daß der privatkapitalistische Sektor einschließlich der finanzkapi- talistischen Magnaten in Zeiten der Krise der Gesellschaft ohnmächtig wird und einem offenen Kampf mit Rivalen oder dem Protektor, den er an die Macht bringt, ausweicht. Diese Erfahrung bestimmte die spätere Strategie Hitlers im zweiten Weltkrieg. Sie war eine Art Omen, das zu seiner

Niederlage führte. Es ist bis heute nicht einleuchtend er- klärt worden, warum der „große Führer" darauf bestand, entgegen dem Rat der professionellen Militärführung nach dem großen Sieg über Frankreich in Dünkirchen die engli- sche Armee nicht vernichten zu wollen. Er hätte das tun können. Die Blüte der englischen Armee lag hilflos zu sei- nen Füßen. Hitler weigerte sich, sie zu vernichten. Der Grund dafür war kein taktischer Fehler, sondern der Glaube, daß in England die konservativen Finanzkapi- talisten die politische Macht ausüben und in ihrem eigenen Interesse handeln würden, indem sie sein Angebot, der Protektor des englischen Imperiums zu werden, annähmen. Er dachte, daß er als Weltherrscher den englischen Finanz- kapitalisten wie ein Retter erscheinen würde. Das war eine fixe Idee, die auf den Erfahrungen des „Führers" im Jahre 1932 beruhte, die ihm suggerierten, daß die konservativen Finanzkapitalisten unfähig seien, in Zeiten tiefer gesell- schaftlicher Krise ihre Macht ohne einen „Protektor" zu er- halten. Der „große Führer" kannte aber das allgemeine System des Finanzkapitalismus nicht. Er wußte nicht, daß seine Erfahrung von 1932 auch in anderen Ländern Geltung hatte, auch wenn diese sich nicht in einer tiefen Krise befanden, die zu einem Zusammenbruch der gesell- schaftlichen Ordnung zu führen schien. Die Entwicklung des Finanzkapitalismus in Deutschland war keine natio- nale Sondererscheinung. Das Entstehen großer staatli- cher Bürokratien mit Staatsparteien, die die bürokratische Staatsmacht erweiterten und die gesamte Gesellschaft kon- trollierten, ist eine weltweite Erscheinung geworden. In al- len Ländern des Finanzkapitalismus gibt es eine gesell- schaftliche Krise und die Notwendigkeit für die finanzka- pitalistische „Aristokratie", die Macht des Staates zu erweitern, um für die Finanzkapitalisten als Retter und

Beschützer zu erscheinen. Aber dieser staatliche Moloch mit einer bürokratischen Klasse, die die Hälfte oder mehr des Sozialprodukts verzehrt, wird zu einer autonomen Macht, wenn eine Staatspartei mit einer hierarchischen Spitze die Kontrolle des Staates übernimmt. Das ist eine Entwicklung, die sich auch in Ländern mit demokratischer Verfassung vollzieht. Staatliche Parteibürokratien, die die gesamte staatliche Bürokratie anführen, sind fähig, Entscheidungen im internationalen Konkurrenzkampf zu treffen, die der Konsolidierung der Eigenmacht dienen, auch wenn sie den privaten finanzkapitalistischen Inter- essen gefahrlich oder schädlich erscheinen. Churchill konnte im zweiten Weltkrieg die private fi- nanzkapitalistische Aristokratie Großbritanniens, die ge- willt war, sich mit Hitler als Protektor des Empire zu ver- ständigen, überwältigen und einen verzweifelten Rettungs- kampf führen, der Roosevelt und Stalin im Kampf gegen Hitler brauchte. Churchill wußte, daß ohne diese Unter- stützung das Empire verloren war. Der amerikanische Machtkoloß würde die Führung des Abwehrkampfes und die Gestaltung der Nachkriegsordnung übernehmen und auch die Gefahr, daß ein siegreicher Stalin Europa beherr- schen könnte, verhindern. Ich persönlich konnte diese Entwicklung damals als journalistischer Außenseiter in Washington verfolgen. Ich erlebte den Aufstieg Roosevelts, als in der Krise des New Deal die Finanzierung der neuen staatsbürokratischen Macht gefährdet war. Die konservativen Kräfte des Finanz- kapitalismus hatten die Möglichkeit, die Gegenpartei von Roosevelt in Neuwahlen so zu unterstützen, daß das poli- tische Schicksal der Partei des Präsidenten besiegelt wäre. Am Vorabend des Krieges erlebte ich in Washington die pa- nikartige Flucht der New-Deal-Bürokraten in den privaten

Sektor oder die Foundations. Sie konnten sich nicht vor- stellen, daß der New-Deal-Präsident eine Chance besaß, die kommenden Wahlen zu gewinnen. Die Untergangs- stimmung in diesem Teil der Intelligenz, die wichtige staat- liche Positionen innehatte, verflog mit einem Schlag, als feststand, daß Hitler den zweiten Weltkrieg ausgelöst hat- te. Dadurch rettete er die politische Funktion Roosevelts. Zur Überraschung des „großen Führers" konnte der ameri- kanische Präsident die gesamten Kräfte seines Landes mo- bilisieren und sich die konservativen Kräfte des Finanz- kapitalismus unterordnen. Damit war das Schicksal des Naziführers entschieden. Aber es hat sich später erwiesen, daß das Weltstaatensystem, das die USA als Führungs- macht dominieren wollten, keinen Bestand haben konnte. Das ist eine Frage, mit der ich mich in einem anderen Buch befaßt habe. Es genügt nicht, die Ereignisse des Jahres 1932 in Deutschland und die Verantwortung der konservativen Kräfte in allen Parteien als eine isolierte nationale Er- scheinung anzusehen. Der gesamte Finanzkapitalismus des Westens unterliegt diesem Prozeß. Und auch im Osten gilt diese Erfahrung, wenn auch unter anderen Bedingungen, die durch die russische Revolution unter Lenin geprägt worden sind. Wir wissen, daß Lenins Erwartung einer so- zialistischen Weltrevolution enttäuscht worden ist und daß das Überlebenssystem in die Gewalt des „großen Führers" Stalin geriet. Es ist leicht, mit Worten das Wesen des Systems zu verdecken. Es war nicht „sozialistisch", es war eine staatskapitalistische Macht, die gegen die Mächte des Westens konkurrierte. Ich habe bereits beschrieben, daß Stalins Macht im dritten Jahr der tiefen Krise zutiefst bedroht war. Stalin machte die Erfahrung, daß er seine Macht nicht hätte zurückerobern und konsolidieren kön-

1 1

nen, wenn nicht der Führer der „Konservativen" in der Staatspartei geglaubt hätte, daß das politische System Stalin unbedingt als Protektor benötigte. Deswegen wei- gerte sich Bucharin damals, sich an die Spitze der Opposition gegen Stalin zu stellen, und half ihm statt des- sen, seine innere Macht zu konsolidieren. Bucharin war nicht für ein System des Kapitalismus oder Finanz- kapitalismus. Er glaubte, daß nach der Erfüllung der ersten Fünfjahrpläne und der großen Opfer der „Industriali- sierung" ein liberales demokratisches System eingeführt werden könnte, daß die neue ökonomische Basis eine po- litische Liberalisierung sicherstellen würde und daß ein au- toritärer Stalin sich entsprechend anpassen müßte. Wir wis- sen, daß das nicht geschah. Stalin bereitete den großen Terror vor. Die intellektuelle Elite des Landes, in der Jugend und unter den Alten, wurde vernichtet. Die „alten Bolschewiki" waren nur ein kleiner Teil der Opfer des großen Terrors. Das war keine Tat eines „mad man". Der große Terror wurde von Stalin als Notwendigkeit angese- hen, um zu verhindern, daß die konservativen Kräfte in- nerhalb der Staatspartei und der sozialen Strukturenje wie- der nach politischer Macht strebten.

Nach dem Fehlschlag der internationalen Ordnung, die die Supermacht USA nach dem zweiten Weltkrieg hergestellt hatte und die deren Weltrolle konsolidieren sollte, sind die Staatsparteien und deren Führer zutiefst kompromittiert. Sie sind in Kriegen besiegt worden und konnten ihre neue Weltordnung nicht festigen. Sie konnten nicht verhindern, daß ihr System durch eine neue deflationistische Weltkrise gefährdet wird. Sie bieten den Kapitalismus der freien Konkurrenz als Ausweg an. Gleichzeitig erweitern sie die staatsbürokratische Macht im eigenen Land. Damit wird

das Gesunden des Kapitalismus unmöglich gemacht, auch wenn er politisch geschützt wird. Es werden Alternativen gesucht. Sie können nicht von den Führern der konser- vativen Kräfte des Kapitalismus gefunden werden. Wer das verstehen will, muß die Erfahrungen des Jahres 1932 in Deutschland und der Sowjetunion kennen. Die marxistischen Theorien des Finanzkapitalismus, wie sie Stalin bekannt waren, schienen dessen Vorstel- lungen über die politische Führung des totalitären Staates wie auch des demokratischen Westens zu bestätigen. Lenin und Hilferding hatten als Theoretiker des Finanzkapi- talismus geglaubt, daß die Finanzkapitalisten im Konkur- renzkampf im eigenen Lande und in der Welt erfolgreich wären, die politische Macht im Staat übernähmen und daß die Regierungen von ihnen kontrolliert oder entscheidend beeinflußt würden. Das theoretische Konzept des Finanz- kapitalismus berücksichtigt nicht das Wesen des Staats- kapitalismus, der auf dem Entstehen der staatlichen Bürokratie, die alle Zweige der Gesellschaft und die ge- sellschaftlichen Klassen kontrolliert, beruht. Aber es ge- hört zum Wesen der Bürokratie, daß sie lediglich die Erhaltung des Status quo anstrebt, wenn nicht eine Staats- partei mit hierarchischer Spitze die riesigen Ausgaben ei- nes parasitären Verwaltungs- und Kontrollsektors rechtfer- tigen kann. Die beste Rechtfertigung ist das Streben nach Weltmacht. Die theoretischen Konzepte des Finanzkapitalismus halfen dem „großen Führer" im Osten, die Entwicklung des Staatskapitalismus im Westen und im eigenen Land mißzuverstehen. Ohne Kenntnis theoretischer Konzepte hatte der „große Führer" im „Dritten Reich" die Machtver- hältnisse in den Ländern des Finanzkapitalismus, die er nicht kontrollieren konnte, ebenfalls mißverstanden. Es

fehlt jetzt an einer Revision der Theorien des Finanz- kapitalismus und Staatskapitalismus im Lichte der Erfah- rung des zweiten Weltkriegs, des Untergangs der alten Kolonialreiche, der Währungskrisen, der tiefen Krise des Systems im Westen und des Zusammenbruchs der staats- kapitalistischen Systeme im Osten.

Ein Nachtrag

Historische Wahrheiten sind wichtig, an sich, um des Prinzips der Wahrheit willen. Sie werden bedeutsam, wenn sie gegenwartsträchtig sind. Dann sind sie Fingerzeige für die Gestaltung der Zukunft. Die historische Wahrheit über die Ereignisse des Jahres 1932 ist bislang unbekannt, da die Historiker nichts dar- über in den Archiven fanden und, da die Archive in Moskau in den Jahren des Stalinismus gründlich „gerei- nigt" wurden, auch gar nichts finden konnten. In Deutschland dagegen gab es damals eine Vielzahl von Regierungen, Politikern, Parteien und Dissidenten. Jeder von ihnen kannte einen kleinen Ausschnitt des Wan- dels der politischen Verhältnisse und/oder schrieb über die Geschichte so, wie er sie beschrieben haben wollte. Die Politiker und Parteibürokraten hinterließen in den Archi- ven Dokumente und Berichte, die einseitig waren und vie- le Ereignisse verschwiegen. Die Historiker werden mit Recht fragen, wie es möglich ist zu behaupten, daß der „Prager Frühling" in Moskau im Jahre 1932 fast zu Stalins Debakel wurde, obwohl darüber die Dokumente fehlen. Das wird verständlich, wenn man bedenkt, daß Stalin versuchte, keine Spuren seiner Schwä- cheperiode zu hinterlassen, sondern nur Material über sein Wirken „zum Wohle des Sowjetvolkes". Dabei sind die Zahlen über die Produktion von Eisen, Stahl, Maschinen usw., die einen Rekordstand erreicht hat- ten, im wesentlichen nicht falsch. Es war auch einfach, neue monströse Fabriken vorzuzeigen, um damit den industriellen Fortschritt des Landes zu beweisen. Die Monsterwerke wurden von vielen Ausländern gesehen. Sie waren keine Potemkinschen Dörfer, sondern bestanden

real. Über die niedrige Qualität der darin hergestellten Produkte ist viel geschrieben worden. Aber viel wichtiger war das Zusammenbrechen des Verteilungssystems. Die eindrucksvollen Zahlen über die Zunahme der Produktion von Eisen, Stahl, Maschinen usw. besagen wenig über den Fortschritt der Produktivität oder die Wirksamkeit der Pro- duktivkräfte. Produktionsmittel, die nicht ausgenutzt wer- den oder Produkte herstellen, die auf Lagerstätten ver- kommen, sind wertlos und belasten das System. Sie drücken auf die Produktivität des Landes. Deshalb kann dessen Produktivität nicht von der Zunahme der industri- ellen Kapazitäten abgeleitet werden. Die Siegesberichte über die Industrialisierung, die im Westen kursierten, sag- ten nichts über den Niedergang der Produktivität des Landes und die Zusammenbruchskrise von 1932. Die man- gelnde Versorgung mit Konsumgütern in den Städten und die Notlage der Bauern, die die Industrialisierung nicht fi- nanzieren wollten, konnten aber nicht verschwiegen wer- den. Diese Notlagen wurden als temporäre Erscheinungen dargestellt, als Nebenkosten der ursprünglichen Kapital- akkumulation, die in der Zeit der industriellen Revolu- tionen in Europa ebenfalls aufgetreten waren. Das gewal- tige Gebiet der Sowjetunion ermöglichte es, den Fortschritt der Industrialisierung auf „Inselgebiete" zu konzentrie- ren. Die übrigen Gebiete bildeten eine Art koloniales Hinterland, das den Fortschritt in den industriellen Zentren subsidieren, finanzieren mußte. In der Theorie sollten die industriellen Zentren es ermöglichen, die gesamte Gesell- schaft, das ganze Land auf die Ebene der fortschrittlichsten Gebiete zu heben. In der Tat hatte die Mehrheit der Par- teimitglieder an dieses Versprechen geglaubt, und dieser Glaube wurde im dritten Jahr der Zusammenbruchskrise des Versorgungssystems zutiefst erschüttert. Zwar entstan-

den zahlreiche neue, riesige Fabriken in dieser Zeit, und das Wachsen der industriellen Kapazitäten konnte als er- folgreiche Industrialisierung dargestellt werden. Aber die- se Werke waren damals schon „weiße Elefanten", die sub- sidiert werden mußten und deren Produktion nicht oder nur wenig produktiv verwendet wurde.

Wer zwischen den Zeilen der äsopischen Sprache einer Staatspartei, die eine schwere innere Krise erlebt hatte und diese verdecken wollte, lesen kann, wird verstehen, daß al- lein schon Andeutungen der Krise große Bedeutung haben. So wurde viel später in einer offiziellen „Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion" (Moskau 1976) über die Periode 1929 —1937 geschrieben: „Die Partei üb- te schärfste Kritik am Ende der erfolgreichen Vollendung

der ersten beiden Fünfjahrpläne der Industrialisierung

der linksradikalen Theorie von der Notwendigkeit eines forcierten Übergangs vom Handel zum direkten Waren- austausch." Diese Theorie galt als „linke Abweichung". Tatsächlich war das Geld- und Kreditsystem zusammen- gebrochen. Der „direkte Warenaustausch" erschien als Notlösung. Die „Rechten" wurden angeklagt, daß sie als philosophische „Mechanisten" Waren und Preise vom Marktkapitalismus als Ausweg aus der Krise und zugleich als Weg zum Sozialismus übernehmen wollten. In der offiziellen Geschichte wird die Kritik der „Idealisten" und „Mechanisten" nur indirekt zitiert. Es feh- len die Dokumente, die deren Meinung wörtlich wiederge- ben oder die Aufzeichnungen über die Debatten an der Kommunistischen Akademie in den frühen dreißiger Jah- ren. Was in den zwanziger Jahren geschrieben oder disku- tiert wurde, ist zumeist bekannt und kann nachgelesen wer- den. Für die Zeit von Frühjahr bis Herbst 1932 ist bisher

an

kein Archivmaterial nachgewiesen. Danach gibt es nur noch die von der stalinistischen Bürokratie hinterlassenen Dokumente. Belege über die Erfolge der Industrialisierung gibt es reichlich. So stellte die Unionskonferenz der KPdSU vom 30. Januarbis 4. Februar 1932 fest, daß „die Industrie große Erfolge erzielt hatte". Die Produktion war im Jahre 1931 um 20 Prozent gestiegen, der Maschinenbau erreichte eine Zuwachsrate von 40 Prozent, der Werkzeugmaschinenbau von 73 Prozent, die Stromversorgung stieg um 43 Prozent und die Produktion von Edelstahl gar auf das Dreifache. 1931 galt als das Jahr eines entscheidenden Umschwungs bei der Aufnahme neuer Produktionskapazitäten. Diese Angaben mögen stimmen, dennoch schaffen sie ein falsches Bild. Richtig ist, daß sich neue industrielle Strukturen herausgebildet hatten. Aber der „Sozialismus in einem Land" hatte dabei die inneren Tauschverhältnisse der Waren zerstört. Die Produktivität des Landes war gesunken, auch wenn sie in seiner Industrie gestiegen war. Die Länder der „Dritten Welt", die das stalinistische Modell der Industrialisierung übernahmen, befinden sich jetzt in einer Lage, die an die Zusammenbruchskrise von 1932 erinnert. Wer behauptet, daß diese historische Ent- wicklung durch die besonderen Verhältnisse der russischen Revolution, vor allem durch die Rolle Stalins, vorher Lenins und durch die Ideen von Marx und Engels bedingt war, vergißt, vielleicht bewußt, daß in allen „Entwick- lungsländern" der Aufbau neuer industrieller Strukturen (der „ursprünglichen Kapitalakkumulation" aus eigenen Kräften) stets das Entstehen brutaler Diktatursysteme mit tyrannischen Herrschern begünstigt hat. Aus diesem Grand ist die russische Erfahrung von 1932 keine Ausnahme-

erscheinung, obwohl es in jedem Land durch nationale Traditionen Besonderheiten gibt. Die historische Frage, ob die Industrialisierung unter Stalin zu schnell erfolgte und deswegen die Nation unnötig viel Opfer bringen mußte, ist im Jahr 1932 beantwortet worden. Nach drei Jahren eines Zusammenbruchs des Versorgungssystems begann eine Hungerperiode auf dem Land und in den Städten zu einer Zeit, die der Beginn des sozialistischen Wohlstandes sein sollte. Und so handelte Stalin auch am Ende des Jahres konsequent, als ob es die- se Krise nicht gegeben hätte. Zu Beginn des Jahres war die Einheit der Staatspartei zerbrochen. Die historische Frage, warum es damals keinen Zu- sammenbruch des politischen Systems gegeben hat wie beispielsweise in den achtziger Jahren, erfordert eine Antwort. Das Fehlen eines Gorbatschow, der das System reformieren wollte, war nicht entscheidend. Tatsäch- lich gab es damals eine breitere Intelligenzschicht und mehr Persönlichkeiten in der Partei als zur Zeit von Gorbatschow. Die starke Elite in Partei und Komsomol war noch nicht in dem Ausmaß bürokratisiert oder in den Apparat integriert wie kurze Zeit später. Daneben gab es noch die Führungskader der Roten Armee, geschult von Lenin und Trotzki und (noch) nicht von Stalin kontrolliert. Ich habe bereits darauf hingewiesen, daß die gespaltene Partei ohne eine Führerpersönlichkeit wie Bucharin nicht einheitlich handeln konnte. Es war aber unmöglich, Trotzki zurückzuholen. Hinter der Weigerung Bucharins und dem Fehlen einer einheitlichen Führung der Partei standen objektive Verhält- nisse, die jede neue Parteiführung einer kritischen Probe unterzogen hätten. Eine Auflösung des stalinschen Terror- apparats wäre unzureichend gewesen, um die Autorität ei-

ner neuen antistalinistischen Parteiführung zu festigen. Im Gegenteil brauchten die Bauern auf dem Lande handgreif- liche materielle Erleichterungen ihrer Lage. Das war nur durch weitgehende Reformen einer neuen „NÖP" möglich. Es gab aber keine ökonomischen Reserven, mit denen die Löcher in der Versorgung mit Konsumgütern und Produk- tionsmitteln hätten gestopft werden können, und eine zwei- te NÖP hätte die Notlage auch nicht schnell beendet. Aber mit der Aufnahme neuer Tauschbeziehungen zwischen Stadt und Land sowie der Freiheit des Handels wäre die Lösung der Versorgungskrise angebahnt worden. Jegliche Liberalisierung des Landes — nach Ablösung Stalins — wäre mit einer politischen Krise verbunden gewesen, viel- leicht mit einer Art chinesischer Kulturrevolution. Doch Bucharin war kein Mao und erst recht kein Lenin. Ohne ei- ne derartige Bewegung wäre vermutlich der Sturz Stalins vom System nicht überstanden worden. Das sind Hypothesen, die die Geschichtsschreibung nicht annehmen wird, denn die Geschichte nahm einen an- deren Weg. Aber dieser Weg führte nicht zur Lösung der Probleme, die in und um 1932 entstanden waren. Wer die letzten 30 Jahre oder mehr in Moskau, Berlin oder Leipzig erlebt hat, wird die Weltlage von heute und die Perspektiven anders sehen als diejenigen, die in Washington oder New York den Wandel von Politik und Machtverhältnissen erlebten, es sei denn, daß sie mit tiefer Kenntnis der gesellschaftlichen Verhältnisse unabhängig und kritisch sich dem Einfluß der offiziösen Geschichts- schreibung des betreffenden Landes entziehen konnten. Das ist aber nur möglich, wenn man den Einfluß der Macht auf Politik und Ideologie durchschaut. Dennoch kann sich niemand völlig dem Einfluß der Mächtigen eines Landes auf die Geschichtsschreibung entziehen. Das wird nicht

genügend berücksichtigt von denen, die in Europa als „Dissidenten" totalitäre Staatsregime erlebt haben und den Wandel der Machtverhältnisse im Westen, der sich in den vorherrschenden Ideologien widerspiegelt, nicht gekannt haben. Ich denke dabei z.B. an den Glauben von Bucharin, daß es möglich sei, eine Einheitsfront der Westmächte mit der Sowjetunion gegen die faschistische Offensive zu bilden und nach dem Sieg über Hitler eine Ära der Demokratie und des Liberalismus in Ost und West zu beginnen. Er ver- kannte den Wandel der gesellschaftlichen Verhältnisse im Westen und die Ziele der USA. Eine ähnliche Unkenntnis der historischen Lage vor und nach dem zweiten Weltkrieg gibt es unter denen, die einseitig die Weltgeschichte vom Standpunkt der historischen Erfahrungen im Osten be- trachten. Ich selber habe erlebt, wie sich die Gestaltung der Weltpolitik in Washington und allgemein im Westen am Vorabend des zweiten Weltkriegs und danach veränderte. Man muß das wissen, um die gegenwärtige Weltlage und die Perspektiven für die Zukunft des Westens realistisch einschätzen zu können. Berlin und Moskau wurden die Machtzentren der Welt — als Folge von Ereignissen des Jahres 1932. Damals wur- den die Weichen gestellt für den letzten Kampf um die „Neuverteilung der Welt" unter den imperialistischen Mächten. Der Kampf endete mit dem Versuch einer Welt- trustherrschaft einer globalen Supermacht. Beim Scheitern all dieser Pläne spielten drei Persönlichkeiten eine große Rolle, die totalitären Machthaber Hitler und Stalin, aber auch Roosevelt, der die westliche Demokratie mit dem Proviso „subject to the national interest of the USA", also der staatskapitalistischen Macht jenseits des Atlantik, aus- dehnen wollte. Roosevelt ahnte 1932 nicht, daß sein New

Deal innerhalb von zweieinhalb Jahren mit einer deflatio- nistischen Krise enden mußte, die seine Chancen auf Wiederwahl aussichtslos erscheinen ließen. Doch da be- gann Hitler den Krieg. Roosevelt wurde nicht sofort der Führer einer antifaschistischen Anti-Hitler-Koalition. Er hatte sich zu Beginn des Weltkriegs dem Gedanken eines Supermünchen nicht verschlossen. Die Wende begann mit der Niederlage der deutschen Armee in Stalingrad. Bis da- hin war der Ausgang des Krieges ungewiß gewesen. Dann aber erkannten die Strategen im Weißen Haus, daß der Krieg mit einem Sieg des Westens und dem Aufstieg der USA zur Supermacht enden konnte. Die von ihnen konzi- pierte Weltordnung schlug allerdings fehl. Es ist kein Zufall, daß wichtige Ereignisse von 1932 Mysterien in der Geschichtsschreibung geblieben sind, ge- nauso wie die Gründe für den Untergang des Ostimperiums und den Zerfall der internationalen Ordnung unter Füh- rung der USA nach 1945. 1932 wurden die Wege für den Aufstieg und Fall Hitlers und Stalins geebnet, die am Ende zum Triumph eines lachenden Dritten führten. Die nicht genutzten Alternativen zur Machtübernahme Hitlers werden von denen verschleiert, die den Einfluß des Stalinismus in der deutschen Arbeiterbewegung als Grund dafür ansehen, daß die deutsche Arbeiterklasse den Fa- schismus nicht verhindern konnte. Wie bereits ausgeführt, war die Kommunistische Partei durch die Stalinisierung unfähig geworden, auf den Ausgang der Geschichte in Deutschland entscheidenden Einfluß zu nehmen. Damit wird aber nicht die Frage einer möglichen Alternative be- antwortet. Der vom rechten Flügel der Sozialdemokratie verhinderte Streik hätte mit einem Bürgerkrieg geendet, dessen Ausgang ungewiß gewesen wäre. Sicherlich wäre in diesem Fall Hitler nicht an die Macht gekommen. Ein

120

Sieg der radikalisierten Linken hätte wahrscheinlich den Aufstieg Stalins in der Sowjetunion verhindert. Anderer- seits wären im Fall einer Niederläge der Arbeiterbewegung im Bürgerkrieg die Pläne des Generals von Schleicher von einer Militärdiktatur realisiert worden. Eine Schleicher- Diktatur hätte eine Art neokeynesianische Politik verfolgt. Es gab derartige Pläne der Arbeitsbeschaffung mit staatli- chen Defizitfinanzierungen und der staatlichen Mobili- sierung des Sparkapitals. Damit wäre die tiefe Wirtschafts- krise unterbrochen worden. Die folgende deflationistische Krise hätte nicht zum zweiten Weltkrieg geführt. Was dann geschehen wäre, ist unbekannt. Mit Hitlers Machtüber- nahme wurde die schlechteste Alternative unvermeidbar.

1932 war das letzte Jahr eines Systems von politischen Parteien, die soziale Klasseninteressen vertraten und ent- sprechend ideologisch auftraten. Danach zerstörte der to- talitäre Staat dieses System. Es wurde den sozialen Klassen unmöglich, politisches Bewußtsein zu entwickeln, d.h. „für sich" zu bestehen, nicht nur „an sich". Das ist der Grund, warum nach dem Zerfall eines totalitären Staatssystems ein politisches Vakuum entsteht, das oft als chaotisch bezeich- net wird. Das ist eine Lage, in der die sozialen Klassen ohne Ideologie und Parteien existieren. Diese Lage wird dadurch kompliziert, daß eine neue Klasse von Kapi- talisten aus neureichen Spekulanten und Händelskapita- listen entsteht oder vom Ausland her eindringt. Ihnen feh- len nationale Traditionen, Legitimierung und eine eigene Ideologie. Sie sind zumeist Fluchtkapitalisten oder kom- men aus dem organisierten Verbrechen — im Gegensatz zum früheren nationalen Traditionskapital. Die Arbeiter- klasse dagegen wird dezimiert, aber ihr Kern existiert in al- ter Tradition weiter. Sie vertritt stärker nationale Interessen

121

als das Spekulationskapital oder die „Mafiosi". Diese wer- den versuchen, mit ausländischer Unterstützung die eige- ne Schwäche zu überwinden und ultranationalistisch, neo- faschistisch oder als gehorsames Satellitenkapital, der schützenden ausländischen Hand ergeben, den neuen Staat zu kontrollieren. Extreme Lösungen stehen bevor, von links und rechts. Der Mittelweg der Konservativen wird fehlen. Wird es eine Parallele im Westen geben? — Offen- sichtlich bieten die Demokratien, gestützt durch den Ren- tenkapitalismus, eine Alternative. Aber die wird durch den bürokratischen Superstaat, der mehr auffrißt, als er auf Kosten aller sozialen Klassen einnehmen kann, unterhöhlt. Das System steckt in einer Krise, in der die Verwer- tungsbedingungen des Kapitals mit den Erfordernissen des Staates kollidieren.

122

Anmerkungen

Zu diesem Kreis gehörten Dietrich Wenz, Fritz Neufeld, Willi

1

Bester, Bruno Goldhammer und ich. Wir hatten nach dem ersten Weltkrieg im radikalen Flügel der Arbeiterbewegung das Fiasko der Politik der Parteien erlebt und galten in der kommunistischen Bewegung als Dissidenten.

2

Zu meinen Reisen in die Sowjetunion in den Jahren 1930 und

1932 siehe auch mein Buch: Der rote Profit. Preise, Märkte,

Kredite im Osten. Eine Reportage und kritische Untersuchung

der Revision des Staatssozialismus. Frankfurt am Main 1968.

S. 17ff.

3 Paul Johnson: Modern Times — The Worldfrom the Twenties

to the Eighties. New York 1983. S. 14/15.

4

nistischen Partei der UdSSR kritisiert, weil ich nicht mit einem Wort darauf hingewiesen hatte, daß der „Sieg des Sozialismus" in der UdSSR unter Stalin entscheidend für die Krise des Kapi- talismus im Westen sei.

Dieses Buch wurde später in einer Zeitschrift der Kommu-

Siehe hierzu und zu den Auseinandersetzungen in der Partei-

5

führung die Hinweise von Hans-Henning Schröder: Industriali-

sierung und Parteibürokratie in der Sowjetunion. Ein sozialge- schichtlicher Versuch über die Anfangsphase des Stalinismus (1928—1934). Wiesbaden 1988. (Forschungen zur osteuropäi- schen Geschichte; Bd. 41)

Siehe z.B. Günter Reimann: Die Krisenperspektive des Mono-

6

polkapitalismus. In: Die Internationale, Jg. 14 (1931) Nr. 1,

36-44 und: Der Grundwiderspruch des Monopolkapitalismus in derjetzigen Krise. In: Ebenda, Nr. 4, S. 185-192.

S.

7 Nach mündlichen Informationen von Pierre Brou£ im Mai

1993.

8 Siehe Günter Reimann: The Vampire Economy. Döing Busi- ness Under Fascism. New York 1939.

Zur Debatte über den BVG-Streik siehe u.a. meinen Beitrag:

9

Über den BVG-Streik 1932. Ein persönlicher Bericht und eine

123

politische Bewertung. In: Diethart Kerbs/Henrick Stahr (Hrsg.):

Berlin 1932. Das letzte Jahr der ersten deutschen Republik. Politik, Symbole, Medien. Berlin 1992. S. 143-160.

10 Siehe Günter Reimann: Die Ohnmacht der Mächtigen. Das

Kapital und die Weltkrise. Analyse, Erfahrungen, Perspektiven. Leipzig 1993.

Siehe Günter Reimann: Die Ohnmacht derMächtigen. A.a.O.

11

124

Inhalt

1. Vorbemerkung

5

2. 1932 — Das Entscheidungsjahr

für Rußland und Deutschland 9

3. Moskau im Frühjahr 1932

21

4. „Prager Frühling" in Moskau — Die Debatten an der Kommunistischen Akademie

35

5. Auftrag vom EKKI — Reise in den Kaukasus — Erlebnisse in Moskau und Berlin

47

6.1941/1932 — Unsichtbare Verbindungslinien

67

7. Preußenschlag — BVG-Streik — Konservative Steigbügelhalter

77

8. Arbeitsbeschaffungsprogramm 87

9. „Iffiness"

95

Ein Nachtrag

113

Anmerkungen

123