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Sexualität und Spiritualität Startseite

Inhaltsverzeichnis:
Das göttliche Leben - über die Enthaltsamkeit
Aus dem Leben Swami Chidanandas
Warum Enthaltsamkeit?
Das Konzept der 4 Lebensstadien (Ashramas)
Ein kurzer Einblick in die Tantrapraxis
Der gewöhnliche und der tantrische Orgasmus
Was sagte Buddha zur Enthaltsamkeit?
Was sagte Jesus bzw. die Bibel zur Enthaltsamkeit?
Brahmacharya Sadhana
Frauen und Enthaltsamkeit?
Die enthaltsam lebenden Dani aus Neuguinea
Brahmacharya für Jungen und Mädchen
No sex, no drugs - but rock'n roll?
Die Praxis des Brahmacharya
Wege zum Samadhi (Erleuchtung)
Frauen und das Zölibat

Das göttliche Leben - über die Enthaltsamkeit Top

Swami Chidananda wurde 1916 als ältester Sohn einer orthodoxen


Chidananda

Brahmanenfamilie in Südindien geboren. Schon als Kind fühlte er sich


von hingebungsvollen Liedern und Geschichten aus den hinduistischen
Schriften sehr angesprochen. In den Jahren seines Studiums erweckten die
Biographien und Lehren von modernen Heiligen wie Sri Ramakrishna,
Swami Vivekananda, Ramana Maharshi oder Swami Ramdas in ihm eine
glühende Sehnsucht nach dem spirituellen Leben. 1943 kam er in den
Ashram des weltberühmten Heiligen und Weisen Swami Sivananda,
Gründer der Divine Life Society (Gesellschaft für das Göttliche Leben),
dessen leidenschaftliche spirituelle Schriften ihn schon lange angezogen
hatten.

Der Sivananda Ashram, der damals nur aus einigen wenigen Gebäuden
bestand, liegt am Ufer des Ganges am Fuße des Himalaya bei Rishikesh in
Indien. In dieser Phase seines Lebens bestanden die Aktivitäten Swami
Chidanandas unter anderem aus dem Halten von Vorträgen, der Betreuung
von Gästen im Ashram und dem Dienst an Kranken. Das war der Beginn
seines späteren, lebenslangen Bemühens um die Leprakranken. Ende 1959
wurde er von Swami Sivananda auf eine zwei Jahre dauernde Vortragsreise
um die ganze Welt geschickt. Nach dem Tod Swami Sivanandas 1963 wurde
er schließlich dessen Nachfolger als Präsident der Divine Life Society.
Seither ist das Leben von Swami Chidananda geprägt von beinahe
ununterbrochenem Reisen, sowohl in Indien als auch im Ausland, im
Dienste des zentralen Anliegens der Divine Life Society: Verbreitung von
spirituellem Wissen.

Als Andrew Cohen aus Australien anrief und uns fragte, ob wir ein
Interview mit Swami Chidananda über die Rolle der Enthaltsamkeit im
spirituellen Leben machen könnten, war unsere erste Reaktion: "Wann wird
Swamiji jemals Zeit dafür haben?" Unsere zweite Reaktion war allerdings:
Wenn es irgend jemanden auf der Welt gibt, der ein praktisches Verständnis
von Enthaltsamkeit hat, dann ist es Swamiji, und deshalb sollten wir um das
Interview bitten.

Als Swamiji also einige Tage später zu den fünf Tage dauernden Feiern
anläßlich Navaratri (Fest zu Ehren Ramas und Durgas) in den Ashram
zurückkam, wurde ihm unser schriftliches Ansuchen übergeben. An diesem
Abend wandte er sich nach dem Satsang (Zusammensein mit einem
spirituellen Lehrer) an mich und sagte, dass es ihm zwar unmöglich wäre, in
den nächsten Tagen Zeit zu finden, dass wir ihn aber, wenn wir die Mühe
nicht scheuten, in zwei Wochen an einem Ort in der Nähe von Delhi treffen
könnten. Es handelte sich um ein neues Haus auf dem Land, das man ihn
gebeten hatte, offiziell zu eröffnen und einzuweihen, wo wir dann einige
Tage verbringen könnten. Wir stimmten begeistert zu. So kam es, dass wir
Ende Oktober vier volle Tage lang nicht nur ein wenig informelle Zeit mit
ihm verbringen konnten, sondern es uns auch noch gelang, fünf Stunden
Gespräch zum Thema aufzunehmen.

Das Interview sollte am späteren Vormittag des ersten Tages beginnen, aber
Swamiji war zu müde, und so sahen wir ihn zum ersten Mal, als er sich uns
bei Sonnenuntergang zu einem Spaziergang anschloss. Als wir so langsam
die Landstraße entlanggingen, kamen wir an einem Torwächter vorbei.
Swamiji blieb stehen und sprach fünfzehn Minuten mit ihm. Wir verstanden
kaum etwas von dem Hindi, das sie sprachen, aber wir wussten, dass er dem
Mann Fragen über seine Familie und sein Leben stellte. Im Weitergehen
wurde uns bewusst, dass ein weiteres Leben von einem Menschen berührt
worden war, der im Herzen noch immer ein einfacher Mönch war, dessen
Lebensziel es ist, so vielen Menschen wie möglich so viel Gutes wie
möglich zu tun.

Als wir nach dem Spaziergang die Treppe hinaufstiegen, sagte Swamiji zu
uns: "Das Thema von Brahmacharya, Zölibat oder Enthaltsamkeit, steht in
der Hindugesellschaft nicht unbedingt mit dem spirituellen Leben, dem
Sadhana (spirituelle Praxis) oder der Selbstverwirklichung, in Verbindung.
Es wird für gewöhnlich nicht ausschließlich aus der Sichtweise heraus
diskutiert oder empfohlen, um das spirituelle Leben zu fördern." Wir waren
oben an der Treppe angekommen und gingen in seinen Raum. Swamiji
beschrieb uns das traditionelle Leben der Hindugesellschaft und die
Beziehung zum Thema Brahmacharya und sexuelles Leben, um uns den
umfassenderen Zusammenhang zu verdeutlichen, in dem Brahmacharya in
der Hindutradition gesehen wird.

Im alten Indien, erklärte er, wurde ein Menschenleben mit hundert Jahren
angesetzt und in vier Phasen geteilt. Die erste Phase war die Zeit als Schüler,
die Zeit von Brahmacharya, wo vom jungen Menschen erwartet wurde, dass
er sich intensiv seinen Studien widmete, seinen Körper gesund und kräftig
machte und sich in jeder Hinsicht auf das darauf folgende Leben als
Erwachsener vorbereitete. In diesem Abschnitt war Enthaltsamkeit geboten.
Der zweite Abschnitt war das Leben als verheirateter Mensch in der Familie,
wo die Ausübung der Sexualität Voraussetzung und legitimer Teil des
Lebens des Menschen ist; es wurde als die fundamentale Pflicht einer
Familie betrachtet, Nachkommen zu haben, die dann die nächste Generation
bilden würden. Swamiji fuhr fort: "Natürlich war damit nicht die Praxis
ungezügelter Sexualität gemeint; das wäre erniedrigend. Aber das
geschlechtliche Leben an und für sich war gesellschaftlich voll akzeptiert."

"Der dritte Lebensabschnitt war die Zeit des Lebens in Abgeschiedenheit,


wenn das Ehepaar die Pflicht zum Erwerb des Lebensunterhalts in die Hände
der Kinder legte und den Geist auf Höheres richtete", erklärte Swamiji. Nun
wurde die Praxis von Brahmacharya wieder Teil ihrer Sadhana.

"Dann, im vierten Abschnitt, wurde das Leben gänzlich Gott gewidmet. Man
wurde Sannyasin, Mönch, und dann war das Zölibat natürlich automatisch.
Ihr seht also, das Konzept von Brahmacharya war integraler Bestandteil der
indisch-hinduistischen Gesellschaftstradition. Im engeren Sinn bedeutet
Brahmacharya absolute Enthaltsamkeit, aber in weiterem Sinn bedeutete es
in seiner Anwendung auf das Leben in der Familie Selbstbeherrschung,
keinen Missbrauch der Sexualität und strikte Treue dem Partner gegenüber."

Dann wechselte unser Gespräch zu dem Thema der spirituellen Praxis,


welche Rolle sie spielt und in welcher Weise sie dabei helfen könnte, das
Bewusstsein durch Verstärken der in uns liegenden höheren Tendenzen zu
erweitern. "Die meisten Menschen sind nichts anderes als Tiere in
Menschengestalt", sagte Swamiji. "Sie sind gänzlich im Körperbewusstsein
verwurzelt. Sie haben keine Vorstellung davon, dass sie etwas anderes sind.
Auch ihr Geist funktioniert auf instinktive Weise. Alle Dinge geschehen als
Reaktion auf das, was ihnen passiert, nicht als beabsichtigte freie Ausübung
ihrer geistigen Kapazitäten. Dafür ist keine Zeit. Sobald sie morgens
aufstehen, werden sie von den Aktivitäten des Alltags aufgesogen."

"Und im ganzen spirituellen Leben", sagte er weiter, "geht es darum,


allmählich das Tier im Inneren zu eliminieren und auszumerzen und die
gesamte menschliche Natur zu verfeinern, zu reinigen und heranzubilden,
damit sie aufhört, sich in alle möglichen Richtungen zu bewegen, und
anfängt, eine Richtung einzuschlagen, die vertikal nach oben führt. Sobald
der menschlichen Natur eine ansteigende Richtung gegeben wurde, beginnt
gleichzeitig, mittels spiritueller Übungen, die schlummernde Göttlichkeit zu
erwachen. Wenn man weiß, dass der spirituelle Prozess, das spirituelle
Leben, darin besteht, das Tierische zu beseitigen, das Menschliche zu
verfeinern und aufwärts zu lenken und das Göttliche zu erwecken und zu
entfalten, erhalten alle spirituellen Praktiken, einschließlich der Rolle, die
Brahmacharya spielt, den richtigen Stellenwert."

Offensichtlich hatte Swamiji an unserem ersten Gespräch Gefallen


gefunden. Er lächelte und sagte: "Wir müssen Andrew Cohen also dankbar
dafür sein, denn letztlich steht er dahinter, ist er die Wurzel. Morgen werden
wir dann eine Frage nach der anderen besprechen."

Die Gespräche, die wir in den nächsten Tagen mit Swamiji führten,
enthüllten eine Seite von ihm, die man nicht oft zu sehen bekommt.
Normalerweise sieht man in ihm das, was man von einem Heiligen erwartet
- heilige Würde, Milde, Freude, die ständige Sorge um den anderen,
Schönheit der Bewegungen und eine Präsenz, die sich auf subtile Weise in
den Herzen derer, die seinen Weg kreuzen, erkennbar macht. Das folgende
Interview zeigt, aus welchem Stoff ein Heiliger tatsächlich gemacht ist. Es
trägt zur Vervollständigung des Bildes bei.

Frage: Zölibat und Brahmacharya nahmen im spirituellen Leben immer


einen wichtigen Platz ein, und wir wissen, dass sowohl Swami Sivananda als
auch Sie selbst diese Bedeutung unterstreichen. Warum ist das Zölibat
wichtig, und welche Rolle spielt es im spirituellen Leben?

Swami Chidananda: Einer der Gründe für die große Bedeutung des
Zölibats ist, dass uns unser spirituelles Erbe sagt, es sei eine
Grundvoraussetzung, eine Notwendigkeit im spirituellen Leben. Und diese
Ansicht wurde über viele Jahrhunderte hinweg, in denen sich die indische
Gesellschaft verändert hat und viele andere alte Konzepte abgelegt wurden,
weiter gepflegt.

Der Hindu war immer sehr progressiv. Er ist nie vor einer Veränderung
zurückgeschreckt, wenn er das Gefühl hatte, dass diese Veränderung seinem
Wissen förderlich sein und ihn in eine bessere Richtung lenken könnte. Und
durch den Kontakt mit den Ansichten und dem Wissen anderer Kulturen
kam es zu einer ständigen Neubewertung unserer alten Konzepte und
Standpunkte. Trotz alledem stellen wir fest, dass das Konzept von
Brahmacharya und seine bedeutende Rolle im spirituellen Leben weiter
bestehen blieb. Es bestand den Test der Zeit; es ist zeitgeprüft. Wäre es nicht
etwas, das dauerhaften Wert hat, hätte es sich auch geändert. So ist es aber
nicht. So wie es vor Tausenden von Jahren gesehen wurde, so sehen es
spirituelle Lehrer, Gurus und Yogis noch heute - mit derselben Einstellung,
dass es eine notwendige und wichtige Sache ist.

Ein weiterer Grund dafür, dass ich stets ein Verfechter des Zölibats war, ist,
dass die herausragenden Persönlichkeiten, die, seitdem ich denken kann,
einen formenden Einfluss auf mein Leben ausgeübt haben - Persönlichkeiten
wie Ramakrishna Paramahansa, Swami Vivekananda, Sri Aurobindo Gosh
und natürlich auch Swami Sivananda selbst - alle auf das Zölibat schworen.
Sie sagten, es sei höchst wichtig, ja, unerlässlich. Natürlich, wenn diese
Personen, die Quelle meiner Inspiration im spirituellen Leben waren, so klar
und explizit waren - für sie schien kein Zweifel darüber zu bestehen -, sagte
ich mir: o.k., so ist es! Das war für mich ausschlaggebend in meinem
Zugang zum spirituellen Leben.

Brahmacharya, oder Zölibat, ist ein rationaler Vorgang zur Bewahrung und
Erhaltung wertvoller Energie, damit diese für andere sehr wesentliche und
unerläßliche Funktionen zur Verfügung stehen kann. Und wenn sie auf diese
Weise bewahrt wird, kann sie umgeformt werden, so wie greifbares
grobstoffliches Wasser in Dampf umgeformt werden kann. Dann kann sie
Wunder wirken. Ein Fluss an sich hat vielleicht nicht besonders viel Kraft.
Es ist vielleicht möglich, ihn rudernd oder schwimmend problemlos zu
überqueren. Wenn er aber aufgestaut und das Wasser zurückgehalten wird,
hat er, richtig gelenkt, die Kraft, riesige Turbinen anzutreiben. Die glühend
heiße Sonne wird normalerweise nicht einmal im Sommer ein Feuer
entfachen; wenn die Strahlen aber durch eine Linse gebündelt werden,
verbrennen diese Strahlen sofort alles, worauf sie gerichtet sind. Darum geht
es eigentlich beim Zölibat.

Die interessante Frage ist nun: Woher kommt diese Energie, was ist ihr
Ursprung? Nach Jahren der Theorie und des Forschens sind moderne
Physiker zum Schluss gekommen, dass alles das, was in der Natur existiert,
nicht greifbare feste Materie als solche ist. Es ist Energie, Energie, die den
gesamten Kosmos, den ganzen Raum erfüllt.

Und unsere Vorfahren haben gesagt, dass diese kosmische Energie die
Himmelskörper in ihrer Bahn hält. Sie alle werden von dieser
geheimnisvollen, unerklärbaren, unbeschreiblichen und unvorstellbaren
Energie in Bewegung gehalten. Und sie betrachteten diese Energie als etwas
Göttliches, etwas, das weder Anfang noch Ende hat. Sie ist ewig und
alldurchdringend. Es gibt keinen Ort, an dem sie nicht ist. Und im Menschen
existiert diese Energie als Sexualkraft. Die Hindus betrachteten diese
Energie als heilig, als etwas Verehrungswürdiges, das nicht vergeudet
werden darf. Sie sagten, diese Energie sei nichts anderes als die
Manifestation der Göttlichen Mutter, die kosmische Energie; deshalb muss
ihr mit Ehrerbietung begegnet werden.

Diese kosmische Kraft manifestiert sich in unserem System als Prana


(Lebensenergie, Lebenskraft). Und Prana ist der wertvolle Vorrat, der dem
Suchenden zur Verfügung steht. Jede Sinnesaktivität oder Sinneserfahrung
verbraucht eine große Menge Prana. Und die Aktivität, die das meiste Prana
verbraucht, ist der Geschlechtsakt. Das höchste aller Ziele im menschlichen
Leben, spiritueller Erfolg, erfordert ein Maximum an verfügbarem Prana auf
allen Ebenen: geistig, intellektuell und emotional. Prana ist notwendig für
spirituelle Reflexion und Unterscheidung. Das Denken muss scharf und der
Intellekt durchdringend sein. Es bedarf einer speziellen Art von Intelligenz,
um die inneren Implikationen, die in den Anweisungen eines Gurus
enthalten sind, zu verstehen. Man mag ein sehr kluger Mensch sein, und man
mag die wörtliche Bedeutung einer Aussage des Gurus sofort erfassen, wenn
der Guru aber über ein schwer zu verstehendes Thema spricht, das nicht im
Bereich der normalen menschlichen Erfahrung liegt, ist dafür eine spezielle
Art von Verständnis erforderlich. Und dieses Verständnis entwickelt sich
durch Brahmacharya. Wie ich schon sagte, braucht man für alle diese
Praktiken Prana, und Enthaltsamkeit garantiert, dass dem Suchenden große
Pranareserven zur Verfügung stehen. Von diesem Gesichtspunkt aus
betrachtet ist das Zölibat sehr vernünftig und positiv.

Das ist der rationale Aspekt von Enthaltsamkeit. Wenn die Lebensenergie
bewahrt und in den spirituellen Prozess der Kontemplation, in
philosophisches Studium, Reflexion und Meditation eingebracht wird,
werden diese erfolgreich sein, weil die Kraft konzentriert worden ist und
man die konzentrierte Kraft steuern und auf die spirituellen Praktiken lenken
kann. Wenn sie bewahrt, konzentriert und in bestimmte Kanäle gelenkt wird,
kann sie Wunder wirken.

Es gibt noch einen Grund, warum Brahmacharya wichtig ist. Ich spreche
jetzt nicht von außergewöhnlichen Menschen, die eine plötzliche
Erleuchtung haben und sich dann ein für allemal über die grobstoffliche
physische Ebene des Körperbewusstseins zu einer anderen erhoben haben,
von der sie nicht mehr zurückkommen. In einem einzigen Augenblick der
Erleuchtung wurde Ramana Maharshi im Bewusstsein fest verwurzelt. "Ich
bin weder Körper noch Geist, ich bin das unsterbliche Selbst. Ich habe
weder Raum noch Zeit, ich wurde nie geboren." Im Bruchteil einer Sekunde
- einen Moment vorher war er ein ganz normaler Schüler, und dann weiß er
plötzlich, dass er das ist, was die Bhagavad Gita so beschreibt: "Feuer kann
dich nicht verbrennen; Wasser kann dich nicht benetzen; Waffen können dir
nichts anhaben; der Wind kann dich nicht austrocknen. Du bist nie geboren
worden, du bist ewig, jenseits der Zeit. Tod gibt es nicht für dich" - er wurde
ein für allemal in dieser Erfahrung gefestigt, und er verließ diesen Zustand
nie mehr. Sein ganzes Leben lang ließen ihn die Dinge, die um ihn herum
vorgingen, unberührt. Sie hatten keinen Einfluss auf ihn. Aber ich spreche
nicht von solchen Menschen.

Schon vor langer Zeit forschte die Vedanta über dieses Thema der
menschlichen Situation, und die Weisen sahen klar und deutlich, dass 9.999
von 10.000 vollkommen in diesem Zustand von "Ich bin dieser Körper"
gefangen waren. Sie sahen ihre Identität einzig und allein als physisches
Wesen mit Händen und Füßen, Augen und Ohren, das isst, trinkt, schläft,
spricht und verschiedene Dinge tut. Sie sind also völlig körpergebunden. Ihr
Bewusstsein bewegt sich auf der Ebene des physischen Körpers. Das ist die
Situation. Aber der spirituell Suchende strebt nach dem kosmischen
Bewusstsein, der inneren Realität, die über Zeit, Raum, Name und Form
hinausgeht. Wenn man also ihren gegenwärtigen Bewusstseinszustand der
Erfahrung gegenüberstellt, die sie zu erreichen wünschen, kann man sich
leicht vorstellen, wie unmöglich dieses Vorhaben wäre, wenn sie sich
weiterhin vollständig mit dem physischen Körper und all seinen Funktionen
identifizieren würden.

Die meisten körperlichen Vorgänge finden mechanisch statt. Kaum jemand


ist sich sehr deutlich bewusst, dass er isst, trinkt, schläft, ausscheidet. All das
hat sich automatisiert. Der einzige Vorgang allerdings, den die meisten
Menschen mit Zielstrebigkeit ausführen, nach dem sie großes Verlangen
haben - den sie wollen, an den sie denken, den sie planen und hinter dem sie
her sind -, ist die sexuelle Befriedigung. Was bedeutet, dass dies ein
Vorgang ist, der ihr gesamtes Bewusstsein, ihren ganzen Geist und ihre volle
Aufmerksamkeit auf das Körperliche, auf ihre physische Identität lenkt.
Einerseits ist der Geschlechtsakt der Gipfel der Körperlichkeit oder
Animalität. Es ist ein Prozess, der notgedrungen die gesamte
Aufmerksamkeit auf das Körperliche und noch mehr die volle Konzentration
des Wünschens und Strebens auf den Teil der physischen Natur lenkt, den
der Mensch mit dem gesamten Tierreich teilt. Wird dies irgendwie dazu
beitragen, kosmisches Bewusstsein zu erlangen?

Da ist also ein Mensch, die Krone und erhabener Ausdruck der Schöpfung
Gottes, allen anderen Lebewesen weit überlegen, der sich zur
grobstofflichen, physischen, materiellen und animalischen Ebene herablässt
und sich ihr völlig hingibt: Er sucht es, er will es, er bemüht sich darum, er
tut alles, um es zu bekommen, er lässt sich darin gehen, und er will, dass es
immer verfügbar ist. Das heißt, der Mensch bindet sich mit voller Absicht an
eine Ebene des physischen Bewusstseins.

Wenn du ein spirituell Suchender bist, kannst du denn nicht erkennen, dass
du dir selbst im Wege stehst? Du musst das Bewusstsein aus den niederen
Ebenen befreien und fortwährend zu immer höheren und höheren Ebenen
feinerer und immer subtilerer Zustände erheben. Denn wenn der gesamte
spirituelle Prozess von Erleuchtung und Erkenntnis ein Prozess des sich
Erhebens zu einem höheren Bewusstseinszustand ist, impliziert das
automatisch, dass man sich aus einem niederen Bewusstseinszustand befreit.
Wenn du nach Norden gehen willst, bewegst du dich automatisch vom
Süden weg. Und eines der Dinge, die dabei helfen, sich aus der
Gefangenschaft auf dieser physischen Ebene zu befreien, ist Enthaltsamkeit.
Das kosmische Bewusstsein, das absolute Bewusstsein, ist Lichtjahre
entfernt, wenn man nicht die Notwendigkeit erkennt, sich von der absoluten
Identifikation mit dem Körper zu befreien.

Frage: Gibt es spezielle Phasen im spirituellen Leben, in denen


Enthaltsamkeit besonders wichtig oder sogar unabdingbar wird?

Swami Chidananda: Ja und nein. Einerseits ist Enthaltsamkeit das


eigentliche Fundament. Es ist der allererste Abschnitt, die ABC-Phase. Man
kann also sagen, dass es nicht irgendwann wichtig oder unerlässlich wird,
sondern dass es von Anfang an essentiell ist.

Swami Chidananda: Wenn man nach Authentizität und Aufrichtigkeit


strebt und wenn das Streben die Form eines totalen Engagements für die
spirituelle Erfahrung und vollen Einsatz in diese Richtung hin annimmt,
dann darf man nur in diese eine Richtung gehen. Man kann nicht zwei Dinge
gleichzeitig verfolgen. Das wäre ein Schritt vorwärts und einer zurück, ohne
dass man je wirklich weiterkäme.

Das spirituelle Leben beginnt mit der Erkenntnis, dass man keinen Schritt
vorankommt, wenn man sich blindlings in das Streben nach
Sinnesbefriedigung und Vergnügen stürzt. Dann bleibt alles akademisch und
theoretisch. Das Bemühen und der Wunsch nach spirituellem Leben
bestehen dann nur in der Theorie - eine Laune und ein Gefühl. Man hat gar
nicht begonnen. So ist also die Anfangsphase des spirituellen Lebens an und
für sich eine Abkehr von Sinnesbefriedigungen und -erfahrungen und ein
Start in die entgegengesetzte Richtung.

Swami Sivananda sagte: "Brahmacharya ist die Grundlage für


Unsterblichkeit." Und an vielen Stellen in den Upanishaden heißt es: "Man
kann keine Weisheitserfahrung machen, wenn man seine Sinne nicht
beherrschen und die Wechselhaftigkeit seines wandernden Geistes nicht
kontrollieren kann." Ich denke also, es ist nicht in irgendeiner Phase des
spirituellen Lebens, sondern immer bedeutend. Denn im spirituellen Leben
geht es um das Transzendieren der menschlichen Natur und des
menschlichen Bewusstseins. Und wenn es ein Transzendieren ist, muss man
all das hinter sich lassen, was die menschliche Natur, die Körperlichkeit,
ausmacht. Man muss damit beginnen und damit weitermachen. Du siehst
Enthaltsamkeit als etwas Positives und nicht als etwas Unnatürliches. Du
hast in keiner Weise das Gefühl, dass du dir irgendeine Gewalt antust.

Letztendlich, vom rein wissenschaftlichen und technischen Standpunkt aus


gesehen, ist einer der Yogas, bei dem die Enthaltsamkeit absolut
unabdingbar ist, Kundalini Yoga (die Praxis des Erweckens der
Lebensenergie). Da gibt es keinen Kompromiss. Von allem Anfang an ist sie
absolut wichtig und unerläßlich. Es kann ansonsten gefährlich sein. Soviel
zum "Nein-Teil" der Antwort.

Was das "Ja" betrifft, ist zu sagen, dass es im gesamten Kontext des
spirituellen Lebens in Indien gewisse Phasen und Situationen gibt, wo man
hoch spirituell sein und trotzdem ein normales sexuelles Leben führen kann.
Das gilt vor allem für den Bhakti-Weg - Menschen, die den Weg der Liebe
zu Gott gehen: Gebet, Frömmigkeit und Gottesdienst, das Wiederholen des
göttlichen Namens und Singen Seiner Herrlichkeit.

Dieser Pfad macht keinen Unterschied zwischen einem zölibatären


Brahmachari, einer verheirateten Person mit Familie oder einem Paar, das
sich von der Welt zurückgezogen hat und seinem Leben eine spirituelle
Ausrichtung gibt, nachdem die Pflichten innerhalb der Familie erfüllt sind.
Der Pfad der Frömmigkeit scheint eine Dimension des spirituellen Lebens in
Indien darzustellen, wo nicht auf dem absoluten Zölibat in seiner Form als
totaler Enthaltsamkeit bestanden wird. Es wird nicht abgelehnt, aber es wird
auch nicht darauf bestanden. Da der Geschlechtsakt aber ein großes Mass an
Prana-Energie verbraucht, ist auch hier eine natürliche Zurückhaltung
erforderlich. Und Sex mit verschiedenen Partnern wurde niemals unterstützt,
niemals positiv gesehen. Es kann also auch eine Form von Zurückhaltung
durch Selbstbeherrschung und Treue in der sexuellen Beziehung zum
gesetzlich anerkannten Partner als Brahmacharya gesehen werden.

Und dies war bei so vielen Gläubigen der Fall, bei Menschen, die Gott
liebten, und im spirituellen Indien mangelt es dafür nicht an Beispielen. In
ganz Indien sahen wir das Phänomen großer Gemeinschaften von
ekstatischen Gottesverehrern, und die meisten oder fast alle waren
verheiratet und führten ein normales sexuelles Leben; trotzdem gingen sie
vollkommen in der Liebe zu Gott auf. Soviel also zum "Ja". In dieser
Situation scheint Sexualität keinesfalls verboten oder mit dem spirituellen
Leben unvereinbar zu sein.

Frage: Ich nehme an, dass die vedantische Untersuchung, der eher
intellektuelle Zugang zum spirituellen Leben, ebenfalls nicht unvereinbar
mit einem normalen Eheleben wäre.

Swami Chidananda: Ja, ja. Aber in einem vedantischen Leben würde der
Mensch allmählich, unbewusst und ohne es überhaupt zu beabsichtigen, im
Laufe der Zeit zu einer Bewusstseinsebene gelangen, wo Sex überflüssig zu
erscheinen beginnt. Weil es ja der Grundthese der Vedanta widerspricht:
"Ich bin nicht dieser Körper. Ich bin nicht die fünf Elemente. Ich bin nicht
die begrenzenden Hüllen. Ich bin etwas ganz anderes." Und für dieses
andere Etwas ist Sex bedeutungslos. Denn es befindet sich nicht im Bereich
des physischen Bewusstseins und der physischen Funktionen.

Frage: Enthaltsamkeit wird im modernen Westen oft als unzeitgemäße und


altmodische Praxis betrachtet. Sie wird oft für repressiv und
lebensverneinend gehalten - ja, sogar als Antithese zu dem, worum es in der
spirituellen Praxis eigentlich geht. Viele spirituelle Autoritäten im Westen
lehren jetzt, dass wir unsere Sexualität annehmen müssen, um unser volles
Potential als Menschen auszuschöpfen, und sie in keiner Weise verdrängen
oder unterdrücken dürfen. Diese Ansichten stehen in sehr krassem
Widerspruch zu dem, was die großen Traditionen immer gelehrt haben. Was
sagen Sie zu diesem Punkt?

Swami Chidananda: Ich stimme nicht mit dieser allgemeinen Meinung, die
gerade zum Ausdruck gebracht wurde, überein. Es wurde verabsäumt, den
Platz von Brahmacharya im spirituellen Leben in Betracht zu ziehen. Es ist
nicht unzeitgemäß; es ist überhaupt nicht altmodisch, und es ist nicht
repressiv oder lebensverneinend. Im Gegenteil, es wird zur Plattform für
ewiges und immerwährendes Leben.

Diese Sicht des Lebens scheint sehr eingeschränkt und eng zu sein. Das
Leben hier ist nicht das einzige Leben. Wenn man einen kleinen Eindruck,
eine Idee davon erhält, was Leben wirklich ist, wird man ganz einfach
verblüfft sein. Dieses gegenwärtige Leben ist ohne Bedeutung. Es ist eine
unbedeutende Lappalie, ein Nichts, wenn es nicht in seiner Funktion als
Sprungbrett zum Abheben in ein größeres Leben verstanden wird. Dieses
Leben ist ein Mittel, um das großartige, erhabene und große Ziel und den
Zweck der menschlichen Existenz zu erfüllen, nämlich in ein Leben
einzugehen, das das Leben Gottes ist, das eins ist mit dem Leben Gottes, mit
dem Königreich des Himmels. Das ist der einzige Sinn der menschlichen
Existenz. Das menschliche Leben wurde uns als ein Übergang zur
Göttlichkeit gegeben, als Übergang zum ewigen Leben.

Brahmacharya bedeutet also weder Unterdrücken noch Verdrängen von


Sexualität. Die Sexualität wird umgangen - und dieses sexuelle Potential
wird für etwas verwendet, das zehnmal, hundertmal großartiger ist. Deshalb
ist es ein Missverständnis, von Unterdrückung oder Verdrängung zu
sprechen. Das liegt an einem mangelnden Verständnis dafür, was es mit der
wirklichen spirituellen Suche auf sich hat. Wenn man es richtig versteht,
wird man nicht so darüber sprechen. Wir sind nicht einfach Menschen, wir
sind mehr als Menschen. Unsere Erscheinungsform als Menschen ist nur ein
schwacher Widerschein dessen, was wir in Wahrheit sind. Der einzige
Grund, warum unsere Erscheinungsform als Menschen von Bedeutung und
Wichtigkeit ist, besteht darin, dass sie uns, wenn sie richtig verwendet wird,
erhebt und dahin bringt, wohin wir eigentlich gehören, in das Königreich -
auf das wir ein Geburtsrecht haben.

Doch ist die Vorstellung im Westen, dass Brahmacharya Unterdrückung ist,


zumindest in einer Hinsicht nicht ganz abwegig. Wenn ein natürliches
Potential unterdrückt oder verdrängt wird, kann das unerwünschte
Veränderungen in der Persönlichkeit hervorrufen. Wenn Brahmacharya
einem Menschen gegen seinen Willen und gegen seine Überzeugung
aufgezwungen wird, können daraus natürlich abnorme Zustände resultieren,
weil der Mensch dazu veranlasst wird, etwas zu tun, was er oder sie tief im
Inneren nicht tun will - gezwungen von anderen, von sozialen Zwängen oder
durch das Ablegen von Gelübden, die er oder sie nicht hätte ablegen sollen,
ohne vorher genau und gut überlegt zu haben, was damit verbunden ist.

<>Wenn aber ein intelligenter Mensch die gesamte Situation des Lebens gut
durchdacht hat, sich sagt: "Wenn ich etwas Großes und Mächtiges erreichen
will, kann ich es mir nicht leisten, die mir zur Verfügung stehenden
Energien zu verschwenden. Je mehr ich sie bewahre, desto mehr kann ich sie
für diese Absicht einsetzen, und desto besser sind die Chancen auf Erfolg."

Wenn der Mensch so denkt und die rationale Seite dessen verstanden hat,
und wenn die höchste Errungenschaft, zu der er strebt, ihm das wert ist,
wenn er oder sie aus freiem Willen, mit voller Absicht und großer
Begeisterung zum Zölibat schreitet, wo ist dann Unterdrückung? Ganz im
Gegenteil, das, was als Selbstverleugnung erscheint, gibt effektiv einer
höheren Dimension unseres Wesens Ausdruck, in die man sich jetzt begeben
hat. Also weit davon entfernt, darauf zu verzichten, sich selbst Ausdruck zu
verleihen, gibt es dem Menschen seinen vollen Ausdruck, da er sich nicht
länger mit dem geringeren Aspekt seiner Gesamtpersönlichkeit identifiziert.
Er identifiziert sich mit dem höheren Aspekt. Es ist eine Art Befreiung und
Entwicklung hin zu einem höheren Niveau. Es ist etwas Positives, Kreatives
und nicht etwas Negatives. Es ist kein Verneinen, sondern effektiv ein
Ausdruck seiner selbst.

Wenn das so gesehen wird, irren Freud und die anderen. Sie haben eine
solche Situation oder Möglichkeit nie erwogen. Und es ist nicht nur eine
Möglichkeit, es ist eine Jahrhunderte oder Jahrtausende alte Tradition - für
jemanden, der bereit ist, alles zu tun, alles zu geben und jeden Preis dafür zu
bezahlen, um das Höchste zu erlangen.

Frage: Warum läßt Ihrer Meinung nach schon allein der Gedanke an das
Zölibat die Menschen im Westen heute oft mit Zorn oder Entrüstung
reagieren?

Swami Chidananda: Ich würde sagen, Andrew Cohen (amerikanischer


spiritueller Lehrer und Schriftsteller) wäre besser in der Lage und
kompetenter, diese Frage zu beantworten, als ich, für den diese Frage
akademisch und theoretisch ist, während es für ihn ein wirklicher
Erfahrungswert ist. Vielleicht ist dieses Konzept für diese Menschen
unannehmbar, weil es ihnen das Streben nach Vergnügen verwehren würde,
dem hedonistischen Ansatz (Hedonismus = das private Glück wird als
höchstes Gut in der Erfüllung individueller, physischer und psychischer Lust
gesehen) in ihrem Leben. Es ist etwas, das westliche Menschen
normalerweise nicht hören möchten. Es widerspricht ihrem Lebensstil.
Wenn sie das Gefühl vermittelt bekommen, etwas Unsinniges zu tun, fühlen
sie sich schuldig. Es ist ihnen sehr unangenehm, und sie werden natürlich
zornig. Ich bin sicher, es gibt auch Menschen, die meinen, das Zölibat sei
gegen das Gebot der Bibel zur Fortpflanzung. Wenn man also über
Brahmacharya in seiner extremen Bedeutung spricht, scheint man gegen das
Gebot Gottes zu predigen.

Frage: Tantra, die Praxis von "heiligem Sex", wird heutzutage im Westen
sehr stark. Meinen Sie, dass diese Lehren einen authentischen spirituellen
Weg anbieten?

Swami Chidananda: Nein, ich glaube nicht, dass diese Lehren einen
authentischen spirituellen Weg anbieten. Warum? Weil die Menschen
schwach und beeinflussbar sind. Der menschliche Geist ist so beschaffen,
dass er immer den Weg des geringsten Widerstandes nimmt. Er möchte
immer den leichten Weg.

Tantra ist eine Methode, um mit Hilfe aller möglichen Sinnenfreuden zu


Gott zu kommen. Alles wird Gott hingegeben, und so wird alles heilig;
nichts ist profan. Der Mensch genießt die Sinnesbefriedigung und sieht sie
noch dazu als Teil der göttlichen Wonne. Es gibt einen Standpunkt, und der
ist auch nicht ganz von der Hand zu weisen, der sagt, dass in jeder
menschlichen Erfahrung Dualität bestehen bleibt - es gibt das Gefühl von
"Ich genieße dieses Objekt" -, und in der ultimativen sexuellen Erfahrung
zwischen einem wirklich liebenden Mann, der die Frau sehr liebt, und wenn
dieses Gefühl von der Frau vollständig geteilt wird, gibt es kein Bewusstsein
der eigenen Individualität. Es kommt zu einem totalen Verschmelzen des
getrennten Bewusstseins ineinander, und es besteht nur das Bewusstsein der
Erfahrung, NIEMAND (Gott) erlebt. Es heißt, das wäre möglich, wenn es in
Vollendung ausgeführt wird. Die zwei hören auf zu bestehen und es bleibt
nur eins, eine nichtduale Erfahrung, eine absolute Erfahrung, ein
Bewusstsein von Brahman. Es heißt also, der menschliche Körper wäre ein
Werkzeug, das bei richtiger Verwendung dazu verhelfen kann, sich über das
Körperbewusstsein zu erheben

Für einen unter einer Million trifft das vielleicht zu!!!

Das Streben nach Genuss ist Teil der westlichen Sicht des Lebens - nicht das
Verneinen des Vergnügens. Und einer von zehn Lehrern ist vielleicht auch
ein authentischer Lehrer, der es ernst meint und etwas anbietet, das dem
westlichen Temperament entspricht. Aber neun von ihnen sind berechnende
Leute. Sie wissen, dass ein Markt dafür vorhanden ist, und stellen sich
darauf ein. Die Methode ist: Du kannst deinen Kuchen haben, und essen
kannst du ihn auch.

Es darf allerdings nicht vergessen werden, dass es früher einmal in Indien


ein authentischer Pfad war, speziell im östlichen Teil. Es gibt ihn auch jetzt
noch. Aber er wurde grob verzerrt. Die Menschen verfingen sich darin. Sie
sagten, sie würden Tantra praktizieren, aber es war nichts anderes als Wein,
Völlerei und sexuelle Befriedigung. Es führte sie nirgendwohin, aber ich
nehme an, es führte sie dorthin, wohin sie wollten. Die Methode wurde
damals von erleuchteten Menschen auch der "pervertierte Pfad" genannt. Es
entstanden zwei Wege: der authentische Pfad, er wurde der "rechtshändige
Pfad" genannt, und der pervertierte Pfad, bei dem es nur um den Genuss
ging. Er wurde der "linkshändige Pfad" genannt.

Es gibt eine Episode aus dem Leben von Sri Ramakrishna, dem Guru von
Swami Vivekananda. Er praktizierte alle Yogapfade und auch Christentum,
Islam und andere und stellte fest, dass alles letztendlich zur selben Erfahrung
von Gott führte. Und in einer Phase seines spirituellen Lebens praktizierte er
auch Tantra. Eine Tantrafrau kam zu ihm und sagte: "Ich bin von Gott
hierher gesandt worden, um dich in die tantrische Methode einzuweihen, um
zu Gott zu gelangen." Tag um Tag legte sie die Methode des Tantra dar. Als
sie in die Schlussphase kam, sagte Ramakrishna, der auf Brahmacharya
schwor, dass es durch diesen Körper unmöglich ist. Also sagte sie: "Dann
werde ich das Ganze vor dir inszenieren." Also nahm sie einen Tantramann
und eine Tantrafrau, um den endgültigen Vollzug der Praxis vor ihm
darzustellen. Er sah Schritt für Schritt zu, und sie erklärte ihm: "Schau
genau. Jetzt siehst du, wie sie in Ekstase sind; sie sind ekstatisch. Sie
verlieren das Bewusstsein." Und an diesem Punkt verlor Ramakrishna
plötzlich jedes Bewusstsein. Er ging in tiefen Samadhi (ein wonnevoller
Zustand nichtdualen Bewusstseins). So bewies er sich selbst aus zweiter
Hand, dass diese ultimative sexuelle Erfahrung den Menschen in diesen
Zustand des nichtdualen Bewusstseins erheben kann.

Die Wissenschaft als solche gibt es also, aber es gibt sehr wenige
authentische Gurus, und die Praxis muss unter der persönlichen Anleitung
eines echten Gurus genauestens befolgt werden. Wahrscheinlich wird man
mich der Unbarmherzigkeit bezichtigen, aber ich glaube, dass die meisten,
die diesen modernen heiligen Sex propagieren, daran interessiert sind, für
sich selbst daraus Profit zu schlagen. Wie ich schon sagte, die Sexualkraft ist
etwas Heiliges; sie ist heilig. Sie ist eines der heiligsten Dinge überhaupt.
Aber heiliger Sex ist eine irreführende Bezeichnung. Sobald man in der
Sexualität hängen bleibt, sagt man der Heiligkeit ade. Das ist so, weil die
Menschen schwach sind. Deshalb befürworte ich es nicht.

Frage: Meinen Sie angesichts der zahlreichen Entgleisungen und Fehltritte


von Menschen, die das lebenslange Enthaltsamkeitsgelübde abgelegt haben,
sowohl im Westen als auch im Osten, dass diese Praxis eventuell auf
Menschen beschränkt sein sollte, die schon einen bestimmten Grad an
spiritueller Reife erreicht haben?

Swami Chidananda: Diesen Standpunkt würde ich nicht zu hundert Prozent


teilen, denn es ist ganz sicher so, dass Menschen, die über einen bestimmten
Grad an spiritueller Reife verfügen, diese zuerst einmal wenigstens zum Teil
aufgrund von Brahmacharya erreicht haben. Allein die Tatsache, dass sie
einen gewissen Grad an spiritueller Reife erlangt haben, zeigt, dass
Brahmacharya, zumindest in seiner weiteren Bedeutung, Teil ihrer Natur
oder Teil der Methode war, mittels welcher sie zu diesem Grad von Reife
gelangt sind. Und ich zögere nicht zu sagen, dass die Verfehlungen und
Fehltritte, von denen ihr sprecht, den Wert des Konzepts und die Tradition
von Brahmacharya in keiner Weise zu schmälern vermögen. Sie sind einzig
und allein auf die Unvollkommenheit des Menschen zurückzuführen.
Andererseits muss ein Mensch, der ein lebenslanges Entsagungs- gelübde
ablegt, sicher sein, dass er dazu berufen ist; es muss ein innerer Ruf zu
diesem Leben und zum Aufnehmen des Zölibats vorhanden sein. Es kann
nicht eine Entscheidung sein, die auf einem Gefühl und auf emotionaler
Euphorie beruht, es ist vielmehr ein Urteil, das durch eine rationale
Einschätzung dieses Lebens getroffen wurde.

Des weiteren bestehe ich darauf, dass ein Mensch kein Mönchsgelübde
ablegen sollte, solange er nicht alt genug ist, um seine Biologie zu verstehen,
und die Erfahrung dessen gemacht hat, was in seinem Inneren vorgeht und
womit er sich auseinander zu setzen hat. Man muss sich damit ehrlich
auseinander setzen. Ich würde auch vorschlagen, dass ein Mensch das
lebenslange Enthaltsamkeitsgelübde erst dann ablegen kann, wenn er eine
Zeit lang beobachtet und geführt worden ist. In der Ramakrishna-Mission
zum Beispiel ist ein Mensch ein volles Jahr lang im Vornovizenstadium.
Darauf folgt ein mindestens acht Jahre dauerndes Noviziat. Erst dann ist er
dazu berechtigt, darum zu bitten, ein wirklicher Swami zu werden. Diese Art
der Aufnahme, des Siebens und Beobachtens würde vielleicht viele dieser
Fehltritte und Verfehlungen verhindern. Einem Menschen wird erst nach
einer bestimmten Phase im spirituellen Leben gestattet, das Gelübde
abzulegen. Und trotzdem, auch wenn alle Bedingungen, von denen ich
gesprochen habe, erfüllt wurden, ist noch immer extreme Vorsicht geboten,
so lange, bis eine Phase erreicht ist, wo Brahmacharya zum normalen und
natürlichen Zustand des Menschen geworden ist.

Brahman, das Absolute, ist der höchste Brahmachari, denn Es ist eins ohne
ein Zweites, und wenn man in Brahman fest verwurzelt ist, befindet man
sich in eben diesem selben Zustand - wo es kein Zweites gibt, wo es nichts
anderes gibt. Es kommt eine Phase, wo man absolut frei und ohne sexuelle
Gedanken ist. Es gibt nicht Sex oder Mann oder Frau oder dies oder das,
weil sich die Sichtweise geändert hat. Ganz getrennt von allem, was um ihn
herum ist - die Welt, in der er lebt - hat sich der Mensch vollständig
verändert. Das Bewusstsein ist nicht mehr auf dieser Ebene, wo diese Dinge
wichtig und von Bedeutung sind. Wenn sich das Bewusstsein an einem
anderen Ort befindet, dann sieht man zwar die Dinge, man nimmt sie wahr,
aber sie sind uninteressant. Man sieht dies und man sieht jenes; man sieht
alles, aber es kommt dadurch zu keiner Veränderung im
Bewusstseinszustand, der immer derselbe bleibt. Das ist die letztendliche
Transzendenz, eine Möglichkeit und ein Ideal, die man anstreben und
erreichen muss. Das wünscht der Guru für den Schüler. Das wünscht der
Heilige für den normalen Menschen. Aber bevor es soweit kommt, besteht
immer das Risiko zu fallen. Deshalb sagen unsere Heiligen, dass bis zum
letzten Atemzug Vorsicht geboten ist.

Frage: Was ist der Schlüssel zum Erfolg in Brahmacharya?

Swami Chidananda: Es kommt darauf an, wie du es betrachtest!

Zuerst einmal kommt es darauf an, wie man es versteht. Brahmacharya


bedeutet, die Richtung zu ändern, sich auf ein höheres Ziel auszurichten und
das fundamentale Basisenergiepotential des Universums, das im Individuum
anwesend ist, zu nutzen. Es ist der individualisierte und mikrokosmische
Aspekt der unbegrenzten, unendlichen kosmischen Urkraft, welcher der
makrokosmische Aspekt, der dynamische Aspekt der einen, nichtdualen
Realität ist. Bekanntlich ist der statische Aspekt Brahman, die
transzendentale nichtduale Realität. Und der kinetische oder dynamische
Aspekt ist dasselbe in Manifestation oder im Ausdruck, in Bewegung.

Der individualisierte Aspekt dieser Urkraft, der in allen Wesen ist, ist dieses
Potential für das ungebrochene Weiterbestehen der Existenz. Dieses
Potential ist praktisch überall. Der bloße Umstand, dass man in der Lage ist,
es zu beschreiben, zu definieren und mit Begriffen der modernen Physik
oder Chemie zu erklären, verändert in keiner Weise die tatsächliche
metaphysische oder philosophische Tatsache seiner wahren Natur.
Physikalisch ist es vielleicht mit Begriffen von Druck etc. zu erklären, aber
das ist nichts als eine Erklärung für etwas, das bereits ein transformierender
kontinuierlicher Prozess von Sein und Werden ist. Dieses schöpferische
Potential, die Schöpfungskraft, ist überall im Pflanzen- und im Tierreich
vorhanden. Es ist nichts anderes als das, was sich als all die verschiedenen
Kräfte im Menschen manifestiert - die Kraft zu handeln, die Kraft zu
denken, die Kraft zu sehen, zu hören, zu riechen, zu schmecken, zu
verdauen, zu atmen - alles. Und genau das ist auch in beiden Geschlechtern
als sexuelle Energie vorhanden. Da diese Kraft nun der Schlüssel des Lebens
ist, ist ihre Bedeutung leicht einzusehen, und man kann sich auch vorstellen,
von welch hoher Qualität sie ist.

Wenn man es so verstehen kann - d.h. die wahre heilige kosmische Natur als
mikrokosmischen Aspekt der makrokosmischen Shakti erkennt -, nimmt
man diesem Phänomen gegenüber eine gesunde Haltung der Verehrung ein.
Es ist nicht etwas, was man einfach ausspuckt. Kleingeld mag man vielleicht
ohne weiteres ausgeben, wenn man aber Goldmünzen hat, trennt man sich
nicht so leicht von ihnen. Ehrfurcht ist also die Frucht dieses Verstehens.
Außerdem erkennt der Suchende und sieht klar: "Da gibt es für mich etwas
sehr Wichtiges zu tun. Ich habe ein großes Ziel zu erreichen, und ich
brauche alle Energie, die mir zur Verfügung steht, für mein spirituelles
Streben. Ich kann es mir nicht leisten, sie in andere Kanäle fließen zu lassen,
um ein geringeres Ziel zu erreichen." Mit den Worten von Swami
Krishnananda: "Es ist besser, auf einen Löwen zu zielen und ihn zu
verfehlen, als auf einen Schakal und ihn zu treffen."

Der erste Schlüssel zum Erfolg in Brahmacharya besteht also darin, das
Heilige und Wertvolle des vorhandenen Energiepotentials zu erkennen und
zu verstehen. Wenn man klar erkannt hat, dass es dazu da ist, bewahrt,
erhalten und zum Allergrößten gelenkt zu werden, das man erlangen kann,
dann hat man den Wunsch, Brahmachari zu sein. Dann wird es als etwas
höchst Positives gesehen.

Ein zweiter Schlüssel zum Erfolg und eine Möglichkeit, sowohl


Brahmacharya als auch Sexualität zu betrachten, ist sogar noch
grundlegender, und es handelt sich dabei um einen der beiden Faktoren, die
ich weitgehend selbst angewandt habe. Es ist das klare Erkennen, dass in
allererster Linie das, was man als das männliche Geschlechtsorgan
bezeichnet, überhaupt kein Geschlechtsorgan ist. Es ist nichts anders als ein
Rohr zur Harnausscheidung. Das ist es, und das ist seine Hauptfunktion von
dem Augenblick an, wenn das Kind den Mutterschoß verläßt, bis ins Grab.

In der Tat ist Sex genaugenommen nicht eigentlich Teil unserer Anatomie.
Sex ist nicht im Harnausscheidungsorgan; Sex ist im Geist des Menschen.
Es ist also eine Frage der geistigen Einstellung. Wenn man davon überzeugt
ist und der Geist darauf trainiert wird, es gesund und rational zu sehen -
dieses Organ ist nur etwas zum Ausscheiden; sein Hauptzweck ist nicht der,
der die Welt beherrscht und verrückt macht - dann ist man bereits frei davon.
Es übt dann keine Obsession mehr aus, weil man es dann nicht so sieht, wie
der Großteil der unglücklichen menschlichen Gesellschaft es zu sehen
veranlasst wurde.

Wenn man darüber nachdenkt, dann ist die Hauptfunktion des


Geschlechtsakts der höchst wichtige und unerlässliche Prozess der
Fortpflanzung. Von einem höheren metaphysischen Standpunkt aus gesehen
kooperieren Mann und Frau mit dem Schöpfer zur Erhaltung der Art, damit
die Schöpfung fortbestehen kann. Das ist die Hauptfunktion, nicht die
Erfahrung von Genuss, die damit verbunden ist. Das ist eine sekundäre
Erscheinung. Warum wurde diese Erfahrung also so genussvoll gemacht? Es
musste so sein. Die Funktion der Fortpflanzung, das Weiterbestehen der Art
ist durch den Geschlechtsakt garantiert, und wenn dieser nicht mit einer
Supererfahrung von Freude und Genuss kombiniert wäre, hätte sich niemand
dafür interessiert, und er hätte seinen Zweck verfehlt. Also kombinierte
Mutter Natur in ihrer übergroßen Weisheit die beiden Dinge.

Eine Interview mit Swami Chidananda von Bill Eilers und Susan Eilers. Bill
Eilers und Susan Eilers (Swami Atmaswarupananda und Swami
Amritarupananda) wurden in Kanada geboren. Beide leben schon lange im
Sivananda Ashram, und beide haben das lebenslange Mönchsgelübde
abgelegt. Nebst anderen Aktivitäten arbeiten sie gemeinsam an der
Bearbeitung von Swamijis Vorträgen für die Veröffentlichung.

Quelle: Das göttliche Leben

Top

Aus dem Leben Swami Chidanandas Top

Sridhar Rao, wie Swami Chidananda genannt wurde, bevor er Sannyasa (den
Lebensstand der Entsagung) annahm, wurde am 24. September 1916 als
zweites von fünf Kindern und ältester Sohn von Srinivasa Rao und Sarojini
geboren. Sri Srinivasa Rao war ein wohlhabender Zamindar (reicher
Landbesitzer) dem eine Reihe von Dörfern, ausgedehnte Ländereien und
palastartige Gebäude in Südindien gehörten. Sarojini war eine ideale
indische Mutter, die für ihre Heiligkeit bekannt war.

Als er acht Jahre alt war, wurde Sridhar Raos Leben von einem gewissen Sri
Anantayya, einem Freund seines Großvaters, der ihm Geschichten aus den
Epen Ramayana und Mahabharata zu erzählen pflegte, beeinflusst. Tapas
(Entsagungen) auf sich zu nehmen, ein Rishi (Weiser) zu werden und eine
Vision des Herrn zu haben – diese Dinge wurden für ihn zu Idealen, die er in
Ehren hielt.

Sein Onkel, Krishna Rao, schirmte ihn gegen den schlechten Einfluss der
materialistischen Welt um ihn ab und säte in ihm die Samen des Nivritti
Lebens (Leben der Entsagung), die er freudig nährte, bis sie, wie spätere
Ereignisse bewiesen, zu Heiligkeit erblühten.

Seine Grundschulausbildung begann in Mangalore. 1932 kam er auf die


Muthiah Chetty Schule in Madras, wo er sich als erstklassiger Schüler
hervortat. Durch seine fröhliche Persönlichkeit, sein vorbildliches Betragen
und seine außergewöhnlichen Charaktereigenschaften verdiente er sich einen
besonderen Platz in den Herzen aller Lehrer und Schüler mit denen er in
Kontakt kam.

1936 wurde er vom Loyola College aufgenommen, dessen Tore sich nur den
brilliantesten Schülern öffnen. 1938 ging er mit dem akademischen Grad
eines Bachelor of Arts daraus hervor. Dieser Zeitabschnitt der
Studentenschaft an einem überwiegend christlichen College war von
Bedeutung. Die glorreichen Ideale Jesu, der Apostel und der anderen
christlichen Heiligen waren in seinem Herzen ein Synthese mit den besten
und edelsten Elementen der Hindu-Kultur eingegangen. Für ihn war das
Studium der Bibel keine bloße Routine; sie war für ihn das lebendige Wort
Gottes, genauso lebendig und echt wie die Worte der Veden, der
Upanishaden und der Bhagavad-Gita. Die ihm angeborene Weite der
Sichtweise machte es ihm möglich, Jesus in Krishna zu sehen, und nicht
Jesus an Stelle von Krishna. Er war genauso sehr ein Verehrer Jesu Christi
wie Vishnus, des Herrn.

Die Familie war bekannt für ihre hochstehenden Verhaltensnormen, und


diese flossen in sein Leben ein. Wohltätigkeit und Dienst waren die
glorreichen, tiefverwurzelten Tugenden der Mitglieder der Familie. Diese
Tugenden fanden ihre Verkörperung in Sridhar Rao. Er entdeckte Mittel und
Wege, sie zu zeigen. Niemand, der ihn um Hilfe bat, wurde ohne sie
fortgeschickt. Er gab großzügig an die Bedürftigen.

Dienst an Leprakranken wurde zu seinem Ideal. Er baute für sie Hütten auf
den riesigen Rasenflächen seines Zuhauses und kümmerte sich um sie, als
seien sie Gottheiten. Später, nachdem er sich dem Ashram (Einsiedelei)
angeschlossen hatte, fand dieser frühe Wesenszug in ihm vollständigen und
freien Ausdruck, wo selbst die besten Menschen sich nur selten in dieses
großartige Reich der göttlichen Liebe vorwagten, das auf der höchsten
Weisheit, dass alle eins sind in Gott beruht. Patienten aus der Nachbarschaft,
die an den schlimmsten Krankheiten litten, kamen zu ihm. Für Sridhar Rao
war der Patient niemand anders als Narayana, Gott selbst. Er diente ihm mit
zärtlicher Liebe und Mitgefühl. Schon die bloßen Bewegungen seiner Hände
brachten zum Ausdruck, dass er dem lebenden Gott Narayana diente. Nichts
konnte ihn davon abhalten, den leidenden Bewohnern des Ashrams Trost zu
spenden, unabhängig von der Dringlichkeit anderer Angelegenheiten, mit
denen er gerade beschäftigt war.

Dienst, insbesondere an den Kranken, brachte oft die Tatsache zum


Vorschein, dass er keinen Begriff von seiner getrennten Existenz als
Individuum hatte. Es schien, als hinge sein Körper nur lose an seiner Seele.

Dieser Dienst war auch nicht auf Menschen beschränkt. Vögel und Tiere
beanspruchten seine Aufmerksamkeit genauso sehr wie, wenn nicht sogar
mehr als Menschen. Er verstand ihre Sprache des Leidens. Sein Dienst an
einem kranken Hund rief die Bewunderung Gurudevs (wenn von Gurudev
die Rede ist, dann ist Swami Sivananda gemeint) hervor. Er pflegte seinen
Finger zu strenger Ermahnung zu heben, wann immer er sah, wie jemand in
seiner Gegenwart stumme Tiere quälte.

Sein tiefes und andauerndes Interesse am Wohl der Leprakranken hatte ihm
das Vertrauen und die Bewunderung der staatlichen Autoritäten eingebracht,
als er in die vom Staat gegründete Vereinigung für die Aussätzigen-
Wohlfahrt gewählt wurde – zuerst als Zweiter Vorsitzender und später als
Vorsitzender für das Komitee für den Bereich um Muni-ki-reti
(Wallfahrtsort bei Rishikesh am Fuß des Himalaya).

Obwohl er in eine wohlhabende Familie hineingeboren wurde, mied er


schon früh die Freuden dieser Welt, um sich der Abgeschiedenheit und der
Kontemplation zu widmen. In Bezug auf Studium waren es die spirituellen
Bücher, die die größte Anziehung auf ihn ausübten, mehr als College-
Bücher. Sogar als er auf dem College war, mussten die Lehrbücher hinter
den spirituellen Büchern den zweiten Rang einnehmen. Die Werke von Sri
Ramakrishna, Swami Vivekananda und Sri Gurudev hatten Vorrang vor
allen anderen. Er teilte sein Wissen mit anderen in solchem Ausmaß, dass er
praktisch der Guru des Haushalts und der Nachbarschaft wurde, zu der er
über Ehrlichkeit, Liebe, Reinheit, Dienen und Hingabe an Gott zu sprechen
pflegte. Er pflegte sie dazu zu ermahnen, Japa (Wiederholung eines
Mantras) von Rama-Nama auszuführen. Als er noch keine dreißig war,
begann er, junge Menschen in dieses großartige Rama Taraka (zur Befreiung
führende) Mantra einzuweihen. Er war ein glühender Bewunderer der Sri
Ramakrishna Math in Madras und nahm dort regelmäßig an den Satsangs
(Zusammensein mit den Weisen) teil. Swami Vivekanandas Aufforderung
zu entsagen hallte in seinem reinen Herzen wider. Es dürstete ihn ständig
nach dem Darshan (Anblick) von Heiligen und Sadhus (Entsagten), die die
Metropole besuchten.

Im Juni 1936 verschwand er von zuhause. Nach einer intensiven Suche


seiner Eltern wurde er in dem abgeschiedenen Ashram eines heiligen
Weisen, einige Meilen entfernt von dem heiligen Berg-Schrein Tirupati,
gefunden. Nach einiger Überredung kehrte er nach Hause zurück. Diese
zeitweilige Trennung war nur eine Vorbereitung für den letztendlichen
Abschied von der Welt der Anhaftungen an Familie und Freunde. Während
er zu Hause war, weilte sein Herz in den stillen Wäldern spiritueller
Gedanken, mit dem ewigen Pranava-Nada (mystischer Klang der Ewigen)
der Jnana Ganga (Fluss des Wissens) in seinem Innern im Takt schlagend.
Die sieben Jahre zu Hause, die auf seine Rückkehr von Tirupati folgten,
waren gekennzeichnet durch Abgeschiedenheit, Dienen, intensives Studium
spiritueller Literatur, Selbstbeherrschung, Beherrschung der Sinne,
Einfachheit bezüglich Essen und Kleidung, das Aufgeben aller
Bequemlichkeiten und das Praktizieren von Entsagungen, welches seine
innere spirituelle Kraft vergrößerte.

Die entgültige Entscheidung kam 1943. Er stand bereits in Korrespondenz


mit Sri Swami Sivanandaji Maharaj aus Rishikesh. Er erhielt Swamijis
Erlaubnis, sich dem Ashram anzuschließen.

Als er im Ashram ankam, übernahm er auf natürliche Weise die


Verantwortung für die Apotheke. Er wurde der Mann mit der heilenden
Hand. Der wachsende Ruf seiner göttlichen heilenden Hand zog einen Strom
von Patienten zur Sivananda Charitable Dispensary (der Erste-Hilfe-Station
des Ashrams) an.

Schon sehr bald nachdem er sich dem Ashram angeschlossen hatte, lieferte
er reichliche Beweise für die Genialität seines Verstandes. Er gab Vorträge,
schrieb Artikel für Zeitschriften und gab den Besuchern spirituelle
Unterweisungen. Als die Yoga-Vedanta Forest University (heute bekannt als
die Yoga-Vedanta Forest Academy 1948 gegründet wurde, würdigte Sri
Gurudev ihn auf angemessene Weise, indem er ihn zum Vize-Kanzler und
Professor für Raja-Yoga ernannte. Während seines ersten Jahres inspirierte
er die Studenten mit seiner genialen Darstellung von Maharishi Patanjalis
Yoga-Sutras.

Es war ebenfalls im ersten Jahr seines Aufenthalts im Ashram dass er sein


magnum opus „Light Fountain“, eine unsterbliche Biographie von Sri
Gurudev, schrieb. Sri Gurudev selbst bemerkte einmal: „Sivananda wird
vergehen, aber „Light Fountain“ wird weiterleben“.

Trotz seiner vielfältigen Tätigkeiten und seines intensiven Sadhana


(spirituelle Praxis) gründete er 1947 unter der Führung von Gurudev das
Yoga-Museum, in dem die gesamte Vedanta-Philosophie und alle Vorgänge
des Yoga-Sadhana in Form von Bildern und Illustrationen dargestellt sind.

Ende 1948 ernannte Gurudev ihn zum Generalsekretär der Divine Life
Society. Die große Verantwortung für die Organisation wurde auf seine
Schultern geladen. Von jenem Moment an spiritualisierte er all seine
Handlungen durch seine Gegenwart, seinen Rat und seine weise
Führerschaft. Er ermahnte alle, ihr Bewusstsein auf die Ebene des Göttlichen
zu erheben.

Am Guru Purnima-Tag, dem 10. Juli 1949, wurde er von Swami Sivanandaji
Maharaj in den heiligen Orden des Sannyasa eingeweiht. Er wurde von da an
Swami Chidananda genannt, ein Name, der bedeutet: „jemand, der sich im
höchsten Bewusstsein und in höchster Wonne befindet“.

Im November 1959 brach Swami Chidanandaji zu einer ausgedehnten


Amerikareise auf. Er war von Gurudev als sein persönlicher Vertreter
geschickt worden, um die Botschaft vom Göttlichen Leben zu verbreiten. Er
kehrte im März 1962 zurück.

Im August 1963, nach dem Mahasamadhi (Verscheiden eines


Selbstverwirklichten) des Meisters, wurde er zum Präsidenten der Divine
Life Society gewählt. Nachdem er gewählt worden war, strebte er danach,
die Fahne der Entsagung, des hingebungsvollen Dienens, der Liebe und des
spirituellen Idealismus hochzuhalten, nicht nur innerhalb der Struktur der
ausgedehnten Organisation der Divine Life Society, sondern auch in den
Herzen zahlloser Suchender auf der ganzen Welt, die sehr begierig seinen
Rat, seine Hilfe und seine Führung suchten.

Sri Swami Chidanandaji hat Indien, Malaysia und Südafrika kreuz und quer
durchreist, um den Jüngern der Divine Life Society zu dienen.

1968 unternahm Sri Swami Chidanandaji auf Grund der Bitten vieler
Schüler und Jünger des heiligen Meisters Sri Swami Sivanandaji Maharaj
wieder die Welttournee und besuchte alle Länder der Erde. Wo immer er
auch hinkam, empfingen die Devotees ihn herzlich und hörten ihm mit
gespannter Aufmerksamkeit zu.

Sri Swami Chidanandaji hat von Anfang an unermüdlich für die göttliche
Sache von Sri Gurudevs Mission gearbeitet und dieser Sache gedient, und er
verbreitet weit und breit seine Botschaft vom Göttlichen Leben, nicht nur in
Bharatavarsha (Indien), sondern auch in Ländern außerhalb.

Am 24. September 1976 feierten das Hauptquartier der Divine Life Society
in Shivanandanagar (Rishikesh) sowie alle Zweige der Gesellschaft seinen
sechzigsten Geburtstag (Shashtyabdapurti).

von yoga-vidya.de

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Warum Enthaltsamkeit? Top

Enthaltsamkeit heisst im Sanskrit Brahmacharya. Brahmacharya heisst


wörtlich übersetzt, “Achara”, das Verhalten, durch das man “Brahman”, das
Absolute erreicht. Es ist das Streben nach dem Absoluten, eine Bewegung zu
Gott oder Atman hin. Das Ziel der Enthaltsamkeit dient der
Selbstverwirklichung, der Erleuchtung. Unter Enthaltsamkeit versteht man
die Reinheit in Gedanken, Worten und Taten. Im engeren Sinne versteht
man unter Brahmacharya das Zölibat, also die sexuelle Enthaltsamkeit.
Genauer genommen versteht man darunter die strikte Enthaltsamkeit nicht
nur vom Geschlechtsverkehr, sondern auch von selbsterotischen Praktiken,
wie Masturbation, homosexuelle Handlungen und alle Formen von
Sexualpraktiken.

Während der Enthaltsamkeit sollten alle erotische Phantasien, das


Betrachten erotischer Bilder und Filme und das lesen erotischer Texte
vermieden werden. Die Enthaltsamkeit wird empfohlen, um sich
konzentriert dem Streben nach dem Absoluten, nach der Erleuchtung zu
widmen, um sich von der Verhaftung von der erotischen Sinnlichkeit zu
lösen und um die sexuelle Energie für den spirituellen Fortschritt zu nutzen.
Hat man sich von allen erotischen Verhaftungen gelöst, so kann man seine
ganze Aufmerksamkeit seinem spirituellem Wachstum schenken, wird nicht
mehr durch erotische Reize von seiner Konzentration auf das Wesentliche
abgelenkt und kann die sexuelle Energie, die vielleicht sogar die grösste
Kraftreserve darstellt, über die der Mensch verfügt, seinem spirituellem
Wachstum widmen. Mit Brahmacharya ist schneller spiritueller Fortschritt
möglich.

Die Enthaltsamkeit gilt für beide Geschlechter, Männer wie Frauen. Große
Yoga Meister und Meisterinnen waren alle Brahmacharins. Buddha
unterschied zwischen Laien und Mönchen. Unter Laien versteht man
verheiratete Ehepaare. Ihnen empfahl er eine beherrschte Sexualität, die also
nicht von sexueller Ausschweifung geprägt ist. Den Mönchen dagegen
empfahl er Enthaltsamkeit. Er sagte, dass die Laien zwar auch bestimmte
Stufen der Erleuchtung erreichen können, dass sie selbst aber sehr bald
erkennen würden, dass sexuelle Aktivität unausweichlich Probleme für den
spirituellen Fortschritt mit sich bringen.

Sobald sie dies aber erkennen, werden sie darüber nachdenken, ob sie nicht
selber freiwillig auf weitere sexuelle Aktivitäten verzichten sollten.
Enthaltsamkeit sollte darum nur von demjenigen praktiziert werden, der sich
diesen Schritt reichlich überlegt hat. Sonst wird die Enthaltsamkeit zur Qual
und wird über kurz oder lang zum Abbruch der Enthaltsamkeit führen. In
den Klöstern ist die Enthaltsamkeit normalerweise in einer zweijährigen
Probezeit eingebettet, in der der Novize, für sich die Möglichkeit hat,
herauszufinden, ob er ihr gewachsen ist.

Man kann die Enthaltsamkeit natürlich in die Yogaphilosophie einbetten, die


sich sehr stark am Hinduismus orientiert und sagen, dass das Ziel der
Enthaltsamkeit die Vereinigung mit Brahman ist. Ich würde den Sinn der
Enthaltsamkeit allerdings etwas anders formulieren. Für mich beruhen alle
spirituellen Fortschritte auf der Sublimation, also auf der Umwandlung
sexueller Energien. Nimmt man der Sexualität die Möglichkeit, ihre
sexuellen Energien pausenlos zu vergeuden, so bleiben sie im Körper und
können für Heilungsprozesse genutzt werden. Vollkommene Sublimierung
kann aber kaum in ein, zwei Wochen erreicht werden. Sie verlangt einen
beständigen Kampf mit Geduld und Ausdauer über einen längeren Zeitraum.

Wir sollten einmal darüber nachdenken, warum die Sexualität eine so starke
Macht über uns hat. Im Leben vieler Menschen vergeht kaum eine Minute,
in der sie nicht von sexuellen Phantasien bedrängt werden. Warum ist das
so? Mir kommt es so vor, als verhält sich die Sexualität wie eine Droge.
Schon eine kleine Prise genügt und man ist davon abhängig. Es zieht es uns
immer wieder zur Sexualität, weil wir im Orgasmus einen "göttlichen"
Moment erfahren, der uns tiefste Zufriedenheit beschert. Die Ekstase im
Orgasmus ist so berauschend, dass wir ihn immer und immer wieder erleben
wollen. Wir werden regelrecht süchtig danach.

In Tierversuchen hat man Affen Elektroden ins Gehirn gepflanzt, die mit
dem Sexualzentrum verbunden waren. Durch einen Klick auf eine Taste
konnten die Affen einen Orgasmus auslösen. Sie klickten ununterbrochen
auf die Taste, um immer und immer wieder einen Orgasmus zu erleben. Sie
verweigerten dabei jede Nahrung und jedes Getränk und wollten nur noch
eins, einen Orgasmus nach dem nächsten. Am Ende waren sie vollkommen
erschöpft und starben. Daran kann man also erkennen, wie stark die
Abhängigkeit von der Sexualität werden kann, welche Macht die Sexualität
über uns gewinnen kann.

Wir sollten daran denken, dass die Natur uns die Sexualität außchliesslich
zur Zeugung unseres Nachwuchses geschenkt hat und zu keinem anderen
Zweck. Sie hat uns die Sexualität nicht geschenkt, damit wir sie permanent
für unsere kurzfristige sinnliche Befriedigung nutzen. Da wir aber genau
dieses machen, findet in unserem Leben keine Ekstase mehr statt. Diese
Ekstase finden wir nur noch in der Sexualität, wenn auch nur für kurze
Momente.

Gleichzeitig verlieren wir aber unsere sexuelle Energie, die uns dauerhafte
Seligkeit bescheren könnte, würden wir sie nicht permanent so unüberlegt
vergeuden. Suchen wir aber nicht mehr das kurzfristige sexuelle Vergnügen
und bewahren unsere sexuelle Energie, indem wir enthaltsam leben, so
können wir diese Ekstase wieder in unser Leben integrieren. Wir sollten
einmal daran denken, dass ein Erleuchteter die Seligkeit, die wir für einige
Sekunden im Orgasmus finden, in jeder Sekunde seines Lebens erfährt.
Sollte uns dieses nicht anspornen, es ihnen gleich zu tun? Der Sinn unseres
Lebens sollte also nicht darin bestehen, uns immer und immer wieder für
Sekunden der sexuellen Lust hinzugeben, sondern die Seligkeit permanent
zu verinnerlichen, da sie unserer eigentlichen Natur entspricht und sie in
gleicher Fülle genießen, wie die Weisen, Heiligen und Erleuchteten es tun.

Wenn man sich zur Enthaltsamkeit entschließt, dann sollte man natürlich
wissen, dass dies kein leichter Schritt ist, sondern ein Schritt, der sehr viel
Kraft, Mut und Ausdauer erfordert. Die Sexualität wird immer wieder an uns
herantreten, um uns in Versuchung zu führen. Irgendwann aber kommt der
Punkt, da fällt sie wie ein reifer Apfel von uns ab. Dann unterliegt man nicht
mehr der erotischen Versuchung. Dieses empfindet man in der Regel als
sehr angenehm. Jeder, der einmal diese Seligkeit kennen gelernt hat, weiß,
wie blass und oberflächlich die Sexualität wirklich ist.

Richtige Ernährung spielt bei der Enthaltsamkeit eine wesentliche Rolle. Im


Gehirn gibt es verschiedene Bereiche, und jede Nahrung hat ihre eigene
Wirkung auf den jeweiligen Bereich und auf den Gesamtorganismus.
Manche Nahrung hat eine aphrodisierende Wirkung. Sie stimuliert direkt die
Geschlechtsorgane. Knoblauch, Zwiebel, Fleisch, Fisch und Eier stimulieren
die Leidenschaft. Schenke der Nahrung darum die angemessene
Aufmerksamkeit. Sei mäßig in der Ernährung. Iss reine Nahrung wie
Getreide, Obst, Gemüse, Salate, Hülsenfrüchte und Milchprodukte.
Gelegentliches Fasten kontrolliert die Leidenschaft, beruhigt die Emotionen,
beherrscht die Sinne und unterstützt die Enthaltsamkeit.

Schon ein geringes Maß an Selbstbeherrschung oder ein wenig Praxis von
Enthaltsamkeit ist ein ideales Heilmittel. Sie gibt innere Stärke und
Seelenfrieden, stärkt Geist und Nerven und hilft, physische und geistige
Energie zu bewahren. Sie steigert das Gedächtnis, die Willenskraft und die
Stärke des Gehirns. Sie gibt ungeheure Kraft, Stärke und Vitalität, erneuert
das System und den körperlichen Zustand, baut Zellen und Gewebe neu auf,
stimuliert die Verdauung und gibt die Kraft, Schwierigkeiten im täglichen
Lebenskampf zu begegnen. Ein Mensch, der über völlige Beherrschung der
Sexualenergie verfügt, erlangt Kräfte, die auf anderem Weg unerreichbar
sind. Wenn ein Mensch ein enthaltsames Leben führt, auch wenn er in einer
Beziehung lebt und nur gelegentlich aus Gründen der Fortpflanzung
Geschlechtsverkehr hat, kann er gesunde, kluge, starke, schöne und
selbstaufopfernde Kinder zeugen. Die Praxis der Enthaltsamkeit birgt in sich
keine Gefahren wie Krankheiten, unerwünschte Auswirkungen, Komplexe
oder Neurosen.

Swami Sivananda sagte einmal: "Es ist leicht, einen Tiger, Löwen oder
Elefanten zu zähmen. Es ist leicht, mit einer Kobra zu spielen. Es ist leicht,
über das Feuer zu gehen. Es ist leicht, den Himalaja emporzuheben. Es ist
leicht, auf dem Schlachtfeld zu siegen. Aber es ist schwierig, die Wollust zu
überwinden." Jeder, der sich freiwillig zur Enthaltsamkeit entschließt, sollte
wissen, dass man jeden Gedanken an die Wollust, sofort wenn er auftritt,
sofort verbannen sollte.

Gefährlich ist es, in Gedanken mit der Erotik zu spielen. Hat sie diese
Schwäche erkannt, dann schleicht sie sich unbemerkt durch die Hintertür in
unsere Phantasie und nimmt von uns besitz. Schon der Anblick eines Bilder,
eines erotischen Körpers oder ein nächtlicher Traum, kann uns derart in
Aufregung versetzen, dass es schwierig ist, die entfachte Glut wieder zu
löschen. Durch diese Versuchungen hat schon manch ein Yogi, der schon
große Höhen auf der spirituellen Leiter erklommen hat, alles verloren, was
er besessen hat. Auch wenn man das Gefühl hat, das erotische Begehren
abgelegt zu haben, sollte man stets achtsam sein und die Kraft der
Versuchung niemals unterschätzen.

Das Konzept der 4 Lebensstadien (Ashramas) Top

Man unterscheidet im Hinduismus 4 Lebensphasen, die wie


folgt aussehen:

1. Phase: Schüler; Enthaltsamkeit wird erwartet


(Brahmacharya)
2. Phase: verheiratet; Sexualität und Treue, keine ungezügelte
Sexualität (Grihastya)
3. Phase: Die Kinder sind erwachsen; Enthaltsamkeit
empfohlen (Vanaprastha)
4. Phase: Das Leben wird Gott geweiht; Mönch und
Enthaltsamkeit (Sannyas)
Im alten Indien wurde ein Menschenleben mit hundert Jahren
angesetzt und in vier Phasen aufgeteilt. Die erste Phase ist die
Zeit als Schüler/in, in der er/sie sich intensiv seiner
schulischen Ausbildung widmet, seinen/ihren Körper gesund
und kräftig erhält und sich in jeder Hinsicht auf das Leben als
Erwachsener vorbereitet. Sie beginnt im Alter von etwa zehn
bis vierzehn Jahren und dauert bis etwa zum 20. oder 25.
Lebensjahr. In diesem Abschnitt ist Enthaltsamkeit geboten.

Entwickelt wurden diese Überlegungen in Indien und gelten


daher in erster Linie für Schüler und Schülerinnen, die das
Elternhaus verlassen, um bei einem Lehrer, der gleichzeitig
auch als spiritueller Lehrer zu betrachten ist, zu lernen. Man
kann sich dies wie ein Internat vorstellen: Der/die
Brahmachari lebt beim Lehrer, arbeitet für ihn und lernt dabei
seinen Beruf, seine Berufung und die Grundlagen des
spirituellen Lebens. Dabei lebt der/die Brahmachari
enthaltsam und wandelt so die sexuelle Energie in spirituelle
Energie um.

Als spirituelle Hauptpraktiken in dieser Periode galten


Atemübungen, Yogastellungen, Rituale, Mantras und Karma
Yoga, also dem Meister zu dienen und notwendige Arbeiten
in Haushalt, Garten und Landwirtschaft zu erledigen. Die
Schüler lernen auch zu meditieren. Da aber der Geist in
jungen Jahren sich nicht so gut konzentrieren kann, ist
Meditation in dieser Phase nicht die Hauptpraxis.

Die zweite Phase gilt dem Leben als verheirateter Mensch in


der Familie. Sie beginnt mit etwa 20, 25 Jahren, mit dem
Eintritt in das Berufs- und Familienleben. Der Schüler kehrt
nach Hause zurück und heiratet, wobei in Indien die
klassische Heirat arrangiert ist. In dieser Zeit ist die
Ausübung der Sexualität Voraussetzung und legitimer Teil
des Ehelebens. Es wurde als fundamentale Pflicht der Familie
betrachtet, Nachkommen zu zeugen. So war also immer für
die nachfolgende Generation gesorgt. Mit der Praxis der
Sexualität war aber keine zügellose Sexualität gemeint,
sondern es wurde Mäßigung und Treue in der Ehe empfohlen.
Das geschlechtliche Leben an und für sich, war aber
gesellschaftlich akzeptiert.

Auch während der Zeit der Ehe und des Berufslebens, sollte
man ein ethisch und moralisch vorbildliches Leben führen.
Das gilt sowohl für die Partnerschaft als auch im Berufsleben.
Im Beruf soll man sein Bedürfnis nach Anerkennung und
seine Talente ausleben, auch nach Karriere, Geld, Macht,
Ansehen streben, also das, was man unter
Selbstverwirklichung im westlichen, humanistischen Sinn
verstehen würde, soweit das möglich ist, es einem ein
Bedürfnis ist und nicht auf Kosten anderer geschieht.
Für spirituelle Praktiken ist naturgemäß in der Familien- und
Berufs-Phase weniger Zeit. Man sollte sich aber trotzdem
bemühen, täglich Yogaübungen, Atemübungen und
Meditation zu machen. Und vor allen Dingen ist es wichtig,
Spiritualität in den Alltag zu bringen, über Beruf und
Partnerschaft an seinem Charakter zu arbeiten, seine
Lektionen im Leben zu lernen, an den Aufgaben zu wachsen
und für andere da zu sein. Solange die Berufs- und Familien-
Phase einem nicht zu viel Zeit und Energie raubt, findet sich
vielleicht neben der täglichen Yogapraxis noch Zeit für
soziales Engagement und eine sinnvolle
Freizeitbeschäftigung, die das Leben ausfüllt.

Der dritte Lebensabschnitt ist die Zeit in der das Ehepaar die
Pflicht zum Erwerb des Lebensunterhalts in die Hände der
Kinder legt und den Geist auf Höheres richtet. Nun wird die
Praxis der Enthaltsamkeit wieder Teil ihres spirituellen
Lebens. Der dritte Lebensabschnitt erfolgt etwa ab 50, 60
Jahren bis etwa 75. Es ist ein langsames Eintreten in den
Ruhestand. Dieser Übergang findet allmählich statt, nicht
abrupt wie im Westen, wo man bis 60 oder 65 seinen Acht-
Stunden-Tag hat und danach von einem Tag auf den anderen
nichts mehr, was für viele Menschen eine schwierige
Umstellung ist. Klassischerweise zieht man sich in diesem
Lebensabschnitt langsam aus dem Beruf zurück, übergibt das
Geschäft oder den Hof an die Kinder oder die Nachfolger.
Und man löst sich langsam körperlich und emotionell aus der
Partnerschaft, um sich später ganz zu trennen und so im
hohen Alter in den vierten Lebensabschnitt, der Entsagung,
einzutreten.

Meditation fällt jetzt leichter, man ist ruhiger, abgeklärter,


man hat mehr Zeit für die spirituellen Praktiken. In
besonderem Maße wichtig sind jetzt wieder Yogaübungen
und Atemübungen. Denn wenn man das jetzt nicht
praktiziert, verliert sich die Lebensenergie relativ rasch und
dann ist das Alter nicht schön und angenehm, sondern eine
unangenehme Phase, in der einem die Energie fehlt, wo man
langsam krank wird und sich nicht mit der
Selbstverwirklichung beschäftigen kann, sondern nur noch
mit seiner physischen Gesundheit. In manchen Teilen
Indiens gilt Hatha Yoga geradezu als Alte-Leute-
Beschäftigung. Wenn also jemand mit fünfzig anfängt, Hatha
Yoga zu üben, ist das durchaus im Sinne der klassischen
Lehre.

Natürlich ist es auch im Sinne der klassischen Lehre, schon


von Jugend an Yoga zu praktizieren. In der Jugendzeit sollte
man viel üben, so dass man auch fortgeschrittene Stellungen
lernt. Während der Zeit der Ehe reduziert man die Übung
etwas, im dritten Lebensabschnitt, wenn die Kinder aus dem
Haus sind und man das Berufsleben langsam beendet,
verbringt man mehr Zeit damit und ist dann für den vierten
Lebensabschnitt bereit, in dem man sein Leben ausschließlich
auf sein spirituelles Wachstum, auf Gott ausrichtet.

Im vierten Lebensabschnitt, wird das Leben gänzlich Gott


gewidmet. Man wird Sannyasin, Mönch, und dann gilt das
Zölibat natürlich automatisch. Nach der allmählichen Lösung
vom dritten Lebensabschnitt folgt im viertem
Lebensabschnitt die Trennung vom Partner sowie die Lösung
und Befreiung von allen Anhaftungen. De fakto ist das in
Indien selten gemacht worden. Wenn zwei Menschen bis ins
hohe Alter zusammen gelebt haben und die Beziehung
funktioniert hat, dann kam Sannyasa erst, wenn ein Partner
gestorben war. Wenn die Beziehung nicht funktioniert hat,
dann waren natürlich beide recht froh, jetzt Sannyas nehmen
zu können. Früher war das die einzig mögliche Weise der
Trennung. Man konnte sich nicht scheiden lassen, aber man
konnte Swami (Mönch) werden.

Im vierten Lebensabschnitt bereitet man den Geist auf den


Tod vor. Man versucht nicht, wie es bei uns üblich ist, die
Jugend nachzuahmen, zweite Flitterwochen usw. zu erleben,
sondern langsam Abstand zu gewinnen, sich von der Welt zu
lösen. Die wichtigste Praxis im vierten Lebensabschnitt ist
die Meditation. Man hat ein befriedigendes Leben gehabt,
während der Zeit der Ehe seine Bedürfnisse und Wünsche
ausgelebt, seine Talente und seine Fähigkeiten entfaltet.
Vielleicht hat man dabei die Hohlheit der Welt erkannt und
ist jetzt bereit, sich davon zu trennen. Man hat Energien
aufgebaut, den Geist sublimiert und sich von allen
Verhaftungen gelöst. Jetzt kann man meditieren und die
Selbstverwirklichung erreichen. Und dazu gehört auch ein
formelles Gelübde, dass man allem entsagt.

Diese vier Lebensabschnitte sind natürlich nur als Richtlinie


zu betrachten. Hat sich z.B. ein junger Mensch entschieden,
nicht in den Bund der Ehe einzutreten, sondern sein Leben
dem spirituellen Fortschritt zu widmen, so heißt das für ihn
lebenslängliche Enthaltsamkeit. Man findet dieses häufiger
bei jungen Mönchen, die schon als Kinder in einen Ashram
gingen. Die Richtlinien aus dem ersten Lebensabschnitt
gelten eigentlich nur für Kinder und Jugendliche, die sich von
zu Hause getrennt haben und in einem Ashram leben. Da aber
die Mehrheit der indischen Kinder auf staatliche Schulen
geht, werden sie natürlich in spirituellen Themen wesentlich
weniger unterrichtet. Auch kann man die Richtlinien der vier
Lebensabschnitte nur bedingt auf den Rest der Welt
übertragen.

von: Das Konzept der vier Lebensstadien


Obwohl man unter Enthaltsamkeit in erster Linie die sexuelle Enthaltsamkeit
versteht, hat Enthaltsamkeit im Yoga ein tieferes Verständnis. Yoga
betrachtet die Enthaltsamkeit aus allen Blickwinkeln. Sie versteht unter
Enthaltsamkeit also nicht nur die sexuelle Enthaltsamkeit, sondern die
Beschränkung aller sinnlichen Ausschweifungen. Dazu gehören die
Neigungen sich im Übermaß der Esslust oder den Trinkgewohnheiten
hinzugeben. Ebenso wird ein Übermaß an Schlaf und an zu viel Gerede als
negativ angesehen. Enthaltsamkeit bedeutet im tieferen Sinne, seine Kräfte
für die Meditation zu konservieren.

Dies bedeutet die Abkehr von allen Tätigkeiten, die die Konzentration auf
unser Äußeres richten. Ist die Hinwendung zum Äußeren nicht oft genug nur
eine Flucht, um sich der inneren Auseinandersetzung zu entziehen? Die
Enthaltsamkeit dient dazu, die Energien für die eigene Heilung zu nutzen.
Konzentrieren wir uns zu sehr auf äußere Dinge, so vergeuden wir unsere
Energie und können sie nicht mehr für unsere Heilung nutzen. Im Sehen,
Hören, Schmecken, Riechen und Berühren sollten wir uns nur mit reinen
Dingen beschäftigen. Enthaltsamkeit bedeutet daher, dass unser Handeln
möglichst einer ethischen und moralischen Kontrolle unterliegen sollte.
Darum sollte der enthaltsam lebende Yogi stets hellwach sein, sein Leben
sehr bewusst gestalten und seine Sinne kontrollieren.

So sagt z.B. Mahatma Gandhi:

»Im populären Gebrauch hat Brahmacharya die Bedeutung der bloßen


Beherrschung des Geschlechtsorgans angenommen. Diese enge
Begriffsfassung hat die Enthaltsamkeit verfälscht und ihre praktische
Ausübung unmöglich gemacht. Beherrschung des Geschlechtsorgans ist
unmöglich ohne sorgfältige Kontrolle aller Sinne. Sie hängen alle
miteinander zusammen. Wollen im niederen Bereich ist sinnlicher Art. Ohne
Herrschaft über den Willen ist bloße körperliche Enthaltsamkeit, selbst wenn
sie für einige Zeit erreicht werden kann, nur von geringem Wert.

Die Beherrschung des Gaumens ist sehr eng mit der Beobachtung von
Brahmacharya verbunden. Ich habe durch Erfahrung festgestellt, dass die
geschlechtliche Enthaltsamkeit verhältnismäßig leicht ist, wenn man die
Herrschaft über den Gaumen gewinnt.«

Und Swami Krishnananda sagt dazu:

»Viele Yogaschüler glauben, Brahmacharya bedeute Ehelosigkeit. Obwohl


dies als eine der Definitionen angesehen werden kann, so bedeutet dies nicht
viel, denn Yoga hat in seiner reinsten Form eine tiefere Bedeutung. Yoga
betrachtet Brahmacharya aus allen Blickwinkeln. Sie verlangt eine
Reinigung aller Sinne. Übermäßiges Schlafen und Essen sind Verstöße im
Brahmacharya. Brahmacharya wird nicht nur durch das Eheleben gebrochen,
sondern durch ein Übermaß (Luxus) in allen Dingen, auch bei
Unverheirateten, die gefräßig sind, übermässig Schlafen, zu viel reden und,
über allem, über Sinnesobjekte brüten.

Während einerseits Energien konserviert werden, so können sie andererseits


unkontrolliert abfließen. Brahmacharya bedeutet die Kräfte für die
Meditation und für höhere Zwecke zu konservieren. Im Sehen, Hören,
Schmecken, Riechen und Berühren sollten wir uns nur mit reinen Dingen
beschäftigen.«

Wie sieht die Enthaltsamkeit bei Männern aus? Auch der Mann, der
enthaltsam lebt, lebt in Wirklichkeit nicht ohne Sexualität. Der Körper
produziert weiterhin Samenzellen und die werden mittels eines nächtlichen
Orgasmusses, Pollution genannt, ausgeschieden. Einige Yogis wenden
allerdings Techniken (PC-Muskel-Training) an, um selbst Pollutionen zu
verhindern, da sie diesen Energieverlust vermeiden möchten. Mich
überzeugen diese Techniken allerdings nicht. Ich halte sie für überflüssig.
Diese nächtlichen Orgasmen sind sexuell gesehen mit einer großen
Befriedigung verbunden, mitunter auch von erotischen Träumen begleitet.

Die Pollutionen finden vielleicht einmal oder zweimal im Monat statt.


Darum sind sie mit einer viel größeren sexuellen Befriedigung verbunden,
als wenn man, wie vielleicht in einer Partnerschaft, zwei mal in der Woche
einen Orgasmus hat. Die Pollutionen sind so befriedigend, dass sie über kurz
oder lang zur völligen Abkehr von der Sexualität führen. Man hat das
Gefühl, alle erotischen Wünsche ausgelebt zu haben und wendet sich von
der Erotik ab, man schenkt ihr keine Aufmerksamkeit mehr. Ich bin davon
überzeugt, dass genau das gleiche passieren würde, wenn man im normalen
Leben, die Sexualität erleben würde, die man sich immer erträumt hat.

In Wirklichkeit besteht unser Leben aus purer Lebensfreude. Wenn wir das
aber nicht so empfinden, dann sollten wir uns die Frage stellen, warum wir
davon so wenig spüren. Hat man sich zum Beispiel von den sexuellen
Begierden gelöst, so ist man aber nicht automatisch frei von Angst und
negativen Gefühlen wie Wut, Trauer und Hass. Beschreitet man den Weg
aus Enthaltsamkeit und Meditation aber weiter, so kann man die sexuelle
Energie nutzen, um sie zur Heilung des dritten Chakras, dem Solarplexus,
dem Sitz der Emotionen, zu nutzen.

Die Auseinandersetzung mit den negativen Gefühlen ist ebenso schwer wie
die Auseinandersetzung mit den nicht enden wollenden sexuellen Begierden.
Man muss den Mut haben, sich seinen Gefühlen zu stellen. Und dann
drängen diese Gefühle, die man vielleicht sein ganzes Leben lang
unterdrückt hat, mit Macht an die Oberfläche. Dann wird man direkt mit
seinem Hass, mit seiner Wut, mit seiner Angst und mit seiner Trauer
konfrontiert. Da wir aber überfordert wären, wenn wir gleich mit der ganzen
Fülle dieser Emotionen konfrontiert würden, lassen wir aus Selbstschutz
immer nur einen kleinen Teil dieser Gefühle zu. Langsam, Schritt für
Schritt, gelingt es uns diese negativen Emotionen abzulegen. Dann kehrt
Schritt für Schritt ein wunderbarer Friede in uns ein, der getragen ist von
inner Ruhe und Harmonie.

Auf der einen Seite setzen wir uns also mit unseren verdrängten Emotionen
auseinander. Auf der anderen Seite arbeitet die Sexualität, auch wenn wir
uns mittlerweile davon frei gemacht haben, weiter im Hintergrund. Das
heißt, wir denken zwar nicht mehr an die Sexualität, haben aber hin und
wieder nächtliche Pollutionen. Und nach jeder Pollution werden wir merken,
dass ein kleines Stück unserer Angst, ein kleines bisschen unserer
Magenschmerzen, die ebenfalls ein Ausdruck unserer Angst sind, abnehmen.
Wir pendeln uns gewissermassen auf ein etwas höheres Lebensniveau ein.
Im Laufe der Monate verringert sich unsere Angst immer mehr.

Wir reagieren weniger gereizt, falls uns jemand kritisiert oder beleidigt,
werden allmählich immer ausgeglichener und finden langsam immer mehr
zu uns selber. Und eines Tages kommt der Punkt, dann ist man vollkommen
frei von jeder Angst, von jeder Wut und in einem herrscht eine
unwahrscheinliche Lebensfreude. Da die Sexualität und die Emotionen
scheinbar so eng miteinander verknüpft sind, habe ich mir schon die Frage
gestellt, ob ein Grossteil der emotionalen Störungen ihren Ursprung nicht in
mangelnder sexueller Befriedigung haben.

Swami Chidananda sagte einmal: Der einzige Vorgang, den die meisten
Menschen mit Zielstrebigkeit ausführen, nach dem sie großes Verlangen
haben, den sie wollen, an den sie denken, den sie planen und hinter dem sie
her sind, ist die sexuelle Befriedigung. Das bedeutet, dass dies ein Vorgang
ist, der ihr gesamtes Bewusstsein, ihren ganzen Geist und ihre volle
Aufmerksamkeit auf das Körperliche, auf ihre physische Identität lenkt.
Einerseits ist der Geschlechtsakt der Gipfel der Körperlichkeit oder
Animalität. Wird dies irgendwie dazu beitragen, kosmisches Bewusstsein zu
erlangen?

Da ist also ein Mensch, die Krone und erhabener Ausdruck der Schöpfung
Gottes, allen anderen Lebewesen weit überlegen, der sich zur
grobstofflichen, physischen, materiellen und animalischen Ebene herabläßt
und sich ihr völlig hingibt: Er sucht es, er will es, er bemüht sich darum, er
tut alles, um es zu bekommen, er läßt sich darin gehen, und er will, dass es
immer verfügbar ist. Das heißt, der Mensch bindet sich mit voller Absicht an
eine Ebene des physischen Bewusstseins. Wenn du ein spirituell Suchender
bist, kannst du denn nicht erkennen, dass du dir selbst im Wege stehst?

Du musst das Bewusstsein aus den niederen Ebenen befreien und


fortwährend zu immer höheren und höheren Ebenen feinerer und immer
subtilerer Zustände erheben. Denn wenn der gesamte spirituelle Prozess von
Erleuchtung und Erkenntnis ein Prozess des sich Erhebens zu einem höheren
Bewusstseinszustand ist, impliziert das automatisch, dass man sich aus
seinem niederen Bewusstseinszustand befreit. Das kosmische Bewusstsein,
das absolute Bewusstsein, ist Lichtjahre entfernt, wenn man nicht die
Notwendigkeit erkennt, sich von der absoluten Identifikation mit dem
Körper zu befreien.

Enthaltsamkeit bedeutet weder Unterdrücken noch Verdrängen von


Sexualität. Das sexuelle Potential wird für etwas verwendet, das zehnmal,
hundertmal großartiger ist. Deshalb ist es ein Missverständnis, von
Unterdrückung oder Verdrängung zu sprechen. Das liegt an einem
mangelnden Verständnis dafür, was es mit der wirklichen spirituellen Suche
auf sich hat. Wenn man es richtig versteht, wird man nicht so darüber
sprechen. Wir sind nicht einfach Menschen, wir sind mehr als Menschen.
Unsere Erscheinungsform als Menschen ist nur ein schwacher Widerschein
dessen, was wir in Wahrheit sind. Der einzige Grund, warum unsere
Erscheinungsform als Menschen von Bedeutung und Wichtigkeit ist, besteht
darin, dass sie uns, wenn sie richtig verwendet wird, erhebt und dahin bringt,
wohin wir eigentlich gehören, in das Königreich, auf das wir ein
Geburtsrecht haben.

Wenn ein intelligenter Mensch die gesamte Situation des Lebens gut
durchdacht hat, sich sagt: "Wenn ich etwas Großes und Mächtiges erreichen
will, kann ich es mir nicht leisten, die mir zur Verfügung stehenden
Energien zu verschwenden. Je mehr ich sie bewahre, desto mehr kann ich sie
für diese Absicht einsetzen, und desto besser sind die Chancen auf Erfolg."
Wenn der Mensch so denkt und die rationale Seite dessen verstanden hat,
und wenn die höchste Errungenschaft, zu der er strebt, ihm das wert ist,
wenn er oder sie aus freiem Willen, mit voller Absicht und großer
Begeisterung zum Zölibat schreitet, wo ist dann Unterdrückung?

Ganz im Gegenteil, das, was als Selbstverleugnung erscheint, gibt effektiv


einer höheren Dimension unseres Wesens Ausdruck, in die man sich jetzt
begeben hat. Also weit davon entfernt, darauf zu verzichten, sich selbst
Ausdruck zu verleihen, gibt es dem Menschen seinen vollen Ausdruck, da er
sich nicht länger mit einem niedrigen Aspekt seiner Gesamtpersönlichkeit
identifiziert. Er identifiziert sich mit einem höheren Aspekt. Es ist eine Art
Befreiung und Entwicklung hin zu einem höheren Niveau. Es ist etwas
Positives, Kreatives und nicht etwas Negatives. Es ist kein Verneinen,
sondern effektiv ein Ausdruck seiner selbst.

Der erste Schlüssel zum Erfolg in der Enthaltsamkeit besteht also darin, das
Heilige und Wertvolle des vorhandenen Energiepotentials zu erkennen und
zu verstehen. Wenn man klar erkannt hat, dass es wert ist, bewahrt, erhalten
und zum Allergrößten gelenkt zu werden, das man erlangen kann, dann hat
man den Wunsch, Brahmachari zu sein. Dann wird es als etwas höchst
Positives gesehen. Ein zweiter Schlüssel zum Erfolg und eine Möglichkeit,
sowohl Enthaltsamkeit als auch Sexualität zu betrachten, ist sogar noch
grundlegender. Es ist das klare Erkennen, dass in allererster Linie das, was
man als das männliche Geschlechtsorgan bezeichnet, überhaupt kein
Geschlechtsorgan ist. Es ist nichts anders als ein Organ zur Harn-
ausscheidung. Und das ist seine Hauptfunktion, von dem Augenblick an,
wenn das Kind den Mutterschoß verlässt, bis ins Grab.

Buddha lehrte, solange der Mensch sexuell aktiv ist, hat er kein Interesse an
der Praxis des spirituellen Lebens. In seiner Lehre über die schrittweise
Erleuchtung sagte er, dass das Empfinden von Lust und Sexualität Genuss
beinhaltet. Er verleugnete den Genuss nicht. Genuss ist dabei. Aber dann
verändert sich dieses Vergnügen in Missvergnügen, und allmählich,
langsam, sobald sich das anfängliche Feuer der Lust abgenutzt hat, beginnen
die Menschen zu kämpfen. Denn aus Lust erwächst Furcht; aus Lust
erwächst Habgier; aus Lust erwachsen Eifersucht, Zorn, Hass, Verwirrung
und Kampf; all diese negativen Dinge erwachsen aus der Lust. Und deshalb
sind all diese negativen Dinge in der Lust enthalten. Solange man in der
Sexualität verstrickt ist, ist es unvermeidlich, dass man diese Probleme hast -
Kampf, Enttäuschung, Zorn, Hass, Töten - all das ist damit verbunden.

Weil also der Buddha das Problem sah, das der Sexualität innewohnt, sagte
er, dass es besser ist, die Sinne zu disziplinieren und zu kontrollieren, um ein
ruhiges und friedvolles Leben zu haben. Aber das muss schrittweise
erfolgen, langsam, begründet auf Verstehen, nicht unvermittelt. Es kann
nicht erzwungen werden. Es muss allmählich geschehen und mit tiefem
Verständnis.

Swami Sivananda sagte: Enthaltsamkeit ist Reinheit in Gedanke, Wort und


Tat. Sie umfasst nicht nur die Beherrschung der Geschlechts- oder
Fortpflanzungsanlagen sondern auch anderer Anlagen. Das ist die Definition
von Enthaltsamkeit im weiteren Sinne. Enthaltsamkeit ist von zweierlei Art,
nämlich physisch und geistig. Physisch ist die Kontrolle des Körpers und
geistig ist die Kontrolle unzüchtiger Gedanken. In der geistigen
Enthaltsamkeit sollte nicht einmal ein einziger wollüstiger Gedanke je in den
Geist gelangen. Freisein von allen sexuellen Gedanken im Wach- wie im
Traumzustand ist strenge Enthaltsamkeit. Die Enthaltsamkeit ist ein
wertvoller Juwel. Sie ist die wirkungsvollste Medizin, die Krankheiten heilt.

Die sexuelle Energie ist die Essenz von Leben, Gedanken, Intelligenz und
Bewusstsein. Wenn die sexuelle Energie einmal verloren ist, kann sie nie
wieder zurückgeholt werden. Wenn diese Flüssigkeit sorgsam bewahrt wird,
dient sie als Schlüssel, um die Tore zur Seligkeit, zum Paradies im Leben zu
öffnen. Nur durch Enthaltsamkeit allein haben die Yogis (Weisen) aller
Zeiten Freude, Wonne und Erleuchtung erlangt. Ohne Enthaltsamkeit gibt es
keine Gesundheit und kein spirituelles Leben. Enthaltsamkeit ist der
Grundgedanke zum Erfolg in allen Lebensbereichen. Sinnlichkeit zerstört
Leben, Glanz, Kraft, Vitalität, Gedächtnis, Wohlstand, Ruf, Heiligkeit und
Hingabe an das Höchste.

Die Menschen sind körperlich, geistig und moralisch geschwächt, weil es


ihnen an Enthaltsamkeit mangelt, weil sie ihre Samenkraft verschwendet
haben. Solche Menschen sind schon bei geringfügigen Anlässen leicht
gereizt. Sie fallen verschiedenen Krankheiten und einem frühen Tod zum
Opfer. Durch Enthaltsamkeit wächst die intellektuelle Kraft. Der Samen ist
eng mit Gehirn und Verstand verbunden, denn er ist die Substanz der
menschlichen Vitalität. Er steht in Beziehung zu Intelligenz, Moral und
Spiritualität. Es kann keinen Erfolg im Leben geben, wenn diese
fundamentale Kraft nicht bewahrt wird. Die Enthaltsamkeit ist
Grundvoraussetzung für den Suchenden. Sie ist neben der Gewaltlosigkeit
die wichtigste Tugend zur Selbstverwirklichung.

Man im menschlichen Gehirn folgende Zustände:

dominanter Rhythmus bei Kleinkindern, und weit


1. Delta < 4 Hz
verbreitet beim Tiefschlaf Erwachsener
im wach-EEG bei Kindern häufig, bei Erwachsenen
2. Theta 4-7 Hz
selten, tiefe Meditation, Hypnose
3. Alpha 8-12 entspannter Wachzustand bei geschlossenen Augen,
Hz Meditation
13- angespannter Wachzustand, normale Tagesaktivität bei
4. Beta
30Hz geöffneten Augen
30- Bindung und Aufmerksamkeit, Bindung von Raum und
5. Gamma
80Hz Zeit (siehe: Neuronale Bindung)

Vielleicht könnte man Erleuchtung auch so definieren, dass wir es wieder


lernen müssen, uns so zu entspannen wie Kinder. Sie haben ein normales
Tagesbewusstsein, welches dem Tiefschlaf der Erwachsenen entspricht. Ihre
Gehirnaktivitäten bewegen sich im Frequenzbereich von unter 4 Hertz. Das
entspricht der tiefsten Entspannung und Seligkeit, die der Mensch erreichen
kann. Dieser Zustand ist bei Kleinkindern fast normal. Darum sind sie fast
alle "erleuchtet". In diesem Zusammenhang bekommt der Satz "Wenn ihr
nicht werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen." für
mich eine sinnvolle Bedeutung.

Ein kurzer Einblick in die Tantrapraxis Top

Zum Abschluss des Themas Enthaltsamkeit noch ein paar Worte zum
Tantra. Tantra entwickelte sich ursprünglich in Indien, breitete sich im 6.
Jahrhundert n. Chr. aber unter anderem nach Tibet und im gesamten
Himalayaraum aus. In Tibet breitete sich besonders das Vayrayana, also die
tantrische Variante des Buddhismus aus. Darum wird der tibetische
Buddhismus heute vielfach mit dem Tantra identifiziert.

Das Vayranana stellt neben dem Hinayama und dem Mahayana eine der drei
Hauptrichtungen des Buddhismus dar. Der Hinayama vertritt die
ursprünglichen Lehren Buddhas. Im Hinayama wird u.a. von den Mönchen
Enthaltsamkeit gefordert. Der Mahayana entwickelte sich etwa 500 Jahre
nach Buddha. Ursache war die Unzufriedenheit mit der Lehre und Praxis des
Hinayama, die auf die Mönchsgemeinschaft und das Ideal der
buddhistischen Heiligen ausgerichtet sind. Aus dem Mahayana heraus
entwickelte sich auch der Zen.

Die Lehren des Tantra, die zuvor ohne irgend eine Institution von Meister zu
Schüler weitergegeben wurden, wurden in Tibet institutionalisiert. Es kam
zur Entwicklung der vier Hauptschulen des tibetischen Buddhismus, der
Nyingma-, Sakya-, Kagyü- und Gelug-Schulen und den zahlreichen
kleineren Nebenlinien dieser Schulen. Die Gelug-Schule ist die jüngste
Schule der vier Hauptschulen des tibetischen Buddhismus. Die Dalai Lamas
sind die wichtigsten Lehrer der Gelug-Schule. Die Bon-Schule ist zwar nicht
buddhistisch, ähnelt aber derart stark der Vajrayana Tradition, so dass sie
vom derzeitigen Dalai Lama als fünfte tibetische Hauptschule anerkannt
wurde. Die Sakya-Linie begann als nicht-zölibatäre Linie, wurde im Laufe
der Zeit aber immer stärker monastisch (mönchisch) orientiert. Wie man
sieht, gibt es innerhalb des Tantra zölibatäre und nicht-zölibatäre
Strömungen.
Das, was man im Westen gemeinhin mit Tantra bezeichnet, hat mit Tantra
eigentlich nicht viel gemeinsam. Es entspricht eher einer gehobenen Art der
sexuellen Befriedigung und kann daher nur als Neo-Tantra bezeichnet
werden. Im traditionellen Tantra zielen die Übungen auf die Beherrschung
des feinstofflichen Energiesystems, bestehend aus dem Zentralkanal, den
Seiten- und Nebenkanälen und den Energiezentren (Chakras), den
sogenannten Energiewinden und den Bewusstseins-Essenzen. Ähnlich den
in den neuen Schulen gebrauchten "Sechs Yogas von Naropa", gibt es
Übungen zur Erweckung des inneren Feuers, Traumkontrolle,
Bewusstseinsübertragung, Lebensverlängerung und vieles mehr.

Zu dieser Übungsphase gehört auch die Karmamudra genannte Praxis der


sexuellen Vereinigung, bei welcher zwei entsprechend geschulte Übende die
äußere Form und das energetische Innenleben eines Yidam (einer
persönlichen Schutzgottheit) aktivieren, der seinerseits aus einer vereinigten
Form eines männlichen und weiblichen Buddha besteht. Ein sexueller
Höhepunkt wird bei dieser Praxis jedoch nicht angestrebt, sondern die
Arbeit mit den durch die sexuelle Vereinigung erweckten sexuellen
Energien steht im Vordergrund. Dieses soll ohne gegenseitige Anhaftung
erfolgen und führt durch Aufhebung der Grenzen zwischen den Beteiligten
zur ekstatischen Erfahrung der Ichlosigkeit, genannt: "In Wonne und
Leerheit vereinigt." (siehe: ratna.info).

Leider konnte sich der Tantra nicht von den mystischen Vorstellungen des
Hinduismus/Buddhismus lösen. Auch im Tantra spricht man von der
Kundalini, von feinstofflichen Energiekanälen, von Chakras, von
Energiewinden und was es da noch alles gibt. Und zu guter letzt wird auch
noch gesagt, dass die sexuelle Vereinigung ohne gegenseitige Anhaftung
erfolgen soll. Das ist in meinen Augen aber vollkommen unmöglich. Eine
sexuelle Vereinigung ist immer mit einer Verhaftung verbunden. Ohne die
sexuelle Erregung, ohne einen erigierten Penis ist eine sexuelle Vereinigung
nicht möglich.

Die Erektion aber beruht auf einer Verhaftung an die Sexualität. Deshalb
wundert es mich gar nicht, wenn Helmut Poller, ein ausgezeichneter Tantra-
Experte, zu der Einsicht kommt: "Die Übertragung der tantrischen Lehren
steckt im Westen trotz scheinbar großer Zahlen von Übenden in den
Kinderschuhen, was man auch daraus ersehen kann, dass es nach dreißig
Jahren Vajrayana in Europa und USA keine zehn Europäer und Amerikaner
gibt, die diese Lehren völlig gemeistert und verwirklicht haben."

Was das erotisch-therapeutische Tantra betrifft, herrschen unter dessen


Anhänger/innen häufig große Vorurteile gegenüber dem ursprünglichen
spirituellen Tantra. Das größte Vorurteil kommt wohl daher, dass der
sexuelle Aspekt im ursprünglichen Tantra nur eine untergeordnete Rolle
spielt. In traditionellen buddhistischen Gruppen werden oft Gottheiten
visualisiert, Mantras rezitiert und ähnliches mehr, aber es findet weder
Körperarbeit noch psychologische Arbeit statt und schon gar nicht
Paarübungen, die typischerweise schon in Basisseminaren des erotisch-
therapeutischen Tantra stattfinden.
Aus der Perspektive von Übenden des erotisch-therapeutischen Tantra sieht
das buddhistische Tantra dagegen so ganz und gar nicht aus wie Tantra. Das
ist aber ein Irrtum, der damit zusammenhängt, dass buddhistisches Tantra
ein äußerst tiefgründiger und komplexer Stufenweg ist. Im allgemeinen ist
bei vielen Traditionen eine langjährige vorbereitende Schulung erforderlich,
bevor in Praktiken eingeführt wird, die sexuelle Vereinigung beinhalten.

Diese Praktiken werden nach wie vor sehr geheim gehalten, man erfährt
darüber fast nichts aus Büchern, zumindest nichts, was man praktisch
anwenden kann. In typischen buddhistischen Gruppen weiß man darüber oft
nichts oder verweist darauf, dass derlei nur für weit Fortgeschrittene in
Frage kommt. Viele Gruppen betreiben ausschließlich die unteren und
mittleren Stufen dieses Stufenweges, die Praxis der sexuellen Vereinigung
gehört aber in allen Linien zur höchsten Tantra-Stufe, dem sogenannten
Anuttara-Tantra.

Es ist immer zu bedenken, das buddhistisches Tantra eine anspruchsvolle


Geheimlehre darstellt, die auch in den Ländern ihrer größten Verbreitung, z.
B. in Tibet, nur von einem sehr kleinen Prozentsatz der Bevölkerung
praktiziert wird. In Tibet sieht man zwar in jedem Kloster Abbildungen und
Statuen von den auch im Westen mittlerweile sehr beliebten Buddhas in
sexueller Vereinigung, doch über die eigentliche Praxis, die hinter diesen
Bildern steht, weiß der typische Tibeter genau soviel wie der typische
Westler, nämlich sehr wenig. (siehe: ratna.info)

Tantra beruht auf der Shiva-Shakti- Philosophie, wobei Shiva für reines
Bewusstsein steht und Shakti für die kosmische, schöpferische Energie, die
sich in allem Manifesten, in der ganzen Schöpfung ausdrückt. Ziel ist es,
diese Shakti wieder zurückzuführen, symbolisch mit Shiva zu vereinen, dem
reinen Bewusstsein und so zum Zustand des reinen Seins zurückzukehren.

Im weissen Tantra, der von jeder sexuellen Vereinigung absieht, macht man
das zum Beispiel mittels Atem- und Konzentrationsübungen. Im roten
Tantra soll über die körperliche Vereinigung eine transzendentale Einheit
erfahren und verwirklicht werden. Geschlechtsverkehr wird im roten Tantra
als spirituelle Praxis verstanden. Das Ziel ist, dass die sexuelle Energie im
Geschlechtsverkehr nicht verloren geht, sondern bewahrt und umgewandelt
wird. Dafür gibt es bestimmte Atemtechniken, Mudras und Mantras und
Methoden, die sexuelle Energie (Kundalini) vom Basischakra über die
Wirbelsäule zum Kronenchakra hinaufzuleiten (siehe: PC-Muskel-Training).

Der Mann lässt es dabei nicht zur Ejakulation kommen, und auch die Frau
zieht die Energien nach oben. Klassische Yogis bezweifeln jedoch, dass
allein durch rot-tantrische Sexualität ein dauerhafter spiritueller Fortschritt
erzielt wird. Der ursprünglichere südliche Buddhismus, der Theravada, sieht
den buddhistischen Tantrismus (Vajrayana) als ernsthafte Verfälschungen
der Lehre Buddhas an.

Swami Chidananda, ein Schüler Swami Sivanandas, sagte: Ich glaube nicht,
dass die tantrischen Lehren einen authentischen spirituellen Weg anbieten.
Warum? Weil die Menschen schwach und beeinflussbar sind. Der
menschliche Geist ist so beschaffen, dass er immer den Weg des geringsten
Widerstandes nimmt. Er möchte immer den leichtesten Weg beschreiten. Es
darf allerdings nicht vergessen werden, dass Tantra früher einmal in Indien
ein authentischer Pfad war, speziell im östlichen Teil.

Es gibt ihn auch jetzt noch. Aber er wurde grob verzerrt. Die Menschen
verfingen sich darin. Sie sagten, sie würden Tantra praktizieren, aber es war
nichts anderes als Wein, Völlerei und sexuelle Befriedigung. Es führte sie
nirgendwohin. Die Methode wurde damals von erleuchteten Menschen auch
der "pervertierte Pfad" genannt. Es entstanden zwei Wege: der authentische
Pfad, er wurde der "rechtshändige Pfad" genannt, und der pervertierte Pfad,
bei dem es nur um den Genuss ging. Er wurde der "linkshändige Pfad"
genannt. Und darum erreicht nur einer unter Millionen auf dem tantrischen
Weg das Ziel der Erleuchtung. Top

Der gewöhnliche und der tantrische Orgasmus (von Osho) Top

«Euer [gewöhnlicher] Geschlechtsverkehr unterscheidet sich grundsätzlich


von dem der Tantriker. Ihr schlaft mit jemandem, um euch zu erleichtern. Es
ist mehr oder minder so, als ob ihr einen Niesreiz spürt und einmal kräftig
niest. Dadurch wird die Energie ausgestossen und ihr fühlt euch erleichtert,
aber das ist das Gegenteil von Kreativität, es ist ein Akt der Vernichtung.
Das hat seine guten Seiten, es ist eine Art Entspannungstherapie.

Der Geschlechtsakt der Tantriker ist diesem Verhalten grundsätzlich und


absolut entgegengesetzt. Er dient nicht euer Erleichterung, er gibt euch keine
Gelegenheit, eure Energie loszuwerden, sondern es geht darum, im
Liebesakt zu bleiben, ohne zu ejakulieren, ohne Energie auszustossen. Man
soll vollkommen verschmelzen und immer in der Anfangsphase bleiben,
nicht zum Höhepunkt kommen. Das gibt dem ganzen eine völlig andere und
grundverschiedene Qualität.

Versucht, diese beiden Dinge zu verstehen. Es gibt zwei Arten von


Orgasmen. Die eine Art kennt ihr: ihr gelangt zu einem Höhepunkt der
Erregung, an dem es nicht mehr weitergeht - das ist das Ende. Die Erregung
wird auf eine derartige Spitze getrieben, dass der Akt unfreiwillig wird; die
Energie fährt in euch hinein und entlädt sich. Dann seid ihr erleichtert, von
einer Last befreit; ihr entspannt euch und flüchtet euch in eure Traumwelt
zurück. Sex wird als Beruhigungsmittel benutzt. ...

Zu einem Gipfel der Erregung zu kommen ist eine Art, den Orgasmus zu
erfahren. Das Schwergewicht der tantrischen Lehre liegt aber auf der
anderen Art. Die erste Art von Orgasmus kann man einen Gipfel-Orgasmus
nennen und die tantrische Art einen Talorgasmus. Dabei kommt man nicht
zu einem Gipfel der Erregung, sondern gleitet ins tiefste Tal der
Entspannung. Bei beiden Arten wird die sexuelle Erregung der
Anfangsphase benutzt - deshalb sagte ich, dass beide Arten sich am Anfang
Erregung wird auf zwei völlig verschiedene Arten benutzt: entweder
erklimmt man damit den Gipfel seiner Leidenschaft oder fällt ins tiefste Tal
der Entspannung. Bei der ersten Art muss die Erregung immer mehr
gesteigert werden, man muss dazu beitragen, dass sie immer intensiver dem
Höhepunkt entgegenstrebt. Bei der zweiten Art ist man nur beim Vorspiel
erregt. Sobald der Mann in die Frau eingedrungen ist, entspannen sich beide.
Sie bewegen sich überhaupt nicht mehr und gehen völlig in der Umarmung
auf. Und nur, wenn einer von beiden spürt, dass die Erektion nachlässt,
bewegen sie sich ein wenig, um das Feuer wieder zu entfachen; dann sinken
sie wieder in einen Zustand vollkommener Entspannung. Diese Art von
tiefer, zärtlicher Vereinigung kann stundenlang dauern, ohne dass es zum
Samenerguss kommt. Danach fallen beide in einen tiefen Schlaf. Das nennt
man einen Talorgasmus: Beide Partner sind vollkommen gelöst und
begegnen einander als entspannte Wesen. ...
[Nach einem tantrischen Liebesakt] seid ihr mit Energie aufgeladen, ihr seid
lebendiger und frischer als je zuvor. Und dieser ekstatische Zustand kann
stundenlang, ja tagelang anhalten. Das hängt davon ab, wie sehr ihr darin
aufgegangen seid. Wenn ihr tief in diese Art Sex hineingehen könnt, wird
euch früher oder später klar, dass ein Samenerguss reine
Energieverschwendung ist. Man braucht nicht zu ejakulieren - es sei denn,
man will ein Kind zeugen. Nach einem tantrischen Sex-Erlebnis seid ihr den
ganzen nächsten Tag zutiefst entspannt, selbst viele Tage lang fühlt ihr euch
ruhig und gelassen, in euch selbst zentriert.» Aus: Tantrische Liebeskunst;
S. 208ff von Osho Top

Was sagte Buddha zur Enthaltsamkeit? Top

Frage: Als wir dieses Interview planten, meinten wir zum Scherz, dass
Bhante

wir im Idealfall tatsächlich ein Interview mit dem Buddha selbst haben
müßten; aber es ist sicher die nächstbeste Lösung, mit Ihnen darüber
sprechen zu können, was der Buddha lehrte.

Antwort: Ich würde mir wünschen, dass wir alle mit dem Buddha
zusammensitzen und mit ihm diese Fragen erörtern könnten!

Frage: Es ist eine Tatsache, an der niemand vorbeigehen kann, der sich
heutzutage für Buddhismus interessiert, dass der Buddha ein Mönch war und
eine klösterliche Tradition begründet hat; und diese Tradition ist es auch, für
deren Verbreitung im Westen Sie selbst so viel Zeit und Energie investiert
haben. Warum war dem Buddha das Zölibat so wichtig? Warum glaubte er,
dass es eine so große Bedeutung hat?

Antwort: Weil Menschen, die Befreiung von dem Leiden finden möchten,
bestimmte Prinzipien beachten müssen. In der Tat ist das Zölibat unerläßlich
für Menschen, die ein klösterliches Leben zu führen wünschen. Denn wenn
sie auf alle mögliche Art sexuell aktiv sind, unterscheiden sie sich nicht von
Laien, die in den verschiedensten Problemen stecken, die auf die Sexualität
zurückzuführen sind. Und ein Mensch, der sich für ein klösterliches Leben
interessiert, strebt auch nach einem sehr einfachen Leben - das ist Sinn und
Zweck aller monastischen (mönchischer) Traditionen -, denn letztlich
können wir einzig und allein dadurch, dass wir uns von Habgier, Lust und
Verlangen befreien, Befreiung vom Leiden finden. Sehen Sie, wenn wir die
Absicht haben, unser Leiden loszuwerden, dann müssen wir die Ursache des
Leidens beseitigen, und Lust ist eindeutig die Ursache des Leidens. Wer also
ein monastisches Leben zu führen wünscht, muss sie beseitigen, um so zu
leben, dass er die Wurzeln der Begierde nicht weiter nährt.

Frage: Wäre es also richtig zu sagen, dass es für einen Menschen, der kein
monastisches Leben lebt, also für einen Laien, sehr viel schwieriger oder
sogar unmöglich wäre, das zu tun?

Antwort: Auch Laien müssen einer Disziplin im Leben folgen; sie müssen
eine gewisse Beherrschung üben. Deshalb gibt es auch Vorschriften für
Laien; aber normale Laien müssen nicht enthaltsam sein. Laien können
bestimmte Stufen der Erleuchtung erreichen - wir nennen sie "Mitfließende"
oder "Einmal-Wiederkehrende" - , bevor sie für sich selbst erkennen, dass
sexuelle Aktivität unausweichlich Schwierigkeiten und Probleme mit sich
bringt.

Laien können sogar die dritte Stufe der Heiligkeit erreichen, wir nennen sie
"Nie-Zurückkehrende". Aber sobald sie einmal diese Stufe erreicht haben,
werden sie selbst aus ihrer eigenen Erkenntnis heraus entscheiden, dass eine
Verstrickung in Sexualität den Fortschritt in ihrer spirituellen Praxis
blockiert, und sobald sie das erkennen, werden sie ganz freiwillig aufhören,
sexuell aktiv zu sein. Wie Sie sehen, ist Zölibat also nicht etwas, das mit
Zwang oder durch ein Gebot auferlegt werden kann.

Frage: Könnten Sie etwas genauer beschreiben, warum Sexualität an sich


transzendiert werden muss, damit Fortschritte auf dem spirituellen Weg
gemacht werden können?

Antwort: Weil der Geist in Unordnung, getrübt und verwirrt ist, solange
man sich damit beschäftigt, und weil man sich in Eifersucht, Furcht, Hass,
Spannung usw. verstrickt - in all diesen Problemen, die aus der Lust
entstehen. Wenn man also von alldem befreit werden möchte, muss zuerst
die Lust beseitigt werden. Nun gefällt vielen Menschen das Wort
"beseitigen" nicht; manche bevorzugen Worte wie "transzendieren" oder
"transformieren". "Klar", sagen sie, "man kann ,Lust' in ,Nicht-Lust'
transformieren!"

Frage: Und wo ist der Unterschied zwischen "transzendieren" und


"beseitigen"?

Antwort: Einige Begriffe kommen der eigentlichen Bedeutung etwas näher,


und andere könnte man euphemistisch nennen, also Begriffe, die nicht so
negativ sind. Diese Leute sagen lieber "transzendieren" oder
"transformieren" als "beseitigen", weil sie Worte brauchen, die eine
Zuckerglasur haben und ihnen deshalb vom Gefühl her angenehmer sind.

Frage: Aber worüber wir wirklich sprechen, ist das Beseitigen der Lust?
Antwort: Richtig. Aber wenn man "beseitigen" sagt, dann ist das so stark,
so negativ, dass sich die Leute fragen: "Wie kann ich etwas beseitigen?"
Wenn man aber sagt: "Transformieren wir es in etwas anderes", dann
können sie damit etwas anfangen.

Frage: Wurde in der Lehre des Buddha die Sexualität als von Grund auf
negativ angesehen?

Antwort: Der Buddha lehrte, dass solange der Mensch sexuell aktiv ist, er
kein Interesse an der Praxis des spirituellen Lebens hat; die beiden Dinge
passen einfach nicht zueinander. Aber in seiner Lehre über die schrittweise
Erleuchtung sagte er auch, dass das Empfinden von Lust und Sexualität
Genuss beinhaltet. Er verleugnete den Genuss nicht. Genuss ist dabei. Aber,
sehen Sie, dann verändert sich dieses Vergnügen in Missvergnügen, und
allmählich, langsam, sobald sich das anfängliche Feuer der Lust abgenutzt
hat, beginnen die Menschen zu kämpfen.

Denn aus Lust erwächst Furcht; aus Lust erwächst Habgier; aus Lust
erwachsen Eifersucht, Zorn, Hass, Verwirrung und Kampf; all diese
negativen Dinge erwachsen aus der Lust. Und deshalb sind all diese
negativen Dinge in der Lust beinhaltet. Und, wissen Sie, wenn wir das sehen
möchten, dann brauchen wir gar nicht weiter zu schauen als in unsere eigene
Gesellschaft.

Machen Sie nur die Augen auf und sehen Sie sich um. Wie viele Millionen
Menschen kämpfen? Und das ist nur in ihrer Lust und Gier begründet -
Ehemänner mit Ehefrauen; Freunde mit Freundinnen; Freunde mit
Freunden; Freundinnen mit Freundinnen - usw., nicht wahr? Es macht
keinen Unterschied, ob die Menschen heterosexuell, homosexuell oder
bisexuell sind, das ist ganz egal. Solange du darin verstrickt bist, ist es
unvermeidlich, dass du diese Probleme hast - Kampf, Enttäuschung, Zorn,
Hass, Töten - all das ist damit verbunden.

Weil also der Buddha das Problem sah, das der Sexualität innewohnt, sagte
er, dass es besser ist, die Sinne zu disziplinieren und zu kontrollieren, um ein
ruhiges und friedvolles Leben zu haben. Aber das muss schrittweise
erfolgen, langsam, begründet auf Verstehen, nicht unvermittelt. Es kann
nicht erzwungen werden. Es muss allmählich geschehen und mit tiefem
Verständnis. Wenn Menschen es nicht verstehen und versuchen, ganz
unvermittelt damit Schluss zu machen, werden sie nur noch mehr
Frustration, Furcht usw. haben.

Und deshalb sagte er in seiner schrittweisen Lehre, dass es zuerst Genuss


schenkt, sexuell aktiv zu sein, dann aber gibt es Nachteile, dann gibt es
Probleme. Und erst dann, wenn man die Probleme sieht, beginnt man zu
erkennen, dass diese Nachteile und diese Negativität der Sexualität
innewohnen - sie sind davon nicht zu trennen. Die Lust beinhaltet diese
Schwierigkeiten und Probleme.

Frage: Besonders in der heutigen Zeit würde das als ein sehr radikaler
Standpunkt angesehen werden.
Antwort: Oh, sicher. Aber wissen Sie, nur wenn Menschen sich von diesen
Dingen abwenden, nur wenn sie sich von dieser Art von Lehre fernhalten
und räumlich und zeitlich Millionen von Meilen weit weg sind und sich
dann umdrehen und auf die Wurzeln ihres Problems sehen, dann erscheint es
radikal. Sie haben sich so lange abgewandt und in Raum und Zeit so weit
entfernt, dass sie denken, wenn sie zurückschauen: "Um Himmels willen,
wie kann ich das jetzt beseitigen? Ich habe mich so weit darauf eingelassen
und ich bin jetzt darin so verstrickt." Deshalb erscheint es ihnen radikal. Klar
ist es radikal!

Frage: Während Sie sprachen, ertappte ich mich bei dem Gedanken, dass
Sie den Genuss in der Sexualität so kurz besprachen, all ihre Nachteile aber
so ausführlich; viele Leute -

Antwort: Ja, genau! So viel Schmerz wegen ein bisschen Genuss, nicht
wahr?

Frage: Genau.

Antwort: Aber Sie haben recht. Die Menschen möchten nicht daran denken.
Die Menschen möchten immer das hören, was sie gerne hören. Aber das
wollen wir nicht sagen! Ob es den Menschen nun gefällt oder nicht, wir
wollen die Wahrheit sagen. Und wir sollten uns nicht davor fürchten, die
Wahrheit zu sagen. Ob die Welt sie nun akzeptiert oder nicht ... das ist dann
wieder etwas anderes. Was kann man da machen?

Frage: Als wir nach einem Zitat des Buddha suchten, das seine Einstellung
zur Sexualität wiedergibt, stießen wir auf diese Passage aus "Das Leben des
Buddha": "Irregeführter Mann, der du schon so weit weg bist, es wäre besser
für dich, dein Glied würde in den Mund einer abscheulichen giftigen Viper
eindringen als in eine Frau. Es wäre besser für dich, dein Glied würde in
einen Haufen brennender, heißer und glühender Kohlen eindringen als in
eine Frau. Warum ist das so? Im ersten Fall würdest du den Tod oder ein
tödliches Leiden riskieren, aber du würdest nicht, wenn sich der Körper nach
dem Tode auflöst, in einen Zustand von Elend wiedergeboren, in ein
unglückliches Schicksal, in Verdammnis, vielleicht sogar in die Hölle."

Ich glaube, daraus erhält man einen recht deutlichen Eindruck davon, welche
Einstellung der Buddha zur Sexualität hatte. Aber wie Sie wissen, werden im
Westen heute viele Variationen des Buddhismus gelehrt und praktiziert, und
viele Praktizierende im Westen scheinen die Behauptung des Buddha nicht
zu teilen, dass Lust - die er, wie Sie vorhin sagten, als Manifestation der
Begierde sah - per definition transzendiert werden muss, um Erleuchtung zu
erlangen. Noch dazu tendiert das liberale Klima des heutigen Amerika dazu,
Sexualität als etwas sehr Gutes, sehr Gesundes und als einen sehr
natürlichen Ausdruck nicht nur unseres Menschseins, sondern sogar unserer
Spiritualität zu sehen. Was hätte der Buddha Ihrer Meinung nach dazu
gesagt?

Antwort: Bevor ich darauf antworte, möchte ich dieser Übersetzung noch
eine kleine Fußnote anfügen. Sie wissen, dass der Buddha, wenn er vom
Zölibat sprach, nicht nur vom Zölibat für Männer, sondern auch für Frauen
sprach. Wenn er also zum Beispiel sagte, es sei besser, eine glühende
Eisenkugel zu schlucken, als sexuell aktiv zu werden, dann gilt das auch für
Frauen. Das muss klar sein; sonst könnten sich Frauen brüskiert fühlen. Sie
würden sonst vielleicht denken, dass der Buddha Frauen hasste, aus diesem
Grund Männer von Frauen fernhalten wollte und deshalb von Männern
verlangte, enthaltsam zu sein. Wenn aber eine Frau enthaltsam sein möchte,
dann muss sie sich aus demselben Grund von Männern fernhalten. Das ist
der erste Punkt, den ich klarstellen wollte.

Der zweite Punkt ist, dass das Leben innerhalb der Familie mit einem
Ehegatten usw. vom Buddha nicht verurteilt wurde; ein gesundes
Sexualleben innerhalb der Ehe ist Laien gestattet, auch wenn es, wie ich
schon sagte, niemals zu voller Erleuchtung führen kann.

Um Ihre Frage zu beantworten: nicht nur in der Gesellschaft von heute,


sondern genauso zu Buddhas Zeiten gab es Menschen, die glaubten, dass
Sexualität etwas Heiliges, Edles, Geweihtes und Wunderbares ist. Das ist
also nicht nur ein soziales Phänomen des zwanzigsten Jahrhunderts. Die
Mentalität der Menschen hat sich seit unerdenklichen Zeiten nicht geändert,
bis heute nicht, und sie wird sich auch in Zukunft nicht ändern. Es gibt
immer Menschen, die meinen, dass sie mittels Sexualität Befreiung finden
könnten; wir nennen das eine verzerrte Sicht, ein verzerrtes Denken.

Frage: Diese "verzerrte Sicht", wie Sie es nennen, ist zwar zeitlos, scheint
aber derzeit besonders vorzuherrschen. Ich meine damit den immer
populärer werdenden Standpunkt, dass Sexualität an und für sich, wenn man
es bis zum Ende verfolgt, der eigentliche Ausdruck von Erleuchtung ist -
und dass man eigentlich nicht wirklich hoffen kann, das letztendliche Ziel zu
erreichen, wenn man der Sexualität in irgendeiner Weise aus dem Weg geht,
da sie der Weg zur Befreiung ist. Wenn es möglich ist, würde ich Sie bitten,
uns möglichst klar darzustellen, wie der Buddha auf diesen Standpunkt
reagiert hätte.

Antwort: Damit bin ich ziemlich gut vertraut. Er sagte - ich übersetze aus
dem Pali: "Egal, was du tust oder erlangst - du kannst in einer Höhle oder an
einem abgeschiedenen Ort leben, und du magst alle Sutras auswendig
gelernt haben; du magst ein gelehrter Redner sein; du magst auch Moral
üben und so weiter und so fort - egal, was du sonst noch tun magst, solange
du Lust, Hass und Unwissenheit nicht losgeworden bist, wirst du niemals
Erleuchtung erlangen." Das lehrt der Buddha.

Je mehr man also sexuell aktiv ist, desto tiefer geht man in Lust, Verwirrung
und Eifersucht hinein. Wenn ein Mensch, Frau oder Mann, gleichzeitig mit
mehreren Personen sexuellen Verkehr haben will, dann wird er oder sie in
gleicher Weise auf unterschiedlichste Art leiden: aus Eifersucht, Angst,
Spannung, Kummer. Das ist ein sehr ungesundes, sehr ungesundes Leben.
Wenn jemand daran denkt, mit allen möglichen Personen die ganze Zeit auf
verschiedenste Art und Weise sexuellen Verkehr zu haben, dann wird dieser
Mensch als Ergebnis solch ungesunden Verhaltens sehr bald tot sein. Nun
muss man aber auch verstehen, dass in der gleichen Weise eine mäßige,
kluge und gesunde sexuelle Betätigung durchaus vertretbar ist. Aber
Erleuchtung mittels Sexualität zu erlangen heißt nichts anderes als: man
ergeht sich so lange in sexueller Aktivität, bis man stirbt! Und man wird tot
sein, bevor man diese Erleuchtung erlangt hat!

Frage: In welcher Weise kommt das alles im Kontext wirklicher spiritueller


Übung zum Tragen?

Antwort: Ich bin ein Theravada-Buddhist - das wissen Sie, nicht wahr?

Frage: Ja.

Antwort: Nun, manchmal bedaure ich es, diese Dinge sagen zu müssen,
aber von Theravada-Buddhisten wird Tantra nicht als Buddhismus
angesehen. In der buddhistischen Originalliteratur findet man nirgends
"Tantrischen Buddhismus". Tantra ist eine spätere Entwicklung. Im
ursprünglichen Buddhismus gibt es nichts im Sinne eines tantrischen
Buddhismus. Es gab nie so etwas wie tantrischen Buddhismus. Tantra ist
Tantra, Buddhismus ist Buddhismus, und diese beiden Dinge werden nie
zusammenpassen. Aber manche Menschen, die sehr in Sexualität verstrickt
waren und deren Wahrnehmung sehr verzerrt war, wollten die Sexualität
glorifizieren, indem sie Buddhismus dazugaben. Und deshalb kombinierten
sie Tantra mit Buddhismus. Wahrscheinlich werde ich dafür gehasst, dass
ich das sage, aber ich muss es trotzdem sagen.

Frage: Wir haben im Laufe unserer Recherchen festgestellt, dass sich nicht
nur der Begriff der geweihten Sexualität gesteigerter Beliebtheit erfreut,
sondern auch, dass Menschen aus westlichen Kulturen dem Zölibat häufig
mit sehr viel Furcht und Misstrauen gegenüberstehen. Was, glauben Sie,
könnte der Grund dafür sein?

Antwort: Streng enthaltsam zu sein nützt nur dem, der es tut. Man kann
kein Institut für Enthaltsamkeit eröffnen. Enthaltsamkeit kann nicht
institutionalisiert werden. Sie kann nicht organisiert werden. Wir können
keine Gesellschaft von zölibatär lebenden Menschen haben. Es ist eine
absolut persönliche und individuelle Praktik. Wenn Menschen also
Einwände dagegen haben, richten sich die Einwände vielleicht gegen das
Organisieren von Enthaltsamkeit.

Frage: Trotzdem scheint es, als müsste jede monastische Disziplin bis zu
einem gewissen Grad organisiert werden. Tatsächlich waren wir fasziniert,
ja schockiert darüber, als wir beim Lesen in den Patimokkha-Regeln zur
Ausbildung von Mönchen feststellten, dass der Buddha offensichtlich eine
ganze Reihe von Regeln aufstellen musste, die seinen Mönchen untersagten,
sexuellen Kontakt mit - um nur einige Beispiele zu nennen, die Ihnen ganz
sicher vertraut sind - Totenschädeln, Leichen, Tieren … darum geht es da,
zu haben. Unseres Wissens gibt es dieses Verhalten heute nicht mehr -
davon gehe ich aus, obwohl das nicht unbedingt stimmen muss! - daher
fragten wir uns nur: Reagierte der Buddha mit dem Erlassen dieser Regeln
auf Sachen, die die Leute tatsächlich machten? - Sogar seine eigenen
Schüler und Anhänger?
Antwort: Genau. Wenn der Buddha eine Regel einführte, fanden die
Mönche damals bald eine andere Möglichkeit, um dasselbe wieder zu tun.
Sie wollten sich irgendwie sexuell betätigen. Wenn der Buddha also eine
Regel aufstellte, brachen sie diese Regel nicht, aber sie fanden einen anderen
Weg für die sexuelle Aktivität. Und dann musste Buddha eine weitere Regel
aufstellen, um ihnen Einhalt zu gebieten. Es ist wie bei der Polizei und den
Verbrechern - wo es ein Gesetz gibt, werden Verbrecher einen Weg finden,
es zu umgehen und das Verbrechen zu begehen, und dann brauchen wir ein
neues Gesetz. Das geschah auch zu Buddhas Zeiten. Als immer mehr
Menschen in den Orden kamen, begannen sie alles mögliche zu tun, und für
alle diese Dinge musste er Regeln aufstellen. Deshalb existieren diese
Regeln. Er griff mit diesen Regeln nicht der Zukunft vor.

Frage: Und jetzt sind wir hier in der Zukunft, und da Sie sich aufgemacht
haben, um die monastische Tradition des Buddha in den Westen zu bringen,
frage ich mich, wie Sie die Menschen aus dem Westen erleben, die um Ihrer
Lehre willen kommen. Wie verhalten sich moderne westliche Menschen
einem monastischen Leben gegenüber? Haben sie Ihrer Meinung nach mehr
Probleme damit als zum Beispiel Menschen aus Ihrer eigenen oder einer
anderen Kultur?

Antwort: Das ist eine gute Frage, wissen Sie. Wir durchleuchten die Leute
gründlich, bevor wir sie für das klösterliche Leben akzeptieren. Wir stellen
sie zwei Jahre lang auf eine Art Probe, um festzustellen, ob sie wirklich
aufrichtig und ernsthaft daran interessiert sind, sich darauf einzulassen. Denn
manchmal kommen Leute nur so zum Spaß, und weil es bei uns sehr ruhig,
friedlich usw. ist, glauben sie, dass es ihnen hier vielleicht gefallen könnte
und sie Mönche werden möchten. Aber später ändern sie dann ihre Meinung.

Und deshalb möchten wir auch nicht leichtfertig damit umgehen; wir wollen
wissen, ob sie wirklich aufrichtig und ernsthaft sind. Wenn sie ernsthaft
sind, dann nehmen wir sie auf. Aber das sind nur wenige. Viele kommen,
viele schreiben uns - und heutzutage schicken sie uns sogar E-mails! - und
bitten uns darum, ihnen zu gestatten, Mönche zu werden und hier im Kloster
zu leben. Aber wir akzeptieren sie nicht alle, denn wir wissen, dass sie später
das Interesse verlieren werden.

Es gibt aber auch ein paar aufrichtige Menschen, die tatsächlich Mönch oder
Nonne werden wollen. Und das ist kein neues Phänomen. Auch früher
gingen von Millionen von Menschen nur einige wenige in die Klöster. Auch
heute gehen in buddhistischen Ländern nicht alle ins Kloster. In einigen
Ländern wie Thailand, Burma, Laos, Kambodscha usw. gibt es in der
Tradition einen Brauch: man geht für kurze Zeit ins Kloster. Aber von
denen, die für kurze Zeit ins Kloster gehen, legen die meisten die Robe
wieder ab und gehen wieder. Nur eine Handvoll Leute bleibt wirklich. In
den westlichen Ländern, wo es diese Traditionen nicht gibt, sind es noch
weniger, die ins Kloster kommen. Und von ihnen werden noch weniger beim
Klosterleben bleiben. Aber das ist mehr oder weniger überall auf der Welt
dasselbe und war zu allen Zeiten so.

Wissen Sie, im Westen können immer weniger Menschen den Druck


ertragen, den die Gesellschaft auf sie ausübt, sie sind müde - wirklich und
wahrhaftig müde -, und deshalb wollen sie weg. Aber nur sehr wenige von
ihnen werden bleiben, und die meisten werden wieder in die Gesellschaft
zurückgehen. Aber das wussten wir, als wir unser Center errichteten, denn
das ist schon immer und überall so gewesen.

Frage: Wenn es möglich ist, würde ich gern etwas mehr über Ihr eigenes
Leben als Mönch erfahren. Welchen Einfluss hatte zum Beispiel das Zölibat
auf Ihre spirituelle Entwicklung?

Antwort: Mein Freund, es schenkt mir enormen Frieden. Und ich sage das
ganz ehrlich, wissen Sie. Denn ich kann mit allen Menschen ohne jedes
Problem zusammenleben. Nicht eine spezielle Frau oder ein spezielles
Mädchen, ein spezieller Junge oder ein spezieller Mann, denn mein Zölibat
hilft mir, alle anderen Menschen auf gleiche Weise zu akzeptieren. Und es
verhilft meinem Geist zu Frieden. Und ich glaube, so wünschte es der
Buddha für uns - eine freundliche, friedliche Beziehung zu allen Lebewesen.
Deshalb hat es eine so positive Wirkung auf mein Leben.

Frage: Soweit ich verstanden habe, wurden Sie Mönch im Alter von -

Antwort: Zwölf. Und jetzt bin ich siebzig. Seit achtundfünfzig Jahren trage
ich diese Robe!

Frage: Wenn Sie Menschen einen Rat geben sollten, die daran denken, das
Enthaltsamkeitsgelübde abzulegen, was würden Sie sagen?

Antwort: Ich würde sagen: "Wenn ihr ehrlich, aufrichtig und ernsthaft
wünscht, ein friedvolles Leben zu haben, ein achtsames Leben, ein Leben
ohne Probleme, ein Leben, das im Zeichen des unterschiedslosen Dienens
für andere steht, dann ist ein zölibatäres Leben ein sehr gutes Leben, denn
wenn man im Zölibat lebt, kann man wirklich wahre Liebe und Güte
praktizieren, wahres Mitgefühl. Man kann alles schätzen, was einem
begegnet. Der Geist kann gelassen und unvoreingenommen sein. Wenn man
aber durch den einen oder anderen Menschen gebunden ist, ist all das nicht
möglich. Daher, wenn ihr ernsthaft und aufrichtig diese Dinge praktizieren
möchtet, dann ist das Zölibat ernstlich in Betracht zu ziehen."

Aber es darf nie so sein, dass es aus gutem Glauben akzeptiert wird oder
weil es von jemandem auferlegt wird. Man muss es wirklich verstehen und
sehr gründlich über das Zölibat nachdenken, bevor man sich darauf einläßt.

Frage: Man muss offenen Auges hineingehen.

Antwort: Genau.

Frage: Und muss der Mensch auch eventuell mit vielfachen


Herausforderungen rechnen?

Antwort: Sicher, sicher. Wenn man Enthaltsamkeit übt, begegnet man


immer Herausforderungen. Es gibt so viele Menschen, die mit dir
zusammensein wollen, so viele, die sich dir nähern und dein Zölibat brechen
möchten. Denn die anderen wissen, dass du nicht korrupt bist. Du fällst nicht
auf jeden Trick herein, du läßt dich nicht auf falsche Dinge ein, bekommst
keine Krankheiten usw. Die Menschen verstehen, dass du ein sehr
anständiger Mensch bist, ein ordentlicher Mensch. Und manche Menschen
sind gerne mit einer sehr anständigen Person zusammen, und das ist eine
Herausforderung. Dem muss man sich stellen.

Frage: Sie sagten, Sie praktizieren seit achtundfünfzig Jahren


Enthaltsamkeit. Wie hat sich ihre Erfahrung hinsichtlich dieser Entscheidung
im Laufe der Zeit verändert oder vertieft?

Antwort: Wissen Sie, zuerst war es sehr schwierig, sehr schwierig,


besonders als ich jung war, als Teenager und bis in meine späten Zwanziger.
Es war wirklich eine Herausforderung. Aber durch die Ausbildung, die ich
erhielt, entwickelte ich ein gewisses Verantwortungsbewusstsein für meine
Pflichten, meine Arbeit, meine Verpflichtung gegenüber dem Dharma
(Gesetz), und hatte überdies Respekt für meine Lehrer und Eltern. Lehrer
und Eltern, wir lieben sie sehr, und wir wollen nicht ungehorsam oder
respektlos zu ihnen sein. So ging das jahrelang, bis ich wirklich vollständig
zur Reife gelangt war. Und dann begann ich, die wahre Bedeutung des
Zölibats aus mir selbst heraus zu verstehen.

Ein Interview mit Bhante Henepola Gunaratana von Simeon Alev.

Quelle: Was der Buddha lehrte

Weitere Informationen: pelikanon.com

Top

Was sagte Jesus bzw. die Bibel zur Enthaltsamkeit? Top

Mir geht es darum, aufzuzeigen, dass sich die Einstellung Buddhas nicht von
Jesus unterscheidet, dass also Jesus genau so enthaltsam lebte wie Buddha,
und das die östliche und westliche Philosophie, die buddhistische und
christliche, sich in Bezug auf die Enthaltsamkeit nicht unterscheiden.

Von Buddha ist bekannt, dass er enthaltsam lebte (siehe: oben). Ich wollte
herausfinden, ob Jesus ebenfalls enthaltsam lebte. Wie ich vermutete, hat er
offensichtlich ebenfalls enthaltsam gelebt. Jedenfalls fand ich folgendes:

Matthäus 19,12 : 12Denn einige sind von Geburt an zur Ehe unfähig; andere
sind von Menschen zur Ehe unfähig gemacht; und wieder andere haben sich
selbst zur Ehe unfähig gemacht um des Himmelreichs willen. Wer es fassen
kann, der fasse es!

Eine zweite Version lautet:


Mathäus 19, Vers 12 : "Es gibt Eunuchen, die vom Mutterleib an so
geworden sind. Und es gibt Eunuchen, die von Menschen dazu gemacht
wurden. Und es gibt Eunuchen, die sich selbst dazu gemacht haben wegen
der Gottesherrschaft."

Matthäus 22,30 : 30"Denn in der Auferstehung werden sie weder heiraten


noch sich heiraten lassen, sondern sie sind wie Engel im Himmel." (siehe
auch Papst Paul II.)

Ermahnung und Warnungen

Im Brief an die Galater erwähnt der Apostel Paulus die Unzucht, die
Unlauterkeit, die Ausschweifung und andere Laster als „Werke des
Fleisches“ und weist darauf hin, daß jene, die solches tun, das Reich Gottes
nicht erlangen werden.

Gal. 5, 13-26: 13-15Denn ihr seid zur Freiheit berufen worden, Brüder; allein
gebraucht nicht die Freiheit zu einem Anlaß für das Fleisch, sondern durch
die Liebe dient einander. Denn das ganze Gesetz ist in einem Worte erfüllt,
in dem: "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst". Wenn ihr aber
einander beißt und freßt, so seht zu, dass ihr nicht voneinander verzehrt
werdet.
16-26
Ich sage aber: Wandelt im Geiste, und ihr werdet die Lust des Fleisches
nicht vollbringen. Denn das Fleisch gelüstet wider den Geist, der Geist aber
wider das Fleisch; diese aber sind einander entgegengesetzt, auf dass ihr
nicht das tut, was ihr wollt. Wenn ihr aber durch den Geist geleitet werdet,
so seid ihr nicht unter (gegen das) Gesetz. Offenbar aber sind die Werke des
Fleisches, welche sind: Hurerei, Unreinigkeit, Ausschweifung, Götzendienst,
Zauberei, Feindschaft, Hader, Eifersucht, Zorn, Zank, Zwietracht, Sekten,
Neid, Totschlag, Trunkenheit, Gelage und dergleichen, von denen ich euch
vorhersage, gleichwie ich auch vorhergesagt habe, dass, die solches tun, das
Reich GOTTES nicht ererben werden. Die Frucht des Geistes aber ist:
Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Gütigkeit, Treue, Sanftmut,
Enthaltsamkeit; wider solche gibt es kein Gesetz. Die aber des CHRISTUS
sind, haben das Fleisch gekreuzigt samt den Leidenschaften und Lüsten.
Wenn wir durch den Geist leben, so laßt uns auch durch den Geist wandeln.
Laßt uns nicht eitler Ehre geizig sein, indem wir einander herausfordern,
einander beneiden.

Dieselbe Lehre wiederholt Paulus auch gegenüber den Ephesern:

Epheser 5,1-14: So seid nun Gottes Nachfolger... und wandelt in der Liebe,
gleichwie Christus uns hat geliebt... Hurerei aber und alle Unreinigkeit oder
Geiz lasset nicht von euch gesagt werden, wie den Heiligen zusteht... Denn
das sollt ihr wissen, daß kein Hurer oder Unreiner oder Geiziger, welcher ist
ein Götzendiener, Erbe hat in dem Reich Christi und Gottes. Lasset euch
niemand verführen mit vergeblichen Worten; denn um dieser Dinge willen
kommt der Zorn Gottes über die Kinder des Unglaubens. Darum seid nicht
ihr Mitgenossen. Denn ihr waret weiland Finsternis; nun aber seid ihr ein
Licht in dem Herrn. Wandelt wie die Kinder des Lichts, die Frucht des
Geistes ist allerlei Gütigkeit und Gerechtigkeit und Wahrheit, und prüfet,
was da sei wohlgefällig dem Herrn. Und habt nicht Gemeinschaft mit den
unfruchtbaren Werken der Finsternis, strafet sie aber vielmehr. Denn was
heimlich von ihnen geschieht, das ist auch zu sagen schändlich... Darum
heißt es: "Wache auf, der du schläfst, und stehe auf von den Toten, so wird
dich Christus erleuchten."

Im ersten Brief an die Korinther weist der heilige Paulus darauf hin, daß
„der Leib nicht für die Unzucht da ist, sondern für den Herrn und der Herr
für den Leib:

1 Kor 6, 12-20: „Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles nützt mir. Alles ist mir
erlaubt, aber nichts soll Macht haben über mich. Die Speisen sind für den
Bauch da und der Bauch für die Speisen. Gott wird beide vernichten. Der
Leib ist aber nicht für die Unzucht da, sondern für den Herrn, und der Herr
für den Leib. Gott hat den Herrn auferweckt; er wird durch seine Macht auch
uns auferwecken. Wisst ihr nicht, dass eure Leiber Glieder Christi sind? Darf
ich nun die Glieder Christi nehmen und zu Gliedern einer Dirne machen?
Auf keinen Fall! Oder wisst ihr nicht: Wer sich an eine Dirne bindet, ist ein
Leib mit ihr? Denn es heißt: Die zwei werden ein Fleisch sein. Wer sich
dagegen an den Herrn bindet, ist ein Geist mit ihm. Wer sich dagegen an den
Herrn bindet, ist ein Geist mit ihm. Hütet euch vor der Unzucht! Jede andere
Sünde, die der Mensch tut, bleibt außerhalb des Leibes. Wer aber Unzucht
treibt, versündigt sich gegen den eigenen Leib. Oder wisst ihr nicht, dass
euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch wohnt und den ihr
von Gott habt? Ihr gehört nicht euch selbst; denn um einen teuren Preis seid
ihr erkauft worden. Verherrlicht also Gott in eurem Leib!“

Im Brief an die Kolosser kehrt Paulus zum selben Thema zurück:

Kolosser 3, 5: „So tötet nun eure Glieder, die auf Erden sind, Hurerei,
Unreinigkeit, schändliche Brunst, böse Lust und den Geiz, welcher ist
Abgötterei.“

In seinem ersten Brief an die Thessalonicher um 50 n.Chr. sprach sich


Paulus gegen die Unzucht aus und mahnte die Christen zur Heiligung ihres
Leibes:

1 Thessalonicher 4,3-8: „Denn das ist der Wille Gottes, eure Heiligung, und
daß ihr meidet die Hurerei. Und ein jeglicher unter euch wisse sein Gefäß zu
behalten in Heiligung und Ehren und nicht in der Brunst der Lust wie die
Heiden, die von Gott nichts wissen... Denn Gott hat uns nicht berufen zur
Unreinigkeit, sondern zur Heiligung... Wer nun verachtet (Gottes Wille), der
verachtet nicht Menschen, sondern Gott, der seinen heiligen Geist gegeben
hat in euch.“

Römer 14,4-5 : 4Diese sind's, die sich mit Frauen nicht befleckt haben, denn
sie sind jungfräulich; die folgen dem Lamm nach, wohin es geht. Diese sind
erkauft aus den Menschen als Erstlinge für Gott und das Lamm, 5und in
ihrem Mund wurde kein Falsch gefunden; sie sind untadelig.
1.Korinther 7,1 : 1Was aber das betrifft, wovon ihr mir geschrieben habt, so
ist es gut für einen Menschen, kein Weib zu berühren.

1.Korinther 7,7-9 : 7Ich wollte zwar lieber, alle Menschen wären, wie ich
bin, aber jeder hat seine eigene Gabe von Gott, der eine so, der andere so.
8
Den Ledigen und Witwen sage ich: Es ist gut für sie, wenn sie bleiben wie
ich. 9Wenn sie sich aber nicht enthalten können, sollen sie heiraten; denn es
ist besser, zu heiraten als sich in Begierde zu verzehren.

eine andere Version lautet:

Paulus schreibt in 1 Kor 7, 1-7:


1
Wovon ihr aber geschrieben habt, darauf antworte ich: Es ist gut für den
Mann, keine Frau zu berühren.
7
Ich wollte zwar lieber, alle Menschen wären, wie ich bin, aber jeder hat
seine eigene Gabe von Gott, der eine so, der andere so.

1.Korinther 7,25-38 :
26
So meine ich nun, es sei gut um der kommenden Not willen, es sei gut für
den Menschen, ledig zu sein.
36
Wenn aber jemand meint, er handle unrecht an seiner Jungfrau, wenn sie
erwachsen ist, und es kann nicht anders sein, so tue er, was er will; er
sündigt nicht, sie sollen heiraten.
37
Wenn einer aber in seinem Herzen fest ist, weil er nicht unter Zwang ist
und seinen freien Willen hat, und beschließt in seinem Herzen, seine
Jungfrau unberührt zu lassen, so tut er gut daran.
38
Also, wer seine Jungfrau heiratet, der handelt gut; wer sie aber nicht
heiratet, der handelt besser.

1 Korinther 7,29 : "Die da Weiber haben, daß sie seien, als hätten sie keine."

Wenn wir verheiratet sind, können wir es nicht vermeiden, in den Anliegen
der Welt verwickelt zu sein; es wird immer schwierig sein, sich rein von
weltlichen Dingen zu halten. Und dies ist der Grund, warum Jesus uns sagt,
andere haben auf Heirat verzichtet, wegen des Himmelreiches. Die Führung
die uns die Bibel also gibt, ist unverheiratet zu bleiben und so zu leben, als
ob wir keine Frau hätten.

Kolosser 3,1-2 : "Trachtet nach dem, was droben ist, nicht nach dem, was
auf Erden ist."

Lukas 20,34-36 : "Die Kinder dieser Welt freien und lassen sich freien;
welche aber würdig sein werden, jene Welt zu erlangen und die
Auferstehung von den Toten, die werden weder freien noch sich freien
lassen. Denn sie können hinfort nicht sterben; denn sie sind den Engeln
gleich und Gottes Kinder, dieweil sie Kinder sind der Auferstehung."

Matthäus 24,38 : "Denn gleichwie sie waren in den Tagen vor der Sintflut,
sie aßen, sie tranken, sie freiten und ließen sich freien, bis an den Tag, da
Noah zu der Arche einging".

Lukas 17,26-27 : "Und wie es geschah zu den Zeiten Noahs, so wird's auch
geschehen in den Tagen des Menschensohnes: sie aßen, sie tranken, sie
freiten, sie ließen freien bis auf den Tag, da Noah in die Arche ging und die
Sintflut kam und brachte sie alle um".

Hier beschreibt Jesus ein typisches weltliches Leben, ein Leben von Leuten
deren Sinn und Streben auf die Dinge hier drunten ausgerichtet sind. Ihre
Herzen sind bei den Dingen dieser Erde, bei weltlichen Dingen. Und freien
und sich freien lassen ist so sehr Teil dieser Art des Lebens.

Und Leute, die dieses Leben führen, werden das wirkliche Leben
versäumen. Im entscheidenden Augenblick wird das Verderben sie
überfallen. Sie werden das große Abendmahl verpassen. Wenn die
Einladung kommt, werden sie zu sehr mit ihren weltlichen Dingen
beschäftigt sein und sie werden Ausreden haben und sagen, "Ich habe ein
Weib genommen, darum kann ich nicht kommen" (Lukas 14,20). Das
beschäftigt sein mit dem Denken über Liebesabenteuer, mit der leiblichen
Anziehungskraft andere Menschen, mit dem Wunsch nach Freundschaft zum
anderen Geschlecht, mit Freien und mit dem Lesen und Sehen von
Liebesgeschichten, wird uns davon abhalten, die Dinge die droben sind zu
suchen. Diese Tätigkeiten werden uns daran hindern, Jesus zu folgen.

Offenbarungen des Johannes 14,3-5 : "3Und sie sangen ein neues Lied vor
dem Thron und vor den vier Gestalten und den Ältesten; und niemand
konnte das Lied lernen außer den Hundertvierundvierzigtausend, die erkauft
sind von der Erde. 4Diese sind's, die sich mit Frauen nicht befleckt haben,
denn sie sind jungfräulich; die folgen dem Lamm nach, wohin es geht. Diese
sind erkauft aus den Menschen als Erstlinge für Gott und das Lamm, 5und in
ihrem Mund wurde kein Falsch gefunden; sie sind untadelig."

Wenn wir wirklich des Lammes Namen und den Namen seines Vaters
geschrieben an unserer Stirn haben wollen (Offenbarung 14,1), dann müssen
wir uns auf das Reich Gottes konzentrieren. Wenn wir wirklich unseren Sinn
und Verstand und unser Denken, das sich in unserer Stirn befindet, auf
geistige Dinge ausrichten wollen, dann müssen wir schon Abstand nehmen
von weltlichen Beschäftigungen und Interessen. Unser Denken muß in eine
Richtung gehen und sollte nicht gespalten sein.

1 Johannes 2,15-17: "Liebt nicht die Welt und was in der Welt ist! Wer die
Welt liebt, hat die Liebe zum Vater nicht. Denn alles, was in der Welt ist, die
Begierde des Fleisches, die Begierde der Augen und das Prahlen mit dem
Besitz, ist nicht vom Vater, sondern von der Welt. Die Welt und ihre
Begierde vergeht; wer aber den Willen Gottes tut, bleibt in Ewigkeit"
Im Brief des Paulus an die Römer (Kapitel 8) - Das Leben im Geist - steht:
6
Aber fleischlich gesinnt sein ist der Tod, und geistlich gesinnt sein ist
Leben und Friede. 7Denn fleischlich gesinnt sein ist Feindschaft gegen Gott.
8
Die aber fleischlich sind, können Gott nicht gefallen. 9Ihr aber seid nicht
fleischlich, sondern geistlich, wenn denn Gottes Geist in euch wohnt.
12
So sind wir nun, liebe Brüder, nicht dem Fleisch schuldig, dass wir nach
dem Fleisch leben. 13Denn wenn ihr nach dem Fleisch lebt, so werdet ihr
sterben müssen; wenn ihr aber durch den Geist die Taten des Fleisches tötet,
so werdet ihr leben.

Das Fleischliche bezieht sich, meiner Ansicht nach, auf die Sinne, wenn man
so will auf Essen, Trinken, Süßigkeiten, Sexualität, Musik, Gerüche, visuelle
Genüsse, mit anderen Worten, auf alle sinnlichen Verhaftungen. Und es sagt
in meinen Augen nichts anderes aus, als das was Buddha sagt, wenn er
meint, man soll sich von allen Verhaftungen lösen.

Die Bibelstelle sagt allerdings auch aus, dass man sein Leben im Geiste
Christi, also geistlich gestalten sollte. Ist jemand allerdings Atheist, so würde
ich diese Aussage so formulieren, dass er sein Leben nach ethischen und
humanen Grundsätzen leben sollte.

Römer 13,13–14: Lasset uns ehrbar wandeln wie am Tag. Nicht in Fressen
und Saufen, nicht in Wollust und Unzucht, nicht in Hader und Neid, sondern
ziehet den Herrn Jesus Christus an und pflegt das Fleisch nicht zur Erregung
eurer Lüste.

Eine zweite Version lautet

Römer 13,13-14: Lasset uns ehrbar wandeln als am Tage, nicht in Fressen
und Saufen, nicht in Kammern und Unzucht, nicht in Hader und Neid;
sondern ziehet an den Herrn Jesus Christus und wartet des Leibes, doch also,
daß er nicht geil werde.

Lukas 14 (Nur, wer seine Familie hasst, kann Jünger Jesu sein):
25
Es ging aber eine große Volksmenge mit ihm; und er wandte sich um und
sprach zu ihnen:
26
Wenn jemand zu mir kommt und hasst nicht seinen Vater und seine Mutter
und seine Frau und seine Kinder und seine Brüder und Schwestern, dazu
aber auch sein eigenes Leben, so kann er nicht mein Jünger sein;
28
Denn wer ist unter euch, der einen Turm bauen will und setzt sich nicht
zuvor hin und überschlägt die Kosten, ob er genug habe, um es auszuführen,
29
damit nicht, wenn er den Grund gelegt hat und kann's nicht ausführen, alle,
die es sehen, anfangen, über ihn zu spotten,
33
So auch jeder unter euch, der sich nicht lossagt von allem, was er hat, der
kann nicht mein Jünger sein.

Lk 18,28-30 Aus dem Hinweis des Apostels Petrus kann man herauslesen,
dass die Jünger um Jesu Willen alles verlassen haben, auch Frau und Kinder:
28
Da sprach Petrus: Siehe, wir haben, was wir hatten, verlassen und sind dir
nachgefolgt. 29Er aber sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Es ist
niemand, der Haus oder Frau oder Brüder oder Eltern oder Kinder verlässt
um des Reiches Gottes willen, 30der es nicht vielfach wieder empfange in
dieser Zeit und in der zukünftigen Welt das ewige Leben.

Hebräer 13,4: Die Ehe soll in Ehren gehalten werden bei allen und das
Ehebett unbefleckt; denn die Unzüchtigen und die Ehebrecher wird Gott
richten.

1. Timotheus 5,6: "Welche aber in Wollüsten lebt, die ist lebendig tot."

Römer 13, 11-14: "Und weil wir solches wissen, nämlich die Zeit, daß die
Stunde da ist, aufzustehen vom Schlaf. So lasset uns ablegen die Werke der
Finsternis und anlegen die Waffen des Lichtes. Lasset uns ehrbar wandeln
als am Tage, nicht in Fressen und Saufen, nicht in Kammern und Unzucht,
nicht in Hader und Neid; sondern ziehet an den Herrn Jesus Christus und
wartet des Leibes, doch also, daß er nicht geil werde."

1. Joh 2,15-17: "Liebt nicht die Welt und was in der Welt ist! Wer die Welt
liebt, hat die Liebe zum Vater nicht. Denn alles, was in der Welt ist, die
Begierde des Fleisches, die Begierde der Augen und das Prahlen mit dem
Besitz, ist nicht vom Vater, sondern von der Welt. Die Welt und ihre
Begierde vergeht; wer aber den Willen Gottes tut, bleibt in Ewigkeit."

Gal 6,8 : "Wer auf sein Fleisch sät, der wird von dem Fleisch das Verderben
ernten; wer aber auf den Geist sät, der wird von dem Geist das ewige Leben
ernten."

1. Korinther 9,11: So wir euch das Geistliche säen, ist's ein großes Ding,
wenn wir euer Leibliches ernten? (Der heilige Hieronymus sagte über die
heilige Paula: "Sie säte im Fleische, um im Geiste zu ernten.")

2 Petrus 2,9-19 : Der Herr weiß die Gottseligen aus der Versuchung zu
erlösen, die Ungerechten aber zu behalten zum Tage des Gerichts, sie zu
peinigen, allermeist aber die, so da wandeln nach dem Fleisch in der
unreinen Lust... Sie achten für Wollust das zeitliche Wohlleben, sie sind
Schandflecken und Laster..., haben Augen voll Ehebruchs, lassen sich die
Sünde nicht wehren... Sie haben verlassen den richtigen Weg und gehen
irre... Das sind Brunnen ohne Wasser, und Wolken, vom Windwirbel,
umgetrieben, welchen behalten ist eine dunkle Finsternis in Ewigkeit. Denn
sie reden stolze Worte, dahinter nichts ist, und reizen durch Unzucht zur
fleischlichen Lust... und verheißen Freiheit, ob sie wohl selbst Knechte des
Verderbens sind.

Jakobus 1,13-15 : Niemand sage, wenn er versucht wird, daß er von Gott
versucht werde. Denn Gott kann nicht versucht werden zum Bösen, und er
selbst versucht niemand. Sondern ein jeglicher wird versucht, wenn er von
seiner eigenen Lust gereizt und gelockt wird. Darnach, wenn die Lust
empfangen hat, gebiert sie die Sünde; die Sünde aber, wenn sie vollendet ist,
gebiert sie den Tod.

Die Glücklichen des Himmels

Dass der priesterliche Zölibat auch heute für alle Christen eine Bedeutung
haben könnte, zeigt die Antwort Jesu auf die Frage, wie es mit der Heirat im
himmlischen Jenseits steht. Jesus antwortet darauf: "Nach der Auferstehung
werden die Menschen nicht mehr heiraten, sondern sein wie die Engel im
Himmel" (Mt 22,30; Mk 12,25; Lk 20,35f).

Damit deutet Jesus an, dass Heiraten etwas Irdisches und damit auch
Vergängliches ist. Im Leben der Auferstehung wird unter den Menschen
eine neue Gemeinschaft von Brüdern und Schwestern entstehen. Es wird
nicht mehr geheiratet. Diese neue Gemeinschaft von Brüdern und
Schwestern, auf die wir alle zugehen, nehmen diejenigen Menschen voraus,
die schon in diesem Leben nach dem Rat Jesu die "Ehelosigkeit um des
Himmels willen" (Mt 19,12) leben.

Das Wort "Zölibat" soll etymologisch vom lateinischen Ausdruck "Coeli


beati" stammen, was auf deutsch "die Glücklichen des Himmels" bedeutet.
Die Menschen, die den Zölibat leben, können ungeteilt für Gott und alle
Menschen da sein. Das ist ein großer Wert, der jetzt schon von vielen
Priestern und Ordensleuten gelebt wird. Es scheint, dass er heute zu wenig
geschätzt wird. Auch denken viele Christen – stark mit dem Diesseits
beschäftigt – nicht daran, dass wir alle auf eine Zukunft zugehen, in der die
Menschen nicht heiraten und dennoch in einer großen liebenden
Gemeinschaft miteinander verbunden sind. Alle, welche um des
Himmelreiches ehelos leben, deuten jetzt schon auf diese Zukunft hin und
haben bereits begonnen, sie zu leben. Der Zölibat hat eine große Bedeutung
für die Zukunft.

Martin Gächter, Weihbischof

Pflichtzölibat

Folgenden Stellen deuten sogar auf das Pflichtzölibat hin: 1 Tim 3, 12 und
Tit 1, 6 : «Deshalb soll ein Bischof ein Mann ohne Tadel sein, nur einmal
verheiratet...» - «Ein Ältester soll unbescholten und nur einmal verheiratet
sein...» Was hier zunächst eher danach aussieht, als würde das Pflichtzölibat
widerlegt, ist tatsächlich die erste, frühe Praxis des Zölibats: In den
Anfängen, in denen die Christen meist Bekehrungen im Erwachsenenalter
hinter sich haben, gibt es kaum Unverheiratete, die zu den Ämtern
zugelassen werden können. Die Priester und Bischöfe werden daher aus den
Verheirateten genommen, mit der Auflage, nach der Weihe nicht noch
einmal zu heiraten: Der Bischof sei nur Mann einer Frau. Damit war die
Weihe eines in zweiter Ehe Lebenden, das Eingehen einer zweiter Ehe nach
erfolgter Weihe und auch das Eingehen einer Ehe durch solche, die als
Ehelose geweiht worden waren, verboten.

Starb also die Ehefrau des Bischofs oder des Ältesten so durfte er keine neue
Ehe eingehen und war zum Zölibat verflichtet. Zölibat
Jesus und die Essener

Heute ist es unter Wissenschaftlern auf dem Gebiet der Theologie eine
allgemein akzeptierte Tatsache, dass Jesus Christus der Gemeinschaft der
Nazarener angehörte, welche ein Zweig der Essener Glaubensgemeinschaft
war (aus diesem Grunde müsste sein Beiname "Jesus von Nazareth"
korrigiert werden zur wohl richtigeren Bezeichnung "Jesus der Nazarener",
da zudem keinerlei Hinweise gefunden werden können, dass ein Dorf
namens Nazareth in Jesus' Tagen existierte).

1974 wurden in den Höhlen der Quaratania-Bergen über dem Toten Meer
Pergamenthandschriften und Papyrusrollen entdeckt, welche nachweisliche
Überreste einer großen Schriftensammlung dieser religiösen Gemeinschaft
der Essener sind. Obwohl die Schriften bis heute noch nicht vollständig
übersetzt und ausgewertet worden sind, kann man eine große Ähnlichkeit
zwischen der Lehre der Essener und der Lehre Jesu finden. Besonders
interessant ist, dass sich die meisten der Jesus Christus in der Bergpredigt
zugeschriebenen Seligpreisungen schon in diesen Schriftrollen vom Toten
Meer finden, welche teilweise schon mehrere Generationen vor Jesus Leben
verfasst worden sind! Hier stellt sich die Frage nach dem Ursprung dieser
Lehren. Lassen sie sich noch weiter zurückführen als bis zur
Glaubensgemeinschaft der Essener?

Bereits um etwa 150 vor Christus breitete sich die jüdischen Essener (die
Frommen), eine aramäische religiöse Gruppierung innerhalb des Judentums,
in Damaskus (Syrien) aus. Sie bildeten bis 70 n. Chr. neben den Pharisäern
und den Sadduzäern eine dritte bedeutende jüdische Gruppierung. Sie lebten
meist ehelos in Klostergemeinschaften zusammen und mussten sich vielen
Reinheitsvorschriften unterziehen. Die Essener können als Vorläufer
späterer Mönchsorden angesehen werden, die es aber im jüdischen
Selbstverständnis damals noch nicht gab.

Nach den antiken Quellen lebten sie getrennt vom offiziellen


Tempeljudentum in klösterlicher Einsamkeit. Sie forderten asketische
Ordensgemeinschaft mit Gütergemeinschaft. Voll Eifer in einem Leben des
Gebetes, der Enthaltsamkeit und der Arbeit erwarteten die Essener die nahe
Ankunft des Messias.

Essener
yoga-vidya journal

Top

Brahmacharya Sadhana Top

Brahmacharya ist Reinheit in Gedanke, Wort und Tat. Brahmacharya umfaßt


nicht nur die Beherrschung des Geschlechts- oder Fortpflanzungsanlagen
sondern auch anderer Anlagen. Das ist die Definition von Brahmacharya im
weiteren Sinne. Brahmacharya ist von zweierlei Art, nämlich physisch und
geistig. Physisch ist die Kontrolle des Körpers und geistig ist die Kontrolle
schlechter Gedanken. In geistigem Brahmacharya gelangt nicht einmal ein
einziger wollüstiger Gedanke je in den Geist. Freisein von allen sexuellen
Gedanken im Wach- wie im Traumzustand ist strenges Brahmacharya.

Die Lebensenergie, Virya (sexuelle Energie), die das Leben erhält, ist ein
großer Schatz. Sie ist die Essenz des Blutes. Brahmacharya ist wirklich ein
wertvolles Juwel. Sie ist die wirkungsvollste Medizin, der Nektar, der
Krankheiten, Verfall und Tod zerstört. Die unsterbliche Seele, ist in
Wahrheit die Natur von Brahmacharya. Sie wohnt in Brahmacharya.

Die sexuelle Energie ist die Essenz von Leben, Gedanken, Intelligenz und
Bewusstsein. Wenn die sexuelle Energie einmal verloren ist, kann es nie im
Leben wieder zurückgebracht werden, auch nicht durch das Einnehmen einer
noch so großen Menge von Badam, Nerventonika, Milch, Sahne,
Makaradhwaja, usw. Wenn diese Flüssigkeit sorgsam bewahrt wird, dient
sie als Hauptschlüssel, um die Tore zu elysischer Wonne, zum Reich Gottes
und für jegliche Art von höherer Errungenschaften im Leben zu öffnen. Nur
durch Brahmacharya allein haben die Rishis (Weisen) früherer Zeiten den
unsterblichen Ort von Freude und Wonne erlangt.

Ohne Brahmacharya gibt es keine Gesundheit und kein spirituelles Leben.


Brahmacharya ist der Grundgedanke zum Erfolg in jedem Lebensbereich.
Brahmacharya dient als Zugang zu jenseitiger Wonne. Es öffnet das Tor zu
Moksha (Befreiung). Siddhis und Riddhis (übersinnliche Kräfte) liegen dem
Brahmachari zu Füßen. Wer kann die Majestät und Herrlichkeit eines
Brahmachari beschreiben? Brahmacharya, makellose Keuschheit, ist die
beste Bußübung. Es gibt nichts auf der Welt, das ein enthaltsamer Mensch
nicht erreichen könnte. Er kann die ganze Welt bewegen.

Sinnlichkeit zerstört Leben, Glanz, Kraft, Vitalität, Gedächtnis, Wohlstand,


Ruf, Heiligkeit und Hingabe an das Höchste. Der Tod wird beschleunigt,
wenn die Lebensenergie aus dem Körper herausgelassen wird. Das Leben
wird erhalten und verlängert, wenn sie bewahrt wird. Wer viel von seinem
Virya, (sexuellen Energie) der Lebensenergie verloren hat, wird leicht
reizbar und faul. Er fällt jeder Krankheit leicht zum Opfer. Er stirbt früh.

Die Menschen sind körperlich, geistig und moralisch geschwächt, weil es


ihnen an Brahmacharya mangelt, weil sie ihre Samenkraft verschwendet
haben. Solche Menschen sind schon bei geringfügigen Anlässen leicht
gereizt. Sie fallen verschiedenen Krankheiten und einem frühen Tod zum
Opfer.

Ein wohldiszipliniertes Leben, Studium der Schriften, Satsang


(Zusammensein mit Weisen, Heiligen und Erleuchteten), Japa
(Mantrameditation), Dhyana (Meditation), gesunde Ernährung, tägliche
Selbstanalyse, Praxis von Sadachara (richtiges Verhalten) und von Tapas
(Askese) und anderes von dieser Art ebnen ein gutes Stück Weges, um
dieses Ziel zu erreichen.
Die Praxis von Enthaltsamkeit ist mit keinen Gefahren, Krankheiten oder
unerwünschten Folgen verbunden, wie verschiedene "Komplexe", die ihr
von den westlichen Psychologen fälschlicherweise zugeschrieben werden.
Sie haben kein praktisches Wissen auf diesem Gebiet. Sie haben die falsche
Vorstellung, dass die unbefriedigte sexuelle Energie die verschiedenen
Formen verhüllter Komplexe annehmen kann, wie Berührungsangst, usw.
Das ist ein krankhafter Geisteszustand, der auf übermäßigen Ärger, Hass,
Eifersucht, Sorge und Depression zurückzuführen ist, die verschiedene
Ursachen haben.

Betrachte keine obszönen Bilder. Sprich nicht vulgär. Lies keine Romane,
die die Leidenschaft erregen und unedle, unerwünschte Gefühle im Herzen
erzeugen. Meide schlechte Gesellschaft. Gehe nicht ins Kino. Verzichte auf
Zwiebel, Knoblauch, scharfe Curries, Chutnies und scharfe Speisen. Nimm
gesunde, milde, sattvige Nahrung zu dir. Verwandle die sexuelle Energie
durch erhabene Gedanken, Japa (Mantrameditation), Kirtan (das Singen von
Gottes Namen), Vichara, das Fragen über Atman, Pranayama
(Atemreduktion), Sirshasana, Sarvangasana, das Studium der Gita, der
Upanishaden und anderer religiöser Bücher in spirituelle Energie (Ojas).
Habe Satsang-Gemeinschaft mit Mahatmas, Yogis und Sadhus. Du wirst
dich in Brahmacharya festigen. Die sexuelle Energie wird sublimiert
werden.

Hinsichtlich Brahmacharya sagt der Weise Patanjali: „Durch Festwerden im


Zölibat wird Kraft gewonnen.“ Wenn der Samen durch Einhalten von
Brahmacharya bewahrt und in Ojas-Shakti umgewandelt wird, wächst die
spirituelle und intellektuelle Kraft. Der Samen ist eng mit Gehirn und
Verstand verbunden, denn er ist die Substanz der menschlichen Vitalität. Er
steht in Beziehung zu Intelligenz, Moral und Spiritualität. Es kann keinen
Erfolg im Yoga geben, wenn diese fundamentale Kraft nicht im
Körpersystem bewahrt wird. Die Kraft, die der Yogi hier erlangt, ist nicht
nur körperlich, sondern geistig, intellektuell, moralisch, okkult und spirituell.
Dadurch kann anderen Wissen vermittelt werden, ohne dass sie es wissen.

Brahmacharya ist Grundvoraussetzung für den Suchenden. Es ist die


wichtigste Tugend zur Selbstverwirklichung. Brahmacharya ist Reinheit in
Gedanke, Wort und Tat. Nicht einmal der Gedanke von Lust darf den Geist
betreten. Ohne Enthaltsamkeit gibt es keinen Yoga und keinen spirituellen
Erfolg.

von Swmai Sivananda

Die Bilder in diesem Artikel sind aus der Galerie Kazuya Akimoto Top

Frauen und Enthaltsamkeit? Top

In dem folgenden intimen Bericht beschreibt eine Frau von heute, die im
Zölibat lebt, ihre Entscheidung, der Sexualität für eine bestimmte Zeit zu
entsagen, und ihre Entdeckung einer neuen befreienden Sichtweise in bezug
auf die Möglichkeit wahrer Nähe zwischen Mann und Frau. Vor zwei Jahren
trat ich in das Zölibat ein. Endlich war es soweit. Es war etwas, was ich mir
sehr gewünscht hatte und in das ich hineinging mit einer unerhörten
Leidenschaft. Es kam dem Ende der Welt gleich, dem Ende meiner
Geschichte und Identität als attraktive Frau.

Statt dessen gab es nur noch eines jetzt: Freiheit. Wunderschöne, weite
Unendlichkeit. Es war ein Rausch. Keine Romanze, keine stürmische und
innige Beziehung, keine noch so warme Geborgenheit in den Armen eines
Mannes - nichts kam meiner Erfahrung dieses Schrittes gleich. Es war das,
wovor ich mich immer am meisten gefürchtet und was ich mir gleichzeitig
am meisten gewünscht hatte: ich war allein.

Ich rasierte meine Haare ab und verpflichtete mich zu einem Leben ohne
sexuelle Aktivität. Entsagung. Kein Mann wird sich nach mir umdrehen.
Auch die Illusion, dass es einen Märchenprinzen in der Zukunft gibt, war
vorüber. Die Reise, die ich begann, führte in unbekanntes Gebiet, und ich
würde nicht zurückkommen. Es gab mich nicht mehr in dieser Welt der
Schönen, der Reichen und der Berühmten. Meine Eintrittskarte zu dieser
Welt war mit meinen Haaren verschwunden. Die Entscheidung zum Zölibat
kam nach reiflicher Überlegung und langer Betrachtung. Es war meine
bewusste Wahl.

Vor kurzem, als wir aus dem Fenster hinaus auf zwei alte Nonnen in
schwarzen Gewändern schauten, sagte ein nichtsahnender Arbeitskollege
gedankenverloren: "Sieh mal, Nonnen! Das ist auch eine Sache der
Vergangenheit." Er bemerkte nichts. Eigentlich ist mein Zölibat unauffällig,
obwohl mit jedem Voll- und Neumond regelmäßig mein Kopf rasiert wird
und alle sich neu formierenden Ansätze von Identität, von so etwas wie
gutem Aussehen verschwinden. Aber es geschieht still, andächtig und mit
zunehmender Selbstverständlichkeit. Zur Arbeit trage ich Hüte, Mützen,
Kappen - immer etwas auf dem Kopf. Natürlich erregt das Neugierde, aber
nach dem ersten Schock fällt es nicht mehr auf und scheint auch nicht weiter
von Interesse zu sein.

Anfänglich begegnen mir ungläubiges Kopfschütteln, ironisches Grinsen


und schiere Sprachlosigkeit. Manchmal auch die ein oder andere verlegene
Frage nach dem Grund. Manchmal entsteht ein Gespräch, meistens mit
Frauen, die Parallelen sehen, sich gleichzeitig angezogen und abgestoßen
fühlen. Ist es möglich, dass eine von uns sich dem Werteschema unserer
Gesellschaft in bezug auf Frauen so absolut entzieht? Auf eine Weise
entzieht, die unmissverständlich ist und persönlich eine große
Standfestigkeit verlangt. Als Frau in unserer Gesellschaft keine Haare zu
haben ist eine große Herausforderung. Schließlich besteht diese Welt, unser
Denken, unsere Sehnsüchte aus Ideen über sexuelle Macht. Oder nicht?

"Hast du denn keine körperlichen Bedürfnisse? Ich könnte ja niemals ohne!"


Das ist die am meisten geäußerte Meinung. Es ist schwierig für den
modernen Mann oder die moderne Frau, sich ein Leben ohne sexuelle
Aktivität vorzustellen. Unser Selbstwertgefühl steht und fällt mit unserem
Empfinden über die eigene Attraktivität, mit deren Bestätigung und mit der
Häufigkeit und Intensität körperlicher Befriedigung. Sexualität ist ein
moderner Gott. Die Idee, wahre Erfüllung in romantischen und sexuellen
Beziehungen zu finden, ist heute noch immer die mächtigste Versuchung
und die größte Illusion.

Auch mein eigenes Leben war geprägt und getrieben von der Sehnsucht,
tiefes Eins-Sein, überwältigendes Vertrauen und absolute Hingabe in
Romanzen und sexuellen Abenteuern zu erfahren - und nie wieder zu
verlieren. So sehr mich Zweifel daran auch plagten, konnte ich es schon als
Teenager nicht erwarten, in die Welt der Erwachsenen vorzudringen, einen
Freund zu haben, jemand zu sein, das Leben in mir sprudeln zu fühlen durch
die Elektrizität romantischer und sexueller Gefühle. Humphrey Bogart und
Ingrid Bergman in Casablanca sind zeitlose und dramatische Ikonen eines
sich nicht erfüllenden Versprechens von ewiger, ekstatischer Glückseligkeit.

Ihre Gesichter nass vom Regen in der Abschiedsszene. Sie weiß nicht, dass
er bereits dazu entschlossen ist, ihre Liebe einer größeren Verantwortung zu
opfern. Sie ist verliebt, in einem schwerelosen Taumel. Das ist alles, was sie
zu wissen scheint und wissen will. Endlich haben die Liebenden wieder
zusammengefunden, und die Welt erscheint ihr im Gleichgewicht, trotz aller
Turbulenzen, die sie erfährt. Sie wird Victor Laszlo verlassen und mit Rick
in eine ungewisse, aber berauschende Zukunft gehen.

Als ich diese Szenen zum ersten Mal sah, konnte ich lange Zeit den Schmerz
kaum ertragen, als Rick ihr zu verstehen gibt, dass sie nun doch mit Victor
ins Flugzeug steigen wird und er zurückbleibt. Die beiden Männer verstehen
sich. Der französische Polizist versteht. Alle drei Männer sind erhaben über
den enormen emotionalen Schlag, den Ingrid Bergmans Augen so
eindringlich zum Ausdruck bringen. Here's looking at you, kid.

Die Welt der Frau ist die Liebe zum Mann. Ohne ihn ist sie nichts, ganz egal
wie emanzipiert wir heute zu sein glauben. Warum sonst würden wir uns so
viel Mühe geben, unsere Anziehungskraft zu betonen und zu pflegen? Diese
Macht und Sicherheit, die uns die Liebe und Zuneigung eines Mannes
bringen, sind uns enorm wichtig. Wir erleiden unsägliche Qualen und tiefe
Zweifel, sollten sie uns abhanden kommen und in Frage gestellt werden.
Männer und Frauen haben sich auf einen Code geeinigt, innerhalb dessen
eine gegenseitige Verschwörung und Gefangenschaft aufrechterhalten bleibt.
Men leave. Baby, please don't go!

Nach der dritten großen und gescheiterten Liebesaffäre in meinem Leben


begann ich aufmerksam zu werden. Wilhelm Reich sagt, dass wir Menschen
uns nach einem biologischen, hormonellen Programm paaren. Für die Dauer
von etwa vier Jahren werden bestimmte Hormone ausgeschüttet in Mann
und Frau gleichermaßen, die eine sexuelle Anziehung garantieren. Danach
hört das auf. Es ist ungefähr der Zeitraum, der nötig ist, eventuelle Kinder
aus dem Gröbsten heraus zu haben.

Die Fortpflanzung der Rasse muss gesichert werden. Dann geht man weiter.
Das genau beschrieb meine eigene Erfahrung. Nach vier Jahren etwa verlor
ich das Interesse an meinem sexuellen Gegenüber. Meist verliebte ich mich
in jemand anders, manchmal war ich einfach gelangweilt und oft so
verärgert über die persönlichen Ticks meines ehemaligen Märchenprinzen,
dass eine Trennung einfach das Vernünftigste war. Jeder konnte das sehen.
Alle unterstützten mich in dieser Meinung, und den Männern erging es meist
nicht anders.

Für eine Weile, während meiner Studentenzeit, zog ich wie viele damals die
Konsequenzen aus meiner Einsicht, dass wahre Liebe eine Illusion ist, und
unterhielt mehrere, ausschließlich sexuelle Beziehungen. Die sexuelle
Befreiung war gerade gut unterwegs mit den jungen Leuten und hatte ihre
zerstörerische Phase begonnen. Die Zeit der mutigen Experimente der
Kommunen war zu Ende, und jetzt kam immer häufiger eine zynische und
aggressive Note zum Vorschein.

Niemand wollte sich wirklich mehr auf etwas einlassen: Wir sind
zusammen, aber wir verpflichten uns zu nichts. Zu groß war die Angst,
wieder verletzt, nass und kalt im Regen zu stehen, nicht zu verstehen, warum
das Versprechen der immerwährenden, alles gutmachenden Liebe, die "mein
Leben" von Grund auf heilt, die alle Fragen beantwortet, sich nicht erfüllte.
No more Ingrid Bergman, no more Casablanca.

Die Wut über diese Desillusionierung trug ich auch zu den Frauengruppen.
Da waren wir uns alle einig über den wahren Feind: der Mann, das
Patriarchat. Als Frauen hatten wir den kürzeren gezogen, wohin man auch
immer schaute: Im Beruf waren wir unterprivilegiert, in der Liebe waren wir
die Dummen, und wenn Kinder da waren, hatten wir allemal die volle
Verantwortung. Unsere Zusammenkünfte waren voller Ärger und voll der
hilflosen Gewalttätigkeit von Opfern großer Ungerechtigkeit. Es gab kein
Verzeihen. Dennoch - heute, nach etwa 15 Jahren, gibt es diese
Frauengruppe nicht mehr, und fast alle sind in "festen" Beziehungen,
entweder mit einem Mann oder mit einer Frau. Meistens aber mit Männern.

Was ist aus der Revolution geworden? Was ist aus unseren Einsichten
geworden? Einer meiner Freunde sagte damals zu mir: "Wir verzweifeln
nicht, wenn der Krieg in Vietnam nicht zu Ende geht, wenn das
Atomkraftwerk nun doch gebaut wird; wir verzweifeln, wenn unsere
Beziehungen in die Brüche gehen." Nach wie vor scheinen
Liebesbeziehungen das Wichtigste in unserem Leben zu sein, trotz aller
Bewusstwerdung, trotz aller mühsam errungenen politischen Fortschritte in
bezug auf Frauenrechte, trotz aller Erkenntnisse durch alle möglichen
Meditationen.

Die sexuelle Seite des menschlichen Lebens ist sehr verwirrend. Lust,
sexuelles Begehren, kann jeden Moment unsere Wahrnehmung überfluten
und uns zu Handlungen veranlassen, die wir manchmal schon kurze Zeit
später bereuen. Mein eigenes Leben ist voller Beispiele für die
zerstörerischen Konsequenzen, die ein solch unreflektiertes Handeln nach
sich ziehen kann. Ich hatte lange überlegt, bevor ich mich zum Zölibat
entschlossen hatte. Die Entscheidung kam nach der Einsicht, dass ich dem
Mann, den ich am meisten begehrte, nicht vertraute. Eine sexuelle
Beziehung war daher ausgeschlossen.
Ich wollte meine Vergangenheit nicht wiederholen und endlose
Machtkämpfe führen. dass es mir an Vertrauen fehlte, hatte mich zutiefst
schockiert. Aber es eröffnete eine Untersuchung für mich, in der ich den
fundamentalen Fragen meines Lebens zum ersten Mal mit echtem Interesse
begegnete: Was ist Liebe? Was ist sexuelle Anziehung? Warum fürchte ich
mich davor, allein zu sein, allein und unabhängig? Wer bin ich wirklich,
wenn ich auf meine sexuelle Anziehungskraft verzichte, wenn ich auf die
sexuelle Seite des Lebens allgemein verzichte? Was bedeutet es wirklich,
darauf zu verzichten? Was heißt es, für mich selbst Verantwortung zu
übernehmen?

Immer wieder war ich Kompromisse eingegangen, wenn es um das Objekt


meiner körperlichen Begierde ging, wenn romantische Ideen mir das
Paradies auf Erden versprachen. Das Leben ist so groß, so unfassbar in
seinen Geheimnissen, so überwältigend in seiner Schönheit, und ich konnte
mich nicht von den nagenden Sorgen meines Liebeslebens und meiner
sexuellen Verstrickungen befreien. Der Mann stand immer im Zentrum
meines Universums. Gleich neben mir. Da standen wir, und alles neben,
hinter, unter oder über uns konnte ich nur vage ausmachen. Es war kaum
etwas anderes zu erkennen. Und gleichzeitig gab es eine Sehnsucht in mir,
die nie und nimmer ihre Erfüllung in diesem Rahmen finden würde. Aber
ich hatte immer die Sicherheit des Konventionellen gewählt.

Als ich das Zölibat in Erwägung zog, war ich am meisten von dem Frieden
angezogen, der sich immer wieder abzeichnete: Keine noch so große
Versuchung würde mich von meinem Entschluss, alles für die Freiheit zu
geben, abbringen. Kein Feilschen, keine Geheimnisse, kein Drama. Nur die
Klarheit meiner Absicht, frei zu sein. In allen Beziehungen hatte ich mir
immer gewünscht, dass ich allein sein könnte. Nun war ich allein und frei,
all meine Ideen zu hinterfragen, meine ganze Erfahrung zu prüfen und
herauszufinden, ob es möglich ist, sie auf ganz andere Art zu sehen, eine
Art, die ein wirkliches Verstehen des menschlichen Lebens beinhaltet.

Dem Entschluss, sexueller Begierde nicht mehr nachzugeben, verdanke ich


eine Perspektive auf sexuelle Gefühle, die mir verdeutlicht, wie
unpersönlich, wie mechanisch und wie bedeutungslos sie sind. Es ist etwas,
das seinen eigenen Rhythmus zu haben scheint. Es liegt an uns, darauf zu
reagieren oder nicht. Nicht zu reagieren heißt, dass nichts passiert. Kein
Karma wird geschaffen, es gibt keine Konsequenzen. Obwohl ein tosender
Wirbelwind sexuellen Begehrens mich gerade fast verschlungen hätte, bin
ich immer noch frei. Gefühle, von denen ich früher überzeugt war, dass sie
mich zerreißen würden, tauchen auf - und ziehen vorbei. Nichts passiert.
Ganz im Gegensatz zu dem, wie ich früher glaubte und hoffte, haben
sexuelle Gefühle und Erfahrungen nichts mit Freiheit zu tun.

So ekstatisch sie auch sein mögen, sosehr sie mich auch über meinen
Verstand hinausgetragen haben mögen - sie sind nicht von Dauer und
eröffnen keine wahre Befreiung. Sie sind Teil der menschlichen Erfahrung.
Der Teil, der etwas so Unromantisches und Mechanisches wie die
Fortpflanzung der Rasse mit all seinen süßen Verlockungen unnachgiebig
fordert. Ihnen zu entsagen, hat meine Überzeugung gestärkt, dass es möglich
ist, in diesem Leben wirklich frei zu sein. Das bedeutet für mich mehr und
mehr eine lebendige und reale Perspektive jenseits von Gedanken, jenseits
von Gefühlen und jenseits von Zeit. Den Mut, dieser Perspektive Ausdruck
zu verleihen, muss ich alleine finden. In diesem Mut zum Alleinsein liegt die
Möglichkeit wirklichen Vertrauens in das Leben selbst.

Mein Zölibat ist zunächst auf drei Jahre begrenzt. Ursprünglich erschien mir
das wie eine Ewigkeit, aber heute möchte ich dieses Leben gegen kein
anderes tauschen. Nichts in mir drängt auf ein Ende dieser Zeit der
Entsagung. Immer größer wird der Friede in mir, immer weniger attraktiv ist
die Aussicht auf eine Beziehung. Das tiefe Verlangen, mich an die Schulter
eines Mannes zu lehnen und geborgen zu fühlen, schwindet und damit meine
selbstgewählte Abhängigkeit von der Illusion, dass es in diesem Leben
irgendeine Sicherheit gibt.

Das Zölibat ist eine kostbare Gelegenheit für mich, wahre Unabhängigkeit
zu entdecken und zutiefst zu erforschen, unabgelenkt und mit großer
Hingabe. Je mehr ich mich von all meiner romantischen Hilflosigkeit und
den zornigen Anklagen löse, desto mehr sehe ich in Männern die Menschen,
die sie sind, und nicht den Erzfeind, den Frau bezwingen muss, um zu
überleben. Es ist möglich, ihnen zu vertrauen. Es ist möglich, zuallererst
Mensch unter Menschen zu sein.

Ich stelle mir ein neues Casablanca vor … Bogart steht da im Regen, sein
Gesicht ist ernst und nass. Er scheint etwas erstaunt, aber sehr erleichtert,
dass Ingrid ohne zu blinzeln, ohne eine Träne zu vergießen ins Flugzeug
steigt und ihm zuruft: "Ich glaube, dies ist der Beginn einer wunderbaren
Freundschaft!"

von Carin J. (von: pchomeservice.ch)

Die Bilder in diesem Artikel sind von dem Maler Arthur Bernard

Die enthaltsam lebenden Dani aus Neuguinea Top

Ein Bericht aus dem Time Magazine - Montag, Aug. 2, 1976

Die Dani sind ein Volk aus Neuguinea (Nord-Zentral-Irian Jaya, Indonesien,
nördlich von Australien), mit 370.000 Einwohnern. Sie hatten in den ersten
beiden Jahren nach der Heirat keinen Geschlechtsverkehr und lebten für 4
bis 6 Jahre nach der Geburt eines Kindes vollkommen enthaltsam.
Vorehelicher und außerehelicher Geschlechtsverkehr sind praktisch
unbekannt, und es gibt scheinbar keine Homosexualität oder andere sexuelle
Formen der sexuellen Befriedigung (Onanie). Darüber hinaus scheint
niemand irgendwelche Anzeichen von Unglück oder Stress zu zeigen. Die
Männer vom Stamm der Danis tragen einen Penisköcher (Koteka), ohne den
sie sich nackt fühlen würden. Dieser wird aus der getrockneten Hülle des
Flaschenkürbisses hergestellt.
Übermenschen? Eine Erfindung, die der Phantasie eines Science Fiction
Autors entsprungen ist? Tatsächlich leben die Dani ziemlich schön, im
großartigen Tal von Westirian (früher Westneu-Guinea), wo sie für 2 ½
Jahre von Karl Heider, einem Anthropologe von der Universität Südkarolina
(USA), studiert wurden. Heider, der an den amerikanischen Universitäten
von Harvard, Brown und Stanford lehrte, beschreibt das enthaltsame
sexuelle Verhalten der 5.000 Mitglieder des Stammes in der aktuellen
Ausgabe des "The Journal of the Royal Anthropological Institute of Great
Britain". Er fand keine starken Bestrafungen gegen sexuelle Betätigungen
oder irgendeine brauchbare Erklärung für eine unterentwickelte Libido
(sexuelles Verlangen) der Dani. Nach der Befragung, sagten die
Stammesangehörigen, die Verletzung der Enthaltsamkeit nach der
Schwangerschaft würde Probleme mit den Geistern des Stammes
verursachen. Dennoch wirkten die Dani keineswegs gezwungen gegenüber
ihren Geistern, und Heider stellt fest, dass die Befolgung dieser
übernatürlichen Bestimmungen als ziemlich zwanglos verstanden werden
muss.

Das Dani scheinen einfach keinen größeren Drang zu kennen, weder sexuell
noch in anderer Weise. Es gibt kaum starke Gefühle, wenig künstlerische
Ambitionen und nur wenig Streit. Anstatt seiner Wut Ausdruck zu verleihen,
entfernt sich der Dani lieber von der belastenden Situation. Kriege haben,
laut Heider, den emotionalen Charakter der Rotwildjagd in Amerika. Die
Krieger unterhalten sich eine längere Zeit, kämpfen dann eine Stunde lang,
und setzen danach die Unterhaltung fort. Wut und Rache spielen dabei nur
selten eine Rolle. Die Dani wollen einfach nur ihre Geister besänftigen und
den Kampf so schnell wie möglich beenden. Ihr einzig wirkliches Interesse
gilt der Schweinehaltung und dem Anbau der Süßkartoffel. Die Rundhütten
der Dani haben ein mit Gras gedecktes Dach. In der Mitte der Hütte befindet
sich eine Feuerstelle. Der Eingang ist gerademal so groß, dass man
kriechend in das Innere der Hütte gelangt.

Heider kann es sich nicht erklären, warum das Energieniveau der Dani so
"niedrig" ist. Der Stamm scheint eine niedrige Kindsterblichkeitsrate, eine
ausreichende Ernährung und keine ernsten Krankheiten zu haben. Heider
glaubt nicht, dass genetische oder biologische Faktoren die Ursachen für
dieses "niedrige Energiesystem" der Dani sind, sondern dass sie kulturell
bedingt ist. Wenn das so ist, dann müsste die westliche Theorie über den
angeborenen sexuellen Trieb, der vor allen Dingen von Freud postuliert
wurde, neu überdacht werden.

Quellen:
Time Magazine 01
Time Magazine 02

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