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Die Fassregel von

Johannes Kepler
GFS in Mathematik
von
Leonie F.
Carlo-Schmid Gymnasium Tübingen
Inhalt der GFS
• Zur Person Johannes Kepler
• Hintergrund:
– Keplers Schrift „Nova Stereometria Doliorum Vinariorum“ (Neue
Inhaltsberechnung von Weinfässern)
– Visiermethode
• Die Fassregel von Kepler
• Andere Näherungsverfahren
– Obersumme und Untersumme
– Tangententrapezregel, Sehnentrapezregel
• Vergleich verschiedener Näherungsverfahren der numerischen
Integration an einem Beispiel
• Höhere Genauigkeit der Schätzung mit Näherungsverfahren durch
mehr Intervalle
Johannes Kepler

Astronom und Mathematiker


geb. am 27.12.1571 in Weil der Stadt
gest. am 15.11.1630 in Regensburg

• Ab 1589:Theologiestudium am Evangelischen
Stift in Tübingen
Kepler studierte bei dem Mathematiker und Astronomen
Michael Mästlin und lernte das heliozentrische System der
Planetenbewegungen des Nikolaus Kopernikus kennen.

• Ab 1594: Lehrer der Mathematik und der Moral


an der evangelischen Stiftsschule in Graz
Kepler wurde dort durch seine Prognostica für das Jahr
1594 mit Vorhersagen über einen kalten Winter und den
Türkeneinfall als Astronom schnell berühmt.

Quellen: http://de.wikipedia.org/wiki/Johannes_Kepler und Duden, 2001.


Johannes Kepler

• 1600-1612: Kaiserlicher Mathematiker Rudolfs II.


Einen wichtigen Schritt für die Naturwissenschaften legte er in dieser Zeit damit, dass
er die Empirie über die Autoritäten und die Bibel stellte. In den Jahren 1606 und 1609
veröffentlichte er die Werke Astronomia nova und Harmonices mundi in denen die
Keplerschen Gesetze enthalten sind.
Das heliozentrische Weltbild als eine physikalische Tatsache zu sehen stieß nicht nur
bei der katholischen Kirche, sondern auch bei Keplers protestantischen Vorgesetzten
auf erbitterten Widerstand. Denn auf beiden Seiten galten die Lehren von Aristoteles
und Ptolemäus als unantastbar. Im Jahr 1612 starb der Kaiser.
• 1612-1627: Provinzmathematiker in Linz
(An der Universität Tübingen hielt man wenig von seinen antiaristotelischen Ansichten
und ließ ihn 1911 nicht als Professor zu.) Veröffentlichung von Dioptice über
geometrische Optik. Sein im Hinblick auf die Mathematik wichtigster Beitrag war sein
1615 erschienenes Nova stereometria doliorum vinariorum.

• 1627-1630: Schlesien, Leipzig, Nürnberg und Regensburg


Im Jahr 1627 fand er in Albrecht von Wallenstein einen neuen Förderer, der von
Kepler zuverlässige Horoskope erwartete.

Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Johannes_Kepler
Hintergrund

Nova Stereometria Doliorum Vinariorum


Wie Johannes Kepler 1613 nach der Hochzeit mit seiner zweiten Frau Susanne
Reuttinger zu mathematischen Überlegungen angeregt wurde, hören wir von ihm selbst:
„Als ich im vergangenen November eine neue Gattin in mein Haus eingeführt hatte, gerade zu
der Zeit, da nach einer reichen und ebenso vorzüglichen Weinernte viele Lastschiffe die Donau
herauffuhren und Österreich die Fülle seiner Schätze an unser Norikum verteilte, so daß das
ganze Ufer in Linz mit Weinfässern, die zu erträglichen Preisen angeboten wurden, belagert war,
da verlangte es meine Pflicht als Gatte und guter Familienvater, mein Haus mit dem notwendigen
Trunk zu versorgen. Ich ließ daher etliche Fässer in mein Haus schaffen und daselbst einlegen.
Vier Tage hernach kam nun der Verkäufer mit einer Meßrute, die er als einziges Instrument
benutzte, um ohne Unterschied alle Fässer auszumessen, ohne Rücksicht auf ihre Form zu
nehmen oder irgendwelche Berechnungen anzustellen. Er steckte nämlich die Spitze des
Eisenstabs in die Einfüllöffnung des vollen Fasses schief hinein bis zum unteren Rand der beiden
kreisförmigen Holzdeckel, die wir in der einheimischen Sprache die Böden nennen. Wenn dann
beiderseits diese Länge vom obersten Punkt des Faßrunds bis zum untersten Punkt der beiden
kreisförmigen Bretter gleich erschien, dann gab er nach der Marke, die an der Stelle, wo diese
Länge aufhörte, in den Stab eingezeichnet war, die Zahl der Eimer an, die das Fass hielt, und
stellte dieser Zahl entsprechend den Preis fest ... Ich wunderte mich, dass die Querlinie durch die
Fasshälfte ein Maß für den Inhalt abgeben könne und bezweifelte die Richtigkeit der Methode,
denn ein sehr niedriges Fass mit etwas breiteren Böden und daher sehr viel kleinerem Inhalt
könnte dieselbe Visierlänge besitzen.“

Quelle: Fürst-Johann-Ludwig-Schule Hadamar, 2009.


Visiermethode

Fass, wie es zur


Zeit Keplers in
Gebrauch war.

Quelle: Fürst-Johann-Ludwig-
Visierstab Schule Hadamar, 2009.
Spundloch

Schätzformel für das


Volumen des Fasses:

V = 0,6 s³
s

Quelle: Eigene Darstellung.


Visiermethode – Erklärung der Schätzformel

Ersetzt man das Fass durch einen Zylinder dessen Höhe 2mal so
groß ist wie der Durchmesser des Zylinderbodens (h = 2a) ...

a
... dann ergibt sich für das
Volumen des Zylinders:

V = Grundfläche x Höhe
a 2
a a3
s V      2a  
2 2

Nach dem Satz bzw.


des Pythagoras gilt: s2 s s3
a  V 
s  a  a  2a
2 2 2 2
2 2 4 2
 0 ,5555 s 3  0 ,6 s 3
Quelle: Eigene Darstellung, Herleitung nach Keles & Kubach, 1998.
Auf die Fassform kommt es an

Tatsächliches
2a Zylindervolumen

a s V  0 ,555 s 3

3/2 a

a s V  0 ,603 s 3

a s V  0 ,729 s 3

Quelle: Eigene Darstellung


Keplersche Fassregel
Keplers Ansatz: Annäherung der Fasskrümmung durch eine Parabel
und Berechnung der Fläche unter der Parabel.
[Seit Archimedes konnten Inhaltsberechnungen mit Parabeln exakt
durchgeführt werden.]

f(x)
Parabel
B
f(x)
A C
a+b
f
f(a) 2 f(b)

a a+b b x
2

b
f ( x)dx  (b  a )  f (a )  4  f  a 2 b   f (b)
1

a
6
Quelle: Eigene Darstellung, Inhalte nach Lambacher Schweizer, 2004 und Uckelmann, 2003.
Keplersche Fassregel: Berechnung des Fassvolumens

Entsprechende Formel für das Fassvolumen verwendet anstatt der


Funktionswerte f( ) die Querschnittsflächen q( )

f(x)

ra
a+b
q(a) q q(b)
2

a a+b b x
2

Kreisfläche    r 2
 (b  a ) q (a )  4  q  a 2 b   q (b)
1
VFass z.B.
6 q (a )    ra
2

Quelle: Eigene Darstellung, Inhalte nach Lambacher Schweizer, 2004.


Nachweis: Berechnung der Fläche unter einer Parabel

Kepler: b b
 Fasskrümmung: f(x)
 Parabel: g(x)
 f ( x)dx   g ( x)dx
a a

Allgemeine Gleichung einer Parabel:


g ( x )  rx 2  sx  t

Fläche unter einer Parabel:

   
b b

   sx  t dx 
b
g ( x ) dx  rx 2 1
3 rx 3  21 sx 2  tx a
a a

   
 31 r b 3  a 3  21 s b 2  a 2  t b  a 

gleich ??

b
(b  a )  f (a )  4  f  a 2 b   f (b)
1
Kepler:  g ( x)dx 
a
6
Quelle: Eigene Darstellung, Inhalte nach Uckelmann, 2003.
Schrecklich viele Umformungen führen ans Ziel …

  
b

 (rx
2
 sx  t )dx  13 r b 3  a 3  12 s b 2  a 2  t b  a 
Parabel
b  a 2r a  ab  b   3sa  b   6 t 
a

 61 2 2 g ( x )  rx 2  sx  t

 61 b  a 2ra  2rab  2rb  3sa  3sb  6 t 


2 2


 61 b  a  ( ra 2  sa  t )  ( rb 2  sb  t )  r (a 2  2 ab  b 2 )  2 s (a  b)  4t 

ra 2  sa  t  g (a )
( a  b) 2 ab
2

rb 2  sb  t  g (b) r (a  2ab  b )  r (a  b)  4  r 
2 2 2
 4 r  
4  2 

ab
2  s ( a  b)  4  s   
 2 

ab ab
2

4 r    4 s    4  t  4  g  a 2 b 
 2   2 

b b

 g ( x)dx   (rx
2
 sx  t )dx  1
6
b  a g (a)  4  g  a 2 b   g (b)
a a

Quelle: Eigene Darstellung, Inhalte nach Uckelmann, 2003.


Numerische Integration: Näherungsverfahren

Die Fassregel von Kepler beschränkt sich natürlich nicht auf die
Volumenberechnung von Fässern, sondern ist ein allgemein anwendbares
Verfahren der sogenannten numerischen Integration.

Numerische Integration heißt, dass ein Integral näherungsweise berechnet


wird, wenn man keine Stammfunktion angeben kann und das Integral
daher nicht exakt berechnet werden kann.

Es gibt mehrere weitere Näherungsverfahren, z.B.

 Tangententrapezregel
 Sehnentrapezregel
 Obersumme
 Untersumme

Quelle: Eigene Darstellung, Inhalte nach Lambacher Schweizer, 2004.


Tangententrapezregel

b  a   f  a 2 b 
f(x)

B
f(x)
A
C

a a+b b x
2

 f ( x)dx  (b  a )  f  a 2 b 
a
Quelle: Eigene Darstellung, Inhalte nach Lambacher Schweizer, 2004.
Sehnentrapezregel

 b  a  f  a 2 b   f (a )   b  a  f  a 2 b   f (b) 
     
f(x)  2  2   2  2 

B
f(x)
A
C

a a+b b x
2

b  a  f (a ) f (b) 
b

 f ( x)dx    f  2 
a b

a
2  2 2 
Quelle: Eigene Darstellung, Inhalte nach Lambacher Schweizer, 2004.
Obersumme

ba ba
   f  a 2 b     f  a 2 b 
f(x)  2   2 

B
f(x)
A C

a a+b b x
2

 f ( x)dx  b  a   f  a 2 b  bei einem Fass


gleiches Ergebnis wir
a Tangententrapezregel
Quelle: Eigene Darstellung, Inhalte nach Lambacher Schweizer, 2004.
Untersumme

ba ba
  f (a )   f (b)
f(x)  2   2 

B
f(x)
A C

a a+b b x
2

ba
b

 f ( x)dx   f (a)  f (b) 


a
2
Quelle: Eigene Darstellung, Inhalte nach Lambacher Schweizer, 2004.
Eine andere Möglichkeit, die Fassregel herzuleiten

Die Fassregel von Kepler kann – wie im Buch - auch als "Mischform"
von Sehnentrapezregel und Tangententrapezregel erklärt werden:

Fassregel  1
3
2  Sehnentrapezregel  1  Tangententrapezregel 
b

 f ( x)dx  (b  a )  f  a 2 b 
a

b  a  f (a) f (b) 
b

 f ( x)dx    f  a 2 b   
a
2  2 2 

  f (a) f (b)  
a
Regeln einsetzen: 
b
f ( x )dx  13 (b  a ) 
  2
 f ( a 2 b ) 
2 
  (b  a )  f ( a 2 b ) 

 f (a) f (b) 
a

 f ( x )dx  13 (b  a )   2  f  a 2 b  
2 
"(b-a)" ausklammern:
b  2
a

"(1/2)" ausklammern:  f ( x)dx  1


6 (b  a ) f ( a )  4  f  a 2 b   f (b) 
b
Quelle: Eigene Darstellung, Inhalte nach Lambacher Schweizer, 2004.
Vergleich der Näherungsverfahren an einem Beispiel

Gegeben ist die Funktion 1,2


Funktionswerte für
1
1 die Schätzformeln:
f ( x)  0,8

1  x2 f ( a ) : f (0 )  1

f(x)
0,6

0,4
Gesucht:
2
0,2
f ( a 2 b ) : f (1)  0,5

0
f ( x) dx 0 1 2 3 4 5

0 x f (b) : f ( 2)  0,2
Ergebnisse:
b
Tangententrapezregel  f ( x)dx  (b  a)  f  
a
a b
2
1,0000

b  a  f (a) f (b) 
b
Sehnentrapezregel
 f ( x)dx    f  a 2 b    1,1000
a
2  2 2 
b
b  a   f  a b   f (b)
Untersumme 
a
f ( x)dx 
2 2
0,7000
b
b  a   f (a)  f  a b 
Obersumme  f ( x)dx 
a
2 2
1,5000
b

 f ( x)dx  6 b  a  f (a)  4  f    f (b)


Keplersche Fassregel 1 a b 1,0667
2
a

Fast exaktes Ergebnis Mit GTR ausgerechnet 1,1071

Quelle: Eigene Darstellung.


Mehrere Intervalle  Bessere Schätzung mit der Fassregel

2 Intervalle [0;1] und [1;2]


1

[0;1]  f ( x)dx 
1
1  0  f (0)  4 f (0,5)  f (1)  1 1  4  0,8  0,5  0,7833
0
6 6
2

[1;2]  f ( x)dx 
1
2  1 f (1)  4 f (1,5)  f (2)  1 0,5  4  0,3077  0,2  0,3217
1
6 6

2
[0;2]  f ( x)dx  0,7833  0,3217  1,105
0

4 Intervalle [0;0,5], [0,5;1], [1;1,5] und [1,5;2]


2
[0;2]  f ( x)dx  0,46372  0,32167  0,19739  0,12436  1,1071
0

zum Vergleich das


Bei den anderen Verfahren würde man den fast exakte Ergebnis:
gleichen Effekt sehen! 1,1071
Quelle: Eigene Darstellung.
Verwendete Quellen

• DUDEN, 2001. Basiswissen Schule – Mathematik. PAETEC Verlag, 390 S.


• Fürst-Johann-Ludwig-Schule Hadamar, 2009. Keplers Hochzeit: Auszug aus
„Stereometria“. (vom Dateiserver, Autor unbekannt)
• Lambacher Schweizer Kursstufe – Mathematisches Unterrichtswerk für das
Gymnasium, Ausgabe Baden-Württemberg, Klett Verlag, Stuttgart, 2004,
329 S.
• Uckelmann, Thomas, 2003. Die Fassregel von Kepler: Verfahren zur
näherungsweisen Berechnung von Integralen. Alexander-Hegius-
Gymnasium Ahaus, http://www.ahg-
ahaus.de/files/wissenspool/mathematik/Facharbeit - Fassregel von
Kepler.pdf.
• Wikipedia – Die freie Enzyklopädie, http://de.wikipedia.org.
• Keles, Dogan & Kubach, René, 1998. Volumenbestimmung eines Fasses im
Rahmen des GK CAS 1998 des C.-F.-Gauß-Gymnasiums Hockenheim,
http://sneaker.cfg-hockenheim.de/referate/inhalt/fassvolumen/index.html