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Falllösungstraining zum Grundkurs Bürgerliches Recht

Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Faber


WS 2019/20

Einheit 1

Fall 1
Herr K sucht für seine Freundin, eine Germanistikstudentin, ein ausgefallenes Verlobungsge-
schenk. Da er weiß, dass sie die Werke Thomas Manns besonders schätzt, inseriert er in einer
Zeitung, dass er eine Erstausgabe (irgend-)eines Buchs dieses Autors zum Kauf suche.
Frau V besitzt eine Erstausgabe von Thomas Manns „Der Tod in Venedig“ aus dem Jahr 1913
(Verlag S. Fischer, Berlin), die sie mangels Verwendung gerne zu Geld machen würde. Sie
schreibt daher Herrn K einen Brief, in dem sie K das Buch – wie oben beschrieben – zum
(angemessenen) Preis von € 2.800,- zum Kauf anbietet und den guten Zustand des Bandes
hervorhebt. Als K den Brief erhält, ist er begeistert und schreibt umgehend einen Antwort-
brief, in dem er sich einverstanden erklärt und vorschlägt, das Buch nach seiner Rückkehr von
einer geplanten Reise am Samstag in drei Wochen bei Frau V abzuholen.
Herr V ist von der Idee seiner Frau, das Buch an Herrn K zu verkaufen, übrigens gar nicht so
begeistert. Sein Chef im Amt der Salzburger Landesregierung, Hofrat H, ist nämlich ebenfalls
ein glühender Verehrer Thomas Manns und Herr V vermutet, dass von diesem sogar ein noch
besserer Preis zu erzielen wäre. Als Herr V dem Hofrat erzählt, seine Frau besäße das besagte
Werk in Erstausgabe, ist Hofrat H tatsächlich bereit, € 3.000,- dafür zu zahlen.
Als Herr V das an Frau V adressierte Antwortschreiben Herrn Ks im Postkasten der Familie V
vorfindet, liest er den Brief und wirft ihn – um das noch bessere Geschäft mit dem Hofrat
bangend – umgehend weg, ohne seiner Frau davon zu erzählen. Zwei Wochen später verkauft
und übergibt Frau V, die inzwischen davon ausgeht, Herr K habe kein Interesse, das Buch an
Hofrat H (der seinerseits von einem etwaigen Geschäft mit Herrn K nichts ahnt).
Am besagten Samstag steht Herr K vor der Tür und möchte das Buch gegen Barzahlung von
€ 2.800,- mitnehmen.

Kann Herr K von Frau V die Übergabe des Buches grundsätzlich verlangen? Gehen Sie davon
aus, dass zunächst ungewiss ist, ob Hofrat H gegen Rückzahlung des Kaufpreises bereit wäre,
das Buch zurückzugeben.
Gehen Sie hierbei genauer auf die Frage ein, ob zwischen Frau V und Herrn K ein wirksamer
Vertrag entstanden ist!

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Falllösungstraining zum Grundkurs Bürgerliches Recht
Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Faber
WS 2019/20

Fall 2
Der 13-jährige Schüler Toni (T) besitzt eine deutsche Ausgabe des Buches „Harry Potter und
der Orden des Phönix“. Da Toni das Buch schon gelesen und neuerdings ein Faible für Pferde
und Computerspiele entwickelt hat, vereinbart er mit der Nachbarstochter, der 18-jährigen
Saida (S), dass er Saida den Harry Potter gegen eine gebrauchte DVD des Computerspiels
„Mein Gestüt – Ein Leben für die Pferde“ überlässt. Saida bringt die DVD am nächsten Tag
bei Toni vorbei; dieser kann aufgrund des in seinem Zimmer herrschenden Chaos jedoch das
Buch momentan nicht finden. Sowohl Buch als auch DVD haben einen Wert von ca € 15,-.
Auch in den nächsten Tagen hat Toni immer neue Ausreden dafür, warum er Saida den Harry
Potter nicht geben kann.
Kann Saida von Toni die Übergabe des Buches verlangen?
Variante: Ändert sich an der Beurteilung etwas, wenn der Schüler Toni 14 Jahre alt ist und
von seiner Oma, die ihrem Enkel langfristig eine umfangreiche und möglichst vollständige
„Bibliothek“ einrichten möchte, die gesamte Harry-Potter-Reihe ausdrücklich „als Grund-
stock“ für seine künftige Büchersammlung geschenkt bekommen hat?