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Johann Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt am Main 14.01.

2020
Wintersemester 2019/2020
Seminar: Ökonomie und Drama
Dozentin: Dr. Gabriele Rohowski
Referentin: Iftekhar Ahmed, Sidonie Stumpf

Ayad Akhtar – Junk


Deutsch von Michael Raab (erschienen in der Übersetzung 2017)

Paratext:
Was bezeichnet hier der Titel „Junk“?
- Junk bezeichnet hier die Finanzierung mittels Schulden
o „Der Titel ,Junk‘ bezieht sich auf so genannte Schrottanleihen
– auf Kredite, mit denen es kleinen, nicht profitablen
Unternehmen, ermöglicht wurde, im ganz großen Stil
Geschäfte abzuschließen.“ (Akhtar, 2018)
- Geld wird als etwas Wertloses bzw. entwertetes verstanden (S.10)
- Junk bildet also ein eigenes Finanzierungssystem
- Synonyme für „Junk“ sind auch „Witzpapiere“ (S.78) und
„Monopolygeld“ (S.78)
- Die Finanzierung mit Junk ruft auch Scham hervor [Vgl. Macie
(S.10), Tresler (S.57)]

Aufbau:
- Figuren werden in Kategorien eingeteilt
o „Die Angreifer“, „Die Geschäftsführung und ihre
Verbündeten“, „Die Exekutivorgane“, „Weitere Rollen“,
„Kleinere Rollen“
- Figurenkonstellation wird sehr ausführlich und vor allem wertend
beschrieben
o ungefähre Altersangaben, Herkunft, Charakterbeschreibungen
- Anmerkung zum Bühnenbild und Regieanweisungen erhalten
genaue Vorstellungen
o Lichteinstellungen, Kostüme, Tempo/Schnelligkeit
- Offene Form, keine traditionelle Dramenstruktur
- Dreiakter in einem Zeitraum von mehr als sechs Monaten
- Einteilung durch Szenen (I, 18, II, 17, III, 7)
- Welche Funktion haben die drei Akte?

Finanzen – Produktion; Konflikt Merkin – Everson


o Merkin wird als der „Banker seiner Generation“ beschrieben
(S.3) und von Rivera als „Amerikas Alchemist. Der Schulden in
Bargeld verwandelt. Etwas aus nichts erschafft“ (S.17)
o Everson wird als „wenig brillanter Geschäftsmann“ beschrieben,
der sich aber durch „Einsatz und Loyalität“ auszeichnet. (S.3)
„Wir produzieren Stahl. Sie wollen Anteile erwerben? Gerne,
aber Stahl muss Ihnen etwas bedeuten.“ (S.20)
 Der Konflikt besteht zwischen Merkin, der auf kriminelle Art Geld
erwirtschaftet und Everson, der an bestimmten Werten festhält und
deshalb sein Familienunternehmen nicht aufgeben möchte.
Nachdem sein Unternehmen an Peterman verkauft wurde, erschießt
sich Everson. (vgl. S.123) Merkin wird von Pronsky verraten. (vgl.
S.103ff.)
 Problem mit der Moral: Chen stellt zu Beginn die Frage, wann
Geld eigentlich so wichtig wurde, dass es das „einzig Wichtige“
wurde (vgl. S.6), sodass es eine Figur in den Selbstmord führt. Was
macht Geld mit uns?
 „enough is enough!“ – Wie viel Geld ist genug in unserer Welt?
 Merkin: „Es ist alles, was wir noch haben! Das Geld ist das
einzige, was wir noch haben!“ (S.129)
 Problem mit der Realität: Anders ist für Akhtar die Wirtschaft
ein Problem, weil sie sich mehr mit Spekulationen als mit der
Produktion auseinandersetzt und sich damit von dem in der
Realität verankerten Wachstum entfernt.
 „Ich halte es da im Grunde mit Max Weber: Unser Verhalten wird
immer von den ökonomischen Verhältnissen bestimmt.“ (Akhtar,
2018)
 Heute haben wir keinen Kapitalismus nach Weber mehr, sondern
nur Fremdkapital und Schulden (Akhtar, 2017)
 „Die Herstellung von Gütern – und der Handel damit – werden
ersetzt durch Finanzdienstleistungen, durch immer mehr
Spekulationsgeschäfte mit riesigen Summen. (Akhtar, 2018)

Antisemitismus

 Merkin ist ein jüdischer Außenseiter an der Wall Street


 Der Zugang zu den Märkten bleibt ihm wegen des Antisemitismus

lange verschlossen
 nun möchte er sich an den alten, antisemitischen Finanzmogulen

(Industrie), die lange Zeit den Aufstieg der Juden verhindert haben,
rächen (vgl. S.90)
 ältere Charaktere (Everson, Tresler) verachten Juden  Versuch,

Geschäft zu behalten
 sie beschweren sich darüber, dass Merkin von Gier getrieben sei

 Merkin wird anschließend wegen Betrugsvorwürfen angeklagt

 Die Gleichsetzung von Juden und Geld bildet in Literatur und


Gesellschaft eine lange bestehende Idee; schon vor Shakespeares
„Der Kaufmann von Venedig“
Begriffe:
 Merkin: „Nebbich“ – unbedeutender Mensch (S.9)
 Konflikt zwischen Merkin und Peterman über das Essen (vgl.
S.14f.)
 Konflikt Pepsi – Coca Cola (S.15, 36)?
 Chen: „Das hier ist eine Geschichte über Könige.“ (S.4)
 Tresler: „Beutelschneider” (S.55), „Shylock“ (S.56), „anständige
Juden“ (S.56)
o „Shylock“ (S.56): evtl. Anlehnung an Figur aus Shakespeares
„Der Kaufmann von Venedig“; ein jüdischer Geldverleiher,
der zum Christentum konvertiert
 Werden Klischees hinterfragt? Ist der dargestellte Antisemitismus
eine Kritik am Antisemitismus? Kann von den Rezipienten
erwartet werden, dass diese erkannt wird?

Intertextualität: Moby Dick


 Atkins verwendet diese Metaphern, obwohl er den Roman Moby
Dick von Herman Melville (1851) nicht kennt
- „Ahab sieht den weißen Wal“ – der Markt gerät in Bewegung
(S.31)
- „Ahab will kein Bein verlieren“ – Es ist Zeit zu verkaufen (S.31)
 Walsh vermutet, dass hinter dem weißen Wal und Ahab Personen
stehen und O’Hare Verbindungen zu Ahab hat, während Ahab den
weißen Wal kennt. (S.41)
 „Kapitän Ahab“ ist der Deckname für Pronsky (S.104)
 „Moby Dick“ ist der Deckname für Robert Merkin (S.104)

Quellen:
Akhtar, Ayad: Junk. Deutsch von Michael Raab. Frankfurt a.M. 2017.
Mumot, André: Ayad Akhtar über sein Theaterstück „Junk“. Der Erfolg
der Rechten ist eine Reaktion auf sehr reale Probleme. Deutschlandfunk
Kultur – Rang I. (https://www.deutschlandfunkkultur.de/ayad-akhtar-
ueber-sein-theaterstueck-junk-der-erfolg-
der.2159.de.html?dram:article_id=415581, Zugriff am: 07.01.2020).
Guare, John: Victims of Our Own Success. An Interview with Ayad
Akhtar. In: Lincoln Center Theater Review. Junk No.70 (2017), S.9-14.