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2 Materialverhalten

Beton, Bewehrung und Verbund

20.09.2017 ETH Zürich | Prof. Dr. W. Kaufmann | Vorlesung Stahlbeton I 1


Verhalten von Beton auf Zug
Direkter Zugversuch (a) : heikel, vor allem Exzentrizitäten kritisch
2a  37.5
 indirekte Versuche üblich: F

(b) Biegezugversuch
(c) Stempelversuch (Streuung klein) h  150
(d) Spaltzugversuch

F
2b  150
Sprödes Bruchverhalten

0
0
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Verhalten von Beton auf Zug
2
• Geringe Festigkeit 𝑓𝑐𝑡 ≅ 0.3𝑓𝑐 3 (normale Betone: ca. 10% der Druckfestigkeit 𝑓𝑐 )
• Sehr sprödes Verhalten, grosse Streuung, Massstabseffekt (lange Prüfkörper spröder), Risse infolge diverser Ursachen
möglich
• Zugfestigkeit des Betons wird bei der Bemessung daher vernachlässigt
(indirekt doch angesetzt, insbesondere für Verbund Beton-Bewehrung nötig)
• Bruchmechanik: Bruchenergie GF als Materialkennwert erklärt Massstabseffekt
(z.B. fictitious crack model / crack band model)

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Verhalten von Beton auf Druck
• Verhalten bei einachsigem Druck spröd, aber weniger ausgeprägt als auf Zug
• Druckfestigkeit fc wird bei 𝜀𝑐𝑜 ≅ 2‰ erreicht, höherfeste Betone spröder
• Massstabseffekt (lange Prüfkörper sind spröder)
• Zylinderdruckversuch: normale Betone Gleitbruch, höherfeste Betone und scheibenförmige Bauteile eher laminares
Aufspalten
• Festigkeitsreduktion bei langer Einwirkungsdauer resp. langsamerer Belastung
• In Schweiz eher moderate Druckfestigkeiten üblich (fck = 25…30 MPa), international teilweise deutlich höher (z.B.
Skandinavien)

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Verhalten von Beton auf Druck
(a) Zylinderdruckversuch  fc (Stirnflächen müssen geschliffen werden)
(b) Würfeldruckversuch  fc,cube (einfacher, da geschalte Oberflächen)
(c) Einfluss von Form und Grösse der Prüfkörper beachten

• Querbehinderung durch Lasteinleitplatten bei Zylinder kleiner, daher fc,cube > fc


• Massstabseffekt: Festigkeit geometrisch ähnlicher Prüfkörper nimmt mit Grösse ab, lange Versuchskörper spröder als
kurze (analog Verhalten auf Zug)

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Verhalten von Beton auf Druck
• Druckfestigkeit durch zweiachsige Beanspruchung (Druck) moderat erhöht

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Verhalten von Beton auf Druck
• Druckfestigkeit wird durch dreiachsige Beanspruchung stark erhöht
• Näherungsweise gilt 𝑓𝑐3 ≅ 𝑓𝑐 − 4𝜎𝑐1 (mit 𝜎𝑐3 ≤ 𝜎𝑐1 = 𝜎𝑐2 )
• Querbewehrung wirkt wie Querdruck (wirksamer als Längsbewehrung !)
(Vorzeichen: Druckfestigkeit positiv, Druckspannung negativ)

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1
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Verhalten von Beton auf Druck
Modifizierte Fliessbedingung von Coulomb
Normaler Beton: tanj  0.75  c  fc /4, j  ca. 37°

4
ebener Spannungszustand
3
ebener Verzerrungszustand

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Rissverzahnung des Betons («aggregate interlock»)
• Für Bemessung nicht verwendet, eigentlich wird die Übertragung von Kräften über Risse (aus früheren
Beanspruchungen) aber von vielen Bemessungs-Modellen implizit vorausgesetzt
• Verhalten (und Versuche) komplex, kleinste Verschiebungen, grosse Streuung
• Modell von Walraven (1981) auch heute noch aktuell
(starre Zuschlagskörner, plastische Zementmatrix mit Festigkeit fmy,
wobei (An, At) von (dn, dt) abhängen)

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Zeitabhängiges Verhalten von Beton
• Druckfestigkeitszunahme über > 20 Jahre, abhängig von Temperatur
• Bezugswert üblicherweise: 28 Tage / 20°C

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Zeitabhängiges Verhalten von Beton
Schwinden sc - ec
Volumenkontraktion
Volumenkontraktion ohne Lasteinwirkung durch Schwinden
keine Lasteinwirkung
(Darstellung für freie = unbehinderte Verformungen
 keine Zwängungen) t t

sc ec Kriechverformung
Kriechen
Spannung konstant
Zunahme der Verformungen unter konstanter Anfangsverformung
Spannung
t t
Anfangsspannung
Spannungsabfall
Relaxation sc durch Relaxation ec
Dehnung konstant
Abfall der Spannungen unter konstanter
Dehnung

t t

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Zeitabhängiges Verhalten von Beton
Trockenschwinden 𝜀𝑐𝑑
(nach SIA 262)

Trockenschwindmass 𝜀𝑐𝑑∞ [‰]


Zeitverlauf 𝜀𝑐𝑑 (𝑡) Τ𝜀𝑐𝑑∞

CH aussen
CH innen

NB: Endwert
unabhängig von
Austrockungsbeginn

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Zeitabhängiges Verhalten von Beton
Trockenschwinden 𝜀𝑐𝑑 Autogenes Schwinden 𝜀𝑐𝑎 (nach SIA 262)

𝜀𝑐𝑠 𝑡 = 𝜀𝑐𝑑 𝑡 + 𝜀𝑐𝑎 𝑡

Trockenschwindmass 𝜀𝑐𝑑∞ [‰] Zeitverlauf und Schwindmass 𝜀𝑐𝑎 𝑡 [‰]

CH aussen +
CH innen

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Zeitabhängiges Verhalten von Beton
Trockenschwinden 𝜀𝑐𝑑 Autogenes Schwinden 𝜀𝑐𝑎 (nach SIA 262)

𝜀𝑐𝑠 𝑡 = 𝜀𝑐𝑑 𝑡 + 𝜀𝑐𝑎 𝑡

Trockenschwindmass 𝜀𝑐𝑑∞ [‰] Zeitverlauf und Schwindmass 𝜀𝑐𝑎 𝑡 [‰]

CH aussen +
CH innen

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Zeitabhängiges Verhalten von Beton
Kriechen
sc • Zunahme der Verformung bei konstanter Spannung
• 𝜀𝑐 𝑡 = 𝜀𝑐,𝑡=0 1 + 𝜑(𝑡)
Spannung konstant
• Normalfall: 𝜑𝑡=∞ ≅ 1.5 … 2.5, d.h. Zunahme der
Verformungen um Faktor 2.5…3.5
• Analoges Verhalten auf Zug (ungerissener Beton)

ec

j (t)· ec,t=0

ec,t=0
t

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Zeitabhängiges Verhalten von Beton
ec
Relaxation ( Kriechen bei e = const.)
• Abnahme der Spannung bei konstanter Verformung Dehnung konstant
• Grobe Näherung (fikt. E-Modul):
1
𝜎𝑐 𝑡 = 𝜎𝑐,𝑡=0 ∙
1+𝜑

• Bessere Näherung (nach Trost): t


𝜑(𝑡)
𝜎𝑐 𝑡 = 𝜎𝑐,𝑡=0 1−
1 + 𝜇𝜑
sc
• Normalfall: 𝜑𝑡=∞ ≅ 1.5 … 2.5, 𝜇 = 𝑐𝑎. 0.75, d.h. Abbau der
initialen Spannung auf ca. 25%
• Abbau bei langsamer aufgezwungener Verformung weniger stark
(auf ca. 40%)

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Zeitabhängiges Verhalten von Beton
Kriechen Relaxation
sc ec

Spannung konstant Dehnung konstant

t t

ec sc

j (t)· ec,t=0

ec,t=0
t t
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Zeitabhängiges Verhalten von Beton

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Verhalten von Betonstahl
• In der Schweiz üblicher Betonstahl (generell Es = 210 GPa)

Betonstahl (A/B/C: Duktilitätsklasse) B500A B500B B500C B700B


Fliessgrenze 𝑓𝑠𝑘 in MPa 500 700
Dehnung bei Höchstlast 𝜀𝑢𝑘 ≥ 2.5% ≥ 5% ≥ 7.5% ≥ 5%
≥ 1.15
Verhältnis (𝑓𝑡 /𝑓𝑠 )k (Verfestigung) ≥ 1.05 ≥ 1.08 ≥ 1.08
≤ 1.35
in CH heute üblich

Mit Fliessplateau Ohne Fliessplateau Übliche Idealisierung

𝑓𝑡𝑘 𝑓𝑡𝑘
𝑓𝑡𝑘
𝑓𝑠𝑘 𝑓𝑠0.2𝑘 𝑓𝑠𝑘

0.2%

𝜀𝑢𝑘 𝜀𝑢𝑘 𝜀𝑢𝑘

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Verhalten von Spannstahl
• Spannstahl verhält sich grundsätzlich ähnlich wie kaltverformter Betonstahl, Fliessgrenze definiert bei 0.1% bleibender
Dehnung 𝜎 𝑝

• Drähte und Stäbe Ep = 205 GPa, Litzen Ep = 195 GPa; generelle eud = 2%

• Vorspannung in Schweiz auf ≤ 0.7·fpk (überspannen auf 0.75·fpk zulässig)

• Litzen in der Regel aus sieben Drähten 𝑓𝑝𝑘


• In der Schweiz üblicher Spannstahl 𝑓𝑝0.1𝑘
(Y… : Zugfestigkeit fpk in MPa)

Litzen Ø15.7 mm, Ap = 150 mm2 (Ø15.3 mm, 140 mm2, Ø12.9 mm, 100 mm2)
Y1860 oder Y1770
𝐸𝑝
Stäbe Ø20 / 26 / 32 / 36 mm
Y1030, Y1050, Y1230 0.1%
1
Drähte Ø3…10 mm (Vorfabrikation)
Y1570, Y1670, Y1770, Y1860
𝜀𝑢𝑘 𝜀𝑝

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Verhalten von Beton, Beton- und Spannstahl
s [MPa]
Spannstahl (Litze)
Spannstahl (Draht)
1600

1200
Spannstahl (Stab)
-4 [‰] 0
normalfester
Beton [MPa] 800 Betonstahl B500B (kaltverformt)
hochfester
Beton -120 Betonstahl B500C (naturhart)
Betonstahl 400

-80 -40 40 80 e [‰]

-400 12

[MPa]

0 0.4
[‰]
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Verhalten von Beton und Bewehrung nach SIA 262

SIA 262, Tab. 8 / Ziffer 4.2.1.4 SIA 262, Tab. 9 / Ziffer 4.2.2.1
Beton Betonstahl

𝜀𝑐 = 0.45‰
(= 0.15 ∙ 3‰)

𝜀𝑐2𝑑 𝜀𝑐1𝑑

Biegung: Rechteckiger Spannungsblock 0,85x ∙ fcd

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Verhalten von Beton nach SIA 262
Idealisierte Spannungs-Dehnungs-Diagramme für Beton, SIA 262, Fig. 12

𝜀𝑐 = 0.45‰
𝜀𝑐2𝑑 = 3‰ (= 0.15 ∙ 3‰)
𝜀𝑐1𝑑 = 2‰

𝜎𝑐 𝑘𝜎 𝜁−𝜁 2 𝐸𝑐𝑑 𝜀𝑐
SIA 262, Formel 28: = mit 𝑘𝜎 = und 𝜁 =
𝑓𝑐𝑑 1+(𝑘𝜎 −2)𝜁 400𝑓𝑐𝑑 𝜀𝑐1𝑑

Tragsicherheit (Biegung): Rechteckiger Spannungsblock ausreichend genau

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Verbund («bond» / «tension stiffening»)
• Verbund ist für das Verständnis des Tragverhaltens von Stahlbeton zentral
• Verzahnung der rauen, durch Rippen profilierten Staboberfläche mit dem Beton, Verhalten grundsätzlich komplex
• Vereinfachung: Verbundspannungs-Schlupf-Beziehung als «Stoffgesetz»
𝐹
• Standardverbundversuch: mittlere Verbundspannung 𝜏𝑏 =
∅∙𝜋∙𝑙𝑏

F
b 
    lb

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Verbund («bond»)

• Differentialgleichung des verschieblichen Verbundes


Bezeichnungen: Schlupf d = us - uc , Dehnungen ec = duc /dx, es = dus /dx
Stabdurchmesser Ø, Querschnitte Ac , As (Ac: Bruttoquerschnitt Beton inkl. As) Bewehrungsgehalt r = As /Ac = Ø2/(4Ac),
Normalkraft N = Nc + Ns
Gleichgewicht erfordert
Ø𝜋𝑑𝑥𝜏𝑏 + 𝑞𝑥 𝑑𝑥 + 𝐴𝑐 1 − r 𝑑𝜎𝑐 = 0
Ø2 𝜋
−Ø𝜋𝑑𝑥𝜏𝑏 + 𝑑𝜎𝑠 = 0
4
woraus
𝑑𝜎𝑐 Ø𝜋𝜏𝑏 + 𝑞𝑥 𝑑𝜎𝑠 4𝜏𝑏
=− und =
𝑑𝑥 𝐴𝑐 1 − r 𝑑𝑥 Ø

und für linear elastisches Verhalten:


𝑑𝜀𝑠 𝑑𝜀𝑐 𝑑2 𝛿 4𝜏𝑏 Ø𝜋𝜏𝑏 + 𝑞𝑥
− = 2= +
𝑑𝑥 𝑑𝑥 𝑑𝑥 Ø𝐸𝑠 𝐴𝑐 𝐸𝑐 1 − r

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