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Aus ihnen spricht die Freude des Lesers an der kleinen Schriftenreihe der

Lux-Lesebogen, die aus Natur und Technik plaudernd berichten und große
Ereignisse und Gestalten aus dem Leben der Völker, aus der Kunstgeschichte
und Literatur lebendig werden lassen. — Aus der großen Zahl der Zuschriften:
„Ihre natur- und kulturkundlichen „Wir sind erstaunt darüber, daß es
Hefte sind unserer Zeit wahrhaft auf Ihnen möglich ist. für 20 Pfg. etwas
den Leib zugemessen Wie weit ist so Wertvolles und Gediegenes zu
die Welt, die Sie mit Ihren kleinen bieten." Rektor W. B., Thiede
Heften auftun! Ich selbst habe immer
ein oder zwei Hefte in meinem Notiz- „Der frische Stil gefällt, in dem hier
buch stecken, das ich täglich bei mir an sich schwere Stoffe faßlich dar-
trage," K. G., Landshut geboten werden."
Nordwestd. Rundfunk
„Ich wüßte keine Lektüre, die geeig- „Auch die älteren Pfadfinder sind
neter wäre, die Bildungslücken zu von den Heften begeistert. Im letzten
schließen, als gerade Ihre ansprechen-
den Hefte." Th. M., Lentesheim Herbstlager haben wir manchen
Regentag mit Hilfe Ihrer Leseboge 1
„Ihre Lesebogen bringen einen gro- ausgestaltet." L. S., Burbach
ßen Kreis von Menschen, alt und
jung, an oft bis ins Tiefste packende „Ich schließe mich dem Urteil eines
Dinge heran." Schulleiters aus dem Rheinland an,
Studienrat H. Seh., Bebra daß Ihre Heftchen wohl das einzig
wirklich nutzbringende und lehrreiche
„Die Heftchen sind ganz entzückend. Schrifttum für die Jugend sind."
Ich muß Sie — fast nicht ohne Neid E. Fl., Herrsching
— zu der guten verlegerischen Idee
beglückwünschen. Ich lese die Hefte „Mit Ihren Lesebogen erziele ich als
als „alter Hase" selber mit viel Ver- Klassenlektüre schöne Erfolge. Sie
gnügen." regen meine Schüler zum Lesen un i
Verleger G W., Braunschweig Lernen an und helfen mit, einen
lebendigen Unterricht zu gestalten "
„Das, finde ich, ist eine der stärk- E. H., Rapperzell
sten Seiten der Lux-Lesebogen, daß
sie in einer dem völlig unbelasteten „Mit Ihren Lesebogen haben Sie einen
Laien verständlichen Sprache Dinge überaus glücklichen Vorstoß in jenes
erzählen, die mitunter den ausge- Gebiet guter Literatur unternommen,
kochtesten Fachmann überraschen." in dem noch immer eine fühlbare
H. W., Bad Harzburg Lücke klafft."
G. P., Zool. Institut d. Univ. Kiel
„Die Lesebogen sind geradezu un-
übertrefflich gut." „Ich möchte Ihnen danken dafür, daß
Kultusminister Dr. G., Hannover Sie diese Reihe herausgeben. Wir
taten noch keinen Mißgriff."
„Beste Autoren haben mitgeholfen, W. G., Steinkirchen
dem Leser das Beste zu schenken."
Bayer. Lehrerverein „Die Lesebogen sind inhaltlich wert-
voll und gut durchgearbeitete Hefte."
„Die leichtverständliche Form Ihrer „Denkendes Volk", Braunschweig
Lesebogen ist am besten geeignet,
Laien einen Begriff von bestimmten „Die Lux-Lesebogen sind eine in
wissenschaftlichen Gebieten zu ge- jeder Hinsicht einzigartige Leistung."
ben." Astron. Arbeitsgem. Nordwest Dr. G., Oberursel
KLEINE BIBLIOTHEK DES WISSENS
LUX-LESEBOGEN
NATUR- UND K U L T U R K U N D L I C H E HEFTE

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2006.05.06
06:12:33 +
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Tierleben
Lebenskunde der Säugetiere
von
ALFRED E. BREHM

INHALT
DES HEFTES 70

Zweierlei Temperamente — Wie sie


laufen und springen — Kletterkünstler
— Flatterer und Schwimmer — Schreien,
Bellen, Brummen — „Allsinns'-Tiere —
Tierreiche der Erde — Lebensraum —
Geselligkeit — Leben und Nahrung —
Auch die Tiere haben ihre Schicksale

VERLAG SEBASTIAN LUX « MURNAU/MÜNCHEN


_^ Zweierlei Temperamente
l ^ a s Leben der Säugetiere bietet reichen Stoff zur Beleh-
rung und Unterhaltung. Sie leben nicht wie die Vogel; ihr Leben
ist bedächtiger und schwerfälliger als das jenes leichtsinnigen
Volkes der Höhe. Ihnen mangelt die heitere Lebendigkeit und
unerschöpfliche Lebensfröhlichkeit der Lieblinge des Lichtes; sie
zeigen dafür eine gewisse Behäbigkeit und Lebensgenußsucht,
die vielen sehr gut und vielen sehr schlecht ansteht. Hinsicht-
lich ihrer Beweglichkeit und Bewegungsfähigkeit kommen sie
den Vögeln nicht im entferntesten gleich. N u r wenige kennen
die unbeschreibliche Lust einer u n g e b u n d e n e n Bewegung, nur
wenige jagen jauchzend zwecklos umher wie die mit ihren
herrlichen Gaben scherzenden u n d spielenden Kinder der Luft.
Sie haben ein ernsthafteres W e s e n und verschmähen ein un-
nützes Anstrengen ihrer leiblichen Kräfte. Bloß in der Kindheit,
und w e n n die allmächtige Liebe sie kindisch und kindlich macht,
sind sie zu fröhlichem Spiele geneigt und geben sich ganz der
Lust der Bewegung hin. Bei den Vögeln heißt sich bewegen
leben und leben sich bewegen. Der Vogel ist in steter Unruhe
und möchte am liebsten die ganze Nacht zum Tage machen, um
seiner ewigen Regsamkeit voll Genüge zu leisten. Sein kleines
Herz schlägt schneller, sein Blut jagt stürmischer durch seine
Adern, seine Glieder scheinen gelenker, gestählter zu sein, als
es bei den Säugetieren der Fall ist. Bewegung ist dem Vogel
Bedürfnis, unbedingte Notwendigkeit, dem Säugetier meist nur

l
ein M i u e l zum Zweck, Es scheint die w a h r e Lebensbehaglich-
keit erst zu empfinden, w e n n es sich möglichst bequem hin-
gelagert h a t u n d sich, w e n n nicht dem Schlafe, so doch wenig-
stens einem Halbschlummer h i n g e b e n kann. Ein in solchem
Zustande v e r h a r r e n d e r Mensch,' ein auf der Seite liegender
Hund und vor allem der w i e d e r k ä u e n d e Ochse mögen meine
Behauptung bildlich e r l ä u t e r n : ein solches „süßes Nichtstun"
mit offenen A u g e n k o m m t u n t e r den Vögeln höchstens bei
einem voll und toll gefressenen Geier vor. Die Vögel sind eben
Bewegungs-, die Säuger Empfindungstiere.
Man k a n n allerdings nicht sagen, daß die Bewegungsfähig-
keit der Säugetiere gering sei; denn die Säugetiere gehen, lau-
fen, springen, klettern, „fliegen", schwimmen und tauchen wie
die Vögel. Aber die Masse beherrscht sie, die Scholle fesselt,
sie, und so wird ihre größte Schnelligkeit von den Seglern der
Lüfte, v o n den erdfrei g e w o r d e n e n luftigen Vögeln durch-
schnittlich überboten. Ja selbst die Erdvögel, wie der Strauß
oder der Kasuar, wetteifern im Laufen mit dem schnellfüßigen
Roß oder der behenden Antilope. Und w e n n die armen Säuge-
tiere n u n gar versuchen wollen, den gefiederten Scharen es
gleichzutun, zeigen sie erst recht, wie weit sie hinter diesen
zurückstehen: die Fledermaus ist nur ein Zerrbild des Vogels.

Wie sie laufen und springsn


Die Säugetiere gehen auf zwei oder auf vier Beinen. Einen auf-
rechten Gang hat bloß der Mensch. Kein Affe geht aufrecht;
die K ä n g u r u h s oder Springbeuteltiere, die sich ausschließlich
auf den Hinterbeinen fortbewegen, gehen nicht, sondern sprin-
gen, fördern sich also durch Aufschnellen ihrer Beine satzweise,
und die Springmäuse, die eines ihrer Hinterbeine um das an-
dere bewegen, gehen nicht aufrecht. Alle übrigen Landtiere
laufen auf ihren vier Füßen, und zwar indem sie ein Vorder-
bein u n d das gegenseitige Hinterbein zugleich oder fast zu-
gleich aufheben, vorstrecken u n d wieder niedersetzen. Eine
A u s n a h m e hiervon machen Elefant, Nilpferd, Kamel, Giraffe
und m e h r e r e Antilopen; sie b e w e g e n beide Beine einer Seite
fast genau zu gleicher Zeit. Diese Gangart, der Paß, k a n n un-
seren gezähmten Einhufern ebensogut anerzogen w e r d e n wie
der natürliche Trab. J e d e Beschleunigung des Gehens h e b t
beide Gangarten, den Paß oder den Wechselschritt, wenigstens

?
scheinbar auf. Man glaubt nämlich, daß ein im schnellsten L a u f «
dahinjagendes Tier zuerst beide Vorderfüße u n d dann b e i d «
Hinterfüße auf den Boden setze und wieder erhöbe, obgleich e l
in Wirklichkeit seinen ursprünglichen Gang behält. Die S c h n e M
ligkeit dieser Bewegung ist so verschieden, daß ihre allgemeine l
Schätzung hier unausführbar erscheint, zudem hat man sie a u d l
nur beim Pferde genau gemessen. Das Ergebnis dieser Messun-
gen ist übrigens in hohem G r a d e überraschend. Einige eng-
lische Rennpferde haben sich durch ihre Leistungen einen ge-
schichtlichen N a m e n erworben. Eine ähnliche Schnelligkeit
dürfte im Freileben der Säugetiere übrigens selten v o r k o m m e n .
Und was ist sie gegen die Schnelligkeit des Vogelfluges? Schon
die langsame Krähe w ü r d e mit dem Rennpferd wetteifern kön-
nen; die Brieftaube überholt es bald; denn sie durchfliegt mehr
als den doppelten Raum in derselben Zeit. Und wenn n u n erst.
ein Edelfalk zu ernster J a g d oder ein Segler zum Liebesreigen
seine kraftgestählten unermüdlichen Schwingen in Bewegung
setzt, wo bleibt da die Schnelle des edlen Rosses? Auch dieses
klebt an der Scholle; darum g e w ä h r t die Zeit und Raum über-
fliegende Dichtung ihrem Rosse, dem Pegasus, die den Leib
vergeistigende Schwinge.
Das Springen geschieht sehr verschiedenartig. Alle Säugetiere,
die springend laufen,wie die v o r h i n genannten, schnellen sich durch
plötzliches Ausstrecken ihrer z u s a m m e n g e b o g e n e n Hinterbeine
v o r w ä r t s und machen Sätze anstatt der Schritte. Diejenigen, die
nur dann springen, wenn sie angreifen oder ein Hindernis
übersetzen wollen, schnellen sich immer durch die Kraftanstren-
gung aller vier Beine empor, w e n n auch die Hinterbeine das
Hauptsächlichste dabei leisten müssen. Der Schwanz bestimmt
oder regelt die Richtung des Sprunges, und deshalb ist auch
bei fast allen Springern dieses notwendige Steuer besonders
entwickelt, bei den Affen ebensowohl wie bei der Springmaus,
bei der Katze wie bei dem Känguruh. Ausnahmsweise, zum
Beispiel bei den Langarmaffen, verrichten die Hinterbeine an-
statt des Schwanzes den Dienst des Steuers. Die Kraft des
Sprunges ist sehr bedeutend. Ein Affe k a n n einen in w a a g e -
rechter Richtung acht bis zehn Meter von ihm entfernten Zweig
springend erreichen; ein Eichhorn springt ungefährdet aus einer
Höhe v o n zwanzig und mehr Meter zur Tiefe nieder; ein Hirsch
setzt über eine W a n d von drei, ein Löwe über eine solche von
vier Meter Höhe, eine Gemse über eine Kluft von gleicher

I
vVeilej ein Steinbock schnellt suii bis drei Meter senkrecht em-
por. Der hüpfende Gang der Känguruhs fördert fast ebenso
schnell wie der Lauf des Hundes; eine Springmaus wird nie-
mals von einem laufenden Menschen eingeholt. Im Springen
sind die Säugetiere Meister — selbst der behende, starke Lachs,
der doch oft unter den scheinbar ungünstigsten Umständen be-
deutend hohe Sprünge macht, kann mit ihnen nicht wetteifern.

Kletterkünstler
Sehr merkwürdig und verschieden ist die Kletterbewegung
der Säugetiere. Wir finden unter denen, deren ganzes Leben
auf dem Baume verläuft, ausgezeichnete Kletterer, Seil- oder
Zweigkünstler und Gaukler. Nicht nur alle vier Beine, Hände
oder Pfoten, sondern auch der Schwanz werden in Tätigkeit
gesetzt; der Schwanz übernimmt sogar eine eigentümliche Rolle,
deren Wiederholung wir nur bei einigen Kriechtieren und
Fischen bemerken: er dient als Werkzeug zum Anheften,
zum Festbinden des Leibes. Alle altweltlichen Affen klettern,
indem sie das Gestein oder die Äste und Zweige mit
ihren vier Händen packen und sich durch Anziehen der Vorder-
arme und Strecken der hinteren Glieder fortschieben. Ganz an-
ders klettern viele Affen Amerikas. Sie sind geistig wie leiblich
träger, also vorsichtiger und langsamer als ihre übermütigen
Verwandten in der Alten Welt, auch ihre Bewegungen müssen
daher andere sein. Allerdings werden die Hände noch benutzt;
der Schwanz aber ist es, der zum Festhalten dient. Seine star-
ken Muskeln rollen dessen Ende so fest um einen Ast oder
Zweig, daß der ganze Leib hierdurch allein schon eine Stütze
oder einen Henkel erhält, mit dem er sich so sicher befestigen
kann, daß die Benutzung aller vier Beine möglich wird. Der
Schwanz ist es, der vorausgeschickt wird, um Anhalt zu suchen,
an ihm klettert unter Umständen der Affe wie an einem fest-
gebundenen Seile empor. Von beiden Familien unterscheiden
sich die Krallenkletterer, zu denen auch eine Familie der wirk-
lichen Affen gehört. Sie häkeln sich mit ihren gebogenen, schar-
fen Krallen in die Baumrinde ein und gebrauchen den Schwanz
höchstens noch zum Anstemmen gegen die Fläche, an der sie
hinaufklettern, oder garnicht mehr. Unser Eichhorn und die
Katze, der Marder und der Bär, der Beutelbilch und das Löwen-
iffchen sind solche Krallenkletterer. Sie können sich mit großer
Klettergeschwindigkeit auf waagerechten, schiefen und senk-
rechten Flächen bewegen, ja auf ihnen förmlich umherlaufen,
und einzelne v o n ihnen, w i e die Kusus u n d Beutelratten, be-
sitzen dazu auch nocti einen Wickelscnwanz und geoen dann
kaum den Affen im Klettern etwas nach. W e i t schwerfälliger
ist das Klettern der Faultiere. Ihre Füße sind zwar mit scharfen
Krallen versehen, sie benutzen sie aber weniger zum Einhäkeln
in die Rinde, als vielmehr zum Umklammern der Äste und
Zweige der Bäume, wie es der Mensch tut. Noch einfacher, kei-
neswegs aber ungefährlicher ist das Ersteigen von Felswänden
oder starken Stellungen der Gebirge. Die Paviane, auf den
Bäumen tölpisch, müssen als die Meister in dieser Fertigkeit
a n g e s e h e n werden; gleich hinter ihnen aber kommen — die
Wiederkäuer, die auf Gebirgen leben. Sie steigen zwar bloß,
allein dieses Steigen ist ein Klettern in halsbrecherischer W e i s e
und erfordert eine weit größere Sicherheit und eine k a u m min-
der große Gewandtheit als das Klettern aller v o r h e r g e n a n n -
ten Tiere, ü b r i g e n s h a b e ich in den Urwäldern Afrikas die Zie-
gen mit großer Geschicklichkeit an schiefen Stämmen hinauf-
und in dem Gezweige der Bäume u m h e r k l e t t e r n sehen.
M a n sollte nicht meinen, daß die Vögel auch in dieser Be-
w e g u n g die Säugetiere wenigstens in einer Hinsicht überträfen.
Ein Eichhörnchen „reitet" allerdings schneller an einem Stamm
hinan als ein Specht, keineswegs aber auch so behend und zier-
lich kopfunter an dem Stamm h i n a b wie die Spechtmeiss, mit
der hierin nur die Eidechsen, namentlich die Geckos, wetteifern
können. Die Affen, Katzen und Eichhörnchen und einige marder-
artige Tiere gehen zwar auch in der g e n a n n t e n Richtung nach
unten, sie klettern aber nicht, sondern rutschen und können
sich, w e n n sie einmal in Bewegung gekommen sind, keines-
wegs so ohne alle Umstände auf derselben Stelle erhalten wie
der e r w ä h n t e Vogel. Dagegen steht die W i e d e r g a b e derselben
Grundform in einer a n d e r e n Tierklasse, ich meine den „Vogel-
affen" Papagei, weit hinter seinem Vorbild zurück. Er stümpert
nur, wo jener vollkommener Künstler ist.

Flauerer und Schwimmer


Das Flattern der Säugetiere, das oft mit Unrecht schon „Flie-
gen" genannt wird, lehrt uns eine a n d e r e Bewegungsart u n s e r e r
Klasse kennen. Es läßt sich in ihr allerdings eine Steigerung
h
Känguruhs
wahrnehmen, doch bleibt diese Bewegung immer nur bei dem
Anfange, bei dem Versuche stehen u n d gelangt nie zur Voll-
endung. W i e ganz anders erscheint der Flug des Vogels. Er
ist die köstlichste, e r h a b e n s t e aller Bewegungen: bald ein ge-
ruhiges Schweben, bald ein pfeilschnelles Stürmen, bald ein
Wiegen, Schaukeln, Spielen, bald ein Gleiten, Dahinschießen,
ernstes Eilen, bald ein Reisen mit Gedankenschnelle, bald ein
Lustwandeln, langsam, gemächlich. Er k a n n so mannigfaltig, so
verschieden sein wie er n u r will: immer bleibt und immer heißt
er Flug. Bloß das Flugwerkzeug des Vogels n e n n e n wir Flü-
qel — das Säugetier h ä n g t auch mit Flügelgedanken noch an
der Scholle.
Freundlicher, beglückender für das Tier ist die vielen Säugern*
v e r l i e h e n e Gabe, das W a s s e r bewohnen, in ihm schwimmen,
in seine Tiefen hinabtauchen zu können. Nur sehr w e n i g «
Säugetiere sind gänzlich unfähig, sich schwimmend auf der]
Oberfläche des W a s s e r s zu e r h a l t e n : ich glaube bloß der un-J
gelernte oder u n g e ü b t e Mensch u n d einige Affen w i e d i a
Menschenaffen und die P a v i a n e ; daß Paviane ertrinken, wenn]
sie in das W a s s e r fallen, weiß ich aus Erfahrung. Alle übrige™
versinken wenigstens nicht alsbald in die Tiefe. Eigentliche!
W a s s e r s ä u g e t i e r e a b e r sind, mit A u s n a h m e der den h ö h e r e r !
O r d n u n g e n a n g e h ö r i g e n W a s s e r b e w o h n e r , doch bloß die wah-l
ren Meeressäuger, die Robben u n d W a l e . Sie sind gleich-1
sam zu säugenden kiemenlosen Fischen geworden und brauchen]
ihr W o h n g e b i e t allein der A t m u n g w e g e n n u r noch auf wenige!
Augenblicke — wenigstens mit einem Teile ihres Leibes — zu
verlassen; sie w e r d e n im W a s s e r geboren, leben, lieben u n d
sterben in ihm. Kein Schwimm- oder Tauchvogel dürfte sie in
der Schnelligkeit, k a u m einer in der Gewandtheit ihrer Be-
w e g u n g e n übertreffen: W a s s e r s ä u g e t i e r e und W a s s e r v ö g e l ste-
hen sich durchschnittlich gleich.
Es ist anziehend und b e l e h r e n d zugleich, die Steigerung dei
Schwimmtätigkeit zu verfolgen u n d die den Schwimmern ge-;
gebenen Bewegungswerkzeuge vergleichend zu betrachten. Wirf
k ö n n e n dabei zuerst auch auf die unfreiwilligen Schwimmer j
blicken. Hier ist das behufte Bein als das unvollkommenste
W e r k z e u g anzusehen; allein dieses v e r v o l l k o m m n e t sich rasch
in demselben Grade, in dem der Huf noch geteilt ist, und so
ireffen wir unter den Vielhufern ausgezeichnete Schwimmer.'
•i im Nilpferd schon ein echtes Wassertier. Die Hand steht

H
höher als der Hui, ertordert aber wie immer so auch zum
Schwimmen größere Geschicklichkeit. Viel leichter wird dies
den Pfotentieren. Die weit vorreichende Fingerverbindung
durch die S p a n n h a u t läßt aus der Pfote ein breiteres Ruder
bilden, u n d dieses muß um so vollkommener sein, je m e h r die
Spannhaut sich a u s d e h n t u n d zur Schwimmhaut wird, ü b r i g e n s
ist diese keineswegs unbedingtes Erfordernis zu geschicktem
Schwimmen, denn die W a s s e r s p i t z m a u s schwimmt unzweifelhaft
ebenso gut wie das Schnabeltier, obgleich bei ihr nur straffe
Haare zwischen den Zehen den breiten Entenfuß des Schnabel-
tieres ersetzen. Die Robben bilden Übergangsglieder v o n den
Pfontentieren zu den eigentlichen ,,Fisch"-säugern, den W a l e n .
Ihre Füße sind nur noch dem N a m e n nach Füße, in W a h r h e i t aber
bereits Flossen; denn die Zehen sind schon gänzlich in die
Bindehaut eingewickelt, und nur die N ä g e l lassen sie äußerlich
noch sichtbar erscheinen. Bei den W a l e n fehlt auch dieses
Merkmal; die Zehen w e r d e n durch Knorpelgewebe dicht und
unbeweglich miteinander v e r b u n d e n , u n d bloß die gesamte
Flosse ist noch beweglich; die hinteren Gliedmaßen verschwin-
den, aber der Schwanz breitet sich waagerecht zur echten Flosse
a u s : das Mittelding zwischen Säuger u n d Fisch ist fertig ge-
worden. Eine solche Verschiedenheit der W e r k z e u g e ändert
auch die Bewegung, Die Huf- und Pfotentiere g e h e n oder
strampeln im W a s s e r u n d stoßen sich dadurch weiter; die Flos-
s e n - u n d ,,Fisch"-säuger fördern sich, indem sie ihre Ruder auch
rudermäßig benutzen, das heißt mit der schmalen Kante durch
die W e l l e n vorschieben u n d dann mit de'f Breitseite gegen sie
Irücken; oder indem sie den Flossenschwanz kräftig seitlich
oder auf u n d nieder bewegen, wie der Bootsmann sein Fahr-
zeug mit einem Ruder durch die Fluten treibt, wenn er dieses
im Stern einlegt und bald nach rechts und bald nach links hin
drückt, immer aber mit der Breitseite w i r k e n läßt. Die Pfoten-
tiere mit Schwimmhäuten .legen ihre Ruder zusammen, wenn
sie die Beine v o r w ä r t s bewegen, und breiten sie aus, wenn sie
Riegen das Wasser arbeiten: sie r u d e r n wie die Vögel.

Schreien, Bellen, Brummen, Brüllen


Die unwillkürlichen Bewegungen des inneren Leibes sind bei
Jen Säugetieren durchschnittlich langsamer als bei den Vögeln.
) a s Herz schlägt seltener, u n d der Luftwechsel ist weniger hau-

9
tig in der Brust des Saugetieres als in der eines gleich grolie^
Vogels. Hiermit steht die etwa um zwei Grad geringere Blut-
wärme der Säuger im Einklänge. Den W a s s e r s ä u g e t i e r e n ge-
währt diese verhältnismäßige Trägheit der Atmungs- und Blut-
umlauf swerkzeuge große Vorteile; sie erlaubt ihnen, länger
unter dem Wasser auszuharren, als es die Vögel vermögen. Am
eigentümlichsten und zugleich auffallendsten aber zeigt sich die
Trägheit der A t m u n g bei denjenigen Säugetieren, die Winter-
schlaf halten, solange dieser Totenschlummer anhält. Ein Mur-
meltier etwa, das im wachen Zustand w ä h r e n d eines Zeitraums
von zwei Tagen 72 000 mal atmet, tut dies w ä h r e n d des Winter-
schlafs in der Zeit v o n sechs Monaten nur 71 000 mal, ver-
braucht also w ä h r e n d dieser Zeit höchstens den neunzigsten
Teil der Luft, die w ä h r e n d des Wachseins zu seinem Leben
erforderlich ist.
Mit den A t m u n g s w e r k z e u g e n steht die Stimme in so enge
Beziehung, daß wir sie schon jetzt berücksichtigen k ö n n e n
W e n n wir die Säugetiere auch hierin wieder mit den Vögeln
vergleichen, muß uns sogleich die geringe Biegsamkeit der
Stimme fast aller Glieder u n s e r e r Klasse auffallen. Der Mensch
allein besitzt eine v o l l k o m m e n e Stimme, wie die Vögel sie
haben; ja, seine Stimme steht so hoch über der aller Vögel unc
a n d e r e n Tiere, daß man sie mit als einen H a u p t g r u n d der
Erhebung des Menschengeschlechts zu einer eigenen Klasse an
gesehen hat. Das Säugetier im allgemeinen muß als ein klang
und sangloses Geschöpf bezeichnet werden, als ein Wesen, das
im Reich der Töne fremd ist. Kaum ein einziges Säugetier be-
sitzt eine Stimme, die unser O h r befriedigen oder gar ent-
zücken könnte.
Nicht bloß zur Zeit der Liebe ist die Stimme des Säugetieres
unserem Ohre unwillkommen, sondern stets, sobald sie irgend-
welche Aufregung bekundet, ja auch w e n n dies nicht der Fal'
ist, fast immer. Es fällt n i e m a n d e m ein, von singenden Säuge-
tieren zu reden, m a n kann v o n Schreien, Bellen, Brummen
Brüllen, Quieken, Pfeifen, Fauchen und so weiter reden —
wahrhaftig nicht v o n a n g e n e h m e n Tönen. W i r sind zwar an die
Stimmen vieler unserer t r e u e n Hausgefährten so gewöhnt, daß
wir sie zuletzt ebenso gern v e r n e h m e n wie den r a u h e n Brumm-
baß eines uns lieb g e w o r d e n e n Freundes, fragen wir aber einen
Tondichter nach dem Tonwert des Hundeaebells. Katzenmiau-
ens, Rossewieherns oder Eselgeschreis, so lautet die Antwort

in
sicherlich nicht anerkennend. Kurz, die Stimme aller Säuge-
dere, mit A u s n a h m e des Menschen, ist rauh, mißtönig, unbieg-
sam und unbildsam, und sogar die, die uns zuweilen gemütlich
anzusprechen dünkt, hört auf, beides zu sein, sobald irgend-
welche Erregung die Seele des Tieres bewegt, w ä h r e n d bei dem
Vogel oft das g e r a d e Gegenteil v o n all dem stattfindet. Auch
hinsichtlich der Stimme ist der Vogel Bewegungstier,

Säuser sind „Allsinns'-Tiere


Solange wir uns mit der rein leiblichen Tätigkeit der Säuge-
tiere beschäftigten, mußten wir die großen Vorzüge a n e r k e n -
nen, die die Bewegungstiere oder Vögel, wenigstens in vielen
Stücken, den Mitgliedern u n s e r e r Klasse, den Empfindungs-
tieren, gegenüber besitzen. A n d e r s ist es aber, wenn wir die
geistigen Fähigkeiten der Säuger betrachten. Die Sinnestätig-
keit, die bei den u n t e r e n Klassen als die einzige geistige Re-
gung angesehen w e r d e n muß, ist auch bei den Fischen und
Lurchen noch verhältnismäßig sehr gering und bei den Vögeln
vielfach beschränkt; bei unserer Klasse aber treten alle Sinne
gleichsam erst in volle Wirksamkeit. Ihre einhellige und gleich-
mäßige Entwicklung erhebt die Säugetiere hoch über die Vögel.
Die Vögel sind vorzugsweise Augentiere, die Säuger „All-
3inns"-Tiere. Die Vögel sehen besser als die Säuger, weil ihr
großes A u g e v e r m ö g e seiner inneren Beweglichkeit für ver-
schiedene Entferungen eingestellt u n d sehfähig gemacht wer-
den kann; sie stehen dagegen in allen übrigen Sinnestätigkei-
ten weit hinter den Säugern zurück. Bei diesen zeigt sich schon
überall mehr oder weniger jene Allseitigkeit, die im Menschen
zur vollen Geltung gelangt, und deshalb eben stehen sie an
der Spitze des Tiereiches.
Zartfühlende Wesen
Das Gefühl dürfte unter allen Sinnen derjenige sein, der am
wenigsten hervortritt, und wie ausgebildet ist gerade diesei
Sinn bei den Säugetieren! Der gewaltige W a l soll durch
die geringste Berührung seiner Haut zum sofortigen Tief-
tauchen bewogen w e r d e n ; der Elefant spürt augenblicklich die
Fliege, die sich auf seinem dicken Fell festsetzt; dem Ochsen
verursacht leises Krabbeln zwischen seinen Hörnern angeneh-
men Kitzel; den schlafenden H u n d erweckt das sanfteste Strei-
cheln. Und alle diese Tiere sind gefühllos zu nennen im Ver-

II
yieiciie zuai Menschen. Bei ihm ist die äußere Haut ja so zart-
fühlend, daß auch der leiseste Lufthauch, der sie trifft, empfun-
den wird. Der Tastsinn zeigt sich zwar schwächer als die Emp-
findung, aber doch überall mindestens in demselben Grade wie
bei den Vögeln. Selbst die Einhufer besitzen ein gewisses Tast-
gefühl in ihren Füßen, trotz des Hornschuhes, der vom Huf-
schmied wie ein dürres Stück Holz behandelt werden kann;
man muß nur ein Pferd beobachten, wenn es nachts das Ge-
birge hinauf oder hinab steigt. Mit seinem Hufe prüft es den
Weg, mit ihm betastet es den Boden. Die Tastfähigkeit der
Schnurrhaare ist schon viel größer; die mit ihnen versehenen
Tiere tasten fast ebensogut wie viele Kerbtiere, die ihren er-
sten Sinn in den Fühlhörnern tragen. Unsere Hauskatze, die
Ratte oder die Maus zeigen in sehr ersichtlicher Weise, wie
nützlich ihnen die Schnurrhaare sind: sie beschnuppern oft nur
scheinbar einen Gegenstand oder wenigstens erst, nachdem sie
ihn betastet haben. Allen Nachtsäugetieren dienen die Schnurr-
haare als unentbehrliche Wegweiser bei ihren nächtlichen Wan-
derungen: sie schützen vielfach die edleren Sinneswerkzeuge
des Gesichts und Geruchs. Zu welcher bewunderungswürdigen
Vollkommenheit aber der Tastsinn in unserer Klasse gelangen
kann, hat jeder meiner Leser an seiner eigenen Hand erfahren,
wenn sie auch noch weit hinter der eines Künstlers oder eines
Blinden zurückstehen dürfte. Die Hand ist das vollkommenste
aller Tastwerkzeuge, sie kann das Gesicht, wenn auch nicht er-
setzen, so doch oft und wirksam vertreten.
Tiere mit „gutem G e s c h m a c k *
Der Geschmackssinn oder das Gefühl der Zunge kommt,
streng genommen, erst in unserer Klasse zu allgemeiner Gel-
tung. Ein gewisser Grad von Geschmack darf zwar den Vögeln,
Kriechtieren, Lurchen und Fischen nicht abgesprochen werden,
denn man kann beobachten, daß sie manche Speisen lieber fres-
sen als andere; allein der Sinn erhält doch nur bei wenigen
Vögeln, beispielsweise bei den Papageien und den Zahnschnäb-
iern, zu denen unsere Würger gehören, ein Werkzeug, das
vermöge seiner Weichheit und der hierdurch wirksam werden-
den Nerventätigkeit das Schmecken möglich macht, während
dieses Werkzeug, die Zunge, bei der großen Mehrzahl so ver-
härtet und verkümmert ist, daß es den chemischen Hergang
des Schmeckens, die Auflösung der Speiseteile und die dann
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Afrikanische Elefanten
zur Sinneswahrnehmung gelangende Verschiedenheit unmöglich
einleiten und befördern k a n n . A n d e r s ist es bei den Säugern.
Hier ist die Zunge regelmäßig schmeckfähig, mag sie auch noch
so h a r t und rauh erscheinen. Salz und Zucker äußern, wie
j e d e r m a n n weiß, fast immer ihre W i r k u n g auf die Geschmacks-
werkzeuge der Säugetiere; sogar die Katzen verschmähen
diese beiden Stoffe nicht, sobald sie ihnen gelöst geboten
werden. Die harte Zunge des stumpfsinnigen Kamels, die durch
nadelscharfe Mimosendornen nicht verletzt werden kann, wider-
steht dem chemischen Einflüsse des Salzes nicht, sondern fühlt
sich höchst a n g e n e h m geschmeichelt, w e n n dieser Zauberstoff
durch sie gelöst und seine Annehmlichkeit fühlbar gemacht
wird; der Elefant, dessen Zunge als ein ungefüges Stück Fleisch
erscheint, beweist durch große Zufriedenheit, daß dieses klot-
zige Fleischstück durch Süßigkeiten oder geistige G e t r ä n k e
äußerst a n g e n e h m gekitzelt wird; u n d alle, selbst die wildesten
Katzen, finden in der Milch eine Leckerei. Hinsichtlich des Ge-
schmacks stehen die Vögel wieder unendlich weit zurück hinter
den Säugern.
SpürenundWittern
Der Geruchssinn erreicht bei den Säugetieren ebenfalls die
höchstdenkbare Entwicklung. Ein vergleichender Überblick der
verschiedenen Tierklassen belehrt uns, daß gerade der Geruch
schon bei niederen Tieren einer der ausgeprägtesten Sinne ist;
ich will bloß an die Kerbtiere erinnern, die dem Blumendufte
nachschwärmen oder zu A a s - und Kothaufen von fern heran-
gezogen werden. Die Fische erscheinen in der N ä h e eines
Aases, das ihnen vorgeworfen wird, in Flüssen sogar von oben
her, aus derjenigen Richtung, nach der das W a s s e r doch un-
möglich Vermittler des Riechstoffes sein kann. Bei Lurchen und
Kriechtieren ist der Geruchsinn schlecht ausgebildet, bei den
Vögeln so gut wie gar nicht. Bei den Säugetieren aber finden wir
viele Tiere, deren Geruchssinn eine wahrhaft überraschende Aus-
bildung erlangt hat. Der Geruch ist selbstverständlich nur be-
fähigt, gasförmige Stoffe zur S i n n e s w a h r n e h m u n g zu bringen;
wie es aber möglich ist, bloß noch A n d e u t u n g e n solcher Gase
aufzuspüren und zum Bewußtsein gelangen zu lassen, wird ein
ewiges Rätsel bleiben. Ein H u n d spürt die bereits vor Stunden
g e t r e t e n e F ä h r t e seines H e r r n unter tausend a n d e r e n Menschen-
fährten unfehlbar aus oder folgt dem Wilde, das gestern einen

14
gewissen Weg ging, aut diesem Wege durch dass zu vollem
Bewußtsein kommende Riechen, das heißt durch das Ausschei-
den des einen eigentümlichen Geruchs aus hundert anderen Ge-
rüchen, und hat dazu nicht mehr Anhalt als die Gase, die von
einer augenblicklichen Berührung des Stiefels oder Hufes und
des Bodens herkommen. Dies uns zu denken oder klar vor-
zustellen, halte ich für unmöglich. Ebenso undenkbar für uns
Stumpfsinnige ist diejenige Ausbildung des Geruches, die wir
„Wittern" nennen. Daß ein Hase den verborgenen Jäger, der
im Winde steht, auf dreißig Schritte Entfernung riechen kann,
erscheint uns gar nicht so merkwürdig, weil selbst unsere Na-
sen, die doch durch Stubenluft und alle möglichen anderen
edeln und unedlen, unserem geselligen Leben notwendig an-
hängenden Düfte hinlänglich entnervt sind, die eigentümlichen
Gerüche unserer Haustiere auf zehn bis zwanzig Schritte Ent-
fernung noch wahrzunehmen vermögen; daß aber ein Rentier
den Menschen noch auf fünfhundert Schritte hin wittert, ist un-
begreiflich, und ich würde es, offen gestanden, gewiß nicht ge-
glaubt haben, hätte ich es nicht durch eigene Beobachtung er-
fahren müssen. Spüren und Wittern sind gleich wunderbar
für uns, weil wir weder die eine noch die andere Höhe des
Geruchs auch nur annähernd erreichen können.
Große Ohren — gutes Gehör
Fraglich erscheint, ob bei den Säugern der Sinn des Geruches
von dem des Gehörs überboten wird oder nicht. So viel steht
fest, daß das Gehör in unserer Klasse eine Entwicklung er-
reicht wie in keiner anderen. Der Gehörsinn ist zwar schon bei
den tieferstehenden Klassen des Tierreiches ziemlich ausgebil-
det, jedoch nirgends in dem Grade, daß er zum Leben, bei-
spielsweise zum Aufsuchen der Beute oder Nahrung, unum-
gänglich nötig wäre. Dies ist erst bei den zwei oberen Klassen
der Fall; allein das vollkommenste Ohr der Vögel erscheint
immer nur als eine Nachbildung des Säugetierohres. Daß die
Vögel ganz vortrefflich hören, geht schon aus ihren tonkünst-
lerischen Begabungen hervor; sie erfreuen und beleben sich
gegenseitig durch ihren liederreichen Mund und durch ihr Ge-
hör, das ihnen eben das Reich der Töne erschließt. Es ist aber
bemerkenswert, daß unter ihnen nur diejenigen liederbegabt
sind, oder nur diejenigen sich in Klängen und Tönen berau-
schen, die das am wenigsten entwickelte Gehör besitzen, wäh-
iend den Feinhörigen, etilen Eulen beispielsweise, dieselben
Töne, die a n d e r e Vögel entzücken, ein Greuel sind. Geradeso
ist es bei den Säugern. Hier zeigt schon der äußere und hoch
mehr der innere Bau des O h r e s die h ö h e r e Begabung de^ ent-
sprechenden Sinnes an; die Begabung aber k a n n sich so stei-
gern, oder der Sinn k a n n sich so verfeinern, daß ihm Klänge,
die stumpferen Ohren wohllautend erscheinen, gellend oder
u n a n g e n e h m werden. Ein musikalisches Gehör ist deshalb
keineswegs ein gutes oder feines Gehör zu nennen; es steht
vielmehr auf einer tieferen Stufe der Entwicklung als das eines
wirklich feinhörenden Tieres, u n d w e n n m a n v o n seiner Aus-
bildung spricht, kann man das immer nur bedingt meinen.
Hieraus geht hervor, daß beim Menschen der Sinn des Gehörs
wie der des Geruches auf einer tieferen Stufe steht als bei den
a n d e r e n Säugern; dies tut aber seiner Stellung unter den leben-
den W e s e n durchaus keinen Abbruch, denn eben die gleich-
mäßige Ausbildung aller Sinne ist es, die ihn über alle Tiere
erhebt.
Die Hörfähigkeit der Säuger ist sehr verschieden. Taub ist
kein einziger v o n ihnen, wirklich feinhörig aber sind nur
wenige. Das äußere Ohr gibt einen ziemlichen richtgen Maß-
stab zur Beuteilung der g e r i n g e r e n oder größeren Entwicklung
des Sinnes; das heißt, alle Tiere, die große, stehende und be-
wegliche Ohrmuscheln besitzen, hören besser als diejenigen,
deren Ohrmuscheln hängend, klein oder gar v e r k ü m m e r t sind.
Mit dem äußerlich v e r b e s s e r t e n Sinneswerkzeug v e r m e h r t
sich die Empfänglichkeit für die Töne; um es mit w e n i g e n Wor-
ten zu sagen: großohrige Säuger hassen, kleinohrige lieben
Töne u n d Klänge. Der Delphin folgt entzückt dem Schiffe, von
dessen Bord Musik zu ihm herabklingt; der Seehund erscheint an
der Oberfläche des W a s s e r s , w e n n der Fischer leise und klang-
voll pfeift; das Roß w i e h e r t vor Lust beim Schmettern der
Trompeten; das Kamel stelzt frischer dahin, w e n n die Zug-
glocke läutet; der Bär erhebt sich beim Ton der Flöte; der Ele-
fant, der wohl einen großen Ohrlappen, aber keine große Ohr-
muschel besitzt, bev/egt seine Beine tanzartig bei der Musik,
unterscheidet sogar schmelzende Arien von kräftigen Märschen
oder Kriegsgesängen. Aber keines dieser Tiere gibt einen für
uns angenehmen, w o h l t ö n e n d e n Laut von sich wie die tonbegab-
ten Vögel, die die Musik lieben und durch sie zum Singen und
Tnhehi ruifqern'intPrl werden. Anders b e n e h m e n sich die fein-
hö;iycii Sauger beim Empfinden der Töne und Klänge, die
ihren O h r e n zu stark sind. Der H u n d erträgt den Baß des Man-
nes, nicht aber den Sopran der Frau; er heult beim Gesänge
des W e i b e s wie bei Tönen aus Blaswerkzeugen, w ä h r e n d er
die milderen Saitentöne schon viel besser leiden mag. Noch
auffallender gebärdet sich eine großohrige Fledermaus, wenn
sie Musik hört: sie gerät in peinliche Unruhe, zuckt mit den
Vordergliedern u n d begleitet die äußeren Bewegungen mit zit-
ternden Lauten ihrer Stimme; ihr sind die starken Töne gerade-
zu entsetzlich. W i e sich das W i l d beim Hören greller Töne be-
nimmt, weiß ich nicht, ich glaube aber, daß es ebenso empfind-
lich gegen sie ist wie die a n d e r e n großohrigen Tiere, ü b r i g e n s
läßt sich über die wirkliche Schärfe des Gehörsinns nichts Be-
stimmtes sagen. W i r sind n u r imstande, bei den einzelnen Tie-
ren v o n diesbezüglicher Schärfe zu reden; die H ö h e der Ent-
wicklung des Sinnes läßt sich nicht messen. Daß sehr viele
Säuger noch Geräusche hören, die wir durchaus nicht mehr
w a h r n e h m e n können, ist sicher, wie weit dies aber geht, wissen
w i r nicht. Es steht wohl fest, daß eine Katze, wie die Eule, das
Geräusch, -das eine M a u s beim Laufen verursacht, vernimmt,
allein wir v e r m ö g e n nicht zu bestimmen, auf welche Entfernung
hin sie die leisen Fußtritte noch v o m Rascheln des W i n d e s
unterscheiden kann. Die großohrige Fledermaus hört wahr-
scheinlich das Fluggeräusch kleiner Schmetterlinge, v o n deren
Bewegung wir entschieden nichts m e h r durch den Gehörsinn
w a h r n e h m e n können, der Wüstenfuchs vielleicht das Krabbeln
eines Käfers im Sande noch auf ein gutes Stück; das Wild ver-
nimmt den Schall der Fußtritte des J ä g e r s auf hundert, viel-
leicht zweihundert Schritte. Alle diese A n g a b e n aber beweisen
gar nichts u n d g e w ä h r e n u n s keinen Anhalt zu g e n a u e r Be-
stimmung.

Das A u g e als S p i e g e l der T i e r s e e l e


Der Gesichtssinn der Säugetiere erreicht wahrscheinlich nie
dieselbe Schärfe wie der Geruch und das Gehör. Daß alle
Säuger hinsichtlich des Sehens von den Vögeln übertroffen
werden, h a b e ich bereits erwähnt, bis zu welchem G r a d e aber,
dürfte schwer zu sagen sein, da wir auch hierin wirkliche Be-
obachtungen nur an uns selbst machen können. Es ist wohl an-
zunehmen, daß v o n den T a g s ä u g e r n k a u m einer den Menschen
in der Entwicklung seines Auges und der damit v e r b u n d e n e n

i /
Sehschärfe überbietet; w e n i g s t e n s k e n n e ich keine Beobach-
tungen, die dem widersprächen. A n d e r s v e r h ä l t es sich bei den
Nachttieren, also fast allen Räubern, einigen Affen, allen Halb-
affen, den Flattertieren, m e h r e r e n N a g e r n und anderen. Sie
besitzen entweder sehr entwickelte oder aber auch sehr ver-
k ü m m e r t e Augen. Die w a h r e n Raubtiere h a b e n unstreitig das
schärfste Gesicht unter allen Säugern; ihre Augen sind auch so
empfänglich für die Einwirkung des Lichts, daß schon gewöhn-
liches Tageslicht wenigstens vielen äußerst u n a n g e n e h m wird.
Das Raubtierauge besitzt d a h e r viel innere Beweglichkeit; sie
ist aber nicht willkürlich wie bei den Vögeln, sondern unwill-
kürlich, und steht mit der g r ö ß e r e n oder geringeren Helle ge-
n a u im Einklang. Unsere Hauskatze zeigt uns deutlich, wie das
Licht auf ihr A u g e wirkt. Es schließt sich bei Tage dergestalt,
daß der Stern nur wie ein schmaler Strich erscheint, w ä h r e n d
es sich mit der Dunkelheit verhältnismäßig ausdehnt. Sie be-
stätigt also auch hinsichtlich des Gesichts die W a h r h e i t , daß nur ein
mittelmäßig entwickelter Sinn s t ä r k e r e Reize v e r t r a g e n kann.
Als Regel darf gelten, daß alle Säuger, die r u n d e A u g e n s t e r n e
besitzen, Tagtiere sind oder bei Tage und bei Nacht verhältnis-
mäßig gleich scharf sehen, w ä h r e n d diejenigen, deren Stern
spaltartig erscheint, erst mit der D ä m m e r u n g die volle Schärfe
ihres Sinnes benutzen können.
M e r k w ü r d i g erscheint die in der höchsten Klasse einige Male
v o r k o m m e n d e V e r k ü m m e r u n g der Augen, die vollkommene
Blindheit bedeuten kann, wie beim Blindmull, einem unter-
irdisch lebenden Nagetier Südosteuropas. Das A u g e fehlt, so-
viel jetzt bekannt ist, keinem Säugetier; auch unser Maulwurf,
der oft genug mit seinem „blinden" Bruder verwechselt worden
ist, besitzt ein ziemlich sehfähiges A u g e .
Das A u g e der Säugetiere müssen wir übrigens auch noch v o n
einem anderen Standpunkt betrachten: als äußeres, sichtliches
Bild des Geistes. Bei den u n t e r e n Klassen hat es noch nicht die
Beredsamkeit erlangt, daß es als Spiegel der Seele erscheinen
k ö n n t e . W i r finden es zwar bei der Schlange tückisch, beim
Krokodil hämisch und bei einigen Vögeln mild, bei a n d e r e n
aber streng oder ernst und mutig, allein mit wenigen Aus-
n a h m e n legen wir selbst das hinein, was wir zu sehen glauben.
Erst aus dem lebendigen Falken- oder A d l e r a u g e spricht uns
das Innere an; bei dem A u g e der Säugetiere ist das aber fast
immer der Fall. Hier k ö n n e n wir wirklich v o n einem Gesichts-

ir
Giraffen
Ausdruck reden, und an einem solchen nimmt ja eben das Auge
den größten Anteil. Deshalb hat sich das Volk mit richtiger
Erkenntnis längst seine Bilder gewählt und spricht mit Recht
von dem stumpfen Auge des Rindes, dem schönen A u g e der Gi-
raffe, dem milden der Gazelle, dem treuherzigen des Hundes, dem
frommen oder dummen des Schafes, dem falschen des Wolfes,
dem glühenden des Luchses, dem tückischen des Affen, dem
stolzen des Löwen; denn bei allen diesen Tieren ist das A u g e
wirklich der truglose Spiegel des Inneren. Die Bewegung der
Tierseele spricht aus dem Auge, es ersetzt die fehlende Sprache.
Schmerz und Freude, Betrübnis und Heiterkeit, Angst und
Leichtsinn, Kummer und Fröhlichkeit, Haß und Liebe, Abscheu
und Wohlwollen finden in dem A u g e ihren stummberedten
Verkündiger; der ,Geist' offenbart sich hier äußerlich. Und so
mag uns das A u g e als Bild und Dolmetsch zur allgemeinen
Betrachtung des Tiergeistes führen. Noch sind wir weit ent-
fernt, das tierische Leben e r k a n n t zu haben, und noch studieren
wir am Tiere, in der Absicht, uns.selbst k e n n e n zu lernen. Aber
wir schreiten in unserer Erkenntnis vor von J a h r zu Jahr, von
Tag zu Tag, und schon seit langem h a b e n wir uns einverstan-
den erklärt mit Scheitlins goldenen W o r t e n : „Alles Tier ist im
Menschen, aber nicht aller Mensch ist im Tiere!"
Begierden und Leidenschaften
Das Tier handelt genau so verständig, wie sein Gehirn es
vermag. Dieses Gehirn k a n n mehr oder weniger entwickelt,
mehr oder weniger geschult, das Handeln dementsprechend
sehr verschiedenartig sein. Das Säugetier besitzt Gedächtnis,
Verstand und Gemüt und hat daher oft einen sehr entschiede-
nen, bestimmten Charakter. Es zeigt Unterscheidungsvermögen,
Zeit-, Orts-, Farben- und Tonsinn, Erkenntnis, W a h r n e h m u n g s -
gabe, ja Urteil und Schlußfähigkeit; es b e w a h r t sich gemachte
Erfahrungen auf und benutzt sie. Es beweist Neigung und Ab-
neigung, Liebe gegen Gatten und Kind, Freunde und Wohl-
täter, Haß gegen Feinde und Widersacher, Dankbarkeit, Treue,
Achtung und Mißachtung, Freude u n d Schmerz, Zorn und Sanft-
mut, List und Klugheit, Ehrlichkeit u n d Verschlagenheit. Das
Tier hat von der Geselligkeit sehr hohe Begriffe und opfert
sich zum W o h l e der Gesamtheit: es pflegt Kranke, unterstützt
Schwächere und teilt mit Hungrigen seine N a h r u n g . Es über-
winriel Begierden unri Leidenschaften und lernt sich beherr-

?(!
stiieu, zeigt diso dudi selbständigen Willen und Willenskralt
Es erinnert sich der V e r g a n g e n h e i t j a h r e l a n g u n d „gedenkt" so
gar der Zukunft, sammelt und spart für sie.
Eines dürfen wir hier nicht v e r g e s s e n : ich meine die Steige-
rung, der alle Geisteskräfte des Tieres fähig sind, w e n n „ihm
Erziehung zuteil wird. Es gibt ebensowohl gesittete, wohlerzo-
gene oder ungesittete, flegelhafte, ungezogene Tiere wie Men-
schen. Der Erzieher übt einen unendlichen Einfluß auf das Tier
aus. Schon eine wohlerzogene Tiermutter gibt einen guten Teil
ihrer Tugenden an ihre Kinder weiter; der hauptsächlichste
und vorzüglichste Erzieher aber ist der Mensch. Ein einziges
Beispiel mag g e n ü g e n : unser am besten erzogenes Tier, der
Hund, soll es sein. Er wird mit der Zeit ein w a h r e s Spiegelbild
seines Herrn, er eignet sich sozusagen dessen C h a r a k t e r an,
der J a g d h u n d den des Jägers, der Fleischerhund den des Flei-
schers, der Schifferhund den des Schiffers, der Lappen-, Eskimo-,
Indianerhund den seiner jeweiligen Gebieter.

Die Tierreiche der Erde


Der Heimatkreis des Säugetieres ist beschränkter als der
eines Vogels oder Fisches, ja selbst eines Lurches. N u r das
Meer gestattet den Bewohnern aus u n s e r e r Klasse große Will-
kürlichkeit der Bewegung und O r t s v e r ä n d e r u n g , allein immer
nicht in demselben Grade wie dem Vogel; in den zusammen-
h ä n g e n d e n Meeren aller Erdteile finden sich n u r folgende
Säugetiere: der Seehund, die O h r e n r o b b e , m e h r e r e Delphine
und zwei W a l e . Auch die M e e r e s s ä u g e r beweisen, daß ihre
Klasse dem Lande und nicht dem W a s s e r angehört, denn sie
selbst ziehen die Küste dem offenen Meere vor. Auf dem Fest-
land nimmt der Verbreitungskreis der Säugetiere viel engere
Grenzen an als im Meer. Viele Arten h a b e n ein sehr kleines
Vaterland. Man h a t die Erde mit Rücksicht auf ihre Bewohner
in gewisse tierkundliche Reiche geteilt. Ein solches Reich hat
immer seine ihm eigentümlichen tierischen Einwohner; zwei
sich entsprechende Reiche weisen auch ähnliche Tiere auf,
selbst w e n n das eine Reich v o n der Tiefe zur Höhe und das
a n d e r e v o n niederer Breite zur höheren aufsteigt.
Das P o l a r r e i c h
Das erste Reich faßt in sich den ganzen Norden, der inner-
halb des Polarkreises liegt. Die T r e n n u n g zwischen beiden Erd-
Uiliten ist noch nicht ausgesprochen, aber doch schon angedeu-
tet. Der Eisbär, zwei Vielfraße, der Eisfuchs, m e h r e r e Lemmmge,
zwei Schneehasen, die Pfeifhasen, das Rentier, m e h r e r e See-
hunde, das Walroß, der Pot-, Nar-, Finn- und der gemeine W a l
kennzeichnen diesen ärmsten Kreis der Erde. Ihm entspricht
einigermaßen der H ö h e n k r e i s u n s e r e s gewaltigen Alpengebir-
ges, v o n etwa zweitausend Meter über dem Meere an aufwärts;
er enthält die Gemse, den Steinbock, eine Schneewühlmaus, das
Murmeltier und den A l p e n h a s e n .

Der g e m ä ß i g t e N o r d g ü r t e l
Ungleich reicher an Formen und A r t e n zeigt sich der nörd-
liche gemäßigte Gürtel u n s e r e r Erde. Seine Pflanzen- und Tier-
welt scheidet ihn in zwei Hälften: in die des Ostens u n d des
Westens. Man hat den östlichen in fünf Gebiete getrennt, näm-
lich in Mittel- und Südeuropa, in Nordafrika, Südsibirien und
die Steppe von Turan. Diesen Gebieten sind gemeinsam: vier
Fledermäuse, zwei Spitzmäuse, der Fischotter, der Fuchs, die
weitverbreitete W a n d e r r a t t e und die W a s s e r r a t t e . Ihnen am
nächsten verbreiten sich über die meisten Gebiete die Fleder-
mäuse und Spitzmäuse, Maulwurf, Bär und Dachs, fast sämtliche
Marder, der Wolf und der Luchs, das Eichhorn und die Mäuse.
Mitteleuropa für sich allein besitzt n u r wenige Fledermäuse
und Spitzmäuse, eine Schlafmaus, einen Blindmull, vier W ü h l -
mäuse und den nur noch in Gehegen lebenden Wisent, Süd-
europa einige Fledermäuse, eine Rüsselspitzmaus, den Blind-
maulwurf, die zu den W i e s e l n g e h ö r e n d e Boccamele, die Man-
guste oder Schleichkatze, einen Luchs, einen Hasen und den
Mufflon, ein Wildschaf. Nordafrika ist charakterisiert durch den
türkischen Affen, einen Igel, eine Rohrrüsselmaus, den durch
seine Schlangenjagd b e r ü h m t e n Ichneumon, den Wüstenfuchs
und den Wüstenluchs, ein Eichhorn, eine Springmaus und an-
dere; Sibirien und Turan zeigen den Ohrenigel, den Korsak ge-
nannten Steppenfuchs, die W i l d k a t z e n a r t Manul, den Zobel, die
Steppenantilope. Als C h a r a k t e r t i e r e der ganzen Ostbälfte des
Reiches dürfen Dachs, Luchs, Wildkatze, Igel, Maulwurf, Blind-
mull, die W ü h l m ä u s e , Edelhirsch, Reh, Mufflon und Wisent be-
trachtet werden.
Die zweite, amerikanische Hälfte des nördlichen gemäßigten
Gürtels ist gekennzeichnet durch sehr viele eigentümliche Fle-
r W m ä u s p und Spitzmäuse, die amerikanischen Bären und

U
Waschbaien, einen Dachs, die Stinktiere oder Skunks, mehrere
Marder, einen Vielfraß, einen Fisch- und einen Seeotter, meh-
r e r e Hunde, die einfarbige Katze, einige Beutelratten, sehr viele
Baum-, Flug- und Erdeichhörnchen, Ziesel, Murmeltiere, klei-
n e r e Nager, viele Hasen, m e h e r e Hirsche-, zwei Antilopen, das
Bergschaf und den Indianerbüffel, den Bison. Die Ähnlichkeit
der Tierformen der West- und Osthälfte des gemäßigten Gür-
tels ist u n v e r k e n n b a r .
A n d e r s finden wir es, wenn wir die verschiedenen Gebiete
der W e n d e k r e i s l ä n d e r miteinander vergleichen. Hier spricht
sich jedes scharf u n d bestimmt für sich selbst aus, und nur
wenige Formen sind allen Reichen gemeinsam. Der Reichtum
der Tropenwelt ist zu groß u n d die Eigentümlichkeiten der ver-
schiedenen Gebiete sind zu bedeutend, als daß nicht auch die
Tierwelt in demselben Verhältnis Reichtum und Eigentümlich-
keit der Gestalten zeigen sollte. Hochasien bildet gleichsam ein
Bindeglied zwischen dem Nord- und dem Äquatorgürtel der
Erde; es hat vieles mit beiden gemein, und deshalb müssen
wir es wenigstens flüchtig betrachten. W i r v e r s t e h e n darunter
Turkestan, die Mongolei, J a p a n , N e p a l und die Euphratländer.
Diese Gebiete zeichnen a u s : der japanische Makak, das ist eine
A.ffenart, zwei fruchtfressende und einige echte Fledermäuse,
Spitzmäuse, ein Maulwurf, der Kragenbär, der japanische Dachs,
der Band-Iltis, einige M a n g u s t e n und Ginsterkatzen, Baum-
und Flughörnchen, kleine Nager, eigentümliche Hasen und
Murmeltiere, der Dschiggetai oder Halbesel, das japanische
Schwein, das zweihöckerige Kamel, ein Moschustier, einige
Hirsche und Antilopen, der kaukasische Steinbock, die Bezoar-
ziege und die Himalayaziege, das Argalischaf und andere
Schafe und der Yak oder Grunzochse.
Das Reich S ü d a s i e n
Südasien ist reicher als alle bisher g e n a n n t e n Gebiete, zeigt
uns aber zugleich auch große Beschränkung in der Verbreitung
mancher Tiere. W i r v e r s t e h e n unter Südasien Vorder- und
Hinterindien, J a v a , Sumatra u n d Borneo sowie die Molukken.
Hier leben der rothaarige Menschenaffe Orang-Utan, die Lang-
arm- und die Schlankaffen, die meisten M a k a k e n oder Hunds-
affen, die Loris oder Faulaffen, große Fledermäuse, der Hals-
band- und der Lippenbar, der Honigdachs, viele Zibet- und
^rhloir-hkat7Pn. vi^io H u n d e , der asiatische Löwe, Tiger, Pan

a
tliüi, lanyschwänziye Pardel, J a g d p a n t h e r u n d noch m e h r e r e an-
dere Katzen, die meisten u n d größten. Flughörnchen, m e h r e r e
Schuppentiere, der wilde Esel, der indische Elefant, das in-
dische N a s h o r n und der indische Tapir, m e h r e r e Schweine, dar-
unter der Hirscheber, die echten Moschustiere, die Nilgai-Anti-
lopen, die vierhörnige und die Hirschantilope und m e h r e r e
Rinder.
Tierreich Afrika
Afrika zeigt ein nicht minder selbständiges Gepräge und eine
große Verbreitung der ihm eigentümlichen Tiere. Ihm gehören
zu: die beiden Menschenaffen Gorilla und Schimpanse, sämt-
liche Meerkatzen, die Stummelaffen, Paviane und viele Halb-
affen, die namentlich auf M a d a g a s k a r zu Hause sind, eigen-
tümliche Fledermäuse, Igel, Spitzmäuse, viele Ginster-, Zibet-
und Schleichkatzen, der Löffelhund u n d der Wüstenfuchs nebst
vielen a n d e r e n Hunden, die H y ä n e n u n d der H y ä n e n h u n d ;
von Katzen: Löwe, Pardel, Gepard, Serval und Karakal sowie
die Falbkatze, die meisten Erdeichhörnchen, eigentümliche
Siebenschläfer, die Spring-, Steppen- und W ü s t e n m ä u s e , das
Erdferkel u n d zwei Schuppentiere, das Zebra und die Tiger-
pferde, der afrikanische Elefant, drei Nashörner, das Fluß- oder
Nilpferd, die Larvenschweine, die Klippschliefer, die sonder-
barerweise murmeltiergroße V e r w a n d t e der Elefanten sind,
die riesigen Giraffen, fünf Sechstel aller Antilopen, einige
Steinböcke, das Mähnenschaf, zwei Büffel und eine Ohrenrobbe.
Bei aller Eigentümlichkeit dieser Tierwelt zeigt sich gleich-
wohl noch immer große Übereinstimmung mit jener Asiens
und selbst der Europas. Namentlich die W ü s t e n - und Steppen-
tiere erinnern auffallend an die, die in der Tiefebene Turans
leben. Die W a l d a r m u t Afrikas ist sehr deutlich ausgesprochen;
die Hirsche beispielsweise fehlen im Süden und in der Mitte
ganz, und die Eichhörnchen sind auf den Boden herabgekom-
men. In seinen Dickhäutern u n d der Giraffe zeigt sich Afrika
gleichsam noch als Urland, als v o n gewissen n e u e r e n Schöp-
fungsabschnitten unberührt.
Die T i e r w e l t A m e r i k a s
Ganz das Gegenteil von Afrika macht sich in Amerika be-
merklich. Das u n g e h e u r e Gebirge und die unermessenen W ä l -
der sprechen sich deutlich in seiner Tierwelt aus. Alles in die-
sem Erdteile ist neu, alles eigentümlich: an die Alte Welt er-

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iiuieni manche Tierformen bloß noch entfernt. Ich will kurz sein
und hier nur die bemerkenswertesten Tiere Mittel- und Sud-
amerikas nennen. Amerika beherbergt ausschließlich die Brüll-,
Klammer-, Rollschwanz-, Woll-, Schweif-, Nacht- und Krallen-
affen, die blutsaugenden Fledermäuse oder Vampire, einige ihm
eigene Bärentiere, Stinkmarder und Fischottern, einige Hunde,
den Silberlöwen oder Puma, die großen Raubkatzen Kuguar
und Jaguar, die Pardel- und Tigerkatzen, viele Beuteltiere in
zwei Amerika eigentümlichen Gattungen, sehr viele Nage-
tiere, darunter die Hasenmäuse und Hufpfötler, die ebenfalls
nur hier vertreten sind, die Faultiere und Gürteltiere nebst den
Ameisenbären, drei Tapire, die Bisamschweine, einige Hirsche,
drei oder richtiger zwei Lamas. Im Vergleich zu der Zahl der
Vögel scheint es, als ob Südamerika arm an Säugetieren wäre;
wenn man aber die Eigentümlichkeit der Gattungen und die
Menge der Arten bedenkt, wird man bald eines besseren be-
lehrt.

Säugetierarmes Australien
Australien zeigt uns ein sehr selbständiges Gepräge, bei all
seiner Armut an Säugern. Es ist das eigentliche Vaterland der
Beuteltiere. Man kennt im ganzen etwa einhundertvierzig Arten
von Säugern, die in Australien leben, davon sind hundertzehn
Arten Beutler. Das allbekannte Känguruh, die Raubbeutler und
Beutelbilche mögen sie kennzeichnen. Außerdem wohnen in
Australien noch der Dingo, der ein eigentümlicher Windhund
ist, und die beiden eierlegenden Säugetiere, das Schnabeltier
und der Ameisenigel.
Fassen wir -das nunmehr Gewonnene hinsichtlich der Ord-
nungen und Familien zusammen, so ergibt sich folgendes: Die
Affen sind auf dem warmen Gürtel der Erde beschränkt, der
Osten und Westen unterscheiden sich aber scharf durch eigene
Familien, Gattungen und Arten; die Halbaffen bewohnen bloß
die heißen Länder der Alten Welt, die Beuteltiere finden sich
ausschließlich in Australien, Amerika und Asien; die Zahn-
armen, zu denen Schuppen- und Gürteltiere, Faultier und Amei-
senbär gehören, fehlen in Europa, die Wiederkäuer und Viel-
hufer in Australien; die Einhufer waren ursprünglich nur in
Asien und Afrika heimisch, erst der Mensch hat das Pferd über
die ganze Welt verbreitet. Die Fledermäuse, Raubtiere. Nager,
Robben und Wale sind Weltbürger.
Geschöpfe Ihres Lebensraumes
Leibliche und geistige Begabungen eines Säugetieres be
stimmen seine Lebensweise in der ihm gegebenen Heimat,
deren Erzeugnis, deren Geschöpf es ist. J e d e s richtet sich nach
seinen Gaben ein und benutzt die ihm gewordene Ausrüstung
in der ergiebigsten Weise. Eine gewisse verständige Willkür
in der Lebensart kann keinem Tier abgesprochen werden. Die
Säugetiere sind natürlich mehr an eine gewisse örtlichkeit ge-
bunden als das leichte, bewegungslustige Volk der Vögel;
allein sie wissen dafür eine solche örtlichkeit vielleicht besser
oder vielseitiger zu benutzen als diese. Die Säugetiere sind
wesentlich Landbewohner, und je vollendeter eine Art ist,
umso mehr wird sie Landtier sein. Im W a s s e r finden wir daher
bloß die plumpsten oder massigsten, auf dem Lande dagegen
die entwickeltsten, edelsten Gestalten. Die größten Landsäugei
sind im Vergleiche zu den W a l e n Zwerge. Das W a s s e r er-
leichtert jede Bewegung einer großen, ungeschlachten Masse,
und je leichter ein Tier sich zu b e w e g e n v e r m a g , umso größer
kann es sein. Daß auch das U m g e k e h r t e stattfindet, beweisen
alle Tiere, die zu ihrer F o r t b e w e g u n g große Kraftanstrengung
nötig haben, wie etwa die Gräber und Flatterer, die Maul-
würfe oder Fledermäuse. Bei ihnen ist die Körpermasse in dem-
selben Verhältnis v e r k ü m m e r t , in welchem sie sich bei den
W a s s e r s ä u g e r n vergrößert hat.
So zeigt sich also schon in der Leibesgröße eine Bestimmung
für die Lebensweise des Tieres. Noch m e h r aber wird diese
Bestimmung durch die A u s r ü s t u n g ausgesprochen. Daß ein
Fisch- oder Flossensäugetier schwimmt oder ein Flattertier
fliegt, v e r s t e h t sich eigentlich von selbst, ebenso gut aber auch,
daß der Affe oder das Eichhorn oder die Katze klettern, der
Maulwurf gräbt und die Viel- und Einhufer oder W i e d e r k ä u e r
auf dem Boden laufen: ihre Gliederung weist sie dazu a n .
Es muß jedem, der beobachtet, auffallen, daß sich nicht allein
die Heimat im weiteren Sinne, sondern auch der W o h n k r e i s ,
ja der eng begrenzte Aufenthaltsort des Tieres in dem Ge-
schöpfe selbst kundgibt. Die Zusammengehörigkeit von Land
und Tier offenbart sich nicht allein in der jedem Tiere eigen-
tümlichen Gliederung, sondern auch, und zwar sehr scharf und
bezeichnend, in der Färbung. Als allgemeine Regel kann gelten,
daß das Tier eine Färbung besitzt, die der vorherrschenden

26
I?ai bung seines W o h n o r t e s entspricht. Der außerordentliche Vor-
feil, den das Tier v o n einer solchen Gleichfarbiglteit mit semei
Heimat ziehen kann, wird klar, w e n n wir bedenken, daß sich
das Raubtier an seine Beute möglichst u n m e r k b a r anschleichen,
das schwache Tier aber vor dem Räuber möglichst gut ver-
stecken muß. Man wird selten irren, w e n n man in einem braun,
g r a u g r ü n oder silbergrau gefärbten Säuger einen Baumbewoh-
ner, in einem dunkelgrau, fahlgelb, rötlichgrau, e r d b r a u n und
schneeweiß gefärbten einen Erdbewohner vermutet. Isabellgelb
ist Wüstenfarbe, Dunkelgelb Steppenfarbe, Aschgrau Felsen-
farbe; bei Nachttieren ist Grau vorherrschend, Tagtiere zeigen
es mehr mit a n d e r e n Farben gemischt. Große Unsicherheit, Un-
bestimmbarkeit der Färbung läßt auf Vielseitigkeit in der Le-
bensweise schließen; bestimmte Färbung deutet auf einen ab-
geschlossenen bestimmten W o h n o r t des Tieres: einfach gelbe
Tiere sind immer W ü s t e n b e w o h n e r , einfach weiße fast aus-
nahmslos Schneetiere,

Geselligkeit und Unterordnung


Bei weitem die meisten Säugetiere sind gesellig und scharen
sich deshalb mit a n d e r e n ihrer Art oder auch mit gleichleben-
den fremder Art in kleine oder große Trupps zusammen. Nie-
mals erlangen solche V e r b i n d u n g e n die A u s d e h n u n g oder die
Anzahl der Vereine, die die Vögel bilden; denn bei ihnen tun
sich oft sogar Millionen zu einem Ganzen zusammen. Bei den
Säugern kommen nur unter gewissen Umständen Gesellschaften
von Tausenden vor. Mehr noch als die gleiche Lebensweise
vereinigt die Not; vor der Feuerlinie einer brennenden Steppe
jagen selbst erklärte Feinde in dichtem Gedränge dahin.
In jedem größeren V e r e i n e erwirbt sich das befähigtste Mit-
glied die Oberherrschaft und erlangt schließlich unbedingten
Gehorsam. Unter den W i e d e r k ä u e r n kommen regelmäßig die
alten Weibchen zu solcher Ehre, namentlich diejenigen, die kin-
derlos sind; bei a n d e r e n geselligen Tieren, bei den Affen etwa,
werden nur Männchen Zugführer, und zwar erst nach sehr hart-
näckigem, nebenbuhlerischem Kampfe, aus dem sie endlich als
allgemein gefürchtete Sieger h e r v o r g e h e n ; hier ist die roha
Stärke maßgebend, bei j e n e n die Erfahrung oder der gute
Wille. Das erwählte oder wenigstens a n e r k a n n t e Leittier über-
nimmt die Sorge für den Schutz und die Sicherheit der ganzen

27
H e r d e und verteidigt die schwachen Glieder zuweilen mit Aut-
opferung. Minder Verständige und Schwächere schließen sich
Klügeren an u n d leisten allen ihren Anforderungen zur Siche-
rung Folge. Gewisse Säugetiere leben einsiedlerisch. Alte
griesgrämige und bösartige Männchen w e r d e n gewöhnlich von
dem Rudel oder der H e r d e v e r b a n n t und hierdurch nur noch
mürrischer und w ü t e n d e r gemacht. Allein es gibt auch andere
Säuger, die überhaupt ein Einsiedlerleben führen und mit jedem
Eindringling sofort in heftigster W e i s e den Kampf beginnen
Wie sie leben und sich nähren
Die Mehrzahl unserer Klasse wacht bei Tage und schläft bei
Nacht; jedoch gibt es fast u n t e r allen O r d n u n g e n Tag- und
Nachttiere. Einzelne h a b e n k e i n e bestimmte Zeit zum Schlafen,
sondern ruhen oder wachen, w i e es ihnen gerade beliebt, so
die Meertiere oder in den h ö h e r e n Breiten auch die Landtiere
w ä h r e n d der Sommerzeit. Es mag im ganzen genommen viel
leicht mehr eigentliche Tag- als Nachttiere geben, jedoch ist die
Zahl derjenigen, die bei Nacht lebendig u n d tätig sind, nicht
viel geringer als die Menge derer, die bei Tage ihrem Erwerbe
nachgehen. Die starken und die sehr flüchtigen oder auf Bäu-
m e n lebenden sind größtenteils Tagtiere, sie sind einer Ver-
folgung aber auch wenig ausgesetzt; es w ü r d e jedoch voreilig
sein, w e n n man b e h a u p t e n wollte, daß alle Nachttiere feigere,
plumpere, schwächere und dümmere Tieren seien als die, die
bei Tage tätig sind; denn wir brauchen e b e n bloß an die Katzen.
Marder, Hirsche und andere, die fast ohne A u s n a h m e bei Tage
und bei Nacht wach sind, zu denken, um uns des Gegenteils
bewußt zu werden. Als allgemeine Regel k a n n gelten, daß die
w e h r l o s e r e n Tiere, die durch ihren Aufenthalt nicht vor Gefah-
ren geschützt sind, die Nacht zu ihrer Tätigkeit benutzen.
W ä h r e n d des Wachens beschäftigen sich die meisten Säuger
ausschließlich mit Aufsuchen ihrer N a h r u n g . Sie k a n n höchst
verschieden sein. Alle Mitglieder unserer Klasse sind Pflanzen-
fresser oder aber Räuber, die a n d e r e Tiere verzehren. Fast
alle Erzeugnisse der beiden Naturreiche finden ihre Liebhaber:
Die Pflanzenfresser v e r z e h r e n ganze Pflanzen, wie Gräser,
Disteln, Moose, Flechten, oder einzelne Teile von Pflanzen,
wie Blüten, Blätter, Früchte, Nüsse, Zweige, Äste, Dornen,
Rinde. Die Raubtiere n ä h r e n sich v o n a n d e r e n Säugern oder

78
Voyein, Kriechtieren, Lurchen, Fischen, VVuuuein und Weich-
tieren; einige fressen ihre selbst erlegte Beute, andere lieben
Aas. Manche verschonen ihr eigenes Fleisch und Blut nicht.
Diese Mannigfaltigkeit der N a h r u n g bestimmt auch die Ver-
schiedenheit ihres Erwerbes, das heißt die Verschiedenheit in
der Erbeutung und Aufnahme. Einige nehmen ihre N a h r u n g
mit den H ä n d e n zu sich; der, Elefant steckt sie mit dem Rüssel
in das Maul; die meisten aber n e h m e n sie unmittelbar
mit dem Maule auf, oft, nachdem sie sie vorher mit den Tatzen
erfaßt und festgehalten haben. Pflanzennahrung wird mit den
H ä n d e n oder dem Rüssel abgebrochen, mit den Zähnen abge-
bissen, mit der Zunge u n d Lippen abgerupft, mit dem Rüssel
a u s der Erde gewühlt, tierische N a h r u n g dagegen bei wenigen
zum Beispiel bei den Fledermäusen, Hunden, Fischottern, Rob-
b e n und Walen, gleich mit dem Maule aufgenommen, bei ande-
ren aber mit den H ä n d e n oder Tatzen erfaßt und dem Maule
zugeführt u n d bei einigen auch mit dem Rüssel ausgegraben
so v o n den Maulwürfen, Spitzmäusen, Igeln und Schweinen.
Die Säugetiere fressen viel, verhältnismäßig jedoch weniger
als die Vögel. Dies steht auch mit ihrer geringeren Regsamkeit
vollkommen im Einklänge. Nach der Mahlzeit suchen sie die
Ruhe und verfallen hierbei entweder bloß in einen Haibschlum-
mer, wie die W i e d e r k ä u e r , oder in wirklichen Schlaf. Zum
Spielen oder unnützen Bewegen zeigen sich nur wenige auf-
gelegt; es sind fast nur die Jungen, die hierzu Lust h a b e n und
durch ihr tolles Treiben auch die gefälligen Alten aufzurütteln
wissen. Bei guter und reichlicher N a h r u n g bekommen alle
Säugetiere ein glattes, glänzendes Haarkleid und lagern im
Zellgewebe und in den Leibeshöhlen viel Fett ab, das bei eini-
g e n zur Erhaltung des Lebens w ä h r e n d der Hungerzeit dienen
muß. Einigen Pflanzen- und Kerbtierfressern nämlich geht wäh-
rend des W i n t e r s die N a h r u n g vollkommen aus, u n d sie sind
zu klein und zu schwach, als daß sie sich dagegen lange halten
könnten. Zum W a n d e r n in w ä r m e r e und nahrungsreichere Ge-
g e n d e n unfähig, w ü r d e n sie unbedingt zugrunde gehen, wenn
die N a t u r nicht in sehr m e r k w ü r d i g e r W e i s e für sie gesorgt
h ä t t e . Es scheint zwar, daß sie sich selbst schützen könnten,
indem sie sich tiefgelegene, dick und weich ausgepolsterte und
deshalb warme W o h n k a m m e r n anlegen, die .auch reichlich mit
N a h r u n g versehen werden-, allein die N a t u r übernimmt doch

2fl
die Hauptsorge für ihre Erhaltung, und die eingetragene Nah-
rung dient nur dazu,.sie w ä h r e n d d e r Zeit, in der sie wirklich
noch Nahrung bedürfen, gegen das Verhungern zu scüutzen
Diese bauger, die so recnt eigentlich als Schutzkinder der N a t u r
erscheinen, bedürfen lange Zeit gar keiner N a h r u n g von außen
her, sondern zehren, w ä h r e n d sie in einen todesähnlichen
Schlaf versinken, von ihrem Fette; sie halten Winterschlaf.
Wahrscheinlich erreichen n u r die großen Vielhufer und die
größten Meeressäuger ein h ö h e r e s Alter als der Mensch. Schon
mittelgroße Säugetiere können, w e n n sie zehn J a h r e alt gewor-
den sind, als greise Tiere betrachtet w e r d e n ; bei a n d e r e n tritt
das Greisentum vielleicht erst nach zwanzig J a h r e n ein; allein
ein Alter von dreißig J a h r e n , in dem der Mensch erst zur vol-
len Blüte gelangt, ist schon sehr selten. Das Greisentum zeig'
sich sowohl in der A b n a h m e der Kräfte w i e auch im Ergrauen
des H a a r e s und in der V e r k l e i n e r u n g gewisser Schmuckzeichen
so setzen alte Hirsche geringere Geweihe auf als vollkräftige
Der Tod erfolgt gewöhnlich nicht durch Krankheiten, sie sind
unter den freilebenden Säugetieren selten. Bei ihnen erfolgt
der Tod gewöhnlich aus Altersschwäche.

Auch Tiere haben ihre Schicksale


Das Tier hat auch ein Schicksal. Es hängt v o n seinen Verhält-
nissen zur N a t u r und den natürlichen Umgebungen, zu dem
Menschen, wenn es mit ihm in V e r k e h r kommt, zum Teil auch
v o n ihm selbst ab. Oft muß es des Menschen Schicksal und der
Mensch den des Tieres teilen; es geht mit ihm zugrunde in
Feuer und Wasser, in der Schlacht und im Kampfe. Das j u n g e
schöne Füllen wird fast mit Gold aufgewogen, dann zugeritten,
zu freien frohen W e t t r e n n e n benutzt, bald darauf mit Stricken
an eine Kutsche gespannt, doch immer noch mit Hafer gefüttert;
es ist noch der Ruhm seines Kutschers, der Stolz seines Reiters.
W i e oft kommt es dann in die H ä n d e eines rohen Gesellen,
der es beinahe zu Tode quält. Es muß dennoch alltäglich wie
ein Sklave ziehen; es hinkt, dennoch muß es laufen. Es wird
halb oder ganz blind, seine Weichen und sein Vorderrücken
bluten vom Riemenwerke, sein Bauch v o n Bremsenstichen.
Für wenige Taler w u r d e es gekauft; es wird noch einige J a h r e
lang mit Stroh gefüttert, mit groben Schuhen in die Rippen ge-
schlagen und zuletzt, w e n n es zehnmal auf der Straße erlegen.

:o
krepiert es endlich. Das ist der Fluch mancher Pferde, und die-
sen Fluch trägt mancher edle Hund, mancher Bär, mancher
Büffel, manches andere Tier.
Aber nicht bloß die Haustiere müssen dem Menschen zollen
mit Leib und Leben, mit ihren Kräften, Fleisch, Haut, Haar,
Hörn und Dunger: er h a t noch weit mehr' sich unterjocht .und
nutzbar gemacht, selbst solche, die nicht mit ihm seine W o h -
nung teilen; zum Lasttragen, Ziehen und Reiten, zum Kriege
wie zur Jagd, zum Post- und Hirtendienst, zu Gauklerkünsten
und Kurzweil müssen sie ihm ihre Kräfte leihen. Zur N a h r u n g
dienen ihm ihr Fleisch, Milch, Fett, und selbst ihre eigenen
gesammelten V o r r ä t e . A n d e r e liefern Wohlgerüche, Spezerei
und Arzneimittel, sehr viele müssen ihr Pelzwerk zu seiner
Kleidung, ihre Haut zu Leder, ihre W o l l e zu Gespinsten und
Geweben hergeben, noch a n d e r e liefern Hörn, Elfenbein,
Zähne, Fischbein für seine Industrie, Düngestoffe für seinen
Acker. Einen solchen Nutzen k a n n keine andere Klasse des
Tiarreiches für uns aufweisen, und deshalb eben sind die
Säuger bei weitem die wichtigsten aller Tiere für den mensch-
lichen Haushalt. Deshalb e b e n k a n n man sagen, daß das be-
queme Leben der Menschen, wie wir es gewohnt sind, ohne die
Säugetiere geradezu unmöglich sein würde. Aber wir sehen
auch wiederum aus dem Nutzen, den die Säugetiere u n s gewäh-
ren, aus der treuen Hilfe, die sie u n s leisten, aus der Verbrü-
derung, die sie mit u n s eingehen, wie nahe, wie innig verbunden
wir mit denen sind, d e n e n wir unser Joch auferlegt haben.

Die vorliegende meisterlich geschriebene Lebenskunde der


Säugetiere ist Alfred Brehms klassischem Buchwerk „Tier-
leben" entnommen, das in den Jahren 1364 — 1869 erschienen
ist. Die Entdeckung des Tieres als eines Geschöpfes, das des
Menschen Schutz und Liebe verdient, war Brehms große Tat.
Sie machte das „Tierleben" des großen Naturforschers, Ge-
lehrten und Dichters zur volkstümlichsten Tierkunde der Erde.
Die Auswahl besorgte Fritz Bolle, Murnau. — Umschlag-
zeichnung: Karlheinz Dobsky. Bilder nach der 1. Aufl. des
„Brehm". Bild Seite 2: Zwergeichhorn, Seite 32: Weiß-Nase.

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noch v o i r ä t i g :

Kunst: yö7 Im Reich der Höhlen


X34 Film (Technik des Ateliers) Naturkunde:
>f44 Dome der Gotik
X49 Moderne Kunst >?32 Nachtgespecstei
55/56 Beim Herrn Geheimrat >< 35 Der Pilzsammler
•'58 Michelangelo 36 Insektenrätsel
><61 Gemälde X 45 Augen aufl
X 47 Das überlistete Tiei
Aus der Geschichte: K52 Tier-Riesen der Urzeit
X40 1648: Und es ward Friede X53 Das verwandelte Tier
y50 Pompeji X 57 Tiervölker wandern
/51 Cortez — der weiße Gott •/ 62 Über Wald und Heide
>'54 Im Tal der Könige ^ 6 3 Ringvogel B 32521
*59 Jäger der Urzeit
X66 Der Prozeß Sokrates Physik und Technik:

Erd- und Länderkunde: Ml DeT brennende Stein


•s/42 Vom Tretrad zur Turbine
K31 Arktis ^46 Helium — der Sonnenstoff
>33 Auf dem Mississippi */48 Luftgaukler
^39 Wüste oder Paradies? P<60 Meteore \ •
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x'85 Nordost-Passage ;/68 Triumphe der Forschung

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