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DAS BUCH MILAN

VON TORSTEN SCHWANKE

(2009 – 2020)

ERSTES STÜCK
ADAM UND MILAN

ERSTE SZENE

(Adams Stube. An der Wand das Antlitz der Jungfrau von Guadelupe. Bücherregale an den Wänden,
unter anderem die gesammelten Werke von Goethe. Adam liegt auf seinem Sofa unter dem
Kronleuchter seiner Großmutter und blättert in einem Bilderalbum.)

ADAM
Mein Liebling Milan! Hier im Bilde seh ich
Das Strahlen deiner Augen, deiner Seele,
Denn deine Augen sind der Seele Spiegel
Und offenbaren deine reine Liebe
Und deinen Ursprung: Unschuld ist dein Ursprung!
Zwei Jahre warst du alt, da waren wir
Zusammen in Berlin. Hier fütterst du
Die Enten, und ich sing dein Lieblingslied:
All mein Entchen schwimmen auf dem See.
Hier streichelst du zum ersten Mal ein Hündchen,
Das war der Schoßhund einer alten Dame,
Die hielt den Schoßhund schlafend in den Armen,
Da hast den Schoßhund zärtlich du gestreichelt.
Und hier seh ich dich nun vor deinem Haus,
Du spielst im Sand, du sammelst die Kastanien,
Da kräht der Hahn, herbei die Hennen eilen,
Die Glucke kommt mit ihren kleinen Küken.
Die weiße Katze spielt mit einer Maus,
Wie Frauen mit verliebten Männern spielen.
Mein Liebling Milan, wenn ich dann gekommen,
Dann riefst du voller Freude: Adam kommt!
Hört ihr es, Kinder? Adam ist gekommen!
Dann eiltest du zu mir mit offnen Armen,
Umklammertest voll Liebe meine Beine
Und sagtest: Adam, nimm mich auf die Arme!
Und nahm ich dich auf meine Arme, Milan,
Umschlangest du umarmend meinen Hals
Und küsstest voller Liebe meinen Mund!
Weil du so gerne und so zärtlich küsstest,
Pries ich dich großen Küsser vor dem Herrn!
Im Alter von zwei Jahren nanntest du
Mich Adam nicht, da nanntest du mich Mama!
ZWEITE SZENE

MILAN
Ich spielte mit den Hühnern in dem Garten
Und kämpfte mit den Stöcken gegen Nesseln,
Ich ging auch gern spazieren zum Kanal,
Da auf dem Deich die Schafe weideten.
Noch lieber ging spazieren ich den Waldweg
Zur Pferdeweide, Pferden Zucker geben.
Wenn ich einmal die Bilder meiner Kindheit
Betrachte, werde ich erkennen, dass
Mein Vater nicht zu sehen auf den Bildern,
Doch Adam ist zu sehen. Lieber Adam,
Du saßest lächelnd an der Badewanne,
Da ich mit meiner Spielzeug-Ente spielte.
Und wenn die Sonne schien im heißen Sommer,
Dann hast du meinen Leib gesalbt mit Salbe.
Wenn du nicht da bist, Adam, denk ich doch
An dich, ich trage dich in meinem Herzen.
Um dir zu senden einen lieben Gruß,
Mal ich mit Farben einen Regenbogen
Und schreib dir einen Brief: Komm doch bald wieder!
Dann trittst du eines Morgens vor die Tür,
Der Postmann überreicht dir meinen Brief,
Dann öffnest du den Brief und siehst das Bild
Und liest den Gruß: Ich will dich wiedersehen!
Dann weißt du, Adam, dass ich an dich denke,
Wenn du nicht da bist, dich im Herzen trage
Und sehne mich, bald wieder dich zu sehen.
Ich weiß, dass dich mein bunter Brief gefreut,
Weil du mir daraufhin den Becher schenktest
Mit jenen beiden kleinen Engelkindern,
Die vor Maria schauen aus den Wolken.
Ich habe ja auch einen kleinen Engel,
Den Liebes-Engel, wie du immer sagtest.
Weißt du das noch, mein Adam, wie wir spielten,
Ich bin der Liebes-Engel mit dem Pfeil
Und schieß den Liebespfeil dir in dein Herz,
Da warest du getroffen und verwundet
Und nahmst mich in den Arm: Ich liebe dich!
Nun ist es Abend und es kommt die Nacht,
Da bringst du singend, betend mich ins Bettchen.
Ich bitte dich: Sing wieder von Maria!
Du singst das Lied mir von Marias Mantel,
Dann stellst du Engel auf an meinem Bettchen
Und wünschst mir: Träume süß vom Paradies!
Dann küsst du mich, dann zeichnest du das Kreuz,
Dann schlaf ich bald an deinem Händchen ein.
DRITTE SZENE

ADAM
Ich war mit dir im Ort, da ich geboren,
Wir machten Urlaub dort in einem Sommer.
Du wecktest morgens früh mich zärtlich auf,
Wir sahn uns Bilder an der Muttergottes,
Der Großen Mutter, Schwarzen Muttergottes!
Ich fühlte mich als Mutter wie Maria,
Du aber warst mein kleines Jesuskind!
Wie der Prophet Jesaja einst gesungen:
Ein Kind geboren uns, ein Sohn geschenkt!
MILAN
Am Morgen, wenn noch alle Menschen schliefen,
Da waren wir schon beide auf dem Spielplatz.
Da gabest du mir in der Schaukel Schwung.
Dann haben wir das Frühstück eingenommen,
Da gab es Apfelsaft und weiße Brötchen.
ADAM
Den ganzen Tag dann waren wir am See
Und freuten uns der keuschen Schwester Wasser.
MILAN
Ein Augenblick, da waren wir allein.
ADAM
Da liebte ich dich mehr als eine Mutter,
Da wollt ich dich im Geiste neugebären.
MILAN
Du wurdest feierlich und gossest lächelnd
Drei Tropfen Wasser auf mein blondes Haupt.
ADAM
Und stellvertretend habe ich für dich
Dem Bösen abgeschworen, deinem Feind,
Versprach, der Liebe Gottes nachzufolgen,
Der Liebe Gottes, die uns Jesus schenkt!
MILAN
Dann machtest wieder du das Kreuzeszeichen.
ADAM
Nun fragt mein Meister Jesus oft mich lächelnd:
Die Taufe des Johannes, sag mir doch,
War sie vom Menschen oder von dem Herrn?

VIERTE SZENE

MILAN
Und weißt du noch, als ich das Fieber hatte?
ADAM
Ach, aller Menschen war ich damals müde,
Ich fühlte ausgenutzt mich, ausgebeutet,
Da war ich ausgebrannt und völlig kraftlos.
Bonhoeffer hört ich da mir Predigt halten:
Nicht kreise um den eignen Schmerz der Christ,
Kreis um das Leiden Gottes in der Welt!
Dann sprach Teresa von Kalkutta noch:
Der Christus wartet in den Kinderseelen
Auf deine Liebe, wartet heißen Durstes!
MILAN
Ich brannte in dem Fieber, weinend rief ich:
Mein liebster Adam muß jetzt zu mir kommen!
ADAM
Mit letzter Kraft bin ich zu dir geeilt
Und sah dich fiebernd in dem Bettchen liegen
Und sah in deinen großen heißen Augen –
MILAN
Was sahest du in meinen Augen, Adam?
ADAM
Ich sah die Augen Christi voller Leiden!
In deinen Augen sah ich Christi Augen!
Da hielt ich Christus selbst in meinen Armen,
Da gab ich Jesus Christus Medizin
Und tröstete mit Mutterliebe Jesus!
MILAN
Das war doch in der schönen Weihnachtszeit.
ADAM
Zusammen schliefen wir in einem Bett,
Du schliefest schon, ich sprach noch mit Maria
Und bat Maria: Decke Milan zu
Mit deinem Sternenmantel, o Maria!
Und da erlebte ich die Weihnachtsgnade:
Als ich mit dir in einem Bette schlief,
Schlief ich mit Jesus Christus in der Krippe!

FÜNFTE SZENE

ADAM
Als eben ward der neue Papst gekrönt,
Da sprach der Papst in seiner Antrittsrede:
Sät euer Leben nicht in Eigentum,
Sät euer Leben nicht in Bücherwissen,
Sät eure Liebe in die Seelen ein,
Denn diese Saat bleibt in der Ewigkeit!
MILAN
Du hast ja deine Liebe eingesät
In meine Seele. Diese Saat wird bleiben.
ADAM
Es blieben viel Gedichte ungeschrieben
Bei all der Müh und Arbeit um dein Leben,
Doch mit der Schwanenfeder meiner Liebe
Und mit der schwarzen Tusche meines Blutes
Schrieb ich Gedichte einer schönen Liebe
Auf den Papyrus deiner weißen Seele!
MILAN
Und ahnst du überhaupt, was ich genommen
Aus jenem Schatz, der deine Seele ist,
Weißt du, was ich aus deinem Leben mir
Genommen hab als Nahrung meiner Seele
Und wie viel Glauben mich gelehrt dein Vorbild
Und wie zur Ahnung Gottes ward dein Antlitz?
ADAM
Mit Schmerzen und mit Blut muß ich begießen
Die Saat des Glaubens in der Kinderseele,
Muß meine Seelenleiden Jesus schenken!
Ich konnte legen nur ein Fundament,
Ein andrer muß errichten einst das Haus.
Ich konnte säen nur die Saat des Glaubens
In deinem Acker, einst ein andrer muß
Begießen, dass der Baum des Lebens wächst!
MILAN
Von allen Seiten stürmt heran die Welt,
Ich fürchte, Adam, dass ich unterliege!
ADAM
Freilassen muß ich dich, geliebter Knabe,
Freilassen selbst noch in die böse Welt!
Ich weiß, ein Schatzhaus ist in deiner Seele,
Denn du bist großgezogen worden mit
Der Muttermilch der Mutterbrust Mariens!
Wenn du einst hörst ein Wort von Jesus Christus,
Dann wird es dir wie Kindheitsheimat sein.
Ich lass dich fort, doch nicht aus meinem Herzen
Und nicht aus meinen weinenden Gebeten!
MILAN
Vertraue mir und glaube doch an mich!
Dich werd ich nie verlieren aus dem Herzen,
Die Liebe nie, die du in mich gegossen!

ZWEITES STÜCK

MEISTER MILAN UND SEINE UNTERWEISUNGEN IN DER KUNST DER MEDITATION

ERSTER TEIL
MEISTER MILAN UND SEINE NOVIZEN

Nach Weisung seines eigenen Meisters, siedelte Meister Milan in einen Wald über und wohnte dort
in einer Tigerhöhle. Die Ortsgöttin war dem Meister Milan gnädig gesonnen und ließ sich oft in der
schönsten Erscheinung vor ihm sehen. Sie erteilte ihm viele Gnaden, so dass er in der Meditation
gute Fortschritte machte. Damals kamen fünf Novizen zu dem Einsiedler, um von ihm in die
Weisheit eingeweiht zu werden. Die Novizen sprachen: Die Einsamkeit dieses Ortes und alle
Schrecken dieses Ortes sind sicher sehr behilflich, um in der Meditation voranzukommen? Da sang
Meister Milan folgendes Lied, in dem er seine Einsiedelei beschreibt und davon spricht, was der
Meditation förderlich ist:

Ich verneige mich vor meinem


Meister, neige mich zur Erde,
Meine eigenen Verdienste
Machten, dass ich ihm begegnet.
Diesen Ort hat mir gewiesen
Zur Beschaulichkeit mein Meister.
Hier sind Felder, hier sind Hügel
In dem wunderschönen Lande.
Grünes Gras wächst auf den Hängen,
In dem Grase blühen Blumen,
In dem Wald ist eine Lichtung,
Wo die schlanken Bäume tanzen.
Affen treiben ihre Spiele,
Viele Vögel singen Lieder,
Bienen schweben hin im Fluge.
Täglich scheint ein Regenbogen
Und im Sommer und im Winter
Regen macht die Erde fruchtbar.
Dieses ist der Ort, da Milan
Freudig ist im klaren Lichte
Der Erkenntnis reiner Leere,
Freudig über alle Maßen,
Daß ihm oft erscheint die Klugheit,
Freudig, da so mannigfaltig
Die Erkenntnis ihm gekommen,
Freudig auch in der Verwirrung,
In der Vielfalt ihres Ausdrucks,
Freudig über seinen Körper
Und sein gnadenreiches Karma,
Freudig mitten in den Schrecken
Der Erscheinungen des Dunkels,
Freudig in der Geistesfreiheit,
Frei von törichter Zerstreuung,
Freudig über alle Maßen,
Ob das Leben noch so schwer ist,
Freudig in der körperlichen
Freiheit von des Körpers Krankheit,
Freudig, weil sich meine Leiden
Haben sich in Glück verwandelt,
Freudig über alle Maßen
Wegen meiner Kraft des Geistes,
Freudig bei dem Tanz des Opfers,
Bei dem Tanz vorm goldnen Schreine,
Freudig wegen dieses Schatzes
Meines jetzt gesungnen Liedes,
Freudig über alle Maßen
Über Töne, Worte, Silben,
Freudig, weil sich Worte wandeln
Zu Versammlungen von Worten,
Freudig in der reinen Sphäre
Des vertrauensvollen Denkens,
Freudig über alle Maßen,
Wenn von selbst das Denken aufsteigt,
Freudig, wenn sich dies mein Denken
Offenbart in schöner Vielfalt.

Dann weihte Meister Milan seine Novizen in die richtige Art der Wahrnehmung ein. Und als er
bemerkte, dass die richtige Art der Wahrnehmung in ihnen aufstieg, da sang er folgendes Lied, das
voller guter Ratschläge ist:

Buddha, Körper des Gesetzes,


Lehrer du des Wegs zum Jenseits,
Der mit mitleidvollen Werken
Freude ist der Lebewesen,
Sei du nie von mir geschieden,
Das Juwel sei meiner Krone!

Nun, Novizen meiner Lehre,


Die ihr da sitzt, um zu lernen,
Viele Arten mag es geben,
Die Gesetze auszuüben,
Aber diese meine Übung
Tiefen Weges ist die beste.

Wenn ihr danach strebt, ein Buddha


Schon in dieser Welt zu werden,
Achtet nicht auf eure Liebe,
Nicht auf euren Haß im Leben.
Achtet ihr auf eure Liebe
Und auf euren Haß im Leben,
Tut ihr Gutes, tut ihr Böses
Und verfallt in schlimmen Zustand.

Leistet eurem Meister Dienste,


Aber rühmt euch nicht der Dienste.
Rühmt ihr euch der eignen Dienste,
Wird die Zwietracht euch entzweien,
Euch, die Schüler, mit dem Meister.
Und wenn erst die Zwietracht einschlich,
Kommt ihr nicht ans Ziel des Strebens.

Haltet stets ein die Gelübde,


Darum schlaft nicht bei den Bauern.
Schlaft ihr nämlich bei den Bauern,
So entfaltet ihr den Irrtum.
Ist der Irrtum erst entstanden,
Gehn verloren die Gelübde.

Wenn ihr in der Schrift studieret,


Seid nicht aufgebläht von Hochmut.
Denn wenn existiert der Hochmut,
Dann entstehen Gift und Asche.
Wenn entstehen Gift und Asche,
Dann beschädigt man die Tugend.

Betet ihr bei einem Freunde,


Tut nicht viele Weltgeschäfte,
Denn die vielen Weltgeschäfte
Lenken ab das fromme Streben.
Wird erst abgelenkt das Streben,
Endet des Gesetzes Segen.

Wenn ihr übt die Rituale,


So beschwört nicht die Dämonen.
Streitet ihr mit den Dämonen,
Werdet selber ihr Dämonen.
Und wenn ihr Dämonen werdet,
Seid so schlecht ihr wie die Bürger.

Ist in euch entstanden Weisheit,


Sprecht nicht von besondren Kräften.
Spricht man von besondren Kräften,
Dann entschlüpfen euch die Zeichen.
Geht die Kraft euch erst verloren,
Werden eure Zeichen wertlos.

Wendet stets euch ab vom Bösen,


Von den Sünden und den Lügen.
Laßt euch bei Begräbnisfeiern
Von den Reichen nicht bestechen.
Und wenn ihr den Menschen ratet,
Sollt ihr nicht den Menschen schmeicheln.
Lässigkeit und Faulheit meidet,
Strengt euch fleißig an, Novizen!

Da fragten die Novizen den Meister Milan, auf welche Weise sie sich anstrengen sollten. Daraufhin
unterwies sie Meister Milan in diesem Lied über die rechte Form der Anstrengung:

Meinen Herrn der Gnade bitt ich,


Daß er Freude uns verleihe
An der Weisheit Unterweisung.
Nun, ihr jugendlichen Schüler,
Sollt vergeuden eure Erbschaft
Nicht bei Bürgern in den Städten,
Das sind allesamt Betrüger,
Manchmal gut, doch meistens böse.
Wendet eure ganze Achtung
Zu dem heiligen Gesetze
Und verliert den Weg des Lichts nicht,
Sondern bleibt beim Meister Milan.
Mehr Verdienst als Lohn sei eure
Frömmigkeit und eure Übung.
Steigt die Weisheit auf im Innern,
Seht ihr auch der Gnade Schleier.
Doch ist das noch nicht genügend,
Sondern strengt euch an, Novizen!

Wenn aus Liebe unterwiesen


Werdet ihr in Selbstbeherrschung,
Hört genau dann zu, Novizen.
Wenn ihr lebet in der Ferne
Einsam auf dem hohen Gipfel,
Denkt nicht an die Unterhaltung,
Die Vergnügungen der Bürger.
Denn denkt ihr an das Vergnügen
Und der Bürger Unterhaltung,
Wird euch abgelenkt das Denken
Eures Geistes durch den Bösen.
Darum sammelt euer Denken
Allezeit in euerm Innern.
Doch ist das noch nicht genügend,
Sondern strengt euch an, Novizen!

Lasst ihr nach in eurer Übung,


Denkt doch täglich an das Sterben,
Betet für die Todesstunde
Und seid eingedenk der Übel
Der Geburt im Jammertale.
Seid bereit, euch abzuhärten,
Und denkt nicht an die Vergnügung.
Doch ist das noch nicht genügend,
Sondern strengt euch an, Novizen!

Sucht ihr kluge Unterweisung


In der tiefgeheimen Übung,
Sollt ihr wenig Durst nur haben
Nach dem Wissen der Gelehrten.
Habt ihr viel vom Bücherwissen,
Werdet gleichen ihr den Laien,
Und wenn diese Laien herrschen,
Wird verschwendet sein das Leben.
Fern sei Lässigkeit und Faulheit!
Doch ist das noch nicht genügend,
Sondern strengt euch an, Novizen!

Offenbart sich euch die Weisheit,


Seid bereit nicht zum Geschwätze,
Wenn ihr schwatzt und wenn ihr plaudert,
Stört ihr nur die große Göttin.
Abgelenktheit sollt ihr meiden.
Doch ist das noch nicht genügend,
Sondern strengt euch an, Novizen!

Wenn ihr seid in der Gesellschaft


Eures Meisters, eures Vaters,
Schaut nicht nach des Vaters Fehlern,
Denn sonst seht ihr nichts als Fehler.
Übt nur stets die Geistesklarheit!
Doch ist das noch nicht genügend,
Sondern strengt euch an, Novizen!

Und seid ihr und eure Brüder


In Versammlungen der Weihe,
Achtet nicht auf Amt und Würden,
Denn sonst stört ihr die Gelübde
Durch die Leidenschaft des Neides.
Darum bleibet einig, Brüder!
Doch ist das noch nicht genügend,
Sondern strengt euch an, Novizen!

Wenn ihr bettelt vor den Bürgern,


So betrügt nicht diese Leute
Mit der Schmeichelei der Rede.
Denn wird dieses Volk betrogen,
Dann verfallt ihr selbst in Sünde.
Bleibt nur ehrlich, sagt die Wahrheit!
Doch ist das noch nicht genügend,
Sondern strengt euch an, Novizen!

Niemals lasst, an keinem Orte,


Euch von eurem Stolze leiten
Und von törichter Verliebtheit.
Wenn euch erst beherrscht die Liebe,
Geht die Liebe euch verloren
Zu dem heiligen Gesetze.
Gebt nur auf die Leidenschaften,
Die Betrügerei der Lüste.
Doch ist das noch nicht genügend,
Sondern strengt euch an, Novizen!

Die bereit, sich anzustrengen,


Diesen geb ich diese Vorschrift,
Die in sich so durchaus gut ist,
Sie wird euch zum Heil gereichen:
Seid nur stets bereit zu geben!

Nachdem Meister Milan dies gesungen, übten sich die Novizen in der Versenkung und darin, den
Dingen des weltlichen Lebens gegenüber gleichgültig zu sein. Da baten die Novizen ihren Meister
Milan, sie in der rechten Art der Versenkung zu unterweisen. Der Meister Milan sagte, sie sollten
das Geld nur für Lebensnotwendiges wie Speise und Kleidung verwenden. Und dann sang er dieses
Lied über die Versenkung:

Möge unser Herr und Meister


Uns durch seine Macht es geben,
Daß der Weg des wahren Glaubens
Und die Übung der Versenkung
Werde definiert vollkommen.
Für die rechte Lebensansicht,
Die Verwirklichung der Übung
Und die Früchte eures Glaubens
Sind drei Punkte wirklich wichtig.

Die drei Punkte wahrer Einsicht,


Das ist die Vereinung aller
Der Erscheinung im Gedanken,
Ist die Klarheit des Gedankens
Und das Fehlen aller Selbstsucht.

Die drei Punkte anzuführen,


Zur Verwirklichung bedeutsam:
Einer ist die Übertragung
Aller weltlichen Gedanken
Auf das eine Absolute,
Einer ist der schöne Zustand
Reiner Seligkeit der Weisheit,
Einer ist: Sei stets besonnen.

Die drei Punkte nun der Übung


Sind die Übung in der Tugend,
Die Geduld bei allem Übel
Und des Geistes reine Leere.

Was die Frucht betrifft des Glaubens:


Du erlangst nicht das Nirwana
Als Verschiednes von dir selber,
Meidest nicht das Rad des Daseins
Als Getrenntes von dir selber,
Und dein eigener Gedanke
Wird zu einem Buddha-Zustand.

Einen Punkt nenn ich besonders,


Nämlich den der reinen Leere,
Reiner, absoluter Leere.
Davon redet jeder Meister,
Der verstanden hat die Lehre.
Wenn ihr aber drüber grübelt,
Werdet ihr es nicht verstehen.
Doch versteht ihr es auf einmal,
Dann ist dieser Punkt gewonnen.

Dieses Kronjuwel all jener,


Die da üben die Gesetze,
Hat der Schüler dann gewonnen,
Wenns in seinem Geiste leuchtet.
Darum lasst, o meine Schüler,
Eure Herzen stets frohlocken!
Als Meister Milan dieses Lied beendet hatte, fragten seine Novizen: O Meister Milan, ist es
ausreichend, einen Meister zu haben und ihm in allem zu folgen? Diese Frage gefiel dem Meister,
und darum sang er folgendes Lied mit dem Inhalt, wie man über den Meister denken soll.

Meister, Schüler, Unterweisung,


Diese drei sind eines, Kinder.
Fleiß und Tapferkeit und Glaube,
Diese drei sind eines, Kinder.
Weisheit, Mitleid, Absolutheit,
Diese drei sind eines, Kinder,
Diese kennen stets die Richtung.

Ein vollkommner weiser Meister


Ist ein Meister, der den Weg kennt,
Der erhellt das tiefe Dunkel.
Unermüdlich ist der Glaube,
Der den wahren engen Weg kennt,
Der euch führt zum Glück des Lebens.
Die Verwirklichung der Kräfte
Kennt den schmalen Pfad zum Himmel,
Die Verwirklichung befreit euch
Von Verliebtheit und von Trennung.
Und des Meisters Unterweisung
Nach den Überlieferungen
Ist der wahre Weg zum Lichte,
Offenbarend Buddhas Körper.
Die drei Kostbarkeiten sind es,
Die uns schützen auf dem Wege,
Da ist unfehlbare Wahrheit.
Führen euch des Weges Kenner,
So erreicht der Schüler schließlich
Das Gefilde großer Wonne!
Er verweilt in einem Zustand,
Frei von Grübelei und Störung,
In dem freudenvollen Reiche
Innerlicher Selbsterkenntnis
Und Befreiung von der Sünde
Auf dem festen Fundamente
Sicherer und wahrer Weisheit.
In der Einsamkeit des Tales,
Dort, wo keine Menschen wohnen,
Hallen freudenvolle Lieder
Der Gebildeten wie Donner,
Regen tropft von allen Blättern
Und es blüht des Mitleids Blume
Und die Frucht des reinen Denkens
Ist im Geiste reif geworden
Und die Werke der Erleuchtung
Nun durchdringen alle Dinge.

Als Meister Milan dies gesungen hatte, wollten die Novizen ihn in ihre Heimat einladen: Heiliger
Milan, da die Ruhe deines Geistes unzerstörbar ist, so komm du bitte in unser Dorf und nimm die
Opfergabe der Laien an und verkünde allen Kreaturen die heilige Lehre. – Meister Milan aber sagte:
Es ist meine Meditation in der Einsamkeit, die allen Menschen Gutes tut, und die Kraft eines
Einsiedlers beruht auf seinem Verbleiben in der Einsiedelei. Und so sang Meister Milan seinen
Novizen dieses Lied:

Wir, erwidernd unsres Meisters


Gnade, haben uns versammelt.
Möge uns der Meister segnen
Mit der Reifung unsrer Herzen
Und vollkommener Befreiung.

Nun, ihr würdevollen Schüler


Meiner Weisungen, hier sitzend,
Sing ich euch ein Lied der Lehre
Voll von heiliger Bedeutung:
Wer da Ohren hat, der höre!

Schaut den weißen Leoparden


Auf den schneebedeckten Gipfeln,
Herrscher in der weißen Öde,
Er hat nichts zu fürchten weiter.
Herrschend in dem Schneegefilde,
Das ist seine Kraft und Stärke.

Und der königliche Adler


Auf dem purpurfarbnen Felsen,
Flügel in den Himmel streckend,
Bangt er nicht vorm tiefen Falle,
Sondern strebt zur Himmelshöhe,
Das ist seine Kraft und Stärke.

Unten in den Meereswassern


Schnell bewegt sich dort das Fischlein,
Fürchtet sich nicht vorm Ertrinken,
Das ist seine Kraft und Stärke.

In den Ästen des Gebirgsbaums


Flink bewegen sich die Affen,
Große Affen, kleine Affen,
Fürchten sich nicht vor dem Sturze,
Übermütig ist die Gattung,
Das ist ihre Kraft und Stärke.

In dem Laub der Waldeslichtung


Schleicht sich der gestreifte Tiger,
Fürchtet sich vor keinem Wesen.
Stolz ist er und ist geschmeidig,
Das ist seine Kraft und Stärke.

Hier in dieser Tigerhöhle


Meister Milan übt die Lehre.
Daß das Beten ihm entgleitet,
Fürchtet nicht der Meister Milan.
Er ist ja schon lange einsam,
Das ist seine Kraft und Stärke.

Wie das Mandala zu werden,


Das da reguliert die Sphären
Und die Elemente läutert,
Ohne Angst vor Trug und Irrtum,
Treue zu dem innern Kerne,
Das ist seine Kraft und Stärke.

Wer sich angewöhnt die Übung


Mit den Adern und dem Atem,
Dem bedeutet jede Hemmung,
Jedes Zögern nicht ein Fehler,
Nicht ein Irrtum in der Lehre,
Sie sind nur das Protestieren
Seiner schweifenden Gedanken.

Wenn man erst die Macht der Übung


Eines Würdigen erfahren,
Eines Eingebornen Übung,
Sind verschieden die Gedanken
Nicht aus Weltlichkeit des Geistes,
Sondern Irrtum der Begriffe.

Wenn man bei den Möglichkeiten


Sieht das Gute, sieht das Böse,
Irrt man sich nicht in der Übung,
Sondern unterscheidet weise.

Eremiten, die verstehen,


In der Übung treu zu bleiben,
Sind die winzigen Gelüste
Nach den Dingen dieser Erde
Nichts, dass Neues sie begehren,
Sondern alter Wünsche Rückkehr.

Daß ich auf dem Weg der Lehre


Lieber bleibe ganz alleine,
Ist nicht Heuchelei und Torheit,
Sondern Sehnsucht nach der Einfalt.

Diese Lieder Meister Milans


Sind nicht Torheit eines Toren,
Um die Leute zu zerstreuen,
Sind tiefsinnige Ermahnung
Zu dem Wohle der Novizen.

Als Meister Milan dies Lied gesungen hatte, sagten die Novizen zu ihm: Das ist alles sehr schön, o
Meister Milan, aber wenn du auch in dieser Einsiedelei wohnst, musst du dir doch gegen die
Bedrohungen eine feste Burg aus Versenkung gebaut haben. – Und Meister Milan sprach: Von der
Burg der Versenkung singe ich euch folgendes Lied:

Ich verneige mich vorm Vater,


Vor dem reinen Edelsteine,
Möge er euch segnen, Kinder,
Mit dem Reichtum seiner Hilfe.
Also bitte ich den Vater,
Daß er euch die Weisheit schenke
In der Festung eures Körpers.

Als ich war gequält von Ängsten,


Baut ich eine Burg im Innern.
Diese Burg des absoluten
Seins nahm von mir alle Ängste.

Fror ich, machte ich mir Kleidung,


Innre Wärme war die Kleidung,
Ich verlor die Angst vorm Froste.

Hatte Angst ich vor der Armut,


Suchte ich nach großem Reichtum.
Reichtum waren die Juwelen
Seiner Diamanten-Lehre,
Ich verlor die Angst vor Armut.

Hatte Angst ich vor dem Hunger,


Suchte ich nach guter Speise.
Und mein Angenommenwerden
Von dem reinen Absoluten,
Das war meiner Seele Speise.
Ich verlor die Angst vorm Hunger.

Einsamkeit war meine Schwermut


Und ich suchte eine Freundin.
Und die absolute Leere
Wurde mir intime Freundin
Und es floh von mir die Schwermut.

Aus der Furcht vor der Verirrung


Suchte ich den Weg der Wahrheit.
Das All-Eine, meine Wahrheit,
Nahm die Angst vor der Verirrung.

Und so bin ich reich versehen,


Was man wünschen kann, das hab ich,
Und bin glücklich, wo ich lebe.

Hier in dieser Tigerhöhle


Zittert man vorm lauten Brüllen
Einer Tigerin, so bleibt man
Lieber einsam in der Höhle.
Doch das Spielen ihrer Jungen
Heitert auf den Geist des Mönches,
Schenkt Gedanken der Erleuchtung.

Hört man Affenmütter schreien,


Das bleibt einem im Gedächtnis
Und man fühlt allein die Trauer.
Doch das Schwatzen ihrer Jungen
Lässt den Eremiten lachen
Und man wird beschwingt, beflügelt.

Traurig ist das Lied des Kuckucks


Und man wird gebracht zur Stille.
Doch der Spatzen Lärm erheitert
Ihren Freund, den Eremiten.

Glücklich ist ein Mensch des Glaubens,


Der da lebt allein und einsam
Ohne einzigen Gefährten,
Dennoch kann er leben glücklich.
Mögen Meister Milans Lieder,
Das Frohlocken seiner Lieder,
Lindern alle Menschenleiden!

Nun beschlossen die Novizen, die Welt zu verlassen und weltabgeschieden einsam und allein der
Frömmigkeit zu leben. Und sie erreichten die Grenze der Vollkommenheit. Meister Milans
persönliche Schutzgöttin aber gebot ihm, seinen Blick nach Kalkutta in Indien zu richten und dort
seine Lehre weiter zu entfalten.

ZWEITER TEIL
MEISTER MILANS SCHATZ DES LIEDES

Die Brahmanen, die die Wahrheit


Gar nicht kennen, reden sinnlos
Von der Veden Offenbarung.

Sie bereiten sich mit Erde


Und mit Wasser und mit Gräsern
Vor zur eitlen Opferhandlung,
Die sie sinnlos dann vollziehen.
Sie verbrennen sich die Augen
Mit dem Rauch des Opferfeuers.

Herrschaftlich gekleidet, halten


Sie für weise sich mit ihrer
Lehre der Brahmanen. Sinnlos
Sie mit ihren Eitelkeiten
Wollen diese Welt versklaven.
Doch sie wissen nicht, dass Glaube
Ist das selbe wie Unglaube.
Sie beschmieren sich mit Asche
Ihre Körper. Ihre Haare
Tragen sie verfilzt und schmutzig
Auf den Köpfen. In dem Hause
Zünden sie die Lampen. Sitzend
In den Winkeln ihres Hauses
Klingeln sinnlos sie mit Glocken.

Vorgeschriebner Körperhaltung
Richten sie die Augen starrend
Auf ein Etwas, flüstern Leuten
In die Ohren und betrügen,
Witwen lehren sie und Nonnen,
Nonnen mit geschornen Köpfen,
Weihen ein die kahlen Nonnen,
Nehmen von den Witwen Gelder.

Doch der Weg wird nur verspottet


Durch der Mönche schlechtes Aussehn,
Lange ungeschnittne Nägel.
Schmutzig ist die alte Kleidung
Oder nackend gehn die Mönche,
Ungepflegt sind Bart und Haupthaar.
So versklaven sich die Mönche
Mit der Lehre der Befreiung.

Wird befreit man durch die Nacktheit,


Müssen ja die Hunde frei sein
Und die nackenden Schakale.
Macht die Glatze dich vollkommen,
Müssen glatte Mädchenhüften
Sein der Gipfel des Vollkommnen!

Einen langen Schwanz zu haben,


Ist ein Zeichen der Befreiung?
Dann sind auch befreit die Pfauen
Und die Rinder auf den Wiesen.
Ists der Höhepunkt der Weisheit,
Das zu essen, was man findet,
Dann sind Elefanten weise.

Nein, für diese faulen Mönche


Gibt es keine wahre Freiheit.
Also lehrt euch Meister Milan.
Die sich selbst beraubt der Wahrheit
Übers wahre Glück des Lebens,
Quälen nur die eignen Körper.

Und dann gibt es die Novizen


In der alten Schule. Diese
Wollen ganz der Welt entsagen,
Mönche in der Welt zu werden.
Manche sieht man sitzen, lesen
In den Schriften, manche welken,
Konzentriert auf den Gedanken.

Andre nehmen ihre Zuflucht


Zu dem Großen Wagen. Dieses
Ist die Lehre, sagen jene,
Die die Schriften richtig deutet.
Andre Mönche meditieren
Über Mandalas und Kreise.
Andre mühen sich, die vierte
Stufe der Glückseligkeiten
Ganz exakt zu definieren.

Doch mit solcher Untersuchung


Fallen ab sie von dem Wege.
Manche möchten ihn als Kosmos
Sehen, als ein Universum.
Andre sprechen von dem Wege
Als von der Natur der Leere.
Alle sind sich aber uneins.

Doch wer ohne eingebornen


Genius sucht das Nirwana,
Der kann keinesfalls erlangen
Reine absolute Wahrheit.

Wer mit anderm sich beschäftigt,


Kann Befreiung nicht erlangen.
Bleibt man allzeit meditierend,
Kann man Freiheit dann erlangen?
Wozu sind denn gut die Lampen?
Wozu gut die Opfergaben?
Was kann man durch das Vertrauen
Auf die Mantras denn bewirken?

Wozu gut ist strenge Selbstqual?


Wozu gut sind Pilgerfahrten?
Kann erreichen man Befreiung
Durch das Baden in dem Wasser?

Solcherlei Gebundenheiten
Gib du auf, entsag der Täuschung!
Es gibt andres nichts als Wissen,
Wissen vom geheimen Jenem,
Etwas anderes als Jenes
Kann die Wissenschaft nicht wissen.

Jenes ists, das wird gelesen,


Jenes soll man meditieren.
Jenes wird allein besprochen
In Abhandlung und Legende.
Es gibt keinen Philosophen,
Der nicht Jenes nur zum Ziel hat.
Jenes kann man nur erblicken
Zu den Füßen seines Meisters.

Denn sobald das Wort des Meisters


Eindringt in das Herz des Schülers,
Scheints dem Schüler so, als halte
Schätze er in seinen Händen.
Doch versklavt wird diese Erde
Durch den Trug, sagt Meister Milan.
Und der Tor erkennt nicht wahre
Göttliche Natur der Wahrheit.

Ohne stilles Meditieren,


Ohne strenge Weltentsagung,
Kann man in dem Hause bleiben
Mit der Ehefrau zusammen.
Ist denn das vollkommnes Wissen,
Wenn man nicht erlangt die Freiheit,
Während man genießt die Wollust?
Also lehrt euch Meister Milan.

Ist schon offenbar die Wahrheit,


Warum immer meditieren?
Wenn die Wahrheit ist verborgen,
Zählt man nur die Finsternisse.
Meister Milan ruft: In Wahrheit
Die Natur des Eingebornen
Existiert, nicht existierend.

Vielmehr durch das selbe Wesen,


Das uns ließ geboren werden,
Das erhält uns auch am Leben
Und das lässt uns einmal sterben.
Durch das selbe nur erlangen
Wir die Seligkeit der Seele.
Doch obwohl der Meister Milan
Diese weisen Worte redet,
Kann die Welt ihn nicht verstehen,
Diese eitle Welt der Dummen.

Existiert das eine Wesen


Außer eurem Meditieren,
Was soll dann das Meditieren?
Ist das Wesen unaussprechlich,
Wozu dann all die Dispute?
Ach, versklavt wird diese Erde
Durch den eitlen Schein der Dinge
Und kein Mensch kann je begreifen
Die Natur des Absoluten.
Alle Mantras, alle Tantras,
Alles lange Meditieren,
Konzentrieren auf Gedanken,
Ist nur Selbstbetrug von Toren.
Mach durch all dein Kontemplieren
Doch nicht unrein den Gedanken,
Den Gedanken, der ganz rein ist.
Sondern du verweile innen
In der Seligkeit der Seele
Und heb auf die Qual und Selbstqual.

Iß und trink, ergötz dich sinnlich,


Füll das Mandala mit Opfern,
So gewinnst du einst das Jenseits.
Tritt du auf den Kopf der Toren,
Tritt dem Weltkind auf den Nacken,
Rücke vor zum Ziel des Glaubens!

Wo nicht wandert mehr der Atem,


Wo der Geist nicht mehr umherschweift,
Wo nicht Mond und Sonne scheinen,
Dort, o Mensch, leg du dein Denken,
Leg dein Denken dort zur Ruhe.
Dieses lehrt dich Meister Milan.

Unterscheide nicht die Dinge,


Sondern sieh sie an als Eines.
Mache keine Unterscheidung
Zwischen allen den Familien.
Laß das ganze Universum
Eins sein in dem schönen Zustand
Großer Leidenschaft der Liebe!

Hier ist Anfang nicht, noch Mitte,


Hier ist Ende nicht, noch Anfang,
Nicht Samsara, nicht Nirwana,
In dem Zustand höchsten Glückes
Gibt es weder Ich noch Nicht-Ich.

Was auch immer du betrachtest,


Das ist Es, von vorn, von hinten
Und in allen Dimensionen.
Heute noch laß deinen Meister
Von dir fort die Täuschung nehmen!
Frage keinen andern Meister!

Alle Tätigkeit der Sinne


Endet in der wahren Einsicht,
Selbstvorstellung wird vernichtet,
Freund, so ist des Eingebornen
Körper, Eingebornen Körper,
Den begehr von deinem Meister.

Dort wo der Gedanke halt macht,


Wo die Atemstöße stocken,
Dort ist Seligkeit der Seele.
Andres sollst du gar nicht suchen.

Jetzt ist es so eine Sache


Mit der eigenen Erfahrung.
Aber irre nicht und trotze
Nicht auf deine eigne Meinung.
Nenne Es nicht reines Dasein,
Nenne Es nicht reines Nichtsein,
Auch nicht Seligkeit der Seele,
Um das Es nicht einzuschränken.

Deine eigenen Gedanken


Kenne ganz genau, o Schüler,
Kenne sie wie Wasser, welches
Da begegnet einem Wasser.

Wie denn könnten je die Toren


Durch Versenkung die Befreiung
Je gewinnen? Warum sollte
Man an solche Falschheit glauben?
Traue auf das Wort des Meisters,
Diesen Rat gibt Meister Milan.

Die Beschaffenheit des Himmels


Ist ursprünglich große Klarheit.
Diesen dauernd anzustaunen,
Macht den klaren Himmel trübe.
Also weiß der arme Tor nicht,
Daß in ihm der Fehler gründet.

Schuldig ist der Stolz des Toren,


Der nicht sieht die reine Wahrheit.
Und darum verlästert er auch
Wie ein Dämon alle Weisen.
Wie verwirrt die ganze Welt ist
Von den Meinungen der Lehrer
Und den Philosophen-Schulen!
Keiner wird gewahr der eignen
Heiligen Natur der Seele.

Sie sehn nicht die Fundamente,


Nicht das Fundament des Geistes,
Weil sie selbst bedecken jenes
Eingeborene mit Irrtum.
Doch wo der Gedanke aufsteigt,
Wo sich auflöst der Gedanke,
Dort sollst du verweilen, Lieber.
Der da über Wahrheit nachdenkt
Ohne Fundament der Wahrheit,
Jenem würde eines Meisters
Unterweisung weiterhelfen.
Meister Milan sagt: Du Dummkopf,
Die Verschiedenheit des Daseins
Ist ein Ausdruck von Gedanken.

Keiner kann dir deine eigne


Heilige Natur erklären,
Eines Meisters Unterweisung
Kann allein sie offenbaren.
Nirgends ein Atom vom Bösen
Existiert in deiner Seele.
Der Unglaube und der Glaube
Werden noch geläutert werden
Und zuletzt aufhören gänzlich.

Wer geläutert hat sein Denken,


Kann die Eigenschaft des Meisters
Erst empfangen in dem Herzen.
Weil er dieses weiß, drum Meister
Milan kann dies Liedlein singen,
Sorgt sich nicht um alle Mantras,
Sorgt sich nicht um alle Tantras.

Denn die Menschen sind gebunden


Durch ihr eignes Karma, aber
Durch die Freiheit von dem Karma
Wird befreit der Geist des Menschen.
Die Befreiung seines Geistes
Trägt ihn sicher ins Nirwana.

Geist ist Samenkorn von allem.


Und Samsara und Nirwana
Kommen beide von dem Geiste.
Schenke diesem deine Ehrfurcht,
Welcher wie ein Edelstein ist,
Der erfüllt dir alle Wünsche
Und verleiht dir alle Dinge,
Die nur dein Begehren möchte.

Doch gebunden der Gedanke,


Bringt den Menschen nur die Knechtschaft.
Doch befreit, bringt er die Freiheit.
Daran kann man gar nicht zweifeln.
Was die eitlen Toren bindet,
Das befreit sehr schnell die Weisen.

Doch gebunden stürzen Menschen


Taumelnd hin in jede Richtung.
Doch befreit, der Geist des Menschen
Ruht dann selig in sich selber.
Denk an das Kamel, mein Schüler,
Beim Kamel ist es so ähnlich.

Konzentrier dich auf dich selber,


Halte an die Atemstöße,
Schiele nicht nach deiner Nase,
Halte dich ans Eingeborne,
Fahren lass des Daseins Fesseln.

Bring die ruhelosen Wogen


Deines Atems in Gedanken
Still zusammen und erkenne
Die Natur des Eingebornen,
Dann wirst du von selber stille.

Wenn der Geist erst geht zur Ruhe


Und zerstört die Bahn des Lebens,
Dann wird der Geschmack erst strömen
Eures eingebornen Wesens
Und es gibt nicht ausgestoßne
Kasten mehr und nicht Brahmanen.

Hier ist Ganga, Mutter Ganga,


Hier das heilige Benares,
Hier Kalkutta, unsre Mutter,
Hier das feurige Bengalen,
Hier ist Mond und hier ist Sonne.

Hab gesehen viel Altäre


Und gesehen Wallfahrtsorte
Auf der Wanderung des Lebens,
Doch nie sah ich solchen frommen
Heiligen Altar wie meinen
Eignen Leib zur Opfergabe.

Lotosblumen büschelweise,
Lotosblätter, Lotosblüten,
Blütenblätter, Duft und Ranken,
Laß die Unterscheidung fahren,
Dummkopf, quäl dich nicht mit Torheit!

Wunschobjekte sind die Mantras,


Wunschobjekte die Dispute,
Und als Wunschobjekte fallen
Sie anheim einst der Zerstörung.
Brahma, Vischnu, Schiwa, alle
Kehren heim zu ihrer Quelle.

Kenne du die Eigenarten


Des Geschmacks des Eingebornen.
Den Geschmack des Eingebornen
Leit nicht ab von seinen Teilen.
Der Geschmack des Eingebornen
Ist das Fehlen der Erkenntnis.
Sie, die Kommentare schreiben,
Wissen gar nicht, wie man reinigt
Diese Welt von ihrem Schmutze.

Hör mir zu, mein lieber Schüler,


Der Geschmack ist frei von Irrtum,
Ist ein Zustand höchsten Glückes,
Ist von allem Sein der Ursprung.

Der Geschmack zuletzt ist schließlich,


Was noch überbleibt vom Irrtum,
Von den Schöpfungen der Täuschung,
Wo zerstört der Intellekt wird
Und wo untergeht das Denken
Und wo stirbt der Egoismus.
Warum willst du dort dich also
Mit Versenkung noch beschweren?

Denn ein Ding erscheint auf Erden,


Fällt anheim dann der Zerstörung.
Wenn es hat kein wahres Dasein,
Kanns nicht noch einmal erscheinen.
Frei von Manifestationen,
Frei von der Zerstörung, was denn
Ist es, was ist da entstanden?
Meister Milan hat gesprochen!

Schau und höre, fühle, speise,


Rieche, wandre, sitz und stehe,
Eitelkeit der Eitelkeiten
Gib du auf und die Dispute.
Laß auch ab von den Gedanken
Und lass dich nicht wegbewegen
Von der Einzigkeit des Einen.

Die zu trinken nicht bereit sind


Das Ambrosia des Meisters,
Werden in der Wüste sterben
Und verdursten an Disputen.

Laß du fahren die Gedanken


Und das rationale Denken,
Sei ein Kind von sieben Jahren!
Sei ergeben deinem Meister
Und des Meisters Unterweisung
Und du schaust das Eingeborne.

Dies hat keine Namen, keine


Eigenschaften. Also sag ich,
Daß es nicht erkannt kann werden
Durch Erörterung von Worten.
Wie kann denn die höchste Gottheit
Wörtlich je beschrieben werden?
Wir sind wie die jungen Mädchen,
Sprachlos im Erleben unsrer
Süßen Seligkeit der Seele!

Leer von allen den Begriffen


Eines Daseins oder Nichtseins,
Ist die Welt dort aufgesogen.
Wenn bewegungslos der Geist bleibt,
Bist befreit du von der Selbstqual
Und den Qualen dieses Daseins.

Doch solang das Höchste Eine


Du erkennst nicht in dir selber,
Wie denn könntest du erlangen
Diese unvergleichlich schöne
Form der Formen als das Höchste?
Wo der Irrtum aufhört, sag ich,
Siehst du dich in deiner Wahrheit.

Denke nicht an die Atome,


Denk nicht an die Moleküle.
Unaufhörlich strömt das reine
Sein hervor die höchste Freude.
Solcher Irrtum ist ein Wahnsinn,
Sagt dem Freund der Meister Milan.
Lerne kennen du den reinen
Und vollkommnen Freudenzustand!

Er ist da in seinem Hause,


Sie jedoch geht aus dem Hause,
Sucht ihn außer seinem Hause.
Sie sieht ihren Ehegatten,
Fragt doch noch die Nachbarinnen.
Meister Milan sagt: O Törin,
Kenn dich selbst in wahrer Demut!
Das hat nichts zu tun mit Andacht
Und Versenkung, Konzentrieren
Und der Perlenschnur der Mantras.

Wenn der Meister sprechen würde,


Würde man dann alles wissen?
Ohne alles je zu wissen,
Würde Freiheit man erlangen?
Also reden diese Toren,
Wandern blind umher auf Erden,
Sammeln gierig die Erfahrung.
Doch das eigne Eingeborne
Kennen nicht die blinden Toren,
Sondern sammeln nichts als Böses.

Man genießt die Welt der Sinne


Ohne sündige Befleckung.
Man pflückt weiße Lotosblüten,
Ohne Wasser zu berühren.
So auch wird der fromme Meister,
Der gedrungen ist zur Wurzel,
Nicht versklavt von seinen Sinnen,
Doch genießt er Sinnenfreuden.

Ja, die Gottheit kann man ehren


Und in Trance kann man erblicken
Eine menschgewordne Gottheit!
Doch dem Tode unterworfen –
Was erlöst uns von dem Tode?
Alles das kann nicht vernichten
Dieses Werden und Vergehen.
Ohne gläubiges Vertrauen
Kann man nicht dem Tod entrinnen.

Richtet eure Blicke grade


Nach der Spitze eurer Nase,
Reguliert die Atemstöße,
Macht euch leer von den Gedanken!
Also lehren uns die Lehrer.
Wenn der Schüler nicht mehr atmet
Und gestorben ist der Schüler,
Was ist dann, ihr lieben Leute?

Ist man in der Sinnen-Sphäre,


Dann ergießt sich das Begehren.
Was kann das Problem behandeln?
Wenn man etwas ist in Wahrheit,
Kann man es doch nicht behandeln
Wie ein Arzt den Leib von außen.

Alle die Gelehrten schreiben


In Traktaten und Disputen.
Doch den innerlichen Buddha,
Den erkennen nicht die Leute.
Werden und Vergehen aber
Kann man so doch nicht vernichten.
Aber schamlos sagen jene:
Wir sind die gelehrten Leute!

Der, der unter Lebewesen


Niemals alt geworden wäre,
Wäre frei von Tod und Alter.
Aber das ist doch unmöglich.
Aber auf das Wort des Meisters
Hin wird dir der Geist erleuchtet.
Gibt es denn auf Erden einen
Andern Schatz als die Erleuchtung?

Der, der nicht benutzt die Sinne


Und verbleibt in reiner Leere,
Ist ein Vogel, welcher auffliegt
Von dem Schiffe, das vorbeifährt,
Und dann umkehrt und sich wieder
Niederlässt auf diesem Schiffe.

Laß dich aber nicht mehr fangen


Von der Bindung an die Sinne,
Dieses sagt dir Meister Milan.
Denke an den Fisch, den Falter,
Elefanten, Bienen, Panther!

Was auch aus dem Geiste ausströmt,


Das hat die Natur von jenem
Wesen, welchem es entsprudelt.
Wogen sind doch gleich dem Wasser?
Die Natur der Wasserwogen
Ist dieselbe wie des Raumes
Strömende Natur des Wassers.

Wer spricht hier? Und wer hat Ohren?


Was will ich dir anvertrauen?
Wie der Staub in einem Tunnel
Unten in verstaubter Erde,
So geht das, was in dem Herzen
Dir entsteht, in deinem Herzen
Innen wieder auch zur Ruhe.

Dringt das Wasser in das Wasser,


Schmeckt das Wasser auch wie Wasser.
Also Sünde oder Tugend
Werden angesehn als Eines,
Da ist keine Unterscheidung.

Häng dich nicht an die Begriffe


Reiner absoluter Leere,
Sondern jedes Ding betrachte
Eins wie alle andern Dinge.
Selbst die Schale eines kleinen
Sesamkorns kann dich verletzen
Wie die schargespitzten Pfeile.

Ist ein Ding auf eine Weise,


Ist ein andres Ding ein andres.
Deine Taten sind wie Steine,
Die dir jeden Wunsch erfüllen.
Seltsam doch, wie die Gelehrten
Durch den eignen Irrtum leiden
Schweren Kummer in der Seele!
Nur im wahren Selbst-Erlebnis
Ruht die Seligkeit der Seele.

In der Seligkeit sind alle


Formen mit des Raumes Gleichheit
Ausgestattet und natürlich
Die Natur der gleichen Gleichheit
Macht die Geister unbeweglich.
Ist der Geist nicht mehr vom Geiste,
Scheint hervor das Eingeborne.

Hier und dort wird in den Häusern


Laut erörtert diese Sache,
Doch das Fundament der Freude
Bleibt dort unbekannt den Leuten.
Diese Welt ist von Gedanken
Ganz versklavt, sagt Meister Milan.
Niemand hat erkannt den reinen
Nicht-Gedanken, Kindes Torheit.

Zwar in vielen frommen Schriften


Offenbart wird ein Gebieter,
Dieser Herr und Meister zeigt sich
Dir entsprechend deinem Wunsche.

Dieser Herr, das bist du selber,


Andre Menschen sind die Feinde,
Also denken diese Leute
Disputierend in den Häusern.
Wenn der Mensch nur speist das eine,
So verzehrt er alles andre.
Sie geht aber aus dem Hause
Und sucht draußen ihren Meister.

Aber man sieht ihn nicht kommen,


Weiß nicht, wo er ist und wandelt,
Zeichenlos und ohne Wandel
Man erkennt den Herrn, den Höchsten.

Wenn du nicht das Kommen aufgibst,


Wenn du nicht das Gehen aufgibst,
Wie kannst du dann dieses Seltne,
Diese Herrlichkeit erlangen?

Der Gedanke ist ein reiner,


Wenn er ganz entspricht der Stirne.
Denk an keine Unterschiede
In dir selbst, in deinem Herzen.
Gibt es keine Unterscheidung
Zwischen Sprache, Geist und Körper,
Dann scheint auf das Eingeborne.

Wie kann andres dort entstehen,


Wo die Hausfrau und die Gattin
Ganz verschlingt den Ehegatten?
Unvergleichlich sind die Werke
Dieser Schülerin der Weisheit.

Sie verschlingt den Ehegatten,


Es erscheint das Eingeborne.
Da sind keine Leidenschaften
Noch auch fehlen Leidenschaften.
Still bei ihrem Eignen sitzend,
Ganz vernichtet all ihr Denken,
So sah ich die Frau, die weise.

Und man isst und trinkt und denkt auch,


Was nur irgendeinem einfällt.
Es ist jenseits doch des Geistes,
Unvorstellbar, dieses Wunder
Einer Schülerin der Weisheit.

Hier verlieren Mond und Sonne


Die Verschiedenheit am Himmel.
Himmel, Unterwelt und Erde
Werden in dem Weib gebildet.
Kenne diese Frau, die weise,
Die vollendet den Gedanken,
Mutter sie des Eingebornen.

Ach, die ganze Welt muß dulden


Große Qualen von den Worten!
Keiner kommt doch ohne Wort aus.
Ist man aber frei von Worten,
Dann versteht man erst das Wort recht.

So wie außen so auch innen,


Sicher auf der höchsten Stufe,
Sind die körperlosen Formen
In der Körperform verborgen,
Der dies weiß, der findet Freiheit.

Einst ich pflegte herzusagen


Aus dem Lehrbuch diese Worte:
Auf nun zum Erfolg, o Meister!
Doch ich trank vom Elixiere
Und vergaß das Wort des Buches.
Es gibt ja ein Wort allein nur,
Daß ich jetzt noch geistig kenne
Und ich kenn nicht seinen Namen.

Kann denn der gewinnen Freude


In den Armen der Umarmung,
Der nicht weiß, dass alle Wesen
Mit ihm sind das gleiche Wesen?
Er gleicht einem Hirsch voll Durste,
Der da eilt zur Wasserquelle
Und sieht nichts als Spiegelbilder,
Jener wird vor Durst versterben.
Wie kann er die Quelle Gottes
In der Wahrheit je erreichen?

Stoffe, Elemente, Sinne,


Die Organe unsrer Sinne
Sind das Wasser dieses Lebens.
In dem Lied des Meisters Milan
Keine Wahrheit wird verschwiegen.

Also, ihr Gelehrten, bitte


Seid geduldig doch mit Milan.
Nämlich hier gibt es kein Zögern.
Was ich aus dem Munde meines
Eignen Meisters einst vernommen,
Warum sollt ich davon sprechen
Auf geheimnisvolle Weise?

Jene segensreiche Wonne


Zwischen dem Juwel des Gottes
Und der Seele Lotosblume –
Wer frohlockt da nicht vor Freude?
Wessen Hoffnungen auf Erden
Nicht erfüllte diese Freude?

Dieser Augenblick kann Freude


Sein des Mittels, oder beides,
Glück des Mittels und der Weisheit,
Und durch Gnade ihres Meisters
Und die eigenen Verdienste
Tat sie mancher schon erkennen.

Sie ist tief und weit, die Freude,


Sie ist nicht das Selbst des Menschen
Noch ist sie die andern Dinge.
Kenne dieses Selbst-Erlebnis
Dieses Eingebornen innen
In dem höchsten Augenblicke!

Wie der Mond erhellt das Dunkel,


So entfernt die höchste Freude
Augenblicklich die Befleckung.

Ist die Sonne deiner Leiden


An dem Horizont versunken,
Dann steigt auf die höchste Freude,
Herr der Myriaden Sterne.
Sie erschafft mit Schöpferkräften
Und durch sie entsteht der Weltkreis,
Dieses Mandala des Kosmos.

Sieh Gedanken als Gedanken,


Tor, und laß du ab vom Irrtum.
Du erlange die Purgierung
In der Seligkeit der Seele,
Hier liegt das vollkommne Wesen.

Nicht zu zweifeln, nicht zu zögern,


Du befrei den Elefanten,
Jenen, der dein eigner Geist ist.
Möge er des Flusses Wasser
Trinken und am Ufer bleiben,
Wie es ihm gefällt, mein Schüler.

Festgehalten in dem Rüssel,


In dem Elefantenrüssel,
Der jetzt darstellt unsre Sinne,
Wir erscheinen völlig leblos.
Doch der Meister wird entschlüpfen,
Wie ein Reiter weiterreiten.

Wie im Himmel das Nirwana


So auf Erden das Samsara.
Da ist keine Unterscheidung,
Ich erkenne sie als Reinheit.

Sitze nicht allein zu Hause,


Geh spazieren nicht im Walde,
Sondern deinen Geist erkenne,
Wo du immer bist, mein Schüler.
Weilt man ganz in der Erleuchtung,
Was ist weiter dann Samsara,
Was ist weiter dann Nirwana?

Lieber, lerne diese Wahrheit,


Daß Erleuchtung nicht im Hause
Wohnt und nicht im dunklen Walde.
Mache keine Ausflucht, sondern
Werde frei im Eigenwesen
Eines unbefleckten Denkens!

Das bin ich und das ein andrer,


Also sagen eitle Toren.
Mach dich frei von dieser Fessel,
Die dich rings umgibt mit Ketten,
Und dein Selbst wird Freiheit finden.

Du begehe keinen Irrtum,


Was das Selbst betrifft, die Andern.
Alles ist der eine Buddha.
Hier ist jene unbefleckte
Letzte Stufe der Erleuchtung,
Wo das Denken ist gereinigt.

O, der schöne Baum des Denkens,


Unbekannt ist ihm die Zweiheit,
Breitend alle seine Äste
Durch das ganze Universum,
Trägt er Blüten, Frucht des Mitleids,
Und sein Name ist: Der Diener
Aus Erbarmen an den andern.

Dieser schöne Baum der Leere


Ist beladen reich mit Blüten,
Mitleids-Taten aller Arten
Und mit Früchten auch für andre,
Früchten, die von selbst erscheinen,
Denn die Seligkeit der Seele
Eigentlich denkt nicht an andre.

Und so fehlt dem schönen Baume


Reiner Leere auch das Mitleid,
Ohne Blüten, ohne Blätter,
Und wer immer glaubt, da seien
Blüten, Laub, der fällt herunter,
Denn es gibt dort keine Äste.

Beide Bäume Einem Samen


Sind entsprungen, deshalb gibt es
Eine Frucht nur. Wer da weise
Als ununterscheidbar ansieht
Diese Bäume, findet Freiheit,
Wird befreit von dem Samsara,
Wird befreit auch vom Nirwana.

Wenn ein Mann in Not sich nähert


Und enttäuscht dann wieder weggeht,
Ist es besser, dass er dieses
Haus links liegen lässt als dass er
Jene Speiseschale annimmt,
Die ihm nachgeworfen wurde.

Andern Menschen nicht zu helfen


Und den Armen nichts zu geben,
Sind die Früchte von Samsara.
Besser ist es aufzugeben
Die Idee vom Ich des Menschen.
Wer sich hält an reine Leere,
Der sich nicht um Mitleid kümmert,
Der erreicht nicht das Vollkommne.
Der, der aber übt Erbarmen,
Doch sich hält nicht an die Leere,
Der erlangt nicht die Befreiung
Von den Qualen dieses Daseins.
Nur wer beides übt, die Leere
Und das herzliche Erbarmen,
Der bleibt nicht mehr in Samsara,
Der steigt über das Nirwana.

DRITTES STÜCK

DIE SCHLACHT VOM KOSOVO

WIDMUNG

Auf der Totenfeier seiner demütigen Großmutter


Sah ich den Liebling meines Herzens, Milan.
Ich leerte eine Flasche dunkelroten Weines
Und sang die ganze Nacht das Lied meiner Liebe.

ERSTER GESANG

Sultan Murad ist auf der Ebene des Kosovo gefallen!


Und als er fiel, schrieb er diese wenigen kurzen Worte,
Schickte sie zur Burg bei den weißen Kruschevats,
Um sich auf Lazarus‘ Knien in seiner schönen Stadt auszuruhen:
Lazarus! Zar! Herr aller Serben,
Was noch nie war, kann auch nie sein:
Nur Ein Land, aber zwei Herren,
Ein einzelnes Volk, das doppelt besteuert wird;
Wir können hier nicht beide zusammen regieren,
Deshalb schicke mir jede Steuer und jeden Schlüssel,
Goldene Schlüssel, die alle Städte öffnen,
Alle Steuern für diese sieben Jahre,
Und wenn du diese Dinge nicht auf einmal schickst,
Bringe deine Armeen auf die Ebene des Kosovo.
Und wir werden das Land mit unseren Schwertern teilen. -
Als diese Worte Lazarus in die Augen gekommen waren,
Er sah sie und weinte grausame Tränen.

ZWEITER GESANG
Ja, aus Jerusalem, o von diesem heiligen Ort,
Ein großer grauer Vogel, ein gezähmter Falke flog!
Und in seinem Schnabel hielt er einen sanfte Schwalbe.
Aber warte! Es ist kein Falke, dieser graue Vogel,
Es ist ein Heiliger, der Heilige Elias:
Und er trägt keine sanfte Schwalbe bei sich,
Aber ein Brief von der Gottesmutter.
Er bringt ihn dem Zaren im Kosovo
Und legt ihn auf seine zitternden Knie.
Und so spricht der Brief selbst mit dem Zaren:
Lazarus! Lazarus! Zar der Adelsfamilie,
Welches Königreich ist es, nach dem du dich am meisten sehnt?
Wirst du heute eine himmlische Krone wählen?
Oder wirst du eine irdische Krone wählen?
Wenn du die Erde wählst, dann sattle Pferde,
Ziehe die Sattelgurte an, lass dein Gebiss anlegen.
Deine Schwerter und ein Morgengrauenangriff
Gegen die Türken: Dein Feind wird vernichtet.
Aber wenn du den Himmel wählst, dann baue eine Kirche.
O, nicht aus Stein, sondern aus Seide und Samt.
Sammle deine Truppen und nimm das Brot und den Wein,
Denn alle werden untergehen, sie werden völlig untergehen,
Und du, O Zar, wirst mit ihnen untergehen. -
Und als der Zar diese heiligen Worte gehört hatte,
Er meditiert, denkt über jede Art von Gedanken nach:
O lieber Gott, was soll ich tun und wie?
Soll ich die Erde wählen? Soll ich mich entscheiden
Für den Himmel? Und wenn ich das Königreich wähle,
Wenn ich jetzt ein irdisches Königreich wähle,
Irdische Königreiche sind so vergängliche Dinge.
Ein himmlisches Königreich, das im Dunkeln wütet, bleibt ewig bestehen. -
Und Lazarus wählte den Himmel, nicht die Erde,
Und dort wurde eine Kirche in Kosovo gebaut.
O, nicht aus Stein, sondern aus Seide und Samt.
Und er rief dort die Patriarchen von Serbien zusammen,
Beschworen wurden dort die hochherrschaftlichen zwölf hohen Läufer:
Und er versammelte seine Truppen, hatte sie alle bei sich.
Er nahm das rettende Brot und den kostbaren Wein mit.
Sobald Lazarus abgegeben hatte
Seine Befehle, ging es über die Ebene.
Aus dem Kosovo kommen alle Türken.

DRITTER GESANG

Der serbische Zar wird seine Slava feiern


Hier in Krushevats, einer gut geschützten Festung,
Der ganze Hochadel und alle
Die kleineren Herrn, die um den Tisch sitzen.
Alle werden nun seinen heiligen Schutzpatron ehren.
Zu seiner Rechten platziert er den alten Yug Bogdan,
Und neben ihm die neun tapferen Jugovichi,
Zu seiner Linken setzt sich Vuk Brankovich hin,
Und dann die anderen Herrn nach ihrem Rang,
Gegenüber von Lazarusus befindet sich Hauptmann Milosh,
Und neben ihm sind diese beiden edlen Ritter:
Der erste: Ivan Kosanchich,
Und der zweite: Herr Milan Toplitsa.
Nun hebt der Zar den goldenen Kelch hoch,
Lazarus befragt daher alle seine Herren:
Auf wen, bitte ich euch, soll dieser Toast ausfallen?
Wenn ich auf das hohe Alter anstoßen soll,
Auf den alten Yug Bogdan dann,
Wenn ich die Eminenz ehren muss, auf Brankovich;
Wenn ich Emotionen vertrauen soll,
Dann den neun tapferen Jugovichi,
Söhnen des alten Yug Bogdan, Brüdern meiner Königin;
Wenn ich mich der Schönheit beugen muss, vor Ivan Kosanchich;
Wenn ich mich nach Größe entscheide, dem großen Milan Toplitsa;
Aber wenn der heldenhafte Mut mich entscheiden lässt,
Ich werde auf den edlen Hauptmann Milosh trinken.
Ja! auf Milosh, auf niemand anderen,
Ich stoße nur auf die Gesundheit von Milosh Obilich an.
Heil, Vetter! Freund von mir und Verräter!
Zuerst mein Freund, aber schließlich mein Verräter.
Morgen wirst du mich auf dem Gebiet des Kosovo verraten,
Auf der Flucht zum türkischen Sultan Murad!
Also, lieber Milosh, trink aus
Und behalte den goldenen Kelch, um dich an Lazarus zu erinnern. -
Dann auf wendigen Beinen kam Milosh Obilich
Und vor der dunklen Erde beugt er sich und sagt:
Mein Dank gilt dir, o herrlicher Lazarus.
Ich danke dir für diesen feinen Toast und für dein schönes Geschenk,
Aber ich kann dir nicht für deine Worte danken.
Lasst mich sterben, wenn ich dich anlügen werde!
Ich war meinem Zaren nie untreu,
Niemals war ich es und werde es auch nie sein.
Und ich habe geschworen, für dich im Kosovo zu sterben,
Für dich und für den christlichen Glauben.
Aber Verrat, Lazarus, sitzt jetzt neben dir,
Der Verräter schlürft seinen Wein direkt in deinen Ärmel.
Es ist Brankovich, Vuk Brankovich, sage ich!
Und wenn am Vitus-Tag morgen früh
Wir machen unseren Morgenangriff auf dem Feld der Amseln.
Wir werden genau dort im verdammten Kosovo sehen,
Wer dir treu ist und wer nicht!
Ich schwöre dir bei Gott, dem allmächtigen Gott,
Dass ich im Morgengrauen in den Kosovo gehen werde
Und wie ein Schwein schlachten den türkischen Sultan,
Ich lege meinen Fuß auf seine Kehle.
Und dann, wenn Gott und das Glück mir helfen, werde ich zurückkehren
Zu Brankovich und binde ihn an meine Lanze,
Binde ihn wie die Wolle um einen Stab.
Ich werde ihn so zurück in den Kosovo schleppen!

VIERTER GESANG

Und Milosh sagt zu Ivan Kosanchich:


Mein Bruder, hast du die türkische Armee gesehen?
Ist sie riesig? Und wagen wir es, sie anzugreifen?
Können wir Murad hier im Kosovo erobern? -
Und Ivan Kosanchich antwortet ihm so:
Mein edler Freund, o Milosh Obilich!
Ich habe die türkische Armee ausspioniert,
Und ich sage dir, sie ist groß und stark.
Wenn alle Serben in Salzkörner verwandelt würden.
Wir konnten nicht einmal ihre erbärmlichen Mahlzeiten salzen!
Fünfzehn Tage lang bin ich zwischen diesen Horten gelaufen
Und fand dort keinen Anfang und kein Ende.
Vom Berg Mramor geradeaus nach Suvi Javor,
Von Javor, Bruder, weiter nach Sazlija,
Von Sazlija über die Chemer Brücke,
Von der Chemer Brücke weiter bis zur Stadt Zvechan,
Von Zvechan, Milosh, bis zum Rand von Chechan,
Und von Chechan bis zu den Berggipfeln,
Überall stellen sich die Türken in Kampfkleidung auf:
Das Pferd ist neben dem Pferd und die Krieger sind alle versammelt,
Ihre Lanzen sind wie Stämme von Waldbäumen,
Ihre Banner sind wie endlose Segelwolken,
Und alle ihre Zelte sind wie der treibende Schnee.
Ah! und wenn vom Himmel ein starker Regen fällt,
Dann würde kein einziger Tropfen jemals die Erde berühren
Für alle Türken und Pferde, die darauf stehen.
Türkische Streitkräfte besetzen das Feld vor uns.
Es erstreckt sich bis zu den Flüssen Lab und Sitnitsa.
Sultan Murad ist auf der Ebene von Mazgit gefallen! -
Dann schaut Milosh zu Kosanchich und fragt:
Mein Bruder, sag mir als nächstes, wo ich finden kann
Das Zelt des mächtigen Sultans Murad,
Denn ich habe dem edlen Lazarus geschworen.
Diesen fremden Zaren wie ein Schwein zu schlachten
Und meinen Fuß auf seine quietschende Kehle zu setzen. -
Und Ivan Kosanchich antwortet so:
O Milosh Obilich, ich denke, du musst verrückt sein!
Was glaubst du, wo das Zelt aufgestellt ist?
Natürlich inmitten des riesigen Lagers!
Und selbst wenn du die Flügel eines Falken hättest
Und flögst vom klaren blauen Himmel hinunter,
Deine Flügel würden dich nie wieder lebendig wegfliegen lassen! -
Dann fleht Milosh den Ivan also an, es zu versprechen:
O Iwan Kosanchich, mein lieber Bruder,
Nicht im Blut, aber so sehr wie ein Bruder,
Schwöre mir, dem Zaren nichts zu sagen,
Was du gerade gesehen und zu mir gesagt hast.
Lazarus würde deswegen Qualen erleiden,
Die Armee unter ihm würde Angst bekommen.
Wir müssen beide stattdessen Folgendes sagen:
Obwohl die türkische Armee nicht klein ist,
Wir können leicht mit ihnen kämpfen
Und besiegen sie. Das ist es, was wir gesehen haben:
Keine Armee aus Rittern und Kriegern,
Sondern von müden Pilgern, alten und verkrüppelten Bauern,
Handwerkern und dünnen Jugendlichen,
Die noch nicht einmal Blut gekostet haben.
Und komm nur in den Kosovo, um die Welt zu sehen
Oder zu verdienen eine Brotkruste, einen Kelch dunklen Rotweins.
Und wenn es eine echte türkische Armee gibt,
Sie ist an der Seuche erkrankt und hat sich verlaufen,
Weit weg von hier scheißen sie auf die Erde
Aus Angst vor uns und sogar vor all unsern Pferden,
Leiden Krankheiten, ruiniert durch Pest und Fieber,
Durch Ausbreitung tödlicher Huf- und Maulkrankheiten,
Um Rinder und Schafe zu fangen.

FÜNFTER GESANG

In Maydan, wo sie das reinste Silber gewinnen,


Musich Stefan trinkt den dunklen Rotwein,
Den hat ihm seine Dienerin Vaistina gebracht
An einen Tisch in seinem herrschaftlichen Schloss.
Als er seinen Durst gestillt hat, sagt er:
Vaistina, meine liebe Freundin und Dienerin,
Trink und iss, während ich mich zur Ruhe lege,
Und dann geh vor unserem herrschaftlichen Schloss spazieren:
Blicke in den klaren, transparenten Himmel
Und sag mir: Ist der helle Mond im Westen?
Erhebt sich der Morgenstern im Osten?
Ist die Stunde gekommen, in der wir reisen werden
Auf der Ebene des Kosovo
Und uns mit dem edlen Zaren zusammenschließen?
Mein Kind, du wirst dich an den Todesschwur erinnern.
Lazarusus ermahnte uns so:
Wer auch immer ein Serbe ist, mit serbischem Blut,
Wer auch immer mit mir dieses Erbe teilt,
Und er kommt nicht, um im Kosovo zu kämpfen,
Möge er nie die Nachkommen haben.
Sein Herz begehrt es, weder Sohn noch Tochter;
Unter seiner Hand wird nichts Anständiges wachsen,
Weder violette Trauben noch gesunder Weizen;
Er soll verrosten wie tropfendes Eisen,
Bis sein Name erlischt! -
Dann ruht Musich Stefan auf weichen Kissen,
Während Vaistina, seine Freundin und treue Dienerin,
Isst ihr Essen, trinkt ihren Anteil an Wein
Und geht vor dem herrschaftlichen Schloss spazieren.
Sie schaut in den klaren, transparenten Himmel
Und sieht den Mond hell und im Westen;
Der Morgenstern erhebt sich im Osten.
Damit ist die Stunde gekommen, in der sie aufbrechen können
Auf die Ebene des Kosovo
Und sich mit dem edlen Zaren zusammenschließen.
Jetzt nimmt Vaistina Pferde aus dem Stall.
Kampfpferde, für jeden von ihnen eines,
Und sattelt sie, ordnet sie schön an.
Dann führt sie ein edles, seidenes Banner aus,
Ganz mit zwölf goldenen Kreuzen bestickt
Und einer brillanten Ikone des Heiligen Johannes,
Heiligem Schutzpatron von Musich Stefan.
Sie legt es vor dem Burghof ab
Und steigt die Treppe hinauf, um ihren Meister zu wecken.
Jetzt, wo Vaistina die Treppe hinaufgeht,
Die Frau von Musich Stefan hält sie dort auf,
Umarmt sie. Bittend sagt sie:
O Dienerin Vaistina, im Namen Jesu,
Bei Gott, dem Allmächtigen, und beim Heiligen Johannes,
Bis jetzt warst du meine gute und treue Freundin.
Wenn du noch meine Schwester bist, dann bitte ich dich:
Erwecke jetzt nicht deinen schlafenden Meister.
Bedaure mich; ich hatte einen bösen Traum,
Ich träumte, ich sah eine Taubenschar im Flug
Mit zwei grauen Falken, die vor ihnen herfliegen,
Fliegen direkt vor diese Burg,
Sie flogen in den Kosovo und landeten dort
In Sultan Murads grausamem, riesigem Lager;
Aber ich habe sie nie wieder auferstehen sehen.
Das, meine Schwester, ist eine Prophezeiung:
Ich fürchte, dass ihr alle sterben werdet. -
Da spricht die Dienerin Vaistina so:
Liebe Schwester, verehrte Frau von Stefan!
Ich kann, meine Schwester, nicht untreu sein
Dem Herrn dieses edlen Schlosses;
Du bist nicht gebunden, wie er und ich gebunden sind
Durch Lazarus‘ bittere Ermahnung:
Ich sage dir, das ist es, was er gesagt hat:
Wer auch immer ein Serbe ist, mit serbischem Blut,
Wer auch immer mit mir dieses Erbe teilt,
Und er kommt nicht, um im Kosovo zu kämpfen,
Möge er nie die Nachkommen haben.
Sein Herz begehrt es, weder Sohn noch Tochter;
Unter seiner Hand wird nichts Anständiges wachsen,
Weder violette Trauben noch gesunder Weizen;
Er soll verrosten wie tropfendes Eisen,
Bis sein Name erlischt!
Deshalb kann ich, Schwester, nicht untreu sein
Dem Herrn dieses edlen Schlosses. -
Dann geht Vaistina nach oben und weckt ihren Herrn
Mit diesen Worten: Die Zeit ist jetzt gekommen. -
Und Musich Stefan steht auf starken Beinen auf
Und wäscht sich langsam, zieht herrschaftliche Kleider an,
Er gürtet um seine Taille ein gut geschmiedetes Schwert,
Gießt sich selbst ein Glas dunklen Rotwein ein
Und trinkt auf seinen heiligen Schutzpatron,
Und dann auf eine schnelle und günstige Reise,
Und schließlich auf das rettende Kreuz Jesu,
All das in seinem Schloss an seinem Banketttisch,
Wo Stefan nicht mehr essen und trinken wird.
Dann gehen sie vor die herrschaftliche Burg,
Steigen auf ihre fertigen Kampfpferde kastanienbraun
Und entfalten das kreuzbestickte Banner.
Trommeln und Trompeten durchbrechen die Morgenstille.
Auf gehts in die Schlacht im Namen Gottes!
Als die strahlende Morgendämmerung ihr Licht auf sie geworfen hat
Über dem Kosovo, dieser flachen und anmutigen Ebene,
Plötzlich erscheint eine schöne Jungfrau.
Sie trägt in ihren Händen zwei leere goldene Kelche,
Unter ihrem Arm hat sie einen edlen Helm,
Hergestellt aus gewickelter weißer Seide
Mit ineinander verschlungenen Federn,
Die an ihren Enden in Silber gearbeitet sind
Und genäht mit kostbaren Fäden aus Gelbgold,
Und alles oben mit Perlen bestickt.
Dann spricht Musich Stefan so zu ihr:
Möge der allmächtige Gott dich segnen und mit dir sein.
Aber wo hast du diesen edlen Helm gefunden?
Warst du selbst auf dem Schlachtfeld?
Gib ihn mir, meine Liebe, für einen Moment,
Denn ich werde sofort wissen, welcher Held ihn trug.
Ich verspreche dir bei meiner Reise,
Dass ich dich nie verletzen oder verraten werde. -
Die reizende Jungfrau antwortete ihm und sagte:
Grüße an dich, Krieger des Zaren!
Ich war nicht selbst auf dem Schlachtfeld,
Aber meine Mutter weckte mich früh, um Wasser zu holen.
Und als ich dort ankam, was für eine Flut ich sah!
Aus schlammigen Gewässern, Pferden, sterbenden Helden,
Türkische Mützen, Feze, blutige Turbane,
Und die Helme der edlen Serben,
Hergestellt aus gewickelter weißer Seide mit verwobenen Federn.
Ich sah diesen Helm in der Nähe des Ufers schwimmen.
Und bin ein wenig hinausgegangen, um ihn dort zu erreichen.
Ich habe zu Hause einen etwas jüngeren Bruder,
Und ich wollte, dass er ihn als Geschenk bekommt.
Außerdem bin ich selbst jung, ich mag die Federn darauf. -
Sie gibt den Helm dem berittenen Springer.
Sobald Stefan ihn in den Händen hält,
Er erkennt ihn und beginnt zu weinen,
Tränen fließen über sein strenges und edles Gesicht.
Er schlägt so heftig auf die Seite, dass er zerbricht
Den goldenen Manschettenknopf, der seinen rechten Ärmel verbindet,
Und zerreißt den Samt seines Hosenbeins.
Möge Gott im Himmel mir helfen und mich beschützen!
Jetzt fällt der Fluch von Lazarus sicher auf mich! -
Und er gibt dem Mädchen den Helm zurück
Und greift mit der Hand in die Tasche
Und gibt ihr drei goldene Dukaten und sagt:
Nimm sie, meine Liebe, liebe, liebe Jungfrau des Kosovo,
Denn ich gehe jetzt in den Kampf,
Um die Türken im Heiligen Namen Jesu zu bekämpfen.
Wenn Gott mir erlaubt, lebendig zurückzukehren,
Ich werde für dich ein weit besseres Geschenk haben.
Aber wenn ich, meine Schwester, im Kampf sterben sollte,
Erinnere dich an mich bei diesen drei goldenen Dukaten. -
Dann trieben sie ihre Pferde in die Schlacht
Jenseits des überschwemmten schlammigen Flusses Sitnitsa
Und ritten in das Lager von Sultan Murad.
Musich Stefan kämpfte und tötete drei Paschas,
Aber als er den vierten traf, schlug ihn dieser Krieger.
Und dort starb er neben seiner Dienerin Vaistina.
Und mit seinem Heer von zwölftausend Seelen
Auch der große Zar Lazarus starb an diesem Tag,
Und mit ihm starb ein gutes und altes Reich,
Mit ihm starb das beste Königreich dieser Erde.

SECHSTER GESANG

Jetzt, wo in Krushevats der Zar lagert


Und nimmt sein Abendessen am Vorabend der Schlacht ein,
Militsa, seine Königin, fleht ihn so an:
O Lazarus, Goldene Krone Serbiens.
Du reitest morgen in den Kosovo
Und nimmst deine Diener und Ritter mit,
Du lässt mir niemanden auf der Burg, Majestät,
Der könnte mit einem Brief zum Feld hinausreiten
Des Kosovo und bringen eine Antwort zurück.
Du nimmst meine neun lieben Brüder mit,
Alle Yugovichi fahren mit dir.
Ich bitte dich, lass den hinter dir, nur einer bleibe zurück,
Lass für mich nur einen Bruder hier,
Bei dem ich schwören kann. -
Und so spricht Lazarus zu ihr und sagt:
Liebe Frau Militsa, meine liebe Zarin,
Welchen Bruder möchtest du für dich haben,
Um mit dir in diesem weißen Schlossturm zu gehen? -
Und sie spricht: Gib mir Boshko Jugovich! -
Und er spricht, edler Fürst aller Serben:
Liebe Frau Militsa, meine liebe Zarin,
Morgen, wenn der weiße Tag hell erleuchtet wird,
Wenn der Tag anbricht, scheint die Sonne im Osten,
Und wenn die Portale der Stadt geöffnet sind,
Geh und stelle dich neben diese Stadttore,
Denn es wird die Armee in ihren Reihen bestehen
Und alle Reiter in ihren Schlachtfeldern.
Boshko Jugovich wird sie alle anführen
Und tragen das kreuzweise gestickte Banner hoch hinaus.
Gib ihm meinen ganzen Segen und sag Folgendes,
Dass er die Flagge jemand anderem geben soll
Und bleiben bei dir in diesem weißen Schlossturm. -
Als die Morgendämmerung früh am Morgen anbricht,
Und die Portale der Stadt sind geöffnet,
Sie geht hinaus, Lazarus‘ Königin,
Und steht neben dem Stadttor,
Wo die ganze Armee in Reihen vorbeikommt
Auswärts vor den Kriegern mit ihren Lanzen.
Da kommt ihr Bruder, Boshko Jugovich,
Reitend in seiner edlen goldenen Rüstung
Auf seinem goldgegurteten Kampfhengst,
Hochhaltend das kreuzweise gestickte Banner,
Das ihn, meine Brüder, bis zur Taille umhüllt.
Auf dem Stab befindet sich ein goldener Apfel,
Und auf dem Apfel stehen goldene Kreuze.
Daran hängen mehrere goldene Quasten.
Es baumelte im Wind um seine Schultern.
Jetzt geht die Zarin Militsa zu ihm
Und nimmt das Zaumzeug seines Pferdes in ihre Hand,
Sie legt ihre Arme um den Hals ihres Bruders,
Und so spricht sie leise zu ihm und sagt:
O mein Bruder, Boshko Jugovich.
Lazarus hat dich mir gegeben
Und sagt dir, du sollst nicht in den Kosovo gehen;
Er sendet seinen Segen auf dich und sagt:
Deine Flagge gib jedem, den du magst.
Und bleib bei mir in Krushevats mit weißen Mauern,
Dass ich hier einen Bruder haben werde,
Bei dem ich schwören kann. -
Boshko Jugovich spricht dann so:
Geh zurück, meine Schwester, zu deinem Schlossturm.
Es steht mir nicht zu, mit dir zu gehen
Oder zu verschenken dieses Banner, das ich halte,
Selbst wenn der Zar mir Kruschewats geben würde;
Was würden alle meine Kameraden über mich sagen?
Seht euch diesen Feigling Jugovich an!
Derjenige, der es wagt, nicht in den Kosovo zu gehen
Und zu vergießen sein Blut für das Heilige Kreuz Jesu
Und damit der Glaube auf dieser Ebene nicht stirbt. -
Damit treibt er sein Pferd durch das Tor.
Und als nächstes reitet Yug Bogdan, Boshkos Vater,
Und hinter ihm sieben Yugovichi;
Einen nach dem anderen hält sie auf und fleht sie an,
Aber nicht ein einziger wollte sie ansehen.
Sie wartet im Elend neben den Portalen,
Bis ihr Bruder Voin vorbeikommt.
Er führt dicht hinter sich Lazarus‘ Pferde,
Alle sind mit goldenen Fäden versehen.
Sie stoppt sein kastanienbraunes Pferd,
Hält es am Zaumzeug,
Und dann wirft sie ihre Arme um ihren Bruder.
So spricht sie leise zu ihm und sagt:
O Voin Yugovich, mein lieber Bruder,
Lazarus gibt mir dich zum Geschenk!
Er sendet seinen Segen auf dich und sagt:
Gib jemand anderem diese edlen Pferde.
Und bleibe bei mir in Krushevats mit den weißen Mauern,
Dass ich hier einen Bruder haben werde,
Bei dem ich schwören kann. -
Ihr Bruder Voin antwortet ihr also und sagt:
Geh zurück, meine Schwester, zu deinem Schlossturm.
Denn als Krieger darf ich nicht zurückkehren,
Ich würde auch nicht diese Pferde des Zaren zurücklassen,
Selbst wenn ich wüsste, dass ich untergehen würde,
Ich reite auf das ebene Feld des Kosovo hinaus,
Um mein Blut für das Heilige Kreuz Jesu zu vergießen
Und mit allen meinen Brüdern für den Glauben zu sterben. -
Damit treibt er sein Pferd durch das Tor.
Als Liebfraue Militsa das alles gesehen hat,
Sie fällt ohnmächtig auf den kalten harten Stein hinunter
Und liegt bewusstlos, immer noch wie im Tod.
Der glorreiche Lazarus, Fürst aller Serben,
Kommt als nächstes vorbei, und als er seine Königin sieht,
Er weint, und Tränen fließen über seine Wangen.
Er schaut sich um und dreht sich nach links und rechts
Und ruft zu seinem Diener Goluban:
Goluban, mein lieber und treuer Diener.
Steig sofort von deinem weißen Pferd ab
Und nimm Liebfraue in deine starken weißen Arme
Und trage sie in den schmalen Turm.
Ich befreie dich vor Gott von deinem schweren Eid,
Verzichte auf den Kampf im Kosovo,
Bleib bei ihr im Schlossturm. -
Als Goluban die Worte seines Meisters gehört hat,
Er weint, und Tränen fließen über seine Wangen,
Wie befohlen steigt er von seinem weißen Pferd ab
Und hebt die Dame in seinen weißen Armen hoch
Und trägt sie in den Schlossturm.
Aber doch quält ihn sein Herz: Er muss gehen
Und reiten zur Schlacht auf dem Amselfeld.
Er kehrt sofort zu seinem weißen Pferd zurück,
Er steigt auf und reitet, um das Kosovo zu erreichen.
Wie im Osten dämmert der Morgen hell,
Zwei schwarze Raben fliegen nach Krushevats
Aus dem Kosovo, dieser weiten und flachen Ebene,
Und landen auf dem schmalen Schlossturm,
Dem Schlossturm von Lazarus dem Zaren.
Der erste Vogel krächzt, der zweite beginnt zu sprechen:
Ist das der Turm des glorreichen Lazarus?
Oder ist in diesem weißen Schloss niemand zu Hause? -
Nur Liebfraue Militsa ist da, um zu hören,
Und sie allein geht vor dem Turm hinaus.
So spricht sie und fragt die beiden schwarzen Vögel:
Raben! Im Namen des allmächtigen Gottes,
Sagt mir, woher ihr an diesem hellen Morgen kommt.
Könnte es sein, dass ihr aus dem Kosovo kommt?
Habt ihr dort zwei mächtige Armeen gesehen?
Und haben sich diese Armeen an einem wütenden Kampf beteiligt?
Große schwarze Vögel: Welche Armee hat die Schlacht gewonnen? -
Da antworteten die Raben, beide zusammen:
Im Namen Gottes, Zarin Militsa,
Wir kommen heute von der Ebene Kosovo,
Und wir haben dort zwei mächtige Armeen gesehen;
Diese Armeen trafen sich gestern im Kampf,
Und sowohl der Zar als auch der Sultan wurden getötet.
Unter den Türken sind einige wenige am Leben geblieben,
Aber noch weniger unter den Serben atmen noch,
Und alle von ihnen haben grausame, blutende Wunden. -
Eben als die Raben diese Worte sprechen,
Der Diener Milutin kommt nach oben:
Seinen eigenen rechten Arm trägt er in der linken Hand;
Er blutet aus seinen siebzehn schweren Wunden,
Er zügelt sein schwitzendes, blutgetränktes Kriegspferd.
Liebfraue Militsa befragt ihn also:
Was ist mit dir, Diener Milutin?
Hast du Lazarus auf dem Feld im Stich gelassen? -
Und der Diener Milutin antwortet ihr:
Hilf mir, meine Liebe, vom Pferd herunter
Und bade mit kaltem Wasser alle meine Wunden,
Lösche meinen Durst mit rotem, belebendem Wein;
Diese bösen Wunden werden das Ende von mir sein. -
Die Herrin Militsa bringt ihn sanft nach unten
Und badet dort seine Wunden mit kaltem Wasser
Und gibt ihm dunklen Rotwein, um seinen Durst zu stillen.
Als sie sich also um seine Bedürfnisse gekümmert hat,
Sie befragt ihn noch einmal und fragt leise:
Was ist passiert, Milutin, im Kosovo?
Der edle Zar und der alte Yug Bogdan, sind sie tot?
Die Jugovichi, neun von ihnen, alle tot?
Vuk Brankovich und der große Herr Milosh, tot?
Und Strahinya, der beste unter ihnen allen? -
Der verwundete Diener antwortet ihr und sagt:
Alle bleiben, Liebfraue, auf dem Feld,
Wo der glorreiche Zar tapfer gestorben ist.
Es gibt viele gebrochene Lanzen dort,
Sie gehören sowohl den Türken als auch den edlen Serben.
Aber viele andere von uns sind gebrochen, Herrin,
Als die Verteidigung des Lazarus gegen die Türken
Kämpfte für unseren herrlichen Herrn und Meister.
Und der alte Yug Bogdan, Herrin, verlor sein Leben
Zu Beginn, in der Morgendämmerung, beim Angriff
Zusammen mit seinen acht Söhnen, den Jugovichi,
Wo der Bruder mit dem Bruder bis zum Ende gekämpft hat,
Solange er schlagen und schneiden konnte;
Aber Boshko Jugovich bleibt dort noch,
Sein kreuzverschönertes Banner winkt hoch,
Wo er Türken in verängstigten Herden verjagt
Wie ein Jagdfalke Tauben jagt.
Und Strahinya starb auch, wo das Blut an die Knie stieg,
In den Kämpfen am Fluss Sitnitsa,
Wo viele sterbende Türken herumliegen.
Aber Milosh tötete den türkischen Sultan Murad,
Und er schlachtete viele türkische Soldaten mit ihm.
Möge der allmächtige Gott die segnen, der ihn geboren hat!
Er überlässt allen Serben unsterblichen Ruhm,
Für immer in Gesang und Geschichte erzählt zu werden,
Solange der Kosovo und die Menschheit bestehen.
Aber frage mich nichts nach Vuk Brankovich!
Möge die, die ihn zur Welt gebracht hat, verdammt sein!
Verflucht sei sein Stamm und seine Nachkommenschaft,
Denn er hat den Zaren im Kosovo verraten
Und führte zwölftausend Männer weg, Herrin,
Er führte seine Ritter mit sich aus dem Kosovo weg.

SIEBENTER GESANG

Zarin Militsa ging hinaus, um zu gehen


Vor der Burg beim weißen Krushevats,
Und bei ihr waren ihre beiden Töchter:
Vukosava und die hübsche Mara.
Dann kam zu ihnen Vladeta, der Wojewode,
An einer Bucht ein Kriegspferd reitend,
Vladeta hatte das Pferd ins Schwitzen gebracht,
Und es war überall in weißem Schaum gebadet.
Zarin Militsa sprach mit ihm und sagte:
Im Namen Gottes, guter Ritter des Zaren,
Warum hast du dein Pferd so gezwungen, zu schwitzen?
Kommst du nicht aus dem Kosovo?
Hast du den großartigen Lazarus dort reiten gesehen?
Hast du meinen Herrn und deinen Herrn gesehen? -
Und Vladeta reagierte seinerseits:
Im Namen Gottes, Zarin Militsa,
Ich bin vom Amselfeld geritten,
Aber ich fürchte, ich habe den Zaren nicht gesehen.
Ich sah sein Kriegspferd, das von vielen Türken verfolgt wurde,
Und so denke ich, dass unser edler Herr tot ist. -
Als Zarin Militsa diese Nachricht gehört hatte,
Sie weinte, und Tränen liefen über ihr Gesicht.
Und dann sah sie Vladeta an und fragte:
Erzähl mir mehr, guter Ritter des Zaren,
Als du auf dieser weiten und flachen Ebene warst,
Hast du meinen Vater und meine edlen Brüder dort gesehen?
Hast du die Yugovichi und Yug Bogdan gesehen? -
Und Vladeta antwortete ihr und sagte:
Als ich aus dem Kosovo kam und über die Ebene ging,
Ich sah die Jugovichi, neun von ihnen, deine Brüder,
Und ich sah deinen Vater, den alten Yug Bogdan, dort:
Sie waren inmitten all der Kämpfe,
Und ihre Arme waren blutig frei bis zu ihren Schultern,
Ihre Schwerter waren bis zum Anschlag klar;
Wie ihre Arme jedoch müde wurden und sanken,
Ich kämpfte mit den Türken auf dem Feld! -
Wieder sprach die Frau von Lazarus zu ihm und sagte:
Wojewode, bleib bei mir und warte!
Hast du die Ehemänner meiner Töchter gesehen?
Hast du Vuk Brankovich und Milosh gesehen? -
Und Vladeta, der Wojewode, antwortete:
Ich bin durch das ganze Kosovo gegangen.
Und ich habe gesehen, was ich gesehen habe.
Ich habe Hauptmann Milosh Obilich gesehen,
Und er stand auf diesem ebenen Feld;
Ich sah, wie er sich auf seine Kampflanze lehnte,
Und sah, dass sie kaputt war.
Und die Türken drangen auf ihn ein
Bis jetzt, so denke ich, muss er sicher gestorben sein.
Und habe ich Vuk Brankovich überhaupt gesehen?
Ich habe ihn nicht gesehen. Lass die Sonne ihn auch nicht sehen!
Denn er hat den Zaren auf diesem Feld verraten,
Den edlen Zaren, deinen Herrn und meinen Herrn.

ACHTER GESANG

An einem Sonntag früh am Morgen


Die Jungfrau des Kosovo erwachte vor strahlender Sonne
Und rollte die Ärmel über ihre schneeweißen Ellbogen;
Auf dem Rücken trägt sie warmes, weißes Brot,
Und in ihren Händen trägt sie zwei goldene Kelche,
Einen mit Wasser, einen mit dunklem Rotwein.
Auf der Suche nach der Ebene des Kosovo
Sie geht auf den Schlachtfeld dort,
Wo der edle Lazarus, der Zar, getötet wurde,
Und wendet die Krieger in ihrem Blut um;
Sollte einer noch atmen, badet sie ihn mit dem Wasser.
Und bietet ihm an, wie im Sakrament,
Den dunklen Rotwein zum Trinken, das Brot zum Essen.
Endlich kommt sie zu Pavle Orlovich,
Dem Standartenträger seines Herrn, des Zaren,
Und findet ihn noch am Leben, obwohl er zerrissen und verstümmelt ist:
Seine rechte Hand und sein linkes Bein sind abgeschnitten
Und seine schöne Brust ist zerquetscht und gebrochen.
Damit sie seine Lungen im Inneren sehen kann,
Sie untersucht seinen Blutkreislauf
Und badet seine Wunden mit klarem und kaltem Wasser;
Sie bietet ihm an, wie im Sakrament,
Den dunklen Rotwein zum Trinken, das Brot zum Essen.
Als sie sich also um seine Bedürfnisse gekümmert hat,
Pavle Orlovich wird belebt und spricht:
Jungfrau des Kosovo, meine schönste Schwester,
Welches Unglück führt dich in diese Ebene?
Um die Krieger in ihrem Blut umzuwenden?
Nach wem kannst du hier draußen suchen?
Hast du einen Bruder oder Neffen verloren?
Hast du vielleicht einen alternden Vater verloren? -
Und die Jungfrau des Kosovo antwortet:
O mein Bruder, o mein unbekannter Held!
Es ist nicht für jemanden aus meinem Blut,
Ich suche keinen alternden Vater,
Es ist auch nicht für einen Bruder oder Neffen.
Erinnerst du dich, tapferer und unbekannter Krieger,
Als Lazarus seiner Armee die Kommunion gab
Mit Hilfe von dreißig heiligen Mönchen
In der Nähe der schönen Kirche von Samodrezha,
Und es dauerte zwanzig Tage, bis sie es geschafft hatten?
Die gesamte serbische Armee nahm die Kommunion ein.
Am Ende kamen drei Kriegerfürsten:
Der erste war Hauptmann Milosh Obilich,
Der nächste war Ivan Kosanchich,
Und zuletzt der Krieger Milan Toplitsa.
Es kam vor, dass ich vor den Toren stand,
Als Milosh Obilich großartig vorbeikam,
Es gibt keinen schöneren Krieger auf dieser Welt.
Er schleppte sein Schwert dort auf die Steine,
Und auf seinem Kopf trug er einen Helm,
Der aus einem einzigen Stück gefertigt war,
Aus gewickelter weißer Seide mit verwobenen Federn,
Ein bunter Umhang hing über seinem Rücken,
Und um seinen Hals trug er einen seidenen Schal.
Als er vorbeikam, drehte er sich um und sah mich an
Und bot mir seinen bunten Umhang an,
Er nahm ihn ab, gab ihn mir und sagte:
Jungfrau, nimm diesen knallbunten Umhang,
Womit ich hoffe, dass du dich an mich erinnerst,
Diesen Umhang, mit dem du dich an meinen Namen erinnern kannst:
Liebe Seele, ich werde mein Leben riskieren
Im Kampf um den großen Zaren Lazarus;
Bete zu Gott, meine Liebe, dass ich lebendig zurückkehre,
Und dieses Glück wird bald dir gehören:
Ich werde dich als Braut nach Milano bringen,
Milan Toplitsa, meinem vereidigten Blutsbruder,
Dem edlen Milan, der mein Bruder wurde
Vor dem allmächtigen Gott und dem Heiligen Johannes,
Ihm werde ich dich als jungfräuliche Braut geben.
Nach ihm ritt Ivan Kosanchich daher.
Es gibt keinen schöneren Krieger auf dieser Welt.
Er schleppte sein Schwert dort auf die Steine,
Und auf seinem Kopf trug er einen Helm,
Der aus einem einzigen Stück gefertigt war,
Aus gewickelter weißer Seide mit verwobenen Federn,
Ein bunter Umhang hing über seinem Rücken,
Um seinen Hals trug er einen seidenen Schal,
Und an seiner Hand hatte er einen goldenen Ring.
Als er vorbeikam, drehte er sich um und sah mich an
Und bot mir den leuchtenden goldenen Ring an,
Er nahm ihn ab und gab ihn mir und sagte:
Jungfrau, nimm diesen goldenen Ehering,
Womit ich hoffe, dass du dich an mich erinnerst,
Diesen Ring, mit dem du dich an meinen Namen erinnern kannst:
Liebe Seele, ich werde mein Leben riskieren
Im Kampf um den großen Zaren Lazarus;
Bete zu Gott, meine Liebe, dass ich lebendig zurückkehre,
Und dieses Glück wird bald dir gehören:
Ich werde dich als Braut nach Milano bringen,
Milan Toplitsa, mein vereidigter Blutsbruder,
Edler Milan, der mein Bruder wurde
Vor dem allmächtigen Gott und dem Heiligen Johannes,
Ich werde der Trauzeuge auf deiner Hochzeit sein.
Nach ihm ritt Milan Toplitsa daher,
Es gibt keinen schöneren Krieger auf dieser Welt.
Er schleppte sein Schwert dort auf die Steine,
Und auf seinem Kopf trug er einen Helm,
Der aus einem einzigen Stück gefertigt war,
Aus gewickelter weißer Seide mit verwobenen Federn,
Ein bunter Umhang hing über seinem Rücken,
Um seinen Hals trug er einen seidenen Schal,
Und an seinem Handgelenk hatte er eine goldene Spange.
Als er vorbeikam, drehte er sich um und sah mich an
Und bot mir die glänzende goldene Spange,
Er nahm sie ab, gab sie mir und sagte:
Jungfrau, nimm diese glänzende goldene Spange,
Womit ich hoffe, dass du dich an mich erinnerst,
Diese Spange, mit der du dich an meinen Namen erinnern kannst:
Liebe Seele, ich werde mein Leben riskieren
Im Kampf um den großen Zaren Lazarus;
Bete zut Gott, meine Liebe, dass ich lebendig zurückkehre,
Und dieses Glück wird dir in Kürze gehören,
Und ich werde dich zu meiner treuen Frau nehmen.
Damit sind die Kriegsherren alle fortgeritten.
Und so suche ich auf diesem Gebiet der Schlachtung. -
Pavle Orlovich sprach dann und sagte:
O meine schönste Schwester, Jungfrau des Kosovo!
Siehst du, liebe Seele, diese Kampflinien?
Wo sind sie am höchsten da drüben?
Dort floss das Blut der Helden
In Becken, die höher sind als die Flanken der Pferde,
Sogar höher als die Sättel der Pferde,
Bis hin zu den seidigen Bündchen der Reiter.
Diejenigen, die du gefunden hast, sind dort gefallen;
Geh zurück, Jungfrau, zu deiner weißen Wohnung,
Färbe Rock und Ärmel nicht mit Blut. -
Als sie die Worte des verwundeten Helden gehört hat,
Sie weint, und Tränen fließen über ihr schönes Gesicht;
Sie verlässt die Ebene des Kosovo und geht spazieren
Zu ihrem weißen Dorf, das jammert und schreit:
O Mitleid, Mitleid! Ich bin so sehr verflucht,
Dass, wenn ich einen grün blühenden Baum berühre,
Würde er vertrocknen und verdorren, verdorben und befleckt.

NEUNTER GESANG

Wer ist dieser schöne Held, wer ist derjenige,


Er schwingt mit seinem glühenden Schwert,
Sein glühendes Schwert in der rechten Hand,
Um zwanzig Köpfe abzuschneiden? -
Das ist Banovich Strahinya! -
Wer ist dieser schöne Held, wer ist derjenige,
Vier aufspießend, bevor er fertig ist,
Auf seiner Lanze und hebt sie hoch
Hinter sich im Fluss Sitnitsa? -
Das ist Srdja Zlopogledja! -
Wer ist dieser schöne Held, wer ist derjenige,
Auf dem großen weißen Hengst reitend,
Der hält das Banner in den Händen hoch,
Türken in Ketten herum jagend
Und sie in den Fluss Sitnitsa treibend? -
Das ist Boshko Jugovich!

Lieber Gott! Wie groß ist das Wunder des Ganzen,


Als die Armee auf die Ebene des Kosovo fiel
Mit allen Yugovichi in ihren Reihen,
Neun tapferen Brüdern und dem zehnten, ihrem Vater!
Die Mutter der Jugovichi betet,
Dass Gott ihr schnelle Augen eines Falken gibt
Und die weißen Flügel eines Schwans, damit sie fliegen kann
In den Kosovo, auf diese Ebene,
Dass sie sehe die Jugovichi, alle neun Brüder,
Und ihren Vater, den edlen alten Yug Bogdan.
Und der allmächtige Gott gewährt ihr, was sie verlangt,
Augen eines Falken, weiße Flügel eines Schwans.
Und dann fliegt sie über den ebenen Kosovo
Und findet die Jugovichi erschlagen vor,
Alle neun Brüder und den zehnten, Yug Bogdan,
In den Boden getrieben stehen neun Lanzen
Mit neun grauen Falken, die auf ihren Enden sitzen,
Neben den Lanzen warten neun mutige Pferde
Und in der Nähe der Pferde neun grimmige, zügellose Löwen.
Sie hört die Pferde wiehern, die Löwen brüllen,
Die neun grauen Falken schreien und krächzen und krächzen,
Und doch ist ihr Herz kalt wie ein Stein
Und es steigen überhaupt keine Tränen auf, und es fallen keine Tränen.
Dann nimmt sie die neun mutigen Pferde mit,
Und sie nimmt die wilden Löwen mit,
Und sie nimmt die neun grauen Falken mit.
Langsam führt sie sie zu ihrer weißen Burg.
Von weitem konnten die neun Frauen ihrer Söhne sie sehen.
Und draußen gehen sie vor dem Schlossturm:
Und als die Mutter hört, wie die Witwen weinen,
Sie hört die Pferde wiehern, die Löwen brüllen,
Die neun grauen Falken schreien und krächzen und krächzen,
Und doch ist ihr Herz kalt wie ein Stein,
Und es steigen überhaupt keine Tränen auf, und es fallen keine Tränen.
Als es sehr spät ist, als es Mitternacht ist,
Damians graues Pferd beginnt zu schreien;
Die Mutter geht zu Damians Frau und fragt:
O liebe Tochter, geliebte Frau meines Sohnes,
Warum schreit Damians Hengst so?
Hat er Hunger auf den besten Weizen?
Durst er nach kühlem Zvechan-Wasser? -
Und die Frau von Damian antwortet ihr:
O meine Mutter, Mutter meines Damian,
Der Hengst schreit nicht nach dem besten Weizen,
Er dürstet auch nicht nach dem Wasser des Zvechan;
Damian fütterte ihn bis Mitternacht mit Hafer,
Und um Mitternacht ritt er auf der Straße;
Das Pferd trauert um seinen edlen Meister,
Dass es ihn nicht auf dem Rücken hierher gebracht hat. -
Und doch ist das Herz der Mutter kalt wie ein Stein,
Und es steigen überhaupt keine Tränen auf, und es fallen keine Tränen.
Als die Morgendämmerung früh am Morgen anbricht,
Zwei schwarze Raben fliegen zur Burg,
Ihre Flügel sind rot und blutig bis zu den Schultern,
Und ihre Schnäbel schäumen alle mit weißem Schaum,
Sie tragen die abgetrennte Hand eines Kriegers
Mit einem Ehering am Finger
Und sie lassen ihn der Mutter auf den Schoß fallen.
Die Mutter der Jugovichi nimmt die Hand
Und starrt sie an, dreht sie in ihrem Schoß um,
Und dann ruft sie Damians treue Frau an:
O meine Tochter, geliebte Frau von Damian,
Weißt du, wessen abgetrennte Hand das ist? -
Und die Frau von Damian antwortet ihr:
O liebe Frau, Mutter meines Mannes,
Das ist die Hand von Damian, deinem Sohn;
Ich weiß es, weil ich diesen Ring erkenne,
Das ist der Ring, den ich ihm auf unserer Hochzeit gegeben habe. -
Wieder nimmt die Mutter die abgetrennte Hand
Und starrt sie an, dreht sie in ihrem Schoß um.
Leise dann spricht sie mit der weißen Hand:
O liebe tote Hand, o lieber unreifer grüner Apfel,
Wo bist du aufgewachsen, wo wurdest du abgerissen?
Lieber Gott! Du bist auf dem Schoß dieser Mutter aufgewachsen,
Und du wurdest auf der Ebene des Kosovo abgerissen! -
Und jetzt kann die Mutter es nicht mehr ertragen,
Und so schwillt ihr Herz an und bricht vor Trauer
Um die Jugovichi, alle neun Brüder,
Und den zehnten von ihnen, Yug Bogdan.

ZEHNTER GESANG

Als sie Lazarus‘ Kopf auf dem Feld der Amseln abschneiden,
Kein einziger Serbe war da, um es zu sehen.
Aber es kam vor, dass ein türkischer Junge es sah,
Ein Sklave, der Sohn derjenigen, die zur Welt gekommen war
Selbst als eine Sklavin, eine serbische Mutter.
So sprach der Junge, nachdem er alles gesehen hatte:
Oh, habt Mitleid, Brüder; oh, habt Mitleid, Türken,
Hier vor uns liegt das edle Haupt eines Herrschers!
In Gottes Namen wäre es eine Sünde,
Wenn es von den Adlern und Krähen gefressen würde
Oder von Pferden und Helden mit Füßen getreten. -
Er nahm den Kopf des heiligen Lazarus
Und bedeckte ihn und steckte ihn in einen Sack
Und trug ihn, bis er eine Quelle fand,
Und steckte den Kopf in das Wasser dort.
Vierzig Jahre lang lag der Kopf in dieser Quelle,
Während der Körper auf dem Feld im Kosovo lag.
Es wurde nicht von Adlern oder Krähen gehackt,
Es wurde nicht von Pferden oder Helden mit Füßen getreten.
Dafür, lieber Gott, ist dir wie für alles zu danken!
Dann kam eines Tages ins schöne Skoplje
Eine Gruppe von jugendlichen Fuhrmännern,
Die ihre Fahrzeuge transportierten,
Bulgaren und Griechen nach Vidin und Nish,
Und hielt an, um die Nacht im Kosovo zu verbringen.
Sie machten ein Abendessen auf dem ebenen Feld
Und aßen und wurden danach durstig.
Sie zündeten die Kerze in ihren Laternen an
Und ging auf die Suche nach dem Wasser einer Quelle.
Dann sagte ein junger Fuhrmann:
Seht das brillante Mondlicht im Wasser dort. -
Der zweite Fuhrmann antwortete ihm:
Mein Bruder, ich glaube nicht, dass es Mondlicht ist. -
Während der dritte still war und nichts sagte,
Er wendet sich in seiner Stille nach Osten,
Und auf einmal nach Gott ruft er,
Dem einen wahren Gott und dem heiligen Nikolaus:
Hilf mir, Gott! Hilf mir, heiliger Nikolaus! -
Er tauchte in das Wasser der Quelle
Und hob heraus in die stille Luft
Das heilige Haupt von Lazarus, dem Zaren aller Serben.
Er legte es auf das grüne Gras an der Quelle
Und drehte sich um, um etwas Wasser in einen Krug zu bekommen,
Damit die durstigen Fuhrleute alle trinken konnten.
Als nächstes sahen sie auf die fruchtbare Erde,
Der Kopf lag nicht mehr auf dem Gras,
Aber ganz allein über das gesamte Amsel-Feld verteilt,
Der heilige Kopf bewegt sich auf den Körper zu,
Um sich ihm so anzuschließen, wie er vorher war.
Als am Morgen der helle Tag anbrach,
Die drei jungen Fuhrleute haben die Nachricht abgeschickt,
Eine Botschaft an die heiligen christlichen Priester,
Es waren etwa dreihundert von ihnen dort.
Und sie riefen Läufer herbei, zwölf von ihnen,
Und riefen vier alte Patriarchen herbei,
Von Rom, Konstantinopel und Jerusalem.
Dann zogen sie alle ihre heiligen Gewänder an,
Legten die hohen, spitzen Mönchskappen auf den Kopf
Und nahmen die alten Chroniken in ihre Hände
Und lasen Gebete vor und hielt dort lange Mahnwachen
Für drei lange Tage und drei dunkle Nächte,
Weder im Sitzen, noch auf der Suche nach Ruhe,
Weder im Liegen, noch im Schlafen,
Aber den Heiligen befragend und ihn bittend,
Zu welcher Kirche oder Kloster er gehen möchte:
Ob Opovo oder Krushedol,
Ob Jaska oder Beshenovo,
Ob Rakovats oder Shishatovats,
Ob Djivsha oder Kuvezhdin
Oder ob er lieber nach Mazedonien gehen möchte.
Aber der Heilige wollte zu keiner von diesen gehen
Und wollte in der schönen Ravanitsa übernachten,
Der Kirche, die er selbst gestiftet hat,
Die unten am Berg Kuchaj aufstieg,
Seiner eigenen Kirche, die er selbst gebaut hat,
Gebaut mit seinem eigenen Brot, mit seinem eigenen Schatz,
Und nicht mit Tränen, die von unglücklichen Untertanen geweint wurden.
In jenen Jahren wandelte er auf dieser Erde.

ELFTER GESANG

Nachricht für Nachricht und Nachricht für Nachricht:


Wer schickt sie? Für wen sind sie bestimmt?
Der türkische Sultan Mehmed schickt sie alle,
Und sie sind für Prijezda, dem Herzog von Stalach;
Sie kommen zu ihm in seiner weißen Burg dort.
O Prijezda, edler Wojewode von Stalach,
Ich verlange, dass du mir deine drei Schätze schickst:
Erstens, dein tödlich glühendes Schwert,
Das schneidet so leicht durch Holz und Stein,
Durch Holz und Stein und sogar durch kaltes Eisen;
Zweitens schicke dein galantes Kriegspferd, Zhdral,
Das fliegt über die weiten und flachen Felder
Und springt auf die Höhe von doppelten Mauern;
Drittens, ich will deine treue Frau. -
Herzog Prijezda studiert, was er liest,
Studiert es und schreibt eine kurze Antwort:
Sultan Mehmed, Zar aller Türken,
Stell eine Armee so groß auf, wie du willst,
Und komm nach Stalach, wann immer du magst.
Wie auch immer du uns hier angreifen wirst,
Ich werde dir keinen meiner Schätze geben;
Für mich allein schmiedete ich mein Schwert,
Für mich allein fütterte ich mein Edelross Zhdral,
Und für mich allein nahm ich mir eine Frau:
Ich werde dir keinen meiner Schätze geben. -
Der türkische Sultan Mehmed stellte damals eine Armee auf,
Er baute eine Armee auf und führte sie nach Stalach;
Er bombardierte Stalach drei lange Jahre lang,
Aber keinen einzigen Stein hat er entfernt;
Er fand keinen Weg, diese weiße Stadt zu erobern,
Auch wollte er die Belagerung nicht beenden und nach Hause marschieren.
An einem schönen Morgen an einem Samstag
Die Frau von Herzog Prijezda kletterte langsam nach oben
Die Stadtmauern, die das kleine Stalach umgeben,
Und von diesen Höhen aus blickte sie in die Morava,
Den schlammigen Fluss unterhalb der Stadt.
Die Frau von Prijezda sprach also mit ihm und sagte:
O Prijezda, mein lieber Herr,
Ich fürchte, mein Meister und mein Herr,
Die Türken werden uns aus dem Untergrund in die Luft jagen! -
Herzog Prijezda antwortete ihr und sagte:
Sei still, Liebling, rede nicht so.
Wie kann man unter der Morava Tunnel bauen? -
Nach dem Sonntagmorgen brach der Morgen an,
Und alle Adligen gingen in die Kirche,
Aufzustehen und die feierliche Messe Gottes zu hören,
Und als sie die Kirche verließen und wieder herauskamen,
Herzog Prijezda sprach mit ihnen und sagte:
Meine Herren, meine mächtigen Flügel,
Mit denen ich fliege, um zu essen und zu trinken und zu kämpfen,
Nachdem wir gegessen und unseren Wein getrunken haben,
Lasst uns die Tore der Burg öffnen,
Und macht eine Razzia gegen die Türken,
Gott und das Glück uns geben zu lassen, was sie wollen! -
So ruft Prijezda seiner Frau zu:
Meine Liebe, geh in den Burgkeller
Und bring uns den Wodka und den Wein hoch. -
Jelitsa nahm dann zwei goldene Krüge
Und ging hinunter in den Burgkeller,
Aber als sie den Boden der Treppe erreichte,
Sie sah, dass der Ort voller türkischer Soldaten war,
Die trinken von kühlem Wein aus ihren Stiefeln
Und auf die Gesundheit von Herrin Jelitsa anstoßen
Und dann auf den Tod ihres Mannes, des Herzogs Prijezda.
Sie ließ ihre Krüge auf die Kellersteine fallen
Und rannte nach oben in den Schlosssaal.
Dein Wein ist schlecht, mein Herr und Meister,
Sehr schlecht, dein Wodka ist noch schlimmer!
Der Burgkeller ist voll von türkischen Soldaten,
Die trinken von kühlem Wein aus ihren Stiefeln,
Zuerst trinken sie auf meine Gesundheit
Und dann trinken sie auf dich,
Aber dich, sie begraben dich lebendig,
Sie begraben dich und trinken dann auf deine Seele. -
Herzog Prijezda sprang auf die Füße
Und öffnete die Portale der Stadt.
Sie haben einen Einsatz gegen die Türken gemacht,
Und mit ihnen geschossen und mit ihnen sich duelliert,
Bis etwa sechzig Fürsten tot waren,
Sechzig Fürsten, aber Tausende von Türken.
Danach fuhr Prijezda zurück nach Hause
Und schloss die Stadttore gegen die Türken ab.
Er nahm sein tödliches Schwert aus der Scheide
Und schnitt den Kopf von Zhdral, seinem galanten Kriegspferd, ab:
Zhdral, Zhdral, o meine Liebes,
Der türkische Zar wird nicht auf deinem Rücken reiten. -
Dann brach er sein scharfes und glühendes Schwert:
O glühendes Schwert, o meine wahre rechte Hand,
Der türkische Zar darf dich nie halten! -
Dann suchte er seine Dame im Schloss,
Und er nahm seine Dame sanft an der Hand:
Liebste Jelitsa, weise und treue Dame.
Würdest du dich dafür entscheiden, heute mit mir zu sterben?
Oder wirst du die Geliebte eines Türken sein? -
Die Herrin Jelitsa hat viele Tränen vergossen:
In Ehren werde ich heute mit dir sterben,
Ich werde nicht die Geliebte eines Türken sein
Oder zertrampeln sie das ehrenwerte Kreuz,
Sie können mich nicht zwingen, meinen Glauben zu verraten. -
Dann gaben sie sich die Hände, die beiden,
Und gingen auf den Wall über Stalach hinauf;
Da war es, dass Jelitsa so sprach:
O Prijezda, mein lieber Herr und Meister,
Das Wasser der March hat uns gestillt;
Das Wasser der March sollte uns begraben! -
Und sie hielten Händchen und sprangen in den Fluss.
Sultan Mehmed eroberte schließlich Stalach,
Aber er bekam keinen einzigen Schatz.
Bitter verfluchte er die Stadt, dieser türkische Zar:
Möge Allah dich vernichten, Schloss Stalach!
Ich hatte dreitausend Männer, als ich ankam;
Jetzt fange ich mit nur fünfhundert an!
ZWÖLFTER GESANG

Marko liegt an der Hochstraße des Zaren,


Sein Speer hinter seinem Kopf, in die Erde gepflanzt,
Er zieht um sich herum, dort sein dunkelgrüner Turban
Bedeckt sein Gesicht mit silberfarbenen Stoffen.
Die Fahne steht neben ihm, angekettet an den Speerschaft,
Und oben drauf sitzt ein großer Adler,
Er spreizt seine Flügel und macht Schatten für Marko,
Und gibt ihm kühles Wasser aus seinem Schnabel,
Kaltes Wasser für den verwundeten Helden.
Aber plötzlich schreit eine Hexe aus dem Wald:
In Gottes Namen, großer grauer Adler dort,
Welche Art von Güte auch immer das tat,
Marko tat dies für dich,
Welcher Akt der Güte oder der Nächstenliebe,
Dass du deine Flügel strecken und ihn beschatten solltest
Und bringen ihm Wasser in deinem Schnabel,
Kaltes Wasser für den verwundeten Helden? -
Und jetzt spricht der Vogel, der Adler, zu ihr und sagt:
Sei still, Hexe! Halt deine dumme Klappe!
Was für eine Art von Güte hat dieser Marko nicht getan,
Welche Wohltat hat er nicht für mich getan?
Es könnte sogar sein, dass du dich daran erinnerst.
Die Armee fällt ab wie Fliegen im Kosovo,
Die beiden Zaren, die auf dem Feld sterben,
Murad stirbt, der große Zar Lazarus stirbt,
Und das ganze Blut steigt zu den Steigbügeln,
Erhebt sich sogar bis zu den seidigen Gürteln der Helden,
Männer und Pferde schwimmen darin, schwimmen,
Pferd für Pferd und Held neben Held,
Und dann das Kommen der hungrigen Vögel,
Als wir unsere Nahrung aus menschlichem Fleisch aßen
Und trank unseren Trank aus menschlichem Blut.
Meine Flügel wurden nass und klebrig in der Sonne,
Die am Kristallkugelhimmel flammend hervorbrach.
Und plötzlich konnte ich überhaupt nicht mehr fliegen,
So steif mit Blut und verbrannt hatte ich meine Flügel werden lassen.
Als all die anderen Vögel weggeflogen waren,
Ich allein blieb auf der Ebene des Kosovo,
Von Pferden und Helden zu Fuß zertrampelt.
Dann schickte Gott Marko zu mir auf die Ebene,
Der mich aus dem fließenden Blut der Helden herausgeholt hat
Und mich hinter sich auf den Rücken des Pferdes setzte.
Er brachte mich direkt in den nächsten Wald
Und legte mich auf den grünen Ast einer Kiefer.
Dann begann ein sanfter Regen zu regnen,
Er fiel vom Himmel und wusch meine Flügel,
Das Blut edler Helden wurde weggespült,
Und ich könnte über den Wald fliegen.
Nun schließt euch allen Adlern an,
Schließt euch meinen schnellen Gefährten an.

VIERTES STÜCK

MILAN

TRAGÖDIE

Dramatis Personae

Venus
Milan, unehelicher Sohn von Thorstein
Freunde von Milan
Chor der friesischen Frauen
Großmutter von Evi
Evi, Frau von Thorstein
Thorstein
Bote
Jungfrau Maria

Szene: Vor dem gräflichen Palast in Friesland. Es gibt eine Statue von Venus auf einer Seite; auf der
anderen eine Statue von Maria. Vor jedem Bild befindet sich ein Altar. Die Göttin Venus erscheint
alleine.

VENUS
Weit über alle Menschen reicht mein Reich, und ich bin stolz auf den Namen, den ich, die Göttin
Venus, sowohl in den Höfen des Himmels als auch in der Nähe von all denen, die an den Grenzen
der Nordsee wohnen, die Sonne anschauend im Licht; diejenigen, die meine Macht respektieren,
werde ich ehren, aber werde alle verderben, die mich zu lästern wagen. Denn auch in der Rasse der
Himmlischen findet dieses Gefühl ein Zuhause, ja, Freude an der Ehre, die die Menschen erweisen.
Und die Wahrheit werde ich bald zeigen; denn der Sohn Thorsteins, geboren von Anna Katharina,
allein von allen Bewohnern in diesem Lande Friesland, nennt mich die schlimmste Gottheit. Der
Liebe höhnt er, und, wie von der Ehe, will nichts davon wissen; aber Maria, die Tochter Gottes, die
Mutter Jesu, er verehrt sie und nennt sie die Königin der Himmlischen, und immer durch den
grünen Wald er seine jungfräuliche Herrin begleitet, jagt der Erde wilde Tiere mit seinen
Jagdhunden und genießt die Freundschaft mit Maria, eine zu hohe für sterbliche Kinder. Da bin ich
nicht gnädig, nein! warum sollte ich auch? Aber für seine Sünden gegen mich werde ich heute noch
Rache an Milan nehmen; vor langer Zeit habe ich den Boden von vielen Hindernissen gereinigt, so
dass es nun nur noch geringfügige Arbeit braucht. Denn als er eines Tages aus dem Hause
Benjamins, seines Lehrers, kam, um die feierlichen mystischen Riten der Eucharistie zu erleben und
sich dort in der Kirche einweihen zu lassen, sah Evi, die edle Gattin seines Vaters, ihn, und nach
meinem Plan fand sie, dass ihr Herz von wildem Verlangen ergriffen war. Und sobald sie in dieses
friesische Reich kam, ging sie nach Baltrum, wo sie dieses Land sieht, aus Liebe zum Jüngling; und
um seine Liebe in den kommenden Tagen zu gewinnen, nannte sie nach seinem Namen den Tempel,
den sie für die Göttin Venus gegründet hatte. Jetzt, als Thorstein das Land von Bayern verließ, die
Verunreinigung des Blutes fliehend, und mit seiner Frau zu diesem Ufer segelte, begnügte er sich,
ein Exil für ein Jahr zu leiden, dann begann die elendige Frau, sich schweigend zu verschließen vor
der Liebe grausamen Geißel, und keine ihrer Dienerinnen weiß, welche Krankheit sie bedrückt.
Aber diese Leidenschaft von ihr darf nicht so vergehen. Nein, ich werde die Sache Thorstein
entdecken, und alle werden entblößt. Dann wird der Vater sein Kind, meinen bitteren Feind, durch
einen Fluch töten, denn der Herr gab Thorstein diese Macht, drei Wünsche Gottes zu erbitten, doch
nie umsonst zu bitten. So Evi muss sterben, ein geehrter Tod ist es wahrlich, aber doch ein Sterben;
denn ich werde nicht zulassen, dass ihr Leiden die Bestrafung meines Feindes überwiegt, wie sie
meine Ehre befriedigen wird. Aber siehe da! Ich sehe den Sohn Thorsteins, der hierher kommt:
Milan, frisch von der Arbeit der Jagd. Ich werde ihn kriegen. In seinem Rücken folgt ein langer Zug
von Freunden, in fröhlichen Schreien der Freude der Vereinigung Hymnen des Lobes Maria singt,
seiner Herrin; denn er sträubt sich, dass der Tod seine Tore für ihn geöffnet hat, und dass dies sein
letzter Blick auf das Licht ist.

(Venus verschwindet. Milan und seine Freunde der Jagd singen. Sie bewegen sich zum Gottesdienst
am Altar der Jungfrau Maria.)

MILAN
Kommt, Freunde, singt für Maria, die Tochter Gottes, thronend in den Himmeln, deren Verehrer wir
sind.

FREUNDE
Unsere Dame, Liebe Frau, schreckliche Königin, Tochter Gottes, Heil! Heil! Von Anna und Joachim
geboren, unvergleichlich mitten im jungfräulichen Chor, die du deine Wohnung in den weiten Villen
des Himmels im goldenen Hause Gottes hast. Heil! Schönste Maria, schöner als alle Töchter des
Himmels!

MILAN
Für dich, meine Herrin, bringe ich diesen geflochtenen Kranz, der von einer jungfräulichen Wiese
stammt, wo auch der Hirte es nicht wagt, seine Herde heulen zu lassen, und noch niemals die Sense
gehauen hat; und mit dem Tau aus Flüssen kommt die Reinheit, dass der Garten blüht. Solche, die
keine schlaue Überlieferung kennen, in deren Natur die Selbstbeherrschung, die vollkommen ist,
ein Haus hat, können diese Blumen pflücken, aber nicht die böse Welt. Akzeptiere, ich bete, liebe
Herrin, diesen Rosenkranz aus meiner heiligen Hand, um deine Locken aus Gold zu krönen; denn
ich, und kein anderer von den Sterblichen, habe diesen hohen Verdienst, mit dir zu sein, mit dem
Gegenüber, der ich deine Stimme höre, wenn auch nicht dein Angesicht sehe. So sei es mein, um
mein Leben zu beenden, wie ich es begann.

FÜHRER DER FREUNDE


Mein kleiner Prinz! Wir müssen die Engel anrufen, unsere Herren, so willst du ein freundliches
Wort von mir hören?

MILAN
Warum nicht? Das werde ich! Sonst wäre ich ein Narr.

FÜHRER
Weißt du denn den Weg der Welt?

MILAN
Ich nicht; aber warum eine solche Frage?
FÜHRER
Ich hasse die Selbstsucht, die nicht für die Liebe aller Menschen sorgt.

MILAN
Und mit Recht auch; Selbstsucht im Menschen ist immer voll Galle.

FÜHRER
Aber es gibt einen Charme in Höflichkeit.

MILAN
Das ist das Größte sicher; ja, und Profit zu geringfügigen Kosten.

FÜHRER
Glaubt man das gleiche Gesetz auch im Himmel?

MILAN
Ich denke doch, weil alle unsere Gesetze, die wir Menschen haben, vom Himmel kommen.

FÜHRER
Warum vernachlässigst du es, eine erhabene Göttin zu grüßen?

MILAN
Von wem sprichst du? Beherrsche wachsam deine Zunge, damit sie nicht Unfug verursacht.

FÜHRER
Venus meine ich, deren Bild über deinem Tor hängt.

MILAN
Ich grüße sie aus der Ferne und bewahre meine Keuschheit.

FÜHRER
Dennoch ist sie eine erhabene Göttin, weit berühmt auf Erden.

MILAN
Unter himmlischen Wesen und Menschen haben wir unsere verschiedenen Präferenzen.

FÜHRER
Ich wünsche dir Glück und Weisheit, soweit du sie brauchst.

MILAN
Keine Gottheit, deren Anbetung die dunkle Nacht verlangt, hat Reize für mich.

FÜHRER
Mein Lieber, wir sollten uns der Gaben der Götter erfreuen.

MILAN
Geht hinein, meine treuen Freunde, und bereitet Speise im Hause; ein gut gefüllter Tisch hat seinen
Charme nach der Jagd. Brate meine Taube, so musst du es tun, dass ich, wenn ich meine Nahrung
gehabt habe, sie vor den Wagen spanne und fliegen kann. Wie deine Göttin der Liebe, einen langen
Abschied von ihr.
(Milan geht in den gräflichen Palast, gefolgt von allen Freunden, außer dem Führer, der vor dem
Bild der Mediceischen Venus betet.)

FÜHRER
Mittlerweile habe ich mit nüchternem Verstand, denn ich darf meinen jungen Herrn nicht kopieren,
mein Gebet vor deinem Bild, Göttin Venus, in solcher Weise verrichtet, wie es ein Sklave tun soll.
Aber du solltest allen verzeihen, die in der heftigen Hitze der Jugend leere Worte sprechen; tu so,
als ob du es nicht hörtest, denn die Göttin muss klüger sein als die Söhne der Menschen.

(Der Führer geht in den Palast. Der Chor der friesischen Frauen tritt auf.)

CHOR
Ein Felsen ist dort, wo, wie sie sagen, der Ozean-Tau sich zerstreut, und von seiner Stirn gießt er
einen reichlichen Strom für die Krüge, um darin eingetaucht zu werden; es war hier, da hatte ich
eine Freundin, die wusch Mäntel von Purpur in dem rieselnden Strom, und sie verbreitete sie auf
dem Angesicht von warmen sonnigen Felsen; von ihr hatte ich die Nachricht, erstens, dass meine
Geliebte verzehrt ward auf dem Bett der Krankheit, schlafend in ihrem Haus, ein dünner Schleier
überschattet ihren Kopf des goldenen Haares. Und dies ist der dritte Tag, da ich höre, dass sie ihre
schönen Lippen geschlossen hat und ihr keuscher Körper alle Nahrung verweigert, eifrig, ihr Leiden
zu verbergen und den unsterblichen Tod des Todes zu erreichen. Mädchen, du musst besessen sein,
durch die Panik oder durch Hexenzauber oder durch die paranoide Angst und den Schimmer des
Mondes. Oder du hast gesündigt gegen Maria, die Jungfrau, die für deine Schuld ohne Opfer
versöhnt wird. Denn sie reicht über die Weiten der Seen und vorbei an den Grenzen der Erde auf
den Wogen des Ozeans. Oder ist da ein Gegner in deinem Hause deinen Herrn, des Häuptlings von
Crksenas Söhnen, jener Helden, die edel geboren sind, zu geheimen Amouren, die vor dir verborgen
sind? Oder hat ein Seemann, der hierher aus Dänemark kommt, diesen Hafen Marienhafe erreicht,
den die Seeleute lieben, mit böser Botschaft für unsere Gräfin Evi, und sie mit Leid von ihrem
schweren Schicksal ist auf ihr Bett beschränkt? Ja, und oft überspannt die Frau ein Gefühl der
miserablen Hilflosigkeit, die aus Schmerzen der Geburt oder des leidenschaftlichen Verlangens
entsteht. Auch ich spürte zuweilen diesen scharfen Nervenkitzel durch mich hindurch, aber ich rief
zu Maria, der Königin des Himmels, die aus dem Himmel kommt, um uns in unserer Traurigkeit zu
helfen, und dank der Gnade des Himmels, die ich immer mit meinem Ave grüße. Schau! Wo die alte
Großmutter die Gräfin Evi aus dem Hause vor die Tür bringt, während auf ihrer Stirn die Wolke der
Dunkelheit sich vertieft. Meine Seele sehnt sich danach, zu erfahren, was ihre Trauer ist, der Krebs,
der die verblassenden Reize unserer Gräfin auffrisst.

(Evi wird herausgeführt und auf ein Sofa von der Großmutter gelegt.)

GROSSMUTTER
Ach, die Krankheiten der sterblichen Menschen! Die grausamen Krankheiten, die sie ertragen
müssen! Was kann ich für dich tun? Von welchem Lied wird dir Trost? Hier ist das helle
Sonnenlicht, hier der azurblaue Himmel; siehe, wir haben dich auf deinem Bett der Krankheit
draußen vor den Palast gebracht; denn deine Gesundheit war dahin, aber bald kehrst du in deine
Kammer zurück. Enttäuschung folgt schnell, du hast keine Freude für lange Zeit; die Gegenwart hat
keine Macht, dir zu gefallen; auf etwas Abwesendes als nächstes setzt du dein Herz. Besser krank
als der Tod der Kranken; das erste ist nur ein einziger Kranke, das letzte vereint geistige Trauer mit
körperlicher Mühe. Das ganze Leben des Menschen ist voller Angst; keine Ruhe von seinem Leid
findet er; aber wenn es etwas gibt, das jenseits dieses Lebens liebt, dann ist es uns doch dunkel. Und
so zeigen wir unsere wahnsinnige Liebe zu diesem Leben, weil sein Licht auf Erden vergossen wird
und weil wir kein Anderes kennen und uns nichts von all unserer Erde offenbart ward; und
vertrauensvoll auf Fabeln treiben wir, vom Zufall getrieben.
EVI
(wild)
Hebe meinen Körper, hebe den Kopf! Meine Glieder sind alle unentspannt, freundliche Freundin. O
meine Liebe, hebe meine Arme, meine wohlgeformten Arme. Der Kranz auf meinem Kopf ist zu
schwer für mich zu tragen; weg mit ihm, und lass meine Locken über meine Schultern fallen.

GROSSMUTTER
Sei von gutem Herzen, liebes Kind; Tobe nicht so wild hin und her. Liege still, sei tapfer, so wirst
du deine Krankheit leichter ertragen; Leiden für Sterbliche ist das eiserne Gesetz der Natur.

EVI
Ah! Würde ich einen Wassertropfen aus einer Tau-ergießenden Quelle ziehen würde und mich
niederlegen, um mich auf der grasbewachsenen Wiese neben dem Schatten der Ulme zu erholen!

GROSSMUTTER
Mein Kind, was ist das für eine wilde Sprache? O sage nicht solche Dinge in der Öffentlichkeit,
wild wirbelnde Worte, vom Wahnsinn gezüchtet!

EVI
Weg zum Hügel bring mich! Zu den Wäldern, zu den Kiefern geh, wo Hunden die Beute verfolgen,
hart auf der Duftspur der Rehkitze. Göttin! Welche Freude, sie aufzutreiben, den Drachen zu fassen,
thessalische Jagdspieße in der Nähe meines goldenen Haars zu balancieren, sie dann fliegen zu
lassen.

GROSSMUTTER
Warum, mein Kind, diese ängstlichen Sorgen? Was hast du mit der Jagd zu tun? Warum so eifrig für
die fließende Quelle, wenn hart mit diesen Türmen steht ein Hügel, gut bewässert, wohin du frei
ziehen kannst?

EVI
O Maria, der über die Schlange triumphiert, wäre ich auf deinem Weg, die du venezianische Ratten
bändigst!

GROSSMUTTER
Warum verrätst du deinen Wahnsinn in diesen wilden wirbelnden Wörtern? Jetzt solltest du den
Hass weg zu den Hügeln tragen, um wilde Tiere zu jagen, und jetzt deine Sehnsucht ist, mit dem
Pferd über den wellenlosen Sandstrand zu reiten. Das braucht ein listiger Seher, um zu sagen, was
für eine Gottheit es ist, die dich vom Kurs ablenkt und die Sinne betört, mein Kind.

EVI
(ruhiger)
Ach, ich, ach! Was habe ich getan? Wohin habe ich mich verirrt, meine Sinne verlassen? Schlimm,
schlimm! Von einem Dämonenfluch getroffen! Weh mir! Bedecke meinen Kopf wieder,
Großmutter. Schande erfüllt mich für die Worte, die ich gesprochen habe. Verbirg mich denn; aus
meinen Augen die Tränen fließen, und für die große Schande wende ich die ab. Es ist schmerzhaft,
wieder zu Sinnen zu kommen, und der Wahnsinn, das Böse, obwohl es schlimm ist, hat den Vorteil,
dass man keine Kenntnis vom Sturz seiner Vernunft hat.

GROSSMUTTER
Da bedecke ich dich; aber wann wird der Tod meinen Körper im Grab verstecken? Viele
Unterrichtsstunden unterrichten mich. Ja, sterbliche Menschen sollten sich verpflichten, nur
Freundschaften zu pflegen, aber nicht auf solche, die den Kern des Herzens angreifen; Zuneigung
und Bindungen sollten leicht sein, damit sie entschlüpfen oder sich festziehen. Denn ein armes
Herz, um für zwei zu trauern, wie ich für meine Herrin tu, ist eine Last, wund zu tragen. Männer
sagen, dass zu große Beschäftigungen im Leben mehr Ursache der Enttäuschung als der Freude
sind, und zu oft sind sie Feinde für die Gesundheit. Darum lobe nicht das Übermaß so sehr wie die
Mäßigung, und mir werden weise Männer zustimmen.

(Evi fällt zurück auf das Sofa.)

FÜHRERIN DES CHORES


O alte Dame, treue Großmutter von Evi, unserer Gräfin, wir sehen ihre leidige Not; aber was es ist,
das ihr fehlt, das können wir nicht erkennen, und so will ich von dir lernen und deine Meinung
hören.

GROSSMUTTER
Ich frage sie, bin aber nicht klüger, denn sie wird nicht antworten.

FÜHRERIN
Sagt sie auch nicht, welche Quelle diese Sorgen haben?

GROSSMUTTER
Die gleiche Antwort, die du annehmen musst, denn sie ist auf jedem Punkt stumm.

FÜHRERIN
Wie schwach und verzehrt ist ihr Körper!

GROSSMUTTER
Welches Wunder? Es sind drei Tage, seit sie das letzte Essen gekostet hat.

FÜHRERIN
Ist dies Verliebtheit oder ein Versuch zu sterben?

GROSSMUTTER
Es ist ihr Tod; dieses Fasten zielt auf das frühe Ende des Lebens.

FÜHRERIN
Eine seltsame Geschichte, wenn sie ihren Mann befriedigt.

GROSSMUTTER
Sie verbirgt ihm ihr Leid, und schwört, sie sei nicht krank.

FÜHRERIN
Kann er es nicht aus ihrem Gesicht erraten?

GROSSMUTTER
Er ist nicht jetzt in seinem eigenen Land.

FÜHRERIN
Aber stehst du nicht in deinem Bemühen, ihre Beschwerde, ihre Meinung herauszufinden?

GROSSMUTTER
Ich habe jeden Plan und alles vergeblich versucht; doch auch jetzt will ich meinen Eifer nicht
lockern, dass du auch, wenn du bleibst, meine Hingabe an meine unglückliche Geliebte bezeugst.
Komm, komm, mein liebes Kind, lass uns vergessen, uns beide, unsere früheren Worte; sei sanfter,
glätte die düstere Stirn und verändere die Strömung deines Gedankens, und ich, wenn es mir nicht
gelungen ist, dich zu stören, werde es sein lassen und einen besseren Weg finden. Wenn du krank
bist mit Krankheiten, die du nicht nennen kannst, da sind Frauen hier, um es dir recht zu machen;
wenn aber deine Mühe den Ohren der Menschen preisgegeben werden kann, so sprich, dass die
Ärzte darüber sprechen können. Komm denn, warum so stumm? Du sollst nicht so stumm bleiben,
mein Kind, sondern schelte mich, wenn ich falsch spreche, oder, wenn ich guten Rat gebe, gib ein
Wort, einen Blick auf diese Weise! Ah, Freunde, wir verschwenden unsere Mühe zu keinem Zweck;
wir sind so weit weg wie immer; sie würde nicht auf meine Argumente zurückgreifen, noch wird sie
nachgeben jetzt. Nun, werde hartnäckiger als das Meer, aber sei versichert, dass, wenn du stirbt,
dann bist du eine Verräterin an deinen Kindern, weil sie die Hallen ihres Vaters nicht erben werden,
ja, durch diese Kriegerin, die einen Sohn gebar, Zu herrschen über euch, einen unehelichen Sohn
hat sie geboren, aber nicht ein Bastard gezüchtet, wie du gut weißt, sondern eben Milan - -

(Bei der Erwähnung seines Namens wird Evis Aufmerksamkeit plötzlich gefangen.)

EVI
Ah! Oh!

GROSSMUTTER
Ha! Konnte dich der Name berühren?

EVI
Du hast mich aufgerichtet, Großmutter; ich beschwöre dich bei der Göttin, erwähne diesen jungen
Mann nicht mehr.

GROSSMUTTER
Lebendig bist du wieder, aber du weigerst dich noch, deinen Kindern zu helfen und dein Leben zu
bewahren.

EVI
Meine Babys liebe ich, aber es gibt einen anderen Sturm, der mich durchwühlt.

GROSSMUTTER
Enkelin, sind deine Hände vom Blutvergießen rein?

EVI
Meine Hände sind rein, aber auf meiner Seele ruht ein Flecken.

GROSSMUTTER
Die Frage der geheimen Hexerei eines Gegners?

EVI
Ein Freund ist mein Zerstörer, ein Unwilliger wie ich.

GROSSMUTTER
Hat Thorstein etwas Unrechtes getan?

EVI
Niemals darf ich ihm untreu sein.

GROSSMUTTER
Welches seltsame Geheimnis ist es, das dich treibt, zu sterben?

EVI
O, lass meine Sünde und mich allein, Es ist nicht, dass ich gegen dich sündigte.

GROSSMUTTER
Niemals willentlich! Und wenn ich versage, bin ich dicht vor deiner Tür.

EVI
Wie jetzt? Du übst Kraft im Festhalten meiner Hand.

GROSSMUTTER
Ja, und ich werde nie meinen Halt auf deinen Knien verlieren.

EVI
Weh für dich! Meine Sorgen, solltest du sie kennen lernen, so würde ich dich zurückschlagen.

GROSSMUTTER
Was für ein schmerzender Kummer für mich, nicht zu gewinnen?

EVI
Es wird wird der Tod für dich sein; obwohl für mich das bringt großen Ruhm.

GROSSMUTTER
Und versteckst du diesen Segen trotz meiner Gebete?

EVI
Ich tue es, denn es ist aus Scham. Ich plane eine ehrenvolle Flucht.

GROSSMUTTER
Sage es, und deine Ehre wird heller leuchten.

EVI
Hinweg, ich beschwöre dich; lass meine Hand los.

GROSSMUTTER
Ich will nicht, denn die Gabe, die du mir gegeben hast, wird mir jetzt verweigert.

EVI
Ich gebe es dir aus Ehrfurcht für deine heilige flehende Berührung.

GROSSMUTTER
Von nun an halte ich meinen Frieden; es ist dein Friede, von dem jetzt zu sprechen isst.

EVI
Ah! Glücklose Mutter, was für eine Liebe war dein!

GROSSMUTTER
Ihre Liebe zum Eber? Enkelin, oder was meinst du?

EVI
Und wehe dir! Meine Großmutter, die Braut des Heiligen Geistes.
GROSSMUTTER
Was fehlt dir, Kind? Sprichst krank von den Verwandten.

EVI
Ich selbst die Dritte zu leiden! Wie bin ich zerstört wurde!

GROSSMUTTER
Du schlägst mich stumm! Wo endet diese Geschichte?

EVI
Dieser Eros ist seit langem unser Fluch.

GROSSMUTTER
Ich weiß nicht mehr, was ich lernen soll.

EVI
Ah! Würdest du mir sagen, was ich zu sagen habe?

GROSSMUTTER
Ich bin keine Prophetin, Geheimnisse zu enträtseln.

EVI
Was bedeuten sie, wenn sie von Menschen sprechen, die von Eros besessen sind?

GROSSMUTTER
Das süßeste und bitterste, mein Kind.

EVI
Ich werde nur das Bittere finden.

GROSSMUTTER
Ha! Mein Kind, bist du verliebt?

EVI
Der Sohn von Anna Katharina ist es.

GROSSMUTTER
Meinst du Milan?

EVI
Du, nicht ich, die seinen Namen aussprach.

GROSSMUTTER
O Gott im Himmel! Was ist das, mein Kind? Du hast mich ruiniert. Empörend!

EVI
Ich werde nicht leben und es ertragen; hassenswert ist das Leben, hassenswert für meine Augen das
Licht. Dieser Körper, in dem ich gefangen, ich werde ihn ablegen und mich vom Dasein durch
meinen Tod befreien. Lebe wohl, mein Leben ist nicht mehr. Ja, für den Keuschen habe ich böse
Leidenschaften, gewinne seinen Willen vielleicht, aber noch hat er seine Keuschheit. Venus, so
scheint es, ist doch keine Göttin, sondern etwas Anderes, ein Dämon, denn sie ist der Untergang
meiner ganzen Familie.

CHOR DER FRIESISCHEN FRAUEN


O, zu deutlich hörten wir unsere Gräfin erheben ihre Stimme, um ihre überraschende Geschichte
des erbärmlichen Leidens zu erzählen. Komm, Tod, bevor ich deinen Zustand des Gefühls, geliebte
Herrin, erreiche. O schrecklich! Wehe für diese Leiden! Wehe für die Sorgen, die die Sterbliche
fressen! Du bist zerstört worden! Du hast deine Sünde dem Licht des Himmels offenbart. Was hat
jeder Tag und jede Stunde für dich noch? Ein seltsames Ereignis wird in diesem Haus vor sich
gehen. Denn es ist nicht mehr unsicher, wo der Stern deiner Liebe steht, du unglückliche Tochter
von Baltrum.

EVI
Frauen von Friesland, die hier am Grenzrand des Landes wohnen, oft schon in achtloser Stimmung
durch die langen Stunden der Nacht, da frage ich mich, warum das Leben des Menschen verdorben
ist; und es scheint mir, dass ihr böser Fall nicht auf eine natürliche Urteilsverletzung
zurückzuführen ist, denn es gibt viele mit Gefühl für verbundene Dinge, aber wir müssen die Sache
in diesem Licht betrachten: durch Lehren und Erfahrung, das Recht zu lernen, einige mit Trägheit,
andere lieber mit Vergnügen irgendeiner Art oder andere aus Pflicht. Jetzt hat das Leben viel
Vergnügen, langwieriges Gespräch und Freizeit, dieses verführerische Übel; ebenso gibt es Scham,
die von zwei Arten ist, eine eine edle Qualität, die andere ein Fluch für Familien; aber wenn für jede
in ihrer eigenen Zeit es klar bekannt war, konnten diese beiden nicht die selben Buchstaben haben,
um sie zu bezeichnen. So, da ich mich zu diesen Punkten entschlossen hatte, war es nicht
wahrscheinlich, dass jede Droge mich ändern würde und mich das Gegenteil denken ließe. Und ich
werde das auch so sagen, wie mein Urteil erging. Als mich die Liebe verwundete, wünschte ich mir,
wie ich am besten den klugen Milan ertragen könnte. Von diesem Tage an fing ich an zu schweigen,
was ich erlitt. Denn ich vertraue nicht auf Ratgeber, die gut wissen, dass sie anderen aus Anmaßung
vortragen, aber selbst unzählige Sorgen haben. Als nächstes habe ich die edle Ausdauer dieser
mutwilligen Gedanken, Streben nach Dauer für den Sieg. Und zuletzt, wenn es mir nicht gelingen
konnte, die Liebe zu meistern, mühte ich mich, zu sterben; und keiner kann mein Ziel verfolgen.
Denn ich würde meine Tugend allen erscheinen lassen, meine Schande können wenige zu bezeugen.
Ich kannte meine kränkliche Leidenschaft; um ihm zu widerstehen, sah ich, wie berüchtigt ich sein
müsste; und mehr, ich lernte so gut zu wissen, dass ich nur ein Weib war, das die Welt verabscheut.
Flüche, scheußliche Flüche auf jene Frau, die ihren Ehegatten zuerst für ihre Liebhaber außer ihrem
Herrn beschämte! Es war aus edlen Familien dieser Fluch, dass er begann, unter unserem
Geschlecht sich zu verbreiten. Denn wenn die edle Schande bei den Edlen herrscht, das arme Volk
wird natürlich denken, dass es richtig ist. Die auch ich hasse, die einen Beruf aus der Reinheit
machen, wenn auch im Geheimen rücksichtslose Sünder. Wie können diese, unter der
Schaumgeborenen Venus, ihren Ehemännern noch ins Gesicht sehen? Spüren sie niemals einen
schuldigen Nervenkitzel, dass ihre Mittäter, die Nacht oder die Kammern ihres Hauses, eine
Stimme finden und sprechen? Das ist es, was mich aufruft, zu sterben, gütige Freundinnen, damit
ich meinen Herrn und die Kinder, die ich geboren habe, rechtfertige. Nein! Mögen sie aufwachsen
und wohnen im herrlichen Emden, frei zu sprechen und zu handeln, Erben eines so schönen Ruhms,
wie eine Mutter nur vermachen kann. Denn zu wissen, dass Vater oder Mutter gesündigt haben,
verdreht das stählernste Herz zur Sklaverei. Diese allein, sagen die Menschen, können die
Schlachten des Lebens aushalten, eine gerechte und tugendhafte Seele, in der auch immer Gott lebt.
Zur Zeit entlarvt der Schurke sich bald oder spät und hält ihnen einen Spiegel vor, wie einige
blühende Mädchen, unter solchen mag ich nie gesehen werden!

FÜHRERIN DES CHORS


Schau jetzt! Wie schön ist Keuschheit betrachtet, deren Frucht einen guten Ruf hat unter den
Menschen.
GROSSMUTTER
Meine Gräfin, wahr ist dein Märchen von Wehe, aber in letzter Zeit erzählt, für den Augenblick
schlägt es mich mit der wilden Warnung, aber jetzt reflektiere ich über meine Torheit; die zweiten
Gedanken sind oft am besten sogar mit Männern. Dein Schicksal ist keine Seltenheit und keine
Berechnung; du kämpft durch die Passion, die Venus sendet. Du bist verliebt; welches Wunder? So
sind viele andere auch. Willst du dich verderben? Das bringt wenig Gewinn, ich denke, für die, die
lieben oder doch lieb haben ihre Kameraden, wenn der Tod ihr Ende sein muss; denn wenn die
Liebe der Gräfin in ihrer Macht größer ist, als der Mensch ertragen kann, so ist sie doch gnädig, die
Herzen zu erbitten, und nur, wenn sie einen stolzen, unnatürlichen Geist findet, nimmt sie den
Glauben an sie. Der Liebe Weg ist am Himmel, und mitten im Ozean schwimmt sie; von ihr sind
alle Naturquellen; sie sät die Samen der Liebe, begeistert das warme Verlangen, dem wir Kinder der
Mutter Erde alles verdanken. Diejenigen, die mit Büchern uralter Schriftgelehrten zu tun haben oder
sich mit Lernzwecken beschäftigen, wissen, wie die Götter die Menschen liebten; so blieben doch
diese im Himmel. Willst du nicht weichen? Dein Vater würde, wie es scheint, dich zu besonderen
Bedingungen für die Herren gezeugt haben, wenn du in diesen Gesetzen nicht leben willst. Wie
viele, ich bitte dich, Männer von goldenem Sinn, wenn sie ihre Frauen untreu sehen, tun, als ob sie
es nicht sähen? Wie viele Väter, wenn ihre Söhne in die Irre gegangen sind, helfen ihnen in ihrer
Liebe dennoch? Es ist Teil der menschlichen Weisheit, die Tat der Schande zu verbergen. Auch der
Mensch zielt nicht auf eine zu große Verfeinerung in seinem Leben; denn die Menschen können
nicht mit der Genauigkeit selbst das Dach reparieren, das ein Haus deckt; und wie willst du fliehen,
wenn du in eine so tiefe Grube fällst? Nein, wenn du mehr von Gutem als vom Bösem hast, so wirst
du dich mehr als gut erholen, deiner Natur nach. O mein Gott, mein liebes Kind, von den bösen
Gedanken, dass der Müden Stolz verschwunden sei, denn das ist nichts anderes, dieser Wunsch, den
Engeln in Vollkommenheit zu begegnen. Das Gesicht deiner Liebe, es ist der Wille des Himmels.
Krank bist du, wende nicht deine Krankheit zu irgendeinem glücklichen Thema. Denn es gibt Reize
und Zauber, die Seele zu beruhigen; sicherlich einige Heilmittel können für deine Krankheit
gefunden werden. Männer, ohne Zweifel, könnten es lange und spät finden, wenn unsere Frauen
dem Köpfen keinen Schatten entwickeln.

FÜHRERIN
Obwohl sie dir bei deinem gegenwärtigen Bedürfnis den klügeren Ratschlag gibt, Evi, noch lobe ich
dich. Immer noch mag mein Lob grausamer in deinem Ohr klingen, als ihr Ratschlag.

EVI
Es ist diese plausible Zunge, die gute Regierungen und Häuser der Menschen stürzt. Wir sollten
nicht sprechen, um dem Ohr zu gefallen, sondern zu zeigen den Weg, der zu edlem Ruhm führt.

GROSSMUTTER
Was bedeutet diese feierliche Rede? Du brauchst nicht abgerundete Phrasen, sondern einen Mann.
Geradewegs müssen wir uns bewegen, um ihm offen zu sagen, wie es mit dir steht. Wäre nicht dein
Leben zu einer solchen Krise gekommen, oder wärst du voll Selbstbeherrschung, die ich lobe, und
wenn ich deine Leidenschaften auch befriedigen wollte, aber jetzt ist es ein Kampf, der heftig ist,
dein Leben zu retten, und deshalb weniger Schuld zu tragen.

EVI
Verfluchter Vorschlag! Frieden, Großmutter! Diese schändlichen Worte sollst du nie wieder
aussprechen!

GROSSMUTTER
Schande, vielleicht, aber noch besser für dich als falsche Ehre. Besser diese Tat, wenn sie dein
Leben retten wird, als dieser Name, den dein Stolz dich töten heißt.
EVI
Ich beschwöre dich, geh nicht weiter! Denn deine Worte sind plausibel, aber berüchtigt; denn
obgleich noch der Eros meine Seele nicht untergraben hat, so werde ich, wenn ich mich in
scharfsinnigen Worten an deinen schlechten Vorschlag halte, in die Schlucht geleitet werden, aus
der ich jetzt entfliehe.

GROSSMUTTER
Wenn du von diesem Geist bist, so hast du gesündigt; aber wie es ist, höre mich; denn das ist der
nächste beste Kurs; ich habe in meinem Hause Zauber, um deine Liebe zu besänftigen, aber eben
jetzt dachte ich an sie; diese heilen dich von deiner Krankheit auf keine schändlichen Art, dein
Verstand bleibt unverletzt, wenn du willst, aber sei tapfer. Aber von ihm, den du begehrst, müssen
wir irgendein Zeichen, ein Wort oder ein Fragment seines Gewandes erhalten und dadurch zwei zu
Einer Liebe verbinden.

EVI
Ist deine Droge eine Salbe oder ein Trank?

GROSSMUTTER
Ich kann es nicht sagen; sei zufrieden, meine Enkelin, davon profitiere und stell keine Fragen.

EVI
Ich fürchte, du wirst mir deine Weisheit beweisen.

GROSSMUTTER
Wenn du das fürchtest, bekenne dich, du fürchtest dich vor allem; aber warum dein Schrecken?

EVI
Damit du dem Sohn von Thorstein kein Wort davon einhauchst.

GROSSMUTTER
Frieden, meine Enkelin! Ich werde alles gut machen; nur du bist, Schaumgeborene Venus, meine
Partnerin in der Arbeit! Und für den Rest meiner Bestimmung wird es genug sein, dass ich es
unseren Freundinnen innerhalb des Hauses erzähle.

(Die Großmutter geht in den Palast.)

CHOR DER FRIESISCHEN FRAUEN

O Liebe, Liebe, dass aus den Augen diffuse weiche Sehnsucht fließt, die auf die Seelen derer
kommt, mit denen du kämpfst gegen die süße Gnade, oh, nie in böser Stimmung erscheine mir,
noch aus Zeit und Stimmung fliehe! Auch Feuer und ein Meteor schließen einen mächtigeren Pfeil
als Eros. Müßig, müßig durch die Bäche der Ems und in den heiligen Tabernakeln von Jesus,
Frieslands Haufen bringen die geschlachteten Rinder; während die Liebe, die wir anbeten, Liebe,
die Königin der Menschen, die den Schlüssel zu Jesu heiligem Herzen hat, die Liebe würdige nicht
jenen, der, wenn er kommt, Abfall auf den Altar legt und seinen Weg zu sterblichen Herzen durch
weit verbreitetes Weh markiert. Da war dieses Mädchen in der Herrlichkeit Dornum, ein Mädchen,
das nicht kannte verheiratete Freuden; es ließ sie die Königin der Liebe von ihrem Haus über das
Meer entreißen und gab ihr einen Franken-Sohn, mitten in Blut und Rauch und mörderischen
Heiratshymnen, um ihr ein verzweifelter Teufel der Hölle zu sein; wehe, wehe für sein Werben! Ah!
Heilige Mauern von Emden, ah, Quelle der Ems, könntet ihr bezeugen, welchen Kurs die Königin
der Liebe verfolgt. Denn mit dem lodernden Pfeilen hat sie die mystische Ehe von Maria, der
Mutter des gottgezeugten Jesus, geheiligt. Alles, was sie inspirieren wird, war voller Ehrfurcht vor
der Königin der Liebe und flog wie eine Biene vor ihr hin und her.

EVI
Frieden, o Frauen, Frieden! Ich bin ruiniert!

FÜHRERIN DES CHORS


Was, Evi, ist dieses furchtbare Ereignis in deinem Haus?

EVI
Stille! Lasst mich hören, was die drinnen sagen.

FÜHRERIN
Ich schweige; das ist sicher das Vorspiel zum Bösen.

EVI
Große Göttin! Wie schrecklich sind meine Leiden!

CHOR
Welch ein Schrei! Welcher laute Alarm, was du sagst, was für ein plötzlicher Schrecken, Herrin, der
deine Seele in Bestürzung versetzt.

EVI
Ich bin ruiniert. Steht hier an der Tür und hört das Geräusch, das im Hause auftaucht.

CHOR
Du bist schon an der verschlossenen Tür; dies ist für dich, um die Töne zu hören, die von innen
heraus gehen. Und sag mir, o sag mir, was Böses zu Fuß kommen kann.

EVI
Es ist der Sohn der Pferde-liebenden Anna Katharina, der Milan genannt wird, und der
jungfräuliche Flüche auf seine Dienerin schleudert.

CHOR
Ich höre ein Geräusch, aber kann nicht sagen, wie es kommt. Ah! Es ist durch die Tür dass der
Schall dich erreichte.

EVI
Ja, ja, er nennt es eindeutig ein Zwischenspiel zwischen dem Laster und der der Ehre seines Herrn.

CHOR
Wehe, wehe uns! Du bist verraten, liebe Frau! Welchen Rat sollen wir dir geben? Dein Geheimnis
ist offenbart, du bist völlig ruiniert.

EVI
Ah weh mir!

CHOR
Verraten von Freunden!

EVI
Sie hat mich ruiniert, indem ich von meinem Unglück gesprochen habe; zwar nett gemeint, aber ein
kranker Weg, um meine Krankheit zu heilen.

FÜHRERIN DES CHORS


Was willst du nun tun in deinem grausamen Dilemma?

EVI
Ich kenne nur einen Weg, eine Heilung für diese meine Leiden, und das ist der sofortige Tod.

(Milan platzt aus dem Palast, gefolgt von der Großmutter.)

MILAN
O feuchte Mutter Erde! O Sonne, unbewölkte Kugel! Welche Worte, ungeeignet für alle Lippen,
haben meine Ohren erreicht!

GROSSMUTTER
Frieden, mein Liebster, damit nicht jemand deinen Schrei hören kann.

MILAN
Ich kann solche schrecklichen Worte nicht hören und meinen Frieden fassen.

GROSSMUTTER
Ich flehe dich an bei deiner rechten Hand.

MILAN
Lass meine Hand, berühre nicht meinen Mantel.

GROSSMUTTER
O zu deinen Knien bete ich, zerstöre mich nicht ganz.

MILAN
Warum sagst du das, wenn, wie du vorgibst, deine Lippen schuldlos sind?

GROSSMUTTER
Mein Liebster, das ist keine Geschichte, die im Ausland zu hören ist.

MILAN
Eine tugendhafte Geschichte wird größer gereizt.

GROSSMUTTER
Verschmähe niemals dein Gelübde, mein Liebster.

MILAN
Meine Zunge hat ein Gelübde abgelegt, aber nicht mein Herz.

GROSSMUTTER
Mein Liebster, was willst du tun? Zerstören deine Freunde?

MILAN
Freunde in der Tat! Die Bösen sind keine Freunde von mir.

GROSSMUTTER
Verzeihung; Irren ist menschlich, Kind.

MILAN
Großer Gott, warum ließest du, zum Schmerz des Mannes, die Frau, die böse Schlange, wohnen, wo
die Sonne scheint? Hättest du uns doch gewürdigt, dass sich die Menschheit vermehren sollte ohne
Frauen, dass sie ihre Samen hätten aufziehen sollen, sondern hätten in deinen Tempeln Gold oder
Eisen oder schwere Bronze bezahlt und eine Beischläferin gekauft, so in der Unabhängigkeit
wohnend, von Frauen frei. Aber jetzt, sobald wir diese Plage in unser Haus bringen, bringen wir
ihre Macht auf unseren Boden. Daraus wird deutlich, was für ein großer Fluch eine Frau ist: der
Vater, der sie gezeugt und gepflegt hat, um sich von der Närrin zu befreien, gibt ihr einen Wächter
und wickelt sie ein; während der Ehemann, der das schädliche Gift in sein Haus nimmt, sein
trauriges Idol zärtlich in feiner Kleidung deckt und sie in Roben ertränkt und das unglückliche Licht
vergeudet den Reichtum seines Hauses. Denn er ist in diesem Dilemma; sagen sie, seine Ehe hat
ihm gute Verbindungen gebracht, ist er froh, die Frau zu behalten, die er verabscheut; oder, wenn er
eine gute Frau bekommt, aber nutzlose Verwandtschaft, versucht er, das Pech mit dem Guten zu
ersticken. Aber es ist am einfachsten für ihn, die sich in seinem Haus als Frau nur als Zahl
niedergelassen hat, unfähig in ihrer Einfachheit. Ich hasse kluge Frauen; nie darf sie in mein Haus
treten, die mehr wissen will, als die Frauen wissen können; denn in diesen studierten Frauen pflanzt
die Liebe einen größeren Vorrat an Schurkerei, während die kunstlose Frau in ihrem flachen Witz
aus Leichtsinn nackt ist. Kein Diener hätte jemals Zugang zu einer Frau haben sollen, aber die
Menschen sollten mit ihnen bissigen Tieren nicht reden, nicht leben, in welchem Fall sie nicht mit
irgendjemandem sprechen und ihnen nicht von jenen geantwortet wird. Aber wie es ist, haben die
Gottlosen in ihren Gemächern Schlechtigkeit, und ihre Diener tragen es ins Ausland. Selbst so,
Elende, du kamst, dich mir in einem Verbrechen an der Ehre meines Vaters zu verbinden; weshalb
ich diesen Fleck in laufenden Strömen wegwaschen und das Wasser in meine Ohren stürzen muss.
Wie könnte ich so ein Verbrechen begehen, wenn ich durch die Erwähnung von ihr mich
verschmutzt fühle? Sei gesund, Frau, es ist nur mein religiöser Skrupel, der rettet dich. Denn wäre
ich nicht unerwartet von einem Gelübde gefangen worden, beim Himmel, ich hätte es nicht
versäumt, meinem Vater alles zu sagen. Aber jetzt will ich aus dem Hause weg, solange Thorstein
im Ausland ist, und werde strenge Stille behaupten. Aber wenn mein Vater kommt, werde ich
zurückkehren und sehen, wie du und deine Herrin ihm gegenübersteht, und so werde ich durch
Erfahrung das Ausmaß eurer Kühnheit kennen lernen. Verdammnis packe euch beide! Ich kann nie
meinen Hass für Frauen befriedigen! Auch wenn einige sagen, das sei immer mein Thema, denn in
Wahrheit sind sie immer böse. Also lasse eine Frau sich als keusch beweisen, oder lass mich noch
immer auf ihr herumtrampeln.

(Milan im Zorn ab.)

CHOR
O das grausame, unglückliche Schicksal der Frauen! Welche Kunst, welche Argumente haben wir,
sobald wir eine Bemühung gemacht haben, mit dem Handwerk den eng gezogenen Knoten zu
lösen?

EVI
Ich habe mein Wüste gefunden. O Erde, o Tageslicht! Wie kann ich dem Schicksalsschlag
entgehen? Wie meine Qualen verbergen, freundliche Freundinnen? Welcher Gott kommt, mir zu
helfen, was für Sterbliche, um mich zu rette und mir in der Ungerechtigkeit zu helfen? Das
gegenwärtige Unglück meines Lebens lässt keine Flucht zu. Unglückliche Ich von meinem ganzen
Geschlecht!

FÜHRERIN DES CHORS


Ach, leider! Die Tat ist vollbracht, deine Pläne sind schief gegangen, meine Gräfin, und alles ist
verloren.

EVI
(zur Großmutter)
Verfluchte Frau! Verräterin deinen Freunden! Wie hast du mich ruiniert! Möge Gott, mein Schöpfer,
dich schlagen mit seinem feurigen Keil und entwaffne dich an deinem Platz. Habe ich deinen
Zweck nicht vorausgesehen, habe ich dir nicht geboten, über die Sache, die jetzt meine Schande ist,
Schweigen zu halten? Aber du wolltest nicht still sein; weshalb mein guter Name nicht mit mir zum
Grabe gehen wird. Aber jetzt muss ich ein anderes Schema aufstellen. Der Jugendliche, in der
Schärfe seiner Wut, wird sagen seinem Vater von meiner Sünde und füllen die Welt mit Geschichten
zu meiner Schande. Verdammnis ergreife dich und jeden einmischenden Narren, der mit
unehrlichen Mitteln unwilligen Freunden dienen möchte!

GROSSMUTTER
Herrin, du magst verurteilen den Unfug, den ich getrieben habe, denn für Kummer überwältigt dein
Gericht; doch kann ich dir antworten, wenn du es hörst. Ich habe dich gepflegt; ich liebe dich
immer noch; aber in meiner Suche nach Medizin, um deine Krankheit zu heilen, fand ich, was ich
am wenigsten suchte. Hätte ich aber Erfolg gehabt, wäre ich weise genannt worden, denn die
Anerkennung, die wir für unsere Weisheit erlangen, wird an unserem Erfolg gemessen.

EVI
Ist es gerecht, ist es eine Befriedigung für mich, dass du mich zuerst verwunden solltest, dann
balsamische Worte mir gibst?

GROSSMUTTER
Wir gehen zu lange davon aus; ich war nicht klug, ich besitze keine Weisheit; aber es gibt noch
Wege der Flucht aus der Not, mein Kind.

EVI
Sei töricht von nun an; das Böse war dein erster Rat für mich, böse nach deinem versuchten
Schema. Beginne neu und verlasse mich, schau auf dich selbst; ich werde mein eigenes Vermögen
für das Beste arrangieren.

(Die Großmutter ab in den Palast.)

Ihr lieben Töchter Frieslands, gebt mir den einzigen Segen, den ich ersehne: In der Stille begrabt,
was ihr hier gehört habt.

FÜHRERIN
Bei der majestätische Maria, dem Kind Gottes, schwöre ich, dass ich deine Leiden niemals
preisgeben werde.

EVI
Es ist gut. Aber ich, mit all meinem Gedanken, kann aus diesem Unglück nur einen Ausweg finden,
um so die Ehre meiner Kinder zu retten und mir etwas Hilfe zu geben, wie es steht. Denn nie werde
ich Schande über meine Heimat bringen, noch werde ich, um ein armes Leben zu retten, dem
Thorstein nach meiner Schande ins Gesicht sehen.

FÜHRERIN
Bist du denn etwa vom Leid geheilt?
EVI
Durch den Tod! Die Mittel dazu muss ich mir ausdenken.

FÜHRERIN
Stille!

EVI
Du mindestens rate mir gut. Denn an diesem Tag werde ich Venus, die Zerstörerin, erfreuen, indem
ich mein Leben hingebe und mich selbst von der grausamsten Liebe erobern lasse! Und doch wird
mein Sterben der Fluch eines Anderen sein, damit er nicht lerne, über mein Unglück zu jubeln; aber
wenn er die selbe Plage mit mir teilen will, wird er die Weisheit finden.

(Evi betritt den Palast.)

CHOR DER FRIESISCHEN FRAUEN


O zu finden irgendeine pfadlose Höhle, dort durch die schöpferische Hand Gottes zum Vogel zu
werden! Hinweg würde ich zu des Rgeins Wellenschlag und zu den Wassern der Donau fliegen, wo
die unglücklichen Töchter des Vaters in ihrem Kummer um Jesus in die düstere Flut die
bernsteinfarbene Brillanz ihrer Tränen streuen. Und zu dem Apfelgarten Avalon jener Minnesänger
im Westen würde ich kommen, wo der Ozean nicht mehr den Seglern die Durchfahrt über die tiefe
Dunkelheit gewährt, und wo sie dort die heilige Hölle finden, die von Hel bewacht wird, wo das
Wasser vom Manna fastet, und steigen dann auf zum Thronsessel Gottes in seinem himmlischen
Jerusalem, und die heilige Erde, die freigebige Mutter, schenkt Wonnen, ihren himmlischen Brüsten
entspringend. O weiß geflügeltes Boot, das von der steigenden Ozeanwelle meine gräfliche Geliebte
von ihrem glücklichen Vaterhaus holte, um meine Gräfin unter dem Schmerz der Braut zu krönen!
Sicherlich waren böse Vorzeichen in jenem Hafen, mindestens von Baltrum, über diesem Schiff,
und die Mannschaft schnitt seine verdrehten Tau-Enden am Strand von Norddeich, und ans Land
heraus trat sie. Woher kommt es, dass ihr Herz zermalmt ist, grausam von Venus mit unheiliger
Liebeslust bedrängt! So wird sie durch bitteren Schmerz in ihrer Brautlaube eine Schlinge binden,
um sie an ihren schönen weißen Hals zu befestigen, um für diese verabscheuungswürdige Menge
aus dem Leben zu scheiden, die alle ihrem Namen und ihrem Ruhm schmeicheln, und so zu
befreien die Seele vom Leidensstachel!

(Die Großmutter stürzt aus dem Palast.)

GROSSMUTTER
Hilfe! Zur Rettung alle, die in der Nähe des Palastes stehen! Sie hat sich aufgehängt, unsere Gräfin,
die Frau von Thorstein!

FÜHRERIN DES CHORS


Wehe dem Tag! Die Tat ist getan; unsere gräfliche Herrin ist nicht mehr, tot hängt sie in der
baumelnden Schlinge.

GROSSMUTTER
Eilt! Manche bringen ein zweischneidiges Messer mit, um den Knoten um ihren Hals zu
zerschneiden.

ERSTER HALBCHOR
Freundinnen, was sollen wir tun? Denkt ihr, wir sollten das Haus betreten und die Gräfin aus der
engen Schlinge lösen?

ZWEITER HALBCHOR
Warum sollten wir? Sind hier nicht junge Diener? Zu viel zu tun, ist kein sicherer Weg im Leben.

GROSSMUTTER
Legt die unglückselige Leiche hin, streckt die Gliedmaßen aus. Das war eine bittere Art, zu Hause
zu sitzen und das Haus meines Herrn zu behüten!

(Die Großmutter geht hinein.)

FÜHRERIN DES CHORS


Sie ist tot, die arme Dame; das höre ich. Schon breiten sie die Leiche aus.

(Thorstein und sein Gefolge sind unbemerkt eingetreten.)

THORSTEIN
Ihr Frauen, könnt ihr mir sagen, was der Aufruhr im Palast bedeutet? Da kam der Klang der Diener,
die bitterlich vor meinen Ohren weinten. Keiner von meinem Haushalt möchte die Tore weit öffnen
und mich als Pilger von dem prophetischen Schrein in Lourdes erfreuen. Hat er den alten Konrad
getroffen? Nein, obwohl er in Jahren schon weit fortgeschritten ist, sollte ich trauern, sollte er dieses
Haus verlassen.

FÜHRERIN DES CHORS


Es ist nicht gegen den alten Konrad, dass dieses Schicksal, um dich zu schlagen, diesen Schlag
anstrebt; bereite deine Sorge auf einen jüngeren Leichnam vor.

THORSTEIN
Weh mir! Ist es ein Kind, das der Tod beraubt mich eines Kindes?

FÜHRERIN
Sie leben; aber, grausamste Nachricht von allem für dich, ihre Mutter ist nicht mehr!

THORSTEIN
Was! Meine Frau tot!? Durch welchen grausamen Zufall?

FÜHRERIN
Über ihren Hals band sie den Knoten.

THORSTEIN
Hatte die Trauer ihr Blut erhitzt? Oder was war ihr widerfahren?

FÜHRERIN
Ich weiß es, aber jetzt bin ich im Haus angelangt, um deinen Kummer zu beklagen, o Thorstein.

THORSTEIN
Weh mir! Warum habe ich meinen Kopf mit geflochtenen Girlanden gekrönt, wenn das Unglück
meine Heimkehr grüßt? Entriegelt die Türen, Diener, löst ihre Riegel, damit ich den kläglichen
Anblick sehe, meine Frau, deren Tod für mich der Tod ist!

(Die zentralen Türen des Palastes öffnen sich, die Leiche zu offenbaren.)

Weh! Wehe dir für dein klägliches Los! Du hast dir selbst Schmerzen tief genug angetan, um diese
Familie zu stürzen. Ah! Ah! Die Frechheit des Todes durch Gewalt und unnatürliche Mittel, die
verzweifelte Anstrengung der eigenen armen Hand! Wer warf den Schatten über dein Leben, du
meine arme schöne Dame?

(Thorstein singt)

Ach, mein grausames Los!


Kummer hat sein Schlimmstes an mir getan!
O Glück, wie stark hast du
Deinen Fuß auf mich
Und auf mein Haus gestellt,
Durch teuflische Hände,
Die einen unerwarteten Fleck mir zufügen!
Nein, vollkommene Erschöpfung meines Lebens,
So dass ich nicht mehr lebe;
Denn ich sehe, ach,
So breit einen Ozean der Trauer,
Dass ich nie wieder schwimmen kann,
Um wieder das Ufer zu erreichen,
Noch mit der Brust
Durch die Flut dieser Katastrophe!
Wie soll ich von dir sprechen,
Meine arme liebe Frau,
Was erzähle ich von leidendem Leiden?
Du verschwindest wie ein Vogel
Aus dem Verborgenen meiner Hand
Und nimmst einen langen Sprung
Von mir in des Totenreiches Hallen.
Ach und wehe!
Das ist ein bitterer, bitterer Anblick!
Das muss ein Urteil sein,
Das Gott von den Sünden
Eines Vaters gesandt hat.

FÜHRERIN DES CHORS


Mein Fürst, nicht zu dir allein kommt solcher Kummer; du hast eine edle Frau verloren, aber so
viele andere auch.

THORSTEIN
(singt)
Könnte ich mich verbergen
In der schwärzesten Tiefe der Erde,
Um in der Dunkelheit
Mit den Toten
Im Elend zu wohnen,
Nun da ich von deiner lieben Gegenwart frei bin!
Denn du hast mich erschlagen,
Mehr als dich selbst.
Wer kann mir sagen,
Was den tödlichen Schlag verursacht hat,
Der dein Herz erreicht hat, liebe Frau?
Wird mir niemand erzählen, was geschah?
Wird mein Palast vergeblich Schutz geben
Einer Herde von Opferlämmern?
Wehe, wehe für dich, meine Frau!
Kummer vor der Rede,
Vorbei am ehelichen Bett,
Sehe ich in meinem leeren Haus;
Ich bin ein ruinierter Mann,
Mein Zuhause eine Einsamkeit,
Meine Kinder Waisen!

CHOR
Gegangen bist du und verließest uns, du liebste Frau und edelste aller Frauen unterm hellen Auge
der Sonne oder der Nacht beleuchtenden Ausstrahlung. Das arme Haus, was für ein Leid ist dein
Teil jetzt! Unsere Augen sind nass von Tränen, um dein Schicksal zu sehen; aber das Übel, das
folgen soll, hat mich schon lange mit Schrecken erfüllt.

THORSTEIN
Ha! Was bedeutet dieser Brief? Umklammert von ihrer lieben Hand hat er eine seltsame Geschichte
zu erzählen. Hatte ihn die arme Dame als letzte Bitte über meine Ehe und ihre Kinder geschrieben?
Fasse ein Herz, armes Gespenst; keine Frau von nun an wird deinen Thorstein heiraten oder in sein
Haus eindringen. Ah! Wie dein Antlitz mein Sehvermögen blendet! Komm, ich werde das
versiegelte Paket entfalten und die Botschaft des Briefes an mich lesen.

CHOR
Wehe uns! Hier ist noch ein Übel vom Himmel gesandt. Ich schaue, was geschehen ist, ich sollte
mein Los im Leben zählen, das es nicht mehr wert ist, zu gewinnen. Das Haus meines Herrn ist
ruiniert, zu Nichts gemacht, sagen wir. Rette ihn, o Himmel, wenn es sein kann. Höre auf unser
Gebet, denn wir sehen, mit prophetischem Auge, ein Omen, das übel ist.

THORSTEIN
O Schrecken! Weh auf Weh! Und doch kommen sie, zu tief für Worte, zu schwer zu ertragen. Ah
weh mir!

FÜHRERIN DES CHORS


Was ist es? Wenn ich daran teilnehmen darf.

THORSTEIN
(singt)
Dieser Brief redet laut
Von einer schrecklichen Geschichte!
Wohin kann ich meinem Elend entfliehen?
Denn ich bin ruiniert
Und zunichte geworden,
So schrecklich sind die Worte,
Die ich hier so klar finde,
Als ob sie die Worte mir zuschrie;
Weh, Weh mir!

FÜHRERIN
Ach! Deine Worte sind die Vorboten des Schmerzes.

THORSTEIN
Ich kann die verfluchte Geschichte im Portal meiner Lippen nicht mehr halten, grausam ist ihr
Äußeres. Ah weh mir! Milan hat sich durch brutale Gewalt getraut, meine Ehre zu verletzen, indem
er nichts von Gott erduldet, dessen heiliges Auge über allem ist. O Vater Jehova, einmal hast du
versprochen, drei Gebete von mir zu erfüllen; antworte auf einen dieser Wünsche und töte meinen
Sohn, er solle nicht diesem einzigen Tag entfliehen, wenn die Gebete, die du mir gegeben hast,
tatsächlich erhört werden.

FÜHRERIN
O Graf, ich beschwöre dich, rufe zurück das Gebet; nachher wirst du deinen Fehler einsehen. Höre,
ich bete.

THORSTEIN
Es kann nicht sein! Außerdem will ich ihn aus diesem Lande verbannen, und durch eines von zwei
Schicksalen wird er niedergeschlagen werden: Entweder Gott, aus Respekt vor meinem Gebet, wird
seine Leiche in das Haus des Totenreichs werfen; oder verbannen ihn aus diesem Lande, ein
Wanderer zu einem fremden Ufer, dort soll er ein Leben des Elends als Flüchtling leben.

FÜHRERIN
Siehe, da kommt er selbst, dein Sohn Milan, gerade rechtzeitig; entlasse deine schändliche Wut,
Graf Thorstein, und ich sage dir, was für dein Haus am besten ist.

(Auftritt Milan.)

MILAN
Ich hörte deine Stimme, Papa, und musste sofort hierher kommen; doch kenne ich nicht die Ursache
deines gegenwärtigen Leidens, sondern möchte von dir lernen.

(Er sieht den toten Körper von Evi.)

Ha! Was ist das? Deine Frau ist tot? Es ist sehr seltsam; sie war da, aber ich verließ sie; einen
Augenblick nur, da sie das Licht sah. Wie kam sie dazu? Die Art ihres Todes? Das möchte ich von
dir erfahren, Vater. Bist du stumm? Stille hilft nicht in Schwierigkeiten; ja, denn das Herz, das jeder
kennen möchte, muss seine Neugierde in der Stunde des Kummers zeigen. Sei dir sicher, dass es
nicht richtig ist, Vater, das Unglück vor denen zu verstecken, die lieben, ja, mehr als Liebe haben
für dich.

THORSTEIN
O ihr Söhne der Menschen, ihr Opfer tausend müßiger Irrtümer, weshalb ihr euer unzähliges
Handwerk lehrt, weshalb ihr euch bemüht, einen Weg für alles zu finden, während ihr euren Preis
nicht erkannt und noch nie bezeugt habt, deren Seelen sinnlos sind!

MILAN
Ein Meister in seinem Handwerk der Mann, der Narren zwingen kann, weise zu sein! Aber diese
unzeitgemäßen Feinheiten deines Vaters machen mich fürchten, deine Zunge spricht wild durch
Not.

THORSTEIN
Pfui über dich! Der Mensch braucht eine gewisse Prüfung, um seine Freunde zu kennen, einen
Prüfstein, um ihre Herzen zu erproben, den Freund zu erkennen, ob er wahr oder falsch ist; alle
Menschen sollten zwei Stimmen haben, die eine ist die Stimme der Ehrlichkeit, die andere die der
Zweckmäßigkeit und der Ehrlichkeit verworfenem Gegenteil, und dann können wir nicht getäuscht
werden.
MILAN
Sag, hat ein Freund mich verleumdet und hat er noch dein Ohr? Und ich, obwohl schuldlos, bin
verurteilt? Ich bin erstaunt, denn deine zufälligen hektischen Worte füllen mich mit wildem Alarm.

THORSTEIN
O der Geist des sterblichen Menschen! Auf welche Dauer wird es gehen? Welche Grenze wird seine
mutige Sicherheit haben? Denn wenn er weiter wächst, während das Leben des Menschen
fortschreitet und jeder Nachfolger den Mann vor ihm in der Schande übertrifft, muss Gott eine
andere Sphäre der Welt hinzufügen, die die Schurken und Schufte aufnimmt. Siehe diesen Mann;
ihn, meinen eigenen Sohn, er hat meine Ehre beleidigt, seine Schuld deutlich durch meine tote Frau
bewiesen. Jetzt, da du dieses unglückliche Verbrechen gewagt hast, komm, schau deinem Vater ins
Gesicht. Bist du der Mann, der mit Gott zusammenkommt, als einer über der vulgären Herde
stehend? Bist du der keusche und sündlose Heilige? Dein Rühmen wird mich nie überreden,
unschuldig zu sein, die Ignoranz Gott zuzuschreiben. Geh nun und treibe deinen kleinlichen Handel
auf dem Markt, aus leblosen Lebensmitteln gebildet; nimm den deutschen Orpheus zu deinem
Meister und geh feiern, mit aller Ehre für die Gifte vieler geschriebener Rollen, siehe, dass jetzt die
Kunst gefangen ist. Lass dich vor solchen Heuchlern warnen, die ihre Beute mit feinen Worten
jagen und die ganze Zeit sind Täter der Schurkerei. Sie ist tot! Glaubst du, das wird dich retten?
Warum diese verurteilt, verlassene Elende! Welche Schwüre, welche Vorwürfe können diesen Brief
überwiegen, damit du deinen Schande offenbar machst? Du wirst behaupten, dass sie dich hasste,
dass der uneheliche Sohn und die ehelich geborene Frau, so scheint es, dass sie durch das Aufzeigen
eines traurigen Handels ihrem Leben ein Ende gemacht hat, um ihren Hass zu befriedigen auf den,
den sie am meisten liebte. Es ist kein Zweifel, dass Schwäche keinen Platz im Mann findet, aber ist
angeboren in der Frau. Meine Erfahrung ist, junge Männer sind nicht sicherer als Frauen, wenn
Venus erregt eine jugendliche Brust; obwohl ihr Geschlecht kommt, um ihnen zu helfen. Doch
warum spreche ich solche Worte mit dir, wenn vor mir die Leiche liegt, die deutlichste Zeugin?
Beginne sofort, ein Exilant, aus diesem Lande zu gehen, und niemals wieder komm ins göttliche
Berlin, noch in die Grenzen meiner Herrschaft. Denn wenn ich so heftig bin, mich dieser deiner
Behandlung zu unterwerfen, so wird mir Störtebecker, der Räuber der Nordsee, nicht mehr
bezeugen, wie ich ihn erschlüge, sondern sagen, dass meine Ehre untätig ist, und die Felsen
Helgolands, die das Meer durchbohren, nennen mich die Geißel Gottes.

FÜHRERIN DES CHORS


Ich weiß nicht, wie glücklich sein kann irgendein Kind des Menschen; denn der Erste hat sich
gewendet und ist nun der Letzte.

MILAN
Vater, dein Zorn und die Spannung deines Geistes sind schrecklich; doch wird diese Anklage, wenn
auch ihre Argumente erscheinen, zur Verleumdung werden, wenn man sie bloßlegt. Nur eine kleine
Geschicklichkeit habe ich im Sprechen zu einer Menge, aber habe einen geschickten Geist für
Kameraden von meinem Alter. Ja, und so soll es sein; denn die, welche die Weisen verachten, sind
besser geeignet, vor dem Pöbel zu reden. Doch bin ich unter den gegenwärtigen Umständen
gezwungen, das Schweigen zu brechen. Und am Anfang nehme ich den Punkt an, der die Grundlage
deines heimlichen Angriffs auf mich bildete, entworfen, um mich außergerichtlich ungehört
gefangen zu setzen. Siehst du die Sonne, diese Mutter Erde? Diese bezeugen, was du leugnest,
meine Keuschheit übertrifft alle. Um Gott zu verehren, ehre ich die höchste Erkenntnis, und zu
Freunde nehme ich nicht die, die die Ungerechtigkeit üben, sondern solche, die erröten würden,
ihren Gefährten eine Schande vorzuschlagen oder sie durch schändliche Dienste zu vergnügen; zu
verspotten Freunde ist nicht mein Weg, Vater, aber ich bin immer noch der gleiche hinter ihrem
Rücken, wie vor ihrem Gesicht. Das einzige Verbrechen, das du mir zu Schulden kommen lassen
willst, ist das, mit dem ich nichts zu tun habe, denn bis heute habe ich mich von den Frauen rein
gehalten. Ich weiß auch nichts davon, als das, was ich in Bildern höre und sehe, denn ich habe nicht
die geringste Lust auf diese mit meiner reinen Seele zu schauen. Ich gebe meinen Anspruch auf
Keuschheit nicht auf, um dich zu überzeugen; gut, dann ist es für dich, den Weg zu zeigen, wie ich
verdorben sei. Hat diese Frau in ihrer Schönheit ihres ganzen Geschlecht Anstand überschritten?
Hatte sie danach getrachtet, den Platz des Mannes nach dir auszufüllen und deinem Haus zu folgen?
Das hätte mich sicherlich zum Narren gemacht, ein Wesen ohne Vernunft. Du wirst sagen: Ihr
keuscher Mann liebt sie, Herr. - Nein, nein, sage ich, die Souveränität gefällt nur denen, deren
Herzen sehr korrupt sind. Nun wäre ich der erste und beste überhaupt bei den Spielen in Friesland,
aber der zweite im Staat, für immer glücklich mit den edelsten meiner Freunde. Denn da kann man
glücklich sein, und das Fehlen der Gefahr gibt einen Zauber jenseits aller Fürstenfreuden. Eins habe
ich nicht gesagt, den Rest hast du gesagt. Hätte ich ein Zeugnis, um meine Reinheit zu bestätigen,
und wäre ich enttäuscht, dass ich sie noch lebte, so würden die Tatsachen auf der Frage zeigen, wer
der Schuldige war. Und nun, bei dem Gott der Wahrheit, und bei der Erde, auf der wir stehen, so
schwöre ich dir, ich habe niemals die Hand an deine Frau gelegt und hätte auch keinen solchen
Gedanken gehabt. Töte mich, Gott! Beraube mich des guten Namens und der Ehre, aus dem Haus
und aus der Stadt wirf mich hinaus, einen wandernden Exilant über die Erde! Weder Meer noch und
Land erhalten meine Knochen, wenn ich tot bin, wenn ich so ein Frauenschänder bin! Ich kann
nicht sagen, ob sie durch die Furcht sich selbst zerstört hat, denn das verbiete ich mir. Mit ihrer
Leidenschaft vertauschte sie die Keuschheit, während ich, keusch, war nicht leidenschaftlich in der
Verwendung dieser Tugend.

FÜHRERIN
Dein Schwur beim Himmel, mit starker Sicherheit, widerlegt genug die Anklage.

THORSTEIN
Ein Zauberer oder Magier muss der Kerl sein, zu denken, er könnte mich, seinen Vater, durch Kühle
meistern, meinen Entschluss zu fällen.

MILAN
Vater, dein Teil in dieser Sache erfüllt mich mit Überraschung; wärst du mein Sohn und ich dein
Vater, beim Himmel, ich hätte dich getötet, dich nicht mit Verbannung entlassen, wenn du meine
Ehre verletzest.

THORSTEN
Eine einfache Bemerkung! Doch sollst du nicht sterben durch das Urteil, das deine eigenen Lippen
über dich aussprechen; denn der Tod, der in einem Augenblick kommt, ist ein leichtes Ende für das
Elend. Nein, du sollst von deinem Vaterland verbannt werden und in ein fremdes Lande ziehen und
ein Elendsleben führen, denn das ist der Lohn der Sünde.

MILAN
Oh! Was willst du tun? Willst du mich verbannen, ohne so auf den Beweis der Zeit in meinem Fall
zu warten?

THORSTEIN
Ja, jenseits des Meeres, jenseits der Grenzen der Alpen, wenn ich könnte, so tief hasse ich dich.

MILAN
Was! Verbannst du mich ungeprüft, ohne meinen Eid, das Versprechen und die Stimme der Seher zu
prüfen?

THORSTEIN
Dieser Brief hier, obwohl er keine Seher-Zeichen trägt, ordnet deinen Fall an; wie für Vögel, die
über unseren Köpfen fliegen, ein langer Abschied.

MILAN
Großer Gott! Warum sperre ich meine Lippen nicht auf, wenn ich sehe, dass ich von dir zerstört
werde, dem Gegenstand meiner Ehrfurcht? Nein, das werde ich nicht; ich sollte nun bereden, was
ich tun soll, und umsonst sollte ich den Eid schwören, den ich geschworen habe?

THORSTEIN
Pfui über dich! Diese feierliche Weise von dir ist mehr, als ich ertragen kann. Geh sofort aus deinem
Vaterland fort!

MILAN
Wohin soll ich mich wenden? Ah weh mir, dessen freundliches Haus mich hineinführte, nun ein
Exilant über so einem Grab, ein Angeklagter?

THORSTEIN
Suche dir einen, der es liebt, als Gast und Partner in seinem Verbrechen den Verderber der Frauen
anderer Männer zu unterhalten.

MILAN
Ah weh mir! Das verwundet mein Herz und bringt mich zu Tränen, zu denken, dass ich so böse
erscheinen sollte, und du glaubst, ich sei so.

THORSTEIN
Deine Tränen und Voraussichten wären mehr in der rechten Jahreszeit gewesen, als du es
unternommen hast, deines Vaters Weib zu empören.

MILAN
O Haus, ich könnte für mich sprechen und bezeugen, wenn ich so gemein bin!

THORSTEIN
Du fliehst zu sprachlosen Zeugen? Diese Tat, obwohl sie nicht spricht, beweist deine Schuld
deutlich.

MILAN
Ach! Könnte ich stehen und mich selbst stellen, so sollte ich weinen, die Leiden sehend, die ich
ertrage.

THORSTEIN
Ja, dies ist dein Charakter, zu ehren dich selbst weit mehr als zu ehren mit Ehrfurcht deine Eltern,
wie du solltest.

MILAN
Unglückliche Mutter! Ich Sohn der Schmerzen! Die Himmel halten alle Freunde von mir fern, da
ich unehelich geboren bin!

THORSTEIN
He, Diener, bring ihn weg! Du hörtest meine Proklamation schon längst ihn verurteilen zum Exil.

MILAN
Wer von ihnen eine Hand auf mich legen wird, der bereut es; du vertreibst mich, wenn dein Dämon
dich treibt, vom Land fort mich zu bewegen.

THORSTEIN
Ich wills, das sei mein Wort, dem du gerade gehorchst; kein Mitleid für dein Exil stiehlt sich in
mein Herz.

(Thorstein ab in den Palast. Die zentralen Türen des Palastes sind geschlossen.)

MILAN
Das Urteil, so scheint es, ist gefällt. Ah, Elend! Wie gut ich kenne die Wahrheit, aber weiß nicht, sie
zu sagen! O Tochter von Anna, liebste zu mir von allen Himmlischen, Partnerin, Genossin auf der
Jagd, weit vom glorreichem Berlin muss ich fliehen. Adieu, Stadt und Land von Teut; Adieu,
Friesland, mein freudigstes Zuhause, an dem der Frühling des Lebens vorbeizieht; es ist mein letzter
Anblick von dir, Adieu! Kommt, meine Kameraden in diesem Lande, jung wie ich, grüßt mich
freundlich und begleitet mich weiter, denn nie werdet ihr sehen eine reinere Seele, bei allen
Zweifeln meines Vaters.

(Milan ab. Viele Freunde folgen ihm.)

CHOR DER FRIESISCHEN FRAUEN


Die Gedanken, die ich über Gott habe, sobald er mir in den Sinn kommt, tun viel, um meine Trauer
zu beruhigen, aber obwohl ich die geheime Hoffnung auf einen großen leitenden Willen hege, bin
ich doch bei der Befragung des Schicksals und der Taten der Schuld bei den Söhnen der Menschen;
Veränderung gelingt, sich zu ändern, und das Leben des Menschen kehrt um und verwandelt sich in
endloser Unruhe. Dem Glück gebe ich dies, ich bitte, in die Hand des Himmels, ein glückliches Los
im Leben und eine Seele von Schmerzen frei; Meinungen lassen mich nicht zu präzise noch noch zu
hohl; aber, indem ich meine Gewohnheiten leicht an jedem Morgen wechsle, wie es kommt, kann
ich so ein Leben der Glückseligkeit erlangen. Denn jetzt ist mein Gemüt nicht mehr frei von
Zweifeln, unachtsame Anblicke grüßen meine Vision; denn siehe, ich sehe den Morgenstern von
Berlin, das Auge von Deutschland, vertrieben von der Wut seines Vaters in ein anderes Land.
Traure, Sand der Ureinwohner, du Eichenhain, wo er mit seinen Jagdhunden den Hirsch zu Tode
jagte und zu Maria, der schrecklichen Königin! Nicht mehr wird er seinen Wagen von
venezianischen Reitern steigen lassen, um den Kurs mit dem Tänzeln seiner trainierten Pferde zu
erfüllen. Niemals mehr im Hause seines Vaters wird er die Muse wecken, die nie unter seinen
Gitarren-Saiten schlief; keine Hand krönt die Fleckenlose, wo das Mädchen Maria mitten in der
Tiefe des Himmels ruht; noch werden unsere friesischen Jungfrauen versuchen, deine Liebe zu
gewinnen, jetzt bist du verbannt. Während ich mit Tränen an deinem unglücklichen Schicksal eine
Menge ertrage, was alles unverdient ist. Ah! Unglückliche Mutter, Anna Katharina, vergeblich hast
du ihn hervorgebracht, so scheint es. Ich bin verärgert über Gott! O du Gnade, warum sendest du
aus der Heimat diesen armen Jugendlichen, schuldlos Leidenden, weit weg von seiner Heimat?

FÜHRERIN DES CHORS


Aber siehe da! Ich sehe einen Diener von Milan, die mit beunruhigtem Blick auf den Palast
schweift.

(Auftritt eines Boten.)

BOTE
Meine Damen, wo finde ich Thorstein, den Grafen des Landes? Bitte, sagt es mir, wenn ihr es wisst;
ist er hier im Palast?
FÜHRERIN
Siehe! Selbst kommt er aus dem Palast.

(Auftritt Thorstein.)

BOTE
Thorstein, ich bin der Träger der unruhigen Nachrichten an dich und alle Bürgern, die in Berlin oder
in den Grenzen von Friesland wohnen.

THORSTEIN
Wie jetzt? Hat ein seltsames Unglück diese beiden Gegenden getroffen?

BOTE
In einem kurzen Wort: Milan ist tot. Es ist wahr, ein schlanker Faden verbindet ihn noch mit dem
Licht des Lebens.

THORSTEIN
Wer hat ihn getötet? Kam ein Mann mit Schlägen zu ihm, dessen Frau, wie meine, brutale Gewalt
erlitten hatte?

BOTE
Er starb durch jene Rosse, die seinen Wagen zogen und durch die Flüche, die du gesagt hast, und
betetest zu deinem Vater, dem Herrn der Heere, deinen Sohn zu töten.

THORSTEIN
O Gott und König Jesus, du hast meine Abstammung bewiesen, indem du auf mein Gebet hörtest!
Sage, wie er umgekommen; wie fiel die erhobene Hand der Gerechtigkeit, zu schlagen den
Schurken, der mich entehrt?

BOTE
Durch den Wellenschlag am Ufer kämmten wir seine Pferdemähnen, weinend, weil man gekommen
war, zu sagen, dass Milan von dir hart verbannt wurde und nie mehr zurückkehren würde in dieses
Land. Dann kam er und erzählte uns dieselbe traurige Geschichte am Strand, und mit ihm war eine
unzählige Menge von Freunden, die danach folgten. Endlich blieb er in seiner Wehklage und
sprach: Warum schwach von diesem Weisen schwärmen? Den Geboten meines Vaters muss
gehorcht werden, Knechte, meine Pferde bringt zum Wagen, das ist jetzt nicht mehr meine Heimat.
- Darauf beruhigte sich jeder von uns, und ehe ein Mann etwas sagen konnte, wir hätten die Pferde
an der Seite unseres Herrn stehen sehen können. Dann holte er die Zügel vom Wagen, zuerst setzte
er seine Füße genau in die Vertiefungen, die für sie gemacht wurden. Aber zuerst mit ausgestreckten
Armen rief er Gott an: O Jehova, schlage mich nun tot, wenn ich gesündigt habe, und mein Vater
lerne, wie er mich, wenigstens im Tode, wie im Leben, nicht täuscht. - Damit ergriff er die Peitsche
und peitschte alles Pferde nacheinander; während wir, in der Nähe seines Wagens, in der Nähe der
Zügel, mit ihm auf dem Weg, der direkt nach Dänemark und Schweden führt, uns aufrecht zu
erhalten. Und gerade als wir zu einem Wüstenfleck kamen, einem Sandstreifen jenseits der Grenzen
des Landes, der zur Deutschen Bucht hinab fiel, gab es dort ein tiefes Krachen, gleichsam ein
Erdbeben, furchterregenden Lärm, und die Pferde zogen ihre Köpfe ein und hoben ihre Ohren,
während wir waren mit wilden Alarm erfüllt und wollten wissen, woher der Ton kam, als wir, als
wir auf das wellenförmige Ufer starrten, eine gewaltige Welle erblickten, die in den Himmel sich
erhob, so dass aus unserer Sicht die Felsen von Helgoland verschwunden waren, denn sie verbargen
die Landzunge und den Felsen Lange Anna; dann schwoll es an und schäumte mit einem Scheitel
aus Schaum, das Meer kam zum Strand, wo der geschleppte Wagen stand, und in dem Augenblick,
in dem sie zerbrach, diese gewaltige Mauer aus Wasser, kam aus den Wellen einen ungeheuerlicher
Stier, dessen Gebrüll erfüllte das Land mit furchterregenden Echos, ein Anblick zu schrecklich, wie
es uns schien, wer es erlebt hat. Eine Panik ergriff die Pferde dort und dann, aber unser Meister, auf
die Pferde ganz seine Sorge verwendend, ergriff mit beiden Händen seine Zügel, und bindet sie an
seinen Körper, zog die Zügel an, wie der Matrose sein Ruder führt; aber die Pferde knirschten in
den geschmiedeten Gebissen zwischen ihren Zähnen und trugen ihn wild weiter, unabhängig von
der Meisterhand oder dem Wagen ihres Meisters. Und oft, wie er die Führungszügel nahm und auf
weichem Boden steuerte, zeigte sich der Stier an der Front, ihn wieder zurück zu treiben, verärgerte
sein Gespann mit Schrecken; aber wenn sie in ihrer verzweifelten Karriere gegen die Felsen
rannten, würde er sich an den Wagen heranwagen und sich vor ihnen behaupten, bis er plötzlich das
Rad gegen einen Stein schlug, er aufgeregt und der Wagen ruiniert; dann war düstere Verwirrung,
Achs und Wehe, die in die Luft sprangen. Während er den armen Jüngling, der in die Zügel
verstrickt war, mit einem hartnäckigen Knüppel zerrte, schüttelte sein armer Kopf gegen die Felsen,
sein Fleisch zerrissen, während er mitleidig schrie: Bleibt, bleibt, meine Pferde, die meine eigenen
sind. Dies ist die Hand, die euch an der Krippe gefüttert. Zerstöre mich nicht ganz, o glücklicher
Fluch meines Vaters! Wird niemand kommen und mich für alle meine Tugenden retten? - Jetzt
blieben wir, obwohl wir zu helfen wünschten, weit zurück. Endlich, ich weiß nicht, wie, brach er los
von den formschönen Zügeln, die ihn gebunden, ein leiser Atem des Lebens war noch in ihm; aber
die Pferde waren verschwunden, und jener hässliche Stier, zwischen den Felsen, war ich weiß nicht
wo. Ich bin nur ein Knecht in deinem Hause, es ist wahr, o Graf, so will ich doch niemals eine so
ungeheuerliche Anklage gegen den Charakter deines Sohnes glauben, nein! Wenn nicht das ganze
Geschlecht der Frau sich aufhängen sollte, oder man erfüllte sich mit dem Schreiben auf jeder Tafel,
die im Wald gewachsen, sicher, wie ich seiner Aufrichtigkeit bin.

FÜHRERIN DES CHORES


Ach! Neue Schwierigkeiten kommen, um uns zu plagen, noch gibt es keine Flucht vor Schicksal
und Notwendigkeit.

THORSTEIN
Mein Hass auf den, der so gelitten hat, machte mich froh über deine Botschaft, aber aus Rücksicht
auf Gott und Milan, weil er mein Sohn ist, fühle ich weder Freude noch Leid über seine Leiden.

BOTE
Aber sag uns, sollen wir das Opfer hierher bringen, oder wie sollen wir deine Wünsche erfüllen?
Bedenke dich; wenn du durch mich geschult werden willst, so willst du deinen Sohn in seiner
traurigen Not nicht hart behandeln.

THORSTEIN
Bring ihn her, dass, wenn ich ihn von Angesicht zu Angesicht sehe, er bestreite, die Ehre meiner
Frau verschmäht zu haben, so kann ich ihn durch Worte und die Heimsuchung des Himmels
überführen.

(Bote ab.)

CHOR DER FRIESISCHEN FRAUEN


Ah! Venus, dein ist die weiße Hand, die die störrischen Herzen der Götter und Männer leitet; dein,
und jener begleitende Knabe, der, mit bunt gemaltem Gefieder um seine Opfer auf Blitzflügeln
flattert.Über das Land und tief auf goldenen Flügeln getragen eilt der kleine Gott der Liebe,
verärgert das Herz und betört die Sinne von allen, die er angreift, wilde Welpen in Wäldern
gezüchtet, des Meeres Monster, Kreaturen dieser sonnenerwärmten Erde und Menschen; dein, o
Venus, dein allein ist die souveräne Macht, sie alle zu beherrschen!
(Auftritt der Jungfrau Maria, gekleidet als Jägerin, mit Bogen und Pfeilen im Köcher.)

MARIA
Thorstein! Sohn des Grafen von Oldenburg!
Ich gebiete dir, mir zuzuhören!
Ich bin Maria, Annas Tochter.
Elender Mensch! Wie gefällt es dir so?
Du hast deinen eigenen Sohn
Auf eine sündhafte Weise getötet!
Du hast die falschen Worte deiner Frau
Über Dinge gehört,
Die du mit deinen eigenen Augen
Nicht gesehen hast.
Aber deine Sünde ist offensichtlich.
Wie ist es, dass du dich noch nicht
Mit der tiefsten Schande
In den dunkelsten Vertiefungen
Der Erde verborgen hast?
Oder man könnte dich
In ein fliegendes Tier verwandeln
Und du würdest weit weg
Von diesem Verbrechen fliegen.
Es gibt keinen Platz für dich in einem Leben,
Das von guten Männern gelebt wird.
Höre auf die Natur deines Unglücks, Thorstein!
Du wirst von großen Schmerzen hören,
Aber es wird mir kein Vergnügen sein,
Sie dir zu sagen.
Ich bin gekommen,
Um dir klar zu sagen, Thorstein,
Dass das Herz deines Sohnes
Frei von jeder Schuld ist
Und dass du ihn mit seinem makellosen Ruf
Begraben musst;
Und um dir den Wahnsinn deiner Frau
Oder vielleicht den Edelmut zu erzählen.

(Maria zeigt auf das Venusbild)

Sie wurde von dem Stachel


Dieser Göttinn gestochen,
Ein Ding, das von uns am meisten gehasst wird,
Die sich an der Jungfräulichkeit freuen,
Und so verliebte sie sich
In deinen Sohn Milan.
Dann, als die arme Frau
Mit ihrem eigenen Willen
Venus zu erobern suchte,
Wurde sie ganz zufällig
Durch den Plan ihrer Großmutter gestört,
Die die Wahrheit über ihre Krankheit
An den Sohn verriet,
Nachdem sie ihn dazu gezwungen hatte,
Einen Schwur zu verschwören.
Milan aber hielt die Worte der Großmutter
Nicht zu Recht für richtig,
Aber wie er ein tugendhafter Mann war,
Nahm er ihr den Eid ab,
Obwohl er deinen Ärger
Gegen ihn ertragen musste.
Deine Frau aber fürchtete,
Dass sie in Frage gestellt werden würde,
So schrieb sie diesen Brief der Lügen
Und so, durch diese Betrug,
Zerstörte sie deinen Sohn,
Indem sie dich mit ihren Lügen überzeugte.

THORSTEIN
Ach nein!

MARIA
Tun die Tatsachen dir weh, Thorstein?
Warte denn und hier der Rest von ihnen.
Sie werden dir noch mehr wehtun.
Dein Vater hat dir ein Geschenk
Von drei Flüchen gegeben, Thorstein.
Flüche, deren Ergebnisse garantiert sind.
Das weißt du doch, oder?
Nun, da du der böse Mensch bist,
Bist du, Thorstein, entschlossen,
Einen dieser Flüche
Gegen deinen eigenen Sohn zu verwenden,
Anstatt gegen einen Feind von dir.
Dein Vater, also Gott, der Herr der Heere,
Hat getan, was er tun musste,
Da er dich liebt
Und er dir das Versprechen gemacht hat.
Aber, nach seiner Ansicht und der meinen,
Hast du schlecht gehandelt.
Du hast die Sache überhaupt nicht geprüft,
Noch um die Meinung der Propheten gebeten,
Nicht einmal die Zeit urteilen lassen,
Sondern eiltest schnell,
Um die tödlichen Flüche
Auf deinen Sohn anzuwenden.

THORSTEIN
Oh Madonna! Möge ich auch zerstört werden!

MARIA
Thorstein, obwohl du
Schreckliche Sünden begangen hast,
Gibt es noch Hoffnung für dich,
Um Verzeihung zu erlangen.
Es war Venus, die,
Um ihre Wut zu vollenden,
Dies alles geschehen lassen wollte.
Nun ist die Regel unter uns Himmlischen:
Keiner von uns wird
Gegen den Willen eines anderen handeln.
Stattdessen werden wir beiseite stehen.
Und verstehe das gut, Thorstein:
Hätte ich keine Furcht vor Gott gehabt,
Wäre ich niemals in die Schande gefallen,
Den Sterblichen, den ich am meisten liebte,
Sterben zu sehen.
Du bist von der Anklage,
Böse zu sein, freigesprochen,
Weil du unwissend warst
Und weil durch ihren Tod deine Frau
Alle Hoffnung auf dich geprüft hat,
Die Wahrheit ihrer Worte zu prüfen,
Und so hat sie dich überzeugt.
Nun denn. Diese Sorgen
Fallen hauptsächlich auf dich, Thorstein,
Aber auch ich empfinde den Kummer,
Weil wir, die Himmlischen,
Keine Freude am Tod der Frommen finden.
Aber was die Sünder betrifft,
So zerstören wir sie
Mit ihren Nachkommen und ihren Häusern.

(Auftritt Milan, schwer verletzt und unterstützt von seinen Dienern.)

CHOR DER FRIESISCHEN FRAUEN


Ah! Hier ist der arme Junge! Schaut, wie gequetscht und geschlagen sein junges Fleisch ist! Und
sein blonder Kopf!Oh, Berg der Schmerzen, der auf diese Häuser gefallen ist!:
Die Himmel haben ein doppeltes Elend auf diese Paläste geschickt!

MILAN
Ah! Miserables Schicksal! Ungerechte Flüche, die von einem ungerechten Vater ungerecht geliefert
wurden! Ich bin völlig zerstört! Oh, wie mein zertrümmerter Körper schmerzt! Schmerzen in
meinem Kopf! Schauder dringen mir ins Gehirn! Halt, Freunde! Lasst meinen Körper ausruhen! Ich
bin erschöpft! Ah! Was für ein elender Schmerz ist das! Ach, diese schrecklichen Pferde!
Schreckliche Wagen! Ich habe sie mit meinen eigenen Händen gefüttert! Sie haben mich zerstört!
Sie haben mich getötet! Ah! Sanft, Freunde, sanft! Bei Gott, ich bitte euch, Freunde, vorsichtig mit
meinen Wunden umzugehen! Wer ist hier? Wer ist an meiner rechten Seite? Langsam, sanft,
Männer! Hebt mich sanft. Gleichmäßig über meinen ganzen verstümmelten Körper, Freunde! Ah!
Elender Mensch! Ein Mann, der fälschlicherweise von seinem Vater verflucht wurde. O Gott! Siehst
du das alles, Gott? Siehst du diesen Mann, Gott? Siehst du, wie dieser gottesfürchtige Mann, dieser
keusche Mensch stirbt? Ich bin zerstört! Vergeblich habe ich mein ganzes Leben damit verbracht,
hart daran zu arbeiten, alle Menschen zu respektieren. Ah! Welcher Schmerz ist das! Er breitet sich
durch meinen ganzen Körper aus! Ah! Elender Mensch! Schmerzen quälen diesen armen Mann und
lassen den Tod kommen, um ihn zu heilen! Töte mich, Gott! Töte diesen miserablen Mann! Wie ich
ein scharfes Schwert wünschte, ich möchte mich schneiden und mein Leben zur ewigen Ruhe
bringen! Oh, elender Fluch! Meines Vaters Fluch! Der Fluch und etwas blutverderbendes Böses,
von meinen Vorfahren begangen wurde, die lange tot sind, die Familie, die konnte nicht länger
warten und ist über mich hereingebrochen! Warum, Gott? Warum gerade ich? Warum ein
unschuldiger Mann?Ah! Was gibt es für mich zu sagen, um mein Leben von diesem Schmerz,
dieser grausamen Katastrophe befreien?
Oh, wie ich es wünsche, tot zu sein! Wie ich wünsche, dass der Ewigkeit dunkle Nacht, das
Schicksal des Todes, mich holte! Um diesen armen Elenden schlafen zu lassen!

MARIA
Du armer Mensch!
Wie schrecklich die Katastrophe,
Mit der du gejagt wirst!
Aber es war der Adel deines Geistes,
Der dir diese Zerstörung gebracht hat!

MILAN
Ah! Ein himmlischer Duft!
Meine Göttin!
Obwohl mein Elend groß ist,
Fühle ich, wie deine Gegenwart, Liebe Frau,
Den Schmerz meines Körpers gemildert hat.
Die Jungfrau Maria ist ja da!

MARIA
Ja, mein armer Mann.
Die Jungfrau, die dir am Herzen liegt, ist hier!

MILAN
Oh meine Liebe Frau!
Siehst du den armen Zustand, in dem ich bin?

MARIA
Ich weiß, Milan,
Aber das göttliche Gesetz verbietet mir,
Tränen zu vergießen.

MILAN
Ach, meine Herrin!
Du hast nicht mehr deinen Diener.

MARIA
Nein, Milan,
Aber auch wenn du sterben wirst,
Wirst du noch meine Liebe haben.

MILAN
Es gibt niemanden,
Der für deine Statue sorgt,
Meine schöne Dame!

MARIA
Nein, Milan,
Weil dies der Wille der Venus war.
MILAN
Ah! Jetzt weiß ich,
Welche Macht mich getötet hat!

MARIA
Ihre Ehre wurde angegriffen,
Und sie hasste deine Keuschheit, Milan.

MILAN
Ich kann es jetzt verstehen.
Eine Macht hat alle drei zerstört!

MARIA
Ja, dich und deinen Vater,
Und deines Vaters Frau war die dritte.

MILAN
Und so stöhne ich
Auch wegen meines Vaters Schicksal!

MARIA
Thorstein wurde von einem Dämon getäuscht.

MILAN
Der arme Vater!
Wie schrecklich ist sein Unglück!

THORSTEIN
Das ist das Ende für mich, mein Sohn!
Ich habe keine Freude mehr am Leben.

MILAN
Du hast einen Fehler begangen, Papa, und ich traure mehr um dich, als um mich selbst.

THORSTEIN
Wenn ich nur an deiner Stelle sterben könnte, mein Sohn!

MILAN
Oh, welche Bitterkeit die Geschenke deines Gott-Vaters haben!

THORSTEIN
Wenn nur sie meine Lippen nie erreicht hätten!

MILAN
Aber was dann? Dein Zorn war so groß, Papa, dass du mich doch noch getötet hättest.

THORSTEIN
Ja, mein Sohn. Die Dämonen haben meine Vernunft verrückt gemacht.

MILAN
Ah! Wenn nur Sterbliche die Dämonen verfluchen könnten...
MARIA
Lass es, Milan. Denn selbst in der Finsternis der Erde, wo du begraben liegen wirst, wird der Zorn
der Venus, der über dich, deine Keuschheit und deine Tugend hereingebrochen ist, mit großem
Ruhm belohnt werden. Ich persönlich werde sehen, dass dir Gerechtigkeit von mir gewährt wird,
indem ich meinen Pfeil auf einen anderen Sterblichen schieße, wer auch immer der Teuerste ist.
Und dir, du armer, leidender Mensch, für diese Schmerzen, die du erduldet hast, gebe ich den
höchsten Ruhm in Deutschland. Unverheiratete Mädchen schneiden ihre Haare vor ihrer Hochzeit
ab und im Laufe von vielen Jahren werden sie eine Fülle von Tränen ihrer Trauer für dich ergießen.
Jungfrauen werden dich für immer im Herzen hegen, und sie werden über dich singen und die
Erinnerung an Evis Liebe für dich lebendig erhalten. - Aber du, Thorstein, nimm jetzt deinen Sohn
Milan in deine Arme und halte ihn in deiner Nähe. Du bist nicht für seinen Tod verantwortlich, weil
es nur zu erwarten ist, dass Menschen schwere Sünden begehen, wenn die Dämonen sie verführen. -
Und du, Milan. Ich fordere dich auf, deinen Vater nicht zu hassen, weil du das Schicksal gut kennst,
durch das du zerstört wurdest. Und jetzt muss ich gehen, weil es für mich ungerecht ist, auf die
Toten zu schauen, oder meine Augen mit den letzten Atemzügen des Sterbenden zu verunreinigen,
und ich sehe, armer Mann, du bist schon in der Nähe dieses Unglücks. Lebe wohl, Milan, auf
Wiedersehen!

(Maria fährt gen Himmel.)

MILAN
Lebe wohl auch du, gesegnete Jungfrau! Mögest du nie unsere Tage zusammen vergessen, und da
du dies von mir verlangst, werde ich keine Animosität gegenüber meinem Vater hegen. Ich habe
immer getan, wie du von mir verlangt hast. Ah! Ah! Papa, nimm meinen Körper und lege ihn
gerade. Die Dunkelheit kommt über meine Augen!

THORSTEIN
Mein Sohn, mein armer Sohn! Was tust du mir an?

MILAN
Papa, ich bin weg. Ich sehe die Tore des Himmels!

THORSTEIN
Willst du mich so verlassen, mein Sohn, mit meiner Seele verschmutzt, nachdem ich dein Blut
vergossen?

MILAN
Nein, Papar. Ich habe dich freigesprochen von jeder Schuld an diesem Mord.

THORSTEIN
Was hast du gesagt, Sohn? Sprichst du mich frei vom Mord?

MILAN
Lass die Jungfrau Maria meine Zeugin sein!

THORSTEIN
Mein lieber Sohn! Wie großmütig bist du zu deinem Vater!

MILAN
Papa, verabschiede dich auch, und möge dein Leben voller Freuden sein!
THORSTEIN
Oh, was für eine tugendhafte und tapfere Seele!

MILAN
Dann bete, Papa, dass du Söhne wie mich haben wirst.

THORSTEIN
Nur Mut, mein Sohn! Verlass mich nicht!

MILAN
Mein Mut hat mich verlassen, Papa. Ich bin bereit. Schnell, jetzt bedecke mein Gesicht mit meinem
Mantel!

(Milan stirbt. Thorstein bedeckt das Gesicht seines Sohnes, und nach ein paar Momenten der
Kontemplation wendet er sich an den Chor.)

THORSTEIN
Glorreiches Land von Frisia und der Jungfrau Maria! Du hast einen großen Mann verloren! Und
ich, Venus! In meinem Elend werde ich mich an all die Schmerzen erinnern, die du uns gebracht
hast!

(Thorstein ab.)

CHOR
Diese unerwartete Trauer ist auf alle Bürger gefallen. Die Tränen werden in Fluten für eine lange
Zeit fallen, weil die Trauer des Berühmten ist mächtig.

FÜNFTES STÜCK

MILON

TRAGÖDIE

PERSONEN:

Anna.
Milon.
Evelin.
Paul.
Junge Mädchen.

SZENE I

(Evelin, junge Mädchen.)

EVELIN
Doppelten Schrittes, kommt runter; zögert nicht zu lange, schöne junge Damen. Kommt rein.
Kommt rein. Achtet nicht zu sehr auf eure Kleidung und Haare, wenn eure Aufgabe erledigt ist,
wird die Zeit kommen, euch zu verkleiden. Am Morgen seid wachsam bei der Arbeit.

EIN JUNGES MÄDCHEN


Hier sind wir, und die anderen werden später folgen. Wir sind für dieses Fest aufgewacht; du siehst
uns bereit, das zu tun, was du befiehlst.

EVELIN
Nun, beeil dich mit mir. Wahrlich, es ist halb freudig, halb wütend, dass ich euch zum heutigen
Dienst aufrufe; denn er bringt unserer geliebten Herrin unter dem Gewand der Freude einen
geheimen Schmerz.

DAS JUNGE MÄDCHEN


Ja, und auch uns allen; denn er verlässt uns heute, das kostbare Kind, an das wir seit langem durch
die glücklichste Gewohnheit gebunden sind. Sprich, wie wird die Königin ihn leiden lassen? Wird
sie ihrem Vater dieses liebe Baby kaltblütig zurückgeben?

EVELIN
Schon die Zukunft beunruhigt mich. Der alte Schmerz bleibt immer noch in ihrer Seele; der
doppelte Verlust eines Sohnes und eines Mannes sind Wunden, die noch bluten. Und wenn die
angenehme Gesellschaft dieses Kindes unterbrochen wird, wird sie dann in der Lage sein, ihrem
früheren Leiden zu widerstehen? Während die Geister der Toten meist Einsamen erscheinen,
berührt und erfüllt die kalte und traurige Hand der Trauer Anna mit verlassener Qual. Und an wen
wird sie dieses geliebte Kind zurückgeben?

DAS JUNGE MÄDCHEN


Das ist es, woran ich auch gedacht habe. Sie liebte nie den Bruder ihres Mannes; seine Härte hielt
sie weit weg von ihm. Wir hätten nie gedacht, dass sie den Sohn dieses Bruders geküsst hätte, der
der Gegenstand einer zärtlichen Liebe war.

EVELIN
Wenn es ihr gehörte, dann dieser Tag würde sie für all ihre mütterliche Fürsorge belohnen! Dieses
schöne Kind erhebt sich in den Augen aller Menschen, vor Ungeduld brennend, feierlich aus dem
unteren Kreis der streng bewachten Kindheit, bis zum ersten Grad der glücklichen Jugend: aber
Anna genießt es kaum. Ein ganzes Königreich dankt ihr für ihre Fürsorge, aber leider! Trauer erhält
nur neuen Zugang und Nahrung in ihrem Schoß. Denn für die schwierigsten und edelsten
Bemühungen sammelt der Mensch nicht so viel Freude, wie die Natur leicht mit einem einzigen
Geschenk gibt.

DAS JUNGE MÄDCHEN


Ah! welche schönen Tage hatte sie gelebt, bevor das Glück auf ihrer Schwelle verblasste; bevor es
floh, erfreute es ihren Mann, ihren Sohn, und ließ sie plötzlich desolat zurück!

EVELIN
Vermeiden wir es, durch so lebhafte Beschwerden die Erinnerung an diese Zeit zu erneuern;
schätzen wir die Güter, die ihr im kostbaren Reichtum der Kinder, ihrer nahen Verwandten,
geblieben sind.

DAS JUNGE MÄDCHEN


Nennst du reich diejenige, die fremde Kinder ernährt?
EVELIN
Wenn es ihnen gut geht, ist es immer noch ein Grund zur Freude. Ja, natürlich, sie bekommt eine
schöne Kompensation auf den friesischen Inseln. Hier, an diesem einsamen Ufer, wuchs er schnell
an ihrer Seite auf und gehört nun durch Liebe und Erziehung zu ihr. Sie überlässt nun freiwillig
diesem nahen Verwandten den Teil des väterlichen Königreichs, der ihrem Sohn gehörte; sie wird
ihm sogar eines Tages das überlassen, was sie in Ländern und Schätzen von ihren eigenen Eltern
geerbt hat. Sie bringt ihn in den Besitz all dieser Reichtümer und versucht sanft, sich zu trösten,
indem sie Gutes tut. Es ist besser für das Volk, nur einen einzigen Herrn zu haben, ich habe sie oft
sagen gehört, und viele weitere Worte, mit denen sie das Unglück, das ihr widerfahren ist, in einem
positiven Licht darstellen möchte.

DAS JUNGE MÄDCHEN


Ich glaube, ich habe sie heute glücklich und mit einem ruhigen Auge gesehen.

EVELIN
Es schien mir auch so. Oh! Mögen die Himmlischen ihr Herz in der Freude erhalten, denn den
Glücklichen ist leichter zu dienen!

DAS JUNGE MÄDCHEN


Wenn sie großzügig sind und der Stolz sie nicht verhärtet hat.

EVELIN
So wie Gerechtigkeit uns dazu bringt, unsere Herrin gut zu beurteilen.

DAS JUNGE MÄDCHEN


Ich sah sie glücklich und das Kind noch glücklicher; die goldenen Strahlen des Morgens strahlten
auf ihren Gesichtern. Dann kam mir ein Gefühl der Freude ins Herz, um die dunkle Nacht der
vergangenen Zeiten aufzuhellen.

EVELIN
Lasst uns nicht viel wie Weiber reden, wenn es viel zu tun gibt. Freude darf dem Dienst nicht
schaden, der heute mehr gefragt ist als zu anderen Zeiten. Zeigt eure Freude durch den Eifer, mit
dem jede einzelne schnell ihre Arbeit macht.

DAS JUNGE MÄDCHEN


Gebiete, und wir werden nicht zögern.

EVELIN
Das Herz unserer Prinzessin ist aufgeblüht: Ich habe es bemerkt. Sie will, dass sich ihre Schätze, die
der neuen Generation heimlich vorbehalten waren, jetzt zeigen und leuchten, bis heute gespart; sie
will, dass dieses Fest mit Würde auf Sauberkeit und schöner Ordnung beruht, wie auf zwei
Gefährtinnen. Was mir anvertraut ist, habe ich ausgebreitet: jetzt kümmert euch darum, dass die
Räume selbst dekoriert werden; spreizt die bestickten Teppiche und bedeckt den Boden, die Sitze,
die Tische; verteilt mit Einsicht, was kostbar ist und was nicht; bereitet genügend Platz für viele
Gäste vor und platziere an ihrer Stelle, zum Vergnügen des Auges, die Kelche, die mit Kunst
gearbeitet sind. Auch an Wein und Essen mangelt es nicht, wie es die Prinzessin will, und ich habe
darüber gewacht: Was Fremden angeboten wird, muss von Gnade und Nachdenklichkeit begleitet
werden. Die Männer, wie ich sehe, haben auch ihre Befehle; denn Wagen, Waffen und Panzer
werden in Bewegung gesetzt, um dieses Fest zu feiern.

DAS JUNGE MÄDCHEN


Wir werden gehen.
EVELIN
Gut! Gut! Gut! Ich werde euch jetzt folgen: Der Anblick meines Prinzen lässt mich wieder allein. Er
nähert sich strahlend, wie der Morgenstern. Lasst mich zuerst ihn segnen, denjenigen, der wie ein
neuer Stern des Glücks wirkt und sich über ein ganzes Volk erhebt.

SZENE II

(Milon, Evelin.)

MILON
Bist du da, gute und treue Freundin, die immer an meiner Freude teilnimmt? Siehe, was der
Anbruch dieses Tages mir bringt! Diejenige, die ich so sehr liebe, um sie meine Mutter zu nennen,
will mich heute mit tausend Zeugnissen ihrer Liebe entlassen. Sie gab mir diesen Bogen und zitterte
reichlich erfüllt; ihr Vater hatte ihn von den Ungarn erobert. Schon in meiner frühen Kindheit gefiel
mir dieser Bogen mehr als jede andere Waffe, die an den großen Säulen hängt. Ich bat oft darum,
nicht mit Worten: Ich nahm ihn von der Säule und ließ die nervöse Sehne zittern; dann sah ich mit
einem Lächeln auf meine lieben Verwandten und drehte mich um und verzögerte das
Bogenspannen. Heute ist mein alter Wunsch erfüllt: Er ist jetzt meiner; ich werde ihn mit mir
tragen, wenn ich meinen Vater in die Stadt begleite.

EVELIN
Es ist ein wunderschönes Geschenk! Er erzählt dir eine Menge.

MILON
Was ist es? Was ist es?

EVELIN
Der Bogen ist groß, schwer zu biegen: Wenn ich mich nicht irre, kannst du es noch nicht.

MILON
Das kann ich bald.

EVELIN
Das ist es, was deine gute Pflegemutter auch denkt. Sie vertraut darauf, dass du eines Tages mit der
Kraft eines Mannes weißt, wie man die Sehne gegen die Revolutionäre spannt; gleichzeitig gibt sie
dir eine Meinung mit: Sie hofft, dass du deine Pfeile gegen ein würdiges Ziel richten wirst.

MILON
Oh! Lass mich das nur machen! Ich habe das leichte Reh noch nicht abgeschossen, die schwachen
Vögel im bescheidenen Flug; aber wenn ich es eines Tages kann... (O Gott, lasst es bald sein!...) ich
werde den kühnen Adler aus den Wolken erreichen und fallen lassen.

EVELIN
Wenn du weit weg bist von deinen Meeren, deinen Wäldern, wo du bisher bei uns gelebt hast, wirst
du dich noch an uns und die ersten Freuden deiner Jugend erinnern?

MILON
So bist du unerbittlich? Willst du nicht mit mir kommen? Willst du mir nicht mehr deine Fürsorge
zukommen lassen?
EVELIN
Du gehst dorthin, wohin ich dich nicht begleiten kann, und deine nächsten Jahre beinhalten bereits
nur schwer die Betreuung durch eine Frau; die Zärtlichkeit der Frauen ernährt das Kind: Der
Jugendliche wird besser von Männern erzogen.

MILON
Sag mir, wann wird mein Vater kommen, der mich heute in seine Stadt bringt?

EVELIN
Erst wenn die Sonne bis zum Gipfel des Himmels aufgeht: Der anbrechende Tag hat dich
aufgeweckt.

MILON
Ich habe nicht geschlafen, ich habe nur geschlummert. Ich fühlte turbulente Bewegungen in meiner
Seele, erschüttert von allem, was ich heute zu erwarten habe.

EVELIN
Wie du wünschst, bist du auch begehrt; denn die Augen aller Bürger rufen nach dir.

MILON
Schau, ich weiß, dass die Geschenke, die heute von meinem Vater zu mir kommen, vorbereitet sind.
Weißt du, was die Boten mir bringen?

EVELIN
Vor allem denke ich, wie derjenige, auf den die Augen der Menge gerichtet sind, es tragen muss,
damit seine Augen, die nicht nach innen dringen, sich von außen nähren können.

MILON
Ich hoffe auf etwas anderes, meine Liebe!

EVELIN
Mit Ornamenten und reichem Schmuck wird dein Vater auch heute nicht geizig sein!

MILON
Ich werde diese Dinge nicht verachten, wenn sie kommen; aber du vermutetest, als wäre ich ein
Mädchen. Es ist ein Pferd, das kommen wird, groß, mutig und schnell; was ich mir so lange
gewünscht habe, das werde ich haben, und ich werde es für mich haben. Der große Vorteil, den ich
in der Tat hatte! Früher bin ich manchmal mit dem hier geritten, manchmal mit jenem da: es war
nicht meins! Und an meiner Seite ein alter Diener, der immer zitterte!... Ich wollte zum Pferd
laufen, und er wollte, dass ich zu Hause sicher bin. Ich liebte es nur, mit der Herzogin zu jagen; aber
ich konnte sehen, dass, wenn sie allein gewesen wäre, sie härter galoppiert wäre, und auch ich hätte
gerne allein sein wollen. Nein, dieses Pferd, es wird meins bleiben; ich werde es nach Herzenslust
benutzen. Ich hoffe, dass das Tier jung, glühend und feurig sein wird: es selbst zu trainieren, wäre
mir eine große Freude.

EVELIN
Ich hoffe, wir haben über dein Vergnügen und gleichzeitig über deine Sicherheit nachgedacht.

MILON
Der Mann sucht das Vergnügen in der Gefahr, und bald will ich ein Mannh sein. Ich kann leicht
erraten, dass mir immer noch ein Schwert gebracht wird, ein größeres als das, mit dem ich bei der
Jagd bewaffnet war: ein Kampfschwert. Es biegt sich wie ein Schilfrohr und schneidet einen starken
Ast auf einmal ab. Es durchdringt sogar das Eisen, und es bleibt keine Spur von einem Bruch am
Rand. Der Griff ist mit einem goldenen Drachen geschmückt, und Ketten hängen um sein Maul, als
hätte ihn ein Held besiegt, ihn in einer dunklen Höhle angekettet und ihn gezähmt ins Tageslicht
geschleppt. Ich werde bald die Klinge im nächsten Wald ausprobieren; dort will ich die Bäume
spalten und fällen.

EVELIN
Mit diesem Mut wirst du den Feind besiegen. Damit du ein Freund deiner Freunde bist, möge die
Gnade in dein Herz einen Feuerfunken legen, der mit ihren immer-reinen Händen auf dem
himmlischen Altar lag und zu den Füßen Jehovas brennt!

MILON
Ich möchte ein treuer Freund sein; ich möchte teilen, was von Gott kommt, und wenn ich alles habe,
was mich verzaubert, möchte ich alles bereitwillig allen anderen geben.

EVELIN
Jetzt auf Wiedersehen! Du bist in diesen Tagen sehr schnell für mich gestorben! Lösche eine
Flamme, die den Scheiterhaufen ergriffen hat, die Zeit verschlingt die älteren Menschen schneller
als die Jugend.

MILON
Also möchte ich mich beeilen, um herrliche Dinge zu tun.

EVELIN
Möge Gott dir die Möglichkeit und die hohe Fähigkeit geben, klar zu unterscheiden, was herrlich ist
von dem, was verherrlicht scheint!

MILON
Was willst du mir damit sagen? Ich kann es nicht verstehen.

EVELIN
Worte, wie viele auch immer, würden dieses Gebet nicht erklären: Denn es ist ein Wunsch und ein
Gebet mehr als eine Lektion. Ich gebe es dir an diesem Tag zur Eskorte. Du bist gereist, hast
gespielt, bist die ersten Pfade gegangen, und jetzt gehst du auf den breiteren Pfad. Folge immer
denen, die Erfahrung haben. Ich wäre dir nicht von Nutzen und würde dich nur in die Irre führen,
wenn ich dir, sobald ich eingetreten wäre, auch genau die entfernten Orte beschreiben wollte, an die
du reisen sollst. Der beste Rat, den ich dir geben kann, ist, den richtigen Rat zu befolgen und das
Alter zu respektieren.

MILON
Ich werde es tun.

EVELIN
Bitte Gott um Gefährten, die Guten und Weisen. Beleidige nicht das Glück mit Torheit und Stolz.
Es ist richtig, dass es die Mängel der Jugend begünstigt, aber im Laufe der Jahre verlangt es mehr.

MILON
Ja, ich habe viel Vertrauen in dich, und deine Herrin, so weise sie auch ist, hat, ich weiß auch, viel
Vertrauen in dich. Sie hat dich oft nach verschiedenen Themen gefragt, obwohl du ihr nicht sofort
geantwortet hast.
EVELIN
Wer bei Fürsten alt wird, lernt viel, lernt, vieles geheim zu halten.

MILON
Dass ich gerne bei euch bleiben würde, bis zu dem Tag, an dem ich so klug wäre, wie ich sein
sollte, um nicht zu versagen!

EVELIN
Wenn du dich selbst als solchen betrachtest, gäbe es mehr Gefahr. Ein Prinz sollte nicht in der
Einsamkeit aufgezogen werden. Allein lernen wir nicht, uns selbst zu befehlen, geschweige denn
andere.

MILON
Enthalte mir auch in Zukunft nicht den Rat!

EVELIN
Du wirst ihn haben, wenn du mich um ihn bittest; und selbst ohne zu fragen, wenn du ihn hören
kannst.

MILON
Als ich vor dir am Feuer saß und du mir von den Taten der alten Tage erzähltest; als du einen guten
Menschen lobpriesest; als du den Wert eines edlen Herzens erhoben habt; da fühlte ich ein Feuer,
das durch mein Mark und in meinen Adern floss; ich sagte in den Tiefen meiner Seele: Oh, wäre ich
der Mann, von dem sie so spricht!

EVELIN
Oh! Kannst du dich mit gleicher Leidenschaft auf die Höhe erheben, die zugänglich ist? Das ist der
beste Wunsch, den ich dir mit diesem Abschiedskuss machen kann. Liebes Kind, sei glücklich!...
Ich sehe, wie sich die Herzogin nähert.

SZENE III.

(Milon, Anna, Evelin.)

ANNA
Ich finde dich hier in einem freundlichen Gespräch.

EVELIN
Die Trennung lädt uns ein, das Band der Freundschaft zu erneuern.

MILON
Evelin liegt mir am Herzen: Sie zu verlassen wird schmerzhaft sein.

ANNA
Heute wirst du den schönsten Empfang erleben: Du wirst endlich erfahren, was du bisher verpasst
hast.

EVELIN
He, hast du noch ein paar Befehle zu geben? Ich betrete den Palast, wo viele Dinge überwacht
werden müssen.
ANNA
Ich habe nichts zu sagen, Evelin, nichts für heute. Denn immer muss ich nur billigen, was du tust.

SZENE IV

(Anna, Milon.)

ANNA
Und du, mein Sohn, sei glücklich in dem Leben, das dich erwartet! So lebhaft ich dich liebe, trenne
ich mich von dir zufrieden und ruhig. Ich war schon bereit, mich von meinem eigenen Sohn zu
trennen, mit meinen zarten mütterlichen Händen die strenge Pflicht zu erfüllen. Bis heute bist du
derjenigen gefolgt, die dich geliebt hat: Geh jetzt, lerne zu gehorchen, lerne zu befehlen.

MILON
Ich gebe dir tausend Gnaden, o Beste der Mütter!

ANNA
Belohne deinen Vater, der in seiner Güte mir den charmanten Anblick deiner frühen Jahre schenkte
und mich mit dem süßen Genuss deiner liebenswürdigen Jugend verband, meinem einzigen Trost,
als mich das Schicksal so grausam verwundet hatte.

MILON
Ich habe mich oft bei dir beschwert; oft haben meine innigen Wünsche für dich einen Sohn, für
mich einen Cousin gewünscht. Was für einen Gefährten ich in ihm gehabt hätte!

ANNA
Er war nicht viel älter als du. Gleichzeitig versprachen die beiden Mütter den beiden Brüdern einen
Erben. Ihr seid erwachsen geworden; ein neues Licht der Hoffnung erleuchtete das alte Haus der
Ahnen und strahlte auf das riesige Herzogtum, ein gemeinsames Erbe; in den beiden Herzogen
wurde ein neuer Wunsch geweckt, zu leben, weise zu regieren und mit Kraft Krieg zu führen.

MILON
In der Vergangenheit führten sie oft ihre Armeen auf dem Feld an; warum nicht heute? Die Waffen
meines Vaters ruhen schon lange.

ANNA
Der junge Mann kämpft dafür, dass der alte Mann kommt. Dann teilte er mit meinem Mann, um die
Feinde jenseits des Meeres abzuwehren; er brachte Verwüstung in ihre Städte: wie ein junger Gott.
Eifersucht wartete tückisch auf ihn und all die Schätze meines Lebens. Mit freudiger Leidenschaft
übernahm er seine Armee; er ließ seinen lieben Sohn an den Brüsten der Mutter zurück. Wo schien
das Kind sicherer zu sein als dort, wohin es Gott selbst gelegt hatte? Dort war es, als er es verließ
und zu ihm sagte: Werde erwachsen und gedeihe, und komm, stottere deine ersten Worte, versuch
deineersten Schritte, an der Schwelle, triff deinen Vater, der bald glücklich und siegreich
zurückkehren wird! - Es war ein nutzloser Wunsch.

MILON
Dein Schmerz packt mich, wie die Leidenschaft, die in deinem Inneren leuchtet. Deine Augen
können mich entzünden.

ANNA
Er fiel im Laufe seines Sieges, überwältigt von einem tückischen Hinterhalt. Da badeten meine
brennenden Tränen meinen Busen am Tag, in der Nacht mein einsames Bett. Meinen Sohn in meine
Arme zu drücken, um über ihn zu weinen, war die Erleichterung meines Elends; und auch er sah
den Vater aus meinem Herzen gerissen werden!... Ich konnte es nicht ertragen, ich konnte es noch
nicht ertragen.

MILON
Gib dich nicht dem Schmerz hin und erlaube mir, auch für dich etwas zu sein.

ANNA
O eine Frau ist kurzsichtig, die auf diese Weise zerstört all deine Hoffnungen!

MILON
Warum sich selbst beschuldigen, wenn man nicht schuldig ist?

ANNA
Für leichte Fahrlässigkeit zahlen wir oft zu viel. Ich erhielt Nachrichten über Nachrichten von
meiner Mutter; sie rief mich an und lud mich ein, meinen Schmerz mit ihr zu lindern. Sie wollte
meinen Sohn sehen, der auch der Trost ihres hohen Alters war. Die Geschichten und Gespräche, die
Wiedererzählung und Erinnerung an vergangene Zeiten sollten dann den tiefen Eindruck meines
Leidens schwächen. Ich ließ mich überzeugen und ging.

MILON
Sag mir den Ort, sag mir, wo das Abenteuer stattgefunden hat.

ANNA
Du kennst die Inseln, die vom Land aus zu sehen sind: Dort gehe ich meinen Weg. Das Gebiet
schien vollständig von Feinden und Seeräubern befreit zu sein. Nur wenige Diener begleiteten
mich, und eine Frau war an meiner Seite. Am Eingang zum Hafen erhebt sich ein Felsen; eine alte
Eiche umgibt ihn mit ihren starken Zweigen, und von seiner Seite fließt eine klare Quelle. Dort
hielten die Diener im Schatten an; sie tränkten die entkoppelten Pferde wie üblich und zerstreuten
sie. Der eine suchte nach dem Honig, der im Wald destilliert wurde, um uns wiederherzustellen; der
andere hielt die Pferde in der Nähe der Quelle; der dritte schüttelte einen frischen Fächer von
Zweigen. Plötzlich hören sie die fernsten Schreie; der nächste kommt herbei, und ein Kampf
beginnt zwischen meinen unbewaffneten Dienern und mutigen und gut bewaffneten Männern, die
aus dem Wald kommen. Meine Treuen fallen in energischer Verteidigung; der Kutscher selbst, der,
von Entsetzen ergriffen, die Pferde entkommen lässt und mit Steinen hartnäckig der Gewalt
widersteht. Wir fliehen, dann halten wir an. Die Seeräuber glauben, dass sie mein Kind leicht
mitnehmen können, aber der Kampf ist hart. Wir kämpfen mit Wut und verteidigen diesen Schatz.
Ich umarme meinen Sohn mit den unauflöslichen Fesseln der mütterlichen Arme. Meine Partnerin,
die schrecklich schreit, stoppt mit ihren schnellen Händen die Gewalttaten. Schließlich, absichtlich
oder zufällig von einem Schwert getroffen, ich weiß nicht, ich falle bewusstlos zu Boden; ich lasse
das Kind mit dem Gefühl aus meinem Schoß entwischen, und meine Partnerin fällt schwer verletzt.

MILON
Oh! Warum sind wir Kinder! Warum sind wir so weit weg, wenn eine solche Hilfe nötig ist? Meine
Fäuste werden von dieser Geschichte geballt. Ich höre die Frauen schreien: Hilfe! Rache! - Ist es
nicht wahr, meine Mutter, dass wen Gott liebt, den führt er an den Ort, an dem er gebraucht wird?

ANNA
Die Gefahr sucht das edle Herz, und das edle Herz sucht die Gefahr; also müssen sie sich treffen.
Leider! und die Gefahr überrascht auch die Schwachen, die nichts mehr haben als die Schreie der
Verzweiflung. So wurden wir von den Fischern der Insel gefunden; sie verbanden meine Wunden;
ihre vorsichtigen Hände brachten mich zurück vom Sterben; ich kam zurück und lebte. Mit
welchem Entsetzen betrat ich mein Zuhause, wo Schmerz und Trauer zu Hause saßen! Das opulente
Herzogshaus schien mir vom Feind verzehrt und verwüstet zu sein, und mein Leiden ist immer noch
still.

MILON
Hast du jemals erfahren, ob es ein Verräter, ein Feind war, der das getan hat?

ANNA
Dein Vater schickte plötzlich Boten von allen Seiten; er zeigte die Küsten den bewaffneten Leuten;
aber es war vergeblich, und nach und nach, als ich heilte, wurde der Schmerz grausamer, und ein
unbezwingbarer Zorn packte mich. Ich verfolgte die Verräter mit den Waffen der Schwachen: Ich
rief Donner herab, ich rief die Wellen an, ich rief die Gefahren herbei, die, um großes Unheil zu
stillen, auf die Erde kommen. O Gott, rief ich, nimm mit deinen gerechten Händen den Tod, der
blind und ohne Gesetz auf dem Meer und der Erde wandelt und sie vor sich herschiebt, wohin
immer er seine Schritte trägt! Entweder kehrt er mit seinem gekrönten Haupt und seinen fröhlichen
Gefährten von einem Fest zurück; oder er überschreitet, schwer mit Beute beladen, die Schwelle
seines Hauses; das Schicksal soll sich ihm zeigen, mit bewegungslosem Blick, und ihn ergreifen! -
Der Fluch war die Stimme meiner Seele, der Fluch die Sprache meiner Lippen.

MILON
Oh, wie glücklich wäre es, was auch immer die Himmlischen geben würden, um die glühenden
Wünsche deiner Wut zu erfüllen!

ANNA
Nun, mein Sohn! Lerne mein Schicksal in ein paar Worten, denn es wird deines sein. Dein Vater
nahm mich gut auf; aber zuerst spürte ich, dass ich jetzt in seinem Herrschaftsgebiet lebte und dass
ich zu seinen Gunsten für das, was er mir geben würde, verpflichtet sein werde; ich ging bald zu
meiner Mutter und lebte ruhig bei ihr, bis zu dem Tag, an dem Gott sie zu sich rief. Da wurde ich
Herrin über das, was sie und mein Vater mir hinterlassen hatten. Ich suchte unnötigerweise nach
Nachrichten über meine verlorenen Lilien. Wie viele Fremde kamen und machten mir falsche
Hoffnungen! Ich war immer bereit, dem letzten zu glauben. Er war angezogen und gefüttert, und am
Ende log er wie die ersten. Mein Reichtum zog Verehrer an; viele kamen von nah und fern, um
mich zu belagern. Meine Neigung führte mich dazu, allein zu leben, mit Leidenschaft, den Schatten
des Totenreichs verbunden zu werden; aber die Notwendigkeit befahl mir, den Mächtigsten zu
wählen, weil eine Frau allein wenig Macht hat. Um mit deinem Vater zu sprechen, ging ich in seine
Stadt. Ich gestehe dir, dass ich ihn nie geliebt habe; aber ich konnte mich immer an seine Vorsicht
binden. Dort habe ich dich gefunden, und auf den ersten Blick habe ich dir meine ganze Seele
gewidmet.

MILON
Ich kann mich noch erinnern, wie du gekommen bist. Ich warf den Ball, mit dem ich spielte, weit
weg und rannte, um über den Gürtel deines Kleides nachzudenken, und ich wollte mich nicht von
dir trennen, als du ihn mir zeigst und wieder zeigtest und mich die Tiere kennen ließest, die sich
verflechten darauf. Es war eine schöne Arbeit, und ich sehe sie immer noch gerne.

ANNA
Dann sprach ich zu mir selbst und betrachtete dich, wie ich dich auf die Knie genommen hatte: Das
war das Bild, das meine Wünsche, die die Zukunft vorwegnahmen, in meinem Haus aufgenommen
hatten; es ist ein Kind wie dieses, das ich oft gesehen habe, in Gedanken, in der Nähe des Kamins,
auf dem alten Sitz meiner Ahnen; so hoffte ich, ihn zu führen, ihn zu leiten, ihn zu unterweisen,
indem ich seine lebendigen Fragen beantwortete.

MILON
Es geht darum, was du mir gegeben hast, was du für mich getan hast.

ANNA
Hier ist es! sagte mein Herz zu mir, als ich deine Stirn mit meinen streichelnden Händen drückte
und deine geliebten Augen mit Leidenschaft küsste. Hier ist es! Er gehört nicht dir, aber zu deiner
Familie; und wenn Gott dein Gebet erhört und ihn aus den verstreuten Steinen der Erde geformt hat,
wird er dir gehören und das Kind deines Herzens sein; er ist der Sohn, den dein Herz begehrte.

MILON
Seitdem habe ich dich nicht mehr verlassen.

ANNA
Du kanntest und liebtest bald diejenige, der dich liebte. Dein Wächter kam, um dich zum Schlafen
zu bringen, zur üblichen Zeit. Wütend, ihm zu folgen, umarmte ihr euch gegenseitig oder auch
meinen Hals mit beiden Armen, und du konntest dich nicht von meinen Busen lösen.

MILON
Ich erinnere mich noch an meine Freude, als du mich mitgenommen hast, und ach, als du gegangen
bist.

ANNA
Dein Vater war schwer zu überzeugen. Ich habe lange Zeit viele Versuche unternommen; ich habe
versprochen, dich als meinen eigenen Sohn zu behalten. Überlass das Kind mir, sagte ich, bis die
Jugend ihn zu einem ernsthaften Leben ruft. Möge es das Ziel all meiner Wünsche sein; ich werde
meine Hand den Fremden ablehnen, wer auch immer es sein mag; ich werde in Witwenschaft leben
und sterben. Möge mein Erbe für deinen Sohn ein schöner Teil dessen sein, was er hat. - Also
schwieg dein Vater und dachte über die Zinsen nach. Da schrie ich auf: Nimm die Inseln ohne
Verzögerung, nimm sie als Pfand. Stärke dein Herzogtum; beschütze meines; behalte es für deinen
Sohn. - Er entschied schließlich, denn der Ehrgeiz hat ihn immer dominiert, ebenso wie der Wunsch
zu führen.

MILON
Oh! verurteile ihn nicht: Wie die Engel zu sein, ist der Wunsch von großen Herzen.

ANNA
Von da an gehörtest du mir. Oft habe ich mir vorgeworfen, in dir und durch dich eine Aufweichung
meines schrecklichen Verlustes spüren zu können. Ich nährte dich; Liebe, aber auch Hoffnung,
verbindet mich fest mit dir.

MILON
Oh! Darf ich deine Erwartungen erfüllen?

ANNA
Es ist nicht diese Hoffnung, die im strengen Winter unsere Köpfe mit Frühlingsblumen krönt; die
vor den blühenden Bäumen über die üppigen Früchte lächelt: Nein, das Unglück hatte meine
Wünsche in meinem Schoß verwandelt und in mir den immensen Wunsch nach Zerstörung
geweckt.
MILON
Verheimliche mir nichts. Sprich: Damit ich alles weiß!

ANNA
Es ist Zeit, du kannst es kennen lernen: hör zu. Ich sah dich aufwachsen, und ich beobachtete
schweigend die Dynamik und schöne Energie deiner naiven Zuneigung. Dann rief ich: Ja, er wurde
für mich geboren! In ihm finde ich den Rächer des Verbrechens, das mein Leben ruiniert hat.

MILON
Ja! Ich werde nicht ruhen, bis ich die Schuldigen entdeckt habe, und die wütende, ungezügelte
Rache wird mit Erinnerung auf seinen kriminellen Kopf losgelassen.

ANNA
Ich will dein Versprechen, deine Gelassenheit. Ich führe dich zum Altar des Gottes dieses Hauses.
Dieser Gott gab dir ein glückliches Wachstum; er ruht, er neigt sich nieder, in der Nähe des
benachteiligten Hauses, und hört uns an.

MILON
Ich ehre ihn und würde ihm gerne die einfachen Geschenke der Anerkennung anbieten.

ANNA
Ein tiefes Mitleid dringt in die wohltätigen Herzen der Engel ein, wenn die letzte Flamme des
Kamins, den sie lange Zeit geschützt hatten, erlischt. Keine neue Familie lässt eine heftig genährte
Flamme im Haus erstrahlen; vergeblich, mit einem himmlischen Atemzug, erhellen sie den
rauchenden Überrest: Die Asche wird in die Luft gestreut; die Glut wird gelöscht. Verbunden mit
den Schmerzen der Sterblichen, schauen sie dich an, ihre Köpfe neigen sich, und sie widersetzen
sich nicht, mich zu verleugnen, wenn ich zu dir rufe: Hier, auf diesem friedlichen Altar, wo nie Blut
floss, verspreche, fluche Rache!

MILON
Hier bin ich! Was du verlangst, werde ich gerne tun.

ANNA
Unermüdlich kommt und geht die Rache; sie breitet ihre Diener bis an die Enden der bewohnten
Erde aus, um den gebogenen Kopf der Schuldigen zu bedrohen. Sie dringt sogar in die Wüsten ein,
um zu suchen, ob es in den letzten Höhlen kein Versteck für einen Verbrecher gibt; sie wandert hier
und da und geht vor ihm vorbei, bevor sie ihn erreicht. Von seinem Herzen aus steigen das geheime
Zittern herab, und der böse Feldweg mit Qualen aus den Palästen in die Kirche, aus den Kirchen
unter den weiten Himmel, wie ein besorgter Patient sein Bett wechselt. Das Flüstern der süßen
Morgenbrisen in den Zweigen scheint ihn zu bedrohen; oft lehnt sie sich aus dem Schoß der Wolken
zu seinem Kopf und schlägt ihn nicht; oft wendet sie sich von dem zitternden Täter ab, der das
Gefühl seines Verbrechens hat. Auf ihrem unsicheren Flug kehrt sie zurück und begegnet seinem
Blick. Vor ihrem imposanten, zwingenden Auge zieht sich das feige Herz, das vor schmerzhaftem
Krämpfen pulsiert, in der Brust zusammen, und das warme Blut fließt von den Gliedern in die
Brust, wo es gefriert und erstarrt. So kannst du, wenn Gott es mir eines Tages gewährt, wenn sie mit
ihrem schrecklichen Finger auf dich zeigen, dich, mit bedrohlicher Stirn, diesem Übeltäter zeigen!
Zähle langsam auf seiner Glatze meine Jahre des Leidens. Möge Mitleid, Nachsicht und Mitgefühl
für den menschlichen Schmerz, Gefährten guter Fürsten, sich weit wegziehen und sich verstecken,
auch wenn du es wünschst, sollst du ihre Hände nicht ergreifen. Berühre den heiligen Altar und
fluche, um das volle Ausmaß meiner Gelübde zu erfüllen.

MILON
Von ganzem Herzen... Ich schwöre es!

ANNA
Aber lasst ihn nicht allein dazu verdammt sein, von deiner Hand zu sterben: auch seine eigenen, die
um ihn herum und nach ihm sein irdisches Glück stärken, wirst du dazu bringen, nur Schatten der
Hölle zu sein. Wenn er längst in das Grab herabgestiegen ist, führe seine Kinder und Enkelkinder zu
seinem verlassenen Grab: Dort wirst du ihr Blut vergießen, damit es, wenn es fließt, seinen Schatten
zum Schuppen heraufziehst; dass er sich von ihnen in der Dunkelheit ernährt, und dass schließlich
diese Gesellschaft, die entrüstet stirbt, in einem Tumult erwacht. Möge sich der Schrecken auf
Erden auf alle geheimen Verräter ausbreiten, die glauben, dass sie in ihren Verstecken Frieden
finden! Möge keiner von ihnen die Augen vom Schoß der Qualen abwenden und sich Sorgen um
das friedliche Dach seines ruhigen Hauses machen! Niemand soll hoffnungsvoll auf die Tür des
Grabes schauen, das sich für alle einmal von selbst öffnet, und deshalb, unbeweglich, unflexibler als
geschmolzenes Messing, trennet Freuden und Sorgen von ihm für immer! Wenn er seine Söhne
segnet, indem er stirbt, dann lasse die letzte Bewegung des Lebens in seiner Hand aufhören und
lasse ihn zittern, die sich bewegenden Locken dieser geliebten Köpfe zu berühren! Bei diesem
kalten, festen, heiligen Stein des Altars schwöre, das volle Ausmaß meiner Wünsche zu erfüllen!

MILON
Mein Herz war noch frei von Rache und Wut, denn ich fühlte keine Ungerechtigkeit; wenn es in
unseren Spielen leicht Streitigkeiten gab, wurde noch leichter Frieden noch vor dem Abend
gemacht: Du hast in mir entzündet, was ich nie gespürt habe; du hast meinem Herzen einen
schweren Schatz anvertraut; du hast mich zur erhabenen Würde des Helden erhoben, damit ich
mich nun mit einem härteren Gang ins Leben beginne und weiß, was ich zu tun habe. Ja, ich
schwöre dir, an diesem heiligen Ort, beim ersten und treuesten Eid meiner Lippen, dir und deinem
Dienst den ersten und glühendsten Zorn meines Herzens für immer zu weihen.

ANNA
Lass mich, mein Treuer, mit diesem zarten Kuss das Siegel all meiner Wünsche auf deine Stirn
stempeln. Und jetzt gehe ich vor dem hohen Tor zur heiligen Quelle, die aus dem geheimnisvollen
Stein sprudelt und den Fuß meiner alten Mauern badet. Ich bin gleich wieder da.

SZENE V

(Milon allein.)

MILON
Ich verspüre den Wunsch zu sehen, was ihr Ziel ist. Sie denkt, sie hält vor der klaren und
sprudelnden Welle an und scheint zu meditieren; sie wäscht ihre Hände sorgfältig, dann ihre Arme;
sie badet ihre Stirn, ihre Brüste; sie hebt ihre Augen zum Himmel; sie sammelt das frische Wasser
in der Handfläche und gießt es dreimal feierlich über die Erde. Welche Weihe will sie bewirken? Sie
lenkt ihre Schritte auf die Schwelle: Sie kommt.

SZENE VI

(Anna, Milan.)

ANNA
Ich möchte dir nochmals danken, mit einem Gefühl der Freude und der Wonne.
MILON
Und warum?

ANNA
Weil du mich von der Last meines Lebens befreit hast.

MILON
Ich? Ich?

ANNA
Hass ist eine schwere Last: Er drückt das Herz auf den Boden der Brust, und wie ein Grabstein
lastet er schwer auf allen Freuden. Nicht nur in der Not ist der reine, angenehme Strahl der
freudigen Liebe der einzige Trost: Wenn er sich in Wolken hüllt, leuchtet leider das schwebende
Gewand des Glücks und der Freude nicht mit freudigen Farben. Wie in die Hände Gottes habe ich
meinen Schmerz in deine Hände gelegt, und ich erhebe mich leise und über das Gebet hinaus. Ich
wusch mich von dem unreinen Kontakt mit der rachsüchtigen Wut; die Welle, die alles reinigt, trägt
diesen Flecken weg; ein geheimnisvoller Keim der friedlichen Hoffnung steigt auf, wie er über die
erlöste Erde aufsteigt, und schaut schüchtern auf das Licht, das sie mit Grün färbt.

MILON
Gib mir dein Vertrauen! Du darfst mir nichts verheimlichen.

ANNA
Ist er noch unter den Lebenden, den ich schon lange beweint habe, als wäre er zu den Toten
hinabgestiegen?

MILON
Dreimal willkommen, wie es uns gefallen mag!

ANNA
Sprich; sei aufrichtig! Kannst du versprechen, dass er lebt, dass er zurückkommt und sich uns zeigt,
dass du ihm bereitwillig die Hälfte zurückgeben wirst, die ihm gehört?

MILON
Von ganzem Herzen.

ANNA
Dein Vater hat es mir auch geschworen.

MILON
Und ich verspreche und schwöre bei deinen geweihten und heiligen Händen.

ANNA
Und ich empfange für den Abwesenden deinen Eid, dein Versprechen.

MILON
Sag mir jedoch, an welchem Zeichen soll ich ihn erkennen?

ANNA
Wie Gott ihn bringen wird, was für ein Zeugnis er ihm geben wird, das weiß ich nicht: aber denk
daran, dass zu der Zeit, als die Seeräuber ihn mir weggenommen haben, eine kleine Goldkette,
dreimal elegant verdreht, um seinen Hals gehängt wurde, und an der Kette war ein Bild der
Jungfrau Maria künstlerisch graviert.

MILON
Ich werde mich daran erinnern.

ANNA
Ich kann dir noch ein weiteres Zeichen geben, das schwer nachzuahmen ist, und ein völlig
unwiderlegbares Zeugnis der Verwandtschaft.

MILON
Sag es mir deutlich.

ANNA
Er trägt einen braunen Fleck auf seinem Hals, wie ich es auch bei dir bemerkt habe mit einer
freudigen Überraschung. Von deinem Großvater wurde dieses Zeichen an die beiden Enkel
weitergegeben, die für beide Väter unsichtbar blieben. Hüte dich davor und beobachte sorgfältig
dieses sichere Zeichen heimischer Tugend.

MILON
Niemand kann sich gegen ihn erheben und mich täuschen.

ANNA
Möge es für dich schöner sein als das Ziel der Rache, dieser Blick auf die letzte Not deines
Geschlechts! Auf Wiedersehen! Auf Wiedersehen! Hundert Mal wiederhole ich, was ich zum letzten
Mal mit Bedauern sage, und doch muss ich dich verlassen, liebes Kind. Die geheime und tiefe
Kontemplation deines zukünftigen Schicksals schwebt, wie eine Göttin, zwischen Freude und
Schmerz. Niemand betritt diese Welt, für die keiner von uns viel übrig hat, und wie die Großen mit
großem Maß. Aber das Leben überwindet alles, wenn die Liebe in ihrer Balance ist. Solange ich
weiß, dass du auf Erden bist, dass dein Auge das süße Licht der Sonne sieht und dass deine Stimme
im Ohr eines Freundes ertönt, obwohl du weit von mir entfernt bist, wird mir nichts das Glück
nehmen. Magst du deine Reise verlängern, damit ich eines Tages, vereint mit meinem geliebten
Schatten, gerne lange auf dich warte, und dass Gott dir jemanden gibt, der dich liebt, wie ich dich
liebe! Komm schon, viele Worte nützen denen, die sich trennen, nichts. Lass uns für die Zukunft die
Schmerzen der Zukunft reservieren, und möge dieser Tag eines neuen Lebens für dich freudig sein.
Die Boten, die der Herzog uns schickt, werden nicht lange auf sich warten lassen. Sie werden bald
kommen, und ich warte auch auf ihn. Komm, lass uns sie empfangen und uns mit den Gaben und
Gedanken, die sie bringen, verbinden.

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AKT II

SZENE I

(Paul allein.)

PAUL
Ich komme aus einer Stadt voller Erwartungen, unglücklicher Diener eines glücklichen Herrn. Er
schickt mich im Voraus mit vielen Geschenken an seinen Sohn, und er wird in ein paar Stunden in
meine Fußstapfen treten. Bald werde ich das Gesicht eines glücklichen Kindes sehen; aber ich
werde meine Stimme nur mit dem Vorwand erheben, mich mit der universellen Freude zu
verbinden; ich werde mich unter freudigen äußerst mysteriösen Schmerzen verbergen. Denn hier
trage ich nach einem alten Verrat ein lebendiges Geschwür, das das blühende Leben, das alle meine
Kräfte nährt, in meinem Schoß verzehrt. Ein Herzog sollte niemanden als Komplizen für seine
kühnen Bemühungen haben. Was er tut, um ein Herzogtum und einen Kranz zu erwerben und zu
festigen, was für ein Herzogtum und einen Kranz angemessen sein mag, ist im Instrument ein
leichter Verrat. Und doch lieben sie Verrat und hassen den Verräter. Wehe ihm! Ihre Gunst stürzt uns
in Trunkenheit, und wir haben leicht die Gewohnheit, zu vergessen, was wir unserer eigenen Würde
verdanken. Der Gefallen scheint so teuer zu sein, dass wir unseren persönlichen Wert viel zu wenig
im Gegenzug schätzen. Wir fühlen uns mit einer Handlung verbunden, die unserem Herzen fremd
war; wir glauben, dass wir verbunden sind und dass wir Sklaven sind. Auf unserem Rücken schlägt
der Reiter wie auf das Pferd, und er fliegt zu seinem Ziel, bevor wir unser besorgtes Gesicht vom
Boden gehoben haben. Das schreckliche Geheimnis ist, dass ich mit meinen Lippen verschließe.
Wenn ich es offenbare, bin ich ein doppelter Verräter; wenn ich es verberge, ist der schändlichste
Verrat triumphierend. Begleiter meines ganzen Lebens, stilles Geheimnis, willst du in diesem
Moment deinen mächtigen und weichen Finger von meinem Mund nehmen? Sollte ein Geheimnis,
das ich wie einen schmerzhaften Feind bewahre, aus meinem Herzen entkommen lassen und wie
ein anderes gleichgültiges Wort in die Luft atmen? Du bist grausam und lieb zu mir, Gewissen: Du
stärkst mich, indem du mich quälst. Aber die Zeit der Reife wird bald für dich kommen. Ich zweifle
immer noch, und wie schmerzhaft der Zweifel auch ist, wenn unser Schicksal von der Auflösung
abhängt! O Gott, gib mir ein Zeichen! Löse meine Zunge los oder fessle sie, wie du willst.

SZENE II

(Milan, Paul.)

MILAN
Willkommen, Paul, der mir seit langem für deine Sanftmut und Selbstzufriedenheit bekannt ist; sei
heute der sehr willkommene! Oh! Sag mir, welche Neuigkeiten bringst du mir? Wird er bald
kommen? Wo sind die Deinen? Wo sind die Diener des Herogs? Kannst du mir sagen, was dieser
Tag für mich bereithält?

PAUL
Mein lieber Prinz! Wie? Erkennst du deinen alten Freund auf Anhieb? Und ich muss mir nach der
kurzen Abwesenheit von einem Jahr sagen: Ist er es? Ist er es wirklich? - Das Alter hört auf wie ein
alter Baum, der, wenn er nicht austrocknet, immer gleich aussieht; aber du, liebes Kind, jeder
Frühling entwickelt neue Reize auf deinem lieben Gesicht. Wir möchten, dass du so bleibst, wie du
bist, und immer genießen, was aus dir wird. Bald werden die Boten kommen, auf die du zu Recht
wartest; sie werden dir Geschenke von deinem Vater bringen, die deiner und dieses Tages würdig
sind.

MILON
Ich entschuldige mich für meine Ungeduld. Ich konnte schon seit vielen Nächten nicht mehr
schlafen. Schon mehrmals am Morgen bin ich an den Strand gelaufen und schaue um mich herum,
und ich schaue in die Ebene, als ob ich diejenigen sehen würde, die kommen sollen, und ich weiß,
dass sie noch nicht ankommen. Jetzt, da sie bereit sind, will ich es nicht, und ich werde sie treffen.
Kannst du die Schritte der Pferde hören? Hörst du den Schrei?

PAUL
Noch nicht, mein Prinz; ich habe sie weit zurückgelassen.

MILON
Sag mir, ist es schön, das Pferd, das mich heute tragen soll?

PAUL
Es ist ein weißes Pferd, weise und hell wie Licht.

MILON
Ein weißes Pferd, sagst du? Soll ich dir glauben? Muss ich es dir sagen? Ich hätte lieber ein
schwarzes.

PAUL
Du kannst es haben, wenn du nach ihm fragst.

MILON
Ein dunkles Pferd greift den Boden mit viel mehr Feuer an. Denn wenn ich geliebt werden soll,
muss er gezwungen werden, hinter anderen festgehalten zu werden; er darf keinen Reiter vor sich
haben; er muss vor den wehenden Fahnen aufsteigen; er darf keine Angst vor den abgesenkten
Speeren haben, und er muss die Trompete mit schnellem Wiehern beantworten.

PAUL
Ich kann sehen, mein Prinz, dass ich Recht hatte und dich gut kannte. Dein Vater war
unentschlossen, was er dir schicken sollte. O Meister, sagte ich zu ihm, keine Sorge; hier gibt es
genug Festtagskleidung und Ornamente: Alles, was du tun musst, ist, ihm viele Waffen und alte
Schwerter zu schicken. Wenn er sie heute nicht bewältigen kann, wird die Hoffnung sein Herz
höher schlagen lassen, und seine zukünftige Stärke wird im Voraus in seiner jungen Hand
erschaudern.

MILON
Oh! Was für eine Freude! O Tage lang erwartet! Tag der Freude! Und dir, mein alter Freund, wie
sehr ich dir danke! Wie soll ich dich dafür belohnen, dass du dich nach meinen Wünschen um mich
kümmerst?

PAUL
Es kommt darauf an, dass du mir und vielen Menschen Gutes tust.

MILON
Sprich, ist das die Wahrheit? Werde ich das alles haben? Und bringen sie mir das alles?

PAUL
Ja, und noch mehr.

MILON
Mehr als das?

PAUL
Noch viel mehr. Sie bringen dir, was Gold nicht kaufen kann, was das stärkste Schwert nicht
erobern kann; diesen Schatz, auf den niemand gerne verzichtet, und der Stolze und der Tyrann
ernähren sich von seinem Schatten.

MILON
Oh! Nenne mir diesen Schatz und lass mich nicht vor diesem Rätsel hängen!

PAUL
Die edlen Jugendlichen, die Kinder, die heute kommen, um dir zu begegnen, bringen dir
hingebungsvolle Herzen, voller Hoffnung und Zuversicht, und ihre freudigen Gesichter sind die
Vorzeichen von tausend und abertausend anderen, die dich erwarten.

MILON
Rasen die Menschen bereits durch die Straßen?

PAUL
Jeder vergisst seine Dinge, seine Arbeit, und der lässigste ist abgehoben: Er hat nur ein dringendes
Bedürfnis, dich zu sehen, und jeder glaubt inzwischen, dass er zum zweiten Mal den glücklichen
Tag feiert, der dir das Leben gegeben hat.

MILON
Mit welcher Freude werde ich diese glücklichen Freunde treffen!

PAUL
Oh! Mögen ihre Augen in die Tiefen deiner Seele eindringen! Denn ein solcher Blick ist nicht auf
andere gerichtet, nicht einmal auf den Herzog. Was der alte Mann gerne über die guten alten Zeiten
erzählt, was der junge Mann in Zukunft für sich erträumt, die Hoffnung, die schönste Krone zu
flechten, das hält sie, als Versprechen, am gesetzten Ziel für ihre Tage.

MILON
Sie müssen mich lieben und ehren wie meinen Vater.

PAUL
Sie versprechen dir gerne mehr. Ein alter Herzog unterdrückt in den Herzen die Hoffnungen der
Menschen und fesselt sie mit Ketten; aber das Erscheinen eines neuen Prinzen gibt den lange
enthaltenen Gelübden Auftrieb; sie platzen vor Rausch! Wir genießen es übermäßig, verrückt oder
weise zu atmen, nach einer schmerzhaften Einschränkung entspannt!

MILON
Ich möchte meinen Vater bitten, Brot und Wein und von seinen Herden den Teil, auf den er leicht
verzichten kann, an das Volk zu verteilen.

PAUL
Er wird dies gerne tun. Der Tag, den uns Gott nur einmal im Leben gewähren kann, soll von allen
hoch gelobt werden! Es ist so selten, dass sich die Herzen der Menschen zusammen öffnen! Jeder
kümmert sich nur um sich selbst. Wahnsinn und Wut entflammen ein Volk viel schneller als Liebe
und Freude. Du wirst sehen, wie die Väter ihre Hände auf die Köpfe ihrer Söhne legen und es ihnen
sagen, wenn sie dich verkünden: Seht! Er kommt nach vorne! - Die Erwachsenen sehen den
Unterlegenen als Gleichgestellten an; der Sklave hebt selbstbewusst ein freudiges Auge auf seinen
Herrn; der Beleidigte begrüßt mit einem Lächeln den Blick seines Gegners und lädt ihn zur sanften
Reue, zum freien und einfachen Teilen des Glücks ein. So vereint die unschuldige Hand der Freude
gefügige Herzen, erzeugt ein kunstloses Fest, ähnlich den Tagen des goldenen Zeitalters, als Adam
noch sanft wie ein geliebter Vater auf der neuen Erde regierte.

MILON
Zu wie vielen Kameraden wurde ich geschickt? Hier hatte ich drei davon. Wir waren gute Freunde,
oft getrennt und bald wieder vereint. Sobald ich eine große Anzahl von ihnen habe, werden wir uns
als Freunde und Feinde kennenlernen, und wir werden uns in unseren Spielen, Wachen, Lagern,
Überraschungen und Kämpfen ernsthaft gegenseitig imitieren. Kennst du sie? Sind sie gute und
selbstgenügsame Genossen?
PAUL
Oh, wenn du die eilige Menge gesehen hättest! Wie jeder seinen Sohn darbrachte, und wie die
jungen Männer sich mit Eifer anboten! Von den edelsten und besten wurden zwölf ausgewählt, um
dich zu umgeben und dir unaufhörlich zu dienen.

MILON
Aber ich könnte wahrscheinlich mehr für die Spiele verlangen?

PAUL
Du wirst sie alle auf das erste Signal hin bekommen.

MILON
Ich werde sie teilen, und der Beste wird auf meiner Seite sein; ich werde sie auf unbefestigten
Pfaden führen, und wenn sie mit Geschwindigkeit laufen, werden sie den stillen Feind zerschlagen.

PAUL
Mit diesem Geist, lieber Prinz, wirst du die Kinder zu den Spielen der Jugend und bald das ganze
Volk zu ernsthaften Debatten führen. Jeder fühlt sich hinter dir, jeder wird von dir angetrieben. Der
junge Mann bewahrt seine feurige Leidenschaft und beobachtet, wo deine Augen den Tod oder das
Leben befehlen; der erfahrene Mann macht bereitwillig einen Fehler mit dir, und der alte Mann
selbst verzichtet auf seine hart erkämpfte Vorsicht, und aus Zuneigung zu dir kehrt er wieder mit
Leidenschaft zum Leben zurück, ja, dieser graue Kopf, du wirst ihn an deiner Seite sehen, gegen
den Schock des Feindes, und diese Brust kann die letzten Tropfen seines Blutes vergießen, denn du
wirst nicht falsch liegen.

MILON
Was kannst du sagen? Oh! Du wirst keinen Grund zur Reue haben. Ich werde sicherlich der Erste
sein, der in Gefahr ist, und ich werde das Vertrauen von ihnen allen haben.

PAUL
Schon die himmlischen Geister haben es zu einem großen Teil den Menschen für den jungen
Prinzen inspiriert. Es ist einfach und schwierig für ihn, sich zurechtzufinden.

MILON
Niemand wird es mir wegnehmen: Wer mutig ist, muss bei mir sein.

PAUL
Du wirst nicht nur über glückliche Menschen herrschen. In reduzierter Geheimhaltung belastet die
Last von Elend und Schmerz viele Sterbliche. Sie scheinen abgelehnt zu werden, weil das Glück sie
ablehnt; aber ohne gesehen zu werden, folgen sie dem Mann des Mutes auf seinen Wegen, und ihr
Gebet dringt in das Ohr Gottes ein. Mysteriöse Hilfe wird oft von den Schwachen geleistet...

MILON
Ich höre, ich höre die Schreie der Freude und den Klang der Posaunen, die aus dem Tal aufsteigen.
Oh! Lass mich laufen. Sie kommen! Sie kommen! Sie kommen! Ich möchte diesen schnellen Weg
vor ihren Schritten gehen. Du, lieber Freund, folge der Hauptstraße oder, wenn du willst, bleibe
hier.

(Er geht ab.)


SZENE III.

(Paul allein.)

PAUL
Wie schmeichelhaft das schon jetzt für die Ohren dieses Kindes angenehm klingt! Und doch ist die
Schmeichelei der Hoffnung unschuldig. Wenn wir dich in ein paar Tagen für das, was wir ablehnen,
loben müssen, werden wir es stärker spüren. Möge er sich glücklich schätzen, der sein Leben fernab
der Güter dieser Welt verbringt! Möge er Gott ehren und fürchten und ihm im Stillen danken, wenn
seine Hände sanft das Volk regieren! Gottes Leiden berührt ihn kaum, und er kann Gottes Freude
unermesslich teilen. Oh, wehe mir! Heute zweimal wehe mir! Glückliches und gutaussehendes
Kind, musst du leben? Muss ich das Monster, das dich in seinem Abgrund zerreißen kann, in Ketten
legen? Muss die Gräfin wissen, was für eine schwarze Sünde dein Vater gegen sie begangen hat?
Wirst du mich belohnen, wenn ich still bin? Wird eine geräuschlose Treue empfunden? Was kann
ich in meinem Alter noch von dir erwarten? Ich werde dir nur eine Last sein. Mit einem Handschlag
auf dem Weg wirst du denken, dass ich sehr zufrieden bin. Du wirst vom Strom derer weggetragen,
die nach dir riechen, aber dein Vater regiert uns mit einem schweren Zepter. Nein, wenn noch eine
Sonne auf mich scheint, will ich, dass eine schreckliche Zwietracht das Haus verunsichert, und
wenn die Not mit tausend Armen kommt, dann werden wir wieder spüren, was wir wert sind, wie in
den Schwierigkeiten der früheren Tage; dann werden wir wie ein altes Messer zur Kiste gebracht
und den Rost von seiner Klinge gereinigt. O ihr, alte Geheimnisse und schwarze Angriffe, verlasst
eure Gräber, wo ihr gefangen lebt. Die tödliche Schuld ist nicht erloschen. Steht auf. Umgebt den
Thron mit dunklen Wolken, die auf Gräbern ruhen. Möge der Schrecken wie ein Blitz durch das
Herz aller gehen! Verwandelt Freude in Zorn! Und dass vor den ausgestreckten Armen, um sie zu
ergreifen, die Hoffnung gebrochen ist!