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TRACTATUS QUARTUS TRAKTAT IV

DE FIDE CATHOLICA UBER DEN KATHOLISCHEN GLAUBEN

Christianam fidem novi ac ve teris testamenti Den christlichen Glauben tut die Autorität des Neuen und
pandit auctoritas; et quamvis nomen ipsum Christi Alten Testaments kund. Obgleich das Alte Testament den
vetus intra semet continuerit instrumentum eumque Namen des Christus selbst in sich enthalten und den immer
semper signaverit affuturum quem credimus per par- als künftig bezeichnet hat, von dem wir glauben, daß er
tum virginis iam venisse, tamen in orbem terrarum durch die Geburt der Jungfrau schon gekommen ist, wird
ab ipsius nostri salvatoris mirabili manasse probatur dennoch (erst) durch die wunderbare Ankunft unseres Er-
adventu. Iösers selbst seine (= des christlichen Glaubens) Verbrei-
Haec autem religio nostra, quae vocatur christiana tung über den Erdkreis beglaubigt.
atque catholica, his fundamentis principa-liter nititur Diese unsere Religion aber, die die christliche und ka-
10 asserens: ex aeterno, id est ante mundi constitu- tholische heißt, stützt sich hauptsächlich auf folgende
tionem, ante omne videlicet quod temporis potest Grundlagen, wenn sie behauptet: von Ewigkeit, das ist vor
retinere vocabulum, divinam patris et filii ac spiritus der Erschaffung der Welt, vor allem nämlich, was das Wort
sancti exstitisse substantiam, ita ut deum dicat Zeit festhalten kann, habe die göttliche Substanz des Va-
patrem, deum filium, deum spiritum sanctlrrr, nec ters, des Sohnes und des Heiligen Geistes bestanden, so daß
15 tamen tres deos sed unum: patrem itaque habere sie (= unsere Religion) Gott den Vater nennt, Gott den
filium ex sua substantia genitum et sibi nota ratione Sohn, Gott den Heiligen Geist und dennoch nicht drei Göt-
coaeternum, quem filium eatenus confitctur, ut non ter, sondern einen. Der Vater habe daher den Sohn zrls
sit idem qui pater est: neque patrem aliquamdo einen aus seiner Substanz gezeugten und in einem ihm be-
fuisse filium, ne rursus in infinitum humanus animus kannten Verhältnis als gleichewigen, den er insofern als
20 divinam progeniem cogitaret, neque filium in eadem Sohn anerkennt, daß er nicht dasselbe ist, was der Vater
natura qua patri coaeternus est aliquando fieri ist. Auch sei der Vater nicht irgendwann der Sohn gewe-
patrem, ne rursus in infinitum divina progenie s sen, damit nicht der menschliche Geist wiederum ins Unbc-
tenderetur: sanctum vero spiritum neque patrem grenzte die göttliche Abstammung denke, und daß der
esse neque filium atque ideo in illa natura nec Sohn nicht in der gleichen Natur, durch die er dem Vater
25 genitum nec generantem sed a patre quoque pro- gleichewig ist, irgendwann der Vater würde, und damit sich
cedentem vel filio; qui sit tamen processionis istius die göttliche Abstammung nicht wiederum ins Unbegrenz-
modus ita non possumus evidenter dicerc, quemad- te hinziehe. Der Heilige Geist aber sei weder der Vater
modum gene rationem filii ex patema substantia non noch der Sohn und daher in jener Natur weder gezeugt
potest humanus animus aestimare. Haec autem ut noch zeugend, sondern aus dem Vater oder auch aus dem
Sohn hervorgehend. Welche jedoch die Weise jenes Hervor-
gangs sei, können wir insofern nicht einleuchtend sagen' als
der menschliche Geist die Zeugung des Sohnes aus der vä-
terlichen Substanz nicht beurteilen kann' Dies schildert
abcr die Alte und die Neue Unterweisung, damit es gegiaubt
48 tractatus IV Traktat IV 49

30 credantur vetus ac nova informat instructio. De werde. Hierüber, gleichsam über den Gipfel unserer Reli-
qua velut arce religionis nostrae multi diversa et gion sprachen viele, menschlich und sozusagen fleischlich
humaniter atque ut ita dicam carna.liter sentientes gesonnen, Unterschiedliches und Gegenteiliges wie zum
adversa locuti sunt, ut Arrius qui iicet deum dicat Beispiel Arius, der den Sohn zwar Gott nennt, ihn jedoch
filium, minorem tamen patre multipliciter et extra als einen vielfach geringeren als den Vater und außerhalb
J5 patris substantiam confitetur. Sabelliani quoque der Substanz des Vaters seiend bekennt. Auch die Sabel-
non tres exsistentes personas sed unam ausi sunt lianer wagten zu behaupten, d:rß nicht drei Personen be-
affirmare, eundem dicentes patrem esse qui filius est stünden, sondern eine, wobei sie sagten, daß der Vater der-
eundemque filium qui pater est atque spiritum selbe sei wie der Sohn, der Sohn derselbe wie der Vater
sanctum eundem esse qui pater et filius est; ac per und der tleilige Geist derselbe wie Vater und Sohn; und
40 hoc unam dicunt esse personarn sub vocabulomm dadurch sagen sie, daß eine Person sei, die durch Unter-
diversitate signatam. schiedlichkeit der Begriffe bezeichnet werde.
Manichaei quoque qui duo principia sibi coaeterna Auch die Manichäer, die zwei gleichewige und einander
et adversa profitentur, unigenitum dei esse non entsegengesetzte Prinzipien bekennen, glauben nicht, daß
credunt. Indignurn enim iudicant, si deus habere ein Eingeborener Gottes ist. Sie ha.lten es nämlich für un-
45 filium videatur, nihil aliud cogitantes nisi carnaliter, würdig, wenn Gott einen Sohn zu haben schiene, wobei sie
ut quia haec generatio duorum corporum commix- nur fleischlich denken, als ob diese Zeugung durch Vermi-
tione procedit, illic quoque indignum esse intellectum schung zweier Körper vor sich ginge. Dabei halten sie es für
huiusmodi applicare; quae res eos nec vetus facit unwürdig, einen derartigen Begriff (auf Gott) anzuwenden.
recipere testamentum neque in integro nor/um. l)ieser Sachverhalt läßt sie das Alte Testament überhaupt
50 Nam sicut illud omnino error eorum non recipit ita nicht und das Neue nicht vorurteilsfrei annehmen. Denn
ex virgine generationem filii non vrrlt admittere, ne wie ihr Irrtum jenes überhaupt nicht annimmt, so will er
humano corpore polluta videatur dei fuisse natura. die Geburt des Sohnes aus der.|ungfrau nicht zulassen, da-
Sed de his hactenus; suo enim loco ponentur sicut rnit es nicht scheine, daß die Natur Gottes durch einen
ordo necessarius postularit. menschlichen Körper befleckt worden sei. Soviel aber über
55 Ergo divina ex aeterno natura et in aeternum diese; an ihrem Ort seien sie plaziert, wie es die notwendige
sine aliqua mutabilitate perdurans sibi tantum conscia Ordnung fordern wird.
voluntate sponte mundum voluit fabricare eumque Also wollte die von Ewigkeit zu Ewigkeit ohne ireend-
cum omnino non esset fecit ut esset, nec ex sua eine Veränderung fortdauernde göttliche Natur in einem
substantia protulit, ne divinus natura crederetur, nur sich bewußten Willen aus eigenem Antrieb die Welt
60 neque aliunde molitus est, ne iam exstitisse aliquid herstellen. Weil sie (= die Welt) auf keine Weise war, be-
quod eius voluntatem existentia propriae naturae wirkte sie (= 4i" göttliche Natur) diese, damit sic sei, und
iuvaret atque esset quod neque ab ipso factum esset sie brachte sie nicht aus il.rrer Substanz hervor, damit man
sie nicht als von Natur göttlich glaube. Sie (= die Welt)
rührt nicht von woanders her, darnit man nicht glaube , daß
noch etwas bestanden habe, was durch den Bestand seiner
eigentümlichen Natur ihren (= der göttlichen Natur) Willen
unterstützte und etwas sei, was nicht von ihm (= Gott) ge-
60 exsititisse : Tester
50 tractatus IV Traktat IV 5l

et tamen esset; sed verbo produxit caelos, terram macht wurde und dennoch sei. Vielmehr "durch das Wort
creavit, ita ut caelesti habitatione dignas caelo brachte er die Himmel hervor, erschuf er die Erde", so daß
65 naturas efficeret ac terrae terrena componeret. De er für den Himmel himmlischer Innewohnung würdige Na-
caelestibus autem naturis, quae universaliter vocatur turen bewirkte und für die Erde Erdhaftes zusammensetz-
angelica, quamvis illic distinctis ordinibus pulchra te. Von den himmlischen Naturen aber - welche Natur all-
sint omnia, pars tamen quaedam plus appetens quam gemein die den Engeln zukommende heißt -, obgleich
ei natura atque ipsius auctor naturae tribuerat de dort alles gemäß mannigfaltigen Ordnungen schön ist, wur-
70 caelesti sede proiecta es! et quoniam angelorum de ein gewisser Teil von seinem himmlischen Sitz herunter-
numerum, id est supernae illius civitatis cuius cives gestürzt, weil er mehr anstrebte, als ihm die Natur und der
angeli sunt, imminutum noluit conditor permanere, Urheber der Natur selbst zuerteilt hatten. Weil der Schöp-
formavit ex terra hominem atque spiritu vitae ani fer nicht wollte, daß die Zahl der Engel - das ist jenes obe-
mavit, ratione composuit, arbitrii libertate decoravit ren Staates, dessen tsürger die Engel sind - vermindert
/5 eumque praefixa lege paradisi deliciis constituit, ut, fortdauere, formte er aus Erde den Menschen, beseelte ihn
si sine peccato manere vellet, tam ipsum quam eius mit dem Hauch des Lebens, versah ihn mit Verstand,
progeniem angelicis coetibus sociaret, ut quia superior schmückte ihn mit der Freiheit des Urteils und stattete ihn
natura per superbiae malum ima petierat, inferior nach vorher festgelegtem Gesetz mit den Wonnen des Para-
substantia per humilitatis bonum ad superna con- dieses aus, damit er ihn, wenn er ohne Sünde bleiben woll-
80 scenderet. Sed ille auctor invidiae non ferens te, ihn sowie seinen Nachkommen den englischen Ver-
hominem illuc ascendere ubi ipse non meruit per- sammlungen zugeselle, und damit die niedrigere Substanz
manere, temptatione adhibita fecit etiam ipsum durch das Gut der Demut zu Höherem aufsteige, da die
eiusque comparem, quam de eius latere generandi höhere Natur durch das Übel des Hochmuts das Niedrigste
causa formator produxerat, inoboedientiae suppliciis angestrebt hatte. Aber weil jener Urhebcr des Neides es
85 subiacere, ei quoque divinitatem affuturam pro- nicht ertrug, daß der Mensch dorthin aufstieg, wo er selbst
mittens, quam sibi dum arroganter usurpat elisus nicht verdiente zu bleiben, bewirkte er, indem er sich der
est. Haec autem revelante deo Moysi famulo suo Versuchung bediente, daß auch er (= 6.. Mensch) und sei-
comperta sunt, cui etiam humani generis conditionem ne Gefährtin, die der Former zumZweck der Zeugr'rng aus
atque originem voluit innotescere, sicut ab eo libri seiner Seite herausgebildet hatte, der Strafe für den Unge-
90 prolati testantur. Omnis enim divina auctoritas his horsam verfielen, wobei er ihm versprach, daß ihm die
modis constare videtur, ut aut historialis modus sit, Göttlichkeit zukommen werde' die er (= dcr Urheber des
qui nihil aliud nisi res gestas enuntiet, aut allegoricus, Neides) verlor, während er sie anmaßend beanspmcht. Dies
ut non illic possit historiae ordo consistere, aut certe aber brachte man durch die Offenbarung Gottes an seinem
Diener Moses in Erfahrung, dem er auch die Schöpfung
und den Ursprung des menschlichen Geschlechts bekannt-
machen wollte, wie die von ihm (= Moses) vorgelegten Bü-
cher bezeugen. Denn das gesamte göttliche Dokument
scheint in folgenden Weisen zu bestehen, so daß es entwe-
cler die geschichtliche Weise ist, die nichts anderes als die
Tatsachen berichtet, oder die allegorische, so d:ß dort die
Ordnung der Geschichte nicht statthaben kann, oder die

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52 tractatus IV Traktat IV 55

cx utrisque compositus, ut et secundum historiam et doch wenigstens aus beiden zusarnntengesetzte (Weisc), so
95 secundum alle.qoriam manere videatur. Haec autem daß sie gemäß der Geschichte und gemäß der Allegorie zu
pie intelligentibus et veraci corde tenentibus satis bleiben scheint. Dies aber leuchtet denen, die es fromm
abundeque relucent. Sed ad ordinem redeamus. einsehen und mit aufrichtigem Herzen festhalten, zur Ge-
Primus itaque homo ante peccatum cum sua con- nüge und im Uberfluß ein. Aber kehren wir zur Reihenfol-
iuge incola paradisi fuit. At ubi aurem praebuit ge zurück.
100 5ua56il et conditoris praeceptum neglexit attendere, Der erste Mensch war daher vor der Siinde zusammen
exul effectus, terram iussus erc<.rlere atque a paradisi mit seiner Gattin Einwohner des Paradieses. Aber als er
sinu seclusus in ignotis partibus sui generis posteri- dem Verführer Gehör schenkte und die Vorschrift des
tatem transposuit atque poenam quam ipse primus Schöpfers zu beachten vernachlässigte, wurde er zum Ver-
homo praevari cationis reus e x ceperat gen erando bannten gemacht, beauftragt, die Erde zu bebauen; und
105 transmisit in posteros. Hinc factum csi ut et cor- vom Schoß des Paradieses ausgeschlossen, verlegte er die
porum atque animarum corruptio et mortis proveniret Nachkommenschaft seines Geschlechts in unbekannte Tei-
interitus primusque mortem in Abel filio suo meruit le (der Erde) und übertrug die Strafe, die der erste Mensch
experiri, ut quanta esset pocna quzrn ipse exccperit selbst, der Untreue angeklagt, ernpfangen hatte, im Zeu-
. _^
probaret in subole. Quod si ipse primus moreretur, gungsakt auf die Nachkommen. Von daher geschah es, daß
110 nesciret quodarn rnoäo u., si-dici fas est, nec scntiret sowohl die Verderbtheit der Körper und der Seelen als
poenam suzrm, scd ideo expertus in altero est, ut auch der Untergang des Todes aufkam; und als erster ver-
quid sibi iure deberetur contemptor agnosceret et diente er es, den Tod an seinem Sohn Abel zu erfahren, da-
dum poenam mortis sustinet, ipsa exspectatione mit er am Sprößling beurteile, lvie groß die Strafe sei, die
fortius torqueretur. Hoc autem praevaricatio nis er selbst auf sich nehmen würde. Wenn er nämlich selbst als
I l5 malum, quod in posteros naturaiiter primus homo erster gestorben wäre, hätte er nicht gewußt, auf welche
transfuderat, quidam Pelagius non admittens proprii Weise, und wenn miur es sagen darf
- - er hätte seine Stra-
nominis haeresim dedicavit, quarn catholica fides a fc nicht gespürt; er erfuhr dagegen am anderen, daß der
consortio sui mox reppulisse probatur. Ab ipso Verächter (des Rechts) erkenne, was er sich an Recht
itaque primo homine procedens humanum genus ac schulde und damit er, während er dic Strafe des Todes aus-
120 multiplici numerositate succrescens erupit in lites, hielte, durch die Erwartune selbst noch stärker gequält
commovit bella, occupavit terrenam miseriam quia würde. Indcm ein gewisser Pelagius dieses Ubel der Untreue
felicitatem paradisi in primo patre perdiderat. Nec aber, das der erste Mensch auf natürliche Weise auf die
tamen ex his defuerunt quos sibi conditor gratiae Nachkommen übertragen hatte, nicht annahm, stellte er
sequestraret eiusque pJacitis inservirent; quos licet unter seinem eigenen Namen eine Irrlehre auf, die dcr ka-
tholische Glaube von seiner Gerneinschaft bald fernzuhzLl-
ten beschloß. Das aber aus dem ersten Menschen hervorge-
hende und in vielfältiger Anzahl heranwachsende menschli-
che Geschlecht stürzte sich in Streitereien, entfesselte
Kriege und bemächtigte sich des irdischen Elends, weil es
im ersten Vater das GIück des Paradieses verloren hatte.
Und dennoch fehlte es unter ihnen nicht an Leuten, die
der Schöpfer der Gnade für sich aussondern w<,rllte, damit
54 tractatus IV Traktat IV 55

125 meritum naturae damnaret, futuri tamen sacramenti sie das, was ihm wohlgefällig ist, eifrig betrieben; obwohl
et longe postmodum proferendi faciendo participes er sie freilich zur Strafe der Natur verdammte, wollte er die
perditam voluit reparare naturam. Impletus est verdorbene Natur dennoch wiederherstellen, indem er sie
ergo mundus humano genere atque ingressus est des künftigen Geheimnisses, das lange bekanntzugeben
homo vias suas qui malitia propriae contumaciae war, teilhaftig machte. Erfüllt also wurde die Welt vom
130 despexerat conditorem. Hinc volens deus per menschlichen Geschlecht, und der Mensch, der in der Bos-
iustum potius hominem reparare genus humänum heit des ihm eigentümlichen Eigensinns den Schöpfer ver-
quam mzürere proterlum, p oenalem multitudinem achtet hatte, betrat seine Wege. Da Gott von daher das
effusa diluvii inundatione excepto Noe iusto homine menschliche Geschlecht durch einen gerechten Menschen
cum suis liberis atque his quae secum in arcam intro- lieber wiederherstellen als unverschämt bleiben lassen woll-
135 duxerat interire permisit. Cur autem per arcae te, ließ er zu, daß mit Ausnahme des gerechten Menschen
lignum voluerit iustos eripere, notum est divinarum Noe zusammen mit seinen Kindern und denen, die er mit
scripturarum mentibus eruditis. Et quasi prima sich in die Arche geführt hatte, eine strafwürdige Mcnge
quaedam mundi aetas diluvio ultore transacta est. durch die ausgegossene Überschwemmung der Sintflut
Reparatur itaque humanum genus atque propriae umkam. Warum er aber durch das Holz der Arche die
140 naturae vitium, quod praeva-ricationis primus auctor Gerechten retten wollte, ist den in den göttlichen Schriften
infuderat, amplecti non destitit. Crevitque con- bewanderten Geistern bekannt. Ein gewissermaßen erstes
tumacia quam dudum diluvii unda puniverat et qui ZeitaJter der Welt wurde durch den Rächer Sintflut be-
numerosam annorum seriem permissus fuerat vivere, endet.
in brevitate annorum humana aetas addicta est. Das menschliche Geschlecht wird daher wiederherge-
745 Maluitque deus non iam diluvio punire genus stellt, und trotzdem hörte der Fehler der ersten Natur, den
humanum, sed eodem permanente eligere viros per der erste Urheber der Untreue eingegossen hatte, nicht auf,
quorum seriem aliqua generatio commearet, ex qua es zu umfassen. Es wuchs die Unverschämtheit, die die Wo-
nobis filium proprium vestitum humano corpore ge der Uberschwemmung vor kurzem bestraft hatte, und
mundi in fine concederet. Quorum primus est wem erlaubt worden war, eine zahlreiche Reihe vonJahren
tf o Abraham, qui cum esset aetate confectus eiusque zu haben, dem wurde ein menschliches Lebensalter in der
uxor decrepita, in senectute sua repromissionis Kürze der Jahre zugewiesen. Gott wollte lieber nicht mehr
largitione habere filium meruerunt. Hic vocatus durch die Sintflut das menschliche Geschlecht bestrafen,
est Isaac atque ipse genuit Iacob. Idem quoque sondern während es fortdauerte, Männer auswählen, durch
duodecim patriarchas non reputante deo in eorum deren Reihenfolge eine bestimmte Nachkommenschaft zu-
155 numero quos more suo natura produxerat. Hic ergo standekommen sollte, aus der er uns dann am Ende der
Welt seinen eigenen, mit einem menschlichen Körper be-
kleideten Sohn zugestand. Der erste von diesen (Männern)
ist Abraham: Als er das Lebensalter schon vollendet hatte
und seine Frau alt war, verdienten sie in ihrem Alter durch
das Geschenk der Verheißung, einen Sohn zu haben. Dieser
wurde Isaak genannt, und er selbst zeugte Jakob. Derselbe
(zeugte) die zwölf Patriarchen, lvobei Gott ihrer Anzahl
die nicht zurechnete, die die Natur auf ihre Art und Weise
56 tractatus IV Traktat IV 57

Iacob cum filiis ac domo sua transigendi causa hervorgebracht hatte. Dieser Jakob also wollte mit seinen
Aegyptum voluit habitare atque illic per annorum Söhnen und seinem Haushalt eines Abkommens wegen in
seriem multitudo concrescens coepemnt suspicioni Agypten wohnen; als dort aber durch eine Reihe vonJah-
esse Aegyptiacis irnperiis eosque Pharao magna ren eine Menge heranwuchs, begannen sie der ägyptischen
160 ponderum mole premi decreverat et gravibus oneri- Herrschaft verdächtig zu werden, und der Pharao hatte be-
bus affligebat. Tandem deus Aegyptii regis domina- schlossen, sie durch große Miihsal und Lasten zu bedrük-
tionem despiciens diviso mari rubro, quod numquam ken und suchte sie nrit schweren Bürden heim. Nachdem
antea natura ulla cognoverat, suum transduxit exer- Gott endlich auf die Herrschaft des Königs von Agypten
citum auctore Moyse et Aaron. Postea igitur pro verächtlich herabsah, führte er unter der Leitung von
165 eorum egressione altis Aegyptus plagis vastata est, Moses und Aaron, nachdem das Rote Meer geteilt war
cum nollet dimittere populum. Transmisso itaque
-
was niemals zuvor irgendeine Natur kennengelernt hatte -,
ut dictum est mari rubro venit per deserta eremi sein Heer hindurch. Darauf also wurde der Agypter ihres
ad montem qui vocatur Sinai, ibique universorum Auszugs wegen durch hohe Verluste verwüstet, als er das
conditor deus volens sacramenti futuri gratia populos Volk nicht ziehen lassen wollte. Nach der besprochenen
170 erudire per Moysen data lege constituit; quemad- Durchquerung des Roten Meeres kam es (= das Volk) da-
modum et sacrificiorum ritus et populorum mores her durch die Einöden der Wüste zu dem Berg, der Sinai
instruerentur. Et cum multis annis multas quoque heißt; und dort bestimmte der Schöpfer des Alls, Gott,
gentes per vizrm debellassent, venerunt tandem ad weil er des künftigen Geheimnisses wegen die Volksstämme
fluvium qui vocatur Iordanis duce iam Iesu Nave (Israels) durch Moses erziehen wollte, durch Gesetzgebung,
r7b filio atque ad eorum transitum quemadmodum aquae wie die Opferbräuche und die Sitten der Völkerschaften
maris rubri ita quoque Iordanis fluenta siccata sunt; eingerichtet werden sollten. Nachdem sie in vielen Jahren
perventumque est ad eam civitatem quae nunc noch viele Volksstämme auf ihrem Weg bezwungen hatten,
Hierosolyma vocatur. Atque dtrm ibi dei populus kamen sie endlich, bereits unter Fühmng des Jesus, des
moraretur, post iudices et prophetas reges instituti Sohnes des Nun, an den Fluß, der Jordan heißt, und für
180 leguntur, eüoftlm post Saulem primatum David de ihren Durchzug vertrockneten die Fluten desJordan so rvie
tribu Iuda legitur adeptus fuisse. Descendit itaque die Wasser des Roten Meeres; und rnan kam zu der Stadt,
ab eo per singulas successiones regium stemma die jetzt Jerusalcm heißt. Wir lesen, daß - während sich
perductumque est usque ad Herodis tempora, qui das Volk Gottes dort aufhielt - nach den Richtern und
primus ex gentilibus memoratis populis legitur Propheten Königc cingesetzt wurden; man liest, daß nach
l{15 imperasse. Sub quo exstitit beata virgo Maria quae Saul David aus dem Stamm Juda die Oberherrschaft er-
de Davidica stirpe provenerat, quae humani generis langte. Es leitet sich tlaher von ihm über die Aufeinander-
genuit conditorem. Hoc autem ideo quia rnultis folge der Könige im einzclnen die Ahnenreihe her und sie
infectus criminibus mundus iacebat in morte, electa wurde bis in die Zeit des Herodes fortgeführt, von dem
nran liest, daß er als erster aus den erwähnten Volksstäm-
men die Völker (Israels) beherrschte. Unter ihm lebte die
selige Jungfrau Maria, die aus der Nachkommenschaft Da-
vids hervorgegangen war, die den Schöpfer des mcnschli
chen Geschlechts gebar. Dies aber deswegen, weil - da die
Welt, von vielen Vergehen befallen, im Tode lag - ein
5ä tractatus IV Traktat IV 59

est una gens in qua dei mandata clarescerent, ibique Volksstamm ausgewählt wurde, in dem die Gebote Gottes
190 missi prophetae sunt et alii sancti viri per quorum erglänzen sollten; dort wurden auch Propheten und andere
admonitionem ipse certe populus a tumore pervicaciae heilige Männer ausgesandt, durch deren Mahnrede doch
revoca.retur. Illi vero eosdem occidentes in suae wenigstens das Volk (Israel) selbst von dem Aufruhr der
nequitiae perversitate manere voluerunt. Hartnäckigkeit zurückgeholt werden sollte. Jene aber woll-
Atque iam in ultimis temporibus non prophetas ten in der Verkehrtheit ihrer Schlechtigkeit verharren und
195 neque alios sibi placitos sed ipsum unigenitunr suum töteten sie.
deus per virginem nasci constituit, ut humana salus Aber in der letzten Zcit beschloß Gott, daß weder Pro-
quae per primi hominis inoboedientiam deperierat pheten noch andere ihm wohlgefällige Männer, sondern
per hominem deum rursus repararetur et quia sein eingeborener Sohn selbst durch die Jungfrau geboren
exstiterat mulier quae causam mortis prima vircr werden sollte, damit das menschliche Heil, das durch den
200 svas61n1, esset haec secunda mulier quae vitae Ungehorsam des ersten Menschen verlorengegangen war,
causam humanis visceribus apportaret. Nec vile durch den Gott-Menschen wiederhergestellt würde; und
videatur quod dei filius ex virgine natus est, quoniam weil es eine Frau gegeben hatte, die als erste dem Mann die
praeter naturae modum conceptus et editus est. Ursache für den Tod eingeredet hatte, sollte diese zweite
Virgo itaque de spiritu sancto incarnatum dci filium Frau sein, die die Ursache für das menschliche Leben im
205 concepit, virgo peperit, post eius editionem virgo Mutterleib herbeitrug. Es mag nicht gewöhnlich erschei-
permansit; atque hominis factus est idemque dei nen, daß der Sohn Gottes aus einerJungfrau geboren wur-
filius, ita ut in eo et divinae naturae radiaret splendor de, weil er außerhalb der Weise der Natur empfangen und
et humanae fragilitatis appareret assumptio. Sed hervorgebracht wurde. Die Jungfrau empfing demnach
huic tam sanae atque veracissimae fidei exstiterant vom Heiligen Geist den fleischgewordenen Sohn Gottes,
210 611111 qui diversa garrirent et praeter alios Nestorius die Jungfrau gebar ihn, und nach seinem Hervorgang blieb
et Eutyches repertores haereseos exstiterunt, quorum sie weiterhin Jungfrau; ein und derselbe Sohn Gottes wur-
unus hominem solum, alter der.rm solum putavit de auch Sohn des Menschen, so daß in ihm sowol.rl der
asserere nec humanum corpus quod Christus induerat Glanz der göttlichen Natur aufstrahlte, als auch die Annah-
de humalae substantiae participatione venisse. Sed me der menschlichen Gebrechlichkeit erschien. Aber gcgen
215 haec hactenus. diesen so gesundcn und höchst wahrhaftigen Glauben wa-
Crevit itaque secundum carnem Christus, baptizatus ren viele, die verschiedenes schlvätzen solltert, aufgestan-
est, ut qui baptizandi formam erat ce teris tributurus, den; und unter anderem standen Nestorius und Eutyches
ipse primus quod docebat exciperet. Post baptismum als Erfinder einer Irrlehre auf, von denen der eine nur
vero elegit duodecim discipulos, quorum unus traditor einen Menschen, dcr andere nur Gott meinte behaupten zu
220 eius fuit. Et quia sanzrm doctrinam Iudaeorum sollen, und daß der mcnschliche Körper, den Christus ange-
zogen hatte, von dcr'feilhabe an der menschlichen Sub-
stanz gekommen sei. Aber hierüber soviel.
Es wuchs demn:rch Christus dem Fleische nach, er wur-
de getauft, damit der, dcr den übrigen die Einrichtung der
Taufe verleihen solltc, selbst als erster auf sich nähme, was
er lehrte. Nach der'faufe aber wählte er zwölf Schüler aus,
von denen einer sein Verräter war. Weil das Volk derJuden
60 tractatus IV T'raktat IV 6l

populus non ferebat, eum inlata manu crucis sup- die heilsame Lehre nicht ertrug, legte es lland an ihn und
plicio peremerunt. Occiditur ergo Christus, iacet tötete ihn durch die Strafe des Kreuzes. Christus wird also
tribus diebus ac noctibus in sepulcro, resurgit a umgebracht, liegt drei T'age und Näcl.rte im Grab, stcht von
mortuis, sicut ante constitutionem mundi ipse cum den Toten auf, wie er cs sclbst vor Erschaffung der Welt
22b patre decreverat, ascendit in caelos ubi, in eo quod zusamrnen mit dem Vater beschlossen hatte, steigt in den
dei filius est, numquam defuisse cognoscitur, ut Ilimmel auf, wo er dadurch, daß er Gottes Sohn ist, als
assumptum hominem, quem diabolus non permiserat niemals abwesend seiend erkannt wird, damit der Sohn
ad superna conscendere, secum dei filius caelesti Gottes den angenornmenen Menschen, dem der leufel
habitationi sustolleret. Dat ergo formam discipulis nicht gestattet hatte, zu Ifötrerem aufzusteigen, rnit sich
230 suis baptizandi, docendi salutaria, efficientiam quoque zur himmlischen Wohnung erhebe. Er gibt also seinenJün-
miraculorum atque in universum mundum ad vitam gern die Einrichtung der 'faufe, der Heilslehre, auch die
praecipit introire, ut praedicatio salutaris non iam in Fähigkeit, Wunder zu wirken trnd schreibt ihnen vor, in die
una tantum gente sed orbi terrarum praedicaretur. ganze Welt zu gehen, diunit die heilsame Verkündigung
Et quoniam humanum genus naturae merito, quam nicht rnehr nur einem Volksstamrne, sondern dem [,rdkreis
235 ex primo praevaricatore contraxerat, aetemae poenae verkündigt würde. Weil das rnenschliche Geschlecht nach
iaculis fuerat vulneratum nec salutis suae erat Verdienst der Natur, clie cs sich von dem ersten Sünder her
idoneum, quod eam in parente perdiderat, medici- zugezogen hatte, durch die Speere der ewigen Strafe ver-
nalia quaedam tribuit sacramenta, ut agnosceret wundet worden und nicht zu seinem lleil fähig war, weil cs
aliud sibi deberi per naturae meritum, aliud per das in seinem Vater zerstört hatte, verleiht er (= Christus)
240 gratiae donum, ut natura nihil aliud nisi poenae ihm bestimmte heilende Geheimnisse, damit es erkcnne:
summitteret, gratia vero, quae nullis meritis attributa eines gebühre ihm nach dem Verdienst der Natur, ein ande-
est, quia nec gratia diceretur si meritis tribueretur, rcs durch das Geschenk der Gnade, daß die Natur nur der
totum quod est salutis afferret. Strafe verfallen wäre, die Gnade aber
Diffunditur ergo per mundum caelestis illa - die keinen Ver-
diensten verliehen wurde, rveil sie auch niclrt Gnade ge-
245 doctrina, adunantur populi, instituuntur ecclesiae, nannt würde, wenn sie Verdienstcn verliehen würde alles,
fit unum corpus quod mundi latitudinem occupa.ret, was zum Heil gehört, herbeischaffen würde.
-
cuius caput Christus ascendit in caelos, ut necessario Jene hirnmlische Lehrc breitet sich also übcr die Wclt
caput suum mernbra sequerentur. Haec itaque aus, die Völker vereinigen sich, Kirchengemcinden werden
doctrina et praesentem vitam bonis informat operibus eingerichtet, es entsteht ein Leib, der die Weite der Wclt
250 et post consummationem saeculi resurrectura corpora umfassen soll, dessen Flaupt Christus in die Ilimmel aufge-
nostra praeter corruptionem ad regna caelestia stiegen ist, damit mit Notwendigkeit die Glieder ihren.r
pollicetur, ita ut qui hic bene ipso donante vixerit, Ilaupt folgten. Diese Lehre bildet demnach auch das geeen-
esset in illa resurrectione beatissimus, qui vero male, wärtigc Leben durch gute Werke, und sie verheißt, daß
miser post munus resurrectionis adesset. Et hoc est nach der Vollendung des Menschenalters unsere Körper
ohne Zerstörung in die himmlischen Königreiche auferste-
hen werden, so daß der, der hier durch Geschenk Gottes
gut gelebt hat, bei jener Auferstehung der Glückseligste ist,
daß der aber, der schlecht gelebt hat, nach der Gabe der
Auferstehung als Unglückseliger da ist. I)as ist das llaupt-
62 tractatus IV Traktat IV 63

2b5 principale religionis nostrae, ut credat non solum stück unserer Religion, daß sie glaubt, nicht nur die Seelen
animas non perire, sed ipsa quoque corpora, quae würden nicht zugrundegehen, sondern auch sogar die Kör-
mortis adventus resolverat, in statum pristinum per, welche die Ankunft des Todes aufgelöst hatte, würden
futura de beatitudine reparari. Haec ergo ecclesia durch die künftige Glückseligkeit in ihrem früheren Zu-
catholica per orbem diffusa tribus modis probatur stand wiederhergestellt. Diese über den Erdkreis verbreite-
260 exsistere: quidquid in ea tenetur, aut auctoritas est te katholische Kirche wird in ihrem Bestand auf dreierlei
scripturarum aut traditio universalis aut certe pro- Weisen bestätigt: was immer in ihr festgehalten wird, ist
pria et particularis instructio. Sed auctoritate tota entweder die Autorität der Schriften oder die allgemeine
constringitur, universali traditione maiorum nihilo- Uberlieferung oder doch gewiß eigentümliche und ins ein-
minus tota, privatis vero constitutionibus et propriis zelne gehende Unterweisung. Aber die ganze (Kirche) wird
265 informationibus unaquaeque vel pro locorum varietate durch Autorität gebunden, nichtsdestoweniger die ganze
vel prout cuique bene visum est subsistit et regitur. durch die allgemeine Uberlieferung der Vorfahren, jede
Sola ergo nunc est fidelium exspectatio qua credimus einzelne aber subsistiert und wird regiert durch private
affuturum finem mundi, omnia corruptibilia trans- Satzungen und eigene Einrichtungen entweder nach örtli-
itura, resurrecturos homines ad examen futuri iudicii, cher Verschiedenheit oder wie es jeder gut schien. Es gibt
270 ls6spluros pro meritis singulos et in perpetuum atque also jetzt eine einzige Erwartung der Gläubigen, mit der
in aeternum debitis finibus perrnansuros; solumque wir glauben, daß das Ende der Welt kommen wird, daß al-
est praemium beatitudinis contemplationem condi- les Zerstörbare vergehen wird, daß die Menschen zur Prü-
toris - tanta dumtaxat, quanta a creatura ad crea- fung des künftigen Gerichts auferstehen werden, daß die
torem fieri potest, - ut ex eis reparato angelico einzelnen nach Verdienst empfangen und in Ewigkeit in
275 numero supema illa civitas impleatur, ubi rex est den gebührenden Grenzen bleiben werdenl die Betrachtung
virginis filius eritque gaudium scmpiternum, delec- des Schöpfers ist der einzige Lohn der Glückseligkeit
tatio, cibus, opus, laus perpetua creatoris.
-
freilich nur insoweit, als es vom Geschöpf aus dem Schöp-
fer gegenüber geschehen kann -, so daß durch sie (= die
Menschen) die Anzzrhl der Engel wiederhergestellt und je-
ner obere Staat wieder aufgefüllt wird, wo der Sohn der
Jungfrau König ist, und immerwährende Freude sein wird,
Entzücken, Nahrung, Tätigkeit, immerwährendes Lob des
Schöpfers.

272 esse : Tester

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