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FRANZ VON SALES – BRIEFE II


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Deutsche Ausgabe der

WERKE DES HL. FRANZ VON SSALES


VON ALES

Band 6

Nach der vollständigen Ausgabe der

OEUVRES DE SAINT FRANÇOIS DE SALES

der Heimsuchung Mariä zu Annecy (1892-1931)

herausgegeben von den Oblaten den hl. Franz von Sales

unter Leitung von P. Dr


Dr.. FFranz
ranz Reisinger OSFS.
3

Franz von Sales

BRIEFE

II. Seelenführungsbriefe an Laien

Franz-Sales-Verlag
ranz-Sales-V
4

A usgewählt, aus dem FFranzösischen


ranzösischen über tragen und erläuter
übertragen erläutertt

von P. Dr
Dr.. FFranz
ranz Reisinger OSFS.

Die kirchliche Dr uck


Druck erlaubnis er
uckerlaubnis teilte das
erteilte

Bischöfliche Generalvikariat Eichstätt am 18. Juni 1965.

ISBN 3-7721-0005-8
Alle Rechte vorbehalten.
© Franz Sales Verlag, Eichstätt
2. Auflage 2002
Herstellung Brönner und Daentler, Eichstätt
Vorwort 5

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Von den Briefen des hl. Franz von Sales ist im deutschen Sprachgebiet
außer jenen an Frau von Chantal kaum etwas bekannt; auch diese waren in
der seit Jahren vergriffenen Ausgabe von Mager-Heine nur in einer Auswahl
übersetzt. Die in Band 5 unserer deutschen Ausgabe neu übersetzten Briefe
an Frau von Chantal stellen zwar ein einzigartiges Dokument einer einmali-
gen Seelenfreundschaft dar, bilden aber nur einen schmalen Ausschnitt aus
der großen Zahl der Briefe des Heiligen, die uns überliefert sind.
Die Thematik der Briefe des hl. Franz von Sales ist so vielfältig wie sein
Bekanntenkreis und so bunt wie der Ablauf seines Lebens und Wirkens.
Dennoch treten Fragen des religiösen Lebens stark in den Vordergrund,
denn Franz von Sales hat zahlreichen Menschen, die ihn um Rat fragten
oder sich unter seine geistliche Leitung stellten, seine Antworten und Rat-
schläge teilweise auch schriftlich gegeben. So lag es nahe, dem deutschen
Leser eine Auswahl von Seelenführungs-Briefen zu bieten, die diesen und
den nächsten Band füllen.
In den elf Bänden der „Oeuvres“, in denen die Briefe des hl. Franz von
Sales chronologisch gesammelt sind, stehen auch die Seelenführungs-Briefe
verstreut unter vielen anderen Briefen des Heiligen. In unserer deutschen
Ausgabe werden sie zusammengestellt, uzw. die Briefe an Laien getrennt
von denen an Ordensleute, obwohl auch diese vieles enthalten, was alle
Christen angeht. Diese Briefe geben nicht nur ein Bild des heiligen Bischofs
als Seelenführer, sondern lassen auch den Charakter und die religiöse Situa-
tion der Adressaten erkennen.
Von den überlieferten etwa 530 Briefen, die man als Seelenführungs-Brie-
fe für Laien ansprechen kann, sind u. a. 10 an Frau von Charmoisy gerich-
tet, 15 an Frau von Granieu, 106 an Madame de la Fléchère, 30 an die
Präsidentin Brulart, 14 an Frau von Peyzieu, an andere Adressaten nur einer
oder einige. Trotz eifrigen und gewissenhaften Forschens konnten allerdings
die Herausgeber der „Oeuvres“ in vielen Fällen die Namen der Empfänger
nicht feststellen; wegen ihres Inhalts wurden sie aber in die Sammlung auf-
genommen und werden als an „Unbekannte“ geschrieben geführt. Um ei-
nen Überblick zu ermöglichen, werden in dieser Ausgabe
1. alle Briefe an bestimmte Adressaten zusammengestellt, vor allem die
Briefe an die oben genannten Empfänger, aber auch Briefe an Adressaten,
die nur zwei oder drei Briefe erhalten haben.
6 Vorwort

2. Die Briefe werden zeitlich in drei Perioden eingereiht, die wichtigen Ab-
schnitten im Leben des hl. Franz von Sales entsprechen:
a) Von der Bischofsweihe bis zur Gründung des Ordens von der Heimsu-
chung: 1602 bis 1610 (in den Oeuvres Band XII-XVI).
b) Von 1610 bis 1616, d. h. bis zu den Advent- und Fastenpredigten in
Grenoble (Oeuvres Band XIV-XVI).
c) Von 1616 bis 1622, also aus den letzten Lebensjahren des Heiligen
(Oeuvres Band XVI-XX).
Die einzelnen Adressaten werden jeweils der Periode zugeteilt, in die der
Beginn des Briefwechsels (und die Mehrzahl der Briefe) fällt; dann werden
aber auch Briefe an den gleichen Empfänger aus späteren Zeitabschnitten
angefügt, um die geistliche Leitung durch den Heiligen besser hervortreten
zu lassen und die Einheit zu wahren.
Nach der ersten Periode werden zwei der größten Brief-Serien eingescho-
ben, die sich über mehrere Zeitabschnitte hinziehen: an die Präsidentin
Brulart und an Madame de la Fléchère. Am Schluß sind Briefe ohne Datum
angeführt. – So entstehen in unserem Band die folgenden sechs Abschnitte:
I. Briefe aus den Jahren 1602-1610.
II. Briefe an Frau Brulart (1604-1613).
III. Briefe an Madame de la Fléchère (1608-1622).
IV. Briefe aus den Jahren 1610-1616.
V. Briefe aus den Jahren 1616-1622.
VI. Briefe ohne Datum.
Jedem Abschnitt ist eine biographische Einführung mit einer Charakteri-
stik der Adressaten und ihrer Stellung zum hl. Franz von Sales vorangestellt.
– Die Unterschrift nach den einzelnen Briefen (in den meisten Fällen „Franz,
Bischof von Genf“) wurde weggelassen. – Eine Inhaltsübersicht am Anfang
und eine vergleichende Tafel am Schluß des Bandes gibt Auskunft über die
Auswahl der Briefe und ihre Fundstelle in der authentischen Ausgabe der
„Oeuvres“.
Bei der Übersetzung hat mir wieder Frau Susi Handler viel geholfen, der
ich eine wertvolle Vorübersetzung verdanke. Ihr und den anderen Mitarbei-
tern, die zu dieser Sammlung von Briefen des Heiligen und bei deren Bear-
beitung mitgeholfen haben, sei hiermit herzlicher Dank abgestattet.
Eichstätt, 29. Januar 1965.

P. Dr. Franz Reisinger OSFS.


Inhaltsverzeichnis 7

INHALTSÜBERSICHT
INHALTSÜBERSICHT

Hier werden innerhalb der einzelnen Abschnitte und Empfänger von jedem Brief
angegeben: die Brief-Nummer, der Band und die Seitenzahl in der authentischen Aus-
gabe der Oeuvres, das Datum und die Seitenzahl dieses Bandes. Die Angabe 206. XII,
244 bedeutet demnach: Brief Nr. 206, Oeuvres Band XII, Seite 244. – Für die chrono-
logische Reihenfolge und die Frage der Echtheit verweisen wir auf die vergleichenden
Tafeln am Schluß des Bandes.

Vorwort 5

I. Briefe aus den Jahren 1602-1610 21


An seine Mutter, Frau von Boisy
206. XII, 244 – 1602 oder 1603 27
556. XIV, 212f – Annecy, 29.11.1609 27
An seine Schwägerin, Frau de la Thuille
271. XIII, 1f – Januar-März 1605 28
An Fräulein von Soulfour
174. XII, 163-170 – Annecy, 16.1.1603 29
181. XII, 180-184 – Annecy, (April-Mai) 1603 35
190. XII, 202-206 – Annecy, 22.7.1603 38
An Frau von Limojon
291. XIII, 58-60 – Annecy, 28.6.1605 42
307. XIII, 90f – Annecy, 7.9.1605 44
An Unbekannte
179. XII, 177 – Annecy, 13.3.1603 45
414. XIII, 320-322 – Annecy, 27.9.1607 46
441. XIII, 385-388 – (1605-1608) 47
An den Präsidenten Bénigne Frémyot
230. XII, 326-332 – Sales, 7.10.1604 49
An Fräulein Clément
376. XIII, 244f – Annecy, 14.12.1606 53
483. XIV, 75 – (Oktober 1608) 54
8 Inhaltsübersicht

An Frau von Charmoisy


350. XIII, 179-181 – Annecy, 20.5.1606 55
439. XIII, 381-383 – Rumilly, um den 20.3.1608 56
440. XIII, 383f – Rumilly, Ende März 1608 58
474. XIV, 58f – Saint Rambert, 21.8.1608 59
863. XV, 365f – Annecy, 28.3.1613 59
1485. XVIII, 311f – Paris, November 1618 60
1846. XX, 172f – Annecy, 10.11.1621 61
1898. XX, 273 – Annecy, 28.2.1622 61
1967. XXI, 3 – ohne Datum 62
An Frau von Mieudry
490. XIV, 85 – Annecy, 6.11.1608 62
1166. XVII, 147-149 – Annecy, 19.2.1616 63
An Fräulein von Bréchard
491. XIV, 86f – 16.11.1608 64
531. XIV, 160f – Annecy, Mitte Mai 1609 64
534. XIV, 164f – Annecy, Ende Mai 1609 65
An Fräulein Claudine von Chastel
454. XIV, 18-20 – Annecy, 18.5.1608 66
459. XIV, 28-30 – Annecy (Ende Mai/Anfang Juni) 1608 68
656. XV, 9f – Annecy, 4.1.1611 70
An Frau von Traves
495. XIV, 91f – Annecy, 18.12.1608 70
524. XIV, 150f – Annecy, 18.4.1609 71
An seine Schwester, Frau von Cornillon
530. XIV, 158f – Annecy, 15.5.1609 72
537. XIV, 171f – Annecy, 30.6.1609 72
570. XIV, 243f – Annecy, Ende Januar 1610 73
577. XIV, 254f – Sales, 4.3.1610 74
614. XIV, 338f – Annecy, 6.8.1610 75
629. XIV, 364 – Sales, 23. oder 24.11.1610 76
928. XVI, 92f – Annecy, 12.11.1613 76
1316. XVIII, 16-18 – Annecy, 30.5.1617 77

II. Briefe an Frau Brulart (1604–1613) 78

217. XII, 267-271 – Annecy, 3.5.1604 79


233. XII, 345-352 – Sales, (13.10.) 1604 82
242. XII, 395f – Annecy, um den 22.11.1604 87
Inhaltsübersicht 9

275. XIII, 14-16 – Annecy (um den 18.2.) 1605 88


277. XIII, 18-22 – (Laroche, März) 1605 89
282. XIII, 37-39 – um den 20.4.1605 93
289. XIII, 53f – Annecy, 10.6.1605 94
305. XIII, 86f – Annecy, 28.8.1605 95
331. XIII, 148-151 – Chambéry, (Februar/März) 1606 96
338. XIII, 160f – Annecy, 3.4.1606 99
341. XIII, 166f – Annecy, 7.4.1606 100
347. XIII, 174-176 – Annecy, 29.4.1606 101
353. XIII, 194 – (Juni-August) 1606 102
361. XIII, 213-217 – Mitte September 1606 102
367. XIII, 225-230 – Annecy, (Ende Oktober) 1606 105
384. XIII, 258-260 – Annecy, 30.1.1607 109
400. XIII, 289-292 – Annecy, (Juni) 1607 110
404. XIII, 298f – Viuz en Sallaz, 20.7.1607 112
419. XIII, 333-335 – Sales, um den 2.11.1607 113
462. XIV, 39-41 – Annecy, 25.6.1608 115
516. XIV, 132-135 – Annecy, Ende Februar 1609 117
518. XIV, 137f – Annecy, Mitte März 1609 118
520. XIV, 141-143 – Annecy, März/April 1609 119
535. XIV, 166-168 – Annecy, 30.5.1609 120
588. XIV, 277-280 – Sales, 20.4.1610 (1612) 122
665. XV, 23-26 – Annecy, 1.3.1611 125
685. XV, 53f – Annecy, April 1611 127
751. XV, 164f – Annecy, 11.2.1612 128
761. XV, 191-194 – Chambéry, (März 1612) 129
910. XVI, 62-65 – Annecy, Anfang September 1613 132

III. Briefe an Madame de la Fléchère (1608–1622) 134

444. XIV, 1-3 – Annecy, 8.4.1608 135


448. XIV, 7f – Annecy, (Ende April Anfang Mai) 1608 136
455. XIV, 21-23 – Annecy, 19.5.1608 137
458. XIV, 26f – Annecy, 28.5.1608 139
468. XIV, 51f – Annecy, 13.7.1608 139
469. XIV, 53f – Annecy, 16.7.1608 140
470. XIV, 55 – Annecy, um den 21.7.1608 141
472. XIV, 57 – Annecy, (August) 1608 142
488. XIV, 81f – Annecy, 28.10.1608 142
512. XIV, 119-121 – Annecy, 20.1.1609 143
513. XIV, 121-123 – Annecy, (Februar) 1609 144
517. XIV, 135-137 – Annecy, (März) 1609 146
528. XIV, 156f – Annecy, (Mai 1609) 147
10 Inhaltsübersicht

545. XIV, 193f – Annecy, 20.8.1609 148


550. XIV, 202-204 – Annecy, 2.10.1609 149
562. XIV, 232-234 – Annecy, Mitte Dezember 1609 150
564. XIV, 235f – (1609 oder 1610) 152
584. XIV, 269-271 – Annecy, 27.3.1610 153
590. XIV, 285f – Annecy, 21.4.1610 153
620. XIV, 346f – Annecy, 19.9.1610 154
630. XIV, 365f – Sales, 24.11.1610 155
658. XV, 11-13 – Annecy, 7.1.1611 156
674. XV, 36f – Annecy, 22.3.1611 156
704. XV, 84-86 – Annecy, 5.8.1611 157
707. XV, 89f – Annecy, 17.8. (1611) 158
734. XV, 136f – Annecy, 28.12.1611 159
776. XV, 214f – Annecy, 15.5.1612 160
837. XV, 319f – (1610-1612) 160
841. XV, 325f – Annecy, (1611-März 1613) 161
887. XVI, 27f – Annecy, 11.6.1613 162
912. XVI, 67f – Annecy, 12.9.1613 163
920. XVI, 80f – Annecy, 29.9.1613 164
927. XVI, 91f – Annecy, um den 8.11.1613 164
972. XVI, 179f – Annecy, 5.5.1614 165
975. XVI, 184f – Annecy, 13.6.1614 166
976. XVI, 185-187 – Annecy, 22.6.1614 166
980. XVI, 191f – Annecy, 11.7.1614 167
991. XVI, 211f – Annecy, 19.8.1614 167
996. XVI, 222f – Annecy, August-September 1614 168
1018. XVI, 270f – Annecy, Ende November 1614 168
1086. XVII, 1-4 – Annecy, 1.6.1615 169
1090. XVII, 9f – Annecy, 20.6.1615 171
1138. XVII, 97-100 – Annecy, 5.12.1615 172
1165. XVII, 144-147 – Annecy, 17.2.1616 172
1169. XVII, 151f – Annecy, 24.2.1616 173
1175. XVII, 163-165 – Annecy, 1.3.1616 174
1177. XVII, 169-171 – Annecy, um den 6.3.1616 174
1193. XVII, 194-196 – Annecy, 21.4.1616 175
1194. XVII, 196f – Annecy, 22.4.1616 175
1200. XVII, 211 – Annecy, 15.5.1616 176
1210. XVII, 225f – Annecy, 11.6.1616 176
1229. XVII, 268-270 – Annecy, 14.8.1616 177
1433. XVIII, 228f – Annecy, 22.5.1618 178
1491. XVIII, 319 – Paris, 29.12.1618 179
1586. XIX, 93f – (1618 oder 1619) 179
1603. XIX, 121f – Annecy, Januar/Februar 1616/1620 179
Inhaltsübersicht 11

1651. XIX, 207f – Annecy, 26.5.1620 180


1894. XX, 268f – Annecy, 13.2.1622 180
1897. XX, 272f – Annecy, 19.2.1622 180
1917. XX, 307f – Annecy, um den 18.5.1622 181

IV. Briefe aus den Jahren 1610–1616 182

An die Baronin von Cusy


591. XIV, 286-288 – Annecy, 23.4.1610 186
594. XIV, 293-295 – Annecy, 2.5.1610 186
An Fräulein von Chapot
609. XIV, 325-328 – Annecy, 3.7.1610 188
An Frau von Travernay
611. XIV, 332f – Annecy, 21.7.1610 189
619. XIV, 345f – Annecy, 11.9.1610 190
796. XV, 246f – Gex, 20.7.1612 191
808. XV, 268-270 – Annecy, 29.9.1612 192
845. XV, 331-333 – Annecy, 3.1.1613 193
891. XVI, 33f – Annecy, 15.6.1613 194
1895. XX, 269f – Annecy, 17.2.1622 195
An Madame Madeleine de la Fléchère
622. XIV, 351f – September/Oktober 1610 196
An einen unbekannten jungen Mann
637. XIV, 376-381 – Annecy, 8.12.1610 196
An Fräulein von Blonay
652. XIV, 401f – (1610-1611) 200
An die Frau Präsidentin Favre
635. XIV, 372-374 – Annecy, 5.12.1610 201
661. XV, 18f – Annecy, 25.1.1611 202
686. XV, 54 – Annecy, 2.5.1611 202
824. XV, 301-304 – Annecy, 18.11.1612 203
An Frau von Aiguebellette
646. XIV, 393f – Annecy, 30.12.1610 204
731. XV, 131-133 – Annecy, 15.12.1611 204
12 Inhaltsübersicht

894. XVI, 36f – Annecy, 24.6.1613 205


1834. XX, 157f – Annecy, 25.9.1621 205
An eine unbekannte Dame
673. XV, 35f – Annecy, 22.3.1611 206
An eine Dame
738. XV, 140-142 – (1610-1611) 207
An Frau von Saint-Cergues
756. XV, 171f – Annecy, (26.)2.1612 208
An Frau de la Valbonne
777. XV, 216f – Annecy, 22.5.1612 209
884. XVI, 21-23 – Annecy, 7./8.6.1613 209
958. XVI, 155f – Annecy, 5.2.1614 210
964. XVI, 170 – Annecy, 2.4.1614 211
990. XVI, 209f – Annecy, 19.8.1614 211
1309. XVIII, 3f – Annecy, 15.5.1617 212
1382. XVIII, 135f – (1615-1617) 212
An eine Dame
836. XV, 318 – (1612) 214
An Frau von Peyzieu
817. XV, 286-289 – Annecy, 26.10.1612 214
833. XV, 315 – Annecy, 31.12.1612 216
877. XVI, 11f – 21.5.1613 216
911. XVI, 65f – Annecy, 6.9.1613 217
1029. XVI, 284f – Ende 1612/1614 217
1043. XVI, 300f – Annecy, (etwa Februar) 1615 218
1048. XVI, 310f – Annecy, 28.2.1615 219
1059. XVI, 328f – Annecy, März 1615 219
1069. XVI, 350f – Annecy, Ende April 1615 220
1080. XVI, 370-372 – Annecy, 21.5.1615 221
1089. XVII, 7f – Annecy, (Mitte Juni) 1615 222
1109. XVII, 44 – (August/September) 1615 224
1131. XVII, 87 – Annecy, 15.11.1615 224
An Frau d’Escrilles
814. XV, 278-280 – Annecy, 13.10.1612 225
853. XV, 347f – Annecy, Anfang Februar 1613 226
949. XVI, 133f – Annecy, 7.1.1614 227
969. XVI, 175 – Annecy, 30.4.1614 228
Inhaltsübersicht 13

An Frau de la Croix d’Autherin


860. XV, 357-359 – Annecy, 12.3.1613 228
1092. XVII, 12-14 – Annecy, 23.6.1615 229
1093. XVII, 14f – 23.6.1615 230
1843. XX, 169 – Annecy, 3.11.1621 231
An Frau von Grandmaison
930. XVI, 95-98 – Annecy, Mitte November 1613 232
1289. XVII, 358 – Grenoble, Ende März 1617 234
1365. XVIII, 103f – Belley, 5.10.1617 234
An eine Dame
852. XV, 346f – Annecy, (Ende Januar/Februar 1613) 235
An eine unbekannte Person
892. XVI, 34f – Annecy, 18.-20.6.1613 236
An Frau le Murat de la Croix
919. XVI, 78-80 – Annecy, 28.9.1613 236
An eine Dame
939. XVI, 119f – Annecy, 24./25.12.1613 237
An den Baron Prosper de Rochefort
2034. XXI, 111-113 – Annecy, 20.1.1614 238
An Wilhelm-Franz von Chabod, Herrn von Jacob
993. XVI, 214f – Annecy, um den 20.8.1614 239
An eine Dame
1068. XVI, 349f – Annecy, 26.4.1615 240
An Frau von Ruans
1091. XVII, 11 – Annecy, 21.6.1615 241
1753. XX, 14f – Annecy, Januar 1621 241
1761. XX, 23f – Annecy, 8.2.1621 242
An eine Dame
1176. XVII, 166-169 – Annecy, 5.3.1616 242
An Frau Guillet de Monthoux
1254. XVII, 305 – Annecy, 10.11.1616 245
An den Herzog Roger de Bellegarde
906. XVI, 55-58 – Annecy, 24.8.1613 246
982. XVI, 193-195 – Annecy, 31.7.1614 248
14 Inhaltsübersicht

2036. XXI, 115 – August 1614 249


992. XVI, 212f – Annecy, (August) 1614 250
997. XVI, 223f – Annecy, 12.9.1614 251
1156. XVII, 129-131 – Annecy, 6.1.1616 252
1231. XVII, 271-273 – Annecy, 15.8.1616 253
1446. XVIII, 245f – Annecy, 9.7.1618 255

V. Briefe aus den Jahren 1617–1622 256


An Frau von Blanieu
1292. XVII, 362f – Rumilly, 3.4.1617 261
1346. XVIII, 69 – Annecy, 30.8.1617 261
1390. XVIII, 150f – Annecy, 18.1.1618 262
An die Präsidentin Le Blanc de Mions
1294. XVII, 366-371 – Annecy, um den 7.4.1617 262
1301. XVII, 386-390 – Annecy, 26.4.1617 266
An Frau von Veyssilieu
1295. XVII, 371-375 – Annecy, 7.4.1617 268
1502. XVIII, 343f – Paris, 16.1.1619 270
1511. XVIII, 365f – Paris, 26.3.1619 271
1612. XIX, 143f – Annecy, 17.2.1620 272
1860. XX, 206f – Annecy, 13.12.1621 273
An Frau von Granieu
1305. XVII, 395f – Annecy, April 1617 273
1363. XVIII, 100f – Annecy, Ende Sept./Oktober 1617 274
1432. XVIII, 227f – Annecy, 20.5.1618 275
1441. XVIII, 237-240 – Annecy, 8.6.1618 275
1449. XVIII, 250-252 – Annecy, 19.7.1618 277
1456. XVIII, 261f – Annecy, 14.8.1618 278
1470. XVIII, 286 – Annecy, 22.9.1618 279
1501. XVIII, 340-342 – Paris, 16.1.1619 280
1611. XIX, 141f – Annecy, 17.2.1620 281
1668. XIX, 256-258 – Annecy, 20.6.1620 282
1678. XIX, 279f – Annecy, 9./10.7.1620 283
2043. XXI, 125f – Annecy, 18.7.1620 284
1711. XIX, 354f – Annecy, 16.10.1620 284
1713. XIX, 357 – Annecy, 23.10.1620 285
1731. XIX, 390f – Annecy, 24.11.1620 285
1844. XX, 170f – Annecy, 3.11.1621 286
An Herrn Claude de Blonay
1314. XVIII, 13f – Annecy, 28.5.1617 287
Inhaltsübersicht 15

An den Baron Amadeus von Villette


1317. XVIII, 18-20 – Annecy, 30.5.1617 288
An die Präsidentin von Sautereau
1320. XVIII, 25-27 – Sales, 21.6.1617 289
1823. XX, 138f – Annecy, 30.8.1621 291
An seine Schwägerin, die Baronin von Thorens
1324. XVIII, 35f – Viuz-en Sallaz, 30.6.1617 291
An Frau von Montfort
1350. XVIII, 72f – Annecy, 10.11.1617 292
An eine Dame
1326. XVIII, 38-40 – (Juli 1617 oder 1604) 293
1340. XVIII, 59f – Annecy, 7.8.1617 295
1370. XVIII, 111 – Annecy, (Sept.-Nov. 1617) 295
An die Präsidentin von Bouquéron
1391. XVIII, 151-153 – Annecy, 18.1.1618 296
An die Frau de la Baume
1420. XVIII, 209-212 – Annecy, 30.4.1618 297
An eine Tante
1435. XVIII, 230f – Annecy, 29.5.1618 299
An eine Dame (in Grenoble)
1436. XVIII, 232f – Annecy, 30.5.1618 300

An die Präsidentin du Faure


(1340) XXI, 116f – Annecy, 7.4.1617 301
1455. XVIII, 260f – Annecy, 10.8.1618 302

An die Gräfin von Rossillon


1506. XVIII, 356f – Paris, 27.1.1619 302
1660. XIX, 231f – Annecy, 2.6.1620 303
1947. XX, 373f – Annecy, um den 26.9.1622 303

An Frau von Villeneuve


1507. XVIII, 357-359 – Paris, Januar/Februar 1619 305
1551. XIX, 18f – um den 18.9.1619 305
1671. XIX, 261f – Annecy, 4.7.1620 306
16 Inhaltsübersicht

1696. XIX, 315f – Annecy, 9.8.1620 307


1815. XX, 121f – Annecy, 2.8.1621 307
An die Präsidentin von Herse
1675. XIX, 271-274 – Annecy, 7.7.1620 308
1887. XX, 256f – Annecy, 23.1.1622 311
An Frau von Villesavin
1522. XVIII, 384-386 – Paris, Mai 1619 311
1539. XVIII, 415-417 – Paris, Juli/August 1619 313
1636. XIX, 179f – Annecy, 9.4.1620 314
An Frau de Lamoignon
1541. XIX, 1f – Paris, 7.8.1619 315
An Frau Le Naint de Cravant
1543. XIX, 4 – Paris, 20.8.1619 315
1842. XX, 167f – Annecy, Ende Sept.-Nov. 1621 315
An eine unbekannte Dame
1545. XIX, 6f – Paris, 23.8.1619 316
An eine Pariser Dame
1547. XIX, 9-11 – Paris, 4.9.1619 317
An eine unbekannte Dame
1548. XIX, 11f – Paris, 7.9.1619 318
An Frau Le Maitre
1556. XIX, 27-29 – Amboise, 22.9.1619 318
1683. XIX, 298f – Annecy, (Juli/August 1620) 320
1751. XX, 11f – Annecy, 24.1.1621 320
An die Präsidentin Amelot
1570. XIX, 59f – Annecy, (Oktober-Dezember) 1619 321
An ein Fräulein in Paris
1571. XIX, 60f – Oktober-Dezember 1619 321
An eine Dame
1572. XIX, 61f – Annecy, 2.12.1619 322
An einen Onkel
1594. XIX, 112f – Annecy, 16.1.1620 323
Inhaltsübersicht 17

An Frau Rousselet
1605. XIX, 128f – Annecy, 4.2.1620 324
An Frau von Jomaron
1613. XIX, 144f – Annecy, 17.2.1620 324
An Herrn de Foras
1635. XIX, 177f – Annecy, 8.4.1620 325
1850. XX, 187f – Annecy, 11.11.1621 325
An Fräulein Lhuillier von Frouville
1655. XIX, 213-215 – Annecy, 31.5.1620 326
1695. XIX, 313-315 – Annecy, 9.8.1620 330
An eine Dame
1704. XIX, 340-342 – Annecy, 29.9.1620 332
1762. XX, 24-26 – Annecy, 27.2.1621 333
An Frau von Toulongeon
1768. XX, 32-34 – Lyon, 24.3.1621 335
1960. XX, 393f – Lyon, 17.12.1622 336
An die Gräfin von Dalet
1778. XX, 51-55 – Annecy, 25.4.1621 336
1790. XX, 77-80 – Annecy, 11.5.1621 340
1893. XX, 267-269 – Annecy, 8.2.1622 343
1928. XX, 333f – Turin, 6.7.1622 346
1938. XX, 356-358 – Annecy, August/September 1622 347
An Frau Le Loup de Montfan
1779. XX, 55-58 – Annecy, 25.4.1621 339
1818. XX, 125f – Annecy, 4.8.1621 342
1927. XX, 330-332 – Turin, 6.7.1622 344
An Frau Rivolat
1802. XX, 98 – 11.6.(1615-1621) 348
An Frau von Chamousset
1807. XX, 107f – Annecy, 24.7.1621 349
An eine unbekannte Person
1812. XX, 116f – Annecy, Juni-August 1621 349
An eine unbekannte Dame
1820. XX, 131-134 – Annecy, 21.8.1621 350
18 Inhaltsübersicht

An Frau Amaury
1827. XX, 143-145 – Annecy, August-September 1621 352
An eine unbekannte Dame in Paris
1830. XX, 148f – Annecy, 20.9.1621 353
An Madame Baudeau
1831. XX, 149f – 20.9.1621 354
An Frau von Pechpeirou
1836. XX, 160 – Annecy, 12.10.1621 355
An eine Dame in Grenoble
1861. XX, 207f – Annecy, 13.12.1621 355
An einen Freund
1865. XX, 213f – Annecy, 1621 356
An Fräulein Jousse
1868. XX, 217 – Annecy, 1620 oder 1621 356
An eine Dame
1870. XX, 221 – 1616-1622 357
An eine unbekannte Dame
1871. XX, 222f – 1618-1622 357
An Frau von Vaudan
1879. XX, 234f – 1622 359
An die Gräfin von Miolans
1881. XX, 241-243 – Annecy, 8.1.1622 359
An eine Kandidatin für die Heimsuchung
1902. XX, 280f – 6.3.1622 360
An eine Dame
1919. XX, 310f – Pignerol, 7.6.1622 361
1961. XX, 395 – Lyon, 19.12.1622 362

VI. Briefe ohne Datum 363

1968. XXI, 3 – An Clériadus von Genève-Lullin 363


1971. XXI, 6-8 – An einen Edelmann in Dijon 363
1973. XXI, 10f – An einen Studenten 365
Inhaltsübersicht 19

1974. XXI, 11-14 – An einen Adeligen 365


1975. XXI, 14 – An einen Unbekannten 368
1976. XXI, 15f – An eine Dame 368
1977. XXI, 16f – An die gleiche Dame 369
1978. XXI, 17f – An dieselbe Dame 370
1979. XXI, 18f – An eine Dame 370
1980. XXI, 19f – An eine Dame 370
1981. XXI, 20 – An eine Dame 371
1982. XXI, 20f – An eine Dame 371
1983. XXI, 21f – An eine Dame 372
1984. XXI, 23 – An eine Dame 373
1985. XXI, 23f – An ein Fräulein 373
1986. XXI, 25 – An ein Fräulein (um den 8.9.) 374
1987. XXI, 25f – An ein Fräulein 375
1988. XXI, 26-28 – An dasselbe Fräulein 375
1989. XXI, 28f – An eine Unbekannte 376
1990. XXI, 29f – An eine Unbekannte 377
1991. XXI, 30f – An eine Dame 378
1992. XXI, 31f – An eine Dame 378
1993. XXI, 32f – An dieselbe Dame 379
1994. XXI, 33f – An ein Fräulein 380
1995. XXI, 34f – An eine Dame 380
1996. XXI, 36f – An eine Dame 381
1997. XXI, 37f – An ein Fräulein 383
1998. XXI, 39f – An ein Fräulein 384
1999. XXI, 40-42 – An das gleiche Fräulein 385
2000. XXI, 42f – An ein Fräulein 386
2001. XXI, 43-45 – An eine Unbekannte 386
2002. XXI, 45f – An eine Dame 388
2003. XXI, 47f – An eine Cousine 389

Anmerkungen 391
Alphabetisches Verzeichnis der Briefempfänger 411
Vergleichende Tafeln 413
20
Vorwort 21

I. Briefe aus den Jahren 1602-1610

Franz von Sales war nicht erst seit 1602 Seelenführer, obwohl die ersten
Briefe der Seelenführung aus diesem Jahr überliefert sind. Sie gehen nach
Paris. Dort hatte der Heilige durch seine zahlreichen Predigten und Ausspra-
chen Verbindungen angeknüpft, die sich im Briefwechsel fortsetzten: die Briefe
an das Kloster der „Filles-Dieu“ und an Fräulein von Soulfour sind davon
noch erhalten.
Als Bischof von Genf war Franz von Sales nicht nur der Leiter, sondern vor
allem der eifrigste Seelsorger seiner Diözese. Sein Beichtstuhl, seine Kanzel und
sein Sprechzimmer sind umlagert. Den meisten Anteil daran haben seine engsten
Mitbürger in Savoyen, angefangen von seinen Verwandten. So haben wir Briefe
an seine Mutter, an seine Schwägerin und seine Schwester, an die Frauen seiner
Cousins Charmoisy und de la Fléchère. Nach seinen Predigten in La Roche und
Chambéry kommen von dort Anfragen; er antwortet der Frau von Limojon in La
Roche, den Damen Clément und de Chastel in Chambéry, der Frau von Mieudry
in Rumilly (wo auch Madame de la Fléchère wohnt); auch der Wohnsitz vieler
unbekannter Briefempfänger ist in Savoyen zu suchen.
Sein Wirken bleibt nicht auf das Bistum beschränkt. 1604 hielt Franz von
Sales die Fastenpredigten in Dijon, und damit öffnet sich Burgund seinem
Eifer. Hier beginnt der Briefwechsel mit der Baronin Johanna Franziska von
Chantal; nach Burgund gehen auch viele Briefe an die Präsidentin Brulart und
deren Schwester, die Äbtissin Rose Bourgeois de Crepy von Puits d’Orbe, ferner
ein langer Brief an den Präsidenten Frémyot, ebenso an dessen Sohn, den
Erzbischof André Frémyot von Bourges, und an die mit Frau von Chantal
verwandten oder befreundeten Damen von Traves und Bréchard.
Hier folgen einige biographische Daten der Briefempfänger dieses ersten
Abschnitts in der Reihenfolge, wie die Briefe eingeordnet sind.

FRAU VON BOISY, DIE MUTTER DES HEILIGEN.

Franz von Sales verband eine innige Liebe mit seiner Mutter, Françoise de
Sionaz, die sehr jung den 27 Jahre älteren François de Sales geheiratet hatte,
der sich nach einem Gut seiner Gemahlin Herr von Boisy nannte. Franz war
das erste von 13 Kindern aus dieser Ehe. Die Mutter hatte ihrem kleinen Sohn
eine innige Liebe zu Gott eingepflanzt. Sie blieb ihr Leben lang seine Vertraute
und stellte sich später unter seine geistliche Leitung. Der Brief, den Franz von
Sales nach ihrem Tod an Frau von Chantal schrieb, zeugt von der zarten Liebe,
die ihn mit seiner Mutter verband. (Mehr über Frau von Boisy in dem schönen
22 I. Einführung

Buch von Francis Trochu, Die Mutter des hl. Franz von Sales, Eichstätt und
Wien, Franz-Sales-Verlag, 1962.)
Von den Briefen, die Franz von Sales an seine Mutter schrieb, sind nur zwei
erhalten, die anderen sind bei der von Richelieu befohlenen Zerstörung des
Schlosses Sales vernichtet worden. Auch diese Briefe zeugen von der zärtlichen
Liebe des Heiligen zu seiner Mutter wie von ihrem Vertrauen zu ihrem bischöf-
lichen Sohn.

MADAME DE LA THUILLE,

geborene Baronin de Cusy, wurde im Jahr 1603 durch Franz von Sales sei-
nem Bruder Louis angetraut, der nach einem seiner Güter den Titel Herr de la
Thuille annahm. Ihr einziger Sohn war Charles-Auguste de Sales, der spätere
Biograph und dritte Nachfolger seines Onkels als Bischof von Genf.
Die Hochschätzung des Heiligen für seine Schwägerin geht aus dem hier
veröffentlichten Brief hervor, ebenso aus dem Brief an seinen Bruder Louis
nach ihrem frühen Tod (sie war erst 23 Jahre, als sie 1609 starb): „Mein
Bruder, hören Sie auf, sich zu grämen. Ich versichere Ihnen mit Bestimmtheit,
daß Ihre teure Gattin zur Hochzeit des Lammes gelangt ist“ (nach Hauteville;
s. Oeuvres XII, 95, Anm. 2).

FRÄULEIN VON SOULFOUR.

Der Vorname ist unbekannt. Franz von Sales hatte das Mädchen als Novizin
im Kloster der „Filles-Dieu“ in Fragen ihres geistlichen Lebens beraten, das
ziemlich verworren war, und ihr darüber einen langen Brief geschrieben. Kurz
darauf kehrte sie in ihr Elternhaus zurück; dort erhält sie noch zwei Briefe vom
Bischof.
Der erste Brief wird in diesem Band veröffentlicht, obwohl er an eine Novizin
gerichtet war; er berührt kaum Fragen des Ordenslebens, wohl ein Zeichen,
daß Fräulein Soulfour bereits damals in ihrem Ordensberuf schwankend war.
Die Briefe des Heiligen zeigen sie als einen Menschen guten Willens aber sehr
unklaren Geistes, voller Wünsche nach einem vollkommenen Leben aber ohne
Ordnung. Daher verweist sie Franz von Sales an die Priester ihres Ortes, da er
aus der Entfernung ihre Schwierigkeiten kaum lösen konnte.
Diese drei Briefe sind sicher echt; sie stehen in den „Epitres spirituelles“, die
1626 unter Aufsicht der hl. Johanna Franziska von Chantal herausgegeben
wurden.

MADAME DE LIMOJON.

Jeanne Louise de Geblos hatte im Jahr 1598 Herrn Jean de Limojon gehei-
ratet, einen Offizier im Dienst des Herzogs von Savoyen. Da er von La Roche
stammte, wird seine Gattin dort Predigten des Heiligen gehört und den Wunsch
geäußert haben, sich unter seine Führung zu stellen. – Von dem vielleicht
häufigeren Briefverkehr des Heiligen mit dieser Dame sind uns zwei Briefe
erhalten. – Vom ersten ist nur eine Kopie vorhanden, die sich im Heimsu-
I. Einführung 23

chungskloster von Turin befindet und zum erstenmal in den Oeuvres veröffent-
licht wurde. Form und Inhalt lassen ihn glaubhaft als authentischen Brief des
Heiligen erscheinen. – Der zweite hier übersetzte Brief, zuerst von Migne veröf-
fentlicht, dürfte auch Franz von Sales zum Verfasser haben.

AN UNBEKANNTE.

In den Bänden XII, XIII, XIV stehen einige Briefe, deren Adressaten von den
Herausgebern der Oeuvres nicht ermittelt werden konnten. – Davon sind sicher
echt, d. h. von Franz von Sales verfaßt, Nr. 179 „An eine Tante“, ferner Nr. 414
an eine Dame, Nr. 441 an ein Fräulein, Nr. 585 an eine Dame.
Wahrscheinlich unecht sind Nr. 346 (Oeuvres XIII, 173-174) und Nr. 365
(Oeuvres XIV, 237-238), der erste von Migne, der zweite von Blaise zuerst
veröffentlicht. – Stil wie Inhalt sprechen gegen die Echtheit. – Nr 585 wurde
wegen geringen Inhalts ausgelassen (Nachrichten).
Von den sicher echten Briefen ist Nr. 179 an eine Tante, in den Epitres
spirituelles (1626) enthalten, also echt. – Es ist allerdings unbekannt, an wel-
che Tante unter den vielen Verwandten des Heiligen er gerichtet war.
Nr. 414, von der Familie Blonay aufbewahrt und in den „Memoires“ der
salesianischen Akademie zuerst veröffentlicht, ist echt, wie sich aus dem Inhalt
wie aus der Form ergibt. Der Name der Dame ist unbekannt. Die Herausgeber
der Oeuvres meinen, daß sie in Chambéry gewohnt habe und wohl in den
Dienst der Donna Mathilde von Savoyen getreten sei, die seit dem 26. Februar
1607 mit dem Stadthalter D’Albigny verheiratet war. – (Oeuvres XIII, 321,
Anm.1). – Möglich sei auch Dijon.
Nr. 441, an ein Fräulein wurde auch in den Epitres spirituelles 1626 veröf-
fentlicht, ist also sicher echt. Die Herausgeber der Oeuvres meinen, der Brief
sei an Frl. von Soulfour gerichtet. Dagegen spricht Verschiedenes, wenngleich
es nicht ganz ausgeschlossen ist.

DER PRÄSIDENT BÉNIGNE FRÉMYOT.

Der Magistrat von Dijon, der Hauptstadt von Burgund, lud Franz von Sales
ein, 1604 dort die Fastenpredigten zu halten. Dort lernte er Frau Brulart und
deren Schwester, die Äbtissin von Puits d’Orbe, kennen und verkehrte vor
allem im Haus Frémyot. Der Erzbischof von Bourges, André Frémyot, schloß
sich in herzlicher Freundschaft seinem älteren Mitbruder im Bischofsamt an
und erhielt von diesem später einen noch heute gültigen Brief über das Predi-
gen und wertvolle Anregungen für seine Aufgaben als Bischof. Seine Schwester
Johanna Franziska von Chantal führte Franz von Sales von diesen Tagen an zu
den Höhen christlicher Vollkommenheit. Große Verehrung verband ihn auch
mit dem Vater der beiden, dem Präsidenten Bénigne Frémyot.
Der Präsident, einer der großen Männer seiner Zeit, hatte in den französi-
schen Bürgerkriegen eine heroische Haltung als aufrechter Katholik bewiesen
(vgl. H. Waach, Johanna Franziska von Chantal. Eichstätt und Wien, Franz-
Sales-Verlag, 1957, bes. Seite 13-17). Er bat Franz von Sales um Ratschläge
für seinen Lebensabend, die ihm dieser in dem hier veröffentlichten Brief in
aller Ehrfurcht und Offenheit erteilt. Der Präsident starb 1611.
24 I. Einführung

MADEMOISELLE CLÉMENT.

Aus den zwei überlieferten Briefen geht hervor, daß diese Dame in Chambéry
lebte, Franz von Sales kennen lernte, als er dort 1606 die Fastenpredigten
hielt, ebenso, daß sie den Wunsch hatte, in einen Orden einzutreten. Franz von
Sales billigt diesen Wunsch, bereitet sie aber (besonders im zweiten Brief) auf
das Scheitern ihres Planes vor. In einem Brief an P. Pollien SJ. in Chambéry
schreibt er: „Gott weiß, daß ich Fräulein Clément lieb habe. Ich glaube aber
nicht, daß ihre Konstitution stark genug ist, die Lebensweise der Clarissen zu
ertragen. Wohin aber könnte man sie in Savoyen sonst empfehlen? ... Gott wird
sie trösten, da sie auf ihn vertraut ...“ – Mehr wissen wir von ihr nicht.
Die beiden hier übersetzten Briefe sind sicher echt; der erste ist in den gesam-
melten Werken des Heiligen (1656), der zweite in den „Epitres spirituelles“
(1626) veröffentlicht.

MADAME DE CHARMOISY.

Louise de Chatel, geboren in der Normandie, kam sehr jung als Edelfräulein
der Herzogin von Guise nach Paris. Dort lernte sie Herrn von Charmoisy ken-
nen, einen Verwandten des hl. Franz von Sales; im Jahr 1600 schlossen beide
eine Liebesehe. Die durch Schönheit und Charakterfestigkeit ausgezeichnete
junge Frau folgte ihrem Mann in dessen Bergheimat nach Savoyen, wo er
mehrere Schlösser besaß. Dort lernte sie den mit ihrem Mann eng befreundeten
Franz von Sales kennen, als er 1602 die Bischofsweihe empfangen hatte.
Frau von Charmoisy hatte gewiß kein leichtes Leben. Ihr Mann war oft
abwesend, so daß ihr die Verwaltung der alten, düsteren Schlösser oblag. Sie
selbst war oft krank, ebenso ihr Mann, der beim Herzog in Ungnade fiel und
längere Zeit in einem seiner Schlösser interniert wurde, später allerdings wie-
der zu Ehren und zu hohen militärischen Würden kam. Nach dem Tod ihres
Mannes im Jahr 1618 war ihr Sohn die Ursache schwersten Kummers. Er brach
in ihr Zimmer ein und untersuchte aus Mißtrauen gegen sie ihre Papiere; sie
forderte zwar Genugtuung, verzieh ihm aber so großherzig, daß sie ihm nach
und nach ihren ganzen Besitz überließ. Am 1. Juni 1645 starb sie, umgeben
von ihrer Familie.
Eine ganz große Frau, in vielem der hl. Johanna Franziska von Chantal
ähnlich: von großem Mut, klar im Denken, gewissenhaft in der Pflichterfül-
lung, und doch voll echt weiblicher Güte, verbunden mit Einfühlungsvermögen
und Opferwilligkeit. (Mehr über sie bei Angela Hämel-Stier, Frauen um Franz
von Sales, Eichstätt und Wien, Franz-Sales-Verlag, 1954, Seite 29-75; vgl.
Henry Bordeaux, St. François de Sales et notre coeur de chair, Paris 1924,
Seite 196-208.)
Es steht nicht fest, ob Frau von Charmoisy sich bereits 1604 oder erst 1607
unter die Leitung des hl. Franz von Sales gestellt hat. Seine Verbindung zur
Familie war sehr eng; er stand Frau von Charmoisy treu zur Seite, als ihr Mann
in Ungnade gefallen, als er krank und nachdem er gestorben war. Er brachte
Frau von Charmoisy auch in Verbindung mit Johanna Franziska von Chantal,
Madame de la Fléchère und anderen.
I. Einführung 25

In den „Oeuvres“ sind relativ wenige Briefe an Frau von Charmoisy überlie-
fert. Gewiß dürfte er ihr die meisten Ratschläge mündlich erteilt haben, außer-
dem fanden die grundsätzlichen Weisungen der ersten Zeit Eingang in die
„Anleitung zum frommen Leben“, die unsterbliche „Philothea“. Von den 11
überlieferten Briefen sind sechs sicher echt (Nr. 439, 440, 474, 863, 1485,
1967). Der hier als erster übersetzte Brief (Nr. 350) wurde von Datta und dann
von Migne veröffentlicht; er dürfte echt sein, obwohl einige Zweifel bleiben. Nr.
595 und 1521 sind nicht übersetzt, obwohl sie echt sein dürften; Nr. 1967 hat
Frau von Charmoisy in ihrer Aussage beim Heiligsprechungsprozeß aus seinen
Briefen an sie zitiert.

MADAME DE MIEUDRY.

Gasparde de Cerisier, seit 1602 mit Sébastian Porties, Herrn von Mieudry
verheiratet, wohnte in Rumilly unweit Annecy. Sie hatte drei Kinder, bei ihr
lebte auch ihr Vater (s. Brief vom 19.2.1616). Sie starb am 10. Oktober 1616.
Die beiden letzten Briefe des Heiligen an sie, die in den „Oeuvres“ enthalten
sind, stehen nicht in den Sammlungen vor 1800; der erste wurde von Blaise,
der zweite von Migne erstmals veröffentlicht; nach Inhalt und Form scheinen
sie echt zu sein.

JEANNE-CHARLOTTE DE BRÉCHARD

wurde 1580 geboren, verlor ihre Mutter bald nach ihrer Geburt und wurde von
ihrem Vater schmählich im Stich gelassen. Sie hatte eine traurige Jugend – bis
sie auf die Baronin von Chantal traf, die ihr eine warme mütterliche Liebe
schenkte. Durch sie wurde Franz von Sales ihr Seelenführer und nun begann
für das fromme Mädchen ein seelischer Frühling. Mit Hochherzigkeit folgte sie
den Weisungen der beiden Heiligen. Sie war eine der ersten Schwestern, die die
heroischen Anfänge der „Heimsuchung“ im kleinen Kloster der „Galerie“ mit-
erlebten, und wurde später eine der Säulen des Ordens der Heimsuchung.
Hier sind nur die Briefe, die ihr Franz von Sales vor Beginn ihres Ordensle-
bens schrieb. Die spätere Schwester und Oberin der „Heimsuchung Mariä“
wird noch viele Briefe des Heiligen empfangen, die wir im Band 7 der deut-
schen Ausgabe der Werke des Heiligen veröffentlicht sind.
Die drei folgenden Briefe sind sicher echt; sie wurden bald nach dem Tod des
hl. Franz von Sales in den Sammlungen seiner Briefe veröffentlicht.

FRÄULEIN CLAUDINE DE CHASTEL,

eine der vier Töchter der Familie Chastel, machte noch in der Welt das Gelüb-
de der Keuschheit, nachdem sie Franz von Sales um Rat gefragt hatte. Der erste
Brief des Heiligen ist die Antwort auf ihre Frage. Ihre Schwester Peronne-
Marie trat vor ihr in den Orden der Heimsuchung ein und zwar in den ersten
Anfängen. Claudine folgte ihr im Jahr 1620. Sie starb im Kloster von Cham-
béry 1668.
26 I. Einführung

Die drei hier übersetzten Briefe sind sicher echt; die zwei ersten sind in der
nach dem Tod des Heiligen bald herausgegebenen Sammlung seiner Briefe
enthalten, der dritte wurde vom zuverlässigen Hérissant veröffentlicht.

FRAU VON TRAVES.

Claude du Plesseys hatte im Jahr 1598 Jean de Choiseul de Traves geheira-


tet, der in die Ehe fünf Kinder seiner ersten Frau mitbrachte. Sie selbst brachte
drei Kinder zur Welt. Herr von Traves starb 1605. Sie hatte also jetzt für acht
Kinder allein zu sorgen. Man versteht, daß Franz von Sales ihr unter diesen
Umständen abgeraten hat, wieder zu heiraten.
Die zwei uns erhaltenen Briefe an Frau von Traves sind sicher authentisch.
Sie wurden beide bereits 1688 veröffentlicht. Da die Baronin von Chantal ihre
Cousine war, dürfte der Briefwechsel zwischen ihnen lebhafter gewesen sein. Es
ist bedauerlich, daß nur so wenig davon erhalten blieb.

MADAME DE CORNILLON, DIE SCHWESTER DES HEILIGEN.

Gasparde de Sales, Schwester des Heiligen, mindestens10 Jahre jünger als


er, heiratete 1595 Melchior de Cornillon, dessen Vater, Raymond Charles,
Hauptmann und Statthalter in La Roche war. Sie hatte viele Kinder. Ihr Mann
war ihr herzlich zugetan. Dagegen dürfte sie viele Schwierigkeiten mit ihrem
mürrischen Schwiegervater und dessen Familie gehabt haben. Franz von Sales,
der ihr Seelenführer war und dessen innige Liebe zu seiner Schwester aus jeder
Zeile seiner Briefe hervorgeht, muntert sie immer wieder auf und weist sie auf
den Weg der Herzensverbundenheit mit Christus und das tapfere Kreuztragen
in seiner Nachfolge. Sie überlebte ihren heiligen Bruder um sieben Jahre (†
1629).
Die hier übersetzten Briefe sind alle in der von der hl. Johanna-Franziska
von Chantal überwachten ersten Auflage der Briefe des hl. Franz von Sales
enthalten und daher sicher echt, mit Ausnahme des Briefes 928, der zuerst von
Migne veröffentlicht wurde, aber wahrscheinlich echt ist. – Die Oeuvres haben
im 16. Band noch einen in Privatbesitz befindlichen Brief veröffentlicht (unter
Nr. 1062), der nur aus wenigen Zeilen besteht und wahrscheinlich unecht ist.
27

AN SEINE MUTTER, FRAU VON BOISY

XII, 244 (206) 1602 oder 1603.1


Ich schreibe Ihnen dies, meine sehr liebe und gute Mutter, da ich zu
Pferde steige, um nach Chambéry zu reisen. Auf diesem Brieflein ist
kein Siegel und ich empfinde keine Unruhe darüber. Durch Gottes Gna-
de sind wir nicht mehr in dieser schweren Zeit, da wir uns verbergen
mußten,2 um uns freundschaftlich zu schreiben und uns Trostesworte zu
sagen. Es lebe Gott, meine gute Mutter! Es ist wohl wahr, daß die Erinne-
rung an diese Zeit mir immer heilig-liebevolle Gedanken einflößt.
Seien Sie immer voll Freude im Herrn, meine gute Mutter.3 Sie sollen
wissen, daß es Ihrem armen Sohn gut geht durch Gottes Barmherzigkeit
und daß er sich vorbereitet, Sie baldigst zu besuchen und auf so lange, als
es ihm möglich ist.
Ich gehöre Ihnen ganz an. Ich muß es sein und Sie wissen, daß ich bin
Ihr Sohn Franz, Bischof.

XIV, 212-213 (556) Annecy, 29. November 1609.4


Liebste Frau Mutter!
Die Nachricht über die Besserung Ihrer Gesundheit, die mir mein
jüngerer Bruder brachte, hat mich recht getröstet, und doch unterlasse
ich es nicht, dem Rat meines Cousins Chaudens zuzustimmen, daß Herr
Marcofredo über Ihre Gesundheit befragt werde, ob Sie ihn jetzt nach
Sales kommen lassen oder, wenn Sie können, selbst auf drei bis vier Tage
nach Genf gehen; in diesem Fall aber müßte die Reise recht bald unter-
nommen werden, um ärgerer Kälte zuvorzukommen.
Wenn mein Bruder mir auch hätte sagen können, in welchem Zustand
Sie sich geistig befinden, wäre meine Freude noch viel größer gewesen;
aber er hat mir nichts anderes sagen können, als daß Sie manchmal ziem-
lich froh und manchmal traurig sind5 und daß Sie sich keine neuen Schu-
he machen lassen wollten, weil Sie glauben, Sie würden nicht mehr lange
genug leben, um sie abzunützen. Nun, all das ist nicht schlimm; ich
wünsche aber doch sehr, daß Sie sich nach und nach freimachen und
loslösen von diesen kleinlichen Ideen, die gänzlich unnütz und fruchtlos
sind und überdies den Platz anderer, besserer und Unserem Herrn wohl-
gefälliger Gedanken einnehmen. Ihr Geist muß weiter und freier Unse-
28 I. de la Thuille Brief Nr. 271

rem Herrn gegenüber werden. Sie dürfen ihn nicht mit solch kleinlichen
Gefühlen oder Gedanken belasten, Sie sollen in Freiheit leben; überlas-
sen Sie es der Vorsehung Unseres Herrn, aus Ihnen zu machen, was ihm
gefällt.
Mit Ihrer Erlaubnis aber will ich klar zu Ihnen sprechen. Sie dürfen
sich, meine liebe Mutter, nicht bei gewissen Erwägungen aufhalten, die
zu nichts dienen und zu wenig Wert haben, um den Geist zu beschäfti-
gen; und Sie sollen, wenn Sie in aller Ruhe in Ihren Angelegenheiten
Ordnung gemacht haben, Gott dafür preisen, wenn sie gut gehen; wenn
sie aber nicht so gut gehen, wie Sie wünschen würden, von Ihrer Seite
aber nichts Besseres getan werden kann, dann sollen Sie alles in die
Hände Gottes legen, der am Ende alle Dinge so führt, wie er es für unser
Wohl geeignet erachtet.
Das ist mein bescheidener Rat, Madame, meine gute Mutter. Seien Sie
aus Liebe zu Gott ein wenig mutiger; sagen Sie hundertmal am Tag, aber
von Herzen: „Gott wird uns helfen“, und Sie werden sehen, daß er es tun
wird. Gebieten Sie nur über Ihre Kinder, denn Gott will es.
Ich sende Ihnen zwei Briefe aus Dijon und wünsche Ihnen alle Gna-
den, die Unser Herr seinen treuen Dienerinnen verleiht.
Ich bleibe, meine liebe Frau Mutter, Ihr recht ergebener Sohn ...

AN SEINE SCHWÄGERIN, FRAU DE LA THUILLE

XIII, 1-2 (271) Januar-März 1605.


Den Segen, den ich Ihnen wünsche, meine ganz liebe Schwester, meine
Tochter, müssen wir von der Hand unseres Herrn erlangen und ich glau-
be, daß seine göttliche Majestät Ihnen diesen spenden wird, wenn Sie ihn
mit der gebührlichen Unterwürfigkeit und Demut erbitten.
Was mich betrifft, meine sehr liebe Tochter, so bete ich von ganzem
Herzen die göttliche Vorsehung an und bitte sie, in Ihr Herz die Fülle
seiner Gnaden strömen zu lassen, damit Sie gesegnet seien in dieser Welt
und in der anderen mit den Segnungen des Himmels und der Erde, mit
den Segnungen der Gnade und der ewigen Herrlichkeit. Amen.
Mögen Sie gesegnet sein an Herz und Leib, in ihrer Person und in
allen, die Ihnen am teuersten sind, in ihren Freuden und Mühen, in al-
lem, was Sie für Gott tun und leiden werden. Im Namen des Vaters und
des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.
Ihr ganz ergebener und stets unveränderter Bruder und Diener ...
29

AN FRÄULEIN VON SOULFOUR

XII,163-170 (174) Annecy, 16. Januar 1603.


Meine sehr liebe, teure Schwester und Tochter in Jesus Christus!
Gott allein sei Ihre Ruhe und Ihr Trost. Ich habe Ihre beiden Briefe
durch den Herrn Präsidenten Favre etwas später erhalten, als Sie dachten
und ich gewünscht hätte, früh genug aber, um mir Freude zu bereiten, da
sie in etwa Zeugnis ablegen von der Besserung Ihrer Seelenverfassung.
Gott sei ewig dafür gepriesen!
In deren Beantwortung will ich Ihnen gleich zu Anfang sagen, daß Sie
mir gegenüber keinerlei zeremonielle oder entschuldigende Worte ge-
brauchen sollen, da ich Ihnen doch durch Gottes Willen alle Zuneigung
entgegenbringe, die Sie sich nur wünschen können, und auch gar nicht
anders könnte. Ich liebe Ihren Geist ganz fest, weil ich denke, daß Gott
es will, und zärtlich, weil ich ihn noch schwach und jung sehe. Schreiben
Sie mir also in Ihren Briefen voll Vertrauen und Offenheit und fragen
Sie, was Sie für Ihr Wohl erforderlich erachten. Das sei ein für allemal
gesagt.
Ich finde in Ihrem Brief einen Widerspruch, den Sie, ohne daran zu
denken, hineingelegt haben; denn Sie sagen mir, daß Sie von Ihrer Unru-
he befreit seien, und doch sehe ich Sie noch voll Unruhe auf der Suche
nach einer überstürzten Vollkommenheit. Haben Sie Geduld, ich werde
Ihnen gleich sagen, was das ist.
Sie fragen mich, ob Sie Empfindungen annehmen und danach greifen
sollen. Sie sagen, daß Ihr Geist ohne diese darniederliegt, und doch kön-
nen Sie diese nur mit Argwohn annehmen und es dünkt Ihnen, Sie soll-
ten sie zurückweisen.
Wenn Sie mir ein andermal über etwas Ähnliches schreiben, sagen Sie
mir ein Beispiel für die Handlung, über die Sie mich um Rat fragen; z. B.
nennen Sie mir eine dieser Empfindungen, die am meisten Ihren Arg-
wohn erweckte, als sollten Sie sie nicht annehmen. Denn dann würde ich
Ihr Anliegen viel besser verstehen. Indessen hier meine Meinung zu Ih-
ren Fragen:
Die Empfindungen und süßen Gefühle können vom Freund oder vom
Feind kommen, d. h. vom Bösen oder vom ganz Guten. Nun kann man
aber an gewissen Zeichen, die ich gar nicht alle aufzählen könnte, erken-
nen, woher sie kommen. Hier nur einige Zeichen, die genügen werden:
30 I. Soulfour 174

Erstens. Wenn wir uns nicht bei ihnen aufhalten, sondern uns nur ihrer
bedienen, um uns aufzufrischen und nachher die uns von Gott auferleg-
ten Aufgaben und Werke beharrlicher erfüllen zu können, dann ist es ein
gutes Zeichen. Denn Gott schenkt sie uns manchmal zu diesem Zweck;
er nimmt Rücksicht auf unsere Schwäche; er sieht, wie schal unser Ge-
schmack an geistigen Dingen geworden ist, und da schenkt er uns ein
wenig Würze, nicht, damit wir jetzt nur die Würze genießen, aber damit
sie uns zum Essen der gewohnten Speisen anrege. Es ist also ein gutes
Zeichen, wenn wir uns nicht bei diesen Gefühlen aufhalten. Wenn uns
dagegen der Böse die Gefühle eingibt, dann will er, daß wir an ihnen
hängen bleiben und unser geistiger Magen, der nur die Würze zu sich
nimmt, dadurch nach und nach geschwächt und verdorben werde.
Zweitens geben uns die guten Empfindungen keinerlei Gedanken des
Stolzes ein, sondern bestärken uns im Gegenteil darin, diese zurückzu-
weisen, falls der Böse die Gelegenheit wahrnimmt, uns solche Gedan-
ken einzugeben. Handeln wir so, dann ist es ein gutes Zeichen. Die Seele
bleibt in ihrem höheren Bereich ganz demütig und ergeben. Sie erkennt,
daß Kaleb und Josua niemals die Trauben vom Land der Verheißung
gebracht hätten, um die Israeliten zu dessen Eroberung anzueifern (Lev
13,21-28), hätten sie nicht gedacht, deren Mut sei schwach und bedürfe
des Antriebes. So wird die Seele in ihrem höheren Bereich ihre Schwä-
che anerkennen, und, statt sich für etwas Besonderes zu halten, sich lie-
bevoll vor ihrem Bräutigam demütigen, der seinen Balsam und Duft
ausgießt, damit die Mädchen und zarten Seelen gleich ihr ihn erkennen,
lieben und ihm folgen (Hld 1,2). Die schlechte Empfindung dagegen
wird uns festhalten und, anstatt uns an unsere Schwäche denken zu las-
sen, uns den Gedanken eingeben, sie sei uns als Entgelt und Belohnung
gegeben.
Das gute Empfinden läßt uns nicht geschwächt zurück, sondern ge-
stärkt, nicht betrübt, sondern getröstet; das schlechte hingegen schenkt
uns anfangs eine gewisse Freudigkeit, läßt uns aber am Ende voller
Ängste zurück. Das gute Empfinden legt uns bei seinem Scheiden nahe,
daß wir die Tugend lieben, wenn es geschwunden ist, ihr dienen und
folgen, denn zu deren Gunsten wurde es uns ja gegeben; das schlechte
aber läßt uns glauben, daß mit ihm auch die Tugend uns verläßt und daß
wir sie daher nicht mehr gut pflegen können. Kurz, das gute Empfinden
wünscht nicht geliebt zu werden, sondern will nur, daß man Ihn liebt,
der es uns schenkt. Es könnte uns wohl Anlaß sein, daß wir es lieben,
aber das sucht es nicht. Das schlechte dagegen will, daß man es vor
I. Soulfour 174 31

allem liebe. Wenn das gute Gefühl uns verläßt, drängt es uns nicht, es
wieder zu suchen oder zu hegen, sondern nur die Tugend, die es in uns
erweckt; das schlechte Gefühl aber bedrängt und beunruhigt uns, es
unablässig wieder zu suchen.
An diesen vier bis fünf Zeichen können Sie erkennen, woher Ihre Ge-
fühle kommen. Wenn sie von Gott kommen, dürfen Sie diese nicht zu-
rückweisen, sondern Sie sollen erkennen, daß Sie noch ein armes kleines
Kind sind und daher Milch von Ihrem Vater entgegennehmen sollen, der
aus Mitleid mit Ihnen auch noch die Stelle der Mutter an Ihnen vertritt.
„Deine Brüste“, sagt der Bräutigam zu seiner Braut (Hld 1,2), „sind
köstlicher als Wein, frisch und duftend nach vorzüglichem Öl und Bal-
sam“. Sie werden mit Wein verglichen, denn sie erfreuen den geistlichen
Magen, regen ihn an und verleihen ihm eine gute Verdauung, während er
ohne diese kleinen Tröstungen zuweilen nicht die Leiden ertragen könn-
te, die er auf sich nehmen muß. Nehmen Sie diese Empfindungen also im
Namen Gottes an, unter der einzigen Bedingung, daß Sie auch bereit
sind, sie nicht anzunehmen, sie nicht zu lieben und sie zurückzuweisen,
wenn Sie auf den Rat Ihrer Oberen gewahr werden, daß sie nicht gut sind
und nicht der Ehre Gottes dienen; ferner, daß Sie auch bereit sind, ohne
sie zu leben, wenn Gott Sie dessen für würdig und fähig erachtet. Ich sage
also: nehmen Sie diese ruhig an, meine sehr liebe Schwester, im Bewußt-
sein Ihres schwachen geistigen Magens, da der Arzt Ihnen Wein zu trin-
ken gibt trotz der Fieberschauer der Unvollkommenheiten, die in Ihnen
sind. Wenn der hl. Paulus seinem Jünger Wein anrät wegen dessen kör-
perlicher Schwäche (1 Tim 5,23), kann ich Ihnen wohl auch geistlichen
Wein gegen die geistliche Schwäche anraten.
Das ist, so scheint es mir, meine hinreichend klare Antwort, der ich
noch hinzufügen will, daß Sie niemals Schwierigkeiten machen sollen,
das anzunehmen, was Gott Ihnen von rechts oder links schickt, wenn Sie
sich so vorbereiten und so ergeben sind, wie ich es soeben gesagt habe.
Sollten Sie auch die Vollkommenste auf Erden sein, dürfen Sie nicht
zurückweisen, was Gott Ihnen gibt, vorausgesetzt, daß Sie bereit seien, es
zurückzuweisen, wenn dies seinem Wohlgefallen entspräche. Gleich-
wohl müssen Sie glauben, wenn Gott Ihnen diese Empfindungen schickt,
daß es Ihrer Unvollkommenheit wegen geschieht. Diese soll bekämpft
werden, nicht aber die Empfindungen, die ihr entgegenwirken.
Bei Ihnen habe ich bloß ein Bedenken deshalb, weil Sie mir sagen,
diese Empfindungen stammten vom Geschöpf. Ich denke aber, daß Sie
sagen wollten, sie kämen Ihnen durch das Geschöpf zu und gleichwohl
32 I. Soulfour 174

von Gott, denn mir scheint, daß Sie im übrigen Brief Beweise hierfür
erbringen. Aber selbst wenn sie vom Geschöpf kämen, wären sie nicht
zurückzuweisen, da sie doch zu Gott hinführen oder man sie zumindest
dorthin führt. Man muß sich nur davor hüten, sich täuschen zu lassen,
nach den allgemeinen Regeln vom Gebrauch der Geschöpfe.
Ich will Ihnen nun sagen, was ich Ihnen versprochen hatte. Mir scheint,
ich sehe Ihre Seele mit großer Unruhe übereifrig auf der Suche nach
Vollkommenheit; denn das eben läßt Sie diese kleinen Tröstungen und
Gefühle fürchten. In Wahrheit sage ich Ihnen aber, wie im Buch der
Könige geschrieben steht (1 Kön 19,11.12): „Gott ist nicht im Sturm,
nicht in der Aufregung, nicht im Feuerqualm, sondern in eben diesem
milden und ruhigen, beinahe unmerklichen Windhauch.“ Lassen Sie
sich von Gott lenken, denken Sie nicht so viel an sich selbst. Wenn Sie
wünschen, daß ich Ihnen etwas befehle, da Ihre Frau Meisterin es will,
werde ich es gern tun und befehle Ihnen als erstes, daß Sie bei Ihrem
allgemeinen und allumfassenden Entschluß, Gott auf die Ihnen best-
mögliche Art zu dienen, jetzt nicht Ihre Zeit damit vertun, genau über-
prüfen und herausklauben zu wollen, welches die beste Art sei. Denn
dies ist eine Ihrem spitzfindigen und scharfen Geist eigentümliche
Ungehörigkeit, die Ihren Willen tyrannisieren und benörgeln will mit
Hinterlist und Schläue.
Sie wissen, Gott will im allgemeinen, daß wir ihm dienen, indem wir
ihn über alles lieben und unseren Nächsten wie uns selbst (Mt 22,37-40);
im besonderen will er nur, daß Sie eine Regel einhalten. Das genügt; man
muß es schlicht tun ohne Tüftelei und Spitzfindigkeit, alles nach Art
dieser Welt, in der nicht die Vollkommenheit herrscht; auf menschliche
Art und der Zeit entsprechend, in der Erwartung, es eines Tages auf
göttliche und engelhafte Art der Ewigkeit entsprechend tun zu können.
Überhastung und aufgeregtes Hin und Her dienen zu nichts; die Sehn-
sucht danach ist wohl gut, aber sie soll ohne Unruhe gehegt werden.
Eben diese Überhastung verbiete ich Ihnen ausdrücklich, weil sie die
Mutter aller anderen Unvollkommenheiten ist.
Prüfen Sie also nicht so sorgsam, ob Sie in der Vollkommenheit ste-
hen oder nicht. Und dies aus zwei Gründen: 1. weil es sinnlos ist, uns
darüber zu prüfen. Selbst wenn wir die Vollkommensten auf der Welt
wären, dürften wir es niemals wissen und erkennen, sondern uns immer
für unvollkommen erachten. Unsere Gewissenserforschung soll nie-
mals darauf abzielen, erkennen zu wollen, ob wir unvollkommen sind,
denn daran dürfen wir niemals zweifeln. Daher dürfen wir nicht er-
I. Soulfour 174 33

staunt sein, uns unvollkommen zu sehen, da wir uns in diesem Leben


niemals anders sehen sollen; wir sollen darüber auch nicht betrübt
sein, denn dafür können wir nichts. Wohl aber sollen wir uns deshalb
demütigen, denn damit machen wir wieder gut, was wir gefehlt haben;
dann wollen wir uns in aller Ruhe bessern. Dazu wurden uns unsere
Unvollkommenheiten belassen; wir sind nicht entschuldbar, wenn wir
uns nicht zu bessern versuchten, aber auch nicht unentschuldbar, wenn
wir dies nicht zur Gänze tun. Die Unvollkommenheiten sind nicht zu
beurteilen wie die Sünden.
Der zweite Grund ist der, daß diese Gewissenserforschung nur Zeit-
verlust ist, wenn sie angstvoll und verwirrt angestellt wird. Die solches
tun, gleichen Soldaten, die als Vorbereitung auf die Schlacht sich in Tur-
nieren und Schlägereien ergehen, und dann, wenn es ernst wird, ganz
ermattet und erschöpft sind (Ps 78,9), oder wie Sänger, die sich beim
Einproben einer Motette heiser schreien. Der Geist wird bei solch gro-
ßen und ständigen Gewissenserforschungen müde und dann, wenn es
zum Handeln kommt, kann er nicht mehr.
Das andere folgt aus diesem: „Wenn dein Auge einfach ist, wird dein
ganzer Leib es sein“, sagt der Heiland (Mt 6,22). Lassen Sie Ihren Ver-
stand einfach werden, stellen Sie nicht soviel Überlegungen und Wider-
reden an, sondern gehen Sie Ihren Weg einfach und voll Vertrauen. Es
gibt für Sie in dieser Welt nur Gott und Sie; alles andere soll Sie nur in
dem Maße berühren, als und wie Gott es Ihnen befiehlt. Ich bitte Sie,
schauen Sie nicht soviel da- und dorthin, richten Sie Ihren Blick gesam-
melt auf Gott und auf sich. Sie werden Gott niemals ohne Güte und sich
selbst nie ohne Armseligkeit sehen. Sie werden seine Güte gnädig mit
Ihrer Armseligkeit und Ihre Armseligkeit als Gegenstand seiner Güte
und Barmherzigkeit sehen. Schauen Sie also auf nichts als auf dies, ich
meine mit einer beständigen, festen und ausdrücklichen Schau, und auf
alles andere nur im Vorübergehen. Zerpflücken Sie daher nicht, was die
anderen tun, noch was aus ihnen wird, sondern schauen Sie auf die ande-
ren mit guten, liebevollen und gütigen Augen. Erwarten Sie von ihnen
nicht mehr Vollkommenheit als von sich selbst und seien Sie nicht er-
staunt über die Vielzahl der Unvollkommenheiten, denn die Unvoll-
kommenheit ist nicht mehr unvollkommen, weil sie ausgefallen und selt-
sam ist. Machen Sie es wie die Bienen, holen Sie sich aus allen Blumen
und Gräsern den Honig heraus.
Mein drittes Gebot lautet, daß Sie handeln sollen wie die kleinen Kin-
der: Solange diese spüren, daß ihre Mutter sie an der Hand hält, gehen sie
34 I. Soulfour 174

tapfer darauf los, tollen herum und geraten über kleines Stolpern, das
von der Schwäche ihrer Füßchen herrührt, nicht außer sich. So gehen
auch Sie tapfer Ihren Weg; Sie wissen, daß Gott Sie hält durch den guten
Willen und Entschluß, den er Ihnen eingegeben hat, ihm zu dienen.
Wundern Sie sich nicht über diese kleinen Erschütterungen und Stolpe-
reien; Sie dürfen sich nicht darüber ärgern, vorausgesetzt, daß Sie sich
von Zeit zu Zeit in seine Arme werfen und ihn liebevoll umarmen (Hld
1,1). Gehen Sie Ihren Weg fröhlich und mit möglichst aufgeschlossenem
Herzen; und wenn Sie schon nicht immer fröhlich gehen, so tun Sie es
doch immer mutig und vertrauensvoll. Fliehen Sie nicht die Gesellschaft
der Schwestern, auch wenn sie nicht nach Ihrem Geschmack sind; flie-
hen Sie vielmehr Ihren Geschmack, wenn er dem Verhalten der Schwes-
tern nicht entspricht. Lieben Sie die heilige Tugend der Duldsamkeit und
heiligen Nachgiebigkeit, denn nur so, sagt der hl. Paulus (Gal 6,2), wer-
det ihr das Gesetz Jesu Christi erfüllen.
Schließlich hat Gott Ihnen einen zeitlichen Vater gegeben,6 von dem
Sie viel geistliche Freude empfangen können; nehmen Sie seine Rat-
schläge entgegen, als ob sie von Gott kämen, denn Gott wird Ihnen viel
Segen durch seine Vermittlung schenken. Er hat mir seine Übersetzung
der „Institutio“ von Blosius geschickt; ich habe sie bei Tisch vorlesen
lassen und über alle Maßen genossen; bitte, lesen und verkosten Sie die-
ses Buch, das sehr wertvoll ist.
Wenn Ihnen im übrigen Zweifel an dem Leben kommen, das Sie zu
führen auf sich genommen haben, möchte ich Ihnen raten, nicht deren
Lösung von mir zu erwarten, denn ich bin zu weit von Ihnen entfernt, um
Ihnen beistehen zu können. Es würde Sie auch verdrießen, warten zu
müssen. Sie haben genug Priester, die Ihnen helfen können; wenden Sie
sich voll Vertrauen an diese. Das soll nicht heißen, daß ich von Ihnen
keine Briefe zu erhalten wünsche, im Gegenteil, sie erfreuen mich und
ich wünsche sie mir, und sogar mit allen Einzelheiten über alle Regun-
gen Ihres Geistes. Die Länge dieses Briefes zeigt Ihnen deutlich, daß ich
nicht müde werde, Ihnen zu schreiben. Aber ich will nur nicht, daß Sie
Zeit verlieren und, während Sie Hilfe von so weither erwarten, inzwi-
schen vom bösen Feind geschlagen und geschädigt werden.
Und zweifeln Sie nicht, daß Sie an meinen Meßopfern ständig teilha-
ben. Alle Tage bringe ich Sie mit dem Gottessohn am Altar dar; ich
hoffe, daß Gott es gütig entgegennehmen wird. Versichern Sie das glei-
che der Schwester Anne Seguier, meiner sehr lieben Tochter in Jesus
Christus, und Ihrer Frau Novizenmeisterin; ich habe deren Grüße dem
I. Soulfour 181 35

guten Herrn Nouvelet ausgerichtet, er freute sich sehr darüber. Wenn Sie
die große Menge der Aufgaben kennten, die auf mir lasten, und den Wir-
bel, in dem ich mich in diesem Amt befinde, hätten Sie Mitleid mit mir
und würden manchmal zu Gott für mich beten, und Ihr Gebet würde
ihm sicher genehm sein.
Ich bitte Sie darum und die Schwester Anne Seguier; sagen Sie oft zu
Gott wie der Psalmist (Ps 119,94): „Ich bin dein, errette mich“, und wie
Magdalena zu seinen Füßen (Joh 20,16): „Rabbuni, o mein Meister!“,
und dann lassen Sie ihn handeln. Er wird aus Ihnen, in Ihnen, ohne Sie
und dennoch durch Sie und für Sie die Heiligung seines Namens bewir-
ken, dem alle Ehre und aller Ruhm gebühren.
Ihr Ihnen liebevoll zugetaner und demütiger Diener in Jesus Christus.

XII, 180-184 (181) Annecy, (April-Mai) 1603.


Gnädiges Fräulein, meine sehr liebe Tochter in Jesus Christus!
Ich habe Ihren Brief erhalten, in dem Sie versuchen, mir den Zustand
Ihres Geistes zu erklären. Ich kann nicht leugnen, daß ich recht erfreut
war, das Vertrauen zu sehen, das Sie auf meine Zuneigung zu Ihnen set-
zen, die doch gewiß so groß und beständig ist, wie Sie es nur wünschen
können. Gott sei daher in allem und durch alles gepriesen.
Ich werde Ihnen nun einige Worte zu Ihrem Brief sagen.
Erstens, glauben Sie bitte fest daran, daß Ihre Meinung, Sie könnten
Erleichterung von Gott nur durch mich erhalten, eine reine Versuchung
durch den ist, der die Gewohnheit hat, uns die entfernt liegenden Dinge
vor Augen zu führen, um uns den Gebrauch der uns gegenwärtigen Din-
ge zu nehmen. Denn es zeugt von krankhaftem Geist, wenn ein körper-
lich Erkrankter entfernt wohnende Ärzte herbeiwünscht und sie den
anwesenden vorzieht. Man darf nicht unmögliche Dinge wünschen und
auch nicht auf schwierigen und ungewissen aufbauen. Es genügt nicht, zu
glauben, daß Gott uns durch alle Arten von Werkzeugen zu Hilfe kom-
men kann; wir müssen auch glauben, daß er nicht jene dazu verwenden
will, die er von uns entfernt, wohl aber jene gebrauchen will, die uns nahe
sind. Solange ich dort war, hätte ich dies gern getan; aber jetzt ist es wohl
nicht mehr angebracht.
Weiter scheint mir, daß Sie den Kern Ihres Übels getroffen haben,
wenn Sie mir sagen, es sei Ihrer Meinung nach eine Menge von Wün-
schen, die niemals erfüllt werden könnten. Das ist zweifellos eine Versu-
36 I. Soulfour 181

chung, die der vorher besprochenen gleichzusetzen ist; sie ist sogar die
alles umfassende, von der die andere nur ein Teil ist. Eine Vielfalt von
Speisen belastet immer den Magen, wenn es sich um große Mengen han-
delt; ist dieser aber schwach, richtet sie ihn zugrunde. Wenn eine Seele
die Begierlichkeit aufgegeben und sich freigemacht hat von schlechten
und weltlichen Zuneigungen und nun geistlichen und heiligen Dingen
begegnet, wird sie – weil völlig ausgehungert – von soviel Wünschen
erfüllt und zwar mit solcher Heftigkeit, daß sie davon überwältigt wird.
Bitten Sie Unseren Herrn und die geistlichen Väter Ihrer Umgebung um
Abhilfe; denn jene, die Ihr Übel gleichsam mit den Händen greifen kön-
nen, werden wohl wissen, welche Mittel man dagegen anwenden muß.
Dennoch will ich Ihnen ganz offen sagen, was mir in dieser Hinsicht das
Richtige zu sein scheint.
Wenn Sie nicht beginnen, einige dieser Wünsche auszuführen, werden
sie immer zahlreicher werden und sich mit Ihrem Geist derart verwickeln,
daß Sie nicht mehr wissen werden, wie Sie davon herausfinden können. Es
muß zu Taten kommen. Aber in welcher Reihenfolge? Man muß mit greif-
baren und äußerlichen Taten beginnen, die am meisten in unserer Macht
liegen; z. B. dürfen Sie den Wunsch nicht zurückstellen, den Kranken aus
Liebe zu unserem Heiland zu dienen oder aus Demut irgendwelche nied-
rige und verachtete Dienste im Haus zu leisten; das sind grundlegende
Wünsche und ohne diese sind alle anderen verdächtig und gering zu schät-
zen. Bemühen Sie sich also sehr, diese Wünsche in die Tat umzusetzen,
denn es wird Ihnen hierfür weder an Gelegenheit noch an entsprechenden
Gegenständen fehlen. Das liegt gänzlich in Ihrer Macht und daher müssen
Sie dies auch ausführen; denn Sie machen ganz vergeblich Pläne, Dinge
durchzuführen, die nicht in Ihrer Macht liegen oder weit entfernt sind,
wenn Sie jene nicht durchführen, die Ihnen zu Gebote stehen. Verwirkli-
chen Sie daher gewissenhaft die kleinen und größeren Wünsche nach Näch-
stenliebe, Demut und anderen Tugenden und Sie werden sehen, wie Ihnen
das gut tut. Magdalena mußte zuerst die Füße Unseres Herrn waschen,
küssen und abtrocknen (Lk 7,37.38), bevor sie dem Geheimnis seiner
Rede von Herz zu Herz lauschen konnte (Lk 10,39); und sie mußte erst
Salböl über seinen Leib gießen, bevor sie den Balsam ihrer Betrachtungen
über seine Gottheit verbreiten durfte.
Es ist gut, viel zu wünschen; aber man muß Ordnung in seine Wünsche
hineinbringen und sie in die Tat umsetzen, jeden zu seiner Zeit und nach
seinem Können. Man hindert Weinstöcke und Bäume daran, Blätter zu
treiben, damit deren Feuchtigkeit und Saft nachher ausreiche, um Frucht
I. Soulfour 181 37

hervorzubringen, und sich ihre natürliche Kraft nicht in einem zu reich-


lichen Sprießen von Blättern erschöpfe. Es ist daher gut, eine solche
Vielfalt von Wünschen zu verhindern. Es wäre ja zu fürchten, daß unsere
Seele damit herumspielt und die Sorge um die Verwirklichung dieser
Wünsche fallen läßt, während doch gewöhnlich die geringste Ausfüh-
rung derselben nützlicher ist als große Wünsche nach Dingen, für die wir
nicht das Können besitzen. Gott wünscht doch von uns mehr Treue bei
den kleinen Dingen, die er in unsere Macht legt, als Eifer für große Din-
ge, die nicht von uns abhängen.
Unser Heiland vergleicht die nach Vollkommenheit strebende Seele
mit einer gebärenden Frau (Joh 16,21,22). Wenn aber tatsächlich eine
gebärende Frau zwei oder mehrere Kinder gleichzeitig, und zwar beide
gemeinsam zur Welt bringen wollte, könnte sie dies nicht tun, ohne zu
sterben; die Kinder müssen eines nach dem anderen zur Welt kommen.
Lassen Sie daher auch die Kinder Ihrer Seele, das sind die Wünsche nach
dem Dienst Gottes, einen nach dem anderen ans Licht treten und Sie
werden eine große Erleichterung verspüren.
Schließlich aber, wenn Sie durch diese Mittel keine Ruhe finden, ha-
ben Sie Geduld; warten Sie, bis die Sonne aufgegangen ist, dann wird sie
diese Nebel zerstreuen. Haben Sie guten Mut: „Diese Krankheit führt
nicht zum Tod, sondern dient zur Verherrlichung Gottes“ (Joh 11,4).
Tun Sie es jenen gleich, die auf dem Meer Übelkeit und Magenbeschwer-
den spüren, denn nachdem sie ihren Geist und Körper durch das ganze
Schiff gejagt haben, um Erleichterung zu finden, klammern sie sich
schließlich an den Schiffsbalken und Mast und halten ihn fest umschlun-
gen, um sich gegen den Schwindel im Kopf zu sichern, unter dem sie
leiden. Gewiß, ihre Erleichterung ist kurz und ungewiß; wenn Sie aber
mit Demut den Fuß des Kreuzes umfassen, werden Sie – wenn Sie schon
keine andere Hilfe daran finden – zumindest dort die Geduld annehm-
barer finden als anderswo und die Unrast erträglicher.
Ich habe Ihnen einiges sagen wollen, mehr um Ihnen meinen Wunsch
nach Ihrem Wohl zu bezeugen, als im Gedanken, ich wäre imstande,
Ihnen dabei zu dienen. Zweifeln Sie übrigens nie daran, daß ich Sie
diesem Vater des Lichtes (Jak 1,17) empfehle; ich tue es mit festem
Willen und Bestreben, da ich zu meinem Trost auch glaube, Sie erweisen
mir treu den gleichen Dienst, dessen ich in Wahrheit sehr bedarf, da ich
an dem stürmischsten und bewegtesten Ort des ganzen Meeres der Kir-
che ausgesetzt wurde.
Ich vergesse keineswegs auf die gute Schwester Anne Seguier,7 die ich
38 I. Soulfour 190

in Jesus Christus von Herzen lieb habe. Gott möge ihr Beschützer sein
bei ihrem Austritt. Ich lege sie Ihnen ans Herz, wenn sie bei ihrem Vater
sein wird, denn sie wird nicht anderswo sein. Sie wird vielleicht bei ih-
rem Vater nicht ein anderes Kloster finden, wie Sie es bei dem Ihren
gefunden haben; dennoch hoffe ich, daß Gott sie seinen Weg führen und
vollkommen werden läßt (Gen 17,1), denn ich habe Vertrauen auf die
Barmherzigkeit Gottes, die auch daraus alles zum Besseren werden läßt.
Ich schließe den Brief und bitte Sie, fortzufahren in dem Entschluß,
den Sie in der Mitte Ihres Briefes gefaßt haben, als Sie sagten: „Ich be-
teuere vor Gott und vor Ihnen, daß ich nur ihm gehören und nur ihm
dienen will. Amen.“ Das ist würdig und gerecht, denn auch er will von
Ihnen nur Sie selbst. Ich bin unbeirrbar und von ganzem Herzen, gnädi-
ges Fräulein, meine sehr liebe Tochter in Jesus Christus, Ihr Ihnen sehr
zugetaner Diener in eben diesem Heiland.

XII, 202-206 (190) Annecy, 22. Juli 1603.


Gnädiges Fräulein!
Durch meinen Bruder erhielt ich einen Ihrer Briefe und ich preise
Gott dafür, daß er Ihrem Geist einiges Licht zuteil werden ließ. Wenn er
noch nicht völlig gelöst ist, so darf uns dies nicht wundern. Geistige
Fieber haben ebenso wie körperliche gewöhnlich mancherlei Nachwir-
kungen zur Folge, die dem Genesenden aus mehrfachen Gründen zum
Nutzen gereichen. Besonders saugen sie die Rückstände der am Aus-
bruch der Krankheit schuldtragenden Säfte auf, so daß gar nichts mehr
davon übrig bleibt. Außerdem ruft uns dies das überstandene Übel ins
Gedächtnis zurück, sodaß wir einen Rückfall fürchten lernen. Wir wür-
den zuviel Gehenlassen und Leichtfertigkeit an den Tag legen, wenn uns
nicht die Nachwirkungen wie Drohungen am Zügel hielten, damit wir
uns in acht nehmen, bis unsere Gesundheit wieder gut gefestigt ist.
Meine gute Tochter, da Sie nun diesen schrecklichen Prüfungen, durch
die Sie gehen mußten, halb entronnen sind, scheint es mir, daß Sie sich
nun ein wenig Ruhe gönnen und sich damit beschäftigen sollen, die Ei-
telkeit des menschlichen Geistes zu betrachten, wie sehr er Verwicklun-
gen und Verwirrungen in sich selbst ausgesetzt ist. Denn ich bin sicher,
daß Sie schnell bemerken werden, wie sehr die inneren Drangsale, die
Sie erlitten haben, durch eine Vielzahl von Erwägungen und Wünschen
hervorgerufen wurden, die mit Übereifer eine gewisse eingebildete Voll-
kommenheit zu erlangen trachteten. Ich will damit sagen, daß Ihre Ein-
I. Soulfour 190 39

bildungskraft Ihnen eine Idee absoluter Vollkommenheit vorgespiegelt


hatte, die Ihr Wille zu erringen strebte; entsetzt jedoch über die große
Schwierigkeit oder vielmehr Unmöglichkeit, dies zu erreichen, blieb
Ihre Einbildungskraft schwer erkrankt, da sie schwanger dieses Kindes
war, das sie nicht zur Welt bringen konnte (2 Kön 19,3). Dies veranlaßt
Sie wiederum, Ihre unnützen Wünsche zu vervielfachen, die gleich Hum-
meln und Hornissen den Honig des Bienenstocks aufzehrten, während
die wahren und guten Wünsche ausgehungert blieben, da alle Freude
ihnen versagt war. Kommen Sie also jetzt erst einmal zu Atem, schöpfen
Sie frische Luft und lenken Sie durch die Betrachtung der Gefahren,
denen Sie entronnen sind, jene Gefahren ab, die danach kommen könn-
ten. Sehen Sie alle jene Wünsche für verdächtig an, die nach dem allge-
meinen Empfinden gutmeinender Menschen nicht in die Tat umgesetzt
werden können: so etwa die Wünsche nach einer gewissen christlichen
Vollkommenheit, die zwar der Einbildung vorschweben, aber nicht ver-
wirklicht werden kann und über die viele zwar Vorlesungen halten, kei-
ner aber ihre Taten vollbringt.
Sie müssen wissen, daß die Tugend der Geduld uns den höchsten Grad
an Vollkommenheit gewährleistet (Jak 1,4), und wenn wir mit den ande-
ren Geduld haben müssen, so müssen wir sie auch mit uns selbst haben.
Die sich nach reiner Gottesliebe sehnen, bedürfen nicht so sehr der Ge-
duld mit den anderen als mit sich selbst. Wir müssen unsere eigene Un-
vollkommenheit erdulden, um vollkommen zu werden; ich sage, wir
müssen sie mit Geduld ertragen, nicht aber sie lieben und hegen; die
Demut wird an solchem Erdulden stark.
Wir müssen die Wahrheit bekennen, daß wir arme Menschen sind, die
kaum etwas Gutes zustande bringen. Der unendlich gute Gott aber be-
gnügt sich mit unseren kleinen Diensten und nimmt die Bereitschaft
unseres Herzens gnädig an.
Was heißt das: Bereitschaft unseres Herzens? Nach der Heiligen Schrift
(1 Joh 3,20) ist Gott größer als unser Herz und unser Herz größer als die
ganze Welt. Wenn nun unser Herz in seiner Betrachtung sich für den
Dienst bereitet, den es Gott leisten soll, d. h. wenn es plant, Gott zu
dienen, ihn zu ehren, dem Nächsten zu dienen, die äußeren und inneren
Sinne abzutöten, und ähnliche gute Vorsätze faßt, wird es zu dieser Zeit
Wunderbares tun; es trifft seine Vorbereitungen und plant seine Hand-
lungen in einem hervorragenden Grad an bewundernswerter Vollkom-
menheit. Dennoch steht alle diese Vorbereitung in keinem Verhältnis
zur Größe Gottes, der unendlich größer ist als unser Herz; aber auch
40 I. Soulfour 190

diese Vorbereitung ist gewöhnlich größer als die Welt, als unsere Kräfte,
als unsere äußeren Handlungen.
Ein Geist, der die Größe Gottes, seine unermeßliche Güte und Würde
betrachtet, kann sich nicht an seinen eigenen großen und wunderbaren
Vorbereitungen berauschen. Er bereitet ihm ein ohne Auflehnung abge-
tötetes Fleisch vor, Aufmerksamkeit im Gebet ohne Zerstreuung, Lie-
benswürdigkeit im Umgang ohne Bitterkeit, Demut ohne Eitelkeitsre-
gungen. All das ist recht gut, es sind gute Vorbereitungen; dennoch be-
darf es mehr, um Gott entsprechend unserer Schuldigkeit zu dienen.
Aber darüber hinaus müssen wir sehen, wer es tut; denn wenn es ans
Handeln geht, bleiben wir stecken und sehen, daß diese Vollkommen-
heiten in uns nicht so groß und absolut sein können. Man kann sein
Fleisch abtöten, aber nie so vollständig, daß sich nicht irgendetwas in
uns dagegen auflehnen würde; unsere Andacht wird oft von Zerstreuun-
gen abgelenkt werden, und noch manches andere.
Sollen wir deshalb nun in Unruhe oder Verwirrung geraten, hastig wer-
den oder uns betrüben? Nein, gewiß nicht. Bedürfen wir als Ansporn, zu
diesem Anzeichen der Vollkommenheit zu gelangen, einer Menge von
Wünschen? Nein, wahrlich nicht. Wir können wohl einfache Wünsche
hegen, die unsere Dankbarkeit bezeugen; ich kann schon sagen: „Ach,
warum bin ich nicht so eiferglühend wie die Serafim, um meinem Gott
besser zu dienen und ihn besser zu preisen!“ Aber ich darf mich auf solche
Wünsche nicht versteifen, als ob ich in dieser Welt eine solch erlesene
Vollkommenheit erreichen sollte, indem ich sage: „Das wünsche ich, das
will ich versuchen, und wenn ich es nicht zustande bringe, werde ich mich
ärgern.“ Ich will damit nicht sagen, daß wir uns nicht auf den Weg nach
diesem Ziel machen sollen; aber wir dürfen nicht trachten, eines Tages,
d.h. an einem Tag unseres sterblichen Lebens dahin zu gelangen, denn ein
solcher Wunsch würde uns quälen und für nichts und wieder nichts. Um
gut weiterzukommen, müssen wir den Weg einschlagen, der uns am näch-
sten liegt, und die erste Tagesreise einmal in Angriff nehmen, nicht uns mit
Wünschen aufhalten, die letzte Tagesreise hinter uns zu bringen, während
wir die erste zurücklegen und erledigen müssen.
Ich will Ihnen etwas sagen, aber behalten Sie es gut: Wir bemühen uns
manchmal so sehr, gute Engel zu werden, daß wir es unterlassen, gute
Männer und Frauen zu sein. Unsere Unvollkommenheit muß uns bis
zum Grab begleiten. Wir können nicht gehen, ohne die Erde zu berüh-
ren; wir dürfen uns nicht auf die Erde hinlegen oder uns dort wälzen,
aber wir dürfen auch nicht ans Fliegen denken; denn wir sind erst kleine
I. Soulfour 190 41

Kücken, die noch keine Flügel haben. Wir sterben kleinweise ab; wir
müssen auch unsere Unvollkommenheiten Tag für Tag mit uns sterben
lassen. Teure Unvollkommenheiten, die uns unser Elend erkennen las-
sen, die uns in der Verachtung unser selbst, in der Demut, Geduld und im
Eifer üben, ungeachtet derer Gott die Bereitschaft unseres Herzens sieht,
die vollkommen ist.
Ich weiß nicht, ob es Ihnen gelegen scheint; es ist mir aber in den Sinn
gekommen, Ihnen das zu sagen, da ich der Meinung bin, daß Ihr über-
standenes Übel Ihnen zum Teil deshalb zugestoßen ist, weil Sie große
Vorbereitungen getroffen haben; und da Sie sahen, daß die Auswirkun-
gen recht klein und die Kräfte ungenügend waren, um diese Wünsche,
Pläne und Ideen in die Tat umzusetzen, empfanden Sie solch herzbe-
klemmende Gefühle, Ungeduld, Unruhe und Verwirrung; und diesen
folgten dann Mißtrauen, Erschlaffung, Erniedrigung oder Versagen des
Herzens. Wenn dies nun so ist, seien Sie nun im nachhinein recht vor-
sichtig.
Gehen wir hübsch auf dem Land, da die hohe See uns Schwindel im
Kopf und Übelkeit verursacht. Halten wir uns zu Füßen unseres Heilands
mit der hl. Magdalena (Lk 10,39), deren Fest wir heute feiern; üben wir
gewisse, unserer eigenen Kleinheit entsprechende kleine Tugenden. Las-
sen wir uns nicht in Dinge ein, die über unser Vermögen gehen. Diese
kleinen Tugenden werden mehr im Herabsteigen als im Emporsteigen
geübt und sind daher der Kraft unserer Beine angepaßt: Geduld haben,
den Nächsten ertragen, Hilfsbereitschaft, Demut, ein freundlicher Mut,
Liebenswürdigkeit, Duldsamkeit unserer eigenen Unvollkommenheit ge-
genüber, solche kleine Tugenden also. Ich sage damit nicht, daß man im
Gebet nicht emporsteigen soll, aber Schritt für Schritt.
Ich empfehle Ihnen die heilige Einfachheit. Schauen Sie auf den Weg
vor sich und nicht auf die in weiter Ferne drohenden Gefahren, wie Sie
mir geschrieben haben. Es scheinen Ihnen ganze Armeen zu sein; es sind
doch nur zugestutzte Weiden. Während Sie auf sie schauen, könnten Sie
leicht einen Fehltritt tun. Wir wollen nur die feste und allgemeine Ab-
sicht haben, Gott von ganzem Herzen und mit unserem ganzen Leben zu
dienen.
Haben Sie doch keine Sorge um das Morgen (Mt 6,34); denken wir nur
daran, das Heute gut zu machen; und wenn der morgige Tag kommt,
heißt auch er wieder heute und dann werden wir an ihn denken. Auch
darin müssen wir großes Vertrauen und große Hingabe an die Vorsehung
Gottes haben. Wir sollen Vorräte an Manna nur für einen Tag und nicht
42 I. Limojon 291

für länger anlegen (Ex 16,16-21); und zweifeln wir doch nicht daran,
Gott wird morgen und übermorgen und alle Tage unserer irdischen Wan-
derschaft neues Manna regnen lassen.
Ich billige durchaus den Rat des Pater N., daß Sie einen Seelenführer
haben sollen, in dessen Hände Sie in aller Ruhe Ihren Geist bergen kön-
nen. Das wird Ihr Glück sein, wenn Sie nichts anderes haben als den
gütigen Jesus, der nicht will, daß wir die Führung seiner Diener gering-
achten, wenn wir sie haben können, der uns aber auch alles ersetzen wird,
wenn sie uns fehlt. Aber nur in diesem äußersten Fall, wenn es für Sie
eintreten sollte, werden Sie dies in Erfahrung bringen.
Was ich Ihnen schrieb, soll Sie nicht abhalten, sich mir brieflich mit-
zuteilen und mir von Ihrer Seele zu schreiben, die mir teuer und lieb ist,
wohl aber soll es den Überschwang Ihres Vertrauens zu mir dämpfen, da
ich doch durch mein Unvermögen und Ihr Fernsein Ihnen nur recht
wenig von Nutzen sein kann, wenn ich Ihnen auch in Jesus Christus sehr
zugetan und zugeneigt bin. Schreiben Sie mir also voll Vertrauen und
zweifeln Sie nie daran, daß ich Ihnen treu antworten werde. Das Ge-
wünschte habe ich zuunterst in den Brief hineingelegt, damit es nur für
Sie allein bestimmt sei.
Beten Sie bitte recht für mich; Sie können nicht glauben, wie sehr
bedrängt und erdrückt ich bin unter diesem so großen und schwierigen
Amt. Sie schulden mir diesen Liebesdienst entsprechend den Regeln
unseres Bündnisses und weil ich meinerseits stets Ihrer vor dem Altar
und in meinen schwachen Gebeten gedenke. Gepriesen sei Unser Herr.
Ich flehe ihn an, daß er Ihr Herz, Ihre Seele, Ihr Leben sei, und bin Ihr
Diener.

AN FRAU VON LIMOJON.

XIII, 58-60 (291) Annecy, 28. Juni 1605.


Gnädige Frau!
Ich hatte keine Veranlassung, die Bitte des Herrn Mondon abzuwei-
sen, da sie nicht nur etwas Gutes, eine Wohltat zum Gegenstand hatte,
sondern mir auch Gutes, nämlich Briefe von Ihnen, und zwar Briefe mit
guten Nachrichten gebracht hat.
Ja wirklich, gnädige Frau, wir müssen ganz ruhig darangehen, Über-
flüssiges und Weltliches aus unserem Leben zu streichen. Sehen Sie nicht,
I. Limojon 291 43

daß man die Weinstöcke nicht mit Beilen ausästet, sondern sie behut-
sam, Rebe um Rebe, mit dem Gartenmesser zurückschneidet? Ich habe
einst ein Bildwerk gesehen, an dem der Meister zehn Jahre lang gearbei-
tet hat, bevor es vollendet war, und er hat nie aufgehört, mit Meißel und
Stichel kleinweise alles von ihm wegzunehmen, was die richtige Propor-
tion störte. Nein, es ist zweifellos nicht möglich, an einem Tag dahin zu
kommen, wonach Sie streben: Sie müssen erst einmal diesen Punkt er-
reichen, morgen einen anderen. Nur Schritt für Schritt können wir Herr
über uns selbst werden, was keine kleine Eroberung ist.
Ich bitte Sie, fahren Sie mutig und ehrlich in diesem heiligen Bestreben
fort, von dem aller Trost in Ihrer Sterbestunde, alle wahre Schönheit des
gegenwärtigen und alle Sicherheit des künftigen Lebens abhängt. Ich weiß,
das Unterfangen ist groß, größer aber der Lohn. Es gibt nichts, das eine
hochherzige, entschlossene Seele nicht mit Hilfe des Beistandes ihres
Schöpfers tun könnte (Phil 4,13). Und, mein Gott, wie glücklich werden
Sie sein, wenn Sie sich mitten in der Welt Jesus Christus in Ihrem Herzen
bewahren! Ich flehe ihn an, er möge darin auf ewig leben und herrschen.
Denken Sie an seine Hauptlehre, die er uns in drei Worten hinterlassen
hat, damit wir sie niemals vergessen und hundertmal am Tag wiederho-
len können: „Lernt von mir, denn ich bin sanftmütig und demütig von
Herzen“ (Mt 11,29). Das ist eigentlich alles, ein sanftmütiges Herz sei-
nem Nächsten gegenüber und ein demütiges Herz Gott gegenüber zu
haben. Schenken Sie jeden Augenblick dieses Herz unserem Heiland,
lassen Sie dies das Herz Ihres Herzens sein. Dann werden Sie sehen, in
dem Maße, als dieser heilige und zartfühlende Liebende in Ihrem Geist
Raum gewinnt, wird die Welt, ihre Eitelkeit und Überflüssigkeit daraus
verschwinden.
Ich habe es Ihnen schon gesagt, gnädige Frau, und ich schreibe es Ihnen
nun: ich will keine fantastische, mürrische, melancholische, verärgerte
und kopfhängerische Frömmigkeit; wohl aber eine sanftmütige, freundli-
che, angenehme, friedliche – mit einem Wort eine ganz aufrichtige Fröm-
migkeit, die von Gott zuerst und dann von den Menschen geliebt wird.
Das ist schon zuviel für dieses Mal und bei der geringen Zeit, die ich
habe. Ich muß Ihnen nur noch eine Frage beantworten, nämlich, wie Sie
mir in Hinkunft schreiben sollen. Wissen Sie wie, gnädige Frau? Schrei-
ben Sie mir ganz frei, aufrichtig und unbefangen. Ich brauche Ihnen
darüber nichts anderes sagen, als daß Sie am Briefanfang kein Monsei-
gneur setzen sollen, weder abgekürzt, noch anderswie; es genügt, Herr ...
voranzusetzen. Das hat seinen Grund. Ich bin kein Mensch des Zeremo-
44 I. Limojon 302

niells und ich liebe und achte Sie von ganzem Herzen aus vielerlei Grün-
den, vor allem aber, weil ich hoffe, daß der Herr Sie ganz für sich haben
will. Seien Sie die Seine, gnädige Frau, seien Sie es, bitte. Halten Sie fest
und erinnern Sie sich, was ich Ihnen gesagt habe: bringen Sie jeden Au-
genblick Ihr Herz Gott dar, schenken Sie es ihm, sehnen Sie sich nach
ihm, machen Sie Ihre Frömmigkeit den anderen, vor allem aber Ihrem
Herrn Gemahl anziehend und leben Sie freudig deshalb, weil Sie diese
Lebensweise eingeschlagen haben.
Ich bitte Gott immerdar, er möge Sie mit seiner heiligen Hand halten;
erweisen Sie mir den gleichen Liebesdienst und verrichten Sie einige
kurze Gebete zu Füßen des Kreuzes für meine Seele, die ganz dem Dienst
der Ihren und allem gewidmet ist, was ihnen am teuersten ist. Ich bin,
gnädige Frau ...

XIII, 90-91 (307) Annecy, 7. September 1605.


Gnädige Frau!
Ich habe Ihren Boten sehr rasch fortgeschickt. Weil ich mittags Predi-
gen soll, will ich Ihnen nur sagen, daß es mir immer eine rechte Freude
ist, Briefe von Ihnen zu erhalten; um so mehr einen solchen Brief, der
mir so sicher die Gewißheit schenkt, daß Ihr Herz ganz fest zu seinem
Vorhaben steht, Gott im Streben nach echter Frömmigkeit zu dienen.
Fahren Sie damit fort, liebe gnädige Frau, fahren Sie damit fort, freudig
in dieser Richtung vorwärts zu schreiten, wo Sie am Ende die glückhafte
Ruhe Ihrer Seele finden werden. Denken Sie daran, daß Gott nicht wie
alles andere ist: er ist jederzeit und zu allen gut. Sie werden ihn überall zu
Ihrem Beistand und Trost finden; darum dürfen Sie die Suche nach ei-
nem so großen Gut nie aufgeben. Trachten Sie ständig danach durch
kurze, aber innige Erhebungen Ihres Geistes zu seiner heiligen Liebe,
wovon ich Ihnen oft gesprochen habe.
Ich danke Ihnen, daß Sie meiner Armseligkeit vor Unserem Herrn
gedachten, um sie seiner Barmherzigkeit zu empfehlen. Tun Sie es bitte
immer; Sie sollen wissen, daß ich niemals am Altar den himmlischen
Sohn seinem Vater darbringe, ohne auch jedesmal Ihr Herz seiner göttli-
chen Majestät darzubringen, damit sie es mit ihren teuersten Segnungen
bedenke. Ich kann Sie in dieser Hinsicht nicht vergessen, ebensowenig
wie mich selbst, der ich mit tausend Empfehlungen an Ihren Herrn Ge-
mahl und Ihr eigenes Wohlwollen Ihr Ihnen in Unserem Herrn sehr
zugeneigter Diener bin.
I. An Unbekannte 179 45

AN UNBEKANNTE.

XII, 177 (179) Annecy, 13. März 1603.


Verehrte Frau Tante!
Wenn ich nicht wüßte, daß Ihre Tugend Ihnen die nötigen Tröstungen
und Entschlüsse verleihen kann, damit Sie den erlittenen Verlust mit
christlichem Mut ertragen, würde ich mit diesem Brief versuchen, Ihnen
einige Gründe zu Ihrem Trost darzulegen; ja, wenn nötig, würde ich Ih-
nen dieselben selbst überbringen.
Ich meine aber, daß Sie soviel Gottesliebe und Gottesfurcht haben,
daß Sie sich – sein Wohlgefallen und seinen heiligen Willen erkennend
– dareinfügen und Ihren Kummer dämpfen in Betrachtung des Bösen
dieser Welt. Diese ist doch so armselig, daß wir – wäre nicht unsere
Schwachheit – Gott vielmehr dafür preisen sollten, wenn er unsere Freun-
de von dieser Welt fortnimmt, als daß wir uns darob betrüben.
Schließlich müssen wir doch alle, die einen nach den anderen, entspre-
chend der bestehenden Ordnung diese Welt verlassen. Die uns Vorausge-
gangenen sind da nur besser daran, wenn sie in Sorge um ihr Heil und ihre
Seele gelebt haben, wie dies mein Herr Onkel und Verwandter getan hat.
Sein Verhalten war so liebevoll und wertvoll für alle seine Freunde, daß
wir, die wir zu seinen nächststehenden Familienangehörigen und Freun-
den gehörten, nicht verhindern können, über die nunmehr erfolgte Tren-
nung tiefen Schmerz zu empfinden. Dieser Schmerz ist uns nicht verboten,
wenn wir ihn mäßigen durch die Hoffnung, daß wir ja nicht getrennt blei-
ben, sondern ihm in kurzer Zeit in den Himmel, dem Ort unserer Ruhe,
folgen werden, wenn Gott uns die Gnade dazu schenkt. Dort werden wir
die guten und christlichen Freundschaften, die wir in dieser Welt ja nur
anknüpfen konnten, vollenden und ständig weiter vervollkommnen. Diese
Grundgesinnung verlangen unsere verstorbenen Freunde von uns und ich
bitte Sie auch, diese aufrechtzuhalten und maßlose Traurigkeit jenen zu
überlassen, die keine solchen Hoffnungen hegen.
Indessen liegt mir, verehrte Frau Tante, die Erinnerung an unseren
teuren Verstorbenen und der Dienst Ihnen gegenüber so sehr am Her-
zen, daß Sie meine Verpflichtung hierzu überaus steigern würden, wenn
Sie mir die Ehre erwiesen, mit allem Freimut über mich zu verfügen und
sich vertrauensvoll meiner zu bedienen. Tun Sie das, ich bitte Sie von
Herzen, und ich bitte auch unseren Herrn, er möge seine heiligen Trö-
46 I. An Unbekannte 414

stungen in Ihnen mehren und Sie mit den Gnaden überhäufen, die ich
Ihnen wünsche, verehrte Frau Tante, als Ihr demütiger Neffe und Ihnen
liebevoll ergebener Diener.

XIII, 320-322 (414) Annecy, 27. September 1607.


Gnädige Frau!
Sie brauchen niemals Entschuldigungen oder Förmlichkeiten vorbrin-
gen, wenn Sie mir schreiben, denn Ihre Briefe sind mir eine rechte Freu-
de in Unserem Herrn, um dessentwillen ich Sie aufrichtig liebe.
Ich sehe, daß Sie Befürchtungen für das Leben im Schloß haben, weil
Sie der Möglichkeiten beraubt sein werden, Gott zu dienen, die Sie durch
den häufigen Besuch des Jesuitenkollegs hatten. Ich bin über diese Ge-
sinnung gewiß erfreut, aber Sie dürfen deshalb nicht den Mut verlieren.
Wenn Sie auch nicht mehr soviel äußere Hilfe haben, aber doch Ihren
Wunsch und Entschluß stets lebendig und fest in Ihrer Seele bewahren,
Gott ganz zu gehören, dann wird Sie der Heilige Geist durch seinen
himmlischen Beistand trösten. Dieser wird Sie entschädigen für die
Übungen, die Sie nun unterlassen, denn Sie unterlassen sie ja nur zur
Ehre und zum Ruhm eben dieser göttlichen Güte.
Ich denke, daß Ihnen Kommunionen erlaubt werden, denn ich sehe
nicht, daß Ihnen dies verwehrt werden könnte. Sie werden gewiß jeden
Tag eine halbe Stunde für Ihr innerliches Gebet haben können, neben
den offiziellen Gebeten mit der gnädigen Frau. Damit können Sie sich
ruhig zufriedengeben. Den Mangel an anderen Übungen können Sie aus-
gleichen durch häufige und innige Stoßgebete oder Erhebungen des Geis-
tes zu Gott; die Predigten können Sie ersetzen durch fromme und auf-
merksame Lesung guter Bücher.
Im übrigen wird Ihnen das Leben als Untergebene und in Gesellschaft
tausenderlei Möglichkeiten geben, sich viel zu überwinden und Ihren
Eigenwillen zu brechen. Es ist kein geringes Mittel zur Vollkommen-
heit, wenn Sie demütigen und sanftmütigen Herzens davon Gebrauch
machen. Das sollen Ihre beiden Lieblingstugenden sein, da Unser Herr
sie so sehr empfohlen hat (Mt 11,29). Die dritte Tugend ist eine große
Herzensreinheit (Mt 5,8) und die vierte eine große Aufrichtigkeit in
Ihren Worten, vor allem bei Ihren Beichten. Keine Gesellschaften, keine
Verpflichtungen können Sie daran hindern, oft mit Unserem Herrn, sei-
nen Engeln und Heiligen zu sprechen, sich oft in den Straßen seines
himmlischen Jerusalems zu ergehen, den inneren Einsprechungen Jesu
I. An Unbekannte 441 47

Christi und Ihres Schutzengels zu lauschen und alle Tage im Geist zu


kommunizieren. Tun Sie all dies freudigen Herzens; ich bitte in Über-
einstimmung mit dem Vertrauen, das Sie in mich setzen, seine göttliche
Majestät, er möge Sie mit den Gnaden seines Heiligen Geistes erfüllen
und Sie immer mehr einzig zu der Seinen machen.
Ihr in Unserem Herrn ergebener und sehr zugeneigter ...

XIII, 385-388 (441) (1605-1608)


Gnädiges Fräulein!
Vor einiger Zeit erhielt ich einen Ihrer Briefe, der mich sehr freute, da
er Zeugnis ablegt für Ihr Vertrauen auf meine Zuneigung, die Ihnen auch
ganz gehört, woran Sie niemals zweifeln dürfen.
Ich bedaure nur, recht wenig imstande zu sein, Antwort zu geben auf
das, was Sie von mir über die Vorkommnisse in Ihrem innerlichen Ge-
bet wissen wollen. Ich weiß, daß Sie sich an einem Ort und in einer
Gesellschaft befinden, wo Ihnen in dieser Hinsicht nichts fehlen kann;
die Liebe aber, die sich gern mitteilt, läßt Sie um meine Meinung fragen,
indem Sie mir die Ihre mitteilen. Ich will Ihnen also einiges sagen.
Ihre Unruhe im Gebet, verbunden mit einer großen Hast, etwas zu
finden, das Ihren Geist festhalten und befriedigen könnte, genügt allein,
Sie daran zu hindern, das zu finden, was Sie suchen. Hand und Augen
gleiten oft hundertmal über einen Gegenstand, ohne ihn gewahr zu wer-
den, wenn man ihn übereifrig sucht.
Aus solch eitler und unnützer Geschäftigkeit kann Ihnen nur Erschöp-
fung und Starre Ihrer Seele erwachsen. Ich weiß nicht, welche Mittel Sie
dagegen anwenden sollen, aber ich denke wohl, daß Sie viel gewinnen
würden, wenn Sie diese Geschäftigkeit verhinderten; denn sie ist eine
der größten Verräterinnen, der die Frömmigkeit und wahre Tugend be-
gegnen können. Sie erweckt den Anschein, als wollte sie uns für das Gute
erwärmen, aber um uns über uns erkalten zu lassen; sie treibt uns nur
zum Laufen an, um uns stolpern zu lassen. Darum müssen wir uns über-
all vor ihr hüten, besonders aber im Gebet.
Um Ihnen dabei zu helfen, denken Sie daran, daß die Gnaden und
Güter des Gebetes nicht Wasser der Erde, sondern des Himmels sind,
und daß demgemäß alle unsere Anstrengungen sie nicht erreichen kön-
nen, obwohl es wahr ist, daß wir uns darauf mit großem, aber demütigem
und ruhigem Eifer vorbereiten sollen. Wir müssen unser Herz dem Him-
mel offen halten und den heiligen Tau abwarten.
48 I. An Unbekannte 441

Vergessen Sie niemals, beim Gebet diese Erwägung anzustellen. Weil


man sich damit Gott nähert und sich in seine Gegenwart aus zwei we-
sentlichen Gründen versetzt:
Erstens um Gott Ehre und Huldigung zu erweisen, die wir ihm schul-
den, und das kann geschehen, ohne daß er zu uns spricht, noch wir zu
ihm; denn diese Pflicht erfüllen wir, wenn wir erkennen, daß er unser
Gott ist und wir seine armseligen Geschöpfe (Ps 95,7), und wenn wir uns
im Geist vor ihm niederwerfen und seine Befehle erwarten. Wieviele
Höflinge gibt es doch, die hunderte Mal in der Gegenwart des Königs
erscheinen, nicht um ihn zu sprechen oder um ihn zu hören, sondern
einfach deshalb, damit sie von ihm gesehen werden und durch diese
Aufmerksamkeit bezeugen, daß sie seine Diener sind? Und diese Ab-
sicht, zu Gott zu kommen, nur um unseren Willen und unser Bekenntnis
zu seinem Dienst zu bezeugen und zu beteuern, ist vorzüglich, ganz hei-
lig und ganz rein und folglich von sehr großer Vollkommenheit.
Der zweite Grund, warum man zu Gott kommt, ist, um mit ihm zu
sprechen und ihn durch seine Eingebungen und inneren Regungen zu
uns sprechen zu hören; gewöhnlich geschieht dies mit einer ganz innigen
Freude, weil es ein großes Geschenk für uns ist, zu einem so großen
Herrn sprechen zu dürfen, und weil er durch seine Antwort tausendfache
Wohlgerüche köstlicher Salben verbreitet, die in der Seele ein großes
Wohlgefallen auslösen.
Eines dieser beiden Güter, gnädiges Fräulein, meine gute Tochter (da
Sie wollen, daß ich Sie so nenne), wird Ihnen also im Gebet niemals
fehlen. Wenn wir zu Unserem Herrn sprechen können, dann sprechen
wir; preisen wir ihn, bitten wir ihn, hören wir ihn an. Wenn wir nicht
sprechen können, weil wir heiser sind, dann sollen wir doch im Zimmer
bleiben und ihm huldigen; er wird uns dabei sehen, unsere Geduld gut-
heißen und unser Schweigen günstig aufnehmen. Ein anderes Mal wer-
den wir dann ganz überrascht sein, wenn er uns an der Hand nimmt, mit
uns sprechen will und sich in den Wandelgängen seines Gebetsgartens
hunderte Mal mit uns ergehen wird. Und würde er es niemals tun, begnü-
gen wir uns damit, daß es unsere Pflicht ist, seinem Gefolge anzugehö-
ren, und daß es eine große Gnade und zu große Ehre für uns ist, daß er
uns in seiner Gegenwart duldet. So werden wir uns nicht überhasten, um
ihn zu sprechen, da uns doch die andere Möglichkeit, bei ihm zu sein,
nicht weniger, sondern vielleicht noch viel mehr nützlich ist, mag es
auch unserem Gefühl nach etwas weniger angenehm sein.
Wenn Sie also zu Unserem Herrn kommen, sprechen Sie zu ihm, wenn
I. Bénigne Frémyot 230 49

Sie können; können Sie dies nicht, dann bleiben Sie dort, lassen Sie sich
sehen und bekümmern Sie sich nicht um etwas anderes. Das ist mein
Rat; ich weiß nicht, ob er gut sein wird, aber das macht mir keine Sorge,
denn Sie befinden sich, wie ich Ihnen bereits gesagt habe, an einem Ort,
wo Ihnen viel bessere Ratschläge nicht fehlen können.
Was Ihre Befürchtung betrifft, Ihr Vater könnte Sie dadurch vom
Wunsch abbringen, Karmelitin zu werden, daß er die Erfüllung Ihres
Wunsches zu weit hinausschiebt, so sagen Sie nur zu Gott: Herr, all mein
Sehnen liegt vor Dir! (Ps 38,10), und lassen Sie ihn handeln. Er wird das
Herz Ihres Vaters in seine Hände nehmen und zu seiner Ehre und Ihrem
Nutzen wenden. Hegen Sie indessen Ihren guten Wunsch weiter und
lassen Sie ihn unter der Asche der Demut und Ergebenheit in Gottes
Willen weiter leben.
Meine Gebete, um die Sie mich bitten, fehlen Ihnen nicht, denn ich
könnte Sie gar nicht vergessen, vor allem nicht bei der heiligen Messe.
Ich vertraue auf Ihre Liebe, daß auch Sie mich in Ihren Gebeten nicht
vergessen ...

AN DEN PRÄSIDENTEN BÉNIGNE FRÉMYOT

XII, 326-332 (230) Sales, 7. Oktober 1604.


Verehrter Herr!
Die Nächstenliebe gibt ebenso leicht gute Eindrücke vom Nächsten,
als sie solche empfängt. Gesellt sich aber zu dieser allgemeinen Neigung
noch die einer besonderen Freundschaft, so wird diese Leichtigkeit über
alle Maßen groß. Herr von Bourges und Frau von Chantal, Ihre teuren
und würdigen Kinder, haben mich zweifellos viel zu gut dargestellt, um
Sie zu überreden, mir gewogen zu sein; denn aus dem Brief, den Sie,
verehrter Herr, mir zu schreiben geruhten, ersehe ich wohl, daß sie mich
mit leuchtenden Farben geschildert haben, die meine armselige Seele
niemals aufwies. Und Sie, verehrter Herr, waren nicht weniger beherzt,
noch, wie ich erkenne, weniger herzlich bereit, ihnen vollen und hochge-
muten Glauben zu schenken. „Die Liebe“, sagt der Apostel (1 Kor 13,6.7),
„glaubt alles und freut sich am Guten.“ In diesem Punkt haben beide
nicht übertrieben, wenn sie sagten, daß ich ihnen alle meine Zuneigung
zugewandt habe, die dadurch auch Sie gewonnen haben, da sie Ihnen
gehören mit allem, was sie haben.
50 I. Bénigne Frémyot 230

Erlauben Sie mir, verehrter Herr, daß ich meiner Feder – meinen Ge-
danken folgend – freien Lauf lasse, um Ihren Brief zu beantworten. Ich
habe wahrhaftig in Herrn von Bourges8 eine so unbefangene Güte des
Geistes wie des Herzens erkannt, daß es mir leicht war, mit ihm die
Pflichten unseres gemeinsamen Berufes zu besprechen und zwar in aller
Offenheit. Da ich nun darauf zurückblickte, wußte ich nicht, wer mehr
Einfachheit gezeigt hatte, er im Zuhören oder ich im Sprechen.
Verehrter Herr, die auf Jesus Christus gegründeten Freundschaften sind
nicht weniger ehrfurchtsvoll, wenn sie recht einfach und schlicht sind.
Wir haben, der eine mit dem anderen, viele Sachen erledigt; unser
Wunsch, Gott und seiner Kirche zu dienen, – denn ich bekenne mich zu
diesem Wunsch und er könnte es nicht verheimlichen, daß er davon er-
füllt ist – hat sich, so scheint es mir, durch diese Begegnung vertieft und
belebt.
Sie wollen aber, verehrter Herr, daß ich diese Unterredung über die-
sen Gegenstand brieflich fortsetze. Ich versichere Ihnen, daß ich – selbst
wenn ich wollte – mich dessen nicht enthalten könnte. In der Tat schicke
ich ihm einen Brief von vier Blättern ausschließlich über diese Fragen.
Nein, verehrter Herr, ich will nicht mehr in Erwägung ziehen, was ich
geringer bin als er, noch was er mehr ist als ich, und in so vieler Weise.
„Amor aequat amantes“, die Liebe macht jene gleich, die einander lie-
ben. Ich spreche zu ihm in aller Treue und mit allem Vertrauen, das
meine Seele zu einer anderen Seele haben kann, die ich zu den offensten,
geradesten und stärksten in der Freundschaft zähle. Und was Frau von
Chantal betrifft, würde ich lieber nichts als zu wenig über meinen Wunsch
nach deren ewigem Wohl sagen. Hat Ihnen der Herr Präsident der Fi-
nanzkammer, Ihr guter Bruder, nicht auch gesagt, daß er mich recht lieb
hat? Zumindest sage ich Ihnen schon, daß ich mich dessen ganz sicher
weiß. Sogar der kleine Celse-Bénigne und Ihre Aimée9 kennen mich und
haben mir in Ihrem Haus kleine Liebesbezeugungen erwiesen. Sehen
Sie, mein Herr, wie sehr ich der Ihre bin und durch wieviele Bande! Ich
mißbrauche Ihre Güte, wenn ich auf so unfeine Art meine Zuneigung
offenbare; wer aber, verehrter Herr, meine Freundschaft herausfordert,
der muß wohl fest stehen, denn ich verschone ihn nicht.
Ich muß daher auch gehorchen, wenn Sie mir befehlen, Ihnen die wich-
tigsten Ihrer Pflichten zu schreiben. Ich gehorche lieber auf Kosten der
Zurückhaltung, als daß ich zurückhaltend bin auf Kosten des Gehor-
sams. Und dieser Gehorsam fällt mir wirklich ein wenig schwer; aber
Sie werden ganz richtig urteilen, daß er dafür um so mehr Wert hat. Sie
I. Bénigne Frémyot 230 51

überbieten sich an Demut, wenn Sie diese Bitte an mich richten. Warum
soll es mir da nicht erlaubt sein, mich an Einfachheit im Gehorsam zu
überbieten?
Verehrter Herr, ich weiß, daß Sie ein langes und höchst ehrbares Leben
geführt haben und immer treu zur heiligen katholischen Kirche gestanden
sind; aber schließlich war dies in der Welt und in der Handhabung weltli-
cher Geschäfte. Erfahrung und Schriftsteller bezeugen aber etwas Seltsa-
mes: ein Pferd, mag es noch so beherzt und stark sein, erstarrt, wenn es auf
die Fährte und Spur eines Wolfes trifft, und kommt aus dem Schritt. So
geht es auch uns: wenn wir in der Welt leben, – auch wenn wir sie nur mit
den Füßen berühren – ist es uns nicht möglich, von ihrem Staub nicht
beschmutzt zu werden. Unsere Vorväter, Abraham und die anderen boten
gewöhnlich ihren Gästen an, ihre Füße zu waschen (Gen 18,4); ich meine,
verehrter Herr, daß wir als erstes viele Anhänglichkeiten von unserer See-
le wegwaschen müssen, um den gastlichen Empfang unseres guten Gottes
in seinem Paradies erlangen zu können.
Es scheint mir immer, man müßte den Sterblichen bittere Vorwürfe
machen, wenn sie sterben, ohne daran gedacht zu haben; umso mehr
aber jenen, die unser Herr durch das „Geschenk des Alters“ begünstigt
hat. Jene, die sich rüsten, bevor Alarm gegeben wurde, sind immer bes-
ser daran als die anderen, die vor Entsetzen durcheinanderlaufen und
nach Panzer, Harnisch und Helm suchen. Wir müssen in aller Ruhe
Abschied von der Welt nehmen und nach und nach unsere Anhänglich-
keiten an Geschöpfe abgeben.
Vom Wind entwurzelte Bäume eignen sich nicht für das Versetztwer-
den, weil sie ihre Wurzeln in der Erde ließen; wer sie in eine andere Erde
umsetzen will, muß geschickt nach und nach alle Wurzeln, eine nach der
anderen, lösen. Und da wir von dieser armseligen Erde versetzt werden
sollen in jene der Lebenden (Ps 27,13), müssen wir alle Anhänglichkei-
ten, eine nach der anderen, von dieser Welt abziehen und lösen. Ich sage
damit nicht, daß wir alle Bindungen roh zerschlagen müssen, die wir
dort eingegangen sind. Es bedürfte wohl großer Anstrengungen dazu;
aber wir müssen sie lockern und lösen. Wer plötzlich abreisen muß, ist
entschuldbar, wenn er von seinen Freunden nicht Abschied genommen
hat und in einem schlechten Fahrzeug reisen muß, nicht aber jene, die
den ungefähren Zeitpunkt ihrer Abreise gewußt haben. Wir müssen uns
bereit halten (Mt 24,44), nicht, um vor der Zeit fortzugehen, sondern um
diese mit umso größerer Ruhe zu erwarten.
Zu diesem Zweck glaube ich, verehrter Herr, daß Sie außerordentli-
52 I. Bénigne Frémyot 230

chen Trost darin finden werden, jeden Tag eine Stunde zu wählen, um vor
Gott und Ihrem Schutzengel nachzudenken, was Sie für eine glückselige
Heimkehr notwendig haben. Was ist an Ihren Angelegenheiten zu ord-
nen, falls dies bald der Fall sein müßte? Ich weiß, daß diese Gedanken
Ihnen nicht neu sein werden; die Art aber, wie Sie diese fassen, soll neu
sein. Es soll in Gottes Gegenwart geschehen. Es soll eine ruhige Auf-
merksamkeit sein, die mehr das Gemüt ergreift, als den Verstand auf-
klärt.
Der hl. Hieronymus hat mehr als einmal die Geschichte von der Schu-
nemitin Abischag auf die Weisheit alter Menschen bezogen: da sie an der
Seite Davids schlief, nicht aus Wollust, sondern nur um ihn zu wärmen
(1 Kön 1-4). Philosophische Weisheit und Denkkraft sind oft bei jungen
Leuten zu finden, die damit ihren Geist beschäftigen, ohne in ihrem
Gemüt irgendeine gute Regung hervorzurufen. In den Händen der Alten
aber soll diese Weisheit nur dazu dienen, ihnen die wahre Wärme der
Frömmigkeit zu schenken. – Ich habe Ihre schöne Bibliothek gesehen
und genossen: für Ihre geistliche Lesung in dieser Hinsicht nenne ich
Ihnen den hl. Ambrosius, „De bono mortis“, den hl. Bernhard, „De in-
teriori domo“, und einige Homilien des hl. Chrysostomus.
Ihr hl. Bernhard sagt, daß die Seele, die zu Gott gehen will, zuerst die
Füße des Kruzifixes küssen, ihre Affekte läutern und entschlossen sein
soll, sich bewußt nach und nach von der Welt und ihren Eitelkeiten zu-
rückzuziehen; dann soll sie seine Hände küssen durch neue Taten als
Folge der Änderung ihrer Affekte und schließlich soll sie ihn auf den
Mund küssen, indem sie sich mit heißer Liebe mit dieser höchsten Güte
vereint. Das ist echtes, allmähliches sich ehrlich Zurückziehen.
Man sagt, daß Alexander der Große, auf hoher See segelnd, als Erster
und Einziger das glückliche Arabien am Duft der aromatischen Hölzer
entdeckte; daher sah auch er als Einziger damit sein Ziel. So haben auch
jene, die auf das ewige Land hinstreben, wenn sie auch auf der hohen See
weltlicher Geschäfte dahinkreuzen, eine gewisse Vorahnung des Him-
mels, die sie wunderbar belebt und ermutigt; aber man muß vorne stehen
und den Blick auf diese Richtung lenken.
Wir sind Gott, dem Vaterland, den Verwandten und Freunden ver-
pflichtet. Gott zuerst, dann dem Vaterland; dem himmlischen Vaterland
aber zuerst, dann dem irdischen; danach unseren nahen Verwandten;
aber „niemand ist dir so nahe wie du selbst“, sagt unser christlicher Sene-
ca, der hl. Bernhard. Und schließlich unseren Freunden; aber sind Sie
nicht der Erste der Ihrigen? Ich bemerke, daß der hl. Paulus seinem
I. Clément 376 53

Timotheus sagte (1 Tim 4,16; Apg. 20,28): „Achte nur auf dich und die
Herde.“ Er sagt zuerst „auf dich“ und dann „auf die Herde“.
Das ist nun wohl genug, verehrter Herr, wenn nicht zuviel für dieses
Jahr, das entflieht und vor uns entschwindet und uns in diesen nächsten
zwei Monaten die Eitelkeit seiner Dauer sehen lassen wird, wie es alle
vorangegangenen taten, die nicht mehr da sind. Sie haben von mir ver-
langt, daß ich Ihnen alle Jahre etwas Derartiges schreibe: für dieses Jahr
nun habe ich Ihren Wunsch erfüllt und bitte Sie hiermit, möglichst vie-
len Ihrer weltlichen Neigungen zu entsagen und sie in dem Maße, als sie
diese ausreißen, in den Himmel zu verpflanzen. Und verzeihen Sie mir,
– ich beschwöre Sie bei Ihrer eigenen Demut – wenn meine Offenheit so
zügellos war, um Ihnen zu gehorchen, daß ich so lang und freimütig auf
ein einfaches Gebot hin schrieb, wo ich mir doch Ihrer überaus großen
Tugendhaftigkeit voll bewußt bin, die mich entweder zum Schweigen
oder zu einer stark begrenzten Mäßigung zwingen sollte. Hier sind die
Wasser des Heils, verehrter Herr; mögen sie auch den Kinnbacken eines
Esels entspringen, wird Simson doch davon trinken (Ri 15,19).
Ich bitte Gott, er möge Ihre Jahre mit seinem Segen überhäufen. Ich
bin voll kindlicher Zuneigung, verehrter Herr, Ihr recht demütiger und
gehorsamer Diener.

AN FRÄULEIN CLÉMENT

XIII, 244-245 (376) Annecy, 14. Dezember 1606.


Gnädiges Fräulein!
Es ist mir immer ein rechter Trost zu wissen, daß Ihr Herz in der Liebe
zu Unserem Herrn Fortschritte macht, wie Herr von Blussy mir versi-
chert hat, obwohl er nur im allgemeinen zu mir davon gesprochen und
mir nur Ihren einen Wunsch näher ausgeführt hat, Ordensschwester zu
werden. Der Wunsch ist zweifellos gut, aber Sie dürfen ihm nicht erlau-
ben, Sie zu beunruhigen, da Sie ihn im gegenwärtigen Zeitpunkt nicht in
die Tat umsetzen können. Wenn Unser Herr seine Verwirklichung will,
wird er ihn durch geeignete Mittel ermöglichen, die er wohl weiß, wir
aber noch nicht kennen.
Inzwischen erfüllen Sie die Aufgaben gut, die Sie derzeit vor sich ha-
ben, d. h. fahren Sie fort, Ihre geistlichen Übungen ganz ruhig zu verrich-
ten, legen Sie Ihren Geist und Ihr Herz hundertmal am Tag in die Hände
54 I. Clément 483

Gottes und empfehlen Sie es ihm in aller Aufrichtigkeit. Achten Sie


darauf, welche Gelegenheit Sie doch jeden Tag haben, seiner göttlichen
Majestät zu dienen, sowohl zu Ihrem Fortschritt, als auch für den Ihres
Nächsten, und benutzen Sie diese gewissenhaft; denn sehen Sie, meine
Tochter, Sie können großen Vorteil daraus ziehen, wenn Sie Gott und
seine Ehre recht lieben.
Ich weiß, es betrübt Sie, daß Ihr Vater Sie verlassen hat; aber wieder-
holen Sie oft mit Herz und Mund das Wort des Propheten (Ps 27,10):
„Mein Vater und meine Mutter haben mich verlassen, der Herr aber hat
mich zu sich erhoben.“ Es ist zweifellos für eine Tochter ein Kreuz,
derart der Hilfe der Menschen beraubt zu sein; aber es ist ein hochhei-
liges Kreuz und das geeignetste, die Liebe Gottes vollständig zu gewin-
nen. Wir müssen in dieser seligen göttlichen Liebe großen Mut und ein
großes Vertrauen auf die Sicherheit haben, die wir besitzen, daß der
himmlische Bräutigam niemals den Seelen fehlt, die sich nach ihm
sehnen.
Ich schicke Ihnen in diesem Zusammenhang ein kleines Kreuz, in
dessen Mitte sich eine Reliquie der heiligen Märtyrerin Thekla befindet,
deren Anblick Ihnen Kraft schenken wird, für Unseren Herrn viel zu
leiden. Das soll keine Gegengabe für Ihr schönes Geschenk darstellen,
sondern Sie nur daran erinnern, welch reine Liebe ich für Ihre Seele in
Unserem Herrn hege, dem Sie mich bitte oft empfehlen mögen als Ihren
Ihnen ganz sicher und ganz demütig im heiligen Kreuz ergebenen ...

XIV, 75 (483) (Oktober 1608)


Gnädiges Fräulein!
Sie müssen sich gänzlich in die Hände unseres guten Gottes ergeben.
Wenn Sie alles geleistet haben, was Sie tun mußten, um Ihre Vorhaben zu
verwirklichen, wird unserem guten Gott alles genehm sein, was Sie tun
werden, auch wenn es viel weniger ist, als Sie wollten.
Mit einem Wort, Sie müssen wohl den Mut haben, den Ordensstand
anzustreben, da Gott Ihnen eine solche Sehnsucht danach eingibt.
Wenn Sie aber nach all Ihren Bemühungen keinen Erfolg haben, könn-
ten Sie Unserem Herrn nicht mehr gefallen, als wenn Sie ihm Ihren Wil-
len aufopfern und in Ruhe, Demut und Frömmigkeit verbleiben, ganz
seinem göttlichen Willen und Wohlgefallen hingegeben und untergeord-
net. Sie werden diesen genügend erkennen, wenn Sie Ihr Möglichstes getan
haben und doch das Ziel Ihrer Wünsche nicht erreichen können.
I. Frau von Charmoisy 350 55

Gott prüft manchmal unseren Mut und unsere Liebe, indem er uns der
Dinge beraubt, die uns für die Seele recht gut zu sein scheinen und es
auch sind. Wenn er uns im Streben nach diesen eifrig sieht und dennoch
demütig, ruhig und ergeben, falls wir das angestrebte Ziel nicht errei-
chen und darauf verzichten müssen, wird er uns dann seinen Segen reich-
licher schenken bei diesem Verzicht, als er ihn uns gäbe durch den Besitz
des angestrebten Standes. Gott liebt in allem und überall jene, die gern
und einfach bei allen Gelegenheiten und Gegebenheiten ihm sagen kön-
nen: „Dein Wille geschehe“ (Mt 6,10).

AN FRAU VON CHARMOISY

XIII, 179-181 (350) Annecy, 20. Mai 1606.


Verehrte Frau Cousine!
Ich muß meinen Brief mit der Bitte um Entschuldigung für einen Feh-
ler beginnen, den ich – das versichere ich Ihnen – ohne irgendwelche
Böswilligkeit, nur aus bloßer Unachtsamkeit begangen habe. Man hat
mir beiliegenden Brief als von Ihnen kommend gebracht und ich, der ich
wirklich danach brenne, von Ihnen zu hören, habe ihn sofort geöffnet,
ohne die Anschrift zu beachten. Und obwohl ich darin die Handschrift
meines Cousins, des Herrn von Charmoisy erkannte, hätte ich dennoch
weitergelesen, wäre mir nicht der Ton inniger Vertrautheit aufgefallen.
Nehmen Sie den Brief daher bitte, wenn er auch geöffnet wurde, so entge-
gen, als ob dies nicht geschehen wäre, und verzeihen Sie meiner Voreilig-
keit, die meine Achtung dem Schreiber des Briefes und Ihnen gegenüber
verletzt hat. Ich hätte leicht meinen Irrtum verbergen und von Ihnen
unbemerkt halten können; aber ich vertraue mich lieber Ihrem Wohl-
wollen an als meiner Geschicklichkeit. Halten Sie mich, meine liebe
Frau Cousine, auch weiterhin für stets ganz treu in allem, was Ihren
Dienst betrifft, denn das werde ich mein ganzes Leben lang sein, mehr als
irgendein anderer Mensch auf der Welt.
Ich werde also, wie Sie anordnen, die 100 Taler behalten und den Rest,
den meine gute Mutter Ihnen schuldet, dazulegen lassen; fühlt diese sich
doch mit allen ihren Kindern nicht nur verpflichtet, Ihnen Ihr Eigentum
zu Ihrem Bedarf zurückzugeben, sondern auch dazu, all Ihren Besitz für
Ihren Dienst zu Geld zu machen.
Meine liebe Frau Cousine, Sie können sicher Ihre kleinen oder großen
56 I. Frau von Charmoisy 439

Kümmernisse ebenso wie Ihre Freuden keiner Seele mitteilen, die Ihnen
gegenüber aufrichtiger und mehr Ihnen zugeneigt wäre als die meine;
und zweifeln Sie nie daran, daß ich ganz treu das Geheimnis wahre, an
das mich, über das allgemeine Gesetz hinaus, unlösbar das Vertrauen
bindet, das Sie in mich setzen. Ich will die Sache Unserem Herrn emp-
fehlen und zwar sogleich, da ich mich zum Altar begebe.
Es hat mich gefreut, zu sehen, daß Sie sich der Vorsehung Gottes an-
heimgeben. So ist es recht, meine liebe Cousine, das müssen wir immer
und bei allen Gelegenheiten tun. Glauben Sie mir, wenn Sie sich daran
gewöhnen, diese Hingabe nicht nur mit dem Mund, sondern auch mit
dem Herzen ganz tief und aufrichtig zu vollziehen, werden Sie wunder-
bare Auswirkungen daraus verspüren. Es ist eigenartig, daß ich nicht
umhin kann, zu Ihnen über diese Übungen des Herzens und der Seele zu
sprechen. Ich muß es tun, weil ich nicht nur Ihre Seele liebe, sondern sie
mit zärtlicher Liebe vor Gott umhege, der, so scheint es mir, von ihr
wünscht, daß Sie sehr fromm werden.
Gehen Sie indessen ganz ruhig den äußerlichen Übungen nach und
nehmen Sie es nicht auf sich, zu Fuß nach St. Claude zu gehen, ebensowe-
nig wie meine gute Tante, Frau du Foug, die nicht mehr in dem Alter ist,
als sie in meiner Begleitung dorthin ging. Bringen Sie nur ein eifriges
Herz mit, dann zweifeln Sie nicht daran, daß, ob Sie nun zu Fuß oder zu
Pferd kommen, Gott es ansehen und der hl. Claudius ihm seine Gunst
schenken wird.
Unser Heiland sei immerdar Ihr Beschützer und ich bin, meine Frau
Cousine, Ihr ergebener Cousin und Diener.
Ihrer ganzen kleinen Schar geht es gut und Bonaventura erholt sich
allmählich.

XIII, 381-383 (439) Rumilly, um den 20. März 1608.


Meine sehr liebe Frau Cousine!
Wie gut tun Sie doch daran, Gott gut und gütig zu finden und seine
väterliche Fürsorge Ihnen gegenüber freudig zu verkosten! Sie befin-
den sich jetzt an einem Ort, wo Sie keine Zeit zur Übung der Betrach-
tung aufbringen können; dafür kommt Gott häufiger zu Ihrem Herzen,
um es mit seiner heiligen Gegenwart zu stärken. Seien Sie diesem himm-
lischen Bräutigam Ihrer Seele treu, und Sie werden mehr und mehr
sehen, daß er Ihnen durch tausenderlei Mittel seine teure Liebe zeigen
wird.
I. Frau von Charmoisy 439 57

Es überrascht mich daher nicht, meine liebe Cousine, da Gott Sie sei-
ne Gegenwart genießen läßt, daß Sie allmählich der Welt überdrüssig
werden. Zweifellos, meine Tochter, läßt nichts Aloesaft so bitter empfin-
den, wie der Genuß von Honig. Wenn wir von den göttlichen Dingen
verkostet haben, werden die weltlichen Dinge uns kaum wieder Anreiz
geben können. Denn wie könnten wir auch, da wir die Güte, Beständig-
keit und Ewigkeit Gottes betrachtet haben, jemals wieder diese armseli-
ge Eitelkeit der Welt richtig lieben? Wir müssen wohl diese Eitelkeit der
Welt erdulden und ertragen; Liebe und Neigung empfinden aber sollen
wir nur zur Wahrheit. Gott sei immerdar dafür gepriesen, daß er Sie zu
dieser heiligen Mißachtung irdischer Torheiten geführt hat.
Ach, es ist wahr, meine liebe Frau Cousine, daß die arme Frau von
Moyron verschieden ist; wir hätten uns das wirklich in der vergangenen
Fastnacht nicht gedacht. So werden auch wir eines kommenden Tages,
den wir nicht wissen, dahingehen. Mein Gott, meine liebe Tochter, wer-
den wir nicht recht glücklich sein, wenn wir mit unserem gütigen Hei-
land inmitten unseres Herzens sterben? Wir müssen ihn also immer
darin festhalten, indem wir unsere Übungen, Wünsche, Entschlüsse und
Beteuerungen fortsetzen. Es ist tausendmal mehr wert, mit Unserem
Herrn zu sterben, als ohne ihn zu leben. Leben wir also froh und tapfer in
ihm und für ihn, und entsetzen wir uns nicht über den Tod. Ich sage nicht:
fürchten wir den Tod gar nicht, sondern ich meine: lassen wir uns nicht
dadurch beunruhigen. Wenn der Tod unseres Herrn uns gnädig ist, wird
unser Tod uns gut sein; darum wollen wir oft seines Todes gedenken, sein
Kreuz und sein Leiden innig lieben.
So ist es recht, meine geliebte Tochter: wenn wir unsere Freunde ster-
ben sehen, beweinen wir sie ein wenig, trauern wir ein wenig über sie aus
Mitleid und Mitgefühl, aber ruhig und ohne Ungeduld; und lassen wir
ihr Hinscheiden uns wertvoll sein, indem wir uns ganz gelassen und freu-
dig auf das unsere vorbereiten.
Ich habe Gott dafür gepriesen, daß diese arme Verstorbene sich in
diesem letzten Jahr ein wenig mehr der Frömmigkeit ergeben hat; denn
das ist ein großes Zeichen von Gottes Barmherzigkeit an ihr. Es ist gera-
de ein Jahr her, daß sie in unsere Bruderschaft eintrat, die ihr auch ihre
letzte Pflicht erfüllt hat.
Ihr Ihnen sehr zugeneigter und recht ergebener Cousin und Diener ...
58 I. Frau von Charmoisy 440

XIII, 383-384 (440) Rumilly, Ende März 1608.

Meine liebe Frau Cousine!


Ich kann und will mich nicht enthalten, Ihnen zu schreiben, da ich
einen so sicheren Überbringer habe. Ich will Ihnen nur sagen, daß ich bei
der heiligen Messe ständig viele Gnaden für Ihre Seele erbitte, vor allem
aber und um alles willen die göttliche Liebe, denn sie ist auch unser
Alles. Das ist unser Honig, meine liebe Cousine, in dem und durch den
alle unsere Neigungen und alle unsere Herzenserhebungen durchdrun-
gen und angenehm gemacht werden sollen.
Mein Gott, wie glücklich ist doch das Reich der Seele, wenn diese
heilige Liebe dort herrscht! Wie glückselig sind die Kräfte unserer Seele,
die einer so heiligen und weisen Königin gehorchen! Nein, meine liebe
Cousine, sie läßt unter ihrem Gehorsam und in diesem Zustand nicht zu,
daß schwere Sünden darin hausen, nicht einmal eine Anhänglichkeit an
mindere Sünden. Es ist wohl wahr, daß sie diese nahe an die Grenze
herankommen läßt, um die innerlichen Tugenden im Kampf zu üben
und sie wachsam zu halten; sie erlaubt auch, daß die Spione, d. h. die
läßlichen Sünden und Unvollkommenheiten, hie und da in ihrem Kö-
nigreich herumlaufen; das geschieht aber nur, um uns erkennen zu las-
sen, daß wir ohne sie all unseren Feinden als Beute ausgeliefert wären.
Demütigen wir uns stark, meine liebe Cousine, meine Tochter; geben
wir zu, daß wir sofort verwundet und durchbohrt wären von allen mögli-
chen Sünden, wäre Gott uns nicht Panzer und Rüstung. Halten wir uns
darum fest an Gott, indem wir unsere Übungen fortsetzen; das sei unsere
Hauptsorge und alles andere sei nur nebensächlich. Im übrigen müssen
wir immer Mut haben; und wenn uns eine Erschlaffung oder Schwä-
chung des Geistes zustößt, dann eilen wir zum Fuß des Kreuzes, stellen
wir uns in seine heilige Ausstrahlung und wir werden zweifellos dadurch
gestärkt und wieder aufgerichtet werden.
Ich bringe alle Tage dem ewigen Vater Ihr Herz mit dem seines Sohnes,
unseres Heilands, in der heiligen Messe dar. Er könnte es wegen dieser
Verbindung, kraft derer ich es darbringe, gar nicht zurückweisen; aber
ich setze voraus, daß Sie Ihrerseits das gleiche tun. Mögen wir, Geist,
Herz und Leib, ihm immerdar Opfer und Dankopfer sein (Ps 116,17).
Leben Sie immer freudig und mutig mit Jesus auf Ihrem Herzen! Ich bin
der, meine sehr liebe Frau Cousine, den er zu Ihrem ganz demütigen und
ganz ergebenen Diener und Cousin gemacht hat.
I. Frau von Charmoisy 474, 863 59

XIV, 58-59 (474) Saint-Rambert, 21. August 1608.

Meine sehr liebe Frau Cousine!


In dem Maße, als ich mich nach außen hin von Ihnen entferne, wendet
sich mein Geist umso häufiger dem Ihren zu, von dem er unzertrennlich
ist. Ich verfehle nicht, alle Tage die Güte unseres Heilands über Sie und
den sorglichen Beistand Ihres Schutzengels um die Bewahrung Ihres Her-
zens zu erflehen. Ich wünsche ihm mit unvergleichlichem Eifer alle erstre-
benswerten Gnaden des Himmels und vor allem diese unverletzbare Treue
zur heiligen Liebe, die Sie dem gütigen Herzen dieses milden und teuren
Jesus durch so viele Entschlüsse geweiht haben. Leben Sie, meine liebe
Cousine, meine Tochter, immer mit diesem Mut, ständig in der Liebe
Gottes zu wachsen. Halten Sie Gott an Ihrer Brust und in den Armen Ihrer
heiligen Entschlüsse fest, Gott, der Ihnen doch durch so viele sichtbare
Zeichen bezeugt, daß er Ihren Namen und Ihr Herz auf ewig in seinen von
Wohlwollen gegen Sie erfüllten Willen eingegraben hat.
Ich bin auf dem Weg zu dieser teuren Schwester,10 die Sie so sehr lie-
ben; Sie können sich denken, daß ich mich mit ihr über Ihre Seele unter-
halten werde, die ich in meiner Seele aus Liebe immer gegenwärtig halte.
Ich bitte Sie, der guten früheren Äbtissin11 zu schreiben, der Ihre Ermu-
tigungen von Nutzen sein werden; denn für den Augenblick habe ich
gerade nur soviel Zeit, um Ihnen diese paar Worte zu schreiben und
Ihnen den heiligen Segen Gottes zu erteilen, meine liebe Frau Cousine,
der mich alle Tage lebendiger und einzigartiger zu Ihrem sehr treuen und
sehr geneigten Diener macht.
Ich beende heute mein 41. Jahr; bitten Sie Unseren Herrn, er möge
den Rest meines Lebens zu seiner Ehre und meinem Heil nützlich sein
lassen. Gott sei immerdar inmitten Ihres Herzens!

XV, 365-366 (863) Annecy, 28. März 1613.


Meine sehr liebe Tochter!
Jetzt, da Sie Kummer haben,12 sollen Sie Unserem Herrn die Liebe
bezeugen, die Sie ihm so oft in meine Hände versprochen und beteuert
haben. Es wäre mir ein überaus großer Trost, zu wissen, daß Ihr Herz in
dieser Hinsicht in Ordnung ist.
Empfehlen Sie mich den Gebeten des hl. Ludwig. Nachdem dieser die
in seinem Heer von ansteckenden Krankheiten Befallenen lange gepflegt
und bedient hatte, erachtete er sich glücklich, daran zu sterben, indem er
60 I. Frau von Charmoisy 1485

folgendes Gebet als seine letzten Worte sprach: „Ich werde Dein Haus
betreten, o mein Gott, in Deinem Tempel beten und Deinen Namen
bekennen“ (Ps 5,8; 138,2). Fügen Sie sich in den göttlichen Willen, der
die Internierung Ihres Gatten zu Ihrem Besten führen wird.
Ich möchte Ihnen bei dieser Gelegenheit gerne irgendeinen guten Trost
schenken, aber ich weiß keinen. Ich bitte also Unseren Herrn, er möge
Ihr Trost sein und Sie so recht begreifen lassen, daß man nur durch viele
Mühen und Heimsuchungen Eintritt ins Himmelreich findet (Apg 14,21)
und daß Kreuz und Leid liebenswerter sind als Befriedigungen und Freu-
den, da Unser Herr sie für sich (Hebr 12,2) und für alle seine wahrhaften
Diener erwählt hat.
Haben Sie guten Mut, meine liebe Tochter, setzen Sie Ihr Vertrauen
fest auf Ihn, dessen Dienst Sie sich geweiht und hingegeben haben, denn
er wird Sie nicht verlassen. Inzwischen werde ich mich von ganzem Her-
zen bei allen dafür verwenden, Ihrem Gatten zu helfen, von denen ich
meine, daß sie Einfluß haben und die etwas mir zu Gefallen tun wollen,
um ihn freizubekommen. Ich habe schon vorgestern begonnen, mich
darum zu bemühen, da ich Sie doch liebe als meine erste Tochter und
alles, was zu Ihnen gehört, aus Liebe zu Unserem Herrn, dem Sie gehö-
ren und dessen Wille geschehe von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

XVIII, 311f (1485) Paris, November 1618.

Mein Geist kann nicht aufhören, an Sie zu denken, meine sehr liebe
Cousine, meine Tochter, und möchte nichts anderes tun, als mit Ihnen
auf die ihm mögliche Art und Weise zu sprechen, und weiß Ihnen den-
noch nichts zu sagen, ist er doch wie der Ihre noch recht entsetzt.13 Meine
sehr liebe Tochter, der göttliche Bräutigam unserer Seelen will, daß wir
alle unsere Geschehnisse im Schoß seiner himmlischen Vorsehung be-
trachten, und daß wir unsere Liebesgefühle in die Ewigkeit werfen, wo
wir alle uns vereinigen werden, ohne jemals mehr getrennt zu werden. O
meine Tochter, warum haben wir je unsere Sicherheit und unser Vertrau-
en auf das Nichts dieses vergänglichen Lebens gesetzt? Unser Ziel ist im
Jenseits, wohin wir also unsere Liebesgefühle richten müssen.
Da stehen Sie also, meine sehr liebe Tochter, in der echten Bewährung
der Treue, die Sie Gott schulden, dem Sie so oft alles, was Ihnen zustoßen
sollte, anheimgegeben haben. Meine sehr liebe Cousine, heben Sie Ihr
Herz empor und legen Sie das heilige Kruzifix auf Ihre Brust, damit es
I. Frau von Charmoisy 1846, 1898 61

Ihre Seufzer und Tränen beruhige. Seien Sie wahrhaft ganz die Seine und
er wird, glauben Sie mir, ganz der Ihre sein.
Ich meinerseits kann nicht mehr sagen als sonst, aber wenn ich es sagen
dürfte, würde ich sagen, daß ich unwandelbar mehr denn je, bedingungs-
und rückhaltlos, ganz der Ihre bin.

XX, 172f (1846) Annecy, 10. November 1621.

Meine liebe Cousine, meine Tochter, ich schrieb Ihnen vorgestern.


Aber jetzt muß ich Sie schon ein wenig rügen, weil mein Neffe weder
seinem Rang noch seinem Dienst entsprechend gekleidet ist. Nicht nur
ihn ärgert das, alle seine Gefährten besser gekleidet zu sehen, als er es ist,
sondern es wird dies auch von seinen Freunden getadelt, von denen eini-
ge mit mir heftig darüber gesprochen haben. Es hilft nichts, meine liebe
Tochter, da wir nun einmal in der Welt leben, müssen wir ihren Gesetzen
in allem folgen, was nicht dem Gesetz Gottes widerspricht.
Ich schreibe Ihnen dies in aller Eile und aus einem Herzen heraus, das
– wie Sie wissen – ganz Ihnen gehört, meine liebe Tochter, da ich doch
Ihr sehr ergebener Cousin und Diener bin.
Der Prinz findet den Aufenthalt hier viel angenehmer als in Chambéry
und denkt daran, öfters zur Abwechslung herzukommen. Ich weiß noch
nicht, wann er abreisen wird.

XX, 273 (1898) Annecy, 28. Februar 1622.


Ich hatte gedacht, Ihnen als Antwort auf den Brief, den ich von Ihnen
erhalten habe, einen ziemlich langen Brief zu schreiben; da mir aber der
Herr Baron von Vallen sagte, daß allem abgeholfen wurde, was Sie be-
fürchteten, bleibt mir nur übrig, Ihnen zu sagen, daß ich immer alles tun
werde, was ich zum Wohl dieses teuren Sohnes vermag und zur Befriedi-
gung meiner sehr lieben Tochter, seiner Mutter, die ich jedoch ermahnen
muß, Sorge um ihre Gesundheit zu tragen; denn man hat mir – gewiß von
ausgezeichneter Seite und aus wohlmeinendem Herzen – gesagt, daß Sie
keine Erleichterung nähmen, um sie zu wahren, und daß Sie nicht in dem
Maße, als es notwendig wäre, Ihre Kraft und Verfassung schonen, wohl
aber Ihre Geldmittel mehr, als sein müßte. Aber wichtig ist, daß man mir
sagt, man wage nicht, es Ihnen zu sagen. Ich aber bin fest entschlossen, es
Ihnen zu sagen und noch anderes auch und alles, da Sie doch meine
62 I. Charmoisy 1967 – Mieudry 490

Cousine und meine sehr teure Tochter sind und ich Ihr Ihnen unwandel-
bar ergebener Cousin und Diener ...

XXI, 3 (1967) Ohne Datum.

Mein Gott, was wünschen Sie mir am Ende Ihres Briefes, meine liebe
Cousine? Größe14 und Wohlergehen, sagen Sie. O, man soll nicht davon
reden, sie zu besitzen, und durch die Gnade Gottes erwarte und wünsche
ich mir auf dieser armseligen Welt nichts anderes als die Größe, die der
Sohn Gottes in der Krippe von Betlehem verwirklichen wollte.

AN FRAU VON MIEUDRY

XIV, 85 (490) Annecy, 6. November 1608.


Gnädige Frau!
Wegen der plötzlichen Abreise ... Ihres Briefüberbringers will ich Ih-
nen kurz antworten. Schreiben Sie mir immer, wann Sie es wünschen,
mit vollem Vertrauen und ohne Förmlichkeit; bei dieser Art von Freund-
schaft muß man es so halten.
Machen Sie sich bitte über all diese kleinlichen eitlen Gedanken lu-
stig, die bei Ihren guten Handlungen in der Seele auftauchen. Das sind ja
eigentlich nur Fliegen, die Ihnen nichts anderes antun können, als Sie zu
belästigen. Halten Sie sich also nicht damit auf, zu überprüfen, ob Sie
zugestimmt haben oder nicht; sondern fahren Sie ganz einfach in Ihren
Werken fort, als ob Sie das gar nichts anginge.
Stoßen Sie während der Betrachtung des Leidens des Erlösers Ihr Herz
nicht gewaltsam zum Mitleid oder Mitgefühl, denn es genügt bei allen
Betrachtungen, daraus gute Entschlüsse zu ziehen, um in der Liebe Got-
tes zu wachsen und zu erstarken, auch wenn das ohne Tränen, ohne Seuf-
zer und ohne Herzensempfindungen vor sich geht; denn es ist ein großer
Unterschied zwischen der Rührung des Herzens, die wir herbeiwün-
schen, weil sie tröstlich ist, und der Festigkeit des Herzens, die wir an-
streben müssen, weil sie uns zu wahren Dienern Gottes macht.
Antworten Sie auch mit keinem Wort auf den unsauberen Gedanken,
der Ihnen kommt; sagen Sie in Ihrem Herzen nur zu Unserem Herrn: O
I. Mieudry 1166 63

Herr, Du weißt, daß ich Dich ehren will; ich gehöre ganz Dir (Ps 119,
94). Gehen Sie darüber hinweg, ohne mit dieser Versuchung zu streiten.
Beunruhigen Sie sich auch nicht über Ihre mangelhafte Gewissenser-
forschung; es kann nicht so schlimm sein, weil Sie doch den Wunsch
haben, sich ordentlich zu läutern. Man braucht sich seiner Seele wegen
nicht zu quälen, wenn man sieht, daß sie voll Sehnsucht ist, Gott treu zu
sein. Wenn Sie Ihren gewöhnlichen Beichtvater nicht haben, dürfen Sie
nicht unterlassen, zu einem anderen zu gehen. Schauen Sie auf Gott und
nicht auf den Menschen, der Beichte hört oder losspricht, selbst wenn
Sie so oft beichten, wie Sie es tun.
Gott sei immerdar inmitten Ihres Herzens. Ich bin in ihm, gnädige
Frau, Ihr ...

XVII, 147-149 (1166) Annecy, 19. Februar 1616.


15
Ich vergaß gewiß, meine liebe Tochter, Ihnen zu sagen, daß Sie ohne
irgendwelche Bedenken mit Ihrem Vater16 und Ihren Kindern Fleisch
essen dürfen; auch ohne sonstige Enthaltsamkeit ist Ihre körperliche
Beschaffenheit schon schwach genug. Wir müssen nun einmal das sein,
was wir nach Gottes Willen sind: schwach, niedrig, verächtlich, aber
doch die Seinen dem Herzen, der Absicht und dem Entschluß nach.
Hinsichtlich Ihres Gatten und der übrigen halten Sie es, wie es Ihnen
geeignet erscheint; ich glaube nicht, daß es zuviel ist, ihm Ratschläge zu
geben, da er Gott fürchtet und wir uns bemühen sollen, denen gute Nah-
rung zu geben, die diese heilige Furcht, wenn auch unvollkommen, in
sich nähren.
Die Kaplanstelle von Rumilly17 hängt vom Pfarrer ab; ich habe auf
äußerstes Drängen, dem ich ausgesetzt war, nachgegeben und ihm er-
laubt, Herrn Nacot dafür zu verwenden, wenn es ihm so recht schien,
ohne deshalb zu verhindern, daß man Herrn Charvet mit dieser Aufgabe
betraute für jene, die den anderen nicht gewollt hätten. Es mag schon
sein, daß ich dabei falsch gehandelt habe, und das wäre wohl kein großes
Wunder; aber ich halte es doch nicht für falsch angesichts der Erwägung,
aus der heraus ich es getan habe, und der Freiheit, mit der jeder sich
andere Priester zunutze machen kann; außerdem wird dies, so Gott will,
nicht immer so bleiben. Machen Sie sich keineswegs Mühe, jenen zu
antworten, die mich dafür tadeln; denn vielleicht – wenn ich es auch
nicht glaube – haben sie doch recht. Was Sie betrifft, genügt es, wenn ich
64 I. Bréchard 491, 531

Ihnen zur Seite stehe und Sie nicht täusche, sondern den rechten Weg der
Frömmigkeit führe mit Liebe und unveränderlichem Eifer.
Ich staune über die Launenhaftigkeit der Menschen hinsichtlich des
guten Herrn von Valence;18 wir hören ihn hier recht gern und ich, der ich
doch mehr Theologie studiert habe als alle von Rumilly zusammen, fin-
de, daß er wahrhaftig gut und nutzbringend predigt; man wäre in größe-
ren Städten froh, ihn zu haben. Wir müssen Geduld haben und Gott
bitten, er möge uns alle demütig machen, damit wir wie Schiffe mit recht
großem Tiefgang imstande sind, seine Gnaden in Fülle aufzunehmen.
Ich bin wahrlich ganz der Ihre, meine liebe Tochter, und Gott sei das
Leben Ihrer Seele!

AN FRÄULEIN VON BRÉCHARD

XIV, 86-87 (491) 16. November 1608.


Gnädiges Fräulein!
Der Wunsch allein, Sie mögen wissen, daß mein Herz das Ihre liebt,
läßt mich diese paar Worte schreiben. Wahren Sie es gut, dieses Herz,
um dessentwillen das Herz Gottes „betrübt war bis zum Tod“ (Mt 26,38)
und nach dem Tod von der Lanze durchbohrt (Joh 19,34), damit Ihr
Herz nach dem Tod lebe und sein ganzes Leben lang freudig sei. Töten
Sie es nur ab in seinen Freuden und erfreuen Sie es in seinen Abtötungen.
Bringen Sie mich Ihren kleinen Mädchen19 in Erinnerung und haupt-
sächlich meiner Marie Aimée, die ich ganz als mein eigen ansehe.
Gnädiges Fräulein, ich bin Ihr in Unserem Herrn Ihnen sehr ergebe-
ner Diener ...

XIV, 160-161 (531) Annecy, Mitte Mai 1609.


So sind Sie also bei Ihrem Herrn Vater, meine liebe Nichte,20 meine
Tochter, den Sie als ein lebendiges Bild des ewigen Vaters ansehen;21
denn in dieser Eigenschaft sollen wir jenen Ehre und Dienste erweisen,
derer er sich bedient hat, um uns zu erschaffen.
Halten Sie Ihre Seele fest in Ihren Händen, damit sie Ihnen nicht nach
links oder rechts entgleite; ich will sagen, daß sie weder verweichlicht
werde durch Zärtlichkeiten von Verwandten, noch traurig werde bei de-
I. Bréchard 534 65

ren Leidenschaften und verschiedenen Launen, unter denen Sie leben


müssen.
Ich glaube Ihnen wahrhaftig recht gern, daß die Trennung von Ihrer
teuren Mutter22 Sie sehr lebhaft getroffen hat, denn sie schreibt mir, daß
die Trennung auch ihr nahe gegangen ist. Eines Tages aber wird diese
Gemeinschaft auf ewig bestehen, wenn es dem Ewigen gefällt, und inzwi-
schen bleiben wir alle recht in seiner heiligen Liebe vereint.
Ich wundere mich, daß Herr N. sich diese Meinung eingeredet hat, daß
man nicht kommunizieren könne, ohne die Messe zu hören; denn diese
Meinung ist nicht nur unbegründet, sondern hat auch keinen Anschein
einer Begründung. Da Sie jedoch das hinnehmen müssen, machen Sie
recht oft die geistliche Kommunion, die Ihnen niemand verweigern kann.
Gott will Sie auch entwöhnen, meine liebe Nichte, und läßt Sie feste, d.h.
harte Speisen zu sich nehmen. Im Himmel und auf Erden gibt es keine
ausgiebigere Nahrung als die heilige Kommunion; ihre Verweigerung
aber, die Ihrer Seele härter fällt, da sie nach seiner heiligen Liebe trach-
tet, erfordert denn auch ein innigeres Begehren.
Ich schreibe Ihnen in Eile, meine liebe Nichte, meine Tochter, und
bitte Unseren Herrn, er möge immerdar Ihr Herz sein. Ich bin in ihm
gänzlich Ihr sehr ergebener Diener ...

XIV, 164-165 (534) Annecy (Ende Mai 1609).


Meine liebe Nichte!
Ich schrieb Ihnen erst neulich, aber mein Herz, das Sie zärtlich liebt,
kann sich nicht zufriedengeben, wenn es Ihnen nicht zumindest diesen
geringen Beweis dafür liefert, Ihnen sooft als möglich zu schreiben.
Leben Sie ganz in Unserem Herrn, meine liebe Tochter, er soll die See
sein, auf der Ihr Herz sich bewegt. Und so wie die Seiltänzer in ihren
Händen immer die Balancestange halten, um ihren Körper richtig im
Gleichgewicht zu halten in den vielfachen Bewegungen, die sie auf ei-
nem so gefährlichen Stand auszuführen haben, so sollen auch Sie das
heilige Kreuz Unseres Herrn festhalten, damit Sie sicher gehen in den
Gefahren,23 welche die verschiedenartigen Begegnungen und Unterhal-
tungen für Ihre Gefühle bedeuten könnten; auf diese Weise werden all
Ihre Regungen ausgeglichen sein durch das Gegengewicht des einzigen
und so liebenswerten Willens dessen, dem Sie Ihren ganzen Leib und Ihr
ganzes Herz geweiht haben ...
Schreiten Sie so voran, meine liebe Nichte, ich will sagen, schreiten Sie
66 I. Chastel 454

immer mutig „von Tugend zu Tugend“ (Ps 84,8), bis Sie den höchsten
Grad der göttlichen Liebe erreicht haben. Diesen werden Sie aber nie-
mals erreichen, da diese heilige Liebe ebensowenig begrenzt ist wie ihr
Gegenstand, die allerhöchste Güte.
Gott befohlen, sehr liebe Nichte, lieben Sie mich immer beständig als
den Menschen dieser Welt, der Ihnen das meiste an wahrhaften und ech-
ten Tröstungen wünscht. Ja, meine Tochter, ich wünsche Ihnen die Fülle
der göttlichen Liebe, die das einzige Gut unserer Herzen ist und auf ewig
sein wird; sie sind uns ja nur gegeben worden für ihn, der uns sein ganzes
Herz gegeben hat.
Ich bin ganz aufrichtig der Ihre, meine liebe Nichte, meine Tochter.

AN FRÄULEIN CLAUDINE DE CHASTEL

XIV, 18-20 (454) Annecy, 18. Mai 1608.


Gnädiges Fräulein!
Ich glaube, daß Ihr Wunsch, Ihre Keuschheit Gott zu weihen, in Ihrer
Seele nicht aufgetaucht ist, bevor Sie seine Bedeutung lange genug erwo-
gen haben; darum billige ich, daß Sie es tun, und zwar am Pfingstfest
selbst. Um das aber gut zu tun, machen Sie sich die drei vorhergehenden
Tage frei, um Ihr Gelübde gut durch innerliches Gebet vorzubereiten,
das Sie aus folgenden Erwägungen schöpfen könnten:
Erwägen Sie, wie sehr die heilige Keuschheit eine Gott und den En-
geln wohlgefällige Tugend ist; ist sie doch ausersehen, im Himmel auf
ewig geübt zu werden, wo es keine Art fleischlicher Lust und kein Heira-
ten geben wird (Mt 22,30). Sind Sie da nicht recht glücklich, in dieser
Welt ein Leben zu beginnen, das Sie in der anderen auf ewig fortsetzen
werden? Preisen Sie also Gott, der Ihnen diese heilige Eingebung ge-
schenkt hat.
Betrachten Sie, wie edel diese Tugend ist, die unsere Seelen weiß wie
Lilien und rein wie die Sonne erhält; die unseren Leib weiht und uns die
Möglichkeit schenkt, ganz mit Herz, Leib, Geist und Empfindungen sei-
ner göttlichen Majestät zu eigen zu sein. Ist es nicht eine große Befriedi-
gung, zu Unserem Herrn sagen zu können: „Mein Herz und mein Fleisch
erzittern vor Freude in Deiner Güte“ (Ps 84,3); aus Liebe zu ihr gebe ich
jede andere Liebe auf und für ihre Freude verzichte ich auf alle anderen
I. Chastel 454 67

Freuden. Welches Glück, nichts von weltlichen Vergnügungen für die-


sen Leib zurückbehalten zu haben, damit man vollständig das Herz sei-
nem Gott schenken kann!
Betrachten Sie, daß die heilige Jungfrau als erste ihre Jungfräulichkeit
Gott weihte und nach ihr soviele jungfräuliche Männer und Frauen. Mit
welcher Glut, welcher Liebe und welcher Innigkeit haben sie ihre Jung-
fräulichkeit, ihre Keuschheit geweiht! O Gott, das läßt sich gar nicht
sagen. Demütigen Sie sich also ganz stark vor der himmlischen Schar der
Jungfrauen und bitten Sie diese durch ein demütiges Gebet, sie mögen
Sie bei sich aufnehmen. Sie wollen sich ja nicht anmaßen, ihnen gleich an
Reinheit zu sein, wohl aber anstreben, als deren unwürdige Dienerin
zugelassen zu werden, als die Sie ihnen nach besten Kräften nacheifern.
Bitten Sie, sie mögen mit Ihnen Ihr Gelübde Jesus Christus, dem König
der Jungfrauen, darbringen und Ihre Keuschheit durch das Verdienst der
ihrigen wohlgefällig machen. Empfehlen Sie vor allem Ihr Vorhaben
Unserer lieben Frau und dann Ihrem Schutzengel, damit es ihm von nun
ab gefalle, mit besonderer Sorgfalt Ihr Herz und Ihren Leib vor jeder
Ihrem Gelübde entgegenstehenden Befleckung zu bewahren.
Am Pfingstfest dann, wenn der Priester die heilige Hostie erhebt, op-
fern Sie Gott, dem ewigen Vater, mit dem Priester den kostbaren Leib
seines geliebten Sohnes Jesus auf und zugleich auch Ihren Leib, den Sie
alle Tage Ihres Lebens in Keuschheit zu bewahren geloben. Dieses Ge-
lübde könnte etwa so abgefaßt werden:
„O ewiger Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist, Ich N... Dein unwür-
diges Geschöpf, verspreche in Deiner göttlichen Gegenwart und der
Deines ganzen himmlischen Hofes Deiner göttlichen Majestät und lege
das Gelübde ab, mit dem Beistand und der Gnade Deines Heiligen Geis-
tes alle Tage meines sterblichen Lebens, die Du mir schenken willst,
vollkommene Keuschheit und Enthaltsamkeit zu bewahren und zu be-
obachten. Mögest Du dieses mein unwiderrufliches Gelübde als wohlge-
fälliges Opfer annehmen. Da es Dir gefallen hat, mich zur Ablegung
dieses Gelübdes zu bewegen, gib mir die Kraft, es zu Deiner Ehre zu
erfüllen von Ewigkeit zu Ewigkeit.“
Einige schreiben dieses Gelübde nieder oder lassen es schreiben und
unterzeichnen es; dann übergeben sie es einem geistlichen Vater, damit
er gleichsam Schirmherr und Pate desselben sei. Aber wenn dies auch
nützlich ist, so ist es doch nicht notwendig. Empfangen Sie die heilige
Kommunion, dann können Sie Unserem Herrn sagen, daß er wahrhaft
Ihr Bräutigam ist.
68 I. Chastel 459

Aber sprechen Sie darüber mit Ihrem Beichtvater; denn wenn er Ihnen
befiehlt, es nicht zu tun, müßten Sie ihm Glauben schenken; da er den
gegenwärtigen Zustand Ihrer Seele kennt, kann er besser als ich beurtei-
len, was ratsam ist.
Wenn Sie aber dieses Gelübde abgelegt haben, meine gute Tochter,
dürfen Sie niemals zulassen, daß irgendjemand Ihrem Herzen durch ir-
gendeinen Liebes- oder Heiratsantrag schmeichle; sondern Sie müssen
Ihrem Leib große Ehrfurcht entgegenbringen, nicht mehr als Ihrem Leib,
sondern wie einem geweihten Leib und wie einer sehr heiligen Reliquie.
Und so wie man einen Kelch, nachdem der Bischof ihn geweiht hat,
nicht mehr zu berühren oder zu profanieren wagt, so müssen Sie Ihrem
Herzen und Ihrem Leib eine tiefe Ehrfurcht entgegenbringen, nachdem
der Heilige Geist es durch dieses Gelübde geweiht hat.
Inzwischen will ich all dies Gott empfehlen, der wohl weiß, daß ich Sie
recht innig in ihm liebe; und an eben diesem Pfingstfest will ich ihm Ihr
Herz aufopfern und alles, was daraus zu seiner Ehre hervorgehen wird.
Möge Jesus immerdar Ihre Liebe und seine heilige Mutter Ihre Führerin
sein. Amen. Ihr Diener in Jesus Christus ...

XIV, 28-30 (459) Annecy, (Ende Mai oder Anfang Juni) 1608.
Gnädiges Fräulein!
Ich werde die Niederschrift Ihres Gelübdes sorgsam aufbewahren und
Gott wird seine Beständigkeit behüten; er war sein Urheber und er wird
auch sein Bewahrer sein. In diesem Sinn sage ich oft das Gebet des hl.
Augustinus (Confess. XII,24): „Ach Herr, da ist ein kleines Kücken ein-
geschlossen unter die Flügel Deiner Gnade; wenn es dem Schatten sei-
ner Mutter entläuft, wird der Falke es rauben; laß es also leben mit Hilfe
und im Schutz Deiner Gnade, die es hervorgebracht hat.“ Aber sehen
Sie, meine Schwester, man soll sich nicht einmal fragen, ob dieser Ent-
schluß auch von Dauer sein wird; sondern man muß es für so sicher und
entschieden halten, daß es darüber niemals Zweifel geben darf.
Sie verpflichten mich sehr durch die paar Worte, die Sie mir über ihre
Neigungen schreiben; darüber will ich Ihnen sagen, daß unsere Erregun-
gen, so klein sie sind, unsere Seele zerreißen, wenn sie in ungegelegener
Weise ausbrechen. Halten Sie diese in der Hand und halten Sie diese
nicht für unwichtig, denn am Maße des Heiligtums gemessen, gelten sie
viel.
Ihr Wunsch, sich von deren Ursachen zurückzuziehen, ist in der Lage,
I. Chastel 459 69

in der wir sind, nicht ratsam, denn dadurch gibt man das rechte Bemühen
zu kämpfen auf. Dies ist uns aber notwendig, während das andere un-
möglich ist. Und dann, wo keine Gefahr zur Todsünde besteht, dürfen
wir nicht fliehen, sondern müssen alle unsere Feinde besiegen und dabei
hartnäckig beharren, ohne den Mut zu verlieren, wenn wir auch manch-
mal besiegt werden.
Ja wirklich, meine liebe Tochter, erwarten Sie von mir alles, was Sie
von einem wahren Vater erwarten können, denn dieses Gefühl hege ich
gewiß für Sie; das werden Sie in der weiteren Entwicklung erfahren,
wenn Gott mir beisteht.
Sie sind also bekümmert, meine gute Tochter, wie man sein muß, um
Gott recht zu dienen. Betrübnisse ohne Selbsterniedrigung lassen manch-
mal das Herz anschwellen, anstatt es zu demütigen; wenn man aber Leid
ohne Ehre ertragen muß, ja sogar Schande, Entwürdigung und Erniedri-
gung unser Leid sind, wieviel Gelegenheiten, Geduld zu üben, Demut,
Bescheidenheit und Herzensgüte! Der glorreiche hl. Paulus freut sich,
und zwar mit einer heilig-glorreichen Demut darüber, daß er mit seinen
Gefährten für Abschaum und Auswurf der Welt angesehen wird (1 Kor
4,13).
Sie haben, sagen Sie mir, auch noch sehr heftige Empfindungen bei
Beleidigungen. Aber meine liebe Tochter, worauf bezieht sich dieses
„auch noch“? Haben Sie denn schon viele dieser Feinde vernichtet? Ich
will damit sagen, daß wir Mut und die gute Absicht haben müssen, es von
nun ab besser zu machen, da wir doch erst beginnen und doch den Wunsch
haben, es gut zu machen.
Um im Gebet eifriger zu werden, sollen Sie es inniger wünschen. Le-
sen Sie gern die Lobgebete, die in vielen Büchern verstreut sind: im
Granada, am Anfang des Bellintani und anderswo; denn wenn man Ap-
petit auf eine Speise hat, wird man sie auch gern essen.
Sie sind recht glücklich, meine Tochter, sich Gott geweiht zu haben.
Erinnern Sie sich, was der hl. Franziskus tat, als sein Vater ihn nackt vor
den Bischof von Assisi stellte: „Jetzt also“, sagt er, „kann ich wohl sagen:
Vater unser, der Du bist im Himmel.“ „Mein Vater und meine Mutter“,
sagt David, „haben mich verlassen“ (Ps 27,10), und der Herr hat mich zu
sich genommen.
Machen Sie keine Einleitungen, um mir zu schreiben, es ist wirklich
nicht notwendig; ich bin doch Ihrer Seele mit ganzem Willen hingege-
ben! Möge Gott Sie segnen mit seinem großen Segen und Sie ganz zu
seinem Eigen machen. Amen.
70 I. Chastel 656 – Traves 495

XV, 9-10 (656) Annecy, 4. Januar 1611.


Mit Freude ersehe ich aus Ihrem Brief, meine liebe Tochter, daß Sie
trotz Ihres Widerwillens und all Ihrer Traurigkeit Ihre Übungen fortge-
setzt und nur ganz wenig darauf vergessen haben. Vorausgesetzt, man tut
im Hinblick auf die Liebe Gottes, was man zu tun hat, wenn auch ohne
Gefühl und Lust, zieht die Seele doch weiterhin daraus Kraft und Stärke
im Innern und in ihrem oberen und geistlichen Bereich.
Gehen Sie also Ihren Weg weiter voll Mut und vollkommenem Ver-
trauen zu Unserem Herrn, denn er wird Sie an seiner Hand halten. Er
wird Sie durch die Vielfalt der Empfindungen hindurch, denen wir in
dieser armseligen Welt unterworfen sind, in den Himmel führen, wo wir
nur das einzige und unwandelbare Empfinden liebevoller Freude über
seine göttliche Güte haben werden, der mich ständig zu empfehlen ich
Sie beschwöre.
Die gute Schwester, die Sie hier haben,24 ist wahrhaft ein gutes Mäd-
chen; und falls es der heiligen Vorsehung Unseres Herrn gefällt, uns
Frau von Chantal einige Zeit zu belassen,25 was wir hoffen, vertraue ich
auf eben diesen Erlöser, daß diese liebe Schwester viel Freude erfahren
wird an der Lebensweise, die sie auf sich genommen hat. Ich bitte Sie, in
Ihren Gebeten dessen zu gedenken.
Ihr sehr zugeneigter Diener in Unserem Herrn.

AN FRAU VON TRAVES

XIV, 91-92 (495) Annecy, 18. Dezember 1608.


Gnädige Frau!
Mein Bruder, der zu Ihnen kommt, wird Ihnen vielleicht sagen, daß
ich Sie sehr lieb habe und hochschätze. Vielleicht glaubten Sie dann
auch, er würde dies aus Nächstenliebe tun; ich wünsche aber, Sie sollen
wissen, daß mein Herz wahrhaftig dieses Gefühl hegt; darum schreibe
ich es eigenhändig und mit meinem Herzen.
Aber sagen Sie mir doch, gnädige Frau, ich bitte Sie, herrscht doch die
Liebe zu Gott immer in Ihrer Seele? Hält doch er die Zügel aller Nei-
gungen in Händen und zähmt er alle Leidenschaften Ihres Herzens? O
ich zweifle keineswegs daran. Gnädige Frau, Sie müssen aber einem
Menschen, der Sie sehr lieb hat, erlauben zu fragen, was er ohnehin weiß,
um der Freude willen, die er daran findet, Sie immer wieder sagen zu
I. Traves 524 71

hören, daß Sie glücklich sind. Man fragt so häufig: Geht es Ihnen gut?,
auch wenn man die Befragten in recht guter Gesundheit sieht. Mögen Sie
es für gut befinden, wenn ich Sie, ohne an Ihrer Tugend und Beharrlich-
keit zu zweifeln, aus Liebe frage: Lieben Sie Gott sehr, gnädige Frau?
Wenn Sie ihn sehr lieben, wird es Ihnen eine Freude sein, ihn oft zu
betrachten, oft mit ihm und über ihn zu sprechen und sich oft mit ihm im
hochheiligen Sakrament zu vereinigen. Möge er immerdar unser eigent-
liches Herz sein, gnädige Frau!
Ich bin in ihm Ihr recht ergebener Diener.

XIV, 150-151 (524) Annecy, 18. April 1609.


Da ich Sie mein ganzes Leben lang ehren, lieben und Ihnen dienen
will, habe ich mich bei Ihrer lieben Frau Cousine,26 meiner Schwester,
über den Zustand Ihres Herzens erkundigt, worüber sie mir recht Tröst-
liches gesagt hat. Wie glücklich werden Sie sein, meine liebe Tochter,
wenn Sie fortfahren, die Versprechungen zu mißachten, welche die Welt
Ihnen machen wird, denn sie ist wahrhaftig eine große Lügnerin. Be-
trachten wir niemals so sehr das, was sie uns vorlegt, ohne auch zu erwä-
gen, was sie verbirgt.
Ein guter Mann ist zweifellos in Wahrheit eine große Hilfe; aber es
gibt so wenige davon, und so gut der sein mag, den man hat, so legt er
doch mehr Unterwürfigkeit auf, als er Hilfe gibt. Sie haben große Sorge
um die auf Ihnen lastende Familie, aber sie wird nicht geringer, wenn
Sie die Last einer anderen, vielleicht ebenso großen, auf sich nehmen.
Bleiben Sie so, ich bitte Sie, und glauben Sie mir, seien Sie dazu so
stark und so offenkundig entschlossen, daß niemand mehr daran zwei-
feln kann.
Die Aufgabe, die Ihnen jetzt obliegt, wird für Sie ein kleines Martyri-
um sein, wenn Sie weiterhin Ihre Mühen dabei mit denen des Erlösers,
der Gottesmutter und der männlichen und weiblichen Heiligen verbin-
den, die inmitten der verschiedenen und vielfachen Nöte ihrer Mühen
unverletzlich die Liebe und wahre Andacht zur hochheiligen Einheit
mit Gott bewahrt haben, in dem, für den und durch den sie ihr Leben zu
einem glückseligen Ende geführt haben. Mögen Sie doch wie diese für
Gott Ihr Herz, Ihren Leib, Ihre Liebe und Ihr ganzes Leben bewahren
und sie ihm weihen.
Ich bin in aller Aufrichtigkeit, gnädige Frau, Ihr sehr ergebener Diener
in eben diesem Heiland.
72 I. Cornillon 530, 537

AN SEINE SCHWESTER, FRAU VON CORNILLON

XIV, 158-159 (530) Annecy, 15. Mai 1609.


Mein Gott, meine liebe Tochter, meine Schwester, seien Sie freudig
fromm. Wie glücklich werden Sie sein, wenn Sie sich ständig diesem
Vorhaben hingeben! Die arme kleine Schwester (de la Thuille),27 deren
Sterben zwar plötzlich aber christlich war, hat in mir wieder kraftvoll
die Liebe zum allerhöchsten Gut entfacht, auf das dieses ganze kurze
Leben ausgerichtet sein soll. Haben wir uns recht lieb, teure Schwester,
und halten wir uns gemeinsam recht innig an den Erlöser unserer Seelen,
in dem allein wir unsere Seligkeit finden können. Ich bin voll der Hoff-
nung, daß Sie Unserem Herrn immer treuer dienen, gehorchen und Ehre
erweisen werden; das ist das größte Gut, das ich Ihnen wünschen kann.
Die vielen Ärgerlichkeiten28 in Ihren häuslichen Angelegenheiten (über
die mir mein lieber Bruder neulich berichtete), werden Ihnen eine wert-
volle Hilfe sein, Ihre Seele zur Tugend zu formen, wenn Sie sich bemühen,
das alles im Geist der Sanftmut, Geduld und Güte zu ertragen. Halten Sie
Ihr Herz immer sehr dazu an und erwägen Sie oft, daß Gott Sie liebevollen
Auges betrachtet inmitten all dieser kleinen Unannehmlichkeiten und
Zwistigkeiten, um zu sehen, wie Sie sich darin seinem Willen gemäß ver-
halten. Bewahren Sie doch bei diesen Anlässen in recht feiner Weise Ihre
Liebe zu Gott, und wenn es Ihnen manchmal zustößt, ungeduldig zu wer-
den, dann lassen Sie sich deshalb nicht verwirren, sondern trachten Sie,
recht schnell wieder innerlich ruhig zu werden. Segnen Sie jene, die Sie
ärgern (Lk 6,28), und Gott wird Sie segnen, meine liebe Schwester. Um
dieses Gut flehe ich ihn an von ganzem Herzen für meine geliebte Schwe-
ster und sehr liebe Tochter, der ich ganz ergeben bin.

XIV, 171-172 (537) Annecy, 30. Juni 1609.


Meine liebe Schwester, meine Tochter!
Es tut mir leid, daß ich den Gruß, den Meister Constantin mir von
Ihnen überbracht hatte, nicht früher erhalten habe; damals hätte ich mehr
Zeit gehabt, Ihnen nach dem Zug meines Herzens zu schreiben, das so
von Zuneigung für Sie erfüllt ist und Sie so sehr liebt, daß es sich nicht
damit begnügen kann, sich nur ein bißchen mit Ihnen zu unterhalten.
Es ist mir eine große Freude, zu wissen, daß Ihre Seele ganz der Liebe
Gottes hingegeben ist, in der Sie nach und nach durch alle Arten heiliger
I. Cornillon 570 73

Übungen Fortschritte zu machen bestrebt sind. Mehr als alles aber emp-
fehle ich Ihnen, immer die heilige Sanftmut und Liebenswürdigkeit bei
allen Anlässen zu üben, die dieses Leben Ihnen zweifellos oft bietet.
Bleiben Sie ruhig und ganz liebenswürdig mit Unserem Herrn auf Ihrem
Herzen. Wie glücklich werden Sie sein, sehr liebe Schwester, meine Toch-
ter, wenn Sie fortfahren, sich an der Hand seiner göttlichen Majestät zu
halten, während Sie sich um Ihre Aufgaben bemühen und die Dinge
ihren Lauf nehmen. Was Sie unternehmen, wird mehr nach Wunsch ge-
lingen, wenn Gott Ihnen hilft. Die geringste Freude, die Ihnen daraus
erwächst, wird wertvoller sein als die größten Freuden, die Sie auf dieser
Welt haben könnten.
Ja, meine liebe Tochter, meine Schwester, wie sehr liebe ich Sie doch,
und mehr als Sie glauben würden; hauptsächlich aber, seit ich in Ihrer
Seele diesen hohen und ehrenvollen Wunsch gesehen habe, Unseren
Herrn mit aller Treue und Aufrichtigkeit lieben zu wollen. Ich beschwö-
re Sie, beständig daran festzuhalten und mich immer ganz lieb zu haben,
da ich mit ganzem und treuem Herzen Ihr geringer Bruder und liebevoll
ergebener Diener bin.

XIV, 243-244 (570) Annecy, Ende Januar 1610.


Der erste Monat des Jahres soll nicht vorübergehen, ohne daß ich Sie
grüße, meine sehr liebe Tochter, meine Schwester, wobei ich Sie immer
der vollkommenen Liebe versichere, die mein Herz dem Ihren entge-
genbringt, dem ich alle Arten von Segen zu wünschen nicht aufhören
werde. Aber ich empfehle Ihnen auch Ihr armes Herz, meine liebe Schwe-
ster; tragen Sie recht Sorge, es immer mehr seinem Erlöser wohlgefällig
zu machen und zu bewirken, daß dieses Jahr in jeder Art heiliger Tätig-
keit fruchtbarer werde als das vorhergegangene. Denn in dem Maße, als
die Jahre vergehen und die Ewigkeit herannaht, müssen wir auch unse-
ren Mut verdoppeln und unseren Geist zu Gott erheben und ihm in
allem, was Beruf und Stand auferlegen, aufmerksamer dienen.
Ich möchte Ihnen gern die Bücher29 schicken, die ich Ihnen und mei-
ner Tante, Frau von Cornillon, versprochen habe; aber ich habe kein
einziges mehr gefunden. Sie müssen also ein wenig Geduld mit mir ha-
ben wie mit einem schlechten Zahler.
Meine liebe Schwester, seien Sie indes guten Mutes, Ihr Kind zur Welt
zu bringen; ich sage dies vom Kind Ihres Leibes und von dem Ihres
Herzens, vor allem aber von dem Ihres Herzens. Ich meine Unseren
74 I. Cornillon 577

Herrn, den Sie, ich bin dessen sicher, in Ihrem Leben und in sich selbst
von nun an viel besser hervorbringen wollen. Das ist aber ein Kind, das
im Gegensatz zu den anderen die Mutter erleichtert, nährt und aufrecht
hält. So müssen auch Sie, meine Tochter, all Ihre Hoffnung, Ihre Liebe
und Ihr Vertrauen in Ihn legen, denn so werden Sie immer froh und
zufrieden leben.

XIV, 254-255 (577) Sales, 4. März 1610.


Meine sehr liebe Schwester, meine Tochter!
Trösten wir uns, so gut wir können, über das Hinscheiden unserer gu-
ten Mutter,30 denn die Gnaden, die Gott ihr erwiesen hat, um ihr ein
seliges Ende zu schenken, sind recht sichere Zeichen dafür, daß ihre
Seele liebevoll in die Arme seiner göttlichen Barmherzigkeit aufgenom-
men wurde, so daß sie wohl glücklich ist, den Mühen dieser Welt entzo-
gen und enthoben zu sein. Auch wir, liebe Schwester, werden glücklich
sein, wenn wir wie sie den Rest unserer Tage in der Furcht und Liebe
Unseres Herrn verbringen, wie wir es einander vor kurzem in Annecy
versprochen haben. Seine göttliche Majestät lockt uns auf diese Weise
zur Sehnsucht nach dem Himmel, indem sie uns nach und nach alles
dorthin entführt, was uns hier unten am teuersten war.
Seien Sie also recht getröstet, meine liebe Tochter, und wenn Ihr Herz
nicht verhindern kann, Trauer über diese Trennung zu empfinden, so
trachten Sie doch, sie durch die Ergebung, die wir dem Wohlgefallen
unseres Erlösers schulden, zumindest so zu mäßigen, daß seine Güte
nicht verletzt werde, noch die Frucht Schaden erleide, die er in Ihren
Schoß gelegt hat.
Zu Ihrer Befriedigung muß ich Ihnen noch sagen: Bevor diese arme,
gute Mutter von Annecy abreiste, erforschte sie den ganzen Zustand ih-
res Gewissens und erneuerte alle ihre guten Entschlüsse, Gott zu dienen.
Sie ging zufriedener von mir fort als je sonst; denn Gott wollte nicht, daß
sie im Zustand der Schwermut wäre, wenn er sie zu sich nähme.
Also, meine liebe Schwester, meine Tochter, lieben Sie mich immer
sehr, denn ich bin mehr denn je der Ihre. Möge es Gott gefallen, daß Sie
die Karwoche mit uns feiern können; ich wäre darüber sehr getröstet.
Leben Sie wohl, meine Tochter, ich bin Ihr sehr liebender Bruder und
Diener ...
I. Cornillon 614 75

XIV, 338-339 (614) Annecy, 6. August 1610.


Meine sehr liebe Schwester!
Ich schreibe Ihnen gerade nur, um Ihnen guten Abend zu wünschen
und Ihnen zu versichern, daß ich nie aufhöre, Ihnen tausend und abertau-
send Segnungen des Himmels zu wünschen, auch meinem Herrn Bru-
der. Vor allem aber wünsche ich Ihnen den Segen, immer mehr umgebil-
det zu werden in Unseren verklärten Herrn. Wie schön ist doch sein
Antlitz und wie gütig und erstaunlich liebevoll sind seine Augen, und
wie gut ist es doch, auf dem Berg der Verklärung bei ihm zu sein (Mt
17,4). Dorthin, meine liebe Schwester, meine Tochter, müssen wir unse-
re Sehnsucht und unsere Liebesaffekte richten, nicht auf diese Erde, wo
es nur nichtige Schönheit und schöne Nichtigkeiten gibt.
Nun, dank diesem Heiland sind wir im Aufstieg zum Berg Tabor be-
griffen, da wir feste Entschlüsse gefaßt haben, seiner göttlichen Güte gut
zu dienen und sie zu lieben; wir müssen uns also zu einer heiligen Hoff-
nung ermutigen. Steigen wir immer aufwärts, meine liebe Schwester,
steigen wir, ohne müde zu werden, hinauf zu diesem himmlischen An-
blick des Heilands. Entfernen wir uns allmählich von den irdischen und
niederen Affekten und streben wir nach der Seligkeit, die uns bereitet ist.
Ich beschwöre Sie, meine liebe Tochter, Unseren Herrn eifrig für mich
zu bitten, er möge mich künftig auf den Wegen seines Willens halten,
damit ich ihm in Aufrichtigkeit und Treue diene. Sehen Sie, meine sehr
liebe Tochter, ich wünsche, entweder zu sterben oder Gott zu lieben,
entweder Tod oder Liebe, denn Leben ohne diese Liebe ist sehr viel
schlimmer als der Tod. Mein Gott, meine liebe Tochter, wie glücklich
werden wir sein, wenn wir diese allerhöchste Güte lieben, die uns so
viele Gnaden und Segnungen bereitet! Gehören wir alle ihr doch ganz
an, meine Tochter, inmitten so vieler Schwierigkeiten, die die Mannig-
faltigkeit weltlicher Angelegenheiten uns bringen. Wie wollen wir unse-
re Treue besser beweisen können als unter den Widerwärtigkeiten? Ach,
meine sehr liebe Tochter, meine Schwester, die Einsamkeit hat ihre Stür-
me und die Welt ihre Plagen; überall müssen wir guten Mutes sein, denn
überall steht der Beistand des Himmels bereit für jene, die auf Gott ihr
Vertrauen setzen, die demütig und gelassen seinen väterlichen Beistand
erflehen.
Ich bin sicher, daß Sie immer innerhalb unserer heiligen Entschlüsse
Ihren Weg gehen; regen Sie sich also nicht auf über diese kleinen Angrif-
fe von Unruhe und Ärger, welche die Vielfalt häuslicher Angelegenhei-
ten Ihnen bereiten. Nein, meine liebe Tochter, denn das dient Ihnen als
76 I. Cornillon 629, 928

Übung der teuersten und liebenswertesten Tugenden, die Unser Herr


uns empfohlen hat (Mt 11,29). Glauben Sie mir, die wahre Tugend findet
nicht in der äußerlichen Ruhe Nahrung, nicht mehr als die guten Fische
in den faulenden Gewässern der Sümpfe ...

XIV, 364 (629) Sales, 23. oder 24. November 1610.


... Ich habe erfahren, daß mein Bruder31 und Sie immer mehr von den
Launen Ihres Vaters32 geplagt werden. Meine Tochter, wenn Sie dieses
Kreuz gut zu tragen wissen, werden Sie sehr glücklich sein, denn Gott
wird Ihnen tausend Segnungen dafür schenken, nicht nur im anderen,
sondern sogar in diesem Leben; aber Sie müssen mutig und beharrlich
sein in der Sanftmut und Geduld.
Frau von Chantal empfiehlt sich Ihnen tausendmal sehr liebevoll und
wünscht Ihnen ein ständiges Wachsen in der Liebe Gottes. Leben Sie
wohl, meine liebe Tochter, meine Schwester; ich bin Ihr Bruder, ganz
der Ihre ...
In Sales, wo ich Freitags abreise, um in diesem Advent meine Pflicht
zu erfüllen.33

XVI, 92-93 (928) Annecy, 12. November 1613.


Meine sehr liebe Schwester!
Meine Hoffnung, nach Sales zu kommen, ließ mich ein Wiedersehen
mit Ihnen erwarten. Ich habe diese Hoffnung noch nicht ganz aufgege-
ben, aber das Wetter, das so kalt geworden ist, schiebt diese Erwartung
ein wenig hinaus. Meine Brüder34 werden Ihnen jedoch diese paar Zeilen
bringen, durch die ich Sie mit der ganzen Liebe und Achtung grüße, die
ein ganz innig liebender Bruder seiner liebsten Schwester entgegenbringt.
Ich schicke Ihnen einen Rosenkranz, der an den Reliquien des hl. Karl
berührt ist, denn ich konnte Ihnen nichts Wertvolleres aus diesem Land
mitbringen. Hätte ich nicht geglaubt, Ihnen diesen selbst in die Hand
drücken zu können, hätte ich Ihnen diesen schon längst geschickt.
Ich vergesse nicht, meinen Brüdern von Ihrem Wunsch zu sprechen,
aber mein Bruder Villaroget,35 der die Angelegenheit beilegen soll,
braucht immer lang zu allen Dingen; ich werde ihn aber drängen, damit
Ihr Herz zufrieden sei. Aber das ist es schon jetzt, meine sehr liebe Schwe-
ster, meine Tochter, da Sie Unseren Herrn fürchten und lieben. Tun Sie
das immer und behalten Sie mich in Ihrem Wohlwollen mit meinem
Bruder,36 denn ich bin Ihr recht ergebener Bruder und Diener, der Sie
ganz lieb hat ...
I. Cornillon 1316 77

XVIII, 16-18 (1316) Annecy, 30. Mai 1617.


O Gott, meine arme, recht liebe Schwester, wie sehr bekümmert mich
der Schmerz, den Ihr Herz erleiden wird wegen des Hinscheidens des
armen Bruders,37 der uns allen so teuer war! Aber es hilft nichts: wir
müssen unseren Willen auf den Willen Gottes ausrichten, der – wenn
man alles wohl überlegt – diesem armen Verschiedenen sehr viel Gnade
dadurch erwiesen hat, daß er ihn aus einer Zeit und einem Beruf nahm,
wo es so viele Gefahren gibt, die ewige Seligkeit zu verlieren.
Ich meinerseits, meine liebe Tochter, habe mehr als einmal aus diesem
Anlaß geweint, denn ich liebte diesen Bruder zärtlich und konnte nicht
verhindern, den Schmerz zu fühlen, den die Natur mir verursacht hat;
dennoch aber bin ich jetzt ganz entschlossen und getröstet, da ich erfah-
ren habe, wie fromm er in den Armen der Barnabiten-Patres und unseres
Ritters38 verschieden ist, nachdem er seine Generalbeichte abgelegt, drei-
mal sich mit Gott wieder ausgesöhnt und recht andächtig die Kommuni-
on und die Letzte Ölung empfangen hatte. Was kann man ihm für die
Seele Besseres wünschen?
Und für den Leib fand er so viel Beistand, daß ihm nichts gefehlt hat.
Der Fürst-Kardinal39 und die Prinzessin40 ließen ihn besuchen und die
Damen des Hofes schickten ihm Geschenke und schließlich sandte der
Fürst-Kardinal nach seinem Hinscheiden zwölf Leuchter mit dem Wap-
pen Seiner Hoheit, um seine Beerdigung ehrenvoll zu gestalten.
Gott sei also immerdar gepriesen für die Sorge, die er getragen hat, um
diese Seele unter seine Auserwählten aufzunehmen! Was sollten wir
schließlich anderes anstreben?
Es läßt sich gar nicht schildern, wie überaus tugendhaft seine arme,
kleine Witwe41 sich bei diesem Anlaß erwiesen hat. Wir werden sie noch
einige Tage hierbehalten, bis sie sich wieder ganz gefaßt hat. Kein Mann
wurde allgemeiner betrauert als er.
Trösten wir denn, meine sehr liebe Tochter, unsere Herzen, so gut wir
es vermögen, und halten wir alles für gut, was Gott zu tun gefallen hat;
denn auch alles, was er getan hat, ist recht gut (Sir 29,21). Ich richte
diesen Brief gleichzeitig an meinen sehr lieben Bruder und auch an Sie
mit der Hoffnung, uns recht bald zu sehen Ich bin ohne Ende völlig ganz
der Ihre und Ihr sehr ergebener Bruder und Diener ...
78

II. Briefe an FFrau


rau Br ular
ulartt
Brular
(1604 – 1613)

Marie Brulart, Tochter von Claude Bourgeois, Herrn von Crépy, und von
Françoise de Monthelon, hatte Nicolas Brulart, Baron de la Borde, geheiratet,
der bald (1602) Präsident des Parlamentes von Bourgogne wurde. Sie war eine
Schwester der Äbtissin von Puits d’Orbe, Rose Bourgeois de Crépy, mit der
Franz von Sales, wie mit der Präsidentin Brulart viel korrespondierte.
Mit Präsidentin Brulart führte Franz von Sales in den Jahren 1604-1613
einen regen Briefwechsel. Gestorben ist Präsidentin Brulart im Jahr 1622,
wohl nicht sehr alt, da sie 1613 noch gesegneten Leibes war. Franz von Sales
hat bei der Nachricht ihres Hinscheidens in einem Brief an die hl. Johanna-
Franziska von Chantal recht liebe Worte über sie geschrieben (Brief vom 30.
August 1622, DASal 5,368).
Warum sind von 1614-1622 keine Briefe des hl. Franz von Sales an Frau
Brulart vorhanden? Hatte sie keine Fragen mehr zu stellen? Es ist auch mög-
lich, daß die Briefe des Heiligen aus den letzten Jahren verlorengingen. Oder
ist zwischen ihrer Familie und Franz von Sales eine gewisse Entfremdung ent-
standen, vielleicht wegen der Widerstände dieser Familie gegen eine Reform
von Puits d’Orbe, wie auch gegen eine Klostergründung der Heimsuchung in
Dijon? Es ist nicht anzunehmen, daß zwischen ihm und Frau Brulart eine
Differenz bestand. Sie war wohl eine etwas willensschwache, aber doch dem
Heiligen sehr ergebene Frau, von der er nach ihrem Tod sehr lieb geschrieben
hat.
Die Briefe an Frau von Brulart zeigen ganz charakteristische Seiten der Seelen-
führung des hl. Franz von Sales:
1) sein ständiges Mahnen, sich mit den Mitteln zu heiligen, die Gott uns in
dem Stand bietet, in den sein heiliger Wille uns gestellt hat – und nicht nach
dem Klosterleben zu schielen, wenn man verheiratet ist.
2) Diese Mittel sind Gebet, Betrachtung und das ganze Leben zu durchträn-
ken vom Gebetsleben, – ferner all die Ärgerlichkeiten gut zu tragen, die das
Leben uns aufgibt.
3) Die Frömmigkeit anziehend zu machen durch Nachgiebigkeit, Herzlich-
keit, treue Erfüllung der Standespflichten, auch der ehelichen Verpflichtungen,
Freundlichkeit auch gegen Untergebene.
4) In Schwierigkeiten mit Beichtvätern vorsichtig, aber nicht überempfind-
lich zu sein, nicht zu schwierig in der Wahl von Beichtvätern zu sein, sie nicht
leicht aufzugeben, aber doch seine Freiheit wahren.
5) Durch Frömmigkeitsübungen nicht lästig zu werden, lieber auf nicht Not-
II. Brulart 217 79

wendiges verzichten, als üble Laune beim Mann oder Vater (der damals sehr
männlich geführten Familie) hervorzurufen.
In der Form sind diese Briefe, wie überhaupt alle seine Seelenführungsbriefe
überaus herzlich und zugleich sehr vornehm, mehr empfehlend als befehlend. –
Sie sind Anwendungen der Lehren der „Anleitung zum frommen Leben“ für
einen besonderen Fall, d. h. für das Leben einer bestimmten Dame in der Welt
unter bestimmten Voraussetzungen. Die Grundsätze werden für alle die glei-
chen sein, die Anwendung paßt sich den gegebenen Umständen an, wie Franz
von Sales in der Anleitung schreibt, daß die Frömmigkeit wohl in der eifrigen
Erfüllung des göttlichen Willens aus Liebe besteht, aber den Umständen ent-
sprechend anders beim Adeligen, beim Bauern, beim Handwerker usw. In die-
sen Briefen an Frau Brulart sehen wir konkret vor uns, wie das Leben einer
frommen, vornehmen Dame nach den Anweisungen des hl. Franz von Sales
sein sollte.

XII, 267-271 (217) Annecy, 3. Mai 1604.


Gnädige Frau!
Ich kann Ihnen das Versprochene nicht sogleich senden, da mir nicht
genügend Zeit zur Verfügung steht, um alles zusammenzustellen, was
ich Ihnen über das zu sagen habe, was Sie von mir erläutert haben wollen.
So will ich es Ihnen auf mehrere Male verteilt schreiben. Es wird so für
mich leichter sein und Sie werden Zeit haben, meine Ratschläge gut zu
überdenken.
Sie haben den heißen Wunsch nach christlicher Vollkommenheit; das
ist der hochherzigste Wunsch, den Sie haben können; hegen Sie ihn gut
und lassen Sie ihn alle Tage größer werden. Die Mittel, zu dieser Voll-
kommenheit zu gelangen, sind verschieden, entsprechend der Verschie-
denheit der Berufe; denn Ordensleute, Witwen und Verheiratete sollen
alle nach Vollkommenheit streben, aber diese nicht mit den gleichen
Mitteln zu erreichen suchen. Ihre Mittel als verheiratete Frau liegen
darin, sich gut mit Gott und Ihrem Nächsten und mit dem zu vereinigen,
was von diesen abhängt.
Das Mittel aber, sich mit Gott zu vereinigen, muß in der Hauptsache
der Gebrauch der Sakramente und das Gebet sein.
Was den Sakramentenempfang betrifft, sollen Sie niemals einen Mo-
nat verstreichen lassen, ohne zu kommunizieren, und nach einiger Zeit
werden Sie entsprechend Ihrem Fortschritt im Dienst Gottes und nach
dem Rat Ihrer geistlichen Väter sogar noch häufiger kommunizieren
können. Was aber die Beichte betrifft, will ich Ihnen anraten, noch öfter
von ihr Gebrauch zu machen, vor allem wenn Ihnen irgendeine Unvoll-
80 II. Brulart 217

kommenheit unterkommt, die Ihrem Gewissen Kummer bereitet, wie


dies oft zu Beginn des geistlichen Lebens der Fall ist. Sollten Sie jedoch
die erforderlichen Gelegenheiten zur Beichte nicht haben, werden Be-
dauern und Reue sie ersetzen.
Das Gebet sollen Sie recht häufig pflegen, besonders die Betrachtung,
für die Sie sich, so scheint es mir, gut eignen. Verrichten Sie diese also
alle Tage für die Dauer einer kleinen Stunde am Morgen vor dem Fortge-
hen oder auch vor dem Abendessen; hüten Sie sich aber davor, sie nach
dem Mittag- und Abendessen zu verrichten, denn das würde Ihrer Ge-
sundheit abträglich sein. Eine Hilfe für die gute Verrichtung dieser Be-
trachtung ist es, schon vorher den Betrachtungsgegenstand zu wissen,
damit Sie ihn sogleich bereit haben, wenn Sie mit dem Gebet beginnen.
Zu diesem Zweck sollen Sie die Bücher haben, in denen Betrachtungs-
punkte über das Leben und Sterben Unseres Herrn niedergelegt sind,
wie die von Granada, Bellintani, Capillia und Bruno. Aus diesen werden
Sie die gewünschte Betrachtung auswählen, sie aufmerksam durchlesen,
damit Sie sich diese dann während des innerlichen Gebetes gut vor Au-
gen halten können. Dann haben Sie nichts anderes zu tun, als sie gut zu
überdenken, immer gemäß der Methode, die ich in der Ihnen am Grün-
donnerstag überreichten Betrachtung schriftlich niedergelegt habe.
Außerdem richten Sie oft Stoßgebete an Unseren Herrn und zwar zu
jeder Ihnen möglichen Stunde und in jeder Gesellschaft, wobei Sie im-
mer Gott in Ihrem Herzen und Ihr Herz in Gott anschauen. Lesen Sie
gern in den Büchern von Granada über das Gebet und die Betrachtung,
denn nichts könnte Sie besser und ergreifender unterrichten. Ich möch-
te, daß kein Tag vergehen soll, ohne daß Sie der Lektüre irgendeines
geistlichen Buches eine halbe oder eine Stunde schenken, denn diese
wird Ihnen als Predigt dienen. Das sind die Hauptmittel, um sich gut mit
Gott zu vereinigen.
Es gibt eine große Anzahl von Mitteln, um sich mit dem Nächsten zu
vereinigen, aber ich will Ihnen nur einige nennen. Wir müssen den Näch-
sten in Gott betrachten, denn Er will ja, daß wir ihn lieben und gut zu
ihm seien. Dazu mahnt auch der hl. Paulus (Eph 6,5-7), wenn er den
Knechten aufträgt, Gott in ihren Herren und ihren Herren in Gott zu
dienen. Wir müssen uns in dieser Liebe zum Nächsten üben, indem wir
ihn äußerlich umsorgen; und wenn uns dies zu Beginn auch zu widerstre-
ben scheint, dürfen wir doch nicht davon ablassen, denn dieses Wider-
streben des niederen Seelenbereiches wird schließlich überwunden von
der durch wiederholte Handlungen erlangten Gewohnheit und Geneigt-
II. Brulart 217 81

heit dafür. Darauf müssen wir auch unsere Gebete und Betrachtungen
beziehen, denn nachdem wir um die Liebe zu Gott gebetet haben, müs-
sen wir auch immer um die Liebe zum Nächsten beten und besonders zu
jenen, zu denen unser Wille keinerlei Neigung verspürt.
Ich rate Ihnen auch, sich manchmal der Mühe zu unterziehen, Spitäler
zu besuchen, Kranke zu trösten, ihre Leiden zu betrachten, in Ihrem
Herzen Mitgefühl mit ihnen zu erwecken und für sie zu beten, wenn Sie
ihnen kleine Hilfeleistungen erweisen. Bei all dem aber achten Sie sorg-
sam darauf, daß Ihr Herr Gemahl, Ihre Dienerschaft und Verwandten
nicht Anstoß daran nehmen, wenn Sie zu lange in der Kirche verweilen,
sich zu lange zurückziehen und es an Sorge um Ihren Haushalt fehlen
lassen, wie dies manchmal geschieht. Vermeiden Sie es auch, sich zum
Richter über die Handlungen anderer aufzuspielen, oder sich abfällig
über Gespräche zu äußern, bei denen die Regeln eines frommen Lebens
nicht so genau eingehalten werden. Überall soll doch die Nächstenliebe
vorherrschen und uns erleuchten, daß wir den Wünschen des Nächsten
willfahren in allem, was nicht den Geboten Gottes entgegen ist.
Sie sollen nicht nur fromm sein und die Frömmigkeit lieben, sondern
sie auch jedermann liebenswert machen. Das tun Sie aber, wenn sie ande-
ren nützlich und angenehm wird. Die Kranken werden Ihre Frömmig-
keit lieben, wenn sie dadurch liebevollen Trost empfangen; Ihre Familie,
wenn sie erkennt, daß Sie dadurch viel mehr auf ihr Wohl bedacht sind,
milder in geschäftlichen Dingen, gütiger im Tadel usw.; Ihr Herr Ge-
mahl, wenn er sieht, daß Sie mit wachsender Frömmigkeit umso herzli-
cher ihm gegenüber und zärtlicher in der Zuneigung zu ihm sind; Ihre
Verwandten und Freunde schließlich, wenn sie erkennen, daß Sie ihren
Wünschen, die jenen Gottes nicht zuwiderlaufen, mehr Offenheit, Un-
terstützung und Nachgiebigkeit entgegenbringen. Kurz, wir müssen un-
sere Frömmigkeit möglichst anziehend gestalten.
lch habe eine kurze Abhandlung über die Vollkommenheit des christ-
lichen Lebens verfaßt, von der ich Ihnen eine Abschrift schicke, die ich
auch Frau von Puits d’Orbe übermittelt haben möchte. Nehmen Sie sie
gut auf wie auch diesen Brief eines Menschen, der von Liebe erfüllt ist
für Ihr geistliches Wohl und nichts mehr wünscht, als das Werk Gottes in
Ihrem Geist vollendet zu sehen.
Ich bitte Sie, mich Anteil haben zu lassen an Ihren Gebeten und Kom-
munionen, wie auch ich Ihnen versichere, daß ich Sie mein ganzes Leben
lang teilhaben lasse an den meinen und immerdar sein werde,
Gnädige Frau, Ihr Ihnen in Jesus Christus zugeneigter Diener.
82 II. Brulart 233

XII, 345-352 (233) Sales, (13. Oktober) 1604.

Gnädige Frau!
Es war mir eine ganz große Freude, Ihren Brief zu erhalten und zu
lesen. Wie gern möchte ich, daß meine Briefe ein ebensolches Echo
hervorzubringen vermögen, besonders um den Beunruhigungen abzu-
helfen, die in Ihrem Geist entstanden sind, seitdem wir uns nicht mehr
gesehen haben. Möge Gott mir die rechten Worte eingeben.
Ich habe Ihnen einmal gesagt und ich erinnere mich gut daran, daß ich
in Ihrer Generalbeichte alle Merkmale einer wahrhaftigen, guten und
echten Beichte gefunden und keine andere gehört habe, die mich mehr
zufriedengestellt hätte. Das ist die reinste Wahrheit, meine liebe Frau
Schwester; und glauben Sie mir, daß ich bei solchen Gelegenheiten ganz
offen spreche. Wenn Sie etwas zu sagen unterlassen haben, erwägen Sie,
ob es wissentlich und freiwillig geschehen ist; denn in einem solchen Fall
müßten Sie zweifellos die Beichte wiederholen, wenn das, was Sie zu
sagen unterließen, eine Todsünde war oder wenn Sie es zu jener Zeit eben
für eine solche hielten. Wenn es sich aber um eine läßliche Sünde han-
delte oder wenn Sie es aus Vergeßlichkeit oder mangelndem Erinne-
rungsvermögen ausgelassen haben, dann hegen Sie keine Zweifel, meine
liebe Schwester; dann sind Sie keineswegs verpflichtet, die Beichte zu
wiederholen, sondern es genügt, wenn Sie Ihrem gewöhnlichen Beicht-
vater den ausgelassenen Punkt sagen. Dafür verbürge ich mich. Haben
Sie auch keine Sorge darüber, daß Sie Ihrer Generalbeichte vielleicht
nicht die nötige Sorgfalt angedeihen ließen; ich wiederhole ganz deut-
lich und bestimmt: wenn Sie keine freiwillige Unterlassung begangen
haben, brauchen Sie keineswegs die Beichte wiederholen, die wirklich
recht gut war. Bleiben Sie darüber in Frieden. Wenn Sie mit dem Pater
Rektor darüber sprechen, wird er Ihnen das gleiche sagen, denn es ist die
Ansicht unserer Mutter, der Kirche.
Alle Regeln des Rosenkranzes und des Dritten Ordens verpflichten in
keiner Weise, weder unter schwerer noch unter läßlicher Sünde, weder
direkt noch indirekt; und Sie sündigen bei Nichtbeobachtung derselben
nicht mehr, als wenn Sie irgendein anderes gutes Werk zu tun unterlas-
sen. Machen Sie sich also keine Sorgen darüber, sondern dienen Sie Gott
frohen und freien Herzens.
Sie fragen mich, woran Sie sich halten sollen, um Frömmigkeit und
Geistesfrieden zu erlangen. Meine liebe Schwester, Sie fragen mich da
nicht wenig; aber ich will versuchen, Ihnen einiges darüber zu sagen,
II. Brulart 233 83

denn das bin ich Ihnen schuldig. Beachten Sie aber wohl, was ich Ihnen
sagen werde. Die Tugend der Frömmigkeit ist nichts anderes als eine
allgemeine Neigung und Bereitschaft des Geistes, das zu tun, was er als
Gott wohlgefällig erkennt; über diese Herzensbereitschaft sagt David
(Ps 18,32): „Gelaufen bin ich die Wege Deiner Gebote, als Du mein
Herz weit aufgetan hast.“ Solche, die einfach gute Menschen sind, gehen
auf dem Weg Gottes; die Frommen aber laufen, und wenn sie sehr fromm
sind, dann fliegen sie.
Nun will ich Ihnen einige Regeln sagen, die beobachtet werden müs-
sen, wenn man wahrhaft fromm sein will.
Vor allen Dingen muß man die allgemeinen Gebote Gottes und der
Kirche befolgen, die für jeden echten Christen Geltung haben; ohne
diese kann es keine Frömmigkeit in der Welt geben, das weiß jeder.
Außer diesen allgemeinen Geboten aber muß man sorgsam die persön-
lichen Verpflichtungen beobachten, die jedem durch seinen Beruf auf-
erlegt sind; wer das nicht tut, der verbliebe – selbst wenn er Tote aufer-
wecken würde – trotzdem in der Sünde und verdammt, wenn er darin
stürbe. So ist z. B. den Bischöfen befohlen, ihre Schäflein zu besuchen,
sie zu lehren, aufzurichten und zu trösten. Sollte ich die ganze Woche
im Gebet verharren und mein ganzes Leben fasten – wenn ich dies aber
nicht tue, gehe ich verloren. Wenn ein verheirateter Mensch Wunder
wirkt, seine ehelichen Pflichten aber nicht erfüllt oder sich nicht um
seine Kinder kümmert, ist er schlechter als ein Heide, sagt der hl. Pau-
lus (1 Tim 5,8), und so fort.
Zweierlei Arten von Geboten also müssen als Grundlage jeder Fröm-
migkeit beobachtet werden; und dennoch besteht die Tugend der Fröm-
migkeit nicht darin, daß man diese Gebote beobachtet, sondern daß man
dies bereitwillig und gern tut. Um nun diese Bereitschaft zu erwerben,
muß man mehrere Erwägungen in Betracht ziehen.
Erstens, weil Gott es so will. Es ist nur recht und billig, daß wir seinen
Willen tun, denn dazu sind wir ja auf dieser Welt (1 Petr 4,2). Ach, wir
bitten ihn doch alle Tage, daß sein Wille geschehe (Mt 6,10), und wenn es
dann dazu kommt, macht es uns soviel Mühe! Wir opfern uns Gott so oft
auf, wir sagen ihm alle Augenblicke: Herr, ich bin Dein (Ps 19,94), da ist
mein Herz. Wenn er sich aber unser bedienen will, sind wir so feig! Wie
können wir sagen, daß wir ihm gehören, wenn wir unseren Willen nicht
dem seinen anpassen wollen?
Die zweite Erwägung ist, daß wir an die Beschaffenheit der Gebote
Gottes denken, von denen nicht nur die allgemeinen, sondern auch die
84 II. Brulart 233

besonderen des Berufes liebevoll, gnädig und gütig sind. Was läßt Sie
diese dann so ärgerlich empfinden? Nichts in Wahrheit als nur Ihr Ei-
genwille, der um jeden Preis in Ihnen herrschen will. Die Dinge, die er –
wenn sie ihm nicht anbefohlen wären – vielleicht anstreben würde, ver-
wirft er, weil sie ihm eben anbefohlen werden. Von hunderttausend köst-
lichen Früchten wählte Eva die einzige, die ihr verboten worden war
(Gen 3,1-6), und sie hätte zweifellos nicht davon gegessen, wenn sie ihr
erlaubt gewesen wäre. Mit einem Wort, wir wollen Gott dienen, aber
nach unserem Willen und nicht nach dem seinen. Saul war befohlen
worden, alles, was er in Amalek antreffen würde, zu vernichten und zu
zerstören: er zerstörte auch alles bis auf die Wertgegenstände, die er
zurückbehielt und aufopferte; aber Gott gab ihm kund, er wolle kein
Opfer wider den Gehorsam (1 Sam 15,3-23). – Gott befiehlt mir, den
Seelen zu dienen, und ich will in der Betrachtung verharren; das betrach-
tende Leben ist gut, aber nicht auf Kosten des Gehorsams. Wir haben
nicht nach unserem Willen zu wählen; wir müssen sehen, was Gott will,
– und wenn Gott will, daß ich ihm in etwas Bestimmten diene, darf ich
ihm nicht in etwas anderem dienen wollen. Gott wollte, daß Saul ihm
diene als König und Feldherr, Saul aber wollte ihm als Priester dienen (1
Sam 13,9-13); kein Zweifel, daß diese Eigenschaft jene an Wert über-
ragt; dennoch gab Gott sich nicht damit zufrieden. Er will, daß man ihm
gehorche.
Es ist doch merkwürdig! Gott hatte den Kindern Israels das Manna
geschenkt, diese köstliche Speise (Ex 16,14-31; Lev 11,7-9; Weish 16,20);
sie aber wollen nichts davon, sondern sehnen sich in ihren Wünschen
nach dem Knoblauch und den Zwiebeln Ägyptens (Lev 11,4-5). Unsere
armselige Natur will immer, daß ihr Wille geschehe und nicht der Wille
Gottes. In dem Maße aber, als wir weniger Eigenwillen haben, werden
wir leichter den Willen Gottes beobachten.
Drittens muß bedacht werden, daß es keinen Beruf gibt, der nicht Un-
angenehmes, Bitteres und Ekelhaftes mit sich bringt. Dazu kommt noch,
daß – bis auf jene, die völlig dem Willen Gottes hingegeben sind – jeder
seinen Stand gern gegen den anderer austauschen möchte. Jene, die Bi-
schöfe sind, möchten es nicht sein; die verheiratet sind, möchten unver-
heiratet sein und die Unverheirateten möchten verheiratet sein. Woher
stammt diese allgemeine Unruhe der Seelen, wenn nicht aus einem ge-
wissen Unbehagen, das wir gegen den Zwang hegen, und einer verkehr-
ten Geisteshaltung, die uns vorspiegelt, jedem anderen ginge es besser als
uns?
II. Brulart 233 85

Aber es ist immer dasselbe: Wer sich nicht ganz Gott hingibt, wird –
mag er sich auch da- und dorthin wenden – niemals Ruhe finden. Die
Fieber haben, liegen nirgends gut; kaum sind sie eine Viertelstunde in
einem Bett, möchten sie schon wieder in einem anderen sein: nicht das
Bett kann etwas dafür, sondern das Fieber treibt sie immer herum. Ein
Mensch, der kein Fieber des Eigenwillens kennt, gibt sich mit allem
zufrieden. Wenn nur Gott damit gedient ist, kümmert es ihn nicht, in
welcher Weise Gott sich seiner bedient. Wenn nur sein göttlicher Wille
geschieht, ist ihm alles eins.
Aber das ist nicht alles. Man muß nicht nur den Willen Gottes tun
wollen, sondern – um fromm zu sein – muß man ihn freudig erfüllen.
Wenn ich nicht Bischof wäre, würde ich vielleicht, wenn ich wüßte, was
ich jetzt weiß, es nicht sein wollen; da ich es aber bin, bin ich nicht nur
verpflichtet, das zu tun, was dieser mühevolle Beruf erfordert, sondern
ich muß es auch freudig tun, es gern tun und damit einverstanden sein.
Das sagt ja auch der hl. Paulus (1 Kor 7,24): „Jeder bleibe vor Gott in
seinem Beruf.“ Wir sollen nicht das Kreuz der anderen tragen, sondern
unser eigenes. Damit aber jeder sein Kreuz trage, will Unser Herr, daß
jeder sich selbst verleugne (Mt 16,24), d. h. seinen Eigenwillen verleug-
ne. „Ich möchte gern das und jenes“, oder „ich wäre gern hier und dort“,
das sind eben Versuchungen. Unser Herr weiß wohl, was er tut; tun wir,
was er will, bleiben wir doch, wohin er uns gestellt hat.
Sie möchten aber, meine gute Tochter (erlauben Sie, daß ich nach
meinem Herzen zu Ihnen spreche, denn ich habe Sie als solche lieb),
gern eine kleine Anleitung zu Ihrer Führung haben.
Außer dem, was ich Ihnen zu überlegen gegeben habe:
1. Halten Sie alle Tage die Betrachtung, entweder am Vormittag oder
eine bis zwei Stunden vor dem Nachtessen, und zwar über das Leben und
Sterben Unseres Herrn; und bedienen Sie sich hierzu des Kapuziners
Bellintani oder des Jesuiten Bruno. Ihre Betrachtung soll nur eine gute
halbe Stunde dauern und nicht länger, und an deren Schluß fügen Sie
immer eine Erwägung des Gehorsams Unseres Herrn Gott Vater gegen-
über hinzu; denn Sie werden finden, daß er alles, was er getan hat, nur tat,
um den Willen seines Vaters zu erfüllen (Joh 5,30; 6,38), und bemühen
Sie sich mit allen Kräften, eine tiefe Liebe zum Willen Gottes zu gewin-
nen.
2. Bevor Sie eine Ihnen unangenehme Aufgabe Ihres Berufes erfüllen
oder sich darauf vorbereiten, denken Sie daran, daß die Heiligen andere,
viel größere und schwierigere Dinge freudig getan haben. Die einen ha-
86 II. Brulart 233

ben das Martyrium, die anderen die Verachtung der Welt erlitten. Der hl.
Franziskus und so viele Ordensleute unseres Zeitalters haben tausende-
male Aussätzige und mit Geschwüren Behaftete geküßt; andere haben
sich in die Wüste zurückgezogen; andere wieder auf die Galeeren mit
den Soldaten; und dies alles, um etwas Gott Wohlgefälliges zu tun. Was
aber tun wir schon, was diesem an Schwierigkeit ähnlich wäre?
3. Denken Sie oft und oft, daß alles, was wir tun, seinen wahren Wert
gewinnt, wenn es aus unserer Gleichförmigkeit mit dem Willen Gottes
heraus geschieht. Wenn ich also esse und trinke, weil es der Wille Gottes
ist, daß ich dies tue, bin ich Gott wohlgefälliger, als wenn ich ohne diese
Absicht den Tod erleiden würde.
4. Ich möchte, daß Sie während des Tages oft Gott anrufen, er möge
Ihnen die Liebe zu Ihrem Beruf schenken, und daß Sie wie der hl. Paulus
bei seiner Bekehrung sagen (Apg 9,6): „Herr, was willst Du, daß ich
tue?“ Willst Du, daß ich Dir im niedrigsten Dienst Deines Hauses diene?
Ach, dann würde ich mich noch für mehr als glücklich ansehen. Wenn
ich Dir nur dienen kann, kümmert es mich nicht, worin dieser Dienst
besteht. Und wenn Sie dann im Besonderen zu dem kommen, was Ihnen
ärgerlich ist, sagen Sie: Willst Du, daß ich dies oder jenes tue? Ach Herr,
noch bin ich dafür nicht würdig; ich will es aber sehr gerne tun. So wer-
den Sie sich tief demütigen. O mein Gott, welchen Schatz werden Sie
dadurch erwerben, einen zweifellos viel größeren, als Sie vermeinen.
5. Ich möchte, daß Sie erwägen, wieviele männliche und weibliche
Heilige, sowohl des Neuen wie des Alten Testamentes, in Ihrem Beruf
und Stand waren und daß sie sich alle mit großer Liebe und Ergebung
hineingefunden haben: Sara, Rebekka, die hl. Anna, die hl. Elisabet, die
hl. Monika, die hl. Paula und hunderttausend andere; das wird Sie auf-
muntern, wenn Sie sich ihren Gebeten empfehlen.
Wir müssen lieben, was Gott liebt; nun liebt er unseren Beruf; lieben
wir ihn auch und halten wir uns nicht damit auf, an den Beruf der ande-
ren zu denken. Tun wir unsere Pflicht; für keinen ist sein Kreuz zu schwer.
Bringen Sie behutsam das Amt der Marta mit dem der Magdalena in
Verbindung (Lk 10,38-43); verrichten Sie eifrig Ihre Berufsarbeit, keh-
ren Sie aber oft zu sich selbst zurück, im Geist zu Füßen Unseres Herrn,
und sagen Sie: Mein Herr, ob ich nun laufe oder stillstehe, ich gehöre
ganz Dir und Du gehörst mir (Hld 2,16; 6,2); Du bist mein erster Bräu-
tigam und alles, was ich tun werde, geschieht aus Liebe zu Dir, ob es dies
oder das sei.
Sie werden die Anleitung zur Betrachtung sehen, die ich der Frau von
II. Brulart 242 87

Puits d’Orbe schicke. Ich wünsche, daß Sie sich davon eine Abschrift
machen und sich ihrer bedienen. Es scheint mir, daß Sie sich, wenn Sie
am Morgen eine halbe Stunde das innerliche Gebet pflegen, damit be-
gnügen sollen, alle Tage eine Messe zu hören und untertags eine halbe
Stunde ein geistliches Buch zu lesen wie Granada oder einen anderen
guten Schriftsteller. Machen Sie die Gewissenserforschung am Abend
und Stoßgebete während des Tages. Ich empfehle Ihnen sehr, den „Geist-
lichen Kampf“ zu lesen. An Sonn- und Feiertagen können Sie außer der
Messe auch die Vesper (aber dies ohne Verpflichtung) und die Predigt
hören.
Vergessen Sie nicht, alle acht Tage zu beichten und außerdem, wenn
Sie irgendwelche große Gewissensnöte haben. Hinsichtlich der Kom-
munion überschreiten Sie, wenn es nicht dem Wunsch Ihres Gemahls
entspricht, gegenwärtig nicht die Grenzen dessen, was wir in St. Claude1
sagten: bleiben Sie stark und kommunizieren Sie im Geist; Gott wird
dafür die Bereitschaft unseres Herzens annehmen.
Denken Sie daran, was ich Ihnen so oft gesagt habe: Machen Sie unse-
rer Frömmigkeit Ehre; lassen Sie sie allen Menschen Ihrer Umgebung,
vor allem aber Ihrer Familie sehr liebenswert erscheinen; bewirken Sie,
daß jeder gut von ihr spricht. Mein Gott, wie glücklich sind Sie, einen so
vernünftigen und willigen Gatten zu haben! Sie sollten Gott recht dafür
preisen. – Wenn Sie auf irgendwelchen Widerspruch stoßen, so ergeben
Sie sich ganz Unserem Herrn und trösten Sie sich in dem Bewußtsein,
daß seine Gunsterweise nur für die Guten sind oder für jene, die sich
anschicken, es zu werden (2 Tim 3,12).
Im übrigen wissen Sie, daß mein Geist ganz Ihnen gehört. Gott weiß,
daß ich weder Sie noch Ihre ganze Familie jemals in meinen schwachen
Gebeten vergesse; Sie stehen zutiefst eingegraben in meiner Seele. Gott
sei Ihr Herz und Ihr Leben!

XII, 395-396 (242) Annecy, um den 22. November 1604.


Gnädige Frau!
Ich preise Gott von ganzem Herzen, weil ich in Ihrem Brief den gro-
ßen Mut erkenne, mit dem Sie alle Schwierigkeiten überwinden wollen,
um wahrhaft und heiligmäßig fromm in Ihrem Beruf zu sein. Tun Sie das
und erwarten Sie von Gott große Segnungen, mehr zweifellos in einer
Stunde solch guter und richtig geregelter Frömmigkeit als in hundert
Tagen einer ausgefallenen, melancholischen und von Ihrem eigenen Geist
88 II. Brulart 275

abhängigen Frömmigkeit. Bleiben Sie fest dabei und lassen Sie sich in
diesem Entschluß durch nichts erschüttern.
Sie haben, sagen Sie, auf dem Land ein wenig in Ihren Übungen nach-
gelassen. Nun müssen Sie den Bogen wieder spannen und mit umso grö-
ßerer Sorgfalt wieder beginnen. Ein anderes Mal aber soll Ihnen der
Landaufenthalt nicht solche Ungelegenheiten bereiten. Nein, denn Gott
ist dort ebenso wie in der Stadt. Sie haben nun die kleine Schrift über die
Betrachtung; benützen Sie diese in Ruhe und Frieden.
Verzeihen Sie mir, liebe gnädige Frau, wenn ich meinen Brief kürzer
abfasse, als Sie es wünschen; aber der gute Rose drängt mich so sehr, ihn
abzufertigen, daß er mir nicht genug Zeit läßt, schreiben zu können. Ich
bitte Unseren Herrn, er möge Ihnen in seinem Heiligen Geist einen
besonderen Beistand verleihen, damit Sie ihm mit Herz und Geist nach
seinem Wohlgefallen dienen. Erbitten Sie dies auch für mich, denn ich
habe es nötig; ich selbst vergesse Sie niemals in meinen schwachen Ge-
beten.
Ihr Herr Gemahl hat unrecht, mich nicht für seinen Diener anzusehen,
denn ich bin es sicherlich, ebenso allem, was Ihnen angehört.
Gott sei immerdar mit Ihnen und in Ihrem Herzen. Amen.

XIII, 14-16 (275) Annecy, (um den 18. Februar) 1605.


Und da Sie in der von Ihnen vorgenommenen Änderung2 Fortschritte
und Trost finden, kann ich sie wohl nur gutheißen, da ich sicher bin, daß
Sie so taktvoll vorgegangen sind, daß Ihr früherer Beichtvater dadurch
nicht gekränkt wurde.
Noch sehe ich keine Möglichkeit,3 die mir das Glück versprechen könn-
te, Sie in diesem Jahr zu sehen. Sie deuten mir an, daß Sie mich hier
aufsuchen wollen; dies scheint mir kein leichtes Unterfangen, noch auch
für längere Zeit ratsam zu sein im Hinblick auf die Bande, mit denen
Gott Sie dort gebunden hat.4 Wenn die Vorsehung Gottes es aber zu
seiner Ehre und zu Ihrem Heil verlangen würde, so könnte sie wohl
Gelegenheit dazu schaffen, auch wenn wir sie noch nicht sehen, und an
einem Ort, an den wir nicht denken. Dazu braucht es eine völlige Erge-
benheit in das Wohlgefallen Gottes. Ich meinerseits, glauben Sie mir das
bitte, habe nicht weniger den Wunsch, Sie wiederzusehen; und zwar aus-
giebig, wie Sie selbst es haben möchten; aber wir müssen wissen, was am
zuträglichsten und geeignetsten ist. Herr Viardot wird leicht ersetzen
können, was ich nur von ferne tun könnte, er ist dazu sehr befähigt.
II. Brulart 277 89

Die Ärzte haben mir nun zu Ende dieser Krankheit streng verboten,
eigenhändig zu schreiben; darum habe ich die Hand eines anderen dazu
gebraucht, füge nun nur eigenhändig hinzu, daß Sie sich daran erinnern
sollen, was ich Ihnen so sehr empfohlen habe. Wenn Sie sich daran hal-
ten, werden Sie tun, was Gott wohlgefälliger ist, als wenn Sie, ohne es zu
tun, Ihr Leben im Martyrium hingeben würden. Gott will ja mehr den
Gehorsam als das Opfer (1 Sam 15,22). Unser gütiger Herr wird Ihnen,
wenn es ihm gefällt, die Erleuchtung geben, um diesen guten Weg fortzu-
setzen, auf dem Sie sich befinden: haben Sie nur guten Mut.
Es freut mich sehr zu sehen, wie hoch Sie das Gut schätzen, Gott die-
nen zu dürfen, denn es ist dies ein Zeichen, daß Sie es mit aller Kraft in
Angriff nehmen. Ebenso freue ich mich, daß Sie die Ihrigen zufrieden-
stellen und daß Sie freudig leben, denn Gott ist der Gott der Freude. Tun
Sie nur so weiter und zwar beharrlich, denn die Krone ist denen be-
stimmt, die ausharren (Mt 10,22; Offb 2,10).
O meine sehr liebe gnädige Frau, meine gute Schwester, dieses Leben
ist kurz, der Lohn aber für das, was darin geschieht, ist ewig (2 Kor 4,17).
Handeln wir gut, stimmen wir dem Willen Gottes bei; er sei der Stern,
auf den sich unsere Augen während dieser Seereise heften; dann können
wir nur gut ankommen. Ich bitte Gott, unseren Heiland, er möge in
Ihnen und Sie in ihm leben und herrschen.
Ich habe gerade Ihren letzten Brief erhalten, auf den ich nicht mehr
antworten kann. Ich will Ihnen nur sagen, daß der Verkehr mit Hugenot-
ten nicht absolut verboten ist für jene, die unter ihnen wohnen. Aber man
soll wirklich soviel als möglich davon Abstand nehmen; denn für ge-
wöhnlich verursacht er eine gewisse Abkühlung der Frömmigkeit. Es
besteht keine Gefahr darin, bei ihnen einzukaufen, wenn ihre Waren
besser sind als die der anderen.
Ich wünsche Ihnen tausend und abertausend Segnungen und bin, gnädi-
ge Frau, unabänderlich Ihr Ihnen in Unserem Herrn ergebener Diener.

XIII, 18-22 (277) (La Roche, März) 1605.


Gnädige Frau!
Ihr Brief vom 20. Januar hat mir eine überaus große Befriedigung
gewährt, denn inmitten Ihrer Nöte, die Sie mir beschreiben, glaube ich
einigen Fortschritt und Gewinn zu erkennen, den Sie im geistlichen Le-
ben machten. Ich werde mich kürzer fassen, als ich möchte, weil ich
weniger Zeit und mehr Behinderung habe, als ich dachte. Dennoch will
90 II. Brulart 277

ich Ihnen genug für den Augenblick sagen und auf eine andere Gelegen-
heit warten, Ihnen ausführlich zu schreiben.
Sie sagen mir also, daß Sie betrübt sind, weil Sie sich – wie es Ihnen
scheint – mir gegenüber nicht vollkommen genug aufschließen. Ich aber
sage Ihnen, obwohl ich keine Kenntnis habe über die Handlungen, die
Sie in meiner Abwesenheit begehen, denn ich bin kein Prophet: Ich den-
ke dennoch, daß trotz der kurzen Zeit, die ich Sie gesehen und gehört
habe, es nicht möglich ist, Ihre Neigungen und deren Triebfedern besser
zu kennen, als ich es tue. Ich meine, es gibt da wenig Falten in Ihrem
Wesen, in die ich nicht leicht eindringe; und wenn Sie mir auch nur ein
wenig die Pforte Ihres Geistes aufschließen, scheint es mir doch, daß ich
dahinter alles offen daliegen sehe. Das ist ein großer Vorteil für Sie, da
Sie mich doch zu Ihrem Heil gebrauchen wollen.
Sie beklagen sich, daß entgegen Ihrer Sehnsucht nach Vollkommen-
heit und Reinheit der Liebe zu unserem Gott vielerlei Unvollkommen-
heiten und Fehler mit Ihrem Leben vermengt sind. Ich antworte Ihnen,
daß es uns nicht möglich ist, uns gänzlich unser selbst zu begeben. Solan-
ge wir hienieden sind, müssen wir uns selbst ertragen, bis Gott uns in den
Himmel trägt, und während wir uns ertragen, tragen wir nichts von Wert.
Wir müssen also Geduld haben und dürfen nicht denken, wir könnten an
einem Tag soviel üble Gewohnheiten ablegen, die wir durch unsere ge-
ringe Sorge um unsere geistige Gesundheit angenommen haben. Gott
hat wohl einige plötzlich geheilt, ohne ihnen eine Spur ihrer vorherge-
gangenen Krankheit zurückgelassen zu haben, wie er es an Maria Magda-
lena tat, die in einem Augenblick von einer Kloake von Verworfenheit
verwandelt wurde in einen reinen Quell von Vollkommenheit, der von
diesem Augenblick an niemals mehr getrübt wurde. Der gleiche Gott hat
aber auch an vielen seiner ihm teuren Jünger vielerlei Spuren ihrer
schlechten Neigungen noch einige Zeit nach ihrer Bekehrung belassen,
und das alles zu ihrem größeren Gewinn. Beweis hierfür ist der hl. Pe-
trus, der seit der ersten Berufung mehrere Male in Unvollkommenhei-
ten fiel und durch seine Verleugnung einmal völlig zusammenbrach und
ganz elend handelte (Mt 26,69-74).
Salomo sagt (Spr 30,21,23), eine Magd, die plötzlich Herrin wird,
werde leicht ein überhebliches Wesen. Es bestünde daher auch für die
Seele, die lange Zeit ihren eigenen Leidenschaften und Neigungen ge-
dient hat, große Gefahr, stolz und eitel zu werden, wenn sie in einem
Augenblick völlig Herrin über sich würde. Wir müssen uns daher nach
und nach und Schritt für Schritt die Beherrschung derselben erwerben,
II. Brulart 277 91

auf deren Erreichung manche heilige Frauen und Männer Dutzende Jah-
re angewandt haben. Daher heißt es, ich bitte Sie, Geduld haben mit
allem, in erster Linie aber mit sich selbst.
Sie tun nichts im Gebet, sagen Sie mir. Aber was möchten Sie denn
dabei anderes tun, als Sie bereits tun, nämlich Ihre Nichtigkeit und Ihr
Elend Gott vorzustellen und darzustellen? Die schönste Ansprache hal-
ten uns die Bettler, wenn sie ihre Geschwüre und Nöte unserem Auge
enthüllen. Manchmal aber, sagen Sie, tun Sie nichts von alledem, son-
dern verharren nur da wie ein Luftgebilde und eine Statue. Nun, das ist
gar nicht wenig. In den Palästen der Fürsten und Könige stellt man Statu-
en auf, die nur dazu dienen, das Auge des Fürsten zu erfreuen. Begnügen
Sie sich also damit, als eine solche Statue in der Gegenwart Gottes zu
dienen, er wird sie beleben, wenn es ihm gefällt.
Die Bäume tragen nur unter der Einwirkung der Sonne Früchte, die
einen früher, die anderen später, die einen alle Jahre, die anderen alle
drei Jahre und nicht immer in der gleichen Weise. Wir sind doch recht
glücklich, in der Gegenwart Gottes bleiben zu dürfen, und sollen uns
damit begnügen, daß diese uns früher oder später, alle Tage oder manch-
mal Frucht tragen läßt, ganz nach seinem Wohlgefallen, in das wir uns
gänzlich fügen sollen.
Sie sagen mir da ein wunderbares Wort: es ist mir völlig eins, in welche
Sauce Gott mich nach seinem Willen legt, wenn ich ihm nur dienen
kann. Aber achten Sie darauf, dies so recht und gründlich in Ihrem Geist
zu überdenken; verkosten Sie langsam seine Bedeutung und schlucken
Sie es nicht als ganzes hinunter. Die Mutter Theresia, die Sie so sehr
lieben, worüber ich mich freue, sagt an irgendeiner Stelle, daß wir recht
oft solche Worte aus Gewohnheit und einer gewissen Gedankenlosigkeit
heraus sagen und meinen, es käme uns aus tiefstem Herzen, obwohl dem
nicht so ist, wie wir nachher in unserem Handeln sehen. Gut, Sie sagen
mir, es sei Ihnen völlig eins, in welche Sauce Gott Sie legt. Nun, Sie
wissen wohl, in welche Sauce, in welchen Stand und in welche Lebens-
weise er Sie gestellt hat; sagen Sie mir doch, ist Ihnen das völlig eins? Sie
wissen doch ebenso gut, daß er diese tägliche Schuld, von der Sie mir
schreiben, von Ihnen bezahlt sehen will, und doch ist Ihnen das nicht
völlig eins. Mein Gott, wie geschickt schleicht sich doch die Eigenliebe
in unsere Empfindungen ein, so fromm sie auch scheinen und aussehen
mögen!
Das ist die Hauptsache: Wir müssen schauen, was Gott will, und wenn
wir das erkennen, müssen wir versuchen, es froh oder zumindest mutig
92 II. Brulart 277

zu tun; und nicht nur das, wir müssen auch diesen Willen Gottes und die
Verpflichtung lieben, die sich uns daraus ergibt, und müßten wir unser
ganzes Leben lang Schweine hüten und die niedrigsten Arbeiten von der
Welt tun; denn es soll uns völlig eins sein, in welche Sauce Gott uns
versetzt. Das ist die Mitte der Vollkommenheit, auf die wir immer zielen
sollen, und wer ihr am nächsten kommt, trägt den Preis davon. Mut, ich
bitte Sie: gewöhnen Sie Ihren Willen nach und nach daran, dem Willen
Gottes zu folgen, wohin er uns auch führt. Bringen Sie ihn dazu, daß er
sich sehr betroffen fühlt, wenn Ihr Gewissen Ihnen sagt, Gott will es, und
allmählich werden diese Widerstände, die Sie jetzt so stark verspüren,
schwächer werden und bald darauf gänzlich aufhören. Im besonderen
aber sollen Sie kämpfen, daß das innere Widerstreben nicht nach außen
zutage trete, oder es zumindest abschwächen. Unter den Zornigen und
Unzufriedenen gibt es solche, die ihr Mißfallen nur mit den Worten
ausdrücken: Mein Gott, was soll dies? Die anderen aber sagen viel schär-
fere Worte und bezeugen nicht bloß eine einfache Unzufriedenheit, son-
dern auch einen gewissen Stolz und Ärger. Ich will sagen, daß wir nach
und nach diese Äußerungen abstellen sollen, indem wir sie alle Tage
abschwächen.
Ihren Wunsch, die Ihren im Dienst Gottes und im Wunsch nach christ-
licher Vollkommenheit Fortschritte machen zu sehen, lobe ich überaus
und will, wie Sie wünschen, meine schwachen Gebete Ihren Bitten zu
Gott dafür hinzufügen. Ich muß aber, gnädige Frau, die Wahrheit beken-
nen: Ich fürchte ständig, daß in diese Wünsche, die nicht das Wesentli-
che unseres Heiles und unserer Vollkommenheit ausmachen, sich Ge-
danken von Eigenliebe und Eigenwillen hineinmengen. Wir könnten
z.B. uns so sehr bei diesen Wünschen aufhalten, die uns nicht notwendig
sind, daß wir in unserem Geist nicht genug Raum lassen für die Wün-
sche, die uns notwendiger und nützlicher sind, die nach unserer eigenen
Demut, Ergebung, Herzensgüte und ähnlichem. Wir könnten auch so
heiße Wünsche hegen, daß sie uns in Unruhe und Geschäftigkeit stürzen
und wir sie schließlich dem Willen Gottes nicht so völlig unterwerfen,
wie es unerläßlich wäre.
Ähnliches befürchte ich bei solchen Wünschen; darum bitte ich Sie,
sich recht in acht zu nehmen, um nicht solchen Unannehmlichkeiten zu
verfallen. Ich bitte Sie, auch diesen Wunsch ganz gelassen und liebevoll
zu verfolgen, d. h. ohne deshalb jenen lästig zu fallen, die Sie zu dieser
Vollkommenheit überreden wollten, ja ihnen nicht einmal Ihren Wunsch
aufzudecken, denn das würde, glauben Sie mir, der Sache eher Hinder-
II. Brulart 282 93

nisse bereiten als sie fördern. Sie müssen also, durch Beispiel und Worte,
in aller Ruhe den Samen von Dingen in sie hineinlegen, die sie zu Ihrem
Vorhaben hinführen können, ohne daß Sie sich den Anschein geben, sie
belehren oder gewinnen zu wollen, und so nach und nach heilige Einge-
bungen und Erkenntnisse in ihren Geist senken. So werden Sie viel mehr
gewinnen als auf jede andere Weise, vor allem, wenn Ihr Gebet noch
dazukommt ...

XIII, 37-39 (282) um den 20. April 1605.


Meine sehr liebe Frau Schwester!
Dadurch, daß Sie mir so oft geschrieben haben, schenkten Sie mir
überaus große Freude. Ich meinerseits habe niemals verfehlt, Ihnen bei
allen sich bietenden Gelegenheiten zu schreiben. Ich habe Ihnen bis jetzt
Punkt für Punkt auf alles geantwortet, worum Sie mich gefragt haben,
und weiß, daß Sie bereits meine Briefe in Händen haben.
Es bleibt mir noch zu sagen, daß ich Ihrer guten Schwester, der Frau
Äbtissin so ausführlich geschrieben habe, daß ich sie dadurch getröstet
hoffe. Ich weiß, daß ihr körperliches Wohlbefinden zum guten Teil von
ihrer geistlichen Tröstung abhängt. Sie scheint mir ein wenig zu sehr
Angst davor zu haben, ich könnte gekränkt sein, wenn sie ihr Inneres
irgendjemand anderem aufschließe. In der Tat ist es so, wer einen Nutzen
haben will, darf nicht einmal da, einmal dort unterschiedslos sein Herz
ausschütten oder bei jeder Gelegenheit seine Lebensmethode und -weise
ändern. Doch muß man mit einer gewissen Freiheit leben und, wenn es
notwendig ist, keine Bedenken haben, von jedem zu lernen und sich die
Gaben, die Gott in viele hineinlegt, zunutze zu machen. Ich wünsche
nichts so sehr, als sie weiten Herzens und ohne irgendwelchen Zwang im
Dienst Gottes zu sehen. Ich sage das auch Ihnen, damit Sie mich recht
verstehen und in aller Freiheit, so gut es geht, auf dem Weg der heiligen
Vollkommenheit vorwärts streben.
Ich habe ziemlich ausführlich Herrn Viardot geschrieben, dem ich, als
ich dort war, sehr Freund geworden bin. Ich bitte ihn, er möge möglichst
oft nach dem Kloster von Puits d’Orbe sehen; ich bin sicher, daß er ihm
von Nutzen sein wird. Gott hat ihn zweifellos dafür vorbereitet, wofür
ich seine göttliche Majestät von ganzem Herzen preise. Was Sie betrifft,
meine liebe Schwester, so habe ich Ihnen bereits in einem anderen Brief
gesagt, daß ich nicht bloß Ihre Wahl billige, ihn zu Ihrem Beichtvater zu
nehmen, sondern daß es mich auch freut. Ich sagte Ihnen, Sie könnten
94 II. Brulart 289

von ihm erfahren, welche Almosen und andere Akte der Nächstenliebe,
die Sie tun wollen und sollen, angemessen sind. Sie werden auch gut
daran tun, ihm in allem übrigen Ihres inneren und geistlichen Verhaltens
zu gehorchen. Damit will ich mich aber nicht meiner Pflicht entziehen,
alles beizutragen, was Gott mir an Erleuchtung und Kraft schenken wird,
denn es wäre mir nicht möglich, das heilige Band zu lösen, mit dem Gott
uns verbunden hat.
Festigen Sie alle Tage immer mehr Ihren mit soviel Liebe gefaßten
Entschluß, Gott nach seinem Wohlgefallen zu dienen und ihm ganz zu
gehören, ohne irgendetwas für Sie oder für die Welt zurückzubehalten.
Nehmen Sie seinen heiligen Willen, wie immer er sein mag, in aller
Aufrichtigkeit auf sich und denken Sie nie, Sie hätten die Reinheit des
Herzens erreicht, die Sie ihm schenken sollen, bevor Ihr Wille nicht nur
zur Gänze, sondern in allem, und sogar in den Ihnen am meisten wider-
strebenden Dingen, freiwillig und freudig sich seinem hochheiligen Wil-
len unterworfen hat. Betrachten Sie zu diesem Zweck nicht das Ausse-
hen der Dinge, die Sie tun, sondern Ihn, der sie Ihnen befiehlt, der –
wenn es ihm gefällt – seinen Ruhm und unsere Vollkommenheit aus den
unvollkommensten und schwächsten Dingen zieht (1 Kor 1,27-29).
Nein, keine Höflichkeitsfloskeln zwischen uns; unsere Bande sind nicht
aus solchen Stricken gemacht. Sie sind unveränderlich, unzerstörbar und
ewig, da wir uns im Himmel um der gleichen Liebe zu Jesus Christus
willen lieben werden, die hier unten unsere Herzen und Seelen vereint
und mich zu Ihrem sehr ergebenen und wohlgeneigten Diener macht.

XIII, 53-54 (289) Annecy, 10. Juni 1605.


Meine sehr liebe Frau Schwester!
Da bin ich daran, Ihnen zu schreiben, und weiß nichts, was ich sagen
soll, als daß Sie immer freudig auf diesem himmlischen Weg weiterge-
hen sollen, auf den Gott Sie gestellt hat. Ich will ihm mein ganzes Leben
lang für die Gnaden danken, die er Ihnen bereitet hat. Bereiten auch Sie
ihm Ihrerseits als Gegengabe Ihre ganze Ergebung und leiten Sie Ihr
Herz tapfer zur Ausführung der Dinge an, von denen Sie wissen, daß er
sie von Ihnen will, trotz aller Arten von Widersprüchen, die sich dem
entgegenstellen könnten.
Schauen Sie nie auf die Beschaffenheit der Dinge, die Sie tun, sondern
auf die Ehre, die sie, mögen sie noch so gering sein, haben, von Gottes
heiligem Willen gewollt zu sein, von seiner Vorsehung befohlen und
II. Brulart 305 95

durch seine Weisheit angeordnet zu werden. Mit einem Wort, wem soll-
ten sie unangenehm sein, da sie doch Gott wohlgefällig und als solche
anerkannt sind? Achten Sie darauf, meine sehr liebe Tochter, daß Sie alle
Tage reineren Herzens werden. Diese Reinheit aber besteht darin, alle
Dinge nach dem Gewicht des Allerheiligsten abzuschätzen und abzuwä-
gen, das nichts anderes ist als der Wille Gottes.
Lieben Sie bitte nichts allzusehr, nicht einmal die Tugenden, die man
manchmal einbüßt, wenn man sie übertreibt. Ich weiß nicht, ob Sie mich
verstehen, aber ich denke schon; habe ich doch Ihre Wünsche und Ihren
Eifer vor Augen. Es scheint mir für die Rosen nicht charakteristisch zu
sein, daß sie weiß sind, denn die purpurfarbenen sind schöner und duften
mehr; weiß zu sein, zeichnet vielmehr die Lilie aus. Seien wir doch, was
wir sind, und seien wir es gut, um dem Meister Ehre zu machen, dessen
Werk wir sind (Eph 2,10). Man machte sich über den Maler lustig, der
ein Pferd malen wollte, statt dessen aber einen Stier ausgezeichnet dar-
stellte. Das Werk an sich war schön, machte aber dem Künstler wenig
Ehre, der doch etwas anderes darstellen wollte und nur durch Zufall
etwas Gutes zustandebrachte. Seien wir das, was Gott will, vorausge-
setzt, daß wir ihm gehören, und seien wir nicht das, was wir gegen seine
Absicht sein wollen; denn wozu würde es dienen, wenn wir die vortreff-
lichsten Geschöpfe des Himmels wären, aber nicht in Übereinstimmung
mit dem Willen Gottes? Ich spreche vielleicht zuviel davon, will es aber
nicht mehr so häufig sagen, da doch Unser Herr selbst Sie in dieser
Hinsicht bereits sehr gestärkt hat.
Tun Sie mir die Liebe, mich über den Gegenstand Ihrer Betrachtungen
für das gegenwärtige Jahr zu unterrichten; es wird mich freuen, ihn zu
kennen und die Früchte, die sie in Ihnen hervorbringen. Seien Sie fröh-
lich in Unserem Herrn, meine liebe Schwester, und bewahren Sie Ihr
Herz in Frieden. Ich grüße Ihren Herren Gemahl und bin ohne Ende,
gnädige Frau, Ihr Ihnen sehr zugeneigter und treuer Diener und Bruder.

XIII, 86-87 (305) Annecy, 28. August 1605.

Gnädige Frau, meine sehr liebe Schwester!


Ich schreibe Ihnen gern durch diesen Boten, weil er mir sicher scheint
und mir bald Nachrichten von Ihnen zurückbringen wird, wenn Sie mir
welche durch ihn zukommen lassen wollen. Wie sehr wünsche ich doch,
meine liebe gnädige Frau, diese Nachrichten möchten heilig und den
96 II. Brulart 331

Gnaden entsprechend sein, die Gott Ihnen erwiesen hat. Aber ich zweif-
le in keiner Weise, daß sie immer so sind und daß Sie mir Gewißheit
geben über einigen geistlichen Fortschritt in der Liebe zu Gott und zu
Ihrer Berufung. Verharren wir daher, meine Schwester, nirgendwo als
nur in Gott; außerhalb können wir ja auch keine Ruhe finden. Haben Sie
ein großes und nach oben gerichtetes Herz, das seine Ruhe und seinen
Frieden inmitten aller Ungewitter zu wahren weiß.
Seit langer Zeit habe ich keine Nachrichten von unserer guten Schwe-
ster, der Frau von Puits d’Orbe. Das bekümmert mich, denn sie ist mir so
teuer und ich kann mich einer gewissen leichten Unruhe nicht erwehren,
wenn ich nicht oft über den Zustand ihrer Seele und ihrer guten Absich-
ten unterrichtet bin, sogar im gegenwärtigen Zeitpunkt, da doch Ihr Herr
Vater selbst mir geschrieben hat, man verhandle ganz offen über die
Reform ihres Hauses. Erweisen Sie mir die Liebe, mir bei der Rückreise
dieses Boten etwas darüber zu berichten. Der Bote wird ja vielleicht
nicht so plötzlich abreisen, daß sie Ihnen nicht selbst Briefe schicken
kann, damit ich sie durch seine Vermittlung bekomme.
Ich schreibe nicht an Herrn Viardot; es genügt mir, wenn Sie sich die
Mühe nehmen, ihn in meinem Namen zu grüßen und mich ihm für die
Zeit, wann er seine Gebete verrichtet, in Erinnerung zu rufen, denen ich
mich empfehle, wie auch den Ihren.
Der Heiland der Welt lebe und herrsche in alle Ewigkeit in unseren
Herzen, meine liebe Frau Schwester, und ich bin Ihr sehr geringer Bru-
der und Diener. Ich bitte Sie, lhrem Gemahl meine besten Empfehlun-
gen auszurichten, dessen ergebener Diener ich bin, wie auch der von
Herrn und Frau von Jacot.5

XIII, 148-151 (331) Chambéry (Februar-März) 1606.


Gnädige Frau, meine sehr liebe Schwester!
Ich sehe Sie immer leiden unter dem Wunsch nach größerer Vollkom-
menheit; ich lobe dieses Leiden, denn es lähmt Sie nicht, das weiß ich
wohl; es belebt Sie im Gegenteil und stachelt Sie zu deren Eroberung an.
Sie leben, wie Sie sagen, mit tausenderlei Unvollkommenheiten. Das
stimmt, meine gute Schwester; aber versuchen Sie nicht von einer Stun-
de auf die andere, sie in Ihnen absterben zu lassen? Solange uns hier
dieser so schwerfällige und dem Verderben ausgesetzte Leib umschließt,
wird in uns immer irgendetwas fehlen. Ich weiß nicht, ob ich Ihnen das
schon einmal gesagt habe: Wir müssen Geduld haben mit aller Welt, und
II. Brulart 331 97

in erster Linie mit uns selbst, da wir uns selbst lästiger fallen als irgend-
ein anderer, seitdem wir zu unterscheiden wissen zwischen dem alten
und dem neuen Adam, dem inneren und dem äußeren Menschen.
Sie haben also bei der Betrachtung immer das Buch in Händen, sonst
tun Sie nichts. Warum soll Sie das bekümmern? Ob mit dem Buch in
Händen und mehrmals wieder anfangend, oder ohne Buch – was liegt
daran? Als ich Ihnen sagte, Sie sollten nur eine halbe Stunde darauf
verwenden, geschah dies zu Beginn, da ich fürchtete, lhre Vorstellungs-
kraft zu überfordern; jetzt aber besteht keine Gefahr mehr, eine Stunde
darauf zu verwenden.
An dem Tag, an dem man kommuninziert hat, kann man ohne jede
Gefahr allen Arten von Geschäften nachgehen und Arbeiten leisten;
nichts zu tun, wäre gefährlicher. Denken Sie, daß die Christen in der
Urkirche, wo alle jeden Tag kommunizierten, deshalb die Arme ver-
schränkt hielten? Und der hl. Paulus, der alltäglich die heilige Messe
feierte, verdiente dennoch seinen Lebensunterhalt mit der Arbeit seiner
Hände (Apg 20,34; 1 Thess 2,9).
Von zwei Dingen allein soll man sich am Tag der Kommunion enthal-
ten: von Sünde und von Genüssen und Vergnügungen, die man selbst
aufsucht; denn jene, zu denen man verpflichtet oder genötigt ist, oder an
denen man aus ehrbarer Nachgiebigkeit teilnimmt, sind keineswegs an
diesem Tag verboten. Im Gegenteil, sie sind angeraten, sofern man dabei
eine freundliche und heilige Mäßigkeit bewahrt. Nein, ich würde nicht
davon Abstand nehmen, an diesem Tag zu einem ehrbaren Festmahl
oder zu einer anständigen Gesellschaft zu gehen, wenn ich dazu eingela-
den wäre, obwohl ich sie von mir aus nicht aufsuchen würde. Ein anderes
Beispiel: Verheiratete Leute können an diesem Tag wohl ihre ehelichen
Pflichten erfüllen, ja sie sollen es; sie zu fordern allerdings wäre eine
gewisse Ungebührlichkeit, jedoch keine schwere Sünde. Ich bringe ab-
sichtlich dieses Beispiel.6
Sie fragen mich, ob jene, die sich um Vollkommenheit bemühen, so-
viel von der Welt sehen können. Die Vollkommenheit, meine liebe Dame,
besteht nicht darin, die Welt nicht zu sehen, wohl aber darin, nicht Ge-
schmack an ihr zu finden und sie nicht zu genießen. Gefahr ist alles, was
unser Blick uns zeigt, denn wer die Welt sieht, ist irgendwie in Gefahr,
sie zu lieben; wer aber fest, bestimmt und entschlossen ist, dem schadet
ein solcher Blick nicht. Mit einem Wort, meine Schwester, die Vollkom-
menheit der Liebe ist die Vollkommenheit des Lebens, denn das Leben
unserer Seele ist die Liebe. Unsere ersten Christen waren dem Leib nach
98 II. Brulart 331

in der Welt, nicht aber mit dem Herzen, und das hinderte sie nicht, recht
vollkommen zu sein.
Meine liebe Schwester, ich möchte keine Verstellung in uns sehen;
keine richtige Verstellung nämlich. Geradheit und Einfachheit sind die
uns eigenen Tugenden. Mich ärgern aber, sagen Sie, falsche Beurteilun-
gen meiner Person, die doch nichts Wertvolles tut, man glaubt es aber;
und Sie fragen mich nach Abhilfe. Nun, meine liebe Tochter, die Heili-
gen haben mich dazu folgendes gelehrt: wenn die Welt uns verachtet,
dann freuen wir uns darüber, denn das geschieht mit Recht, denn wir
erkennen recht wohl, wie verachtenswert wir sind; wenn die Welt uns
aber hochschätzt, dann schätzen wir diese Hochschätzung und dieses
Urteil gering ein, denn die Welt ist blind. Fragen Sie wenig danach, was
die Welt denkt, machen Sie sich keinerlei Sorgen darüber, schätzen Sie
deren Achtung oder Verachtung nur gering ein und lassen Sie sie reden,
was sie will, ob Gutes oder Schlechtes.
Ich billige also nicht, daß man Fehler begehe, um eine schlechte Mei-
nung von sich zu verursachen, das heißt doch immerhin Fehler begehen
und Ursache sein, daß auch der Nächste Fehler begehe. Ich möchte im
Gegenteil, daß wir, die Augen auf Unseren Herrn geheftet, unsere Pflich-
ten erfüllen, ohne darauf zu achten, was die Welt davon denkt oder wel-
che Miene sie dazu macht. Man kann es wohl meiden, eine gute Meinung
über sich zu verursachen; man darf aber nicht trachten, eine schlechte zu
verursachen, vor allem nicht durch eigens zu diesem Zweck begangene
Fehler. Mit einem Wort, mißachten Sie fast in gleicher Weise die Mei-
nung der Welt über Sie und machen Sie sich darüber keine Sorgen. Es ist
gut zu sagen, daß man nicht das ist, was die Welt denkt, wenn sie Gutes
über Sie denkt; denn die Welt ist ein Scharlatan, sie sagt immer zuviel,
im Guten wie im Bösen.
Aber was sagen Sie mir da? Daß Sie die anderen beneiden, die ich
Ihnen vorziehe? Und das Schlimmste ist: Sie sagen, das wüßten Sie si-
cher. Wieso wissen Sie das wohl, meine liebe Schwester? Worin bevor-
zuge ich die anderen? Nein, glauben Sie mir, Sie sind mir lieb, sehr lieb;
und ich weiß, daß Sie die anderen nicht mir vorziehen, obwohl Sie es
müßten. Aber ich will zu Ihnen im Vertrauen sprechen. Unsere beiden
Schwestern auf dem Land7 bedürfen mehr des Beistandes als Sie, die Sie
in der Stadt sind, wo Sie überreichlich Übungen, Ratschläge und alles
Nötige finden, während jene niemand haben, der ihnen hilft.
Und was unsere Schwester von Puits d’Orbe betrifft, sehen Sie nicht,
daß sie allein ist, da sie nicht geneigt ist, zu jenen Vertrauen zu haben und
II. Brulart 338 99

sich ihnen unterzuordnen, die Ihr Herr Vater ihr vorschlägt, Ihr Herr
Vater aber wiederum jene nicht billigt, die wir ihm vorschlagen? Denn
nach dem, was sie mir schreibt, kann Ihr Herr Vater die Wahl des Herrn
Viardot nicht billigen.8 Muß ich da nicht mehr Mitgefühl haben mit
diesem armen geprüften Wesen als mit Ihnen, die Sie, Gott sei Dank,
soviele Möglichkeiten haben? ...

XIII, 160-161 (338) Annecy, 3. April 1606.


Meine sehr liebe Frau Schwester!
Ich habe Ihnen bereits meine Meinung über Ihren letzten Brief ge-
schrieben. Ich sehe aber, daß Sie diese so sehr wünschen, und ich muß
fürchten, daß meine Pakete verlorengegangen sind und Sie deswegen in
Sorge bleiben. Daher will ich Ihnen nochmals sagen, daß Sie ohne weite-
res das Kloster unserer Schwester9 betreten können, bis die Klausur dort
richtig eingeführt wird. Die Leute, die Sie darüber in Ängste versetzen,
sind gut und fromm; das bezeugt diese Angst, die aber ganz unbegründet
ist; darum kehren Sie sich nicht daran. Wolle Gott, daß die Menschen,
die dieses Haus nur neugierig und taktlos betreten, Angst hätten, denn
die hätten dazu guten Grund; nicht aber Sie bis zu dem Zeitpunkt, wo,
wie ich sagte, die Klausur dort eingeführt wird, was jedoch nicht so bald
geschehen wird, wie ich es wünsche.
Ich habe bereits gewußt, was Sie mir über die Unruhe unter allen Or-
densschwestern sagen, und ich bin darüber betrübt. Ursache davon ist,
daß diese Seelen nicht gut geführt und geregelt sind. Das ist eben das
Übel aller Übel bei den Menschen guten Willens, daß sie immer das sein
wollen, was sie nicht sein können, und das nicht sein wollen, was sie sein
könnten. Man sagt mir, daß diese guten Töchter ganz begeistert sind vom
Geruch der Heiligkeit, den die heiligen Karmelitinnen verbreiten, und
daß sie alle dazu gehören möchten. Ich denke aber nicht, daß sich dies
leicht machen ließe. Daher muß ich ihnen sagen, daß sie keinen rechten
Gebrauch von diesem guten Beispiel machen. Es sollte ihnen dazu die-
nen, sie anzueifern, daß sie mutig die Vollkommenheit ihres Standes
anstreben, nicht aber sie verwirren und sich einen Stand wünschen las-
sen, zu dem sie nicht gelangen können. Die Natur hat unter den Bienen
ein Gesetz festgelegt, daß jede von ihnen in ihrem Bienenstock und aus
den Blumen ihrer Umgebung Honig mache.
Gott befohlen, meine sehr liebe Frau Tochter, drücken Sie das heilige
Kruzifix kräftig an Ihr Herz. Ich bin Ihr Ihnen sehr ergebener Diener.
100 II. Brulart 341

XIII, 166-167 (341) Annecy, 7. April 1606.10

Meine sehr liebe Frau Schwester!


Ich habe auf alle Ihre vorhergehenden Briefe geantwortet; doch wie-
derhole ich, daß Sie ohne weiteres in das Kloster Ihrer Frau Schwester
gehen können, solange die Klausur noch nicht eingeführt ist; Ihre Be-
denken darüber sind unbegründet, darüber besteht kein Zweifel. Ich habe
unsere Schwester zur Klausur dieses Klosters gedrängt und tue es weiter,
jetzt auch, Ihrem Rat folgend, bei Ihrem Herrn Vater11 und ich werde
nicht aufhören, diese Klausur zu betreiben; denn das ist, wie ich Ihrem
Herrn Vater sagte, das Entscheidende in dieser Angelegenheit.
Meine liebe Schwester, wenn Ihr Beichtvater es für ratsam hält, daß Sie
häufiger als alle acht Tage kommunizieren, können Sie es ruhig tun;
denn ich denke, daß er die Verfassung Ihrer Seele sieht und sorgfältig
beobachtet, um Sie in dieser Hinsicht gut zu führen. Wenn ich Ihnen so
nahe wäre, um diese besondere Angelegenheit beurteilen zu können,
würde ich Ihnen meine Meinung darüber sagen; aber Sie können nicht
fehlgehen, wenn Sie der Meinung jener folgen, die Ihre gegenwärtige
Verfassung sehen und beurteilen können, was Ihnen notwendig ist; dar-
um sollen Sie sich vertrauensvoll auf ihr Urteil verlassen.
Sie möchten sich lieber ohne Fehler als inmitten von Unvollkommen-
heiten sehen; das täte ich auch gern, denn dann wären wir im Paradies.
Diese Unruhe aber, die in Ihnen entsteht, weil Sie im Laufe dieses Le-
bens keine Anzeichen der Vollkommenheit erreichen können, weckt in
Ihnen einen Anflug von Mißfallen, das zweifellos nicht rein ist, da es Sie
beunruhigt. Hassen Sie also Ihre Unvollkommenheiten, weil sie Unvoll-
kommenheiten sind, aber lieben sie sie, weil Sie dadurch Ihr Nichts und
Ihre Nichtigkeit erkennen; außerdem, weil sie zur Übung und Vervoll-
kommnung der Tugenden verpflichten und uns der Barmherzigkeit Got-
tes ausliefern. Dieser empfehle ich Sie ständig und ich hoffe, daß Sie das
Gleiche für mich tun, der ich immerdar bin und sein werde Ihr sehr
ergebener Diener und Bruder.
Ich grüße Ihren Herrn Gemahl; ich wünsche ihm den Himmel gnädig
wie allem, was zu Ihnen gehört. Sie entschuldigen sich immer; um Got-
tes willen, tun Sie das nicht mehr, denn es scheint, Sie wissen nicht,
welche Einstellung seine göttliche Güte mir für Sie gegeben hat.
Gott sei Ihr Alles, meine liebe Schwester.
II. Brulart 347 101

XIII, 174-176 (347) Annecy, 29. April 1606.

Meine sehr liebe Schwester und Tochter in Unserem Herrn!


Jetzt endlich habe ich den Brief erhalten, den Sie mir am 28. Dezem-
ber des vergangenen Jahres schrieben; der arme La Pause, dem er über-
geben worden war, hat ihn nicht früher bringen können, da er sich bei
Macon ein Bein gebrochen hat. Mit diesem Brief erhielt ich den Bericht,
den mir die gute Tochter, die Sie kennen, über den kleinen Zwischenfall
geschickt hat, der ihr in der geistlichen Freundschaft mit der Person
zugestoßen ist, zu der sie Vertrauen gefaßt hatte.12 Weil Sie ihr besser zu
sagen vermögen, als ich ihr schreiben kann, was ich darüber mitteilen
möchte, will ich es Ihnen sagen.
Sie soll doch über diese Schwierigkeit nicht erstaunt sein; denn das ist
nur Schmutz und Rost, der sich gewöhnlich im menschlichen Herzen
auf die reinsten und aufrichtigsten Neigungen legt, wenn man nicht auf-
paßt. Sieht man nicht, daß die Weinstöcke, die den besten Wein hervor-
bringen, am meisten Wucherungen ausgesetzt sind und mehr ausgeputzt
und zurückgeschnitten werden müssen? So auch die Freundschaft, selbst
die geistliche. Aber das muß noch beachtet werden: Die Hand des Win-
zers, der die Rebe ausputzt, muß sehr feinfühlig sein, weil ja die auftre-
tenden Wucherungen so winzig und fein sind, daß man sie zu Beginn fast
nicht sieht, wenn man nicht recht geübte und offene Augen hat. Es nimmt
daher nicht wunder, wenn man sich dabei oft täuscht.
Diese Tochter aber soll Gott loben, daß dieser Übelstand sich ihr am
Anfang ihres frommen Lebens geoffenbart hat, denn das ist ein augenfäl-
liges Zeichen, daß seine göttliche Majestät sie bei der Hand führen und
sie durch die Erfahrung dieser überwundenen Gefahr klug und vorsich-
tig machen will, um weitere zu vermeiden.
O Gott, wie selten sieht man doch Feuer ohne Rauch! So weist auch
das Feuer der himmlischen Liebe keinen Rauch auf, solange sie rein
bleibt; wenn sie sich aber zu vermischen beginnt, erzeugt sie sogleich
den Rauch der Unruhe, Unordnung und ungeregelter Herzensstimmun-
gen. So aber sei Gott gepriesen, daß alles wieder in Ordnung und in guten
Stand gebracht ist.
Im übrigen war es kein Übel, sich derart zu erklären, daß man die
Person erkennen könnte, von der die Rede war, da es sich eben nicht
anders machen ließ. Ein taktvoller Seelenberater findet nichts seltsam
daran, sondern nimmt alles voll Nächstenliebe auf, fühlt in allem mit
und weiß wohl, daß der Geist des Menschen „der Eitelkeit unterworfen
102 II. Brulart 353, 361

ist“ (Röm 8,20) und in Unordnung, wenn ihm nicht ein besonderer Bei-
stand der Wahrheit zuteil wird.
Auf alles übrige, was sie mir schrieb, habe ich in den vorhergehenden
Briefen geantwortet, die Sie ihr sicher übergeben haben. Es bleibt mir
nur noch zu sagen, meine sehr liebe Schwester, daß der sicherste Weg zur
Frömmigkeit der ist, der zu Füßen des Kreuzes verläuft: Demut, Ein-
fachheit und Herzensgüte.
Gott sei immerdar in ihrem Herzen; ich bin in ihm und durch ihn,
gnädige Frau, Ihr Ihnen ergebener Diener und Bruder.

XIII, 194 (353) (Juni-August) 1606.13


Dienen Sie Gott mit großem Mut, und so sehr Sie können, durch die
Übungen Ihres Standes. Lieben Sie alle Ihre Nächsten, vor allem aber
jene, die Sie nach Gottes Willen am meisten lieben sollen. Erniedrigen
Sie sich zu Handlungen, die nach außenhin weniger würdig erscheinen,
wenn Sie wissen, daß Gott es will; denn es ist unwichtig, auf welche
Weise der heilige Wille Gottes geschieht, ob durch angesehene oder nied-
rige Tätigkeiten. Streben Sie oft nach der Vereinigung Ihres Willens mit
dem Unseres Herrn; haben Sie Geduld mit sich selbst in Ihren Unvoll-
kommenheiten; überhasten Sie sich nicht und hegen Sie nicht viele
Wünsche nach Handlungen, die Ihnen unmöglich sind.
Meine liebe Schwester, gehen Sie beständig und ganz ruhig Ihren Weg
weiter. Wenn der liebe Gott will, daß Sie laufen, wird er auch Ihr Herz
erweitern (Ps 119,32); wir unsererseits bleiben bei dieser einzigen Leh-
re: „Lernt von mir, denn ich bin sanftmütig und demütig von Herzen“
(Mt, 11,29) ...

XIII, 213-217 (361) Mitte September 1606.


Meine sehr liebe gnädige Frau und sehr geliebte Schwester!
Bei der Ankunft des Herrn von Sauzéa habe ich tausendfachen Trost
empfangen durch den Bericht, den er mir von allem lieferte, was sich
dort begab, besonders aber von dem, was Sie betrifft. Gehen Sie immer
voran, meine liebe Tochter, und weichen Sie weder nach rechts noch
nach links ab.
Ich stecke in einer Arbeit, die mich so kurz am Zügel hält, daß ich ihr
kaum entrinnen kann, um Ihnen meinem Wunsch entsprechend zu
II. Brulart 361 103

schreiben, noch auch an unsere Frau Äbtissin. Ich will also kurz auf Ihre
Fragen Antwort geben.
Kommunizieren Sie ganz ruhig nach dem Rat der Herren de Bérulle14
und Gallemand, da Sie sich dazu hingezogen und darin getröstet fühlen,
und sorgen Sie sich keineswegs, daß Sie bei Ausübung Ihrer Standes-
pflichten etwas Ungebührliches begehren; denn es gibt da, meine liebe
Tochter, keine Ungebührlichkeit, sondern nur einen Schein davon. Die-
se Pflichtleistung ist vor den Augen Gottes keineswegs unanständig; sie
ist ihm im Gegenteil recht, heilig, verdienstvoll, zumindest für den Teil,15
der seine Pflichten erfüllt und nicht den Verkehr sucht, sondern nur
nachgibt, um dem zu gehorchen, dem Gott die Autorität verliehen hat, in
dieser Hinsicht Gehorsam zu verlangen.
Meine liebe Tochter, wir dürfen die Dinge nicht nach unserer Auffas-
sung, sondern nach der Gottes beurteilen. Das ist das große Wort: wenn
wir nach unserem Willen heilig sind, werden wir es niemals richtig sein,
sondern wir müssen es nach dem Willen Gottes sein. Der Wille Gottes
aber ist es, daß Sie aus Liebe zu ihm ganz frei so handeln: daß Sie aufrich-
tig die Erfüllung Ihrer Standespflichten lieben. Ich sage: Sie sollen sie
lieben und gern tun, nicht wegen des äußerlichen Aktes, der an sich
Wollust sein kann, sondern wegen seines inneren Wesens, weil Gott ihn
angeordnet hat, weil sich unter dieser niedrigen äußeren Schale der Wil-
le Gottes vollzieht. Mein Gott, wie oft täuschen wir uns doch!
Ich sage Ihnen nochmals, daß wir nicht auf die äußere Beschaffenheit
der Handlungen schauen sollen, sondern auf die innere, d. h. ob Gott es
will oder nicht.
Die weltlichen Anschauungen vermischen und vermengen sich immer
wieder mit unseren Gedanken. Im Haus eines Fürsten gilt es nicht so-
viel, ein Küchenjunge zu sein als ein Kammerherr; im Haus Gottes aber
sind die Küchenjungen und -mägde oft viel würdiger; wenn sie sich auch
schmutzig machen, tun sie dies doch aus Liebe zu Gott, d. h. seinem
Willen und seiner Liebe zuliebe. Und dieser Wille verleiht unseren Hand-
lungen ihren Wert, nicht das Äußere.
Ich bin oft genug beschämt, wenn ich dies erwäge, da ich doch einen so
hohen Rang im Dienst Gottes habe. O Gott, sollen also Handlungen, die
nach außenhin niedrig sind, doch reich an Verdienst sein – und meine
Predigten, Firmungen, nach außenhin so hoch erhaben, doch so niedrig
an Verdienst für mich, wegen des Mangels an Liebe und Hingabe?
Ich habe dies so gesagt, damit Sie wissen sollen, daß die Kommunion
104 II. Brulart 361

in keiner Weise unvereinbar ist mit dem Gehorsam, in welcher Art von
Handlung man ihn auch übt. In der Urkirche kommunizierte man alle
Tage16 und doch verlangte der hl. Paulus von den Verheirateten, daß sie
einander nicht der ehelichen Pflicht entziehen dürften (1 Kor 7,25). Das
sei ein für allemal gesagt und es mag Ihnen genügen, daß dies die reine
Wahrheit ist.
Aber sündigt nicht der begehrende Teil, wenn er weiß, daß der andere
kommuniziert hat? Wieder sage ich nein, keineswegs, vor allem, wenn
die Kommunionen häufig sind. Was ich von der Urkirche gesagt habe,
legt Zeugnis dafür ab und der Grund hierfür ist ganz klar. Ja mehr noch:
selbst wenn der kommunizierende Teil am Tag der Kommunion den
Verkehr suchte, wäre es nur eine sehr läßliche und leichte Sünde17 wegen
ein wenig Unehrerbietigkeit, die da hineinspielen könnte. Aber nicht zu
begehren, sondern nur nachzugeben, ist ein großes Verdienst und die
Gnade der Kommunion wird dadurch nur wachsen, anstatt sich zu ver-
mindern. Doch genug davon.
Was die Almosen betrifft, müssen Sie wissen, ob es in der Absicht
Ihres Gatten liegt, wenn Sie solche spenden im Verhältnis zu Ihrem Ver-
mögen und den Mitteln Ihres Hauses. Und da Sie das, scheint mir, bejaht
haben, gibt es keine Schwierigkeit, nicht nur, daß Sie es tun können,
sondern es sogar tun sollen. Die Größe der Almosen kann niemand bes-
ser beurteilen als Sie selbst. Sie müssen Ihre Mittel und Verpflichtungen
erwägen und daraufhin Ihre Almosen nach der Bedürftigkeit der Armen
abstimmen; denn in Zeiten von Hungersnot soll man bei knapper Ver-
sorgung des Hauses freizügiger schenken; in Zeiten des Überflusses ist
es weniger erforderlich und mehr erlaubt, Vorräte anzulegen.
Es ist gleichgültig, ob die Beichte schriftlich niedergelegt wird; was Sie
anlangt, so versichere ich Ihnen, daß Sie dies nicht tun brauchen, denn
ich erinnere mich, wie genau Sie die Generalbeichte abgelegt haben,
auch ohne sie niederzuschreiben. Ja, viele billigen es nicht, daß man sie
niederschreibt, das heißt, sie wollen lieber, daß man sich mit freien Wor-
ten anklagt. Jahresbeichten sind gut, denn sie bringen uns zur Erwägung
unserer Armseligkeit, lassen uns erkennen, ob wir Fortschritte machen
oder zurückfallen, lassen uns lebhafter unsere guten Vorsätze erneuern.
Man muß sie aber ohne Unruhe und Skrupel ablegen, nicht so sehr, um
losgesprochen, als um ermutigt zu werden, und die Gewissenserforschung
braucht dabei nicht so genau, sondern nur im großen gemacht werden.
Wenn Sie die Jahresbeichten so ablegen können, rate ich Ihnen dazu;
wenn nicht, dann wünsche ich nicht, daß Sie dies tun.
II. Brulart 367 105

Meine liebe Schwester, Sie baten mich noch um eine kleine Zusam-
menstellung der einer verheirateten Frau eigenen Tugenden; dazu habe
ich jedoch jetzt nicht die nötige Zeit. Eines Tages will ich Ihnen darüber
etwas schriftlich niederlegen, denn ich wünsche Ihnen von ganzem Her-
zen zu dienen; und obgleich ich weiß, daß es Ihnen bei Ihrer Verbindung
mit so vielen heiligen und gelehrten Seelen an guten Ratschlägen nicht
mangelt, will ich Ihnen doch auch meinen Ratschlag geben, da Sie ihn
wünschen.
Meine Schwester wird nicht so bald zu Ihnen zurückgebracht werden
können, da meine Mutter sie unserer Frau Äbtissin noch für dieses Jahr
überläßt.18 Sie erweisen diesem jungen und schlichten Geschöpf zuviel
Ehre, daß Sie es bei sich wünschen, aber meine Mutter hält das Leben auf
dem Land für die Mädchen dieses Landes für günstiger als das Leben in
der Stadt; das ließ sie auch den Entschluß fassen, eher Frau von Chantal
damit zu belästigen als Sie. Ich meinerseits halte Sie beide für so sehr
miteinander verbunden, daß ich – bei welcher sie auch sein mag – glau-
ben werde, sie sei auch bei der anderen.
Welcher Trost, zu wissen, daß Ihr Gemahl mehr und mehr aus dem
Zusammensein mit Ihnen Sanftmut und Güte gewinnt. Das ist gleich
eine der Tugenden einer verheirateten Frau und die einzige, auf die der
hl. Paulus hinweist (Tit 2,3-5).
Ich bitte Sie, meine liebe Tochter, behandeln Sie mich nicht so förm-
lich, denn ich bin aufrichtig der Ihre. Unser Herr sei immerdar Herz,
Seele und Leben unserer Herzen. Amen.

XIII, 225-230 (367) Annecy (Ende Oktober) 1606.


Meine Frau Schwester!
Ich schrieb Ihnen vor sechs Wochen, um Ihnen auf alle Ihre Fragen zu
antworten, und ich zweifle nicht daran, daß Sie meinen Brief erhalten
haben; das macht es mir möglich, mich in diesem Brief hier kürzer zu
fassen. Nach dem, was Sie mir in Ihrem Brief vom 26. September vor-
bringen, bin ich einverstanden, daß unsere gute Äbtissin jene kleinen
Regeln, die unser Vater aufgestellt hat, gut einzuführen beginnt, nicht um
dabei stehen zu bleiben, sondern um leichter zu größerer Vollkommen-
heit übergehen zu können. Nichts schadet so sehr diesem Unterfangen,
als die Verschiedenheit der gemachten Vorschläge, vor allem des Vor-
schlags einer so genauen Regel, denn das erschreckt den Geist unserer
Schwester und auch der anderen. Man soll ihnen nicht sagen, scheint es
106 II. Brulart 367

mir, welch weiten Weg sie noch für die ganze Reise zurückzulegen ha-
ben, sondern nur den Weg von einem Tag zum andern; und so sehr auch
unsere Schwester nach der Vollendung der Reform dürstet, darf man sie
darauf doch nicht drängen, denn das würde sie schwindelig machen. Man
muß ihr im Gegenteil Geduld und einen langen Atem anraten; andern-
falls wird sie wollen, daß alles auf einmal geschehe, und würde, wenn
irgendwelche Verzögerung dabei eintritt, ungeduldig werden und alles
aufgeben. Es besteht natürlich Grund genug, sich damit zufriedenzuge-
ben, was Unser Herr bis jetzt eingegeben hat; man muß ihm dafür Dank
sagen und um mehr bitten.
Meine kleine Schwester überlasse ich Ihnen und mache mir ihretwe-
gen keinerlei Sorge. Ich möchte aber nicht, daß unser Vater Angst hätte,
sie werde zu fromm, welche Angst er ja immer ihretwegen hegte, denn
ich bin sicher, daß sie in dieser Beziehung nicht durch Maßlosigkeit
sündigen wird.
Mein Gott, welch guten Vater19 haben wir doch und welch vorzügli-
chen Gatten haben Sie! Ach, sie wachen beide ein wenig eifersüchtig
über ihren Machtbereich und ihre Herrschaft, die ihnen irgendwie ver-
letzt dünkt,20 wenn man etwas ohne ihr Machtwort und ihren Befehl tut.
Was wollen Sie, man muß diese kleine Menschlichkeit verstehen. Sie
wollen die Herren sein, und haben sie nicht recht? Ja gewiß in dem, was
den Dienst betrifft, den Sie ihnen schulden; die guten Herren aber be-
denken nicht, daß man für das Wohl der Seele den geistlichen Leitern
und Ärzten Glauben schenken muß und daß Sie, ungeachtet der Rechte,
die sie auf Sie haben, Ihr inneres Wohl durch Mittel sichern sollen, die
von den zur Seelenführung eingesetzten Personen als geeignet angesehen
werden. Trotz alledem aber muß man ihren Wünschen oft nachgeben,
ihre kleinen Gemütsstimmungen ertragen und, so gut man kann, nachge-
ben, ohne unsere guten Vorsätze aufzugeben. Diese Willfährigkeit wird
Unserem Herrn wohlgefallen. Ich habe Ihnen schon anderswo einmal
gesagt: Je weniger wir nach unserem Geschmack leben und je weniger
eigene Wahl in unseren Handlungen steckt, desto besser und gefestigter
ist unsere Frömmigkeit. Es ist manchmal notwendig, Unseren Herrn zu
lassen aus Liebe zu ihm und um den anderen angenehm zu sein.
Nein, ich kann mich nicht zurückhalten, meine liebe Tochter, Ihnen
meine Gedanken zu sagen; ich weiß, daß Sie alles gut finden werden, was
meiner Aufrichtigkeit entspringt. Vielleicht haben Sie diesem guten Va-
ter und diesem guten Gatten Veranlassung gegeben, sich um Ihre Fröm-
migkeit zu sorgen und sich dagegen aufzulehnen? Was weiß ich, etwa
II. Brulart 367 107

dadurch, daß Sie ein wenig zu geschäftig und übereifrig waren und sie
selbst drängen und zu etwas zwingen wollten. Wenn dem so ist, so ist dies
zweifellos der Grund, warum sie sich jetzt dagegen auflehnen. Wenn
möglich, sollen wir vermeiden, daß unsere Frömmigkeit unangenehm
wird.
Ich will Ihnen also jetzt sagen, was Sie tun sollen. Wenn Sie können,
kommunizieren Sie, ohne Ihre beiden Vorgesetzten zu beunruhigen; tun
Sie das auf den Rat Ihrer Beichtväter hin. Wenn Sie aber fürchten, diese
dadurch aufzuregen, dann begnügen Sie sich mit der geistlichen Kom-
munion. Glauben Sie mir, diese geistliche Abtötung, dieses Entbehren
Gottes wird Gott überaus wohlgefällig sein und ihn in Ihr Herz weit
eindringen lassen. Man muß manchmal ein paar Schritte zurück ma-
chen, um dann besser vorwärts springen zu können. Ich habe oft die
äußerste Ergebenheit des hl. Johannes des Täufers bewundert, der so
lange in der Wüste, ganz nahe Unserem Herrn blieb, ohne sich zu beei-
len, ihn zu sehen, ihn anzuhören und ihm nachzufolgen. Und wie kann er
ihn dann, nachdem er ihn gesehen und getauft hatte, gehen lassen, ohne
sich an seine körperliche Gegenwart zu klammern, da er mit ihm doch
im Herzen so innig verbunden war? Aber er wußte, daß dem Herrn eben
durch diese Entbehrung der tatsächlichen Gegenwart von ihm gedient
war. Ich will sagen, daß Sie für ein Weilchen Gott dadurch dienen, daß
Sie, um das Herz dieser beiden ihnen von ihm gegebenen Vorgesetzten
zu gewinnen, Verzicht auf die wirkliche Kommunion leisten. Es wäre
mir ein großer Trost, zu wissen, daß dieser Rat Ihr Herz nicht in Unruhe
versetzte. Glauben Sie mir, dieser Verzicht, diese Selbstverleugnung wird
Ihnen überaus nützlich sein.
Doch werden Sie heimlich Gelegenheit zur Kommunion finden kön-
nen; denn vorausgesetzt, daß Sie dem Willen dieser beiden Personen
nachgeben und willfahren und daß Sie diese nicht ungeduldig machen,
gebe ich Ihnen keine andere Regel für Ihre Kommunion als die, welche
Ihre Beichtväter Ihnen geben. Diese sehen den augenblicklichen Zu-
stand Ihres Inneren und können erkennen, was für Ihr Wohl erforderlich
ist. Das gleiche antworte ich für Ihre Tochter: Lassen Sie diese die hoch-
heilige Kommunion bis Ostern ersehnen, da sie vor diesem Zeitpunkt
diese nicht empfangen kann, ohne ihren guten Vater aufzuregen; Gott
wird ihr dieses Warten lohnen.
Wie ich sehe, sind Sie jetzt richtig auf die Probe gestellt, Ergebung und
Gleichmut zu üben, da Sie Gott nicht nach Ihrem Willen dienen kön-
nen. Ich kannte eine Dame,21 eine der größten Seelen, die mir je begegnet
108 II. Brulart 367

sind, die lange Zeit in einer solchen Unterwerfung unter die Launen
ihres Gatten verharrte, daß sie auf der Höhe ihrer Hingabe an Gott und
ihrer Andachtsgluten dekolletierte Kleider tragen mußte, außenhin mit
Schmuck überladen wurde und außer zu Ostern stets nur heimlich und
verborgen kommunizieren konnte; andernfalls hätte sie tausendfachen
Sturm in ihrem Haus heraufbeschworen. Und auf diesem Weg ist sie
sehr hoch hinaufgestiegen, wie ich weiß, der ich recht oft ihr Beichtvater
gewesen bin. Töten Sie sich daher freudig ab und tun Sie in dem Maße,
als Sie verhindert sind, das Gute zu tun, das Sie wünschen, um so eifriger
das Gute, das Sie nicht wünschen (Röm 7,15.19). Sie wünschen nicht
diese Verzichte, sondern andere; aber leisten Sie die, die Sie nicht wün-
schen, denn diese sind umso wertvoller.
Die von des Portes übersetzten oder nachgedichteten Psalmen Davids
sind Ihnen in keiner Weise verboten oder schädlich, sondern im Gegen-
teil von Nutzen. Lesen Sie diese getrost und ohne Bedenken, denn es gibt
keine hierbei. Ich widerspreche nicht gern anderen, aber ich weiß gut,
daß diese Psalmen Ihnen keineswegs verboten sind und daß Sie sich nie
Skrupel deswegen machen sollen. Es kann geschehen, daß irgendein gu-
ter Pater nicht damit einverstanden ist, daß seine geistlichen Kinder sie
lesen, und vielleicht tut er das aus guten Erwägungen heraus. Aber das
hindert nicht, daß andere nicht auch gute, ja sogar bessere Gründe haben
können, sie ihren geistlichen Kindern anzuraten. Eines ist sicher, daß Sie
diese mit gutem Gewissen lesen können, wie Sie ja auch in das Kloster
von Puits d’Orbe ohne Skrupel eintreten können. Es liegt aber kein
Grund vor, Ihnen eine Strafe für diese Skrupel aufzugeben, denn die
Skrupel selbst sind schon Strafe genug für jene, die sie haben und darun-
ter leiden, so daß man keine weitere aufgeben muß. – Alcantara ist für
das äußerliche Gebet sehr gut.
Halten Sie Ihr Herz recht weit offen, um darin alle Arten von Kreuz,
Verzicht und Abtötung aus Liebe zu Ihm aufzunehmen, der so viele für
Sie auf sich genommen hat. Möge sein heiliger Name immerdar geprie-
sen sein und sein Reich feststehen in alle Ewigkeit.
Ich bin in ihm und durch ihn Ihr (und mehr noch als Ihr) Bruder und
Diener.
Ich denke, daß es mir möglich ist, so viele Steine aus dem Weg zu
räumen, daß ich mich nächstes Jahr freimachen kann, um unser Puits
d’Orbe zu sehen; deswegen aber braucht unsere Schwester nicht damit
zu warten, das ganz behutsam zu tun, was für das Wohl ihres Klosters
getan werden kann. Herr Viardot hat mir, und zwar ziemlich herzlich
II. Brulart 384 109

geschrieben; es scheint mir aber, daß er zu wissen wünscht, warum Sie


seine Ratschläge nicht mehr befolgen. Es ist nicht vernünftig, daß er das
weiß, wohl aber, daß Sie ihm immer Ehre erweisen; aber lassen Sie sich
nicht anmerken, daß ich Ihnen ein Wort darüber gesagt habe.22

XIII, 258-260 (384) Annecy, 30. Januar 1607.

Meine sehr liebe Frau Schwester und vielgeliebte Tochter!


Ich will alles, was ich Ihnen sagen kann, möglichst schnell und kurz
schreiben, denn ich habe keine Zeit; der Bote des Herrn von St. Claire ist
gerade gekommen, als mir nur dieser Abend zur Verfügung steht, um –
ich denke – zwanzig Briefe zu schreiben. Sie haben also schon lange
nichts von mir gehört; ich kann mir aber nicht denken, woran das liegt,
daß Sie nicht öfter von mir gehört haben, denn ich schrieb bei jeder
Gelegenheit und meine Zuneigung zu Ihnen läßt nicht eine einzige ver-
streichen, ohne mich zu zwingen, sie zu nützen.
Die arme Madame de Sainte Claire und ihr Gatte schreiben mir, wie
liebevoll Sie ihnen beistehen. Ich freue mich in Gott darüber; aus Liebe
zu ihm habe ich sie Ihnen ja empfohlen und aus Liebe zu ihm dienen Sie
ihnen. Ihr guter Herr Vater schreibt, daß Sie und Fräulein Villers meine
kleine Schwester die Andachtsübungen wiederholen lassen und sie füh-
ren, damit sie nicht darauf vergißt; darüber sagte ich ihm ein paar frohe
Worte, damit er es gern erlaube. Wenn er sie Ihnen zurückgibt, damit sie
bei ihnen sei, wird es mich noch mehr freuen, weil sie dann weniger bei
ihm und mehr bei Ihnen und Ihrem Fräulein Tochter sein wird, die, so
scheint es mir, kaum älter ist als sie. Sie sehen, daß ich keine Zeremoni-
en Ihnen gegenüber mache, sondern einfach annehme.
Ob ich Ihre Tochter jemals gesehen habe? Ich glaube nein; während
ich in Dijon war, hielt sie sich mit der Schwester Ihres Gatten in einem
Kloster auf. Aber wenn ich sie auch noch nicht gesehen habe, sehe ich sie
doch im Geiste vor mir und schätze und liebe sie ganz als meine Tochter
in Ihm, der mich Ihnen und ihr ganz gehören ließ. Ihr Brief erinnert an
Ihr Herz und hat mich sehr getröstet. Wenn sie es ist, der ich nach ihrem
Wunsch die heilige Kommunion spenden sollte, so kann ich dazu nur
sagen, daß sie dessen wohl fähig ist.
Sie fragen mich, ob Sie an zwei Tagen hintereinander kommunizieren
sollen, wenn hohe Festtage auf Ihre gewöhnlichen Kommuniontage fol-
gen. Ich hatte Ihnen gesagt, Sie sollten darin nach dem Rat Ihrer Beicht-
110 II. Brulart 400

väter handeln, aber da diese nicht der gleichen Meinung sind, will ich
Ihnen sagen, was ich unserer Frau von Chantal sagte: Bei hohen Festta-
gen soll man ungeachtet der gewöhnlichen Kommunion nicht verabsäu-
men, diese durch eine außergewöhnliche Kommunion zu feiern; denn
wie könnten wir ein hohes Fest ohne dieses Festmahl recht feiern? Ich
verwies Sie deshalb an Ihre Beichtväter, weil ich die besonderen Um-
stände Ihres Wunsches nicht klar erkenne. Ich weiß wohl, daß Sie bei den
Karmelitern, bei den Jesuiten und in Ihrer Pfarre recht fähige Beichtvä-
ter haben.
In keiner Weise dürfen Sie diese vielen Gedanken bekämpfen, die Ih-
ren Geist plagen, denn wann wären Sie damit fertig, sich ihrer, eines nach
dem anderen, zu entledigen? Sie müssen sie nur von Zeit zu Zeit, ich will
sagen, mehrere Male am Tag, alle gemeinsam verleugnen und im großen
und ganzen zurückweisen; dann lassen Sie den bösen Feind nur an Ihrer
Herzenstür Lärm schlagen, soviel er will; das macht nichts aus, sofern er
nicht Einlaß findet. Bleiben Sie also inmitten der Kämpfe in Frieden
und beunruhigen Sie sich nicht, denn Gott ist für Sie. Ich flehe ihn an, er
möge Sie ganz ihm zugehörig machen und für ihn da sein lassen. Amen.
Ich bin unablässig und immerdar Ihr recht ergebener Bruder und Die-
ner.
Sie haben recht, sich des Luxus und des Prunkes anzuklagen, den Sie
bei allen Gesellschaften zur Schau tragen. Suchen Sie Maß zu halten und
bemühen Sie sich, folgende Regel zu beobachten: Sie sollen derart han-
deln, daß Sie im Hinblick auf Ihren Rang und den Ihrer Gesellschaft
weder wie die am wenigsten liberalen und großzügigen Personen Ihres
Standes handeln, noch auch wie die großzügigsten und liberalsten. Ich
selbst neige zu diesem Laster, aber ich hüte mich streng davor. Freilich
dienen mir dabei die kirchlichen Vorschriften als Gesetz und Sicherung.

XIII, 289-292 (400) Annecy (Juni) 1607.

Meine sehr liebe Frau Schwester!


Ihr Vertrauen zu mir tröstet mich immer, doch bin ich betrübt, dem
nicht so sehr durch Briefe entsprechen zu können, wie ich möchte; Un-
ser Herr aber, der Sie liebt, ersetzt das ja durch den reichlichen Beistand,
der Ihnen dort zuteil wird.
Ich würde es gutheißen, wenn Sie im betrachtenden Gebet noch sachte
vorangehen. Bereiten Sie Ihren Geist durch Lesung und Anordnung von
II. Brulart 400 111

Punkten vor, jedoch ohne eine andere Vorstellung, als erforderlich ist,
um Ihren Geist zu sammeln. Ich weiß wohl, daß man gut tut, wenn man
durch eine glückliche Fügung Gott findet, dabei zu bleiben, daß man auf
ihn schaut und bei ihm verweilt. Ich denke aber nicht, meine liebe Toch-
ter, daß es für uns Anfänger gut ist, zu denken, daß wir immer so uner-
wartet und unvorbereitet Gott begegnen. Ich denke, wir haben es mehr
nötig, die Tugenden des Kreuzes eine nach der anderen und im einzelnen
zu erwägen, als sie im großen und ganzen und gemeinsam zu bewundern.
Wenn Gott, nachdem wir unseren Geist dieser demütigen Vorbereitung
unterzogen haben, uns dennoch keine süßen und liebeerfüllten Gefühle
schenkt, dann müssen wir eben in Geduld weiterhin unser Brot ganz
trocken essen und unsere Pflicht erfüllen, ohne momentane Belohnung.
Ich bin erfreut, zu wissen, daß Sie sich wegen Ihrer Beichten an den
guten Pater Gentil wenden können. Ich kenne seinen guten Ruf und
weiß, welch guter und sorgsamer Diener Unseres Herrn er ist. Sie tun
also gut daran, Ihre Beichten bei ihm fortzusetzen und die guten Rat-
schläge anzunehmen, die er Ihnen geben wird, je nachdem Sie derer be-
dürfen.
Ich möchte nicht, daß Sie Ihr Fräulein Tochter zu einer so häufigen
Kommunion aufmuntern,23 da sie nicht recht abzuwägen weiß, was eine
solch häufige Kommunion bedeutet. Es ist ein Unterschied, ob man die
Kommunion von anderen Übungen, oder die häufige Kommunion von
der seltenen unterscheiden kann. Wenn diese junge Seele richtig zu beur-
teilen vermag, daß man viel Reinheit und Eifer haben muß, um häufig
die heilige Kommunion empfangen zu können, und wenn sie danach
verlangt und bestrebt ist, sich mit diesen Tugenden zu schmücken, dann
bin ich schon der Meinung, daß man sie oft, das heißt alle vierzehn Tage,
daran teilnehmen läßt. Aber wenn sie nur Eifer für die Kommunion,
nicht aber für die Abtötung der kleinen Unvollkommenheiten der Ju-
gend an den Tag legt, wird es, denke ich, genügen, sie alle acht Tage
beichten und einmal im Monat kommunizieren zu lassen. Meine liebe
Tochter, ich denke schon, daß die Kommunion das große Mittel ist, um
die Vollkommenheit zu erlangen; aber man muß sie mit dem Wunsch
und Bestreben empfangen, aus dem Herzen alles zu tilgen, was dem miß-
fällt, den wir beherbergen wollen.
Bleiben Sie beharrlich dabei, sich tapfer zu überwinden bei diesen
kleinen täglichen Ärgerlichkeiten, die Ihnen zustoßen; richten Sie Ihre
Bestrebungen hauptsächlich darauf. Sie müssen wissen, daß Gott für den
Augenblick nichts von uns will als das; bemühen Sie sich also gar nicht,
112 II. Brulart 404

anderes zu tun. Säen Sie Ihre Bestrebungen nicht in den Garten des Näch-
sten, sondern bepflanzen Sie nur recht Ihren eigenen. Wünschen Sie nicht,
das nicht zu sein, was Sie sind, sondern wünschen Sie, recht gut das zu
sein, was Sie sind; richten Sie Ihre Gedanken darauf, sich darin zu ver-
vollkommnen und die kleinen oder großen Kreuze zu tragen, auf die Sie
dabei stoßen. Glauben Sie mir, das ist das wichtigste und doch am wenig-
sten verstandene Wort der geistlichen Führung. Jeder lebt nach seinem
Geschmack; wenige Menschen aber leben ihrer Pflicht und dem Sinn
Unseres Herrn entsprechend. Wozu dient es, Schlösser in Spanien zu
bauen, da wir in Frankreich wohnen müssen? Das ist meine alte Lehre
wieder, und Sie verstehen sie wohl; sagen Sie mir, meine liebe Tochter,
ob Sie diese gut in die Tat umsetzen.
Ich bitte Sie, regeln Sie Ihre Übungen und beachten Sie dabei gut die
Wünsche Ihres Oberhauptes. Machen Sie sich über die leichtfertigen
Angriffe lustig, durch die Ihnen der böse Feind die Welt so vorstellt, als
ob Sie darin zurückkehren sollten; ja, machen Sie sich darüber wie über
eine Unverschämtheit lustig. Auf solche Versuchungen bedarf es keiner
anderen Antwort als die Unseres Herrn: „Weiche von mir, Satan; du
sollst den Herrn deinen Gott nicht versuchen“ (Mt 4,7.10). Meine liebe
Tochter, wir sind auf dem Weg der Heiligen; gehen wir ihn mutig, trotz
der Schwierigkeiten, die es da gibt.
Mir scheint, ich habe nun allem, was Sie von mir wissen wollten, ent-
sprochen. Ich habe ja keinen größeren Wunsch, als Ihnen in dieser Hin-
sicht treu zu dienen. Ich wünschte sehr, Sie zu sehen, aber es wäre nicht
recht, es zu wollen; Gott wird vielleicht ein geeigneteres Mittel dazu
finden. Ja, ich bitte ihn darum, wenn es seiner Ehre dient, für die ich alles
einsetzen will. Möge er immerdar in unseren Seelen leben und herr-
schen! Ich bin dafür, meine sehr liebe Frau Schwester, Ihr recht ergebe-
ner und Ihnen ganz zugeneigter Diener und Bruder.

XIII, 298-299 (404) Viuz-en-Sallaz, 20. Juli 1607.


Meine sehr liebe Frau Schwester!
Ich kann mich nicht zurückhalten, Ihnen bei allen sich bietenden Gele-
genheiten zu schreiben. Überhasten Sie sich nicht, nein, glauben Sie mir;
üben Sie sich darin, Unserem Herrn mit starker und sorgsamer Ruhe zu
dienen: das ist die richtige Methode für diesen Dienst. Wünschen Sie nicht,
alles zu tun, sondern nur etwas, dann werden Sie zweifellos Vieles tun. Üben
Sie die Abtötungen, für die sich Ihnen öfters Gelegenheit bietet, denn dieser
II. Brulart 419 113

Aufgabe müssen wir uns zuerst entledigen; nach ihr werden wir andere voll-
bringen. Umarmen Sie oft von Herzen die Kreuze, die Unser Herr selbst
Ihnen auferlegt hat. Schauen Sie nicht darauf, ob sie aus wertvollem oder
wohlriechendem Holz sind; sie sind mehr Kreuz, wenn sie aus gemeinem,
verachtetem, übelriechendem Holz sind. Es ist eigenartig, daß mir dies im-
mer wieder in den Sinn kommt und daß ich nur dieses Lied weiß. Meine
liebe Schwester, es ist zweifellos das Lied des Lammes (Offb 5); ein wenig
traurig, aber harmonisch und schön: Mein Vater, es soll geschehen, nicht wie
ich will, sondern wie Du willst.
Magdalena sucht ihren Herrn, während sie ihn festhält; sie bittet ihn
selbst um ihn. Sie sah ihn nicht in der Gestalt, die sie wollte; daher
begnügte sie sich nicht damit, ihn so zu sehen, und sucht ihn, um ihn auf
andere Weise zu sehen. Sie wollte ihn im Gewand seiner Herrlichkeit
sehen und nicht im gewöhnlichen Kleid eines Gärtners; schließlich er-
kennt sie aber doch, daß er es ist, als er zu ihr sagt: „Maria“.
Sehen Sie, meine liebe Schwester, meine Tochter, Unserem Herrn im
Gewand eines Gärtners begegnen Sie alle Tage da und dort bei Gelegen-
heiten zu gewöhnlichen Abtötungen, die sich Ihnen bieten. Sie möchten
gern, daß er Ihnen andere, schönere Abtötungen anbiete. O Gott, die
schönsten sind nicht die besten. Glauben Sie nicht, daß er auch zu Ihnen
sagt: Maria, Maria? Nein, bevor Sie ihn in seiner Herrlichkeit schauen,
will er in Ihrem Garten noch viele kleine und bescheidene Blumen pflan-
zen, aber nach seinem Belieben; darum ist er so gekleidet. Mögen im-
merdar unsere Herzen mit dem seinen und unser Wille mit seinem Wohl-
gefallen eins sein.
Ich bin ohne Ende und Einschränkung, meine Frau Schwester, Ihr
recht ergebener Bruder und Diener.
Haben Sie guten Mut und wundern Sie sich nicht; seien Sie nur Gottes
Eigentum, denn Gott ist unser. Amen.

XIII, 333-335 (419) Sales, um den 2. November 1607.


Gnädige Frau, meine sehr liebe Schwester!
Ich wundere mich, daß Sie so wenig Briefe von mir erhalten, ich meine
doch wohl keinen Ihrer Briefe unbeantwortet zu lassen. Nun, Gott sei
gepriesen.
Ich habe Anteil genommen an allen Verlusten,24 die Ihr Haus betrof-
fen haben, dem ich doch zumindest dem Gefühl nach auch wie eines der
Kinder zugehöre. Ach, die arme Frau Jacot ist wohl recht heimgesucht
114 II. Brulart 419

durch den Verlust ihres Sohnes, ihres Vaters und ihres Gatten; ich habe
inniges Mitgefühl mit ihr und bitte Gott, er möge ihr all das sein. Ich
habe bereits unserer Frau Mutter25 geschrieben; nun will ich auch dieser
Schwester schreiben, aber ich weiß nicht, ob ihr das Trost bringen wird,
denn ich weiß keine schönen Worte zu machen, und da ich ihr noch nie
über Frömmigkeit geschrieben oder gesprochen habe, wird sie vielleicht
meine Ausdrucksweise sonderbar finden; bei diesem Anlaß aber wird
sie wohl alles recht auffassen. Ich werde nicht nach Salins26 reisen, doch
will ich es mir schon so einteilen, daß das folgende Jahr nicht vorüber-
geht, ohne daß wir uns alle wiedersehen; doch möchte ich nicht, daß
hierüber Gerüchte verbreitet werden.
Machen Sie sich keine Sorgen wegen Ihres innerlichen Betens, das
ohne Worte vor sich geht, wie Sie sagen, denn es ist gut so, sofern es eine
gute Wirkung in Ihrem Herzen zurückläßt. Zwingen Sie sich nicht zum
Sprechen, in dieser göttlichen Liebe spricht der genug, der anschaut und
sich anschauen läßt. Folgen Sie also dem Weg, auf den der Heilige Geist
Sie zieht, wobei ich jedoch nicht will, daß Sie von der Vorbereitung auf
die Betrachtung ablassen, wie Sie es zu Beginn taten; denn das müssen
Sie Ihrerseits tun und dürfen von sich aus keinen anderen Weg einschla-
gen. Wenn Sie aber damit beginnen wollen und Gott Sie auf einen ande-
ren Weg zieht, dann gehen Sie mit ihm darauf. Wir müssen uns unserer-
seits unserem Fassungsvermögen entsprechend vorbereiten; wenn Gott
uns höher trägt, sei ihm allein dafür die Ehre.
Mit Nutzen können Sie die Bücher der Mutter Theresia und der hl.
Katharina von Siena lesen, die „Methode Gott zu dienen“, den „Auszug
über die christliche Vollkommenheit“, die „Evangelische Perle“; aber
stürzen Sie sich nicht gleich darauf, all das in die Tat umzusetzen, was Sie
darin an Schönem finden, sondern nehmen Sie ganz behutsam diese gu-
ten Belehrungen auf und bewundern Sie sie in aller Ruhe. Denken Sie
daran, daß es nicht angängig wäre, wenn ein einziger ein für mehrere
vorbereitetes Festmahl verschlingt: „Hast du Honig gefunden, iß davon,
bis du genug hast“, sagt der Weise (Spr 25,16). Die „Methode“, die „Voll-
kommenheit“ und die „Perle“ sind reichlich dunkle Bücher, die auf dem
Gebirgsgrat dahingehen; man soll kaum bei ihnen verweilen. Lesen Sie
immer wieder den „Geistlichen Kampf“; das soll Ihr Lieblingsbuch sein,
es ist klar und ganz durchführbar.
Nein, meine liebe Tochter, haben Sie keine Zweifel, da Sie doch bei
guten Beichtvätem beichten; wenn diese nicht die Vollmacht hätten, Sie
anzuhören, würden sie Sie fortschicken. Es ist auch in keiner Weise er-
II. Brulart 462 115

forderlich, solche Generalbeichten in der Pfarre zu machen, von denen


Sie mir schreiben; es genügt, dort seine Osterpflicht zu erfüllen durch
eine Beichte oder zumindest durch die heilige Kommunion. Wenn Sie
auf dem Land sind, können Sie ja auch bei den Priestern in der Pfarrkir-
che beichten.
Lassen Sie sich nicht von Skrupeln oder zu vielen Wünschen bedrän-
gen; gehen Sie gelassen und mutig Ihren Weg. Gott sei immerdar unser
Herz, meine liebe Schwester, und ich bin in ihm Ihr recht ergebener
Bruder und Diener.
Meine gute Mutter hat wunderbar den Tod meiner kleinen Schwester27
getragen; sie grüßt Sie ergebenst und dankt Ihnen für die Liebesdienste,
die Sie ihr erwiesen haben.

XIV, 39-41 (462). Annecy, 25. Juni 1608.


Meine sehr liebe Frau Schwester!
Ich habe Ihren Brief vom 16. Mai erhalten. Wie sehr wird es mir leid
sein, wenn die guten Pläne zur Reform von Puits d’Orbe sich so in Nichts
auflösen! Wenn jedoch meine Hoffnung, nach Burgund zu gehen, nicht
vergeblich ist, bin ich entschlossen, dorthin zu gehen, um zu sehen, was
das ist. Ich bin kein Mensch, der etwas auf die Spitze treibt, und lasse
mich gern zur Mäßigung bewegen, wenn etwas sich nicht vollständig
machen läßt.
Ich schreibe der Frau Äbtissin nicht, obwohl ich es wünsche, weil mir
einfach die Zeit fehlt, und ich muß ihr doch in aller Ruhe schreiben
können. Ich denke immer, wenn ich sie mit ihrer ganzen Schar entspre-
chend lang sehe und wir auch nicht alles erreichen, wird es uns doch
gelingen, einiges zu tun; denn ich setze einiges Vertrauen in ihr Vertrau-
en zu mir, der ihr auch mit einer ganz besonderen Liebe in Unserem
Herrn zugetan ist.
Sie reden zu mir von Ihrer Ungeduld. Ist das nun wirklich Ungeduld
oder ist es nicht nur natürliches Widerstreben? Da Sie es aber Ungeduld
nennen, will ich es als solche ansehen. Bis ich mit Ihnen darüber noch in
diesem Herbst ausführlicher mündlich davon sprechen kann, will ich
Ihnen in aller Freiheit sagen, meine liebe Schwester, was ich aus Ihren
Briefen über Sie entnommen, mehr als aus den wenigen Gesprächen, die
ich mit Ihnen geführt habe: Sie haben ein Herz, das mit aller Kraft an den
Mitteln hängt, Ihr Vorhaben zu verwirklichen. Ich weiß wohl, daß Sie
nur die Liebe zu unserem Gott anstreben; um dahin zu gelangen, braucht
es gewisse Mittel, Übungen und Verrichtungen. Ich sage nun, daß Sie mit
116 II. Brulart 462

aller Kraft an den Mitteln hängen, die Sie lieben, und daß Sie alles darauf
zurückführen möchten. Darum empfinden Sie Unruhe, wenn man Sie
daran hindert oder davon ablenkt.
Das Heilmittel dagegen wäre, daß Sie Ihren Geist zu überzeugen und
mit folgendem Bewußtsein ganz zu durchtränken suchen: Gott will, daß
Sie ihm so dienen, wie Sie sind, durch Übungen, die diesem Stand gemäß
sind und durch die daraus entspringenden Handlungen. Als Folge dieser
Überzeugung sollen Sie dann eine innige Liebe zu Ihrem Stand und sei-
nen Übungen aus Liebe zu Ihm fassen, der es so haben will. Aber sehen
Sie, meine liebe Schwester, Sie sollen nicht bloß flüchtig an das denken;
Sie müssen diese Erkenntnis in Ihr Herz tief eindringen lassen und durch
innerliche Einkehr und besondere Überlegungen dahin kommen, daß
diese Wahrheit Ihrem Geist schmackhaft und willkommen erscheint.
Glauben Sie mir, alles, was dieser Ansicht entgegenwirkt, ist nichts an-
deres als Eigenliebe.
Hinsichtlich der heiligen Kommunion billige ich, daß Sie diese wei-
terhin recht häufig wünschen, vorausgesetzt, es geschieht in Unterord-
nung unter Ihren Beichtvater, der den gegenwärtigen Zustand Ihrer See-
le sieht und eine so ausgezeichnete Persönlichkeit ist.
Die unterschiedliche Verfassung, in der sich Ihr Geist im Gebet und
außerhalb desselben befindet, manchmal stark, manchmal schwach,
manchmal die Welt mit Lust, manchmal mit Unlust betrachtend, ist nichts
anderes als ein Grund, den uns Gott läßt, recht demütig und sanftmütig
zu leben. Sie sehen dann, was Sie aus sich selbst und was Sie mit Gott
sind. Daher sollen Sie sich dadurch keinesfalls entmutigen lassen.
Es ist nicht notwendig, daß unsere teure Schwester, die Äbtissin, mir
einen Mann schickt, um mir Nachricht über sie zukommen zu lassen
oder um zu erfahren, wie sie mich sehen könnten; denn wenn ich meine
Reise unternehme, wie ich hoffe, will ich Sie früh genug vor meiner
Abreise von all dem verständigen.
Ich empfehle Sie ständig Unserem Herrn; meine Liebe zu Ihnen ist
recht tief in meinem Herzen. Ich werde die Mutter Priorin der Karmeli-
tinnen teilhaben lassen an meinen heiligen Meßopfern. Ich habe eine
große Hochachtung vor diesem ganzen Orden im allgemeinen und dan-
ke ihr für die Liebe, die sie mir dadurch erweist, daß sie für mich betet,
der zu den Ärmsten der heiligen Kirche gehört.
Möge immerdar die heilige Liebe zu Gott in unserem Geist leben und
herrschen. Amen. Ihr Ihnen sehr zugeneigter und ergebener Bruder und
Diener.
II. Brulart 516 117

XIV, 132-135 (516) Annecy, Ende Februar 1609.


Meine liebe Schwester, meine Tochter!
Ich antworte nur auf die zwei Briefe, die mir dieser Bote von Ihnen
überbracht hat; denn der dritte Brief, den Sie mir über Frau von Chantal
schickten, hat mich noch nicht erreicht.
Ich bin sehr zufrieden, daß Sie keine Skrupel haben und die heilige
Kommunion Ihnen von Nutzen ist; das sollen Sie denn auch in Hinkunft
tun. Darum, meine liebe Tochter, versteifen Sie sich in keiner Weise
darauf, zu N. zu gehen, da Ihr Herr Gemahl sich deshalb beunruhigt. Sie
brauchen nicht viele große Ratschläge, dazu werden für Sie alle Beicht-
väter genügen, selbst der Ihrer Pfarre, d. h. Herr N. und auch der Beicht-
vater der guten Karmelitinnen, wenn sich noch eine Gelegenheit dazu
ergibt. Sie wissen alles Nötige, um sich von jedem Beichtvater gut führen
zu lassen; darum können Sie in dieser Beziehung in Freiheit vorgehen.
Meine liebe Tochter, bleiben Sie Ihrem Gatten gegenüber recht sanftmü-
tig und demütig.
Sie haben recht, sich wegen der schlechten Gedanken nicht zu beunru-
higen, solange Sie rechte Absichten und guten Willen haben, denn auf
diese schaut Gott. Ja, meine Tochter, tun Sie nur, wie ich Ihnen gesagt
habe, denn wenn auch tausend kleine Vorspiegelungen scheinbarer Grün-
de sich dagegen erheben, sind doch meine Entscheidungen auf grundle-
gende Beweise aufgebaut und entsprechen den Kirchenlehrern und der
Kirche. Ja, ich sage Ihnen noch: diese Entscheidungen sind so wahr, daß
gegenteiliges Handeln ein großes Vergehen wäre. Dienen Sie also Gott
in dieser Weise, und er wird Sie dafür segnen; hören Sie aber niemals auf
das Gegenteil und glauben Sie mir, daß ich dessen wohl ganz sicher sein
muß, wenn ich so entschieden spreche.
Ich sage der guten Mutter Priorin Dank und hege für sie und alle ihre
Schwestern große Hochachtung und Liebe in meiner Seele. Meine Toch-
ter, ich muß aber noch einige andere Dinge von Ihnen verlangen für eben
diese Andacht zur seligen Mutter Theresia. Ich möchte nämlich, daß Sie
mir ihr naturgetreues Brustbild nach dem anfertigen lassen, das diese
guten Schwestern haben, wie man sagt. Einer unserer Pfarrer, der in
sieben bis acht Tagen dorthin reisen soll, könnte es mir bei seiner Rück-
kehr mitbringen. Ich würde so nicht mit allen Töchtern verfahren, aber
Ihnen gegenüber handle ich meinem Herzen folgend.
Ich werde die liebe verwitwete Schwester dem Heiligen Geist empfeh-
len, damit er sie bei der Wahl eines Gatten berate, der ihr immer zur
Freude gereichen möge. Ich meine den heiligen Bräutigam der Seele.
118 II. Brulart 518

Wenn jedoch Gott verfügt, sich ihrer noch einmal in der Plage eines voll-
ständigen Haushaltes zu bedienen, und sie in der Unterwerfung üben will,
dann müssen wir seine Majestät dafür preisen, die zweifellos alles zum
Heil der Ihren tut (Röm 8,28). Ach mein Gott, meine Tochter, wie sehr
sind doch die Tugenden einer verheirateten Frau Gott wohlgefällig! Denn
sie müssen stark und vortrefflich sein, um in diesem Stand auszuhalten.
Aber, o mein Gott, wie gut ist es doch auch für eine Witwe, nur ein Herz
befriedigen zu müssen! Nun, diese oberste Güte wird die Sonne sein, die
diese gute teure Schwester erleuchten wird, damit sie weiß, welchen Weg
sie einschlagen soll. Sie ist eine Seele, die ich zärtlich liebe. Wohin sie
auch gehen mag, hoffe ich doch, daß sie Gott gut dienen wird, und ich
werde ihr durch meine ständigen Gebete für sie überallhin folgen.
Ich empfehle mich den Gebeten unserer kleinen Tochter ... Madeleine
ist in Wahrheit ein wenig mehr meine Tochter als die anderen; und es
scheint mir, meine Tochter, als wäre alles mein in Ihm, der sich ganz zu
dem Unsrigen gemacht hat.
Ich bin in ihm, meine sehr liebe Tochter, Ihr recht ergebener Bruder
und Diener.
Verwenden Sie Ihre größtmögliche Sorge darauf, daß Sie inmitten der
Ihren, ich meine in Ihrem Haushalt, recht milde werden. Ich sage nicht,
daß man weich und nachsichtig sein soll, wohl aber sanft und gütig. Dar-
an sollen Sie denken, wenn Sie das Haus betreten, wenn Sie es verlassen,
am Morgen, zu Mittag, ja zu jeder Stunde; das soll für einige Zeit Ihre
Hauptsorge sein und das übrige sollen Sie gleichsam ein wenig verges-
sen.

XIV, 137-138 (518) Annecy, Mitte März 1609.

Meine sehr liebe Tochter!


Wann immer ich schreiben kann, werden Sie Briefe von mir erhalten;
jetzt aber schreibe ich Ihnen besonders gern, weil der gegenwärtige Über-
bringer des Briefes, Herr de Moyron, mein nächster Nachbar in dieser
Stadt, mein guter Freund und Verbündeter ist, über den Sie mir bei sei-
ner Rückreise mit völliger Sicherheit schreiben können. Wenn das Bild
der Mutter Theresia schon fertig ist, wird er es holen, zahlen und mit-
bringen, so wie ich ihn darum gebeten habe.
Meine Tochter, ich bin aber der Meinung, daß ich Ihnen in meinem
letzten Brief nicht gut genug gesagt habe, was ich über Ihre geringen,
II. Brulart 520 119

aber häufigen Äußerungen der Ungeduld bei den Vorfällen Ihres Haus-
haltes zu schreiben wünschte. Ich sage Ihnen also, daß Sie Ihre besondere
Aufmerksamkeit darauf lenken sollen, sich recht sanftmütig zu verhalten,
nach dem Aufstehen am Morgen, wenn Sie vom Gebet, von der Messe
oder Kommunion kommen. Wann immer Sie wieder zu den häuslichen
Geschäften zurückkommen, müssen Sie aufmerksam bedacht sein, sanft-
mütig zu beginnen, und von Mal zu Mal Ihr Herz beobachten und schauen,
ob es sanftmütig ist. Wenn es dies nicht ist, sollen Sie es vor allen anderen
Dingen beruhigen; ist es aber sanftmütig, dann sollen Sie Gott dafür prei-
sen, in dieser Gesinnung alles tun, was sich an Geschäften ergibt, und
große Sorge darauf verwenden, daß sie sich nicht verflüchtige.
Sehen Sie, meine Tochter, wer oft Honig zu sich nimmt, empfindet die
sauren Dinge noch saurer, die bitteren noch bitterer und es ekeln ihn
scharfe Speisen leicht an. So findet Ihre Seele, die sich oft geistlichen
Übungen hingibt, die dem Geist süß und angenehm sind, körperliche,
äußerliche und materielle Tätigkeiten sehr hart und lästig, wenn sie zu
ihnen zurückkehrt, und wird darüber leicht ungeduldig. Darum sollen
Sie auch in diesen Handlungen den Willen Gottes sehen, meine liebe
Tochter, der darin liegt, und nicht die Sache selbst, die getan wird. Rufen
Sie oft diese einzige und schöne Taube (Hld 2,10; 6,9) des himmlischen
Bräutigams an, damit sie für Sie das wahre Herz einer Taube erflehe und
Sie nicht nur Taube seien, wenn Sie durch das Gebet fliegen, sondern
auch in Ihrem Nest und mit all jenen, die um Sie herum sind.
Gott sei immerdar inmitten Ihres Herzens, meine gute und liebe Toch-
ter, und mache uns eines Geistes mit ihm (1 Kor 6,17). Ich grüße durch
Ihre Vermittlung unsere gute Mutter und alle Karmelitinnen und bitte
um die Hilfe ihres Gebetes. Wenn ich wüßte, daß unsere liebe Schwester,
Frau Jacot, dort wäre, würde ich auch sie grüßen und ihre kleine Fran-
çon, wie ich dies mit Ihrer kleinen Magdalena mache, die auch mir zu
eigen ist. Es lebe Jesus!

XIV, 141-143 (520) Annecy, Ende März oder Anfang April 1609.
Erwarten Sie jetzt nicht von mir, daß ich Ihnen ausführlich schreibe,
denn wenn es auch durch meinen Bruder geschieht, habe ich doch nicht
viel Zeit und ich weiß nicht, ob er durch Dijon reisen wird; dennoch weiß
ich wohl, daß er meinen Brief sicher überbringen lassen wird.
Ja, meine Tochter, Sie dürfen diese Ostertage sicher nicht vorüberge-
hen lassen, ohne Ihren Sohn28 zur Kommunion zu führen. Mein Gott, das
120 II. Brulart 535

ist ja schon ein Gelehrter! Es scheint mir ein großer Irrtum zu sein, dieses
Gut in einer solchen Zeit so lang hinauszuschieben, in der die Kinder mit
zehn Jahren mehr Verstand haben als wir mit fünfzehn. Ich hätte es wahr-
lich sehr gewünscht, ihm die erste heilige Kommunion zu reichen; das
wäre für ihn ein Grund gewesen, sich sein Leben lang meiner zu erinnern
und mich lieb zu haben. Nun für ihn ist das nicht so wichtig.
Ich habe das Bild der seligen Mutter Theresia erhalten, das mir eine
große Freude ist, und ich danke Ihnen dafür.
Es freut mich zu hören, daß diese Tochter mit Herrn Chevrier in Frie-
den ist. Ich habe ihr durch Herrn de Moyron geschrieben, was sie nun
Punkt für Punkt durchgeführt hat. Ich schrieb es ihr auf einen Brief hin,
in dem sie mich um Rat bat.
Nun, meine liebe Tochter, Gott sei gepriesen. Wenn unsere Seele nur
die rote Farbe der Liebe zeigt, darf es uns nicht bekümmern, daß unsere
Gesichtsfarbe blaß ist. Das ist ein Übel, das Sinne und Gefühle zu schwä-
chen geeignet ist. Es gibt keine Regung, die es nicht erschlafft, ausge-
nommen die des Herzens, das es für gewöhnlich anregt und beschleu-
nigt. Machen Sie es Ihrem geistlichen Fortschritt zunutze durch wirkli-
chen Verzicht auf Lust und süße Empfindungen, die es Ihnen wegnimmt
nicht nur am Leib, sondern auch am Geist. Sie tun gut, meine Ratschläge
zu befolgen, denn sie sind nach dem Willen Gottes; und wenn diese
Krankheit Ihnen mehr Widerwillen dagegen einflößt, dann werden Sie
umso mehr in ihrer Befolgung gewinnen.
Ich wollte Ihnen mehrere Bücher29 schicken; aber der Drucker hat
sein Versprechen nicht gehalten, sie mir zu schicken; ich fürchte, daß Sie
dort früher welche haben werden als ich hier. Dennoch schicke ich Ihnen
dieses hier, das ich von einer Dame entlieh, die es hatte, damit Sie wo-
möglich das erste von mir bekommen. Man muß die anderen nach die-
sem hier korrigieren, denn ich habe es überall korrigiert, so sehr ich
konnte.
Gott sei immerdar unsere Liebe, meine liebe Tochter. Und glauben
Sie mir, daß ich in ihm ganz besonders der Ihre bin. Es lebe Jesus!
Erzählen Sie nicht, daß ich Ihnen dieses Buch geschickt habe, bevor
ich noch mehr davon schicken kann.

XIV, 166-168 (535) Annecy, 30. Mai 1609.


Ihren Brief, den mir der Pfarrer von Seyssel überbrachte, beantworte
ich kurz, aber genau. Ich sehe im Geist unsere liebe Schwester, die hier-
her reisen möchte30 und sich davon große Erleichterung verspricht. Man
II. Brulart 535 121

muß wohl dieser Armen ein wenig nachgeben; sie ist ja wirklich gut,
wenn auch schwach. Darum würde ich ihr gern sagen, sie möge kommen,
wenn ich nicht befürchtete, daß deshalb ihre Verwandten beunruhigt wür-
den und anderer Ansicht wären. Es ist aber auch möglich, daß es ihnen
recht ist. Wenn Sie nun sehen, daß sie ganz ehrlich und einfach damit
einverstanden sind, können Sie ihr in aller Freiheit Mut machen, zu kom-
men, und Sie können selbst auch kommen, unter den gleichen Bedingun-
gen. Ich verhalte mich diesem Plan gegenüber so zurückhaltend, weil ich
mich frage, ob diese Einwilligungen, die sie geben, gern erteilt werden,
und ich fürchte, daß dann tausenderlei Dinge gesagt werden.
Wenn sie sich aber entschließen könnte, zu kommen, soll dies ohne
Lärm und ganz einfach vor sich gehen, als ob sie nach St. Trivier und nach
St. Claude ginge; ebenso auch Sie und das gute Fräulein de Puligny, wenn
sie zu der Schar zählt; damit man so der Neugier jener aus dem Weg gehe,
die alles erfragen möchten. Es sollte auch nicht zu bald geschehen, da bei
uns einige Kriegsgerüchte umgehen, die wieder verstummen werden, und
außerdem der Herzog von Nemours hier für einige Tage vorbeikommen
soll, während derer ich die Stadt nicht verlassen könnte. Wenn Sie also
den Entschluß fassen, muß es in der Zeit ein wenig vor diesem Zeitpunkt
sein, Ende August oder Anfang September; denn im Monat Juli bin ich
von hier fort. Ich werde einen guten Bischof für Belley weihen; wenn
diese Handlung auch kurz ist, hält sie mich doch in Schwebe, weil ich
nicht den genauen Zeitpunkt weiß.
Im übrigen glauben Sie mir, daß es mir ein recht großer Trost sein
wird, Sie innerhalb unserer Berge sehen zu können, die alle in eine sehr
gute Luft getaucht sind. Wir werden auch mit Gottes Hilfe genügend
Zeit haben, um Sie alle gut zu versorgen. Mit einem Wort, achten Sie
darauf, daß Ihnen die Erlaubnisse gern erteilt werden, und wenn dies der
Fall ist, wird es mir eine große Befriedigung sein, Sie ein wenig unter uns
zu sehen, wenn Sie auch dabei keineswegs gut behandelt werden ... auch
wenn wir es wollten; Sie werden aber mit einer Herzlichkeit empfangen
werden, die nicht alltäglich ist.
Was die Betrachtung anbelangt, so haben die Ärzte recht; solange Sie
krank sind, müssen Sie davon Abstand nehmen. Um dieses Versäumnis
auszugleichen, müssen Sie Ihre Stoßgebete verdoppeln und alles auf Gott
beziehen durch völlige Hingabe an sein Wohlgefallen. Das wird Sie in
keiner Weise von ihm trennen. Wenn Gott Ihnen dieses Hindernis schickt,
so geschieht es, um Sie durch die Übung der heiligen und stillen Erge-
bung viel fester an ihn zu ketten. Was liegt schon daran, ob wir auf die
122 II. Brulart 588

eine oder andere Art mit Gott vereint sind? Da wir in Wahrheit nur ihn
suchen und ihn in der Abtötung nicht weniger als im Gebet finden, vor
allem, wenn er uns mit Krankheit schlägt, wird er uns ebenso gut sein in
dem einen wie in dem anderen. Darüber hinaus sind die Stoßgebete, die
Erhebungen unseres Geistes echte ständige Gebete und das Ertragen
von Leid ist die würdigste Opfergabe, die wir dem darbringen können,
der uns durch sein Leiden erlöst hat. Lassen Sie sich manchmal aus ei-
nem guten Buch vorlesen, denn auch das kann Ersatz bieten.
Mit der Kommunion halten Sie es weiter so wie bisher. Es ist wahr, daß
ich Ihnen gesagt habe, es wäre keineswegs nötig, die Messe zu hören, um
an Werktagen zu kommunizieren, nicht einmal an den Festtagen; wenn
man eine Messe vorher gehört hat oder eine nachher hören kann, ob-
gleich man zwischen beiden schon viele andere Dinge tun kann.
Was Ihr Testament in Befürchtung Ihres Todes betrifft, so können Sie
dies ruhig tun. Es soll aber in aller Ruhe geschehen und so, daß Sie den
Ihrigen nicht sehr zur Last fallen, Sie würden ihnen sonst Anlaß zu Ab-
lehnung, Murren oder Ärger geben. Ich sage Ihnen wie der hl. Paulus
(Gal 6,10): „Tun wir Gutes, solange wir Zeit dafür haben“, aber immer
maßvoll. Geraten Sie nicht in Unruhe, wenn Sie Gott nicht so dienen
können, wie Sie es gern möchten. Wenn Sie sich gut in Ihre Schwierigkei-
ten fügen, dienen Sie ihm nach seinem Willen, der viel besser ist als der
Ihre. Möge er immerdar gelobt und gepriesen werden.
Es lebe Jesus! Und ich bin in ihm sehr treuen Herzens und ganz völlig
der Ihre. Ich grüße recht ergeben den guten Pater Gentil.

XIV, 277-280 (588) Sales, 20. April 1610 oder 1612.31


Es war mir eine äußerst große Freude, diesmal von Ihnen etwas aus-
führlichere Nachricht zu erhalten als gewöhnlich, meine sehr liebe Schwe-
ster, meine Tochter. Ich habe noch nicht so viel Zeit gehabt, um mit Frau
von Chantal zu sprechen und mich so ganz genau, wie ich wünschte, nach
allen Ihren Angelegenheiten zu erkundigen, über die Sie, wie ich denke,
ihr als echter Freundin Mitteilung gemacht haben. Zumindest aber hat
sie mir gesagt, daß Sie Ihren Weg treu in der Furcht Unseres Herrn
gehen, was meine tiefste Freude ist, da meine Seele Ihrer sehr lieben
Seele soviel Gutes wünscht.
Im übrigen, um kurz auf Ihren Brief zu antworten, so hatte N. gewiß
gut getan, bei den Karmelitinnen einzutreten, denn es hatte den An-
schein, als ob es zur Verherrlichung Gottes wäre. Da sie aber auf Befehl
II. Brulart 588 123

der Oberen wieder austritt, soll sie denken, daß Gott sich mit ihrem
Versuch zufriedengibt und nun will, daß sie ihm anderswo diene. Sie
würde schlecht handeln, wenn sie nach den ersten schmerzlichen Emp-
findungen über ihre Entlassung ihren Geist nicht beruhigen würde und
nicht fest entschlossen wäre, auf andere Weise ganz in Gott zu leben.
Man gelangt ja auf vielerlei Wegen in den Himmel. Wenn man nur die
Gottesfurcht als Führerin hat, ist es gleich, welchen Weg man einschlägt;
obgleich an sich der eine Weg wünschenswerter erscheint als die ande-
ren, wenn man die Freiheit zu wählen hat.
Warum aber, meine liebe Tochter, machen Sie sich darüber Sorgen?
Sie haben ein Werk der Nächstenliebe getan, daß Sie diesem armen Mäd-
chen einen so heiligen Ort der Einkehr ermöglichten. Wenn es Gott
nicht gefällt, daß sie darin verbleibt, dafür können Sie nichts. Wir müs-
sen uns dieser höchsten Vorsehung fügen, die nicht verpflichtet ist, unse-
rer Wahl und Überzeugung zu folgen, sondern ihrer unendlichen Weis-
heit.
Wenn N. klug ist und demütig, wird für sie Gott wohl einen Platz
finden, an dem sie seiner göttlichen Majestät durch Freud oder Leid gut
dienen kann. Indessen tun die guten Karmelitinnen gut daran, ihre Sat-
zungen genau zu beobachten und jene zu entlassen, die für ihre Lebens-
weise nicht geeignet sind.
Meine liebe Tochter, diese kleine Erschütterung Ihres Herzens bei die-
ser Angelegenheit soll Ihnen zur Warnung dienen, daß die Eigenliebe in
Ihrem Herzen noch groß und mächtig ist und daß Sie genau aufpassen
müssen, daß sie nicht Herrin in Ihrem Herzen werde. Ach, möge Gott in
seiner Güte dies niemals zulassen, sondern in uns, über uns, gegen uns und
für uns seine hochheilige himmlische Liebe auf ewig herrschen lassen.
Was die Heirat dieser teuren Tochter betrifft, die ich sehr liebe, vermag
ich Ihnen nicht so ohne weiteres einen Rat zu geben, da ich nicht weiß,
wie ihr Bewerber beschaffen ist. Denn es ist richtig, was Ihr Herr Ge-
mahl sagt, er könnte vielleicht all seine üblen Angewohnheiten ändern,
die Sie mir aufzeigen. Aber das wohl nur dann, wenn er an sich ein gutes
Naturell besitzt und nur Jugend und eine schlechte Gesellschaft es sind,
die ihn verleiten. Wenn er aber von Natur aus schlecht geartet ist, wie
man es gewiß nur zu oft sieht, dann hieße es Gott versuchen, unter der
ungewissen und zweifelhaften Annahme einer Besserung ein Mädchen
in seinen Händen aufs Spiel zu setzen, vor allem, wenn das Mädchen jung
ist und selbst einer Führung bedarf. In diesem Fall, da sie zur Besserung
des jungen Mannes nichts beitragen kann, ist vielmehr zu befürchten,
124 II. Brulart 588

daß einer dem anderen Anlaß zum Fall gibt. Liegt darin nicht eine offen-
sichtliche Gefahr? Ihr Herr Gemahl ist ja überaus klug und versichert
mir, daß er alles mit guter Überlegung tue, wobei Sie ihm behilflich sein
werden; und ich bitte auf Ihren Wunsch hin Gott, er möge dieses liebe
Mädchen richtig führen, damit es in seiner Furcht lebe und alt werde.
Ob Sie diese Tochter nun recht oft oder selten auf Bälle führen, ist
nicht wichtig, da sie ja mit Ihnen gehen wird; Ihre Klugheit soll dies
genau und den Umständen gemäß beurteilen. Da Sie diese aber verheira-
ten wollen und sie Neigung dazu verspürt, ist nichts Böses daran, sie so
oft dorthin zu führen, daß es genügend oft, aber nicht zu oft ist. Wenn ich
mich nicht täusche, ist dieses Mädchen lebhaft, kräftig und tempera-
mentvoll. Da sich jetzt ihr Verstand zu entfalten beginnt, muß man be-
hutsam und sachte die Anfänge und ersten Keime echten Ehrgefühls und
Tugendstrebens in sie hineinlegen, nicht aber, indem man sie mit schar-
fen Worten ausschimpft, sondern indem man nicht aufhört, sie bei jeder
Gelegenheit mit klugen, freundlichen Worten dazu anzuspornen, dies
auch von anderen zulassen und ihr wertvolle Freundschaften mit gutge-
arteten und vernünftigen Mädchen verschaffen.
Frau von Chantal hat mir gesagt, daß Sie für Ihr Äußeres und für das
Wohlergehen Ihres Hauses recht klug sorgen; und sowohl sie als mein
Bruder von Thorens haben mir etwas erzählt, das mich sehr gefreut hat:
daß nämlich Ihr Herr Gemahl immer mehr einen ganz großen guten Ruf
erwirbt, ein guter Richter zu sein: fest, gerecht, eifrig in den Pflichten
seines Amtes, und daß er in allem sich als ausgezeichneter Mann und
guter Christ verhält. Ich versichere Ihnen, meine liebe Tochter, daß ich
bei diesem Bericht vor Freude ganz erregt war, weil das ein großer und
schöner Segen ist. Unter anderem haben sie mir gesagt, daß er seinen Tag
immer damit beginnt, der heiligen Messe beizuwohnen, und daß er bei
allen Gelegenheiten einen starken und seiner Stellung würdigen Eifer
für die heilige katholische Religion bezeugt. Gott sei immerdar zu sei-
ner Rechten, damit er sich niemals ändere (Ps 16,8), außer stets zum
Besseren. Sie sind also sehr glücklich, meine liebe Tochter, bei Ihnen
zuhause solche zeitliche und geistliche Segnungen zu haben.
Die Reise nach Loreto ist eine große Reise für Frauen; ich rate Ihnen,
sie oft im Geist zurückzulegen, wobei Sie Ihre Gebete mit Absicht mit
den Gebeten dieser großen Menge frommer Personen vereinigen, die
dahin kommen, die Mutter Gottes zu ehren an einem Ort, wo ihr erstma-
lig die unvergleichliche Ehre dieser Mutterschaft zuteil wurde. Aber da
kein Gelöbnis Sie zwingt, dorthin persönlich zu gehen, rate ich Ihnen
II. Brulart 665 125

nicht dazu, diese Reise zu unternehmen. Wohl aber rate ich Ihnen, im-
mer eifriger die Verehrung dieser heiligen Jungfrau zu pflegen, deren
Fürsprache so stark und den Seelen so wertvoll ist. Ich halte sie für unse-
re größte Stütze in unserem Streben nach Fortschritt in der wahren Fröm-
migkeit. Ich kann davon sprechen, da ich mehrere bemerkenswerte Ein-
zelheiten darüber weiß. Der Name dieser hochheiligen Jungfrau sei im-
merdar gepriesen und gelobt! Amen.
Meine liebe Tochter, schenken Sie Ihre Almosen immer etwas großzü-
gig und reichlich bemessen, wenn auch taktvoll, worüber ich Ihnen frü-
her gesprochen oder geschrieben habe. Was Sie in den Schoß der Erde
hineinwerfen, wird Ihnen mit Zinseszinsen durch deren Fruchtbarkeit
zurückerstattet. So wissen Sie auch, daß das, was Sie in Gottes Schoß
hineinwerfen, Ihnen unendlich fruchtbarer auf die eine oder andere Weise
sein wird; das heißt, Gott wird Sie in dieser Welt dafür belohnen, indem
er Ihnen mehr Reichtümer, mehr Gesundheit oder mehr Zufriedenheit
schenkt.

XV, 23-26 (665) Annecy, 1. März 1611.


Meine sehr liebe Schwester, meine Tochter!
Ich bin im Besitz zweier Briefe von Ihnen, von denen der erste vom 11.
vergangenen Monats und der zweite vom 11. dieses Monats ist; und ich
muß auf den ersten ebenso eingehen wie auf den zweiten, weil ich ihn erst
vor kurzem und kaum früher als den zweiten erhalten habe.
Sie sollen dem Beichtvater von N. Glauben schenken, was deren Or-
denseintritt betrifft, denn besser könnten Sie nicht die Absichten Unse-
res Herrn erkennen als durch die Meinung jenes, den er der betreffenden
Tochter als Seelenführer gegeben hat. Wenn nun seine göttliche Majestät
dieses Opfer nicht in der Endwirkung, sondern nur in der Bereitschaft
und begonnenen Durchführung wollte, wie er es bei Isaak tat (Gen 22,
10-12), d. h. wenn dieses liebe Mädchen nun in den Orden eintritt, sich
aber nicht kräftig genug fühlt, um darin zu verbleiben, mein Gott, was
wäre Schlimmes daran? Nichts, zweifellos; und in diesem Fall müßten
wir eben auf das, was uns lieb und im Geheimsten ganz teuer ist, verzich-
ten und uns in den heiligen Willen Gottes fügen.
Da sie also jetzt nach Beurteilung Ihres geistlichen Vaters und der
guten Karmelitinnen dafür geeignet ist und ihr Vater seine Zustimmung
erteilt, können Sie, so scheint es, sie mit aller Sicherheit Gott aufopfern
und Unser Herr wird es gütig entgegennehmen. Freilich bleibt es seinem
126 II. Brulart 665

Wohlgefallen vorbehalten, über ihr Verbleiben in diesem heiligen Stand


oder über ihr Ausscheiden daraus zu verfügen, wie es seine Vorsehung
für besser erachtet. Dieser wollen wir uns immer und widerspruchslos
fügen, denn es wäre nicht vernünftig, dieser unendlichen Weisheit die
Art und Weise vorzuschreiben, auf die er uns zu den Seinen machen will.
Dies zum ersten.
Zum zweiten bedaure ich es unendlich, daß diese Persönlichkeit32 sich
so lange täuschen läßt und sich selbst in diesem taktlosen und überflüssi-
gen Umgang täuscht, vor allem, weil es Ärgernis erregt. O Gott, wie gut
wäre es doch für alle beide, wenn sie auf diese unnötigen und unüberleg-
ten Vertraulichkeiten verzichten; es wäre ein großes Werk der Nächsten-
liebe, sie davon abzubringen. Was nun die mir bekannte Person betrifft,
finde ich nichts Anstößiges daran, wenn sie je nach den Umständen
manchmal in aller Öffentlichkeit bei dieser Persönlichkeit beichtet, auch
wenn sie früher irgendwie an dieser üblen Sache Gefallen zu haben schien,
die mindestens gefährlich, wenn schon nicht lasterhaft war. In ihr Herz
wird sich durch die Beichte wohl kaum Unreinheit einschleichen, falls
sie Neigung dazu hätte, wohl aber durch andere Gespräche, Ausspra-
chen, Vertraulichkeiten und näheren Umgang. Sie möge also gelegent-
lich ohne weiteres bei ihm beichten; darüber hinaus aber soll sie nur
kurz und flüchtig mit ihm reden.
Zum dritten: Glauben Sie fest, daß Sie bewußt nichts lieben, was dem
Willen Gottes entgegengesetzt ist, daß Sie also keine läßliche Sünde
haben oder hegen, wenn auch viele Unvollkommenheiten und schlechte
Stimmungen Sie von Zeit zu Zeit überfallen. Lassen Sie nicht davon ab,
am Donnerstag, an Festtagen während der Woche und am Dienstag in
der Fastenzeit zu kommunizieren. Hegen Sie darüber keine Zweifel mehr,
es soll aber das Anliegen Ihres Herzens sein, ganz treu Armut inmitten
des Reichtums zu üben, Sanftmut und Ruhe inmitten der Widrigkeiten,
und Ergebung des Herzens in die Vorsehung Gottes bei allem, was Ihnen
geschehen mag. Was kann uns fehlen, da wir doch Gott haben?
Zum vierten ist es in jeder Weise besser, wenn Sie alle Tage die heilige
Messe hören und mitfeiern, als sie nicht hören unter dem Vorwand, das
betrachtende Gebet zu Hause fortzusetzen. Ich halte es für besser, nicht
nur deshalb, weil diese wirkliche Gegenwart der Menschheit Unseres
Herrn in der Messe nicht durch seine Gegenwart im Geist ersetzt wer-
den kann (auch wenn man ihr aus achtenswerter Ehrfurcht fernbleibt),
sondern auch, weil die Kirche sehr wünscht, daß man der Messe beiwoh-
ne. Und dieser Wunsch gilt als Rat, den zu befolgen eine Art Gehorsam
II. Brulart 685 127

ist, wenn es sich machen läßt, und weil Ihr Beispiel bei Ihrem Ansehen
dem einfachen Volk von Nutzen ist. Was Sie aber in Oratorium tun, gibt
anderen kein Beispiel. Bleiben Sie also dabei, meine sehr liebe Tochter.
Ich werde in dieser Fastenzeit nur in den Klöstern dieser Stadt predigen
und fünf- bis sechsmal in der großen Kirche. Ich bin meiner Meinung
nach in voller Gesundheit; wäre ich nur erfüllt von Heiligkeit, wie mein
Rang und mein Amt es erfordern!
Die gute Frau von Chantal hat anläßlich des Hinscheidens Ihres Herrn
Vaters sich vorbildlich verhalten und tut es weiterhin. Sie erfuhr erst vor
drei Tagen davon; da ich sie so geschwächt durch ihre Krankheit sah, habe
ich ihr diese böse Nachricht verheimlicht, solange ich konnte, da ich wohl
wußte, daß dies die Genesung verzögern würde. „Eitelkeit der Eitelkeiten,
und alles ist eitel“ (Koh 1,2), meine sehr liebe Tochter, außer Gott zu
lieben und ihm zu dienen. Diese gute Schwester war ganz getröstet, als sie
erfuhr, daß ihr Vater in bußfertiger Gesinnung gestorben sei.
Bleiben Sie ganz in Gott, meine sehr liebe Tochter, leben Sie heilig,
froh, lieb und friedlich. Ich bin ganz uneingeschränkt, meine sehr liebe
Tochter, Ihr ganz ergebener Diener.

XV, 53-54 (685) Annecy, April 1611.


Meine sehr liebe Schwester!
Da ich Ihrem Herrn Gemahl schreibe, um ihm einen meiner Freunde,
einen Domherrn von Lyon zu empfehlen, schicke ich dieses kurze
Brieflein an Sie mit, um Sie ganz einfach von Herzen zu grüßen, nicht
nur in meinem Namen, sondern auch von der lieben und guten Schwe-
ster, Frau von Chantal, der es immer besser geht, sowohl was ihre Ge-
sundheit, wie auch, unter uns beiden gesagt, was ihre Heiligkeit betrifft.
Heimsuchungen und Krankheiten tragen ja sehr zum geistlichen Fort-
schritt bei wegen der kraftvollen Ergebung in die Hände Unseres Herrn,
die man dabei immer wieder erneuern muß.
Leben Sie ganz für Gott, meine liebe Tochter, und da Sie viel in Gesell-
schaft sein müssen, erweisen Sie sich darin dem Nächsten von Nutzen
durch die Ihnen von mir oft aufgezeigten Möglichkeiten. Und denken
Sie nicht, daß Unser Herr weiter von Ihnen entfernt ist, wenn Sie in der
Unruhe leben, die Ihr Stand Ihnen auferlegt, als er es wäre, wenn Sie die
Wohltat eines ruhigen Lebens genössen. Nein, meine sehr liebe Tochter,
nicht die Ruhe bringt ihn unseren Herzen nahe, sondern die Treue unse-
rer Liebe; nicht unser Gefühl von seiner Güte, sondern unsere Zustim-
128 II. Brulart 751

mung zu seinem heiligen Willen, denn es ist wünschenswerter, daß dieser


Wille in uns erfüllt werde, als wenn wir unseren Willen in ihm erfüllten.
Leben Sie wohl, meine sehr liebe Schwester, meine Tochter. Ich bitte
diese höchste Güte, sie möge uns die Gnade erweisen, sie so recht aus
Liebe zu suchen, und ich bin in ihr ganz und gar, gnädige Frau, Ihr sehr
ergebener Diener.

XV, 164-165 (751) Annecy, 11. Februar 1612.


Nun haben Sie, meine sehr liebe Tochter, bereits meine Antwort auf
den Brief, den mir Frau von Chantal brachte; und dieser Brief hier beant-
wortet Ihr Schreiben vom 14. Januar.
Sie haben recht daran getan, Ihrem Beichtvater zu gehorchen, da er
Ihnen den Trost der häufigen Kommunion eingeschränkt hat, sei es, um
Sie zu prüfen, oder sei es, weil Sie nicht genug Sorge dafür trugen, Ihre
Ungeduld zu beherrschen. Ich glaube, daß er es aus beiden Gründen
getan hat und daß Sie in dieser Buße beharren müssen, solange er sie
Ihnen auferlegt, da Sie allen Grund haben zu glauben, daß er nichts ohne
berechtigte Überlegung tut. Und wenn Sie demütig gehorchen, wird sich
eine Kommunion wertvoller für Sie erweisen als zwei oder drei sonst
empfangene; denn nie kräftigt uns Nahrung mehr, als wenn wir sie mit
Appetit und nach einer Anstrengung zu uns nehmen. Das Hinausschie-
ben wird Ihnen größeren Appetit machen und Ihre Anstrengungen, um
Ihre Ungeduld zu zügeln, werden Ihren geistlichen Magen stärken.
Demütigen Sie sich indessen in aller Ruhe und erwecken Sie oft einen
Akt der Liebe zu Ihrer Selbsterniedrigung. Bleiben Sie ein wenig in der
Haltung der kanaanäischen Frau: „Ja Herr, ich bin nicht würdig“ (Mt
8,8), das Brot der Kinder zu essen; ich bin wirklich wie ein Hündlein,
das den Nächsten durch ungeduldige Worte sinnlos anbellt und beißt;
„aber wenn die Hündlein schon nicht das Brot essen dürfen, so haben sie
doch die Brosamen vom Tisch ihrer Herren“ (Mt 15,26.27). So bitte ich
Dich, o mein gütiger Meister, wenn schon nicht um Deinen erhabenen
Leib, so doch um die Segnungen, die er über jene ergießt, die sich ihm in
Liebe nähern. Diese Empfindung sollten Sie, meine sehr liebe Tochter,
an den Tagen erwecken, an denen Sie zu kommunizieren pflegten und
nun nicht kommunizieren werden.
Ihr Empfinden, daß Sie Gott ganz angehören, ist nicht trügerisch; aber
es verlangt von Ihnen, daß Sie sich mehr mit der Übung der Tugenden
beschäftigen und besonders Sorge dafür tragen, jene Tugenden zu er-
II. Brulart 761 129

werben, in denen Sie sich am schwächsten finden. Lesen Sie wieder den
„Geistlichen Kampf“ und richten Sie Ihr besonderes Augenmerk auf die
darin enthaltenen Dokumente; er wird Ihnen sehr von Nutzen sein. Ge-
fühle beim Gebet sind gut, doch darf man sich darin nicht so viel gefal-
len, daß uns dies hindert, uns eifrig um die Tugenden und die Abtötung
der Leidenschaften zu bemühen.
Ich bete immer um einen guten Ausgang der Angelegenheiten Ihrer
lieben Töchter. Da Sie im innerlichen Gebet auf dem guten Weg sind
und die gute Karmelitin Ihnen beisteht, genügt dies. Ich empfehle mich
deren und Ihren Gebeten und bin unablässig und rückhaltlos völlig der
Ihre. Es lebe Jesus! Amen.

XV, 191-194 (761) Chambéry (März 1612).33


Gern will ich, meine sehr liebe Tochter, Ihrer Bitte am Ende Ihres
Briefes entsprechen; seien Sie es aber zufrieden, wenn ich zu Ihnen spre-
che wie der große hl. Gregor zu einer tugendhaften, gleich ihm Gregoria
genannten Dame, die Kammerfrau der Kaiserin war. Sie hatte ihn gebe-
ten, von Gott Kenntnis darüber zu erlangen, was sie werden sollte, und er
sagte zu ihr: „Was das betrifft, was Ihre Güte von mir verlangt und wozu
Sie sagen, Sie würden nicht aufhören, mich damit zu belästigen, bis ich es
Ihnen zugestehe, so verlangen Sie von mir etwas in gleicher Weise Schwie-
riges und Unnützes.“
Dasselbe sage ich Ihnen, meine liebe Tochter. Wenn Sie mich fragen,
welche Autorität der Papst über das Zeitliche der Königreiche und Für-
stentümer hat, so wünschen Sie von mir eine „in gleicher Weise schwie-
rige und unnütze“ Entscheidung.
Schwierig gewiß nicht an sich, denn eine solche Entscheidung ist im
Gegenteil leicht zu treffen bei Menschen, die sie auf dem Weg der Näch-
stenliebe suchen; schwierig aber, weil es in dieser Zeit, die von heftigen
und streitsüchtigen Hitzköpfen überquillt, schwer ist, etwas zu sagen,
das nicht jene beleidigt, die sich als gute Diener des Papstes oder der
Fürsten ausgeben und nicht zugeben wollen, daß man anderen als den
extremen Ansichten huldigt. Sie bedenken dabei nicht, daß man einem
Vater nichts Schlimmeres antun kann, als ihm die Liebe seiner Kinder zu
nehmen, den Kindern aber nichts Ärgeres, als ihnen die Achtung zu
nehmen, die sie ihrem Vater schulden.
Unnütz sage ich deshalb, weil der Papst ja von den Königen und Für-
sten in dieser Hinsicht nichts verlangt. Er liebt sie alle, er wünscht ihren
130 II. Brulart 761

Kronen Beständigkeit und Dauerhaftigkeit, er lebt sanftmütig und freund-


schaftlich mit ihnen, und ohne ihre Zustimmung und ihren Willen macht
er fast nichts in ihren Staaten, nicht einmal hinsichtlich der rein kirchli-
chen Angelegenheiten. Ist es daher nötig, sich jetzt bei der Untersuchung
seiner Autorität über die zeitlichen Angelegenheiten zu ereifern und
dadurch dem Zwist und der Zwietracht die Tore zu öffnen?
Ich lebe gewiß im Staat eines Fürsten, der sich immer zur besonderen
Pflicht gemacht hat, den heiligen apostolischen Stuhl zu ehren und zu
verehren; und doch hören wir niemals davon reden, daß sich der Papst im
großen oder kleinen in die zeitlichen Verwaltungen der Angelegenheiten
des Landes mische oder daß er eine zeitliche Autorität über den Fürsten,
über seine Beamten oder seine Untergebenen in irgendeiner Form ausübt
oder anstrebt. Wir sind in dieser Hinsicht ganz ruhig und haben keinerlei
Anlaß zur Beunruhigung. Wozu sollen wir uns Ansprüche einbilden, die
uns in Streit bringen würden mit dem, den wir als unseren wahren Vater
und geistlichen Hirten kindlich lieben, ehren und achten sollen?
Ich sage Ihnen aufrichtig, meine sehr liebe Tochter: Es schmerzt mich
überaus, zu wissen, daß dieser Streit über die Autorität des Papstes Spiel-
ball und Gegenstand des Geredes unter so vielen Menschen ist, die we-
nig befähigt sind, eine Entscheidung darüber zu treffen, sondern diese
nur trüben, anstatt sie zu klären, sie unmöglich machen, anstatt sie zu
treffen. Was das Schlimmste ist: Indem sie diese Entscheidung trüben,
trüben sie auch den Frieden vieler Seelen, und indem sie eine Entschei-
dung unmöglich machen, zerstören sie auch die hochheilige Einigkeit
der Katholiken und lenken sie immer mehr davon ab, an die Bekehrung
der Häretiker zu denken.
Das alles habe ich Ihnen gesagt, um daraus den Schluß zu ziehen: was
Sie betrifft, sollen Sie Ihren Geist in keiner Weise mit solch sinnlosen
Diskussionen beschäftigen, von welcher Seite auch immer sie über diese
Autorität geführt werden. Überlassen Sie diese ungebührliche Wißbe-
gierde den Leuten, die davon leben wie das Chamäleon von der Luft.
Zugunsten Ihrer Ruhe möchte ich Ihnen kleine Schanzen angeben,
hinter die Sie Ihren Geist unter Schutz und Dach zurückziehen können:
Der Papst ist oberster Hirte und geistlicher Vater der Christen, weil er
der oberste Stellvertreter Jesu Christi auf Erden ist; daher hat er ständig
die oberste geistliche Autorität über alle Christen, Kaiser, Könige, Für-
sten und alle anderen, die ihm in dieser Eigenschaft nicht nur Liebe,
Verehrung, Hochschätzung und Achtung schulden, sondern auch Hilfe,
Beistand und Unterstützung allen gegenüber und gegen alle jene, die ihn
II. Brulart 761 131

oder die Kirche in dieser geistlichen Autorität und ihrer Verwaltung


angreifen. Jeder kann kraft natürlichen, göttlichen und menschlichen
Rechtes seine Kräfte und die seiner Verbündeten zu seiner gerechten
Verteidigung gegen einen gewalttätigen und ungerechten Angreifer und
Gegner gebrauchen. So kann auch die Kirche oder der Papst (denn das
ist ein- und dasselbe) seine Kräfte und die der Kirche sowie der christli-
chen Fürsten, seiner geistlichen Kinder, einsetzen zur gerechten Vertei-
digung und Wahrung der Rechte der Kirche gegen alle jene, die sie verge-
waltigen und zerstören möchten. Dies umso mehr, als die Christen, Für-
sten und andere, dem Papst und der Kirche nicht nur durch irgendein
einfaches Band verbündet sind, sondern durch das mächtigste Bündnis
an Verpflichtung und das vortrefflichste an Wertschätzung, das sich den-
ken läßt. Der Papst und die anderen Kirchenfürsten sind verpflichtet, ihr
Leben hinzugeben und den Tod zu erleiden, um den Königen und christ-
lichen Königreichen geistliche Nahrung und Bildung zu geben. So sind
auch die Könige und Königreiche ihrerseits gehalten und verpflichtet,
bei Einsatz ihres Lebens und ihres Staates den Papst und die Kirche,
ihren Hirten und geistlichen Vater zu unterstützen. Das ist eine große,
aber gegenseitige Verpflichtung zwischen Papst und Königen; eine un-
abänderliche Verpflichtung, die sich bis zum Tod einschließlich erstreckt;
und eine natürliche, göttliche und menschliche Verpflichtung, durch die
der Papst und die Kirche ihre geistlichen Kräfte den Königen und Kö-
nigreichen schulden und die Könige wieder ihre zeitlichen Kräfte dem
Papst und der Kirche. Papst und Kirche gehören den Königen, um sie in
geistlicher Beziehung zu nähren, zu wahren und gegen alle und allen
gegenüber zu verteidigen. Könige und Königreiche wieder gehören der
Kirche und dem Papst, um sie in zeitlicher Hinsicht zu nähren, zu wah-
ren und gegen alle und allen gegenüber zu verteidigen: denn die Väter
gehören den Kindern und die Kinder den Vätern.
Dennoch besitzen die Könige und alle regierenden Fürsten eine zeitli-
che Oberhoheit, von der Papst und Kirche nichts beanspruchen, noch
irgendeine Art zeitlicher Anerkennung davon verlangen; sodaß, kurz
gesagt, der Papst der oberste Hirte und geistliche Vater, der König aber
regierender Fürst und zeitlicher Herrscher ist. Die Autorität des einen
widerspricht nicht der des anderen, sondern sie unterstützen sich gegen-
seitig. Denn der Papst und die Kirche exkommunizieren und erklären
jene für Häretiker, die die oberste Autorität der Könige und Fürsten
leugnen, und die Könige wieder treffen mit dem Schwert jene, die die
Autorität des Papstes und der Kirche verneinen, oder wenn sie diese
132 II. Brulart 910

nicht treffen, so in der Erwartung, daß sie sich bessern und demütigen.
Bleiben Sie dabei, seien Sie eine demütige geistliche Tochter der Kirche
und des Papstes, Untertan und ergebene Dienerin des Königs. Beten Sie
für den einen wie für den anderen und glauben Sie fest, daß Sie bei sol-
chem Vorgehen Gott zum Vater und König haben werden.

XVI, 62-65 (910) Annecy, Anfang September 1613.


Vor einem Monat wurde ich von einem Fieber gepackt, meine sehr
liebe Schwester, das mir bis jetzt beinahe ständig zu schaffen machte,
und inzwischen habe ich von Ihnen drei Briefe auf verschiedenen Wegen
erhalten. Der eine vor allem gereichte mir sehr zum Trost, da ich aus der
Mitteilung der Gegebenheiten und Schwierigkeiten Ihrer teuren Seele
Anzeichen Ihres vollkommenen Vertrauens zu mir erkenne. In Wahr-
heit verstehe ich sicher nicht so genau, was Sie mir sagen, daß ich nicht
irgendwelchen Zweifel hätte, mich zu täuschen; dennoch meine ich, Sie
genügend zu verstehen, um Ihnen antworten zu können.
Sehen Sie, meine sehr liebe Schwester, es geschieht oft, daß wir den-
ken, unserer alten Feinde gänzlich ledig zu sein, über die wir früher den
Sieg davongetragen haben, und dann sehen wir sie von einer anderen
Seite wieder herankommen, von der wir sie am wenigsten erwarteten.
Der einzigartige Weltweise Salomo hatte in seiner Jugend soviel Wun-
derbares vollbracht; daher fühlte er sich im Vertrauen auf die vergange-
nen Jahre sicher, daß seine Tugend andauern würde, aber gerade als er
aller Anfechtungen ledig zu sein schien, wurde er vom Feind überrascht,
den er dem gewöhnlichen Ablauf der Dinge nach am wenigsten zu fürch-
ten hatte (1 Kön 11). Das soll uns zwei ausdrückliche Lehren erteilen:
1. daß wir uns selbst immer mißtrauen sollen, unseren Weg in heiliger
Furcht gehen, ständig die Hilfe des Himmels erbitten und in demütiger
Frömmigkeit leben sollen; 2. daß unsere Feinde zurückgeschlagen, nicht
aber getötet werden können. Sie lassen uns manchmal in Frieden, aber
nur, um uns dann noch viel heftiger zu bekämpfen.
Dadurch aber, meine sehr liebe Schwester, sollen Sie in keiner Weise
entmutigt werden, sondern Sie sollen mit friedvoller Wachsamkeit sich
Zeit und Mühe nehmen, Ihre Seele von dem Übel zu heilen, das ihr
durch diese Angriffe zugefügt sein könnte. Demütigen Sie sich tief vor
Unserem Herrn und seien Sie keineswegs erstaunt über Ihr Elend. Es
wäre wohl gewiß staunenswert, wenn wir Angriffen und Elend nicht un-
terworfen wären.
II. Brulart 910 133

Diese kleinen Erschütterungen lassen uns, meine liebe Schwester, auf


uns besinnen, unsere Schwachheit erwägen und umso stürmischer Zu-
flucht suchen bei unserem Schirmherrn. Der hl. Petrus wandelte ganz
sicher auf den Wellen; als aber der Wind sich erhob und die Wogen ihn
zu verschlingen schienen, da rief er: „Ach, Herr, rette mich!“, und der
Herr fragte ihn: „Du Kleingläubiger, warum zweifelst du?“ (Mt 14,29-
31). Auch wir rufen zum Heiland inmitten der Wirren unserer Leiden-
schaften, der Stürme und Gewitter der Versuchungen, denn er läßt uns
nur aufgewühlt werden, um uns dahin zu bringen, daß wir ihn umso
inniger anflehen.
Alles in allem: ärgern Sie sich nicht, seien Sie nicht verwirrt über ihre
Verwirrung, seien Sie nicht erschüttert darüber, daß Sie erschüttert sind,
und seien Sie nicht beunruhigt darüber, daß Sie durch diese ärgerlichen
Leidenschaften beunruhigt werden. Fassen Sie vielmehr Ihr Herz und
legen Sie es behutsam in die Hände Unseres Herrn mit der Bitte um
Heilung. Und Ihrerseits tun Sie auch alles, was Sie vermögen, durch
Erneuerung Ihrer Entschlüsse, durch Lesen von Büchern, die für diese
Heilung geeignet sind, und gebrauchen Sie auch andere geeignete Mittel.
Wenn Sie so handeln, werden Sie bei Ihrem Verlust gewinnen und durch
Ihre Krankheit gesünder bleiben.
Meine sehr liebe Tochter, da Ihre Schwangerschaft Sie sehr behindert,
Ihr gewöhnlich langes innerliches Gebet zu verrichten, machen Sie es
kurz und innig. Machen Sie diesen Mangel durch häufige Herzenserhe-
bungen zu Gott wieder wett, lesen Sie oft und nicht viel auf einmal in
einem guten geistlichen Buch, fassen Sie gute Gedanken beim Spazie-
rengehen, beten Sie kurz und oft, bringen Sie Ihre Erschöpfung und ihre
Schwäche Unserem gekreuzigten Heiland dar; und wenn Sie entbunden
haben, nehmen Sie ganz behutsam wieder Ihre Lebensweise auf und zwin-
gen Sie sich, dem Inhalt eines dazu geeigneten Buches zu folgen, damit
Sie, wenn die Stunde der Betrachtung gekommen ist, nicht gedankenlos
dastehen, wie einer, der zur Stunde des Mahles nichts bereit hat. Und
wenn es Ihnen manchmal an einem Buch mangelt, dann verrichten Sie
Ihr Gebet über irgendein fruchtbares Geheimnis, wie z. B über Tod und
Leiden Jesu, das sich Ihrem Geist als erstes darbietet ...
134

III. Briefe an Madame de la Fléchère


(1608 – 1622)

Madeleine de la Forest, 1565 geboren, 1612 verheiratet mit François de la


Fléchère, 1616 verwitwet, starb 1632. Rumilly, wo sie ihr „Hotel“ hatte (so
nannte man damals die großen Häuser von Adeligen), liegt nahe bei Annecy.
Franz von Sales hatte dort öfter zu tun und hielt 1608 die Fastenpredigten;
wenn er nach Rumilly kam, war er stets Gast im Hotel Fléchère. Madame de la
Fléchère schenkte später ihr Haus dem Orden von der Heimsuchung, legte auf
dem Totenbett die Ordensgelübde ab und wurde bei den Schwestern begraben.
Die Sekretärin der hl. Johanna Franziska von Chantal hat über sie eine kurze
Biographie verfaßt (vgl. auch Henri Bordeaux, Saint François de Sales et notre
coeur de chair, Paris 1924, Seite 209-219).
Madame de la Fléchère war eine der bedeutendsten geistlichen Töchter des
hl. Franz von Sales. Sie hatte sich in der Fastenzeit 1608 unter seine geistliche
Leitung gestellt und wurde bald eng befreundet mit der Baronin von Chantal,
der sie in vielem ähnlich war. Franz von Sales schätzte sie sehr und schrieb
1616 über sie: „Nach unserer Frau von Chantal weiß ich keine kraftvollere
Seele, keinen vernünftigeren Geist und keine aufrichtigere Demut.“
Sie ist ein ganz anderer Charakter als Frau von Brulart. Franz von Sales
braucht sie nicht zum Eifer anzuspornen, sondern muß diesen eher dämpfen.
Er hilft ihr, sich in den Alltäglichkeiten zu heiligen, mitten in ihrem großen
Haushalt mit vielen Unannehmlichkeiten, die sie in Vereinigung mit Christus
tragen soll. Ihre Schwierigkeiten kamen nicht zuletzt von ihrem Mann, worüber
sich in den Briefen des hl. Franz von Sales nur ganz diskrete Andeutungen
finden (bei zwei Anlässen wird er allerdings ziemlich deutlich). Sie neigt zu
Grübeleien über ihre Fehler, über die Ursache ihrer Trockenheit; Franz von
Sales sagt ihr, sie soll ihre Fehler bereuen, aber nicht darüber grübeln, sondern
die Demütigung willig annehmen, daß sie so schwach ist. – Nach dem Tod ihres
Mannes, der viele Schulden hinterließ, hilft ihr Franz von Sales durch Rat und
Tat. Seine erste Sorge bleibt aber der stete Aufstieg zu einem von Liebe zu Gott
und zu den Menschen erfüllten Leben.
Wenn man von Frau von Chantal absieht, hat Franz von Sales wohl die
meisten Briefe an Madame de la Fléchère geschrieben. Einige der überlieferten
mögen unecht sein, andere enthalten nur Nachrichten über gemeinsame Freunde
oder nach dem Tod ihres Mannes wirtschaftliche Ratschläge, wir haben hier 58
aufgenommen, die man als Seelenführungs-Briefe ansprechen kann: auch in
diesen wurden bloße Nachrichten, Grüße und wirtschaftliche Ratschläge aus-
III. Fléchère 444 135

gelassen. Diese Briefe sind ein Musterbeispiel für die konkrete, gütige und
konsequente geistliche Führung eines edlen, hochherzigen Menschen.
In dieser Sammlung wurden aus den oben genannten Gründen folgende Briefe
an Madame de la Fléchère aus den „Oeuvres“ nicht aufgenommen: Band XIV,
Nr. 485, 532; XV, 710, 794, 815, 827; XVI, 898, 929, 932, 933, 1013, 1034,
1035, 1067; XVII, 1116, 1120, 1127, 1128, 1144, 1151, 1160, 1215, 1218,
1228, 1241, 1252, 1259, 1304; XVIII, 1311, 1357, 1429, 1443, 1444, 1489;
XIX, 1574; XX, 1749, 1750, 1770, 1845, 1941.

XIV, 1-3 (444) Annecy, 8. April 1608

Gnädige Frau!
Ich habe Ihren ersten Brief1 mit besonderer Freude empfangen, als
einen guten Beginn der geistlichen Verbindung, die wir eingehen, um in
unseren Herzen das Reich Gottes zu fördern. Möge mir derselbe Gott
eingeben, was für Ihre Führung am geeignetsten ist.
Es ist nicht möglich, daß Sie so bald Herrin über Ihre Seele werden
und daß Sie vom ersten Versuch an sie so absolut in der Hand haben.
Begnügen Sie sich damit, von Zeit zu Zeit irgendeinen kleinen Sieg über
Ihre feindliche Leidenschaft zu erringen. Man muß die anderen, in erster
Linie aber sich selbst ertragen, und es geduldig annehmen, daß man un-
vollkommen ist. Mein Gott, meine liebe Tochter, möchten wir denn in
die innerliche Ruhe eintreten, ohne durch die gewöhnlichen Widrigkei-
ten und Anfechtungen hindurchzugehen?
Beachten Sie genau die Punkte, die ich Ihnen gesagt habe.2 Bereiten
Sie Ihre Seele gleich am Morgen zur Stille vor; und tragen Sie während
des Tages Sorge, sie oft zu dieser Stille zu rufen und sie wieder in Ihre
Hand zu bekommen. Sollten Sie sich über etwas ärgern, entsetzen Sie
sich nicht und machen Sie sich deshalb keinerlei Sorge. – Wenn Sie
dessen bewußt werden, demütigen Sie sich liebevoll vor Gott und versu-
chen Sie, Ihren Geist wieder zu einer gelassenen Haltung zurückzufüh-
ren. Sagen Sie Ihrer Seele: Wir haben also etwas Verkehrtes getan; gehen
wir nun ganz sachte weiter und geben wir auf uns acht! – Und alle Male,
sooft Sie zurückfallen, tun Sie das Gleiche.
Wenn Ihre Seele in Ruhe ist, machen Sie lebendigen Gebrauch davon,
indem Sie möglichst viele Akte der Sanftmut verrichten, so häufig Sie
Gelegenheit dazu haben, mögen diese auch noch so gering sein. Unser
Herr sagt doch: „Wer treu ist im Kleinen, dem wird man Großes anver-
trauen“ (Lk 16,10; Mt 25,21,23). Vor allem, meine Tochter, verlieren
136 III. Fléchère 448

Sie nicht den Mut, haben Sie Geduld, lernen Sie warten! Bemühen Sie
sich um diesen Geist des Mitfühlens.
Ich zweifle nicht daran, daß Gott Sie in seiner Hand hält. Wenn er Sie
straucheln läßt, so geschieht das nur, damit er Sie erkennen lasse, daß Sie
gänzlich fallen würden, wenn er Sie nicht hielte, und damit Sie immer
stärker seine Hand festhalten.
Gott befohlen, gnädige Frau, gehören Sie Gott an, gänzlich, absolut
und unwiderruflich. Ich bin in ihm Ihr Ihnen ganz ergebener Diener.

XIV, 7-8 (448) Annecy, (Ende April oder Anfang Mai) 1608.

Gnädige Frau!3
Die Briefe, die Sie mir geschrieben haben, haben mich sehr erfreut, da
ich sehe, daß Unser Herr Ihnen die Anfänge der innerlichen Stille verko-
sten läßt. Mit dieser müssen wir von nun ab mit Hilfe seiner Gnade ihm
weiterhin dienen inmitten all der Hetzjagd und Vielfalt der Angelegen-
heiten, zu denen unser Stand uns verpflichtet. Ich setze eine überaus
große Hoffnung auf Sie, weil ich – so scheint es mir – in Ihrem Herzen
diesen festen Entschluß gesehen habe, seiner göttlichen Majestät dienen
zu wollen. Daraus entnehme ich die Sicherheit, daß Sie in den Übungen
der heiligen Frömmigkeit treu sein werden. – Wenn es dabei auch zu
vielen Fehlern aus Schwäche kommt, darf uns dies in keiner Weise wun-
dern; sondern wir müssen einerseits wohl die Gott zugefügte Beleidi-
gung verabscheuen, andererseits aber in einer gewissen freudigen Demut
leben, die uns unsere Armseligkeit gern sehen und erkennen läßt.
Ich will Ihnen nun kurz die Übungen nennen, zu denen ich Ihnen rate;
Sie werden sie klarer noch in dieser Schrift lesen, die ich soeben abfasse:
die Vorbereitung auf den ganzen Tag, die am Morgen kurz erfolgen soll;
vormittags das innerliche Gebet ungefähr eine Stunde lang, je nachdem
Sie Zeit haben; am Abend vor dem Nachtmahl eine kleine Einkehr, in
der Sie – in einer Art Wiederholung – eine Anzahl kräftiger Stoßgebete
zu Gott verrichten entsprechend der Betrachtung am Morgen oder über
irgendeinen anderen Gegenstand.
Prüfen Sie sich tagsüber und während Ihrer Arbeiten, sooft Sie kön-
nen, ob Ihre Liebe sich nicht zu weit vorgewagt hat, ob sie nicht aus den
Fugen geraten ist und ob Sie sich immer mit einer Hand an Unseren
Herrn halten. Wenn Sie sich übermäßig verwirrt finden, besänftigen Sie
Ihre Seele und bringen Sie sie wieder zur Ruhe. Stellen Sie sich vor, wie
III. Fléchère 455 137

die Gottesmutter behutsam eine ihrer Hände gebrauchte, während sie


Unseren Herrn an der anderen hielt oder in seiner Kindheit auf ihrem
anderen Arm trug; denn dies geschah mit großer Ehrfurcht.
Zu Zeiten des Friedens und der Stille vervielfachen Sie die Akte der
Gelassenheit; denn dadurch zähmen Sie Ihr Herz zur Milde. Geben Sie
sich nicht damit ab, die kleinsten Versuchungen, die Ihnen zustoßen,
durch Entgegnungen oder durch Streit mit ihnen zu bekämpfen. Son-
dern wenden Sie einfach Ihr Herz dem gekreuzigten Jesus zu, als ob Sie
seine Seite oder seine Füße aus Liebe küssen wollten.
Sorgen Sie sich nicht ab, viele mündliche Gebete zu verrichten. Wann
immer Sie beten und Ihr Herz zum innerlichen Gebet hingezogen füh-
len, lassen Sie ihm freien Lauf; und wenn Sie mit dem innerlichen Gebet
nur das Vaterunser, das Ave Maria und das Glaubensbekentnis verrich-
ten, können Sie sich zufriedengeben.
Ich stelle mich mit ganzem Herzen dem Dienst an Ihrer Seele zur
Verfügung, Ihrer Seele, die mir von nun ab teurer sein wird wie meine
eigene. Unser Herr sei immerdar der Herr unserer Herzen, wie ich in
Ihm bin, Ihr Diener ...

XIV, 21-23 (455) Annecy, 19. Mai 1608.4


Ich erinnere mich, daß Sie mir sagten, wie sehr Ihre vielseitige Tätig-
keit Sie belaste; und ich sagte Ihnen, daß dies eine gute Möglichkeit sei,
echte und solide Tugenden zu üben. Diese umfangreichen Obliegenhei-
ten sind ein ständiges Martyrium. So wie die Fliegen den Reisenden im
Sommer mehr Plage und Ärger bereiten als die Reise selbst, so macht
uns die Vielfalt und Verschiedenheit der Obliegenheiten mehr zu schaf-
fen als selbst ihre Schwere.
Sie haben Geduld nötig und ich hoffe, daß Gott sie Ihnen geben wird,
wenn Sie ihn innig darum bitten und wenn Sie sich recht willig bemühen,
sie zu üben. Bereiten Sie sich jeden Morgen darauf vor, indem Sie einen
Punkt Ihrer Betrachtung darauf besonders beziehen. Bleiben Sie hart-
näckig dabei, sich im Laufe des Tages ebensooft wieder zur Geduld zu-
rückzurufen, als Sie sich davon entfernt fühlen.
Versäumen Sie keine Gelegenheit, so klein sie auch sein mag, Her-
zenssanftmut gegen jedermann zu üben. Verlassen Sie sich nicht darauf,
in Ihren Angelegenheiten durch Ihre Geschicklichkeit Erfolg zu haben,
sondern nur durch den Beistand Gottes; vertrauen Sie sich daher ganz
seiner Sorge an und glauben Sie, daß er das tun wird, was das Beste für
138 III. Fléchère 455

Sie ist, vorausgesetzt, daß Sie sich Ihrerseits eines ruhigen Eifers bedie-
nen. Ich sage, ruhigen Eifers, denn ein gewalttätiger Eifer verdirbt das
Herz und die Dinge und ist kein Eifer mehr, sondern Ungestüm und
Verwirrung.
Mein Gott, gnädige Frau, so bald werden wir in der Ewigkeit sein und
dann erkennen, wie wenig alle Dinge dieser Welt bedeuten und wie we-
nig daran liegt, ob sie erledigt werden oder nicht; aber jetzt hetzen wir
uns ab, als ob es sich um ganz große Dinge handelte.
Mit welchem Eifer sammelten wir doch, als wir kleine Kinder waren,
Steinchen, Hölzchen und Erdklümpchen, um daraus Häuser und kleine
Burgen zu bauen! Und wenn jemand sie uns zerstörte, waren wir recht
unglücklich darüber und weinten; heute aber erkennen wir wohl, wie
wenig an all dem lag. So wird es uns auch eines Tages im Himmel erge-
hen, wenn wir sehen werden, daß all das, an dem wir in der Welt hingen,
doch nur rechte Kindereien waren.
Ich will uns damit nicht die Sorge abnehmen, die wir für solche Klei-
nigkeiten und Nichtigkeiten hegen sollen, denn Gott hat sie uns in dieser
Welt zur Aufgabe gestellt; wohl aber möchte ich dieser Sorge den Über-
eifer und die Hitze nehmen. Tun wir unsere Kindereien, da wir eben
Kinder sind; aber zerreißen wir uns nicht, sie zu tun. Und wenn irgend
jemand unsere Häuschen und kleinen Pläne zerstört, dann soll es uns
nicht viel quälen; denn wenn der Abend kommt, an dem man ein Ob-
dach suchen muß, ich meine der Tod, dann sind alle diese Häuschen
nichts mehr wert; wir müssen uns dann in das Haus unseres Vaters zu-
rückziehen (Ps 122,1). Sorgen Sie sich gewissenhaft um Ihre Angelegen-
heiten, aber Sie sollen wissen, daß es für Sie keine wichtigeren Geschäfte
gibt als das Ihres Heiles und das heilbringende Vorwärtsschreiten Ihrer
Seele zur echten Frömmigkeit.
Haben Sie Geduld mit allen, in erster Linie aber mit sich selbst; damit
will ich sagen, daß Sie nicht verstört werden sollen ob Ihrer Unvollkom-
menheiten und daß Sie immer den Mut haben sollen, sich wieder zu
erheben. Ich freue mich, daß Sie alle Tage wieder neu beginnen; es gibt
kein besseres Mittel, das geistliche Leben gut zu vollenden, als immer
wieder zu beginnen und niemals zu denken, genug getan zu haben. Emp-
fehlen Sie mich der Barmherzigkeit Gottes, die ich bitte, Sie überströ-
men zu lassen in seiner heiligen Liebe. Amen.
Ich bin Ihr recht ergebener Diener.
III. Fléchère 458, 468 139

XIV, 26-27 (458) Annecy, 28. Mai 1608.5


Gnädige Frau!
Ich wünsche gewiß sehr, daß Sie mir voll Vertrauen schreiben, wenn
Sie daraus Trost zu empfangen meinen.
Folgende zwei Dinge müssen wir miteinander vereinen: einerseits eine
äußerst große Liebe zum Guten und Genauigkeit in unseren Gebets-
und Tugendübungen, andererseits aber uns in keiner Weise verwirren
und beunruhigen zu lassen oder uns zu entsetzen, wenn uns dabei Fehler
unterlaufen. Das Erste fordert von uns die Treue, die immer unvermin-
dert bleiben und von Stunde zu Stunde wachsen soll; das Zweite aber ist
eine Folge unserer Schwäche, die wir während dieses sterblichen Lebens
niemals ablegen können.
Meine sehr liebe Tochter, wenn uns Fehler unterlaufen, prüfen wir
sogleich unser Herz und fragen wir es, ob sein Entschluß, Gott zu die-
nen, immer lebendig und unvermindert ist. Ich hoffe, daß es uns „ja“
antworten wird und lieber tausend Tode erleiden würde, als von diesem
Entschluß abzugehen. Fragen wir es dann noch: Warum also strauchelst
du jetzt? Warum bist du so lässig? Es wird antworten: Ich bin überrascht
worden, ich weiß nicht wie, aber ich bin jetzt so schwerfällig.
Ach, meine liebe Tochter, wir müssen ihm verzeihen; nicht aus Un-
treue fehlt es, sondern aus Schwäche. Wir müssen es also behutsam und
ruhig bessern und nicht noch mehr in Aufregung und Verwirrung brin-
gen. Wir wollen ihm also sagen: mein Herz, mein Freund, fasse im Na-
men Gottes Mut; gehen wir vorwärts, achten wir auf uns, erheben wir uns
zu unserer Hilfe und zu unserem Gott. Ach, meine liebe Tochter, wir
müssen zu unserer Seele liebevoll sein und sie nicht hart anfassen, solan-
ge wir sehen, daß sie nicht absichtlich schlecht handelt. Sehen Sie, in
dieser Weise üben wir die heilige Demut.
Was wir für unser Heil tun, wird zum Dienst an Gott, denn Unser Herr
selbst hat in dieser Welt nur für unser Heil gewirkt. Wünschen Sie nicht
den Krieg, aber erwarten Sie ihn stehenden Fußes. Unser Herr sei Ihre
Stärke. Ich bin in ihm, Ihr Ihnen sehr zugeneigter Diener.

XIV, 51-52 (468) Annecy, 13. Juli 1608.6


Gnädige Frau!
Auf Ihren letzten Brief habe ich bisher nicht geantwortet, weil ich
keinen verläßlichen Überbringer gefunden habe und jetzt wieder habe
ich nicht die erforderliche Zeit, um Sie ganz zu befriedigen. Dennoch
140 III. Fléchère 469

habe ich Ihnen schreiben wollen, um Ihnen einfach zu bezeugen, daß ich
zu Unserem Herrn alle Tage für Sie bete; dies aber mit besonderer Liebe,
indem ich ihn anflehe, er möge Ihnen in all Ihren Nöten, die Ihnen die
Schwangerschaft bereitet, mit seinen heiligen Tröstungen beistehen.
Sehen Sie, gnädige Frau, ich stelle mir vor, daß Ihr melancholisches
Wesen sich Ihrer Schwangerschaft bemächtigt, um Sie sehr traurig zu
machen, und daß Sie wiederum, da Sie sich traurig finden, darüber in
Unruhe geraten. Tun Sie das aber nicht, ich bitte Sie. Wenn Sie sich
schwerfällig, traurig und düster finden, unterlassen Sie es trotzdem nicht,
in Frieden zu bleiben. Und wenn Sie auch alles ohne Lust, ohne Gefühl
und ohne Kraft zu tun scheinen, lassen Sie doch nicht davon ab, Unseren
gekreuzigten Herrn zu umfassen, ihm Ihr Herz zu schenken und Ihren
Geist zu weihen mit all Ihren Affekten, so wie sie sind, und mögen sie
auch noch so schwächlich sein. Die selige Angela de Foligno sagt, Unser
Herr habe ihr enthüllt, keine Art von Gutem sei ihm so wohlgefällig, wie
das, was man mit Anstrengung machen müsse; das heißt also, wie das,
was ein fest entschlossener Wille ihm leistet, entgegen den Erschöpfun-
gen des Fleisches, entgegen den Widerständen des unteren Bereiches
und inmitten innerlicher Trockenheit, Traurigkeit und Verlassenheit.
Mein Gott, meine liebe Tochter, wie glücklich werden Sie bei jedem
Kreuz sein, das sich Ihnen darbietet, wenn Sie in Ihren Entschlüssen Ihm
treu bleiben, der Sie so treu liebte bis zum Tod, ja bis zum Tod am Kreuz
(Phil 2,8) ...
Bleiben Sie mit Jesus, leben Sie in ihm und durch ihn, der mich zu
Ihrem Ihnen ganz ergebenen Diener gemacht hat.

XIV, 53-54 (469) Annecy, 16. Juli 1608.7


Vor allen Dingen, meine liebe Tochter, müssen Sie zu dieser Ruhe
gelangen, nicht weil sie die Mutter der Zufriedenheit, sondern weil sie
die Tochter der Gottesliebe und des Verzichtes auf unseren Eigenwillen
ist. Gelegenheiten, sie zu üben, gibt es täglich, denn es fehlt uns nie an
Ärger, wo immer wir sein mögen; und wenn keiner uns solchen bereitet,
dann tun wir ihn uns selbst an. Mein Gott, meine liebe Tochter, wie heilig
und Gott wohlgefällig wären wir, wenn wir die Anlässe, uns zu überwin-
den, die unser Stand uns verschafft, recht zu nützen verstünden, denn sie
sind zweifellos viel größer als bei den Ordensleuten; das Schlimme ist,
daß wir sie nicht nützen wie jene.
Geben Sie nur recht acht auf sich in dieser Schwangerschaft; zwingen
III. Fléchère 470 141

Sie sich zu keiner Übung und wenn, dann ganz sachte. Wenn das Knie Sie
ermüdet, setzen Sie sich nieder; wenn Sie nicht genug aufmerksam sein
können, eine halbe Stunde zu beten, dann beten Sie eine Viertelstunde
oder eine halbe Viertelstunde.
Ich bitte Sie, sich in die Gegenwart Gottes zu versetzen und Ihre
Schmerzen vor ihm zu erleiden. Unterdrücken Sie Ihre Klagen nicht,
aber ich möchte, daß Sie es ihm gegenüber mit einem kindlichen Geist
tun, wie ein kleines Kind sich bei seiner Mutter ausweinen würde. Ge-
schieht dies mit Liebe, dann macht es nichts aus, wenn Sie sich auswei-
nen, wenn Sie um Heilung bitten, wenn Sie Ihren Platz wechseln oder
sich Erleichterung verschaffen. Tun Sie das nur mit Liebe und Ergebung
in die Hände des gütigen Willens Gottes.
Sorgen Sie sich auch nicht, ob Sie die Tugendübungen recht verrich-
ten; denn, wie ich Ihnen gesagt habe, sind sie trotzdem gut, auch wenn sie
ermattet, schwerfällig und gleichsam erzwungen geleistet werden. Sie
können Gott nur das geben, was Sie haben, und in dieser Zeit des Leidens
können Sie sonst nichts zustandebringen. Ihr Geliebter ist Ihnen jetzt,
meine liebe Tochter, wie ein Myrrhenbüschel; drücken Sie ihn dennoch
weiterhin an Ihre Brust (Hld 1,12). „Mein Geliebter ist mein und ich bin
sein“ (Hld 2,16); immer wird er in meinem Herzen sein. Jesaja nennt
ihn den Schmerzensmann (Kap. 53,3); er liebt die Leiden und die Lei-
denden. Quälen Sie sich nicht ab, viel zu tun, sondern seien Sie bereit,
das, was Sie zu leiden haben, mit Liebe zu leiden.
Gott wird Ihnen hilfreich sein, gnädige Frau, und Ihnen die Gnade
erweisen, daß Sie dieses mehr zurückgezogene Leben, von dem Sie mir
sprechen, in Erwägung ziehen können. Darniederliegend, lebend oder
sterbend, gehören wir Gott an (Röm 14,8) und nichts soll uns, dank
seiner Gnade, von seiner heiligen Liebe trennen (Röm 8,31). Niemals
wird unser Herz Leben haben als in ihm und für ihn, er wird auf immer
der Gott unseres Herzens sein (Ps 73,26).
Ich werde niemals aufhören, ihn darum zu bitten, noch gänzlich in ihm
zu sein Ihr Diener, der Sie sehr lieb hat.

XIV, 55 (470) Annecy, um den 21. Juli 1608.


Ja, meine sehr liebe Tochter, gern gebe ich dem Haus de la Fléchère
den Namen „Franz“ wieder, der mir in der heiligen Taufe durch Ihren
Onkel und meinen guten Paten, Herrn Prior de la Fléchère, verliehen
wurde; wenn es aber eine Tochter ist, werden wir eine gute Ordensschwe-
ster daraus machen.8
142 III. Fléchère 472, 488

XIV, 57 (472) Annecy, (August) 1608.9

Gnädige Frau, meine sehr liebe Tochter (denn ich glaube, Sie wollen,
daß ich Sie so nenne), nähren Sie Ihre Seele, indem Sie ihr den Geist
herzlichen Vertrauens auf Gott einflößen. In dem Maße, als Sie sich von
Unvollkommenheiten und Armseligkeiten umgeben finden, frischen Sie
Ihren Mut wieder auf, um fest zu hoffen. Haben Sie viel Demut, die
Tugend der Tugenden, aber eine hochherzige und von Frieden erfüllte
Demut.
Seien Sie treu, unserem Meister gut zu dienen, aber bewahren Sie in
seinem Dienst kindliche und liebevolle Freiheit; ohne in Ihrem Herzen
entmutigende Bitterkeit aufkommen zu lassen. Bewahren Sie einen Geist
heiliger Freude, die maßvoll Ihre Handlungen und Worte durchdringe
und den guten Menschen, die Sie sehen, Trost schenke, damit sie dafür
Gott verherrlichen (Mt 5,16; 1 Petr 2,12), was unser einziges Bestreben
ist. Sie dürfen jetzt Ihrem Leib keine Abtötung und Kasteiung zumuten,
und es ist auch keineswegs zuträglich, daß Sie auch nur daran denken,
worin wir ja übereingekommen sind. Halten Sie ihr Herz gut in Ordnung
vor seinem Heiland. Was Sie tun, tun Sie es so viel als möglich, um Gott
wohlzugefallen. Und was Sie entsprechend der Beschaffenheit dieses
Lebens zu leiden haben, das leiden Sie in der gleichen Absicht. So wird
Gott Sie ganz in Besitz nehmen und Ihnen die Gnade erweisen, daß Sie
ihn eines Tages auf ewig besitzen werden, wofür ich ihn mein ganzes
Leben lang anflehen werde, meine sehr liebe Tochter, und von ganzem
Herzen sein werde Ihr recht ergebener und Ihnen zugeneigter Diener.

XIV, 81-82 (488) Annecy, 28. Oktober 1608.


Gnädige Frau, meine sehr liebe Tochter und Gevatterin!
Sie werden den Brief sehen, den ich Herrn von Citeaux10 und Ihrer
guten Frau Schwester schrieb.11 Bei der geringen mir zur Verfügung ste-
henden Zeit bleibt mir nur noch, Ihnen zu sagen, daß ich den Gleichmut
überaus billige, den Sie sowohl in der Angelegenheit von Bons12 als auch
in allen anderen beweisen, da dies ja im Hinblick auf den Willen Gottes
geschieht.
Ich mag keineswegs jene gewissen Seelen,13 die nichts lieben und bei
allen Ereignissen unbewegt bleiben und das tun aus Mangel an Kraft und
Herz oder aus Geringschätzung des Guten und des Bösen. Jene aber, die
aus völliger Ergebung in den Willen Gottes gleichmütig bleiben, die – o
III. Fléchère 512 143

mein Gott – sollen dafür seiner göttlichen Majestät danken, denn das ist
wohl ein großes Geschenk. Ich würde Ihnen das mündlich besser sagen;
aber Sie werden es, denke ich, auch so, wie ich es sage, genügend verste-
hen.
Das ist wirklich eine Versuchung, im Gebet sich mit dem Gedanken
abzugeben, was Sie mir von Ihrer Seele aufzudecken haben; denn das ist
nicht die Zeit dafür. Kämpfen Sie jedoch nicht gegen diese Gedanken an,
sondern lenken Sie ganz sachte Ihren Geist davon ab durch ein einfaches
Zurückkehren zum Gegenstand Ihres Gebetes.14
Ich werde Ihnen bei der ersten sich bietenden Gelegenheit schreiben,
wenn ich mehr Zeit habe, denn jetzt muß ich abreisen, um in einer Pfarre
die Visitation vorzunehmen, und ich habe viele Leute um mich.
Gott sei inmitten Ihres Herzens, meine liebe Tochter, und möge es mit
seiner heiligen Liebe entflammen. Er hat mich für immer gemacht zu
Ihrem Ihnen sehr zugeneigten und treuen Diener.

XIV, 119-121 (512) Annecy, 20. Januar 1609.15


Gnädige Frau!
Zweifellos würden Sie sich mündlich besser und viel freier ausdrük-
ken als schriftlich; indessen müssen wir, bis Gott es so will, uns der
Mittel bedienen, die uns zur Verfügung stehen. Sehen Sie, Erschöpfung,
Erschlaffung und Erstarrung der Sinne können nicht ohne eine Art fühl-
barer Traurigkeit sein; solange aber Ihr Wille und der Geist in seinem
Grund fest entschlossen sind, ganz Gott zu gehören, ist nichts dabei zu
befürchten, denn das sind natürliche Unvollkommenheiten und mehr
Kindertorheiten als Sünden oder geistige Mängel. Dennoch müssen Sie
sich, so sehr es Ihnen möglich sein wird, zu Mut und Regsamkeit des
Geistes aufmuntern und aufrufen.
O wie häßlich ist wohl dieser Tod, meine liebe Tochter, aber das
jenseitige Leben, das die Barmherzigkeit Gottes uns schenken wird, ist
doch auch sehr sehenswert. Und wir dürfen uns darüber nie in miß-
trauische Gedanken einlassen. Wenn wir auch armselig sind, wissen
wir denn nicht, daß Gott barmherzig ist jenen gegenüber, die den Wil-
len haben, ihn zu lieben, und die auf ihn ihre Hoffnung gesetzt haben?
(Ps 33,18; 37,40). Als der selige Kardinal Borromäus im Sterben lag,
ließ er sich ein Bild unseres toten Heilands bringen, um seinen eigenen
Tod durch den des Erlösers zu erleichtern. Das beste Mittel gegen die
Angst vor dem Tod ist der Gedanke an den, der unser Leben ist (Kol
144 III. Fléchère 513

3,4), und niemals an den einen Tod zu denken, ohne den Gedanken an
den anderen beizufügen.
Mein Gott, meine liebe Tochter, prüfen Sie nicht, ob Sie viel oder
wenig tun und ob es gut oder schlecht ist, wenn es nur nicht Sünde ist und
wenn Sie ganz schlicht den Willen haben, es für Gott zu tun. Soweit Sie
es können, tun Sie vollkommen, was Sie tun, aber wenn es getan ist,
denken Sie nicht mehr daran, sondern an das, was noch zu tun ist. Gehen
Sie recht einfach auf dem Weg Unseres Herrn und quälen Sie sich nicht!
Wir müssen unsere Fehler hassen, aber mit einem ruhigen und gelasse-
nen Haß, nicht aber mit einem verärgerten und verwirrten; ja, wir müs-
sen es ertragen, sie zu sehen und daraus eine heilige Selbsterniedrigung
gewinnen. Wenn das fehlt, meine Tochter, werden die Unvollkommen-
heiten, die Sie bis ins Kleinste hinein sehen, Sie noch mehr bis ins Klein-
ste hinein verwirren und sie werden dauernd haften bleiben; denn nichts
läßt unsere Schandflecken mehr anhalten als die Unruhe und der Über-
eifer, sie auszulöschen ...
Es ist eine schwere Versuchung, wenn man an der Welt Mißfallen fin-
det und traurig ist, in ihr zu leben, aber doch notwendigerweise in ihr
sein muß. Die Vorsehung Gottes ist weiser als wir. Wir sind der Mei-
nung, daß unser Befinden besser werde, wenn wir ein anderes Schiff be-
steigen. Ja, aber es wird nur dann sein, wenn wir selbst anders werden.
Mein Gott, ich bin ein geschworener Feind dieser unnützen, gefährli-
chen und schlechten Wünsche; denn wenn auch das, was wir wünschen,
gut ist, ist dennoch der Wunsch schlecht, denn Gott will eben diese Art
des Guten nicht für uns, sondern eine andere, in der wir uns nach seinem
Willen üben sollen. Gott will zu uns in den Dornen und im Busch spre-
chen, wie er es zu Mose tat (Ex 3,2), wir aber wollen, daß er zu uns im
sanften und frischen Lüftlein spreche, wie er es zu Elija tat (1 Kön 19,12).
Seine Güte bewahre Sie, meine Tochter; aber seien Sie beständig, mu-
tig und freuen Sie sich, daß diese Güte Ihnen den Willen schenkt, ganz
ihm gehören zu wollen. In ihm bin ich zur Gänze der Ihre.

XIV, 121-123 (513) Annecy (Februar) 1609.


Ich schicke Ihnen, meine sehr liebe Tochter, Ihr Buch16 korrigiert zu-
rück; möge es Ihnen so von Nutzen sein, wie ich es wünsche!
Die Entschlüsse, uns mit Gott zu vereinen, müssen wir gewiß oft fassen
und erneuern, damit wir in ihnen verhaftet bleiben. Aber ich wünsche,
III. Fléchère 513 145

daß Sie sich in Ihrem Eifer nicht Versuchungen oder Gelegenheiten zur
Abtötung wünschen. Da es Ihnen durch die Gnade Gottes daran nicht
fehlen wird, brauchen Sie Ihr Herz nicht damit beschäftigen, sie herbei-
zuwünschen. Beschäftigen Sie es vielmehr damit, daß es sich vorbereite
und die erforderliche Haltung einnehme, um sie entgegenzunehmen, nicht
wann Sie wollen, sondern wann Gott sie zuläßt.
Daß wir uns über die göttliche Gnade ein wenig freuen, falls wir Erfol-
ge haben, ist nichts Böses, wenn wir daraus demütig hervorgehen. Ereig-
nissen, die nicht Sie im Besonderen, sondern Ihr Haus betreffen, sollen
Sie abhelfen, jedoch dabei ergeben gleichmütigen Herzens das abwarten,
was Gott zum Besten für uns verfügen wird. Solche Klagen, Sie seien
armselig und unglücklich, müssen Sie, meine liebe Tochter, ganz bleiben
lassen; denn abgesehen davon, daß solche Worte sich nicht für eine Die-
nerin Gottes schicken, entspringen sie einem zu niedergeschlagenen
Herzen und sind weniger Äußerungen der Ungeduld als des Ärgers.
Sehen Sie, meine liebe Tochter, üben Sie Sanftmut und Ergebung in
den Willen Gottes, nicht bloß bei außergewöhnlichen Dingen, sondern
besonders bei diesen täglichen kleinen Unannehmlichkeiten. Bereiten
Sie sich darauf am Morgen vor, nach dem Mittagessen, bei der Danksa-
gung, vor und nach dem Abendessen und am Abend setzen Sie sich dies
für eine Zeit zum Ziel. Aber tun Sie das, das heißt diese Übungen, ruhi-
gen und freudvollen Geistes; und wenn Ihnen dabei Fehler unterlaufen,
demütigen Sie sich und beginnen Sie wieder von neuem.
Es ist sicher gut, eine große allgemeine Sehnsucht nach der äußersten
Vollkommenheit christlichen Lebens zu haben. Man sollte aber nicht im
Besonderen darüber philosophieren, sondern nur über unsere Besse-
rung und unseren Fortschritt von Tag zu Tag bei den täglichen Gescheh-
nissen. Das Gelingen unseres Hauptanliegens aber sollen wir der Vorse-
hung Gottes überlassen und uns dafür in seine Arme werfen wie ein
kleines Kind, das – um größer zu werden – Tag für Tag ißt, was sein Vater
ihm vorsetzt, und hofft, er werde ihm das für seinen Appetit und Bedarf
Erforderliche verschaffen.
Gegen die Versuchungen zum Neid wenden Sie das an, was ich im
Buch von den gleichen Versuchungen sage.17 Da die Kommunion Ihnen
soviel gibt, machen Sie oft von ihr Gebrauch mit großem Eifer und rei-
nem Gewissen. Leben Sie immer frohgemut trotz all Ihrer Versuchun-
gen. Tun Sie jetzt kein anderes Bußwerk und überwinden Sie sich, indem
Sie im Geist der Sanftmut liebevoll den Nächsten ertragen und Kranke
besuchen, und haben Sie guten Mut.
146 III. Fléchère 517

Ich habe unserer guten Schwester18 seither wenig geschrieben; ich habe
sie sehr lieb. Die Arme war wegen einer Kleinigkeit ganz verwirrt; das ist
aber ein gutes Zeichen, denn dies hat in ihr die Gottesfurcht vertieft. Sie
war ganz entmutigt, weil sie glaubte, Gott beleidigt zu haben. O Gott, wir
sollen viel lieber sterben, als wissentlich und freiwillig Gott zu beleidi-
gen. Wenn wir aber fallen, sollen wir alles eher verlieren als Mut, Hoff-
nung und unser Vorhaben. Nun, Gott wird dies alles zu seiner Ehre wen-
den.
Ihre Nachbarin wird recht gut handeln, wenn sie lieber bezahlt, was sie
nicht schuldig ist, um das Übel eines Prozesses oder einer Uneinigkeit
mit ihrem Mann zu vermeiden, wenn die Summe nicht recht bedeutend
ist. Denn wenn sie, um ihn vor einem körperlichen Fieber zu bewahren,
auch ohne sein Wissen Geld verwenden kann, warum nicht, um ein geist-
liches Fieber zu verhüten?
Gute Nacht, gnädige Frau, meine sehr liebe Gevatterin, meine Toch-
ter; Ihr Herz gehört Gott, leben Sie glücklich, so gut untergebracht zu
sein. Ich bin von ganzem Herzen Ihr recht treuer Diener und Gevatter.
Ich werde für mein Patenkind beten.

XIV, 135-137 (517) Annecy (März) 1609.19


Ich habe Ihre beiden Briefe erhalten, meine liebe Tochter, und sehe
recht deutlich, daß Ihr ganzes Übel nichts anderes war als eine richtige
Verwirrung Ihres Geistes, die aus zwei nicht befriedigten Wünschen ent-
standen ist: der eine war der Wunsch, Gott zu dienen bei jeder sich bie-
tenden Gelegenheit; der andere war der Wunsch, zu erfahren, ob Sie Ihre
Pflicht treu erfüllt haben. Beide Wünsche hegten Sie voll Übereifer, der
Sie verwirrt, beunruhigt und schließlich gehemmt hat. Nun haben Sie
gewiß Ihre Pflicht gut erfüllt. Ihre Seele aber, die immer ein wenig zum
Schwarzsehen neigt, machte Ihnen weis, Sie hätten eigentlich wenig ge-
tan. Da Sie heftig danach verlangen, Ihre Pflichten genau zu erfüllen,
sich aber nicht mit Sicherheit überzeugen können, sie getan zu haben,
haben Sie sich der Traurigkeit, Entmutigung und Verärgerung hingege-
ben.
Nun, meine liebe Tochter, seien Sie wieder recht froh, vergessen Sie
das alles, demütigen Sie sich recht kräftig vor Unserem Herrn und erin-
nern Sie sich daran, daß Ihr Geschlecht und Ihr Stand es Ihnen nicht
gestattet, das Böse außerhalb Ihres Heimes anders zu verhindern als
durch Anregungen, durch Schilderung des Guten, durch einfache, de-
III. Fléchère 528 147

mütige und liebevolle Mahnungen denen gegenüber, die Fehler began-


gen haben, und durch Meldung an die Vorgesetzten, wenn sich dies ma-
chen läßt; das sage ich für ein anderes Mal.
Dann rate ich noch im allgemeinen: Wenn wir nicht zu unterscheiden
vermögen, ob wir unsere Pflicht in einer Angelegenheit gut erfüllt, und
in Zweifel sind, ob wir Gott beleidigt haben, dann demütigen wir uns,
bitten Gott um Verzeihung und um mehr Erkenntnis für ein anderes
Mal. Dann sollen wir das Geschehene vollkommen vergessen und uns
wieder an die gewohnte Arbeit machen. Denn eine neugierige und über-
eifrige Untersuchung, um zu wissen, ob wir recht getan haben, stammt
unzweifelhaft von der Eigenliebe, die uns wünschen läßt, zu erfahren, ob
wir tüchtig sind. Die reine Gottesliebe sagt uns dagegen: Elender oder
Feigling, der ich war, demütige dich, stütze dich auf die Barmherzigkeit
Gottes, bitte um Verzeihung, beteuere erneut, daß du treu sein willst,
und bemühe dich weiter um deinen Fortschritt.
Ich bin einverstanden, daß die Schlafenszeit gekürzt werden kann, aus-
genommen wenn ein großes Ruhebedürfnis vorliegt. Damit dies aber
nicht schade, braucht man dann mehr Bewegung, um die Säfte zu lösen,
die wegen Mangels an Schlaf nicht ausgeschieden werden. Auf diese Weise
können Sie von Ihrem Morgenschlaf, nicht aber vom Abendschlaf eine
Stunde wegnehmen und ich bin sicher, daß Ihnen dies gut bekommen
wird. Was die übrigen Kasteiungen betrifft, so nehmen Sie keine außer-
gewöhnlichen auf sich, denn Ihre Veranlagung und Ihr Stand erfordern,
daß Sie es nicht tun.
Auch bin ich nicht dafür, daß man sich jetzt ganz zurückzieht; denn für
die Erwerbung der Tugenden ist es besser, sie inmitten der Widerwärtig-
keiten zu üben. Dabei dürfen Sie sich nicht entmutigen lassen, sondern
sollen häufig die Vorbereitungen gebrauchen, um sich dabei richtig zu
verhalten.
Gott sei immerdar unsere einzige Liebe und Sehnsucht, meine liebe
Tochter, und ich bin in ihm ganz der Ihre.

XIV, 156-157 (528) Annecy (Mai 1609).20


Ich habe, meine sehr liebe Tochter, die kleine Schwäche gesehen, von
der Sie in den letzten Tagen wegen der verschiedenen Regungen Ihres
Herzens befallen wurden. Es war einerseits das Empfinden, Sie sollten
auf Ihre eigene Neigung verzichten, und andererseits die Neigung, Ihrer
persönlichen Vorliebe zu folgen. Nun, meine liebe Tochter, Sie werden
148 III. Fléchère 545

sehen, das Schlimmste, das Sie getan haben, lag darin, daß Sie über Ihre
Schwäche in Verwirrung geraten sind. Denn wenn Sie sich nach dem
ersten Stolpern nicht beunruhigt, sondern ganz sachte Ihr Herz wieder in
Ihre Hände genommen hätten (Ps 119,109), wären Sie nicht das zweite-
mal gestolpert. Nun aber, nach all dem, müssen Sie wieder Mut fassen
und sich immer mehr in unseren heiligen Entschlüssen bestärken, vor
allem in diesem, uns nicht zu beunruhigen oder jedenfalls wieder ruhig
zu werden, so oft wir diese Unruhe sehen und uns ihrer bewußt werden.
Dieses Wort: „Ich bin wirklich ganz zerrissen“, paßt nicht gut zum
Gegenstand, weswegen es gesagt wurde. Meine liebe Tochter, wir müssen
uns wohl um Mitgefühl mit dem Nächsten und Demut für uns selbst
bemühen. Wir dürfen nicht leichtfertig denken, daß es dem Nächsten zu
gut geht und uns zu schlecht. Ach, wir werden immer etwas zu tun, im-
mer einen Feind zu bekämpfen haben. Seien Sie darüber nicht erstaunt,
sondern werfen Sie, wenn diese schlechten Neigungen Sie beunruhigen
möchten, Ihr inneres Auge auf den gekreuzigten Heiland. Ach, Herr, wie
gut bist du zu mir; mache dies mein Herz gütig durch die Güte des
deinen! Lenken Sie sich ein wenig ab und dann bereiten Sie sich für den
Kampf vor; stellen Sie sich Ihre früheren Kämpfe vor Augen und wenn
Sie die zweite Erregung fühlen, tun Sie das gleiche. Gott wird Ihnen
beistehen.
Ich bin recht froh über die Ankunft der guten Schwester,21 der ich eine
lange Antwort schulde; mit Gottes Hilfe und etwas Zeit werde ich die-
selbe abfassen. Die gute Frau Baronin von Chantal grüßte Sie neulich in
einem Brief. Es lebe Jesus, in dem ich ganz der Ihre bin.

XIV, 193-194 (545)22 Annecy, 20. August 1609.

Zufolge der heiligen und vollkommenen Freundschaft, die Gott mir


zu Ihnen geschenkt hat, meine sehr liebe Tochter, tut es mir leid, Sie
krank zu wissen. Und doch müssen wir bereit sein, das Leid nicht bloß zu
wollen, sondern es zu lieben, zu schätzen und zu liebkosen, kommt es
doch aus der Hand der allerhöchsten Güte, der wir angehören und die
unser Ziel ist. Mögen Sie recht bald genesen, wenn dies zur größeren
Ehre Gottes gereicht, meine sehr liebe Tochter. Wenn aber nicht, mögen
Sie denn voll Liebe leiden, solange die himmlische Vorsehung das erfor-
dern wird, sodaß dies im Genesen oder Leiden dem himmlischen Wohl-
gefallen geleistet werde.
III. Fléchère 550 149

Was kann ich Ihnen mehr sagen, meine liebe Tochter, als was ich Ihnen
schon sooft gesagt habe, daß Sie, soviel Sie nur können, Ihr gewöhnliches
Leben aus Liebe zu Gott weiterführen, indem Sie mehr innere Akte die-
ser Liebe hervorbringen und auch äußere, vor allem aber, indem Sie – so
viel Sie es vermögen – Ihr Herz der heiligen Milde und Stille zuwenden;
der Milde dem Nächsten gegenüber, auch wenn er ärgerlich und ver-
drießlich ist; der Stille Ihnen selbst gegenüber, wenngleich Sie Versu-
chungen ausgesetzt, betrübt und armselig sind. Ich hoffe auf Unseren
Herrn, daß Sie sich immer an seiner Hand festhalten und folglich nie-
mals straucheln. Wenn Sie aber doch auf einen Stein stoßen und stol-
pern, so soll das nur dazu dienen, daß Sie besser auf sich achtgeben und
immer mehr um die Hilfe und den Beistand des gütigen himmlischen
Vaters bitten, den ich anflehe, er möge Sie immerdar in seiner heiligen
Hut halten. Amen.
Ich bin in ihm recht fest ganz der Ihre.

XIV, 202-204 (550) Annecy, 2. Oktober 1609.23


Meine liebe Tochter!
Ich habe recht wenig Schmerzen aus meinem Sturz, der nur eine Ner-
venquetschung und eine Knochenverrenkung zur Folge hatte; er bringt
aber die Unannehmlichkeit mit sich, im Bett bleiben zu müssen und
folglich nicht zelebrieren zu dürfen. Doch hoffe ich, am nächsten Sonn-
tag, dem Tag meines hl. Franziskus, wieder meine Alltagsarbeit aufneh-
men und am nächsten Dienstag abreisen zu können, um die Trauung
meines Bruders bei unserer guten Frau von Chantal vornehmen zu kön-
nen.
Unsere Schwester24 hat gut daran getan, mich vor den kleinen Wortver-
drehungen zu warnen, welche diese arme Ordensfrau ausstreut; denn das
kann mir dienen und niemandem schaden. Ich bin nicht ärgerlich darü-
ber und werde nicht aufhören, an Mittel zu denken, womit man dieser
schwachen Seele helfen kann, die meiner Meinung nach mehr leichtfer-
tig und unbeständig als boshaft ist. Ich antworte auf den anderen Rat, den
unsere Schwester von mir wünschte.
Was Sie betrifft, meine liebe Tochter, so preise ich Gott für die Gefüh-
le der Liebe, die Sie zu ihm hegen. Sie sollen nicht diese sonderbaren
Gedanken anstellen, seine göttliche Majestät werde Ihnen die Liebe zu
ihm wegnehmen, weil Sie unnütz seien. Nein, Sie dürfen keine solche
Angst haben. Sie sollen wohl sich demütigen und erkennen, daß Sie ganz
150 III. Fléchère 562

unnütz sind (Lk 17,10), aber doch auf die Größe des göttlichen Erbar-
mens hoffen, daß es Ihnen mehr und mehr gnädig sein wird. Gewiß darf
man sich nicht vordrängen. Aber die Gnaden empfangen, die Gott uns
schenkt, heißt nicht, sich vordrängen, vorausgesetzt, man verbleibt in der
Demut und in den Aufgaben, zu denen unser Beruf uns verpflichtet.
Ihre Handlungsweise beim Gebet, bei den Zerstreuungen und den klei-
nen Regungen geistlichen Neides ist richtig. Halten Sie sich nicht dabei
auf, sondern arbeiten Sie hochherzig vor Gott mit Ihrem höheren Wil-
len, und muntern Sie sich zur heiligen Liebe auf. Die Übung, die Sie mir
geschickt haben, ist gut, aber geben Sie acht, daß Sie in deren Durchfüh-
rung nicht den Entschluß aufgeben, sich in allem zu überwinden, was
Ihnen durch Ihren Beruf begegnet.
Ich schicke das beiliegende Buch25 an unsere Schwester und behalte
mir vor, Ihnen eines bei meiner Rückkehr zu schicken, da ich für den
Augenblick nur das habe, das ich mitnehmen muß, wohin ich gehe. Ich
empfehle Ihnen Frau von Charmoisy, die recht krank ist, nach dem, was
mir Herr von Charmoisy sagte, und ein gutes Werk, das wir für das Wohl
vieler Seelen unternehmen werden.
Ich bin völlig ganz der Ihre in Unserem Herrn, der leben und herr-
schen möge von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.
Annecy, am 2. Oktober, in Eile.

XIV, 232-234 (562) Annecy, Mitte Dezember 1609.26

Es ist wahr, meine sehr liebe Tochter, daß nichts auf dieser Welt uns
eine tiefere Ruhe geben kann, als wenn wir oft Unseren Herrn in all den
Leiden betrachten, die ihm von seiner Geburt an bis zu seinem Tod zu-
stießen. Wir sehen da soviel Verachtung, Verleumdung, Armut und Dürf-
tigkeit, Erniedrigungen, Mühen, Qualen, Entblößungen, Beleidigungen
und jede Art von Bitterkeit, daß damit verglichen die kleinen Unbilden,
die uns zustoßen, zu Unrecht von uns Heimsuchungen, Plagen und Wi-
derwärtigkeiten genannt werden. Wir werden erkennen, wie unrecht wir
haben, uns Geduld zu wünschen für etwas so Geringes, da doch ein ein-
ziger kleiner Tropfen Bescheidenheit genügt, um all das gut zu ertragen,
was uns zustößt.
Ich kenne den Zustand Ihrer Seele recht gut und ich meine, daß ich sie
immer vor mir sehe mit all diesen kleinen Erregungen von Traurigkeit,
Entsetzen und Unruhe, die sie verwirren, da sie die Fundamente der
III. Fléchère 562 151

Liebe zum Kreuz und zur Selbsterniedrigung noch nicht tief genug in
ihren Willen hineingelegt hat. Meine sehr liebe Tochter, ein Herz, das
den gekreuzigten Jesus Christus ganz stark hochschätzt und liebt, das
liebt seinen Tod, seine Leiden, seine Qualen, sein Angespienwerden,
sein Beschimpftwerden, seine Entbehrungen, seinen Hunger, seinen Durst,
seine Schande; und wenn es irgendwie ein wenig daran teilhaben kann,
dann jubelt es darüber voll Freude und nimmt es liebevoll auf sich.
Sie sollen daher alle Tage, nicht während des Gebetes, sondern sonst,
wenn Sie auf- und abgehen, auf Unseren Herrn in den Mühen schauen,
die er für unsere Erlösung erlitt, und erwägen, welches Glück es für Sie
ist, daran teilhaben zu können. Überlegen Sie, bei welcher Gelegenheit
Ihnen dieses hohe Gut widerfahren kann, das heißt, bei den Widerstän-
den, auf die Sie mit all Ihren Wünschen stoßen und vor allem bei den
Wünschen, die Ihnen die gerechtfertigtsten und berechtigtsten scheinen.
– Dann sollen Sie mit einer großen Liebe zum Kreuz und Leiden Unse-
res Herrn mit dem hl. Andreas ausrufen: „O gutes Kreuz, das mein Erlö-
ser so sehr geliebt, wann wirst du mich in deine Arme aufnehmen?“
Sehen Sie, meine sehr liebe Tochter, wir sind zu verweichlicht, wenn
wir einen Zustand Armut nennen, bei dem wir weder Hunger noch Käl-
te, noch Schande, sondern bloß einige kleine Unannehmlichkeiten bei
dem haben, was wir uns vornehmen. Erinnern Sie mich, wenn wir uns
wiedersehen, daß ich ein wenig über diese Verzärtelung und Verweichli-
chung Ihres mir lieben Herzens zu Ihnen spreche, denn Sie benötigen
besonders um Ihres Friedens und Ihrer Ruhe willen vor allen Dingen,
davon geheilt zu werden und in sich die richtige Auffassung von der
Ewigkeit zu formen. Wer oft daran denkt, sorgt sich sehr wenig um das,
was ihm in diesen zwei, drei Augenblicken des sterblichen Lebens zu-
stößt.
Da Sie nun den halben Advent gefastet haben, können Sie bis zum
Ende weitermachen. Ich will schon, daß Sie auch an zwei aufeinander-
folgenden Tagen kommunizieren, wenn es Feiertage gibt. Gehen Sie nur
recht andächtig zur Messe nach dem Essen: handeln Sie so nach altem
Brauch der Christen. Unser Herr achtet nicht so kleiner Dinge; die Ehr-
erbietung liegt im Herzen, Sie sollen Ihren Geist nicht mit solch kleinli-
chen Erwägungen beschäftigen.
Gott befohlen, meine sehr liebe Tochter, sehen Sie mich immer ganz
als den Ihren an, denn das bin ich in Wahrheit. Gott segne Sie. Amen.
152 III. Fléchère 564

XIV, 235-236 (564) (1609 oder 1610).

Wenn ich Ihnen nicht schreibe, meine liebe Tochter, so ist es gewiß
nicht deshalb, weil ich kein ganz liebendes Herz für Sie habe, sondern
weil ich andauernd so viel gestört werde, daß ich nicht schreiben kann,
wann ich will. Außerdem kann Ihr Übel, das nichts anderes ist als Trok-
kenheit und Dürre, nicht durch Briefe geheilt werden. Ihre kleinen Schwie-
rigkeiten müßte man persönlich anhören können, aber schließlich sind
doch Geduld und Ergebenheit die einzigen Heilmittel dafür. Nach dem
Winter dieser Kälte wird der heilige Sommer kommen und wir werden
getröstet werden.
Ach, meine Tochter, wir lieben immer so sehr alles Liebliche, Ange-
nehme und lieb Tröstliche; aber doch ist die Härte der Trockenheit frucht-
bringender. Obgleich der hl. Petrus den Berg Tabor liebte (Mt 17,4) und
den Kalvarienberg floh, ist dieser doch viel mehr von Nutzen als jener,
und das auf Kalvaria vergossene Blut wünschenswerter als der auf Tabor
ausgebreitete Glanz. Unser Herr behandelt Sie schon als tapfere Toch-
ter; leben Sie auch ein wenig als solche. Es ist besser, Brot ohne Zucker
zu essen, als Zucker ohne Brot.
Unruhe und Ärger, die aus der Erkenntnis Ihrer Nichtigkeit aufstei-
gen, sind nicht liebenswert. Ist auch die Unruhe gut, so doch nicht ihre
Auswirkung. Nein, meine Tochter, denn die Erkenntnis unserer Nichtig-
keit soll uns nicht verwirren, sondern uns milder machen, uns demütigen
und erniedrigen; die Eigenliebe ist es, die bewirkt, daß wir verärgert
sind, uns armselig und niedrig zu sehen. Ich beschwöre Sie bei unserer
gemeinsamen Liebe, die Jesus Christus ist, möchten Sie doch ganz getrö-
stet und ganz ruhig bei all Ihren Schwächen leben. „Ich rühme mich
inmitten meiner Schwachheiten“ (2 Kor 12,9), sagt unser großer hl. Pau-
lus, „damit die Kraft meines Heilands in mir fruchtbar werde.“ Ja, denn
unser Elend dient als Thron, um die allerhöchste Güte Unseres Herrn
zur Anerkennung zu bringen.
Ich wünsche Ihnen tausend Segnungen. O Herr, segne das Herz meiner
sehr lieben Tochter, laß es brennen wie ein liebenswertes Brandopfer zur
Ehre deiner göttlichen Liebe; möge sie keine andere Befriedigung su-
chen als die deine, keine andere Freude anstreben als die, gänzlich dei-
ner Verherrlichung geweiht zu sein. Jesus sei immerdar inmitten dieses
Herzens und dieses Herz sei immerdar inmitten Jesu; Jesus lebe in die-
sem Herzen und dieses Herz in Jesus. In ihm bin ich mehr der Ihre,
meine liebe Tochter, als Sie glauben könnten ...
III. Fléchère 584, 590 153

XIV, 269-271 (584) Annecy, 27. März 1610.

Meine sehr liebe Tochter!


Hier meine Antwort. Sie haben keine Sünde darin begangen, daß Sie
Vorzeichen einer Gefahr für Ihren Sohn zu sehen glaubten. Man soll
allerdings nicht so weich sein, solchen Ängsten Glauben zu schenken;
vielmehr soll man alles, was uns berührt, ruhig in die Hände der göttli-
chen Vorsehung legen. Und selbst, wenn uns eine heftige Versuchung
überfällt, wie die, von der Sie schreiben, müssen wir, soweit es uns mög-
lich ist, die Befürchtungen unterdrücken, die daraus entstehen. Unser
Feind möchte nichts sonst, als, da er uns solchen Empfindungen gegen-
über nachgiebiger findet, unsere Leichtgläubigkeit mißbrauchen. In
Wahrheit aber wird er niemals irgendetwas bei Ihnen erreichen, solange
Sie – wie Sie es tun – Ihr Herz unbefangen und demütig Ihrem Seelen-
führer aufgeschlossen halten.
Bei allem, was uns trifft, müssen Sie immer so handeln, wie Sie es jetzt
bei Ihrem verlorenen Prozeß tun; das heißt, Sie müssen sich immer dar-
einschicken, solche Dinge ruhig zu ertragen.
Tun Sie, was Pater Franz27 Ihnen für das Fasten sagt, und nehmen Sie
nur getrost ein etwas reichlicheres Frühstück. Was das Beten betrifft, tun
Sie recht, sich dem innerlichen Gebet zu überlassen, wenn Unser Herr
Sie während des mündlichen Gebetes dazu ruft.
Beten Sie also für den Rest der Fastenzeit fünf Vaterunser und fünf
Gegrüßet-seist-du auf bloßen Knien und mit bloßen Händen aus Gehor-
sam und um gleichförmig zu werden mit Ihm, der auf dem Kreuz für uns
bloß hing und dessen Todes wir gedenken wollen ...

XIV, 285-286 (590) Annecy, 21. April 1610.28


Schon seit langem habe ich beiliegenden Brief für Sie, meine sehr liebe
Tochter, fand aber keine Gelegenheit, ihn abzuschicken. Die Absende-
rin gab ihn mir mit dem Ausdruck aufrichtiger Zuneigung für Sie.
Ich wünsche nicht, daß Sie ein Gelübde ablegen, sondern daß Sie nur
einige besondere Andachtsübungen in dieser Meinung verrichten.
Halten Sie sich aufrecht und hüten Sie sich, zu straucheln, denn es ist
gefährlich, auf dem Prozeßweg zu gehen. Erneuern Sie täglich die gute
Absicht, die Sie in dieser Sache haben, und beten Sie besonders dafür.
O Gott, meine liebe Tochter, wie glücklich ist doch diese teure Nich-
te,29 die aus der Welt gegangen ist, bevor sie da ihr Herz befleckt hat
154 III. Fléchère 620

(Weish 4,14). Ich bitte den Heiligen Geist, er möge dem Vater seinen
heiligen Trost schenken. Ich grüße die teure Schwester; der Verkehr mit
ihr wird Ihnen gut tun.
Halten Sie Ihre Seele fest in Ihren Händen (Ps 19,109); Sie begeben
sich in eine gute Gelegenheit, Unserem Herrn Ihre Treue zu bezeugen
durch Übung der Sanftmut, Güte, Demut, Ergebung und Liebe.
Ich bin mehr der Ihre, als Sie nur glauben können. Es lebe Jesus! Amen.

XIV, 346-347 (620) Annecy, 19. September 1610.30


Meine sehr liebe Tochter!
Ich habe von Ihren vielen Unannehmlichkeiten gehört und sie Unse-
rem Herrn anbefohlen. Möge es ihm gefallen, diese mit seinem heiligen
Segen zu segnen, mit denen er die seiner liebsten Diener gesegnet hat,
damit sie der Heiligung seines heiligen Namens in Ihrer Seele dienen.
Ich muß bekennen, obwohl meiner Meinung nach die Plagen, die die
eigenen Personen und die der Nächststehenden betreffen, leidvoller sind,
flößen mir dennoch die Plagen der Prozesse mehr Mitleid ein, weil sie
der Seele viel gefährlicher sind. Bei wievielen Leuten, die in den Dornen
der Krankheit oder des Verlustes von Freunden im Frieden blieben, ha-
ben wir doch gesehen, daß sie ihren inneren Frieden in den Verdrießlich-
keiten äußerlicher Prozesse einbüßten? Der Grund, oder vielmehr die
Ursache ohne Grund ist, daß wir schwerlich glauben können, das Übel
der Prozesse sei von Gott zu unserer Prüfung geschickt. Wir sehen doch,
daß die Menschen diese Verhandlungen betreiben. Wir wagen nicht, uns
gegen diese ganz gute und ganz weise Vorsehung aufzulehnen, lehnen
uns aber gegen die Personen auf, die uns Ärger bereiten, und nehmen es
ihnen übel, nicht ohne große Gefahr, die Liebe zu verlieren, den einzigen
Verlust, den wir in diesem Leben fürchten müssen.
Wann aber, meine sehr liebe Tochter, wollen wir unsere Treue zu unse-
rem Heiland beweisen, wenn nicht bei solchen Gelegenheiten? Wann
wollen wir unser Herz, unseren Verstand und unsere Zunge im Zaum
halten, wenn nicht auf so holprigen Pfaden nahe dem Abgrund? Lassen
Sie, meine sehr liebe Tochter, um Gotteswillen nicht eine so günstige
Zeit für Ihren geistigen Fortschritt verstreichen, ohne die Früchte der
Geduld, der Demut, der Sanftmut und der Liebe zur Erniedrigung zu
Pflücken. Erinnern Sie sich, daß Unser Herr niemals ein einziges Wort
gegen diejenigen sagte, die ihn verurteilten, er richtete sie nicht; er wurde
zu Unrecht gerichtet und verurteilt, und doch blieb er in Frieden und
III. Fléchère 630 155

starb in Frieden und rächte sich nur dadurch, daß er für sie betete (Lk
23,34). Wir aber, meine sehr liebe Tochter, wir richten unsere Richter
und unsere Prozeßgegner, wir bewaffnen uns mit Klagen und Vorwürfen.
Glauben Sie mir, meine sehr liebe Tochter, wir müssen stark und bestän-
dig sein in der Liebe zum Nächsten; und ich sage dies von ganzem Her-
zen und ohne Bedachtnahme auf Ihre Prozeßgegner oder auf das, was
diese mir sind, und ich meine, daß in diesen Angelegenheiten nichts
mich berührt als der Eifer und Ihre Vollkommenheit.
Aber ich muß schließen; ich dachte nicht daran, so viel zu schreiben.
Sie werden Gott immer haben, wann Sie es wollen; und heißt das nicht,
reich genug sein? Ich flehe ihn an, daß sein Wille Ihre Ruhe und sein
Kreuz Ihre Ehre sei (Gal 6,14). Ich bin ohne Aufhören Ihr recht ergebe-
ner und unveränderlicher Diener in ihm.

XIV, 365-366 (630) Sales, 24. November 1610.31


Sie müssen also immer fest dabei bleiben, ein lebendiges Vertrauen
auf Unseren Herrn zu setzen, meine sehr liebe Tochter, inmitten dieser
großen Häufung von Geschäften, die auf Ihnen lasten. Das wird Ihnen
ein rechter Anlaß sein, sich in der Ergebung und Ruhe zu vertiefen, denn
eine Ruhe, die nicht durch den Sturm erprobt wurde, ist eine faule und
trügerische Ruhe.
Warum aber sagen Sie, meine liebe Tochter, Sie befürchten, wenn Sie
nach Chambéry32 gehen, Ihre Übungen unterbrechen zu müssen, beson-
ders die der heiligen Kommunion? O Gott, meine Tochter, ein wenig
zusätzlicher Eifer wird Sie Ihre Übungen inmitten all dieser Schwierig-
keiten sicher und heil bewahren lassen. Man muß sich wohl davor hüten,
über der Arbeit das Essen zu vergessen; man muß dann im Gegenteil
reichlicheres Essen zu sich nehmen. Haben Sie guten Mut, meine liebe
Tochter, wir müssen unser Herz für die Bewährung bei allen Gegeben-
heiten bereithalten.
Ich wünsche wirklich sehr, Sie aufzusuchen, aber ich möchte, dies möge
womöglich geschehen, ohne daß ich mich in Förmlichkeiten, Kompli-
mente und sonstige Zeitvergeudung einlassen müßte, wie die teure Schwe-
ster Ihnen gesagt haben dürfte; denn wenn ich nicht diese Vorstellung
gehabt hätte, wäre ich, da ich schon den Fuß im Steigbügel hatte, von
Chambéry über Sie zurückgekehrt. Nun, wie dem auch sei, wir werden
mit Gottes Hilfe immer vereint bleiben in dem Wunsch, Unserem Herrn
zu dienen und ihn vollkommen zu lieben.
156 III. Fléchère 658, 674

Ich schreibe Ihnen in Eile. Gott befohlen, meine sehr liebe Tochter,
mögen wir immerdar Gott gehören. Amen.
Ich bin in ihm gänzlich stets der Ihre und Ihr recht ergebener Gevatter
und Diener.

XV, 11-13 (658) Annecy, 7. Januar 1611.33


Meine sehr liebe Tochter!
Auf drei Ihrer Briefe habe ich nicht geantwortet und auch jetzt habe
ich noch nicht genügend Zeit dazu. Ich möchte Ihnen nur sagen, daß der
Fehler, den Sie gegenüber der Frau Gräfin und dem Herrn du Coudrey
begangen haben, mir durch die Art, wie Sie ihn wiedergutmachten, Freu-
de bereitete, denn Sie haben das überaus gut gemacht, so wie ich es wünsch-
te. Solcher Fehler wegen brauchen Sie sich auch nicht der hochheiligen
Kommunion enthalten, sondern sollen sie im Gegenteil als Heilmittel
gegen solche kleine Fehler benützen, die weniger vom schlechten Willen
herrühren, als Überraschungs- und Schwächefehler sind.
Ich freue mich, daß Ihr Fieber wieder aufgehört hat, bevor ich noch
davon erfuhr. So müssen wir eben durch das Vielerlei kleiner, geistiger
und zeitlicher Widrigkeiten hindurchgehen, jedoch uns immer an Unse-
ren Herrn halten, der uns auf diese Weise durch seine Gnade in den
unveränderlichen Stand der heiligen Ewigkeit führen wird.
Unsere Frau von Chantal war sehr krank, es geht ihr aber jetzt schon
viel besser und sie gewinnt immer mehr ihre Gesundheit zurück, wobei
sie ständig Ihrer gedenkt, die sie von ganzem Herzen liebt und schätzt.
Gestern empfing sie eine neue Tochter, die siebente, und erwartet in
Kürze die achte. Sie empfiehlt sich Ihrer Liebe.
Ich habe kürzlich bei einer guten Gelegenheit nach Bons geschrieben.
Gott segne Sie, meine liebe Tochter, Ich bin auf ewig ganz der Ihre.

XV, 36-37 (674) Annecy, 22. März 1611.34


Meine sehr liebe Tochter!
Sie können sich denken, daß ich zu dieser Zeit hier festgenagelt bin
und meinen Wunsch und Plan, Sie aufzusuchen, nicht durchführen kann,
es sei denn, ein zwingender Grund riefe mich zu Ihrem Dienst; denn
dann würde nichts mich zurückhalten, da ich so völlig und gänzlich der
Ihre bin.
Aus Ihren Briefen habe ich Ihre kleinen Verfehlungen und Unvoll-
III. Fléchère 704 157

kommenheiten gesehen, über die weder Sie noch ich erstaunt sein sollen,
denn das sind nur kleine Mahnungen, sich vor unseren eigenen Augen
gering und niedrig zu halten und wach zu sein auf dem Wachtposten, auf
dem wir stehen. Sie müssen also mutig leben, meine sehr liebe Tochter,
denn schließlich gehören wir Gott vorbehaltlos und ausnahmslos an.
Bleiben Sie also im Frieden, mit der Gnade und dem Trost des Heiligen
Geistes.
Ich schreibe Ihnen in aller Eile, nicht aber ohne den ständigen innigen
Wunsch nach Ihrem geistlichen Wachstum; gehöre ich doch Ihnen so
wie ich bin, gänzlich und vollkommen.

XV, 84-86 (704) Annecy, 5. August 1611.


... Gewiß dürfen Sie, meine sehr liebe Tochter, ein anderes Mal von den
allgemeinen Gebräuchen, mit denen wir unsere heilige Religion beken-
nen, wegen der Anwesenheit von Hugenotten in keiner Weise abgehen.
Unser guter Glaube darf die Vergleiche mit ihrem Getue nicht fürchten.
Man muß darin „einfach und vertrauensvoll“ seinen Weg gehen (Spr
10,9).
Die von Ihnen begangene Sünde ist aber nicht so groß, daß Sie über
die Reue hinaus noch darüber bekümmert sein müssen, denn sie ging ja
nicht gegen ein besonderes Gebot; Sie verleugneten auch in keiner
Weise die Wahrheit; es war nur eine unangebrachte Rücksichtnahme.
Um es noch klarer zu sagen: es war weder eine schwere, noch wie ich
denke, eine läßliche Sünde. Verwirrtheit und Unentschlossenheit ver-
ursachten nur Mangel an Eifer. Bleiben Sie also in dieser Hinsicht in
Frieden.
Meine sehr liebe Tochter, Sie grübeln und erforschen sich immer zu-
viel, um herauszubekommen, woher Ihre Trockenheiten kommen. Auch
wenn sie Ihren Fehlern entspringen, sollten Sie sich darüber nicht beun-
ruhigen, sondern mit einfacher und schlichter Demut diese entfernen
und sich dann ganz in die Hände Unseres Herrn übergeben, damit er Sie
dieses Leid ertragen lasse oder sie Ihnen verzeihe, wie es ihm gefällt. Sie
dürfen nicht so neugierig sein, wissen zu wollen, woher die verschiede-
nen Zustände Ihres Lebens stammen; wir müssen uns allem unterord-
nen, was Gott anordnet, und uns damit begnügen.
So reist also Ihr geliebter Gatte ab,35 meine liebe Tochter. Da sein
Stand und seine Einstellung selbst ihn dazu treiben, in der Öffentlichkeit
erscheinen zu wollen, wenn sich die Gelegenheit dafür ergibt, müssen
158 III. Fléchère 707

Sie seine Abreise und seine Rückkehr Unserem Herrn demütig ans Herz
legen, voll Vertrauen auf seine Barmherzigkeit, daß er alles zu seiner
größeren Ehre gereichen lassen wird.
Leben Sie sanftmütig, demütig und ruhig, meine sehr liebe Tochter,
und gehören Sie immer ganz Unserem Herrn an, dessen hochheiligen
Segen ich Ihnen und Ihren Kleinen von ganzem Herzen wünsche, beson-
ders aber meinem lieben, guten, kleinen Patenkind, das ganz süß sein
soll. Die liebe Cousine befindet sich bei der Weinlese und berichtet mir,
daß sie sich wohlbefindet, wie auch Frau von Chantal, die, so scheint es
mir, mit allen ihren Schwestern große Fortschritte in der Liebe zu Gott
macht.
Ihr sehr ergebener Gevatter und Diener.

XV, 89-90 (707) Annecy, 17. August (1611).

Was soll ich denn, meine sehr liebe Tochter, Ihnen über die Wieder-
kehr Ihrer Armseligkeiten sagen, als daß Sie bei der Wiederkehr des
bösen Feindes eben auch wieder die Waffen ergreifen und den Mut er-
neuern müssen, kräftiger denn je zu kämpfen. Ich sehe nichts Wichtiges
in Ihrem Schreiben. Aber mein Gott, hüten Sie sich recht davor, in ir-
gendeine Art von Mißtrauen zu geraten, denn diese himmlische Güte
läßt Sie nicht fallen, um Sie liegen zu lassen, sondern um Sie zu demüti-
gen und um zu erreichen, daß Sie fester und inniger die Hand seiner
Barmherzigkeit ergreifen.
Sie handeln ganz in meinem Sinn, wenn Sie inmitten der Trockenhei-
ten und inneren Schwächezustände, die Sie wieder befallen haben, Ihre
Übungen fortsetzen. Wir wollen doch Gott nur aus Liebe zu ihm die-
nen; der Dienst aber, den wir ihm leisten, wenn wir unter Trockenhei-
ten leiden, ist ihm wohlgefälliger als jener, den wir ihm inmitten ange-
nehmer Gefühle darbieten. Daher müssen wir auch, zumindest mit
unserem höheren Willen, ihn dann lieber auf uns nehmen. Und obwohl
unserem Empfinden und unserer Eigenliebe nach die tröstlichen und
zärtlichen Gefühle uns lieber sind, gereichen doch die Trockenheiten
nach dem Empfinden Gottes und seiner Liebe uns mehr zum Nutzen;
wie trockene Speisen für Wassersüchtige besser sind als solche, die viel
Flüssigkeit enthalten, wenngleich die Wassersüchtigen letztere immer
mehr lieben.
In die zeitlichen Dinge haben Sie versucht, Ordnung zu bringen, was
III. Fléchère 734 159

Ihnen aber nicht gelungen ist. Sie müssen sich daher jetzt in Geduld und
Ergebung fassen. Nehmen Sie gern das Kreuz auf sich, das Ihnen zuteil
wurde, und machen Sie entsprechend den sich ergebenden Gelegenhei-
ten von dem Rat Gebrauch, den ich Ihnen dafür gegeben habe.
Bleiben Sie in Frieden, meine liebe Tochter; sagen Sie Unserem Herrn
oft, daß Sie das sein wollen, was Sie nach seinem Willen sein sollen und
daß Sie das leiden wollen, was Sie nach seinem Willen leiden sollen.
Bekämpfen Sie Ihre Ungeduld, indem Sie nicht nur bei jedem Anlaß,
sondern auch ohne Anlaß heilige Güte und Sanftmut jenen gegenüber
üben, die Ihnen am lästigsten fallen. Und Gott wird Ihr Vorhaben seg-
nen.
Guten Abend, meine sehr liebe Tochter; Gott sei einzig und allein Ihre
Liebe. Ich bin in ihm von ganzem Herzen der Ihre.

XV, 136-137 (734) Annecy, 28. Dezember 1611.36


Ich zweifle nicht, meine sehr liebe Tochter, daß Sie durch verschiede-
ne unerfreuliche Ereignisse viel zu tragen haben; ich weiß ja von einem
Teil der Gegenstände, die Ihnen Schwierigkeiten bereiten können. Wo-
rin aber, wann und wie können wir die wahre Treue bezeugen, die wir
Unserem Herrn schulden, als in den Heimsuchungen, bei Widersprü-
chen und bei Ärgerlichkeiten? In diesem Leben müssen wir nun einmal
mehr Bitteres schlucken als Honig. Er aber, um dessentwillen wir uns
entschlossen haben, inmitten aller Widerstände die heilige Geduld zu
üben, wird uns zur rechten Zeit den Trost seines Heiligen Geistes schen-
ken. „Hütet euch sehr davor“, sagt der Apostel (Hebr 10,35), „je das
Vertrauen zu verlieren, durch das gestärkt Ihr tapfer den Ansturm der
Trübsale erleiden und ertragen werdet, so heftig er auch sein mag.“
Ich war sehr betrübt, als ich von diesem kleinen, zwischen den zwei
lieben Cousins entstandenen Streit37 erfuhr, wegen dieses von der armen
Frau von N. hinterlassenen „Stückchen Brot“; so etwas kommt eben bei
den Menschenkindern vor.
Ich bin in Eile. Gott schenke uns die Gnade, dieses neue kommende
Jahr gut und heilig zu beginnen und zu verbringen; mögen wir in ihm den
heiligen Namen Jesu heiligen und die heilige Sorge um unser Heil nutz-
bringend hegen.
Ich bin auf ewig ganz der Ihre.
Am Tag der Unschuldigen Kinder.
160 III. Fléchère 776, 837

XV, 214-215 (776) Annecy, 15. Mai 1612.


Meine sehr liebe Tochter!
Ihr letzter Brief hat mir tausendfachen Trost geschenkt und auch Frau
von Chantal, der ich ihn mitgeteilt habe, weil ich nichts darin fand, das
einer Seele von solcher Beschaffenheit, die Sie so heilig liebt, nicht hätte
gezeigt werden können. Ich muß Ihnen in aller Eile schreiben, da ich
noch einen dringenden Brief nach Burgund schicken muß.
Was sollen wir aber, meine sehr liebe Tochter, über diese Menschen
sagen, die so sehr die Ehre dieser armseligen Welt und so wenig die
Seligkeit der anderen anstreben? Ich versichere Ihnen, daß mein Herz
schwer bedrückt war, wenn ich mir vorstellte, in welcher Gefahr ewiger
Verdammnis sich dieser liebe Cousin38 gebracht hat und daß Ihr Gatte
ihm den Anstoß dazu gab. Ach, was für eine Art von Freundschaft ist es
doch, sich gegenseitig an den Rand der Hölle zu bringen! Wir müssen
Gott bitten, er möge sie sein heiliges Licht sehen lassen; wir aber müssen
großes Mitleid mit ihnen haben. Sie tun mir leid; ich denke, sie wissen
doch, daß Gott allem vorgezogen zu werden verdient, und trotzdem ha-
ben sie nicht den Mut dazu, wenn es der Augenblick fordert, weil sie den
Spott unvernünftiger Menschen fürchten.
Damit aber Ihr Gatte nicht in seiner Sünde und in der Exkommunika-
tion verkomme, sende ich ihm anbei ein Brieflein, damit er beichten und
sich lossprechen lassen könne. Ich bitte Gott, er möge ihm die dazu
erforderliche Reue schicken.
Bleiben Sie nur in Frieden, werfen Sie Ihr Herz und Ihre Wünsche in
die Arme der himmlischen Vorsehung. Der göttliche Segen sei immer-
dar auf Ihnen. Amen.

XV, 319-320 (837) (1610-1612).39


Es ist gewiß wahr, meine liebe Tochter, daß Ihre Freuden mich über-
aus erfreuen, vor allem aber, weil sie auf einem so festen Grund fußen,
wie es die Übung der Vergegenwärtigung Gottes ist. Gehen Sie also Ih-
ren Weg immer nahe bei Gott, denn sein Schatten ist heilsamer als die
Sonne.
Es ist gar nicht schlecht, manchmal vor dem zu zittern, in dessen Ge-
genwart die Engel selbst erzittern, wenn sie ihn in seiner ganzen Majestät
erblicken; vorausgesetzt jedoch, daß die heilige Liebe, die in all seinen
Werken vorherrscht, auch immer darüberstehe und den Anfang und das
Ende Ihrer Betrachtungen bilde.
III. Fléchère 841 161

Es geht also recht gut; da diese kleinen Blitze nicht mehr so plötzlich
aus Ihrem Geist hervorbrechen und Ihr Herz ein wenig sanftmütiger ist.
Seien Sie immer Gott und Ihrer Seele treu. Bessern Sie sich immer in
irgendetwas, leisten Sie sich aber diese guten Dienste nicht gewalttätig,
sondern trachten Sie, das mit Vergnügen zu tun, so wie Gärtner handeln,
die es aus Liebhaberei sind, wenn sie die Bäume ihrer Obstgärten aus-
schneiden.
Unser Herr wird zweifellos alles das ergänzen, was Ihnen sonst fehlt,
damit Sie sich vollkommener zu ihm zurückziehen können, wenn nur er
es ist, den Sie lieben, den Sie suchen und dem Sie folgen. Das tun Sie,
meine Tochter, ich weiß es; aber tun Sie es immer und empfehlen Sie
mich seiner Barmherzigkeit, denn ich bin von ganzem Herzen Ihr Die-
ner, der Sie sehr lieb hat.

XV, 325-326 (841) Annecy (1611 – März 1613).40


Soeben berichtete man mir, meine sehr liebe Tochter, daß unsere Schwe-
ster41 von uns gegangen ist und uns hier unten mit den Gefühlen der
Traurigkeit zurückgelassen hat, die die Zurückbleibenden gewöhnlich
bei solchen Trennungen zu befallen pflegen. O Gott! Ich werde mich
hüten, meine sehr liebe Tochter, Ihnen zu sagen: Weinen Sie nicht! Nein,
denn es ist nur recht und vernünftig, wenn Sie ein wenig weinen, um die
aufrichtige Liebe zu bezeugen, die Sie für sie hegten, wie unser Meister,
der wohl auch ein wenig seinen Freund Lazarus beweinte (Joh 11,35).
Weinen Sie aber nicht so viel wie jene, die mit all ihren Gedanken an den
flüchtigen Augenblicken dieses armseligen Lebens hängen und nicht daran
denken, daß auch wir in die Ewigkeit eingehen werden. – Wenn wir auf
dieser Welt ein gutes Leben geführt haben, werden wir uns dort mit unse-
ren teuren Verstorbenen vereinen, um sie niemals mehr zu verlassen.
Wir können unser armes Herz nicht daran hindern, die Beschaffenheit
dieses Lebens und den Verlust derer schmerzlich zu empfinden, die uns
geliebte Gefährten in diesem Leben waren; aber wir dürfen deshalb nicht
das feierliche Gelöbnis verleugnen, das wir abgelegt haben, unseren
Willen untrennbar mit dem unseres Gottes zu vereinen.
Wie glücklich ist doch diese teure Schwester, daß sie allmählich und
schon von weitem diese Stunde ihres Dahinscheidens nahen sah; denn so
hat sie sich darauf vorbereitet, dies heilig zu tun. Beten wir doch diese
göttliche Vorsehung an und sagen wir: Ja, du sollst gepriesen werden,
denn alles, was dir wohlgefällt, ist gut. Mein Gott, meine sehr liebe Toch-
162 III. Fléchère 887

ter, mit welch liebevollem Herzen sollen wir doch diese kleinen Ge-
schehnisse aufnehmen! Sollen doch unsere Herzen mehr am Himmel
hängen als an der Erde. Ich werde zu Gott beten für diese Seele und um
Trost für die Ihren.
Machen Sie sich doch keine Sorgen um Ihre Gebetsweise, noch um die
Vielfalt der Wünsche, die Sie überfallen, denn weder die vielfältigen
Empfindungen sind schlecht, noch der Wunsch nach mehreren bestimm-
ten Tugenden. Ihre Entschlüsse können Sie wohl auf folgende Weise ge-
nauer darlegen: ich will also die Tugenden treuer üben, die mir notwen-
dig sind; wie z. B. bei dieser bestimmten Gelegenheit bereite ich mich
darauf vor, diese bestimmte Tugend zu üben; und so auch die anderen.
Sie brauchen gar nicht einmal innerliche Worte formen; es genügt, wenn
Sie Ihr Herz erheben oder es in Unserem Herrn ruhen lassen. Es genügt,
diesen göttlichen Liebenden unserer Seelen liebevoll zu betrachten, denn
unter Liebenden sprechen die Augen mehr als die Zunge.
Ich schreibe Ihnen in Eile und in Gegenwart des Dieners. Guten Abend
denn, meine sehr liebe Tochter; vertiefen und versenken Sie den Tod
Ihrer Schwester nur im Sterben des Erlösers. Sein Wille werde immer-
dar verherrlicht. Amen.
Es lebe Jesus! Ihr ergebener Diener und Cousin.

XVI, 27-28 (887) Annecy, 11. Juni 1613.42

Meine sehr liebe Tochter!


Sie können absolut über alles verfügen, was in meiner Macht liegt;
alles, was Sie mir schicken werden, wird sorgsam aufbewahrt und behü-
tet werden.43 In Wirklichkeit glaube ich nicht, daß der französische Feld-
herr daran denkt, uns augenblicklich anzugreifen, da Seine Hoheit im
Waffenstillstand und in einem geplanten Abkommen steht, wozu noch
kommt, daß das ganze Ufer der Rhône bis jetzt von Soldaten frei ist.
Wenn Gott uns behütet, werden wir wohlbehütet sein. Ich flehe ihn bei
seiner Güte an, er möge unser Schutz sein.
Wir sind in freudiger Erwartung, Sie bei dieser Hochzeit zu sehen,44
bei der die Anwesenheit Ihres Gemahls, unserer Schwester45 und Ihre
eigene meine größten Freuden sein werden.
Ich bin sehr enttäuscht, daß mir noch kein Befehl zur Freilassung des
teuren Cousins46 zugekommen ist, denn Sie können sich denken, wie
ärgerlich ihm diese Verzögerung ist und welche Vorstellungen sie bei
III. Fléchère 912 163

ihm hervorrufen kann. Dennoch bleibe ich fest und halte für sicher, was
man mir versprochen hat, und ich hoffe, daß bei Eintreffen des Befehls
diese ärgerliche Wartezeit beendigt sein wir.
Gott sei auf immerdar der größte und erhabenste Gegenstand unserer
Liebe. Ich bin ihm, auf immer und rückhaltlos Ihr ganz ergebener und
unveränderlicher Diener und Cousin.

XVI, 67-68 (912) Annecy, 12. September 1913.


Ich bin wirklich krank gewesen, meine sehr liebe Tochter, und schwer
krank, aber nicht gefährlich. Was hätten Sie denn tun können, wenn Sie
von meiner Krankheit gewußt hätten? Wie ich sehe, beten Sie doch zu
Unserem Herrn immer für mich, der ich auch nie verfehle, Sie teilhaben
zu lassen an meinen schwachen Gebeten und an der hochheiligen Messe,
die ich feiere. Ich schleppe mich noch ein wenig dahin und bin noch
nicht so völlig wiederhergestellt, daß ich nicht Spuren der überstande-
nen Krankheit trüge; doch bin ich jedenfalls wieder so weit, meine ge-
wöhnlichen Übungen verrichten zu können.
Bleiben Sie fest, meine liebe Tochter und bemühen Sie sich, so voll-
kommen, als Sie vermögen, Gott zu dienen nach den Ratschlägen des
Buches (Anleitung zum frommen Leben); das wird Sie mehr zur Voll-
kommenheit führen können, als ich Sie zu lehren vermöchte. Seien Sie
auf die Sanftmut bedacht. Ich sage Ihnen nicht, das zu lieben, was Sie
lieben sollen, denn ich weiß, daß Sie dies tun; aber ich sage Ihnen, daß
Sie gleichmütig, geduldig und sanftmütig sein sollen. Unterdrücken Sie
die Ausbrüche Ihres ein wenig allzu lebhaften und feurigen Tempera-
mentes.
Ich weiß nicht, warum Sie mit Ihren Beichten unzufrieden sein kön-
nen, denn Sie verrichten sie sehr gut. Bleiben Sie doch in Frieden vor
Unserem Herrn, der Sie schon so lange liebt, hat er Ihnen doch die hoch-
heilige Gottesfurcht und Sehnsucht nach seiner Liebe eingeflößt. Wenn
Sie dem bis jetzt nicht gut entsprochen haben, gibt es eine gute Abhilfe
dagegen: dann müssen Sie eben von nun an gut entsprechen. Ihre Armse-
ligkeit und Schwachheit soll Sie nicht entsetzen: Gott hat ganz andere
gesehen und seine Barmherzigkeit stößt die Armseligen nicht zurück,
sondern betätigt sich eben darin, daß sie ihnen Gutes tut und seine Herr-
lichkeit auf ihrer Erniedrigung aufbaut.
Ich möchte einen guten Hammer haben, um die Spitze Ihres Geistes
etwas abzustumpfen, der ein wenig zu spitzfindig im Gedanken an Ihren
164 III. Fléchère 920, 927

Fortschritt ist. Ich habe Ihnen so oft gesagt, daß man in der Frömmigkeit
ganz einfach und, wie man sagt, grosso modo vorangehen soll. Wenn Sie
gut handeln, dann preisen Sie Gott dafür; handeln Sie aber schlecht,
dann demütigen Sie sich. Ich weiß wohl, daß Sie nicht vorsätzlich schlecht
handeln wollen; die anderen Übel dienen nur dazu, Sie zu demütigen.
Fürchten Sie sich also nicht mehr und tüfteln Sie nicht mehr in Ihrem
lieben Gewissen herum; denn Sie wissen nur zu gut, daß nach all Ihrem
Eifer Ihnen bei Gott nichts zu tun bleibt, als um seine Liebe zu bitten,
die von Ihnen nichts verlangt als Ihre Liebe.
Tun Sie das, meine sehr liebe Tochter, und hegen Sie sorgsam die Sanft-
mut und innere Demut. Ich wünsche unaufhörlich tausendfachen Segen
über Sie; vor allem, daß Sie demütig, sanftmütig und ganz milde seien
und Nutzen ziehen aus Ihren Mühen, indem Sie alles liebevoll aus Liebe
zu ihm auf sich nehmen, der aus Liebe zu Ihnen soviele Mühen gelitten
hat. Ich bin, meine sehr liebe Tochter, in ihm Ihnen herzlich zugeneigt,
ganz der Ihre.

XVI, 80-81 (920) Annecy, 29. September 1613.


Meine Gesundheit festigt sich alle Tage mehr, meine sehr liebe Toch-
ter, aber ich fühle mich sehr geschwächt in den Beinen und mehr als ich
dachte. Ich bin wirklich sehr erfreut, zu erfahren, wie tugendhaft sich
diese arme junge Witwe47 verhält; denn sehen Sie, weil ich sie getraut
habe,48 scheint es mir, daß ihre Witwenschaft mir mehr am Herzen liegt
und daß ich mehr verpflichtet bin, ihr zu dienen und ihr Gutes zu wün-
schen. Ach, wie seltsam ist doch diese Welt! Auf der einen Seite heiratet
man,49 auf der anderen beklagt man den Verlust eines Gatten!
Sie gehen also nun aufs Land und zur Weinlese; Gott sei immerdar mit
Ihnen und überhäufe Sie mit dem frischen Wein seiner glühendsten Lie-
be. Wir werden doch weiterhin gelegentlich Nachricht von Ihnen hören
... Meine sehr liebe Tochter, ich bin unvergleichlich mehr als Sie glauben
könnten, völlig ganz der Ihre.

XVI, 91-92 (927) Annecy, um den 8. November 1613.


Meine sehr liebe Tochter!
Wir sind momentan etwas im Gedränge, darum will ich Ihnen nur
kurz sagen, daß es günstig wäre, das zu unternehmen, was Sie mir schrei-
ben, wenn der gute Herr Prior von Blonay50 sich führen lassen könnte.
III. Fléchère 972 165

Aber, um aufrichtig unter vier Augen zu sprechen, haftet sein Geist all-
zusehr an seinen Einbildungen; diese aber sind zu groß und stehen in
keinem Verhältnis zu seinen Kräften und seiner Fähigkeit, die nicht im
Leiten, sondern im Geleitetwerden besteht. Seine schwache Seite ist sein
an Einfällen und Plänen so fruchtbarer Geist, daß er sich nicht zufrie-
dengeben kann. Dennoch halte ich es nicht für schlecht, sondern für gut,
wenn Sie mit ihm sprechen, wie es Gott Ihnen eingeben wird.
Die gute Frau von Chantal weiß nicht, daß ich Ihnen schreibe, denn
sonst würde sie Ihnen zweifellos auch schreiben, da sie Ihnen doch be-
sonders zugetan ist. Ich habe sie heute früh gesehen, als ich die heilige
Messe bei ihnen zelebrierte; aber wegen der vielfältigen Geschäfte konn-
te ich sie acht Tage lang nicht sprechen. Alles geht sehr gut in dieser
kleinen Kongregation. Man hat die Satzungen in Lyon haben wollen, wo
eine Gründung in Aussicht ist, und auch in Paris, um zu sehen, ob man
dort eine Niederlassung planen könnte. Ich muß Ihnen darüber Bescheid
geben, ebenso daß ich zweimal in Bons gewesen bin, wo sich einiges
Gute tut, aber ich weiß nicht, was seither zustandegekommen ist. Die
liebe Schwester war recht zufrieden, unsere kleine Antonie auch und
alle.
Halten Sie Ihr Herz recht rein, gütig und arm, denn „selig sind die
Armen, die Guten und die reinen Herzens sind“ (Mt 5,3.4.8).
Ich bin immer mehr ganz treu der Ihre.

XVI, 179-180 (972) Annecy, 5. Mai 1614.


Ich schreibe Ihnen nur ein kurzes Brieflein; ich habe wenig Zeit, weil
ich an soviele Stellen schreiben muß. Ich will Sie auch nur herzlich
grüßen, meine sehr liebe Tochter, die mein Herz ganz heilig wünscht und
daher ganz ruhig, ganz gerecht und ganz milde bei Ihrem jetzigen Pro-
zeß.51 Sie wissen doch, daß eine Unze Milde und Nächstenliebe während
der Prozeßsorgen zehntausendmal mehr gilt als die gewöhnlichen Tätig-
keiten.
Die teure Nichte52 ist glücklich eines starken, kräftigen und aufgeweck-
ten Knabens entbunden worden und frei von Fieber und ihren anderen
Beschwerden. Unsere Schwester, die Ordensfrau, soll sie besuchen; sie
wird recht froh sein, alles überstanden zu wissen.
Meine sehr liebe Tochter, ich bin vollständig ganz der Ihre. Ich werde
nicht vergessen, die Empfehlung, die Ihr teurer Gatte wünscht, wieder
aufzufrischen.
166 III. Fléchère 975, 976

XVI, 184-185 (975) Annecy, 13. Juni 1614


Dieses unvorhergesehene Brieflein soll Sie, meine sehr liebe Tochter,
von meiner Seele grüßen, die die Ihre in Unserem Herrn vollkommen
lieb hat. Ich habe bis jetzt keinerlei Möglichkeit gehabt, auf Ihre Briefe
zu antworten.
Am Mittwoch werden wir die Taufe des kleinen Neffen53 vornehmen;
die große Nichte befindet sich viel besser. Wir denken, Herrn und Frau
von Charmoisy dabei zu treffen ...
Bewegen Sie sich indessen recht milde auf dem Pflaster von Chambèry
zur Betreibung Ihrer Angelegenheiten;54 aber – ich wiederhole – recht
milde, denn das ist die Hauptsache ... Ich bin auf immer ganz der Ihre in
Unserem Herrn.

XVI, 185-187 (976) Annecy, 22. Juni 1614.


Meine sehr liebe Tochter!
Aus Ihrem Brief sehe ich den Seelenzustand Ihres Gatten auf Grund
des geplanten, aber nicht durchgeführten Duells,55 zu dem er sich ent-
schlossen hatte. Ich glaube nicht, daß darauf Exkommunikation steht,
denn es ist zu keiner vom Kirchenrecht verurteilten Handlung gekom-
men. Ich muß aber bekennen, meine sehr liebe Tochter, daß ich Anstoß
daran nehme, zu sehen, wie gute katholische Menschen, die an sich Gott
lieben, so wenig auf ihr ewiges Heil bedacht sind, daß sie sich der Gefahr
aussetzen, niemals das Antlitz Gottes zu schauen und auf immer die
Schrecken der Hölle zu sehen und zu fühlen. Ich kann wahrhaftig nicht
begreifen, wie man einen solchen sinnlosen Mut haben kann, sogar Klei-
nigkeiten und nichtiger Dinge wegen.
Die Liebe, die ich meinen Freunden, besonders aber Ihrem teuren
Gatten entgegenbringe, läßt mir die Haare am Kopf sich sträuben, wenn
ich sie in solcher Gefahr weiß, und was mich am meisten bedrückt, ist,
daß es wenig den Anschein hat, als empfänden sie echte Reue über die
Beleidigung Gottes, da sie keine Vorsorge treffen, sich dessen in Zukunft
zu enthalten. Was täte ich nicht, um zu erreichen, daß solche Dinge nicht
mehr geschehen!
Das sage ich nicht, um Sie zu beunruhigen. Wir müssen hoffen, daß
Gott einmal uns alle zusammen besser werden läßt, wenn wir ihn darum
bitten, wie wir es tun sollen. Sorgen Sie also dafür, daß Ihr Gatte beich-
tet, denn wenn ich auch nicht denke, daß er unter Exkommunikation
steht, so ist er doch in eine schreckliche Todsünde gefallen, aus der er
III. Fléchère 980, 991 167

schnellstens herauskommen muß. Die Exkommunikation trifft nur Hand-


lungen, die Sünde aber gilt schon, wenn man nur den Willen dazu hat.
Ich denke, daß ich bald das Armband56 haben werde, das Sie an die
Gegenwart Gottes erinnern soll. Ich bitte ihn, er möge Sie mit allen
wünschenswerten Segnungen überhäufen, die Sie, meine sehr liebe Toch-
ter, sich nur wünschen können. Ihr recht ergebener und Ihnen sehr zuge-
neigter Diener und Cousin.

XVI, 191-192 (980) Annecy, 11. Juli 1614.


Wie war es mir leid, meine sehr liebe Tochter, als ich beim Erwachen
erfuhr, daß Ihr Gatte mich verlangt hatte,57 denn ich hätte gern ein wenig
mit ihm gesprochen. Ich hatte aber in der Nacht nicht schlafen können
wegen der noch andauernden körperlichen Zustände ...
Meine sehr liebe Tochter, bitten Sie Gott immer recht für mein Herz, das
Sie mit einer mehr als väterlichen Liebe liebt, damit es sich läutere und die
göttliche Liebe darin herrsche, ausnahmslos, rückhaltlos und ohne Ende.
Ich höre auch nicht auf, Ihnen vollkommene Heiligkeit zu wünschen.
Ich gehe unsere arme Mutter besuchen und die gute Frau d’Escrilles,
die mich erwarten; ich werde sie von Ihnen grüßen, wie auch ich Sie
bitte, die liebe Schwester zu grüßen.
Ich bin mit unvergleichlicher Hingabe ganz der Ihre.

XVI, 211-212 (991) Annecy, 19. August 1614.


Was werden Sie, meine sehr liebe Tochter, von einem solchen Vater
sagen, der so spät antwortet? Das ist gewiß nicht wegen mangelnden
Gedenkens und noch weniger guten Willens, aber ich habe nicht gewußt,
wo Sie sich befinden; erst seit drei Tagen weiß ich, daß Sie dort sind.
Ich habe also dem Herrn Präsidenten58 nach Ihrem Wunsch geschrie-
ben, obgleich ich weiß, wie wenig Sie einer Vermittlung bei ihm bedür-
fen, der Sie so sehr hochschätzt.
Sie werden beiliegenden Brief mit einem etwas lang zurückliegenden
Datum finden, aber es ist nichts zu machen; unsere gute Mutter, die ihn
schreibt, sieht mich niemals, ohne daß wir von Ihnen sprächen wie von
jemand, die uns sehr lieb hat.
Der arme Herr von Charmoisy ist immer noch in den Händen der
Ärzte, ohne im geringsten sehen zu können, aber doch in der guten Hoff-
nung, mit Gottes Hilfe wieder das Augenlicht zu erhalten. Er ergibt sich
168 III. Fléchère 996, 1018

ganz wunderbar in den Willen Gottes, wie die kleine Cousine59 mir
schreibt.
Meine sehr liebe Tochter, am Ende werden wir, nach welcher Seite wir
uns auch immer drehen, nichts der Hochschätzung würdig finden als die
Gnade Unseres Herrn, der ich Sie unaufhörlich empfehle, da ich ganz
vollkommen der Ihre bin und Ihr recht ergebener Diener und Cousin ...

XVI, 222-223 (996) Annecy, August-September 1614.60


Ich habe, meine sehr liebe Tochter, Ihre Zornesaufwallung und Ihren
Widerwillen jenen gegenüber gesehen, die Sie so rauh behandelt haben.
Sie müssen aber doch Ihren Geist wieder beruhigen, denn das ist nichts,
was wir nicht schon wüßten. Wir wissen doch, daß unser Naturell in
tausendfachem Ärger überschäumt, wenn man uns befeindet. Unsere
Eigenliebe wird uns immer wieder genug häßliche Gefühle jenen gegen-
über eingeben, die uns angreifen. Gott sei Dank aber widerstehen wir
letzten Endes doch, wir lassen uns nicht zum Bösen mitreißen. Wenn wir
auch erschüttert sind, fallen wir doch nicht ganz. Da haben wir also eine
gute Gelegenheit, uns zu demütigen, uns in aller Ruhe zu schämen und
zu erniedrigen.
Bleiben Sie also in einem heiligen Frieden und hören Sie nicht auf,
diese Leute zu besuchen, wenn Ihr Gatte es für gut befindet, um die
Nächstenliebe zu bezeugen; Sie können aber Ihren Besuch kurz fassen.
Mein Gott, ich denke, wenn Sie im Winter hierher kämen, hätten Sie
hier viel mehr Ruhe als dort; ich werde aber nicht mehr davon reden, da
soviele andere Erwägungen, die ich nicht kenne, Ihren früheren Plan
geändert haben können.
Guten Abend, meine sehr liebe Tochter, ich schreibe Ihnen immer in
Eile und bin immerdar sehr ...

XVI, 270-271 (1018) Annecy, Ende November 1614.


Meine sehr liebe Tochter!
Ich will Sie jetzt brieflich nicht zu lange unterhalten, denn ein lebender
Brief61 wird zu Ihnen kommen, an dem Sie wohl mehr Gutes lesen wer-
den, als ich Ihnen schreiben könnte.
Ich freue mich, daß Ihre Leidenschaften ein wenig beruhigt sind; sie
werden es mit Gottes Hilfe immer mehr sein. Wir müssen nur fröhlich im
Streben nach der heiligen Liebe seiner göttlichen Majestät fortfahren ...
III. Fléchère 1086 169

Ach, ich habe nicht einmal gedacht an das, was Sie mir von Tarentaise
schreiben;62 ich schätze zu sehr die Witwenschaft, als daß ich mich je-
mals wieder verehelichen würde. Nein gewiß, wenn ich jemals meine
Freiheit hätte, würde ich sie niemals aufgeben. Und wenn, dann würde
ich sie von ganzem Herzen in die Hände Unseres Herrn aufgeben, damit
er mit mir nach seinem Wohlgefallen verfahre.
Möge er immerdar in unseren Herzen leben und herrschen. Amen.

XVII, 1-4 (1086) Annecy, 1. Juni 1615.


Meine liebe Tochter!
Die Überbringer Ihrer vorhergehenden Briefe haben mich zu einer
Zeit erreicht, in der ich so überlaufen war von Menschen und Geschäf-
ten, daß ich nicht wußte, wo mir der Kopf stand, und ich konnte mich
nicht freimachen, um Ihnen Antwort zu geben. Ich wußte übrigens nicht,
wie Ihnen antworten; Sie setzen voraus, daß Herr von Charmoisy, mein
Cousin, mich beauftragt hätte, für einen Wechsel des Lehrers Ihrer Kin-
der63 zu sorgen, während er mir doch niemals auch nur ein Wort davon
gesagt hat, obgleich er mir erst am vorhergehenden Tag geschrieben hat.
Daher war ich sehr überrascht, als dieser gute Mann, den Sie mir schick-
ten, davon sprach und ich den Brief des Herrn von Charmoisy sah. Ich
sagte ihm, daß ich keinerlei Auftrag dazu hatte und daß ich selbst, nach-
dem ich mich bei den Barnabiten und vielen anderen erkundigt hatte, ob
irgend etwas an Herrn Rosset nicht stimme, um dessentwillen man ihn
entlassen müßte, nichts hatte finden können, das dies verdient hätte. Da
aber Herr von Charmoisy und Herr von Vallon hier waren, d. h. sich am
folgenden Tag treffen sollten, wäre es ihre Sache gewesen, ihn zu entlas-
sen, wenn es ihnen gut erschiene. Deshalb nahm es Herr von Vallon
neuerlich auf sich, sich über das Verhalten des Herrn Rosset zu erkundi-
gen, und sprach darüber mit den Barnabiten und anderen, die es, wie er
mir nachher sagte, sehr sonderbar fanden, daß man von einem solchen
Wechsel sprach. Er suchte dann Herrn von Charmoisy auf, der mir dar-
aufhin einen Brief schrieb, in dem er mich in allgemeinen Ausdrücken
beauftragte, ich hätte alle Vollmacht, mir aber keinerlei Entschluß mit-
teilte.
Darauf wußte ich nicht mehr, was ich sagen könnte, denn Sie haben
mir keine bestimmten Fehler des Herrn Rosset genannt. Kurz, ich sagte
zum Schluß Herrn von Vallon, der mir den Brief überbrachte, daß ich in
deren und Ihrer Abwesenheit für die Kinder sorgen würde, wenn ich
170 III. Fléchère 1086

bemerken sollte, aus meiner Verantwortung allen dreien gegenüber, es


gäbe da etwas, das verdiente, in die Hand genommen zu werden. Wenn
aber die Väter und Mütter anwesend sind, läge es an ihnen, sich darüber
ins Einvernehmen zu setzen und es zu tun. Und ich stellte es ihnen an-
heim, da hauptsächlich Herr von Charmoisy in dem Brief, den Sie mir
schickten, Voraussetzungen von einem Lehrer forderte, die man nicht
einmal bei Lehrern und Erziehern von Königen findet: einem Lehrer,
der nichts zu tun hat außer den Kindern, weder Messe zu lesen, noch ein
besonderes Studium zu betreiben. Kurz, es schien mir nicht vernünftig,
wenn ich in Anwesenheit ihrer Väter etwas unternehmen würde, da nichts
drängte (soweit ich wußte) und so viele glaubwürdige Leute die Sache
des Herrn Rosset verteidigten.
Das ist alles, meine liebe Tochter; ich muß Ihnen nur noch sagen, daß
bereits der Austausch des Herrn Romain gegen Herrn Rosset für schlecht
befunden wurde. Dieselben, die schlecht über Herrn Rosset sprachen,
haben seither gestanden, sie hätten unrecht gehabt, und Herr von Char-
moisy tat es nur aus Nachgiebigkeit, um ihnen nicht zu mißfallen. Man
braucht gewiß nicht zu fürchten, daß die Kinder in diesem Kollegium
ihre Zeit verlieren, wo der Pater Präfekt selbst für einige Wiederholun-
gen gibt, besonders für Ihre Kinder, um die er sich sehr sorgt und mit
Herrn Rosset recht zufrieden ist. Man darf auch die Kinder nicht immer
zu neuen Arbeiten antreiben. Sie haben zwei große Unterrichtszeiten
am Tag, Aufsätze zu schreiben, häufige Wiederholungen; sie haben, mei-
ner Meinung nach alles, was sie brauchen, und vieles mehr, als wir zu
meiner Zeit hatten. Ich sehe, daß Ihre Kinder sehr artig werden, und ich
glaube nicht, daß Sie sich ihretwegen Sorgen machen sollen. Außerdem
wird Herr Rosset, der sich schon in der Gefahr sah, seine Stellung mit
Schande zu verlieren, alle seine Kräfte aufbieten, um immer Besseres zu
leisten. Es hat mir gefallen, daß er das Vorkommnis nicht geleugnet hat,
das ihm zustieß, als er außerhalb seiner Wohnung speiste.
Im übrigen ist unsere Mutter genesen und freut sich sehr, eine große
Anzahl vortrefflicher Mädchen und verwitweter Damen kommen zu se-
hen, die Aufnahme in die Kongregation erbitten. Sie schrieb Ihnen und
ich schicke Ihnen ihren Brief, scheint es mir, in dem Paket, in das ich die
Testamentsklausel des verstorbenen Herrn Gavent gesteckt hatte. Ich
möchte schon wissen, ob Sie ihn erhalten haben.
Sie dürfen sich nicht wundern, wenn Ihr Körper von Krankheiten ge-
quält wird, daß auch Ihr Geist in seinem niederen Bereich ein wenig
erschöpft ist. Es genügt, wenn Ihr Wille aufrecht steht und entschlossen
III. Fléchère 1090 171

ist, immer treu zu sein. Gott, dem wir gehören, wird uns bewahren und
mehr und mehr vorwärtshelfen in seiner heiligen Liebe und in der echten
Verachtung unser selbst.
Auch mich verlangt es sehr, Sie zu sehen, aber erst, wenn Sie wieder-
hergestellt sind. Indessen bin ich, meine liebe Tochter, recht vollkom-
men ganz der Ihre, wie Sie wissen.

XVII, 9-10 (1090) Annecy, 20 Juni 1615.


Ich war wohl überaus erfreut, meine liebe Tochter, Nachricht von Ih-
nen zu bekommen, noch dazu recht gute. Denn es ist an dem lieben
Mädchen64 ein erfreuliches Zeichen für ihre künftige Frömmigkeit, daß
ihr Leib von den Herzensempfindungen mitgenommen und sie davon
müde wird. So erging es ja Unserem Herrn selbst und vielen seiner größ-
ten Heiligen. Sie haben ihr recht geraten, sich niederzusetzen, und sie
soll das tun, bevor Herzbeschwerden sie überkommen. Sie soll also ihr
ganzes innerliches Gebet sitzend verrichten, nachdem sie vorher einen
Akt der Anbetung kniend gemacht hat. Was ihre Zerstreuungen betrifft,
so werden diese nach und nach aufhören, wenn sie sich danach sehnt,
innig zu beten. Hören sie nicht auf, dann wird das Gebet umso besser
sein,wenn es lustlos und selbstlos, aus reiner Liebe verrichtet wird, um
dem Bräutigam zu gefallen.
Dieser Wunsch, der ihr im Gebet kommt, und dieser Wille, der alle
Tage immer von neuem aufscheint, sind auch gute Zeichen. Die Zeit
wird aber klarer sehen lassen, wozu sie sich entschließen soll. Inzwi-
schen wird unsere gute Mutter kommen, mit der sie sich besprechen und
von der sie viel Licht empfangen wird ...
Ich preise Gott für Ihren Gatten und bin sein Diener. Wir werden
schon sehen, was aus dem Lehrer65 wird.
Meine liebe Tochter, leben Sie ganz für Gott, ist doch außerhalb von
ihm das Leben nur Tod. Sie tun recht, das Mädchen nicht zu drängen, es
liegt doch am Heiligen Geist, ihr nach seinem Wohlgefallen Eingebun-
gen zu schenken; Ich habe aber einige Hoffnung, daß er sie vollkommen
zu der Seinen machen wird, und zweifle nicht, daß sie zumindest so weit
die Seine ist, um die Wahrheit zu erlangen, denn diese Seele gibt gute
Anzeichen.
172 III. Fléchère 1138, 1165

XVII, 97-100 (1138) Annecy, 5. Dezember 1615.66


... Ich will nicht unterlassen, Ihnen zu sagen, daß es um unsere Heimsu-
chung wieder viel Lärm geben wird wegen dieser beiden guten Töchter,67
die dort aufgenommen zu werden wünschen, darum bitten und darauf
drängen, und denen man zweifellos nicht die Tür weisen wird, wenn sie
kommen, wie man es ihnen ganz heilig versprochen hat. Man wird mich
sicher dessen beschuldigen und doch kann ich nichts dafür; denn wenn
ich es auch als große Ehre auffaßte, Gott darin gedient zu haben, so hat es
doch seine Güte selbst machen wollen. Seine Vorsehung hat es ja diesen
Seelen eingegeben, als meine eigene Seele noch gar nicht daran dachte.
Sobald ich davon Kenntnis erhielt, forderte ich, daß sie sich Zeit ließen
und es hinausschieben möchten, um zu sehen, ob es richtige Eingebun-
gen wären. Und da sie es nun wirklich sind, warum sollte man denn nicht
recht froh sein über das Wohl dieser lieben Seelen und über die Vermeh-
rung der Ehre Gottes.
Ja, ich muß meiner lieben Tochter bekennen, daß ich in meinem Her-
zen ein wenig Bosheit fühle; denn ich bin noch dazu froh, daß die Welt
getäuscht worden ist und daß diese Töchter, die bei ihr in hoher Gunst zu
stehen schienen, sich über sie lustig machen, sie verlassen und mißach-
ten. Das verdient die Welt wahrhaftig, da sie doch nichts wert ist und
Gott geringschätzt.
Ich habe ihr sicherlich keine Kriegserklärung abgegeben, doch höre
ich in meiner Seele nicht auf, sie bis auf den Tod zu hassen, weil sie den
Geist Gottes und die Kinder des Kruzifixes bis auf den Tod haßt. Wie
glücklich sind doch diese lieben Töchter, welche die kurzen Augenblik-
ke des sterblichen Lebens der Ehre und Liebe dessen weihen, der ihnen
in der Überfülle seiner Güte liebeerfüllte Ewigkeiten schenken wird. Sie
gehen ganz tapfer und mutig; Gott sei immerdar inmitten ihrer Herzen
und Ihres Herzens, meine liebe, geliebte Tochter, die ich von meiner
ganzen Seele grüße ...

XVII, 144-147 (1165) Annecy, 17. Februar 1616.

Meine sehr liebe Tochter!


Gestern abend erst erhielt ich Ihren Brief und beantworte ihn heute
am Aschermittwoch. Ich meine, daß solche Vormundsformalitäten für
Ihre Kinder überflüssig sind, da alles Ihnen gehört und auch Ihr neuer
Bräutigam68 keine Mitgift von Ihnen verlangen wird.
III. Fléchère 1169 173

Sie wissen jedoch, welch ein Geschäftsmann ich bin; von weltlichen
Angelegenheiten verstehe ich sicherlich gar nichts. Darum rate ich Ih-
nen, dem Neffen69 zu glauben, der von Beruf aus und bei seiner für Sie
gehegten Zuneigung Sie dabei nur gut führen wird. Dennoch sollen Sie
schon die Welt Ihre guten Vorhaben für Ihre Kinder wissen lassen, an-
dernfalls wird die Welt auf die Philothea losschimpfen und froh sein,
dies zum Anlaß nehmen zu können; dem wird Ihre Erklärung genügend
vorbauen.
Wenn die Welt sich aber damit nicht zufriedengibt, dann lassen Sie sie
schreien und Lärm schlagen, soviel sie will, denn der neue Bräutigam
kümmert sich nicht um das Zeugnis der Welt.
Wir müssen sicher Herrn Guydeboys70 helfen, so sehr wir können,
damit er seine Pension bekommt, denn der arme Mann wäre ohne diese
schlecht daran und hätte allen Grund, sich zu beklagen. Ich werde ihm
beistehen, soviel ich nur kann, damit er nicht seines berechtigten An-
spruches beraubt wird.
Ihre Gefühle, den Verewigten nicht mehr im Leben zu haben,71 kön-
nen nicht so schnell vergehen; es genügt, wenn wir auf der obersten Spit-
ze des Geistes uns ganz in das Wohlgefallen Gottes ergeben und versu-
chen, immer vollkommener eins zu werden mit dem zweiten Bräutigam.
Bleiben Sie nur ganz in ihm und leben Sie ganz für ihn.
Ich bin vollkommen der Ihre ...
Gott sei immerdar inmitten unserer Herzen. Ich grüße die teure Ge-
fährtin und die liebe Nichte, wenn Sie ihr schreiben.

XVII, 151f (1169) Annecy, 24. Februar 1616.72


Nach dem, was Sie mir schreiben, meine sehr liebe Tochter, sehe ich
Sie ganz auf Dornen gebettet. O fassen Sie Mut, ich beschwöre Sie; gera-
de dort wachsen die Ihrem Bräutigam so wohlgefälligen Lilien (Hld 2,2)
und finden bessere Nahrung; auch das Lamm, das nach Gottes Willen
ihm an Stelle von Isaak geopfert werden sollte, war festgehalten inmitten
von Dornen (Gen 22,13). Arbeiten Sie, meine sehr liebe Tochter, mit der
obersten Spitze Ihres Willens treu weiter inmitten dieser Dunkelheiten
und Trockenheiten; eine Unze so geleisteter Arbeit zählt mehr als 100
Pfund eines in Tröstungen und Gefühlen vollbrachten Werkes; dieses ist
wohl angenehmer, jenes ist aber besser ...73
Ich bin unablässig ganz vollkommen der Ihre, meine sehr liebe Toch-
ter, in deren Herzen Jesus immerdar leben und herrschen möge. Amen.
174 III. Fléchère 1175, 1177

XVII, 163-165 (1175) Annecy, 1. März 1616.74


Gerade als ich Ihnen, meine liebe Tochter, Ihre Papiere durch meinen
Bediensteten zurückschicken wollte, kamen diese beiden Cousins, die
nun die Überbringer sein werden. Ich habe Ihre Angelegenheit über-
prüft und gefunden, daß der Rat Ihres Herrn Neffen äußerst gut ist und
daß Sie ihn befolgen sollen ...75
Im übrigen, meine liebe arme Tochter, werfen Sie inmitten der Ängst-
lichkeiten, die Ihnen von Ihrer Einbildungskraft kommen, oft Ihr Herz
in die Arme des teuren neuen Bräutigams; verharren Sie wie eine Skla-
vin aus Liebe am Fuß seines heiligen Kreuzes und denken Sie daran, daß
jene glücklich sind, die nichts haben, sofern sie eben dieses große Alles
besitzen, außerhalb dessen alles nichts ist für uns ...
Meine liebe Tochter, ich bin überaus ganz der Ihre. Unsere Mutter und
ich sprechen oft von Ihnen; sie hat eine unvergleichliche Liebe zu Ihnen.
Ich grüße Sie, meine liebe Tochter, neuerlich von ganzem Herzen, die
ich ganz heilig wünsche in Unserem Herrn.

XVII, 169-171 (1177) Annecy, um den 6. oder 7. März 1616.


Ich dachte Ihnen morgen meinen Bediensteten zu schicken, meine
liebe Tochter, um Ihnen ausführlich auf Ihre drei letzten Briefe zu ant-
worten; da sich aber dieser Junge dazu angeboten hat, will ich Ihnen
sogleich auf alle Punkte antworten, die Sie berührt haben.
Hinsichtlich der Art und Weise, mit der Sie in der Verwaltung der von
Ihrem verstorbenen Herrn Gemahl (den Gott befreien möge) hinterlas-
senen Güter vorgehen sollen, hat mir Herr von Charmoisy gesagt, daß
Sie hierfür alle entsprechenden Beschlüsse getroffen haben und daß Sie
ein nicht öffentliches Verzeichnis zur besseren Klarlegung Ihrer Rechte
anlegen lassen, damit Ihnen in Hinkunft nichts zur Last gelegt wird, dem
weiß ich nichts hinzuzufügen ...76
Es hat keine Spur von Gift in Ihrem lieben Gatten gegeben, denn Herr
Faber, der überaus viel davon versteht und ein Mann von großer Erfah-
rung ist, hat mich dessen versichert, sodaß Sie in dieser Hinsicht jede Art
von Verdacht und Einbildung lassen müssen, meine liebe Tochter. Unse-
re Reise ist doch nur kurz und dann werden wir ewiglich im Himmel
sein und Gott preisen.
III. Fléchère 1193, 1194 175

XVII, 194-196 (1193) Annecy, 21. April 1616.


Meine liebe Tochter!
Ich schreibe Ihnen inmitten der Synode, d.h. ganz rasch. Ich habe
Montag die Frau Gräfin aufgesucht; es hat mir leid getan, dort nieman-
den zu finden als mein liebes Patenkind, Ihre Tochter. Ich werde heute
abend Herrn Bonfils77 durch Herrn Roch über das von Ihnen Gewünsch-
te schreiben ...
Meine liebe Tochter, es hilft nichts, dieser Anfang wird eben überhäuft
sein mit Forderungen und Sie müssen es leiden, daß man sich bitter über
Sie beklagt.78 Aber hüten Sie sich, so sehr Sie können, jemanden durch
Ihre Antworten zu betrüben; Sie müssen vielmehr versuchen, jedem die
Ablehnungen oder Verzögerungen zu rechtfertigen, die Sie vorzuneh-
men gezwungen sind. Was nun die Vermögenswerte betrifft, so müssen
Sie zuerst die vordringlichsten Schulden zahlen, so meine ich, wie die
der Ärzte, soweit es Ihnen gebührt, die ihre Bezahlung fordern. Glauben
Sie mir, meine Tochter, daß ich mit Ihnen mitleide, und es scheint mir,
wenn Sie ein Leid tragen, daß ich es mit Ihnen teile. Ein wenig Geduld
wird alles überwinden.
Herr von Charmoisy ist der Meinung, Sie sollten Ihren Aufenthalt in
dieser Stadt nehmen. Er sagte, er hätte es Ihnen zu verstehen gegeben, als
er Sie sah, sowohl um Ihrem Sohn näher sein zu können, wie auch um
bessere und raschere Ratschläge für Ihre verschiedenen Angelegenhei-
ten haben zu können. Sie können sich denken, wie sehr dies meiner Nei-
gung entspräche; wir wollen aber mit aller Ruhe darüber beschließen.
Einstweilen segne Sie Gott, meine liebe Tochter. Es lebe Jesus! Amen.

XVII, 196-197 (1194) Annecy, 22. April 1616.

Heute morgen ist Herr Roch aus dieser Stadt abgereist, meine liebe
Tochter, und ich habe durch ihn Herrn Bonfils, der in Lagnieu ist, über
Ihre Angelegenheit geschrieben, da es nicht den Anschein hat, als ob wir
ihn bald wiedersehen, und besagter Herr Roch mir doch gesagt hat, daß
er seinen Einfluß geltend machen würde.
Sie müssen denen gegenüber, die Forderungen stellen, mit Güte und
herzlicher Höflichkeit fest bleiben; Gott wird Ihnen beistehen und Ihre
Angelegenheiten werden sich gerecht abwickeln und früher, als Sie er-
hoffen könnten. Wenn Herr Guydeboys seine Bullen haben wird, wer-
den Sie das Restliche ordnen, nicht leicht zwar, aber doch in aller Ruhe,
176 III. Fléchère 1200, 1210

Ihrem Versprechen gemäß, und man wird es möglich machen. Ich den-
ke, daß Sie recht daran getan haben, das Pferd zu verkaufen, denn es ist
gefährlich, es zu behalten.
Leben Sie immer ganz Unserem Herrn, meine Tochter, und erachten
Sie mich ganz als den Ihren in ihm, denn das bin ich mehr, als Sie es
sagen könnten. Es lebe Jesus! Amen.

XVIlI, 211 (1200) Annecy, 15. Mai 1616.


Ich schreibe Ihnen in Eile, nur um Ihnen zu sagen, meine liebe Toch-
ter, daß ich Ihre Briefe erhalten habe. Wenn Sie über die ganze Woche
kommen oder zumindest während der Festtage, denke ich, daß Sie Herrn
Bonfils treffen werden; man müßte mir wenigstens die Aufstellung schik-
ken, dann würde ich trachten, die von Ihnen gewünschte Zahlung errei-
chen zu können.
Wenn Sie kommen, werden wir von dem lieben Mädchen Gasparde
d’Avise sprechen. Ach, ich bedaure sie, wenn sie sich von diesem An-
sturm von Versuchungen fortreißen läßt. Aber man darf nichts überei-
len,79 sondern sie muß, wenn es möglich ist, ebenso die Versuchung in
ihrer Seele toben lassen, bevor sie dies zugesteht, wie man sie die Einge-
bung hin und her überlegen ließ, bevor sie ihr zustimmte. Man muß
dabei liebevoll und taktvoll vorgehen, um ihr nicht den Anschein zu
geben, man mißtraue ihrer Beharrlichkeit. Viel größerer Mut als der
ihre ist schon erschüttert worden bei ähnlichen Anlässen. Ich finde diese
kleine Anfechtung in keiner Weise sonderbar. Gott wird sein Werk voll-
bringen und schließlich werden wir alle ihm mit seiner Gnade eines
Tages treu dienen. Ich bin, meine liebe Tochter, Ihr sehr zugetaner, erge-
bener, treuer Diener und Cousin ...

XVII, 225f (1210) Annecy, 11. Juni 1616.


80
Über das liebe Mädchen mache ich mir nicht zuviel Sorgen, wenn ich
ihr auch sehr das Glück wünsche, zu dem sie berufen wurde. Einerseits
hoffe ich, daß Gott ihr wieder den nötigen Mut zur Durchführung seiner
Eingebung schenken wird; es ist ja kein Wunder, wenn ihre Seele ein
wenig müde wurde bei dem Wirbel, in den weltliche Menschen sie hin-
eingezerrt haben. Kein Wunder auch, daß sie etwas von der normalen
Beschaffenheit menschlichen Geistes verspürt, der Versuchungen unter-
worfen ist, sich zu ändern und zu schwanken, wenn er dem Feind die
III. Fléchère 1229 177

Möglichkeit gibt, ihn anzugreifen. Andererseits hoffe ich, wenn es ge-


schehen sollte, daß die Versuchung den Sieg davonträgt, daß sie ihn doch
niemals ganz davonträgt, auch vom Entschluß weg, Gott mit viel Liebe
zu dienen. Und wenn es mir in diesem Fall auch sehr leid tun würde, sie
von ihrem hochherzigen Vorhaben ein wenig herabgestiegen zu sehen,
würde ich doch nicht aufhören, sie recht innig zu lieben; es wird mir
mein Leben lang unmöglich sein, mich daran zu hindern, sie in Unserem
Herrn ganz lieb zu haben.
Wenn aber, wie ich Ihnen sagte, die stärksten Seelen, wenn sie die
Durchführung ihrer guten Entschlüsse so sehr hinausschieben, versucht
sind, sie aufzugeben, dürfen wir uns nicht wundern, wenn dieses liebe
Mädchen von diesem Angriff bewegt wurde. Dennoch hege ich gute Hoff-
nung, daß sie am Ende nicht erliegen wird, sondern daß sie – wieder ein
wenig zu Atem gekommen – stärker, entschlossener und eifriger denn je
sein wird. Grüßen Sie sie von mir, wenn Sie es für gut erachten, falls Sie
sie sehen oder ihr schreiben. Leben Sie indessen ganz für Gott, um ihn in
alle Ewigkeit zu preisen, meine sehr liebe Tochter. Amen.

XVII, 268-270 (1229) Annecy, 14. August 1616.

Meine sehr liebe Tochter!


Beiliegenden Brief schrieb ich Ihnen schon vor Kurzem, aber der Be-
gleiter des Herrn von Monthoux, welcher mir Ihren Brief überbracht
hatte, kam – soviel ich weiß – nicht, um meinen Brief abzuholen. Unter-
dessen kam, wie Sie erfahren haben, der Prinz hierher,81 dessen Güte ich
unendlich verpflichtet bin, und ich bin mit dem ganzen übrigen Land der
göttlichen Vorsehung tausendfachen Dank schuldig, daß sie uns einen an
Tugend und Gnaden so reichen Mann gegeben hat, um eines Tages bei
uns zu herrschen. Mein Herz mußte dieses Zeugnis dem Herzen meiner
sehr lieben Tochter gegenüber ablegen, welche Freude es für mich ist,
diesen Prinzen so von heiliger Gottesfurcht erfüllt zu sehen.
Sie können zu uns kommen, wenn es Ihnen beliebt, denn unsere Mut-
ter sieht Ihnen mit allergrößter Freude entgegen und ich glaube nicht,
daß unterwegs irgendwelche Gefahr besteht; auch hinsichtlich Frl. von
Beaufort brauchen keine Schwierigkeiten mehr gemacht werden. Aber
sehen Sie, meine liebe Tochter, Sie wissen ja wohl, daß die Heimsuchung
ganz die Ihre ist, ebenso unsere Mutter und alle Schwestern, und auch
dem Frl. von Beaufort, wie Sie es für geeignet erachten.
178 III. Fléchère 1433

Die liebe Nichte82 ist so voll Freude, daß ihre Seele wie ein kleines
Kind an der Brust der himmlischen Güte geborgen ist. Ich habe nur
einmal vor drei Wochen mit ihr gesprochen, aber ich erkenne unabläs-
sig, mit welcher Güte Gott in sie einwirkt. Ja, Gott ist gut, und selig das
Herz, das ihn liebt.
Herr Bonfils ist vergangenen Abend, ungefähr um 11 Uhr, verhaftet
und als Gefangener nach Chambéry oder Miolans gebracht worden über
Auftrag des Prinzen. Man hat alle seine Kästen und seine Wohnung ver-
siegelt. Das wird Ihre Bezahlung schwieriger machen. Ich werde mit den
Herren vom Gericht sprechen, um zu sehen, was sich für Ihre Bezahlung
machen läßt. Dieser gute Mann sah mich schon seit einiger Zeit nicht
und hatte in Seyssel behauptet, mich niemals lieben zu wollen, ohne daß
er irgendwelchen Grund oder Anlaß gehabt hätte, eine solche Erklärung
abzugeben; darum hatte ich, obgleich er verschiedene Mal hierher ge-
kommen war, keine Möglichkeit gehabt, mit ihm über Ihre Angelegen-
heit zu sprechen. Nur gestern grüßte er mich im Vorübergehen und ich
ihn. Ach, meine liebe Tochter, Gott weiß, wie sehr ich ihm die unendli-
chen Güter des Friedens, der Tröstung und Gnade des Heiligen Geistes
wünsche (Apg 9,31; Gal 5,2). Ihnen aber, meine sehr liebe Tochter, ver-
mag ich nicht zu sagen, wieviel davon meine Seele Ihnen und unserer
lieben Schwester von Mieudry wünscht ...

XVIII, 228f (1433) Annecy, 22. Mai 1618.


Was tun Sie denn, meine sehr liebe Tochter! Ich bin doch in Sorge
wegen Ihres Aussehens neulich, obgleich mir der Briefbote gesagt hat,
daß Sie sich – Gott sei Dank – wohlbefinden. O, dieser große Gott, der
den Herzen guten Willens (Lk 2,14) gnädig ist, sei immerdar das Leben
Ihres Herzens, meine sehr liebe Tochter, und des meinen, das Ihnen
gehört und niemals aufhört, Ihnen dieses heilige Leben der himmlischen
Liebe zu wünschen.
Wir sind hier voll Freude, die diese gute Gesellschaft83 uns schenkt,
und erwarten, um unser Glück voll zu machen, die Ankunft unserer
lieben Mutter.84 Meine sehr liebe Tochter, seien Sie ganz Gott zu eigen,
der mich ganz zu dem Ihren gemacht hat und als solchen leben läßt.
III. Fléchère 1491, 1586, 1603 179

XVIII, 319 (1491) Paris, 29. Dezember 1618.


Meine sehr liebe Tochter!
Ich habe Ihnen bereits geschrieben, daß Sie zu unseren Schwestern
kommen könnten, da Sie ja nach Herz, Neigung und Streben dazu gehö-
ren. Sie dürfen nur das Haus nicht verlassen, um in die Stadt zu gehen.
Ich sehe die Schmerzen und die Verwunderung Ihres Herzens, doch Gott
hört nicht auf, auch in Ihnen zu herrschen. Darum sollen Sie sich darü-
ber nicht beunruhigen.
Ich bin hier bis Ostern; glauben Sie mir, meine sehr liebe Tochter, da
es sein muß, bin ich gern hier, aber mit einem Herzen, dem es recht
gefallen würde, inmitten unserer kleinen Verhältnisse und in meinem
Land zu sein. Es läßt sich gar nicht sagen, wieviele Vorbilder an Fröm-
migkeit es hier gibt, selbst inmitten des Hofes. Im Grunde ist aber mein
Pflichtenkreis nicht hier und hier habe ich auch nicht meine Schäflein.
Gott sei gepriesen; haben Sie guten Mut! Wir müssen eben durch die
Dornen und Stacheln dieser Wüste hindurchgehen, um zum Land der
Verheißung zu kommen.
Ich bin der Ihre, meine sehr liebe Tochter.

XIX, 93-94 (1586) (1618 oder 1619).


Ich grüße mein Patenkind85 und bitte Gott, er möge es segnen; und Sie,
meine liebe Tochter, bitte ich, sie recht demütig, sanftmütig, fromm und
bescheiden zu erziehen, denn so muß sie sein oder werden, um eine
rechte Tochter unserer kleinen Heimsuchung sein zu können.

XIX, 121-122 (1603) Annecy, (Januar oder Februar 1616 oder 1620).
Meine sehr liebe Tochter!
Ich wünsche, daß Sie mein Patenkind auf die Erstkommunion vorbe-
reiten, die ich ihm eigenhändig in den kommenden Ostertagen spenden
möchte. Ich bitte Sie, ihr kleines Herz vorzubereiten als Wohnung für
Ihn, der sie ganz besitzen will. Lehren Sie sie frühzeitig, daß man – um
einen solchen Gast aufzunehmen – seine Seele gründlich reinigen muß
von allen Arten von Fehlern und Unvollkommenheiten und es aus-
schmücken mit allen Tugenden, besonders mit Frömmigkeit, Liebe und
Demut.
180 III. Fléchère 1651, 1894, 1897

XIX, 207-208 (1651) Annecy, 26. Mai 1620.


Sie sind also jetzt recht froh, meine sehr liebe Tochter, im angenehmen
Gespräch mit dieser lieben Cousine.86 Ich hüte mich, zu wünschen, ich
wäre bei Ihnen, denn ich stecke immer derart im Arbeitswirbel, daß ich
bei einem Besuch weder Freude daraus gewinnen, noch solche geben
könnte ...
Wenn die Frau Gräfin noch nicht abgereist ist, bitte ich Sie, sie meiner
ergebensten Dienste zu versichern und auch Frau de La Croix, die – so
denke ich – nicht ohne Unruhe so allein zurückbleiben wird in der Un-
gewißheit ihrer Vorhaben. Gott möge in seiner Güte nicht zulassen, daß
wir je etwas anderes anstreben, als ihm zu dienen und ihn ewig zu lieben.
Ich würde gern ein wenig klarer die Hintergründe Ihres Prozesses ken-
nenlernen, um zu sehen, ob eine Möglichkeit besteht, ihn zu beenden,
damit Sie von dieser Seite mehr Ruhe hätten. Ich bin unablässig, meine
sehr liebe Tochter, Ihr sehr ergebener Diener.

XX, 268f (1894) Annecy, 13. Februar 1622.


Ich habe Ihnen, meine liebe Tochter, diesen Brief aus einem Skrupel
heraus geschrieben; es schien mir nämlich, ich täte schlecht daran, Ihnen
diese wenigen Zeilen nicht zu schreiben, um Ihr Herz von meinem Her-
zen zu begrüßen, da ich Herrn Billet einen Eilbrief geschickt hatte.
Ich erwarte morgen oder übermorgen Nachricht von Herrn von Sau-
naz; falls er nicht kommt, bitte ich Herrn Billet,87 die Pfarre zu überneh-
men, um sie solange zu behalten, bis der Papst oder ich anders darüber
verfügen. Im übrigen will der Fürst auf jeden Fall, daß unsere Patres vom
Oratorium kommen, und man versichert mir, daß es sich, um die Aus-
sendung der Schreiben Seiner Hoheit zu erhalten, nicht ums Geld han-
delt, wohl aber um Geduld, die ich bis jetzt habe.
Schwester Jeanne Bonaventura befindet sich wohl.
Ich bin von Herzen ganz der Ihre. Gott überhäufe Sie mit Segnungen.

XX, 272 (1897) Annecy, 19. Februar 1622.


Dieser Briefbote wird Ihnen sagen, meine liebe Tochter, wie weit wir
in den Angelegenheiten Ihrer Kirche sind. Wie kann denn die Pfarrseel-
sorge, die seit Beginn Widersprüchen ausgesetzt war, es jetzt aufhören zu
sein, in einer so armseligen Zeit? Aber ich zweifle nicht daran, daß die
Gegner in ihren Bestrebungen erfolglos bleiben, ohne andere Genugtu-
III. Fléchère 1917 181

ung als die, ihre Rolle gespielt und ihre Streitsucht befriedigt zu haben.
Bleiben wir indessen immer in Gott und leben wir nur für ihn allein,
meine liebe Tochter.
Der gute Pater von Saunaz, der wie ein Schäflein aus Gehorsam ge-
kommen ist, geht wie ein Lamm aus Gehorsam fort, bereit, wiederzu-
kommen, um der Ehre Gottes sein Leben, sein Prioramt zu opfern und
auch seine Pfarre zum Wohl von Rumilly und dieses ganzen Landes. Ich
glaube, daß Leute von Ehre ihm dafür Dank wissen werden. Und ich
gehe mit neuem Mut daran, die für diese Angelegenheit erforderlichen
Schritte zu unternehmen, wozu mich die Sanftmut und die Güte der
Patres vom Oratorium aufmuntern,88 sehe ich doch voraus, daß ihr Kom-
men sich diesem Volk sehr heilsam erweisen wird.
Ich bin, meine liebe Tochter, ganz der Ihre in Unserem Herrn.

XX, 307f (1917) Annecy, um den 18. Mai 1622.


Diese Tochter gibt mir sehr erwünscht Gelegenheit, Ihre teure Seele
von ganzem Herzen zu grüßen, meine liebe Tochter; und ich wünschte
dies herzlich, weil ich doch in wenigen Tagen nach Piemont abreisen
muß auf Anordnung des Papstes, der mich verpflichtet, mich am 30. d.
Mts. beim Generalkapitel der Feuillanten einzufinden, um dort im Na-
men des Heiligen Stuhles den Vorsitz zu führen. Bevor ich aber abreise,
werde ich alles Nötige für die Kirche von Rumilly unternehmen, wie es
mir Prinz Thomas aufgetragen hat, und bei meiner Rückkehr alles be-
reitfinden, was spätestens in sechs Wochen der Fall sein wird.
Bewahren Sie mir indessen Ihre heilige Zuneigung und bitten Sie Gott,
er möge mir die Gnade schenken, ihm recht zu dienen.
Ich bin vollkommen und ganz der Ihre, meine liebe Tochter. Amen.
182

IV
V.. Briefe aus den Jahren 1610 – 1616

Diese sieben Jahre bilden einen neuen, bedeutsamen Abschnitt in der Kor-
respondenz des Heiligen. Vor diesem Zeitpunkt stammen die meisten Korre-
spondenten aus Savoyen, einige aus benachbarten Provinzen Frankreichs. Nun
schiebt sich die Gründung der Heimsuchung 1610 in den Vordergrund. Diese
ist Gegenstand zahlreicher Briefe. Weitaus die meisten sind Seelenführungs-
briefe im vollen Sinn des Wortes.
Die Korrespondenz mit den Briefempfängern aus früheren Jahren geht natür-
lich weiter: soweit sie in diesem Zeitabschnitt Briefe erhielten, sind diese den
vorausgehenden Abschnitten zugeordnet. Es treten aber viele neue Korrespon-
denten auf. Eine Anzahl von ihnen wird in der folgenden Einführung (E) vor-
gestellt, andere in den Anmerkungen (A) am Schluß des Bandes.
Nach verschiedenen Orten in Savoyen gehen Briefe an die Baronin von Cusy
(E) und ihre Nichte, Fräulein von Chapot (A 4), Frau von Travernay (E), an
eine Frau von Fléchère (geb. d’Avully, A 15), an Fräulein von Blonay (A 18),
die Präsidentin Favre (E), Frau d’Aiguebelette (E), die Konvertitin Saint-
Cergues (A 30), Frau de la Valbonne (E), Frau de la Croix d’Autherin (E),
Frau de Murat de la Croix (E), an den Baron de Rochefort (A 58), Herrn von
Chabod (A 59), an Frau von Ruans (A 1), Frau von Monthoux (A 65).
Aus den benachbarten französischen Provinzen stammt der junge Mann, der
an den Hof gehen will (A 17), Frau Grandmaison (E), und der Herzog von
Bellegarde (E). Auch von den unbekannten Empfängern der Seelenführungs-
briefe dürften die meisten aus Savoyen stammen. Im nächsten Abschnitt wird
sich das Bild ändern, wenn die vielen Korrespondenten aus Grenoble und aus
Paris aufscheinen.

DIE BARONIN VON CUSY.


Charlotte de Vautravers de Charrin hatte im April 1585 den Baron de Cusy
geheiratet. Aus der Ehe stammten zwei Kinder, Claudine-Philiberte, die durch
ihre Heirat mit Louis de Sales, Herr von La Thuille, Schwägerin des hl. Franz
von Sales wurde, aber sehr jung starb, ferner Amé.
Herr und Frau Cusy hatten den Entschluß gefaßt, sich von der Welt zurück-
zuziehen. Die Baronin dachte zuerst an die Karmelitinnen und ihr Mann
hatte dafür bereits ein Haus gekauft. Als er aber hörte, daß Franz von Sales
eine religiöse Gemeinschaft gründen wollte, bestimmte er das Haus für diese
Gemeinschaft. Die Baronin sollte sich dorthin zurückziehen und war auch
zunächst dazu entschlossen. Als es aber so weit war, trat sie von ihrem Ent-
schluß zurück und brachte damit Franz von Sales und die beginnende Kon-
IV. Einführung 183

gregation in die größte Verlegenheit. Der Erwerb des Hauses „der Galerie“
gelang schließlich doch unter großen Schwierigkeiten und die ersten Novizin-
nen konnten ihr großes Werk beginnen (s. Oeuvres XIV, 286, Anm. 1; 287,
Anm. 2; 312, Anm. 2).

MADAME DE TRAVERNAY,
geborene Péronne de Montfalcon, heiratete 1598 Balthazar de Mouxy, Herr
von Travernay, der 1617 starb. Ihr eigener Todestag ist unbekannt, jedenfalls
nach 1628. – Wie Frau von Fléchère, hatte sie eine Menge von Obliegenheiten,
war dabei auch oft von Krankheiten heimgesucht. Franz von Sales lehrt sie
inmitten all dieser Schwierigkeiten den schlichten Weg der Hingabe an Gott zu
gehen. Seine Ratschläge, besonders im ersten Brief und im Brief vom 29. Sep-
tember 1612 bezeugen wieder seine Großzügigkeit und sein Bestreben, auf das
Wesentliche zu gehen. Von den Briefen an diese geistliche Tochter, die zu seinen
treuesten zählt, sind nur sieben erhalten, die sich auf den Zeitraum von 1610-
1622 erstrecken. Der Brief in Oeuvres XVII, S. 29, Nr. 1102 ist zweifelhafter
Echtheit und enthält nur Nachrichten. Er wurde hier ausgelassen.

DIE PRÄSIDENTIN FAVRE.


Die Witwe Philiberte Martin de la Perouse heiratete 1606 den mit Franz von
Sales innig befreundeten Präsidenten Favre, der selber auch Witwer war. Sie
starb im Januar 1624 und zwei Monate später folgte ihr Gatte ihr in den Tod.
– Franz von Sales hatte eine hohe Achtung vor der Präsidentin, was sowohl aus
seinen Briefen an sie, wie auch aus Bemerkungen über sie in Briefen an andere
Personen hervorgeht. Von Franz von Sales sind nur drei Briefe an sie erhalten.

MADAME D’AIGUEBELETTE.
Françoise du Foret, in zweiter Ehe mit Herrn von Aiguebelette verheiratet,
lernte Franz von Sales wahrscheinlich bei dessen Fastenpredigten 1606 ken-
nen. Dem ersten Brief des Heiligen sind sicher eine Anzahl von Besprechungen
und Briefen vorausgegangen. Die damals wohl schon 50jährige Frau (ihre erste
Ehe datiert vor 1581) würde er sonst erst nach einigen Briefen als seine „Toch-
ter“ angesprochen haben.
Von Franz von Sales sind fünf Briefe an sie erhalten. Wahrscheinlich sind
solche auch in den anonym angeführten Briefen. – Frau Aiguebelette war viel
krank. Franz von Sales tröstet sie und hilft ihr, diese recht beschwerliche Krank-
heit für ihr religiöses Leben gut zu verwenden.

MADAME DE LA VALBONNE.
Andrée de Nicole de Crescheret hatte in zweiter Ehe 1611 Herrn René Favre
de la Valbonne geheiratet und war so die Schwägerin der Mutter Favre gewor-
den. In einem Brief an diese (XV, 180) nennt Franz von Sales Frau de la
Valbonne eine „Perle“. Er war ihr ein liebevoller Seelenführer. Sieben Briefe
an sie sind erhalten. – Franz von Sales nennt sie seine Nichte. Er gab gern
Verwandtschaftsbezeichnungen.
184 IV. Einführung

MADAME DE PEYZIEU.
Françoise de Dizimieu heiratete Françon Philibert de Longecombe, Herrn
von Thoys und Peyzieu. Sie hatte sechs Kinder, davon vier Söhne (s. Oeuvres
XIII, 130, Anm. 1). Schon 1605 schrieb Franz von Sales an einen dieser vier
Söhne in sehr herzlicher Weise.
Mit Frau von Peyzieu entwickelte sich von 1612-1617 (ihr Todesjahr) ein
Briefwechsel, der zu den reizvollsten des Heiligen gehörte. Franz von Sales hatte
von Frau von Peyzieu Briefe empfangen, in denen die alte Dame ihn sozusagen in
ihre Familie aufnahm und ihn – wohl auf sein Ersuchen – ihren Sohn nannte.
Franz von Sales antwortete mit einem Dankbrief vom 12. März 1612 (Oeuvres
XV, 181-182; Nr. 759). Die schon alte Verbindung mit der Familie Peyzieu-
Longecombe wird nun enger geknüpft und wird nicht mehr abbrechen. Franz
von Sales nennt die alte Dame Mutter und verlangt von ihr, daß sie ihn Sohn
nenne und nicht sparsam, wie er liebevoll scherzend schreibt. Er tröstet sie über
die Beschwerden des Alters und lehrt sie, diese mutig zu tragen und für den
Fortschritt ihrer Seele zu verwerten, gibt ihr auch liebe Mahnungen, nachdem sie
ihre Fehler bekannt hatte. Beim gewaltsamen Tod eines ihrer Söhne im fernen
Amerika schreibt er ihr einen ergreifenden Trostbrief.

MADAME D’ESCRILLES.
Als Tochter des Herrn von Mouxy-Travernay und der Frau von Saint-Jeoire
(Schwester des Barons d’Hermence) wurde Marie de Mouxy um 1582 geboren,
heiratete 1591 Herrn d’Escrilles und war mit 18 Jahren Witwe. – Im Jahr 1614
trat sie in die Heimsuchung ein, wurde in verschiedenen Klöstern Oberin und
starb 1645. – Ihr Name im Kloster war Marie Madeleine de Mouxy.

MADAME DE LA CROIX D’AUTHERIN.


Jeanne Antoine de Chapot, Tochter von Frau Philiberte de Castel und von
Herrn Claude Chapot, Herrn von Césareh bei Conflans, verheiratete sich im
Jahr 1613 mit Herrn Autherin, Seigneur de la Croix. – Die Familie de Chapot
stammte aus Chambéry. Franz von Sales hatte mit der jungen Frau und ihrer
Familie schon lange seelsorgliche Beziehungen (s. Oeuvres XIV, 325 und XV,
92). Bei Jeanne Antoine deutet darauf hin die Anrede „meine sehr teure Toch-
ter“, die Franz von Sales immer erst nach einiger Zeit gab, und der ganze
Inhalt seiner Briefe an die Dame, besonders der erste, wo er sagt, daß die
Standesänderung der Dame nichts an der väterlichen Liebe ändert, die er für
sie hegt.
In den Oeuvres sind vier Briefe an die Dame enthalten, wohl nur ein Bruch-
teil von dem, was er ihr geschrieben hat. Der vierte Brief (Oeuvres XX, 169) ist
zweifelhafter Echtheit und enthält nur einige Nachrichten. Er ist hier nicht
übersetzt.

MADAME DE GRANDMAISON.
Helene Longecombe, Tochter der Frau von Peyzieu, heiratete am 25. Juli
1598 François de Bessac, Herrn von Grandmaison, Statthalter zu Mâcon (Bur-
IV. Einführung 185

gund). Sie lebte 1662 noch (Oeuvres XV, 283, Anm. und 284, Anm.).Sie kam
nach Annecy für die „grands Pardons Unserer Lieben Frau von der Freude“
September 1612. Dabei mag sie Franz von Sales kennen gelernt und sich später
unter seine Leitung gestellt haben, wenn das nicht schon früher gechah, da ja
die Familie Longecombe mit der Familie des Heiligen enge Beziehungen hat-
ten.
Die Oeuvres enthalten einen angeblichen Brief des Heiligen an Frau von
Grandmaison, datiert vom 25. Oktober 1612. Er scheint kaum echt zu sein. An
echten Briefen des Heiligen an diese Dame sind uns drei erhalten, die wir hier
bringen.

MADAME DE MURAT DE LA CROIX.


Claude-Françoise de Maillond-Tournion, geboren 1597 zu Chambéry, in
ihren Mädchenjahren Ehrendame der Infantin von Savoyen, heiratete mit dem
Segen des hl. Franz von Sales Salomo de Murat de la Croix im Februar 1613
und verlor sieben Monate später, am 21. September 1613 ihren Mann durch
dessen plötzlichen Tod. So war sie mit 18 Jahren Witwe. Im Brief des Heiligen,
den wir hier wiedergeben, spürt man nicht nur das Mitleid, sondern auch den
persönlichen Schmerz des Heiligen über das tragische Geschick seiner Cousi-
ne. Sie blieb Witwe ihr Leben lang, war oft bei der hl. Johanna-Franziska von
Chantal und legte auch im Namen der Herzogin von Mantua den Grundstein
zum zweiten Kloster der Heimsuchung zu Annecy im Iahre 1614.

DER HERZOG ROGER DE BELLEGARDE.


Mit den Briefen an Herzog de Bellegarde, die sich von 1613 bis 1622 hinzie-
hen, soll dieser Abschnitt der Korrespondenz des Heiligen geschlossen werden.
Roger de Bellegarde war eine der mächtigsten und zuerst berüchtigten Persön-
lichkeiten Frankreichs zur Zeit Heinrichs III., Heinrichs IV., und Ludwigs XIII.
Geboren 1563, wurde er bald Pair und „grand écuyer“ Frankreichs, Statthalter
und Oberbefehlshaber der französischen Truppen von Burgund. Sein Leben
war bis zur Wende, die ihm Franz von Sales brachte, alles eher als erbaulich.
1603 traf er zum ersten Mal mit Franz von Sales in Belley zusammen. Seine
Bekehrung datiert aber erst von 1613, als er mit Franz von Sales an der Wie-
dergewinnung von Gex für den katholischen Glauben als Inhaber der weltli-
chen Macht zusammenarbeitete. Am 31. Juli 1613 legte er eine Generalbeichte
bei Franz von Sales ab und stellte sich unter seine geistliche Führung (s. Oeuvres
XVI, 283, Anm. 1).
Von den eigentlichen Seelenführungsbriefen des Heiligen an den Herzog von
Bellegarde sind uns sieben erhalten, deren Übersetzung nun folgt.
Nicht als Seelenführungsbriefe können angesehen werden die Nr. 821, 1417,
1528, 1600, 1878, die Empfehlungen oder Geschäftliches enthalten und daher
hier nicht übersetzt wurden.
Der Stil des Heiligen mutet uns in diesen Briefen etwas eigen an. Es ist die
höfische Sprache der Zeit, die auch in anderen Briefen an hohe Persönlichkei-
ten zum Ausdruck kommt. Sie enthalten aber viele wertvolle Gedanken und
zeugen bei aller damals nötigen Steifheit der Form von der Herzenswärme des
Heiligen.
186 IV. Cusy 591, 594

AN DIE BARONIN VON CUSY

XIV, 286-288 (591) Annecy, 23. April 1610.


Gnädige Frau!
Ich danke Ihnen für die Gelegenheit, die Sie mir gegeben haben, Ihnen
durch diesen Überbringer über den von Ihnen gewünschten Gegenstand
zu schreiben. Bei unserem kleinen neuen Bau sind noch einige Verände-
rungen zu treffen, doch ist das nichts, was den Beginn unseres Vorhabens
verzögern könnte. Ich schlage vor, daß es mit Gottes Hilfe an den näch-
sten Pfingstfeiertagen1 statthaben solle.
Sie werden hier bereits eine gute Gemeinschaft vorfinden, die nur auf
den glücklichen Tag wartet, an dem sie sich endgültig dem einzigen Ziel
ihres Herzens weihen wird. Ich bin also der Meinung, Sie sollten es sich
so einteilen, daß Sie um diese Zeit kommen können. Wir werden inzwi-
schen von hier aus die Dinge so ordnen, daß Sie in dieser neuen Lebens-
weise die Freude und den Trost finden werden, nach dem Sie sich sehnen.
Für das erste Jahr werden wir Sie im schwarzen Kleid mit dem Schlei-
er aus dünnem schwarzem Tuch und mit der größtmöglichen Einfach-
heit belassen. Es wird genügen, wenn man für diese Einzelheit nach Ihrer
Ankunft sorgt, damit alles übereinstimme.
Lassen Sie sich keineswegs von all dem beunruhigen, was die Welt sagt,
denn sie ist ein Feind der Ehre Gottes und des Wohles der Seelen. Der
Papst will nicht, daß man neue Orden ohne Erlaubnis gründe, und das
mit Recht, aber er ist nicht gegen das, was wir mit Gottes Hilfe tun
werden, sondern er ist damit einverstanden.
Ich freue mich mit Ihnen über die Standhaftigkeit, mit der Sie Ihren
Isaak2 geopfert und geweiht haben, und bitte Unseren Herrn, er möge Sie
mit dem Segen überhäufen, den er Abraham für ein gleiches Opfer gege-
ben hat (Gen 22,1-18). – Ich bin, gnädige Frau, Ihr Ihnen sehr zugeneig-
ter und sehr ergebener Diener ...

XIV, 293-295 (594) Annecy, 2. Mai 1610.

Gnädige Frau!
Bei diesem Besuch Ihres Gatten, des Herrn Barons, habe ich erfahren,
mit wieviel Ränken die Welt versucht hatte, Ihren Entschluß zu erschüt-
tern;3 und ich habe Unseren Herrn gepriesen, daß Sie bis jetzt Ihre Stand-
IV. Cusy 594 187

haftigkeit bewahrt haben. Dennoch muß ich jetzt, da wir – wie mir scheint
– am Vorabend der Durchführung eines so heiligen Vorhabens stehen,
ein wenig offen mit Ihnen sprechen und Sie beschwören, Ihr Herz recht
zu prüfen, um zu erkennen, ob Sie genügend Liebe, Kraft und Mut haben,
so bedingungslos den gekreuzigten Jesus Christus zu umfangen und von
dieser armseligen Welt Abschied zu nehmen. Denn sehen Sie, gnädige
Frau, Sie müssen eine tapfere und hochherzige Seele sein, um dieses
Vorhaben durchführen und den Vorstellungen der närrischen Weisheit
dieser Welt (1 Kor 1,20) widerstehen zu können.
Sie werden zwar, wenn Sie dieses Werk einfach Gottes und Ihres Hei-
les wegen unternehmen, sicherlich soviel Freude daraus gewinnen, daß
nichts Sie davon wird abhalten können, und die gute Gemeinschaft, in
der Sie sich befinden werden, wird Ihnen nicht wenig dabei helfen, sich
dort gut einzugewöhnen. Doch dürfen Sie deshalb nicht unterlassen, Ih-
ren Mut gut zu prüfen, bevor Sie kommen. Wenn Sie ihn aber recht und
fest finden, dann kommen Sie nur kühn im Namen Gottes, der – als
Urheber und Beschützer dieses Planes – ihn immer mehr durch seinen
Segen fördern und Ihnen darin tausend Freuden schenken wird, von de-
nen die Welt nichts wissen kann.
Wenn Sie aber im Gegenteil – was Gott verhüte – sich nicht stark
genug fühlen, diesen Weg zu beschreiten, dann wäre es gut, uns zu be-
nachrichtigen, damit die anderen ihrem unerschütterlichen Wunsch ent-
sprechend beginnen und Sie, gnädige Frau, daran denken können, ir-
gendeine andere, Ihnen mehr entsprechende Lebensweise zu ergreifen.
Mir persönlich liegt diese heilige Aufgabe so sehr am Herzen, daß ich
mich glücklich fühlen würde, mich für ihre Erfüllung verwenden zu dür-
fen, und ich werde ihr beständig, froh und mit Gottes Hilfe in nützlicher
Weise dienen; mit solcher Liebe aber, daß nur der Wille Gottes allein
mich davon abhalten könnte, der mich vielleicht meiner Sünden wegen
nicht würdig genug finden wird, diesen Dienst zu seiner Ehre zu leisten.
Ich hoffe auf ihn, daß Ihre Seele immer mehr wachse, vom Guten zum
Besseren, und flehe ihn an, er möge Sie trösten und bereiten.
Indessen verbleibe ich, gnädige Frau, Ihr sehr ergebener Diener ...
188 IV. Chapot 609

AN FRÄULEIN VON CHAPOT

XIV, 325-328 (609)4 Annecy, 3. Juli 1610.


Gnädiges Fräulein!
Sie sind der Meinung, daß Ihr Wunsch, sich von der Welt zurückzuzie-
hen, nicht dem Willen Gottes entspreche, da er nicht übereinstimmt mit
dem Willen jener, die von ihm die Macht haben, Ihnen zu befehlen, und
die Pflicht, Sie zu führen. Sie haben da sicher recht, wenn es sich um jene
Personen handelt, denen Gott die Macht gegeben und die Pflicht aufer-
legt hat, Ihre Seele zu führen und Ihnen in geistlichen Dingen zu befeh-
len; denn indem Sie diesen gehorchen, können Sie nicht irregehen, wenn
auch jene sich täuschen und Sie schlecht beraten können. Das würden sie
tun, wenn sie etwas anderes im Auge hätten als Ihr Heil allein und Ihren
geistigen Fortschritt. Wenn es aber jene Personen sind, die Gott Ihnen
zur Führung in häuslichen und zeitlichen Angelegenheiten gegeben hat,
so täuschen Sie sich, wenn Sie ihnen in Dingen Glauben schenken, in
denen diese keine Autorität über Sie haben. Wenn man die Meinung von
Eltern, von Fleisch und Blut über solche Dinge anhören müßte, gäbe es
nur wenig Leute, welche die Vollkommenheit des christlichen Lebens
erwählen würden. Dies der erste Punkt.
Der zweite ist, daß Sie nicht nur gewünscht haben, sich zurückzuzie-
hen, sondern es auch noch wünschten, wenn es Ihnen von jenen erlaubt
würde, die Sie zurückgehalten haben. Das ist ein deutliches Zeichen, daß
Gott will, Sie sollen sich zurückziehen, da er doch in seiner Eingebung
beharrt inmitten so vieler Widersprüche und da Ihr vom Magnet angezo-
genes Herz sich immer wieder auf den schönen Stern hinbewegt, wenn es
auch durch die irdischen Versuchungen schnell abgelenkt wird. Denn
was würde schließlich Ihr Herz sagen, wenn es nicht verhindert wäre?
Würde es Ihnen nicht sagen: Ziehen wir uns von der Welt zurück? Es hat
also noch diese Eingebung; da es aber verhindert wird, kann oder wagt es
das nicht zu sagen. Geben Sie ihm seine Freiheit zurück, damit es dies
sage, denn Besseres könnte es Ihnen nicht sagen, dieses heimliche Wort,
das es ganz sachte in sich selbst hineinsagt: „Ich möchte und wünschte
wohl, von der Welt fortzugehen“, das ist der wahre Wille Gottes. Worin
Sie unrecht haben (verzeihen Sie mir die unbefangene Freiheit meiner
Sprache), ist, daß Sie die Hindernisse, die Ihnen bei der Durchführung
dieser Eingebung entgegenstehen, Gottes Willen, und die Macht jener,
die Sie hindern, Gottes Macht nennen.
Der dritte Punkt ist, daß Sie keineswegs in neutraler Haltung vor Gott
IV. Travernay 611 189

stehen, da der Wunsch nach Zurückgezogenheit, den er Ihnen gegeben


hat, immer in Ihrem Herzen ist, mag er auch gehemmt sein; denn die
Waage Ihres Geistes neigt auf diese Seite, obgleich man auf die andere
Seite drückt, um das Gleichgewicht zu stören.
Der vierte Punkt: Wenn Ihr erster Wunsch in irgendeiner Sache über-
trieben war, sollen Sie ihn auf das rechte Maß bringen, aber nicht schei-
tern lassen. Ich habe mir sagen lassen, daß Sie die Hälfte Ihrer Güter
oder aber die Bezahlung dieses Hauses,5 das jetzt Gott geweiht ist, ange-
boten hatten. Vielleicht war das zu viel in Anbetracht dessen, daß Sie
eine Schwester mit großer Familie haben, der Sie nach dem Gebot der
Nächstenliebe eher Ihre Güter hätten zuwenden müssen. Nun, Sie müs-
sen diese Übertreibung richtigstellen und in dieses Haus kommen mit
einem Teil ihrer Einkünfte, soviel erforderlich ist, um bescheiden zu
leben, wobei Sie alles Übrige überlassen, wem Sie wollen, und selbst den
genannten Teil nach Ihrem Tod jenen vorbehalten, denen Sie damit Gu-
tes tun wollen. Auf diese Weise werden Sie die Übertreibung richtigstel-
len und doch Ihr Ziel weiterhin vor Augen haben und es wird nichts da
sein, das sich nicht frohgemut, ruhig und heilig machen ließe.
Fassen Sie schließlich Mut, einen guten, festen Entschluß zu treffen;
wenn es auch keine Sünde ist, in diesen Schwächen zu verbleiben, so
verliert man doch zweifellos viele Möglichkeiten, recht vorwärtszukom-
men und überaus erstrebenswerte Tröstungen zu empfangen.
Ich habe Sie vertraulich über meine Meinung aufklären wollen in dem
Glauben, daß Sie mir die Güte erweisen werden, es nicht übel zu neh-
men. Gott schenke Ihnen die heiligen Segnungen, die ich Ihnen wün-
sche, und die liebevolle Übereinstimmung, die er von Ihrem Herzen
wünscht.
Ich bin in ihm mit aller Aufrichtigkeit, gnädiges Fräulein, Ihr Ihnen
sehr wohlgeneigter Diener ...

AN FRAU VON TRAVERNAY

XIV, 332-334 (611) Annecy, 21. Juli 1610.


Gnädige Frau, meine sehr liebe Tochter!
Ich schrieb Ihnen erst vorgestern im Anschluß an einen Brief, den die gute
Frau d’Escrilles6 Ihrem Herrn Gemahl, deren Bruder, geschickt hat. Jetzt
will ich Ihnen aber lieber über den Gegenstand Ihres Briefes schreiben.
Wenn unser Leib Schmerzen hat, fällt es uns schwer, unser Herz zur
vollkommenen Betrachtung der Güte Unseres Herrn zu erheben; das
190 IV. Travernay 619

gelingt nur jenen, die durch lange Gewohnheit ihren Geist ganz dem
Himmel zugewandt haben. Unsere Seelen aber, die noch ganz schwach
sind, lassen sich beim Empfinden körperlicher Plagen und Leiden leicht
ablenken. Darum ist es kein Wunder, wenn Sie während Ihrer Krankhei-
ten keine Betrachtung halten konnten. Zu solchen Zeiten genügt es, Stoß-
gebete und heilige Herzenserhebungen zu verrichten. Da wir doch oft im
Schmerz seufzen, kostet es uns nicht mehr, in Gott, zu Gott und Gottes
wegen zu seufzen, als zu seufzen, um unnützerweise zu klagen.
Nun aber, da Gott Ihnen die Gesundheit wieder verliehen hat, müssen
Sie, meine liebe Tochter, wieder ihre Betrachtung7 aufnehmen, zumin-
dest für eine halbe Stunde am Morgen und eine Viertelstunde am Abend
vor dem Abendessen; denn da Sie nun einmal Unser Herr von diesem
himmlischen Honig verkosten ließ, würde es Ihnen einen schweren Vor-
wurf eintragen, wenn Sie dessen überdrüssig würden, zumal er Sie dabei
soviel Leichtigkeit und Freude verkosten ließ, wie Sie mir – ich erinnere
mich gut daran – gestanden haben. Sie müssen also Mut fassen und dür-
fen nicht zulassen, daß Geschwätz und sinnlose Unterwürfigkeit unter
unsere Umgebung Sie eines so seltenen Gutes berauben, von Herz zu
Herz mit seinem Gott sprechen zu können.
Ich bin Ihnen gewiß sehr verbunden, wenn Sie mir ein wenig über Ihre
Seele berichten, denn die meine liebt sie innig und kann nicht umhin,
erfahren zu wollen, in welchem Zustand sie sich befindet. Die verschie-
denen Pläne Ihres Herrn Gemahls aber, Sie hierher zu bringen und auf
dem Land bleiben zu lassen, haben mich zurückgehalten, Sie darüber zu
befragen. Erweisen Sie mir also, ich bitte Sie, die Güte, mir manchmal
zu schreiben, und seien Sie gewiß, daß ich Ihnen immer Antwort geben
werde, wie ich auch der Ehre, die Sie mir durch Ihr Wohlwollen erwei-
sen, durch die aufrichtige Neigung treu entsprechen werde, Ihnen zu
dienen.
Gott sei immerdar inmitten ihres Herzens, um es zu erfüllen und in
seiner heiligen Liebe überreich werden zu lassen; das sind die täglichen
Wünsche, meine liebe Frau Tochter, Ihres sehr ergebenen Cousins und
Dieners ...

XIV, 345-346 (619) Annecy, 11. September 1610.


Gnädige Frau!
Es ist mir eine große Freude zu sehen, wie willig Sie meine Versuche
aufnehmen, Ihrer treuen Seele zu dienen; denn ich kann sie, die ich mit
manchen himmlischen Gnaden ausgezeichnet sehe, nur zärtlich und in-
IV. Travernay 796 191

nig lieben. Darum wünsche ich ihr immer größeren Fortschritt in der
heiligen Liebe Gottes, die der Segen aller Segnungen ist.
Sie wissen, meine sehr liebe Tochter, daß das Feuer, das Mose auf dem
Berg sah (Ex 3,1f), diese heilige Liebe darstellte, und, wie diese Flam-
men an den Dornen Nahrung fanden, auch die Übung der heiligen Liebe
noch glücklicher bewahrt bleibt in den Heimsuchungen als in der Be-
friedigung. Sie haben also Gelegenheit, zu erkennen, daß Unser Herr
wünscht, Sie sollten in der Liebe zu ihm daraus Nutzen ziehen, da er
Ihnen fast immer eine unbeständige Gesundheit und viele andere Prü-
fungen auferlegt.
Mein Gott, meine sehr liebe Tochter, wie tröstlich ist es doch, Unseren
Herrn am Kreuz mit Dornen, im Himmel aber mit Glorie gekrönt zu
sehen! Denn das ermutigt uns, Widrigkeiten liebevoll aufzunehmen, da
wir wohl wissen, daß wir durch die Dornenkrone die Krone der Seligkeit
erreichen werden. Halten Sie sich nur immer recht innig an Unseren
Herrn geschmiegt und mit ihm vereint, dann wird Ihnen kein Leid wi-
derfahren, das sich nicht zum Guten wandelt.
Gnädige Frau, Ihr ergebener und sehr zugeneigter Diener und Cousin ...

XV, 246-247 (796) Gex, 20. Juli 1612.


Gnädige Frau!
Sie sollen wissen, daß ich beim Lesen Ihrer Briefe sehr erfreut bin, zu
sehen, wie Sie inmitten vieler Hemmnisse und Widrigkeiten am Willen
festhalten, Unserem Herrn zu dienen. Wenn Sie inmitten dieser Schwie-
rigkeiten sich recht treu erweisen, wird Ihnen gewiß umso größere Freu-
de zuteil werden, je größer Ihre Schwierigkeiten waren. Ich denke an Sie,
wenn Sie es am wenigsten vermuten, und sehe Sie mit einem mitfühlen-
den Herzen, da ich wohl weiß, wieviele Ärgerlichkeiten Sie bei dem
Wirrwarr haben, in dem Sie leben, der Sie von der erwünschten heiligen
Aufmerksamkeit auf Gott ablenken kann. Darum will ich niemals auf-
hören, Ihre Not seiner göttlichen Güte zu empfehlen; ich will aber auch
nicht aufhören, Sie zu beschwören, diese Not für Ihren geistigen Fort-
schritt nutzbringend zu machen.
Wir haben keinen Lohn ohne Sieg und keinen Sieg ohne Kampf. Fas-
sen Sie also Mut und wandeln Sie Ihre Mühen, gegen die es keine Abhilfe
gibt, in Tugendwerke um. Schauen Sie oft auf Unseren Herrn, der Sie –
armes kleines Geschöpf, das Sie sind – anschaut und Sie inmitten Ihrer
Mühen und Ablenkungen sieht; er schickt Ihnen Beistand und segnet
192 IV. Travernay 808

Ihre Drangsale. In dieser Erwägung sollen Sie die Ihnen zustoßenden


Ärgerlichkeiten geduldig und sanftmütig ertragen aus Liebe zu Ihm, der
diese Prüfung um Ihres Wohles willen zuläßt.
Erheben Sie also oft Ihr Herz zu Gott, bitten Sie um seine Hilfe. Die
beglückende Tatsache, daß Sie Gott ganz angehören, soll ihnen immer
wieder Trost schenken. Alle Anlässe zum Ärger werden Ihnen wenig
bedeuten, wenn Sie wissen, daß Sie einen solchen Freund, einen so gro-
ßen Beistand und eine so wunderbare Zufluchtsstätte besitzen.
Gott sei immerdar inmitten Ihres Herzens, gnädige Frau, meine sehr
liebe Tochter, und ich bin ganz der Ihre. Ihr ergebener Cousin und Die-
ner, der Sie sehr lieb hat ...

XV, 268-270 (808) Annecy, 29. September 1612.


Gnädige Frau, meine sehr liebe Tochter!
Von der ausgezeichneten Überbringerin dieses Briefes werden Sie er-
fahren, unter welch vielfältigen Widrigkeiten ich Ihnen schreibe; das
soll mir als Entschuldigung dienen, wenn ich nicht so ausführlich zu
Ihnen spreche, wie ich möchte.
Sie sollen die Länge Ihrer Gebete an der Vielfalt Ihrer Angelegenheiten
messen; und da es Unserem Herrn gefallen hat, Sie in eine Lebensweise
hineinzustellen, in der Sie ständig gestört werden, müssen Sie sich daran
gewöhnen, Ihre Gebete kurz zu fassen, sie aber auch so regelmäßig zu
verrichten, daß Sie davon nicht ohne wirkliche Notwendigkeit ablassen.
Ich möchte, daß Sie am Morgen beim Aufstehen das Knie vor Gott
beugen, um ihn anzubeten, das Kreuzzeichen machen und seinen Segen
für den ganzen Tag erbitten; dazu benötigt man vielleicht die Zeit von 1-
2 Vaterunser. Wenn Sie eine Messe haben, genügt es, wenn Sie sie auf-
merksam und ehrfürchtig hören, wie in der „Anleitung“ ausgeführt wird,
und dabei Ihren Rosenkranz beten. Vor dem Abendessen oder um diese
Zeit könnten Sie leicht einige innige Gebete verrichten, wobei Sie sich
vor Unserem Herrn niederwerfen so lange, als man ein Vaterunser beten
würde; denn es kann wohl nichts Sie dermaßen in Anspruch nehmen,
daß Sie sich nicht diesen kleinen Zipfel Zeit abstehlen könnten. Am
Abend vor dem Schlafengehen könnten Sie, auch wenn Sie andere Ar-
beiten verrichten, an welchem Ort immer, im Großen Rückschau halten
über das, was Sie untertags getan haben, und sich kurz auf die Knie wer-
fen, bevor Sie sich niederlegen, Gott um Verzeihung bitten für die began-
genen Fehler und zu ihm beten, daß er über Sie wache und Ihnen seinen
IV. Travernay 845 193

Segen gebe. Das könnten Sie in der kurzen Zeit eines Ave Maria tun. Vor
allem aber wünsche ich, daß Sie bei jeder Gelegenheit untertags Ihr Herz
zu Gott zurückziehen und ihn mit wenigen Worten Ihrer Treue und Lie-
be versichern.
Was die Kümmernisse Ihres Herzens betrifft, meine liebe Tochter,
werden Sie leicht solche unterscheiden, gegen die es Abhilfe gibt, und
andere, gegen die es keine gibt. Gibt es Hilfe dagegen, dann muß man
trachten, diese sachte und friedvoll herbeizuführen; gibt es aber solche
nicht, dann müssen Sie diese als eine Abtötung ertragen, die Unser Herr
Ihnen schickt, um Sie zu prüfen und ganz zu der Seinen zu machen.
Hüten Sie sich davor, etwa in Klagen Erleichterung zu suchen, son-
dern zwingen Sie Ihr Herz, ruhig zu leiden. Befällt es irgendeine An-
wandlung von Ungeduld, dann bringen Sie – sobald Sie ihrer gewahr
werden – Ihr Herz wieder zum Frieden und zur Liebe zurück. Glauben
Sie mir, meine liebe Tochter, Gott liebt die von den Wogen und Stürmen
dieser Welt hin- und hergeschüttelten Seelen, sofern sie das Leid nur aus
seiner Hand entgegennehmen und sich wie tapfere Krieger bemühen,
inmitten der Angriffe und Kämpfe die Treue zu wahren. Wenn ich kann,
werde ich etwas über dieses Thema Ihrer lieben und liebenswürdigen
Schwester8 sagen, damit sie es Ihnen weitersage. Ich gehe jetzt fort, um
einen heißen Streit beizulegen, der verhindert werden muß.
Ich bin aber ganz starken Herzens, gnädige Frau, Ihr ergebener Cousin
und Diener, der Sie sehr lieb hat ...

XV, 331-333 (845) Annecy, 3. Januar 1613.


Ich versichere Ihnen, meine sehr liebe Tochter, daß Ihr Leid9 mich
sehr tief betrübt hat. Ich zweifle nicht daran, daß es sehr hart für Sie war,
umso mehr, als Sie wie die übrigen Menschen nicht den Zweck und die
Absicht sehen, deretwegen solche Dinge geschehen, und sie daher nicht
in der Weise aufnehmen, wie sie sind, sondern wie Sie diese empfinden.
Nun, meine liebe Tochter, Ihr Sohn ist in Sicherheit, er besitzt das
ewige Heil; so ist er also der Gefahr entronnen, verloren zu gehen, und
sicher davor, während wir so viele Menschen in dieser Gefahr sehen.
Sagen Sie mir bitte, hätte er nicht mit den Jahren ausschweifend werden
können? Hätten Sie nicht in der Zukunft viel Kummer von ihm erdulden
müssen, wie so viele andere Mütter von ihren Söhnen? Denn, meine
liebe Tochter, Kummer wird einem oft von jenen bereitet, von denen
man es am wenigsten erwartet. Und nun hat ihn Gott all diesen Gefahren
194 IV. Travernay 891

entzogen, läßt ihn den Sieg ohne Kampf gewinnen und die Früchte des
Ruhmes ohne Mühsal ernten. Meinen Sie nicht, meine liebe Tochter, daß
Ihre Gelübde und Andachten doch reichlich vergolten wurden? Sie ver-
richteten diese seinetwegen, aber damit er mit Ihnen in diesem Jammertal
verbleibe; Unser Herr, der besser als wir versteht, was für uns gut ist, hat
Ihre Bitten erhört zugunsten des Kindes, für das Sie sie verrichteten, auf
Kosten aber der zeitlichen Befriedigung, die Sie von ihm erwarteten.
Ich billige wahrhaft Ihr Bekenntnis, daß dieses Kind Ihrer Sünden
willen von hinnen gegangen ist, denn es entspricht der Demut; dennoch
glaube ich nicht, daß es auf Wahrheit beruht. Nein, meine liebe Tochter,
nicht um Sie zu strafen, hat Gott dieses Kind frühzeitig gerettet, sondern
um ihm eine Gnade zu erweisen. Sie haben Schmerz über seinen Tod,
das Kind aber hat großen Gewinn davon; Ihnen brachte es zeitlichen
Kummer, dem Kind aber ewige Freude. Am Ende unserer Tage, wenn
unsere Augen geöffnet sein werden, werden wir erst erkennen, wie wenig
dieses Leben ist und daß wir jene nicht zu bedauern brauchen, die es so
bald verloren; das kürzeste Leben ist das beste, sofern es zum ewigen
hinführt.
Ihr kleines Kind ist also nun im Himmel mit den Engeln und den
heiligen unschuldigen Kindern; es weiß Ihnen Dank für die Sorge, die
Sie in der kurzen Zeit, da es Ihnen anvertraut war, für dieses Kind getra-
gen haben, und vor allem für die um seinetwillen verrichteten Gebete.
Als Gegengeschenk bittet es Gott für Sie und hegt tausend Wünsche für
Ihr Leben, damit dieses immer mehr dem göttlichen Willen entspreche
und Sie dadurch jenes Leben gewinnen können, dessen es sich erfreut.
Bleiben Sie in Frieden, meine liebe Tochter, und erheben Sie Ihr Herz
zum Himmel, wo Sie diesen guten kleinen Heiligen haben; und wün-
schen Sie auch weiterhin, immer treuer die höchste Güte des Erlösers zu
lieben, den ich bitte, er möge immerdar Ihr Trost sein.
Ich grüße von meinem ganzen Herzen mein teures, geliebtes kleines
Patentöchterchen;10 meine Seele wünscht ihm tausend Segnungen. Frau
von Chantal geht es besser. Ich zweifle nicht, daß sie Ihnen geschrieben
hätte, wenn sie davon erfahren hätte. Ich bin ohne Aufhören Ihr recht
ergebener und treuer Cousin und Diener, der Sie sehr lieb hat.

XVI, 33-34 (891) Annecy, 15. Juni 1613.


Meine sehr liebe Tochter!
Nur um Ihnen ganz einfach Dank zu sagen, schreibe ich Ihnen dieses
Brieflein. Ich fühle mich Ihnen ja überaus verpflichtet, da Sie meine
IV. Travernay 1895 195

Briefe so freundlich aufnehmen. Die Liebe zu Ihrer Seele, der ich wahr-
haft jede heilige Freude und Vollkommenheit wünsche, treibt mich eben-
falls dazu an.
Der guten Frau d’Escrilles11 schreibe ich einige Antwortzeilen, da Sie
ihr diese freundlicher Weise zukommen lassen.
Das kleine liebe Patenkind12 fühlt wohl, denke ich, heimlich meine
Liebe zu ihm, da es mich so sehr lieb hat. Gott möge sie so brav und gut
machen, daß Ihnen die Genugtuung über sie zuteil wird, die sie von ihr
erhoffen dürfen.
Ich bin von ganzem Herzen und immerdar, meine sehr liebe Tochter,
Ihr sehr ergebener und herzlich zugeneigter Diener und Cousin ...

XX, 269f (1895) Annecy, 17. Februar 1622.


Meine sehr liebe Tochter!
Ich habe Gott gepriesen dafür, daß Sie gesund sind, und für die Freude,
die die Frau Gräfin von St. Mauriac13 Ihnen und allen jenen, die sie
schätzen, dadurch geschenkt hat, daß sie guter Hoffnung ist. Wenn meine
Wünsche erhört werden, wird sie große Freude über das ersehnte Kind
haben.
Hinsichtlich der Dokumente, die Sie von meinen Brüdern gewünscht
haben über die Geschäfte, die sie mit dem verstorbenen Herrn von Tra-
vernay hatten, bitte ich Sie, da sie solche nicht finden, eine Erklärung für
den Erwerb aufstellen zu lassen, wie es Ihr Rat für richtig erachtet, und
sie werden sie gelten lassen. Ich bitte Sie, zu glauben, daß dieser Irrtum
ohne Arglist und Absicht, sondern aus reiner Unachtsamkeit entstanden
ist. Und die dem Herrn Rolland übergebene Zinsengutschrift werde ich
von ihm suchen lassen, wenn er von Paris zurückgekommen ist, wo er
Frau von Chantal abholt, um sie bei ihrer Rückreise zu begleiten.
Ich werde in allem versuchen, Ihnen zu bezeugen, daß ich ganz liebe-
voll immerdar bin, gnädige Frau, Ihr sehr ergebener und getreuer Cousin
und Diener ...
Ich grüße innig mein liebes Patenkind und Fräulein von Mont Saint
Jean.14
196 IV. Fléchère 622 – Junger Mann 637

AN MADAME MADELEINE DE LA FLÉCHÈRE

XIV, 351-352 (622)15 September-Oktober 1610.


Gnädige Frau!
Ich bedaure mit Ihnen, daß wir der Gegenwart Ihres Herrn Vaters
beraubt sind, und doch preise ich mit Ihnen wieder Unseren Herrn für
den Gewinn, der ihm dadurch zuteil wurde, daß er gegen dieses armseli-
ge sterbliche Leben das ganz selige himmlische eingetauscht hat, zu dem
er berufen worden ist. Diese große Gnade, durch die er aus den Armen
des Irrtums geholt wurde und in den Schoß der heiligen streitenden Kir-
che zurückgekehrt ist, läßt mich glauben, daß seine göttliche Majestät
ihn dem Schoß der streitenden Kirche nur darum entrissen hat, um ihn
der triumphierenden einzuverleiben; denn obgleich er inmitten von
Häretikern gestorben ist, verschied er doch im Glauben und in der Ver-
bundenheit mit der heiligen streitenden Kirche, seiner Mutter und der
Mutter aller Kinder Gottes.16
Seien Sie also ganz getröstet in diesem wahrhaften Vertrauen, meine
liebe Schwester, und dienen Sie weiterhin mit aller Festigkeit seiner
göttlichen Majestät in Reinheit und Aufrichtitgkeit. Ich flehe ihn an, er
möge durch seine heilige Liebe inmitten unserer Herzen herrschen, und
bin gnädige Frau, Ihr sehr ergebener Diener und Bruder in Unserem
Herrn ...

AN EINEN UNBEKANNTEN JUNGEN MANN

XIV, 376-381 (637)17 Annecy, 8. Dezember 1610.


Geehrter Herr!
Sie setzen also jetzt die Segel und nehmen Kurs auf die hohe See des
Hofes. Möge Gott Ihnen gnädig sein und seine heilige Hand immer auf
Ihnen ruhen!
Ich bin nicht so ängstlich wie viele andere und rechne diesen Beruf nicht
zu den gefährlichsten für wohlgestaltete Seelen und einen tapferen männ-
lichen Sinn, denn in diesem Abgrund ragen nur zwei große Klippen auf:
die Eitelkeit, die den weichen, faulen, weibischen und schwachen Seelen
zum Verderben wird, und der Ehrgeiz, der die tollkühnen und eingebilde-
ten Herzen zugrunde richtet. Wie die Eitelkeit ein Mangel an Mut ist, der
nicht die Kraft hat, sich echtes und gediegenes Lob zu erwerben, es aber
IV. Junger Mann 637 197

begehrt und sich mit falschem, nichtigem Lob zufriedengibt, so ist der
Ehrgeiz eine Ausschreitung des Mutes, die dazu antreibt, ohne und gegen
die Regeln der Vernunft Ruhm und Ehren anzustreben. Die Eitelkeit be-
wirkt, daß man sich mit solch lächerlichen Tändeleien abgibt, die bei
manchen weibischen und kleinen Geistern Gefallen finden, aber kraftvol-
le, mutige und große Seelen abstoßen. Der Ehrgeiz wieder strebt nach
Ehrungen, bevor man sie verdient hat. Er läßt uns – und um allzu hohen
Preis – das Gute unserer Vorfahren auf unsere Rechnung setzen und wir
möchten gern aus deren Wertschätzung unsere eigene ziehen.
Geehrter Herr, möchten Sie entgegen diesen Auswüchsen – da Sie wün-
schen, daß ich so zu Ihnen spreche – weiterhin Ihren Geist mit geistlicher
und göttlicher Speise nähren, denn diese wird ihn stark machen gegen die
Eitelkeit und gerecht gegen den Ehrgeiz. Halten Sie an der häufigen Kom-
munion fest und glauben Sie mir, nichts anderes könnte Sie so sehr in der
Tugend bestärken. Und damit Sie in dieser Übung sichergehen, ordnen Sie
sich dem Rat eines guten Beichtvaters unter und bitten Sie ihn, daß er mit
Autorität von Ihnen in der Beichte Rechenschaft verlange über Ihre Ver-
säumnisse in dieser Übung, falls Sie sich solcher anklagen müßten. Beich-
ten Sie immer demütig und in der ausdrücklichen Absicht, sich zu bes-
sern. Vergessen Sie niemals, ich beschwöre Sie, kniefällig um den Bei-
stand Unseres Herrn zu bitten, bevor Sie aus dem Haus gehen, und um
Verzeihung für Ihre Fehler, bevor Sie schlafengehen.
Hüten Sie sich vor allem vor schlechten Büchern und lassen Sie Ihren
Geist um nichts in der Welt nach Schriften greifen, die manche schwache
Köpfe bewundern wegen gewisser kitzliger Dinge, die sie gierig in sich auf-
nehmen, wie etwa bei diesem unverschämten Rabelais und gewissen ande-
ren unserer Zeit, die darauf ausgehen, alles zu bezweifeln, alles zu verachten
und sich über alle Grundsätze der Alten lustig zu machen. Greifen Sie im
Gegenteil zu Büchern solider Lehre, vor allem zu christlichen und geistli-
chen Büchern, um sich daran von Zeit zu Zeit wieder zu erneuern.
Ich empfehle Ihnen freundliche und aufrichtige Höflichkeit, die keinen
beleidigt und alle verpflichtet, die mehr Liebe als Ehre sucht, die niemals
auf Kosten anderer Spott treibt oder verletzend wirkt, die niemanden zu-
rückstößt und auch niemals zurückgestoßen wird, und wenn schon, dann
ganz selten; wogegen sie sehr oft in ehrenvoller Weise gefördert wird.
Hüten Sie sich davor, sich in Liebschaften zu verstricken, ich bitte Sie,
und gestatten Sie sich nicht, daß Liebesgefühle Ihr Urteil und Ihre Ver-
nunft bei der Bewerbung um liebenswürdige Wesen überrumpeln; denn
wenn einmal das Gefühl seinen Lauf genommen hat, schleift es die Ur-
198 IV. Junger Mann 637

teilskraft wie einen Sklaven zu einer nicht ratsamen Bewerbung nach,


der bald die Reue auf dem Fuß folgt.
Ich möchte, daß Sie von Anfang an im vertrauten Gespräch, im Beneh-
men und in der Unterhaltung offen und ausdrücklich Ihren Willen kund-
tun, immer tugendhaft, vernünftig, beständig und echt christlich leben zu
wollen: tugendhaft, damit keiner es wagt, Sie zu Ausschweifungen zu
verführen; vernünftig, damit Sie Ihre Absicht nach außenhin nicht in
übertriebener Weise äußern, sondern so, daß sie entsprechend Ihrem
Stand von verständigen Menschen nicht getadelt werden kann; bestän-
dig, denn wenn Sie nicht beharrlich einen gleichbleibenden und unver-
letzlichen Willen bezeugen, werden Sie Ihre Entschlüsse Anschlägen
und Angriffen mancher schlechter Menschen aussetzen, die andere an-
fallen, um sie auf ihre eigene Lebensweise herabzudrücken; christlich
schließlich, denn viele geben vor, tugendhaft auf philosophische Weise
sein zu wollen; sie sind es aber nicht und können es auf keine Weise sein.
Sie sind nur Trugbilder von Tugend, wodurch sie jenen gegenüber, die sie
nicht näher kennen, ihre Schlechtigkeiten und Launen durch formvoll-
endetes Benehmen und Reden verdecken. Uns aber, die wir wohl wissen,
daß wir kein einziges Körnchen Tugend haben könnten ohne die Gnade
Unseres Herrn (Joh 15,5), uns müssen Frömmigkeit und heilige Gott-
verbundenheit die Mittel sein, um tugendhaft zu leben; andernfalls wer-
den wir Tugenden nur in der Phantasie und schattenhaft haben. Es ist
also überaus wichtig, sich rechtzeitig als der zu erkennen zu geben, der
man immer sein will; und dabei darf nicht gefeilscht werden.
Es wird für Sie auch sehr wichtig sein, einige gleichgesinnte Freunde zu
finden, damit Ihr Euch gegenseitig stützen und stärken könnt; denn es ist
sicher, daß der Umgang mit gutgestalteten Seelen uns überaus hilft, unsere
eigene Seele gut zu gestalten oder sie in einer guten Gestalt zu bewahren.
Ich denke, daß Sie bei den Jesuiten oder Kapuzinern, bei den Feuillanten
oder auch außerhalb der Klöster einen entgegenkommenden Menschen
finden werden, der sich freuen wird, wenn Sie ihn manchmal aufsuchen,
um sich zu entspannen und wieder geistig Atem zu schöpfen.
Sie müssen mir aber erlauben, daß ich Ihnen etwas im Besonderen
sage. Ich fürchte, daß Sie wieder beginnen, sich dem Glücksspiel zu
ergeben; ich fürchte es, weil es für Sie von Übel wäre; das würde nämlich
in wenigen Tagen Ihr Herz zerfahren machen und alle Blüten Ihrer guten
Absichten verwelken lassen; andererseits ist es eine Beschäftigung für
Faulenzer. Es gibt Leute, die gern Lärm schlagen und in hohen Kreisen
Aufnahme finden wollen, indem sie mit „Großen“ spielen. Sie meinen,
IV. Junger Mann 637 199

dies sei der kürzeste Weg, sich bekannt zu machen, und zeigen damit,
daß sie keinerlei eigene Verdienste aufweisen können, sondern zu glei-
chen Mitteln greifen müssen wie jene, die Geld haben und es aufs Spiel
setzen wollen. Nun ist es aber kein großer Ruhm für sie, als Spieler
bekannt zu sein; verlieren sie aber viel Geld beim Spiel, dann nennt man
sie Narren. Dabei will ich gar nicht von den Folgen reden: Verzweiflung
und Wut, vor denen kein Spieler verschont bleibt.
Ich wünsche Ihnen auch ein kraftvolles Herz, damit Sie Ihren Leib
nicht zu sehr verwöhnen durch Üppigkeit im Essen, durch Langschläfe-
rei und ähnliche Verweichlichungen. Schließlich empfindet ein hochge-
sinntes Herz immer ein wenig Verachtung für solche Verzärtelungen
und leibliche Genüsse. Unser Herr sagt (Mt 11,8), daß jene, die weichli-
che Kleider tragen, in den Häusern der Könige sind; darum spreche ich
davon. Der Herr will damit nicht sagen, daß alle bei Hof sich weichlich
kleiden; er sagt nur, daß jene, die weichliche Kleider tragen, sich ge-
wöhnlich dort befinden. Ich spreche da nicht vom Äußeren sondern vom
Inneren; denn für das Äußere wissen Sie nur allzu gut Bescheid, was die
Schicklichkeit erfordert, und es steht mir nicht an, davon zu sprechen.
Ich will also sagen, Sie möchten Ihren Leib zügeln dadurch, daß Sie
ihn einige Strengheiten und Härten spüren lassen durch die Verachtung
von Verzärtelung und häufigen Verzicht auf Dinge, die den Sinnen ange-
nehm sind; denn manchmal muß doch die Vernunft ihre Überlegenheit
und Macht erkennen lassen, sich die sinnlichen Genüsse unterzuordnen.
Mein Gott, ich bin zu ausführlich, ja ich weiß gar nicht, was ich schrei-
be, denn ich habe wenig Zeit und muß wiederholt unterbrechen. Aber
Sie kennen mein Herz und werden alles recht aufnehmen.
Dennoch muß ich Ihnen folgendes sagen: Stellen Sie sich vor, Sie wä-
ren Höfling des hl. Ludwig; dieser heilige König liebte es, wenn man
tapfer, mutig hochherzig, fröhlich, höflich, gesittet, aufrichtig und zu-
vorkommend war; aber er liebte es vor allem, daß man ein guter Christ
war. Wenn Sie bei ihm gewesen wären, hätten Sie gesehen, daß er bei
rechter Gelegenheit herzhaft lachte, zur rechten Zeit mutig redete und
Sorge trug, daß alles um ihn herum glanzvoll sei, um wie ein zweiter
Salomo die königliche Würde zu wahren. Einen Augenblick später wie-
der hätten Sie gesehen, wie er Armen in den Krankenhäusern diente und
so die staatsmännische Tüchtigkeit mit der christlichen Tugend verband,
die Majestät mit der Demut. Das heißt mit einem Wort, daß man anstre-
ben muß, weder weniger tapfer zu sein, um Christ zu sein, noch weniger
Christ, um tapfer zu sein. Und um das tun zu können, muß man ein sehr
200 IV. Frl. von Blonay 652

guter Christ sein, d. h. Gott echt hingegeben, fromm und ein Geistes-
mann; denn wie der hl. Paulus sagt (1 Kor 2,15), vermag der Geistes-
mensch alles richtig zu unterscheiden; er weiß, zu welcher Zeit, in wel-
cher Rangordnung und auf welche Weise man jede Tugend einsetzen
muß.
Erwägen Sie oft diesen guten Gedanken, daß wir auf dieser Welt unse-
ren Weg gehen zwischen Paradies und Hölle, daß unser letzter Schritt
uns in die ewigen Wohnstätten bringen wird, daß wir nicht wissen, wel-
ches unser letzter Schritt ist und – um diesen letzten recht zu tun –
versuchen müssen, alle anderen gut zu tun. O heilige Ewigkeit ohne Ende,
glückselig, der an dich denkt! Ja, denn was bedeutet schon dieses Schau-
spiel kleiner Kinder, das wir auf dieser Welt für, ich weiß nicht wie viele
Tage, darbieten? Nicht das Geringste, wenn es nicht der Übergang zur
Ewigkeit wäre. Darum also müssen wir Sorge tragen für die Zeit, die wir
hier unten weilen müssen, und für alle unsere Handlungen, damit wir sie
zur Gewinnung des ewigen Gutes gebrauchen.
Lieben Sie mich immer als einen, der zu Ihnen gehört, denn das bin ich
in Unserem Herrn und wünsche Ihnen für diese Welt und vor allem für
die andere alles Glück. Gott segne Sie und halte Sie an seiner heiligen
Hand. Um dort zu enden, wo ich begonnen habe: Sie erreichen nun die
hohe See der Welt; wechseln Sie deshalb weder den Herrn, noch Mast,
Segel, Anker oder den Wind. Jesus Christus sei immer Ihr Herr, sein
Kreuz Ihr Mastbaum, auf dem Sie Ihre Entschlüsse statt eines Segels
aufziehen; Ihr Anker sei ein tiefes Vertrauen auf ihn; und stechen Sie
froh in die See. Möge der günstige Wind himmlischer Eingebungen im-
merdar mehr und mehr die Segel Ihres Schiffleins blähen und Sie glück-
lich landen lassen im Hafen der heiligen Ewigkeit.
Dies wünscht Ihnen, geehrter Herr, aufrichtig unablässig Ihr recht er-
gebener Diener ...

AN FRÄULEIN VON BLONAY

XIV, 401-402 (652)18 (1610-1611).


... Meine liebe Tochter, ich weiß ihnen echten Dank für diese Bemer-
kung; aber sehen Sie, nicht jedermann hat von Gott die Gnade erhalten,
wie sein Sohn, der gütige Jesus, mit Honig und Milch auf der Zunge (Hld
4,11) das Evangelium zu predigen. Ihr lieber Vater müßte aber doch auf
diesen Fehler ganz behutsam aufmerksam gemacht werden; Gott möge
uns Gelegenheiten hierzu geben ...
IV. Favre 635 201

AN DIE PRÄSIDENTIN FAVRE

XIV, 372-374 (635) Annecy, 5. Dezember 1610.


Denken Sie nicht, meine sehr liebe Schwester, daß es mir nicht schwer
fällt, Ihnen so lange nicht geschrieben zu haben. Und hauptsächlich jetzt,
wo Sie nach dem Bericht der guten Patres noch etwas schwacher Ge-
sundheit sind. Ich möchte Ihnen sicherlich gern jeden Tag ein kleines
Zeichen meines Gedenkens an Ihre Liebe schicken; aber es fehlt mir
manchmal die Zeit und andere Male wieder die Gelegenheit dazu. Ich
schreibe Ihnen auch jetzt nach 10 Uhr abends nur ein Begleitwort zu
beiligendem Buch.19 Diese Auflage scheint mir ein wenig genauer zu
sein als die anderen, obgleich ich das Buch nur flüchtig durchgesehen
habe. Außerdem hat es noch die drei Kapitel: „Über die Kleidung“,
„Über die Wünsche“ und „Man muß einen gerechten Sinn haben“. – So
wie es ist, kommt es von einem, der mehr als alle Welt Ihnen himmlische
Segnungen wünscht.
Als ich in Chambéry war, vergaß ich, Ihnen zu sagen, daß ich Ihnen
eine Kopie der wichtigsten Statuten der Heimsuchung geschickt habe.
Ich erinnere mich auch nicht, durch wen ich sie sandte.
Darf ich Sie bitten, den beiliegenden Brief der kleinen Chastel20 zu-
kommen zu lassen? Ihre gute Schwester21 hat ihn mir geschickt; und ich
kann wohl sagen, ihre gute Schwester, denn das ist sie wahrhaftig. Aber
auch unsere Tochter,22 unser Alles, ist eine wahrhaftig gute Tochter. Ihr
ganzes Haus grüßt Sie, vor allem Frau von Chantal, die Sie hoch ehrt und
herzlich liebt.
Hüten Sie sich davor, Ihre Sorge in Verwirrung und Unruhe ausarten
zu lassen. So sehr Sie auf den Wellen und durch die Stürme vielfacher
Verdrießlichkeiten dahinsegeln, richten Sie doch immer den Blick zum
Himmel und sagen Sie zu Unserem Gott: O Gott, um Deinetwillen trei-
be und segle ich so dahin, sei Du mein Führer und Fährmann! Und dann
trösten Sie sich: Wenn wir im Hafen sein werden, werden die uns dort
zuteil werdenden Freuden alle Mühen auslöschen, die wir auf uns ge-
nommen haben, um dahin zu gelangen. Und wir kommen dorthin durch
alle Ungewitter, sofern wir nur ein Herz haben, das aufrecht ist, eine
Absicht, die gut, einen Mut, der fest ist, und wenn wir die Augen auf Gott
gerichtet halten und auf ihn all unser Vertrauen setzen. Wenn auch die
Gewalt des Sturmes uns manchmal den Magen ein wenig erregt und den
Kopf ein wenig schwindelig macht, wundern wir uns nicht darüber, son-
202 IV. Favre 661, 686

dern schöpfen wir – sobald wir können – wieder Atem und muntern wir
uns auf, besser zu handeln.
Leben Sie wohl, meine sehr liebe Schwester, meine Tochter. Fürchten
wir Gott, und wir werden nichts anderes fürchten; lieben wir Gott, und
wir werden alles andere lieben. Ich bin in ihm ganz der Ihre und Ihr
ergebener Bruder und Diener ...

XV, 18-19 (661) Annecy, 25. Januar 1611.


Meine sehr liebe Schwester, meine Tochter!
Ich schreibe Ihnen nur ganz schnell. Heute Abend werde ich Frau von
Chantal aufsuchen, deren Genesung nur langsam vor sich geht.
Meine sehr liebe Tochter, ich sehe Sie, so scheint es mir, in eine Menge
von Aufregungen verstrickt, welche die Größe Ihres Haushaltes Ihnen
auferlegt. Umso mehr aber müssen Sie, meine liebe Tochter, Unseren
Herrn zu Hilfe rufen und um seinen heiligen Beistand bitten, damit all
dieser Ärger, den Sie ertragen müssen, ihm wohlgefällig sei und Sie es
um seiner Ehre und Verherrlichung willen auf sich nehmen. Sehen Sie,
meine liebe Schwester, „unsere Tage sind kurz“ (Ijob 14,5), folglich kann
auch die Plage dieser Tage nicht lang sein. Wir werden mit ein wenig
Geduld ehrenvoll und zufrieden daraus hervorgehen, denn am Ende des
Tages werden wir keinen größeren Trost haben als den, uns viel geplagt
und viele Mühen ertragen zu haben.
Guten Abend, meine sehr teure Schwester. Lieben Sie treu diesen Bru-
der und Diener, der ganz der Ihre ist ...

XV, 54 (686)23 Annecy, 2. Mai 1611.


In der nahen Fastenzeit werde ich mir gewiß äußerste Mühe geben,
recht viele Seelen für Ihn zu gewinnen,24 der sein hochheiliges Leben am
Kreuz verlieren wollte, um sie alle zu gewinnen. Aber wollen Sie, meine
liebe Schwester, daß ich Ihnen meine Meinung darüber sage? Ich habe
sehr Angst, zu großer Gescheitheit zu begegnen. Es ist gewiß erstaun-
lich, wie das Kreuz die einfachen und demütigen Herzen liebt. Und doch
ist es der Heiland, den ich predige (1 Kor 1,23), der die Täler ausfüllt
und die Berge gleichmacht oder abträgt (Jes 40,4; Lk 3,5).
Gott segne Sie, meine sehr liebe Schwester, meine Tochter. Ich bin in
ihm ganz Ihr recht ergebener Bruder und Diener ...
IV. Favre 824 203

XV, 301-304 (824) Annecy, 18. November 1612.

Meine sehr liebe Schwester!


Ich habe Ihre beiden ganz lieben Briefe voll guter Nachrichten erhal-
ten, denn Ihrer teuren Seele geht es gut, da sie in der heiligen Liebe zu
Unserem Herrn Fortschritte machen will. Tun wir das nur sorgfältig,
meine sehr liebe Tochter, denn schließlich ist alles andere nur eitel (Koh
1,2.14; 12,8). Und da die Liebe nur im Frieden daheim ist, seien Sie
immer sehr darauf bedacht, die heilige Herzensruhe, die ich Ihnen so oft
empfehle, gut zu bewahren. Wie glücklich sind wir doch, meine liebe
Schwester, Mühen, Leiden und Widrigkeiten zu haben; denn das sind
Wege des Himmels, vorausgesetzt, daß wir sie Gott aufopfern.
Es wäre ein großer Gewinn für Chambéry, Ursulinen dort zu haben,
und ich möchte gern etwas dazu beitragen können; denn schließlich,
selig jene, die die Kinder erziehen zur Gottesliebe, zur Gottesfurcht und
zum Dienst Gottes. Es bedarf nur drei mutiger Mädchen oder Frauen für
den Anfang; Gott wird schon für ihre Vermehrung sorgen. Unsere Heim-
suchungsschwestern sollen jene aufmuntern, die geneigt sind, dieses zu
unternehmen. Meiner Meinung nach ist es nicht tollkühn, wenn man
sich in etwas außergewöhnlicher Weise Unserem Herrn im Vorhaben zu
seinem Dienst anvertraut.
Meine sehr liebe Schwester, meine Tochter, lieben Sie immer mehr
meine Seele, die so sehr die Ihre liebt. Ich bin in Unserem Herrn ganz
der Ihre. Ihr sehr ergebener und sehr gehorsamer Bruder und Diener ...
Die gute Thiollier wird meiner Meinung nach in dieser Kongregation
viel Freude finden. Nächsten Mittwoch will sie sich zusammensetzen
aus 16 guten Schwestern, abgesehen noch von jenen, die aufgenommen
wurden, aber noch nicht kommen können ...
Was die Mittel betrifft, so ist nichts im Überfluß vorhanden, es fehlt
aber auch an nichts; Gott sorgt für seine Dienerinnen und die Gottes-
mutter versorgt sie. Ich muß Ihnen wohl wieder Nachricht geben über
diese kleine Gemeinschaft, die – wie ich glaube – Ihnen teuer ist ...
204 IV. d’Aiguebelette 646, 731

AN MADAME D’AIGUEBELETTE

XIV, 393-394 (646) Annecy, 30. Dezember 1610.


Nun beeenden wir also, meine sehr liebe Tochter, morgen dieses Jahr.
In der Nachfolge der guten verstorbenen Dame werden wir einst unsere
Jahre beenden, um unsere Ewigkeit zu beginnen. Ach meine Tochter,
diese Ewigkeit wünsche ich Ihnen vor allem recht glücklich. Ihretwegen
leben Sie immer gegenwärtig in meinem Herzen, das sich freut, zu sehen,
daß Sie weiterhin seiner göttlichen Majestät in Heiligkeit und Reinheit
(Lk 1,74.75) mit Ihrem ganzen Herzen dienen wollen. Tun Sie das nur,
meine liebe Tochter, und festigen Sie sich inmitten der Unwetter lästiger
Geschäfte dieser Zeit beim Heiland, der gekommen ist, Frieden, Sanft-
mut und Ruhe den Menschen guten Willens zu bringen (Lk 2,14) ...

XV, 131-133 (731) Annecy, 15. Dezember 1611.


Meine sehr liebe Tochter!
Da bin ich also wieder zurück. Kaum war ich von der Visitationsreise
zurückgekommen, mußte ich wieder für eine im Dienst Gottes wichtige
Sache in das Gebiet jenseits der Rhône reisen. Ach, wie glücklich wer-
den wir sein, wenn wir uns ganz diesem heiligen Dienst widmen, ob wir
nun gehn oder bleiben, Gutes tun oder Übles erleiden; vor allem aber im
Leiden, denn unsere Treue bewährt sich stärker im Leiden als im Han-
deln; daher werden die Märtyrer den Bekennern vorgezogen. Das Leiden
unseres Erlösers war ja auch das große Werk für unser Heil.
Meine sehr liebe Tochter, Sie können also kaum mehr liegend schla-
fen; Sie müssen wegen Atemnot sitzend ruhen. Das ist wohl eine gute
Übung der Abtötung, die Gott Ihnen da schickt, die so viele Heilige
durch freie Wahl auf sich genommen haben. Doch ist es nicht weniger
wertvoll, sondern sogar mehr, wenn man es willig annimmt. – Nehmen
Sie es also mit inniger Danksagung aus der Hand des gütigen Vaters auf
sich, der es Ihnen auferlegt hat; und wenn unser Leib unter Atemnot
leidet, dann soll unsere Seele umso mehr in Gott Atem schöpfen und auf
Gott hin atmen durch ständige Sehnsucht, in der heiligen Liebe vorwärts
zu schreiten. Mein Gott, sehr liebe Tochter, wieviel Gutes wünscht doch
mein Herz dem Ihren inmitten Ihrer körperlichen Leiden! Die Zeit
schmerzhafter Qualen ist wahrhaft Erntezeit echter geistlicher Liebesaf-
fekte.
Unsere arme Schwester von Chastel machte uns gestern abend soviel
Sorgen, daß wir ihr auf Anraten des Arztes die heilige Ölung erteilten, die
IV. d’Aiguebelette 894, 1834 205

sie mit großem Glauben und tiefer Andacht empfing. Doch hat sie sich
nach dieser Nacht wieder recht gut erholt ...25 Wenn das schon kein Wun-
der ist, so zumindest eine besondere Gnade, die Gott den Gebeten ihrer
lieben Mitschwestern gewährt hat, welche bereits alle in Tränen ausgebro-
chen waren. Nach meinem Dafürhalten ist für den Augenblick nichts mehr
zu befürchten. Glauben Sie mir, sie ist eine gute Schwester und Gott hat
sie uns erhalten, um sich ihrer mit Vorbedacht zu bedienen. Bitte, meine
liebe Tochter, geben Sie diese Nachricht unserer kleinen Schwester Clau-
dine weiter, damit sie Gott dafür preise und sich keinerlei Sorgen mache,
denn die Kranke wird liebevoll, eifrig und gewissenhaft betreut nach den
Bestimmungen der Gemeinschaft, der sie angehört ...
Leben Sie wohl, meine sehr liebe Tochter. Lieben Sie Gott weiterhin
und mich aus Liebe zu Gott, denn in der gleichen Liebe bin ich völlig
ganz der Ihre. Es lebe Jesus!

XVI, 36-37 (894) Annecy, 24. Juni 1613.


Sie haben mir einen sehr lieben Brief geschickt, um mir Ihre Freude
über meine Rückkehr zu bezeugen. Denn wenn ich auch an Ihrer heili-
gen Freundschaft niemals zweifeln kann, so tun mir doch diese kleinen
Zeichen sehr wohl.
Ich habe immer Ihrer gedacht, vor allem an den heiligen Orten, die ich
besucht habe. Jetzt, da Sie nach Ihren Worten in der Einsamkeit sind,
bitte ich Sie, in gleicher Weise meiner zu gedenken, damit es Unserem
Herrn gefallen möge, mir jene Tugenden tatsächlich zu verleihen, nach
denen er mir den Wunsch eingegeben hat.
Vor drei Tagen erhielt ich einen Brief der kleinen Cousine, die dort auf
ebensoviel Entgegenkommen gestoßen ist,26 wie ihr Mann hier auf Här-
te.27 Sie bittet mich ganz besonders, Sie von ihr zu grüßen, und das tue ich
hiermit, indem ich selbst Sie von meinem Herzen grüße, das Ihnen tau-
send und abertausend Segnungen wünscht, wie auch Frau von Chantal.
Ich bin immer ganz der Ihre, Gnädige Frau, Ihr sehr ergebener und
sehr zugeneigter Diener ...

XX, 157f (1834) Annecy, 25. September 1621.


Ich habe Sie immer vor Augen, meine liebe Tochter, auf Ihrem Bett
und inmitten Ihrer vielen Leiden. Wenn mein Herz irgendeine Erleich-
terung für das Ihre wüßte, wie gern würde es dazu beitragen! Alles aber,
meine Tochter, was ich darüber weiß, wissen Sie selbst. Der stete Um-
206 IV. Unbekannte Dame 673

gang mit den Schmerzen hat Sie nur noch weiser gemacht in der Kunst,
gut zu leiden. Wer die Schicksalsschläge dieses sterblichen Lebens recht
ertragen will, muß seinen Geist in den hochheiligen Willen Gottes und
seine Hoffnungen auf die glückselige Ewigkeit setzen. All dieses Gewirr
an Mühen und Ärgerlichkeiten wird bald vorüber sein, das sind nur Au-
genblicke (2 Kor 4,17); und dann haben wir doch noch nicht unser Blut
vergossen (Hebr 12,4) für Ihn, der all sein Blut für uns am Kreuz vergoß.
Ich bin erfreut über den Trost, den Sie beim Empfang des göttlichen
Sakramentes erhalten, aber ich habe noch nicht Zeit gehabt, mit dem
guten Pater Rektor über Ihren Wunsch zu sprechen, öfter zu kommuni-
zieren; außerdem hätte ich es nicht gewagt, da doch kein Grund vorliegt,
diesen tüchtigen Lehrern eine Lektion zu erteilen. Wenn nur er die Zahl
der Kommunionen einschränkte, hätte ich schon dazu Mut genug ge-
habt; wenn es aber auf Grund der Ansicht in der ganzen Gesellschaft ist,
genügt es mir, wenn ich von meiner entgegengesetzten Meinung Gebrauch
mache, ohne daß ich gegen die ihre auftrete. Ich glaube wohl, daß die von
der Gesellschaft darüber gefaßte Entschließung zum Teil begründet ist
durch die äußerste Unannehmlichkeit, so oft im Beichtstuhl verbleiben
zu müssen, wo sie doch so viele andere heilige Aufgaben haben; aber
man muß sich darein fügen und umso mehr die Sonntagskommunion die
ganze folgende Woche hindurch immer wieder geistig empfangen. Mei-
ne liebe Tochter, Gott wird Ihren Gehorsam segnen und den Trost, der
Ihnen durch die häufige Kommunion zuteil würde, durch jenen Trost
ersetzen, Ihrem Beichtvater gehorcht zu haben. – Ich bin immer mehr
ganz der Ihre.

AN EINE UNBEKANNTE DAME

XV, 35-36 (673)28 Annecy, 22. März 1611.


Ach, meine sehr liebe Tochter, wie mächtig vermag doch diese elende
Welt uns in ihre Nichtigkeiten und Vergnügungen hineinzuziehen! – Doch
bin ich wohl recht froh, daß Ihr Herr Gemahl und ich uns ein wenig
nähergekommen sind. Zu diesem Zweck erzählte ich ihm recht ausführ-
lich von meinen Angelegenheiten und von mich betreffenden Ereignis-
sen, wußte aber nicht so ohne weiteres, wie ich es anstellen sollte, um
ihm die mir von Gott geschenkte äußerste Geringschätzung all dessen zu
verbergen, was man Reichtum und Karriere nennt; denn eine solche
Geringschätzung, wie ich sie dank Unserem Herrn in meiner Seele ver-
spüre, gefällt ihm wohl nicht. O Gott, meine liebe Tochter, wie sonder-
IV. Unbekannte Dame 738 207

bar ist doch diese Welt in ihren Anschauungen und welchen Preis zahlt
sie dafür! Wenn der Schöpfer so schwierige Dinge befehlen würde wie
die Welt, fände er wohl wenige Diener.
Bleiben Sie nur im Frieden beim hochheiligen Kreuz, das in diesen
Tagen aufgerichtet wird zum Heilszeichen für unsere Seelen.

XV, 140-142 (738)29 (1610-1611)


Lassen wir die Betrachtung für eine Weile; treten wir erst ein wenig
zurück, um besser springen zu können, und üben wir diese heilige Erge-
bung und reine Liebe zu Unserem Herrn, die nie so vollständig geübt
werden kann, als inmitten von Leiden. Gott in Süßigkeiten zu lieben, das
können auch die kleinen Kinder, ihn aber in der Bitterkeit zu lieben, das
bringt nur liebeerfüllte Treue zustande. Auf dem Berg Tabor „Es lebe
Jesus!“ zu sagen, dazu hatte der noch ungeschliffene Petrus wohl den
Mut (Mt 17,4); aber auf dem Kalvarienberg „Es lebe Jesus!“ zu sagen,
das stand nur der Mutter und dem liebenden Getreuen zu, den er ihr als
Sohn hinterließ (Joh 19,26).
Sehen Sie, meine Tochter, ich empfehle Sie Gott, um für Sie diese
heilige Geduld zu erlangen. Es liegt nicht in meiner Macht, ihm für Sie
etwas anderes vorzuschlagen, als daß er ganz nach seinem Wohlgefallen
Ihr Herz forme, um darin zu wohnen und darin ewig zu herrschen. Er
möge es formen – ob mit dem Hammer, dem Meißel oder dem Pinsel: Es
steht wohl bei ihm, nach seinem Wohlgefallen dabei vorzugehen, nicht
wahr, meine liebe Tochter? Soll das nicht so geschehen?
Ich weiß, daß Ihre Schmerzen seit kurzem zunahmen und so auch
meine Betrübnis darüber; und doch lobe und preise ich Unseren Herrn
für sein Wohlgefallen, Sie teilhaben zu lassen an seinem heiligen Kreuz
und Sie mit seiner Dornenkrone zu krönen.
Aber Sie sagen, Sie können sich doch auf die Leiden, die Unser Herr
auf sich genommen, kaum konzentrieren, solange die Schmerzen Ihnen
so zusetzen. Nun, meine liebe Tochter, es ist auch gar nicht erforderlich,
daß Sie das tun, sondern erheben Sie nur ganz einfach, und sooft Sie
können, Ihr Herz zum Heiland und verrichten Sie dabei folgende Akte:
Erstens nehmen Sie den Schmerz aus seiner Hand entgegen, als ob Sie
ihn sehen könnten, wie er selbst Ihnen Ihr Leiden auflädt und in Ihren
Kopf hineinlegt; zweitens, bieten Sie sich an, noch mehr davon leiden zu
wollen; drittens, beschwören Sie ihn bei den Verdiensten seiner Leiden,
daß Sie diese kleinen Beschwerden in Vereinigung mit den Qualen an-
208 IV. Saint-Cergues 756

nehmen möchten, die er am Kreuz erlitt; viertens, daß Sie dieses Übel
nicht nur erleiden, sondern auch lieben und hegen wollen, da es eine so
gute und liebreiche Hand Ihnen sandte; fünftens, rufen Sie die Märtyrer
und die vielen Diener und Dienerinnen Gottes an, die sich des Himmels
erfreuen, weil sie in dieser Welt viel gelitten haben.
Es ist nicht schlimm, wenn Sie wünschen, geheilt zu werden; ja Sie
müssen sorgsam darauf bedacht sein, denn Gott, der Ihnen die Krank-
heit geschickt hat, ist auch der Urheber der Heilmittel gegen diese Krank-
heit. Sie sollen sie also anwenden, doch bereit sein, sich ergeben darein
zu fügen, wenn seine göttliche Majestät das Obsiegen der Krankheit will.
Wenn aber nach seinem Willen das Heilmittel den Sieg davonträgt, dann
preisen Sie ihn dafür. Ebenso macht es nichts aus, die geistlichen Übun-
gen sitzend zu verrichten, meine Tochter; ja sogar schon bei viel geringe-
ren Beschwernissen als denen, die Sie erleiden.
Mein Gott, meine Tochter, wie glücklich sind Sie doch, wenn Sie sich
weiterhin so demütig, ergeben und folgsam in Gottes Hände geben! Ach,
ich hoffe, daß diese Kopfschmerzen Ihrem Herzen mehr zum Nutzen
gereichen werden, Ihrem Herzen, das mein Herz mit ganz besonderer
Liebe liebt. Denn jetzt, meine Tochter, können Sie mehr denn je und mit
Recht unserem gütigen Heiland bezeugen, daß Sie aus tiefer Liebe her-
aus gesagt haben und sagen werden: Es lebe Jesus!
Es lebe Jesus, meine Tochter, und er herrsche inmitten Ihrer Schmer-
zen, da wir doch nur durch seinen Todesschmerz herrschen und leben
können. In ihm bin ich ganz völlig der Ihre ...

AN FRAU VON SAINT-CERGUES

XV, 171-172 (756)30 Annecy, (26.) Februar 1612.


Wann werde ich denn einmal die Freude haben, Sie wiederzusehen,
meine liebe Schwester? Meine Abreise nach Chambéry steht beinahe
unmittelbar bevor und nach Ostern verläßt man nicht gern seinen Bi-
schofssitz. Ich sehe also schon, daß wir kaum zusammensein können,
außer im Geist. So kann auch der Geist Gottes, der Urheber der heiligen
Freundschaft, die Sie mir entgegenbringen, durch die räumliche Entfer-
nung nicht daran gehindert werden, sein heiliges Wirken in unseren
Herzen auszuüben.
Was wollen Ihnen indessen diese paar Neuigkeiten von uns besagen?
Die Königin von Frankreich schrieb mir, daß sie uns alle unsere Kirchen
IV. De la Valbonne 777, 884 209

und Pfründen von Gex zurückgeben wird, die von den Häretikern be-
setzt sind. Daraus ersehe ich, daß ich in diesem Sommer überaus be-
schäftigt sein werde, dieser Aufgabe zu dienen, aber das ist eine angeneh-
me und wertvolle Beschäftigung. Und wer weiß, ob Gottes heilige Barm-
herzigkeit, wenn wir uns vor ihm demütigen, uns nicht eines Tages die
Pforte zu unserem Genf aufmacht, damit wir das Licht wieder dahin brin-
gen, das soviele Dunkelheiten daraus verbannt hatten? Ich hoffe gewiß auf
die allerhöchste Güte Unseres Herrn, daß er uns am Ende diese Gnade
schenken wird; beten und wachen wir dafür! (Mt 26,41; 1 Petr 4,7).
Meine sehr liebe Schwester, bleiben Sie mir weiterhin herzlich gewo-
gen, denn ich bin immerdar und rückhaltlos Ihr recht ergebener treuer
Bruder und Diener ...

AN FRAU DE LA VALBONNE

XV, 216-217 (777) Annecy, 22. Mai 1612.


... Ich zweifle keineswegs daran, meine sehr liebe Tochter, daß eben
dieser Heiland, der Sie bei der Hand genommen hat, Sie auch zur Voll-
kommenheit seiner heiligen Liebe führen wird; denn ich hoffe, daß Sie
niemals eine so liebevolle und milde Führung abschütteln und niemals
Ihn verlassen werden, der in seiner unendlichen Güte niemals jene ver-
läßt, die ihn nicht verlassen wollen. Wahrhaftiger Gott, wie glücklich
werden wir sein, wenn wir dieser unendlichen Güte treu sind, die uns so
an sich zieht.
Frau von Limojon bat mich vor sieben Monaten, die Patenschaft über
ihr jüngstes Kind zu übernehmen, und ich empfand es als große Ehre;
nun empfinde ich es aber als noch größere und angenehmere Ehre, da Sie
bei diesem glückhaften Anlaß mit mir die Patenschaft übernehmen sol-
len; das nehme ich als gutes Vorzeichen hin, daß ich eines Tages die
Freude haben könnte, eines Ihrer Kinder als Patenkind zu nehmen. Bei
jeder Gelegenheit aber werden wir uns gegenseitig halten durch die hei-
lige Liebe, die mich immerdar sein läßt, meine sehr liebe Nichte, meine
Tochter, Ihr recht ergebener Onkel und Diener ...

XVI, 21-23 (884) Annecy (7. oder 8. Juni 1613).


Die Frau,31 von der Sie schreiben, hat mir einen überaus empfindli-
chen Ärger dadurch bereitet, daß sie einen Ort betreten hat, wo sie nicht
sein konnte, ohne sehr großes Ärgernis zu erregen. Während der Fasten-
210 IV. De la Valbonne 958

zeit hat sie sich recht gut aufgeführt und ich begann mich an ihrem Glück
zu freuen. Seither habe ich sie nicht gesehen, außer bei ihrer Abreise
nach Belley. Sie kam herein, aber bei einer Gelegenheit, die mich ver-
hinderte, ausführlich mit ihr sprechen zu können, weil soviele Leute bei
mir waren.
Die Welt hat Unrecht, das Werk der Nächstenliebe, das die Damen der
Heimsuchung ihr erweisen wollten, übel aufzunehmen. Gott hat das
Geheimnis der kommenden Dinge den Menschen verborgen, und wenn
wir nur den Seelen dienen sollten, die ausharren, wären wir bald in Not,
wie wir sie von den anderen unterscheiden sollten. Wir müssen – und
wäre es nur für eine Stunde – das Schlechte beim Nächsten verhindern.
Bei Gott, wäre doch diese arme Frau bei den in der Heimsuchung gefaß-
ten Beschlüssen geblieben! Sie wäre glücklich gewesen und allen Guten
ein Wohlgefallen. Ich sage dies, damit Sie Murrenden gegenüber ruhig
zu antworten wissen ... Leben Sie ganz für Gott, meine Tochter, dem Sie
so zu Dank verpflichtet sind durch die Gnaden und Unterweisungen, die
er Ihnen zukommen ließ; und ich bin aufrichtigen Herzens Ihr recht
ergebener Onkel und Diener ...

XVI, 155-156 (958) Annecy, 5. Februar 1614.


Ich schreibe Ihnen, meine liebe Nichte, schnell über den neulich von
Ihnen angeschnittenen Gegenstand; da ich bisher keinen sicheren Über-
bringer hatte, habe ich Ihnen darüber nicht Antwort geben wollen.
Diese arme unselige Bellot will nicht durch Zurechtweisungen gebes-
sert werden, denn es hat ihr daran zu Beginn ihrer Eitelkeiten, der Ursa-
che ihres Scheiterns, nicht gefehlt. Die gute Mutter von Chantal hat es an
keiner Mühe fehlen lassen, die sie für geeignet hielt, sie davon abzubrin-
gen, da sie wohl voraussah, daß dieser eitle Sinn sie weiter führen würde,
als sie sich damals vorstellte.
Jedoch, wir kennen die Pläne Gottes nicht und dürfen niemals aufhö-
ren, am Heil des Nächsten in der bestmöglichen Weise mitzuwirken.
Wenn Sie also mit diesem schwachen Geschöpf sprechen könnten,32 be-
mühen Sie sich sanftmütig und liebevoll. Zeigen Sie ihr, wie glücklich
sie wäre, in der Gnade Gottes zu leben. Fragen Sie, ob sie – als sie hier-
her kam und in dieser Stadt lebte – nicht viel froher war als jetzt. Gehen
Sie dann allmählich dazu über, ihr ihr Unglück vor Augen zu halten. Ich
denke, daß sie dies rühren könnte. Aber Sie müssen ihr zeigen, daß sie
von Liebe zu ihr dazu bewogen werden und daß Sie keinen Abscheu vor
ihrem unseligen Leben haben. Und wenn Sie nichts anderes täten, als ihr
IV. De la Valbonne 964, 990 211

einen tiefen Seufzer zu entlocken, wird Gott dadurch verherrlicht. Ich


glaube aber schon, daß Sie Mühe haben werden, diese Aufgabe, die viel
Zeit erfordert, erfüllen zu können. Man berichtet uns, daß sie sehr sorg-
fältig bewacht wird. Welche Barmherzigkeit erweist doch Gott den See-
len, die er in der hochheiligen Furcht vor ihm und in seiner göttlichen
Liebe bewahrt. Das kleinste Körnchen dieses Schatzes gilt mehr als alles
auf der Welt.
Leben Sie immer ganz diesem allerhöchsten Gut, meine Tochter; das
ist das tägliche Gebet Ihres sehr ergebenen Onkels und Dieners ...

XVI, 170 (964) Annecy, (2. April) 1614.


... Ich habe mich oft gefragt, warum die Gläubigen diesen bewunde-
rungswürdigen, jungfräulichen und strengen Einsiedler33 anrufen, um
Kinder zu bekommen. Ich glaube nun, weil jener so sehr die Einfachheit,
das Kleinsein und die Kleinen geliebt hat, daß Gott deswegen seinen
Verehrern gewöhnlich Kinder gewährt, wenn sie diese im Geist des Hei-
ligen, zur Ehre Gottes und zum Heil der Seelen und zum Frieden der
Familien erbitten ...

XVI, 209-210 (990) Annecy, 19. August 1614.


Lieber schreibe ich Ihnen ohne viel Zeit und Bequemlichkeit, meine
sehr liebe Nichte, meine Tochter, als noch länger zuzuwarten. Ihr Brief
hat mir sehr gefallen, weil ich darin die Anzeichen Ihres Entschlusses
ersehe, beharrlich für immer Unserem Herrn dienen zu wollen mit aller
Lauterkeit und Treue, soviel Sie nur können. Wie selig ist doch Ihr Herz,
meine liebe Tochter, das sich einer so echten und heiligen Liebe weiht!
Je weiter wir vorwärtskommen, desto mehr werden wir die Größe der
Gnade erkennen, die der Heilige Geist uns dadurch erweist, daß er uns
diesen Mut schenkt. Und wenn Sie auch manchmal Erschütterungen der
Eigenliebe und Schwäche erleiden, beunruhigen Sie sich deshalb nicht,
denn Gott läßt dies zu, damit Sie ihn fest an der Hand halten, sich demü-
tigen und seine väterliche Hilfe erflehen.
Die Hoffnung, Sie mit der Frau Präsidentin zu sehen, entschuldigt
mich, Ihnen noch mehr zu schreiben, besonders da ich so gehetzt bin.
Grüßen Sie bitte Frau de la Fléchère von mir und beide gemeinsam Frau
d’Aiguebelette, wenn sie dort ist. Ich bin rückhaltlos, ganz treuen Her-
zens Ihr recht ergebener Onkel und Diener ...
Ich grüße Ihren Mann, den Sie so lieb haben, von ganzem Herzen.
212 IV. De la Valbonne 1309, 1382

XVIII, 3-4 (1309) Annecy, 15. Mai 1617.

Es hilft nichts, meine liebe Tochter, wir haben auf weltliche Freuden
verzichtet, und nicht genug damit, müssen wir auch noch auf die geistli-
chen verzichten, denn das ist der Wille dessen, für den wir leben und
sterben sollen.
Sie können sich denken, daß es für unsere Mutter ein großes Fest gewe-
sen wäre, Sie bei einem Besuch in der Heimsuchung zu sehen, und daß
ihre Freude mich ebenfalls sehr erfreut hätte. Da aber weder Ihr Gatte
noch der Beichtvater es für gut befunden haben, müssen Sie in Frieden
bleiben, wie auch wegen der Einschränkungen im Kommunionempfang.
Ich kenne deren Beweggründe nicht, und da ich sie nicht kenne, kann ich
auch nichts dazu sagen. Sie kennen vielleicht auch meine Beweggründe
nicht und erachten sie deshalb nicht für wert, befolgt zu werden. Darin
hat jeder seine eigene Auffassung. Was aber Sie betrifft, so versichere ich
Ihnen, daß Sie dabei nichts verlieren, denn was Sie nicht im Gnadenge-
schenk der Kommunion gewinnen, werden Sie in der Demut Ihrer Un-
terwerfung finden, wenn Sie sich einfach deren Willen fügen.
Ich denke aber nicht, daß diese Furcht, die man Ihnen einflößt, Ihre
häufigen Kommunionen könnten Ihnen zum Übel gereichen, Ihnen Sor-
ge machen sollte. Man wird das nicht gesagt haben in Beurteilung des
Zustandes Ihrer Seele, sondern um Sie abzutöten, oder vielleicht einfach
aus einem Kurzschluß heraus, wie es manchmal recht klugen Leuten
geschieht, daß sie nicht alles richtig abzuwägen verstehen.
Wenn die Frau Präsidentin kommt, werden wir uns sicher wiederse-
hen; indessen leben Sie ganz demütig, ganz sanftmütig, ganz leidenschaft-
lich erfüllt von der heiligen Liebe zum himmlischen Bräutigam. Ich bin
in ihm, meine sehr liebe Tochter, ganz vollkommen der Ihre.

XVIII, 135f (1382) (1615-1617).

Gott segne Sie, meine sehr liebe Nichte, meine Tochter, dafür, daß Sie
immer beharrlich bleiben in der Sorge, ihm die kostbarsten Liebesaffek-
te Ihres Herzens zu bewahren. Wie glücklich werden Sie sein, wenn die-
se Beharrlichkeit bis zum Ende dieses armseligen Lebens anhält! Denn
so wird dieses Ende der heilige Anfang einer schönen und hochheiligen
Ewigkeit sein.
Wir müssen immer recht festhalten an unseren zwei teuren Tugenden,
IV. De la Valbonne 1382 213

der Sanftmut dem Nächsten gegenüber und der sehr liebenswerten De-
mut vor Gott; ich hoffe, daß es so sein wird, denn dieser große Gott, der
Sie bei der Hand genommen hat (Jes 41,13; Ps 73,24), um Sie an sich zu
ziehen, wird Sie nicht verlassen, bis er Sie in seinem ewigen Zelt gebor-
gen hat (Ps 27,5; 43,3). Wir müssen also die Sorge um unseren Vorrang
vollkommen ausschalten, besitzt man doch selbst niemals mehr Ehre,
als wenn man sie verachtet, und das verwirrt das Herz und bringt uns zu
Fehlern gegen die Sanftmut und Demut.
Seien Sie nie erstaunt über Ihre Zerstreuungen, Herzenskälte und Trok-
kenheit, denn das alles geht in Ihnen im Bereich der Sinne und in dem
Bereich des Herzens vor, der nicht ganz in Ihrer Macht steht; aber nach
dem, was ich sehe, ist Ihr Mut unerschütterlich und unwandelbar in den
Entschlüssen, die Gott uns gegeben hat. Meine liebe Tochter, wegen die-
ser Art von Übel darf man wirklich nicht von der hochheiligen Kommu-
nion lassen; denn nichts wird Ihren Geist besser sammeln als sein König,
nichts ihn so sehr erwärmen als seine Sonne, und nichts ihn so köstlich
durchtränken wie sein Balsam.
Seien Sie nicht beunruhigt darüber, daß Sie nicht all Ihrer kleinen
Fehler gewahr werden, um diese zu beichten; nein, meine Tochter, denn
wie Sie manchmal niederfallen, ohne es gewahr zu werden, so erheben
Sie sich auch wieder, ohne es zu bemerken. Es steht auch nicht in der
Stelle, die Sie mir angeführt haben (Spr 24,16), daß der Gerechte sich
siebenmal am Tag fehlen sieht oder fällt, sondern daß er siebenmal fällt
und wieder aufsteht, ohne auf sein Wiederaufstehen zu achten. Beunru-
higen Sie sich also deswegen nicht, sondern sagen Sie demütig und auf-
richtig, was Ihnen aufgefallen ist. Was Ihrer Aufmerksamkeit entgangen
ist, das stellen Sie der milden Barmherzigkeit dessen anheim, der die
Hände unter diejenigen hält, die ohne Bosheit fehlen, damit sie sich
nicht wund scheuern (Ps 37,24), und sie wieder so schnell und sachte
erhebt, daß sie es gar nicht gewahr werden, weder, daß sie gefallen sind,
weil die Hand Gottes sie aufgefangen hat in ihrem Fall, noch, daß sie
wieder aufgerichtet wurden, weil seine Hand sie so plötzlich wieder auf-
gehoben hat, daß es ihnen gar nicht zum Bewußtsein kam.
Gott befohlen, meine sehr liebe Tochter, meine Nichte; bewahren Sie
immer recht Ihre geliebte Seele und überschätzen Sie diese vergängli-
chen Jahre nicht, sondern beachten Sie diese nur, um die hochheilige
Ewigkeit zu gewinnen.
214 IV. Eine Dame 836 – Peyzieu 817

AN EINE DAME

XV, 318 (836)34 (1612).


... Ja, wir müssen sein, wie Gott es fügt, daß wir seien, und wie der hl.
Paulus „Kraft schöpfen aus der Schwachheit“ (2 Kor 12,9). Ach, es ist
nicht wahr, daß Ihre Frömmigkeit krank ist, wenn Sie es sind. Nein,
gewiß nicht, meine sehr liebe Tochter, aber Sie fühlen nicht so oft Freude
daran und können keine äußerlichen Akte vollbringen. Darin besteht
aber nicht die göttliche Liebe, sondern im Entschluß des Herzens, das
immerdar und untrennbar in jeder Hinsicht eins bleiben will mit dem
göttlichen Willen.
Diese kleinen Zwischenfälle ...35 bedeuten nichts und man darf sich
darüber keineswegs wundern ...

AN FRAU VON PEYZIEU

XV, 286-289 (817) Annecy, 26. Oktober 1612.


Meine sehr liebe Frau Mutter!
Ihr so von ehrenden Worten, von Liebe und Vertrauen erfüllter Brief
hätte mich ganz für Sie gewonnen, wenn ich nicht schon seit langer Zeit
Ihnen gehörte. Sie gehen aber, meine sehr liebe Mutter, ein wenig spar-
sam mit dem Namen „Sohn“ um, der ein Herzensname ist, und geben
mir statt dessen einen ehrenvollen Namen, der wohl ein Herzensname
ist, aber nicht des mich so beglückenden mütterlichen Herzens.
Meine liebe Mutter, wir hatten hier zu unserem Jubiläum36 wirklich
eine große Gemeinde versammelt und – was die Hauptsache ist – es trug
Früchte. Ich empfand tausendfachen Trost darüber und keine Mühe,
scheint es mir; nur hätte ich gern gewollt, daß meine liebe Schwester,
Frau von Grandmaison,37 Ihre mir so liebe und liebenswerte Tochter,
entweder drei bis vier Tage früher gekommen oder vier bis fünf Tage
länger geblieben wäre. So hätte ich mehr Gelegenheit gehabt, meine
Verpflichtung ihr gegenüber und meine heilige Zuneigung zu ihrem
Herzen zu bezeugen. Ich finde ihr Herz nach meinem Dafürhalten so
beschaffen, daß es Unserem Herrn gut dienen will. Wenn wir die Genug-
tuung und die Ehre gehabt hätten, Sie selbst, meine sehr liebe Frau Mut-
ter, zu sehen, wäre unser Glück gewiß vollkommen gewesen und es wäre
Ihnen zuteil geworden, die sieben oder acht meiner Brüder und Schwes-
tern Ihnen als Ihre ergebenen Kinder und Diener noch nicht erwiesen
IV. Peyzieu 817 215

haben. Da es aber nicht anders sein kann, komme ich oft im Geiste zu
Ihnen, um mit Ihnen zusammen Unseren Herrn zu bitten, er möge Ihrer
Seele den Trost seiner Segnungen schenken, Sie von seiner heiligen Lie-
be überströmen zu lassen und von der heiligen Sanftmut und Demut des
Herzens, die niemals ohne diese Liebe da sind, wie auch die heilige
Liebe niemals ohne sie ist.
Um ganz aufrichtig mit Ihnen zu sprechen, meine sehr liebe Mutter,
seien Sie weder verärgert noch erstaunt darüber, wenn Sie in Ihrer Seele
noch all die Unvollkommenheiten38 vorhanden sehen, die Sie mir anver-
traut haben. Nein, ich bitte Sie, meine liebe Mutter, tun Sie das nicht;
denn wenn man sie auch ablegen und verabscheuen muß, um sich darin
zu bessern, so darf unser Kummer darüber nicht verärgert, sondern er
soll mutig und ruhig sein und so einen überlegten und festen Entschluß
zur Besserung hervorbringen. Dieser in Ruhe und mit reiflicher Überle-
gung gefaßte Entschluß wird uns dann die rechten Mittel zu seiner Durch-
führung ergreifen lassen. Ferner wäre es sehr nützlich, wenn Sie sich in
Ihrer Neigung zu häuslicher Beschäftigung mäßigen würden. Ich sage
nicht, daß Sie diese ganz aufgeben, wohl aber, daß Sie darin Maß halten
sollen. Dadurch werden Sie freie Stunden für das Gebet finden, für ein
wenig fromme Lesung und für Erhebungen Ihres Herzens zu Gott bei
den verschiedensten Anlässen. Sie werden dadurch auch von Zeit zu Zeit
wieder die innerliche Festigung und die friedliche, sanftmütige und de-
mütige Herzenshaltung erneuern.
Das große Geheimnis dabei aber ist, sich dafür aller Dinge zu bedie-
nen. Lassen Sie Ihrer Seele sieben bis acht Tage Zeit, um sich recht zu
sammeln und diese Entschlüsse gründlichst zu fassen. Vor allem, meine
sehr liebe Mutter, müssen Sie den Haß gegen den Nächsten und Ihre
Unzufriedenheit über den Nächsten kräftig bekämpfen und sich einer
unmerklichen, aber überaus schädlichen Unvollkommenheit enthalten,
von der sich wenige Menschen frei machen können. Wenn es uns näm-
lich zustößt, daß wir den Nächsten kritisieren oder uns über ihn bekla-
gen (was nur selten vorkommen sollte), dann finden wir niemals ein
Ende, sondern beginnen immer wieder von neuem und ohne Aufhören
unsere Klagen und Beschwerden; Zeichen eines gereizten Herzens, das
noch nicht richtig gesund ist. Die starken und kraftvollen Herzen klagen
nur bei großen Dingen, und selbst bei so großen Anlässen bleibt kein
Nachtragen in ihnen, jedenfalls kein unruhiges und aufgeregtes.
Der gute Pfarrer,39 der mir recht gefällt, hat mir von Ihrem Wunsch
gesprochen und ich habe ihm meine Meinung gesagt. Fassen Sie Mut,
216 IV. Peyzieu 833, 877

meine sehr liebe Mutter, damit diese kurzen Jahre, die wir hier unten zu
verbringen haben, für uns mit Gottes Hilfe die besten und für die Ewig-
keit nützlichsten sein werden.
Indessen bleibe ich unveränderlich, meine sehr liebe Frau Mutter, Ihr
recht ergebener Sohn und recht treuer Diener ...
Ich habe Angst, diesen Überbringer hier zu lange zurückzuhalten; dar-
um schrieb ich Ihnen ohne viel Überlegung außer der, die mir die auf-
richtige kindliche Liebe eingegeben hat.

XV, 315 (833) Annecy, 31. Dezember (1612).


Meine sehr liebe Mutter!
Da stehen wir also am Ende dieses Jahres und morgen am Beginn des
neuen. Müssen wir da nicht Gott preisen für die vielen Gnaden, die wir
empfangen haben, und ihn anflehen, das Blut seiner Beschneidung auf
die Türschwelle des nächsten Jahres zu streichen, damit der Würgengel
(Ex 12,7) keinen Zutritt darüber zu uns findet? So geschehe es, meine
liebe Mutter, daß wir durch diese flüchtigen Jahre glücklich zum dau-
ernden Jahr der hochheiligen Ewigkeit gelangen können.
Verwenden wir also diese kleinen vergänglichen Augenblicke gut, um
uns in der heiligen Sanftmut und Demut zu üben, die das Kind uns bei
seiner Beschneidung lehren will, damit wir teilhaben an den Segnungen
seines heiligen Namens. Diesen rufe ich unablässig über Ihre teure Seele
herab, meine sehr liebe und gute Mutter, damit er sie mit seinem Wohl-
geruch erfülle (Hld 1,2) und mit ihr auch die Seelen all der Ihrigen.
Ich bin, alle Jahre meines Lebens, Ihr recht ergebener ...

XVI, 11-12 (877) 21. Mai 1613.


Meine liebe Frau Mutter!
Die Hände eines so würdigen Überbringers werden Ihnen, dessen bin
ich gewiß, dieses Brieflein wohlgefällig machen über die mütterliche
Gunst hinaus, mit der Sie alles aufnehmen, was Ihnen von mir geboten
wird. Es soll Ihnen, meine Frau Mutter, nur die ergebene und wahrhaft
kindliche Liebe in Erinnerung rufen, die ich Ihrem Dienst gewidmet
habe und die Sie in mir dazu erworben haben. Erweisen Sie mir bitte die
Ehre, mir auch weiterhin den Rang einzuräumen, den Sie mir in Ihrer
Güte geschenkt haben und über den ich eifersüchtig und ehrgeizig wache
wie über ein Gut, das ich nicht verdiene und das mir dennoch zugeteilt
wurde.
Inzwischen muß ich mich, meine liebe Frau Mutter, wohl mit Ihnen
IV. Peyzieu 911, 1029 217

über den Trost freuen, der Ihnen nun zuteil geworden, sich von einer
neuen guten Schwiegertochter40 unterstützt und begleitet zu sehen; ich
bitte Sie herzlich, ihr aufzutragen, sie möge mich gnädig aufnehmen als
eines Ihrer ergebensten Kinder, der ich außerdem bin Ihr getreuer Die-
ner, der Sie sehr lieb hat.

XVI, 65-66 (911) Annecy, 6. September 1613.


Meine sehr liebe Frau Mutter!
Das ist ein zu treuer Bote, als daß ich ihn gehen lassen könnte, ohne
ihm diese paar Worte mitzugeben; sollen sie Sie doch vergewissern, wie
beständig ich meiner kindlichen Pflicht einer so guten Mutter gegenüber
gedenke, wie Sie es sind. Könnte ich zu Ihrem Dienst ebenso nützlich
sein, wie ich Sie hoch in Ehren halte! Zumindest vergesse ich nicht,
Ihnen oft den Frieden und himmlischen Trost für ein glückliches Leben
zu wünschen, das Gott lange währen lassen möge inmitten Ihrer lieben
Kinder und der Kindeskinder, die er Sie schauen läßt.
Darunter verstehe ich auch unseren Herrn von Sillignieu,41 den wir, je
weiter er leiblich von uns entfernt ist, desto öfter im Geiste sehen. Wie
glücklich ist doch dieser teure Bruder, diese Welt hier verlassen zu ha-
ben, in die er hineingeboren wurde, um eine neue Welt zu erobern42 und
dort viele Seelen Gott zu gebären. Darüber freue ich mich, meine sehr
liebe Frau Mutter, mit Ihnen und bin immerdar Ihr sehr ergebener Sohn
und Diener.

XVI, 284-285 (1029)43 Ende 1612-1614.


Meine sehr liebe Mutter!
Was soll ich Ihnen jetzt sagen? Zweifellos vieles, wenn ich meinen
Empfindungen folgen wollte, die Ihnen immer ganz gehören werden,
wie ich wünsche, daß Ihre Empfindungen auch ganz mir gehören mögen;
vor allem, wenn Sie in dem kleinen Oratorium sind, wo ich Sie bitte, mit
Liebe für meine Besserung zu Gott zu beten. Ich meinerseits ergieße
meine Empfindungen nicht vor dem ewigen Vater für Sie, da sie wegen
des Herzens, aus dem sie kommen, nichts wert sind, wohl aber das kost-
bare Blut des unbefleckten Lammes zugunsten Ihres guten Willens, ganz
Gott gehören zu wollen.
Welches Glück, meine liebe Mutter, ganz ihm zu gehören, der sich uns
zu eigen gegeben hat, um uns zu den Seinen zu machen. Dazu aber müs-
218 IV. Peyzieu 1043

sen wir alle unsere Neigungen in uns kreuzigen, besonders die leiden-
schaftlichsten und bewegendsten, durch ständiges Verlangsamen und
Zügeln der ihnen entspringenden Handlungen, damit sie nicht aus Un-
getüm, ja selbst nicht aus unserem Willen heraus getan werden, sondern
aus dem Willen des Heiligen Geistes heraus.
Vor allem müssen wir, meine liebe Mutter, ein gutes, sanftmütiges und
dem Nächsten gegenüber liebevolles Herz haben, besonders wenn er uns
zur Last und zum Ekel geworden ist; denn dann haben wir nichts an ihm,
um ihn zu lieben, sondern nur Ehrfurcht für den Heiland, welche die
Liebe zweifellos umso wertvoller und würdiger macht, je reiner und frei-
er sie von hinfälligen Beweggründen ist.
Ich bitte Unseren Herrn, er möge seine heilige Liebe in Ihnen wachsen
lassen. Ich bin in ihm Ihr recht ergebener Diener ...

XVI, 300-301 (1043) Annecy, (etwa Februar) 1615.


Ach mein Gott, meine sehr liebe Mutter, wie beunruhigt war ich, als
ich plötzlich durch Ihren Brief von der langen Dauer und Gefährlichkeit
Ihrer Erkrankung erfuhr! Denn glauben Sie mir bitte, daß mein Herz Sie
kindlich liebt. Gott sei aber gepriesen, daß Sie dieser Gefahr nun beina-
he ganz entronnen sind.
Gewiß, ich sehe wohl, daß Sie sich nun in dem Greisenalter, in dem Sie
stehen, mit Krankheiten und Schwächen vertraut machen müssen. Herr
Jesus, welch wahres Glück für eine Gott hingegebene Seele, durch Heim-
suchungen recht erprobt zu werden, bevor sie dieses Leben verläßt! Meine
sehr liebe Mutter, wie kann man die echte und lebendige Liebe recht er-
kennen, wenn nicht inmitten von Dornen, Kreuz und Siechtum, vor allem,
wenn dieses lange anhält? Daher hat auch unser teurer Heiland seine maß-
lose Liebe durch das Übermaß seiner Qualen und Leiden bezeugt.
Erweisen Sie, meine liebe Mutter, Ihre Liebe zu dem Bräutigam Ihres
Herzens so recht auf dem Schmerzenslager; denn auf eben diesem Lager
hat er Ihr Herz geschaffen, noch ehe es in der Welt war, da er es erst in
seinem göttlichen Plan sah. Ach, dieser Heiland hat alle Ihre Schmer-
zen, all Ihre Leiden gezählt und mit dem Preis seines Blutes all die Ge-
duld und Liebe bezahlt, derer Sie bedürfen, um alle Ihre Plagen heilig zu
seiner Verherrlichung und zu Ihrem Heil zu verwenden. Seien Sie zu-
frieden, ganz ruhig alles zu wollen, was Gott will, daß Sie seien. Ich
werde nie aufhören, die göttliche Majestät um die Vollkommenheit Ih-
res Herzens zu bitten, das mein Herz liebt, umhegt und zärtlich ehrt.
IV. Peyzieu 1048, 1059 219

Gott befohlen, meine sehr liebe Mutter und auch meine ganz liebe
Tochter; Gott mögen wir für ewig angehören, wir, unsere Empfindun-
gen, unsere kleinen und großen Nöte und alles, was die göttliche Güte
uns zugedacht hat. Und in diesem Sinn bin ich in ihm, meine sehr liebe
Mutter, ganz und gar Ihr echter Sohn und herzlich zugeneigter Diener ...

XVI, 310-311 (1048) Annecy, 28. Februar 1615.


Meine sehr liebe Frau Mutter!
Mein Herz will das Ihre in der Schwachheit seines armen Leibes aufsu-
chen und möchte Ihnen gern irgendwelche Dienste anbieten, die würdig
wären meiner ergebenen und innigen Kindesliebe gegen Sie. Zumindest
schenke ich Ihnen, da ich nicht mehr zu tun vermag, all die besten Wün-
sche, die meine Seele hegen kann, und bringe sie der Majestät Unseres
Herrn vor, damit er Ihnen mit der Geduld, die er Ihnen seit langer Zeit
zugeteilt hat, die sanftmütige und sehr demütige Ergebung in all Ihren
Leiden schenke, wie sie die größten Heiligen bei ihren Leiden hatten.
Mögen Sie so viele Verdienste in diesem Herbst Ihres Alters ernten und
so reich vor seinem göttlichen Antlitz erscheinen, wenn Sie es schauen
werden.
Glauben Sie mir bitte, meine sehr liebe Mutter, daß meine Seele Sie
kindlich liebt und ehrt und daß meine schwachen Gebete, die ich zu
Ihrer Tröstung beitragen könnte, Ihnen nicht versagt sein sollen. Lieben
auch Sie mich indessen, halten Sie sich während Ihrer Krankheiten im
Schatten des heiligen Kreuzes auf und schauen Sie oft darauf den armen
leidenden Heiland. Da sind alle Krankheiten und Leiden heilsam und
liebenswert, wo Gott selbst uns erlöst hat durch sein Leiden. Ich bin,
meine sehr liebe Frau Mutter, Ihr recht ergebener Sohn und Diener ...
Wenn Sie meiner lieben Schwester, Frau von Grandmaison,44 schrei-
ben oder Nachricht geben über sich, dann lassen Sie, meine liebe Mutter,
sie auch wissen, daß ich ihr tausend Himmelsgnaden wünsche und sie
wie meine Schwester und sehr teure Tochter liebe. Da ich inzwischen
Zeit gefunden habe, ihr zu schreiben, habe ich es getan.

XVI, 328-329 (1059) Annecy, März 1615.


Mit wenig Worten, aber übergroßer Liebe grüßt mein Herz das Ihre,
meine sehr liebe Mutter. Ach, Gott, dem es gefällt, seine Tugend und
Kraft in unseren Schwächen zu bezeugen (2 Kor 12,9), sei auf immer
220 IV. Peyzieu 1069

inmitten Ihrer Seele, um diese heilige himmlische Liebe in ihr brennen


zu lassen. Möge sie brennen inmitten der Dornen und lodern, ohne sie zu
verzehren (Ex 3,2), damit die Glut dieses Fiebers aus Liebe zum Hei-
land Ihnen das Fieber oder die Nachwirkungen des schmerzhaften Fie-
bers mildere, unter dem Sie so sehr gelitten haben. Niemals, wenn ich am
Altar stehe, vergesse ich, meine Gebete dafür zu verrichten; bin ich doch
der heiligen Freundschaft, die Sie mir so gütig entgegenbringen, so sehr
verpflichtet, daß ich niemals auf diese Pflicht vergessen könnte.
Die Gnade, der Friede und der Trost des Heiligen Geistes sei immer
mit Ihnen (Röm 1,7; 1 Kor 1,3 etc.), meine sehr liebe Mutter, und inmit-
ten Ihrer Familie. Ich bin Ihr recht ergebener Diener ...

XVI, 350-351 (1069) Annecy, gegen Ende April 1615.


Obgleich dieser Bedienstete direkt zu Ihnen geht, meine liebe Mutter,
reist er doch zu einer Zeit ab, in der ich sehr beschäftigt bin. Diese gute
Dame hat mir von Ihnen berichtet, was Sie ihr anvertraut haben, und ich
preise Gott, daß er Ihnen mit dieser neuen Gesundheit neue Gefühle der
Liebe geschenkt hat. Aber Sie müssen darauf achten, meine sehr liebe
Tochter, meine Mutter, daß Leib und Geist oft einen entgegengesetzten
Weg gehen, daß in dem Maße, als der eine schwächer wird, der andere an
Stärke gewinnt, oder wenn der eine stärker wird, der andere nachläßt. Da
aber der Geist herrschen soll, müssen wir ihn, wenn wir ihn zu Kräften
gekommen sehen, soweit unterstützen und festigen, daß er immer der
Stärkere bleibt. Meine sehr liebe Mutter, da Krankheiten zweifellos wie
eine Feuerprobe sind, muß unser Herz daraus geläutert hervorgehen und
muß in den Schwachheiten stärker werden (2 Kor 12,9).
Was Sie betrifft, stelle ich mir vor, daß Ihr Alter und Ihr zarter Körper
Sie oft erschöpft und schwach machen werden; darum rate ich Ihnen,
sich mehr zu üben in der Liebe zu dem so liebenswerten Willen Gottes,
im Verzicht auf äußere Befriedigungen, in der Sanftmut inmitten der
Bitterkeiten. Das wird das vortrefflichste Opfer sein, das Sie bringen
können. Bleiben Sie fest und üben Sie nicht bloß die standhafte Liebe,
sondern auch die zärtliche, sanfte und milde Liebe den Menschen gegen-
über, die um Sie herum sind. Das sage ich aus meiner Erfahrung heraus,
daß Krankheiten uns zwar nicht die Nächstenliebe, wohl aber die Milde
dem Nächsten gegenüber nehmen, wenn wir nicht sehr auf der Hut sind.
Meine sehr liebe Mutter, ich wünsche Ihnen die Fülle der heiligen
Vollkommenheit im Herzen Jesu Christi. Ich gehöre Ihnen für immer.
IV. Peyzieu 1080 221

XVI, 370-372 (1080) Annecy, 21. Mai 1615.

O wie sehr ist doch meine Seele in Sorge um Ihr Herz, meine sehr liebe
Mutter; sehe ich es doch, scheint es mir, dieses arme mütterliche Herz,
von übergroßem Leid erfüllt;45 ein Leid jedoch, das man weder tadeln
noch seltsam finden kann, wenn man erwägt, wie liebenswert dieser Ihr
Sohn war, dessen zweiter Abschied von uns Ursache unseres Leides ist.
Meine sehr liebe Mutter, dieser teure Sohn war wirklich einer der lie-
benswertesten, die es je gab. Alle, die ihn kannten, anerkennen ihn als
solchen und kennen ihn so. Aber liegt darin nicht zum großen Teil der
Trost, den wir jetzt fassen sollen, meine sehr liebe Mutter? Denn es scheint
wirklich, daß diejenigen, deren Leben so würdig der Erinnerung und der
Achtung wert ist, auch nach ihrem Hinscheiden weiterleben, da die Zu-
rückbleibenden ihrer so gern gedenken und sie im Geiste vor sich sehen.
Dieser Sohn, meine sehr liebe Mutter, hatte bereits seinen großen Ab-
schied von uns genommen, als er sich freiwillig der Atmosphäre seiner
Umwelt entzog, in die er hineingeboren war, um seinem Gott, seinem
König und seinem Vaterland in einer neuen Welt zu dienen. Seine Hoch-
herzigkeit hatte ihn dazu bewogen und Ihre eigene hat Sie einem so ver-
ehrungswürdigen Entschluß zustimmen lassen, um dessentwillen Sie auf
die Genugtuung verzichtet hatten, ihn jemals in diesem Leben wiederzu-
sehen, so daß Ihnen nur die Hoffnung verblieb, von Zeit zu Zeit Briefe
von ihm zu erhalten. Und nun ist er, meine sehr liebe Mutter, nach dem
Wohlgefallen der göttlichen Vorsehung aus dieser anderen Welt gegan-
gen in die älteste und wünschenswerteste aller Welten, in die wir alle
gehen müssen, jeder zu seiner Zeit, und wo Sie ihn früher wiedersehen
werden, als wenn er in dieser neuen Welt geblieben wäre inmitten der
mühevollen Eroberungen, die er willens war, für seinen König und die
Kirche zu vollbringen. Jedenfalls hat er seine sterblichen Tage in Pflicht-
erfüllung und Einlösung seines Eides beendet. Ein solches Ende ist doch
sehr schön, und wir dürfen nicht daran zweifeln, daß der große Gott es
ihm glückselig gestaltet hat, da er ihn doch von der Wiege an ständig mit
seiner Gnade ausgezeichnet hat, um ihn recht christlich leben zu lassen.
Trösten Sie sich also, meine sehr liebe Mutter, und beruhigen Sie Ihren
Geist, indem Sie die göttliche Vorsehung verehren, die alles liebevoll
macht (Weish 8,1); und wenn uns auch die Beweggründe ihrer Beschlüs-
se verborgen sind, so ist uns doch ihre wahrhafte Milde kund und ver-
pflichtet uns zu glauben, daß sie alles mit vollkommener Güte tut.
Sie stehen gleichsam im Begriff, dahin zu gehen, wo dieses liebenswer-
222 IV. Peyzieu 1089

te Kind nun ist; wenn Sie dort sein werden, werden Sie nicht wünschen,
daß er noch in Indien wäre, denn dann werden Sie sehen, daß er es bei
den Engeln und Heiligen schöner hat als bei Tigern und Wilden. Aber
bis zur Stunde Ihres eigenen Heimgangs beruhigen Sie Ihr mütterliches
Herz durch die Betrachtung der hochheiligen Ewigkeit, in der er ist und
der Sie nahe sind. Statt ihm wie früher zu schreiben, beten Sie zu Gott für
ihn, und er wird sogleich alles erfahren, was Sie ihm sagen möchten, und
jedes Beistandes teilhaftig werden, den Sie ihm durch Ihre Wünsche und
Gebete zuteil werden lassen, sobald Sie diese nur ausgesprochen und in
die Hände seiner göttlichen Majestät gelegt haben.
Die Christen tun sehr unrecht daran, so wenig christlich zu sein, wie sie
sind, und so grausam gegen die Gesetze der Nächstenliebe zu verstoßen,
um denen der Furcht zu gehorchen; wir müssen aber, meine sehr liebe
Mutter, Gott für jene bitten, die dieses große Unrecht begehen, und die-
ses Gebet der Seele Ihres Verstorbenen zuwenden. Das ist das wohlgefäl-
ligste Gebet, das wir zu Ihm verrichten können, der ein ähnliches auf
dem Kreuz verrichtete (Lk 23,34), auf das seine hochheilige Mutter aus
ganzem Herzen antwortete, liebte sie ihn doch mit einer glühenden Lie-
be.
Sie können nicht glauben, wie sehr dieser Schlag mein Herz getroffen
hat; denn schließlich war er mein lieber Bruder, der mich überaus ge-
liebt hat. Ich habe für ihn gebetet und werde es immer tun, und auch für
Sie, meine sehr liebe Mutter, der ich mein ganzes Leben lang besondere
Ehre und Liebe erweisen will, auch für diesen verstorbenen Bruder, des-
sen unsterbliche Freundschaft mich immer mehr dazu antreibt, meine
sehr liebe Frau Mutter, Ihr ganz ergebener, ganz getreuer und ganz ge-
horsamer Sohn und Diener zu sein.

XVII, 7-8 (1089) Annecy, (etwa Mitte Juni) 1615.


Meine sehr liebe Mutter!
Nachdem ich Ihren Brief und die Botschaft erhalten habe, die man mir
von Ihnen zukommen ließ, will ich Ihnen sagen, daß ich recht genau die
Vorzüge Ihres Herzens kenne, vor allem seinen Eifer und seine Kraft, zu
lieben und das Geliebte zu umhegen. Das bringt Sie dazu, so viel zu
Unserem Herrn über diesen teuren Verstorbenen zu sprechen, und führt
Sie dazu, wissen zu wollen, wo er ist.
O meine liebe Mutter, Sie müssen solche Ausbrüche unterdrücken,
IV. Peyzieu 1089 223

die dem Übermaß einer leidenschaftlichen Liebe entspringen; und wenn


Sie Ihren Geist bei solchem Tun überraschen, müssen Sie ihn sofort und
selbst mit mündlichen Worten zu Unserem Herrn zurückholen und ihm
Folgendes oder Ähnliches sagen: O Herr, wie milde ist doch Deine Vor-
sehung; wie gut Deine Barmherzigkeit! Wie glücklich ist doch dieses
Kind, in Deine väterlichen Hände gefallen zu sein, in denen es nur Gutes
haben kann, wo immer es sei.
Ja, meine liebe Mutter, denn Sie müssen sich schon hüten, anderswo-
hin als ans Paradies oder ans Fegefeuer zu denken, da Gott sei Dank
keine Veranlassung besteht, anders zu denken. Ziehen Sie also Ihren
Geist von solchen Gedanken zurück und lenken Sie ihn dann zu Akten
der Liebe gegen unseren gekreuzigten Herrn.
Wenn Sie dieses Kind der göttlichen Majestät anbefehlen, sagen Sie
ihm einfach: „Herr, ich empfehle Dir das Kind meines Schoßes, mehr
noch das Kind des Schoßes Deiner Barmherzigkeit, geschaffen aus mei-
nem Blut, aber neu geschaffen aus dem Deinen.“ Und gehen Sie zu ande-
rem über: denn wenn Sie Ihrer Seele erlauben, bei diesen Ihren Gefüh-
len und bei dem Ihren inneren und natürlichen Leidenschaften entspre-
chenden und geliebten Gegenstand zu verweilen, wird sie sich niemals
davon lösen wollen und sich unter dem Vorwand von Gebeten und An-
dachten auf ein gewisses Wohlgefallen daran und auf natürliche Befrie-
digung erstrecken, die Ihnen die Möglichkeit rauben werden, sich mit
dem übernatürlichen und obersten Gegenstand Ihrer Liebe zu beschäfti-
gen. Man muß gewiß die Hitzen dieser natürlichen Neigungen mäßigen,
die zu nichts führen, als daß sie unseren Geist verwirren und unser Herz
ablenken.
Meine sehr liebe Mutter, die ich mit wahrhaft kindlicher Hingabe lie-
be, raffen wir doch unseren Geist in unseren Herzen zusammen und
ordnen wir ihn seiner Pflicht unter, Gott einzig und allein zu lieben.
Erlauben wir ihm keinerlei leichtfertiges Spielen mit Gedanken, weder
über das, was auf dieser Welt geschieht, noch über das, was in der ande-
ren vor sich geht; sondern lenken wir, nachdem wir den Geschöpfen
zukommen ließen, was wir ihnen an Liebe und Hingabe schulden, alles
auf diese erste gebotene Liebe, die wir dem Schöpfer schulden, und rich-
ten wir uns nach seinem göttlichen Willen.
Ich bin, meine liebe Mutter, sehr liebevoll Ihr recht treues und liebe-
voll zugetanes Kind.
224 IV. Peyzieu 1109, 1131

XVII, 44 (1109) (August-September) 1615.


Meine sehr liebe Mutter!
Ich muß Sie doch so oft grüßen, als ich kann. Ich sorge mich um Sie
wegen dieser umlaufenden und weitverbreiteten Krankheiten.
Mein Gott, meine gute Mutter, wie trügerisch ist doch dieses Leben
und wie wünschenswert die Ewigkeit! Selig jene, die sie ersehnen! Hal-
ten wir uns recht an die barmherzige Hand unseres guten Gottes, denn er
will uns an sich ziehen. Seien wir allen gegenüber recht gütig und demü-
tig von Herzen (Mt 11,29), vor allem aber den Unseren gegenüber. Über-
stürzen wir uns nicht, gehen wir ganz ruhig unseren Weg, einander ertra-
gend. Achten wir wohl darauf, daß unser Herz uns nicht entgleite. Ach,
sagte David (Ps 40,13), mein Herz hat mich verlassen. Niemals aber läßt
uns das Herz im Stich, wenn wir es nicht im Stich lassen: halten wir es
immer in unseren Händen (Ps 119,109), wie die hl. Katharina von Siena,
und der hl. Dionysius sein Haupt.
Jesus Christus sei immerdar in unserem Herzen, meine liebe Mutter.
Ich bin in ihm Ihr Sohn Franz.

XVII, 87 (1131) Annecy, 15. November 1615.


Meine sehr liebe Frau Mutter!
Es war mir eine große Befriedigung, eine sichere Nachricht von Ihrem
guten Gesundheitszustand zu erhalten, und ich schreibe Ihnen dieses
Brieflein nur, um mich Ihrem Wohlwollen ins Gedächtnis zurückzuru-
fen und Ihre liebe Seele anzuflehen, mich immer auf dem Platz zu behal-
ten, den es Ihnen gefallen hat, mir einzuräumen unter jenen, die das
Glück haben, von Ihnen geliebt zu werden. Ja gewiß, meine liebe Mutter,
mein Herz ist ganz das eines Kindes für Sie und läßt nicht ab, alle die
guten Wünsche zu verrichten, die es zu Ihrem Trost schuldig ist.
Schon ziemlich lange habe ich keine Nachrichten von meiner Schwe-
ster, Frau von Grandmaison, erhalten, aber mit Gottes Hilfe werde ich
an einem dieser Tage solche erfahren, da ich ihr durch eine günstige
Gelegenheit schreibe. Da ich nicht Zeit habe, mich mehr auszulassen,
will ich Ihnen mit einem Wort sagen, daß ich Sie mit ganz vollkommener
Achtung und Hochschätzung liebe und mit Ihnen alle meine Brüder und
meine Schwestern, von den ich jene ergeben grüße, die bei Ihnen sind.
Gott sei immerdar inmitten Ihres Herzens, meine liebe Mutter. Ich
bin von ganzem Herzen Ihr recht ergebener, getreuer Sohn und Diener ...
IV. d’Escrilles 814 225

AN MADAME D’ESCRILLES

XV, 278-280 (814) Annecy, 13. Oktober 1612.


Es drängte mich, eine sichere Gelegenheit zu finden, um Ihnen, meine
sehr liebe Tochter, schreiben zu können, da ich nicht daran zweifle, daß
meine Briefe Ihnen Freude bereiten, entsprechend der heiligen Liebe,
die Gott zwischen uns geschaffen hat.
Der guten Frau von Chantal geht es erfreulicherweise sehr gut, wie ich
heute morgen sah, als ich die heilige Messe in der Heimsuchung feierte.
Dort hat mich auch der Überbringer dieses Briefes getroffen, als ich
gerade aus dem Sprechzimmer kam, wohin ich mich begeben hatte, um
sie zu begrüßen und Geschäftliches mit ihr zu besprechen. Ich bin si-
cher, daß sie antworten wird, wie Sie es wünschen; der Gedanke, der
Ihnen dagegen gekommen ist, ist nichtig, denn die Herzen dieser guten
Schwestern sind von heiliger und starker Liebe zu Ihnen eingenommen.
Die Art, wie Sie Ihre Bitte stellten, bereitete ihnen eine große Freude.
Bleiben Sie übrigens in diesem Frieden und dieser Stille, die Unser
Herr Ihnen geschenkt hat. „Der Friede Gottes“, sagt der hl. Paulus (Phil
4,7), „der alles Empfinden übersteigt, bewahre Ihr Herz und Ihren Geist
in Jesus Christus, Unserem Herrn.“ Sehen Sie nicht, meine liebe Toch-
ter, daß er sagt, der Friede Gottes übersteige alles Empfinden? Daraus
sollen Sie lernen, daß Sie sich in keiner Weise beunruhigen sollen, wenn
Sie kein anderes Empfinden als das des Friedens Gottes haben. Der Frie-
de Gottes aber ist der Friede, der aus den Entschlüssen hervorgeht, die
wir für Gott gefaßt haben und wofür wir die Mittel anwenden wollen, die
Gott uns anordnet.
Gehen Sie entschlossen auf diesem Weg weiter, auf den die Vorsehung
Gottes Sie gestellt hat, ohne nach rechts oder links zu blicken; das ist für
Sie der Weg zur Vollkommenheit. Diese geistliche Befriedigung ist, wenn
auch ohne Gefühl, mehr wert als tausend wohltuende Tröstungen.
Wenn nun Gott will, daß Sie in der Abwicklung Ihrer Angelegenheiten
auf einige Schwierigkeiten stoßen, dann müssen Sie das aus seiner Hand
entgegennehmen. Sie hat Sie ergriffen und wird Sie nicht mehr loslassen,
bis sie Sie auf den Höhepunkt Ihrer Vollkommenheit gebracht hat.
Wir wollen den Sinn Ihrer Brüder46 recht behutsam lenken und ich
erwarte, daß Sie mich wissen lassen, was Sie mit der guten Mutter47 ge-
macht haben. Sie werden sehen, meine sehr liebe Tochter, daß die Vorse-
hung Gottes überall Ihrer Absicht Raum schaffen wird, da sie mit der
226 IV. d’Escrilles 853

Gottes übereinstimmt. Man muß nur einen etwas kräftigen und entschlos-
senen Mut haben. Ich billige es, daß Sie vor der Fastenzeit zurückkom-
men, damit Sie sich schnellstens von jedem Hemmnis freimachen und
den gesegneten Tag erleben können, an dem Sie ihm bezeugen werden,
daß Sie nur ihn suchen.
Ich habe mit dem Pater Rektor von Chambéry hinsichtlich der Unter-
bringung Ihres lieben Kindes48 gesprochen und zweifle nicht daran, daß
Sie jede mögliche Unterstützung finden werden. Und was mich betrifft,
meine liebe Tochter, könnte ich niemals beim Opfer oder im Gebet
noch bei irgendetwas, was Anlaß zum Fortschritt Ihrer Seele wäre, auf
Sie vergessen, da ihr Schöpfer eine vollkommene Liebe zu Ihnen so tief
in meine Seele gesenkt hat. Ich flehe unseren Erlöser und seine Mutter
an, sie mögen immerdar inmitten ihres Herzens leben und herrschen.
Amen.
Ich bin, meine sehr liebe Tochter, unwandelbar Ihr recht ergebener
Verwandter und ständiger Diener ...

XV, 347-348 (853) Annecy, Anfang Februar 1613.

Hier sind Briefe, die einen aus Chambéry und die anderen aus Bur-
gund, die mir heute ausgehändigt wurden. Sie werden es mir bitte verzei-
hen, meine sehr liebe Tochter, daß der Brief von Herrn de Genesia geöff-
net ist; ich habe es ohne irgendwelche böse Absicht getan.
Inzwischen sprach ich mit Herrn von Travernay ziemlich lange und in
aller Ruhe über Ihre Angelegenheiten; er sagte mir, daß Sie sich in der
Einschätzung des Besitzes Ihres verstorbenen Herrn Vaters stark täu-
schen. Es werde sich herausstellen, daß Sie hinreichend bedacht worden
sind. Dennoch kamen wir überein, daß er sich dem Rat von Schätzmei-
stern und Freunden unterwerfen werde, die für geeignet angesehen wer-
den, seine und Ihre Ansprüche freundschaftlich zu erledigen, was eigent-
lich das Richtige ist. Überdies zeigte er, daß er Ihr Bestreben wirklich
nicht mißbilligt. Bei Ihrem Kommen, das vielleicht recht bald sein wird,
werden wir ausführlicher darüber sprechen.
Denken Sie indessen immer an die heilige Ruhe und Sanftmut des
Herzens und an die vollkommene Hingabe alles dessen, was wir lieben,
an die heilige Vorsehung Gottes, der Sie mich als Ihren ergebenen Cou-
sin und Diener empfehlen wollen ...
IV. d’Escrilles 949 227

XVI, 133-134 (949) Annecy, 7. Januar 1614.

Meine liebe und immer mehr ganz liebe Schwester!


Soeben erhielt ich die beiden Briefe, die Sie Frau von Travernay anver-
traut hatten, und einen anderen, in dem Sie mir erklären, worüber Sie
Ärger empfinden.49 Ich sehe, wie unangenehm dies ist, besonders wegen
der vielen Vorfälle, die mit den Personen verbunden zu sein scheinen,
von denen Ihnen dieser Ärger zugefügt wurde.
Meine sehr liebe Schwester, diese Nebel sind nicht so dicht, daß die
Sonne sie nicht verscheuchen könnte. Schließlich wird Gott, durch den
Sie bis jetzt geführt wurden, Sie an seiner hochheiligen Hand halten.
Dazu aber müssen Sie sich mit völliger Hingabe Ihrer selbst in die Arme
seiner Vorsehung werfen, denn das ist die erwünschte Zeit dafür. Sich
Gott anvertrauen in den Annehmlichkeiten und im Frieden des Wohlbe-
findens, das kann beinahe ein jeder tun; sich ihm aber hinzugeben inmit-
ten von Stürmen und Gewittern, das ist nur denen eigen, die seine Kinder
sind. Ich wiederhole also, Sie müssen sich ihm mit einer gänzlichen
Hingabe überlassen. Wenn Sie das tun, glauben Sie mir, meine liebe
Schwester, werden Sie überaus erstaunt sein, eines Tages all diese Schreck-
gespenster vor ihren Augen entschwinden zu sehen, die Sie jetzt beunru-
higen. Seine göttliche Majestät erwartet das von Ihnen, da sie Sie an sich
gezogen hat, um Sie in ganz besonderer Weise ihr zu eigen zu machen.
Sprechen Sie nur wenig und gewissenhaft von diesem Mann, dem Sie
einen Teil dieser Ärgerlichkeiten zuschreiben zu müssen glauben, d. h.
ergehen Sie sich kaum und nicht oft in Klagen. Wenn Sie es tun, behaup-
ten Sie nichts, außer in dem Maße, als Sie Kenntnis oder eine Mutma-
ßung über seine Verfehlung haben. Nennen Sie zweifelhaft, was zweifel-
haft ist, mehr oder weniger, je nachdem, wie es ist.
Ich schreibe Ihnen in Eile an einem der beschwerlichsten Tage, die ich
seit langem hatte. Wenn es Gott gefällt, werde ich die Kürze meines
Schreibens ersetzen, indem ich mehr und mehr für Ihre innere Ruhe und
Tröstung bete. Besänftigen Sie Ihre Verwandten, so ruhig und klug Sie
können. Ach, bei solchen Gelegenheiten überwindet einfaches Überge-
hen in einer Stunde mehr an Übel, als Verärgerung in einem Jahr. Gott
muß alles machen; daher müssen wir ihn darum bitten.
Gott sei immerdar inmitten Ihres Herzens, meine sehr liebe Schwe-
ster, meine Tochter. Ich bin ganz vollkommen Ihr recht ergebener Bru-
der und Diener ...
228 IV. d’Escrilles 969 – D’Autherin 860

XVI, 175 (969) Annecy, 30. April 1614.


Neulich, als die gute Frau von Travernay hier war, erfuhr ich Genaue-
res über die vielfachen Schwierigkeiten, unter denen Sie leben, meine
sehr liebe Schwester, meine Tochter. Ich empfand gewiß Mitleid darü-
ber, mehr Trost aber noch wegen meiner Hoffnung, daß Gott Sie an
seiner Hand führen und Sie auf diesem Weg, den er gebahnt hat, zu gro-
ßer Vollkommenheit führen wird; denn ich will glauben, meine liebe
Schwester, daß Sie auf ewig verbunden bleiben wollen mit dem hochhei-
ligen Willen dieser göttlichen Majestät und daß Sie ihm Ihr ganzes Le-
ben geweiht haben. Und da das so ist, welche Gnade bedeutet es doch,
nicht nur unter dem Kreuz zu stehen, sondern auf ihm und zumindest ein
wenig gekreuzigt zu sein mit Unserem Herrn! Haben Sie rechten Mut,
meine liebe Schwester, und verwandeln Sie die Notwendigkeit in Tu-
gend; versäumen Sie nicht die Gelegenheit, inmitten der Leiden Ihre
Liebe zu Gott so zu bezeugen, wie er uns seine Liebe bezeugte inmitten
der Dornen.
Meine Seele wünscht der Ihren das volle Maß aller Heiligkeit und ich
bin mit unwandelbarer Liebe Ihr ergebener, Ihnen von Herzen zugeta-
ner Bruder und Diener ...

AN FRAU DE LA CROIX D’AUTHERIN

XV, 357-359 (860) Annecy, 12. März 1613.


Gott sei gelobt und verherrlicht in dieser Änderung Ihres Standes,50
die Sie zu Ehren seines heiligen Namens vollzogen haben, meine sehr
liebe Tochter. Ich nenne Sie weiterhin sehr liebe Tochter, denn diese
Änderung wird nichts an dieser wahrhaft väterlichen Liebe ändern, die
ich für Sie hege. Sie werden sehen, daß Sie in dieser Berufung viel Freude
finden und schließlich sehr heilig werden, wenn sich Ihre Seele ganz der
Vorsehung und dem Willen Unseres Herrn hingibt. Das war das Richti-
ge für Sie, da Sie diesen so gut veranlagten Edelmann kennenlernten.
Unterlassen Sie unbesorgt das Fasten auf Anordnung des Arztes. Fol-
gen Sie Ihrem Beichtvater, was die heilige Kommunion betrifft. Sie müs-
sen ihn darin zufriedenstellen und werden dabei nichts verlieren; denn
was Sie durch den Empfang des Sakramentes nicht haben können, wer-
den Sie in der Unterordnung und im Gehorsam erlangen.
Als Lebensregel gebe ich Ihnen keine andere, als die in diesem Buch
(Anleitung zum frommen Leben) enthaltene. Wenn aber Gott es fügt,
IV. D’Autherin 1092 229

daß ich Sie sehen kann und es irgendwelche Schwierigkeiten gibt, werde
ich Ihnen antworten. Sie brauchen mir Ihre Beichte nicht niederschrei-
ben; wenn Sie aber irgendeinen besonderen Punkt haben, über den Sie
mein Herz, das ganz Ihnen gehört, befragen möchten, dann können Sie
es tun.
Seien Sie recht sanftmütig; leben Sie nicht nach Ihren Stimmungen
und Neigungen, sondern entsprechend der Vernunft und Frömmigkeit.
Lieben Sie Ihren Mann zärtlich, hat ihn doch Unser Herr Ihnen eigen-
händig geschenkt. Seien Sie recht demütig gegen alle.
Besondere Sorge sollen Sie dafür tragen, Ihren Geist in Frieden und
Ruhe zu halten und Ihre schlechten Neigungen durch aufmerksame
Übung der entgegengesetzten Tugenden zu entkräften, indem Sie sich
entschließen, eifriger, aufmerksamer und tätiger in der Übung der Tu-
genden zu sein. Halten Sie folgendes fest: Ihr Übel kommt daher, daß
Sie mehr die Laster fürchten als die Tugenden lieben. Meine liebe Toch-
ter, wenn Sie Ihre Seele ein wenig gründlicher dahinbringen könnten, die
Übung der Sanftmut und der wahren Demut zu lieben, wären Sie tüchtig;
aber Sie müssen oft daran denken. Machen Sie die Vorbereitung am
Morgen und nehmen Sie diese Aufgabe als gegeben hin, wofür Gott Sie
tausendfach trösten wird; vergessen Sie daher nicht, oft Ihr Herz zu Gott
und Ihre Gedanken zur Ewigkeit zu erheben. Lesen Sie, ich bitte Sie, im
Namen Gottes alle Tage ein wenig.
Tun Sie das für mich, der ich Sie alle Tage Gott empfehle und seine
unendliche Güte bitte, Sie immerdar zu segnen.

XVII, 12-14 (1092) Annecy, 23. Juni 1615.


Ich antworte auf Ihre beiden Briefe, meine liebe Tochter, und beschwö-
re Sie, Ihre Briefe nicht länger als eine Belästigung für mich anzusehen,
die mir doch in Wahrheit immer eine große Freude sind.
Aus Ihrem ersten Brief ersehe ich, daß Ihr Herz immer voll guter und
tugendhafter Wünsche ist, denn es ist von einem sehr guten Naturell; Sie
sagen mir aber, daß Sie sich nicht kräftig genug von Ihren Unvollkom-
menheiten freimachen. Sie wissen, daß ich Ihnen oft gesagt habe, Sie
sollen in gleicher Weise die Übung der Treue Gott gegenüber und die der
Demut liebevoll pflegen: der Treue, um Ihren Entschluß, der göttlichen
Güte dienen zu wollen, ebenso oft zu erneuern, als Sie ihn brechen wer-
den, und auf der Hut zu sein, ihn überhaupt nicht zu brechen; der Demut,
um, wenn es geschieht, daß Sie ihn verletzen, Ihre Schwachheit und Nied-
rigkeit anzuerkennen. Gewiß aber müssen Sie immer recht auf Ihr Herz
230 IV. D’Autherin 1093

achten, um es entsprechend der Vielzahl und Größe der Eingebungen,


die Sie dafür haben, zu reinigen und zu stärken.
Ich finde es nicht schlecht, daß Sie ein wenig auf die hochheilige Kom-
munion verzichten müssen, da dies der Rat Ihres Beichtvaters ist; dieser
will wohl sehen, ob der Wunsch, zu deren häufigem Empfang zurückzu-
kehren, Sie ein wenig mehr auf Ihre Besserung achten läßt. Sie werden
immer gut daran tun, sich recht demütig den Ratschlägen Ihres Beicht-
vaters zu unterwerfen, der den gegenwärtigen Stand Ihrer Seele sieht.
Obgleich ich mir diesen gut vorstellen kann nach dem, was Sie mir in
Ihren Briefen sagen, so kann er doch von mir nicht so genau erkannt
werden wie von ihm, dem Sie Rechenschaft darüber ablegen. Obgleich
Sie nun ein wenig Ihre Kommunionen hinausschieben, meine ich, daß
Sie deswegen nicht in der Häufigkeit Ihrer Beichten nachlassen dürfen,
denn diese zu unterlassen, kann es keinerlei Grund geben; sie werden
Ihnen im Gegenteil von Nutzen sein, um Ihren Geist zu unterwerfen, der
von sich aus nicht die Unterwerfung liebt, um ihn zu demütigen und ihn
besser seine Fehler erkennen zu lassen.
Ich reise nach Lyon, um den dortigen Erzbischof zufriedenzustellen,
der jedenfalls zu mir kommen wollte, wenn ich mich nicht entschlossen
hätte, zu ihm zu reisen. Es ist doch nur recht, daß ich ihm darin zuvor-
komme. Das wird eine ungefähr 14tägige Reise werden, nach der ich
eine andere nach dem Chablais unternehmen will, um im September von
beiden zurück zu sein; ich werde aber hier wieder durchreisen und im-
mer recht froh sein, Ihnen, wenn es mir möglich ist, zu schreiben.
Halten Sie Ihren Geist fest in Gott; lesen Sie, sooft Sie können, aber
wenig auf einmal und mit Andacht. Lieben Sie immer meine Seele, die
der Ihren recht innig zugetan ist. Grüßen Sie Ihren Gemahl auch von
meiner Seite und versichern Sie ihm, daß ich sein Diener bin.
Gesondert antworte ich Ihnen auf beiliegendem Blatt auf Ihre Bitte für
die Witwe, damit Sie – wenn Sie wollen – ihr meine Antwort zeigen
können; ich bin, meine liebe Tochter, unveränderlich ganz der Ihre und
Ihr recht ergebener Diener ...

XVII, 14-15 (1093) 23. Juni 1615.


Gnädige Frau!
Auf Ihre letzte Frage antworte ich kurz, daß ich meine Meinung nicht
geändert habe, seit ich die Anleitung zum frommen Leben schrieb; ich
sehe mich im Gegenteil immer mehr in meinem Empfinden hinsichtlich
IV. D’Autherin 1843 231

des Ertragens von Beleidigungen bestärkt. Die Leidenschaft läßt uns zu-
nächst immer wünschen, uns zu rächen; aber wenn wir ein wenig gottes-
fürchtig sind, wagen wir nicht, es Rache zu nennen, sondern nennen es
Wiedergutmachung.
Diese gute Dame möge mir glauben und dieser Spottlieder wegen kei-
nen Prozeß anfangen, denn das hieße das Übel nur vermehren, statt es zu
ersticken. Niemals kann eine Frau, die eine wirklich begründete Ehre
besitzt, diese verlieren; keiner glaubt diesen unverschämten Verleum-
dungen, noch diesen Spöttern; man hält sie für Bösewichte. Das beste
Mittel, die von ihnen bewirkten Schäden gutzumachen, ist, ihre Zungen,
die deren Werkzeuge sind, zu mißachten und ihnen durch Bescheiden-
heit und Mitleid zu antworten.
Vor allem aber hat es gewiß nicht den Anschein, da der armselige
Verleumder sich dem Urteil der Verwandten unterwirft, die Beleidigung
wieder gutzumachen, soviel an ihm liegt, daß man dann diesen anderen
Weg der Klageführung beschreiten soll, d. h. sich Labyrinthen und Ab-
gründen für Gewissen und Mittel aussetzt. Ich mißbillige nicht, daß er
seinen Fehler bekennen, seine Feindseligkeit bedauern und Vergessen
erbitten soll. Denn wenn er auch von geringem Ansehen ist, so bedeutet
es doch, da er diese Handlung begangen hat, immer ein Licht für die
Unschuld, zu sehen, daß ihre Feinde ihr Ehre erweisen. Viel eher, als
durch einen Prozeß vorzugehen, sollte sie etwas ganz anderes tun. Erst
kürzlich machte ich eine Erfahrung mit der Sinnlosigkeit oder vielmehr
mit dem Schaden von Prozessen bei solchen Gelegenheiten, und zwar
bei einer der tugendhaftesten Damen der Gegend von Macon, der es
überaus schlecht bekam,51 daß sie meinen Rat nicht befolgt hatte, son-
dern dem leidenschaftlichen Drängen ihrer Verwandten nachgab. Glau-
ben Sie mir, meine liebe Tochter, die Ehre der Guten steht unter dem
Schutz Gottes, der wohl manchmal zuläßt, daß sie erschüttert wird, um
uns Geduld üben zu lassen, aber sie nie zugrunderichten läßt und sie
bald wieder aufrichtet.
Gnädige Frau, leben Sie ganz für Gott, um dessentwillen ich Ihr erge-
bener Diener bin.

XX, 169 (1843) Annecy, 3. November 1621.


Ich schreibe Ihnen diese paar Worte ohne einen einzigen Augenblick
an freier Zeit, meine liebe Tochter, nur um Ihr geliebtes Herz innig und
recht herzlich zu grüßen, dem ich unablässig ein ständiges Wachsen in
der hochheiligen Gottesliebe wünsche. Ich möchte gewiß gern Erwäh-
232 IV. Grandmaison 930

nung tun dessen, was Sie mir letztes Mal schrieben, als Sie sich die Mühe
machten, mir Nachricht von sich zu geben; aber es geht leider nicht.
Gott, der in Ihnen das gute Werk Ihres Heiles begonnen hat, wird es
nach seinem gütigen und liebenswerten Willen zu Ende führen und ver-
vollkommnen (Phil 1,6; 2,13). Halten Sie Ihre Seele zu seiner höchsten
Güte erhoben; das ist der unwandelbare Wunsch Ihres sehr ergebenen
Vaters und Dieners ... Bei der ersten sicheren Gelegenheit werde ich
Ihnen neuerlich schreiben.

AN FRAU VON GRANDMAISON

XVI, 95-98 (930) Annecy, gegen Mitte November 1613.


Meine sehr liebe Schwester!
Ich hatte nicht die Freude, Herrn von Rogemont52 zu sehen, aber ich
weiß wohl, daß Sie durch eine drüben verbreitete Schmähschrift gekränkt
worden sind. Ich möchte gern immer Ihre Nöte und Plagen tragen oder
zumindest Ihnen helfen, sie zu ertragen. Da es mir aber die räumliche
Entfernung nicht erlaubt, Ihnen anders zu Hilfe zu kommen, bitte ich
Unseren Herrn, er möge der Schützer Ihres Herzens sein und alle unge-
ordnete Traurigkeit daraus verbannen.
Gewiß bestehen, meine sehr liebe Schwester, die meisten unserer Übel
mehr in der Einbildung als in Wirklichkeit. Glauben Sie denn, daß die
Welt diese Schmähungen glaubt? Es kann sein, daß einige daran Gefal-
len finden und in anderen irgendein Verdacht aufsteigt; aber Sie wissen
doch, wenn unsere Seele gut und in die Hände Unseres Herrn ganz erge-
ben ist, verwehen alle Arten solcher Angriffe im Wind wie Rauch und
entschwinden um so eher, je stärker der Wind ist. Das Übel der Verleum-
dung wird niemals so gut behoben, als wenn wir uns darüber hinwegset-
zen, die Verachtung verachten und durch unsere Festigkeit bezeugen,
daß wir keine Angriffsflächen geben, auch nicht für Spottlieder; denn die
Verleumdung, die nicht Vater noch Mutter hat, die sich zu ihr bekennen
wollen, zeigt, daß sie illegitim ist.
Meine sehr liebe Schwester, ich will Ihnen ein Wort des hl. Gregor an
einen Bischof sagen, der niedergeschlagen war: „Ach“, sagte er, „wenn
Ihr Herz im Himmel wäre, würden die Stürme der Erde es in keiner
Weise erschüttern. Und wer der Welt entsagt hat, dem kann nichts, was
ihm von seiten der Welt zustößt, schaden.“ Werfen Sie sich dem Kruzifix
zu Füßen und sehen Sie, wie sehr Jesus geschmäht wurde; flehen Sie ihn
IV. Grandmaison 930 233

an bei der Sanftmut, mit der er die Schmähungen getragen hat, er möge
Ihnen die Kraft verleihen, diese kleinen Nadelstiche zu ertragen, die
Ihnen als seiner verschworenen Dienerin zuteil wurden. Selig die Ar-
men, denn sie werden reich im Himmel sein und ihnen wird das Reich
gehören (Mt 5,3); und selig die Beschimpften und Verleumdeten, denn
sie werden von Gott geehrt werden. Im übrigen geschieht die jährliche
Überprüfung unserer Seelen wegen der mangelhaften Beichten, die man
dadurch ergänzt, dann, um sich zu einer tieferen Demut anzuregen und
sie zu üben, vor allem aber, um zwar nicht die guten Vorsätze, wohl aber
die guten Entschlüsse zu erneuern, die uns dazu dienen sollen, die Nei-
gungen, Gewohnheiten und anderen Ursachen unserer Verfehlungen zu
heilen, denen wir mehr unterworfen sind. Es ist wohl wahr, daß es zutref-
fender wäre, diese Überprüfung mit jemand zu machen, der bereits die
Generalbeichte abgenommen hat, damit man durch Beobachtung und
Vergleich des vorhergehenden Lebens mit dem darauffolgenden besser
die erforderlichen Entschlüsse fassen kann; das wäre in jeder Weise wün-
schenswerter. Die Seelen aber, die wie Sie nicht diese Gelegenheit ha-
ben, können zu einem anderen Beichtvater gehen, zum taktvollsten und
klügsten, den sie finden können.
Zu Ihrer zweiten Schwierigkeit sage ich Ihnen, meine sehr liebe Toch-
ter, daß Sie in Ihrer Gewissenserforschung weder die Zahl noch die ge-
naueren Umstände Ihrer Fehler besonders anzuführen brauchen. Es ge-
nügt, im großen zu sagen, welches Ihre Hauptverfehlungen und welches
Ihre besonderen seelischen Fehlanlagen sind; nicht, wie oft Sie gefallen,
wohl aber, ob Sie dem Übel stark unterworfen und hingegeben sind.
Zum Beispiel: Sie sollen nicht nachforschen, wie oft Sie in Zorn geraten
sind, denn da hätten Sie vielleicht zuviel zu tun; sondern Sie sollen ein-
fach sagen, ob Sie leicht in diesen Fehler fallen, und wenn Ihnen dies
zustößt, ob Sie lange darin bleiben, ob mit viel Bitterkeit und Heftigkeit,
und schließlich, welche Anlässe Sie am meisten dazu verleiten; ob Spiel,
Hochmut oder Stolz, Melancholie oder Halsstarrigkeit. Dies soll nur ein
Beispiel sein. So werden Sie in kurzer Zeit Ihren kleinen Überblick
abgeschlossen haben, ohne weder Ihr Gedächtnis, noch Ihre Zeit allzu-
sehr zu beanspruchen.
Was Ihre dritte Schwierigkeit betrifft, so wären einige schwere Sünden,
sofern sie nicht in der Absicht geschahen, darin zu verharren, und auch
nicht zu einem Einschlafen im Übel führten, kein Hindernis für einen
Fortschritt in der Hingabe an Gott. – Wenn man diese auch bei schwerer
Sünde verliert, so gewinnt man sie doch wieder beim ersten wahrhaften
234 IV. Grandmaison 1289, 1365

Bereuen seiner Sünde, vorausgesetzt, daß man nicht lange in diesem Übel
verharrte.
Deshalb sind diese jährlichen Überblicke überaus heilsam für Seelen,
die noch ein wenig schwach sind. Denn wenn auch die ersten Entschlüsse
sie noch nicht völlig gefestigt haben, werden die zweiten und dritten es
mehr tun, und zuletzt bleibt man – wenn man seine Entschlüsse oft er-
neuert – dann ganz entschlossen. Sie dürfen keineswegs den Mut verlie-
ren, sondern müssen Ihre Schwäche mit heiliger Demut betrachten, sich
ihrer anklagen, um Verzeihung bitten und die Hilfe des Himmels anfle-
hen ...

XVII, 358 (1289) Grenoble, Ende März 1617.


Ich stehe im Begriff abzureisen, meine sehr liebe Tochter, und bin
deshalb in Eile; nehmen Sie bitte in Anbetracht dessen meine paar Zei-
len hin, als ob es viele wären. Glauben Sie mir bitte, daß Ihre liebe Seele
niemals mehr geliebt werden kann, als sie es von der meinen wird.
Aber was erzählt man mir von Ihnen? Daß Sie trotz Ihrer Schwanger-
schaft fasten und Ihrer Leibesfrucht die Nahrung vorenthalten, die Sie
als Mutter brauchen, um ihr das geben zu können, dessen sie bedarf. Tun
Sie das bitte nicht mehr und unterwerfen Sie sich den Anordnungen der
Ärzte, nähren Sie unbedenklich Ihren Leib im Hinblick auf das Kind,
das Sie tragen. Es wird Ihnen nicht an Abtötung für das Herz mangeln;
das ist das einzige Opfer, das Gott von Ihnen wünscht.
O mein Gott, meine liebe Tochter, wieviele große Seelen habe ich hier
im Dienst Gottes gefunden!53 Seine Güte sei dafür gepriesen! Und Sie
sind mit ihnen verbunden, da Sie doch die gleichen Wünsche hegen.
Leben Sie ganz in Gott, meine liebe Tochter, und beten Sie auch wei-
terhin für Ihren recht ergebenen Bruder und Diener ...

XVIII, 103f (1365)54 Belley, 5. Oktober 1617.


Ich kann Ihnen sagen, gnädige Frau, meine sehr liebe Schwester, daß
ich dieses ganze Jahr unter den Toten gelebt habe; denn außer einer
Anzahl von Freunden und Verwandten, die ich für diese Welt verloren
habe, sah ich innerhalb von drei Monaten meinen Bruder, seinen einzi-
gen Sohn und seine Frau dahinscheiden, die ich über alles liebte. Gott sei
Dank aber ist das alles zu ihrem Heil geschehen; denn mein Bruder, der
in den Dienst Seiner Hoheit als Soldat gezogen ist, starb dort wie ein
Ordensmann; sein Sohn ist in Unschuld dahingegangen und seine Frau
IV. Eine Dame 852 235

als Heilige, nachdem sie das Ordenskleid der Heimsuchung erbeten und
erhalten und auf dem Totenbett ihre Gelübde abgelegt hatte. Alles in
allem, meine sehr liebe Schwester, meine Tochter, war dies eben der
Wille Gottes, dem sich unser Wille ganz unterwerfen soll.
Und da sehe ich nun, daß binnen weniger Tage Ihr gutes Gemüt einen
ähnlichen Schlag erleiden wird; denn ich sah gestern unsere gute Mut-
ter55 und fand sie an der Grenze dieses sterblichen Lebens, wohin ihre
Krankheit und hauptsächlich ihr Alter sie gebracht haben. Meiner Mei-
nung nach kann sie – so langsam sie auch dahinsiechen mag – nicht mehr
lange brauchen, es zu beendigen. Sie müssen also, meine sehr liebe Schwe-
ster, Ihr Herz recht fest halten, damit es unter diesem Schlag nicht schwan-
ke, sondern, mit der göttlichen Vorsehung verhaftet, nach den ersten
unvermeidlichen Schmerzensausbrüchen ergeben in Frieden bleibe und
mit heiliger Hoffnung die Zeit erwarte, in der wir, in gleicher Weise
dahingehend, jene wiedersehen werden, die uns vorausgehen. Meine sehr
liebe Schwester, wir müssen Gott danken, der uns diese Mutter so lange
belassen hat, und es wäre unvernünftig, wenn wir schlecht fänden, daß er
sie uns nimmt, geschieht es doch, um ihr ein besseres Leben zu schenken.
Ich weiß, daß Sie diesen Kummer zu Füßen des Kreuzes Unseres Herrn
ausweinen werden, wo alle unsere Bitterkeiten sich mildern. Darum habe
ich Ihnen nichts mehr zu sagen, als daß ich niemals aufhören werde,
tausend und abertausend Segnungen zu wünschen Ihrer lieben Seele, die
ich von ganzem Herzen liebe, bin ich doch immerdar, meine sehr liebe
Frau Schwester, Ihr recht ergebener Bruder und Diener ...

AN EINE DAME

XV, 346-347 (852)56 Annecy, (Ende Januar oder Februar 1613).


Ich wußte wirklich nicht, meine sehr liebe Tochter, daß die Trauer so
heftig Ihr Herz bedrückt hatte; als ich es aber erfuhr, hätte ich gern den
Entschluß gefaßt, Ihnen mein Herz zu bringen und mit ihm alle Tröstun-
gen, mit denen es zu beschenken Gott gefallen hätte. Gott sei gelobt, daß
Sie sich nun in die Fügungen der göttlichen Vorsehung hineinfinden.
Meine sehr liebe Tochter, erweitern Sie oft Ihr Blickfeld bis zum Him-
mel und sehen Sie doch, daß dieses Leben nur ein Übergang zu dem da
oben ist; vier oder fünf Monate Abwesenheit werden bald vorüber sein.
Unsere Gepflogenheit und unsere Sinne, die damit beschäftigt sind, die-
se Welt und ihr Leben zu sehen und hochzuschätzen, lassen uns zu stark
236 IV. Unbekannt 892 – De Murat 919

empfinden, was uns hier zuwider ist. Das Licht unseres Glaubens soll
uns aber helfen, dieses Fehlerhafte immer wieder zu meistern. Es wird
uns dann jene sehr glücklich schätzen lassen, die in Kürze ihre Reise
vollendet haben. Bei solch großen Gelegenheiten müssen wir, meine
sehr liebe Tochter, die Größe unserer Treue sehen lassen. Selig jene, die
niemals etwas von dem verloren zu haben meinen, was Gott in seiner
Gnade aufgenommen hat.
Ich werde tun, was Sie mir sagen. Leben Sie ganz für Gott, meine sehr
liebe Tochter, und glauben Sie, daß ich Ihr sehr ergebener und sehr zuge-
neigter Diener bin.

AN EINE UNBEKANNTE PERSON

XVI, 34-35 (892) Annecy, 18.-20. Juni 1613.


... Frau von Chantal übergab am Samstag den Leib der armen lieben
kleinen Schwester Roget57 der Erde, dieser so lieben, so tugendhaften
und in ihrer Kongregation so sehr geliebten Schwester, deren Geist – wie
ich glaube – an ihrem Todestage bereits in den Himmel aufgenommen
wurde, denn sie war eine kleine, ganz reine Seele. Ich spendete ihr die
Sterbesakramente, hatte aber nicht den Trost, sie ihren Geist aufgeben zu
sehen; denn gewiß hätte ich voll Liebe die letzten Seufzer dieser ersten
meiner Töchter entgegengenommen, die in den Himmel vorangegangen
ist, um zu sehen, was Gott den anderen vorbereitet. Ich bitte Sie, für sie
zu beten, obgleich ich glaube, daß sie für uns betet ...

AN FRAU DE MURAT DE LA CROIX

XVI, 78-80 (919) Annecy, 28. September 1613.


Mein Gott, wie trügerisch ist doch dieses Leben, meine sehr liebe Cou-
sine, und wie kurz sind seine Freuden! In einem Augenblick tauchen sie
auf, der nächste raubt sie uns wieder, und wäre nicht die heilige Ewig-
keit, in die alle unsere Tage münden, dann hätten wir wohl recht, uns
über unser menschliches Los zu beklagen.
Sie sollen wissen, meine liebe Cousine, daß ich Ihnen mit einem von
Trauer über den erlittenen Verlust erfüllten Herzen schreibe, mehr aber
noch, weil ich mir lebhaft den Schlag vorstellen kann, den Ihr Herz
erhält, wenn es die traurige Nachricht von Ihrer so plötzlichen, unerwar-
IV. Eine Dame 939 237

teten und beklagenswerten Witwenschaft erfährt! Wenn die große Zahl


der an Ihrem Leid Teilnehmenden dessen Bitterkeit mildern könnte,
bliebe Ihnen bald kaum etwas davon. Denn es gibt wohl keinen, der
diesen tapferen Edelmann kannte, ohne dessen Tod beim Wissen um
seine Verdienste schmerzlich zu empfinden.
Aber all dies, meine liebe Cousine, kann Sie erst nach Abklingen Ihres
heftigsten Schmerzes erleichtern, während dessen Dauer Gott Ihrem Geist
beistehen, ihm Zuflucht und Halt sein muß. Diese allerhöchste Güte
wird sich Ihnen zweifellos zuneigen, meine liebe Cousine, und in Ihr
Herz kommen, um ihm zu helfen und ihm in diesem Leid beizustehen,
wenn Sie sich in seine Arme werfen und sich in seine väterlichen Hände
ergeben. Gott hat Ihnen diesen Gatten gegeben, meine sehr liebe Cousi-
ne, und er hat ihn wieder weg- und zu sich genommen (Ijob 1,21). Er ist
also verpflichtet, Ihnen gnädig zu sein in dem Leid, verursacht durch die
Liebe zu Ihrem Mann, die er Ihnen für die Ehe geschenkt hat, so daß Sie
es jetzt so schwer empfinden, seiner beraubt zu sein.
Das ist eigentlich alles, was ich Ihnen sagen kann. Unsere Natur ist so
beschaffen, daß wir zur unvorhergesehenen Stunde sterben und dieser
Tatsache nicht entrinnen können. Darum müssen wir uns darin in Ge-
duld fassen und unseren Verstand gebrauchen, um das Übel zu mildern,
das wir nicht verhindern können, und dann Gott und seine Ewigkeit
betrachten, in der uns alles Verlorene wiedergegeben und unsere Ge-
meinschaft wiederhergestellt wird, die der Tod trennte.
Gott und Ihr Schutzengel mögen Ihnen jeden heiligen Trost eingeben,
meine sehr liebe Cousine. Darum will ich seine göttliche Majestät anfle-
hen und mehrere heilige Messen zum Seelenfrieden des teuren Verstor-
benen beitragen. Gern biete ich ihnen an, alles zu tun, womit ich Ihnen
dienen kann, soweit es in meiner Macht steht, ohne irgendetwas auszu-
nehmen, denn ich bin und will kräftiger denn je meine Entschlossenheit
ausdrücken, meine sehr liebe Cousine, Ihr recht ergebener und von Her-
zen Ihnen zugetaner Cousin und Diener zu sein ...

AN EINE DAME

XVI, 119-120 (939) Annecy, 24. oder 25. Dezember 1613.


Was liegt denn Ihrer Seele daran, meine sehr liebe Tochter, ob ich ihr
so oder so schreibe, da sie doch nichts verlangt als eine Auskunft über
meine schwache Gesundheit. Ich verdiene zwar nicht, daß man auch nur
im geringsten daran denkt. Ich will Ihnen aber doch sagen, daß sie – dank
238 IV. Rochefort 2034

Unserem Herrn – gut ist und daß ich hoffe, sie werde mir an diesen
schönen Festtagen helfen, predigen zu können, wie es ja im ganzen Ad-
vent geschehen ist, und daß wir das Jahr in dieser Weise beenden, um ein
neues zu beginnen.
O Gott, meine liebe Tochter, die Jahre gehen dahin, sie reihen sich so
unmerklich eines nach dem anderen zu einer Kette, und indem sie ihre
Dauer ablaufen, wickeln sie auch unser sterbliches Leben ab und been-
den unsere Tage, da sie selbst zu Ende gehen. O wie unvergleichlich
liebenswerter ist doch die Ewigkeit, da ihre Dauer kein Ende nimmt und
ihre Tage ohne Nacht sind (Offb 21,25; 22,5)! Meine sehr liebe Tochter,
möchten Sie doch dieses wunderbare Gut der heiligen Ewigkeit einst in
einem so hohen Grad besitzen, wie ich es Ihnen wünsche. Welche Selig-
keit wäre das für meine Seele, wenn Gott ihr diese Barmherzigkeit er-
wiese und sie dieses Glück schauen ließe! Aber in der Erwartung, Unse-
ren Herrn verherrlicht zu sehen, sehen wir ihn doch jetzt ganz erniedrigt
in seiner kleinen Wiege mit den Augen des Glaubens.
Gott sei immerdar inmitten Ihres Herzens, meine sehr liebe Tochter.
Amen. Es lebe Jesus!

AN DEN BARON PROSPER DE ROCHEFORT

XXI, 111-113 (2034)58 Annecy, 20. Januar 1614.


Vergleiche ich die Gefühle, die Sie über den Tod Ihres Sohnes hatten,
mit meinem Mitfühlen, so stelle ich mir vor, daß Ihr Schmerz übergroß
war. Ich denke an die Freude, mit der Sie neulich über dieses Kind zu
mir sprachen; damals erfaßte mich ein großes Mitgefühl, wenn ich mir
vorstellte, wie schmerzlich Sie die Nachricht von seinem Hinscheiden
berühren würde; dennoch wagte ich nicht, Ihnen mein Beileid auszudrü-
cken, wußte ich doch nicht, ob die Todesnachricht sicher, noch ob sie
Ihnen mitgeteilt wurde. Nun komme ich zu spät, um etwas zum Trost
Ihres Herzens beizutragen. Ich bin dessen gewiß, daß es bereits Erleich-
terung in seinem Schmerz gefunden hat, in den dieses große Leid es
gedrängt hat. Sie haben gewiß erwogen, daß dieses teure Kind Gott mehr
gehört als Ihnen, daß Sie es von seiner allerhöchsten Hochherzigkeit nur
als Leihgabe empfangen haben. Wenn seine Vorsehung es für recht ge-
funden hat, es wieder zu sich zurückzuholen, so muß man glauben, daß
sie es seinem Wohl zuliebe getan hat, dem ein so liebender Vater wie Sie
sich demütig beugen soll. Unsere Zeit ist nicht so angenehm, daß die,
IV. Chabod 993 239

welche ihr entrinnen, viel beklagt werden sollen; darum scheint es mir,
daß dieser Sohn an sich so viel gewonnen hat, da er daraus schied, beina-
he bevor er so recht darin angekommen war.
Das Wort „Tod“ ist erschreckend, wie man es vorbringt, man sagt: Ihr
teurer Vater ist gestorben, und: Ihr Sohn ist tot. Das ist aber keine richti-
ge Rede unter uns Christen, denn man müßte doch sagen: Ihr Sohn oder
Ihr Vater ist heimgegangen in seine und Ihre Heimat; und weil es so sein
mußte, ist er durch den Tod durchgegangen, in ihm aber nicht verblie-
ben. Ich weiß wirklich nicht, wie wir diese Welt guten Gewissens als
unsere Heimat ansehen können, in der wir doch nur so kurz weilen im
Vergleich zum Himmel, in dem wir ewig sein sollen. Auch wir gehen
dahin und sind der Gegenwart unserer treuen Freunde dort oben mehr
sicher als unserer Freunde hier unten; denn jene erwarten uns und wir
gehen zu ihnen; diese hier aber lassen uns gehen und verzögern ihr Blei-
ben nach uns möglichst lange, und wenn sie wie wir gehen, geschieht es
gegen ihren Willen.
Wenn wegen des Fortgehens dieser lieben Seele noch irgendein Rest
von Traurigkeit Ihren Geist bedrängt, dann werfen Sie Ihr Herz Unse-
rem gekreuzigten Herrn zu Füßen und bitten ihn um seinen Beistand. Er
wird Ihnen diesen zuteil werden lassen und Ihnen den Gedanken und
den festen Entschluß eingeben, sich selbst gut vorzubereiten, damit Sie
selbst zur festgesetzten Stunde diesen erschreckenden Durchgang so voll-
ziehen, daß Sie glücklich an dem Ort anlangen, wo, wie wir hoffen sollen,
unser armer, aber glückselig Verstorbener bereits weilt.
Wenn meine ständigen Wünsche erhört werden, wird Ihnen alles hei-
lige Wohlergehen zuteil werden; denn ich liebe und schätze Ihr Herz
von meinem ganzen Herzen und nenne und weihe mich Ihnen bei die-
ser, wie bei jeder anderen Gelegenheit als Ihr ergebener, sehr gehorsa-
mer Diener ...

AN WILHELM-FRANZ VON CHABOD, HERRN VON JACOB

XVI, 214-215 (993)59 Annecy, um den 20. August 1614.


Ich freue mich über Ihre glückliche Heimkehr, doch wäre die Freude
vollkommen gewesen für Sie, für alle Guten und auch für mich, wenn Ihr
heiliger Eifer den Erfolg gehabt hätte, den Ihre Leistungen verdienten.
Aber so ist diese Zeit eben beschaffen, daß Gutes und Wünschenswertes
nur unter vielfachen Leiden jener zustandekommt, die es unternehmen,
240 IV. Eine Dame 1068

und daß im Gegenteil das Böse ohne Pflege durch die diesem Zeitalter
eigene Bosheit Fortschritte macht.
Wie glücklich werden Sie sein, mein Herr, wenn Sie für den Rest Ihrer
Tage, deren Zahl ich Ihnen groß und gut wünsche, Ihre Seele näher auf
ihren Ursprung ausrichten in der Ruhe eines hier im Vergleich zu Paris
und zum Hof beinahe einsamen Lebens. Ich hoffe, daß der Sommer nicht
vorbeigehen wird, ohne daß ich die Freude haben werde, einige Zeit bei
Ihnen zu sein, wo wir uns ausführlicher über dieses ernste Thema unter-
halten können. Wenn die vielfachen Aufgaben meines Amtes und meine
besonderen, wenn auch nicht häuslichen Angelegenheiten mir erlaub-
ten, nach meinem Belieben dort zu sein, wo ich sein möchte, würde ich
mich oft von Zeit zu Zeit bei Ihnen einfinden. Wo ich aber auch sein
mag, haben Sie, geehrter Herr, an mir Ihren ergebenen, Ihnen sehr von
Herzen zugetanen Diener ...

AN EINE DAME

XVI, 349-350 (1068)60 Annecy, 26. April 1615.


Gnädige Frau!
Ich habe von Ihrer Krankheit gewußt und nicht vergessen, meine Pflicht
einer so teuren Tochter gegenüber zu erfüllen. Wenn Gott meine Gebete
erhört hat, werden Sie sich mit einer viel kräftigeren Gesundheit, vor
allem aber mit größerer Heiligkeit wieder erheben. Denn oft geht man
aus solchen Vorkommnissen mit einem doppelten Gewinn hervor, da
das Fieber als eine aus der Hand Gottes stammende Heimsuchung dem
Körper die schlechten Säfte entzieht und die des Herzens läutert.
Ich nenne Sie jetzt sicher nicht heilig, wenn ich von einem Gewinn an
Heiligkeit bei Ihnen spreche; nein gewiß nicht, meine sehr liebe Tochter,
denn es ziemt meinem Herzen nicht, dem Ihren zu schmeicheln. Aber
wenn Sie auch nicht heilig sind, sind doch Ihre guten Wünsche heilig, das
weiß ich wohl und ich wünsche, sie möchten so groß werden, daß sie sich
schließlich zur vollkommenen Frömmigkeit, Sanftmut, Geduld und
Demut wandeln. Erfüllen Sie Ihr ganzes Herz mit Mut und Ihren Mut
mit Vertrauen auf Gott; denn Er, der Ihnen die ersten Lockungen zu
seiner heiligen Liebe gegeben hat, wird Sie niemals verlassen, wenn Sie
ihn niemals verlassen. Um dies bitte ich ihn von ganzem Herzen und bin
immer Ihr sehr ergebener Diener, meine sehr liebe Tochter, wie auch der
ihres Herrn Gemahls, den ich soeben sehen durfte.
IV. Ruans 1091, 1753 241

AN FRAU VON RUANS

XVII, 11 (1091) Annecy, 21. Juni 1615.


61
Gnädige Frau!
Ich danke Ihnen für das Vertrauen, das Sie in mich setzen, der ich Sie
umgekehrt mit einer ganz besonderen Zuneigung lieb habe und nicht
aufhöre, Ihnen die wahren Tröstungen des Heiligen Geistes inmitten der
Drangsale zu wünschen, mit denen seine Güte Sie heimsucht, um Sie in
der Demut und Geduld zu üben. Ich schreibe Ihnen in Eile, aber nicht
ohne den starken Wunsch, Ihnen dienlich sein zu können.
Wenn das Buch, von dem Sie mir schreiben,62 gedruckt ist, was nicht
vor zwei Monaten der Fall sein wird, werden Sie ein Exemplar davon
erhalten, so Gott will, den ich indessen bitte, selbst das Buch Ihres Her-
zens sein zu wollen, aus dem Sie lesen und lernen sollen, ganz sein hoch-
heiliges Kreuz zu lieben, an dem er Sie teilhaben läßt.
Ich bin nach all meinem Vermögen, meine liebe Tochter, Ihr sehr erge-
bener Diener ...

XX, 14-15 (1753) Annecy, Januar 1621.


Meine liebe Tochter, ich halte Sie für wirklich bedauernswert, da ich
Sie von so vielen Leiden heimgesucht sehe. Sie wären aber noch mehr
bemitleidenswert, wenn Gott Sie nicht mit seiner hochheiligen Hand in
dem Entschluß festhielte, den er Ihnen eingegeben hat, nämlich immer
ganz die Seine zu sein. Denn ohne ihn wäre Ihre Seele nicht nur erschüt-
tert, meine liebe Tochter, sondern unter dem Ansturm so vieler Widrig-
keiten ganz untergegangen und die Wogen der Heimsuchung hätten Sie
bereits unter ihren Wellen begraben.
Sie leben aber, meine liebe Tochter, Sie bestehen weiterhin, halten
durch und nehmen beständig all diese Unglücksfälle auf sich. Durch
diese Erprobung erkennt Gott Sie als seine rechtmäßige Tochter an. Sei-
ne göttliche Majestät wohnt gern im Dornenstrauch (Ex 3,2) Ihres von
Ägypten umgebenen Herzens und besonders jetzt, da das Feuer, das Ihr
Haus verzehrt hat, doch nicht Ihre Geduld aufgebraucht oder in Asche
gelegt hat. Bleiben Sie so, meine liebe Tochter; legen Sie Ihre Sorge auf
die Vorsehung Ihres Erlösers, er wird Sie wieder aufheben und durch
seine Macht tragen.
Indessen danke ich Ihnen für Ihre Mitteilung über Ihren Kummer;
denn, obgleich dieser Kummer mich bekümmert, da er ein Herz betrifft,
242 IV. Ruans 1761 – Eine Dame 1176

das ich sehr liebe, so tröstet er mich doch auch wieder, weil er ein Herz
vollkommen macht, dem ich jede heilige Vollkommenheit wünsche und
dem ich wahrhaftig bin, meine liebe Tochter, Ihr sehr ergebener und
wohlgeneigter Diener ...

XX, 23f (1761) Annecy, 8. Februar 1621.


Da haben wir also viele Feuer, meine liebe Tochter: das Fieber, das wie
ein Feuer Ihren Leib in Flammen setzt; das Feuer, das wie ein Fieber Ihr
Haus verbrennt; aber ich hoffe, daß das Feuer der himmlischen Liebe so
sehr von Ihrem Herzen Besitz ergriffen hat, daß Sie in all diesen Ereig-
nissen sagen: „Der Herr hat mir meine Gesundheit und mein Haus ge-
nommen; wie es dem Herrn gefallen hat, hat er getan, sein heiliger Name
sei gelobt“ (Ijob 1,21). Es ist wohl wahr, das macht uns arm und setzt uns
sehr zu. Es ist gewiß wahr, meine liebe Tochter, aber selig die Armen,
denn ihrer ist das Himmelreich (Mt 5,3). Sie sollen das Leiden und die
Geduld Ijobs vor Augen haben und diesen großen Fürsten auf dem Dün-
gerhaufen betrachten (Ijob 2,8); er hatte Geduld und am Ende verdop-
pelte Gott seine zeitlichen Güter und vergalt ihm hundertfach mit den
ewigen.
Sie sind Tochter des gekeuzigten Jesus Christus; ist es da zu verwun-
dern, wenn Sie an seinem Kreuz teilhaben? „Ich habe geschwiegen“,
sagte David (Ps 39,10), „und habe nicht meinen Mund aufgetan, denn
Du, o Herr, hast dies getan.“ O durch wieviel beschwerliche Vorkomm-
nisse hindurch gehen wir doch in diese heilige Ewigkeit! Werfen Sie so
recht Ihr Vertrauen und Ihre Gedanken auf Gott; er wird Sorge um Sie
tragen (Ps 55,23; 1 Petr 5,7) und Ihnen seine gnädige Hand entgegen-
strecken (Ijob 14,15).
Darum bitte ich ihn von ganzem Herzen, und daß er Sie in dem Maße,
als er Ihnen Heimsuchungen schickt, auch stärke, diese in seiner heili-
gen Hut auch recht zu ertragen.

AN EINE DAME

XVII, 166-169 (1176) Annecy, 5. März 1616.


Denken Sie bitte nicht, meine liebe Nichte,63 meine Tochter, daß ich
aus Mangel an Gedanken oder an Zuneigung so lange gesäumt habe,
Ihnen zu schreiben. Denn in Wahrheit hat der gute Wille, den ich in Ihrer
IV. Eine Dame 1176 243

Seele gesehen habe, Gott recht treu dienen zu wollen, in meiner Seele
den übermächtigen Wunsch geweckt, Ihnen nach all meinem Vermögen
beistehen und helfen zu wollen, ganz abgesehen von meiner Verpflich-
tung Ihnen gegenüber und der Neigung, die ich immer für Ihr Herz ge-
hegt habe, auf Grund der guten Meinung, die ich seit Ihrer zartesten
Jugend von ihm habe.
Doch muß man dieses geliebte Herz sorgsamst pflegen, meine liebe
Nichte, und nichts unterlassen, was seinem Glück nützlich sein könnte;
und wenn sich dies auch jederzeit machen läßt, so ist doch die Zeit, in der
Sie jetzt stehen, die geeignetste dafür. Welch seltene Gnade ist es doch,
meine liebe Tochter, damit anzufangen, diesem großen Gott zu dienen,
solange das jugendliche Alter uns aufnahmefähig für alle Arten von Ein-
drücken macht, und wie wohlgefällig ist die Opfergabe, bei der man die
Blüten mit den ersten Früchten des Baumes schenkt.
Halten Sie immer die Entschlüsse inmitten Ihres Herzens fest auf-
recht, die Gott Ihnen schenkte, als Sie mit mir vor ihm standen;64 denn
wenn Sie diese im ganzen sterblichen Leben bewahren, werden diese Sie
wiederum im ewigen bewahren. Um sie aber nicht bloß zu bewahren,
sondern auch noch glücklich zunehmen zu lassen, bedürfen Sie keiner
anderen Ratschläge als derer, die ich der „Philothea“ im Buch der „An-
leitung“ gegeben habe, das Sie besitzen; trotzdem will ich aber, um Ih-
nen diesen Gefallen zu tun, mit wenigen Worten klarlegen, was ich haupt-
sächlich von Ihnen wünsche.
1. Beichten Sie alle vierzehn Tage, um das göttliche Sakrament der
Kommunion zu empfangen, und gehen Sie niemals weder zu dem einen
noch dem anderen dieser himmlischen Geheimnisse ohne den neuen
und festen Entschluß, sich immer mehr von Ihren Unvollkommenheiten
bessern zu wollen und mit einer immer größeren Reinheit und Vollkom-
menheit des Herzens zu leben. Ich sage damit nicht, daß Sie nicht alle
acht Tage kommunizieren könnten, wenn Sie dies aus heiligem Eifer tun
wollen, vor allem, wenn Sie bemerken, daß durch dieses heilige Geheim-
nis bedauerliche Neigungen und Unvollkommenheiten Ihres Lebens
abnehmen; ich habe Ihnen aber diese vierzehntägige Frist angegeben,
damit Sie es nicht länger hinausschieben.
2. Verrichten Sie Ihre geistlichen Übungen kurz und innig, damit Ihr
Naturell Ihnen nicht aus Angst vor ihrer Länge Schwierigkeiten bereite
und damit es sich nach und nach mit diesen Akten der Frömmigkeit
vertraut mache. So sollen Sie z. B. ausnahmslos jeden Morgen die Mor-
genübung verrichten, die in der „Anleitung“ angegeben ist. Damit Sie
244 IV. Eine Dame 1176

dies kurz machen können, dürfen Sie, während Sie sich ankleiden, Gott
durch Stoßgebete danken, daß er Sie diese Nacht bewahrt hat, und auch
den zweiten und dritten Punkt durchnehmen, nicht nur während des
Ankleidens, sondern auch im Bett oder sonstwo, ohne Unterschied des
Ortes oder irgendwelcher Handlungen. Dann, sobald Sie es können, knien
Sie nieder und nehmen Sie den vierten Punkt auf, wobei Sie mit folgen-
dem Herzensruf beginnen: „O Herr, sieh dieses arme und elende Herz.“
Dasselbe sage ich von der Gewissenserforschung, die Sie am Abend ver-
richten können, wenn Sie sich zurückziehen, wo immer Sie sich befin-
den mögen, sofern Sie nur den dritten und vierten Punkt kniend verrich-
ten, wenn nicht eine Krankheit Sie daran hindert.
In der Kirche hören Sie die Messe in der Haltung einer wahren Tochter
Gottes und gehen Sie lieber aus der Kirche und ziehen Sie sich zurück,
als daß Sie in dieser Ehrfurcht nachlassen.
3. Lernen Sie oft Stoßgebete und Herzenserhebungen verrichten.
4. Bemühen Sie sich, zu jedermann gütig und freundlich zu sein, vor
allem aber im eigenen Haus.
5. Die bei Ihnen verteilten Almosen sollen auch – wenn möglich – stets
von Ihnen selbst ausgegeben werden; denn es ist tugendhafter, Almosen
eigenhändig zu spenden, wenn es sich leicht machen läßt.
6. Besuchen Sie gern die Kranken Ihres Ortes; ist dies doch eines der
Werke, auf die Unser Herr am Tag des Gerichtes besonders schauen
wird (Mt 25,36).
7. Lesen Sie alle Tage ein bis zwei Seiten eines geistlichen Buches, um
sich in der Freude daran und für die Frömmigkeit wachzuhalten; an
Festtagen etwas mehr, was Ihnen die Predigt ersetzen wird.
8. Ehren Sie weiterhin sehr Ihren Schwiegervater, weil Gott es so will,
hat er Ihnen diesen doch als zweiten Vater gegeben; und lieben Sie Ihren
Gatten herzlich, schenken Sie ihm mit liebevoller und einfacher Hinga-
be jede Freude, die Sie ihm bereiten können. Ertragen Sie ruhig die
Unvollkommenheiten von wem immer, vor allem von den in Ihrem
Haushalt lebenden Personen.
Ich sehe nichts, was ich Ihnen für den Augenblick noch sagen könnte,
außer daß Sie mir, wenn wir uns wiedersehen, berichten werden, wie Sie
sich auf diesem Weg der Frömmigkeit verhalten haben. Wenn dann et-
was zusätzlich gesagt werden muß, werde ich es tun. Leben Sie also,
meine liebe Tochter, meine Nichte, ganz freudig in Gott und für Gott
und glauben Sie mir, daß ich Sie recht innig liebe und immerdar bin,
gnädige Frau, Ihr recht ergebener Onkel und Diener ...
IV. Guillet de Monthoux 1254 245

AN FRAU GUILLET DE MONTHOUX

XVII, 305 (1254)65 Annecy, 10. November 1616.


Wenngleich ich so spät auf Ihren Brief antworte, meine sehr liebe Toch-
ter, schreibe ich Ihnen noch immer nicht so viel, wie ich möchte. Da
stehen Sie also jetzt mitten im Haushalt, das ist nun Ihre Aufgabe. Sie
müssen das sein, was Sie sind: Familienmutter, da Sie Mann und Kinder
haben, und das sollen Sie gern sein und mit Liebe zu Gott, ja aus Liebe zu
Gott, wie ich klar genug der Philothea66 sage, und ohne Hast und Unru-
he, soweit es möglich ist.
Ich weiß wohl, liebe Tochter, daß so etwas schwierig ist: Sorge für
einen Haushalt in einem Haus zu tragen, wo noch Vater und Mutter
leben. Ich habe noch nirgends gesehen, daß Väter – und vor allem Mütter
– die ganze Leitung des Haushalts den Töchtern überlassen, auch wenn
es manchmal so richtig wäre. Ich rate Ihnen, so sanftmütig und klug, als
Sie nur können, das zu tun, was man Ihnen empfiehlt, ohne jemals den
Frieden mit Vater67 und Mutter68 zu brechen. Es ist besser, wenn die
Dinge nicht so gut geraten, die Menschen aber zufrieden sind, gegen die
man so viele Pflichten hat. Und wenn ich mich nicht täusche, ist doch Ihr
Gemüt gar nicht auf Streit eingestellt. Der Friede ist mehr wert als Reich-
tum. Was Ihrer Ansicht nach mit Liebe getan werden kann, das muß man
tun; was aber nur mit Streitigkeiten erreicht werden kann, soll man blei-
ben lassen, wenn man mit so achtbaren Personen zu tun hat.
Ich zweifle nicht, daß Abneigungen und Widerstreben in Ihrem Geist
auftauchen. Das sind aber ebensoviele Gelegenheiten, meine liebe Toch-
ter, die wahre Tugend der Sanftmut zu üben. Denn was wir jedem schul-
den, soll gut, heilig und liebevoll getan sein, auch wenn es uns gegen den
Strich geht und wir keine Lust dazu haben.
Das ist alles, meine liebe Tochter, was ich Ihnen gegenwärtig sagen
kann. Ich will nur noch hinzufügen, daß ich Sie bitte, fest zu glauben, daß
ich Ihnen mit vollkommener und wahrhaft väterlicher Liebe zugetan
bin, da es Gott so gefallen hat, Ihnen ein so großes und kindliches Ver-
trauen zu mir einzugeben. Fahren Sie also fort, meine liebe Tochter,
mich auch weiterhin herzlich zu lieben.
Verrichten Sie gut Ihre heilige Betrachtung. Werfen Sie oft Ihr Herz in
die Hände Gottes hinein, lassen Sie Ihre Seele in seiner Güte ruhen und
stellen Sie Ihre Sorgen, sowohl um die Reise Ihres lieben Gatten als auch
um die übrigen Angelegenheiten, unter seinen Schutz.69 Tun Sie alles gut,
246 IV. Bellegarde 906

soviel Sie können, und überlassen Sie das übrige Gott, der es früher oder
später je nach der Bestimmung seiner Vorsehung tun wird.
Ich möchte gern wissen, wer diese Pfarrer sind, deretwegen man über
mich und meinen Bruder70 klagt; denn soweit es uns möglich ist, werden
wir aller Unordnung abzuhelfen suchen, wenn eine solche vorliegt. Ich
bin aber recht froh, daß Ihr Pfarrherr ein ehrenhafter und kluger Mann
ist.
Gehören Sie immer ganz Gott an, meine liebe Tochter, und ich bin in
ihm ganz Ihr sehr ergebener Cousin und sehr zugeneigter Diener ...

AN DEN HERZOG ROGER DE BELLEGARDE

XVI, 55-58 (906) Annecy, 24. August 1613.


Sehr geehrter Herr!
Ich habe inmitten all der Müdigkeit und anderer Folgeerscheinungen,
die diese Krankheit hinterlassen hat, dieses Memorandum71 aufgesetzt,
das Sie von mir zu verlangen beliebt haben. Ich habe einen Auszug beifü-
gen wollen, damit Sie ihn bei Ihren Beichten leichter mit sich tragen und
durchsehen können, während die ausführliche Schrift Ihnen als Reserve
verbleibt, damit Sie in Ihren Schwierigkeiten danach greifen und darin
Aufklärung finden können über das, was im Auszug unklar wäre. Das
ganze ist ganz einfach, kunst- und farblos; denn solche Themen brau-
chen das nicht, Einfachheit dient ihnen als Zierde, wie auch bei Gott, der
ihr Urheber ist. Sie werden, geehrter Herr, Spuren meiner Krankheit
darin finden; denn wenn ich dieses kleine Werk bei voller Gesundheit
abgefaßt hätte, hätte ich zweifellos größere Sorgfalt darauf verwendet, es
Ihrer Aufnahme weniger unwürdig zu machen. Ich habe es nicht einmal
selbst niederschreiben können, diejenigen aber, die es schrieben, haben
keinerlei Kenntnis von der ihm zugedachten Verwendung.
Gott sei auf ewig gepriesen für die Güte, deren er sich Ihrer Seele
gegenüber befleißigt, indem er sie so stark zum Entschluß anregt, den
Rest Ihres sterblichen Lebens dem Dienst am ewigen Leben zu weihen;
am ewigen Leben, das nichts anderes ist, als die Gottheit selbst in dem
Maße, als sie unseren Geist mit ihrer Herrlichkeit und Glückseligkeit
beleben wird. Es ist das einzig wahre Leben, um dessentwillen wir allein
in dieser Welt leben sollen, da alles Leben, das nicht in diese lebensvolle
Ewigkeit ausmündet, mehr Tod als Leben ist. Wenn aber Gott Sie so
IV. Bellegarde 906 247

liebevoll angeregt hat, nach der ewigen Herrlichkeit zu streben, hat er


Sie ebensoviel verpflichtet, seine Eingebungen demütig aufzunehmen
und sorgsam in die Tat umzusetzen, um nicht dieser Gnade und Herr-
lichkeit beraubt zu werden. Dies nur nennen zu hören, erfüllt das Herz
mit Entsetzen, sofern dieses nur den geringsten Mut besitzt.
Darum beschwöre ich Sie in der Einfalt meiner Seele, recht achtsam
zu sein, das zu bewahren, was Sie haben, damit Sie „nicht Ihrer Krone
beraubt werden“ (Apg 3,11). Sie sind zweifellos berufen zu einer männ-
lichen, tapferen, mutigen und beständigen Frömmigkeit, um vielen als
Spiegel für die Wahrheit der himmlischen Liebe zu dienen und damit
Ihre früheren Verfehlungen wieder gutzumachen, sofern Sie sich der
Eitelkeit irdischer Liebe hingegeben haben.72
Bitte sehen Sie, wie sehr ich meinen Geist in aller Freiheit um den
Ihren kreisen lasse und wie sehr dieser Vatername mich fortreißt, mit
dem mich zu ehren Ihnen gefallen hat. Ist er doch in mein Herz einge-
drungen und meine Empfindungen sind den Gesetzen der Liebe gefolgt,
die dieser Name verkörpert, der größten, lebendigsten und stärksten Lie-
be, die es gibt.
Kraft dieser Liebe muß ich Sie bitten, eifrig die Übungen zu betreiben,
die ich in den Kapiteln 10, 11, 12 und 13 des zweiten Teiles der Anlei-
tung für den Morgen und Abend, für die geistliche Einkehr und die Stoß-
gebete angebe. Die gute Veranlagung Ihres Geistes und der Ihnen von
Gott verliehene Edelmut werden Ihnen bei dieser Übung sehr zustatten
kommen. Sie wird Ihnen umso leichter fallen, als Sie darauf nur einige
flüchtige Augenblicke zu verwenden brauchen, die Sie bei verschiede-
nen Gelegenheiten hie und da anderen Tätigkeiten entziehen können.
Der zehnte Teil einer Stunde, sogar weniger, wird für den Morgen genü-
gen und ebensoviel für den Abend.73
Wenn Sie doch Ihre Seele liebevoll dazu bringen könnten, mein Herr,
daß sie anstatt des Vorsatzes, ein Jahr hindurch (und ein Jahr hat doch
zwölf Monate) jeden Monat zu kommunizieren, nach Beendigung des
12. Monates einen 13., dann einen 14. und einen 15. anschließen würden
und so von Monat zu Monat weitermachen würden; welches Glück wäre
dies doch für Ihr Herz, das in dem Maße, als es öfter seinen Heiland
empfängt, sich umso vollkommener in ihn umwandeln würde. Und das
ließe sich gut ohne Aufsehen, ohne Beeinträchtigung Ihrer Aufgaben
machen, und ohne daß die Welt irgendetwas dazu zu sagen hätte. Meine
Erfahrung in 25 Jahren, die ich den Seelen diene, hat mich die allmäch-
tige Kraft dieses Sakramentes spüren lassen, das die Herzen im Guten
248 IV. Bellegarde 982

stärkt, vom Bösen befreit, sie tröstet und sie mit einem Wort in dieser
Welt vergöttlicht, sofern es mit entsprechendem Glauben, mit Reinheit
und Hingabe empfangen wird.
Doch damit ist nun genug gesagt. Der göttliche Heiland, Ihr Schutzen-
gel und Ihre Hochherzigkeit werden vollenden, was mein Unvermögen
mir nicht erlaubt, Ihnen vorzuschlagen. So bitte ich Unseren Herrn, er
möge Sie mehr und mehr überströmen lassen von seiner Güte. Ich bin
auf immer, mein Herr, Ihr sehr ergebener und treuer Diener.

XVI, 193-195 (982) Annecy, 31. Juli 1614.


Sehr geehrter Herr!
Ich habe den Brief erhalten, mit dem sich Eure Hoheit herablassen,
mich zu bitten, ich möge Sie von nun ab meinen Sohn nennen.
Obwohl ich so gering bin, will ich es doch tun, und ich denke, daß ich
es tun kann, ohne mich ins Unrecht zu setzen dem gegenüber, was Sie
sind, wenn man in Wahrheit selten ein solches Mißverständnis zwischen
einem so geringen Vater und einem so hochgestellten Sohn sieht. Aber
die Natur selbst, die so weise ist, hat einen gleichen Einzelfall in einer
Pflanze vorgebildet, die die Gärtner gewöhnlich „Sohn vor dem Vater“
nennen, da sie Frucht trägt vor der Blüte. Und dann haben Sie ja, wie ich
denke, nicht meine Person vor Augen, sondern den heiligen Orden, dem
sie angehört, der ja der erste aller Orden74 in der Kirche ist, der Kirche,
der anzugehören Sie die unvergleichliche Ehre und das Glück haben als
lebendes Glied (Eph 5,30), und nicht bloß lebend, sondern, wie Ihre
guten Bestrebungen es zeigen, belebt von der heiligen Liebe, die allein
das Leben unseres Lebens ist.
Ich werde Sie also von nun ab meinen Sohn nennen; da Sie aber meine
ständigen Beteuerungen der Achtung langweilen würden, mit denen ich
diesen Ausdruck der Liebe gebrauchen werde, will ich Ihnen ein für
allemal sagen, daß ich Sie meinen Sohn nennen werde mit zwei verschie-
denen aber übereinstimmenden Gefühlen, mit denen Jakob zwei seiner
Kinder „Kind“ und „Sohn“ nannte. Denn sehen Sie, er nannte seinen
lieben Benjamin seinen Sohn mit einem so von Liebe erfüllten Herzen,
daß man deshalb seither alle von ihren Vätern geliebten Kinder so nann-
te. Seinen teuren Sohn Josef aber, der Vizekönig in Ägypten geworden
war, nannte er seinen Sohn mit einer so von Achtung erfüllten Liebe, daß
dieser großen Ehrerbietung wegen sogar gesagt wird, daß er ihm huldigte
(Gen 47,9). Denn wenn dies auch im Traum geschah, so hatte doch die-
IV. Bellegarde 2036 249

ser große Herr Ägyptens, als er noch Kind war, nicht eine Lüge, sondern
die Wahrheit gesehen, daß sein Vater unter dem Zeichen der Sonne ihm
eine solch tiefe Ehrerbietung erwies, welches die Heilige Schrift als
Huldigung bezeichnet.
In dieser Weise also beteuere ich, Sie meinen Sohn nennen zu wollen:
als meinen Benjamin der Liebe und als meinen Josef der Ehrerbietung.
So wird der Name „Sohn“ von mehr Ehrerbietung, Achtung und Hoch-
schätzung erfüllt sein als die Anrede „mein Herr“, einer Ehrerbietung
aber, die ganz von Liebe durchtränkt ist; eine Mischung, die in meiner
Seele eine angenehme Empfindung verbreitet, die ihresgleichen nicht
hat. Darum werde ich dem Namen „Sohn“ nicht „Herr“ voransetzen,
außer manchmal, weil es dessen nicht bedarf, ist doch der eine Name
vollkommener in dem anderen inbegriffen, als wenn es ausdrücklich
gesagt würde.
Welche Freude ist es mir doch, mein lieber Sohn, wenn ich höre, daß
Sie der Herr mit dem großen Herzen sind, der inmitten dieser nichtigen
Eitelkeiten des Hofes fest im Entschluß seines Herzens verharrt, das
Herz Gottes zufriedenstellen zu wollen! Ach, tun Sie das, mein lieber
Sohn: fahren Sie damit fort, oft zu kommunizieren und die anderen
Übungen zu verrichten, zu denen Gott Sie so oft angeregt hat. Die Welt
glaubt Sie bereits verloren zu haben und zählt Sie nicht mehr zu den
Ihrigen. Sie müssen sich recht davor hüten, daß diese Sie nicht zurückge-
winnt, denn das hieße, daß Sie sich völlig verlieren, wenn Sie sich von
dieser unseligen Welt gewinnen ließen, die Gott verurteilt hat und auf
ewig verurteilen wird. Die Welt wird Sie bewundern und trotz ihres Är-
gers darüber Sie mit Achtung anschauen, wenn Sie inmitten ihrer Palä-
ste, Galerien und Kabinette sorgsam die Regeln der Frömmigkeit be-
wahren, aber einer Frömmigkeit, die ganz weise, ernst, stark, beständig,
edel und ganz liebevoll ist. Mein lieber Sohn, Gott sei immerdar Ihre
Größe und die Welt Ihre Verachtung und ich bin eben der Vater, der Sie
wie seinen Benjamin liebt und wie seinen Josef ehrt.

XXI, 115 (2036) August 1614.


Gewiß, ich will Eure Hoheit von nun an so innig, treulich und ach-
tungsvoll lieben, daß die Verbindung von Kraft, Treue und Achtung die
absoluteste Liebe und Hochschätzung bilden, die Ihnen jemals von ir-
gendeinem Menschen, dem Sie Anlaß dazu gegeben haben, entgegenge-
bracht worden ist; so kann der Titel eines Vaters, mit dem Sie mich
auszeichnen, nicht hoch, mächtig und zärtlich genug sein, um den Eifer
250 IV. Bellegarde 992

auszudrücken, mit dem ich darauf antworte. Gott, in Anbetracht dessen


diese so innige Verbindung ins Leben gerufen wurde, wird sie mit seiner
heiligen Gnade segnen, damit sie fruchtbar sei in der gegenseitigen Freu-
de der Herzen, die gemeinsam, eines durch das andere und eines im
anderen, inmitten dieses sterblichen Lebens nur bestrebt seien, die Ewig-
keit des unsterblichen Lebens zu lieben und zu preisen, in dem allein das
Leben lebt und herrscht, außerhalb dessen alles tot ist. Was will ich im
Himmel und auf Erden (Ps 73,25) für meinen hochgeschätzten Sohn
und für mich, als immerdar von diesem Leben der Kinder Gottes zu
leben? ...

XVI, 212-213 (992) Annecy (August) 1614.


Sehr geehrter Herr!
Es läßt sich gar nicht sagen, mit welchem Eifer meine Seele der Ihren
die Vollkommenheit der Liebe Gottes wünscht. Den besten Beweis da-
für, um diese Leidenschaft zum Ausdruck zu bringen, schenken Sie mir,
sofern man darin etwas Wunderbares versteht, das ich „Wunder“ nennen
würde, wenn ich nicht Gott und Ihrem Gebot zufolge daran mitgewirkt
hätte. Gewöhnlich ist die väterliche Liebe daher so mächtig, weil sie
herabströmt wie ein Fluß, dessen Quelle am Berghang entspringt; in
unserem Fall aber steigt meine Liebe, die meiner Kleinheit entspringt,
zu Ihrer Größe empor, gewinnt im Ansteigen an Kraft und beschleunigt
im Emporstreben ihre Geschwindigkeit. Daher ist die väterliche Liebe
bei anderen mit dem Wasser vergleichbar, diese aber mit dem Feuer. Ich
schreibe gewiß ohne Überlegung und sehe, daß ich Ihr Wohlwollen miß-
brauche, wenn ich so meine Einfälle erzähle.
Gott halte Sie mit seiner heiligen Hand und festige mehr und mehr
dieses hochherzige und himmlische Streben, das er in Sie hineingelegt hat,
ihm Ihr ganzes Leben zu schenken. Es ist nur gerecht und billig, „daß die
Lebenden nicht für sich selbst, sondern für Ihn leben, der für sie gestorben
ist“ (2 Kor 5,15). Eine große Seele stößt mit der Fülle ihrer besten Gedan-
ken, Neigungen und Bestrebungen bis ins Unendliche der Ewigkeit vor;
und da sie ewig ist, achtet sie für zu gering, was nicht ewig ist, für zu klein,
was nicht unendlich ist; sie gleitet über diese kleinen Genüsse oder besser
diese billigen Verlockungen hinweg und hält ihre Augen auf die Unend-
lichkeit der ewigen Güter und ewigen Jahre geheftet.
In dem Maße, als Sie gewahr werden, daß die Luft bei Hof verpestet ist,
müssen Sie sorgsam Vorbeugungsmittel gebrauchen. Gehen Sie am Mor-
IV. Bellegarde 997 251

gen nicht aus, ohne daß Sie im Herzen den Gedanken an Ihre in der
Gegenwart Gottes erneuerten Entschlüsse tragen. Und am Abend sollen
Sie nach Verrichtung Ihres kleinen Gebetes zwölf Zeilen in irgendeinem
Andachtsbüchlein lesen, denn das würde die Ansteckungsgefahr min-
dern, welche die Begegnungen des Tages an Ihr Herz herangebracht ha-
ben könnten. Und wenn Sie sich oft im milden und gnadenvollen Arz-
neimittel der Beichte reinigen, könnte ich hoffen, daß Sie wie der be-
rühmte Feuervogel in den Flammen verbleiben, ohne Ihre Flügel zu
versengen. Glückselig die Mühe, so groß sie auch sei, die uns von der
ewigen Pein freimacht! Wie liebenswert ist doch die Plage, deren Beloh-
nung unendlich ist.
Ich bin mit einem mehr als väterlichen Herzen ...

XVI, 223-224 (997) Annecy, 12. September 1614.


Ich habe keine größere Ehre in dieser Welt, mein Sohn, als der Vater
eines solchen Sohnes genannt zu werden, und keine angenehmere Freu-
de, als zu sehen, wie sehr Ihnen dies gefällt. Aber ich will darüber nichts
mehr sagen, da es auch für mich nicht in Worten ausdrückbar ist; es
genügt mir, daß Gott mir diese Gnade erwiesen hat, die mir alle Tage
köstlicher dünkt, wenn man mir von allen Seiten berichtet, daß Sie für
Gott leben, wenngleich Sie in dieser Welt sind.
O Jesus, mein Gott, welches Glück, einen Sohn zu haben, der so wun-
dervoll die Gesänge Zions auf Babylons Boden zu singen weiß! Die Is-
raeliten redeten sich damals darauf hinaus, daß sie nicht nur unter den
Babyloniern, sondern auch noch Gefangene und Sklaven der Babylonier
waren (Ps 137,1-4); wer aber nicht ein Sklave des Hofes ist, kann auch
bei Hof den Herrn anbeten und ihm heilig dienen. Nein gewiß, mein
lieber Sohn, mögen Sie auch Ort, Beschäftigung und Gespräche wech-
seln, so werden Sie doch niemals, wie ich hoffe, Ihr Herz ändern, weder
Ihr Herz dessen Liebe, noch Ihre Liebe deren Gegenstand, da Sie keine
würdigere Liebe für Ihr Herz, noch einen würdigeren Gegenstand für
Ihre Liebe wählen könnten als Ihn, der Sie auf ewig glücklich machen
soll. So wird auch die Vielfalt der Gesichter bei Hof und in der Welt Ihr
Gesicht nicht ändern, dessen Augen immer auf den Himmel gerichtet
sind, nach dem Sie streben und dessen Mund immer das allerhöchste
Gut anruft, auf das Sie hoffen.
Denken Sie doch bitte, mein lieber Sohn, ob es nicht eine unvergleich-
liche Freude für mich gewesen wäre, bei Gelegenheit dieser „Stände“75
selbst zu Ihnen gehen zu können, um zu Ihnen mit diesem neuen Ver-
252 IV. Bellegarde 1156

trauen zu sprechen, das der Name Vater und Sohn mir verliehen hatte.
Da Gott es aber nicht wollte, da er zuließ, daß ich hier festgehalten bin,
dürfen weder Sie noch ich es wollen. Sie werden also mein Josua sein,
der selbst für die Sache Gottes streiten wird; und ich werde hier wie
Mose meine Hände zum Himmel ausstrecken (Ex 17,10-12) und über
Sie die göttliche Barmherzigkeit herabflehen, damit Sie die Schwierig-
keiten überwinden können, auf die Ihre gute Absicht stoßen wird.
Ich will Sie nicht mehr bitten, mich zu lieben, da ich Ihnen kürzer und
ausdrücklicher sagen kann: seien Sie also mein echter Sohn von ganzem
Herzen, denn ich bin auch von meinem ganzen Herzen nicht nur Ihr sehr
ergebener und gehorsamer Diener, sondern auch Ihr Ihnen unendlich
liebevoll zugetaner Vater ...

XVII, 129-131 (1156) Annecy, 6. Januar 1616.


Verehrter Herr!
Zu Beginn dieses neuen Jahres bringe ich Ihnen meine Wünsche und
meinen Gehorsam dar, verschieden gewiß von den Jahren, die alle in
ihrer Unbeständigkeit und ihren Umwälzungen vergehen, während die
unbegrenzte Zuneigung, die ich zu Ihrer Ehre habe, fest, beständig und
jedem anderen Wechsel fremd bleibt als dem, daß diese Zuneigung stets
größer wird. Sie wurde ja von der ewigen Hand Gottes geformt; ebenso
wurde das Wohlwollen, das Sie für mich hegen, in Ihrem Geist von Gott
geschaffen und daher für ewig. Diese so ganz wunderbare Leidenschaft
hat mich über die Gesetze der Natur hinaus damit beschenkt, Sie als
Sohn haben zu dürfen, während sie Ihnen, mein Herr, den Mut und die
Demut verlieh, mich als Ihren Vater anzuerkennen.
Wieviele Male doch, mein lieber Herr Sohn, drängt mich dieser Name
und dieses Herz eines Vaters, das ich Ihnen gegenüber hege, mit Liebe
und Eifer die göttliche Güte anzuflehen, die es so gewollt hat, sie möge
Ihre Seele mit seiner heiligen Liebe erfüllen und ihr himmlisches Reich
in Ihnen errichten! Ich weiß wohl, daß gute Kinder oft an ihren Vater
denken; aber nicht nur oft, sondern immer haben die Väter ihren Geist
bei ihren Kindern.
Bewahren Sie, mein sehr lieber Herr Sohn, diese Hochherzigkeit, die
Sie über die zeitlichen Angelegenheiten hinaushebt, über die Sie hin-
weggehen wie eine glückliche Seeschwalbe, und halten sich inmitten der
Wellen über den Wassern, die diese Welt überfluten. Halten Sie Ihre
Augen auf die heilige Ewigkeit geheftet, auf die wir durch den Ablauf der
IV. Bellegarde 1231 253

Jahre hinschreiten. Die Jahre gehen dahin; es ist wie eine Ablöse von
Post zu Post, bis wir zu diesem Ziel gelangen.
In diesen Augenblicken jedoch ist wie in einem kleinen Kern der Same
einer ganzen Ewigkeit eingeschlossen und in diesen kleinen Werken der
Frömmigkeit, die wir ausüben sollen, liegt der Preis der unendlichen
Fülle der Herrlichkeit (2 Kor 4,1); diese kleine Mühe, Gott zu dienen,
schafft die Ruhe einer dauerhaften Freude. Gesegnet sei immerdar das
Blut des Heilands, das uns das Heil so leicht gemacht hat!
Ich kann Ihnen gar nicht sagen, mein Sohn, wie sehr es mich freut, zu
erfahren, daß Ihr Bruder, dieser würdige und tapfere Edelmann, den Sie
an Kindesstatt halten, sich nun verheiratet hat.76 Ich zweifle nicht, daß
ihm das eine große Möglichkeit geben wird, Gott gut zu dienen. Sein
hochherziger Mut wird ihn gewiß dazu genügend antreiben. Ich denke
mir auch, mein Herr, daß Ihre Befriedigung darüber groß ist. Und wenn
Gott meine Wünsche erhört, wird dieser Ehe jede Art von Segen erblü-
hen und sie wird zur gegebenen Zeit die Frucht (Ps 1,3) einer wünschens-
werten und schönen Nachkommenschaft tragen.
Ich verfüge nicht über die Kunst, mich redselig über dieses Gefühl
auszulassen, um dessen Größe zu bezeugen; ich schreibe hauptsächlich
ganz aufrichtigen Herzens an Eure Hoheit, die sich mit der Tatsache
meiner Zuneigung zufriedengibt. Aber mein Brief wird nun zu lange.
Leben Sie immerdar in Gott und für Gott, mein Herr, und seien Sie
beständig zugetan ihrem sehr ergebenen und gehorsamen Diener ...

XVII, 271-273 (1231) Annecy, 15. August 1616.


Sie brauchen sich doch niemals entschuldigen, mein Herr, wenn Sie
mir nicht schreiben, da ich doch die Ehre habe, daß Sie mein lieber Sohn
sind. Ich vermag ebensowenig an Ihrer Kindesliebe mir gegenüber zu
zweifeln, wie ich nicht leben kann, ohne ständige Gefühle väterlicher
Liebe für Sie in meinem Herzen zu empfinden. Wo die Liebe vollkom-
men ist, findet Mißtrauen keinen Platz. Dennoch ist es wahr, mein Sohn,
daß Ihre Briefe mir immer äußerste Freude bereiten, da ich doch in
diesen Briefen die Züge Ihrer natürlichen Güte und der heiligen Liebe
Ihrer Seele sehe oder wenigstens errate. Ihre Seele schafft und nährt die
Innigkeit Ihrer Kindesliebe, mit der Sie mich überschütten und die mich
mit Freude erfüllt. Erweisen Sie also, ich bitte Sie, meinem Geist oft
diese Gnade, mein Sohn, aber nur dann, wenn Sie es gut tun können,
254 IV. Bellegarde 1231

ohne daß es Ihnen schwer fällt. Denn wenn Ihre Briefe mir auch teurer
sind, als ich sagen kann, würden sie mich schmerzen, wären sie Ihnen
beschwerlich. Liebe ich doch nach der Art der Väter mehr Ihre Befriedi-
gung als die meine.
Da ich aber Ihnen, mein lieber Sohn, nicht oft schreiben kann, weil ich
wenig Möglichkeiten dafür habe, will ich diese Unterlassungen gutma-
chen, indem ich Ihnen das Buch über die „Gottesliebe“ schicke, das ich
der Welt noch kaum vor Augen geführt habe, und bitte Sie, wenn Ihre
Zuneigung zu mir in Ihnen manchmal den Wunsch wachruft, Briefe von
mir zu bekommen, dann diese Abhandlung zu nehmen und ein Kapitel
daraus zu lesen; Sie sollen sich vorstellen, wenn es je einen Theotimus
auf dieser Welt gibt, an den sich meine Worte richten, daß Sie unter allen
Menschen mein teuerster Theotimus sind.
Der Verleger hat mehrere Fehler in dieses Werk einschleichen lassen,
aber auch ich viele Unvollkommenheiten; aber wenn es vollkommene
Arbeiten auf dieser Welt gibt, dürfen sie nicht in meinem Laden gesucht
werden. Wenn Sie dieses Werk fortlaufend lesen, wird es Ihnen schließ-
lich mehr gefallen.
Seit drei Tagen haben wir hier den Prinzen von Piemont, der mir die
Ehre erwies, ganz unerwartet bei mir abzusteigen ... seither wohnt er im
Schloß. Er ist der freundlichste, liebenswürdigste und frömmste Prinz,77
den man finden könnte; ein Herz voll Mut und Gerechtigkeit, ein ur-
teilsfähiger und geistvoller Kopf und eine Seele, die nur nach dem Guten
und der Wahrheit trachtet, nach der Liebe seines Volkes und vor allem
nach der Gottesfurcht. Ich bin sicher, daß Sie noch vor Erhalt vorliegen-
den Schreibens die Ursache seines Kommens wissen.
Schließlich will ich Ihnen noch, mein lieber, hochgeachteter Sohn,
alle himmlischen Segnungen wünschen; doch das tue ich mit jedem Atem-
zug, da ich doch die Gunst und das Glück habe, als Ihr Vater zu gelten
und immerdar sein soll und auch bin Ihr sehr ergebener und gehorsamer
Diener ...
Ich schreibe Ihnen in aller Eile und bin sicher, daß Sie auf Grund
meines Auftrages ein zweites Buch noch aus Lyon erhalten werden. O
mein Gott, wie freue ich mich, daß Ihre Frau Schwester ein Kind erwar-
tet, wie man mir versichert.78
IV. Bellegarde 1446 255

XVIII, 245f (1446) Annecy, 9. Juli 1618.

Mein sehr lieber Herr Sohn!


Ich kann Ihnen gar nicht sagen, von wievielen Sorgen mein Herz ge-
quält war ob der Ungewißheit über Ihre Gesundheit. Wie unterschiedli-
che Auskünfte habe ich doch vor ungefähr zwei Monaten erhalten! Aber
Gott sei gepriesen, nachdem ich schon Ihr Hinscheiden beweint und
bitter beklagt hatte, das mir angezeigt wurde, preise ich seine göttliche
Majestät und flehe sie mit unvergleichlicher Freude um Ihr Leben an,
das Sie von nun ab sicherlich lieben sollen, mein sehr lieber Herr Sohn,
da Sie sehen, wieviel guten Menschen dieses Leben als sehr nützlich für
sie erwünscht ist; denn man schrieb mir von Gex, daß man in Ihrem
ganzen Regierungsbereich öffentliche Danksagungen an die göttliche
Güte für Ihre Gesundheit verrichtet hat. Und selbst in diesem Land hier
hat man solche, wenn schon nicht öffentlich, so doch allgemein verrich-
tet, und ich habe ganz besonders innig Dank gesagt, habe ich doch durch
Ihre Genesung eine der größten Wohltaten seit langer Zeit empfangen.
Lieben Sie also Ihr teures Leben, mein lieber Herr Sohn, und tun Sie
sodann zwei Dinge für sein Wohl: nämlich es sorgsam bewahren durch
die entsprechenden Mittel, indem Sie die Schwäche und Abnützung, die
Alter und Krankheiten ihm verursacht haben, durch Ruhe und geeignete
Nahrung stützen und aufrichten.
Das andere und erste Mittel wird sein, wenn Sie schon bis jetzt die
Absicht gehabt haben, alle Augenblicke Ihres gegenwärtigen Lebens der
Unsterblichkeit und Ewigkeit des künftigen Lebens zu widmen, nun den
Entschluß dazu und die Vorsätze zu verdoppeln, die Tage und Stunden
zu zählen und sie liebevoll für Ihren Fortschritt in der göttlichen Liebe
zu verwenden, für die Verbreitung der Frömmigkeit unter den Weltmen-
schen und schließlich für die Ausübung der heiligen Tugenden, welche
die Gnade Gottes und Ihre gute Veranlagung Sie schon seit langem lie-
ben und ersehnen ließ. Ich meinerseits höre gewiß nicht auf, dafür zu
beten. Ich sehe ja bereits, so scheint es mir, durch eine sichere Vorah-
nung, daß alles schon durchgeführt ist. Außerdem ist es eine unsagbare
Befriedigung zu wissen, wie sehr Ihr Herr Bruder darin glücklich sich als
Bruder erweist ...79
Leben Sie lange, glücklich und heiligmäßig; dies ist der persönliche
Wunsch, mein Herr Sohn, Ihres sehr ergebenen und gehorsamen Die-
ners ...
256

V. Briefe aus den Jahren 1617-1622

Zwei Städte sind es vor allem, die in diesem Abschnitt aus den letzten Le-
bensjahren des hl. Franz von Sales sehr stark hervortreten: Grenoble und Pa-
ris. Daneben nimmt seine Korrespondenz mit den Oberinnen und Schwestern
der Heimsuchung immer mehr zu; diese und die Briefe an die damals so eifrige
Angelique Arnauld sind aber dem nächsten Band vorbehalten.
Die Fastentpredigten 1617 in Grenoble haben Franz von Sales eine Anzahl
von geistlichen Töchtern zugeführt: die Damen Blanieu (A 1), Le Blanc von
Mions (E), Veyssilieu (E), Granieu (E), Sautereau (A 13), Bouquéron (A 50),
de la Baume (A 52), du Faure (A 53) und andere.
Sein Aufenthalt in Paris 1618/1619 bringt ihn in Beziehung zur religiösen
Elite unter den Laien von Paris: mit den Schwestern Villeneuve und Lhuillier
de Frouville (E), mit den Damen Villesavin (E), Le Maitre (E), Frau Le Loup
de Montfan und ihrer Tochter, der Gräfin Dalet (E), mit der Familie Arnauld,
mit den Damen Rossillon (A 54), Lamoignon (A 61), Anne Le Beau (A 62), Le
Naint de Cravant (A 63), Amelot (A 68), Jomaron (A 73), Amaury (A 87),
Baudeau (A 90), Pechpeirou (A 93).
Wenn Franz von Sales von Savoyen fern ist, gehen viele seiner Briefe in die
geliebte Heimat. Auch in diesem Abschnitt seines Lebens sind neue Korrespon-
denten in Savoyen hinzugekommen, Verwandte, Freunde, geistliche Töchter,
die in den Anmerkungen jeweils genannt werden. Die Briefe werden allerdings
seltener und kürzer, denn die Verpflichtungen häufen sich immer mehr. Zu den
seelsorglichen und bischöflichen Aufgaben kommen noch Aufträge von Rom
und offizielle Reisen im Auftrag des Herzogs von Savoyen. Auf einer dieser
Reisen bricht Franz von Sales zusammen; der Strom seiner Briefe bricht jäh ab.
Der letzte überlieferte Brief stammt vom 25. Dezember 1622; am 28. Dezember
1622 starb Franz von Sales in Lyon.

DIE PRÄSIDENTIN LE BLANC DE MIONS.


Die Präsidentin Le Blanc de Mions (geb. Ennemonde Chausson) lernte Franz
von Sales schon 1615 im Kloster der Heimsuchung zu Lyon kennen. Ihr Mann
wurde 1615 zweiter Präsident der Finanzkammer zu Grenoble, zeichnete sich
durch Verschwendung und Leichtsinn aus. Bei seinem Tod (1643) hinterließ er
seinen Erben beträchtliche Schulden. Die Frau Präsidentin, ausgestattet mit
allen Vorzügen körperlicher Schönheit, hohen Geistesgaben und großen
Einflußes in der Gesellschaft, litt trotzdem an schweren Depressionen, von
denen sie mit Hilfe des hl. Franz von Sales und der hl. Johanna-Franziska von
Chantal befreit wurde. Sie erhielt vom Erzbischof von Lyon die Erlaubnis,
zeitweise im Kloster der Heimsuchung zu leben, und ließ sich dort Schwester
Barbe-Marie nennen. Sie war die Triebfeder der Klostergründung von Grenoble.
V. Einführung 257

Bei der Nachricht von ihrem Tod (1616) sagte Franz von Sales von ihr, daß sie
eine seltene Frau war, ein großes Lob aus solchem Mund (Oeuvres XVII, S. 22,
Anm. 3; S. 349, Anm. 4; S. 366, Anm. 1). Jedenfalls war sie eine der hervorra-
gendsten geistlichen Töchter des hl. Franz von Sales.
Wir bringen hier zwei Briefe an die Präsidentin, die sicher echt sind. Zwei
andere Briefe in den Oeuvres, die angeblich an sie gerichtet sind (Nr. 1516 vom
22. April 1618 und vom 23. Mai 1618) sind von zweifelhafter Echtheit und
enthalten nichts Neues.

MADAME DE VEYSSILIEU.
Marguerite de la Croix de Chevrière hatte 1608 Laurent Rabat, Herrn von
Veyssilieu geheiratet. – Die Familie, aus der sie stammt, war eine der angese-
hensten Familien des Dauphiné. Schon vor ihrem Zusammentreffen mit Franz
von Sales galt sie als Vorbild der Bescheidenheit, Frömmigkeit und Demut;
nachdem Franz von Sales ihr Seelenführer geworden, entfaltete sich ihr Tugend-
leben umso kraftvoller, je mehr Franz von Sales und die hl. Johanna-Franziska
von Chantal auf sie Einfluß gewannen. Sie half das Kloster der Heimsuchung
in Grenoble zu begründen. Eine ihrer Töchter trat in den Orden ein und grün-
dete das zweite Kloster der Heimsuchung in Grenoble, dessen große Wohltäte-
rin auch Frau von Veyssilieu war (1648). Im ersten Kloster zu Grenoble konnte
Frau von Veyssilieu oft auch mit der hl. Johanna-Franziska von Chantal reden
und sprach noch 50 Jahre später über dieses schöne Zusammenwirken mit der
Gründerin der Heimsuchung und mit den ersten Schwestern von Grenoble (s.
Oeuvres XVII, 371-372, Anm.).

MADAME DE GRANIEU.
Als Franz von Sales 1617 die Fastenpredigten in Grenoble hielt, wohnte er
bei Frau von Granieu, um welche sich ein Kreis frommer Damen sammelte, die
von Franz von Sales außer den Fastenpredigten noch besondere Konferenzen
über die Frömmigkeit hörten.
Laurence de Ferru, geboren 1579, verlor früh ihre Eltern, wurde 16 Jahre alt
(1595) Herrn von Granieu angetraut, war schon, bevor sie Franz von Sales
kennenlernte, das Muster einer echten Christin. Sie stellte sich sofort unter die
Leitung des hl. Franz von Sales, der nun ihren glühenden Eifer zu mäßigen und
zu regeln hatte. Sie gehörte zu den Eliteseelen, die sich unter der gütigen und
festen Führung des Heiligen zu hoher Frömmigkeit entfalten konnten. Mit der
hl. Johanna-Franziska von Chantal war sie eng befreundet, den beiden Klö-
stern der Heimsuchung in Grenoble war sie eine edle Wohltäterin. Sie starb
1652 und wurde im zweiten Kloster der Heimsuchung in Grenoble bestattet.

MADAME DE VILLENEUVE.
Marie Lhuillier, Tochter des Franz Lhuillier, Herrn von Trouville, und Anne
Brachet von Henneques, wurde 1595 geboren und 15 Jahre alt mit Herrn von
258 V. Einführung

Villeneuve, Ratsherrn des Königs, verheiratet. Die Bücher des hl. Franz von
Sales bewirkten in der jungen Frau eine solche Ehrfurcht vor deren Verfasser,
daß sie beschloß, ihn über die schwierige Frage der Nichtigkeitserklärung der
Ehe ihrer Schwester zu befragen. Als Franz von Sales nach Paris kam, stellte
sich Frau von Villeneuve hochherzig unter seine Leitung. Franz von Sales er-
kannte, daß diese Frau von der Vorsehung ausersehen war, die Kirche mit einer
religiösen Familie zu beschenken, „die sich der Erziehung und religiösen Ver-
tiefung der Mitmenschen“ widmen sollte. Wird Gott ihm noch die Lebenszeit
dafür schenken, wird er selbst an der Errichtung einer solchen Kongregation
arbeiten? Frau von Villeneuve entschloß sich zu diesem Werk und erhielt von
Franz von Sales eine Abschrift der Satzungen der Heimsuchungsschwestern,
wie sie zuerst geplant waren. Auf diesen Satzungen beruhen die der „Kreuzes-
töchter“, mit denen Frau von Villeneuve aber erst 1636 beginnen konnte und
deren Gründung vom hl. Vinzenz von Paul und von der hl. Johanna-Franziska
von Chantal lebhaft als Verwirklichung eines Wunsches des hl. Franz von Sales
begrüßt wurde. Frau von Villeneuve legte selber 1641 die Gelübde in dieser
Kongregation ab und verschied 1650, nachdem sie diese Gemeinde neun Jahre
durch ein heilig-mäßiges Leben erbaut hatte.
Mit ihrer Schwester Helene Lhuillier de Frouville verband sie innige Liebe.
Diese trat nach einer schweren Jugend nach Nichtigkeitserklärung ihrer Ehe in
den Orden der Heimsuchung ein. Über sie wird in einer eigenen Notiz vom
Beginn der ersten an sie gerichteten Briefe des hl. Franz von Sales berichtet.

DIE PRÄSIDENTIN VON HERSE.


Charlotte de Ligny hatte Herrn Vialart de Herse, Ratsherrn des Königs und
Präsidenten „aux Requêtes“ geheiratet. Sie wird beschrieben als „Frau hohen
Geistes, unbezwinglichen Mutes und unvergleichlichen Eifers für das Gute“.
Sie stellte sich wie viele anderen Damen unter die Führung des hl. Franz von
Sales, um später wie die andere edelmütige Mitarbeiterin des hl. Vinzenz von
Paul an den Werken der Nächstenliebe zu werden. Sie lebte noch 1633 (XVIII,
331, Anm.). Von Briefen des hl. Franz von Sales an sie sind nur erhalten ein
kurzes Billet, in dem der Heilige dankbar die Benützung ihrer Karosse an-
nimmt (XVII, 331), und zwei Briefe, die hier übersetzt sind vom 7. Juli 1620
(XIX) und vom 23. Januar 1622 (XX).

MADAME DE VILLESAVIN.
Sie lernte Franz von Sales 1604 in Dijon kennen und sah ihn oft im Haus
ihres Vaters, des Grafen Blondeau, und ihres Mannes und anderswo. Sie kor-
respondierten oft miteinander. Von den Briefen des hl. Franz von Sales sind uns
nur wenige geblieben. Durch ihren Reichtum konnte sie in Paris viele gute
Werke unterstützen. Sie starb in hohem Greisenalter im Jahr 1687. – In diesem
Brief schreibt Franz von Sales, daß sie sich kaum noch sehen werden. Da aber
ihr Mann im Gefolge des Königs bei dessen Zusammentreffen zur Versöhnung
mit der Königin-Mutter Marie de Medici war und seine Frau ihn begleitete,
trafen Franz von Sales und Frau de Villesavin sich wieder in Tours.
V. Einführung 259

MADAME LE MAITRE.
Catherine Arnauld, die Älteste der Töchter des Herrn Antoine Arnauld und
dessen Frau Catherine Marion, war nach damaligem Brauch für die Ehe be-
stimmt. Als Issac Le Maitre, ein hoher königlicher Beamter, um ihre Hand
anhielt, war sie erst 11 oder 12 Jahre alt. Dieser Mann flößte ihr aber solchen
Widerwillen ein, daß man sie nicht dazu zwingen wollte. – Er heiratete darauf
Frl. Melyos, die nach zwei Jahren starb. Als nun Herr Le Maitre zum zweiten
Mal um sie anhielt, willigte Catherine zu ihrem Unglück ein. Nach einigen
Jahren stillen Martyriums eröffnete Catherine ihrem Vater, was sie durchmach-
te. Ihr Mann war Protestant, ohne daß dies bekannt war. Sein unmoralisches
Leben und seine Brutalität machten seine beiden Frauen unglücklich. Herr
Arnauld war empört, als Catherine ihm erzählte, was sie gelitten hatte. Er
erreichte, daß die Ehe getrennt wurde (1616). Frau Le Maitre lebte jetzt nur
noch für Gott und für ihre Kinder. Sie trat später in Port-Royal ein und starb
1651. – Franz von Sales nahm sich ihrer liebevoll an, er dürfte von ihr viele
Briefe erhalten haben; von ihm selbst hat man noch drei Briefe an Frau Le
Maitre.

FRAU LHUILLIER DE FROUVILLE.


Helene Lhuillier de Frouville verlor ihre Mutter, Anne Brachet, deren hohe
Tugend die Gunst Heinrichs IV. abgelehnt hatte, im Alter von zehn Jahren. –
Schon mit 13 Jahren verlobte sie ihr Vater mit einem reichen Adeligen. Nach
drei Jahren, die sie in der Familie des jungen Mannes inmitten von Luxus,
Vergnügungen und Schmeicheleien verbracht hatte, wurde die Verlobung im
Einvernehmen beider Verlobter gelöst. Ihr Vater hatte es eilig, sie im Alter von
16 Jahren mit einem hohen adeligen Beamten des Königs zu verheiraten. Die
Ehe wurde ihr zu einem ständigen Martyrium, das sie ihrem Vater verheimlich-
te. Als er davon auf indirektem Weg erfuhr, unterbreitete er wütend die Ange-
legenheit dem geistlichen Gericht, die Ehe wurde für nichtig erklärt. – Helene
Lhuillier litt aber unter schweren Bedenken über die Gültigkeit des Bruches
mit ihrem früheren Gatten. In ihren Ängsten nahm sie zu Franz von Sales ihre
Zuflucht, zuerst schriftlich durch ihre jüngere Schwester, Frau von Villeneuve,
und dann mündlich, als Franz von Sales 1618 nach Paris kam. Der Heilige
beruhigte sie. Es blieb aber die Frage, wie sie ihre Zukunft gestalten sollte.
Franz von Sales beeilte sich nicht, erst 1620 schrieb er ihr den entscheidenden
Brief, in dem er ihr anriet, sich in ein Kloster zurückzuziehen, zunächst viel-
leicht als Wohltäterin. Helene aber entschloß sich hochherzig für das Ganze.
Am 2. Juli 1620 kam der Brief des Heiligen in ihre Hände und am selben Tag
bat sie um Aufnahme in die Heimsuchung von Paris als Novizin. – Damit
begann ein heiligmäßiges Leben inmitten von Prüfungen aller Art. In drei
Perioden war sie Oberin des ersten Klosters von Paris und gründete selbst oder
durch ihre Töchter eine Anzahl von Klöstern. Sie starb im Jahr 1655 (Oeuvres
XIX, 213, Anm.).
260 V. Einführung

MADAME LE LOUP DE MONTFAN und GRÄFIN DALET.


Die acht Briefe an die beiden Damen, Mutter und Tochter, betreffen den
gleichen Gegenstand: deshalb sollen sie gemeinsam vorgestellt werden.
Charlotte Le Loup de Montfan, Tochter von Jean de La Motte-Canillac und
Gilberte de Chabonne, heiratete in zweiter Ehe den Grafen von Montfan, Herrn
von Préchonnet. Einerseits fromm und freigebig, besaß sie andererseits einen
herrschsüchtigen, zornmütigen Charakter. Durch ihre Verschwendungssucht
brachte sie ihr Haus an den Rand des Abgrunds; als ihre Tochter sich dem
Ansinnen widersetzte, mit ihrem Vermögen den Ruin aufzuhalten, bekam sie
den Zorn der Mutter zu spüren. Bei ihrem Tod (1630) hinterließ sie viele
Schulden und das Vermögen ihrer Enkelkinder in heilloser Unordnung.
Ihre einzige Tochter Anne Thérèse, 1593 geboren, folgte ihrer Mutter an den
königlichen Hof. Von Gefallsucht besessen, war sie bald heiß umworben, aber
bereits 1607 mit dem Grafen Gilbert de Dalet verheiratet. Beiden war die
„Anleitung zum frommen Leben“ des hl. Franz von Sales maßgebend für ihre
Lebensführung, bis die junge Gräfin im März 1620 Witwe wurde mit vier klei-
nen Kindern. – Das erste, was die Witwe nach dem Tod ihres Mannes tat, war
das Gelübde der Keuschheit und der Errichtung eines Klosters der Heimsu-
chung in der Auvergne, was bereits im Juni 1620 zu Montferrand erfolgte. –
Die Gräfin Dalet verband bald eine innige Freundschaft mit der Mutter Favre,
Oberin des Klosters von Montferrand, was ihre Mutter sehr ungern sah. Als nun
ein reicher Adeliger sich um die Hand der jungen Witwe bewarb und diese in
ihrem Entschluß unerschütterlich blieb, brach das Gewitter los. Bitten, Be-
schwörungen, Zornesausbrüche, Beeinflußungsversuche von Verwandten und
von Priestern, nichts erschütterte den Willen ihrer Tochter. Schließlich jagte
die Mutter ihre Tochter samt deren Kindern aus ihrem Schloß fort.
Als die Dinge so weit gediehen waren, faßten Mutter und Tochter den Be-
schluß, den hl. Franz von Sales als Schiedsrichter anzurufen. Am gleichen Tag,
dem 25. April 1621 schreibt Franz von Sales einzeln an jede der Parteien und
damit beginnt diese Korrespondenz, die sich bis zum September 1622 hinzieht
(s. XX, 55, Anm. und 51, Anm.).
Der Entscheid des Heiligen war schließlich, daß die Gräfin Dalet im Kloster
als Wohltäterin eintreten und alle religiösen Übungen mitmachen, ihre Kinder
und deren Besitz ihren Eltern anvertrauen solle, was sie auch mit gutem Gewis-
sen tun könne (Brief 1938, Oeuvres XX, 356-358). – Nach dem Tod des Hei-
ligen trat sie als Novizin ein (1628), wurde nach ihrer Profeß Oberin von
Montferrand, später von Rouen, wieder von Montferrand, arbeitete an der
Gründung anderer Klöster mit und starb wie eine Heilige 1654 (XX, 54). Über
ihre Kinder s. XX, 333, Anm. 3.
V. Blanieu 1292, 1346 261

AN FRAU VON BLANIEU

XVII, 362f (1292)1 Rumilly, 3. April 1617.


Ich bin überzeugt, daß Sie vom Ersten Präsidenten von Savoyen2 erhal-
ten haben, was Sie wünschten, da er es sofort abschickte; und so sollen
Sie, meine liebe Tochter, in diesem Brieflein eine neuerliche Zusiche-
rung erhalten, daß ich niemals aufhören werde, Ihnen tausend und aber-
tausend Segnungen zu wünschen.
Bleiben Sie fest, meine liebe Tochter, und verharren Sie unerschütter-
lich in den Entschlüssen, die Sie zum Heil Ihrer Seele gefaßt haben,
damit Sie Unserem Herrn eine gute Rechenschaft am Tag Ihres Hin-
scheidens ablegen können. In dem Maße, als dieser Tag uns näherrückt,
lädt Er uns ein, gut darauf vorbereitet zu sein.
Seien Sie recht sanftmütig und liebenswürdig in Ihren Angelegenhei-
ten, denn jedermann erwartet von Ihnen ein solch gutes Beispiel. Es ist
leicht, ein Boot zu lenken, wenn es nicht von Winden gehetzt wird, und
ein Leben zu führen, das von Schwierigkeiten frei ist; aber inmitten är-
gerlicher Prozesse ist es so schwer wie bei Stürmen, den rechten Kurs
einzuhalten. Darum müssen Sie sehr auf sich selbst, auf Ihre Handlun-
gen und Absichten achten und immer erkennen lassen, daß Ihr Herz gut
und gerecht, sanftmütig, demütig und hochherzig ist.
Leben Sie ganz für Unseren Herrn, bewahren Sie Ihre Seele gut und
lieben Sie die meine, indem Sie diese oft der göttlichen Barmherzigkeit
empfehlen, bin ich doch, gnädige Frau, Ihr sehr ergebener Diener ...

XVIII, 69 (1346) Annecy, 30. August 1617.


Was tun Sie, meine sehr liebe Tochter? Denn auf diese Frage warten Sie
ja. Mein Herz denkt oft an das Ihre und es fragt Sie, ob Sie immer zu Füßen
des Kreuzes sind, wo ich Sie zurückließ, d. h. immer eins mit dem hoch-
heiligen Willen Gottes, um vom Weg seiner Gebote weder nach rechts
noch nach links (weder zu Befriedigungen noch zu Betrübnissen, weder
unter Freunden noch unter Feinden) abzuirren (Ps 119,32,35; Spr 4,27).
Das glaube ich gewiß, meine sehr liebe Tochter, und ich beschwöre Sie
darob. Diese Tage vergehen, die Ewigkeit rückt näher: Gehen wir so ge-
recht durch unsere Tage, daß die Ewigkeit für uns glückselig sei.
Diese Wünsche hege ich für Sie, meine sehr liebe Tochter, der ich sehr
liebevoll zugetan bin als Ihr sehr ergebener Diener in Unserem Herrn.
262 V. Blanieu 1309 – Le Blanc 1294

XVIII, 150f (1390) Annecy, 18. Januar 1618.


Gnädige Frau!
Bewahren Sie doch Ihr Herz so recht in dieser rechtmäßigen Befriedi-
gung, sich in Frieden mit seinem Gott zu fühlen; einem Frieden, dessen
Wert nicht in der Welt liegt, auch nicht sein Lohn. Er wurde Ihnen ja
durch das Verdienst des Blutes unseres Erlösers erworben und wird Ih-
nen das ewige Paradies erwerben, wenn Sie ihn gut bewahren. Tun Sie es
denn, meine sehr liebe Tochter, und scheuen Sie nichts so sehr, als was
Ihnen diesen nehmen kann. Und das werden Sie tun, ich weiß es wohl;
denn Sie werden Gott anrufen, damit er Ihnen die Gnade dazu weiter
schenke, und Sie werden Sorge tragen, das recht zu üben, was ich Ihnen
angeraten habe und was ich bei meiner Rückkehr zu bekräftigen hoffe,
da die Reise des Fürsten, den ich begleiten sollte, vermutlich verschoben
wird.
Lassen Sie mich indessen teilhaben an Ihren Gebeten, denn ich werde
niemals aufhören, Ihnen jegliches Glück zu wünschen, und bin mein
ganzes Leben lang, meine sehr liebe Tochter, Ihr sehr ergebener und
wohlgeneigter Diener.

AN DIE PRÄSIDENTIN LE BLANC DE MIONS

XVII, 366-371 (1294) Annecy, um den 7. April 1617.


Meine liebe Tochter, ich versichere, daß dies mein erster freier Augen-
blick ist. Und auch ihn stehle ich mir noch aus tausenderlei Geschäften,
um Ihnen ein wenig ausführlicher über den Gegenstand schreiben zu
können, über den Sie mich für Ihre Seele befragen. Ich versichere Sie,
daß ich alles sagen will, was mein Herz wünscht, es möge Ihrem Herzen
gesagt sein.
O wie glücklich sind Sie, meine liebe Tochter, sich von der Welt und
ihren Eitelkeiten gelöst zu haben! In der kurzen Zeit, seit ich Sie kennen
lernte, konnte ich mit Sicherheit sehen, daß Ihre Seele ganz besonders
für die göttliche Liebe und nicht für die irdische geschaffen ist.
1. Opfern Sie also oft alle Ihre Empfindungen Gott auf durch die Er-
neuerung des von Ihnen gefaßten Entschlusses, jeden einzelnen Augen-
blick Ihres Lebens für den Dienst an der heiligen Liebe zum himmli-
schen Bräutigam verwenden zu wollen.
2. Verrichten Sie sorgsam die Morgenübung, die im Buch der „Anlei-
V. Le Blanc 1294 263

tung“ steht; und wenn auch die schnelle Auffassungsgabe Ihres Geistes
auf einen Blick alle Punkte dieser Übung erfassen wird, so verwenden
Sie doch dafür so viel Zeit, wie es bedarf, um zweimal das Vaterunser zu
beten; nachher sprechen Sie dann fünf oder sechs Worte der Anbetung
und schließlich beten Sie das Vaterunser mit dem Glaubensbekenntnis.
3. Nachher bereiten Sie sich auf das innerliche Gebet vor. Nehmen Sie
sich vor, ein Geheimnis des Lebens oder Leidens Unseres Herrn zu be-
trachten, wenn dies der Wille Gottes ist. Wenn aber Ihr Herz während des
betrachtenden Gebetes sich an der einfachen Gegenwart des Geliebten
haften fühlt, dann gehen Sie nicht darüber hinweg, sondern verbleiben Sie
in dieser Gegenwart; wenn Sie sich aber im Gegenteil nicht an dieser
Gegenwart Gottes haften fühlen, obgleich Sie doch immer darin stehen,
dann betrachten Sie liebevoll die Stelle, die Sie sich vorgenommen haben.
4. Verrichten Sie alle Tage das betrachtende Gebet, wenn nicht irgend-
eine notwendige Beschäftigung Sie daran hindert; denn, wie Sie mir ge-
sagt haben, fühlen Sie einen großen Fortschritt in der Sammlung, wenn
Sie in dieser heiligen Übung fortfahren, dessen Sie ermangeln, wenn Sie
diese Übung aufgeben.
5. Um aber diese so nützliche Übung Ihrem raschen und unvergleich-
lich wendigen Geist anzupassen, wird es genügen, wenn Sie jeden Tag
eine kleine halbe oder Viertelstunde darauf verwenden; denn das wird
mit Ihren Geisteserhebungen, dem Leben in der Gegenwart Gottes und
den während der Tagesstunden verrichteten Stoßgebeten reichlich genü-
gen, um Ihr Herz mit seinem göttlichen Gut zu verbinden und zu verei-
nigen; dieses betrachtende Gebet kann sogar während der Messe ver-
richtet werden, um Zeit zu gewinnen.
6. Wenn während des betrachtenden Gebetes oder während des Fest-
haltens an der heiligen Gegenwart Gottes das Empfinden davon sich im
Kopf festsetzt und Mühe und Schmerzen im Kopf verursachen würde,
müßten Sie in der Übung etwas nachlassen und nicht den Verstand dar-
auf verwenden, sondern nur das Herz und den Willen durch innerliche
und liebevolle Worte. Dies als Antwort auf das, was Sie mir sagen, daß
sich am Anfang das Empfinden von der Gegenwart Gottes in Ihrem
Kopf bildete, was Ihnen manchmal sehr zusetzte.
7. Sollten Ihnen Tränen kommen, dann vergießen Sie sie ruhig; wenn
sie aber zu häufig und mit zuviel Empfindsamkeit kommen, dann rich-
ten Sie, wenn Sie können, Ihren Geist wieder auf, um die Geheimnisse
friedvoller und ruhiger im höheren Bereich Ihrer Seele verkosten zu
können; nicht indem Sie das Seufzen, Schluchzen oder Weinen bezwin-
264 V. Le Blanc 1294

gen und unterdrücken, sondern indem Sie Ihr Herz mit einer friedlichen
Ablenkung davon wegführen, es nach und nach zur reinen Liebe des
Geliebten erheben durch liebevolle Ausrufe: „O, wie liebenswert bist
Du, mein Geliebter! Wie erhaben bist Du in Deiner Güte und wie sehr
liebt Dich mein Herz!“ oder anders, je nachdem Gott Sie lenken wird.
8. Und weil Sie mir sagen, daß Sie zuhause nur recht wenig das be-
trachtende Gebet gepflegt haben, da Ihr Geist so rege und beweglich ist,
daß er nicht ruhig bleiben kann, sage ich Ihnen, daß Sie ihn dennoch
festhalten und nach und nach seine Beweglichkeit einschränken sollen,
damit er je nach den Umständen seine Aufgaben sanft und ruhig verrich-
te. Und glauben Sie ja nicht, daß eine solche sanfte und ruhige Art die
Beweglichkeit und sein Wirken behindert; im Gegenteil, es führt dazu,
daß alles besser gelingt.
Das kann nun folgendermaßen geschehen: Sie müssen z. B. essen, weil
unser armseliges Leben es verlangt; setzen Sie sich dann ruhig hin und
bleiben Sie sitzen, bis Sie Ihren Körper wieder richtig gekräftigt haben. –
Sie wollen sich niederlegen: entkleiden Sie sich ruhig. – Sie sollen auf-
stehen: tun Sie es friedvoll, ohne ungeregelte Hast und ohne jene, die Sie
bedienen, anzuschreien und zu drängen. Auf diese Weise werden Sie
Ihre Natur überlisten und nach und nach zur heiligen Mäßigung und
zum Maßhalten bringen. Zu Menschen weichen und trägen Naturells
würden wir sagen: Beeilen Sie sich, die Zeit ist doch so kostbar; zu Ihnen
aber sagen wir: Hetzen Sie sich nicht so sehr, der Friede, die Ruhe und
die Sanftmut des Geistes sind doch so wertvoll und die Zeit wird nutz-
bringender verwendet, wenn man sie friedvoll gebraucht.
9. Ich sage Ihnen zum Gegenstand Ihrer alten Versuchung, meine liebe
Tochter, aber das sage ich Ihnen ganz entschieden, daß Sie treu dem
Willen Gottes und seiner Vorsehung dienen sollen; schicken Sie sich in
aller Demut und Aufrichtigkeit in das himmlische Wohlgefallen, durch
das Sie sich in dem Stand befinden, in dem Sie sind. Man muß in dem
Nachen bleiben, in dem man sich befindet, um die Überfahrt von diesem
Leben in das andere zu vollbringen, und man soll gern und mit Liebe
darin bleiben. Wenn wir auch manchmal nicht durch die Hand Gottes
sondern durch die Hand von Menschen hineinversetzt werden, so will
doch Gott, nachdem wir nun dort sind, daß wir eben dort sein sollen, und
so müssen wir ergeben und gern dort sein. Wie viele Geistliche sind
aufgrund falscher Erwägungen oder durch die elterliche Gewalt in die-
sen Stand getreten; sie machen nun aus der Notwendigkeit eine Tugend
und bleiben aus Liebe dort, wohin sie durch Gewalt gedrängt wurden.
V. Le Blanc 1294 265

Was würde andernfalls aus Ihnen? Wo weniger unsere Wahl aufscheint,


gibt es mehr Unterwerfung unter den himmlischen Willen.
Möge doch meine Tochter oft voll Ergebung in den göttlichen Willen
von ganzem Herzen sagen: Ja, Vater, so will ich sein, weil es Dir wohlge-
fällig ist, daß ich so bin (Mt 11,26). Darum beschwöre ich Sie, meine
liebe Tochter, recht treu zu sein in der Übung dieser Ergebung und der
Abhängigkeit von dem Stand, in dem Sie sich befinden. Sprechen Sie
daher manchmal die bewußten Personen mit dem Namen an, meine lie-
be Tochter, gegen die Sie Abneigung haben. Wenn Sie zur wichtigsten
von ihnen3 sprechen, dann fügen Sie zuweilen in Ihre Vorhaltungen ach-
tungsvolle Worte ein. Dieser Punkt ist von solcher Wichtigkeit für die
Vollkommenheit Ihrer Seele, daß ich ihn am liebsten mit meinem Blut
niederschreiben möchte.
Worin wollen wir denn unsere Liebe gegen Ihn bezeugen, der so viel
für uns gelitten hat, wenn nicht inmitten von Abneigungen, Ärgerlich-
keiten und Widrigkeiten? Wir müssen unsere Stirn in die Dornen der
Schwierigkeiten einzwängen und unser Herz von der Lanze des Wider-
spruchs durchbohren lassen, die Galle trinken und den Essig schlucken,
kurz, das Leidvolle und Bittere annehmen, da es Gott will. Kurzum,
meine liebe Tochter, da Sie einst von ganzem Herzen die Versuchung
genährt und gefördert haben, müssen Sie jetzt von ganzem Herzen diese
Ergebung in den Willen Gottes nähren und fördern. Sollte Ihnen darü-
ber eine besondere Schwierigkeit durch die Schuld dieser Person er-
wachsen, setzen Sie nichts in Bewegung, bevor Sie nicht an die Ewigkeit
gedacht, sich in den Gleichmut versetzt und Rat bei einem guten Diener
Gottes geholt haben, wenn die Sache eilt, oder wenn die Zeit es erlaubt,
auch bei mir, da ich doch Ihr Vater bin. Denn wenn der Feind uns durch
unsere Ergebung in das göttliche Wohlgefallen als Sieger über diese Ver-
suchung sieht, wird er alles Mögliche erfinden, um uns zu verwirren.
10. Möge schließlich die hochheilige und göttliche Demut in allem
und überall leben und herrschen! Ihre Kleidung soll einfach, aber stan-
desgemäß sein, so daß Sie nicht abschreckend wirken, sondern die jun-
gen Damen angelockt werden, Sie nachzuahmen; Ihre Worte seien ein-
fach, höflich und liebenswürdig; Ihre Bewegungen und Ihr Gespräch
weder zu beengt und gezwungen, noch zu frei und lässig; Ihr Antlitz sei
sauber und gepflegt; es möge mit einem Wort in allem die Güte und
Bescheidenheit herrschen, wie es einer Tochter Gottes entspricht.
266 V. Le Blanc 1301

XVII, 386-390 (1301) Annecy, 26. April 1617.

Ich antworte hier auf Ihren Brief vom 14., meine liebe Tochter.
1. Sagen Sie der lieben Barbe-Marie,4 die mich so sehr liebt und die ich
noch mehr liebe, sie möge überall frei von Gott sprechen, wo sie denkt,
daß es nützlich sei. Sie soll sich nicht um das kümmern, was die Zuhörer
von ihr denken oder sagen könnten. Mit einem Wort: Ich habe ihr bereits
gesagt, daß man nichts tun oder sagen darf, um dafür gelobt zu werden,
aber auch nichts zu tun oder zu sagen unterlassen aus Furcht, dafür ge-
lobt zu werden. Man ist deswegen noch kein Heuchler, wenn man nicht
so gut handelt, wie man redet, denn o Gott, wozu wären wir dann da?
Dann müßte auch ich schweigen aus Furcht, ein Heuchler zu sein, denn
daraus würde folgen, ich dächte vollkommen zu sein, wenn ich über die
Vollkommenheit spreche. Nein gewiß, liebe Tochter, ich denke nicht,
vollkommen zu sein, wenn ich über die Vollkommenheit spreche, ich
denke auch nicht, Italiener zu sein, wenn ich italienisch spreche; aber
ich glaube die Sprache der Vollkommenheit zu kennen, habe ich sie
doch von jenen gelernt, die sie sprachen und mit denen ich mich bespro-
chen habe.
2. Sagen Sie ihr, daß sie ruhig ihr Haar pudern kann, da es in lauterer
Absicht geschieht; denn die Gedanken, die ihr darüber kommen, bedeu-
ten gar nichts. Man soll seinen Geist nicht in solche Spinnennetze ver-
wickeln. Die Haare des Geistes dieser Tochter sind noch mehr gelöst als
die ihres Hauptes, und darum ist sie darin verwickelt. Man darf nicht so
spitzfindig sein, noch Wert legen auf so viele Bemerkungen, auf die Un-
ser Herr in keiner Weise achtet. Sagen Sie ihr also, sie möge getrost ihren
Weg gehen inmitten der schönen Tugenden der Einfachheit und Demut
und nicht außenherum durch so viele Spitzfindigkeiten in Überlegungen
und Erwägungen. Soll sie nur ruhig ihren Kopf pudern, pudern doch
auch die anmutigen Fasane ihre Federn, damit darin keine Flöhe auf-
kommen.
3. Sie braucht keine Predigt oder irgendein gutes Werk auslassen, weil
sie ein „Beeilt euch!“ unterließ, aber sie soll es sanftmütig und ruhig
sagen. Wenn sie bei Tisch ist und das Allerheiligste vorübergetragen
wird, möge sie es – wenn andere Leute bei ihr zu Tisch sind – in Gedan-
ken begleiten. Ist niemand da, kann sie es begleiten, wenn sie, ohne sich
zu hetzen, dort zeitig genug sein kann; und dann soll sie ruhig zurück-
kehren und ihre Mahlzeit wieder aufnehmen, denn Unser Herr wollte
nicht einmal, daß Marta ihn geschäftig bediente (Lk 10, 40,41).
V. Le Blanc 1301 267

4. Ich habe ihr gesagt, daß sie da, wo es notwendig ist, fest und ent-
schlossen reden könnte, um die bewußte Person zur Pflicht anzuhalten;5
die Festigkeit aber wäre wirkungsvoller, wenn sie ruhig bliebe und man
sie der Vernunft entspringen ließe, ohne Beimischung von Leidenschaft.
5. Die „Gesellschaft der Zwölf“6 dürfte nicht schlecht sein, denn die
Übung, deren sie sich bedient, ist gut; aber diese Barbe-Marie, die kein
„Vielleicht“ haben will, leidet darunter, daß vielleicht diese Gesellschaft
nicht in Ordnung sei, da sie von keinem Prälaten oder irgendeiner ande-
ren glaubwürdigen Person bezeugt wird, wir also nicht sicher sein kön-
nen, daß sie kirchlich errichtet ist; führt doch das Büchlein, das davon
spricht, weder Verfasser noch Zeugen an, die dies zusichern. Nun, was
nicht schaden, sondern nützen kann, ist dennoch gut.
6. Ob sie nun im betrachtenden Gebet nach Punkten vorgeht, wie wir
gesagt hatten, oder wie sie es gewohnt ist, ist nicht wichtig. Wir erinnern
uns aber gut, daß wir ihr sagten, sie brauche nur die Punkte vorzuberei-
ten und zu Beginn des Gebetes versuchen, diese Gedanken zu verkosten.
Wenn sie diese wirklich verkostet, so ist es ein Zeichen, daß Gott will, sie
möge dieser Methode folgen, zumindest dann. Wenn dennoch nachher
die gewohnte liebe Gegenwart sie in Besitz nimmt, soll sie sich nur dahin
gehen lassen und auch zu den Gesprächen, die sie doch durch Gott selbst
anstellt und die gut sind, so wie sie diese mir in ihrem Brief darstellt. Wir
müssen aber auch manchmal zu diesem großen „Alles“ sprechen, als
wollten wir, daß unser „Nichts“ etwas tue. Da Sie unsere Bücher lesen,
brauche ich nichts mehr hinzufügen, als daß Sie einfach, aufrichtig, offen
und mit der Unbefangenheit von Kindern zuweilen in den Armen des
himmlischen Vaters, zuweilen von seiner Hand gehalten, Ihren Weg ge-
hen sollen ...7
Ich bin recht froh, daß meine Bücher8 Zugang zu Ihrem Geist gefun-
den haben, der so tapfer war, zu glauben, er könnte sich selbst genügen,
das sind aber Bücher des Vaters, in dessen Herzen Sie die teure Tochter
sind, hat es doch Gott so gefallen, dem immerdar Ehre und Verherrli-
chung sei ...9
268 V. Veyssilieu 1295

AN FRAU VON VEYSSILIEU

XVII, 371-375 (1295) Annecy, 7. April 1617.


Gnädige Frau!
Bei dieser ersten Gelegenheit, die ich finde, Ihnen zu schreiben, halte
ich mein Versprechen und führe Ihnen einige Mittel an, wodurch Sie die
Angst vor dem Tod lindern können, die Ihnen in Ihren Krankheiten und
Kindsbetten so große Schrecken einflößt. Obgleich darin keine Sünde
liegt, schadet es doch Ihrer Seele, da sie, von dieser Angst gestört, sich
mit ihrem Gott nicht so innig in Liebe verbinden kann, wie sie dies tun
würde, wäre sie nicht so arg abgequält.
1. versichere ich Ihnen, daß Sie nach und nach zum großen Teil von
dieser Qual erleichtert werden, wenn Sie Ihre Andachtsübungen fortset-
zen, was Sie tun, wie ich sehe. Wenn Ihre Seele sich von schlechten Nei-
gungen freihält und immer mehr mit Gott eins wird, hängt sie weniger an
diesem sterblichen Leben und an den eitlen Freuden, die man darin fin-
det. Fahren Sie denn mit dem frommen Leben so fort, wie Sie begonnen
haben, und gehen Sie immer weiter voran auf dem Weg, auf dem Sie sich
befinden; dann werden Sie sehen, wie diese Ängste nach einiger Zeit
verblassen und Sie nicht mehr so stark beunruhigen werden.
2. Ergehen Sie sich oft in Gedanken an die große Güte und Barmher-
zigkeit, mit der Gott, unser Heiland, die Seelen bei ihrem Hinscheiden
aufnimmt, wenn sie während ihres Lebens auf ihn vertraut haben und –
jede nach ihrem Beruf – sich bemüht haben, ihm zu dienen und ihn zu
lieben. O wie gut bist Du, Herr, allen jenen, die ein aufrichtiges Herz
haben! (Ps 73,1).
3. Richten Sie oft Ihr Herz auf durch ein heiliges Vertrauen, verbun-
den mit einer tiefen Demut unserem Erlöser gegenüber; sagen Sie etwa:
Ich bin armselig, Herr, doch Du wirst meine Armseligkeit im Schoß
Deiner Barmherzigkeit aufnehmen und mich mit Deiner väterlichen
Hand in den Genuß Deines Erbes gelangen lassen. Ich bin schwach,
niedrig und verächtlich; aber Du wirst mich an jenem Tag lieben, weil ich
auf Dich gehofft und mit Demut gesucht habe, Dir anzugehören.
4. Erwecken Sie in sich, sooft Sie können, die Liebe zum Paradies und
zum himmlischen Leben und stellen Sie darüber mehrere Erwägungen
an. Sie finden solche in der „Anleitung zum frommen Leben“ bei der
Betrachtung der „Herrlichkeit des Himmels“ und der „Wahl des Para-
dieses“;10 denn in dem Maße, als Sie die ewige Seligkeit schätzen und
V. Veyssilieu 1295 269

lieben, werden Sie weniger Angst davor haben, das sterbliche und ver-
gängliche Leben zu verlassen.
5. Lesen Sie nicht Bücher oder Stellen aus Büchern, in denen vom Tod,
vom Gericht und von der Hölle die Rede ist; denn, Gott sei Dank, haben
Sie sich doch fest entschlossen, christlich zu leben, und brauchen nicht
durch Beweggründe dazu angetrieben werden, die Schrecken und Ent-
setzen verursachen.
6. Verrichten Sie oft Akte der Liebe zur Mutter Gottes, zu den Heili-
gen und Engeln; machen Sie sich mit ihnen vertraut und richten Sie oft
Worte des Lobpreises und der Liebe an sie; denn je mehr Sie zu den
Bürgern des göttlich-himmlischen Jerusalems Zugang finden, desto we-
niger wird es Ihnen ausmachen, jene des irdischen Jerusalems oder der
niedrigen Stätte dieser Welt zu verlassen.
7. Beten Sie oft den hochheiligen Tod unseres gekreuzigten Herrn an,
preisen Sie ihn, setzen Sie Ihr ganzes Vertrauen auf seine Verdienste,
wodurch er Ihren Tod glückselig gemacht hat; sagen Sie oft: O göttlicher
Tod meines gütigen Jesus, du wirst meinen Tod segnen und er wird geseg-
net sein; ich segne dich und du segnest mich dann, o Tod, der du liebens-
werter bist als das Leben! So ließ der hl. Karl in seiner Todeskrankheit
vor seinen Augen das Bild von der Grablegung Unseres Herrn und sei-
nes Gebetes am Ölberg aufstellen, um in seiner Todesstunde beim Tod
und Leiden seines Erlösers Trost zu finden.
8. Erwägen Sie manchmal, daß Sie eine Tochter der katholischen Kir-
che sind, und freuen Sie sich darüber; denn die Kinder dieser Mutter, die
nach ihren Geboten leben wollen, sterben immer eines glückseligen To-
des und es ist, wie die selige Mutter Theresia sagt, ein großer Trost, in der
Todesstunde „Tochter der heiligen Kirche“ sein zu dürfen.
9. Beenden Sie alle Ihre Gebete im Vertrauen, sagen Sie etwa: Herr, Du
bist meine Hoffnung (Ps 142,6); auf Dich habe ich mein Vertrauen gesetzt
(Ps 53,2); o Gott, wer auf Dich hoffte, ist der je zuschanden geworden? (Sir
2,11). Ich hoffe auf Dich, o Herr, und werde in Ewigkeit nicht zuschanden
werden (Ps 31,1; 71,1). Gebrauchen Sie in Ihren Stoßgebeten während des
Tages und beim Empfang des hochheiligen Sakramentes immer Worte der
Liebe und der Hoffnung auf Unseren Herrn, wie etwa: Du bist mein Vater,
o Herr! O Gott, Du bist der Bräutigam meiner Seele; Du bist der König
meiner Liebe und der Geliebte meiner Seele! O gütiger Jesus, Du bist
mein teurer Meister, meine Hilfe, meine Zuflucht!
10. Denken Sie oft an die Personen, die Sie am meisten lieben und von
denen getrennt zu werden Sie betrüben würde. Überlegen Sie, daß Sie
270 V. Veyssilieu 1502

mit ihnen auf ewig im Himmel vereint sein werden; z. B. mit Ihrem
Gatten, Ihrem kleinen Jean,11 Ihrem Vater.12 O, wie wird dieser kleine
Knabe mit Gottes Hilfe eines Tages glückselig sein in diesem ewigen
Leben, in dem er an meiner Glückseligkeit teilhaben und sich darüber
freuen wird; und ich werde an der seinen teilhaben und mich darüber
freuen und wir werden uns niemals mehr trennen müssen. Das gleiche
gilt für Ihren Gatten, Ihren Vater und die anderen. Dabei wird es Ihnen
umso leichter gemacht, als alle Ihre Lieben Gott dienen und ihn fürch-
ten. – Und weil Sie ein wenig melancholisch sind, lesen Sie im Buch von
der Anleitung zum frommen Leben nach, was ich über die Traurigkeit
und die Heilmittel dagegen sage.
Das ist es, meine liebe gnädige Frau, was ich Ihnen im Augenblick
darüber sagen kann, und ich sage es mit meinem Herzen, überaus zuge-
tan dem Ihren, das ich beschwöre, mich zu lieben und mich oft der gött-
lichen Barmherzigkeit zu empfehlen, wie ich meinerseits niemals aufhö-
ren werde, diese anzuflehen, sie möge Sie segnen.
Leben Sie glücklich und freudig in der himmlischen Liebe. Ich bin Ihr
sehr ergebener und sehr zugetaner Diener ...

XVIII, 343f (1502) Paris, 16. Januar 1619.


Es scheint mir, meine sehr liebe Tochter, daß Ihr Herz so sehr meiner
unwandelbaren Zuneigung zu ihm sicher ist, daß es von nun ab nicht
mehr daran zweifeln kann: Was Gott tut, ist wohlgetan. Daß ich Ihnen so
verspätet schreibe, schreiben Sie bitte diesem unerträglichen Wirbel zu,
in dem man mehr tun muß, als man kann und will, und nicht tun kann,
was man will, auch wenn man es kann.
Ich habe vorher recht befürchtet, daß die Krankheit Ihres Herrn Va-
ters13 Ihnen viel Sorge bereitet; jetzt aber, da er Gott sei Dank wieder
Kraft und Gesundheit zurückgewinnt, bin ich darüber sehr erleichtert.
O Gott, meine sehr liebe Tochter, welch eine gute Lehre, die es ver-
dient, daß sie wohl verstanden werde, ist es doch, daß dieses Leben uns
nur gegeben ist, um das ewige zu gewinnen! Fehlt uns diese Erkenntnis,
dann legen wir unsere Neigungen in Dingen fest, die dieser Welt zugehö-
ren, in der wir nur vorübergehend sind; und wenn wir sie verlassen müs-
sen, sind wir ganz entsetzt und erschrocken.
Glauben Sie mir, meine liebe Tochter: Um auf dieser Pilgerfahrt zu-
frieden zu leben, müssen wir vor unseren Augen die Hoffnung auf die
Heimkehr in unser Vaterland gegenwärtig haben, wo wir ewig verbleiben
V. Veyssilieu 1511 271

werden, und indessen fest glauben (denn das ist wahr), daß Gott, der uns
zu sich ruft, darauf schaut, wie wir zu ihm hingehen, und nie erlauben
wird, daß uns nicht zum größeren Wohl gereiche, was uns zustößt. Er
weiß, wer wir sind, und wird uns seine väterliche Hand bei einem Fehl-
tritt entgegenstrecken, damit nichts uns aufhalte. Um uns aber dieser
Gnade recht erfreuen zu können, müssen wir vollkommenes Vertrauen
zu ihm haben.
Kommen Sie den Geschehnissen dieses Lebens nicht durch Befürch-
tungen zuvor, sondern durch die vollkommene Hoffnung, daß Gott, dem
Sie gehören, in dem Maße Sie daraus befreien wird, als sie Ihnen zusto-
ßen. Er hat Sie bis jetzt bewahrt; halten Sie sich nur recht an der Hand
seiner Vorsehung fest, und er wird Ihnen in allen Vorkommnissen bei-
stehen und wird Sie tragen, wo Sie nicht gehen können (Dtn 1,31). Was
brauchen Sie zu fürchten, meine sehr liebe Tochter, da Sie Gott gehören,
der uns so fest zugesichert hat, daß denen, die ihn lieben, alles zum Wohl
gereiche? (Röm 8,28). Denken Sie nicht, was morgen geschehen wird
(Mt 6,34), denn der gleiche ewige Vater, der heute für Sie sorgt, wird
auch morgen und immer Sorge für Sie tragen: Entweder läßt er kein
Übel für Sie zu, oder wenn er es tut, dann wird er Ihnen auch den unbe-
siegbaren Mut schenken, es zu ertragen.
Bleiben Sie in Frieden, meine sehr liebe Tochter; entfernen Sie aus
Ihrer Vorstellung, was Sie verwirren kann, und sagen Sie oft zu Unserem
Herrn: „O Gott, Du bist mein Gott!“ (Ps 31,15), und „ich vertraue auf
Dich“ (Ps 25,2); „Du wirst mir beistehen und meine Zuflucht sein“ (Ps
91,2); ich habe nichts zu fürchten, denn „Du bist nicht nur mit mir“ (Ps
23,4), sondern „in mir und ich in Dir“ (Joh 15,4). Was kann ein Kind in
den Armen eines solchen Vaters fürchten? Seien Sie so recht ein Kind,
meine sehr liebe Tochter. Wie Sie wissen, denken die Kinder nicht an
soviele Dinge, haben sie doch jemand, der für sie denkt; sie sind nur dann
recht stark, wenn sie bei ihrem Vater sind. Tun Sie das also, meine sehr
liebe Tochter, und Sie werden in Frieden sein. Amen.

XVIII, 365f (1511) Paris, 26. März 1619.


Meine sehr liebe Tochter!
Wenn ich bei Ihnen wäre, würde ich Ihnen viel mehr sagen, als ich
schreiben könnte, und wenn ich anderswo wäre, würde ich Ihnen aus-
führlicher schreiben., als ich dies hier tun kann. Diese wenigen Zeilen
entspringen meinem Herzen, um das Ihre wissen zu lassen, daß ich es -
272 V. Veyssilieu 1612

wenn schon nicht persönlich – so doch, das versichere ich Ihnen, in


seinem Leid mit großer Liebe und viel Mitgefühl aufgesucht habe.
Schließlich ist doch Ihr Vater so gestorben, daß wir – wenn der Glaube
an das ewige Leben in unserem Geist herrscht, wie er sollte – tief getrö-
stet sein sollen. Nach und nach entzieht uns Gott die Befriedigungen
dieser Welt; o meine sehr liebe Tochter, wir müssen glühend nach den
Befriedigungen der Unsterblichkeit streben und unsere Herzen zum
Himmel erheben, auf den unser Trachten gerichtet ist und wo wir nun
eine große Anzahl von Seelen haben, die wir am meisten lieben.
Immerdar sei der Name Unseres Herrn gepriesen (Ps 113,2) und seine
Liebe lebe und herrsche inmitten unserer Seelen. Meine Seele grüßt herz-
lich die Ihre und ich bin, meine sehr liebe Tochter, völlig Ihr recht erge-
bener Diener.
In Paris, am Dienstag der Karwoche.

XIX, 143-144 (1612) Annecy, 17. Februar 1620.

Dieses Mädchen14 wird mir teuer sein, kommt sie doch aus der Hand
der Vorsehung Gottes und auf Ihre Empfehlung, meine sehr liebe Toch-
ter, die ich in jeder Beziehung hochschätze. Möge es eben dieser himm-
lischen Güte gefallen, seine Gnaden über uns zu ergießen, damit wir
allen heiligen Lockungen seiner heiligen Berufung folgen.
Ich habe noch nicht mit Herrn N. gesprochen; aber ich kann nicht
umhin, meine sehr liebe Tochter, Ihnen zu sagen, daß Sie den Kopf hoch
zu Gott erhoben halten sollen und Ihre Augen auf die glückselige Ewig-
keit, die Sie erwartet. Was kann den Kindern des ewigen Vaters schaden,
die Vertrauen zu seiner Güte haben? Auf Dich, Herr, setze ich mein
Vertrauen (Ps 31,1); sagen wir das recht, meine sehr liebe Tochter, aber
sagen wir es oft, sagen wir es brennenden Herzens, sagen wir es kühn, und
dann wird uns zuteil werden, was folgt: „Niemals werde ich zuschanden
werden“ (Ps 31,1). Nein, meine Tochter, niemals, weder in diesem noch
im künftigen Leben werden wir zuschanden. Hoffen Sie auf Gott, tun Sie
Gutes (Ps 38,3) und fahren Sie mit Ihren Übungen fort; lieben Sie die
Armen und bleiben Sie in Frieden.
Ich liebe Ihr Herz immer mehr, segne es immer mehr und bin in Wahr-
heit immer mehr Ihr sehr ergebener Diener.
V. Veyssilieu 1860 – Granieu 1305 273

XX, 206f (1860) Annecy, 13. Dezember 1621.


Ich müßte Sie, meine liebe Tochter, gar nicht mitten in meinem Her-
zen tragen, um nicht an Ihrem Kummer teilzuhaben. Aber wahrlich, als
der, der ich Ihnen und Ihrem Haus bin, leide ich alles Leid zutiefst mit,
das Sie und Ihre Frau Schwester de la Baume betrifft. Es scheint mir
aber, meine liebe Tochter, daß Sie Trostworten ein wenig mehr zugäng-
lich sind als diese liebe Schwester; darum sage ich Ihnen, daß wir Un-
recht haben, unsere Eltern, Freunde, unsere Genugtuungen und Befrie-
digungen als etwas anzusehen, auf das wir unsere Herzen festlegen kön-
nen. Ich frage Sie, sind wir denn nicht auf dieser Welt unter gleichen
Bedingungen, wie die anderen Menschen und in der gleichen Unbestän-
digkeit, auf der diese Welt aufgebaut ist? Wir müssen es dabei belassen,
meine liebe Tochter, und unsere Erwartungen auf die heilige Ewigkeit
setzen, nach der wir streben. O Friede des menschlichen Herzens, man
findet dich nur in der Herrlichkeit und im Kreuz Jesu Christi!
Meine liebe Tochter, leben Sie so und erfreuen Sie oft Ihr geliebtes
Herz mit der echten Hoffnung, eines Tages ewig die glückselige und
unwandelbare Ewigkeit genießen zu können. Ich bin in Eile, meine liebe
Tochter, und es bleibt mir nur so viel Zeit, um Ihnen zu sagen, daß ich
immer ganz der Ihre bin und Ihr sehr ergebener Diener.

AN FRAU VON GRANIEU

XVII, 395f (1305) Annecy, April 1617.


Es ist wahr, gnädige Frau, meine liebe Tochter, wenn ich an die Seelen
denke, die zu lieben mir Gott eingab, gedenke ich Ihrer mit besonders
großer Freude; denn ich habe an Ihnen eine gewisse Loslösung von den
Geschöpfen und ihren Eitelkeiten gefunden; ich kann nicht anders, als
dies innig zu lieben.
Halten Sie bitte, meine liebe Tochter, Ihr Herz immer so hoch erho-
ben; es soll all seine Sorge auf die schöne Ewigkeit gerichtet halten, die
Sie erwartet. Die Kinder der Welt bekennen gewöhnlich im Sterben, daß
dieses Leben nur im Hinblick auf das ewige von Wert ist; die Kinder
Gottes aber stehen ihr Leben lang in Fühlung mit dieser Wahrheit.
Leben Sie so inmitten all der zahlreichen ärgerlichen Verpflichtungen,
die Ihr Stand Sie zu beobachten und zu tragen zwingt. Und so wie Men-
schen, die in die Heimat zurückkehren, nicht früher Ruhe erhoffen, als
274 V. Granieu 1363

bis sie dort angelangt sind, so streben Sie immer diesen dauerhaften
Frieden an, zu dem Sie auf dem Weg sind, auf den Ihr Sehnen, Ihre Mühe
und Ihre Schritte gerichtet sind.
Es freut mich, daß Sie nach und nach Ihren Weg erleichtern, Gott sei
immerdar inmitten unseres Geistes. Das ist, gnädige Frau, der ständige
Wunsch Ihres sehr ergebenen und gehorsamsten Dieners.

XVIII, 100f (1363)15 Annecy, Ende September oder Oktober 1617.


Ich glaube gern, meine sehr liebe Tochter, daß Ihr Herz Freude an
meinen Briefen hat, die Ihnen auch mit einer Liebe ohnegleichen ge-
schrieben wurden, weil es Gott gefallen hat, daß meine Liebe zu Ihnen
ganz väterlich sei, der zufolge ich nicht aufhöre, Ihnen das Übermaß
aller Segnungen zu wünschen.
Halten Sie bitte, meine sehr liebe Tochter, Ihren Mut recht aufrecht im
Vertrauen, das Sie auf Unseren Herrn setzen sollen, der Sie geliebt hat,
indem er Ihnen soviel schlichte Anreize zu seinem Dienst geschenkt hat,
der Sie noch immer liebt, indem er sie in Ihnen fortsetzt, und der Sie
lieben wird, indem er Ihnen die heilige Beharrlichkeit schenkt. Ich ver-
stehe wirklich nicht, wie Seelen, die sich der göttlichen Güte hingegeben
haben, nicht immer fröhlich sind, denn gibt es ein Glück gleich diesem?
Auch die Unvollkommenheiten, die Ihnen unterlaufen, sollen Sie nicht
verwirren, denn wir wollen sie ja nicht nähren und wollen niemals Ver-
gnügen an ihnen finden. Bleiben Sie also recht in Frieden und leben Sie
in Sanftmut und Herzensdemut.
Sie haben, meine sehr liebe Tochter, alle unsere kleinen Betrübnisse
wohl erfahren, die ich große zu nennen versucht wäre, wenn ich nicht
eine besondere Liebe Gottes zu den Seelen gesehen hätte, die er aus
unserer Mitte genommen hat; denn mein Bruder16 starb wie ein Ordens-
mann unter den Soldaten, meine Schwester17 wie eine Heilige unter den
Ordensschwestern. Ich rühre nur daran, um sie Ihren Gebeten zu emp-
fehlen.
Ihr Gatte hat wohl recht, mich zu lieben, denn ich will ihn immer ehren;
und auch Sie, meine sehr liebe Tochter, sind mir – stelle ich mir vor –
immer herzlich zugetan und Ihre Seele wird für mich sprechen, der ich der
Ihre bin, da Unser Herr und Schöpfer unseres Geistes diese geistliche
Bindung zwischen uns gesetzt hat. Möge immerdar sein heiliger Name
gepriesen sein und Sie ewig zu der Seinen machen; dies ist der ständige
Wunsch, meine sehr liebe Tochter, Ihres sehr ergebenen Dieners ...
V. Granieu 1432, 1441 275

XVIII, 227f (1432) Annecy, 20. Mai 1618.


Diesmal schreibe ich nur Ihnen, meine liebe Tochter, denn ich stelle mir
vor, daß die gute Mutter abgereist ist, und dieser Brief-Überbringer ist
eine Persönlichkeit, die behauptet, zu den guten Bekannten Ihres Gemahls
zu gehören, und er gewährt mir nur einen Augenblick, Ihnen zu schreiben.
Aber was soll ich sagen? Sind doch jene untrennbar, die nur einen
Willen und ein Herz haben, d. h. die um alles nur die himmlische, gött-
liche Liebe suchen und wünschen, daß der Wille und das Herz des Erlö-
sers herrschen mögen. Machen Sie sich darum die Mühe, meine sehr
liebe Tochter, ich bitte Sie, dies der Schwester Peronne-Marie18 von mir
zu sagen. Ich denke, daß sie nach der Abreise der teuren Mutter ein
wenig traurig sein wird. Sie soll aber versichert sein, daß Gott ihr in
ihrem Amt beistehen wird. Das werde ich ihr bei erster Gelegenheit
auch selbst schreiben.
Leben Sie indessen ganz diesem Herzen und für dieses Herz, meine
sehr liebe Tochter. Ich bin gewiß ganz vollkommen der Ihre und Ihr
recht ergebener Diener ...
Die Frau Präsidentin Le Blanc weiß gut, was ich ihr bin. In der Eile,
dieses Brieflein schnell abzugeben, kann ich ihr nicht schreiben, doch
grüße ich sie von ganzem Herzen.

XVIII, 237-240 (1441) Annecy, 8. Juni 1618.


Durch diese so sichere Gelegenheit will ich Ihnen sagen, meine sehr
liebe Tochter, daß unsere Mutter die Wahrheit spricht: ich bin sehr über-
häuft, nicht so sehr mit Geschäften, als mit Behinderungen, solchen aber,
die ich nicht loswerden kann. Dennoch möchte ich sicher nicht, meine
liebe Tochter, daß Sie deswegen aufhören, mir zu schreiben, sooft Sie es
wünschen; denn wenn ich Briefe von Ihnen erhalte, ist das für mich eine
Freude und eine große Erholung. Sie müssen mir dazu nur ein wenig gut
sein und mich entschuldigen, wenn ich mit der Antwort etwas im Verzug
bin, denn ich kann Ihnen versichern, daß ich sie nur hinausschieben
werde, wenn es notwendig ist, ist es doch für meinen Geist eine rechte
Freude, den Ihren aufzusuchen.
Ich kann Ihnen nichts verweigern, meine sehr liebe Tochter, und des-
halb werden die zwei von Ihnen gewünschten Porträts gemacht. Wie sehr
habe ich doch gewünscht, das Bild unseres himmlischen Vaters in unver-
sehrter Ähnlichkeit (Gen 1,26.27) in meiner Seele zu bewahren! Meine
sehr liebe Tochter, Sie werden mir wohl helfen, um die Gnade zu beten,
diese Ähnlichkeit möge in mir wiederhergestellt werden.
276 V. Granieu 1441

Ihre Gebetsweise ist gut, ja viel besser, als wenn Sie dabei Erwägungen
und Schlußfolgerungen machen, denn diese dienen nur dazu, um Empfin-
dungen hervorzurufen. – Es ist für uns eine große Gnade, wenn Gott uns
die Empfindungen schenkt ohne Erwägungen und Schlußfolgerungen. Das
Geheimnis der Geheimnisse im Gebet heißt, den Lockungen Gottes in
aller Einfachheit des Herzens zu folgen. Nehmen Sie sich die Mühe, das 7.
Buch der „Gottesliebe“ zu lesen oder sich vorlesen zu lassen, wenn Ihre
Augen es nicht leisten können; Sie werden darin alles finden, was Ihnen
notwendig sein wird, um das innerliche Gebet kennenzulernen.
Ich erinnere mich recht gut, daß Sie mir eines Tages in der Beichte
sagten, wie Sie es halten, und ich sagte Ihnen, daß das so recht sei. Wenn
Sie sich auch einen Punkt zur Betrachtung nehmen sollen, so brauchen
Sie sich doch nicht daran festzuhalten, wenn Gott Sie zu einem Liebes-
empfinden führt, sobald Sie in seiner Gegenwart sind. Folgen Sie dann
einfach Ihrem Empfinden; und je einfacher und ruhiger es wird, desto
besser wird es sein; denn es bindet dann den Geist stärker an seinen
Gegenstand. Wenn Sie sich aber nun einmal dazu entschlossen haben,
meine sehr liebe Tochter, halten Sie sich nicht zur Zeit des Gebetes
damit auf, wissen zu wollen, was Sie tun und wie Sie beten; denn das
beste Gebet ist jenes, das uns so sehr mit Gott beschäftigt hält, daß wir
nicht mehr an uns selbst denken, noch an das, was wir tun. Kurz, Sie
müssen ganz einfach, schlicht und ungekünstelt Ihren Weg gehen, um bei
Gott zu sein, um ihn zu lieben, um sich mit ihm zu vereinigen. Die wahre
Liebe hat kaum eine Methode.
Bleiben Sie in Frieden, meine sehr liebe Tochter, gehen Sie treu den
Weg, auf den Gott Sie gestellt hat; bemühen Sie sich, den heilig zu be-
glücken, den er mit Ihnen verbunden hat; wie eine kleine Biene bereiten
Sie sorgsam den Honig heiliger Frömmigkeit, aber erzeugen Sie auch
noch das Wachs Ihrer häuslichen Angelegenheiten. Denn wie das eine
dem Geschmack Unseres Herrn angenehm war, der Butter und Honig
aß (Jes 7,15), als er noch auf Erden war, so ist auch das andere zu seiner
Ehre getan, denn es dient ja dazu, die brennenden Kerzen für die Erbau-
ung des Nächsten zu bilden.
Gott, der Ihre Hand ergriffen hat, um Sie auf den Weg seiner Ehre zu
bringen, möge Sie führen (Ps 73,24; 139,10), meine sehr liebe Tochter.
Ich werde niemals aufhören, ihn darum zu bitten, denn glauben Sie mir,
meine sehr liebe Tochter, daß ich Ihre Seele und Ihr Herz, das Gott
immer mehr zu dem seinen machen möge, zärtlich und mehr als väter-
lich liebe. Amen. Es lebe Jesus!
V. Granieu 1449 277

Ich bitte Sie, meine liebe Tochter, die gute Mutter und unsere Heimsu-
chungsschwestern zu grüßen, da ich keinerlei Möglichkeiten habe, mehr
zu schreiben; das werde ich mit Gottes Hilfe bei erster Gelegenheit tun.
Sie wissen wohl, wie ich denke, auf welche Weise ich Ihnen gehöre. Diese
Mutter19 liegt mir überaus am Herzen; Gott möge ihr beistehen und ihre
guten Wünsche segnen.
Ich habe einen Stoß Briefe zu schreiben, aber ich kann gegenwärtig
nicht. Ich grüße sehr ergeben Ihren lieben Gatten, ich bin ganz zuver-
sichtlich sein Diener. Ich sollte Herrn von Aosta20 antworten, Ihrem
geliebten und recht liebenswerten Cousin, aber ich werde mit Gottes
Hilfe diese Schuld später begleichen, sagen Sie ihm das bitte, meine sehr
liebe Tochter.

XVIII, 250-252 (1449)21 Annecy, 19. Juli 1618.


Ich schreibe Ihnen, meine sehr liebe Tochter, während ich im Begriff
bin, das Schiff zu besteigen, um ein Kloster reformierter Mönche aufzu-
suchen, für die ich gegenwärtig Verantwortung trage. Dieser Herr, der
mein Verwandter und mein großer Freund ist, muß Ihnen um jeden Preis
Nachricht von mir bringen, wenn er zum Herrn Marschall geht, da er ja
auch bei der Rückkehr solche von Ihnen zurückbringen könnte. So ant-
worte ich auf Ihre zwei letzten Brieflein, die mir – wie alles, was von
Ihnen kommt – unvergleichliche Freude geschenkt haben.
Wahrer Gott, meine sehr liebe Tochter, wie wird es wohl sein, wenn
wir auf ewig das Antlitz des ewigen Vaters selbst schauen werden, wenn
schon das leblose und stumme Porträt eines schwachen Menschen das
Herz einer ihn liebenden Tochter erfreut? Aber, so sagen Sie mir, dieses
Porträt ist nicht stumm, es spricht ja zu Ihrem Geist und sagt ihm gute
Worte. Nun, wohl zu Ihren Ohren allein, die so feinhörig sind, daß dieses
Bild spricht, ohne ein Wort zu sagen, und Ihnen ins Gedächtnis ruft, was
ich sagte, als ich Ihnen auf der Kanzel vom „Willen Gottes, der Ihre
Heiligung ist“ gesprochen habe. Aber lassen wir das.
Kommunizieren Sie immer, wie Sie es tun; beichten Sie mutig Herrn
von Aosta; auf diesem Gebiet ist keine Zurückhaltung geboten. Ich muß
wirklich meiner sehr lieben Tochter sagen, daß meine Mutter vor ihrem
Tod die Generalbeichte bei mir ablegte und mir alle Jahre mit großer
Demut Rechenschaft über ihr Leben ablegte; und meine arme Schwäge-
rin, deren heiligmäßigen Tod meine Schwester Peronne-Marie bezeugen
wird, tat desgleichen. Es liegt also kein Hindernis vor, das auch bei ei-
278 V. Granieu 1456

nem Cousin zu tun. Trotzdem können Sie Ihrem früheren Beichtvater


von Zeit zu Zeit Rechenschaft ablegen, um ihm zu bezeugen, daß Sie ihn
immer hochschätzen.
Machen Sie sich keinerlei Sorgen, daß Sie kein zuverlässiges Gedächt-
nis Ihrer Fehler haben, denn nicht das mangelhafte Gedächtnis mißfällt
Gott, sondern der mangelnde Wille; und dank seiner himmlischen Güte
fehlt Ihnen dieser sicher nicht.
Es ist wahr, daß ich gegenüber Herrn von Aosta und Herrn de la Gran22
Schuldner bin, aber ich weiß nicht, was ich ihnen versprochen habe; aber
ich werde nicht zögern, mich bei erster Gelegenheit von dieser Schuld
freizumachen.
Leben Sie immer ganz in Gott, meine sehr liebe Tochter, und ich ver-
sichere Ihnen, daß ich ganz vollkommen und von ganzem Herzen der
Ihre bin, da es ihm gefällt, und ich fühle es wohl, daß es ihm gefällt und
immer mehr gefallen wird.
Ich grüße die liebe Mutter dort, die gewiß meine Tochter ist, und unse-
re Schwestern und Novizinnen und das ganze dortige Haus. Empfehlen
Sie aber, meine sehr liebe Tochter, mein Herz immer der Barmherzig-
keit Gottes, den ich anflehe, er möge Sie mit Ihrem lieben Gatten und
Ihrer ganzen Familie mit seinem Segen überhäufen.

XVIII, 261f (1456) Annecy, 14. August 1618.


Sie sehen so recht, meine sehr liebe Tochter, wie liebenswert der Ge-
horsam ist: Sie gingen mit etwas Widerstreben hin23 und es wurde Ihnen
dort gestattet, viel himmlisches Manna zu empfangen. So sei es und so ist
es recht, daß Sie immer, wenn Sie gehorchen, sich mehr und mehr mit
unserem Erlöser vereint finden.
Sie haben also äußerst gut daran getan, Ihrem Beichtvater zu gehor-
chen, und Ihr Beichtvater hat recht gehandelt, Ihnen auf einem so erfreu-
lichen Gebiet Gehorsam aufzuerlegen. Ich werde nie derjenige sein, der
Ihnen Ihr tägliches Brot (Lk 11,3) nimmt, wenn Sie nur recht gehorsam
sind. Ich will sagen, meine sehr liebe Tochter, daß Sie getrost immer
kommunizieren können, wenn Ihre Beichtväter Ja dazu sagen, über die
gewöhnlichen Kommunionen hinaus, die ich Ihnen aufgezeigt habe.
Wenn ich Ihnen schrieb, daß Sie von Zeit zu Zeit Ihrem einstigen
Beichtvater Rechenschaft ablegen sollen, wollte ich nicht sagen, daß Sie
eine Generalbeichte ablegen sollten, denn es genügt, wenn Sie diese von
Jahr zu Jahr ablegen, bei wem Sie wollen; ich wollte nur sagen, daß Sie
V. Granieu 1470 279

sich bei ihm einstellen, um ihm Ihre fortdauernde Ehrerbietung zu be-


kunden, teils um sich zu demütigen, teils um ihm Freude zu bereiten.
Ich bin recht froh, daß Sie zu der dortigen Mutter vollkommenes Ver-
trauen haben, denn ich glaube, daß sie Ihnen von Nutzen sein wird, ist
diese Mutter doch ganz meine liebe Tochter, zu der ich auch volles Ver-
trauen habe. Hätte ich nicht dieses Vertrauen, würde ich ihr öfter schrei-
ben, aber ich erlasse es mir, wie ich es mit Ihnen tun werde, der ich jetzt
bei Gelegenheit schreibe, und ich bin recht froh darüber. Mein Gott,
meine sehr liebe Tochter, wie liebenswert ist doch die himmlische Liebe,
selbst wenn sie hier unten unter den Bedingungen unserer Sterblichkeit
geübt wird! Weder örtliche Entfernung noch irgendetwas auf der Welt
kann ihr die Anmut rauben. So scheint es mir, daß ich immer eins mit
Ihrem Herzen und dem dieser lieben Mutter bin und daß unsere Herzen
miteinander in Verbindung stehen, ja nur ein einziges Herz sind, das mit
aller Kraft Gott lieben will und sich nur in Gott und Gottes wegen liebt.
Die hochheilige Jungfrau, unsere Herrin, Meisterin und heilige Äbtis-
sin, sei immerdar unsere Mutter und Führerin.
Ich versage mir, Ihnen mehr zu schreiben, obgleich ich es gern tun
würde, um daran zu denken, wie sie aus Liebe starb und wie sie von
seiner Liebe im Himmel gekrönt wurde, damit ich morgen zu meinem
lieben Volk aus dieser Stadt darüber sprechen kann, das es erwartet.
Ich glaube nicht, daß unsere Mutter hier Ihnen schreibt, aber sie hat
Sie wohl inmitten ihres Herzens eingeschrieben. Gott sei immerdar un-
ser Alles! Amen.

XVIII, 286 (1470)24 Annecy, 22. September 1618.


Sie handeln gewiß sehr liebevoll, meine sehr geliebte Tochter, wenn
Sie mir oft schreiben, denn Ihre Briefe trösten und erfreuen mich über-
aus, hat doch Gott gewollt, daß mein Herz so väterlich für Sie empfindet,
wie es mehr nicht sein kann, während Sie wiederum meine sehr liebe
Tochter sind im Herzen unseres Erlösers. Handeln Sie also immer so,
schreiben Sie mir immer einige Worte, und ich werde sorgsam das glei-
che tun, wenn ich kann.
Gott ist gut, meine sehr liebe Tochter, und da es ihm gefallen hat, in
Ihnen den Wunsch nach seiner reinen Liebe zu wecken, wird er sie Ihnen
eines Tages vollkommen schenken. Das erbitte ich oft für Ihre liebe See-
le, meine Tochter, die ich wie meine eigene liebe.
Ich schreibe Ihnen in Eile und nur, um auf Ihr kleines Brieflein zu
280 V. Granieu 1501

antworten; ein anderes Mal, wenn ich mehr Muße habe, werde ich auf
Ihre beiden vorhergehenden Briefe antworten, und wer weiß, ob ich nicht
im nächsten Monat nach Grenoble komme. Ich habe etwas Hoffnung
darauf. Es geschehe nach dem Willen Gottes. Ich bin der Ihre.

XVIII, 340-342 (1501) Paris, 16. Januar 1619.

Ich weiß wohl, meine sehr liebe Tochter, daß Ihr geliebtes Herz liebe-
voll ergeben in den Armen der göttlichen Vorsehung bleibt. Ob wir jetzt
fortgehen oder zurückkommen, an einem Ort oder an verschiedenen
Orten sind: Wenn wir nur mit Gott sind, dann können wir niemals ge-
trennt werden; auch dann nicht, wenn wir des Wortes Unseres Herrn
gedenken, als er zu seiner lieben Mutter sagte: „Wußtet ihr nicht, daß ich
in dem sein muß, was meines Vaters ist?“ (Lk 2,49), denn er will damit
sagen, daß es wenig bedeutet, wo wir sind, wenn wir nur leben, um dem
himmlischen Vater zu dienen. Darum werden wir, meine sehr liebe Toch-
ter, immer zusammen sein und mein Herz wird immer untrennbar von
dem Ihren sein, da wir, Gott sei gedankt, nur einen Willen haben, näm-
lich den seinen zu erfüllen, soweit wir es können bei unserer Kleinheit,
Niedrigkeit und Armseligkeit.
Ihr Brief nun, meine sehr liebe Tochter, hat mir die Geschichte der
Schwierigkeiten dargelegt, die Sie hatten ... als Sie wünschten, meine
Tochter zu sein; es ist nichts Schlimmes daran, wenn Sie Ihre Gedanken
persönlich nicht so gut auszudrücken wissen, als wenn Sie fern sind.
Zerbrechen Sie sich nicht den Kopf, woher das kommt, denn das ist
unwichtig.
Ich nehme mitfühlend Anteil an der Krankheit,25 an der Ihr Gatte
leidet, und an der Mühe, die Sie damit haben; unsere heilige Herrin und
Äbtissin kann Ihnen rechten Trost geben; sie führt Sie auf den Kalvarien-
berg, wo sie das Noviziat ihres Klosters hält und nicht nur alles zu erdul-
den lehrt, was uns und unseren Lieben zustößt, sondern es mit Liebe zu
erdulden. Ich denke, daß der gute Cousin, Herr de la Gran26, wohl bei
Ihnen war, um den Kummer zu ertragen, den das Hinscheiden seines
Vaters ihm verursacht hat. Ich habe Gott für diese Seele gebeten, die ich
sehr schätzte, aber ich habe dem Sohn nicht geschrieben, da ich erst spät
von diesem Leid erfahren habe, als nicht mehr Zeit dafür war.
Unserer Mutter geht es in Bourges gut und ich glaube, daß sie vor
Ostern hierherkommen wird, da es den Anschein hat, daß man hier ein
V. Granieu 1611 281

Kloster errichten wird, wenn es auch bis jetzt große Widerstände von der
weltlichen Gesinnung her gegeben hat, die nicht ohne Einfluß ist, selbst
bei Guten, sodaß man recht auf der Hut sein muß.
Ich befinde mich wohl, meine sehr liebe Tochter, wenngleich über-
häuft mit Arbeit an Predigten, die ich bei jedem Anlaß halten muß, vor
dem Volk und vor dem Hof;27 aber das wird nur bis Ostern dauern, da ich
mich mit Gottes Hilfe wieder in meinen kleinen Schafstall zurückzie-
hen werde. Gott sei immer das Leben unserer Herzen, meine sehr liebe
Tochter, und möge dort auf ewig herrschen. Durch ihn und in ihm bin ich
und werde ich, meine sehr liebe, ganz gewiß und immerdar geliebte Toch-
ter, ganz vollkommen unwandelbar der Ihre sein.

XIX, 141-142 (1611) Annecy, 17. Februar 1620.


Vor Ihnen, meine sehr liebe Tochter, bedarf es keiner Förmlichkeit,
denn Gott hat mein Herz so stark an das Ihre gebunden, daß es – so
scheint es mir – kein Dazwischen gibt. Damit will ich Ihnen sagen, daß
ich Ihnen nur diese zwei Worte schreibe, während ich mir meine freie
Zeit dafür wahre, anderen zu schreiben, denen ich antworten muß.
Und was sind diese zwei Worte? Demut und Geduld. Ja, meine sehr
liebe Tochter und meine gewiß immer mehr teure Tochter. Sie haben viel
Kreuz um sich, solange Ihr lieber Gatte leidet; die heilige Liebe wird Sie
lehren, daß man in der Nachfolge des großen Liebenden auf dem Kreuz
sein soll mit Demut, weil unwürdig, etwas für ihn zu erdulden, der soviel
für uns gelitten hat, und mit Geduld, nicht von unserem Kreuz herabstei-
gen zu wollen, außer nach dem Tod, wenn es so dem ewigen Vater gefällt. O
meine sehr liebe Tochter, empfehlen Sie mich dieser gekreuzigten und
kreuzigenden göttlichen Liebe, sie möge meine Liebe und all meine Lei-
denschaften kreuzigen, sodaß ich nichts mehr liebe als Ihn, der aus Liebe
zu unserer Liebe schmerzhaft, aber liebeerfüllt gekreuzigt werden wollte.
Mein Bruder von Boisy,28 Ihr Gast, wird Bischof in meiner Nachfolge
werden, da Madame es so gewünscht und Seine Hoheit es so gewollt hat,
ohne daß ich es je – weder direkt, noch indirekt – angestrebt habe. Das
läßt mich auf ein wenig Ruhe hoffen, um, ich weiß noch nicht was, über
den göttlichen Liebenden und seine Liebe zu schreiben und um mich auf
die Ewigkeit vorzubereiten.
Meine sehr liebe Tochter, ich bin unvergleichlich Ihr und Ihres Gatten
sehr ergebener Diener und der des Herrn C., vor allem aber Ihrer lieben
Seele, die Gott segnen möge. Amen.
282 V. Granieu 1668

XIX, 256-258 (1668) Annecy, 20. Juni 1620.

Sie sehen, meine liebe Tochter, welches Vertrauen ich auf Sie setze. Ich
habe Ihnen seit Ihrer Abreise29 nicht geschrieben, weil ich es nicht leicht
tun konnte, und ich bringe keine Entschuldigung dafür vor, weil Sie
wahrhaft und immer mehr meine mehr als liebe Tochter sind.
Gott sei gelobt, daß Ihre Rückkehr recht angenehm war und Sie Ihren
lieben Gatten bei besserem Befinden angetroffen haben. Gewiß, die
Vorsehung des himmlischen Vaters behandelt gütig die Kinder seines
Herzens und mischt von Zeit zu Zeit Liebes und Angenehmes unter die
fruchtbringenden Bitterkeiten, mit denen sie Verdienste erlangen läßt.
Es tut mir leid, daß ich dem Sohn des Herrn von Argenson30 nicht
genug Freundlichkeit erweisen konnte, aber die knappe Zeit bei der Prie-
sterweihe gestattete es nicht. Überdies hatten mein Offizial und er uner-
wartet einen kleinen Streit, weil er sich zur Priesterweihe gestellt hatte,
ohne den hier üblichen Haar- und Bartschnitt und ohne Tonsur. Daher
ist er ein wenig verärgert fortgegangen. Nicht, daß er es mir gegenüber
zum Ausdruck gebracht hätte, aber er sagte es nachher anderen. Es ist
eigentlich nicht leicht, eine Zurechtweisung rasch zu geben und sie lie-
benswürdig entgegenzunehmen.
Anfang des kommenden Monats werden wir sieben oder acht Schwes-
tern nach Frankreich schicken, die – wie ich denke – durch Grenoble
reisen werden; es wird eine Prüfung für sie sein, wenn sie dort Sie nicht
antreffen, besonders für die Schwester Claude-Agnès, die sich schon so
sehr darauf freute.
Sie müssen wissen, meine sehr liebe Tochter, daß es mir eine große
Freude ist, oft Briefe von Ihnen zu empfangen, und daß meine Seele
diese Äußerungen der Liebe überaus gern hat, welche Ihre Seele für sie
hegt.
Herr Michel fragte mich, was ich Herrn Le Grand31 über die Jagd
gesagt habe; das war aber, meine sehr liebe Tochter, nur ein Artikel, von
dem ich sprach, und zwar, es gäbe drei Gesetze, nach denen man sich
beherrschen müsse, um Gott nicht auf der Jagd zu beleidigen: 1. dem
Nächsten keinen Schaden zuzufügen. Es ist doch nicht vernünftig, daß
jemand, wer immer es sei, sich auf Kosten anderer vergnügt, vor allem,
wenn er den armen Bauern schädigt, der schon von anderer Seite bereits
genug gemartert wird und dessen Arbeit und Stand wir nicht verachten
dürfen; 2. nicht die Zeit der großen Feste auf die Jagd zu verwenden, an
denen man Gott dienen soll; vor allem ist darauf zu achten, daß man
V. Granieu 1678 283

dieser Erholung wegen nicht die heilige Messe an den gebotenen Feierta-
gen versäume; 3. nicht zu große Mittel darauf zu verwenden, denn jede
Vergnügung ist zu tadeln, wenn sie mit Verschwendung verbunden ist.
An das übrige erinnere ich mich nicht. Kurz, es soll überall mit Takt
vorgegangen werden.
Ach, meine sehr liebe Tochter, Gott sei immer inmitten Ihres Her-
zens, um alle Ihre Affekte mit seiner heiligen Liebe zu vereinen. Amen.
So hat er, das versichere ich Ihnen, in meinen Geist eine so liebenswerte
und vollkommene Zuneigung zu Ihrem Geist gelegt, den ich unablässig
liebe und Gott bitte, er möge ihn mit Segnungen überhäufen. So sei es,
meine sehr liebe und immer mehr teure Tochter. Amen.
Heute abend ist Frau de la Fléchère angekommen, die erzählte, welche
Freude sie hatte, Sie zu sehen. O meine Tochter, die Kinder Gottes lie-
ben einander immer sehr; seien wir also recht Kinder Gottes, meine sehr
liebe Tochter, und lieben wir einander sehr, wie er es will. Ich empfinde
gewiß in meinem Herzen eine unvergleichliche Freude, diese ganz auf-
richtige und unvergleichliche Liebe zu Ihrem Herzen zu fühlen, meine
sehr liebe Tochter. Das ist wirklich so.

XIX, 279-280 (1678) Annecy, 9. oder 10. Juli 1620.


Da ist also diese teure und geliebte Mutter Péronne-Marie, die zu ih-
rem Nest zurückkehrt. Ich konnte sie nicht soviel sehen, wie ich es ge-
wünscht hätte. Sie hat mich in Ihrem Auftrag gebeten, ihr die Unvoll-
kommenheiten aufzuzeigen, die ich an Ihrer Seele bemerkt hätte, aber
ich habe nicht Zeit genug gehabt, um zu überlegen, was darüber gesagt
werden könnte. Hätte ich Zeit gehabt, mit ihr darüber zu sprechen, hätte
ich es getan, um nicht nur Sie zufriedenzustellen, sondern um auch der
Treue zu entsprechen, die ich Ihnen schulde. Ich versichere Ihnen in
aller Offenheit, meine sehr liebe Tochter: Obgleich ich Ihre Seele mit
außerordentlicher und so starker Liebe liebe, daß es sich nicht verbergen
läßt, macht mich dies doch nicht blind und hindert mich nicht daran,
Ihre Fehler zu sehen, wenn ich Gelegenheit hätte, solche zu beobachten.
Sie sind also jetzt auf dem Land, meine sehr liebe Tochter, und ich habe
irgendwie die Hoffnung, Sie dort zu sehen, ebenso Ihren lieben Gatten,
falls Sie noch dort sind, wenn ich den Hochwürdigsten Herrn von Belley
besuche.32
Meine sehr liebe Tochter, meine Seele gehört ganz Ihnen und ich bin
sicher, daß Ihre Seele nicht an dieser lauteren Wahrheit zweifeln könnte,
284 V. Granieu 2043, 1711

die Gott Unser Herr geschaffen hat und die er immer andauern lassen
wird für dieses Leben und für die Ewigkeit, wie ich von seiner Barmher-
zigkeit erhoffe. So grüße ich diese liebe Seele meiner sehr lieben Tochter
und bin Ihr sehr ergebener Diener ...

XXI, 125-126 (2043) Annecy, 18. Juli 1620.


Es fehlt nur wenig, daß ich mich über Sie beklage, meine sehr liebe und
gewiß immer mehr teure Tochter. Wie, ich soll die Schwester Oberin
von Grenoble durch Überrumpelung zurückbehalten haben? Nein wirk-
lich, ich gehöre nicht zu diesen Leuten; ich schlage nicht an, ohne „Ach-
tung“ gerufen zu haben. Also jetzt ist sie wieder bei Ihnen und Sie zwei-
feln nicht mehr daran.
Aber selbst wenn ich einen großen Zorn über Sie gehabt hätte, wäre er
ganz besänftigt worden durch die liebe und freundliche Ankündigung
Ihrer geliebten Seele, daß wir noch die Freude haben werden, Sie vor
meiner Abreise nach Rom wiederzusehen; denn das wünsche ich gewiß
sehr und ich glaube es immer mehr, sehe ich doch bereits begründete
Aussichten dafür, denn diese Reise beginnt ungewiß zu werden.
Übrigens sind Sie so wahrhaft meine teure Tochter, daß ich es Ihnen
geradeheraus sagte, wenn ich irgendwelche Fehler an Ihnen bemerkt hät-
te; in so kurzer Zeit aber kann man sie nicht ausnehmen. Fehler, die Sie
nicht kennen, werden Ihnen nicht schaden, da Sie ganz aufrichtig sie zu
kennen wünschen; die Sie aber kennen, werden Ihnen nicht schaden, weil
Sie sich herzlich darin zu bessern wünschen. Nichts schadet jenen, die
ganz entschlossen sind, Gott über alles und in allen Dingen zu lieben. So
ist Ihr Herz beschaffen, meine sehr liebe Tochter. Gott segne dieses Herz
immerdar und halte es immer in der heiligen Demut und inneren Milde.
Ich habe keine Zeit, der teuren Mutter zu schreiben, aber ich grüße sie
von meinem ganzen Herzen durch die Vermittlung Ihres so lieben Her-
zens, meine Tochter, das Gott mit dem meinen vereint hat in seiner hei-
ligen Liebe.

XIX, 354-355 (1711) Annecy, 16. Oktober 1620.


Ihr unerwarteter Besuch in Belley, meine sehr liebe Tochter, hat mich
gewiß mit heiliger Freude erfüllt. Welch andere Wirkungen und Folgen
haben doch himmlische Neigungen als menschliche! Der Name Gottes
sei dafür gepriesen, der ihr Schöpfer und Bewahrer ist. Es ist mir eine
V. Granieu 1713, 1731 285

ganz große Freude, daran zu denken, meine sehr liebe Tochter, und ich
flehe seine göttliche Majestät an, sie möge mir die Gnade erweisen, ihren
Wohltaten gut zu entsprechen und auch der Sorge, die sie hat, meinen
armen schwachen Mut zu stützen, indem sie ihm viele Seelen zugesellt,
besonders die Ihre, der ich mit unlöslichen Banden verbunden bin. Seien
wir recht treu, sehr demütig, voll milden und liebenswürdigen Eifers, auf
dem Weg weiterzugehen, auf den uns diese göttliche Vorsehung gestellt
hat, meine sehr liebe Tochter.
Ich grüße Sie von ganzem Herzen, meine sehr liebe Tochter in Jesus
Christus, durch den, für den und in dem ich ganz völlig der Ihre bin und
es auf ewig sein werde.

XIX, 357 (1713) Annecy, 23. Oktober 1620.


Ich würde gewiß gern die Krankheiten Ihres lieben Gatten lieben,
meine sehr liebe Tochter, wenn die Nächstenliebe es mir erlauben wür-
de, denn meiner Meinung nach sind sie Ihnen von Nutzen zur Abtötung
Ihrer Neigungen und Gefühle. Lassen wir das die himmlische und ewige
Vorsehung Unseres Herrn entscheiden, ob sie zum Heil Ihrer Seele oder
der seinen dienen, die beide dadurch in der heiligen Geduld erprobt
werden. O meine Tochter, wie oft nennt doch die Welt das gut, was
schlecht ist, und mehr noch das schlecht, was gut ist!
Da aber diese höchste Güte, die unsere Leiden will, ebenfalls will, daß
wir um Befreiung davon bitten, flehe ich sie aus ganzem Herzen an, sie
möge diesem teuren Gatten wieder eine gute und langandauernde Ge-
sundheit schenken und meiner sehr lieben Tochter eine recht gute und
vortreffliche Heiligkeit, damit sie stark und eifrig auf dem Weg der wah-
ren und lebendigen Frömmigkeit weiterschreite.
Ich schrieb der Mutter der Heimsuchung. Es gibt, Gott sei gelobt,
Übel auf allen Seiten; aber Übel, die – wie ich hoffe – ein großes Gut
sind. Das Wohlgefallen seiner göttlichen Majestät sei immer unsere Freu-
de und unser Trost in den Widrigkeiten, die uns zustoßen. Amen.

XIX, 390-391 (1731) Annecy, 24. November 1620.


Da stehen Sie also ganz unter dem Kreuz, meine sehr liebe Tochter,
inmitten der Heimsuchungen, in der Krankheit Ihres lieben Gatten. Welch
kostbare Steine sind doch jene, die so hart scheinen! Alle glänzenden,
schönen und lieblichen Paläste des himmlischen Jerusalem sind aus sol-
chen Bausteinen erbaut, zumindest im Bezirk der Menschen; denn in
286 V. Granieu 1844

dem der Engel sind die Bauwerke anderer Art, aber auch nicht so erle-
sen. Und wenn im Königreich der ewigen Liebe Neid herrschen könnte,
würden die Engel den Menschen zwei Vorzüge neiden, die in zweierlei
Leiden bestehen: Das eine ist das Leiden, das Unser Herr am Kreuz für
uns, nicht aber für sie, zumindest nicht ganz für sie, erduldet hat; das
andere ist das, was die Menschen für unseren Herrn erdulden; das Lei-
den Gottes für den Menschen und das Leiden des Menschen für Gott.
Meine liebe Tochter, wenn Sie inmitten Ihrer Krankheiten und der
Ihres Gatten keine langen Gebete verrichten, dann lassen Sie Ihre Krank-
heit selbst zum Gebet werden, indem Sie ihm dies aufopfern, der unsere
Schwachheiten so sehr geliebt hat, daß er sich am Tag seiner Hochzeit
und der Freude seines Herzens damit gekrönt und verherrlicht hat, wie
die heilige Liebende sagt (Hld 3,11). Tun Sie es also auch.
Zwingen Sie sich nicht, zu ein- und demselben Beichtvater zu gehen,
wenn es erforderlich ist, zum Nächstbesten zu gehen, um Zeit zu gewin-
nen. Ich bin betrübt, daß Frau N. derart unpäßlich ist; aber da sie Gott
liebt, wird ihr alles zum Guten gereichen (Röm 8,28). Wir müssen unse-
rem Herrn die immer liebenswerte Verfügung überlassen, durch die er
uns oft mehr Gutes durch die Mühsale und Leiden zuteil werden läßt als
durch Glück und Trost.
Meine sehr liebe Tochter, sprechen Sie mir nicht so schlecht von Ih-
rem Herzen, denn ich liebe es so sehr, daß ich nicht will, daß man so von
ihm spricht. Es ist nicht untreu, meine sehr liebe Tochter, aber manch-
mal ein wenig schwach und ein wenig ermüdet. Sonst will es doch ganz
Gott gehören, das weiß ich gut, und strebt nach der Vollkommenheit der
himmlischen Liebe. Gott segne es denn immer, dieses Herz meiner sehr
lieben Tochter, und erweise ihm die Gnade, immer mehr demütig zu
sein. Gott sei gepriesen!

XX, 170f (1844)33 Annecy, 3. November 1621.


Gott weiß, warum so viele gute Wünsche erst nach so langer Zeit und
so viel Mühe Erfolg haben und manche sogar überhaupt nicht in Erfül-
lung gehen. Wenn kein anderer Nutzen darin läge als der, daß Gott die
ihn liebenden Seelen prüfen will, dann wäre es schon viel. Mit einem
Wort, man soll keine schlechten Dinge haben wollen, die guten nur ein
wenig, maßlos aber das einzig göttliche Gut, Gott selbst.
Ich weiß gewiß, meine liebe Tochter, daß Sie Freude haben über meine
Briefe, denn Unser Herr, der gewollt hat, daß meine Seele ganz Ihnen
V. Claude von Blonay 1314 287

gehöre, schenkt mir Kenntnis dessen, was in Ihrem Herzen vorgeht, weil
ich es im eigenen Herzen spüre. Es ist wahr, meine liebe Tochter, Grenoble
ist immer in meinem Herzen und Sie, meine liebe Tochter, sind inmitten
eben dieses Grenoble. Ich bin also recht getröstet, Nachricht von dieser
Stadt zu haben in einer Zeit, in der so viel und so Verschiedenes von ihr
gesprochen wird ...
Ich bin recht froh, daß unsere Schwestern von ihrem Kloster Besitz
ergriffen haben und auch Sie mit ihnen, denn da sie durch Ihren Beistand
und den dieser guten Damen dort zusammengeführt wurden, sind Sie
auch in ihren Personen dort und sie sind dort für Sie, die in ihrem from-
men Beruf dem gleichen Herrn dienen und gleichen Geistes mit ihnen
sind.
Sie sind auch ein wenig Krankenpflegerin gewesen, da Sie in den ver-
gangenen Monaten so viele Kranke hatten; Sie sind mit deren Schwä-
chen auch schwach gewesen, waren es doch so teure Personen wie Ihr
Gatte und Ihr geliebter Sohn,34 so daß Sie sagen konnten: „Wer ist
schwach, ohne daß ich mit ihm schwach werde?“ (2 Kor 11,29). Gott sei
gepriesen, der uns durch solche Wechselfälle zur beständigen und un-
wandelbaren Ruhe der ewigen Bleibe führt.
Leben Sie ganz in Gott, meine liebe Tochter, und lieben Sie in ihm
Ihren sehr ergebenen Diener ...

AN HERRN CLAUDE VON BLONAY

XVIII, 13-14 (1314)35 Annecy, 28. Mai 1617.


Mein lieber Herr von Blonay, mein Freund!
Bei Gott, wie gern will ich meine Reise aufschieben, da der Herr Mar-
quis es wünscht;36 war ich doch auch bereit, Ihnen oder dem Herrn Abbe
zu schreiben: „Laß mich meinen Kummer nur etwas beweinen“ (Ijob
10,20). Ach, mit jeder Viertelstunde erwarte ich die Nachricht vom Hin-
scheiden meines Bruders von Thorens,37 der vor drei Wochen von hier
aufbrach und am Dreifaltigkeitstag in Turin von den Ärzten aufgegeben
wurde, ohne jede Hoffnung, mit dem Leben davonzukommen. Von Cham-
béry kam bereits das Gerücht, daß er tot sei. Sie können sich denken, daß
ich diese 15 Tage nötig haben werde, um seine arme Witwe und die ganze
Verwandtschaft zu trösten und um wieder Ruhe zu finden für mein Herz,
das gewiß ganz tief erschüttert ist.
Und doch sage ich zu Gott aus ganzem Herzen: „Ich schweige und tue
288 V. Baron von Villette 1317

meinen Mund nicht auf, denn Du hast es getan“ (Ps 38,10). Ich preise die
Anordnung seiner Vorsehung und nehme das Kreuz an, das aufzuerlegen
ihm gefallen hat. Ja, ewiger Vater, denn so war es Dir wohlgefällig (Mt
11,26).
Ich empfehle ihn Ihren Gebeten und denen aller unserer Freunde im
allgemeinen. Ihr sehr ergebener Mitbruder ...
Ich grüße sehr ergeben den Herrn Marquis und bin sein getreuer Diener.

AN DEN BARON AMADEUS VON VILLETTE

XVIII, 18-20 (1317)38 Annecy 30. Mai 1617.


Verehrter Herr Onkel!
Ach, nur zu wahr ist es, daß Sie einen sehr ergebenen Neffen39 und
treuen Diener verloren haben und ich meinen ganz lieben Bruder, den
ich aus vielen guten Gründen über die Bande des Blutes hinaus unvor-
stellbar liebte. Es scheint wie ein Traum im Wachen zu sein, daß dieser
arme junge Mann gleich nach seiner Ankunft in jenem Land gestorben
ist, ohne Gelegenheit gehabt zu haben, den Fürsten zu sehen, dem er sein
Leben und seine Tapferkeit weihen wollte.
Doch bei allen Vorstellungen meines Kummers erkenne ich, daß es so
am besten war, da Gott es so gewollt hat. Sein Name sei gepriesen (Ijob
1,21) und die Beschlüsse seines Willens gelobt von Ewigkeit zu Ewig-
keit. Amen.
Ich glaube gewiß, daß mein Cousin, Herr von Giez, der Herr von Bon-
vilaret, und mein Neffe von Vuaz diesen Verlust schmerzlich empfunden
haben, wußten sie doch, daß der arme Dahingegangene sie ganz beson-
ders liebte und schätzte, wozu seine Natur und vielerlei Erwägungen ihn
verpflichteten; aber wenn er ihnen nun fehlt, so nicht durch seine Wahl,
noch durch seine Schuld. Gott möge sie in seiner Güte beschützen und
durch die Wechselfälle dieses Krieges führen.
Meine arme teure Schwester40 bezeugt unter Tränen und Klagen die
liebenswerteste, treueste und gottesfürchtigste Frömmigkeit, die sich
beschreiben läßt. Darüber sind wir überaus froh, haben wir doch den
Wunsch, ihr möge das Kind erhalten bleiben, das nach verschiedenen
guten Anzeichen der Dahingegangene als einen gewissen Trost für seine
Geschwister in ihren Schoß gelegt hat.
Was soll ich Ihnen noch mehr sagen, mein lieber Herr Onkel? Der
V. Sautereau 1320 289

arme verschiedene Junge hatte sich dem Kriegsdienst verschrieben und


konnte auf hunderterlei beklagenswertere Art und Weise sterben, als die
seines Todes war. Gelobt sei Gott, der ihn vor Duellen, Meutereien,
Verzweiflungen zu sich genommen hat, kurz vor diesen zahllosen Gele-
genheiten, Gott zu beleidigen, die dieser Beruf in so elender Zeit mit
sich bringt. Alles in allem kann ich nur sagen: „Ja, Vater, denn so war es
Dir wohlgefällig“ (Mt 11,26). Ich füge mich darein und sage Amen, nicht
nur zu den Worten Gottes, sondern auch zu seinen Werken. Ich flehe ihn
an, er möge Sie bewahren, und bleibe immerdar, mein Herr, Ihr sehr
ergebener Neffe und treuer Diener.

AN DIE PRÄSIDENTIN VON SAUTEREAU

XVIII, 25-27 (1320)41 Sales, 21. Juni 1617.


Gnädige Frau!
Sie können gar nicht glauben, wie sehr mir Ihr Kummer zu Herzen
geht. Bedachte ich doch den teuren Dahingegangenen aus vielen Grün-
den mit einer ganz besonderen Zuneigung; die Grundlage dazu aber bot
mir immer seine Tugend und Frömmigkeit. Welcher Jammer, daß wir
solche für die Öffentlichkeit so bedauernswerten Verluste gerade in ei-
ner Zeit sehen und erleiden müssen, in der ein so großer Mangel an
solchen Seelen unter den Leuten seines Ranges besteht.
Dennoch müssen wir, meine teure Dame, in Erwägung all dessen unse-
re Herzen der Beschaffenheit des Lebens anpassen, in die wir gestellt
sind. Ist es doch ein vergängliches und sterbliches Leben und der über
dieses Leben herrschende Tod hält keine geregelte Ordnung ein; er nimmt
bald hier, bald dort, wahllos und ohne irgendeine Methode, die Guten
aus den Schlechten und die Jungen aus den Alten heraus.
Wie glücklich sind doch jene, die in ständiger Erwartung des Todes
leben, sich stets bereit zum Sterben finden, damit sie auf ewig in jenem
Leben wieder leben können, in dem es keinen Tod mehr gibt! Unser
geliebter Verschiedener gehörte zu ihnen, dessen bin ich gewiß. Das al-
lein genügt, gnädige Frau, um uns zu trösten; denn schließlich werden
wir ihm in wenigen Tagen, früher oder später, in wenigen Jahren auf
diesem Weg folgen und die auf dieser Welt begonnenen Freundschaften
und Gemeinschaften werden erneuert, um keiner Trennung mehr unter-
worfen zu sein. Haben wir indessen Geduld und warten wir mutig, bis
290 V. Sautereau 1320

die Stunde unseres Hinscheidens schlägt, damit wir dorthin gehen kön-
nen, wohin diese Freunde bereits gelangt sind. Da wir sie herzlich geliebt
haben, fahren wir fort, sie zu lieben, tun wir aus Liebe zu ihnen, was sie
gewünscht haben, und das, was sie jetzt für uns wünschen.
Es war zweifellos der größte Wunsch Ihres verstorbenen Gatten bei
seinem Ableben, meine liebe Dame, daß Sie nicht lange in dem Kummer
versenkt bleiben, den sein Fortgehen Ihnen verursachte, sondern daß Sie
aus Liebe zu ihm versuchen, die Leidenschaft, die seine Liebe in Ihnen
entfachte, zu mäßigen. In dem Glück, dessen er jetzt teilhaftig ist oder
das er mit Gewißheit erwartet, wünscht er Ihnen heiligen Trost und daß
Sie, Ihr Leid mildernd, Ihre Augen für Besseres bewahren als für Tränen
und Ihren Geist für bessere Beschäftigungen als die Traurigkeit.
Er hat Ihnen wertvolle Pfänder Ihrer Ehe hinterlassen;42 bewahren Sie
Ihre Augen, um auf deren Ernährung zu achten, und bewahren Sie Ihren
Geist, um den ihren zu bilden. Tun Sie das, gnädige Frau, aus Liebe zu
diesem teuren Gatten. Stellen Sie sich vor, daß er Sie darum bei seinem
Hinscheiden gebeten habe und Sie um diesen Dienst weiterhin bittet;
denn das hätte er in Wahrheit getan, wenn er gekonnt hätte, und das
wünscht er von Ihnen gegenwärtig; alles andere an Ihren Leidenschaften
mag nach Ihrem Herzen sein, das noch in dieser Welt ist, nicht aber nach
dem seinen, das in der anderen ist.
Da wahre Freundschaft sich darin gefällt, den berechtigten Wünschen
des Freundes zu entsprechen, sollen Sie sich selbst trösten, um Ihrem
Herrn Gemahl zu gefallen, Ihren Geist aufrichten und neuen Mut fassen.
Wenn dieser Rat Ihnen zusagt, den ich Ihnen mit einer Aufrichtigkeit
ohnegleichen gebe, dann befolgen Sie ihn, werfen Sie sich vor Unserem
Herrn nieder, schicken Sie sich in seine Anordnungen; halten Sie sich
die Seele des teuren Verschiedenen vor Augen, die der Ihren einen ech-
ten christlichen Entschluß wünscht. Übergeben Sie sich ganz der himm-
lischen Vorsehung des Erlösers Ihrer Seele, Ihres Beschützers, der Ihnen
helfen und beistehen wird und Sie schließlich wieder mit Ihrem Dahin-
gegangenen vereinen wird, nicht als Ehefrau mit ihrem Mann, sondern
als Erbin des Himmels mit ihrem Miterben und als treue Liebende mit
ihrem treuen Liebenden.
Ich schreibe Ihnen das in Eile und beinahe atemlos, gnädige Frau, und
stelle Ihnen meine liebevollen Dienste zur Verfügung, die Sie schon lan-
ge gewonnen haben und die die Verdienste und das Wohlwollen Ihres
Gatten mir gegenüber von meiner Seele fordern konnten. Gott sei inmit-
ten Ihres Herzens. Amen.
V. Sautereau 1823 – Thorens 1324 291

XX, 138-139 (1823) Annecy, 30. August 1621.


Gnädige Frau!
Mein ganzes Leben lang werde ich die Zuneigung zu Ihnen bewahren,
die Gott mich fassen ließ und wozu mich die von ihrem Haus zuteilge-
wordenen Gunstbeweise verpflichten, um Sie mit unwandelbarer und
ganz großer Liebe zu ehren. Dieser Briefbogen soll Sie nun an diese
Wahrheit erinnern, entschuldigt mich doch die Art des Überbringers,
Ihnen mehr zu sagen, und die wenige Zeit, über die ich verfüge, hindert
mich auch daran, es zu tun.
Gnädige Frau, ich schaue auf Sie im Geiste, und obgleich Sie immer Ihr
Herz auf Gott ausgerichtet hielten, so meine ich doch, daß es jetzt noch
vollkommener seiner Güte anhaftet, hängt es doch an nichts anderem mehr
als an ihr, wie es niemals ohne ihn, noch außerhalb von ihm etwas besaß.
Leben Sie also, gnädige Frau, in diesem Zustand, wohin Sie die Beschaf-
fenheit dieses sterblichen Lebens gebracht hat. Glückselig die Leiden, die
unsere Liebesaffekte emporheben und auf den werfen, der der Vater der
Barmherzigkeit und der Gott allen Trostes ist! (2 Kor 1,3).
Ich bin ohne aufzuhören, gnädige Frau, Ihr sehr ergebener und sehr
getreuer Diener.

AN SEINE SCHWÄGERIN, DIE BARONIN VON THORENS

XVIII, 35-36 (1324)43 Viuz-en-Sallaz, 30. Juni 1617.


Sie können sich denken, meine sehr liebe Tochter, meine Schwester,
und ich glaube, daß Ihr Herz es Ihnen deutlich sagt, daß mein Herz
übergroßen Trost empfindet, wenn Sie mir von sich berichten; denn da es
Gott gefallen hat, bin ich Ihr lieber Bruder und Vater zugleich, aber der
liebevollste und aufrichtigste, den Sie sich vorstellen können.
Meine liebe Seele, verrichten Sie nur Ihre kleinen Anstrengungen recht
sachte, friedvoll und liebevoll, um dieser allerhöchsten Güte zu dienen,
die Sie so sehr dazu verpflichtet hat durch ihre Lockungen und Wohlta-
ten, mit denen diese Sie bis jetzt begünstigt hat, und seien Sie nicht er-
staunt über Schwierigkeiten; denn was kann man Wertvolles haben, mei-
ne liebe Tochter, ohne ein wenig Mühe und Leid? Wir müssen nur fest
bleiben, die Vollkommenheit der heiligen Liebe anzustreben, damit die
Liebe vollkommen sei, denn eine Liebe, die weniger sucht als die Voll-
kommenheit, kann nur unvollkommen sein.
292 V. Montfort 1350

Ich werde Ihnen oft schreiben, denn Sie wissen, welchen Platz Sie in
meinem Geist einnehmen, ganz an unsere Mutter heranreichend, der Sie
mich bitte empfehlen wollen; denn wenn ich ihr auch schreibe, so muß
ich doch ein wenig von Ihrer Vermittlung Gebrauch machen, um sie zu
beglücken und zu erfreuen, umso mehr, als es sie freut, zu wissen, daß Sie
ganz völlig meine sehr liebe Tochter sind und daß Sie mich auch in dieser
Eigenschaft lieben.
Gott sei inmitten Ihres Herzens und des Herzens unserer lieben Schwe-
ster,44 die gewiß auch die Tochter meines ganzen Herzens ist, zumindest
glaube ich es und will es immer glauben zu meiner Befriedigung.

AN FRAU VON MONTFORT

XVIII, 72f (1350)45 Annecy, 10. November 1617.

Gnädige Frau, meine sehr liebe Cousine!


Unsere Klagen über den in Piemont erlittenen Verlust waren noch
nicht verstummt, als wir den zweiten Schlag erlitten, der – das versichere
ich Ihnen – unendlich schmerzlich für uns ist, hat doch diese teure Seele
so unter uns gelebt, daß sie uns völlig zu den ihren gemacht hat, mich
aber ganz besonders, dem sie in kindlicher Liebe und Achtung ergeben
war; das Leid ihrer würdigen Mutter aber mit ansehen zu müssen, geht
noch weit über unser Leid hinaus.
In der Nachfolge dieser Dahingegangenen aber fügen wir uns dem
Willen Gottes, lieben und verehren ihn mit aller Unterwerfung unseres
ganzen Herzens, denn das waren beinahe ihre letzten Worte; ich versi-
chere Ihnen, daß ich niemals ein so heiligmäßiges Hinscheiden sah als
das dieser Tochter,46 obgleich es nur fünf Stunden dauerte.
Ich danke Ihnen indessen ergeben und Herrn von Montfort, meinem
Cousin, für die Ehre Ihres Gedenkens und bin immerdar, meine Frau
Cousine, Ihr sehr ergebener Cousin und Diener.
V. Eine Dame 1326 293

AN EINE DAME

XVIII, 38-40 (1326)47 (Juli 1617 oder 1604).


Gnädige Frau!
Der Brief, den Sie mir am 16. Mai geschrieben haben, den ich aber erst
am 27. Juni erhielt, gibt mir reichlich Anlaß, Gott zu preisen für die
Festigkeit, mit der er in Ihrem Herzen den Wunsch nach der Vollkom-
menheit christlichen Lebens aufrecht erhält. Diesen entdecke ich ganz
deutlich an der heiligen Unbefangenheit, mit der Sie Ihre Versuchungen
darstellen und den Kampf, den Sie führen; und ich sehe wohl, daß Unser
Herr Ihnen beisteht, da Sie Schritt für Schritt und Tag um Tag Ihre Frei-
heit erobern und das Freiwerden von den wichtigsten Unvollkommen-
heiten und Schwächen, die Sie bisher so betrübt haben. Ich zweifle nicht
daran, daß Sie in recht kurzer Zeit ganz siegreich darüber bleiben wer-
den, da ich Sie so tapfer streiten sehe und so voll Hoffnung und Vertrau-
en, durch die Gnade unseres guten Gottes zu siegen. Der Trost, den Sie in
diesem Unterfangen finden, ist zweifellos ein echtes Vorzeichen, daß es
Ihnen recht gelingen wird.
Bestärken Sie sich also in diesem guten Vorhaben, gnädige Frau, des-
sen Ziel die ewige Herrlichkeit ist; vergessen Sie hier nichts von dem,
was erforderlich ist, um dahin zu gelangen. Setzen Sie Ihre häufigen
Beichten und Kommunionen fort, lassen Sie keinen Tag vorübergehen,
ohne ein wenig in einem geistlichen Buch zu lesen; so wenig es auch sein
mag, sofern Sie es mit Andacht und Aufmerksamkeit lesen, wird der
Gewinn daraus recht groß sein. Machen Sie abends die Gewissenserfor-
schung; gewöhnen Sie sich an kurze Aufblicke und Stoßgebete und wer-
fen Sie sich am Morgen beim Verlassen des Bettes immer auf die Knie,
um Ihren himmlischen Vater, die Mutter Gottes und Ihren Schutzengel
zu grüßen und sich vor ihnen zu beugen; und wenn das auch nur für drei
Minuten wäre, dürfen Sie es doch niemals vernachlässigen. Haben Sie
irgendein frommes Bildchen bei sich und küssen Sie es oft.
Ich freue mich, daß Sie nun fröhlicheren Geistes sind als zuvor. Zwei-
fellos, gnädige Frau, wird Ihre Befriedigung alle Tage zunehmen, denn
die Güte Unseres Herrn wird sich immer mehr in Ihrer Seele ausbreiten.
Nie hat jemand von der Frömmigkeit verkostet, ohne sie köstlich zu
finden. Ich bin sicher, daß diese Fröhlichkeit und geistige Freude um
sich greift und mit ihrem kostbaren Duft all Ihren Verkehr erfüllt, beson-
ders den häuslichen. Dieser ist doch für Sie der gewöhnliche und ent-
294 V. Eine Dame 1326

spricht Ihrer Hauptpflicht; er soll ihn daher auch mehr denn alles andere
spüren lassen. Wenn Sie die Frömmigkeit lieben, dann handeln Sie so, daß
alle ihr Achtung und Ehrerbietung entgegenbringen; das werden sie auch
tun, wenn sie deren gute und angenehme Auswirkungen in Ihnen sehen.
Mein Gott, welch große Möglichkeiten haben Sie doch, sich um Ihr
ganzes Haus verdient zu machen! Sie können es ohne Zweifel zu einem
wahren Paradies der Frömmigkeit machen, zumal sich Ihr Herr Gemahl
Ihren guten Bestrebungen so wohlgeneigt zeigt. Ach, wie glücklich wer-
den Sie sein, wenn Sie richtig Maß halten, wie ich es Ihnen für Ihre
Übungen gesagt habe, indem Sie diese, soviel Sie können, Ihren häusli-
chen Obliegenheiten und dem Willen Ihres Gatten anpassen, der doch
weder ungeregelt noch hart ist. Ich habe kaum verheiratete Frauen gese-
hen, die leichter fromm sein können als Sie, gnädige Frau, sodaß Sie
daher auch sehr verpflichtet sind, darin vorwärts zu schreiten.
Ich möchte gern, daß Sie die Übung der heiligen Betrachtung machen,
denn Sie scheinen mir dazu recht befähigt zu sein. Ich habe Ihnen im
Laufe dieser Fastenzeit schon einiges darüber gesagt, weiß aber nicht, ob
Sie schon damit angefangen haben; ich würde aber wünschen, daß Sie
nur eine halbe Stunde und nicht mehr jeden Tag darauf verwenden, zu-
mindest für einige Jahre; ich denke, das würde sehr zum Sieg über Ihre
Gegner beitragen.
Ich schreibe Ihnen in aller Eile und kann doch nicht aufhören, so sehr
freut es mich, mit Ihnen schriftlich reden zu können. Und glauben Sie
mir bitte, gnädige Frau, daß der einmal in mir wachgerufene Wunsch,
Ihnen zu dienen und Sie in Unserem Herrn hochzuschätzen, wächst und
alle Tage in meiner Seele größer wird, wenn ich auch betrübt bin, so
wenig Beweise dafür liefern zu können. Zumindest unterlasse ich es nicht,
Sie in meinen schwachen und kraftlosen Gebeten, vor allem beim heili-
gen Meßopfer, der Barmherzigkeit Gottes darzubringen und anheimzu-
stellen; ich schließe dabei immer Ihr ganzes Haus mit ein, das ich einzig-
artig in Ihnen liebe und Sie in Gott.
Ich habe erfahren, daß Sie guter Hoffnung sind; ich habe Gott dafür
gepriesen, der die Zahl der Seinen vermehren will durch die größere
Anzahl der Ihren. Die Bäume tragen Früchte für die Menschen, die Frauen
aber tragen ihre Kinder für Gott. Darum ist die Fruchtbarkeit eine seiner
Segensgaben. Lassen Sie diese Schwangerschaft Ihnen zweifach zum
Gewinn werden: bringen Sie Ihre Leibesfrucht Gott hundertmal am Tag
dar, wie der hl. Augustinus bezeugt, daß seine Mutter dies zu tun ge-
wohnt war, als sie ihn unter dem Herzen trug; und in den Nöten und
V. Eine Dame 1340, 1370 295

Beschwerden, die Ihnen daraus entstehen und die gewöhnlich mit einer
Schwangerschaft verbunden sind, preisen Sie den Herrn dafür, daß Sie
leiden, um ihm einen Diener oder eine Dienerin zu schenken, die durch
seine Gnade ihn ewiglich mit Ihnen preisen wird.
Gott sei schließlich in allem und durch alles verherrlicht in unseren
Leiden und Freuden.

AN EINE DAME

XVIII, 59-60 (1340)48 Annecy, 7. August 1617.


Welches Glück, gnädige Frau, ganz Gott gehören zu dürfen! Denn er
liebt die Seinen, er beschützt sie, er führt sie und leitet sie in den Hafen
der ersehnten Ewigkeit. Bleiben Sie also so und lassen Sie niemals zu,
daß Ihre Seele in Traurigkeit verfalle, weder in geistiger Bitterkeit noch
in Skrupeln lebe, da doch Er sie geliebt hat und gestorben ist, damit sie
lebe, der so gut, so milde, so liebenswert ist.
Dieser große Gott hat nun gewollt, daß Sie die Seine seien, er hat Sie
dies wollen lassen und Sie haben es gewollt und er hat Sie alle rechten
Mittel ergreifen lassen, um es zu werden. Sie sind es also zweifellos,
meine sehr liebe Tochter, worüber ich mich unendlich freue und seine
Barmherzigkeit dafür preise, bin ich doch auch in ihr ohne Ende, gnädi-
ge Frau, Ihr ergebener und sehr geneigter Diener.

AN EINE UNBEKANNTE DAME

XVIII, 111 (1370)49 Annecy, (September-November 1617).


... Wahrlich, Gott hat unser Haus heimgesucht mit dem Tod meines
Bruders und meiner Schwester von Thorens; aber seine göttlich-väterli-
che Hand zwingt uns, seine milde Güte anzubeten, die uns nur zart be-
rührt hat. Ist doch mein Bruder als Heiliger gestorben unter den Solda-
ten, wo es so wenige Heilige gibt, und meine Schwester, seine teure Ge-
mahlin und meine einzigartige Tochter, ist als Heilige gestorben inmit-
ten der Dienerinnen Gottes und im Kloster, das gewöhnlich ein Seminar
der Heiligkeit ist. Sie hat die Profeß abgelegt und wurde im Kleid der
Heimsuchung begraben. Der Arzt, der ihr in ihrer letzten Krankheit
beistand, sagte, wenn Engel sterben könnten, möchten sie auf diese Art
sterben ...
296 V. Bouquéron 1391

AN DIE PRÄSIDENTIN VON BOUQUÉRON

XVIII, 151-153 (1391)50 Annecy, 18. Januar 1618.

Gnädige Frau!

Wenn mein Mund sich jemals geweigert hat, Sie meine Tochter zu
nennen, so geschah es ohne Zustimmung meines Herzens, das gleich bei
der ersten Begegnung mit Ihrem Herzen fühlte, daß Gott ihm eine starke
und unwandelbare, wahrhaft ganz väterliche Zuneigung zu Ihnen gab.
Aber man wagt nicht immer zu sprechen, wie man möchte, vor allem,
wenn man jenen Achtung schuldet, die das gleiche besitzen, was wir ha-
ben möchten. Da Sie es wollen, könnte ich mich gewiß nicht mehr dieser
Freude berauben.
Also sage ich Ihnen, meine sehr liebe Tochter, daß es mir sehr recht ist,
wenn diese Mädchen hierhergekommen, um das heilige Handwerk zu
lernen, das sie nachher, wie ich hoffe, im Land ihrer Geburt und meiner
Liebe ausüben werden. Ich meinerseits kann nicht mehr daran zweifeln,
sehe ich doch, daß soviele gute Leute es gemeinsam wünschen. Indessen
ist es wohl sicher, wie Sie sagen, daß ein solch gutes Werk nicht ohne
Widerspruch entstehen wird; denn wie sollte es sonst gut sein?51 Von
dieser Dame aber glaube ich nicht, daß sie noch lange dagegen sein wird,
da sie tugendhaft ist und guten Gemütes; und dann zerstäubt Gott die
menschlichen Gedanken durch seine himmlische Weisheit.
Fahren Sie also fort, meine sehr liebe Tochter, immer diesem göttli-
chen Meister und Erlöser Ihrer Seele in Reinheit und Sanftmut des Geis-
tes zu dienen. Das ist das einzige Glück, das wir anstreben können; und
die untrügliche Gewißheit, ihn auf ewig zu besitzen, besteht darin, ihn
auf dieser Welt treu und vertrauensvoll zu lieben.
Ich habe noch nicht die Hoffnung aufgegeben, Sie in dieser Fastenzeit
wiederzusehen und Ihnen persönlich zu sagen, wie ich es von ganzem
Herzen tue, meine sehr liebe Tochter, daß ich Ihr sehr ergebener und
sehr liebevoll zugeneigter Diener bin.
V. De la Baume 1420 297

AN FRAU DE LA BAUME

XVIII, 209-212 (1420)52 Annecy, 30. April 1618.

Es lebe Jesus!
Möge der Heilige Geist mir eingeben, was ich Ihnen, gnädige Frau,
und – wenn es Ihnen so recht ist – auch meine liebe Tochter, zu schreiben
habe. Um ständig in der Frömmigkeit zu leben, ist nur nötig, starke und
vortreffliche Grundsätze in seinem Geist zu verankern.
Der erste Grundsatz, den ich Ihrem Geist wünsche, ist der des hl. Pau-
lus (Röm 8,28): „Alles gereicht denen zum Besten, die Gott lieben.“ In
Wahrheit: da Gott Gutes aus Schlechtem herausholen kann, für wen
wird er das tun, wenn nicht für jene, die sich ihm rückhaltlos hingegeben
haben? Ja, selbst die Sünden, vor denen Gott uns in seiner Güte bewahre,
werden denen, die ihm angehören, durch die göttliche Vorsehung zum
Guten gewendet. Niemals wäre David so demutsvoll gewesen, hätte er
nicht gesündigt, noch Magdalena so von Liebe zu ihrem Erlöser erfüllt,
wenn er ihr nicht soviele Sünden nachgelassen hätte, und er hätte sie ihr
nicht nachgelassen, wenn sie diese nicht begangen hätte.
Sehen Sie doch, meine liebe Tochter, diesen großen Werkmeister der
Barmherzigkeit: er verwandelt unsere Armseligkeiten in Gnaden und
schafft aus dem Gift unserer Schwachheiten das Heilmittel für unsere
Seelen. Sagen Sie mir doch bitte, was macht er nicht aus unseren Heimsu-
chungen und Mühen und aus den Verfolgungen, die man uns bereitet?
Wenn also jemals ein Ungemach Sie trifft, von welcher Seite immer, kön-
nen Sie Ihrer Seele versichern, es werde sich alles zum Guten wenden,
wenn sie Gott recht liebt. Und wenn Sie auch die Mittel nicht erkennen,
durch die Ihnen dieses Gute zuteil werden soll, so sollen Sie doch umso
zuversichtlicher bleiben, daß es Ihnen zuteil wird. Wenn Gott den Schmutz
der Schande auf Ihre Augen wirft, so will er, daß Sie dadurch sehend wer-
den (Joh 9,6.11), und er will aus Ihnen ein Schauspiel seiner Ehre machen.
Wenn Gott Sie einen Fall tun läßt wie den hl. Paulus, den er zu Boden warf
(Apg 9,4), so geschieht es, um Sie wieder glorreich zu erheben.
Der zweite Grundsatz ist, daß er Ihr Vater ist; denn andernfalls würde
er uns nicht befehlen, zu sagen: „Vater unser, der Du bist im Himmel“
(Mt 8,9). Und was haben Sie als Tochter eines solchen Vaters zu fürch-
ten, ohne dessen Vorsehung „kein einziges Haar von Ihrem Haupt fällt“
(Lk 21,18; 12,7)? Ist es nicht zu verwundern, daß wir als Kinder eines
solchen Vaters andere Sorgen haben und haben können, als ihn recht zu
298 V. De la Baume 1420

lieben und ihm zu dienen? Tragen Sie die Sorge, die Sie nach seinem
Willen für Ihre Person und Ihre Familie tragen sollen, und nicht mehr,
denn dann werden Sie sehen, daß er für Sie Sorge tragen wird. „Denke an
mich“, sagte er zu der hl. Katharina von Siena, deren Fest wir heute
feiern, „und ich werde an dich denken.“ „O ewiger Vater“, sagt der Weise
(Weish 14,3), „deine Vorsehung regiert alles.“
Der dritte Grundsatz, den Sie haben sollen, ist der, den Unser Herr
seine Apostel lehrte: „Was hat euch gefehlt?“ (Lk 22,35). Sehen Sie,
meine liebe Tochter, Unser Herr hatte die Apostel da- und dorthin ge-
sandt, ohne Geld, ohne Stock, ohne Schuhe, ohne Sack, mit einem einzi-
gen Gewand bekleidet (Mt 10,9f), und nachher sagte er: „Als ich euch so
ausgesandt hatte, hat euch etwas gefehlt?“ Und sie antworteten: „Nein!“
(Lk 22,35f). Und wenn Sie Leid gehabt haben, meine Tochter, selbst in
Zeiten, da Sie nicht soviel Vertrauen zu Gott hatten, sind Sie da in die-
sem Leid umgekommen? Sie werden mir sagen: Nein. Warum haben Sie
also nicht den Mut, auch über alle anderen Widrigkeiten siegreich zu
bleiben? Gott hat Sie bis jetzt nicht verlassen, wie soll er Sie von nun ab
verlassen, da Sie mehr denn früher die Seine sein wollen?
Fürchten Sie also nicht ein künftiges Übel dieser Welt, denn vielleicht
wird es Ihnen niemals zustoßen, und bei jedem Ereignis wird Gott Sie
stärken, wenn es eintrifft. Er befahl dem hl. Petrus, auf dem Wasser zu
wandeln; der hl. Petrus, der Wind und Sturm sah, geriet in Furcht und
die Furcht ließ ihn untergehen. Er bat seinen Meister um Hilfe und die-
ser sagte ihm: „Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?“ Und er streck-
te ihm die Hand hin und beruhigte ihn (Mt 14,29-31). Wenn Gott Sie auf
den Wellen der Widrigkeiten wandeln läßt, dann zweifeln Sie nicht, meine
Tochter, und sorgen Sie sich nicht, denn Gott ist mit Ihnen; haben Sie
guten Mut, und Sie werden davon befreit werden.
Der vierte Grundsatz ist der von der Ewigkeit. Es liegt wenig daran,
wer ich in diesen flüchtigen Augenblicken bin, wenn ich nur auf ewig in
der Herrlichkeit meines Gottes bin. Meine Tochter, wir gehen auf die
Ewigkeit zu, wir stehen bereits mit einem Fuß in ihr; wenn sie nur glück-
selig wird für uns, was liegt daran, daß wir in diesen vorübergehenden
Augenblicken voll Kummer sind? Ist es denn möglich, zu wissen, daß
unsere Heimsuchungen von drei oder vier Tagen solch ewigen Trost be-
wirken, und sie doch nicht ertragen zu wollen? Schließlich heißt es doch,
meine liebe Tochter:
Was nicht ist für die Ewigkeit,
kann Eitelkeit nur sein.
V. Eine Tante 1435 299

Der fünfte Grundsatz ist der des Apostels (Gal 6,14): „Mir aber sei es
fern, in etwas anderem meinen Ruhm zu suchen als im Kreuz meines
Jesus.“ Pflanzen Sie in Ihr Herz den gekreuzigten Jesus Christus, und
alle Kreuze dieser Welt werden Ihnen wie Rosen erscheinen. Wen die
Stacheln der Dornenkrone Unseres Herrn, der unser Haupt ist, gesto-
chen haben, der spürt kaum mehr andere Stiche.
Alles, was ich Ihnen gesagt habe, finden Sie im 3., 4. oder 5. und letzten
Buch der „Gottesliebe“. Vieles, was sich darauf bezieht, werden Sie in
dem großen „Führer der Sünder“ von Granada finden.
Ich muß Schluß machen, man drängt mich. Schreiben Sie mir vertrau-
ensvoll und zeigen Sie mir, was Sie denken, daß ich für Ihr Herz tun
könnte; das meine wird es mit herzlicher Liebe ausführen. Denn ich bin
in aller Wahrheit, gnädige Frau, Ihr sehr ergebener und treuer Diener.

AN EINE TANTE

XVIII, 230f (1435) Annecy, 29. Mai 1618.

Gnädige Frau!
Mit tiefem Mitgefühl habe ich mich gefragt, wie es Ihrem Herzen wohl
ergeht, als ich vom Leid erfuhr, das ihm in diesen vergangenen Tagen
widerfahren ist. Ich weiß wohl, daß, Gott sei Dank, die Erfahrung und
Gewöhnung der letzten Jahre, Leid zu tragen, Ihre Seele gestärkt und
Ihren Mut belebt haben. Dadurch sind Sie solchen Schlägen nicht mehr
so außerordentlich empfindlich ausgeliefert, die bei unserer sterblichen
Verfassung unvermeidbar sind. Aber ich fürchte doch andererseits, daß
so häufige neue Belastungen Ihren Entschluß erschüttern.
Doch höre ich nicht zu hoffen auf, gnädige Frau, daß Sie nach so häu-
figer Ergebung Ihres Willens in den Willen Gottes, nach so häufigen
Erwägungen über die Eitelkeit dieses Lebens und die Wahrheit des künf-
tigen, und nach so vielen Beteuerungen, unwiderruflich der himmlischen
Vorsehung ergeben sein zu wollen, einen starken Trost zu Füßen des
Kreuzes Unseres Herrn finden werden, wo der Tod für uns besser gewor-
den ist als das Leben. Und ich bin sicher, daß die Illusion des Lebens in
dieser Welt nicht vermocht hat, Sie von den Entschlüssen abweichen zu
lassen, die Gott Sie auf die damaligen Ereignisse hin fassen ließ.
Gnädige Frau, wir müssen uns der Notwendigkeit anpassen und sie
300 V. Eine Dame 1436

uns für unsere künftige Seligkeit zunutze machen, nach der wir nur durch
diesen Kreuzweg von Dornen und Heimsuchungen trachten sollen und
können. Es macht in Wahrheit wenig aus (aber es bedeutet viel) für jene,
die wir lieben, daß ihr Aufenthalt der Mühen und Nöte dieses Lebens
kurz ist; und uns würde das auch nicht berühren, wenn wir zu überlegen
verstünden, daß wir auf die Ewigkeit allein all unsere Wünsche richten
sollen.
Um Gottes willen, meine sehr liebe Tante, und um nach meinem Her-
zen zu sprechen, sicher auch meine sehr liebe Tochter, lassen Sie sich
vom Strom der Widrigkeiten nicht mitreißen, sondern halten Sie sich an
die Füße Unseres Herrn und sagen Sie ihm, daß Sie ihm gehören; er
möge über Sie und das, was nach seinem Willen Ihnen zugehört, nach
seinem Belieben verfügen und Ihnen und den Ihren die hochheilige
Ewigkeit seiner Liebe sichern. Diese Augenblicke verdienen nicht, daß
man daran denkt, außer um zu diesem höchsten Gut zu gelangen. Ich
bin, gnädige Frau, Ihr sehr ergebener Neffe und Diener.

AN EINE DAME

XVIII, 232-233 (1436) Annecy, 30. Mai 1618.


Ich will Ihnen sagen, gnädige Frau, und wenn es Ihnen so recht ist,
meine sehr liebe Tochter, daß es unmöglich ist, solche Trennungen nicht
schmerzlich zu empfinden; denn wenn es auch scheint, daß die nur im
Herzen und im Geist bestehenden Verbindungen solch äußerlichen Tren-
nungen und dem daraus entstehenden Schmerz nicht unterworfen sind,
so werden wir sie doch fühlen, solange wir hier in diesem sterblichen
Leben stehen, da ja die örtliche Entfernung den freien Seelenaustausch
hindert, die sich nur durch einen solchen Briefwechsel sehen und mit-
einander reden können. Dennoch aber haben wir allen Grund, meine
sehr liebe Tochter, in der ganz heiligen Liebe zufrieden zu leben, die
Gott den Seelen schenkt, die im gleichen Bestreben vereint sind, ihm zu
dienen. Dieses Band ist ja unlöslich und nichts, nicht einmal der Tod
kann es brechen. Es bleibt ewiglich fest auf seinem unerschütterlichen
Fundament, dem Herzen Gottes, um dessentwillen und durch den wir
uns lieben.
Sie erkennen bereits, scheint es mir, aus diesen Worten meinen Wunsch,
Sie mögen sich mit allem Vertrauen und rückhaltlos meiner Seele bedie-
nen. Und da es Ihnen, wie Sie mir andeuten, zum Trost gereicht, wenn Sie
V. Du Faure 1340 301

mir oft über Ihre Seele schreiben, so tun Sie es vertrauensvoll, denn ich
versichere Ihnen, daß es ein gegenseitiger Trost sein wird. Und das sei für
allemal gesagt.
Ich sage in Wahrheit, daß ich Sie ganz besonders liebte, seit ich in
Ihrem Herzen die Vorhaben der heiligen Liebe Gottes mit Ihnen sah,
bezeugt durch seine Lockungen zu seinem Dienst. Selig werden Sie sein,
wenn Sie diese demütig aufnehmen, wie Sie sich zu tun entschlossen
haben, und ihnen treu folgen. Das wünsche ich Ihnen aus meiner ganzen
Zuneigung für Sie und bleibe immerdar, meine sehr liebe Tochter, und
mit einem wahrhaft väterlichen Herzen Ihr sehr ergebener und unwan-
delbarer Diener.

AN DIE PRÄSIDENTIN DU FAURE

XXI, 116-117 (1340)53 Annecy, 7. April 1617.


Ich stelle mir vor, daß Sie in der Abreise nach Languedoc begriffen
sind, meine liebe Tochter (denn das ist das Wort meines Herzen), und
bevor Sie nun unterwegs sind, will ich Sie noch tausend- und abertau-
sendmal grüßen und Gott bitten, er möge Sie geleiten und Sie immer mit
seiner heiligen Hand halten, da er Sie durch seine Güte ergriffen hat,
damit Sie immerdar ganz die Seine seien.
Welches Glück, gnädige Frau, ganz Gott zu gehören, denn er liebt die
Seinen, er behütet sie, er führt sie, er bringt sie in den Hafen der erstreb-
ten Ewigkeit. Bleiben Sie also so und erlauben Sie Ihrer Seele niemals,
daß sie sich betrübe und in Bitterkeit des Geistes oder in Skrupeln lebe,
denn Er, der sie geliebt hat und gestorben ist, um sie leben zu lassen, ist
so gut, so mild, so liebenswert.
Dieser große Gott hat gewollt, daß Sie die Seine seien, er hat Sie dies
wünschen lassen und Sie haben es gewollt; und er hat Sie alle richtigen
Mittel ergreifen lassen, damit Sie es werden. Sie sind also zweifellos die
Seine, meine ganz liebe Tochter, über die ich mich überaus freue und für
die ich seine Barmherzigkeit segne, bin ich doch gewiß ohne Ende, gnä-
dige Frau, Ihr sehr ergebener, sehr zugeneigter Diener.
302 V. Du Faure 1455 – Rossillon 1506

XVIII, 260f (1455) Annecy, 10. August 1618.


Gnädige Frau!
Dieser Briefüberbringer hat mich sehr zu Dank verpflichtet für die
Mühe, die er auf sich genommen hat, um mich aufzusuchen, mehr aber
noch für seine Mühewaltung, mir Nachrichten von Ihnen zu übermit-
teln, weil sie alle gut sind. Um mir Ehre zu erweisen und mehr Befriedi-
gung zu geben, hat er mir gesagt, daß Sie oft meiner gedacht hätten. Ich
bekenne offenherzig, daß dieses Glück mir höchst wertvoll ist. Es ent-
spricht der großen Liebe, ja der großen Neigung, die ich in meiner Seele
fühle, in besonderer Weise Ihre Seele zu lieben und hochzuschätzen. Sie
ist mir auch immer gegenwärtig, das versichere ich Ihnen, zumindest in
meinen Hauptgebeten, die jene der heiligen Messe sind. Ich wäre auch
sicherlich äußerst undankbar, wenn ich nicht von ganzem Herzen dem
heiligen Vertrauen entspräche, das Ihr Herz auf mich gesetzt hat.
Gott möge Sie durch seine Güte mit seinen ersehntesten Segnungen
überhäufen, meine liebe Tochter, und Sie mehr und mehr völlig zu der
Seinen machen. In dieser Hoffnung leben Sie freudig und schließlich
ewig ohne Ende, meine liebe Tochter, nach dem ständigen Wunsch Ihres
sehr ergebenen und sehr zugeneigten Dieners ...

AN DIE GRÄFIN VON ROSSILLON

XVIII, 356f (1506)54 Paris, 27. Januar 1619.


Meine sehr liebe Frau Cousine, meine Tochter!
Wie könnte ich denn diesen würdigen Bruder zu Ihnen reisen lassen,
ohne ihm diese paar Worte mitzugeben? Durch sie kann er Ihnen meine
Beteuerung bezeugen, wie sehr ich Sie hochschätzen und – wenn Sie dies
gestatten – Sie mein ganzes Leben hindurch lieben will. Erweisen Sie
mir bitte die Gnade, meine sehr liebe Tochter, dies gern entgegenzuneh-
men und Ihrerseits mir das Glück zu gewähren, das ich so sehr ersehne,
nämlich in Ihrer Gunst zu bleiben.
Fahren Sie indessen fort, meine sehr liebe Tochter, in Tugend und Fröm-
migkeit vor Gott und den Menschen zu leuchten, da seine göttliche Ma-
jestät Ihnen die Neigung, die Eingebung und den Entschluß dafür einge-
geben hat. Diesen Wunsch hegt mein Herz für Ihr geliebtes Herz, meine
sehr liebe Cousine, meine Tochter. Ich bin Ihr sehr ergebener Cousin
und Diener ...
V. Rossilon 1660, 1947 303

Ich grüße innig Fräulein von Thonon, meine Cousine, und wünsche
sehr, sie möge mehr die Schönheit ihrer Seele lieben und mehr zu deren
Wachsen beitragen als zur Schönheit des Leibes, denn sie weiß schon seit
langem, daß ich ihr Herz liebe.

XIX, 231-232 (1660) Annecy, 2. Juni 1620.


Gnädige Frau!
Hier ist also der Brief, den ich an den Fürst-Kardinal schrieb, dem
Wunsch des Herrn Protonotars du Laurey55 entsprechend, der in meiner
Liebe kaum weniger mein Bruder ist als der Ihre; Ihr Wort wird aber
meine Bitte beseelen, damit sie Erfolg habe.
Leben Sie indessen immer freudig, gnädige Frau, fromm und glücklich
in der Freude über Ihren jüngsten Sohn, dem ich gewiß von ganzem
Herzen viel Segen wünsche.
Ihr jüngster Bruder hat mir überzeugend bewiesen, daß er auf keinen
Fall Geistlicher werden will, nicht allein durch seine Lebensweise, son-
dern auch durch seine Bitte, ich möge seine Mutter56 um ihre Zustim-
mung anflehen, daß er das geistliche Kleid ausziehe. Darum schreibe ich
ihr beiliegenden Brief. Ich meine, daß man nur Schwierigkeiten haben
wird, wenn man ihn gegen seinen Willen zu einem Beruf zwingen will, in
dem es so viel guten Willens bedarf. Erweisen auch Sie ihm die Liebe
Ihrer Fürbitte, gnädige Frau, ebenso mir Ihr ständiges Wohlwollen, da
ich ständig Ihr sehr ergebener Cousin und Diener bin ...

XX, 373f (1947) Annecy, um den 26. September 1622.


Wir sind hier, zumindest ich, meine liebe Tochter, in Furcht und Hoff-
nung verblieben in der Angelegenheit, aus der Ihnen, wie ich kürzlich
erfuhr, nur das Leid zuteil wurde.57 Um es in Wahrheit zu sagen, die
Erwägung Ihres Kummers war eine der ersten Befürchtungen, von denen
ich erfaßt wurde, als wir mit Gewißheit erfuhren, was uns schon vorher
durch ungewisse Gerüchte gesagt worden war.
Meine liebe Cousine, Sie müssen aber dennoch Ihr Herz beruhigen,
und damit Ihr Schmerz ein gerechter sei, müssen Sie ihn durch die Ver-
nunft in Schranken halten. Wir haben schon immer gewußt, daß wir
nicht die Stunde wissen, in der uns solches durch den Tod der anderen
oder den anderen durch unseren Tod geschehen würde. Wenn wir nicht
daran gedacht haben, müssen wir unser Unrecht eingestehen und es be-
304 V. Rossilon 1947

reuen, denn daß wir alle den Namen „Sterbliche“ tragen, macht uns un-
entschuldbar.
Kränken wir uns nicht, meine Tochter; wir werden recht bald alle wie-
der vereint sein. Wir gehen ständig voran und nähern uns immer mehr
dem Ort, wo unsere Toten sind; in einem oder zwei Augenblicken wer-
den wir dorthin gelangen. Denken wir nur daran, diesen Weg gut zu ge-
hen und ihnen in all dem Guten nachzufolgen, das wir in ihnen erkannt
haben. Gesegnet sei Gott, der jenem, dessen Fehlen wir spüren, Gnade
erwiesen hat und der ihm Zeit und Gelegenheit gegeben hat, sich gut für
diese selige Reise vorzubereiten. Legen Sie bitte Ihr Herz zu Füßen des
Kreuzes, meine liebe Tochter, und nehmen Sie Tod und Leben all dessen,
was Sie lieben, aus Liebe zu ihm entgegen, der für Sie sein Leben hinge-
geben und den Tod auf sich genommen hat.
Im übrigen könnte mich nichts daran hindern, die Dienste zu leisten,
die Sie von mir wünschen, außer die Pflicht, die mir im Dienst Unseres
Herrn und der Kirche obliegt. Da sich diese Ihrem Wunsch günstig er-
wiesen, war ich sehr erfreut, Ihren Wunsch erfüllen zu können, wie ich es
in allem tun werde, was mir möglich ist. Bei der Besetzung der Pfarräm-
ter aber bin ich an Bestimmungen gebunden, die ich nicht übergehen
darf. Wenn ich bei Einhaltung dieser Bestimmungen Ihren Wunsch er-
füllen kann, wird dies mir selbst eine große Freude sein. Wenn ich es
aber in vorliegendem Fall nicht tun kann, so soll der Überbringer doch
nicht den Mut verlieren und weitere Fortschritte in der Wissenschaft
und in der Tugend machen, worin er – wie ich denke – bereits gut begon-
nen hat; dann wird es nicht an anderen Möglichkeiten fehlen, wo ihm
Ihre Empfehlung nützlich sein wird.
Ansonsten brauche ich Sie bei dieser Gelegenheit nicht meiner treuen
Dienste zu versichern. Sie sind Ihnen ein für alle Male ganz gewidmet
und ich bitte Sie, niemals daran zu zweifeln, noch an der Sorge, mit der
ich bei allen Opfern, die ich Gott darbringe, der Seele dieses würdigen
Edelmannes gedenke, dessen Verdienste ich immerdar ehren will mit
allem, was er an Lieben hier zurückgelassen hat.
Gott sei inmitten Ihres Herzens, meine liebe Cousine, meine Tochter,
und ich bin von ganzem Herzen Ihr sehr ergebener und sehr zugeneigter
Cousin und Diener.
V. Villeneuve 1507, 1551 305

AN FRAU VON VILLENEUVE

XVIII, 357-359 (1507) Paris, Januar oder Februar 1619.


Meine sehr liebe Tochter!
Da ich den Brief gelesen habe, den Sie mir bei den Benediktinern
gaben, fühlte ich gewiß ganz tief die Not jener heraus, die ihn mir ge-
schrieben hat; nicht, daß ich sie deshalb in irgendeiner Gefahr sähe, aber
ich sehe sie sehr niedergedrückt; und ich nehme so sehr Anteil an ihr,
daß ich nicht umhin kann, auch mit ihr zu leiden. Solch große Versu-
chungen58 sind mehr unangenehm als gefährlich. O Gott, wie gut ist doch
ihr Glaube und wie groß (Mt 15,28)! Denn wäre er nicht so groß und
stark, würde sie diesen Vorstellungen nicht so tapferen Widerstand ent-
gegensetzen. Gott sei gepriesen, meine sehr liebe Tochter, der diese See-
le prüft, wie ich hoffe, um sie in der Liebe zu ihrer Erniedrigung und in
der Überwindung ihres Selbstbewußtseins zu läutern.
Wenn Sie mich nach der Predigt sehen, heute oder morgen, werden wir
den Tag und die Stunde festlegen, um mit ihr zu sprechen. Einstweilen
hier Briefe. Wir werden heute oder morgen Nachricht über die Depe-
schen unseres Marienklosters erhalten.
Leben Sie wohl, meine sehr liebe Tochter; der gütige Jesus sei immer-
dar inmitten Ihres Herzens. Amen.

XIX, 18-19 (1551)59 Um den 18. September 1619.


Gewiß, meine sehr lieben Töchter, bedarf es nur eines Briefes für zwei
Schwestern, die nur ein Herz (Apg 4,32) und ein Bestreben haben. Wie
heilsam ist es Ihnen doch, sich so aneinander zu halten! Diese Einheit
der Seelen ist wie das kostbare Öl, das man über den großen Aaron goß,
wie der königliche Psalmist sagt (Ps 133,2), in das man derart vielerlei
duftende Flüssigkeiten mischte, daß alles zusammen nur einen süßen
Duft ergab (Ex 30,23-25). Aber ich will mich nicht bei diesem Thema
aufhalten. Was Gott im Blut und im Gefühl vereint hat, ist untrennbar,
solange der gleiche Gott in uns herrscht; und er wird auf ewig darin
herrschen.
Leben Sie also so sanftmütig und liebevoll zu allen, meine sehr lieben
Töchter, demütig und tapfer, rein und aufrichtig in allem. Welch besse-
ren Wunsch könnte ich für Sie hegen? Seien Sie wie geistliche Bienchen,
die nur Honig und Wachs in ihre Bienenstöcke tragen. Ihre Häuser seien
306 V. Villeneuve 1671

ganz erfüllt von Sanftmut, Frieden, Eintracht, Demut und Frömmigkeit


in Ihren Gesprächen. Glauben Sie mir, ich bitte Sie, daß weder örtliche
noch zeitliche Entfernung mir jemals diese zärtliche und starke Zunei-
gung nehmen werden, die Unser Herr mir für Ihre Seelen gegeben hat,
die mein Herz ganz innig und unwandelbar liebt.
Und weil die Verschiedenheit Ihrer Lebensbedingungen erfordern
kann, daß ich Ihnen manchmal getrennt schreibe trotz der Einheit Ihres
Vorhabens, werde ich es ein anderes Mal tun; für den Augenblick aber
begnüge ich mich damit, Ihnen zu sagen und Sie zu beschwören, meine
sehr lieben Töchter, mir ohne zu zögern fest zu glauben, daß ich Ihr sehr
ergebener und zugeneigter Diener bin ...

XIX, 261-262 (1671) Annecy, 4. Juli 1620.


Es ist wahr, daß Sie meine sehr liebe Tochter sind, es ist aber auch
wahr, daß ich das immer mehr empfinde. Gott sei dafür gepriesen, daß er
in meiner Seele nicht nur eine wahrhaft mehr als väterliche Liebe für Sie
geschaffen hat, sondern auch die Überzeugung, daß Sie in Ihrem Herzen
ein ähnliches Gefühl hegen. Gewiß, meine sehr liebe Tochter, wenn Sie
mir manchmal in Ihren Briefen schreiben: „Ihre ganz liebe Tochter liebt
Sie“, und so zu mir sprechen, dann bekenne ich, daß ich darüber eine
wundersame Freude empfinde. Glauben Sie das und sagen Sie mir bitte,
daß Sie ganz gewiß meine sehr liebe Tochter sind, und zweifeln Sie nie-
mals daran.
Was Sie sagten, um ein wenig zeitliches Gut zu retten, war keine Lüge,
sondern bloß eine Unachtsamkeit, die höchstens eine leichte läßliche
Sünde sein kann; und wie Sie mir schreiben, hat es den Anschein, als ob
es überhaupt keine sei, da doch daraus keinerlei Ungerechtigkeit gegen
den Nächsten entstand.
Haben Sie keinerlei Bedenken, weder große noch kleine, zu kommu-
nizieren, bevor Sie die Messe gehört haben, vor allem, wenn es einen so
guten Grund hat wie der, von dem Sie mir schreiben; und selbst wenn es
keinen solchen hätte, läge darin nicht einmal ein Schatten von Sünde.
Halten Sie Ihre Seele immer in Ihren Händen (Ps 119,109), meine sehr
liebe Tochter, um sie für ihn gut zu bewahren, der allein sie zu besitzen
verdient, da er sie doch losgekauft hat. Er sei immer gepriesen. Amen.
Gewiß bin ich ganz völlig der Ihre in ihm und Ihr sehr ergebener Die-
ner und der der lieben Schwester und Ihres ganzen Hauses.
V. Villeneuve 1696, 1815 307

XIX, 315-316 (1696) Annecy, 9. August 1620.


Ich freue mich mit ihnen, meine sehr liebe Tochter, über den Eintritt
der lieben Schwester, weil sie ihn wirklich hochherzig, heilig und – um
es zu sagen, wie ich es verstehe – heldenhaft und auf die Art der Urchri-
sten des heiligsten Zeitalters der Kirche vollzogen hat; ebenso darüber,
daß Sie nach den Worten der guten Mutter Oberin gleichen Anteil an
diesem Eintritt hatten, und mehr noch, als wenn Sie sich selbst zurückge-
zogen hätten, falls es Ihnen gestattet wäre. O meine innigst geliebte Toch-
ter, so muß man Gott dienen aus der höchsten und unvergleichlich vor-
trefflichen Liebe heraus.
Ich kenne die starke, lebendige und zärtliche Liebe Ihres Herzens zu
dieser Schwester. Diese kleine Trennung wird ihm große Mühe gekostet
haben. Das gibt mir tausendfache Freude im obersten Bereich meiner
Seele; denn im unteren habe ich, glauben Sie mir, meine Tochter, mein
Gefühl mit dem Ihren verknüpft gefunden, so sehr macht wahrhaft in
ganz lauterem Sinn „die Liebe die Liebenden gleich“. Sie haben also an
diesem wohlgefälligen Opfer so guten Anteil, daß ich mich voll Liebe
sehr darüber mit Ihnen freue, und ich glaube, daß die göttliche Güte
Ihres Opfers huldvoll gedenken, Ihren Rat bestätigen und Ihnen entspre-
chend der Gesinnung Ihres Herzens (Ps 20,4-5) einen Trost zuteil wer-
den lassen wird, der Sie immer wachsen läßt in dieser Liebe, oder eine
Kraft, die – ohne Trost – Sie immer vollkommener dieser himmlischen
Liebe dienen läßt.
Ich kann nichts anderes sagen, meine sehr liebe Tochter, als daß ich in
unsagbarer und in unglaublicher Weise der Ihre bin.
Es lebe Jesus! Amen.

XX, 121f (1815) Annecy, 2. August 1621.


Sie sind gewiß meine überaus liebe Tochter; da können Sie sich wohl
denken, daß mein Herz von Zärtlichkeit gerührt ist wegen der Besorg-
nisse, die Sie mir durch Ihren letzten Brief über die Rückkehr unserer
lieben Mutter von der Heimsuchung hierher bezeugen. O, wenn Gott es
so verfügt hätte, daß wir immer beisammen blieben, wie schön wäre das!
Aber was hilft es, meine liebe Tochter? Unsere Berge würden Paris er-
drücken und den Lauf der Seine behindern, wären sie dort; Paris wieder
würde unsere Täler aushungern, wenn es inmitten dieser Berge läge. Ei-
nes Tages, vielmehr in der hochheiligen Ewigkeit, nach der wir streben,
werden wir immer beisammen sein, wenn wir in diesem Übergang nach
dem Willen Gottes leben.
308 V. Von Herse 1675

Ich glaube es wohl, meine liebe Tochter, daß Schwester Helene An-
gélique, unsere liebe Gründerin, ihre Mutter entweder zurückhalten oder
mit ihr hierher kommen möchte. O, wenn das ginge, wie sehr wünschte
ich sie ein wenig in dieser Einöde zu sehen! Aber daran kann nicht ein-
mal gedacht werden. Eines kann ich Ihnen sagen: daß die so sehr liebe
Mutter ihr Kommen bis zum äußersten Zeitpunkt hinausschieben wird,
obgleich sie doch hier so überaus herbeigewünscht und verlangt wird;
aber wir versprechen uns auch, daß Sie zur gegebenen Zeit sanftmütig
die Trennung von dieser Seele ertragen werden, die kein Tod sein wird,
wie es die Trennung von Seele und Leib ist, denn der Heilige Geist, das
Leben unserer Herzen, wird Sie immer mit seiner heiligen Liebe bele-
ben und Sie immer mehr mit uns vereint halten wie uns mit Ihnen.
Grüßen Sie bitte innig das Herz der geliebten Schwester Helene-An-
gélique, die glücklich ist, sich selbst aufgegeben zu haben, um ganz Gott
zu gehören, der sie segnet, wie auch Sie, meine sehr liebe Tochter.

AN DIE PRÄSIDENTIN VON HERSE.

XIX, 271-274 (1675) Annecy, 7. Juli 1620.


Gnädige Frau!
Gott unser Heiland weiß wohl, daß unter den Zuneigungen, die er in
meine Seele gelegt hat, jene, Sie überaus zu lieben und besonders hoch-
zuschätzen, eine der stärksten ist, völlig unwandelbar, frei von Wechsel
und Vergessen. Nach dieser bestimmt gewissenhaften Beteuerung will
ich Ihnen nun ein kleines freies und aufrichtiges Wort sagen und zu-
nächst Sie wieder mit dem herzlichen Namen einer „sehr lieben Toch-
ter“ anreden, da ich in Wahrheit wohl fühle, daß ich vom Herzen Ihr
liebender Vater bin.
Meine sehr liebe Tochter also, ich habe Ihnen nicht geschrieben. Aber
sagen Sie mir, bitte, wie ist es mit Ihnen, haben Sie mir seit meiner
Rückkehr hierher geschrieben? Aber deshalb haben Sie mich nicht ver-
gessen. O gewiß, auch ich nicht und ich sage Ihnen mit aller Wahrheit
und Gewißheit, daß ich Ihnen das bin, was Gott gewollt hat, daß ich
Ihnen sei, und ich fühle wohl, daß ich das immer beständig und ganz fest
sein werde. Darin empfinde ich ein ganz besonderes Wohlgefallen, zu-
sammen mit viel Trost und großem Nutzen für meine Seele. Ich erwarte-
te, daß Sie mir schreiben, nicht weil ich dachte, daß Sie es sollten, aber
V. Von Herse 1675 309

weil ich nicht daran zweifelte, daß Sie es tun würden, und ich Ihnen
dadurch ein wenig ausführlicher schreiben könnte. Wenn Sie aber länger
gezögert hätten, meine sehr liebe Tochter, hätte ich nicht mehr warten
können; noch weniger könnte ich Ihre teure Person und Ihr ganzes lie-
benswertes Haus in dem Opfer, das ich täglich Gott Vater am Altar dar-
bringe, auslassen, wo Sie in meinem Gedenken an die Lebenden einen
ganz besonderen Platz einnehmen: sind Sie mir doch auch ganz beson-
ders teuer.
In Ihrem Brief, meine sehr liebe Tochter, finde ich großen Anlaß, Gott
zu preisen für eine Seele, in der er den heiligen Gleichmut in der Tat
aufrecht hält, wenn auch nicht gefühlsmäßig. Alles, was sie mir, meine
sehr liebe Tochter, von Ihren kleinen Aufregungen sagen, bedeutet nichts.
Solch kleine überraschende Leidenschaftsausbrüche sind unvermeidbar
in diesem sterblichen Leben, schreit doch deshalb der große Apostel
zum Himmel: „Ach, weh mir Armen, der ich bin, fühle ich doch zwei
Menschen in mir, den alten und den neuen; zwei Gesetze, das Gesetz der
Sinne und das Gesetz des Geistes; zweifaches Wirken, das der Natur und
das der Gnade. Ach, wer wird mich befreien von diesem Leib des To-
des?“ (Röm 6,21-24).
Meine liebe Tochter, die Eigenliebe stirbt erst mit unserem Leib; so-
lange wir in dieser Verbannung leben, müssen wir immer ihre fühlbaren
Angriffe oder geheimen Machenschaften spüren. Es genügt, daß wir nicht
mit einer willentlichen, überlegten, festen und erneuerten Einwilligung
zustimmen. Diese Tugend des Gleichmutes ist so erhaben, daß unser
alter Mensch in seinem fühlbaren Bereich und die menschliche Natur in
ihren natürlichen Fähigkeiten nicht dazu imstande wäre, nicht einmal
bei Unserem Herrn. Als Kind Adams war er wohl frei von jeder Sünde
und allem, was dazu gehört, aber in seinen Gefühlen und in seinen
menschlichen Fähigkeiten keineswegs immer gleichmütig, sondern er
wünschte, nicht am Kreuz sterben zu müssen (Mt 26,39). Der Gleich-
mut und die Ausübung desselben ist ganz dem Geist vorbehalten, dem
obersten Bereich, den von der Gnade entflammten Fähigkeiten, kurz,
ihm selbst als neuen Menschen.
Bleiben Sie also in Frieden. Wenn es uns widerfährt, daß wir die Geset-
ze des Gleichmutes in gleichgültigen Dingen verletzen oder wegen plötz-
lichen Aufbrausens unserer Eigenliebe und unserer Leidenschaften, dann
werfen wir gleich, sobald wir können, unser Herz Gott zu Füßen und
sagen wir im Geist des Vertrauens und der Demut: „Barmherzigkeit,
Herr, denn ich bin schwach!“ (Ps 6,3). Erheben wir uns dann wieder in
310 V. Von Herse 1675

Frieden und Ruhe und flicken wir wieder das Netz unseres Gleichmu-
tes; und dann fahren wir mit unserer Arbeit fort. Wir dürfen nicht die
Saiten zerreißen, noch die Laute weglegen, wenn wir einen Mißklang
entdecken; wir müssen vielmehr lauschen, woher der gestörte Klang
kommt, und dann behutsam die Saite spannen oder nachlassen, wie die
Kunst es erfordert.
Bleiben Sie in Frieden, meine sehr liebe Tochter, und schreiben Sie
mir vertrauensvoll, wenn Sie meinen, daß dies zu Ihrem Trost sei. Ich
werde immer treu und mit besonderer Freude antworten, ist mir Ihre
Seele doch teuer wie meine eigene.
In den vergangenen acht Tagen hatten wir unseren guten Msgr. von
Belley bei uns gehabt, der mich mit seinem Besuch beehrt und uns ganz
ausgezeichnete Predigten gehalten hat. Sie können sich denken, daß wir
oft von Ihnen und Ihrem Haus gesprochen haben. Aber welche Freude,
als Herr Janet mir sagte, mein ganz liebes kleines Patenkind wäre so
gescheit, so sanft, so hübsch und fast schon so fromm. Ich versichere
Ihnen in Wahrheit, meine sehr liebe Tochter, daß ich das mit unver-
gleichlicher Liebe höre, und ich erinnere mich, mit welcher Anmut, welch
süßem Mienenspiel und mit welch kindlicher Ehrerbietung er die Kind-
schaft Gottes aus meinen Händen empfing. Wenn meine Tage zu Ende
gehen, wird er heilig sein, dieser liebe kleine François; er wird der Trost
von Vater und Mutter sein und soviel heilige Gnaden bei Gott haben, daß
er mir die Verzeihung meiner Sünden erwirken wird, wenn ich so lange
lebe, bis er mich persönlich lieben kann.
Schließlich bin ich, meine sehr liebe Tochter, ganz vollkommen und
ohne irgendwelche Bedingung oder Ausnahme Ihr sehr ergebener und
treuer Bruder, Gevatter und Diener ...
Wenn Sie fürchten, daß Ihre Briefe unterwegs verloren gehen, obgleich
fast nie einer verschwindet, brauchen Sie sie nicht unterzeichnen, denn
ich kenne Ihre Handschrift immer gut.
Darf ich Sie bitten, meine ergebensten Empfehlungen und Dienste der
Frau Marquise von Menelay darzubringen? Sie ist demütig genug, um
das gut zu finden, und der kleine François ist klug genug, es ihr einzure-
den, wie auch Frau von Chenoyse. Ich muß auch sagen, daß ich Frau de la
Haye grüße.
V. Von Herse 1887 – Villesavin 1522 311

XX, 256f (1887) Annecy, 23. Januar 1622.


Ich habe diesem Überbringer wohl aufgetragen, Sie, Ihren lieben Herrn
Gemahl und Ihren Sohn, mein liebes Patenkind, von mir aus bestens zu
grüßen. Aber hätte ich es wohl unterlassen können, ihm auch dieses klei-
ne sichtbare Zeichen der Aufrichtigkeit des Wunsches mitzugeben, den
ich habe, in Ihrer lieben Seele unsichtbar zu leben, meine liebe Frau
Gevatterin und meine sehr geliebte Tochter?
Ich unterlasse nie, das versichere ich Ihnen, und feiere niemals das
heilige Opfer, ohne Ihr Herz Gott darzubringen und seinen Schutz und
seine Gnade über Ihre teure Familie anzurufen. Das muß ich wohl, ich
weiß es; auch sage ich das nicht, meine liebe Tochter, um mich dessen zu
rühmen, sondern aus Freude, daran zu denken und zu glauben, daß es
Ihnen Freude macht, wenn ich Sie dessen versichere ...
Leben Sie also immer mehr in dieser himmlischen Liebe Unseres
Herrn, der Sie durch tausendfache Segnungen dazu verpflichtet, mit de-
nen er Sie beschenkt hat und vor allem durch seine Eingebung, dies zu
wollen und zu wünschen. In diesem Wunsch leben Sie froh und heilig
zufrieden, auch sogar inmitten der Ärgerlichkeiten und Leiden, die den
Kindern Gottes niemals fehlen.
Ich bin unwandelbar ganz und gar Ihr sehr ergebener und gehorsamer
Diener und Gevatter.
Annecy, am 23. Januar 1622.

AN FRAU VON VILLESAVIN

XVIII, 384-386 (1522) Paris, Mai 1619.


Meine sehr liebe Tochter!
Sie werden oft unter Kindern dieser Welt sein, die nach ihrer Gewohn-
heit sich über alles lustig machen, was sie in Ihnen im Widerspruch zu
ihren schändlichen Neigungen sehen oder vermuten. Geben Sie sich nicht
damit ab, sich mit ihnen in einen Streit einzulassen, bezeugen Sie keiner-
lei Traurigkeit über ihre Angriffe, sondern lachen Sie voll Freude über
deren Gelächter, verachten Sie deren Verachtung, machen Sie sich über
deren Tadel lustig, spotten Sie bescheiden über ihr Spotten und gehen
Sie, ohne all dem Ihre Aufmerksamkeit zu schenken, immer fröhlich an
den Dienst Gottes. In der Zeit des Gebetes empfehlen Sie diese armen
Menschen der göttlichen Barmherzigkeit. Sie sind bemitleidenswert, da
312 V. Villesavin 1522

sie sich für kein anständiges Gespräch interessieren, sondern nur ki-
chern und witzeln über Dinge, die Achtung und Ehrfurcht erfordern.
Ich sehe, daß Sie reichlich die Bequemlichkeiten des gegenwärtigen
Lebens haben; hüten Sie sich, daß Ihr Herz darin verstrickt werde. Salo-
mos, des Weisesten der Sterblichen, unnennbares Unglück begann da-
mit, daß er Gefallen fand an der Größe, dem Schmuck und dem prächti-
gen Aufwand, die er besaß, obgleich all das nur seinem Stand entsprach.
Erwägen wir doch, daß alles, was wir haben, uns tatsächlich um nichts
größer macht als die übrige Welt und daß all das nichts ist vor Gott und
den Engeln.
Denken Sie daran, meine sehr liebe Tochter, nur recht den Willen
Gottes zu tun in den Ereignissen, in denen Sie die größten Schwierigkei-
ten haben. Es zählt wenig, Gott zu gefallen in dem, was uns gefällt; die
kindliche Treue erfordert, daß wir ihm gefallen wollen in dem, was uns
nicht paßt, indem wir uns vor Augen halten, was der große vielgeliebte
Sohn von sich selbst sagte: „Ich bin nicht gekommen, um meinen Willen
zu tun, sondern um den Willen dessen zu vollbringen, der mich gesandt
hat“ (Joh 6,38). Sie sind auch nicht Christin, um Ihren Willen zu tun,
sondern um den Willen dessen zu erfüllen, der Sie an Kindesstatt aufge-
nommen hat, damit Sie seine Tochter und auf ewig seine Erbin seien
(Röm 8,15.17).
Nun gehen Sie fort, wie ich, ohne irgendeine Hoffnung, Sie auf dieser
Welt wiederzusehen. Bitten wir Gott, er möge uns die Gnade erweisen,
so nach seinem Wohlgefallen in dieser Pilgerschaft zu leben, daß wir uns,
wenn wir im himmlischen Vaterland angekommen sind, freuen können,
uns hier unten gesehen und über die Geheimnisse der Ewigkeit gespro-
chen zu haben. Daraus allein sollen wir Freude schöpfen, daß wir uns in
diesem Leben lieb hatten: daß alles zur Ehre seiner göttlichen Majestät
und zu unserem ewigen Heil diente. Bewahren Sie die heilige, herzliche
Fröhlichkeit, die die Kräfte des Geistes nährt und den Nächsten erbaut.
Gehen Sie denn in Frieden, meine sehr liebe Tochter. Gott sei immer-
dar Ihr Beschützer. Er möge Sie immer an seiner Hand halten und Sie
auf dem Weg seines heiligen Willens führen (Ps 73,24). So sei es, meine
liebe Tochter, und ich verspreche Ihnen, daß ich diese heiligen Wünsche
für Ihre Seele, die die meine immerdar unverletzlich lieben wird, täglich
erneuern werde. Und Gott sei immer Lob, Preis und Danksagung. Amen.
(Apg 7,12).
V. Villesavin 1539 313

XVIII, 415-417 (1539) Paris, Juli-August 1619.

Glauben Sie niemals, meine liebe Tochter, daß die örtliche Entfer-
nung die Seelen trennen kann, die Gott durch die Bande seiner Liebe
vereint hat. Die Kinder dieser Zeit sind alle voneinander getrennt, haben
sie doch ihre Herzen an verschiedenen Orten; die Kinder Gottes aber
haben ihr Herz, wo ihr Schatz ist (Lk 12,14), und da sie nur einen glei-
chen Schatz, nämlich den gleichen Gott haben, sind sie folglich immer
miteinander verbunden und eins. Das soll es unserem Geist leicht ma-
chen, da die Notwendigkeit Sie außerhalb dieser Stadt hält und ich auch
recht bald abreisen muß, um in mein Amt zurückzukehren. Wir werden
uns sehr oft bei unserem heiligen Kruzifix wiedersehen, wenn wir das
Wort halten, das wir uns dafür gegeben haben; da sind solche Begegnun-
gen einzigartig von Gewinn.
Indessen will ich damit beginnen, meine sehr liebe Tochter, Ihnen zu
sagen, daß Sie Ihren Geist durch alle möglichen Mittel stärken sollen
gegen diese eitlen Befürchtungen, die ihn gewöhnlich erregen und quä-
len. Ordnen Sie dazu erstens Ihre Übungen auf eine Weise, daß deren
Länge nicht Ihre Seele ermüdet und nicht die Seelen jener verärgert, mit
denen Gott Sie zusammenleben läßt. Eine halbe Viertelstunde und we-
niger noch genügt für die morgendliche Vorbereitung; drei Viertelstun-
den oder eine Stunde für die Messe und untertags einige Erhebungen des
Geistes zu Gott, die keine Zeit erfordern, sondern in einem Augenblick
verrichtet werden können; und die Gewissenserforschung am Abend vor
dem Schlafengehen, abgesehen von Tischsegen und Danksagung, die
üblich sind und die eine Herzensvereinigung mit Gott darstellen. Mit
einem Wort, ich möchte, daß Sie ganz „Philothea“ und nichts anderes
mehr seien als dies: d. h. Sie sollen so sein, wie ich es im Buch von der
Anleitung aufzeige, das ja für Sie und Ihresgleichen geschrieben wurde.
Meine sehr liebe Tochter, seien Sie in den Gesprächen im Frieden über
allem, was da gesagt und getan wird; denn ist es gut, haben Sie Grund, Gott
dafür zu preisen; und ist es schlecht, dann können Sie Gott dadurch die-
nen, daß Sie Ihr Herz davon abwenden, ohne weder die Entsetzte noch die
Verärgerte zu spielen; denn Sie können nichts dafür und haben nicht ge-
nug Einfluß, um die schlechten Worte jener abzulenken, die sie sagen
wollen, ja die noch schlimmere sagen würden, wenn man sich merken
ließe, sie davon abhalten zu wollen. Wenn Sie so handeln, werden Sie ganz
unschuldig bleiben mitten im Zischeln der Schlangen und wie eine Erd-
beere kein Gift aufnehmen durch den Umgang mit giftigen Zungen.
314 V. Villesavin 1636

Ich kann mir nicht denken, wie Sie diese maßlosen Traurigkeiten in
Ihrem Herzen zulassen können, da Sie doch eine Tochter Gottes sind,
die sich schon seit langem in den Schoß seiner Barmherzigkeit geworfen
und sich seiner Liebe geweiht hat. Sie müssen es sich selbst erleichtern,
indem Sie alle diese traurigen und melancholischen Eingebungen ver-
achten, die der böse Feind in uns weckt mit der einzigen Absicht, uns
müde zu machen und zu plagen.
Achten Sie sehr darauf, recht die demütige Sanftmut zu üben, die Sie
Ihrem lieben Gatten und jedermann schulden, denn das ist die Tugend
der Tugenden, die Unser Herr uns so sehr empfohlen hat (Mt 11,29).
Wenn es Ihnen geschieht, daß Sie dem zuwiderhandeln, dann geraten Sie
nicht in Verwirrung, sondern stehen mit allem Vertrauen wieder auf, um
neuerlich in Frieden und Sanftmut wie vorher vorwärts zu schreiten. Ich
schicke Ihnen eine kleine Methode, wie Sie sich am Morgen und den
ganzen Tag über mit Unserem Herrn vereinigen können.
Das war es, meine liebe Tochter, was ich Ihnen im Augenblick zu Ih-
rem Trost sagen zu müssen glaube. Ich muß Sie noch bitten, keinerlei
Förmlichkeiten mir gegenüber anzuwenden, da ich weder Zeit noch den
Willen habe, solches mit Ihnen zu tun. Schreiben Sie mir, wann es Ihnen
gefällt, in aller Freiheit, ich werde immer froh sein, Nachrichten über
Ihre Seele zu erhalten, welche die meine vollkommen liebt, meine sehr
liebe Tochter, wie ich auch wahrhaftig Ihr recht ergebener Diener in
Unserem Herrn bin.

XIX, 179-180 (1636) Annecy, 9. April 1620.


Diese paar Zeilen werden genügen, meine sehr liebe Tochter, um als
Vorwort zu dienen für einen viel längeren Brief, den ich mich zu schrei-
ben verpflichtet fühle. Ich will damit meine Unterlassung gutmachen,
daß ich nicht gleich bei meiner Ankunft hier diese Pflicht erfüllt habe.
Ich bitte Sie, zu glauben, daß Sie meinem Geist ganz gegenwärtig sind,
der niemals aufhören wird, Ihren Geist überaus zu lieben und ihm alle
Gnaden Unseres Herrn zu wünschen, besonders ein ständiges Wachsen
in der himmlischen Liebe, die allein Ihre Schönheit stillen kann.
Ich habe die göttliche Majestät dafür gepriesen, als ich erfuhr, daß Sie
nun glücklich entbunden haben nach soviel Leiden und Schmerzen,
durch die die göttliche Vorsehung Sie an ihrem Kreuz teilhaben lassen
will, was das deutlichste Zeichen ihrer Liebe für ihre Kinder ist. Es ist
wahrhaft ein Martyrium, meine sehr liebe Tochter, viel zu leiden um des
V. Lamoignon 541 – Le Naint 1543, 1842 315

Willens dessen wegen, dem wir unseren Willen geweiht haben und der
uns so sehr geliebt hat, daß er für uns sterben wollte (Gal 2,20; Eph 5,2).
Ich bitte Sie um Erlaubnis, in diesem Brieflein meine sehr liebe kleine
Tochter Anna60 zu grüßen, die – dessen bin ich sicher – noch mehr fromm
als schön ist.
Gott sei immer inmitten Ihres Herzens, meine sehr liebe Tochter, und
ich bin zur Gänze in ihm Ihr sehr ergebener und sehr zugeneigter Diener.

AN FRAU DE LAMOIGNON

XIX, 1-2 (1541)61 Paris, 7. August 1619.


Dies hier, meine sehr liebe Tochter, ist für die gute Frau von Vaul-
grenant,62 für die ich viel Mitgefühl habe, da ich sie so mit Aufgaben
überhäuft sehe, an die sie meiner Meinung nach nicht gewöhnt ist. Aber
Gott wird ihr beistehen und sie an der Hand halten, worum ich seine
höchste Güte anflehe. Ich werde auch niemals aufhören, Ihnen zu wün-
schen, daß diese höchste Güte Ihnen gnädig und hilfreich sei, meine sehr
liebe Tochter, und bleibe auf immer Ihr sehr ergebener und sehr zuge-
neigter Diener ...

AN FRAU LE NAINT DE CRAVANT

XIX, 4 (1543)63 Paris, 20. August 1619.


Ich würde mich selbst tadeln, meine sehr liebe Tochter, wenn ich diese
teure Schwester abreisen ließe, ohne ihr mit diesen wenigen Zeilen diese
kurze aber entschiedene Versicherung mitzugeben, daß ich Ihrer und
Ihres Herzens gedenke, das ich vollkommen liebe. Tausendfach wün-
sche ich, es möge sich immer mehr in der Sanftmut und Demut vervoll-
kommnen, damit es ganz nach dem Herzen Unseres Herrn lebe, dem ich
es unaufhörlich empfehle sowie alles, was ihm lieb ist. Ich bleibe immer
und unwandelbar, meine sehr liebe Tochter, Ihr sehr ergebener Diener ...

XX, 167f (1842) Annecy, Ende September-November 1621.


Aus dem Mund des guten Herrn Crichant habe ich die Geschichte vom
Eintritt und von der Aufnahme Ihrer lieben kleinen Tochter in den hei-
ligen Karmeliterorden gehört, auch wie sie aus Ihrer mütterlichen Hand,
316 V. Unbekannte Dame 1545

meine liebe Tochter, in die der guten Mutter Magdalena vom hl. Josef64
überging. Ich hoffe, daß dieser Akt von der Hand dessen gesegnet werde,
der die Schnelligkeit guter Entschlüsse und deren gute Ausführung liebt
und die allzu große Bedächtigkeit jenes Sohnes mißbilligte, der seinen
Vater begraben wollte, bevor er sich gänzlich zur Nachfolge entschloß
(Mt 8,21f). Der Entschluß Ihrer Tochter und vielleicht auch ihre Auf-
nahme sind zwar ungewöhnlich,65 aber es ist kein Wunder, wenn eine
Magnetnadel sich so jäh und so mächtig dem Magnet zuwendet ... So ist
Ihr Opfer beinahe verzehrt, bevor es recht auf dem Altar ist.
Die göttliche Majestät segne Sie immer mehr mit ihrer heiligen Liebe,
ebenso das Herz Ihres Gemahls, das so liebevoll mit Ihnen wirkt, um
gänzlich nach Gott zu streben und nur in ihm zu leben. Ich bin unwan-
delbar Ihr sehr ergebener und sehr wohlgeneigter Diener ...

AN EINE UNBEKANNTE DAME

XIX, 6-7 (1545) Paris, 23. August 1619.


Da ich von dem schweren Schlag erfuhr, der Sie getroffen hat, meine
sehr liebe Tochter, war mein Herz in gleicher Weise davon betroffen
infolge der herzlichen Liebe, die Gott mir für Sie geschenkt hat. Denn
ich sehe Sie, so scheint es mir, tief vom Leid betroffen, als eine Mutter,
die von ihrem einzigen und gewiß sehr liebenswerten Sohn getrennt wur-
de. Doch zweifle ich nicht daran, daß Sie richtig denken und überzeugt
sind, daß diese Trennung nicht von langer Dauer sein wird; eilen wir
doch alle mit großen Schritten dahin, wo Sie diesen Sohn wiederfinden:
in die Arme der Barmherzigkeit Gottes, wie wir hoffen müssen. Darum
sollen Sie, soweit es Ihnen möglich sein wird, den von der Natur verur-
sachten Schmerz durch die Vernunft mildern und lindern.
Aber ich spreche zu zurückhaltend zu Ihnen, meine sehr liebe Tochter.
Es ist schon so lange Zeit her, daß Sie gewünscht haben, Gott zu dienen,
und daß Sie in der Schule des Kreuzes in die Lehre gegangen sind. Daher
tragen Sie auch das gegenwärtige Kreuz nicht nur geduldig, sondern auch
– dessen bin ich gewiß – sanftmütig und voll Liebe. Sie schauen ja auf
den, der sein Kreuz trug und auf dieses Kreuz geheftet war bis zum Tod.
Sie schauen auch auf sie, die nur einen Sohn hatte, aber einen Sohn
unvergleichlicher Liebe, und ihn auf dem Kreuz sterben sah mit Augen
voll Tränen und einem Herzen voll des Leides, aber eines stillen und
liebevollen Leides für Ihr Heil und das Heil der ganzen Welt.
V. Pariser Dame 1547 317

So sind Sie nun, meine sehr liebe Tochter, entblößt und beraubt des
kostbarsten Besitzes, den Sie hatten. Preisen Sie den Namen Gottes, der
ihn gegeben und wieder genommen hat (Ijob 1,21), und seine göttliche
Majestät wird Ihnen an Kindesstatt gehören. Ich habe bereits zu Gott für
diesen Verstorbenen gebetet und werde es weiterhin tun entsprechend
meiner großen Verpflichtung Ihrer Seele gegenüber; möge die ewige Güte
Unseres Herrn diese mit seinem Segen erfüllen. Ich bin, meine sehr liebe
Tochter, vorbehaltlos ganz der Ihre und Ihr recht ergebener Diener ...

AN EINE PARISER DAME

XIX, 9-11 (1547) Paris, 4. September 1619.


Meine sehr liebe Tochter!
Da die „Anleitung zum frommen Leben“ für Seelen in Ihren Verhält-
nissen geschrieben wurde, bitte ich Sie, diese zu lesen und möglichst
genau zu befolgen; denn sie wird Ihnen beinahe alle Ratschläge erteilen,
die nötig sind. Ich füge nur im besonderen hinzu, daß Sie lernen sollen,
Ihre Übungen kurz zu halten, da Sie nicht immer die erforderliche Zeit
haben, um sich in ihnen auszubreiten.
Am Morgen wird die knappe Hälfte einer Viertelstunde genügen. Wenn
Sie die heilige Messe hören können, tun Sie es; wenn Sie es nicht können,
beten Sie eine halbe Stunde lang und vereinigen Sie darin Ihren Geist
mit der heiligen Kirche in der Anbetung des heiligen Opfers und des
Erlösers unserer Seelen, den es in sich birgt. Achten Sie sehr darauf, in
all Ihren Gebeten aufmerksam zu sein und durch die ehrfürchtige Hal-
tung Ihres Körpers vor Gott den Nächsten erkennen zu lassen, daß Sie
mit der göttlichen Majestät sprechen.
Seien Sie demütig und sanftmütig allen gegenüber; denn dann wird
Gott Sie am Tag seiner Heimsuchung (1 Petr 5,6) erhören. Beten Sie oft
für die vom wahren Glauben abgekommenen Seelen und preisen Sie oft
Gott für die Gnade, mit der er Sie in diesem Glauben bewahrt hat. Alles
geht vorüber, meine sehr liebe Tochter, nach den kurzen Tagen dieses
sterblichen Lebens, die uns bleiben, kommt die unendliche Ewigkeit.
Wie wenig liegt doch daran, ob wir es hier schön oder schwer haben,
wenn wir nur in alle Ewigkeit glücklich sind. Diese heilige Ewigkeit, die
uns erwartet, sei Ihr Trost, ebenso daß Sie Christ sind, Tochter Jesu Chri-
sti, wiedergeboren aus seinem Blut, denn darin allein liegt unsere Ehre:
daß der göttliche Heiland für uns gestorben ist ...
318 V. Dame 1548 – Le Maitre 1556

AN EINE UNBEKANNTE DAME

XIX, 11-12 (1548) Paris, 7. September 1619.


Meine sehr liebe Tochter!
Ich sage Ihnen von ganzem Herzen Lebewohl. Gehören Sie Gott im-
merdar in diesem sterblichen Leben an, indem Sie ihm treu dienen in-
mitten der Mühen, die man hier hat, in seiner Nachfolge das Kreuz zu
tragen (Mt 16,24), und im ewigen Leben, wo Sie ihn ewig preisen werden
mit dem ganzen himmlischen Hof.
Das große Gut unserer Seelen besteht darin, Gott zu gehören, und das
größte Gut, nur ihm zu gehören. Wer nur Gott gehört, ist niemals traurig,
außer darüber, Gott beleidigt zu haben; und seine Traurigkeit darüber
geht in eine tiefe aber ruhige und friedvolle Demut und Unterwerfung
über, aus der er sich zur göttlichen Güte wieder erhebt durch ein gelasse-
nes und vollkommenes Vertrauen, ohne Ärger und Verdruß. Wer nur
Gott gehört, sucht nur ihn; und weil er in der Heimsuchung nicht weni-
ger ist als im Glück, bleibt der Mensch imnitten all der Widerwärtigkei-
ten des Lebens in Frieden. Wer nur Gott gehört, denkt inmitten aller
Gegebenheiten dieses Lebens oft an ihn. Wer nur Gott gehört, will jeder-
mann wissen lassen, daß er ihm dienen und versuchen will, die geeigne-
ten Übungen zu verrichten, um mit ihm vereint zu bleiben.
Gehören Sie also ganz Gott an, meine sehr liebe Tochter, und gehören
Sie nur ihm an und wünschen Sie, nur ihm zu gefallen und seinen Ge-
schöpfen in ihm, ihm zufolge und um seinetwillen. Welch größeren Se-
gen kann ich Ihnen wünschen? Durch diesen Wunsch, den ich unaufhör-
lich für Ihre Seele hegen werde, meine sehr liebe Tochter, sage ich Ihnen:
„Behüt‘ Sie Gott!“ Indem ich Sie bitte, mich oft seiner Barmherzigkeit
zu empfehlen, bleibe ich Ihr sehr ergebener Diener ...

AN FRAU LE MAITRE

XIX, 27-29 (1556) Amboise, 22. September 1619.


Was soll ich Ihnen sagen, meine Tochter, da ich Sie in solchen Bitter-
nissen sehe? O nur Mut, ich bitte Sie: der Bräutigam, den Sie erwählt
haben, seit Sie von dem getrennt wurden, den man für Sie ausgesucht
hatte, ist ein Bündel von Myrrhe (Hld 1,12). Wer ihn liebt, kann nicht
umhin, die Bitterkeit zu lieben; und die er mit seiner innigsten Liebe
auszeichnet, werden immer von Heimsuchungen verfolgt. Wie könnten
V. Le Maitre 1556 319

wir auch Unseren gekreuzigten Herrn an unsere Brust drücken, ohne


daß die Nägel und Dornen, die ihn durchbohren, sich auch in uns hinein-
bohrten?
O welch tapferen und guten Bruder haben Sie doch hier! Ach, der
Hingang seines armen kleinen François66 hat ihn nur berührt wie einen
Vater, der seinen Sohn von zu Hause fortgehen sieht, weg von ihm zu
einem großen König, um dessen Gnaden zu empfangen. Ja, so soll man
leben in diesem Leben voll Unbeständigkeit und wechselnder Vorkomm-
nisse. Als aber dieser Bruder von Ihrer Krankheit und der unserer Schwe-
ster Maria erfuhr, war sein Herz betrübt und seine Empfindung kam in
seinen Augen zum Ausdruck; und doch blieb er fest und wurde nicht
verwirrt, so tugendhaft ist er und so sehr in tugendhafter Weise Christ.
Und ich hoffe, meine sehr liebe Tochter, daß Gott, der als liebliches
Opfer die Ergebung dieses Vaters und Ihre eigene, die des Großvaters
und der Großmutter und der Tanten entgegengenommen hat, keine wei-
teren Heimsuchungen zulassen wird; darum flehe ich ihn an, ebenso daß
er Sie heilig mache.
Der große hl. Mauritius, der Patron der Touraine, dessen Fest man
heute begeht, sah, wie seine ganze teure Legion vor seinen Augen getötet
wurde; man kann sagen, daß er ebensoviele Male das Martyrium erlitt,
als er sah, daß seine Soldaten gemartert und getötet wurden. Meine Toch-
ter, wir erleiden das Martyrium des Herzens, wenn wir aus Liebe zu Gott
jene, die wir lieben, sterben sehen und uns in ihren Tod fügen. Was kann
ich denn mehr sagen? Sie, die den liebenswertesten Sohn aller Söhne auf
dem Kreuz sterben sah, möge von ihrem Sohn die Tröstungen erflehen,
derer Sie bedürfen, sowie Ihr Herr Vater und Ihre Frau Mutter.
Ich trage inmitten meines Herzens die Erinnerung an Fräulein N., Ihre
liebe Cousine und meine teure Tochter, und möchte ihr gern schreiben;
aber ich kann nicht bei all der Hetzjagd, die mir kaum erlaubte, Ihnen
diese Zeilen zu schreiben. Grüßen Sie sie bitte herzlich von mir und
versichern Sie ihr, daß ich nicht durch Bourges reisen werde – wohin wir
morgen früh abfahren –, ohne daß ich ihr einen Brief sende. Lieben Sie
diese teure Seele und richten Sie sie durch Ihr Wort auf, damit sie nach
ihren guten, tugendhaften Neigungen Gott immer besser diene.
Ich schreibe auch nicht Ihrer Frau Mutter, denn ich weiß, sie ist damit
zufrieden, wenn ich Ihnen schreibe, daß ich schließlich ihr sehr ergebe-
ner Diener bin. Meine sehr liebe Tochter, bleiben Sie fest und stark in
der Liebe zu Unserem Herrn, der mich unveränderlich ganz zu dem
Ihren gemacht hat.
320 V. Le Maitre 1683, 1751

XIX, 298-299 (1683) Annecy, (Juli-August 1620).


Meine sehr liebe Tochter!
Gewiß, wenn es ginge, möchte ich gern jeden Tag Nachricht von Ihrer
Seele bekommen und Ihnen jeden Tag solche von meiner Seele zukom-
men lassen, denn ich stelle mir vor, daß Ihr Leben schwerlich ohne Leid
ist. So erkenne ich aus dem Empfinden meines Herzens heraus, daß Ihr
Herz durch den geistigen Austausch, den es mit dem meinen führen
kann, auf irgendeine Weise erleichtert ist, hat es doch Gott gefallen, mir
eine ganz besondere Zuneigung zu schenken, mit der ich Sie aus allen
Kräften liebe.
Meine liebe Tochter, Sie wissen sehr wohl, daß Gott das Erbteil seiner
Kinder für das künftige Leben vorbehält und daß er den von ihm am
meisten Geliebten für das gegenwärtige Leben gewöhnlich nur die Ehre
zuteilwerden läßt, viel zu leiden und ihm ihr Kreuz nachzutragen (Mt
16,24). Ich sehe, daß Ihr Herz durch diese Wahrheit beruhigt und ge-
stärkt ist. Obgleich ich nun einerseits nicht verhindern kann, mit Ihnen
zu fühlen, sind Sie doch wahrhaft meine Tochter, rühme ich mich doch
andererseits mit Ihnen im Kreuz Unseres Herrn (Gal 6,14), da Sie so
glücklich sind, daran teilhaben zu dürfen; und ich werde niemals aufhö-
ren, den Heiligen Geist zu bitten, er möge immer mehr Ihren Geist in
seinen Gehorsam und in seine ganz reine und hochheilige Liebe einfüh-
ren.
Tun Sie mir die Liebe an, meine sehr teure Tochter, mich bei erster
Gelegenheit etwas über den Zustand Ihres Herzens wissen zu lassen und
von der lieben Schar Ihrer kleinen Kinder,67 die Gott Ihnen geschenkt
hat, damit Sie ihnen Mutter mehr dem Geist nach seien, als Sie es dem
Leib nach sind; und über unseren guten Bruder N. und unsere Schwester
N. und vor allem über Ihre gute Frau Mutter. Meine sehr liebe Tochter,
ich bin ganz unwandelbar Ihr ganz ergebener Bruder und Diener ...

XX, 11-12 (1751) Annecy, 24. Januar 1621.


Niemals schreibe ich weniger, meine liebe Tochter, als wenn ich viel
schreibe; die Vielzahl der Briefe vermindert deren Länge, wenigstens
bei mir. Aber Ihr Herz ist gut, meine liebe Tochter, und ich glaube fest,
daß es das meine gut kennt, da Gott es so gewollt hat. Ihnen aber gar nicht
zu schreiben, ist mir nicht möglich. Ich will Sie, meine liebe Tochter,
hiermit nur mit dem ganzen Ausmaß meiner Zuneigung grüßen und
Ihnen versichern, daß ich Ihre Leiden keineswegs vergesse, noch Ihre ans
V. Amelot 1570 – Ein Fräulein 1571 321

Kreuz geheftete Lebenslage. In seiner Güte möge Gott damit seinen


Namen heiligen und seine Ehre erhöhen.
Im übrigen bitte ich Sie, Ihrer Frau Mutter zu sagen, daß ich von Her-
zen eines ihrer Kinder bin; das meine ich ganz aufrichtig. Und wenn sie
im Geiste nach Rom geht, um dort unseren guten Bruder aufzusuchen,
dann führt ihr Weg sie hier vorbei und es wird ihr angenehm sein, ein
wenig inmitten dieser Berge zu verweilen.
Außerdem grüße ich Herrn d’Andilly und seine Frau, mit einem Wort
die ganze mir teure Familie, in der die Furcht, mehr noch die Liebe
Gottes herrscht, und auf die ich sehr liebevoll die göttliche Vorsehung
und Hut herabflehe. Grüßen Sie mir besonders, und wie Ihre Seele weiß,
daß sie es tun soll, das Herz der Schwester Marie Angélique und sagen
Sie ihr, daß mein Herz ihr gehört und daß Gott dies gewollt hat und will,
meine liebe Tochter. Amen.

AN DIE PRÄSIDENTIN AMELOT

XIX, 59-60 (1570)68 Annecy, (Oktober-Dezember) 1619.


... Gnädige Frau, seien Sie nicht entsetzt, unsere Töchter der heiligen
Maria einsam und verlassen zu sehen. Gott wird sie wieder emporheben
und wachsen lassen; dieses kleine Institut wird sich vervielfachen und
wie das Veilchen überall seinen süßen Duft verbreiten ...

AN EIN FRÄULEIN IN PARIS

XIX, 60-61 (1571)69 Oktober-Dezember 1619.


Mein Fräulein,
Sie ließen es mich versprechen und ich tue es also sorgsam: Ich bitte Gott,
er möge Ihnen seine heilige Kraft verleihen, damit Sie hochherzig alle Ban-
de zerreißen, die Ihr Herz hindern, seinen himmlischen Lockungen zu fol-
gen. Mein Gott, ich muß die Wahrheit sagen: Es ist traurig, ein liebenswertes
Bienchen in tückischen Spinnennetzen verwickelt zu sehen; wenn aber ein
hilfreicher Wind dieses elende Gewebe und diese gefährlichen Fäden zer-
reißt, warum ergreift dann dieses teure Bienchen nicht die Gelegenheit, sich
freizumachen, sich aus diesen Schlingen zu lösen und daranzugehen, ihren
süßen Honig zu erzeugen? Sie sehen meine Gedanken, meine sehr liebe
Tochter; lassen Sie die Ihren den Heiland sehen, der Sie ruft.
322 V. Eine Dame 1572

Ich muß Ihre Seele lieben, von der ich weiß, daß sie gut ist, und ich
kann nicht anders, als ihr die so erstrebenswerte Liebe zur hochheiligen
Vollkommenheit zu wünschen, erinnere ich mich doch der Tränen, die
Ihre Augen vergossen, als ich Ihnen beim Abschied wünschte, Sie möch-
ten Gott ganz gehören und, damit Sie ihm mehr gehören, allem Lebe-
wohl sagen, was nicht für Gott da ist.
Ich versichere Ihnen indessen, meine sehr liebe Tochter, daß ich so
recht Ihr Diener in Gott bin.

AN EINE DAME

XIX, 61-62 (1572)70 Annecy, 2. Dezember 1619.


Der Beichtvater von St. Klara in Grenoble berichtet mir soeben, daß
Sie schwer krank gewesen sind, meine sehr liebe Tochter, nachdem Sie
den teuren N. hinscheiden sahen, und daß Sie nach schwerer Krankheit
genesen sind. In all dem erkenne ich Ihr geliebtes Herz, das in tiefer
Unterwerfung unter die göttliche Vorsehung sagt, daß alles das gut ist
(Sir 39,21), da die väterliche Hand Gottes diese Schläge ausgeteilt hat.
O wie glücklich ist doch dieses Kind, in den Himmel geflogen zu sein
wie ein kleiner Engel, bevor es noch richtig die Erde berührt hatte! Wel-
ches Pfand haben Sie doch da oben, meine liebe Tochter! Ich bin aber
sicher, daß Sie sich darüber Herz an Herz mit unserem Heiland ausge-
sprochen haben; er wird schon die natürliche Zärtlichkeit Ihrer Mutter-
schaft heilig gestillt und Sie werden bereits oft von ganzem Herzen die
von Unserem Herrn uns gelehrte Beteuerung als sein Kind ausgespro-
chen haben: „Ja, ewiger Vater, denn so war es Dir wohlgefällig und es ist
gut, daß es so ist“ (Mt 11,26).
O meine Tochter, wenn Sie das getan haben, dann sind Sie mit diesem
Kind glücklich in diesem göttlichen Heiland gestorben und ist Ihr Leben
mit ihm in Gott geborgen; und wenn der Heiland wieder auferstehen
wird, der unser Leben ist, dann werden Sie mit ihm in der Herrlichkeit
wieder auferstehen. Auf diese Weise spricht der Heilige Geist in der
Heiligen Schrift (Kol 3,3f). Wir dulden, leiden und sterben mit denen,
die wir lieben durch die Liebe, die uns an sie bindet. Wenn sie leiden
oder sterben in Unserem Herrn und wir uns in Geduld in ihre Leiden
und ihr Hinscheiden fügen aus Liebe zu Ihm, der aus Liebe zu uns hat
leiden und sterben wollen, dann leiden und sterben wir mit ihnen. All
das zusammengerafft, meine sehr liebe Tochter, sind unvergleichliche
V. Ein Onkel 1594 323

geistliche Reichtümer und wir werden sie eines Tages erkennen, wenn
wir dieser flüchtigen Mühen wegen ewige Belohnung schauen werden (2
Kor 4,17).
Nun aber, meine sehr liebe Tochter, sollen Sie – die Sie Ihre Krankheit
gern angenommen haben, da es Gott gewollt hat – auch wieder gern
gesund werden, da er es will. Darum flehe ich ihn ständig an, meine sehr
liebe Tochter, daß wir ihm rückhaltlos und ausnahmslos gehören, in
Gesundheit und Krankheit, in Heimsuchung und Wohlergehen, im Le-
ben und im Tod, in Zeit und Ewigkeit. Ich grüße Ihr töchterliches Herz
und bin der Ihre.

AN EINEN ONKEL

XIX, 112-113 (1594) Annecy, 16. Januar 1620.


71
Verehrter Herr Onkel!
Ich vermeine Ihren Geist doppelt betrübt zu sehen wegen des Hin-
scheidens meiner Cousine wie ihrer Todesart; ich selbst habe ja in Wahr-
heit beides in dieser Weise empfunden. Dennoch aber sollen wir, wenn
auch der Schmerz nicht so bald besänftigt werden kann, ihn doch durch
alle möglichen guten und aufrichtigen Erwägungen zu mildern trachten,
so sehr wir es vermögen.
Daß sie dahingegangen ist, ist ein so natürliches, allgemeines und so
unvermeidliches Geschehen, daß nur jemand glauben wird, Ihnen Bei-
stand zu Ihrem Trost leisten zu sollen, der nicht weiß, was Sie sind, und
der die Festigkeit Ihres Geistes nicht kennt. Im übrigen hat nur die dem
Tod vorangehende Verfassung wirkliche Bedeutung und nicht die nähe-
ren Umstände dieses Hinscheidens. Diese teure Tochter war gut und
tugendhaft; wie ich mich vergewisserte, empfing sie oft die heiligen Sa-
kramente und war folglich immer gut, zumindest hinreichend vorberei-
tet, um sich in der Gnade Gottes zu bewahren. Darum konnte ihr Hin-
scheiden nur ein gutes sein, ebenso wie das des hl. Simon Stylites, den
Blitz und Feuer vom Himmel auf der Säule töteten. Wir müssen in diese
bewundernswerte Vorsehung Gottes eindringen und uns ihren Anord-
nungen fügen mit dem heiligen Vertrauen, daß sie für diese gute Seele
Sorge getragen und sie vielleicht in diesem Feuer geläutert hat, um ihr
das des Fegefeuers zu ersparen. Wir dürfen also wohl Trauer in unseren
Herzen empfinden, dieser aber nicht erlauben, in ihm Fuß zu fassen ...
324 V. Rousselet 1605 – Jomaron 1613

AN FRAU ROUSSELET

XIX, 128-129 (1605)72 Annecy, 4. Februar 1620.


Nicht um Sie von Ihrem lieben Gatten zu trennen, schreibe ich Ihnen
getrennt und jedem für sich, meine sehr liebe Frau Tochter, sondern weil
sonst die Anrede zu umfangreich würde, wenn ich sie für beide gemein-
sam abfassen müßte.
Ich gedenke ständig Ihrer heiligen Liebe und wünsche Ihnen unauf-
hörlich tausend- und abertausendfachen Segen. Ich zweifle ja nicht dar-
an, daß Sie mich Ihrerseits oft der Barmherzigkeit Unseres Herrn emp-
fehlen, wenn Sie im Gebet vor sein Antlitz treten.
Der Friede und die Ruhe des Herzens, die dem vollkommenen Ver-
trauen auf Gottes Güte entspringen und die Stätte des Heiligen Geistes
sind, seien auch immer Ihre teuersten Gefährten. Amen.
Ich grüße Ihren Herrn Vater von ganzem Herzen und bin ohne Aufhö-
ren, gnädige Frau, meine sehr liebe Tochter, Ihr sehr ergebener und Ih-
nen sehr zugeneigter Diener ... Ich bitte Sie, Ihren verehrten Herrn Pfar-
rer von mir zu grüßen und ihn meiner ergebenen Dienste zu versichern ...

AN FRAU VON JOMARON

XIX, 144-145 (1613)73 Annecy, 17. Februar 1620.


Es ist wahr, Sie haben es gewünscht und ich habe es angenommen: Sie
sind meine sehr liebe Tochter und es gereicht mir zur Freude, meine ich
doch, daß Ihre guten Wünsche vor Gott nicht wenig dazu beitragen wer-
den, seine Barmherzigkeit auf meine Seele herabzuflehen, die ja auch oft
dieselbe Güte für Ihre Seele anruft, daß sie ganz heilig sei, daß sie wahr-
haftig in Sanftmut, Demut und innerer Einfachheit ihren Weg gehe. Das
sind doch die drei Haupttugenden, die der göttliche Bräutigam Jesus
Christus bei denen sucht, die ihn lieben. Leben Sie also danach, meine
sehr liebe Tochter, und erheben Sie inmitten der Mühen dieser Welt Ihr
Herz dahin, wonach Sie streben, in den Schoß der Güte dieses großen
Gottes, in seine heilige, ewige Herrlichkeit.
Ich schreibe Ihnen diese Zeilen unter großem Zeitmangel und ohne
Atem wegen der vielen Antworten, die ich abfassen muß; aber ich schrei-
be sie nicht ohne innige Zuneigung, die ich für Sie hege, da es Ihm so
gefällt, meine sehr liebe Tochter, der mich in seinem göttlichen Wohlge-
fallen zu Ihrem sehr ergebenen Diener gemacht hat ...
V. De Foras 1635, 1850 325

AN HERRN DE FORAS

XIX, 177-178 (1635)74 Annecy, 8. April 1620.


Mein lieber Bruder!
Nehmen Sie es es mir nicht übel, daß ich Ihnen so spät schreibe. Sie
hätten unrecht, deshalb zu denken, ich hätte je aufgehört, Sie innig und in
besonderer Weise zu lieben und hochzuschätzen. Das umso mehr, als ich
wußte, wie Sie unter der Verfolgung Ihrer Person und meines Rufes lit-
ten. Aber ich hegte Argwohn, ob meine Briefe nützlich und gelegen wä-
ren, wenn man erfahren hätte, daß Sie diese empfingen. – Aber lassen wir
von dem Gedanken ab. Ich habe immer gehofft, daß Ihre Ehe in ihrem
Verlauf sehr glücklich sein werde, nachdem sie an ihrem Anfang so leid-
voll war. Das ist ja eine der gewöhnlichen Methoden der göttlichen Vor-
sehung in dem, was sie zu ihrer Verherrlichung bestimmt, daß sie die
Dornen vor den Rosen wachsen läßt.
Man schreibt mir, daß Eure eheliche Freundschaft so vollständig und
vollkommen ist, wie kaum etwas anderes. Ist das nicht das echte und
sichere Zeichen des göttlichen Segens für eine Ehe? Und wenn Gott
segnet, was macht es aus, wenn Menschen tadeln? Verbleiben Sie nur in
diesem göttlichen Segen und nähren Sie dieses Glück durch beharrliche
Treue im Dienst der göttlichen Majestät; und lassen Sie alle Welt soviel
reden, als sie will. – Man sagt mir aber, daß die Verwandten sich zu
beruhigen beginnen, und ich glaube es gern. Schließlich werden sie die
Augen öffnen und sehen, daß der Wille Gottes in allem angebetet wer-
den soll, was er tut, und daß er diese Verbindung mit seiner göttlichen
Hand geschaffen hat.
Ich beschließe den Brief und versichere Ihnen, mein ganz lieber Bru-
der, daß ich ohne Ende Ihr ergebener und von Herzen zugetaner Bruder
und Diener bin.

An Herrn und Frau de Foras

XX, 187f (1850) Annecy, 11. November 1621.


Gott sei tausend- und abertausendfach gepriesen, daß Sie, mein lieber
Bruder und meine ganz teure Schwester, meine Tochter, endlich diese
ärgerlichen Prozesse los sind, unter denen nach Gottes Willen der An-
fang Ihrer glücklichen Ehe wie unter Dornen gestanden ist. Herr von
Chalcedonien, mein Bruder, und ich haben ein kleines Freudenfeuer
dafür angezündet, da wir doch an allem teilnehmen, was Sie betrifft.
326 V. De Frouville 1655

Und obgleich die Schwangerschaft Sie alle beide ein wenig fühlbar
belastet, meine Tochter, die unter ihr leidet, und meinen lieben Bruder,
der sie mit ihr erleidet, meine ich Sie beide doch mit so zufriedenem und
tapferem Herzen zu sehen, Gott gut dienen zu wollen, daß selbst dieses
empfundene und mitempfundene Leiden Sie tröstet als Zeichen dafür,
daß Ihnen auf dieser Welt zwar nicht gänzlich jedes Leiden erspart bleibt,
die vollkommene Glückseligkeit Ihnen aber im Himmel vorbehalten
ist, worauf Sie, dessen bin ich sicher, Ihr Hauptbestreben richten.
O mein lieber Bruder, erleichtern Sie weiterhin meiner lieben Tochter
ihr Los durch Ihre liebenswürdige Anteilnahme. O meine liebe Schwe-
ster, halten Sie auch fernerhin meinen lieben Bruder fest an ihr Herz
gebunden, denn da Gott Sie einander geschenkt hat, verbleiben Sie auch
immer so und glauben Sie beide, daß ich des einen wie der anderen,
meines lieben Bruders und meiner lieben Tochter, meiner Schwester
sehr ergebener und unwandelbarer Diener bin.

AN FRÄULEIN LHUILLIER VON FROUVILLE

XIX, 213-218 (1655) Annecy, 31. Mai 1620.


Im Namen Gottes, meine sehr liebe Tochter, es ist wahr, Gott will, daß
Sie sich meiner Seele mit vollkommenem Vertrauen in allem bedienen,
was das Wohl Ihrer Seele betrifft, die er mir darum in seiner himmli-
schen Liebe ganz teuer und kostbar gemacht hat.
Da sind Sie nun aus dieser ärgerlichen Angelegenheit heraus, meine
sehr liebe Tochter, in voller Freiheit, die Ihnen die ewige Vorsehung
verliehen hat. Und da Sie das erkennen, preisen Sie diese göttliche Güte
dafür aus dem tiefsten Grund Ihres Geistes; und ich will sie mit Ihnen
preisen und bringe dazu das hochheilige Opfer dar, am heiligen Altar,
denn ich kann der göttlichen Majestät keine größere Danksagung dar-
bringen, als Ihn vorzustellen, um dessentwillen und durch den ihr alles
wohlgefällig ist im Himmel und auf Erden.
Was machen wir aber, meine Tochter, mit dieser gewonnenen Frei-
heit? Wir wollen sie zweifellos ganz Ihm aufopfern, von dem wir sie
haben. Denn unverrückbar steht unser Entschluß, daß wir ohne irgend-
welchen Vorbehalt und ohne Ausnahme, nicht einmal für einen einzigen
Augenblick, nur für Ihn leben wollen, der – um uns das wahre Leben
leben zu lassen – am Kreuz sterben wollte.
V. De Frouville 1655 327

Aber wie? In welchem Stand? Unter welchen Lebensbedingungen? In


dem Stand zu bleiben, in dem Sie sind, scheint das Leichteste zu sein, ist
aber in Wirklichkeit das Schwerste. Diese Welt von Paris, ja sogar von
ganz Frankreich, wird Sie nicht in Frieden leben lassen; sie wird nicht
aufhören, Sie gewaltsam aus den Grenzen des Entschlusses hinauszu-
drängen, den Sie gefaßt haben. Und wenn Sie sich von Ihrem Entschluß
solche Beständigkeit versprechen, daß man ihn nicht erschüttern und
etwa umstoßen könnte, hieße das, sich ein wahres Wunder versprechen,
in diesem Alter, bei dieser Schönheit Ihres Antlitzes, bei den vielen
schlauen Advokaten und Fürsprechern, die die Welt und ihre Klugheit
bei Ihnen hätte. Erbarmungslos, ohne nachzulassen, von der einen wie
von der anderen Seite würden sie Ihre Ruhe bestürmen und durch Zu-
dringlichkeiten, Enttäuschungen und Überraschungen schließlich ihr
Unterfangen durchsetzen und über Ihre Kraft den Sieg davontragen. Ich
sehe wohl, daß ich nichts mehr über diesen Gegenstand zu sagen brau-
che, da Sie ja selbst bekennen, wie wahr das ist. Es bleibt also als Gegen-
stand unserer Erwägung nur eine Heirat oder das Ordensleben.
Meine sehr liebe Tochter, ich habe keiner außerordentlichen Erleuch-
tung bedurft, um zu entscheiden, für welches von beiden ich Ihnen raten
soll. Denn so wie Sie es mir klar beschreiben und es mich bereits erken-
nen ließen, als ich das Glück hatte, Sie über Ihre Seele vertraulich zu der
meinen reden zu hören, hat Ihre Abneigung gegen die Ehe zwei Gründe,
von denen der eine beinahe genügen würde zu dem Entschluß, sich nicht
darauf einzulassen: nämlich eine mächtige Abneigung, einen großen Ekel
daran und einen starken Widerwillen dagegen. O meine Tochter, das ist
wohl genug, da brauchen wir nicht mehr darüber reden. Ach, die Seelen,
die eine ganz einseitige Neigung zur Ehe haben, finden – so glücklich
diese auch sein mag – darin so viele Anlässe zu Geduld und Selbstentäu-
ßerung, daß sie diese Bürde nur mit großer Mühe tragen können. Und
was würden Sie tun, wenn Sie schon ganz gegen Ihre Neigung an eine
Heirat herangingen? Unter anderen Bedingungen habe ich hundertmal
gesehen, daß nach und nach eine Erleichterung eintrat; in diesem Fall
aber niemals.
Gewiß, als die Apostel einmal Unseren Herrn vom unauflöslichen
Band der Ehe sprechen hörten, sagten sie zu ihm: „Herr, wenn es so ist,
ist es da nicht wünschenswert, sich nicht zu verheiraten?“ Und Unser
Herr billigte ihre Meinung und antwortete ihnen: „Nicht alle verstehen
dieses Wort; wer es fassen kann, der fasse es“ (Mt 19,10-12). Und ich,
meine liebe Tochter, der ich Sie sprechen gehört und Ihren Brief darüber
328 V. De Frouville 1655

gesehen habe, spreche ganz offen zu Ihnen und sage: „Sicherlich, meine
Tochter, da es so ist, ist es nicht wünschenswert, daß Sie heiraten; und
wenn es auch nicht alle verstehen, d. h. dieses Wort nicht annehmen,
nicht begreifen, das Glück darin nicht erkennen und sich nicht zunutze
machen, so können doch Sie, meine liebe Tochter, es leicht sich zu Ge-
winn werden lassen, Sie können leicht zu solchem Glück gelangen und
diesen Rat verstehen und verkosten.“ Tun Sie es also! Das sage ich Ihnen
noch viel entschiedener, als ich die Ehe für Sie noch für gefährlicher
halte als für eine andere, uzw. wegen Ihres anspruchsvollen Herzens, auf
das Sie mich aufmerksam machen, das Sie unaufhörlich nach Besserem
seufzen und ständig in der Eitelkeit schwimmen lassen würde.
Da aber dieser Entschluß gefaßt wurde, ohne daß Sie irgendeinen Grund
für Skrupel darüber hätten, ist es doch viel schwieriger, Ihnen daraufhin
zu sagen: Treten Sie also in den Ordensstand. Und doch muß es Ihnen
gesagt werden, da weder die Sitten noch die Stimmung in Frankreich,
weder die Neigungen Ihrer Eltern, Ihr Alter noch Ihr Äußeres Ihnen
erlauben könnten, so zu bleiben, wie Sie sind. So bin ich gezwungen,
Ihnen zu sagen: Meine Tochter, treten Sie in den Ordensstand. Indem ich
Ihnen aber dies sage, fühle ich eine heimliche Süße in diesem Gezwun-
gensein, die bewirkt, daß dieser Zwang nicht hart, sondern milde und
angenehm ist. Die Engel zwangen den guten Lot und seine Frau und
seine Töchter, faßten sie an der Hand und zogen sie mit Gewalt aus der
Stadt heraus; aber Lot hielt diese Nötigung nicht für gewaltsam, sondern
sagte, er erkenne wohl, daß er bei ihnen in Gunst stehe (Gen 19,15-19).
Und Unser Herr befahl in seinem Gleichnis dem Diener (Lk 14,23):
„Nötige sie einzutreten“; und nicht einer, der genötigt wurde, sagte: „Laß
mich, du verletzt mich!“
Ich bin nun genötigt und gezwungen, meiner Tochter zu sagen: Treten
Sie in den Ordensstand; aber dieser Zwang betrübt nicht mein Herz.
O meine Tochter, sprechen wir ein wenig von Herz zu Herz. Denken
Sie, daß Gott immer die Berufung zum Ordensleben oder aber zur voll-
kommenen Frömmigkeit entsprechend den natürlichen Bedingungen und
nach der Neigung der Personen schenkt, die er beruft? Nein, meine Toch-
ter, glauben Sie das nicht. Das religiöse Leben ist kein natürliches Leben,
es steht über der Natur, die Gnade muß es schenken und die Seele dieses
Lebens sein. Es ist wohl wahr, daß sich die höchste Vorsehung öfter der
Natur bedient zum Dienst an der Gnade, aber es fehlt weit, daß dies
immer oder beinahe immer so sei.
Einer rief klagend aus: „Das Gute, das ich will, tue ich nicht, aber das
V. De Frouville 1655 329

Böse, das ich nicht will, wohnt in mir“, d. h. in meinem Fleisch wohnt das
Gute nicht; denn das Wollen des Guten liegt mir wohl nah, aber ich finde
keine Möglichkeit, es zu vollbringen. „Ach, ich armer, elender Mensch,
wer wird mich von diesem Leib des Todes befreien? Ich sage Gott dank
durch Jesus Christus ... So diene ich selbst also in meinem Geist und dem
Geist nach dem Gesetz Gottes und in meinem Fleisch und dem Fleisch
nach dem Gesetz der Sünde“ (Röm 7,17-20; 24f). Dieser Mann zeigte
wohl, daß seine Natur kaum der Gnade diente und daß seine Neigungen
kaum den Eingebungen unterworfen waren. Und doch handelte es sich
um einen der vollkommensten Diener, die Gott jemals auf dieser Welt
hatte und der am Ende so glücklich war, in Wahrheit sagen zu können:
„Ich lebe, aber nicht mehr ich, sondern Jesus Christus lebt in mir“ (Gal
2,20), nachdem die Gnade die Natur unterworfen und die Eingebungen
die Neigungen überwunden hatten.
Meine Tochter, diese Befürchtungen, taktlose Oberinnen zu finden, und
all die anderen Befürchtungen, die Sie mir so treu berichteten, all das wird
vor dem Antlitz Unseres gekreuzigten Herrn vergehen, der Sie liebevoll
aufnehmen wird. Ihr entsprechend der Hochherzigkeit der Welt hochher-
ziger Geist wird seine Kräfte wandeln und hochherzig werden mit dem
Mut der Heiligen und Engel. Sie werden die Nichtigkeit des Verstandes in
seinen Überlegungen sehen und sich darüber lustig machen. Sie werden
das Wort des Kreuzes lieben, das die Heiden für Wahnsinn hielten und die
Juden für ein Ärgernis; uns aber, d. h. jenen, die gerettet sind, ist es höchste
Weisheit, Kraft und Tugend Gottes (1 Kor 1,18; 23f).
Nun aber, meine Tochter, möchte ich Ihnen eine sehr große Erleichte-
rung dieses so absoluten und scheinbar so strengen Rates vorschlagen:
Sie sind reich; der zwanzigste oder vielleicht hundertste Teil Ihres Ver-
mögens würde genügen, um Sie zur Gründerin eines Klosters zu ma-
chen, und in dieser Eigenschaft hätten Sie eine anziehende Möglichkeit,
religiös zu leben außerhalb des Gedränges der Welt, bis Gewohnheit,
Erwägung und Eingebung Ihrem Herzen den letzten Anstoß und Ihrer
Entscheidung die letzte Vollendung verleihen werden, eine ganze Or-
densfrau zu sein. So können Sie geschickt Ihre Natur täuschen und Ihr
Herz klug überlisten. O, es lebe der Heiland, dem ich geweiht bin! Die-
ser Ratschlag schaut nur auf Ihren Frieden und Ihre Ruhe.
Beten Sie indessen zu Gott, meine sehr liebe Tochter, demütigen Sie
sich, widmen Sie Ihr Leben der Ewigkeit, erheben Sie Ihre Gesinnung,
läutern Sie Ihre Bestrebungen, denken Sie oft daran, daß ein einziger
kleiner Gewinn an Gottesliebe großer Beachtung würdig ist, da er unse-
330 V. De Frouville 1695

re Herrlichkeit in alle Ewigkeit vergrößern wird. Kurz, Ihr Geist und


was Gott getan hat, damit Sie ihm gehören, und tausend Erwägungen
rufen Sie zu einer nicht gewöhnlichen christlichen Hochherzigkeit auf.
Ich rate Ihnen, Vertrauen zur guten Mutter von der Heimsuchung zu
haben, wie ich selbst, denn sie wird Ihnen treu dienen. Ich bin ohne
Aufhören und Rückhalt Ihr sehr ergebener und unwandelbarer Diener ...

XIX, 313-315 (1695) Annecy, 9. August 1620.


Mit einer Freude ohnegleichen sehe ich, meine sehr liebe Tochter, das
himmlische Wirken des Heiligen Geistes in Ihrem Herzen an Ihrem so
festen und hochherzigen Entschluß, sich von der Welt zurückzuziehen.
Wie weise handelten Sie doch, meine sehr liebe Tochter, da Sie der über-
natürlichen Weisheit folgten! Denn so stand es im Evangelium des Fe-
stes, das man gerade feierte, daß Unsere liebe Frau eilends in das Gebir-
ge von Juda ging (Lk 1,39). Diese rasche Bereitschaft, den Willen Gottes
zu erfüllen, hilft sehr, große und mächtige Gnaden zum Weiterführen
und Vollenden des ganzen guten Werkes herabzurufen; und Sie sehen,
meine sehr liebe Tochter, daß nach dem rauhen Stoß, den Ihr Herz emp-
fand, als es sich gewaltsam aus seinen Gefühlen, Stimmungen und Nei-
gungen löste, um einem höheren Ruf zu folgen, Sie nun schließlich ganz
getröstet und beruhigt in dem glückseligen Gebüsch hausen, das Sie ge-
wählt haben, um dort auf ewig die Herrlichkeit des Erlösers und Schöp-
fers Ihrer Seele zu besingen.
Erheben Sie denn, meine liebe Tochter, erheben Sie oft Ihre Gedan-
ken zu diesem ewigen Trost, den Sie im Himmel haben werden, das
getan zu haben, was Sie taten. Es bedeutet nichts, sicherlich (und ich
sehe schon, daß Sie das so auffassen), es bedeutet völlig nichts im Ver-
gleich zu Ihrer Pflicht und den unsterblichen Belohnungen, die Gott
für Sie vorbereitet hat; denn was sind schon all diese Dinge, die wir um
Gottes willen verachten und verlassen? Im Grunde nur armselige kur-
ze Augenblicke von Freiheiten, die tausendmal mehr unter Zwang ste-
hen als die Sklaverei selbst; ständige Unruhe, eitle Sehnsüchte, unbe-
ständig und unfähig, jemals erfüllt zu werden, die unseren Geist mit
tausenderlei Sorgen und unnötiger Geschäftigkeit bewegt hätten; und
das armseliger, so ungewisser, kurzer und böser Erdentage wegen (Gen
47,9). Aber dennoch hat es Gott gefallen, daß jeder, der diese nichtigen
und eitlen Augenblicks-Vergnügungen aufgibt, zum Ausgleich die Herr-
lichkeit ewiger Glückseligkeit (2 Kor 4,17) gewinnt, in der die Erwä-
V. De Frouville 1695 331

gung allein uns mit tiefster Genugtuung erfüllt, daß wir Gott von gan-
zem Herzen lieben wollten und einen einzigen kleinen Grad ewiger
Liebe dazu gewonnen haben.
Wahrlich, meine sehr liebe Tochter, ich hätte nicht gewagt, Ihnen zu
sagen, treten Sie Ihre Gefühle, Ihr mangelndes Vertrauen, Ihre Abnei-
gungen mit Füßen, wenn ich nicht mein Vertrauen auf die Güte des himm-
lischen Bräutigams gesetzt hätte, daß er Ihnen die Kraft und den Mut
geben würde, die Partei der göttlichen Hingebung und der Vernunft ge-
gen die Partei der Natur und des Widerwillens zu ergreifen.
Ich muß Ihnen aber sagen, meine sehr liebe Tochter, daß Sie jetzt auf
eine liebevolle Weise tot sind für die Welt und die Welt ganz tot in Ihnen
(Kol 3,3; Gal 6,14); das ist ein Teil des Opfers. Zwei andere bleiben
noch zu leisten: das Opfer, die Haut abzuziehen, indem Sie Ihr Herz
seiner selbst entblößen, alle diese wertlosen Eindrücke, die Natur und
Welt Ihnen geben, wegschneiden und abtrennen; und zweitens Ihre Ei-
genliebe zu verbrennen, sie in Asche zu verwandeln (Lev 1,6-9), um Ihre
teure Seele ganz in Flammen himmlischer Liebe zu setzen. Das geschieht
nun nicht an einem Tag, meine gewiß ganz liebe Tochter, und Er, der
Ihnen die Gnade erwiesen hat, den ersten Schlag zu tun, wird selbst mit
Ihnen die beiden anderen tun; und weil seine Hand ganz väterlich ist,
wird er es entweder unmerklich tun, oder wenn er es Sie fühlen läßt, wird
er Ihnen die Beständigkeit, ja die Freude schenken, die er dem Heiligen
auf dem Rost gab, dessen Fest wir heute feiern. Darum sollen Sie nicht
besorgt sein: Er, der Ihnen den Willen gegeben hat, wird Ihnen auch die
Erfüllung schenken (Phil 2,13). Seien Sie nur treu in Wenigem und er
wird Sie über vieles setzen (Mt 25,21.23). Sie versprechen mir, meine
sehr liebe Tochter, daß Sie mir – wenn es Ihnen erlaubt ist – alle Ereig-
nisse Ihrer glücklichen Geborgenheit schreiben werden; und ich ver-
spreche Ihnen, daß man es Ihnen erlauben wird und daß ich diesen Be-
richt mit übergroßer Liebe aufnehmen werde.
Gott sei immer gepriesen, gelobt und verherrlicht, meine sehr liebe
Tochter, und ich bin in ihm und um seinetwillen ganz besonders Ihr sehr
ergebener und Ihnen zugeneigter Diener ...
332 V. Eine Dame 1704

AN EINE DAME

XIX, 340-342 (1704) Annecy, 29. September 1620.


Meine sehr liebe Tochter!
Ich bin keineswegs erstaunt, wenn Ihr Mut Ihnen etwas schwerfälliger
und abgestumpfter erscheint, da Sie doch schwanger sind. Es ist eine
bekannte Tatsache, daß unsere Seelen im unteren Bereich gewöhnlich
unsere leiblichen Eigenschaften und Umstände übernehmen, denn die-
ser Bereich haftet unmittelbar am Körperlichen und ist daher auch des-
sen Unpäßlichkeiten unterworfen. Ein zarter Leib, der durch die Last
einer Schwangerschaft beschwert, durch die Mühe, ein Kind zu tragen,
geschwächt und von vielerlei Schmerzen geplagt ist, kann das Herz nicht
befähigen, so lebhaft, energisch und rasch im Handeln zu sein. All das
aber tut keinerlei Abbruch den Tätigkeiten des Geistes, dieser höheren
Spitze, die Gott ebenso wohlgefällig sind, wie sie es inmitten aller Fröh-
lichkeit der Welt sein können, ja die ihm gewiß noch viel wohlgefälliger
sind, da sie mit mehr Mühe und Widerstreben verrichtet werden. Frei-
lich sind sie der Person, die sie verrichtet, nicht ebenso angenehm. Weil
sie nicht im Bereich des Sinnenhaften sind, sind sie nicht den Sinnen
fühlbar und werden von uns nicht als angenehm empfunden.
Meine sehr liebe Tochter, wir dürfen nicht ungerecht sein und dürfen
von uns nicht mehr verlangen, als in uns ist. Wenn wir an Leib und Ge-
sundheit behindert sind, dürfen wir von unserem Geist nichts verlangen
als Unterwerfung, Annahme des Leides und heilige Vereinigung unseres
Willens mit dem Wohlgefallen Gottes, die sich im obersten Bereich der
Seele formen. Die Tätigkeit nach außenhin müssen wir dann ordnen und
vollbringen, so gut wir vermögen, und uns damit begnügen, sie auch dann
zu tun, wenn es mit Widerwillen, kraftlos und schwerfällig geschieht.
Um diese Erschöpfung, Schwere und Erstarrung des Herzens wieder zu
beheben und sie der göttlichen Liebe dienstbar zu machen, muß man die
daraus entstehende Erniedrigung eingestehen, auf sich nehmen und lie-
ben; so werden Sie das Blei Ihrer Schwere in Gold verwandeln und in ein
feineres Gold, als aus der lebhaftesten Freude Ihres Herzens kommen
könnte. Haben Sie also Geduld mit sich selbst; Ihr höherer Seelenbe-
reich ertrage das Durcheinander des unteren; und opfern Sie oft der
ewigen Herrlichkeit unseres Schöpfers das kleine Geschöpf auf, an des-
sen Menschwerdung er Sie beteiligen wollte.
Meine sehr liebe Tochter, wir haben in Annecy einen Kapuziner-Ma-
ler, der – wie Sie sich denken können – nur für Gott und seine Kirche
V. Eine Dame 1762 333

Bilder schafft; und wenn er arbeitet, ist seine ganze Aufmerksamkeit


darauf gerichtet, so daß er zur gleichen Stunde nicht das innere Gebet
pflegen kann, und obgleich das seinen Geist beschäftigt und ermüdet, so
vollbringt er seine Werke doch gern der Verherrlichung wegen, die Un-
serem Herrn daraus erwachsen soll, und in der Hoffnung, daß diese Bil-
der viele Gläubige anregen werden, Gott zu loben und seine Güte zu
preisen. Ihr Kind nun, meine liebe Tochter, das unter Ihrem Herzen
heranwächst, wird ein lebendiges Bild der göttlichen Majestät sein; wäh-
rend aber Ihre Seele, Ihre Kräfte und natürliche Lebenskraft mit diesem
Werk beschäftigt sind, ist es unvermeidbar, daß sie erschöpft und müde
werden, und Sie können in der gleichen Zeit nicht Ihre gewöhnlichen
Übungen so rege und froh verrichten. Aber erleiden Sie diese Müdigkeit
und Schwere voll Liebe in Erwägung der Ehre, die Gott aus Ihrem Werk
zuteil werden wird; denn das ist Ihr Bild, das im ewigen Tempel des
himmlischen Jerusalems aufgestellt und ewig von Gott, den Engeln und
Menschen mit Freude angeschaut wird; und die Heiligen werden Gott
dafür preisen und auch Sie, wenn Sie es dort schauen. Haben Sie indes-
sen Geduld, wenn Sie Ihr Herz ein wenig matt und ermüdet fühlen, und
schließen Sie sich mit dem höheren Seelenbereich dem heiligen Willen
Unseres Herrn an, der es nach seiner ewigen Weisheit so verfügt hat.
Ich weiß gar nicht, was meine Seele alles denkt und wünscht für die
Vollkommenheit Ihrer Seele, die gewiß inmitten der meinen ist, da Gott
es so gewollt hat und haben will. Möge es seiner göttlichen Güte gefallen,
daß Ihre und meine Seele beide ganz seinem hochheiligen Wohlgefallen
entsprechen. Er möge Ihre ganze liebe Familie mit seinem heiligen Se-
gen beschenken und besonders Ihren lieben Gatten, dem ich wie Ihnen
unwandelbar Ihr sehr ergebener und gehorsamer Diener bin.

AN EINE DAME

XX, 24-26 (1762)75 Annecy, 27. Februar 1621.


Meine liebe Tochter, ich weiß wohl und kenne Ihre vielfältigen Plagen
und ich kann sicher nicht davon wissen, ohne sie mitzuempfinden. Aber
ich weiß auch, daß Gott, der Sie in seiner göttlichen Vorsehung zu dieser
Art von Liebe in dieser Welt bestimmt hat, nicht verfehlt, Ihnen jene
heiligen Eingebungen zukommen zu lassen, deren Sie bedürfen, um un-
ter diesen Verhältnissen heilig zu leben.
Ich meinerseits weiß nichts, was ich nicht alles gern tun würde, um zu
334 V. Eine Dame 1762

Ihrem Trost beizutragen. Drei Dinge aber, meine Tochter, halten mich
davon ab, Ihnen so oft zu schreiben, wie ich es zu Beginn unserer Bezie-
hungen getan habe. Es scheint mir, daß Sie dessen jetzt nicht mehr so viel
bedürfen, da Sie bereits so sehr an Ihr Kreuz gewöhnt sind; andererseits
bin ich vom Alter und – um es ihnen zu sagen – von Unannehmlichkei-
ten belastet, die mich hindern, das zu vermögen, was ich möchte, schließ-
lich verursacht die seit jener Zeit sehr angeschwollene Korrespondenz,
daß ich den einen wie den anderen eben weniger schreibe.
Meine liebe Tochter, Sie sind aber immer in meinen Messen gegenwär-
tig, wo ich dem himmlischen Vater seinen geliebten Sohn darbringe und
in Vereinigung mit ihm Ihre teure Seele, damit er sie in seine heilige Hut
nehmen möge und ihr seine hochheilige Liebe zuteilwerden lasse, be-
sonders anläßlich der Prozesse und Verhandlungen, die Sie mit dem
Nächsten haben. Denn darin ist es wohl schwerer, in der äußeren wie in
der inneren Sanftmut und Demut fest zu bleiben, und ich sehe, wie da die
Sicherstehendsten schwer gehemmt sind. Daher verursachen mir diese
Ärgerlichkeiten mehr Angst um die Seelen, die ich am meisten liebe.
Aber gerade darin, meine liebe Tochter, müssen wir Unserem Herrn
unsere Treue beweisen, damit man von uns sagen kann, wie von Ijob nach
den vielen Vorwürfen und Gegenreden seiner Freunde geschrieben steht,
daß er nicht mit seinen Lippen sündigte (Ijob 1,22) und dabei nichts
Schlechtes tat.
Was könnte ich Ihnen Schöneres wünschen, als Unserem Herrn treu
zu bleiben inmitten der verschiedenartigsten Widerwärtigkeiten, die Sie
aufregen? Denn wenn ich Ihrer Seele gedenke, dann stets mit tausendfa-
chen Wünschen für ihren Fortschritt in der Liebe zum gütigen Gott.
Lieben Sie ihn recht, meine liebe Schwester, in jedem Aufblick zu ihm,
durch den Sie ihn anbeten und verehren; lieben Sie ihn, wenn Sie ihn in
der heiligen Kommunion empfangen; lieben Sie ihn, wenn Ihr Herz von
seinem heiligen Trost durchströmt ist; aber lieben Sie ihn vor allem,
wenn Ihnen Unannehmlichkeiten, Widerstände, Trockenheiten und
Heimsuchungen widerfahren; hat er Sie doch auch im Paradies geliebt,
aber seine Liebe noch mehr bezeugt unter den Geißeln, Nägeln, Dornen
und der Finsternis des Kalvarienberges.
Bitten Sie ihn, daß er mich in seiner Barmherzigkeit ertrage und daß er
mich würdig mache des Dienstes, zu dem er mich berufen hat. Ich bin in
ihm in gänzlicher Zuneigung Ihr Diener, der Sie in Unserem Herrn lieb
hat.
V. Toulongeon 1768 335

AN FRAU VON TOULONGEON

XX, 32-34 (1768)76 Lyon, 24. März 1621.


Gnädige Frau!
Da ich von einem Jahr zum andern immer die Hoffnung gehegt habe,
nach Frankreich zu reisen, hat mich dies verhindert, Ihnen meine un-
wandelbare Dienstbeflissenheit schriftlich auszudrücken; ich glaubte,
daß irgendeine günstige Gelegenheit mir die Möglichkeit geben würde,
persönlich diese Schuld begleichen zu können. Nun aber, da ich dieses
Glück kaum mehr erhoffe und der würdige Überbringer dieses Briefes
mir eine so sichere Gelegenheit dazu gibt, freue ich mich von ganzem
Herzen mit Ihnen, meine liebe Tochter (denn dieses Wort ist herzli-
cher); ich freue mich und preise Unseren Herrn für Ihre so erfreuliche,
hochzuschätzende und liebenswerte Heirat. Sie wird es Ihnen ermögli-
chen, in dieser Welt ein friedliches und schönes Leben zu führen und
dieses sterbliche Leben glücklich in der heiligen Furcht Gottes zu durch-
schreiten, in der Sie durch seine Gnade von Ihrer Wiege an aufgezogen
wurden. Jedermann sagt mir, daß Ihr Herr Gemahl einer der gescheite-
sten und vollendetsten Edelleute Frankreichs ist und daß Ihre Verbin-
dung nicht nur durch heilige Freundschaft verknüpft ist, die sie immer
inniger verbinden soll, sondern auch bereits gesegnet durch Fruchtbar-
keit, so daß Sie nun bald Ihrer Niederkunft entgegensehen, wie mir unse-
re Mutter versichert.
Sie müssen also wohl allen Liebeserweisen des Himmels entsprechen,
meine liebe Tochter, denn sie sind Ihnen zweifellos gegeben, damit Sie
diese einsetzen zur Ehre dessen, der Sie so auszeichnet, und zu Ihrem
Heil. Ich kann nicht glauben, meine liebe Tochter, daß Sie Ihre Tatkraft
nicht darauf verwenden und es tun, wissen Sie doch, daß das Glück Ihres
Hauses und Ihrer Person in diesem flüchtigen Leben und die Gewißheit
des unsterblichen Lebens davon abhängt.
In diesem neuen Stand der Ehe, in dem Sie sich jetzt befinden, erneu-
ern Sie oft die Entschlüsse, die wir so oft gefaßt haben, nämlich heilig
und tugendhaft zu leben, in welcher Lage auch immer Gott uns sein läßt.
Mögen Sie mich auch weiterhin durch Ihre kindliche Liebe auszeichnen,
wie auch ich Ihnen versichere, meine liebe Tochter, daß ich mit einem
ganz von väterlicher Zuneigung erfüllten Herzen niemals die heilige
Messe feiere, ohne Sie ganz besonders Gott zu empfehlen mit Ihrem
Herrn Gemahl, dem ich wie für Sie, gnädige Frau, bin und immer sein
werde Ihr sehr ergebener und geneigter Diener ...
336 V. Toulongeon 1960 – Dalet 1778

XX, 393-394 (1960) Lyon, 17. Dezember 1622.


Auf dem Weg nach Avignon, meine liebe Tochter, hatte ich das Glück,
hier unsere gute Mutter zu treffen, und habe sie auch noch bei meiner
Rückkehr hier gesehen. Sie können sich leicht denken, daß dies nicht
geschah, ohne oft von Ihnen zu sprechen, und ich erfuhr zu meinem nicht
geringen Trost, daß Sie immer in der Furcht Gottes leben mit dem
Wunsch, in der Frömmigkeit vorwärts zu schreiten.
Sie wissen, meine liebe Tochter, wie leicht ich zufriedenzustellen bin
und wie es mir leicht fällt, gute Hoffnungen für die Seelen zu haben,
denen ich zugetan bin. Seit Ihrer Kindheit schon bin ich ganz leiden-
schaftlich auf Ihr Heil bedacht und hatte immer ein tiefes Vertrauen, daß
Gott Sie an seiner Hand halten werde, sofern Sie nur seinen Liebeserwei-
sen entsprechen wollten. Tun Sie es doch, ich beschwöre Sie, meine liebe
Tochter, und lösen Sie immer mehr Ihr Herz von jeder Spielerei mit der
Eitelkeit. Wie Sie wissen, bin ich in keiner Weise skrupelhaft und nenne
mit der Eitelkeit spielen nur freiwilliges, von uns gefördertes Hängen an
Dingen, die uns wirklich von den Gedanken und Überlegungen abhal-
ten, die wir auf die hochheilige Ewigkeit lenken sollten.
Ihre liebe Mutter hat mir ihre Freude geschildert, Sie mit einem so
ausgezeichneten Gatten vermählt zu sehen, von dem Sie vollkommen
geliebt werden. Das ist ein großer Vorteil für Ihre Tugend, meine liebe
Tochter; ziehen Sie rechten Nutzen daraus, und wenn auch Ihr Alter,
Ihre Verfassung und Ihre Gesundheit Ihnen ein langes Leben verspre-
chen, denken Sie doch daran, daß auch Sie bald sterben können und daß
am Ende nichts so erstrebenswert ist für Sie, als große Sorge darauf ver-
wandt zu haben, die Gnadenerweise der göttlichen Güte aufzunehmen
und zu bewahren. Indessen bin ich immer, meine liebe Tochter, Ihr Ih-
nen und Ihrem Herrn Gemahl sehr ergebener und herzlich zugeneigter
Diener.

AN DIE GRÄFIN VON DALET

XX, 51-55 (1778) Annecy, 25. April 1621.


Gnädige Frau!
Es wäre mir schwer, Ihnen über den Gegenstand zu schreiben, den ich
vorhabe, wenn ich nicht von Ihrer Frau Mutter dazu ermächtigt worden
wäre; denn aus welchem Anlaß würde ich wagen, die Hand an Angele-
genheiten zu legen, die sich zwischen Ihnen beiden abspielen, und zu
V. Dalet 1778 337

Ihnen von Ihrem Gewissen zu reden, der ich doch weiß, daß Sie die
einzig würdige Tochter einer so würdigen Mutter sind, voll Geist, Klug-
heit und Frömmigkeit?
Da es aber unter so günstigen Umständen sein soll, will ich Ihnen denn
sagen, gnädige Frau, daß mir Ihre Frau Mutter alles schrieb, was sie
Ihnen gesagt hat und durch viele ausgezeichnete Persönlichkeiten hat
sagen lassen, im Vergleich zu denen ich nichts bin.
Sie sollten sich ihrem Wunsch fügen, daß Sie mit Ihrem töchterlichen
Beistand sie nicht im Stich lassen in dieser großen Bedrängnis zeitlicher
Angelegenheiten, in welche die Ihnen bekannten Umstände ihr Haus
hineingetrieben haben. Sie könnte es nicht ertragen, ihr Haus unter der
Last zusammenbrechen zu sehen, vor allem, wenn sie Ihrer Mithilfe er-
mangelt, die ihr dabei allein und einzig notwendig erscheint.
Sie schlägt dazu drei Wege vor: daß Sie sich entweder ganz in den
Ordensstand zurückziehen, damit die Gläubiger Sie nicht länger als
Bürgschaft wünschen und die Verfügung über die Güter Ihrer Kinder ihr
freistünde; oder daß Sie sich mit den Ihnen gebotenen Vorteilen wieder
vermählen; oder daß Sie bei ihr bleiben und das ganze Geld zusammen-
gelegt würde. Sie erwähnt im Brief Ihre Entschuldigung hinsichtlich der
beiden ersten Möglichkeiten, denn sie sagt, daß Sie Keuschheit gelobt
und vier recht kleine Kinder, darunter zwei Töchter, haben. Über den
dritten Punkt aber ersehe ich nichts aus ihrem Brief.
Zum ersten Punkt will ich nicht urteilen, ob das von Ihnen abgelegte
Gelübde verpflichtet, keine Befreiung davon zu wünschen, obgleich sie
eine große Übereilung anführt, die einer gerechten Erwägung zuvor-
kommen kann; denn die Reinheit der Keuschheit ist wahrlich von so
hohem Wert, daß sehr glücklich ist, sie bewahren zu können, wer sie
gelobt hat, und nichts ihr vorzuziehen ist als die Notwendigkeit der Lie-
be für die Allgemeinheit.
Bezüglich des zweiten Punktes weiß ich nicht, ob Sie sich rechtmäßig
freimachen können von der Verpflichtung, die Gott Ihnen mit Ihren
Kindern auferlegt hat, indem er Sie zu ihrer Mutter machte, da jene doch
noch so klein sind.
Bezüglich des dritten Punktes aber, gnädige Frau, sage ich Ihnen: In
Fällen so großer Notwendigkeit soll Ihr Vermögen mit der Ihrer Frau
Mutter gemeinsam sein. O Gott, das ist wohl die geringste Gemeinsam-
keit, die man Vater und Mutter schuldet. Ich glaube wohl zu ahnen, aus
welchem Grund scheinbar eine solche Tochter, die Kinder hat, ihre eige-
ne Vermögensverwaltung behalten kann, aber ich weiß ja nicht, ob Sie
338 V. Dalet 1778

diese haben. Wenn ja, denke ich, daß der Grund dafür groß und gewichtig
sein muß, um ihn ganz erkennen und erwägen zu können. Unter Feinden
macht nur äußerster Notfall alles gemeinsam; unter Freunden aber und
noch dazu unter solchen Freunden, wie es Tochter und Mutter sind,
braucht man doch nicht den äußersten Notfall abzuwarten, zu sehr drängt
uns das Gebot Gottes (Ex 20,12; Num 5,16; Eph 6,2). In einem solchen
Fall müssen wir Herz und Augen auf die Vorsehung Gottes richten, der
alles in überreichem Maß zurückstellt, was man auf sein heiliges Geheiß
gibt. Ich sagte schon zuviel, gnädige Frau, denn ich habe Ihnen diesbe-
züglich nichts zu sagen, sondern Ihr mir teures Gewissen in dieser Hin-
sicht auf jene zu verweisen, denen Sie sich anvertrauen.
Im übrigen gibt sich bezüglich Ihrer geistlichen Übungen Ihre Frau
Mutter damit zufrieden, daß Sie diese verrichten, wie Sie es gewohnt
sind. Nur wünscht sie, daß Sie sich nach St. Marien, d. h. in das Kloster
der Heimsuchung, nur zu den großen Festen des Jahres zurückziehen
und außerdem drei Tage in jedem Vierteljahr. Sie können sich auch da-
mit zufriedengeben und durch häufige geistliche Einkehr in Ihrem Haus
die Länge jener Einkehr ergänzen, die Sie im Haus der hl. Maria halten.
O mein Gott, meine liebe Dame, wie sehr müssen wir doch etwas für
Vater und Mutter tun und liebevoll das Übermaß, den Eifer und die
Heftigkeit, beinahe möchte ich sagen, die Aufrichtigkeit ihrer Liebe er-
tragen! Solche Mütter sind doch bewunderswert: sie möchten, denke ich,
immer ihre Kinder, vor allem das einzige, immer unter dem Herzen
tragen. Sie sind oft eifersüchtig; wenn man sich ein wenig außerhalb
ihrer Gegenwart in etwas einläßt, meinen sie gleich, daß man sie nicht
genug lieb hat und daß die Liebe, die man ihnen schuldet, nur durch
Übermaß gemessen werden kann. Wie soll man dem abhelfen? Man
muß Geduld haben und möglichst alles Erforderliche tun, um dem zu
entsprechen. Gott fordert nur gewisse Tage, gewisse Stunden, und seine
Gegenwart läßt gern zu, daß wir auch unserem Vater und unserer Mutter
gegenwärtig seien. Jene aber sind viel leidenschaftlicher; sie fordern viel
mehr Tage, viel mehr Stunden und eine ungeteilte Anwesenheit. Ach,
Gott ist so gut; er läßt sich herab, die Nachgiebigkeit unseres Willens
gegen den unserer Mutter als Unterwerfung unter seinen Willen anzuse-
hen, wenn wir nur sein Wohlgefallen zum Hauptziel unseres Handelns
gesetzt haben.
Sie haben doch Mose und die Propheten, d. h. so viele ausgezeichnete
Diener Gottes; hören Sie auf diese (Lk 16,29). Es ist unrecht von mir, so
lange mit Ihnen zu plaudern, aber ich fand Gefallen daran, ein wenig mit
V. Le Loup 1779 339

einer reinen und keuschen Seele zu sprechen, über die es keinerlei Kla-
gen gibt, außer die, über ein Übermaß an Frömmigkeit; und das ist ein so
seltener und liebenswerter Makel, daß ich die damit Beschuldigte nur
lieben kann. So bin ich immerdar, gnädige Frau, Ihr sehr ergebener und
gehorsamer Diener ...

AN FRAU LE LOUP DE MONTFAN

XX, 55-58 (1779) Annecy, 25. April 1621.


Gnädige Frau!
Um mir Ihren Wunsch teuer zu machen, bedurfte es nicht der Überre-
dungskraft der Patres Coton und Duchesne, die ich überaus schätze, denn
Ihr Name allein ließ mich deutlich erkennen, was ich Ihnen schuldig bin.
Und Schwester Favre hatte mir gleich von Anfang an, als sie noch in
Montferrand war, so lebhaft ihre Hochachtung vor Ihren überragenden
Eigenschaften ausgedrückt, daß ich gar nicht anders könnte, als Ihren
Kummer mitzufühlen, den Sie mir dargelegt und mit solch leidenschaft-
licher Beredsamkeit, die Sie in Ihrem Brief aufgeboten haben, daß es ein
Herz von Stein hätte rühren mögen.
Dennoch habe ich mich gewundert, gnädige Frau, wieso Sie denken
konnten, daß ich auf das Herz Ihrer Tochter Einfluß gewinnen könnte,
um sie Ihrem Willen gefügig zu machen. Sie haben Ihre Vorhaltungen
persönlich vorgebracht durch so große Diener Gottes, so vortreffliche
Seelsorger wie die Patres Coton,77 Duchesne78 und andere; Sie haben vor
allem Gebrauch gemacht von Ihrer mütterlichen Autorität, Ihren Trä-
nen, Ihren Seufzern und einer eindringlichen Zurschaustellung des
Schmerzes und der Bitterkeit Ihres Herzens, die Sie besser als irgendje-
mand vorzubringen wußten. Wie sollte dann ich armer Priester, fernste-
hender und so unbedeutender Mensch, der ich bin, allein durch Briefe es
fertigbringen, die weder Überzeugungs- noch Schlagkraft besitzen? Den-
noch füge ich mich Ihrem Wunsch, gnädige Frau, und schreibe an Frau
von Dalet, ebenso kurz an meine Schwester Favre, weil sie alle Ihre Gründe
schon kennen und weil Ihr Mann mich mit meiner Synode79 schwer be-
schäftigt gefunden hat, die mir Geist und Herz beschlagnahmt.
Über Ihren Brief habe ich mich mit Pater Bonaventura80 von Lyon
besprochen, den wir hier als Guardian sehr schätzen. Ich sehe in Ihnen,
gnädige Frau, eine Mutter, die ganz erfüllt ist von Liebe zu ihrer einzigen
Tochter, voll Eifer für die Bewahrung Ihres Hauses, das es so sehr ver-
340 V. Dalet 1790

dient, bewahrt zu werden, bedrängt von tausenderlei Angriffen und


schmerzlichen Angelegenheiten. All dies empfinde ich im Grund mei-
ner Seele mit und hege umso mehr Achtung und heilige Liebe zu Ihnen,
da ich mich wohl der Frau von Montaret81 und ihrer Liebe und Leiden-
schaft zu ihrem Sohn82 entsinne.
Ich schreibe also diesen zwei Frauen,83 von denen Sie sagen, daß sie
miteinander so eng verbunden sind. Es ist Gottes Sache, meinen Worten
Wirksamkeit zu schenken. Beten Sie zu ihm darum. Unterwerfen Sie
sich seiner Vorsehung, der sich noch kein Geschöpf richtig unterwarf,
ohne Trost und Hilfe zu finden.

An die Gräfin von Dalet

XX, 77-80 (1790) Annecy, 11. Mai 1621.


Gnädige Frau!
In Gottes besonderer Gegenwart will ich Ihnen diesen Brief schrei-
ben, da er Ihnen sagen soll, was Sie in den mir aufgezeigten Angelegen-
heiten zu seiner größeren Ehre tun sollen.
1. Nachdem ich also den Heiligen Geist angerufen habe, sage ich Ih-
nen, daß ich in allem, was Sie mir schreiben und was Ihre Frau Mutter
mir sagt, keinerlei Anlaß sehe, daß Sie deshalb Ihr Gelübde der Keusch-
heit aufgeben sollten; denn die Erhaltung des Hauses spielt doch nur bei
Fürsten eine Rolle, wenn deren Nachkommenschaft für das öffentliche
Wohl erforderlich ist. Und wenn Sie Fürstin wären oder jener ein Fürst,
der Sie zur Ehe begehrt, müßte man Ihnen sagen, da Sie Kinder von
Ihrem ersten Mann haben: Begnügen Sie sich mit der Nachkommen-
schaft, die Sie haben; und ihm: Erhoffen Sie sich Kinder von einer ande-
ren Fürstin. Der Heilige Geist hat klar verkünden lassen, daß nichts so
erstrebenswert ist wie eine enthaltsame Seele (Sir 26,20). Bleiben Sie
also so, da Gott es Ihnen eingegeben hat, dies zu wollen, und Ihnen die
Gnade schenkt, es sein zu können. Dieser große Gott wird Ihr Gelübde
segnen, Ihre Seele und Ihren Leib, die seinem Namen geweiht sind.
2. Es ist ganz richtig, daß Sie durch keinerlei Rechtsbestimmung dazu
verpflichtet sind, dem Haus Ihres Herrn Vaters mit Ihren Mitteln beizu-
stehen, da Ihre Mittel und die Ihrer Kinder durch die vom Staat aufge-
richtete Ordnung vom Haus Ihres Vaters getrennt und unabhängig sind
und er in keiner Notlage ist; dies umso mehr, als sie tatsächlich nichts
von Ihrer Mitgift erhalten haben, die Ihnen nur versprochen, nicht aber
ausgezahlt wurde.
V. Dalet 1790 341

3. Wenn es im Gegenteil wahr ist, daß Sie Ihre Kinder, und was ihnen
gehört, und sich selbst ruinieren würden, wenn Sie sich mit den Angele-
genheiten Ihres väterlichen Hauses belasten, ohne deshalb dessen Ruin
verhindern zu können, dann sind Sie – zumindest aus Nächstenliebe –
verpflichtet, es nicht zu tun. Denn wozu ein Haus dem Ruin ausliefern,
um damit noch ein anderes ebenfalls dem Ruin auszusetzen, und wozu
Heilmittel gegen ein unheilbares Leiden einsetzen auf Kosten Ihrer Kin-
der? Wenn Sie also wissen, daß Ihr Beistand unnötig sein wird zur Er-
leichterung der Lage Ihres Vaters, sind Sie verpflichtet, nichts darauf zu
verwenden zum Nachteil der Lage Ihrer Kinder.
4. Wenn Sie ihm aber helfen können, gnädige Frau, ohne Ihre Kinder
spürbar zu schädigen, meine ich, daß Sie es tun sollen. Offenbar könnten
Sie es tun, da Sie das einzige Kind sind und schließlich alles Ihren Kin-
dern bleiben wird, dessen Verkauf Sie verhindern können, da Ihr Vater
und Ihre Frau Mutter keine anderen Erben haben können. Das bedeutet
doch nur, Ihre Mittel mit einer Hand auszugeben und sie mit der ande-
ren wieder zu ergreifen.
5. Und selbst wenn Sie Ihre Frau Mutter mit einem geschäftlichen
Nachteil für Sie zufriedenstellen, scheint mir, daß Sie es tun sollten,
sofern das nicht zu viel zum Schaden Ihrer Kinder geschieht, der Ach-
tung und Liebe wegen, die Sie Ihrer Mutter entgegenzubringen verpflich-
tet sind.
6. Im übrigen denke ich, daß es für Ihre Ruhe und für die Ausführung
Ihres Entschlusses, ständige Keuschheit zu üben, geeigneter wäre, wenn
Sie allein für sich bleiben, vorausgesetzt, daß Sie Ihre Frau Mutter oft
sehen, die – wenn ich ihren Brief recht verstehe – nicht einmal betrübt
wäre, wenn Sie Ordensfrau würden, sofern Sie ihr nur Ihr Vermögen
zukommen ließen, um sie im Besitz der Güter des Hauses zu halten. Sie
wollen keine zweite Ehe eingehen; Sie können auch nicht den entschie-
denen Willen dieser Dame teilen, einen großen Haushalt zu führen und
jeder schicklichen Unterhaltung Tür und Tor zu öffnen; daher sehe ich
nicht ein, warum es nicht angemessener wäre, wenn Sie für sich leben.
Denn nichts ist geeigneter, die Einheit der Herzen von Menschen zu
erhalten, die gegensätzlicher Natur sind, wenn auch voll guter Gemüts-
art und guter Absichten, als wenn sie ein getrenntes Leben führen.
Das ist meine Meinung, gnädige Frau, auf Grund der Kenntnis, die ich
vom Stand Ihrer Angelegenheit habe. Wenn es Gott gefallen hätte, daß
ich Sie in Lyon treffe, welcher Trost wäre das für mich gewesen und wie
viel bestimmter und klarer hätte ich Ihnen meine Einstellung erklären
342 V. Le Loup 1818

können! Da dies aber nicht der Fall war, will ich Ihre Einwände erwar-
ten, wenn es Ihnen scheint, daß ich die Sachlage, wie Sie mir diese darge-
legt haben, nicht richtig verstanden habe, und ich werde mich bemühen,
meinen Fehler gutzumachen. Ich bitte Sie, gnädige Frau, sich von keiner
Erwägung leiten zu lassen, die Ihnen die Freiheit rauben könnte, mir zu
schreiben, bin ich doch und werde es von nun ab ganz und vorbehaltlos
sein, Ihr sehr ergebener und zugeneigter Diener, der Ihnen die Fülle der
Gnaden Unseres Herrn wünscht, vor allem ein ständiges Fortschreiten
in der hochheiligen Anmut der Nächstenliebe und heiligen Demut, der
so liebenswerten christlichen Einfachheit. Ich muß Ihnen sagen, ich fin-
de das Wort in Ihrem Brief sehr lieb, daß Ihr Haus ein ganz gewöhnliches
sei und nichts sonst; denn das ist sehr schön zu hören in einer Zeit, wo
die Kinder der Welt soviel Geschrei machen mit ihren Häusern, ihren
Namen und ihrer Herkunft.
Leben Sie ganz so, meine sehr liebe Tochter, und preisen Sie sich nur
im Kreuz Unseres Herrn glücklich, durch den Ihnen die Welt gekreuzigt
ist und Sie der Welt (Gal 6,14). Amen. Ich nenne mich nochmals von
ganzem Herzen Ihren sehr ergebenen Diener ...

An Frau Le Loup von Montfan

XX, 125-126 (1818) Annecy, 4. August 1621.


Gnädige Frau!
Ich schätze Sie und Ihre Frau Tochter überaus und möchte gern alles
beitragen, was an mir liegt, um Sie beide zu befriedigen. Wenn es Gott
gefällt, werde ich ihr noch besonders meine Meinung sagen; Ihnen aber
sage ich sie jetzt und verspreche mir, daß Sie bei Ihrem guten Gemüt es
gut aufnehmen werden.
Jede Liebe, gnädige Frau, ausgenommen die Liebe Gottes, kann zu
groß sein; und wenn sie zu groß ist, dann ist sie gefährlich. Sie wühlt
leidenschaftlich die Seele auf, weil sie als Leidenschaft und Herrin über
die Leidenschaften den Geist erregt und verwirrt. Sie ist ein Rausch, der
sich eigene Wege schafft und die Ordnung unserer Gefühle durcheinan-
derbringt. Man darf nicht glauben, gnädige Frau, daß die Liebe von Müt-
tern zu ihren Kinder anders ist; sie ist es sogar noch mehr, da es scheint,
daß sie es erlaubterweise tut, dazu berechtigt durch die natürliche Nei-
gung und entschuldigt durch das gute Mutterherz.
Wir sprechen häufig von Ihnen, der gute Pater Bonaventura und ich,
V. Dalet 1893 343

wir sprechen voll Achtung und Liebe von Ihnen. Aber wollen Sie mir
bitte verzeihen: wenn er mir erzählt, wie aufgeregt und beklommen Ihr
Herz war bei der Krankheit der Frau von Dalet; ich kann mich nicht
enthalten, zu sagen, daß mir das übertrieben zu sein scheint. Wenn Sie
aber denken, daß ich meine Meinung zu offen heraussage und unrecht
habe, wie kann ich mich dann entschuldigen? Und doch möchte ich in
keiner Weise etwas von Ihrem Wohlwollen verlieren, denn ich schätze es
hoch ein und achte überaus das Herz, dem es entspringt, und den Geist,
dem es entstammt. Ich will mit einem Wort sagen, Sie haben soviel Macht,
die Herzen zu bewegen, daß mein Herz von den Zügen Ihres Geistes
ganz eingenommen war, sodaß Sie keiner Hilfe bedürfen, um das Herz
der Frau von Dalet zu allem zu bewegen, was Ihnen gefallen wird. Ich bin
sicher, daß nach der Kraft des Geistes Gottes, dem alles folgen muß, Ihre
Kräfte jederzeit die stärkeren sein werden.
Leben Sie für Gott, gnädige Frau, und für die hochheilige Dreifaltig-
keit, in der ich Ihr sehr ergebener Diener bin.

An die Gräfin von Dalet

XX, 267-269 (1893) Annecy, 8. Februar 1622.


Gnädige Frau!
Ich gab der lieben Schwester Oberin von Montferrand Antwort auf
das, was Sie mir in Ihrem Brief vorschlagen. Es tut mir sehr leid, daß ich,
was ihre Person betrifft, nicht den Wunsch der Frau von Chazeron unter-
stützen kann. Denn was Ihren Wunsch betrifft, gnädige Frau, weiß ich
wohl, in welchen Grenzen Sie ihn halten, damit in jeder Hinsicht Gott
am reinsten gedient werde; darum gebrauche ich Ihnen gegenüber keine
Entschuldigung.
Die Furcht vor dem Tod und vor der Hölle, die Ihre teure Seele be-
drückt, ist wirklich eine Versuchung des Feindes; aber der geliebte Freund
Ihres Herzens wird sie durch seine Güte zu Ihrem Fortschritt in der
Reinheit und Demut gebrauchen. Und wenn Sie sich durch völlige Un-
terwerfung und Ergebung in seine Vorsehung gänzlich freimachen von
der Sorge um einen Erfolg, selbst einen ewigen Erfolg Ihres Lebens, und
es in die Hände seiner Güte und seines Wohlgefallens legen, dann wird
er Sie von dieser Plage befreien oder Ihnen so viel Kraft schenken, sie zu
ertragen, daß Sie Grund haben, das Leiden dafür zu segnen.
Meine sehr liebe Tochter, Vorstellungen von Ruhmsucht, ja sogar von
344 V. Le Loup 1927

Hochmut und Vermessenheit können einer Seele nicht schaden, die sie
nicht liebt, die alle Tage oftmals zu ihrem Gott mit dem König David
sagt (Ps 73,22.23): „Herr, ich bin ein Nichts vor Dir und ich bin immer
bei Dir.“ Das ist, als ob er sagen wollte: Ich schaue auf Dich, o höchste
Güte, als auf das unendliche Wesen und sehe mich als nichts vor Dir, und
obgleich Du so bist und ich so beschaffen bin, bleibe ich doch immer voll
Vertrauen bei Dir. Mein Nichts hofft auf Deine gütige Unendlichkeit mit
umso größerer Gewißheit, als Du unendlich bist; ich hoffe auf Dich, im
Vergleich zu dem ich wahrhaft ein Nichts bin.
Meine liebe Tochter, bleiben Sie in Frieden bei Ihrer Bitterkeit (Jes
38,17). In der Spitze Ihres Geistes wissen Sie wohl, daß Gott zu gut ist,
um eine Seele zu verwerfen, die nicht heuchlerisch sein will, welche
Versuchungen und Vorstellungen ihr auch widerfahren. Ich will Ihre
Not diesem großen Gott der Fülle und des Überflusses empfehlen, Sie
aber verrichten indessen oft vor ihm sanftmütig Ihre Stoßgebete: Ich bin
Dein, o Herr, rette mich! (Ps 119,94). Er wird es tun, meine sehr liebe
Tochter. Sein heiliger Name sei immerdar gepriesen! Ich bin vorbehalt-
los, gnädige Frau, Ihr sehr ergebener und getreuer Diener.

An Frau Le Loup von Montfan

XX, 330-332 (1927) Turin, 6. Juli 1622.


Gnädige Frau!
Die kürzesten Antworten sind gewöhnlich die besten, und dabei stehe
ich unter dem Druck meiner Abreise von diesem Hof und dem Wunsch,
Ihren Boten abzuschicken, der mich dringlichst beschwört, ihn nicht
länger zurückzuhalten. Ich will nichts sagen von den Ehrentiteln und
Gunstbezeugungen, mit denen Sie mich so überhäufen, möchte Ihnen
aber unablässig jede Art von Freude wünschen und gute Möglichkeiten,
um Ihnen bezeugen zu können, wie sehr ich Sie schätze.
Ich will Ihnen also über die Absicht Ihrer Tochter, der Frau von Dalet,
sich ins Kloster zurückzuziehen, nichts anderes sagen, als daß ich diese
für eine echte göttliche Eingebung halte. Ich sehe keinerlei Grund zu
einer gegenteiligen Annahme, da sie Gott sei Dank so gerechte und wür-
dige Bürgen für die Person und die Güter ihrer Kinder besitzt, falls es
Ihnen und Ihrem Gatten84 gefällt, diese Mühe auf sich zu nehmen. Und
damit es Ihnen gefalle, will ich keine langen Reden führen, sondern nur
sagen, wenn Sie es tun, tun Sie etwas Gott überaus Wohlgefälliges; denn
V. Le Loup 1927 345

das genügt einer hochherzigen Seele, um sie jede Art von Entschlüssen
fassen zu lassen.
Ich weiß wohl, daß es viele Einwände gegen das gibt, was ich Ihnen
sage; aber ich glaube schon auch, daß es sich unter solchen Umständen
nicht darum handelt, zu streiten und zu debattieren, sondern darum, die
Grundsätze des Evangeliums zu betrachten. Diese führen uns zweifellos
zur völligen Selbstentäußerung und zur Verachtung irdischer Klugheit,
die sich nicht an die Weisheit der Tugend hält, wie es die Erhabenheit
und Überlegenheit der himmlischen Liebe erfordert.
Wenn sich aber diese teure Tochter Ihres Herzens an die Schranken
hält, gnädige Frau, die ihr Ihre Autorität setzt, nur als Gründerin im
Kloster zu leben, ohne das Kleid und die äußeren Lebensbedingungen zu
ändern, dann glaube ich nicht, daß die klügste menschliche Klugheit
vernünftigerweise sich dagegen aufhalten noch, dessen bin ich sicher,
dagegen murren kann. Denn unter der Voraussetzung der gütigen Für-
sorge Ihres Gatten und Ihrer selbst für Ihre Enkelkinder, für sie und ihre
kleinen Angelegenheiten Sorge zu tragen, und Ihrer Frau Tochter zu
versichern, daß Sie ihr die Möglichkeit geben, vollkommen im Schatten
des Kreuzes zu leben, was kann man da anderes sagen, als daß Gott Ihrer
Tochter die Eingebung geschenkt hat, sich zurückzuziehen, und ihren
Eltern die Eingebung, ihr die Möglichkeit dazu zu geben? Ich weiß, daß
es Anstrengungen kostet, um so große und heroische Tugenden zu üben;
aber daraus ziehen diese Tugenden auch ihren größten Ruhm.
Gnädige Frau, Sie zeigen mir einen Fehler dieser Tochter auf, daß sie
unter Vorbehalt schwört, worauf Sie sich nach Ihren Worten nicht ver-
stehen. Das ist eine der liebenswertesten Eigenschaften, die Sie haben
können, muß ich bekennen, aber ich muß eine andere, überaus wertvolle
anführen, nämlich die, daß Sie diesem Geist gegenüber nicht von Ihrer
mütterlichen Autorität Gebrauch machen, der eher zurückweicht als
pariert, um dem Schlag auszuweichen.
Was aber mich betrifft, gnädige Frau, beteure ich Ihnen, daß ich nicht
zweideutig handle, wenn ich Ihnen wahrhaft verspreche, ich werde mei-
nerseits nur dann zustimmen, daß Frau von Dalet das Ordenskleid der
Heimsuchung trägt, wenn ich durch eine klare Aussage von Ihnen Ihrer
Zustimmung gewiß bin; das bitte ich Sie, mir ehrlich zu glauben. Ich
gebe Ihnen darüber noch klarer mein Wort: Ich habe keine Autorität
über die Heimsuchungsklöster außerhalb meiner Diözese, sodaß ich mich
nur verpflichten kann, nicht zuzustimmen, wohl aber alles zu tun, was
ich vermag, nicht durch Autorität, sondern durch meinen Einfluß, den
346 V. Dalet 1928

ich auf die Oberinnen dieser Klöster zu haben hoffe, besonders auf Frau
Favre, von der ich ganz sicher bin, daß sie darin meiner Anweisung fol-
gen wird. In diesem Sinn gebe ich Ihnen, gnädige Frau, nochmals Sicher-
heit für das vorher Gesagte und zeichne ausdrücklich mit dem damit
gemachten Versprechen ...

An die Gräfin von Dalet

XX, 333-334 (1928) Turin, 6. Juli 1622.

Bleiben Sie also in Ihrem weltlichen Gewand, nehmen Sie aber die
Ordensgewohnheiten an, so können Sie Ihrer Frömmigkeit im Kloster
Genüge tun und auch Ihre Frau Mutter zufriedenstellen. Sie leben dabei
nicht weniger nach dem Willen des himmlischen Bräutigams, der nicht
auf das Äußere achtet und von dem Sie wahrhaftig nicht weniger gut
angesehen werden, auch wenn das Aussehen geringer ist. Es bedeutet
nicht wenig, in den Vorhallen des Hauses des Herrn zu weilen.
Ihre Frau Mutter führt mir gegenüber Klagen genug über Ihren Geist,
aber ich kenne gut die mütterliche Eifersucht und kann darin gut die
Aufwallungen der Natur von denen der Gnade unterscheiden. Meine
sehr liebe Tochter, halten Sie sich ganz an das Kreuz Jesu Christi, der für
Sie eine so große Feindschaft gegen sich erduldet hat (Hebr 12,3); er
allein sei Ihr Vorbild und sein Wohlgefallen Ihre einzige Freude.
Ich habe nicht auf all die mütterlichen Klagen antworten wollen, um
mich nicht darin zu verwickeln. Nur hinsichtlich Ihrer Tochter stimme
ich bei, daß sie dieser guten Mutter zurückgegeben werde, solange, bis
sie selbst über ihren Beruf die Wahl treffen kann. Ansonsten gebe ich
bezüglich Ihrer Person alle mir möglichen Versicherungen. Ich glaube,
daß Ihre Frau Mutter sich damit zufriedengeben wird, zumindest ver-
pflichtet sie ihr Ruf dazu, über eine so gute Urteilskraft zu verfügen.
Ich bin im Begriff, diesen Hof zu verlassen, aber ich werde Ihnen schrei-
ben, sobald ich in Annecy bin, wo ich Briefe von Ihnen bei jeder Gele-
genheit erwarte, um zu erfahren, in welchem Zustand sich Ihre heiligen
Angelegenheiten befinden, kann ich doch nicht umhin, zutiefst berührt
zu sein von dem Wunsch nach Ihrem Trost und vor allem nach Ihrer
Vollkommenheit ...
V. Dalet 1938 347

XX, 356-358 (1938) Annecy, Ende Aug.-Anfang Sept. 1622.

Gnädige Frau!
Ich glaube nun klar zu sehen: Gott, der Sie aus Barmherzigkeit in das
Kloster der Heimsuchung zu seiner reinen Liebe ruft, öffnet Ihnen den
Weg und erleichtert freizügig Ihren Eintritt; darum sage ich Ihnen gera-
deheraus: Verlassen Sie nun tatsächlich die Welt, da Sie bereits der Nei-
gung nach außerhalb von ihr stehen.
Wie könnten Sie sich rechtmäßiger der Sorge um die Person und die
Güter Ihrer Kinder begeben als dadurch, daß Sie diese in die Hände
Ihres Herrn Vaters und Ihrer Frau Mutter legen? Und ist das nicht ein
sichtbarer und fühlbarer Zug der göttlichen Vorsehung, daß dies gesche-
hen kann mit Zustimmung, ja sogar nach dem Wunsch dieser Mutter, die
vor kurzem erst so eifersüchtig auf Ihrem Verbleiben in der Welt be-
stand? Ich bin sicherlich der Meinung, meine sehr liebe Tochter, daß
Gott selbst mit Blumen und Wohlgerüchen die Wege Ihrer Einkehr seg-
net, damit sie sich milde vollziehen und die Schwierigsten sie billigen
und segnen. Denn, was kann man schon sagen? Daß Sie Ihre Kinder
zurücklassen? Ja, aber wo lassen Sie diese? In den Armen ihres Großva-
ters und ihrer Großmutter. Belasten Sie aber Ihren Vater und Ihre Mut-
ter damit? Nein. Sie belasten sie nicht, vielmehr Sie entlasten sie, da es
doch ihrem Willen und Wunsch gemäß geschieht.
So wie Sie mir die ganze Angelegenheit schildern, sehe ich keinerlei
Schwierigkeit, außer für die liebe kleine Tochter, die die Großmutter
aus dem Kloster in das weltliche Treiben herausholt. Denn den Knaben
werden Sie in z